Reisen der Brüder Schomburgk in Britisch-Guiana Auszug für das größere Publikum und die Jugend bearbeitet Dr. med. Wilhelm Stricker. Mit einer Karte. Frankfurt am Main. Verlag von Franz Benjamin A n s f a r t h. 1 8 5 2 .V o r o r t. Ä-ohl Niemanden, der sich für Erdkunde interessirt, sind die Namen der Brüder Schomburgk fremd geblieben, welche zur Ehre des deutschen Namens eines der merkwürdigsten Tropenländer aufgeschlossen und der Forschung zugänglich gemacht haben. Wer der hohe Preis des Hauptwerkes hat dasselbe bisher im Kreise der Fachgelehrten und größeren Bibliotheken gehalten, sowie sein Erscheinen in eine Zeit traf, welche zu unbefangener ruhiger Aufnahme wissenschaftlicher Ergebnisse wenig geeignet war. Ich glaube daher im Interesse des gebildeten Publikums und deö Ruhmes unserer Landsleute zu handeln, wenn ich den, mit Ge nehmigung des Verlegers deö Hauptwerkes, entworfenen Auszug aus den Werken der beiden Brüder zur Oeffentlichkeit bringe, und schicke nur noch einige literarische und biographische Nachrichten voraus. Um die streitigen Grenzen von Britisch- Guiana zu bestimmen und überhaupt das Land zu erforschen, unternahm Robert H. Schomburgk, geboren 1804 zu Voigtstedt bei Ariern in der preußischen Provinz Sachsen, in den Jahren 1835 39, theils auf Kosten der Londoner geographischen Gesell schaft, theils auf die der englischen Regierung, eine Entdeckungs reise, welche nicht nur Britisch-Guiana, sondern auch Brasilien, Venezuela und Surinam umfaßte, und aus welcher Orte besucht wurden, die noch nie ein Europäer gesehen. Es erschien darüber 1 *IV 1840 zu London in englischer Sprache eine geographisch-statistische Beschreibung mit einer Karte, und ein Atlas in Folio mit zwölf Ansichten (A description of British Guiana, geograpliical and Statistical, exhibiting its resources and capabilities. London, Simpkin, Marshai & Co. 1840. gr. 8. 155 Seiten). Die zweite Reise zu wissenschaftlichen Zwecken hatte in den Jahren 1840 44 statt. Der nunmehrige Sir Robert war von seinem, auf Kosten des Königs von Preußen reisenden Bruder, dem Naturforscher Richard, begleitet, welcher darüber ein schönes, mit Holzschnitten geziertes Werk in drei Bänden, 1847 und 1848 bei I. I. Weber in Leipzig (Preis 35 fl.) herausgegeben hat, unter dem Titel: Reisen in Britisch-Guiana. Der dritte Band ist streng wissenschaftlichen Inhalts und enthält die Ergebnisse der Unter suchungen der Pflanzen und Thiere des Landes, bearbeitet von den berühmten Gelehrteit Joh. Müller, Ehrenberg, Erichson, Klotzsch, Troschel tc. Sir Robert Schomburgk ist jetzt britischer Consul auf Haiti, Richard lebt in Australien, wo auch der dritte Bruder Otto, der die Reiselust seiner Brüder zu theilen scheint, als Ansiedler, Prediger, Friedensrichter und Journalist sich aufhält. Möge die anspruchslose Arbeit mit demselben Interesse ge lesen werden, welches ihre Vollendung dem Verfasser gewährt hat! Frankfurt a. M., im Juni 1852. Dr. Stricker.Vtefcer den eigentlichen Entdecker Guiana s sind die gleich zeitigen Schriftsteller keineswegs einig, indem die Entdeckung dieses Striches von einigen dem Kolumbus selbst, von andern dagegen dem Vasco Nunnez, ja sogar dem Diego de Ordas zugeschricben wird, der erst im Jahr 1531 an der Küste Guiana s gelandet sein soll. Die ersten namhaften ColonisationSversuche sind jedoch von den Holländern seit dem Jahre 1581 ansgegangcn, obschon die Spanier den ganzen Küstenstrich bis zur Mündung des Essckibo bereits früher vereinzelt bewohnt haben müssen, da die Holländer die Spuren einer bestandenen Bvdcncultur vorfanden. Schon in den Jahren 1586 96 hatten die Holländer dort mehrere Nieder lassungen gegründet, aus beiten sie jedoch 1596 von den Spaniern mit Hülfe der Eingebornen vertrieben wurden, Durch dicß Miß lingen keineswegs abgeschreckt, gründete Jost van der Hooge eine neue Colonie, die er Nova Seelandia nannte, welche sich auch be reits im Jahr 1613 in blüheitdem Zustande befand. Im Jahr 1621 verpflichteten sich die Generalstaaten, die Colouistcn mit Negersclaven aus Afrika zu versehen, und jetzt begann der see- ländische Kaufmann van Peer, der mit seineil Ansiedlern vom Orinoco vertrieben worden war, eine neue Pflanzstätte am Berbice zu gründen, worauf im Jahr 1654 eine neue ColonisationSgcsell- schaft unter dem Befehle von D. P. de Bries beit Tcrel verließ und im September auf der Insel Mecoria zwischen den Flüssen Cayenne und Wia landete. Auch hier fanden die Ankömmlinge bereits ein altes Castell, das die Franzosen erbaut haben mußten, wie auch van der Hooge im Essekibo, an seiner Bereinigung mit dem Mazaruni, 1596 ein solches gefunden, das wahrscheinlich die Portugiesen erbaut. Diese verschiedenen Versuche scheinen auch mehrere Engländer veranlaßt zu haben, an der sogenannten wilden Küste" Colonien zu gründen, da van der Hooge schon an dem Surinamflusse eine Gesellschaft Ansiedler unter dem Capitäit Mar schall fand, der sich an der Stelle eines früheren großen Jndianer- dorfes, Paramaribo, etwa mit 60 Gefährten angcstedelt hatte, welches sie jedoch wegen der häufigen Einfälle der Cariben wieder hallen verlassen müssen.Diese Versuche der Holländer und Engländer waren das Signal für die andern Nationen, die sich jetzt gegenseitig in ewigem Wechsel verdrängten und wieder neu nnsiedelten. So nahmen 1640 die Franzosen die frühere Ansiedelung von Paramaribo in Besitz, die sie aber aus denselben Gründen, wie die Engländer aufgeben mußten, bis sich 1652 die Engländer dort abermals ansiedelten. Gleiche Kämpfe brachen im Innern der Generalstaaten aus, die den gedeihlichen Fortgang der Colonisativn an der Küste namhaft hinderten, bis 1678 mit der Familie van Peer ein Vertrag ab geschlossen wurde, wonach dieser die Colonie Verbice auf ewige Zeiten verbleiben sollte. Das wechselnde Kriegsglück der letzt- vergangenen zwei Jahrhunderte brachte auch die Colonien Berbice, Essekibo und Demerara aus den Händen der Holländer in die der Franzosen, Engländer, Spanier, bis sie endlich durch eine Ucber- einkunft zwischen Großbritannien und den Niederlanden im Jahr 1812 an elfteres mit der Bedingung abgetreten wurden, daß den holländischen Besitzern freistehen sollte, unter gewissen Be schränkungen mit Holland ill Handelsverhältnissen beharren zu dürfen. Unter großbritannischer Herrschaft nahm Ackerbau und Handel mit raschen Schritten zu, wie auch bereits 1812 die Dampf maschinen zum Treiben der Zuckermühlen allgemein eingeführt wurden. Die Zählung vom Jahr 1817 ergab für die Distrikte Essekibo und Demerara eine Sclavenbevölkerung von 77,183, für Berbice von 24,529 Negern, folglich besaßen alle drei Distrikte vereint 101,712 Sclavcn, während zu derselben Zeit die freie Be völkerung aus 8000 Individuen bestand. Allen statistischen Be richten zufolge ist dies die größte Bevölkerungözahl, welche die Colonie bis jetzt noch besessen hat, die aber bereits im Jahr 1819 durch das Wüthen des gelben Fiebers namhaft geschwächt wurde. Cannings großer Entschluß, die Lage der ganzen britischen Sclavenbevölkerung in den gesammten Colonialbesitzungcn zu ver bessern, diese selbst der Emancipation entgegcnführen, wurde im Jahr 1823 dem britischen Unterhause vorgelegt, und Kopien dieses hochherzigen Entschlusses des großen Staatsmannes dem damaligen Statthalter von Britisch - Guiana, Murray, zugcsendet. Dieser unterließ es, den Beschluß zu veröffentlichen, ohne sein Bekannt- werden verhindern zu können. Die erste Kunde von dem Bestehen einer solchen Publication, nach welcher von England aus etwas für ihre Freiheit gethan werden sollte, hatten einige Ilead-men schwarze Sclavcn- aufseher durch einen Diener des Statthalters bekommen, und bald war auf der ganze , Ostküste das Gerücht verbreitet, der Be fehl zu ihrer vollkommenen Freiheit sei von England aus gegeben, doch der Statthalter und die Plantagenbesitzer verheimlichten den-selben und suchten seine Ausführung zu Hintertreiben. Mit diesem Gerüchte bildete sich auch eine Verschwörung unter sämmtlichen Sclaven der Ostküste, um alle Europäer auf den Pflanzungen anf- zuheben und dann vereint nach der Hauptstadt zu ziehen und dort die Freiheit zu erzwingen. Unter dem Schleier der größten Ver schwiegenheit gedieh die Verschwörung zur Reife. Am 18. August 1823 brachen die Neger los, und fast vollständig gelang der erste Theil ihres PlanS. Die gefangenen Weißen wurden thcilwcise grausam mißhandelt, und die Empörer, etwa 2000 Mann stark, doch schlecht bewaffnet, näherten der Hauptstadt, wo, da die stehende Truppe sich zum Widerstand zu schwach fühlte, alle Weiße bewaffnet wurden. Da alle Unterhandlungen und Versuche zur Aufklärung der aufgeregten Massen fruchtlos blieben, so wurde endlich zur Gewalt geschritten, am 20. August, nach mörderischem Kampfe, die Neger versprengt und der Aufruhr mit dem Tode der Rädelsführer geahndet. Das größte Aufsehen bei der ganzen Sache erregte die Ver- urtheilung eines Missionärs der Londoner Bibelgesellschaft, I. Smith, in dessen Kirche oder deren nächster Umgebung der Plan zum Aufstand geschntiedct worden war. Die Anschuldigung gegen ihn ging dahin, daß er die Neger nicht allein durch seine Predigten zum Aufstand angefeuert habe, sondern daß er auch mit dem ganzen Anschlag bekannt gewesen sei, ohne davon Anzeige z machen. Er wurde zum Tode verurtheilt und starb im Gefängniß, bevor die Begnadigung von England anlangte. Dies; war der letzte Versuch der Neger, ihre Freiheit mit Gewalt zu erlangen, denn der 1. August 1838 kürzte die Lehrlingszcit, die Anfangs auf vier Jahre angesetzt war, auf zwei Jahre ab, da man fühlte, daß während dieser Zeit die Evlonie nur noch mehr würde leiden müssen, und gab tont bis dahin mißhandelten Sclaven das frei willig, was sie bisher vergebens durch Empörung erstrebt. Den Plantagenbesitzern Guiana s wurde von den 20 Mil lionen Pfund Sterling, welche das Parlament als Entschädigung im Ganzen bewilligt, über vier Millionen zugcstanden, während der Werth der sämmtlichcn Sclaven Guiana s, nach dem Kaufpreis von 1822 30 berechnet, etwa 9^ Millionen betrug. Die Eman- cipation hatte in Guiana dieselbe Wirkung wie überall. Der be- dnrfnißlose, träge Farbige hörte nun auf zu arbeiten, da der äußere Antrieb fehlte; jeder frühere Sclave konnte bei den nie drigen Preisen des Landes so viel Boden erwerben, als für seinen eigenen Unterhalt genügte. Bei dem Mangel an Hände stieg der Arbeitslohn auf das Dreifache, und Arbeiten, welche in kurzer Zeit rasch abgemacht werden müssen, konnten gar nicht mehr ver nichtet werden. Die Wirkungen dieses Zustandes auf die Pro-duction und den Wohlstand der Kolonie konnten nur höchst ver derblich sein. Die Baumwollcultur mußte zuerst aufgegeben werden, da sie mit der der nordamerikanischen Sciavenstaaten nicht Schritt halten konnte, uitb die Zucker- und Kaffeeplantagen folgten nach. Da die dem Klima gewachsenen Schwarzen nicht zu regerer Thätig- keit zu bewegen waren, so versuchte man es mit Einwanderungen fremder Arbeiter, der Kulis aus Ostindien, der Portugiesen aus Madera und selbst von Nordländern, Deutscher und Canadier, aber zumal die Letzteren unterlagen bald dem mörderischen Klima. 1842 waren mit dem Aufwand von fast einer Million Gulden 20,000 Menschen cingeführt, davon 10,000 Portugiesen, welche in wenigen Jahren aus 3000 zusammengeschmolzen waren, und 400 Deutsche, von denen nach fünf Jahren nur noch zwanzig übrig waren. Die Deutschen waren meist Würtemberger und Rheinländer und wurden durch einen gewissenlosen Auswanderungs-Agenten, Namens Ries, 1837 41 hierher verlockt. Wiewohl sie der größeren Zahl nach fast nur auf den beschatteten Kaffecfcldern arbeiteten, so brach doch schon bald nach ihrer Ankunft das gelbe Fieber unter ihnen auö, das besonders im zweiten und dritten Jahre seine Verwüstungen steigerte. Aus der Geschichte Guiana s, seinen mannigfach wechselnden Besitzern und den eben erwähnten Einwanderungen aus allen Welt- theilen ergibt sich schon, daß die Hauptstadt eine höchst bunt ge mischte Bevölkerung haben muß. Georgetown, während der hol ländischen Herrschaft Stabrock genannr, liegt unter 60 49 20" N. B. und 580 11 30" W. L. v. Greenw. auf dem östlichen oder rechten User des Dcmeraraflusses, und zählt 23,000 Einwohner, unter denen sich nicht weniger als 19,000 Farbige und Neger befinden. Die weiße Bevölkerung besteht dem größten Theilc nach aus Engländern, da nur äußerst wenige von den früher hier an sässigen Holländern zurückgeblieben sind, als die Colonie an Eng land abgetreten wurde. Nur an der Wasserstraße, welche am Ufer des Demerara sich hinzieht und dem Handel gewidmet ist, findet sich eine ausschließlich weiße Bevölkerung. Die Städt trägt durchaus den holländischen Charakter: breite Straßen nach der Schnur angelegt und in rechten Winkel sich kreuzend, sind von Canälen durchzogcP, welche unter sich und mit dem Fluß in Verbindung stehen. Die beiden Seiten der so von einander getrennten Straßen sind durch eine Menge von Brücken verbunden. Nicht allein wegen der ungemeinen Feuchtigkeit der Atmos phäre, sondern auch in Folge der Lage der Stadt unmittelbar an der Küste auf einem angcschwemmten Boden, sind die 2 3 Stock werk hohen Häuser fast durchgängig auö hartem Holz auf 3 4 Fuß über die Erde hervorstehenden Pfeilern aufgeführt und bis unter9 das Dach mit starken Brettern bekleidet, sowie mit Schindeln desselben Holzes gedeckt, und das Ganze, je nach dem Geschmack des Besitzers, mit einer dunkleren oder helleren Oelfarbe ange- strichen. Freundliche Gärten umgeben die mit Söllern und Säulen- gängeit gezierten säubern Häuser. Auch die Straßcit werden durch den fortwährendeil Rundgang einer Reinlichkeitspolizei rein erhalten, welche besonders auf die in den Straßen herumlaufcnden Schweine der Neger abgesehen hat. Sobald daher die vor dem Hause sich hcrumbalgenden Negerkinder am fernen Ende der Straße die wohl bekannten Freibeuter auftauchen sehen, stürzen in das Haus und verkünden dieß der Mutter, um vor dem drohenden Ber- tust zu warnen. Fast täglich finden Scharmützel statt zwischen den Eigenthümern und den Leutesuchenden Reinlichkeitsbeamten. Gelingt es dem Besitzer, das schreiende und grunzende Ungethüm aus den Händen der unbarmherzigen Wärter zu reißen, so ist es gerettet und der Besitzer straflos. Meist läuft aber ein solcher Kamps verderblich ab für dessen Gegenstand, da die Straßenbeamten große Waldmesscr führen, um augenblicklich, sobald der Sieg auf Seite des Eig enthümcrs sich zu neigen scheint, dem Schwein die Vein- lehncn durchzuhaueit oder eö auf andere Weise zum Laufen unfähig zu machen. Unmittelbar an der Mündung des Demerara liegt die aus Lehm und Faschinen erbaute Friedrich-Wilhclms-Festc, welche itt dem morastigen Bodcit der Umgegeild und der Seichtigkeit des Wassers ihren besten Schutz findet. Dabei erhebt sich der Leucht thurm, welcher auf die Stadt einen umfassenden Blick gewährt, der ehemalige Statthalterpalast, von üppigen Baumgruppen umgebe , und um de ausgedehnten Uebuugsplatz der Truppen die Kasernen und Militärspitäler, welche in Reinlichkeit, Geräumigkeit und Luftwechsel alle Bedingungen vereinigen, um die verderblichsteil Einflüsse des Klimas zu mildern. Den Haupttheil der Besatzung bildet das 52. Regiment, dessen Offiziere Engländer, dessen Soldaten Neger sind, die hauptsächlich aus den aufgebrachten Sclavcnschiffeu ergänzt werden. Sehen in rothen Uniformen und weißen Beinkleidern mit ihren Säbelbeincn, schwarzen Händen und Gesichtern und ihrem wolligen Kraushaar schon seltsam genug aus, so erhalten ihre Zügen durch die verschiedencir Stammz cichen oder botmnL, die ihnen in der frühesten Jugend auf Stirn, Schläfe, Backen oder an dem Munde eingebrannt oder eingeschnitten worden, wozu sich bei andern noch spitzgefcilte Bordcrzähnc gesellen, in der That etwas furchtbares. Ihre größere Zahl besteht auö Coro- manthns, die lan an drei bis vier langen Schnitten auf jeder Wange erkennt, außerdem aus Congo-Negern, Bewohnern von Mosambik, Bahama und der Sierra-Lcone.* V 10 In dem noch heute den holländischen Namen Stabrock be wahrenden Stadttheil von Georgetown erhebt sich dasRegierungs- gebände, welches in der Nähe des Flusses mit einem Aufwand von 600,000 fl. in reinem und großartigen Style solid erbaut wurde. Die hauptsächlichsten Kirchen sind die bischöfliche Kathe drale-, welche 300,000 fl. kostete, die katholische Hauptkirche, die schottische, die Christus-Kirche und die acht Kapellen der Methodisten, Wiedertäufer, der londoner Missionsgescllschaft re. DaS neue Colonialkrankenhaus, auf 300 Kranke be rechnet, kann als Muster betrachtet werden, nicht weit davon liegt das Hospital für Seeleute und das Irrenhaus. Die vor herrschende und gefährlichste Krankheit des ganzen Küstenstrichs ist das gelbe Fieber, ihm folgen die aussetzenden und hitzigen Fieber, die oft sehr gefährlichen Rühren und Durchfälle und die Wasser sucht. Lungenschwindsucht ist fast unbekannt, vielmehr das Land zur Genesung für solche Leidende auS Nordamerika und Europa geeignet. Fast ohne Ausnahme nehmen die Krankheiten einen un- gemein schnellen Verlauf, so daß Gesundheit und Krankheit so nahe an einander grenzen, wie es in den kälteren Zonen kaum bekannt ist. Im vollsten Besitz aller Lebenskräfte hat man keine Bürgschaft dafür, daß dieselben nicht bereits von der nächsten Stunde geraubt sind; auf der andern Seite zeigt sich aber auch eine erhöhte Lebenskraft darin, daß die Uebcrgängc aus einer lebensgefährlichen Krankheit, einer gänzlichen Ermattung und Ent kräftung zum volleil Besitz der verlorenen Kräfte eben so schnell und unerwartet cintreten, wie man in das Stadium der Lebens gefahr trat. Wenden wir uns nach dieser Abschweifung zu den Gebäuden, welche zur Unterhaltung dienen, so finden wir diesen Zweig kärglich bestellt. Es bestehen zwar zwei Schauspielhäuser, deren erstes 1828 als Licbhaberlheater auf Actien errichtet wurde, aber jetzt nur noch zuweilen zur Ausführung eines Coitzerts dient; das zweite wird hie und da von nordamerikanischen wandernden Truppen belebt, und man weiß ja genug, aus welcher Höhe der Kunst diese stehen. Sticht einmal Pferderennen konnten sich länger als einige Jahre (bis 1844) halten, und die Presse weist außer dem Re gierungsblatt : Royal Gazette, nur ein Lokalblatt: Guiana-Times, auf. Alle Versuche wissenschaftlicher Vereine und Anstalten sind zu keiner Blüthe gediehen, da die meisten Bewohner so rasch als möglich ein Vermögen zu verdienen und daun die Fiebcrküste fliehen beabsichtigen. In Folge dieses vorherrschenden Geschäfts geistes sind die Anstalten zur Erleichterung des Geldverkehrs in gutem Stande. Es bestehen zu diesem Zweck zwei Banken: eine Zweiganstalt der westindischen Colonialbauk und eine aus Actien11 gegründete Lokalbank, welche sehr günstig steht. Auch eine Spar kasse gedeiht in erfreulicher Weise. Das Münzwescn ist sehr ver- worrm und liier spiegelt sich die Geschichte der Colonic. Das Tauschmittel ist der spanische Piaster, die Eintheilung desselben die holländische in Gulden (Gnilders genannt), so daß ein solcher 50 kr. unseres Geldes beträgt, er zerfällt wieder in 100 Cents ideeller Münze. Auch in Bezug Maaße und Ge wichtel, errscht Verwirrung, indem neben den englischen noch viel fach die holländischen, um 10 vom Hundert davon abweichenden, Vorkommen. Ein höchst interessantes und belebtes Bild bietet der neue Marktplatz dar, welcher von den elegantesten Kaufläden begrenzt ist und dem sich, bis zum Schlachthausc hin, die Fleischhändler anschließen. Wäre auch der Trieb nach Reinlichkeit nicht so tief im englischen Charakter begründet, so würde schon die Gesundheits rücksicht in diesem Klima für möglichste Reinlichkeit und rascheste Entfernung aller faulenden thierischen Stoffe sorgen. Aller Schmutz und die unbrauchbaren Ueberbleibsel fallen unmittelbar in den unter dem Schlachthause dahiufließcndcn Strom und werden dort augenblicklich von den gierigen Rachen der Haifische aufgefangcn, die in unglaublicher Menge in der Nähe des Schlachthauses sich aufhalten. Der Markt ist reich mit Fleisch und Geflügel versehen, doch stehen beide in sehr hohen Preisen, da das Fleisch nur denselben Tag sich hält, an dessen Morgen das Thier geschlachtet wurde, und seit der Emancrpation die von den Schwarzen als Nebenerwerb betriebene Federviehzucht abgenommen hat, obgleich neben der Ein fuhr von Truthühnern und Gänsen aus Nordamerika der Haupt geflügelhandel noch immer in den Händen der Neger ist. Nach unserem Geldc kostet das Pfund Brod 16 kr., das Pfund Rind fleisch 35 kr., Schweinefleisch 32 kr., Hammelfleisch 1 fl. ä kr. Fische und Federvieh sind im Verhältniß noch theurer. Obgleich die Flüsse Guiana s die köstlichsten Fische beherbergen, so ist doch unmöglich, dieselben frisch aus dein Innern nach Georgetown zu bringen, indem sie sich bei der fcuchtheißcn Temperatur kaum einige Stunden eßbar erhalten, weßhalb die Stadt sich mit denen begnügen muß, welche in ihrer unmittelbaren Nähe gefangen werden. Butter und Aehnliches, auch das in diesem Klima unentbehrliche Eis liefert fast durchgängig Nordamerika, da die Kühe so wenig Milch geben, daß an Butterbereitung nur auf den größten Pflanzungen gedacht werden kann. Natürlich kann bei diesen Preisen der Aermerc sich nur selten frisches Fleisch verschaffen. Aber auch zum Einsätzen deS Fleisches ist das Klima der Colvnie zu heiß, und so leben die niederen12 Klasse meist von aus Nordamerika eingeführtem gesalzenen Fleisch und von Neufundländer Stockfisch, wozu Pisangfrüchte essen. Desto lieblicher und noch unendlich mannigfaltiger ist das Bild des Obst- und Gcmüsemarktcs, indem sich hier die verschieden artigsten Erzeugnisse des tropischen Klima s mit denen der nördlichen Zone, namentlich Gurken, Bohnen und Spinat, vereinen. Salat, Kohl und Blumenkohl werden nur als sogenannter Lattich verbraucht, indem der erste und zweite keine Köpfe und der letzte keinen Blüthen- stand bildet. Dergleichen Ueberwucherung ist auch die Zwiebel unterworfen, die ebenfalls nur übersaftige Blätter treibt, wogegen sie in ganzen Schiffsladungen von Madera eingeführt wird. Ein sehr beliebtes Gemüse ist der schmackhafte Palmenkohl, doch kostet ein solches Gericht jedesmal einer schlanken Palme das Leben, da umgehauen werden muß, um den eßbaren Theil, der in Form eines compakten cylindrischcn Körpers zwischen den Wedclschcidcn liegt, z erhalten. Gehörig zubereitet, steht er den feinsten euro päischen Gemüsen nicht nach und ähnelt an Geschmack unfern Spargel . Noch sind außerdem die Pfeilwurz (Arrovvroot), der spanische Pfeffer, der Ingwer, die gewaltigen Kürbisse, Maiskolben, Cassadawurzeln, Pisang- und Brodfrucht, Uamswurzeln, Ananas und Orangen zu nennen. Aber weder die Kartoffel, noch die Traube gedeiht hier trotz der verschiedensten Versuche mit Madera-, Cap- und rheinischen Reben. Dasselbe ist mit den Aepfcl-, Birn-, Pfirflsch- und Aprikosenbäumen, sowie mit den Beerensträuchern der Fall, welche ungeheuer wuchern, selten zur Vlüthe gelangen und niemals Früchte tragen. Das trockne Futter für Pferde und Maulthicre wird ebenfalls aus Nordamerika und England eingeführt, da sich die hiesigen Futtergräser keineswegs zu Heu eignen; auch die europäischen Gctreideartcn gedeihen in dem fetten Boden und heißen Klima nicht. Früher ist die Einfuhr von Eis Nordamerika-kurz erwähnt worden. Dieser Handel hat eine große Wichtigkeit erlangt. Äc- sonders Boston ist zum Stapelplatz geworden und von hier aus wird von 16 Handelsgesellschaften das Eis nicht nur nach Neu- Orlcans, Westindien und Guiana, sondern auch nach Calcutta, Madras, Bombay, Canto , Mauritius re. verschifft. Zu diesem Zwecke wird das Eis vermittels einer Maschine in viereckige Blocke von wenigstens 12 Zoll Dicke gesägt und an Bord der Schiffe mit Heu und Stroh in dünne luftdichte Holzkisten verpackt. Außer dem Eis und manchen Lebensmitteln: Mehl, Kartoffeln, Salzfisch, gesalzenem und geräuchertem Rind- und Schweinefleisch, Erbsen, Käse, Butter, Heringen, Reis, Zwiebeln, Geflügel, ge backenen Früchten rc. liefert Nordamerika Hausrath, Leder- und Eisenwaaren; England sendet Leinen, Seiden- und Baumwollen-13 zeuge, Tücher, Segel, Thecr, Backsteine, Ziegel, Seifen, Porzellan- und Glaswaaren, Schmucksache , Gold-, Silber-, Eisen-, Kupfer-, Blei-, Zinn- und Zinkwaaren, musikalische Instrumente, Papier, Schießpulver, Branntwein, Bier, europäische Arzneimittel und Leckerbissen in hermetisch verschlossenen Büchsen. Frankreich, Span"; und Portugal liefert den größten Theil der Weine, doch kommt auch Rheinwein den Tafeln der reicheren Colonisten vor, freilich durch die lange Seereise nicht nur um sein Aroma gebracht, sondern auch in der Farbe verändert. Gegen diese ungeheure Zahl von Einfuhrartikeln beschrankt sich die Ausfuhr allein auf Zucker, Kaffee, Rum, Syrup und eine unbedeutende Quantität Cacao, seitdem, wie erwähnt, der Baum wollenbau, obgleich Guiana dazu höchst geeignet ist, der Concurrenz der Sclavenarbcit Nordamerika s erlegen. Wiewohl, wie wir gesehen, die meisten Manufacturgegenstände fertig eingeführt werden, so fehlt doch nicht an Handwerkern; die gröberen Gewerke werden von Negern, die feineren von Europäern und Farbigen versehen. Die Arbeit ist sehr theuer und nicht im Ver- hältniß fein oder dauerhaft. Unter den Schuhmachern und Schneideril herrschen die Franzosen vor. Die Negierung der Colonic ist gemischt aus dem Selbst- verwaltungs- und Colonialsystem. Das Colonialparlament besteht aus dem Statthalter, dem Oberlichter, dem Staatsanwalt, dem Steuereinnehmer, dem Staatssecretär der Regierung und einer gleichen Anzahl unbesoldeter Männer, die durch das Wahlcollegium aus den Colonisten gewählt werden. Dieses Wahlcollegium besteht aus sieben Mitgliedern, die von den Einwohnern auf Lebenszeit ernannt werden; dazu wählbar ist jeder, der 5 Pfund Sterling Steuern bezahlt. Bei cintretenden Erledigungen schlägt das Col legium der Regierung zwei Candidaten vor; der von der Regierung gewählte bleibt drei Jahre im Amte, kann aber wieder gewählt werden. Als dem Vertreter der britischen Regierung steht dem Statthalter das absolute Meto zu. Das Collegium, welches in finanzieller Hinsicht das Volk vertritt, besteht aus sechs Mitgliedern, die gleich den Wählern von den Einwohnern auf zwei Jahre ernannt werden. Die Regierung ""scheidet in allen finanziellen Angelegenheiten; sobald aber das Budget für das laufende Jahr entworfen die Art der Steuern und andern Abgaben besprochen und durch Stimmenmehrheit an genommen ist, wird der Anschlag den Finanzvertretern übergeben, welche in Verbindung mit der Regierung die einzelnen Punkte nochmals der Prüfung unterwerfen. Bei dieser Berathung hat jede Person, sowohl Regierungsmitglied als Volksvertreter, gleiche Stimme. Die Ansicht der Majorität erhält Gesetzeskraft.Der oh erste Civ ilg er ch t sh o f von Britisch - Guiana besteht aus drei Richtern, er entscheidet nach den holländischen Ge setzen, insbesondere muffen die Beschlüsse der Gencralstaaten berück sichtigt werden. Das Eriminalgericht wird von den Richtern des Civilhofs mit Hinzuziehung dreier nicht rechtsgelehrten Beisitzer gebildet, welche letzteren von den Angeklagten verworfen werden können. Die Stimmen dieser sechs Richter sind gleich; der Oberrichter gibt bei Stimmengleichheit den Ausschlag. Das Urtheil muß bei offnen Thüren gefällt werden. Die untere peinliche Rechtspflege liegt in den Händen der Scheriffs der Bezirke; sie entscheiden theils allein, theils mit Zuziehung dreier Magistrarspersoncn an monatlich drei mal zu haltenden Gerichtstagen. In Hinsicht auf die Beziehungen der Europäer zu den Far bigen bestehen noch die Reste von Behörden, welche früher eine höhere Wirksamkeit hatten, nämlich dreizehn seßhafte und ein reisender Beamter zur Schlichtung der Streitigkeiten zwischen den Pflanzern und ihren schwarzen Arbeitern, und sodann eine Anzahl Protectoren und Stationscommandantcn, welche, 1794 zum Schutz und der Vertretung der Eingeborenen ausgestellt, seitdem mehr den Charakter einer Polizei angenommen haben. Die eigentliche Polizei von Britisch-Guiana hat ihren Ober- bcamten in der Hauptstadt; die Distriktspolizci für Demerara, Berbice und Essekibo wird von 21 Sergeanten und 137 Constablern verwaltet; im ganzen Lande bestehen 9 Gefängnisse. Was an kirchlichen und Schulanstalten in der Colonic besteht, ist fast ausschließlich das Werk der Engländer. Sie fanden 1803 eine Kirche mit drei Geistlichen und eine öffentliche Lehranstalt vor. 1810 24 wurden vier Kirchen erbaut, 1824 31 über 300,000 fl., ja, im Jabre 1832 allein 170,000 fl. für Schulen verwendet. In Folge ieser Anstrengungen besaß bereits im Jahre 1836 die Hochkirche sieben Rectoren und einen Curaten; die holländisch-reformirte Kirche: zwei Prediger, die Kirche von Schottland: deren fünf, die römisch-katholische Kirche zwei Priester, und außer diesen Geistlichen die einzelnen kirchlichen Gemeinschaften noch zwölf Katecheten und Lehrer, deren Gesammtbcsoldung 10,000 Pfund Sterling betrug. 1838 wurde die Hochkirche der Colonie zu einem Erzdiaconat, 1842 einem Bisthum erhoben. Unter den Negern wirken zahlreiche englische Missionsgcsellschaften der verschiedenen Seelen. Wie in allen transatlantischen Ländern findet auch hier eine strenge Scheidung der Stände nach der Mischung des Blutes statt. Die Europäer bilden eine scharfgetrcnnte Aristokratie, welche sich ebenso durch unbeschränkte Gastfreiheit als durch weitgetriebcnenLuxus auszeichnet. Aber dem Klima gemäß spielt Reinlichkeit und gute Lüftung eine der wichtigsten Rollen bei der Entfaltung dieses LuruS. So sind die Fenster gewöhnlich geöffnet und jedes ist mit grünen Schieberläden versehen, welche Abends herabgelassen werden. Geschliffene Glasglocken schützen die Lichter vor dem Lustzug. Die Küchen sind in den Nebengebäuden, um jeden schädlichen Geruch abzuhalten; Keller und andere unterirdische Gewölbe kennt man nicht, da der Aufenthalt in denselben verderblich sein würde. Holz häuser werden den steinernen Gebäuden weit vorgezogen. Auch innen sind sie mit, oft kostbar gearbeitetem, Holzgetäfel bekleidet, welches, gleich dem Fußboden, von Zeit zu Zeit mit Citronensaft abgerieben wird. Die Betten sind mit Muskitonctzen umspannt. Die hauptsächlichste, fast alleinige Vereinigung dieser weißen Aristokratie findet täglich um 5 Uhr zur Zeit des Corso statt, der zu Wagen und Pferd, nie zu Fuße, da ebensowohl das Klima als die Sitte das zu Fuße gehen verbietet abgehalten wird in einem Baumgang von Kohlpalmen, welcher sich am westlichen Ende der Stadt eine Stunde weit dem Fluß entlang zieht. So glänzend aber die hier entfaltete Pracht von Pferden, Fuhrwerk und Kleidern ist, so groß die Zahl der schönen Gestalten und einnehmenden Gesichtszüge, so fehlt doch, obgleich die Damen sich nie deit Strahlen der Morgen - oder Mittagssonne auSsetzcn, schon nach einem 3 4 monatlichen Aufenthalt die blühende europäische Gesichtsfarbe und mit ihr die jugendliche Springkraft und Lebenslust, woran außer der erschlaffenden Hitze auch die leidenschaftliche Vergnügcns- sucht, das Streben nach rauschenden Unterhaltungen schuld ist, indem hier, wie in allen neuen Ländern, der Mehrzahl der Ge sellschaft der Sinn für stille Freuden fehlt, wie sie Häuslichkeit oder wissenschaftliche und künstlerische Beschäftigung gewährt. Von 10 4 Uhr dauerit die Bälle, denen leidenschaftlich getanzt und in Speisen und Getränken d größte Verschwendung gezeigt wird. Die Sprache dieser europäischen Gesellschaft ist das Englische, unter den Farbigen und Negern herrscht das Orvol-Outelt, eine Sprachmischung, deren Grundlage das Holläitdische bildet, während Trümmer fast aller afrikanischen Muirdarten nebst französischen und englischen Elementen cingcsprengt sind, eine Folge des häufigen Herrenwechfels der Colonie. Gleich wie die Sprache, so besteht auch die farbige Bevölkerung den verschiedensten Mischungsverhältnissen, von denen jede Ab stufung außer ihrem allgemeinen Namen auch ilvch eine speciclle Bezeichnung hat. Unter Creolcn begreift man alle die, welche von Einwanderern in Britisch-Guiana geboren wurden, mögen nun beide Eltern Europäer, Afrikaner, Ostindier, oder die Mutter das eine, der Vater das andre sein; alle in der Colonie% 16 geborenen Kinder sind Creolen; diese Benennung erstreckt sich bis auf die -Hausthiere, wonach es Creolpferde, Creolkühe, Creol- schweine rc. gibt. Ein zweiter Gattungsname, die Farbigen (eolonroü poople) begreift alle die verschiedenen Abstufungen in sich, welche durch die Vermischung von Europäern mit Afrikanern und Amerikanern entstehen. Die der Verbindung von Europäern mit India nerinnen entsprungene Rasse wird Mulatten genannt. Mischlinge von Indianern und Negern sind äußerst selten; sie gleichen mehr der äthiopischen Nasse. Den schönsten Menschenschlag bildeil die auS der Verbindung von Europäern lind Mulattinnen hervorgegangenen Individuen beider Geschlechter, welche, außer ihren körperlichen Vorzügen, oft auch noch durch eine sorgfältige Erziehung in England oder Deutsch land ausgebildet, dennoch nach den schroffen Rangverhältnissen ihrer Heimat durch ihre Farbe unerbittlich von den Ansprüchen ausgeschlossen sind, ju welchen ihre Erziehung sie berechtigt. In diesen unglücklichen Menschen bildet sich je nach ihrer Anlage ein glühender Haß gegen die Europäer aus, oder suchen durch den Taumel der Vergnügungen und sinnlichen Genüsse sich zu betäuben. Sie würden um so mehr eine gefährliche Klasse der Bevölkerung ausmachen, als gebildet sind, wenn sie nicht in der Verachtung gegen die unter ihnen stehende Mischungen eine Entschädigung und Genugthuung fäildcn. Am niedersten auf dieser Stufenreihe menschlicher Wesen .stehen die Neger. Ihre Triebe und Leidenschaftcll sind von fast thierischcr Stärke. Wie sie fähig sind, aus Dankbarkeit ihr Leben gern und willig für ihre Wohlthäter zu opfern, so steht diesem schönen Charakterzug die grenzenlose Rachgier gegenüber, die nur zu oft in den schauderhaftesten Qualen ihres Opfers Befriedigung sucht und findet. Auffallend ist der Unterschied, der sich bereits bei dem Creolneger und dem unmittelbar von Afrika eingeführten zeigt, nicht allein in Rücksicht des Körpers, sondern auch in Bezug aus seine Gemüthsstimmung. Der Creolneger ist verschlossen und heimtückisch, der Eingeführte ewig heiter, leichtsinnig, jeden Augen blick zum Scherze bereit. Die körperliche Verdrossenheit und Lässigkeit hat namentlich bei den Creolnegcrinnen schon einer ge wissen Beweglichkeit und Elastizität weichen müssen. Lächerlich aber werden sie durch die Nachäffung der europäischen Moden in Uebertreibungen, welche sie in den buntesten Farben ihren schwarzen Körpern auf den abendlichen Tanz festen anpassen. Das Abentheuerliche der Erscheinung wird noch gesteigert durch die hochtönenden Namen, welche die seltsam geputzten , in gewalt samen Sprüngen und Verdrehungen sich bewegende Gestalten17 führen. Der ganze Olymp sammt allen Heroen der Vergangenheit und Gegenwart sind hier herabgestiegen. Cicero tanzt mit der Proserpina, Mercur mit der Cleopatra, Sielsvn schüttelt dem Neptun die Hand, Nero fällt Napoleon in die Arme, und Hamlet scherzt mit der Aurora, während Nomulus und Rcmus, Blücher und Wellington, L hombre, Whist und Spadille der Versammlung zueilen. Diese auffallenden Namen schreiben sich noch voll der Zeit vor der Emancipation her, wo die auf den Plantagen geborenen Kinder ihre Namen von dem Herrn oder Aufseher nach irgend einer Erinnerung oder ^der Beschäftigung erhielten, bei welcher derselbe sich gerade befand, als ihm die Nachricht gebracht wurde, daß ein Kind geboren sei. Ganz in Uebereinstimmung mit der Nachahmung der Tracht ist auf diesen Bälleit auch die der euro päischen Höflichkeitsformeil, doch tritt Natur sehr bald in ihre Rechte ein, und die Negerbälle endigen mit blutigen Schlägereien. Noch leidenschaftlicher als den Tanz, lieben die Neger die von den Engländern überkommenen Hahnenkämpfe, welche wegen der aus den Wetten entspringenden blutigen Sccncn aufs strengste verboten sind, ohne daß dieß Verbot dieselben hätte unterdrücken können. Besonders der Osterdienstag ist diesem verbotenen Ver gnügen geweiht. Im Walde versammeln sich im größten Geheimniß an abgelegenen Stellen die wettlustigen Neger um die Kampfhähnc und wagen große Summen, aber wenig hilft ihre Verschwiegenheit, denn bei den bald ausbrcchendcn Streitigkeiten unter dm Zuschauern ist das wilde Geschrei und die lautschallcnden Schläge der beste Wegweiser für die wachsame Polizei. Seit dem Verbote hat die Wuth zu wetten sich so gesteigert, daß sich augenblicklich auf der Straße Kreise bilden, sobald unter dem herumlaufenden Federvieh Streits entsteht, und Wetten eingegangcn werden. Zeigt sich solch ein glücklicher Zufall aus einem Gehöfte, so wettet, wenn keilte andere Zuschauer zugegen sind, der Sohn gegen den Vater, der Vater gegen die Mutter, die Mutter gegen die Tochter, uild wehe dem, der durch unzeitigcs Dazwischentrcteit die Kämpfendcir trennen wollte. Wie für die höheren Stände, so waren auch für diese Wettlustigen die Pferderennen, so lange sie bestanden, Tage ber Sehnsucht und der Befriedigung, an welchen man vergebens die ganze Stadt nach einem gcsuitdcn Neger hätte dlirchsuchen können, ja selbst die Dienenden würden augenblicklich ihren Dienst aufgeben, wenn sie der Herr von der Theilnahine an denselben ausschließcn wollte. Zu dcil Pferderennen strömten 10 12000 Neger von Tagesanbruch an im besten Putze hinzu. Mit dem ersten Auslaufen begannen die Wetten und fast gleichzeitig die Prügeleien. Nur durch Dazwischenschlagen mit schweren, mit Blei 218 ausgcgossenen kurzen Stöcken vermag die Polizei, die Kämpfenden auseinander und in sichere Verwahrung nach den jetzt leeren Ver schlagen der Rennpferde zu dringen, aber auch in ihrem Gewahrsam setzen sie die Schlägereien fort. Die Bewohner der Colonie scheinen von alle Dem kaum etwas ;u bemerken; die zartesten Damen sehen den Mißhandlungen mit gleichgültiger Miene zu, und auch bei dem Fremden, wenn er erst länger im Lande ist, befestigt sich die Ueberzeugung, daß mit Milde und Vernunft gegen die heftigen Leidenschaften der Neger tlicht aufzukommen ist, zumal wenn er Zeuge der scheußlichen Mißhandlungen ist, welche die Neger in blinder Wuth bei der kleinsten Veranlassung gegen ihre Kinder sich erlauben, wie sie sie an Händen und Füßen binden, an einen Pfahl hängen und mit Stricken peitschen, oder zur Erde werfen und auf ihnen herumtreten. So ist die Ncgcrbevölkerung Guiana s. Die Eingeborenen (Indianer) lassen sich nur äußerst selten in der Stadt sehen, und ist dies ja der Fall, so gehören die Bewohner gewiß den die Küstengegcnd bewohnenden Stämmen der Caribcn, Warraus, Akawais re. an, welche seit langer Zeit mit den Europäern in Verkehr stehen und in Folge davon alle Schattenseiten der Civilisation, ohne ihre Lichtseiten, angenommen haben, besonders sehr trunksüchtig sind, wenn gleich sie immer noch höher stehen, als die Neger. Diese Stämme vermitteln auch den Verkehr mit den niemals in der Stadt erscheinenden Bewohnern des Innern, welche durch Jene: Vogel, gezähmte Säugethiere, Hängematten, geflochtene Körbe, Töpferwaaren, Federschmuck, Früchte, Harze re. gegen Messer, Scheeren, Beile, Aertc, Pulver, Schrot, Kattun, Perlen re. austauschen. Vor der Emancipation der Sclavcn war die Colonie der guten Dienste der Indianer äußerst bedürftig. Um im Nothfall ihrer Hülfe bei Sclaveuaufständen sicher zu sein, wurde ihnen jährlich ein großes Fest gegeben, wobei sich mehrere Tausende in ihrem schönsten Federschmuck versammelten, und ihnen dabei werth volle Geschenke verthcilt. Es wurden ferner zu ihrem Schutz die früher erwähnten Protectoren uild Postholders eingesetzt, eine Ein richtung, die bald zum Gegentheil, zu einer Bedrückung der Ein geborenen ausschlug. Die Nothwendigkeit einer wirksamen Hülfs- leistung war in der That nicht ausgeblieben; allein die Cariben sandten 1793 und 1794 bei der Coromantyn-Neger-Revolution der Colonie 800 Krieger. Jetzt glaubt man ihrer Hülfe im Ganzen nicht mehr zu bedürfen, und überläßt jedem Einzelnen, der ihre Arbeitskraft braucht, sich mit ihnen abzufinden. Hat auch der gegenwärtige Arbeitermangel die Pflanzer und Waldbesitzer gezwungen, die geleistete Hülfe redlich zu bezahlen, so ist doch aus19 den früheren Zeiten, wo die Indianer oft Monate lang die härtesten Holzhauerarbciten für einige werthlose Glasperlen verrichten mußten, ein unbesiegbares- Mißtraue Lei ihnen gegen die Weißen zurück geblieben. Nur der Mangel einzelner Gegenstände, die den der Colonie nahe liegenden Stämmen zum Bedürfniß geworden sind, zwingt sie zur Arbeit. Hat ein Indianer so viel verdient, um jenen Mangel zu ersetzen, so hält ihn nichts, auch keine eingegangene Verpflichtung, mehr zurück, zu seinen geliebten Jagd und Fisch- revicren heimzukehren, bis ihn neuer Mangel nach der Colonie treibt. DaS allgemeine Loos der wilden Stämme, welche mit der Civilisatiou in Berührung kommen, ereilt auch die Eingeborenen der Umgegend von Georgetown und zwar in ungewöhnlich schnellem Schritt; der Caribenstamm, welcher 1794 noch 800 streitbare Männer stellte, zählte 1841 überhaupt nur noch 500 Personen; die Akawais und Warraus sind auf die Hälfte, die Arawaaks auf ein Zehntel ihrer Zahl zusammengeschmolzen! Hat man die eigentliche Stadt verlassen, so führen fast alle Wege nach den dieselbe umschließenden Zucker-, Pisang- und auf- gegebenen Baumwollpffanzungen, welche letzteren in Viehweiden verwandelt sind, auf denen man nur hin und wieder noch einen einzelnen Baumwollstrauch, übersäet mit seinen großen gelben malvenartigen Blüthen, als Merkzeichen einer früheren, ansgcbrei- teten Cultur sich erheben sieht. Der ganze angcbaute Theil der Colonie, namentlich aber die unmittelbare Umgebung George- town s, ist eine angeschwemmte Bodcnfläche und während der Springfluthen der Ueberschwemmung ausgcsetzt. Um die Pflanzungen davor zu schützen, zieht sich ihrer ganzen Küstenausdehnung nach ein Uferdamm hin, an dessen innerer Seite, gleichlaufend mit der See oder dem Flusse, die öffentliche Straße liegt, die von den Pflanzern auf ihrem Gebiet unterhalten werden muß Ebenso sind durch einen Damm nach der Landseite hin die Pflanzungen vor den Ueberschwemmungen während der Regenzeit gesichert. Dämme und Canäle trennen die verschiedenen Besitzungen von einander, während außerdem noch ein Ableitungscanal, meist von 12 Fuß Breite und 6 Fuß Tiefe, eine jede Plantage umgibt, ur die sich die kleineren Gräben ergießen. Durch die große Schleuse b c8 Hauptcanals kann bei eingetretener Ebbe das aufgestaute Wasser abgelassen werde . Ursprünglich erhielt jeder Ansiedler ein Land von 100 holländischen Ruthen Länge und 750 Ruthen Tiefe oder 250 Acker zur Cultur zugetheilt. War diese Strecke angcbaut, dann erst durfte er auf Vermehrung seines Besitzthums antragen, und ihm konnten gegen Bezahlung einer Steinen Summe ueue 250 Acker zugetheilt werden. Dies konnte er so lange fort setzen, als noch herrenloses Land sein Gebiet umgab. Noch jetzt ä*20 gibt es zwar Pflanzungen von 3000 Acker, aber wenige haben über 500 Acker in Cultur. Der Marschboden an der Küste und den Ufern der Flüsse ist ungeinein fruchtbar; das Zuckerrohr trägt in ihm bis 50 Jahre, ohne neue Umpflanzung zu verlangen. Auf einem Acker sind schon 6000 Pfund Zucker oder 20,000 Pfund Pisangfrüchte geerntet morden. Weiter im Lande, etwa 10 eng lische Meilen vom Meer oder den Flüssen entfernt, ist die Humus decke dünner und dieser Boden eignet sich nur für den Kaffeebau. Die Anwendung der Dampfkraft hat auch die Zuckerbereitung wesentlich vereinfacht. ES können dadurch die wenigen Arbeits kräfte, welche den Gutsbesitzern zu Gebot stehen, fast ungetheilt auf die Bestellung des Feldes verwendet werden. Als Beweis, wie sehr in Folge des höheren Preises der Arbeit der Werth der Pflanzungen gesunken ist, führen wir an, daß eine Besitzung von 750 Acker Land, wovon 411 mit Zuckerrohr bepflanzt, welche nebst den dazu gehörigen Gebäuden und dem Betriebsmaterial einen Werth von 200,000 Dollars hatte, jetzt kaum um ein Fünftel dieses Preises angekauft werden würde. Einträglicher ist der Bau der Pisangfrüchte, welcher gewöhn lich mit Zuckerpflanzungen verbunden ist. Die Stelle, welche in Europa die Kartoffel in der Bvlkswirthschaft cinnimmt, füllt in Wcstindicn der Pisang (Musa) aus. Wenn jene erst von ihrer Reife an, so wird dieser bereits in der Hälfte seiner Entwickelung in allen Formen und den verschiedenartigsten Zubereitungen ge nossen. Halbreif aus der Schale genommen, auf Kohlen geröstet und dann mit Butter gegessen, vertreten sie beim Frühstück die Stelle des Brodes; in halbreifem Zustand mit Gewürz und Fleisch gckochr bieten sie ein sehr schmackhaftes Gemüse. Haben sie ihre volle Zeitigung erlangt, was ihre gelbe Farbe anzeigt, dann tverden sie sowohl zu . Gemüsen verwandt, als auch roh gegessen. Die Pisangs werden aus jungen Schößlingen gezogen, welche schon nach 10 11 Monaten reife Früchte liefern, deren einzelne Büschel häufig eine Schwere von 60 70 Pfund haben. Da jeder Schaft nur einmal trägt, so wird dieser bei der Ernte zugleich mit um gehauen, um den jungen Trieben, von denen man etwa 3 4 stehen läßt, den ganzen Saft des Wurzelstocks zuzuführen. Die Cultur des Pisangs verlangt nur wenig Sorgfalt. Ein- oder zweimaliges Reiiligen d?s Feldes vom Unkraut und das Uinhaucn des Schaftes mit den reifen Früchten sind die erforderlichen Arbeiten. Indessen hat sich fast gleichzeitig wie bei der Kartoffel, bei ihrem westindischen Repräsentanten, eine höchst ansteckende und verderbliche Krankheit, eine von innen heraus sich enttvickelnde Fäulniß aus gebildet, bereit eigentliches Wesen noch unbekannt ist. Nachdem wir bis jetzt die Hauptstadt Britisch-Guiamsis mit21 ihren Umgebungen und bei dieser Gelegenheit die politischen und socialen Verhältnisse der Colonie betrachtet, wenden wir uns jetzt zur Schilderung des Innern dieses merkwürdigen Landes, seiner Bodenbeschaffenheit, seiner wunderbaren Pflanzen- und Thierwelt. Die Grenzen des unbestrittenen Landes liegen zwischen dem Cvrentyn im Osten und dem Essckibo int Westen; südlich verlieren sie sich unter dem 1" N. B. in der Wilduiß. In dem unbekannten Westen dagegen dehnte England seine theils von Venezuela, theils von Brasilien bestrittenen Grenzen bis zu dem unter dem 61 W. L. von Greenwich liegenden Noraima-Gebirge aus; nach den neuesten Grenzbestimmungen beträgt der Flächeninhalt des Landes 4710 geogr. Geviertmeilen, also etwas weniger als Preußen (5104 G.-M.). Die flache angeschwcmmtc Küstengegend, in der Georgetown liegt, zieht sich, den Hauptflüssen Essekibo, Demerara, Berbice und Cvrentyn folgend, bis in eine Entfernung von 10 - 20 Meilen (englisch) vom Meere. Zwischen den Flüssen Berbice und Cvrentyn erstreckt sie sich sogar bis 40 Meilen vom Meere. Sie ist von einer Kette von Sandbänken begrenzt, welche eine mittlere Höhe von 30 120 Fuß haben, aber bis zu 200 Fuß ansteigen. Mit den Orinoco-Gebirgen, durch die Sierra Ussipama verbunden, erhebt sich unter dem fünften Breitengrade ein Gebirg aus Granit, Gneiß und Trapp, welches Guiana in südlicher Richtung durch streicht und als die Centralkette der Colonie betrachtet wird. Wo sie die Flüsse durchsetzt, bildc.t sie Wasserfälle, von welchen später- ausführlicher die Rede sein wird. Ihre höchsten Gipfel steigen nicht über 1100 Fuß über dem Flußbettc hinan. Diese Kette scheint als die alte Grenze des Meeres betrachtet werden zu können. Höher erhebt sich unter dem 4 N. B. das Pacaraima- Gebirg an den Quellen des Essekibo, dessen Spitze, im Sandsteinberg mit Namen Roraima, 5000 Fuß über das Hochland und 7500 Fuß über das Meer emporragt; der 1500 Fuß hohe Gipfel fällt senk recht ab wie eine Mauer. Von ihm ergießen sich Nebenflüsse zu drei großen Strömen Südamerika s: zum Amazonenstrom, zum Orinoco und Essekibo, er bildet die Wasserscheide zwischen dem ersten und den beiden letzten. Der Macarapanbcrg unter 3 5RN.B. wurde, ehe Robert Schomburgk den Roraima besuchte, für den höchsten Berg Guiana s gehalten, erreicht aber nur eine Höhe von 3500 Fuß. Die Cannucu- oder Conoconberge unter dem 3 N. B. ver binden das Pacaraimagebirge mit der Sierra Acarai, welche dem Essckibo- und Corentynflusse ihren Ursprung gibt. Sie steigt bis höchstens 4000 Fuß an, ist dicht bewaldet und entfaltet die üppige und reiche Vegetation, welche für Guiana charakteristisch ist. Eigenthümlich für Britisch-Guiana sind die Grasebenen (Savannen), welche zwischen dem Demerara- und CorentynflusseÄ ! 