Neues Skizzenbuch : bunte Bilder aus der Natur Vorwort. Die nachfolgende Sammlung bildet den achten Jahrgang einer Jugendbibliothek der Länder- und Völkerkunde, deren Aufgabe es ist, in abgerundeten Auszügen und Bearbeitungen, vornämlich aus der neuesten Reiseliteratur, gleichzeitig der Belehrung und Unterhaltung einen zweckmäßigen und anziehenden Stoff darzubieten. Die günstige Aufnahme, . welche die frühern Jahrgänge*), nicht blos im Kreise jugendlicher Leser, gefunden haben, läßt mich annehmen, daß ich eine der artige Aufgabe bisher nicht verfehlt habe. Möge die gegen wärtige Sammlung dies gleichfalls bestätigen! Die hauptsächlichsten Quellen, denen der Stoff für die selbe entnommen ist, sind folgende: Erinnerungen an Bra silien von F. Ave Lallemant. Lübeck 1854 (der Fischfang in der Bai von Rio de Janeiro). Wanderungen durch die mit telamerikanischen Freistaaten Nicaragua, Honduras und San- Salvador von Dr. C. Scherzer. Braunschweig 1857 (der Ausbruch des Cosiguina). Land und Leute in der alten und neuen Welt, Reisekizzen von Franz Löher. 3 Bde. Göttingen 1855 58 (Culturpioniere im Westen von Nordamerika). Aus Amerika. Erfahrungen, Reisen und Studien von Julius Frö- bel. 2 Bde. Leipzig 1857 (eine Frachtwagen-Caravane auf ihrem Zuge durch die westlichen Wildnisse Nordamerikas Indianer-Häuptlinge). Amerikanische Jagd- und Reiseabenteuer aus meinem Leben in den westlichen Jndianergebieten. Von Ar mand. Stuttgart 1858 (der Tod des Naturforschers). Altes und Neues aus den Ländern des Ostens. Von Onomander**). *) Das Buch der Reisen. Neues Buch der Reisen. Reisebilder. Neue Reisebilder. Skizzenbuch. Panorama. Neues Panorama. **) Der Verfasser dieser vortrefflichen Schilderungen ist der Prinz Frie drich von Schleswig-Holstein, Sohn des Prinzen von Augustenburg-Noer.IV 2 Bde. Hamburg 1859 (ein Tag in Madras der in dische Samponri der Diebsbazar in Kalkutta). Geogra phische Wanderungen von Karl Andree. 2 Bde. Dresden 1859 (eine Wanderung durch Kanton). A Residence among the Chinese. Being a Narrative of Scenes and Aventures during a third visit to China, from 1853 to 1856. By Robert Fortune. London 1857 (die Seidenzncht in China). Die Vereisung Hocharmenien s und Elisabethpol s, der Sche- kinschen Provinz und des Kasbek im Central-Kaukasus von F. A. Kolenati. Dresden 1858 (die Hunde der tatarischen Nomaden das Kameel). Reisen in Südwest-Afrika bis zum See Ngami in den Jahren 1850 1854 von Charles I. Au- dersson. Ans dem Schwedischen von Dr. H. Lotze. 2 Bde. Leipzig 1858 (der Regenmacher bei den Betschnanen). Missions reisen und Forschungen in Südafrika während eines sechzehn jährigen Aufenthalts im Innern des Continents von Dr. Da vid Livingstone. Ans dem Englischen von Br. H. Lotze. 2 Bde. Leipzig 1858 (die rothen, schwarzen und weißen Ameisen in Südafrika). Den Ausflug zur chinesischen Mauer theilte der Pariser Moniteur mit, die offieielle Wiener Zeitung enthielt die Schilderungen der Novara-Expedition (die Niko- barischen Inseln. Land und Leute in Neu-Seeland); die Jagdstreifereien auf Sumatra sind auszüglich der Weser-Zei tung entlehnt, das Rennthier und die Narta dem Magazin für die Literatur des Auslands, der Prairiehund und seine Lebensweise den Petermaun scheu Mittheilungen. Es ver steht sich, daß ich bei einem Buche, welches zunächst für die Jugend bestimmt ist, mit derjenigen Freiheit verfahren mußte, die mir der Zweck desselben, so wie die Abrundung der ein zelnen Aufsätze nothweudig geboten. Der wesentliche Inhalt hat, wie ich hoffen darf, keine Beeinträchtigung erlitten. Berlin, im Juli 1359. ^Inhalt. Amerika. I. Der Fischfang in der Bai von Rio de Janeiro 1 II. Der Ausbruch des Cosiguina 11 III. Die Schlangenverehrung in Westindien 21 IV. Eine Besteigung des Popocatepetl in alter und neuer Zeit . 27 V. Culturpioniere im Westen von Nord-Amerika 41 VI. Eine Frachtwagenkaravane auf ihrem Zuge durch die westlichen Wildnisse Nord-Amerika s 65 VII. Indianer-Häuptlinge 82 VIII. Der Prairiehund und seine Lebensweise 86 IX. Der Tod des Naturforschers 91 Asien. I. Ein Ballfest in Samarang 127 II. Jagdstreisereien auf Sumatra . 133 III. Die Nikobarischen Inseln. 1) Reise durch die Inselgruppe 144 2) Kapitän John, der Häuptling von Saui und die Eingebornen von Kar Nikobar 1 54 3) Die Eingebornen der mittleren und südlichen Inseln, Erlebnisse auf Kamorta und Trinket 166 4) Nikobarische Waldbilder 181 IV. Ein Tag in Madras 196 V. Der indische Sampouri 219 VI. Der Diebsbazar in Kalkutta 225 VII. Eine Wanderung durch Kanton 236VI Seite. VIII. Die Seidenzucht in China 245 IX. Ein Ausflug zur chinesischen Mauer 253 X. Die Hunde der tatarischen Nomaden 259 XI. Das Kamee! 264 XII. Das Rennthier und die Narta 272 Afrika. I. Der Regenmacher bei den Betschuanen 281 II. Das Thierleben auf dem Liambye 290 III. Die rothen, schwarzen und weißen Ameisen in Südafrika . . 296 IV. Eine Station bei den Kik-Negern in Centralafrika .... 303 Australien. I. Land und Leute in Neu-Seeland 311Der Fischfang in der Bai von Rio de Janeiro. ^ie Bai von Mo de Janeiro ist unerschöpflich reich an den schniackhaftesten See-Artikeln jeglicher Art. Am Rande sitzt alles Gestein voll von den delicatesten Austern, deren roher Genuß jedoch dem Brasilianer eine porcaria ist (für unsauber gilt). Dann folgt weiter abwärts der Kreis fleischreicher Niesen krebse, schmackhafter Taschenkrebse und feiner Krabben, letztere an Fleischgehalt oft unfern Flußkrebsen gleichkommend. Dann das Reich der Barsch-, Sandart-, Karauschen-, Murenen-, Schlei- und anderartigen Mittelfische; der seltsamen Gestalten der Klump-, Stern-, Stein-, Tinten-, Horn-, Schwerdt-, Leier fische nicht zu gedenken, die dort gleichfalls ihr Wesen treiben. In der Tiefe der Bai dann die Hecht-, Lachs-, Stöhr-, Karpfen-, Zungen-, Scholl-, Rochen- und sonstigen großartigen Fische, von Haifischen, Hammerhaien, Delphinen, Meerschweinen und Kletke, Neues Skizzenbuch. i2 Amerika. anderen Meer-Ungethümen untermischt. Darüber überall in Schaaren sich drängend das ganze Jahr hindurch der Häring, die tägliche Speise der Neger; und in engen verschwiegenen Felsbuchten riesenhafte Schildkröten, gewaltige Lachsforellen, armdicke Aal-Arten und dergleichen Gourmandien mehr. Der Reichthum ist so groß, daß die hechtartigen beim Aufspringen zuweilen in die Fährböte hineinfallen, ja den Darinsitzenden zu beiderseitiger Bestürzung in s Gesicht stürzen. Die von Seiten der Menschen mangelnde Concurrenz, sich solcher Fülle zu bemächtigen, wird nun aber anderweitig reichlich ersetzt. Außer der auf unterseeischem Markte dem Auge sich entziehenden Concurrenz der Hechte, Haie, Rochen und anderer Grossisten kommen unter den zahlreichen ober- seeischen Concurrenten besonders vier Arten ihres lebhaften Geschäfts-Verkehrs wegen in Betracht, deren eine dem Reich der Säugethiere, die anderen dem Reiche der Vögel angehören. Sie treiben s sämmtlich nicht an gros, wie jene Matadore in der Tiefe, sondern nehmen als bescheidene Detaillisten mit dem kleinen Gewinn der Häringe fürlieb, setzen aber dafür ihre Waare desto häufiger um, und stehen sich dabei nicht minder gut. Besonders zeichnet sich durch Wohlbeleibtheit das Meerschwein aus, das, aus dem Wasser radschlagend und die heiße Lunge mit gewaltigem Pfauchen vokk dem dampfenden Athem entladend, überall nach Beute sich umherwälzt. Nicht minder corpulent freilich nur in Vogel-Format ist die Fettmöwe, deren gewichtige Fonds ihr den Vorzug gestatten, sich aus hoher Luft tief unter s Wasser zu stürzen, von wo sie dann, ihre Beute im Schnabel, wieder auftaucht, den Fang in den Schlund hinabzwängt und sich dann, vermöge ihrer kurzen, vom Wasser nicht gehaltenen Schwingen wieder em-Der Fischfang in der Bai von Rio de Janeiro. 3 porarbeitet. Nebenbei treibt sie auch bloße Speditionsgeschäfte, freilich nur Wider ihren Willen, nur weil die Chancen je zu weilen es so mit sich bringen. Denn wenn sie eben, die Beute im Schlunde, sich zur Höhe emporgearbeitet hat und nun mit raschem Flügelschlage weiter eilen will, dringt nicht selten eine Raubmöwe, deren Schwingen jeden directen Verkehr mit den: Markte verbieten, auf sie ein und bearbeitet sie und ihren Schlund mit Schnabel und Fängen so lange, bis sie ohne die geringste Provision davon zu haben die Beute wieder von sich giebt, die dann im Falle von der Raubmöwe erschnappt wird. Sie kann s indessen verschmerzen, denn das Arbeiten im eigenen Geschäft schlägt ihr so gut zu Buch, daß sie oft vor Ueberladung nicht weiter kann, und sich erschöpft auf einen Felsen setzen muß, wo sie dann mit leichter Mühe von den Fischern ergriffen wird. Der vierte Concurrent ist ein herr licher Fregattvogel, schlanken Leibes, mit schmalen, von einer Spitze zur andern 10 bis 12 Fuß langen Schwingen, gestrecktem Hakenschnabel und gedehntem Gabelschwanz. Er hat einen stolz schwebenden Aristokratenflug, benimmt sich aber beim Ge schäft äußerst linkisch. Da er nämlich, wenn er der Fett möwe gleich in s Wasser hinunterschießen würde, sich vermöge seiner langen Schwingen nicht wieder würde herausarbeiten können, so ist er genöthigt, in einem weiten Bogen aus der Höhe herab über die Beute hinzuschweben, um sie so en pas sant mit dem Hakenschnabel heraus zu langen. Aber sein kurzer Hals will auch so noch nicht zureichen. Er muß sich daher, über die Beute gekommen, zu einem eigentümlichen equilibristischen Kunststück bequemen: er wippt mit dem Schwanz nach unten, bringt sich dadurch kopfunter in senkrechte Schwebe, langt zu, wippt wieder nach oben, und schwebt dann,4 Amerika. die Beute im Schnabel, horizontal weiter, beit Bogen aufwärts fortsetzend. Dieses, den herrlich schwebenden Flug plötzlich unterbrechende Aufkippen des langen mageren Gesellen macht sich überaus komisch, und kein Neger kann den langen Hans", wie er ihn nennt, sein Kunststück machen sehen, ohne in un willkürlicher kindischer Theilnahme das Kopfnicken nachzu machen. Alle vier Concurrenten und die Menschenkinder dazu sah ich einmal von der auf Ponta Cajü, einem weit in die Bai hinausragenden Felseneiland, gelegenen Gartenterrasse in Massen vereint ihr Wesen treiben. Von zwei stattlichen Canoas aus hatten unten an der Terrasse Fischer mit Hülfe ihrer Neger einen so ungeheuren Zug von Häringen in ihrem Netz geschlossen, daß die Masse der Gefangenen sich nicht etwa bloß durch das gewöhnliche dunkle Flossen-Gekräusel an der Ober fläche kundgab, sondern daß sie wie Mondgeflimmer förmlich auf die Oberfläche empor gedrängt wurden. Natürlich war an ein Zusammenziehen des Netzes nicht zu denken. Die Fischer waren genöthigt, es wieder zu öffnen und eine Portion zu entlassen. Die Flüchtlinge stürmten in die Weite, lockten nun aber eine ganze Heerde von Meerschweinen herbei, die, in gewaltigem Pelotenfeuer aufpfauchend, der Quelle zu rad- schlagten und von allen Seiten her das Netz attaquirten. Die Fischer hatten nichts angelegentlicheres zu thun, als ihr Netz zu retten, indem sie mit den Rudern an die Canoas und, als dies nichts half, auf die Bestien selbst losschlugen. Unterdessen ward die herausquellende Häringsschaar von krächzend herbei eilenden Fettmöwen vorgenommen, und plumps, plumps stürzte sich der Haufe hinein, während schon die Raubmöwen von allen Seiten aufpaßten, jeder seinen Mann auf s Korn nehmend.Der Fischfang in der Bai von Rio de Janeiro. 5 Ueber den Inhalt des Netzes selbst aber hielt ein stolzer Zug von langen Hansen seinen grandios-komischen Bogenflug. Die ganze lebensvolle Scene ward von dem rosigen Schein der Morgensonne beleuchtet, die eben über den Eingang der Bai aus dem Ocean aufgestiegen war; und ich wußte nicht, ob ich meine Augen mehr an den malerischen Stellungen der arbei tenden Neger in den Canoas oder an dem bunten Wirrwarr um sie her weiden sollte. Alles löste sich hernach zu allseitigem Wohlgefallen ans; jeder Concurrent hatte seinen reichlichen An- theil bekommen, und auch wir kauften von den Fischern und hatten zum zweiten Frühstück frisch nach vaterländischer Art geräucherte Bücklinge, eine seltene Erscheinung dort zu Lande, wo auch der harmlose Pickelhäring weil roh zur porcaria gehört. Oft zog ich am Vorabende eines katholischen Festtages, wo Alles ohne Unterschied der Nation und Confession sich der Freude hingiebt, nach Ponta clo Cajü hinaus, von wo dann am andern Morgen früh, noch bei dunkler Nacht, die Expe dition vor sich ging, der sich außer uns Deutschen gewöhnlich auch ein liebenswürdiger Engländer anschloß, ein leidenschaft licher Angel-Liebhaber, der schon in Schottland und Norwegen diese Kunst getrieben hatte. Vor der Abfahrt ward gewöhnlich eine Tasse heißen schwarzen Kaffees genommen, denn so warm die Nacht selbst ist, so schauert sie doch in geisterhaftem Ringen mit der ersten aus dem Ocean aufsteigenden Dämnrerung kalt zusammen, und seltsam schneidende Luftströmungen ziehen hin und her auf der stillen Wasserfläche. Wenn Alles wohl ver packt, Frühstücks- und Flaschenkorb unter die Ruderbänke ge standet, das Fischergeräth in Ordnung gelegt und der weit bauchige Korb mit engem Halse zur Aufnahme der Beute hinten6 Amerika. am Bord befestigt ist, geht es schweigend hinaus, landeinwärts auf die Höhe der Bai. Keiner aus der Gesellschaft wagt plau dernd die heilige Festruhe der Nacht zu stören, und selbst die Neger vorn im Boot schlagen nur sanft und leise die Ruder ein. Wenn die Höhe erreicht und die Sonne im Anzuge ist, was dann durch die blitzenden Feuerschlünde von allen Wacht- und Kriegsschiffen donnernd verkündet und von den Thürmen aller Kirchen und Kapellen aus der fernen Stadt und den nahen Inseln festlich läutend begrüßt wird, so erhebt sich Senhor Antonio, der Fischer, ruft gravitätisch den Negern sein para“ (Halt!) zu, und senkt, ein segnendes Kreuz schlagend, den Stein, an welchem die Espinhela befestigt ist, in die Tiefe. Die Espinhela, das Haupt-Angelgeräth, ist eine lange starke Grundschnur, die mit 600 bis 8OO Haken, jeder mit einem Häringsstück versehen, besetzt und durch schwere Grund steine, deren Lage durch Baken bezeichnet wird, in mehrere Abtheilungen getheilt ist. Ist der erste Grundstein eingesenkt und die Bake daran ausgeworfen, so rudern die Neger lang sam weiter, während Sr. Antonio die Schnur aus der Hand in die Tiefe gleiten läßt, bis auf den letzten Grundstein. Wenn so die ganze Schnur gelegt ist, was etwa eine halbe Stunde dauert, so rudern die Neger im Vogen zur ersten Bake zurück, so schnell als möglich, damit der dort gemachte Fang sich nicht wieder losreiße. Dort angekommen, ergreift Sr. An tonio die Bake und präsentirt sie mit Grandezza, den Hut in der andern Hand, Einem aus der Gesellschaft zum Aufziehen, während die Neger sich anschicken, das Aufziehen in gleichem Tenrpo hinaufrudernd zu begleite):. So wie man nun der: Grundstein vom Boden aufhebt, zuckt oder Zieht oder zerrt oder stürmt es im Arm, je nach der Größe der zuerst an derDer Fischfang in der Bai von Rio de Janeiro. 7 Abtheilung gefangenen Individuen, und man möchte nun gleich die ganze Sippschaft über Bord ziehen; aber mit einem an gelegentlichsten äevagar, devagar Senhor“ (sachte, sachte, mein Herr) verweist Sr. Antoniv zur nothwendigen Ruhe und Selbstbeherrschung. Das ist nicht leicht; denn je näher der Stein der Oberfläche kommt, desto höher steigt die schräge Schnur und an ihr das wundersamste Gethier aus der Tiefe herauf. Jetzt nähert sich der Stein dem Bord, mächtiger wird das Zucken und Zerren, schwieriger die Selbstbeherrschung, denn deutlicher tritt Gestalt und Farbenpracht der oben sitzenden Gefangenen aus der Bläue hervor. Jetzt ist der Stein über Bord, und kaum vermag man die Schnur noch zu halten vor Reißen und Stürmen. Sr. Antonio vermuthet was Großes und legt sich den Hakenspeer zur Hand, um auf alle Fälle gerüstet zu sein. Jetzt schwebt langsam lavirend ein graciöser junger Hai herauf, in seinem einfachen Meergrau kaum von der Fluth um ihn her zu unterscheiden; jetzt ein geprieseuer Leckerbissen, eine Scherne, düstern und melancholischen Ansehens, etwa wie unser Schlei; jetzt gleichfalls nicht zu verachten, un- serem großen Seebarsch ähnlich, ein Corrorokko, mit bitterbös gespreizten Stachelflossen; jetzt eine Badejetta, ein Fisch wie ein Vogel, grün und gelb changirend, sogar mit zornig auf geblasenem Kropf unten an der Kehle. Sr. Antonio wirft ihn vom Haken nicht gleich, wie die andern, in den Korb, sondern zur Belustigung der Gesellschaft erst in s Boot, aus dessen glat tem Boden er laut knurrend hin- und herstürmt, bald Diesem, bald Jenem gegen das Bein fahrend; jetzt glänzt aus der Tiefe unserer Karausche ähnlich eine Vermelha herauf, der ganze Leib so goldig roth und die Flossen so scharlach8 Amerika. glühend, daß die blaue Fluth um sie her vom Wiederschein in violetter Glorie strahlt; jetzt die Krone aller Fischgourmandie, eine gewaltige, unserm Karpfen nicht unähnliche Garopa. Sr. Antonio stürzt an s Bord, und daß mit ihrer Wucht die Schnur nicht zerreiße, greift er sie mit beiden Händen beim Schopf, schleudert die heftig Widerstrebende geschickt und kräftig in s Boot hinein, und unser ist der König des Fischzugs. Jetzt aber o Wunder! ein Schmetterling im tiefen Naß, ein prachtvoller flatternder Schmetterling, schöner, als je einer die Wälder durchzog, die Flügel zinnoberroth niit goldnen Punkten und eingefaßt von einem breiten Rande im brennendsten Indigo-Blau, der Leib kastanienbraun, mit silber nen Sternen besät: jetzt ist er in: Boot, es ist ein Fisch, ein wirklicher Fisch; aber ach, kaum liegt er auf dem Boden, so verglühen die Farben und er wird unscheinbar wie der Corro- rokko. Die folgenden Haken sind leer, aber darunter stürmt es gewaltig. Sr. Antonio ergreift den Hakenspeer, und jetzt treten die Umrisse einer dunkel in: Grunde hin- und herfahren den Erdscholle hervor. Ein gewaltiger Rochen ist s mit seinen dickfleischigen Flügeln und compactem Zopfschwanz, an dessen Wurzel die furchtbaren Waffen der giftigen Hornspitzen drohend hervorragen. Kaum ist die Schnur aufzubriugen, aber er muß daher, und wie eben erst die eine Flügelspitze über s Wasser hinausschlägt, hat ihn auch schon Sr. Antonio harpunirt und in s Boot hineingeschleppt, wo er, nachdeu: ihm die Giftzacken ausgebrochen sind, sein Quartier unter den: Bugspriet nehmen muß, da der Korb für ihn zu klein ist. Jetzt tauchen die selt samsten Gestalten auf doch genug, nur dies eine zur Beruhigung, daß die Haken bei allen Gefangenen gleichDer Fischfang in der Bai von Rio de Janeiro. 9 vorn an der Kiefer eingeschlagen sitzen, das Vergnügen also kein grausames zu nennen ist. Die Espinhela wird wiederholt ausgelegt, bis die Gluth der höher steigenden Sonne das Verweilen auf der Höhe der spiegelglatten Bai unmöglich macht. Man begiebt sich dann, nachdem man die Espinhela in einer weniger tiefen Neben bucht ausgeworfen, auf die Frühstücks-Retirade zum nächsten Insel-Vorsprunge, legt das Boot in eine Felsen-Nische, springt vom Bord auf die Platte, breitet das Frühstiick unter einem überhängenden Baum aus, der mit seinen dichten Orchideen hinlänglichen Schatten gewährt, und liegt nun da, mit gesun dem Appetit schmausend, mit freudigem Blick auf die Gottes wunder rings um die Bai her ausschallend und von der lieben fernen Heimath schwatzend, von welcher her grüßend der herr liche Ocean seine Wogen rollt, die in langen, auf der Höhe der Bai gar nicht bemerkbar gewesenen Zügen auf und ab wallend, unser Felsenufer küssen, zum Zeichen und Unterpfand, daß der Ocean uns einst wohlbehalten wieder hinüber werde wiegen in die traute Heimath. Unfern Engländer aber leidet s nicht lange in der trägen Ruhe. Nachdem er mit einigem Portwein nach Bedürfniß sich gestärkt, greift er zu seiner Handangel, sucht sich die weitest hinausragende Felsplatte aus, tritt hin und beginnt manch erklecklichen Fang zu thun, wobei er jedesmal, wenn s beißt, am Ruck und Zug die Art des Fisches fühlt und im voraus ansagt, nie sich irrend. Bald folgen wir alle seinem Beispiel; treten aber nicht so kühn vor, sondern bescheiden uns mit dem krystallhellen Becken in den Nischell des Gesteins, ob wir nicht aus beit Höhlen der überhängenden Felsen eine Aal- oder Forellenart mit unfern Krabben herauslocken können. Der Eng-10 Amerika. länder, dem das kleine Zeug" auf die Dauer langweilig wird, klettert hinunter in die Fluth, dringt weiter vor, steigt wieder hinunter, so daß er endlich bis an die Brust im Wasser steht, seelenvergnügt, daß er nun recht weit nach größerem Fange ausholen kann. Es glückt ihm: ein großer Fisch geht mit der Schnur davon. Eine Linguade!" (Zunge) ruft er entzückt, läßt Mlten die Feder schnappen und das Rad klirrt ab; aber die Linguade will nicht wenden, sondern geht ihres Weges immer gerade akks: und plötzlich ist der Engländer von seiner unterseeischen Terrasse in die Tiefe verschwunden: halb zog sie ihn, halb sank er hin itnb ward nicht mehr gesehn." Wir stürzen erschrocken hin, da taucht er aber, das Haar wie ein Meergott triefend, wieder zu seiner Terrasse auf und ruft: Gott steh mir bei! wo ist meine Linguade?" Sie wird ihm von den Negern, die sie vom Boot aus an der treibenden Angel er griffen haben, gebracht, und in: Anschauen des wohl sechspfün- digen Leckerbissens versunken, ruft er, gar nicht mehr an den Unfall denkend, aus: welch glücklicher Fang!" Unterdessen hat der gütige Ocean uns die kühlende See brise hereingesendet. In gerader Querlinie über die Bai her- anschreitendj, dringt das dunkelblaue Wellengekräusel zu uns herüber, so daß wir jetzt in der frischen bewegten Luft die Heim kehr antreten können. Die Espinhela, voll von kleineren lustig gestaltetekk Gesellen zum Jubel der daheim auf unsere Rück- kehr wartenden Kinder, wird aufgezogen, das Segel aufgehißt, und so geht s fröhlich zurück nach Pontado Cajti, wo schon brasili anische Gesellschaft in Menge unser und unserer willkommenen Fastendelicatesse harret und bald der Fischreichthum, mit Austern, Oliven, Krabben und anderm Zubehör auf s mannigfaltigste zu bereitet, auf wohlbesetzter Mittagstafel prangt und verzehrt wird.Der Ausbruch des Cosiguina. 11 II. Der Ausbruch des Cosiguina. Die Fonseca-Bai, in deren Besitz sich die drei Republiken Nicaragua, Honduras und San Salvador theilen, ist unftreitig der prächtigste Naturhafen des stillen Weltmeeres. An Man nigfaltigkeit der Küstengliederung, wie an Raum, Tiefe und Sicherheit übertrifft sie selbst die berühmte Bai von San Francisko. Die größte Länge der Fonseca-Bai wird auf 80, ihre größte Breite auf 38 englische Meilen geschätzt; Landzungen, welche von verschiedenen Richtungen in die Bai vorspringen und fast sämmtlich mit vulkanischen Felsen besetzt sind, schützen die einzelnen Ankerplätze gegen jeden Windstoß, sowie gegen jene starke Brandung, die hier dem stillen Ocean eigen, und weiter nördlich an den Küsten von Guatemala und Nordmexiko die Verzweiflung aller Seefahrer ist, welche in den schlechten Häfen ankern. Die Umgebungen der Fonseca-Bai bieten den: Geologen ein hohes Interesse dar. Man kennt keine Gegend der Erde, welche auf einem gleichen Flächenraume eine größere Masse vulkanischer Bildungen und Verheerungen zeigte. Ein Blick von der Höhe der Tigerinsel, des Eonchagua-Vulkans, oder von irgend einem der trachytischen Kegel, welche an vielen Stellen der Bai sich erheben, zeigt ein weites Rundgemälde von Bauten und Zerstörungen durch Feuermächte, von er starrten oder theilweise noch rauchenden Kratern, von Laven,12 Amerika. Schlammströmen und Niederschlägen, von Asche, Tuff unb Ra- Mi; ein Bild, wie es sich die Einbildungskraft nicht schauer licher malen könnte. Der Jsalco liegt einige Tagereisen nord westlich von der Fonseca-Bai. Dagegen berührt fast ihre südliche Küstenumsäumung der Abhang eines anderen Vulkans, des Cosiguina, der zwar seit seinem letzten Ausbruche ruhig ist, von den Geologen aber mit Recht für den furchtbarsten Feuerberg unseres Planeten gehalten wird. Ich bestieg, erzählt der Reisende Dr. Carl Scherzer, den Cosiguina am 6. März 1854 von der Seite des stillen Meeres. Die Brandung ist hier außerhalb der Bai so heftig, daß man blos bei Südwind uitb sehr ruhigem Wetter ohne Gefahr landen kann. Die Landschaft nach Südosten in der Richtung nach Chinandega ist eine Buschwildniß, in der nur wenige einzelne Jndianerhütten stehen. Der Boden ist weit umher mit Schlacken, Auswürflingen und vulkanischer Asche bedeckt. Der Berg hatte früher einen Kegel auf der Nordseite, der bis zum Gipfel bewaldet war, durch die letzte Eruption aber herab geschlendert wurde. Au derselben Stelle öffnete sich der weite Schlund, aus welchem alle die Massen von festen und zer- malmten Mineralien, die weit und breit das Land bedecken, aber keine flüssigen Laven Hervorkommen. Der Krater hat über eine spanische Legua im Umfange, der größte, den ich an irgend eurem thätigerr Vulkane gesehen habe. Er zeigt steile Wände mit Rändern, deren seltsam zerrissene, ausgezackte Linier:, von unten gesehen, dem krrndigen Auge allein noch beit Feuerberg vertathen lassen. Dampfwolken hat man seit Jahrerr vom Meer aus nicht mehr über dem Cosiguina ge sehen. Da ihn seit dem Besuch des brittischen Consuls Man- ning und des Capitains Belcher im Jahre 1835 wahrscheinlichDer Ausbruch des Cosiguina. 13 Niemand bestiegen hatte, so glaubte man bcu Schlund seither wieder vollkommen geschlossen. Ich beobachtete gleichwohl aus vielen Spalten und Rissen der Kratertiefe, besonders am Fuße der inneren Wände dünne, weißgraue Dampfwolken empor steigen, welche ähnlich wie bei den Kratern des Pacaya und des Jrazu in der Entfernung von einigen Leguas von unten nicht mehr bemerkt werden. An zahlreichen Stellen im Innern des Kraters und um den Rand herum war der Boden noch heiß. Wir sanken bisweilen bis an die Knie in die losen Rapilli ein und fühlten dann plötzlich brennende Hitze an den Sohlen. Der Krater ist tief und nur an einer einzigen Stelle der Nordostseite zugänglich. Keiner von den trichterförmigen Schlünden, die ich an den vielen Feuerbergen im westlichen Asien gesehen, hält an Größe, Tiefe und wildem Character der Umgebung den Vergleich mit diesem Krater aus. Von einer frühern Thätigkeit des Cosiguina ist keine Sage vorhanden. Von alten Lavaströmen scheinen nur in der Ebene auf der Ostseite noch einige Spuren vorhanden. Vielleicht sind größere Lavaströme von den Schlackenmassen der letzten Erup tion überdeckt. Ausgedehnte Formationen von Tuffen und Conglomeraten, die wenigstens auf frühere Eruptionen von Asche und Schlamm sicher hindeuten, sieht man an vielen Stellen, theilweise überdeckt von den Producten des letzten Ausbruchs. Ein ehemaliger Bewohner dieser Gegend erzählte mir, daß Retumbos (unterirdisches Getöse) auch vor dem Jahre 1835 hier häufig gehört wurden. Sie waren zeitweise ziemlich stark und schienen Vorgänge im Erdinnern anzudeuten, die ein Wiedererwachen des vulkanischen Lebens verkündeten. Seit dem Ende des Jahres 1834 wurden auch viele leichte Erder schütterungen von ziemlich langer Dauer und mit Geräusch14 Amerika. begleitet, verspürt. In Alt-Chinandega waren die Stöße, die sich mehr um den Fonseca-Golf zu concentriren schienen, leicht und ohne Verheerung. Sie dauerten bis Mitte Januar 1835 fort und wurden wenig beachtet. Es folgten ihnen einige Tage der tiefsten Ruhe. Am Morgen des 20. Januar 1835 hörte man ein starkes Getöse, wie von den Salven zahlreicher Geschütze an den ver schiedenen Punkten um den Golf herum, und eine ungeheure kohlschwarze Wolke wälzte sich hoch über den Gipfel des Co- siguina hin, der von ihr ganz eingehüllt wurde. Obwohl jeder die seltsame Wolke deutlich kommen sah, schien doch Anfangs Niemand den wahren Grund der Erscheinung, noch den Punkt zu errathen, von dem sie ausgegangen. Die Wolke breitete sich mit furchtbarer Schnelligkeit aus, die ganze Atmosphäre einhüllend, und es wurde dunkel wie in einem Bergwerke. Die Sonne verschwand, wie wenn sie ausgelöscht gewesen. Der Tag war finster wie die Nacht, deren Annäherung nur die Thurmglocke und der Uhrzeiger verkündete, und welche diesmal ohne den tröstenden Schein von Mond und Sternen kam. Diese schienen am Himmel förmlich ver loren gegangen. Der Schein der angezündeten Lichter und Fackeln erleuchtete kaum auf wenige Schritte, und die Bewoh ner desselben Hauses tappten, ängstlich sich einander suchend und rufend in grauenvoller Düsterheit umher. Zu dieser finstern Scene, die an jene Pharaonische erin nert, mit welcher Moses den ägyptischen Despoten schreckte, kam eine andere, für Sinne itnb Lebensfnnctionen noch quä lendere Plage. Die Atmosphäre ward mit einem grau-schwärz lichen Staube dicht angefüllt. Die Lungen vermochten sie kaum zu athmen und die Angen wurden davon mehr gereizt als vonDer Ausbruch des Cosiguiua. 15 dem intensivsten Lichtstrahl. Man hielt feuchte, in das Wasser getauchte Tücher an den Mund, als das einzige Mittel, um etwas athmungssähige Luft in die Lungen zu bringen. In Pausen wurden dazwischen die Salven eines Donners gehört, so stark, wie wenn viele tausend Kanonen zusammen krachten. Ueber den Golf her hallte es wie von einer unge heuren Seeschlacht, an der alle Flotten der Welt Theil ge nommen. Mehrere hundert Meilen landeinwärts hörte man die grauenvollen Detonationen. Die Thiere in der Nähe waren davon fast ebenso erschreckt, wie die Menschen. Die Viehheerden kamen in Alt-Chinandega aus der Landschaft in die Stadt gerannt, und die wilden Thiere mit ihnen. Es war ein son derbares Schauspiel, das an die Noah sche Flucht erinnerte. Zum ersten Male vielleicht seit den Tagen der Sündfluth stiftete der gemeinsame Schrecken und die gemeinsame Gefahr unter allen Geschöpfen einen kurzen Frieden. Panther, Pumas und Coyoten flohen mit den Rehen aus den Wäldern und rannten von dannen mitten unter Heerden von Ziegen und Schafen, denen sie nichts zu Leide thaten. Adler und Falken ließen sich an den Dächern der Häuser mitten unter Tauben und Staaren ohne feindliche Absicht nieder. Selbst die Eicken und Fledermäuse wurden aus ihren Schlupfwinkeln verscheucht. Sogar diesen nachtfreundlichen Thieren mochte diese vulka nische Nacht schwarz erscheinen. Es war als ob die Bestien des Waldes inmitten dieser Schrecknisse der Natur selbst vor dem Menschen ihren Schrecken verloren hätten, denn sie suchten in seiner Nähe ein Asyl. Man fand nach der Katastrophe in der Landschaft zwischen Chinandega und bem Golfe viele Tausende von Thierleichen, besonders von Vögeln, welche die Schlacken zerschmettert oder der Aschenregen erstickt hatte. Auf16 Amerika. dem Wasser des Golfes selbst schwammen, wie inan mir auf verschiedenen Punkten erzählte, mitten unter beit leichten Bims steinen, mit denen das Meer bedeckt war, die Leichen zahlreicher Seebewohner aller Größen, von den kleinsten Mollusken und Crustaceen bis zu den Riesen-Cadavern der Haie und Kroko dile. Sie scheinen indessen mehr durch die heiße Temperatur, welche die glühenden Schlacken denk Golfwasser mittheilten, als durch die fallenden Steine getödtet worden zu sein. Nach der Aussage glaubwürdiger Männer wurden sogar im Süß wasserbecken des Managuasees, der nahe an 30 Leguas (90 eng lische Meilen) vom Cosiguina entfernt ist, zahllose Fischleichen auf dem Wasser treibend gefunden, dessen Oberfläche ganz mit Asche bedeckt war. Die Bevölkerung, welche am schwersten von diesem Phä nomen zu leiden hatte, war die des Hafens la Union an der Nordwestseite der Fonseca-Bai, dem Cosiguina gegenüber. In den entfernteren Städten, wie Leon, fand man noch Zeit zu beten und Messe zu lesen und den Beistand der Heiligen an zurufen. Hier hingegen vertraute Keiner diesen andächtigen Rettungsmitteln, sondern floh zu Pferde und zu Fuß, so schnell ihn die Beine zu tragen vermochten. In Massen zog die Be völkerung mit Fackeln und Laternen in der Rich.^ng von Sakl Miguel. Man heulte zwar auch hier unterwegs Gebete und rief die Heiligen an, suchte aber doch sein Heil nur in der möglichst schnellen Versetzung in eine andere Gegend. In der Stadt San Miguel aber, obwohl sie 12 Leguas vom Golf entfernt liegt, sah es fast eben so düster aus. Alle die bren nenden Holzfackeln verbreiteten durch die dicke Atmosphäre doch nur auf wenige Schritte einen matten Schein. Das Athmen war hier etwas minder beschwerlich, doch noch immer peinlichDer Ausbruch des Cosiguina. 17 genug. Die Glocken läuteten unaufhörlich zur Kirche, doch auch hier zogen die Meisten vor, weiter landeinwärts zu fliehen. Zwar wußte Niemand genau zu sagen, woher eigentlich der finstere Spuk komme. Viele glaubten an einen Ausbruch des Conchagua-Vulkans bei Union, Andere gar an eine Oeffnung des San-Miguel-Vulkans selbst. Merkwürdigerweise leitete jedoch ein richtiger Instinkt die Flüchtlinge in einer dem Co- siguina entgegengesetzten Richtung; der starke Donner, der von der Fonseca-Bai herdröhnte, schien ihnen ein richtiger Weg weiser zu sein. Die Regelmäßigkeit der Pausen zwischen den einzelnen Detonationen und deren fortdauernde Wiederholung verkündigten, daß der Donner nicht von der Höhe des Luft kreises, von den elektrischen Entladungen der Wolken, sondern von unten, aus den Eingeweiden der Erde kam und eine be gleitende Erscheinung der grauenhaften Naturscene war. Die Finsterniß erstreckte sich weit landeinwärts im Staate San Sal vador. Doch war sie in der Stadt San Meente, welche das Centrum dieser Republik, etwa 50 Leguas vom Cosiguina, einnimmt, etwas gemilderter. In der Hauptstadt von San Salvador verbreitete die fallende Asche noch eine Düsterheit, wie in den trübsten Gewitterstunden. Aehlllich waren die Erscheinungen östlich und südlich von der Landspitze des Cosiguina. Sehr schwer zu leiden hatte die Stadt Chinandega, deren Bewohner, ebenso wie die von Rea- lejo, über den Ausgangspunkt dieser Schrecknisse, den Sitz des Schlundes, der solche Massen von Staub und Asche schleuderte, in vollkommener Ungewißheit waren. Daß es ein vulkanischer Ausbruch sei, ahnten sie zwar, denn die Leute sind mit den Symptomen dieses Spukes auf ihrem vulkanischen Boden Wohl vertraut. Aber bei der Dichtigkeit der Aschenwolken und dem Klette, Neues Skizzenbuch. 218 Amerika. fürchterlichen Gebrüll der Explosionen hielten auch sie den Mittelpunkt des Vorganges für weit näher als er wirklich war und glaubten, daß ihr nächster Nachbar, der Vulkan el Viejo, diese Schauer aussende. An den Cosiguina, den man für einen längst erloschenen, ganz unschuldigen Berg hielt, schieil Niemand zu denken. Ich habe in Chinandega verschiedene Augenzeugen jenes Ausbruchs gesprochen, deren Antlitz noch bleich wurde bei der bloßen Erinnerung des 20. Januar 1835 itnb der ihm fol genden Schreckenstage, sowie bei der Erzählung dessen, ivas sie damals ausgestanden. Die Bewohner flohen in Masse nach der 14 Leguas davon entfernten Hauptstadt Leon, wo Finfter- niß und Athmungsbeschwerden kaum erträglicher waren. In Realejo hatten Viele noch den Muth, zu bleiben und zu beten. Lebende Priester und tobte Heilige spielen bei solchen Cala- mitäten in Central-Amerika immer eine sehr große Rolle. Die spanischen Creolen nehmen zu ihnen die Zuflucht in allen großen Krisen, wo das Leben auf dem Spiele zu stehen scheint, und Menschenwitz und Menschenkraft ihre Ohnmacht gegen die Naturkrüfte erkennen. Nie flössen in dem frommen, katho lischen Staate Nicaragua die Kirchenspenden so reichlich, nie wurden den Priestern die Messen so glänzend honorirt, nie hat man den Heiligen so viele Wachskerzell angezündet, wie damals. Aber alles Kerzenlicht brachte keine frohe Helle in die geweihten Hallen, und dem Priester versagte oft die be tende Stimme, man wußte nicht, ob der Staub oder der Schrecken sie lähmte. Ein brittischer Kaufmann, der seit vielen Jahren Realejo bewohnt und auch die Cosiguina-Eruption mit erlebte, erzählte uns, daß die Cogllacstasche damals ein uner läßliches Mittel der Erfrischllng und Ermuthigung für AlleDer Ausbruch des Cosiguiua. 19 war. Selbst die Priester hatten sie neben sich dem Altar und der Kanzel stehen. So fehlten diesem vulkanischen Nachtge- mälde auch nicht die kleinen komischen Episoden. Der Ausbruch dauerte in unverminderter Stärke bis zum 24. Januar 1835 fort, dann nahm er ab. Einige Monate später entstiegen nur noch Dampfwolken dem Kraterschlund. Ein heftiger Nordost wind fegte die Aschenwolken aus der Atmosphäre, jagte sie über den Ocean und befreite die Landbewohner von einer un nennbaren Plage. Ganze Bevölkerungen waren im Staate Nicaragua landeinwärts geflohen. Städte und Dörfer in der Nähe des Fonseca-Golfes waren wie ausgestorben. Selbst die Hauptstadt Leon hatte sich größtentheils entvölkert. Ein eng lischer Reisender, Herr Byam, der damals in diesen Gegenden verweilte, erzählte, daß in der Kathedrale von Leon, als alles Beten und das Anzünden zahlloser Kerzen vor den Bildsäulen der Heiligen nichts fruchtete, das Volk diese geputzten Statuen nach dem Platz getragen und sie dort ausgestellt habe. Die Gesichter mit dem goldenen Heiligenschein wurden der Richtung der Aschenwolken zugekehrt. Es sei geschehen, meint Herr Byam, damit die Santos" sich selbst überzeugten, wie die Sachen eigentlich stehen. Hier und anderwärts im Staate Nicaragua wird noch am Jahrestage des Cosiguina-Ausbruchs ein großes kirchliches Dankfest den Heiligen zu Ehren gefeiert, welche vermeintlich das Volk vom gänzlichen Ersticken ge rettet haben. Die Donnersalven dieses Feuerbergs wurden während der drei ersten Tage auf Entfernungen gehört, die uns unglaublich erscheinen würden, wenn die Thatsachen nicht durch so viele noch lebende Augenzeugen beglaubigt wären. In der Haupt stadt Guatemala, die nahe an 80 spanische Leguas in gerader 2 20 Amerika. Richtung vom Cosiguina entfernt liegt, war die Lnfterschütterung noch so groß, daß die Fenster bei jeder Detonation zitterten. Sogar in der brittischen Colonie Belize, welche durch fünf Breitegrade von der Fonseca-Bai geschieden, also über 300 eng lische Meilen vom Cosiguina entfernt ist, wurde der Schall noch so deutlich gehört, daß der englische Statthalter die Be satzung ausrücken ließ. Man dachte nämlich an ein Seegefecht in der Nähe, denn bei der Heiterkeit der Atmosphäre konnten diese Donnersalven von keinem Gewitter herrühren. Anderer seits soll, nach verschiedenen Aussagen, der Detonationskreis der Eruption im Süden bis Neu-Granada und Quito nahe an den Aequator hingereicht haben. Einen noch weit größeren Umfang hatte die Verbreitung der Auswürflinge. Nicht nur in allen Theilen Central-Amerika s, sondern selbst auf dem Hochlande von Mexiko, in Veracruz, auf Cuba und Ja maica sah man graue Asche fallen, und die erstaunten Be wohner erfuhren erst lange nachher die wahre Ursache dieses räthselhaften Phänomens. Der Detonationskreis des Cosiguina-Ausbruchs hatte über 2000 englische Meilen, der Verbreitungskreis des Aschenregens mindestens 4000 englische Meilen im Umfang.Die Schlau genverehrnng in Westindien, 21 III. Die Schlangenverehrung in Westindien. Es steht fest, daß der Neger in den Colonien wenig oder gar nicht arbeitet, sobald ihm ein Zwangsantrieb fehlt. Die Länder Amerika s, in welchen sich der schwarze Mensch in über wiegender Mehrheit befindet, was z. B. in Westindien der Fall ist, gehen zurück, seitdem die Neger sich selbst überlassen bleiben. Vor zwanzig Jahren wurde in den brittischen Besitzungen die un bedingte Emancipation durchgeführt und seitdem sind sie dem Ruin immer näher gerückt worden. Der Menschenfreund könnte ver schmerzen, daß sie weit weniger Zucker und andere tropische Erzeugnisse als früher liefern, er könnte sich gefallen lassen, daß die Weißen den Schwarzen das Feld räumen, wenn nur diese letzteren in eine günstigere Lage gerathen wären. Aber das ist leider nicht der Fall und die Verwilderung nimmt unter den freien Negern in Grauen erregender Weise überhand. Auf Haiti sind sie seit länger als einem halben Jahr hundert frei, auf Jamaica und in den übrigen englischen An tillen beinahe halb so lauge. Europa hat ihnen großes Wohl wollen bewiesen; protestantische und katholische Geistliche in Menge haben sich unsägliche Mühe gegeben, sie zusittigen; sie besitzen die fruchtbarsten Ländereien in einem Klima, das ihrer Leibesbeschaffeuheit völlig zusagt; sie fänden allezeit lohnenden Absatz für die Producte, welche sie dem Handel liefern wür den, und doch ist der Rückschlag in die Barbarei unaufhaltsam. Die Klagen, welche darüber der päpstliche Generalvicar aus22 Amerika. Haiti nach Rom schrieb, stimmen vollkommen überein mit den Berichten der englischen Missionäre aus Jamaica. Den Neger stößt gleich, sobald er sich frei fühlt, und nicht wie in Nordamerika in kälterem Klima in geringer Anzahl unter Millionen Weißen lebt, das Wesen der europäischen und christlichen Civilisation ab, und behält höchstens einige äußere Formen, die er obendrein häufig noch karikirt. Er wirft sich mit Leidenschaft in das urwüchsige Afrikanerthum zurück. Er wendet sich von den christlichen Geistlichen ab und folgt seinen Fetischpriestern, den Obrah- und den Miallmän- nern; der Gott, welchen er am liebsten verehrt, ist eine Schlange aus Congo. Dieser Schlangencultus macht seit einigen Jahren reißende Fortschritte, und der Geheimbund des Wodu greift immer weiter um sich. Scheinbar und äußerlich behalten dessen Anhänger das Christenthum bei; die Berührungen mit den Weißen sind immer noch zu mannichfaltig, als daß ein offenes Heraustreten räthlich erscheinen könnte, auch wollen die vielen Mulatten von einen: Schlaugengötzen nichts wissen, und spötteln über denselben. Aber der Neger hängt ihm mit Leidenschaft an. Man wußte lange, daß auf Haiti der Congoschlange göttliche Ehren erwiesen werden, auch war es kein Geheimniß, daß dieser Cultus überall, wo Neger in Masse beisammen leben, z. B. in Brasilien und selbst in Texas, im Schwange geht. Genauere Einzelheiten über denselben haben wir in jüngster Zeit durch Herrn von Bonneau erfahren, welcher in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ausführliche Nachweise bringt. Der Wodu, oder wie die Franzosen schreiben Vaudou, ist ein Geheimbund, dessen Mitglieder die Schlange verehren;Die Schlangenverehrung in Westindien. 23 diese letztere wird mit demselben Namen belegt. Sie ist eine Gottheit, ein geheimnißvolles Wesen, welches Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kennt, Einfluß auf alle Dinge dieser Welt übt, und deren Sinnbild die Schlange ist. Der Neger sieht aber in diesem Sinnbild auch die Gottheit selbst, welche ihre Orakel einem auf Lebenszeit gewählten Oberpriester und einer Prophetin mittheilt; jener heißt Papa Wodu und König, diese Mama Wodu oder Königin. Beide werden von den Mit gliedern des schwarzen Bundes mit großer Ehrfurcht behandelt und üben großen Einfluß. Auch auf Haiti, wo der (im Fe bruar 1859 entsetzte) Kaiser Soulouque ein eifriger Anhänger des Wodu war, stehen sie in großem Ansehn. Jede Landschaft hat ihren besonderen Wodu, aber die ge- sammte Verbrüderung hängt innig zusammen. Zeit und Ort der Zusammenkmlft bestimmt der Papa; sie findet in einem Wald oder in einen: abgelegenen Hause statt. Auf einem Gerüst befindet sich ein Kasten, der auf der einen Seite mit einem Gitter versehen ist, :md in dieser heiligen Bundeslade wird die göttliche Schlange verwahrt. Auf ihr stehen Papa und -Mama mit bluthrothen Tüchern behängt, denn blutroth ist die heilige Farbe des Wodu; deshalb trägt der Papa auch ein blutrothes Diadem und daneben ein breites blaues Band. Der Cultus beginnt mit einer förmlichen Anbetung der Schlange; die Anwesenden schwören, ihrem Dienste treu zu bleiben, ihr zu gehorchen und das Geheimniß der Anbetung und der Brü derschaft unverbrüchlich zu bewahren. Darauf steigt die Mama voir der Vundeslade herab und verfällt in Zuckungen; sie zit tert, spricht, schreiet, flucht, giebt Prophezeiungen und ant wortet auf die Fragen, welche von den Andächtigen an die Schlange gerichtet werden. Wer eine Prophezeiung erhalten24 Amerika. hat, wirft für den Gott ein Geschenk in ein vor der Bundes lade stehendes Gefäß. Der Ertrag wird zu Bundeszwecken verwandt. Den Eid der Treue bekräftigt man dadurch, daß man Blut von eben abgeschlachteten Ziegen trinkt; aber manch mal wird zu diesem Zweck auch ein Kind geopfert. Das darf um so weniger auffallen, da man weiß, daß noch vor ein paar Jahren auf Haiti zwei Negersecten bestanden, welche Menschen fraßen. Die Einweihung, bei der Kräuter, Haare, Hörner re. eine große Rolle spielen, findet unter barbarischen Feierlichkeiten statt. Nachdem der Neuling einen fürchterlichen Eid geleistet, beginnen die Tänze und dauern fort, bis sich aller Anwesen den ein fieberhaftes Zucken und eine Aufregung bemächtigt, welche durch den Genuß von Zuckerbranntwein noch gesteigert wird. Das Rasen und Toben nimmt einen immer ärgeren Charakter an, Männer und Weiber zerkratzen sich Leib und Gesicht, das Blut rieselt zum Boden hinab. Einige stürzen hinaus, springen und schreien, Andere machen Kraftübungen, noch Andere stecken ihre Arme in siedendes Wasser. Inzwischen erfährt auch der wilde Tanz keine Unterbrechung und hinter her folgen scheußliche Ausschweifungen und Orgien, die wir hier nicht beschreiben können. Die Anhänger des Wodu sind von allen Negern die ge fährlichsten. Ein Beobachter sagt: Der Woduschwarze will gar nicht arbeiten; er stiehlt und spielt den Scheinheiligen; er ver theilt Gifte und richtet viel Unheil an. Er hat bei der Auf nahme in den Bund seine Standhaftigkeit bewiesen. Als man ihm im Kreise der Eingeweihten die Binde von den Augen nahm, sah er eine Blutlache und in derselben Vogelkrallen und Federn liegen; dann entstand ein Geräusch, und darauf tratDie Schlangenverehrnng in Westindien. 25 der Papa-König hervor, in der einen Hand einen Feuerbrand, in der andern einen Dolch. Er fragt den Neuling: Was willst du hier?" und erhält zur Antwort: Ich will die heilige Schlange küssen und von der Wodu-Königin ihre Befehle und ihre Gifte erhalten." Der König rennt ihm dann den Stahl in das Dickfleisch der Arme und Beine und hält den Feuerbrand auf die Wunden. Wehe ihm, wenn er vor Schmerz aufschreit; er würde auf der Stelle ermordet. Aber wenn er standhaft bleibt und würdig befunden wird, dann führt man ihn hinter einen Vorhang und windet die heilige Schlange um seinen Leib; er küßt sie und erhält von der Königin die Gifte. Sieben Neger schlagen mit Macht auf die heilige Trommel, das neue Mit glied nimmt den Becher, dessen Inhalt mit Blut und Schieß- _ Pulver gemischt ist und leert ihn. Während er trinkt, wird gesungen, und ein solches Einweihungslied beginnt: Wir schwören, daß wir die Weißen vernichten wollen!" Die Mitglieder des Wodubundes gewähren einander Schutz und Unterstützung, ihre Zauberer üben großen Einfluß und verbreiten den Fetischdienst immer weiter. Solch ein heiliger Mann hat in seiner Hütte einen Altar, auf welchem neben . dem Crucifix und Marienbild allemal auch einige afrikanische Fetische angebracht sind! Der Papa Wodu besitzt eine Gewalt, wie bei uns im Mittelalter das Vehmgericht; überall stehen ihm Anhänger zu Gebote, welche auf sein Geheiß einen Men schen, welchen er als Feind des Bundes bezeichnet, niederstoßen oder vergiften. Der Wodu spielt in der Geschichte von Haiti eine große Rolle; Toussaint Louverture erließ schon im Jahre 1800 eine Verordnung gegen die Gesellschaft, weil sie gemeingefährlich sei; es ist aber bezeichnend für diesen Neger, daß er den Wodu26 Amerika. hauptsächlich deshalb haßte, weil er des festen Glaubens war, er sei von demselben derart behext, daß er, Toussaint, durch die Nase spreche. Dessalines ließ sich vom Papa Wodu Zauber geben, die ihn unverwundbar machen sollten; als er aber trotz dem verwundet wurde, gerieth er in Wuth, ließ sich sein Geld zurückerstatten und späterhin ein halbes Hundert Woduanhänger auf Bajonnete spießen. Auch nachdem er Kaiser geworden, verfolgte er die Secte und ließ viele ihrer Eingeweihten iws Meer werfen. Denn es gilt der Glaube, daß Salzwasser dem Wodu alle Kraft nehme. Kaiser Faustin Soulouque, ein eifriger Wodumann, weigerte sich unmittelbar nach seiner Erwählung sich auf den Präsidentenstuhl niederzulassen, weil er diesen für verzaubert hielt, da vier seiner Vorgänger, die sich dieses Stuhls bedient, nicht zwölf Monate in der Gewalt geblieben waren. Später meinte er, auf den Ausspruch eines alten Zauberweibes, der Freundin der Kaiserin horchend, daß das Unheil am Na tionalpalaste hafte und von einem Fetisch herrühre, den die Mulatten, um den Tod des Präsidenten zu bewirken, in den Gärten des Palastes vergraben hätten. Monate lang ließ er die Gürten nach allen Richtungen durchwühlen, um der tödtlichen Puppe habhaft zu werden, und in der furchtbarsten Aufregung mordete er Hunderte und Tausende von Farbigen und mit diesen verbundenen Negern. Der Christengott tritt auf Haiti immer mehr in den Hinter grund. Die Schlange ist Spenderin alles Guten und Bösen, gerade wie auf den Küsten von Guinea und Congo, das Blut trinken geht im Schwange. Der Neger saugt der noch leben den Ziege oder dem Ochsen das warme Blut aus und läßt nicht eher ab, als bis er, inan möchte sagen trunken von Blut,Eine Besteigung des Popocatepetl in alter und neuer Zeit. 27 auf dem Schlachtopfer liegt, Alles zur Verherrlichuug des Schlaugeugottes. Mau kauu Haiti kaum uoch als christliches Laud be- zeichuen, seitdem viele Priester, schwarze uatürlich, zugleich Messe leseu dem Wodu augehöreu. Der Letztere sagt ihrem Naturell zu; der Zwaug, welcheu die christliche Kirche ihueu auferlegt, erscheiut lästig, sie mögen deshalb keiue weißeu Geistlichen unter sich dulden. IV. Eine Besteigung des Popocatepell in alter und neuer Zeit. (1519.) Im Oktober 1519 brach Ferdinand Cortez mit seinem spanischen Heere und 6000 verbündeten Tlascalteken von Cho- lnla auf, um gegen Teuochtitlan (Mexiko) Zu marschiren. Um zu der Hauptstadt Monteznma s Zu gelangen, mußte man also den Gebirgsrücken überschreiten, welcher die Hochebne von Pnebla von dem Thale von Mexiko trennt und die zwei und eine halbe deutsche Meilen von einander entfernt liegenden Vulkane, den Popocatepetl der rauchende Berg" und den Jztaccihnatl die weiße Frau" mit einander verbindet. Ein kindischer Aberglaube der Indianer hielt diese Berge für Götter und Jztaccihnatl für die Fran ihres furchtbarem Nachbars. Eine Sage höherer Art beschrieb den nördlichen feuerspeienden Berg als den Wohnsitz der abgeschiedenen Geister böser Herrscher, deren Fellertodeskämpfe in ihrem GefängnißAmerika. das schreckliche Gebrüll und die Erschütterungen zur Zeit des Ausbrrlchs veranlassen. Diese abergläubischen Sagen hatten den Berg mit einem geheimnißvollen Schrecken bekleidet, der die Eingebornen vom Besteigen desselben abschreckte, was aller dings schon aus natürlichen Gründen ein unglaublich schwie riges Unternehmen war. Der große Vulkan, wie man den Popocatepetl nannte, erhob sich zu der ungeheuren Höhe von weit über 17,000 eng lische Fuß,*) und obgleich er im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts selten ein Zeichen seines vulkanischen Ursprunges gegeben hat, so war er doch zu jener Zeit häufig in Thätig- keit und tobte, als die Spanier tu Tlascala waren, mit un gewöhnlicher Wuth. Sein Gipfel, der durch die Ablagerung auf einander folgender Ausbrüche zu einem regelmäßigen Kegel geworden war, hatte die gewöhnliche Gestalt feuerspeiender Berge, wenn sie nicht durch das Einstürzen des Kraters ent stellt sind. Mit seinen: Silbergewande immerwährenden Schnees sich in die Wolken erhebend, ward er weit und breit gesehen in den ausgedehnten Ebenen von Mexiko und Puebla, als der erste Gegenstand, welchen die ausgehende Sonne begrüßte, und als der letzte, auf den die Abendstrahlen einen glänzenden Schimmer warfen, der auffallend abstach gegen die öde Wüste *) Die Höhe des Popocatepetl, der in neuester Zeit, seit Glennie (1827), häufig bestiegen worden ist, wird sehr verschieden angegeben; Humboldt s trigonometrische Messung, im Jahre 1804, ergab 16,632 Par. Fuß, Glennie s Barometermessnng, im Jahre 1827, 17,884 engl, oder 16,837 Par. Fuß; Heller (1857) berechnet als Durchschnittszahl der früheren Messungen 16,650 Par. Fuß, wogegen die neueste Messung von Sonntag, welcher den Popocatepetl im Januar 1857 bestieg, 16,702 Par. Fuß angiebt. Der Jztaccihuatl ist nach Humboldt s Messung nur 14,736 Par. Fuß hoch.Die Besteigung des Popocatepetl in alter und neuer Zeit. 29 von Sand und Lava, unmittelbar barunter und den dunkeln Rand von Trauerpinien, die seinen Fuß bedeckten. Der geheimnißvolle Schrecken, der an dem Orte haftete, und die unzähmbare Lust zu Abenteuern machte einige von den spanischen Rittern begierig, die Besteigung zu versuchen, deren Gelingen zu überleben die Eingebornen für unmöglich erklärten. Cortez ermuthigte sie zu dem Vorhaben, da er den Indianern gern zeigen wollte, daß kein Unternehmen die Furchtlosigkeit seiner Anhänger abschrecke. Einer seiner Haupt leute, Diego Ordaz, mit neun Spaniern und einigen durch das Beispiel der Ersteren ermuthigten Tlascalteken, unter nahmen daher die Besteigung. Sie bot größere Schwierig keiten dar, als man erwartet hatte. Die niedrigere Gegend war mit einem Walde bedeckt, und so dicht verflochten, daß er an einigen Stellen kaum zu durch dringen war. Er wurde indeß lichter, je weiter sie vordrangen, und ging allmälig in einzeln stehendes, dürres Gehölz über, bis auch dies in einer Höhe von etwa 13,000 Fuß gänzlich ver schwand. Die Indianer, die bis so weit ausgehalten hatten, verließen sie jetzt, von den fremdartigen unterirdischen Tönen des Vulkans furchtsam gemacht, der sich eben im brennenden Zustande befand. Der Weg öffnete sich jetzt auf eine schwarze Oberfläche von glasartigem, vulkanischem Sande und Lava, deren zerbrochene Stücke in ihrem siedenden Sturze zu tausend wunderlichen Formen erstarrt, ihrem weiteren Vorschreiten fortwährende Hindernisse entgegenstellten. Unter diesen erhob sich ein ungeheurer Felsblock, der Pico de Fraile, den man schon von unten sehen konnte, zu einer gerade aufsteigenden Höhe von hundert und fünfzig Fuß, wodurch sie genöthigt wurden, einen großen Umweg zu machen. Sie gelangten nun30 Amerika. bald zu beit Grenzen des ewigen Schnees, wo sich ihnen neue Hin dernisse entgegenstellten, da das trügerische Eis ein festes Auf treten verhinderte, und ein falscher Tritt sie in die gefrornen Klüfte stürzen konnte, die sie ringsumher angähnten. Zur Vermehrung ihrer Leiden wurde das Athmen in diesen hohen Gegenden so schwer, daß jede Anstrengung von heftigen Schmer zen in Kopf und Gliedern begleitet war. Dennoch drangen sie weiter vor, bis in der Nähe des Kraters eine solche Menge Rauch, Funken und Asche aus den brennenden Eingeweiden desselben emporgeschleudert und längs der Seitenwände des Berges getrieben ward, daß sie fast davon erstickten und er blindeten. Dies war selbst für ihre abgehärteten Körper zu viel, und wie sehr sie auch widerstrebten, sahen sie sich doch genöthigt, den Versuch, der dem Gelingen so nahe war, auf zugeben. Sie brachten einige ungeheure Eiszapfen mit zurück, ein merkwürdiger Anblick in diesen Wendekreisgegenden als ein Siegeszeichen ihrer That, welche, wenn auch nicht voll ständig gelungen, doch hinreichend war, das Gemüth der Ein- gebornen mit Bewunderung zu erfüllen, indem sie zeigte, daß für Spanier die abschreckendsten und geheimnißvollsten Ge fahren nur ein Zeitvertreib seien. Das Unternehmen war höchst bezeichnend für den kühnen Muth des Ritters damaliger Zeit, der, nicht zufrieden mit den Gefahren, welche ihm auf seinem Wege begegneten, sie aus donquixotischer Liebe zu Abenteuern aufzusuchen schien. Der Vorfall wurde dem Kaiser Karl V. berichtet, worauf die Familie Ordaz die Erlaubniß erhielt, die Handlung dadurch zu verewigen, daß sie einen brennenden Berg in ihrem Wappen aufnahm. Der Befehlshaber war nicht befriedigt von dem Erfolge.Die Besteigung des Popocatepetl in alter und neuer Zeit. ZI Zwei Jahre nachher sandte er eine andere Gesellschaft hinauf, unter Franzisco Montano, einem Ritter voll fester Ent schlossenheit. Er bezweckte dadurch, Schwefel zur Bereitung von Schießpulver für das Heer zu bekommen. Der Berg war zu der Zeit ruhig, und die Unternehmung hatte einen besseren Erfolg. Die Spanier, fünf an der Zahl, kletterten bis zum Rande des Kraters hinauf, der an seiner Mündung eineil regel mäßigen Langkreis, über eine Legua int Umfang, bildete. Die Tiefe mochte achthundert bis tausend Fuß betragen. Eine düstere Flamme brannte trübe auf bem Grunde, und sandte einen Schwefeldampf empor, der im Aufsteigen erkaltend, an den Seiten der Höhlung niedergeschlagen wurde. Die Gesell schaft looste unter sich, und das Loos traf Montaüo selbst, in einem Korbe in den gräßlichen Schlund zu steigen, in wel chen er von seinen Gefährten bis zu einer Tiefe von vierhundert Fuß hinabgelassen ward! Dies wurde mehrere Male wieder holt, bis der kühne Ritter eine hinreichende Menge Schwefel zum Bedarf des Heeres beisammen hatte. Dies wagliche Unter nehmen erregte zu damaliger Zeit allgemeine Bewunderung. Cortez schließt in seinem Bericht darüber an den Kaiser mit der vernünftigen Betrachtung, daß es im Ganzen weniger be schwerlich sein würde, ihr Pulver aus Spanien zu beziehen.*) ( 1852 .) Die Gesellschaft, erzählt ein Maler, Herr Frank Kellot, bestand aus zwei benachbarten Gutsbesitzern, den Herren Cor- chado und Munez, drei Damen und mir selbst. Wir waren *) Humboldt bezweifelt jedoch, daß Montano wirklich in den Krater hinabgestiegen sei und hält es für wahrscheinlicher, daß er den Schwefel durch irgend eine Seitenspalte des Berges erhalten habe.32 Amerika. alle zu Pferde, nnb sechszehn Indianer waren frühmorgens zu Fuß vorangeschickt worden, mit den Gegenständen, die dazu erforderlich sind, die Reise sicher und angenehm zu machen. Heiteren Muthes ging es den Maulthierpfad hinauf, der zum Berg-Rancho Zacopolco, einem der höchsten bewohnten Punkte der Erde, führt. Der aus vulkanischem Schlamin bestehende Boden erzeugt so üppiges Gras, daß man fast an der Grenze des Baumwuchses eine Melkerei (leollei-ia) angelegt hat, wo das Vieh des Nachts Obdach findet. Nachdem wir uns im Rancho erfrischt hatten, verfolgten wir den Pfad weiter, der uns durch eine verworrene Masse von Bäumen und Pflanzen und zwischen Schluchten hindurchführte, deren Abhänge mit Fichten bedeckt waren. Das Holz wurde immer kleiner und verkrüppelter, je weiter wir vorschritten, bis die Fichten in der Höhe von 12,544 engl. (11,890 Par.) Fuß ganz verschwanden. Noch etwas weiter und wir waren in einer Höhe von 12,693 engl. (12,043 Par.) Fuß an der Grenze aller Vegetation angelangt. Nachdem wir etwa eine Legua über Weichen Sand, mit scharfen Steinen vermischt, geritten, mußten zwölf unserer Indianer und unsere Pferde Zurückbleiben. Von diesem Punkte aus setzten wir mit den noch übrigen Dienern den Weg zu Fuße fort. Wir waren nur eine kurze Strecke weiter gegangen, als zwei von unseren schönen Reisegefährtinnen gleichfalls marode wurden, und wir schickten sie mit den Pferden und den er schöpften Dienern nach dem Rancho zurück, denn wir durften jetzt nicht zögern, wenn wir den Gipfel des Berges noch heute erreichen wollten. Die dritte Dame schritt muthig voran und hätte wahrscheinlich die Ehre genossen, die erste Frau zu sein, welche jemals den Popocatepetl erstiegen, wäre sie nur nichtDie Besteigung des Pvpocatchetl in alter neuer Zeit. ZZ unglücklicherweise zu wenig darauf bedacht gewesen, ihr Kostüm zwecknräßig einzurichten. Statt der Beinkleider oder Bloomers hatte sie nur einen doppelten Unterrock angelegt, um sich gegen die Kälte zu schützen, und als sie noch 3000 Fuß über vul- kanischen Sand und lose Steine geklettert war, mußte sie, von den Strapazelr und dem Schmerz der durch häufiges Fallen verursachten Quetschungen überwunden, ermattet anhalten. Das Unternehmen war auch für uns Männer höchst be schwerlich, und für sie wäre es unklug gewesen, weiter zu gehen, da die Eiszapfen, welche wie spitzige Nägel aus den Felsklüften emporragen, und zwischen welchen man sich vor sichtig durchwinden muß, ihr ebenso große Hindernisse bereitet hätten, als der Sand und die Steine. Wir hatten daher keine Wahl, als ihr von ferneren Ver suchen abzurathen und sie der Hülfe dreier anderer marode ge wordener Indianer anzuvertrauen, die sie den Berg hinabge leiten sollten. Zum Unglück hatte einer dieser letzten Indianer alle unsere Chokolade bei sich, welches Getränk für eine Ge sellschaft, die einen hohen Berg ersteigt, unentbehrlich ist. Ohne diesen Verlust zu ahnen, setzten wir unfern Weg fort, bis es zu spät war, ihm abzuhelfen. Der Basaltfelsen, den wir jetzt erreichten, war mit den eben erwähnten Eiszapfen bedeckt, und es war keine leichte Arbeit, die Füße zwischen sie zu setzell und sich mit den eisenbeschlagenen Stöcken festzuhalten, während der Schwindel, den das Hinabblicken auf die Welt, die wir unter uns gelassen, hervorrief, die Beschwerden unseres Marsches vermehrte. Um unsere Aufmerksamkeit von den eigenen Mühselig keiten abzulenken, erzählte uns Herr Corchado eine Geschichte von sechs seiner Arbeiter, welche es versuchten, den Berg wäh- Kletke, Neues Skizzenbuch. Z34 Amerika. rend der Nacht herabzusteigen. Jeder von ihnen trug einen Korb mit gestohlenem Schwefel auf beut Kopfe. Am Tage uach ihrem unvorsichtigen und strafbaren Unternehmen fand man ihre erstarrten Körper in einer Lage, welche die Ursache ihres Todes klar machte. Steif vor Kälte und durch ihre schwere Last am Gehen verhindert, waren sie in der Dunkel heit fehlgetreten und auf das scharfe Eis gefallen. Dem Einen war die Backe durchstochen, und auf den Leichen der Änderet: zeigten sich verschiedene Wunden und Beulen. Die Geschichte dieser Unglücklichen war nicht geeignet, uns sehr angenehme Betrachtungen einzuflößen, im Fall das Wetter sich ändern sollte, während wir noch auf dem Berge waren. Den Basaltfelsen hinauf, der in einer Höhe von 16,895 Fuß beginnt, klommen wir mit großer Anstrengung bis zum Abettd weiter, wo wir an jenen ungeheuren, gähnenden Abgrutld, den Krater, kamen. Die Mündung desselben hat etwa drei (eng lische) Meilen im Umfang und ist von sehr unregelmäßiger Form. Wir stiegen in sie hinein und gelangten bald zu den: Hause, wo wir unser Nachtquartier aufschlagen sollten. Dieses Haus ist eine Merkwürdigkeit in seiner Art, da es nicht wie andere Häuser gebaut ist und gebaut tverden konnte, wenn man die Verdünnung der Luft in dieser Höhe von 17,125 Fuß und die Unmöglichkeit, in einem geschlossenen Raume genug Sauerstoff zur Unterhaltung eines Feuers zu finden, berück sichtigte. Es wurde ihm daher die Gestalt eines Miniatur- Vulkans gegeben; das Haus ist von außen und von innen mit einer runden Mauer versehen, wovon die äußere nach innen, und die innere, die auf Säulen ruht, nach außen ab schüssig ist, bis sie sich beide begegnen. Im offenen Hofe, in der Mitte des Gebäudes, ward einDie Besteigung des Popocatepetl in alter und neuer Zeit. 35 Feuer angezündet und die Gesellschaft nahm unter dem Bogen Platz, um sich zu wärmen. Währelld der Nacht aber, die wir dort verbrachten, schlug der widerspenstige Rauch dieselbe Rich- tmlg ein, wie die erhitzte Luft und füllte das Gemach bis zum Ersticken, so daß, trotz der von Herrn Corchado für die Be quemlichkeit seiner Gäste getroffenen Anstalten, unsere Lage eine höchst unangenehme war. Der Abglanz der von den: Schnee zurückgeworfenen Sonnenstrahlen hatte unsere Augen, trotz der grünen Schleier, die wir trugen, mit einem Nebel bedeckt; wir empfanden in dieser schwindelnden Höhe eine Neigung zum Erbrechen, und obwohl mit allen möglichen eß- und trinkbaren Gegenställden versehen, begehrte nufer Magen nur nach Chokolade, die wir nicht bekommen konnten. Mit schwerem Haupte und müden Gliedern legten wir llns in dem dicken Rauch nieder und versuchten zu schlafen. Der Morgen kam uns zu Hülfe und entfernte den Nebel, der sich über unsere Augen gebreitet hatte. Wir blickten hin auf zu dem Gipfel des Berges über uns und hinab in den furchtbaren Abgrund, in den wir niedersteigen sollten. Wir konnten weder Kaffee trinken, noch Frühstück essen und waren daher bald reisefertig. Einen schmalen Fußsteig verfolgend, erreichten wir einen Vorsprung, wo wir uns in einen Trage korb setzten itnb mit einer Winde 50 Fuß oder mehr bis zu einer Felsenwand niedergelassen wurden, längs der wir nach einer zweiten Winde und einem zweiten Korbe hinkletterten und eine noch gefährlichere Fahrt begannen, da wir frei in der Luft schwebten, ohne uns an etwas festhalten zu können, während wir in die Oeffnung eines jener gähnenden Schlünde hineinfuhren, die man die Luftlöcher des Kraters nennt. Sie führen diesen Namen von der frischen Luft, die sie 3 36 Amerika. ausströmen und denk bumpfeu Getöse, welches stets aus ihnen hervorschallt. Wir machten die Augen zu und klammerten klns fest an das Tau, als wir in der Luft uni und um ge dreht wurden, bis wir eine zweite Station, etwa 50 Fuß nie driger, erreichten. Von diesem Punkte aus kletterten wir, so gut es anging, hinunter und gelangten endlich zu denk Ort, wo die Arbeiter damit beschäftigt waren, die Kohlen auszu graben, aus denen der Schwefel gewonnen wird. Wir nahmen keine Messung innerhalb des Kraters vor, ukld die Höhen und Entfernungen können daher nicht in Zahlen angegeben werden. Das Ganze ist jedoch nach einem so groß artigen Maßstabe angelegt, daß Pluto hier neue Donnerkeile schmieden und Miltows Satan sich in dem Schwefelpfuhl ba den könnte. Alles schien seltsam und schauerlich-majestätisch. Wir krochen in mehrere der Luftlöcher hinein, aber nichts war zu bemerken, als sichtbare Finsterniß". Die Seiten und der Fußboden waren durch die geschmolzene Masse, die sich im Durchströmen abkühlt, spiegelglatt geworden, und ohne die Stricke, die uns um den Leib gebunden waren, Hütten wir leicht straucheln und in einen bodenlosen Abgrund fallen können. Es schien uns beinahe, als ob wir in dem rauschendekk Luftstrome die Klagen verlorener Seelen in dem ungeheuren Schwefelsee zu unseren Füßen vernähmen. Der Schall der hineingeworfenen Steine verlor sich in der Entfernung, wenn sie nicht auf einen hervorspringenden Felsen stießen und von einer Spitze zur anderen abprallten. Es war furchtbar, die tiefe Finsterniß zu betrachten, die sich um den Abgrund lagerte, der gleichsam den Eingang zu den infernalischen Regionen bildet. Welch entsetzliches Schauspiel mußte es aber gewähren,Die Besteigung des Popoeatepetl in alter und neuer Zeit. Z7 als jedes dieser Luftlöcher" flüssiges Feuer und Schwefel in den Kessel hineinschleuderte, in welchem wir standen, und welch unermeßlichen Umfang muß das Schwefelmeer haben, das durch sein Austreten dergleichen Oeffnungen anfüllt! Wenden wir uns von großen zu kleinen Dingen zum Leben der Arbeiter, die in dem Vulkan arbeiten, essen und häufig auch schlafen. Einige graben Schwefel aus imb laden ihn in Körbe, welche andere auf ihrem Kopfe die Wand des Kraters hinauftragen. Noch andere, die sich außer Gesicht weit oben auf dem Berge befinden, arbeiten all den Oefen, wenn das Wetter klar ist und keine Wolke sich vor die Sonne lagert, da man nur bei einem solchen Stande der Atmosphäre auf dem Gipfel des Berges arbeiten und Lasten nach der Hacienda tra gen kann. Ist das Wetter schön, so find die Operationen in vollem Gange und es wird ein bedeutender Gewinn erzielt, indem man Schwefel zur Fabrikation von Schwefelsäure liefert. Wir sind noch einmal auf dem Gipfel des Berges, und da uns das Gesicht, welches wir beim Erklimmen desselben einbüßten, wiedergegeben ist, so nehmen wir die unter uns liegende Welt in Augenschein. Gegen Westen blickend, glicht Alles im Lichte der aufgehenden Sonne, außer wo der Berg seinen Riesenschatten selbst über das Thal von Toluea hinaus wirft. Wie seltsam verkleinert zeigen sich uns alle wohlbe kannten Gegenstände! Die Reinheit der Atmosphäre hat die Wirkung, daß die entferntesten Punkte sich uns in großer Deutlichkeit vorstellen, aber nicht in ihrer natürlichen Größe, da der Gesichtswinkel unverändert bleibt. Die Dörfer des Tafellandes erscheinen als Pygmäendörfer, von Pygmäen be wohnt, von zwerghaftem Vieh umgeben und mit Düumling- soldaten garnisonirt. Durch eine optische Täuschung sehen wirAmerika. eilt wahres Lilliput vor uns. Hätte Swift die Höhe besteigen können, auf der wir standen, so würde er die Verwirklichung des Bildes erblickt haben, das seine Phantasie malte. Er hätte die Kriegsschaaren Lilliputs zum Trommelschlage in martialischer Ordnung einhermarschiren gesehen. Ein ebenso merkwürdiges Schauspiel bietet sich dar, wenn man um den Berg herumgeht und von seiner steilsten Seite, wo es kein Tafelland gibt, in die Tierra caliente, das heiße Land, hinabsieht. Die Entfernung ist so groß, der Abhang so steil, daß ein des Kletterns nicht gewohnter Reisender von einem Gefühl des Schwindels befallen wird. Wenn man bis zu dem äußersten Gipfel des Berges, 250 Fuß über der Oeff- nung des Kraters, steigt, hat nian einen noch viel weiteren Gesichtskreis; aber es ist dies eine Höhe, auf der es Wenige gelüsten wird, lange zu verweilen, oder sie zum zweitenmale zu erklimmen. Um das Jahr 1850 hatte Corchado, ein thätiger und unternehmender Weißer, sich das Vertrauen der Indianer am Fuße des Berges erworben, die ihn einluden, sie auf einer ihrer Expeditionen nach dem Vulkan, die in der letzten Zeit ziemlich oft stattgefunden, zu begleiten. Es war dies ein Vor schlag, der feinem unternehmenden Charakter ganz zusagte, und am bestimmten Tage erschien er demnach bei dem Rendezvous, mit einem Tau, einem Stück Segeltuch und einer eisernen Stange versehen. So ausgerüstet, machte sich die Gesellschaft, und zwar eine zahlreiche, zur Ersteigung des Berges auf; aber Einer nach dem Andern mußte Zurückbleiben, bis nur Cor chado und ein einziger Indianer an der Mündung des Kraters anlangten. Hier fiel Corchado, von Ermüdung und Blut verlust überwältigt, in Ohnmacht, und der Indianer, der keinenDie Besteigung des Popocatepetl in alter und neuer Zeit. 39 anderen Rath wußte, deckte ihn mit dem Segeltuch zu und eilte den Berg hinunter nach Hülfe. In kurzer Zeit kam der Ohnmächtige unter dem Segeltuch zu sich und schleppte sich aus seiner gefährlichen Lage in den Krater hinein, um nicht draußen vor Kälte umzukommen. Er stieg bis zum Felsen vorsprung hinab, und in den Abgrund niederblickend, fühlte er sich durch die Atmosphäre des Berges so erfrischt, daß er die Eisenstange, das Segeltuch und das Tau nach sich zog, entschlossen, die Nacht in der Tiefe des Kraters zuzubringen. Kann: hatte er die Stange und das Tau befestigt, als seine ihnr zu Hülfe eilenden Geführten anlangten und Alle an dem Tau nach einem Punkte hinabstiegen, wo sie die Nacht in Sicherheit verbrachten. Auf der Rückkehr sammelte Corchado einige von den Schlacken und brachte sie nach Puebla, wo sich dieselben als in so hohem Grade schwefelhaltig erwiesen, daß sie die Anzeige der Entdeckung einer Schwefelgrube rechtfertigten. Es wurde in Puebla ein hinlängliches Kapital unterzeichnet, um einen einfachen Apparat aufzustellen, mittelst dessen man die Grube mit ansehnlichem Gewinn ausbeutete. Wegen eines Processes, in den die Unternehmer verwickelt worden, hat man jedoch bisher (1852) keinen Versuch machen können, den Felsen zu durchstechen oder einen etwaigen Ausgang durch eine Ritze oder Oeffnung zu erforschen. Der zu dem Krater führende Pfad wurde indeß in guten Stand gesetzt und ein Besuch in den Schwe felgruben gilt nunmehr für ein völlig gefahrloses Unternehmen. Obgleich der Popocatepetl beständig brennt, so hat er dennoch seit Jahrhunderten nur Asche und Rauch ausgeworfen. Man sieht den letzteren aber nur in der Nähe des Vulkans40 Amerika. zwischen vier und sechs Uhr Abends, am deutlichsten bei Son nenuntergänge. Am stärksten sind diese Ansbrüche im Monat Mai. Der ganze Berg erscheint dann, wahrscheinlich in Folge der Schwefeldämpfe, in einem gelblichen Lichte. Den Bewohnern der umliegenden Orte dient der Vulkan als Wetterprophet. Wenn bei Sonnenuntergang ein schwarzer Rauch aufsteigt, der sich zu dicken nach Norden geneigten Wol ken verdichtet, so hat man Regen zu erwarten. Ist der Ranch aber nach Süden geneigt, so giebt es Kälte und Reif. Eine gerade aufsteigende Rauchsäule deutet auf Wind oder Erdbeben. Zwei bis drei Stunden vor dem Ausbruch eures Sturmes in der Ebene von Tetimpa sieht man Sand und Bimsstein stoß weise dem Krater entsteigen. Der Gipfel des Popocatepetl ist gleich bem des Jztaccihuatl mit ewigem Schnee bedeckt, der sich besonders nach Norden, gekühlt durch den Schnee seines Nachbarberges, noch weiter hinabzieht als gegen Süden und Südosten, wo sich die Schnee linie oft bis auf tausend Fuß von der Spitze hinaufzieht. Zu weilen kommt es vor namentlich in den Monaten Decem- ber und Januar daß über Nacht gefallener Schnee den ganzen niedrigen Gebirgszug zwischen dem Popocatepetl und dem Jztaccihuatl bedeckt und beide Gipfel durch eine Schnee linie verbunden sind. Wenn die beiden Riesenberge mit ihren weißen Abhängen gegen Abend durch die gebrochenen Strahlen der untergehen- den Sonne in einer rosenrothen Beleuchtung erglänzen, so bietet sich den Bewohnern des nur sieben deutsche Meilen ent fernten Mexiko s eines der prachtvollsten Schauspiele der Welt dar.Cultnrpioniere im Westen von Nordamerika. 41 V. Culturpioniere tm Westen von Nordamerika. Am obern Missouri, wo über die Prairien der monat lange Weg nach fernen Gebirgen und Küstenländern zieht, steht ein Wegweiser an einem Scheidewege, auf bem einen Arm ist zu lesen: Nach Mexiko; der andere zeigt: Nach Kalifornien. Gerade wie bei uns von Dorf zu Dorf, zeigt der hölzerne Wegweiser naiv in die unermeßlichen Prairien hinein. Da hinein geht s! Nur die Richtung brauchen wir, das Dnrchfinden ist unsere Sache," so denkt dies kühne Volk, das sich fort und fort in ungezählten Schaaren in die Prairien und Wälder ergießt. Die Leute gehn vielleicht ein paar Tag reisen in der Irre, was schadet s viel, sie finden sich doch wieder zurecht, eine trockene Stelle zum Schlafen giebt es überall, und wenn das Mehlfäßchen leer geworden und ver brannt wird, so schafft die Büchse neuen Mundvorrath herbei. Ihr Leben ist Mühsal unb Entbehrung und der Gewinn rinnt auch bald wieder durch die Finger, aber die köstliche Freiheit dauert. Jede Schaar macht sich ihre eigenen Gesetze, und wer nicht einstimmt, trennt sich ohne weiteres von den Andern. Die Welt ist ja ringsum offen für ihn und seine Zkkversicht ist ebenso grenzenlos. Das freie Schweifen in eigen thumslosen Gegenden, das ewige Rauschen von Wind und Wald, der ungehemmte Blick weit über die offene Prairie, das lebendige Wasser, das man durchschreitet, das aufsprin gende Wild, die einfache Kost, gewürzt durch Hunger und42 Amerika. Gesundheit, das täglich feurigere innere Kraftgefühl und die blühende Einsamkeit bei Tage und die friedliche Stille am Nachtfeuer, wenn hoch oben die Sterne unermeßliche Räume durchblitzen, wer an diese Reize einmal gewöhnt ist, den locken sie immer wieder, so lange das Mark in den Knochen noch nicht taub geworden. Uud wie leicht gewöhnt man sich daran! Man braucht nicht die angeborne Nomadennatur der Amerikaner Zu haben, die Natur des Landes erzeugt von selbst den indianischen Hang Zum Schweifen und zum Wechseln der Augenweide. Das Land ist so groß, so weit, so einförmig, der Mensch erscheint sich wie eine Welle, welche dahinfährt auf dem Ocean der Prairien, wie ein spielendes Blatt im endlosen Waldgewoge. Auf keiner Stelle mag er hasten mit Liebe und mit Haß. So wenig der Fisch", sagt ein alter Spruch der Vorsiedler, zu hemmen ist, hinabzuschwinnnen, bis er in das Meer kommt, so wenig ist der Vorsiedler zu hemmen, sich in die Wälder und Prairien des Mississippi zu stürzen, bis er zu seinen Quellen gelangt." Die Quellen des Mississippi sind nun freilich bald von den Ansiedlern erreicht und schon werden die Länder selbst am stillen Ocean nach allen Richtungen durchmessen und besiedelt und bald ist kein unbewohnter Raum mehr, der sich mit ausschweifen den Hoffnungen bevölkern läßt, als die Striche zwischen den Felsengebirgen und den Grenzen der westlichen Staaten. Der ferne Westen" ist immer weiter westwärts gewandert, je mehr Landstriche neu besiedelt und zu den schon bestehenden Staaten hinzugeschlagen werden. Allein noch immer ist in der Phan tasie der Amerikaner der ferne Westen" etwas Unermeßliches, ein Zauberwort, dessen Anziehungskraft schwer zu widerstehen. So lange es noch herrenlose Gebiete giebt, wo die NaturCulturpioniere im Westen von Nordamerika. 