China, das Land und seine Bewohner. Von Friedrich Gerstäcker. Jllustrirt von Allan so n. G. M. Anhj O r S cj ir Hauptstrasss 27. ÖFFENTLICHE WISSENSCHAFTLICHE BIBLIOTHEK BERLIN Erstes Kapitel. Das ganze chinesische Kaiserreich nimmt nach allgemeinen Berichten einen Raum von fünf Millionen englischen Quadratmeilen ein, ja China allein umfaßt über viertausend mit Mauern umgebene Städte, nach dem Berichte natürlich, wel chen Ausländer bis jetzt im Stande waren zu erhalten. Mit allen diesen nun vertraut zu sein, wäre, wie wohl Jeder eiu- sehcn wird, ein Ding der Unmöglichkeit, doch ist jetzt wenig stens der Eintritt in das ungeheure Reich gesichert und Man ches davon bekannt geworden, was noch vor wenigen Jahren dem fremden Auge in undurchdringliches Dunkel gehüllt blieb. Ich will nun hier so weit als möglich versuchen, nicht einen Uebcrblick des Landes zu geben, das wäre bis jetzt noch kein Europäer im Stande, aber Euch doch wenigstens mit dem bekannt und vertraut machen, was überhaupt bis jetzt ein Fremder gesehen. Dabei werde ich mich streng an die Wahr heit halten und weder die Zöpfe der chinesischen Gentlemen einen Zoll länger, noch die Füße der Lady s einen Zoll kürzer schildern als wirklich sind. Auch sollen der Palast von Peking, der Porzcllanthurm von Nanking und die Stadt der l2 Boote bei Canton an ihrer Stelle beschrieben, und weder die Höhe eines Berges, noch die Größe eines Flusses übertrieben werden, so daß der, der China kennt, mir zugestehen wird: ich habe wahr beschrieben, während der, der nicht kennt, im Stande sein wird, etwas Nützliches der Schilderung zu lernen; was in unsern Zeiten, da China mit jedem Tag mehr an Bedeutung gewinnt, fast eben so nöthig als nütz lich ist. Als kurze Vorbemerkung möchte ich übrigens noch etwas berichten, was Manche zu einem Jrrthum verleitet, die das chinesische Reich und China mit einander verwechseln. Das Letztere ist nur ein Theil des Erster , welches China, die chinesische Tartarei und Thibct umfaßt, oder noch bestimmter in China, Mantchouria, Sougaria, die kleine Bucharei, die Mongolei und die Halbinsel Corca cingcthcilt werden kann. Wenn man jedoch vom chinesischen Reiche spricht, so wird ge wöhnlich nur das eigentliche China darunter verstanden. Doch wir wollen uns jetzt nach China anfmachcn, und dorthin zu gelangen giebt es allerdings vier Wege; den einen über Land nach Indien, den andern den atlantischen Oceau hinunter, und dann entweder um das Cap der guten Hoffnung in Afrika oder das Cap Horn um Amerika herum, den vierten aber auf jeden Fall den bequemsten, müssen wir zusammen einschlagcn und der schießt im Gedankcnflug die Bahn dahin, die sonst der Körper mit Mühe und Anstrengung nur ver folgen kann. Fröhlich befinden wir uns jetzt am Bord des wacker Segelschiffs, das mit geschwellter Leinwand über die grünen Wasser des Kanals tanzend dahingleitct. Die letzten Land-3 streifen bleiben hinter uns, immer dunkler, immer blauer wird das krystallreinc Wasser. Einzelne unserer Mitpassagiere werden auch bleich und hohläugig, sie gehen mit ellenlangen Gesichtern am Deck herum, oder liegen wohl gar in allen Winkeln zerstreut umher und wünschen sich auf jeden andern Ort hin, nur nicht aufs Wasser. Das sind die Seekranken, doch die kümmern uns wenig; mit eingerefften Segeln kreu zen wir das biscaysche Meer und landen in den stillen Buchten der Canaridcn, lichten auch hier wieder die Anker und freuen uns nun an fliegenden Fischen, die sich spielend über die Wo gen erheben, an Ungeheuern Vögeln, die mit mächtig breiten Schwingen über das Wasser streichen, selbst an dem gefräßigen Hai, dem Seeadvokaten, wie ihn die Matrosen nennen, der blutgierig das Schiff verfolgt, nach dem ihm vorgeworfcncn Köder schnappt und jubelnd an Bord gezogen wird. Fremde Segel kreuzen fortwährend unsere Bahn, englische, französische, amerikanische und deutsche Schiffe sind cs, die ihre buntfarbigen Flaggen durch die Wogen tragen, und jetzt kämpfen wir wiederum gegen die heftigen Stürme am Cap der guten Hoffnung an, die hier im ewigen Streit und Hader zu liegen scheinen, wo das atlantische mit dem indischen Meere ringt. Doch das Cap ist doublirt: ein Paar Stengen brachen zwar und der Sturm riß einige alte Segel aus den Nähten und Leiken, doch das sind Kleinigkeiten, die sich bei einem halben Tage ruhigen Wetters wieder ausbcssern lassen. Hinaufstrcben wir jetzt an dem schönen Mauritus vorüber und lassen das herrliche, von seiner blutdürstigen Königin be herrschte Madagaskar weit hinter uns, ja schon erreichen wir die indischen Gewässer und der Monsoon legt sich mit bestem 1 *4 Willen in die Segel. Da er uns günstig ist, durchschncidcn wir jetzt auch die Sundstraßc. Weiter, immer weiter geht unsere Bahn; über bäumende, schaumgekrönte Wogen dahin an blumigen Inseln vorüber, die uns aus ihren Palmen freundlichen Gruß Herüberwinken und an dem gefährlichen Borneo vorüber, in dessen heimlichen Bai n der Pirat seine Schlupfwinkel hat und den friedlichen Kauffahrcr mit mörde rischer Waffe überfällt. Durch Meere schneiden wir, wo noch Myn Heer, der sonst am Fock den stolzen Besen führte und mit Recht behaupten konnte, daß er die Meere von seinen Feinden säubere, einen Thcil seines alten Ruhmes zu behaupten sucht und Besitzungen hält, an die sich England langsam, doch sicher hinandrängt, und nur den Ausbruch eines Krieges erwartet, um U icder einmal nach allen Seiten hin zugreifen zu können, und jetzt, jetzt berühren wir das chinesische Meer. An der Mündung des Cantonflusscs liegen mehr Eilande, als sich einer wohl die Mühe geben möchte zu zählen; die Chinesen nannten sie denn auch kurzweg die Tausend-Inseln und sind darin gewiß manchen Europäern ähnlich, die eben falls gern in runden Summen sprechen. Hong-Kong ist eine von den Tausend-Inseln. Hong- Kong kann man aber schon eine weite Strecke voraus erken nen, ehe man sich ihm nähert und die Sec in jener Gegend ist mit einer wahren Flotte kleiner zwei- und dreimastigcrFischer- fahrzeuge bedeckt, die mit ihren wunderlichen Mattcnscgcln einen gar eigenthümlichcn Eindruck auf den Fremden machen. Sic segeln immer in Paaren und ziehen ein Netz zwischen sich her.o Bald kommt nun ein Außenlootse an Bord, denn giebt Innen- wie Außenlootscn in jenen Gewässern, die von der -chinesischen Regierung selbst angcstcllt werden, fremde Fahr zeuge durch die Bocha Tigris von Macao zu den innern Kanä len des Flusses zu nehmen. Das Lootscnboot ist scharf gebaut, schmal im Bug und breit im Stern und liegt vorn tief im Wasser. Bambus gehen quer durch die Segel, so daß sie höchst einfach gerefft werden können, indem man nur die Raae hcruntcrläßt; auch haben die chinesischen Matrosen mit ihren weiten blauen Callicohosen, die nur wenig unter das Knie reichen, mit ihren lockersitzenden, sehr weit am Hals ausge schnittenen Jacken etwas ungemein Eigenthümlichcs, was an die Figuren auf Theekisten und Kaffeebretern erinnert. Wer aber den Kopf voll von den drcihundertundfunfzig Millionen hat, welche die Bevölkerung von China ausmachen, und hier nun erwartet, daß ein Haus dicht am andern stehe, und die Leute fast gar nicht durchkönntcn vor Gedränge, der möchte sich freilich getäuscht sehen. Die Küste ist hier dürr und unfruchtbar, und weder Baum noch Gras gedeiht auf der öden Fläche. So geht aber oft; wir denken uns gewöhn lich fremde Gegenden ganz anders, als wir in der Wirklich keit nachher finden. Hong-Kong liegt etwas zwischen dreißig bis fünfzig Miles von Macao und etwa hundert von Canton entfernt, Die Insel ist acht oder neun Miles lang und von zwei bis fünf breit. Der Kanal übrigens, der sie von dem festen Lande trennt, kann an der schmälsten Stelle kaum zwei MilcS Breite haben. Der Name Hong-Kong ist aus dem chinesischen Wort: Heong-Kcong, der duftende Strom," entstanden.6 Hong-Kong hat besonders vor Macao den Vortheil, vaß einen ausgezeichneten Hafen und guten, und tiefen Ankergrund besitzt, indem die größten Kriegsschiffe bis dicht zum Lande kommen oder doch wenigstens in Kabclslänge davon einen trefflichen Schutz finden. Hong-Kong s Bevöl kerung ist deshalb auch sehr gestiegen, denn als die Engländer die Insel zuerst betraten, zählte sie nur etwa viertausend Ein wohner, während diese jetzt, fast mit jedem Monat zunehmen, da sich besonders die Bewohner von Cowloon oder Kowlung, einer gegenüberliegenden Stadt auf dem festen Lande, in großer Anzahl hier hcrüberziehen. Es müssen sich nun wohl über dreißigtausend darauf befinden. Wer übrigens ein Lieb haber von Architektur ist, kann hier einen förmlichen Genuß feiern, und wird auf jeden Fall finden, .daß eS nicht nur, wie die Baukünstler behaupten, fünf Ordnungen von Architektur gebe. Wer in Hong-Kong auf der richtigen Stelle steht, könnte fünfzig zählen; die Unordnungen gar nicht einmal mit eingerechnet. Godouns oder Waarenhänscr gicbt es auf Hong-Kong in Ucberfluß; das Regierungsgebäude steht in der Mitte der Stadt auf einem Hügel, das Postgebäude auf einem andern. Auch ziehen das Morisousche Institut, die Missionärhäuser und das medicinische- und Maricn-Hospital die Blicke des Fremden auf sich. Ebenfalls ist das Gerichtshaus und ein Gefängniß noch zu erwähnen, von denen besonders das letz tere so in Anspruch genommen scheint, daß man für den angenehmsten Platz in ganz Hong-Kong halten mußte, wenn nur etwas freier Wille bei dem Betreten desselben mit ins Spiel käme. Das tiefe Thal, das von Norden nachSüden durch Hong - Kong läuft, wird das glückliche" genannt. Die Fahrzeuge, die zwischen Santo , Macao und Hong- Kong laufen, sind schnelle Boote, die Segel und Ruder gebrauchen, Schooner und Kutter, kleine Schiffe von europäischer Bauart und Takelage, und Lookas, großdeckige chinesische Boote von zwanzig bis vierzig Tonnen. Die Letz teren werden von den Passagieren vorgezogcn, wer aber auf ein europäisches Schiff kommen kann, sollte dennoch thun, denn, wenn er dann auch ein paar Stunden länger unterwegs bleibt, so hat er doch ohne Zweifel mehr Bequemlichkeiten. Dergleichen lernt man übrigens am besten durch Erfahrung. Hong-Kong wird in späteren Zeiten keineswegs die Be deutung behalten, die es jetzt hat; denn haben die Engländer nur einmal erst festen Fuß in China selber gefaßt, so hört es natürlich auf das zu sein, was jetzt ist: der Schlüssel zum himmlischen Reiche. Jetzt aber, da cS noch der Stapelplatz der Engländer bleiben muß  denn die Aussichten mit Can- ton liegen noch sehr in weitem Felde  sollten auch diese suchen dein englischen Namen dort Ehre zu machen und nicht Herz und Seele allein darauf gerichtet halten, Thee aus - und Opium einzuführen und in beiden Geschäften so viel als mög- licb zu verdienen. Die südliche Seite der Insel ist fruchtbarer, anmuthiger und pittoresker als die nördliche, die mehr einen kahlen An blick gewährt; dennoch stehen die Gebäude der Engländer größtentheils auf der Letzteren, da sich dort den Anker grund der Bai sichern mußten und auch mehr vor der Wuth des Süd- und West - Monsoones geschützt lagen. Gutes8 Wasser findet sich in Ueberfluß, auch Granit zu den Bauten kann leicht gebrochen werden. Jeder Theil hat aber auch sein Angenehmes; an der dürren Nordseite belebt das geschäftige Drängen der Handelsleute das Ufer, und Massen von Schiffen reiten vor ihren Ankern, während in den Buchten von Tytäm Chinesisches Flußlcben. und Chuck-py-wan im Süden, eine Unzahl munterer Fischer boote das Meer mit ihrem geschäftigen Treiben erfüllen. Der Jäger findet Schnepfen, Wachteln, Rebhühner und Hirsche, während der Naturalist seine Forschungen an Gürtel- thicrcn, Landschildkröten, Pflanzen, Palmen, Pisang, Bana nen, wilden Granatäpfeln, Mango s, Ananas, Orangen, süßen Kartoffeln, Uams, Birnen und tausend anderen Sachen9 ausdehnen kann. In Hong-Kong läßt es sich auch ganz gut leben und es gibt schlimmere Plätze auf der Welt, obgleich allerdings ein nicht unbedeutender Thcil des Landes nach hef tigem Regen schwammig und sumpfig wird, während den kal ten Stürnien und Wettern drückende, schwüle Hitze folgt. Die Scenerie in der Hong-Kong-Bai ist wahrhaft pracht voll. Rings umgeben, und zwar auf dem Festland, wie auf den Inseln, von hohen oder in der Ferne abdachcnden Ge- birgsmasscn, liegen Fahrzeuge der ganzen Welt: britische Kriegsschiffe, Clipper und Dampfboote, chinesische Jonken, Sampans, Flöße, Luftschiffe, Fischernachen und zwischen den stolzen europäischen Schiffen hindurch, gleiten die Matten- segcl dieses sonderbaren Volkes. Muntere Farben flattern von den Masten; in dem Takelwerk hängen die grotesken Gestalten der chinesischen Matrosen; dazwischen hindurch dröh nen und donnern, wenn ein Fahrzeug im Begriff ist abzusegeln, tie Tomtom s und das Schmettern der Gong s, und da wie der hinein wirft sich der Ching-Ching-Joß, eine Art Feuer werk, wobei grellfarbige und in wunderliche Formen geschnit tene Papiere entzündet und über das Wasser ausgeschüttet werden. Der Fremde weiß wirklich nicht, wohin er zuerst die Blicke wenden soll.Zweites Kapitel. Wir wollen jetzt von Hong-Kong einmal auf einem dieser kleinen chinesischen Fahrzeuge nach Macao hinüberschiffen. Von der See aus sieht der Platz gut genug aus, und wir gleiten durch die europäischen Schiffe hin, die einige Miles vom Ufer vor Anker liegen. Durch das Getöse und Schreien der Tanka-Weiber drängen wir jetzt hinduH. Diese Tanka- Weibcr werden nämlich nach ihren Booten so genannt, in denen waschen, und eigenthümlich genug sehen solche Tan- kas aus. Nußschalen gleich gebaut, sind etwa sechs bis acht Fuß lang und drei bis vier Fuß breit, mit einem Deck und Rvhrdach über die Hälfte derselben. Kaum in der Nähe des Ufers angelangt, stürmen die chinesischen Kulis oder Lastträger, schon bis ins Wasser hin ein, dem Reisenden entgegen, fassen dessen Gepäck, ja schlagen sieb vielleicht gar noch mit rinem Kameraden darum, und schleppen llfer und dem Orte zu, wo man sich aufzu halten gedenkt. Endlich hat man das schützende Haus erreicht und setzt sich hungrig genug zu seinen tillen" Beefsteaks, Schinken und Eiern mit Kartoffeln, nieder ; dann aber gehört11 sich s vor allen Dingen auf den Praya-Grande zu spazieren, wo sich das junge China ein Vergnügen macht und aus Lei beskräften den neu importirtcn Barbaren", wie die Fremden dort alle genannt werden, anstarrt. Der portugiesische Thcil von Macao befindet sich grvßken- theils auf den Hügeln, während die Chinesen mit ihren Baza ren den niederen Grund behaupten. Die Stadt ist gut gebaut und hat schöne Straßen; da aber diese meistentheils zu enge sind, um den Gebrauch von Kutschen oder Wagen zu erlau ben, so benutzt der, der von einer Stelle zur anderen trans- portirt zu sein wünscht, meistentheils mit dunkeln: Tuch bedeckte Tragscssel, die einen gar traurigen Anblick gewähren. Alles sieht dabei fremdartig aus und hat auch nicht die mindeste Aehnlichkcit mit einer europäischen Stadt. Wer viel Geld hat, geht dann gewöhnlich in die Chinesen laden, die im europäischen Theile der Stadt liegen, und bezahlt dort ein halbes Dutzend Dollar für Sachen, die er in Europa fast um eben so viel Groschen bekommen würde. Der interessanteste Platz auf der ganzen Promenade ist jedoch der vor den: Gerichtshaus, denn dort findet man ein solches Sor timent von Chinesen, wie man es sich kaum für möglich gedacht hat. Langzöpfige Burschen in allen nur erdenklichen Beschäftigungen umgeben den Staunenden, während die wun derbarsten Töne zuerst unterhalten, nachher betäuben; aber gerade diese Verwirrung des Ganzen vermehrt das Interessante der Scene. Hier steht ein Doctor, ein zweiter Galen, mit einem be deutenden Assortiment seiner Medicinen; dort enthüllt ein Astrolog einem Wißbegierigen die Geheimnisse der Sternen-12 weit; ein ehrlicher Regcnschirmfabrikant und ein unermüd licher Schuhflicker, die traulich neben einander sitzen, sorgen, der Eine die Ucbcl von oben, der Andere die von unten abzu halten. Auch ein Buchhändler fehlt nicht, mit seiner ganzen Buchhandlung vor sich; ein wandernder Schmied hämmert auf seinem fahrbaren Ambos; ein Geldwechsler kauert dort neben seinem wohlverwahrten Tisch; ein Auktionator, der mit schallender Stimme die Vorzüglichkeiten seiner Fächer, Pfci- fcnköpfe re. re. in die Welt hincinschrcit; Barbiere, Fischer, Conditoren, Glaser, Porzellanhändler, Fremde, Kinder, Vieh, das Alles wirft sich hier in einem solchen Chaos von Gestalten und Tönen zusammen, daß man es, wenn hineingeworfen, kaum begreifen, und nie wieder vergessen kann. Die Abdachung, auf welche die Stadt gebaut ist, und der Gebirgsrücken, der sie umgiebt, trägt viel dazu bei, das Impo sante ihrer Erscheinung zu vermehren; besonders sticht dabei die einer Festung ähnliche, portugiesische Kirche auf einer benachbarten Höhe ab. Zwei oder drei Jahrhunderte sind jetzt vergangen, seit die Portugiesen die Erlaubnisi erhielten, diesen Platz zu bauen und zwar deshalb, weil den Chinesen wesentliche Dienste leisteten, indem ihre Seen von Piratengesindel reinigten. Obgleich Macao aber als eine portugiesische Stadt betrachtet wird, so steht sie doch unter chinesischer Botmäßigkeit. Der Name Macao bedeutet: Eingang in die Bai. In Macao müssen sich die, nach Canton bestimmten, frem den Kauffahrer einen Erlaubnißschein verschaffen, um an den Forts vorbeizusegcln, von wo aus sie einen Flußlootsen an Bord nehmen.13 Erst seit Kurzem ist übrigens ein höchst wunderlicher Gebrauch aufgehoben; denn durfte bis dahin keine einzige Lame, weder von Europa noch Amerika abstammcnd, weiter in das himmlische Reich hinauf, als bis zu diesem Posten; auf jeden Fall ein sehr ungalantes Gesetz für die Nachkommen tcS Confucius. Im inneren Hafen drängen sich Jonken, eine Umnasse von Sampans oder Familienbooten und kleine schwimmende Woh nungen in fast unglaublicher Anzahl zusammen. In diesen halten sich aber auch Opiumraucher, Schmuggler, Spieler, Diebe und alle Arten von Gesindel auf, die hier nicht allein einen bequemen Versammlungsort finden, sondern auch leicht, wenn einmal aufgespürt, nach den verschiedenen Inseln ent fliehen können. Die Anzahl von Piraten in diesen Gewässern ist grenzenlos, und die fast tollkühnen Uebcrfälle, die machen, zwingen Jeden, der hier seinen Anker über Bord wirft, die Augen nicht allein überall zu haben, sondern sogar jedem Wesen zu mißtrauen, das sich ihm nähert. Was sind nicht Leute fähig zu thun, die in Armuth und Laster ausge wachsen und, von Opium fast ihrer Sinne beraubt, nichts zu verlieren haben, als ihr ohnedies elendes Dasein. Freilich giebt in allen Ländern böse Menschen und China macht eben nur keine Ausnahme von der Regel. Macao ist auch in literarischer Hinsicht berühmt. Ca- möcns, der portugiesische epische Dichter schrieb hier in Macao, während seines Erils, einen großen Dheil der Louistadc und die Camöens-Höhlc wird noch jetzt den Fremden gezeigt. Auf dem prolcstantischcn Kirchhof steht auch daö Grab dcS Doktors Morison, der, natürlich mit chinesischer Hülfe, die heilige14 Schrift in das Chinesische übersetzte und ein chinesisches Lexi kon, wie eine eben solche Grammatik zusammentrug. Das Zoßhaus oder der Tempel, der nach dem inneren Hafen hineinschaut, ist ebenfalls noch sehcnswcrth. Joß ist das verdorbene portugiesische Wort dios, so daß Joßhaus also Gotteshaus bedeutet, in Canton werden daher alle Götzen tempel Joßhäuser genannt. Besonders amüsant sind die Bildcrhändlcr, die mit ihren wunderlich gemalten Zeichnungen ebenfalls in den Straßen feil halten. Zu diesen haben gewöhnlich entsetzlich lange Beschreibungen und Schilderungen, von denen ich mich noch unter Anderen eines Dampfschiffes erinnere, auf dem die Männer halb so hoch wie die Masten mit rothcn Zacken und crbscngrünen Beinkleidern standen. Ein Mann sah oben von der Fockstengc mit einem Fernglas heraus, das größer war als das Holz an dem er lehnte, und zwei große gelbe ricsen- mäßigc Kanonen lagen, eine vorn über den Bug, die andere über den Stern hinausgestrcckt, und schienen alle Augenblicke vorn übcrkippen zu vollen. Die Räder gingen gar nicht ins Wasser, damit man auch sehen könnte, daß sie rund wären, und das ganze Kunstwerk erfreute sich sämmtlicher Regen bogenfarben mit ihren verschiedenartigsten Schattirungen. Die Insel Whampoa, die wir jetzt erreichen, liegt etwa zehn oder zwölf Meilen unter Canton und trennt hier den Fluß in zwei ziemlich gleiche Arme. Dort haben wir vor uns mit ihrer wallumzogenen Stadt, ihrer Pagode, ihren Waarcnhäusern und Orangcnhainen, ihren Reis- und Znckcr- plantagcn. Der südliche Kanal, oder Whampoa - Reach, ist der Platz, wo seit vielen Jahren die europäischen Schiffe15 ankommen; hier aber machen wieder die grünen Felder am Ufer, die Kanäle und Städtchen, das hohe Land dahinter, die Bambusstrecken und dunkeln Haine, neben all dem tauMd- fältigcn Gewühl von Schiffen und Fahrzeugen, einen eigenen Eindruck auf den Beschauer. lieber das Flnßlebcn der Chinesen muß ich übrigens an einer andern Stelle etwas Näheres erwähnen, denn die An zahl der Personen, die in diesem Ungeheuern Lande fortwäh rend auf dem Wasser eristircn, ist unglaublich groß. Es gibt förmliche schwimmende Städte und Dörfer, und kaum e n Geschäft, das nicht auf dem Wasser getrieben würde Torfstechen ausgenommen. Sampans liegen zu Dutzenden hier; auch Kricgsjonke von verschiedenen Größen, und Bambusbattans und Mattcn- scgcl begegnen dem Auge überall. Am wunderlichsten sieht aber jene lange Reihe von Wäschcrbootcn aus, die wie ein Drachenschwanz hinter einem Kauffahrer, an dessen Stern sie befestigt sind, hängen, und die Frauen darin waschen und plätten und falten und bessern aus, und breiten das Zeug auf querübergespannten Bambus, um in der Sonne zu trock nen. Und seht Ihr, wie jene Frau mit dem Kind, zwischen all dem Wäschen und Plätten das Mittagscsscn kocht? An Kindern fehlt überhaupt nicht, und manche sind mit einem dünnen Seil festgebunden, damit nicht etwa einmal in ihren tollen Spielen über Bord fallen. Einige haben Ruder in ihren kleinen Händen, junge Coluinbussc, die bei Zeiten anfangcn die Schifffahrtskundc zu lernen, während Unmassen von kleinen Bälgen, von denen manche noch große Säuglinge Zu sein scheinen, große bemalte und zwar leichte Stücken Kork16 oder ausgehöhlte Kürbisse an ihren Schultern befestigt haben, damit diese sie über Wasser halten, wenn wirklich, was fast jeden Tag zehn oder zwölf Mal geschieht, hineinfallen. Seht Kinder, jetzt habt Ihr nun die Insel und Stadt, die Dörfer, Plantagen, Pagoden, den Fluß, die tausend mit Mattensegeln bespannten Jonken und Boote, die Kriegsschiffe, und Kauffahrer, und all das wilde, lebendige, interessante Leben einer fremden Welt vor Euch, das eigentlich nur so interessant scheint, weil es fremd ist. Da wir denn einmal so weit gekommen sind, um mit kurzer Fahrt das mächtige Canton erreichen zu können, so wollen wir uns erst ein wenig mit den Leuten selber bekannt machen, denen wir, sobald wir das feste Land betreten, begegnen müssen. Wir handeln dabei allerdings ein wenig aristokratisch, indem wir nur mit denen umgehen wollen, die uns vorgcstellt sind, doch in diesem Falle schadet vielleicht nichts und sicherlich ist es auf einem Ge wässer, wo so viel Gesindel gicbt, immer gut, ein bischen zu wissen, mit wem man überhaupt zu thun hat.Drittes Kapitel. Die chinesische Nation ist ungemein alt, ja so alt, daß einmal einUankee sagte, er könne gar nicht glauben, gäbe kleine Kinder drin. Doch da hat er der Nation Unrecht gethan, denn wenn er die Sampans hier vor sich sähe mit dem Schwarm des jungen China, so würde er von der Idee wohl zurückkommen. Die Sache ist aber die, das Land ist alt, nicht das Volk, oder wenigstens nicht älter, als das deutsche oder englische und ist nur seit langen, langen Zeiten in ein und demsel ben alten Gleise immer fortgcrollt, ohne sich viel um das zu kümmern, was in der Außenwelt vorging. Die Chinesen sind in Größe vielleicht den Europäern gleich, wenn sie auch die Knie ein wenig weiter von einander tragen, als sich mit unsernJdeen von Symmetrie und Schönheit verträgt; was aber Stärke und Kraft betrifft, so glaube ich kaum, daß darin die chinesischen Lastträger von irgend einer andern Nation der Welt übcrtroffcn würden. Das Haar dieser Himmlischen" denn sie nennen sich ja die Bewoh-18 net des himmlischen Reiches ist schwarz und grob und ihre Köpfe sind hinten breiter und vorn schmäler als die unser . Manche wollen auch danach behaupten, daß ihre geistigen Kräfte, selbst unter den günstigsten Umständen, denen der Europäer nicht gleich kommen könnten; das haben die Chine- nesen übrigens nicht bewiesen, denn besonders was kunstvolle Arbeiten oder mechanische Fertigkeiten betrifft, werden sie wohl kaum von einem Lande übertroffen, doch wie dem auch sei, haben mir wirklich mehr Fähigkeiten, so will ich nur wün schen, daß wir sie auch so viel besser benutzen. Die Stirnen der Chinesen sind auf jeden Fall sehr schmal, ihre Augen klein und schräg geschnitten; dabei geben ihnen noch die hohlen Backenknochen, bas kahle Haupt und der lange Zopf etwas für uns sehr Auffallendes, ja oft Komisches. DaS Gesicht eines recht fetten Chinesen hat manchmal sogar Aehnlichkeit mit einem großen Hause und sehr kleinen Fen stern drin; wer weiß aber dagegen, wie wir ihnen Vorkom men; möglich ist s, daß unser Aussehen gerade so viel Komi sches für sie hat, wie es mit dem ihrigen bei uns der Fall ist. Der Geschmack muß ja auch verschieden sein, sonst gäbe es nichts als Mord und Todtschlag auf der Welt. Die höher Klassen tragen, besonders an der linken Hand, sehr lange Nägel. Die chinesischen Frauen halten sehr viel von einem weißen Teint und färben sich zu dem Zwecke nicht selten die Haut; das giebt jedoch eher ihrem Antlitz noch etwas Todtes und Starresund vermehrt, wenigstens in unfern Augen, keines wegs ihre Schönheit. Sie haben zarte Hände, reizend ge schnittene Augenbrauen und regelmäßige, ovale Züge; auch19 ihre Augen glänzen und blitzen in südlicher Lebhaftigkeit, nur fehlt ihnen leider größtcnthcils jenes geistige Leben, das ein regelmäßiges Gesicht erst wirklich schön machen kann. Manche Damen schneiden sich übrigens ihre Augenbrauen ab und zeichnen an deren Stelle einen dunkeln zarten und leicht gebo genen Strich. Eine recht häßliche Angewohnheit ist übrigens die, den Fuß so einzuschnüren, wie die chinesischen Frauen thun. Khinesischc Damen. Wenn das Kind erst fünf Jahr alt ist, wird ihm der Fuß schon zusammengcschnürt und die beiden größten Zehen fest unter die Sohle gebunden, und dennoch ist ein so unnatürlich verkrüppeltes Glied der Stolz der Frauen und die Freude der 2 *20 Männer. An poetischen Bildern sind diese letztem dabei auch nicht arm; so nennen sie z. B. die kleinen Füße ihrer Damen kum-leen Wasserlilien, ihre Augen, Silberseherund ihre schlanken Gestalten, Weidcntaillcn. Das blaue Obcrklcid der chinesischen Damen mit seinen schwarz und weißen oder weiß und goldenen Borden macht sich dabei sehr elegant und nicht weniger die reichgeschmückten Unterkleider. Chinesische Schönheiten binden sich auch ge wöhnlich das Haar in einen dicken Zopf oben auf den Kopf, wo sie es mit Nadeln feststccken und mit Blumen schmücken. Sie spielen Guitarre, rauchen und legen selten ihre Fächer ab. Werden aber die europäischen Damen über Jener zusammen geschnürte Füße die Nase rümpfen dürfen? hat ihre Mode nicht ebenfalls eine Untugend, die vielleicht in den Augen anderer Völker eben so entstellt, auf jeden Fall aber noch viel gefährlicher ist als das Zusammcnpressen der Füße? Es ist das entsetzliche Schnüren, und wenn eine junge chinesische Dame auf ihren kleinen winzigen Füßen taumelnd, zu fallen affcktirt oder eine europäische Dame beim Anblick einer Spinne Krämpfe bekommt, so ist das gewöhnlich ein und die selbe Ursache, die beide bewegt; die chinesischen Damen haben aber noch einen Dortheil und zwar einen gewaltigen Vortheil, sie fallen mit ihren unnatürlich kleinen Füßen höchstens auf die Nase, die europäischen Damen sinken dadurch nicht selten in ein frühes Grab. Die Kleidung der chinesischen Männer ist nicht allein dem Klima des Osten angemessen, sondern auch durch Sitten und Gewohnheiten so fest gestellt, daß ein Mann das gar nicht mehr tragen kann, was er will, sondern das anzichen muß,21 was ihm jene gebietet. Ein langes leichtes Gewand mit wei ten Acrincln, weiß im Sonmicr und blau im Winter, ist die gewöhnliche Tracht der bessern Klassen, während bei festlichen Gelegenheiten gestickte Gewänder mit hincingcwirktcn Thicrcn darauf, wie z. B. Störche, Tiger, Drachen, Rang, Stand oder Familie bezeichnen müssen. Ein gesticktes Knickissen wird ebenfalls ziemlich allgemein getragen, um ihre häufigen Buß- übungen weniger schmerzhaft zu machen. Diese Kissen werden nicht selten sehr reich geschmückt, und dadurch, obgleich stc ein Zeichen der Erniedrigung sind, erst recht hervorgchobcn. Der leichte, brciträndrige, spitze Hut der Chinesen ist bequem und zugleich charakteristisch. Ein Mandarin in seinen Staatsgewändern, die von Sticke rei und Seide starren und strotzen, mit seiner drciäugigcn Pfauenfeder muß oder sollte wenigstens, der Achtung nach, mit der ihn die Chinesen charaktcrisiren, wie ein Drache dahin wandeln und Schritte wie ein Tiger machen." Capi- tain Bingharn schildert übrigens einen solchen Stutzer sehr treffend. Dieser Mandarin," sagt er, war eines der herrlichsten Eremplare, das ich bis jetzt in China getroffen hatte. Zwei oder drei Zoll über 6 Fuß hoch war er von stattlicher starker Körpergestalt. Er trug eine Wintermütze von dunkelbraunem Atlas, die dicht an seinen Kopf schloß und einen schwarzen Sammetrand hatte und ringsherum scharf aufgcbogcn, vorn und hinten jedoch viel höher stand, als an den Seiten. In der That glich diese Mütze ungemein jenen kleinen Schiff chen, die wir für Kinder aus Papier falten. Oben auf der Mützc trug cr c ncu wcißkrystallcnen sechseckigen Knopf, reich22 gefaßt, und von unter diesem aus fiel eine einäugige Pfauen feder zwischen seinen Schultern nieder. Diese Feder wurde dabei von einem grünen, etwa zwei Zoll langen Jaspis stein gehalten, über den die Feder noch etwa zehn Zoll vorsticß. Sein Ma-kwa oder Reitrock bestand aus feinem blauen Camelot, dessen mächtige Aermel über den Elbogen herab reichten , während die Spitzen derselben bis auf die Hüften fielen. Unter diesem trug er eine reiche blaue Scidcnjacke mit fast zu den Knöcheln gehenden Aermeln, daß ihre volle Schönheit auch noch unter dem Ma-kwa vor erkannt werden konnte. Diese weiten Anzüge schließen stets über der rechten Brust und werden dort von oben bis unten mit Schlingen und Knöpfen zusammengehalten. Seine Unflüstcrbarcn" waren aus hellblauem Nankingzeug, etwa nach Art des modernen Griechenlands getragen, indem er dicht unter dem Knie in seine schwarzseidenen Mandarinensticfcln steckte, deren zwei Zoll dicke Sohlen rein weiß gehalten wurden die Chinesen kannten wahrscheinlich noch nicht Vogcl s Non plus ultra- Jndigo-Thran-Glanzwichse. Das Aeußerc seiner Gestalt wurde durch seine, anschei nend höchst kriegerischen, in der That aber ungemein friedli chen, Instrumente vervollkommnet, ohne die sich überhaupt kein achtbarer Chinese sehen lassen möchte, i. e. das ist der Fächer mit seiner prachtvoll gearbeiteten Scheide, die Börse oder Tabackstaschc, auf deren Verzierung ungemein viel Kunst verwandt wird, dann eine Anzahl von silbernen Zahnstochern und Ohrlöffeln, und eine Uhrtaschc, deren Gürtel auch noch23 ein anderes kleines Lederbehältniß für Stahl und Feuerstein trägt. Beinahe hätte ich aber seinen schönen Zopf vergessen, den Stolz sedes chinesischen Herzens. Dieser Mandarin hatte aber auch vollkommen Ursache, stolz darauf zu sein, wenn er wirklich ganz echt war. Ich möchte gar nicht sage wie dick er war und bis auf die Waden ging er hinunter. Dabei hätte -Rowland s Macassaröl umsonst versuchen können, ihm einen schöncrn Glanz zu geben, doch kurz und gut, dieser Mandarin rcpräscntirtc auf das Herrlichste die Klasse der stutzerhaften chinesischen Kavallcric-Officiere. Als er an Bord unscrs Schiffes hcraufsticg, trug er sei nen Fächer noch in der Scheide; kaum betrat er aber das obere Deck, so brachte er ihn auch in größter Geschwindigkeit zum Vorschein, denn eine anständige Begrüßung schien er ohne ihn für unmöglich zu halten." Wer übrigens etwas eigen in seinen Mahlzeiten ist, und nicht eben so gut wie Rindfleisch, Suppe und Pudding, auch Hunde, Katzen, Würmer, Raupen, Heuschrecken, Schnecken, Schlangen-Ragout und Käfercompot ißt, der setze sich lieber nicht zu einem chinesischen Mittagstisch nieder, denn ist zehn gegen eins zu wetten, daß ihn seine freundlichen Wirthe damit rcgalircn. Uebcrhaupt genießen die Chinesen nicht allein die obenerwähnten Geschöpfe, sondern auch sedes andere Gewürm, das sich nur in ihrem Lande zeigt. Wer dort Besuche abstattct, entgeht auch der Hochrothen Einladungskarte nicht, und kaum erreicht Ihr die Wohnung Neffen, der Euch zu sich gebeten, kaum verlaßt Ihr Euern Tragstuhl, so tritt Euch auch schon der höfliche Wirth ent-24 gegen und versichert Euch, daß er seit langer Zeit Ihr machtet ihm vielleicht erst gestern die erste Aufwartung Euern wohlriechenden Ruf" geachtet habe. Es ist ein recht angenehmes Gefühl, sich zum ersten Mal niedcrzusetzcn und an gesalzenen Regcnwürmcrn, gemalten