22 hinziehen und die Seeküste cm dem Verbiceflussc erreichen. Nur der gewundene Lauf der Flüsse ist durch Baumreihen bezeichnet, in den Grassteppen selbst finden sich nur einzelne Baumgruppen, die gleich Oasen oder Inseln aus der Wildniß hervorragen. Die geologische Beschaffenheit dieser Savannengegend macht es höchst wahrscheinlich, daß hier einst das Bett eines Landsers war, der dann durchbrach und seine Wasser nach dem atlantischen Meere entsendete. Es ist möglich, daß die frühere Existenz dieses Binnen sees mit der Fabel von dem Parimasee und dem Dorado zusammen hängt. Jahrtausende können verstrichen, Generationen können zu Grabe gegangen, Völker, die einst an seinen Ufern wandelten, können ausgestorben und bis auf den Namen erschollen sein, und doch kann die Sage vom Parimasee und dem Dorado, von Vater zu Sohn fortgepflanzt, diesen Wechsel der Zeiten überlebt haben. Statt seiner findet sich nur der kleine Sec Staunt vor, an den, das bescheidene Macusi-Dorf Pirara an der Stelle des geträumten Dorado sich erhebt. Die großen Flüsse bringeit zur Zeit der Ucberschwemmungen eine Menge Schlamm und Erde mit herab, wodurch das Meer zurückgedrängt wird, wenn gleich die Jugend der Colonic sichere Daten über die Schnelligkeit des Wachsthumö der Küste noch nicht zuläßt. Diese großen Flüsse der Colonie sind, von Westen nach Osten, der Essekibo, der größte von allen, Dcmerara, Berbice und Corentyn. Der Essekibo entspriugt^l engl. Meilen nördlich vom Sleguator im Acaraigebirge, fließt die ersten 60 Meilen geschlängelt nach Nordostcn, dann 70 Meilen weit nach Nordwest, aber die Gebirgszüge, welche ihn als Wasserfälle durchsetzen und ihn bis auf 50 Ellen Breite zusammcndrängen, machen, daß er nur für die kleinen Boote der Indianer schiffbar ist. Von da an fließt er nördlich bis zu seiner Mündung, welche durch drei Inseln in vier Slrme zerspalten rmd durch Sandbänke schwer zugänglich ist. Sein Wasser steigt bei Ucberschwemmungen 25 30 Fuß über den gewöhnlichen Stand. Seine Gesammtlängc ist 620 engl. Meilen, etwa die der Weichsel; der Stromlauf seines bedeutendsten Neben flusses, des Rupununi, mißt 220 Meilen. Oestlich von dem Essekibo und parallel mit ihm läuft der Demcrara, dessen Quelle und oberer Lauf den Europäern unbe kannt ist. Auch auf ihm ist die Schifffahrt durch Wasserfälle und Stromschnellen gehindert, deren unterste in gerader Linie 85 engl. Meilen von Georgetown entfernt liegen. Bis 75 Meilen aufwärts von der Mündung können größere Schiffe gelangen. An seinem Ausfluß erreicht er die Breite von 1 iy 2 engl. Meile. , Auch seine Mündung ist von einer Schlammanhäufung versperrt und nur aus einem schmalen Kanal? größeren Schiffen zugänglich.57 Meilen östlich von dem Demerara ergießt der Berbice- fluß sich ins Meer, dessen Quelle ebenfalls unbekannt, wahrschein lich aber unter dem 3" N. B. ist. Auf seinem oberen Laufe nähert er sich dem Demerara an einer Stelle bis aus 9 Meilen. Felsen durchbrechen ihn und drängen ihn bis auf 30 Fuß Breite zusammen; an andern Stellen dehnt er sich aus wie ein See mit niedrigen, sumpfigen Ufern. Der letzte Wasserfall ist unter 40 50 ; 105 Meilen aufwärts ist er für 12 Schuh, 165 Meilen für 7 Schuh tief gehende Fahrzeuge schiffbar. Der Corentynfluß, welcher die Grenze zwischen den eng lischen und niederländischen Besitzungen bildet, hat seine Quelle in derselben Bergkette, wie der Essekibo und muthmaßlich unter dem io N. B., 25 engl. Meilen östlich von jenem. Wie die übrigen Flüsse bildet er Wasserfälle, doch sind die seinigen bei weitem die großartigsten. Von den bedeutendsten darunter, unter 40 20 , an strömt er nordöstlich, bis er den 50 Breitengrad erreicht, worauf er 40 Meilen westlich läuft, dann strömt er nördlich, aber in so gewundenem Lauf, daß zwischen den Mündungen seiner Neben flüsse Parurn und Maipuri er fast eilten Kreis beschreibt, indem der Flußlauf lOmal länger ist, als der Landweg zwischen beiden Punkten. Seine Mündung ist, je nachdem man ihre Grenze an nimmt, 10 oder 18 engl. Meilen breit; sie ist durch Sand- und Schlammbänke verstopft, aber durch einzelne Kanäle, welche bis 9 Fuß Wasser halten, zugänglich; große Böte, welche nicht über 7 Fuß Wasser ziehen, können auf dem Corcntynstrome 150 Meilen aufwärts gelangen. Es war auf dem Essekibostromc, daß Rich. Schomburgk seine ersten Ausflüge ins Innere des Landes unternahm. Derselbe ging nach Bartika Grove, einer Missionsstation. In einem Schooncr fuhren die Brüder an der Küste hin und in die Essekibo-Mündnng ein, vor welcher die drei großen bewaldeten Inseln Leguan, Wakenaam und Tigereiland liegen, die alle mit Zuckerpflanzungen bedeckt sind. Die größte ist Leguan von 12 Meilen Länge. Nachdem man diese in der zwanzig Meilen breiten Mündung gelegenen Inseln hinter sich hat, eröffnet sich noch ein ganzer Archipel von kleinen Inseln, und erst wenn man auch diese zurückgclassen, werden allmählich in weiter Ferne die dichtbelaubten Ufer des noch acht Meilen breiten Stromes sichtbar. An dem Einfluß des Jtaka werden die ersten Felsen wahrgenommen, welche dem Urge- birge angehören, ungemein weit in den Fluß vorspringen und bei hoher Fluth vollkommen von den Wellen bedeckt werden, wcßhalb auch ein mit dem Strombett sehr vertrauter Steuermann nöthig ist, um allen den Gefahren zu entgehen, die sie der Schifffahrt entgegenstellen. Bald schimmern die weißen Häuser von Bartika-- 24 Grove aus dcr dichten, saftigen Belaubung der Pisangs und Cocuspalmen hervor. Diese Misstonsstation, eine der bedeutendsten in Guiaua, ge hört der Episcopalkirche an; 1833 wurde sie von einem Engländer Armstrong gestiftet, 1840 stand ihr ein Schlesier, Namens Bernau vor, welcher seine Bemühungen besonders der Heranwachsenden Generation zugewendet, in der richtigsten Ueberzcugung, daß bei den erwachsenen Eingeborenen ihre Unabhängigkeit, ihre Trägheit, ihr Hang zum Herumschweifen, ihre Neigung zu geistigen Getränken, jede tiefgreifende Einwirkung unmöglich machen. Schon vor zehn Jahren hatte Bernau eine Schaar von etwa 50 Jndianerkindern zusammengebracht, welche thcils aus der etwas über 100 Einwohner zählenden Mission selbst gebürtig, theils benachbarten Stämmen entsprossen waren, doch waren diese letzteren meist Waisen, da die Mütter mit der innigsten Liebe an ihren Kindern hängen. Die Erziehungsergebnisse, welche unter so schwierigen Verhältnissen Bernau erlangt, sind überraschend glänzend, da die Fassungskraft der Schüler für Sprachen und Mathematik außerordentlich schnell ist. Ein Karibenknabe lernte innerhalb vier Monateil in englischer Sprache fertig lesen und schreiben; ein zweiter von dem Stamme der AkawaiS, brachte in 14 Monaten bis zur liegwl de Tri. Auch zum Singen haben die Kleinen gute Anlagen. Alle diese Erfolge erreichte Bernau unter dem Beistände seiner Frau, zweier Lehrer und einer Lehrerin. Er selbst unterrichtet die Knaben auch in Handarbeiten. Nach beendigter Schulzeit bleiben die Kinder als Lehrer und Lehrerinnen im Innern, oder sie kommen als Hand werker und Dienstmädchen nach Georgetown. Von Bartika-Grovc, das an der gemeinsamen Mündung des Mazaruni und Cuyuni indenEssckibo liegt, besuchte Schomburgk dasJndiancrdorf Cartab o, welches auf dcr Landzunge zwischen dem Mazaruni und Cuyuni liegt und einen cigenthümlichen Ursprung hat. Seine Bewohner sind kühne und geschickte Fischer, deren Fahrzeuge bei ruhigenl Wetter sich bis auf die See wagen und welche die Colonie mit Fischen versehen. Auch ihre Häuser sind nett und bequem gebaut. Die Entstehungsweise der Colonie ist folgende. Im Jahr 1738 flüch teten sich etwa 40 Crcolensclaven von den Besitzungen der hollän dischen Compagnie auf ein im Cuyuni gelegenes Eiland, welches noch heute die Creoleninsel heißt, die anbauten und verschanzten. Die günstige, feste Lage ihres Zufluchtsortes und die Furcht, ihr Beispiel möchte Nachahmung finden, veranlaßtc den holländischen Statthalter, zu Unterhandlungen seine Zuflucht zu nehmen. Unter den Bedingungen: daß sie ihre Streifereien nicht bis zur Colonie ausdchntcn, einen Monat um beit andern für dieselbe arbeiteten und keine weiteren Sclaven an sich zogen, wurde ihnen für sich25 und ihre Nqchkommen die Freiheit gewährt. Damit die Kinder nicht wieder in die Sclaverei zurücksielen, durften die Männer eine Zeitlang nur freie Jndianerinen heirathen, und sv hat sich etwa IVO Jahre lang bis zur Emancipation diese Colonie unvermischt erhalten. Ein zweiter Besuch Schomburgk s von Bartika aus galt der Mission Caria-Carla, wohin Bernau seinen Gast durch eine Anzahl seiner Zöglinge rudern ließ. Unter den Knaben waren, sobald man sich aus der angebautcn Gegend entfernte und wieder der freien Wildniß sich näherte, leicht die hcrauszufindcn, welche erst kurze Zeit in der Anstalt sich befanden. Obgleich kein Wort sprachen, so verrietst ihr Heimweh sich im schmerzlichen, sehnsüchtigen Ausdruck ihrer Mienen. Dieses Heimweh ist der Grund, warum Bernau keinen seiner Zöglinge während ihrer Aus bildung auf Besuch in die Heimat entläßt, wo die alten Erinne rungen leicht mächtiger werden könnten, als die neuen Eindrücke, während er für Besuche von Verwandten in der Anstalt ein eigenes großes Haus erbaut hat. Da sich die Sonne bereits hinter den Gipfeln der Bäume zu verbergen begann, sv begab sich die Gesellschaft in der Nähe der Werkstatt eines indianischen Schiffsbaners Land, um zu übernachten. Sie wurden gut ausgenommen, hatten aber Gelegen heit , unangenehme Erfahrungen über die Raubsucht indianischer Hunde zu machen. Robert Schomburgk hatte den Ruderern z n Lohn ihrer Anstrengung einen Schinken versprochen, und einer der Knaben wurde ins Boot geschickt, ihn zu holen. Der Knabe be nutzte die Gelegenheit, außer dem Schinken, Brod und Reis, auch seine Hängematte luilzunehmcn. Als er nun in die Nähe deö Schuppens kam, hielt er für gerathener, seine Matte sogleich zu schlingen, che die übrigen die bestcit Plätze vorweg genommen haben würden. Der Schinken wird daher von ihm auf ein Bau holz gelegt und die Hängematte geschlungen. Als er aber den Schinken aufnehmen will, ist derselbe verschwunden; er tröstet sich mit der Hoffnung, der ihm nachfolgende Diener der Reisenden habe ihn genommen und zum Lagerplatz getragen; auffallend bleibt nur, daß die bisher lärmenden und bellenden Hunde ruhig ge- worden und verschwunden sind. Vergebens war alles Suchen und Rufen; der verschüttete Reis verricth daS Schicksal der übrigen Speisen, und bald kehrten die Räuber, ihre fetten Schnauzen leckend, aus dem Walde zurück. Vor diesen Hunden ist das Fleisch im kochenden Topfe, ja der Topf selbst aus dem Feuer nicht sicher. Dürftigen Ersatz der verlorenen Speisen fanden sie am andern Morgen nach anstrengender Waffcrfahrt auf der Mission Caria- Earia, welche 40 Hütten mit etwa 100 Bewohnern, theils Farbige, theils Arawaak-Jndianer, zählt und den Dissenters angehyrt.N 26 Von hier kehrten die Misstonszöglingc noch am selben Tage nach Bartika-Grove zurück, um den nächsten Morgengottcsdienst nicht zu versäumen, während die Gebrüder Schomburgk nach Georgetown zurückfuhren. Die Vorbereitungen zu der großen Entdeckungsreise, welche zunächst die Vermessung der westlichen Grenzen zum Zweck hatte, bestanden zuerst in dem Ankauf eines großen Boots (Corial), Victoria genannt, welches in der Länge von 43 Fuß aus einem einzigen Stamme gehauen war, da nur so die erforderliche Leich tigkeit mit der beim Passiren der Felsenriegel nothwendigen Festig keit zu vereinigen ist. Sein Bord ward durch aufgesetzte Bohlen erhöht. Ein zweites Corial wurde gemiethet. Robert Schomburgk erhielt von dem Statthalter die Magistratswürde, um energisch die so nothwendige Mannszucht aufrecht halten zu können. Er war dadurch berechtigt, jeden Untergebenen, der sich gegen die von ihm unterschriebenen Instructionen oder Befehle der oberen Beamten der Ausrüstung verging, mit Gcldabzügen, Strafarbeit, Schmälerung der täglichen Rationen an Tabak und Rum, welche letztere Strafe sich bei den Negern als die wirksamste zeigte, bis zur Rückkehr nach Georgetown zu bestrafen. Richard Schomburgk nahm zur Bedienung und Aushülfe einen Würtemberger, Stöckle, und einen Knaben aus Halle, Lorenz, mit, welche zu den nach der Colonie verlockten Deutschen gehörten, aber die ungesunde Arbeit auf den Kaffecplantagen nicht hatten ertragen können. Er ertheiltc ihnen den uothwcndigsten Unterricht im Zuberciten der Thierkörper. Als Arzt und Zeichner begleitete vr. Echlin die Expedition, auch war der Distriktsbeamte der Flüsse Barima und Waini, Herr- King, beigegcben, um der Expedition von Seitcil der Indianer- alle nöthige Hülfe zu verschaffen. Endlich waren alle Vorberei tungen getroffen, alle Einkäufe besorgt. Kisten und Kistchen, ge füllt mit Erbsen, Reis, Kartoffeln, Kaffee, Zucker, Schinken; andre mit Flinten, Pulver, Schrot, buntem Kattun, Messern in allen Größen, Spiegeln, Perlen in verschiedenen Farben, Angelhaken, Kämmen, Scheercn, Näh- und Stecknadeln; Fässer und Füß chen mit eingepöckeltcm Rind- und Schweinefleisch, Essig, Rum, Spiritus und Wein, alles stand bereit und wartete des Ein ladens in den großen Schooncr, der die Expedition nach der Mündung des Waini-Flusscs bringen sollte. Der Morgen des 19. April 1841 fand die ganze Schiffsmannschaft in ihren schmucken weißleinenen Beinkleidern und Jacken mit rothen Aufschlägen und rother Leibbinde vor der Wohnung Robert Schomburgks ver sammelt; eben dahin hatten sich mit dem ersten Morgenstrahl alle Bekannten begeben, um Abschied zu nehmen, aber selbst hier, wo xs sich um das Leben ihrer Freunde handelte, konnten die Be-27 wohner der Colonic ihrer Wettlust nicht widerstehen, vielmehr wurden Wetten auf das Glücken oder Scheitern der Unternehmung abgeschlossen. Um Mittag lichtete der Schooner unter Kanonen donner und dem Huraah der versammelten Menge die Anker, und obgleich schon in der nachfolgenden Nacht ein Sturm das Schiff auf eine Sandbank warf, gelangten sie doch am 21. April in die Waini-Mündung, wo sie auf einer Sandbank ihre Zelte aufschlugen, um hier gleich die Küstenaufnahme zu beginnen, und zugleich ihr Gepäck zur Weiterfahrt auf die Boote umzuladen, da der Schooner nach Georgetown zurückkehren sollte. Von hier aus wurde die erste eigentliche Jndianerniederlassung besucht, Cumaka, ein Dorf von 12 Hütten, dem Stamm der Warrau s angehörig, welche wegen ihrer Unreinlichkeit berüchtigt sind. Der Schmutz und die Armseligkeit der nur aus Pfählen und Stangen anfgebautcn und mit Palmblättern gedeckte Wohnungen bildete auch wirklich einen schroffen Gegensatz zu dem Reichthum und der üppigen Farbenpracht der umgebenden Vegetation. Bei der Ankunft Richard Schomburgk s und seiner Begleitung waren die Hütten verlassen. Kaum aber hatten die Reisenden zum zeit weiligen Aufenthalt sich darin eingerichtet, so kam der Häuptling William, kenntlich an seinem Stabe und einem zerrissenen Hemde, das er trug, während seine Begleiter nur mit einem Lendenschurz bekleidet waren. Nach den ersten Begrüßungen, wobei Herr King den Dolmetsch machte, folgte sogleich die Frage nach Branntwein, und erst als dieser gereicht war, ließ er sich bewegen, den durstigen Reisenden eine Wasscrqucllc nachzuweisen. Auch die ganze weitere Unterhaltung war oft voll der Frage nach Branntwein unterbrochen, und zum Schluß ward nochmals dein Feuerwasser zugesprochcn. Speisen gewährten die geschossenen Vögel und die Yamswurzeln, tvelche die Indianer als Hauptnahrung bei ihren Hütten bauen. Am andern Morgen erwachte der Reisende in seiner Hängematte unter dem seltsamsten Concert. Tausende von Stimmen in den verschiedensten Abstufungen des Tones schlugen an sein Ohr, ver klangen plötzlich in weiter Ferne und näherten sich wieder, ver- schwammen in einander und lösten sich wieder von einander los. Momentane Stille folgte einem grellen Ausbruch der vereinigten Sänger, bis sie abermals durch ein beginnendes Gesumme und Gezwitscher, anfänglich kaum vernehmbar, dann immer mehr sich steigernd, unterbrochen wurde, daS endlich wieder in lebensfrohen Uebcrmuth ausbrach. Auch das Auge fand seine Beschäftigung: Rubine, Topase, Saphire, Goldtropfen schienen vor den bunten Blüthen und saftigen Blättern einherzuschweben. Es waren Coli- bris, die hier in großer Anzahl auf engem Raum vereinigt waren. Bald aber wurden die kleinen Sänger von wildem Geschrei über-28 taufet und ein großer Flug Papageien zog über die Hütte und ließ sich auf dem nahen Felde nieder, das außer mit Uamswurzeln auch mit Manioc, Zuckerrohr, Mais und Ananas bestanden war. Ungeheure Baume, welche beim Urbarmachen niedergeschlagen oder verbrannt worden waren, lagen dazwischen und der Urwald schloß sich unmittelbar daran. Diesen durchstreifte Richard, und als er von aller mächtigen Eindrücken dieser riesigen Natur erschöpft zurückkehrte, harrte seiner eine neue Ueberraschnng. Während seiner Abwesenheit waren nicht allein die Bewohner des Dorfes aus dem Walde, wo sie mit Anfertigung von Kähnen beschäftigt gewesen, zurückgekehrt, sondern alle Indianer der nächsten Nieder lassungen hatten sich hier versammelt. Theils auf den Fersen hockend, theils in Gruppen stehend, umgaben die Männer die Hütte, wo das Gepäck und Kochgeschirr der Europäer Stoff zu ihren Unterhaltungen zu liefern schien, während etwas davon ent fernt die Weiber und Kinder standen, mit einer Menge von zahmen. Affen, Papageien, Hunden, Hängematten und Früchten, die als Tausch,nittel benutzt werden sollten. Die War rau-Indianer sind fast durchgängig von kleiner Statur; die Männer 4 5, die Weiber selten über vier Fuß hoch. Obgleich scheinbar kräftig gebaut, sind sie doch nicht muskelstark. Der Kopf ist groß, die Beine gegen den Rumpf unverhältnißmäßig kurz. Doch unterscheiden sie ihr schönes schwarzes schlichtes Haar und ihre geraden Schenkel wesentlich von den wollhaarigen und säbelbeinigen Negern. Die Backenknochen sind breit, die Stirne ist niedrig, die Augen sind schwarz, nach der Nase schief geschlitzt, die Nase ist platt, die Zähne sind schlecht; Hals und Brust kräftig, Hände, Füße und Ohren sind sehr zierlich gebildet. Der Bart ist schwach und wird ausgerauft, wie auch die Augenbraunen bei beiden Geschlechtern. Die Stellen der Augenbraunen sowie die Mundwinkel werden mit einigen Linien tättowirt, doch ln so ge ringem Grade, daß es durchaus nichts abstoßendes hat. Der Ge sichtsausdruck des weiblichen Geschlechts ist melancholisch und mild. Die Mädchen heiralhen gewöhnlich mit dem zehnten Jahre und sind mit dem zwanzigsten Jahre aller Reize beraubt und abstoßend durch übermäßige Fettanhäufung. In Folge des Sumpfbodens und ihrer Unreinlichkeit sind gefährliche Augenentzündungen, nicht selten mit fast völligem Verlust des Gesichts, häufig unter ihnen, nicht minder Geschwüre an den Füßen, durch den bekannten Sand floh (Cliiga, Pulex penetrans) veranlaßt, der sich unter den Zehnen eingräbt und dort seine Eier hinlegt. Nachdem der Tauschhandel mit den Eingeborenen vorüber war, wobei die meisten für ihre Papageien und Früchte Branntwein, nur wenige Messer, Kattun, Perlen oder Geld verlangten, und der Häuptling William zurück--- 29 gekehrt war, nunmehr mit seinen vier Frauen, welche bis auf die jüngste, zehnjährige ihr Gläschen Branntwein mit Lust austranken, begann unter allen Weibern die größte Thätigkeit. Die während des Aufenthaltes im Walde verzehrten Vorräthe mußten erneuert, die dort zerbrochenen irdenen Geschirre durch andere ersetzt werden. Die Töpfe wurden aus dem Thon, welcher die Umgebung des Dorfes in reichem Maaße darbot, aus freier Hand geknetet, um ständlicher war schon die Bereitung des Manioc-Mehls, da diese Wurzel bekanntlich einen giftigen Saft enthält, der vor der Be nutzung der Pflanze als Speise entfernt werden muß. Dicß ge schieht, indem der auf einem europäischen Reibeisen klein geriebene Wurzclknollen in ein cytindrischcs elastisches Rohrgeflecht von 8 9 Fuß Länge mit Gewalt hineingestopft wurde, so daß das Geflecht bedeutend verkürzte und erweiterte. Dann wurde das eine Ende des Sacks oben an einem Querbalken der Hütte befestigt, durch das andere Ende ein Hebel gesteckt, dessen eine Seite mit einem starken Pflock am Boden befestigt wurde, während auf die andere 2 3 Weiber aus Leibeskräften drückten. Der solcher Ge stalt durch Verlängerung des Geflechtes zusammengepreßtc Brei entleerte seinen scharfen Saft, der in einem großen Topfe aufge- fangen, durch langes Kochen und Verdampfen eingedickt und mit einer starken Portion spanischen Pfcffcrs gewürzt wurde. Durch das Verdampfen verflüchtigen alle giftigen Bestandiheile und der so verdickte Saft wird allgemein als Brühe zu den Fleischspeisen benutzt. Füllt man ihn beständig mit den nach jeder Mahlzeit übrig gebliebenen Fleischresten auf, so gibt das den schon seit den Zeiten der holländischen Ansiedler bekannten Pfeffertopf (pepper-pött), ein Leckerbissen, der mit unseren Begriffen von Reinlichkeit freilich nicht gut zu vereinigen ist, wenn man liest, daß ein solcher Topf um so höher geschätzt wird, je älter er ist, und daß eine holländische Hausfrau einen solchen Topf dreißig Jahre hindurch unbeschädigt und natürlich auch ungereinigt zu erhalten wußte. Nachdeiu der Saft also gehörig ausgepreßt war, wurde die mehlige Masse durch ein Sieb getrieben, auf eine große eiserne Platte, englischer Arbeit, welche vorher auf den: Feuer erhitzt worden, ausgcbreitct und so zu Kuchen verbacken. Nur die Weiber waren thätig; die Männer sahen aus ihren Hängematten träg und gleichgültig ihrem regen Treiben zu, in welchem die Weiber noch gestört wurden durch die Kinder, welche bei jeder Annäherung der Weißen schreiend in ihre Arme stürzten, und durch die Hunde, welche hungrig und zudringlich sich herumtricbeu. Diese Scencn erneuerten während des Aufenthalts in Cumaka, da allmählich die ganze Umgegend die seltenen Fremdlinge kennen lerneit wollte, und das Leben steigertesich noch nach dcr Ankunft Robert Schomburgks mit dem übrigen Theil der Expedition. Indessen nahm das Wetter einen wesentlich verschiedenen Charakter an und alle Anzeichen verkündeten das Nahen der Regen zeit. Das heftige, blendende Wetterleuchten, das schon seit mehreren Nächten den ganzen Himmelsdom in eine feurige Halbkugel ver wandelt hatte, ging jetzt in grauenerregende Gewitterstürme über, bei denen unter den fürchterlichsten, wahrhaft sinnverwirrenden Donnerschlägen gewaltige Wassermassen herabstürzten. Fast täglich wiederholte sich diese schauerlich schöne Erscheinung: selten in den Vormittagsstunden, meist während des Nachmittags und der Nacht. Ein lautes, dumpfes Rauschen und Brausen in den oberen Luft schichten geht jedesmal dem Ansbruche voran, während die unteren Schichten noch im stillen Frieden ruhen, und kein Zittern des Blattes den schon hcreingebrochenen Aufruhr verräth, der bald mit ungebändigter Gewalt über weite Strecken hinsanst. Das Brausen und Sausen senkt sich immer tiefer und tiefer, schon schlagen die oberen Zweige dcr mächtigen Riesenbäume wild an einander, ihre biegsamen Wipfel geben entweder der Gewalt nach, oder die Stämme stürzen unter dem fürchterlichsten Krachen ent wurzelt nieder, alle die kleineren Sträucher und Bänme in ihrem Falle mit sich niederreißend. Oft hält ein solcher Aufruhr stunden laug an, wobei dichte Finsterniß herrscht, welche nur von einzelnen zuckenden Blitzen zerrissen wird : die Zwischenzeiten, wo Ruhe herrscht, sind aber für den Naturforscher besonders geeignet, die erfrischte Thier- und Pflanzenwelt zu untersuchen. Richard setzte dann auch seine Ausflüge in den Urwald fort, bis ein anhaltendes Jucken und Brennen, das er schon seit mehreren Nächten in den Zehen und unter der Sohle gefühlt, sich soweit steigerte, daß er dasselbe nicht länger unbeachtet lassen konnte. Ein Farbiger, den er seine Füße untersuchen ließ, erklärte sogleich die Anwesenheit von Sand flöhen als die Ursache, und schnitt, trotz der kurzen Dauer des Uebels, 83 Stück aus der Sohle und den Nägeln, welche zu diesem Zweck bis auf die betreffende Stelle gespalten werden mußten, heraus. Das Eingraben des Insekts geschieht ganz unbemerkbar, da das leise Jucken beim Anfang desselben nach einem anstrengenden Tage die Nachtruhe nicht stören kann. Erst nach zwei Tagen tritt empfindliches Brennen ein, und nun bemerkt man an der schmerz haften Stelle einen bläulichen Fleck von der Größe einer Erbse, den mehrere Hunderte von Eiern enthaltenden Beutel. Aus den Eiern entwickeln sich sehr schnell wurmartige Maden, welche nun sich ihre eigenen Höhlen weiter graben. Nicht nur die Eingeboruen sind von dieser Plage befallen, so daß manche Niederlassungen deshalb verlassen werden müssen, und selbst die Hunde werden31 häufig durch die Sandflöhe ganz unfähig zum Laufen gemacht. Die Männer in ihrer Trägheit und Indolenz nie, aber bei manchen Stämmen, nur nicht bei den Warraus, die Weiber, welche hier selbst ihre Kinder leiden lassen, haben soviel Mitleid, die armen Thiere von ihrer Qual zu befreien; in anderem Falle sieht man dieselben meist heulend und winselnd an ihren Pfoten reißen und nagen. Ist das Nebel einmal eingerissen, so müssen aus den Füßen jeden Morgen 20 30 Maden herausgeschnitten werden, . durch welchen fortgesetzten Reiz aber endlich eine solche Entzündung entsteht, daß die Füße zum Gehen untauglich werden. Keine Verwahrung der Füße schützt dagegen; am meisten scheuen sie noch die Nässe. Andere Körperthcile sind nicht mehr verschont im Urwalde. Eine rothe Milbe, welche aus allen Grashalmen fitzt, hängt sich den Vorübergehenden an und gräbt sich in die Haut ein, wo sie ein unerträgliches Jucken und schmerzhafte Beulen be wirkt. Alcohol und Citronensaft tödct sie. Hände und Gesicht werden von Moskitos und einer großen schwarzen Ameise heim- gesucht. Der Biß dieser letzteren, obgleich von geringer localer Wirkung, macht einen furchtbaren momentanen Eindruck auf den Körper: Beklemmung der Brust, Gliederschmerzen und ein lähmungs artiger Zustand des ganzen Körpers sind die Folgen. Neue Leiden führte die Regenzeit mit sich. Bald schlich sich das Fieber unter der Mannschaft ein, und die Reisegesellschaft war genöthigt, viel länger in dem elenden Dorfe zu verweilen, als ihre Absicht gewesen war. Dichte Nebel verbargen den kühlen Morgen hindurch die Umgebung der Wohnungen; in der von Feuchtigkeit gesättigten Luft litten die naturhistorischen Sammlungen, namentlich die getrockneten Pflanzen und Insekten. Wurde nur einen einzigen Tag hindurch versäumt, die Pflanzen umzulegen und mit neuem, am Feuer getrockneten Papiere zu versehen, so waren am nächsten Morgen alle unter Gefahren und Mühen ge- . sammelten Schätze mit einem gelblichen Schimmel überzogen, dessen plötzliche Entstehung sich durch keilte Vorkehrungen abwenden ließ, mochten auch alle Fugen und Ritzen der Kisten mit Harz und Pech überzogen sein; und wurde nicht jeder helle und sonnige Augenblick zum Lüften der gesammelten Insekten und Vogelbälge benutzt, so vernichtete derselbe Schimmel auch diese. Als endlich die Regenzeit wieder nachzulassen begann, was durch das Unregelmäßigwerden der Stunden, in denen die Güsse fallen, bezeichnet wird, ließ auch das Fieber der Mannschaft nach, und nun brach die Expedition auf, um durch den Barima-Fluß in den Orinoco zu gelangen. Das war die erste Nacht Richard s im Urwalde, der seine üppige Vegetation bis an die Flußnfcr vor schiebt. Den Eindruck beschreibt Richard folgendermaßen: Schon 32 bei einbrechender Dämmerung erhellten tausend leuchtende Insekten die Luft nach allen Richtungen hin. Bald hüllte die Nacht alles in ihren dunkeln Schleier ein; hie und da aber verkündete das Zirpen der Grillen, daö Quaken der Frösche, daß unter ihm das Leben nicht feierte. Noch hörte man nur diese Stimmen, und ein leises Summen der Moskitos, das dann und wann durch den gleichmäßigen Ruderschlag der Bootsleute, oder das Aufspringen und Plätschern eines Fisches unterbrochen wurde. Bald aber erwachte das ungeahnte Leben der Natur, und begann mit dem dumpfen abgebrochenen Gebrüllc ungeheuerer Frösche, das jene kleinen Arten bereits im schwächeren Grade eingeleitet hatten, dem sich dann das schauerliche Geheul der Brüllaffen und die grellen durchdringenden Stimmen der kleinen Winselaffen anschließen." Später in der Nacht feiert alles dies Getön, nur der Rudcr- schlag des Schiffes wird noch vernommen, bis etwa sein Nahen eine auf den Wurzeln nahe am User ruhende Heerde von Wasser vögeln aufschencht; ihr greller Schreckensruf führt alle jene dumpfen, klagenden, pfeifenden und schrillenden Stimmen wieder ins Leben zurück, die kaum erst geschwiegen. Da wirst der Mond sein magisches Licht durch den momentan zerrissenen dichten Wolken schleier, und erleuchtet die ruhige, düstere Wasserfläche, auf der sich die Schatten der Uferumsäumung begegnen, bis im nächsten Augen blick die ganze Umgebung wieder in tiefes Dunkel versinkt." Endlich däinmerte der Morgen und übergoß die vielfach zer rissenen Wolken mit einem eigenthümlichcn Colorit. Die grausen Töne der Nacht waren längst verstummt und durch die schnarrenden und klagenden Rufe mehrerer hühnerartiger Vögel ersetzt. Jetzt färben sich die obersten Wedel der Leopoldiniapalme und gehen in gedankenschnellem Wechsel aus einem dunkeln Grau in ein brennen des Gelb über. Der junge Tag ist angebrochen, die Sonne hat sich über den Horizont erhoben und wieder jenes schon geschilderte rege Leben hervorgerufen. Hunderte von Papageien ziehen paar weise unter dem schrecklichsten Lärmen über den Fluß hin und das Auge schwelgt in dem Farbeutvechsel, der sich bei der immerwährenden Eile und Geschäftigkeit des fliegenden Völkchens entfaltet; wie bunte, funkensprühende Meteore bewegen sich mit Blitzesschnelle zahllose Colibris von Vlüthe zu Blüthc; der Pfefferfresser (Tukan) läßt seinen Laut von den höchsten Baumgipfeln ertönen, während der Oriolus (Pirol) neugierig aus seinem an einem Baumast be festigten beutelförmigen Neste schaut, und sich alle mögliche Mühe gibt, die verschiedenen Stimmen, die um ihn ertönen, nachzuahmen. In langen Schtvärmen zieht der rothe Ibis, sein glänzendes Gefieder in der Sonne spiegelnd, der Küste entgegen." Der Barima - flu ß ist, besonders gegen seine Mündung hin, durch eine Menge3 33 schwimmender Inseln belebt. Von Grasmassen und schönblühenden Sumpfpflanzen gebildet, welche das hohe Wasser von den Ufern abrcißt, werden von der Flußströmung und der Mceresfluth hin und hergespült und erreichen selten die offne See. Gegen Mittag gelangten die Boote glücklich zur Barimamündung und damit zugleich zu den stolzen, langsam dahinrollendcn Wogen des Orinocv. Mit Mühe fanden auf dem niedrigen, von der Meercssluth gerade überschwemmten Mündungsland ein trocknes Plätzchen, das aber erst mit der Art vom üppigen Gesträuch und den Schlingpflanzen gereinigt werden uuißte, ehe man beginnen konnte, darauf die Zelte aufzuspannen. Während man mit den Vorbereitungen zum Nachtlager noch beschäftigt war, zog ein immer stärker werdendes Gesumme und Getön die Aufmerksamkeit auf sich. Bei näherer Untersuchung entdeckte man die Quelle jenes Geräusches in Myriaden von Moskitos, welche jetzt noch harmlos herumschwärmten, nach Sonnenuntergang aber blutdürstig über die Gelagerten her- ficlen. Das ersehnte Abendessen im Stiche lassend, flüchtete alles in die Hängematten, in welche die Indianer zu einigem Schutz gegen die Stiche sich einwickelten, während die Europäer ihre Mos kitonetze darum ausspannten. Doch gewähren diese nur ungenügen den Schutz, da einzelne durchdrangen, während auf der andern Seite das Athmen in der fcuchthcißcn Luft durch die Netze erschwert und die Beklemmung und Aufregung durch das beständige Summen der Quälgeister um das Netz herum gesteigert wurde. Mit Ent zücken sahen die gepeinigten Reisenden den Morgen anbrechcn, mit dessen Annäherung die Stechfliegen an ihren Vrutort, in den Uferschlamm sich zurückzichen. Mit jeder Nacht wiederholte sich diese Plage, welche bei hcrannahcndem Gewitter oder Regen sich bis zum Unerträglichen steigerte. Der Tag dagegen bot manchen Genuß und sogar nicht selten eine Erheiterung. Auf der Vogcl- jagd war immer die größte Schwierigkeit, in dem schlammigen Boden der gemachten Beute habhaft zu werden. Deshalb wurden bei solchen Jagdzügen immer einige Indianer oder Neger mit genommen, welche, sobald einen schmackhaften Vogel, etwa eine wilde Ente, getroffen aus der Lust stürzen sahen, sich augenblicklich auf den Bauch warfen und in Schlangenwindungcn sich 100 biö 200 Fuß weit nach dem festliegenden Vogel hinbewegten. Ost schlug auch wohl der Schlamm über den ganzen Körper zusammen, und man sah nur den schwarzen Kopf nach dem Ziele sich vor drängen, oder der Vogel raffle seine letzten Kräfte zur Flucht zu sammen, so daß ein höchst belustigendes Wettrutschen entstand, biö der eifrige Verfolger den Flüchtling mit den Zähnen erfaßte und Ufer trug. Auch an Fischen zeigte sich reiche Beute, doch nicht ohne Gefahr, da ein großer Wels (Bagrus rnesops) am ersten34 Strahl der Rücken- und Bauchfloße einige feine Wiederhaken besitzt, welche beim unvorsichtigen Anfassen des Fisches, ehe er todt ist, gefährliche Wunden verursachen. Der Fischreichthum der Barima- mündung ist so groß, daß zu manchen Zeiten die Welse in solchen Mengen sich anhäufen, daß es nicht mehr nöthig ist, eine Angel auszuwersen; man kann sie dann mit Stangen erschlagen. Andre werden mit einer Baumfrucht geködert und dann mit Pfeilen erschossen, worin die Warrausindianer große Geschicklichkeit besitzen, noch andre mit Angeln und Netzen gefangen. Die Hauptzeit der Fischerei sind die drei letzten Monate des Jahres, wo ganze Cara- vanen sich deshalb hierher begeben. Auch der Zitteraal (Gymnotus electricus) kommt hier vor und ist trotz seines Fettreichthums ein Lieblingsessen der Indianer. Am 19. Mai war die Aufnahme der Barimamündung vol lendet, und am folgenden Tag war die Expedition zur Rückreise nach dem Cumaka cingeschifft. Kurz ehe in den letztgenannten Strom cinfuhren, bemerkte einer der Indianer ein drcizehigcs Faulthier den hervorstchenden Wurzelästen der Rhizophora, das dort ausruhte und mit wehmüthigem, bittendem Blick sich er greifen ließ. Freilich war dies leichter, als das Thier von den Wurzelästen zu trennen, an die es sich mit aller Kraft angeklammcrt hatte. Erst nachdem ihm die beiden Borderfüße, seine einzige, aber wegen der langen, einwärts gebogenen scharfen Klauen höchst ge fährliche Bertheidigungswaffe, gebunden waren, gelang drei Indianern unter Aufbietung aller Kräfte, ihn von den Wurzeln loszureißen. Das Faulthier ist fast nicht wieder zu erkennen, je nachdem man es auf der Erde, zu deren Beschreitung, besonders wenn der Boden ganz eben ist, seine Beine nicht gebaut sind, oder in seinem Elemente, in der Krone eines Baumes sieht. Ohne Mühe und Anstrengung bewegt es sich hier von den untersten Aesten bis zum Gipfel, von Baum zu Baum, namentlich wenn ein starker Wind dieselben bewegt und die Acste der einzelnen Bäume einander näher bringt, so daß es diese leichter ergreifen kann. Einen eigen- thümlichen Anblick gewährt cs, wenn man daö Thier sich an den Aesten sortbewegen sieht, wobei es ebenfalls, seinem ganzen Baue gemäß, niemals die obere, sondern stets die der Erde zugekehrte Seite des Astes benutzt. Mit dem Rücken nach unten hängend, streckt es zuerst einen Vorderfuß soweit als möglich aus, schlägt dann feine Krallen ein, streckt den zweiten Vorderfuß bis zu der selben Stelle vor und zieht zugleich beide Hinterfüße nach. Auf diese Weise bewegt es sich ziemlich schnell fort. Im Schlaf ^und während der Ruhe hängt fortwährend so, mit allen vier Füßen einen kleinen Raum umklammernd, unter dem Aste. Steigt es von Ast zu Ast in vertikaler Richtung, so geschieht dieß auf dieselbeWeise durch Anklammern mit einem Vorderfuße, dem die drei andern Füße Nachfolgen. In dieser hängenden Stellung beharrt das Thier stundenlang ganz behaglich, während auf ebenem Boden es in mehreren Stunden unter schweren Athemzügen kaum ein Paar Schritte weit sich forrbewegt. Kanin waren unsere Reisenden nach Cumaka zurückgekehrt, so bedeckte der Landungsplatz sich mit Corials, Kähnen, in deren Verfertigung die Warraus, obgleich ohne die mindeste theoretische Kenntniß des Schiffbaus, große Fertigkeit besitzen. Während des Kriegs von Spanien mit seinen Colonien wurden von Seiten der Columbier die von ihnen gefertigten Corials sogar zum Kriegs gebrauch benutzt und mit 70 bis 80 Manil und zwei Dreipfündern besetzt. Sie benutzen dazu die Stämme der Jcica, einer Tcrebin- thacee, oder des Bombar. Sie verfahren dabei so, daß der Baum mit der Art zuerst im Rohen ausgehöhlt und dann, wenn ein Wasser in der Nähe, in dieses gelegt wird, oder im andern Falle die Vertiefungen mit Wasser gefüllt werden, so lange noch welches eindringt. Nach einigen Tagen wird der Stamm auf ein Gerüst gebracht, unter dem einige Feuer angczündet sind, und hier vollends ausgearbeitet. An den breiten Seiten wird durch starke Stangen aus einander gehalten, und dadurch sowie gleichzeitig durch den krümmenden Einfluß der Hitze des Feuers, erhält das Boot seine muldenförmige Biegung an beiden Enden. Dieß ist der mißlichste Thcil der Arbeit, indem bei der geringsten Vernachlässigung oder wenn die Feuer nicht ganz gleichmäßig brennen, das Holz augenblicklich springt. Ein solches Boot von 33 Fuß Länge kaufte Richard Schomburgk für 25 fl. und hat auf einer dreijährigen Reise bewährt gefunden. Die fortwährenden heftigen Regengüsse und die dadurch entstandene Feuchtigkeit der Atmosphäre riefen wieder neue Krank heiten, Fieber und Ruhr, unter der Mannschaft hervor, so daß Robert S. sich genöthigt sah, mit wenigen Begleitern am 27. Mai nach dem Amacuruflusse aufzubrechcn, der als ein Theil der Grenz linie zwischen Venezuela und Britisch-Guiana angenommen werden sollte, Richard blieb zurück, gepeinigt von Sandflöhen und Mos kitos Seine schmerzenden Füße hielten ihn jedoch nicht ab, nach einigen Tagen einen botanischen Ausflug anzutrcten nach den Ufern des Aruca, wohin er sich, da seine in Cassadabrei cingchüllten Füße nur wenige Schritte zu gehen erlaubten, in einem Canoe fahren ließ. Er f^up Port reiche Ausbeute, da die Regenzeit eine ganz neue Flora hervorgerufen, und traf, als er am 7. Juni nach Cumaka zurückkehrte, am Landungsplatz ein fremdes Canoe, auf dem eine Gesandtschaft der Arawaaks-Jndianer gekommen war, um für den folgenden Tag die Ankunft ihres Häuptlings Caberalli 3 *36 anzumelden. Ein plötzlich ausgcbrochenes Geschrei und wildes Singen verkündigte am folgenden Morgen seine Ankunft. Daö große Corial des Häuptlings nahm die Spitze einer Flotille von kleineren Kähnen ein. Unter fortdauerndem, sich steigerndem Lärm seiner Begleiter stieg Caberalli, eilte kleine Gestalt mit tättowirtem Gesicht, in lveiße Leinwand gekleidet, ein rothes Tuch um den Kopf, aus Land und begab sich, ohne die Europäer oder den Häuptling William eines Blickes zu würdigen, nach der Nieder lassung, wo auf seinen strengen Befehl die Bewohner sogleich ihre Hütten räumten, in deren bester Caberalli sich häuslich einrichtete. Eine Menge Begleiter schleppten Reiseküchengeschirr herbei, und nun sah der stolze Herrscher in seiner prächtigen Hängematte gestreckt, den Huldigungen der Europäer entgegen. Da diese aber etwas zögerten, so begann er etwa nach einer Stunde, nachdem sein ganzer Gemüthszustand allmählich auf seinem Gesichte sich gemalt, die ersten Schritte zur Anknüpfung von Beziehungen mit den Europäern zu thun. Seine Begleiter hatten sich in den übrigen Wohnstätten der Niederlassung eingerichtet, deren Einwohner sich unter neu erbauten Schutzdächern genügen lassen mußten. Ca- bcralli s Fischer und Jäger gingen auf Beute aus, und so sah er ruhig der Rückkehr Robert Schomburgks entgegen, mit dem er seine eigentlichen Geschäfte zu verhandeln hatte. Jeder Tag brachte neuen Besuch, und so erhielt Richard Gelegenheit den Tanz der Warraus zu beobachten. Daö leitende Instrument ist eine Geige mit zwei Saiten, welches ein alter Indianer mit seltener Ausdauer stundenlang spielte, unaufhörlich ohne Modulation die zwei Töne hervorlockend. Unterbrach er sich, so geschah nur, um von den anwesenden Europäern ein Glas Branntwein zur Stärkung zu erbitten, und erhielt er dieses nicht augenblicklich, so unterstützte die ganze Tanzgesellschaft sein Verlangen, weil er nicht eher weiter spielte, als sein Wunsch erfüllt war. Die Geige kam offenbar aus der Colonic, interessanter war den Reisenden daher die nationale Musik der Warraus, welche nach Art der russischen Hörner aus Bläsern verschieden langer Bambusrohre zusammen gesetzt ist, wobei der Leiter des Ganzen, der Musikdirektor, den jedes Dorf besitzt, die schwierigste Stellung hat, welcher aber doch sein Zeichen so richtig gibt, daß ein Grundzug von Harmonie in dem Lärm herrscht. Unter den Tänzen werden mehrere allein von Männern auf geführt, besonders der Affentanz, der Faulthier- und Vogeltanz; interessanter war einer, an dem beide Geschlechter Theil nahmen. Nach mannigfachen Verbeugungen und einer Beschwörung und Verbannung der bösen Geister vom Tanzplatz von Seiten des Geigers begann der eigentliche Tanz, wobei die Paare, derTänzer von der Tänzerin erwählt, schreitend und stampfend sich vor-, seit- und rückwärts gegen beit alten Geiger hinbewegten. Zur besseren Angabe des Taktes sind die Füße der Tänzer mit trockenen Saamenkapseln umwunden, welche ein schellenartiges Geräusch machen. Unfern Reisenden siel die Menge von Narben auf, welche die Anwesenden als Spuren des Zerplatzens schlechter Gewehre, oder als Zeichen erlittener Beinbrüche, Beilhiebe, Bisse von wilden Thieren oder von Schlägen im Streit an sich trugen, und welche sämmtlich gut geheilt waren. Sogar die Wunde eines jungen Mannes, der, von einer giftigen Viper (Trigmoceplialus atrox) gebissen, in rascher Besinnung sich den vordern Theil des Fußes abgehauen und so sein Leben gerettet hatte, war so gut vernarbt, daß er kaum merklich hinkte. Am 10. Juni kehrte Robert Schvmburgk von seinem Ent- deckungszng nach Cumaka zurück. Nach Robert SchombnrgkS Rückkehr rückte Caberalli gegen diesen mit seinem wichtigen Geheimniß heraus. Es handelte sich um nichts geringeres als um einen, von einem zwölfjährigen Knaben begangenen Mord, dessen Motive für den Culturzustand der Indianer zu wichtig sind, als daß wir hier nicht einen Augen blick dabei verweilen sollten. Der Häuptling William, von Caberalli als Mitwissender dem die Untersuchung führenden Herrn King bezeichnet, erklärte ruhig, er. habe die That nicht angczeigt, da er in einem Act der Blutrache nichts Arges gesehen. Das Verhör, welches große Schwierigkeiten hatte, da von allen Anwesenden nur Caberalli und der Dollmetsch der Erpedition des Warrau und des Englischen gleichzeitig einigermaßen mächtig waren, ergab, daß der Ermordete Waihahi, als Piai (Zauberer) bekannt und gefürchtet, bei dem Stamme des Knaben zum Besuch gewesen tvar. Bei einem Trinkfeste war er mit dem Vater des Knaben in Streit gerathen und hatte diesem Rache geschworen. Kurz darauf starb plötzlich der Vater und bald nachher unter denselben Erscheinungen die Mutter. Der kühne Knabe trat dem Piai offen entgegen und zieh ihn des Mordes durch Zauberei. Waihahi, aus Selbsttäuschung über seine Macht oder um sein Ansehen zu vermehren, drohte mit fernerer Rache, so lange noch ein Glied der gehaßten Familie, also der Knabe, lebte. Da beschloß dieser, dem Mörder zuvorzu kommen. Die näckste Ursache war ein Streit des Zauberers mit dem Häuptling William bei einem Trinkfeste, wobei jener dieselben Drohungen ausgestoßen. Als Waihahi nach dem Gelage berauscht in seiner Hängematte lag, schlich der Knabe in seine Hütte und zerschmetterte ihm mit der Keule den Kopf, 8 Die europäische Rechtspflege kam in eigenthümlichen Conflict mit den Sitten und Rechtsbegriffen der Indianer, da Herr King, statt die That, als auf zwischen England und Venezuela streitigem Gebiet geschehen, zu ignoriren, kunstgemäß dagegen vorging. War die Tödung, welche der Knabe frei bekannte, als Blutrache, Noth- wehr und Rettung des Häuptlings, bei den Indianern durchaus gerechtfertigt, so fand Herr King, als er zur Herstellung des Thatbestandes den Leichnam des Zauberers auszugraben befahl, nicht nur keine Hülfleistung von Seiten der Eingeborenen bei der verabscheuten Handlung, die Ruhe eines Todten zu stören, sondern es bedurfte auch der Ausbietung der ganzen Schiffsmannschaft in Waffen, um die Ausgrabung gegen Störung zu sichern. Das Versprechen doppelter Dtation an Branntwein hatte einen Farbigen, nachdem auch die Neger unter Zeichen des Abscheu s abgelehnt, bewogen, das Grab zu öffnen. Der Geruch des faulenden Leich nams trieb nach den ersten Spatenstichen unter wildem Geheul alle Indianer von dannen. Nur der Knabe blieb und sah mit steigender Aufregung dem Fortgang des Werkes zu. Der Tiger kann nicht mit mehr Gier auf den günstigen Augenblick harren, der ihm die Beute sichert. Nachdem der Körper vollkommen frei gelegt und die Hängematte aus einander geschlagen war, zeigte sich die ganze rechte Kopfseite zertrümmert und die zersplitterte Hirn schale in das Innere des Kopfes hineingetrieben. Nachdem der Knabe regungslos mehrere Minuten lang das schreckliche Bild an- gestarrt, richtete King die Frage an ihn, ob er das gethan? Mit funkensprühcndem Auge hob der Knabe plötzlich seine jugendliche Gestalt empor, ließ seinen wilden, höhnisch triumphirenden Blick erst auf einem jede Einzclneit der Umstehenden ruhen, ballte dann krampfhaft die Faust und reckte den Arm unter gewaltiger Muskel anstrengung empor, um ihn mit Gedankenschnelle wieder nieder sinken zu lassen. Plötzlich athmete die gepreßte Brust in tiefen Zügen auf, Schweißtropfen traten aus allen Poren hervor; er blickte no * einmal mit wild triumphirendem Auge auf den Leich nam und mit einem durchdringenden Schrei schloß die erschütternde Scene, welche den Umstehenden den Ausdruck gesättigter Rache in einem leidenschaftlichen Gemüth gewährte. Ohne Schrecken, im Bewußtsein recht gehandelt zu haben, hörte der Knabe den Befehl Kings, ihm nach der Hauptstadt zu folgen, wo er nach jähriger Untersuchungshaft freigesprochen wurde. Die War raus oder Guaranos bewohnen ausschließlich die niederen Küstenstriche zwischen dem Orinoco und Essekibo, ungefähr 100 engl. Meilen landeinwärts in einer Personenzahl von etwa 1650. Unsere Reisende haben nie gesehen, was frühere Gcwährs-39 männer berichteten *), daß sie ihre Wohnungen auf Bäumen erbauten, um vor den Uebcrschwemmungcn sicher zu sein, wohl aber haben sie ihre kunstlosen Hütten aus Baumstämmen errichtet gefunden, die in einer gewissen Höhe vom Boden abgehaucn und mit Stücken Holz bedeckt waren, wodurch eine Art Plattform gebildet wurde, die schon vor ziemlich erhöhtem Wafferstande sichert. Geistig stehen die Warraus sehr niedrig. Heftige Leidenschaften sind allein im Stande in Bewegung zu setzen, und um ihre Rachsucht zu be friedigen, können sie jahrelang sich kunstvoll verstellen. Die Zeit, welche der Warrau ilicht auf der Jagd zubringt, verweilt er träge in seiner Hängematte. Wild und Fische sind ihre Hauptnahrung, doch verschmähen sie auch Ratten, Assen, Alligatoren, Frösche, Würmer, Raupen, Larven und Käfer nicht, Im Fangen und Schießen der Fische besitzen sie bewundernswerthe Geschicklichkeit, aber nur wenige überwinden ihre Trägheit soweit, daß sie den Ueberschuß ihrer Beute in die Kolonie zum Verkauf bringen oder auf leichtem Feuer das Fleisch zum eigneil Vorrath trocknen. Das Fleisch wird zu den Mahlzeiten, deren fünf täglich ge halten werden, in seinem Blute gebraten und mit spanischem Pfeffer stark gewürzt. Die Weiber kommen erst zum Essen, wenn die Männer fertig sind. Es herrscht bei den Warraus Vielweiberei; die Ehen werden früh geschlossen und das Mädchen entweder durch Arbeit des Mannes im Dienste der Eltern oder durch Geschenke erkauft. Nach der oft schon int zehnten Jahre dcö Mädchens geschlossenen Ehe ist die einzige Gegenleistung des Mannes für die Besorgung des ganzen Hausivcsens und seine eigne Bedienung, daß er ein Stückchen Wald von Gesträuch und Bäumen reinigt und der Frau zu weiterer Bestellung und Unterhaltung als Provisions feld übergibt. Wird das Weib alt, ein Zustand der gewöhnlich schon im zwanzigsten Jahre cintritt, so sucht er sich unter den Mädchen von 7 8 Jahren eine zweite Frau, welche er bis zur Mannbarkeit seiner älteren Frau zur Erziehung übergibt. Die Herrschaft im Hause verbleibt unbestritten der ersten Frau, soviel Weiber der Warrau auch nehmen mag. Der Sclavendicnst der Weiber beginnt beim frühen Morgen und dauert selbst die Nacht hindurch, da kleine Feuer in den Hütten, theils zu deren Erwärmung, theils um die Moskitos zu vertreiben, unterhalten werden müssen, der Mann dagegen bringt *) M- . vergleiche: Kurze wunderbare Beschreibung M Königreichs Guiauae in Amerika -e., neul.ch ,ai w M, W ffi M dem Wolgebornen Hrn. Walthero Nalegh emem Engl. Ru worden, ins Hochdeutsche gebracht, durch Levinum uls.ura. Nomnb ^ wo auf der Tafel zu S. 3 di- auf Baumen errichteten Jndmueryntten in der Oriuoco-Mündung abgebildet sind,40 den größten Theil des Tages halbschlummernd oder, wenn er eines Spiegels habhaft geworden ist, mit der Bewunderung seines Ge sichtes beschäftigt, in der Hängematte zu, und hat natürlich balv ausgeschlafen. Daher pflegen die Indianer sich an frühen Morgen stunden die Zeit durch eine mit ihren Nachbarn von Hütte zu Hütte lautgeführte Unterhaltung zu vertreiben, was für den durch seine Tagesgeschäftc ermüdeten Europäer nicht wenig lästig ist. Eigemhümlich ist es, daß die Kinder gewöhnlich erst im dritten oder vierten Jahre ganz entwöhnt werden, so daß oft das ältere ruhig vor der Mutter steht und die gewohnte Nahrung zu sich nimmt, während ein jüngeres auf dem Arm der Mutter an der zweiten Brust trinkt. Lächerlich sieht es ans, wenn ein kräftiger Bursche mit einer ziemlichen Last Früchte von einem hohen Baume herabklettert und zur Mutter eilt, um seinen Durst zu stillen. Aber noch auffallender ist es, daß die Weiber jungen Affen, Beutcl- ratten rc. mit gleicher Zärtlichkeit die andere Brust reichen, wenn aus der einen das Kind schon die Nahrung sog. Der Stolz der Frauen besteht hauptsächlich in dem Besitz einer großen Anzahl zahmer Hausthiere. Was sie daher von jungen Säugethicren sangen können, ziehen sie an ihrer eignen Brust auf, wodurch diesen Thieren, namentlich den Affen, eine solche Anhänglichkeit eingc- pflanztwird, daß der Pflegemutter auf Tritt und Schritt folgen. Knaben und Mädchen zeigen sich von der frühesten Jugend an zu allen Dingen geschickt, namentlich ztim Klettern und Schwimmen; Mädchen von 4 5 Jahren sah Schomburgk oft schon auf den höchsten Bäumen. Das erste, was der zum Bewußtsein erwachte Knabe ergreift, sind Bogen und Pfeile, die ihm der Vater oder ältere Bruder verfertigt; der höchste Grad kindlichen Stolzes spiegelt sich in den blitzenden Augen, we ni der Pfeil das erwählte Ziel: kleine Eidechsen, Heuschrecken n. erreicht, und bald hat er durch das Hcrumtummeln auf den Bäumen und das ununterbrochene Leben unter den Thieren des Waldes soviel Kraft und Gewandtheit erlangt, daß er den Vater auf die Jagd und den Fischgang be gleiten kann. Ebenso früh unterstützett die Mädchen die Mutter in den Geschäften dcö Hauses, helfen ihr das Brod backen, das Lieblings getränk bereiten, und tragen von dem Nahrungsfeld Lasten von Cassadawurzeln nach Hause, unter denen ein europäisches Mädchen von doppelten Jahren zu Boden sinken würde. Wird eigentlich das Kind von dem Vater nur wenig beachtet, von der Mutter fast äffisch geliebt, so scheuen sich doch beide gleich stark vor alten körperlichen Züchtigungen der Kinder und lassen selbst größere Ver gehen derselben ungestraft. Das Tättowiren und daö Durchbohrcil der Ohren und der Nascnscheidcwand wird gleich nach der Geburt41 vorgenommen und die Oeffnung durch kleine Stückchen Holz offen erhalten. Bereits im ersten Jahre leiden die armen Kinder an bösartigen Augenkrankheiten und sind mit einer förmlichen Schmutz rinde überzogen. Um sie nämlich vor den Muskitostichcn zu schützen, überstreichen die Mütter ihre Kinder mit Oel; so wälzen sie sich herum, und über den Staub wird täglich so lange Oel eingerieben, bis der Schmutzpanzcr eine solche Stärke erreicht hat, daß die Moskitos ihre Stiche nur verschwenden und das Blut vergebens suchen. Der Eintritt des Knaben in die Reihe der Männer findet wie bei vielen andern Stämmen erst nach Prüfungen statt, welche in schmerzhaften Wunden bestehen, die mit den Hauern des wilden Schweines oder der Schnabelspitze des Pfefferfressers auf Brust und Arme beigebracht werden, und die er ertragen Muß, ohne eine Miene zu verziehen. Die Geräthe in der oft von mehreren Familien bewohnten Hütte sind sehr einfach; Hängematten, einige Steine, um den Heerd zu bilden, thöncrne Gefäße von fast etruskischer Form zur Bereitung des Cassadabrodes, und die nöthigen Waffen; dazu kommen hie und da, von den Europäern geschenkt oder erhandelt, ein Spiegel oder Kamm, eine Flinte oder ein Beil. Das Eigenthum wird von ihnen heilig gehalten. 