43 dem Menschen zuruft: Komm und nimm, was ich bringe, so lange wandert die Beutelust durch die Wildnisse. Und wenn all das Volk, das jenseits der letzten Ansiedelungen streift und wirthschaftet, mit einem Schlage zu Boden sänke, so würden die amerikanischen Städte und die europäische Einwanderung wieder genug junges Volk in die Einöden schicken, Leute, die sich für Zu gut halten oder zu wenig verstehen, um in den Unter nehmungen der Rowdies oder .verwegener Speculanten jene Jagd- und Beutelnst gu befriedigen, welche unbezähmbar in allem erwacht, das den amerikanischen Boden betritt. Die Pioniere der Civilisation verlegen die Schauplätze ihrer Thätig- keit immer weiter, je weiter die Civilisation selbst ihnen nach rückt; allein sie haben noch jetzt ganz dieselben Ansichten und Neigungen, Gesetze und Gebräuche und gliedern sich noch jetzt in dieselben Klassen und Gruppen, wie ihre Vorfahren vor zwei- und dreihundert Jahren. Da ist zuerst der Ansiedler, der Hinterwäldler. Er will das Land, ohne es zu kaufen. Ihn lockt die grüne Einsam keit, in welche er das Gold des Korns einsäen will. Fette Gründe sucht er im wilden Wald und Wiesengrund, wo der Mais gedeihen kann, und ein Flüßchen, das Wasser und die Hoffnkmg zur Errichtung einer Sägemühle giebt. Da baut er ein Hüttchen aus rohen Baumstämmen, deren Fugen er dürftig mit Moos und Lehm ausstopft, und ackert und jagt ein paar Jahre in ungestörter Einsamkeit, bis der erste Fremd ling kommt, der Land kaufen will. Dann leidet es ihn nicht mehr, er bietet die Frkkcht seiner mehrjährigen Arbeit für ein paar hundert Dollars aus und verfolgt jeden, der in seine Nähe kommt, bis er seine Stätte losgeschlagen hat. Der andere Morgen schon sieht ihn beschäftigt, seine Habe auf den kleinen44 Amerika. Wagen zu bringen und seine paar Stiick Vieh zusammenzu treiben, und sein nächster Nachbar erfährt seinen Abzug erst, wenn er bereits fünfzig Meilen weiter westlich nach einem an dern Platze sucht. Diese Waldsiedler können nicht mehr anders; wo das Thier geboren ist, da will es leben. Es steckt in dem Menschen ein eigenthümlicher Hang, in die wilde Natur sich von neuem zu vertiefen. Die Civilisation zerstört diese Neigung und Fähigkeit; ist aber der Mensch einmal Jahre lang in der Wildniß und Einsamkeit, so gewinnt sie wieder Macht über ihn. Er acclimatisirt sich nicht mehr in der Geselligkeit, gleich wie dem Beduinen nur leicht und wohl ist im brennenden Sand und in der Freiheit der Wüste, weil die Naturreines Geistes und Körpers sich unzerstörbar danach gerichtet und ge bildet hat. Gegen seines Gleichen verhält sich der amerikanische Waldsiedler abgewendet und schweigsam, wie erstarrt und ver härtet in seinem Innern und zurückgezogen auf seine eigene Kraft, auf die Kraft seines Armes, die Verschlagenheit seines Geistes und die Sicherheit seiner Büchse, deren Kugel jedes Eichhörnchen, das er vom hohen Baume haben will, so ge schickt zwischen Ast und Fell streift, daß das Thierchen betäubt, jedoch unverletzt ihm in die Hände fällt. Ein unstätes und unruhiges Volk sind die M e t a l l g r ä b e r. Mit unfern Berg- und Hiittenleuten kann man sie gar nicht vergleichen, nicht allein, weil sie nicht arbeiten im Schooße der Berge, foubent weil sie vom kunstmäßigen Bergbau und Hüt- tenbetriebe keine Ahnung haben. Sie wühlen bloß nach Metall, das sich leicht losreißen und verwerthen läßt, in den Hügeln, Bächen und dem aufgeschwemmten Lande. Ihre höchst ein facher: Geräthschaften und Handgriffe lassen sich in einem Vor mittag auslernerr, ihre ganze Wissenschaft könnten sie in einerCultnrpioniere im Westen Vvu Nordamerika. 45 Viertelstunde vortragen, wenn sie wirklich dieselbe einem An dern vertrauen wollten. Denn das Hauptstück dieser Wissen schaft besteht in der Kenntniß ergiebiger Plätze und in der Kenntniß der Anzeichen, durch welche sich jene guten Plätze schon an der Oberfläche der Erde kundgeben. Von diesem Wissen verräth aber der Eine dem Andern nur so viel, als durchaus nöthig ist, um Mitarbeiter anzuziehen und durch ihre Hilfe zu gewinnen. Gold, Kupfer, Blei, der Reichthum daran, der fast offen zu Tage liegt, ist ungeheuer; ihn aus zubeuten ergießen sich die Metallgräber in großen und kleinen Schaaren über die Gegenden am obern Mississippi, an den oberen Seen in Kalifornien. Mancher Goldwäscher wandert einsam die Vachgerinne in den kalifornischen Bergen hinauf, manches Bleigräberpaar bleibt für sich allein wochenlang draußen zwischen den Hügeln in Iowa und Illinois. Wo ihrer mehrere beisammen arbeiten, fehlt nie unter ihren Blockhütten der La den des Händlers, und dieser zieht den Hauptgewinn ihrer Arbeit. Denn ihr einförmiges, schmutziges Tagwerk macht, daß sie sich gern denk Trunk und wilder Fröhlichkeit ergeben, und der Zufall, dem ihre Arbeit ausgesetzt ist, ob sie nämlich reiches Metall finden oder nicht, befördert in ihnen den Hang zum tollen Wagen und Spielen. Trunksucht und Spielsucht aber haben stets die dritte Schwester, die Raufsncht im Gefolge, die Streitigkeiten unter den Metallgräbern hören nie auf, und endigen jenseits der Staaten, entweder mit einem Lynchgericht, das kaltblütig einen Menschen vom Leben zum Tode bringt, oder wenn die Parteien sich die Waage halten, mit blutigen Gefechten, bis die besiegte Partei verdrängt ist. Weiter als die Metallgräber wandern die H o l z f ä l l e r. Es sind die stolzen Baumriesen, denen sie nachgehen, die großen46 Amerika. und kleinen Flüsse hinauf und von diesen das Geäder entlang der Bäche, See n und Seedurchlasse. Dort spiegeln sich in den einsamen Gewässern, deren Rand nur des Wildes und des Jägers Fuß berührt, die schönen stolzen Bäume, welche die Natur Zum unvergänglichen grünen Schmuck der Wildnisse ge schaffen zu haben scheint. Der Mensch jedoch trachtet ihnen nach, er braucht sie zu seinen Schiffen und Wohnungen und Gewerbsbauten. Sie einzeln aus den Wäldern in der Nähe der Ansiedlungen zu holen, würde weder Zeit noch Arbeit lohnen, weil in Dickicht und Morästen an Wege nicht zu denken ist. Man sucht und fällt die Bäume nur, wo sie in das fließende Gewässer Hinabstürzen und auf diesem leicht, wenn auch fernher in die Städte geführt werden. Ein Unternehmer, der dazu hinlänglich Kapital besitzt, miethet ein oder zwei Dutzend Leute, steigt mit ihnen, wenn das Eis noch an den Bäumen hängt, einen Fluß oder See hinauf in die Wälder, sein Boot ist beladen mit Mehl-, Speck- und Whiskyfässern, nlit Sägen und Bettdecken und Kochgeräth. Am geeigneten Platze werden rasch ein paar Blockhütten lind eine Sägemühle errichtet und sofort und unausgesetzt mäht die Axt rings in die Wälder hinein, die schönsten Bäume fallen, werden zur Sägemühle geschleppt, in Bretter zerschnitten und diese zum Floß zusammengefügt. Floß auf Floß geht den Fluß hinunter, bis die Gegend aller stolzen Bäume beraubt ist und man den ausgelichteten Platz verläßt, um andere Waldstellen aufzu suchen, wo noch eine Fülle kräftigen Vaumwuchses ge drängt steht. Unregelmäßiger, kühner und gefahrvoller ist das Gewerbe jener Holzfäller, welche auf eigene Hand in die Wälder ein- driugen. Eine kleine Schaar thut sich zusammen, führt aufCulturpiomere im Westen von Nordamerika. 47 einem Flüßchen herauf im leichten Birkenkahn Aexte und Büchsen, Schieß- uub Mundvorrath, einen Schleifstein, Kochgeschirr und für jeden Mann zur Nacht eine Wolldecke oder Büffelhaut. Die Männer am Ufer ziehen oder tragen das Fahrzeug über die Stellen von steinigem Gefälle. Was am Ufer steht von prächtigen Bäumen, wird niedergehauen, die herrlichen Eichen-, Wallnuß- und Hickory-Bäikme, nicht nlinder ein und der an dere stahlharte Eisenholzbaum. Vor allen aber ist es die Ceder, rrach der man ausschaut. Mit königlichem Wüchse erhebt sie sich auf den felsigen Abhängen, oft so hoch an: steilen, krackten Gestein, daß sie aller Angreifer spottet. Allein diese kühnen Gesellen klimnien hinauf, auf schmalem Grate fußend schwin- gen sie die Wucht der Aexte und alsbald neigt sich der edle Baum und schießt krachend und rauschend nieder und den Abharrg hinab. Nicht selten wenn einer Hirsche oder Bärerr entdeckt hat, wirst alles die Aexte weg und stürzt fort mit ge spannten Büchsen. Dann kracht es durch die Waldeinsamkeit von Schüssen und wildem Halloh, und am Abendfeuer, an welchem die köstlichen Fettstücke des erlegten Wildes braten, macht dann das Whiskyfäßchen und Gesang und Gelächter die Runde. Man ist auch nicht lange auf dem Anstande, wenn eine Streifschaar von andern Holzfällern in s Gehäge fällt und be hauptet, sie hätten den Cedernplatz eher entdeckt und durch An hauen von ihm Besitz ergriffen. Da wird nicht viel unter handelt, sondern die Büchsen krachen auf Menschenwild. Mit Indianern werden noch weniger Umstände gemacht. Wollen sie nicht gutwillig weichen, wo man auf einen Trupp stößt, so erfolgen regelmäßig Diebstahlsanschuldigungen, Angriffe und Gefechte. Es komnit auch vor, daß im Eifer des Cedernsuchens48 Amerika. die Holzfäller sich zu weit iit die Wildnisse versteigen. Dann geht der Mundvorrath aus, die Kleider reißen von: Leibe und wochenlang müssen die Männer nur ihr Leben mit dem Hunger und den Schrecken der Wildniß kämpfen. Sobald aber die hinlängliche Anzahl Bäume gefällt und zu Stämmen Khanen, werden sie dutzendweise verknüpft und ben Fluß hinunter ge flößt. Kommt tieferes Wasser, so zimmert man aus dem Ganzen das große Floß, und fröhlich, jedoch unter tausend neuen Gefahren und Mühseligkeiten, fahren die Männer der: Strom hinunter, bis sie vor einem Hauptplatze des Holzhandels anlegen und ihren den Wäldern abgejagten Raub für ein paar tausend Dollar verkaufen. Zu Zeiten, wenn sie lange und tief in den Wäldern gewesen sind, bringen sie auf dem Floß auch jlknge Bären, Bärenschinken und Fäßchen voll Honig mit. Kaum aber ist das Geld im Beutel, so stürzen sie jubelnd zu Saufgelagen und Spiel, wie der Matrose in den Hafenstädten und wie all das andere Volk es macht, das seinen Gewinn aus den Wildnissen holt. Die ärmlichste Klasse der Holzfäller bilden diejenigen, welche sich an den großen Strömen einen Platz suchen, wo die Dampfschiffe gut anlanden können und rings umher dichter- hochstämmiger Wald und nicht gar zu viel Sumpf ist. Da schlagen sie das Holz zusammen und häufen am Ufer die kurze:: dicken Scheite auf, welche die Dampfschiffe ihnen abkaufeu. Mehrmal des Tages wiederholt sich das Holzeinnehmen und das bringt doch etwas Abwechselung in die einförmigen tage langen Fahrten auf den westlichen Flüssen. Insbesondere des Abends, wenn die Nacht plötzlich wie eine dunkle Masse auf die Erde gefallen ist und alles ausfüllt, ist es eine Scene zun: Malen. In der Ferne erscheint den Reisenden ein rothesCulturpioniere im Westen von Nordamerika. 49 zitterndes Licht am Ufer, das Dainpfschiff nähert sich, und herüber und hinüber fliegt das Rufen. Dann wird vom Bord an einer langen Stange ein eiserner Gitterkorb ansgehangen, in welchem harzige Holzstücke flammen und kohlen, das Schiff plätschert langsam zum Ufer und legt sich unter die Wald riesen, die mit ihren langen Zweigen wie mit dunkeln Geisterarmen weit über den Fluß greifen. Es eilen Bootsleute am Ufer hin und her nüt Kienfackeln, in ihrem Scheine werden Holz stöße und Blockhütten und ein paar roh gekleidete Männer sichtbar, mit deren Hülfe die Scheiter rasch an Bord wandern. Das Dampfschiff wendet wieder in den Fluß hinaus und die Fackeln am Lande verlieren sich in die Blockhütten, deren Be- wohner sich für den ärmlichen Verdienst mit einer Flasche Whisky belohnen, in ihrer Verlassenheit und Oede, stunden weit von den nächsten Ansiedlungen entfernt. Das Schiff zieht wieder über die einsamen Gewässer, über welche sich Stille und Schweigen lagert. Es schneidet gleichsam ein in diese Starr heit des Schweigens und der Nacht, die wie ein Rest aus nrweltlichen menschenfeindlichen Zeitaltern hier stehen geblieben- Endlich taucht fern am Horizont ein großes Feuer auf, es flammt immer stärker, der Mond ist es, dessen Scheibe so roth glühend und groß langsam empor steigt. Als wenn sie nur auf ihn gewartet hätten, blitzen auf einmal die Millionen Sterne hervor, und es beginnen aus diesen weiten westlichen Flüssen jene Mondnächte, von deren Zauber sich durch die Schilderung auch dem besten Freunde nur eine Ahnung ge ben läßt. Am weitesten von all den Vorgenannten streift der I ä g er, denn sein Ziel ist das flüchtige Wild, das in unaufhörlichem Zurückweichen vor den Ansiedlern begriffen ist, jährlich um Kletke, Neues Skizzenbuch. 450 Amerika. dreißig bis fünfzig Meilen. Wie lange wird es noch dauern, und denr Wilde ist im ganzen Bereiche der vereinigten Staaten der freie Wechsel abgeschnitten. Dann wird es zurückgedrängt fein auf die Wüsteneien vor beit Felsengebirgen und im Um- kreise derselben, und auch dort wird die mordgierige Büchse der Jäger es anfallen, welche des kleinsten Gewinnes wegen ganze Nudel tödten. Nicht zu zählen sind die Büffel, welche jährlich blos der Häute, Hörner oder Zungen wegen zusam- mengeschossen werden. Unter den Büffeljägern bilden noch immer den Haupt- stannn die Nachkommen der französischen Ansiedler, von denen sich in den meisten Städten an den westlichen Flüssen und See n noch Reste erhalten haben. Diese jagekr wie Indianer, mit deren Art und Wesen sie sich merkwürdig leicht vergesellschaften. Der Franzose in der Wildniß verharrt gleich dein Indianer Tage lang düster und schweigsam, dam: ergiebt er sich auf einmal wie dieser ohne allen Anlaß der Ausgelassenheit und Schlemmerei. Dabei ist er geschickt, listig und ungemein rasch mit Blick und Hand, nimmt vorlieb mit dem kärglichsten Brodt und wenn er den ganzen Tag gehungert und gedurstet, singt er des Abends noch sein Liedchen. Diese amerikanischen verlornen Kinder Frankreichs sind so kindisch eitel, putzsüchtig und einpfindlich, wie die wilden Naturkinder. Sie machen gleich diesen niemals Pläne im Großen und machen sich niemals Kopfweh durch Denken, sind dafür desto geschickter, rühriger und anschlügiger in all den kleinen Hantirungen, wie sie die Jagd und das Befahren der Wildnisse und Gewässer erfordern. Wenn die Engländer hundert Jahre daran probirt und alle Mittel dazu gehabt hätten, so würden sie keine Menschenklasse erzogen haben, die geeigneter wäre, als dieCulturpioliiere im Westen von Nordamerika. 51 Kanadier, Monate hindurch in Eis nnb Schnee, durch Wald und Sumpf, iiber Flüsse und See n zu reisekl, um Pelzthiere zu jagen, mit beit Indianern Handel zu treiben und die ent legenen Handelsposten mit Nachrichten und Mundvorrath zu versehen. Früher wurde auch die Verträglichkeit der Kanadier gerühmt, sie zankten sich zwar häufig, erhitzten sich aber nicht bis zum Todtschlagen; seit der stolzere germanische Amerikaner unter sie gefahren, entscheiden sie ihre Streitigkeiten häufig durch Messer und Büchse. Alljährlich verlassen diese braunen harten Gesellen die Ufer des Missouri und Mississippi und ziehen mit Roß und Wagen den Büffeln entgegen, deren Heerden einige hundert Meilen westlich von den letzten Ansiedlungen die Prairien durchstampfen. Dort bleiben die Jäger bis zum Herbste unter freiem Himmel. Streifende Indianer stoßen zu ihnen, um an der Büffelernte Theil zu nehmen, müssen aber ihrer Diebs gelüste wegen in der Regel außerhalb der Wagenburg campiren, die jede Nacht aufgefahren wird. Werden von den Indianern, welche die Tirailleurs der Jägerschaar machen müssen, die Büffel gemeldet, deren Heerde eine schwarze Linie durch die Prairie zieht von einer halben Stunde Länge, so galoppirt alles an die Ränder des lebendigen Thierwalles und knallt und metzelt unter wüthendem Geschrei und in toller Leiden schaft, bis die grüne Prairie besät ist mit Büffeln, die in ihrem Blute verenden, und das Gestampf der sorteilenden Heerde wie ferner Donner am Horizonte verhallt. Diese Jagd hat eine rohe Aehnlichkeit mit einem Gefecht. Die Jäger, welche die sich hin und herschiebende Masse der Büffel anfallen, müssen wohl Acht haben, welche Richtung sie nimmt; denn wer vor die Linie der fortstürzenden Thiermenge geräth, ist im Nu52 Amerika. zermalmt. Auch ergeben sich oster Einzelkämpfe; der ver wundete Büffel, der nicht gleich zum Tode getroffen ist, wirft sich mit rasender Wuth auf den ungeschickten Schützen und zerstößt mtb zerstampft Roß und Mann, wenn beide nicht wiederholt im wohlgemessenekk Seitensprunge dem Anprall ausweichen. Glück und Stolz des Jägers ist hiebei sein Pferd. Dieses edle Thier, welches sich überall verständig den: Willen und Thun des Menschen anschmiegt, folgt auch aufmerksam jedem leisen Hand- oder Schenkeldruck des Büffeljägers. Es eilt im lustigen Wettrennen auf die Heerde ein, hält im Nu wie eine Mauer vor den funkelnden Augen des heranstürzen- den Bullen, damit der Jäger ruhig zielen kann, und kaunr ist der Schuß abgegeben, so stiegt das Roß wieder ab und an den Feind, als spielte es nlit der Gefahr. Die Büffeljäger schießeik in der Regel so viel und so lange, als sie auf ihren Wagen noch Platz haben für Büffelzungen und Häute, und auch dann wird noch nianches Thier bloß aus Jagdlust erlegt. Zu Zeitekl gerathen sie, wenn die Heerden sich zu rasch zurückziehen, im Verfolgen tief in Sand- und Steinwüsten hinein, der Jagd eifer treibt sie voran, so lange in ihren Pferden noch Muth und auf ihren Wagen noch Mehl und gedörrtes Fleisch ist. Dann suchen sie lange lange Zeit umherirrend den nächstekl Rückweg, die Pferde fallen, das Lager wird immer stiller, und wenn sie endlich wieder zu Wiesengrün und Wasser kommen, sind die Männer selbst nur noch ein mattes Gerippe. Kehren sie aber zu Anfang des Winters mit reicher Jagdbeute zurück, so beginnt sofort in ihren Hütten das Trinken und Schlem men, das Tanzen und Lustigsein mit Weib und Kind. Bald nach Weihnachten ist gewöhnlich der ganze Gewinn wiederCulturpioniere im Westen von Nordamerika. 53 verjubelt, dann bleibt einige Wochen lang in ihren Hänschen der Heerd kalt und die Branntweinflasche leer, bis der Schnee schmilzt und die Jagd- und Wanderlust die Männer wieder iws Weite lockt, mögen die Frauen unterdessen sehen, wie sie sich durchhelfen. Einzelne dieser verwegenen Burschen ziehen auch allein mit Pferd und Büchse und Decke in den Wildnissen umher, und fristen ihr Leben vom Ertrage der Jagd. Dann kommen sie Monate lang unter kein festes Dach, die große wilde Natur überwältigt sie vollständig, ihr Aufputz wird roh und phan tastisch im Geschmacke der Indianer, wie diese werden sie scheu und rückhaltig vor den Weißen, und das Ende ist, daß sie sich eine Indianerin zugesellen und von den Ansiedlungen ganz zurückziehen. Für die Wilde aber ist es der Gipfel der Ehre und des Glücks, das Weib eines weißen Jägers zu sein, sie ist ihm treu und wachsam wie ein Hund, besorgt sein Lager und seine Hütte und jeden Gang und jede Arbeit mit rühren der Geduld. Ihre Kinder gehören jener häßlichen Menschen- race an, welche man indianisch Halbblut" nennt. Andere Weiße, welche sich den wilden Reizen des einsamen Jagdlebens ergeben, streifen gewöhnlich nur auf dem etwa zweihundert Meilen breiten Landgürtel umher, der die An siedlungen von der völligen Wildniß trennt. Es sind gewöhnlich ernste, schweigsame, aber gutmüthige und treue Menschen, einen Schimpf jedoch ertragen sie nicht, und ihre Rache trifft, wenn auch erst nach Jahren, so sicher, wie das Blei ihres Büchsen laufs. Wochen lang bringen sie einsam in den tiefen Wäl dern zu und auf der Hellen Prairie, streifend auf fette Bären und Hirsche. Rur um die Schärfe von Blick und Hand zu prüfen, schießen sie den Adler herunter, der hoch oben über54 Amerika. dem Wäldermeer in den blauen Lüften seine stillen Kreise zieht, von unten den grünen Grüften nur dann sichtbar, wenn die Sonne seinen Hals beglänzt. Die Ehre einen Panther zu jagen, ist jetzt äußerst selten geworden. Auch Viberfallen zu stellen, verlernt man, weil der Biber sich gar zu weit zurück gezogen hat. Der Jäger baut sich hier oder dort, je nachdem die Jagd ergiebig ist, das nächste Jahr vielleicht viele Tag reisen weiter, sein höchst dürftiges Blockhaus, kaum hält es Sturm und Schnee ab, ein tagelanger Regen dringt regel mäßig durch. Wenn es hochkommt, zieht der Inhaber nahebei etwas Mais und Bohnen. Dagegen füllt er seine Hütte mit Hirschschlegeln, Bärenschinken, wildem Honig und Ahornzucker. Dafür tauscht er Pulver, Blei, Kleider und ein wenig Mehl ein. Ein solcher Jagdmann ist auf fünfzig Stunden in der Um gegend bekannt, bei dem Hinterwäldler und in der Hütte des Indianers. Der Rothhaut bringt der Jäger wohl eine Flasche Whisky, und der Indianer läßt ihm dafür eine Nacht seine Hütte. Wenn der Jäger auf seinen Streifereien keine mensch liche Wohnung in der Nähe weiß, macht er sein einsames Nachtfeuer am Waldsaume, wo es trocken ist und er weithin blicken kann. Selten jedoch lebt und stirbt noch Jemand als einsamer Jäger. Die Ansiedlungen rücken jetzt zu rasch in seine Gegend, wo er alle guten Jagdplätze kennt, und mit den Ansiedlern kommt irgend eine Evatochter, welche den wilden Jäger zun: gesetzten Farmer macht, wenn er nicht vorzieht, sich Pelz- und Holzhandel oder dergleichen zu verlegen. All die vorbezeichneten Gruppen bringt in ständige Ver bindung mit einander der wandernde Händler. Der Handel ist das wahre Leben Amerika s und erhält seine Bevölkerung in fortwährender Bewegung, in rastlosem Sinnen und Trachten.Cnltnrpioniere im Westen von Nordamerika. 55 Außer den Kaufleuten und Krämern, welche in den aufblühen den Städten und Städtchen ihre gewinnreichen Plätze finden, giebt es noch eine Menge von Händlern, welche ruhelos um herstreifen, um zu sehen, wo sich ein Geschäft machen läßt. Merkt ein solcher, daß an einem Platze Sachen und Maaren billig sind und an einem andern fehlen, gleich macht er sich auf, kauft zusammen, bringt seine Fässer und Säcke auf Dampf- schiffe und Wagen und fährt hin, wo man seiner Maaren be darf. Auch das Leben dieser Leute ist eine Kette von Wag nissen und Abenteuern aller Art. Sie streifen bis zu den entlegensten Posten der Metallgräber und Holzfäller, nehmen deren Ausbeute gegen Dollars, Mehl, Branntwein, Kleidungs stücke, Gerüthschaften und allerlei Tand in Empfang. Auf den ersten Blick erkennen sie, was sich dort finden und verwerthen läßt und regen die Leute an es herbeizuschaffen. Auf der untersten Rangstufe der Kaufleute steht der wan dernde Krämer. Er zieht mit seinem Wägelchen im Lande umher, öffnet vor den Frauen der Hinterwäldler seine Kasten und schwatzt ihnen mit der geläufigsten Zunge seine Sieben sachen auf. Der Jndianerhändler versucht sein Glück bei den Wilden und nimmt ihnen durch Pfiffe und Ränke ab, was sie auf der Jagd erbeuten und was sie an Geldern von der Re gierung für abgetretene Ländereien bekommen. Wo die Block hütten der Hinterwäldler dichter stehen oder Schaaren von Metallgräbern und Holzfällern längern Halt machen, stellt sich der Ladenhalter ein, ein Kaufmann für Alles, hinter und unter dessen Tische sich das Gemeinste und das Feinste findet, was Menschen und Thiere in jenen entlegenen Gegenden brauchen, ohne es aus erster Hand von der Natur nehmen zu können. Kramschiffe lassen sich von Dampfböten die Flüsse aufwärts56 Amerika. bringen und treiben dann stromwärts, indem sie hier und da anlegen und Handel machen. Mit den früher auf den west lichen Flüssen so zahlreichen Flachbooten, roh zugerichteten langen Fahrzeugen, sind bis auf wenige Reste auch die Flach bootmänner verschwunden. Diese waren die Matrosen des Mississippi, welche die unbehilflichen großen Vretterschiffe mit den darauf aufgehäuften Maaren von Ort zu Ort steuerten, auf den wilden Gewässern Arbeiten, Gefahren und Kämpfe aller Art bestanden und zu den lustigsten, verwegensten atnb wüstesten Gesellen unter der Sonne gehörten. Die meiste Poesie des Händlerlebens kosten jetzt noch die Leute, welche aus den Vereinigten Staaten die Maaren über die Prairien weg in s Innere von Mexiko bringen. Ihre langgedehnten Züge von befrachteten Pferden und Maulthieren ziehen Woche auf Woche schwarze Linien durch die grünen einsamen Fluren. Unterwegs inüssen sie gerüstet sein einen Strauß mit feindlichen Indianern zu bestehen, und am Reise ziele angelangt, bedürfen sie aller Schlauheit und Mannhaftig keit, das Gesindel unter Behörden und spanisch-indianischem Volke abzuwehren und die größtmögliche Menge von Dollars für die Maaren sicher in ihre Taschen zu bringen. Großhandel wird auf dem Grenzstriche der Ansiedlun gen auch schon betrieben. Einzelne Landspekulanten treiben sich schon unter den Pionieren umher, kaufen und tauschen um weniges Geld Strecken so groß wie deutsche Fürstenthümer. Dorthin locken sie dann den deutschen Einwanderer, durch un glaubliche Betrügereien, bereit Kette schon in Europa anfängt, Übervölkern mit ihnen die Städte, welche sie gleichsam auf hasard anlegen. Tausende von Einwanderern gehen in diesen Sumpflöchern elend zu Grunde; endlich erhebt sich eine StadtCultnrpioniere im Westen von Nordamerika. 57 zu Dauer, Wohlstand und großen Geschäften; dann ist die goldene Ehrenzeit der Landspekulanten, denen schon in der Um- gegend das Land gehört; sie sind es jetzt, welche den ersten und vornehmsten Ansatz zur Aristokratie der jungen Stadt bilden. Die gemeinsame Sprache, welche all die bezeichneten Grup pen und Arten der Cultnrpioniere mit einander verbindet, ist die englische, die Sprache, welche jetzt am weitesten auf der Erde geht. Wie die deutsche Sprache in der Wissenschaft, die französische in der höhern Gesellschaft, so ist die englische vor herrschend im Welthandel xutb überall da auf den Meeren und in den Wildnissen und unter entlegenen Völkern, wo die Kraft und Kunst des Europäers sich geltend inacht. Jedoch hört man unter den Culturpionieren in Nordamerika auch Fran zösisch, Deutsch und Spanisch. Der kentuckische Schlag ist es aber, nach dem sie am meisten arten. All das wilde Volk, das vor hundert Jahren aus den südlichen und mittleren Staaten tiber die Alleghanpberge stieg und den Mississippi hinaufschiffte und im Kampfe mit der Natur und den Indianern mitten durch die weiten Wildnisse die ersten dünnen Cultur- striche zog, in welchen Ansiedlnngen und Familien aufwuchsen, hat seinen Nachkommen die gemeinsame ächte Hinterwäldler natur hinterlassen, welche man die Kentuckisch e nennt. Der Kentuckier bringt überallhin mit seine riesige Körperstärke, seine Tollkühnheit, den ungeschlachten Trotz, das warme Herz und den unverwüstlichen Humor. Nächst dem Kentuckier ist am meisten vertreten der Y ankee, der trockne harte Spekulant im Kleinen wie im Großen. Unter dein genreinen Troß der Jäger, Holzfäller, Metallgräber hält sich der Yankee nicht lange ans: denn er versteht Rechnen und-58 Amerika. Handel und Wandel, bekommt leicht etwas Capital in die Hände und stellt sich als Unternehmer an die Spitze dieser Fischzüge in die Wildniß. Der französische Amerikaner, d. h. der aus dem Norden, nicht der sinnliche und laue Kreole aus bent Süden, ist der geborne Jäger, der ge duldigste Pfadsucher und Karrenführer in den Einöden, der geschickteste Matrose auf den großen Flüssen und See n; selten aber wird er fester Ansiedler. Auch der spanische Ameri kaner stellt sich ein unter den Jägern und Metallgräbern, für den Ackerbau hat er uicht Ausdauer, und der Gewinn ist ihm nicht lockend genug. Der Deutsche ist unter allen Gruppen zahlreich, ver- hältnißmäßig am wenigsten unter den entlegenen Hinterwäldlern. Zu diesen flüchtet fast nur der gebildete Deutsche, um in Ar beit und Oede Trost zu suchen für die Wunden seines zer rissenen Gemüthes. Deutsche aus solchen Klassen, welche die Gewöhnung an Handarbeit schon mitbringen, sind in der Regel zu gescheidt, um sich anders als in kleinen gemeinsamen Ansiedlungen so weit in die Wildniß vorzuwagen. Sie über lassen die erste rohe Arbeit der Liebhaberei der Kentuckier und Pankees, kaufen ihnen später die gelichteten Plätze ab und machen nach und nach stattliche Gehöfte daraus. Bei sonstigen Unternehmungen in der Wildniß nimmt der Deutsche häufig in der Führerschaft die nächste Stelle nach dem Pankee ein. Als Führer von Handels-Caravanen haben sich schon nlehrere Deutsche ausgezeichnet und Vermögen erworben. Zu welchen Volksstämmen und Geschäften sich indessen die Culturpioniere auch bekennen, immer findet man bei ihnen in den Grundzügen denselben Charakter und Jdeengang, dieselben Sitten und Gebräuche.Cnltnrpioniere im Westen von Nordamerika. 59 Zuvörderst irrt sich, wer bei ihnen steten Hang zur Unordnung und Losgelassenheit voraussetzt. Dieser Hang greift nur außer der Arbeit Platz, bei dieser selbst bekunden sie vorzüglichen Ordnungssinn. Verstand und Erfahrung haben sie gelehrt, daß ihre langen und mühseligen Arbeiten nur dann gedeiheil, wenn sie nach festen Regeln Zusammenwirken. Da süld zuerst gewisse Gesetze, welche sich in der Wildniß durch die Ueberlieferung forterben und so alt sind wie der erste Axt- und Ruderschlag, wie der erste Büchsenschuß, der durch die Einöden hallte. Es ist das Naturrecht der Wildniß, in wenige einfache Artikel gebracht. Der eine Theil soll möglich genau den Augenblick feststellen, wo das Occupa- tionsrecht, das Recht der ersten Besitznahme in Vollzug gekom men; der andere Theil bestimmt, wann Lagerstatt, Hütten, Geräthe, Holzschlag, Anbau auf Metall u. dgl. als preisgegeben, und wann Hausthiere als in den Zustand der Wildniß zurück- gekehrt zu betrachten sind. Diese Gesetze werden ernst und sorgfältig beobachtet; wer sie verletzt, hat sich durch die That selbst verfehmt, und ohne Mitleid und Erbarmen trifft ihn die gemeinschaftliche Rache. So besteht unter den Vorsiedlern das alte Gesetz, daß jeder Mann auf ungefähr hundertsechzig Acker Wildland sein Besitzrecht bloß dadurch gründen kann, daß er ein paar Bäume fällt oder anhaut, oder ein paar Stämme, Baumrinden und Zweige zusammenschleppt und eine Art Hütte daraus macht ulld einen Feuerplatz davor. Auch der Staat, wenn er den Vorsiedlern nachrückt, er kennt dies Recht theilweise an. Denn kommt das Land, wo jener sich eingehockt hat, zum Verkaufe, so braucht er nur seinen Anspruch anzumelden und kann während zwei Jahren das Land zu einem mäßigen Preise kaufen. Ist dieser Zeitraum60 Amerika. verstrichen, so könnte freilich jeder Fremde das Land von der Regierung kaufen und den Hocker von seinem Eigenthum ver treiben. Dazu würde er aber weder Hülfe finden, noch würde es ihm ungerächt hingehen. Denn noch immer besteht unter den Vorsiedlern, wenn auch der geordnete Staat sie mit seiner Herrschaft schon erreicht hat, ihre Clnblaw, ihr Genossenrecht. Der Ankäufer, der sich mit dem Vorsiedler auf seinem Grund und Boden nicht gütlich abfinden wollte, würde von den Um wohnenden bald die Botschaft erhalten: sie sähen ihn nicht mehr als Nachbar an. Was wollte er dann beginnen? Nir gends fände er Schutz und Hülfe in der Einöde. Ein Stück Vieh nach dem andern, das er des Morgens erschossen bei seiner Hütte fände, würde ihn mahnen: vertrag dich oder flieh . Auch in andern Sachen entscheidet in der Wildniß das Ge nossenrecht, das ist der Wille der Mehrheit, der sich in Roth- fällen auch durch eine förmliche Versammlung oder durch ein bestelltes Geschwornengericht ausspricht. Das natürliche mensch liche Gefühl von Recht und Unrecht ist hier der Richter. Wo Jemand gegen einen Räuber, Dieb oder groben Beleidiger sein Recht der Selbsthülfe gebraucht hat, bedarf er nur der Recht fertigung bei seinen Genossen und wird allemal Zustimmung finden. Seine sonstige Gesellschaftsverfassung giebt sich jeder Haufe selbst. Wo kein Unternehmer an der Spitze ist, wird der Gescheuteste und Tüchtigste förmlich oder stillschweigend zum Hauptmann gesetzt, und so lange er nicht gegen den Willen der Mehrheit verstößt, unterwirft sich Alles seinen: Ansehen. Rur die Deutschen haben in dieser Beziehung eine nationale Schwäche. Bei ihnen ist Hader, Eigensinn, Parteiung und endlich Zerfall einer gemeinschaftlichen Unternehmung etwasCulturpiomere im Westen von Nordamerika. 61 sehr Gewöhnliches. Der genossenschaftliche Sinn, die Neigung und die Fähigkeit sich freiwillig und dauernd iinterzuordneii unter ein gemeinsames Haupt und Gesetz uub Ziel, dies er edle Sinn, welcher allein Hebel uiid Anker der staatsbürger lichen Freiheit ist, in dessen fester und fruchtbarer Hebung die Deutschen früher allen Völkern vorangingen, kam wie es scheiiit ihren Nachkommen nur zu sehr abhanden. Ein zweiter Charakterzug unserer Pioniere in den Wildnissen ist eine ernste und düstere Religiosität. Wer nicht beten kann, soll auf das Meer geschickt werden." Dieser Spruch bewahrheitet sich auch in dem Ozean der Wälder und Prairien. Die Unermeßlichkeit der Naturumgebung, ihre ernste Majestät und Ruhe, die plötzlich heranwogenden Schrecken der Wildikiß, die tägliche Erfahrung, wie der beste Plan, das theuerste Leben zerschellt an etwas vorher nicht Gewußtem und nicht Bedachtem, durch solche unaufhörlich fortgesetzte Eindrücke wird der Leicht- stnn ausgetrieben und das Gemüth ernst gestimmt. Wer viel in einsamer Natur lebt, ist immer religiös. Die Religion des Bewohners der Wildniß ist die Ehrfurcht vor der ewigen Ge walt über Leben und Tod. Mit dieser Ehrfurcht verbindet sich leicht ein Aberglaube an geheime und wunderbare Kräfte und an die Mittel sich ihrer zu versichern. Am meisten religiös ist der Ansiedler in den tiefen Wäldern und der Jäger, anl allerwenigsten der Händler. Rach- und Händelsucht, Jähzorn, Leidenschaft für das Hazardspiel sind Eigenschaften, welche sämmtliche Culturpioniere theilen. Am meisten haben sie die Metallgräber und Holzfäller, am welligsten die Hinterwäldler. Das ist die Kehrseite des Kraftgefühls, das diesen Männern in Brust und Armen siedet und sich Luft macht in tollen Streichen. Das Bewußtsein,62 Amerika. wie oft sich diese Kraft erprobt hat, giebt ihnen einen ruhigen Stolz, eine stählerne Ausdauer und eine Unternehmungslust, die in Erstaunen setzen. Sie machen sich an Unternehmungen, bei deren Gedanken schon den gewöhnlichen Culturmenschen ein Zittern ankäme. Ihre Phantasie ergeht sich deshalb in aben teuerlichen Erzählungen und Vergleichen, und so große Lügner auch die Jäger und Seeleute in Europa, sie sind darin un schuldige Kinder gegenüber den Leuten in den Wäldern und Prairien von Nordamerika. VI. Eine Frachtwagenkaravane auf ihrem Zuge durch die westlichen Wildnijfe Nordamerikas. Die nachfolgende Beschreibung eines Caravanenzuges durch die westlichen Wildnisse Nordamerikas ist der Schilderung einer Reise entnommen, welche der vor einem Jahrzehnt nach Amerika ausgewanderte Professor Julius Fröbel von Newyork aus quer durch den Continent, die Prairien und Jndianer- gebiete nach dem nordmexikanischen Staate von Chihuahua machte. Als Kassirer und Buchhalter eines Newyorker Hand lungshauses (H. Mayer und Samuel Kaufmann) begleitete er einen großen Waarentransport, welchen dasselbe nach Nord mexiko sendete. Die Wagen, erzählt Fröbel, pflegen fünf- bis sechstausend Pfund zu laden, und wenn sie, wie die unsrigen, von Maul-Eine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 63 thieren gezogen werden, mit fünf Paaren bespannt zu sein. Diese lenkt ein einziger Fuhrmann, bald vonl Sattelthier aus, bald nebenhergehend. An schwierigen Stellen konriilt einer dem anderm zu Hülfe, uub zuweilen müssen die Gespanne dupplirt," das heißt, die drei oder vier vordereil Paare des einen Wa gens, der Reihe nach, dem andern vorgehängt werden, um beit Zug über eine Anhöhe oder durch ein Morastloch zu bringen. Dann fiub manchmal acht bis zehn Mann an einem einzigen Wagen beschäftigt. Da die Karavane zusammenbleibell nluß, so kann sich dieselbe unter solchen Umständen oft llur wenige englische Meilen im Tage fortbewegen. In anderen Gegenden ist dafür die Straße durch die Prairien so vor trefflich, daß in vierundzwanzig Stundell siebzig bis achtzig Meilen zurückgelegt werden können, wenn Wassermangel, wie es gerade in jenen Gegenden der Fall ist, dazu nöthigen sollte. Die Wagen sind außerordentlich stark gebaut, und es ist fast unglaublich, was sie aushalten können. Am meisten lei den sie, sowie man in die höheren Gegenden des Westen kommt, durch die Trockenheit der Luft. So oft sich dazu Gelegenheit findet, müssen deshalb die Räder mit Wasser begossen werden. Ohne besonderen Unglücksfall aber soll ein geschickter Fuhr mann seinen Wagen quer durch den Continent lenken, ohne etwas an demselben zu zerbrechen. Demungeachtet führt eine Karavane an Geschirr und Wagentheilen die wichtigsten Stücke überzählig mit sich, so daß eine zerbrochene Deichsel, Achse oder Wage, ein unbrauchbar gewordenes Kummet oder eine zerrissene Kette u. s. w. sogleich wieder ergänzt werden kann. Hufeisen für die Maulthiere, welche jedoch nicht sämmtlich, nicht immer, und selten vollständig beschlagen werden, müssen gleichfalls in Vorrath mitgesührt werden. Wagnerwerkzeuge;64 Amerika. Schaufeln und Hacken, um nötigenfalls den Weg zu bessern; Winden, Hebebäume und Brecheisen; Aexte und Beile zum Holzhauen, sind andere unentbehrliche Gerüche. Der Proviant besteht in Mehl, Speck, dürren Bohnen, Kaffee und Zucker. Geistige Getränke werden auf diesen Reisen nicht gegeben, es sei denn, daß der Herr oder Führer des Zuges bei großen Anstrengungen oder besonderen Entbehrungen sich bewogen findet, sein Allerheiligstes aufzuthun, um seiner Mannschaft eine Stärkung zu reichen. Im Uebrigen wird Branntwein nur als Medizin mitgeführt. Der Kaffee dagegen ist ein unentbehrlicher Artikel und wird zweimal des Tages in unglaublichen Quantitäten getrunken. Die erfrischende und stärkende Wirkung dieses Getränkes bei großeil Anstrengungen, in der Hitze wie in der Kälte, int Regen wie in der trockensten Luft, ist außerordentlich. Ein vorzügliches Nahrungsmittel siild die dürren Bohnen, die unentbehrlichen frijoles der Mexikaner und aller übrigen Hispano-Anterikaner, aber es kommt alles auf die Sorte imb auf die Bereitung an. Für den Tisch der Honoratioren unserer Karavane, zu welchen ich die Ehre hatte zu gehören, führten wir eine Menge ausgesuchter Delikatessen bei uns. Wir hatten präservirte Fleischspeisen und feine Gemüse, wie Blumenkohl und Spargel, Austern und Hummer, Sardinen in Oel, feinen Schinken, Pickels und eingemachte Früchte, Thee und Chokolade, Claret und Champagner. Diesen Luxtls hatten wir der Anwesenheit einer Dame in unserer Karavane zu verdanken; indessen führen die Herren einer solchen Reisegesellschaft in der Regel einige dieser Artikel bei sich. Besonders sind die Sardinen beliebt und ihre Consumtion in den Prairien ist so groß, daß man nur den am Wege liegenden leeren Blechbüchsen nachzugehenEine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 65 braucht, um sicher von Jndependence nach Santa-Fä zu ge langen. Daß die Karavane einen hinlänglichen Vorrath von Waffen und Munition bei sich führt, versteht sich von selbst. Jeder Fuhrmann und Maulthierknecht ist zum Besitz eines in guter Ordnung befindlichen Gewehrs, einer Büchse, Flinte oder Muskete verpflichtet, welche er immer zur Hand haben muß. Viele besitzen außerdem Pistolen. Ich selbst führte zwei sechs- schüssige Revolver, von dem in der Armee eingeführten Kaliber, und eine Doppelflinte, so daß ich immer vierzehn Schüsse bereit hatte. Auf die gleiche Weise waren Herr M. und unser Wagenmeister bewaffnet. Auch Schuhe, Kleider, Hüte, Messer und andere Artikel des täglichen Bedarfes führt die Karavane für ihre Mannschaft mit sich. Ueberhaupt übernimmt der Eigentümer oder Führer gewöhnlich schon am Ausgangspunkte die Lieferung aller der Ar tikel, welcher die Leute zu ihrer Ausrüstung bedürfen, wofür jedem Fuhrmann und Knechte ein gewisser Credit auf künftigen Lohn eröffnet wird. Die Preise werden dabei zum Th eil mit Recht, weil Verluste unvermeidlich sind sehr hoch an gesetzt; und da auf der Reise eine Menge dieser Artikel ver braucht werden, so bleibt einem Manne, nachdem er am Ziele angekommen, von seinem Lohne, der zwischen 12 und 20 Dollars per Monat läuft, selten mehr übrig, als die Mittel sich, wie ein Matrose im Hafen, ein paar lustige Tage und Nächte zu machen, worauf er von Neuem Dienste suchen muß, sei es um auf der nämlichen Straße zurückzukehren, sei es um auf einer anderen weiter zu gehen. So giebt es auf den Prairie- straßen und in den Speditions- und Handelsplätzen an ihren Endpunkten eine besondere Bevölkerung von Fuhrleuten und Kletke, Neues Skizzenbuch. 566 Amerika. Maulthiertreibern, die mau nur mit den Seeleuten auf den: Meere imb in den Hafenplätzen vergleichen kann, und wer in diesen Gegenden umherzieht, wird zu Jndependence oder West port am Missouri, zu Santa-Fe., oder El Paso am Rio Grande, zu Chihuahua im nördlichen Mexiko, zu San Antonio in Texas, zu Los Angeles in Californien, oder in der Mormonenstadt am großen Salzsee, von Zeit zu Zeit immer wieder auf die nämlichen Burschen stoßen, welche umherlungern wie die müßigen Matrosen am Landungsplätze eines Hafens. Der Befehlshaber einer Karavane ist der Wagenmeister (wagon master, von den Mexikanern mayor domo titulirt). Der Eigentümer, sofern er nicht selbst das Kommando führt, verhält sich, wenn er bei dem Zuge ist, zu dem Wagenmeister wie ein Supercargo zum Schiffskapitän. Es ist ein allge meines Borurtheil, daß nur ein Anglo-Amerikaner zum Wa genmeister tauge. Das Wahre an der Sache ist, daß wenn die Mannschaft aus Anglo-Amerikanern besteht, schwerlich ein Wagenmeister von einem anderen Volke die rechte Art treffen wird sie zu behandeln. Ist die Mannschaft dagegen mexikanisch, so wird ein der Sprache mächtiger und des Fuhrwesens kun diger Deutscher seine Stelle vortrefflich auszufüllen wissen. In einer aus Anglo-Amerikanern und Mexikanern gemischten Mannschaft wird es nicht an Reibungen fehlen, und die letz teren werden selten einer schlechten Behandlung von Seiten der ersteren entgehen, bei welchen nun einmal die Ansicht, daß ein Mensch von dunklerer Hautfarbe nicht mit ihnen gleichen Rechtes sein könne, schwer auszurotten ist. 8hoot him!“ hang him!“ whip him!“ Schießt ihn todt! hängt ihn! gebt ihm die Peitsche! sind Ausrufe, welche bei jedem kleinen Vergehen eines Mexikaners dem MundeEine Frachtwagentaravane in den Wildnissen. 67 seiner anglo-anwrikanischen Kameraden zu hören finb, uitb I never killed a white man“ ich habe niemals einen weißen Mann umgebracht gilt bei dieselt letzteren in der Regel für eine vollständige Reinigung des Charakters von einem unau= genehmen Verdachte. Für das Fuhrwesen muß lnan unbedingt den Anglo- Amerikanern den Vorzug geben, während als Maulthierknechte muleros die Mexikaner die einzigen ganz brauchbaren Menschen sind. Die Geschäfte der letzteren bestehen darin, die zum Relais bestimmten Thiere nachzutreiben, bei dem An spannen die Zugthiere mit dem Lasso zu fangen und dieselben dem Fnhrmanne zum Anspanllen zu übergeben, bei dem Aus spannen die Heerde zusammenzuhalten u. s. w. Irländer, zuweilen auch Schottländer und Engländer, gehen mit als Anglo-Amerikaner, und selbst die Deutschen spielen den Mexi kanern gegenüber gewöhnlich die Rolle der Americanos“, obschon sich zwischen ihnen und den Mexikanern meist ein ver traulicheres Verhältniß zu bilden pflegt. Als Fuhrleute haben die Deutschen den Fehler, nicht kaltblütig genug zu sein, in Beschwerden und Entbehrungen ärgerlich und mürrisch zu werden, und dann ihren Unmuth nicht selten an dem Zugvieh auszulassen. Diese Schwachheiten kommen bei dem Anglo- Amerikaner selten vor, welcher in seinen Anfällen von Gewalt- thätigkeit in der Regel doppelt ruhig ist, und das Klagen, das Schreien und die gereizte Stimmung des Deutschen verachtet. Der Mexikaner zeigt in Gefahren in der Regel nur den passi ven Muth des Fatalismus, obschon es in diesem Volke auch nicht an Beispielen untadelhaften Heldenmuthes fehlt; Be schwerden und Entbehrungen aber erduldet er in einem un glaublichen Grade mit Gleichmuth, und oft mit Heiterkeit. 5 *68 Amerika. Nicht selten bin ich Zeuge gewesen, wie unsere Mexikaner, hungrig und naß unter dem Frachtwagen im Kothe liegend, sich mit Gesang und scherzhaften Unterhaltungen die Zeit ver trieben. Gegen die Zucht- und Sattelthiere sind sie grausam, indem sie ihnen oft das Unmögliche zumuthen. Sie verstehen aber ihr Naturell, besonders das der Maulthiere, durch und durch, und wissen durch List und Schmeichelei zu erreichen, was ein Anglo-Amerikaner vergebens auf dem Wege der Ge walt zu bewirken sucht. Wenn der letztere sich vergebens mit einem störrischen Maulthiere abquält, und es nicht dahin bringen kann ihm das Gebiß einzulegen, sieht der Mexikaner ihm mitleidig und geringschätzig zu. Estos hombres son bärbaros, no saben nada!“ Diese Menschen sind Barbaren, die nichts zu machen verstehen sagte mir einer dieser Leute bei einer solchen Gelegenheit. Ein kleines, feuriges Maulthier, welches später der Liebling der ganzen Mannschaft wurde, den Schmeichelnamen 1a nina das Kind erhielt, und lange Zeit zur Zierde ein rothes Bändchen im Schwänze führte, widerstand allen Bändigungsversuchen eines großen vierschrö tigen Kentuckyers, als Pedro die Sache nicht länger mit an- sehen konnte. Laß mich!" sagte er zu jenem indem er ihm das Ende des Strickes, dessen Schlinge das Thier um den Hals hatte, aus der Hand nahm. Nun gab er dem vor Erregung zitternden Geschöpfe einige Sekunden Ruhe. Dann näherte er sich demselben langsam und sanstmüthig,fing an es über den Rücken zu streicheln, am Halse zu kratzen, hinter den Ohren zu krabbeln und mit süßen Schmeichelworten zu besänftigen. O nma o mulita mulita bonita“ o mein Kind o mein Maulthierchen mein niedliches Maulthierchen, sprach er ihm mit zärtlicher Stimme zu. Langsam zog er ihm währendEine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 69 dem den Zügel über den Kopf, und unmerklich legte er ihm das Gebiß in s Malll, was das Thier ohne allen Widerstand geschehen ließ. Ich erinnere mich eines anderen Maulthieres, dem ein mexikanischer Fuhrmann den klassischen Namen Lais gegeben hatte. La Lais stand bei Freund Leandro in ebenso großer Gunst wie La Nina bei Freund Pedro. Einmal in dessen sah ich ihn in unbeschreiblicher Wuth auf das Thier. Vor Zorn bebend erhob er das dicke Ende des Peitschenstieles gegen dasselbe. 0 sl fueras mejicana!“ O daß du ein mexikanisches Thier wärest! brummte er halblaut zwischen den Zähnen durch, indem er den Arm wieder sinken ließ. An der angelsächsischen Bestie wagte sich der Mexikaner nicht zu vergreifen. Wie in der Geduld, der Genügsamkeit und der guten Laune bei Anstrengungen und Entbehrungen, so zeichnen sich die mexikanischen Fuhrleute und Maulthierknechte vor den anglo-amerikanischen in einer bestinlmten Beziehung auch durch bessere Sitten aus: sie fluchen nicht denn die zuweilen vor kommende Wiederholung eines bekannten unanständigell Wortes der spanischen Sprache kommt gegen die in s Unglaubliche gehende Variation anglo-amerikanischer Fuhrmannsflüche gar nicht in Betracht. Ein Deutscher ist in der Regel zu verständig, um in einem Fluche etwas anderes zu erkennen als eine nichtssagende Roh heit. Aber obgleich ich überzeugt bin, daß ich meinem Pferde so wenig schaden kann, wenn ich ihm fluche, wie ich ihm nützen könnte, wenn ich es segnete, muß ich doch gestehen, daß zu weilen ein Gefühl des Schauders über mich gekommen ist, wenn ich an irgend einer schlechten Stelle des Weges, wo unsere Wagen stecken geblieben waren, zwischen dem Knallen von zwanzig oder dreißig amerikanischen Peitschen, die sich70 Amerika. überbietenden Flüche aus zwanzig oder dreißig amerikanischen Fuhrmannsmäulern gehört habe: god damn you! what are you doing? god damn your soul! what are you about? god damn your old soul! god damn your heart! god damn your old heart! - god damn your old crazy heart! god damn your old crazy soul to hell! und so weiter- Die armen Bestien machen dazu ein Gesicht, so hoffnungslos und verzweiflungsvoll, daß es das härteste Herz, nur nicht das eines amerikanischen Fuhrmannes er weichen könnte. Ich fragte einmal einen unserer Mexikaner, welcher stolz darauf war, so viel englisch gelernt zu haben, um einen dieser Flüche mit vortrefflicher Aussprache vortragen zu können, ober wisse was er sage. Nein, Herr!" erwiederte er asi dicen los Americanos“ so sagen die Amerikaner. Ich übersetzte ihm nun die Worte. Jesu Christo!" schrie der Mensch, indem er sich bekreuzte, das habe ich nicht ge wußt." Nie habe ich ihn die Worte wieder aussprechen hören. Von den Fuhrleuten und Maulthierknechten wird es er laubt sein, auf die Maulthiere überzugehen, die in mancher Beziehung interessanter sind als jene. Das Naturell dieser merkwürdigen Bestien ist ein reiches Feld für den psychologischen Beobachter, und ich brauche diesen Ausdruck nicht gedankenlos oder ironisch. So gut es eine Menschenseele giebt, giebt es auch eine Thierseele, und ich glaube nicht, daß sie sich bei irgend einem Vieh auf eine interessantere Weise Zu erkennen giebt, als bei dem Maultthiere. Eine der auffallendsten Erscheinungen im Charakter des Maulthieres ist seine Abneigung gegen den Esel und sein Stolz aus jede Connexion mit dem Pferde, welche Gefühle von dem Esel mit Zudringlichkeit, von dem Pferde mit Gleich-Eine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 71 gültigkeit erwiedert werden. Geräth ein Esel, von der Eitelkeit getrieben, die seiner Race in dem berührten verwandtschaftlichen Verhältnisse eigen ist, unter eine Maulthierheerde, so ist die Wahrscheinlichkeit dafür, daß er von den hochmüthigen Vettern lahm, wenn nicht gar todt geschlagen wird. Ein Pferd unter einer Maulthierheerde nimmt dagegen eine hohe und bevor zugte Stellung ein. Die Maulthiere drängen sich um dasselbe, folgen seinen Bewegungen, und äußern unter einander eine heftige Eifersucht, welches von ihnen dem hohen Anverwandten am nächsten sein darf. Man benutzt diesen Charakterzug, um Maulthierheerden auf dem Marsche oder der Weide zusammen zuhalten, indem man der Heerde eine Pferdestute beigesellt, die, weil sie eine Glocke führt, die Glockenstute tlie bell mare von den Mexikanern die Mutterstute la yegua madre genannt wird. Indem dieses Thier Tag und Nacht von einem Menschen am Stricke geführt wird, hat man gleichsam die ganze Heerde in der Hand, die sich nicht von dieser Königin entfernt. Es ist daher sehr schwer die Heerde zu theilen oder einzelne Thiere von derselben abzutreiben. Der Mann, welcher die Stute führt, hat den Auftrag, im Falle eines Angriffs von Seiten der Indianer sich sogleich auf den Rücken des Thieres zu schwingen und in die Wagenburg zu flüchten, wo hin ihm die Heerde unfehlbar folgen wird. Und selbst wenn es den Indianern gelingen sollte eine gewisse Zahl von Thieren abzusondern, wird es ihnen schwer werden dieselben fortzu bringen. Sie werden jeden Augenblick versuchen umzukehren und man wird dadurch eine Möglichkeit erhalten die Räuber einzuholen und ihnen die geraubten Thiere wieder abzujagen. Die Indianer, freilich, suchen sich aus eben diesem Grunde womöglich der Stute zu bemächtigen, und wenn ihnen dies72 Amerika. gelingt, kann man annehmen. daß die ganze Heerde verloren ist. Gehen in einer Maulthierheerde mehrere Pferde, so ist Gefahr, daß die Heerde sich theilt. Man gestattet daher auf diesen Zügen den Pferden nicht, ledig zu gehen, sondern hält sie an der Leine. Pferde, wenn sie auch in einer Heerde von ihres Gleichen Zusammenhalten mögen, bewahren den Maul- thieren gegenüber ihre Superiorität und Selbständigkeit zu sehr, um sich an die Gesellschaft derselben zu binden. Eine größere Maulthierheerde wird indessen in der Regel auch ein oder das andere ultrademokratische Individuum ent halten, welches zum Bewußtsein natürlicher Thierwürde und angeborner Viehrechte gelangt ist, und demnach aus einem ge wissen Individualismus Prinzip macht. Solche im Bewußt sein fortgeschrittene Halb-Esel verlieren durch die sittliche Er hebung ihre Brauchbarkeit, wie denn die Kultur immer eine Eigenschaft auf Kosten der anderen zu entwickeln pflegt. Wir hatten bei unserer Heerde ein weißes Maulthier, welches sich regelmäßig zur Zeit des Anspannens von der Heerde abson derte. Wurde diese von der Weide in die Wagenburg ge trieben, wo das Einfangen mit dem Lasso geschieht, so ging das weiße Maulthier mit bis hart vor den Eingang. Hier aber that es plötzlich einen Sprung zur Seite, jagte bis auf die Entfernung einer halben Meile davon, und beobachtete von seinem Standpunkte mit gespannter Aufmerksamkeit das Lager, bis der Zug sich in Bewegung setzte. Dann kam es ganz un befangen herbei und schloß sich den Relaisthieren an, so daß es, während seine Brüder harte Arbeit zu verrichten hatten, eigentlich eine Vergnügungsreise vom Missouriflusse nach Chi huahua machte. Die Scene des ersten Anspannens von einigen hundertEine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 73 Maulthieren, welche bis dahin wild umhergelaufen sind und weder jemals einen Zügel im Maule, noch ein Geschirr auf dem Rücken gefühlt, läßt kaum eine Beschreibung zu. Die Wagen sind so aufgefahren, daß sie etwa drei Viertheile eines Ringes bilden, während das vierte Viertheil als Eingang in den Hof dieser Wagenburg übrig bleibt. Die Zwischenräume werden von Rad zu Rad mit Stricken geschlossen; die Maul thierheerde wird in den Hof getrieben, worauf der große Ein gang durch ein vorgespanntes Seil ebenfalls gesperrt wird. Ein Paar Männer mit Peitschen sind an diesem Eingang postirt, um die Thiere zurückzutreiben, welche etwa Lust zeigen sollten, über das Seil zu springen oder unter demselben durchzukriechen. Die Mexikaner nennen diese Wagenburg, welche sowohl zum Einfangen der Thiere, wie zur Sicherheit gegen Indianer dient, corral, welches Wort überhaupt einen Hof oder einge schlossenen Raum bedeutet, in welchem Vieh gehalten wird. Die Anglo-Amerikaner haben das Wort in carrel umgewandelt. In diesem Raume nun denke man sich zwei- bis drei hundert wilde Maulthiere zusammengedrängt, und zehn bis fünfzehn Männer unter ihnen, welche sich bemühen, einem der Thiere nach dem andern die Schlinge über den Kopf zu werfen, ihm das Gebiß in s Maul zu legen, und es hinaus an seinen Platz vor einem der Wagen zu führen, wo es angeschirrt und eingespannt werden soll. Bei einer Karavane von zwanzig bis dreißig Wagen, nimmt der erste Versuch den größten Theil eines Tages hinweg, so daß höchstens der weitere Versuch hinzugefügt werden kann, die Wagen in Bewegung zu setzen. Die Maulthiere kennen sämmtlich die gefährliche Wurfschlinge und suchen derselben auf alle mögliche Art auszuweichen. Die Heerde drängt sich bald auf dieser, bald auf jener Seite des74 Amerika. Corrals in einen dichten Haufen zusammen, die Köpfe nach innen gekehrt und so gut es möglich ist versteckt. Einzelne Thiere bergen ihren Kopf unter einen Wagen oder zwischen die Räder, so daß die geworfene Schlinge ihr rechtes Ziel nicht erreichen kann. Andere sind raffinirter. Sie stehen bewegungs los da und scheinen den Nacken geduldig der Schlinge hinzu halten. Nur das Ergebung heuchelnde Auge, welches zugleich scharf den mit dem Lasso bewaffneten Mann fixirt, läßt irgend ein Schelmenstück ahnen. Jetzt schwingt dieser die Windungen seiner Leine um den Kopf. Sausend fliegt die Schlinge, so genau wie ein abgeschossener Pfeil, auf ihr Ziel. Das Thier steht wie eingemauert auf seiner Stelle; aber eine kleine Seiten bewegung feines Kopfes hat bewirkt, daß der Wurf da neben ging. Indessen alle diese Kriegslisten können auf die Dauer nicht retten. Wie die Heerde von einer Seite des Corrals nach der anderen rast, fühlt eins der Thiere nach dem andern beit Strick um den Hals. Wie toll drängt es sich nun in den dicksten Haufen der Heerde, den Mann, welcher die Leine an ihrem Ende hält, von einer Seite des Corrals zur andern schleifend. Diesem kommt nun ein zweiter und dritter zu Hülfe. Man hört das Röcheln des durch die Schlinge stran- gulirten Thieres durch den ganzen Tumult der wilden Scene. Endlich gelingt es, das Ende der Leine zwischen den Speichen des Rades durchzuziehen, und das Thier wird allmülig näher und näher an das Rad gebracht. Sowie es hart an demsel ben steht, wird der Strick um seinen Leib gespannt und aber mals durch die Speichen gezogen, so daß es sich mit seinem ganzen Leibe in einer Schlinge befindet. Nun versucht man ihm das Gebiß mit Gewalt zwischen die Zähne zu bringen.Eine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 75 Eben scheint der Zweck erreicht zu sein; da hat das Geschöpf in seiner Verzweiflung die letzten Kräfte angewandt. Es hat sich auf den Boden geworfen, sich umwälzend die Beine aus dem Stricke gezogen, ist aufgesprungen, hat seine Bändiger ge zwungen die Leine fahren zu lassen, und ist, die eng zusam mengezogene Schlinge immer noch um den Hals, im dichtesten Knüllet der Heerde verschwunden. Nun beginnt die Hetze von Nellem, bis das Thier eine zweite Schlinge um den Hals hat. Halberdrosselt wird es jetzt auf den Boden geworfen und durch Anwendung jedes Gewaltmittels gebändigt, bis es das Gebiß im Maule unb die Leine mit einer zweiten Schlinge um die Nase hat. Es wird aus dem Corral geführt und vor dem Wagen beginnt nun der Versuch es anznschirren und einzu- spannen. Hier wiederholen sich die gewaltsamsten Anstrengungen, und wenn man bedenkt, daß auf diese Weise vor jeden Wa gen zehn Thiere gespannt werden müssen, und daß diese Vor gänge zu gleicher Zeit an verschiedenen Punkten im Corral und vor zwanzig oder dreißig Wagen vor sich gehen, so kann man sich einen Begriff von der Verwirrung der ganzen Scene machen. Vor den Wagen verwickeln sich die Thiere in das Lederzeug und die Ketten des Geschirres. Sie werfen sich aus den Bo den, treten auf einander herum, schlagen sich, reißen sich ge legentlich los und gehen mit einem Theile des Geschirres durch, Mexikaner auf den besten Rennern der Karavane jagen ihnen nach. Ueber Stock und Stein geht die Hetze. Das flüchtige Maulthier, dem die Zugketten um die Beine schlagen, rast wie besessen davon, bis es abermals die Schlinge um den Hals hat, herangebracht und von Neuem eingespannt wird. Sind endlich alle Wngen vollständig bespannt, so wird der Corral geöffnet. Die überzähligen Thiere mit der Glocken-76 Amerika. flute werden herausgelassen, und der Zug soll sich in Bewe gung setzen. Zum ersten Male sollen die Thiere ziehen, zum ersten Male fühlen sie Zügel und Peitsche des Fuhrmannes, der seinen Platz dem Sattelthiere einnimmt. Nene Ver wirrung! Da ist es unmöglich das Gespann in Bewegung zu setzen, dort versucht ein anderes mit seinem Wagen durchzugehen. Hier strengt sich das eine Paar der Zugthiere verzweifelt an, während das andere zurückhält, da kehrt das vorderste Paar geradezu um, reißt die folgenden nach sich und droht die Deichsel des Wagens abzubrechen. Dort fällt ein Thier, hier reißt eine Kette. Dazwischen knallen die Peitschen, schreien und fluchen die Fuhrleute. Endlich kommt ein Gespann in regelmäßigen Gang, aber plötzlich weicht es aus der Straße und zieht den Wagen in einen Morast oder fährt ihn zwischen Bäumen fest. Das zerrissene Geschirr muß ausgebessert, der Wagen aus dem Morast gearbeitet, der im Wege stehende Baum umgehauen werden. Ehe dies Alles ge schehen ist, befindet sich ein anderer Wagen in ähnlichen Schwierigkeiten. So vergeht ein Tag der äußersten Aufregung und Anstrengung für Mensch und Thier, bis am Abend, viel leicht kaum tausend Schritte vom Ausgangspunkte entfernt, mit Mühe ein neuer Corral gebildet wird. Die Thiere wer den ausgespannt, auf die Weide und zu Wasser getrieben. Die Mannschaft zündet sich ein Feuer an, und denkt an die Be friedigung von Hunger und Durst. Am nächsten Morgen geht die Sache etwas besser. Bei vielen Thieren ist die widerspenstige Natur schon gebrochen. Die Leute haben bereits das Naturell vieler derselben kennen gelernt. Das Anspannen wird in drei bis vier Stunden ver richtet, und dem Zuge gelingt es, sich einige Meilen weit fort-Eine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 77 zubewegell. Uilter allen Umställden kostet das Allspannen eines Zuges von zwanzig bis dreißig Wagen mindestens gegen an- derthalb Stunden Zeit. Die Wagen haben ihre bestimmte Ordnung im Lager lvie auf dem Marsche. Keiner darf dem andern Vorfahren, und die Vorderell haben Befehl auf die Hinteren zu warten. Die Gefahr eines Angriffs von Seiten der Indianer macht es wünschenswerth, daß der Zug so gedrängt wie möglich reise. Zuweilen fährt man aus diesem Grunde in einer Doppel reihe, und ein großer Theil der Santa-Fö-Straße hat deshalb doppelte Wegespur. Ich muß bei dieser Gelegenheit bemerkell, daß die Straßen durch die Prairien großentheils gut befahren sind, so daß es eine sehr falsche Vorstellung sein würde zu glaubell, man fahre auf diesen Reisen ohne Spur geradeaus durch die Prairien. Dann und wann freilich verstlcht ein unternehmender Kara- vanenführer einen neuen Weg, um einen Winkel abzuschneiden, zu einem Wasserplatz zu gelangen, oder eine Anhöhe zu um gehen, und bann muß er es sein, welcher mit feinen Wagen Bahn bricht. Die Räderspuren eines Wagenzuges sind indessen selbst nach mehreren Jahren in der Prairie noch erkennbar, indem sich diesen Spuren entlang eine veränderte Vegetation ansetzt. Krautartige Gewächse nämlich bekommen längs den Straßen die Oberhand über die Gräser, und nicht selten er kennt man an einer meilenweit sich durch die Grasfläche ziehen den Linie hoher Sonnenblumen den Lauf, welchen vor Jahren einmal hier ein Wagen genommen. Gewöhnlich wird vom frühen Morgen an gefahren bis gegen elf Uhr, dann gerastet, gekocht, gegessen, die Heerde ge tränkt und auf kurze Zeit geweidet. Nachmittags wird eine78 Amerika. zweite Strecke zurückgelegt, womöglich noch vor Dunkelheit das Nachtlager gebildet, die Heerde zum Wasser und für die Nacht auf die Weide gebracht. Bei der Wahl des Lagerplatzes muß auf die verschiedenen Grasarten, welche als Viehfutter von sehr ungleichem Werthe sind, auf die Nähe, Qualität, Quan tität und Zugänglichkeit des Wassers, die Leichtigkeit des An fahrens und Abfahrens und die Sicherheit gegen Indianer Rücksicht genommen werden. Der Wagenmeister reitet zur passen den Zeit voraus, um die Gegend zu diesem Zweck zu rekog- nosciren, eine in vielen Fällen nicht ungefährliche Aufgabe. Nicht selten indessen wird in Bezug auf die Tageszeiten die Reiseordnung umgekehrt, indem in der Nacht gereist und bei Tage gerastet wird. Sowie ausgespannt ist, hat die erste Wache ihre Posten zu beziehen. Die Uebrigen zünden sich ihre Lagerfeuer an, bereiten ihr Mahl, essen, rauchen, plaudern und pflegen der Ruhe, bis die Reihe des Wachtdienstes an sie kommt. Die Mannschaft ist zu diesem Zwecke in Corps abgetheilt, von denen jedes seinen Führer hat, und die sich alle zwei Stunden ab- lösen. Unter dem Schutze dieser wohlbewaffneten Wache wer den die Thiere während der Nacht auf der Weide gehalten. Kurz vor Tagesanbruch pstegt man indessen die Heerde in den Corral zu treiben, weil räuberische Jndianerbanden diese Zeit an: liebsten zu einem Angriffe wählen. Dann wird das Lager geweckt und das Anspannen beginnt. Daß es zum Schlafen kein anderes Lager giebt als den Bo den, auf welchem man eine wollene Decke oder ein Thierfell breitet, braucht kaum erwähnt zu werden. Der Sattel dient als Kopfkissen, und einige Decken geben dem Körper die nöthige Wärme. Das Gewehr wird mit unter diese genom-Eine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 79 men ulld ist der treue Schlafkamerad des Reisellden. Werrn der Boden trocken und nicht zu uneben ist, und wem: es nicht regnet oder schneit, wird man bald gelernt haben ein solches Nachtlager ganz behaglich zu finden. Im Regen mag man Schutz unter dem Wagen suchen, wenn man nicht etwa all diesem bevorzugten Orte in eine Pfütze oder einen Bach zu liegen kommt. Die Wagen sind mit einer über hölzerne Bo gen gespannten doppelten Decke aus Segeltuch versehen, welche vorn so weit verlängert ist, daß sie bis auf die Spitze der Deichsel herabgezogen werden kann. Dies bildet ein Dach, unter welchem, die Deichsel gelegt, das Lederzeug trocken gehalten werden kann, und hier ist in der Regel das Lager des Fuhrmanns. Was meine eigenen Bequelnlichkeiten betrifft, so darf ich nicht verschweigen, daß wir mit einem Zelte versehen waren, welches in den ersten Nächten von mir und Robert benutzt wurde. Da jedoch die Mühe des Aufschlagens und Abbrechens hauptsächlich mir zufiel, und das Zelt seinen Schutz haupt sächlich gewährte, wann man ihn am wenigsten brauchte, bei schlechtem Wetter aber in der Regel vom Winde umgeweht wurde, so gab ich es auf mich dieser zweifelhaften Bequemlich keit zu bedienen. Unsere Karavane hatte auch zwei Reisewagen bei sich, die ganz geschlossen werden konnten und deren Sitze sich in ein Lager verwandeln ließen. Der eine von ihnen stand zur Hälfte zu meiner Verfügung. Ich hatte dadurch die Bequemlichkeit zwischen Reiten und Fahren abwechseln zu können; für das Nachtlager aber zog ich in der Regel den Boden unter dem offnen Himmel vor, zum Theil, weil es mir unangenehm war, nicht zu jeder Zeit sehen zu können, was um mich vorgehe. Ich schlief auf einem Büffelfell und80 Amerika. hatte einige wollene Decken auf mit:. Meine Kleider aber legte ich auf der ganzen Reise des Nachts niemals ab, und in den hundertkutdfünf Nächten, die wir auf dem Wege nach Chihuahua zubrachten, zog ich nur drei- oder viermal die Schuhe aus. Die Nachtwachen sind übrigens der härteste Theil der Strapazen einer solchen Reise, besonders nach forcirten Märschen, wie sie zuweilen durch Wassermangel geboten werden. Selbst die stete Gefahr von einem Indianer überrascht und scalpirt zu werden, hat mich zuweilen unter solchen Umständen nicht abhalten können im Stehen einzuschlafen. Auf der ganzen Reise aber habe ich nur zwei- oder dreimal meinen Wachtdienst versäumt. Auf den Hochebnen von Neu-Mexiko, zwischen fünf tausend und siebentausettd Fuß über dem Meere, vermehrte im Oktober und November bittere Kälte das Unangenehme dieser nächtlich-militairischetr Hirtendienste, von denen kein, mit einer solchen Karavane reisender Mann, er befinde sich denn, wie Herr M. in Gesellschaft seiner Gemahlin, befreit ist. Wie sich aber in beu Vereinigten Staaten immer ein Theil der Be vorzugung, deren sich die Damen zu erfreuen habet:, auf ihre Gatten oder Kavaliere ausdehnt, so hat die Fuhrmannsgalan terie auf den Prairiestraßen die zarte Praxis eingeführt, welche eitlen mit Gemahlin reisettden Mann vom Hirten- und Wacht- dienste ausnimmt. In Folge dieser Praxis befand sich Herr M. in einer beneidenswerthen Lage und so oft mir auf der Wache eine Vergleichung meiner Situation mit der seinigen in den Sinn kam, klang mir Leporello s Keine Ruh bei Tag und Nacht" in die Ohren und unwillkührlich begann ich die Arie zu intoniren. Ueberhaupt rief der Schneckengang der Zeit auf diesen Nachtwachen in mir alle möglichen musikalischen Erinnerungen aus dem langen Zeitratm: von meiner KindheitEine Frachtwagenkaravane in den Wildnissen. 81 bis. zu nieinem Abschiede von Europa hervor. Wenn ich mit Guter Moild, du gehst so stille" ansing, urrd lnit Schleswig- Holsteilt, stammverwandt" endigte, konnte ich genau die zwei Stunden meiner Wachtzeit ausfüllen. Unterdessen hatte meine Stimme das Echo der Prairiewölfe geweckt, und ihr Geheul und Gewimmer dauerte bis zum Morgen. Eigentlich waren meine musikalischen Unterhaltungen gegen das Reglement, und an besonders gefährlichen Stellen mußte ich mir auch dieselben versagen. Statt dessen wählte ich mir darur die Astrollomie zum Zeitvertreibe, imb setzte mich bald in den Stand, durch Hilfe der Sterne beu Ablauf meiner Wachtzeit bis auf zehr: Minuten beurtheilen, und von der oft eine Meile entfernten Heerde meinen Weg im Dunkeln über die Prairie oder durch einen mexikanischen Chaparral nach dem Lager zurückfinden zu können. Alles zusanimengefaßt hat das rohe und harte Leben auf einem solchen Zuge durch die Wildniß seine großen Reize, welche eine verlockende Gewalt über das Gemüth bekommen können; und in dem Augenblicke, in welchem ich dieses schreibe, weiß ich in der That nicht, ob sie nicht größer sind, als die der Civilisation. Jedenfalls habe ich einige der ungetrübtesten Stullden meines Lebens, in einen: voll jedem Drucke befreiten Seelenzustande, auf diesen Fahrten zugebracht. Der Erfahrene indessen sollte den Menschen der Civilisation vor dieseil Reizelt des Lebens in der Wildniß warnen. Wen: das Schicksal die zweideutige Gullst erwiesen hat, beide genossen zu haben, wird ein getheiltes Herz behalten so lange er lebt. Kletke, Neues Skizzenbuch.82 Amerika. VII. Indianer-Häuptlinge. Wir hatte:: unser Corral, erzählt Fröbel, an einen: Flusse aufgeschlagen, auf dessen entgegengesetzter Seite wir ein großes indianisches Zeltlager erblickten, und bald kamen aus dem- selbekl zahlreiche Männer und Weiber durch den Fluß geritten, um uns zu besuchen. Mehrere große Häuptlinge und be rühmte Krieger der nördlichen Comanchen beehrten uns bei dieser Gelegenheit mit ihrer Gegenwart sämmtlich mit schriftlichen Zeugnissen über ihren Namen rurd Charakter ver sehen, die ihnen theils Herr Fitzpatrick, theils irgend ein in diesen Gegenden kommandirender Offizier der Armee der Vereinigten Staaten ausgestellt und die sie sich sehr beeilten, uns vorzulegen. Diese Zeugnisse Legitimationen der ein heimischen Fürsteil gegen den dilrchreisenden Fremden stelleil in der That eine wunderliche Umkehrung des Paßwesens der alten Welt dar imd sind zugleich die einzigen Pässe, welche im Gebiete der Vereinigten Staaten Vorkommen. Der Wort laut ist in der That oftmals von komischer Wirkung. Man nehme z. B. an, er heiße wie folgt: Inhaber dieses ist der Rothe Aermel, ein berühmter Häuptling der Apachen, welcher in Freundschaft mit den Weißen lebt. Reisende werdeil wohl thun, ihn: Achtung und Wohlwollen zu erweisen, indesseil dabei immer auf ihrer Hut zu sein." Und darunter die Visa durchreisender Handelsleute: Der Rothe Aerinel hat rnlser Lager besucht und sich mit seinen Begleitern anständig be-Indianer-Häuptlinge. 83 tragen" so wie weiter: Traut beut Kerl nicht, er ist ein verbammter Jnbianer." Wenn eine solche Legitünatiott mit ber stunimen Gravität vorgelegt wirb, bereit nur ein Jnbianer fähig ist, muß man feine Gesichtszüge beherrschen können wie eilt Jnbianer, um nicht ben Humor ber Sache zu verrathen eine Unvorsichtigkeit, bie unaltgenehme Folgen Habelt konnte. Was unfern bamaligen Verkehr mit ben Comanchen be trifft, so erschienen in unserm Lager außer einer Melige geringelt Volkes bie Häuptlinge Do-llo-po-ts-en-iro ober bas Weiße Zelt" unb Wn^-^a-bn-toLlln-n ober ber Weiße Abler". Die beiben Namen, so wie ihre Uebersetzultgen finb ben Legitimationspapieren entnommen, welche volt biesett aus gezeichneten Persoltagen uns vorgelegt würben. Nach ihltelt trat ein älterer Mann ans, ber sich eben so sehr burch seine würbige Haltung wie burch seilte einfache Kleibnng auszeichnete. Diese bestanb in nichts als in einer blauen wollenen Decke, in bie sein Körper gehüllt war. Sein Haar war kurz abge schnitten nach ber Mobe ber Weißen unb es war an beut ganzen Manne keine Verzierung irgenb einer Art wahrzu- nehmen. Er erschieit in Begleitung eines gefangenen Mexi kaners, ber ihm als Dolmetscher biente ttttb uns in Kenntniß setzte, baß es ber große Häuptling Och-äch-tzo-mo sei, welcher uns besttche unb in bieser einfachen Tracht unb mit geschor- uem Haupte erscheine, weil er ben Tob seines von ben Paw- ltees gemorbeten Sohnes betraure, für ben er noch keine Blut rache habe nehmen können. Die beiben vorher erwähltten jüngeren Männer bagegen waren vor uns im vollen Schmucke comaitchischer Kriegshelben erschienelt, in Leber gekleibet, mit reich verzierten Mocassins,84 Amerika. im Gesichte mit Zinnober bemalt, auf dem Kopfe mit Adler federn geschmückt, den dick und lang über den Rückeik hinab hängenden Zopf mit abwärts immer kleiner werdenden silber nen Scheiben belastet, die, im Nacken mit der Größe einer mäßigen Untertasse beginnend, an der Spitze des Zopfes mit der Größe eines halben Thalers endigten. Diese silbernen Scheiben werden in Mexiko eigens für die Comanchen ver fertigt unb bilden einen namhaften Artikel in dem Handel mit diesen Barbaren, welcher am Presidio bei Norte, zu San Carlos und am Presidio bei Rio grande betrieben wird. Zuletzt kam ein alter Mann in unser Lager, welcher über die ledernen Unterkleider des Indianers den hellblauen Flaus- rock eines Nordamerikaners aus denk Westen trug. Auf dein Rock waren zwei gokdene Epaulettes befestigt, das eine der selben mitten auf der Brust, das andere auf dein Rücken mitten zwischen den Schultern hängend, womit der alte Co- manchenfürst denn nichts Geringeres war unser Gast einen originellen Geschrnack bekundete. Seine indianische Durchlaucht waren übrigens nicht zu stolz, sich gleich beu übrigen Edlen des Volkes gegen uns durch seine Papiere zu legitimiren, auf welchen von der Hand des Kommandanten eines benachbarten Forts zu lesen stand, daß der Inhaber vormals einer der gefährlichsten und grausamsten Feinde der Weißen gewesen sei, neuerdings aber seine Gesinnung geän dert habe und wegen seiner Macht unter den Comanche- stämmen mit der größten Aufmerksamkeit, zugleich aber auch mit aller Vorsicht behandelt zu werden verdiene. Mit großer Formalität schüttelte der Mann denen, welche er für die Vor nehmsten unter uns hielt, die Hand und versicherte uns seinerIndianer-Häuptlinge. 