Was ist Kiautschou wert? Von Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. Vortrag, gehalten in Arnsberg vor dem Wissenschaftlichen Verein“ daselbst am 8. Juni 1898. Berlin 1898. Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen).Was ist Kiautschou wert? Von Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. Vortrag, gehalten in Arnsberg vor dem Wissenschaftlichen Verein“ daselbst am 8. Juni 1898. Berlin 1898. Verlag von Dietrich Reimer (Ernst Vohsen).Um HO 31 * Was ist Kiautschou wert? Vortrag des Oberregierungsrat I)r. Michaelis*), gehalten in Arnsberg vor dem "Wissenschaftlichen Verein“ daselbst am 8. Juni 1898. Die Frage, welchen Wert die Erwerbung von Kiautschou für Deutschland habe, ist vor kurzem zum erstenmal praktisch erörtert worden, als dem Reichstag eine Forderung von fünf Millionen für die Zwecke dieser neuesten deutschen Besitzung zuging. Die Forderung der Regierung wurde im allgemeinen aut dreifache Weise begründet. Kiautschou soll erstens fester militärischer Platz, ein Stützpunkt für unsere Marine im fernsten Osten werden. Sodann wird hervorgehoben, die häufigen Angriffe gegen Leben und Eigentum unserer deutschen Missionare einen dauernden und starken Schutz erforderlich machten. Schliesslich wird die Anforderung gerechtfertigt durch den Hinweis auf den grossen, wirtschaft lichen Nutzen, den die Erwerbung eines chinesischen Hafen platzes und die Erschliessung des nordöstlichen China unserem Handel und unserer Industrie bringen werde. *) Oberregierungsrat Dr. Michaelis war in den Jahren 1885 bis 1889 als Dozent an der deutschen Schule der Rechtswissenschaften in Tokyo in Japan thätig und hat auf seiner Rückreise nach Deutschland auch China besucht.4 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. Was zunächst die militärische Bedeutung von Kiautschou betrifft, so kann ich mich kurz fassen. Der Beichstag hat mit erfreulich grosser Majorität die gesetzliche Grundlage für eine der Machtstellung des deutschen Reiches ent sprechende Ausgestaltung unserer Seekraft geschaffen, und so wie die Abgeordneten dachte und denkt die Mehrheit des deutschen Volkes. Ich glaube, dass, wenn demnächst der Tag wiederkehrt, an dem vor 10 Jahren der Kaiser zur Re gierung kam und das deutsche Volk die Rechnung des ersten Dezenniums abschliessen wird, ein jeder, dem des deutschen Reiches Herrlichkeit am Herzen liegt, den Tag rühmen wird, an dem das deutsche Volk sich freimütig zu diesem Plan seines Kaisers bekannte. Die Annahme der Marine-Vorlage wird wie ein alter Zehn-Meilenstein anzeigen, wie weit der Kaiser in den ersten zehn Jahren seiner Regierung sein Volk auf diesem Wege geführt hat. Wenn wir nun aber anerkennen, unsere Plotte nicht bloss dazu ausreichen soll, um die Küste der Nord- und Ost- See zu schützen, sondern sie Schritt halten soll mit dem überraschenden Wachstum der deutschen Interessen im Auslande bis hin zum grossen Ozean und zur Südsee, dann müssen wir feste Punkte in der Perne schaffen, wo unsere Schiffe zu Hause sind, wo sie Kohlen und Lebensmittel vor finden, wo sie Kranke ins Lazarett schicken und Ersatzmann schaften einnehmen, wo sie ins Dock gehen können, wenn sie reparaturbedürftig sind. Es unterliegt keinem Zweifel mehr, Kiautschou den Anforderungen nach dieser Richtung hin genügt. Die Bucht bildet einen sicheren Hafen, der vor Stürmen schützt, und durch Anlegung von Befestigungen wird der natürliche Schutz wirksam werden gegen wirkliche Feinde. Wenn auf den vorgelagerten Halbinseln und Inseln Forts errichtet sein weiden, dann werden die Geschütze jedem, der in feindlicher Absicht in unser kleines Deutschland in Ostasien eindringen will, ein donnerndes und schlagendes Halt“ zurufen, das beachtet werden wird von den Flaggen aller Völker.Was ist Kiautschou wert? 5 Die im erworbenen Gebiet vorhandenen reichen Kohlen lager werden die deutschen Schiffe unabhängig machen vom Einkauf auf fremden Stationen, und schliesslich wird die ge sunde Lage von Kiautschou in gemässigtem Klima, mit stets frischer Seebrise allen Erholung bringen, die in tropischen Zonen die Gesundheit gefährdeten oder wegen anderer schwerer Krankheit ein Lazarett auf dem festen Lande auf suchen müssen. Mit Recht darf also wohl angenommen werden, Kiautschou eine Marine-Station ersten Ranges werden wird. Die Verdächtigungen berufsmässiger Pessimisten werden uns in unserem Vertrauen auf die Marine-Verwaltung nicht irre machen. Was zum zweiten den Schutz der christlichen Missionen betrifft, mit welchem die Besitzergreifung von Kiautschou gerechtfertigt wurde, so haben manche gemeint, diese ideale Seite unserer Politik zu sehr betont worden sei, ins besondere als man die Besetzung von Kiautschou lediglich wie eine Pfandergreifung aufzufassen schien, um für die Er mordung der beiden Missionare Genugthuung zu verlangen und Bürgschaften dafür zu fordern, derartige Ver brechen sich nicht wiederholen. Eür die Meinung der Leute, die den Vorwurf erheben, unsere Politik sich von der Heuchelei nicht freigehalten habe, sprechen zwei Erwägungen. Zunächst hat der Staats sekretär von Bülow, als er im Reichstag Rechenschaft über die ostasiatische Politik gab, erklärt, die Besitzergreifung von Kiautschou lange vorbereitet gewesen sei. Wir hätten also Kiautschou genommen, auch wenn die beiden armen Missionare am Leben geblieben wären. Sodann haben die Chinesen sofort alles gethan, was man als Genugthuung und Bürgschaft forderte. Sie haben ein paar Leute als die Mörder hingerichtet hoffentlich waren es die richtigen , sie haben Busse gezahlt, sie haben sich verpflichtet, eine christliche Kirche zu bauen, aber Deutschland hat Kiautschou doch ruhig behalten.6 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. Wenn man sich das vergegenwärtigt, dann muss man allerdings zugeben: der traurige Fall der Ermordung der beiden Missionare ist rein politisch, d. b. kalt und berechnend betrachtet, zur richtigen Zeit passiert; er