6 10 Hütten bilden eine Niederlassung, der ein Häuptling Vorsicht, dessen Ansehen sedoch nur im KriegeMllgemein anerkannt wird. Eigenthümlich ist, daß die Stammcsangehörigkeit nie vom Vater, stets nur von der Mutter hergelcitet wird; das Kind einer Warrauindianerin und eines Arawaak wird zu den Warrau s gezählt. Otach diesem Rechte der StammeSansprüchc richtet sich auch das Erbrecht. Die Enkel von den Töchtern, nicht die Söhne des Häuptlings haben das Erbfolgerecht auf die Würde dcö Großvaters, obgleich keineswegs streng auf diese Erbfolge gehalten wird, vicl- inchr Kraft und Kühnheit dabei auch in Anschlag kommt. Als die zweite Person nach dem Häuptling wird der Zauberer, Piai oder Piatsong, zugleich Priester und Arzt, betrachtet. Ihre reli giösen Ansichten statuiren einen einzigen Schöpfer, die Quelle alles Guten; das böse Princip dagegen ist durch eine Menge unter geordneter Geister, Jawahus, vertreten. Diese bringen also auch die Krankheiten hervor. Wird daher jemand krank, so wird der Piai gerufen, der mittels der aus einem mit Steinen gefüllten Kürbiß, welcher an einem durchgesteckten Stück Holz bewegt wird, gefertigten Zäuberklapper gleich nach Sonnenuntergang die Ent zauberung beginnt. Der Trug der Pricstcrkaste, in der die Geheimnisse sich fort- crben, ist bei diesen Naturmenschen schon sehr raffinirt und zeigt große Aehnlichkeit mit den z. B. Lei den alten Aegyptern aus gebildeten Priesterkünsten. Das Rasseln der Klapper, das Blasen42 von Tabaksdampf in daS Gesicht deö Leidenden, die absolute Dunkelheit, die ihn umgibt, da vor dem Beginn der Beschwörung alle Feuer in der Hütte gelöscht werden, sind sehr geeignet auf die Sinne des Kranken aufregend zu wirken. Der Priester spricht mit dem Dämon, wenn er ihn zum Erscheinen gezwungen hat, und bemüht sich, ihn zum Geständniß zu bringen, warum er den Leiden den plage. Der Kranke hört wohl zwei Stimmen, die der Priester als geübter Bauchredner hervorbringt, aber die Worte der Unter handelnden blieben ihm unverständlich. Die Erklärung, die der Dämon von sich gibt, ist natürlich immer sehr dunkel und zweideutig. Die Beschwörungen werden die ganze Krankheit hindurch fortgesetzt, bis zu ihrem glücklichen Ausgang, wo dann der Priester, je nach der Natur der Krankheit, auch wohl Dornen, Knochenstücke, Fischgräten rc. vorzeigt, welche er als die Ursachen der Krankheit durch Saugen an der schmerz hafte Stelle angeblich aus dem Körper entfernt hat. Kann aber die Krankheit zu keinem günstigen Ausgang geführt werden, so verzagt der Priester nicht, sondern klagt die Gegenkünste eines dem Kranken feindselige Zauberers an, wodurch außer der Rettung des eigenen Rufs zugleich der Vortheil erreicht wird, den Glauben an die Kraft der Zauberärzte rege zu erhalten-. Ihre Geheimnisse, wie crwGnt, erben sich in den Priesterfamilien fort, doch erst nach Prüfungen, deren hauptsächlichste in dem Trinken einer großen Schale voll Tabakssaft besteht, wobei der Candidat kein Zeichen von Abscheu von sich geben darf. Dagegen ist cS immer eine geringe Schattenseite des sonst so ehrenvollen und einträglichen Berufs, daß der Piai das Fleisch größerer von den Europäern in Guiana eingeführter Thicre nicht genießen darf. Wir finden also hier eine Analogie mit den Bramanen Indiens, und die ganze Weife, wie das Bestreben, von dem Menschen verborgenen Dingen mehr wissen zu wollen, als andere, ein complizirtes System des Trugs bet den verschiedensten Völkern ähnlich entwickelt hat, gehört nicht nur ethnographisch, sondern allgemein menschlich zu den interessantesten Gegenständen der Betrachtung. Der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode in ungetrübter Glückseligkeit findet sich bei den meisten Stämmen. Die Sittlichkeit der Indianer wird vorzüglich durch den Genuß des Branntweins gefährdet. Allerdings hat man mit Recht den Europäern den Gebrauch vorgcworfen, den von diesem Mittel gemacht, um sich die Herrschaft über die Eingeborenen zu sichern. Aber dieser Vorwurf ist darin übertrieben, als hätten die Indianer durch die Eroberer erst berauschende Ge tränke überhaupt kennen gelernt. Schon vor der Entdeckung Amerikas kannten alle diese Stämme berauschende Getränke, die sie aus Palmenfrüchten, Cassadabrot, Mais und Bataten bereiteten und43 das Paiwari, noch heute der berauschende Lieblingstrank aller Urbewohner, die noch nicht in unmittelbare und regelmäßige Ver bindung mit den Europäern getreten sind, ist ein Erbtheil aus der Urzeit der Väter. Das Paiwari wird aus scharf gebackenem Cassadabrot, das in kochendem Wasser erweicht, von den Weibern! zu einem Brei zerkaut und dann der Gährung überlassen wird,! bereitet und mit Zuckersaft und süßen Bataten versetzt. Der nütz lichste Baum für die Warraus ist die Palme, Mauritia flexuosa, welche schon der alte Missionär Cumilla den Lebensbaum genannt hat, da fast kein Theil desselben von den Eingeborenen unbenutzt bleibt. Die fächerartigen Wedel geben dem Warrau die Bedachung seiner Hütte, aus den Wedelfasern webt er seine Hängematte und flicht Stricke, das Mark enthält eine Art Sago, welches besonders ; beim Mißwachs der Caffadapflanzen die tägliche Nahrung des Indiers ausmacht, und der scheidenartige Ursprung der Blattstiele ist der Stoff zu den einfachen Sandalen des Bewohners der Savannen. Außerdem bieteil die tannenzapfenähnlichen Früchte, ! nachdem mehrere Tage in Wasser cingeweicht worden sind, dem Indianer einen gesuchten Leckerbissen, und der köstliche Saft des Baumes verwandelt sich leicht in ein weinartiges, sehr berauschendes ! Getränk. Die Zeitberechnung der Warraus ist sehr mangelhaft, weß- halb fast unmöglich ist, das Lebensalter eines Erwachsenen oder Greises mit Sicherheit zu bestimmen. Eine unsichere und in enge Grenzen eingeschränkte Eintheilung der Zeit entlehnen von dem Mondcnwechsel und den Regenzeiten, überschreiten aber die Be obachtungen die Zahl der Finger und Zehen, so werden die Annalen geschlossen, und alles heißt nun viel", zu dessen Bezeichnung sie so viel Haare in die Höhe heben, als sie zwischen den Finger fassen können. Gleich unerfahren und ohne Fähigkeit der Bcrcch- nung zeigen sich auch in der Bestimmung des TauschwerthcS. Vielmehr ist beim Tauschhandel das augenblickliche Bcdürfniß oder \ der eben äufstcigendc Wunsch der Bestimmungsgrund. Sv fordert 1 der eine Indianer für irgend einen Gegenstand eine Flinte, eine Art, während ein anderer daneben für dasselbe mit einem Kamm, einigen Perlen oder ein paar Angelhaken zufrieden ist. Keiner ahnt nur entfernt, welches Mißverhältitiß zwischen den beiderseitigen Forderungen obwalte. Am 15. Juni brach die Expedition von Cumaka (8 12 2" 91. 33., 59 44" W. L.) auf, Richard diesmal in eigenem Boot, das drei Warraus ruderten , und dadurch unabhängig und durch die Interessen der klebrigen, sowie durch den Lärm der andern Mannschaften in seinen naturgeschichtlichcn Forschungen minder ge hindert. Zuerst dem Aruka, dann auf dem Barima slihre 44 fU aufwärts und kämpfte mit Anstrengung gegen die vom Regen geschwellten Wogen an, bis die Fluth ihnen eine wesentliche Hülfe wurde. Die Nacht brachten sie sehr übel zu, auf niedrigem Boden, ohne Feuer, da das Holz durchnäßt war, und von Moskitoschwärmen beunruhigt, endlich gar noch von der höher steigenden Fluth von dem Lagerungsplatz vertrieben. Am folgenden Tage fuhren sie bei fortdauerndem Ncgenwctter auf dem Barima weiter und ge langten am Abend in ein Jndianerdorf, wo gerade ein Trinkfest im Gang, und bereits so weit gediehen war, daß von der z - geschnürten Hängematte Gebrauch gemacht wurde, deren Schaukeln bei diesen rohen Naturkindern zu demselben Zwecke benutzt wird, wie die Flamingofeder bei den verfeinerten Römern der Kaiserzeit. Auch zum Einschläfern der im Rausch streitsüchtig gewordenen werden die zusammengeschnürten Hängematten und das Wiegen in denselben benutzt. Die Hoffnung der braunen Bootsmannschaft aber, an dem Gelage Theil zu nehmen, ward getäuscht, denn der ungeheure Paiwaritrog, welcher etwa 100 Maas enthielt, war be reits völlig geleert. Die Flußfahrt dauerte bei derselben Witterung in ziemlich einförmiger Weise noch einige Tage fort, von Besuchen bei Häuptlingen unterbrochen, deren Einer, Clementi, wie schon früher der oben erwähnte Cäberalli, jeder mit mehreren Booten, die Meisten begleitete. Dieser Clementi, als Häuptling den ganzen Tag unbeschäftigt, litt besonders an schlaflosen Nächten und an der Sucht, durch Gespräch steh die Zeit zu vertreiben. Schon um zwei Uhr Morgens begann er seine Erzählungen. Die Zuhörer schienen noch nicht ausgeschlafen zu haben, denn die Ausbrüche der Verwunderung und des Staunens ließen sich immer schwächer und seltener vernehmen, bis sie endlich ganz erstarben. Dieß konnte aber den Strom der Rede des Häuptlings nicht hemmen, vielmehr steigerte sich das Feuer seiner Darstellung so sehr, daß er sich in der Hängematte emporrichtete und unter den lebhaftesten Gestikulationen seine Geschichte vortrng. Die ärgerlichen Zurufe der Europäer, zu schweigen oder vom Lagerplatz sich zu entfernen, halfen nur kurze Zeit. Kaum mochte er glaubeit, daß sie ein- geschlafcn seien, so begann er auch mit leiser gedämpfter Stimme die Fortsetzung der unterbrochenen Erzählung, die ihn aber so fortriß, daß er jede Rücksicht vergessend, in voller Ertase schrie, so daß die Weißen endlich die Sache von der komischen Seite auf- faßtcn. Allmählich wendete der Lauf der Barima sich mehr nach Südostcn; die User erhoben,- der Strom verengte sich, die Vegetation veränderte ihren Charakter, indem die Palmen seltener wurden, wogegen jetzt der Riesenbaum, den die Indianer den Köilig der Wälder" nennen, die Eiche der Tropen, die Mora excelsa, auftrat. Für sie fehlen in den nordischen Waldbäumcn45 selbst die annähernden Repräsentanten; die kolossalsten Eichen er scheinen gegen den 150 bis 160 Fuß hohen Stamm der Mora, welcher mit der schönsten dunkelgrünen Laubkuppel bedeckt ist, nur wie Zwerge. Mannöstarke Lianen umwinden diese ungeheuer Stämme und Aeste bis zu dem äußersten Gipfel hinauf und schmücken das Haupt der Riesen mit ihren Blüthen; dann von dieser schwindelnden Höhe auf niedere Bäume herabfallcnd, um schlingen sie diese ebenfalls und bilden so gleichsam ein Zeltgerippe, dessen Mittelstange, die Mora, wenn ihre Wurzeln vom Wasser unterwühlt sind, durch die Schlingpflanzen noch festgehalten wird, auch wenn sie ihr Haupr schon über den Spiegel des Flusses neigt und jeden Augenblick den vernichtenden Sturz befürchten läßt. Sind die Bäume, welche den Riesen halten, zu schwach, so reißt er sie wohl in seinem Sturz mit; oft aber ist die Ver bindung so fest, daß der Stamm, auch gefällt, nicht eher stürzt, als bis seine ganze Umgebung niedergestrcckt ist. Die Wichtigkeit dieses Baumes für den Schiffsbau, welche Robert Schoml^urgk auf seiner ersten Reise nachwies, hat sich seitdem immer mehr bewährt. Mit der Größe der Morabänme stand aber auch die Pracht der jetzt auftretenden Vegetation im Verhältnis;. Nicht nur leuch teten die hochrotheil Blüthen der UrorvuL-l r-ielünoss, der tropischen Rose, mit wahrhaft blendender Farbenpracht, und entsandte die Vanille ihre herrlichen Düfte; auch auf den weit über den Fluß spiegel oorgreifeudeil Aesten, welche die Natur in hängende Gärten umgeschaffen, wucherten zahllose Orchideen, Tillandsicn uüd Aroidcen, von denen die Letzteren ihre fadenähnlichen, in der Luft schwebenden Wurzeln aus schwindelnder Höhe iliedersandtcn. Sowie die Ufer wieder flacher wurden, hörte auch die Ueppigkcit der Vegetation auf, und nachdem die Reisenden in einem Warrau-Dorfe noch einmal ein recht abschreckendes Bild von der Armuth, Unreinlichkeit l ld Indolenz der Warrau-Jndianer gesehen, gelangten sie nach der Akawai-Niederlaffung Manari, welche sich durch Reinlichkeit, bessere Bauart und reichere Einrichtung der Hütten, vollständigere Beklei dung und edlen Körperbau ihrer Bewohner aufs Vortheilhafteste vor dem erstgenannten Stamme auszeichnet. Die Zwillingstöchter des Häuptliilgs von Manari, die Lilien des Thales" genannt, erhielten den modernen Parisapfel: Schmucksachen, welche Richard m der Heimat für die schönste Indianerin zum Geschenk erhalten. In Manari machte sich wieder einmal recht der verderbliche Einfluß des Klimas geltend. Nicht nur waren die Sammlungen Richard Schomburgk s an Pflanzen und Thiereil gänzlich vernichtet und von den Tauscharttkeln viele beschädigt, Fieberanfälle schüttelten b^ich am Tage nach der Ankunft die Hälfte der Mannschaft und46 machten eilte Theilung nöthig, wonach Richard mit den Kranken nach der Essekibo-Mündung und auf diesem Strome nach Bartika- Grove zurückkehren sollte, um dort Robert Schomburgk zu er warten, der nach Aufsuchung des Cuyuni den Fluß Herabkommen wollte, um sich wieder mit ihnen zu vereinigen. Die Waikas oder Akawais bilden nicht nur den schönsten, sondern auch kräftigsten Menschenschlag der Küste. Sie nahmen die Fremden gastlich auf und setzten ihnen von ihrer Jagdbeute vor, von der ein großer Theil in erlegten Heulaffen bestand. Diese Affen hatten aber eine solche Aehnlichkeit mit Negerkindern, daß die Europäer für heute die Schweine und Rehe vorzogen, ein Zartgefühl, von dem freilich abzustehen, auf späteren Reisen die Noth sie zwang. Während die Hunde der Warraus einer kleinen, hagern Rasse mit spitziger Schnautze, aufrecht stehenden Ohren und kurzem Haare angehören, zeichnen sich dagegen die Jagdhunde der Waikas durch kräftigen Gliederbau und schönes Haar aus. Sie sind, spanischer Abkunft, und um gute Zuchthunde zu erlangen, machen diese Indianer weite Reisen nach Columbien und Brasilien. Auffallend ist, daß man in diesem heißen Klima die Hundswuth durchaus nicht kennt. Nicht nur gute Jäger sind die Bewohner von Manari, sondern die fruchtbaren Umgebungen ihres Dorfes sind auch wohl angebaut; die Maiskolben werden hier bis einen Fuß lang, die Pisangbüschel bis einen Centner schwer. Hier kommt ein interessanter Vogel vor, der Prionites Mainota, nach seinem Ruf von den Eingebornen Hutu-Hutu genannt. Die schon vielfach gemachte Beobachtung, daß der Prionites, nachdem er vollkommen ausgewachsen sei, einen Zoll von der Spitze der längsten Schwanz federn zu beiden Seiten der Fahne die Fasern abreiße, berichtigt Schomburgk dahin, daß dieser Mangel der Fasern einen anderen Grund hat. Der Vogel wählt zu seinem Neste am liebsten kleine Vertiefungen an der Seite eines Hügels. Während der Brütezeit, in der sich Männchen und Weibchen regelmäßig ablösen, drehen sie sich ungemein häufig auf den Eiern herum, dadurch aber werden die Fasern der beiden langen Schwanzfedern, die über den Rand des Nestes hinausragen, an der Kante desselben bedeutend abgerieben und verwirren sich. Der Hutu, der die Glätte seines Gefieders sorgfältig pflegt, sucht nun, wenn es vom Brüten abgelöst worden ist und das Nest verlassen hat, die Federn wieder in Ordnung zu bringen, und da dies täglich mehrmals erfolgt, so werden die Federn, welche die Kante des Nestes verschonte, ein Opfer der Ordnungsliebe des Vogels. Das sicherste Zeichen eines jungen Vogels, der noch nie brütete, ist die unbeschädigte Fahne der beiden langen Schwanzfedern. Richard wohnte hier einem großen Trinkfeste bei, dessen % % yuj- g a ruf igrf47 ganzer Verlauf, wenn auch im Wesentlichen gleich wie Lei den Warraus, dem höheren Vildungsstande der Waikas zufolge, doch umständlicher ist. Sehr sinnreich ist die Art der Einladung. Will der Häuptling ein Fest geben, so wählt er so viele Faden, als er entfernter wohnende Freunde einzuladen gedenkt, und reihet an jeden Einzelnen entiveder gleichviel Perlen oder knüpft gleichviel Knoten hinein, als noch Tage bis zur Feier dazwischen liegen. Eilende Boten fliegen nun mit diesen Schnüren nach allen Rich tungen aus, um jedem Freund des Häuptlings zugleich mit der mündlichen Einladung auch eine solche Schnur zu überbringen, die dieser dann an seine Hängematte befestigt, um jeden Morgen eine Perle abzunehmen oder einen Knoten anfzuknüpfen. An dem Tage, wo die Knoten alle gelöset oder die Perlen sämmtlich verschwunden sind, treffen auch die Gäste sicher ein. Um sich selbst aber nicht zu verrechnen, hat auch der Gastgeber eine Schnur zurückbehalten und beobachtet genau dasselbe Verfahren. Die Stämme des Innern, namentlich die MacusiS, bedienen sich bei derselben Gelegenheit eines Kerbholzes, von dem jeden Tag eines der Kerbzeichen abschneiden. Auch das Schmücken zum Feste geschah viel umständlicher, als bei den einfachen Warraus. Die Mütter malen ihren Knaben Mit rother Farbe kunstvolle Striche auf, während die Mädchen die Affen mit noch größerer Mühe, als jene mit ihren ungeduldigen Söhnen haben, ebenso schmücken und mit Perlenschnüren und einer Schürze den Putz des Thieres vollenden. Daml putzen die älteren Mädchen sich gegenseitig mit Perlenschnüren und kämmen und salben sich das üppige schwarze Haar, während die Weiber die Beine ihrer Männer bis zum Knöchel aufwärts mit rother Farbe an streichen, und die Matronen die Zubereitung des Getränks, des Caffadabrotes und Fleisches überwachen. Die geladenen Gäste kommen in ihren Corials, in den besten Federschmuck gekleidet; die Häuptlinge dagegen putzen sich mit europäischen Kleidungsstücken, soviel und welcher Art sie deren habhaft werden können, wie denn Clemcnti in einem blanscidcnem Francnhnt, der noch seine Papier- Hülle aus dem Laden trug, prangte. Die Begrüßung der Akawais ist kurz. Der Gast sagt: ich komme, und der Wirth: es ist gut. Dennoch aber gibt es einen eigenen Ceremonienmeistcr, der die Tänze leitet, welche das Trinkgelage unterbrechen und um den Paiwaritrog so lange fortgesetzt werden, als die Indianer überhaupt noch auf den Füßen stehen können. Die Nachwirkungen des wüsten Gclags dauern bis zum späten Nachmittage; die Stelle des euro päischen Häringsalats vertritt bei den Indianern eine Schnecke (Ampullaria urceus), welche im Gehäuse gekocht und nach Zer schlagung desselben mit Essig übergossen, ein vorzügliches Gericht liefert. Der sonst so verschlossene Indianer schwatzt im Rausche48 allen seinen Groll aus; den dadurch sonst entstehenden blutigen Streitigkeiten beugen die Weiber dadurch vor, daß sie vor Beginn des Festes alle Waffen entfernen und die Trunkenen in Hänge matten locken, wo sie dieselben festschnüren. Gleich am folgenden Tage beginnen sie die Bereitung des Paiwari, wenn gleich in ge ringerer Menge als an einem Festtage, wo der Verbrauch sich auf 2 300 Maas beläuft. Die Abnahme der Lebensmittel nöthigte die Gesellschaft früher, als sie beabsichtigt, zu ihrer oben erwähnten, durch den leidenden Zustand mehrerer Mitglieder bedingten Trennung zu schreiten. Die Scheidung der Gesunden von den Ungesunden ging daher vor sich. Richard, der wegen seiner wunden Füße an der Spitze der letzteren stand, erhielt von Robert den Auftrag, durch das natürliche Canalisationssystcm, wie dieß den flachen Gegenden von Südamerika cigenthümlich ist, zuerst in den Pomerun, dann auf ähnlichem Wege in den Essekibo zu fahren, diesen dann aufwärts bis Bartika Grove zu verfolgen und auf dem dort mün denden Cuyuni ein Corial mit Lebensmitteln für den Gebrauch von Roberts Mannschaft aufwärts zu schicken. So geschah es nach einem Abschiedstrinkfest zu Anfang Juli. Trotz der pfeilschnellen Strömung entging dem Scharfblick der Indianer doch kcins der lebenden Wesen in der dnrkeln Belaubung, sie sahen selbst eine auf einem Aste zusammengerollt liegende Schlange, welche Richard, nachdem er sie mit Mühe ansgefundcn, durch einen Schuß tvdctc, aber, obgleich sie kein großes Eremplar, einer ganz unschädlicher Art war, ließ sich keiner der Indianer bewegen, sie in das Fahrzeug zu ziehen. Schomburgk that es selbst, nicht ohne höhnisches Gelächter der Indianer, als sie ihn das unnütze Thier zur Aufbewahrung in ein mit köstlichem Branntwein gefülltes Glas thun sahen. Größere Schlangenbeute gewährte der folgende Tag, wo am Nachmittag bei ruhiger Fahrt plötzlich die Ruderer vom User weg mit größter Kraftanstrengung nach der Mitte des Stromes lenkten. Mit Mühe waren sie nach dem Orte zurückzubringen, den unter dem Ausruf: eine Schlange! mit allen Zeichen des Entsetzens flohen. Das Ungeheuer (Los murin ) lag auf den Zweigen eines über den Strom hängenden Baumes gleich einem Ankertau zusammengerollt und sonnte sich. Es war so riesig, daß selbst Richard einen Augen blick zauderte, ob es anzugreifen sei, da schon mehrmals vorgckommeit war, daß eine solche Schlange, wenn sie nicht auf den ersten Schuß tödlich getroffen, zum Angriff übergcgangen war und ein Corial umgeworfen hatte. Dennoch lud er die Leiden Läufe seiner Flinte mit dem gröbsten Schrot und einigen Posten und veranlaßte den beherztesten der Indianer,, dasselbe zu thun. Auf ein gegebenes Zeichen schossen beide ab, glücklich getroffen stürzte das riesengroße Thier herab und wurde nach einigen Zuckungen von der Strömung4 49 fortgetrieben. Jubelnd flog das Corial der Schlange nach und bald war sie ereilt und in den Kahn gezogen. Sic inaß 157a Fuß in der Länge und 27 2 Fuß im Umfang. Es war ein ungewöhn lich glücklicher Schuß, der sie so schnell tödcte, indem einer der Posten ins Hirn, ein zweiter ins Rückgrat gedrungen war. Herr- King erzählte dagegen, daß auf einer seiner früheren Reisen ein Ungethüm üoit 18 Fuß Länge erst der siebenten Kugel erlegeit war. Aus dem Barima fuhren sie bald in den kleinen Nebenfluß Maruiwa ein, der so schmal wurde, daß sie mit der Art sich einen Weg für das fünf Fuß breite Boot in der üppigen Vegetation bahnen mußten, welche über dem Boote förmlich ein Dach bildete. Auf diesen über den Fluß hinüberhängenden Bäumen lagen eine Menge junger, 5 6 Fuß langer Schlangen, welche, sobald beim Abhauen der Aeste die Arthiebc den Stamm erschütterten, zum großen Schrecken der Neger in das Corial fielen. Schon hatten die Reisenden nach Sonnenuntergang die Hoffnung aufgegeben, eilt Plätzchen für ihre Hängematten zu finden, und sich darein ergeben, in dem engen Corial die Nacht znzubringen, als ein In dianer Rauch zu riechen behauptete. Obgleich von seinen Gefährteit verspottet, bewährte seine Wahrnehmung nach geraumer Zeit sich doch als richtig indem die Boote nach weiterer Fahrt an einem auf einem Baumstamm angezündeten Feuer anlangtcn, in dessen Nähe ein bekannter Häuptling, Mariwari, mit seinen Begleitern seine Hängematten über dem Wasserspiegel an nahestehenden Bäumen befestigt hatte. Sic folgten seinem Beispiel, fanden aber am andern Morgen Hängematten und Kleider von der feuchten Luft völlig durchnäßt. In.Begleitung Mariwari s, der de verwickelten Lauf der Kanäle kannte, setzten sie ihre Fahrt durch daö überschwemmte Land fort. Vergebens war die Jagd nach Wild und Fischen; mit dem Ueberfluthcn der Ufer war nicht allein alles Wild nach den Höhen geflohen, sondern die Fische schwelgten auch in den reichen Früchten, die sie zwischen den Bäumen des Waldes fanden, und beachteten den ausgeworfenen Köder nicht. Eine, wegen des Mangels an Lebensmitteln, drohende Meuterei unter der farbigen Bootsmannschaft stillte zwar für jetzt noch die Drohung King s, die Ruhestörer im nächsten Jndianerdorf ans- znsetzen, aber am folgenden Tage wäre die Lage der Erpedition, welche jetzt auf den breiten Wainistrom gelangt war, noch drohender gewordcn, wenn nicht ein Jndiancrboot ihnen eine Ladung Krabben abgelassen hätte, welche wenigstens zur Stillung des quälendsten Hungers hinreichten. Aber die schlechten Nachtquartiere, die fast regelinäßigen Durchnässungen durch Regengüsse nach der Anstrengung des Tages, suchten die Mannschaft in einer bedenklichen Weise mit Rühren und Fiebern heim. Sie fuhren jetzt den Barimani, einen50 Nebenfluß des Wann, der an seiner Mündung 300 Fuß breit ist, dann den Beara aufwärts, und gelangten durch gleichmäßig über schwemmtes Land endlich zu ihres Begleiters, des Häuptlings Caberalli, Dorf am Asocota, wo sogleich alle Männer der Nieder lassung zu einem Jagdzugc aufgebotcn wurden, um den Reisenden, welche mehr als 24 Stunden gehungert, Lebensmittel zu verschaffen. Die Weiber wurden angewiesen, Cassadabrod zu bereiten, und Caberalli durchsuchte selbst die Hütten nach Hühnern, Damswurzesu und Pisangfrüchten, um möglichste Abwechselung in daö Mahl seiner Gäste zu bringen. Die Hurten dieser, dem Stamm der Arawaaks angehörigen Niederlassung fand Richard geräumig, reinlich, mit Hausrath wohl versehen; die Bewohner mit Kattun-Hemden bekleidet und sehr wohlgebildet, besonders das weibliche Geschlecht. Ihre Hautfarbe ist nicht dunkler, als die der Spanier oder Italiener. Sie bemalen ihren Körper nicht, sondern tätowiren sich an den Mundwinkeln und an der Stelle der in der Kindheit ausgezogenen Augenbraunen, so daß die betreffende Figur das An sehen eines Schnurbarts und voit Stirnrunzcln erhält. Einen häß lichen Gegensatz zu ihrer Gastfreiheit bildet die Gefühllosigkeit, welche gegen Kranke zeigen. Wird Jemaitd durch Körperleiden an die Hängematte gefesselt, so scheint das Unglück gleichsam alles Lebende von ihm zu verscheuchen. Ohne ein Wort des Trostes oder der Theilnahme setzt ihm die Hausfrau das Essen neben das Krankenlager; Niemand erkundigt sich nach seinen Bedürfnissen und Wünschen; Alles, was der Kranke bedarf, muß er erst ver langen. Eine bemerkenswcrthe Eigcnthümlichkcit in der Sprache der Arawaaks besteht darin, daß sie mehrere Worte besitzt, welche einzig die Männer, und andere, welche nur die Frauen aussprechen dürfen, so heißt bei den Männern ja: ehe, bei den Frauen da gegen tare. Polygamie ist auch unter den Arawaaks heimisch und oft besitzt ein Häuptling 4 5 Frauen. Unter den vielen frcnndlicheit weiblichen Gestaltcit fielen Schomburgk besonders einige junge Frauen auf, die nicht nur alles Putzes und der so allgemein ge tragenen Kattunkleidung, sondern auch der Haare beraubt waren. Es sind diese Kennzeichen die einer trauernden Wittwe, welche nicht eher sich wieder verhcirathen darf, als bis das Haar wieder lang gewachsen ist, welches die Verwandten des Mannes ihr gleich nach dessen Tode abschneiden. Doch nicht bloß in diesen Einzelnheiten, sondern in allen übrigen Gebräuchen und in ihrer Lebensweise, weichen die Arawaaks von allen andern Stämmen Britisch-Guiana s bedeutend ab. Ihre Traditionen über die Erschaffung der Welt, über die Sündfluth rc. zeugen deutlich davon, daß sie eine höhere Culturstufc, als die übrigen Stämme einnehmen. Die Männer4 * 51 besitzen eine seltene Geschicklichkeit im Fleckten von Körbchen mit geschmackvollen, den griechischen ähnelnden Zeichnungen aus gespal tenen und gefärbten Binsen; diese Körbchen sowie große wasser dichte Koffer von doppeltem Geflecht mit zwischengelegten Blättern bilden nebst Töpferwaaren, welche die Frauen, ebenfalls in sehr geschmackvollen Formen, anfertigen, das Haupttauschmittel dieses Stammes. Die Nachricht von Hrn. King s Ankunft mußte sich ziemlich schnell verbreitet haben, denn schon mit dem frühesten Morgen kamen ganze Züge der Indianer aus den umliegenden Niederlas sungen an, um ihre Streitigkeiten an höchster Stelle zur Schlichtung vorzulegen. Der interessanteste Gegenstand dieses einfachen öffent lichen Verfahrens war eine Ehescheidungsklage; eine junge schöne Arawaak, die einen Warrau geheirathet hatte, trug auf gerichtliche Trennung von ihrem Manne an, da er sie in der letzten Zeit tyrannisch behandelt und geschlagen, auch ihr Vermögen verschwendet habe. Da King der Arawaak-Sprache nicht mächtig war, so diente der Arawaäk-Häuptling Caberalli als Dolmetsch. Nachdem King die Klagen angchört, rief er die Zeugen auf. Die erste Zeugin war eine ältliche Frau, welche mit vielem Ausdruck eine Lebens beschreibung der Klägerin vortrug. Mit rascher und feurig belebter Stimme schilderte sie zuerst die Schönheit der Unglücklichen zu der Zeit, wo sie als Mädchen noch mit leichten Schritten durch das Dorf geeilt und ihr alle jungen Arawaaks mit dem stillen Wunsche nachgeblickt, sie zu besitzen, wobei auf alle die Männer schaute, die mit im Kreise standen und zu der großen Anzahl der Anbeter jener Schönen gehört haben sollten; mit gleich kräftigem und nicht minder stolzem Tone zählte sie die Geschenke aus, mit welchen von den jungen Männern überhäuft worden sei; allein das Mädchen sei auf das Feld, in den Wald geeilt und habe sich nicht nach jenen umgesehen, ihr Lächeln habe bei keinem verweilt. Da sei endlich, jetzt verminderte sich bereits der bisher feurige und lebhafte Ton und wurde nach und nach immer gedrückter der Warrau im Dorfe erschienen und habe Gefallen vor den Augen des schönsten Mädchens der Niederlassung gefunden. Der Warrau nahm sie mit sich nach seinem Dorfe und die Stimme ging in einem klagend singenden Ton über, als nun den Abschied von den Eltern Freundinnen schilderte, bis sie endlich da, wo sie den schnellen Wechsel in den ehelichen Verhältnissen mittheilte, die Stimme zu einer weinerlichen und jammernden Modulation herab sinken ließ. Schon nach kurzer Zeit hatte der Warrau den Schmuck, die Geschenke, die Kleider seiner Frau verkauft, sie dann geprügelt und ihr sogar gedroht, sie zu erschlagen. Diese Drohung habe die Frau52 bewogen, ihren Mann zu verlassen und den Eltern zu fliehen. Noch sei aber der Mann im Besitz der übrigen Habseligkeiten und diese wolle er nicht herausgeben. Nachdem die übrigen Zeugen aussagen abgenommen waren, richtete King -seine Fragen an die Klägerin. Mit zur Erde gesenktem Blick gab die junge Frau ihre Antworten in klagendem, weichen Ton. Später erhob sie ihr Auge vom Boden, um sich zuweilen zu überzeugen, welchen Eindruck ihre Worte auf den Richter machten. Derselbe tiefe Schmerz, der sich in ihren Zügen, in ihrer ganzen äußern Haltung aussprach, hatte sich auch über alle die Weiber verbreitet, welche die Frau um gaben. Allein und vereinzelt, den Blick, den er nur dann und wann aus seine Frau fallen ließ, fest auf Herrn King gerichtet, stand der verklagte Ehemann ruhig auf der entgegengesetzten Seite. Es war ein Mann von tadellosem Wuchs, von kühnem und furcht losen Blick, wie selten unter den Warraus. Sein langes, schwarzes volles und zugleich etwas lockiges Haar war sorgfältig gekämmt und wurde von einem breiten Strohhute bedeckt. Unter den feurig sprühenden Augen, in denen zugleich ein düsterer und halbverächtlicher Ausdruck lag, krümmte sich eine edelgcformte Habichtsnase. Mit diesen körperlichen Vorzügen schienen auch seine geistigen Fähig keiten in vollem Einklang zu stehen, denn er führte seine Verthei- digung mit Feuer und Veredtsamkcit. Der Schönheit seiner Frau sei ihre Trägheit gleich; er verglich sie mit einem Faulthier, Wenn er von seinen Reisen, seinen Jagd- und Fischzügen heimgekehrt sei, habe er stets leere Topfe gefunden und bei den Nachbarn sich Speise suchen müssen. So sei er zum Gespött des Dorfes geworden und da alle Ermahnungen vergebens geblieben seien, so habe er seine Frau endlich geschlagen. Da auch dieß keinen Erfolg gehabt, so trage er selbst auf Trennung an. Mit einem bewegten Gesichte, auf dem sich bald mit schmerzlichem, bald mit verächtlichem Ausdruck die Gcmüthsbewcgung malte, folgte die Frau der Rede des Mannes, und hob das glühende Antlitz bei jeder neuen Beschuldigung des Warrau empor, um sogleich es wieder auf die Schulter sinken zu lassen. Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, regungslos hörten die Landsleute des Verklagten der Verhandlung zu. King sah sich veranlaßt, den Warrau wenigstens um 2 Dollars zu strafen, weil er seine Frau geschlagen, und die Scheidung auszusprechen. Cabcralli theilte dem Warrau diesen im Namen der großen Königin gefällten Urtheilsspruch mit und fragte ihn, ob er damit zufrieden sei. Der Warrau erwiederte: Hätte die große Königin gewußt, daß solche faule Frauen gäbe, wie mein Weib ist, so würde sie gewiß ein solches Gesetz nicht gegeben, sondern den Männern erlaubt haben, ihre trägen Frauen zu prügeln. Daß sie nach meinem Wunsche handelt, wenn sie zu ihren Eltern zurück-53 kehrt, habe ich bereits erklärt; die 2 Dollars kann ich nicht be zahlen, weil ich sie nicht besitze." Als ihm King erklärte, daß er ihn chann nach der Hauptstadt mitnehmen würde, eilte der Warrau nach seinem Dorfe und kehrte nach drei Stunden mit dem Straf geld : zurück, das nun der Frau übergeben wurde. Am folgen den Tage verließen die Europäer Asacota und fuhren auf dem Bcara, Barabara und Kamwata nach der Hauptstadt zu. Noch waren die gleisenden auf dem Kamwata nicht lange gefahren, als sich Plötzlich der Wald öffnete und eine ungeheure breite Wasser- und Sumpffläche vor ihnen lag. Die ausgebreitcte Fernsicht über die grüne saftige trügerische Matte und den glatten Wasserspiegel that dem Auge um so wohlcr, als der Gesichtskreis seit drei Mo naten auf enge Flächen von Bäumen oder einen schmalen, bald durch eine Biegung begrenzten Flußspicgcl beschränkt gewesen war. Der eigentliche Canal zog sich in unzähligen Windungen durch diesen zauberhaften See hin; neben dem Fahrwasser ragte dichtes Gewebe verschiedener Arten von Seerosen (Nympliaea) hervor, während an andern Stellen herrliche Palmen den Kanal über- wölbtcn. Die nächste Niederlassung sollte eine katholische Missions station, Morocco sein. Schon glaubte Richard, der voraus fuhr, den Ruhepunkt erreicht zu haben, da er ein auf europäische Art erbautes Haus und durch dessen nicht verschlossene Thür in dem innern Raume mehrere Koffer mit Kleidungsstücken erblickte, und dabei einen Schuppen mit Stühlen und einem Tisch, aus dem eine Menge Glasflaschen und Gläser, Teller und Schüsseln zusammcn- gestellt waren. Es fand sich aber, daß von Morocco noch weit entfernt seien und daß dicß die Wohnung eines Warrauhäuptlings war, der, in der Coloiüe erzogen, auch später den europäischen Bequemlichkeiten treu geblieben war. Nach der Sitte seines Volkes hatte man nach seinem Tode alles unberührt gelassen. Nach drei Jahren kam Richard wieder vorbei; ein neuer Häuptling war indessen cin- gezogen, aber der Tisch mit den Glasgcräthen stand noch unberührt, von dichten Spinnweben überzogen. Erst nach Mitternacht erreichten sie die Station, deren Vorsteher, ein Irländer Collins, Bekannter Kings, sie freundlichst aufnahm und in der Kapelle selbst, welche zugleich als seine Wohnung diente, bewirthcte und unterbrachte. Außer den Fremden hatten aber auch mehrere Ziegen ihr Lager am Hoch altar, welche erst hinausgetrieben wurden, che am audcrit Morgen Collins seine Messe las. Die Colonic hat etwa 500 Bewohner, davon viele spanische Mischlinge, welche 1818 und 1819 während der columbischen Revolution hierher, auf englischen Boden, sich flüchteten. Hier erhielten die Reisenden die, für ihren Plan, nach Georgetown zurückzukehren, nicht wenig störende Nachricht, daß nicht nur in der Hauptstadt das gelbe Fieber, sondern auch54 in ihrer Umgebung die Blattern ausgebrochen seien. Alle von den Pocken befallenen Indianer stürben, da sie als leidenschaftliche Anhänger der Allheilkraft des kalten Wassers, trotz aller Vor stellungen , in der höchsten Fieberhitze nach dem nächsten Wasser eilten, um sich hineinzustürzen oder sich mit kaltem Wasser über gießen ließen. Mehrere Indianer in Diensten der Reisenden entflohen, dieCaberalli s waren nur mit größter Mühe festzuhalten. Am andern Morgen besah Richard sich die Colonie, deren höchstge legener Theil eine weite Aussicht auf die Savannen gewährt; die Gegend ist sehr fruchtbar, doch werden die Cassadafelder durch eine Ameisenart (Atta ceplialotes) arg heimgesucht. Dieses be triebsame Thierchen legt nach den genannten Feldern von seinen Nestern förmliche Heerstraßen an, welche etwa einen Fuß breit und vollkommen glatt und eben sind. In zwei Zügen hin und zurück, bewegen sie sich darauf zu Tausendcu in größter Ordnung, ohne einander zu hemmen. Die heimkehrenden tragen ihre Beute, ein etwa kreuzergroßes Blattstück, aufrecht mit den Freßzangen, weßhalb die Colonisten sie iimbrella-ants (Regenschirm - Ameisen) nennen. Ist die Entfernung zu groß, so wird eine Zwischenstation angelegt, auf der andre Thierchen warten, den ermatteten Trägern ihre Bürde abzunehmen. Eine fernere Abtheilung, aus den größten und stärksten Individuen bestehend, ist auf dem Felde selbst mit Losbeißen der Blätter beschäftigt. Nichts, weder Feuer noch Wasser, weder eine Unterbrechung der Straße noch ein andres Hinderniß, kann sie zum Aufgebcn ihrer Arbeit vermögen. Werden durch die stärksten Gegenmittel Tausende getödet, so wird man schon nach Verlauf einiger Stunden keinen einzigen Leichnam mehr sehen, denn unmittelbar, nachdem die Gefahr vorüber ist, werden die toden Körper von der Straße entfernt. Sperrt man diese mit einem Gegenstände, den die schwachen Kräfte der Ameisen nicht weg räumen können, so wird sie um denselben herumgeführt; zerstört man sie völlig, so findet man sie nach einigen Stunden wieder hergestellt. Am folgenden Tage fuhren sie den Mvroccofluß hinab bis zu seiner Mündung, dann sieben Meilen an der Küste hin, bis sie zur Mündung des Pomerun gelangten, in den sie einfuhren. In einer Station an demselben blieben sie übernacht, wurden aber hier von Moskitos heimgesucht, bereu Stich überaus schmerzhaft und deren Rüssel so lang war, daß er durch die dicksten Hüllen drang. Da kein Verschluß der Zimmer half und auch der Qualm eher die Reisenden zw ersticken, als die Stechfliegen zu vertreiben schien, so blieb ihnen kein Ausweg, als in der Nacht sich in ihre Boote zu werfen und eine Strecke in die See hinaus zu fahren. Die Müttdnng des Pomerun liegt unter 7 36 N. B. und55 58 44 W. B. und ist drei Meilen breit. Wegen der Barre hat zur Ebbezeit 9, zur Fluthzeit 13 Fuß Wasser, weiter oben 40 Fuß. Seine Ufer sind von Arawaaks bewohnt. Die Reisenden fuhren mehrere Tage lang den zwischen sumpfigen Ufer verlaufenden Fluß aufwärts, tiefen dann in den Arapiacro und Tapacuma ein, welche ebenfalls in der Ebene verlaufen und zahlreiche Trümmer holländischer Pflanzungen aufweisen. Aus der Mündung des letzt genannten Stromes erreichten sie abermals das Meer und fuhren in die Mündung des Essekibo ein. Die dazwischenliegende Küsten strecke ist der fruchtbarste Distrikt der Colonic, der allein 37 Zucker pflanzungen einschlicßt. Da die Plantagenbesttzer ihren größten Stolz in die Höhe der Schornsteine ihrer Siedehäuser setzen, so ragten diese Vertreter des Gewerbfleißes noch weit über den üppigen Rcichthum der süd lichen Natur empor und verliehen der Landschaft einen ganz eigen- thümlichen Charakter. Dicke, schwarze Rauchsäulen wirbelten aus ihnen auf, verriethen die rege Thätigkcit in den Fabrikgebäuden und verbreiteten sich, von der Lust niedergedrückt, in Dunkeln Streifen über die Landschaft, bis sie in einiger Entfernung immer lichter und lichter wurden und endlich in der Luft verschwammen. Um den Reiz dieses Bildes noch zu erhöhen, warf die scheidende Sonne ihre vergoldenden Strahlen über den leicht gekräuselten Ocean und die reiche Landschaft. Der Eindruck, welchen der Anblick des Meeresspiegels hervorrief, wurde noch durch den Essekibo erhöht. War auch die Mündung dieses Flusses noch mehrere Meilen entfernt, so konnte man doch schon voll diesem Punkte aus die gewaltigen Wellen des Stromes in das Meer sich wälzen und gleich einem dunkeln Bande seeeiuwärts ziehen sehen. Noch belebter aber und mächtiger wurde das Bild, als die Fluth aufsprang und die beiden wilden Elemente in Kampf miteinander gcriethen, in dem jedoch der Strom siegte, ein großartiges Schauspiel, das selbst die für Naturschönheit unempfindlichen Neger zu einem Ausruf des Erstaunens hinriß. Die Reisenden übernachteten der Pflanzung Aurora und fuhren am folgenden Morgen in die Essckibomündung ein, den sie an demselben Tage bis zum sogenannten Cliff, einer Stelle des westlichen Ufers, wo der erste Granitfelsen sich erhebt, aufwärts fuhren. Am folgenden Tage erreichte Richard Bartika Grove, von wo er ein Boot mit Lebensmitteln, wie verabredet, den Cuhuni aufwärts, Robert cntgegenschickte. Richard durchforschte die an botanischen Schätzen reiche Umgebung von Bartika-Grove, und fuhr dann nach der kleinen Insel Kyk-overall (Ueberschauc alles) in der Mündung des Mazaruni, welche einen Ueberblick über den Mazaruni, Cuyuni und Efickibo gewährt. Dieser günstige Ort War frühzeitig befestigt und seine Schicksale geben im Kleinen ein56 Bild vom Herrenwechfel der Colöttie. Zuerst erbauten die Portu giesen ein Fort aus gehauenen Steinen. Zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts legte der Holländer Jost van der Hooge auf dem Eiland die Siedelung Nova Seelandia an und erbaute aus den Trümmern des portugiesischen Castells 1613 die Feste Kyk-overall, welche 1764 und 1768 theilweise abgebrochen wurde, um benach barten Pflanzungen ihre Zuckermühlen zu liefern. Von Bartika-Grove aus besuchte Richard die Caribennieder lassung Kai4an am Cuyuni, die erste dieses gefürchteten Stammes, dessen Name in der Schule schon uns mit Schauder erfüllt. Er fuhr den Cuyuni aufwärts, der hier hohe Lehmufer, von Granit felsen unterbrochen zeigt. Die Hütten der Niederlassung stimmten in ihrer Bauart fast ganz mit denen andrer Stämme überein. Wesentlich aber unterschieden die Bewohner von den bis jetzt be suchten Indianern sich durch die dunklere Hauptfärbung, den kräf tigeren und untersetzteren Körperbau und die groben unangenehmen Gestchtszüge. Sie sind nicht tättowirt, aber übermäßig mit rother und blauer Farbe bemalt, namentlich an den Beinen. In den durch bohrten Ohrläppchen tragen sie Stücke Bambusrohr oder Jaguar zähne; in der durchbohrten Unterlippe und den beiden Mundwinkeln mehrere Nadeln. Als Bekleidung tragen die Frauen kurze weite Beinkleider. Um den Wade eine unnatürliche Stärke zu geben, was bei ihnen für die größte weibliche Schönheit gilt, werden den Mädchen schon in der frühesten Kindheit über dem Knöchel und unter dem Knie baumwollene Bänder angelegt, welche bis nach vollendetem Wachsthum liegen bleiben. Dadurch schwellen die Waden zu einer unförmlichen Muskelmasse an. Unmittelbar über der Stirn haben die Weiber das Haar kurz geschoren, während das des übrigen Kopfes unordentlich und verwirrt über die Schultern herabhängt. Daß auch der Cariben Charakter von dem der andern Stämme abweicht, zeigte Richard sich bereits beim Eintritt ins Dorf. Die Männer waren eben mit Verfertigung von Rudern, die Weiber mit der Bereitung von Thongefäßen beschäftigt. Nach dem sie die Fremden