85 Freundschaft. Wir rauchten mit ihm und bewirtheten ihn mit Kaffee, wie wir es mit den Andern gethan hatten. Das Gesicht dieses Mannes war scharf markirt, die Stirn voit tiefen Falten durchfurcht, die Nase groß und gebogen und tiber das rothbraune Gesicht hing in Schwänzen das straffe Haar, zwischen welchen: das charakteristische, keilten Gedanken verrathende indianische Auge hindurchsah. Er hatte eine Frau bei sich eine ziemlich bejahrte, dicke Person, bereu Gesicht die Spuren einstiger Schönheit und den Typus der besseren mexikanischen Familien zeigte. Wahrscheinlich war die Frau in ihrer Kindheit einer solchen Familie geraubt worden. Sie stieg nicht von ihrem Pferde ab, auf welchem sie schrittlings saß, wie alle indianischen Frauen; auch mischte sie sich auf keine Weise in unser Gespräch mit den: alten Häupt linge. Am Abend vor der Dunkelheit zeigte Oeb-äeb-t^o-roo seine Autorität, indem er dem uns besuchenden Volke Befehl gab, unser Lager zu verlassen und sich ::ach Hause zu begeben. Gegen Einige, die nicht sogleich gehorchten, machte er vo:: seiner Pferdepeitsche Gebrauch. Bald war unser Lager ge räumt und wir konnten endlich die la:rg gewünschte R::he genießen.86 Amerika. VIII. Der Prairie-Hmid und seine Lebensweise. Eines der interessantesten Thiere, die rnan auf den Prairien und den hohen Tafelländern antrifft, ist der Prairie- Hund, der in der That nichts Andres ist, als ein Murmel thier und mit Hunden nichts Charakteristisches gemein hat. Sein Aussehn und seine Lebensweise sind durchaus verschie den. Die canadischen Pelzthierfänger (trappers) pflegten das Thier einen petit chien” zu nennen, und dies, vereinigt mit dem Laut, den es von sich giebt, der jedoch mehr ein Gezirpe oder Gekläffe als ein Bellen ist, ist Anlaß geworden, daß es den Namen Prairie-Hund" bekommen hat. Die erste Colonie dieser kleinen Geschöpfe, die wir an trafen (erzählt I. R. Vartlett, der in den Jahren 1850 bis 1853 als Chef der amerikanischen Grenzcommission Texas, Neu-Mexiko, Californien, Sonora und Chihuahua bereiste), war in Texas, nahe bei Brady s Creek, einem Arm des öst lichen Colorado. Dies war die größte, die wir je sahen, und von einer so ausgedehnten habe ich nie gehört. Drei ganze Tage reisten wir durch diese Colonie, während welcher Zeit wir sie nicht aus dem Gesicht verloren. Ihre Wohnungen dehnten sich auf beiden Seiten, soweit unser Auge reichte, aus und ragten in kühnem Relief aus den Hügelchen hervor, die sie mit der aus ihren unterirdischen Höhlen heraufge brachten Erde aufgeworfen hatten. Einzeln genommen ist die Ausdehnung ihrer Wohnungen gewöhnlich ungefähr 10 PardsDer Prairie-Hmid und seine Lebensweise. 87 (30 Fuß), und die Hügel enthalten jeder zwischen einer und zwei Karrenladungen Erde. Manchmal haben sie einen, dann wieder zwei Eingänge, die sich in einem Winkel von ungefähr 45 Grad senken. Bis zu welcher Tiefe sie sich erstrecken, habe ich nie in Erfahrung bringen können und weiß nur, daß die häufigen Versuche, die Thiere durch große Quantitäten Wassers, das man in ihre Höhlen gießt, an die Oberfläche zu treiben, selten Erfolg gehabt haben. Ein gut gebahnter Weg erstreckt sich von dem einen dieser Hügel zu dem andern und zeigt, daß zwischen ihren Bewoh nern eine nahe Freundschaft oder vielleicht eine Familienver bindung besteht. Wir nahmen an, daß diese Colonie oder Hundesstadt", wie man sie nennt, eine Längenausdehnung von wenigstens 60 (englischen) Meilen hatte, da wir zu jener Zeit 20 Meilen den Tag zurücklegteu. Was ihre Breite be trifft, so konnten wir über diese kein bestimmtes Urtheil ge winnen, aber angenommen, daß sie nur die Hälfte der Länge gehabt habe, so kann man sich eine Vorstellung machen von der ungeheuren Anzahl Thiere, die diese sogenannte Stadt enthält. Auf dein größten Theil dieser Strecke war das Land flach itnb mit kurzem Grase bedeckt, das wahrscheinlich des halb so kurz war, weil diese Thiere davon fressen. Ein paar zerstreute Mezquitbäume wuchsen auch noch unter ihnen. Flüsse geben keine Grenze für die Colonie ab, denn die Thiere fanden sich an beiden Ufern mehrerer Ströme. An verschie denen Punkten bemerkte ich eine Colonie auf dem Gipfel von Hochebence oder Hügeln, wo das Land äußerst unfrucht bar und die Gräser so spärlich waren, daß man gleich schloß, sie müßten für ihre Existenz gänzlich unzureichend sein. InAmerika. diesem Falle war es denn auch offenbar, daß die Colonie in keinem blühenden Zustande war, denn viele der Wohnungen waren verlassen. Ueber die Lebensweise dieser Thiere kann ich nur wenig aus eigener Beobachtung sagen, obgleich ich Tausende von ihnen gesehen habe. Ich würde gern einen Tag darauf ver wandt haben, mich in ihrer Nähe zu verstecken und ihre Be wegungen zu beobachten, aber wenn wir an die interessantesten Punkte kamen, waren wir eben auf der Wanderung begriffen und konnten nicht Halt machen. Major Long behauptet in seiner Reise nach den Rocky Mountains, daß sie den Winter in einem lethargischen Zustande zubringen. Andre Reisende läugnen das und behaupten im Gegentheil, daß sie den Winter, sobald das Wetter milde ist, aus ihren Höhlen hervorkommen. Ich selbst habe sie an ziemlich kalten Novembertagen im Freien gesehen. Selbst in den weiter nördlich gelegenen Ebenen, wo der Schnee Wochen lang den Boden bedeckt und die Kälte scharf ist, sieht man sie in: Winter häufig außerhalb ihrer Wohnungen. Woher sie Wasser bekommen, ist eine Frage, die die Naturforscher schon in Verlegenheit gesetzt hat. Einige Rei sende behaupten, sie graben so tief bis sie es finden. Das kann aber nicht so sein; denn ich habe sie auf trockenen Hoch ebenen gesehen, zwanzig Meilen vom Wasser entfernt und an Stellen, wo auch kein Thau war. Die Farbe des Prairie-Hundes ist hellbraun. Der untere Theil seines Körpers, sowie Gesicht amb Hals sind von einenr weißlichen Gelb. Seine Größe variirt zwischen der eines grauen Eichhörnchens und der eines virginischen Murmel- thieres, mit dem er in seiner Gestalt größere AehnlichkeitDer Prairie-Himd seine Lebensweise. hat, als mit irgend einem andern Thiere. Der Körper eines ganz- ausgewachsenen Exemplars ist ungefähr 12 Zoll lang; der Schwanz, der buschig ist, zwischen drei und vier. Er steht auf recht wie ein Eichhörnchen und der Schwanz ist in beständiger Bewegung, besonders wenn er auf der Spitze seines kleinen Hügels sitzt und seinen Genossen zuzirpt. Wenn wir uns ihren Dörfern näherten, schien von Einem, der auf einem Hügel in den Vorwerken als Schildwache aufgestellt war, ein Allarmzeichen gegeben zu werden. Sobald dieses Signal gegeben war, be gann ein allgemeines Ausreißen, um nach Haus zu kommen, und man sah die Einen hierhin, die Andern dorthin laufen. Wenn sie ihre Wohnungen erreicht hatten, pflegten sie auf recht an den Eingängen stehen zu bleiben und während ihre Köpfe dann aber noch aus denselben hervorguckten, unter hielten sie ein unaufhörliches Zirpen und ließen ihre Schwänze spielen, bis wir vorüber waren. Kamen wir noch näher oder ganz nahe an sie heran, so sahen wir wohl hie und da Ein zelne einen Purzelbaum schlagen und so in ihre Löcher ge langen und verschwinden. Es ist nicht leicht ihrer habhaft zu werden; denn sie standen immer am Eingang ihrer Höhlen, so daß sie, wenn wir sie auch trafen, hineinfielen. Ich glaube nicht, daß auf zwanzig Schüsse, die wir manchmal thaten, mehr als ein Exemplar uns in die Hände fiel. Wie man sagt, ist dieses Murmelthier ein guter Braten; aber zu der Zeit, wo wir die ebengenannten schossen, waren unsere Vorräthe reichlich und es ließ sich Niemand bewegen, sie zu kosten. Späterhin, als unsere Rationen kleiner wur den, hätte sich, glaube ich, Keiner von uns bedacht, sie zu essen.90 Amerika. Oft wohnen Kaninchen mit diesen Thieren zusammen, oder, was wahrscheinlicher ist, sie nehmen die von den letzteren gebauten Wohnungen in Besitz. Die Lebensweise eines Ka ninchens führt es in Gegenden, wo mehr Gebüsch ist und nicht eine kahle Ebene. Es ist daher wahrscheinlich, daß die Ka ninchen, die man unter den Prairie-Hunden antrifft, bloße Wanderer sind, die sich von ihren eigentlichen Wohnungen verirrt haben und, als sie auf ihrem Wege ein schon ausge bautes bequemes Quartier fanden, das sie der Mühe über heben konnte, selbst zu graben, die schwächeren Thiere vertrie ben, und Besitz von ihren Höhlen genommen haben. Eine kleine braune Eule wohnt auch oft bei den Prairie- Hunden. Man findet sie fast immer auf ihren Hügeln stehen, wo sie vielleicht als Schildwache dient; die Colonie hat aber theuer dafür zu zahlen. Sie ist ohne Zweifel ein Eindring ling und nach den bekannten Eigenthümlichkeiten dieses Vogels zu schließen, unter denen eine in der Liebhaberei für Feld mäuse, Maulwürfe und andere kleine vierfüßige Thiere be steht, ist kein Zweifel, daß sie die Wohnungen der Prairie- Hunde nur aufsucht, um die Jungen derselben zu verzehren. Die Eltern dieser Jungen müssen wenig Muth haben, daß sie einem so kleinen Vogel, wie diese Eule ist, erlauben, mit ihren Abkömmlingen sich zu nähren. Aber der bedenklichste Eindringling in den Hundestädten ist die Klapperschlange. Ich hatte oft sagen hören, daß dieses Reptil sich unter ihnen finde, glaubte aber, es müsse Zufall sein, bis ich mit eigenen Augen sah, wie oft es vorkommt. In einem Fall sah ich mehrere dieser widerwärtigen Thiere in eine einzige Höhle recht in der Mitte einer Hundestadt eindringen. Niemand wird glauben, daß zwischen ThierenDer Prairie-Hund und seine Lebensweise. 91 von so verschiedener Natur irgend welche Freundschaft bestehen sollte, und es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß die Klapperschlange ihre Wohnung zu schlimmen Zwecken unter ihnen aufschlägt. Die Prairie-Hunde können sie natürlich nicht vertreiben und sind daher gezwungen, sie in dem ruhigen Besitz jeder beliebigen Höhle, die sie betritt, zu lassen und ihr zu gestatten, sich gelegentlich an den jüngeren Gliedern der Genossenschaft zu sättigen. Ich habe die Prairie-Hunde in Texas, Neu-Mexiko, Chihuahua, Sonora und Californien gesehen. IX. Der Tod des Naturforschers. An dem Fuße der Berge des Rio Grande (Rio Bravo), den Ausläufern der Cordilleren, an den steilen hohen Ufern der Leone, eines der vielen östlichen Nebenflüsse dieses gewal tigen Stromes des westlichen Amerikas stand meine Wohnung. Jahre waren schon seit der ersten Gründung meiner Ansiede lung verstrichen und immer gehörte es noch zu den großen Seltenheiten, einen fremder: Weißen in unserer Mitte be grüßen und bewirthen zu können, und wenn ich auch häufiger mit dem nächsten Städtchen in Berührung kam, als im ersten Jahre meiner Niederlassung, so war doch von einem Verkehr noch gar keine Rede. Ich ritt selbst jedes Jahr einigemal dorthin, brachte auf Maulthieren die vorräthigen Häute,92 Amerika. Wachs, Talg u. s. w. zu Markte, und nahm dann auf ihnen wieder Provisionen, Werkzeuge, Pulver und Blei u. s. w. mit zurück. Bei dieser Gelegenheit empfing ich dann auch die während dieser Zeit angekommenen Briefe aus der alten Heimath, übergab die meinigen dorthin zur Post, holte die Bücher verschiedener Art, welche ich theils von Europa, theils von New-Pork kommen ließ, und damit war wieder der Ver kehr mit der Welt auf ein halbes Jahr abgethan. Es hinterließen die Maulthiere und Pferde bei diesen Ritten allerdings hier und dort in thonigem Boden Spuren, die aber leicht durch schwere Gewitterregen verwischt und durch eine bedeutende Heerde darüber wandernder Büffel zertreten, auch dem besten Spürauge nach und nach unkenntlich wur den. Auch hielt ich bei diesen Reisen nicht einmal immer denselben Weg, da ich stets nach dem Kompaß ritt, und nach den verschiedenen Jahreszeiten auch meine Richtung änderte, indem ich Gegenden zu passiren hatte, welche zu gewissen Zeiten Ueberschwemmungen ausgesetzt waren, und wieder andere, wo das Wasser manchmal nur sehr spärlich vorkam. Die Ansiedelungen von Osten her waren um nichts weiter vorgerückt. Die ersten zwei Drittheile des Landes waren eine elende sandige Gegend, ohne Gras, mit schlechten verkrüppelten Eichen hier und dort bestanden, sehr bergig und meist ohne Wasser oder nur mit schlechtem Wasser versehen, wo es Nie manden einfallen konnte, sich niederzulassen und für den Besitz des Landes die Gefahren des Pioniers zu übernehmen. Weiter zu mir heraus wagte Niemand zu gehen, da schon viele Ver suche gemacht worden, auf diesem reichen Lande festen Fuß zu fassen, die aber sämmtlich unglücklich ausgefallen waren und von denen der letzte an den Quellen der Leone einerDer Tod des Naturforschers. 93 Fanlilie vorr neunzehn Personen beu gänzlichen Untergang brachte; oftmals habe ich auf diesem Platze bei meinen Jagd zügen die Gebeine derselben in der Sonne bleichen sehen. Es war, wie gesagt, in meiner Lage nichts geändert, als daß ich bequemer itub sicherer eingerichtet war; nur blieb die Gegend imnter uoch eine Wildniß, zu welcher ein einzelner Neugieriger nicht gelangen konnte, ohne seinen Scalp für das Wagniß einzusetzen. Sehr verwundert war ich darum eines Morgens, als der Wachthabende meiner Leute zu mir in mein Haus trat nnb mir meldete, daß ein Weißer allein in der Prairie anl Flusse herunter geritten käme, und zwar auf einem Maul- thiere, welches in einer Jndianergegend das allerunpassendste Reitthier ist. Ich lief nüt dem Fernglas hinaus auf ben Vorbau an der südöstlichen Ecke des Forts und fand nicht nur die Angabe des Wächters bestätigt, sondern auch, daß der Mann nicht einmal ein Gewehr trug, wenn er es nicht in zwei Ungeheuern Packen, die auf beiden Seiten seines Maul- thiers schaukelten, verborgen hatte. Näher und näher kam der Reiter, jetzt auf den Höhen aus dem Grasmeere auftauchend, und dann wieder in den Vertiefungen verschwindend. Endlich ivurde unsere wachsende Neugierde befriedigt, und mit unschuldig freudigem Lächeln begrüßte uns ein Weißer, ein Deutscher. Auf meine Frage, wo um Gotteswillen er so allein, und sogar ohne Waffen herkäme, lächelte er und sagte in ächt sächsischem Dialekt: Nun, aus dem Settlement; ich habe Ihre Maulthierfährten recht gut finden können; Herr Jones hat mich einen ganzen Tag begleitet, und während der vier letzten Tage habe ich Niemanden gesehen."94 Amerika- Bald stellte es sich heraus, daß er Kreger heiße, Bota niker sei und zu mir komme, um die Flora unserer Gegend, die noch nie gesammelt sei, auszubeuten. Er hatte zkk diesem Behufe zwei ungeheure Packen. Löschpapier mitgebracht, welche an seiner Liese so nannte er sein Schlachtroß hingen, die wie Wollsäcke in einer Batterie ihn recht gut gegen Jn- dianerpfeile hätten schützen können, wenn er etwas gehabt hätte, was er dagegen hätte zurücksenden können; er hatte aber nur ein Terzerol in seiner Hosentasche stecken, das nach allen möglichen Versuchen, die wir daniit anstellten, durchaus nicht abzufeuern war. Es war ihm die Gefahr, der er sich durch die Reise zu mir unterzog, von Jedermann vorgestellt worden, und der letzte Pionier, den er passirte, ein Herr Jones, hatte ihn noch mit Gewalt zurückhalten wollen, aber er hatte dazu gelacht und immer behauptet, ein Jlldianer könne ihm auf seiner Liese nichts anhaben. Es giebt Menschen, die sich leichtsinnig in Gefahren stürzen, weil die Gefahr selbst etwas Reizendes, etwas Be geisterndes für sie hat, und die solche suchen, um eine Gele genheit zu haben, die Kraft, welche sie in sich fühlen, dagegen anwenden zu können; es giebt Andere, welche sich in Ge fahren begeben, um sich vor der Welt als Helden zu zeigen, während es bei ihnen doch mit der eigentlichen Courage gar so weit nicht her ist; endlich giebt es noch Andere, welche ganz unbefangen und vergnügt sich großen Gefahren unter ziehen, weil sie solche durchaus nicht kennen, und es ihnen gar nicht in den Kopf will, daß sie existiren, bis sie von den selben überrascht und verschlungen werden. Zu diesen Letzteren gehörte unser neuer Bekannter, Herr Kreger; wir suchten ihnl Alle begreiflich zu machen, wie unsinnig er gehandelt habe,Der Tod des Naturforschers. 95 und wie er nur durch einen wunderbaren Zufall den langen einsamen Weg zu uns zurückgelegt und Nachts bei einem Ungeheuern Feuer geschlafen, ohne von einem Indianer be merkt worden zu sein, was unbedingt seinen Tod zur Folge gehabt Haber: würde; er lächelte zu Allem und meinte, es würde wohl so schlimm damit nicht sein, wobei er seiner Tabaksdose, welche er selten aus der Hand ließ, fleißig zusprach. Was seine Absicht betraf, von hier aus seine Excursionen zu machen, so stellte ich ihm die Unausführbarkeit derselben vor, da er während meiner Jagdzüge mit mir nicht sein Studium betreiben könnte, indem ich nicht bei einzelnen Pflanzen ver weile, wenn ich das Wildpret verfolge, er mir auch als Nicht jäger nur eine störende Gesellschaft wäre; vom einsamen Um herstreifen aber könne durchaus keine Rede sein, und ich be legte ihm dies durch viele Mittheilungen über meine Erleb nisse seit der Gründung meiner Ansiedelung. Ich nahm ihn aber nichtsdestoweniger freundlich auf, wies ihm eine Stelle für sein Nachtlager, einen Platz bei Tische an, zeigte ihm, wo er Korn für seine Liese bekam, wo er sie zu Wasser brin gen sollte, wo er sich seine Wäsche waschen könne und machte es ihm mit Einem Worte so bequem wie es in meinen Kräften stand. Ich hatte schon lange die Absicht gehabt, einmal ent legenere Nachbarländer, als diejenigen, welche ich auf meinen Jagdzügen kennen gelernt hatte, zu durchforschen, namentlich die Fortsetzung unserer Hochebenen nach Norden, wo ich noch nicht sehr weit vorgedrungen war, und hatte schon Vorbe reitungen zu dieser Wanderung getroffen, als Herr Kreger uns mit seiner Gegenwart überraschte. Am Tage nach seiner96 Amerika. Ankunft hatten wir einen Spaziergang um das Fort nach denk Felde unb nach denk Garteil gemacht, wobei er alle Augenblicke unsere Unterhaltung unterbrach und irgend ein kostbares Kräutchekk aus dem Grase hervorzog, um es seiner Blechbüchse einzuverleiben, welche er stets seine Kanone nannte, während er über nkeinen im Gürtel steckenden Revolver und die Büchse lachte, welche ich bei mir trug. Bei dieser Ge legenheit theilte ich ihnk knit, daß ich in Kurzem eine Reise kkach dem Norden antreten würde, wobei er, wenn er sie mit- machen wollte, Gelegenheit hätte, seinen Sammlungen obzu liegen, da sich meine Jagden auf dieser Tour nur auf meinen wirklichen Fleischbedarf beschränken würden. Er war entzückt und bat nkich dringend um die Erlaubniß daran Theil neh- uien zu dürfen, die ich ihm ertheilte, mit der Bemerkung, daß er dabei eines meiner Pferde reiten rnüsse, wozkk ich ihm den Falben besonders empfahl. Da war ich aber aus das Unrechte Thema bei ihm ge- kommen, denn die Qualitäten seiner Liese besaß keines meiner Thiere, und er bot sofort Wetten an, daß keines meiner Pferde sie einholen könne. Spaßes halber wurde der Falbe und Liese gesattelt, ein Mosquitobaum in der Prairie unge fähr eine halbe englische Meile vom Fort zum Ziel erkoren und fort sprwkgte der Naturforscher auf seinem Maulthiere und ich auf dem Falben über das hohe Gras. Es war in der Thal auffallend, wie gkkt die Liese lief; den dürren Ratten schwanz strack von der rechten Seite weghaltend, und die Un geheuern Ohren wie ein Paar Flügel spitz nach vorn streckend, nahm sie den Hagel von Knutenhieben, der sie fiel, ganz vergnügt hin, und langte nur ungefähr zwanzig Schritt nach mir beim Ziele an.Der Tod des Naturforschers. 97 Ich lachte herzlich über die höchst amüsante Erscheinung unsers Naturbeflissenen und gab ihm meine Verwunderung zu erkennen über die Schnelligkeit seines Thieres, bemerkte ihm aber zugleich, daß ich dennoch für nichts in der Welt darauf einen Nitt nach jener Gegend unternehmen würde, da ich den störrischen Eigensinn der Maulthiere überhaupt zu gut kannte und wußte, daß wenn sie einmal raufen sollen wo es darauf ankommt, sie es gerade nicht thun, und sie dann kein Feuer, kein Schwert von der Stelle zu bringen im Stande ist. In Kreger s unbedingtem Glauben an seinen Liebling brachten aber alle solche Bemerkungen und Vorstel lungen keine Aenderung hervor, und als ob der eigensinnige Charakter eines Maulthiers durch mehrjähriges freundschaft liches Zusammenleben mit seiner Liese auf ihn übergegangen wäre, blieb er felsenfest bei dem Vorsatz, nur ihr seine Person auf der bevorstehenden Excursion anzuvertrauen. Etwas über eine Woche ging mit Vorbereitungen zu unserer Reise hin, die im Ganzen sehr einfach waren; sie be standen im Abnehmen der Hufeisen von den Füßen meines Czar s und öfterem Einschmieren derselben mit Bärenöl, denn der Spur eines beschlagenen Pferdes folgen die Indianer wie die Wölfe einer blutigen Hirschfährte, im Mahlen von Kaffee und dessen Einstampfen in Blasen, im Backen von hartem Zwieback, Kugelgießen, Anfertigen von Patronen und im Flechten von zwei neuen Lassos, wozu ich mir zwei frische Büffelhäute geholt hatte, bei welcher Jagd mich mein Bota niker auf seiner Liese begleitete und stolz darauf war, daß er mir den vollständigsten Beweis ihrer Unübertrefflichkeit gege ben zu haben glaubte, da sie beim Jagen mit ihrer breiten Nase meinem Czar immer wie sein Schatten auf dem Schweif Kletke, Neues Skizzenbnch. 798 Amerika. folgte. Beim Anfertigen der beiden Lassos war mir Herr Kreger behilflich: die Haut wurde mit den Haaren auf dem glatten Grase mit hölzernen Nägeln rund herum, straff be festigt, das sehr scharfe Messer in der Mitte eingestochen und von da aus ein fingerbreites Band im Zirkel herum immer weiter und weiter daraus geschnitten, bis die ganze Haut in einen sehr langen Riemen verwandelt war. Dieser wurde nun zwischen Bäumen ausgespannt, mit einem sehr scharfen Messer von den Haaren befreit, in fünf gleich lange Stücke geschnitten, jedes einzelne in einen Knäul aufgerollt und aus ihnen der besagte ungefähr vierzig Fuß lange Lasso geflochten, der sodann zwischen Bäumen ausgespannt, mit großen Steinen und Stücken Holz beschwert und so möglichst in die Länge gestreckt wurde. Ist nun ein solcher Strick an der Luft etwas abgetrocknet, so wird er mit Bärenfett getränkt, bleibt dann für immer zart und geschmeidig und kann sehr großer Kraftanstrenguug widerstehen. Der von Herrn Kreger angefertigte war, wenn auch nicht eben sehr glatt und gleichmäßig geflochten, gleichwohl für den Gebrauch recht gut gerathen, und machte ihm, als eine Ver vollkommnung der Ausstattung seiner Liese, sehr große Freude. Das eine Ende dieses Lassos wird um den Hals des Pferdes befestigt; er wird aufgerollt, mit einem Riemen an den Sattel gebunden, beim Grasen des Thieres losgerollt und mit dem Ende an einem Baum oder Busch angebunden. Der Tag unserer Abreise kam heran, der Vormittag wurde damit zugebracht, unsere Thiere zu satteln und unser Gepäck zweckmäßig und möglichst bequem für Reiter und Pferd zu vertheilen, worauf viel ankömmt, da eine so schwere LastDer Tod des Naturforschers. 99 in dem heißen Klima das Pferd leicht auf dem Rücken drückt, wodurch man nicht nur sehr aufgehalten, sondern auch wohl genöthigt werden kann, zu Fuße zu gehen, was in einer Ge gend, wo keine Wege sind, sehr mühselig und langwierig ist. Endlich war der Naturforscher mit sich selbst und mit der Ausstattung seiner Liese fertig, die nun eher einem Rhi no ceros glich, als einem Zwitter von Pferd :tub Esel. Vorne zu beiden Seiten des Sattels hingen die mächtigen Packen Löschpapier über den großen mit Bärenfell bedeckten Pistolen- holftern, die neben zwei von mir gelieferten langen, sehr guten Sattelpistolen mit Zwieback, Kaffee, Pfeffer uub Salz, Schnupftabak u. s. w. vollgestopft waren. Ueber dem Sattel lag der Mantelsack, welcher in zwei großen ledernen Taschen bestand, die zu beiden Seiten hinter dem Schenkel des Reiters neben dem Sattel hingen und in der Mitte durch ein ebenso breites Leder verbunden waren, worauf der Mann seinen Sitz hatte. Der Lasso hing, in eine Menge Schlingen zu sammengebunden, vor dem Löschpapier an der linken Seite von Liese s Vordertheil, von welchen: wenig oder gar nichts zu sehen war, während zu beiden Seiten derselben hinter dem Sattel Bratpfannen, Kaffeetöpfe und ein Trinkbecher von Blech bei jeder Bewegung des Thieres eine nicht eben lieb liche Musik machten. Ueber diesen ganzen Haushalt war nun noch eine riesenhafte Büffelhaut ausgebreitet und mit einem breiten Gurte um den ungewöhnlich starken Leib der Liese befestigt, so daß diese nur mit dem Kopfe und dem Schwänze wie eine Schildkröte daraus hervorsah. Um das Bild vollkommen zu machen, hatte das Thier noch zwei große Büsche von einer Sommerpflanze, welche wir spanische Maul- 7 *100 Amerika. beere nennen, hinter den Ohren stecken, als ein sehr zweck mäßiges Mittel, die Fliegen abznhalten. Ich hatte Kreger wiederholt auf den Unsinn aufmerksam gemacht, die arme Liese mit diesen: Panzer zu umgeben, worin sie sich lobt schwitzen mußte; er meinte aber, ich hätte ja auch eine Haut über meinem Sattel liegen, und sie solle ihn Nachts gegen den Thau und gelegentlich gegen den Regen schützen. Auf den: Rücken dieses Ungethüms nahm nun unser Naturforscher seinen Platz mit einem chocoladenbraunen, iws Röthliche spielenden, langen Rock von homespun, einem auf dem Lande bei einen: Pflanzer verfertigten Wollenzeug, einer eben solchen, jedoch mehr gelb angelaufenen Hose, zwei alt ritterliche::, ungeheuer:: mexikanischen Sporen an den Füßen, deren Räder den Umfang eines Thalers hatten, und einen: aschgrauen Filzhut mit sehr großen: in vielen Falten sich herabneigenden Rande auf dem Kopfe, unter welchem sein langes, doch ziemlich frisches Gesicht niit den großen blaß blauen Augen und den: sehr geräumigen, ewig lächelnden Munde hervorsah, und der von seinen langen strohgelben Haaren nur die auf seinen Schultern liegenden Enden der Sonne preisgab. lieber seiner rechten Schulter hing seine große blechene Botanisirbüchse, und über der linken eine große mit Rehposten geladene Doppelflinte von mir, ihre langen Läufe nach oben streckend; den Hut hatte Kreger mit einem grünen Busche versehen, und sich wiederholt aufrecht in seine hölzernen mexikanischen Steigbügel stellend, schwang er einen Kantschu in seiner Rechten und erklärte sich zum Wegreiten fertig. Ich ritt Czar mit meiner tagtäglichen Ausrüstung, nurDer Tod des Naturforschers. 101 daß ich auch eine Reittasche, mit Provisionen angefüllt, hinter mir über dem Sattel liegen hatte, den wie gewöhnlich eine Tigerdecke bedeckte; etwas mehr Provisionen so wie mehr Pulver und Blei war Alles, was Czar an Gewicht mehr als sonst zu tragen hatte, und es war im Ganzen zu unbedeu tend, als daß er es hätte fühlen können. Nachdem ich meinen Leuten wiederholt ganz besondere Vorsicht und Sorge anem pfohlen hatte, sagten wir ihnen ein herzliches Lebewohl und bald hörten wir das Thor sich hinter uns schließen. Es war Nachmittag, als wir ungefähr eine Viertelmeile unterhalb des Forts von der Prairie rechts ab in eine tiefer liegende Niederung nach dem Flusse zu ritten, wo derselbe iva rechten Winkel auf eine lange Strecke eine nördliche Richtung annahm und in dieser Biegung so flach war, daß wir bequem hindurchreiten konnten, während zu Leiden Seiten das Wasser eine Tiefe von einigen zwanzig Fuß hatte. Für den Frem den hat der Anblick dieses Flusses etwas ungemein Schönes und Reizendes, sein Wasser ist bis in die größte Tiefe so klar, daß, wenn dasselbe sich nicht bewegte und keine Gegen stände, als Laub, Neisholz u. s. w. mit sich führte, man kaum mit Bestimmtheit sagen könnte, ob das Flußbett Wasser ent halte oder nicht. Am deutlichsten sieht man dies an Pferden, welche zum erstenmale einen solchen Fluß durchgehen oder durchschwimmen sollen; sie sind in der Regel sehr schwer dazu zu bewegen und wenden immer wieder um, schnaufend in die klare Tiefe schauend, deren Wasserinhalt sie nicht zu taxiren wissen. Jedes Steinchen, jedes Grasspitzchen auf dem tiefsten Grunde sieht man so deutlich, als ob kein Wasser darüber hinzöge, atnb man kann jede, auch die kleinste Bewegung der unzähligen Fische und Schildkröten, mit denen die Gewässer102 Amerika. jener Gegend angefüllt sind, deutlich beobachten. Dabei sind diese Flüsse mit der allerreichsten, üppigsten Vegetation an ihren Ufern geschmückt, und es ziehen sich von den Spitzen der himmelhohen Bäume die riesenhaften Weinranken von einer Seite derselben zur andern, an welchen sich dann wieder Tausende von andern. Schlingpflanzen weiter ranken und mit unter einen hängenden Wald über den pfeilschnell forttoben den Wellen bilden. Die meisten dieser Schlingpflanzen zieren die Wälder mit einem prachtvollen Blumenflor, und häufig findet man Bäume so dicht damit überwachsen, daß man von ihrem eigenen Laube gar nichts mehr sehen kann. Die Strö mung in diesen Flüssen ist so heftig, daß es sehr gefährlich ist, sie Zu durchreiten, besonders da wo das Wasser tief genug ist, um den Bauch des Pferdes zu fassen, welche Gefahr noch durch die äußerst glatten schneeweißen Seifensteine, die deren Grund bedecken, vermehrt wird. Ich ritt voran in den Fluß hinein, und Liese folgte ge duldig hinter mir her; doch kostete es viele Ueberredung, meinen Begleiter davon abzuhalten, einige Schritte weiter im Flusse hinunter zu reiten, um von den schönen Wasserblumen, welche der Oberfläche schwammen, einige Exemplare hervor zuziehen, indem er glaubte, es wäre gar nicht tief, während er mit sammt seiner Liese dort versunken wäre und in dem furchtbaren Strome, schwer bepackt, wie er war, nie wieder lebend das Land erreicht haben würde. Ich erinnere mich, daß ich diesen Fluß auf der Jagd zu Pferde an Stellen durchschwommen habe, wo der Strom gerade recht heftig war und meine mir folgenden Hunde durch denselben fortgerissen und weiter unten über Felsen gerollt wurden, so daß sie, als sie endlich doch das Ufer erklommen hatten, dem ganzenDer Tod des Naturforschers. 103 Rücken und Kopf geschunden waren und blutend in einem jämmerlichen Zustande zu mir kamen. Wir erreichten ohne Schwierigkeit das jenseitige Ufer und folgten einem uralten, mehrere Fuß tief ausgetretenen Büffel pfade in den Wald, welcher sich in der Breite einiger Stun den an dem Flusse hinunter zieht. Wenn man auch noch so kurze Zeit in der offenen Sonne geritten ist, so fühlt man doch die Wohlthat des dunkeln und undurchdringlichen Schat tens eines solchen Waldes außerordentlich; die Lust unter diesem Laubdach scheint eine ganz andere zu sein, sie ist nicht allein kühl und erfrischend, sie scheint sich auch auf ihrem Durchzug durch das dichte Laub gereinigt zu haben, da diese Länder nur hochliegendes Land bedecken, wo keine Sümpfe, keine stehenden Wasser durch die Ausdünstung der in ihnen verfaulten Vegetabilsten die Luft verderben und verpesten, wie es in den Flußgebieten des Missisippi und anderer östlichen Ströme Amerikas der Fall ist. Man kann wirklich keinen nlajestätischeren, keinen imposanteren Anblick haben, als einen solchen Wald; Bäume von der riesenhaftesten Größe stehen im bunteftert Gemenge in den allerverschiedensten Farben, den verschiedensten Formen da, so dicht aneinander gedrängt, daß man nicht begreift, wo sie alle ihre Ungeheuern Wurzeln haben. Man sieht dort vielleicht Zwanzig Arten Eichen, worunter die Traubeneiche die schönste und größte ist; sie steht da acht Fuß im Durchmesser und vierzig Fuß hoch strack im Stamme bis an den ersten Ast, während ihre Spitze die Höhe von hundert und fünfzig bis zweihundert Fuß erreicht. An den Ufern des Flusses reihe,: sich Cypressen an Cypressen, mitunter eine Meile weit, so nahe an einander, daß kaum für einen Menschen Raum genug bleibt, dazwischen durchzu-104 Amerika. gehen, und sämmtlich mit Stämmen von sechs bis neun Fuß Durchmesser und ihre Spitzen bis zu zweihundert und fünfzig Fuß gegen den Himmel streckend. Der schwarze Wallnuß baum, der Tulpenbaum, die Pecanuß, verschiedene Arten Ulmen, Maulbeerbäume, Ahorne, Platanen, Eschen, Pap peln u. s. w. drängen sich an einander, und wo der Tod einmal eine Lücke macht und einige dieser Riesenbäume der Erde wiedergiebt, da sprießen aus ihrem Staube in der Oeff- uung, durch welche der blaue Himmel scheint, junge Stämme und füllen schnell den Raum aus. Unzählige Arten von kleineren Bäumen gedeihen kräftig und üppig in diesem Dunkel, und drängen sich zwischen diese Kolosse der Vegeta tion, wie die wilde Kirsche, die wilde Pflaume in verschiede nen Sorten, eine kleine Kastanie, mehrere Arten von Nuß bäumen u. s. w.; unter ihnen breiten sich denn die Strauch arten und Dornen in unglaublicher Verschiedenheit aus, wo von ein großer Theil dieses grüne Dunkel mit den prächtig gefärbten, duftenden Blumen unterbricht, die mit der Flora der Schlingpflanzen, welche sich in luftiger Höhe von Baum Zu Baum schwingen, im ewigen Wettkampfe stehen. Endlich ist der Boden selbst unter den dunkelsten Gesträuchen mit einer dichten Decke von zarten Pflanzen bedeckt, die heimlich dort sich zwar vor jedem Sonnenstrahl verstecken, aber nicht weniger würdig sind, von bem anerkennenden, bewundernden An ge eines Anbeters solcher Meisterwerke der Natur aufgesucht zu werden; sie leuchten wie heimliche, unterirdische Feuer aus ihrem Dunkel und senden ihren Duft weit um sich her durch diesen Laubpalast. Die Königin aber des ganzen Urwaldes ist die Mag- nolia, vielleicht die Königin der ganzen Pflanzenwelt. HundertDer Tod des Naturforschers. 105 und fünfzig Fuß hoch hebt sie ihr stolzes Haupt über einen: silbergrauen, schön glatten Stamme empor, breitet ihre Aeste regelmäßig gleich weit um sich her und bedeckt sich mit ihren großen, dunkelgrünen, glatten, glänzenden Blättern so dicht, daß ihre Aeste selten von einem Sonnenstrahl getroffen wer den. Zwischen dieser dunkeln Laubmasse, welche sie während des ganzen Jahres unverändert behält, schiebt sie nun im Frühjahr ihre zehn Zoll großen schneeweißen, saftblättrigen Rosen mit orangegelben Staubfäden in solcher Menge hervor, daß man kaum noch sieht, ob weiß oder grün die Grundfarbe ist. Weit um sich her verbreitet sie dann ihren köstlichen Vanillenduft, der zu stark ist, als daß man ohne Gefahr bei nicht bewegter Luft unter der Pflanze schlafen könnte. Sehr lange trägt sie diesen Schmuck, und indem nach und nach die Perlen einzeln um sie her an den Boden fallen, ersetzt sie deren Stelle mit einer Fackel dicht aneinander gedrängter Beeren, so roth und brennend, wie keinem Maler eine Farbe zu Gebote steht. Weit sieht man sie durch den majestätischen Wald leuchten wie Kronenleuchter in einem Dome. Unser Pfad zog sich in hundert Windungen durch die feierliche Stille, es schien jedes Geschöpf, welches dieses Heilig thum, vor den Sonnenstrahlen draußen fliehend, erreicht hatte, sich an seiner Schönheit schweigend zu ergötzen und sich dank bar in seiner Kühle zu laben; man hörte keinen Vogel, kein Jnsect, nicht die Bewegung eines fallenden Blattes unter brach die Ruhe, nur die Tritte unserer Reitthiere und Czar s Pusten durch seine Nüstern hallten durch den stillen Wald. Zu früh für uns, zu früh für unsere Thiere erreichten wir das Ende unseres Pfades, wo er jenseits in der Prairie aus mündet, nachdem wir einen großen Theil des Weges zu Fuße106 Amerika. zurückgelegt hatten, well die über den Pfad herüber und hin überhängenden Ranken uns sehr oft nöthigten, mit unfern Köpfen unter ihnen dnrchzukriechen. Wir folgten den Weg hinaus in die Vorhölzer und wandten uns durch dieselben hin und her der offnen Prairie zu, welche wohl eure halbe Stunde vom Hochwalde entfernt beginnt. Links und rechts von unserem Pfade sprangen Hirsche unter den Büschen hervor, und Rudel voll Welschen rannten vorwärts, mit ihren langen, eiligen Schritten kreuz und quer bei uns vorüber. Die ersteren ließ ich unbehelligt, aber von den letzteren schoß ich einen alten fetten Hahn und hing ihn hinter mich an den Sattel. Die Sonne stand schon ziemlich niedrig, als wir durch die weite Prairie zogen, und wir konnten nur sehr langsam reiten, da das Gras an vielen Stellen mit dem Rücken meines Pferdes gleich hoch war; unsere Thiere wurden sehr warm, und es stöhnte namentlich die arme Liese erschrecklich unter ihrem Harnisch, während der Schweiß in Strömen an ihren zierlichen Füßen herunterlief. Die Sonne war im Unter gehen, als wir einen kleinen Nebenfluß der Leone erreichten, wo ich einen sehr hübschen Lagerplatz kannte, den ich für unfern Ruheort für diese Nacht auserkoren hatte. Wir packten unsere Thiere ab, womit ich sehr bald fertig war, da ich nur die Gurten unter dem Leibe meines Pferdes löste, den Sattel mit denl ganzen Gepäck auf einmal über seine Croupe hinabzog, sein Kopfzeug abstreifte, und ihm dann mit der Hand einige Schläge auf seinen nassen Rücken gab, zum Zeichen, daß ich fertig mit ihm sei und er nun gehen könne, wohin er Lust habe. Bei meinem Reisegefährten dauerte es viel länger, bis er all die vielen einzelnen Theile seinesDer Tod des Naturforschers. 107 Haushaltes von seinem Thiere heruntergenommen hatte, und als er es endlich vollbracht welch ein Jammerbild prä- sentirte sich dann unsern Augen! Die arme Liese war einer gänzlichen Auflösung nahe, weißer Schaum und Staub hatten ihre von Natur etwas langen Haare nach allen Rich tungen hin zusammen geklebt, den dünnen Schwanz hielt sie wie ein Steuerruder schräg der Erde zu, den Kopf nach vorn herunter, so daß ihre langen Flügelohren herabhüngend bei nahe den Boden berührten, und es wurde ihre überhaupt etwas grämliche Physiognomie durch die welk über das Ge sicht herunterhängenden Büsche noch mehr entstellt. Das arme Thier that mir wirklich leid und ich erklärte Herrn Kreger rund heraus, daß ich nicht einen Schritt weiter mit ihm xelten würde, wenn er die Büffelhaut nicht hier zurücklasse; er überzeugte sich auch durch die traurige Erschei nung seiner Liese, daß sie diesen Anzug für die Dauer nicht tragen könne, und wir kamen daher überein, daß ich ihm die erste Hirschhaut, welche wir bekämen, gerben und er solche dann zum Gebrauch bekommen solle. Liese wurde nun nach dem Grase geführt, an einen Busch gebunden, und wir richteten unser Lager für die Nacht ein. Kreger schaffte trockenes Holz herbei und holte in unsern Flaschenkürbissen Wasser, ich machte Feuer an, setzte Kaffee auf, steckte die Brust des Welschen, in Scheiben geschnitten, abwechselnd mit seinem Fett und mit Stücken der Leber auf Stöcke, rieb das Fleisch mit Pfeffer und Salz ein und steckte es an Spießen vor das Feuer. Dann legte ich meine Satteldecke auf das Gras, darüber den Sattel, Holster und Satteltasche, hing den Zügel mit dem Lasso an einem Ast auf und nahm Platz auf meiner Tiger haut vor dem Feuer, während ich mir eine Pfeife anzündete108 Amerika. und dem Naturforscher Zusah, wie er tausend Einrichtungen und Abänderungen machte, um seinen Wohnort einzurichten, als wolle er hier wenigstens vier Wochen bleiben. Es war dunkel geworden, unser Abendtisch war beendet, wir holten unsere Thiere und führten sie zum Wasser, die Liese wurde nahe bei nnserm Lager in s Gras ausgebunden, und Czar, nachdem er eine Zeit lang unweit von mir in s Feuer geblickt hatte, legte sich hinter mir an einen Busch. Ich träumte fast die ganze Nacht von Indianern und wachte sehr häufig auf; dann bog ich mich jedesmal zu dem Feuer hin, schob dasselbe frisch zurecht, und legte mich dann, mit meiner Büchse im Arm, wieder nieder. Der Botaniker da gegen schlief wie ein Felsen, in seiner Büffelhaut eingepackt, und mit dem Kopf auf einem.geöffneten Packen Löschpapier liegend, als wolle er sich bei lebendigem Körper seinem Her barium einverleiben. Dabei schnarchte er, den Mund weit geöffnet, beinahe die ganze Nacht hindurch, was gleichfalls für meine Ruhe nicht eben sehr vortheilhaft war. Bei kaum heranbrechendem Tage erhob sich Czar hinter mir, streckte sich, gähnte einigemal, schüttelte sich dann und marschirte zu Liese, die noch wie todt im Grase lag, als wolle er ihr guten Morgen sagen und sie fragen, ob sie gut ge schlafen habe. Ich rüttelte meinen Gefährten wach, wir brachten unsere Thiere zum Wasser, ich machte das Frühstück und rieth Herrn Kreger, daß er während dieser Zeit seinen Studien in unserer Nähe herum nachgehen möge, was er auch that. Er kam jedoch mit einem solchen Arm voll Kräuter zurück, daß ich ihm bemerken niußte, es wäre besser, wenn er nicht so viele Exemplare von einer und derselben Art nähme, da sonst am Ende unsrer Reise Liese den Vorrath kaumDer Tod des Naturforschers. 109 sortbringen würde. Er legte nun die Pflanzen in Löschpapier, band seine Packen zusammen, wir sattelten, und ehe wir rms auf den Weg machten, rollte ich die schön gegerbte Büffel haut, mit den Haaren nach außen, zusammen itnb steckte sie in einen sehr dicht belaubten Baum zwischen zwei Aeste, um sie dort bis zu unserer Rückkehr liegen zu lassen. Bis zu unserem nächsten Nachtlager hatten wir eine gute Tagereise, und so weit war die Gegend mir bekannt, da mich einigemale meine Jagd dorthin gezogen hatte. Wir ritten ziemlich scharf, trotz dem vielen hohen Grase, was wir zu durchschreiten hatten, und langten zu Mittag an einem andern kleinen Nebenfluß der Leone an, wo wir uns und unfern Thieren einige Stunden Rast gönnten. Wahrend dieser Zeit ging ich in den Büschen am Fluß hinauf und schoß ganz nahe dabei einen starken Hirsch, dessen Haut ich, nebst einigem Fleisch und dem Schädel, nach unserm Lagerplatz trug. Nach dem ich, die Fleischtheile recht sauber von der Haut abgeschabt hatte, schlug ich den Schädel auf, nahm das Gehirn heraus, rührte es mit etwas Wasser in einem Blechtopf zu einem dünnen Brei, schmierte die ganze Haut auf der Fleischseite damit ein, rollte sie dann fest zusammen und gab sie Herrn Kreger zum Verpacken, mit dem Versprechen, daß ich sie mor gen zum Gebrauch fertig machen wolle. Das Gehirn gerbt nämlich die Häute sehr schön, und es ist dieses die Art, wie die Indianer dieselben zubereiten; sie werden, nachdem sie vier undzwanzig Stunden so gelegen haben, sauber ausgewaschen, im Schatten aufgehangen, und wenn noch feucht, auf dem scharfen Rande eines Holzes oder dem Rücken eines großen Jagdmessers so lange hin und her gezogen, bis sie ganz trocken sind, wobei die Fasern lose werden und wodurch die110 Amerika. Haut so weich und zart wird wie Sammet. Um nun aber zu verhindern, daß eine auf diese Weise bereitete Haut hart wird, wenn sie der Nässe ausgesetzt war, so spannt man sie über ein Loch in der Erde, worin man altes saules Holz an steckt, ohne daß es zur Flamme brennt, itrtb räuchert sie von beiden Seiten, so daß sie durch und durch vom Rauch gelb wird. Dann wird die Haut niemals wieder hart und schrumpft nicht zusammen. Mein Botaniker benutzte unsere Rast, um seine am Mor gen eingelegten Pflanzen der Sonne auszusetzen und zu trocknen, während er in der Nähe hernm noch frische dazu sammelte. Die größte Hitze war vorüber und es mochte wohl gegen drei Uhr Nachmittags sein, als wir wieder unterwegs waren. Die Gegend wurde hier etwas gebrochener, die Prai- rien waren nicht so groß und wurden mehr von Bannt- und Gebüschgruppen durchzogen, während ailch die monotonen geraden Flächen häufig von leichteir Erhöhungen durchkreuzt wurden. Das Gras war nicht so hoch, als in den flachen Prairien, was den Gang unserer Thiere bedeutend beschleu nigte; Liese schielt namentlich den Unterschied zwischen gestern und heute sehr zu fühlen, und trabte leicht und wohlgemuth neben Czar, welcher auf solchen Touren immer Paß ging, eine Gangart, welche sehr angenehm für den Reiter ist, das Pferd nicht angreift und dabei ganz unglaublich rasch vor wärts bringt. Mit eintretender Dunkelheit erreichten wir den Turky- creek oder Welschenfluß, wie ich ihn krach der großen Zahl dieser Vögel, welche ich dort angetroffen, genannt hatte. Es war noch hell genug, um ein gutes Plätzchen für unser Nacht lager zu wählen, auf dem wir dem Wasser nahe waren,Der Tod des Naturforschers. 111 ziemlich versteckt lagen und doch sehr gutes Gras für unsere Pferde in der Nähe hatten. Heute Abend wurde aber Czar gehobbelt", das heißt, es wurde ein etwas über einen Fuß langer Riemen, welcher an seiner Halfter hing, mit dem am Ende befindlichen Karabinerhaken in den eisernen Ring ein gehakt, der am linken Vorderfuß festgeschnallt war, wodurch er genöthigt wurde, den Kopf an die Erde oder den Fuß in die Luft zu halten, und demnach nur Schritt gehen konnte. Den Ring am Fuße trug er fortwährend, er.war mit einen: weich gefütterten breiten Riemen umgeschnallt, und ich be festigte bei kurzen Ritten, wo ich dem Pferde keine Halfter anlegte, den Riemen mit dem Haken in den Ring des Ge bisses, auf größeren Touren aber an die Halfter. Diese Vor richtung war eine Erfindung von mir selbst, welche mir die Gefahr, mein Pferd zu verlieren, eingegeben hatte; denn so gebunden, konnte es nicht unerwartet verscheucht und sortge- jagt werden. Liese wurde wieder ansgebunden, und wir hielten während der paar Stunden, wo die beiden Thiere grasten, ein wach sames Auge auf sie; ich war so ziemlich am Ende meines Reiches und an der Grenze von Ländern, welche bis dahin niemals von Weißen besucht worden. Vor Schlafengehen wurden die Kohlen mit Asche bedeckt, die Thiere ganz unmit telbar bei uns an Bäume gebunden, und so legten wir uns, nachdem wir zu Abend gegessen hatten, zur Ruhe. Gegen Mitternacht wachte ich auf und glaubte, ich hätte von einem Gewitter geträumt; ich sah in die Höh und gewahrte, daß die Sterne sämmtlich verschwunden waren; in demselben Augenblick wurde die Gegend rund umher durch einen Blitz hell erleuchtet, worauf ein heftiger Donner in dem Flußgebiet112 Amerika. herabrollte. Ich sprang schnell auf, blies das Feuer zu einer hohen Flamme an, legte Holz auf und weckte den schnarchen den Naturforscher, der noch halb schlaftrunken umhertaumelte, und in größter Angst nach der Ursache dieser Störung fragte. Ich rieth ihm, es so zu machen wie ich, riß dann einen ganzen Arm voll Büsche ab, brach sie entzwei, legte sie auf einen hohen Haufen, darauf die Pistolenholfter, Jagd- und Sattel tasche, darüber den Sattel, und bedeckte denselben mit der wollenen Decke, welche ich auf dem Pferde unter dem Sattel führte, und zuletzt breitete ich meine Tigerdecke darüber aus; dann half ich Herrn Kreger, welcher allerdings jetzt seine große Büffelhaut sehr vermißte, seinen Haushalt in Sicherheit bringen. Während wir noch mit diesen Vorrichtungen beschäftigt waren, rollte der Donner schon fast ununterbrochen, und die sich schnell folgenden Blitze hielten die hohen Laubsäulen um uns beinahe fortwährend erleuchtet. Von Norden her hörten wir es rauschen wie einen fernen Wasserfall und bald wuchs das Getöse bis zum klagenden Geheul des Sturmes, wie man s mix in diesen Weltgegenden Zu hören bekommt. Ich kannte den herannahenden Geist genau, denn ich war ihm schon oft begegnet, und trat zu meinem Czar, band den Lasso ab, hing ihm sein Kopfzeug über und warf den Zügel über meine Schulter, indem ich Kreger ruhig bedeutete, es mit der Liese ebenso zu machen. Er hatte aber gänzlich den Kopf verloren und rannte bald nach den: großen Haufen seiner Sachen und dann wieder nach der Liese, während der Sturm sich jetzt mit seiner ganzen Gewalt über uns herlegte und die uralten Bäume um uns in ihren Wurzeln krachen ließ. Er fegte der: Boden vor sich her und führte eine Lawine von Staub, LaubDer Tod des Naturforschers. 113 und Reisholz mit sich; unser Feuer streckte seine langen Zungen flach über den Boden fort und spie seine Funken weit durch die rabenschwarze Nacht in den dunkeln Wald hinaus. Das Stöhnen des Orkans mischte sich mit den schmetternden Donner schlägen, die jetzt von Sekunde zu Sekunde den Boden unter uns zittern machten, und nur mit aller Kraft konnte ich Kreger verständlich machen, daß er zu mir kommen solle. Ich hatte mir eine junge schlanke Weißeiche zu meinem und Czar s Schutze ausgewählt, mit hohen, dicht mit Weinreben über zogenen Büschen dahinter, welche uns von Norden her deckten, und war zwei himmelhohen Platanen aus dem Wege gegan gen, die ächzend ihr Todeslied sangen. Die Gewalt des Sturmes war noch im Zunehmen, Stoß auf Stoß, Krach um Krach tobte es fort, die Häupter der beiden Platanen neigten sich mehr und mehr, und mit einer Erschütterung, die einem Erdbeben glich, stürzte erst die eine, bis zur Hälfte des Stammes abgebrochen und gleich darauf die andere, die Wurzeln wie einen Berg gegen den Himmel kehrend, mit einem weit fortrollenden Donner über unser Feuer, so daß dasselbe wie eine geplatzte Bombe nach allen Richtungen auseinander flog und seine Kohlen und Brände über uns her durch die dunkle Luft schleuderte. Czar prallte zurück und würde in seinem Schrecken zehn Lassos abgerissen haben, wäre ich nicht darauf vorbereitet gewesen und ihm mit dem Zügel gefolgt, während Liese meinen Gefährten am Lasso, welchen er nicht fahren lassen wollte, weit in das Gras hin aus schleifte. Jetzt fielen die ersten Tropfen Regen und ich wußte, daß die größte Wuth des Sturmes vorüber war. Ich führte Czar wieder unter die Eiche, hielt meine Büchse mit den Kletke, Neues Skizzenbuch. g114 Amerika. Schlössern dicht unter meinem tat, rief Kreger zu, mir zu folgen, und streckte mich nun unter meinem breitrandigen Hut so gerade als es mir möglich war. Der Regen fiel in Strömen, so daß wir in wenigen Minuten auch nicht über einen trockenen Faden zu verfügen hatten, ein Bach floß zwischen unfern Füßen durch, und der Sturm durchkältete uns bis auf das Mark. Wir standen wie die Reiher laut los da und es war so dunkel, daß wir einander nicht sehen konnten, doch waren wir zufrieden, wenigstens noch unter den Lebendigen zu sein und unsere Thiere bei uns zu haben. Es regnete fast bis gegen Morgen, der wohl niemals Menschen willkommner erschien als uns beiden, und mit ihm begrüßte uns auch freundlich der klare blaue Himmel. Die größte Schwierigkeit war, das Feuer wieder anzuzünden. Meine Sachen waren vollkommen trocken geblieben, da sie von den dichten Büschen hinter uns geschützt waren, und der Sturm sie nicht hatte fassen können; es stand mir Feuerzeug zu Ge bote, aber trocknes Holz war schwierig anzuschaffen; doch auch dies gelang mir endlich aus einer alten hohen Eiche zu be kommen, und das Löschpapier des Botanikers mußte her halten, das Feuer in Gang Zu bringen. Kaum brannte es, als wir Arme voll abgestorbenes Reisholz von den nmge- fallenen Bäumen darauf legten nnb es bald zu einer solchen Glut anfachten, daß wir uns vor derselben in ganz kurzer Zeit trockneten. Kreger s Sachen waren etwas naß geworden, doch ließ sich der Schaden leicht ersetzen, und wir ließen uns das Frückstück darum nicht minder gut schmecken. Die Sonne mit ihren wohlthuenden wärmenden Strahlen kam hervor itub beleuchtete die Zerstörung, welche der Sturm in der verflosse nen Nacht allgerichtet, während ein heiteres, ruhiges LächelnDer Tod des Naturforschers. 115 der Natur umher es zu verläugnen schien, daß sie solcher wilden Leidenschaft fähig sei. Wir waren ziemlich zeitig zur Weiterreise fertig. Jetzt stellte sich aber Hinderniß in unfern Weg, welches uns iveit aus unserer Richtung zu bringen drohte. Der sonst ganz unbedeutende Fluß war nämlich zu solch einem reißenden Strome anaeschwollen, und hatte sich so breit über seine Ufer ausgedehnt, daß an ein Ueberschreiten desselben gar nicht zu denken war. Ich konnte mir das Versehen gar nicht ver zeihen, daß wir nicht Abends den Fluß passirt hatten, was für Reisende und Jäger in diesen Gegenden eine feststehende Regel ist, indem die Gewässer hier oft in wenigen Stunden fünfzehn bis zwanzig Fuß anschwellen, was sehr häufig den unvorsichtig an ihren Ufern ruhenden Jäger in die größte Gefahr versetzt, von dem um ihn her wachsenden Strom gleichsam so eingezäunt zu werden, daß er der Wuth der Wellen nicht mehr entrinnen kann. Nicht allein Menschen sind dieser Gefahr ausgesetzt, sondern auch die vierfüßigen Bewohner dieser Gegend, und mehrere Male habe ich ertrunkene Büffel und Hirsche von solchen aufgeregten Wassern mit fortreißen sehen. Indessen halten diese Ueberschwemmungen nur wenige Stunden an, weil die kleinen Flüsse einen kurzen Lauf haben und nur von dem, von den Bergen strömenden Gewitterregen geschwellt werden. Indessen hatte ich keine Lust, hier liegen zu bleiben, und zog es vor, am Flusse hinauf zu reiten, und zu sehen, ob da nicht ein Platz zu finden sei, wo man ohne Gefahr über setzen könnte. Wir ritten wohl zwei gute Stunden an dem Ufer fort; die Waldung an demselben wurde immer spärlicher und durch zu Tage liegendes Steingeröll und einzelne große 8 *116 Amerika. Felsblöcke unwegsamer. Dazwischen drängten sich die mächtigen Farrnkräuter hervor und sperrten mit den wildumherliegenden Baumstämmen sehr häufig den Weg, so daß wir einen weiten Bogen beschreiten mußten, um wieder zum Flusse Zu gelangen. Endlich nach mehrstündigem Umherreiten kamen wir an den Fluß, wo er enger zusammen gedrängt, zu beiden Seiten trockenes Ufer hatte, und wo eine alte Cypresse wahrscheinlich von einem ähnlichen Sturme, wie der in letzter Nacht, hin über geweht war. Wir machten Halt, ich ging auf dem Baumstamme hinüber, hieb mir eine lange Stange ab, und sondirte am jenseitigen User den Grund. Er stieg schräg aus der Tiefe herauf und war fest, so daß ich keinen Zweifel hatte, daß unsere Thiere ganz leicht auf demselben in die Höhe klimmen könnten. Ich nahm nun das Gepäck Czar ab, trug es einzeln hinüber nach dem andern Ufer, nachdem ich vorher die hindernden Aeste von der Cypresse abgehauen und den Stamm mit vielen Beilhieben eingekerbt hatte, um ihn rauh und sicherer für den Fuß zu machen, band dann den Lasso in das Gebiß meines Pferdes, ging mit dem Ende hin über und rief ihm zu, mir zu folgen. Das Ufer an seiner Seite war ziemlich steil, was er durch mehrmaliges Fühlen mit dem Vorderfuß ausgefunden hatte; ich sprach ihm noch einmal zu, und er sprang mit allen Vieren zugleich in den Strom und war im Augenblick am andern Ufer, an welchem er mit zwei Sprüngen heraufsetzte und sich au den durch den Regen der letzten Nacht erfrischten Kräutern labte. Kreger folgte meinem Beispiel, nur wollte Liese den Sprung nicht wagen, weshalb ich hinüber ging, sie plötzlich beim Hinter- theile faßte und sie in den Fluß stieß, in dem sie mit demDer Tod des Naturforschers. 117 Kopf zuerst ankam, worauf sie sich auch alsbald unbeschädigt am andern Ufer einfand. Wir packten nun von Neuem und ritten wieder am Fluß hinunter bis gegenüber der Stelle, wo wir die Nacht zugebracht hatten. Es war Mittag geworden und wenn die Hitze auch nicht groß war und uns nicht zum Rasten nöthigte, so war es doch Zeit, unfern Thieren Ruhe zu gönnen. Wir selbst aßen etwas zu Mittag und gegen zwei Uhr saßen wir wieder zu Pferde. Von hier aus war mir die Gegend gänz lich unbekannt und es wurde nöthig, uns über die Richtung zu vergewissern, welche wir einschlugen. Ich ließ die Nadel in dem Compaß, welche im Schaft meiner Büchse eingelassen war, spielen, verglich den, welchen ich in der Tasche trug, noch einmal damit, und wir ritten mm nach Nordwest vorwärts. Wohl nicht weiter als eine Stunde von unserm Nacht lager verschwanden alle Spuren des Regens und es hatte sich demnach der Orkan letzter Nacht lediglich auf das Gebiet des Welschenflusses beschränkt. Man findet dies häufig. Solche Stürme nehmen mitunter nur die Breite einer Viertelstunde ein, und rollen mit gleicher Wuth Tausende von Meilen über Berg und Thal fort, so daß häufig gar nichts, was sich nicht vor ihnen zur Erde beugt, stehen bleibt. Die Gegend wurde wieder flach, doch sehr anmuthig und angenehm für uns und unsere Thiere. Die Prärien sind oft meilenlang von soge nannten Postoak s durchzogen, das heißt, von Eichen, die so dicht beisammen stehen, daß ihre Köpfe sich mit dem Laub aneinander legen und der Sonne kaum einen Blick auf den mit feinem, kurzen Gras bedeckten Boden gestatten, welcher außer dieser Gras- und Vlumendecke von allem Unterholz118 Amerika. entblößt ist. Größere und kleinere Baumgruppen dieser Art liegen hier und dort in diesen grasigen Hochebenen und geben der Gegend das Ansehn, als wäre des Menschen Hand vor Jahren hier thätig gewesen, und dies die Ueberreste und Grenzlinien ehemaliger Anlagen und Gärten. Das Reiten unter diesem Lanbdache ist äußerst angenehm, man wird durch kein Hinderniß aufgehalten oder von seiner Richtung abge bracht und die Pferde gehen leicht und frisch über das kurze Gras durch den kühlen Inftigen Raum, wo die leiseste Be wegung der Luft schon sehr angenehm wird. Es war außer dem ein schöner Tag, der Wind blies frisch, und so beschlossen wir, bei dem guten Wege etwas spät in den Abend hinein zu reiten, da wir erstes Mondviertel hatten, welches uns nach Sonnenuntergang noch lange Zeit sein Licht versprach. Gegen sechs Uhr Abends passirten wir wieder einen kleinen Strom, der wahrscheinlich auch nach denk Rio grande fließt, wo wir recht bequem die Nacht hätten zkkbringen können; iubeffen füllten wir nur unsere Flaschenkürbisse, ließen unsere Thiere tüchtig trinken und ritten weiter, da wir mm allenfalls auch ohne Wasser die Nacht zubringen konnten. Wir unterhielten uns von unserer alten Heimath, wobei uns die Zeit schnell vorüber eilte, drückten mitunter einmal die Wade an unsere Thiere, oder sprachen ihnen mit einem Zungenschlage zu, und so langten wir zwischen acht und neun Uhr am Ende eines der erwähnten Postoaks an, durch dessen Mitte sich ein klarer Bach schlängelte. Wir begrüßten ihn mit Freuden, da es immer unangenehm bleibt, zu lagern, ohne Wasser in der Nähe zu haben. Unsere Thiere waren bald ihrer Last ent ledigt, ein kleines Feuer im dichtesten Busche angezündet, und gegen halb elf lagen wir, Czar und Liese daneben, uns eineDer Tod des Naturforschers. 119 bessere Nacht versprechend, als die vergangene. Ich versprach Kreger das Hirschfell nächsten Mittag zuzubereiten, da es g:t spät geworden war, um die Arbeit noch heute vorzunehmen. Wir schliefen herrlich und erwachten des anderen Mor gens gestärkt und in besonders guter Laune. Die Sonne war wohl eine halbe Stunde über den: Horizont, als wir in: Sattel saßen und munter über die Grasfläche vorwärts ritten, nachdem wir mit dem Compaß die kürzeste Richtung gu dem in blauer Ferne iiber der weiten Prairie vor uns auftauchen den Hochwalde ausgenommen. Nach meiner Berechnung nmßte es etwa zwei Stunden bis an den Hochwald sein, die Prairie war flach, im Ganzen mit nicht sehr hohem Gras bedeckt und nur spärlich hier und dort mit einem einzelnen Mosquito- baum bewachsen, welche hinreichten, die Entfernungen zu schätzen, was ohne solche Merkmale schwierig ist. Hinter uns zog sich zu beiden Seiten: der Prairie entlang der Eichenwald, dem wir sehr leicht bemerkt werden konnten. In: Fort reiten sagte ich zu Kreger, es wäre besser, wenn wir unsere Thiere, weil der Weg gut war, etwas schärfer gehen ließen, da sich mir ein Gefühl von Unsicherheit unwillkürlich in dieser weiten Ebene aufdrängte, auf der wir so leicht von dem sie in: Halbmonde begrenzenden Eichenwald aus beobachtet wer den konnten. Ich sprach Czar von Zeit zu Zeit zu und wir eilten schwatzend der Mitte dieses Grasmeeres entgegen, als plötzlich Czar sehr lebendig wurde, traversirte und in Galopp fallen wollte. Ich sprach ihn zur Ruhe, doch fing er bald an zu schnaufen und war nicht mehr im Schritt zu erhalten. Ich hatte bereits die Prairie vor uns und zur Seite abgesucht, als ich plötzlich meine Augen hinter mich wandte und zu meinem Schreck vor einer hohen Staubwolke einen120 Amerika. Zug Indianer im schnellsten Fluge hinter uns Herkommen sah. Mein nächster Blick flog nach dem Hochwalde vor uns, abmessend, wie weit es noch bis dorthin sein mochte, dann sielen mit Entsetzen meine Augen auf das Maulthier zu meiner Seite. Der Schwarm der Indianer mußte aus weit über hundert Mann bestehen und also der Kriegszug eines starken Stammes sein, der ohne Zweifel die besten Pferde und besten Waffen bei sich hatte. Es wurde mir eiskalt, als ich nach Kreger hinblickte, der noch nichts von unserer Gefahr ahnte, und sorglos xtnb vergnügt ein Stückchen pfiff. Ich that mein Möglichstes ruhig zu bleiben oder wenigstens u scheinen, um meinen Geführten nicht zu erschrecken, und bat ihn, sein Maulthier anzutreiben, banüt wir von dieser offenen Fläche fortkämen, während ich meinem schnaubenden Pferd die Zügel etwas nachließ, so daß es einige Sätze vorwärts machte. Ob Kreger in meinen: Gesicht oder in meiner Stimme eine Veränderung bemerkt hatte, weiß ich nicht, kurz er sah sich um, und die anstürmenden Wilden erblickend, rief er aus: Großer Gott, Indianer!" preßte krampfhaft beide un geheure Sporen in die Seite seines Thieres und zog die Zügel so kurz, daß er mit der sehr scharfen Stange, welche die unglückliche Liese zwischen den Zähnen trug, ihr das Maul auseinanderriß. Kreger s sonst frische Farbe hatte einer Todtenblässe Platz gemacht, seine Augen sahen stier und wild umher, itttb mit seiner Rechten senkte er den Kantschu in schnell nacheinander folgenden Hieben auf Liese s Hintertheil. Bei Kreger s ersten Bewegungen sah ich klar voraus, was folgen würde, und bemühte mich, ihm zu bedeuten, daß, wenn er nur die Zügel fahren lassen wollte, die Liese sicher meinem Pferde folgen, und wir ohne Zweifel wohlbehalten denDer Tod des Naturforschers. 121 Hochwald erreichen würden, in welchem uns die Indianer nicht gefährlich seien. Er hörte nicht, er sah nicht. Ein Bild des Entsetzens starrte er unbeweglich vor sich hin und Liese, den Kops zwischen die Vorderfüße streckend, sing an hinten auszuschlagen. Die Gefahr wuchs von Minute zu Minute, denn schon schallte das Geheul der Kannibalenhorde vom Winde getragen an unsere Ohren. Ich ritt nahe an Kreger heran und suchte ihm die Zügel aus der Hand zu reißen, umsonst, er lag mit dem Kops nach vorn über seine krampfhaft zusammengeballte Hand, und keine Vorstellungen, keine Bitten drangen zu seinen Ohren. Es war mir kaum länger möglich, mein Pferd auf dem Platze zu halten, da es sich bald bäumte, bald auf das Hintertheil niederließ und dann in Bogensätzen wieder vorwärts sprang. Die Indianer waren während dem so nahe heran ge- kommen, daß ich ihre einzelnen Stimmen hören und deutlich die grellen Farben erkennen konnte, womit sie ihre Gesichter bemalt hatten. Unser Leben war in höchster Gefahr. Mein Pferd war sehr aufgeregt und ein Fehltritt desselben war unbedingt mein Untergang. Noch einmal rief ich Kreger zu, Vernunft anzunehmen und die Zügel fahren zu lassen, aber umsonst, er hörte nicht. Die Minuten drängten, ich ließ Czar die Zügel und flog wie vom Winde getragen von dem Unglücklichen, welcher seinem Schicksal verfallen war und dem mein längeres Zögern nichts nützen konnte. Ich sprach mein Pferd zur Ruhe unb wandte meine Blicke nach meinem im glücklichen Geführten zurück. Die Horde war jetzt dicht hinter ihm; noch ein Paar Sekunden und eine dichte Staubwolke umhüllte ihn und die Wilden, während ein Siegesgeheul, dessen Grund ich leider nur zu gut kannte, zu meinen Ohren122 Amerika. drang. Ich preßte mich fester an Czar, ihm schmeichelnd zu sprechend und ganz die Zügel lassend, und fort flog ich vor dem Winde. Ich sah mich wieder um, dichter Haufen der Rothhäute war hinter mir, und durch das unmenschlichste Geheul gaben sie mir zu verstehen, daß auch ich ihr Opfer werden sollte. Der Abstand zwischen uns hatte sich jedoch bereits ver größert und nahnl mit jeder Minute ZU, ich schöpfte frischeu Athem und mein Zorn verdrängte bald die Gefühle des Mit leids unb der damit verschwisterten Bangigkeit. Der Hoch wald stieg rasch vor nur auf; nur noch von einer Frage hing meine Sicherheit ab: war ein Fluß diesseits des Waldes? Doch fest entschlossen, für den Fall, daß dem so war, Czar hinunter in die blaue Tiefe zu sprengen, drückte ich ihre fester zwischen die Schenkel und ließ ihn lauter meinen Zungen- schlag hören. Wie ein Schwan flog er über die Grasdecke den: Walde zu, dessen einzelne Bäume ich jetzt schon erkannte. Es war kein Fluß an dieser Seite und bald erreichte ich die dichte hohe Laubburg, die sich hart au die offene Prairie legte, und führte Czar schnaubend und dampfend hinein; während meine Verfolger, jetzt nur noch wenige an der Zahl, weit von mir in der Prairie hielten. Ich nahm mein Schnupf tuch hervor und winkte ihnen näher zu kommen, unr sie gu reizen, denn gern hätte ich meinen unglücklichen Kameraden gerächt; aber sie kehrten um und ich verfolgte zu Fuße, Czar hinter mir her führend, den Büffelpfad, der mich in den Wald geführt hatte. Wohl über eine Stunde wanderte ich durch den dunkeln Schatten, mich zwischen den vielen Schlingpflanzen durchwin dend und durchhauend, als ich einen Strom erreichte, dessenDer Tod des Naturforschers. 123 Ufer wohl vierzig Fuß über dem Wasserspiegel emporragten. Der Wald u beiden Seiten des Pfades, wo dieser an den Fluß führte, war sehr dicht uitb so mit Ranken verwachsen, daß es mir unmöglich war, mich am Flusse hinauf oder hin unter zu bewegen, zumal mit meinem Pferde. Hier mit dem Pferde während der Nacht liegen zu bleiben, ging auch nicht, da mein Thier nichts zu fressen fand und ich für den Fall, daß ich verfolgt werden sollte, zu leicht aufzufinden war. Ich entschloß uiich daher kurz, bestieg Czar, hing meine Pistolen- holfter und Satteltasche über die Schultern, nahm die Büchse in die rechte Hand und trieb ihn nun cm, dem Pfad nach dem Flusse zu folgen. Er war so steil, daß von Gehen keine Rede war, doch einmal über den Abhang hinunter, glitt mein braves Thier, halb rutschend, halb fallend bis an das un mittelbare Ufer des Wassers, das sehr glatt und schlüpfrig, steil in die klaren Fluthen hinabstürzte. Czar blieb im Gleiten und sank in den Fluß, welcher seine Wogen, sobald er uns aufnahm, vor mir über dem Sattel zusammenschlug; doch gleich hob sich das Pferd mit dem ganzen Rücken frei über den Wasserspiegel uub theilte schnaubend und pustend die kry- stallene Fluch. Trotz der raschen Strömung langten wir am jenseitigen Ufer an, wo der Pfad sich wieder an der Böschung hinauf zog; nur einige Fuß weiter stromabwärts hätte mein Pferd nimmer den steilen Abhang erklimmen können. Das Ufer war gleichfalls sehr hoch und steil, aber die Kraft meines Hengstes war der Schwierigkeit gewachsen, und indem er tief mit seinen zierlichen Füßen in den weichen losen Boden ein- griff, sprang er an der Uferwand in die Höhe, wobei ich seinen Hals umfassen mußte, um nicht hinten über den Sattel124 Amerika. hinunter zu gleiten. Ich hatte voll der Prairie aus bemerkt, daß der Wald am Flusse hinunter niedriger wurde und bei nahe ganz verschwand, was mich schließen ließ, daß dort der selbe, mehr von Prairie begrenzt, nicht so hohe steile Ufer haben würde als hier, wenn er auch dort vielleicht breiter war. Ich wandte darum mein Pferd links am Flusse hin unter, da das Holz dort nicht so dicht und undurchdringlich war, als an der Seite, die ich eben verlassen. Etwa eine halbe Stunde ritt ich in dieser Richtung fort und fand eine Stelle, wo das Flußufer nicht sehr schroff abfiel und ich mein Pferd leicht zum Wasser führen konnte; zugleich fand ich schönes Gras und drei Fuß hohen wilden Roggen in der Nähe, wes halb ich beschloß, die Nacht hier zuzubringen. Ich führte Czar in das nächste Dickicht, sattelte ihn ab, hobbelte ihn und zündete ein kleines Feuer an, einentheils, nur meine Kleider zu trocknen, anderntheils, um mir eine Tasse Kaffee zu machen, da ich kalt geworden war und mich sehr abgespannt fühlte. Ich hatte mein Lager so gewählt, daß ich ziemlich weit in der Richtung zurücksehen konnte, wo her ich gekommen war, und hielt meine Waffen in Bereit schaft, um, wenn ich verfolgt würde, mein Leben wenigstens so theuer als möglich zu verkaufen. Die so kurz vorher er lebte Greuelscene, der wahrscheinlich schreckliche Tod des armen Botanikers standen mir lebhaft vor Augen, und wenn ich mich auch erst seit ganz kurzer Zeit an Gesellschaft gewöhnt hatte, so fühlte ich mich doch jetzt sehr einsam und machte mir Vorwürfe, überhaupt jemals darein gewilligt zu haben, daß Kreger ein Maulthier auf dieser Reise ritt, da ich die große Gefahr kannte. Daß er Win Opfer dieses Mißgriffes geworden war, unterlag keinem Zweifel; dennoch war ich festDer Tod des Naturforschers. 125 entschlossen, mich selbst davon zu überzeugen, was aus ihm geworden. Die Nacht brach herein, das Feuer war niedergebrannt, Czar lag neben mir und ich hatte mich über seinen Hals ge legt und dankte ihm mit meinem Händeschlag für seine Treue, für seine Bravheit. Er war sehr müde und stieß manchmal tiefer Brust einen Seufzer aus, auch rührte er sich die die ganze Nacht nicht. Ich blieb fast bis zum Morgen wach und wenn ich auch mitunter einschlummerte, so schreckte mich doch bald wieder der Ruf eines Uhus, das Geheul eines Wolfs oder der klagende Ton eines Panthers aus meiner Ruhe, und ich lauschte dann auf das Geräusch jedes fallen den Blattes, jedes springenden Eichhörnchens. Auch war die Nacht kühl, der Boden unter mir ziemlich feucht und der Thau sehr stark, so daß ich wirklich mit Sehnsucht den Tag erwartete. Czar wollte aber auch nicht aufstehen und ich ließ ihn still liegen, da ich wußte, daß ihm Ruhe nöthig war und ich leicht seine Kräfte wieder in Anspruch zu nehmen hatte. Ich hatte bereits Kaffee getrunken und ein Stück Hirsch fleisch gegessen, als sich mein treuer Begleiter erhob; ich führte ihn zun: Wasser und sah eine Menge Welsche unter mir am Ufer des Flusses, die ihren Morgentrunk nahmen, doch wollte ich nicht schießen, um mich nicht dadurch zu verratheu. Es mochte wohl zehn Uhr sein, als ich aufbrach und weiter den Fluß herunter ritt, nach einem bequemen Uebergangsplatze suchend. Der Wald wurde dünner, die Ufer flacher, und ich fand bald einen sehr ausgetretenen Büffelpfad, der mich ohne Schwierigkeit über den Fluß zurückbrachte, da derselbe hier sehr breit aber ganz seicht über losen Kies rollte. In einer halben Stunde war ich wieder an derselben Prairie, wo mich126 Amerika. Czar gestern gerettet und wo der arme Botaniker wahrschein lich sein Ende gefunden hatte. Ich dnrchspähete die ganze weite Fläche vorsichtig mit meinem Glase, aber außer einigen Heerden Büffel und einer Menge darauf weidender Hirsche, welche ganz vertraut umherzogen, konnte ich nichts erblicken. Ich ritt am Holz hinauf bis zu dem Pfad, wo ich meine gestrige Spur fand, die von keiner späteren Pferdefährte über treten war, und ritt nun, mich vorsichtig umblickend, nach der Richtung, wo ich gestern meinen Gefährten verlassen. Schon auf weite Entfernung sah ich. das Bild des Schreckens vor mir. Die Sonne beleuchtete seine auf dem Grase ausgestreckte blutige Leiche. .Ich ritt zu ihm hin, er lag auf dem Rücken, war seiner Kopfhaut beraubt und mit Pfeilwunden und Lanzenstichen über den ganzen Körper be deckt. Von seinen Kleidern hatte man ihm nichts gelassen; das Einzige, was von feinem Besitz zurückgeblieben, waren meine ganz zerschlagenen Pistolen und meine Doppelflinte, von welchen ersteren ich Läufe und Schlösser mitnahm. Selbst das Löschpapier war verschwunden, zu welchem Gebrauch blieb mir unbekannt. Ich hätte gern den Leichnam des Gemordeten nach dem Holze geschafft, um ihn zu beerdigen, die Entfer nung war aber drei Viertelstunden, zu weit, um es allein ausführen zu können. Ich nahm darum kurzen Abschied von ihm und wandte mein Pferd zu dem Flusse, wo ich denselben diesen Morgen passirt hatte.Asien Ein Ballfest in Samarang. Samarang, die zweite Hauptstadt der Insel Java, ist wesentlich von Batavia verschieden, sowohl in ihrem Aenßern, als mich im Charakter ihrer Bewohner; die eigentliche Stadt ist beinahe wie eine europäische Stadt gebaut, hat regelmäßige Straßen und aneinanderstoßende Häuser, während in Batavia und seinen Vorstädten jedes Haus für sich abgeschlossen mit einem kleinen Erbe umgeben ist. Bei der Bevölkerung Sama- rang s ist das javanische Element durchaus überwiegend im Gegensätze zu Batavia, wo die malayische Race vorherrschend ist; Samarang, als die Hauptstadt Mittel-Java s, ist der Stapelplatz dieses reichsten Theiles der Insel und der Aufent haltsort vieler vornehmen Javanen und eingeborenen Prinzen, oft auch wird es besucht von Mitgliedern der beiden Herrscher- samilien Surakarta und Djucjokarta. Die Stadt zählt weit128 Asien. über hunderttausend Einwohner, unter denen wieder eine be deutende Menge Chinesen und Araber sind, die in abgeson derten Kamps wohnen; die Europäer, ungefähr achthundert an der Zahl, wohnen theils in der Stadt selbst, theils in hübschen Villas zu beiden Seiten der herrlichen Straße nach Bodjong, eine halbe Stunde von der Stadt, wo der schöne Palast des Residenten steht, dem gegenüber das kaum weniger schöne Hotel Java" sich befindet. Unmittelbar hinter der Stadt erhebt sich schon das Gebirge, besonders der schöne, bedeutende Berg von Unarang, über welchen die große Chaussee nach Salatiga und der Südküste führt. Samarang, von dem Flusse gleichen Namens durchschnitten, liegt so tief, daß bei etwas anhaltendem Regen die ganze Stadt fußtief unter Wasser gesetzt wird, das indeß nach dem Regen schnell wieder ab läuft. Diese niedrige Lage Samaranrps ist auch der Grund, daß hier die Temperatur einige Grade höher ist, als in Batavia. Einige Wochen nach meiner Ankunft in Samarang (er zählt E. v. Barsus), wurde ich zu einem Feste eingeladen, das so viel Eigenthümliches und Mannichfaltiges darbot, wie ich in Europa nie vorher gesehen hatte. Die Veranlassung zu diesem Feste war, daß der Resident der Provinz vom Könige von Holland einen Orden erhalten hatte. Um dieses glück liche Ereigniß auch ihrerseits würdig zu feiern, beschlossen die europäischen Einwohner Samarang s, dem neu kreirten Ritter ein glänzendes Fest zu geben, bei dem sie durch Tanzen, Essen, Trinken, Feuerwerk u. s. w. darthun wollten, wie sehr auch sie von den Verdiensten ihres Residenten durchdrungen seien. Ein Komit6 wurde erwählt, und eine Summe von 15,000 Gulden demselben zur Verfügung gestellt. Für dieseEin Ballfest in Samarang. 129 Summe kann man selbst dem theuren Java schon ein ganz artiges Fest arrangiren, besonders da man nicht nöthig hatte, für das etwas kostspielige Feuerwerk Sorge zu tragen; denn diesen, bei einem Feste in Indien unentbehrlichen Theil hatte der Häuptling der Chinesen zu besorgen übernommen, und auch auf das Glänzendste sein Versprechen gehalten. Wie ich später erfahren, hatte der sehr reiche zopfbegabte Gent leman über zehntausend Gulden für das wahrhaft feenartige Feuerwerk ausgegeben. Das schöne Hotel Java" war für jenen Abend gemie- thet und auf das Herrlichste und Geschmackvollste illuminirt worden: von Säule zu Säule der eleganten Veranda zogen sich Guirlanden von tausend Lampen, mit denen auch das ganze Gebäude beinahe bedeckt war, so daß es in einem wahren Lichtmeere schwamm; der große grüne Vorplatz war mit Guir landen von farbigen Lampen umgeben, während am Eingänge des Hotels ein Tempel erbaut war, ebenfalls vollständig illuminirt, in welchem ein javanisches Musikkorps die vielen Tausende der herbeigekommenen Inländer entzückte, zu deren Belustigung einige Bajaderen und ein chinesisches Puppen theater auch das Ihrige beitrugen. Auf dem Vorplatze selbst und in der Nähe des in der Mitte sich befindenden Bassins deuteten zahlreiche Gerüste und Stellagen aus ein großartiges Feuerwerk hin. Gegen neun Uhr Abends füllten sich allmälig die drei großen Säle des Hotels mit einer Gesellschaft, welche durch den Reichthum und den Glanz der Toiletten und die Verschiedenheit der Kostüme einen prächtigen Anblick darbot. Die Damenwelt bestand nur aus zwei Theilen: den lilienweißen Töchtern Europas in eleganten Pariser Toiletten und den nicht weniger schönen braunen Liplappinnen (den Töchtern Kketke, Neues Skizzenbuch. a 130 Asien. europäischer Männer mit javanischen Frauen) in sehr reichen aber oft geschmacklosen Toiletten, mit schönen aber schlecht gefaßten Diamanten überladen. Diese schönen Kinder Indiens verdarben ihre hohen natürlichen Vorzüge durch das verfehlte Nachäffen europäischer Sitten, und würden mit ihren herr lichen Gestalten, schönen Augen und prächtigen Haaren in einer einfachen Toilette gewiß viel vortheilhafter ausgesehen haben, als in ihrem überladenen und geschmacklosen Putz. Der männliche Theil der Gesellschaft bot zwar einen weniger schönen, aber bei weitem mannichfaltigeren und für einen Fremden interessanteren Anblick dar. Neben einem holländischen Offizier in reicher Uniform nach französischem Schnitt, sah man einen vornehmen Chinesen in langem Kaftan von hellblauer Seide, der um die Hüften durch einen Gürtel zusammengehalten wurde, dessen große breite Schnalle mit herrlichen Diamanten besetzt war, dem einzigen Schmucke an dem ganzen Kostüm; der lange Zopf hing mit Seide durch flochten über den Rücken hinab, während der kahle Kopf mit einem kleinen Sammet-Käppchen bedeckt war; die nackten Füße waren mit den bekannten chinesischen Schuhen bekleidet. Dort plauderte ein Civilbeamter in einer Art diplomatischer Uniform mit einem vornehmen Javanen in seinem geschmackvollen Ko stüm. Diese Gala-Kleidung der vornehmen Javanen besteht in einem kurzen, sehr weiten Beinkleide, das nur bis zum Knie reicht; über diese Beinkleider wird der Sarong getragen, der wie ein Frauen-Unterrock aussieht, um die Hüften über einander geschlagen wird, und bis über die Knie herabfällt. Jeder Javane trägt den Sarong, die ärmere Klasse von bunt gewirktem Kattun, die reichere von schön gearbeiteter und mit Gold gestickter Seide. Ferner gehört zu dem Gala-Anzuge(Siu Ballfest iit Samarang. 