Taubeneiern geräucherten Fischen, indianischen Vogelnestersuppen, Haifischflossen, Krab ben und ungeheuer Würmern zu schwelgen. DicVogelnestcr- suppc geht allenfalls, auch die Fische lassen sich essen, ja die Haifischflossen sind sogar noch etwas Natürliches, wenn aber erst an die Regenwürmer geht eks! beks! die Haut schaudert einem ordentlich. In England ist daS Hauptnahrungsmittel Weizcnbrod, in China dagegen Reis. Dieser wird gekocht und gewöhnlich aus einer Schüssel mehr getrunken als gegessen. Hätten die Chinesen unsere weiten Wiesen, dann würden wahrschein lich auch von Rind - und Hammelfleisch leben, da dies aber nicht der Fall ist, so müssen Fische, Vögel und Schweine fleisch , dazu aber auch dann das Fleisch von wilden Pferden, Hunden, Katzen, Ratten, Mäusen und Gott weiß was sonst allem verzehren. Die indianischen Vogelnester sind dabei eine Dclicatesse und stammen nur von einer besonder Art von Vögeln ab, die größtcnthcils im indischen Archipel und beson ders auf Java und Borneo gefunden werden. Man weiß nicht, aus welchen Stoffen diese Vögel sie zusammensctzen, sie bilden aber eine gallertähnliche Ma,sie und können auch ihres salpeter- artigen Gehaltes wegen eine ziemlich lange Zeit aufbewahrt werden. Als Gemüse diene ihnen die süße Kartoffel, die Pih-than, die Wurzel des Pfeilkrauts, Wasserlilie, Wasser- kastanic, und noch andere Wurzeln, und ihre Getränke sind,25 außer dem Wasser, natürlich, das jedoch nicht so beson ders lieben, Thee und aus Reis gebrannte spirituöse Ge tränke. Die Chinesen, ich spreche jedoch jetzt nicht von ihren Beherrschern scheinen im Allgemeinen ein ruhiges, ver nünftiges und freundliches Volk; keineswegs eigenwillig, laßen sich gern und mit Freuden überzeugen und sind bald zu dem zu bewegen, was selber als recht und billig cin- schcn müssen. Das Alter ehren sic; auch ihre Eltern und arme Verwandte werden anerkannt und unterstützt. Sie sind dabei gelehrig, fleißig und gutmüthig, oft bis zum Aeußcrsten; das ist jedoch nur die Lichtseite ihrer Charaktere, nun muß ich aber auch noch ihre Schattenseiten erwähnen, deren aller dings fast eben so viele sind. Sie sind oft falsch, wenn wahr erscheinen, und heu cheln Gefühle und Ansichten, die sie in ihrem Innern keines wegs hegen; daran sind aber, glaube ich, grvßcnthcils ihre Sitten schuld, das entsetzlich ceremoniclle Wesen, in dem auferzogen werden. Jeder Rang hat da seine gewissen Ehren bezeugungen, die er bekommen muß, ob man ihn nun achtet oder nicht, und hohle, nichtssagende Redensarten und Begrü ßungen gewöhnen stets den Menschen an Lüge und Verstel lung; auch ist der Chinese mißtrauisch doch darin haben wir Europäer vielleicht kein richtiges Urthcil; kann stin, daß er nur gegen Fremde Mißtrauen zeigt. Besser bekannt sind wir mit seiner Eifersucht, seinem Neid, seinem Egois mus und seiner kaltblütigen, oft fürchterlichen Grau samkeit. Das llebel wird aber erklärlich, wenn wir die Verhält-nisse der chinesischen Einrichtungen näher betrachten. Ihrer Religion können wir allerdings nicht schuld geben; sie sind zwar keine Christen und beten nicht wie wir zu einem Wesen, bas den lieben Gott und die heilige Dreifaltigkeit nennen, ja, sie haben sogar statt unfern Heiligenbildern miß gestaltete Götzen; ihre moralischen Lehren sind aber gut genug, wenn nur denen des Confucius folgen wollten; nein, ihre politische Einrichtung ist cs, die sie in Ketten und Banden gefangen hält; ihr Kaiser, die absolute tyrannische Macht, hat Freiheit und Leben von mehr als dreihundert Millionen menschlicher Wesen in seiner Gewalt, niederträchtige Mißbräuche werden dabei an den Gerichtshöfen getrieben und Be trug und Bestechung bannen die Gerechtigkeit von ihren Schwel len. Einen großen Theil des Volks treibt noch dazuArmuth und Elend zu verzweifelten Thaten, und die Grausamkeit, mit der die Obern verfahren, macht selbst hartherzig. Das weib liche Geschlecht, besonders der ärmern Klassen, wird wenig geachtet und Kindermorde sind ein keineswegs seltener Fall, wenn auch nicht so häufig Vorkommen, wie das einmal eine Zeitlang in Europa behauptet wurde. Ich wünsche übrigens nicht, daß der Leser durch das eben Gesagte die Chinesen geringer schätzen sollte, als sie wirk lich verdienen und will deshalb hier von einem chinesischen Kaufmann eine Anekdote erzählen, zu der wir selbst im Lande unsrer christlichen Liebe wenig Seitcnstücke finden würden. Ein englischer Kaufmann Namens C wohnte mehre Jahre in Canton und Macao, wo ein plötzlicher Glückswechsel ihm nicht allein seine Reichthümer entriß, sondern ihn auchm förmliches Elend stieß. Ein chinesischer Kaufmann Na mens Chinkua, dem er früher wichtige Dienste geleistet, stellte ihm da augenblicklich zehntausend Dollars zur Disposition; der Engländer nahm es auch an und gab ihm für die Summe seinen Wechsel. Diesen warf der Chinese augenblicklich ins Feuer und sagten als Du, mein Freund, erst nach China kamst, war ich ein armer Mann; da nähmst Du mich bei der Hand und machtest mich, indem Du meine ehrlichen Bemü hungen unterstütztest, reich. Unser Schicksal hat sich jetzt geändert; ich sehe Dich arm, während ich im Ucberfluß lebe. Die Beistchcndcn hatten den Wechsel noch dem Feuer gerettet, und der Engländer durch solche Großmuth gerührt, drang nun um so ernstlicher in seinen Freund, doch wenig stens diese Sicherheit anzunehmcn. Das that nun der Chinese auch endlich, zerstörte das Papier aber auf der Stelle. Der Schüler des Confucius, da er jetzt sah, wie diese Hand lung den Europäer mit wirklichem Scherz erfüllte, sagte, um ihn zu trösten, er würde seine Uhr oder irgend einen ande ren kleinen Gegenstand als Andenken an seine Freundschaft nehmen. Der Gentleman gab ihm augenblicklich das Verlangte, Chinkua dagegen ihm ein altes eisernes Petschaft, wobei er sagte: Nimm dies, ich habe es lange gebraucht und es besitzt keinen wirklichen Werth; Du gehst aber jetzt nach Indien, um Deine außenstehenden Schulden möglicher Weite einzucassirc und ist ungewiß, ob Du darin Glück oder Unglück hast. Sollte Dich bas Schicksal noch mehr heim- iuchcn, so unterzeichne selbst die Summe, die Du gebrauchen28 wirst und siegle mit diesem Petschaft, ich werde das Geld bezahlen. Dankbarer und großmüthigcr Heide, Du kannst stolz auf die That sein, stolz um so mehr, da Du wohl schwerlich bei den Europäern, mit denen Du in Verbindung gestanden, schon etwas Achnliches erlebt hast.Viertes Kapitel. Was die chinesische Geschichte betrifft, so geht sie aller dings weiter zurück, wie die, welche Moses gicbt, und die wir in Ermangelung einer bessern angenommen. Die Juden behaupten, die Welt stände sechstausend Jahr; das muß aber wohl ein Cälculationsfehlcr sein, oder die Chinesen haben sich um einige siebzigtausend geirrt, denn sie gehen bis in ein, schon gar nicht mehr graues, Alterthum von achtzig Jahrtau senden zurück. Auf jeden Fall ist die chinesische Nation die älteste, wenigstens die, die am weitesten zurück von sich Berichte zu geben weiß, denn wenn die Juden sagen, erst seit jener Zeit cristircn wir, so kann damit noch nicht für bestimmt an- genommen werden, daß auch die ganze Welt seit daher eristirt. Allerdings ist es nicht allein schwer, sondern sogar unmöglich, etwas Bestimmtes über eine Zeit zu sagen, deren Geschichte sich durch Tausende von Generationen nur durch mündliche Uebcr- tragungen fortpflanzcn konnte. So weit dies aber möglich est, muß es die Nation selbst wohl am besten wissen, und was sagt, will ich hier mitthcilcn. Vorher möchte ich jedoch30 noch bemerken, daß sich die Chinesen selbst in mancher Hinsicht nicht ganz treu bleiben, eben so auch ihre entsetzlichen Namen bald auf diese, bald auf jene Art buchstabircn. Am allge meinsten ist etwa das Folgende angenommen. Zuerst kam Pwen-Koo, dicS natürlich, nachdem Himmel und Erde getrennt und das ChaoS beseitigt worden; dann kam Täon-Hwang-schc kaiserlicher Himmel;" Täon-Hwang- sche richtete die Jahre ein und scheint sich eines ziemlichen Antheils derselben erfreut zu haben, denn er regierte achtzehn- tausend Jahr. Tc-Hwang-sche, der die Monate cinrichtctc, folgte Täon-Hwang-sche und herrschte eben so lange. Te- Hwang-sche bedeutet königliche Erde." Hiernach folgte Jin- Hwang-sche, der Souverain-Mann." Er theiltc das Land, muß aber sehr alt geworden sein, denn seine Regierung soll fünfundvicrzigtausend sechshundert Jahre gedauert haben natürlich dermalige chinesische Jahre. Uew- chaou-sche und Suy-jin-schc kamen dann und der erste erfand die Wohnhäu ser, der andere das Feuer. Noch eine Menge anderer Fürsten werden genannt, die thcils Fischen, Jagen, Musik, Ackerbau, Medicin rc. re. rc. erfanden und die Menschen belehrten, doch ihre Namen klingen sich ganz ähnlich, und bleiben dem euro päischen Ohr weiter nichts als ein Chaos. Nach den drei Kaisern, Fuh-he, Schin-nung und Hwang-tc eben die Erfinder der obigen Sachen, kamen fünf berühmte Souveraine; die wichtigsten von diesen waren aber Thaou und Schau. Uaou soll ein vollkommener Herrscher, und das Land, welches er regierte, ein Eden gewesen sein. Nachher aber kam eine große Fluth über das Volk, und erst Thu wußte die Wasser abzuleiten.31 Die Erzählung dcr Sündfluth in dem Schooking, einem der berühmtesten chinesischen Bücher, zeichnet sich dabei eben- - falls auf eine so cigcnthümliche Art aus, daß ich sie hier mit erwähnen will. Dcr Kaiser Uaou sagte: Ungeheuer und vernichtend sind die versammelten Wasser, die ihre Ufer überstiegen haben und so hoch steigen, daß sie die Berge und deren höchste Gipfel bedecken. Ach, das unglückselige Volk, wer soll von seinen Leiden befreien!* Da erwiderten Alle: Siche Kwan, er kann thun. Ach nein, antwortet Sc. Majestät, das kann nicht lein; er widcrsctzt sich den Befehlen seiner Oberen und zerstört die neun Klaffen dcr Verwandtschaft. Hierauf bemerkten die Minister, daß doch vielleicht möglich wäre, er solle ihn einmal versuchen lassen, und dcr Kaiser gab endlich nach. Er mag gehen, sagte er, aber er soll vorsichtig sein." Das Gespräch bezieht sich nämlich aus einen heiligen Mann, der versuchen sollte, die immer noch zögernde Fluth zu besänftigen, und dieser war wohl, wie der Bericht lautet, neun Jahre mit seiner Arbeit beschäftigt, ohne sie beendigen zu können, was er endlich mit dem Tode büßen mußte. Uu, sein Sohn, wurde nach ihm verwandt, diesem aber gelang cs, die Fluth zu entfernen und im Kaiserreich wieder Ordnung herzustellen. Als er zurückkam, sagte sein Herr zu ihm: Nähere Dich unserer kaiserlichen Gegenwart. Du halt auf jeden Fall eine ungemeine Anzahl von Mitthcilungcn zu machen. Du warf sich nieder und erwiderte: o, Majestät, wie soll ich das Alles sagen. Meine Gedanken waren uncr- müdet und immerwährend, Tag und Nacht beschäftigt. Die32 Überschwemmung stieg mit jedem Tag und verbreitete sich so weit als das Himmelsgewölbe über uns. Sie begrub die Hügel und bedeckte die Berge mit ihrem Wasser und das Volk sank darunter. Ich reiste auf trockenem Lande in einem Wa gen, auf dem Wasser in einem Boot, über sumpfige Stellen in einem Schlitten; ich ging von Berg zu Berg und fällte Bäume, ernährte das Volk mit ungekochter Kost, und grub neun Betten, durch welche das Wasser in die See zurückkehren konnte. Nachdem sich die Wasser verlaufen, lehrte ich das Volk pflügen und säen, und vcranlaßte cs, solche Dinge, die es im Ueberfluß hatte, gegen andere, ihm ebenfalls nützliche oder nothwcndige, einzutauschen; ich lehrte Handel treiben. Auf solche Art wurde das Volk ernährt und zehntausend Pro vinzen zur Ruhe und Ordnung zurückgcführt."Fünftes Kapitel. Die Herrscher von China sind Heils grausam, tyrannisch und verweichlicht, dann aber auch wieder Manche höchst um sichtig und weise gewesen. Ching-tang gründete die Schang- Tynastie, und regierte mit Mäßigkeit und Klugheit; er legte Gctreidcmagazine an und war keineswegs so stolz und hcrrsch- süchtig als viele seiner Vorgänger. Ihm folgten siebenund zwanzig Prinzen, von denen einige wirkliche Tyrannen waren, andere zu den benachbarten Inseln flüchteten, und man glaubt auch, daß Japan auf solche Art durch chinesische Colonistcn bevölkert sei. Chong-sin, der letzte der Schang-Dynastic, war ein grausamer Tyrann und sollte eben vom Throne gestoßen wervxir, als er sich, um diese Schande nicht zu erleben, in seine königlichen Gewänder kleidete, seinen Palast anzündete und in dessen Flammen sein Grab suchte und fand. Nach ihm kamen die Chow-, Tsin-, die Han- und Tsin- Dynastien. Zwei von diesen klingen ganz ähnlich, die Chine sen brauchen aber verschiedene Schriftzüge sie anzudeuten. Während Ching-wangs Regierung wurde zuerst Geld nach 334 China eingeführt. In der Chow-Dynastie lebte dagegen der berühmte Philosoph Confucius und zwar ct va 500 Jahr vor Christus. Confucius schrieb auch mehrere Bücher, und des halb kann man fich von dieser Zeit an eher die chinesischen Berichte verlassen, als von früher her. In Han s Dynastie richteten die Ein fälle der Tartarcn große Verwirrung im chinesischen Reiche an und die Töchter des Kaisers wurden ihnen zu Frauen gegeben; das schien sie jedoch auch nicht besonders zufrieden zu stellen. In dieser Zeit geschah auch, daß der Buddhismus, d. h. die Religion des Buddha, einer indischen Gottheit, in China eingeführt wurde. Ming-te, ein Nachfolger von Kwang-Woo, hatte einen Traum, welcher ihn veranlaßte , nach dem Heiligsten, wie es Confucius vorausgesagt, im Westen zu suchen. Er schicktc- dann eine Gesandtschaft nach Hindostan, und einige Priester des Buddha kehrten mit ihr zurück und verbreiteten ihren Gottesdienst durch das chinesische Reich. Dies geschah in der Dynastie von Han, welche die Chinesen für die glorreichste ihrer ganzen Geschichte halten. Die meisten jener acht Kaiser, die in der Dynastie von Sung regierten, waren selbstsüchtige, grausame Ungeheuer, eines Thrones unwerth, und wurden auch fast sämmtlich von ihren Untcrthanen ermordet. Das chinesische Reich wurde damals in zwei Hauptkönigreiche getheilt, die Wei- Prinzen, die Tartaren waren, hatten den Norden mit HonLn zu ihrer Hauptstadt, während die Sung-Prinzen den Süden hielten und in Nanking residirten. Die fortwährende Feindschaft, in denen Beide zusammen standen, ließ damals allerdings35 nicht erwarten, daß sie einander je freundlich gesinnt werden kvMten. Die damaligen Herrscher Chinas, in ihren verschiedenen Dynastien von Tse, Luang, Chin und Suy machten es aber eben kaum anders, als die übrigen gekrönten Häupter in der Welt; sie führten eben mit einander Krieg, um sich in aller Freundschaft an Land und Leuten wegnehmen zu können, was sich mit Ehren gerade nehmen ließ. Uang-keön unterwarf die nördlichen und südlichen Distrikte seiner Gewalt; die Tar- tarcn rückten jedoch immer mehr gegen die Küste vor. Uang-te war als Gelehrter berühmt und schrieb nicht allein über seine eigene sondern auch über frühere Zeiten. Von Le-Yuen, einem berühmten General, wurde er ermordet, der Kung-te- tung auf den Thron erhob. Nach der Suy-Dynastie kam die von Tong, in welcher das Christenthum die ersten, freilich noch sehr schwachen Wur zeln in China schlug; dieser folgten die How - leang-, How- tang-, How-tsin- und How-han-Dynastien. Während der Tang-Dynastie fielen die Türken mehrmals in die westliche Provinzen ein, Tang-kaou-tsoo rettete aber durch seine Umsicht und Tapferkeit das Reich. Er verfolgte die Priester des Taou-Buddhu. Tan-tsung, sein Sohn, erweiterte sein Reich bis zu den persischen Grenzen und unter seinen Nachfolgern blühten Literatur und Poesie. Choo-wam war der Anführer einer Räuberbande, er setzte Chaou - tsung ab und dagegen Chaou-sucn-tc auf den Thron, stieß ihn aber auch wieder davon und gründete selber die How-lcang- Dynastie, indem er selbst den Herrschersitz (A. D. 709) bestieg und den Namen Lean-tae-tsoo annahm. 3 *36 Hier nun folgt wieder eine Schrcckenszeit, wo der Sohn den Vater und der Bruder den Bruder erschlug, und der erste Lichtblick ist die Dynastie von How - chow, die einen wackeren Kaiser hatte. Sein Name war Sche-tsung, der Vater seines Volks. Er errichtete Schulen, nahm weise und gute Männer zu Rathgebern und that, was in seinen Kräften stand, sein Volk glücklich zu machen. Chaou-kwang-hin begann die Sung-Dynastic; er war ein Mann von Talenten, aber ehr geizig und grausam. Man sagt, daß er dag Blut von Millio nen Tartarcn vergoß, um sie zum Gehorsam zu zwingen. Unter der Regierung Kin-tsungs plünderten die Tartarcn Peking und gründeten im Norden eine Dynastie unter dem Namen Kin. Lc-tsung, der Genghi s, eines Mongolen- Häuptlings Hülfe anrief, zerstörte 1225 diese Dynastie vereinigte sie wieder mit dem Süden. Die Mongolen versuchten nun China zu erobern, und Kublai, dem Mongolenherrscher, gelang auch wirklich 1279 den chinesischen Thron zu besteigen. Also begann die Thucn- Dhnastie. Kublai war einer von Chinas mächtigsten Herr schern. Er errichtete eine Flotte von viertausend Fahrzeugen, um Japan zu unterjochen, der Tod aber machte seinen kühnen Plänen ein Ende. Chucn-syuen-chang, ein Räuber, gründete die Ming- Dhnastic, indem er den letzten Mongolenhcrrscher vom Throne stieß und selbst dessen Platz einnahm. Hier wurde dies unge heure Reich nun wieder, nach langer Zeit, von einem einge borenen Herrscher regiert, und hiermit folgen wir auch der chinesischen Geschichte bis 1368. Unter den Kaisern der37 Mmg - Dynastie waren Ching-wha, Hung-sche, Ching-tih, Kea-tsing (unter dessen Regierung die Portugicstcn China entdeckten und das Papstthum cinführten) Lung - king, Wan r leih, Tecn-kc und Tsung-ching, während deren Ober herrschaft Rebellion und Hungersnoth ihre Schrecken über das Land sandte, und Cochinchina sich von ihm losriß. Diesen folgte Le, ein tollkühner Räuber, der Besitz von der chinesischen Hauptstadt nahm und sich selbst zum Kaiser machte. Er begann die Ta - tsing - Dynastie, wurde aber von Tsung-tih, einem Häuptling der Mau-choo-Tartarcn, wieder vom Throne gestoßen. Tsung-tih starb und sein Neffe, unter dem Namen von Schun-che, gelangte zur Kaiscr- würde. Diesem folgte der berühmte Kang-hc, dessen großer Geist ihm die Herzen der Chinesen gewann. Er schlug die Mongolen und Kalmücken, verbesserte die Regierung und gründete mit starker Hand die noch setzt bestehende Dynastie. Er starb, nach sechzigjähriger Regierung, 1723. Thung-chin regierte nach Kang-hc; er verbannte die Misstonaire der Jesuiten nach Canton, weil er ihren wachsen den Einfluß und ihre Jntrigucn fürchtete. Nach ihm kam Kien-lung oder Kücnlung, unter dem die Holländer, Englän der und Portugiesen in China Fuß zu fassen suchten, indem sie Gesandtschaften dorthin schickten. Er schien aber wenig Lust dazu gehabt zu haben, denn die Erfolge fielen für alle drei Mächte gleich trübselig aus. Wie Kang-hc regierte er Cchzig Jahre und trat dann, zu Gunsten seines Sohnes, Kca- kü g, im Jahre 1795 zurück. Auf Kca-king werde ich noch einem späteren Kapitel zurückkommen, er starb 1820 und38 der gegenwärtige Kaiser Taou-kwang oder Sieg der Ver nunft" folgte ihm. Seiner Regierung war es Vorbehalten, die Fortschritte zu sehen, die sich die Barbaren" in seinem eigenen Lande und mit Waffengewalt erzwangen, und wie er sich da heranswinden wird, muß die Folge lehren.Sechstel Kapitel. Meine jungen Leser haben gewiß schon viel über Opium gehört, wie die Chinesen die Einfuhr desselben verboten und wie die Engländer erzwungen hätten, wie Opium Gift sei und wie die Leute dort rauchten und verzehrten, daß sie gewiß wünschen werden, etwas Näheres darüber zu erfahren. Die Türken verschlucken, die Chinesen rauchen cs, aber verschluckt oder geraucht, so behält seine betäubenden Eigen schaften bei und gleicht darin unfern spirituösen Getränken, die eben so schädlich und nachtheilig auf die Gesundheit cin- wirkcn, als das Opium jener fremden Nation. Dieses nun ist, wie Ihr vielleicht Alle wißt, der Saft des weiße Mohnes. In der asiatischen Türkei und in Bengal und Mälwoh in Ostindien werden ungeheure Strecken mit diesem Mohn, und zwar einzig und allein um Opium daraus zu sammeln, bepflanzt. Wenn die Kapseln oder Köpfe desicl- ben noch unreif sind und ihren milchichen Saft haben, so müssen Leute in das Feld geschickt werden und man vcr- wendet zu diesem Zweck eine ungemeine Anzahl eben diese40 Köpfe mit einem doppelklingigen Messer, einer Art Läncette, anzuschneiden oder aufzuritzen, damit dieser Saft herausquillt. Dieser bleibt in kleinen Knoten oder Perlen hängen, bis ihn die Sonne trocknet, und dann gehen die Arbeiter wieder herum und schaben ihn vorsichtig ab, und das ist das Opium, von dem ich sprechen will. Nun wird das zum Rauchen bestimmte Opiumraucher. jedoch noch einmal gereinigt und der abfallende Thcil an die armen Klassen verkauft oder mit Tabak oder Cheroots (ostin- dischc Cigarren) vermischt. Nachdem Ihr nun gehört habt, was Opium überhaupt ist, will ich Euch die Art beschreiben, auf welche der Opium handel bis jetzt betrieben wurde.41 In früheren Zeiten führte man Opium offen nach China ein und zwar als ein mcdicinisches Heilmittel, denn giebt nichts auf der Welt, und sei das Schädlichste und Bös artigste, das nicht auch wieder, wenn weise angcwcndct, seine nützlichen und guten Eigenschaften hat. Das giftigste Kraut, die tödtlichstc Pflanze kann in Krankheitsfällen, in dem gehö rigen Maße gebraucht, von segensreichster Wirkung sein, und auch dasOpium ist als schmerzstillendes und beruhigendes Mit tel eine herrliche Arznei. Obgleich man nun, wie ich eben gesagt, Opium als Mc- dicin in China cinführtc, so wurde doch seiner narkotischen Eigenschaften wegen bald zum Lurusartikcl, und damals legte man förmliche Depots oder Handelsschiffe in Whampoa vor Anker, um das Opium den nach Ostindien dafür ausgcsandtcn Clippern (im Ganzen schncllscglnde Fahrzeuge und deshalb oft der Name einzelner Boote) abzunehmen. Von diesen Depotschiffen wurde es dann in Booten Ufer geschafft. Im Jahre 1820 glaube ich war cs, daß die chinesische Regierung eine Proclamation erließ, nach welcher Opium nicht mehr nach China eingeführt werden dürfe. Allerdings hätte das eigentlich schon früher geschehen sollen, denn das chinesische Volk hatte sich nun schon an dieses Gift gewöhnt, besten Wirkungen für ihr geistiges wie körperliches Wohl gleich verderblich wurden. Die Opiumlagcrschiffc mußten also deshalb auch ihren Ankerplatz verlassen und den Fluß weiter hinabgchen. Ihren Ankerplatz nahmen sie an der ^"Cl Lintin, wenn aber die Jahreszeit der Typhoons, oder heftigen Stürme, hcranrücktc, dann zogen sie-sich, größerer42 Sicherheit wegen, nach Cum-sing-moon zurück, wo einen trefflichen Hafen fanden, der durch das feste Land und die Insel gebildet wurde, und ihnen bei jedem Wetter den voll kommensten Schutz gewährte. Eine lebhaftere oder geschäf tigere Scene als die in Cum-sing-moon dann war, läßt sich kaum denken. Schiffe aller Arten lagen dort vor Anker, unter ihnen die Depotschiffe, während Clipper und andere Fahrzeuge den kostbaren, aber nur zu schädlichen Stoff hcrbei- führtcn. Eine Unzahl chinesischer Schmuggelboote fuhr dabei hin und wider, und ganz eigcnthümlich sahen diese aus, mit ihren schlanken, sechzig bis achtzig Fuß langen Roof, ihren hohen Masten, Mattensegeln, überzogenen Decken und galec- rcnartigen Rudereien. Hin und her fuhren sie, wie Bienen sammelten sie aus den dort stationirtcn Schiffen die gefähr liche Masse ein und die rochen, weißen und blauen Mützen der regelmäßig Rudernden stachen wunderlich gegen das übrige unordentliche Treiben am Bord derselben ab. Wohin man auch sah, überall verkündeten besonders die Verdecke der aus wärtigen Fahrzeuge großen Rcichthum, der sich in den unge heuren und so kostbaren Waarcnmasscn zeigte. Kuchen von Malwoh-Optum, Ballen von Benares und Patna, Kisten von Syccc oder Silberklumpen; Säcke mit Dollaren und Opium kasten lagen nach allen Richtungen hin aufgcstapclt. Nun möchtet Ihr vielleicht denken, daß das Schmuggel- wescn, da die chinesische Regierung doch die Einführung des Opiums streng verboten hatte, hauptsächlich bei Nacht getrieben wurde; aber Gott bewahre, im Hellen Tageslicht glitten sie hin und wider, nahmen ihre verbotenen Maaren an Bord und fuh ren so offen und keck damit stromauf, als ob aufdie Einfuhr des43 Opium noch eine Prämie gesetzt sei. Was aber war die Ursache hiervon? Die chinesischen Admirale, Mandarinen und Zoll beamten, deren Pflicht gewesen wäre, den Handel zu hinter- trcibcn, hätten bei seinem Aufhörcn fast eben so viel gelitten, als die fremden Kaufleutc jetzt, da er verboten worden; so wurde keine Kiste, ja fast kein einziges Pfund Opium ver kauft, ohne daß sie durch eine gewisse Summe, die man der Bequemlichkeit wegen fcstsctztc, bestochen worden wären. Manchmal kamen freilich mit ihren Fahrzeugen stromab und drohten den Barbaren mit einer Truppenanzahl, die gegen sie aussenden würden; diese wußten aber schon, wie am besten jeder Feindseligkeit begegneten und die wackern Die ner ihres Herrn kehrten dann jedesmal befriedigt wieder zurück und sandten dem Hofe die herrlichsten Berichte ein, wie treu und aufmerksam sie die Küste bewacht. Ein Beispiel möchte ich hier anfführen, das dem Leser einen kleinen Begriff geben wird, wie sich die chinesische Beamten der Regierung gegenüber zu stellen wußten, so daß diese immer glauben mußten, versahen ihren Dienst wirk lich mit vielem Eifer. Sie bestraften nämlich das Schmug geln auf das Strengste, ohne jedoch zu gleicher Zeit dem System selbst das geringste weitere Hindernis in den Weg zu legen. So wird mit guter Autorität erzählt, daß ein chinesi scher Magistrat bei einer gewissen Gelegenheit dreizehn Schmuggler enthaupten ließ; zu gleicher Zeit aber einen Bo ten an die Fremden sandte, der ihnen sagen mußte, sollten ja nicht glauben, daß das Vorgegangcnc etwas in seinen Gesinnungen ändere; er nnirdc die Einfuhr des Opiums noch nach wie vor unter den früheren Bedingungen gestatten.u Wer war nun schlimmer, die Fremden, die reinen Geld gewinnes wegen das von der Regierung verbotene Gift nichts destoweniger in ein friedliches Land trugen, oder die eigene Obrigkeit desselben, die für sein Wohl hätte sorgen sollen, es aber ebenfalls wieder schnöden Goldes wegen mit einer andern Nation hielt und dadurch dieser setzt den Weg in das eigene Land bahnte? Doch die Thatsache ist da, das Opium wird einmal in Ungeheuern Quantitäten eingeführt und geraucht und ich will deshalb den jungen Kcser mittheilen, wie das etwa geschieht und wie die Wirkungen desselben sind. Der Opiumraucher, den wir hier ganz gemüthlich neben seinem Tische sitzen sehen, nimmt aber diese Stellung nicht dann ein, wenn er sich dem Genüsse ganz und in seiner vollen Wirkung hingcben will; dann liegt oder lehnt er mehr auf einem schräg angebrachten Ruhebett, das eine Art höherer Kissen für den Kops enthält, und hat neben sich, wie auch hier, seine Elfenbein-Opiumdose, seine Lampen und die fünf bis sechs Zoll langen Stahl- oder Silbernadeln. Das Rohr seiner Pfeife ist etwa anderthalb Fuß lang und einen Zoll int Durchmesser. Die Muudspitze von Elfenbein, Horn oder Bernstein, wäh rend das untere Ende mit Kupfer oder Silber bedeckt wird. Auf dieses paßt ein Kopf von feinem irdenem Thon, drei Zoll im Durchmesser und von der Gestalt eines flach geschlage nen Rettigs, mit einem Loch in dem ober Theil, dag kaum größer als ein starker Stecknadelkopf ist. In diese kleine Oeffnung wird nun das Körnchen Opium, nachdem es zuerst mit der Nadel an die Lampe gehalten ist, hineingethan, und der Raucher zieht den Duft ein, muß jedoch die Pfeife immer45 wieder der Flamme nahe bringen, so lange sein Rauchen dauert, da die Masse sonst verlöschen würde. Die Zeit nun, in der sich Leute diesem Genuß hingeben können, ist sehr verschieden; manche brauchen ganze Stunden um zu einer völligen Bewußtlosigkeit, dem ersehnten Ziel die ses Giftes, zu gelangen. Andere fühlen sich schon nach zwei oder drei Zügen betäubt, und die Gewohnheit hat hier, gerade wie bei tausend andern Sachen, einen ähnlichen Einfluß. Nur die Reichen sind übrigens im Stande, bei jedesmaligem Rau chen eine frische Masse zu nehmen; sorgfältig werden dabei die Ucbcrrcftc ihrer Pfeife für die Armen gesammelt. Die Opiumrohre werden oft durch Wasser oder eine andere wohl riechende Flüssigkeit geleitet, damit sich der Dampf abkühlt, wie das ja auch die türkischen oder indischen Raucher in ihren Hnka s haben. Das Laster des Trunks übt seinen verderblichen Einfluß auf den auö, der sich ihm crgicbt; fast noch schrecklicher aber bezeichnet das Opium seine Opfer, und die bleiche eingefallene Wange, die schwache zitternde Stimme und das hohle Auge verkünden nur zu deutlich den verderblichen Einfluß, den die ses Gift auf seine Nerven übt. Eben so traurige Sccnen fallen dabei auch unter den Opiumrauchcrn vor, wie die unter den Trunkenbolden unserer christlichen Länder stattfinden; um alles Atlfsehen zu vermei den, werden deshalb auch diese Höhlen meistens im Verborge nen gehalten und der Fremde sieht nichts davon, wenn er sich nicht die Mühe gicbt, sie aufzusuchen. Mit dem Opiumrau chen ist es aber wie mit allen übrigen Lastern, mit einer Kleinigkeit fängt man an; gering ist erst die Wirkung, der46 man sich hingiebt, und mit dcr Zeit, mit der steten Bekannt schaft desselben wächst nachher das Verlangen danach, ja wird sogar zuletzt zur fürchterlichen, nicht mehr bezwingbaren Lei denschaft, die ihre Opfer kalt und erbarmungslos ins Verder ben stürzt. Manche haben, um das Uebel zu heben, vorgeschlagen, dem Opium nach China freie Einfuhr zu gestatten und viel leicht nur eine hohe Steuer darauf zu legen; Andere wollen wieder das Christenthuni heben, um durch dessen moralischen Einfluß scncs Laster zu vernichten; das Eine wie das Andere würde aber wohl gleich erfolglos sein; das crstcrc vernichtete nur das Schmuggclwescn und daS Christenthum ist nicht ein mal in unscrm aufgeklärten Deutschland im Stande gewesen, das Laster des Trunks zu verbannen; es läßt sich also auch nicht annehmen, daß die Chinesen, mag ihnen noch so sehr ins Herz gesprochen werden, etwas unterlassen würden, das ihnen jetzt fast zur zweiten Natur geworden ist. Als die chinesische Regierung beschlossen hatte, den Opiumhandel aufzuheben, ermahnte sie die Engländer ihre Stationen zu verlassen, und warnte sie zugleich vor den Fol gen, die in diesem Falle Ungehorsam nach sich ziehen würde. Dcr Name des Admirals, dcr die Fokien-Flottc befehligte, war Chin, und der Kommandant dcr Garnison von Kimmuh und mehrerer andern Forts hieß Tow. Chin und Tow schie nen denn auch, ihren kräftigen Proclamationcn nach, gar tapfere Burschen und meinten es auch vielleicht recht ernsthaft. Freilich waren ihnen diese Fremden in dcr Kunst dcr Krieg führung überlegen und nicht gesonnen, einen solchen gewalti gen Vortheil, wie ihn dcr Opiumhandel gewährt, so leicht47 aufzugeben. In der Proclamation sagten die Chinesen, in ihrer allerdings übertriebenen Sprache, etwa Folgendes: Um die Grenzen unseres Landes werden wir tausend Kriegsschiffe pflanzen und auf den ersten Ruf sollen sich diese wie ein Gewitter über Euren Häuptern entladen. Der Ucbcr- inacht könnt Ihr nicht widerstehen, und wenn der Admiral und der Kommandant der Forts ihre furchtbaren Kräfte ver einigen, so werdet Ihr ihren Angriff nicht aushälten können. Wir möchten Euch nicht gern mit kaltem Blute morden, und zeigen Euch daher die Folgen, die Euer Ungehorsam für Euch haben müßte. Das Beste also was Ihr thun könnt, ist, Euch schnell und folgsam zurückzuziehen, was uns freuen wird, wenn , wir hören." Ich könnte Euch hier leicht und mit wenigen Worten die Wirkung schildern , die dieser Befehl sowohl auf die Englän der hervorbrachte, als auch, was das Resultat dieser Verhand lungen war; da aber der jetzige chinesische Krieg die Folge davon ist, und in seiner Wirksamkeit so bedeutend wurde, so muß ich schon etwas weiter dazu ausholen.Siebentes Kapitel. Ehe ich hier die englische Expedition nach China erwähne, möchte ich vorher etwas von dem vorigen Kaiser sagen. Er war der Sohn des Kaisers Kien-lung, der nach sechzigjährigcr Regierung ihm den Thron überließ und seiner Zeit einer der besten Regenten gewesen sein soll, die das chinesische Reich je" gehabt hat. Kea-king folgte aber nicht seines Vaters tugend haftem Beispiele, denn er wurde ein böser und unwürdiger Erbe des wackern Mannes. Anstatt der kaiserlichen Würde Ehre zu machen, schändete er sie und wurde ein Gegenstand des Hasses und der Verachtung. Seine Grausamkeit, die Entheiligung der Tempel und seine Feigheit machten ihn bei seiner ganzen Umgebung verhaßt, und damit zufrieden, seinen eignen Vergnügungen nachgehen zu können, überließ er die Sorge des Staatswohls gerne denen, die sich damit befassen wollten, also natürlich solchen, die ihren Vortheil dabei sahen. Revolution nach Revolution brach deshalb aus. Ein Beispiel seiner Grausamkeit muß ich hier er wähnen.Ein Eunuch, der viele Jahre lang ein Diener Kien-lungs gewesen, und von ihm sehr begünstigt worden war, wurde, bei einer Verschwörung betheiligt, entdeckt, und Kca-king, auf das Aeußerste darüber empört, beschloß, den elenden Verbre cher auf unerhörte Art zu züchtigen. Der Unglückliche wurde mit Leinen und Stricken umwunden und dann mit Talg und andern brennbaren Gegenständen dicht bestrichen, so daß er ein