kaum eines hochmüthigen, verächtlichem Blickes gewürdigt hatten, setzten sie die Arbeit ruhig fort. Erst als einer von der Gesellschaft absichtlich, um zum Reden zu bringen, das Wort Brandy (Branntwein) genannt, waren sie wie umgewandelt: höflich, geschmeidig und zu jedem Dienste bereit, während die andern Stämme schon ohne jenes Bestechungsmittel zuvorkommend gegen Fremde sind. Unter den Cariben herrscht die Ueberlieferung, daß sie von Inseln in Guiana eingewandert seien. Die Angabe älterer Reisenden, daß ihre Weiber eine von der der Männer ab weichende Sprache redeten, erklärt sich daraus, daß die Cariben ihre Weiber bei fremdelt Stämmen zu rauben pflegten.57 Ihre Sprache hat übrigens Aehnlichkeit mit der der AkawaiS. m Haupttauschartikcl der Eariben sind Thongefäße, wozu vor zügliches Material in ihrem Gebiete vorkommt. Ein Aberglaube läßt sie nur in der ersten Nacht des eingetretenen Vollmondes den Thon dazu holen; zu anderer Zeit gegraben gibt er Gefäße, welche leicht zerbrechen und die Speisen ungesund machen. Die Gefäße werden sorgfältig und mannigfaltig gebildet, mitunter von sehr bedeutender Größe, 30 40 Gallonen (1 Gallone 4 preuß. Quart), gut gebrannt und bemalt. In der Gegend von Kai-lau sind noch verfallene und verwachsene Gruben, Spuren des von den Holländern ohne Erfolg im Jahre 1721 eröffneten Bergbaus, der anfangs wild betrieben, dann durch einen deutschen Bergmann Hillebrandt geleitet wurde. Die Arbeiter erlagen dem Klima, ehe man ein günstiges Ergebniß gewonnen hatte., Die Zeit bis zur Rückkehr seines Bruders, welche am 26. Juli erfolgte, verbrachte Richard mit Sammlung von Naturkörpern, wobei die, muntern rüstigen Zöglinge der Mission ihn bereitwillig unterstützten. Robert Schomburgk hatte am 8. Juli Marari verlassen und war mit seinen Begleitern thcils zu Fuß, theils zu Schiff unter ziemlichen Beschwerden und ohne viele wissenschaftliche Ausbeute durch das Land der Waikas, Cariben und Warraus aus den Flüssen Barima, Curuawa, Parapimoi, Barama, Aunama und Acarabisi zum obern Cuhuni gelangt, den sie danil herabfuhren. Das Interessanteste auf dieser Reise waren die Wasserfälle des Barama und Cuhuni. Die des Barama erreichten sie am 13. Juli; sie sind durch mehrere Granitwälle veranlaßt, welche den Fluß durchsetzen. Obgleich die Waikas-Niederlassung Cadui, bei der sie an demselben Tage an langten, noch zwölf englische Meilen unterhalb des großen Falles Dowocaima liegt, so vernahmen doch hier während der Nacht deutlich das donnerähnliche Brausen der sich hinabstürzendcn Wogen. Der gesammte Fall von Cadui bis zum Fuß des Dowocaima be trägt 120 Fuß. Kurz vor den drei obersten Cataracten wird der Fluß durch vorspringende Gncißlagcr bis auf 80 Fuß eingeengt und stürzt sich dann mit furchtbarer Gewalt in drei Absätzen von 35 40 Fuß senkrechter Höhe herab. De Dowocaima umgeht man zu Land aus einem Umweg von zwei englischen Meilen. Der Cuhuni hat drei Reihen von Cataracten, von denen die dritte die höchste und gefährlichste ist. Schon am fölgendeir Morgen verließen die Brüder Schom burgk Bartika und fuhren am östlichen Ufer des Essekibo abwärts gen Georgetown. Sie kamen an einer Insel vorbei, auf der die Ruinen des 1743 massiv erbauten und auf 30 Kanonen berechneten Castells Seelandia liegen, welches den Mittelpunkt der holländischen Herrschaft bildete. Zwischen den Ruinen dieser einst so stolzen58 Mauern hat längst die ewig schaffende Natur sich des ihr entzogenen Gebietes wieder bemächtigt und üppig wuchernde saftige Schling pflanzen umrankten friedlich die dunkeln Schlünde mehrerer eisernen Kanonenrohre. Nur eins der Gebäude, die Kirche, erhob sich jetzt noch in erhabener Einfachheit; sie war das einzige Gotteshaus, welches die Engländer 1803 bei ihrer Besitznahme vorfanden und noch jetzt wird Gottesdienst in ihr gehalten. Am folgenden Morgen langten die Brüder in Georgetown an. Die erste Sorge Richards war, sich nach seinen vom Pomerun dahin geschickten naturgeschicht lichen Sammlungen umzusehen, welche sich leider großentheils von Moder und Seewasser zerstört zeigten. Mit seiner deshalb nieder geschlagenen Stimmung harmonirte gut die Ocde der Stadt. Wie er schon vernommen, wüthete das gelbe Fieber mit ungewöhnlicher Heftigkeit. Statt der glänzenden Lurusfuhrwerke bewegten sich jetzt die schwarzen Leichenwagen durch die verlassenen Straßen. Die Angehörigen und Freunde der Bcrstorbenen folgten in lang samem feierlichen Zuge den Trauerwagen, aber die Schranken des Lebens waren auch im Tode festgehaltcn; Europäer folgten nur dem Europäer, Farbige dem Hingeschiedenen Farbigen, Neger dem Neger. Die sich mehrmals täglich wiederholenden Salven, welche vom nahen Garnisons-Gottesacker über die Stadt hinrollten, zeugten, daß die Seuche auch im Militärkrankenhaus wüthe. Am fürchter lichsten waren das erste Bataillon des 52. Regiments, die Matrosen und eingewandertcn Portugiesen heimgesucht. Die Negertruppen hatten in Kurzem 80 Mann tind vier Offiziere verloren und wurden deshalb bald nach Berbice verlegt. Auf den wenigen Schiffen, die im Hafen lagen, waren der Epidemie bereits 62 Matrosen erlegen, während unter den erkrankten Portugiesen von zehn immer sechs starben. Gleichzeitig wütheten die Pocken, unter den Negern namentlich, so sehr, daß ein eigenes Pockenspital eingerichtet werden mußte. Das gelbe Fieber war von 1822 37 nicht epidemisch ausgetreten, von 1837 41 ging es nicht mehr aus und steigerte sich bisweilen. Es verbreitete sich jedesmal von der Wasserstraße über die Stadt, beschränkt sich auch überhaupt auf die Küstengegend, 8 10 Meilen landeinwärts. Es bricht gemeiniglich nach der großen Regenzeit aus und erreicht seinen Höhepunkt im September und Octobcr. Da sich die Abreise zur Haupterpedition verzögerte, so folgte Richard der Einladung eines Oldenburgers, Bach, auf dessen Pflanzung. Bach war im Alter von 16 Jahren ganz unbemittelt nach Dcmerara gekommen und zuerst als Aufseher einer Pflanzung angestellt worden. Hier hatte er sich durch Fleiß ein bedeutendes Vermögen erworben und später die Pflanzung l IIöiireuss Avanture gekauft, wo er dem Landbau und seinem Lieblingsstudium, der Botanik, lebte, über welche er59 eine ausgesuchte Büchersammlung besaß. Unvermählt führte er in der strengsten Regelmäßigkeit ein behagliches Leben, das auch Richard sehr wohl zusagte, biS ein lebensgefährliches hitziges Fieber, welches die Beschwerden der eben zurückgelegten Reisen vorbereitet hatten und eine Unbesonnenheit zum Ausbruch brachte, dasselbe unterbrach. Die Pflanzung Bach s besteht aus einem um das Haus und die Wirthschaftsgebäude sich ausdehnenden Zier garten, in dem die reiche Orchidecnflora Guiana s in seltner Voll ständigkeit sich vertreten fand, und aus der eigentlichen Kaffee- Pflanzung. Die Kaffeebäuine stehen in 3 4 Reihen, 8 9 Fuß von einander entfernt, auf 32 Fuß breiten Beeten, welche durch 2 Fuß breite Gräben von einander geschieden sind. Sie sind von Sträuchern umgeben, um sie vor dem Sonnenbrände und dem Nordwinde zu schützen, welche besonders zur Blüthenzeit den Kaffee- Pflanzen sehr gefährlich sind. Ist die Blüthe bei einer feuchten Hitze von 75 850 Fahr. (19,n bis 23,55 R.) vorüber gegangen und folgt ihr eine trockne und sonnige Witterung, so sind die Wünsche des Besitzers erfüllt, denn er darf dann von jedem ausgewachsenen Strauche eine Ernte von Pfund reinen Kaffee s erwarten. Eiti Arbeiter kann bequem zwei Acker Landes im Stand erhalten und zugleich die Früchte einsammeln, da die einmal hergestellte Pflanzung nur ein mehrmaliges Reinigen vom Unkraut und die Entfernung der Wurzelschößlinge verlangt. Hat die Kaffcepflanzc eine Höhe von 4 5 Fuß erreicht, so wird die Spitze abgehauen, um die Seilen- schößlinge zu vermehren und ihnen das Zuströmen des Saftes aus dem Wnrzelstock zu sichern. Die Kosten, um einen Acker Buschland in Kaffeebeete zu verwandeln, betragen je nach der Art des Gebüsches 60 80 Dollars. Die Pflanze trägt vom dritten Jahre an. Jährlich erntet man zweimal: einmal im Mai uitd Juni und einmal vom SePtcmber bis November. Die Blüthe für die erstcre beginnt im November und währt bis December, für die zweite Ernte blüht der Strauch Ende März bis Ende April. Hat sich das Fleisch der Frucht roth gefärbt, so beginnt die Ernte. Die Mühle zur Entfernung des Fleisches von der Bohne besteht in einem Kasten, aus dem die Früchte durch eine Oeffnung eine Walze herabfallen, die rings mit kupfcrbeschlagenen Längsstiften versehen ist, und sich in einem halben Cylindcr von Hotz dreht, der inwendig ebenfalls gerieft und mit Kupfer beschlagen ist. Die Walze wird mit einer Kurbel umgcdreht und so die Bohnen von ihrer Fleischhülle befreit. Die ganze Masse kommt dann in eine, vier Fuß über dem Boden befindliche lange Rinne, welche unten einen Spalt hat, der gerade eine Bohne durchläßt. Weiber kneten nun das Fleisch und drücken die Bohnen durch die Rinne, aus der sie in einen mit Wasser gefüllten Kanal fallen, wo sievon dein noch anhängenden Schleim vollends gereinigt werden. Die Bohnen kommen dann auf den Trockenplatz, der sich an die Mühle anschließt und aus einem nach der Mitte ansteigenden Backstcinboden besteht, welcher mit Rinnen zum Ablaufen des Wassers versehen ist uild etwa 200 Fuß Länge und 80 Fuß Breite hat. Sodann kommen sie auf die nach Art unserer Getreideböden eingerichteten luftigen Schüttböden, wo sie beständig umgewendet werden, und werden endlich, wenn sie ganz trocken sind, in einer Stampfmühle von dem anhängenden feinen Häutchen gereinigt. Das oben erwähnte Ereigniß, welches bei Richard den Aus bruch der Krankheit zunächst hervorrief, war ein Jrregehen im Urwald. Das Brüllen der Affen im nahegelcgenen Urwald lockte ihn eines Morgens auf die Jagd dieser Thiere. Durch Dick und Dünn dem Gebrüll nachgehend, erreichte er nach vieler Anstrengung unbemerkt die mustcirende Gesellschaft. Das Conzert lautete so schauerlich, als feien alle Thiere des Waldes in tödlichem Kumpfe gegen einander entbrannt, doch herrschte eine Art von Ueberein- stimmung in ihm, denn bald schwieg, wie nach einem gegebenen Tactzcichen, plötzlich die über den ganzen Baum vertheilte Gesell schaft , bald ließ ebenso unerwartet eitler der Sänger seine un harmonische Stimme wieder erschallen, und das Geheul begann von Neuem. Die knöcherne Trommel am Zungenbein, welche durch ihre Resonanz der Stimme eben jene gewaltige Stärke verleiht, konnte man während des Geschreies sich auf und nieder bewegen sehen. Momente lang glichen die Töne dem Grunzen des Schweins, im nächsten Augenblicke dem Brüllen des Jaguars, wenn er sich seine Beute stürzt, um bald wieder in das tiefe und schreckliche Knurren desselben Naubthiers überzugehen, wenn es von allen Seiteil umzingelt die ihm drohende Gefahr erkennt. Diese schauer liche Gesellschaft hat jedoch auch ihre lächerlichen Seiten und selbst auf dem Gesicht dcö düstersten Menschenfeindes würden sich Spuren eines Lächelns gezeigt haben, wenn er gesehen hätte, wie diese Conzertisten mit langen Bärten sich starr und ernst einander an blickten. Jede Herde hat einen eignen Vorsänger, der durch eine feine schrillende Stimme sich vor all den tiefen Bassisten auszeichnet. Unbemerkt war Richard unter den Baum geschlichen und hatte, um in Besitz eines jungen lebendigen Affen zu kommen, sich eine Mutter mit einem solchen auf ihrem Rücken zum Ziel ausersehen. Der Schuß fiel und unter dem fürchterlichsten Geheul und Gegrunze floh die Gesellschaft in wahren Rtesensprüngen von Baum zu Baum nach allen Seiten auseinander. Die verwundete Mutter wollte folgen, doch schon fehlten ihr die Kräfte; nach mehreren vergeblichen Ansätzen umklammerte sie den Ast und stieß eilt schreck-61 liches menschenähnliches Gestöhn aus, das von den übrigen von allen Seiten beantwortet wurde. Ein zweiter Schuß endete das Leben der Verwundeten und brachte vom Baume herab. Das Junge hatte sich fest auf dem Rücken der Mutter angeklammert und blieb auch dann noch da sitzen, als Richard diese ausgenommen hatte und den Heimweg treten wollte. Wo aber lag dieser? Ohne im mindesten an die Rückkehr zu denken und sich den Weg durch irgend etwas zu bezeichnen, war er in den Wald hineinge stürmt. Jedenfalls wollte er die auf gut Glück gewählte Richtung in gerader Linie verfolgen, aber zweimal mußte er zu dem ver- hängnißvollen Baum zurückkehren, um in verschiedener Richtung mit ebenso wenig Erfolg das an der richtigen Stelle gar nicht weit entfernte Lichte des Waldes aufzusuchen. Aber statt lichter zu werden verfinsterte der Himmel sich noch mehr; ein gewaltiger Gewitterregen entlud sich auf den Verirrten, der nun bald von Mattigkeit überwältigt ruhte, bald mit Aufbietung der letzten Kräfte in Verzweiflung durch das dichte Gebüsch brach, bis Gesicht und Hände zerrissen waren und die leinenen Kleider in Streifen herab hingen. Hoffnungslos setzte er sich nieder. Ohne es zu wissen, hatte er die todte Aeffin bis hierher getragen. Als er sie nieder-- lcgtc, kroch das Junge herbei, um an der versiegten Brust Nahrung zu suchen! Ucbermannt von der Mattigkeit schlief er ein, aber Kälte und Moskitos, gegen welche die zerrissenen Reste der Kleidung keinen Schutz gewährten, weckten ihn auf. Seine aufgeregte Phantasie horte in jedem Rascheln des Laubes am Boden das Nahen der giftigen Schlange, sah in dem Leuchten jedes Käfers das sprühende Auge des Jaguars. Plötzlich fühlte er etwas Kaltes an sich emporkriechen, regungslos saß er da, um den tödlichen Biß nicht zu beschleunigen, aber es war keine Schlange, sondcrir nur das Aeffchen, welches die Wärme suchte, die es auf dem Leichnam seiner Mutter vermißte. Die letzte Hoffnung blieb, daß Hr. Bach Leute ausscndcn würde, ihn zu suchen. Sie täuschte ihn nicht, bald hörte er Hörner und Signalschüssc, aber als er die letzteren erwiedern wollte, versagte sein Gewehr, da das Pulver durchnäßt war. Zu lausen gestatteten seine Kräfte nicht, endlich sank er bewußtlos nieder und wurde am Morgen gefunden, wenige hindert Schritte von der Straße die nach I Ileurenss Avanture das Aeffchen saß auf seiner Schulter. Am Nachmittag schon brach das Fieber mit voller Kraft aus", doch war er nach einigen Wochen wieder hergestcllt und konnte nach Georgetown zurückkehren. Gleich nach seiner Genesung trat Richard in die Periode der angestrengtesten Thätigkeit ein. Die erwarteten Depeschen mit den onstrnctlonen für Robert trafen von England ein und gaben62 unerwartet dem friedlichen Gelehrten den Feldherrnstab in die Hand. Da die Brasilianer den streitigen Ort Pirara, dessen Räumung die englische Regierung verlangt hatte, noch besetzt hielten, so bekam Robert die Weisung, eine Abtheilung des ersten west- indischen Regiments, 2 Geschütze und Schanzzeug mitzunehmen, um die Brasilianer mit Gewalt vertreiben zu können. Die dadurch vergrößerte Erpedition bedurfte auch vermehrter Transportmittel. Dem früher gebrauchten großen Boot wurden jetzt drei weitere hinzugefügt, von 41, 30 und 25 Fuß Länge. Richard ließ die Borde des seinigen erhöhen, was ihm 81 Dollars (etwa 200 fl.) kostete, was zugleich einen Begriff von den Arbeitspreiscn in der Colonie geben mag, und nannte es nach der Königin von Preußen: Elisabeth. Robert legte dem größten seiner Boote den Namen Vic toria, dem zweiten deit Luise bei. Die fünf Kähne, welche 41 Menschen mit allein Material, Mundvorrath und Tauschwaaren führten, waren schwer beladen, noch mehr aber die neun Kähne, welche die Truppen und 120 Ruderer trugen. Trotz ver drängenden Geschäfte wegen den Vorbereitungen zur Abreise, hatten die Brüder Schomburgk den Maicerwari nicht vergessen, den armen Jungen, der wegen des aus Nothwehr und Blutrache an dem Zauberer begangenen Mordes im Gefängniß schmachtete. Obgleich Robert feierlich beschworen hatte, daß Cumaka auf streitigem Gebiet liege, und von Venezuela eben so gut, als voit England in Anspruch genommen werden könne, so sollte der Knabe doch bei der nächsten Sitzung des peinlichen Gerichts, die erst im März stattfindcn konnte, abgeurtheilt werden. Er konnte ihm bei seinem Besuche, wo er ihn durch die Entbehrung der Freiheit in trauriger Weise verändert fand, nur einige Erleichterungen: Bewegung im Gefängnißhof und eine Hängematte statt des Strohsacks verschaffen; fast aber hätte die unglückselige Angelegenheit die ganze Erpedition vereitelt. Vor Kurzem war nämlich die Gemahlin und die in Deutschland erzogene Tochter des Statthalters nach der Colonie gekommen, und ihnen zu Ehren wurde ein großer Ball gegeben am Abend des 22. De- ccmbers, gerade einen Tag vor Abgang der Erpedition. Eben wollte Robert noch einige Besuche machen bei Leuten, welche er wegen ihrer Farbe bei dem Statthalter nicht zu finden hoffen durfte, als er plötzlich bestürzt zurückkehrte und seinem Bruder die letzten Besorgungen übergab. Eben habe der Anwalt Maicerwari s ihm mitgetheilt, Robert dürfe als nothwendiger Zeuge bei dem im März vorzunehmenden Prozeß desselben die Stadt nicht verlassen, und eben werde die Vorladung (Warrant) zu diesem Zwecke aus gefertigt. Die Gesetze in Rücksicht einer solchen Citation sind so streng, daß, wenn der Warrant von dem Ueberbringer der be-63 treffenden Person in die Hand gegeben oder in ihrer Gegenwart niedergelegt ist, nicht einmal die Königin denselben von der recht lichen Verpflichtung, zu erscheinen, befreien kann. Es galt daher, das HauS zu verlassen, ehe der Gerichtsbote es betreten habe und sich bis zum Abgang der Expedition zu verbergen, Robert floh augenblicklich, um an der Essckibomündung die Schiffe zu erwarten. Kaum hatte der Flüchtling das Hans verlassen, als der Gerichts bote eintrat und, in Ermangelung Roberts, dem Bruder desselben die Vorladung einhändigen wollte. Dieser hütete sich aber wohl, das Schreiben anzurühren, da niemand gezwungen werden kann, den Warrant für einen andern in Empfang zu nehmen, aber jeder, der dies thut, sich verpflichtet, für das Erscheinen des Vorgeforderten einzustehen. Als der getäuschte Diener der Gerechtigkeit über eine Stunde vergebens auf die Rückkehr Roberts gewartet, und wieder holt vergebliche Versuche gemacht hatte, einem der Anwesenden das Schreiben aufzudringen, warf er dasselbe auf die Erde und verließ das Haus, um bald darauf mit Polizeimannschaft wiederzukehren, welche das Haus durchsuchten und besetzten. Als Richard auf den Ball in den Palast des Statthalters ging, fand er auch diesen umstellt, da man sicher gehofft, Robert werde der Lockung eines so glänzenden Festes nicht widerstehen. Auf dem Ball selbst wurde er überall wegen des unbegreiflichen Ausbleibens seines Bruders gefragt, worauf er selbst natürlich mit Aenßcrungen der Verwun derung antwortete. Am andern Morgen, den 23. Dcccmber, um 10 Uhr lichtete das Dampfschiff die Anker zu der großen, auf mehrere Jahre an gelegten Expedition. Kaum aber waren sie eine kurze Strecke am Ufer hingefahren, als aus dem dichten Gebüsch am Ufer ein Kahn sichtbar wurde, der sich dem Schiffe näherte und dem Capitän zu halten befahl. Es war abermals der Polizeibeamte mit Mannschaft, welcher aufs Schiff stieg und dasselbe nach dem Flüchtling, natür lich vergebens, aufs genaueste durchsuchte. Erst als in die Essekibo-Mündung eingelaufen waren und der Pflanzung Green wich-Park gegenüber lagen, gab daö Schiff das Zeichen, daß alles sicher sei, und Robert eilte an Bord. Dreißig Meilen (engl.) weiter aufwärts bei Ampa wurde gehalten und das Dampfschiff, welches von hier nach Georgetown zurückkehren sollte, umgeladen. Robert, der sich hier noch nicht sicher hielt, eilte nach Bartika Grove, um zugleich dort noch Ruderer anzuwerben. Richard lernte in Ampa eine neue Plage der Tropen kennen, die Vampire, welche in dem alten Stationsgebäude sich zahlreich aufhielten. Am ersten Tage waren es nur blutende Hühner und Ziegen, die er sah; in der zweiten Nacht aber wurde ein Mann in die Zehe gebissen und ihm soviel Blut ausgesogeu, daß er am Morgen ganz entkräftet war.64 Der Weihnachtsabend wurde, allerdings in ganz anderen Umgebungen als in der Heimat, im üppigsten Grün, statt zwischen Schnee und Eis, mit dem in England üblichen Plumpudding feierlich begangen. Am ersten Feiertag traf Rvbert mit den Steuerleuten ein, welche zur Befahrung des Essekibo nur aus den Anwohnern des Flusses gewählt werden können, da nur das labyrinthische Strombett desselben genau kennen und aus dem leichten Kräuseln der Wellen die darunter oerborgeiten Felsen wahrzunehmcn vermögen. Nachdem die Umladung vollendet war und die Kähne mehrere Tage eine ruhige Fahrt deit Essekibo auf wärts gemacht, gelangten sie an die Stromschnellen von Aritaka, die in einer Breite voll sechs Miles zu überfahren hatten. (60 9 N. B.) Unzählige Klippen, riesige Granit- und Gneiß- blöckc eines über 200 Fuß hohen Hügelzugs durchschneidcn hier den bis dahiit ruhigen Spiegel des Stromes. Durch die bald engen, bald weiteren, bisweilen in einer Breite von 40 60 Fuß sich öffnenden Zwischenräume und Spalten deö sich ihm entgcgen- stettendcn Gesteins bahnt sich der Strom mit stnnbetäubendem Getöse stürmisch seinen Weg. Eine Menge kleiner Inseln um säumen diese gefahrvollen Stellen und viele dürre Aeste gewaltiger Bäume, welche die reißende Fluth oberhalb der Stromschnellcn entwurzelt und bis hierher geschwemmt hat, ragen nach allcit Richtungen über den aufgeregten Wasserspiegel hervor. Ein kleines Eiland bot einen Ruhepunkt, um die Schiffe daran anzulegen und sie dann mit der doppelten Anzahl Ruderer Leinannt, unter großer Anstrengung einzeln die Stromschnelle hinauf zu bringen; die größten Schiffe aber, Victoria und Luise, konnten nur mit Seilen hinübergezogen werden. Eine kleine Insel oberhalb bot ein Nacht quartier und am folgenden Morgen gelangten an eine zweite, höhere Felsenschranke, welche man nicht wie die vorige mit beladenen Kähnen überschreiten konnte. Hier mußte man die Corials aus- laden, das Gepäck über Land tragen und die leeren Fahrzeuge an Seilen über den Sturz ziehen, eine Arbeit, die sich setzt fast täg lich erneuerte. Am folgenden Tage war die Aufgabe abermals höher gestellt. Es galt den gewaltigen Cataract Jraballi zu über winden, der sich in gleichem Grade durch seine Höhe, wie durch die reiche Zahl von Felsblöcken, welche sich der Gewalt der Strö mung entgegensetzen, auszcichnct. Bei einem Stromsall dieser Art gibt es nur zwei Wege, die CoriälS über seinen Scheitel zu bringen, beide gleich mühsam tind gefahrvoll, nämlich entweder die Fahr zeuge auszuladcn und das Gepäck meilenweit über die aufgethürmten riesigen Steintrümmer auf dem Rücken zu tragen, oder die Fahr zeuge an Seilen über den Fall hinwegzuziehen. Der letztere Weg wurde gewählt. Bei so bedeutenden Fällen bilden sich an ihrem5 65 Fuße gewaltige Strudel und Wirbel, welche ein breiter Saum von weißem Schaum begrenzt. Ehe das Boot in diesen Strudel ge langt, wird ein starkes Tau mit eiserner Klammer am Schnabel des Bootes befestigt und daS andere Ende desselben den besten Schwimmern der Mannschaft übergeben. Während nur der Steuer mann im Boote zurückbleibt, springen jene an der Grenze des Wirbels in die Fluthen, tauchen wieder auf und verschwinden, von einer Seitenströmung erfaßt, abermals, bis sie nach langem Kampfe einen der über dem Wasser hervorragenden Felsen erreichen. Doch der eigentliche feste Punkt, den zu gewinnen suchen müssen, liegt noch weiter oberhalb; der gefährliche Sprung muß noch einmal gewagt werden endlich ist das Ziel errungen, ein lautes Geschrei verkündet den Sieg! Jetzt richtet der Steuermann den Schnäbel seines Fahrzeugs unmittelbar auf den wildesten Strudel, und bietet, während die Schwimmer das Seil mit aller Kraft anziehen, seine ganze Gewandtheit auf, um das Boot in dieser Richtung zu erhalten. Es ist gelungen, der Scheitel erreicht, zitternd bewegt sich das Boot noch hin und her; da lenkt es der Steuermann aus dem eigentlichen Sturz und legt es an die Klippe, auf der die kühnen Schwimmer stehen, diese springen mit Gedankenschnelligkeit hinein, setzen die Ruder mit aller Kraft ein, und suchen den pfeil schnellen Strom zu durchkreuze , auch dies gelingt, und das Fahrzeug mit Allem, was es enthält, ist gerettet. Wehe aber, wenn bei dem Hinaufziehen des Fahrzeuges der Steuermann das selbe nicht in gerader Richtung zu erhalten, wenn bei dem Durch schneiden des Stromes die Kraft der Ruderer und die Geschicklich keit des Lenkers der Gewalt der Strömung nicht zu widerstehen vermöchte rettungslos fliegt cS der Breite nach den Fall hinab und einzelne Trümmerstücke, die jenseits jenes weißen Schaum streifens an der Oberfläche des Wassers auftauchen, verkünden seinen Untergang! Wenn der Neuling schon bei dem Herauf ziehen des Torials zittert, und die Befürchtung immer von Neuem in ihm aufsteigt, daß das Seil einer solchen Gewalt nicht wider stehen könne, so steigert sich diese Gefahr doch erst dann bis zu ihrem Höhenpunkte, wenn das Boot den Scheitel erreicht, die Ruderer in dasselbe hinabspringen und den Kampf mit der Ge walt des Stromes beginnen. In diesem Kampfe auf Leben und Tod steht oft das Boot minutenlang fest, wie eingewurzelt, und schon ringt sich der Todesschrei aus der angsterfüllten Brust, schon treten alle Muskeln der Ruderer durch die übermenschliche Kraft anstrengung sichtbar hervor, starr haftet das Auge an dem drohen den Felsen, erfaßt die sich überstürzende Fluth das Corial, reißt sie es auch nur einen Zoll breit mit sich dem verderblichen Sturze zu, keine Macht vermag es dann zu retten! Frei aberathmet dje beklemmte Brust wieder auf, die Ruderer haben gesiegt und der Kahn wiegt sich im sicheren Fahrwasser! Solche qualvolle Minuten, die über Lehen und Tod entscheiden, traten heute nur zu oft ein, und es hatte dieses rege Treiben, dieser wilde Kampf auch wieder seine höchst anziehenden Seiten. Das wilde Getöse des entfesselten Stromes donnert sinnbetäubend dazwischen und die glühende Sonne der Tropen steht über dieser großartigen Scencrie und läßt tausend Regenbogen auf dem Schaume des Falles er scheinen, während die im Zickzack fliegenden Schwälbenschaareu, die lärmenden Züge bunter Papageien, die funkelnden Colibri s über bas Vild einen zauberhaften Reiz verbreiten. Am Fuß des letzten Falles dieser Rtzihc, der Stromschnelle von Aharo, schlugen die Reisenden auf einer Sandbank ihr Nachtlager auf und begaben sich aus die Jagd der sehr schmackhaften, 5 10 Pfund schweren Fische Mylctcs, welche hier Vorkommen und welche die Warraus mit schweren Pfeilen meisterlich, zu schießen verstehen, doch auch dieser Fang ist lebensgefährlich, indem der Indianer, sobald der getroffene Fisch wieder austaucht, in den Fluß springen und ihn am Pfeile ergreifen muß, ehe er vom Strome hinabgerissen wird. Auch die Fälle von Aharo wurden glücklich überwunden und nun bot der Essekibo einen ruhigen Lauf zwischen Sandbänken dar, welche die Indianer mit Jubel begrüßten. Der Grund davon wurde deu Europäern bald klar, als jene aus dein Sande die köstlichen Schildkröteneier hcrauszuwühlen anfingen, deren Vor handensein leichte wellenförmige Erhöhungen des Bodens ihnen vcrrathen. Das Eiweiß, welches beim Kochen nicht hart wird, sondern ölig bleibt, läßt man auslausen und genießt nur den wohl schmeckenden und nahrhaften Dotter. Roh mit Zucker und einigen Tropfen Rum gegessen schmecken wie der feinste Marzipan. Die Zahl der Eier wechselt nach den verschiedenen Arten der Schildkröten zwischen 18 120. Ein wunderbarer Instinkt- lehrt die Thiere, so lange vor dem Eintritt der Regenzeit ihre Eier zu legen, daß sie sich noch vorher unter dem Einfluß der Hitze ent wickeln können. Die Größe der jungen Schildkröte ist daher dem Indianer das sicherste Merkmal für den Eintritt des tropischen Winters. Die seit den Fällen niedrigen Ufer stiegen allmählich wieder zu 10 12 Fuß hohen Lehmmauern an, welche von den Restern des Vogels, welcher Königsfischcr (Alcedo) genannt wird, sieb- förmig durchlöchert waren. Der Sylvcstertag wurde durch reich lichere Austheilung von Lebensmitteln gefeiert. Der Particularismus ist auch bei den Jndiancrstämmcn Guiana s sehr mächtig. Die Indianer bezogen nie ein gemeinsames Lager um das Lager der Europäer, sondern schieden sich in vier Abtheilungen nach den5 * - 67 Stämmen bet Mawais, Warraus, Macusis und Catiben. Gin be sonderes Lager bezog auch der Pitata von den Portugiesen vertriebene protestantische Missionär Poud, welcher durch die bri tische Streitmacht in seine Station wieder eingesetzt zu werden hoffte. Die Neujahrsnacht verging den Europäern wieder fremd artig genug unter den unheimlichen Klagelauten des Ziegenmelkers, welche diesen Vogel vor den Pfeilen der Farbigen und Creolen sichern, unter dem Geheul der Affen, dem Schwirren der Vampire und dem Gebrüll des Jaguars, der beutegierig, aber durch die Flamme geschreckt, die Nacht hindurch das Lager umschlich. Am Neujahrsmorgen hielt Herr Pond den Gottesdienst; der übrige Tag wurde mit Jagen und Fischen hingebracht. An diesem Tage bemerkte Richard am andern Ufer dcS Flusses den ersten Kaiman, (Alligator), den er anfangs für einen alten Baumstamm hielt. Erst als er sein zweites Auge" nach dem Ausdruck der Indianer, d. h. sein Taschentelescop gebraucht, erkannte er das Thier. Trotz des spöttischen Lächelns der Indianer und ihres Rathes, bei dem schlauen Thierc die Mühe zu sparen, wurde von den Europäern Jagd darauf gemacht, der Kaiman verbarg sich aber im Wasser, nachdem sie sich auf 300 Schritte genähert hatten. Am 2. Ja nuar 1842 setzten die Flußreise fort auf dem hier 4560 Fuß breiten Strome. Die Thier- und Pflanzenwelt wurde hier wieder ungemein reich und mannigfaltig. Besondere Aufmerksamkeit Richards zog der Schlangcnvogcl (Plotus Anhinga Linn.) aus sich. Er ist sehr scheu und vorsichtig und wählt seinen Sitz gewöhnlich auf Bäumen, welche, vom Wasser unterspült, sich weit über den Fluß Hin neigen, wo er den Fluß auf- und abwärts leicht überschauen und entfliehen kann, ehe der Jäger bis auf Schußweite naht. Da das Erscheinen des unbedeutendsten Gegenstandes auf dem sonst unbesnchten Wasserspiegel seine ganze Aufmerksamkeit schon auS der Ferne in Anspruch nimmt, so baute Richard auf diese un unterbrochene Beobachtung der Kähne sein Jagdsystcm. Sobald er den Plotus in weiter Ferne sitzen sah, stieg er, wo es das Ufer gestattete, Land und näherte sich ihm langsam und vorsichrig, während der Vogel nach den Kähnen blickte. Ist der Vogel aber nicht tödlich getroffen, so entgeht er dem Schützen, denn er taucht dann plötzlich unter und schwimmt unter Wasser bis zum buschigen Ufer, wo er sich ruhig hält, bis die Luft srel ist. (.(^ cv hxim Schwimmen seiner Nahrung nach, so ragt nur per schlangenähnliche, lange, dünne, ewig bewegliche " Hals mit dem kleinen Kopf über die Wasserfläche hervor, waS einen eigenthümlichen Anblick gibt. Am 5. Januar erreichten die 600 Fuß hohen Arissaro-Granitberge; sechszehn Miles weiter nähert sich der Essckibo dem Demerara aus die Entfernung von68 acht englischen Meilen. Fünf Miles noch weiter endete der ruhige Lauf des Stromes und abermals waren zwei Fälle zu passiren, die des Curamucu-Gebirges, das an beiden Seiten des Flusses bis zu 1200 Fuß ansteigt, und die von Benhuri-Bumocu. In der Nähe befindet sich eine kleine Niederlassung von Arawaaks, welche seltsamer Weise einen Weißen zum Häuptling haben, einen wegen Betrugs aus Georgetown flüchtigen Kaufmann Smith, welcher dadurch sich das Zutrauen der Indianer erworben, daß er eine Menge Messer, Angelhaken, Aerte u. dergl. im Walde heimlich vergraben und dann angeblich Eingebung des großen Geistes diese Schätze gehoben hatte. Nachdem sie die Cataract von Wara- puta auf einem Canal umfahren, gelangten nach der gleich namigen Niederlassung, welche Herr Uoud nach seiner Vertreibung aus Pirara übernommen hatte. 1835 zählte sie 30 Bewohner, jetzt (1811) schon 50 Hütten mit einer Kirche. Die Einwohner, Cariben, Macusis und Paravilhanos, zeigten in jeder Weise den wohlthätigen Einfluß europäischer Gesittung. In einem der hier wohnenden Paravilhanos, einem der wenigen Neste dieses einst mächtigen Stamms, der ihm vollkommen europäisch entgegentrat, erkannte Robert Schomburgk den Sororeng, einen alten Bekannten, den er vor zwei Jahren (1839) selbst mit nach England genommen hatte. Der redliche und biedere Sororeng hatte durch die Reise nach London bei seinen Landsleuten alle Glaubwürdigkeit verloren; seitdem er ihnen mitgetheilt, es gäbe dort, im zoologischen Garten nämlich, noch größere Thicre als Jaguare und Kühe, nämlich eine Langnasc (Elephant) und einen Langhals (Giraffe), hielten ihn seine Freunde für einen verächtlichen Lügner und seit dem erzählte er lieber gar nicht mehr. Da die Reisenden höher hinauf keine Ansiedlung am Essekibo mehr zu finden rechnen durften, so blieben sie in Waraputa sechs Tage, um sich mit den nöthigen Vorräthen an Cassadabrot zu versehen; Herr Youd ver weilte hier bis zur Ankunft der Truppen und hielt am Sonntag den Gottesdienst, zuerst für die Europäer englisch, dann für die Eingeborenen in Macusi-Sprache und endlich für die Farbigen in Creol-dutcli. Ein Horn rief die Gemeinde iitS Gotteshaus; ge spaltene Baumstämme bildeten die Bänke; weder Glas noch Läden schlossen die Fensteröffnungen. Nur wenige der Zuhörer waren ganz, die meisten kaum halb bekleidet. Die Pausen der Liturgie füllte eilt Leierkasten, der mehrere Chorälmclodien spielte. Soweit ging alles gut, die Aufmerksamkeit der Indianer ließ nichts zu wünschen übrig; als aber die Predigt des Herrn Uoud sich etwas in die Länge zog, so ermüdeten sie. Zuerst zeigte sich die Ungeduld bei einem Waika aus Manari; er schien es nicht länger aushalten zu können. Da der Weg nach der Thür aber dicht besetzt war69 und der Indianer, aus angeborenem Schicklichkeitsgefühl, jede Störung vermeiden wollte, so warf er sein Augenmerk auf ein Fenster. Ohne das Auge von dem Prediger abzuwenden, begann er sich fast unmerklich seitwärts dahin in Bewegung zu setzen. Wandte der Prediger während der Rede das Auge nach der Gegend des schlauen Indianers, dann stand dieser plötzlich still. Endlich hatte er das sechs Fuß über dem Boden erhabene Fenster erreicht und schwang sich im Augenblicke, als Herr Doud nach der andern Seite blickte, ins Freie, so sicher und geräuschlos, daß der selbe ebensowenig davon bemerkte, als davon, daß noch sechs Landsleute dem Beispiele folgten. Die farbige Gemeinde sah der Entweichung zu, ohne eine Miene verziehen. Der Fall von Warapula ist nicht allein seiner Großartigkeit wegen, sondern auch durch die an seinen Felsen eingehauene Bilder schrift merkwürdig, welche unverkennbar auf eine höhere Cnlturstufe der Eingeborenen in früherer Zeit hinweist. Geschichtlich nach gewiesen ist, daß die Spanier bei der Entdeckung Amerikas daö Land von einer Menschenrasse bewohnt fanden, die sich sowohl dem Körperbaus als den geistigen Fähigkeiten nach vielfach von den bis dahin bekannten Nationen unterschieden. Unter sich zeigten sie in jeder Rücksicht große Uebereinstimmnng, nur in der Sprache unterschieden sich. Mail kann über 500 Sprachen unterscheiden, deren grammatischer Bau indeß große Aehnlichkeit hat. Weitere sprachliche Nachforschungen allein können beiln Mangel aller ge schichtlichen Thatsachen darüber Aufklärung geben, ob die Urbe wohner Amerikas Eingeborene ihres Bodens, oder ob sie asiatische Einwanderer sind. Jener Gürtel v -n Hieroglyphen, den wir durch ganz Süd- und Nordamerika bis iil das nördliche Sibirien hinüber gezogen finden, verbunden mit der Aehnlichkeit der amerikanischen Urbewohner mit dem Körperbau der mongolischen Stämme gibt der letzteren Ansicht allerdings die größere Wahrscheinlichkeit Diese flüchtigen Andeutungen mögen genügen, die Wichtigkeit dieser Bilder schrift für die ethnographische Forschung klar zu machen. Auf die Fragen, wer diese Zeichen eingegraben habe, antworteten die Ein geborenen überall : Unsere Vorfahren, als itoch die großen Wasser die Erde bedeckten und jene auf Corials die Berge befuhren." Die Wassermasse des Waraputafalls stürzt über eine 12 Fuß hohe senkrechte Felsenwand herab, an deren Fuß gewaltige Granitsclsen, ganz mit jenen Figuren und Zeichen bedeckt, dem Wasser her vorragen. Trotz der Jahrhunderte lang fortschreitenden Verwitterung sind die Zeichen jetzt noch 3 0 Linien tief in den festen Granit eingegraben, was bei der Härte des Steins und dem Mangel eiserner Werkzeuge die Arbeit mehrerer Jahre gewesen sein muß. Die Größe der Zeichen geht von einem Fuß bis zwei und mehr.70 Außer rohen Nqchbildungen vyn Menschen- und Thiergestaften kehren häufig verschiedene Schneckenlinien wieder. Später fanden die Reisenden an andern Orten diese nicht, und dafür Nachbil dungen von Schlangen, Crocodillen, Sonne, Mond und Sternen. In Waraputa hatte Richard auch Gelegenheit, den grausen haften Aberglauben der Macusis kennen zu lernen. Es war dort ein 10 12jähriger Knabe, der an der Wassersucht litt und daran auch nach vier Tagen starb. Seine Angehörigen erklärten als Ursache seines Todes den Kanaima, womit sie sowohl einen bösen unsichtbaren Dämon, als auch den lebenden Rächer irgend einer Beleidigung bezeichnen. Wir haben schon Lei den Warran s von der furchtbaren Rachsucht der Indianer gesprochen, welche diese nie offen, sondern immer auf Schleichwegen zu befriedigen suchen. Das Bewußtsein dieser Eigenschaft seiner Landsleute macht jeden Eingeborenen äußerst mißtrauisch; Nachts verrammelt er seine Hütte und schöpft Argwohn aus jedem Geräusch. Gewöhnlich benutzt der Rachgierige Gift, das dann auch Kanaima heißt. Das fürchterlichste Gift wird aus der Zwiebel oder Knolle einer Pflanze.bereitet, die sie Wassy nennen, die aber Richard zu zeigen keiner durch die größten Versprechungen sich bewegen ließ, da sie behaupteten, die weißen Männer würden, wenn sie erst das Gift kennten, auch gleich ein Gegengift auffinden. Sie schneiden die Zwiebel in feine Scheib chen, trocknen dieselben an der Sonne und stoßen sie dann unter den größten Vorsichtsmaßregeln zu entern feinen Pulver, das ganz das Aussehen voll Arsenik hat. Gelingt es dem Kanaima, sein Opfer im Schlafe zu überraschen, so streut er ihm etwas von dein Pulver auf die Lippen oder in die Nase, damit er es ciuathmc. Heftiges Brennen in den Eingeweiden, zehrendes Fieber, unstill barer Durst sind die Folgen, und binnen vier Wochen stirbt der Vergiftete unter den furchtbarsten Qualen, zum Skelett abgemagert. Gelingt es dem Kanaima längere Zeit nicht, seine Rache zu befrie digen, so geräth er in eine Art von Raserei ; er verläßt sein Dorf, zieht sich in die Wildniß zurück, bemalt seinen Leib eigen- thümlich und. bekleidet sich mit einem Thierfell. Von dent Augen blick aber, wo er daS Dorf verläßt, wird er für die andern In dianer ebenso vogclfrei, als für ihn das Opfer, dem er nachstellt und das er mit giftigen Pfeilen im Walde zu töden strebt. Hat er seinen Feind erlegt, so zerfleischt er ihm die Zunge mit den giftigsten Schlangetrzähnen, damit die Zunge zu einer unförmlichen Masse an- schwelle und der Verwundete in den wenigen Stunden, die ihm zu leben bleiben, nicht etwa einem Begegnenden mirtheilen könne, Wer der Kanaima war. Aus der ganzen Reise brachen die Maeust s asten erlegten Schlangen die Gistzähne aus und bewahrten sie aus.71 Ilm nun den Kanaima zu finden, welcher den wassersüchtigen Knaben getödet, verfuhren fie wie die Heren im Macbeth, wobei wir also wieder, wie bei Gelegenheit der Priesterärzte, eine merk würdige Uebereinstimmung des Aberglaubens bei den verschiedensten Völkern finden. Vier Finger, vier Zehen und ein Stück von jeder Ferse des Knaben wurden abgeschnitten und in einen neuen Topf gethan, dieser mit Wasser gefüllt, und aufs Feuer gestellt. . Unter Trauergesängen kauerten die StammesangehLrigcn um den Topf, um abzuwarten, nach welcher Seite das kochende Wasser eines der darin schwimmenden Glieder hcrausschleudern würde, was mit einem lauten Schrei bezeichnet wurde. Die Richtung war die des Heimatdorfes der Macussö und dort beschlossen sie, den Kanaima zu suchen. Wir finden also zugleich hier ein Scitenstück zu dem mittelalterlichen Gottesgericht, vo die Wunden zu bluten anfingen, wenn der Mörder dem Erschlagenen sich näherte; hier springen die Glieder gegen den Mörder zu. Nachdem die Reisenden die nöthigen Vorräthe gesammelt, setzten ihre Flufireise fort und erreichten am 18. Januar das sich 1100 Fuß über den Flußspiegel erhebende Twasinki-Gebirge, während sich einige MilcS tiefer im Hintergründe auf dem östlichen Flußufer das etwa 1000 Fuß hohe Akaiwanna-Gebirgc erhebt. Diese beiden Gebirgszüge springen so gegen den Strom vor, daß sie ihn zwingen, ein förmliches 8 zu bilden, eine Doppelkrümmung, deren Gesammtlauf etwa 0 Milcs beträgt. Zahllose Stromschnellen und Inseln mit verschlungenen Kanälen machen diese Strecke fast unfahrbar. Gerade unter dem fünften Breitengrade befinden sich die höchsten Fälle. Der Taquiari, ein Ausläufer des Twasiuki- Gcbirges, zog schon aus der Ferne die ganze Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich durch zwei mächtige Granitblöcke, welche weit über die sie umgebenden dichten Laubmasscn hevorragten, und in der Ferne ganz das Mschen zweier mächtiger Warten einer alten Burgruine hatten. Diese Säulen, welche 150 Fuß unter dem Gipfelpunkte des 800 Fuß hohen Gcbirgs bis zur Höhe von 160 Fuß ansteigcn, haben auch dem Gebirge den Namen geschöpft, indem eine von ihnen aus der Nähe einem indianischen Wasserkruge gleicht, welche die Cariben Taquiari nennen. Die Aräwaaks neunen Comuti, was in ihrer Sprache dasselbe bezeichnet. Die Indianer halten alle solche seltsame Formationen des GebirgS für Wohnungen der bösen Geister, welche durch deren, Betrachten be leidigt werden. Während die Aeltern daher jedes Aufblicken an solchen Stellen vermeiden, spritzen sie den Jüngeren, die zum crstcn- male vorbeikommen, Tabakssaft in die Augen, welche sie erst aus- waschen dürfen, wenn sie an der gefürchteten Teufelsburg vorüber sind. Große Angst empfanden sie über die Kühnheit der Europäer,72 welche sich natürlich nicht wehren ließen, das Naturwunder möglichst genau zu betrachten. Sie fuhren noch einige Tage in derselben Weise fort, mit Fischen und Schildkröteueiern als frischen Lebens mitteln sich nähernd, Wasser-Fälle überwindend, welche immer schwieriger wurden, an deren einem jedoch, am Uropocari, sie nach langer Zeit einmal wieder andre Spuren der Menschenhand, als Bilderschrift, fanden. An der östlichen Seite des Falles erhebt sich eine kleine Insel, auf der sich während der holländischen Herr schaft eine bedeutende Kaffeepflanzung befunden haben soll. Noch vor wenigen Jahren waren dort Früchte gesammelt worden. Robert hat auf seiner früheren Reise das Eiland besucht und dort die deutlichen Spuren eines Teiches, sowie mehrere verwilderte Frucht- bäumc und nicht einheimische Zierpflanzen vorgefunden. Nachdem sie die Fälle von Orotoka und Achra-muta passtrt, schlugen sie ihr Lager unter dem schützenden Dache riesiger Morabäume auf. Schon öfter hatten die Farbigen, wenn sie die Europäer eine schöne Land schaft bewundern sahen, auf eine Beleuchtung hingewiesen, die alles Andere übertreffen sollte, was diese bisher gesehen. Es sei dieß nämlich eine brennende hohle Mora, deren Holz noch fetter ist, als das der Kiefer. Heute kam einer der Farbigen jubelnd ge sprungen , um zu verkünden, jetzt könnten sie die Illumination veranstalten, denn eben habe er eine treffliche Brandfackel gefunden, eine hohle Mora von wenigstens 130 Fuß Höhe und 10 Fuß Durchmesser. Kaum war die Sonne hinter dem westlichen Wald saume verschwunden, als auch die Borbereitungen getroffen und ein kleines Feuer in der untern Oeffnung des hohlen Baumes ange zündet wurde. Es war heute wieder eine unendlich reizende tropische Nacht; der Himmel wolkenlos, übersäet mit Millionen blitzender Sterne; kein Luftzug bewegte die Belaubung des dunkelsaftigen WaldeS, und der Spiegel des stolzen Stromes glich da, wo das Bereich der Fälle endete, der unbeweglichen, jeden Gegenstand wiederspiegelnden Quccksilberfläche; alles war Ruhe und Frieden. Wir lassen Richard an dieser Stelle selbst schildern; er sagt: Das angezündcte Feuer mochte etwa eine halbe Stuilde gebrannt haben, als die inneren Wandungen der sich bis zum Gipfel hinausziehenden Höhlung Feuer gefangen zu haben schienen, und gespannt auf den Moment des Ausbruchs der im Innern lodernden Flamme, standen wir auf einer der höchsten Klippen. Jetzt drängte sich aus mehreren Oeffnungen am Beginn der Aeste ein schwarzer Rauch, der in dicken Streifen über den Fluß hinzog. Plötzlich wurde er durch einzelne Funken erhellt, die wie Blitze durch die schwarze Masse fuhren. Diese Blitze wiederholten sich immer häufiger, bis sie endlich ebenso schnell in eine massige Fenersäule verwandelt waren, die eine förmliche Wolke von sprühenden Funken inmitten eines schwarzen73 Rauchwirbels vor sich her trieb und bann gleich der steigenden Rak- kete zum Himmel aufloderte. In diesem überraschenden Augenblicke löste sich ein Ruf der Bewunderung aus jeder Brust. Der Effect auf die wilden Felsen und die tobenden Wasser sowohl, als den ruhigen Spiegel, die grelle Beleuchtung der Blüthen der auf dem Baunie wurzelnden Schmarotzer, unterbrochen durch seine schwarzen Aeste, alles vereinigte sich zu einem einzigen Bilde, das an Mannigfaltigkeit gewann, als die Aeste zu lodern anfingen und das Bild eines colossalen Armleuchters oder Weihnachtsbaums dar- boten. Endlich löste sich ein Ast nach dem andern unter fürchter lichem Getöse vom Baum, bis dieser allein, gleich einem riesigen Schornsteine, dastand und ununterbrochen Flammen zum Himmel entsandte." Am folgenden Tage wurden auch die letzten Fälle über wunden und bald wiegten sich die Boote im ruhigen Wasser. Nach vierwöchentlichem Kampfe mit dem Strom fuhren sie endlich unter etwa dem 4 N. V. in die Mündung des Rupununi ein, welche von der Mündung des Hauptstroms mit Einschluß der Krümmungen 240 geographische Meilen entfernt ist und 320 Fuß höher liegt. Mehr noch als die deutlich ausgesprochenen Worte des Ziegen melkers, welche, wie erwähnt, durch ihre dämonische Wirkung diesen Vogel vor den Geschossen der Eingebornen sichern, überraschte unfern Naturforscher der in den höchsten Gipfelspitzen sitzende Rachenvogel, Chasmarliynchos carunculatus, Glockenvogel, Bell-bird der Eingeborenen, dessen Nus die vollkommenste Aehnlichkeit mit dem Ton harmonisch gestimmter Glasglocken besitzt. Die Ufer des Rupununi sind itiedrig und reich an Buchten. Der aus ihnen von der Strömung fortgerissenc Boden färbt ihn roth, daher sein Name, welcher rothcr Fluß" bedeutet. Auf dem Rupununi waren sie glücklicher auf der Kaimanjagd, als früher am Essekibo, doch störte ihre Jagdbeute noch im Tode die Nachtruhe. Der Negerkoch Hamlet, schon als Neger von den Indianern verachtet, war cS noch mehr durch seine ausbündige Feigheit und Furcht vor den Kaimans. Dieser war eben ganz vergnügt schlafen gegangen, als plötzlich aus der Gegend seiner Hängematte ein fürchterliches Hülfs- geschrei erschallte. Den Fragen der Herbeigeeilten antwortete er unter allen Zeichen des Entsetzens: ein lebendiger Kaiman liege in seiner Hängematte. Es fand sich wirklich ein am Morgen ge schossener, vier Fuß langer Kaiman darin vor, an dessen Beine einer der Muchwilligen eine lange Liane befestigt, und damit wahrscheinlich, denn die Sache kam nicht heraus, als Hamlet in die Hängematte stieg, das Thier bewegt hatte. Desto mehr Much zeigte eine junge hübsche Frau vom Caribenstamme, welche von ihrem Manne gezwungen wurde, gegen74 ihren Willen ihn nach Georgetown zu begleiten. In Waraputa verschwand sie plötzlich und kehrte durch die dichtesten Urwälder, über Ströme und Flüsse am westlichen User des Effekibo zum Rupuuunt zurück, ohne andere Nahrung, als die, welche die Sträucher und Bäume ihr lieferten. Zerrissen und verwundet von beit Dornen und Schneidegräsern, zum Tode ermattet, da sie noch zuletzt den breiten Rupununi hatte durchschwimmen müssen, langte sie in ihrem Dorfe wieder an, nachdem sie zu