liess sich für breite Volksschichten, die für notwendige Schlussfolgerungen inter nationaler Kombination nicht zu haben sind, "fruchtbar machen, und das ist geschehen. Aber völlig falsch ist es, wenn man behauptet, der be absichtigte Schutz der gefährdeten Missionen sei ein reiner Vorwand gewesen, um das handgreifliche Vorgehen der Re gierung zu rechtfertigen, als wenn also die Missionssache der Regierung völlig gleichgiltig oder doch absolute Nebensache gewesen sei. Das ist schon aus dem Grunde ausgeschlossen, weil die Regierung für ihre kolonialen Bestrebungen die Arbeit der Missionare gar nicht entbehren kann. Diese kolonialen Bestrebungen zielen wirtschaftlich dahin, die unzivilisierten Völker fähig zu machen, zu arbeiten, die bisher garnicht oder unvollkommen gekannten Schätze aus ihrem Lande zu ziehen und sie kaufkräftig zu machen, um die ihnen neu angewöhnten Bedürfnisse aus dem Kultur- Mutterlande zu entnehmen. Die wirtschaftliche Hebung eines Heidenvolkes ist nur in dem Masse möglich, wie seine Sitten veredelt werden. Diese innere Arbeit können erfahrungsmässig nur die Boten des Christentums verrichten. Die Kaufleute, welche man wohl auch als Pioniere der Kultur bezeichnet, werden stets die Schwächen und Laster der Heiden, namentlich den Trunk, benutzen, um ein Geschäft zu machen, und die Gewehre unserer Landungstruppen können wohl wütende Ka- naken oder Chinesen in die Flucht schlagen, sie in Furcht und äusserem Gehorsam halten, aber sittlich heben können sie sie nicht. Die Leute, welche der Missionsarbeit unter den Heiden gleichgiltig, wohl gar verächtlich oder feindlich gegenüber stehen, kennen ja ihre grossartigen Leistungen auf wirtschaft lichem Gebiet gar nicht. Sie glauben, so ein Missionar reise mit einem Crucifix und einer Bibel hinaus zu den Schwarzen,Was ist Kiautschou wert? 7 predige von Christus, berichte die unglaublichsten Bekehrungs geschichten nach Hause, damit die Missionsvereine hei guter Laune und Zahlungsfreudigkeit bleiben, und werde schliesslich als Märtyrer seines Glaubens totgeschlagen. Nun ich wünschte, die Leute sähen mal eine solche Missionsstation da draussen. Unsere grossen Missionsgesell schaften erziehen keine Phantasten und Schwärmer, sondern hei aller Begeisterung des Glaubens an den Stifter der heiligen Mission praktische, wirtschaftlich erfahrene Männer. Sie lehren das Land bebauen, die Bäume pflanzen, die Häuser sauber und luftig hauen und erhalten; sie zeigen, man wirtschaftlich vorwärts kommen, man reich werden kann, ohne man’s einem anderen zu rauben braucht, sie richten Schulen ein für die Kleinen und Gottesdienste für die Grossen, und beweisen durch die That, das Dorf und das Land, das seine Kniee beugt vor dem Gott der Christen und seinen heiligen Geboten, auch äusserlich gesegnet wird. Sollen die 60 000 Chinesen der Provinz Schantung, die wir annektiert haben, tüchtige Mitarbeiter werden, dann müssen sie deutscher, d. h. christlicher Sitte gewonnen werden, und das kann nur durch ihre Missionierung geschehen. Darum hat der Kaiser mit dem Missionshischof Anzer verhandelt und seinen Kat geholt, darum hat er auf das Programm von Kiautschou geschrieben, Deutschland nicht bloss seine Kriegsflagge zeige, sondern es für seine heilige Pflicht halte, die Mission zu schützen und zu stärken. Es handelt sich also nicht um eine scheinheilige Bemäntelung, sondern der Schutz der Mission ist ein wichtiger Zweck bei unserem Vorgehen in Ostasien. Die Verwertung der Missionsarbeit für die wirtschaft liche Hebung unserer neuesten aussereuropäischen Besitzung führt uns zum dritten und hauptsächlichsten Punkt unserer Erörterung: welchen Nutzen wird Kiautschou dem deutschen Handel, der deutschen Industrie, überhaupt der deutschen Volkswirtschaft bringen?8 Dr. Michaelis, Oberregierung srat. Es ist klar, Kiautscliou anders zu bewerten ist, als unsere tropischen Erwerbungen. Beim Damara- und Gross-Nama-Land, bei Deutsch-Ostafrika und unseren Be sitzungen in der Südsee hängt der Wert der Kolonie davon ab, ob die im Grund und Boden steckende tropische Frucht barkeit die Ausbeutung durch deutsche Unternehmer lohnt, ob namentlich die grossen Kolonial-Produkte der Tropen^ die wichtigsten Volksgenussmittel, Tabak, Kaffee und Ge würze ergiebig wachsen. Hier kommt’s also darauf an, aus dem Bande selbst unmittelbar AVerte gezogen werden, welche im Laufe der Jahre die Anlage- und Unterhaltungs kosten der Kolonie und die engeren Produktionskosten über steigen. Die sonstigen A r orteile kolonialen Besitzes: die Ver mehrung der Ausfuhr heimischer Industrieprodukte, die Erweiterung unserer Handelsflotte, die Ablenkung über schüssiger Bevölkerung sind, so hoch sie anzuschlagen sind, nicht ausschlaggebend, wenn wir uns fragen: welchen Wert hat die und die tropische Kolonie für uns? Wenn auf die Dauer in solch einem Lande nichts zu holen ist, dann hat es eben keinen Wert für uns, dann muss es aufgegeben werden. Schon die Grösse unserer Besitzung in Ostasien zeigt, es sich hier nicht um eine Kolonie im bisherigen Sinne handelt. Ist doch eine unserer kleinsten bisherigen Kolonien. Kaiser-Wilhelms-Land auf Neu-Guinea, doppelt so gross, als die Königreiche Bayern und Sachsen zusammen genommen, und Deutsch-Ostafrika ist doppelt so gross als ganz Deutsch land. Kiautscliou dagegen, mit seinen 30 40 Quadrat-Meilen hat ungefähr die Grösse vom Fürstentum Beuss älterer Linie. Besonders fruchtbar soll das Land nicht sein; vielleicht gedeiht dort noch der Keis. Und diese landwirtschaftliche Fruchtbarkeit wird bereits genutzt; die Landwirtschaft wird dort, wie in allen Tiefebenen von China, blühen. Sie wird höchstens durch Verwertung unserer wissenschaftlichen Er- fahiungen gehoben werden können. Aber Platz für deutscheWas ist Kiautschou wert? 9 Ansiedler, die Ackerbau treiben wollen, wird kaum sein. Grund und Boden ist in festem Eigentum, er kann nicht okkupiert, er muss gekauft werden, und wird