förmliches Licht oder eine Art Fackel bildete und diese wurde nun am Grabe des damals verstorbenen Kien-lung angezündet. Kca-king beklagte sich oft, daß ihn seine parteiischen Minister und Hoflcute mit Spionen umgäben, und allerdings mochte ihm auch wohl sein Gewissen sagen, daß sich seine Handlungen gar nicht damit vertrügen Licht gezogen zu werden. Nichts desto weniger that er doch so ziemlich Alles, was er wollte und kümmerte sich weder um seine Räthe noch Minister. So z. B. widersetztcn sich einige dieser letzter einer Reise, die er in die Mantschow-Tartarei beabsichtigte; er aber, nicht gesonnen, sich ihrem Willen zu fügen, erließ einfach ein Gesetz, in welchem er ganz allgemein angab, daß, wenn je ein Staatsministcr in China wagen würde, seinem Herrn zu rathcn, die tartarischen Provinzen nicht zu besuchen, dieses als ein todteswürdiges Verbrechen angesehen und danach bestraft werden solle. Ich brauche wohl nicht noch hinzuzu fügen, daß seine Minister von dem Augenblicke an mit der Reise vollkommen einverstanden waren. Kca-king starb am 2. September 1820, und ein blau- gesicgeltes Document von Peking verkündete, daß er in Jc-Ho 430 (der warme Fluß) ein Himmelsgast geworden wäre. Man vermuthct übrigens, daß er keines natürlichen Todes gestor ben, sondern durch einen aus seiner Umgebung, der seine Rache vielleicht zu fürchten hatte, ermordet sei; nach den chinesischen Sitten aber legte die ganze Nation seinetwegen Trauer an, und ein chinesischer Kaiser ist wohl auch die einzige Person auf Gottes weiter Erde, um dessen Tod, wenigstens öffentlich, dreihundert Millionen trauern. Am 19. Dcccmbcr 1820 kamen um Mitternacht, durch einen kaiserlichen Courier, zwei Depeschen an und brachten die Befehle, daß seiner verstorbenen Majestät Name in Zukunft heilig gehalten und in gewöhnlichen Fällen, um ihn vor Pro- fanation zu bewahren, anders buchstabirt werden solle. Ferner enthielten diese auch den Titel, wie mau seine ver storbene Majestät im Anreißen an seine Ahnen zu nennen habe, und zwar: der allcrgütigste und allerwdiscstc" Kaiser. Das Testament Kea-king s ist übrigens ein zu merkwürdi ges Documcnt, und gicbt zu viele Aufschlüsse über vergangene Begebenheiten, um hier nicht mitgethcilt zu werden. ES lautet: Der große Kaiser, der von dem Himmel und der wiedcr- crzcugcndcn Natur die Herrschaft der Welt erhielt, erklärt hiermit dem Kaiserreich seinen Willen. Als Ich, der Kaiser, dankbar von Seiner höchstseligen Majestät Kicn-luug, jenem gewaltigen und tugendhaften Herr scher, das kaiserliche Siegel erhielt, und ihm aus den Thron folgte, so erfreute Ich Mich noch drei Jahre nach diesem Augenblicke seiner persönlichen Lehren. Ich habe bedacht, daß die Grundlagen eines Landes unddas große Princip einer gesellschaftlichen Ordnung darin be stehen, den Himmel zu ehren, Unser Vorfahren zu folgen und freundlich gegen das Volk zu sein. Seit Ich Meine Würde angetretcn, habe Ich mit der größten Sorgfalt verwaltet, und mich stets erinnert, daß der Himmel Prinzen des Volks wegen erzieht, und daß die Pflicht zu ernähren und zu belehren auf sein einziges Haupt gelegt wurde. Als Ich zuerst die Regierung übernahm, waren die Rcbcllenbandcn in den Provinzen von Szc-hucn, Scheu-see und Hoo-kwang noch nicht ganz beruhigt und Ich mußte die Officicre und Soldaten nicht allein über ihre Pflichten unter richten , sondern sie auch vier Jahre zu immer erneuten An strengungen treiben, bis ihnen endlich gelang, wieder Ruhe und Ordnung hcrznstellcn. Jede Stadt, jedes Dorf fand nun Freude an der ihm angewiesenen Beschäftigung, und sie Alle, wie Ich selbst, waren mit Ruhe und Ordnung gesegnet. Aber im achtzehnten Jahre Meiner Regierung gab sich daö Volk wiederum unruhigen Empörungen hin und drängte sich sogar in das geheiligte Thor des Palastes; die Rebellen vereinigten sich mit dem Thaou- und Hwa-Distriktc und brei teten sich über drei Provinzen aus. Die Führer wurden jedoch. Dank sei der Hülfe des Höchsten, vernichtet; die Ucbrigen zerstreut oder ausgcrottet und in weniger als zwei Monaten aufs Neue die Ruhe hcrgcstcllt. Der gelbe Fluß ist, seit alten Zeiten bis jetzt, Chinas Sorge gewesen. Sobald in Uun-te und Kwan-Hca die Mün dungen des Flusses sich durch Sandbänke stopften, so trat er selber Banden und Ufern und überschwemmte zum Ent- 4 *52 setzen, des Volkes das Land. Bei solchen Gelegenheiten habe Ich nie die kaiserliche Börse geschont, sondern den Fluß cin- dämmen und in sein früheres Bett wieder zurückweisen lassen. Seit die frühere Herstellung des Stromes Mir berichtet wurde, verflossen sechs oder sieben Jahre in ungestörter Rühe; im letzten Herbst aber stieg nach dem gewaltigen Regen das Wasser wiederum einer unnatürlichen Höhe, und in der Ho - nan - Provinz zerriß die Fluth an mehreren Stellen die Ufer, sowohl an der Süd- wie Nordscite, und der Woo-chc erzwang sich einen Canal nach der Sec. Der dadurch vcran- laßtc Schaden war ungeheuer. Das habe Ich ausbesscrn lassen; aber im Frühling dieses Jahres hörte Ich, das süd- lichc Ufer des E-fung sei wiederum geborsten. Befehle sind setzt gegeben, nach dem Herbst sogleich die Arbeit zu begin nen, und Geld genug ist dazu ausgcsetzt, so daß wahr scheinlich bis zum nächsten Frühjahr Alles in Ordnung sein kann. Besondere Aufmerksamkeit habe Ich dem Leben Meiner Unterthanen zugcwandt und so viel als möglich jedes Einzelne derselben bewahrt. Als heftiger Regen oder Dürre manche Theilc Meines Kaiserreiches heimgesucht, erleichtere Ich die Tarc und theilte Getreide aus; sobald nur das Gerücht von Noth zu Mir drang, war auch Hülfe nicht fern. Im letzten Jahr, am sechzigsten Jahrestag Meiner Ge burt, als Meine öffentlichen Beamten und das Volk Mir seine Glückwünsche brachte, sann ich darauf, was Ich ihnen wohl Gutes erweisen könne, und proclamirte endlich einen Erlaß aller Schulden von Landtaren, der sich auf mehr als zwanzig Millionen belief. Dabei wünschte Ich, daß jedeFamilie und jedes einzelne Individuum Ueberfluß an Allem haben möge und alle Ränge zusammen die Höhe der Freude erklimmen könnten. In diesem Jahr, während Frühling und Sommer, haben die Regen nur dazu gedient, die Fruchtbarkeit zu befördern; aus allen Provinzen ist Mir verkündigt worden, daß Ueberfluß gäbe; das hat Meinem Herzen ungemein wohlgcthan. In der Mitte des Herbstes, während Ich ehrfurchtsvoll den Vorschriften Meiner Ahnen gehorchte, begab Ich Mich nach Muhlan auf einen Jagdzug, und hielt, um die Mittags hitze zu vermeiden, in dem kleinen Bergschloß. Bis dahin habe Ich Mich einer starken Gesundheit erfreut, und konnte Hügel und Berge hinauf- und herabklettern, wie die Ebenen durchstreifen und die Flüsse befahren, ohne unangenehme Fol gen davon zu spüren. Bei dieser Gclcgcnhccit hatte Mich aber die übermäßige Hitze zu sehr angegriffen, und gestern, als Ich mein Pserd über den Kwang-jin-berg trieb, fühlte Ich, wie Mich die Krankheit erfaßte und wie Ich wohl nicht wieder genesen würde. Gehorsam aber den dahin geschiede nen Weisen Meiner Familie hatte Ich schon im vierten Jahre Meiner Regierung, im vierten Monat, am zehnten Tag um fünf Uhr Morgens einen Thronerben ernannt, welche Er nennung ich selbst versiegelte und in einem geheimen Kästchen aufbcwahrtc. Als die Rebellen im achtzehnten Jahr die Mauern des, Palastes zu erklettern versuchten, da feuerte der kaiserliche Erbe und schoß zwei von ihnen mit eigner Hand nieder, was die klebrigen in Entsetze auseinander trieb, so daß die Ruhe des kaiserlichen Platzes nicht weiter gestört wurde. Das Vcr-54 dienst dieser That war sehr groß, da Ich aber damals nicht bekannt machen wollte, daß Ich ihn zum Erben eingesetzt, so gab Ich ihm blos den Titel des Weisen" belohnte dadurch, für damals wenigstens, diesen außerordentlichen Dienst. Die gegenwärtige Krankheit wird Meinem Leben ein Ende machen; das himmlische Werkzeug (der Thron) aber ist zu wichtig und muß einem Andern übertragen werden; des halb befehle ich allen Ministern Meiner kaiserlichen Gegen wart, allen Staatsmännern, allen Meinen Hausbeamten, dem ganzen Kriegsministerium sich zu versammeln und Meinen kai serlichen Willen zu eröffnen. Der kaiserliche Erbe ist gut, weise, edel und tapfer und wird im Stande sein, der ihm anvcrtrautcn Würde Ehre zu machen. Die Pflicht eines solchen Prinzen besteht darin, den Charakter eines Volkes kennen zu lernen und ihm Rühe zu geben. Lange wohl habe Ich dieses Ziel im Auge gehabt, aber schwer ist cs, dies immer auszuführcn. Er möge das wohl in seinem Herzen überlegen und treu dabei ausharren. Mögest Du, o mein Sohn, Dich zum Guten und Tugendhaf ten wenden. Liebe und ernähre das schwarzhaarige Volk und bewahre Deinen Ahnen Herrscher bis zu Myriaden von Mcn- schcnaltcrn. Ich bin zu der hohen Ehre berufen gewesen, der Sohn .des Himmels zu sein. Meine Jahre haben sich über die sechs mal zehn hinausgedehut, und wohl kann Ich das Glück, das Ich genossen, groß nennen. Ich hoffe, Mein Nachfolger wird im Stande sein, dem Ziel, das Ich Mir gesteckt, zu folgen, was die Welt dahin bringen würde, sich der Glückseligkeit- 55 vollkommener Ruhe zu erfreuen. Wäre das der Fall, so würden alle Meine Wünsche befriedigt sein. Als Ich das kaiserliche Siegel empfing, hatte Ich drei Brüder, zwei ältere und einen jungem. Im Frühling dieses Jahres schied mein königlicher Bruder King-thin zuerst aus diesem Leben und es blieben Mir nur die königlichen Brüder E-thin und Chig-thin; diese wurden mehrerer Vergehen halber ihrer Apanagen beraubt, welche Strafe jedoch hiermit zurückgenommen ist. Der Schoo-king erzählt, daß der alte Kaiser Nu seine Laufbahn mit einem Jagdzug schloß; Mein Schicksal ist also das Meines Vorgängers gewesen; dieser Platz auf Lwang- yong ist ebenfalls ein Ort, der nach der Hofetiquette jedes Jahr durch die kaiserliche Gegenwart gesegnet werden muß; auch wurde hier Meines Vorgängers Höchstselige Majestät geboren; warum sollte Ich Mich beklage , daß Ich hier ster ben muß? Laßt die Staatstrauer angelegt werden, wie es von frü hem Zeiten her gebräuchlich war, und zwar nur auf sicben- undzwanzig Tage; kündigt dies Meinem Kaiserreich an und macht, daß Jeder höre. Kca-king, 25. Jahr 7. Monat 25. Tag." Ihr denkt vielleicht, daß die Sprache dieses Testaments und die früher erwähnten Thaten desselben Mannes nicht recht zusammenstimmen, wenn Ihr aber erst einmal im Leben mehr Erfahrungen gesammelt habt, so werdet Ihr das leichter begreifen; es ist auch nicht Alles wahr, was Hoflcutc einem todtcn Kaiser dem chinesischen natürlich nachsagen, und das schon früher erwähnte unsinnige Cercmonicll mag wohl56 die Ursache fein, daß sie da so ganz verschieden von unser Hofleuten sind, von denen sich wohl Keiner zu einer faden Schmeichelei herablassen würde; unsere Hoflcute sind nie fade. Es ist doch etwas Schönes um so einen kaiserlichen Nachlaß.Ächteö Kapitel. Ich habe schon in einem frühem Kapitel das erwähnt, was zuerst an dem chinesisch-englischen Kriege die Schuld trug die Einfuhr des Opiums, und da diese doch die erste, ja eigentlich die Hauptursache desselben war, so wird er jetzt nicht selten der Opiumkrieg genannt. China hat auch schon seit langen Jahren Großbritannien, wie auch fast die ganze übrige Welt, mit Thce versehen, da die Bewohner des himmlischen Reichs aber, wie sie sich in heidnischer Bescheidenheit nennen, Fremde stets als ihnen in jeder Hinsicht untergeordnete Wesen betrachten, so fanden nicht selten recht häßliche Austritte statt, an denen jedoch die Engländer, als die Schwachem, wenig ändern dursten, da sie sich sonst der Gefahr ausgcsctzt sahen, den ganzen Thcehandcl zu verlieren. Wie die Sachen standen, so konnte es kaum ausbleiben, daß eine Reibung zwischen den beiden Staaten die Folge sein müsse und diese fand denn auch wirklich statt. Die Gährung, die schon seit langen, langen Jahren gekocht, brach sich endlich 1840 offene und freie Bahn.58 Viele behaupten nun, der Krieg sei einzig und allein des halb ausgebrochen, weil die Engländer die Chinesen zu dem Gebrauch des giftigen Opiums förmlich zwingen wollten, und überhaupt, das fremde harmlose Volk unverantwort liche Weise beleidigt und unterdrückt hätten. Wieder Andere versichern das Gegentheil und meinen, die Engländer hätten sich in China stets ruhig und bescheiden benommen und nur die Arroganz und Anmaßung der Chinesen sei endlich so un erträglich geworden, daß sie.England zu ernstlichen Maßregeln zwang. Das Erste ist unbczweifclt wahr, das Zweite möglich, doch wir wollen uns hier nicht in politische Streitigkeiten wegen des Einen und Andern einlasscn, sondern nur den Erfolg betrachten, den die Erpedition nicht allein für China, sondern auch für England und vielleicht später für die ganze Welt hatte. Ehe England durch seine fast zur Vollkommenheit gebrach ten Maschinerien im Stande war, wollene und baumwollene Waaren mit Erfolg nach China cinzusührcn, mußte es für den größten Thcil des ausgcführten Thces gute spanische Dollars bezahlen und gewaltige Summen gingen damals nach China ein. Allerdings ist der Thccbedarf in letzterer Zeit gewachsen; dennoch hat sich mit England das Blatt gewendet, zieht nun das Silber wieder ei , was es früher auszählte, denn die Opium-Einfuhr ist zu fast unglaublicher Masse angestiegen. Im Jahre 1776 wurden etwa 1000 Kisten Opium nach China eingeführt, 1837 dagegen nicht weniger als 40,000, für welche die Bewohner des himmlischen Reiches 25 Millio-neu Dollars zu bezahlen hatten. Seit dieser Zeit hat sich der Handel dieses Artikels, wenn auch nicht mehr so bedeutend, doch noch fortwährend vermehrt. So betrug im Jahre 1838 der Ein-und Verkauf etwa folgende Summe: An Opium, Metallen und Baumwolle ver kauft F 5,637,052 An Thcc und andern Artikeln dagegen ausgeführt 3,147,481 Bilanz £ 2,489,571 Das ergießt denn eine Summe von über 2 Millionen Pfund Sterling zu Gunsten der Engländer, die größtcnthcils in Silber bezahlt ward. In jener Zeit mochten denn auch wohl die Chinesen zum ersten Mal, als sie anstatt Geld zu empfangen, fast neun Millionen Dollars zu bezahlen hatten, einsehcn, wie thöricht sie gehandelt, den Verkauf des Opiums zu gestatten, von dem jetzt die Bewohner des himmlischen Reichs förmliche Schätze in die Luft hinein pafften. Der mit außerordentlichen Vollmachten nach Canton ge schickte chinesische Gouverneur Lin, ergriff also zur Unterdrük- kung des Opiumhandels die nachdrücklichsten Maßregeln, und erließ unter andern! am 13. März 1839 ein Edict, in dem er die Auslieferung alles in englischen Schiffen und Magazinen besindlichcn Opiums verlangte. Hierin war ihm bereits der Capitain Elliot vorangegan gen , der, um die großen Vortheile, welche der Handel mit China England brachte, nicht zu verlieren, den Opiumhandel,60 der überdem nur als Schleichhandel betrieben wurde, eben falls schon 1837 gänzlich verboten hatte. So sahen sich die englischen Kaufleute in Canton genö- thigt, ihre Vorräthe an Opium den chinesischen Behörden auszuliefern, und über 20,000 Kisten im Werth von vier Millionen Pf. Sterl., wurden von den Chinesen verbrannt. Die englischen Kauflcute wurden in Bezug auf Entschädigung für ihren Verlust von Elliot an die englische Regierung gewiesen, die diese Forderung aber nicht anerkannte. Ein Streit zwischen englischen Matrosen und Chinesen, worin einer der Letztern gctödtet wurde, verschlimmerte noch die Lage der Engländer in Canton. Da die Engländer sich weigerten, den Schuldigen auszuliefern, so verbot Lin, den Engländern sowohl in Canton als in Macao Lebensmittel zukommcn zu lassen, und Ende August 1839 verließen sämmtliche Engländer Macao und begaben sich auf die Schiffe bei Hong-Kong. Bei einem Versuche der Engländer, sich Lebensmittel zu verschaffen, kam es mit den Chinesen zu Feindseligkeiten, worauf Lin den Eingebornen befahl, sich zu bewaffnen und die Engländer zu vernichten. Vergeblich versuchte Elliot einen gütlichen Vergleich her beizuführen , vielmehr lief der chinesische Admiral Knang mit 29 Kriegsjonken aus, um sich der englischen Kriegsschiffe zu bemächtigen; wurde aber mit einem Verluste von 6 Fahrzeu gen bis Tschnm-pi zurückgeschlagcn. Die natürliche Folge dieser feindselige Berührungen war Aufhebung alles Handels mit den Chinesen, und erhöhte die Erbitterung von Seiten der Chinesen gegen die Engländer. Elliot machte wiederholte Versuche, mit dem chinesischen Gouverneur in friedliche Unter-Handlung zu treten, doch vergeblich. Er wurde mit einigen andern Engländern, die sich noch zu Maeao aufhielten, An fangs Februar 1840 durch den chinesischen Feldherrn Uih von dort vertrieben, und die chinesische Flotte suchte sogar am 28. Februar die englischen Schiffe bei nächtlicher Weile in Brand zu stecken, was indeß eben so wenig gelang. Jetzt erklärte England China förmlich den Krieg: eine englische Flotte erschien am 28. Juni unter Admiral Elliot vor Canton und blokirte den Fluß Tigris, während ein ande rer Theil der englischen Streitmacht am 5. und 6. Juli die Insel Chusan besetzte, die Hauptstadt Ting-hai einnahm, Amoy beschoß und seine Festungswerke vernichtete. Darauf segelte Admiral Elliot nach den nördlichen Gewässern Chinas und lief am 11. August in den nach Peking führenden Fluß Pe-Ho ein, um die llebergabe von Elliot s Depeschen an den Kaiser zu erzwingen, deren Annahme Lin in Canton verweigert hatte. Das Resultat dieses Angriffs war denn auch das erwar tete. Die Chinesen erstaunten nicht wenig, die Kriegsschiffe der Fremden in ihren Flüssen zu sehen, und zum ersten Male mochte sich ihnen die Ueberzeugung aufdringen, daß sie doch nicht so unüberwindlich seien, wie sie es bis dahin geglaubt zu haben schienen. Kein Wunder auch, daß die chinesischen .Batterien, eine nach der andern, zerstört wurden, daß Can ton genommen, die Chu - san - Inselgruppe und die bis dahin für unüberwindlich gehaltene Stadt Ting-bai erobert wurde. Die Chinese hatten Batterien in lleberflnß und erwarte-62 ten auch wahrscheinlich, daß die Forts der Vochatigris und der Hoo-moon, gewöhnlich nur die Bogue genannt, die engli schen Schiffe vernichten sollte; aber weder diese, noch ihre über die Strome gezogenen Ketten und versenkten Jonken, noch ihre ungeheuren Flöße konnten die Barbaren und ihre Schiffe aufhaltcn. Sieg nach Sieg zeigte nur zu deutlich die Uncrfahrenheit der Chinesen, sich mit Europäern in der Kriegskunst zu messen. Als die Mandarinen nun die für sie so fürchterlichen Er folge der Briten sahen, so stieg doch der Gedanke in ihnen auf, daß sich das himmlische Reich in Gefahr befinde von die sen Barbaren gestürzt zu werden und sie begannen Unterhand- lundcn anzuknüpfen. Selbst aber in der Zeit, in welcher diese im Werke waren, suchten sie Alles in ihren Kräften stehende zu thun, den Feind zu vernichten. Falsche Gerüchte wurden verbreitet, Brander gebaut, Brunnen vergiftet, selbst vergifteter Thee den Fremden in die Hände gespielt und das Bolk durch Waffcnrufe und sonstige Proclamationcn so auf geregt, daß die Engländer jetzt ihrer eignen Sicherheit wegen, ernsthafte Maßregeln ergreifen mußten. Sic nahmen des halb am 25 . Februar 1841 die Forts am Vochatigris, zer störten die chinesischen Jonken, drangen am 28 . März bis Canton vor und erstürmten die Vorstadt der Faktoreien. Abermals baten die Chinesen jetzt um Waffenstill stand, der ihnen auch unter folgenden Bedingungen gewährt wurde: Erstens, Abtretung der Insel und des Hafens Hong- Kong an die britische Krone, und alle Hafenkostenwie bcnt Kaiserreich zu entrichtenden Steuern so zu stellen, als ob der Handel in Whampoa statt fände. Zweitens, eine Entschädigung an die britische Regie rung von sechs Million Dollar; eine Million augen blicklich zahlbar, und das Ucbrige in gleichen jähr lichen Raten bis zum Jahre 184 . Drittens, dirccte Verbindung zwischen den beiden Län dern und zwar auf gleichem Fuße. (Etwas Uner hörtes in China.) Viertens, den Handel der Stadt Canton in zehn Tagen nach dem chinesischen Neujahr zu eröffnen, den Ver kehr in Whampoa aber fortzugestatten, bis ihre neuen Ansiedelungen hcrgcstcllt seien. Trotzdem nun, daß die Chinesen auf diese Bedingungen wohl einzugchcn schienen, so beabsichtigten sie doch keineswegs dieselben zu halten. Selbst während noch die Unterhandlun gen fortgingen, sammelten die Chinesen in Canton eine Macht von 50,000 Tartarcntruppcn und trafen Vorbereitungen, die britische Flotte anzuzünden. Sobald dies bekannt wurde, ergriffen die Engländer die ernsthaftesten Maßregeln, zerstör ten die chinesischen Forts am Flusse und waren im Begriff, die innere Stadt zu stürmen; da erschien der chinesische Mi nister Hu, der wohl einsehen mochte, daß jetzt die letzte Mög lichkeit Canton zu retten, im Frieden liege, selber vor den Engländern und knüpfte aufs Neue Unterhandlungen an. Elliot s friedliebende Gesinnungen erleichterten den Abschluß des von den Chinesen gebotenen Vertrags und die Engländer64 zogen sich nach einer Brandschatzung von sechs Millionen Dollar, von denen ihnen zwei Drittheilc gleichzeitig ein- gchändigt wurden, wiederum nach Hong - Kong zurück, wo setzt allen Anschein hatte, als ob der Krieg been digt sei.* Neuntes Kapitel. Dic Chinesen sahen sich nun, nachdem den eben er wähnten Vertrag eingegangen, augenblicklich von ihren Fein den befreit; kaum aber, daß sie nicht mehr in die Mündungen der englischen Kanonen zu schauen brauchten, so zeigte sich auch schon wieder ihr Uebcrmuth und ihre Treulosigkeit. Auch an Prahlereien über das Geschehene fehlte nicht, und wenn sonst keine Aehnlichkcit mit unscrn christlichen Nationen haben, so schienen sie doch wenigstens in ihren Schlachtberich ten eine solche zu zeigen. Auf komische Weise gab sich diese Eitelkeit besonders in wunderbaren Bildern kund, auf welchen eine Schlacht in den Hügeln dargestellt wurde, worin dic Chinesen aber natürlich als Sieger hervorgingen; die folgenden Zeilen standen als Unterschrift darunter: Die rebellische Barbaren sind in der Thal verächtlich Sic kommen hierher und zerstören unser Volk und Land Der Himmel sende doch einen rothcn Regen auf sie nieder Aber dic Stadtbewohner erzürnten sich darüber66 Sie faßten sich ein Herz und schnitten sie in zahllosen Massen ab. Glücklich, daß sie Jene so bald vernichten konnten Von jetzt an wird ewiger Friede herrschen Und ein herrliches Leben werden wir von da an fuhren. Ein anderes Bild zeigte, auf gleiche Art eine chinesische Truppenanzahl, die mit ihren Sperren und Schilden, ihren Flinten und doppelten Schwertern die Feinde vor sich her trieb, während ihre Fahnen, mit dem Worte Uung" oder Brav" darauf geschrieben, im Winde flatterten. Als treuer Schlachtbericht stand ein langer Vers darunter, worin erzählt wird, wie frech die Engländer gewesen, daß sie ihre Stadt angegriffen, mit feurigen Kugeln geschossen, und sogar Kano nen gehabt hätten, die dreimal knallten. Der himmlische Herr habe aber rothcn Regen niedergesandt und das Feuer ihrer Geschützstücke ertränkt, so daß viele hundert teuflische Barba ren nicht allein dadurch und durch ihr eigene Tapferkeit, son dern auch noch durch pestilenziälische Krankheiten umgekommen wären und Friede von nun an im himmlischen Reiche herr schen müsse. An die Erfüllung der cingcgangenc Verbindlichkeiten dachten sie natürlich auch nicht, und vielleicht mochte das noch dazu beitragen, ihren Mutb zu erhöhen, daß hörten, die Sumpfficber Cantons, von den Krankheiten der heißen Jah reszeit begleitet, richteten große Verwüstung unter ihren Fein den an. Seit der Rückkehr ach Hong-Kong standen in der Thal auch eilfhundert Mann auf der Krankenliste. Indessen waren schon seit längerer Zeit Gerüchte gegan gen, daß die englische Regierung die Handlungsweise Elliot s und seiner Mitagenten nicht billige, und diese bestätigten sich,b. "3. StUfti ; rAOHÄ-U ‘ q p e s ^ e Hauptstrasse 27 . Angriff auf Amop.67 als am 10. August Sir Henry Pöttinger und der Contre- Admiral Sir William Parker nach einer für damalige Zeit außerordentlich kurzen Ueberland - Reise von siebenundsechzig Tagen, in Macao eintrafen, und zwar der erstere mit den Unterhandlungen, der zweite mit dem Oberbefehl für die Flotte oersehen. Frisches Leben kam setzt zwischen die englischen Soldaten und Matrosen und da auch die britische Post manche gute Nachrichten, manche Avancements gebracht hatte, so segelten sie nun mit neuem Muth und Vertrauen auf ihre nördliche Erpcdition wieder aus; die Chinesen schienen gar nicht daran zu denken, die eingegangencn Verbindlichkeiten gutwillig zu crfüllcn. Der erste Angriff wurde auf Amoy beschlossen; Amoy ist nämlich eine Stadt dritter Classe auf einer Insel gleiches Na mens und zwar an der Küste des Thccdistrikts von Aukoi. Die äußere Stadt und die nordöstlich gelegenen Vorstädte gerechnet, mag sie etwa neun bis zehn Miles im Umfang haben, die Citadelle allein nimmt einen ungeheuer Raum ein; die Vcrtheidigungswcrke waren aber eben so hcrgcstcllt, wie in andern chinesischen Festungen und hatten vier Thore mit einer gleichen Anzahl von Eingängen in den Außen werken. Dort landeten die Engländer ihre Truppen, und cineAb- theilung von Matrosen und Marinesoldaten unter Fletchcr s Befehl trieb die Feinde vor sich her und erzwang sich den Ein tritt. Hier zeichnete sich besonders ein Lieutenant Erawford von der königlichen Marine aus, dessen persönliche Tapferkeit nicht wenig dazu beitrug, das Fort zu nehmen. Zweihundert- 5 *68 sechsundneunzig Geschützstücke wurden damals zerstört; im September alle die Bogueforts geschleift, am 1. October die Stadt Ting-Hae mit hundertsechsunddreißig Kanonen wieder genommen und die Insel Chusan aufs Neue besetzt; am 10. October Tsching-Hae nach wackerer Vcrtheidigung ein genommen und am 13. October Ning-po ohne Schwertschlag betreten. Die Chinesen leisteten jedoch noch tapferen Widerstand. Am 10. März 1842 griffen zwischen zehn - und zwölstauscnd chinesische Truppen Ning-po und Tschin-Hae an, wurden aber mit großem Verlust zurückgcschlageu und am 5. Juli, nach manchen glücklich gelieferten Gefechten, erließ Sir Henry Pöt tinger in chinesischer Sprache eine Proclamation, welche die Bedingungen der britischen Regierung fcststclltc. Zugleich ging die britische Flotte den Fluß hinauf und nahm am 21. Juli die Stadt Tsching - keang, worauf der Tartarcn- Gcneral und viele Andere der Garnison sich selber tödtetcn. Sonderbarer Weise hatten die Engländer ein gleiches Ver fahren, vorzüglich bei den Tartaren, schon mehrere Male bemerkt, da bei frühem Gelegenheiten oft ganze Regimenter flohen, nur um in den Fluß zu springen und sich selbst den Tod zu geben. Gott weiß, ob glaubten, daß das ein besseres Ende sei, als in die Hände der Barbaren zu fallen, oder ob sie vielleicht gar den Tod durch deren Waffen für schimpflich hielten. Am 4. August erreichten die Schiffe Nanking und am 9., ba auch die letzt erwarteten Fahrzeuge cingctroffen waren, begann die Landung. Jetzt aber sahen die Chinesen auch ein, daß von Seiten der Fremden Ernst gemacht werde. I 69 großer Eile und Verwirrung hielten sie deshalb eine Menge Berathungen und am 12. August kamen drei ihrer mächtigsten Edeln als kaiserliche Gesandte, um, heißt das, nach vorher gegangenen sehr bedeutenden Ccremonien, in der Kajüte des Cornwallis, eines britischen Linienschiffes, den Frieden und die Bedingungen desselben zu unterzeichnen. Natürlich schrieben die Engländer mit den Waffen in der Hand die einzelnen Artikel vor, denen sich die Chinesen jetzt, da sie frühere, bessere Verträge verschmäht, wohl oder übel fügen mußten. Der Friedensschluß fand nach folgenden Punkten statt. Es sollte Erstens: Friede und Freundschaft zwischen den beiden Reichen herrschen. Zweitens: China 21Millioncn Dollars im Laufe dieses und der drei folgenden Jahre zahlen. Drittens: den Engländern die Häfen von Canton, Amoy, Foo-hoo-foo, Ning-po und Schang-Hac.eröffnet, Con- suln dort der Aufenthalt gestattet und Tarifsätze über Ein- und Ausfuhr der Waarcn veröffentlicht werden. Viertens: die Insel Hong-Kong Ihrer britannischen Majestät vic ihren Erben und Nachfolgern für immer abzu- trctcn sein. Fünftens: jeder Unterthan Ihrer britannischen Maje stät, ob Eingeborncr von Europa oder Indien, der sich in irgend einem Thcile des chinesischen Reichs befinde, befreit werden. Sechstens: der Kaiser einen Act voller und gänzlicher Amnestie veröffentlichen lassen, wodurch er mit Seiner kaiser- lichcn Unterschrift und Seinem Siegel allen denen verzeiht, die70 der britischen Regierung oder ihren Officiercn gedient haben. Siebentens: der Beamten- und Officierstand beider Reiche gleich gehalten werden. Achtens: dagegen würde man, sobald der Kaiser in diese Bedingungen eingewilligt habe und die ersten sechs Millionen Dollars bezahlt seien, die Strcilkräfte Ihrer britannischen Majestät von Nanking, wie aus dem großen Kanal fortzichen, wie auch die militairischcn Posten zu Tschin-hae zurücknehmen, die Inseln von Chu-san und Ku-lang-hu dagegen so lange behaupten, bis die Entschädigungssumme entrichtet und auch den übrigen Anforderungen, die Häfen betreffend, genügt sei. Am 8. September Unterzeichnete der Kaiser diesen Ver trag, und der Friede wurde nun für damals in der That hergestcllt. In neuerer Zeit sind allerdings wieder Streitigkeiten in Canton ausgcbrochen, doch scheinen diese sich mehr auf den einen Punkt concentrirt zu halten und die Ruhe des Landes nicht weiter zu stören. Dieser Krieg kostet auch China zu viel, als daß so gie rig nach einem andern sein sollte, da es doch jetzt die Kräfte der Fremden kennen lernte; wenigstens hat es an zwanzigtau send Mann dabei verloren und zwischen dreißig und vierzig Millionen Dollars cingcbüßt. Dreitausend Geschützstückc wurden durch Soldaten und Matrosen genommen, eben so viele andere Sachen, die Kriegsjonkcn und Forts gar nicht zu erwähnen, die das Feuer der englischen Schiffe vernichtete. Wohl glauben jetzt manche Leute, daß Hong-Kong in Zu kunft ein Sammelplatz von lauter Schmugglern werden würde ;71 die englische Regierung hat aber schon seit einiger Zeit erklärt, sie würde Alles thun, was in ihren Kräften stände, einen sol chen ungesetzlichen Handel nicht nur nicht zu begünstigen, son dern auch noch zu verhindern und zu bestrafen. Eben so ist den Kaufleuten angezeigt worden, die sich mit solchem Handel einlassen wollen, daß sie, sobald entdeckt würden, in keiner Weise den Schutz der britischen Regierung zu erwarten hätten, sondern in diesem Falle den Gesetzen der Chinesen und ihrer Gnade und Strafe anheim gefallen wären. Hong-Kong solle kein Schutzort für verbrecherischen Handel, sondern der große Markt aller Nationen und der Verbindungsplatz mit China werden und bleiben.Zehntes Kapitel. Wir können nun einmal die Chinesen nicht nach uns bcnrtheilen; denken und handeln nicht allein anders als die Europäer, sondern auch ihr ganzes Land, ihre ganzen Sit ten und Gebräuche, ihr ganzes Wesen und Treiben, ihre Religion und Erziehung, Alles, Alles ist von den unseren verschieden, und kaum verdenken wir ihnen, wenn Fremde, deren Sprache nicht verstehen, deren Heimath selbst ihnen unbekannt ist, mit Haß und Rache betrachten, sobald diese mit den Waffen in der Hand sie nicht allein auf ihrem eigenen Grund und Boden angreifen, sondern auch sogar sich einen bleibenden Aufenthalt zwischen ihnen erzwingen und dadurch störend in ihr Leben eingrcife vollen. Die Chinesen fanden, daß sie mit einer Nation, die ihnen in der Kriegsführung so ungeheuer überlegen war, nichts richten konnten, und suchten deshalb ihr Vaterland auf andere Weise zu schützen, freilich auf eine Art, die wir unter den Verhältnisse , in denen wir selber aufgezogen sind, nicht bil ligen würden. Wer weiß aber auch wieder, was wir selber73 in gleichen Umständen gethan hätten. Auf jeden Fall ging das Nachfolgende von dem Kaiser oder seinen höchsten Man darinen selber aus und man kann denken, daß stc Alles tha- rcn, was in ihren Kräften stand, um selbst und das Reich vor dem Untergang zu bewahren. Die hier unten stehenden Belohnungen wurden denen ver sprochen, welche die dabei bemerkten Bedingungen erfüllten. Irgend Jemand vom Miliar oder Civil, welcher Elliot einfängt und ausliefert, soll mit hunderttausend Dollar be lohnt und zur Erhöhung vierten Ranggrades empfohlen werden. Diejenigen, welche ein Gleiches mitElliot s Untergeord neten, Bremer, Morison, Dcnt, Thom und Keahcape thun, sollen funfzigtauscnd Dollar und den fünften Ranggrad erhalten. Die, welche einen Plan entwerfen und ausführen, die Schiffe der Barbaren zu verbrennen, empfangen für jeden Mast tausend Dollar, für einen Schooncr dreitausend. Die, welche lebendig fangen und einliefern irgend einige der Hauptdicbc (Capitaine von den Fahrzeugen Ihrer Maje stät) und ihre Schiffe wcgnehmen, sollen das, mas an deren Bord gesunden wird, außer der früher bestimmten Belohnung, unter sich gcthcilt bekommen. Die, welche einen eingeborenen Engländer lebendig cin- bringen, bekommen zweihundert Dollar, hundert dagegen bloß für seinen Kopf; für einen Indier erhalten fünfzig Dollar, für seinen Kops dreißig u. s. w." Allerdings müssen solche Proclamationen viel dazu bci- getragcu haben, den Eifer der Chinesen zu vermehren, und74 dic Engländer hatten doppelte Vorsicht zu gebrauchen, um sich und ihre Fahrzeuge vor den wiederholten Angriffen der Ein- gebornen zu bewahren. Doch, wie gesagt, blieb ihnen ja kaum ein