Lande in neun Tagen eine Strecke zurückgelcgt, zu der auf dem Flusse die Brüder Schomburgk drei Wochen gebraucht hatten. Die heroische Frau sah bei dieser kühnen Wanderung noch dazu jeden Tag ihrer Niederkunft entgegen. Allmächtig stiegen die Ufer des Rupununi an und damit wurden bie Palmen häufiger. Endlich fünf Wochen, nachdem sie ununter brochen zwischen Wäldern eingeschlossen gewesen, stand der Augenblick bevor, wo das Auge wieder frei und ungehindert über eine freie Fläche schweifen konnte, ein Anblick, den Richard jetzt ebensosehr ersehnte, als er später aus der Savanne trostlos den Blick oft nach dem Horizont warf, um dort eilten dunkeln Waldsaum zu entdecken. Zuvor aber zog erst eine Affenherde, von Zweig zu Zweig springend, über ihnen hin, welche Richard durch sein heftig ausbrcchendcs Lachen iit die Flucht jagte, denn es war zu komisch, diese Karikatur des Menschen zu beobachten, das Jammern, Pfeifen und Quieken der Schwächen zu hören und die boshaften Blicke zu sehen, welche jene den Stärkeren zuwarfen, sobald diesen in den Weg kamen und nun von ihnen geschlagen und gebissen wurden; wenn er die altklugen Gesichter der auf dem Rücken der Mutter hockenden Jungen und zugleich die ernsthaften Mienen wahrge nommen, mit welchen auf der Reise jede Spalte, jedes Blatt nach Jnsecten durchsucht, hie und da ein Käfer oder Schmetterling mit äußerster Geschicklichkeit gefangen wurde. Endlich beim weiteren Fortfahren wurde die waldige Um säumung des linken Ufers des Rupununi immer lichter, bis die Savanne sich öffnete, welche aber mit sechs Fuß hohem Grase be wachsen war, so daß auch nach Ersteigung des Ufers die Reisenden nichts sahen, als das ferne Macarapangebirge. Bald zeigte eine der Buchten des Rupununi ein schönes Eremplar der bekannten Victoria regia, welche Wunderblume von Robert Schomburgk auf seiner ersten Reise entdeckt und die in neuester Zeit besonders häufig genannt wurde, weil das Glashaus, welches Parton über ihre riesigen Dimensionen baute, das Vorbild des Londoner Krystall- pallastes wurde. Auf ihren 5 6 Fuß im Durchmesser haltenden Blättern, welche einen zehnjährigen Knaben zu tragen im Stande sind, liefen Enten, Wasserhühner und kleine Reiher umher; die Blüthenblätter gehen vom Umfang nach der Mitte von Weiß durch75 bte sanftesten Tinten in ein saftiges Rosenroth über; % Zoll lange, scharfe, elastische Stacheln umgeben und schützen sie. Hatten sie bisher einzelne Macusi s öfter gesehen, ja in ihrer Begleitung gehabt, so gelangten die Reisenden doch jetzt erst zur ersten Niederlassung Ha io wa dieses Stammes, des fünften von den Eingeborenen Guiana s, den sie kennen lernten. Bald ging ein lebhafter Handel in der geräumigen Fremdenhütte vor sich, wohin die Indianer Cassadabrod, Yams, Pisangs, Bananen, Hühner, Fische k. zusammentrugen, während Robert gleich dem Tabulet- krämer eines ländlichen Jahrmarkts hinter seinem vielfächerig,cn Kästchen stand und mit Glasperlen, Messern, Schecrcn und dergl. die gesammelten Vorräthe bezahlte. Die Macusis sind sehr putz süchtig; den Weibern gehen Perlen, den Männern Federschmuck über alles. Die Macusi s gehören zu den schönsten und zahlreich sten Stämmen Guiana s. Ihre Gesichtsfarbe ist hell, ihr Wuchs hoch, ihre Sitten sind mild. Lobenswcrth ist ihre Reinlichkeit, doch bemalen sie ihre Körper und durchbohren Nasescheidewand und Ohrläppchen, um Holzpflöcke hincinzustecken; der durchbohrten Unterlippe tragen sie eine Nadel. Polygamie ist erlaubt, aber selten. Ihre Sprache ist wohltönend und hat durch Endungen auf ang, eng- und ong dem Klang nach einige Aehnlichkeit mit der französischen. Die Niederlassung bestand auö 12 Hütten mit etwa 60 Bewohnern. Die Hütten sind theils viereckig, thcils rund und werden so erbaut, daß 7 Fuß hohe Pfähle ziemlich dicht neben einander eingeschlagen und mit dünnen Stäben durchflochtcn werden; die Zwischenräume füllen sie mit Lehm aus. Das Sparr- wcrk wird durch zähe Schlingpflanzen zusammengehalten und von einigen stehcugclassenen Baumstämmen getragen; die Wedel der Palme Maximiliana regia bilden die Bedachung. Der Hausrarh besteht in baumwollenen Hängematten; kleinen Holzschcmeln in dcr Form verschiedener Thiere, welche fast nur von den Weibern benutzt werden, da die Männer vorziehen, auf den Fersen zu hocken; aus- gehöhltcn Kürbissen als Wasserbehälter; Kochgefäßen aus Thon und endlich einer Menge Körbe, dcrcst Flechtwerk von unüberlrcfflichcr Festigkeit und Zierlichkeit ist. Auf Heu Querbalken der Hütte ruhen die ebenfalls mit Federschmuck verzierten Waffen: Keule, Bogen und-Pfeile und Blaserohr; ferner die Jagdbeute: Jaguarschädel Rehgewcihe, Adlerfänge u. dgl. Am andern Morgen hatten sie Gelegenheit, da gerade eine andere Schaar Macusis, auf der Fahrt nach Georgetown begriffen, landete und dem Häuptling sich vorstellte, die Bcgrüßungssormcn dieses Volkes zu beobachten, welche so umständlich sind, als die der Waikas, aber sich dadurch aüszcichncn, daß die Sprechenden sich nie ansehen. Sie Halten es nur der Hunde, aber nicht der76 Macusts würdig, bei der Unterredung sich ins Gesicht zu sehen. Die Redensarten sind sehr mannigfaltig; so muß z. B. der Wirth den Schemel, auf den er den Gast sich zu setzen einladet, als schlecht schildern, der Gast dagegen ihn loben. Alle diese lang weiligen Umstände erneuern sich beim Reichen der Speisen und Getränke und wenn die Gäste gesättigt sind. Ist während der Unterredung Jemand genöthigt hinauszugehen, so wird er bei der Rückkehr ebenso empfangen, als käme er eben erst an. Die Unter haltung wird durchgängig in einem singenden, fast klagenden Tone geführt. Die jüngern Indianer geben nur die Zuhörer ab und stellen sich, wenn sie eine Sache auch schon zwanzigmal gehört haben, höchst verwundert über das, was sie vernehmen. Am folgenden Tage lernte Richard den Niesen der Flußfische Guiana s kennen, den Arapaima der Macusis, Sndis g-ig-as Ciiv., welcher 8 Fuß lang und 200 Pfund schwer wird, sehr wohlschmeckendes Fleisch hat und dabei ln den buntesten Farben von grau zu car- mosin strahlt. Er wird von den Indianern mit Pfeilen geschossen. An demselben Abend noch hatte Richard das großartige Schauspiel eines Steppenbrandes. Anfangs sah man nur eine zunehmende und immer näher rückende Rauchentwickelung, bald aber nach Sonnenuntergang zogen von Nordosten mehrere Feuer- säulen heran, die allmählich sich zu einer einzigen vereinten. Grell grenzte sie sich auf dem dunkeln Hintergründe des bewölkten Him mels ab, und beleuchtete vor sich die trüben Wolkenmassen, sowie die düstern Macarapail- und Pacaraimagebirge mit graugelben Tinten. Mit Gedankenschnelligkeit wälzte die ungeheure Feuermasse sich vor dem Winde her und im nächsten Augenblick sanken die eben noch beleuchteten Hügel und Baumgruppen in tiefes Dunkel zurück Als das wandelnde Feuer den erstaunten Zuschauern sich näherte, wurde ein dumpfes Brausen der ln der Hitze zerplatzenden Riesengräscr und Rohrarten hörbar, das mit jeder Secunde deut licher dem tobenden Gewehrfcuer einer wilden Schlacht glich. Das Ufer deS Rupununi, in dessen ruhigen Wellen die Flammen sich spiegelten, setzte dem feindlichen Element eine unüberstcigliche Schranke gegen Süd-Osten hin. Am andern Morgen war die gestern noch so freundliche, gelbgrüne Savanne in eine schwarze Fläche ver wandelt, aus der die verkohlten und entlaubten Aeste der Bäume in die Luft starrten, während der Wind nach allen Seiten hin schwarze Aschen- und Staubwolken aufjagte und Hunderte von Raubvögeln mit wildem Gekrächze die düstere Fläche umkreisten, um die in dem Feuer umgekommenen Säugethiere und Amphibien zu verzehren. Nur die Wedel der herrlichen Mauritia flexuosa prangten unversehrt, da die Höhe dieser Palme sie vor dem Einfluß des Feuers schützt. Nach vierzehn Tagen schon bietet die Fläche77 wieder einen ganz andern Anblick und prangt im reichsten Früh- lingsschmnck schöner und frischer als vorher. Obgleich von der Militärabtheilung noch nichts zu sehen war, so setzte doch die Brüder, nach Vervollständigung ihrer Vor- räthe, von Haiowa ihre Flußreise in südlicher Richtung zwischen den verbrannten Ufern weiter fort. Statt der Steinschranken des Essekibo bot der Rupununt bald hölzerne; massenhaft umgestürzte Bäume, welche die Schifffahrt hemmten und hie und da förmliche Wasserfälle verursachten. Mit ansteigendem Ufer wurde der Fluß eingeengt und die Vegetation reicher. Endlich näherten sich der Bucht Wai-ipu-cari, der Landungsstelle des elf englische Meilen weiter landeinwärts gelegenen Dorfes Pirara, unter 3" 38 N. B. und 5gv 11 W. L. Pirara ist die goldene kaiserliche Stadt Manva," der kleine Amucusee, an dem dies Macusidors liegt, der große Sec mit goldreichen Ufern," das Ziel einer Flußrcise von 300 englische Meilen. Ein englischer Commissar, Herr Fryer, wurde mit Depeschen der Regierung, welche die Räumung Pirara s von den Brasilianern verlangten, landeinwärts geschickt, die Andern lagerten, seiner Rück kehr gewärtig, am Ufer des Rupununi und hatten das neue Schau spiel einer Tapirjagd. Richard ging am folgenden Morgen mit vier Indianern in den Wald. Nachdem sie etwa eine halbe Stunde ge wandert waren, bemerkte einer die Fährte eines Tapirs. Ruhig und lautlos ging es jetzt durch Sümpfe, dichtes Gebüsch und die messer scharfen Schneidegräser, durch welche die Indianer mit einer solchen Behendigkeit schlüpften, daß sie nicht die mindeste Verletzung davon trugen, indeß Richards Hände und Gesicht bald von Blut trieften, obgleich er nur der gebrochenen Bahn folgte. Nie waren seine Be gleiter über die Fährte verlegen, mochten diese nun deutlich in den Sumpfboden abgedrückt sein, oder über weite Flächen, mit trocknem Laube bedeckt, hinführcn; sicher und ruhig giug es vorwärts. Nach etwa einer Stunde lag abermals ein Sumpf vor den Jägern und ein Zeichen des vorangegangenen Indianers verkündigte, daß der Tapir in der Nähe sei. Obgleich Richard so vorsichtig als möglich vorschlich, so machte er doch mehr Geräusch, als alle Indianer zu sammen, weshalb sie sich oft mit zornigen Blicken nach ihm um sahen. Endlich waren auf Schußweite und kauerten nieder. Der Tapir lag nach Art der Schweine behaglich im Sumpf, plötzlich aber schien er Menschen zu wittern, er schnüffelte und sprang rasch auf. In diesem Augenblick schossen alle fünf Jäger- gleichzeitig, ihn verwundend, aber nicht tödlich, denn er stürzte durch das Gebüsch, den hohen Rand des Rupununi hinab, durch schwamm den Fluß und kam an seinem jenseitigen User heraus, als die Jäger erst am diesseitigen Rande angclangt waren. Ohn78 Zaudern sprangen die vier Indianer in den Fluß und schwammen nach. Vier tödlich lange Stunden harrte Richard in der un bekannten weglosen Wildniß auf ihre Rückkehr und verzweifelte schon daran, als sie endlich genau an der Stelle, wo sie verschwunden waren, wieder zum Vorschein kamen, und durch den Fluß zurück schwammen. Sie waren dem Thier zwar bis auf Schußweite nahe gekommen, da aber Pulver und Gewehre, obgleich sie beim Sprung in den Fluß über den Kopf gehalten hatte , durch das sprühende Wasser naß geworden waren, so hatten ihre Schüsse versagt, und die Beute entkam. Unaufhörlich wiederholten sie auf dem Heimweg durch Pantominen die Bewegungen des angeschossenen Thieres und aus ihren Reden, in denen häufig Paranaghieri, der Weiße" vorkam, schloß Richard, daß sie ihm die Schuld des Miß lingens zuschrieben. Am folgenden Tage kehrte Herr Fryer mit der Nachricht zurück, daß in Pirara nur vier Jndianerfamilien und drei bra silianische Soldaten zurückgeblieben seien. Am Tage darauf ver kündeten zahlreiche Schüsse, deren Toil der Ostwind herbeitrug, die Ankunft der Militärerpedition. Als unsre Reisenden noch vier Meilen vvrr Pirara entfernt waren, klangen dnrch den Wald die Töne von Rule Britannia," von Hörnern geblasen. Nach Verlauf einer Stunde erschien das große Boot und die Mannschaft sprang Land, froh daö Ende der mühseligen Flußreisc vor sich zu sehen, deren Spuren den Kleidern deutlich ausgeprägt waren. Die Truppenabtheilung war erst am 11. Januar von Georgetown auf gebrochen; die acht Lastboote waren in Haiowa zurückgeblieben. Während sie hier im Lager sich erholten, kamen einige Boote mit Munition und den Kranken der Erpedition nach. Nach einigen Tagen rückten sie in Pirara ein, wo Herr Aoud von seiner früheren Gemeinde freudig bewillkommnet wurde; seine Kirche fand er aber nicht mehr vor, die Brasilianer hatten sie niedergerissen. Auch die Häuser hatten sich seit 1838, wo die Brasilianer einzogen, auf die Hälfte vermindert; die übrigen drohten zum Theil den Einsturz. Non 600 Bewohnern waren durch  die rohe Behandlung der Brasilianer nur vier Familien zurückgeblieben; Uoud s Haus, in dem die brasilianischen Soldaten gehaust, starrte von Schmutz. Am Nachmittag wurde bei großer Parade die englische Flagge auf gezogen und mit Musik und Schüssen begrüßt. So war denn Richard nun auf dem sagenrcichcn Boden an gelangt; zu seinen Füßen lag daö Mar de aguas blancas, das Mar del Dorado, der See mit goldreichen Ufern" und der gold strahlenden Stadt Manoa," nach welcher die kühnsten Abentheurer Spaniens, Portugals und Englands seit dein sechzehnten Jahr hundert ihre Irrfahrten unternahmen, für welche der große und79 - unglückliche Walter Naleigh von 1595 1617 vier Expeditionen antrat, für welche er den Ehrgeiz und die Phantasie der Königin Elisabeth in so hohem Grade zu entflammen wußte. Statt des ausgedehnten Binnenmeeres, in welchem der Esse- kibo, Amazon und Orinoco seinen Quellpunkt haben sollte, lag da der kleine See Amucu mit unbedeutender Wasserfläche und sumpfige Ufern *). War auf der ganzen bisherigen Reise die Cultur, soweit sie eine solche fanden, englischen Ursprungs gewesen, so trafen sie jetzt zuerst mit der Gesittung eines andern europäischen Volkes zusammen. Als die Nachricht von Piraräs Besetzung durch die Engländer nach dem nächsten brasilischen Grenzposten, Fort S. Joachim, gelangte, kam der Commandant, Hauptmaun Leal, und der Pater Joseph, eine für portugiesische Sitten charakteristische Zusammensetzung, herübergeritten, um wegen dreier, in Pirara zurückgebliebener und von den Engländern gefangener brasilischer Soldaten, und der Waffen der übrigen zu unterhandeln. Ihre Begleitung bestand aus 40 berittenen Ninderhirten (Vaqueiros) in kurzen braunledernen Jacken und Hosen, den Kopf mit einem breiten Strohhut bedeckt. Die wildauösehendcn Pferde waren von mittlerer Statur, die Sättel ebenfalls mit braunem Leder überzogen, au denen bei einigen eine Guitarre hcrabging, so daß man die Reiter eher für einen Zug wandernder Minstrels, als für die Bedeckung eines höheren Offiziers in einer eben nicht friedlichen Angelegenheit halten konnte. Trotz dieser Angelegenheit waren die feindlichen Parteien bei Tisch doch die besten Freunde. Die beiden brasilianischen Offiziere, denn auch Pater Joseph hatte früher dem Wchrstand augehört, thauten auf, nachdem sie einige Flaschen des langcntbehrten Schaum weins geleert und in ununterbrochenem Fluß folgten sich Volks-, Freiheits- und Liebeslieder mit Guitarrebcglcitung, unterbrochen von Lebehochs auf die feindlichen Majestäten von Großbritannien und Brasilien, welche Hornmusik, Büllerklang und Raketen begleiteten. Jildcffen belustigten die brasilianischen Hirten und Soldaten sich mit einem künstlichen Tanz, Löaducca. Da der Commandant von S. Joachim keine Lebensmittel mit- gcbracht, so ließ er am andern Morgen durch seine VaqueiroS auf der Savanne Ochsen einfangen, was mit dem Lasso geschieht, sowie das Fällen des Thieres auf dieselbe grausame Weise durch Zer schneiden der Beinsehnen, gerade sowie 30 Breitengrade entfernt in den Ebenen des la Plata. *) Vergl. Dr. SB. Stricker, El Dorado, deutsches Museum von R. Peutz und W, Wolfsoh . I8SI. Viertes Heft.Den folgenden Tag räumten die Brasilianer das Dorf, wobei sie auch die Glocke ihrer Kirche Mitnahmen. Hauptmann Leal blieb dem portugiesischen Charakter getreu, indem er, unter Anerkennung der englischen Gastfreundlichkeit, die Hoffnung aussprach, er werde nicht genöthigt werden, an der Spitze eines Heeres vor Pirara zu erscheinen. Kaum waren diese Gäste abgezogen, als am folgenden Tage andre eintrafen, Indianer vom Stamm der Majongkougs, welche den ober Orinoco und Parima bewohnen und eine Reise von 1000 engl. Meilen über Pirara nach Georgetown machen wollten, um einige Aerte zu kaufen. Sie unterschieden sich in ihren Sitten mehrfach von den bis jetzt bekannten Stämmen. Wie die Cariben durch Schnüren den Waden der Frauen eine unnatürliche Dicke geben, so thun dieß die Majongkougs mit den Oberarmen der Männer. Statt der Perlenschnüre und Halsbänder trugen sie Halsschnüre und Gürtel von Menschenhaaren; je gefürchteter ein Krieger, desto dicker der Leibgürtel, zu dem erschlagene Feinde ihre Haare geliefert. Herrlich ist der Federschmuck, den sie tragen; er stammt von zwei Arten des Nhamphastos (Pfefferfressers); um ihn ohne bedeutende Wunde zu erlegen, schießen sie diesen Vogel mit vergifteten Pfeilen. Die Tauschartikel, welche die Majongkougs nach Georgetown bringen wollten, nun aber, da sie unsre Reisenden genugsam mit Aertcn und Messern versehen fanden, hier in Pirara austauschten, bestanden aus Hängematten, fein gesponnener Baum wolle, schönen Jagdhunden und eigenthümlichen Hemden, deren jedes einer Palme das Leben kostet. Sie bestehen aus der inner Bastschicht des Baumes; der Baum wird gefällt und zersägt und die Rinde so lange geklopft, bis jene innere Schicht sich entfernen läßt. Das dicke Ende liefert den Leib, das dünne die Ermel; diese werden angenäht, die einzigen Nähte, die das Hemd hat. Nachdem die Majongkongs weggezogcn, richteten unsere Rei senden sich häuslich in Pirara ein. Beim Essen mußten sie viel von der Neugier der Indianer leiden; nicht nur aus der Ferne kritisirtcn diese ihre Bewegungen und Gerichte mit spöttischen Mienen und herzlichem Gelächter, sondern die Frauen traten auch ganz unbefangen an den Tisch heran, holten ein Stück Fleisch aus der Schüssel, rochen daran und warfen es wieder hinein, und spuckten dann verächtlich aus. Am sichersten waren die Europäer vor solch lästigem Besuch, wenn Pökelfleisch auf dem Tische stand; dann traten die Indianer nur mit zugehaltencr Nase ins Zimmer, daher es auf dem Tische nicht fehlen durfte. Eben solchen Abscheu hatten sie vor sauren Speisen. Mehr Achtung als die Küche der Europäer flößte ihnen deren Kenntniß des Lesens und Schreibens ein. Mit der äußersten Spannung folgten sie 6 81 dem Auge des Lesenden, als verrathe diesem das Blatt seine Ge danken, und bei keinem Unterricht hatte Mud soviel Schüler als int Leseil und Schreiben. Während die Grcnzerpedition von der Hitze .noch in Pirara zurückaehalten wurde, und die Truppen mit Errichtung einer Feste beschäftigt waren, unternahm Richard mit vier Macusis einen Ausflug nach dem Cunucugebirge, bei einer Hitze von 128 134 Fahr. (42 2 3 45 ^o r ) Sie kamen durch Savanne, Sumpf und Urwald zu einer schon ziemlich hoch ge legenen Macusi-Nicderlassung Nappi, wo Richard seine scholl früher gemachte Beobachtung von der Fühllosigkeit der Indianer bei den Leiden ihrer Angehörigen bestätigt fand, zugleich aber, da mittler weile die kranke Frau gestorben war, Gelegenheit hatte, diese Gleichgültigkeit in die lauteste Todesklage Umschlagen zu sehen. Drei Flintenschüsse bezeichueten den Augenblick ihres Todes, und null stürzten alle Weiber in die Hütte; unter lautem heulendem Gesang klagten sie; die eine, daß ihre beste Freundin verloren, eine andere rühmte den feinen Baumwollenfaden, den gesponnen, die schöncil Geschirre, die verfertigt u. dergl. Die Männer, unter ihnen auch der Wittwer, saßen stumm und regungslos. Jetzt erhob sich der Sohn, um das Grab zu graben. Da steigerte sich der Gesang zum fürchterlichsten Klagegchcul, und als das Grab vollendet war, wurde die ganze Hütte von allem Hanörath geräumt. Nun erschien der Piai, der Zauberarzt, der schon die ganze ver flossene Nacht den bösen Geist durch Heulen und Schreien zu er weichen versucht hatte, ohne daß es ihm gelungen, diesem das erwählte Opfer zu entreißen. Mit ernster und feierlicher Miene stellte er sich zu Häupten der Leiche schrie in drei Absätzen mehrere Worte in ihr linkes Ohr. £ ?nn wurde die Leiche in der Hängematte begraben, wobei das Klagegehcnl sich anfs höchste steigerte, und dann begannen alle Anwesenden über das Grab wcgzuspringen; sogar die zwölf Wochen alte Waise wurde auf den Arm genommen und mit ihr über das Grab gesprungen. Nachdem der Wittwer einen Flaschenkürbiß mit rothcm Farbepulver ( Farbe auch, den Leib zu malen," wie in der Nadowessischen Tvdtcnklage heißt) in das Grab geworfen und die Verwandten mit allerlei Lebensmitteln diesem Beispiele gefolgt waren, kam eine seltsame Ceremonie. Der Piai kain mit einem Büschel Haare und stopfte ihr diese in Ohren und Mund, während er der Leiche fortwährend ins Gesicht spie und sie mit barschem Ton anredetc. Dann begossen die Weiber die aus dem Grabe ausgeworfene Erde mit Wasser; mit dieser Masse wurde die Leiche oberflächlich bedeckt, um die Ameisen abzuhalten, darauf wurden mehrere Geräthschaften gelegt, die der Verstorbenen gehört hatten, und nun das Grab vollends zugeworfen. Jetzt verstummte plötzlich der Leichengesang, den nur* 82 die Schwester der Verstorbenen noch drei Wochen fortzusetzen verpflichtet ist. Darauf wurde der HauSrath wieder in die Hütte geschafft, das Eigenthum der Frau aber verbrannt. Die nächsten Verwandten bemalen sich am ganzen Körper, die zweiten Grades an Armen und Beinen, die noch entferntereil an Händen und Füßen mit schwarzer Farbe. Seltsamer Weise nimmt der eigenthümliche Gewerbfleiß der Indianer nach dem Innern hin zu, wahrscheinlich weil hier selbst für ihre Bedürfnisse sorgen müssen, und weniger Gelegenheit als in der Nähe der Küste haben, durch Tausch das nöthigc Gc- räthe zu erwerben. Mit bloßen Stein- und Knochenmessern arbeiten sie aus dem Kernholz von Bäumen, deren Fällen selbst mit den schärfsten Werkzeugen große Mühe macht, ihre Waffen und Geräthe mit einer Sauberkeit, die dem besten europäischen Handwerker Ehre machen würde. Freilich hat für den Indianer die Zeit feinen Werth, und er arbeitet vielleicht Monate lang in seinen freien Stunden an demselben Vogen oder einer Keule, und gern gibt er für ein Messer oder eine Feile das Werk zahlreicher mühevoller Stunden hin. Die Keulen haben nach den einzelnen Stämmen verschiedene Formen und sind oft mit raffinirter Grausamkeit gedacht. Durch Anfügung eines stcinerilen Veils an die Keule entsteht eine Streitart, welche vollkommene Achnlichkeit mit dcil altdeutschen hat. In beit Kampf selbst nehmen sie nur sicbcil vergiftete Pfeile mit; sind diese verschossen, so werden die Parteien handgemein und die Thätigkeit der Keulen beginnt. Auf der Jagd bedienen die Macusis sich lloch eines 12 14 Fuß langen Blase rohrs , womit sie mit größter Sicherheit eitlen fußlangen Pfeil fünfzig Schritte weit zum Ziel treiben. Das Gift, womit sie ihre Pfeile bestreichen, ist das bekannte Urari, gewonnen aus Stryclmos toxifera. Nachdem Richard die Umgebung von Nappi natur geschichtlich ausgebeutct, gelang nur mit Mühe, fünf Einwohner des Orts zur Begleitung auf das Cunucugebirgc zu bereden, dessen Gipfel sie als den Sitz der bösen Geister fürchten. In den wttsser- leeren Betten einiger Sturzbäche war allein möglich, durch den dick verwachsenen Urwald aufwärts zu dringen. Durch stachelige Pflanzen wurde der Weg noch beschwerlicher. Noch aber erkannte das scharfe Auge der Indianer die vor vier Jahren, als Herr Poud den Berg erstiegen, zur Bezeichnung des WegeS umgeknickten Zweige. Bald erhöhten scharfe Granittrümmer die Schwierigkeiten des Weges, aber die gesunkenen Kräfte Richards hob der Zaubcrton des Glockcnvogels. Nach vieler Mühe gelang es ihm, ein Exemplar zu schießen und nun erkannte er in einem eigenthümlichen Bau des Stimmorgans die Ursache der wunderbaren Töne. Der Vogel ist etwas größer als eine Drossel. An der Wurzel des Schnabels6 * 83 erhebt sich ein schwarzer, hohler muskulöser Zipfel, der in direkter Verbindung mit dem Gaumen steht. In der Ruhe hängt dieser Zipfel wie der Behang der Truthähne schlaff über den Schnabel herab; um aber seine vollen metallreinen Töne erschallen zu lassen, füllt ihn der Vogel vom Gaumen aus mit Luft, wodurch der Hautsack sich aufrichtet. Nach jedem Schrei fällt er sogleich wieder zusammen. Je höher die Reisenden stiegen, desto seltner wurden die gefiederten Bewohner des Waldes; bald vernahm man nur das Gezirp der Cicadcn. Etwa 1000 Fuß hoch, in der Hälfte deS Gebirges, erhob sich der Granitfelsen Curassawaka von drei Seiten ziemlich senkrecht über die ihn umgebenden Bäume. Von hier entfaltete sich ein herrliches Panorama. Tief unten verriethen die durch die dichten Laubmassen aufkräuselnden Rauchwolken die Lage der friedlichen Niederlassung Nappi und schrankenlos schweifte das Auge über den dichten Urwald, die zahllosen Savanncnoasen und den sanften Wellcngrund bis zu dem in bläulicher Ferne verschwimmenden Horizont. Eine steile Schlucht hinab und wieder hinauf, erreichten sie endlich eine zur Ruhe einladende Anhöhe und gelangten auf cinenr andern Weg, den die Indianer mit großer Sicherheit durch den pfadloscn Urwald zu finden wußten, mit Einbruch der Nacht nach großen Beschwerden in die Niederlassung zurück. Bei der Rückkehr fehlten die Handstückc, welche Richard für seine geologische Sammlung von den Felsen abgeschlagen; der damit belastete Indianer gab an, verloren zu haben. Wahr scheinlich hatte er fortgeworfcn, wie Robert schon früher auf seinen Reisen mehrmals erfahren, denn der Indianer, welchem, wie mehrmals erwähnt, der Begriff eines Naturforschers durchaus nicht eingcht, hält das Verlangen, Steine zu tragen, für bloße Quälerei und wirft sie weg, während er geduldig die größte Last nützlichen Gepäckes trägt. Sehr reich sind die Waldflüssc bei Nappi an Fischen, welche die Bewohner zu tausenden durch Vergiftung des Wassers mit Urari gewinnen. Durch eine besondere Gunst des Schicksals standen in dem Urwald ein paar ungeheure Citroncnbäumc, die früher einmal ein sinnreicher Indianer gepflanzt haben mochte und deren Früchte eine treffliche Würze zu den Fischen lieferten. Von Nappi kehrte Richard nach Pirara zurück und trat von da nach einigen Tagen mit seinen früheren Begleitern einen Ausflug nach dem Jlamikipang, dem westlichen Theile des Cunucugebirges an, um die Strychnos toxifera zu suchen, von der das Urarigift stammt. Ueber den Urwald hervor leuchteten die glimmerhaltigen Granit- felscn wie Metall ln den Sonnenstrahlen, eine Erscheinung, welche Richard auch schon am Pacaraimagebirge bei Pirara auf sechs Stunden Entfernung bemerkt hatte und die ihn auf den Gedanken84 brachte, ob dieser Glimmer, den die Indianer noch jetzt für Gold halten, nicht mit zur Sage vom Dorado Veranlassung gegeben habe. Richard mit den Seinen übernachtete in einem Jndianer- dorf und setzte am folgenden Tage die Reise längs des Gebirges fort. Am Abend war er am Fuß des Jlamikipang angelangt und fand in der dortigen Niederlassung einen alten Macusi, der vor vier Jahren Robert auf den Berg geführt und nun zu diesem Dienste sich Lei Richard erbot. Als ein erfahrener Giftkoch kannte er die Standorte der Stryclinos genau; seine Gifthütte stand entfernt von seinem Wohnhaus; Töpfe und Trichter, Mörser aus Klötzen und Bündel ausgepreßter Rindeit verricthen ihre Bestim mung. Mit dem frühesten Morgen brachen sie auf; durch den Urwald, durch wilde Felsentrümmer führte, wo möglich in Fluß betten, der Pfad. Nachdem sie etwa 600 Fuß gestiegen, zeigte der Führer mit dem Ausruf: llruri-yeli! die erste Pflanze; sie rankte sich unter einem dichten Trümmergeröll hervor Das unheilbringende Gewächs, gegen dessen rasch tödende Wirkung noch kein Gegenmittel entdeckt ist, hat schon im äußern Ansehen etwas verdächtiges, wie auch unsere Giftpflanzen. Die jungen Zweige und Blätter sind braun behaart, die Rinde der älteren Ranken ist rauh und dunkel. Nachdem sie etwas höher gestiegen waren, sah Richard, von den Indianern leise an ein Dickicht geführt, das seltsamste Schauspiel: den von den Ornithologen bezweifelten Tanz des Klippenhuhns (Rupicola), von dem sein Bruder wie die Indianer ihm schon viel erzählt. Während einige zwanzig der Vögel, Männchen und Weibchen, auf den Zweigen des den Platz umschließenden Gebüsches saßen, die eigenthümlichsten Töne aussticßen und offenbar die bewundernden Zuschauer abgaben, tanzte eins der Männchen im stolzen Bewußtsein mit auseinander gespreiztem Schwanz, den es auf- und nieder bewegte, uitd mit gleich ausgebreiteten Flügeln auf dem Felsblocke herum, kratzte den Boden oder hüpfte vertical in die Höhe und setzte diese tanzenden Bewegungen so lauge fort, bis es ermüdet schien, einen Ton aus stieß und auf das Gebüsch zurückflog, um einem andern Männchen Platz zu machen. Die Weibchen sahen unverdrossen zu, bis ein Schuß der Indianer die frohe Gesellschaft störte. Nach diesem iiltercssanten Zwischenfall setzten unsere Bergwanderer den Weg über wilde Trümmerhaufen und ganze Strecken entwurzelter Bäume fort, bis sie mit großer Anstrengung de Gipfel des 2500 Fuß hohen Jlamikipang erreichten, der wieder eine herrliche Uebersicht auf Urwald, Savannen und Gebirge bot. Dichte Rauchwolken an einzelnen Stellen der Savanne verriethen, daß dort die jagd- lustigen Indianer das dürre Laub in Brand gesetzt, indessen andere Rauchsäulen, aus dciit Walde aufsteigend, die Niederlassungen der85 spärlichen Bevölkerung anzeigten. Die tiefste Stille herrschte in dieser Höhe; kein Vogel ließ sich hören, nur der Aasgeier umkreiste den Felsen in ruhigem Fluge, und hie und da unterschied man in der Tiefe die weidenden Hecrden wilden Rindviehs und das schnee weiße Gefieder der Reiher und Störche, welche einen weißen Saum um einzelne Sümpfe bildeten. Mit noch größerer Beschwerde stiegen sie zur Niederlassung herab und am folgenden Tage wohnte Richard dem Kochen des Giftes bei. Dieß stellte sich, wie schon Robert behauptet, obgleich ihm nie gelungen war, der Giftbereitung beizuwohnen, und wie er selbst durch Darstellung deS Urari nach- gewiescn, als ganz einfache Ertractbereitung heraus. Seit den Zeiten des Walter Raleigh, welcher das Urari schon erwähnt, hatte sich, besonders durch die Missionäre, ein Berg von Aber glauben und Fabeln über den einfachen Vorgang gehäuft. Noch 1837 ließen die Kolonisten es sich nicht ausreden, daß die Gift zähne von Schlangen, daß Ameisen und spanischer Pfeffer die Hauptwirkung hervorbrächten. Außer der Rinde der Strychnos- pflanze kommen noch verschiedene Wurzeln in einen neuen Topf, werden mit Wasser gekocht, durchgeseiht und unter vielen aber gläubischen Gebräuchen mehrere Tage lang eingekocht. Die Bereitung des Giftes scheint ohne alle Gefahr zu sein; selbst die Dämpfe, die dem kochenden Gifte entsteigen, sind so unschädlich, als selbst ist, wenn in den Magen gebracht. Nur die Bedingung, daß das Kochen desselben einige Tage erfordert, während welcher Zeit der sich entwickelnde Schaum ununterbrochen abgeschöpft werden muß so wie die angreifenden abergläubischen Gebräuchen, mit welchen der Giftkoch seine Proccdur begleitete, scheinen die Ursache zu sein, daß er es jährlich höchstens zweimal bereitet. Von alleil Thieren widersteht das Faulthier am lällgsten seinen Wirkungen, bei Affen und Katzenartcn wirkt es am schnellsten. Natürlich wendet das Gift sich wohl zuweilen gegen den Unrechten. Richard erwähnt einxn derartigen Fall, welcher ihm erzählt wurde. Zwei Indianer gehen auf die Affenjagd. Der eine verfehlt sein Ziel, der kleine Pfeil fällt zurück und verletzt ihn leicht am Oberarm. Ruhig setzt er sich auf die Erde nieder, zerbricht sein Blascrohr, legt Köcher und Pfeil neben sich mit den Worten: euch brauche ich nicht mehr!" sagt seinem Gefährten Lebewohl und stirbt, ohne weiter ein Wort zu reden. Nach seiner Rückkehr nach Pirara fand Richard die An siedelung durch die Bemühungen Herrn Pouds in früherer Rein lichkeit und Ordnung wieder hergestellt, das Castell errichtet und bezogen. Drei der Vaqueiros des Capitän Lcal waren zu den Engländern übergelaufen und mit offenen Armen ausgenommen,86 da ihre Geschicklichkeit im Fang des Rindviehs immer frisches Fleisch verschaffte. Der Geruch der getödeten Thicrc lockte große Hecrden Aas geier, (llatliarte ) herbei, welche Richard daher genau beobachten konnte. Der Aasgeier, nicht ohne Grund Kathartes, der Reiniger, genannt, ist einer der nützlichsten Vögel Südamerika s. In George town steht eine Strafe von 50 Dollars auf seiner Tödung und in Folge dieses Schutzes ist er dann auch so dreist geworden, daß er w ic ein Hausthier tagelang auf Häusern und Mauern sitzt. Lebende Thiere greift der Aasgeier durchaus nie an, mit Aas da gegen füllt er sich so sehr an, daß er nicht mehr fliegen kann, und wenn er einer drohenden Gefahr entfliehen will, erst das Genossene wieder erbrechen muß. Die Indianer in der Begleitung der Brüder Schombnrgk vergnügten sich oft, diese Vögel zu angeln. Den so gefangenen Vogel schmückten auf die seltsamste Weise, setzten ihm fremde Federn ein, die sie mit weichem Wachse befestigten, legten ihm eine Halskrause um, setzten ihm eine Krone auf und ließen ihn dann zurnckflicgcn, wo seine Genossen die fremde Erscheinung mit Entsetzen mieden und ihn nicht eher duldeten, bis er im Laufe der Zeit wieder ihnen gleich geworden war. Mehr noch als das scharfe Gesicht, scheint der feine Geruch den Kathartes beim Auf finden des Fraßes zu leiten. Er trennt das Fleisch so vollständig von den Knochen, wie mit dem schärfsten Messer nicht besser geschehen konnte. Sie nisten in den höchsten Gebirgen, an der stachen Küste aber legen ihre zwei Eier in die Zuckerfelder. Die höchstmerkwürdige Erscheinung, daß der Geierkönig (Vultur papa. Linn.) wahrhaft königliche Verehrung bei den Aasgeiern genießt, fand Richard bestätigt. Mögen hunderte dieser letzteren beim Mahle versammelt sein, und erscheint ein einziger Geicrkönig, so werden alle sich zurückziehen und ruhig abwarten, bis dieser seinen Hunger gestillt hat, um erst dann mit erneuerter Gier über die Beute herzufallen. *) Die vorgerückte Jahreszeit mahnte die Grenzcrpedition an ihren Aufbruch nach dem Tacutugebicte, gegen die brasilianische Grenze und daö oben erwähnte Castell S. Joachim hin, zu denken. Da hier kein Wassertransport möglich war, so mußte das Gepäck anders geordnet und auf zahlreiche Macusiträgcr vertheilt werden, so daß auf jeden Träger etwa 60 Pfund Last kamen. Am 24. März 1842 wurde die Landreise von Pirara aus angetreten. Die Ausrüstung der Indianer war ziemlich umständlich. *) Vcrgl, Georg Byam, Wanderungen durch sndamerikanische Repu bliken (Chile und Peru.) A. d. Engl. v. M. B. Lindau. Dresden 1851, S. 115,87 Der Tragekorb war durch ein Band von Bast, das sich um die Stirn zog, unterstützt. Obgleich ausdrücklich ausgemacht war, daß nur zwei der Macusis ihre Familie mitnchmcn sollten, so fanden sich im Augenblick der Abreise doch auch die der anderen ein, und wollte man nicht die Erpeditio anfgcben, so mußte man sich be quemen, den ganzen Troß mitzunehmen, obgleich die Zahl der Reisegesellschaft dadurch auf 49 Personen anschwoll. Das Reise gepäck der Indianer, wovon die Weiber den größten Theil trugen, bestand in der Hängematte, der Jagdtasche aus Jaguarfell, Bogen und Pfeilen, Angelhaken, der Schminkbüchse, der Trinkschale, Rauchtabak ic., sodann einem Vorrath von Cassadabrot und endlich gekauter Masse solchen Brodcs, welches mit Manihotsaft zu einem Teige geknetet ist und dazu benutzt wird, um auf der Reise durch Uebergießen mit Wasser den Paiwari daraus zu bereiten. Die Weiber bildeten den Nachtrab des Zuges, der in nordwestlicher Richtung sich durch die Savanne bewegte. Der Boden war durch die Hitze vielfach zerrissen, und der Wärmemesser zeigte um Mittag 1250 Fahr. (41V 3 0 R). Nur einzelne Wirbelwinde kühlen die glühende Temperatur etwas ab und treiben Staub und Blätter in Spiralen über die Ebene hin. Unter diesen Umständen war das Reiseziel des heutigen Tages, die Mündung des Pirara-Flusses in den Mahu, sicbenzehn englische Meilen Entfernung, kein geringes und wurde vvit manchen erst in der Nacht erreicht. Um zu sehen, ob die Chronometer durch den Landtransport keine Veränderung erlitten, wurde hier drei Tage verweilt und zugleich diese Zeit zur Ausbesserung zweier hier Vorgefundener Corials benutzt. Noch längeren Aufenthalt machte die Verwundung eines der Deutschen, Petri, nöthig, der, sein Gewehr durch das Dickicht nachschleppcnd, sich das Schulterblatt zerschmettert hatte, und gleich darauf wurde einem der Macusiknaben beim Durchschwinuucn des Pirara von einem Raubfisch (Pyg-ocenlrus) ein Stück. Fleisch aus dem Fuße gebissen. Der Aufenthalt dauerte bis zum 2. April, wo eine Bahre mit acht Indianern ankam, um den Deutschen zu seiner völligen Heilung nach Pirarq zu bringen; ihn begleitete der Com- missär, Herr Fryer, welcher einige ärztliche Kenntnisse besaß, sodann einer der Deutschen, Tiedge, und der Negerkoch Hamlet, welcher sich krank gemeldet, da er nach diesem unglücklichen Anfang fest an ein Mißlingen der Unternehmung glaubte. Am 2. April also setzten sie die Reise fort, die Instrumente und einen Theil des Gepäcks auf den beiden kleinen Böten fort schaffend. Sie selbst überschritten den Pirarafluß, erklommen mit Mühe dessen steiles Ufer und traten in die Savanne jenseits ein. Kurz nachher erschienen ferne Rauchwolken im Südostcn, das Zeichen des Savannenbrandes, Anfangs belachten die Europäer88 die Versicherung der Indianer, der Brand werde sie ereilen, aber die nächste Viertelstunde schon machte die Sorge zur Gewißheit. Nirgend ein Sumpf oder eine steinige Stelle, schon sehen die Feuersäule aus sich zuslicgeit, schon hören das Platzen des Grases, da entdeckt das scharfe Auge der Indianer eine kleine graslose Stelle, sie eilen hin und sind gerettet. Eine halbe Minute später rast die Flamme an beiden Seiten der Oase vorüber, sie in Rauch einhüllend und gefolgt von Schaaren gieriger Raubvogel. Nach einer Stunde erreichten sie den Waldrand am hohen Ufer des Mahu und gingen an diesem Fluß hin bis zu seiner Vereinigung mit dem Tacutu, wo sie um vier Uhr anlangten und ein Lager bezogen. An der Vereinigung ist der Mahu 263, der Tacutu 192 Ellen breit; der erste führt kaffeebraunes, der andere blau grünes Wasser, welche sich erst nach einer weiten Strecke vermischen. Die Reise ging nun den Tacutu hinab, welcher zur Grenze zwischen Gniana und Brasilien bestimmt wurde; sie schritt sehr langsam vorwärts, da viele Punkte trigonometrisch genau ihrer Lage nach zur scharfen Grcnzbestimmung gemessen werden mußten. An den Haltplätzen jagten und fischten die Indianer und leisteten bei den reichlichen Worrathen Unglaubliches im Essen, drei tüchtige Mahl zeiten in sechs Stunden. Richard ging seinen Raturforfchungen nach und machte zwei interessante Beobachtungen. Die eine betraf das Hokkohuhn, 6rux toimmtosu 8M. Daö herrliche Sternbild des südlichen Kreuzes wird von den Indianern allgemein als die Wohnung des Geistes der Savannen angesehen, und sie versicherten, daß auch das in den Savannen vorkommende Hokkohuhn den Augenblick, wo das Kreuz den Zenith erreicht, durch einen tiefen klagenden Ton verkündige. Richard hatte zu dieser Behauptung immer ungläubig gclächelt, denn obwohl diese Angabe sich früher einmal wirklich bestätigt, so war doch das Erreichen des Meridians gerade mit der Zeit zusammengetroffen, in welcher gewöhnlich der Vogel seine dumpfe, melancholische Stimme erschallen läßt, nämlich um 4 Uhr des Morgens, so daß man in dieser einen Thatsache keineswegs eine Bestätigung dieser Behauptung erblicken konnte. Am 4 . April aber hatte das Alpha des Kreuzes 25 Minuten nach 11 Uhr Abends eben den Meridian erreicht und in demselben Augenblick schallten die hohlen Töne des Hokkohuhnes durch die Stille; nach Verlauf einer Viertelstunde war wieder alles ruhig. Da die Reisenden während dieser Zeit die Stimme des Vogels niemals gehört hatten, so zeigte sich in dieseiu Falle die Angabe so ent schieden bestätigt, daß alle Zweifel verschwinden mußten. Die zweite Beobachtung betraf ein Armadill, welches einer der Jndianer- knaben in der Savanne überrascht hatte und zu Richard brachte.89 Um seine Flucht zu verhindern, band er eö mit einem Strick an den Fuß fest. Kaum aber war es unbeachtet, als eS sich in kurzer Zeit (etwa 3 Minuten) schon so tief in den festen Boden eingc- graben hatte, daß es bald verschwunden war. Konnte man auch die Hinterfüße noch packen, so gelang es doch de Indianern nicht, das Thier wieder herauszuziehen, da eS sich so fest an die Wan dungen der Höhle anstemmte, daß man eher den Hinterfuß aus- gerissc , als daS Thier selbst herausgczogen hätte. Um das gc- ängstigte Thier nicht weiter zu quälen, schenkte ihm Richard die Freiheit, womit die Indianer keineswegs einverstanden waren, denn es entging ihnen einer ihrer größten Leckerbissen. Die Flußfahrt, an der jedoch wegen der Kleinheit der Voole nur wenige theilnehmen konnten, wurde immer beschwerlicher. Sandbänke, Moskitos, der glühende Sonnenbrand, welcher die Haut der Europäer mit Blasen bedeckte, vereinigten sich und dazu kamen bald auch zwar niedrige, aber durch ihre rasche Aufeinanderfolge lästige Stromschnellen. Hier erlitt Richard die ersten Anfälle des Wechselfiebcrs, das er auf der ganzen Reise nicht wieder los wurde. Der Tacutu enthält mehrere Arten Kaimans, und einen großen Raubfisch, nebst mehreren kleinern, den Waffcrwolf (Hydro- lycus), Patina der Macusis. Seine Muskelkraft ist so bedeutend, daß er mit einem sechs Fuß langen Pfeile durchschossen, noch lange umherschwimmt und daß er eine Angelschnur durchbcißen kann. Die beiden gewaltigen, etwas nach Innen gebogenen Zähne befinden sich in der untern Kinnlade und schieben sich, wenn der Fisch die Schnauze schließt, jedes durch ein rundes Loch in dem Oberkiefer. An Säugethieren beherbergt der Fluß zahlreiche Fischottern. Aber das furchtbarste Landsäugechier dieser Gegend sollte Richard bald näher kennen lernen, als bisher, wo er nur seine Stimme gehört hatte. An der Stimme erkannte auch Richard, der eines Abends am Ufer des Tacutu die Entenjagd gegangen war, die Nähe des furchtbaren Jaguars, der unter dumpfem Murren und Knurren plötzlich 10 12 Schritte entfernt dastand, die sprühende Augen den Jäger geheftet, der nur einen Lauf seines Gewehrs geladen hatte und zwar mit Entcnschroot und dem daher nichts übrig blieb, als sich, den Gegner scharf im Auge behaltend, Schritt vor Schritt zurückzuzichen, bis er durch eine Biegung des Flusses ver schwand. Einer der gefährlichsten Fische des Tacutu ist der Stachel rochen. Sie wühlen ihren platten Körper in Sand oder Schlamin ein, so daß nur die Augen frei bleiben, wodurch sie sich selbst im klarsten Wasser den Blicken der darin herumwatenden entziehen. Hat nun Jemand das Unglück, auf einen solchen Fisch zu treten, so schnellt derselbe seinen Schwanz, der mit einem auf beide 90 Seiten sägeartig ausgezackten Knochcnstachel versehen ist, mit einer solchen Kraft gegen den Störenfried, daß der Stachel die gefähr lichsten Wunden beibringt, die oft Krämpfe, ja den Tod selbst zur Folge haben. Die Schmerzen verbreiten sich bis zu den Weichen, der Gegend des Herzens und den Armen, leichenblaß sinkt der Verwundete zusammen, aber wenn er ein indianischer Mann ist, entfährt ihm kein Schrei, entrollet ihm keine Thränc. Einen längeren Aufenthalt machten die Reisenden in der Wapisiana-Nicderlassung Tenette. DieWapisiana, der sechsteJn- dianerstamm Guiana s, den sie kennen lernten, erbauen ihre Hütten domförmig, im Durchmesser von 30 40 und in einer Höhe von 40 50 Fuß. Die einzige Ocffnung ist der Eingang, welcher Nachts mit einer Art Thür aus Palmenblättern geschlossen wird. Wie bei den andern Stämmen bewohnen mehrere Familien eine Hütte, in deren inneren Raum die Insassen sich stiüschweigends getheilt haben, ohne daß diese besonder Besitzungen durch Scheide wände abgcthcilt wären. Die Grenze bildet der Hccrd, dann die Querbalken, welche in der Höhe von 7 8 Fuß durch Lianen an die auftcchtstehendcn Tragbalken befestigt sind, um die Hängematten daran zu schlingen, die Jagdbeute und die Waffen darauf zu legen. Die Wapisiana sind ein großer, schöner Menschenschlag, dessen lange und gerade Nase eher an die nordamcrikanischen Eingeborenen, als an den mulattengleichen Typus der Warrau s, Macusi s und Arawaak s erinnert. Kleidung und Putz sind wie bei den andern Stämmen. Die Frauen sind zierlich, schon und von sehr zurück haltendem Benehmen. Der Maler der Expedition wünschte mehrere der anziehenden Gestalten auf der Leinwand zu fesseln, was aber seine Schwierigkeiten hatte; denn nachdem die erste Verlegenheit vorüber war, welche das Räthselhaste des Zeichnens und das feste Ansehen des Malers erzeugt hatte, waren die Schönen plötzlich verschwunden und es gelang erst durch Geschenke, sie zu vermögen, im Beisein ihrer Männer von Neuem sich den prüfenden Blicken auszusetzen. Interessant für den Beobachter war cs, den Kampf zwischen der natürlichen Schaam und der Neugier zu verfolgen. So wie Goodall, der Maler, seinen Blick auf dem Papier haften ließ, bewegte sich auch der Augapfel des Originals eben dahin; welcher Schreck aber, wenn sie sich auf diesem Weg durch den aufblickenden Maler überrascht fanden! Obgleich die Männer sich offenbar durch dies Porträtiren geschmeichelt fühlten, waren sie doch ebensowenig, wie die Frauen zu bewegen, ihrem Eonterfei offen in die Augen zu sehen; die Freunde dagegen betrachteten die Gemälde mit sicht barem Interesse. Auch in Tenette, 13 Miles von Pirara, verweilte die Gesell schaft wegen der Ortsaufnahme längere Zeit. Hier bürgerte das 91 Wechselfieber Bei Richard sich sosehr ein, daß er selbst das Mitleid des Piai der Niederlassung erregte, denn während eines Anfalls trat er unaufgefordert an dessen Hängematte heran, blieS ihm in daS Gesicht, murmelte unverständliche Worte zwischen den Zähnen und blies ihn abermals an. Trotz seines jämmerlichen Zustandes konnte Richard über dies Gebühren sich nicht des herzlichsten Lachens enthalten. Beleidigt entfernte sich der Zauberer und verkündete beim nächsten Fieberanfall, das sei die Strafe des Lachens vor drei Tagen. Die Langeweile Richards wurde durch die lächerlichen Geberden eines jungen Ameisenbären verscheucht, den die Jäger in der Savanne gefangen. Die ersten zwei Tage war er ungemein wild und wagte sich nur selten aus den dunkelsten Schlupfwinkeln der Hütte hervor. Näherte sich Jemand, so setzte er sich zur Wehre, und zwar in einer sehr gefährlichen Art. Er setzte sich nieder, stemmte den linken Vorderfuß die Erde und hieb mit dem rechten so kräftig nach dem Ruhestörer aus, daß jedes Treffen mit den langen, harten Krallen gewiß einen namhaften Muskel verlust nach sich gezogen haben würde. Wurde er von hinten an gegriffen, so veränderte er gedankenschnell seilte Stellung, und geschah dieß von mehreren Seiten, so warf er sich auf den Rücken, führte daun seine Hiebe mit beiden Vorderfüßen und stieß dabei fort während unmutbige und zornige Töne aus, die viel Achnlichkeit mit dem Knurren der jungen Hunde hatten. Ost genug ver mischte sich damit das Zetergeschrei der jungen Jagdhunde, deren freundliche Absicht, mit dem neuen Gesellschafter zu spielen, auf das jämmerlichste von dem wilden Fremdling vergolten wurde. Hatte er ciuc derselben ergriffen, so konnte dicseit nur die vereinte Hülfe mehrerer Indianer aus der tödlichen Umarmung retten, tu der er den Zudringlichen mit übereinander geschlagenen Vordcrfüßcn an sich drückte. Da der Ameisenbär weder eine Höhle, noch ein bestimmtes Lager hat, in dem er die Nacht zubringt, so scheint ihm die Natur den langbehaarten Schwanz als Decke gegen die kühlere Nacht und gegen dcil Regen verliehen zu haben. Legte der kleine Gefangene sich zum Schlafen nieder, so zog er entweder alle vier Füße unter km Bauch zusammen, und