jetzt einen seinen landwirtschaftlichen Wert vielleicht übersteigenden Preis erhalten. Das einzige gegenwärtige Wert-Objekt wären also ein paar Tausend Steuerzahler, deren kümmerliche Taels nicht ausreichen würden, die Kosten der Steuerveranlagung und der fruchtlosen Exekutionen zu decken. Kiautschou soll aber auch ganz etwas anderes werden, als eine Kolonie, deren Produkte dem Mutterlande direkt zu Gute kommen. Es soll im wesentlichen zweierlei werden: nämlich in erster Linie eine Centralstelle deutschen Unter nehmungsgeistes, deutscher Intelligenz und deutschen Kapitals in Ostasien und in zweiter Linie ein freier Handelsplatz unter dem Schutze deutschen Rechts und deutscher Kanonen, wo in ungehindertem Wettbewerb der Kaufleute aller Nationen Deutschland einen Waaren- und Geldmarkt er öffnen wird, auf dem die Produkte von China, Japan und Korea werden ausgetauscht werden gegen die Erzeugnisse der westlichen civilisierten Welt und von Amerika. Wir Deutschen, die wir in Ostasien Jahre lang gelebt und die wunderbare Entwickelung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse an Ort und Stelle beobachtet haben, wir haben wohl alle eine begeisterte Freude über das neueste Vorgehen der deutschen Regierung am chinesischen Meere gehabt. Wenn Deutschland jetzt nicht Zugriff, dann war’s aus mit dem direkten Einfluss auf Ostasiens wirtschaft liche Entwickelung, und die wird die alte Welt in ihren Fugen wackeln machen, wie einst die Erschliessung von Amerika. Die beiden alten Kulturländer Ostasiens hatten sich bisher gesträubt, ihr Inneres den Fremden wirtschaftlich zu erschliessen. China, der schwerfällige mongolische Riese, hält noch heute an der Absperrungs-Politik fest. Japan, das kleine Inselreich mit seiner intelligenten Mischbevölkerung,10 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. hat seit etwa 40 Jahren seinen Fehler eingesehen. In fieber haft übertriebener Thätigkeit hat es im Zeitraum eines Menschenalters nachzuholen versucht, wozu andere Staaten Jahrhunderte gebrauchten. Die Erfolge sind erstaunlich. In seinem überraschend schnellen und siegreichen Kriege gegen China hat es aller "Welt bewiesen, man auf dies Staatswesen, als auf einen modernen Kulturstaat, Rücksicht nehmen muss. Der Ehrgeiz Japans kennt nun keine Grenzen, sie wollen es dem starken monarchischen Preussen-Deutschland gleich- thun in Heer und Marine und wollen in internationaler Politik den Erfolgen Englands nachstreben und von ihrem kleinen Inselreich aus die Hegemonie über die Staaten am stillen Ozean erlangen. Hach ihrem siegreichen Kriege wollten sie sich in China und Korea festsetzen, wollten ihren Riesen-Hachbar aus seinem Jahrhunderte langen Schlaf aufrütteln, er sich, wie sie, zu einer modernen politischen Macht aufraffe, sein Land wirtschaftlich durch Eisenbahnen und Kanäle erschliesse und in Handel und Industrie in Wettbewerb trete mit Europa und Amerika, und das alles unter ihrer Führung zum Ruhm der gelben Rasse. Die Gefahr für Europa wäre gross gewesen, wenn diese selbständigen ostasiatischen Machtideen irgend welche greif bare Gestalt genommen hätten. Schon jetzt entwickelt sich in dem kleinen Japan eine Konkurrenz auf industriellem Gebiet, die sich z. ß. bis in unsere westfälische Gegend fühlbar macht. Während früher in Lüdenscheid Knöpfe, Schnallen u. s. w. für das Ausland gefertigt und bis nach Ostasien ausgeführt wurden, hat Japan jetzt die deutsche Ware völlig aus dem Felde geschlagen Die japanischen Streichhölzer führt man, wenn man aus Japan nach Deutsch land reist, bis nach Italien mit, denn überallhin versieht die japanische Fabrikation den Markt mit dieser Ware. Die Seide wird folgen. Jetzt geht die meiste Seide als Rohseide oder geringes Halbfabrikat aus dem Lande und wird inWas ist BLiautschou wert? 11 Europa, verarbeitet. Die Weberei ist zum grössten Teil noch Handweberei im Hausbetrieb. Wenn der Dampf erst hier zur Herrschaft gekommen sein wird, dann werden die geschickten, gelehrigen, geschmackvollen, billig arbeitenden Japaner die europäische Seiden-Industrie schwer schädigen. Das sind nur Beispiele, und man ist sich darüber klar, auf einem grossen Gebiet unsrer europäischen Industrie, ich möchte sagen: der altehrwürdigen, die, um in einem Volk zur vollen Entwickelung zu kommen, eine Geschichte haben muss der Eisenindustrie, der schweren Textilbranchen u.s.w., in denen wir erst jetzt mit den Engländern konkurrieren können, eine ernste Gefahr nicht besteht. Aber überall, wo Kunstfertigkeit, Geschmack, Hand geschicklichkeit und Geduld ausreichen, da wird uns Japan ein gefährlicher Nebenbuhler werden. Ich nenne die Erzeug nisse des Kunstgewerbes, die Papierfabrikate, Lacksachen, Holz-, Elfenbein-, Knochen-Schnitzereien, Schildpattwaren, Hornsachen u. s. w. Die Erachten sind ja ganz geringfügig. Wenn man sich aus Berlin eine Kiste nach Yokohama kommen lässt, dann kostet die Eracht von Berlin nach Hamburg oder Bremen fast soviel, als die Seefahrt von Hamburg oder Bremen nach Yokohama, und das ist eine Entfernung von 4000 deutschen Meilen. Die Löhne sind ja so billig, die Lebensbedingungen so einfache, wir vorläufig im Preise mit der japanischen Industrie gar nicht konkurrieren könnten. Meine Studenten in Tokyo, selbst die wohlhabenden, zahlten monatlich höchstens 6 Yen, damals ungefähr 20 Mk., für Wohnung und volle Kost, und Fabrikarbeiter verdienen nach unserm Geld 30 40 Pfennige den Tag. Nun denke man sich die Preisverwirrung, die entstehen würde, wenn ein Kiesenland wie China, dessen Einwohnerzahl auf 400 bis 500 Millionen geschätzt wird, unter Japan s Führung eine Massen-Industrie entwickelte. Es würde unendlich viel Schund gemacht werden, unendlich billig, aber auch die sorgfältig hergestellten Waren würden zu einem Preise auf den Markt geworfen werden, der auf12 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. lange Jahre eine Lähmung europäischer Werke zur Folge haben