andres Mittel und wahrscheinlich finden auch ihre eigenen Sitten ein solches Verfahren ganz in der Ordnung. Noch möchte ich übrigens einen Ertrakt von Rapporten und Edikten geben, die allerdings in unfern Augen eben so wenig für die Chinesen sprechen. Ich, Woo, der General-Gouverneur, brach, sobald die Engländer an den Kommandanten Ting-Hai in trotzigen Wor ten ein Schreiben schickten, auf, reiste Tag und Nacht, erreichte Tsching-Hae um sechs Uhr Abends am Neunten, wo ich eine Zusammenkunft mit dem General Chuh hatte und erstaunt war zu hören, daß am Fünften des Monats Chang-Cheaoufa der Kommandant von Ting-Hai einen Kampf mit den englischen Rebellen zu bestehen hatte, in welchem deren Kanonen eine große Anzahl unserer Officierc und Soldaten verwundeten und die Schiffe in den Grund schossen. Am Sechsten wurde die Stadt von Ting-Hai, von den besagten Engländern ange griffen und genommen, und Uaou-Kwant-seang, der amtliche Richter, und Uun-Fuh, sein Secretair, welche sich nicht erga ben, wurden gctödtct. Ich, der General-Gouverneur, konnte, als ich diese Nachricht erhielt, nicht verhindern, daß sich mir das Haar vor Entsetzen emporsträubte. Zuerst sollten wir jetzt einen Plan erdenken, ihre Sol daten zu ermüden, daß nur langsam vorrücken und retiriren können, indessen sind wir im Stande, eine große Anzahl von Truppen zusamincnzubringen: dann aber können wir zusam-75 ntcit handeln und sie m einer bestimmten und gleichen Zeit angrcifen und vernichten." Der gute General - Gouverneur Woo und Kommandant Chuh hatten aber durch ihr Haarsträuben keineswegs genug bewiesen, wie ergeben sie Seiner himmlischen Majestät seien, wenigstens lautete das Schreiben, das sie bald darauf erhiel ten, nicht sehr tröstlich und erfreulich. Die Trägheit Unserer Marine und Landfor?en in Che- kcang, sagte dieses Edikt, läßt sich leicht erkennen. Sobald die erbärmlichen und verächtlichen Fremden wagten, sich auf diese schändliche und kecke Weise zu benehmen, so füllten sich ihre Herzen augenblicklich mit Zittern und verloren alle Selbstbeherrschung. Sie wissen weiter nichts als ihre ehr baren eignen Körper zu erhalten, und in Bequemlichkeit zu leben. Unsere Officiere sind nicht besser als hölzerne Sta tuen, daß sie einem solch erbärmlichen Feind zu landen erlaub ten. Woourhkinggih und Chuh -Tingpcaou sollen jetzt, für ihr früheres Betragen, beide vor ein Kriegsgericht gestellt und ihrem Vergehen nach bestraft werden. Es ist gewöhnlich ein dunkler Tag für einen chinesischen Officicr oder Beamten, wenn er seinem Gericht zur Unter suchung übergeben wird, während noch dazu ein kaiserliches Edikt selber die Anklage stellt. Es blieb aber auch gar nicht bei diesem allein, denn Lin-tsthseu, der nach Canton gesandt war, um sich dort mit Tang zu bcrathen, und die Opiumfragc zu ordnen, kam nicht die Idee besser weg, als seine Vorgänger Woo und Chuh, wie das bald darauf folgende zweite Edikt beweisen mag. Es lautete: -- Lin - tsihscu, Du erhieltest Meine kaiserlichen Befehle,76 nach (Santen zu gehen und dort das Opiumgeschäft nach gegebenen Vorschriften zu ordnen, von außen her allen Han del mit Opium abzuschneiden, und die vielen damit verbun denen Uebel anfzuhebcn und anszurottcn. Was das Innere betraf, so lauteten Deine Befehle: alle widerstrebenden Ein geborenen festzunehmen und dadurch den Fremden jede Unter stützung ab;uschneiden; warum hast Du so lange mit diesen niederen und erbärmlichen Verbrechern gezögert, die noch immer undankbar, ungehorsam und unfolgsam sind? Du hast Deinen Kaiser nicht allein mit dunkeln Worten hingehalten, sondern auch noch anstatt diese Sache heben zu helfen, viel schwieriger und verwickelter gemacht, daß Uns die Wogen der Verwirrung fast über den Kopf steigen und tausend endlose Unordnungen emporschießen. Du bist nicht besser als ein hölzernes Bild gewesen, und wennJch über alles dies nachdenke, so füllt sich Mein Herz mit Sorge und Gram. Ich will sehen, in welcher Hinsicht Du Dich verantworten kannst. Ich befehle, daß Deine Dienstsiegel augenblicklich von Dir genommen werden, und daß Du mit Flammcncile hierher nach Peking fliegst, damit Ich Dich in meiner Gegenwart selber prüfen kann. Zögere nicht; Ich beordere auch indessen, daß der General-Gouverneur E die Regierung der beiden Provin zen Kwang-tung und Kwang-se über sich nehme. Beachtedies. Dem armen Kwang ging es jedoch nicht besser. Die Engländer siegten nun einmal in jedem Kampf, den sie mit den Chinesen hatten, und da es der Würde des chinesischen Kaisers nicht angemessen gewesen wäre, einen solchen Erfolg der überlegenen Kriegskunst der Barbaren zuzuschreiben, so77 mußten natürlich, blieb da keine andere Wahl, die eignen Diener die Schuld tragen, damit man doch irgend Jemand bestrafen konnte. Kaum besser erging dem andern armen Teufel Namens Kashcn, der, die früheren Beispiele vor sich, in Angst und Noth eine Jammer-Epistel an den Kaiser sandte, in welcher er ihm die Drohungen der Engländer und den Zustand der chinesischen Truppen schilderte. Da kam er aber schön an! Seine himmlische Majestät fand das für unverzeihlich, daß einer seiner Unrcrthanen. wagte, freche Worte der Barbaren zu wiederholen. Absichtlich blind und thöricht wie Du bist," lautete die Antwort auf jene Jeremiadc, begreife Ich es kaum, daß Du die Keckheit hast, also meinen Befehlen den Rücken zu drehen, und nicht allein die Documcnto der Fremden annimmst, son dern ihnen sogar noch daS Wort redest. Unwürdiger und machtloser Mensch, der Du bist, was für ein Herz hast Du denn eigentlich in der Brust. Nicht allein nimmst Du still schweigend ihre Drohungen und Beleidigungen an, sondern wagst es sogar, einzelne Theile daraus mir vorzuhalten, um mich in Angst und Schrecken zu setzen. Wisse aber, daß Ich keine Furcht im Herzen trage. E hat noch außerdem berichtet, daß am sechsten Tag des Tygcrs Thore zerstört worden wären, und diese Nachricht bar Mir Herz und Leber zerrissen. Ich habe nicht geglaubt, daß Kashen, dieser mit so wenigen Talenten begabte Mann, lein Vaterland verkaufen und dann auch noch damit prahlen könne. Dies ist ein Verbrechen, für das der Tod Mir nicht nnmal eine hinlängliche Strafe erscheint. Ich befehle, daß78 die Vulinkaung s (des Kaisers eigene Truppen, wahrscheinlich seine Leibgarde) mit dem größten Eifer de Tempel seiner Vorfahren siegeln und verschließen." Seht, lieben Leser, solcher Art beurtheilt der Kaiser von China seine Leute; er gicbt Befehle und hält als Herr des himmlischen Reiches nicht für möglich, daß irgend etwas auf der Welt geben könne, was im Stande sei, die Erfüllung derselben zu verhindern. Habt Ihr nun noch Lust nach alle dem Gehörten, eine Stelle bei Seiner himmlischen Majestät anzunehmcn und General-Gouverneur oder Admiral zu wer den? Nun viel Glück! Ich meinestheils zöge, wenn ich denn einmal eine Anstellung haben müßte, eine im deutschen Vater lande vor; ja ein deutscherDorfschulmcistcr, obgleich das, wie Gott und alle Welt weiß, das elendeste und undankbarste Brod ist, hat noch Vortheile vor einem solchen chinesischen Würdenträger mit all seinen Zinnober-Edicten, fünfklauigcn Drachen, rothen Knöpfen, Zöpfen und Pfauenfedern.Eilftes Kapitel. Ueberhalb der Macaostraße an der Westseite der Einfahrt in den Eantonfluß liegen die neun Inseln, die sehr viele Eigen- thümlichkeiten haben. Ihre Namen sind: Chuenpce, Anunghoh, Ty-ooch-tow, Nord- und Süd-Wantang, Ty-hvo-tow, oder Tiger-Insel, die gebirgigste von allen; dann aber noch die dänische und französische Insel, die besonders für uns Euro päer interessant ist. Die Inseln, die sich dem Auge bieten, wenn man in den Hafen von Canton einläuft, werden von den Europäern die Ladroncn- oder Spitzbuben-Inseln genannt; von den Eingeborenen dagegen Low-manschan (die alten zehn tausend Hügel). Spitzbubcn-Jnscln hießen sie wohl deshalb, weil besonders in frühem Zeiten einer Menge von Piraten gesindel Schutz boten. Hier jedoch will ich etwas Näheres über die dänische Jn- stl sagen. Wenn sich ein Fremder vor noch ganz kurzer Zeit zwischen die Langzöpfe wagte, so konnte er sich ziemlich sicher darauf verlaßen, daß er mit Koth und Erde geworfen wurde, wenn80 ihm nicht gar noch etwas Schlimmeres passtrte; ja selbst in jetziger Zeit hat sich darin nur wenig verändert, obgleich man wohl annehmen kann, daß die Chinesen durch die erhaltene Züchtigung, wenn auch nicht klüger, doch gewiß vorsichtiger werden. In Whampoa jedoch und aus der dänischen Insel kann sich der Europäer ziemlich ungehindert und frei bewegen und dort viel von chinesischen Sitten und Gebräuchen lernen. Der letztere Platz, die dänische Insel, ist besonders reizend gelegen, und bietet mit seinen wechselnden Hügeln und Thä- lcrn und den hohen Kiefern auf den Bergen und den vielen Gräbern und Grabsteinen an den Seiten der Hügel , einen imposanten Anblick. Auf der Insel, die etwa anderthalb Milcs lang und eine Milc breit ist, befinden sich größtcntheils Terasscn, die man rauhen Treppen besteigt; der Platz selber wird ziem lich stark cnltivirt. Ich habe aber nie die breitgcstchtigen, schmalkinnigen Arbeiter mit ihren regenschirmartigen Hüten auf dem Kopfe hinter den Büffeln herpflügen sehen können, ohne der Heimath zu gedenken und selbst ihr chin-chin erinnerte mich an den herzlichen guten Morgen" unserer Landleute. Freilich hatten die Reis - und Baumwollenfclder, die niedriggebauten Häuser von blauen Backsteinen und die Pagoden etwas viel zu Fremdes und Trostloses, um sie lange mit unscrm Lande verwechseln zu können. Etwas sah ich hier, was mir besonders auffiel; cS war das Wafferschöpfcn, was durch zwei Männer geschah, die zwi schen sich an vier Seilen einen Eimer hielten; diesen ließen sie in taö Wasser hinab, wo er sich von selber füllte, dann hoben sie ihn durch das Anziehen der Seile wieder empor81 und schleuderten das Wasser mit einem plötzlichen Ruck, indem sic, der Eine das rechte, der Andere das linke Seil nachließen, in den Canal oder Graben hinein, der das Feld bewässern sollte. Eine andere Maschine wird hier ebenfalls noch gebraucht und hat Aehnlichkeit mit unserer Kettcnpumpe. Eine Anzahl LÜMerschöpfer. beweglicher, flacher Vreterwcrdcn quer übcrdcm Trog angebracht, auf welchen sie wirken sollen und versehen dadurch die Stelle von Eimern. Entweder durch Stiere oder auch durch die Füße von Menschen wird dabei ein Rad in Bewegung gesetzt, um welches sich diese Bieter drehen und theils durch den An- drang Wassers, theils durch die künstlich angebrachte ^ ast, in Thätigkcit erhalten. 682 Das große Bambusrad ist eine andere wunderliche Art von Maschinerie, die man gewöhnlich in Flüssen gebraucht. Die Kraft des Stromes dreht allein und die daran befestig ten Bambus, die an dem einen Ende geschlossen sind, füllen sich unten von selber mit Wasser und leeren sich oben wie der aus. Auf der dänischen Insel sind drei gute Landungsplätze, der oberste von diesen ist eben der Wässerungsplatz; der zweite nur eine Fclsenspitzc, etwa eine halbe Meile vom ersten; der dritte dagegen und unterste jedoch der gewöhnlichste, und von hier aus führen zwei Wege zu den beiden Städtchen der Insel. So schmal sind aber diese Pfade, daß sich nur Fußgänger dar auf ausweichen können und selbst die einfache Bequemlichkeit einer Schiebkarre würde, wenn sich hier zwei davon begegnen sollten, mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Die Boote, welche die dänische Insel besuchen, geben dem Platze etwas besonders Lebhaftes; ganz vorzüglich wunderbar erscheint aber dem Fremden die Kleidung eines gewissen Thcils der chinesischen Bootsleute, die förmliche Blättcrjackcn tragen. Ihr habt gewiß schon Abbildungen von Robinson Crusoe gese hen, wie er in seinem Ziegcnfcll-Frack und mit dem wunder lichen Hut und Sonnenschirm auf der Insel cinherstolzirt; dessen Erscheinen war aber noch nicht halb so romantisch, als das einer solchen chinesischen Mannschaft, die in-ihren rauhen ruppigen Jacken von langen und schmalen trockenen Blättern ganz Papagenoartig ausschcn. Diese Blätter sind nur an einem Ende befestigt und liegen Schuppen gleich übereinan der. Man kann sich nun etwa denken, was für ein Bild diese glatzköpfigen Gesellen mit ihren spitzen Hüten liefern, wenn83 ihnen der Wind in die Jacken bläst, die nach allen Seiten hin ausslattern und klappern. Manchmal steht gerade so ans, als ob in die Höhe fliegen wollten. Die Frauen der Inseln sind klein, mit keinem besonders schönen Teint, aber rabenschwarzem Haar, weißen Zähnen und wunderlich schrägen Augen; Einige von ihnen, aber nicht Viele haben, wenn gleich arm, die kleinen verkrüppelten Füße der echt chinesischen und reicheren Damen. Die meisten klei den sich dabei wie die Tankabootwcibcr, in eine Art lockern Hemdes und eben solche Beinkleider, während Einige jedoch weitärmlige fliegende Gewänder tragen. Achtbare chinesische Frauen begegnen keineswegs gern den Fremden, wenn sie auch diese neugierig genug betrachten mögen; wollen ihnen auch nicht Antlitz gegen Antlitz stehen; deshalb wenden sie sich ab oder schlagen die Augen nieder, sobald ein Europäer zukommt. Sind sie aber erst einmal vorbei, dann drehen sich gewiß rasch genug um, um den Barbaren " heimlicher Weise beobachten zu können. Doch ist ja schon schwer den Charakter der chinesischen Männer zu ergründen, wie muß da erst mit den Frauen sein, deren Sitten der Fremde fast nie Gelegenheit hat kennen zu lernen. Uebrigens können auch die Frauen auf der däni- schen Insel und in Whampoa nicht als Repräsentantinnen derer in Peking angesehen werden; obgleich sie wie diese be scheiden und sittsam scheinen. Schon früher habe ich erwähnt, daß ein chinesisches Gesetz fremden Frauen Len Eingang in das Land verweigert, die Ursache davon soll eine alte Prophezeihung sein, daß China durch eine Frau besiegt werden würde. Eine gleiche Vorher- 6 *84 sagung sollte in Bhurtpore eristiren, daß dieses durch ein Kro kodil! eingenommen würde. Man hält jetzt die Königin Vic toria für die Frau, welche China besiegte und Lord Comber- more (Combeer Krokodill) für das Krokodill, welches Bhurtpore gefährlich wurde. In der Nachbarschaft der Inseln im Cantonflussc werden auch auf den sogenannten Entcnbootcn, Enteneier in beson ders dazu hcrgerichteten Oefen, oder auch in Dünger, und zwar in ungeheuren Massen ausgebrütct. Solch ein Entcnboot ist sicherlich eine der größten Eigcn- thümlichkeiten in ganz China; an beiden Seiten desselben befindet sich, ein wenig über dem Wasser, eine lange Platc- form, vielleicht achtzehn bis zwanzig Fuß breit, mit einem etwas erhabenen Rand von circa einem halben Fuß. Hier werden die Enten aufbcwahrt und laufen indessen auf einer der Inseln, neben welcher das Boot liegt, schnatternd herum, ihr Futter zu empfangen. Denkt Euch nun eine Masse von oft achthundert bis tausend dieser kurzbeinigen gackelnden Ge sellen, die, sobald die Sonne untergeht und der schrille Ton einer Pfeife gehört wird, in wilder Eile herbcistürmen, um, über hinausgelcgte Planken, auf die für bestimmten Boote zu laufen. Ihre Wächter stehen dabei am äußeren Ende der selben mit langen Bambnsstöcken, und die letzten bekommen gewöhnlich einige anfgezählt. Eine chinesische Ente hat aber viel zu viel Ehrgefühl, um sich, so lange sie vermeiden kann, prügeln zu lassen. In größtmöglicher Eile und unter fortwährendem, unaufhörlichen Gackeln drängen sich deshalb Alle ihren gewohnten Plätzen zu und schwenken, sobald sie über die Planke sind, mit der Regelmäßigkeit der Soldaten85 links und rechts ab. Hunderte und Tausende von diesen Thicren werden auf solche Art in den chinesischen Flüssen gehegt und gehalten. Eine andere Eigenschaft chinesischer Thiere ist die der Zugochsen. Sollten diese nämlich noch so ruhig und friedlich bei ihrer Arbeit sein und mit bestem Willen im Pstuge liegen, so werden unruhig und ängstlich, sobald sich ein Europäer nähert; sie stoßen dann entweder mit ihren Hörnern nach ihm oder brechen wie toll und wahnsinnig gucr durch das Feld, und Stier, Pflug und Bauer jagen dann gewöhnlich in toller Hast hintereinander her, der Letztere aber natürlich nur, um die beiden Ersten wieder zurückzubringen. So ein laufender Chinese sieht übrigens wunderlich genug aus, wobei erstlich das wcggelaufcnc Vieh und zweitens der ihm fortwährend auf den Rücken schlagende Zopf keineswegs dazu beitragen mag, seine Laune rosig zu färben. Sie verfluchen dann auch gewöhnlich auf Chinesisch zuerst die dummen Ochsen im Allgemeinen und dann den Fremden, der in ihrem himmlischen Reiche eigentlich gar nichts zu suchen habe, ganz ins Besondere.Zwölftes Kapitel. Louis XIV. von Frankreich, Peter der Große von Ruß land und Kang-Hc, Kaiser von China, lebten und regierten zu einer und derselben Zeit und waren unstreitig drei der berühmtesten Monarchen, die je königliche Gewalt besessen haben. Louis unternahm Kriege und protcgirte die Künste, um Frankreich zu erheben. Peter civilisirtc Rußland und riß fast mit Gewalt aus seinem Urzustände. Kang-He da gegen einigte und stärkte das chinesische Reich, daS größte Reich der Welt, als damals von den barbarischen Tartaren erobert worden war. Taou-Kwang, der gegenwärtige Kaiser von China, im Jahre 1781 geboren, ist der zweite Sohn des verstorbenen Kaisers Kca-king und folgte keinem Vater 1820 im neunund- dreißigstcn Jahre seines Alters. Keineswegs aber gab er sich einem solchen wilden und zügellosen Leben hin als sein Vater gcthan, und deshalb ist er, wenn auch an Jahren gedrückt, doch immer noch ein rüstiger, lcbcnssrischer Greis. Er ist schlank und hager, von dunkelm Tcinr und hat87 besonders in seinem königlichen Schmuck ein wahres imposan tes Ansehen. Er soll dabei großmüthig und in der Aus übung seiner Würde thätig und unermüdlich sein, obgleich ihn dje, die ihn genauer kennen, eher für eine Art von Herr scher halten, der die Sachen und Verhältnisse lieber so läßt, wie er sie gefunden, beim Alten, anstatt sich viel auf Verbesse rungen und Veränderungen einzulasscn. Der Sultan oder Großherr, der Sonberain der Türken und Ottomanen, hat auch recht hübsche und vollklingeude Titel, denn er wird nicht allein Padischah oder Kaiser genannt, sondern noch Padi-schah-Islam, Kaiser des Islam oder der mohamedanischen Welt. Jmaumul Musliminu, Pontifcr der Muselmänner, Sultan ul die (Beschützer des Glaubens), Alcmpcnah (Zuflucht der Welt) und Zil ullah (Schatten Gottes). Diese Liste konnte aber kaum mit der dcö Kaisers von China verglichen werden, wenn wir alle hier anführen wollten. Ich will jedoch hier nur die wichtig sten und bezeichnendsten aufzählen. Glorie der Vernunft, heiliger Sohn des Himmels, kaiserlicher höchster Regierer der Erde, Herr von zehntausend Jahren, König von zehntausend Inseln, Blume des kaiserlichen Geschlechts, Sonne des Firmaments der Ehre, glänzender Stein in der Krone in dem Throne der chinesischen Territo rien, und großer Vater seines Volks." Die Ursache, weshalb Taou-Kwang zum Throne beför dert wurde, war die: als sich fein Vater in größter Gefahr befand, daß fein Palast von einer mächtigen Räuberbande umgeben und bestürmt wurde, vertheidigte er ihn tapfer und zwar mit eigner Lebensgefahr.88 Diese That ist durch den Kaiser Kca-King also beschrieben worden: Eine Banditenbande von mehr als siebzig Mann, von der Sccte Täcn-le erzwang sich, trotz dein Verbot das heilige Thor zu betreten, Eingang in dasselbe und betrat die innere Seite. Sic verwundete die Wachen und brach in den Palast. Vier Rebellen wurden gefangen und gebunden; drei andere erstiegen mit einer Fahne den Wall. Mein Kaiserlicher zwei ter Sohn ergriff eine Muskete und schoß zwei von diesen nie der; mein Neffe tödtcte den dritten. Für diese Rettung bin ich hauptsächlich der Energie meines zweiten Sohnes Dank schuldig. Die Prinzen und Officicre dcS Lung-Hung ließen dann die Truppen heraus, und nach den ungemindcrten An strengungen zweier Tage und einer Nacht gelang ihm die Rebellen vollständig zu unterdrücken." Obgleich nun meine Leser wahrscheinlich oft genug von einer europäischen Kaiser- oder Königskrönung gehört haben, so können sie sich doch schwerlich von den Ccremonien einen Begriff machen, die damit verknüpft sind, einen chinesischen Thron zu besteigen, und vielleicht hat eS Interesse für sie, etwas darüber zu erfahren. In China wird der Thron des Drachen,Sitz" genannt, und was wir unter Krönung verstehen, bezeichnen mit dem Gipfel ersteigen." Da ich hier gerade neben mir eine Ucber- setzung der chinesischen Ccremonien habe, die damals in der Peking-Gazette erschien, so will ich wenigstens einen Auszug derselben geben, denn liefert allerdings ein eignes Beispiel von der entsetzlichen Etiqucttc jenes Reichs. Veröffentlicht89 wurde deshalb, damit ja kein Fehler im Ceremoniell statt- findcu könne. An dem für die Ceremonie bestimmten Tage wurden die Wachen beordert, an den verschiedenen Thoren der Stadt ihre Stellungen einzunehmen. Dann sollen sich die Cercmonicnmeister im kaiserlichen Rathszimmer versammeln, und den Siegeltisch, auf welchem das kaiserliche Siegel liegt, in den Palast des Friedens südlich, vom kaiserlichen Thron gerade in die Mitte setzen. Ferner soll der Rapporttisch (auf welchem die Bittschrift liegt, welche Sc. Majestät ersucht, den Thron zu besteigen) südlich von der östlichen Säule des Palastes, der Edicttisch dagegen (auf dem die kaiserliche Proclamation liegt, welche die Besteigung anzeigt,) an der Nordseite der östlichen Säule stehen." Hiernach wird ebenfalls ganz genau der Platz bestimmt, wo der Tisch zu stehen kommt, der Feder und Tinte zum Un terschreiben trägt. Dann wird eine Bestimmung getroffen, nach welcher die kaiserlichen Garden, Officicre und Leute cintrcten müssen; auch die Elephanten und Musiker werden aufgezählt und ihre Stellen ganz genau bestimmt, Nun kommt eine fürchterliche Auseinandersetzung, wo fast jeder Schritt beschrieben ist, den die Ccremonienmeister machen müssen, während die Petition auf den einen schon erwähnten Tstch, die Proclamation auf den andern legen und dann auch Feder und Tinte mit den größtmöglichsten Umständen an ihren Platz bringe .90 Nachher führt der erste Minister die Mitglieder der Rathskammer zu dem Thore himmlischer Reinheit, das heißt Sr. Majestät Privatzimmer, und bittet sich das Allerhöchste kaiserliche Siegel aus; das kommt nachher, als ob das Wohl des Staats von jeder Bewegung mit dem rechten oder linken Arm abhinge, auf den Siegeltisch. Nach diesem werden die Könige und Edeln von kaiser licher Verwandtschaft bis zum achten Grad hinunter das klebrige gehört wahrscheinlich zum Plebs an den Fuß des Thrones geführt; eben so alle Staatsbeamten in ihrer und hierbei ahmen der europäischen Sitte nach höchst geschmacklosen Hof-Uniform, wonach sie sich ganz genau nach dem Rang, den in der Meinung der Welt einnehmcn, d. h. je nachdem mehr oder weniger bezahlt bekommen, anreihen, um später zur-rechten Zeit ihre, mit ihrem Gehalt natürlich in Verhältniß stehende, Verbeugung und Ehren bezeugung zu machen. Auch hierin ähneln etwas den Europäern; die am wenigsten bekommen, bücken sich am tiefsten. Nun geht der Ober- Ccremonicnmcistcr und ersucht Sc. Majestät die höchstnöthige Trauer anzulegen, und dann begicbt sich der himmlische Kaiser durch eine sehr genau bezeichnete Thür in einen eben so genau bczeichneten Thcil des Palastes, und zwar vor den Altar seines verstorbenen kaiserlichen Va ters, wo er drei Mal knieen und sich neunmal verbeu gen muß. Nachher läßt er sich ebenfalls wieder durch hierzu beson ders bestimmte Personen ersuchen, seine kaiserlichen Pracht-91 gewänder anzulegen, macht dann seiner Frau Mutter den Besuch und muß nun vor deren Throne ebenfalls neun, bis zu einer bestimmten Tiefe festgesetzte, Bücklinge machen. Hierauf kommt nun der Hof-Astrolog, der Sr. Majestät verräth, welches der glücklichste Augenblick für ihn sei, den goldenen Wagen zu besteigen. Nun beginnt eine entsetzlich lang- Prozession, die mit peinlicher Genauigkeit bestimmt, welchen Platz dieser und welchen Platz jener Hofschranze dabei einnehmen soll. Nach diesen wird der zu erwartende Kaiser wiederum auf das Dringendste gebeten, die kaiserliche Würde doch ja anzu nehmen , worauf er später, im Palast wieder angelangt, die Petition erhält, und, heißt das, ebenfalls wieder nach einer Stunde langen Umständen, die Proclamation ertheilt. Se. Majestät ziehen sich nun nochmals anders an; wie derum wird eine Prozession veranstaltet, die, mit einer Masse Pomp hergestellt, wahrscheinlich denUnterthanen beweisen soll, welch schweres Leben die Hofleute haben. Nunmehr wird das kaiserliche Edict verlesen, dann fallen Alle eine bestimmte -Anzahl Male auf die Knie und stehen natürlich jedes Mal wieder auf, und nun liest ein Herold die Proclamation laut vor, nach welcher, dem Aufruf des Cere- monicnmcistcrö zufolge, die ganze Gesellschaft sich wieder neun Mal bückt, und emporrichtet. Ist das Alles geschehen, so zieht, natürlich so weitläufig wie das irgend möglich ist, die Prozession wieder zu dem92 Thcil des Palastes zurück, in welchem sich die Ceremonien- mcistcr aufhalte . Dann wird die Proclamation noch ehrfurchtsvoll dem Druck empfohlen und das Ganze ist beendet. Die Proclamation des Kaisers wäre allerdings von eini gem Interesse für den Leser, wiederholten sich nicht Formeln und Sätze auf eine so höchst langweilige Art darin. Es ist weiter nichts als eine Thronrede, in welcher der Monarch die wunderbarsten Dinge verspricht, ein paar Hofschranzcn Orden verleiht oder, wie das in China der Fall ist, ihnen einen höher Rang gicbt und einer Anzahl Verbrechern oder straf fälligen Menschen ihre Sünden vcrgicbt. Ziemlich gut ist jedoch eben diese Vergebung der Sünden motivirt. Im cilfte Satze heißt da: Es soll, bevor Tagesanbruch am 27. des achten Monats (der Tag der Thronbesteigung), Mörder, Rebellen und son stige Staatsverbrecher ausgenommen, allen denen vergeben werden, die etwas Strafbares verübt haben. Würde irgend eine Person sie später der heute vergebenen Fehler wieder be schuldigen, so soll dieselbe dafür die nämliche Strafe leiden, die Jene für das Verbrechen verdient hatten." Ihr seht, lieben Leser, wenn auch China ein so sehr wun derliches Land ist, so findet sich doch immer dann und wann eine Achnlichkeit mit unserm alten Vaterlandc; wir freuen uns gewöhnlich nur , wenn wir Leute finden, bei denen andere Thorheitcn Sitte sind als bei uns, und dann schlagen wir ganz vergnügt mit jenem Zöllner an die Brust und rufen: Lieber Gott, ich bin Dir ungemein verbunden, daß ich nicht bin wie Jene da, die mit langen Zöpfen und kurzen Füßen93 herumlaufen. Werden wir aber später einmal ganz genau von Jenen erfahren, was von uns denken, dann möchte freilich ebenfalls herauskommen, daß sie sich dann und wann über Sachen amüsiren, die uns hier in Europa ungemein ernsthaft erscheinen.Dreizehntes Kapitel. Da nun endlich der Handel von China nach manchem blutigen Kampf den Europäern eröffnet worden ist, so wird sich nicht allein die Ausfuhr der chinesischen Maaren, sondern auch die Einfuhr der europäischen vergrößern, da die Kanf- leute im Stande sind, mehr und mehr direct mit ihren Kun den zu verkehren. Die Himmlischen" führen Thce, rohe Seide, gewebte Seide, Nanking, Zucker, Cassiaholz, Kam pfer, Rhabarbar, Moschus, Anis, Alaun, Blciweiß, Por zellan, künstliche Perlen, Glasperlen, Tapeten, Spielwaarcn, Matten, Metalle und noch viele andre Sachen aus, und em pfangen dafür Opium, Baumwolle, schwarzen Pfeffer, Myr rhen, Assafötida, Salpeter, Sandelholz, Haifischftosscn, Be- zoar, Perlen, Bctelnüffe, Muskatnüsse, Elfenbein, Wachs, indianische Vogelnester, Gewürznelken, Ebenholz, Drachen blut, Perlmutter, Gold re. re. Ihr erinnert Euch vielleicht, daß in dem Friedensvcrtrag die fünf, den Engländern künftig offcnstchenden Häfen genau angegeben wurden; diese hießen: Amoy, Canton, Foo-hoo-95 foo, Ning-po und Shang-hai; und ich will hier einen kurzen Ucberblick derselben geben. Am oh ist ein Seehafen von einiger Wichtigkeit in der Provinz Fo-kicn, an der östlichen Küste von China. Wie schon früher erwähnt, ist etwa eine Stadt dritter Klasse auf der Insel gleiches Namens und war damals, als es die britischen Truppen nahmen, stark befestigt. Noch jetzt fällt sein gewaltiges Thor ins Auge mit den eingemeißelten Bil dern von Drachen und Fischen und den Inschriften des Con- fucius. An Einwohnern muß etwa zweimalhunderttausend haben. Die Straßen von Amoy sind schmäler, als sich eigent lich mit unfern Begriffen von Bequemlichkeit verträgt. Die Chinese brauchen aber auch nicht solche breite Straßen als wir, da wir sonst mit unfern Wagen und Fuhrwerken keinen Raum haben würden; der Hafen ist dagegen geräumig und schön und vielleicht einer der besten am asiatischen Fcstlandc. Foo-hoo-foo liegt nordöstlich von Amoy und zwar am Fluß Min, etwa fünf Milcs von der Sec; da übrigens die Hauptstadt von Fo-kicn und zwei Dritttheil so groß als Can- ton ist, so könnt Ihr Euch wohl denken, welche Wichtigkeit besonders für die Ausfuhr von Thee hat, da diese Provinz in der Erzeugung desselben berühmt geworden. Der schmale Eingang an der Mündung des Min soll, nach der Meinung Vieler, der Bochatigris am Ausfluß des Cantonstromcs glei chen. Die Forts an beiden Seiten und auf den Hügeln haben allerdings ein pittoreskes Aussehen, liegen jedoch jetzt in Trümmer . Foo-hoo-foo ist seiner Fruchtbarkeit, seines Handels und96 seiner Gelehrsamkeit wegen berühmt; auch befindet sich hier jene ausgezeichnete Brücke, die ich jedoch noch später erwähnen werde. Die benachbarten Hügel von Foo-hoo, wie es gewöhn lich genannt wird, sind reich an Ccdcr , Orangen- und Olivcnbäumen und mit Pagoden und Landhäusern geschmückt. Die Scenerie in der Gegend von Min-gan, etwa ein Dutzend Miles von der Mündung des Min entfernt, ist ungemein lieb lich und hat sehr viel Aehnlichkeit mit dem Rhein. Der Fluß zieht sich hier in einen engen Kanal zusammen, oder wird vielmehr von Steinbergen aneinandergedrängt, die zu schwin delnder Höhe emporsteigen. Ning-po liegt nördlich von Foo-hoo-fvo aus dem festen Lande und unfern der Chusan-Jnselgruppe. Chin-hae, das von den Briten eingenommen wurde, befindet sich an der Mündung des Ning-po, denn die Stadt Ning-po liegt weiter aufwärts. Die Straßen derselben sind breiter als die der meisten chinesischen Städte; jedoch ist das Einlaufen in den Hafen für große Schiffe weder übermäßig sicher noch bequem. Nach der Einnahme der Engländer sah der.Platz freilich trau rig genug aus, alle Läden waren geschlossen, die meisten Ein wohner geflüchtet und Todcsschweigen herrschte in den men schenleeren Straßen. Jetzt jedoch ist wieder eine lebhafte geschäftige Stadt; die bunten Apotheken, die Kochhäuser, die reichen Seiden-, Pelz-, Porzellan- und Conditorlädcn, die Bootbauten in den Vorstädten, die thätigen Arbeiter an allen Orten und Enden verleihen dem Platz einen unwiderstehlichen Reiz. Es giebt übrigens Einige, die alle Ursache haben, diese so sehr freundliche Stadt in sehr unfreundlichem Andenken zu97 behalten, und bas ist die arme Mrs. Noble, Lieutenant Dou glas Scott und noch einige Andere, die man, nachdem sie im Kite Schiffbruch gelitten und hier an die Küste geworfen wurden, in die berüchtigten Käsige cinsperrte. Hölzerne Käfige oder Gefängnisse, in denen Strafwürdige bewährt werden, sind in China sehr gewöhnlich. Der ganze Gefangene im Käfig. Raum, den sie cinnchmcn, ist etwa drei Fuß in der Höhe, zwei und einen halben Fuß in der Länge und vierzehn Zoll in der Breite; oben ist eine Klappe, durch welche der Unglück liche hincingezwängt wird, und manchmal hat er noch eine Ocffnung, durch welche er den Kopf stecken und also doch 798 wenigstens aufrecht sitzen kann. Die Meisten entbehren aber selbst dieser Bequemlichkeit. Schrecklich ist das Loos der armen Gefangenen, die hier Tag nach Tag, Woche nach Woche in solch fürchterlicher Qual fcstgchaltcn werden. Die Chinesen wissen auch recht gut, wie fürchterlich ihre Wirkung ist, denn sie nennen Ty-yo, was in ihrer Sprache die Hölle bedeutet. Der in solchem Kasten Eingcspcrrte kann weder stehen, sitzen noch liegen, und Manche werden hierin gelassen, bis Krankheit oder Wahnsinn erfaßt oder der Tod gar ihrem entsetzlichen Schicksal ein Ende macht. Die Ursache, weshalb man Schuldige in solche Käfige sperrt ist wahrscheinlich die, um bequem von Platz zu Platz transportiren zu können und zugleich der Verachtung und dem Hohne der Menge preis zu geben. Canton, wie es die Europäer nennen, auf chinesisch aber Kwong-tung (ausgcbrcitetc östliche Provinz), ist der Name der ganzen Provinz. Die Stadt selbst am Choo-keang oder Perlfluß ist eine der ältesten in den südlichen Provinzen; mag etwa sechzig Milcs von der See entfernt liegen und ihre Wälle umschließen einen Raum von sechs oder sieben. Dicht bevölkert bildet eine der wichtigsten Städte des Kaiserreichs, ja, Peking ausgenommen, vielleicht die wichtigste. Canton ist aber eben sowohl seiner Manufakturen als der dort in Umlauf gesetzten Maaren wegen berühmt, und zahllose Fremde besuchen jährlich. Die Häuser sind größtcnthcils in einem Stockwerk gebaut und die der Reichen sehr elegant und prächtig hcrgcrichtct. Sechs- oder siebenhundert Straße allein sind mit großen99 Flicßensteinen gepflastert. Zu diesen gehören die goldeir^Dx Straße, die goldene Blumen - Straße, die Drachen - StraßK-i die fliegende Drachen-Straße re. re. Die Straßen werden im Ganzen ungemein schmal gcbau^ und die Lasten und Waaren natürlich nur durch Kuli s oder Träger von einem Ort zum andern geschleppt. Dicht an ein ander gedrängt hocken die Leute beisammen. Einen Begriff von dieser Mcnschenmasse kann man aber ungefähr bekommen, wenn man erfährt, daß allein viertausend Schuhmacher, sieben- zchntausend Seidenweber und funfzigtauscnd Tuchmacher in Canto wohnen; eben so werden siebentausend Barbiere be schäftigt. Bettler gicbt es allerdings überall, Canton hat aber sei nen ganz bcsondern Llnthcil davon bekommen, und sie haben sich hier in förmliche Compagnien gctheilt, von denen die eine besonders einen sehr freundlichen Namen hat: die himm lische Blumcn-Compagnie; ein schöner Name für eine Bande solch langzöpfigcr Vagabondcn. Bei Canton, und zwar vor den Wällen der Stadt, liegen die fremden Faktoreien und ihre Anzahl ist sehr bedeutend. Holländer, Briten, Amerikaner, Franzosen, Dänen und Schweden, ja sogar Parsen und Mauren haben hier ihre Nie derlagen und damals besonders , als die Chinesen die Schiffe mit Brandern und feurigen Flößen angriffen, warfen sie sich auch zu gleicher Zeit in die holländischen und englischen Fak toreien, um, wie sie sagten, nach Waffen zu suchen. Gar gesetzlose Sccncn fanden da statt, die Glatzköpfe zerstörten und dnrchw ühlten Alles, was finden und erreichen konnten. Freilich haben sie damals auch fürchterliche Strafe zahlen 7 *100 müssen, und die Verluste und Ausgaben, die sie mit den Bri ten gehabt, werden auf mehr als siebenundzwanzig Millionen Dollar geschätzt. Einer ziemlich getreuen Angabe nach zahlten sie das in folgender Art: Im Ting-Haeschatz gefunden Dollars 3 Brandschatzungen für Canton und Schaden ersatz des vernichteten Werths 6,669,615 Schatz in Amoy 20,000 In Ring-Po genommen 120,000 In Tchan-kiang 50,000 In Nanking bezahlt 6,000,000 In den drei folgenden Jahren nachzubrtngen 15,000,000 27,859,618 Für den Schadenersatz in Canton mußte damals der kai serliche Schatz vier Millionen zahlen, die Hong-Kaufleute steuerten dazu 1,420,000 Dollars bei und das klebrige wurde aus andern Quellen geschöpft. Die Namen jener Hong- Kaufleute waren Howqua, Pwankequa, Samqua, Saoqua, Footae, Gowqua, Mowqua, Kingqua, Minqua und Pun- hllyqna. Vor diesen Faktoreien lagert gewöhnlich den ganzen Tag über eine Unmasse von Müssiggängern, die keinen bestimmten Zweck und keine Beschäfttgung zu haben scheinen. Woher sie kommenkünd wohin gehen, begreift keiner der Auslän der, denn kaum hat sich ein Thcil des menschlichen Stromes verloren, so ersetzt ihn auch schon wieder ein anderer. Wer ernährt und wer kleidet sie, und wo legen sie Nachts ihr101 Haupt hin? Das sind Alles Fragen, die sich wohl nur erst dann beantworten lassen werden, wenn uns Europäern ein mal der unbedingte Eintritt und Aufenthalt in den chinesischen Städten erlaubt sein wird. Mir kam es übrigens als das Wahrscheinlichste vor, daß sie, wie man auch in London diese Armen-Schlafstellen hat, Nachts vielleicht in einem dafür errichteten Schuppen weggeschichtet werden, um nicht die Straßen zu ihrem Wohnplatz wählen zu müssen, und dann auch natürlich zugleich unsicher zu machen. In Canton finden sie übrigens auch noÄ) ein anderes Un terkommen und das ist der Fluß, dcun dort drängen sich in Barken, Sampans und Booten aller Art, Tausende solcher Elenden zusammen. Diese Armuth herrscht aber nicht allein in Canton vor; alle Städte und Ortschaften des Ungeheuern Reichs sollen damit übervölkert sein, und Flüsse wie Seen schwärmen von lebendigen Wesen. Besonders ist die Voots- stadt auf dem Perlenstuß allen Fremden ein Gegenstand höch sten Interesses, denn hier concentriren sich neben dem unzäh ligen Tange-Volk auch noch Massen von Piraten und son stigen Gesindels, das entweder vom festen Lande flüchten mußte oder doch dort kein Unterkommen mehr finden konnte. Achtzigtausend Hütten schwimmen hier auf dem Wasser und sind größtentheils von Armuth, Verbrechen und Elend bevölkert. Die Eicrboote und Tanga-Leute werden aber auch von allen Ucbrigcu verachtet, und selbst der geringste Bauer stellt sich weit über jene. Der Raum, den die fremden Faktoreien einuchmen, ist von zwei wohlbekannten Straßen durchschnitten, die eine Chinastraße und die andere hier eine wirklich passendeBenennung, Schweineweg genannt. Die erstcrc ist etwas breiter als die gewöhnlichen Wege sind und enthält die Läden der Kleinhändler. Die Kauflokale dort sind aber sehr ver schieden von den unser ; keineswegs so hübsch ansgestattet, als das in Europa geschieht, werden sie größtentheils, wäh rend die Läden vorn geschlossen sind, dnrch ein von oben herab fallendes Licht, das kaum ein Licht genannt werden kann, erhellt. Auch die Verkäufer reichen nur mürrisch das von den Regalen herunter, was man verlangt, so daß die Damen besonders, die sonst ein Vergnügen daran finden, arme gefäl lige Ladendiener mit rothen Fingern und großen goldenen Ringen daran, bis aufs Blut zu quälen, hier keineswegs ein solches Feld für ihre Thätigkcit haben würden, als im alten Vaterland. Der andere Pfad, der sogenannte Schwcincweg, läßt sich aber nicht beschreiben,, da wir glücklicher Weise gar nichts in Europa besitzen, was sich ihm vergleichen ließe. Hier halten in niedrigen düster Spelunken der Auswurf der Chinesen ihre Grog- oder Schnapsläden für die Matrosen, die von den schlauen Verkäufern nicht selten betrunken gemacht und nach her geplündert und auf die Straße geworfen werden. Schreck liche Kämpfe sind hier schon vorgckommen und manches Leben verloren worden. Gouverneur Lin soll 1830 diese Gasse, welche die Englän der Hoglanc nennen, blokirt haben. Die himmlischen Waarenhändler in den bessern Straßen, verstehen übrigens eben so gut als andere Nationen das Aus schneiden. Ein Beispiel mag hier zur Probe stehen. Es ist von einem Farbenverkäufer.103 In dem LadenTae-sching (außerordentlich glücklich) sehr, gute Tusche, fein, fein! uralter Laden ; Urgroßvater, Vater, Vater und ich selber mache diese Tusche, fein und hart, sehr hart mit vorzüglicher Sorgfalt, ansgewählt. Ich verkaufe sehr gute Tusche. Diese Tusche ist schwer, das ist auch das Gold. Das Auge des Drachen blitzt und funkelt, das thut auch diese Tusche. Niemand außer mir macht solche Tusche, denn Andere, die sie machen, thun es nur, um elenden Mam mon zusammenzuscharren und zu betrügen; ich will mir aber einen Namen dadurch erwerben. Viele A-kwan-thaes (Gcntlemen) kennen meine Tusche. Meine Familie hat nie betrogen, sondern stets einen guten Namen bewahrt; ich mache Tusche für den Sohn des Himmels und für alle Mandarinen im Kaiserreich. Wie das Gebrüll des Tigers überall hin dringt, so verbreitet sich auch der Ruf des Drachenjuwels (natürlich die Tusche gemeint). Kommt all ihr A-kwan-thaes und seht das Schild Tae - sching neben meiner Thür. Es ist in Scaou - schwuy Straße (kleine Wassergasse) vor dein süd lichen Thor." Das klingt wunderlich, ist aber eigentlich genau genom men nichts Neues und das machen bei uns die Leute nicht besser, im Gegentheil noch schlimmer; der ehrliche Mann beruft sich doch darauf, sein Vater, Großvater und llrgroß- vatcr hätten das betrieben und selbst fabricirt, nach deutschen Grundsätzen aber hätte allerwenigstcns aus dem Nachbar lande, wo .möglich aber von England oder Ostindien impor- lirt sein müssen. Die Kaufleme, die außerhalb Canto feil halten, verdie nen auch gewiß viel Geld, wenigstens mit dem Verkauf ihrer104 Waaren; dieser Nutzen im Allgemeinen kann aber doch nicht so groß sein, denn cinestheils verlieren viel durch ihre Kunden und dann wissen die untern Klassen der Mandarinen ebenfalls schmähliches Geld von ihnen zu erpressen. Wunderlich sind einige der spanischen Dollar, die man dort zu sehen bekommt; da die Chinesen die Sitte beobachten, sie fast jedesmal, wenn sie in ihre Hände fallen, mit einer Stampfe zu zeichnen, was sie denn im Laufe der Zeit in solche wunderliche Fapons hinaustreibt, daß man ihre frühere Ge stalt kaum, ihr Gepräge gewiß nicht mehr erkennen kann. In mancher Hinsicht sind aber auch die Chinesen aus gezeichnete Arbeiter und stellen Sachen her, die bis jetzt Euro päer umsonst versucht haben nachzuahmen. So verfertigen sie z. B. aus Elfenbein, eine Masse von Kugeln, die, eine in der andern, das feinste und zierlichste geschnitten werden, so daß sie locker in einander liegen, ohne daß man begreifen kann, wie möglich war, so etwas herzustcllen. Die lang- zöpfigcn Künstler sind aber auch nicht wenig stolz darauf, daß es bis jetzt noch keinem der Barbaren gelungen ist, ihnen dies Gehcimniß abzulernen.Vierzehntes Kapitel. Wenn ein Chinese gefragt wird, wie viele philosophische Systeme oder Religionen in seinem Reiche eristiren, so ant wortet er drei, und zwar zuerst der Du, die Lehre des Con- fucius, dann die des Fo, und drittens die Scctc des Taou, die Rationalisten. Man darf jedoch nicht glauben, daß diese drei einen glei chen Rang einnehmen; die Lehre des Confucius ist die ortho doxe oder Staats-Religion Chinas, und die andern sind nur insofern geduldet, als der crstcrcn keinen Eintrag thun, wie man z. B. in Frankreich und Oesterreich den Protestan tismus duldet. In den heiligen Verordnungen heißt auch, daß die achtbare Lehre des Du am höchsten zu stellen, die andern beiden aber viel geringer zu schätzen seien. I Choo- tße versichert: die Religion des Fo verachte den Himmel und die Erde, sein einziger Zweck sei Feststellung der eigenen Scctc wie der Einigkeit ihrer Glieder. Die Lehre dcö Taou hält auf weiter nichts als individuelle Genüsse und Erhaltung.106 Confucius, wie fein Name durch die Jesuiten ins Latei nische übersetzt wurde, heißt eigentlich Koong-foo-tsi und wurde 530 vor Christus im Staate Loo geboren; war also, wie man nach der Jahreszahl sehen kann, ein Zeitgenosse Py thagoras . Der Sohn eines Staatsmannes und ersten Mini sters, beschäftigte er sich größtcnthcils mit den moralischen und politischen Wissenschaften, und suchte weder in die Natur selbst cinzudringen, noch kümmerte er sich um den Aberglauben sei nes Vaterlandes. Seine Hauptabsicht war aber, die Laster zu heben, die sich in den Staat eingeschlichen hatten, und das Volk wieder zu jener moralischen Hohe zu führen, auf welcher unter den alten Königen Uaou, Shun und andern gestanden. Wie aufrichtig er mit seiner Lehre meinte, bewies er schon da durch, daß er seine hohe Stellung verließ, und sich später, als man ihn wieder zu höher Aemtern hinziehen wollte, zu seinen zweiundsiebzig ihm am nächsten stehenden Schülern zurückzog, wo er sich nicht allein dem noch weitern Studium der Philosophie ergab, sondern auch jene berühmten Werke schuf, die seinen Ruf bis auf späteste Zeiten bewährt haben und Chinas heilige Bücher wurden. Unter seinen moralischen Lehren sind viele, die mit den Lehren der Christenheit fast wörtliche Aehnlichkeit haben, obgleich er in manchen Sachen auch wieder ausschweifte und z. -23. die kindliche Liebe so weit ausdehntc, daß ein Sohn mit dem Mörder seines Vaters" nicht unter einem Himmel leben sollte, was natürlich mit andern Worten hieß: Blutrache zu üben. Confucius war ebenfalls , wie der Heiland der Christen,107 seiner anspruchslosen Einfachheit und Bescheidenheit wegen berühmt; die aber seine Lehre mach ihm verkündigten, haben sich diese Tugend keineswegs zum Muster genommen, und blicken gewöhnlich mit Verachtung auf die herab, die anders denken als sie selbst. So etwas könnte allerdings in einem ch r st l ch e n Lande nicht Vorkommen! Er starb endlich im 73. Jahre seines Alters und seine Lehre verbreitete sich so, daß wohl kein Heidnischer Volkslchrcr sich eines größeren Erfolges rühmen könnte. Welchen Glau ben, welche Religion auch ein Chinese haben mag, die Worte des Confucius behandelt er doch mit größter Achtung und Ehrerbietung, was sich um so leichter vereinigen läßt, da mehr Philosophie als Religion ist und den übrigen Seelen weiter keinen besondern Eintrag thut. Deshalb duldete man auch die Katholiken so lange in China, bis sie sich endlich in die gesellschaftlichen Institutionen des Reiches mischten. . WaS die Religion des Fo betrifft, so wird Fo, der Stif ter dieses in China eigentlich nicht einheimischen Glaubens, für einen Gott gehalten, und alle seine Anhänger erzählen sehr viele Fabeln über diesen Gegenstand. Nach den meisten Schriftstellern wurde Fo im Jahre 1027 vor Christo geboren. Sein Vaterland ist Cashir, ein ansehnliches Reich im Nor den des westlichen Hindostan. Er soll weite Reisen in die an Indien grenzenden persischen Provinzen Sejestan und Zablestan gemacht haben. Erst nach seiner Rückkunft von Indien fing er an, seine neue Religion zu predigen und sich für einen Gesandten Gottes anszugeben. Die Einwohner von Hindostan betrachten seine Geburt als eine neue Verlor-108 perung und Erscheinung ihres Gottes Wischnu, der dadurch selbst zum Fo wurde. Die Lehre von der Seelenwanderung, die in diesem gan zen Thcile von Asien angenommen wird, ist der Hauptgrund satz seiner Religion. Diejenigen, die sich zu seiner Lehre bekannten, wurden Samoneer genannt, und man muß sie wohl von den Brahmanen, die einen besondcru Zweig der chinesischen Religionsmcinungen ausmachen, unterscheiden. Die Geburt des Fo war mit verschiedenen Wundern be gleitet. Die Sterne verfinsterten sich dabei, und neun Drachen stiegen vom Himmel und wuschen ihn in einem großen Teich. Sein folgendes Leben war nicht weniger wundervoll. Die Indier, die sehr fest an dem Systeme der Seelenwanderung hängen, glauben, daß er mehrere Male sin der Welt, bald in dem Körper eines Menschen, bald aber auch als Thier, erschie nen sei. In seinem siebzehnten Jahre verheiratete er sich. Als ihm aber ein Sohn geboren ward, betrachtete er sich als unnütz unter den Menschen und zog sich in die Wüste zurück, um sich mit überirdischen Dingen zu beschäftigen. Hier blieb er als Schüler einiger Weisen bis in sein dreißigstes Jahr; dann aber ließ er sich wieder unter Menschen blicken und lehrte Bilderdienst und Seelenwanderung. Er starb in seinem 79. Jahre, nachdem er seinen liebsten Schülern bekannt hatte, daß Alles, was er bisher gelehrt habe, im mystischen Sinne zu nehmen und daß die Wahrheit darin nur unter figürlichen Ausdrücken verborgen wäre; seine wahre Meinung sei, es gebe keinen andern Urstoff der Dinge, als das Wüste und Leere; Alles sei daraus entsprungen und werde wieder dahin109 zurückkehrcn. Doch muß man diese Ausdrücke nicht im engsten Sinne verstehen, wie man in der Folge sehen wird. Diese letzten Worte des indischen Philosophen brachten zwei verschiedene Secten unter seinen Anhängern hervor. Die eine behielt den Bilderdienst, den er gelehrt hatte, bei, und bildete eine besondere Klasse, die unter dein Namen der Brah- manen bekannt genug ist. Dies ist die Volksreligion und sie hat einen sehr zusammengesetzten Cultus. Nach den ver schiedenen Ländern ist dieser ebenfalls sehr abgeändert worden und daher kommt der Unterschied zwischen den Secten in Thi- bct, in der Tartarei und in Hindostan. Die übrigen Anhänger des Fo hielten sich blos an die Lehre vom Leeren und Wüsten. Nach und nach aber ver einigten sich beide Hauptsecten unmerklich und nahmen beide die Seclenwanderung an. Wenn z. B. eine Seele zum ersten Male auf Erden erscheint, und den Körper eines Indiers bezieht, so wird dieser Mensch für einen ganz gewöhnlichen Brahmancn gehalten. Nach seinem Tode belebt seine Seele andere menschliche oder thierische Körper, nachdem sie bei ihrer ersten Menschwerdung gute oder schlechte Handlungen gcthan hat, so daß ihre Wiedererscheinung entweder Belohnung oder Strafe ist. So durchläuft eine Seele eine große Menge ver schiedener Körper, bis sie zum höchsten Grade der Reinheit kommt; dann belebt sie den eines Samaneers. Da wieder verschiedene Arten von Samancern gießt, io kommt noch verschiedene Male auf die Welt, um ihre gänzliche Reinigung zu vollziehen. Endlich erscheint sie zum letzten Male in dem Leibe eines ganz vollkommenen Sama- neers. Ein Mensch, der mit einer solchen Seele begabt ist110 hat nicht nöthig die Fehler zu büßen, die er durch seine vor hergehenden Wanderungen schon gänzlich abgewaschcn hat. Er braucht nicht in den Tempeln nicderznwcrfen und die Volksgötter anzubeten, die bloße Verwalter deS Weltalls für ihn sind. Solch ein Samancer ist frei von Leidenschaften, ist aller Unreinigkeit entledigt und stirbt blos, um sich mit dem einigen Gotte zu verbinden, von dem seine Seele nur ein Ausfluß war. Dieses Höchste ist der Urstoff aller Dinge; ist von Ewigkeit her unsichtbar, unbegreiflich, allmächtig, allwcise, gut, gerecht, mitleidig und stammt von sich selber her. Es kann durch keine Abbildung dargestellt werden. Man kann es nicht anbetcn und verehren, weil es über alle Anbetung und Verehrung weit erhaben ist. Aber seine Attribute kann man anbcten und verehren. Eben daher stammt der Bilder dienst der indischen und mittelasiatischen Völkerschaften. Der wahre Samancer beschäftigt sich mit weiter nichts, als über diesen großen Gott nachzudenken, um sich nach einstiger Zer störung selbst mit ihm im Busen der Gottheit zu verbinden, die Alles aus Nichts hervorgebracht hat und selbst nicht materiell ist. Als die Lehre des Fo in China cindrang, brachten einige Samancer im Jahre 65 nach Christi Geburt ein Werk deS Fo mit, das sie ins Chinesische übersetzten und das sich noch bis jetzt erhalten hat. Die .Religion des Fo steht noch sehr bei den Kalkas llnd allen mongolischen Völkerschaften in Ansehen. Sic nennen den Fo: Loch, und seine Diener Lahma. Der oberste der selben ist der Dalai-Lahma (Groß-Lahma), der zu Lhassa in Thibet seinen Sitz hat.111 Die Fo-Religion scheint aber erst im Jahre 65 nach Chr. Geburt unter der Regierung des Kaisers Miny-ti, aus der Dynastie des Han, nach China gekommen zu sein. Dieser Fürst hatte gehört, daß die Völker im Westen eine Gottheit, Namens Fo, verehrten und schickte eine Gesandtschaft nach Hindostan, welche die Gesetzbücher dieses Philosophen nach China bringen sollte. Sie brachte einige Bonzen mit zu rück, unter denen sich zwei, Namens Mo-tang und Tso-fu- lang befanden, die das oben angeführte Werk dcS Fo ins Chinesische übersetzten. Diese neue Religion fand in China sehr viele Anhänger und Vcrthcidiger; die gelehrten Mandarinen dagegen, welche Naturalisten sind, griffen sie heftig an. Dieser Eifer legte sich aber bald und erwachte erst unter der Regierung des Sche-lc, der im Jahre 319 den Thron bestieg. Im Jahre 310 kam ein indischer Bonze, Namens Fu-tu- tching nach Lo- Hang, der damaligen Hauptstadt von China (jetzt Kai-fong-fu in der Provinz Honan am Hoang-ho). Dieser erzählte, er habe schon mehrere hundert Jahre gelebt, stehe mit Dämonen in Verbindung und könne Wunder thun. Er machte mehrere seiner Taschenspielerkünste vor Sche-le, und erwarb sich dadurch sein Vertrauen, oder bewirkte vielmehr, daß dieser ihn fürchtete. Die Priester von der Secte Tao-ssc widerstrebten ihm vergeblich, denn die Winde, die Stürme und der Hagel gehorchten seinem Befehle. Das größte Wun der aber, das er that, war die Auferweckung eines Todtcn. Schc-le verlor einen Sohn, den er außerordentlich liebte; eben als man diesen in den Sarg legen wollte kam Fn-tn- tsching, besprengte ihn mit Wasser, nahm ihn bei der Hand112 und sagte: Stehe auf!" und der Todte erwachte. Als Sche- hu im Jahre 334 den Thron bestieg, war die Mengeder Anhänger dieser neuen Religion schon so beträchtlich, daß große Unordnungen im Staate hcroorbrachte. Das Volk zog haufenweise nach den Wunderbildcrn des Fo und verfiel durch die falsch verstandenen Grundsätze seiner Lehre in Unthätig- kcit und Faulheit. Alle Vorstellungen der Minister konnten den Kaiser nicht bewegen, mit Strenge gegen die Bonzen zu verfahren. Nach und nach wurden die Anhänger der Fo-Religion immer häufiger und der alte reine Theismus der Chinesen wich ganz und gar vom gemeinen Volke, so daß ihn nur noch die Vornehmen und Gelehrten zu würdigen wissen. Die Mantsch , die seit 1644 China beherrschen, sind ebenfalls Anhänger dieser Religion. In China hat jedoch die des Confucius die Oberhand gewonnen, und jene prächtigen Tempel, die man früher der anderen Gottheit baute, gerathcn jetzt größtenthcils in Verfall. So stehen allein zwischen Macao und Canton vier oder fünf neun Stockwerk hohe Pagoden, dicht am Fluß, die fast alle ihrem Untergange nahe sind. Die dritte der dort herrschenden Scctcn ist die des Taou oder Laou-keun, welches der Name des Gründers war. Die ser Mann lebte gleichzeitig mit Confucius, ja Confucius soll ihn einst selber besucht haben, um sich mit ihm über seine Religion zu besprechen. So weit man seine Lehre noch begreifen kann, so scheint cs, daß er besonders seine Anhänger dazu bewegen wollte, Reichthümcr und Ehren zu verachten, und, dem Epikur gleiche113 jcbe Leidenschaft zu unterdrücken, die sich nicht mit ihrer per sönlichen Wohlfahrt und Bequemlichkeit vereinigen ließ. Die Anhänger des Taou sind übrigens zu verschiedenen Perioden der chinesischen Geschichte begünstigt, aber auch wieder verfolgt worden und scheinen am meisten unter der Soong-Dynastic gegolten zu haben. Die Chinesen nun im Allgemeinen, welcher von diesen Religionen sie auch folgen mögen, haben doch nicht ihren Chinesischer Götzentempel. Gott, sondern ihre verschiedenen Gottheiten, und neben diesen ihre Götzenbilder. Fast alle größeren Tempel, wie wir hier einen vor uns sehen, schließen ihre Götzen und Fetische ein, d. h. kleine Hausgötzen, an welche sich direct wenden, damit diese bei den mächtigeren Wese ein gutes Wort für sie einlegen können. Solchen Götzenbildern schreiben sie denn auch merkwürdige Kräfte zu und verehren sie, indem ihnen 8114 allerlei Opfer bringen, und nicht selten ihre Bitten mit dem Schall der Gongs und anderer rauschenden Musik begleiten. Uebrigens kommt es auch vor, daß ihnen diese kleinen Hausgötzcn etwas nicht recht gemacht, entweder einen Wunsch nicht erfüllt oder gar Schaden gebracht haben; nachher geht es den armen, unschuldigen Wesen aber schlecht; sie werden von ihrem Fußgestcll hcruntcrgczogen und bekommen nicht selten, neben den unwürdigsten Schimpfreden, die schönsten Schläge, wobei ihnen dann ihre früheren Verehrer ganz auf richtig sagen, daß keineswegs gesonnen wären, solche nichts nutzige Bilder zu vergolden und anzubetcn, wenn diese nicht auch etwas dafür thun und sich dankbar beweisen wollten.Fünfzehntes Kapitel. Sonderbar ist es, daß die Chinesen, denen doch schon seit so langen Jahren die Kunst des Buchdrucks bekannt war, noch so weit in all den Kenntnissen zurück sind, die wir uns dadurch erworben haben. Sie scheinen in ihrem Stubiren Aehnlichkeit mit dem Eichhörnchen zu haben, das rastlos thä- thig, fortwährend die Höhe hinanklimmt, leider aber in einem Drchbauer sitzt und nicht von der Stelle kommt. Dieser Käfig ist denn auch sicher die Ursache gewesen, daß diese sonst uner müdliche Nation fortwährend am alten Zeuge kleben blieb; denn ihr Land selbst hielt sie gefesselt und das Neue durfte eben so wenig herein zu ihnen, wie sie hinaus in die frische geschäftige Welt. Durch Jahrhunderte sind sich deshalb auch gleich geblieben in Kleidern, in Sitten und Gebräuchen, in Religion und Regierungsform. Der Zopf, der sich mit dem Einen ins Grab legte, wurde mit dem Kinde wieder geboren oder wuchs diesem doch in größtmöglichster Geschwin digkeit. Die wichtigsten, wenigstens die berühmtesten Bücher Chinas, 8 *116 bic jedoch von verschiedenen Schriftstellern auch verschieden geschrieben werden, find der Uu-king, der Schoo-king, eine Geschichte Chinas, die bis 1120 vor Christus zurückgeht; der She-king, ein Band mit Oden; der Le-ki, Aufzählungen der Sitten und Gewohnheiten, und der Chun-chew, der einen Bericht über das Leben und die Zeit des Confucius giebt. Diese fünf Bücher werden zu den Classikern gezählt und vier andere, die sich diesen anschließen und Ta-Heo, Choong-Yoong, Lun-Hn und das Buch von Mencius, enthalten die Grundsätze der Lehre des Confucius. Ihre Bücher find nicht wie die unfern eingebunden; die Blätter werden nur einfach zusammcngenäht, und dann in steifen Futteralen von Pappe gehalten, die man außerordent lich schön schmückt und ziert. Die Blätter sind ungemein weich und zart, von gelbem Papier und zwar doppelt, da man nicht, wie die europäischen, an den Rändern schneidet. Obgleich nun diese erst angegebenen fünf Bücher die Hauptgrundlage und auch gewissermaßen das schwere Geschütz der chinesischen Literatur bilden, so ist doch die Masse der sonst bestehenden literarischen Werke ungeheuer. In der Bibliothek des Kaisers Kien-lung stehen allein hundcrtzwci- undzwanzig Bände, die weiter nichts als Verzeichnisse der dort ausgestellten Bücher enthalten. Allerdings nimmt die chine sische Schrift vielen Raum ein, und man kann wohl anneh- mcn, daß in einem solchen Buche nur der vierte Thcil von dem in einer andern Sprache gedruckten enthalten ist. Die SecteFo s bereicherte die chinesische Literatur mit einer Unmasse Uebersetzungen buddhistischer Schriften aus dem Sanskrit und jedenfalls bewirkte die Einführung des Buddhismus eine der117 wichtigsten Revolutionen in der Geschichte der chinesischen Philosophie. Was nun die chinesische Censur anbctrifft, so brauchen wir uns nur zu der zu wenden, um die unsere für außcr- ordentlich milde zu halten. Der gelehrte Wang-si-chcu machte in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, um hier ein Beispiel aufzuführen, einen populären Auszug aus dem kaiserlichen Lcrikon Kang - hi - dhu - dian und wurde, weil er seine Arbeit ohne Allerhöchste Autorisation unternommen und veröffentlicht, und sich nicht allein crdreistet hatte, einige durch den rothcn Pinsel geheiligte lerilogische Bestimmungen zu kritisircn, sondern auch, was für ein Verbrechen der geheilig ten Majestät gilt, die sogenannten kleinen Namen des Kai sers und seiner Ahnen" darin anzuführen, von einem Neider auf Leib und Leben angcklagt und von dem höchsten kaiser lichen Kriminal-Gerichtshof Ching-bu in Peking als Majc- stätsverbrecher zur Strafe der hunderttausend Stöcke, seine Kinder und Verwandte über sechszehn Jahr gleichfalls zum Tode, die jünger aber und seine Weiber zu lebenslänglicher Verbannung und Sklaverei vcrnrtheilt ein Urtheil, bas der, wegen seiner Großmuth und Milde hochgcpricscne Kaiser in seiner überschwenglichen Gnade für den Verbrecher selbst in das der einfachen Enthauptung verwandelte, in allen andern Punkten aber bestätigte. Ihre Poesien sind größtentheils nur mittelmäßig; viel leicht haben sich aber auch die Europäer noch nicht genug in die feiner Nuancen der Sprache hincinstudirt, um das so vollkommen benrtheilcn zu können. Ein gewisser Geist läßt sich ihnen auf keinen Fall absprechen, und als Beweis hiervon118 will ich eine Anzahl von Sprichwörtern anführcn, die John Francis Davis Esq., der Gouverneur von Hong-Kong, sam melte , und die meine jungen Leser nicht allein unterhalten, sondern ihnen auch einen recht guten Begriff von der Art und Weise geben werden, wie die Chinesen denken. 1) Ein kluger Mann schließt sich Umständen an, wie sich das Wasser in das Gefäß schmiegt, in welches geschüt tet wird. 2) Der Jrrthum eines einzigen Moments kann zur Sorge eines ganzen Lebens werden. 3) Krankheiten mag man heilen, aber nicht die Be stimmung. 4) Ein leerer Geist öffnet sich allen Vorschlägen, wie ein hohler Berg alle Klänge zurückgicbt. 3) Wenn der Baum gefällt ist, verschwindet der Schat ten. (Wenn die Großen fallen, werden sie von ihren Schma rotzern verlassen.) 6) Der, welcher den Hirsch verfolgt, beachtet nicht die Hasen. 7) Wenn die Wurzeln im Boden bleiben, so wächst das Graö wieder aus. (Entschuldigung, die ganze Familie eines Verräthers zu vernichten.) 8) Der Edelstein kann nicht ohne Reibung polirt werden, also können auch die Menschen nicht ohne Prüfungen voll kommen werden. 9) Was man Jemand ins Ohr flüstert, wird oft Hunderte von Meilen gehört. 0) Elfenbein kann man nicht aus Rattenzähnen ge winnen.119 11) Ein Vogel kann nur aus einem Zweig fitzen, eine Maus nur satt trinken. 12) Wenn der Teich ausgetrocknet ist, zeigen die Fische. (Eine Anspielung auf kaufmänuische Berechnungen.) 13) Ihr könnt nicht zwei Felle von einer Kuh ziehen. 14) Wer schnell schluckt, kann wenig kauen. 15) Was nicht gesagt werden darf, soll auch lieber nicht gethan werden. 16) Die Pein des Neides ist wie ein Sandkorn im Auge. 17) Wer in der Welt steigen will, sollte seinen Ehrgeiz unter Bescheidenheit verbergen; die Götter selbst können einem Manne nicht helfen, der jede Gelegenheit unbenutzt vor- übergehcn läßt. 18) Grabt einen Brunnen che Ihr durstig werdet. IS) Süße Worte find Gift, bittere, Arznei. (Schmeiche lei und Wahrheit.) 20) Eier find feste Dinger; aber die Hühnchen kommen doch endlich heraus, (Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt endlich Licht der Sonnen.) 21) Lieber einen Hund im Frieden als einen Mann im Krieg. 22) Es ist eben so thörigt, einer Schlange Füße zu geben, als die Sonne zu vergolden. (Etwas zu verbessern, was vollkommen ist.) 23) Wasser aus einer Ente Rücken zu gießen. (Vcr- schwendeter Rath an Jemand.) 24) Eine Katze gewinnen und eine Kuh verlieren. (Vor Gericht gehen.)120 25) Ein Oelkrug kann für weiter nichts gebraucht wer den, als um Ocl hineinzuthun. 26) Geborgtes Geld verkürzt die Zeit; für Andere zu arbeiten macht sie wieder lang. 27) Man lernt jedesmal etwas, wenn man ein Buch öffnet. 28) Große Vögel verschlucken nicht gern kleine Körner. (Große Mandarinen wollen auch gern große Gaben in die Hand gedrückt haben.) 29) Die Zuschauer sind gewöhnlich bessere Veürthcilcr als die Spieler selber. 30) Ein fettes Huhn hat fette Küchelchen. (Reiche Her ren haben glänzende Diener.) 31) Der Mann in Stiefeln kennt nicht den in Schuhen. 32) Die Worte des Mannes sind wie ein Pfeil, gerade nach dem Ziele zu; die Worte der Frau sind wie ein zer brochener Fächer. 33) Eine gute That geht nicht vor die Thür; eine schlechte hundert Meilen weit. 34) Wenn der oberste Balken krumm ist, biegt sich auch der unterste danach. (Böses Beispiel von oben.) 35) Ein Hieb für ein gutes Pferd, ein Wort für einen klugen Mann. 36) Der Fisch wohnt tief in der Sec, der Adler schwebt unter dem Himmel; den Einen aber kann man mit dem Pfeil, den Andern mit der Angel erreichen. Das Herz eines Mannes aber, wenn auch kaum einen Fuß entfernt, kann man nicht erkennen.37) Laßt Jeden den Schnee vor seiner eignen Thüre keh ren sich nicht den Frost des Nachbars Ziegeln kümmern. 38) In einem Meloncnfelde knüpfe Dir nicht Dein Schuhband, unter einem Pflaumenbaume rücke Dir nicht die Mütze. (Betrage Dich stets so, daß Du keinen Verdacht erregst.) 39) In Geburt sind wir Alle gleich, aber nicht in Er ziehung. Die Schauspiele der Chinesen zerfallen in zwei Haupt- abtheilungen, in lange historische Stücke und in kleine Ko mödien oder Possen. Die lctztern werden am häufigsten von den hcrumzichcndcn Schauspielerbanden gegeben. Das Thea ter ist gewöhnlich äußerst schlecht und einfach auf Pfählen gebaut, etwa wie die Boutikcn der Marktschreier auf den Messen. Die Schauspieler sind mit dick aufgetragcner weißer, schwarzer und rothcr Farbe bemalt. Das Innere eines Hau ses und die Straße werden öfters in derselben Zeit vorgestcllt, und es ist manchmal schwer zu bestimmen, wo die Scene eigentlich vorgeht. Wenn die Thür aufgemacht werden soll, macht der Schauspieler eine Bewegung mit beiden Händen, als wenn man zwei Thürflügcl öffnet. Wenn ein Krie ger zu Pferde steigen und fortreitcn soll, macht er mit dem einen Schenkel eine Bewegung, als ob er über etwas wcg- ichreitet, dann sitzt er auf dem Pferde n. s. w. Wenn gesun gen wird, so erzählt der handelnde Schauspieler selbst, was er vor den Augen der klebrigen verrichtet, aber ich vcrmuthe, daß dies eigentlich der Chor erzählen soll. Denn ein Chor ist122 Chinesische Schrift. figt v. Te Voll, Die Hölle, oder der Erde Gefäng- nist. W A Jin, Der Mensch. * ML Taou-kwang, Hohe Vernunft. kik tzs Kwong-tung, S J)K. Jk Vsing, ff B ±t Grün. Kwang, i* % Gelb. _±. fJT* Chth, Roth. Llfr Ö Pili, Weiß. AO r\ Hlh, Schwarz. Jti2, Schin, Gott. T’ Inen, Himmel. Schang-T’hi en, Die höchsten Himmel. Sellin 1" Ilsen, Gott, und auch die gött lichen Himmel. Hwang-T’hi en, Die kaiserlichen Himmel Scliang-te, Der höchste Herrscher. T lii en-choo, Des Himmel) Herr. Te, Die Erde.123 fast bci jedem Gesänge hinter dem Theater placirt und giebt einerlei Noten mit dem Schauspieler an. Chinesische Zahlen. 