bedeckte dann den ganzen Leib mit dem Schwänze, oder er nahm die Lage eines schlafenden Hundes ein, und breitete deir Schwanz nur über den Kopf und ,de r Vordertheil seines Körpers. Sein ganzer Körper fühlte sich immer eiskalt an. War in der Hütte ruhig geworden, daun hob er seine spitzige Schnauze empor, schnüffelte einigemal in der Luft herum, stand auf und lief, mit der rüsselförmigen Schnauze fast die Erde berührend, in dem Raum einher. Kam er in die Nähe eines Hundes oder eines andcrir Gegenstandes, so setzte er sich augenblicklich auf die Hinter füße, streckte die Schnauzern die Luft, schnüffelte und untersuchte92 diese nach allen Richtungen, knurrte und murrte, bis er sich endlich . auf seiner alten Fährte sortbcwcgte. Daraus, daß er häufig an Gegenstände, die auf seinem Wege lagen, anrannte, konnte man entnehmen, daß seine Augen ungemein schwach waren. Dagegen kletterte er an Wänden und Pfählen der Hütte mit größter Leichtig keit empor. Er wurde mit Termiten gefüttert, welche die Indianer in der Savanne sammelten. Die Schnelligkeit, mit der er seine lange klebrige Zunge in die Masse steckte und bedeckt mit Ameisen wieder hervorzog, machte erklärlich, wie ein so großes Thier seinen Hunger mit so kleinen Insekten stillen könne. Mit den Termiten verzehrte er zugleich eine große Menge Material der Hügel. Da die Natur dem Ameisenbären die Waffe der Zähne versagt hat, so verlieh sie ihm in den Klauen und der Muskelkraft der Vorder füße ein nicht minder gefährliches Vertheidigungsmittel. Selbst aus den Kämpfen mit dem Jaguar soll er oft als Sieger hervor gehen. Der Jäger wird sich einem mit dem Giftpfeil angeschossenen Ameisenbären nicht früher nähern, als bis er überzeugt ist, daß das Gift seine volle Wirkung gethan hat. Erst am 23. April verließ die Gesellschaft Tencttc und setzte den Weg durch die Savanne fort am Tacutn hin. In der Nieder lassung am Fuß des Kuipaiti erlebte Richard eine charakteristische Scene. Goodall wollte einem kranken alte Mann seinen aus Feindcshaaren verfertigten Lcibgürtcl (Matupa) abkaufen, dessen Stärke von dem früheren Muthc des Besitzers Zeugniß ablegte. Da alle directen Unterhandlungen bei dem Manne ohne Erfolg blieben, so wendete er sich an die ebenso bejahrte Frau desselben und bot ihr Perlen dafür. Nun suchte den Mann zu über zeugen, daß wohl Perlen, er aber keine Matupa mehr bedürfe. Doch die Trennung war zu schwer; den Gürtel von allen Seiten traurig anblickend, schüttelte er den Kopf und hielt ihn der Frau hin, die ihn wieder an den alten Ort hängen sollte; ärgerlich that dies die getäuschte Ehehälfte und händigte Goodall die Perlen wieder ein, die sie schon erhalten. Da fügte der unerschütterliche Käufer zu den Perlen noch einige andre Kleinigkeiten und augen blicklich begannen die Capitulationen zwischen Mann und Frau von Neuem. Sie endeten damit, daß der Kranke die Matupa herabnehmen ließ, sie in die Hand nahm, sein Gesicht hineindrückte und sie dann seiner Frau überließ, welche sie, vor Freude strahlend, Goodall überreichte. Ohne einen Blick auf die Gegenstände zu werfen , welche die,Frau erhalten und die sie ihm vorhielt, kehrte sich der Kranke in der Hängematte um und verbarg sein Gesicht in den Falten derselben. Die Rehjagd in der Savanne war so ergiebig gewesen, daß sie mit Borräthen von getrocknetem Fleisch die Reise fortsetzen konnten. Mit der größten Geduld und Behutsam-93 keit wissen die Indianer, auf dem Bauche kriechend, das weidende Reh bis auf 100 Schritte Entfernung zu beschleichen. Dann ahmen sie den Lockruf des Bockes nach und ziehen es dadurch allmählich in die geringe Entfernung heran, wo sie es mit dem Pfeile treffen können. Die Reisenden näherten sich jetzt dem Mondgebirge, Kai-i-rite der Wapisiana, Serra de Luna der Bra silianer, dessen höchster Punct zu 3100 Fuß ansteigt. Seine quarz haltigen Gipfel leuchten durch die Feuchtigkeit, die sich darauf niederschlägt, wenn die Sonne in bestimmtem Winkel darauf fällt, weit hin, wie die Reisenden schon am Canuku- und Pacaraima- gebirge bemerkten. Das Pacaraimagebirge strahlt nur von Mai bis August, während vor und nach dieser Zeit die Strahlen nicht unter dem Winkel auf seine feuchte Oberfläche fallen, um das Licht so reflcctiren. Diesen Anblick und die reiche botanische Ausbeute der Vorhügel des Gebirges mußte Richard theucr erkaufen. Schon am Tacutu war er aus Furcht vor den Stachel rochen nie ohne Schuhe ins Wasser getreten, dadurch waren diese bald gänzlich verdorben und er mußte zu Sandalen aus Palmenfasern, der Fußbekleidung der Indianer, seine Zuflucht nehmen. Viel Schmerzen und Blut kostete es, bis seine europäische Empfindlichkeit des FußcS abgestumpft war, bis der Zwischenraum zwischen der großen und zweiten Zehe den Hauptriemen der San dale ertrug. Heute eilte er, vom Durst und dem Gefühl eines herannahenden Fiebers getrieben, über rauhe Steintrümmer in brennender Sonnenhitze, als er plötzlich vor Schmerz umsank. Der drei Zoll lange Stachel eines CactuS war ihm durch die dünne Sandale in den Fuß gedrungen. Zwei Indianer schleppten ihn nach dem Lagerplatz und schnittctt ihm die Spitze aus der Wunde, doch war er an diesem Tage keiner Bewegung mehr fähig. Den Leidenden belästigte am andern Morgen noch der Kvhlcndampf der angezündetcn Savanne, was die Indianer bei keinem Ausbruch unterlassen können. Alt diesem Tage ging es durch Sumpfstelleu, bei deren Durchwaten das Wasser oft bis unter die Arme reichte. Ohne Zaudern mußte man hindurch, obgleich, besonders bei beit lasttragenden Indianern, der Körper mit Schweiß bedeckt war. Die Ruhe am Abend dieses mühseligen Tages störte ein furchtbarer Gewittersturm, der gegen Mitternacht ausbrach. Der Regen stürzte in solchen Strömen auf.die Zelte nieder, daß nicht einmal die dickgcölten Zelttücher dem Angriff widerstehen konnten, obgleich sie unter dichtbelaubten Bäumen ausgespannt waren. Der Sturm raste durch deu Wald, hie und da übcrtäubt von Donnerschlägen oder dem krachenden Sturz von Riesenbäumen. Die dichteste Finsterniß, welche nur zuweilen durch Blitze erhellt tvar, ließ nicht erkennen, ob nicht ein Baum in ihrer Nähe entwitrzclt sei, um im94 nächsten Augenblicke sie unter seinem Sturze zu begruben. Unter diesen Umständen war immer noch das sicherste, auszuharrcn an dem einmal erwählten Orte. Noch schlimmer waren die Indianer daran, welche keine Reisehütten aufgebaut, sondern ihre Hänge matten blos an die Bäume geschlungen hatten. Sie flüchteten unter die Zelte der Europäer. Die niedere Savanne war durch den Regen in einen förmlichen See umgewandelt; zwei Stunden lang mußten am andern Morgen die Reisenden bis zum Knie durchs Wasser waten. Daun traten sie , in das waldreiche Tuarutu- Gebirg, wo Urwald voll umgestürzter Bäume mit scharfen eckigen Felsentrümmern wechselte, welche letzteren oft nur auf Händen und Füßen zu überschreiten waren. Endlich mußte gar ein drei hundert Fuß hoher, steiler mit den schärfsten Stachelpflanzen be wachsener Granitblock überklettert werden, und nun erst traten sie in ein wahres Felsenlabyrinth ein, wo die Qualen des Durstes aufs Höchste stiegen. Seitdem den Savaunensec verlassen, hatten sie keinen Tropfen Wasser mehr gesehen; ein heftiger Ficberanfall Richards nöthigte die Gesellschaft zu halten, während die Indianer angewiesen wurden, sich in der Umgebung zu zerstreuen, um vielleicht einen Sumpf oder ein rieselndes Bächlein aufzufindcn. Vergebens! Die Abgesandten kehrten ohne Wasser zurück. Die Reise wurde fortgesetzt und führte bald in das ausgctrocknetc Bett eines Sturz- bachcs, daö auch keinen Tropfen Wasser mehr enthielt. So ging es noch mehrmals. Die Reise wurde fortgesetzt, während Richard wie in Stumpfsinn versunken seinem Vormanne nachwankte. Die einzige Seelcnregung, deren er fähig war, war die Erwartung, ob der Ruf: Tuna, Wasser, bald ertönen würde. Aus dieser Er schlaffung wurde er plötzlich auf die gewaltsamste Weise gezogen, als die Indianer beim Klären des Weges mit den abgehauenen Aesten auch ein großes Wespennest zur Erde geworfen hatten, dessen Bewohner mit wüthendcn Stichen anfielen. Mit geschwollenen Gesichtern setzteil die Wanderung durch den Urwald fort. Neue Hoffnung von Nähe menschlicher Wohnungen erregten die durch das Gebüsch getretenen Pfade, aber die Indianer erkannten als die Wildbahnen von Tapiren und Schweinen; ihnen folgen hieße dem sichern Hungertod in tiefster Wildniß entgegengehen. Endlich tönte der Zauberruf: Tuna! Wasser! von der Spitze der Colonuc und mit letzten Kräften eilten alle dem Bette des kleinen Flusses Manativau entgegen, der zwar kein fließendes Wasser, aber mehrere dunkelgefärbte Pfuhle zeigte. Trotz der Frösche tauchten sie ent zückt ihr Cassadabrot hinein, den ersten Bissen, den sie heute dem Magen anboten, denn der ausgcdörrte Gaumen hatte dem Brot den Weg zum Magen unmöglich gemacht. Es war ein Göttermahl, dieses lehmige Wasser uild Cassada-95 Brot, welches alle vergangenen Entbehrungen und Leiden vergessen machte und auch den Gedanken nicht aufkonunen ließ, daß der nächste Tag vielleicht dieselben Qualen Bringen würde. Am Abend erreichten die Wapisiana-Niedcrlassung Tuarutu unter 20? 3" N. B. und 59046 W. B. Der Häuptling begrüßte anfänglich sehr ccre- moniös. Er bewegte die flache Hand dreimal vor dein Gesichte der Fremden auf und ab und ließ sich dann gravitätisch in einem ihm nachgetragenen Sessel nieder. Ein Dolmetsch sollte ihm das Reisegeräth der Fremden erläutern, aber bald verwirrten sich seine Begriffe. Der Kochapparat, die Gabeln und dergl. erregten so sehr seine Bewunderung, daß er endlich aufsprang und die Sachen seiner höchsteigenen Ansicht unterwarf. Allmählich hatten alle die zerstreuten Thcile des langen Zuges sich gesammelt, nur der Neger koch Hamlet fehlte; Sororeng, der am andern Morgen (28. April) als der letzte eintras, wußte auch nichts von ihm. Da man bei der Verachtung der Indianer gegen den Neger, welche jene nicht einmal das Pulver zu Signalschüssen für diesen aufwcnden ließ, Eingeborenen allein die Aufsuchung nicht überlassen wollte, so wurde diesen als Anführer Stöckle mit den gemessensten Befehlen mitgegeben, alle Viertelstunden ein Gewehr abzufeucrn. Lächelnd und kopfschüttelnd, das gute Pulver bedauernd, das man besser zur Jagd verwenden könnte, statt es an einen bereits vom Jaguar ver speisten Neger zu verwenden, traten die zehn Indianer ihre Wan derung an, und wußten Stöckle bald so sehr mit ihren Ansichten zu erfüllen, daß dieser nach kurzem Suchen sich mit seiner Partie, wie sich später zeigte, zum Schlafen niederlegte. So trafen am Abend ohne den Vermißten wieder ein. Nachts wurden als Weg weiser für den Verirrten große Feuer auf dem Hügel angezündct und am folgenden Morgen mit großen Versprechungen ein Thcil der Bewohner der Niederlassung anfgcbvten, so daß 50 Manit in drei Abtheilungeu unter Führung der beiden Schvmburgk und Goodall s sich in verschiedenen Nichtnngen nach Hamlet in Bewegung setzten. Die Begleiter Richards zeigten eine unbegreifliche Geschick lichkeit in Erkennung der Fährten selbst auf Fclsenboden; Indianer und Indianerinnen, Angehörige des Dorfes oder Fremde unterschieden sic. Am Abend kehrte endlich Robert mit dem Vermißten zurück, den er sechs englische Meilen rückwärts im kläglichsten Zustande aufgefunden. Schott hatte auch er die Hoffnung auf Erfolg auf gegeben und wieder nach der Niederlassung zurückkehren wollen, als einer der Indianer das ferne Rufeir Hamlet s gehört. Als ihn fanden, hatte Furcht und Ermattung so heftig auf ihn ein gewirkt, daß Robert ihn anfänglich für wahnsinnig hielt, so schnell wechselten unzusammenhängende Reden mit dem heftigsten Weinen und ausgelassenem Gelächter. Als sie ihn gefunden, hatte er einehakbausgeleerte Landschildkröte auf der Schulter, um sich den Nest zur nächsten Mahlzeit aufzusparen. Ost hatte er seinen Herrn, wenn er diesen wohlzubereitetes Schildkrötenfleisch aufgetragen, versichert, lieber verhungere er, als davon zu essen; jetzt hatte die Noch ihn gezwungen, es roh zu verzehren. Am zweiten Tage hatte er die Signale Stöckle s gehört, als er aber darauf zuge gangen, waren sie verstummt, da jener mittlerweile mit seinen Ge fährten sich zum Schlafen niedergclegt. Ehe er die Schildkröte fand, hatte er mit Pilzen seinen Hunger gestillt; Furcht hatte ihn seit drei Tageil und zivei Nächten keinen Augenblick schlafen lassen. Natürlich konnte er in diesem Zustand nicht folgen; er mußte in Tuarutu Zurückbleiben. Bis zum 2. Mai waren die Vorräthe so weit ergänzt, daß ihre weitere Wanderung gegen das Ossot- schunigebirgc antraten. Wald kamen sie in einen Urwald, der an üppiger Vegetationsfülle alles bisher gesehene übertraf und voll giftiger Schiangeil war. Jeilseits des Waldes betrate r sie wieder die offene Savanne, überstiegen einige Granithügel mit Quarz- und Glimmerfragmenten und gelangteil in eine Niederlassung Ma- ripa, wo sie ihre Vorräthe ergänzten. Am 5. Mai brach Robert mit den Seinen nach den Quellen des Tacntu auf, während Richard, vom Fieber geschüttelt, in der Niederlassung zurückblieb und sich so gut als möglich die Zeit mit den Kapriolen einer jungen Tigcr- katzc zu vertreiben suchte. Nach der Menge der Jaguar- und Tigerkatzenfelle, hauptsächlich aber nach der großen Anzahl der Zähne, welche die Frauen und Kinder als Talisman um den Hals, trugen, mußten sich diese Thierc in der Gegend von Maripa ziemlich häufig finden. Erst vor wenigen Tagen war in der Nähe des Dorfes ein Jaguar erlegt worden, dessen Reißzähne 3 l 2 Zoll lang waren und an der Wurzel einen Umfang von 3 Zoll hatten. Schomburgk zählt 13 Spezies oder Varietäten auf, aber an eigentlich typischen besitzt Guiana nur zwei: den Jaguar (Felis onza) und den Puma (Felis eoneolor), von denen der erste der stärkste und größte ist. Es ist in den Savannen ein Jaguarskelett gefunden worden, das mit Einschluß des Schwanzes 9 Fuß maß. Allen Erfahrungen nach kommen beide häufiger an der Küste, als im Innern vor, und fast jedes Jahr werden 25 30 meist in großen Fallen ge fangen und getvdet. Die ausgedehnte Viehzucht zwischen dem Essekibo und Berbice scheint die Raubthicrc besonders hierher ge zogen zu haben. Haben einmal ihr Lager in der Nähe einer solchen Meierei aufgeschlagen, so vergeht selten eine Nacht, wo nicht gegen die Herden auf Raub ausgchen. Gewöhnlich saugen sie de t erlegten Vieh das Blut aus und fressen von der Beute nur 10 15 Pfund aus der Brust und vom Halse; das übrige7 97 lassen sie entweder liegen oder schleppen eS in das nahe Gebüsch; nur die äußerste Noth kann sie dem Zurückgelassenen zurück führen. Durch Feuer lassen sie sich nicht vertreiben. Die oben erwähnten Fallen stimmen in ihrem Bau ganz mit den Ratten- und Mardcrfallcn überein. In einen starken, eisenbeschlagenen Bohlen kasten führt eine Fallthür, die durch ein Stellbrctt in der Hohe erhalten wird. Als Lockspeise dient eine hinter Eisenstäben im Kasten aufgestellte Ziege oder ein Schaf. So wie das Naubthier durch die Fallthür in den Kasten kriecht, uild auf das Stcllbrett tritt, fällt die Thüre zu und es ist gefangen. Doch ist es sehr- starken Jaguaren schon gelungen, daumendicke Eisenstäbe zer brechen und während der Nacht der Gefangenschaft zu entgehen. Im andern Falle soll das wüthende Brüllen des betrogenen Thiers und seine Anstrengungen, sich zu befreien, etwas Grauscncrregendcs haben. Meistens werden die Gefangenen in der Falle erschossen. Seltener werden sie im Freien mit dem Lasso gefangen und erdrosselt. Wird der Jaguar auf der Jagd von den Hunde eingeholt, so flüchtet er sich aus den ersten besten schrägstehenden Baum, wo er daun leicht die Beute des Jägers wird. Wird er freilich nur leicht verwundet, so stürzt er sich mit unwiderstehlicher Wuth auf den Jäger, den dann nur andere Waffen und kaltblütige Geistes gegenwart vom Tode retten kann. Richard traf später einen Neger, der bei einer solchen Gelegenheit nicht nur seine rechte Hand, sondern auch einen bedeutenden Thcil seiner Schultermuskeln ein- -gebüßt hatte. Er war in Begleitung eines Indianers und seiner drei Hunde auf die Jagd gegangen. Bald war ein Jaguar auf- getrieben und auf einen halbentwurzelten Baum gejagt. Der Neger nähert sich auf etwa 18 Schritte, feuert, aber verwundet ihn nur leicht. In zwei Sätzen hat ihn der verwundete Jaguar erreicht, und setzt seine Tatzen in die Schultern des Unglücklichen, um ihm im nächsten Augenblicke die Kehle zu zerfleischen. Da mochte der Jäger unwillkürlich seine Hand in beit Nachen deö Jaguars gesteckt haben, denn als er zur Besinnung kam, lag die röchelnde Katze und seine rechte Hand neben ihm. In dem entscheidenden Augen blick war nämlich der nachfolgende Indianer auf dem Kampfplatze angekommen und hatte dem Jaguar sein langes Waldmesser ins Herz gestoßen, ohne verhindern zu können, daß dieser im TodcS- kampf noch dem Neger das ganze Fleisch der Schultern mit heräb- riß. Nicht nur räuberisch ist der Jaguar; sondern auch diebisch und Robert Schomburgk hatte in dieser Hinsicht seltsame Dinge erlebt. Während seines Aufenthalts am Nupununi verschwand jede Nacht etwas anderes aus seinem Zelt, ein Tuch oder ein Koch geschirr u. dergl. Die Indianer betheuerten, daß der Jaguar der Dieb sei, eine Versicherung, die natürlich nicht geglaubt wurde.Robert legte daher ach einem neuen Diebstahl, als er bis spat in die Nacht arbeitete, zwei geladene Pistolen neben sich. Eben blickt er von der Arbeit auf und erkennt einen Jaguar, der vier Schritte von ihm steht; bis er die Pistole ergriffen, war der Be such verschwunden. In der nächsten Nacht wird er durch ein Thier, das unter seiner Hängematte durchkriecht und mit dem Nucken an ihm hinstreift, erweckt; er meint, es sei einer seiner Hunde und schlägt wacker mit der Hand auf den Nucken nicht des Hundes, sondern des Jaguars, der mit einem Satz durch die Zeltwand ent flicht. Am folgenden Tage wurde eine allgemeine Jagd veran staltet, auf der man zwar nicht den Ruhestörer, wohl aber die ge stohlenen Gegenstände bis auf ein Tischtuch zerstreut im Dickicht fand. Am Mittag des 7. Mai kehrte die Partie von den Quellen des Tacntu zurück, welche Robert unter 1 5 N. B. gefunden. Nachdem noch die geographische Lage von Maripa (1 54 37" N. B. 49 45 W. B.) bestimmt worden, kehrten sic, 50 Mann mit 25 schönen Jagdhunden stark, nach Tuarutu zurück, wo sie Hamlet und reiche Vorräthe an Caffadabrot vorfanden. Am 12. Mai reisten sie weiter und übernachteten am 13. auf einem Felsen, wo sic, da Hamlet auch das letzte Feuerzeug verloren hatte, zu der indianischen Weise, durch Reiben zweier Hölzer, Zuflucht nehmen mußten. Wir alle kennen dich Verfahren aus unserer Jugend von den Robinsonadcn her, wo eine große Rolle spielt. Das Verfahren ist aber weder so leicht, wie es dort vorkommt, da weder Negern noch Europäern gelingt; noch auch so einfach, da zwei Indianer dazu gehören, von denen einer das Holz, worin ein Loch ist, auf der Erde festhält, während der andere das zweite Stück zwischen beiden Händen hcrumquirlt. Sie legen ein Stück Schwamm unter, daS sie stets in einem Bambus rohr bei sich führen. Kaum war das Feuer angezüudet, als sich auch ein Braten darbot. Eiil riesiges Armadill (Gürtelthier) von 5 Fuß Länge, ein gesuchter Leckerbissen der Eingeborenen, wurde von den Indianern aufgespürt und erlegt. Auch auf der Rück kehr durch die Savanne litten sic, wie früher, die Qualen deö Durstes. Als am vierten Tage eine der waldigen Oasen durch schritten, hörten sie in der Ferne ein cigcnthümlicheS Geräusch, ähnlich dem galoppireuder Pferde, das sich näherte. Die Indianer machten sich schußfertig. Bald erschien eine unzählbare Heerde von Pecaris (Dicotyles labiatus), Tajassu oder Bisamschwein. Sobald diese die Menschen erblickte, hielt sie in ihrer wilden Eile an, grunzten und entflohen unter schrecklichem Zähne klappern und Knirschen. Als Richard schießen wollte, zog einer der Indianer ihm das Gewehr weg, denn es ist mit größter Ge-fahr verbunden, in den Hanpttheil einer solchen Heerde hinein zu schießen, da die Thiere dann sich nach allen Richtungen zerstreuen und jeden lebenden Gegenstand auf ihrem Wege niederreißen und mit den Hauern vernichten. Auch die Hunde waren ganz ruhig, biS die Nachzügler kamen, um deren Schicksal die Heerde sich nicht mehr kümmert. Dann wurde Jagd gemacht und vier Stück erlegt. Die Hunde sind darauf abgerichtct, hinter der Heerde her einzelne Stücke abzutreiben. Nach großen Beschwerden trafen sie in Tenctte wieder ein, wo sie Herrn Fryer antrafen, der den durch Strapatzen und Fieber abgemagerten Richard kckUin wieder erkannte. Chinin gegen das Wechselsieber hatte er auch nicht bei sich, dagegen konnte er durch Abtreten eines Paars Schuhe wenigstens Ein Leiden Richards beseitigen. Am 18. Mai brachen nach Pirara auf, wo sie am 22. eintrafen. In der Niederlassung Awarra, aus der mehrere Indianer unsere Reisenden begleitet hatten, war Gelegenheit, einen neuen Charakterzug der Eingeborenen zu beobachten. Jung und Alt kam herbei, um die Angehörigen zu begrüßen; mit freudigen Gesichtern, die Trinkschale in der Hand, eilte die Frauen ihren langabwescndcn Männern entgegen, ohne daß diese auch nur eine Miene verzogen hätten. Ruhig und gleichgültig nahmen ihnen die Trinkschale ab, tranken sie aus und oaücit- sie zurück, ohne ein Wort noch einen Händedruck für sie zu haben, ebenso ruhig ließen sie sich die Bürde abnehmen, der sofort die Hängematte heraus gewickelt und an der alten Stelle aufgehangen wurde, in die sich der gestrenge Herr Gemahl hineinwarf, mit gleichgültigen Blicken auf das freudestrahlende Gesicht der Frau wie auf die jubelnden Kinder schauend. Es ist dieß Benehmen nicht wirkliche Gleich gültigkeit und Kälte, aber der Stolz des Indianers sträubt sich, seine Gefühle vor Fremden laut werden zu lassen. Zwanzig Kanonenschüsse vom Castell begrüßten die Ankömm linge und brachten ganz Pirara in freudige Aufregung. Sie waren gerade zwei Monate entfernt gewesen und hatten 500 englische Meilen in dieser Zeit zurückgelegt. Gegen die Striche, welche den Gegenstand ihres Ausflugs gemacht, war Pirara ein Ort hoher Civilisation; sie fanden dort Briefe und Zeitungen vor, auch hatte das ganze weibliche Geschlecht sich jetzt in geschmackvolle lange Kattunröcke gekleidet. Die wichtigste Neuigkeit war die von großen Rüstungen der Brasilianer. Trotz den feindseligen Gesinnungen ihrer Regierung unterhielten unsere Bekannten vom Fort S. Joachim, Hauptmann Leal und Pater Joseph, den lebhaftesten Handel mit Pirara, was ihnen auch nicht zu verdenken war, da die Besatzung seit drei, derHaupt- ,nann seit vier und der Pater gar seit zehn Jahren keine Be-100 zahlung von ihrer Regierung erhalten hatten! Dennoch wurde der Hauptmann Leal später abgcsetzt, da er dem Feinde Lebensmittel verkauft. Der 24. Mai, Geburtstag der Königin Victoria, wurde mit Kanonensalven, Wehen aller Flaggen, Mittagsmahl und Feuerwerk gefeiert. Auch die braune Bevölkerung erhielt ihre Nation Rum, welcher lang nachzuwirken schien. Denn merkwürdigerweise wich diese fröhliche und ausgelassene Stimmung auch die nächsten Tage nicht von einem Theile der braunen Bevölkerung, die eben noch mit dem Transport der Rumfässer von dem Landungsplatz des Rupununi nach dem Fort beschäftigt gewesen war, und als man selbst nach Beendigung dieses Transports noch einzelne betrunkene Indianer bemerkte, unterlag es keinem Zweifel mehr, daß sie zu Dieben geworden waren. Indessen konnte man nicht eher strafend auftreten, als bis man das gestohlene Gut entdeckt, obgleich der Commissär behauptete, dasselbe könnte nicht aus den Fässern der Regierung stammen, da er diese voll und ohne Spur einer Oeff- nuug gefunden. Endlich kam Herr Uoud auf die Spur des Be trugs. Der Anstifter war leider einer seiner braunen Zöglinge, sein jetziger Hilfslehrer, bei dem der Hang nach Branntwein alle Moral überwog. Er hatte die andern Indianer angeleitet, die Fässer anzubohrcn, die Lücken mit Wasser aufzufüllen und dann die Löcher so trefflich mit Wachs zu schließen, daß keine Spur derselben mehr wahrzunehmen war. Vierzehn Tage Festung bei schwerer Arbeit und schmaler Kost waren seine Strafe. Indessen wurden die Vorboten der Regenzeit immer häufiger. Zu dem heftigen Wetterleuchten, das meist die ganze Nacht anhielt, und den Himmel mit einem phosphorischen Lichte überzog, gesellte sich die Erscheinung drei großer geflügelter Ameisenartcn, deren fettreicher Hinterleib gebraten einen der größten Leckerbissen der Indianer liefert. Von Sonncn-Untcrgang bis -Aufgang ließen zahllose Laub- und andere Frösche, Kröten re., unterstützt von den Ziegenmelkern und Eulen der Savanne, ihre schmetternden und klagenden Stimmen ertönen. Der statt des bisher herrschenden Ostwindes wehende West- oder Nordwind, trieb düstere Wolken vor sich her, welche sich theils entluden, thcils auf dem Canucu- und Pacaraimagebirge gleich schwarzen Mauern lagerten. War auch beim Aufgang die Sonne heiter, so umzog sie sich bald mit Wolkcnmassen, welche thcils in nebelartigem, gelindem Regelt die Savanne feuchteteit, theils in Gewitterströmen niederfielen, deren Heftigkeit mit Anfang des Monats Juni zunahm. Die Hütten wurden ausgebessert und fester eingerichtet, mit Damm und Gräben umzogen, und dennoch überflutheten die hcrabströmcnden Wasser massen die Wohnungen mehr als einmal. In Folge der anhalten- 101 beit Regengüsse sahen die Reisenden denn auch bald den alten mytheureichcn See Parima sich vor ihnen ausbreiten und über die hohen Binsen und Grasarten peitschte schnell der wüthende Sturm die aufgeregten und rollenden Wogen, bis sie sich an einigen der waldigen Oasen brachen, welche jetzt gleich fruchtbaren Eilanden der fast unübersehbaren Fläche hervorragten. Wie sich mit diesen Wasserflächen die äußeren Umgebungen Pirara s geändert, so war auch seit ihrem Beginn eine vollkommene Veränderung in der umgebenden Thierwelt eingetreten. Stechfliegen von bisher unbekanntem, ticfdringendcn und schmerzhaften Stich fanden sich ein; Klapperschlange und anderes giftiges Gewürm flüchtete von der nassen Savanne nach der trocknen Wärme des Lagers. Während der Regenzeit tödetcn die Brüder allein in ihrer Hütte, außer einer großen Zahl von Nattern, fünf Klapperschlangen und vier Grubenottern. Noch ekelhafter, wenn auch weniger gefährlich, waren die Eidechsen (Gekonen), welche sich an den Wänden und Dachsparren in großer Anzahl versammelten. Vermittels ihrer klebrigen Zchenscheiben wandern mit großer Fertigkeit an den glättesten Flächen hinauf, und beginnen am Abend unter lautem Geschrei ihre Jagd nach Insekten. Da sie sich dabei fortwährend bissen und jagten, so fiel nicht selten ein solches Thier mitten unter die Gesellschaft, und der Ekel vor denselben ließ sogar Nachts unsere Reisenden ihre Kleider anbehalten. Zwischen deit Kisten und Kasten hielt sich eine Anzahl von Kröten auf, welche Tagö sich ruhig verhielten, in der Nacht aber hcrumwanderten. Schuhe, Beinkleider und andere Stücke des Anzugs mußten am Morgen erst einer genauen Revision unterworfen werden, um nicht mit einem solchen Mitbewohner in Collision zu geratheu. Schädlicher waren die Mäuse und Ameisen, und besonders gegen die letzteren die Sammlungen zu schützen, schlugen alle Mittel fehl. Mochte auch Richard seine Kästchen mit Insekten, seine frischen Vogelbälge einzeln an Fäden aufhängen, die mit Arsenikseise eingeschmiert waren, die Ameisen fanden den Weg zu ihnen. Nur einer der Hausgenossen gewährte Unterhaltung und brachte, in Ruhe gelassen, keine Störung hervor. Es war eine große Wespe, welche sich eine Höhle in den Boden grub. Kaum war diese Arbeit vollendet, so flog das ge schäftige Thier zur Hütte hinaus und kehrte nach wenigen Minuten mit einer in der Savanne gefangenen Heuschrecke, welche ihre Körpermasse wenigstens um das Fünffache übertraf, zurück, welche das Thier unter vielen Schwierigkeiten in die Höhlung hineinstopfte. War dicß geschehen, so flog die Wespe zu neuer Beute aus. War die Höhle mit Leichnamen gefüllt, so legte sie ihre Eier; nun fand die auskriechende Made Nahrung; die fürsorgende Mutter war ver-102 schwunden und ließ sich nie mehr sehen. In dieser Gesellschaft sollten unsre Landsleute vier Monate verleiben! Diese wenig tröst liche Aussicht wurde nur dann und wann durch einen Hellen und freundlichen Tag erheitert, an dem sie aus der dunkeln engen Hütte hinaus in die ihnen fast fremd gewordene Natur eilten. Auch die Tropen haben ihre Maientage, nur daß die Stelle unsres Eises und Schnees die sengende Sonne vertritt und daß das frühlingsgleiche Erwachen der Natur nicht allmählich wie bei uns, sondern nach Eintritt der Regenzeit mit einem Schlage geschieht. Bald waren die Tagebücher fertig geschrieben, die Sammlungen geordnet, die Zeitungen wiederholt durchgelescn; die Abende, an denen man wegen des Ungeziefers nicht einmal schlafen konnte, wurden immer länger. Da warf eines Abends ein Mitglied der Gesellschaft die Frage auf, warum eigentlich nicht durch Whistspicl man sich die Zeit vertriebe? Mit Jubel wurde der Gedanke aus genommen, aber man hatte keine Karten. Doch Goodall wußte Rath. Ans seinen Vorrath von starkem Papier zeichnete er zwei Spiele Karten, deren Figuren die Persönlichkeiten der Erpedition und der befreundeten und durch irgend eine Eigenthümlichkeit aus gezeichneten Indianer darstclltcn. Nembrandt hätte keinen würdigeren Gegenstand für seinen Pinsel finden können, als das Innere einer der Hütien an einem solchen Spiclabend. Das spärlich von Schild- krötcnfett oder Palmenöl genährte Lämpchen konnte mit seiner blauen Flamme kaum den rohen Tisch erhellen, der außer den dem Naturzustände fast znrückgegebcncn Spielern von einer Menge Indianer umgeben wurde, welche mit staunenden Blicken die ihnen unerklärlichen Bewegungen, das Werfen der bunten Papiere auf den Tisch, und das Zusammennehmcn derselben anstarrten, und sich endlich kopfschüttelnd entfernten; oder wenn plötzlich der Aus- spiclcnde die Karte mit verzweifelnd verzerrtem Gesichte auf den Tisch warf und krampfhaft nach irgend einem Thcilc seines geplagten Leibes schlug, um dort die blutsaugendcn Moskitos zu töden. Noch interessanter aber würde dem unbelheiligten Zuschauer der Augen blick gewesen sein, wenn sich der gefürchtete Ausruf: eine Schlange! hören ließ und nun die ganze Gesellschaft plötzlich auf den Tisch, die Stühle und Kisten sich flüchtete, um von hier aus das Un- gethüm zu töden. Schwerer als die Langeweile war der bald eintrctcnde Mangel zu vertreiben. Mit der Zunahme der Gewitterstürme und dein Steigen der Gewässer verschwand daS Wild immer mehr aus der Nähe und stets wurde die Beute der Jäger kärglicher. All manchen Tagen waren sie bloß auf das von Insekten verschont bleibende trockne Cassadabrot beschränkt. Ebenso ging es den Offizieren im Castell. War aber hier oder da die Jagd besser ausgefallen, so103 lud man sich gegenseitig zum Mittagessen ein. Zu diesem Zweck war ein telegraphischer Verkehr mit Signalflaggen zwischen beiden Orten eingerichtet. Diese Signale wurden auch einmal bei ernsterer Gelegenheit gebraucht, als einer der Jäger verstört in das Schom- burgk schc Zelt stürzte, um die Ankunft vieler brasilianischer Sol daten zu melden. Erst als auf die Nachricht hin, wie man durch das Fernrohr wahrnahm, alles unter Waffen stand, erfuhr Richard von dem Jäger, daß die Brasilianer unbewaffnet seien, und sogleich wurde Blinder Lärm" nach dem Fort hinübersignalisirt. Die gefürchteten Brasilianer waren die Bekannten aus St. Joachim, welche mit einer ganzen Bootsladung Lebensmittel über den an- gcschwollcnen Amucusee heranruderte . Gern wurden die Vorräthe angekauft und noch höher stieg die Freude bei der Nachricht, daß ein zweiter Brasilianer mit einem noch größeren Corial voll Mehl, getrocknetem Rindfleisch und Schildkröten nach Pirara unterwegs sei. Auch diesem wurden seine Vorräthe abgekauft, darunter zum Preise voll 57 Dollars (146 fl.) 23 Riesenschildkröten, deren ein zelne nur von drei Mann getragen werden konnten. Diese köstliche Speise wurde zu langem Genuß in einen Palisadenzwinger ein geschlossen, mit dessen Verfertigung Stöckle und Tiedge betraut wurden. Nach acht Tagen sollte die erste Schildkröte geschlachtet werden, und natürlich wurden die Offiziere eingeladen, welche mit sorgfältig geschontem Appetit und mit Ingredienzien zu einem Punsch versehen, sich einstelltcn, und sich die Zeit bis zum Essen mit einer Partie Whist vertrieben, denn Stöckle und Tiedge, die schon am Morgen mit vier Indianern nach dem Schildkrötenzwinger geschickt worden waren, blieben auffallend lang aus. Endlich kamen zurück, aber mit leeren Händen und verstörten Gesichtern. Der Zwinger war für die Ricsenthiere viel zu schwach angelegt worden, diese hatten einige Pfähle nmgcworfen und waren sämmtlich ent ronnen; nur eine todte halbverweste Schildkröte fand sich darill vor. Statt des leckeren Gerichts hatten ihren Gästen nur schwarzes trockncs Rauchfleisch zu bieten, das diese unter unzähligen Sarkasmeil aus ihre Wirthe verzehrten. Diese saßen ruhig und ließen nicht merken, wie sie sich ärgerten; Sei es früher, sei es später, Rache sann sich jeder ans. Nach einiger Zeit traf eine Partie Indianer ein, welche Trommeln zum Verkauf bot. Diese werden aus einem l l 2 Fuß langen Stammstück der Palme Mauritia flexuosa, aus welchem das Mark entfernt ist, und welches mit Affen- oder Nchfcll bespannt ist, verfertigt. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, daß Tiedge und Stöckle von der Heimat her aufs Beste mit diesem Instrument umgehen konnten. Auf die Voraussetzung, daß die104 Officiere keine Ahnung davon hätten, daß die Indianer die Trom mel so gut bcsitzeit, ivie die Europäer, denn in Pirara war sie nicht heimisch, und auf die Geschicklichkeit der beiden Schwaben wurde der Nacheplan gegründet. Der Zufall wollte, daß bereits am folgenden Tage die Jäger ein Reh einbrachtcn und das Signal Einladung zum Abendessen und zu einer Partie Whist" wehte lustig vom Flaggenstock. Unter Scherz und Jubel über die er freuliche Botschaft kamen die Officiere an. Der trefflich zubereitete Braten war verzehrt, der Punsch dampfte auf dem Tisch, alles war Fröhlichkeit.  Da fällt ein Ton in das Gelage, der ge dankenschnell die heitere Stimmung zum furchtbarsten Ernst um wandelt. Horch, das ist Trommelschlag! rufen sich die entsetzten Officiere zu, die, ihrer Pflicht vergessen, alle ihren Posten verlassen. Bald läßt sich deutlich ein Marsch vernehmen, und mit dem Ruse: die Brasilianer haben die Festung überfallen, stürzten die Geängstigteu fort, mit ihrem Blute die Schuld zu sühnen. Aber mit lautem Gelächter und dem Ruf: Kennt ihr nicht den Todtcn- marsch der Schildkröte, eilen die Deutschen ihnen nach, und eben biegen auch die trommelnden Schwaben um die Ecke. Bald Mar der Schrecken wieder in Fröhlichkeit übergegangen, aber die Schild kröten und ihre Flucht, das unerschöpfliche Thema deS Spottes der Officiere, waren und blieben von jetzt an zu Grabe getragen. Mittlerweile war Herr Uoud von dem Präsidenten der Lvndoncr Missionsgesellschaft von seinem Posten abbcrufen worden, da der Verein seine Wirksamkeit auf Pirara, als noch auf be strittenem Boden liegend, nicht ausdchnen dürfe. Er sollte einst weilen nach Waraputa ziehen. Mit tiefem Schmerz bereitete er sich vor, den Schauplatz seiner schönen Wirksamkeit zu verlassen, eben da ihre Früchte zu reifen begannen, denn seine Gemeinde mit nach Waraputa ziehen zu lassen, ging nicht an, da die Bewohncr der offenen Savanne rasch der Einwirkung der dumpfen und feuchten Atmosphäre des Urwaldes unterliegen. Als Uond seine Kirche und Schule in Pirara cröffncte, erschienen die Kinder durch gängig von Kopf bis zu Fuß bemalt, als ginge es zu einem Trink gelage; sie schwatzten und lachten unter einander und liefen weg, sobald nichts Neues ihre Aufmerksamkeit fesselte. Die Erwachsenen drängten sich mit Lärm und Ungestüm bewaffnet in die Kirche, die Frauen erschienen mit ihren Kinderil, die sich geräuschvoll um die Brust der Mutter zankten und schlugen, oder mit zahmen Affen auf dem Arm in der Kirche. Jetzt dagegen waren sie wohl gekleidet, ihre Wohnungen verbessert, sie saugen fehlerlos englische Hymncir und beobachteten beim Gottesdienst eine musterhafte Auf merksamkeit; die Schule wurde mit dem größten Eifer besucht und Einzelne kamen Sonntags 20 engl. Meilen weit in die Kirche.105 Die Spure des Einfalls der Brasilianer waren bald ver wischt, und um die hoffnungsreiche Ernte nicht untergehen zu lassen, entschloß sich jetzt Herr Mond auf Bitten seiner Macusis, nach London zu reisen, um dort persönlich für Erhaltung der Mission zu wirken. Aber in Georgetown schon erlag er dem gelben Fieber, ein Missionär, der seine Aufgabe so edel und tüchtig aufgefaßt, wie nur je einer. Die allgemeine Ucbcrschwemmung, der fast noch täglich an haltende Regen hatte die schwüle, drückende Atmosphäre jetzt so mit Feuchtigkeit übersättigt, daß die Kleidungsstücke, welche man nicht eben brauchte, in den Koffern vermoderten; sie mußten, um sie vor gänzlichem Verderben zu retten, täglich am Feuer getrocknet werden. Eiserne Werkzeuge, die nur wenige Tage am Boden gelegen, waren vom Rost bis zur Unbrauchbarkeit zerfressen, das Silber orydirte, die Arsenikscife zersetzte sich fast gänzlich und mit größter Mühe konnten nur einzelne Eremplare von den Samm lungen gerettet werden. Bald nach Herrn Uouds Abreise störte und beunruhigte unsere Reisenden ein Unglücksfall, der einen ihrer Jäger, einen jungen rüstigen Mann betraf. Er wurde besinnungslos in der Savanne gefunden. Er war voll einer Klapperschlange über dem Knöchel des rechten Fußes gebissen worden, hatte die Schlange getödet, dann die Wunde auf schauderhafte Weise erweitert und verbunden. Das ganze Weilt war geschwollen, der Arme lag in den heftigsten Krämpfen. Er wurde nach Pirara gebracht, wo er unter zweckmäßiger Behandlung in fünf Wochen genas. Wird aber auch das Leben gerettet, so bleiben die Folgen des Schlangen bisses oft daö ganze Leben hindurch fühlbar. Die Wunde bricht meist alle Jahre lvicdcr auf, entleert übelriechende Feuchtigkeit und das Glied bleibt beständig der schmerzhafteste Wetterprophet. Die Indianer wenden gegen den Biß giftiger Schlangen eine Menge abergläubische Mittel an. So dürfen bei einigen Stämmen lvedcr der Verwundete noch seine Eltcril nild Geschwister, sobald diese mit ihm eine Niederlassung bewohnen, die erste Zeit seiner Verwundung Wasser trinken oder sich baden, oder nur in die Nähe deS Wassers kommen; einzig seiner Frau ist gestattet. Ein dünner warmer Kürbißbrei muß den Durst stillen. lieber so furchtbare Thiere wie die Giftschlangen sind, gibt unzählige Fabeln. Das Klappern ist der Klapperschlange (Orvlulus) gar nicht eigen, sondern kommt auch bei nicht giftigen Schlangen vor. Es ist natürlich keilte Warnung, sondern entsteht, wenn das wüthcnde Thier sich zum Sprunge zusammcngerollt hat, durch die zitternde Bewegung des Schwanzes, ist auch gar nicht weit hörbar. Eine gangbare Fabel ist noch immer das Bezaubern der Vögel106 durch Klapperschlangen. Entweder wollen die Vögel durch ihr Umherflattern den Feind von ihrem Neste wegtreiben, oder sie sind schon verwundet und die Bewegungen sind eine Folge des Schwindels. Die Giftschlangen verhalten sich in Guiana zu den ungiftigen wie 1 : 8. Gegenseitiger Biß giftiger Schlangen soll nur eine kurz dauernde Betäubung zur Folge haben. In dem Mage einer gelodeten, 6 8 Fuß langen Natter wurden zwei lebende große Kröten gefunden, welche nach acht Minuten sich so weit erholt hatten, daß wegkrochen. Nach einigen Tagen trafen Depeschen von Georgetown ein, wodurch die Grenzcommission angewiesen wurde, ihre Arbeiten fort zusetzen, während die Truppenabtheilung zurückkehren, zuvor aber das Castell demoliren sollte. Es war nämlich mittlerweile Pirara durch Vertrag zwischen Großbritannien und Brasilien für neutralen Boden erklärt worden, der von keinem beider Theile militärisch besetzt werden sollte. So freudig die Soldaten diese Botschaft auf- nahmcn, so sehr bekümmert waren die Bewohner Piraras, den Schutz gegen Brasilien zu verlieren. Den letzten Abend brachten die Brüder mit den Officicren bei fröhlicher Abcndtafel zu; dann wurde das Fort am andern Morgen in Brand gesteckt und die Soldaten zogen jubelnd ab. Der tropische Winter hatte sich ausgetobt, von Neuem glänzte der heitere wolkenlose Himmel Tag und Nacht nieder, während der beständige ONO. die für die Gesundheit so schädlichen Dünste verwehte, welche sich nach der Regenzeit aus der angesammelten Wafsermafsc entwickeln, und namentlich an der Küste tödliche Fieber erzeugen. Von Ende Mai bis Ende August waren 72 Zoll Regen gefallen. Ueberall begegnete das Auge einer erwachten, kräftigen Vegetation. Vom Fieber befreit machte Richard einen achttägigen Ausflug nach dem Cunucu-Gcbirge, und kehrte dann nach Pirara zurück, um für den Zug nach dem Roraima-Gebirge seine Begleiter anzuwerben. Der Hauptzweck der jetzt bevorstehenden Erpedition ging dahin, die merkwürdige Vcrbindungsgrnppe des Parima- Gebirges unter 5^9 N. B. und 61** W. L. von Greenwich zu erreichen, wozu anfänglich der günstige Wasserstand des Tacutu * und Cotinga benutzt werden sollte, um dann auf dem Landwege den Roraima, das Qnellgebict des Cotinga, zu erreichen. Beide Flüsse, als Grenze gegen Venezuela und Brasilien, mußten genau ausgenommen werden. Am Morgen des 10. Septembers 1842 brachen von Pirara auf. Der Weg ging anfangs auf denselben Pfaden wie bei der Tacutu-Erpcdition. Noch war die Savanne überschwemmt, noch boten die angeschwollenen Flüsse: der Pirara, Mahu, Suruma107 oder Eotinga beim Ueberschreitm große Schwierigkeiten und ver zögerten die Reise ungemein. Während die andern an der Mün dung des Suruma in den Tacutu zurückblieben, um die Reisevor- räthe durch Hirschjagd zu vermehren, zog Robert nach Fort S. Joachim, um die Lage der Mi mdung des Tacutu in den Rio Branco, einem Nebenfluß des Amazon, zu bestimmen. Nach drei Tagen kehrte Robert zurück und brachte die Nachricht mit, daß er zur Vergeltung der freundlichen Aufnahme, die er im Castell gefunden, alle Honorationendesselben mit ihren Damen für den nächst zweiten Tag zu einem Essen ungeladen habe, was auch angenommen worden sei. Jetzt galt es sich zu zeigen, um eine Mahlzeit zu halten, wie die Brasilianer noch nie gesehen. Selbstverläugnung wurde geübt und alle die langgcsparten oder eben von Georgetown für die weite Reise im Innern erhaltenen Leckerbissen und Erfrischungen den Gästen geopfert. Es stgurirten dabei eingemachte junge Erbsen, marinirter Salm, Madera, Port- und Rheinwein und Champagner. Außerdem mußte für die Damen, welche an demselben Tage nicht zurückkehren konnten, ein Zelt aufgcschlagen und möglichst elegant hcrgcrichtet werden. Sobald die berittenen Gäste an dem andern Ufer angelangt waren, wurden die Böller gelost und jene mit Bootsicutell int besten Fcstfchmuck auf den wohlgezierten Booten übergefahren. Auch die Gäste hatten sich sehr heransgeputzt, leider nur einzelne ihrer schwärzlichen oder bräunlichen Hautfarbe zu wenig Rechnung getragen. Scharlachroth und weiße Kleidung nahm sich zu der dunkeln Hautfärbung eines Creolncgcrs nicht sehr harmonisch aus. Die Damen dagegen hoben durch geschmack volle Tracht ihre natürlichen Reize und bei einigen derselben störten nur die spitzgefeiltcn Vvrdcrzähnc. Es ist aber, wie sich hier zeigt, nicht alles europäisch civilisirt, was so gekleidet ist. Mit Ausnahme des Hauptmanns Lcal waren allen Anwesenheit die Gabeln etwas Neues; die Damen mehr als die Männer quälten sich lange ab, mit ihrer Hülfe anmnthig zu essen, bis Robert ihrer Verlegenheit ein Ende machte, indem er ihnen vorschlug, nach der Sitte des Landes, d. h. mit den Fingern zu essen. Nach Tische griffen die Damen und Herren nach den feinen Papiercigarren und unter Gcsaitg und Tanz mit Guitarrcnbcglcitung wurde der fröhliche Tag beschlossen. Am folgenden Morgen kehrte die heitere Gesellschaft unter Böllcrknall nach Joachim zurück. Schoit seit 8 Tagen hatte die Hitze wieder bedeutend zugenommen; der Wärmemesser zeigte 90 96 Fahr. (32y 4 35V 2 0 un Schatten. Da die Geschäfte jetzt vollendet waren, so dachte man an die Abreise und entwarf den Plan zum Weitcrzug nach dem Roraima. Ein Neger im Gefolge Richards, nach seiner Aehnlichkeit Napoleon genannt, zeigte sich dabei als ein geographisches Genie, In dein Sand entwarf108 er plötzlich eine meisterhafte plastische Karte des Weges; er bezeich net ! die Flüsse, die durchkreuzen, die Lage der Gebirge, die übersteigen hätten, die Niederlassungen, durch die sie kommen würden, mit einer Genauigkeit, über welche sie später alle Ursache hatteit zu erstaunen. Er war außerdem ein ebenso guter Astronom als Gastronom und auch ein ziemlicher,Chirurg. Einem Indianer, der an Kongestionen zum Kopse litt, ließ er in der Weise Blut ab, daß er die Blutader unmittelbar über dem Handgelenk mit den Fingern der linken Hand in die Höhe hob und sie dreimal mit dem sägeartigeil Stachel des Stachelrochens durchstach, wobei er beim Herausziehen die Wunde erweiterte. Der Patient verzog keine Miene bei dieser schmerzhaften Operation. Am 22. September brachen sie ihr Lager ab und fuhren den Suruma aufwärts. All der Mündung des kleinen Flusses Warami trafen sie die gleichnamige Macusi-Niederlassung. Die 16 Bewohner waren sehr glücklich auf der Jagd gewesen und hatten am vorigen Tage nicht weniger als 22 Pccari s erlegt, wovon sie gegen Glasperlen und Messer einen Theil den Euro päern abtralen; gegen eine Art lieh ein Besitzer ein großes Corial her und verstand sich selbst zur Begleitung der Erpcdition. Ueber die Visamschweine, von denen schon einmal die Rede war, erfuhren unsere gleisenden hier noch manche Einzelheiten. Es besteht eine angeborene Feindschaft zwischen diesem Thier und dem Hund, daher Jäger, welche ohne Hunde einer Herde von Pecari S begegnen, einzelne Stücke davon abzutrenncn und in Schußnähe bringen suchen, iildem sie auf einen Baum klettern und dort daS Hundegcbcll nachahmen. Dann und wann nimmt diese Strategie allerdings einen unglücklichen Ausgang, wenigstens lvar dies bei einem Arawaak der Fall gewesen, der ebenfalls ohne Hund einer Herde begegnet war und durch Nachahmung des Hundegebclls die wüthenden Thicrc unter dem Baume versammelt hatte. Als er ebcil sein Gewehr abschießen will, bricht der Ast, auf dem er sitzt; beim Herabfallen ergreift er glücklicherweise noch einen der unteren Aeste, an dem er nun herabhängt, seilte Füße können aber von der wüthcndcn Schaar erreicht und zerfleischt werden. Die Schmerzen steigern die Kräfte des Unglücklichen und gelingt ihm, sich auf den Ast emporzuschwingen. Jetzt laßt das wilde Heer seine Wuth an dem herabgefallencn Gewehr aus, dessen Kolben vollkommeit zerbeißt, bis endlich seinen Weg fortsctzt. Nach unsäglichen Schmerzen und Anstrengungen gelingt es dein Weidmann, seine Niederlassung kriechend erreichen. Mehrere trockene Maisstengel, die an dcil Hütten der Nieder lassung lehnten, bekundeten die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens; sie maßen 18 20 Fuß. Am andern Morgen verließen109 sie die Niederlassung, den Suruma aufwärts fahrend. Glücklicher als früher, erlegten sie heute einen großen Tapir mit seinen Jungen, das alte Thier war 6 10" lang, 4 9" hoch; sein Leib hatte 5 10" tut Umfang; das kleine hatte die Größe eines fast ausgewachsenen Schweins. Die Ufer des gekrümmten Flusses hoben sich immer mehr und erhielten durch eine Menge crystallheller Kascadcn, die Abflüsse der überschwemmten Savanne, einen hohen Reiz. Am 28. September kamen die Boote an der ersten Strom- schnelle an, welche auf die bekannte Weise mühsam überwunden wurde. Der Lagerplatz wurde auf der unübersehbaren mit 4 6 Fuß hohem Gras bestandenen Savanne aufgeschlagen; im Norden thürmie sich das kahle Pacaraima - Gebirge auf. Am folgcndcir Tage begann eine neue Jagd, mir Pfeilen auf die Leguan-Eidechsen, welche alle Bäume des Ufers bedeckten, und welche trotz ihres ab schreckenden Aeußern, in ihrem zarten Fleische wie in ihren Eiern einen gesuchten Leckerbissen gewähren. An den folgenden beiden Tagen wurden die Cataracten so hoch, daß die Böte ausgeladen werden mußten. Air diesen beiden Tagen legten daher die Reisenden nur 8 engl. Meilen zurück. Am 1. Oktober gelangten sie endlich an ein Gewirr von Granitdämmen, welches aus der ganzen Fluß- strccke einen wild schäumenden Kessel brachte. Sie waren arr Groß artigkeit mit den Fällen von Achra-muta am Essekibo zu ver gleichen. Auf Leiden Seiten des Flusses ragten Granitmasscn 400 Fuß hoch empor. Die trigonometrische Messung ergab 2 53 N. B. und 60019 W. B. Am folgenden Tag erst wurde ü as Hinderniß überstiegen. So schritt die Flußfahrt langsam vorivärtS, bei einer Hitze, welche auf 140" Fahr. (48" li.) in der Sonne gcsticgcit war. Richard hatte die Absicht, das Tapicrskclctt für das anatomische Museum zu Berlin zuzubcrciten. Da er aber mit der Arbeit noch nicht zu Ende gekommen war und das Thier einen furchtbaren Geruch verbreitete, so beschloß er die Raubfische, Pirais (?