müsste. Massenhafte Existenzen würden ruiniert werden. Auf andere politische Gefahren dieser ostasiatischen Grossmachts-Ideen kann ich nicht eingehen, die Zeit ist zu kurz dazu, wir bleiben auf wirtschaftlichem Gebiet. Sicher ist, Russland, Frankreich und England die Gefahr schon lange kannten. Sie haben desshalb von jeher danach gestrebt, in China Einfluss zu gewinnen, der Riese allmählich er wache, damit er nicht beim jähen Auffahren alles zertrümmert und damit sein neu erwachtes wirtschaftliches Leben in geregelte Bahnen komme. Nun hätte beinahe das kleine Japan alles durchbrochen. Aber als es sich in China festsetzen und beginnen wollte, seinen Sieg in der oben angedeuteten Weise auszu nutzen, da griffen Russland und Frankreich dem japanischen Staatswagen in die Speichen, und Deutschland, wie man annehmen darf, dem Rate des erfahrenen früheren Gesandten in Peking, von Brandt, folgend, schloss sich ihnen an. Knirschend zog sich Japan zurück, aber gegen die drei Grossmächte konnte es nicht aufkommen. Manchem ist dieser Eingriff hart und ungerecht vor gekommen, aber er war zum Schutz der europäischen In teressen unbedingt erforderlich. Nachdem Deutschland seinen Entschluss, in die Politik Ostasiens einzugreifen, kundgegeben hatte, war es nur eine Frage der Zeit, es sich in China eine Heimstätte gründen würde. Es fragte sich nur: wo? Den Süden be herrschte Frankreich von Tonking aus; in der Mitte sind die wichtigsten Punkte, Hongkong und Shanghai, bereits in englischen Händen. Man hat an Amoy gedacht, gegenüber Formosa, zwischen Hongkong und Shanghai gelegen, aber der Handel in Amoy ist im Sinken, Formosa in japanischen Besitz übergegangen, das Klima ist ungünstig, und die Hafen- und Befestigungs-Anlagen würden unverhältnismässig hohen Aufwand erfordert haben. Da nun Nord-China in das Interessen-Gebiet Russlands fällt, blieb naturgemäss die Pro-Was ist Kiautschou wert? 13 vinz und Halbinsel Shantung. Auf die Kiautschou-Bucht und Stadt soll der jetzige Staatssekretär der Marine, Tirpitz, aufmerksam gemacht haben. Auf seine Anregung ist der Geh. Oberbaurat Franzius dorthin geschickt worden, um die Wasserverhältnisse der Bucht und die wirtschaftlichen Ver hältnisse des Landes zu untersuchen. Die technischen Untersuchungen über die Wasserverhältnisse müssen als völlig zuverlässige angesehen werden und ergehen das bereits oben angedeutete Resultat, die Bucht ein vortrefflicher Kriegs- und Handels-Hafen und Dockplatz ist. Seine all gemein wirtschaftlichen Betrachtungen tragen mehr den Charakter von Kombinationen*). Wichtiger war mir, was hierüber der beste Kenner ostasiatischer Verhältnisse, der langjährige deutsche Gesandte in Peking, der bereits er wähnte Minister von Brandt sagt. Er hat zuletzt am 26. April 1898 in Berlin vor der dortigen Abteilung der deutschen Kolonial-Gesellschaft einen Vortrag über: Fremde Mächte und Fremde in China“ gehalten, in welchem er der Zukunft von Kiautschou ein günstiges Prognostikon stellt, wenn die dortige Wirtschaftspolitik von vornherein grosse Ziele ins Auge fasst und verfolgt. Die beiden wichtigsten Vorbedingungen sind gegeben: reiche vortreffliche Kohlen- und Eisenlager. Nur 25 km vom Meere ist vorzügliche Steinkohle zu finden; sie soll vielfach zu Tage liegen. Da aber keine richtige Ausbeute und keine Verkehrsstrassen bestehen, beherrscht die japanische Kohle den Markt. In Tschifu lagert nur japanische Kohle, welche die fremden Schiffe zu kaufen gezwungen sind, und diese ist so minderwertig, wir in Japan unsere eisernen Schorn steine alle Monat reinigen mussten, während von Brandt er zählt, die chinesische Kohle sei so rein gewesen, die Schornsteine in der Gesandtschaft von Peking 14 Jahre lang nicht hätten gereinigt zu werden brauchen, obwohl in jedem Frühjahr eine Untersuchung vorgenommen worden sei. *) Franzius, Geh. Oberbaurat: Ein Ausflug nach Kiautschou.“ Verlag von Dietrich Reimer, Berlin 1898.14 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. Es müssten also sofort die Kohlen- und Eisenlager er schlossen und Eisenbahnen von Kiautschou nach den Berg werksgebieten gebaut werden. Sodann aber seien die wich tigsten Verbindungen nach dem Norden, dem Hwangho und Peking und nach Süden, dem Yangtse-Kiang, herzustellen, von Brandt hält deshalb eine Bahn Kiautschou Itschau und Kiautschou Tsinan für dringend erforderlich. Die nördliche Strecke würde Kiautschou mit der Hauptstadt verbinden, und dies wäre namentlich im Winter von besonderem Wert, da die Strasse und der Golf von Tschili vielfach nicht eis frei sind. Die Südverbindung führt in den Kaiserkanal und somit in das reiche Wirtschaftsgebiet des Yangtse-Kiang. Die ganzen dichtbevölkerten Provinzen Tschili, Schantung, Honan, Kiangsu u. s. w. können ein Handelsgebiet für deutsche Waren und Industrieprodukte werden. Vermögende Chinesen werden anfänglich aus Neugierde, sodann des gewinnbringenden Handels wegen aus dem Innern des Landes nach Kiautschou kommen und werden zunächst dort mit Staunen und Bewunderung unsere Kriegsschiffe und unsere herrlichen deutschen Handelsschiffe sehen, insbesondere die des Norddeutschen Lloyd, die den Verkehr nach Ost asien in erster Linie vermitteln. Manche von Ihnen kennen ja diese schwimmenden Paläste“. Ich bin auf Dampfern der Plaggen aller grossen Länder gefahren, aber die deutschen Passagierdampfer stehen unerreicht da. Man hat früher viel fach angeregt, eine deutsche schwimmende Ausstellung zu veranstalten, die über die ganze Erde, von Hafen zu Hafen fahren sollte, um den andern Nationen die Leistungsfähigkeit unserer Industrie möglichst eindringlich vor Augen zu führen. Seitdem wir die norddeutschen Lloyd-Schiffe haben, ist der Gedanke eigentlich in Erfüllung gegangen, denn diese Schiffe sind schwimmende Ausstellungen. Der Professor Busley*) schreibt darüber: *) C- Busley: Der Kampf um den ostasiatischen Handel.