1t 90 30 10 + + ES ± i rzs B 100 f 40 12 h 50 ES 120 + 60 13 £ t + “f* M 14 Z 150 AS -f* A 70 -t 5 15 A + 80 20 dt124 Das Orchester spielt ebenfalls unisono und ist auf dem Theater selbst. Wenn zwei Heere im Handgemenge sind, so ist der Lärm mit den Lo s und Trommeln ganz entsetzlich und die Masken der Krieger und Geister oder Dämonen sind fürch terlich verzerrt und beschmiert. Was nun die chinesische Schrift anbetrifft, so habt Ihr, junge Leser, solche gewiß schon oft auf Theekistcn und anderen wirklich oder zum Schein von China importirten Gegenstän den gesehen, und die wunderlichen räthsclhaftcn Zeichen wohl schwerlich vergessen. Um Euch aber, wenigstens einen kleinen Begriff der Bildung verschiedener Wörter und Zeichen zu geben, will ich hier die chinesischen Zahlen, wie auch einzelne Worte jener Sprache hcrsetzen, bei denen das bcigcfügte Deutsche erklären mag. In der Lesart selber haben die Chinesen Achnlichkeit mit den Juden, denn lesen von rechts nach links und zwar in langen Columnc von oben nach unten, so daß man also in der rechten obcrn Ecke der Seite anfängt, hinabliest und dann die zweite Columnc nimmt, die links dicht daneben steht.Sechszehnteü Kapitel. Wie wenig würden wir von dem Ungeheuern chinesischen Reiche wissen, hätten sich nicht die Missionäre der Jesuiten mit einem fast unbegreiflichen Eifer dieser Sache angenommen und beinahe den ganzen Theil so trefflich vermessen, daß es wohl kaum einiger Acnderung bedürfen würde. Seit jener Zeit hat sich jedoch manches verändert und die Provinzen von China, die damals aus fünfzehn bestanden, sind jetzt zu acht zehn angewachscn. Kein Land der Welt, von diesem Umfang wenigstens, erfreut sich dabei eines günstigeren Klimas; da jedoch an der östlichen Seite eines großen Kontinents liegt, so folgt China der allgemeinen Regel, die man bei solchen Ländern überall bestätigt gefunden hat, nämlich: heftige Kälte im Winter, wie dagegen in den Sommermonaten sehr starke Hitze. Die Oberfläche Chinas ist von verschiedener Erhebung und steigt gewöhnlich von der See terrassenförmig westwärts126 auf; außerordentlich hohe Gebirge finden aber nicht, und nur zwei wirkliche Ketten durchziehen das ganze Land. Die nördlichen Provinzen, Pe-che-lee, Schau -tung und Schan-see, haben ausgedehnte Flächen und ihr Klima ist im Winter äußerst streng. Im Pe-che-lee sind viele große Städte, wie z. B. Pao-ting-sou, Tien-sing-fou und Peking, die Haupt stadt des Kaiserreichs. Ueber Peking selbst muß ich später noch etwas ausführlicher werden. Kiang-nan jetzt aber in Keäng-soo und Ganhoey getheilt Tche - kiang, Kiang-see, Honan und Hvu-quang, sind die Mittelgrenzcn, von denen die letztere, Hou-quang in letzter Zeit ebenfalls wieder in Hoo-nan und Hoo-gcn geschie den ist. Die berühmte Stadt Nanking liegt in Kiang-nan und wurde, als es noch die Residenz des Reiches war, der südliche Hof" genannt. Honan liegt im Herzen Chinas zwischen den beiden großen Flüssen Hoang-ho und Uang-the- kiang; die Bewohner des himmlischen Reichs nennen die Blume der Mitte" und es wird auch in der That für den Garten Chinas gehalten. Die südlichen Provinzen sind Quang-tung, was auch Kwong-tung oder C a n t o n genannt wird, dann Fokien und Quang-se. Hier liegen, außer Cantou, noch manche andere wichtige Städte, als Fochan, Tchao-king-sou, Chao-tcheou-sou und Nan-young-sou re. Die westlichen Provinzen, die an die Tartarei grenzen, sind Schcn-sy ebenfalls jetzt auch noch in Kan-so abgc- theilt Sc-tchuen, Koei-tcheou und Thun-nan. Dieser Theil von China ist gebirgiger, als irgend ein anderer, und in den Schluchten und tief versteckten Thälcrn der ewigen Hügel"127 Hausen die Mear-tzze, die Colos und andere unabhängige fast noch wilde Stämme. Die Inseln von China find zahlreich, viele von ihnen frei lich unbedeutend. Zu den wichtigsten gehört Hai-nan, die über fünfzig Leaguen lang sein wird; dann Formosa, östlich von Fo-kicng, etwa zweihundert und fünfzig Milcs lang und achtzig breit. Die Einwohner von Formosa unterscheiden sich aber, bei läufig gesagt, in mancher Hinsicht von den Chinesen. Die andern Inseln liegen größtentheils in Gruppen wie die Ladro uen, z. B. die Piscodores und die Chu-sans. Das Kaiserreich von China hat herrliche Flüsse und Kanäle. Wichtig darunter sind der Erstgeborne des Oceans," der Aang-thc-kiang, der in Thibct entspringt, er ergießt sich mitten durch das Kaiserreich und fällt in das gelbe Meer, dessen Ufer manche wackere Stadt ziert. Das nördliche China ist stolz auf seinen Hoang - ho oder gelben Fluß, während derSi-kiang seine Wasser südlich treibt bis in das chinesische Meer hinunter. Für Handel und Verkehr sind diese Ströme von unberechenbarem Nutzen, auch in der That von nicht unbedeutender Breite und Tiefe, obgleich sie in ihrem Umfange von den Hauptströmen Amerikas übertrof- fcn werden. Vielleicht habt Ihr schon einmal, lieben Leser, von einem Kanal gehört , dessen Bau vierzig lange Jahre hindurch drei ßigtausend Menschen beschäftigte. Es ist dies der kaiser liche Kanal in China, der siebenhundert Meilen lang ist und Peking und Canton mit einander verbindet; und wirklich, mit ungemeiner Umsicht wurde gerade dieser Kanal angelegt,128 der den Norden und Süden Chinas zusammenführi, während die östlichen und westlichen Thcile des Landes durch die Ströme vereinigt werden. Seit jener Zeit, in welcher die Mongolen aus China ver trieben wurden, ist Peking die Hauptstadt des Landes geblie ben und in der That auch eine wunderbare Stadt; sie liegt auf einer fruchtbaren Ebene in der Provinz von Pe - che - lee und wird, da sich der Kaiser dort aufhält, die nördliche Resi denz genannt. Peking besteht, wie die meisten chinesischen Städte, aus zwei Theilen; der neue und bevölkertste Thcil desselben wird die chinesische Stadt genannt; der andere ist alt und heißt die Tartarstadt. Beide haben starke Wälle mit Thürmen ver sichert ; die Mauern sind an manchen Orten sechzig Fuß hoch und verhältnißmäßig dick. Die Straßen von Canton sind sehr eng, die von Peking dagegen breit und gewöhnlich von Volk gedrängt. Wunderlich ist das Treiben in den Straßen dieser Stadt; Massen von Menschen bewegen sich hier frei nach allen Seiten auf einen Platz, der kaum ihre Zahl zu fassen scheint, und ein ewiges Wogen der Menge wälzt sich herüber und wieder hinüber. Alle Arten von Handwerker halten, wie in Can ton, in den Straßen feil; Bettler schlagen, um die Aufmerk samkeit der Vorübergehenden zu erregen, ihre Bambus an einander; Taschenspieler und Quacksalber versammeln ganze Schaarcn um sich und durch diese hindurch sprengen die Vor- reitcr der Großen zu Pferde nach allen Seiten hin, und ver suchen Raum zu machen für die ersten Mandarinen und Prin-129 zen von Geblüt, die sich von einem Theil der Stadt zu einem andern begeben wollen. Höchst wunderbar kommt dabei dem Europäer, der an die vaterländischen Städte gewöhnt ist, vor, die Straßen so belebt und nicht eine einzige Frau dazwischen zu sehen, doch die Gewohnheiten in Europa und Asien sind unterschieden. In dem erstern werden die Frauen geachtet und haben die Freiheit ihrer Bewegungen und Handlungen, in Asien dage gen , vorzüglich in China, verachtet man sie nicht selten und hält sie meistens Gefangenen gleich. Mitten im Herzen der Tartarstadt steht der kaiserliche Palast von hohen Mauern umgeben, und streckt seine Gebäude und Höfe und Gärten, Parks und Teiche nach allen Seiten aus. Tausende von Thoren, Galerien, Säulen, Wällen und Pavillons ziehen das Auge auf sich, und der Raum, den sie bedecken, ist wirklich ungeheuer. Die Tribunale und Schatz kammern, die Garderoben, Vorrathsh.äuier, Officen, Tempel, Statuen und Bäume, dazu der inmitten gelegene Sec mit den kostbar gearbeiteten Gondeln darauf, das Alles trägt bei, die Scene zu einer der regsamsten und belebtesten zu machen. Von wunderbarer Pracht ist der hohe und ungeheure Audienzsaal mit seinen kostbaren Teppichen, seinem Thron, seinen vergoldeten Rauchgefäßen und künstlich geschmückten Säulen, den grünverzierten Wänden und goldenen Drachen. Noch großartiger dagegen der innere Hofmit seinen Bädern und Lusthäusern, seinen Löwen und Drachen und dem feingearbeiteten kleinen Schloß von vergoldetemMessing, in welchem fortwährend Wohlgerüche verbrannt werden. Hier, in den kaiserlichen Gemächern rcsidirt Se. kaiserliche Majestät, der mächtige 9130 Laou-kwang, der Sohn des himmlischen Firmaments," der große Vater seines Volks." Wollte ich aber jetzt alle die einzelnen beschreibcnswerthen Thcilc schildern, die dieser Palast, wie Peking selbst, enthält, ich würde gar nicht fertig; obgleich etwas die Beschreibung Chinas sehr erleichtert; man findet überall dieselben Mauern und Thore, dieselben alten und neuen Städte und Tempel, und niederen Häuser, und engen Straßen, und Mandarinen, Bonzen, Chaisenträger, Barbiere, Jongleurs, Bettler rc. re.; es bleibt sich gleich, der Reisende glaubt sogar manchmal, er sei zu derselben Stadt zurückgekehrt, von welcher er ausgelau fen, wenn dem nicht hie und da die veränderte Landschaft widcrspächc. Einen Ort muß ich jedoch noch erwähnen und zwar Nan king, früher die südliche Residenz und auch jetzt noch, obgleich nicht mehr die Hauptstadt, doch sicherlich die größte Stadt des Kaiserreichs. Nanking hat einen solchen Umfang, daß die Chinesen behaupten, wenn zwei gut berittene Reiter von einem Thor der Stadt nach entgegengesetzten Richtungen hin Mor gens absprengten, und sich immer dicht an der äußern Mauer hielten, erst Abends wieder zusammen träfen. Das ist mehr, als Schlciz, Greiz und Lobenstein von seinen Hauptstädten sagen könnte. Nanking hat jedoch, als aufhörtc Residenz zu sein, auch viel von seiner Größe verloren und bietet nun wenig Merkwürdiges mehr, als eben seinen Umfang. Es liegt ziemlich auf halbem Weg zwischen Peking und Canton, de beiden bedeutendsten, und zwar einander am entferntest gelege nen Handelsplätzen im Norden und Süden.131 Ich kann aber Nanking nicht nennen, ohne wenigstens den Porzcllanthurm zu erwähnen und zwar deshalb zu erwähnen, damit meine jungen Leser nicht etwa glauben, er sei aus lau ter Porzellan errichtet. Das ist keineswegs der Fall. So gut aus Steinen erbaut, wie jeder andere Thurm, stnd nur die äußern Platten oder Fließen Porzellan, und geben dem Ganzen natürlich dadurch gerade das Aussehen, als ob auch sein Inneres aus derselben Masse bestände. Es geht uns ja auch bei den Menschen kaum besser, die wir ebenfalls, wenn wir den inner Kern nicht recht genau untersucht haben, nach der äußern Schale beurtheilcn müssen. Wenige Menschen gicbt wohl, die noch nicht von der großen chinesischen Mauer gehört haben; diese wurde vor mehr als zweitausend Jahren gebaut, um die Einfälle der Tartarcn abzuhalten, und erstreckt sich an der ganzen nörd lichen Grenze hin über Berge und durch Thalcr, über Flüsse und Felsspalten, eine ungeheure Strecke lang. Die Höhe derselben mag an den meisten Stellen dreißig Fuß betragen, die Thürmc, die in mäßigen Entfernungen von einander errichtet stehen, sind etwa vierzig hoch. Die Mauer ist jedoch nur außen und innen von Stein oder Backsteinen; in der Mitte dagegen mit Erde ausgefüllt. Jetzt steht freilich ziemlich nutzlos da, ein starres Denkmal jener wilden Zeiten. An Brücken ist China ebenfalls ausgezeichnet; so steht bei Lo-ko-ky-au eine von weißem Marmor mit kolossalen Löwen und siebzig Säulen an jeder Seite; eine andere zwischen zwei- und dreitausend chinesische Fuß lang, durch mehr als zwei ge132 hundert und fünfzig hohe Pfeiler gestützt, überspannt bei Swcn-chcw-su einen Arm der Sec. Pagoden sind zahllos. Der Porzellanthurm zu Nanking ist eine der berühmtesten und zweihundert Fuß hoch mit neun Stockwerken.Siebenzehntes Kapitel. Die Manufakturen Chinas sind in mancher Hinsicht aus gezeichnet. Das Porzellan des kaiserlichen Reiches ist bis jetzt sogar noch von keiner europäischen Fabrik übertroffen; daran trägt aber auch vielleicht die Güte der dort gefundenen Masse die Schuld; die dazu benutzte Erde ist aller Wahr scheinlichkeit nach viel vorzüglicher als wir hier haben, die Erfindung derselben haben wir ebenfalls von den Chinesen und sind ihnen dadurch sicherlich zu großem Dank verpflichtet. Ebenso werden gefirnißte Maaren in China in ungeheu rer Masse und mit großer Geschicklichkeit gefertigt, und zwar gewöhnlich auf folgende Art. Zuerst arbeitet man das, was lackirt werden soll, auf das Zierlichste aus Holz; dann wird dieses mit feinem Papier überklebt und nun mit einer Porzel- lanmassc dünn überstrichen; hierauf uralt nian nun die Figu ren und überwäscht dieselben wieder und immer wieder mit jenem Firniß. Auch eine vorzügliche Seide wird dort gefertigt und wel chen Werth die Chinesen auf deren Zucht legen, geht schon134 daraus hervor, daß, wie der Kaiser von China seit undenk lichen Zeiten an einem gewissen Tage den Pflug selber führt, die Kaiserin einen Maulbeerbaum, die Nahrung des Scidcn- wurms, pflegt. Das Glasblasen ist ebenfalls eine Kunst, in welcher die Chinesen crcelliren; Kopfputze, Schmuck, Ohrringe, Armbän der, Blumen, Federn, Ringe, Vögel, Thiere, Fische, Insekten, Alles erzeugt die kunstfertige Hand des Glasbläsers in un glaublich kurzer Zeit, während er seine Gehülfen um sich herum hat, die ihm theils die nöthigen Dienste leisten, theils Stirn und Schläfe mit großen Fächern kühlen müssen. Noch eine andere Arbeit, oder vielmehr Spielerei, wird von ihnen mit großer Kunst betrieben; ist die Feder- Mosaik, wodurch Figuren, Vögel und ganze Landschaften auf das Zierlichste hergestcllt werden. Ein sonderbares Gelüste haben dabei, alles nur Mög liche in groteske Figuren und Gestalten auszubilden, besonders benutzen sie dazu die Wurzeln des Bambus und mancher Bäume, die mit ihren knorrigen Auswüchsen vorzüglich dazu geeignet sind und oft die phantastischsten Gestalten und Stel lungen hcrvorbringcn. Auch den Speckstein benutzen zum Figurcnschneiden und dieser hat wenigstens in ziemlich bedeutender Anzahl sei nen Weg nach Europa gefunden. Die Arbeiten, die sie in Perlmutter ausführen, sind wirk lich reizend, eben so ihre Stickereien; und man weiß wirklich nicht, was man mehr bewundern soll, die Kunstfertigkeit oder die Geduld der Chinesen. Das chinesische Papier, mcistcntheils aus Reisstroh135 gemacht, genügt allerdings ihrer Art zu drucken, ja eignet sich sogar vorzüglich für dieselbe, würde uns hingegen nur sehr unvollkommene Dienste leisten. Berühmt ist auch die chinesische Tusche, die man lange Jahre hindurch einer Flüssigkeit zuschrieb, die sie einem gcwis- sen Fisch entnommen; Leim und sehr feine Lampenschwärze sind aber die Hauptmateriälicn dieses ausgezeichneten Fabri kats. Die in Canton gefertigte ist jedoch die geringere Sorte, die bessere wird in Pau-kum und Nanking bereitet. Als ich die gedrängten Straßen von Canton und Peking beschrieb, erwähnte ich auch des wunderlichen Volkes, das diese belebt und sein Geschäft in freier Luft treibt. Unter diesen nimmt der Barbier einen bedeutenden, wenn nicht den bedeu tendsten Platz ein, und mit seinen Rastrinesscrn und Bürsten, seinem Sessel, dem kleinen Kochofen und Wasser, wandert er fröhlich von einem seiner zahlreichen Kunden zum andern. Seine Dienste sind auch viel zu wichtig, als daß man sie ent behren könnte, denn nicht allein ist er ein Barbier und Haar- schncidcr, sondern auch Meister in der heilenden Kunst und zugleich ein Shampoocr aller derer, die seine Hülfe in An spruch nehmen wollen. Da Ihr aber wahrscheinlich noch nie etwas von Shampoocn gehört habt, so wird Euch die folgende Beschreibung wohl unterhalten. Ein Chinese, ein ernsthafter dicker Mann, mit einer ungemein kurzen Nase und sehr großen Ohren, trat auf einen solchen Barbier zu, wechselte ein paar gchcimnißvolle Worte mit ihm und setzte sich dann ruhig auf dessen Stuhl nieder. Der Barbier jedoch fing an ihn mit ungemeiner Geschwindig keit, und zwar mit den flachen Händen über den ganzen Kör-136 per hin zu klatschen; dann faßte er ihn erst an den Armen und dann an den Beinen und zog und ruckte aus Leibeskräf ten daran. Bald zerrte er ihn auf dieser Seite, bald auf jener halb vom Stuhl herunter und stieß ihn manchmal an den Kopf und manchmal in die Seite. Nun betippte er ihn wieder mit den Fingerspitzen von oben bis nuten, machte ihm die Finger knacken, und strich ihm Ohren, Schläfe und Augenbraunen; dann fing er an zu kratzen und zu stechen und zu reiben; dann reinigte er ihm die Nägel an Fingern und Zehen, schnitt ihm die Hühneraugen, schüttelte den ganzen Menschen noch einmal tüchtig durch, und ließ fich nun für seine gewiß nicht unbedeutende Mühe ein sehr kleines Stück Geld von geringem Wcrthe bezahlen. Auch der Schuhmacher ist eine nicht unwichtige Person. Dort fitzt er mit seinem kleinen Körbchen neben sich, das sei nen ganzen Vorrath und sein ganzes Werkzeug enthält. Seine kolossale Brille hängt ihm dabei über Ohren und Nase und sein Fächer, wie seine Pfeife, unentbehrliche Gegenstände selbst für einen Schuhflicker, liegen ebenfalls neben ihm, damit er leicht erreichen kann. Dort drüben steht auch der Geflügelhändlcr mit seinem Bambuskäfig voll lebendiger Vogel, und gleich neben ihm wandert ein ruhiger Kesselflicker mit seinen Hämmern und Zangen und Drahtgeflechten, indessen eine Masse Männer mit ihren Pfeifen ihn umstehen, und selbst Kinder sich hinzudrän- gcn, seine Arbeit zu bewundern. Kinder? die kleinen Dinger mit ihren spitzen Hüten und den altväterischcn Gesich tern gleichen wahrlich eher Gnomen, die nur an Gestalt undGröße zurückgeblieben,, sonst aber alle ehrwürdig genug sein könnten, größtcnthcils Familie zu haben. Auch die Puppenspieler sammeln viel Volk um sich und die kleinen hölzernen Figuren werden rasch und geschickt ge- handhäbt. Ja, es ist ein eignes Leben in China und all das aben teuerliche Volk, das den Fremden hier umgiebt, die Schlan gen- und Huudevcrkäufcr, Blumen - und Fruchthändler, Ma trosen, Last- und Sesselträger, Bettler und sonstiges Gesindel, drängt sich in solch bunten Massen vor sein Auge, daß er in der ersten Zeit all die Gestalten und Wesen kaum zu begrei fen vermag, und immer und immer nur wieder glauben will, sei ein wunderlicher Traum, der ihn umgebe.Achtzehntes Kapitel. Da der Handel mit China schon seit jener Zeit, wo bekannt geworden, für Europa von größter Wichtigkeit gewe sen ist, so war auch natürlich, daß die verschiedenen Staa ten , die im Stande waren mit jenem fernen Lande in Ver bindung zu treten, alles Mögliche thatcn, um die Schwierig keiten zu beseitigen, die sich ihnen darin entgegcnstclltcn. Sic schickten deshalb Gesandte ab, um Kaiser wie Regierung sich geneigt zu machen und ihr Vertrauen wie ihre gute Meinung zu gewinnen und zu erhalten. Die Portugiesen waren die ersten europäischen Händler, die mit China in wirklichen Verkehr traten. Fernando Pcrcz d Andrada lief 1817 in die Straße von Canton ein. Später wurde von Portugal aus eine Gesandtschaft nach Peking geschickt, was die Folge hatte, daß den Portugiesen in Macao ein Platz eingeräumt wurde, auf welchem sich eine Nicdcr- lassuug gründen konnten. Die Portugiesen blieben jedoch nicht lange ohne Neben buhler; die Holländer, Spanier, Franzosen, Engländer,139 Amerikaner und noch andere Nationen sandten auch ihre Schiffe aus den Handelsmarkt. Auch katholische und Jesuitcn- Missionäre suchten zu gleicher Zeit ihren Glauben zu ver breiten. Im Jahre 1653 segelte ein holländischer Kaufmann Na mens Schedel mit einem reich beladenen Schiff nach China und hoffte dadurch mit dem Lande in Handelsverbindung tre ten zu können, wurde aber höchst unfreundlich, ja sogar roh empfangen. Man öffnete seine Kisten, warf seine Geschenke mit Hohn und Geringschätzung umher und schleuderte ihm die Empfehlungsbriefe, die er mitgebracht, ins Angesicht, ja das Volk schrie sogar, man solle ihn fesseln. Später wurde man allerdings etwas freundlicher gegen ihn, und bcwirthete ihn gut, weitere Vortheile erlangte er aber nicht. Zwei Jahre später ankerte eine holländische Gesandtschaft im Cantonfluß, wo sie durch ungeheure Geschenke erkaufen mußte, nach Peking gehen zu dürfen. Dort hatte sie eine Audienz bei dem Kaiser, der ihr aber keineswegs gestattete Handel zu treiben, sondern nur die Erlaübniß gab, ihm alle acht Jahre ihren Besuch abzustattcn und die Geschenke demuths- voll vor die Füße zu legen. Von dem Kaiser vernachlässigt, von den Mandarinen förmlich ausgcsogen, und von dem Pöbel verhöhnt und beleidigt, verließ endlich die Gesandt schaft den kaiserlichen Palast. Die Kosten dieses fruchtlosen Versuchs sollen sich auf siebzig bis achtzigtausend Thaler belau fen haben. Eine andere holländische Gesandtschaft machte 1667 noch mals einen Versuch und erst 1693 erreichte eine russische Mis sion , unter Evcrard Jsbrad Jdcs, die Erlaübniß, daß die140 Russen Handelsgesellschaften nach Peking senden konnten. 1719 sandten die Russen ebenfalls wieder eine Gesandtschaft unter Jsmayloff, der sich sogar dazu oerstand, die entehrenden Begrüßungen des Kniccns und Küssens durchzumachen, trotz dem aber nichts Weiteres erreicht zu haben scheint. 1792 ging Lord Macartncy mit einer englischen Gesandt schaft nach Peking, um dort die Handelsverbindungen, welche England indessen schon in ziemlich bedeutendem Grade mit China angeknüpft, noch weiter auszudehnen. Die chinesischen Minister und Mandarinen vermieden sedoch, so viel sie konn ten, Alles, was sich näher auf die Wünsche des Engländers bezog, der auch nach Ning-po, Chu-san und Ticn-sin und andern Orten seine Waarcn senden wollte. Nur einen Brief an den König von England bekam er mit, in welchem der Kaiser ihm ziemlich deutlich sagte, daß sich der britische Han del einzig allein auf Canton beschränken müsse und," fügte er in dem Briese hinzu, beklage Dich nun nicht, daß ich Dir das nicht Alles klar und deutlich auseinander gesetzt, und laß uns in Zukunft in Friede und Freundschaft mit ein ander leben." Lord Macartncy wurde später von den Chine sen der rothborstigc Tributbriugcr" genannt. 1794 sandten die Holländer, trotz aller früher erfahrenen Unbill, noch eine Gesandtschaft ab, die eben wieder wie die frühere endete. Auch die Engländer machten unter Lord Amhcrst einen neuen Versuch, der übrigens eben so erfolglos als der erste blieb. Zuerst verlangten sogar die Chinesen ebenfalls jene entehrenden Begrüßungen, zu denen sich die Russen, und bei der letzten Gesandtschaft auch die Holländer verstanden hatten. Lord Amhcrst weigerte sich dessen aber141 hartnäckig; dann sollte Lord Amherst, müde und matt vom Reisen, wie er eben eingetroffen war, und ohne die Kleider zu wechseln, vor dem Kaiser erscheinen ; das suchten einige der Mandarinen von ihm abzuwendcn und versicherten dem Kaiser, er sei plötzlich krank geworden. Eine Lüge thut aber selten gut. Der Kaiser sandte augenblicklich seinen Leibarzt hin über und da dieser den Fremden vollkommen gesund traf und darüber auch berichtete, so entrüstete sich der himmlische Herr so sehr, daß er dem Barbaren befahl augenblicklich die Stadt zu verlassen. Im Jahr 1802 wurde die amerikanische Flagge zum ersten Male in Canrou aufgehißt.Neunzehntes Kapitel. Uebcr toic stehende Armee von China cristircn so wunder liche und verschiedene Gerüchte, daß eS ungemein schwer sein dürste, etwas Bestimmtes darüber anzugcbcn. Zu solcher Ungeheuern Volkszahl aber und unter dem despotischen Sccp- tcr eines Alleinherrschers kann man sich auch wohl denken, daß eine große Truppenzahl dazu gehört, um nicht allein die ungeheuer Grenzen des Reichs gegen außen zu sichern, son dern auch im Innern Ruhe und Ordnung zu erhalten. Viele hunderttausend Soldaten bilden gewiß das ganze chinesische Armcecorps, eine genauere Zahl aber zu bestimmen, wäre wohl unmöglich, da auch noch ohnedies eine Art Land wehr besteht, zu der die Männer heute gehören, während morgen schon wieder ihre Achcrwerkzcuge nehmen und das Land bebauen. Wenn man nun die chinesischen Theater zum Maßstab annehmen wollte, so müßte das Volk den Krieg sehr lieben; denn dort finden gewöhnlich ganz entsetzliche Gefechte und Uebcr- fälle statt, bei denen das Volk ganz außer sich gerätst. Ein altes --vn-pa143 Sprichwort lautet aber: die Hunde, die bellen, beißen nicht, und ich glaube selber, daß ein besseres Zeichen für chinesische Tapferkeit wäre, wenn ihre Schilde und Rüstungen weniger mit solch gräßlichen Drachen und Ungeheuern bemalt wäre und das Wort tapfer" nicht auf ihren Jacken cingenäht stände. Das kann sich jedoch auch noch von alten Zeiten hcr- schrcibcn, denn damals wurde ihr Militair mit gar wunder lichen und wild klingenden Namen genannt, wie z. V. flie- gende Drachen, Donncrwolken rc. In manchem Gefecht mit den Engländern haben sich auch keineswegs als feige bewiesen, ja an einigen Orten sogar ihr Leben in toller Verzweiflung in die Schanze geschlagen. So stürmte, nach der Einnahme von Canton, die Landwehr hervor und nur ihre europäische Taktik konnte die Englän der vor dem wilden Angriff dieser verzweifelten Schaar schützen. Daß die Chinesen nicht mit europäischen Truppen käin- pfcn konnten, war eine Sache, die sich voranöschen ließ; eben so war es früher mit den Türken, die jetzt allerdings gefähr lichere Gegner werden würden, als sie ehemals gewesen, und vielleicht ihre früheren Verluste mit der Verbesserung ihres Heeres kaum zu thcuer erkauft haben. Einen imposanten Anblick gewährt die tartarische Leib garde, die sogenannten Kricgstigcr, die nach ihrer Kleidung benannt werden; sie tragen nämlich ziemlich enganliegende schwarz und gelb gestreifte Kleidung, an deren Mütze ein paar Horner oder Ohren hcrvorstehen, was ihnen eine Aehnlichkeit mit dem Thier giebt, dessen Bild sich zum Zeichen gewählt.144 Die ersten Ofstciere in der chinesischen Armee sind Tarta- ren, denn deren Muth und Disciplin glaubt sich der Kai ser besser verlassen zu können; sie empfangen auch höhern Sold. Ucberhaupt weigern sich die armen Leute selten oder nie in die himmlische Armee einzutreten, da dort mehr Geld erhalten, als auf andere Weise und so regelmäßig verdienen könnten. Grobe weite.Nankingbeinkleider und eine rothe Tunica mit weißer Einfassung charakteristrt den chinesischen Soldaten. In verschiedenen Ländern haben auch die Farben wieder verschiedene Bedeutung. In England z. B. trägt die Armee roth und blau und die Marine ganz blau, Quäkerfrcunde kleiden sich in braun, und schwarz und grau wird für Trauer angelegt. In China dagegen ist die kaiserliche Farbe gelb. Abkömm linge von königlichem Geblüt dürfen eine goldgelbe Schärpe tragen und einen gelben Zügel anlegen; aber nur der Kaiser und seine Söhne allein kleiden sich ganz in gelb. Purpur ist für die Enkel vorgcschricbcn, und Grün für die Stühle der Prinzessinnen. Grün sind auch die Breter, die vor einem Verbrecher hergctragen werden, den man zur Erecution führt, und auf ihnen steht das Urthcil und die Ursache, weshalb es gefällt wurde. Blau tragen die Beamten dritten oder vierten Ranges; Roth ist das Symbol der Tugend, Wahrheit und Aufrichtig keit, so wie die Farbe des höchsten Beamtcnrangcs. Die Edicte des Kaisers werden in Zinnober geschrieben. Schwarz kündet Laster und Verworfenheit und Weiß ist die Farbe der Trauer, so daß ein chinestschcr Gentleman, der in solcher145 Trauer mit seiner Tunica erscheint, gerade so aussteht, als ob in Europa ein Mann in sehr bedeutendem Negligöe herumliefe. Was nun die chinesische Armee betrifft, so bestehen deren Waffen in eisernen Kanonen, Gewehren, Sperren, Bogen und Pfeilen, Schwertern und Schilden; in der Artilleriekunst sind sie jedoch noch sehr weit zurück. Ihre Kanonen haben z. B. gar keine Laffctten, sondern liegen fest und unbeweglich; auch die Gewehre sind so unbehülflich, daß sie Bogen und Pfeile vorziehen. Die Officicrc der Armee sind aber selbst nicht einmal von körperlichen Strafen ausgenommen und fällt gar nicht sel ten vor, daß man einen von ihnen mit dem Langue, oder dem beweglichen Block auf den Schultern eine Strafe, die ich später näher beschreiben werde einhergehen steht. Schade nur, daß man bei der Erzählung kriegerischer Thaten einer Nation nicht leicht Glauben bcimessen darf; wäre das anders, so müßten die Chinesen in frühcrn Zeiten glänzende Siege erfochten haben. So findet sich das wenigstens auf den zahl reich im Lande zerstreuten Triumphbogen angegeben. Die Seemacht Chinas befindet sich in einem noch trauri geren Zustande, als ihre Landarmee und nichts in der Welt hätte sie wohl mehr in Erstaunen setzen können, als unsere Dampf- und Kriegsfregatten, die allerdings gegen ihre schlecht betakelten, schwach bemannten und nur mit wenigen Kanonen versehenen Kricgsjoukcn gar sehr abstachen. Die Anzahl der Schiffe dagegen, die des Handels und Vergnügens wegen die chinesischen Flüsse befahren, grenzt Unglaubliche. Jonken, Schmugglerboote, Mandarinenboote, Sampans und hundert andere kreuzen fortwährend ihre Bahn und 10146 geben jenen Gewässern ein ungemein regsames und bewegtes Leben. Etwas hat übrigens die chinesische Schiffsbaukunst, was sür die Europäer ebenfalls nachahmungswcrth wäre, und was sogar Amerikaner, wenigstens einzelne westliche Dampfboote, schon nachgeahmt haben. Es ist die Abscheidung des inner Raumes der Schiffe in mehre Thcile, die durch Balken getrennt werden und deren Säume man dann durch ein aus Leim, Ocl und Bambusspähnen bestehenden Ccment ausfüllt, der nicht allein keinen Tropfen Wasser hindurchläßt, sondern überdies unvcrbrennlich sein soll. Diese Sitte muß auch als ziemlich praktisch anerkannt sein, denn ist durch das ganze Kaiser reich verbreitet. Daher kommt.es denn auch, daß manchmal verschiedene Kaufleute ihre Waaren auf einem und demselben Schiffe haben und der Eine die seinigcn gut und in bester Ordnung empfängt, während die des Andern durch einen Leck oder sonst einen Unfall beschädigt wurden. Ein solches Schiff mag gegen einen Felsen anrennen und sinkt doch nicht, denn das Wasser, das dort einströmt, kann nur die eine Abtheilung füllen, und die andern sind dann noch immer genügend, es über Wasser zu halten. Da ich gerade von verunglückten Schiffen rede, so fällt mir hier ein Edict des Kaisers von China ein, daß wenigstens in dieser Hinsicht viel Theilnahmc und Mitleid bekundet. Es lautet: Am ganzen Bereich unserer Küste hin werden häufig fremde Schiffe und Menschen durch stürmische Winde Ufer geworfen. Es wird hiermit also allen General-Gouverneuren147 und Gouverneuren befohlen, daß sie gut Acht haben und die Beamten vorzüglich dazu auhaltcn, den Fremden freundlich zu begegnen; auch die öffentlichen Gelder dazu verwenden, den Unglücklichen Nahrung und Kleidung zu reichen, wie auch ihre Schiffe wieder auszubessern. Nachher sollen ihnen ihre Güter wieder übergeben und sie selbst in ihre Hcimath zurück- gesaudt werden. Beachtet dieses und laßt ein immerwäh rendes Gesetz sein." Die Chinesen lieben auch Feuerwerke ungemein und haben in der Verfertigung desselben außerordentliche Geschicklichkeit gewonnen, besonders sind die Figuren und Gestalten wunder bar und cigenthümlich, die ihnen zu geben wissen. Ein in Canton einst abgebranntes Feuerwerk stellte eine Wein- laubc vor, an der Stämme, Zweige, Blätter und Trauben, Alles in seinen gehörigen Farben, erkannt werden konnte; dann kamen unzählige Racketen, die nach allen Seiten hin in die Lust sprudelten, und funkelnde Sterne, zischende Schlan gen und fliegende Drachen vorstclltcn, und zuletzt erschien eine gewaltige Masse von, nrit verschiedenen Inschriften versehenen Laternen, zwischen denen ein förmlicher Regen von Leucht kugeln die Nacht in Tagcshclle verwandelte, in welche Gluth auch noch feuersprudelnde Kandelaber und glühende, ringelnde, Säulen emporstiegen. Der Schlußeffect übertraf jedoch noch Alles. Der chinesische Drache glühte in all seiner Herrlich keit und von Bannern aller Art umgeben, während tausende von geflügelten Geschöpfen ihn umschwärmten, lieber dem Drachen stieg da plötzlich das Bild des Kaisers hervor, das sich gleich darauf in blendendes Gelb und Weiß verwandelte, während den Kopf desselben ei blitzender grüner Schein 10 *148 umgab, und nun, mit einem Donner, als ob die Welt zusam menbräche, ein solcher Strahl von Rackctcn prasselnd empor stieg, wie ihn ähnlich kaum ein Vulkan hätte erschaffen können. Der Eindruck, den diese gewaltige Feuermasse auf den Zuschauer machte, war wirklich außerordentlich.Zwanzigstes Kapitel. Der Kaiser wird unter seinen andern zahlreichen Titeln auch Dolmetscher der himmlischen Gesetze genannt und sein Wille ist das höchste Urtheil. Man kann weiter nirgends hin dagegen appelliren. Er erwählt seinen Nachfolger, die Leben seiner Unterthanen sind in seiner Hand und mit dem Athmcn seines Mundes kann er die Armen und Reichen zer stören. Es ist fürchterlich, eine solche Macht zu besitzen, fürchterlicher aber fast noch, eine solche Verantwortung zu tragen. Der Kaiser ist auch zugleich der hohe Priester dcS Reiches und als solcher gar häufig mit mühseligen Ceremonicn und Processioncn geplagt. Die Edicte des Kaisers werden roth geschrieben, denn durch den Zinnober-Pinsel macht er seine Gesetze bekannt. So lange er lebt, betrachtet ihn auch sein Volk als einen Gott; einen Gott im Himmel und einen Kaiser auf Erden" lautet ihr Sprichwort, und auf Erden im allerweitesten Sinne, denn bis vor nicht gar so langer Zeit, glaubten sie, daß150 außer China gar keine Welt mehr gäbe und ihr Herrscher also auch der Herrscher der Welt sei. Auch die Kaiserin ist sehr geachtet und während ihr Gatte den Himmel vorstellt, rcpräsentirt sie die Erde. Die kaiserliche Familie, die Prinzen von Geblüt werden nach des Kaisers Willen zu Königen gemacht. In China eristiren zwei Hauptgerichtshöfe, der erste von diesen besteht aus Prinzen von Geblüt, der zweite aus eben denselben, doch mit Zuziehung von Ministern. Zu den Gc- heimberathungen des Kaisers werden jedoch nur vier Haupt- mitglicdcr gelassen, die von erprobter Weisheit und Umsicht sein müssen. In diesem Amt wechseln denn auch Mant-schus, Tartaren und Chinesen ab, und