131 eine weiße Weste, deren zahlreiche Knöpfchen gewöhnlich aus Brillanten bestehen; diese Weste vertritt zugleich die Stelle des Hemdes, das kein Javane trügt; es wird also dicht über der Brust zugeknöpft. Hierüber wird noch ein weiter Ueber- wurf von dunklen: Sammet getragen, mit weißer Seide ge füttert, der bis auf die Oberschenkel herunterreicht, und an der Seite noch durch den Griff des im Gürtel steckenden Kris auf eine malerische Weise ausgenommen wird. Die Hüften umschließt ein Shawl, der den Kris aufninimt und den oben beschriebenen Sarong festhält. Um den Kopf ist das Kopf tuch turbanartig gewunden und mit der javanischen Mütze bedeckt, die in der Form einige Aehnlichkeit mit einer Kosaken mütze hat, und aus feinem schwarzlackirtem Leder gefertigt und mit Goldleisten verziert ist. Die bloßen Füße stecken in kleinen Pantöffelchen, welche nur die Fußspitze bedecken, und nur bei festlichen Gelegenheiten getragen werden, während ge wöhnlich jeder Javane barfuß geht. Das Ganze des eben beschriebenen Kostüms bietet einen sehr hübschen und male rischen Anblick dar, der noch durch die natürliche Anmuth und Würde der vornehmen Javanen bedeutend erhöht wird. Die imponirendste und würdevollste Erscheinung waren aber unstreitbar die anwesenden Häuptlinge der Araber in ihrer schönen malerischen Nationaltracht mit den blendend weißen oder grünen Turbans. Im grellen Widerspruch mit diesen geschmackvollen Nationalkostümen stand der französische schwarze Frack nebst dito Beinkleidern und obligater weißer Weste und Kravatte; nie ist mir das Geschmacklose dieses europäischen Ballanzuges mehr in die Augen gefallen, wie bei diesem Feste. Nachdem gegen 9 Uhr der Held des Festes, der Resident132 Asien. mit seiner Familie, erschienen, mit der Nationalhymne ange blasen und feierlichst empfangen war, begann der Ball, um bis Mitternacht ununterbrochen zu währen, zu welcher Zeit das Feuerwerk abgebrannt wurde und das Souper seinen Anfang nahm. Auch ich hatte mich verleiten lassen, einen Walzer zu tanzen; da ich mich indeß sehr bald in einem Zustande befand, welcher der Wirkung eines russischen Dampfbades gleichkam, so ließ ich es beim ersten Versuche sein Bewenden haben und begnügte mich mit der Rolle eines Zuschauers. An den Contretänzen nahmen auch einige jüngere vornehme Javanen Theil und machten auf bloßen Füßen ihre Chasses und Ballances nach allen Regeln der Kunst. Da sich das Tanzen sonst durchaus nicht mit der Gravität und Würde eines Muselmannes vereinen würde, so konnte man das Mit tanzen jener jungen Javanen gewiß als einen hohen Beweis ihrer Civilisation ansehen. Um Mitternacht nahm das glänzende Souper seinen An fang, bei welchem ich angenehm überrascht wurde durch die Anrede in deutscher Sprache von einem mir gegenübersitzenden Javanen; es war der Prinz Radin Sidin Allan, der als Landschaftsmaler mehrere Jahre hindurch in Europa sich auf gehalten und studirt hatte. Auch in Berlin hatte er eine Zeit lang gewohnt, und sprach gern von seinem Aufenthalte in dieser Stadt. Als der erste Appetit der Gäste befriedigt war, machten sich die Gefühle der Gesellschaft in verschiedenen Toasten und Speeches Luft. Der Hauptinhalt dieser Gefühlsergießungen war ungefähr der, daß nun die Provinz Samarang gewiß einer der glücklichsten Landstriche der Erde sei; worauf der Gefeierte des Abends antwortete, daß sein eifrigstes BestrebenEin Ballfest in Samarang. 133 von jetzt ab dahin gerichtet sein sollte, wo möglich alle seine Mitmenschen ungeheuer glücklich zu machen um Komman deur zu werden, flüsterten einige boshafte Leute einander zu. Nach dem Genuß des Desserts und aller schönen Reden begann der Tanz aufs Neue, und währte bis Sonnenauf gang fort. Um 6 Uhr Morgens hatten die Damen und auch der größte Theil der Herren das Fest verlassen, und nur eine Anzahl der Letzteren setzten den Ball in einen: Dejeuner fort. 11. Jagbstreifereien auf Sumatra. Nun war ich schon länger als sieben Jahre im Palem- bangschen, erzählt ein deutscher Arzt, und hatte in dieser Zeit manches Mal allein oder in Gesellschaft von Bekannten die Umgegend der Hauptstadt durchstreift, ohne etwas Anderes als einige Schnepfen oder Enten geschossen zu haben. Ganz einzeln wurde wohl ein Schwein oder ein Reh (Kidang) ge sehen, allein es war nicht der Mühe Werth, Jagd darauf zu machen. Meine nähere Bekanntschaft aber mit dem Elephanten- jäger Boduk und der gute Wille des Demang Adenan weihten mich in die Mysterien der sumpfigen Wälder ein, welche die nächste Umgebung der Stadt bilden. Sie erzählten mir, daß es dort Hirsche genug gäbe, daß deren fast alle Tage ge schossen würden; und wirklich konnte n:an in den Regen-134 Asien. Monaten, wenn die Wälder beinahe ganz unter Wasser stehen, säst täglich ganz vortreffliches Wildpret auf dem Paßar oder Markte kaufen. Sie selbst behaupteten manches Stück zu liefern. Der Hauptjäger aber war Einer Namens Monul, der auf einer Insel im Flusse oberhalb der Stadt wohnte. Nach der Beschreibung war es ein wilder Kerl, der keine Ge fahr und keine Mühe scheute, um seiner Beute habhaft Zu werden; er durchschwamm oder durchwatete den Fluß und die Bäche, ohne sich um die Krokodile zu kümmern, von denen es hier wimmelt und die gerade in dieser Gegend sehr räu berisch sind, so daß ihnen schon mancher Mensch zum Opfer wurde. Konnte Monul vor einbrechender Dunkelheit seinen Zweck nicht erreichen, so machte er sich nichts daraus, die Nacht in: wilden Walde zuzubringen; dann lag er entweder in seiner kleinen Prau (Canot) ausgestreckt, die nicht viel länger und breiter war, als er selbst, oder, wenn er es der Tiger wegen für gerathen hielt, so kletterte er aus hohe Bäume, auf welchen er hier und dort eine Art Gerüst von durchein andergeflochtenen und mit Baumrinde zusammengebundenen Aesten gebaut hatte, von wo aus er auch bei Mondschein Hirsche schoß. Boduk schlug mir nun vor, mit ihm einen Pürschzug auf Rothwild zu unternehmen, und zwar wollte er zu dem Ende einen Bach aufwärts fahren, der Lambi Dara (Kinderlippe) heißt und etwa eine Stunde oberhalb Palembang in den Mußt füllt. Es bedarf keiner Versicherung, daß ich sogleich dazu bereit war. Eines Mittags also kam mein langer Freund zu mir, um mich abzuholen. Ich hatte mir eine größere Prau mit sechs Ruderern besorgt und lud ihn ein, mit mir zu fahren, allein er zog es vor, in seiner kleinen Prau zu gehen,Jagdstreifereien Sumatra. 135 die er selbst mit einem Gefährten, der in seiner Art zu jagen eingeweiht war, ruderte. Die Stunde, welche wir nöthig hatten, um bis zur Stelle zu gelangen, wurde mir erschrecklich lang, obgleich mir noch einige Aufregung geboten ward durch ein etwa vierzehn Fuß langes Krokodil, das an der Mündung des Baches Rambutan im Schlamme lag und bei der Annäherung meiner Prau langsam zu Wasser zog; so schnell ich auch meine Büchse zur Hand hatte, so kam ich doch zu spät: das Scheusal war ver schwunden und eine Trübung des Wassers zeigte blos noch die Stelle, an der es weggetaucht war. Endlich erreichten wir den  Bach Lambidara, welchem gegenüber am andern Ufer der Lambi Truno (Jünglingslippe) dem majestätischen breiten Flusse Mußt sein braunes Wasser zuführt. Gerade an der Mündung befand sich in einem über hängenden Baume ein Nest von schwarzen Wespen (Peningat), und die Thierchen schienen den Eingang zum Bache zu ver- theidigen, indem sie denselben fortwährend umschwärmten. Das war eine lästige Geschichte. Ich wollte aber jagen, es koste was es wolle. Ich befahl also den zögernden habnackten Ruderern, ganz leise und ruhig die Pagayen (Handruder) zu rühren und mit so wenig Geräusch als möglich die Passage zu erzwingen. Ich kam glücklich hindurch und hinter mir Boduk. Dieser beredete mich nun mit in seine Prau zu kommen, die etwa 2 V 2 Fuß breit und 12 Fuß lang war und für ihre Größe ziemlich fest auf dem Wasser lag; und wirklich fand auch meine größere Prau uach kaum hundert Schritten ein absolutes Hinderniß in einem quer über den Bach ge fallenen Baume, wo ich sie also mit meinen Leuten liegen ließ. Nahe an der Mündung fanden wir einige Reisfelder mit136 Asien. zwei oder drei Hütten, worin die armseligsten Menschen der Welt gegen Fieber und Musquitos zu kämpfen hatten, und dabei der Gefräßigkeit der Krokodile und der Tiger blosgestellt waren. Jetzt saßen Einige auf Gerüsten, welche in einer Höhe von 12 bis 15 Fuß, also einigermaßen vor dem Tiger sprunge gesichert, auf vier in die Erde gesteckten Bambus er richtet waren, und Zogen an einer ganzen Menge Leinen, die aus Rottan oder Baumbast bestanden, und, hie itnb da mit Lappen oder trocknen Zweigen behängen, sich von dem schwan kenden Gerüste aus über das ganze Feld hin verbreiteten: sie suchten dadurch, und mit Geschrei, ganze Schwärme von Reisvögeln zu verscheuchen, die sich mit der größten Unver schämtheit auf die Felder stürzten, um den armen magern sonnverbrannten Halbwilden ihr einziges Bestehen für ein ganzes Jahr, die karge Ernte, zu schmälern. Die Leute sahen verwundert einen Europäer ihren Bach herauffahren, was vielleicht noch nie geschehen war. Ich fragte Einige, ob sich kein Hochwild in der Gegend zeige, erhielt aber stets eine verneinende Antwort. Etwas weiter aber war Alles überschwemmt, so daß man mit der Gegend vertraut sein mußte, wie unser Voduk, um dem geschlängelten Laufe des Baches gehörig folgen zu kön nen. Aus dem Wasser ragten große reiche Bäume hie und da über das Dickicht hervor, welches aus den üppigsten Sumpf pflanzen gebildet wurde; zumal waren dies cactusartige Ge wächse, Riesenschilfe und eine hübsche schlanke Palmenart (Rassa) mit braunviolettem, gegliederten Stamme, der arms dick zwölf bis vierzehn Freß emporschoß und unter seiner Krone, von längere graziös gebogenen Blättern, voll von großen gelbere Früchtere saß, von denen eine Unzahl auf demJagdstreifereien auf Sumatra. 137 kaffeebraunen Wasser des Baches trieb. Dünne Lianen rankten von Baum zu Baum und ihre gelben und scharlachrothen Früchte hingen, wie Aepfel, in den: grünen Laube. Ein ver führerischer Anblick! sie laden ein zum Naschen; aber wehe dem Durstigen, der sich durch ihren Genuß erquicken möchte! sie sind giftig. Auch steht der Rengasbaunl am Ufer, der dieselbe Eigenschaft hat, wie der Giftfumach; wer mit dem ausfließenden Harze in Berührung kourmt, oder nur unter dem Baume schläft, dem schwillt die Haut auf wie bei der Nesselrose, und er hat vier bis acht Tage zu leiden. Wer kann alle die Pflanzen nennen und die Bäume, unter deren ge- heimnißvollem Schatten unser Canot geräuschlos dahinglitt! Boduk saß vorn und that seinem Gefährten, der hinten steuerte und ruderte, durch Winke und Worte, die fast lautlos waren, aber doch begriffen wurden, seinen Willen kund; beide stachen die Papayen scharf und vorsichtig in s Wasser und zogen sie ebenso wieder heraus, so daß es mir meistens unmöglich war das geringste Plätschern zu vernehmen. Ich saß in der Mitte und hielt meine gute Büchsflinte quer auf meinen Knieen. Zuweilen nöthigte uns ein umgefallner Baum uns der Länge nach auf den Rücken zu legen und dann schoben wir mit den Händen die Prau, welche etwa eine Handbreit Bord hatte, vorsichtig unter jenem weg, wobei ich mich oft wun derte, daß ich mit heiler Nase davon kam. Verschiedene Male lag ein Stamm unter Wasser und hinderte die Fahrt; dann stellten sich meine braunen Freunde auf denselben und hoben das Canot, in welchem ich sitzen blieb, über das Hinderniß hinweg, ohne daß dabei das geringste Geräusch gehört wurde, außer wenn der Rand des Fahrzeuges bei den jähen Krüm-138 Asien. mutigen des Baches daun und wann einen Baumstamm be rührte, was mühsam zu vermeiden war. An einer Stelle fanden wir ein trocknes Ufer, das mit dem Fuße des Bnkit Sebnntang, des einzigen Hügels in dieser ganzen Gegend, in Verbindung stand. Boduk stieg und spürte; er fand keine andre Fährte, als die eines mäch tigen Tigers, und zwar war dieselbe noch frisch, von dem selben Tage. Auch er hatte hier also schon gejagt; dann war unser Suchen vergeblich. Wir fuhren daher weiter und erreichten nach einiger Zeit ein großes offenes Feld, wo die Spitzen des Schilfgrases nur fußhoch dem Wasser her vorragten; ganz deutlich hörten wir ein Plätschern; mäuschenstill lauschten wir; die Gewehre wurden zur Hand genommen und die Pran vorsichtig fortgeschoben. Auf einmal erscholl ein betäubendes Gekreisch und eine ganze Affenkolonie, die im Begriffe war von einem geplünderten Frnchtbanme zu einem noch unberührten zu ziehen, hatte uns bemerkt und machte sich erschrocken und in drolliger Eile die Flucht. Wir lachten ob der Enttäuschung und über den Schrecken der grauen Näscher, welche die Naturkundigen gern dem armen Menschengeschlechte als eine Art Vettern aufdringen möchten. Weiter folgten wir durch undurchdringliches Dickicht dem Bache, bis wir wieder an eine offene Stelle kamen, an deren Rande zwei hohe Bäume standen; unser Steuermann erhielt ein Zeichen, die Prau hielt still, er legte sein Ruder vorsichtig in s Wasser und kletterte dann mit den Händen und Füßen, wie einer seiner eben erwähnten Vettern, den Stamm hinauf, von wo aus er die ganze nasse Steppe überschauen konnte. Nach einiger Zeit machte er ein verneinendes Zeichen und ließJagdstreifereien auf Sumatra. 139 sich wieder zu uns herab; dies geschah aber mit einiger Eile und als er wieder in der Prau stand rieb er eine Stelle seines Körpers sehr mit der Hand und klagte mit schmerz lichen Mienen, daß ihn da ein Tausendfuß gebissen habe. Ich habe mich gewöhnt der vielen giftigen Schlangen und Insekten wegen immer ein Fläschchen mit Salmiakgeist, sowie auch eine Lancette auf die Jagd mitzunehmen, die ihre eignen Fächer in der Waidtasche haben; ich brachte also einiges von meinem Gegengifte die gebissene Stelle und der Schmerz verschwand auffallend schnell. Und abermals gelangten wir zu einer weiten Fläche. Diesmal erkletterte Boduk selbst einen Baum; aber kaum war er oben, als er auch schon ein Zeichen gab, daß er Wild sehe und in wenigen Augenblicken war er wieder bei uns. So vorsichtig er auch die Prau jetzt zwischen den Bäumen hindurch manövrirte, so konnte er doch nicht verhindern, daß ihr Rand einen Stamm streifte, wodurch ein Geräusch ent stand, welches zwei ganz nahe bei uns äsende Stücke Roth- wild in die Flucht jagte. Im Rn stand ich aufrecht in dem schwankenden Fahrzeuge und hatte noch Zeit das Schloß des Büchsenlaufes auf ein Altthier abzudrücken, das bis an den Bauch, etwa fünfzig Schritte von mir durch s Wasser flüchtete; allein es knallte nicht! Ich hatte in der Eile vergessen, die Versicherung, die an den Schlössern angebracht ist, wegzu schieben, und so war ich um die schönste Gelegenheit gebracht, ein herrliches Stück Wild zu schießen. Wohl hatte ich schnell genug das Hinderniß aus dem Wege geräumt, allein das Thier war zu weit gekommen, und ohne sichern Erfolg wollte ich den Wald nicht allarmiren. Dies war nicht das erste Mal, daß ich nicht an die Versicherung gedacht hatte; dasselbewar mir schon öfter geschehen. Bei den Reisen in den Prauen, und zumal in: Wagen, ist eine solche Einrichtung aber eine so vortreffliche Vorsichtigkeitsmaßregel, daß ich sie nicht ab schaffen möchte, und ich denke, es ist besser zehn Stücke Wild nicht zu schießen, als ein Mal ein Unglück anzurichten. Ich tröstete mich daher bald. Das Thier flüchtete also fernhin über die Wassersteppe und bald sahen wir in weitem Vogen auch den Hirsch mit stattlichem Geweih sich mit ihm vereinigen; beide blieben einige Augenblicke am Rande des Sumpfes stehen und äugten mit zurückgewandtem Kopfe nach uns herüber, dann stieß der Hirsch einen gellenden Schrei aus, und schnell entzog der höher gelegene Wald uns den Anblick der schlanken Gestalten dieser schönen Geschöpfe Gottes. Wir in unsrer Prau zogen aber höher den Bach hinauf. Boduk schüttelte den Kopf; er begriff wohl alle die Neuig keiten und Capricen an unfern Gewehren nicht, er, der noch immer den alten Feuerstein an seinem langen Palembangschen Rohre führte. So wurde endlich der Bach sehr schmal und mit Schilf und Wasserlilien bewachsen, so daß die Fahrt mühsamer ward; wir waren aber auch so weit gekommen, als Boduk beabsich tigte; das Dickicht hielt hier gänzlich auf und wir befanden uns zwischen überströmten grasreichen Ufern, die rechts und links von trocknem Walde umkränzt waren. Die Prau ward in s Rohr gezogen und Boduk nahm sein treugeliebtes Ge wehr, das er si Tumbur Dalu (den Stoßer um Mitternacht) nannte, weil es fürchterlich stieß; einst, als er Nachts bei Mondschein auf ein Wild schoß, bekam er einen solchen Schlag, daß ihm das Blut zum Munde herauskam; von dieserJagdstreifereien auf Sumatra. 141 Gelegenheit entstand der Name. Er überlud aber auch das Gewehr, denn der Ladestock stand mehr als eine Handbreit aus dem Laufe hervor, wenn die Kugel darin war, wahrend derselbe sonst nur gleich lang mit jenem war. Aus der Prau trat Boduk bis über die Hüften in s Wasser, und ohne zu plätschern oder viel Geräusch hervorzubringen, zog er durch das Gras, welches ein bis anderthalb Fuß hervorstand. Ich sah keine Möglichkeit ihm dies nachzuthun, also blieb ich ruhig im Canot sitzen und gab Acht was der große Elephantenjäger that. Ich bemerkte in verschiedenen der zerstreut dastehenden Bäume eine Art von großen Nestern und erhielt auf meine Frage darnach die Antwort, daß dies Bäume seien, in denen der berühmte Monul mitunter seine Nachtquartiere aufschlug. Nach einiger Zeit sah ich Boduk einen Baum erklettern, den er aber nach wenigen Minuten wieder verließ, und bald darauf hörte ich die Stimme des Tumburdalu; es war ein fürchter licher Schuß, der kurz und dumpf wie ein Mörser knallte. Boduk hatte vom Baume aus zwei Stücke Rothwild erblickt, deren Rücken allein über dem Wasser hervorragte; er stieg schnell herab, versicherte sich des Windes und schlich nun hinan an das ruhig äsende Wild, welches er dann auch bald erreicht hatte. Es war ein Hirsch mit einem Schmalthiere. Dieses war ihm am nächsten; bei seinem Anschleichen hob es den Kopf empor, Boduk schoß seine Kugel hinauf, es verendete im Feuer, so daß der Hirsch, nachdem er auf den Schuß den Kopf einige Augenblicke aufgerichtet hatte, ruhig weiter äsete. In größter Hast lud der erfreute Boduk sein Gewehr wieder, allein die Kugel, die er in die Mündung des Laufes hinein gezwängt hatte, war zu groß und wollte nicht weitergleiten; er schickte seinen Gefährten zu mir nach der Prau, um einen142 Asien. eisernen Ladestock zu holen, und erst als dieser wieder zu Boduk kam, bekam der Hirsch Wind von seinen Feinden und flüchtete niit heiserem Schreckruf durch den Sumpf den: Walde zu. So war es wohl ein unglücklicher Zufall, der Boduk eine zu große Kugel in die Hand gab und ihn verhinderte zwei Stücke Wild auf derselben Stelle mit seinem Tumburdalu zu schießen. Daß Wild auf einen Schuß nicht flüchtig wird, sieht man nicht selten; es ist aber auch möglich, daß der Hirsch ihn nicht vernommen hat, weil er gerade mit dem Kopfe unter Wasser war, oder daß das Rauschen des Schilfgrases an seinem Gehör ihm den Knall minder auf fallend machte. Boduk und sein Gesell kamen jetzt im Triumphe mit dem Schmalthier angeschleppt, das sie durch s Wasser bis an die Prau zogen; diese bekam damit wirklich ihre volle Ladung. Das Phflegma der Indier erlaubte dem wackern Elephanten- jäger nicht über sein Mißgeschick hinsichtlich des verladenen Gewehres so außer sich zu sein, wie ich dies z. B. gewesen sein würde; doch konnte man ihm seinen Verdruß deutlich genug anmerken, denn unter dem Rudern schnalzte er oft, wie bedauernd, mit der Zunge und schüttelte sein Haupt dabei. Es war unter der Zeit Abend geworden, und da in diesem Lande um sechs Uhr stets die Sonne untergeht und so gut wie gar keine Dämmerung besteht, so mußten wir uns beeilen durch die vielverschlungenen Krümmungen des Lam- bidara-Baches, mit den zahlreichen Baumstämmen darin, zu dem großen Flusse zu gelangen, wo dann die Finsterniß für die Heimkehr kein großes Hinderniß mehr ist.Jagdstreifereien auf Sumatra. 143 Das Schmalthier wurde mir in s Haus gebracht; da half kein Protestiren, ich mußte es annehmen, unb mit großer Mühe vermochte ich den braven Boduk dazu, den gewöhnlichen Marktpreis eines solchen Stück Wilds, nämlich zehn Gulden, in Empfang zu nehmen. Er lebte vom Jagen, also konnte ich mit gutem Gewissen ihm seinen Gewinn nicht schmälern. Außer diesem Geldopfer kostete mich das Schmalthier noch die Mühe des Abstreifens, Aufbrechens und Zerlegens, was ich alles im Freien bei Lampenlicht und in einem feinen Regen meist selbst zu verrichten gezwungen war, und dann mußte ich meine Bedienten mit den Stücken in der Stadt nmhersenden, uni allen Bekannten Geschenke zu machen; dies mußte noch denselben Abend geschehen, da Fleisch hier nur einen Tag bewahrt werden kann und oft, bei ungünstigen Umständen, verdirbt es schon vor dieser Zeit. Diese Dielen Mühen waren mir aber so verdrießlich, daß ich wünschte, ich möchte nie mehr ein großes Stück Wild nach Hause bringen; schießen wollte ich es wohl, aber das Eigenthumsrecht, so wie selbst das Essen, überließe ich mit Freuden Andern.Die NiköÜllrischeir Inseln. Die Nikobarischen Inseln bestehen aus neun größeren und neun kleineren, die von Nord nach Süd in drei Haupt gruppen an einander gereiht sind. Sie wurden im Jahre 1858 von der k. k. österreichischen Fregatte Novara besucht. Die nachfolgenden lebendigen Schilderungen der Nikobarischen Inselgruppe sind aus der Feder des Dr. Ferdinand Hochstetter, der die Novara auf ihrer Fahrt um die Erde als Natur forscher begleitet. 1 . Reise durch die Inselgruppe. Nach einer Ueberfahrt von 14 Tagen (wir hatten Madras am 10. Februar verlassen) ankerte die k. k. Fregatte am 23. Februar Morgens in der nordwestlichen Bucht von Kar Nikobar, der nördlichsten Insel des Archipels. Ein niederes, flaches, in einem kleinen Hügel, der sich in seiner Mitte er hebt, kaum 150 Fuß hohes Eiland lag vor uns, theils mit Wald bewachsen, theils mit Grasfluren bedeckt, und unter den Kokoshainen am Meeresstrand waren bienenkorbförmige Hütten der Eingebornen sichtbar. Während des Ankerns waren einige Kanoes mit Eingebornen herbeigekommen, die jedoch, da sie in dem Augenblicke, wo jede Hand und jedes Auge auf Deck beschäftigt ist, keine Beachtung finden konnten, sich schnell wieder entfernten, mit dem Glauben, wir seien Feinde und hätten sie deßwegen nicht an Bord gelassen. WieReise durch die Inselgruppe. 145 ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht über die ganze Insel, daß furchtbare Seeräuber" mit dicken Kanonen" uub einer weit überlegenen Anzahl von Laskaren" angekommen seien. Weiber und Kinder wurden nach dem südlichen Theil der Insel geflüchtet, Wege und Stege, so gut es in der Eile ging, durch darüber geworfene Baumzweige unkenntlich ge macht. Die kampffähigen Männer ergriffen Spieß uub Schwert und aus dem sicheren Versteck, das der Urwald bietet, beob achteten sie die gefährlichen Fremden. Als das erste Boot von der Fregatte ausgeschickt wurde, um an der von Korallen- riffen umfranzten Küste, die in heftiger Brandung steht, einen Landungsplatz zu suchen und als dieser hinter einem vorsprin genden Riffe gefunden war und die Erstell von uns den Boden von Kar Nikobar betraten, da schien Alles todt und stille, kein menschliches Wesen ließ sich blicken. Wir waren unbewaffnet an s Land gegangen, damit die Eingeborenen sähen, daß wir in fried licher Absicht gekommen, und riefen in den Wald hinein verschie dene Namen, die wir aus der Reisebeschreibung der Galathea" kannten. Das wirkte, Einige der Muthigsten krochen aus ihrem Versteck hervor und mit der Frage good friend?” und der Ver sicherung we good man, good people” kamen sie langsam näher. Wir versicherten ihnen dasselbe, zeigten, daß wir ganz unbewaffnet zu ihnell kamen, nur llm sie zu besuchen und zu sehen, wie es ihnen gehe, und nun war die Brüderschaft schnell geschlossen. Sie legten ihre Spieße und Säbelklingen weg und es war konlisch zu sehen, wie diese nackten braunen Kerle, die vor Furcht beinahe zitterten, sich nun beeiferten, uns die Hände zu drücken, uns zu versichern, daß sie und wir all one father, one mother” haben, daß wir Alle Brüder seien. Sie riefen Alldere herbei, brachten uns als Zeichen der Gastfreundschaft junge Kokosnüsse zum Äletke, Neues Skizzenbuch. in146 Asien. Trinken, zündeten sich bei uns ihre Cigarren an, die sie in ihrem durchbohrten Ohrläppchen trugen, tranken mit höchster Befriedigung, die sich in einem stets wiederholten very good” äußerte, aus unfern Nhumflaschen; kurz sie wurden in kurzer Zeit so gemüthliche Menschen, daß sie sich s nicht nehmen ließen, mit der zärtlichst grinsenden Miene, deren ein Niko- barensergesicht nur fähig ist, auch ihren Arm um unsere Schultern zu legen, und in dem ihnen eigenthümlichen Niko- barenser Englisch uns alle ihre Freundschaft auszudrücken, aber immer mit der Frage zum Schluß was wollt ihr eigent lich?" wann geht ihr wieder weg? ( what you want ’ when you go away”) warum habt ihr so dicke Kanonen?" Was wir bei diesen komischen Käuzen, die fast alle englische Namen tragen, sich Lord Byron, Lord Nelson, Kapitän John, Dr. Crisp u. s. w. nennen und von englischen Schiffskapitänen mit Zeugnissen über gutes Verhalten, über Redlichkeit und Zuverlässigkeit in Erfüllung von Handelscontracten ausge stattet sind, weiter erlebt haben während der 5 Tage, die die Fregatte sich hier aufhielt, davon später mehr. Wir fuhren jeden Morgen um 6 Uhr an s Land; auf einer vorspringen den Jnselecke wurde ein Zelt aufgeschlagen, da fand man sich gegen Mittag ein, um eine kleine Erfrischung zu sich zu neh men, und um 5 Uhr Abends gab ein Kanonenschuß von der Fregatte das Zeichen sich zu versammeln, um an Bord zu kommen. In sehr weiser Vorsorge für die Gesundheit derer, die bei den wissenschaftlichen Arbeiten am Lande beschäftigt waren, war diese Maßregel, daß jeden Abend Alle wieder an Bord zurück sein sollten, während unseres ganzen Aufenthaltes auf den Nikobarischen Inseln festgehalten worden. Und wir haben es gewiß dem Umstande, daß Keiner den schädlichenReise durch die Inselgruppe. 147 Dünsten, die bei Nacht alls den Sünlpfen und Wäldern auf steigen, ausgesetzt war, zu verdanken, daß wir keinen einzigen Fall voil dem so gefährlichen Klimafieber zu beklagen haben, sondern nur in leichteren Fiebern, die bei Einigen ausbrachen, der ungesunden Gegend den Tribut leisteten. Am 27. Abends ging der sehnlichste Wunsch unserer neu gewonnenen Freunde, die tagtäglich fragten, wenn wir denn abreisen würden, und klagten, daß so lange wir hier seien, ihre Weiber und Kinder, die aus Frucht in den Jungle" elltflohen, nichts zu essen haben, in Erfüllung. Die Fregatte ging unter Segel und allkerte am 28. Nachmittags an der Südseite von Kar Nikobar. Als wir an der Ostküste entlang segelten, da konnte man durch den Tubus bei dem aus 8 bis 10 Hütten bestehenden großen Dorfe Lapate Hunderte von Weibern und Kindern erkennen, die in eiliger Hast zwischen den Hütten hin und her liefen, dann aber schnell alle im Walde verschwunden waren. Offenbar waren das die Flüch tigen von der Nordseite, die nun mit ihren Schwestern von der Ost- und Südseite abermals auf der Flucht waren, als sie das große Seeräuberschiff" sich nähern sahen. Als wir am 1. März an der Südküste landeten, da fanden wir auch in der That Alles wieder entflohen, nur Hunde und wehr fähige Männer waren zurückgeblieben. Ein blendend weißer Strand von Korallensand, übersäet mit tausend lebendigen Muschelschalen, die mit ihren usurpatorischen Bewohnern, den merkwürdigen Bernhards- oder Einsiedlerkrebsen, alle laufen können, Mangrovesümpfe voll großer Cerithien, ein pracht voller hochstämmiger Wald, durch den ein gebahnter Fuß steig führte, das war Alles, was uns die flache Südseite bot. Wir gingen schon am Abend wieder unter Segel und io*148 Asien. kreuzten am 2. März bei bem kleinen Eilande Batty Malve, ohne bei schwacher Brise und heftiger Gegenströmung der Insel so nahe kommen Zu können, daß es möglich gewesen Ware, ein Boot auszusetzen zur näheren Untersuchung der steilen Felsuser des unbewohnten, mit Wald bedeckten Eilandes. Den 3. März fuhren wir bei Dschaura" (Schowry der dänischen Karte, ich folge der Aussprache der Eingeborenen) vorüber mit Cours nach dem östlicher gelegenen Tillangschong, dessen Nordspitze wir am 4. März Morgens ganz nahe waren. Wind und Wetter waren so günstig, als man nur wünschen konnte, ein sicherer Ausluger war auf dem Fockmast, das Loth gab mit 40 Faden keinen Grund, das Wasser hatte die blaue Farbe der tiefen See. Die Fregatte konnte sich deshalb ge fahrlos der Küste nähern. Wir segelten bis auf zwei Kabel Entfernung zu der oktaedrischen Felsklippe, die an der Nord- spitze der Insel sich erhebt wie ein Fort, wendeten dann und liefen im Lee der Insel. An der Westküste von Nord nach Süd immer auf 1, 2 bis 3 Kabel Entfernung, so daß man vom Deck das steil ansteigende Land fast mit den Händen erreichen zu können glaubte, jeden Stein, jeden Strauch und jedes Gras unterscheiden konnte. Nur ein schmales Felsband über der Brandung ist vegetationsleer, sonst die ganze Insel mit dichtem Urwald bewachsen, über den am Gipfel der 4- bis 600 Fuß hohen steilen Kuppen die schlanken Wipfel der Nibongpalme ragen. Endlich öffnete sich eine kleine sandige Bucht, an der einige Kokospalmen stehen, das Loth ergab einen guten Ankergrund und der Anker fiel. Wir hatten große Mühe, durch die Brandung an s Land zu kommen, und noch mehr bei eingetretener Ebbe, uns wieder einzuschiffen, aber wir kehrten alle befriedigt Abends an Bord zurück. DerReise durch die Inselgruppe. 149 Wald hatte eine Menge interessanter Pflanzen mib Hölzer geliefert und den Jagdfreunden unter uns so viele Tauben, daß sämmtliche Tischgesellschaften an Bord reichlich damit ver sorgt werden konnten. Mir hatten die Felsen schöne Ser pentin- und Gabbroarten geliefert. Abends wurde der Anker ge lichtet, wir hielten uns jedoch in der Nacht nahe der Nord seite der Insel, so daß anl 5. März Morgens ein Seitenboot abgeschickt werden konnte mit einem der Offiziere, der die Auf gabe hatte, die Nordspitze zu umfahren und die Ostküste auf zunehmen, wahrend die Fregatte an der Westseite gegen Süden fuhr. Das Boot sollte an der Südspitze mit der Fregatte wieder zusammentreffen. Beides wurde glücklich ausgeführt und dabei an der Südostseite der Insel eine gute, geschützte Ankerbucht entdeckt. Am 6. März Morgens verließ die Fregatte das gänzlich unbewohnte Tillangschong und steuerte nach dem Nang-Kaury-Hafen. Kamorta s Nordseite lang ganz in Sicht und rückte, wie wir ruhig aus glatter See dahinfuhren, lang sam näher, ein flachhügeliges Land, das, obwohl ganz wilde Natur, durch die Abwechselung von Wald- und Grasflächen ein fast parkähnliches Ansehen gewinnt, am weißen Korallen strand umgrenzt von Kokospalmen. Allmälig trat die flache kokos- und trepangreiche Insel Trinket hervor, die an der östlichen Seite von Kamorta von der Einfahrt in den Hasen kanal zwischen Kamorta und Nang Kaury liegt. Die Ein fahrt war an dem schönen heitern Abend bei einer schwachen Brise, die uns langsam aber sicher vorwärts schob, in der That reizend. Der niedere Strand von Trinket glänzte blen dend weiß hervor unter dem dunkelgrünen Laubdach des Waldes, und weißschäumende Wellenmauern, an den Korallen riffen brandend, zogen sich weit hinaus in das sonst spiegel-150 Asien. glatte Meer, das kaum merkbar wie in tiefen Athemzügen auf- und abwogte, links das waldige Nang Kaury, rechts und links auf Kamorta und Nang Kaury Hütten, Dörfer am Strand, von denen Eingeborene in ihren Kanoes zugerudert kamen, aber sich in sehr respektvoller Entfernung hielten und uns nur wie ein Beobachtungsgeschwader folgten. Rechts sah man durch den Kanal zwischen Trinket und Kamorta hin durch auf Tillangschong, alle Küsten und der ganze Seehorizont zeigten eigenthümliche Fata morgana. Die südlichsten kleinen Felsklippen von Tillangschong schienen ganz in der Luft zu schweben. Die Küftenecken von Trinket und Kamorta zeigten keilförmige Lufteinschnitte am Meereshorizont. Auf diesem selbst tanzten die brandenden Wellengipfel in der Luft. Die Kanoes der Eingeborenen zeigten nach abwärts ihr Spiegel bild, die darin sitzenden Figuren waren dadurch nach unten so verlängert, daß man glauben konnte, riesige Menschen gehen auf dem Meeresspiegel. Das waren alles anziehende Gegenstände der Beobachtung bis gerade mit Sonnenunter gang der Anker fiel im sogenannten Westhafen gegenüber bent Dorfe Jtoa auf Rang Kaury. Da lagen wir in einem so ruhigen Wasserbecken, wie noch nie auf der ganzen Reise, umgeben von dunklem Urwald, aus dem das Zirpen der Cykaden, der Schrei des Haushahns und der dumpfe Ruf der großen Nikobarischen Waldtaube bis aufs Schiff herüber tönte. Sonst eine lautlose Stille, kein Lüftchen bewegte sich, keine Welle kräuselte sich; obwohl wir auf Kar Nikobar bei unseren Exkursionen im Schweiße bade ten, so wurde doch erst hier die drückende erschlaffende Schwüle der mit Wasserdämpfen gesättigten Tropenluft ganz fühlbar. Das Thermometer hielt sich fortwährend auf 28, 29 undReise durch die Inselgruppe. 151 30 Cef., und auch im Wasser, das durchschnittlich noch wärmer als die Luft, war keine Kühlung zu finden. Die Schweiß tropfen rannen mir von den Fingerspitzell auf das Papier, wenn ich in meiner Kabine schreiben wollte. Am 7. Mürz machten wir den ersten Besuch am Lande. Wir fanden die Dörfer Jtos und Malacca gänzlich verlassen von den Eingebornen, nur die Schweine und Hunde waren zurückgeblieben. Im Dorfe Malacca zählte ich gegen 20 Hunde, die uns mit einem entsetzlichen Schakalgeheul empfingen, dann aber eben so furchtsam wie ihre Herren in den Urwald ent flohen , und ihnen nach die Schweine in mächtigen Sätzen. Bei dem Dorfe Feuang lagen zwei Prahus unter englischer Flagge aus Pulo Penang, um hier Kokosnüsse, eßbare Schwalbennester und Trepang zu laden. Sie waren mit Malayen bemannt, mit denen keine Verständigung möglich war. Aber glücklicherweise trafen wir auf der einen als Kargo einen sehr intelligenten Chinesen, der gut Englisch sprach. Owe Vengkong ist der Name des wackeren Sohnes aus dem himmlischen Reiche, der uns als Dolmetsch und als Zwischen händler viele gute Dienste leistete, und der uns wahrhaftig wie ein civilisirter Europäer vorkam neben dem Nikobaren- volk. Als indeß die Eingebornen sahen, daß wir mit den Malayen in ganz ungefährlicher Weise verkehrten, kamen auch sie allmälig herbei, gewannen von Tag zu Tag, als sie uns nur friedfertigen Beschäftigungen nachgehen sahen, mehr Ver trauen und versahen uns dann mit Hühnern, Eiern, Schweinen, Bananen, Ananas, Citronen und Pomeranzen, mit Allem, was die reiche Natur dem armen Volke bietet. Weiber und Kinder bekamen wir aber auch hier nie zu Gesicht. Die Fregatte lag fünf Tage im Hafen von Nang Kaury,152 Asien. bis die Sondirung und Aufnahme des großen vielbuchtigen Hafens vollendet war, und segelte am 12. Morgens durch die enge, durch zwei Felsthore bezeichnete westliche Einfahrt, dann zwischen Kamorta und Katschal hindurch nördlich gegen Teressa und Bompoka. Leider ging die ganze Zeit, die für den Besuch dieser Insel so wie für Dschaura und Katschal bestimmt war, in vergeblichen Versuchen, gegen Wind und Strömung aufzukreuzen, verloren. Am 17. Morgens lagen wir an der Ostseite der kleinen Inseln Treis und Track bei Klein - Nikobar. Die Brise war schwach und eine Strömung von 5 Meilen Geschwindigkeit in der Stunde, die wie ein Fluß an den Usern des ruhigen Wassers rauschend und brandend dahinschoß, hatte uns er faßt, so daß der Anker ausgeworfen werden mußte. Dies verschaffte uns unerwartet Gelegenheit, diese kleinen Wald inseln zu besuchen. Die Landung gelang in der heftigen Brandung nur mit Hilfe einiger Eingebornen, die wir auf den sonst unbewohnten Inseln zufällig mit ihren Kanoes trafen. Der Besuch war kurz, aber sehr interessant. Treis ist eine wahre Taubeninsel, voll der mannigfaltigsten schönsten Taubenarten, und einem glücklichen Schuß des Commodore verdanken unsere Zoologen das erste und einzige Exemplar der prachtvollen Nikobarischen Taube. Auch wurden Treis und Track die ersten Spuren von Braunkohle gefunden. Nach mittags mit eintretender Fluth setzte die Strömung zu unfern Gunsten um, und wir erreichten bald nach Sonnenuntergang den Ankerplatz in der nördlichen Bucht von Klein-Nikobar bei dem kleinen in dieser Bucht gelegenen Eiland Miln. Am Morgen des 18. März wurden längs der Küste von Klein- Nikobar auffallend viele Kanoes benierkt, die hin und herReise durch die Inselgruppe. 153 fuhren, das war wieder die weibliche Bevölkerung auf der Flucht, denn als wir an s Land kamen, da fanden wir, wie immer, das Nest leer, nur wenige Männer waren zurückge blieben. Da für diese Nation nur ein Tag bestimmt war, zogen die Naturforscher es vor, lieber das kleine abgeschlossene Terrain der auch mehr zugänglicheren Insel Milu zu unter suchen, als in den Urwäldern und Sümpfen von Klein-Nikobar vergebliche Versuche zu machen, einzudringen. In der That bot auch Pulo Milu, ein wahres Modell einer Nikobarischen Insel, reichen Stoff und den seltsamen Anblick eines reinen Pandanuswaldes, so üppig und großartig, wie wir ihn trotz der Häufigkeit des Baumes auf allen Inseln doch nirgends mehr gesehen. Schon am Abend wurde der Anker wieder ge lichtet, der Ostküste von Klein-Nikobar entlang gesteuert und am 19. Abends im Georgs-Kanal an der Nordseite von Groß- Nikobar südöstlich von der im Kanal liegenden Insel Kondul geankert. Am 20. besuchten wir die Insel Kondul; wir trafen an der Ostseite zahlreiche Hütten, aber wieder bis auf wenige Männer verlassen. Einige von uns hatten es unternommen, die ganze Insel, deren Umfang höchstens zwei deutsche Meilen betragen mag, zu umgehen. Sie waren am frühen Morgen von der Ostseite nach der Nordseite gegangen und Abends trafen wir unsere Kameraden völlig erschöpft und ermattet an der Südseite. Kletternd, schwimmend, sich durchhauend, hungernd und dürstend, waren sie so weit gekommen. So führen die Wege auf Nikobarien. Am 21. war der Sonntag ein erwünschter Ruhetag. Am 22. besuchten wir die Küste von Groß-Nikobar. Wir landeten in einer kleinen Bucht, in der eine Malayische Prahu vor Anker lag. In der fisch reichen Bucht gelang den Matrosen ein wahrer Fischzug Petri.154 Asien. Der Fische war eine solche Legion, daß das Boot davon voll wurde. Wir trafen außer den Malayen von der Prahu, die sich am Strande eine Hütte aufgeschlagen hatten, keine Men schen. Dichter Urwald und ausgedehnte Mangrove-Sümpfe boten manches Interessante der Beobachtung und reiche zoolo gische und botanische Beute, verhinderten aber jedes tiefere Eindringen. Am 23. in der Früh ging die Fregatte unter Segel und fuhr längs der Westküste von Groß-Nikobar. Der Plan, diese noch völlig unbekannte Küste aufzunehmen, schei terte an der furchtbaren Brandung, die das gat diesem Zwecke ausgesandte Boot umwarf, so daß Offtziere und Mannschaft nur schwimmend das Land erreichten und in der Nacht mit vieler Mühe abgeholt werden mußten. Am 24. Abends wurde in der geräumigen Bucht an der Südspitze von Groß-Nikobar geankert, in welche der Galathea-Fluß mündet. Der Feiertag m 25. wurde an Bord gefeiert, und am 26. betraten wir zum letzten Male eine Nikobarische Küste, der wir schon Abends für immer Lebewohl sagten. Am 27. Morgens war längst alles Land außer Sicht, wir steuerten in die Straße von Malacca. 2 . Kapitän John, der Häuptling von Saui und die Eingebornen von Kar Nikobar. Kapitän John, der Häuptling des Dorfes Saui an der Nordküste von Kar Nikobar, seinen Namen hat er von irgend einem englischen Kapitän, mit dem er in Kokosnuß- Handelsverbindung gestanden, nach der üblichen Sitte seines Stammes adoptirt ist das Musterexemplar eines Kar Niko- barensers. Eine untersetzte Figur, robust gebaut, ein licht-Kapitän John, der Häuptling von Sani. 155 kastanienbrauner Kerl mit halblangem rabenschwarzen schlichten Haar, das ihnl gewöhnlich unordentlich über die niedere Stirn hängt, ohne Bart, mit einem düsteren Spitzbubengesicht, das sich an der Nhumflasche zu einem Lumpengesicht verklärt, daß man es als Modell eines Strafhaus-Züchtlings aufstellen könnte. Die scharfen glänzend schwarzen Augen haben trotz der trüben gelblichweißen Lelei-otiea einen Ausdruck von In telligenz. So schwarz wie die Augen sind aber auch die Zähne, wären sie nicht vom Vetelkauen schwarz geworden, so würde künstlich nachgeholfen sein, um dieses erste menschliche Schön heitsmerkmal zu erzeugen; denn: nur Hunde und Affen haben weiße Zähne, die Menschen müssen schwarze haben." Das ist die im südöstlichen Asien bei Millionen von Menschen verbreitete Ansicht. Eine plattgedrückte Nase, hervorstehende Backenknochen und ein kräftig entwickelter Kauapparat voll enden den häßlichen Kopf, der auf einem schön geformtell, athletisch gebauten Körper ruht. Kapitän John spricht ohne Zweifel vollkommen Nikobarisch und Malayisch, außerdem versteht er aber etwas Portugiesisch unb Französisch und spricht den Nikobarisch-Englischen Jargon in vollendetster Weise, Deutsch hat er nicht gelernt, noch weniger Dänisch, obwohl er sich Steen Ville s (Steen Bill, der Kommandant der dänischen Galathea"-Expedition, die im Jahre 1846 auf den Nikobaren dänische Kolonien gründen sollte) und der Dänen recht wohl erinnert, die er als ,,no good man" bezeichnet, weil sie ge kommen, nicht um mit seinem Volke Handel zu treiben, son dern um sich bei ihnen Häuser zu bauen. Für gewöhnlich geht Kapitän John in seiner Landes tracht, d. h. nackt, bis auf eine schmale rothe und blaue band förmige Binde, die um die Hüften gebunden und zwischen den156 Asien. Beinen durchgezogen ist. In den durchlöcherten Ohrläppchen trägt er Cigarren oder kleine geschwärzte Bambusstöckchen, vorn mit Silber belegt, am häufigsten mit den kleinen eng lischen Dreipencestücken, die wegen dieses landesüblichen Schmuckes daher als Rupien" auch die gesuchteste Geldsorte sind, aber nur paarweise einen Werth haben. Das Bild der Königin Viktoria ist dabei immer nach vorn gekehrt. Seine Kapitäns-Auszeichnung ist ein alter schäbiger Filzhut, den er schief auf dem Kopfe sitzen hat. Sind aber Fremde da, so wirft sich Kapitän John in Galla, er hat weiße Hosen an, ein weißes Hemd ob gewaschen oder nicht, das ist einerlei und seit die Novara" vor Kar Nikobar lag, sogar einen blauen, reich verzierten Uniformfrack von der weiland Triestiner Nationalgarde-Bande, den ihm sein Freund Commodore Wüllerstorf"*), dessen Namen er ganz gut ausspricht, ge schenkt. Kapitän John liebt sein Vaterland, sein Volk über Alles. Nach den Kar Nikobarensern kommen aber gleich die Engländer. Die Engländer sind seine besten Freunde, die Engländer kommen nicht, meint er, sich Häuser bei ihnen zu bauen, sondern Handel mit ihnen zu treiben. Von den Eng ländern hat er die Sitte, den Fremden mit biederem Hand schlag zu begrüßen, hat er seinen Namen, seine weißen Hosen, die Rupien sür seine Ohrenhölzer, die Säbelklingen, um seine Kokosnüsse zu öffnen, Bohrer, Säge, Feile, Axt, um Bäume zu fällen, Hütten und Kanoes zu bauen, von den Engländern bekommt er Rhum und Schnaps für die gesunden Tage zur Erheiterung des Lebens, aber auch Terpenthin" und Pillen" für die kranken Tage. Von ihnen weiß er, daß alle Menschen ) Befehlshaber der Novara.Kapitän John, der Häuptling von Sani. 157 all the same,” d. h. gleich sind, daß alle Brüder silld, voll einem Vater und von einer Mutter abstammen, von ihnen hat er endlich seinen Jesus Christ", ein kleines dickes Buch, ein Talismann für Alles, den er Nachts, wenn er schläft, unter seinen Kopf legt, auf daß ihm die bösen Geister nichts anhaben, den er in Zeiten der Krankheit in der Hand hält, damit er wieder gesund werde. Dieses kleine dicke Buch, das er nur seinen vertrautesten Freunden zeigt, ist eine eng lische Bibel, auf deren erster Seite voll einem englischen Schiffskapitän die Worte geschriebell stehen: Ich habe in meinem ganzen Leben kein tugendhafteres Volk kennen gelernt als die Nikobarenser, es fehlt ihnen nichts als ein Missionär." Von den Engländern hat ferner Kapitän John die meisten Zeugniffe und Empfehlungsschreiben, aus denen jeder Fremde unmittelbar ersehen kann, daß er ein ehrlicher intelligenter Mensch ist, gentlemanlike”, und daß man, wenn man als solcher auch in den Augen des Nikobarensers erscheinen will, nicht mit den Weibern des Volkes spielen und scherzen" darf, noch seine Schweine und Hühner schießen. Mit dieser Mahnung schließt übereinstimmend jeder solche Brief, den wir gelesen. Und von den Engländern hat endlich der Häuptling von Saui eine englische Flagge, die er, wenn Schiffe kom men, am Strande aufhißt, als Zeichen, daß die Engländer seine Verbündeten sind, daß sie ihn und sein Volk schützen werden! Kapitän John hat Ideen, alle seine Sätze beginnen mit vorausgesetzt" (suppose). Vorausgesetzt", sagt er, es kom men Fremde hierher und wollen sich hier Häuser bauen, das können keine gute Menschen sein, ein braver Mann liebt seine Heimath, bleibt zu Hause und nährt sich redlich, nicht auf158 Asien. Kar Nikobar, daß die Kokosnüsse von den Bäumen fallen und das Volk verhungert." LuxxoseJ was wollt ihr eigentlich hier?" fragte er immer wieder; ihr seid nicht gekommen, um bei uns Kokosnüsse einzutauschen, ich bin besorgt, ihr habt so große Kanonen und so viele Sepoy s, das ist ein Zeichen, daß es bei euch viele schlechte Menschen giebt. Das Alles hat und braucht mein Volk nicht. Kapitän Wüllerstorf ist mein Freund, aber wann lichtet er die Anker?" Das ist der Jdeegang und die scharfe Logik dieses größten Genies von Kar Nikobar. Leidenschaften kennt er keine andere als für die Rhumflasche, er ist redselig, mittheilsam, gastfreundlich, lacht viel, erwartet, daß man ihm Geschenke niacht, und nimmt diese ohne zu danken mit der größten Gemüthsruhe hin. Mit nichtswürdiger Gleichgiltigkeit antwortet er aber, wenn man ihn nach seiner Ehegemahlin fragt: sie lief davon in den Wald, hat zu viel Angst." Sein Stolz ist sein Sohn, ein hoffnungsvoller lebendiger Bursche von 15 Jahren, der künf tige Häuptling von Sani. Der Vater ist es durch sein eigenes Verdienst geworden, durch seine Einsicht, seine Sprachkenntnisse und durch seine Gewandtheit im Verkehr mit Fremden, er war früher Bürger des Dorfes Mus an der Ostküste, kam aber in Streit mit dem Häuptling und wanderte in Folge dessen aus mit seinem Anhang und gründete das Dorf Sani, das nur 7 Hütten zählt. Und bis heutigen Tages vermeiden es die von Mus und von Sani zusammen zu kommen. Ka pitän John s Hütte ist die schönste und größte im Dorfe, das Vollendetste in Nikobarischer Baukunst, was man sehen kann. Am Meeresstrand der erfrischenden Seebrise ausgesetzt, um geben von einem üppigem Kokoshain, ruht auf in den Sand gerammelten Pfählen über den Boden erhoben der kunstvolleKapitän John, der Häuptling von Sani. 159 bienenkorbähnliche Ball. Der Boden der Hütte ist aus Bam- busstäben mittelst Rotang verbunden, so konstruirt, daß die Luft von unten zwischen den einzelnen Stäben frei durch streichen kann, und darüber wölbt sich hoch und geräumig ohne Seiten- oder innere Scheidewand das niedliche symme trische Flechtwerk der etlipsoidischen Kuppel, durch einen eigen- thümlich konstruirten Dachstuhl mit den Querbalken des Bo dens sehr solid verbunden. Eine dicke Strohbedachung hält jeden Sonnenstrahl und jeden Regentropfell ab. Die Einrich tung ist eine höchst einfache. Im Hintergrund steht eine Art Herd, ein niederer ausgehöhlter, mit Sand und Steinen ge füllter Holzpslock, diesem verschiedene von Ruß schwarze thönerne Gefäße, die von der benachbarten Insel Dschaura importirt werden. Darüber an der Dachwand hängen ge schwärzte Kokosnußschalen paarweise zusammengebunden, die als Wasserflaschen dienen, geflochtene Körbe re.; lnehr nach vorn, dem Eingänge der Hütte zu stecken an der Seite Säbel klingen, Wurfspieße, Ruder. Außerdem bemerkt man noch geflochtene Strohmatten, die Zum Schlafen ausgebreitet wer den und kleine Holzschemel, die als Kopfkissen dienen; der gewöhnliche Platz, sich zu setzen, ist der Boden. Aus beson derer Liebhaberei hat aber Kapitän John sich eine Schaukel bank aufgehängt und für Gäste einen hölzernen Lehnsessel be reit, den ihm irgend ein fremder Kapitän geschenkt. Die Hütte ist geräumig genug für 30 Menschen, um darin zu schlafen. Eine Leiter führt zum Eingang im Boden und der schattige Platz unter der Hütte ist der Arbeitsplatz. Schweine- und Hühnerställe sind abseits. Die nächste Standesperson nach Kapitän John im Dorfe ist Doktor Crisp, Geister- und Krankheitsbeschwörer, ein160 Asien. unendlich wohlbeleibter fetter Mann mit ewig lächelndem Voll mondsgesicht, für den es ein wahres Glück ist, daß es auf Kar Nikobar keine Schneider giebt. Obgleich Standesperfon, muß er doch dem Fremden den Anblick der ganzen Majestät seines nackten Schmerbauches gönnen, weil nichts, was man ihm schenken könnte, für solche Dimensionen berechnet ist. Nur sein Kopf hat das gewöhnliche Maß behalten und so fehlt der nackten Gestalt das gesuchteste aller Toilettenstücke nicht, der schwarze Cylinder". Eine solche Angströhre, wenn auch noch so schäbig, steht auf Kar Nikobar im Werthe von 1500 Kokosnüssen! Doktor Crisp muß in den Augen seines Volkes ein sehr gelehrter Mann sein, denn er weiß von Ter- penthin, Kampher, Pillen, Lau de Cologne, Arak, Rhum" und verlangte von Jedem von uns, den er sah, diese Gegen stände. Ich wünsche Doktor Crisp nur eines, daß ihm mit seinem beliebtesten Heilmittel, mit Terpenthin, das er in großen Dosen für alle Leibesschäden eingiebt, einmal eine Kur nicht so mißlinge, daß er nach üblicher Landessitte bei festlicher Gelegenheit eben so meuchlerisch abgestochen werde, wie die Schweine unter seiner Hütte, die von Kokos und Pandanus eben so fett geworden sind wie er; denn das ist den Nikobaren die Strafe für einen Doktor, dem auf eklatante Weise sein Patient stirbt, wenn er nicht schlau genug ist, die ganze Schuld auf die Jvis, auf die bösen Geister schieben zu können! Wo die Universität ist, auf der diese Nikobarischen Doktoren promovirt werden, konnte ich nicht herausfinden. Es scheint aber, daß sie, ehe sie als solche an erkannt werden, in den Wäldern allerlei Spuck treiben und eine Art Probe ablegen, daß sie Macht über die Jvis haben. Ich könnte noch mehrere hohe Namen vorführen ausKapitän John, der Häuptling von Sani. 161 anderen Dörfern, wie Lord Nelson, Lord Byron, Kapitän Charle u. s. w. Namentlich ist mir Lord Nelson noch in lebhaftester Erinnerung, wie er mit allmächtigen Vatermör dern aus Papier und dem schwarzen Sammtrock, den ihm unser Freund S. geschenkt, auf der nackten Haut, beim Ab schied am Strande stand, mit trunkenen Augen, aber mit un säglich verklärter Miene vertraulich uns umarmte und be theuerte Lord Nelson der Engländer, war ein großer Mann, aber ich bin ein eben so großer Held," und Kapitän Charle, mein treuer Begleiter auf meinen Exkursionen, in einem dito blauen Uniformfrack, den der stolze Lord Nelson als no good” zurückgewiesen, wie seine sonst immer so ängstlichen besorgten Gesichtszüge sich zusehends erheiterten, als er sah, daß wir ernstliche Anstalt zum Weggehen machten; aber es genüge in der Beschreibung mit jenen beiden Repräsentanten der Aristokratie von Kar Nikobar. Ich bedaure, nicht ebenso Musterbilder der weiblichen Aristokratie allfstellen zu können. Nicht die Unzugänglichkeit der Herzen dieser Schönen ist Schuld daran, sondern die Unzugänglichkeit der Nikobarischen Urwälder. Man sagt ihnen eine unbeschreibliche Häßlichkeit nach, vielleicht sind sie entflohen, um diese zu verbergen, viel leicht mußten sie entfliehen, weil ihre Männer sie für zu reizend halten, oder aber sie sind vor uns entflohen, weil sie vor Andern hatten fliehen müssen. Ich habe schon früher erzählt, welchen panischen Schrecken das Erscheinen des großen Seeräuberschiffes unter der Be völkerung von Kar Nikobar erregte. Ein großes Todtenfest, das schon lange vorbereitet war, sollte gefeiert werden, aber es wurde verschoben, wegen der Gefahr, die dem Vaterland drohte. Und eines Tages, als ich von einer Exkursion, die Kletke, Neues Skizzenbuch. 162 Asien. ich trotz der üblichen Phrase der Eingebornen: it is not custom in these country,” mit der sie uns von allen Fuß steigen zurück zu halten suchten und blos dulden wollten, daß wir uns am Strande aufhielten, tief in den Wald gemacht, Mittags zu unseren Zelten zurückkehrte, traf ich da eine un gewöhnlich große Anzahl von Eingebornen, wenigstens 150 an der Zahl, versanlmelt, alles wehrfähige Männer mit Säbel klingen und Spießen bewaffnet, zu meinem nicht geringen Erstaunen aber auch zwei Europäer unter ihnen mit Schieß gewehren. Ganz Kar Nikobarien war, wie es schien, ver sammelt, um die Seeräuber zu bekämpfen. Von Osten und von Süden waren die Leute zusammengekommen, um ihren Brüdern im Norden zu helfen und auch die beiden Europäer, die von einem Schiffe auf einige Wochen auf Kar Nikobar zurückgelassen worden waren, um eine Ladung Kokosnüsse vorzubereiten, hatten mitgemußt. Es war ein Sardinier und ein Franzose von der Insel Bourbon. Der Sardinier war ganz gerührt, mit uns in seiner Muttersprache zu sprecheu so viele nahe Nachbarn zu treffen; durch seine und des Franzosen Vermittlung waren die Eingebornen bald beruhigt, und der Nikobarensische Feldzug endete einfach damit: ein Jeder ging beschenkt nach Haus." Auch die Nikobarenser hatten eine Menge Geschenke mitgebracht, wahrscheinlich um die vermeintlichen Seeräuber zu besänftigen, Schweine, Hühner, Bananen, Ananas, die auf den Nikobaren besonders gut ge deihen, Orangen und Citronen. Der gegenseitige Austausch bot eine gute Gelegenheit, manche Eigenthümlichkeit dieses noch im naivsten Naturzustand lebenden Völkchens zu beob achten. Z. B. Einer brachte ein paar schöne Muscheln (Nau tilus und Cypräen), kam mit freundlicher Miene auf michKapitän John, der Häuptling von Sani. 163 zu und bot sie mir an present Ion you.” Ich machte Miene ihm dafür einige der beliebten Rupien" zu geben. Er schien aber darüber sehr beleidigt und fragte, ob ich ihn denn be zahlen wolle. Ich sagte nein" und darauf setzte er sich sehr vergnügt neben mich auf den Sand, nannte mich seinen guten Freund, rauchte mit mir eine Cigarre, befühlte dann meine Hose, meine Weste, mein Hemd, meinen Rock, und endlich mußte ich den ganzen Inhalt meiner Reisetasche vor seinen prüfenden Blicken auskramen. Alles schien ihm zu gefallen, besonders mein geologischer Hammer machte großen Effekt, unter freudigem Lachen versuchte er damit Steine zu zer schlagen. Nun aber schien er die Wahl getroffen zu haben. Der Rock gefiel ihm am besten, und mit unendlich liebäugeln der Miene schmiegte er sich näher an mich und sagte: will you give me present?” und hielt dabei meinen Rockschoß prüfend in der Hand. Ich suchte ihm auseinanderzusetzen, daß er mit mir an Bord kommen solle, da wolle ich ihm Kleider geben; aber dazu war er nicht zu bewegen, und ehe ich mich s versah, hatte er seine Muscheln wieder genommen, ging weg und bot sie einem Andern in gleicher Weise als Geschenk an. So sind sie Alle, sie bieten Alles als Geschenk an, sagen, sie wollen nicht bezahlt sein, erwarten aber, daß man ihnen ein Gegengeschenk macht, bei dem sie wenigstens 100 Prozent profitiren. Wahrlich ich muß zur Ehre der Nikobarenser sagen, daß wir sie für dümmer gehalten als sie sind. Unsere sogenannten Tauschartikel", die in Harmo nikas, kleinen Spiegeln, Glasperlen und allerlei unechtem Schmuck bestehen, wurden immer mit Verachtung als no good” zurückgewiesen. Sie wollten durchaus nur nützliche Dinge haben, Kleider, Werkzeuge, und das Ideal ihrer Wünsche164 Asien. ist die double barreled gun” (doppelläufige Büchse). Oft hört man sie in traurig elegischem Tone sagen: wir sind ein armes Volk." Und wenn man sie fragt, warum, so ant worten sie, weil wir uns keine Kleider, keine Werkzeuge machen können, keine doppelläufigen Gewehre haben. Ihre ganze Tendenz geht darauf, diese Dinge von den Europäern einzutauschen, den Europäer aber abzuhalten, sich bei ihnen niederzulassen. Sie fürchten, daß dann der Kokosnüsse zu wenig werden, daß sie verhungern müssen, und eine dunkle Ahnung sagt ihnen, daß eine europäische Kolonisation der Untergang, das Todesurtheil ihres Stammes ist. Das ist die Ursache ihrer Angst, wenn große fremde Schiffe kommen. Ich halte die Nikobarenser für ein unschuldig naives Volk, das keine Laster kennt. Diebstahl, Neid und Eifersucht sind ihnen fremd. Ich habe sie überall, wenn man einem etwas gegeben, brüderlich theilen sehen. Sie sind wie Kinder, bei denen Furcht und Zutrauen, Freude und Schmerz schnell wechseln. Unabhängigkeitsgefühl, Vaterlandsliebe, Trägheit und Gutmüthigkeit sind ihre Haupteigenschaften. Ihr hervor ragendstes Talent ist Sprachtalent. Es ist gewiß merkwürdig, unter diesem Naturvolke einen Mann zu finden wie Kapitän John, der Kenntnisse in fünf Sprachen besitzt, und bei diesem Volke, das keine Schriftzeichen hat, das Englische förmlich eingebürgert zu treffen. Freilich hat sich ein eigenthümliches Nikobarisch-Englisch gebildet, so daß sie rein Englisch eigentlich nicht verstehen. Aber da Jeder, der Englisch kann, diesen Nikobarisch-Eng lischen Jargon bald los hat, so ist mit diesem Volke eine Verständigung möglich in der Hauptsprache der civilisirten Welt. Ob ihr Sprachtalent so weit geht, daß sie von unsKapitän John, der Häuptling von Sani. 165 Deutsch gelernt haben, weiß ich nicht. Aber ihre Wißbegierde gab sich darill kund, daß sie unaushörlich fragten, wie wir Das und Jenes heißen, und dann das Wort so oft nach sprachen, bis es sich ihrem Gedächtniß eingeprägt hatte. Die meisten unserer eigenen Namen hatten sie sich ganz gut ge merkt und sprachen dieselben vollkommen deutlich aus. Wie es mit ihrem Musiktalent steht, weiß ich nicht, aber ihr Zeichnungstalent habe ich erprobt. Da sie immer so auf merksam zuschauten, wenn wir etwas niederschrieben oder zeichneten, so forderte ich einmal einen auf, mir die Fregatte zu zeichnen. Er zeichllete zwar verkehrt, die Masten nach unten, drehte aber, als er fertig war, das Blatt um und siehe da eine vollkommen kenntliche Zeichnung des Schiffes mit allen Segeln. Noch mehr war ich aber erstaunt, als ich eine Hütte gezeichnet haben wollte und mein Nikobarenser in sicheren Zügen konzentrische Kreise zog mit Radien vom Mittel punkt aus, also den Grundriß des Daches entwarf. Religiöse Vorstellungen fehlen dem Volke gänzlich, sie glauben nur an böse Geister, Ivis,” die Krankheiten, Ge witter und Stürme verursachen. Ebensowenig scheinen sie entwickeltere soziale Verhältnisse zu haben. Sie sind sich alle gleich, es giebt keine dienende arbeitende oder gebietende Klasse, der Jüngere holt bent Aelteren die Kokosnüsse vom Baum und schlägt sie ihm auf, und wenn sie in Gesellschaft mit einander gehen, trägt Einer für Alle den Korb mit den nöthigen Requisiten zum Betelkauen. Der Häuptling ist kein absoluter Herrscher, er hat Einfluß nur so weit, als er sich durch In telligenz und besondere Eigenschaften Achtung und Respekt zu verschaffen weiß. Ich habe die Kar Nikobarenser besonders geschildert, weil166 Asien. sie in der That ein Völkchen für sich bilden, das sich in Sitten und Gebräuchen und sogar in der Sprache sehr wesent lich unterscheidet von den Bewohnern der südlichen Inseln, obwohl sie mit diesen unzweifelhaft zu ein und derselben Race gehören, die ich den Indo-Chinesen für näher stehend halte als den Malayen, die am Wahrscheinlichsten aber ein Uebergangsglied zwischen beiden bildeten, die Birmesen aus Mulmein, die wir auf ihren Prahus vor Kar Nikobar ge troffen, waren ganz und gar Nikobarenser bis auf ihre Läto- wirten Schenkel. Wir schützen die Einwohnerzahl von Kar Nikobar auf ungefähr 800 Köpfe, die in 14 Dörfern leben. Die bewohnteste Küste ist die dem NO.-Monsun ausgesetzte Ostküste. Sie sind reine Küstenbewohner, mit der Kokos palme, auf der ihre ganze Existenz beruht, an die Küste ge bunden. Das Innere ihrer Insel scheinen sie nicht zu ken nen, so klein die Insel ist. Nirgends führen Wege hinein. Sie haben die Sage von wilden Menschen mit einem Auge, die im Urwalde unter Schlangen und wilden Schweinen leben. Weiter aber erstrecken sich ihre Kenntnisse nach Außen. Sie wissen, daß auf den Adamanen Menschenfesser wohnen, kennen die südlicheren Inseln dem Namen nach und stehen auch im Verkehr mit deren Bewohnern. Sonst wollen sie aber wenig mit ihnen gemein haben und bezeichnen sie als böse Menschen." 3. Die Eingeborenen der mittleren und südlichen Inseln, Erlebnisse auf Kamorta und Trinket. Leider war es uns versagt, die kleine Insel Dschaura" (Schowry) zu besuchen, die Kar Nikobar am nächste gelegene Insel, die bevölkertste aller Nikobarischen Inseln im VerhältnißErlebnisse auf Kamorta und Trinket. 167 zu ihrer Größe. Die Dschaurenser sollen die Industriellen unter den Nikobarensern sein, die alleinigen privilegirten Fa brikanten der Töpfe und Kacheln, die man in allen Niko- barischen Haushaltungen trifft, die sie nach allen übrigen Inseln ausführen. Wir konnten das Nikobarische Manchester nur von der Ferne sehen, zählten aber nichts weniger als 27 große Hütten, die dicht gedrängt neben einander an dem kokosbewaldeten Strand stehen, am Fuße des die Südostspitze von Dschaura bildenden Hatrock" (Hutfels). Wollte man irgend einen Wohnplatz der Eingebornen als Stadt betrachteli, so wäre es dieser Komplex von 27 Hütten, da wir alle anderen Nikobarischen Orschaften höchstens aus 8 10 Hütten bestehend fanden. Auch die stark bevölkerten Inseln Teressa und Bompoka haben wir nicht kennen gelernt. Erst auf der mittleren Gruppe der Nikobarischen Inseln, auf Kamorta Nang Kaury und Trinket sahen wir wieder Menschen. Auf den südlichen Inseln Klein- und Groß - Nikobar mit Pnlo Miln und Kondul waren es im Ganzen vielleicht 12 Männer, die wir zu Gesichte bekamen. Die Art und Weise dieser Leute, die Einrichtung uild Bauart ihrer Hütten stimmte voll kommen überein mit dem, was wir auf der mittleren Insel gruppe gesehen, unterscheidet sich aber sehr charakteristisch von Kar Nikobar, so daß die Kar Nikobarenser in der That ein Völkchen für sich bilden, die Bewohner von Dschaura aber möglicherweise das verbindende Mittelglied darstellen. Kar Nikobar hat den lebendigsten Handel mit Fremden, es sollen jährlich 20 30 Schiffe diese Insel besuchen und gegen drei Millionen Kokosnüsse ausführen. Während so Kar Nikobar den Handel der Nikobarischen Inseln reprüsentirt, Dschaura die Industrie, sollten die übrigen Inseln billigerweise in168 Asien. Kunst und Wissenschaft sich Hervorthun, zumal, da sie der Schauplatz der verschiedenen mißglückten europäischen Kolo nisations-Versuche waren. Dem ist aber nicht so; man glaubt wohl bei den Bewohnern der mittleren und südlichen Inseln in mancher Beziehung entwickeltere soziale Verhältnisse zu be merken, auf Nang Kaury kam eines Tages auch ein Einge- borner zu uns und behauptete, daß er ein Christ sei, aber bis in die neueste Zeit haben die Bewohner von Teressa und Kamorta ihren üblen Ruf, bei guter Gelegenheit Seeräubereien zu treiben, bewahrheitet und die civilisirenden Einflüsse der Kolonisations-Versuche, die aufopfernden Bemühungen christ licher Missionäre sind au ihnen spurlos vorübergegangen. Die Kar Nikobaren hatten sich bewaffnet versammelt, um ihr Vaterland zu vertheidigen, auf Kamorta und Rang Kaury trieb die Furcht vor Strafe, das böse Gewissen, die Männer wie die Weiber zur Flucht, so daß wir die Dörfer ganz leer fanden und oft noch, wenn wir uns mit einem Boote der Fregatte einem Dorfe näherten, sehen konnten, wie die Be völkerung über Hals und Kopf in den Wald entfloh. Erst nach und nach und durch die Vermittlung des schon früher erwähnten Chinesen, den wir im Rang Kaury-Hafen trafen, wagten sich einige Männer heraus und traten mit uns in Verkehr. Sie erschienen aber, um sich als gute Leute zu zeigen, immer völlig unbewaffnet und versicherten, daß sie keine böse Menschen seien, wohl aber die, welche in der an deren Bucht wohnen, nämlich in der Ulalabucht oder sogen, falschen Bucht," die sich an der Westküste von Kamorta tief in s Land zieht. Die Leute waren durchaus nicht jene lachen den heiter gemüthlichen Naturen, wie die Kar Nikobaren, nur wenige von ihnen verstanden einige Worte Englisch, esErlebnisse auf Kamorta und Trinket. 169 hat sich mehr Portugiesisch bei ihnen eingebürgert und unser Verkehr mit ihnen war sehr beschränkt, so daß ich kaum etwas Mittheilenswerthes von ihnen erzählen könnte, wenn mir nicht jener zufällig anwesende Chinese eine besonders günstige Gelegenheit verschafft hätte. Mit Hilfe dieses Owe Benghong hatte ich eines Tages von den Eingebornen ein Kanoe gemiethet, auf dem ich von zwei Eingebornen und zwei Malayen gerudert, von dem Chi nesen selbst als Dolmetsch begleitet, zu geognostischen Zwecken eine Tour längs den Küsten der Inseln machte, da diese, wo sie Steilküsten sind, die einzigen geognostischen Aufschlüsse geben, während auf den Inseln selbst Wald oder dichte Gras bedeckung alles Gestein verbirgt. Diese Küstenfahrt führte mich hinaus aus dem Hafen Nang Kaury in den Kanal zwischen Kamorta und Trinket. Hier von der Fregatte ent fernter waren die Dörfer von den Eingebornen nicht verlassen. Da ich allein, unbewaffnet, und von Eingebornen selbst ge rudert auf einem Kanoe kam, entflohen diese auch nicht, und sogar Weiber bekam ich hier zu Gesicht, das erste und das einzige Mal auf den Nikobarischen Inseln. Es war in dem Dorfe Hentoin an der Ostseite von Kamorta. Als ich mich mit dem Kanoe näherte, bemerkte ich großen Aufruhr im Dorfe, ein Hin- und Herrennen der Leute und sah namentlich die Weiber und Kinder alle in eine Hütte zusammenflüchten, die am Ende des Dorfes lag. Zu gleich kam in einem Kanoe Einer mir entgegengefahren, der mit meinen Eingebornen einige Worte wechselte und dann schnell wieder zurück zu den Hütten fuhr. Offenbar hatte er Erkundigungen über meine feindlichen oder freundlichen Ab sichten eingezogen. Als ich an s Land trat, da standen die170 Asien. Männer des Dorfes versammelt, unbewaffnet, gaffend mit weit aufgeriffenen Mäulern. Ich fragte nach dem Kapitän, ein junger Mann mit rothem Tuch um die Lenden und einen ganz neuen Strohhut auf dem Kopfe trat vor, reichte mir die Hand und führte mich dann mit viel Anstand und Freund lichkeit nach einer der Hütten, stieg die Leiter voran und lud mich ein, ihm Zu folgen. Es war eine neue eben erst voll endete Hütte, der Eingang war mit frischem Laub geschmückt und zur Seite der Leiter standen in der Erde gesteckt junge, mit Bändern geschmückte Bäume, ganz so, wie man auch bei uns ein neu gebautes Haus einweiht. Noch mehr erstaunt war ich aber, als ich nun die Leiter hinaufstieg und auch das Innere der Hütte festlich geschmückt fand. Der Eigenthümer hatte zum Einweihungsfest sein ganzes Hab und Gut, das sonst in dem oberen Dachraum aufbewahrt ist, ausgehängt und zur Schau gestellt. Ehe ich jedoch mir alles Einzelne betrachten konnte, mußte ich die ganze Etikette Nikobarischer Empfangs-Feierlichkeiten durchmachen. Zwei Holztruhen, offen bar Einrichtungs-Gegenstände aus einem im Kamorta-Kanal verunglückten Schiffe, wurden in die Mitte gerückt, der Ka pitän setzte sich auf die eine und lud mich ein zu seiner Rechten auf der andern Platz zu nehmen. Eine Nikobarische Cigarre aus chinesischem Tabak, der in einen Streifen von getrock netem Pandanusblatt gewickelt ist, bestehend, wurde mir an- geboten und die Schale einer Tridacnamuschel niit Schweins fett gefüllt und einem brennenden Dochte darin zum Anzün den der Cigarre dargereicht. Ich stellte all das Volk, das auf der Leiter nachgekrochen war und in doppeltem Kreise um uns herum auf dem Boden kauerte, offenbar sehr zufrie den, daß ich die Cigarre rauchte, noch mehr aber, daß ich alsErlebnisse auf Kamorta und Trinket. 171 Gegengruß meine Cigarren unter sie vertheilte. Nun stellte sich mir ein kleiner, aber außerordentlich jovial aussehender Mann, der offenbar dem Fremden zu lieb ein frisch ge waschenes europäisches Hemd über seine nackte Haut ange zogen, mit einem tiefen Bückling seine rothe Phrygische Mütze abnehmend und mir die Hand zum Gruße reichend als Doktor" vor. In einem Glase wurde mir Kokosnußwein Doa" präsentirt, dann Rhum, und als ich das Alles zurück- wies, wurden junge Kokosnüsse herbeigebracht, deren erfrischen des Wasser ich, wie immer, mit großen: Behagen trank, dann ließ mich der Kapitän durch den Chinesen, der Malayisch mit den Leuten sprach, fragen, ob ich wünsche, daß sein Volk vor mir spiele. Sieben junge Burschen, athletisch schön gebaute Gestalten, eines Bildhauermeißels würdig, stellten sich neben einander, legten die Arme jeder auf des Nächsten Schultern und begannen sich im Kreis um uns herumbewegend einen Tanz zuerst in einer langsam pathetischen Schrittweise, dann eine Strophe einstimmig singend, in einem lebendigeren Takt, von Zeit zu Zeit nach dem Takte mit einem oder mit beiden Füßen zugleich aufstampfend. Die Strophe wurde unter ab wechselnder Bewegung nach rechts im Kreise herum, dann nach links, mehrmals wiederholt und der Tanz endete mit der langsamen Schrittweise wie er begonnen. Die gesungene Strophe hatte eine in einem bestimmten Rhythmus sich bewegende Melodie, die mit richtigem musikalischen Gehör von den Tan zenden einstimmig gesungen wurde. Während des Tanzes hatten sich dem Neigen zwei, in lange bis auf den Boden reichende Hemden verhüllte Gestalten angeschloffen. Ich fragte was das zu bedeuten habe, und hörte zu meinem nicht gerin gen Erstaunen, daß es zwei Weiber seien, daß gewöhnlich bei172 Asien. solchen Tänzen Weiber und Männer in gleicher Anzahl, und daß die langen weißen Hemden das übliche Tanzkostüm der Weiber seien. Es seien diesmal nur zwei Weiber beim Tanze erschienen, weil die andern zu viel Furcht vor dem weißen Fremden haben. In der Thal, ich hätte diese Gestalten nicht als Weiber erkannt. Sie waren völlig so groß wie die Männer, sie hatten eben so häßliche Gesichter, mit durch Betelkauen entstelltem Munde, trugen das Kopfhaar eben so kurz abgeschnitten. Da die Männer auch bartlos wie die Weiber, so war die Bartlosigkeit kein Erkennungsmerkmal; daß es wirklich Weiber waren, davon war ich erst dann ganz überzeugt, als sie nach dem Tanze ihre schmutzigen Hemden anszogen und in ihrer gewöhnlichen Kleidung, einem kurzen vom Gürtel bis zu den Knieen reichenden, aus rothem oder blauem Zeuge bestehenden Nocke, vor mir standen. Sie er schienen aber in dieser Toilette um nichts schöner, und ich fand es sehr passend, als sie scheu sich in das Halbdunkel im Hintergrund der Hütte zurückzogen und hier hockend mit über die Brust geschlagenen Armen ihre häßlichen Formen verbar gen. Dem Tanze folgte ein Fechterspiel, das vor der Hütte von zwei jungen Burschen aufgeführt wurde, aber in nichts Anderem bestand, als daß Beide mit langen Vambusstöcken aufeinander einhieben und Jeder die Hiebe des Andern ge schickt parirte. In der Hütte selbst sah es aus wie in einem Kaufladen. In der Kuppel der Hütte war in symmetrischer Anordnung der ganze Reichthum des Besitzers an Zeugen und Kleidungsstücken ausgehängt, bunte ostindische Tücher, baum wollene buntgedruckte Taschentücher, Hemden, Hüte, an den Wänden der Hütte die Waffen und der Hausrath. Letzterer war, wie die Hütte selbst, ganz neu, und daß der Besitzer einErlebnisse Kamorta und Trinket. 173 besonders reicher Mann, das bewies vor allem Andern der stattlich ausgerüstete Waffenschrank. Nicht weniger als 24 werthvolle Stücke, theils Säbelklingen, theils große mittel alterlich aussehende Schwerter waren neben einander an der einen Seite der Hütte auf einem besonders dazu angebrachten Holzrahmen aufgesteckt, und gegenüber auf der anderen Seite steckten die Spieße und Fischlanzen die Nikobarenser haben weder Angeln noch Netze, sondern werfen die Fische mit Wurfspießen. Der Kapitän bot mir an, ich solle mir, wenn mir von den Hausgeräthen etwas besonders gefalle, aussuchen und es als Geschenk mitnehmen. Ich machte, da ich mit Gegengeschenken leider nicht versehen war, nur einen be schränkten Gebrauch von dem gastfreundlichen Anerbieten, suchte mir aber neben anderen Kleinigkeiten namentlich einen Nikobarischen Festhut aus, der sehr sinnreich ganz aus Niko- barischen Cigarren zusammengesetzt und mit weißrothell Bän dern geschmückt ist. Ich sah hier überhaupt eine Menge ähn lichen bunten Putzwerkes, das, wie ich hörte, alles bei den Festen gebraucht wird, welche die Eingebornen hauptsächlich zur Zeit des Monsumwechsels dem Meere in ihren Ka- noes feiern. Als ich die Hütte verließ, da zog der Doktor schnell wieder sein Hemd aus, und draußen am Strand sah ich an einem förmlichen Flaggenstock die dänische Flagge aufge zogen, roth mit weißem Kreuz. Ich war sehr erstaunt, denn wir hatten bisher vergeblich nach Spuren der ehemalig dä nischen Besitzergreifung der Inseln durch die königl. dänische Korvette Galathea" im Jahre 1846 gesucht. Hier war nun eine dänische Flagge, die von der Galathea" herrühren mußte. Der Häuptling bezeichnte die Flagge als seine174 Asien. Flagge, sagte, daß ihm noch zwei andere Dörfer, eines auf Kamorta, das zweite auf Trinket, gehören, und daß diese Flagge das gemeinschaftliche Zeichen für die drei zusammen gehörigen Dörfer sei. Mehr konnte ich von ihm nicht er fahren, diese Flagge ist die einzige Spur von der dänischen Korvette Galathea", die wir auf den Inseln entdeckten. Mein Weg führte mich weiter nördlich nach der Ostküste von Kamorta. Der Häuptling von Hentoin erbot sich, mich zu begleiten, damit ich in dem Dorfe Enaka, zu dem ich kommen mußte, und das, wie er sagte, ebenfalls ihm gehöre, gut ausgenommen werde. Er schickte ein Kanoe mit zwei Burschen voraus, die uns ankündigen sollten, und fuhr selbst in nieinem Kanoe, ließ es aber, damit wir schneller vorwärts kamen, noch mit zwei weiteren Ruderern bemannen. Ich traf am Strande vor dem Dorfe Enaka alle Männer ver- sammelt, ich wurde in die Hütte des Doktors geführt. Als ich die Leiter hinaufstieg, grinsten mir am Eingangsloch zwei scheußliche, aus Holz geschnitzte Figuren, halb Mensch, halb Thier, abenteuerlich roth und schwarz bemalt, mit Cigarren und Laubwerk behängt und jede mit einem alten schwarzen Hut auf dem Kopfe, entgegen. Diese Figuren sind ein wesent licher Bestandtheil des Teufelbeschwörungsapparates des Dok tors, zu dem noch zahlreiche kleinere Figuren, Schweinskiefer, Fischköpfe, Schildkrötenköpfe u. s. w. gehörten, so daß es fast aussah, als lege sich der Doktor eine Schädelsammlung zu vergleichend anatomischen Zwecken an. Auch bei Nichtdoktoren findet man aber oft einen ähnlichen Apparat, der bei Krank- heits- oder Unglücksfällen dazu dient, die bösen Geister zu beschwören. Zur Seite gekauert, ganz in ein Tuch verhüllt, saß eine Figur, auf meine Frage antwortete der Doktor, dasErlebnisse auf Kamorla und Trinket. 