“ Ver lag von Dietrich Reimer, Berlin 1895, S. 33 ff.Was ist Kiautschou wert? 15 Kann es nun wohl ein besseres Zeugnis für die Schöpfungskraft unsrer heutigen Gewerbe geben, als einen riesig grossen, auf einer vaterländischen Werft erbauten Postdampfer? Derselbe zeigt nicht nur, sich der Schiffbau, der Maschinenbau und die Elektro technik in Deutschland auf der Höhe der Zeit befinden, sondern es führt auch den Beschauern in der Ein richtung und Ausstattung seiner Kammern und Säle die Entwickelung der verschiedenen Kunstgewerbe vor. Sie können dort geschmackvoll ausgeführte Metall-, Holz-, Stoff-, Porzellan- und Glas-Arbeiten bewundern, können sich erfreuen an geschickt ersonnenen Dekorationen und harmonisch abgestimmten Interieurs. Pichtet sich der Sinn der Besucher mehr auf das Praktische, als auf das Künstlerische, so findet auch diese Richtung reichliche Befriedigung in der Be sichtigung der sauberen und praktischen Küchen-Anlagen, der Dampfkoch- und Dampfbad-Apparate, sowie der Kaltluftanlagen, Eismaschinen, Bäder u. dergl. m. Eine bessere Empfehlung für alle Zweige der deutschen In dustrie, wie sie in einem festgefügten, mit wohlgefälligen Formen und gutgehaltenem Aeussern die besten See eigenschaften vereinigenden stolzen Dampfer verkörpert sind, lässt sich gar nicht denken. Wenn nun noch ein solches Schiff mit seinen eleganten Linien eine Riesen grösse umschliesst, wie die neusten grossen Dampfer des norddeutschen Lloyd, so lässt sich das Aufsehen begreifen, das sie bei ihrem ersten Auftreten im Aus lande überall hervorriefen. Jedesmal haben Tausende von Menschen stundenlang auf ihre Ankunft gewartet, und jedesmal mussten sie während der Tage ihres Aufenthalts im Hafen eine wahre Völkerwanderung von Besuchern über sich ergehen lassen.“ Dies schwimmende Deutschland kommt aber nur jeden Monat einmal nach Ostasien, und da liegt der Gedanke nahe, wir eine ständige Stätte dort haben müssen, eine glän-16 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. zende Stätte deutschen Wohlstandes, deutschen Kulturlebens, und die soll eben Kiautschou werden. Da könnte nun zunächst auch dem grössten Optimisten Angst werden, wenn er den Bericht des Geheimrat Franzius liest. Naturschönheiten sind nicht zu finden. Die Küste ist flach; man kann nicht aus dem Bote Land steigen, ohne nasse Fiisse zu bekommen; von Vegetation und von mensch licher Kultur ist an der Landungsstelle wenig zu spüren. Das wellige Terrain zwischen dem Meeresufer und den weiter landeinwärts befindlichen Höhen besteht aus verwittertem Gneis und ist sandig. Die Stadt, eine Meile vom Strande gelegen, ist eine schmutzige Lehmstadt, von etwa 30 000 bis 50 000 Einwohnern, ohne jeden Beiz, als den der chinesischen Eigenart. Und so tröstete sich Franzius als guter Patriot bei seiner Landung damit, sein Auge sich an der wunder vollen Farbenpracht erlaben konnte, in der die rotgrauen Berge und das bald tiefblau, bald grün erglänzende Wasser sich zeigten. Man kann sich denken, mit welchem Behagen Bebel diese ersten authentischen Schilderungen gelesen haben mag. Denn nun konnte er doch im Reichstage mit einem gewaltigen Schein von Recht von dem Drecknest Kiautschou“ sprechen, das auf deutsch Leimstadt“ heisse, und konnte den billigen Witz von dem Leim machen, auf den Deutschland ge krochen sei. Nun, die Schmähungen über die Aussichtslosigkeit des Unternehmens und das weggeworfene Geld sind an der Hand der Thatsachen in völlig analogen Fällen leicht zu wider legen. Es kommt bloss darauf an, wir von den Vor bildern lernen, und deren giebt’s zwei mit frappanter Aehn- lichkeit. Shanghai war 1846 ein versumpfter, zu Spottpreisen verkaufter Platz und ist heute eine Stadt von Palästen. Hongkong, mit seinen 260 000 Einwohnern, war ein Fieber nest mit höchstens 2000 Einwohnern, als es die Engländer 1841 in Besitz nahmen, und noch im Jahre 1854 wurde es in englischen Zeitungen für the most filthy, disgusting colony,Was ist Kiautsehou wert? 17 2 für die schmutzigste, ekelhafteste Kolonie des britischen Reichs erklärt. Der Earl Grey, der von 1846 bis 1852 englischer Kolonialminister war, sagt kurz nach seinem Ab gang in seinem Buch über Kolonialpolitik, wenn man be denke, Hongkong soviel koste, so müsse man wünschen es wäre gar nicht genommen worden. Auf Hongkong vorbildlich für Kiautsehou in klarer wissenschaftlicher "Weise hingewiesen zu haben, ist das Ver dienst des Professors der National-Oekonomie an der Uni versität Marburg Dr. Rathgen. Seiner Schrift*) entnehme ich die statistischen Daten und sonstige Hinweisungen. Hongkong war eine kahle öde Insel, mit schlechtem Klima, ein Fiebernest. Im Jahre 1843 starben von der europäischen Garnison von 1526 Mann 440, also über ein Viertel der Mannschaften. In den Jahren 1847 1850 be wegte sich die Sterblichkeitszilfer zwischen 4 und 23 Prozent. Von der Civilbevölkerung der Europäer starben durchschnitt lich 8 Prozent. Jetzt sterben 2 Prozent. Anfangs war Hongkong ein Schlupfwinkel zusammen gelaufenen Gesindels. 1866 wurden noch 434 Personen wegen Strassenraub, Seeraub und Mord verurteilt; nach 11 Jahren nur noch 32, trotz der Zunahme der Bevölkerung. Und wie entzückend schön ist Hongkong im Laufe der Jahre geworden. Wir kamen im August 1889 von Nagasaki, dem südlichsten Hafen Japans, um die Mittagsstunde bei herrlichem Wetter in Hongkong an. Das Festland und die vielen Inseln dieses Teils der ostasiatischen Küste steigen in kahlen, unwirtlichen bräunlichen Felsen aus dem Meere empor; nur die eine Insel zeigt freundlichen, grünen Schimmer, denn die Hänge sind mit Wäldern bedeckt, die unermüd licher Fleiss dort heimisch gemacht hat, trotz der Taifun- Stürme und sündfiutartiger Regengüsse. Den Hafen umrahmen dicht gedrängt die weissen Häuser der Geschäftsstadt, gegen Stürme und Sonnenglut aus schweren *) Hongkong“ ia den Preussischen Jahrbüchern“ April 1898 S. 28 42.18 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. Steinen errichtet. Die Strassen haben schattige