zwei Assistenten sind ihnen bcigcgebcn; aber nur bei wichtigen Staatsbcrathungcn ruft sie der Kaiser zusammen. In dem kaiserlichen Kabinet sind auch noch sechs Tartaren und vier Chinesen als Gouverneure für die Provinzen bestimmt, und vier Mantschus, zwei Mongolen und zwei Chi nesen eraminiren die Uebcrsctzungen von Documcnten und senden sie ihrer Bestimmung zu. Außer den sonst gewöhnlichen Behörden, die sich in nichts Besonderem von denen anderer Länder unterscheiden, giebt es auch noch eine, und zwar das Too-cha-huen oder die Office der Censoren, die allerdings einer nähern Erwähnung verdient. Dies Censorcngericht besteht aus 40 oder 50 Mitgliedern, die von segensreichster Wirkung sein könnten, wenn sie das nämlich thäten, was ihnen ihr Amt eigentlich austcgt. Sie haben zwei Prä sidenten, von denen der eine ein Chinese und der andere ein Tartar ist, und sind so vertheilt, daß sie sowohl am Hof, wie151 im Lande Alles beobachten, und das tadeln können, was unrecht ist. Ihnen ist selbst das Privilegium gegeben, Rath oder Ermahnung an den Kaiser zu senden, ohne deshalb Strafe fürchten zu müssen. Das geschieht aber selten. Wenn ihre warnende Stimme erheben sollten, schweigen gewöhnlich und sobald sie einmal etwas sagen, werden sie trotz dem Gesetz, das schützt, dcgradirt und gestraft. Die Mandarinen sind die Magistratspcrsonen des Kaiser reichs ; ihre Zahl kann aber nicht bestimmt werde , wenig stens nicht von einem Fremden, denn sie verbreiten sich in alle Zweige des Staats, und werden sowohl bei Civil als Militair Mandarinen genannt, wobei sich jedoch durch ihre Grade wieder unterscheiden. Der höchste oder erste dieser Grade trägt oben auf der Mütze einen Knopf von Rubinen, der zweite von Korallen, der dritte von Saphiren; der vierte von Türkisen, der fünfte von Krhstrll, der sechste von weißen Opalen oder Perlen, der siebente von verarbeitetem Gold, der achte von einfachem Gold, der neunte und geringste Grad einen von Silber. Die Mandarinen bilden den eigentlichen Adel Chinas, denn die wirklichen Prinzen haben wenig Einfluß. Hier und da kann man auch einen Mandarinen mit zwei Pfauenfedern sehen, solche sind aber sehr selten, denn Keine dürfen diese Auszeichnung tragen, die nicht dem Staat irgend einen wichtigen Dienst geleistet. Taou-Kwang gicbt wohl oft einen Knopf, selten aber eine solche Feder weg.Cinundzwanzigstes Kapitel. Dic Spiele verdienen, wenn man die Eigcnthüinlichkcitcn des Volkes aufzählt, gewiß einen der ersten Plätze darin, denn in ihnen spricht sich gewöhnlich der Charakter niederer wie höherer Klassen aus. Es ist das, worin sich der Mensch natürlich giebt, was ihm selbst, ohne Rücksicht dabei auf An dere zu nehmen, zusagt, und deshalb will ich auch hier über die Spiele der Chinesen einige Worte sagen, da sie ja auch zu den Skizzen nothwendig gehören. Dic höheren Klassen der Chinesen halten Hazardspiele für infam, wenigstens thun sie das öffentlich, und dem Europäer ist es bis jetzt noch nicht gelungen so weit in das Gehcimniß ihrer Privatwohnungc einzudringen, um etwas Anderes von ihnen zu sehen, als was^sie ihm eben sehen lassen wollen. Dic niederen Klassen, und die, deren Leben man leichter und näher beobachten konnte, wetten sehr gern, und Schach, Domino, Karten und Würfel sind in fortwährendem Gebrauch. Ei lebendigeres, gesünderes und heitereres Spiel ist das des Federballs, obgleich die Stellungen, welche die153 Himmlischen dabei einnehmen, eher pittoresk als malerisch sind, da ihnen die dicken Sohlen ihrer Schuhe zu Rakcts oder Schlaghölzern dienen, während nur dann und wann die Hand mit ins Spiel bringen. Sic bilden dabei einen Kreis und haben gewisse Bestimmungen, nach welchen die eine oder die andere Partei den Ball nicht die Eroc kommen lassen oder ihn einem der Bethciligten hinüber spielen muß. Jede Nation hat bei ihren Spielen Eigenthümlichkeitcn. Die Spanier liebe ihre Stier-, die Engländer ihre Hahnen- Fedcrl allspiele.134 kämpfe, obgleich diese in letzterer Zeit auch etwas aus der Mode gekommen sind. Die Chinesen dagegen lassen Wachteln gegen einander, oder setzen auch wohl Heimchen in große Schüsseln und amustrcn sich königlich, wenn die kleinen gegen einander geschüttelten Dinger ärgerlich werden und anfangen sich zu zerreißen. Ein besonderes Vergnügen der Chinesen sind die Papier- drachcn aus Seidenpapier und gespaltenem Bambus, die sie in allen möglichen Formen und Gestalten Herstellen. Wun derbar hoch gehen diese buntfarbigen Dinger und steigen zu so schwindelnder Höhe empor, daß ihnen das Auge oft gar nicht im Stande ist zu folgen. Manche sind dabei wie Menschen, manche wie Drachen und Tiger, manche wie Fische und andere wieder wie wirkliche Vögel gestaltet und besonders die Letzteren, wenn sie in ziem licher Höhe die Luft durchschneiden, daß man die daran befe stigten Schnuren nicht mehr erkennen kann, gleichen wirklichen Vögeln auf das Vollkommenste. Dabei haben sie kleine Löcher, über welche Fäden gespannt sind, so daß sic, wenn der Wind hindnrchpfeift, wie äolische Harfen klingen. Das Drachensteigen-Lassen ist übrigens zum wirklichen Nationalvergnügen der Chinesen geworden, und zahllose Schaaren eilen am neunten Tag des neunten Monats in die Hügel hinaus, sich diesem Vergnügen hinzugeben. Ein beson derer Vortheil besteht dabei darin, den Drachen seines Nach bars dadurch niederzuziehcn, daß man seinen eigenen Faden über den scinigen wirft, und manchmal wird das sogar der Anlaß zu harten Worten und noch härteren Schlägen. Auch Bootregatten werden, besonders am fünften Tag155 des fünften Monats gehalten und das regelmäßige Einschlagen der Ruder sucht man durch de Schall von Gon s zu ordnen. Eine ziemlich wichtige Rolle in China spielen die Wahr sager. Ihre Tische stehen unter freiem Himmel und sind mit Bücher , Schreibmaterial, einer Metallplatte, Schwamm, einer Schüssel mit kleinen Papierrollen und einer Vase ver sehen, in welcher auf gewisse Art bezeichnete Bambusstücke lie gen. Um eine Kleinigkeit an Geld kann Zeder, der zu wissen wünscht, was ihm die Zukunft Trauriges oder Rosiges birgt, hier alles das erfahren, worüber Gott in seiner unendlichen Güte einen Schleier gedeckt. Hat er das Geld bezahlt, so zieht er eine von den Papierrollen und eins von den Bam- busstückchcn, und nach diesen setzt nun der weise Mann jedem Holzkopf, der dort mit ihm seine Zeit vergeudet, alles das auseinander, was ihm künftig in diesem Leben begegnen wird. Eine andere Mcnschcnklasse sind die Jongleurs oder Taschenspieler, die fast den indischen Gauklern an Geschicklich keit gleich kommen. Ihre einzelnen Kunststücke grenzen wie der manchmal an das Wunderbare. In dem Katalog der chinesischen Sammlung ist die fol gende Beschreibung davon gegeben: Ein Mann nimmt aus einem Korb eine ausgcstopfte Ratte, diese zeigt er der ihn umstehenden Menge, und macht diese wirklich glauben, daß es ein lebendiges Thier sei, das er eben vorgenommen habe; während er die Gurgel dieses Thicrcs zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt, drückt erden Rachen desselben auf, und ahmt das Schreien und Röcheln der gequälten Ratte auf solch treffliche Art nach, daß man eine Täuschung fast für unmöglich hält. Mit rasend schnellen Bewegungen sucht jetzt plötzlich das scheinbar gcäng-156 fügte Thier feinen Händen zu entgehen ; hier schlüpft es ihm unter dem Arme durch, dort läuft es an seinem Veine hinab, läßt sich fallen und springt in die Höhe, immer aber wieder fängt es der Taschenspieler; bald erwischt er es beim Schwanz, bald an einem Bein und jedesmal kündet der gellende Schrei, wie weh er ihm dabei gethan. Wenn aber endlich selbst die, die früher wußten, es hat nur ein ausgestopstes Fell, anfan gen überzeugt zu werden, sie hätte sieh doch geirrt, dann faßt er plötzlich die in Todesangst wild aufkreischende Ratte, hält sie mit ausgestreckten Armen hinaus, und zieht die Baumwolle hervor, die das Fell bis dahin ausgespaunt erhalten. In den Straßen von Canton zeigen sich ebenfalls zwei Männer aus Nanking, die ein Messerspiel zusammen aussüh- ren. Der eine, bis aus den Gürtel entkleidet, stellt sich mit dem Rücken gegen eine Bretwand, und sein Gefährte, mit einem großen Messer bewaffnet, zieht sieh dann in einer Ent fernung von fünfzig bis sechzig Schritt zurück. Hier schwingt er nun seine Waffe und schleudert sie dann mit fürchterlicher Sicherheit aus ein gegebenes Zeichen nach seinem Gefährten, während auch schon im nächsten Moment der scharfe Stahl dicht unter dessen Ohr, und kaum Messerrückenbreite von sei nem Halse entfernt, in der Wand zittert. Solches Vertrauen hat aber der Eine auf die sichere Hand des Andern, daß nicht ein Zucken der Muskeln, ein Blinzeln des Auges, Angst oder Besorgnis; verräth, und doch würde ein einziger Zoll Abwei chung in Jenes Wurf den unvermeidlichen Tod zur Folge haben. Wieder und wieder gehen die Beiden durch dieses Kunst stück, oder eigentlich Probe von Kunstfertigkeit, und das157 Werfen wechselt nur mit dem Thcile des Körpers, in deren Nähe er seine Waffe schleudert, und zwar nach dem Gefallen der Zuschauer, die bald Kopf, bald Hand, bald Nase zur lebendigen Scheibe wünschen. Eine andere That ist eben so nervenerschütternd. Ein Mann mit einer Art Dreizack bewaffnet, welcher an einer Chinesischer Taschenspieler. Stange von hartem Holz befestigt ist, wirft mit ungeheurer Stärke diese Waffe perpcndiculär, und zwar ziemlich hoch in l ic Luft. Mit raschem Blick folgt er dort jeder ihrer Bewegungen und sobald sie ihren Zenith erreicht hat, so daß er bcn Platz bestimmen kann, auf welchen sie wieder herunter kommen muß, Ipringt er dorthin und weiß so genau den Ort zu treffen, wo er sich noch in nächster Nähe, aber außer Gefahr befindet, daß158 der dreigespitzte Stahl sausend neben ihm nicderfährt, und ihm oft noch die Kleider berührt, ohne daß er auch nur die geringste Bewegung macht ihm weiter auszuweichen. Ost werden diese Taschenspieler auch in Gesellschaft von Bonzen getroffen, die zugleich dabei eine Art Tare auf das Publicum legen. Nicht selten zieht dann Einer von ihnen auf einem zahmen Tiger herum, während der Andere mit Holz stückchen, Mörsern, Kugeln, Schalen und Schwertern, die er auf einem Teppich vor sich ausgcbrcitct liegen hat, die wun derbarsten Sachen aufführt. Amulette, um Krankheiten zu heilen, stnd bei jedem Volke bräuchlich, das noch Götzen und Fetische hat. Glauben doch selbst in unserem aufgeklärten Christcnlandc eine Menge Menschen an solchen Unsinn. Einige dieser chinesischen Zauber bestehen darin, daß man ein Papier verbrennt, auf welchen verschiedene wunderliche Charaktere verzeichnet sind. Nachher wird die Asche weg geblasen und man glaubt die Krankheit dann gleich mit fort- blascn zu können. Andere derartige Mysterien bestehen in heiligen Worten, die an verschiedenen Stellen aufgehangcn, oder dem Körper eingegraben, oder auch vielleicht nur ausgesprochen werden. So hat man z. B. den Pfirsich-Zauber, wo ein blühender Zweig des Pfirsichbaumes an die Thür gesteckt wird, um jedes Hebel abznhaltcn, was der Eintrctcndc bringen könnte. Der Päkuar-Zaubcr besteht aus acht mystischen Diogram- men des Fo-Hy, die in Stein oder Metall geschnitten sind und um den Nacken getragen werden. Das Hundert-Familien-Schloß-Amulct ist ein schloßähn-139 lichcr Schmuck, den man ebenfalls um den Hals legt, muß aber für Geld von hundert verschiedenen Freunden gekauft lein, was etwa bedeuten soll, daß diese hundert verschiedenen Per sonen, auf irgend eine geistige Art mit dahin wirken sollen, dem Träger solchen Zaubers ein langes Leben zu sichern. Der gewöhnlichste Zauber in China ist aber der Pinsel- Zauber; den Pinsel gebrauchen sie ja auch, statt der Feder, zum Schreiben. Er lautet also: Der sehr wundervolle Pinsel: mögen die Schreiber im Himmel himmlische Pinsel hcrnnterschickcn, schreibt dann mit denen: Himmel," und der Himmel öffnet sich; schreibt mit ihnen Erd c," und die Erde zerreißt sich; schreibt mit ihnen M c n sch," und der Mensch lebt; schreibt: D ä - m 011," und der Dämon stirbt." Ein gleichfalls sehr gebräuchlicher Zauber ist der soge nannte Storch-Zauber, ebenfalls eine Art Amulct, das um den Hals getragen wird, und das größtcnthcilS mit höchst rauhen, ungeschickten Zügen einen Storch vorstellt oder vor- stellen soll, in dessen Körper irgend ein frommer Spruch geschrieben steht. In Krankheitsfällen werden auch viele Mittel angewandt, auf geheimnißvolle Art zu erfahren, ob der Kranke leben oder sterben würde; auch erschüttert, selbst wenn das Resultat ein ganz anderes als das gewonnene ist, dieses keineswegs das Vertrauen der Gläubigen; immer versuchen aufs Neue und zwar stets auf die vorige Art und Weise. Eine von diesen Arten ist die folgende: Man stellt Nachts Lichter auf den Tisch und daneben Schüsseln mit Speise. Irgend eine alte Frau, die nach ihrer160 Versicherung dem Grab nahe genug steht, um hinein sehen zu können, nimmt dann eine, zu solchem Zweck gebräuchliche, eiserne Trommel mit ledernem Fell, steckt ihre Kleider in die Höhe und fängt nun an auf die wunderlichste Weise umher zutanzen. Dies geht so lange ohne Unterbrechung fort, bis die alte rasende Here ganz schwindelig wird, und ihr der Schaum vor den Mund tritt, so daß sie endlich schreiend und an allen Gliedern zitternd zu Boden sinkt. Plötzlich springt mit Blitzesschnelle wieder empor, löscht die Lichter aus und ruft nun: Unser Vorfahre kommt, daö Mahl mit uns zu theilen." Und dann fällt sie mit einem wahren Heißhunger über die Speisen her, die sie mit Hülfe eines sehr guten Magens und wahrscheinlich auch umfangreicher lederner Taschen aufräumt. Wenn die Lichter wieder kommen, ist sie bereit, jede an gerichtete Frage mit der Zukunft Stimme zu beantworten. Man weiß bei solchen Sachen wirklich nicht, was wun derbarer ist: daß Wesen giebt, die einen solchen Betrug spielen, oder noch schlimmer, Thoren, die ihn für baare Münze halten.Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Noth ist die Mutter der Erfindung, und es unter liegt wohl keinem Zweifel, daß auch im himmlischen Reiche diese Mutter ihren Kindern gelehrt hat, das Land so zu bebauen, baß eine so ungeheure Menschenmenge auch leben und eristiren konnte. Die leisesten und besten Menschen, die China je gehabt hat, wandten denn auch ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Ackerbau, wodurch zweifelsohne den Grundstein Frieden und Sicherheit des Landes legten. Allerdings wurde aber dielleicht auch gerade dadurch die Nation zu friedlich erzogen, so daß mit einer fremden Macht den Kampf nicht mehr bestehen, ihre Grenzen also nach außen hin nicht mehr schützen, konnte. Der schwache Widerstand, den sie in letzter Zeit gegen die englischen Truppen zu leisten vermochten, ist ein deutlicher 11162 Beweis, wie bedeutend den Europäern in der Kriegskunst nachstehen. Wie sehr sie jedoch den Ackerbau achten, beweist eine alte Ccrcmonic, die sich seit mehr als zweitausend Jahren erhalten hat. Viele Jahrhunderte lang wurde auch gefeiert, bis endlich einige entartete Prinzen vernachlässigten; der dritte Herrscher der Mantschu-Dynastie, Uong-tching mit Namen, rief sie aber wieder ins Dasein zurück, und in jedem Jahr, am 24. Tag des zweiten Monats, der mit unserm Februar übcrcinstimmt, findet diese Feierlichkeit statt. Der Kaiser selbst nimmt Thcil daran, während die General-Gouverneure und ersten Mandarinen dasselbe Fest in den andern Provinzen leiten. Seine himmlische Majestät bereitet sich aber durch dreitägiges Fasten und noch viele andere Cercmonicen darauf vor, und begicbt sich dann zu einem be stimmten Platz, ein zu diesem Zweck zurückgehaltenes Feld, das innerhalb der Umzäunung liegt, welche den Tempel der Erde umgiebt. Ihn begleiten drei Prinzen, neun Präsiden ten des hohen Tribunals und vierzig junge, wie vierzig alte Ackersleute. Wenn nun ein vorläufiges Opfer von Feldfrüchtcu der ober Gottheit Schaug-ti gebracht ist, erfaßt die kaiserliche Hand den Pflug und zieht nun eine Furche von ziemlicher Länge. Die Prinzen und Mandarinen folgen dann diesem Beispiel und erst nachher wird das Feld der Sorgfalt des Oberaufschers übergeben. Das Säen wird auf ähnliche Weise begonnen, und die auscrwählten Ackersleute vollenden163 dann. Dcr Ertrag dieses Feldes wird aber nur zu Opfern verwandt. Eine ähnliche Ceremonie findet in dem Hauptort jeder Provinz statt. Der Gouverneur zieht dort, mit Blumen gekrönt und von vielen Edelleuten begleitet, durch die Straßen, und diese tragen Fahnen mit Emblemen des Ackerbaues und Bildern von Leuten, die sich einst in diesem Gewerbe ausgezeichnet, während die Straßen mit Triumphbögen und den zierlichsten und phantastischen Laternen geschmückt sind. Figuren aus Thon und Porzellan werden ebenfalls durch die Straßen geführt und obgleich man dann und wann neue erfindet, so bildet doch stets eine derselben die Hauptfigur, und zwar ein Büffel oder Zugstier von ungeheurer Größe, aus Thon hcrgerichtct, den vierzig Männer tragen, während ein Knabe als Genius des Fleißes vorangeht. Sobald vor dcr Residenz des Gouverneurs ankommen, hält dieser zu Ehren des Ackerbaues eine Rede und schlägt dann den Büffel dreimal mit einer Peitsche. Hierauf fällt das Volk über die Gestalt her und zertrümmert mit Stei nen. Das Thier wird nach dem Schluß dcr Feierlichkeit geöffnet und eine Unzahl kleiner Kühe aus demselben Mate rial unter die Leute vertheilt. Jedes kleine Fleckchen Land in China, das möglicher Weise bebaut werden kann, befindet sich auch unter Cnltur und die vegetabilische Produktion des Landes wird gewiß, wen ihr überhaupt nur irgend eins gleich kommt, von kei nem Theil dcr Welt übertroffen. Man glaubt, daß beinahe 11 *164 sechs Millionen englische Acker unter Cultur sind, die größten- theils in kleine Felder abgetheilt, Gräben als Trennungen zwischen sich haben. Der Boden wird dabei oft nur mit der Hand bereitet, Pflüge sind verhältnismäßig sehr selten und manchmal sogar spannen sich Männer oder Frauen statt der Pferde an; allerdings wird auch Zugvieh benutzt, aber die Schwierigkeit, Weide für dasselbe zu finden, vermindert dessen Anzahl. Nichts kann dabei dem Fleiß der Chinesen, noch ihrer Unermüdlichkeit gleich kommen, mit der sie ihr Land bewäs sern und düngen. Durch jedes Grundstück, wo es nöthig ist, legen ihre Bambusrohren, um den Strom nach der Rich tung treiben zu können, wohin sie ihn wollen. Jede Art von Dünger wird dem Feld dabei auf das Sorgfältigste zugc- wandt, ja man sagt sogar, das solle so weit gehen, daß manche Barbiere gar nichts für das Bart - und Kopsschceren nehmen, um nur die Haare zu erhalten, die als herrliches Dün- gnngsmittel betrachtet und von den Landleuten aufgekauft werden. Die Chinesen sollen, wie man behauptet, das Schießpul ver erfunden haben, ebenfalls den Seecompaß und die Buch druckerkunst; leider vervollkommnen sie sich aber nicht in allen diesen Sachen, und der Enkel weiß kaum mehr, als der Vater und der Urgroßvater davon gewußt hat. Künste und Wissenschaften werden allerdings im himmli schen Reiche auch betrieben, aber zu einer Vollkommenheit haben sie darin noch nicht bringen können. Die chinesische Bildhauerkunst ist im Verhältnis noch sehr weit zurück, eben165 so fehlt beit Chinesen in Materien die richtige Einthcilung der Schatten und Perspektive. Eine mechanische Steifheit ist in allen ihren Bildern sichtbar. Ihre Musik ist noch schlimmer als ihre Malerei, denn da sie keine Noten haben, so bringen sie nur schwer ein ordent liches Lied heraus. Ihre Instrumente haben alle einen schnar renden kreischenden Ton. Die Saiteninstrumente bestehen aus einem mit seidenen Fäden bezogenen Kasten, worauf den Bogen schwerfällig hin und her schleppen. Alle Töne kommen dumpf und gekniffen heraus. Nicht besser sind die Flöten. Die höheren Töne sind ihnen die angenehmsten, daher singen sie meist die Fistel, sie mögen singen, was wollen. Auf jeden Fall sind die Chinesen gute Architekten, wenig stens haben im Brücken- und Pagodcnbau schon Aus gezeichnetes geliefert. Die gothischc Architektur ist ihnen allerdings fremd, das mag aber vielleicht auch eine Ur sache sein, weshalb sie ihre Fähigkeit nicht darauf verwandt haben. Was die chinesische Heilkunde betrifft, so glaube ich des halb nicht, daß sie, wenigstens die allgemein betriebene, auf sehr tiefen Kenntnissen der Mcdicin beruhen kann, denn die Doctoren vertrauen bei der Behandlung ihrer Patienten sehr viel der Astrologie, und haben aus allen bisher erschie nen mcdicinischcn Werken ein einziges Buch zusammcn- gcschricbcn, was sie den goldenen Spiegel der sehr erprobten Mcdicin" nennen. Bei ihren Gemälden fällt mir noch eine Sammlung von Bildern ein, die ich vor kurzer Zeit sah, und die Aehnlichkeit,166 in ihrer Tendenz wenigstens, mit den Hogarth schen Bildern haben. Es waren ihrer sechs und stellten einen jungen Mann vor, der noch unmündig in den Besitz seines ganzen väterlichen Vermögens kommt. Die beiden ersten zeigen ihn in seinem Reichthum und Glau;, wie er sich allen Vergnügungen hingiebt, worunter auch besonders das Opiumrauchen nicht fehlt. Im dritten ist er noch von all seinem Glanze umgeben, aber seine Schätze sind geleert, seine Gesundheit ist zerrüttet. Im vierten sind seine Ländereien und Häuser alle verkauft, sein Lager bilden einige rauhe Dreier und eine zerlumpte Matratze. Dumpf vor sich hinbrütend, sitzt er vorwärts gebeugt, sein Weib und Kind stehen vor ihm und Mangel und Noth spricht aus ihren Augen. Das kleine aber schlägt lachend in die Hände, denn der Vater hat in allem Grimm und Zorn seinen Rauchappa rat auf die Erde geschleudert und es freut sich nun über die umhergestreuten Sachen. Auf dem fünften ist seine Armuth und Elend außerordent lich , sein Appetit für Opium wächst aber auch immer mehr, er ist schon so gut wie todt. In seinem Wahnsinn scharrt er nur noch wenige Kupfermünze zusammen, um sich den Ab fall des Opiums zu kaufen, der in der Pfeife eines früher Rauchers geblieben ist. Auf dem sechsten ist sein Charakter besiegelt. In eine Ecke gedrückt, verschlingt er die Hefen des Stoffs, die so gering sind, daß er sie selbst mit Thee hinunterwaschen muß und Weib und Kind sitzen neben ihm mit Scidenfaden, auf Bambusrollen gespannt, den sie auf Knäule abwindcn, um wenigstens das elende Dasein zu fristen.167 Es ist das Bild eines Spielers in unserm Vaterlande, denn obgleich der Trunk auch schon manche Familie elend gemacht hat, so üben spirituöse Getränke doch ihre fürchter lichen Wirkungen nicht so schnell aus, als es das Opium thut.Dreiundzwanzigstes Kapitel. Eine solche Mcnschenmassc, wie das chinesische Reich um schließt, kann, wie jeder vernünftige Mensch cinsehen wird, auch nicht ohne eine heilsame Furcht vor ungesetzlichen Aus brüchen im Zaum gehalten werden; ja, und strenge Strafe ist oft sogar nöthig, um ihnen zu beweisen, wie gut ihr himmlischer Herrscher mit ihnen meint, wenn die bösen Menschen nur immer glauben wollten. Die Strafen in China sind denn auch nicht leicht, dennoch aber oft in ihren Schilderungen übertrieben und carrikirt worden. Allerdings findet man manchmal entsetzliche Mar- tergcschichtcn auf Rcispapicr geschmiert, die irrthümlich für chinesische Strafen gehalten wurden; größtentheils stellen die aber nur Sccncn aus Buddhisten - Höllen vor, denn solche Rohheiten sind wenigstens noch nie zur Kenntniß der Euro päer gelangt. In ungewöhnlichen Fällen werden allerdings schwere Strafen zucrtheilt; auch sind die Chinesen in mancher Hin sicht grausam und gefühllos; was aber an solchen Schreckens-169 fernen stattgefunden, geschah zu den Zeiten früherer Tyrannen, ehe ein wirkliches Gesetzbuch eristirte, und wenn wir so weit zurückgehen wollen, so finden wir vielleicht noch viel schreck lichere Grausamkeiten in Europa verübt. Das gewöhnlichste Strafverfahren geschieht mit dem Bam bus. Dann der Langue, der Käfig oder das Gefängniß, und als die stärksten werden Tod und Verbannung betrachtet. Der Bambus wird jedoch für alle und sämmtliche ge ringere Vergehen angewandt und hat auch noch den Vor theil, daß sich die Schläge ziemlich genau, nicht allein in ihrer Anzahl sondern auch in ihrer Stärke nach dem Grade des Vergehens richten können. Sobald das Urtheil über einen Verbrecher von dem Richter gefällt ist, so wirft er eine ge wisse Anzahl kleiner Bambusstreifen, die in einem Cylinder vor ihm stehen, auf den Boden nieder, und für jeden dersel ben werden eigentlich fünf, in der That aber gewöhnlich nur vier Streiche gegeben. Der eine, der bei jedem abfällt, geht auf Rechnung des Kaisers und wird seiner Gnade zugeschrie ben. Ueberhaupt ist es nach dem chinesischen Grundsatz: streng im Urtheil, aber mild in der Strafe zu sein. Die Ereeutoren der Strafe machen sich den Augenblick an die Arbeit, und zeigt sich der Verurtheilte willig, so findet dabei keine weitere Unannehmlichkeit statt. Widersetzt er sich jedoch, so nimmt der Bambusmann seinen Zopf, wickelt ihn sich um die linke Hand, zieht ihn freundlich zu sich und legt nun auf. Eine solche Tracht Schläge ist übrigens für den, der sie auszuhalten hat, gar keine Kleinigkeit, denn das Instrument, das sie giebt, ist gewichtig und die Hand, die es führt,170 haben das den Chinesen abgesehen - er muß die Hand noch küssen, die ihn gestraft. Hohe wie Niedere verfallen dem Bambus, d. h. die Rei che kaufen die Strafe gewöhnlich ab, des Arme Geldbeutel ist aber in diesem Fall sein Rücken. gewöhnlich willig. Außerdem hat der arme Teufel auch och das Demüthigende vor sich, daß er nachher sich für gnädige Strafe bedanke muß - ich glaube einige unserer Schulen Fußblock oder Halsblock.171 Der Langue ist etwas Aehnlichcs, was wir bei uns unter Flußblöcken verstehen, nur mit dem Unterschied, daß die Füße hier frei bleiben, und nur der Kopf und eine Hand, manch mal auch beide Hände, eingeschlossen werden. Manch stolzer Mandarin hat sich hier dem Spott des Pöbels ausgesetzt gesehen, und so viel demüthigender ist diese Strafe, da der Schuldige gewöhnlich in der Nähe seiner Wohnung hingesetzt wird, und nicht einmal im Staude ist, den Kopf zu beugen, oder sein schamgcröthetes Antlitz den neugierigen Blicken zu entziehen. Das Gewicht eines solchen tragbaren Blockes steht im Verhältniß zu dem Vergehen des Deliquenten und wechselt von zwanzig oder dreißig Pfunden bis zu zwei- und dreihun dert. Dabei hat ein solcher Unglücklicher das Vergnügen, daß er nicht allein in einer höchst unbequemen Stellung mit einer noch viel unbequemern Halsbinde sitzt, sondern sogar noch einen Theil seiner Biographie links und rechts von sei nem Kopfe angeklebt weiß. Wer sich mit seinem Leben bekannt machen will, braucht dann nur dicht an ihn hinanzu- trcten, wo er die ganze Geschichte auf sehr schönem Reispapier lesen kann. Eine andere Unannehmlichkeit dabei ist die, daß er nicht im Staude ist, die Hand zum Munde zu führen, weshalb förmlich gefüttert werden müssen. Dieser Langue oder K e a wird auch in sehr verschiedenen Zeiträumen getragen, oft nur aus Stunden und Tage, oft auch auf Wochen und Monate. lieber den Käfig habe ich schon früher gesprochen. Verbannung wird ebenfalls als eine ungemein starke Strafe betrachtet, denn das Herz des Chinesen hängt an172 seiner Heimath, besonders ist dem südlich Wohnenden der Aufenthalt in den kalten Tartarländcrn fürchterlich. Auch die Verbannung hat übrigens ihre Grade, die sich nicht allein nach der Zeit der Verbannung, sondern sogar nach der Anzahl von Meilen bestimmen, die der Verbannte von Haus und Hof zubringcn muß. Sie rechnet dabei nach Lce s, was etwas weniger als eine deutsche Meile sein wird. Die drei Hauptstrafen sind: Strangulirung, Enthaup tung und für die größten Verbrechen, als Hochvcrrath, Vater mord und Sakrilegium jene Art von Erccution, die Ting-chy genannt wird, ein schmachvoller und langsamer Tod, was die Europäer etwas unpassend In zehn tausend Stücke schneiden" genannt haben. Frauen find in gewöhnlichen Fällen glücklicher Weise davon ausgeschlossen in Gefängnisse gesteckt zu werden, was sonst nicht selten ihre noch größere Äcrderbniß zur Folge hat. Ihre Verwandten müssen aber dann die Aussicht über sie über nehmen und für stehen. Auch eine Art Tortur findet noch statt, tind zwar durch Zusammenpressen der Knöchel oder Finger zwischen drei zu- sammenbefestigte Hölzer. Schwüre werden nie verlangt, ja nicht einmal gestattet; außerordentlich strenge Strafen aber auf ein falsches Zeugniß gesetzt. Die Zahl der zum Tode Vernrtheiltcn ist allerdings sehr groß und man behauptet, daß der Kaiser Kca-king allein in einem Jahre 935 Todcsurthcile unterschrieben habe, während in Canton über tausend stattfanden. Bei der Erccution der Verbrecher stehen keine Priester, die diese zur Reue ermahnen; in finsterem Schweigen muß er173 gegen die Wohnung des Kaisers zu kniecn, und empfängt dann den Todesstrcich, der sein Haupt mit einem Schlage vom Rumpfe trennt. Manchmal tritt aber auch ein solcher noch keck und trotzig auf; denn jede Hoffnung auf das Leben ist entschwunden, und droht nun denen, die ihn verurtheilt haben, mit seiner Rache nach dem Tode, d. h. nach seiner Verwand lung in ein anderes Wesen. In solchen Fällen, wo Kinder ihre Eltern mißhandeln, ist das Gesetz außerordentlich streng, und ein Beispiel dieser Art fand unter dem verstorbenen Kaiser statt, wo eine Tochter ihre Mutter geschlagen hatte, und der Kaiser nun, nach dem Be richt des General-Gouverneurs erklärte, er halte in diesem Falle die bestehenden Gesetze nicht für hinreichend und ein warnendes Erempel für nöthig. Hierauf wurde nicht allein die Schuldige mit dem Tode, sondern auch fast gleich stark, Lehrer und Verwandte bestraft, da sie nicht ihr Möglichstes dazu beigctragcn hatten, die Ver- brecherin besser zu erziehen; ja sogar die armen Nachbarn kamen schlecht dabei weg; erhielten ebenfalls Bambus- strcichc, weil sie nicht zu rechter Zeit ermahnt hatten. Das Haus aber, in welchem so Fürchterliches vorgefallen, wurde von Grund ausgegraben und zerstört. Ein Vater hat dagegen solche Gewalt über seine Kinder in China, daß er als Sklaven verkaufen kann; ja, wenn er sie selbst tödtet, so ist doch die Strafe, die er dafür zu leiden hat, sehr gering. Den Tod dagegen hat jedoch schon das Kind zu erdulden, das seine Eltern nur schmäht oder schimpft. Die schon früher erwähnte Todesart, das In zehntausend174 Stücke schneiden" wird, wie schon gesagt, nur für die fürch terlichsten Verbrechen, zu denen der Kaiser von China vorzüg lich Rebellion rechnet, angewandt. Man darf die Ausübung dieser Strafe aber nicht wörtlich nehmen. Wie ich gehört habe, bindet man den Unglücklichen fest an einen Pfahl, zieht ihm dann die Stirnhaut über die Augen und zerhaut seinen Körper mit Säbeln, wonach er der Brutalität der Menge übergeben wird. Was die Krankheiten der Chinesen anbetrifft, so unter scheiden sich diese wenig von denen anderer Völker; nur einige haben sie, die bei uns seltener Vorkommen, wie z. B. die Elephantiasis, eine der Südsce mehr angchörige Krankheit. Die chinesischen Aerztc wären aber auch wirklich nicht auf außerordentliche Fälle vorbereitet, denn gänzlich unkundig der Anatomie, sind sie nicht im Stande, den Lauf der Krankheiten zu beurtheilen; schon die ganze Art wie sie die Krankheiten classifizircn, beweist das; sie thcilen sie nämlich in Innere und Aeußere, d. h. wie sie verstehen, in solche, die im Innern des Körpers ihren Ursprung haben, und in andere, die nur von äußeren Einflüssen, wie z. B. Erkältung herrühren. Ihre Merkmale sind dabei charakteristisch und das Auge spielt eine sehr bedeutende Rolle. Ist roth, so kommt die Krankheit aus dem Herzen, ist weiß, aus der Lunge, wenn grün, aus der Galle, wenn gelb, aus der Einbildung, wenn schwarz, aus den Nieren, und wenn von einer gelblichen, nicht zu beschrei benden Färbung mitten aus dem Leibe. Wie überhaupt die Farbe bei den Chinesen eine große Rolle spielt, so beurtheilen sie sogar ihre Mcdicincn danach. Alle Mcdicamcntc also, die grün aussehen, werden der Pflan-175 zcmvclt zu ge sch rieben und wirken auf die Leber; die rothen gehören dem Feuer und wirken auf das Herz; die gelben gehören der Erde und wirken auf den Magen; die weißen als Metall auf die Lunge und die schwarzen Arzneien, dem Wasser zugehörig, übe ihren Einfluß auf die Nieren aus. Eigenthümliche Heilmethoden haben dabei ebenfalls. So wird z. B. das Blut eines Aals dem Kranken in die Augen geträufelt, wenn diese durch die Blattern geschlossen sind; in manchen Fällen stechen auch Nadeln in die Haut mnd lassen sie dort eitern, und Pechpflaster, auch cin Matroscn- mittel, wird für Rheumatismus angewandt. Das durch die Engländer bei Canton errichtete Hospital möchte jedoch seinen segensreichen Einfluß auf die Chinesen ausüben, denn schon jetzt drängt sich dort das Volk in Schaa- ren herzu, und die Bewohner des himmlischen Reichs sind viel zu klug, um nicht solche Sachen den Fremden abzulernen, die für selbst von höchster Wichtigkeit sein müssen. Möglich wäre also, daß gerade durch die Arzneikunde den Euro päern noch am ersten Eintritt in das himmlische Reich ver- stattet würde.Vierundzwanzigstes Kapitel. Wohl natürlich ist cs, daß cin, uns so fern gelegenes Volk, das überhaupt in seinem ganzen Wesen bis setzt so ab geschlossen gelebt hat, Manches und Vielerlei für den Euro päer haben muß, was ihm