175 sei seine Frau. Ich trat näher, aber mit einem Schrei des Entsetzens drängte sich die Gestalt an die Wand, und erst als ich durch meinen Chinesen verdolmetschen ließ, daß ich ihr nur Salam" sagen wolle (diesen mohamedanischen Gruß ver stehen die Nikobarenser) kam unter der Hülle ein scheußliches Hexengesicht zum Vorschein. Das zum Essen vorbreitete Mel- lori, Kokosnüsse u. s. w. bewiesen mir, daß ich hier eine Tischgesellschaft gestört. Ich fragte darum und bekam zur Antwort, daß die Kinder und Mädchen das vorbereitet, aber sich alle in die kleine viereckige Hütte geflüchtet haben, die durch einen Gang mit der runden Haupthütte in Verbindung stand. Ich wollte hinübergehen, um einmal die hoffnungs volle Nikobarische Jugend zu sehen, mußte aber den dringen- den Bitten des Häuptlings, das junge Weibervolk nicht Zu sehr zu ängstigen, nachgeben und mich damit begnügen, beim Weggehen zu sehen, wie sie neugierig und ängstlich zugleich aus den Löchern zwischen den Palmblättern, mit denen die Hütte belegt war, herauslugten. Ich wurde auch mit Hüh nern und Eiern beschenkt. In Hentoin und wieder in Enaka fielen mir in den Hütten eine Menge Gegenstände aus, Gläser, Porzellanteller, Schalen, ein Schleppsäbel, hölzerne Truhen, Kleidungsstücke, die nur von einem fremden Schiff herrühren konnten. Doch konnte ich nirgends einen Namen entdecken, es waren Gegenstände englischen Fabrikates, die nach der Aussage des Häuptlings von einem im Kanal niedergebroche nen Schiffe, dem die Eingebornen zu Hilfe gekommen seien, herrühren sollen. Solche menschenfreundliche Züge von den Eingebornen der Nikobaren sind in der That ebenso erwiesen wie ihre Seeräubereien. Trotzdem war ich keineswegs über zeugt von der Aussage des Häuptlings.176 Asien. Der Häuptling wollte mich nun noch in sein drittes Dorf an der Nordwestküste der gegenüberliegenden Insel Trinket bringen, er nannte das Dorf Oal, der Chinese aber nannte es Junk Trinket, 2 Prahus sah man vor dem Dorfe geankert, aber der Tag war schon zu weit vorgeschritten, um das gegen 3 Seemeilen von Enaka entfernte Dorf besuchen zu können. Ich wollte ein Zweites näher liegendes Dorf auf Trinket noch sehen, von dessen Existenz mir der Chinese sagte; dahin mich zu begleiten, war der Häuptling nicht zu bewegen, da er mit den Leuten dort nichts zu schaffen haben möge. Ich verabschie dete mich daher und lud ihn ein, den andern Tag an Bord zu kom men, um Gegengeschenke in Empfang zu nehmen. Er fand sich auch richtig ein und wurde reich beschenkt; leider konnte sein Wunsch, daß wir in größerer Anzahl an einem vorher bestimmten Tage, damit er alles Nöthige zum Essen und Trinken vorbereiten könne, ihn besuchen, nicht erfüllt werden, da die Fregatte ab segelte. Dieser Dreidörfer-Häuptling von Hentoin war nach seinem Benehmen entschieden der civilisirteste aller Nikobarenser, die wir kennen gelernt, und der phlegmatischen Indifferenz der anderen gegenüber eine wahre Ausnahme von der Regel. Aber hinter seiner Freundlichkeit und Zuvorkommenheit steckte offenbar viel Furcht vor den Kanonen der Fregatte und das Bestreben, sich und sein Volk als gute Menschen darzustellen, um frühere Sünden, die sie sich zu Schulden kommen ließen, vergessen zu machen. Ich vermuthe sehr, daß die Dörfer Enaka und Hentoin auf Kamorta schon die Kanonenkugeln englischer Kriegsschiffe verspürt haben, die in den Kanal kamen, um die hier noch in den Vierziger-Jahren an dem Wallfischfänger The Pilot" und dem Schooner Mary" be gangenen Seeräubereien und Gräuel zu rächen.Erlebnisse auf Kamorta und Trinket. 177 Ich fuhr von Enaka nach der gegenüberliegenden Küste von Trinket unb ließ die Segel aus Palmblättern, mit welchen das Kanoe versehen war, setzen und war rasch über dem etwa IV 2 Meilen breiten Kanal zwischen Kamorta und Trinket. Die westliche Küste von Trinket bildet an der Stelle, zu der wir kamen, eine flache mit Mangroven umsäumte Bucht, voll der sich selbst aus geringer Entfernung nicht bemerkbar, eilt schmaler seichter Meeresarm kanalartig tief irüs Land hineinzieht zu beiden Seiten mit dichtem Mangrovenwald be wachsen. Der Kanal ist nur für flache Boote befahrbar, etwa 3 A Meilen lang. Ich war überrascht am Ende des Kanals in so versteckter Lage ein ziemlich ansehnliches Dorf von un- gefähr 10 Hütten zu finden. Dschanoha ist der Name des Dorfes. Schon die Lage an einem die Luft vergiftenden Mangrovensumpf war mir unheimlich, noch unheimlicher die zahllosen Kanoes, die auf dem halb ausgetrockneten Sumpfe vor dem Dorfe lagen, weit mehr fast als Menschen hier woh nen konnten. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß das der Apparat eines Seeräubergesindels sei, das sich in diesem Versteck angesiedelt. Ich mußte mich durch ein gut Stück Sumpf noch tragen lassen, bis ich trockenen Korall- sandboden kam. Die Männer ftanbett wie immer gaffend beisammen, aber ganz unbewaffnet. Als Kapitän" trat ein kleiner Kerl mit Hosen und Hut angethan, vor, mit stechenden schwarzen Augen und so lichtgelber Hautfarbe, daß ich ihn sehr im Verdacht habe, daß weißes Blut in seinen Adern stießt. Er redete mich Portugiesisch an, ich verstand nur so viel, daß er wissen wollte, was mich in sein Dorf führe, und wann die Fregatte den Rang Kauryhafen wieder verlasse. Ich Kletke, Neues Skizzenbuch. io178 Asien. überließ die Antwort meinem dolmetschenden Chinesen, und musterte die nackten braunen Gestalten, die mich dicht um standen. Widerlichere, unheimlichere, häßlichere Physiognomien hatte ich auf den Nikobaren nie gesehen. Einer hatte sein Gesicht orangenroth bemalt und war offenbar betrunken, ein Zweiter war ganz mit Blut besteckt, ein Dritter hatte ein Collier um aus englischen Silberstücken, ein Vierter schielte verdächtig auf meinen geologischen Hammer herab, den ich fest in der Hand hielt. Ich wollte eine Hütte sehen, und wurde von dem Kapitän auch ohne Weiteres nach einer der größten Hütten geführt, die etwas rückwärts stand. Eine große Gesellschaft folgte und setzte sich im Kreis herum um ein weitbauchiges irdenes Gefäß, aus dem mittelst eines aus Bambusrohr verfertigten unten mit einem Filtrir- tuche versehenen Saughebers in ein Glas eingeschenkt und mir präsentirt wurde. Es war ein süßsaures halbgegohrenes Getränke, Palmwein, an dem sich der Rothbemalte wohl feinen Rausch getrunken. Das Glas ging im Kreise herum, bis der Krug leer war. Während der ganzen Trinkscene aber wurde musizirt. Einer spielte auf einer aus einem Stück Bambus rohr verfertigten Flöte, der Andere auf der Nikobarischen Guitarre, die aus einem dicken Bambusrohr mit darüber ge spannter Rotangsaite besteht; ich wünschte, daß die Musiker auch singen, das wurde aber abgelehnt, weil in der Hütte erst kürzlich ein Mann gestorben sei, dagegen die Instrumente mir auf meine Bitte ohne Weiteres überlassen. Zwei Frauen saßen auch hier im Hintergrund in eine Ecke gekauert. Ich ließ sie unbeachtet, weil mir aller Appetit vergangen war, die Reize Rikobarischer Schönheiten zu sehen. Dagegen interessirten mich die vielen europäischen Gegenstände, wie Gläser, Por-Erlebnisse auf Kamorta und Trinket. 179 zellansachen u. s. w. in der Hütte, sogar die Seitenwünde be-, standen aus Brettern einer Schiffskabine; und als ich bei einem Gang durch das Dorf noch einen Anker und andere Eisentheile von Schiffen im Sande liegen sah, da war ich überzeugt, daß dieses Dschanoha, von dem die Geographie der Nikobaren bis jetzt nichts wußte, ein Seeräubernest ist. Diese Leute und die Bewohner der Ulalabucht hatte ich für die Rädelsführer bei den im Trinket-Kanal früher begangenell Gräueln und ich zweifle nicht, daß auch die von Hentoin und Enaka gelegenheitlich an den Räubereien und Mördereielr Theil genommen. Ich wurde beim Abschied reich mit Kokos nüssen beschenkt und kam mit Sonnenuntergang sehr befrie digt von den Erlebnissen und Erfahrungen des Tages an Bord zurück. Leider hatte ich später keine weitere Gelegenheit Zu ähn lichen kleinen Expeditionen auf einem Kanoe der Eingebornen und ich kann zur Charakteristik der Bewohner der mittleren und südlichen Inseln nur noch einige allgemeinere Bemer kungen beifügen. Ich habe schon früher bemerkt, daß sie sich physisch in Nichts von den Kar Nikobaren unterscheiden. Auffallend ist aber vor Allem die Verschiedenheit der Sprache, die sogar für die gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse, wie für die Bestandtheile des Betelkauens andere Namen hat, als auf Kar Nikobar. Wie hier das Englische, so hat sich auf den südlicheren Inseln von den europäischen Sprachen am meisten das Portugiesische eingebürgert. In der Kleidung unterscheiden sie sich von den Kar Nikobarensern hauptsächlich durch einen langen Band- ftreif, der von der Binde um die Weichen hinten herabhängt und im 17. Jahrhundert den Glauben an eine geschwänzte 12 180 Asien. Menschenrace auf den Nikobaren veranlaßte. Das Haupthaar tragen sie meist kurz geschoren, bei jungen Burschen sieht man aber häufig um den tonsurartig geschorenen Kopf noch einen Kranz langer Locken stehen, den sie malerisch mit einem rothen Band umbinden, bei vielen sind durch eine besondere Behand lung die Zähne zu unförmlichen schwarzen Klumpen zusam mengewachsen, über denen sich die Lippen gar nicht mehr schließen können, trotzdem ein Schönheitsmerkmal in der Niko- barischen Aesthetik. Die Hütten sind nach einem besseren Muster gebaut als auf Kar Nikobar, sie sind höher gestellt, so daß unter dem eigentlichen Boden der Wohnhütte noch eine zweite offene Etage Platz hat, aus der man Hühnerställe, Holz- und Früchtevorräthe sieht. Der Boden selbst besteht aus mit der Axt gearbeiteten Brettern und die Dachkuppel erhebt sich erst über einer bretternen Seitenwand, in der Fen sterlöcher angebracht sind. Hunde, Schweine, Hühner sind dieselben wie auf Kar Nikobar, aber außerdem halteu sich die Eingebornen hier noch Papageien und Mainavögel und treiben damit auch Handel. Ueberall begegnet man einem mannig faltigen Apparat, um die bösen Geister abzuhalten. Schon vor dem Dorfe im Wasser stehen lange in gewissen Abständen mit Blätterbüschen, langen Schweinskiefern, Kokosschalen be- hangene Stöcke, die den bösen Geist vom Dorfe abhalten sollen, und steigt man die Leiter zu einer Hütte hinauf, so grinsen dem Eintretenden fratzenhafte buntbemalte und be hängte Figuren bald in Menschengestalt mit Schwert und Spieß, bald in Froschgestalt und anderen unenträthselbaren Phantasiebildern entgegen, die den bösen Geist von der Hütte abhalten sollen. In der Hütte selbst sieht man dann noch eine Menge in Holz geschnitzte Dinge, wie Katzen, Fledermäuse,Erlebnisse auf Kamorta und Trinket. 181 Schildkröten, Krokodile, Papageien, die alle zu ähnlichen Zwecken dienen müssen, und merkwürdig ist, daß jede dieser Figuren, wie es scheint, tagtäglich gefüttert wird, denn vor jeder sieht man Betel, Mellon, Kokos und eine Cigarre liegen. Den naiven Unschuldszustand der Kar Nikobarenser scheinen die Bewohner der südlicheren Inseln hinter sich zu haben, ohne aber deßwegen in irgend einer Beziehung besser oder vorgeschrittener zu sein. Die Häuptlingsstellung ist entschie den eine einflußreichere, bestimmter definirte; ein Unterschied von Klassen giebt sich darin zu erkennen, daß sich manche auf die die Inseln besuchenden Schiffe als Arbeiter gegen einen bestimmten Lohn verdingen. Das englische Silber ist auch hier der gesuchteste und geschätzteste Tauschartikel, Gold aber noch ganz unbekannt. Wie auf Kar Nikobar sind Kokosnüsse der Haupthandelsartikel, Trepang, Schildpat, eßbare Vogel nester, Papageien, verhültnißmäßig unbedeutende Nebenartikel. Wir trafen an den verschiedenen Inseln im Ganzen gegen 12 kleine Schiffe geankert, meist Birmesen Pegu und Malayen von der malayischen Halbinsel. Die Schiffe machen während der Nordostmonsumzeit 2 bis 3 Mal die Reise, und mögen damit einen Maßstab abgeben für den jetzigen Han delsverkehr. Alle jene Artikel liefert der Meeresstrand allein, was können und werden aber die Inseln produziren, wenn einmal ihre Urwälder gelichtet und ihre Sümpfe getrocknet sind? Man blicke auf Ceylon, man vergleiche Puto Penang! 4. Nikobarische Waldbilder. Wenn man es unternimmt, ein Bild von der Natur der Nikobarffchen Inseln zu entwerfen, so kann man einem solchen182 Asien. Versuche mit Fug und Recht keine andere Aufschrift geben als Waldbilder." Nähert man sich im kleinen Boote der Küste einer Insel, so befindet man sich oft schon mitten im Wald, noch ehe man den Fuß auf trockenen Boden setzen kann, im Mangrovenwald. Und betritt man die Küste selbst, so ist man an trockener sandiger Stelle im Kokoswald, an sumpfiger Stelle im Pandanuswald. Und will man aus all diesem Wald hinaus, so kommt man immer wieder in den Wald, in einen Hochwald mit riesigen Bäumen und in den Urwald, bis man endlich den Wald vor lauter Wald gar nicht mehr sieht. Nur auf den nördlichen Inseln kann es gelingen, sich durchhauend durch dicht verflochtenes Gestrüpp plötzlich auf freie Grasflächen zu kommen. Aber das Gras ist so hoch und dicht, daß man nicht weiter kann, und die Sonne brennt so heiß, daß man sich abermals in den Schatten des Waldes flüchtet. Der Wald ist der ganze Reichthum und die einzige Schönheit dieser Inseln, den Wald in seiner Ver schiedenartigkeit zu schildern, ist meine schwierige Aufgabe. Kokos- und Mangrovenwald sind ausschließliche Küsten wälder. Sie haben sich in das Gebiet der Küste getheilt und ihre Gebiete sind scharf von einander abgegrenzt gewöhn lich durch vorspringende Felsecken, auf denen ausnahmsweise auch dem Urwald gestattet ist, sich an der Küste zu zeigen. Sie existiren so friedlich neben einander, ohne sich ihr Gebiet gegenseitig streitig zu machen, denn wo der eine gedeiht, da fehlen dem anderen alle Bedingungen des Lebens. Der Mangrovenwald ist ein Wald im Meere, ein Lagunenwald, der auf einem nicht weniger merkwürdigen Unterbau sich erhebt, als die Lagunenstadt." Seichte schlammige, vor Brandung geschützte Ufer, die während derNikobarische Waldbilder. 183 Fluth regelmäßig von Salzwasser überschwemmt werden, tief eingeschnittene Meeresbuchten, in welche Flüsse münden, sind das Gebiet der Mangroven. Da solche tiefe Buchten und Flüsse auf den größeren südlichen Inseln häufiger sind, als auf den nördlichen, so ist auch der Mongrovenwald dort häu figer, der Kokoswald in demselben Maße seltener. Zwei Hauptformen von Rhizophoren geben dem Mangrovenwald seine Physiognomie. Sie stehen nicht genlischt untereinander, sondern bilden an den Ufern getrennt zwei sehr charakteristische Säume. Den äußeren Saun: bildet eine lliedere Rhizophoren- art, deren saftig grüne, üppige Laubkrone mit glänzenden Blättern und langen kerzenartigen Früchten unmittelbar auf der Wasserfläche liegt, auf einem Unterbau von bogenförmig ausgespannten Wurzeln, die ein dichtes Netzwerk bilden. Hinter diesem äußeren Buschwald steht ein Hochwald, aus dessen sumpfigem Boden, der während der Ebbe trocken liegt, allent halben knorrige Wurzelkniee oder Wurzelspitzen hervorragen, als wäre er mit Pfosten ausgeschlagen. Dazwischen erheben sich 60 80 Fuß hoch die schlanken geraden Stämme, die oben an knorrigen SCeften eine saftig grüne Laubkrone tragen. Kein Unterholz stört den Durchblick durch die Säulenhallen dieses Waldes, aber Millionen von großen Sumpfmuscheln (Cerithium in vielen Arten) liegen im feuchten Schlamme, daß man ganze Schiffsladungen davon sammeln könnte; und Schnepfen und Reiher aller Art gehen da auf ihren Fang aus. Tiefe fischreiche Kanüle, die man mit den Kanoes der Eingebornen befahren kann, ziehen sich in Schlangenwindungen oft weit durch diese Mangrovensümpfe und man trifft am Ende solcher Kanäle in versteckter Lage nicht selten Dörfer, so auf der Insel Trinket das von mir schon erwähnte See-184 Asien. räuberdorf Dschancha. Oder man gelangt durch eine allmälig sick) verändernde Vegetation, für die das Vorkommen einer stammlosen Wasserpalme charakteristisch ist, aus dem Brack wasser in das Süßwasser eines Flusses. Da der Mangroven wald nur im Salzwasser gedeiht, sich aber in den sumpfigen Thälern der Flüsse bei deren Mündung oft weit hinein in s Land ragt, so weit als das Wasser brackisch ist, so kann er plötzlich vernichtet werden, wenn durch ein stürmisches Ereigniß die Mündung des Flusses mit einer Sandbarre versperrt wird und dem stuthenden Meerwasser der Eintritt versagt ist. Die Wälder sterben dann ab im süßen Wasser. Die hohen Stämme stehen da abgedorrt, gebleicht, ein gespenstiger Leichen garten zwischen üppig grünen Urwaldhügeln. Des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, liegt ein weißer Nebel über dem tobten Sumpf und miasmatische Dünste verpesten die Luft, das sind die Plätze, welche Gift aushauchen. Die Baumleichen mahnen den Fremden, der hier die allgewaltig schaffende und zerstörende Natur bewundert, an die Leichen so mancher seiner Brüder, welche die feuchte Erde dieser Inseln birgt. Es war an der Nordküste von Groß-Nikobar, wo ich den Anblick eines solchen abgestorbenen Mangrovenwaldes hatte. Der Fluß hat aber hier die Barre von neuem durchbrochen, so daß nun das Meerwasser wieder Zutritt hat und unter dem todten Wald ein junges Mangrovengebüsch üppig gedeiht. Erhält sich aber die Barre und vertrocknet allmälig der Sumpf, so ersteht um das Süßwasserbecken der Flußmündung ein Pandanuswald, und wo dem Menschen früher nur der Tod droht, da findet er dann Bäume voll nahrhafter Früchte, um sein Leben zu fristen. Wie ein heiteres Lebensbild neben einem düsteren stehtNikobarische Waldbilder. 185 neben den schweren einförmigen Laubmassen der Mangroven der luftige freie Kokos Wald. Ohne Aufhören rauscht die Brandung über vielgestaltige Korallenfelder zur weißschim- mernden Sandküste, die in sanftem Bogen sich von Felsecke zu Felsecke zieht. Sie wirft Korallentrümmer und Sand höher und höher auf und baut das Land lailgsam immer weiter. Die schweren Früchte vielleicht von fernen Gestaden hergeführt, die sie ausgeworfen, sind aufgegangen auf diesem Korallensand, und ein Kranz üppiger Palmenkronen auf schlankem Stamme, beladen mit tausend schweren Nüssen ladet den Menschen zum Leben ein. Ohne Kokospalme wären die Inseln wahrscheinlich heute noch unbewohnt, auf dem Kokos wald beruht die ganze Existenz der Nikobarischen Racen. Rechnet man die Einwohnerzahl sämmtlicher Inseln zusammen zu 5000, nimmt man an, daß jeder Mensch täglich 3 Kokos- llüsse braucht (das ist nicht zu viel gerechnet, da der Nikobarenser kein anderes Wasser als Kokosnußwasser trinkt und außer ihm selbst auch seine Schweine, Huilde und Hühner von Kokosnuß leben), so giebt das einen jährlichen Verbrauch von durchschnittlich 5Vs Millionen Nüssen. Die jährliche Ausfuhr an Nüssen von allen Inseln zusammen kann auf ungefähr 10 Millionen geschätzt werden (Kar Nikobar allein 2 3 Millio nen). Daraus ergiebt sich ein jährlicher Ertrag von 15 bis 16 Millionen Kokosnüssen. Eine Palme trägt aber durch schnittlich 40 Nüsse im Jahre; für einen Ertrag von 16 Millionen Nüssen wären somit 400,000 Kokospalmen nothwendig und auf jeden Bewohner würden 80 Palmen kommen. Da aber 400,000 Kokospalmen als Wald, wie er auf den Nikobaren vorkommt, bequem auf einer halben Deutschen Quadrat meile Platz haben, so wäre dies das ungefähre Areal des186 Asien. Kokoswaldes auf den Inseln, weniger als der sechzigste Theil ihrer Gesammtoberfläche, die 33 34 deutsche Quadratmeilen umfaßt. Auf den nördlichen Inseln nimmt der Kokoswald wohl ein verhältnißmäßig größeres Areal ein, dagegen fehlt er den südlichen, namentlich Groß-Nikobar fast ganz. Die nördlichen Inseln sind daher auch bei weitem die bewohnteren, und die Kokospalmen sind dort als Eigenthum vertheilt, während sie aus den südlichen Inseln das freie Gemeingut Aller zu sein scheinen. Der Nikobare lebt nicht blos vom Kokoswald, sondern er lebt auch im Kokoswald und hat sich damit nicht blos die bequemste Lage für seine Hütte ausgesucht, sondern auf dem trockenen, den Winden ausgesetzten Meeresstrand gewiß auch die gesündeste. Die 5000 Nikobarenser wohnen deßhalb eigent lich nur auf V Quadratmeile Landes. Wie man an einem kokosbewaldeten Strande an s Land steigt, da kann man sicher darauf rechnen, daß sich das blumenreiche Gebüsche von Hi- biscus, Guettarda oder Scävola, das wie eine künstliche Hecke den Kokoswald gewöhnlich nach Außen gegen das Meer zu umsäumt, wenn man am Strande hingeht, öffnet und die Hütten der Eingebornen sich zeigen. Wie schnell lernt doch auch der flüchtige Reisende die Kokospalme schätzen! Wenn wir ermattet und schweißtriefend aus der schwülen Luft der Laichwälder zum Strande kamen, zu dem von erfrischendem Luftzug durchstreiften Kokoswald, und der Nikobar, sonst so trüge und bewegungslos, nun flink wie eine Katze, seine Füße mit demselben Bastband verbunden, das ihm sonst so malerisch die schwarzen Locken umschließend als Stirnband dient, zum Wipfel der höchsten Palme kletterte, wenn dann die schweren Nüsse donnernd zur Erde fielen und in freier Hand durchNikobarische Waldbilder. 187 einen sicher geführten Hieb mit der scharfen Säbelklinge ge- öffilet uns dargereicht wurden, wie erquickend und labeild war uns da der kühle Trunk des Wassers aus der jungen Nuß, und wie appetitlich zugleich dem natürlichen Gefäß von zartem weißen Fleisch mit grüner Umhüllung! Wem so die junge Nuß durch den gefälligen Wilden" frisch vom Baume gebrochen in tropischer Sonnengluth zur Labung gedient, nur der kennt die Köstlichkeit dieser Frucht, die an reichbe setzter europäischer Tafel alt und vertrocknet als Rarität auf getischt Jeder als fade und geschmacklos verächtlich zurück weisen wird. Wir haben dabei nicht blos den Labetrunk ge habt, sondern zugleich den Genuß eines Bildes, einer Scene aus den Tropen, wie es uns seit frühester Jugend aus Reise beschreibungen in der Phantasie lebte. Uebrigens nur bei Kar Nikobaren habe ich die beschriebene Art, mit über den Knöcheln zusammengebundenen Beinen die Kokospalme zu erklettern, gesehen, den andern Inseln sind Tritte in die Bäume gehauen, so daß man wie auf einer Leiter bequem hinauf steigen kanll. Ueberall findet man die Eingebornen gleich bereit zu dem Freundschaftsdienst, die Nüsse vom Baume zu holen, ja sie bieten es immer mit großer Gefälligkeit von selbst an, und es ist die erste Frage, die an den Besucher eines Nikobaren-Dorfes gerichtet wird, will you young nut to drink?” . Die Kokospalme wird von den Nikobaren nicht eigentlich kultivirt, sondern nur gepflegt, die junge Pflanze gewöhnlich eingehegt, um sie vor den Schweinen zu schützen. Der Kokos wald ist meist frei von Unterholz, nur selten durch Gras und Gestrüpp verwachsen, aber außer den Fußwegen, die durch ihn von Hütte zu Hütte oder von Dorf zu Dorf führen, doch188 Asien. keineswegs einladend zum Spaziergang, da der ganze Boden voll alter Schalen und dürrer Blattzweige liegt, so daß man fortwährend stolpert. Der Kokoswald ist auch fast nirgends ganz ungemischt. Er läßt den Hochwald, der gewöhnlich hinter ihm liegt, gleichsam zwischen sich durch bis an das Meeres ufer Vordringen. An solchen Stellen trifft man gigantische Ficus, Baringtonien, Hernandia, Terminalia, Calophyllum mit ihren Riesenstämmen und schattigen Laubkronen dicht am Strande mit tausenden von Schmarotzern bedeckt, die Wurzeln von der Brandung bespült. An diese gewaltigen Laubbäume, die dem Landenden häufig als Erstes entgegentreten, am offenen Strande in ihrer ganzen majestätischen Größe sicht bar, knüpft sich hauptsächlich der Eindruck von der Groß artigkeit und Ueppigkeit der Vegetation auf den Nikobarischen Inseln. Die Kokospalme steht überall nur am äußeren Rand des flachen Korallensandlandes. Sie ist nirgends über die ganze Fläche dieses Landes bis zum Fuß der Hügel verbreitet, obgleich sie da kultivirt eben so gut gedeihen müßte, als am Strand. Die Fläche hinter dem Saum des Kokoswaldes ist von einem Wald eingenommen, den ich als Hochwald vom eigentlichen Urwald unterscheide. Dieser Hochwald ist ein Laubwald, wenn auch nicht aus schließlich. Man begegnet überall neben den Riesenstämmen von Ficus, Calophyllum, Terminalia, Hernandia, Thespesia Sterculia u. s. w. der zierlichen Arecapalme (Areca Katecha), der stachelichen Spanischrohrpalme (Rotang oder Calamus) und einzelnen Pandanus. Wollte ich eine botanische Auf zählung geben, so müßte ich noch zahllose weitere Namen zusammenstellen. Aber ich will nicht Resultate der Spezial-Nikobarische Waldbilder. 189 Untersuchung geben, ich will nur bell Eindruck schildern. Der Hochwald ist selten so verwachsen, daß man sich nicht leicht durchhauen kann. Hällfig findet man auch Fußsteige der Eingebornen durchführen und kommt, wenn man diese ver folgt, zu Pisangpflanzungen, zu kleinen Gartenparzellen mit Zuckerrohr, Orangell, Jam, die sich die Eingebornen hier an- gelegt haben, oder man trifft eine kleine Waldhütte unter der einem umgeschlagenen Eheang"stamm (calophyllum inophyllum, das Schiffbauholz der Nikobarenser) ein Kanoe ausgehöhlt wird. Wegen seiner leichteren Zugänglichkeit war dieser Wald das Haupt - Jagdrevier unserer Zoologen und Jagdfreunde, die hier eine reiche Beute von Vögelil aller Art, Fledermäusen, Eichhörnchen machten. Den schönsten Hoch wald sah ich an der Südseite von Kar Nikokar. Ein gut betretener Fußsteig führte von dem Kokoswald an der Süd seite initten durch den Wald, die südwestliche Ecke der Insel abschneidend, an die Westseite. Die Eingebornen hatten mich vergeblich abzuhalten gesucht, dem Wege zu folgen, und ihre gewöhnlichen Mahllworte, daß ich in Jungle" kommen werde, der voll giftiger Schlangen, vergeblich aufgebraucht, ich wollte einmal tiefer in s Innere kommen und folgte daher mit einem meiner Kollegen dem Fußsteig. Ein junger Nikobarenser, ein wahrer Antinous seiner Race, vom schönsten, ebenmäßigsten Körperbau, war uns lange gefolgt, mit einem Male aber seitwärts im Walde verschwunden. Wir gingen im tiefsten Schatten fort zwischen 100stämmigen Banianbäumen, die aber hier in eben so kolossale Höhe gewachsen, wie in Indien in die Breite, Zwischen Stämmen mit gewaltigen Mauerwurzeln, von deren Kronen Stricke und Seile von allen Dicken herab hingen, an denen man wie an Tauen zur Höhe klettern190 Asien. könnte, zwischen den Bäumen mit platter makelloser Rinde und anderen mit zerrissener narbiger Rinde, die bedeckt war mit tausend Schmarotzerpflanzen, unter denen ein großer prächtiger Strichfarn am meisten in die Augen fällt. Große Krabben mit feurigrothen Scheeren und einem Leib von dem schönsten Blauschwarz liefen vor uns in ihre Löcher, von denen der Boden des Waldes voll ist. Rechts und links raschelte es im dürren Laub von Eidechsen, in den Kronen der Bäume musi- zirten Cykadenschwärme, grüne rothwangige Papageyen flogen kreischend von Baum zu Baum und von den Aesten und Zweigen ertönte der Ruf des Mainavogels und der dumpfe Lockton der großen Nikobarischen Waldtaube. Wie ferner Donner wurde die Brandung allmälig wieder hörbar, einzelne Kokospalmen und Pandanen mischten sich unter die Laub bäume, Alles Zeichen, daß wir uns der Küste wieder näherten. Mit einem Male ein Gestöhne und Geächze in dem Dickicht, eine schwere durchbrechende Masse siehe da, ein fettes Mutterschwein mit vier Ferkeln, das uns aber, da wir uns ganz stille hielten, nicht bemerkte. Ich wollte sehen, was das Thier auf einen plötzlichen Schuß mache. Der Schuß ging in die Luft, das Schwein stand einen Augenblick mit ausge stellten Borstell und entfloh bann in das Dickicht. Aus dem Dickicht aber von der anderen Seite traten wie hergezaubert zehn Eingeborne, alle mit langen Stöcken und ihren Messern oder Säbelklingen. Take care,” Take care” war ihr ge meinschaftlicher Ruf; es waren dieselben Gesichter, die uns beim Eingang in den Wald gewarnt und dann verlassen hatten. Sie waren also offenbar nachgeschlichen, um uns zu beobachten, und kamen augenblicklich zum Vorschein, als sie Gefahr für ihre Schweine fürchteten. So wild die nacktenNikobarische Waldbilder. 191 braunen Kerls mitten im Walde aussahen, so seltsani die Frage ihres Anführers: how many shoot?” klang, als wollten sie unsere Streitkraft der ihrigen gegenüber erfahren, so waren sie doch alsbald besänftigt, als wir uns auf einen umgeworfenen halbvermoderten Baumstamm setztell und Kokos nüsse zum Trinken verlangten. Flink war einer von irrten auf Befehl des Anführers oben auf einer nahen Palme und dröhnend fielen die Nüsse zu Boden. Da saßen wir und unr uns kauerten die Wilden" heute kamen sie mir so vor rauchend und betelkauend, und auf ihren Lockruf kanien auch die erschreckten Schweine herbei und wurden nun mit den ausgetrunkenen Kokosnüssen traktirt. Ich betrachtete mit innigem Behagen die ganze Scene. Es war so ganz die rechte Staffage für den Wald: braune nackte Menschen, schwarze borstige Schweine, ein großer Wald voll Papageien. So hatte ich mir s oft gedacht, wenn ich Cook gelesen. Wie neben dem Kokoswald auf trockenem Sandboden die Mangrovensümpfe stehen, so tritt an die Stelle des Hoch waldes aus sumpfigem Boden der Pandanuswald. Die Mangrovensümpfe sind Salzwassersümpfe, die Pandanussümpfe Süßwassersümpfe. Pandanusse wachsen auf den Nikobarischen Inseln überall auf jedem Terrain, Ulan sieht Pandanusse im Kokoswald, im Hochwald, im Urwald, auf den Grasfluren, Pasdanusse von wenigstens drei verschiedenen Arten. Aber ganze Wälder von Pandanus, wo dieser merkwürdige Baum jede andere Vegetation, außer einigen Areca- und Rotang- palmen, gänzlich verdrängt hat, trifft man blos auf sumpfigem Süßwasser-Alluvium längs dem Laufe der Flüsse oder Bäche, hauptsächlich nahe dem Meere, wo die Flüsse stagnirende Wasserbecken bilden. Hier ist es Pandanus Milone, die größte192 Asien. Pandanus-Art, welche die Wälder bildet. Ich halte dafür, daß der Pandanuswald, den wir auf Pulo Miln, einer kleineil Insel an der Nordseite von Klein-Nikobar, getroffen, das eigenthümlichste frappanteste tropische Vegetationsbild ist, das wir gesehen. Der Pandanuswald läßt sich mit nichts ver gleichen, er ist so eigenartig, so fremdartig, als wäre er ein Ueberbleibsel aus einer früheren Erdperiode. Ich Zweifle auch, ob er irgendwo so üppig und großartig sich wiederfindet wie auf den Nikobarischen Inseln, wo der Pandanus den Brodt- fruchtbaum der Südsee ersetzt. Staunend ob der bizarren Laune der Natur, betrachtet man die seltsamen Bäume, die spiralförmig geordnete Blätter haben, wie die Dracänen, Stämme wie Palmen, Aeste wie Laubbäume, Fruchtzapfen wie Coniferen und doch nichts von alledem fiitb, sondern etwas ganz Besonderes für sich; 40 50 Fuß hoch, durchschnittlich so hoch wie die Palmen, stehen auf Pulo Miln die Pandanen, schlanke glatte Stänime, die auf einem 10 12 Fuß hohen Wnrzelsockel stehen, wie auf einem künstlich aus rundgedrech selten Stäben aufgeballten konisch zusammengestellten Pfeiler werk. Manche dieser Wurzelstäbe erreichen den Boden nicht und ahmen in ihrem Jugendzllstand als Luftwurzeln die un aussprechlichsten Formen nach. Nach oben wiederholt sich die selbe Form in den Aesten. Daran hingen Fruchtkolbell IV Fuß lang, 1 Fuß dick, im reifen Zustalld prächtig orange gelb, mit hellgrünen Tupfen, und während man oben hinauf schaut, ob einem die centnerschwere Frucht nicht auf den Kopf fällt, stolpert man unten über die Füße, die der Wald einem von allen Seiten vorhält. Der Pandanus ist auf den Nikobarischen Inseln nicht gepflegt, er wächst in üppigster Fülle wild und ist nach der Kokospalme für die EingebornenNikobarische Waldbilder. 193 die )vichtigste Nahrungspflanze, die eigentliche Charakterpflanze der Nikobarischen Jllselli. Die immensen Fruchtkolben, welche der Baum trägt, bestehen aus vielen einzelnen keilförmigen Früchten, die roh sich nicht genießen lassen; aber in Wasser abgekocht, läßt sich eine mehlhaltige apfelmusartige Masse auspressen, das sogenannte Mellon" der Portugiesen, das mit dem Fleisch der jungen Kokosnuß zugleich genossen das tägliche Brodt der Eingebornen ausmacht. Der Geschmack dieses Pandanusmuses steht in der Mitte zwischell Apfelmus und gelben Rüben und ist den: Europäer keineswegs unan genehm. Ist die mehlhaltige Masse ausgepreßt, so bleiben die holzigeil Fasern der Frucht, bürsten- und pinselartig, übrig und werden voll den Nikobarensern auch als natürliche Bürsten benützt, die getrockneten Blätter des Baumes geben das Papier für die Nikobarischen Cigarretten. Hat man sich durch den Hochwald und Paudanuswald hindurchgearbeitet, so gelangt man auf den Nikobarischen Inseln gewöhnlich an den Fuß von Hügeln, die auf den nördlichen Inseln mit hohem Gras bewachsen, auf den südlichen lnit dichtem Urwald bedeckt sind. Dieser auffallende Unterschied in der Begetations - Bedeckung des Hügellandes beruht auf einem sehr wesentlichen Unterschied der Bodenzusammensetzung. Das Hügelland der nördlichen Inseln besteht aus einem außer- ordelltlich unfruchtbaren Thonmergelboden, das Hügel- und Bergland der südlichen Inseln aus einem ebenso frllchtbaren Sandstein- und Thonschieferboden. Wo das üppigste Tropen klima nichts anderes hervorzubringen vermochte, als steifes trockenes Lalanggras und rauhe scharfe Halbgräser, da hat die Natur dem Boden deutlich genug den Stempel der Un fruchtbarkeit aufgedrückt, und gerade auf solchen unfruchtbaren Kletke, Neues Skizzenbuch. -.o194 Asien. Grashügeln, die aus der Ferne zwischen dem Wald so heimath- lich wie üppige Weizenfelder anlocken, hatten die Kolonisten am Nang Kaury-Kanal ihre Häuser und Gärten gebaut. Das Gras wächst nun hoch über ihren Gräbern, die Brandung spielt mit den Ziegeln, aus denen sie gebaut, und Haus und Hof, Garten und Feld, Weg und Steg sind spurlos ver schwunden. Ans Kar Nikobar habe ich diese Grashaiden zum Theil abgemäht gesehen, weil die Eingebornen das Gras zur Dachbedeckung benützen, auf Kamorta standen große Strecken in Feuer und Flammen, daß der Himmel bei Nacht blutroth die Fregatte erleuchtete, die im Nang Kaury-Hafen vor Anker lag. Der Nikobarische Urwald! Berg und Thal ist von ihm voll und das Küstenvolk von Groß-Nikobar erzählt von einem wilden Volksstamm, von Waldmenschen" ( Jungte men”) mit langen Haaren, die keine Hütten bewohnen, die auf den Bäumen des Urwaldes hausen, von wildem Honig, von Wurzeln und von der Jagd leben. Aber kein europäisches Auge hat diese Waldmenschen gesehen, kein europäischer Fuß ist durch den Urwald gedrungen in s Innere. Wir sind wohl viel herumgeklettert in Bachschluchten, die sich hineinziehen in diese Urwälder, wir sind bewundernd vor Farrnbäumen ge standen, die dreißig Fuß hoch, wie Palmen, ihre zierlichen Kronen aus dem Schatten des Waldes zum Licht erheben, echte Urwaldkinder, wir haben Affen verfolgt, mit Säbel und Schwert uns durchhauend, aber ich glaube fast, es ist leichter, Tunnels und Stollen durch feste Felsmassen zu treiben, als durch Nikobarische Urwälder Wege zu bahnen. Jene dunklen Wälder auf Hügeln und Bergen, über die die schlanke Ni- bongpalme (Areca Nibong) mit ihren Blüthen und Frucht büscheln am Stamme und unterhalb der Krone, das eigentlicheNikobarische Waldbilder. 195 13 * Wahrzeichen der Nikobarischen Inseln, sv hoch die vom Nord ostwind llach einer Seite gedrehten Wipfel erhebt, sind uns ein Räthsel geblieben, unb ebenso ihre Menschen unb Thiere. Nur Ein Bild schwebt mir in lebhafter Erinnerung, das ich dem Urwald zurechne. Ich sah es auf Kar Nikobar, als ich auf kleinem Kahne den Commodore einen kleinen Fluß hin auf begleitete, der in die nördliche Bucht mündete. Das war ein Bild der Wirklichkeit, wie inan es aus phantastischen Theaterdekorationen ahnt. Da erhob sich die schlanke Nibongpalme am steilen Flußufer aufsteigend bis zu 100 Fuß Höhe, und neben ihr die zierliche Katechenpalme. Riesige Laubbäume mit niederen dicken Stämmen wölbten ihre schattigen Lanbkronen über den Fluß, Pandanen hoch auf Stelzen spiegelten sich im glatten Wasser. Bambllsgebüsche, belebt von Schmetterlingen, Nymphäen-artige Wasserpflanzen, grüne Algerlbünke, Vegetation in üppigster Fülle im Wasser, am Ufer und in der Luft über uns. Denn überall hing es herab in Blätter und Blüthen, in dicken und dünneren leben den Tauen, und eine Riesenguirlande zog sich in hohen Bogen über den Fluß, gewunden wie eine Schraube, selbst Schmarotzer, umhängt und umwunden von tausend grünen und blühenden Schmarotzern. Beschreiben läßt sich das Bild nicht, nur die Kunst des Malers könnte es nachahmen.196 Asien. IV. Ein Tag in Madras. Für den, der noch nichts von Asien gesehen hat, ist schon das äußere Bild dieser Stadt ungemein anziehend. Lange Reihen weißer Gebäude mit flachen Dächern Ziehen sich tu be- trächtlicher Ausdehnung hart am niedrigen Strande hin nub erstrecken sich weit landeinwärts, bis sie sich in deni üppigen Grün von Gärten und Baumpflanzungen verlieren. Ueber diese ansehnliche Häusermasse ragen an vielen Stellen die Kuppeln, Minarete und Thürme zahlreicher Mosköen und Pagoden empor, die dem Orte ein eben so malerisches, als eigenthümliches Aussehen geben und dem Reisenden schon aus der Entfernung einen Vorgeschmack von allen den seltsamen Merkwürdigkeiten gewähren, die er beim Betreten des indischen Bodens soll näher kennen lernen. Die reine Bläue des Himmels und der tropische Charakter der Pflanzenwelt, be sonders stattliche Palmen und dunkelblättrige Mango-Bäume, die überall vereinzelt und in Gruppen wachsen, tragen nicht wenig dazu bei, den Eindruck dieses Gemäldes zu erhöhen. An dem zur Linken gelegenen Fort St. Georges mit dem schönen, neuen Leuchtthurme, so wie an dem regen Verkehre, der auf der Rhede und dem Landungsplätze herrscht, erkennt man auf den ersten Blick die Wichtigkeit dieses ansehnlichen Handelsplatzes. Das bunte Treiben auf der ersteren gehört namentlich zu den Eigenthümlichkeiten des Ortes und man wird zuerst förm lich verwirrt durch die Menge europäischer und einheimischerEin Tag in Madras. 197 Fahrzeuge, die sich dort beisammen befinden. Im Gegensätze zu den schlanken, englischen Kauffahrern zeichnen sich die Doni s, eine Art Schiffe von halb indischer, halb arabischer Bauart, durch ihre häßliche Gestalt aus, iudem ihre unver- hältnißmäßige Breite von 30 bis 35 , bei einer durchschnitt lichen Länge von nur 70 bis 80 ihnen ein sehr plumpes Aussehen verleiht, da ihr Rumpf, unbeladen, übermäßig hoch au dem Wasser ragt. Ihre Takelung besteht aus zwei niedrigen Masten von Bambusrohr, an deren jedem ein großes lateinisches Ruthensegel von brauner Farbe hängt. Dessen ungeachtet eignen sich diese Schiffe ganz vorzüglich zum Be fahren jener Gewässer, und fast der ganze Küstenhandel des indischen und arabischen Meeres, selbst bis nach den entfernten Gegenden von Ostafrika und Madagaskar, wird mit ihnen betrieben. Sie sind ausschließlich von Eingebornen bemannt und segeln meistens nur vor dem Winde, so daß sie blos eine weite Reise im Jahre machen können. Beim Eintritt des nordöstlichen Monsoun s verlassen sie Indien und kehren mit dem südöstlichen wieder zurück, nachdem sie an ihrem Bestimmungsorte die einheimischen Maaren gegen ausländische vertauscht haben. Der Handel und das Seewesen bei den Indiern sind heutzutage noch eben so einfach und ursprüng lich, als bei den alten Phöniziern. Nicht einer unter tausend Schiffern besitzt einen Kompaß oder versteht seinen Lauf zu berechnen: wenn sie das Land aus dem Gesicht verlieren, steuern sie bei Tage nach der Sonne und Nachts nach den Sternen. Von höchst fremdartiger Form sind die vielen Boote und Kühne, von denen die hiesige Rhede wimmelt und zwei Arten, der Katamaran und die Masüla-Manche, der Küste von198 Asien. Coromandel ausschließlich angehören. Sie werden nur von Eingebornen geführt, welche die geschicktesten Bootsleute und verwegensten Schwimmer sind, die es geben kann. Der Katamaran ist ein einfaches Floß, das gewöhnlich aus drei mit Coirseilen*) zusammengebundenen Balken besteht, von 4" bis 6" Durchmesser und 30 bis 35 Länge, auf eine Breite von nur etwa 2 5" bis 3 5". Das Hintertheil ist stumpf, während das Vordertheil dadurch eine schnabelähnliche Form erhält, daß der mittlere Balken über die beiden andern her vorragt und zugespitzt ist, um das Wasser mit möglichster Schnelligkeit zu durchschneiden. Der Katamaran ist so leicht, daß nach seinem Gebrauche ein Mann ihn mit den Schultern aus bem Wasserzu heben und auf s Trockene zu tragen pflegt, wo er bis zu neuem Bedarfe liegen bleibt. In der Regel wird er von einem oder höchstens von drei Mann, die ritt lings darauf sitzen, mit doppelten Schaufelrudern gelenkt, und es gehört zu den Ausnahmen, wenn er zum Segeln ausge rüstet ist. Wenn man dieses zerbrechliche Flößchen sieht, über das die Wellen fortwährend hinwegspülen, mit den nackten, halb im Wasser sitzenden Männern darauf, die sich nicht ein mal darauf festzuhalten scheinen; so begreift man nicht, woher sie den Muth schöpfen, sich überhaupt darauf dem Meere anzuvertrauen. Dabei durchschiffen sie aber nicht blos die heftigste Brandung, sondern fahren sogar bei stürmischem Wetter, wann keinerlei Boot See zu halten vermag, weit vom Lande hinaus, um entweder zu fischen, oder auch dort kreuzenden Schiffen Nachrichten vom Lande zu bringen. Dies thun sie zu allen Jahreszeiten, selbst während der 5 Monate, *) Coir: Palmbast, vorzugsweise der Kokospalme.Ein Tag in Madras. 199 wo alle andern, ob europäische, oder einheimische Fahrzeuge, wegen des an jenen Küsten gefährlichen Nordostmonsouns die Rhede verlassen müssen, und aller gewöhnlicher Verkehr zwischen See und Land in Folge der alsdann furchtbar tobenden Brandung abgeschnitten ist. Kommt unter solchen Umständen ein Schiff in Sicht, das der Hülfe bedarf oder nothwendig mit dem Lande verkehren muß, dann schieben einige Eingeborne ihr Flößchen in s Meer und machen sich getrost dahin auf den Weg. Einer von ihnen pflegt eine kegelförmige zugespitzte Mütze von wasserdicht geflochtenem Stroh auf dem Kopfe zu tragen, die mit einem doppelten Boden versehen ist. Diese Mütze vertritt die Stelle eines Postsackes, wohinein man Briefe und Papiere legt, welche auf diese Weise trocken und sicher an ihr Ziel gelangen, da bei solchen Gelegenheiten fast nie Unglücksfälle Vorkommen. Die Masüla-Manche, deren Name, wie man uns an Ort und Stelle versicherte, von der Stadt Masulipatam her stammt, ist in ihrer Art noch vollkommener und merkwürdiger. Es sind die einzigen Boote, mit denen sich die berüchtigte und zu jeder Zeit mehr oder minder gefährliche Brandung jener Küste durchschiffen läßt; denn alle andern, selbst die ausgezeichnetsten Schaluppen der englischen Kriegsschiffe werden bei jedem erneuerten Landungsversuche unvermeidlich zertrüm mert; und da nur die Eingebornen in den heftigen Wellen zu schwimmen verstehen, so sind derartige Wagnisse gewöhnlich mit dem Lebensverluste der gesammten Bootsmannschaft ver knüpft, die entweder ertrinkt, oder von Haifischen verschlungen wird. Die vorzüglichen Eigenschaften, welche die Masnla- Manchö ihrer eigenthümlichen Bauart verdankt, lassen sich nicht an ihrem unförmlichen Aussehen erkennen, denn sie200 Asien. gleicht eher einem Trog, als einem Boote. Sie ist länglich rund, mit flachem Boden ohne Kiel, und beinahe senkrechten Seitenwänden, wobei sie gewöhnlich eine Länge von 30 bis 35 , eine Breite von 11 bis 12 und eine Tiefe von 7 oder 8 hat. Diese Form und Größenverhältnisse machen das Umschlagen fast unmöglich; und dadurch, daß die Planken, statt, wie bei andern Fahrzeugen, vermittelst eiserner Nägel oder hölzerner Pflöcke zusammengefügt zu sein, ausschließlich mit Coirseilen verbunden sind, was dem Körper des Bootes eine solche Biegsamkeit und Schnellkraft verleiht, daß es selbst einem Fußtritt oder dem geringsten Anstoße nachgiebt, ist es in den Stand gesetzt, den schwersten Wellendruck und die heftigsten Stöße gegen den Ufersand, nicht blos ohne zu zer schellen, sondern unbeschädigt, auszuhalten. Es eignet sich außerdem noch so vorzüglich zum Landen an einem seichten Strande, da es, befrachtet oder voll Menschen, nur 12" und unbeladen nur 6" tief geht. Eine gewisse Anzahl dieser Boote, die hier unter Aussicht der englischen Hafenbehörden stehen, sind immer in Bereit schaft, den Verkehr zwischen der Stadt und den europäischen Schiffen auf der Rhede zu bewerkstelligen. Da wir uns nach dem Lande sehnten, so bestiegen mehrere von uns eines der selben, nachdem wir unserer schwimmenden Behausung auf einige Zeit Lebewohl gesagt hatten. Das war eine seltsame Fahrt, bei der Einigen ganz wunderlich zu Muthe wurde. Das Schiff lag etwa eine halbe englische Meile von: Ufer und wurde nur sanft von der langen Dünung bewegt, der seitwärts vom Lande herkommende Südostwind war so schwach, daß er die anscheinend ruhige Oberfläche des Meeres kaum kräuselte; und doch konnte man das dumpfe Brausen derEin Tag in Madras. 201 Brandung aus der Ferne deutlich vernehmen. Das Getöse der unaufhörlich auf dem Ufersaude brechenden Wellen nahm immer mehr zu, bis es zuletzt einem mächtigen Wasserfalle glich. Als wir bis dicht an den äußeren Rand des schäumenden Gürtels gelangten, der die ganze Küste, so weit man zu sehen ver mochte, in einer Breite von mehrereil hundert Schritten umgab, hörten unsere eingebornen Bootsleute auf, mit ihren Schaufel rudern zu arbeiten, um neue Kraft zu schöpfen und in ruhigem Wasser den zum Durchschiffen der Brandung geeigneten Augen blick abzuwarten. Im Meere folgen immer drei oder vier vorzugsweise große Wellen in ziemlich regelmäßigen, ruhigeren Zwischen- räumen, wie es schon Homer bemerkt hat, auf einander. Als die letzte von dreien solchen Sturzseen heranrollte, kehrten die Ruderer ihr das Hintertheil des Bootes zu und wir wurden bis mitten in den Strudel fortgerissen, wo, beim Zurück weichen des Wassers, unser Fahrzeug mit solcher Heftigkeit auf den Grund stieß, daß wir fast von unfern Sitzen geschüttelt wurden, während der Schaum hoch über uns hinspritzte. Kaum war dieser erste Ruck Überstunden, als wir von einer neuen Welle, die, sich überschlagend, heranbrauste, wieder flott gemacht imb um einige fünfzig Schritte weiter landeinwärts geschleudert wurden, bis auch sie wieder zurückwich und uns eben so gewaltsam, wie das erste Mal, auf dem Sande sitzen ließ. Dabei arbeiteten und schrieen die Ruderer aus Leibes kräften, während die beiden Tindals (Steuerleute) auf dem Vorder- und Hintersteven standen und die langen Bambus stangen ihrer Schaufelruder gegen den Grund stemmten, um das Boot im Gleichgewicht zu erhalten und so zu verhindern, daß die nachspülenden Wellen es von der Seite erfaßten; denn202 Asien. dann wäre es entweder von: Strande wieder weggerissen oder mit Wasser gefüllt worden. Dies wiederholte sich mehrmals, bis wir zuletzt von einer großen Sturzsee hoch auf den trockenen Sand geworfen wurden, wo die sämmtliche Mannschaft über Bord sprang und das Boot mit einen: langen Coirseile aus den: Bereiche der Brandung zog. Glücklicher Weise besteht der Strand hier aus dem feinsten Sande, ohne alle Felsen und Steine, sonst würden selbst die Masüla-Boote schwerlich viele solcher Proben unbeschädigt und gefahrlos bestehen. Die gewalsamen Erschütterungen und die plötzliche Art der Lan dung verwirren einen, besonders das erste Mal, ziemlich; man hat aber nicht lange Zeit, die Sonderbarkeit seiner Lage zu betrachten, denn kaum ist das Boot aufs Trockene gezogen, so wird man selbst, ob mit oder ohne Zustimmung, von einer Menge Eingeborner bestürmt, aufgehoben und, ohne daß man sich dessen versieht, in ihren Armen vollends aus dem Bereiche der weit aufspritzenden Wellen fortgebracht. Wir wurden alle in dieser Weise an s Land geschleppt und auf den Wink eines Eingebornen, der uns schon auf dem Schiffe seine Dienste angeboten, ein jeder, ohne zu wissen wie und wohin, in einen Palanquin*) geschoben, dessen Verschlüge sich hinter uns schlossen, und so davongetragen. Wie wenig entspricht doch oftmals die Wirklichkeit den *) Die durch ganz Indien gebräuchlichen Palanquine sind eine Art Sänften, in denen man liegt und die von vier, sechs oder acht Coolis (Träger) an einer vorn und hinten vorragenden Stange getragen werden. Sie haben die Form länglich niedriger Kasten, die von allen Seiten zu sind und nur an jeder Seite eine thürenartige Oeffnung haben, die zum Ein- und Aussteigen dient und nach Wunsch geschlossen oder geöffnet wer den kann. Man bedient sich der Palanquine, sowohl Reisen als in den Städten, ganz wie bei unö der Wagen.Ein Tag in Madras. 203 täuschenden Vorstellungen, die man sich über die ersten Eindrücke und Gefühle bei dem bloßen Betreten des Bodens eines fernen und berühmten Landes zu machen pflegt! Es wäre aber nicht gut für den Reisenden, wenn er sich durch solche kleinen Wider wärtigkeiten, deren es überall giebt, wollte aus der Fassung bringen lassen, besonders da dieselben an sich nichts Schlimmes haben und man sich nachher durch die darüber entstehende Heiterkeit reichlich für das augenblickliche Leiden schadlos zu halten pflegt. Unsere Ueberraschung und Verlegenheit bei dieser so unerwarteten Einkerkerung war daraus entstanden, daß wir ohne Dollmetscher gelandet und also das lärmende Geschwätz der Eingebornen nicht zu verstehen vermochten, sowie auch, daß wir die Art, wie sich die Verschlüge eines Palanquiws öffnen, in der ersten Verwirrung nicht gleich begriffen, indem dieselben nicht wie Flügelthüren auf- und zugeschlagen, sondern von der Seite vor- und zurückgeschoben werden. Den Coolis fiel eine solche Unbeholfenheit von unserer Seite natürlich nicht ein, und jemehr einer von uns in seinem Käfig klopfte und lärmte, damit man ihm aufmache, desto mehr beeilten sie ihre Schritte in der Meinung, daß der Sahib *) dadrinnen über ihre Langsamkeit vor Ungeduld außer sich sei. Das Mißver- ständniß ward indessen bald aufgeklärt, als die Träger vor der Thür des einzigen europäischen Wirthshauses der Stadt anhielten, wo wir ein recht gutes Unterkommen fanden. Da unser erstes indisches Abentheuer uns daran erinnert hatte, daß ein zu eifriges Streben nach Selbstständigkeit leicht zum Gegentheile dessen führt, was man bezwecken will, so *) Sahib ist einer der vielen Ehrentitel, den die Indier fast allen Fremden, besonders Europäern geben.204 Asien. nahmen wir, um nicht auf s Neue in Verlegenheit zu gerathen, einen Baerer*) in unsere Dienste, der wenigstens Englisch ver stehen konnte, und da wir bei unserem Einzuge in Madras noch gar nichts gesehen, so trieb uns die Neugierde, unge achtet der bereits eingetretenen Dunkelheit, aus dem Hause. Wir hatten kein bestimmtes Ziel vor Augen und überließen es daher dem Wegweiser, uns nach Gutdünken zu führen. Auf seinen Vorschlag beschlossen wir, ihm nach der Wohnung eines seiner Landsleute zu folgen, wo ein Tanz aufgeführt werden sollte. Erst ging es eine Strecke weit durch die breite, aber staubige Straße, die den nahgelegenen Landungsplatz mit den verschiedenen Theilen der Stadt verbindet; dann bogen wir in ein enges Seitengäßchen ein, das zwischen zwei Reihen niedriger Gebäude mit weißgetünchten Lehmwänden hinlief, aber so krumm, öde und einförmig war, daß wir bald alle Ortskunde verloren. Diese Häuser waren, wie fast überall im Morgen lande, sehr unregelmäßig und hatten keine Fenster nach außen. Obgleich es noch nicht spät war, so ließen sich weder Lichter sehen, noch Stimmen hören, und wir begegneten nur einigen gespensterhaft vermummten, schweigenden Gestalten, die mehr 31t schleichen, als zu gehen schienen. War es die unheimliche Stille und der Mangel an Abwechselung, oder die wirkliche Weite des Wegs? die Zeit kam uns jedenfalls sehr lang vor, welche der schwarze Diener uns durch die wirren Gassen dieses ausgestorbenen Viertels führte, bis er plötzlich einen Augen blick stille stand, dann an ein Haus hinantrat und geräuschlos verschwand, während wir außen seiner harrten. Bald kehrte er in Begleitung eines andern Mannes zuriick, der anscheinend *) Fremdenführer und zugleich Anfwärter.Ein Tag in Madras. 205 der Hauswirth war, und wir folgten ihnen durch die niedrige Pforte und finsteren Gänge in einen inneren Hofraum, wo wir beim matten Schein einiger Lampen mehrere Leute ver sammelt sahen. Es war ein unbedeckter, mit gebrannten Ziegeln gepflasterter Hof, der etwa zehn Schritte in s Gevierte maß und aus dem mehrere offene Thüren in das Innere des ihn umschließenden Hauses führten. Als wir eintraten, begrüßten uns alle Anwesenden und boten einem jeden einen niedrigen Strohseffel ohne Lehne. Nachdem wir uns gesetzt, näherten sich einige der Gäste und fächelten uns mit kleinen, künstlich geflochtenen Ponka s*) Kühlung zu, während der Hausherr sich entfernte und kurz darauf mit vier Natch- Mädchen und eben so viel Männern wiederkam. Sie trugen weite Beinkleider, ein knappanliegendes Wams mit kurzen, engen Aermeln, nebst einem faltenreichen Obergewande, was alles von feinem, weißen Stoffe war, der eine Art Baumwolle zu sein schien. Der Anzug bei Männern und Frauen war so weit ohne Unterschied, nur daß die ersteren weiße Turbane zur Kopfbedeckung hatten, wogegen die letzteren das Haupt, sowie den ganzen Körper, mit einem langen Schleier von Nesseltuch verhüllten, den sie nachher beim Tanzen ablegten. Die saubere Reinlichkeit und Ordnung in der Tracht und Haltung dieser Leute, die keineswegs sehr wohlhabend schienen, war, im Vergleiche mit dem an Dürftigkeit grenzenden Aussehen der Wohnung, nur desto auffallender. Die vier Frauen waren mit Schmucksachen überladen. An Nase und Ohren hatten sie Goldgehänge, an den Armen und *) Pont : Fächer. Es giebt deren sehr viele verschiedene Arten in Indien und man bedient sich derselben in allen Ständen.206 Asien. Beinknöcheln schwere Goldspangen, und Ringe an den Fingern und sogar an den Zehen. Sie waren aber trotz ihrer Jugend nichts weniger als hübsch, wie denn überhaupt weibliche Schönheit im südlichen Indien sehr selten ist. Der Natch, oder Tanz der Bayaderen, hatte Wider unser Erwarten nichts Unanständiges an sich. Er wurde nur non einer der vier Tänzerinnen je allein nach dem Takte der nicht sonderlich wohlklingenden Musik aufgeführt, welche die vier mit denselben eingetretenen Männer machten, indem zwei von ihnen metallene Becken zusammenschlugen, die beiden andern mit den Fingern auf dem Tamtam trommelten und alle mit eintöniger, näselnder Stimme schwermüthige Lieder dazu sangen, die uns wie Romanzen vorkamen. Der Tanz selbst bestand in langsamen Bewegungen, die sehr ausdrucksvoll und nicht ohne Anmuth waren, und die Darstellung des Inhaltes der Musik zum Zweck zu haben schienen, so daß er vielmehr an eine dramatische Vorstellung, als an ein Ballet erinnerte. Die verschiedenen Geberden enthielten ein seltsames Gemisch von abwechselnder Sanftheit und Leidenschaft, und einige Stellun gen verriethen sowohl große Gewandtheit, wie eine erstaun liche Biegsamkeit aller Glieder, besonders wenn die Tänzerin sich rückwärts beugte, bis die Hände und der Kopf den Bo den hinten berührten, ohne daß sie das Gleichgewicht verlor oder sich beini Wiederaufrichten anders als auf den Füßen stützte. Dabei schien sie mehrere Rollen auf einmalzu spielen; denn sie drehte sich mehrfach um, als ob sie mit Jemandem redete, und that dann, wie wenn sie die von ihr an denselben gerichteten Worte in seiner Rolle beantwortete. Die Eingebornen fanden großes Vergnügen an diesen Vorstellungen, deren mehrere auf einander folgten, und gabenEin Tag in Madras. 207 ihr Ergötzen durch mehrfältigen Beifall zu erkennen. Da wir aber kein Wort von der Landessprache verstände): und den eigentlichen Sinn des Schauspiels nicht zu verfolgen ver mochten, so hatte dasselbe, außer seinem eigenthümlichen Ge präge, kein so großes Interesse für uns. Es herrschte außer dem ein höchst unangenehmer Fettgernch von Dschäe*) und Kokosöl, der uns beinahe Uebelkeit erregte. Wir waren da her nach einiger Zeit genöthigt, das Freie zu suchen, und verabschiedeten uns von der Gesellschaft, die ihre Unterhaltung noch fortsetzte. Die verhältnißmäßige Kühle einer gerade mondhellen Tropennacht, besonders da eine frische Seebrise uns anwehte, als wir auf dem Rückwege aus dem engen Gassengewirre an den Strand gelangten, wirkte unendlich erquickend. Das dumpfe Brausen der nie rastenden Brandung hallte weit hin durch die Stille, und der Anblick der einander unaufhörlich folgenden Wellen, wie sie eine nach der andern heranrollte): und nachdem sie auf dem Ufersande zerborsten, schaumend zu rückprallten, war in dieser späten, einsamen Stunde doppelt erhebend. Das Feuer des Leuchtthurmes strahlte dabei hoch über den finsteren Wellen des Fort St. Georges, während die Schiffe auf der Rhede eine Menge undeutlicher Gestalten bildeten, die wie körperlose Schatten zwischen Luft und Wasser schwebten. Es dauerte lauge, ehe wir uns entschließen konn ten, an die Heimkehr zu denken, um die nöthige Ruhe zu suchen. *) Dschse: geschmolzene Butter, die man in Indien in viele Speisen mischt, deren Geruch und Geschmack aber für einen Europäer unerträg-Es ist aber keine leichte Sache, dieselbe in Indien zu finden, denn ist man auch noch so müde, so pflegt man doch den größten und besten Theil der Nacht hindurch von der grausamsten Schlaflosigkeit heimgesucht zu werden. Obgleich im Freien, wenigstens im Vergleich zur Tageshitze, Nachts einige Kühle herrscht, so ist es im Innern der Häuser doch unerträglich schwül, besonders da man in den meisten Theilen des Landes bei dicht verschlossenen Fenstern schlafen muß, um sich nicht durch das Einathmen der nächtlichen Ausdünstungen ein Fieber zuzuziehen. Es scheint einem daher, sobald man sich niederlegt, als ob bei jedem Athemzuge, statt der gehoff ten Erleichterung, nur jedesmal eine zentnerschwere Last auf die beengte Brust fiele, und man fühlt sich so beklommen, daß es einem fast vorkommt, als werde man von dem leichten Vetttuche erstickt. Dabei durchschwärmt eine Schaar Mos- quitos, die bei eintretender Dunkelheit, wie durch Zauber er weckt, überall aus ihren Schlupfwinkeln Hervorbrechen, das Schlafgemach mit lautem Gesumme, von denen einige, trotz aller Schutzmittel von Netzen und dichten Vorhängen, sich doch einen Weg auf das Lager zu bahnen wissen und mit ihren schmerzhaften Stichen bis zur Verzweiflung peinigen. Man wälzt sich stundenlang in der elendesten Rastlosigkeit, von Be klemmungen und Insekten gefoltert, auf dem Bette umher, ohne daß es gelingt, einzuschlafen, und man empfindet, statt der Müdigkeit, eine fieberhafte Aufregung. Endlich bringt das Ausbrechen eines reichlichen, kalten Schweißes etwas Er leichterung und man verfällt, von Ermattung überwältigt, während einiger kurzen Stunden in einen leichten, aber durch wiederholtes Aufschrecken und wirre Träume unterbrochenen Schlummer, bis man gegen Tagesanbruch noch erschöpfterEin Tag in Madras. 209 erwacht, als man sich zur Ruhe gelegt hat. Zum Ersätze für diese nächtlichen Leiden führen die Europäer in Indien ein desto üppigeres Leben, wovon wir selbst in unserem, sonst be scheidenen Wirthshause mehrere Proben erhielten. Obgleich wir in einer sehr einfachen und anspruchslosen Weise reisten, fand doch ein Jeder am Morgen nach unserer Ankunft einen besonderen Baerer, der sich einem, wie auf Geheiß, zu seiner Verfügung stellte. Als wir unsere Verwunderung über eine so überflüssige Zuvorkommenheit äußerten und dem englischen Wirthe, wie den nach unserer Meinung zu diensteifrigen Ein- gebornen zu verstehen gaben, daß wir an dem Dollmetscher des vorigen Tages genug hätten und deshalb aller weiteren Dienerschaft nicht bedürften, sagte der erstere: es sei custum” und wiederholten die letzteren das Wort Dustur" (Gebrauch). Wenn man sich in Indien nach der Ursache irgend eines Umstandes oder einer auffallenden Sitte erkundigt, dann er hält man, statt aller weiteren Erklärung, nur Dustur" zur Antwort; und was einmal Gebrauch ist, darein muß man sich finden, sei es auch noch so seltsam. Denn Alles beruht dort auf uralten Ueberlieferungen, die von Jedermann, weil er sie von seinen Voreltern ererbt, heilig gehalten und mit größter Gewissenhaftigkeit beobachtet werden und sich so tief in den Charakter der Leute eingewurzelt haben, daß ihr Da sein gewissermaßen darauf beruht. Das ist der Grund, weß- halb jene zahlreichen Völker mit einer so zähen Beharrlichkeit ihr grausames Kastenwesen von Geschlecht zu Geschlecht er tragen und mit einem beinahe kindischen Eigensinn die aller geringfügigsten Gewohnheiten unabänderlich beibehalten. Das letztere gilt eben so sehr bezüglich Jndien s, als des ganzen übrigen Morgenlandes. Es ist in Indien Sitte, daß der Kletke, Neues Skizzenbuch. - 4210 Asien. Baerer Nachts auf einer Strohmatte vor der Thüre seines europäischen Herrn schläft. Sobald es anfing zu tagen, schlich sich der meinige barfuß und geräuschlos an mein Bett, und da er sah, daß ich wach war, kreuzte er die Arme über der Brust, senkte das Haupt und zog sich mit einem ehr erbietigen Salaam Sahib" bis an die Thürschwelle zurück, wo er regungslos wie eine Bildsäule stehen blieb, meine Be fehle zu erwarten. Obgleich nur ein einfacher Aufwärter, der nicht mehr als eine halbe Rupie*) täglich für seine Dienste erhielt, gehörte er doch zu einer der höheren Kasten; zuin Ab zeichen davon hatte er drei Striche von gelber und weißer Farbe au der Stirne, die in Strahlen von bem Obertheile der Nase ausliefen. Wie wir es schwer fanden, uns auf englisch verständlich zu machen, unterhielten wir uns durch Zeichen, was uns um so leichter ward, als er eine ganz außerordentliche Schärfe der Auffassung mit der größten Auf merksamkeit verband, so daß es nur eines Winkes oder einer Miene bedurfte, um ihm anzudeuten, was man wollte. Trotz alles Kastenwesens sind die verschiedenen Klassen im Orient doch bei weitem nicht so scharf von einander getrennt, als in Europa, und wo ein solcher Abstand auch herrscht, da tritt er doch viel weniger merklich hervor; denn allen Leuten ist jenes feinere Gefühl und das daraus erfolgende zarte, rück sichtsvolle Benehmen dort von Natur eigen, welches bei uns nur vermittelst Erziehung und Bildung entsteht. Dieser Un terschied ist im Wesen der morgenländischen Dienstboten be sonders auffallend, da es, wenn sie auch öfters schlecht, treu los und unehrlich sind, doch niemals weder in Rohheit, noch *) Eine Rupie 2 englische Schillinge.Ein Tag in Madras. 211 anmaßende Frechheit ausartet; und inan kann daher gern einen vertraulichen Ton gegen seine Dienerschaft annehmen, ohne zu fürchten, daß sie dadurch verleitet werden möchte, die ihren Herren stets schuldige Achtung aus den Augen zu verlieren. Um für die Hitze und Ermüdungen des kommenden Tags einige Kräfte zu sammeln, stieg unsere gesammte kleine Reise gesellschaft auf das flache Dach des Hauses, wo wir die er frischende Morgenluft und die reizende Aussicht auf Stadt und Meer in gleich hohem Grade genossen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, dessenungeachtet herrschte überall schon ein reges Treiben. Die am vorhergehenden Abende wie aus gestorben leeren Straßen und der verödete Landungsplatz wa ren jetzt voll emsiger Menschen, die sich nach allen Richtun gen durch einander bewegten, Zahlreiche Katanlarana- und Masüla-Boote wurden in s Wasser geschoben oder tanzten bereits in der Brandung; die Schiffe glichen nicht mehr Ge spenstern, und mit der sich belebenden Brise drang der fröh liche Gesang der mit Löschen und Laden beschäftigten Matro sen von der Rhede zu uns herüber. Rach Westen-schweifte der Blick weit über die flache Ebene hin, die nur im Süd westen und Süden von den niedrigen Sudras-Höhen und dem vereinzelten Berge St. Thomas, sowie den hin- und wie der aus einigen Hainen hervorragenden, schönen Landhäusern der englischen Kaufleute und Beamten unterbrochen wird. Als die Sonne sich aus dem östlichen Ocean erhob und den gol denen Schimmer ihrer Strahlen über die Meeresfläche aus goß, zuckte eine grelle Flamme von den Wellen des Fort auf, die sich sogleich in leichte Wirbel weißen Rauches verwan delte, und als der donnernde Morgengruß durch die Luft 14 *212 Asien. hallte, entfaltete sich die an einem hohen Mastbaum aufge zogene, englische Flagge. Der Kanonenschuß diente uns zur Warnung, nicht länger auf dem Dache zu bleiben, und wir kehrten in unsere Zimmer zurück, um uns anzukleiden, oder richtiger gesagt, uns ankleiden zu lassen, denn es ist die be sondere Aufgabe des schwarzen Dieners, seinem Herrn Strümpfe, Schuhe und alles Uebrige anzulegen. Außerdem muß man sich auch noch rasiren lassen, denn ein solches Ge schäft mit eigenen Händen zu verrichten ist für den Sahib etwas Unerhörtes, und vom Fähndrich und niedrigsten Laden diener bis zum Oberbefehlshaber und General-Gouverneur ist es Dustur", daß man sich den Bart von einem Babier abscheeren läßt. Derselbe macht jeden Morgen bei seinen Kun den die Runde, wobei er unter dem einen Arm ein zierliches Becken von blankgeputztem Metalle, unter dem andern ein Päckchen leinener Tücher nebst einem vollständigen Zubehör von Messern, Zangen, Scheeren, Fläschchen u. s. w. trägt. Sobald er angekommen ist, packt er seine vielen verschiedenen Geräthe schweigend aus und macht sich ohne weiteres an die Vollziehung seines Amtes, das vielmehr einer Kunst, als einem Handwerke gleicht. Er gebraucht weder Pinsel noch Seife, sondern reibt einem das Gesicht blos mit warmen Wasser ein, bis daß die Haut weich und nachgiebig wird; dann zieht er ein kurzes Messer mit sehr dickem Rücken, aber von außerordentlicher Schärfe aus einem leinenen Behälter, streicht es einigemal auf der flachen Hand, und in einem Ru hat er das ganze Gesicht rasirt, ohne daß man das Mindeste dabei fühlt. Er schabt nicht den Bart ab, sondern schneidet ihn wirklich und zwar mit solcher Geschicklichkeit, daß er die selbe Stelle nie zweimal berührt. Darauf reibt er die HautEin Tag in Madras. 213 mit wohlriechendem Oel, damit alle Sprödigkeit verschwindet, und man glaubt, daß er jetzt fertig sei; aber nein! Er nimmt eine kleine dünne Zange mit einem langen, metallenen Griffe und rauft alle Haare aus Ohren und Nase, wenn man ihn nicht bei Zeiten davon abhält, und zum Schluffe folgt das Schampü, bei weitem das Sonderbarste seines Ver fahrens. Es besteht darin, daß er einen mit schnellen und geschickten Handgriffen an allen Gliedern zwickt und zupft, wobei er bald dreht, reibt und knetet, als wolle er sie alle verrenken. Nach einer Weile steckt er einem plötzlich seine beiden kleinen Finger in die Ohren, drückt mit den Daumen stark gegen den Nacken und giebt dem Kopfe einen solchen Ruck, daß die Schultern und Rückenwirbel laut krachen und man im ersten Augenblick glaubt, er habe einem das Genick gebrochen. Auf ähnliche Weise behandelt er die Ellenbogen und Kniee. Anstatt daß solche Behandlung zum Schaden ge reicht, wie man es zuerst allerdings anzunehmen geneigt ist, wirkt sie ungemein wohlthätig auf den ganzen Körper. Alle Muskeln werden dadurch wie neu belebt, die allgemeine Schwere und Schlaffheit, an der man in Folge von Hitze und Ermüdung gelitten hat, verschwindet, und man fühlt sich neu gestärkt. Das Schampü wird bald zu einer Gewohnheit und man entbehrt es nur mit Leidwesen, wenn man dessen gesunde Wirkung durch wiederholte Versuche kennen gelernt hat. Nachdem ich meine erste Probe glücklich überstanden, verschwand der Barbier eben so geräuschlos, als er eingetre ten war, und nach Verlauf einer kurzen Zeit kündete mir ein unterdrückter Schrei aus dem angrenzenden Zimmer an, daß einer der Reisegefährten, dessen Glieder sich wegen seines rei feren Alters für die kräftigen Handgriffe des Barbiers wahr-214 Asien. scheinlich etwas weniger geeignet erwiesen, auch sein Glück am Schampü versucht hatte. Um sechs Uhr machten wir unsern ersten Ausflug durch die Straßen und Bazars des Stadttheils der Eingeboruen, der die schwarze Stadt" heißt, im Gegensatz zu dem der Europäer, der den Namen der weißen Stadt" führt. Wir bestiegen einen mit zwei mageren Pferden bespannten Garri (Miethwagen) und wurden von den untrennlichen, schwarzen Diener zu Fuß begleitet. Bald waren wir in eine der belebtesten Straßen gelangt, wo uns die Langsamkeit des Fuhrwerks hinreichende Gelegenheit gab, die wechselnde Umgebung mit einiger Aufmerksamkeit zu betrachten, und der Gesammteindruck, den die malerische Schönheit, sowie die unverdorbene, charakter volle Eigenthümlichkeit auf uns erzeugte, übertraf in vielen Beziehungen unsere lebhaftesten Erwartungen; wir hatten das Morgenland jetzt in seiner wahrsten Gestalt vor uns. Trotz dem wogenden Gedränge empfanden wir doch nicht jenes Gefühl der Betäubung, von bent man in dem lärmenden Wirrwar der großen europäischen Städte überwältigt und ermüdet wird, und so war uns das ruhige, gelassene Betragen der emsigen Menge ausfallend und der Umstand, daß man weder Pferdegetrampel, noch Wagengerassel, noch das dumpfe Gesumme vieler auf einmal redender Menschen hörte, trug nicht wenig dazu bei, den Genuß zu erhöhen, den der unge störte Anblick eines so lebendigen Schauspiels gewährte. Die weißbetünchten Wände der Häuser, sowie die vorherrschend weiße Farbe in den Kleidern, verliehen demselben, bei der strahlenden Helle des unbewölkten Himmels, den Ausdruck einer allgemeinen Heiterkeit, die sich dem Beschauer unvermerkt mittheilte, und die ungezwungene, natürliche Anmuth, die sichEin Tag in Madras. 215 fast in allen Formen und Bewegungen zeigte, gab der Wirk lichkeit einen poetischen Anstrich, der lebhaft an die Schilde rungen der Tausend und Einen Nacht" erinnerte. Hier schleppt der Bisti (Wasserträger) seinen bis zum Bersten ge füllten ziegenledernen Schlauch auf dem Rücken, dort keuchen Coolis unter ihrer schweren Last, die sie, an lange, biegsame Stangen gebunden, über den Schultern tragen; dort reitet ein vornehmer Inder auf seinem, von zwei Sachsen (Pferde knechte) am Zügel geführten Pferde gleichgültig durch die Menge; da trifft man verschleierte Frauen, die behutsam und schweigend vorüberschreiten; hie und da wird ein bleicher Europäer in seinem sargähnlichen Palanquin von vier nackten Läufern mit raschen Schritten vorbeigetragen, die nach ihren: einförmigen Keuchen Schritt halten, sich von Zeit zu Zeit mit einem rothen wollenen Tuche die schweißtriefende Stirne abwischend, und überall Fußgänger dazwischen, die flüchtig die Straßen durcheilen. Die seltsamsten Erscheinungen sind aber die Hackeries. Diese Wagen, oder vielmehr Karren, haben zwei hölzerne Räder von unbeholfener Form, die an der Achse fest sind, so daß dieselbe, wenn sie sich in den Nabel: umdreht, ein knarrendes Geräusch macht. Auf einem flachen Bretter boden über dem Rädergestelle erhebt sich gleichsam eine kleine, mit Zeugvorhängen oder Matten rings umgebene Hütte, in welcher die Leute mit untergeschlagenen Beinen sitzen. Bischof Heber vergleicht die Gestalt derselben mit einem Tabernakel. Dieses Fuhrwerk wird gewöhnlich von zwei weißen Höcker ochsen gezogen, die langsam und bedächtig einherschreiten. Zum Reisen sind die Hackeries nicht ungeeignet; in den engen und krummen Gassen der Stadt haben sie aber den Nachtheil,216 Asien. daß sie durch ihre schwerfällige Langsamkeit vielfache Störun gen veranlassen. Was den Gesammteindruck dieses morgenländischen Stra ßenlebens noch erhöhte, war die vollkommene Einheit; denn mit Ausnahme unserer selbst ließ sich nichts erblicken, was nicht acht asiatisch gewesen wäre. Kein anderer Europäer mit unschönem Hute und den, wie geschnürt, anliegenden Klei dern, deren Schnitt blos dazu dient, die Nachtheile der Ge stalt zu verrathen, ohne ihre Vorzüge herauszuheben, wirkte durch seine prosaische Erscheinung störend auf das Ganze. Ueberall sah man nur ungezwungene Formen, fliegende Ge wänder, luftige Schleier, faltenreiche Turbane, welche das Auge und den Sinn eines Künstlers würden entzückt und begeistert haben. Der Markt liegt mitten in der schwarzen Stadt." Er besteht aus einem beträchtlichen Bezestan *) und mehreren Bazars unter freiem Himmel. Der erstere ist ein ausgedehntes niedriges Gebäude aus rohen Backsteinen, mit zahlreichen, engen und finsteren Kreuz- und Quergängen unter einem Dache vieler kleinen Kuppeln, die von Ferne einer Menge neben einander gereihter Bienenkörbe gleichen. Die verschie denen Maaren, ein wunderbares Gemisch von Lebensbedürf nissen und Seltenheiten, befinden sich sammt ihren Verkäufern in kleinen Zelten zu beiden Seiten der Gänge. Da sieht man Fische, Fleisch, Eier, lebendiges Geflügel in Körben, verschiedene Arten erjagter Thiere, als Hasen, allerlei Vögel, *) Bezestan ist der Theil des Marktes, der sich in gewölbten Hallen befindet.Ein Tag in Madras. 