Bogengänge vor den Häusern, unter denen die geschäftigen Leute weisser, gelber, schwarzer und brauner Rasse sich in buntem Ge tümmel hin und her bewegen. Ueber der Geschäftsstadt geht’s in Terrassen in die Anhöhen hinauf; die Häuser stehen weitläufiger, entzückende Villen, halb versteckt in Palmengärten, hie und da eine Kirche mit zierlichem Turm, saubere Kieswege, glänzende Rasenflächen, ein Bild fried licher Kultur und geschmackvoller Eleganz. Dahinter steigt das Gebirge steil an, aber mit einer Drahtseilbahn kann man bis auf die Höhe hinauffahren. Dort oben haben nun in herrlicher Kühle die reichsten Kauf leute die Wohnhäuser für ihre Familien gebaut. Vielfach mussten sie, um Raum zu gewinnen, den Felsen sprengen, aber Kosten und Mühe sind reichlich belohnt, denn der Blick von dort oben über die Stadt und den Hafen hinaus in die unendliche See ist mit das Schönste was auf Gottes weiter Welt rings um zu sehen ist. In den Strassen der Stadt drängen sich die An gehörigen aller Völker des Ostens, indische Parsis und portugiesische Mischlinge aus Makao, die als Kommis, als Subalternbeamte und Schreiber ihr Brot verdienen, indische und malaiische Seeleute. An den Ecken stehen Sikh’s als Schutzleute, prächtige Gestalten mit braunen Gesichtern und melancholischem Blick unter dem grossen roten Turban. Die Masse des Volks aber sind Chinesen, grosse Kaufleute in seidenen Gewändern, Hausierer, Handwerker, Sänftenträger und Polizisten. Ueber allen aber thront als Wesen höherer Ordnung der Weisse. Unter den 260 000 Einwohnern Hongkongs sind nur etwa 12 000 Vicht-Chinesen.“ *) Hongkong ist ein militärischer Platz mit mächtigen Batterien, grossen Kasernen und Magazinen; aber die Kanonen dienen in erster Linie dem Schutz des Handels. Hier laufen ! ) Rathgen S. 35 cit.Was ist Kiautschou wert? 19 die Dampferlinien von Hamburg und Bremen, Triest und Genua, Marseille und London, von San Franzisco und Japan, von den Philippinen und Australien zusammen, und die Schiffe, die im Jahre 1895 hier ein- und ausliefen, hatten einen Gehalt von 15 Millionen Tonnen, 3 Millionen Tonnen mehr, als der Seeverkehr Hamburgs im gleichen Jahre. Vielfach laufen Schiffe und Waren nur durch; aber Hongkong ist doch im Laufe der Jahre der grösste Stapelplatz, der Vermittelungs- und Umschlagsort für China, namentlich für Süd-China geworden. Rathgen rechnet, 45 Prozent der Einfuhr nach China in Hongkong ausgeladen wird, und 41 Prozent der Ausfuhr aus China in Hong kong zur Verschiffung kommt. Die Reichtümer, die durch den Handel in Hongkong erworben werden, sind ja nicht kontrollierbar. Wer berechnet die Summe, die europäische und amerikanische Industrielle und Kaufleute an der Hongkong-Ein- und Ausfuhr ver dienten, die auf jährlich 900 Millionen Mark geschätzt wird? Aber auch in Hongkong selbst werden die Reich tümer grösser. Die Depositen bei den europäischen Banken wuchsen in den 10 Jahren von 1879 bis 1889 von 7 auf 24 Millionen Dollars, und der Marktwert der Aktien der in Hongkong eingetragenen Gesellschaften in gleichem Zeitraum von 39 auf 64 Millionen Dollars. Und neben diesen Zahlen giebt die Behäbigkeit des täglichen Lebens, geben die prächtig ausgestatteten Clubs, das Theater, die Bibliothek, das ethno graphische Museum Zeugnis davon, in Hongkong viel Geld verdient wird. Dabei trägt die Kolonie die Kosten ihrer Verwaltung im Betrage von l 3 4 Millionen Dollars selbst und steuert zu den dem britischen Reiche erwachsenden Militärausgaben im Betrage von 700 000 Dollars noch 130 000 Dollars bei. Was hat nun Hongkong gross und reich gemacht? Können wir das in Kiautschou auch erreichen? Leute, die die Verhältnisse in Ostasien kennen, stimmen in ihrem Urteil überein. Hongkong ist Hongkong geworden durch 2 *20 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. die geschickte Politik und die Tüchtigkeit der Engländer. Gewiss hat Hongkong eine glückliche Lage an der Siidost- Ecke Chinas, vor dem grossen Canton-Strom. Aber, unter Chinesischer Herrschaft wäre es geblieben, was es war, eine nackte Eelseninsel, auf der ein Paar Fischer und Bauern ihr Leben fristeten, in deren tiefzerrissenen Buchten Schmuggler und Seeräuber sich verbargen. Die Engländer haben sich gesagt, Hongkong nur durch den Handel reich werden kann und deshalb kann’s bloss eine Handelspolitik für Hongkong geben, die des absoluten Freihandels: Freiheit des Warenverkehrs, ohne Unterschied des Ursprungs der Waren, Freiheit der Nieder lassung ohne Unterschied der Nationalität. Hafenzölle, grössere Schiffahrts-Ahgahen würden den Handel lähmen, ohne irgend einem europäischen Interesse zu nützen. Sie würden zwar bare Einnahmen schaffen, aber diese würden verschwindend klein sein gegen den durch die Verkehrs beschränkungen verminderten Gewinn. Wirksam kann diese Politik des Freihandels nur werden, wenn durch ausgedehnten Rechtsschutz die Sicherheit von Person und Eigentum gewährleistet wird. Deshalb halten die Engländer eine starke Garnison, und schnelle Kriegs schiffe, deshalb sorgen sie für rechtskundige und unbefangene Richter, schnelle und wirksame Strafvollstreckung und eine tüchtige Polizei. Die Chinesen entfliehen massenhaft der Mandarinen- Wirtschaft, der Willkür, der Erpressung, der Chikanirung des Handels und stellen vertrauensvoll ihre Person und ihr Eigentum unter englischen Schutz. Lehrreich ist für uns, zu sehen, wie die Engländer das Finanzwesen der Kolonie so ordnen, sie vom Mutter lande nicht nur keinen Zuschuss benötigen, sondern sie auch, wie oben erwähnt, einen ganz erheblichen Beitrag zu den Militärausgaben, die naturgemäss in erster Linie dem Mutterlande obliegen, leisten konnten. Die Gesamtausgabe von Hongkong betrug 1889 ( neuereWas ist. Kiautschou wert? 21 Zahlen standen Professor Ratligen nicht zur Verfügung ) 1 835 700 Dollars. (Der Dollar ist in Ostasien der mexi kanische Dollar“ und kann in damaliger Zeit auf rund 1 Taler gerechnet werden.) Die wichtigsten Posten im Aus gabe-Etat sind (abgerundet): für Verwaltungsbehörden, einschl. Pensionen 230 000 Dollars Po st-Amt 163 000 Unterricht 54 000 Gesundheitswesen 113 500 Rechtspflege, Polizei, Gefängnisse . . 