^o- cenü-us), voll denen der Fluß wimmelte, in einem der späteren Nachtquartiere zu Gehülfcn anzunchmeu. An eine starke Leine be festigt ließ er es in das Wasser, fand aber am folgenden Morgen die Leine zerbissen und das Skelett verschlvundcn. Es war nicht etwa versunken, denn Taucher untersuchten die Flußsohle. Wer war der gewaltige Räuber? Aul folgenden Morgen wurde ein räthselhaftes Wesen, ob Fisch, ob Reptil, unter einem alten Baum stämme am Fluß wahrgenommen. Eine Büchseukugel ließ das zweifelhafte Ungethüm unter wüthcnden Schlägen des Schwanzes und krampfhaften Körperbewegungcil aus den Boden des Flusses niedersinken, ohne daß seine Natur zu erkennen gewesen wäre. Es wurde mit einem langen Pfeile harpunirt und mit vcrcintcil Kräften110 gehoben. Da erschien die Klaue eines Kaiman über dein Wasser, den eine zweite Büchsenkugel erst recht lebendig zu machen schien. Mittels eines an die Klaue befestigten Seils war er auf die Sandbank gezogen worden, hier aber jagte er die ganze Gesellschaft in die Flucht. Nach gehaltenem Kriegsrath näherten sich ihm die Indianer mit starken spitzen Pfählen, die ihm in den Schlund stießen, sobald er den Rachen aufriß. Andere schlugen mit Keulen aus Kopf, Rücken und Schwanzspitze. An der letzten Stelle schien er am empfindlichsten zu sein. Er bäumte sich wild bei jedem wohlgeführten Streich, während die auf Kopf und Rücken ganz unbemerkbar blieben. Nach unzähligen Schlägen war der Räuber des Tapierskeletts erlegt; er maß 11 Fuß 3 Zoll. Am 3. October schwammen die Boote wieder auf dem Co- tinga. Zahllose Klippen, die das Bett nach allen Richtungen durchsetzten, nöthigten die Corials zum ununterbrochenen Kreuzen, so daß sie sich nur langsam den bcideu Bergen Piriwai und Mai- kang--]jati näherten, zwischen denen sich der Fluß seinen Durchgang erkämpft. Gleich zwei ungeheuren Warten erhoben sich auf dem Gipfel des Piriwai, dessen Abhänge mit massenhaften Granitblöcken zwischen üppiger Vegetation besäet waren, zwei colossale Granit säulen, die lebhaft an die Comuti- oder Taguiarifelseil deö Twa- siukigcbirges am Essckibo erinnerten. Der isolirtc Waiking-Epping (Rchbcrg) thürmte sich nordwestlich vom Piriwai aus der Savanne auf, während der Piriwai selbst in einem Fclscnlager den Fluß durchsetzte und eine Reihe schäumender Katarakten hervorrief. Diese wurden am 3. und 4. October mit der größten Anstrengung über wunden, aber die Nahrung stand nicht im Verhältnis; zu diesem Aufwand von Kräften. Schon waren es beinahe 14 Tage, daß sie die Niederlassung Warami verlassen und wenigstens sechs Tage sollte es noch dauern, bis sie wieder zu Menschen gelangen konnten. Die Brodvorräthe schmolzen rasch zusammen und seit dem Tapir hatten sie kein Wild erlegt; jeden Abend kehrten die Jäger leer aus der Savanne zurück. Sic waren jetzt nur noch 5 6 Milcs von dem romantischen Pacaraimagebirge entfernt. Am 5. October entfloh Napoleon und ein zweiter Indianer, ein eben so starker Esser, dem drohenden Mangel, doch füllten zwei Macust von einer Anzahl, welche am User gefischt und ihre Worräthe unfern Reisen den verkauft, die so entstandene Lücke in der Bootsmannschaft wieder aus. Am 6. October bot sich, nachdem alle Fälle über wunden waren, den Blicken unserer Landsleute ein eigenthümliches Naturschauspicl dar, das sie im Kleinen schon im untere Flußgebiete kennen gelernt hatten. Etwa 15 Fuß über dem Wasserspiegel sprang ein, zwei Fuß im Durchmesser haltender Wasserstrahl aus der steilen Felsenwand und ergoß sich in einem Bogen in den111 Fluß. Auf bic Indianer schien an dieser Stelle ein heiliger Schauer zu wirken; die früher lärmenden Stimmen waren ver stummt, mit niedergeschlagenen Blicken setzten sie kräftig die Ruder ein, um an der gefürchteten Stelle so bald als möglich vorüber zu kommen. Der Erbfeind des Menschengeschlechts, Kanaima, so lautet die indianische Sage, wurde von einem mächtigen Geist verfolgt, und konnte sich nur retten, indem er sich in daS steile Flußufer eingrub, 15 20 Meilen darin fortwühlte und an einer andern Stelle des Ufers, wo ein ähnlicher Wasserstrahl hcrvor- dringt, wieder zum Vorschein kam, um zur Qual der Menschen fortzuleben. Kaum waren sie vorüber, alö die alte Lebhaftigkeit bei deir Indianern wieder einkehrte. Sie fuhren jetzt zwischen dem hohen Ufer hin, als sich plötzlich bei einer Krümmung ein Gipfel des Pacaraima, der Piatzang mit seinen zwei hohen Granitwarten, täuschend das Gemäuer einer alten Ritterburg nachahmcnd, vor den Augen der Brüder erhob, "dieselben im Augenblick in die Heimat versetzend, denn der Lage wie Form nach glich der Piat zang (4 11 N. B. 60 20 W. L.) so täuschend dem Kyffhäusser, daß der junge Macust, den Robert später mit nach Deutschland nahm, beim Anblick des Kyffhäussers in den Ruf: Piatzang! aus brach. Sie befanden sich jetzt mitten in der großartigsten Gebirgs landschaft; bald nahm auch der Cotinga den Charakter eines Gc- birgsstromS an und wurde für die Boote ferner unfahrbar; 1000 bis 1200 Fuß hohe Granitmassen faßten ihn ein. Jetzt blieb nur übrig, einen fluten Landungsplatz zu suchen, das Gepäck auSzuladen und für die Gebirgsreise sich vorzubcrcitcn. Einen solchen failden sie 5 6 Meilen entfernt von der Macusinicdcrlassung T v r v n g- Uauwisc, am Fuß des 1270 Fuß hohen Morakai, unter 4 16 N. B., 60 18 W. L. Von den älteren Bewohnern der Nieder lassung, denn die jüngeren ließen sich aus Schreck über die ersten Weißen, die sie erblickten, nicht sehen, wurden sie gut ausgenommen; bis zum 9. Oktober war der Transport deö Gepäckes nach der Niederlassung vollendet. DaS Dorf zählte vier Hütten mit etwa 50 Personen, von denen viele sich durch affenähnliche Häßlichkeit auszeichneten. Das Pacaraim agebirgc ist keine Bergkette, sondern eine unregelmäßige Gruppirung von mcistenthcils kahlen Bergen, welche durch Ebenen und Savannen von einander getrennt sind, und in phantastischen Fclsenbildungcn gleichsam sich überbietcn. Diese selt samen Gestalten Huben zu einer Menge Sagen der Indianer Ver anlassung gegeben. So wohnten auf dem Murapa-Ueng, dem Fledermausberg, eine riesige Fledermaus, welche Abends auf Beute ansflog und die Menschen nach ihrem Nest in unbekannter Felsen-112 wildniß zum Fräße trug. Vergebens waren alle Beschwörungen und Zauberkünste; das Unheil ging seinen Gang sort. Den Rest ihreS Stammes zu retten, bot, wie Marcus Curtius, eine alte Frau sich zum Opfer. Sic stellte sich mit einem verdeckten Feuer brand mitten im Dorf aus und wurde bald vom Ungeheuer durch die Luft entführt. Jetzt entfernt die Frau die Hülle von dem Feuerbrande und gleich dem Kometen durchzieht ein langer Feuerstreif die Luft und zeigt den Bewohnern die Richtung des Nestes, das am andern Morgen brennend die Gegend bezeichnet, nach der die Männer ausbrachen, um das Unthier des Fledcrmaus- berges zu töden, waS auch gelang. Schon in den nächsten Tagen hatte sich die Kunde von der Ankunft weißer Männer in Torong-Vauwife verbreitet und bald strömten Deputationen aus den umliegenden Niederlassungen von vier verschiedenen Stämmen heran. Es war oft nicht leicht, ernsthaft zu bleiben, wenn ein dicker Häuptling in eine abgeschabte rothe Milizuniform eines schmächtigen Leutcnants, welche den Weg von 000 Meilen durch allmählichen Tauschhandel gewandert war, cingezwängt erschien, oder eilt anderer in einem weißen, biö zum Knie abgeschnittencn Rcitkleid einherstolzirte. Nach den Stämmen gesondert bauten sie sich Laubhütten um das Lager der Europäer; lebten, sehr fried lich und die sechs Europäer fühlten sich unter 400 Naturmenschen, von denen die meisten jetzt zum Erstenmale einen weißen Mann gesehen, in größter Sicherheit. Nur das beunruhigte unsere Lands leute, daß, da die Gastfreundschaft die Bewirthung dieser Menschen masse , welche den ganzen Tag die Kochfeucr nicht ausgehen ließ, von dem Häuptling von Torong-Uauwise verlangte, die Mais- vorräthe rasch schwanden, aus denen sie selbst für die weitere Reise sich zu versehen die Absicht gehabt. Mit Sinken der Sonne be gannen die Ballspiele, bei denen Knaben und Jünglinge viel Fertig keit zeigten, und die Tänze. In dem Affentanz ahmten sie die Sprünge einer Affenheerde nach, so daß man diese Thiere selbst zu sehen glaubte; in dem Tigertanz war eine Menge von Thiere vorgestellt, welche in langer Reihe sich fortbewegte; zwei Indianer, welche Tiger vorstellten, hatten die Aufgabe, einen nach dem andern aus der Reihe zu reißen; der ihnen am längsten widerstand, galt als Sieger. Der gewöhnliche Tanz stimmte ganz mit denen der Waikaö überein; ein eintöniger, wehmüthiger Gesang regelt den Tact. Meistens waren in den Gesängen die Wunder des Ro- raima, obgleich dieser merkwürdige Felsen noch Hunderte von (engl.) Meilen entfernt war, verherrlicht. Die Worte: Roraima, der rothe Felsen, gehüllt in Wolken, die ewig fruchtbare Mutter der Ströme, oder: Ich singe vom Roraima, dem rothen Felsen, auf dem bei Tage doch dunkle Nacht herrscht," kehrten in den8 113 Gesängen oft wieder. Andern Stoff zu Gesängen gaben die weißen Männer selbst, welche entschieden mehr Beifall bei den Indianern gefunden hatten, als die in ihrer Begleitung befindlichen zwei Neger, vor deren unangenehmem Geruch stc die Nase zuhielte und auöspuckten. Die größte Freude, welche die Brüder Schomburgk den Männern bereiten, sowie der größte Schreck, den den Frauen verursachen konnten, bestand im Abfeuern der Völler; die letzteren entflohen bei den Vorbereitungen dazu mit dem lauten Ruf: Okai arakabusa! So ist das deutsche Wort Harkenbüchse in seltsamer Entstellung bis zu den Indianern des innersten Guiana gelangt. Zuweilen erkannte einer der Ankömmlinge Robert Schom burgk, dem er auf seinen früheren Reisen begegnet war, unto es gab freudige Sccncn des Wiedersehens. Viele trugen furchtbare Narben an sich; die schrecklichsten Wunden rührten gewöhnlich von Kaimans her. Der 15. Oktober, der Geburtstag des Königs von Preußen, der Richard die Mittel zu seiner Reise gewährt hatte, wurde mit zwei Flaschen Rheinwein feierlich begangen und das Lebehoch unter Völlerknall und dem Zujauchzen der Indianer ausgcbracht. Am Abend ward eilt Feuerwerk losgelaffen, aus einigen Raketen, Schwärmerit und Feuerrädern besteheitd, welches selbst den Stoi- cismus der Indianer überwand und fie zu lauter Bewunderung hinriß. Von nun an trat an die Stelle des ersehnten Böllerknalls, der Wunsch, den Feuerrcgen einmal wieder zu sehen, und die gairze Nacht hindurch hörte man im Gespräch die zischenden Töne der Feuerkörper nachahmen. Endlich waren alle Vorbereitungen zum Antritt der Fußreise vollendet, und da der Weg nun durch Gebirgsgegendeil führen sollte, so wurden die Traglasten in Palleten von 50 GO Pfund vertheilt. So sehr auch daö Gepäck einschränkten, so bedurften sie doch in Folge der Schwere der magnetischen und astronomischen Instrumente und der großen Vorräthe an Lebensmitteln 50 Träger, die fie nur mit Mühe zusammenbrachten, da der bisher betriebene Tauschhandel die nächsten Bcdürfniffe der Indianer bereits be friedigt hatte. Das übrige Gepäck, welches größtenthcils in Tausch artikeln bestand, ließen ohne Aufsicht zurück, vertrauend auf die makellose Ehrlichkeit dieser unverdorbenen Naturmenschen, in welcher Zuversicht sie sich auch bei ihrer Rückkehr nicht getäuscht fanden. Nachdem sie schon einige Tage vorher zwei Indianer voraus geschickt, um in den Niederlassungen, welche sie berühren würden, Vorräthe von Caffadabrot zu bestellen, brachen am 10. Oktober 1842 in der Gesammtzahl von 79 Köpfen auf. Gleich der erste Tag war sehr ermüdend. Es ging durch ein Thal, dessen Ouarz-bodcn selbst das Leder der Schuhe durchschallt, durch den Cotinga, wo das Wasser bis unter die Arme reichte, und im ersten Nacht quartier wurden von einem Gewitter durchnäßt. Ain folgenden Tage zog eine unzählbare Menge von Termitenhügeln, welche biö 18 20 Fuß Höhe aufgebaut waren, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich, und nächst diesen die herrliche Palme Mauritia flexuosa, welche die Höhe von 100 120 Fuß erreicht und welche sie später auf deui Roraima in einer absoluten Höhe von 4000 Fuß an- trafcn, obgleich Martins in seinem großen Palmenwcrke behauptet, daß sie nur bis 800 Fuß über dem Meere vorkomme. Ueber den mannigfachen Nutzen dieser Pflanze haben wir schon früher aus führlich gesprochen; hier löschten unsere Landsleute ihren Durst mit dem süßen Saft des Stammes und erneuerten aus den Blatt fasern ihre zerrissenen Sandalen. Bis zum zweiten Nachtquartier hatte der alte Häuptling von Torong Muwise sie begleitet; am dritten Morgen kehrte er mit seiner Familie zurück. Der Weg blieb sich an Beschwerlichkeit gleich. Bei einer Hitze, welche um Mittag auf 1080 Fahr. (33,7?" R.) stieg, mußten schattenlose Thälcr durchwandert oder steile Granitrücken überklettert werden. Nachdem aber am folgenden Tage den Sattel des Pirocaimnbcrgcs er stiegen, lag ein in Nebel verhülltes Thal vor ihnen, in welchem, als die Nebel sich allmählich vertheilten, eine solche Zauberwelt der üppigsten Vegetation aufthat, daß sie anfänglich kaum ihren Sinnen trauten. Es war das Sandstcingebirge Humirida, dessen Fülle iir so schroffen Kontrast zu der Armuth des Granits trat. Als sie in das schattige Thal hinabgestiegen, waren in daö Gebiet der ArekunaS gelangt, deren erste Niederlassung vor ihnen lag. Ob gleich der Empfang zeigte, daß unsere Reisenden nicht unerwartet kamen, so war doch der Worrath an Lebensmitteln gering, da die Provisionsfelder noch von einem Kriege her verwüstet lagen; nicht bessere Aussichten wurden ihnen in dieser Hinsicht von den folgendeit Niederlassungen eröffnet. Wild hatten sie seit mehreren Tagen nicht gesehen und die Flüsse enthielten kaum fingerlange Fischchen, wenig für 70 hungrige Magen. Dic Arekuna s stehen den Macusi s, welche in der Nähe wohnen, in Sprache und Aussehen sehr nahe. Ihre Hautfarbe ist dunkler, ihre Gestalt kräftiger, auch weichen sie in den Einzelheiten des Nasen-, Ohren- und Lippcnschmuckes ab und zum ersten male, seit Richard den Stamm der Warrau s verlassen, fand er bei den Arekuna s bösartige Augenkrankheiten, so daß von dcit 23 Bewohnern der Niederlassung zwei ganz und mehrere theilweise erblindet waren. Mit zwei Führern nach dem Roraimagebirge setzten sie ihren Marsch weiter fort durch Wald und Savanne. Am 24. Oktober fanden sie sich endlich am Fuß des Humirida, dessen senkrechter Sandsteinwall unmöglich zu8 * 115 ersteigen schien. Das vom Fuß bis zum Gipfel von Bäumen leere, an seinem Abhang vielfach zerklüftete und nur hie und da mit niedern Gcsträuchgruppen bedeckte Gebirge stieg hier zu einer Höhe von mehr als 2000 Fuß über die Ebene auf. Das Wagestück wurde angetreten. Zwischen und über coloffalcn Sandsteinfclfen ging es die Höhe hinan; nach Verlauf einer Stunde war noch nicht die Hälfte erreicht, wohl aber die Kräfte erschöpft; die keuchende Brust, die zitternden Knie verlangten Minute um Minute wenigstens augenblickliche Ruhe, uitd die sengenden Sonnenstrahlen, beiten ungeschützt ausgesetzt waren, sogen den Europäern, welche ohne alle Last aufstiegen, die letzte Kraft aus, während die In dianer, mittels eines breite Bandes über die Stirn ihre Lasten tragend, mit Leichtigkeit und Gewandtheit über die Steiumassen kletterten, wiewohl von Schweiß triefend. Nach einem mehrstün digen Steigen war endlich 3 der Höhe zurückgelegt und die Basis des 500 Fuß hohen Steinkammes erreicht. Hier ruhten sie, um zum letzten, schwersten Werk die Kräfte zu sammeln. Möglich wurde die Ersteigung überhaupt nur durch ein Geflecht von Orchideen und Piperaccen, welche den Felsen wie mit Netzwerk umspannen. Aber ein Abrutschen der Füße, ein Verlieren dcö Gleichgewichts, das Abreißen einer Wurzel, hätten nicht allein den grausenhasten Sturz des einen Unglücklichen bedingt, sondern wahr scheinlich eine große Zahl seiner Nachfolger mit in das Verderben gezogen. Das Wagstück wurde begonnen. Im Zickzack kletterten die Reisenden die Wand hinan und schwangen sich von Absatz zu Absatz. Schrecklich war der Gedanke, jetzt könnte eins der Stirn bänder reißen, die Last von ihrem einzigen Haltpuukte, der Stirn abgleitcn und die Nachfolgenden in die Tiefe reißen. Kein Laut unterbrach die tiefe Stille, nur dann und wann der Sturz abbröckelnden Gesteins. Endlich hatte einer nach dem andern die Firste erreicht und schwang sich mit Jubclgcschrci auf die sichere Fläche. Das herrliche Panorama, das sich hier aufthat, sowie die kühlende Luft führte schnell die entschwundenen Kräfte zurück. Auf der anderen Seite des Gebirges war der Pflanzenwuchs so durch aus verändert, als seien sie in einen andern Wclttheil versetzt. Unter den Palmen standen die Sobralien mit ihren lederartigen, steifen Blättern, vielfach gewundenen Zweigen und seltsamen Blütheuformen auf Stängeln von 5 6 Fuß, die säulenförmigen Cactus von 20 30 Fuß und die Riesenfarren von 16 18 Fuß Höhe. Aus diesem Zauberwald gelangten sie auf offenerem Boden nach einer Macusi-Niederlassung von fünf Häusern und fünfzig Bewohnern. Aber auch hier waren vom Krieg her die Cassada- felder verwüstet. Die Wirkung des Mangels machte sich bei den Indianern bald in einer Weise geltend, wie sie bei Europäern116 nicht möglich ist. Schon nach Verlauf des zweiten TageS, seit welchem die gewohnten Nationen ausgefallen Ware , traten an den sonst so fleischigen Körpern die Nippen immer deutlicher hervor, der starke Leib fiel ein, und faltig wie ein fremdes Kleid schlotterte die sonst wohl- auSgefüllte .Haut des Bauches an ihnen herum, in die sie die Hände wickelten, um ihren Herren zu zeigen, wie viel an früherer Körperfülle noch fehle. Jndcß so schnell wie ihr Um fang schwindet, ebenso rasch ersetzt er sich wieder. Obgleich die ganze Niederlassung das Bild der Armuth bot, selbst von Waffen nur die nothdürftigsten und außer diesen an Hausgeräth nur der Paiwari-Trog vorhanden Waren, so wagten doch die Brüder, auf die Ehrlichkeit der Indianer vertrauend, ohne jegliche Aufsicht einige junge Männer nach Torong-Uauwise ab- zusendcn, um das dort zurückgelassene Gepäck nachzubringen. Am folgenden Tage erschien endlich in der Ferne eine scharfbcgrenzte dunkle Felsenmasse, die die Indianer mit dem Rufe: Roraima begrüßten. Der Weg wurde heute wieder schwierig; durch steinigen oder sumpfigen Boden, quer über tiefe Schluchten hin, ging es iniiner deut Ziele entgegen. Bald entdeckten sie an einer Sand steinwand des Putiparu-Bcrges Bilderschrift, von der ein großer Thcil schon verwittert war. Es waren meistens rohe Darstellungen menschlicher Figuren, Kaimans und Schlangen, wodurch wesent lich von den Hieroglhphcn des Waraputa-FallcS abwichen. Nach den Beschreibungen, welche A. v. Humboldt von den durch ihn zwischen dem 2 3 und 7 8 N. B. und 68 und 690 W. B. v. Paris gesehenen und Martins von den durch ihn unter dein Aeguator zwischen dem 75 und 76 W. L. aufgefundencn gibt, ge hören die hier entgegentretenden Bildcrzeichcn mit jenen einer Zeit und demselben Volke an. Da die von Schomburgk gesehenen unter 4 40 N. B. und 6i 3 W. L. von Greenwich liegen, so zeigt sich, daß sie wenigstens 12,000 geographische Geviertmeilen erfüllen. Als die Indianer dieselben bemerkten, riefelt sie mit gedämpfter Stimme: Illneunküws, Mäeunäiina (Gott, Gott)! Die Bilderschrift am Putiparu war etwa 2000 Fuß, also in der halben Höhe des zu 4000 Fuß ansteigenden Berges. Nachdem sie an ihm herabgestiegen, gelangten sie in das Thal des wilden Berg stroms Kukcnam, der nur auf Corials, welche die Indianer rasch hcrbeiholtcn, übersetzt werden konnte. Jenseits dehnte die Savanne sich aus, in der die Niederlassung Barapang lag, eine Hütte mit 21 Bewohner , 3230 über dem Meere, daher am andern Morgen die Europäer von Frost geschüttelt erwachten, denn der Wärme messer zeigte nur 60 Fahr. (12y 2 R.). Sie kletterten sogleich nach dem Kessel hinunter, aus dem das dumpfe Bpgusen einer der großartigsten uitd ulgserischsten M Wasserfällc Guiana s, der des Run-Flusses, ßne-imeru, chcrauf- schallte. Ueber eine 120 Fuß hohe vollkommen senkrechte dunkel- rothe Jaspismauer stürzt sich die bereits in der Mitte ihrer Höhe halb in Schaum und Dunst verwandelte Wassermasse auf ein breites Jaspislager herab, um nach diesem gewaltigen Sturze noch 16 Cascadcn, jede von 4 40 Fuß Höhe zu bilden, so daß der ganze Fall 220 Fuß Höhe hat. Unmittelbar am Fuß der letzten Cascade vereinigt der Nue sich mit dem Kukenam, wie an der Marmorcascadc bei Tcrni der Vclino in die Nera stürzt. Von den verschiedensten Standpunkten, oben und unten, betrachteten unsere Landsleute das unter dem 4^43^4" N.B. und610ZU W. B. gelegene großartige Schauspiel und kehrten durch den herrlichen zauberhaften Blumengarten nach Barapang zurück. Ueber keine Pflanzenfamilic möchte wohl eine gleich reich haltige Literatur vorhanden sein, als über die Cinchonen (China- bäume) und doch ist der Jrrthum, daß die Eingeborenen dieses Mittels Wirksamkeit gegen das Wechsclfiebcr entdeckt, immer noch verbreitet, obgleich schon Humboldt ihn widerlegt. Beide Brüder Schomburgk haben die schlagcndsteit Beweise davon auf ihren mehrfachen Reisen in Guiana erlebt: haben Indianer, welche mitten unter Chinabäumen am Wechselfiebcr leidend dar niederlagen, mit Chinin geheilt und sich ihren innigsten Dank erworben. Von Barapang ging es das Knkcnam-Thal auswärts, wo allmählich das Moraima-Gebirge, der Berg Kukenam und der knppelförmigc Zapang am Horizont anstauchten, welche beide letzt genannten unsere Landsleute wieder sehr an die Heimat erinnerten, indem sie in Form und Lage dem Königstein und Lilicnstein in der sächsischen Schweiz gleichen. Endlich kamen sie nach einer vom Krieg verschonten hochgelegenen Arecuna-Niederlaffustg, welche Lebensmittel in Menge Hot. Hier endlich wurde der seit langein nagende Hunger gestillt, wobei besonders die Indianer Unglaub liches leisteten. Am andern Morgen war die Temperatur nicht hoher als 620 Fahr. (13V 3 ß.) Beim Aufbruch schloffen sämmtlichc Be wohner der Hütte unfern Reisenden sich an und versperrten deir Eingang zu derselben mit Palmen-Wcdeln. Am Abend waren sie nur wenige MilcS noch vom Sloraima entfernt und beschlossen im freundlichen Thalc des Kukenam ihr eigenes Dorf zu erbauen. Am linken Ufer des Kukenam, der sich hier über und zwischen einer Menge von Quarz- und Jaspis-Blöcken hinwand, erhebt sich, von Gebüsch und Bäumen entblößt, der Berg Savannah. Hier war bald der Plan unterworfen, die nahe Oase lieferte in Palmcn- stämmen sedcr Dicke und Palinenwcdcln starken Schlingpflanzen118 alles Material zum Bau und in fünf Tagen zählte Our village (unser Dorf), wie es hieß, 6 Hütten, wovon eine Kochhütte und 3 Wohnungen für die Macusis. Im Innern waren die beiden Hütten der Brüder wohnlich genug mit Neiscgeräth ausgcstattet, und Richard hatte endlich einmal wieder Raum und Muße für seine Sammlungen. Die Lage des improvisirten Dorfes wurde 3300 über dem Meere bestimmt, 4 57 N. B., 61 1 W. B. Nachdem der Bau vollendet war, wurde den Begleitern aus Canaupang ihr Lohn ausbezahlt und diese kehrten nach der Heimat zurück. Bon dem Häuptling der nahcgelegenen Arekunaniederlassnng kauften sie mit Bewilligung der Volksversammlung ein mit Manihot bestandenes Stück des Gemeindelandes, da aber auch dies nicht genügte, so wurde ein Bote nach Lebensmitteln zu dem fünf Tage reisen entlegenen Stamm der Serckongs im Quellland des Ma- zaruni entsendet. Bald siedelten sich mehrere Arecunas bei Unserm Dorfe" an, das nach 12 Tagen schon 7 Hütten mehr zählte. Auch unter diesen einfachen gcmüthlichcn Naturmenschen zeigte sich von Neuem deutlich, daß es ganz auf den Europäer an kommt, was er aus ihnen machen will. Die freundliche Begegnung dieser weißen Männer, welche die mcisteit Indianer zum erstenmal sahen, wirkte so günstig, daß das Zusammenleben mit ihnen nicht durch den mindesten Mißton getrübt wurde. Durch die hohe Lage über dem Meer war das Klima Unseres Dorfes" nicht sehr angenehm. Am Morgen zwischen vier und fünf Uhr erreichte der Wärmemesser nur einigemal 58 , Mittags im Schatten 87, selten in der Sonne mehr als 100 Fahr. (Il r, 24y 2 und 30 V 2 0 U). Außer diesem Unterschied in der Temperatur herrschte hier ein fast ununterbrochener Wechsel zwischen hell und finster, Nebel, Regen und Sonnenschein. Vor Sonnenaufgang und un gefähr eine halbe Stunde nach diesem war der Himmel, abgesehen von einigen leichten Wölkchen, vollkommen klar und rein; der Noraima stand danit wolkenlos da, und sein gradliniger Umriß stach scharf gegen den blauen Himmel ab. Bald aber bildeten sich dichte Nebelschichtcn, die sich aus den Ebenen und Thälern schnell über die ganze Umgebung verbreiteten und von einem aufspringen den Luftzug in die Höhe getrieben wurden, um als heftiger Niederschlag wieder zur Erde zurückzukehren. In raschem Wechsel folgten nun kurze Perioden des schönsten klaren Wetters. Die Sonne erwärmte die vom vorhergehenden Regen abgckühlte Atmos phäre, um im nächsten Augenblicke wieder hinter den dunkeln Wetterwolken zu verschwinden. Gleich schroff traten auch die Wechsel in Rücksicht des Luftzuges auf. Eben lag noch die Natur in tiefem Frieden, kein Lüftchen regte sich, geschäftig benutzte Richard diese Hellen und ruhigen Augenblicke, um sein feuchtes119 Pflanzenpapier zu trocknen, als ein heftiger Wirbelwind das Papier spiralförmig in die Höhe hob, um dann zu seinem größten Verdruß, aber zum lauten Jubel der Indianer, nach allen Rich tungen hin, oft viele Meilen weit, fortzuführen. Oft hat Richard seinen Ercursionen die Entführten tu namhafter Entfernung auf den Bäumen flattern sehen oder auf der Erde wieder gefun den , tind selbst bei der Besteigung des Roraima flatterten ihm solche Bogen in einer Höhe von 4000 Fuß entgegen. Unter solch beständigem Wechsel kam drei Uhr Nachmittags heran, und nun beschloß fast regelmäßig der heftigste Gewittersturm unter wildem Regen den Tag. Später als fünf Uhr krat diese Natur erscheinung nie ein. War das Gewitter vorüber, dann übergosscn die scheidendeit Strahlen der Sonne nochmals die rothcn Fclscn- wände des Roraima und des Kukenam mit magischem Feuer, mit welchem die schäumenden, silberfarbenen, durch den vorhergehenden Regen angeschwollcnen Wasserfälle, die sich voll dem glatten Gipfel herabstürzten, einen zauberhaften Contrast bildeten. Die Besteigung des Roraima rußte wegen der Unfrucht barkeit seiner Umgebungen aufgeschoben werden, bis der Bote von deir Serekongs mit Lebensmitteln zurückgekehrt war. Robert be gann seine trigonometrischen Messungen, Richard streifte in den Umgebungen nach botanischer und zoologischer Ausbeute herum. Die ganze Gegend zeigte sich arm an Säugethicrcn und Vögeln. Desto reicher und mannigfaltiger war die Vegetation. Der gänz liche Mangel air reißenden Thieren in dem so hoch gelegenen Gebiete des Arekuna s ist Ursache, daß dieser Stamm auf der Jagd sich nur des Blaferohrö bedient, mit dem er sein Ziel in der Höhe von 150 180 Fuß meisterhaft zu treffen weiß. Daß der Indianer seinen Viehstand am liebsten durch junge, saugende Thiere zu vermehren sucht, an welchen die Frau Mutterstelle ver tritt, ist schon früher mitgctheilt. Hier wurde Richard Zeuge, wie der Arekuna auch einen alten störrigen Affen zu zähmen weiß. Wollen einen solchen lebend erhalten, so bestreichen das Pfeilchen mit geschwächtem Gift, das deir Getroffenen bloö betäubt. Stürzt er in diesem Zustande vom Baume herab, so saugen sie die Wunde aus, vergraben ihn bis an den Hals in die Erde und flößen ihm eine starke Auflösung salpeterhaltiger Erde, oder Ermanglung dieser, Zuckerrohrsaft ein. Ist der Patient wieder etwas zur Besinnung, gekommen, so wird er aus seinem Grabe hcrausgcuomiuen und fest mit Palmenblättern, wie ein kleines Kind in der Windel, umwunden. In dieser Zwangsjacke bleibt er einige Tage liegen; Zuckersaft ist sein Trank, und in jenem Sal- pcterwasser gekochte, stark mit Capsicum gewürzte Speisen sind seine Nahrung, Will diese Kur nicht anschlagen, so hängt man120 den Widerspenstigen hei jedem Zornansbruch eine Zeit lang in den Ranch. Auf diese Weise wird auch der wildeste, bissigste Asse ge zähmt. Nach P öpp ig wenden die Anwohner dcsHuallaga dasselbe Verfahren an, wenn eineil alteil Affen- zähmen wollen. Die Flüsse waren arm an Fischen, desto reicher aber an Schlangen die Thäler und Ufer; es wurden zu Richard Klapper schlangen voll 4 6 Fuß Länge gebracht. Er selbst kam bei einem botanischen Ausflug in Berührung mit einer Loa eonslrietor, welche unangenehme Folgen für ihn hätte haben können, wenn das scharfe Auge seines Begleiters, des Macusi Misseyarai, das Thier nicht früher, als Richard es berührte, zwischen dichten Farrnkräutern entdeckt hätte. Unbeweglich, wie das Ende eines dünnen Astes, starrte der emporgehobene Kopf die Männer an. Beide waren ohne Waffen, dennoch beschloß Richard, trotz der Furcht seines Begleiters lind dem Widertvillcn seines Hundes, das Thier, bloß mit einem Prügel bewaffnet, anzugreifen. Der Macusi zog sich vom Kampfplätze zurück, der Hund folgte mit eingezogcnem Schwänze nach. Der erste Streich Richards ging fehl rmd das Thier ergriff die Flucht, deren gelvundcner Gang die Bewegung der Farrenwedel bczeichnetc. Als die Schlange aber wieder Halt machte nach dem Verfolger sich iimsah, traf dieser besser, betäubte mit wiederholten Hieben, kniete auf sie nieder und drückte ihr urit beiden Händcil den Hals zu. Als Misseyarai die eigentliche Gefahr vorüber sah, eilte er auf Richards Rufen herbei und löste ihm einen Hosenträger ab, den er als Schlinge so fest als möglich um den Hals der Schlange legte. Daö dichte Gebüsch hinderte das kräftige Thier vielfach an seinen krampfhaften Win dungen und machte eS möglich, seiner Herr zu werden. Als sie daö Thier endlich ins Freie herausgezogen, sah Richard erst, mit welchem Ungethüm er sich in Kampf eingclasseit. Die Schlange maß 12*4 und war von ungeheurer Stärke. Unter der größten Anstrengung Vorsicht, um die schöne Haut nicht zu beschädigen, schleppten sie das schwere Thier nach dein Dorfe. Da es bereits spät war, wurde die Arbeit des Abziehens der scheinbar todtcn Schlange auf den andern Tag verspürt, doch das Thier, da die bisherigen Erfahrungen über die Lebensfähigkeit der Schlangen Vorsicht gelehrt hatten, mit einer starken Schlinge am Pfosten Her- Hütte befestigt. Am andern Morgen wurde Richard durch ein lautes Gelächter und sonderbares Zischen aus dem Schlafe er weckt. Er trat vor die Hütte sah, daß die Schlange sich wirklich erholt hatte und unter fürchterlicher Kraftaustrengnng von ihrer Fessel zu befreien suchte. Eilt ganzer Kreis voit Indianern hatte sich um sie versammelt und suchten ihren Zorn und ihre Wnth durch Neckeit noch zu vermehren. Mit geöffnetem Rachen121 streß sie ihre unheimlichen, dein Zischen der Gänse ähnlichen Töne aus, wobei die Augen sich vor Wulh anS ihren Höhlungen zu drängen schienen; die Zunge war in ununterbrochener Bewegung und ein Bisamgeruch verbreitete sich. Um ihren Qualen ein Ende zu machen, schoß Richard sie durch den Kopf. Wenige Tage vor dein Aufbruch nach dem Roraima kamen auch die nach Torong-Uauwise gesandten Indianer mit dein Gepäck zurück. Reich belohnt für ihre Ehrlichkeit kehrten sie am andern Morgen nach ihrer Niederlassung zurück. Am folgenden Morgen trafen die langersehnten Serekongs ein; ihr alter Häuptling war mitgckommen, um die weißeir Männer doch auch zu sehen; Frauen brachten ihre kranken Kinder mit, damit die Paranaghicri sie durch Anhauchen heilen möchten. Alles Geräthe der Europäer erregte große Bewunderung, nur die Gabeln fanden keinen Beifall; lächelnd und kopfschüttelnd zeigten sie auf ihre Finger, die ihnen ein viel bcgncmcreö Werkzeug schienen. Da die von den Serekongs ge brachten Bvrräthe weit unter der Erwartung blieben, so brach die Grcnzcrpcdition ohne weiteres Zögern am 17. November, von etwa 20 Indianern begleitet, nach dem Noraiina aus durch das Kukcnam- thal. Aber gleich der Anfang der Wanderung wurde durch das größte Unglück getrübt, welches die Erpeditivn bis jetzt betroffen. Beim Passiren eines der kleinen Nebenflüsse des Kukcnam war Richard der sechzehnte in der Reihe und hatte eben den Sprung gethan, als hinter ihm ein herzzerreißender Schrei erscholl: Katharina, die junge Frau eines Macusi, durch ihre Heiterkeit uitd Freundlich keit der Liebling der ganzen Gesellschaft, war voll einer giftigen Schlange zweimal am rechten Knie gebissen worden. Nur die schleunigste Hülfe koimte ihr Lcbeil retten, aber das Unglück wollte, daß Herr Fryer und Stöbert die letzten, und der Indianer mit dem Arnieikastcn, in welchem auch die Lanzetten sich befanden, einer der ersten in der langen Reihe waren. Mit seinem Hosen träger umschnürtc Richard so fest als möglich das Bein oberhalb der Wunden und ließ dieselben rasch von beit Indianern anSsaugen. Jetzt stürzte auch Kathariucn ö Wann herbei. So tief ihn auch der Anblick seines geliebten Weibes erschütterte, so wußte er doch seine Gcmüthsbewcgung in sein Inneres zu verschließen. Todtcu- blcich stürzte er sich neben ihr nieder und sog das Blut aus. Unter diesen Bemühungen war auch Robert, Herr Fryer und der In dianer mit dem Medizinkasten angekommcn. Die Wunde wurde erweitert, nochmals abwechselnd von den Indianern ausgesogcn und dann innerlich und äußerlich Ammoniakspiritus angewandt. Nach drei Minuten stellten sich die Zeichen der Vergiftung ein; heftiges Zittern bewegte den leichenblassen, mit kaltem Schweiß bedeckten Körper, die Sprache schwand, Blut wurde erbrochen und122 drang aus Nase und Ohren. Nach acht Minuten war ihre Gestalt nicht mehr zu erkennen. In ihrer Hängematte wurde die Bewußt lose, von ihrem Manne und Herrn Fryer begleitet, nach unser Dorfe" getragen; daß unrettbar verloren sei, wußte jeder der Anwesenden. Die Schlange wurde getödet, als sie bereits zum neuen Sprunge zusammengeringelt lag; es war eine Grubcnotter (Triffonoceplialus atrox), welche sich eben gehäutet, während welcher Zeit die Giftschlangen für noch gefährlicher, als sonst ge halten werden. Katharina überlebte ihre Verwundung 63 Stunden; das Bluterbrechen hatte nach dem späteren Bericht des Herrn Fryer sich immermehr gesteigert und bis zu ihrem Tode angehalten; der Fuß war noch an demselben Tag zu einer unförmlichen Masse an geschwollen; nach furchtbaren Convulsionen hatte der Brand ihren Leiden ein Ende gemacht, ohne daß die Besinnung zurückgekehrt wäre. Sie drangen im Kukenamthale immer weiter vorwärts. Als nur noch fünf Miles von der Quelle dieses Flußes entfernt waren, hatte derselbe noch eine Breite von 50 60 Fuß. In einer Höhe von 3600 Fuß gelangten sie auf eine kleine Hochebene und jetzt lag vaö merkwürdige Gebirge in seiner ganzen Großartigkeit unverdeckt vor ihnen. Dichte Buschwaldung schloß den senkrecht aufsteigenden Kamm ein, so daß dieser aus der dunkeln Belaubung herausgewachsen zu sein schien. Mit dem Roraima lag die Wasser scheide der drei großen Flußgebiete Guiana s: des Orinoco, Esse- kibo und Amazon, vor unfern Reisenden. Die Eigenthümlichkeit des Sandsteingebirges Parima, dem der Roraima von 8000 Fuß als einer der höchsten Gipfel angehört, zeichnet sich durch die mehrerwähnten mauergleichcn Felsenkronen, welche 1400 1500 Fuß Höhe erreichen, charakteristisch aus. Der Roraima erhebt sich aus dem Tafelland 5100 Fuß hoch; seine Mauerkrone ist 1500 Fuß hoch; so gleicht er einem vergrößerten Königstcin an der Elbe. Welch unendliche Wasscrmasseit sich unter einem betäubenden Donner von diesen jähen Höhen herabstürzen und den drei vorhergenannten großen Strömen zufließen, kann man ttach der Menge der Flüsse bcurtheilen, die auf den Plattformen ihren Ursprung haben, wes halb die Gcbirgsgruppe mit Recht von den Indianern die ewig fruchtbare Mutter der Ströme" genannt wird. Auf der halben Höhe des Weges zur Basis des Mauerkranzcs wurden die Rcisen- dcn von einem Gewitterregen überrascht und brachten bei 58" Fahr, eine kalte Nacht zu. Am andern Morgen wurde die Wanderung weiter fortgesetzt, und Richard war aufs angenehmste überrascht von den herrlichen, neuen Pflanzen, welche die Wald- und Suinpf- strecken dcö Berges darbotcn. 6000 Fuß über dem Meere, unter 50g N. B. und 60 57 W. L. wurde am folgenden Abend das Lager geschlagen und die meteorologischen Instrumente aufgestellt,123 Die Luft war rein und kühl und frei von quälenden Insekten. Aber noch an demselben Abend ergoß sich ein Gewitter, das den Kukcnam anschwclite, und die Luft sosehr abkühlte, daß der Wärme messer am Abend nur 58" Fahr. (11 V 2 R.,) am andern Morgen den 20. November nur 52" Fahr, zeigte (zwischen 8 und 9" R.). Humboldt sagt, daß man in den Alpen vergebens nach einem 1600 hohen senkrechten Felsen sucht. Der Staubbach hat nur 900, der Wasserfall von Gavarnie, bisher der höchste bekannte, nur 1266 Höhe. Hier stürzte aber von der südlichen Seite des Roraima der Kamaiba 1500 Fuß hoch herab, um in dem frischen Grün der die Basis umgebenden Gesträuche zu verschwinden, plötzlich einige hundert Fuß vom Felsen in einer von aller Vegetation entblößten Gegend wieder aufzutauchen, nochmals eine 120 Fuß hohe Fels wand hinabzustürzen und dann abermals in der grünen Belaubung zu verschwinden. Am folgenden Tage (21. November) unternahm Richard Schomburgk, nachdem schon am vorigen Tage vier In dianer abgcschickt worden, eine Straße durch den Wald bis zum Felscnfuß zu hauen, den Marsch dahin, doch hatte er mit seinen Begleitern noch große Schwierigkeiten zu überwinden, da tausend jähriges Modern so vieler Pflanzen den dichten Urwald in einen Sumpf verwandelt hatte. Auch diese letzte kleine, aber sehr mühsame und steile Strecke war ungemein reich an neuen Pflanzcnschätzcn, doch erschwerte die feuchte Luft im Lager ebensosehr ihre Auf bewahrung, als die Anstellung der meteorologischen Beobachtungen. Er fand hier oben bei einem kurzen Aufenthalt und in demselben Monat, in welchem 1838 Robert es betreten, 200 Pflanzcnspezics, davon 83 Farrenkräuter, und trotz jener früheren Ausbeutung viele neue. Die noch unbekannten Rcichthümer des Gipfels deckte dessen Unzugänglichkeit. Außer diesen Pflanzen fand Richard freilich auch sein Wcchsclficber wieder in der rauhen feuchten Luft dieser Höhe. Ain 22. November brach die Gesellschaft auf: Richard direct nach Our Village, wo er am Abend anlangtc, Robert auf dem Umweg über den Fall des Cotinga traf am 24. Abends ein. Die Niederlassung fanden sie wieder um vier Hütten vermehrt vor: Partien besuchender Indianer unterhielten einen lebhaften Tausch handel. Außer Lebensmittel, deren unsere Reisenden sehr benvthigt waren, brachten auch Naturalien, unter andern ein wunderbar schönes und buntes Eremplar von Tanagra, einem finkenähnlichcn Vogel. Schon glaubte Richard eine neue Art vor sich zu haben, als er bei genauerem Zusehen bemerkte, daß es ein gewöhnliches Exemplar war, welches mit Federn verschiedener andern Pipra- und Euphone-Arten so schön zugestützt war. Dieser meisterhaft ausgeführte Betrug war natürlich nicht so schlimm gemeint, als er in Europa gewesen wäre, da der Indianer ja keinen Begriff124 von wissenschaftlichem Interesse hat, sondern meint, die Europäer sammelten die Vögel nur ihrer Lunte Federn wegen, also: je bunter, je besser. Nachdem die Vorräthe vervollständigt waren, trennten sich die beiden Brüder: Robert sollte seinen Instructionen gemäß, das. Qnellgebiet des Cuyuni untersuchen, diesen Fluß abwärts nach Georgetown fahren und dort sich neue Verhaltungsbefehle holen; Richard mit Fryer, Goodall, Stöckle und den meisten Macusts zog nach Pirara und brach am 4. Dccember von Unser ! Dorfe" auf, ihn begleiteten als Träger seiner Sammlungen eine Anzahl Arecunas. Die Reise ging auf bekannten Bahnen, über Barapang, den Rue-imeru, das Humirida-Gcbirge, den Knkena !