217 ja selbst Affen, Natten, Eidechsen und Schlangen der ver schiedensten Gattungen, die in sicheren Drahtkäfigen einge sperrt sind. Im Bezestan trifft man nur Männer, und zwar nur Mohamedaner, da die Hindus, nach ihrer Religion, Thiere weder quälen, noch etwas denselben Zugehöriges be rühren dürfen. Deshalb weigerten sich auch unsere Diener, die alle dem Brahma-Glauben angehörten, den für sie unreinen Ort zu betreten; denn die Hindus fürchten nichts so sehr, als durch ein solches Vergehen ihre Kaste zu verlieren. Hier sahen wir zum ersten Mal mehrere Krüppel, welche an den Eingängen des Gebäudes um Almosen flehten. Es waren lauter nackte, Abscheu und Mitleiden erregende Gestalten ver schiedenen Alters, die von den schrecklichsten Krankheiten  wir glaubten Aussätzige darunter zu erkennen behaftet oder entstellt waren. Wir warfen ihnen ein paar Kupfermünzen zu und waren froh, aus den finsteren Gängen des Bezestan nach den Gewürz- und Getreide-Bazars zu gelangen. Da sind es Hindus, sowohl Männer als Frauen, welche auf einem freien, von schönen Palmbäumen beschatteten Platze ihre sauberen Waaren feilbieten, deren Wohlgerüche uns schon von Weitem entgegendufteten. Die verschiedenen Erzeugnisse der indischen Pflanzenwelt sind in künstlich geflochtenen Körben, von denen viele die Form und Biegsamkeit von Säcken haben, reihenweise, jede Art an ihrem bestimmten Orte, ausgestellt, um den Gang der Geschäfte zu erleichtern. Einige der Ge würzkrämer verkauften, nach Maaß und Gewicht, Betel und Areka, dessen sich alle Eingebornen zum Kauen bedienen; andere hatten Zimmetrollen, Gewürznelken, weißen oder schwarzen Pfeffer, Muskatnüsse, Kardamome u. s. w. vor sich, während weiterhin Reis, Kaffeebohnen, Kokosnüsse, verschiedene218 Asien. Getreidearten ausgestellt waren, dann ferner in kleinen offenen Buden zierliche Päckchen des so beliebten Carrypulvers, Rosenölstäschchen, Rosenwasser, Nelkenöl u. s. w. u. s. w., alles bei uns so kostbare Gegenstände, die hier so spottwohl feil sind, daß man für einige Pars *) so viel davon einkauft, als man kaum mitnehmen kann. Während der Zeit, die wir auf dem Markte verbrachten, wurden viele Geschäfte gemacht, und es ging dabei, im Ver- hältniß zu der großeu Anzahl Käufer und Verkäufer, recht ordentlich her. Es wurde aber viel gedungen und geschachert, und wenn dabei mitunter kleine Zerwürfnisse entstanden, so berief man sich auf die Nachbarn als Zeugen und Schieds richter, um den Streit zu schlichten. Hier, wie auf allen andern indischen Märkten, sind Eingeborne als Aufseher an gestellt, welche die öffentliche Ordnung zu überwachen haben. Sie stehen unter dem Befehle eines englischen Beamten, dessen Pflicht es ist, dafür zu sorgen, daß nur uach den gesetzlich bestimmten Maaßen und Gewichten verkauft werde. Wir begegneten übrigens hier keinen Europäern, sowenig als in den andern Theilen der Eingebornenstadt, deren Bevölkerung, so viel wir flüchtig zu bemerken vermochten, den Ausdruck eines allgemeinen Wohlseins zeigte, was der englischen Herrschaft zu aller Ehre gereicht. Die Mittagszeit brachten wir, der zu großen Hitze wegen, in unserm Gasthause zu, wo wir ausruhten und Briefe in die Heimath schrieben. Als mit dem Abend einige Kühle eintrat, stiegen wir aufs Neue in unseren Garri und fuhren zu einem englischen Arzte aufs Land, der die Freundlichkeit *) Pai s ist die geringste Kupfermünze.Ein Tag in Madras. 219 gehabt hatte, uns zu Tische zu laden. Er wohnte in einer geräumigen hübschen Villa, halb italienischen, halb englischen Styls, die an einer sehr guten Kunststraße, eine kleine halbe Stande südöstlich von der Stadt, in einem schönen Garten gelegen war. Der Haushalt und die Dienerschaft waren ein englisch-asiatisches Gemisch von Allem, was sich an Ueppigkeit, Wohlgeschmack und Bequemlichkeit nur denken und wünschen läßt. Die Stunden verrannen uns rasch und die Nacht war schon weit vorgerückt, ehe wir des Doktors reizenden Landsitz verließen. Auf dem Rückwege umflatterten uns taubengroße Fledermäuse und des Schakals klägliches Geschrei ließ sich oft hart an unserem Wege vernehmen. v. Der indische Sampouri. Während unseres Aufenthaltes in Madras fanden wir an den Künsten der Sampouri s viele Kurzweil. Sie besitzen eine große Fertigkeit in den meisten Handgriffen und Possen, welche die Taschenspieler bei uns ausführen. Es ist aber bei ihnen mehr zu bewundern, da sie dieselben ohne alle Bei hülfe von weiten Aermeln, Taschen, mit Schubladen ver sehenen, bedeckten Tischen u. s. w. verrichten. Ihr eigentliches Handwerk besteht aber im Einfangen und Bündigen verschie dener Schlangenarten, von der riesigen Felsschlange, bis zur kleinen, tödtlich giftigen Natter und der berühmten Cobra220 Asien. de Capello, über welche alle sie eine gleiche Gewalt zu be sitzen scheinen. Jeden Tag, wenn die übermäßige Hitze uns nöthigte, im Hause zu bleiben, kam ein solcher Samponri, oder Gaukler und Schlangenbändiger, vor die Thür und gab uns für einige Kupfermünzen eine Vorstellung auf offener Straße, der wir aus dem Schatten der Verandah gemächlich zusahen. Er brachte Zwei runde Körbe mit flachen Deckeln und einen Sack mit sich. In ersteren befanden sich ein halbes Dutzend Schlangen und der Sack enthielt ein Ichneumon, oder Spurwiesel. Der Mann war von kleiner, schmächtiger Ge stalt, mit eigenthümlichen, hageren Gesichtszügen, und sowohl an ihm, wie an seinem kleinen Sohne, der ihn zu begleiten pflegte, fiel uns die tiefdunkle, schwarzbraune Hautfarbe auf, wodurch sie sich von den andern Eingebornen unterschieden. Beide waren, außer den mit einem Stück Zeug umschlagenen Hüften, ganz nackt, und ihr lang herabhängendes Haar schien ihnen als das einzige Schutzmittel gegen die versengenden Sonnenstrahlen zu dienen. Um Zuschauer anzulocken, machte er ein lautes, zischendes Geräusch, wie seine Schlangen, und zog, sobald wir uns in der Säulenhalle zeigten, sein Ich neumon aus dem Sacke, welches sich, wie auf der Lauer, neben ihn kauerte und so zahm war, wie ein kleines Hündchen. Dann öffnete er einen der Körbe, worin sich die abschrecken den Thiere, wie Aale auf dem Fischmarkte, um einander schlangen, griff mit der bloßen Hand hinein, um sie eine nach der andern zu zeigen, und wickelte sie dann um den Hals, um den Leib, um Arme und Beine, so daß er dastand, wie der bronzene Abguß einer Bildsäule des Laokoon und uns bei dem Anblick, wie sie sich um seine nackten Glieder her-Der indische Sampouri. 221 umwanden, ein kalter Schauder durchlief. Sie schienen in dessen ohne Arg und ließen sich wieder eben so gutwillig und ohne dabei gu zischen in ihren Korb zurücklegen. Unter den selben befand sich eine Felsschlange von bedeutender Größe, die über 12 Fuß ait Länge maß und dicker als ein Manns arm war, die freilich nicht giftig ist, aber solche Kräfte hat, daß sie in ihren Umschlingungen einem Pferde oder Büffel die Rippen zu zerbrechen vermag und so den Mann leicht er drosseln konnte. Dennoch war dies nicht der gefährlichste Theil seiner Vorstellung. Er öffnete nun den andern Korb und zog dar aus eine 4 Fuß lange Brillenschlange von beträchtlicher Dicke hervor, die er, trotz ihrer berüchtigten Gefährlichkeit, mit der selben gleichgültigen Zuversicht anfaßte, wie die andern. Frei lich war sie ihrer Giftzähne beraubt; dies beugt aber nicht aller Gefahr vor, denn sie werden häufig binnen weniger Monate wieder durch andere ersetzt, die nachzuwachsen pflegen; und es ist, versicherte man uns, mehrfach vorgekommen, daß der Biß solcher Schlangen, die man nun für unschädlich hielt, tödtlich gewirkt hat. Welche Bewandtniß es in diesem Falle aber auch haben mochte, der Schlangenbändiger benahm sich wenigstens dabei, als wenn er nichts zu fürchten brauchte, streichelte das Thier, drückte es an seine Brust, wand es um die Arme und legte es vor sich auf den Boden, wo es wie todt hingestreckt liegen blieb. Darauf begann er auf einer Art Flöte, die er im Gürtel trug, sanfte Töne zu blasen, welche die Schlange belebten; sie regte sich, hob den Kopf in die Höhe, wie um zu horchen, und richtete sich bald in ihrer ganzen Länge empor und bewegte sich fast auf der Spitze des€ 222 Asien. Schwanzes hin und her, gleichsam tanzend nach der Musik, von der sie wie bezaubert schien; die Zunge war lang aus gestreckt, der kropfartige Hals dick angeschwollen und sie rich tete die Augen starr und unverwandt auf ihren Beschwörer. Erst macht es den Eindruck, als wäre sie außer sich vor Zorn, bald indessen bemerkt man, daß die sanfte Musik eine unwiderstehliche Gewalt auf sie ausübt; denn was sich auch ringsum zutragen mag, sie fährt, ohne sich davon stören zu lassen, in dieser Art von Tanz so lange fort, als die Flöte geblasen wird. Sie scheint alles zu vergessen, nur das Jch- neumon nicht. Wenn dieses sich bewegt, schrickt sie augen scheinlich Zusammen und ist, falls diese Musik nicht auf sie wirkt, in dessen Gegenwart, gleich allen andern Geschöpfen ihrer Gattung, schüchtern und wie gelähmt. Deshalb ist auch jeder Sampouri darauf bedacht, sein gefährliches Hand werk nur in Begleitung und Gegenwart eines dieser Thier- chen auszuüben, die so wesentlich Zu seiner Sicherheit bei tragen. Da nach indischer Sitte der Sohn den Beruf des Vaters, selbst ohne alle Neigung dazu, annehmen und erlernen muß, so pflegte der Gaukler, der uns täglich mit seinen Künsten unterhielt, den Unterricht seines kleinen Knaben mit seinen Vorstellungen zu verbinden. Aber ungeachtet der guten Ab sichten, die demselben wahrscheinlich zu Grunde lagen, war es für uns ein empörendes Schauspiel; denn das arme Kind schien den, allen Menschen von Natur inwohnenden Wider willen gegen Schlangen im höchsten Grade zu besitzen; es ward nur durch den Unwillen seines Vaters dahin gebracht, dieselben anzufassen oder sich der Cobra de Capello zu nähern,Der indische Sampouri. 223 wenn sie tanzte, und weinte dabei bitterlich. So eingewurzelt ist aber das Kastenwesen in Indien, daß die eingebornen Zuschauer nicht das mindeste Mitleiden darüber an den Tag legten, und als wir dem Vater durch unfern Dollmetscher Vorstellungen machen ließen, gab er uns zur Antwort, daß es so sein müßte; er selbst habe das Handwerk auf dieselbe Art gelernt, und es wäre seine Pflicht, es seinen Sohn auch zu lehren." Dabei war er aber weder grausam, noch über mäßig streng gegen den Knaben; wenn derselbe seine Sache gut gemacht hatte, so unterließ er nie, ihn zu streicheln. Das Kind schien auch von dem Gefühle der Nothwendigkeit dieses unangenehmen Berufes durchdrungen; denn es war nicht widerspenstig, sondern nur furchtsam. Abgesehen von allem, was ihr Geschäft Unnatürliches an sich hat, sind die Sampouri nicht ofme Nutzen für ihre Mit menschen, da sie die Schlangen, wo deren Vorhandensein lä stig oder gefährlich ist, mit einer wunderbaren Geschicklichkeit zu vertreiben oder zu vernichten wissen. Die Eingebornen haben eine ganz außerordentliche Furcht vor denselben, so daß, wenn sich einmal, was mitunter vorkommt, eine Schischta, oder Brillenschlange, oder ein anderes derartiges Thier einen Garten zu seinem Aufenthaltsorte wählt oder gar in ein Haus eindringt, Alles darin in die größeste Bestürzung geräth. In solchen Fällen wird alsdann der sonst gemiedene und verab scheute Sampouri geholt, der mit den Tönen seiner Flöte den gefürchteten Eindringling bald aus seinem Verstecke lockt. Wenn die Schlange anfüngt, sich wie verzückt vor ihm auf zurichten, ergreift er sie entweder und steckt sie in seinen Korb oder läßt sein Ichneumon los, das dieselbe mit einigen Bissen tödtet. Ob dabei gleich von Zauberei natürlich nicht die224 Asien. Rede sein kann, als nur unter den abergläubischen Einge- bornen, die fest davon überzeugt sind, daß diese Schlangen bändiger mit bösen Geistern im Bunde stünden, so bleibt de ren geheimnißvoller Einfluß auf jene, der ganzen lebendigen Schöpfung sprichwörtlich verfeindeten Thiere denn doch in mancher Beziehung ein unerklärliches Räthsel, das bisher Niemandem befriedigend zu lösen gelungen ist. Das Schlan- genbändigen steigt bei ihnen oft bis zur wahren Leidenschaft, und es kommt nicht selten vor, daß die Sampouri auf län gere Zeit in Wildnissen und Einöden sich begeben, um dort zu ihreni Vergnügen Schlangen nachzustellen und einzufangen. Besonders auf Ceylon und im südlichen Indien begegnet man Leuten dieses Berufes sehr häufig. Am merkwürdigsten ist aber der Umstand, daß wir, ungeachtet mehrfachen Nachfra gens, keinen einzigen Fall erfahren konnten, wo einer Don ihnen seinem gefährlichen Handwerk zum Opfer gefallen wäre, da doch zu wiederholten Malen Europäer, die, mit Flöte und Ichneumon versehen, ein Aehnliches zu thun versuchten, ihre Verwegenheit mit dem Leben haben büßen müssen.Der Diebsbazar in Kalkutta. 225 VI. Der Diebsbryar in Kalkutta. Kalkutta liegt am linken Ufer des Houghly, beffeu Breite dort etwa eine halbe engl. Meile beträgt, umgeben von jener üppigell Tropeltwaldung, die fast das ganze untere Bengalen bedeckt. Die an sich schon wegen des sumpfigen Bodens un gesunde Lage der Stadt wird durch die schädlichen Ausdün stungen verschlammter Kanäle, sowie des Tolliolmllah, eitler ausgedehnten Lagune an ihrer Nordostseite, besonders für die fremden Einwohner noch verderblicher, woher man dieselbe auch das Grab der Europäer" nennt. Dessenungeachtet ist Kalkutta an Größe wie an Bedeutung der Hauptort des ganzen britischen Indiens, und viele seiner englischen Bewoh ner schwelgen dort in fast königlicher Pracht, als wollten sie durch Ueppigkeit und Zerstreuungen die ernsteren Gedanken über ihr unsicheres Dasein von sich fern halten. Der europäische Theil, oder die weiße Stadt", er streckt sich in einiger Entferllung nördlich vvln Fort William längs dem Flusse hin und dehnt sich fast ein paar englische Meilen-von da landeinwärts nach Osten aus. Ungleich dem jenigen von Madras, bildet er nicht nur eine weitläufige Reihe von Landhäusern, sondern besteht in breiten, großen Straßen, unterbrochen von schönen, freien Plätzen, um die sich zahlreiche, dichte Gruppen der ansehnlichsten Häuser er heben, unter welchen manche mit Fug und Recht den Namen von Palästen verdienen. Zunächst dem Flusse liegen die Kletke, Neues Skizzenbuch.226 Asien. Geschäftsgebäude und Waarenlager der großen Kaufleute, woran das Viertel Tank-Square grenzt, hinter welchem nach Osten, daranstoßend, Chowringhy liegt. Zwischem diesem und der Esplanade", einem schönen, breiten Wege, der zu dem Fort William führt, das durch einen weiten, offenen Grasplatz davon getrennt ist, befinden sich die vorzüglichsten öffentlichen Gebäude, unter denen sich durch ihre Größe und theilweise Schönheit der Palast des General-Gouverneurs, das Stadt haus und die erst kürzlich erbaute Kathedrale nebst der daran stoßenden Wohnung des Bischofs vorzugsweise auszeichnen. Die Häuser der reichen Engländer und einiger wohlhabenden Bobous*) sind fast alle zwei oder drei Stockwerk hoch, haben flache Dächer, zahlreiche, hohe Fenster und sind von schattigen Verandas umgeben, die auf jonischen oder korinthischen Säulen ruhen. Da alle Gebäude weiß übertüncht werden, so macht dieser Stadttheil von weitem einen wahrhaft glänzenden Ein druck, wovon selbst der weitgereiste Bischof Heber bei seiner Ankunft so sehr überrascht wurde, daß er sich unwillkürlich in die schönsten Theile von St. Petersburg, das er auf seinen früheren Reisen besucht hatte, zurück versetzt glaubte. Im Nordosten wird der Theil, den man vorzüglich als die Stadt der Paläste" zu bezeichnen pflegt, von den Vierteln Duramtollah und Cossimtollah begrenzt, in denen Europäer aus den niederen Ständen und Eingeborne durch einander wohnen, und an diese reiht sich wiederum die eigentliche schwarze Stadt" an. Sie bildet ein großes, unregel mäßiges Häuser- und Hütten-Meer und vergegenwärtigt dem Geiste unwillkührlich das Bild eines riesigen Ameisennestes, ! ) Vornehme einheimische Kaufleute.Der Diebsbazar in Kalkutta. 227 so emsig und wirre ist das Treiben, welches das ausgedehnte Gewebe ihrer engen, krummen Gassen erfüllt. Sie entstand in Folge der englischen Niederlassung von Fort William und ist, obgleich mit der planlosesten Unzweckmäßigkeit angelegt, seitdem zu ihrem jetzigen, fast übergroßen Umfange herange wachsen. Die Mehrzahl ihrer Bewohner sind Bengalesen, und man kamt oftmals stundenlang das dichte Gedränge durch wandern, ohne durch die Erscheinung europäischer Gestalten an die Nähe des englischen Kalkutta erinnert zu werden. Das Aussehen und die Kleidung der hiesigen Eingebornen ist dem der Bewohner des südlichen Jndien s im Allgemeinen ziemlich gleich; man sieht dieselben braunen Gesichter, dieselben weiten Gewänder aus Nesseltuch, wie dort, nur daß hier eine grö ßere Abwechselung in den Formen und Farben der Turbane herrscht, und daß einzelne Kasten, wie z. B. die Bistis, die Hurkarus, sich durch rothwollene Kleidung vor den andern auszeichnen. Noch greller, als der Charakter der europäischen und asiatischen Bewohner ist aber der Gegensatz, in dem jedes der Stadtviertel zu den andern steht. Das europäische ver dient mit Recht den Namen Stadt der Paläste", denn da sieht man nur Gebäude, deren sich Mailand und Venedig nicht zu schämen brauchte, schöne, gerade Straßen, breite Alleen mit reinlichen Plätzen, wo tiberall Ordnung und Sau berkeit herrscht. In dem asiatischen tritt die umgekehrte Seite hervor; das ist im vollen Sinne des Wortes ein Pattah, eine Hüttenstadt, die sich dadurch auszeichnet, daß es ihr an allen Vorzügen ihrer stolzen Nachbarin gebricht. Statt der Paläste dorten sieht man hier nur elende Häuschen oder Hütten aus Bambusstäben mit Lehmwänden und Schilf oder Blätterdächern. Viele sind nach der Straßenseite offen, 15 228 Asien. Wo sich dann in der Erde ein Loch, oder mitunter ein kleiner Heerd aus Backsteinen zum Kochen befindet, woraus der üble, die Lust weithin verpestende Geruch des Ghie beständig aufsteigt. Diese Behausungen haben natürlich nur ein Stock werk und sind, um Platz zu ersparen, auf das allerunver- nünftigste an einander gebaut, so daß ihre Gesammtheit eine große, wie in einem Ganzen zusammenklebende, verworrene Masse ausmacht, die sowohl die Gesundheit der Bewohner, wie die Reinlichkeit des Ortes auf s Nachtheiligste beeinträch tigt. Nur in einzelnen Hauptstraßen giebt es mehrstöckige Häuser aus Backsteinen. Hin und wieder sieht man wohl auch größere Gebäude, die, nach Art der Bungalows, Veran- das mit griechischen Säulen haben und von hohen Garten mauern umschlossen sind, hinter welchen einige Palmen- und Mangobäume emporragen. Dies sind die Wohnungen der Babous, der vornehmen Eingebornen; ihr verfallener Zu stand verräth weder das Ansehen noch den etwaigen Wohl stand der Inhaber, denn alle tragen ein solches Gepräge der Vernachlässigung, als ob sie ehestens einstürzen müßten, und man gewahrt dies nur so leichter, als sie nicht, wie in Ma dras und dem europäischen Theile Kalkuttas, mit Chunam übertüncht sind, da der Muschelkalk wegen der weiten Entfer nung vom Meere hier zu theuer kommt, als daß ihn sich Jedermann anschaffen könnte. Das ärmliche Aussehen der Gebäude niacht sich auch in der sehr geringen Anzahl von Pagoden und Moskeen und deren Unansehnlichkeit fühlbar, was, wenn man die zahlreiche Bevölkerung frommer Hindus und Muselmänner ansieht, um desto mehr auffallen muß. Wir sahen kein einziges Minaret und nur wenige kleine Kuppeln. Da nun beinahe alle andern größeren StädteDer Diebsbazar in Kalkutta. 229 Indien s sich durch ihren Neichthum an prächtigen Tenrpeln auszeichnen, so läßt sich deren Mangel hierorts nur durch den Umstand erklären, daß Kalkutta eine der jüngsten Städte des Landes ist. Man vermag sich iubeffen viel leichter in das Vermissen derartiger Zierden und Merkwürdigkeiten, als in die aus der Anlage und Beschaffenheit .dieses Viertels erwachsenden Nachtheile zu finden, worunter keiner der ge ringsten die allgemeine Unsauberkeit ist, der sich aber bei den obwaltenden Umständen schwerlich wird abhelfen lassen. Zwar sind die Hindus, was ihre Person und Nahrung betrifft, die reinlichsten Menschen von der Welt; dadurch wird aber die von jener zahlreichen, dicht zusammengedrängten Menschen masse fortwährend erzeugte Menge von Abfall keineswegs vermindert, um dessen Fortschaffung oder Vertilgung sich Niemand bekümmert, als nur die Raubvögel und die Schaa- ren wilder Hunde und Schakale, welche, ungeachtet ihrer Gefräßigkeit keine sonderlich wirksarnen Gassenkehrer sind. Außerdem ist der erstickende Staub, der beständig von den nngepflasterten Straßen aufsteigt, neben der dumpfen Hitze und den garstigen Gerüchen, die überall herrschen, keiner der geringsten Uebelstände. Man darf sich jedoch nicht sowohl darüber verwundern, daß es damit so arg sei, sondern viel mehr darüber, daß die Bewohner einer solchen Oertlichkeit nicht weit mehr von diesen Uebeln leiden, als in der That der Fall ist. Trotz dem, daß die schwarze Stadt" in ihrem Aeußeren ein so auffallendes Gepräge von Aermlichkeit trägt, ist diese in Wirklichkeit doch keineswegs vorhanden. Es be darf nur eines Ganges durch die Bazars und Straßen, wo die handeltreibenden Klassen wohnen, um beit irrthümlichenEindruck, den das Aussehen der Gebäude allerdings hervor bringt, alsbald zu berichtigen, und man erlangt schnell die Einsicht, welche beträchtlichen Reichthümer hinter dem Scheine von Dürftigkeit und Armuth verborgen sind. In den Bazars sieht man die Vertreter aller einheimischen, sowie vieler frem den Handwerke und Gewerbe nicht aber in so buntem, Will kürlichen Durcheinander, wie auf den europäischen Märkten, sondern auf das strengste nach der Ordnung ihrer verschiede nen Kasten in bestimmte Bezirke abgetheilt. Die Verkäufer von Seidenstoffen, Kaschmirshawls, Spezereien und andern Kostbarkeiten haben jeder ihre besonderen Plätze in einer oder mehreren Gassen neben einander, wo sie, in ihren Buden sitzend, die Maaren feil bieten. An einer andern Stelle trifft man die gewöhnlichen Lebensbedürfnisse an, als Kleider, Hausgeräthe, Eßwaaren u. s. w. Dasselbe gilt von den Handwerkern, in deren Bereiche die Schneider, Schmiede, Tischler, Schuster, je für sich, beisammen wohnen. Unter den Letzteren giebt es, wegen der Unreinheit ihres Gewerbes*), keine Hindus; die hiesigen Schuster, wie die der meisten Orte Indiens, sind fast lauter Muselmänner oder Chinesen, von denen sich eine bedeutende Menge nach den indischen Hafen städten übergesiedelt hat. Aus diesenl Grunde liegt auch der Leder- und Schuster-Bazar einem abgeschiedenen, verrufe- *) Alle Thiere, mit Ausnahme der Fische, sind bei den Hindus un rein; namentlich die Gattungen der Hausthiere dürfen sie nicht tödten, und vor allem kein Leder anrühren, was nicht nur für verunreinigend, sondern für verbrecherisch gilt. Daher ist auch die Compagnie genöthigt gewesen, ihren einheimischen Truppen, statt des Lederzeuges, Gehänge und Kopfbedeckungen aus Coir oder aus starker Baumwolle zu geben. Die Sipahi-Regimenter tragen auch eine Art Sandalen statt der Stiefel.Der Diebsbazar Kalkutta. 231 neu Theile der Stadt, ben wir auch besuchten, um die chine sischen Handwerker an ihrer Arbeit zu sehen, die sie auf eine eben so geschickte, als eigenthümliche Art verrichten, indem sie nicht blos die Hände, sondern auch ihre Füße dazu anwen den. Wenn man sie so mit Pfriemen und Pechdraht und dem großen Messer auf ihren erhöhten Holzplatten sitzend, mit allen Vieren zu Werke greifen sieht, wähnt man viel mehr possirliche Affen, als wirkliche Menschen vor sich zu haben. Sehr eigenthümliche und interessante Gegensätze bietet aber das Quartier der Gold- und Silberschmiede dar, die im Morgenlande zugleich Edelsteinhändler und Siegel- ftecher sind. Diese Leute verstehen die Edelsteine mit scheinbar rohen und einfachen Werkzeugen auf die verschiedensten Arten zu schleifen und sie in goldene oder silberne Geschmeide mit erstaunenswerther Geschicklichkeit zu fassen, die ihren weit verbreiteten Ruf mehr als verdient. Sie sitzen mit unter- geschlagenen Beineu nebele einem gelinden Holzkohlenfeuer zum Erweichen oder Schmelzen der edlen Metalle, umgebeil mit ihren kleinen Feilen, Zangen und Hämmerchen, in ihren Bambus-Lehmhütten, bereu Vorderseite nach der Straße zu, des Lichtes wegen, immer ganz offen ist, die zugleich als Laden und Werkstätte dient, und verarbeiten, inmitten von Staub, Unreinlichkeit und anscheinender Armuth, die kostbar sten Schmucksachen. Die meisten unter ihnen waren ältliche, ehrbar aussehende Brahminen hoher Kaste aus dem nörd lichen Indien. Man sagt uns, daß es deren gäbe, die mit den geschicktesten Goldarbeitern Europa s in Fertigkeit und Geschmack zu wetteifern vermöchten. Am merkwürdigsten von allen fanden wir den Diebs bazar," der, abgesondert für sich, im eigentlichen Mittel-232 Asien. punkte der schwarzen Stadt" liegt, wo die mehrstöckigen Häuser am zahlreichsten sind. Man gelangt auf vielen Um wegen dahin, durch ein unbeschreibliches Gewirre enger, finsterer Kreuz- und Quergassen, die schon von ferne auf den Charakter jener berüchtigten Oertlichkeit gleichsam vorbe reiten. Da nur selten Fremde denselben zu besuchen pflegen, so nahmen wir um so bereitwilliger das Anerbieten eines englischen Bekannten an, uns dorthin zu begleiten, und fuh ren in einem Garri ab. Nach einer Weile blieb aber unser Fuhrwerk buchstäblich in einem engen Gäßchen stecken, so daß wir zu Fuß die noch übrige Strecke in Staub und Hitze durch das bunte Menschengewühl wandern mußten, bis wir endlich nicht ohne Mühe unser Ziel erreichten. Wir kamen an mehrere weitläufige, mit einander in Verbindung stehende, dreistöckige Häuser, die enge Hofräume umschließen und so dicht an einander gebaut sind, daß man unvermerkt aus dem einen in die andern gelangen kann. Hier ist der Versamm lungsort alles losen Gesindels aus Kalkutta und seiner volk reichen Umgegend, hier verkehren alle Gauner mit einander, und verkaufen oder tauschen ihre Beute mit einander aus, um so der Gefahr der Entdeckung und Bestrafung möglichst auszuweichen. Die Geschäfte Zwischen Hehler und Stehler werden aber mit einer solchen äußerlichen Regelmäßigkeit und Ordnung und auf eine so öffentliche Weise betrieben, daß ein in den wahren Charakter des Ortes Uneingeweihter sich unter redlichen Leuten glauben könnte, wenn nicht die unverkennbare Beschaffenheit der verschiedenen Gegenstände, die er hier von Hand zu Hand gehen sieht, für seinen Argwohn eine Spur darböte. Die innere Einrichtung der erwähnten Gebäude ist außerdem an sich hinlänglich verdächtig, itut ihren ZweckDer Diebsbazar in Kalkutta. 233 anzudeuten. Lange, finstere, gewölbte Gänge ziehen sich durch alle Stockwerke hin, zu beiden Seiten mit viereckigen Vertie fungen, die den angeblichen Kaufieuten als Buden und Waarenlager dienen. Als wir mehrere steile, unwegsame Treppen von verwitterten Backsteinen erstiegen hatten, gelang ten wir in diese dumpfen, unheimlichen Räume, die uns eher an unterirdische Höhlen, als an Gemächer erinnert hätten, wenn nicht durch das sonderbare Gemisch, das sie anfüllte, unsere Aufmerksamkeit dahin gelenkt worden wäre. Eine jede dieser kammerartigen Vertiefungen bildete eine Trödelbude, welche die verschiedenartigsten Gegenstände von den allerwerth losesten, gewöhnlichsten bis zu den kostbarsten und seltensten enthielt; da lagen alte Kleidungsstücke und Geschirre, silberne Tischgeräthe und Uhren englischer Arbeit, einheimische und fremde Schmucksachen, Shawls und Seidenstoffe neben, über und durch einander, was alles zu unverhältnißmäßig billigen Preisen verhandelt wurde. Unter andern bot man einige sehr schöne, silberne Löffel itm eine so geringe Summe feil, als feien sie nur von Blei gewesen. Am auffallendsten ging es auf den flachen Dächern zu, wo die Leute von Fach sich ganz unverhohlen benahmen, da ward nicht mehr zum Schein gehandelt, sondern man warf das Loos, oder Diebe und Hehler theilten ohne weitere Umstände nach Gutdünken ihre gemeinschaftlich gewonnene Beute. Nach der Regsamkeit, die überall herrschte, sowie uach der Menschenmenge Zu urtheilen, die wir hier beisammen fanden, und unter der wir viele aus den verschiedenen, entfernteren Gegenden Jndien s bemerkten, muß diese Art von Geschäften nicht blos sehr lockend, sondern auch einträglich und verhältnißmäßig mühe- und gefahrlos sein, welch letzteres uns wenigstens daraus hervorzugehen234 Asien. schien, daß dieselben ungeachtet der Gegenwart von Fremden und Straßenwächtern ihren ungestörten Fortgang hatten. Das ganze Wesen und Treiben im Diebsbazar dünkte uns nicht minder räthselhaft als widersprechend, und wir würden in irrige Vermuthung gerathen sein, wenn nicht unser Führer die Zeit der Rückkehr dazu benutzt hätte, uns den wahren Charakter und Zusammenhang alles dessen zu erklären, was wir, ohne es zu verstehen, bemerkt und angeschaut hatten. Obgleich die Engländer sich die anerkennenswertheste Mühe geben, den sittlichen Zustand ihrer indischen Unterthanen auf jede Weise zu verbessern und zu heben, und dies ihnen auch schon in vielfacher Hinsicht gelungen ist, so sind sie bisher doch nicht im Stande gewesen, den Hang zur Dieberei, den die Bengalesen in so hohem Grade besitzen, zu tilgen oder auch nur zu vermindern. Da nun weder die Wachsamkeit der Behörden, noch die Strenge, womit man die Schuldigen bestrafte, hingereicht haben, den Besitz des Eigenthums zu sichern und die Zahl der Verbrechen zu vermindern, so ist man zu dein Entschluß gekommen, den Diebsbazar nicht nur zu dulden, sondern ihn dermaßen einzurichten, daß die Leute, denen Sachen entwendet worden, wenigstens ein Mittel hätten, sie um ein geringes Opfer wieder an sich zu bringen. Auf keinem andern der Märkte können gestohlene Güter ohne große Gefahr für den unrechtmäßigen Besitzer verkauft wer den; es würden sich daher schwerlich irgend welche der ehr lichen Kaufleute dazu verstehen, dieselben auch nur unter ihren andern Maaren zu beherbergen, denn alle Läden stehen sowohl unter der Ueberwachung der englischen Ortsobrigkeit, als auch unter besonderer Aufsicht der Pionen (Straßenwächter). Der Diebsbazar hingegen, obgleich er nicht minder streng beob-Der Diebsbazar iit Kalkutta. 235 achtet wird, vereinigt die doppelte Eigellschaft eines Marktes und Pfandhauses, wo man kaufen und verkaufen, sowie alles Denkbare hinterlegen und verpfänden darf; weshalb neben ehrlichen Leuten alle Diebe und Betrüger sich da versammeln und dies Vorrecht zum Unterbringen und Absetzen ihrer Beute benutzen. Sobald irgend ein bedeutender Diebstahl in Kal kutta vorfällt und das verlorene Eigenthum der Art ist, daß man es signalisiren kann, läßt Ulan den Werth desselben dort überall anzeigen und wie viel der rechtsmäßige Eigenthümer demjenigen, der es findet oder wiederbringt, dafür zahlen will. Gewöhnlich ist die Drohung beigefügt, daß, wenn die Rück gabe nicht binnen einer bestimmten Frist geschieht, lllan sich an die Behördell Wender: werde, um durch ihren Beistand den Schuldigen zu ermitteln und zur Bestrafung zu ziehen. Da ziehen es denn Hehler und Stehler meistens vor, ihre Beute gegen eine geringe Summe wieder herauszugeben, eher als sich, selbst bei der Aussicht auf einen viel beträchtlicheren Gewinn, den Nachstellungen der Gerechtigkeit auszusetzeu. Wenn man aber damit zögert, sich an die Spitzbubenzunft zu wenden, so ist alle Mühe vergebens, denn sie hat viele verzweigte Verbindungen durch das ganze Land und es bedarf nicht gar langer Zeit, daß das Gestohlene aus eine oder andere Weise spurlos verschwinde.236 Asien. VII. Eine Wanderung durch Kanton. Wir wissen nicht, wie viel von Kanton in China wahrend der letzten Jahre niedergebrannt worden ist. Die Volksmenge dieser großen südlichen Handelsstadt beträgt zum mindesten eine Million Seelen, zumeist Eingeborne der südlichen Pro vinzen, die in China selbst sür roher, gewaltthätiger und über haupt weniger moralisch gelten, als jene an der Ostküste und im Binnenlande. Gewiß ist, daß in Kanton der Haß gegen die Fremden stets in unangenehmer Weise hervortrat. Der Platz ist durch seinen Handel von großem Belang, er ist ein Stapelort für mehrere reiche und ungemein fruchtbare Pro vinzen und zugleich ein Emporium für den Weltverkehr. Die europäischen Factoreien sind nun ein Raub der Flammen geworden. Alle Berichte stimmen darin überein, daß der Aufenthalt der Europäer in jenen Factoreien ein im höchsten Grade ungemüthlicher gewesen sei. Von Morgens früh bis Nachmittags vier Uhr waren sie in ihren Comptoiren beschäftigt. Nachdem die Tagesarbeit vollbracht war, konnten sie im amerikanischen Garten lustwandeln gehen, einen Tag wie alle Tage; anderswohin durften sie sich, dem Friedens vertrage zum Trotz, nicht begeben; sie konnten weder reiten noch fahren; Frauen duldeten die Chinesen vor 1842 in den Factoreien nicht, und auch nachher kamen nur einige wenige dorthin. Der einzige Zufluchtsort war der Fluß, aus welchem sie umher ruderten, um die frische Abendluft gu genießen.Eine Wanderung durch Kanton. 237 Jede Factorei hatte mehrere zierliche, schnellfahrende Ruder boote; hinter der Mauer, welche die Factoreien von der Stadt abschließt, läuft Hog-Lane, eine schmale, unsaubere Straße, in der sich eine Menge von Schenken und Waarenläden befinden. Dorthin führten aus den verschiedenen Gebäuden der Europäer Hinterpforten; denn hier sowohl wie in den benachbarten Gassen, welche als alte und neue China-Straße und Bath- und Physic-Straße bezeichnet werden, durften die Europäer verkehren, während sie von der eigentlichen Stadt ausgeschlossen blieben. Dort machten auch die Fremden ihre Einkäufe von allen den chinesischen Raritäten, tiou welchen die vielen Läden förmlich strotzen. Der Handelsmann in den beiden China-Straßen erkennt den Neuling auf den ersten Blick. Er ruft ihn an, ladet ihn ein, seine Siebensachen näher anzusehen, zeigt ihm die Elfen beinschnitzereien, Schachbretter mit seltsamen Figuren, Papier messer, Körbe, Kämme und eine Menge anderer Sachen, die alle wunderbar fein und hübsch gearbeitet sind. Er verkauft Fächer, Ofenschirme, Fenstervorhänge, die mit Wasserfarben bemalt sind und Götterfiguren aus dem chinesischen Olymp darstellen; er schlägt einen Regenschirm auf, der sehr hübsch ist und doch nach unserm Gelde gerechnet nur zehn oder fünf zehn Silbergroschen kostet; er hat geflochtene Matten aus Nanking, die gleichfalls ungemein billig sind und unsre Fen sterläden ersetzen; sie halten die Hitze vortrefflich ab. Bei einem andern Kaufmanne sind Spielwaaren feil, Jnsekten- sammlungen, Thonfiguren, Käfige, Pfeifen, Geräthe zum Fisch fang und Alles, was Zu einem Feuerwerk nöthig ist. Daneben steht eine Auswahl von Hausgeräthe aller Art, unter welchem sich insbesondere Stühle auszeichnen, die zugleich leicht, einfach238 Asien. zierlich, fest und dabei ungemein bequem sind. Nicht leicht hat ein Fremder versäumt, in der alten China-Straße die Gemälde-Fabriken zu besuchen, namentlich die des Malers Domqua oder, wie er auch genannt wird, Lamkoi. Er ist gegenwärtig der berühmteste Maler im Reiche der Mitte. Man hat uns so viel über unsre deutschen, über die belgischen und französischen Maler erzählt, daß es gestattet sein wird, die Leser mit einem chinesischen Künstler" bekannt zu machen und sie in die Maler-Werkstatt zu führen, welche man bei uns nicht mehr Malstube nennt, sondern Atelier," als welches, weil ausländisch, von den Handhabern des Farbenbrettes (Palette) und Pinsels weit vornehmer erachtet wird. Lamkoi ist ein Mann des Fortschrittes. Als er noch Jüngling war, fielen ihm europäische Gemälde und Kupfer stiche in die Hände. Er begab sich nach Makao, wo der eng lische Maler Chissery sich aufhielt, lernte bei diesem Künstler zeichnen und wurde mit der abendländischen Malerei bekannt. Sein Beispiel fand manche Nachahmer, angehende chinesische Künstler" gingen in Menge nach Makao, aber keiner von ihnen brachte es so weit wie Lamkoi, der übrigens seine Kunst in ganz chinesischer Weise forttreibt, nämlich fabrikmäßig. Der Maler von Ruf hält eine Anzahl von Arbeitern, von denen jeder in irgend einem Gegenstände eine große Fertigkeit erworben hat; er ist, wie wir sagen würden, ein Mann der Specialität. Lamko t hat seine Privatwohnung in der alten China-Straße und hält im Erdgeschoß einen Laden; sein Atelier" befindet sich aber in Hog - Lane. Bor der Thür hängt ein Schild mit der Firma. Ein Haus in jenen Straßen hat gewöhnlich zwei Stockwerke, nie mehr; im obern wohnt die Familie, wenn sie nicht etwa auf dem Lande sichEine Wanderung durch Kanton. 239 befindet; im untern Geschoß sind Arbeitszimmer und Läden. Lamko i hat aber auch die obere Etage für den Geschäftsbetrieb hergerichtet; der eine Künstler malt Schiffe, ein anderer nur Landschaften, ein dritter nur Vögel, ein vierter lediglich Bilder von Göttern. Der Chinese macht viel Lärm und hat ihn gern; deshalb wohnen die Maler nicht etwa in stiller Abgeschiedenheit. Lamko i s Nachbar zur Rechten hält einen Seidenladen, jener zur Linken ein Magazin von Bambus- waaren; gegenüber wohnt ein Garkoch, der all jene chinesischen Leckerbissen bereitet, welche dem Europäer Uebelkeit verursachen, wenn er nur an sie denkt. Doch wir treten in s Haus. In dem einen Zimmer finden wir, in großen Härchen aufgeschichtet, Gemälde auf sogenanntem Reißpapier; an den Wänden hän gen Oelbilder; in einem Nebengemache findet man geschnittene Steine, Holzschnitzereien und andere Kunstgegenstände; sodann zierlich bemalte und fein lackirte Kästchen, Bürsten, Pinsel, Papier und Farben. Das Reißpapier" kommt aus Nanking und wird aus den: Mark einer Sumpfpflanze bereitet, Oischy- nomena paludosa, welche die Chinesen Tong-tsao nennen; auch soll, wie es heißt, eine Malvenart bei der Verfertigung benutzt werden. In einem Zimmer des obern Stockwerkes sitzen acht oder zehn Maler an Tischen, mit zurückgeschlagenen Rockärmeln; den Zopf haben sie turbanartig um den Kopf gewunden, damit er sie nicht belästige oder Farben verwische. Das Licht ist gut vertheilt, das Zimmer ganz einfach; an den Wänden hängen Bilder, die eben fertig geworden sind, der Käufer mag nach seinem Belieben auswählen; er findet -auch sowohl in Oel wie mit Wasserfarben Copien europäischer Bilder. Die Originale tauscht der Chinese von fremden Kaufieuten ein240 Asien. und giebt in Zahlung dafür chinesische Bilder. Die Maler in Kanton copiren in wunderbarer Treue, und der lebhafte Glanz, welchen sie den Farben zu geben wissen, ist unüber trefflich. Jeder sitzt auf einem Keinen- Schemel, arbeitet mit größter Sauberkeit und hat eine nicht geringe mechanische Fertigkeit. Das Reißpapier bestreicht er mit Alaun und wiederholt diesen Ueberzug im Laufe der Arbeit sechs oder acht Mal, damit die Farben nicht durchschlagen und recht fest werden. Alles wird laut den Recepten vorgenommen, deren die chinesischen Bücher über Malerei eine große Menge ent halten. In denselben Büchern findet der Maler Zeichnungen und Farbenskizzen, die als normal gelten für die Darstellun gen von Menschen, Thieren, Bäumen, Gesträuchen, Felsen und Gebäuden. Wer eine Landschaft malen will, copirt einen Berg aus dem Musterbuche, sucht sich beliebige Bäume, Men schen und Thiere dazu aus und liefert ein Bild, welches von dem anderer Maler sehr verschieden sein kann, aber es ent hält doch nur eine andere Zusammenstellung derselben Elemente, und daher rührt, wenn man so sagen kann, die Familien ähnlichkeit aller chinesischen Malereien; man findet sie auch bei denen, welche Lamko üs Bilderfabrik liefert. Ohnehin lassen sich die Bilder auf Reißpapier, das durchsichtig ist, mit leichter Mühe durchpausen. In Bezug auf die Erfindung ist der chinesische Maler arm, er hat ohnehin ein begrenztes Feld, auf welchem er sich bewegen kann, aber um so größere Sorgfalt verwendet er auf die Farbengebung; schon bei der Mischung geht er mit fast kleinlicher Genauigkeit zu Werke; Gummi benutzt er nicht, sondern eine Art von Leim, der immer warm neben ihm steht. In Bezug auf das Colorit ist er an keine Vorschrift gebunden; hier copirt er nicht, sondernEine Wanderung durch Kanton. 241 darf seinem eignen Geschmack und Belieben folgen. Uebrigens hat der Chinese eine merkwürdige Naturanlage zum Nachahmen; sein schräg gestelltes Auge faßt wunderbar schnell sowohl die Gesammtheit wie die Einzelnheiten von Gegenständen auf, und schon ein flüchtiger Blick genügt, ihm dieselben einzuprägen. Dazu kommt eine von früher Jugend an stets in Uebung er haltene, sehr geschickte Hand, welche alle Formen wiedergeben kann. Es liegt kaum Uebertreibung in den Worten, welche einst ein chinesischer Maler sagte: Ich würde selbst den Wind malen, wenn ich ihn nur sehen könnte." Die Pinsel der Maler sind denen ähnlich, mit welchen der Chinese schreibt, nur unvergleichlich feiner und an Farbe grau, blau oder schwarz, und die letztern gelten für die besten, sie sind aber sehr selten. Man weiß in Kanton nicht, von welchem Thiere dieses Haar kommt, der Sage nach wäre es von den Schnurr haaren der Ratte. Sehr gute und feine Pinsel werden ungemein theuer bezahlt. Doch wir wollen die Malerwerkstatt verlassen und weiter gehen. Aus der alten China-Gasse gelangen wir in Physic- Street, wo der Fremde noch Zutritt findet. Sie ist eine un- gemein belebte Straße; der Hausirer drängt sich neben dem Manne hin, welcher Eßwaaren verkauft; der Ausrufer strengt seine Kehle an, und ziemlich Jedermann hat Etwas auszu rufen; der Lastträger kündigt sich mit einem Lä Lä" an, und man muß ihm ausweichen; hinterher kommt der Tragsessel, in welchem ganz gemächlich ein Reicher sitzt; man muß aber mals zur Seite treten, bleibt dann aber stehen, um die neueste Nummer der Kantoner Zeitung zu kaufen, die man sich gele gentlich von einem Dollmetscher übersetzen läßt. Man steckt sie ein und bleibt vor einer Delikatessenhandlung stehen. Dort Kletke, Neues Skizzenbuch. iß242 Asien. sicht man sauber hergerichtete eßbare Vogelnester; auf einem andern Tische liegt die gelbliche Ginsengwurzel, die in der Mitte dicker ist als an beiden Enden; sie wächst in Pennsylvanien und wird von den Nordamerikanern nach Kanton gebracht; sie ist billiger als die echte mongolische Pflanze, deren Verkauf ein Monopol des Kaisers ist. Dieser echte Ginseng wird mit Gold ausgewogen und ist selten. In einem andern Laden wird polirter Marmor verkauft; dicht daneben wohnt ein Antiquitätenhändler, der viel Zuspruch findet, weil der Chinese ein Curiositätenkrämer ist und eine wahre Leidenschaft für Alterthümliches und Sonderbares hat; er liebt das Rococo und stellt alten Bronzen, Vasen, Münzen, Gemälden und Lackwaaren nach, die er für schweres Geld sammelt. Der chinesische Liebhaber gleicht in dieser Beziehung dem europäischen auf ein Haar: eine alte Statuette, ein Porzellangefäß, das nachweislich ein paar Hundert Jahre alt ist, macht ihn über glücklich, und seine Verzweiflung erreicht den höchsten Grad, wenn er findet, daß er sich ein unechtes Stück hat aufschwatzen lassen. In China giebt es, wie in Italien, Fabriken, in welchen Alterthümer täuschend ähnlich nachgemacht werden. In den Sammlungen findet man eine Menge von Schalen, Bechern und Dreifüßen von Bronze und Silber, schön ciselirt; die Bilder stellen den Fongsoang oder chinesischen Phönix vor oder den geflügelten Drachen und andere mythologische Ge stalten. Sehr geschätzt werden Becher aus Rhinoceroshorn und alte Metallspiegel, alte Kompasse und Kalender. Der Kompaß ist den Chinesen seit 2698 vor Christi Geburt be kannt; ihrer Meinung zufolge richtet sich die Magnetnadel nach Süden und sie nennen dieselbe den Wagen, welcher nach Süden fährt, Sche-nan-schm.Eine Wanderung durch Kanton. 243 In der südlichen Vorstadt, nicht weit vom Strome, liegt der Strafplatz, auf welchem die Verbrecher hingerichtet wer den. Dort ist schon Blut in Strömen geflossen. Vormals wurden die Verurtheilten geblendet und gefoltert; man riß ihnen die Eingeweide aus dem Leibe, ließ sie durch den Henker in hundert Stücke zerhacken oder zwischen zwei Brettern zer sägen. Jetzt thut man die Sache einfacher ab und haut dem Verbrecher den Hals ab oder strangulirt ihn an einem Pfahle. Leichtere Vergehen werden mit Schlägen auf die Fußsohlen bestraft oder man legt dem armen Sünder einen Halsblock um, der ihm auch Nachts nicht abgenommen wird. Ein solches Strafwerkzeug hat ein Gewicht von etwa zwei Centnern; auf der einen Seite steht eine Inschrift, aus welcher man ersieht, weshalb die Strafe verhängt wurde. Ein europäischer Reisen der erzählt, er habe einst einen Mann gesehen, der den Hals block trug; seine Familie verließ ihn nicht, die Frau steckte ihm Speise in den Mund, seine fünf noch unerwachsenen Kinder stemmten ihre Arme unter den Block, damit der Vater leichter an ihm trage. Reiche Leute werden nur selten zum Halsblock verurtheilt; der Kaiser, in seiner väterlichen Milde, verbannt sie gewöhnlich nach der Mongolei und sichert sich den Nießbrauch ihres Vermögens. Uebrigens hat Kanton auch Wohlthätigkeitsanstalten, zum Beispiel eine große Bettlerher berge, ein Findelhaus und ein Spital für Aussätzige. Zu den ambulanten Personen gehören die Barbiere, deren es mindestens zehntausend giebt; sie sind wichtige Männer im Staate, denn ihnen ist die Pflege des Zopfes anvertraut, und der Zopf ist seit zweihundert Jahren das Symbol der Chi nesen. Bis 1644 war diese edle Zier des Hauptes ihnen fremd; der erste Mandschu-Kaiser befahl die Nachahmung eines 16 *244 Asien. tatarischen Brauches; daran wollte er die Unterwürfigen und Gehorsamen erkennen. Seitdem sind die Miao-tse die einzigen Chinesen, welche das Haupt nicht scheeren. Befreundet mit dem Barbier ist der Marktschreier, der Arzt, der unter freiem Himmel curirt und seine wunderthätigen Medicinen anpreist, durch deren Anwendung alle Krankheiten geheilt werden. Stets hat er einen aufmerksamen Kreis von Zuhörern, welchen er seine Siebensachen zeigt. Die Hauptrolle spielt ein Tiger skelet, das an einer hohen Stange baumelt; er zeigt einen Balsam aus Tigermark vor, dessen Heilkräfte er mit unge meiner Zungenfertigkeit anpreist; derselbe heilt alle Wunden und verleiht den Muskeln des Menschen wahre Tigerstärke, wie das Beispiel zweier Haushähne unwiderruflich darthut. Jedem derselben war scheinbar eine Klaue abgeschnitten und durch einen Entenfuß ersetzt worden, mit dem Thiere ganz herrlich laufen konnten. Wodurch war ein so erstaunliches Wunder bewirkt worden? Lediglich durch den Tigermark- Balsam. Ein anderer Doctor" zeigt einen gelehrten Vogel, der allen abgerichteten Hunden etwas aufzurathen giebt. Der Doctor nimmt ein Spiel Karten uub reicht dasselbe einem Zuschauer hin; dieser zieht ein Blatt, besieht es und steckt es wieder in s ganze Spiel. Dann kpmmt der Vogel aus seinem Käfig, sucht eben jenes Blatt richtig heraus und erhält als Belohnung ein paar Hirsekörner. Auch weiße Mäuse geben ihre Kunststücke zum Besten; die eine klettert an einem Rade hinauf, das sich umdreht, eine andere tanzt wie ein Bär, und nachdem der Zuschauer sich daran satt gesehen, ergötzen ihn Wachtelkämpfe oder Heimchen, die einander im Kampfe tödten.Die Seidenzucht in China. 245 VIII. . H . " -  Die Seidenzucht in China. Ich halte, erzählt R. Fortune, die östliche Grenze des großen Seidendistrikts von China erreicht eines Distrikts, der in der Saison 1853 54 über 58,000 Ballen roher Seide ausführte. Man sah jetzt Maulbeerbäume an den Ufern des Kanals und in Gruppen überall in diesem Theile des Lan des. Die Seen, welche ich passirt hatte, lagen jetzt hinter mir, und ein breiter schöner Kanal streckte sich weit nach Westen hin aus und führte zu den großen Seidenstädten Nan-tsin und Hoo-chow-foo. Das Land schien außerordentlich reich und fruchtbar, nach jeder Richtung hin stieß das Auge Pflanzungen von Maulbeerbäumen. Abends kamen wir in Nan-tsin an, und da ich etwas von dieser berühmten Seidenstadt bei Tage zu sehen wünschte, beschloß ich einige Tage da zu bleiben. Früh war ich am folgenden Morgen und machte mich den Weg die Stadt zu besehen. Selbst um diese Stunde 5 Uhr Morgens waren die Straßen voller Leute, denn wie auch andere Nationen halten die Chinesen ihre Märkte Morgens. Was mir am meisten auffiel, war die große Masse roher Seide, die hier zum Ver kauf ausgestellt war. Bald nach Tagesanbruch begann das Landvolk mit seinen kleinen Bündeln Seide, die es an die Kaufleute verkaufen wollte, anzulangen. Die Läden, wo man diesen Artikel kaufte, schienen in den Hauptstraßen sehr zahl reich zu sein. Hinter der Zahlbank in jedem Laden standen246 Asien, sechs, acht itub mitunter noch mehr reinliche, anständig aus sehende Männer, die Inspektoren der Seide, deren Anlt es war, die Qualität der zum Verkauf ausgebotenen Seide zu untersuchen und den Werth zu bestimmen. Es war belusti gend die Ruhe dieser Leute mit den schreienden Haufen zu vergleichen, die mit ihrer Seide vor den Läden standen. Jeder ließ sich über die vorzügliche Qualität seiner Waare aus, so wie über das geringe Gebot, das ihm dafür geworden. Viele der Verkäufer waren Frauen und diese waren jederzeit die lautesten. Die Ladenbesitzer nahmen die Sache sehr ruhig und boten selten einen höhern Preis, nachdem sie einmal ein Gebot gemacht. Aber trotz all des Lärms und der Aufregung schien Alles zur allgemeinen Zufriedenheit abzugehen und war das Geld ausbezahlt, so eutferuten sich die Leute in bester Stimmung und waren offenbar mit ihren Verkäufen ganz zufrieden. Nach den Beobachtungen, die ich damals auf den Pacht höfen und Märkten in diesem großen Seideudistrikte China s gemacht, scheint es, daß, wie groß auch die Gesammtproduktion sein mag, diese doch nicht durch große Landbesitzer oder aus gedehnte Fabriken, fonbern durch Millionen von kleinen Leuten, von denen jeder nur einige wenige Acker Landes anbaut, her vorgebracht wird. Und dasselbe ist fast mit jebem Produkte im himmlischen Reiche der Fall. Nachdem die Seide so in kleinen Parthien von dem ursprünglichen Producenten gekauft worden, liegt es den einheimischen Inspektoren und Kaufleuten ob, sie zu sortiren und in Packen von derselben Qualität für den eignen Bedarf oder für den Export zu verpacken. Ich brachte die nächsten Tage in der Umgegend von Nan-tsin zu und da dies als ein Mittelpunkt des großenDie Seideuzucht tu China. 247 Seidendistrikts in China angesehen werden kann, so will ich jetzt versuchen eine Beschreibung des Anbaues und des Aus sehens der Maulbeerbäume zu geben. Der Boden in diesem ganzen Distrikt besteht aus einem schweren gelben Lehm, der stark mit vegetabilischen Stoffen versetzt ist. Die ganze Gegend, die in früherer Zeit fast völlig eben gewesen, ist jetzt aufgewühlt, indem man Damme zur Anpflanzung der Maulbeerbäume aufgeworfen. Dieselben scheinen an und auf diesen Dämnien besser zu wachsen als auf ebener Erde. Die Niederungen, welche in Folge der Ausgrabung dieser Dämme bedeutend tiefer liegen als früher, benutzt man zum Anbau von Reis und sonstigen Feldfrüchten und Gemüsen; doch erscheint das Land, aus der Ferne ge sehen, wie ein ungeheurer Maulbeerbaumgarten und hat ein sehr reiches Aussehen, wenn die Bäume ganz belaubt sind. Die in diesem Distrikte angebaute Art des Maulbeerbaums scheint durchaus verschieden von der in den südlichen Theilen China s und in den Seidendistrikten Jndien s gepflanzten. Die Blätter sind viel größer, glänzender und besitzen mehr Festigkeit und Mark als irgend eine andere Art, die mir vor gekommen ist. Möglich, daß dies auf die bessere Qualität der hier producirten Seide Einfluß hat und verdient es von Seidenzüchtern in andern Theilen der Welt beachtet zu wer den. Diese besondere Art wird nicht durch Samen fortge pflanzt und bestehen daher alle Anpflanzungen aus gepfropften Bäumen. Jede Pflanze wird ein oder zwei Fuß über der Erde, nur selten höher gepfropft. Man pflanzt die Bäume in Reihen fünf bis sechs Fuß von einander und läßt sie nur sechs bis zehn Fuß hoch werden, um die Blätter bequemer248 AMi. sammeln zu können. Man zieht sie so, daß sie in der Mitte offen sind, und haben sie dabei meist eine kreisförmige Gestalt. Die verschiedenen Methoden, die Blatter in diesen Distrikten einzusammeln, sind eigenthümlich und lehrreich und zeigen deutlich, daß die Leute die Gesetze der Pflanzenphysiologie genau verstehen. Man nimmt überhaupt keine Blätter von noch jungen Pflanzen, da dies ihrer späteren Produktivität schaden würde, in andern Fällen nimmt man nur wenige und läßt die übrigen an den Schößlingen sitzen, bis sie voll ständig belaubt sind. Im letzten Falle läßt man die Blätter stets an den Enden der Schößlinge sitzen. Sobald die Büsche vollständig belaubt sind, hackt man die jungen Schößlinge mit den Blättern dicht an den Stumpfen ab und trägt sie nach Hause, um sie zu pflücken und für die Würnwr zurecht zu machen. Bei jungen Bäumen sammelt man die Blätter gewöhnlich mit der Hand ein, während man die Schößlinge bis zum Herbst wachsen läßt. Uni diese Zeit geht man alle Pflanzungen sehr sorgfältig durch; die älteren Büsche schneidet man bis auf die Stumpfen ab, kappt die Schößlinge der jüngeren dagegen nur wenig, um sie die ge wünschte Höhe erreichen zu lassen. Dann wird der Boden gedüngt und ordentlich umgegraben. In diesem Zustande bleibt er bis zum Frühjahr, wenn man nicht irgend ein Wintergemüse pflanzt. Das ist häufig der Fall und selbst in den Frühjahr- und Sommermonaten ist es nicht ungewöhn lich, Bohnen, Kohl u. s. w. unter den Maulbeerbäumen wachsen zu sehen. Während der Wintermonate sind die Bäume meist kahl und blätterlos. Denjenigen, welche in Ländern wohnen, wo die Winter kalt sind und wo die meisten PflanzenDie Seideuzucht in China. 249 ihre Blätter verlieren, würde dieser Umstand nicht besonders auffallen. Aber der Anblick, den man hier in den Sommer monaten nach dem ersten Kappen der Schößlinge hat, ist eigenthümlich und auffällig. So weit das Auge reicht, sieht man nach allen Richtungen hin nur die hohlen Stumpfen. Es sieht aus, als ob ein giftiger Hauch über die Ebene dahin geweht und alle diese Bäume verdorrt habe. Dieser Brauch, die Bäume dicht bis auf die Stumpfen der alten Aeste abzukap pen, giebt ihnen ein seltsames itub entstelltes Aussehen. Die Enden der Aeste schwellen keulenförmig aus itnb sind oben viel dicker als unten. Die Hallen, und Außengebäude des Klosters, welches ich be suchte, schienen zeitweilig in ein Lokal für die Zucht von Seiden raupen umgewandelt zu sein. Millionen dieser kleinen Thiere fraßen in runden Sieben, die in offenen eigens zu diesem Zwecke gemachten Nahmen über einander standen. So groß war die Zahl dieser Raupen, daß jedes Sieb es müssen viele Hun derte gewesen sein über und über voll war. In einer großen Halle sah ich den Boden ganz mit Raupen bedeckt; ich werde das eigenthümliche Geräusch nicht vergessen, welches an mein Ohr drang, als ich die Thür dieser Halle öffnete. Es war früh Morgens, die Raupen waren gerade gefüttert und verschlangen nun gierig die frischen Maulbeerblätter. Hunderttausende von kleinen Mäulern kauten die Blätter und bei der ringsum herrschenden Stille klang dieses Geräusch höchst eigenthümlich. Wenn es wegen der Menge der Raupen uöthig ist, sie auf den Fußböden von Zimmern und Hallen zu füttern, so breitet man stets eine Lage trocknes Stroh unter, um sie von dem feuchten Boden. fern zu halten. Indessen zwingt nur250 Asien. die Noth zu dieser Behandlungsweise, nicht freie Wahl und zieht man die oben erwähnten Siebe bedeutend vor. Mag man aber die Raupen auf Sieben oder auf dem Fußboden füttern, so werden sie regelmäßig jeden Morgen gereinigt. Alle Ueberreste der Stengel, der Unrach der Thiere, so wie sonstiger Schmutz werden fortgeschafft, ehe man ihnen die frischen Blätter giebt. Man legt darauf sehr viel Gewicht, da es dazu beiträgt, die Raupen rein und gesund zu erhalten. Auch sind die Chinesen sehr eigen in Bezug auf die Menge des Lichts, das sie zulassen während der Zeit, daß die Raupen fressen. Ich bemerkte stets, daß die Zimmer theilweise dunkel gernacht waren rmd daß man kein Helles Licht eindringen ließ. In manchen Fällen öffneten die Eigenthümer nur un gern die Thür, aus Furcht, wie sie sagten, dieselben zu stören, und sie warnten mich regelmäßig, irgend unnöthigen Lärm zu machen, während ich sie besah. Um diese Zeit war alle Arbeit in diesem Theile des Landes auf die Produktion des Seidenwurnrs gerichtet. Auf deu Felderrr sah man die Eiugebornerr in großer Zahl emsig beschäftigt, die Blätter eiuzusammeln; Böte auf den Flüssen waren damit befrachtet; in den Marktstüdten waren sie in großen Massen zürn Verkauf ausgestellt und Alles sprach dafür, daß es das Hauptprodukt des Landes sei. Andrerseits war jede Hütte, jedes Bauernhaus, jede Scheune und jeder Tem pel mit seinen Tausenden von Raupen angefüllt, die mit der größten Sorgfalt gefüttert und gepflegt wurden. Auf meinem Wege von Hoo-chow-foo nach Mei-che, etwa am 23. Juni, bemerkte ich, daß viele Raupen aufgehört hatten zu fressen und anfingen sich einzuspinnen. Dies zeigt sich zuerst daran, daß die Körper der kleinen Thiere klarer undDie Seideuzucht in China. 251 und fast durchsichtig werden. Sobald diese Veränderung vor geht, werden sie Stück für Stück aus den Sieben ausgelesen und auf Strohbündel gelegt, um ihre Cocons zu bilden. Diese Strohbündel, die etwa zwei Fuß lang sind, werden in der Mitte fest zusammengebunden; die beiden Enden werden gerade abgeschnitten und dann wie ein Besen ausgebreitet, und in diese legt man die Raupen hinein, die sich sofort daran fest- machen und anfangen sich einzuspinnen. Während dieses Prozesses bemerkte ich, daß die untere Seite des Rahmens, auf den man die Strohbündel legte, mit Baumwollenzeug umgeben sei, um den kalten Zug von den Raupen abzuhalten. In manchen Füllen zündete mau Kohlenfeuer an und setzte sie unter den Rahmen, innerhalb des Zeuges, um ihnen noch mehr Wärme zu geben. In einzelnen Häuschen ward das mit den sich einspinnenden Raupen bedeckte Stroh auf die Verandas vor den Häusern in die Sonne gelegt. Wenige Tage nachdem man die Raupen auf das Stroh gelegt, waren sie in den Coeons verschwunden und hatten ausgehört sich eiuzuspinnen. Nun beginnt das Abhaspeln und erblickt man in jedem Häuschen die dazu erforderlichen Ma schinen. Dieser Apparat besteht so git sagen aus vier ver schiedenen Theilen, wenigstens darf ich ihn so zerlegen, um ihn näher zu beschreiben. Da ist denn erstens der Topf mit heißem Wasser, in den inan die Cocos hineinwirft; zweitens die kleinen Ringe oder Augen, durch welche die Fäden laufen; drittens eine Seitwl- oder Horizontalbewegung, um die Seide in ein ein Zickzack über das Rad zu werfen, iiub endlich das Rad selbst, welches viereckig ist. Zwei Männer oder auch ein Mann und eine Frau sind gewöhnlich an einem Rade beschäftigt. Einer davon hat auf s Feuer zu passen und neue Cocons aufzulegen252 Asien. sowie die alten abgewunden sind; der geschickteste Arbeiter setzt die Maschine mit dem Fuß in Bewegung und achtet auf die Fäden, wie sie durch die Ringe aufs Rad übergehen. Man nimmt acht, zehn, bisweilen auch zwölf Cocons zu einem Faden, und so wie der eine abgesponnen ist, nimmt man einen andern an seine Stelle. Drei und manchmal auch vier solcher Fäden gehen zu gleicher Zeit aufs Rad über. Die Seiten- und Zickzackbewegung der Maschine wirft die Fäden in der selben Weise auf s Rad, und ich glaube, man betrachtet dies als eine große Verbesserung der Kanton-Methode, wo die Fäden parallel auf dasselbe geworden werden. Das Wasser in dem Topfe, in den man die Cocons zuerst hineinwirft, darf nie ganz kochen, man läßt es aber gewöhnlich dem Kochpunkte ganz nahe sein. Ich versuchte es oft und fand es viel zu heiß, meine Finger darin zu lassen. Ebenso stellt man ein gelindes Kohlenfeuer unter das Rad; während die Seide ab- gewnnden wird, soll dies Feuer die überflüssige Feuchtigkeit, welche die Cocons in dem Wasser eingezogen haben, ab trocknen. So lange ich damals in den: Seidendistrikt war, besuchte ich beständig die Pachthöfe und Häuschen, wo das Abhaspeln der Seide vor sich ging. Da Seide ein sehr werthvolles Produkt ist, so wird sie mit mehr als gewöhnlicher Vorsicht abgesponnen, und bemerkte ich, daß fast in allen Fällen ein reinlicher, fleißiger und allen: Anschein nach geschickter Arbeiter mit diesem Geschäft betraut war. Zwischen dem 8. und 10. Juli hatte das Abspinnen der . Cocons fast überall aufgehört und wenige Tage darauf war kann: noch eine Spur von dem Leben und Treiben zu be merken, welches kurz zuvor überall geherrscht hatte. DasEin Ausflug zur chinesischen Mauer. 253 Klappern der Maschinen, welches in allen Häuschen, Höfen und Tempeln vernommen zu werden pflegte, hatte nun auf gehört, die Feuerstübchen, Töpfe und Räder nebst all den sonstigen zum Abhaspeln gebrauchten Apparaten, waren auf die Seite geschafft, und ein Fremder, der jetzt die Gegend besucht hätte, würde kaum haben glauben können, daß vor wenigen Tagen noch ein so lebhaftes Treiben daselbst geherrscht habe. ix. Ein Ausflug zur chinesischen Mauer. Am 3. Juli 1858 hatten die Verträge von Tien-Tsing, durch welche das Reich der Mitte" den Barbaren" des Westens erschlossen wurde, die Ratifikation des Kaisers von China erhalten; die vier europäischen Bevollmächtigten, ge schützt von den Truppen und den Kanonenbooten der alliirten Mächte, Frankreich und England, verließen sofort die Stadt, um sich wieder an Bord ihrer Schiffe zu begeben; ehe jedoch der Golf von Petscheli definitiv verlassen wurde, wollte der französische Gesandte, Baron Gros, die große chinesische Mauer besichtigen und sich mit eigenen Augen von der Wahrhaftigkeit jener Angabe überzeugen, der zufolge die Mauer schon un mittelbar an der Meeresküste an der Einfahrt in den Golf von Leo-Tung beginnt. Begleitet von seinen Sekretären und Attaches, schiffte sich daher Baron Gros am 11. Juli um254 Asien. 7 Uhr Morgens an Bord des zierlich gebauten Aviso-Dampfers Prozent" ein, der kürzlich aus Frankreich eingetroffen war. Man glaubte annehmen zu dürfen, daß die Entfernung vom Ankerplätze der Audacieuse" bis zur Mauer etwa 30 bis 40 Lienes betragen würde. Als jedoch gegen Abend der Him mel sich umzog und das Land am Horizont noch immer nicht erscheinen wollte, mußte man die Nacht über auf offener See bleiben. Am folgenden Morgen wurde die Fahrt fort gesetzt und auch bald die große Mauer wahrgenommen; sie stellte sich als eine Reihenfolge gleich hoher Bauwerke dar, die mit Zinnen versehen waren und die Ebene vom Meere angefangen bis an den Fuß der Bergkette absperrten, welche, eine Stunde weit vom Ufer entfernt, mit demselben in paralleler Richtung verläuft. Eine Stunde später war die große Mauer mit ihren Zinnen, Strebepfeilern, Dämmen, die bis in das Meer reichten und der Pagode, die ihren Schlußpunkt am Meere bildet, fast bis in die kleinsten Details sichtbar und man ge noß den malerischesten und schönsten Anblick, den es in China überhaupt giebt; längs des Meeres erstreckte sich die weite, mit üppiger Vegetation, Wiesen und zahlreichen von Bäumen umgebenen Dörfern bedeckte Ebene; weiter rückwärts erhoben sich hohe Berge, von denen einige steil und jäh abfallend, die anderen bis an den Gipfel bewaldet waren und ein Gesammt- bild darstellten, das zwar an die europäische Alpenwelt er innerte, dem aber die große, au dem Meere aufsteigende, mit Pagoden und Basteien versehene, die höchsten steilsten Berggrathe erkletternde Mauer einen eigenthümlichen, selbst die trägste Phantasie erregenden Charakter verlieh. Am Fuße der Mauer gewahrte man auf der chinesischenEin Ausflug zur chinesischen Mauer. 255 Seite die weißen Zelte zweier tatarischen Lager; die zu den selben gehörenden Pferde weideten in voller Freiheit rings umher. Die von der ausgehenden Sonne vergoldete Land schaft war ungemein reizend und ließ die arkadische Lebens weise der mongolischen Horden begreifen. Von der chinesischen Seite aus gleicht die große Mauer einem immensen, mit Zinnen aus Ziegelsteinen besetzten, aber rn sehr schadhaftem Zustand befindlichem Erdwerke, das an mehreren Stellen Breschen hat. Dagegen ist die Mauer auf der entgegengesetzten Seite, in der Mandschurei also, aus Ziegeln auf einer steinernen Basis ausgeführt. Damit ein Feind aller Orten zurückgewiesen werden könne, ist die Mauer auf je zwei Bogenschußweiten mit viereckigen Thürmen ihrer ganzen Länge nach versehen. Jn s Meer senkt sie sich mit zwei parallel verlaufenden Dämmen, deren Abfall so gering ist, daß man sie von den Böten aus leicht ersteigen kann. Schiffe von sehr bedeutendem Tiefgang können bis auf welliger als zwei Seemeilen Entfernung herankommen; es ist dies die eigentliche Stelle, von der aus künftighill Touristen landen sollten. Uns (so schreibt ein Begleiter des Baron Gros) war dieser Umstand leider noch nicht bekannt und wir gingen also in den chinesischell Gewässerir vor Anker. Die Küste ist dort ziemlich eben; der starke Wellenschlag ließ aber die Boote nicht herankommen; sie waren der Gefahr des Strandens ausgesetzt. Am Ufer standen die schaarellweise den be nachbarten Dörfern herbeigeströulten Chinesen. Herr Marques, Dollmetsch der Missioll, und Graf Ozery, Kommandant des Prägent" waren zuerst gelandet, um sich mit den Behörden zu besprechen und zu überzeugen, ob man sich unserer Aus-256 Asien. schiffung nicht entgegenstellen würde. Ein von zwei Reitern gefolgter, auf einem Schimmel sitzender Mandarin war in das Lager gekommen, um zu erfahren, was denn die aus unbekannten Ländern herbeigekomnrenen Männer eigentlich wollten; nachdem der Dollmetsch friedliche Versicherungen ge geben hatte, erklärte der Mandarin, es liege kein Hinderniß vor und wir könnten ohne Weiteres landen. Die Ausschiffung war der nicht wenigst interessante Theil der Expedition. Die Boote konnten, wie bereits gesagt, nicht ganz an s Land herankommen. Baron Gros wurde von drei nackten Matrosen an s Ufer getragen. Seine Attaches und mehrere Offiziere der Audacieuse" und des Prozent" be dienten sich ähnlicher Transportmittel, die mitunter vom Wellenschläge umgeworfen wurden, so daß Träger und Ge tragene Salzwasser schlucken mußten. Nach einer Viertel stunde waren jedoch Alle mtf dem Ufer beisammen; man brach unter Bedeckung von zwölf mit Musketen bewaffneten Marine- Soldaten auf und schlug die gerade nach der Mauer führende Richtung ein. Man mußte zuerst mehrere kleine, xn’3 Meer ausmün dende Gewässer passiren und sich von: Ufer entfernen, um auf trockenem Boden fußen zu können. Je näher wir der Mauer kamen, je mehr sahen wir die £cttareu sich in Bewegung setzen, ihre Pferde besteigen und durch Geberden und Evolu tionen große Aufregung kund geben. Bald hatten sie sich in drei Korps gesondert; eines davon blieb zu Pferde im Lager und schnitt uns den jur Mauer führenden Weg ab; das zweite faßte uns links in der Flanke und stieg mitten in den hohen Gräsern ab; ein drittes, das in weißer goldverbrämter Tracht paradirte, ritt uns in kurzem Galopp entgegen. SieEin Ausflug zur chinesischen Mauer. 257 fragten uns, woher wir kämen, und wohin wir gingen, dann sagten sie, wir dürften in keiner Weise weiter vorwärts gehen; ihr Kommandant sei abwesend und sie könnten es nicht auf sich nehmen, uns näher an die Mauer herankommen zu lassen. -Alle diese und noch andere Redensarten wurden vom Getöse der an einander geschlagenen Metallbecken begleitet. Man denke sich aber unser Erstaunen, als wir ermittelten, wie diese gewissermaßen in der Nähe der Hauptstadt kampirenden Sol daten keine Ahnung von bcm Kriege ihres Landes mit Frank reich und England hatten. Die Eroberung Kanton s, die Be schießung Taku s, der zu Tien-Tsing abgeschlossene Friede, Alles das war ihnen völlig unbekannt. Wir ließen uns auf abermalige Unterhandlungen ein, die ein glücklicheres Resultat herbeiführten; sie ließen uns wieder vorwärts gehen; 3 4000 Meter weiter kam eine an dere Reiterschaar herbei und bat inständig, nicht mehr vor rücken zu wollen. Mit unseren zwölf Marine-Soldaten, und unseren Re volvers hätten wir leicht den 300 tatarischen Reitern Achtung einflößen und gegen ihren Willen die Mauer ersteigen können; der Gesandte wollte jedoch jeden Zwist vermeiden und seine Stellung nicht auf einem Ausfluge kompromittiren, den er blos seines Vergnügens halber aus Neugierde unternommen hatte. Man machte einige Abrisse, kaufte den Reitern einige Fächer ab und entzückte die Chinesen durch Vertheilung einiger Branntwein-Rationen und indem man sie unsere Uhren sehen und durch unsere Lorgnetten gucken ließ, worauf Baron Gros zu den Booten zurückkehrte. Die tatarischen Reiter hatten weder Bogen noch Pfeile, wohl aber Flinten mit Luntenschlössern über die Schulter Kletke, Neues Skizzenbuch. n258 Asien. gehängt. Ihr Pulver ist sehr grob, in ihren Patrontaschen hatten sie außer beit Kugeln auch kleine Bleibarren. Ihre Pferde sind klein, großenteils Schimmel oder Schecken und von sehr ursprünglicher Race. In den großen Stiefeln tra gen die Reiter ihre Pfeifen und Fächer. Ehe wir diese Gewässer verließen, umschifften wir die große Mauer, um auch einen Blick auf die Ebenen der Mand schurei werfen zu können, die sich uns mit jenem glänzenden Grün präsentirten, dem man nur in Ländern begegnet, in denen der Schnee lange liegen bleibt. Die große Mauer mit ihrem schwarzen Unterbau hob sich scharf von dieser wunder samen Vegetation ab, um, auf ihre Strebepfeiler gestützt, 600 Stunden weit über Berge und Thäler halbwilde Länder bis an die Grenzen der Mongolei und bis Ku-ku-pur zu durchziehen. Am folgenden Morgen trafen wir nach funfzehnstündiger Rückfahrt bei den Toki-Jnseln ein, wo uns die Audacieuse" erwartete.Die Hunde der tatarischen Nomaden. 259 x. Die Hunde der tatarischen Nomaden. Jedes Gehöfte in einem Tatarendorfe hat zwei Hunde. So wie ein Fremdling, er mag auch Tatar sein, sich dem Dorfe auf einige Entfernung nähert und nach seiner Annähe rung Miene macht, in s Dorf zu gehen, kommen ihm schon einige Hunde bellend entgegen, und dies ist das Zeichen für alle im Dorfe anwesende Hunde, sich dahin zu begeben und dem Fremdling durch das ganze Dorf, bis eine Werst über dasselbe hinaus, das bellende und keifende Geleit zu geben. Ein Unbeholfener und Furchtsamer kann nicht von der Stelle, ein Kundschafter weiß sogleich die Anzahl der Gehöfte; ein mit dieser Erscheinung Vertrauter und Beherzter geht fort, indem er mittelst seines langen Stockes bald vorne, meist aber hinter sich, hin und her Bogenturen beschreibt und so die unmittelbare Annäherung der Hunde an seinen Körper, an seine Kleider kaltblütig abwehrt, dadurch aber die Hunde nicht reizt, sondern schneller ermüdet, so daß sie ihn gewöhn lich am Ausgange des Dorfes verlassen. Wehe dem, der einen Hund schlägt oder mittelst Steinwürfen abwehren will, indem er leidenschaftlich wird. Dadurch werden die Hunde so erbittert, daß sie ihn zerreißen möchten und ihn mit immer mehr steigender Erbitterung, auch wenn er dann nur passiven Widerstand leistet, weit über das Dorf hinaus verfolgen. Kein Tatar kettet seinen Hund an; keiner ruft ihnen zu, ruhig zu sein. Sie sagen, durch das viele Zurechtweisen 17,*260 Asien. Würden die Hunde weniger wachsam und unschlüssig. Man sieht den Tataren auch das Widerstreben an, mit welchem sie Hunde zurechtweisen, wenn eine Person ihr Dorf heimsucht, die sie doch nicht auf diese Art bewillkommnen lassen wollen. Für mich (erzählt Professor Kolenati) war das immer sehr belustigend, aber auch oft gefährlich, besonders wenn ich zu Fuße allein und noch dazu mit Pflanzenpacketen oder anderen Geräthschaften belastet war oder gar einige Eßwaaren in der Tasche hatte. Mir leisteten viererlei Verfahren immer noch die besten Dienste. Im ersten Grade das Abnehmen der Kappe, Einkneifen derselben zwischen die Zähne, Glotzen mit den Augen und ein rasches Entgegenlaufen. Heulend flohen sie davon und erneuerten den Angriff erst dann wieder, wenn sie neuen Zuwachs bekamen. Die zweite Abwehr geschah da durch, daß ich unterdessen Zeit gewann, Steinchen einzusam meln und die Taschen damit zu füllen. Diese Abwehr ver scheuchte die Hunde nur aus Wurfweite und erbitterte sie. So wie sie merkten, daß der Steinvorrath zu Ende war, er neuerten sie ihren Angriff mit desto größerer Heftigkeit unb Dreistigkeit. Mittlerweile waren denn doch die Bewohner, welche schon aus der Art des Bestens merkten, daß etwas nicht ganz Gewöhnliches vorging, aus ihren Hütten heraus gekommen. Die dritte Abwehr war nleine lange englische Parsorcepeitsche. Die letzte Abwehr war, daß ich meine Pistolen in die Hand nahm und drohend den Tataren zurief, die Hunde zurückzurufen, sonst würde ich in die Hunde schießen. Dies wirkte immer bei mir; einem gewöhnlichen Tataren wäre dies jedoch übel bekommen. Sogleich lief einer zu den Hun den und beruhigte sie durch bloße Worte oder durch das ein fache Mittel, daß er mir die Hand reichte. So wie denDie Hunde der tatarischen Nomaden. 261 Hunden gesagt wird, dies ist mein Verwandter, oder wie die Hunde irgend eine Freundschaftsbezeugung sehen, ist vollkommne Ruhe. Doch kann der Fremdling versichert sein, daß sie ihm die ersten drei Abwehren beim Abgehen nachtragen und dann kann er zusehen, wie er mit ihnen fertig wird, indem sich kein Dorfbewohner rührt. Da half für die Zukunft die zwei malige Realisirung der vierten Abwehr, und zwar bei der Gelegenheit, wo ich das Doppelgewehr mit Schrot geladen hatte, ein oder zwei Schuß in die Gesammtmasse der Hunde that, worauf sie heulend davon rannten oder fort hinkten. Die Methode konnte allerdings nur ich zur Anwendung brin gen. Von Dorf zu Dorf verbreitete sich die Kunde, der kaiserliche Haküm baschi oder Haküm Effendi versteht keinen Spaß; für das nächste Mal beeilten sich die Tataren sogleich, die Hunde abzuwehren. Auch einen fremden Hund, wie es bei meinem großen südrussischen Fanghunde der Fall war, fallen die Tataren hunde an und reißen ihm aus feinem Leibe und Schwänze Haarbüschel heraus. Sehr oft mußte sich mein Hund, wenn wir zu Pferde waren, zwischen die Pferde flüchten. Nach den oben erwähnten verhängnißvollen zwei Schüssen hatten ich, mein Dolmetsch und mein Hund nichts mehr zu befürchten. Auch an die Reitpferde wagen sich die Tatarenhunde und machen die daran nicht gewöhnten Pferde durch Einkneifen in den Fuß wild. Ich bekam meinen südrussischen, weißen, zottigen Fanghund, der eine Höhe von zwei englischen Fuß hatte, vom Schulzen der deutschen Colonie Annenfeld. Er war immer in Annenfeld angekettet und riß sich einst wäh rend meiner Anwesenheit daselbst, als ich eine Krankenvisite machte, los. Niemand, auch der Schulze nicht, konnten ihn262 Asien. bändigen, und er galt als der beherzteste Raufbold. Ich nahm meine Parforcepeitsche und ging in den Hof zum Er staunen aller Hausleute. Den Hund fixirend ging ich auf ihn zu, rief ihn beim Namen und befahl ihm mit einer stren gen Miene, zu mir zu kommen. Der Hund wüthete anfangs, doch, da ich nicht nachließ, kam er allmälig zu mir. So wie er bei mir war, nahm ich ihn beim Nacken, streichelte ihn, sprach git ihm gute Worte, wurde aber dann vorwurfs voll und prügelte ihn endlich so durch, daß er winselnd und heulend Reißaus nehmen wollte; er wurde aber nicht losge lassen. Endlich wurde ich wieder allmälig gütiger gegen ihn, bis ich ihn abermals streichelte. Streng, doch im Guten befahl ich ihn:, mir zu folgen, und endlich lachte ich und fing an mit ihm zärtlich zu sein. Der Hund wedelte, sprang auf mich freundlich zu und ging mir in die Schulzenstube nach. Alle waren darüber erstaunt und der Hund von diesem Augen blicke an so anhänglich, daß er mir auf den Wink folgte. In Folge dieses Ereignisses in den Annalen der Annenfelder Colonie schenkte mir der Schulze den Hund, welcher oft in einsamen Augenblicken und auch bei gefahrvollen Ereignissen mein treuer und wachsamer Reisegefährte wurde. Als ich nach St. Petersburg abreisen sollte, hatte der Hund einen solchen Ruf erlangt, daß ihn ein grusinischer Fürst von mir kaufen wollte. Da jedoch der Hund nur deutsch und nicht grusinisch verstand, schenkte ich ihn dem Herrn Pastor Thomas in Elisabeththal und nahm rührenden Abschied von ihm und meinem Reitpferde. Ja ich kann es bekennen, ich küßte beide. Dieser Hund war nach seiner Form und nach seinem Gebiß ein Wolf, nur sein links gekrümmter Schwanz trennte ihn vom Wolfe. Die Hunde der Noniaden sind in der Farbe,Die Hunde bcv tatarischen Nomaden. 