371 000 Oeffentliche Arbeiten 500 000 Zur Verzinsung der Schuld .... 95 000 Die Einnahmen balanciren mit den Ausgaben, ja man hat noch im Laufe der Jahre beträchtliche Ersparnisse ge macht, die für ausserordentliche öffentliche, namentlich Bau zwecke verwendet worden sind. Die Einahmen fliessen aus: der Postverwaltung aus Gebühren, Geldstrafen .... aus Gewinn an Scheidemünzen . Verpachtung der Abfuhr und aus Steuern. Es giebt eine Stempel steuer, die im Jahre 1889 brachte ohne den Handel zu beschränken und Licenz-Abgaben von Kleinhandel mit Opium, Branntwein und vom Pfandleih gewerbe, die mit rund zu Buch stehen. Die Gebäudesteuer ist sehr hoch und steigt in der Stadt Victoria, dem eigentlichen Stadtteil der Kolonie auf 13 V des Jahres- bruttowerts des Hauseigentums. Sie brachte 1889 142 000 Dollars 190 000 68 200 20 000 213 000 500 000 375 000 Eigenartig ist schliesslich die Grundsteuer. In englischen Kolonien ist es von jeher geltendes Recht gewesen, aller Grund und Boden, der bei Erwerb der Kolonie sich22 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. nicht nachweislich in Privateigentum befindet, Staatseigen tum crown-land wird. Diese Länder können dann verkauft werden und eine namhafte, dauernde Einnahme- Quelle für eine allmählich aufblühende, sich vergrössernde Kolonie werden. In Hongkong machte man die Sache anders. Man verkaufte das Kronland nicht zu Eigentum, sondern zur Nutzung (lease) gegen Rente. Die Rente wurde, um der Grundstücks-Spekulation vorzubeugen, seit 1851 fest gelegt, also in bestimmter Höhe gefordert. Während früher die Kauflustigen sich in Angeboten immer höherer Rente überboten, wird jetzt bei der Uebertragung des Nutzungs rechtes an einem Grundstück, das einen höheren Wert hat, als seine Rente zum Ausdruck bringt, eine Kapitalabfindung geboten und an den Staat gezahlt, eine Art Aufgeld, das in einen besonderen Fonds fliesst. Seit 1851 bis 1889 sind auf diese Weise rund 1 765 000 Dollars in den Staatssäckel geflossen, mit dem die Kosten für aussei’gewöhnliche Arbeiten bestritten worden sind. So ist Hongkong, als Stadt, als kleiner Staat, ein wohl- geordnetes, blühendes, ganz auf eigene Füsse gestelltes Gemeinwesen. Wer als Deutscher um die Erde reist, den kann die Empfindung eines gewaltigen Neidgefühls gegen England eigentlich gar nicht verlassen. Schon ist’s ein grosser Gewinn, wir jetzt auf deutschen Schiffen reisen können; aber überall, wo wir vor Anker gehen, in Aden, in Colombo, in Singapore, in Hongkong, in Shanghai, wer hat sich hier breit und hat siclrs bequem gemacht? Der Engländer. Wir haben ja eigentlich zur Zeit auf der Welt nur einen wirk lichen Gegner und Feind: das ist der Engländer. Völker kriege werden nur noch aus wirtschaftlichen Gründen geführt, und unserer wirtschaftlichen Entwickelung steht der Engländer entgegen. Wir quellen in Deutschland über, wir müssen hinaus. Ueberall, wo wir hin wollen, steht der Engländer breitbeinig und unverschämt in der Hausthtir und will uns den Weg versperren.Was ist Kiautschou wert? 23 In Kiautschou war noch eine Thür offen, wir freuen uns, wir die Klinke in der Hand haben. Aber wir müssen uns sehr ernst fragen: werden wir in der Lage sein aus Kiautschou das zu machen, was die Engländer aus Hongkong gemacht haben? Wir werden England nur be siegen, im wirtschaftlichen Wettbewerb schlagen, wenn wir von ihm lernen. Das ganze Vorgehen der Deutschen in Ostasien war schon etwas nach praktischem, englischen Muster. Hoffent lich ist die weitere Entwickelung dementsprechend. So ein alter kluger deutscher Ostasiat, wie der Geheimrat von Brandt, der mag manchmal schon etwas mit dem Kopfe schütteln. Und es ist auch für uns Deutsche charakteristisch: das Erste, was wir machen, wenn wir mit unsern Truppen ein Land besetzen, ist ein Parademarsch. Als Gouverneur ist ein höherer Marine-Offizier ernannt, dem nach Zeitungsnachrichten ein richterlicher Beamter beigegeben ist. Das wird wohl nur die vorläufige Regelung bedeuten; denn ein so hervorragender Mann der jetzige Gouverneur sein soll, so wird er schon zeitlich gar nicht in der Lage sein, all die offenen schwierigen Fragen der Organisation und Verwaltung die wirtschaft liche Erschliessung des Landes, die Regelung des Verhält nisses zu den chinesischen Behörden und zur chinesischen Bevölkerung, die Religions- und Konfessions-Fragen, die Steuerordnung, die Währungsfrage, die Regelung der Schul verhältnisse u. s. w. u. s. w. zum Heil der jungen Kolonie zu lösen. Was muss nun geschehen, damit Kiautschou nicht ein neues Sorgenkind fürDeutschlandwerde, sondern uns dauernden Nutzen bringe, wenn die Zeit zum Flüchte ziehen gekommen sein wird? Darüber werden natürlich Jahre vergehen und Manche werden ungeduldig werden. Viele Deutsche betrachten ja die Kolonieen, wie Kinder ihre Spielerei, die sich wundern und traurig werden, wenn die Bohne, die sie gestern in die Erde gesteckt haben, sich heute noch nicht hoch ranken will. Was muss das deutsche Reich selbst thun? In erster24 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. Linie alles das, was dazu dienen soll, den Hafen für die Zwecke der Kriegs- und Handelsschiffahrt brauchbar und sicher zu machen. Hierfür sind unsere Vorschläge nicht kompetent und sind überflüssig. Es muss ferner ungesäumt daran gegangen werden, die erwähnten Eisenbahnlinien zu bauen und die Kohlen- und Eisenbergwerke in Betrieb zu setzen. Hier wird es die Aufgabe der Staatsregierung sein, deutsche Kapitalisten zur Gesellschaftsbildung zu gewinnen technische Beamte (Berg-Eisenbahnbau-Beamte etc.) zu ent senden und vielleicht für die ersten Jahre eine massige Ver zinsung des in die Eisenbahnen gesteckten Kapitals zu über nehmen. Das deutsche Reich muss