- Fluß abwärts. Ihr alter Gefährte auf diese ! Wege, der Hunger verließ auch dicßmal nicht und quälte sie so, daß in der Niederlassung Carakitta ohne Weiteres über die Pfeffertöpfe her fielen, ohne zu fragen, ob sie Fisch oder Fleisch enthielten, und dann erst hörten, daß eine olla potrida von Kaimans, Affen und Ameisenbären verzehrt. Die Aufnahme war sehr freundlich und so ließen unsere Europäer, nachdem sie auf früheren Reisen oft die Indianer zum Tanzen veranlaßt, nun ihrerseits die Einge borenen den Anblick europäischer Tanzkunst genießen, von der aber nur die Quadrille als ihren eigenen Tänzen analog, Geschinack fand, während Walzer und Galopp nur Lachen erregten und für- unsinnige und ermüdende Tänze erklärt wurden. Am 8. Decembcr verließen sie Carakitta, und gelangten im Muyang Thale nach Uawangra am 10. December. Wenig jenseits dieser Niederlassung ward plötzlich der Zug gehcninit; voll Besorguiß eilte Richard an die Spitze, aber das Hinderniß bestand blvs in eine ! braunen, beweglichen Bande. Es war der dichtgedrängte Hecreszug dcr Wanderanieise, der eben den Pfad kreuzte. Zu warten, bis dicfcr vorüber war, hätte zu lange anfgchalten; der Durchbruch mußte in raschem Laufe unter gewaltigen Sprüngen erzwungen werden. Bis an die Knie niit den wüthend gewordenen Insekten bedeckt, durchbrachen die dichte Colonne, ohne jedoch, obgleich sie die selben zerstanipfteil und zerquetschten, sich ganz vor ihren schmerz haften Bissen retten zu können. Weit besser waren immer die Europäer noch daran als die Indianer, an deren nackten Füßen die Anreisen ungehindert ihr Rächeranit üben konnten. Zahlreiche Vögel folgen de ! Zug und leben von ihin, ohne eine wesentliche Lücke in dcit Myriaden Hervorbringen zu können. Bald hatten sie das Sandsteingebirge H.umirida mit seiner reichen Vegetation hinter sich und befanden sich wieder in der kahlen Grapitregion, doch nicht genau an derselben Stelle, wie bei ! .Hinweg, denn bei der Rückkehr hatten den näheren Weg durch das Haiowe-Thal 125 nach Torong-Uauwise eingoschlagen. Als sie wieder in die Nähe des Piatzang gekommen waren, jenes Berges, der so täuschend dem Kyffhäuser gleicht, erneuerte sich das grausame Schauspiel der Kaiman - Jagd. Von zwei Kugeln verwundet, wurde das Thier- endlich von den Indianern mit langen, spitzen, am Ende ange brannten Pfählen, die sie ihm in den Rachen stießen, getödet. Auf Richard s Ermahnungen, von dieser Grausamkeit abzustchen, erwicderten mit Lachen. Fallen wir in seinen Rachen, so zer reißt er uns auch." - Das unbedingte Vertrauen, welches die Europäer in die Ehrlichkeit der Indianer gesetzt, fand sich bei der Rückkehr nach Torong-Aauwise nicht getäuscht. Jeder Bewohner wußte, daß die Kisten Tauschartikel enthielten, Gegenstände, für welche sie als Lastträger gefolgt waren, für welche sie jede Mühe unternahmen und gern ihre Waffen und Schmucksachcn, an welchen sie monatelang gearbeitet, Hingaben. Aus Versehen war das Fäßchcu mit Salz, dem höchsten Luxusartikel, den der Indianer kennt, das er nur körncrweise genießt, offen stehen geblieben, doch dieses war so heilig gehalten worden, daß eine Schicht Staub auf demselben lag. Sogleich wurde die Umpackung deö Gepäcks auf die Boote zum Waffcrtransport nach Pirara begonnen, doch dauerte der Aufenthalt in Torong-Uauwise einige Tage, während deren die umliegenden Indianer herzuströmten und eilt schwunghafter Tausch handel entstand, bei dcui die Europäer Lebensmittel erwarben. Glücklich hatten sie bei der Hinreise die Fälle des Cotinga über wunden; stand dahin, ob bei der gefährlicheren Hinabfahrt ebenso begünstigt sein wurden. Vor Allem mußten die kostbaren und hier unersetzlichen astronomischen Instrumente vor allen Zu fälligkeiten geschützt werden; es wurde eine Anzahl Lastträger an genommen, um sie bis jenseits der Stromschnellen zu tragen; sie brachen am 16. Dezember unter Führung Goodalls auf, die andere Gesellschaft folgte am 17. Manche Stromschnelle war Richard schon stromaufwärts gestiegen, keine aber hatte er stromabwärts überfahren. Auch hier hängt die Hauptsache von dem Steuermann ab, der nach den unter dem Wasser verborgenen Felsen späht. In der Nähe des Scheitels werden die Ruder mit aller Kraft eingesetzt, um so die schon durch dag Herabschießcn bedingte Schnellig keit noch zu erhöhen, damit das Boot die Wirbel durchschncide und nicht von der Gewalt derselben ergriffen und in die Tiefe hinabgedreht werde. Die Passagiere müssen ruhig sitzen, und dürfen nicht einmal den Rand des Bootes berühren, damit das Gleichgewicht nicht gestört werde. Zweimal schlug ein Boot um und so gingen Richards sämmtliche lebende Thicre bis auf einen Papagei verloren. Am Abend des 18. Dezembers waren an126 der Vereinigung des Cotinga und Suruma. Richard sah nach seinem Kaimanskelctt. Hatte der Kaiman einst bei Lebzeiten das Tapierskelctt geraubt, so hatte nun zur Vergeltung aus seinem Knochengerüste ein Jaguar ein Stück des Rückgrates herausgerissen. Am 20. erreichten sie den Tacutu. Die Reise, zu der sie strom aufwärts zwölf Tage gebraucht, hatten sie abwärts in weniger als drei Tagen zurückgelegt. Den Tacutu abwärts fuhren nach Fort S. Joachim, aber weder Capitän Leal, noch Pater Joseph, sondern ein unbekannter Commandant kam ihnen entgegen. Das kleine Castell liegt unter 3 1 46" N. V. und wurde im Jahr 1775 errichtet. Seine Wälle sind aus rothcm feinkörnigem Sand stein erbaut; die 14 Schießscharten mit 8 Ncunpfündern besetzt. Die Laffetten waren fast durchgängig verfault und die Röhren lagen aus der bloßen Erde, von üppigem Grase umwuchert. Sechzig Maine der Provinzialmiliz in weißen Vaumwollcnkleidern mit schwarzen Aufschlägen und einige Unteroffiziere des stehenden Heeres unter Major Coelho bildeten die Besatzung. Den schwächlichen Leuten waren aber die alten ausgeschicdenen englischen Musketen viel zu schwer. Das Vordringen der Engländer nach Pirara hatte hier neue Festungsbautcn zur Verstärkung der Werke hervorge- rufcn, aber trotz dieses Umstandes und ohne sich durch daö Schick sal seines Vorgängers, des Hauptmanns Leal, warnen zu lassen, war Major Coelho äußerst mitthcilsam gegen die Feinde seiner Regierung. Am Ufer entlang steht die eigentliche Commandanten- wohnung, das Haus des Geistlichen, die Kirche und die kleinen Hütten der Vaqucros. Weiterhin an der Mündung des Tacutu in den Rio Branco oder Parima liegen drei große, der brasilianischen Regierung gehörige Meiereien, 4000 Stück Rindvieh enthaltend. Die Kost der Soldaten ist deshalb gut, sie erhalten täglich ei Pfund Rindfleisch, desto schlechter ist der Sold: seit drei Jahren hatten sie keine Bezahlung bekommen und bemühten sich daher, durch Verkauf von Tabak an die Reisenden einiges Geld zu er werben. Am 23. Dezember fuhren sie auf dem Tacutu wieder von S. Joachim ab und begegneten am folgenden Tage einem Boote nüt bekannten Indianern aus Rappi, von welchen sie den Tod Uouds erfuhren und die Nachricht erhielten, daß das sonst so be lebte Pirara verlassen sei und von Niemand, als Tiedge und einer alten Frau bewohnt würde. Am zweiten Feiertag erreichten sie den Zusammenfluß des Mahn und Tacutu, am 28. den des Mahu- und Piraraflusses. Am folgenden Tage erreichten sie Pirara und wurden von Tiedge aufs freudigste empfangen. Der Ort, den sie seit der Regenzeit und seit dem Abzug der englischen Truppen nicht gesehen, war kaum wieder zu erkennen: der gewaltige See127 verschwunden und zusammengeschrumpft auf einige Sumpfflächen; der Ort selbst öde und verwildert. Die von den Brasilianern erbaute Kirche war bereits zusammengestürzt; einem gleichen Schick sal gingen eine Menge Hütten entgegen. Die noch stehenden Hütten der Brüder und Herrn Monds waren vor einer Reinigung von Ungeziefer nicht zu bewohnen. Während zwölf Tagen war glücklich alles Gepäck von dem 17 englische Meilen entfernten Landungsplätze des Piraraflusses nach dem Dorfe gebracht. Sehr merkwürdig waren Tiedge s Erzählungen von seinem einsamen Leben in Plrara. Zuerst hatte er sich vor einigen Brasilianern gefürchtet, welche bald nach der Abreise der Expedition in Plrara sich hatten sehen lassen, um, wie er glaubte, ihn in Sclavcrci zu führen. Dann hatten sich bei einem gefallenen Pferde des Herrn Mond einige Jaguare versammelt, die ihn nicht wenig gcängstigt, und endlich hatte er ein sehr gefährliches Abentheuer mit einer Klapperschlange bestanden. Als er eines Morgens aus seiner Hängematte steigen will, erblickte er unter dieser eine große Klapperschlange, die sich bereits zusammengeroüt hatte und bei jeder Bewegung Ticdge s unter fortwährendem Züngeln ihren Kopf emporstreckte. Nach welcher Seite Tiedge entspringen wollte, überall glänzten ihm die funkelnden Augen entgegen und bei jeder stärkeren Bewegung der Hängematte hebt sich der Hals um so höher. Zwei Stunden ohne Hülfe, ohne Waffen, blieb Tiedge in dieser furchtbaren Lage, bis es der Schlange gefiel, weiter zu kriechen. Kaum war Richards und seiner Gefährten Rückkehr bekannt geworden,^ so kamen viele der früheren Bewohner Pirara s und der Umgegend und der beliebte Tauschhandel begann, doch blieben die Börräthc knapp, und des kargen Lebens müde nahm Stöckle seinen Abschied. Da Roberts Rückkehr nicht vor dem Aprilen erwarten stand, so hatte Richard Zeit, die traurigen Trümmer seiner reichhaltigen Sammlungen zu ordnen und vor fernerem Verderben zu schützen. Auch wurde mit Hülfe der Umwohner das schwierige Werk vollbracht, die drei großen Corials aus der Mün dung des Plrara in den Mahn zu Land auf Rollen nach dem in gerader Linie 23 englische Meilen entfernten Rupununi zu bringen; manchen Tag konnten sie nur eine halbe englische Meile zurücklegen. Unter diesen Beschäftigungen, unterbrochen von botanischen Ausflügen, war der März herangekommen. Am 4. März 1843 be merkten sie zuerst jenen schönen Kometen, einen der größten, die je die Welt in Schrecken versetzt. Während die Europäer die großartige Lichtcrscheinung mit Staunen betrachteten, herrschte ein panischer Schrecken unter den Indianern, denen, wie unseren Vorfahren, der Komet ein Vorbote aller denkbaren Landplagen schien. Sowie- 128 die Nacht einbrach und der Komet sichtbar wurde, trat alles vor die Hütten; sie streckten sichend die Arme gegen ihn aus, damit er verschwinde und sie mit seinen unheilvollen Wirkungen verschone. Sehr Poetisch sind die Namen des Kometen; die Macusis nennen ihn Feuerwolke" oder Sonne, die ihre Strahlen hinter sich wirft;" die Arekunas Gespenst der Sterne." Bis zum 20. März war er glänzend sichtbar, später wurde der Komet matter und dunstförmigcr. Endlich am 24. März traf Robert mit seinen drei großen Corials am Landungsplätze von Pirara ein. Mit den Steuer leuten, welche Robert hier entließ, kehrte auch Tiedge nach George town zurück. Robert hatte den Auftrag erhalten, noch die östliche Grenze von Britisch-Guhana gegen Surinam zu vermessen. Im Allgemeinen war zwar der Corentyn als Grenzfluß ange nommen, dessen oberes Qucllgebiet aber noch vollkommen un bekannt war. Die ersten Tage in Pirara vergingen natürlich im Austausch der Erzählungen von den Erlebnisse . Robert war vom Roraima in nördlicher Richtung über das Rinoco-Gcbirg ge zogen, hatte die Quellen des Cärimani umgangen, war dann in dem Wenamuthale abwärts gezogen bis zu dessen Einfluß in den Cuhuni (3. Januar), diesen an Wasserfällen reichen Strom hiuab- gefahren bis zu dem Essekibo (17. Januar) und dann auf be kanntem Wege nach Georgetown, von wo er nach Pirara zurück kehrte. Ungeachtet man alles anwandtc, die neue Erpedition so schnell als möglich anzutreten, vergingen doch ziemlich acht Wochen, bevor dies geschehen konnte, eine Verzögerung, die ihren Grund haupt sächlich in dem nieder Wasserstandc des Rupununi hatt^, den die Brüder so weit als möglich aufwärts fahren wollten. Der Eintritt der Regenzeit mußte daher abgewartet werden. Die Zeit verbrachte Richard mit natürgeschichtlichen Ausflügcit und Theilnahme an den Vcrgistungsfischereien der Indianer. Wenige Tage vor der Abreise voit Pirara mußten sie noch einen großen Theil davon in Flammen aufgehen scheu. Ein kleiner Knabe war mit einem Fcuerbrand dem leicht zündenden Dache zu nahe gekommen, die Hütte war in Brand gerathen, und bei der Trockenheit alles HolzwerkS, sowie der Unmöglichkeit zu löschen, da das Wasser mit Calabaschen (Flaschenkürbissen) aus dem Flusse geholt werden mußte, brannte auch noch Herrn Uoud s, jetzt von Goodall bewohnte Hütte, und die katholische Kirche ab. Mit Mühe retteten die Zeichnungen GoodallS, und nur der Richtung des Windes verdankten die Brüder, daß ihre Hütten verschont blieben. Sobald Richard vernommen, daß der Rupununi zu steigen beginne, brach er mit Goodall und einigen Ruderern nach der Bai lVni-jpuesrt, dem Landungsplatz von Pirara am Rupununi9 129 auf, um dort die Einschiffung des Gepäcks zu leiten. Seine Unter haltung bei diesem Geschäft war die Beobachtung und Jagd des Kaimans. Um zu sehen, wie diese Thiere ihre Beute ergreifen, band Richard Vögel oder größere Fische auf ein Stück Hol; und ließ sie dann schwimmen. Kaum war der Köder von einem der Alligatoren bemerkt worden, als dieser langsam, ohne daß sich die Oberfläche des Wassers bewegte, aus die Beute zuschwamm. Hatte er sich derselben ziemlich genähert, so krümmte er seinen Körper zu einem Halbkreis und schleuderte nun mit seinem Schwänze, dessen Spitze er bis zum Rachen biegen kann, alle innerhalb der Krümmung sich befindenden Gegenstände dem Rachen zu, worauf er diesen schließt, und mit der Beute unter der Oberfläche des Wassers verschwindet, um nach einigen Minuten damit tvieder in der Nähe des Users zum Vorschein zu kommen, tind dieselbe hier oder aus einer Sandbank zu verzehren. Fische sind die gewöhnliche Nahrung der Kaimans; sie töden dieselben gewöhnlich mit dem Schlage des Schwanzes und schleudern sie zugleich über das Wasser, um sie mit dem Nachen aufzufangen. Das Zusammenklappcn der Kinn laden und das Schlagen des Schwanzes ruft ein lautes Geräusch hervor, das man namentlich während der stillen Nacht weithin hören kann. Die Weibchen hegen noch lange Zeit die regste Liebe zu ihren Jungen und vcrtheidigcn mit größter Wuth. Eines Tags mit einem Indianer am Ufer hingehend, wurde Richard durch eigenthümlichc katzcnartige Töne mit seinem Begleiter auf einen Baum gelockt, der vom Wasser untcrspült, fast horizontal sich gesenkt hatte und an der Krone, wohin beide vorsichtig rutschten, etwa noch drei Fuß voit dem Wasserspiegel entfernt war. Beide waren mit Bogen und Pfeilen bewaffnet. Unter sich bemerkten sie im Wasser junge Alligatoren, etwa 2 Fuß lang. Leicht schoß der Indianer einen derselben und zog ihn an dem Pfeile aus dem Wasser. In demselben Augenblicke tauchte ein großer Kaiman, die Mutter, zwischen den Zweigen empor und stieß ein fürchterliches Gebrüll aus, das den.Jägern durch Mark und Bein drang. Bald versammelten sich jetzt noch andre Kaimans. Die Mutter erhob sich bis an die Schultern aus dem Wasser und schnappte nach den Jägern. Der bisher ruhige Wasserspiegel wurde zur aufgeregten Wogcnmasse, da er ununterbrochen von dem gekrümmten Schwänze gepeitscht wurde. Zugleich wurde durch den Lärm ein großes, unter dem Baume befindliches Ameisennest aufgeregt; seine Be wohner zerstachen Hände und Füße der Jäger. Hatte das Thier einen Pfcilschuß erhalten, so tauchte es unter, aber nur einen Augenblick. Als die Jäger ihren Pfeilvorrath verschossen, zogen sich vorsichtig nach dem Lande zurück, wohin ihnen der Alli gator nicht folgte, da er sich dort sehr schwerfällig bewegt. Die130 Schuppe des erlegten Jungen waren ganz weich und biegsam; schon verbreitete es den starken Moschusgeruch, der diescir Thicrcn nach dem-Tode und in der Paarungszeit eigcnthümlich ist. Ein breiter Pfad führte von dem Baume am Ufer hiil nach dem früheren Lager der Eier. Es bestand aus einer Vertiefung am Boden, die mit Gestrüpp, Laub mtb Gras ausgefüttert war. Nach den leeren Eierschalen zu schließen, mußte es 30 40 Eier ent halten haben; die schichtweise übereinander gelegen hatten, durch Blätter und Schlamm von einander getrennt. Am folgenden Tage versuchte Richard mit der Büchse an der Stelle seines gestrigen Abentheuers ein Thier zu erlegen; soviel aber aus dem Wasser anftanchtcn, so gelang cS doch nicht. Als er unverrichteter Dinge zurückkehrte, bat ihn der Macusi Maripo (der Kaimantöder) um seine Buchse, mit dem Versprechen, noch heute Abend ihm ein Thier zu schießen. Er hielt Wort, obgleich erst die siebente Kugel, die den Kaiman inS Hirn traf, das riesige Thier gctödct hatte, welches 14 3" lang war. Sein Kopf war 18" lang, der Umfang seines Körpers 4 5". Am Schwanz hatte er eine große Wunde und sechs Zehen fehlten ihm, welche tvohl die gefräßigen Raubfische Pirais (Pygocenlnis) abgebisscn, das einzige Thier, welches den erwachsenen Kaiman belästigt. Zwei Tage nach Beginn der Regenzeit, am 3. Mai, schifften sie sich dem angeschwollcncn Rupununi ein, um diesen Fluß aufwärts zu fahren. Im ersten Nachtquartier wurden voll dem furchtbarsten der noch erlebten tropischen Gewitter überfallen, gegen welches nicht nur Bäume uitd Zeltdächer nicht den mindesten Schutz gewährten, sondern daS auch die Corials zu versenken drohte, wenn man nicht fortwährend Wasser auöschöpfte. Dennoch glaubte der alte Piai Ajukantc, der sich unter den Begleitern der Brüder befand, in dem Unwetter eine gute Gelegenheit gefunden zu haben, die Ungläubigen von seiner Macht über die Elemente zu überzeugen, und mühte sich vergeblich ab, den Sturm zu be schwören. Fuhr einer der flammenden Blitze durch die grauen hafte Finsterniß, so konnte man den blasenden und schreienden Beschwörer erblicken, der die Arme schwang und den Körper selt sam verrenkte. Endlich schien er selbst einzusehen, daß er so am übelsten dabei wegkam und verkroch sich bruinmend und mürrisch in sein Zelt. Zittcritd vor Frost und Nässe brachen sie am andern Morgen auf zu weiterer Flußfahrt. Auch heute hatten sie Ge legenheit, von der Kraft und Lebcnszähigkeit des Kaimans sich zu überzeugen. Das Thier war mit vier Kugeln durch dcit Kopf geschossen, und schien sterbend, aber als sechs Männer an einein Seile auö dem Flusse Land ziehen wollten, bedurfte es nur eines Rucks und alle lagen auf der Erde, das Thier aber eittfloh9 * 131 in fein heimisches Element. Abermals geschossen schien es nun wirklich tobt; der Alligator wurde mit vieler Mühe in ein Corial gelegt, aber nach einiger Zeit begann der bluttriefende Rachen sich zu offnen, der Schwanz sich zu krümmen, mit wildem Geschrei sprangen die Indianer über Bord, und nach einigen Minuten weiterer Erholung folgte ihnen daö Thier, doch ohne sich von dem Seile befreien zu können. An diesem wurde wieder Land gezogen und von den Indianern mit Keulenhiebe vollends ge lodet. Die Jagd hatte schon so viel Zeit gekostet, daß weiterer Aufschub nicht räthlich schien, doch wollte Richard den Kopf des Thicreö mitnehmcn. Als er aber daö Genick durchschnitt, schlug der Kaiman noch einmal mit solcher Kraft um sich, daß er zwei Indianer, die sorglos in der Nähe des Schwanzes standen, zu Boden warf. Sie übernachteten in der von den Brasilianern theilweise zerstörten Missionsstation Curua, wo Herr Voud auch eine Zeitlang gewirkt. Am folgenden Tage übten die Wasser- schnellen, die zahlreichen Krümmungen und bei fortwährendem An- schwcllen die Strömungen des Rupununi einen so hemmenden Einfluß, daß sie, obgleich noch früh am Tage, vor Ermattung in der kleinen Wapisiana-Niedcrlassung Aripai ihr Lager aufschlugen. Hier hatte Richard einmal wieder Zeit, seine Sammlungen durch- zusehen, und fand den Einfluß der Nässe schlimmer noch, als er gedacht. Am folgenden Morgen hatte der Fluß bereits sein Bett überstiegen, wobei der eigentliche Flußspiegel mit den von der reißenden Strömung entwurzelten Bäumen der Ufer bedeckt war, während ein fast ununterbrochenes dumpfes Gedonner nur zu deutlich verkündigte, daß die gewaltige Fluth ihr Vernichtungswerk noch fortsetze. Das Dröhnen und Donnern des mit seiner Vegetation zusammenstürzendcn Nferrandes, daS Geprassel und Zerbrechen der Aeste, wenn sich in einer der Krümmungen die gefallenen Riesen gegen einander aufstauten, hatten in Verbindung mit dem Getöse des herabstürzcndcn RegenS etwas so Grauenhaftes, daß es die Reisen den in der folgenden Nacht mehr als einmal aus dem Schlafe weckte, bis endlich das Wasser die Zelte selbst erreichte. In 36 Stunde war der Fluß um 10 Fuß gewachsen und stieg noch fort. Natürlich ging der raschen Strömung entgegen die Flußfahrt äußerst langsam. Schon um zehn Uhr stiegen am heiteren Himmel neue Regenwolken herauf und am Abend begann der Regen von Neuem und währte die ganze Nacht hindurch. Sie waren von dem Flußbett abgebogen und eine Strecke in den Wald gefahren, um dort ihre Hängematten zu schlingen; der Steuermann hatte das große Boot zwischen zwei Bäume befestigen lassen. Am fol genden Morgen waren sie nicht wenig überrascht, trotz des fort-132 wahrenden Regens das Wasser mit fünf Fuß gefallen und das 42 Fuß lange Corial mit dem Hintcrtheil in einen Gabelbaum eingeklemmt und mit dem Vordertheil auf trocknen: Boden aufliegen zu sehen. Erst nach vieler Mühe und Arbeit gelang cs, das Boot loszumachcn und inS Wasser zu bringen. Das schnelle Fallen und Steigen der Savannenflüssc ist eine noch sehr rüthselhaftc Er scheinung. Bei allen diesen Beschwerden war denn das Bild des angeschwollenen Stromes doch eine sehr großartige Erscheinung, und sosehr die Strömung auch hemmte, so ersparte sie ihnen doch die Uebcrwindung mancher Stromschncllcn; vor allem aber reizend tvar in den Hellen und heiteren Stunden, welche jetzt immer häufiger wurden, der Anblick der mit neuer Frische und Ueppigkeit erwachten tropischen Begetation. Am Morgen des 11. Mai waren vier Macusts verschwunden, welche die karge Nahrung, der gänzliche Mangel an Rum, die gegenwärtigen und noch ztt erwartenden Beschwerden bewogetl hatten, jeden Lohn zu verzichten und sich hcimzustchlen. Da die trägsten unter allen die Flüchtlinge waren, so war weniger an ihnen verloren, als es vielmehr galt, dem bösen Beispiel vorzubeugcn. Daher versammelte Robert die Indianer und sprach in einer An rede zu ihrem Ehrgefühl: Freiwillig seien mitgcgangen, jedem habe die Rückkehr frei gestanden; jene aber seien wie Diebe und Mörder entflohen; wolle jemand jetzt zurückkehren, so möge er vortreten und sich melden; dieses offene Verfahren sei der Macusts würdig." Diese Rede wirkte trefflich; keiner meldete sich zur Heimkehr, obgleich die Stromschnellcn täglich gefährlicher wurden, keiner auch entfloh später. Noch im Laufe des Vormittags erreichten die berühmte Portage Paruanka, vermittels welcher man den 8nrvr rn-nmirr , einen Nebenfluß des Tacutu, erreichen kann. Die Portagcn, welche bei der eigcnthümlichen Stromverthcilung Südamerikas eine große Rolle spielen, sind die Stellen, wo zwei Flüsse sich soweit nähern, daß das Gepäck ausgeladen und über die Savanne getragen werdctt kann, um auf einem andern Strom wieder verschifft zu werden. Die genannte Portage überschritt zuerst 1739 der Chirurg Horts mann aus Hildcsheim auf seiner Forschungsreise nach dem Dorado, dann 1775 Don Antonio Santos auf seiner Reise von Angostura nach Para und 1793 Don Franz Joseph Rodcrich Barata auf dem Wege von Para nach Surinam. Etwas weiter aufwärts wurden wieder von einem furchtbaren Gewitter überfallen, das Wasser stieg rasch um vier Fuß und bald war mit den Rudern gegen die Strömung nichts mehr auszurichten; man mußte am Ufer hin fahren und an den Baumzweigen sich aufwärts ziehen. Auch in der folgenden Nacht regnete es ununterbrochen, und gegen Morgen133 wälzten sich rasch gleich einer Mauer die Wogen des Rupununi gegen das Lager heran. Mit genauer Noth gelang es, ehe die Flnth erreichte, Zelte und Gepäck im Corial zu bergen. Ein wildes Brausen und Tosen, welches bereits während der Nacht das Getöse des fallenden Regens übertönt hatte, verkündet die Nähe der größten Cataract des Rupununi, welche die Portugiesen Corona oder Cartatan nennen. Ein ungeheurer Granitwall durch setzt das Flußbett in ONO. Richtung, über den jetzt die empörte Wasscrmasse unter sinnbetäubcndcm Geräusch herabstürzte. Hatte die Höhe des Wasserstandcs die Gefahr des Uebersteigcns auch vielfach gemindert, so mußte doch daS Gepäck ausgeladen, am. Ufer hingetrageil und die Boote mit Seilen hinübcrgezogen werden. Einige sonnige Stunden gaben während dieses Aufenthaltes Richard die seit mehreren Tagen nicht gehabte Gelegenheit, seine Samm lungen auszubreiten, eine Arbeit, die er immer mit blutendem Herzen verrichtete; heute fand er seit der letzten Rast die Zerstörung reißend fortgeschritten, und die Tauschartikel nicht weniger beschädigt. Alle Eisen- und Stahlwaarcn zeigten sich mit dickem Rost überzogen. Ein großer Baumstankm, der, vom Wasser hierhergetragen, auf einem 15 Fuß über den jetzigen Wasserspiegel hinausragendcn Felsen lag, zeigte, daß bei weitem noch das Steigen des Flusses nicht an seinem möglichen Ziele an- gclaugt war. Jenseits der Cataract weitcrfahrcnd, erreichten sie gegen sechs Uhr den Fall Sarata. Auch hier zogen sich auf dem östlichen Ufer mächtige, oft 60 Fuß hoch zu Tage tretende Granit- massen landeinwärts, an dereir Fuß die Reisenden ihr Lager auf- schlugeu. Von ihrem Scheitel genossen eine herrliche Aussicht. In SO. wurde die ungeheure Savanuenflächc voll dem Carawaini- Gebirge begrenzt, das sich von NO. gegen SW. erstreckt und in welchem, nach den Aussagen der Indianer, der Rupununi seinen Quellpunkt haben soll. Von seiner Quelle, lvclche unter 1 50 N. B. liegen mag, schlägt der Rupununi anfänglich eine NW. Richtung ein, wird dann durch Gebirge zu einem Bogen gegen Osten ge- nöthigt, bahnt sich in geringer Entfernung weiter untcil in zahl reiche Canäle gespalten seinen Weg durch wilde Granitmassen, vereinigt sich dann wieder zu einem Strom und bildet beit oben erwähnten Fall von Corona, welcher etwa 160 Meilen (geogr.) von der Mündung entfernt liegt. Der ganze Lauf des Flusses beträgt ungefähr 220 geogr. Meilen. Da er in seinem Verlaus beinahe einen Halbkreis beschreibt, so liegt seine Mündung mit der Quelle fast unter demselben Meridian. Von ihrem Standpunkt konnten die Brüder den geschlängelten Lauf des Flusses weit in die ungeheure Fläche verfolgen. Die daraus folgende Nacht war wieder trübselig genug. Die hungrigen134 Mägen hätten keinen erquickenden Schlaf zugelassen, wenn auch die Moskitos weniger zahlreich und blutdürstig gewesen wären. Erst am folgenden Tage gelang es ein Reh zu erlegen. Die Reise wurde statt auf dem Fluß selbst, der geringeren Strömung wegen, auf der überschwemmten Savanne fortgesetzt. Wurde au einzelnen Stellen derselben das Wasser für die Boote zu flach, so mußte man freilich zu dem Fluße zurückkehren, was jedoch immer mit großen Schwierigkeiten verbunden war, da man sich mit Art und Waldmesser einen Pfad durch die dichte Uferumsäumung bahnen mußte. Tausende voll Ameisen, welche sich vor dem Wassertod auf die Bäume und größeren Sträucher geflüchtet, machten diese Arbeit keineswegs zu einer angenehmen, da sie bei jedem Hiebe massenweise in die Corials fielen. Am Nachmittag kamen in die Nähe einer Niederlassung. Mit dem Fernrohr bemerkten sie am Ufer auf- und abgehend eine seltsame Figur, welche mit einer rothcn Mütze bedeckt, einen laugen Stoßdegeil im Gürtel unter einem Regenschirm, obgleich die Sonne schien, einherwandcltc. Als Ufer stiegen, erkannten sie in dem Mann den Häuptling der Wapisiana- Niederlassung Watu-Ticaba. Den schcidelvscn Stoßdcgeu hatte Robert schon 1837 bei dein Vorgänger des Häupt lings kennen gelernt, der jetzige hatte zu diesem. Zeichen seiner Würde noch einen blauen Regenschirm von einem Holzhändler am Corentyn erhandelt uild schien ihn gleich den Maroccauern als Herrschaftszcichcn zu betrachten; denn nur bei gutem Wetter spazirte er stolz unter ihm einher. Neben der rothwollenen Mütze mit langer gelber Quaste bestand seine Bekleidung nur noch aus ein paar schmützigweißen leinenen Matrosenbeinkleidcrn, und einem um den Leib gewickelten Stück blauen Baumwollenzeugcs. Lebens mittel fanden hier in Menge vor und am folgenden Tage ging es weiter unter den bekannten Qualen: Regengüssen und Moskitos stichen, durch die überschwemmte Savanne. Bald aber wurde es unmöglich, mit den Booten weiter vorzudringen, da ein unüber- steiglichcr Granitdamm den Fluß durchsetzte; au der Landuugsstelle des Dorfes Watu-Ticaba legten sie an, von wo aus Richard später nach Georgetown zurückkehrte. Jetzt wurde vorläufig eine Hütte für die Sammlungen erbaut und dann der Zug nach Watu-Ticaba unter Leitung des alten Häuptlings angetreten, wobei das sehr lächerlich war, wie er in seiner vollen Maskerade erschien, dann bei beginnendem Regen den ganzeil Galla-Anzug einschließlich des Regenschirms verpackte und endlich beim Einzug ins Dorf wieder in voller Herrlichkeit auftrat. In der Fremdenhütte des Dorfes das fünf kuppelförmige Häuser mit 58 Bewohnern zählte, wurde dann den längst bekannten Fremdlingen die feierliche Empfangsrcdc ge halten. Watu-Ticaba liegt unter 2 32 2 n N. B., umgeben von135 lieblichen Anhöhen zwischen massenhaften Granitfelsen van 100 bis 150 Fuß Höhe, deren Basis von riesigen kerzcnartigcn CactnSstämmcn umgeben ist. Die ganze Vegetation war überaus üppig; Ananas kamen bis zu 14 Psd. Schwere vor. Auch die Cassadafelder, deren Product für die Weißen znzubcreitcn bald die weibliche Einwohner schaft geschäftig war, boten reichen Ertrag. Daö rege Treiben in der Niederlassung wurde noch vermehrt durch die sich cinsindenden Tauschhändler der Nachbarschaft. Unter den Bewohnern selbst fesselte die Aufmerksamkeit unserer Landsleute, besonders eine 60jährige Frau, die letzte von dem auSsterbenden, einst mächtigen Stamme der Amaripas, Namens Miaha. Durch Coopcr s letzten Mohikan und Chamisso s Mordthal haben die aussterbenden Jndianerstämme eine besondere Popularität in Europa erlangt. Hier findet sich Gelegenheit genug zur Vcobachtuug solcher Ver hältnisse. Miäha ö Haar war weder dünn, och gebleicht; erinnerte sich noch wohl der Zeit, da ihr Stamm 20 streitbare Männer gezählt. Wie die Amaripas, so haben auch die Atorais und Daurais de Abgnd ihres Lebens als Volk erreicht. 1837 hatten beide Stämme zusammen noch 200 Angehörige gezählt z jetzt lebte von jedem noch eine Familie. Demselben Schicksal sind auch die Tacnmas verfallen; 1810 kam die erste Nachricht von ihrer Existenz nach der Colonie, 1837 war Robert Schombnrgk der erste Europäer, welcher sie besuchte. Noch bei keinem Stamme war der Widerwille gegen das Fleisch europäischer Schweine so scharf hervorgctreten, wie bei den Wapisiana S. Ein Mann dieses Stammes, dessen beide Knaben die Expedition von Torong-Vanwisc nach dem Roraima begleiteten, erlaubte dicß nur unter dem Versprechen, daß die Knaben kein Schweinefleisch, ja gar keine von dem Koch der Europäer zubcreitctc Speisen erhalten sollten, da in einem der Töpfe jenes unreine Fleisch gekocht sein könnte, und in Watu-Ticaba wurde das Un wohlsein cincS kleinen Mädchens, das dem Koch hülfreieh zur Hand ging, dein vcrmuthetcn Umstand Schuld gegeben, dieser habe dem Kinde Schweinefleisch gereicht. Auch in Watu-Ticaba wurden von den Indianern eine Menge zahme Thicrc gehalten, unter denen in Pfefferfrcsser, mehr durch das gefährliche Aussehen seines Schnabels, als durch wirkliche Macht, sich zum Tyrannen aufgc- worfcu. Er litt nicht nur keine Streitigkeiten unter seinen ge bügelten Unterthanen, den Trompetenvögeln und Hockohühnern, sondern auch keiner der größeren Vierfüßer wagte Futter aufzu heben, ehe jener sich versehen. Indessen fiel er als Opfer seines Ucbermuthes, indem er auch einen großen fremden Hund von seinem Fräße verscheuchen wollte, von diesem aber tödlich in den Kopf gebissen wurde.136 Am 21. Mar ging die oben angedcutcte Trennung vor sich; Richard mrd Frycr mit einigen Indianern kehrten nach Pirara zurück, Robert und Goodall mit den übrigen begaben sich nach dem Corcntyn. Am 7. Juni 1843 trafen die Steuerleute aus Georgetowir in Pirara ein, sogleich wurde das Gepäck nach der Landungsstelle gebracht und am 11. Juni trat Richard zum letztenmale aus seiner Hütte, um nie wieder unter das einfache Palmendach zurückzu- kehren, unter dem er so einförmige, so bittere Tage, aber auch so manche fröhliche und glückliche Stunde verlebt, die ihit und seine Sammlungen, seinen einzigen Reichthum, monatelang vor den fürch terlichen Regengüssen eines tropischen Winters geschützt und ihm alle Bequemlichkeiten gewährt hatte, die sich ein zufriedenes Gcmüth nur irgend wünschen kann. Auch der Anblick des verfallenden Missionshauses, wo er seines geschiedenen Freundes Uoud gedacht, die ganze Verlassenheit des einst so belebten Dorfes, das nun wieder der Macht der Vegetation zu verfallen begann, rief wehmüthige Gefühle in ihm hervor. Endlich war am Landungsplatz alles geordnet; die acht Boote mit 50 Ruderern bemannt, gehörig befrachtet und nun begannen sie, nach herzlichem Abschied von den zahlreich versammelten In dianern, den Rupununi hinabzufahren. Am Abend erreichten sie die einst blühende Macusi-Niederlassung Haiowa, durch die Pocken verwildert und fast verlassen; auch zwei weitere Niederlassungen waren in demselben Zustand. Endlich wiegten sie sich wieder auf dein breiten Rücken des Essckibo, der aber in Folge der Ueber- schwcmmung kaum wieder zu erkennen war. Mit den Fällen von Rappu und Achra-muta begann die wohlbekannte Reihe von Stromschnellen, welche sie einst mit großer Anstrengung und Gefahr bei niederem Wasserstande aufwärts gefahren waren; jetzt war die Anstrengung zwar gering, aber die Gefahr desto größer, als mit Pfeilschnelligkeit den Cataract hinabfuhren zwischen Felsen in den schäumenden Kessel. Viele der größeren und kleineren Strom- schnellen, welche bei der Herfahrt auch Schweiß gekostet, waren jetzt gar nicht zu bemerken; der höchste Wasserfall von allen, der von Haiowa, welcher nicht gleich dem großen Falle Vucurit auf einem Nebenkanal umgangen werden konnte, betrug noch immer zehn Fuß, und das Wagestück mußte versucht werden, diese Tiefe hinabzutauchen; gelang glücklich, aber welche Augenblicke, wenn sie sich der unhcildrohenden Stelle näherten, die schon aus ziem licher Ferne ihr dumpfes Gebrüll ihnen entgegcndonnerte, das mit jeder Sekunde lauter und lauter wurde! Sie sahen das Wasser Hinabstürzen und jenseits des Scheitels in Schaumwolken ausspritzen, schon war das Corial von der unwiderstehlichen Gewalt er-137 griffen, der Athen, stockte und tief in den entfesselten Wogen des Kessels begraben, erhob sich der Schnabel wie ein kühner Taucher aus den brausenden Wogen. Unter dieser fast ununterbrochenen geistigen Aufregung waren in der Nähe der Mission Waraputu angekommen. Dort waren wieder an der Schwelle der Civilisation. Es empfing sie am Landungsplatz der Missionär der Station, ein Herr Pollcrt mit Frau und Schwägerin, einer jungen Dame von 18 Jahren. Wie romantisch und idyllisch mochten die beiden Damen sich den Auf enthalt unter den Kindern der Natur ausgemalt haben! Sechs Wochen waren hinreichend, sie zu enttäuschen, und mit heißen Thräncn klagten sie den neuen Freunden ihr Mißgeschick. Herr Poltert hielt sich anfangs noch fest, obgleich er, wie der mitgebrachte elegante Reitsattel zeigte, auch falsche Begriffe von den Urwäldern gehabt hatte. Dennoch gelang es den Bitten der Frau, obgleich die Regierung alle Mittel zur Erleichterung des Aufenthaltes ge währte , nach einem Vierteljahr den Mann zu bereden, unter dem Vorwände der Kränklichkeit um seine Entlassung von diesem Posten einzukommen. Umsomehr lernte Richard einen Missionär wie Mond schätzen, welcher in derselben Hütte zufrieden seinem Berufe gelebt hatte, und ohne alle Unterstützung mit seiner Frau in das Innere von Guiana gegangen war. Die Schwägerin Pollertö aber kehrte mit Richard Schomburgk in die Colonie zurück, als er nach zweitägigem Aufenthalte abfuhr. In Bartika-Grovc empfing Freund Bernau den Landsmann mit offenen Armen. Die gleise zwischen Bartika-Grove und Pirara, wozu stromaufwärts sechs Wochen gebraucht, hatten sie abwärts in dreizehn Tagen zurückgelcgt. Während ihrer Abwesenheit von neunzehn Monaten waren wichtige Veränderungen hier vorgenommen worden. Eine neue Kirche war erbaut, ein eigenes Gebäude für die Schülerinnen aufgeführt, welche, statt schmutzig und halbnackt wie früher, jetzt reingeklcidct einhergingen. An der Mündung des Cuyuni erhob sich jetzt gleich einem freundlichen Schlosse die Strafanstalt für Verbrecher, auf 300 Sträflinge angelegt. Am folgenden Tage besuchte Richard daS Gefängniß, dem ein Inspektor, ein Arzt, einige Unterbeamtc und mehrere Constablcr zur Beaufsichtigung der in den Stein- brüchen arbeitenden Verbrecher vorstehen. Ällcö ist geschmackvoll, geräumig und gesund angelegt und überaus reinlich gehalten. Die Sträflinge waren bis auf zwei Portugiesen alle Neger. Ihre Arbeitszeit beträgt .täglich neun Stunden. Herr Bernau war Geistlicher der Anstalt. Auch Stöckle hatte sich hier niedergelassen, mit dem bei der Expedition verdienten Gcldc einen Victualienladen errichtet und stand eben im Begriff, eine farbige Wittwc zu ehe lichen, die einiges Vermögen besaß.138 Am 29. Juli traf Richard in Georgetown wieder ein, wohin sein Bruder von der Erpedition noch nicht zurückgekehrt war. Bald nach seiner Ankunft warf ihn das Fieber auf ein hartes und ge fährliches Krankenlager, und als er genesen, riechen ihm die Aerzte, die ungesunde Coloniestadt zu verlassen. Um so lieber gehorchte Richard dieser Weisung, als er schon auf seinem Krankenlager deil Entschluß gefaßt, den Pomerun bis zu seiner Quelle botanisch zu erforschen. Gaitz unverhofft stellte sich auch der junge Ehcmanit Stöckle ein, der gerade eine Summe Geld brauchte und sich zum Begleiter anbvt, was mit Freuden angenommen wurde. Auf dem Schooner der Pflanzung Anna Regina, einer der größten, trat Richard seine Reise an und verweilte dort einige Tage, wo er Zeuge eines höchst komischen Schauspiels wurde. Eine allgemeine Krankheit, all der besonders die Negerkinder leiden, sind die Würmer. Ein wirksames Mittel gegen dieselben sind die braunen, auf der Haut brennenden Haare der Schote der Mucuna urens Dec. Die Haare werden abgeschabt, um sie für den Gaumen unschädlich zu machen, mit Syrup verrieben und davon bekommeil die Kinder Morgens nüchtern alle Vierteljahr zweimal hintereinander eine Tasse voll. Hier waren mehr als hundert Negerkindcr, Mütter mir ihren Säuglingen auf dem Arme, um eine alte Negerin versammelt, welche einen großen Zuber mit dieser Latwerge vor sich stehen hatte und mit einem Löffel den Kindern ihre Dosis in den Mund schob, den die meisten weit aufrissen, um Lippen und Zunge vor den brennenden Haaren zu schützen. Die Bewässerungs gräben der Pflanzung lieferten manchen interessanten Fisch, beson ders fesselte unfern Naturforscher der Calliclilliys coelatus Cuv., Hassar der Farbigen. Der Fisch baut sich zwischen Wasserpflanzeil ein förmliches kugeliges Nest, das viel Achnlichkeit mit dem einer Elster hat, und daö er mit Energie vertheidigt. Noch durch eine zweite Eigenthümlichkeit zeichnet der Fisch sich aus: er unternimmt während der trockenen Zeit Reisen zu Lande. Vertrocknen im Laufe dieser die durch die Ueberschwemmung gebildeten Sümpfe, so machen sich die in ihnen befindlichen Hassars auf den Weg, um Neue Wasser aufzusuchcn. Die Schilder, welche den Leib decken, und der harte Strahl der Bauchfloffe befähigen zu solcher Landreise. Ein häutiger Sack, welcher die Kiemenblättchen um gibt, soll dieselben feucht erhalten. Finden die Züge kein Wasser, so graben sie sich in weichen Schlammboden ein, wo sie, bis das Wasser sich wieder ansammelt, in einer Art von Scheintod liegen bleiben. Daß sie zehn Stunden vollkommen lebensfrisch außerhalb des Wassers zubringen können, hat Richard selbst er fahren. Nach einigen Tagen Aufenthalt setzte Richard seine Reise sn Begleitung einiger Akawais nach dem Tapacumasee fort, welcher139 sehr fischreich ist. Die botanischen Ausflüge in den nahen Urwald waren sehr ergiebig. Am 25. August kehrte Richard nach dem Pomernn zurück und verbrachte in der hier gelegenen Missionsstation vier angenehme Tage. Dann fuhr er den Pomernn aufwärts nach der Earibcn-Nicderlassung Kuamuta, welche einige Meilen vom Fluß abliegt. Bis zu, ihr ist die Einwirkung der Fluth noch sehr bedeutend, obgleich das Wasser keinen salzigen Beigeschmack mehr hat. Das Ufer zeigte noch Spuren der höheren Kultur früherer Zeiten, obgleich diese Gegend der flachen Ufer deö Pomernn gerade die ungesundeste ist, eine Erscheinung, die man an solchen Stellen aller südlichen Flüsse findet, da gerade hier durch den Kampf zwischen der Strömung des Flusscö und der Mccresfluth die vom Fluß hcrabgcführten faulenden Stoffe am längsten verweilen. Kuamuta hat seinen Namen von einem am Eingang des Dorfes stehenden riesigcil Bambusstrauch, den: die Kariben diesen Namen geben. Sein Wurzclstock nahm die Fläche von 368 Fuß im Um fang ein; Richard zählte 050 Triebe, die eine Höhe von 60 Fuß und von denen viele an der Basis einen Umfang voit 1% Fuß erreicht hatten. Daö Dorf zählte 7 Hütten, von denen drei sogar ein zweites Stockwerk hatten, zu dem von außen eine Leiter hinauf- führte. Dieß und daß die Weiber und Mädchen mit Reinigung der Sonntagskleidung beschäftigt waren, zeigte Anfänge der Cultur; wenn erst der Indianer seinen Ehrgeiz darein setzt, wvhl- gckleidet beim Gottesdienst zu erscheinen, so folgt auch in der Woche die Kleidung bald nach. Richard verweilte in dieser Niederlassung mehrere Tage. Ein heftiges Brüllen wie das einer Kuh, daö sich in kurzen regelmäßigen Zwischenräumen wiederholte, hatte ihn schoit mehrmals aus dem Schlafe erweckt und die svnderbarstcit Bcr- muthnngcn über den Urheber des furchtbaren Tones hcrvorgcrufen. Als seine Wirthe auf sein Fragen erwiderten, sei ein Regcn- frosch (Konobo-aru), glaubte er, sie wollten ihn zunr bestctt halten. Aber noch an demselben Tag wurde er überzeugt, daß allerdings ein großer Latibfrosch sei, der bloß in dem hohlen und mit Regen- wasser gefüllten Stamm eitles lindenähnlichen Baumes, der Boilel- scliwing-ia lebt, und durch sein Geschrei für den nächsten Tag Regen verkündet. Auch ein Trinkfest erlebte Richard in dieser Karibcnnicdcr- lassung, welches noch thicrischcr endete, als die früheren, wie denn die Kariben, vielleicht in Folge der Nähe der Colonic, die andern Stämme an Trunksucht noch übertreffen. Ein unfehlbares Zeichen der Trunkenheit war, wenn sie anfingen, englisch zu sprechen, wo bei ich in Bezug auf die Analogie nur auf einen Ausspruch unseres trefflichen Bürgerkapitäns" zu verweisen brauche. In Begleitung mehrerer Kariben verließ Richard das Dorf am 9. Sep--140 tember 1843 und fuhr den Pomerun aufwärts zwischen Urwald, aus dem plötzlich sehr unerwartet ein Haus auf den Flufispicgel herabschaute, zu welchem eine Allee von Cocospalmen in gerader Linie führte. Es machte einen eigenthümlichen Eindruck, mitten in dieser Wildniß einen lauten Verkündiger vorgedrungener Civilisation zu finden. Ein weißer Mann," erzählten die Indianer, hatte hier einst ge wohnt, das Haus aber nach dem Tode seiner Frau mit Zurück lassung alles dessen, was es enthielt, plötzlich verlassen." Richard beschloß die Nacht hier zuzubringen. Das Wohnhaus auf dem Hügel war von den herrlichsten, mit goldgelben Früchten prangenden Orangen- und Citronenbäumen umgeben; Jasmin, Sinarosc, Gra naten und die verschiedensten Centifolien und Monatrosen umstanden die Vorderseite des düsteren Hauses und erfüllten die Luft mit ihrem Wohlgeruch, obschon bereits ganz von den Gummisträuchcrn und Nachtschatten überwuchert waren, die sich hier zur Vernichtung der Kinder einer fremden Zone verschworen zu haben schienen. Das Gebäude war dem gänzlichen Verfalle ziemlich nahe und die Treppe, welche nach der Galleric und dem Haupteingang des Hauses führte, schon zusammengebrochen. Die Zimmer waren von Vam pyren , Eidechsen, Tauscndfüßen und Vogelspinnen bewohnt, von denen die Räume erst gereinigt werden mußten, che man auf eine ruhige Nacht rechnen konnte. Am nächsten Morgen untersuchte Richard auch das obere Stockwerk, wo er alle Möbel in einem Zimmer zusammengchäuft, aber von den Termiten bereits völlig zerstört fand. Sie fuhren dann auf dem Pomerun fort und fanden am Abend die Karibenniederlassung Akupautari, ihr Nachtquartier, in einem wüsten Trinkfest begriffen, .das bereits zwei Tage gedauert hatte und heute, am Samstag, beschlossen werden sollte. Von beiden Geschlechtern war kein nüchterner Bewohner im Orte, und an Schlaf die Nacht nicht zu denken. Desto ruhiger war der folgende Sonntag, wo die ganze Bevölkerung ihren Rausch aus- schlies. Am Sonntag Morgen setzte Richard die Flußfahrt fort und erreichte am Abend die letzte Niederlassung am Pomerun, Araia, welche er wunderbarer Weise in nüchternem Zustande antraf. Die Ursache davon war, daß die Leiden Kinder des Häuptlings dieser, fünf Hütten und 50 Bewohner zählenden, Niederlassung an bös artigem Wechselficber darnieder lagen und der Piai daher jeden Lärm untersagt hatte. Mit ein Paar Dosen Chinin hatte Richard am andern Morgen die Kinder geheilt. Die Dankbarkeit des Häuptlings kannte keine. Grenzen; er ließ den wohlthätigen Fremden so bald nicht fort, und Richard vernahm folgendes über die Gegenwart und Vergangenheit des berühmtesten Stammes von Britisch-Guiana. Die Kariben, einst141 der mächtigste, kriegerischste und zugleich betriebsamste Stamm, be wohnen jetzt in spärlichen Niederlassungen hauptsächlich daö untere Gebiet des Mazaruni, Cuyuni und Pomcrun. In Britisch-Guiana mag sich ihre Gesammtzahl auf 600 Seelen belaufen. Durch ihre kräftigeil muskulösen Körperformen unterscheiden sie sich wesentlich von den übrigen Stämmen. Ihre Sprache hat ebenfalls etwas sehr männliches und ihre Betonung ist gebieterisch, wie sie sich denn als Herren des Landes betrachten und als solche auch von den übrigen Stämmen gefürchtet werden. Tritt der Karibe in die Hütte eines anderen Indianers, so steht er sich stolz darin um und nimmt an Speise und Trank, was ihm gefällt. Nur die äußerste Noth kann seinen Hochmut!) soweit beugen, daß er sich für Lohn verdingt. Am tyrannischsten aber behandeln sie ihre Frauen. Nur einen Fall ihr^r Brutalität von vielen, die er erlebt, erzählt Richard. Der Häuptling von Araia hatte ihm die Hütte seines Sohnes zur Wohnung angewiesen. Die junge hübsche Frau des selben litt an den heftigsten Zahnschmerzen, so daß sie hin und wieder ein leises Wiinmern nicht unterdrücken konnte. Der Herr Gemahl, der den ganzen Tag aus Trägheit die Hängematte nicht verlassen hatte, während die Frau ihre schweren Pflichten erfüllt, hatte ihr schon lange finstere Blicke zugeworfen. Noch vor Schlafen gehen zündete sie das gewohnte Feuer unter der Hängematte des Mannes an, und suchte dann die ersehnte Ruhe, vergebens, die Schmerzen machten diese unmöglich, was ein lciseö Wimmern zu erkennen gab. Plötzlich sprang der dadurch wüthcnd gewordene Mann von seinem Lager auf und zerschnitt mit einem Messer den Strick, au dem ihre Hängematte befestigt war. Daö arme Weib stürzte auf den Boden und fiel sich den Arm aus. Ohne sich um sie zu bekümmern, warf sich der Wüthcrich wieder auf sein Lager. Schweigend raffte sich die mißhandelte Frau auf und schlich aus der Hütte, um mit ihren Schmerzenstöncn die Ohren ihres Ty rannen nicht länger zu beleidigen. Beim Anbruch des Morgens brachte die so unmenschlich behandelte dem Gebieter mit geschwol lenem Arme, der mit Bast umwickelt war, mit lächelnder Miene vor die Hängematte das Frühstück, welches er verzehrte, ohne die Frau eines Blickes zu würdigen. Richard beschwerte sich bei dem alten Häuptling bitter über die Rohheit seines Sohnes, was jener ganz verwundert anhörte, da er in diesem Betragen nichts Tadelnswerthcs fand. Obschon die Karibcn in der Colonie allgemein des Geschmacks an Menschcnfleisch beschuldigt werden, so weisen doch Alle diese Beschuldigung mit Bestimmtheit zurück, und erklären das Auf kommen der Sage auf folgende Weise, welche indeß einiges Wahre doch daran läßt. Ihre Water hätten gewöhnlich nach einem er-142 fochteum Siege einen Arm oder ein Bein der erschlagenen Feinde als Siegeszeichen mit nach der Niederlassung gebracht, die daun gekocht worden wären, um das Fleisch leichter von den Knochen entfernen zu können, auö denen Flöten verfertigt, die bei dem nächsten Kricgszuge als Instrumente benutzt wurden. Bei den großen Festen zu Ehren der heimkehrenden Sieger stand nun jMin frei, von jenem gekochten Fleische zu kosten und außerdem genossen sie im Getränk das ausgeschnittene, dann getrocknete und zerstoßene Herz der Erschlagenen, von dessen Genuß noch eine Steigerung ihres Muthes erwarteten. Der wilde Sinn der Kariben spricht sich auch darin auö, daß sie nicht wie andre Stämme nur die zum Manu heranreifendeu Jünglinge und die Bewerber um die Häuptliugsstcllc, sondern selbst die Mädchen den schmerzhaftesten -Proben ihres MutheS und ihrer Standhaftigkeit unterwerfen. Nachdem Richard sich mit hinlänglichem Proviant versehen, setzte er seine Reise in Begleitung des alten Häuptlings und einiger seiner Uuterthancn fort. Je höher den Pomerun auswärts fuhren, desto reißender wurde der Strom, desto dichter der Urwald an seinen Ufern. Bald wurde bei zunehmender Schmalheit des Flusses, so daß das Bett nur noch 20 Fuß Breite hatte, und bei gleichzeitiger Steigerung der Ueppigkeit der Vegetation die Schiff fahrt durch vom Wind gebrochene Bäume gehemmt. Doch durch ein sinnreiches Verfahren wußten die Kariben diese Verhaue zu überwinden. Kamen sie an eine solche Stelle, so schälten sie große Stücke der Rinde von den Jngabänmen ab, deren innere Seite einen gummiartigen Schleim enthält, legten diese Stücke, mit der schlüpferigen Seite nach oben, auf die Stämme, und leicht, tvic ein Schlitten über den Schnee, wurden die Boote über diese Unter lage wcggezogcn. Endlich aber häuften die Schwierigkeiten sich so sehr, daß Richard sie nicht mehr überwinden konnte, obgleich er nicht mehr weit von der Quelle entfernt war. Der reißende Strom brachte ihn in 2V 2 Tagen nach Araia zurück, von wo er nach zweitägiger Rast noch einige Nebenflüsse des Pomerun bereiste. Er besuchte, nach der Mündung des Pomerun zurückgekehrt, dann noch den weiter östlich mündenden Küstenfluß Waini und kehrte nach einer viermonatlichen Abwesenheit im November nach Georgetown zurück, wo er seinen Bruder voll der Expedition nach dc l Corentyn bereits glücklich zuruckgekehrt fand. Die Zeit, welche ihm bis zu seiner Abfahrt lloch übrig blieb, widmete Richard kleinen Ausflügen ilach der Ost- rmd Westküste, dem Ordnen und Ver mehren seiner Sammlungen. Er besuchte auch die an der Mülldung des Bcrbice-Flusses, der sich 75 Miles östlich von Demerara iils Meer ergießt, gelegene zweitgrößte Stadt der Coloilie, Berbic e oder Neu- Am st er dam. Die erste Niederlassung der Holländer am Berbice,143 \ Seclandia, befand sich 50 Miles den Strom aufwärts. Diese für den Handel weniger günstige Lage veranlaßte 1796 die Colonial regierung, die Stadt an ihrer heutigen Stelle zu gründen. Bcrbice dehnt sich gegen l’Va Miles längs der Ufer des Stromes und wird von einer Menge Canäle durchschnitten, welche, durch Ebbe und Fluth entleert und bewässert, die Anhäufung von Schmutz verhindern. Diese Anlage übt einen so günstigen Einfluß auf den Gesundheitszustand, daß Berbice nur selten und dann viel milder als Georgetown vom gelben Fieber heimgcsucht wird. Von der Sceseitc gewährt die Stadt einen herrlichen Anblick. Die Krabben insel, wegen der ungeheueren Menge Krabben, die sich hier auf halten, sogenannt, legt sich fast unmittelbar der Mündung des Berbice vor. Sic ist niedrig, mit Gebüsch bedeckt und hat unge fähr eine Milc im Umfang. Nach der Zählung von 1841 zählte Neuamsterdam 3460 Einwohner, unter denen sich jedoch nur 180 Europäer befanden; die übrige Bevölkerung besteht aus Farbigen und Negern. Die Episcopalen, die schottische Kirche, die Lutheraner, Katholiken und Wesleyaner, besitzen hier Kirchen und Kapellen. Außer einer Freischule bestehen 8 Privatlehranstaltcn. Die Landpost und zweimal wöchentlich ein Dampfschiff vermitteln den Verkehr mit Georgetown. Am vierten Juni 1844 verließ das Schiff mit Richard die Mündung des Dcmerara und landete nach acht Wochen in England. Man kann sich keine lohnendere Aufgabe denken, als die des wissenschaftlichen Reisenden, der neue Länder aufschlicsit. Der Muth zur Uebcrwindung von Beschwerden und Gefahren, die unermüdliche Ausdauer setzen ihn dem größten Krieger gleich, aber wie viel reiner, wie viel dauernder ist sein Ruhm, den er nicht im Zerstören sucht, sondern im Fördern der Wissenschaft und der Cuitur. Jeder Tag hat in sich seinen Lohn und mit Befriedigung überschaut er am Abend die gewonnene Belehrung und die übcrstandencn Gefahren. Die lästigen Formen der Civilisation wirft der wissen schaftliche Reisende weg, aber ihrer Segnungen wird er erst recht froh und bewußt durch den Gegensatz zu den wilden Völkern, deren Gemüth durch ihren Mangel verwildert oder unentwickelt bleibt. Nicht nur ihm selbst, sondern de Zeitgenossen und der Nachwelt sind seine Forschungen ein unversiegbarer Quell der Be lehrung und Erhebung, und würde mich freuen, wenn ich den Leserit nur einen kleinen Thcil des Interesses hätte erregen können, den mir selbst die Bearbeitung dcö Schomburgk schen Reisewerks gewährt hat. Druck von Carl Horstmaun in Frankfurt a. M.In demselben Verlage erschien früher: Entwickelungsgeschichte der deutschen I alilät seit dem Reformations-Zeitalter. Eine hi Skizze von Di-. W. Stricker. 1850. 24 S. 12 kr. Folgende Werke verwandten Inhalts erschienen früh demselben Verfasser: 1) Verlag von G. Mayer in Leipzig. Die Verbreitung des deutschen Volkes über Erde. Ein Versuch in vier Büchern. 1845. XII und 1: 1 fl. 21 kr. Das Königreich beider Sicilien. Nach eignen An schauungen in den Jahren 1839, 1840 und 1844 und nach den neuesten Quellen dargcstellt. 1848. 154 S. 1 fl. 12 kr. Deutsch - russische Wechselwirkungen oder die Deutschen in Rußland und die Russen hi Deutschland. Ein geschichtlicher Versuch, mit einer Karte der westlichen Ver größerungen Rußlands. 1848. XVI und 204 S. 2 fl. 24 kr. Die Deutschen in Spanien und Portugal und den spanischen und portugiesischen Ländern von Amerika. Ein Beitrag zur Geschichte der Deutschen außer Deutschland. 1850. 324 S. 2 fl. 24 kr. 2) Verlag von I. V. Meidinger in Frankfurt a. M. Die Republik Mexico. Nach den besten und neuesten Quellen geschildert. 1847. 158 S. 36 kr. Ungarn und Siebenbürgen. 1847. 178 S. 36 kr. Ober- und Mittelitalien. Nach eigner Anschauung und den besten Quellen geschildert. 1847. 144 S. 36 kr. 3) Verlag von H. L. Bronn er in Frankfurt a. M. Germania. Archiv zur Kenntnis des deutschen Elements in allen Ländern der Erde. Drei Bände. 1847 49. 1506 S. Mit einer großen Karte der deutschen Colonien in Süd rußland. .Herabgesetzter Preis 6 fl. (Mit Originalbeiträgen von Prof. Maßmann, Dr. Clement, Arth. Schott, Dr. Gries, I. W. Wolf, Dr. Neigebaur, Lorenz Diefenbach, H. Wuttkc re.)