263 Form und im Haarstrich dem Schakal auffallend ähnlich. Sie müssen sich oft selbst beköstigen, sie fressen Mäuse, Aas und im Herbste inästen sie sich, wie die Schakals, an Weintrauben. Die Tataren binden ihnen jedoch, da sie selbe nicht anketten wollen, um dies zu verhüten, einen Stock an das Halsband so an, daß er unter dem Halse quer zit liegen kommt und immer etwas länger ist, als die Entfernung der Rebstöcke von einander beträgt. Doch sah ich pfiffige Hunde trotz dieser Vorrichtung durch eine Seitenwendung des Halses oder dadurch, daß sie sich das eine Ende des Stockes mit der Pfote unter die Brust zwischen die Vorderbeine zu bringen suchten, die Weingärten durchstreichen und mit dem abermals in die un verdächtige Lage zurückgebrachten Stock wohlgesättigt znrück- kehren. Den Nomadenhunden fällt nach dem Buttern immer die Buttermilch anheim, indem sie in eine festgestampfte Erd grube ausgelassen wird; auch bekommen sie nur dann die Ueberreste von Speisen, wenn ein Christ bei den Nomaden zu Gaste war. Nur solche gefallene Rinder und Schafe so wie Pferde überlassen die Nomaden den Hunden, welche auch vom Fleische gefallen ftitb. Wenn dagegen das Thier schnell und bei gehörigem Fleische umsteht, genießen sie das Fleisch selbst.264 Asien. XI. Das Kameel. Wer sich eine richtige Vorstellung von. diesen zwei- oder einbuckeligen Lastträgern, von bereu schönem Vorder- und häßlichen Hinterkörper aneignen wollte, müßte dieselben im Orient selbst gesehen haben; denn alle bis jetzt in Menagerien vorkommenden und in Naturalienkabineten ausgestopften Exemplare, so wie auch Abbildungen zeigen das Thier im abgezehrten, abgehärten Zustande ohne natürliche Haltung. An das Leben dieses alle Entbehrungen geduldig ertra genden Wüstenthieres ist schon seit Jahrtausenden das patri archalische Nomadenleben der Orientalen gebunden und auch dessen Abhängigkeit historisch festgestellt. So wie dem Aeltesten einer Familie oder Horde die Priorität in Familien- oder Horden-Angelegenheiten Niemand streitig macht, eben so läßt sich auch das älteste Kameel niemals das Vorrecht nehmen, die Karavane zu eröffnen. Auf den herkömmlichen gegen seitigen Gruß der sich begegnenden Nomaden kommen sogleich Fragen zum Vorschein, welche die Kameele betreffen. Wird dem Asiaten ein Kameel geboren, so äußert er eine gleiche Freude, als wenn ihm ein Knabe geboren wäre; er ruft: Brüder, wir haben einen Freund mehr, oder, Brüder, unsre Familie ist um ein Glied reicher!" Die Liebe der asiatischen Völker zu dem Kameele geht so weit und ist so alt, daß schon im Koran die Freuden des Paradieses auch die Kameele mit ansmachen helfen, daß bei einigen Stämmen der Araber, dieDas Kameel. 265 schon vor Mohamed an eine Auferstehung glaubten, dem Ver storbenen eins seiner Kameele auf dessen Grabe geschlachtet wird, damit es sich am Anferstehungstage mit seinem Herrn zugleich einfinde. Das Kameel war die Kanzel des Propheten und er verkündigte von ihm herab seine Gesetzgebung. Als Mohamed auf beut Berge Arafat von dem Kameele herab an bas Volk die letzten Gebote über Ehe, Erbschaft, Speisegesetze mittheilte, brachen die Vordersüße seines Thieres zusammen von dem Gewichte der verkündeten Offenbarung. Zum An denken daran wird auch jährlich auf deut Arafat eine Predigt vom Kadhi an das versammelte Mosleminvolk vom Kameele herab gehalten. Auch ist noch jetzt das Kameel der Träger des Korans zur Kaaba. Wo das Kameel des Mohamed auf der Flucht nach Medina lagerte, ward die erste Moschee er baut, und wo das Kameel mit Ali s Leiche m der Wüste stehen blieb, ward der berühmte Wallfahrtsort Medsched Ali erbaut. Blutrache ist auf die unbefugte Tödtung eines Ka- meels gesetzt, und schon die Beschimpfung des Kameels wird oft blutig vom Eigenthümer geahndet. Allein die Fesseln sind auch mächtig, welche den Orientalen in der Wüste an das Kameel binden. Es ist der Träger der ganzen Familie und des Hausbedarfs, der Kämpfer in der Schlacht, der Retter auf der Flucht, der Bekleider und Ernährer, der Erretter vor dem Verdursten, der tägliche Durststiller durch die ernährende Milch, der Entdecker der fernen Wasserquellen, der Vorher- sager des Sturmes, der Warner vor dem Samum und vor fernen Raubthieren, der Beschatter im verzehrenden Sonnen brände, der Leiter in der Wüste, der Sklave des Asiaten, dem es unbedingt aufs Wort folgt, der Freund desselben, mit dem er auf der faden Steppenreise redet, dem er seine Freude,266 Asien. sein Leid, seine Geheimnisse anvertraut; es nimmt Antheil an seinen: Gesänge; die Verstärkung der Recitative, das Schwellen des Trillers beschleunigt des Kameels Schritte. Die Zärtlichkeit des Asiaten geht so weit, daß er ihm von seiner Race, Abstammung, von seinen Vorfahren, von den Wegen, die sie zurücklegten, erzählt und ihm, wenn es eben so brav sein wird, eine große Nachkommenschaft verheißt. Er lobt es ferner als fein bestes Kameel, bläst ihm zur Beloh nung Tabakrauch in die Nüstern mtb verspricht ihm eine baldige Herrath. Aber auch das störrige Kameel straft er nie mit Prügeln, sondern nur mit Worten. Von Vorwürfen geht er allmälig zu Ermahnungen über. Zum Lenken be dient er sich blos eines Stabes, mit dem er, ihn bald rechts, bald links neben dem Kopfe des Kameels vorstreckend, die Richtung angiebt, die es einzuschlagen hat. Das Kameel liebt weniger, daß ihm Futter gereicht werde, als daß ihm einige Stunden Freiheit vergönnt wer den, in denen es sich zwischen dem Sand der dürren Salz steppe die sparsamen Kräuter aufsucht, welche alle anderen Thiere mißachten. Ja es findet auch noch in den steinigen Dattelkernen hinreichende Nahrung. Vorzüglich liebt das Kameel die sogenannte Kameeldistel, welche Khar-Shuter oder Shuter-Khar (Kameelkraut) genannt wird und dem Kameele einen schaumigen, angenehm riechenden Speichelfluß verursacht. Die Höcker sind der Maaßstab des Wohllebens und auch der Zehrvorrath der Kameele; denn im Herbst, wo die Kameele gut genährt sind, stehen sie ganz straff aufrecht, im Frühjahr dagegen hängen sie schlaff herab. Es ist zu verwundern, wie die Kameele ohne Obdach, in der brennendsten Sonnenhitze, im Sturme, im Regen, oft von Sand oder Schnee bis anDas Kameel. 267 den Hals verweht, ihr Leben fristen. Es wird den rastenden Kameelen alle 14 Tage bis drei Wochen einmal Futter ge reicht, Halbgeschrotetes Mehl mit Wasser und Steppensalz angemacht, etwas Opium und Blätter von der Palmyra-Palme in große Brode geformt, reicht hin. Bei Reisen und beim Lasttragen erhalten sie dagegen täglich 15 Pfund Mehl, etwas Opium und einige Stunden freie Weide. Wenn man das Kameel belasten will, so ruft der Tatar Tschn, der Araber Anikoü, der Beduine Kzzi, der Kalmücke zieht am Leitseile, und es läßt sich auf die Knie nieder, giebt aber bei zu großer Belastung einen Unwillen kund. Ungemein vorsichtig und besonnen richtet es sich mit der Last empor, was immer eine Anstrengung verräth. Man wagt es nie, das belastete Kameel mit Gewalt zum Aufstehen zu zwingen, sondern spricht ihm nur zu und überläßt diesen schweren Akt seinem freien Willen. Ein dreijähriges Kameel trägt 200, ein sechsjähriges 500 640, ein starkes 1000 1600 Pfund. Doch wenn es sich überlastet fühlt, so bricht es schon während der Ueber- lastung in ein Jammergeschrei aus, und wen): man es den noch nicht achtet, so bringt es Niemand zum Aufstehen; denn die Last, mit welcher das Kameel nicht aufstehen will, kann es auch nicht auf lange Zeit in gemessenem Schritte tragen. Deshalb wird es auch das schreiende Schiss, Kechty Khouruch", genannt. Beim Niederlassen mit der Last gebraucht das Ka meel auch die Vorsicht, daß es nicht mit derselben zusammen bricht. Es biegt ein wenig erst das Kniee des einen Vorder beines, dann das des andern und fällt so mit dem ganzen Gewicht auf die Gelenkschwielen nieder, wodurch die Last mehr auf die Schultern füllt; dann erst zieht es auch die Hinter-268 Asien. Deine so wie die Schenkel einwärts gegen die vorderen hin und senkt sich den Bauch. Die Kniegelenke pressen sich wie Scharniere znsammen. Erst nachdem es eine ruhige Po sition angenommen hat, werden die Ballen gelöst und das Thier erhebt sich zwischen denselben, um auf die Weide zu gehen. Zum Aufbruch der Karavane läßt sich das Thier zwischen seinen Ballen auf derselben Stelle nieder zur neuen Be lastung. So sind zwei Leute hinreichend, um 25 Kameele in einer Viertelstunde zu belasten und wieder zu entlasten. Das jnnge Kameel wird ein Jahr gesäugt. Man stillt es ab, in dem man ihm einen hölzernen spitzigen Pflock in einem Nasen- loche tragen läßt. Im sechsten Jahre ist das Kameel aus gewachsen. Die Kameele erreichen ein Alter von 40 bis 50 Jahren, bei weniger Strapatzen ein Menschenalter. Die Pferde, welche an den Anblick der Kameele nicht gewöhnt sind, werden scheu. Daher ist, wie Herodot erzählt, gegen Crösus die Kriegslist in Anwendung gebracht worden, die Kameele in die ersten Reihen zu stellen, worauf die Pferde vor ihren ungewohnten Gestalten so erschrocken sind, daß das Heer die Flucht ergriff. So mußten in Xerxes Heere die auf Kameelen sitzenden Araber in die hintersten Reihen der Schlachtordnung gestellt werden, damit die Pferde der übrigen Reiterei nicht scheu würden. Daher ist auch die schwedische Reiterei in der Schlacht bei Navara durch die in die erste Reihe gestellten Kameele, welche der Kalmücken-Chan beut russischen Kaiser zu Hülfe geschickt hatte, zerstreut worden? Das Fleisch der jungen Kameele ist schmackhaft, wird aber nur von vornehmen Asiaten bei besonderen Feierlich keiten oder einem hohen Gaste zu Ehren verspeist. Vor denDas Kameel. 269 Pferden verdienen die Kameele in den Wüsten den Vorzug, weil sie mehr tragen, weniger Zehrkosten erfordern, einen gleichmässig abgemessenen, sicheren und ausgiebigeren Schritt haben, größere Strecken zurücklegen, keiner Leitung und be sonderen Aufsicht bedürfen, vermöge ihres stoischen Gleich mutes nicht so leicht erschrecken, vor den dahinrollenden Disteln oder dahinströmenden Winden nicht zurückprallen, nie mals nlit der Last an Bäume anstreifen, zum Durchgänge durch reißende Gewässer besser taugen, mehr Durst ertragen und dem Wanderer Schatten geben. In Bikanir wird das Kameel auch zum Pflügen gebraucht. Sind die Wege im Winter oder bei nassem Wetter im lehmigen Boden schlüpfrig, so legen die Kalmücken und krim schen Tataren vor den Höcker des Kameels ein Joch, spannen es an und lassen es ziehen. In einer steinigen Wüste oder im heißen Sande bekommen die Kameele Schuhe von Büffelleder. Ein langer Zug Ka meele, die alle durch Stricke mit einander verbunden sind und auf einander folgen, heißt persisch und tatarisch: Khathar, arabisch: Katileh oder Ketar. Die kalmückischen Kameele haben alle die Nasenscheidewand durchbohrt und mit einem Strick durchzogen, d er wegen eines Knopfes an der einen Seite nicht durchschlüpfen kann; die persischen haben blos ein Kopfgeschirr. Die Khetars verderben im Orient die Fahr wege, indem sie Grube an Grube austreten. Nähert sich ein Fremder einem Kameel, so sieht es ihn vorerst an; dann regurgitirt es eine ziemliche Menge eines grünen Magen saftes und spritzt den Fremden unter gellendem Geschrei an. Die Perser packen ihre langen englischen Kanonen auf die Kameele, mit der Oeffnung nach hinten auf guten und festen Polstern, die dazu bestimmten Artilleristen sitzen nebenden Kanonen; auch werden die Kanonen entweder: am stehen den oder knieenden Kameele gelöst. Ein Kameel kostet in der Krün 100 150 Papierrubel (100 150 Francs) im nörd lichen Persien 160 Rupien, in Chorassan 80 100, in der Bocharei bis 200 Rupien (3V4 Pfd. Sterl.), in Arabien 100 bis 140 Rupien. Das zweibucklige Kameel oder der Baktrian legt 8 9, unbeladen 11 12 Meilen im Tage zurück. Das einbucklige Kameel oder der Dromedar legt unbelastet oft an 37 deutsche Meilen den Tag zurück und ist daher der beste Schnellläufer; doch trägt es in der Regel geringere Lasten. Die langen Haare am unteren Halse werden sehr ge schätzt und zu verschiedenen Stoffen verarbeitet. Die Hal tung des Kameeles ist bei der Ruhe eine edle, sanfte, ge messene, mit feierlichen Bewegungen, mit wenig gebogenen, mehr senkrecht aufgelegten Beinen, erhobenem Leibe, gesenktem Schwänze, nach vorne abwärts gebogenen! und unter einem schönen Bogen plötzlich nach aufwärts hoch aufgerichtetem Halse, mit etwas über die horizontale Linie nach abwärts geneigtem Kopfe, mit nach der Umgebung gerichtetem, mildem, fast em- pfindungsvollem Blicke von strahlender Güte und Klugheit, worin allemal die hart einwirkenden Entbehrungen eine Art von Schwermuth hinterlassen haben. Dagegen ist die Hal tung in der Leidenschaft und Angst eine schaudererregende, voll ängstlicher Hast, mit unruhigen, ungemessenen raschen Bewegungen, mit mehr gebogenen und mehr horizontal aus gespreizten Beinen, gesenktem Leibe, erhobenem Schwänze, mit nach vorn fast horizontal vorgestrecktem Halse, mit horizontal und mehr zu Boden gesenktem Kopfe, mit nach der weitesten Ferne gerichtetem, stierem, wildem, Todesangst verrathendem, verzweisiungsvollem Blicke von verzehrender Sucht nach derDas Kameel. 271 Ferne, welcher alle Spuren der Folgsamkeit aus dem Auge verwischt und auch alle Fesseln zu sprengen vermag. Diese letztere Haltung nimmt das Thier an, weun es die Durstzeit von 10 25 Tagen ausgestanden hat, wenn ein Sturm oder verderbender Wind oder ein reißendes Thier von ihm gewit tert wird. In diesem Falle nur werfen die Kameele oft die Last ab und rennen entweder zurück, wenn sie einen verder benden Wind oder Tiger oder Löwen wittern, oder sie rennen nach der Gegend, von der ihnen der Dunst der Wasserquellen zuströmt. Im letztern Falle halten sie auch oft plötzlich stille und zeigen durch ein anhaltendes Schnauben und Wittern dem Gebieter die Richtung, welche einzuschlagen ist, und wenn er nicht nachgiebt, so werden sie störrig. Die Khims oder überstandene Durstzeit kann sich in Arabieu auf fünf Tage, in Syrien und Persien auf zehn, in den nördlichen Steppen Kleinasien s sogar noch etwas länger erstrecken. Wenn aber die innere Quelle ganz versiegt ist, dann bekommt das Ka meel Angst vor dem Verdursten, und das erfahrene Kameel Angst vor dem Abschlachten. Die Naturgrenzen des Aufenthaltes des Kameeles sind gegen Ost- und Süd-Ost-Asien das tropisch-schwüle und mari time Klima des Elephantenlandes und der Regenzone der Kokoswaldung, gegen Norden die Rennthierzone am obern Jenisei, Jrtysch, Baikal bis zum 55. und 56. Gr. n. Br., gegen Nordwest die Ackerwirthschaftzone, somit der Don und Bessarabien, gegen Süden in Afrika ebenfalls die Zone des tropischen Regenniederschlages, dem Senegal, Niger und Bahr el Abiad entlang. Allerdings muß man in dieser großen Verbreitungszone die Wald- und Alpenregionen wieder aus nehmen. Als Inselbewohner findet man das Kameel nur272 Asien. aus den caMrischen Inseln Teneriffa, Lancerota und Forta- ventura. Das Kamee! hält als Zwischenthier die Mitte zwischen der üppigen Phanerogamen - Vegetation und dem schwülfeuchten Klima, dessen die Elephanten bedürfen und der armen Cryptogamen-Vegetation, dem naßkalten Klima, welches die Rennthiere erfordern. Das Kamee! ist auf die wasser- vegetationsarmen, salzkräuterreichen, warmen oder auch gemäßigten Steppengebiete Vorderasien s und Nordafrika s angewiesen; es schließt sich innig an die Zone der Dattel palme an, reicht aber gegen Norden weit über dieselbe hin aus und steigt aus dem heißen Tiefland weit über dasselbe in das absolut hoch gelegene Plateauland hinauf, alle eigent lichen Alpenländer vermeidend. XII. Das Rennthier und die Raria.*) Russische Erinnerungen aus Sibirien. Wir hatten heute (5. November) hier in Beresov 30 Grad Kälte. Bei dieser angenehmen Temperatur fuhr einer unserer Freunde mit seiner Narta vor dem Hause vor und lud uns zu einem kleinen Ausfluge per Rennthier ein, und die Sache war zu neu, zu originell, um sie von der Hand zu weisen. Um gegen den grimmigen Frost einigermaßen ge schützt zu sein, hüllten wir uns in ein ganzes Magazin von Kleidern und Pelzen, und überließen uns schwache Wesen, so herausgeputzt, unserem muthigen, geschickten Führer. *) Der sibirische Schlitten.Das RLlyithier und die Narta. 273 Die eingespannten Rennthiere hatten die Größe eines zweijährigen Rindes und waren diesem auch an Schnauze und Klauen ähnlich, hatten einen langen Ziegenbart und kurzen Schwanz, und erinnerten, besonders von hinteil aus gesehen, etwas an das Reh, nur daß dieses schmucker ist und auch dünnere, höhere Beine hat. Was den Thieren ein besonders imposantes Ansehn gab, das war das ungeheure, ästige Ge weih, welches sie jährlich abwerfen, itnb das durch ein um ein Ende vermehrtes neues ersetzt wird; von Farbe waren sie weiß; doch giebt es auch kastanienbrallne und solche, deren Fell ein Gemisch von beiden zeigt. Die Narta oder der Rennthierschlitten ist von dem Schlit ten, dessen man sich in Europa bedient, was Form und Leich tigkeit betrifft, sehr verschieden. Sie ist weit länger als nufer Schlitten, besonders der zum Gütertransport bestimmte russische, und die Kufe, so wie das, was sie verbindet, sehr dünn, da mit das Thier, welches nicht gerade große Kräfte besitzt, beim Ziehen nicht nöthig hat, sich sehr anzustrengell. Die Schlitten kufen stehen, um das Umwerfen zu vermeiden, sehr schräg und weit auseinander, und auf das dieselben zusammenhaltende Gestell sind Bretter festgenagelt. Die Oberfläche gleicht dem zufolge vollkommwl einer Tischplatte, und von einer Einbie- gung, in welcher man die Füße oder kleine Reisebedürfnisse bergen könnte, ist keine Rede. Beinr Fahren sitzt man seit wärts auf dem Bretterboden und läßt die Füße, die ebenso wenig eine Stütze haben, wie im Falle des Schwankens oder Umwerfens die Hand einen Anhalt, herunterhängen. Der Reisende ist im strengsten Sinne des Wortes auf seine eigene Geschicklichkeit im Festhalten des Gleichgeivichts und auf die Geschmeidigkeit seiner Glieder angewiesen. Giebt es Ladung, Kletke, Neues Skizzeubuch. io274 Asien. so Wird diese auf die Bretter gelegt, mit Rennthierfellen be deckt und mit Stricken festgeschnürt. Auf diese Art ist sie vor dem Verlorengehen oder Herunterfallen sicher, wenn die Narta unterweges auch so und so viel Male das Untere nach oben kehrt. Ein Deichsel an der Narta anzubringen, scheint man für überflüssig zu halten; den Thieren, von welchen gewöhnlich drei vorgespannt werden, und von denen man nur dem in der Mitte eine Art Zügel an das Geweih befestigt, schnallt man einen Gurt um den Bauch und hakt daran den Schlitten vermittelst eines langen Riemens. Ist zur Abfahrt Alles bereit, so setzt sich der Fuhrmann, gleich wie die Anderen, von der Seite auf die Bretter-Unterlage und bewaffnet sich mit einem einige Arschinen langen, dünnen, doch festen und an einem Ende mit Eisen beschlagenen Stocke. Dieser dient dazu, die Thiere im Laufe aufzuhalten, indem er in den Schnee gebohrt und dann der Zügel darum gewunden wird. Die Rennthiere sind so leicht, daß sie sich auf der Ober fläche des Schnecks erhalten, und daher vorzugsweise zum Reisen in Ländern geeignet, wo es nicht nur keine gebahnten Wege giebt, sondern man sich oft seine Straße erst bilden muß. Sie laufen mit Windesschnelle und lassen sich durch keinerlei Hindernisse aufhalten. Vergab jagen sie, daß Einem Hören und Sehen vergeht; freilich sind sie dazu auch gezwungen, denn wollten sie im Laufe im Geringsten Nachlassen, so käme ihnen der schnell gleitende, durch keine Deichsel zurückgehaltene Schlitten auf den Leib und ihre dünnen Beinchen gingen in Stücken. Seine Thiere so zu regieren, wie wir unsere Pferde, das ist der Fuhrmann nicht im Stande, vielleicht vvrsteht er es auch nicht. Kommt irgend eine gefährliche Stelle, oder stürzt der Schlitten gar um, so macht das weiter keinen Un-Das Rennthier und die Narta. 275 terschied; die Thiere rennen wie rasend, und Alles, was der Führer vermag, ist, sie zum Stehen zu bringen. Geringere oder größere Schnelligkeit im Laufe liegt außer dem Bereiche seiner Macht. Das Gefühl, welches ich empfand, als ich neben meinen Gefährtinnen auf der Narta Platz genommen und das Ge spann sich in Bewegung gesetzt hatte, war ein nichts weniger als angenehmes; ich glaubte auf einer Schaukel zu sitzen und fühlte auch bedeutenden Schwindel. Die Thiere schossen wie ein Pfeil dahin, was mir vielleicht gefallen haben würde, wäre nicht die Angst dazu gekommen, vollständig in der Gewalt von Thieren zu sein, über welche der menschliche Wille keinerlei Kraft auszuüben verstand. Je länger wir jedoch fuhren, desto mehr schwand meine Furcht, obgleich der Schlitten tüchtig hin- und hergeworfen wurde und stellenweise wahre halsbrechende Sprünge machte; zuletzt setzte mich selbst eine umgeworfene Narta, an welcher wir vorbeisausten, nicht mehr in Unruhe. Wenn das fatale Umwerfen weniger häufig vorkommt, als man es bei dem tollen Jagen wohl vermuthen sollte, so liegt die Ursache vornämlich im Bau des Fuhrwerks. Die Narta ist ungewöhnlich lang, sehr breit, und zwar oben eben so sehr, wie unten; kippt sie einmal um, so hat sie noch überdies die gute Eigenschaft, von selbst wieder auf die Beine, oder rich tiger gesagt, auf die Kufen zu kommen, und der darauf Sitzende hat, wenn ihm das Unglück begegnet ist, herunter zu fallen, nichts weiter zu thun, als seine ganze Geschicklichkeit anzu wenden, um schnell hinauf zu kommen, bevor sich die Thiere wieder in Bewegung setzen. Gelingt ihm dies nicht, so bleibt dem Armen nichts weiter übrig, als zu Fuße dahin zu wan- 18 *276 Asten. dern, wo gefüttert oder umgespannt wird, denn an ein Ein holen ist auch nicht im entferntesten Zu denken. Die Rennthiere nähren sich von einem dem isländischen ähnlichen Moose und sind nicht so anspruchsvoll, von dem Menschen zu verlangen, daß er ihnen für den Winter das nothwendige Futter aufspeichere. Die Rennthierheerden halten sich in dieser Jahreszeit in den Wäldern auf, wo sie hin reichende Nahrung finden, und die Eigenthümer betrachten es als vollkommen hinreichend, der Aufsicht wegen einett Hirten mitzugeben, der sein Zeltchen auf dem Platze aufstellt, tvelchen sich die Thiere zur Weide gewählt haben, und nachrückt, wenn diese weiter ziehen. Die Rennthiere habet: einen wunderbaren Instinkt, die jenigen Orte herauszusinden, welche reich an Moos sind. Mag der Schnee noch so hoch liegen, so wittern sie gettau das Futter heraus und legen es mit ihren Klauen blos. Sie bleiben so lange an einer und derselben Stelle, bis sie ganz abgeweidet ist, Uttd ziehen dann, immer die Spur des Mooses verfolgend, Schritt für Schritt weiter. Trifft sich einmal eine kahle Stelle (was jedoch selten der Fall ist, da das Moos in den Wäldern fast überall wächst), so begiebt sich die ganze Heerde auf die Wattderung zur Auffindung eines neuen Weideplatzes. Sittd Thiere zum Einspannen nöthig, so tverden sie dem Walde geholt und nach gethaner Arbeit wieder dorthitt zurückgetrieben; sie, wie unsere Pferde oder Ochsen, im Stalle zu erhalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Das Rennthier nimmt sein Futter nie aus der Hand des Menschen oder frißt aus einer Krippe; selbst auf Reisen ist dies nicht der Fall. Merkt der Fuhrmann, daß seine Thiere hungrig sind, so spannt er sie los und läßt sie sich ihr FutterDas Rennthier und die Narta. 277 suchen, gebraucht jedoch dabei die Vorsicht, sie alle an eine Stange zu binden, damit sie nicht aus einander laufen. Das Geschäft des Fressens ist bei den Rennthieren jedoch nicht so schnell abgemacht, wie bei unserem Zugvieh; es gehört dazu oft ein halber Tag, und hat der Reisende nicht Zeit genug, um dies abzuwarten, so muß er in gewissen Entfernungen frische Thiere zum Wechseln in Bereitschaft halten und also mit Relais fahren. Kann der Reisende nicht über die nöthige Anzahl eigener Thiere verfügen, so miethet er welche von Ort zu Ort. Die Rennthiere sind, wenn es gilt, Hunger und An strengung zu ertragen, ungemein ausdauernd und laufen in einem Zuge fünfundzwanzig bis dreißig Werst (bis über vier Meilen). Sind sie sehr ermüdet, und der Fuhrmann treibt sie dennoch weiter an, so werfen sie sich, um auszuruhen, auf den Schnee, und die ärgsten Mißhandlungen sind nicht im Stande, sie eher zum Aufstehen zu bringen, bis sie sich wieder gehörig bei Kräften fühlen. Bis es nöthig ist, zu füttern, kann man wohl hundert Werst fahren; wer jedoch seine Thiere schonen will, muthet ihnen höchstens die Hälfte zu. Das Rennthier ist recht eigentlich das Thier des hohen Nordens und kann keinerlei Wärme vertragen. Treten mit Ende April oder Anfangs Mai die ersten Zeichen der milderen Jahreszeit ein und der Schnee fängt an zu schmelzen, so hält der Etgenthümer Heerschau über Alt und Jung seines Corps, zeichnet jedes einzelne Stück und schickt die ganze Heerde nach dem nördlichen Ural, wo der Schnee nie schmilzt und wohin sich auch die den Thieren so unausstehlichen Mücken nie ver irren. Dort bleibt sie einer süßen Muße überlassen, bis es zu Hause wieder tüchtig friert und eine dicke Schneeschicht dieErde bedeckt. Mit dieser traurigen Zeit tritt für das Nenn thier diejenige der Arbeit ein. Das Rennthier ist aber auch noch außerdem der Wohl- thäter derjenigen Gegenden, in welchen es heimisch ist, denn es liefert den Bewohnern derselben fast Alles, was sie bedürfen: Wäsche, Kleidung, Bett und Nahrung. Die Felle der jungen Thiere, in der Handelssprache Pjeschki" genannt, haben weiches, glänzendes Haar und dienen zum leichteren, mehr ausgesuchten Anzuge; man füttert damit gleichfalls die langen Röcke und die Hauskleider der Frauen, und die Männer verarbeiten sie zu Mützen, sowie auch zu den Triuschki" genannten Ueber- würfen. Die unter dem Namen der Nepluje" bekannten Felle der einjährigen Thiere haben kurzes, schimmerndes Haar und werden, wenn sie von kastanienbrauner Farbe sind, zu den Jagi" oder Oberkleidern benutzt, bei welchen das Haar nach außen gewendet, die Fleischseite dagegen mit einem anderen Pelze oder mit Flanell gefüttert wird und die als Handels- Artikel bis nach Tobolsk und Jrbit gehen. Die Nepluje so wohl, als auch die Pjeschki, stehen um so höher im Preise, je dunkler sie von Farbe sind; die weißen und bunten sind kein Handels-Artikel, sondern werden meist am Orte selbst verbraucht. Das Fleisch des Rennthieres hat, besonders wenn es nicht mager ist, einen ganz angenehmen Geschmack, der an Reh- und entfernt auch an Elennfleisch erinnert. Die Russen mögen es nicht, und wenn sie es essen müssen, so sprechen sie nicht gern davon, weil es das Lieblingsgericht der Ostjaken ist, gegen welche sie die größte Verachtung zeigen und es geradezu für Schande halten, mit diesem unterworfenen Stamme in irgend welche Berührung zu treten. Die Rennthierzungen aber sindDas Reimthier und die Narta. 279 ein solcher Leckerbissen, daß sie selbst in Moskau und Peters burg bei großen Tafeln nicht fehlen dürfen. Das Rennthier ist dem Ostjaken und Samojeden so un entbehrlich, wie die Glieder seines Leibes; mit ihm ist er rasch, frei und muthig und durchfliegt ohne Mühe und Furcht Tau sende von Werst seiner Eisflächen; ohne dasselbe steht er kraft- und stützlos da, es fehlen ihm Arme und Füße. Ist die Jagd oder der Fischfang unglücklich ausgefallen, so muß wiederum das Rennthier herhalten, um vor Hunger zu schützen. Der in Sibirien ansässige Russe versorgt sich seiner Zeit mit Mehl und anderen Lebensmitteln, welche ihm auf der Wasserstraße zugeführt werden. Den armen Ureinwohnern dagegen, denen dies Alles nur schwer zugänglich ist, bleibt in der Zeit der Roth nichts, als ihr unzertrennlicher Gefährte, das Rennthier; es muß sein Leben opfern, um dasjenige des Menschen zu fristen.- Um wieder aus unsere Spazierfahrt zurückzukommen, so hatte ich mich, wie schon bemerkt, allerdings in ein wahres Magazin von Kleidungsstücken eingehüllt und auch die Füße gut verwahrt, doch schützte mich dies Alles nur wenig gegen den grimmigen Frost. Am schlimmsten kamen Beine und Füße weg, da sie an der Narta herunterhingen und auf diese Art dem vollen Einfluß der eisigen Luft ausgesetzt waren. Ich war bei der Rückkehr fest überzeugt, sie erfroren zu haben, und steckte sie sofort in kaltes Wasser; doch ich hatte mich geirrt, denn sie waren in der Külte nur gefühllos geworden. Wer eine weite Reise zu machen hat und gegen den Frost sehr empstndlich ist, umgiebt die Narta auf beiden Seiten mit Brettern, die dann eine Art Kiste bilden, und spannt über sie eine Leinewanddecke, in der sich eine mit einem Vorhang280 Asien. versehene Oeffnung zum Einsteigen befindet. Das Innere .wird mit Betten und Kissen angefüllt, in welche sich der Reisende einwühlt und mit einer Pelzhülle zudeckt. Diese Art zu reisen, nämlich die liegende, ist eine in Sibirien so allgemeine, daß man dort nicht begreift, wie eine andere möglich ist.Der Regenmacher bei den Detschuanen. Die Zauberei hat sehr zahlreiche Anhänger unter den Betschuanen, welche auf die Worte und Vorschriften der Zaube rer das höchste Vertrauen setzen. Namentlich gilt dies von der Klasse der Hexenmeister, die sich mit dem Regenmachen abgeben. Der Regenmacher genießt bei diesem Volke größeres An sehen, als selbst der König, denn auch dieser muß sich den Geboten und Befehlen dieses wichtigen Mannes fügen. Im Allgemeinen sind diese Regenmacher Leute von natürlichen Ta lenten und viel Schlauheit, welche, ihrer Ueberlegenheit sich wohl bewußt, es prächtig verstehen, mit ihrer in geheimniß- volles Dunkel gehüllten Kunst das übrige Volk zu beherrschen. Sie sind außerdem gewöhnlich Ausländer und prahlen mit den wunderbaren Thaten, die sie in ihrem Heimathlande verrichtet282 Afrika. haben. Jeder Stamm hat einen, manchmal mehrere Regen macher. Die Zauberer sind gleichfalls Aerzte, übernehmen auch die Arbeit der Todtengräber und wachen über die Beerdigung der Verstorbenen; denn es ist ein allgemeiner Glaube, daß die Ceremonien, welche sie dabei vornehmen, viel Einfluß auf die Wolken und das in denselben befindliche Wasser haben. Es geschieht nicht selten, daß der Regenmacher die gewöhnliche Beerdigung der Todten verbietet und befiehlt, man solle den Leichnam hinaus aufs Feld schaffen und von den Raubthieren verzehren lassen. In Moffat s Missionary Labours and Scenes in Sou thern Africa findet sich eine ausführliche und sehr lebendige Darstellung von solchen Regenmachern, welche hinlänglich den ungeheuren Einfluß beweist, den sie über die unkundige und abergläubische Masse ausüben, sowie die Schlauheit und List, die sie anwenden, um ihren Zweck zu erreichen. Wir ent nehmen dieser Darstellung Folgendes: Die Betschuanen in Kuruman, welche mehrere Jahre hin durch von schlimmer Trockenheit heimgesucht waren, hatten sich versammelt, um gemeinsam zu berathen, wie dem Uebel am besten abzuhelfen sei. Nach reiflicher Ueberlegung beschlossen sie einen berühmten Regenmacher holen zu lassen, der zu dieser Zeit in Bahurutsi, zweihundert englische Meilen nordöstlich von der Station, lebte. Es gingen Boten dahin mit der be stimmten Weisung, nicht ohne den Mann zurückzukommen, ob wohl sie nicht besondere Hoffnung hegten, daß ihr Auftrag nach Wunsch besorgt werden würde. Durch glänzende Versprechun gen erreichten sie jedoch mehr, als sie erwartet hatten. Während der Abwesenheit der Boten war der Himmel wie Erz und Eisen, und kaum einmal verdunkelte eine vor-Der Regenmacher bei den Betschuanen. 283 überziehende Wolke die Sonne, deren blendende Strahlen die Erde versengten. Aber denselben Tag, an welchem man die Nähe des Regenmachers verkündete, sammelten sich merkwür digerweise dichte Wolken, Blitze leuchteten, Donner rollten, und zugleich fielen einige Regentropfen. Die getäuschte Menge war außer sich vor Entzücken, Freudenrufe ertönten überall, daß die Luft erzitterte und die Berge widerhallten. Ehe der Regenmacher die Stadt betrat, ließ er an alle Einwohner der selben den Befehl ergehen, ihre Füße zu waschen. Kaum war dieser Befehl bekannt gemacht worden, als Jedermann, jung und alt, vornehm und gering, nach dem nahgelegenen Flusse eilte, um dem Manne zu gehorchen, der, wie man glaubte, allen Regen des Himmels in seiner Gewalt ha^ e. Der Betrüger verkündigte nun mit lauter Stimme, daß in diesem Jahre die Frauen ihre Gärten auf den Bergen und nicht in den Thälern anlegen sollten, da die letzteren über schwemmt werden würden. Die entzückten Häuptlinge sahen im Geiste schon, wie ihre Ackerfelder im Winde wogten und ihre Heerden mit strotzenden Eutern von der fetten Weide heimkehrten. Der Zauberer erzählte ihnen, wie er in seinen: Zorn die Städte verwüstet habe, welche von Feinden seines Volkes bewohnt würden, wie er seine Hand ausstreckte und den Wolken befahl sich über sie zu ergießen; er erzählte, wie er ein zahlreiches Heer auf seinem Zuge dadurch aufgehalten habe, daß er einen Wolkenbruch herabbeschwur, der einen mäch tigen Strom bildete, und ihren Marsch hemmte. Diese und manche andere mit Prahlerei mitgetheilten Beispiele seiner Macht nahm man als unzweifelhafte Wahrheit auf, und der Häuptling und seine Vornehmen betrachteten den Wunder- thüter mit stummem Erstaunen. Das Gerücht von seinen284 Afrika. Thaten verbreitete sich wie ein Lauffeuer, und die Häuptlinge, der benachbarteil Stämme fanden sich ein, um ihm ihre Hul digungen darzubringen. Er spielte seine betrügerische Rolle weiter, und wenn Wolken mn Himmel erschienen, befahl er den Frauen weder zu pflanzen noch zu säen, da der Regen die Aussaat hinweg schwemmen würde. Er befahl ihnen ferner, sie sollten auf das Feld hinausgehen und gewisse Wurzeln und Kräuter einsam meln, deren er bedürfe, um das mystische Feuer anzuzünden. In froher Hoffnung zogen sie in Schaaren aus auf die Höhen und in die Thäler, sammelten die Kräuter, kehrten singend nach der Stadt zurück und legten, was sie eingesammelt, vor die Füße des Zauberers nieder. Er begab sich nun mit diesen Kräutern auf gewisse Berge und zündete sie an, so daß der Rauch zum Himmel emporstieg; er würde auch gern den Wind heraufbeschworen haben, wenn er er es vermocht, da er wohl wußte, daß dieser oft ein Vorläufer des Regens ist. Bei Neu- und Vollmond nahm er die Beschwörungen am liebsten vor, da mit diesen Mondphasen oft Veränderungen der At- nrosphäre Zusammentreffen. Aber der Regenmacher fand, daß die Wolken hier zu Lande schwerer zu regieren seien, als im Bahurutsi-Lande, aus welchem er kam. Eines Tages, da er in tiefem Schlafe lag, siel ein Regen guß, und einer der Vornehmsten begab sich in seine Hütte, um ihm zu dem frohen Ereignisse Glück zu wünschen, fand aber zu seiner Verwunderung den Zauberer ohne alle Kennt- niß dessen, was sich zugetragen hatte. Heia ka rare! (Ach! bei meinem Vater!)" sagte der Eintretende, ich glaubte, daß Du den Regen machtest." Da erwachte der Zauberer aus seinem Schlafe unb sah seine Frau am Boden sitzen und einenDer Regenmacher bei den Betschnanen. 285 Sack mit Milch schütteln, um Butter zu gewinnen und damit ihr Haar zu bestreichen; sogleich besann sich der Regenmacher und antwortete: Siehst Du nicht, daß meine Frau Regen buttert, so schnell sie kann?" Diese schlaue Antwort diente zu allgemeiner Befriedigung und schnell verbreitete sich das Ge rücht durch die ganze Stadt, daß der Regenmacher den Regen aus einem Milchsacke buttere. Die Feuchtigkeit, welche durch diese Regenschauer entstand, vertrocknete jedoch bald, und wochenlanlang zeigte sich kein Wölkchen. Die Weiber hatten weitausgedehnte Felder bebaut, aber die Aussaat lag noch so in der Erde, wie man sie ihr anvertraut hatte; das Vieh starb aus Mangel an Weide, und Hunderte von abgemagerten Leuten gingen hinaus auf die Felder, suchteil sich ungesunde Wurzeln und ekelhafte Thiere, während Andere vor Hunger umkamen. Alles dies machte dem Regenmacher großen Aerger und er klagte darüber, daß heimliche Feinde feinen Befehlen nicht gehorchten. Als man ihn aufforderte, neue Versuche anzu stellen, antwortete er:,, Ihr bringt mir mir Schaafe und Ziegen zum Schlachten, daher kann ich nur Ziegeuregen Machen, gebt mir einen fetten Schlachtochseu, so sollt ihr auch einen Ochsen regen bekommen. In einer Nacht zog eine kleine Wolke über die Gegend und ein einziger Blitz, begleitet von einem heftigen Donner schlage traf einen in der Stadt stehenden Baum. Am folgen den Tage versammelten sich der Regenmacher und eine Anzahl Leute, um die in solchem Falle üblichen Ceremonien zu voll ziehen. Man kletterte auf den vom Blitze getroffenen Baum und band Wurzeln und Grasseile um verschiedene Theile seines Stammes. Als dies geschehen war, trat der Beschwörer mit286 Afrika. verschiedenen Geheimmitteln herbei, ließ Wasser holen itnb goß es mit großer Feierlichkeit über den beschädigten Baum, wäh rend die versammelte Menge rief: pula! pula!“ Hierauf wurde der Baum umgehauen, vor die Stadt hinaus geschleppt und zu Asche verbrannt. Bald darauf ließ der Regenmacher sich große, mit Wasser gefüllte Schaalen geben und that einen Aufguß von einem Zwiebelgewächs hinzu. Die Leute mußten nun alle an ihn: vorüberziehen und mit einem in das Wasser getauchten Zebraschwanze sprengte er einige Tropfen auf Jeden. Da auch dies die gehörige Wirkung noch immer nicht hatte, so nahm der Betrüger seine Zuflucht zu andern Mitteln. Er wußte nur zu gut, wie schwer es sei, in den Bergesklüften und gähnenden Abgründen Paviane zu fangen. Außerdem durfte auch nicht ein Haar am Körper des Thieres fehlen, sondern der Pavian mußte frei von jeglichem Fehler und Man gel sein. Nach einer langen und gefährlichen Jagd, wobei sich Mancher verletzte und ritzte, war eine Schaar auserwählter Leute so glücklich, einen Pavian zu sangen, den man im Triumph zu ihm brachte. Als der Hexenmeister dieses Thier sah, nahm sein Gesicht den Ausdruck tiefster Vetrübniß au, und er rief aus: Mein Herz ist bis zum Tode betrübt! Ich verstumme vor Schmerz!" Dabei zeigte er auf das Ohr des Pavian, das einen kleinen - Fehler hatte und auf den Schwanz, in welchem einige Haare fehlten, und fügte hinzu: Ich sagte euch ja, daß ich keinen Regen machen kann, wenn ein einziges Haar fehlt." Er hatte oft gesagt, wenn man ihm das Herz eines Löwen bringe, so wolle er ihnen Zeigen, wie er soviel Regen machen könne, daß Jeder ein Obdach suchen würde, denn es würde so viel Regen fallen, daß ganze Städte fortgeschwemmt würden.Der Regenmacher bei den Betschuanen. 287 Er hatte entdeckt, daß die Wolken kräftig wirkende Mittel verlangen, und das Herz eines Löwen ausrichten würde, was er wünschte. Er wußte aber auch, daß ein solches nicht so leicht zu schaffen sei. Nun begab sich s eines Tages, daß sich die Nachricht verbreitete, wie ein Löwe einen Viehkraal nicht weit von der Stadt angegriffen hatte und man begab sich da hin in der doppelten Absicht, ein Mittel zu bekommen, das die Fenster des Himmels eröffnete, und einen gefährlichen Feind zu erlegen. Die Ausziehenden hatten bestimmten Befehl, den Löwen zu tobten, unter welchen Umständen dies auch möglich sei," und ein Mann, der eine Flinte hatte, erlegte ihn glücklich. Froh über die gelungene That, kehrten die Jäger mit ihrer Beute zurück und sangen im vollen Chor Sieges lieder. Der Regenmacher begann sogleich seine Vorbereitungen, zündete sein Feuer an, ging auf die Spitze eines Berges, streckte die Hände aus, winkte den Wolken näher zu kommen, schwang seinen Speer hierhin und dorthin, und drohte ihnen mit seinem Zorne, wenn sie seinem Befehle nicht gehorchten. Die Leute aber, welche an seine Macht glaubten, sahen zu ihrem großen Schmerze, daß kein Regen kommen wollte. Da erfuhr er, daß ein Leichnam, den man vor einigen Wochen beerdigt, nicht Wasser genug mit in s Grab bekommen habe, und da er den Abscheu der Betschuanen vor Todten kannte, befahl er den Leichnam wieder auszugraben, zu waschen und aufs Neue zu begraben. Gegen alles Erwarten und so ekelhaft der Vorgang auch war, gehorchte man doch seinen Worten. Aber der Himmel blieb unbeweglich. Jetzt hatte der Betrüger allen seinen Scharfsinn erschöpft, und wußte nicht, wie er noch einen Umstand auffinden sollte, dem er die Schuld des mißglückten Versuches zuschreiben könnte.288 Afrika. Wie alle Leute seines Gleichen war er ein geriebener Bursche, besaß Menschenkenntnis war ein scharfer Beobachter, konnte sehr würdevoll thun und sich sehr freundlich und umgänglich zeigen, obgleich er einen hohen Grad von Selbstvertrauen und Uebermuth nicht verbergen konnte. Er hatte sich bis jetzt ab sichtlich gehütet, den Missionaren Grund zur Unzufriedenheit zu geben, da er fand, daß es friedfertige Leute waren, die sich in keinen Streit einließen. Er ließ sich oft herab, sie zu be suchen, und stimmte selbst manchmal mit ihren Ansichten über die Quelle des Elements ein, über welches er unumschränkte Macht und Gewalt zu haben behauptete. Da er aber fand, daß alle seine Kunst nicht hinreiche, um das gewünschte Resultat zu erzielen, da vergaß er alle Beweise von Wohlwollen, die er von Seiten der Missionare -erfahren hatte, und gab selbst zu verstehen, daß Niemand weiter als sie die Ursache der Hart näckigkeit der Wolken seien. Er entdeckte eines Tages, daß der Regen dadurch zurückgehalten worden war, daß Mosfat von einer Reise nach der Griqua-Stadt einen Sack voll Salz mit gebracht habe. Bei der Untersuchung ergab sich jedoch, daß das fragliche Salz nur weißer Ton und Kreide war, und selbst die Eingeborenen konnten sich nicht enthalten, über ihre Leicht gläubigkeit herzlich zu lachen. Bon versteckten Hindeutungen ging er oft zu offnen An klagen über. Nachdem er sich volle vierzehn Tage eingeschlossen hatte, trat er eines Tages öffentlich auf und erklärte, daß er nun endlich den wahren Grund der anhaltenden Dürre ge funden habe. Um die Leute recht neugierig zu machen, schwieg er eine Weile, dann aber rief er plötzlich aus: Seht ihr denn nicht, daß, wenn Wolken über uns schweben, Hamilton und Moffat ihre Blicke auf sie richten? Ihre weißen AngesichterDer Regenmacher bei den Betschuanen. 289 verscheuchen die Wolken, und wir können keinen Regen er warten, so lange sie im Lande sind." Das war ein schlimmes Wort. Die Leute wurden ungeduldig und ergossen sich in Verwünschungen gegen die armen Missionare als Urheber aller ihrer Roth. Man glaubte, daß die Glocken, mit welchen man zum Gottesdienst läutete, die Dünste vertrieben; selbst ihren Gebeten schrieb man dieselbe Wirkung zu. Der Häuptling sagte eines Tages im Aerger zu Moffat: Du fällst ja auf die Knie in Deinem Hause und betest und sprichst mit bösen Geistern unter der Erde!" Das Ende der Geschichte war folgendes: Er setzte die Missionare durch seine heimlichen und offnen Anschuldigungen mancher Unannehmlichkeit und Gefahr aus; aber zuletzt wandte sich alles zu ihrem Vortheil. Man faßte Verdacht gegen den Regenmacher selbst; seine groben Betrügereien wurden aufgedeckt und er hätte fast mit dem Leben dafür büßen müssen und dies wäre ein gerechter Lohn für seine Gemeinheit gewesen wenn nicht Moffat sich edelmüthig in s Mittel schlug und durch seine Geistesgegenwart und Menschlichkeit dem das Leben ret tete, der so oft das seine bedroht hatte, und sich gewiß nicht gescheut haben würde, es ihm zu nehmen, wenn er damit seinen Zweck hätte erreichen können. Der Tod überraschte ihn jedoch bald, denn er wurde kurz darauf unter den Bauangketsis er mordet. Moffat schließt seine Angabe über diesen berüchtigten Re genmacher mit folgenden Worten: Es ist sehr eigenthümlich, daß ein Regenmacher nie eines natürlichen Todes stirbt. Ich habe viele gekannt, und von noch mehreren gehört, die auf eine oder die andere Weise als ein Opfer der gereizten Wuth der getäuschten Masse fielen. Kletke, Neues Skizzenbuch. iq290 Afrika. Man findet keinen einzigen Stamm, der nicht seine Hände mit den: Blute eines solchen Betrügers besudelt hätte, die sie erst herbeirufen, dann verfluchen und endlich tobten." 11. Thirrleben aus dem Liambye. Wenn wir unter den überhängenden Bäumen an den Ufern des Liambye vorüberwandelten, sahen wir oft die hübschen Turteltauben friedlich auf ihren Nestern über bem brausenden Strome sitzen. Ein Jbisweibchen hatte ihr Heimwesen auf einem Baumstumpf aufgeschlagen. Ihr lautes, heiseres Wa- wa-wa-Geschrei und das Pfeifen des Fischgeiers sind Töne, die derjenige, welcher einmal die Flüsse nördlich des 20. Gra des südlicher Breite befuhr, nie vergessen kann. Wenn wir an der Küste dahinschreiten, so folgt uns der Charadrius ca- runcula, eine Regenpfeifer-Species, und ein höchst lästiges, uni die Sicherheit der Thierwelt aber sehr besorgtes Geschöpf; er stiegt über unsere Köpfe dahin, und ist unermüdlich in seinen Versuchen, allen im Bereiche seiner Stimme befindlichen Thieren Warnungsrufe Zu geben, und sie zur Flucht vor der nahenden Gefahr aufznfordern. Der Allarmruf Tinc-tinc-tinc" einer anderen Varietät derselben Familie hat einen so metallischen Klang, daß man diesen Vogel Ketula-tsixi oder Hämmereisen nennt. Er ist mit einem scharfen Sporn an seiner Schulter ausgestattet, derTh l Kl eben auf dem Liambye. 291 viel Aehnlichkeit mit einem Hahnenfuß hat, aber kaum einen Zoll lang ist. Seiner Macht sich bewußt, kann man sehen, wie er den weißhalsigen Raben mit Wuth verfolgt, und diesem vergleichsweise großen Vogel selbst Angstrufe erpreßt. Dieser Vogel ist es auch, der unter dem Namen Siksak, seiner Freund schaft zu dem Nilkrokodil halber, weit bekannt ist, ltub den Herr St. John wirklich die Nolle eines Zahnstochers bei diesem häßlichen Reptil spielen sah. Man sieht diese Vögel häufig auf einer und derselben Sandbank mit dem Alligator, und oft hat es für einen Vorübergehenden den Anschein, als säßen sie dem Krokodil auf dem Rücken. Ich habe jedoch, erzählt Livingstone, nie das Glück gehabt, Augenzeuge der nicht blos von St. John und Geoffroy St. Hilaire, sondern auch voll Herodot geschilderten Operation zu sein. Sei dem indeß wie ihm wolle; was keiner dieser Schriftsteller wußte, das sagte mir, den Nachen anhaltend, mein Oberbootsmann Maschallana, nänllich, daß die Wasser-Turteltaube, welche zur Ablegllng ihrer Eier ein steiles Ufer hatte hinansteigen wollen, aber auf ihren Rückeil heruntergestürzt war, und uns so in den Stand gesetzt hatte, sie zu fangen, ein unfehlbares glückverheißendes Vor zeichen für unsere Reise sei. Unter beit Waldbäumen, mit denen die Ufer der felsigen Theile des Liambye besetzt sind, wurden mehrere bisher noch unbekannte Vögel beobachtet. Einige sind musikalisch und ihr Gesang ist, im Gegensatz zu der heisern Stimme der kleinen grünen, an den Schultern gelbbefiederten Papageien dieses Landstrichs, sehr angenehm. Auch giebt es hier viele pech schwarze Webervögel mit gelblich braunem Band an den Schul tern. Wir sahen hier zum erstenmal einen hübschen kleinen mit Ausnahme der Flügel und des Schwanzes, welche 19 *292 Afrika. chocoladenfarbig waren dunkelblau gefärbten Vögel. Am Schwänze reichen zwei Federn sechs Zoll über die andern her vor. Auch andere kleine, weiß und schwarz gefärbte, ungemein lebhafte, stets in Gruppen von sechs oder acht beisammen le bende Vögel trifft man hier. Aus Mangel an Hülfsbüchern konnte ich aber nicht bestimmen, ob sie für die Wissenschaft wirklich neue Arten bilden. Hasel- und Perlhühner giebt es längs der Ufer in Menge, und an jedem abgestandenen Baume und Felsstück kann man ein oder zwei Arten des mit Schwimm füßen versehenen Plotus, des Pfeilschützen oder Schlangen genvogels, sehen. Sie sitzen den Tag über meist in der Sonne über dem Strome, stehen auch zuweilen aufrecht da mit aus gebreiteten Flügeln; hin und. wieder sieht man sie durch Unter tauchen selbst mit Fischfang beschäftigt, und während sie herum schwimmen, ist ihr Körper so tief in s Wasser eingesenkt, daß über der Oberfläche kaum mehr als ihr Hals sichtbar ist. Ihre Hauptfutterzeit ist die Nacht, und wenn die Sonne sich zum Untergange neigt, kann man sie von ihren Ruheplätzen heerden- weise nach den Fischgründen fliegen sehen. Dieser Vogel ist sehr schwer zu fangen. Er ist im Tauchen außerordentlich gewandt er geht so geschickt hinab, und kommt, an Stellen wo man es am wenigsten erwartet hatte, so rasch wieder zum Vorschein, daß selbst die erfahrensten Bootsleute nur selten seiner habhaft werden können. Der Rumpf des Schlangen vogels ist bemerkenswerth in die Länge gezogen, und so bie gungsfähig, daß er ihm nicht nur als Ruder beim Schwimmen, sondern auch als Hebel dient, um hoch genug über das Wasser emporzusteigen und seinen Flügeln freien Spielraum zu ge währen. Er kann sich mittelst dieser Eigenthümlichkeit will- kührlich aus dem Wasser erheben.Thierleven auf dem Liambye. 293 Auch den schönen Fischgeier mit weißem Kopf und Hals und röthlich chocoladenfarbigem Körper, sieht man häufig den Bäumen sich niederlassen, und oft findet man todte Fische, welche seinen Krallen zum Opfer gefallen sind. Einer der jenigen, die man am häufigsten in dieser Lage sieht, ist selbst wieder ein Fischtödter. Es ist dies ein starker, etwa fünfzehn oder achtzehn Zoll langer, hellgelber und mit Streifen und Flecken bunt verzierter Fisch. Er hat außerhalb der Lippen eine höchst achtunggebietende Reihe scharfer, konischer Zähne, welche von den Fischern, da er sie wirksam zu gebrauchen ver steht, sehr gefürchtet werden. Ein todt von uns aufgefundener hatte sich durch Verschlingung eines andern Fisches selbst ge- tödtet, indem er ihn, der für seinen Magen und seine Kehle zu groß war, nicht wieder auszuwerfen vermochte. Dieser Fischgeier tobtet gewöhnlich mehr Fische, als er verzehren kann. Er frißt einen Theil des Rückens derselben, und überläßt den Rest den Barotse, welche, wenn sie einen so verlassenen Bissen beu gegenüberliegenden Sandbänken liegen sahen, oft ein wahres Wettrennen über den Fluß hinüber anstellten. Der Fischgeier ist indeß nicht immer so hochherzig, denn er plündert zuweilen, wie ich am Zouga mit eigenen Augen sehen konnte, den Beutel des Pelikans. Hoch über ihm schwebend und diesen großen dummen Vogel unter sich fischen sehend, wartet er aufmerksamen Auges, bis ein schöner Fisch in des Pelikans Tasche ist; dann steigt er, nicht sehr rasch, aber mit beträchtlichem Flügelgeräusch herab; der Pelikan schaut um sich, um zu sehen, was es giebt, und da er, wenn der Geier sich ihm nähert, sein Leben gefährdet glaubt, so schreit er mörderlich. Die Oeffnung seines Maules setzt den Geier dann in den Stand, den Fisch aus der Tasche294 Afrika. herauszuziehen, worauf der Pelikan nicht etwa wegfliegt, son dern ruhig wieder zu fischen anfängt; wahrscheinlich hatte er vor Furcht vergessen, daß er etwas in seinem Kropfe gehabt. Ein Fisch, Moscheba genannt, ungefähr von der Größe einer Elritze, streift oft mehrere Ellen weit über der Ober fläche dahin, um den Nachen auszuweichen. Er gebraucht dazu die Brustflossen, wie die fliegenden Fische, kommt aber nie in einen eigentlichen Flug. Seine Bewegung ist mehr eine mit telst der Seitenflossen bewirkte Reihenfolge von Sprüngen längs der Oberfläche. Er wird nie groß. Eine Menge Jguanas (Mpulu, Kammeidechsen) sitzen in der Sonne aus den überhängenden Zweigen der Bäume, und stürzen sich bei unserer Annäherung in s Wasser. Man schätzt sie als Nahrungsartikel sehr hoch, da sie ein zartes gallert artiges Fleisch haben. Der Hauptbootsmann, welcher auf dem Schiffsschnabel sitzt, hat daher stets einen leichten Wurfspieß in der Hand, um sie anzuspießen, wenn sie sich nicht schnell aus dem Staube machen. Diese Eidechsen itrtb große Alliga toren, welche, sobald wir um eine plötzliche Krümmung des Stroms herumbogen, vom Ufer aus mit einem schweren Plump in s Wasser glitten, trafen wir zu jeder Stunde, die wir auf dem Flusse zubrachten. Die Stromschnellen in dem zwischen Katima-Molelo und Nameta liegenden Theile des Flusses, werden durch mehrere, fünfzehn oder zwanzig (englische) Meilen lange Strecken stillen tiefen Wassers gemildert. Man sieht darin sehr zahlreiche Heerden von Flußpferden, und die tiefen Furchen, welche sie beim Ersteigen der Ufer machen, wenn sie Nachts zur Weide gehen, sind überall sichtbar. Sie werden durch ihren Geruchs sinn zum Wasser Zurückgeleitet; ein langanhaltender GußregeuThierleben auf dem Liambye. 295 aber macht es ihnen unmöglich, mittelst dieses Organs wahr zunehmen, in welcher Richtung der Fluß liegt, und man findet sie dann verirrt auf dem Lande umherstehen. Die Jäger ziehen bei solchen Gelegenheiten aus der Hülslosigkeit der Thiere Bortheil, um sie zu tödten. Wie zahlreich die einzelnen Heerden sind, läßt sich mit Bestimmtheit nicht angeben, denn sie verbergen sich meist unter dem Wasser; allein da sie immer nach ein paar Minuten herauf kommen müssen, um zu.athmen, nnb .dann eine ganze Reihen folge von Köpfen sichtbar wird, so läßt sich annehmen, daß jede dieser Heerde sehr zahlreich ist. Sie lieben ruhig fließende Stellen des Flusses, da sie in den schnelleren Theilen desselben so rasch abwärts getrieben werden, daß große Anstrengung erforderlich ist, wenn sie, was sie hällfig thun, wieder an ihre frühere Stelle hinaufgelangen wollen eine solche Anstrengung aber stört sie in ihrer Ruhe. Sie bleiben den Tag über lieber in einem schlafwachenden Zustande, und achten, obgleich ihre Augen offen sind, nur wenig auf das, was in einiger Entfernung von ihnen vorgeht. Die Töne, welche die Männchen aus stoßen, sind ein so lautes schnarchendes Grunzen, daß man es meilenweit hören kann. Als das Boot, in dem ich mich befand, über ein verwundetes Flußpferd hinfuhr, drang ein deutliches Grunzen herauf, obgleich das Thier ganz unter dem Wasser lag. So lange die Jungen noch sehr klein sind, setzen sie sich auf den Hals der Alten, und der über dem großen sich er hebende kleine Kopf kommt jeden Augenblick an die Oberfläche. Die Alte, das dringendere Bedürfniß des Jungen kennend, laucht, so lange sie es in ihrer Obhut hat, häufiger empor. In den Flüssen von Londa dagegen, wo sie vielfach in Ge-296 Afrika. fahr sind, geschossen Zu werden, wird selbst das Flußpferd durch Erfahrung gewitzigt; denn während die im Zambesi ihre Köpfe zum Athmen offen emporstrecken, halten letztere ihre Nasen unter Wasserpflanzen, und athmen so ruhig, daß, ohne die Fußtapfen an den Ufern, Niemand sich von ihrem Dasein im Flusse etwas träumen ließe. in. Die rothen^ schwarten und meinen Ameisen in Südafrika. Während meines Aufenthalts in Tala Mungongo, erzählt Livingstone, wurden wir auf eine Species rother Ameisen auf merksam, welche verschiedene Theile dieses Landes belästigen. Sie lieben vor Allem animalische Kost. Als der Commandant des Dorfes einen Ochsen geschlachtet hatte, mußten die Sclaven die ganze Nacht munter bleiben und Feuer bei dem Fleische erhalten, damit die Ameisen nicht den größten Theil wegfraßen. Man trifft sie in großer Menge wie kleine Armeen. Aus geringer Entfernung sehen sie wie ein braunrothes, zwei bis drei Zoll breites Band aus, das über den Weg gelegt ist, in dem alle emsig dieselbe Richtung verfolgen. Wenn man zu fällig auf sie tritt, so laufen sie an den Beinen in die Höhe und beißen außerordentlich heftig. Ich traf diesen durchaus nicht zu verachtenden Feind zum ersten Mal in Cassange. Indem ich mit Aufmerksamkeit die ferne Landschaft betrachtete,Die rothen, schwarzen und weißen Ameisen in Südafrika. 267 trat ich zufällig auf eius ihrer Nester Es verging kaum ein Augenblick, als gleichzeitig auf verschiedene Theile meines Leibes ein Angriff gemacht wurde, sie liefen an den Hosen herauf und bissen mich in Hals und Brust. Ihre Bisse waren wie Feuerfunken und es gab keine Möglichkeit zu entkommen. Ich sprang mehrere Minuten hin und her, warf inzwischen die Kleider von mir, und Zerdrückte und zerquetschte eine nach der andern, so schnell es gehen wollte. Ach! sie würden den schlaf trunkensten Menschen lebendig machen. Glücklicherweise be merkte Niemand dieses Zusammentreffen, sonst hätte man im ganzen Dorfe gesagt, ich sei toll geworden. Auf ähnliche Weise wurde ich einmal angegriffen, als ich in meinem Zelte im besten Schlafe lag, und ich konnte sie nicht anders los werden, als indem ich die Decke über s Feuer hielt. Es ist wirklich erstaunlich, wie so kleine Thiere so böse sein können. Sie beißen nicht blos, sondern drehen sich nach dem Visse hur und her, und verursachen dadurch heftigeren Schmerz, als die bloße Wunde im Stande wäre. Oft wenn man auf dem Ochsen ist und dieser zufällig auf einen Trupp Ameisen tritt, laufen sie ihm an den Beinen in die Höhe und lassen es den Reiter fühlen, daß er ihren Weg zerstört hat. Sie fürchten sich nicht und greifen mit größter Wuth die größten wie die kleinsten Thiere an. Wenn man über sie hinwegspringt, so verlassen sie Reih und Glied, und laufen längs des Weges, hin als befürchteten sie einen Kampf. Sie nützen namentlich dadurch, daß sie das Land vom Aase reini gen, und wenn sie eine menschliche Wohnung besuchen, so säubern sie dieselbe von den zerstörenden weißen Ameisen und anderm Ungeziefer. Sie vernichten viele schädliche Insekten und Reptilien. Die Heftigkeit ihres Angriffs steigert sich noch298 Afrika. durch die Masse, und Ratten, Mäuse, Eidechsen, selbst der Python natalensis, wenn er sich vollgefressen hat, fällt ihrem wilden Angriff zum Opfer. Diese Ameisen bauen keine solche Wohnungen wie die weißen. Ihre Nester finden sich nur wenig unter dem Boden. Manchmal bauen sie Gänge über den Weg zü den Zellen der weißen Ameisen, um sich während ihrer Naubzüge vor der Sonnenhitze zu schützen. In Kolobeng hatte ich Gelegenheit die schwarzen Ameisen genau zu beobachten. Als wir dem Walde zugingen, sah ich viele Schaaren derselben, die von ihren Raubzügen zurück kehrten. Die schwarze Farbe dieser Ameisen spielt in s Grün liche; sie sind etwa einen halben Zoll lang; auf dem Marsche gehen sie zu vieren; wenn sie gestört werden lassen sie einen zischenden Laut hören. Sie folgen ihren Anführern, welche nie etwas tragen, wie es scheint, nach dem Geruch, denn als ich einmal hinter einem Busche, wo ich mich ankleidete, ein Becken ausgoß und das Wasser auf den Weg traf, den kurz vorher eine Schaar Ameisen pafsirt hatte, so waren sie bei ihrer Rückkehr in der größten Verlegenheit, und suchten wohl eine halbe Stunde vergeblich nach dem Wege. Erft nachdem eine Ameise rund um den nassen Fleck herumgegangen war, wußten sie wohin. Aus dem Geruch erklärt sich wohl auch, daß sie immer in ein und derselben Richtung gehen. Wenn man eine Hand voll Erde auf den Weg mitten unter sie wirft, nrögen sie nun von Hause kommen oder dahin zurückkehren, so wissen die hintersten nicht, wohin sie sich wenden sollen, bis endlich eine den Weg nur das Hinderniß herum findet, worauf die übrigen alle ihr folgen. Wenn sie einen Angriff auf die Wohnungen der weißen Ameisen machen wollen, so sieht man die letztern in der größten Bestürzung umherlanfen. DieDie rothen, schwarzen weißen Ameisen in Südafrika. 299 schwarzen Anführer, welche größer als die übrigen sind, packen die weißen Anleisen eine nach der andern und bringen ihnen einen Stich bei, der ihnen wie es scheint eine Flüssigkeit ein spritzt, welche in ihrer Wirkung dem Chloroform ähnlich ist; denn sie werden dadurch bewußtlos, aber nicht todt, unb kön nen nur die Vorderbeine bewegen. Während die Anführer sie auf die Seite werfen, packen sie die übrigen und schleppen sie fort. Eines Morgens sah ich eine Anzahl schwarzer Ameisen, die so zu sagen auf die Sclavenjagd gingen. Sie kamen 31t einem Stocke, der in einem Baue der weißen Ameisen steckte und von einer Unmasse dieser Thiere besetzt war; aber die Schwarzen gingen sonderbarer Weise vorüber, ohne ihn anzu rühren. Da hob ich den Stock in die Höhe, brach ein Stück von dem Baue ab und warf es quer über den Weg, mitten unter die schwarzen Ameisen. Als die Weißen bemerkten, daß sie entdeckt seieu, stürzten sie eiligst hervor und verbargen sich unter die Blätter; aber die Schwarzen beachteten sie kaum, bis einer der Anführer sie packte ltnb stach, und im Augen- blick lagen sie wie schlaftrunken auf der Seite; dann ergriffen die übrigen sie schnell und liefen mit ihnen davon. Als ich dieses Insekt zum ersten Mal in Kolobeng sah, glaubte ich, sie nähmen die Weißen zu Sclaven; aber als ich eine Anzahl befreite und ruhig hinlegte, so fand ich, daß sie sich nie wieder aus jenem bewußtlosen Zustande erholten. Wahrscheinlich haben die Schwarzen sie zu fest am Halse ge packt, denn diese Weise werden sie fortgeschleppt. Aber auch die Puppen, die ich den Schwarzen wegnahm, entwickelten sich nicht, obwohl ich sie in die passende Temperatur brachte. Wenn man ferner die Ausgänge an ben Bauen der Schwarzen300 Afrika. betrachtet, so sicht man Köpfe und Beine der Weißen aufge schichtet. Die Schwarzen stehen also noch tiefer als diejenigen, welche Sclaven stehlen, sie sind wahre Cannibalen. Ander wärts sah ich, wie sie ihre Eier von einer Stelle wegschaffen, welche wahrscheinlich zur Regenzeit überfluthet worden wäre; ich zählte etwa 1260 Stück. Sie schafften die Eier eine Strecke weit, und legten sie dann nieder, dann kamen andere und transportirten sie weiter. Jede Ameise, die zu dem Baue ge hörte, schien dabei beschäftigt zu sein; doch bemerkte ich keine Weißen unter ihnen. An einem kalten Morgen sah ich einen Trupp schwarzer Ameisen von einer anderen Art, die jede mit einem Gefangenen heimkehrte; da konnte man an ihrer canniba- lischen Neigung nicht mehr zweifeln, denn sie hatten die Weißen bereits der Beine beraubt. Die Flüssigkeit im Stachel dieser Species hat einen stark-sauren Geschmack. Ich habe oft die Betäubung bemerkt, welche die Ein spritzung solcher Flüssigkeit aus dem Stachel gewisser Insekten hervorbringt. Namentlich ist hier ein Hautflügler zu erwähnen, der sogenannte Maurer oder Tüncher (ksloxueus Eckloni). Er ist ungefähr einen nnb einen Viertel Zoll lang und kohl schwarz; man sieht ihn in die Häuser kommen mit einem Mörtelkügelchen von der Größe einer Erbse in den Vorder- süßen. Wenn er einen passenden Ort für seine Wohnung ge funden hat, so baut er eine Zelle von der Länge seines Kör pers und tüncht die Wände, so daß sie ganz dünn und von innen glatt werden. Wenn alles fertig und nur ein rundes Loch gelassen ist, so bringt er sieben bis acht Raupen oder Spinnen, die er sämmtlich durch die Flüssigkeit aus feinem Stachel bewußtlos gemacht, aber nicht getödtet hat. Er legt sie in seiner Zelle nieder und eine von seinen eigenen LarvenDie rothen, schwarzen und Weißen Ameisen in Südafrika. 301 dazu, welche, wenn sie wächst, frische Nahrung findet. Die Insekten sind in schlaftrunkenem Zustande, aber ihre Lebens kraft verhindert die Fäulniß oder die Vertrocknung, die sonst in diesem Klima stattfinden müßte. Wenn das junge Insekt ausgewachsen und seine Flügel vollständig entwickelt sind, ist auch die Fütterung vollendet. Dann durchbricht es die Wand der Zelle an der vorderen Oeffnung oder an der zuletzt von dem alten Insekt zugemachten Stelle, fliegt fort imb beginnt ein Leben für sich selbst. Der Pelopäus ist ein sehr nützliches Insekt, da er die unmäßige Vermehrung der Raupen und Spinnen hindert. Oft sieht man ihn mit einer Raupe oder selbst einer Grille, die viel größer ist als er selbst; aber diese liegen ganz still, nachdem er ihnen das Chloroform eingespritzt hat, und der Pelopäus schleppt sie fort, indem er Beine und Flügel in Bewegung setzt. Die Flüssigkeit ist jedenfalls be stimmt das Bewußtsein zu benehmen und die Fäulniß zu ver hüten, wobei der Tod schmerzlos vor sich geht. Ohne die schwarzen Ameisen würde das Land von den weißen förmlich überschwemmt werden; sie vermehren sich außerordentlich, und nichts geht über die Energie, mit welcher sie arbeiten. Sie nehmen eine sehr wichtige Stelle im Haus halte der Natur ein, denn sie vergraben vegetabilische Sub stanzen unter den Boden mit eben so großer Schnelligkeit, als es die bösen rothen Ameisen mit animalischen Substanzen thun. Die weißen Ameisen entziehen sich in der Regel den Blicken und verweilen unter Gallerten, die sie des Nachts er bauen, um sie vor der Beobachtung der Vögel p schützen. Auf ein gegebenes Zeichen, das ich indeß nicht näher angeben kann, eilen sie zu Hunderten hervor, und wenn sie das Gras mit ihren Kinnladen der Länge nach zertheilen, so ist es, als302 Afrika. hörte man etilen leichten Wind durch die Blätter der Bäume säuseln. Sie schleppen die Stücke ilach der Oesfilung ihrer Baue, ilach einigeil Stunden ist ihre Arbeit vollbracht, und man sieht dann viele kleine Häufchen Gras vor ihrer Wohilung liegen. Wohl einen Monat lang lassen sie sich ilicht sehen, aber sie fiub nie unthätig. Man machte mir einmal ein La ger aus einem Bündel Gras zurecht an einer Stelle, die gailz kahl und unbewachsen war. Auf einmal ließen die Ameisen ihr Signal hören. Die ganze Nacht hindurch hörte ich sie nagen und fortschleppen, sie setzten ihre Arbeit den ganzell nächsten Tag und die darauf folgende Nacht mit Unermüdlich keit fort. Sechsunddreißig Stunden hatten sie sonach gearbeitet und schienen ebenso frisch und nrunter wie zuvor. Andere- nlale, wenn wir einen Tag ruhten, fraßen sie das Gras unter meiner Matte weg, und würden auch diese nicht unange- rührt gelassen haben, wenll wir nicht mehr Gras hingelegt hätten. Bei gewissen Arbeiten schlagen sie auf merkwürdige Weise den Takt. Hunderte sind damit beschäftigt, einen langen Tunnel zu bauen, der glatt werden soll. Auf ein gegebenes Zeichen schlagen alle drei- bis viermal kräftig darauf los. Es klingt dies, wie wenn Regentropfen von einem Strallche fallen, wenn man daran rüttelt. Diese Insekten sind sehr wichtig für die Fruchtbarkeit des Bodens. Ohne ihre Thätigkeit würden die tropischen Wälder, so schlecht sie jetzt schon in Folge der abgestorbenen Bäume sind, noch bedeutend schlechter sein. Sie wären rein unzugänglich wegen der Masse todter Pflanzenreste, welche den Boden bedecken, und würden schlechtere Dünste ausströmen lassen, als es jetzt bei verhältnißmäßig ge ringen Ueberresten der Fall ist.Eine Station Bet den Kik-Negern in Centralofrika. 303 IV. Eine Station bei den Kik-Negern in Centralafrika. (Ans dem Schreiben eines österreichischen Missionars.) Endlich nahte der 10. Mai 1857, vierter Sonntag nach Ostern, ein Tag heftiger Regengüsse und stürmischen Wetters; das Schiff durchschnitt die Wellen, wie schon lange nicht mehr; die Hoffnung stärkte sich daher, heute noch den ersehnten Ziel punkt zu erreichen. Und wirklich um 4 Uhr Nachntittags zeigten uns die Schiffsleute die Gegend voit Heil. Kreuz, kenntlich durch hohe, schattenreiche Bäume, und da wir voll Erwartung die Gegend musterten, sahen wir drei gekleidete Personen nahen, hier eine Seltenheit, weil Alles mit dem Kleide der Natur zufrieden ist: es war der Herr Viear von Heil. Kreuz, hochw. Mosgan, das Missionsmitglied Klangsnig und ein Zögling der Mission. Während des Nachtmahls, das unterdessen bereitet wurde, fuhren wir unter Nacht und Regen durch den Canal in Heil. Kreuz an. Also war ich, da mich der hochw. Provicar für diese Station bestimmt hatte, ange- langt in meiner neuen Heimath. Heil. Kreuz ist ein Dörflein von 17 Gebäuden, welches aber lauter Tokul sind. In der Form von Heuschober, aus Schilfrohr gebaut, von Innen, und wenn s nobel sein soll auch von Außen, mit Koth bestrichen, ein paar Löcher als Fenster und ein großes als Thür angebracht und ein spitziges Strohdach darauf, sind die wohlfeilsten Wohnungen. Neben diesen Hütten stehen einige buschige Bäume; in einiger Ent-304 Afrika. fernring zieht sich ein Zaun üoit Dornen Seriba herum, als Schutzwehr, und das ist Heil. Kreuz. Außer der Um zäunung gewahrt man einen kleinen Erdhügel mit dem Zeichen der Erlösung prangend das Grab des sel. Alois Pircher. Wie armselig ist das Ganze! und doch nennen die Ein geborenen dieses armselige Dörflein kan nom Haupt des Landes! Heil. Kreuz liegt nicht am Nil, sondern an einem großen Canal desselben. Fahren wir auf unseren Schifflein, welche wie die der Eingeborenen ausgehöhlte Baumstämme sind, eine Viertelstunde zurück gegen Nordwest, so gelangen wir an den Nil, und nach der Ueberfahrt zu vier andern Tokuls zur Meierei von Heil. Kreuz. Sie besteht aus einem sehr reich bestellten Garten und einem großen Stück Neurauth, bereits mit herrlicher Dura und Mais bepflanzt. Der kluge und erfahrene hochw. Herr Mosgan sah nämlich wohl ein, daß die Erwerbung von Eigenthum, Grund und Boden u. s. w. nothwendig sei für die Mission, damit sie erstens bald auf auf eigenen Füßen stehen könne und zweitens die Zöglinge durch fortwährende Beschäftigung an Arbeit gewöhnt werden und dieselbe gleichfalls lieb gewinnen möchten. Grund und Boden kostet hier ja keinen Pfennig und wahrlich, es lohnt sich auch der Mühe, denn die Ueppigkeit, mit der alles ge deiht, im Garten und auf dem Acker, geht über alle Beschreibung. Die Bewohnerschaft von Heil. Kreuz besteht gegenwärtig aus zwei Priestern, einem europäischen Arbeiter, 14 männlichen und 12 weiblichen Personen, die zum Theil schon getauft, zum Theil Katechumenen sind, und endlich aus 10 Wilden, Ein geborenen, die das Vieh weiden und arbeiten helfen sollen. Das Haupt dieser Station, Herr Mosgan, befindet sich bereitsEine Station bei den Kik-Negern in Centralafrika. 305 sechs Jahre in der Mission, und ist an Erfahrungen und Kenntnisse dieser Völkerstämme sicherlich der reichste. Das erste Jahr war er in Chartum, fast immer kränklich. Dann kani er als Generalvicar nach Gondokoro. Ein Jahr brachte er dort zu, Herrn Trabant und den seligen Doviak an seiner Seite. Er hatte aber von Seite der Bari so viel zu leiden, daß er, wie er sagt, in einem Jahr um zehn Jahre älter ge worden, und daß es ihm klar wurde, selbiges Volk, durch und durch verwöhnt, suche bei der Mission nur Kost und Perlen, nicht das Christenthum, so daß, wenn keine Perlen oder Dura mehr da waren, es auch von den Missionaren nichts mehr wissen wolle. Er schüttelte darum den Staub von den Füßen, nachdem Doviak dort eine Beute des Todes geworden und Herr Trabant krank nach Chartum zurück wollte, fuhr auf dem weißen Nil aufwärts, um einen andern Platz zu silchen, wo der Boden für die Auspflanzung des Kreuzes geeigneter wäre, und kam so in s Land der Kik. Niemand hatte er bei sich, außer einige arabische Diener. Das erste Jahr lebte er in einem Fischerdorfe. Die gutmüthigen Fischer gewannen ihn bald sehr lieb, und dieses harmlose Völklein, welches eine eigene Zunft bildet, ist seither der Station immer sehr zuge- than. Schiffe und Leute leiheu sie uns, so oft wir nur wollen. Während aber die wilden Fischer Mosgan s Freunde wurden, bereiteten ihm dagegen seine arabischen Diener Leiden ohne Zahl, sie bestahlen ihn, verfolgten ihn auf alle Weise und bedrohten sogar sein Leben. Nach einem Jahre übersiedelte er nach Heil. Kreuz, welches obengenanntem Fischerorte ganz nahe liegt. Da war aber außer ein paar verlassenen Fischerhütten nichts als Wald und Gras; es mußte gereinigt, gebaut werden. Unter seiner thätigen Fürsorge erstanden wohnliche Tokuls, Vieh kam Kletke, Neues Skizzenbuch.306 Afrika. in seinen Besitz, jenseits des Nils, wo der Boden fruchtbarer ist, ward ein kleines Gärtchen angelegt. So wohnte er zwei Jahre allein, umgeben von den treulosen arabischen Dienern; denn ein europäisches Missionsmitglied formte er trotz wieder holten Bitten von Chartum nicht erhalten. Wohl aber erwarb er theils durch Kauf, theils als Geschenk von gutgesinnten Kaufleuten mehrere Kinder, die er christlich erzog und zur Arbeit antrieb. Erst verwichenes Jahr kam ihm ein Gehülfe, der hochw. Pircher; aber ach, wie schnell rief ihn Gott zu sich! Der Plackereien von Seite der arabischen Diener satt, ver jagte er sie endlich alle, und nahm an ihrer Statt einige Wilde an, die mit der Kost zufrieden und nicht so böswillig sind. Wie ein Erlöster aus dem Fegfeuer bin ich nun," so schrieb er in einem Brief nach Chartum, jetzt, da ich um noch mit Kindern und Wilden zu thun habe." Das Land um Heil. Kreuz ist eine unabsehbare Ebene. Schaue ich aus meinen drei Fensterlöchern in das Weite, so erblicke ich gegen Westen und Süden Wald; gegen Osten und Norden Schilf und Ambatsch (ein Holz leicht und weich wie Kork) längs des Flusses. Der Wald gegen Süden und Westen dehnt sich unendlich weit aus. Er giebt uns das Holz in Menge umsonst, und zwar das kostbarste schwarze Ebenholz, so daß wir die gemeinsten Hausgeräthe aus demselben uns ver fertigen. Mimosen, die den kostbaren Gummi schwitzen, stehen dicht aneinander; weiter landeinwärts, den Kik-Wohnungen zkk, sind Bäume mit kostbaren Früchten, und die Weinrebe wild wachsend. Dieser Wald ist auch ein wahrer Thiergarten, wo man die seltensten Thiere sehen kann. Elephanten durchstreifen ihn in zahlreichen Heerden; erst vor kurzem sahen wir eine HeerdeEine Station bei den Kik-Negern in Centralafrika. 307 von nahezu hundert. Dieses Ungethüm tritt in den zur Re genzeit weichen Boden knietiefe Gruben, so daß man zu Fuß fast nicht weiter kommt; ist ihm ein Mimosenbaum im Wege, so knickt es ihn mit seinem Rüssel weg; findet es eine Koth- lache, wälzt es sich in derselben und drückt eine ansehnliche Grube ein. Die Giraffe kann ich von meinem Zimmer aus vorbeipassiren sehen, ihren Kopf über die Mimosen hinaus streckend. Herrlich ist das Schauspiel, wenn eine große Heerde derselbe, durch irgend etwas aufgeschreckt, im Galopp vorbei hüpft. Gleich den hochgehenden Wellen des Meeres erscheint die tactmäßige Bewegung ihrer Köpfe. Dann giebt s Heerden von Büffeln, Antilopen, an Größe und Gestalt unserem Hirsch ähnlich, abgerechnet die Hörner, welche denen des Steinbockes gleichen; endlich viele Gazellen, wovon besonders die gestreifte das wunderlieblichste Thierchen ist. Unter den reißenden Thieren Hausen hier Löwen, der ge wöhnliche und ein viel größerer, mit kurzem Schweif und prachtvoll gestreiftem Felle. Die Eingeborenen nennen ihn Menschenfresser, und haben großen Respect vor ihm. Plagt ihn der Hunger und die Lust nach Menschenfleisch, so steigt er durch s Dach in ihre Tokul und holt sich seine Beute. Häufig sind die Tiger, Leoparden und Hyänen. Besonders letztere ist der unverschämteste Gast. Dreimal schon, so lang ich hier bin, besuchte sie Nachts unfern Hof, holte sich einmal ein ein fältiges Schaf, die andernmale ausgeschoppte Antilopenhäute. Unsere zwei großen Wachthunde aber verderben ihr meistens die Geschäfte. Das Vogelreich ist hier sehr zahlreich und mannigfaltig vertreten; und die Natur scheint alles aufgeboten zu haben, um diese lustige Zunft recht prächtig zu kleiden; denn die 20*308 Afrika. Farbenpracht fast aller hiesigen Vögel hat ihres Gleichen nicht. Selbst die liederlichen Spatzen, die auch hier zu finden sind, diese Proletarier der Vögel, erscheinen hier in einem Staat, gelb, purpurroth, schwarz u. s. w , daß der Spatz in Europa wahrlich ein schmutziger Wegelagerer dagegen ist! Wahrlich, reich ist dieses Land von Natur aus; und was würde aus ihm werden, wenn Menschenfleiß dreingreifen würde! Dieses Land nun bewohnen verschiedene Zweige des großen Dinka-Stammes, und zwar von der Station aus gerechnet: am Flusse die Fischer, gegen Norden die Thuits und ein Theil der Nuerr; gegen Osten die Bohr, gegen Süden die Kik und Heliab, gegen Westen die Arol und ein Theil der Nuerr. Mehr oder minder leiden all diese Stämme Noth; aber die ärgsten Hungerleider sind unsere nächsten Nachbarn, die Kik. Die Reisenden heißen sie die Tscham Tscham" (Esser), weil sie kein Wort öfter gebrauchen als dieses. Woher diese Noth in einem solchen Lande? Weil Gott den Menschen zur Arbeit verurtheilte und er im Schweiße seines Angesichts sein Brod essen soll. Bewohnte er auch das reichste Land, müßte er ohne Arbeit Hunger leiden. Dieses Volk will aber nicht ar beiten- darum Hunger, Blöße, Noth aller Art. Nur etwas Dura zu bauen, bequemen sich die Besseren; ist sie reif, dann wird in Saus und Braus das Wenige aufgegessen und dann geht s Hungern an auf drei viertel Jahr. Und würden nicht die Bäume ihnen wild wachsende Früchte, und genießbare Pflanzen etwas Nahrung geben, die Tscham Tscham gingen sicher darauf. Da liegt dann dieses Volk mit angefeuchteter Asche eingeschmiert, den ganzen Tag herum, zu faul und zu schwach zum Reden. Ich habe ein paarmal Hungersgestalten gesehen, wie in Tyrol sicherlich nie gesehen worden sind undEine Station Lei den Kik-Negern in Centralafrika. 