ferner einen im internationalen kaufmännischen, im diplomatischen Verkehr, im Ver- waltungs- und Völkerrecht erfahrenen und bewährten Be amten, etwa einen General-Konsul, als Zivilgouverneur selbst ständig neben den Militärgouverneur setzen und ihm von Reichs wegen weitgehenden Kredit und die erforderlichen staatlichen Hilfsbeamten geben. Auf die Schaffung dieser allgemeinen Vorbedingungen der Entwickelung muss sich aber die Thätigkeit des Staats beschränken. Im übrigen muss freie Bahn gelassen werden für selbständige Ausgestaltung, für weitgehende Selbstver waltung. An der Spitze dieser Selbstverwaltung muss natur- gemäss der Zivilgouverneur stehen; dem deutschen Reich bleibt der erforderliche Einfluss auf die Entwickelung der Kolonie dadurch gesichert, das Haupt der Selbstver waltung zugleich der Träger des Reichsamts ist. Wie falsch es ist, werdende Verhältnisse bureaukratisch regieren zu wollen, mag ein Beispiel zeigen. Als Japan den Fremden geöffnet wurde, wurde der Ort Kanagawa den Fremden zugewiesen und als Ort der Entwickelung des fremden Handels bestimmt. Der englische Konsul führte, als ich in Japan war, den offiziellen Titel: Konsul von Kana gawa. Nach kurzer Zeit zog sich aber der Verkehr nach Yokohama, das nur ein kleines Fischerdorf, ein paar Kilo-Was ist Kiautschou wert? 25 meter von Kanagawa entfernt, war. Alle Behörden mussten folgen. Regierungsgebäude, Zollräume wurden dorthin ver legt. Yokohama mag jetzt 100 000 Einwohner haben und ist in aller Welt bekannt; Kanagawa ist vergessen. Die bureaukratische Anordnung wurde durch die Ereignisse mit stillschweigender Verachtung übergangen. Wir können also viel Geld sparen, wenn wir nicht gleich einen steinernen Zentralbahnhof Kiautschou, einen massiven Gouverneur-Palast u. s. w. bauen; vielleicht müsste bald um gezogen werden. Hat sich aber für den Einsichtigen gezeigt, wo die richtige Stelle ist, dann wird’s nötig sein, weitsichtig und energisch und ohne Knauserei an die Arbeit zu gehen, das Strassennetz in grossem Stile festzulegen, Kanalisation und Bewässerung, elektrische Beleuchtung und Strassenbalm vorzusehen, die nächsten Landstrassen auszuhauen, die Um gegend dem Auge freundlich zu gestalten durch Anpflanzungen, für Schule, Kirche und Krankenhaus zu sorgen, den Sicher heitsdienst zu organisieren aber alles unter Mitarbeit der Deutschen und anderer Europäer und der Chinesen die als wirtschaftlich leistungsfähige Personen dort ihr Heim im Vertrauen auf deutsche Macht und deutsche Gerechtigkeit aufschlagen. Die Mittel hierfür müssen anfangs durch Anleihe be schafft werden. Das deutsche Reich muss der Kolonie Kredit gewähren, und deutsche Kapitalisten müssen Kiautschou- Pfandbriefe kaufen. Aber von vornherein muss darauf gesehen werden, eigene Einnahmequellen zu schaffen. Der Verkauf staatlichen Grund und Bodens, die Steuern vom Handel mit Spirituosen u. a. Gewerben u. s. w., alles kann hier, wie Hongkong, mutatis mutandis, verwertet werden. Sehr empfehlen würde es sich, eine Staatsbrauerei einzurichten und ihr ein Brau- Monopol zu gehen. Der Preis des Bieres müsste so be messen werden, er etwas unter dem Preise des deutschen Import-Bieres bliebe, dann brauchte der Import garnicht verboten, also keine lästige Kontrolle eingeführt zu werden;26 Dr. Michaelis, Oberregierungsrat. das Kiautscliou-Bier würde alles aus dem Felde schlagen und eine erhebliche Einnahme erzielen, die für allgemeine Zwecke verwertet werden könnte. Ebenso könnte man das Elektrizitätswerk und die Strassen- bahn kommunalisieren und auf diese Weise der Gemeinde grosse Einnahme-Quellen für alle Zeiten sichern. Das klingt sehr nach Zukunftsmusik, und manche schütteln ungläubig den Kopf. Die Sache hat aber sehr viel Wahrscheinlichkeit für sich. Ein gewisser Verkehr muss sich in Kiautschou immer entwickeln, selbst wenn der Ge danke an Erschliessung des nordöstlichen China und Lenkung der Handelszüge dorthin und dorther über Kiautschou eitel Phantasterei wäre. Denn wenn die Kohlen dort gefördert werden, müssen die Schiffe hier anlegen, ganz abgesehen von dem Marine-Verkehr. Wo Schiffe einlaufen, um Kohlen ein zunehmen und eventl. ins Dock zu gehen, da muss ein Warenumtausch stattfinden und zwar nicht nach ein paar Hunderten von Mark, sondern nach Millionen. Erwachsen doch z. B. dem Norddeutschen Lloyd“ aus einer einzigen Fahrt eines seiner Dampfer von der Bremen-Klasse“ von Bremerhafen nach Shanghai etwa 800 000 M. Unkosten. Davon würde ein erheblicher Betrag der Endstation Kiautschou in die Tasche fliessen. Es ist aber auch mit einer an Gewissheit grenzenden Wahrscheinlichkeit zu behaupten, sich in Kiautschou ein lebhafter Handel nach und aus dem Innern von Nordost- China entwickeln wird. Die Intelligenz und der Unter nehmungsgeist unserer Kaufleute werden sich mit der Findig keit und der Energie der Chinesen die Hand reichen, und die in der Natur des Landes gegebenen Verhältnisse werden Leute und Waren beweglich machen. Schon jetzt (1895) exportierte*) das verschlossene China *) von Brandt, China in ethischer Beziehung, Berlin 1897. Verlag vcn Dietrich Reimer. S. 73 ff.Was ist Kiautschau wert? 27 für 200 Millionen Mark 77 6 77 77 77 35 77 77 77 5 V, 77 77 77 7 77 77 77 5 77 77 77 IV. 77 77 77 67, 77 77 Seide, Porzellan, Baumwolle, Tabak, Feuerwerkskörper, Matten und andere Strohgeflechte, Glaswaren, Zucker, das sind 266 Millionen Mark Waren. An diesem Handel, der ins unendliche zu steigern ist, wenn das Innere Chinas erschlossen -wird, ist die nordöstliche Ecke von China bisher wenig oder gar nicht beteiligt. Es soll die Aufgabe Deutschlands in Kiautschou sein, dies innere Gebiet an den Handelswelt-Verkehr anzuschliessen. Wir wollen dem jungen deutschen Unternehmen unsere herzlichsten Sympathien entgegenbringen und Deutschland zur Zehnjahrs-Eeier seines Kaisers wünschen, es an seinem jüngsten Kinde grosse Freude habe. Trowitzsch & Sohn, Berlin SW., Wilhelinstr. 29.itiÜi