auffallend und außerordentlich erscheint. Noch verstärkt wurden in frühern Zeiten die aben teuerlichen Gerüchte, die sich über das Land verbreiteten, durch das Geheimnißvolle, was über ihm schwebte, und es läßt sich auch leicht erklären, daß sich das Volk einen wunderlichen Begriff von Leuten machen mußte, die es nur aus Abbildun gen an Theekisten kannte. Nun haben sie allerdings viel Eigenthümlichcs und für uns Sonderbares, den für sie kann man das nicht sonder bar nennen, was bei ihnen ganz in der Ordnung erscheint. So arg aber wie die Sache gemacht wurde, ist sie kaum, und wenn sich auch anders kleiden und zu einer andern Race gehören, wenn sich gegen ihre Oberen ein paar Zoll tiefer bücken, und überhaupt die meisten Sachen auf eine Art und Weise thun, wie wir bei uns nicht gethan finden, so ist das177 eben nur ein Beweis, dap es anders ist wie Lei uns, nicht etwa, daß es wunderlich ist, denn sonst könnten wir uns auch eben so gut darauf verlassen, daß die Chinesen Alles wunder lich finden würden, was wir thun, und doch gießt es gewiß Tausende von Europäern, die stolz in dem Glauben sind, nie in ihrem ganzen Leben etwas Wunderliches gethan zu haben. Als in die Skizzen gehörig will ich hier etwas von dem Leben und Treiben der Chinesen schildern, und der junge Leser mag sich von selbst seine Meinung danach bilden. In China wird die Brautwerbung mehr wie ein Händel betrachtet, wie denn überhaupt dort die Frau in weit gerin gerer Achtung steht, als bei uns. Selten wird aber eine Hcirath vollzogen, ohne vorher zur Astrologie und Wahrsagekunst Zuflucht genommen zu babcn, durch welche auch, sobald sich alles glücklich vereint, der Hoch zeitstag bestimmt wird. Der junge Mann trägt nun einen ftharlachrothcn Busch, als Zeichen der Freude seines Herzens, und die junge Dame wechselt in etwas die Art ihrer Kleidung und flechtet die Zöpfe anders. Unter den Hochzeitsgeschcnkcn, welche die Freunde brin gen, spielen wilde und zahme Gänse eine bedeutende Rolle, denn sollen Treue und häusliche Tugend bedeuten; ja das Bild einer Gans wird sogar oft in einer Hochzeitsprozession voraus, die Braut dagegen mit Musik und bunten Laternen auf einem Sessel hinterher getragen. Die Prozession dabei rich tet sich ganz nach dem Rang der Brautleute. Wunderlich sieht cS übrigens dabei aus, wie mit dem Zuge die Hochzcits- gcschcnke getragen werden, und nicht allein die leblosen, son der auch die lebendigen, so daß hinter Musik und Braut her, 12178 hinter den zierlich geschmückten Sänften der Gäste nd den Baldachinen, irgend ein fettes Schwein, zwar im Käfig, ganz ehrbar die Prozession mitmacht und nur manchmal quietschend und grunzend, bald auf diese, bald auf jene Weise hinaus starrt. Nichts kann die Ehrfurcht übcrtrcffc , welche die Chine sen für den Verstorbenen hegen, besonders für die Leichen ihrer Eltern. Keine Mühe spart aber selbst der Aermstc, sich während seiner Lebenszeit ein kostbares und dauerhaftes Holz zu seinem Sarge zu verschaffen. Ccdcr, oder irgend ein ande res wohlriechendes Holz wird dabei vorgezogcn, und die letzte Ruhestätte deS Todtcn, besonders bei den Reichen, auf das kostbarste ausgcschmückt. Kaum stirbt der Vater irgend einer achtbaren Familie, so versammeln sich seine Kinder und Enkel, denn die Todesnach richt wird augenblicklich durch einen Boten ausgetragcn und ein Täfelchen an die Thürpfosten gehangen, das Name, Alter und die bekleideten Ehrenstellen des Verstorbenen trägt. In grobes weißes Zeug gekleidet, die Traucrtracht der Chinesen, mit einer gleichen Binde um de Kopf, sitzen die Leidtragenden um die Leiche her, und der vorher sorgfältig gewaschene Leichnam wird nun in seinen kostbaren Sarg gelegt, in welchem unten ungelöschter Kalk liegt. Auch hier begleitet ihn wieder eine ähnliche Tafel, die Auskunft über ihn gicbt. Eine Cercmonic geht diesem noch voraus, die dem ältesten Sohne in der Erbschaft einen gewissen Vortheil erlaubt. Das Wasser nämlich, womit die Leiche gewaschen wird, muß gekauft sein, und dies zwar bei des ältesten Sohnes Sohn, im179 Vorzug zu tont zweite Sohn. Geschieht das, so kann der Aclteste einen doppelten Theil der Erbschaft beanspruchen, geschieht das nicht, so wird gleich gethcilt. Das Wasser kaust der Träger dadurch, daß er zwei Kupfermünzen in den Teich oder Brunnen wirft, aus dem er genommen. Der Sarg wird nun luftdicht verschlossen und alle Spal ten mit einer Art Cement verklebt; aber erst nach ciuuud- zwanzig Tagen, am dreimal siebenten Tage, findet die Bei setzung statt, wobei mau die Leiche mit einer wirklich trauri gen Musik begleitet. Das Instrument dabei ist eine Art Sackpfeife, wozu eine Trommel in abgemessenen Pausen drei dumpfe Schläge giebt. Die Kinder und Verwandten beider Geschlechter folgen in ihren weiten Gewändern, ohne jedoch dabei eine bestimmte Ordnung zu beobachten. Die Form des Grabes, ob groß oder klein, ist stets die eines griechischen Omega, und vor ihm werden, gleichsam zum Gebrauch der Verstorbenen in jener alten Welt, Kleider ver brannt : in sehr lobcnswerthcr Sparsamkeit aber zerstört man nicht wirkliche Kleider auf diese Art, sondern schneidet solche so wie auch Geldstücke aus Papier aus. Nach dein Bcgräbniß, das mit sehr vielen Cercmonicn stattfindct, kehrt dann die Familie mit der Namcnstafcl des Verstorbenen in Prozession wieder zurück. Tie Chinesen trauern drei Jahre um Vater oder Mutter und während dieser Zeit schließen sich öfters ab und beten und legen sich Büßungen auf. Die Chinesen sind Freunde von Festlichkeiten, obgleich sie wirkliche Feste nur wenige haben; die wenigen werden daun aber auch natürlich mit aller nur möglichen Pracht begangen, 12 *180 und t’cv allen andern zeichnet sich besonders das Fest der La ternen aus, das am fünfzehnten Tag des ersten Monats in allein Glanze stattfindct. Dies ist auch nicht etwa ein Schau spiel, das sich auf irgend eine bestimmte Stadt oder Gegend beschränkt; nein, zu gleicher Zeit, in einem Moment fast, durch jede Provinz und Stadt, durch jedes Dorf, in jedes ein zelne Haus dringt cs, und mit dem Feucrstrahl gießt sich auch Freude und Lust alle Herzen. Hier, in diesen Laternen, zeigt sich aber auch ganz der originelle, Wunder liebende und groteske Charakter der Chi nesen. Alle möglichen Materialien werden hcrvorgesucht, Laternen zu verfertigen, und alle möglichen Gestalten, die sich nur im entferntesten Sinne zu einer Laterne verwenden lassen, müssen den Erfindungsgeist ihres Eigenthümers bewähren. Manche sind ganz klein und zierlich von Glas, Horn, ja von Perlmutter, andere dagegen von Papier, Baumwolle oder Seide, und zwar oft in so ungeheurer Größe, daß nicht selten mehrere Menschen dazu gehören, im Gleichgewicht zu halten. Gar häufig bringen auch in diesen ballonartigcn,La ternen bewegliche Figuren an; galloppirende Reiter, fliegende Vögel und dergleichen, was sie durch aus Papier geschnittene Gestalten und den Luftdruck des zu ihnen aufsteigcndcn heißen Dampfes möglich machen. Sehr phantastisch und hübsch sehen die chinesischen Laternen dabei aus, zum wirklichen Gebrauch passen aber weniger, da zu sehr mit Schmuck überladen sind und dann auch aus undurchsichtigen Stoffen bestehen. Im ersten Monat wird ebenfalls ein Fest gefeiert, das einen cigcnthümlichen Charakter hat. Gruppen von Leuten181 sammeln sich an einem bestimmten Abend bei Sonnenunter gang oder Mondesaufgang auf den freien Plätzen oder öffent lichen Terrassen, oder in ihren eigenen Gärten und Grund stücken und suchen etwas, was sie wohl kaum so bald, finden möchten. Es wird nämlich für ganz fest und allgemein angenommen, daß sich an diesem Abend nichts weniger als ein Hase im Mond zeigt. Vorher, wahrscheinlich um sich ihr nutzloses Warten ein wenig zu versüßen, werden sogenannte Mondkuchcn hcrumgcschickt, auf welchen die Umrisse eines Hasen mit Mandeln oder Nußkernen, oder auch mit Zucker angegeben sind, und diesen Kuchen ißt man während man sich der schönen Nacht erfreut, den Hasen sucht, und beim Schall der Musik, die überall ihre wunderlichen Weisen spielt, spazieren geht. Das Hauptfest der Chinesen ist jedoch das Neujahr. Am Sylvesterabend sitzen sie zusammen, durch Gebete sich auf das nächste Jahr vorzubereiten. Kaum verkünden aber die Töne des Cong s Mitternacht, als auch wahres Pclotonfcucr von Schwärmern den raschen Ucbergang vom Ernst zur Freude verkündet. Früh am Morgen des erste Tages strömen die Andächtigen in ihren besten Anzügen zu den verschiedenen Tempeln, auch sucht man Bekannte und Freunde auf und überall werden Begrüßungs - und Freundschaftsvcrsicherungcn gewechselt. Charakteristisch sind die Gratulationskartcn, die, unfern Neujahrswünschcn gleich, an diesem Tage umhcrgcschickt wer den, denn sie tragen einen Holzschnitt, der die Sachen darstellt, welche das größte Glück eines Chinesen ausmachcn: einen männ lichen Erben, eine Anstellung oder Avancement in einer Anstel-182 lung, und langes Leben. Diese sind dargestellt durch die Figur eines Kindes, eines Mandarinen und eines Greises, neben dem ein Storch steht, da der Storch das Symbol des Alters ist. In den ersten drei Tagen würde dabei nicht allein Unglück bedeuten, sondern sogar sündhaft und verbrecherisch sein, irgend eine Arbeit vorzunehmen, die nicht zu den näch sten Bedürfnissen des Lebens gehört. Besuche und Geschenke werden ebenfalls gewechselt und in jedem Hause wird der Besuchende mit Thce und Betel em pfangen, wie er in Indien und auf den östlichen Inseln benutzt wird. Da Ihr aber auch vielleicht nicht wißt, was mit dem Betel für eine Bewandtniß hat, so möchte ich darüber lieber erst ein paar Worte sagen. Der Betel ist ein Gewächs Ostindiens mit langen und scharf zugespitztcn Blättern, diese dienen wegen ihres bittern Geschmackes und ihres rothcn Saftes zur Bereitung einer Mischung, die aus Tabaksblättcrn, gelöschtem Kalke, Arckanuß und einigen Gewürzen besteht und Betel genannt wird, wel chen Männer und Weiber von allen Ständen in einer Büchse bei sich führen und häufig kauen. Ehemals glaubte mau, durch das Kauen werden die Spei cheldrüsen und Verdauungswerkzeuge gestärkt und durch die dadurch verminderte Hautausdünstung der Schwächung vor- gebeugt, welche in heißen Ländern aus der zu häufigen Aus leerung des Schweißes zu entstehen pflegt; doch ist das nicht der Fall, und das Betelkaucn gehört nur zu jenen unnatür lichen Genüssen, die durch Gewöhnung an absoluter Schäd lichkeit verlieren. Das Kauen des Betel färbt den Speichel183 rolh unt hat einen nachtheiligen Einfluß auf die Zähne, so daß oft Mensche von 25 Jahren ganz zahnlos sind. Viele Schiffsladungen davon werden aus Malaga, Bata via und Cachmirchina dahin geführt, und die Nuß unge heurer Menge von den kleinen Krämern auf den Straßen feil- geboten. Nicht allein die Nuß, sondern den ganzen Bolus, Betel, Kalk und alles mit einem Faden oder Strohhalm um wunden bieten Fruchthändler überall auf de Straßen, fertig, um es sogleich den Mund zu stecken, feil, so daß jeder Vor übergehende, vorzüglich Leute, die von der Arbeit kommen oder dahin gehe , nur zwei Tnng-thien, deren sechs bis sie benhundert auf einen Piaster gehen, auf den flachen Korb des Verkäufers hinzulegen braucht, und dafür einen Bolus mit Betel-Arek oder ein Stück Wassermelone oder andere Frucht der Jahreszeit nehmen kann. Wirkliche Feste haben die Chinesen sonst nicht viel. Am fünften Tag des fünften Monats sind bei Canton die berühm ten Bootwettfahrten und am ersten Tage des siebenten Mo nats feiern sie eine Art Todtenfest.Fünfundzwanzigstes Kapitel. Der erste Naturalist, der das himmlische Reich besucht zu haben scheint, war Peter Osbeck, der 1750 als Kaplan eines schwedischen Ostindienfahrcrs nach Canto ging und dort so viel Forschungen anstcllte, als ihm der geringe Raum zu machen gestattete, den er betreten durfte. Er hatte dabei zugleich den großen Vortheil ein Zögling des großen Linnä zu sein, und Umstände kamen noch dazu, die ihm gestatteten mehr von der Umgegend anzusehcn, als seine Vorgänger. Späteren Gesandtschaften wurden ebenfalls Naturalisten mitgegeben, und man ist in neuerer Zeit mit der Pflanzenwelt Chinas ziemlich vertraut geworden. Sämmtliche Pflanzen Chinas tragen übrigens mehr den Anstrich einer gemäßigten als tropischen Zone. Doctor Clarke Abel, ein sehr wissenschaftlich gebildeter Mann, ging mit der Gesandtschaft des Lord Amhcrst als Arzt und Naturalist nach China. Eine sehr werthvolle Sammlung aber, sowohl botanischer als zoologischer Eremplare, ging mit185 dem Schiff Alccstc, welches scheiterte, unter; auch dreihundert Päckchen Samen von manchen in Europa gänzlich unbekannten Arten sanken zum Meeresgrund. Zu den wichtigsten Bäumen Chinas gehört der Kampher- baum, der manchmal zwanzig Fuß im Umfang hat; dann der Mo-wang oder König der Wälder, dessen Holz dem Ro cn- holz gleicht. Der Nanmo, eine Ceder, die nur für kaiserliche Wohnungen und Tempel gebraucht wird; der Cro-ton, von dem man eine Art Talg gewinnt; der Thie-shoo, ein Busch, dem eine Art feiner Firniß entfließt. Dann der Maulbeer baum, so wichtig für die chinesische Seidcnzucht, und der Bam bus ; vor allen andern aber die Thccpflanze, das erste Pro dukt eigentlich, das uns von China zugekommen ist. Ich werde mich über sie deshalb auch am Weitläufigsten aus- sprechen. Es sind setzt fast zwei Jahrhunderte seit der Thcc zuerst in England und zwar durch die holländisch-ostindische Com pagnie eingeführt wurde. In damaliger Zeit gehörte dies Gewürz noch zu den Kostbarkeiten und nur wenige Pfunde waren cs, welche die ersten Schiffe mitführten. Jetzt ziehen jährlich ganze Flotten nach China und kehren mit Thce bela den zurück. Die Thccpflanze aus China oder Japan, wahrscheinlich aus Beiden, wird von den Eingeborenen beider Länder schon seit undenklichen Zeiten benutzt. Nur in einem ücsondcrn Thcil des chinesischen Kaiserreichs wird die Pflanze cultivirt dieser liegt am östlichen Ufer und zwischen dem 30. und 40. Grad, und heißt auch vorzugsweise der Theedistrikt. Einzelne Plantagen befinden sich auch bei Canton.186 Große Sorgfalt wird dabei auf die Anpflanzung verwendet, noch größere aber auf das Einsammeln der Blätter; die Jah reszeit sowohl, in der diese gepflückt, wie die Art, auf welche sie getrocknet werden, bestimmt großeuthcils die verschiedenen Sorte Thee. Es gicbt zweierlei Arten, schwarzen und grünen, d.h.dcr grüne ist nicht etwa ein anderer Thee wie der Theescene. schwarze, sondern das Trocknen der Blätter selbst macht den Unterschied und das Sammeln in den verschiedenen Jahrcszei- tcn bestimmt den Werth. Die ersten zarten Schößlinge geben natürlich auch de besten Thee und dies ist der sogenannte Peccoc; dann kommt der Suchong und die letzte also die schlechteste Ernte ist der Bohca. Bohea ist Tacca und bedeutet187 großer Thee, Souchong bedeutet Seaouchung, kleine oder sel tene Art, Pcceoe bedeutet Pakhoo, weiß und fein. Außerdem, daß nun der jüngere Thee besser ist, als der ältere, so wird auch selbst aus dem jünger der Beste, der sogenannte Haysan, ausgesucht, von dem man jedes Blatt ein zeln mit Sorgfalt rollt; selbst aus diesem Haysan sucht man nachher noch die bcstgerolltcn Blätter, die jedoch an Güte natürlich dein übrigen nicht nachstehen, und dies ist der Perl oder Gunpowderthcc. Beim schwarzen und grünen Thee wird Feuer angewandt ihn zu trocknen. Der schwarze wird aber nicht mit der Hand gerollt, sondern kräuselt sich blvs durch die Hitze und das sind nur Märchen, baß mau den grünen Thee auf Kupfer und Messing trockne und daß ihm der Grünspan seine Färbung gebe. Eisenpfanncn werden zu beide benutzt. Beim Verpacken des Thecs wird der grüne sorgfältiger behandelt als der schwarze; da man ihn blos in die Kisten schüttelt, um seine Blätter nicht zu zerdrücken; der schwarze dagegen wird cingctretcn. Welche Unmasse von Thee in China gebaut werden muß, könnt Ihr daraus abnchmcn, daß allein nach England jährlich 48 Millionen Pfund verschickt werden. Die Chinesen trin ken ihn ohne Rahm und Zucker. Eine andere Pflanze, die in China von größter Wichtig keit ist, weil einen gar nicht unbedeutenden Thcil des Vol kes ganz ernährt, ist der Reis, der entweder auf das Wasser oder auf den Schlamm gcsäct und nachher übcrgepstanzt wird. Reis verlangt aber nicht allein einen fruchtbaren, sondern einen feuchten, fast nassen Boden, obgleich man auch eine Art188 hat, die auf trockenem Grunde recht gut gedeiht. Wenn der Reis, der sonst Aehnlichkeit mit unserem Getreide hat, reif ist, wird er größtcntheils ausgeschüttelt, und das, was sich nicht ausschütteln läßt, später gedroschen. Auch gelbe Baumwolle wird in großer Masse gezogen und aus ihr das berühmte Nankingzeug bereitet. Die Seide ist ein anderes Produkt, das in großer Quan tität aus China erportirt wird, und um den Scidenwurm mit hinlänglicher Nahrung zu versehen, verwendet man große Sorgfalt auf die Zucht der Maulbeerbäume. Der Hauptzweck bei diesen ist, so viel als möglich gesunde Blätter und wenig Früchte zu erhalten, die den Blättern den süßen Saft entziehen würden. Der Boden für diese Maul- beeranpflanzungen muß sehr gut gedüngt und die Pflanze überhaupt sehr achtsam gepflegt werden. Auch das Ziehen der Seidenwürmer erfordert Leute, welche die Lebensart dieser zarten Thierchen aus das Genaueste kennen, denn die Würmer müssen reinlich, ruhig und von starken Gerüchen entfernt gehalten werden. Ihre Nahrung bekommen auf Flechtwcrk hingestreut.Sechsilndzwanzigstcs Kapitel. Ein Land, das so dicht bevölkert ist wie China, kann wenig wilde Thicre haben. So findet sich denn auch höchst selten hier, und zwar in den südwestlich gelegenen Ländern von Uun-man, der bengalische Tiger, obgleich dieser wilde Bursche im ganzen Lande sehr gut bekannt ist und in vielen Erzählungen eine bedeutende Rolle spielt, ein Zeichen wenig stens, daß er früher weiter verbreitet gewesen. Um Canton herum, und auch von da in den nördlicher gelegenen Provinzen, weiß man nichts von ihm. Der Löwe dagegen ist bei den Chinesen fast ein fabelhaf tes Thier; Bären jedoch finden sich in den noch bewaldeten Theilen sehr häufig, besonders nördlich von der großen Mauer. Tic südlichen Thcilc Chinas sind übrigens der Aufenthalts ort eines kleinen Raubthicrs, einer Art wilden Katze, die jedoch von den Chinesen sehr geachtet wird, denn halten für eine der größten Delicatcsscn und mästen sie noch beson ders vorher in Käsigen.190 Rhinozeros sind auch hier und da, aber auch nur selten; wilde Schweine schon mehr, Wölfe, Füchse, Hirsche, Ziegen Affen dagegen in großer Anzahl. In der Provinz Fo- kieng sind die Einwohner auch in einer nicht unbedeutenden Angst wegen einer Affenart. Sie behaupten nämlich, daß dort ein Geschöpf cristire, das einem Menschen gleiche, aber wie die Affen, am ganzen Körper behaart sei, sehr lange Arme habe und einzig und allein von Mcnschcnflcisch lebe. Um sich nun seiner Beute zu versichern, soll sich in den Hinterhalt legen und ein lautes Gelächter ausstvßen, den Nähcrkommen- dcn aber plötzlich überfallen und erwürgen. Allerdings mögen häßliche alte Orang-Utangs genug dort herumkricchcn ; so wunderliche Sache China aber auch hcrvorbringt, men- schcnfrcffcndc Affen sind nicht darunter. Eine der mcrwürdigstcn Affenarten ist der Donc oder kochinchincsische Affe; er hat ein orangefarbenes Gesicht mit gelben Haarbüscheln an beiden Seiten, schwarze Hände und Schenkel, hcllrothe Beine eine weißen Schwanz. Luchse, Leoparden Stachelschweine finden sich eben falls in China, gleichwie gelbe Ratten, Feldratten, Ratzen, Eichhörnchen, Hasen und Kaninchen; doch eines noch bleibt mir zu erwähnen und zwar das größte von Allen: der Ele- phant, der eine keineswegs unwichtige Rolle in China spielt. In Indien verwendet man ihn, wie Ihr wahrscheinlich schon wissen werdet, zum Lasttragcn, ja in neuerer Zeit sogar zum Ziehen; das ist aber in China nicht, wenigstens nicht allgemein der Fall. Gewöhnlich benutzt man Elephanten hier nur dazu, die Pracht kaiserlicher Größe zu erhöhen und zu vermehren. Schon zu Marco Polo s Zeiten (der erste Rci-191 fcnbc, der über die indischen Küsten genauere Auskunft gege ben), wo von dem großen Khan das weiße Fest gefeiert wurde, verwendete man Elcphanten zu einer ungeheuer Prozession. Marco Polo, der von dem Khan spricht, sagt: An diesem Tage war cs, wo alle seine Elcphanten, die sich auf fünftausend beliefen, in einer Prozession gezeigt wur den. Weite Teppiche hingen über ihre Rücken und das kost- Das Kameel. bare Tuch derselben war mit goldenen und silbernen Figuren von Vögel und Thicrc gestickt." Fünftausend Elcphanten auf einem Fleck, das klingt fast, als ob der Kaiser von China ganz Ceylon geplündert und zu diesem Plündern lauter Simson s gehabt hätte, der ja doch auch in alten Zeiten fünfhundert Füchse fing; doch wie dein auch fei, ob nun fünftausend oder fünfhundert waren, auf jeden Fall beweist cs, daß schon damaligen Zeiten die Kaiser192 von China dies prachtvolle Thier zu ihren Umzügen be nutzten. Nach dem Elcphanten möchte ich erst das Kamccl erwähnen, denn es gehört zu den Thim. , die den Chinesen einen nicht unbedeutenden Nutzen gewähren. Die backtrischc Racc, das zweihöckrige Kamccl, wird übrigens fast allein verwandt, der cinhvckrige Dromedar soll nur sehr selten sein. Von dem arabischen unterscheidet sich dadurch, daß kürzere Beine hat als dieses; auch sein Hals ist etwas dicker und kürzer. Zn schnellen Reisen eignen sich diese Thiero besonders, und die Chinesen haben der schnellsten Race derselben den Namen Tong-ky-fo oder Kamccl imr Windfüßen gegeben. Die chinesischen Pferde stehen aber den arabischen gewaltig nach; sind nicht so stark und groß und sehen auch ärmlicher und unansehnlicher ans. Es soll auch eine weißgcflccktc Art von Poncys dort geben, die oft auf chinesischen Bildern dargcstcllt werden. Esel und Maulthicrc sink dagegen im Norden des Kaiser reichs sehr gewöhnlich; die Maulthicrc sind auch von ziemlich starker und guter Art und sollen besser zur Arbeit zu vcrwcu- den sein als die Pferde. Das am meisten verbreitete Thier in China, was zum Lebensunterhalt der Menschen dient, ist das Schwein. Schweinefleisch scheint auch, wenn man alles- mögliche Gewürm abrechnet, die einzige animalische Nahrung zu sein, die ein armer Chinese zu genießen bekommt, und selbst bas wird noch manchmal als die billigere Kost, durch gesalzene Fische ver drängt, um diese mit Reis gemischt zu essen. Wilde Schweine finden sich nur an dxn westlichen und nördlichen Grenzen,TRACHAU to. D r e China. TRACHAU193 denn wo das Land so cultivirt ist, wic im eigentlichen China, da können diese Saaten-Vertilger nicht geduldet werden. Hirsche gicbt von verschiedener Art, besonders eine gesteckte, welche die Chinesen manchmal zähmen. Von einem dieser Hirsche, dem Moschus-Hirsch, erzählt man sich, daß er von Schlangen leben solle, was aber wohl kaum wahrschein lich wäre. Der Dhcrcn oder die chinesische Antilope ist ein flüchtiges, schönes Geschöpf und hält sich besonders an den Grenzen der mongolischen Tartarei auf; die Chinesen nennen sie Huang- yang, die gelbe Ziege. Die chinesischen Schafe gehören der langgcschwänzten Art an, die in Afrika so häufig vorkommt. Da die Chinesen selber nie Milch gebrauchen, so findet man nur bei Canto und Macao Kühe, und vielleicht die kleinste Qlrt des ganzen Rindcrgcschlcchts, manchmal kaum größer wie ein Esel und zu gleicher Zeit von symmetrischer zierlicher Bauart, selbst ohne den Hocker, der dem indischen Rindvieh sonst eigen ist. Der Büffel, den dazu verwenden ihre Reisfelder zu pflügen, ist ebenfalls von kleiner Art mit einem Fell von dunkler Schieferfarbe und nur sehr spärlich mit Haaren bedeckt. Er hat übrigens all die sonstigen Gewohnheiten seiner Racc und sucht sich im Sommer von den Fliegen, die seine haarlose Haut quäle , dadurch zu schützen, daß er sich bis an die Nase in den Schlamm hineinwühlt und darin herumrollt, bis er mit einer förmlichen Kruste überzogen ist. Die Chinesen verwenden jedoch nur zum Ackerbau und 13194 benutzen nie ihr Fleisch; ein Gebrauch, der sich wahrscheinlich von den Religionslehren der Buddhisten herschreibt. Damals als Kublai über China herrschte, muß es Unmas sen von geflügelten Bewohnern der Lust gegeben haben, denn bei seinen Falkenjagden soll die Zahl seiner Begleiter sich oft auf zwanzigtausend belaufen haben. Adler stießen dabei auf Wolfe, und Schwäne, Kraniche, Fasanen und Rebhühner gab im Uebcrfluß. China ist übrigens noch jetzt seiner Fasa nen wegen berühmt, von denen die Gold - und Silberfasanen wohl die herrlichsten ihrer Art sind. Der wunderlichste von diesen ist eine Art, dessen Schwanzfedern fast sieben Fuß lang werden; eben so findet sich der Paradiesvogel und Pfau wild. Die Mandarin-Ente ist gleichfalls ein eigenthümlichcs Geschöpf, das auch mehr auf den Bäumen als auf dem Wasser sich aufhält; Nachts wenigstens stets, wie das übrige Geflü gel, aufbäumt. Ein Vogel jedoch verdient hier besondere Erwähnung, den die Fischer sehr häufig zum Fischfang benutzen; es ist eine braune Pelikanart mit weißer Kehle, der Körper ein schmutzi ges Weiß mit braun gesprenkelt, der Schwanz rund und der Schnabel gelb. So lange sie fischen, tragen sie einen kupfer nen Ring um den Hals, damit das, was fangen, nicht verschlingen können, und erst, wenn der Fang vorbei ist, wird ihnen dieser Ring wieder abgcnommcn. Manche sollen jedoch auch so gut gezogen sein, daß des Ringes nicht einmal bedürfen. Schildkröten und Schlangen gicbt es in manchen Gegen den im Ucberfluß; die ersteren wachsen oft zu ungeheurer195 13 * Größe an und werden von reichen Leuten nicht selten zum Vergnügen im Garten gehalten. Einige der Schlangenarten sind ungemein giftig, besonders die Pak-y-hak-schlange; sie wird höchstens drei Fuß lang und kommt aus kleinen Flüssen herauf in die Häuser gekrochen. Wie die meisten Schlangen liebt sie sumpfige Stellen und flüchtet, wird verfolgt, augenblicklich ins Wasser. In den Reisfeldern cristircn sehr viele und auch sehr giftige Gattungen von Schlangen. Die Chinesen erzählen auch noch von fürchterlichen, zehn Schritt langen Schlangen mit Tigcrklaucn und entsetzlich wei tem Rachen; das sind aber wahrscheinlich Krokodile oder Alligatoren, die damit meinen. Cristircn müssen aber wohl, denn sie legen dort, wo ihre Spuren finden, lange Stücken Holz mit scharfen Stacheln bewehrt ihn ihren Pfad, und behaupten, daß ihr eignes Gewicht hincindrücke.Sieben ,rdztvanzigstes Kapitel. Die Chinesen, neben den vielen andern wunderlichen Sitten, die haben, führen auch eine Art Censnrbnch über verdienstliche und tadelnswürdige Eigenschaften, so daß Jeder, der da wissen will, wie er gehandelt hat, den eigenen Werth seiner Handlungen erkennen kann. Um dem Leser einen ungefähren Begriff hiervon zu geben, will ich hier einige Sätze davon anführcn. Verdienste. Verhältniß des Lobes. Eine Frau vor Leidenschaftlichkeit zu bewähren für einen Tag 1 Eine Frau am Zanken zu verhindern . für jedesmal Sie zu lehren, reinlich in der Küche zu sein für jeden Tag l Sie zu verhindern, ins Theater zu gehen . für jedsmäl 5 Sie zu lehren, Sklavinnen freundlich zu behandeln do. 20199 Sic zu lehren, sich mit ihren Verwand ten zu vertragen für jedesmal 50 Sic zu lehren, tugendhaft und gütig zu sein do. 100 Fehler. Verhältnis; des Tadels. Einer zweiten Frau zu erlauben, die Kinder der ersten schlecht zu be handeln für einen Tag 1 Einer Fra zu erlauben, müßig zu gehen do. 2 Einer Frau zu erlauben, daß zankt . Io. 5 Sie ins Theater gehen zu lassen . für jedesmal 10 Sic Sklavinnen schlecht behandeln zu lassen do. 30 Einer Frau zu erlauben, sich über ihren Mann zu stellen do. 100 Verdienste. Verhältnis; des Lobes. Jemand zu speisen, der sich nicht selbst ernähren kann . für jeden Tag 1 Eine leichte Krankheit zu heilen . . für jedesmal 3 Einen Menschcnknochcn zu begraben io. 10 Eine schwere Krankheit zu heilen . Jo. 30 Einen schlechten Menschen zu bessern do. 50 Ein Menschenleben zu retten do. 100 Fehler. Verhältnis des Tadels. Wenn ein Reicher eines armen Mannes spottet für jedesmal 1198 Einem Unglücklichen nicht zu helfen . für jedesmal 20 Einen öffentlichen Brunnen zu beschä digen üo. 30 Ein Grab zu zerstören do. 100 Verdienste. Verhältnis; des LobcS. Ein Schwein, Schaf, eine Gans oder Ente vor dem Tode zu bewahren . für jedesmal 1 Dcsgl. mit einem Hund, Esel, Ochs oder Pferd do. 20 Fehler. Verhältnis; des Tadels. Vögel in einen Käfig zu sperren . . für jedesmal Zehn Insekten umzubringen . . . do. Vogelnester zu zerstören .... do. 20 Heimlich einen Ochsen oder einen Hund zu schlachten do. 100 Obgleich die Chinesen ihre Köpfe schcercn und lange Zöpfe tragen, so wurde doch diese Sitte keineswegs von ihren Vorältcrn beobachtet. Ihre tartarischcn Sieger führten den Zopf bei Todesstrafe ein, und in der Thal zogen manche der alten Söhne Han s vor, lieber zu sterben, als diese Neue rung, einen Zopf, zu tragen. China ist oft durch fürchterliche Erdbeben hcimgcsucht worden. In der Honan-Provinz in Haeuhow erschütterte vor etwa zwanzig Jahren ein solches Erdbeben die Stadt, daß vierhundert und dreißig Personen, Männer und Frauen, dabei zermalmt und fünfhundert und neunzig verwundet wurden. Dieser Erdstoß beschädigte hundert neun und sechzig Städte199 und Dörfer und warf eine Unzahl von Häusern über den Haufen. Ich weiß kaum, ob ich nicht schon erwähnt habe, daß das Wappen des chinesischen Kaisers ein Drache ist, und das Volk jenes Wesen, dessen Symbol dieser Drache sein soll, als den Ursprung alles Guten, wie auch den Erschaffer der Jahreszei ten, des Winds, Regens, Donners und Blitzes halten. Die Gestalt des Drachen erscheint deshalb auch an Bannern und Der (Courier. Tüchern, auf Leinen, Kleidungsstücken und Gemälden. Eine wilde Legende verbindet sich auch mit der Gestalt dieses Dra chen. Man sagt, daß Fo, der die vier und sechzig Symbole erfand, durch einen Drachen angefallcn wäre, der aus der Tiefe der Sec cmporsticg und auf ihn einstürmtc und alle diese Sym bole auf seinem Rücken gezeichnet trug. Des Kaisers Drachen führen fünfklauige Tatzen, die anderer Leute nur vierklauige.200 Beim Reisen gebrauchen die Chinesen Pferde, Tragscsscl und Palankin; nur höchst selten Wagen. Die Reisenden dürfen dabei, größere Städte ausgenommen, keineswegs hof fen, Bequemlichkeiten zu finden. Die Wirthshäuscr, wenn sie überhaupt solch einen Namen verdienen, sind größtentheils nur aus Erde gebaute Höhlen, nicht einmal mit einer Diele zum Fußboden, und will der Reisende Betten haben, so muß er sie sich mitbringen. Die Straßen sind dabei ebenfalls schlecht. Chinesische Couricrc reiten zu Pferde, und wenn das, was sie zu besorgen haben, besondere Eile erfordert, so wird eine Feder an das ihnen anvcrtrautc Packet befestigt. Ein solcher Erpresser wird Fei-ma oder fliegendes Pferd" ge nannt, und legt den Tag über etwa 25 Meilen zurück, wo ihn frische Pferde an den verschiedenen Stationen erwarten. Hohe Sattel werden dabei gebraucht. Bei gewöhnlichen Botschaf ten genügt auch ein gewöhnlicher Bote, schickt aber der Kaiser selber einen Brief, so muß ihn auch ein Mandarin übcrbrin- gen und auf dem Pferde sitzend hat er das Schreiben dann in einer Kapsel auf dem Rücken hängen. Die Missionäre haben bis jetzt wenig in China ausrich- ten können; wohl legten die Jesuiten einen guten Grund, da sie sich nicht zu sehr in die Sitten des fremden Volkes dräng ten. Selbst denen, welche sie bekehrt hatten, gestatteten nocb höchst kluger Weise unschuldige Gebräuche aus früherer Zeit, wie die Gräbcrfeste re. beizubehalten. Unwissende Mönche aber, die in die schon geschossene Bresche drangen, eifersüchtig gegen ihre Vorgänger, machten ihnen eben das201 zum Vorwurf, was sie bis dahin für vorzüglich gehalten hat ten , und verlangten nun von denen, die sie bekehrten, auch unbedingte Anerkennung des Papstes. Dies natürlich lief den chinesischen Gesetzen und dem, was sie von ihrem Kaiser halten, gerade entgegen; die Folgen blieben denn auch nicht ans. Kaum erfuhr man, daß die Fremden beabsichtigten, eine andere Macht noch über ihren Kaiser zu stellen, als man alle christlichen Priester aus dem Lande trieb und von nun an auch selbst die Bekehrten auf das Strengste verfolgte. In neuerer Zeit hat sich jedoch Dr. Morrison durch Uuug Soam Tak, einen Eingeborenen von China, unterstützt, in England mit der chinesischen Sprache beschäftigt, und ist spä ter im Stande gewesen, mit Hülfe des Dr. Milne eine Ucber- sctzuug der Bibel, eine chinesische Grammatik und ein chinesi sches Wörterbuch zusammen zu setzen. So schließe ich denn hiermit diese Skizzen mit der Hoff nung , daß dem Leser eine Stunde Zeit verkürzt haben. Neue Gährungcn zwischen den Chinesen und Engländern, die in letzterer Zeit stattgefunden haben, geben dabei fast die Gewißheit, daß die Zeit nicht mehr fern sein wird, ivo die Engländer, die einmal Chinas Finger erfaßt haben, sich auch die Hand holen werden, und die unausbleibliche Folge wird dann sein, daß nicht allein China den alten Adam auszieht,202 sondern auch wir mit seinem innern Leben und Treiben näher bekannt werden. Gewiß werden sich dann viele neue und interessante Sachen offenbaren, und ich bringe dann vielleicht einen ausführlicheren Bericht über manches, was jetzt wegen Mangel an Quellen nur Skizze bleiben mußte.f^SSm mChina, das Land und seine Bewohner.