309 nie gesehen werden, so Gott will. Weil aber die Ursache ihrer Noth Faulheit ist, so mag man einstimmen in das was Herr Mosgan sagt: die leiblichen Werke der Barmherzigkeit: die Hungerigen speisen und die Nackten bekleiden, seien hier kein Verdienst, vielmehr Sünde! Wahrlich ein armseliges Volk! armselig noch viel mehr, wenn man es der Seele nach be trachtet. Sie kennen keinen Gott, Wenige ausgenommen, die so etwas von einem höhern Wesen, Den did myal großen Regen droben träumen, aber uni selbes sich nicht im min- desten kümmern. Vor dem Tode haben sie gewaltig Furcht. Sehen sie zum Erstenmal einen Spiegel, hören sie die Töne einer Harmonika oder den Schlag der Uhr, so fragen sie ent setzt: bringt mich das wohl nicht um? Das Streben des Missionars wird daher hier wohl vor Allem dahin gehen müssen, aus diesem Geschlechte zuerst Menschen zu bilden, dann Chri sten. Im Uebrigen scheinen die Kik mit den Sitten und Ge bräuchen der übrigen benachbartem: Stämme übereinzustimmen. Der Mann kauft seine Frau um 20, 30 Ochsen, sie bringt nichts mit in s Haus; die Tochter eines Scheck) kostet oft 100 bis 200 Ochsen. Die verschiedenen Stämme leben untereinander wie Hund und Katze; ersieht Einer eine Gelegenheit zum Raub von Vieh, dann benutzt er sie und dann giebt s Krieg. Schon jetzt sagen die Thuits und Bohr im Osten: Heuer werden wir Krieg führen, weil bis jetzt in der Regenzeit so wenig Regen gefallen, die vom Westen werden für ihre Heerden in der trocknen Zeit (von Ende Oktober bis Anfang April) keine Weide finden und hierher kommen wollen. Das Verhältniß der Nachbarstämme zu uns aber ist ein ganz anderes als das der Bari zu der Mission. Sie fürchten und achten uns. Herrn Mosgan nennen sie den Bayn did310 Afrika. das große Oberhaupt. Häufig ward er von ihnen zum Schiedsrichter gewählt und seinem Ausspruche fügten sie sich. In Krankheiten und Leiden kommen sie weit her nach dem kan nom; sie sind überzeugt, daß wir zu ihrem Nutzen da seien. Hat Jemand von ihnen gegen die Station etwas ver brochen, z. B. gestohlen, so kommen sie her, den Schaden gut zu machen. Einmal ward eine Kuh entwendet, Tags darauf kam der Scheck) des Orts, wo der Dieb war, mit der Kuh und vier Ochsen als Schadenersatz mit dem Bemerken: mit dem Bayn did will ich in Frieden bleiben. Landesplagen sind hier vor allen die weißen Ameisen und Gelsen. Erstere stellen unfern Sachen, letztere unserer Haut nach. Was nicht von Metall, Glas und schwarz Ebenholz ist, ist für sie genießbar und bei der größten Sorgfalt ist man kaum in: Stande, die Sachen vor ihrer Gefräßigkeit sicher zu stellen. Letztere sind hier in solcher Anzahl, daß ihre wahre Heimath hier zu sein scheint. Unter den Krankheiten sind auch hier Fieber und Ruhr am häufigsten, allein lange nicht so bösartig wie im Siiden. Das Klima ist sehr mild, die Hitze erträglich; besonders in der Regenzeit, die von April bis October dauert, ist s manchmal wie in Europa, kühl und an genehm, und Morgens amb Abends allemal.Australien. i. Land und Leute in Ueu-Seetand. Am 22. Dezember 1858 traf die österreichische Fregatte Novara auf ihrer Erdumsegelung in Neu-Seeland ein. Pa- tnone, ein auf der anderen Seite des Hafens wohnender Häuptling, hatte zu Weihnachten alle in der Nähe wohnenden befreundeten Stämme zu einem Feste eingeladen und der No vara" gleichfalls eine Einladung zugesandt, welche bereitwilligst angenommen wurde. Als wir, erzählt Herr Julius Hanf, *) an der Küste lan deten, wo sich das Maori-Lager befand, sahen wir auf der Anhöhe mit der englischen Flagge und vielen anderen Fahnen geschmückt, verschiedene lange Zelte aufgeschlagen; um dieselben *) Ein Deutscher, der seinen Aufenthalt in Neu-Seeland genommen hat, um das Land in statistischer und national-ökonomischer Hinsicht zu untersuchen.312 Australien. wogte eine bunte Menschenmenge, die sich, als wir am Fuße des kleinen Hügels anlangten, auf dem Plateau vor den Zel ten versammelte und eine dichte Masse bildete. Plötzlich er klang die Luft von einem monotonen, raschen Gesang in Dak tylen, wobei Alle bei der ersten Sylbenlänge mit den Füßen stampften; die aus dem Mere (Grünstein) angefertigten Streit- kolbelr der Häuptlinge, das Zeichen ihrer Würde, wurden dabei in die Höhe gehalten; wer von den Maoris einen Stock hatte, schwang ihn drohend in der Luft, während die Uebrigen die Enden ihrer Decken in die Höhe hielten. Es war ein schauerlich schönes Bild, nub als wir nun näher kamen, der Gesang an Heftigkeit und Schnelle zunahm, wir die unsinnigen Sprünge der Eingebornen, das Verdrehen der Augen, wobei sie die Zunge herausstreckten, genauer ansehen konnten und dabei den Boden unter dieser zwei- bis dreihundert Mann zählenden Schaar erdröhnen fühlten, fomiten wir uns eines unwillkür lichen Schauders nicht erwehren. Herr Bäcker, ein Regierungssekretär tu der Abtheilung der Eingebornen und der Expedition als Dolmetsch beigegeben, theilte nun mit, daß die Maoris, um ihren Besuchern ein Bild der alten Sitten zu geben, den Kriegstanz aufführten, und daß dieses Schauspiel zu sehen, in den jetzigen Zeiten einem Europäer selten zu Theil würde. Als wir die Anhöhe erstiegen hatten, theilten sich plötzlich auf das Kommandowort des Häuptlings Paul von der Coromandelküste, welcher als Ceremonienmeister für den alten Häuptling Patuone handelte, die dichten Haufen und bildeten ein drei Mann hohes Spalier auf beiden Seiten des Weges. Der wilde Gesang hörte auf und es ertönte eine etwas ruhigere Melodie, ebenfalls in Dak tylen und einstimmig, wobei sich auch die Frauen betheiligteu.Land und Leute in Neu-Seeland. 313 Während diese Reihen durchschritten wurden, ertönte stets der selbe Gesang, aus nur sich wiederholenden Takten bestehend, wobei die Eingebornen die rechte Hand über dem Kopfe hielten, damit- eine eigenthümlich zitternde Bewegung machend, während die Linke auf der Brust lag. Der Dolmetsch berichtete, daß dies das Willkommen der Maoris sei. Die beiden Linien wurden durch den Häuptling Patuone geschlossen; zu seiner Rechten und Linken standen die Häuptlinge Hori Haupapa und Apihai Te Kawan, alle Drei mit ihren berühmten Meräs in der Hand. Sie reichten den fremben Besuchern nach eng lischer Sitte die Rechte, baten sie, den früher von ihnen inne gehabten Platz einznnehmen, und schritten nun durch den offenen Gang zurück, um dieselben nach ihrer Weise auf Neu- Seeland zu bewillkommnen. Bei den nun folgenden Reden der Häuptlinge gaben die Eingebornen, welche auf beiden Seiten standen, auf beredte Weise mit Kopf und Händen ihre Zustimmung. Die Art, wie die Maoris bei solchen feierlichen Gelegenheiten sprechen, ist sehr eigenthümlich. Der Redner steht ungefähr zehn Schritte von den Angeredeten und geht sprechend bis auf drei Schritte auf dieselben zu; schweigend geht er dann zurück und fängt, auf seinem früheren Standpunkt angekommen, wieder von Neuem zu reden an. Diese Sitte hat viel Gutes, denn nicht allein hat der Redner Muße, sich wieder zu sammeln, sondern er läßt auch den Zuhörern Zeit, tiefer in das von ihm Gesagte einzudringen. Würdevoll und ruhig theilen die Maoris ihre Ansicht mit, dabei wird nur an einzelnen, besonders wichtigen Stellen der Rede die rechte Hand erhoben, während sich in der ge senkten linken Hand die Merekeule befindet, Dt;ue welche ein314 Australien. Häuptling nie spricht. Wir hatten inzwischen die uns um gebenden Figuren betrachtet. Der größte Theil derselben war in europäischem Anzuge, die Häuptlinge meistens in schwarzer Kleidung und mit einer goldbordirten Mütze, die Anderen in allen nur erdenklichen Kostümen, wie Laune oder Zufall die selben hatte wählen lassen. Die alten Männer waren je nach ihrem Range mehr oder minder tätowirt, was mit der euro päischen Kleidung nicht wohl zusammenpassen wollte; die älteren Frauen, meistens in europäischer, oft eleganter Kleidung hatten ebenfalls die Lippen und das Kinn tätowirt, während die jungen Leute beiderlei Geschlechtes diese Sitte nicht mehr lieben und ohne diese Zeichen ihres früheren niedrigen Kulturzustandes ihre natürlichen, oftmals sehr schönen Gesichtszüge zeigen. Es giebt inzwischen einen kleinen Theil der Eingeborenen beiderlei Geschlechtes, welche sich noch nicht an die europäische Kleidung gewöhnen können, und die entweder eine gewöhnliche wollene Decke umgeschlagen haben oder die Kakahu, eine große, oft mals doppelte Decke, tragen, welche die Frauen aus den Fa sern des neuseeländischen Schilfflachses auf eine sehr kunstreiche Weise anfertigen. Dieser letztere Anzug ist besonders malerisch. Manche dieser schönen Gestalten in die Maori-Manteldecke eingewickelt und den einen Zipfel über die Schultern geworfen, erinnerte unwillkürlich an die Toga der alten Römer. Aber alle tragen mit großer Vorliebe Ohrschmuck, meistens aus einem ovalgeschliffenen Grünstein oder einem großen Haifisch zahne bestehend, welcher in dem durch das Ohrläppchen ge stochenen Loche mit einem schwarzen Bande befestigt ist. Wir näherten uns den Zelten und sahen darin lange, gegen zwei Fuß hohe Tische aufgeschlagen, welche mit kleinen zierlichen, aus den: Blatte des neuseeländischen Flachses ge-Land und Leute in Nen-Seeland. 315 slochtenen Körbchen bedeckt waren und in welchen sich gekochte Kartoffeln, Schweinefleisch und Fische befanden. Die Gäste saßen auf hingestreuten frischen Farrenkräutern auf der Erde, entweder mit untergeschlagenen Beinen oder auf den Fersen hockend, und ließen sich das Mahl vortrefflich munden, wobei natürlich mit den Fingern zugelangt wurde, denn zu dem Gebrauche des Messers und der Gabel hat sich der Maori noch nicht verstiegen. Junge Leute mit großen Kesseln rannten umher und schenkten den Essenden Thee ein, welcher ein Be- dürfniß der Neuseeländer geworden. Alle waren guter Dinge und überall herrschte Frohsinn und Lebendigkeit. Die Einge borenen, welche bereits gegessen hatten, saßen in kleinen Kreisen auf der Erde, rauchend und scherzend ihre Zeit verbringend. Rauchen ist bei beiden Geschlechtern zur Leidenschaft ge worden und sieht man Kinder auf dem Arme die Pfeife aus dem Munde der Mutter nehmen und weiter rauchen. Die irdene Pfeife, so kurz abgebrochen, daß nur so viel Stiel da ist, um sie zwischen den Zähnen festzuhalten, wird allen an deren vorgezogen. Als wir so zwischen den einzelnen Gruppen durchgingen und die oftmals prachtvollen Gestalten bewun derten, fielen uns zwei Leute auf, welche ihre Köpfe unter einer Decke verborgen hatten und bitterlich weinten. Auf die Frage nach der Ursache hörten wir, daß es zwei Freunde oder Verwandte seien, welche sich lange nicht gesehen und auf diese Weise ihr Wiedersehen feierten. Kuß und Händedruck waren dem Maori unbekannt und wurden erst in den letzten Jahren im Verkehr mit den Europäern angenommen. Unter sich ist aber die alte Sitte des Nasenreibens oder vielmehr Nasen drückens noch stets vorherrschend und dauert dies je nach dem Grade der Freundschaft oder Hochachtung länger oder kürzer.316 Australien. Freunde iinb Verwandte aber drücken ihre Freude beim Wiedersehen dadurch ans, daß sie sich und oftmals stunden lang zusammensetzen und ihre Nasen aneinanderlegen, dabei bitterlich weinend und schluchzend. Sind sie ungesehen, so geschieht es, ohne sich den Kopf zu bedecken, im anderen Falle aber werfen sie eine Decke über sich. Es fiel allgemein aus, daß Formen, Farben und Haare der versammelten Eingebornen so merklich verschieden waren und waren unsere deutschen Gäste gleich den englischen Gelehrten der Ansicht, daß der Maori- Stamm ein vollständig gemischter wäre, in welchem der Süd- see-Jnsulaner, der Malaye, der Neger, der Chineser und selbst der Jude Alle in gleichem Grade vertreten sind. Da in der letzten Zeit in der nächsten Nähe Auckland s außer anderen mineralischen Schätzen ausgedehnte Kohlenlager entdeckt worden waren, so suchte der Gouverneur Gore Brown bei dem Commodore von Wüllerstorf um die Erlaubniß nach, dieselben durch Dr. Hochstetter, den Geologen der Expedition genauer untersuchen zu lassen. Nachdem dieselbe bereitwilligst ertheilt worden war, wurde von der Regierung eine Expedition ausgerüstet, und um zu gleicher Zeit den Gelehrten der No- vara" Gelegenheit zu geben, auch mehr das Innere des Lan des zu sehen, wurde dieselbe nicht allein auf die Kohlenlager beschränkt, sondern es ward beschlossen, den zwischen Auckland und dem Waikato, dem größten Flusse der nördlichen Insel sich hinziehenden neun bis fünfzehn Meilen breiten Urwald zu durchschneiden, und die Ufer dieses prachtvollen Flusses und einige daran gelegene Dörfer der Eingebornen zu besuchen. Die Expedition wurde von dem Hauptmann Drummond- Nay, Adjutanten des Gouverneurs und Distrikts-Kommissar (politischer Agent bei den Eingebornen) des südlichen TheilesLand und Leute in Neu-Seeland. 317 der Provinz Auckland, und Herrn Heaphy, Chef-Ingenieur der Provinz Auckland, angeführt. Am 28. December Morgens reisten wir in fünf Wagen von Auckland ab. Trotzdem, daß wir uns mitten im Sommer befanden und keine Wolke den dunkelblauen Himmel bedeckte, wurde doch die Hitze durch die stets wehenden Land- und Seewinde gemildert und konnten unsere deutschen Gäste nicht genug Worte zum Lobe des herr lichen neuseeländischen Klimas finden. Es ist wahr, wir hatten während der ganzen Zeit des Aufenthalts der Novara" 70 bis 76 Grad Fahrenheit im Schatten, was mit 18 bis 20 Grad Reaumur übereinstimmt. So fuhren wir zwischen den vulkanischen Kegeln, alle ausgebrannte Krater, einher, auf welchen in früheren Jahren die Eingeborenen ihren Kriegspaß hatten, weßhalb auch die selben meistens in Terrassen von 4 bis 8 Fuß Höhe, welche regelmäßig übereinander liegen, eingeschnitten sind, was diesen Bergen ein eigenthümliches Ansehen giebt. Die an dem Wege oder dem Fuße der Hügel gelegenen Villen, Farmen, oftmals in der Mitte üppiger Blumengärten gelegen, bildeten einen angenehmen Kontrast %\i den sich nach verschiedenen Richtungen hinziehenden mit Farrenkräuter und sonstigen Gesträuchen über wachsenen alten Lavaströmen. Hie und da tummelten sich Pferde auf den üppigen grünen Wiesen, oder kräftige Rind vieh- und Schafsheerden, grasten friedlich auf denselben und zeigten deutlich den rasch aufblühenden Wohlstand dieser jüngsten aller englischen Kolonien. Rach einer Fahrt von anderthalb Stunden kamen wir an dem Fuße des Richmondberges an, von den Eingebornen Otahuher genannt, welcher dem in der Nähe liegenden Dorfe leinen Namen gegeben. Dieser höchst interessante, ausgebrannte318 Australien. Kraterkegel wurde bestiegell, und Geologe, Zoologe und Bo taniker fanden werthvolle Sachen für ihre Sammlung. Zur Rechten Onehunga, ein rasch aufblühendes Hafen städtchen, liegen lassend, rollten wir nun durch eine gesegnete Ebene, auf welcher weitausgedehnte Kartoffelfelder in voller Blüthe standen und üppige Waizen- und Gerstenfelder ihre wallenden Flächell zeigten, wobei an anderen Stellen hölzerne Einfriedungen oder lebende Hecken, prachtvolle Wiesen mit stattlichenl Vieh einschlossen, Otahuhu zu, wo ein Frühstück die ganze Gesellschaft erwartete. Fahnen flatterten auf verschie denen Häusern uub die wohlgekleideten Bewohner kamen von allen Seiten heran, uni die deutschen Männer zu begrüßen, welche sich mit den natürlichen Reichthümern des Bodens be kannt machen sollten. Nach eingenommener Stärkung setzten wir uns wieder ein und verfolgten unseren Weg durch die Ebene Papakura (rothe Fläche). Nach einer Stullde erreichten lvir Tamaki, ein aus mehreren zwischen Feldern, Gärten und Wiesen freund lich gelegenen Häusern bestehendes Dorf, und endlich gegen 1 Uhr gelangten wir in Drury an, einer 29 Meilen von Auck- land entfernten größeren Niederlassung. Drury liegt in einer- hügeligen, fruchtbaren Ebene, nach allen Seiten hin ist das Land eingefriedigt, Felder und Wiesen wechseln in bunter Reihe ab, und das behäbige, gesunde Aussehen der Bewohner, die vielen rothbackigen Kinder und das kräftige, schöne Vieh zeigten, daß die Gegend nicht allein fruchtbar, sondern auch sehr gesund sein muß. Nach kurzer Pause gingen wir den eine Meile von Drury entfernten Hügeln zu und traten nun zum ersten Male in den Urwald ein. Die Pracht desselben machte auf Jeden denLand und Leute in Neu-Seeland. 319 größten Eindruck. Die niedliche Arekapalme mit ihrem Blüthen- und Fruchtkranze unter der Blattkrone, die verschiedenartigen zierlichen Farrenbäume mit ihren ausgezackten Blättern, der majestätische Kauribaum, der König der neuseeländischen Wäl der, der Rata, dieser Baumtödter, welcher die Waldriesen zuerst als zarte Schlingpflanze umschlingt, nach und nach feine Stütze mit immer stärker werdenden Armen umfaßt, bis er sie er stickt hat und dann, selbst zum starken Baunie werdend, deren Stelle einnimmt, fielen zuerst in das Auge. Alle sind mit Schlingpflanzen und Lianen jeglicher Art umwachsen, sie nach allen Seiten hin verbindend, wodurch dem Eindringlinge ein beinahe unbesiegliches Hinderniß in den Weg gelegt wird. Ueberall, wo sich an den Bäumen nur eilte freie Stelle zeigt, haben sich Schmarotzerpflanzen festgesetzt, welche sie im Verein mit den Schlinggewächsen in solcher Weise bedecken, daß man oft nicht im Stande ist, ihr eigenes Laub zu sehen und oft bis in die höchsten Spitzen darnach suchen muß. Da zwischen ist der Boden mit Farrenkräutern von jeder Größe und Gestalt bedeckt, welche durch ihre zierlichen Formen und ihr frisches Grün dem Auge wohlthun. Die umgestürzten Baumstämme sind mit Moos und Flechten in mannigfachen Formen umwachsen oder bieten den Schmarotzerpflanzen ein fruchtbares Feld zur Ernährung dar. Ueberall wuchert frei und ungestört emsig die üppig grüne Pflanzenwelt, während das an vielen Stellen geschlossene Laubdach den Sonnenstrahlen kaum einen flüchtigen Einlaß gewährt. Die Gesellschaft trennte sich nun in zwei Abtheilungen. Die eine mit Dr. Hochstetter an der Spitze ging weiter, um an verschiedenen anderen Stellen die Kohlen- und Kalkformationen zu untersuchen, während die andere in den Wald eindrang,320 Australien. um zu sammeln. Wir folgten dem Laufe eines Bächleins, welcher uns zu einem hübschen Wasserfalle führte, und halfen nach allen Kräften dem Zoologen Frauenfeld und dem Bo taniker Jellinek Beute machen. Mit großer Befriedigung wurde von unseren deutschen Freunden hervorgehoben, daß das Sammeln in den hiesigen Wäldern doppelt angenehm sei, weil man weder den Biß oder den Stich eines giftigen Amphi- biums oder Insekts zu fiirchten habe, noch sich wegen wilder Thiere ängstigen müsse. Es ist in der That eigenthümlich, daß sich in diesem schon sonst so reich von der Natur gesegneten Lande keine giftigen oder schädlichen Thiere vorfinden. Von vierfüßigen Thieren ist nur eine kleine Ratte einheimisch, welche dabei jedes Jahr seltener wird, Schlangen, Kröten und Frösche kommen ebenfalls nicht vor imb nur sehr zierliche und unge fährliche kleine Eidechsen, unseren deutschen in der Gestalt nicht unähnlich, beleben den steinigten Boden. Obgleich uns in dem Walde selbst zahlreiche Moskitos umschwärmten und uns in Hände und Gesicht stachen, so waren deren Stiche doch nicht schlimmer als die unserer deutschen Waldmücken. Diese Plage schwindet aber bald, wie das Land urbar gemacht wird, und außer diesen kleinen Waldteufeln hat Neu-Seeland kein Insekt aufzuweisen, dessen Stich so schmerzlich wie der unserer Hornisse ist. Man kann sich daher unbesorgt in dem Walde überall hinlegen und ruhig am Tage und bei Nacht die müden Glieder ausruhen. Reich beladen mit erbeuteten Schätzen kehrten wir bei einbrechender Dunkel heit nach Drury zurück. Den andern Morgen ging der geologische Theil der Expe dition unter der Leitung des Herrn Heaphy weiter, um die umliegenden in geologischer Beziehung so interessanten ThälerLand und Leute in Neu-Seeland. 321 zu erforschen, während der andere Theil unter Führung des Kapitäns DrummonWHay sich in einem Kanoe, von den Maoris Waka genannt, auf dem Te Taheke, einem kleinen in den Manukanhafen mündenden Flüßchen einschiffte, unl ein an dem- selben gelegenes Dorf der Eiugeborneu zu befftchen. Unser Waka war gegen 25 Fuß lang und an 2 2 Fuß im Durch- messer mtb bestand aus einem Stamme des Kahika, einem weißen Nutzholz. Ein solches Waka wird von den Eingebornen mit fünf Pfund Sterling bezahlt nub datiert zwanzig bis dreißig Jahre, während ein gleiches Kanoe aus dem rotheil Holze des Totara ausgehöhlt, gegen 30 Pfd. Sterl. Werth ist und oftmals noch nach hundert Jahren vollkommen brauchbar befunden wird. Es giebt Wakas aus dieseil Waldriesen an gefertigt, welche 70 Filß lang sitld, fünf bis sechs Fuß Oeff- llung haben und zu ben früheren Kriegszügen benutzt wurden, da ein solches Fahrzeug bequem 100 Manu fassen kontlte. Unser Waka war an ben beiden Enden mit frischetn Far- renkraute bedeckt und mit vier Rudern versehen, von welchen das eine von dem uns begleitenden Maori beimtzt wilrde, tvährend wir Anderen gleich ihm auf den Fersen sitzend, oder mit ausgestreckten Beinen halb liegend, uns bald mit bem Gebrauche derselben vertraut machten. Diese Ruder laufen am unteretl Ende spitz zu und wird damit das Wasser, indem sie perpendicular eingesetzt werden, so zu sagen fortgeschaufelt. Die Fluth, welche bis zu dem Punkte nnferer Einschiffung reichte, war bereits gefallen, so daß wir nur mit großer Mühe offenes Fahrwasser finben konnten. Indessen trotz aller unserer Bestrebungen saßen wir bald aus einer Sandbank, bald auf einem Felsenriffe fest; aber wir nrachten es den Eingebornell nach, hatten bald die Fußbekleidung abgelegt nnb sprangen in s Kletke, Neues Skizzenbuch. 21322 Australien. Wasser, um mit ihm vereint das Waka wieder flott zu machen oder über das Hinderniß zu schaffen; dann wurde eine Fluß schnelle passirt, wobei wir das Kanoe über den das Wasser durchziehenden Grat heben mußten. Rings um uns herrschte Todesstille, nur manchmal durch das Aufstiegen einer wilden Ente oder eines anderen Vogels unterbrochen. Leider konnten wir nicht schießen, da sieben Personen in dem Waka waren, wo durch es ziemlich tief ging und daher das größte Gleichgewicht gehalten werden mußte, um nicht umzuschlagen. Gegen Mittag ward das Wasser höher, der Strom breiter und wir fuhren nun schneller unserem Bestimmungsorte ent gegen. Die Aussicht dehnte sich aus, die Hügel waren mit Strauchwerk, hie und da durch eine Nikaupalme überragt, dicht bewachsen, welches sich bis zum Wasserrande hinunterzog. Braune und gelbe Schattirllngen geben dem Ganzen das An sehen einer deutschen Herbstlandschaft Zuweilen zeigte ein auf einem Felsen oder einer Sandbank liegender Baumstamm, daß manchmal Regenstuthen von den Bergen Herunterstürzen und in jähem Falle die Bewohner des Urwaldes mit sich fortreißen. Wir fuhren bald in einen Arm des Maukau-Hafens ein, welcher nach allen Seiten hin seine Buchten in das Land hineinzwängt, aber wir konnten das Dorf noch immer nicht entdecken. Endlich sahen wir einen Maori, welcher mit seiner einfachen Angel dem Fischfänge obliegend auf einem Felsblock saß; wir ruderten auf ihn zu und hörten, daß das Dorf noch zwei Stunden entfernt sei, falls wir zu Fuße dahin gingen, während der Weg zu Wasser eine noch längere Zeit erforderte. Auf die Frage, ob er uns als Führer dienen wolle, gab er zur Antwort, daß er hieher gekommen sei, um zu fischen und wolle er daher seine Arbeit nicht verlassen. Bereitwillig gabLand und Leute in Neu-Seeland. 323 er indeß zu Ehren des fremden Cawanas (der Kommandant v. Poeck war mit uns), seine drei Fische her. Wir stiegen an s Land um Kriegsrath zu halten und es ward beschlossen, den Besuch des Dorfes auszugeben und nur die Umgegend zu durchsuchen. Ein froher Ausruf Frauenfeld s, welcher am Strande suchend einige Schritte weitergegangen, brachte uns alle in lebhafte Bewegung, und jetzt sahen wir ihn an einer Austern bank stehen und dieselbe mit mehr als naturwissenschaftlichen Augen betrachten. Redlich halfen wir ihm mit großem Eifer bei dem Sammeln dieser Meeresschätze; bald waren über hun- ✓ dert Stück losgeschlagen, ein lustiges Feuer brannte, der grö ßere Fisch ward von erfahrenen Händen entschuppt, ausge nommen und an einem als Spieß dienenden Stock über das Feuer gehängt und gebraten. Der Maori hatte mit großer Aufmerksamkeit dem Kom mandanten zugesehen, wie er mit ruhiger Geschäftigkeit zum allgemeinen Besten den Fisch entschuppte und die Austern öffnete; seine gutmüthigen Züge verzogen sich zu einem Lächeln, wobei sein breiter Mund zwei Reihen schöner weißer Zähne sehen ließ, dabei sagend: Kawanas goodman, was aus dem Maorischen Jdeengange in s Deutsche übersetzt, genau sagen will: Der Gouverneur ist ein ganzer Mann. Gouverneur nennen die Maoris jeden hochstehenden Militär, da sie von den höheren Rangstufen sich keinen Begriff machen können. Nach einer halben Stunde war unser Mahl fertig, ein Bogen Fließpapier diente als Schüssel für unfern Braten und rund umher saßen wir auf frischen weichen Farrenkräutern und lang ten mit den Fingern zu. Unser Durst wurde an den kleinen, den Felsen herabrieselnden Quellchen gestillt, und zwar, weil 21 *324 Australien. Wir nichts zum Schöpfen bei ulls hatten, auf die Weise der Eingeborenen, iuberrt wir den Mund mit dem Wasser in di rekte Berührung brachten. Dann ging es an s Sammeln, Pflanzen und Algen wurden eingelegt, Schnecken, Muscheln und Insekten erbeutet, und da die Fluth gegen 4 Uhr wie der stieg, ruderten wir nach unferem Abfahrtspunkt ohne Unfall zurück. In Drury allgelangt, trafen wir wiederum mit dem anderen Th eile der Expedition zusammen ulld begaben Nils bald zur Ruhe, da der morgige, durch beit Urwald führende Weg ulls ziemliche Anstrengilngen voraussehen ließ. Der Lärm in den Höfen ließ uns llach Sonnenaufgang nicht mehr schlafen; schnell waren wir in den Kleiderll und zilr Weiterreise fertig. Es war ein prachtvoller Sommer- lnorgen, und ein rosiger Duft lag über der ganzell Landschaft ausgebreitet. Der über die Anhöhen sich schlällgelnde Weg fängt hier all, für Wagen unpassirbar zu werden, obgleich noch Karren denselben viele Meilen weit befahren können. Während eitler Stunde ritten wir durch wiesenreiche, wellige Gelände, lueistens eingehegt und mit kräftigem Vieh belebt; von Zeit zu Zeit erschien ein stattliches Halls mit Blumen und Schmuck gesträuchen umgeben, und that ulls dar, daß dessen Bewohller die ersten harten Zeiten hinter sich hatte, wo er in einem rasch aufgebauten Wharä (Eingebornenhütte) wohnen und das Wald oder Buschland urbar machen mußte. Wir ritten endlich in den uns von dem Waikato-Flusse trellnellden Wald ein; je tiefer wir hineillkamen, desto dichter wurden die Gesträuche, desto majestätischer die Formen der Bäume. Bäume voll 150 Fuß Höhe waren nichts Seltenes, Palnlen und Farrenbäulne von 25 Fuß Höhe unter denselben stehend, ziemlich gelvöhnlich. Schling- unb SchmarozerpflauzenLand und Leute in Nen-Seeland. 325 machten sich überall mehr geltend und bedeckten die Riesen bäume bis in die höchsten Spitzen mit ihren Lianen und saf tigen Blättern. Dazwischen flogen die seltsamen Vögel Neu- Seeland^s, von dem ungewöhnlichen Geräusche der vielen Pferde aufgeschreckt, nach allen Richtungen hin oder sie erfreuten den Horchenden mit ihrem melodischen Gesänge. Der häufigste Waldbewohner ist der Tui, von Kapitän Cook der Pfarrer genannt, weil er zwei auffallend weiße Federn an dem Halse hat. Er gleicht sehr unserem deutschen Eisvogel an Farbe und Gestalt. Lustig und unermüdet hüpft er von Zweig zu Zweig, rutd läßt weithin seinen melodischen Gesang erschallen. Außer diesem Vogel werden die Wälder durch den Kakariki, eckten kleineri grünen Papagei, belebt, welcher sich im schattigen Laubgewölbe wiegend, einen schrillen Laut ausstößt und da durch wiederum an die tropischen Gegenden der Erde erinnert. Auch ein neuseeländischer Kukuk, von den Eiugebornen Koekoea genannt, ward erlegt und mit Freude als ein seltenes Exem plar begrüßt. Wir hatten heute Gelegenheit, das Talent und die Geschicklichkeit des Kapitän Drutnmond-Hay zu bewundert: und es begreiflich zu finden, daß ein Mann, welcher jahrelang, oft ohne einett Europäer während dieser ganzen Zeit zu sehen, unter den Eingebornen in einem Zelte lebt, nach und nach nicht nur deren Gewohnheiten annimmt, sondern auch mit eben so scharfen Augen und mit gleich sicherer Hand begabt wird. Gleich einer Schlange watld er sich lautlos mit dem Gewehr in der Hand durch das dichte Gesträuch, um die scheuen Vögel zu erschleichen, dabei nie sein Ziel verfehlend, und als wir gegen Mittag an einen: Bache ausruhten, einen kleinen Vogel von der Größe einer Kohlmeise auf einem Baum zweige sitzen sahen und bedauerten, daß die dicken Schrote in326 Australien. den Gewehren nicht erlaubten, denselben zu schießen, hob er leise einen kleinen Stein auf, zielte und warf das Vöglein mit Sicherheit von seinem Zweige herunter. Da er in s Wasser fiel, so stieg eben so ruhig Herr Heaphy, der Chef-In genieur ohne Schuhe und Strümpfe auszuziehen, in den ihm bis an die Kniee reichenden Bach, um den Vogel aufzuheben. Drummond-Hay erzählte uns, daß er sich vor zwei Jahren, nur mit einem großen Messer versehen, in dem, das ganze Innere bedeckenden Walde verirrt habe; in den drei ersten Tagen habe er theils von den mit Steinen von den Bäumen heruntergeworfenen Vögeln, theils von dem Marke der Aneka- palme gelebt; dann sei er aber schwachsinnig geworden, und anstatt dem Laufe der Flüsse zu folgen, welche ihn sicher zu einem Lagerplatze der Eingebornen gebracht haben würden, sei er von nun an stets umhergeirrt, mechanisch nach der Aneka- palme suchend und sich von ihrem Marke ernährend. Endlich nach 14 Tagen habe er Schüsse und Menschenftimmen gehört und sich bald darauf unter einer, auf einem lichten Wald hügel gelagerten Gesellschaft von Europäern befunden, welche, mit der Jagd der wilden (verwilderten) Schweine beschäftigt, hier ausgeruht. Natürlich habe man ihm Brot und Thee an- geboten, welche er abgeschlagen und sich instinktmäßig stets nach der Anekapalme umgesehen, bis man ihn zum Essen und Trinken gezwungen. Er sei dann schnell zu sich gekommen und habe sein Abenteuer ruhig erzählen können. Uebrigens, sagte er lächelnd, als wir ihm unser Bedauern ausdrückten, ist das Mahl nicht so schlecht. Rasch ergriff er sein Waldbeil, halb Beil, halb Messer, und ging in den Wald. Wir hörten ein paar Axtschläge und alsbald kam er mit dem Marke zurück,Land und Leute in Neu-Seeland. 327 um es zu kosten zu geben. Der Geschmack ist in der That nicht schlecht und gleicht dem unserer deutschen weißen Rübe. Nach einem Ritte von einer halben Stunde kamen wir nach Rama Rama, einer vor drei Monaten von einem reichen englischen Kolonisten begonnenen Niederlassung. Gegen 70 englische Morgen waren bereits urbar gemacht und standen Erbsen, Rüben, Bohnen, Kartoffeln und andere Küchengewächse, für den eigenen Gebrauch angebaut, schon in Ueppigkeit auf einigen Morgen dieser der Urwildniß entrissenen Kulturfläche. Der Eigenthümer, Herr Martin, führte uns umher und machte uns mit der Art und Weise des Urbarmachens bekannt. Zwei kleine Hütten aus den dicht nebeneinander eingerammten Stämmen des Farrenbaumes bestehend und mit Schilfflachs gedeckt, dienten ihm und seinen Arbeitern als provisorische Küche und Schlafstätte, während man an einer erhöhten Stelle bereits mit der Errichtung eines stattlichen Holzhauses beschäf tigt war. Zahlreich sind die Waldbäche und Flüßchen, welche dieses ganze Hügelland durchziehen und so hatte auch er eine Stelle gewählt, welche durch einen klaren, kühlen und unver- siegenden Waldbach bewässert wird. Wir versuchten das Wasser und fanden dessen Geschmack kühl und angenehm. Das ganze Land von Auckland bis zum Waikato ist meistens in festen Händen, theils von Spekulanten, theils von Leuten, welche in späteren Jahren darauf selbst eine Niederlassung gründen wollen, zu dem Preise von zehn Schillingen per englischen Morgen angekaust. Herr Martin hatte hier 1000 englische Morgen zu dem Preise von zwei Pfund Sterling für den Morgen gekauft, welche vor zwei Jahren zu dem festen Preise von zehn Schillingen von der Regierung übernommen worden waren.328 Australien. All vielen Stellen des Weges war man beschäftigt eine Chaussee herzustellen und obgleich die Arbeiter, welche damit vertraut sind, zwischen zehn Schillingen bis ein Pfund per Tag verdienen, so geht es doch langsam damit vorwärts, weil die Arbeitskräfte noch immer selten sind und die Arbeiter die Nähe Aucklands vorziehen, wo sie, verpflegt, sechs bis acht Schillinge und Zimmerleute zehn bis zwölf Schillinge für acht Arbeitsstunden erhalten könnell. Der sich nun verengende Weg wurde immer schlechter, über den Boden hilllaufende Wurzeln, Zwischen welchen Schmutz pfützen den Pferden einen so sehr unsicheren Tritt gestatteten, daß wir nur mit der größten Borsicht weiter reiten konllten, nahmen überhand. Riesige, über den Pfad gefallene Baum- stäullne uulßten überklettert werden, wobei wir natürlich ab- saßen und die Packpferde abluden, das Gepäck hinüberreichend. Einzelne der Pferde, an diese Art Reisen gewöhnt, kletterten behend hinüber, während wir für andere störrige Thiere Brücken bauen mußten, atm sie über die Hilideruisse zu brillgen, was oftmals beschwerlich lvard. Die Brücken über die Bäche und Flüßchen bestandell aus zwei größeren querüberliegenden Bäumen, tiber welche Farren- oder Palmenstämme entweder lose lagen oder manchmal mit Stamm zusammengebunden wa ren , um unter beit Füßen der Pferde nicht hin- und herzu rollen; nichtsdestoweniger brachen ein paar Pferde durch und steckten bis unter dem Bauche zwischen denselben, aber stets gelang es uns sie wieder herauszuschaffen und weiterzubringen. An einzelnen Thalstellen, wo die gegenüberliegende Bergwand unseren Blicken sichtbar war, blieben wir mit Entzücken stehen und konnten nicht aufhören, die üppige Pracht und das kräftige Grün dieser herrlichen Wälder zu bewundern, welche, wie sonstLand und Leute in Neu-Seelaud- 329 nirgendwo in einem gemäßigten Klima, -die Größe und Ma jestät der Vegetation der tropischen Zone entfalten. Gegen Abend ward der Wald lichter und bald traten wir auf eine mit Farrenkraut bewachsene wellenförmige Ebene hinaus. Links von uns streckte ein schön geformter Berg sein Felsenhaupt über den Wald hinaus und die am Fuße desselben vielfach aufsteigenden Rauchsäulen zeigten, daß sich dort ein Dorf der Eingebornen befinde. Vor uns hatten wir ein Flußthal, durch welches der Mauga tawhiri fließt, zwei Stun den weiter in den Waikato einmündend, dessen Lauf uns die schönen den Horizont abschließenden Gebirgslinien verriethen. Alle Strapazen waren vergessen, und rasch ritten wir dem unter uns liegenden Maori-Dorfe Manga tawhiri zu. Ein eiliges Zusammenlaufen der Eingebornen zeigte uns, daß imfer Besuch nicht wenig Aufregung itub Neugierde verursache, bald waren wir zwischen ihren Hütten und hier war Kapitän Drum mond -Hay in seinem Elemente. Er begrüßte die Maoris in ihrer eigenen Sprache, die er mit Fertigkeit spricht, und wir wurden darauf mit allen Zeichen der Freundschaft von ihnen empfangen. Schnell war die neueste Wharö ausgesucht, deren Bewohner in einer anderen Hütte ihr Lager aufschlugen; die beiden Maori-Diener reinigten sie, brachten frisches Farrenkraut herbei, welches, auf beut Boden nusgebreitet, uns als Stuhl, Tisch itnb Bett zu dienen hatte, und wenige Minuten später lagen wir darattf, um uns in kurzer Rast von den Mühselig keiten der Waldreise zu erholen. Das Whars, so nennen die Neuseeländer ihre Hütte, bildet ein längliches Viereck, gegen 20 Fuß lang und 14 Fuß breit und ist aus den Stämmen der Palmen, welche dicht zusammengerammt sind, gebaut. Das in der Mitte gegen 15 Fuß hohe Dach, welches330 Australien. gegen die gewöhnlich acht Fuß hohen Seitenwände abfällt, ist aus dünnen Stämmen, die meistens gespalten sind, gebildet und mit einem dichten Geflecht des Schilfflachses gedeckt, welches so zusammengelegt ist, daß das Wasser nicht eindringen kann, sondern ablaufen muß. Dasselbe wird von einem in der Mitte stehenden Stamme mitgetragen; oft befinden sich drei solcher Stützen zu größerer Befestigung in dem Innern der Hütte. Die Seitenwände sind oftmals mit groben, ebenfalls aus dem Schilf flachs geflochtenen Matten bedeckt. In der Mitte der breiten Seiten befinden sich zwei gegenüberstehende Thüren, während zwei flache Holzstücke an beiden Seiten, von den Thüren im Innern von der einen zur anderen hinlaufend, einen etwas niedriger gelegenen Gang zwischen ihnen bilden, wodurch die Hütte in zwei Abtheilungen getrennt wird. Gewöhnlich be findet sich für schlechtes Wetter die einfache Küche in einer daneben gelegenen kleinen Wharö, während bei schöner Wit terung die Eingebornen vor der Hütte im Freien kochen. Nachdem wir eine halbe Stunde ausgeruht, traten wir vor die Thür und trafen den größeren Theil der Dorfbewohner versammelt, welche uns mit freundlicher Geberde begrüßten, manche der Geräthschaften betrachteten und besonders die Jagd requisiten mit Kenneraugen prüften und dabei ein Mal über das andere Mal Kapai (sehr gut) ausriefen. Das Dorf be stand aus ungefähr fünfzehn zerstreut liegenden Hütten, zwischen welchen ein Theil der Einwohner beiderlei Geschlechtes in europäischer Kleidung, oder in Decken gewickelt auf der Erde aß, lag oder knieend auf den Fersen hockte. In gemüthlicher Vertraulichkeit trieben sich zwischen ihnen ganz und halbnackte Kinder, schwarze Schweine und Hunde aller nur bekannten Racen herum, welche mit ihnen in herzlichem EinvernehmenLand und Leute in Neu-Seeland. 331 zu sein schienen. Unsere Wharä war die reinlichste im ganzen Dorfe uns es dünkte uns, als ob sonst Unrath und Unrein lichkeit überall vorherrschten. Wir gingen nun zwischen die Hütten hin und suchten mit dem Einen oder Andern zu sprechen oder uns sonst verständlich zu machen; die Meisten reichten uns die Hände und bezeigten uns ihre Freude, uns zwischen ihnen wohnen zu sehen, mit herzlichem Drucke. Auch hier mußten wir wieder die Bemerkung machen, daß sich kaum zwei Maoris in Farbe, Haar und Gestalt glichen, einzelne prächtige Männergestalten erregten allgemeine Aufmerksamkeit, obgleich die Frauen und Mädchen, unter welchen zwar einige Ausnahmen zu finden waren, nicht in demselben Grade schön erschienen. Ein hübsches Mädchen fiel uns auf, welches ein kleines Milchschweinchen, mit einem Halsband verziert, auf den Armen mit sich herumtrug und es mit allen den Liebkosungen überschüttete, womit unsere europäischen Damen ihre niedlichen Schooßhündchen verwöhnen. Uebrigens war das quickende Milchschweinchen ganz allerliebst. An einem der Häuser wurde ein Maori-Ofen mit dem fertigen Mittagsmahle aufge deckt, und nachdem Erde und Decken entfernt, sahen wir auf reinen Kohlblättern liegend duftende Kartoffeln mit Flußalen umgeben. Inzwischen waren die Frauen und Mädchen be schäftigt, aus dem Schilfflachse in ein paar Minuten niedliche Körbchen zu flechten, in welche die Kartoffeln gelegt und mit ein paar Aalen bedeckt wurden. Auch uns brachte man ein volles Körbchen und zwang uns mit freundlicher Geberde zum Essen. Die Kartoffeln waren vortrefflich, doch wollten sie uns ohne Salz, welches den Eingebornen unbekannt ist, nicht schmecken. Viele der Nachbarn kamen herbei mit ihren frischen Körbchen in der Hand, denn ein solches Geflecht, wird nur332 Australien. einmal benutzt und dann fortgeworfeil, und langten ungebeten zu. Es wird immer so viel gekocht, daß ein Jeder der Nach barn oder zufällig durch den Ort kommende Reisende mitessen können, denn der Maori ist gastfrei. Der Besitzer des Hauses war verschwunden und beschäf tigte sich, wie wir durch die offenftehende Thür sehen konnten, damit, seine Haare durchzukämmen, und nachdem dies geschehen, Gesicht, Haar, Hals und Arme mit Aalfett einzuschmieren. Er warf dann, nachden: seine Toilette beendigt, eine reine Decke inn und erschien in seiner ganzen glänzenden Herrlichkeit, um uns in einer sehr eigenthümlichen und wohl nur dem Neu seeländer eigenen Weise zu begrüßen. Er schnellte den Kopf in die Höh itnb zwinkerte dabei auf eine sonderbare, nicht 11 beschreibende Weise mit den Angen. Während wir uns so mit den Sitten und Gewohnheiten der Dorfbewohner bekannt machten, sahen wir auf dem Bergkamme, über welchen wir gekommen, sechs Reiter mit vollem halsbrechenden Galopp heransprengen, und als sie näher kamen, erkannten wir mit nicht geringer Verwunderung sechs junge Maoris auf präch tigen Pferden, ivelche von einem Stammgenossen, der uns im Walde gesehen, gehört hatten, daß Pakehas (weise Männer) zum Besuche gekommen, und die uns gleichfalls begrüßen wollten. Sie waren Alle in europäischer Kleidung, hatten gute englische Sättel uild verstandell es vortrefflich, ihre Pferde herumzu tummeln. Bon rlnseren Reisemarschällen hörten wir, daß es einzelne Familien gäbe, welche 50 bis 60 Pferde, viele Ochsen, Kühe und Schweine besäßen und dabei nlehrere tausend Pfund Sterlinge in der Bank liegen hätten. Als wir nach der Hütte znrückgekommen, sahen wir die Herren Drummond-Hay und Heaphy mit den beiden Maoris beschäftigt, unser AbendmahlLand und Leute in Neu-Seeland. 333 nach der Weise der Eingebornen herzurichten. Der Hangi- maori (Kochofen) besteht aus einem in die Erde gegrabenen Loche, 3 Fuß lang und breit uub anderthalb Fuß tief. In demselben wird ein ^nächtiges Feuer von dürrem Holze ange macht und mit Steinen bedeckt, welche durch dasselbe nach einiger Zeit durch und durch glühend werden. Ist das Holz zu Asche verbrannt, so wird letztere so viel als möglich ent fernt, über die Steine wird eine etwas angefeuchtete Decke von Schilfstachs gelegt, und dann folgt eine Lage Kohlblätter. Nachdem dies geschehen, ward von unseren englischen Freun den die Hälfte eines jungen Schweines, welches sogleich nach unserer Ankunft geschlachtet worden war, mit der offenen Seite nach unten aus die Kohlblätter gelegt, dann folgten wiederum eine Lage Kohlblätter und zwei Decken von Schilfflachs. Ueber dies Ganze ward die ausgegrabene Erde geschaufelt xtnb fest zusammengeschlagen, so daß sie dem sich entwickelnden Dampfe keinen Durchgang gestattete. Drang an der einen oder an- deren Stelle Dampf durch, so war dieselbe nochmals erhöht und mit einem flachen Holze so lange geschlagen, bis sie voll ständig verstopft war. Hat man keine Kohlblätter, so wer den die Blätter des Tuakura, eines an feuchten Stellen häufig wachsenden Farrenbaumes, genommen. Sie haben die gute Eigenschaft, daß sie dem Fleische einen angenehmen Geschmack mittheilen, während alle anderen Pflanzen eine umgekehrte Wirkung ausüben. Während zwei Stunden blieb der Ofen zugedeckt, und eine halbe Stunde vor seiner Oeffnung ward noch ein anderer kleinerer hergerichtet und mit Kartoffeln gefüllt, welche in 20 Minuten gar waren. Da das durchtröpfelnde Schweinefett die Steine stets zu größerer Hitzentwickelung bringt, so ist es334 Australien. nicht nöthig, die Decken, welche das Fleisch umgeben, sehr naß zu machen, während dies bei den Kartoffeln nothwendig ist, da sie keine Feuchtigkeit abgeben. Unser Mahl ward nun auf frisch geflochtenen Decken von Schilfflachs aufgetragen und wir alle ließen es uns, theils mit untergeschlagenen Beinen, theils auf den Fersen hockend, vortrefflich munden. Während des Essens erzählt uns einer der englischen Begleiter, daß die Ein- gebornen früher auf die nämliche Art Menschenfleisch gekocht hätten. Nach und nach stellten sich mehrere unserer Maori- Freunde ein, welche mit großer Verwunderung zusahen, wie wir unser Mahl mit Messer und Gabel einnahmen. Wir saßen nachher noch lange im Freien unter dem glitzernden Sternenhimmel unsere Cigarren rauchend; herrlich schliefen wir dann auf dem weichen Farrenkraute, in die mitgenommenen Decken eingewickelt, und erwachten mit der Sonne neugestärkt, um das alte Jahr an dem Waikato-Flusse zu beschließen. Ein großes, auf 8 Stämmen ruhendes und nach allen Seiten offenes Dach vertritt die Stelle der Kirche. Die Maoris sind nämlich alle Christen. Sie bekennen sich meist zur eng- lischeir Hochkirche und deren Sekten, doch sind auch Viele ka tholisch, wie eben die Missionare der verschiedenen Konfessionen zuerst bei ihnen anlangten. Ihr Gottesdienst wird entweder von den im Lande zerstreut lebenden Missionaren oder von eigends dazu bestimmten umherreisenden Geistlichen abgehalten, was oft im Innern des Landes mit den größten Anstren gungen und Entbehrungen verknüpft ist. Viele Eingeborene, bei den Missionaren erzogen und als Prediger oder Vorbeter reisend, erfreuen sich im Allgemeinen eines großen Einflusses bei ihren Stammgenossen. Die das Dorf umgebenden Felder mit Weizen, Kartoffeln,Land und Leute in Neu-Seeland. 335 Hafer, Mais, Zwiebeln und Kohl bepflanzt, fanden wir im besten Zustande; als wir aber an den Fluß kamen, waren wir nicht wenig erstaunt, eine Mühle nach der neuesten eng lischen Konstruktion zu erblicken, welche beinahe fertig ist und von einem Engländer für Rechnung des ganzen Stammes mit einem Kostenaufwande von 500 Pf. St. angelegt wird. Man sieht daraus deutlich, daß die Maoris durch und durch Kauf leute sind, welche recht wohl wissen, was ihnen Geld ein bringt, denn obgleich sie das Mehl, welches sie mahlen werden, nicht selbst benutzen, so bringt ihnen dasselbe, nach Auckland geschafft, viel Geld ein. Gegen Mittag brachen wir in drei Kanoes auf und fuhren den Manga tawhiri hinab, der an den meisten Stellen so eng. war, daß die schmalen Fahrzeuge kaum weiter konnten. Nach einer Stunde traten die Berge mehr zurück, der Fluß erweiterte sich und bildete an beiden Seiten eine morastige Ebene, mit dem Schilfflachse und anderen schönen und hohen Wassergewächsen dicht geschloffen, während uns in kleiner Entfernung prächtige Bäume den höher gele genen fruchtbaren Boden ankündigten. Enten und andere Wasservögel, von dem Ruderschlage aufgestört, flogen auf oder suchten unterzutauchen, was ihnen aber bei dem dichten durch wachsenen Gesträuche nicht immer gelang und einem unserer Maoris Gelegenheit gab, seine Geschicklichkeit zu zeigen. Mit seinen scharfen Augen hatte er bemerkt, daß eine Ente sich zu verstecken suchte, aber wegen der üfcet:toudi)entbeTt Gewächse und dem dichten Wurzelwerke nicht vollständig untertauchen konnte. Ohne seine Lage zu ändern, schleuderte er in einer Entfernung von wenigstens fünfzehn Schritten mit so sicherer Hand sein Ruder, daß dessen Spitze den Vogel traf und augenblicklich tödtete. Der Fluß verengte sich bald wieder mehr, und dieAustralien. 336 Hügelreihen traten dichter heran mit prachtvollem Urwalde bekleidet, welcher bis dicht an dsn Wasserrand reichte und oftnials ein Laubdach von unbeschreiblicher Schönheit über uns bildete. Endlich wand sich das Flüßchen, das bis jetzt westlich geflossen, nach Südeil itnb wir fuhren in beu Waikato ein. Ausrufe des Entzückens mürben von allen Seiten hörbar, Vergleiche mit bem Rhein und der Donau angestellt, welchen dieser majestätische Strom, durch von der Halld des Menschell unentweihte Urwälder und zwischen schön geformten dichtbewachsenen Bergeil dahinfließend, wenig an Breite nach- giebt. Eule heilige Ruhe war über seiilen braunen Gewässern ausgebreitet, ilur hie unb da von dem Aufstiegen eines Vo gels uilterbrochen, welcher hier in feiten gestörter Einsamkeit fein Leb eil verbringt. Zuweilen flogen grüne Papageien durch die Wipfel oder eine Waldtaube girrte ihr Liebesweh unter dem schattigen Laubdache, auch.der Kukuk ließ sich manch mal vernehmen, sollst aber war alles still. Nachmittags wurde es schwüler, die Sonne fing an stark zu brenneil uild ferner Donner sagte uns, daß ein kühlender Regen bald die gewünschte Labung bringen werde.. Als das Gewitter endlich herangekommeil, suchten wir unter ben Bäumen sicheren Schutz Uild ließen es vorüberziehen. Laute Donner fanden in den Bergen ein hundertfaches Echo. Nach einer halben Stunde mx es vorüber, der Himmel klärte sich wieder auf; bald war das Wasser aus den Kanoes geschöpft, frische, trockene Farrenkräuter wieder hineingelegt, und eiil kräftiger Rnderschlag brachte uns nach einer Stunde nach ben Vorhäusern von Tuakau, einem größereil Maori-Dorfe. Ein lieblicher Pfad schlängelte sich von hier durch Hü gelige, meistens ailgebaute Gelüilde ilach dein zwailzig MinuteilLand und Leute in Neu-Seeland. 337 entfernten Hauptdorfe, in welchem wir die freundlichste Auf nahme fanden und bald in der besten Whars behaglich einge richtet, ausruhen konnten. Ein Jeder machte sich bald- von Neuem an s Werk. Ein junger Eingeborner erbot sich, Vögel zu schießen und ging mit dem ihm anvertrauten Gewehre dem Walde zu; nach kurzer Zeit hörten wir zwei Schüsse und bald darauf erschien er mit zwei Vögeln, einem seltenen Papagei und einer Eule. Die Maoris sind vortreffliche Schützen und die Handhabung der Flinte ist ihre Lieblingsbeschäftigung. Dieselbe befindet sich indeß nur in wenigen Fällen in der Hand ein zelner, besonders von der Regierung begünstigter Häuptlinge, denn ohne die Erlaubniß der ersteren darf kein Eingeborner eine Schußwaffe besitzen. Wir sahen mehrere Frauen mit dem Kneten der korinthen ähnlichen Beere des Tutu oder Tupakihi-Strauches beschäftigt und ihre Hände waren von dem Safte derselben dunkelroth gefärbt. Man bot uns eine Schale dieses trübrothen Saftes an und wir fanden den Geschmack dem Most der blauen Traroe nicht unähnlich. Die Eingebornen trinken denselben sogb ch nach der Zubereitung und wissen noch nicht, daß sie dur den Gährungsprozeß ein vielleicht dem Weine ähnliches Ge mke zubereiten können. Während man diesen Saft unge- ftr trinken kann, sind die Kerne dieser Beeren giftig und v achen manchmal den Tod der davon naschenden Kinder, . ) auch bei dem Auspressen besonders darauf geachtet wird, daß keine Kerne mit hineinfallen. Tabakssaft soll sich als vortreffliches Gegengift bewähren und wird in den meisten Fällen mit Erfolg angewendet. Auch dem Vieh sind die Blätter dieses Waldstrauches, die es leidenschaftlich liebt, gefährlich, wenn sie Morgens mit leerem Kletke, Neues Skizzenbuch. 22338 Australien. Magen gefressen werden. Geschieht dies aber während des Tages und mit Gras vermischt, so sind sie nahrhaft wie fri scher Klee. Das Abendessen wurde wiederum auf gleiche Weise a 1a oauuidals zubereitet und mit gutem Appetite verzehrt. Es war Sylvesterabend und wir nahmen uns vor, denselben auf gewohnte Weise zu verbringen und das neue Jahr bei den Antipoden nach guter deutscher Sitte zu begrüßen. Ein eiserner Kessel diente als Punschbowle, zwei auf leere Flaschen aufge- steckte Lichter bildeten die Beleuchtung und bald war aus den mitgebrachten Flaschen ein dem Punsche ähnliches Getränke zubereitet. So saßen wir^ die Mitternachtsstunde erwartend, in trautem Gespräche und erinnerten uns der fernen Heimath und der theuern Freunde, welche in jenem Augenblicke erst mit den Berufsarbeiten des letzten Jahrestages begonnen, da wir bekanntlich in Neuseeland an zwölf Stunden in der Zeit voraus sind. Und als das feurige Getränk seinen belebenden Einfluß zeigte, erklangen im Rundgesange deutsche Studenten- und Volkslieder, englische und irische Weisen, und auch die beiden Maori-Diener wurden aufgefordert, ihre melancholischen Liebeslieder zu singen, welche aus acht bis zehn Takten einer oft aus Viertelstönen gebildeten einförmigen Melodie bestehen und mit einem, aus herausgepreßten Gutturaltönen gebildeten Schlüsse enden. Die meisten von uns hatten ihre Uhren als ein über flüssiges Möbel zu Hause gelassen und die wenigen vorhandenen gingen so verschieden, daß man nicht genau bestimmen konnte, wenn das alte Jahr zu Grabe getragen würde. Da^. erhob sich Kapitän Drummond-Hay, öffnete die nach Süden gelegeneLand und Leute Neu-Seeland. 339 Thür der Wharö und sprach: Es ist wahr, wir haben keine Nachtwächter, welche uns genau bestimmen, wann der richtige Augenblick des Jahreswechsels eintritt. Dafür hat uns aber die Vorsehung eine andere Uhr an dieses flimmernde südliche Firmament hingestellt das südliche Kreuz! In wie vielen schlaflosen Nächten in den Wäldern oder den Farren-Ebenen Neuseelands habe ich hinaufgeschaut nach dieser nie versagen den Himmelsuhr. Seht, es neigt sich nach Westen, jetzt ist es 12 Uhr. Einem Jeden ein glückliches neues Jahr! Das Tagewerk begann wiederum mit einer allgemeinen Wäsche in dem das Dorf durchziehenden Flüßchen, und alsbald waren Geologe, Zoologe, Botaniker und Maler beschäftigt, diesen letzten Morgen noch so nutzbringend als nur möglich zu machen. Alt und Jung brachte Insekten, Käfer und Eidechsen herbei in Erwartung der Hekapennies (so nennen sie das kleine englische Silbergeld), welche ihnen auch in einzelnen Fällen zu Theil wurden. Auch zwei englische Zimmerleute stellten sich ein, um uns zu begrüßen. Dieselben standen im Begriff mit Hülfe der Eingebornen und mit einem Kosten- aufwande von 400 Ps. St. eine hölzerne Kirche aufzurichten; denn obgleich die Eingebornen fortfahren in ihren früheren Hütten zu wohnen, so setzen sie doch einen Stolz darein, eine Kapelle zu besitzen, in welcher ihre in der Nähe wohnenden oder auf der Reise begriffenen europäischen Mitbrüder den Sonntag auf gewohnte Weise feiern können. Ein Zwischen fall, welcher uns sehr belustigte, lieferte den Beweis, daß die Maoris, wenn sie etwas wünschen, das Geld nicht scheuen. Ein junger hübscher Mann, der Sohn des Häuptlings, hatte an dem Pulverhorne des Lieutenants Kronowetter besonders Vergnügen, er nahm es in die Hand, rief oftmals beim Be- 22 *340 Australien. trachten und Untersuchen Kapai (sehr gut) aus und sagte end lich: Maori, poor man give ms." Unser Nimrod aber suchte ihm mit Zeichen auseinanderzusetzen, daß er es hier selbst ge brauche, es ihm aber, falls er nach Auckland kommen wolle, gern schenken würde, und drückte sich dabei in lakonischer Kürze auf folgende Weise aus: here, pummpumm, no. Auckland yes.“ Trotz dieser gewiß deutlichen Auseinandersetzung wollte ihn der Maori-Jüngling nicht verstehen, zog eine Guinea aus der Tasche und sie gegen das Pulverhorn darbietend, sagte er: takc." Als er nun sah, daß auch dieses verweigert wurde, ging er traurig fort, noch einen letzten Blick auf den so sehn- lichst gewünschten Gegenstand werfend, und dabei zwischen den Zähnen murmelnd: Pakeha (Weißer) no good man." Der Charakter der Eiugebornen hat in den letzten zwanzig Jahren eine große Umwandlung erlitten. An die Stelle der früheren unbezwiuglichen Kampflust ist ein gieriges Verlangen nach Geld getreten und hat aus dem faulen Eingebornen einen wenigstens zeitweise fleißigen Ackerbauer und Viehzüchter ge macht. Sie sind dabei tüchtige Seefahrer und ihnen gehört die Hälfte der Küstenfahrzeuge Auckland s. - Der Besitzer eines derselben hat seinem Kutter aus Ironie den Namen der Men schenfresser" gegeben, wie sie sich denn überhaupt gern über ihren früheren Zustand lustig machen. Dabei sind sie gute Handelsleute, welche sich bestens auf alle Pfiffe und Kniffe verstehen und stundenlang schachern und feilschen, ehe sie sich zu Kauf oder Verkauf entschließen können. Heuchelei und Ver stellung sind zwei noch immer bei ihnen vorherrschende Untu genden; doch sind sie gastfrei und ehrlich und man kann alle noch so kostbaren Gegenstände und selbst baares Geld ruhig liegen lassen, ohne einen Diebstahl fürchten zu müssen.Land und Leute in Neu-Seeland. 341 Die Sitten der unverheiratheten jungen Leute beiderlei Geschlechts sind ziemlich lose; nach der Verheirathung aber wird streng auf eheliche Treue gesehen. Alle können lesen und schreiben, haben eine Bibel oder ein Gebetbuch in ihrer Sprache geschrieben im Hanse und stehen überhaupt in geistiger Be ziehung den Europäern nicht nach. Mit einem Handwerke wollen sie sich nicht befassen und betrachten Schuster, besonders aber Schneider, als tiefer stehende Menschen, während sie den Kaufmann und Seefahrer hoch halten, sich aber, was Tapferkeit und Kriegslnst anbelangt, dem Europäer völlig gleichstellen. Gegen Mittag traten wir unfern Rückweg an. Eine Stunde lang führte uns unser Pfad durch hügeliges Farrenland, vielfach von Bächen und Flüßchen durchzogen, denn der Wasser reichthum Neuseelands ist auffallend groß, und dann traten wir wiederum in den Urwald ein. Der Weg schlängelte sich vorher mitten durch Orua, die schöne ausgedehnte Besitzung eines englischen Landwirths. Wir fanden sie aus beiden Seiten mit europäischen Gräsern und üppig stehendem Klee bewachsen, worauf zahlreiche Rindviehherden sich umhertummelten, und der rasche Uebergang von der englischen Wiesenknltur in den jung fräulichen Wald bot einen nicht geringen Kontrast dar. Hatten wir auf der Hinreise mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, so waren sie doch in Anbetracht der neuen Hinder nisse nur ein Kinderspiel zu nennen. Der von uns einge schlagene Weg, der einzige, welcher von hier nach Drury führt, wurde theils von dem Besitzer Orua s, theils von den Feld messern ausgehauen, um wenigstens mit Vieh passiren und die nöthigen Vermessungen vornehmen zu können. So entsetzlich schwierig fanden wir den Pfad, daß wir alle Mühe hatten,342 Australien. die Pferde über die im Wege liegenedn Bäume und über die aus losen zusammengerollten Baumstämmen bestehenden Brücken zu bringen, wobei manchmal die keuchenden Thiere durchbrachen und nur mit der größten Anstrengung wieder herausgeschafft werden konnten. Nach allen Richtungen war der Pfad mit Wur zeln überwachsen, zwischen ihnen tiefe Schmutzlöcher, in welche man oft bis über die Knöchel einsank, und dabei wurde das Weiterkommen durch die überhängenden Bäume noch mehr er schwert. Wir hatten nun einen Begriff von dem Leben im In nern Neuseelands uffd von den Schwierigkeiten, welche den ersten Ansiedlern in diesem, mit so üppiger Vegetation begabten Lände entgegenstehen; da aber in allen Richtungen von Seite der Regierung mit Aufopferung großer Geldmittel an guten Landstraßen gearbeitet wird, so dürften alle diese Hindernisse in einigen Jahren schon aus dem Wege geräumt sein. Endlich nach vier Stunden kamen wir auf ein dicht mit Far- renkraut bewachsenes Gebirgsplateau und entdeckten zu unserer großen Freude über einem noch mit Urwald bedeckten Gebirgs- Hügel die wellige Ebene, welche sich bis nach Ancklcküd erstreckt. Nach einer Stunde hatten wir auch dieses Hinderniß bewäl tigt; bald war ein hübscher Fluß an dem Fuße des Gebirges erreicht, an dessen klarem Wasser wir unseren Durst stillten, und nun ging es an saftig grün eingefriedigten Wiesengrün den vorbei, auf einem guten Weg nach Drury zurück, wo wir um 9 Uhr ankamen. Druck von G. Bernstein in Berlin.Einpfehtenswerlhe Jugmdschnflen 21 Bogen. Mit 6 colorirten Zeichnungen. In eleg. Einbande 1 Thlr. 10 Sgr. Inhalt. Sir Thomas aus der Goldküste. Mt 5 calarirten ^eichnnngrn. In Elegantem Einbände L2Vs Sgr. Dies Buch vereinigt alle Vorzüge einer ausgezeichneten Jugendschrift in sich. Phantasie und Gemüth empfangen hier eine gleichmäßige Befriedigung. Die erstere durch den Reiz spannender Ereignisse, und die lebendige Darstellung fremder Völker und Gebräuche, das letztere durch die tiefe Wärme und Innigkeit, mit welcher die ganze Erzählung, sittlich erregend, das jugendliche Herz in wohlthuender Weise berührt. im Verlage von Julius Springer in Berlin. ♦ Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und herausgegeben H. Kletke. Der Kinderkreuzzug. Die Pest in Florenz. Walter von Brienne, Herzog von Athen. Graf Carmagnola. Die Verschwörung der Pazzi. Die Blutrache zu Weinsberg. Henning Brabant, der Bürgerhauptmann von Die Eroberung von Constantinopel. Sabathai Sevi, der falsche Messias. Die Ermordung der Bruder de Witt. Cinqmars und de Thou. flucht des Königs Stanislaus Leszinski. Erlebnisse Eine Erzählung für die Jugend. Nach dem Englischen H. Klette.Jteues JTanorama. Reifebilder und Skizzen der Natur und dem Menschenleben. Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und herausgegeben von H. KletKe. 3Tt 1 1 7 coforirten Zeichnungen von L. pietfch. 20 Bogen. In elegantem Einbande. 1 Thlr. 10 Sgr. Inhalt. Amerika. Die öffentlichen Spiele der Indianer in Nordamerika. Die Tänze der Indianer. Die Eingebornen von Kansas. Besuch bei einer Gesellschaft Sioux-Indianer. Die Niaaarafälle. Die Niaaarafälle im Eise. Eine Reise im Karren. Die Indianer der Pampas. 1) Von ihrer Art Krieg zu führen. 2s Die indianischen Hütten. 3) Die Heilkunde bei den Indianern. 4) Heirathsceremonien. 5) Der Putz der Chinas. 6) Hauswesen. 7) Regierungsform. 8) Begräb nisse der Indianer. 9) Die Religion der Indianer. Aus den Erlebnissen _ eines Nordpolfahrers. 1) Eine Fischerstation bei Grönland. 2) Abenteuer mit Eisbären. 3) Eine Irrfahrt denr Eise. 4) Bären- und Walroßjagd. 5) Ratten. Asien. Die Tic-Polangaschlange. Ein Busch- Abenteuer. Kalkutta. Löwen- und Tigerjagden. Büffel- und Elephantenjagd. Benares. Eine Wittwenverbrennung in Indien. Der Wall fahrtsort Hnrdwar. Indischer Fürstenluxus eines Nabob von Audh. Die Opium-Niederlagen zu Patna. Indische Räuber - und Mördersekten. 1) Die Thags. 2) Thag, Dakoit und Vergifter. 3s Das Opfer der Thags. Die Kochkunst bei den Chinesen. Besuch und Festmahl bei dem chinesischen Vizekönig Ki-ping. Ein Seeräuber- Abenteuer im Kantonfluß. Die schwimmende Stadt Kanton. Hongkong. Indianische Vo gelnester auf den malayischen Inseln. Eine Bienenjagd auf Malacca. Japan, Land und Volk. 1) Japan. 2) Die Kunstfertigkeiten der Japanesen. 3) Gesehe, Sitten und Volkscharakter. Eine Reise im östlichen Sibirien. Lebens weise und Sitten der Tungusen. Afrika. Wahlberg, der Elephantentödter. Eine Reise im südlichen Afrika. Eine Hochzeit bei den Kaffern. Ein Besuch bei dem Könige der Ovambos. Australien. Am Aequator. Leben und Zu stände in Australien. Panorama. Münte Bilder E der Mur und dem fflmfymmu. Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und herausgegeben von H. Welke. 2.1 Bogen. Mit T rolor. Zeichnungen. In rleg. Linbonde. 1 Ohlr. 10 Sgr. Amerika. In der Meerestiefe. Erzählung eines Tauchers. Die Fahrt durch den Waldbrand. Cincinnati und seine Schlachthäuser. Ein Besuch in Sing-Sing. Der Negerhandel. Die Prai- riefeuer. Die Holzindianer von Trinidad. Die Gefangene der Comanches. Der Kampf mit den Apaches. Aus den Erlebnissen einer amerikanischen Grenzexpedition. Bilder aus Texas. 1) Eine Reise im Innern des Landes. 2) Die Indianer. 3) Der Kirchenbau. 4) Die Rückkehr nach Castro - ville. Eine Fahrt an der Mosquitoküste. Die Jagd auf eine Seekuh. Der Rastreador in Bue- nos-Ayres- Zwei Nächte in Süd-Mexico. Asien. Die Seeräuber in den ostindischen Ge wässern. 1) Die Seeräuber und ihre Schiffe. 2) Ex pedition gegen die Seeräuber. 3) Die Eroberung von Solok im Jahre 1851. Aus der javanischen Inhalt Thicrwelt. 1) Der Tiger. 2) Die Schlangen. Indische Küche. Ein Ausflug in s Innere von Java. Indische Sonntagsjäger. Das Fest der Zahnfeilung auf Celebes. Die Amazonen und Elephanten des siamesischen Heeres. Die Woh nung des Todes. Das Weib des Elephantenwär- ters. Die Aerzte in China. Ein Steppenbild. Afrika. Das Fetischthum und die Menschenopfer auf der Goldküste. Jagdabenteuer in Südafrika. Die Löwenbeute. Lebensweise, Sitten und Gebräuche der Booren (Boers) im Capland. Die Buschmänner (Bosjemans). Die Regen zeit im Sudan. Australien. Ein Besuch bei den wilden Stäni- men in Australien. Leben und Sitten der Ein geborenen in Australien.Jölö-Jala, die Colonie aus den Philippinen. Abenteuer eines bretonifchen Edelmannes. Herausgegeben von H. R t 6 1 k 6. Mit 6 in Farbendruck ausgeführten Lithographien. In elegantem Einbande 1 Thlr. 10 Sgr. Inhalt. Die Familienverhältnisse des Erzählers, des t errn P. de la Gironisre. Erster Ausflug nach udieu. Zweite, dritte und vierte Reise. Die Cholera zu Manilla Ermordung der Europäer. Abgang des Cultivatcur. Verlassenheit. Ma- nilla und seine Vorstädte. Binondoc. Religiöse Gebräuche. Prozessionen. Chinesisches Zollamt. Aufenthalt in Manilla. Der Capitain Don Juan Porras. Die Marquise de las Salinas. Der Capitain Novales. Militairaufstand. Novales. der Kaiser der Philippinen. Sein Tod. Tierra alta. Banditen. Tierra alta. Die Büffeljagd. Rück kehr nach Manilla. Jala-Jala. Der See der Bay. Chinesische Legende. Alila (Mabntin-Tajo). Jala-Jala. Gemeinde-Verfassung. Charakter der Indier. Cajetan. Jala-Jala. Die Kirche. Pater Miguel der Franciscaner. Banditen. Ver fassung. Die Büffeljagd. Lage von Jala-Jala. Colontsirung. Erdbeben. Hähnenkämpfe. Reise zu den Tinguianen. Die Jgorroten. Abenteuer des Re-Lampaao. Jala-Jala. Ankunft meines Bruders Heinrich. Der Bandit Caschui. Anten- Anten. Alila. Banditen des Sees der Bah. Jala-Jala. Bermigan. Der Capitain Gabriel La- fond. Joaquin Balthazar. Tay-Fung. Streitig keiten. Banditen. Tapuzi. Insel Taltm. Bürger krieg. Jala-Jala. Gefangene. Don Prudencio Santos, Alcade von Pagsanjan. Feste. Jagden. S amilton Lindsah. Insel und See von Socolm. ie Grotte von San-Mateo. Der Viccadmiral Laplace. Entlaufene Matrosen von der Artemis. Der Capitain des Schiffes Paris. Tagaloes. Ge bräuche. Ehen. Kaimans. Die Boaschlange. G. R. Rüssel. Bajon-Palah. Alin Morany. Heu schrecken. Jala-Jala. Ackerbau. Schmerzliche Verluste. Verkauf von Jala-Jala. Adolph Barrot. Besuch bei den Negritos oder Asetas. Das Bambusrohr, der Cocosbanm, die Banane. Ankunft bei den Negritos oder Ajetas. Ab reise. L chiffahrt auf dem stillen Ocean. Ankunft zu Jala-Jala und zu Manilla. Tod meines Sohnes. Abreise von Jala-Jala und den Phi lippinen. Rückkehr nach Frankreich. Eine Fahrt auf dein Brenn, oder: Das Leben auf dem Schiff. Zur Belehrung und Unterhaltung für Kinder von 9 bis 12 Jahren. Nach dem Englischen bearbeitet. Mit einem Vorwort von H. Kletke. Mit 6 rolorirten Ieichnnngen. 5n elegantem Umschlag gebunden 25 5gr. Inhalt. Die Bestimmung. Die Einschiffung Die Abfahrt. Die Einrichtung. An Deck. Eine Un terhaltung. Kleine Ereignisse. Der Sturm. Die Lotterie. Die Beendigung der Lotterie. Die Ankunft.8kizMkuch. Bunte Bilder aus der Natur und dem Menschenleben. ^ Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und herausgegeben von H. Kletke. 21 Bogen. Mit? Farbendruckbildern. In elegantem Einbande 1 Thlr. 10 Sgr. 3 n(j aCt. Amerika. Die Gefahren der Prämie. Ge schichte eines Negerfliichtlings. Eine Sklavenjagd. Ein Schiffbrnch auf dem Mississippi. EinKampf mit den Comantschen. Die Peccarijagd. John Rutledae. Der Tod eines Häuptlings. Der graue Bär. Ein Abenteuer auf der Entenjagd. Ein Kampf mit grauen Bären. Das Leben in Californien. Ern chinesisches Begräbnis; in San Franzisko. Aus der Tropenwelt. 1) Die tro pischen Gewitter. 2) Das Thierleben. 3) Die Nacht seiten der Tropennatur. Aus der Nordpolarwelt. 1) Der Winter in den arktischen Regionen. 2) Durch fahrt durch einen Eisberg. 3) Ans dem Tagebuche eines Nordpolarfahrers? Afrika. Bilder aus dem Thierleben in Nord ostafrika. i) Das Krokodil. 2) Geier. 3) Der Strauß. 4) Die Affen. Die Sklavenjagd im Sudan. Kriegs- und Ranbzitge der Araber im Sudan. Ein Sandsturm in der Wüste. Eine Löwenjagd in Algerien. Bon der Goldküste. 1) Der Fetischglauoe. 2) Die Fetischpriester. 3) Die Wirkungen des Fetischglaubens. Asien. Thierkämpfe in Lucknow. 1) Das Pferd Menschenfresser". 2) Tiger gegen Tiger. Ein Besuch bei dem Fürsten von Pudukottah. Bilder dem Innern von Java. 1) Der Brand des Alangfeldes. 2) Ein Bandjer. 3) Die Stimmen der Nacht. 4) Der Kampf um die Schildkröte. Die Dayaker auf Borneo. Die Menschenfresser auf Suinatra. Chinesische Höflichkeit. ’ Australien. Leben und Treiben eines Wall- fischfängers. Pacoco, der Häuptling von Awaho. aus der Geschichte. Zur Belehruug und Unterhaltung für die reifere Jugend herausgegeben von H. Kletke. 311 it 5 coCorirten Zeichnungen. In elegantem Einbande 1 Thlr. 10 Sgr. Inhalt. Ludwig des Heiligen Kreuzzug nach Aegypten. König Enzio. Cola Rienzi. Die Geißelbriider in Deutschland. Der Bauernaufstand in England. Agnes Bernauerin, die Baderstochter von Augsburg. Johanna d Arc, die Jungfrau von Orleans. Die Einführung der Inquisition in Spanien. Die Vertreibung der Juden aus Spanien. Der Tod des Ritters Franz von Sickingen. Der Zug Karl V. gegen Tunis. Die Verschwörung des Fiesco. Die Pulververschwörnng unter Jakob l. von Eng land. Die Belagerung und Einnahme von Magdeburg im Jahre 1631. Erlebnisse des Predigers Thodänus bei der Er oberung Magdeburgs. Johann Sobieski vor Wien. Peter der Große in Paris und Versailles.Skizzen aus der Natur und dem Menschenleben. Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und herausgegeben von H. Klette. 21 Zogen mit 6 coforirteu Zeichnungen von Theodor Hosemann. In elegantem Einbande 1 Thlr. 10 Sgr. Inhalt. Amerika. Abenteuer in Surinam. Aus dem Leben eines holländischen Korporals: i) Eine Busch patronille. 2) Der Wachtposten Prinz Willem Frc- derik. Ein Schlangenbändiger in Südamerika. Die Lanzenschlange auf Martinique. Ein Kampf mit Indianern in den Pampas. Bilder auö Mexiko: 1) Der Manlthiertreiber. 2) Die Rache des Lovero. 3) Der Sieg der Assen. 4) Indianische Schlangenjäger. 5) Die Rinderjägcr. 6) Schicksale eines Alcalden. 7) Die Entenjagd. Die Hahnen kämpfe inCentral-Amerika. Die Indianer in Cali- fornien. Eine Gewitternacht in Texas. Eine Pantherjagd. Mary Spears. Die Sümpfe von Louisiana. Aus der Prairie- Der Schiff bruch des San Francisco. Acht Tage im schwar zen Sumpfe. Lebensweise und Sitten der Es kimos. Das Land der Eskimos. Afrika. Ein Besuch in den Krokodilgräbern zu Maabdeh. Das Fest des Propheten in Kairo. Die Kaimansprobe zu Madagaskar. Asien. Die Opiumhöhlen in Batavia. Eine Tigerjagd in Ostindien. Ein Regicrungselephant Ceylon. Ein Religionsfest in Bengalen. Leichenbegängnis eines buddhistischen Priesters in China. Fischfang in China. Ein Sturm in der Sandwüste. Eine Bärenjagd im Uralgebirge. Australien. Der Kirauea. Australische Buschklepper. Die wilden Rinder in Australien. Ein Schiffbruch in den Gewässern Neuhollands. Goldgräberlebcn in Australien. Ein Feldzug in Neuseeland. Neue Reisebilder. Skizzen au8 der Natur und dem Menschenleben. Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und heransgegeben von H. Kletke. 21 Bogen mit 8 colorirten Zeichnungen von Theodor Hosemann. In elegantem Einbande 1 Thlr. 10 Sgr. Inhalt. Amerika. Die Biberjäger. Die Mammuth- bohle in Kentucky. Die Menschenjagd. Der Cuguar. Die Auffindung des Goldes in Califor- nien. Wie man in Cälifornien Gold gräbt. Die Perlenfischerei in Cälifornien. Die Büffel jagd in der Prairie. Der Büffel und sein Kame rad. Mexikanisches Leben. Die Cuyoten. Der Untergang von San Salvador. Ein Orkan auf den Antillen. Ein Nachtlager in den Pampas. - Der Naturforscher im Urwalde von Peru. Asien. Briefe aus Kamtschatka. - Der Krh- stallpalast in Sibirien. Die Jagd in Sibirien. Em kirgisischer Festschmans. Eine Hochzeit in Chma. Eine chinesische Heerschau. Ostindische Dienstboten. Bilder aus Java: 1)Das Dorsleben 2) Der Tiger. 3) Das Gamölan. 4) Das Gewitter im Gebirge. Die Haschisch-Vision. Afrika. Bilder vom Senegal: i) Ankunft in Saint-Louis. Ein Ball. 2) Saint-Louis. DieNeger- bevölkernng. 3) Feste in Saint-Louis. Ein Franzose, der im Ringkamps ein Königreich gewann. 4) Eine Ncgerschlacht. 5) Abreise nach Dagana. Der Fliegen - see. 6) Dagana. Der Ncgerhäuptling Fara. 7) Ein ladung zum Könige der Sraknas. Illumination. Löwenjagd. 8) Ueberschwemmung. Gottes-Garten. Angriff der Eingeborenen. Französischer Posten zu Galam. Katarakte des Senegal. Rückkehr nach St. Louis. Sitten und Gewohnheiten der Einwohner von Groß-Bassam. Hubert der Findling, Lebens- geschichte eines Löwen. Australien. Die Goldminen von Forest Creek. Eine Fahrt von Melbourne nach Ballarat im Jahre 1851. Abenteuer eines Goldgräbers. Die Marquesas-Jnseln. König Mohana. Ein Be- such bei Mohana. Tahiti im Jahre 1854.Das Ruch Der Reisen. Bunte Bilder aus der Natur und dem Menschenl^n. Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und herausgegeben von H. Kletke. 21 Bogen. Mit sechs colorirten Zeichnungen von Theodor Hosemann. In elegantem Ginbande J Chlr. JO Sgr. Onfiaft. Amerika. Waldleben und Waldabenter in Maine. Ein Wettlauf mit Wölfen. Ein Kamvf mit Wölfen Eine Fahrt auf dem Mississippi. Die Heldin von Texas. Mexikanische Räuber. Ein Sturm auf Antigoa. Die Schlangen im Innern von Central-Amerika. Ein Erdbeben in Santiago. Die Tigerhöble. Em Hundekönig in Süd-Amerika. Afrika. Ein Reiseabenteuer in der Sahara. Eine Löwenjagd in Algerien. Die Löwensagen der Araber. Die Stranßenjagd bei den Arabern in Nordafrika. Soldatenleben am Kap. Der wilde Hnnd in Südafrika. Die Wirthschaft eines holländischen Boers. Elcphantenjagd am Kap. Reise durch die Wüste von Suez nach Kairo. Asien. Reiseerinnerungen aus Sibirien. Die ewigen Flammen bei Baku. Die Hindus. Der Fluch eines Fakirs. Leben und Treiben in Ma dras. Jagdabenteuer in Nepal. Ein chinesi sches Gastmahl. Tigerkämpfe zu Goto. Eine Theeplantaae in Java. Die Verbrennung der Leiche des Dewa Argo. Die Hahnenkämpfe in Manilla. Australien. Ein Haifischfang in Sidney. Die Holzsäger in den Urwäldern Australiens. Eine Reste im Innern von Australien. Sit ten und Cbarakter der Neu-Seeländer. Ta hiti. Jfeues Ruch Der Reisen. Bunte Bilder aus der Natur und dem Menschenleben. Zur Belehrung und Unterhaltung für die reifere Jugend gesammelt und herausgegeben von H. Kletke. Mit sechs kolorirten Zeichnungen von Theodor Hosemann. In elegantem Einbande 1 Thlr. 10 Sgr. Inhalt. Amerika. Ritt durch die Pampas. Ein Stiergefecht zu Merida (Aucatan). Kaliforuische Sittenbilder: l) Scenen dem Goldsucher-Leben. 2) Jagdäbenteuer. Die Prima Donna. Rückkehr. Abenteuer eines Verirrten. Seltene Lebensrettung. Eine Ueberschwemmung. Ein Waldbrand. Wie wir in Canada auf den Fischfang gingen. Wie wir in Canada auf die Jagd gingen.. Afrika. Das Wallfisch - Etablissement in der Algoa-Bai. Abenteuer auf der Löwenjagd. Ein Jagd- und Handelszug in das Innere von Süd afrika. Häusliches Leben der Neger im Innern Afrika s. Ein neiierRobinson Crusoe. Spring bockjagd auf dem Kap. Heuschrecken. Asten. Eine Besteigung des Adamspiks. Jagd- und Sittenbilder von den Philippinen. Der Krater Tancuban Prau. Das Brautgeläute. Geistesstärke eines englischen Offiziers. Der Alligator-See. DaS gesprengte Krokodil. Indische Gaukler und Taschenspieler. Scenen aus dem Nomadenleben der Baschkiren an der öst lichen asiatischen Seite des Ural-Gebirges. Eine samojedische Hochzeit. Die Holländer in Japan. Austeniten. Eine Wasserhose in der Südsee. Sitten der Fidschi-Insulaner. Die Schlangen in Australien. Abenteuer im Busch in Australien. Eine Außenstation. iBnchan-Charley, der Buschklepper. Ein Kamvf mit den Schwarzen.CLASSIC
