KÖNIGLICHE BIBLIOTHEK IN BERLIN VERMÄCHTNIS DES DR. PHIL. RICHARD BÖTTCHER 11909 Ergebenst überreicht vom Verfasser. Kiautschou : seine Weltstellung und voraussichtliche Bedeutung. Von Jerdinand Ireisterr von Wichtstofen. 26. Dezember 1897. Berlin. Verlag von Georg Stilke. Kiautschou : seine Weltstellung und voraussichtliche Bedeutung. Von Jerdinand Areiherr von MchLhofen. 26. vezenrber 1897. Werlin. Verlag von Georg Stille.Ex k Berülinenfi^ Sondcr-Abdruck aus den Preußischen Jahrbüchern".1 * -^^ochbegünstigi unter den Ländern der Erde ist das Monsungebiet des südöstlichen Asien. Weithin wird es im Sommer, wenn die Vegetation der Feuchtigkeit bedarf, von den regenbringenden Mecres- winden übcrströmt. Sie benetzen das Land bis zu den höchsten Kämmen der Gebirge und füllen die Ströme. Wenn dann im Winter die Landwinde Trocken heit bringen, oder Regen spärlicher niedersallen, kann dort, wo die Wärme für neue Ernten hinreicht, das immer noch reichlich fließende oder in Becken ausgespeicherte Wasser zur Berieselung neuer Aussaat verwendet werden, während in höheren Breiten mit der Vegetation der Feld bau ruht. Ein -rheil dieser gesegneten Festlandsslächen ist nach Süd gewendet, gegen den indischen Szean. Dort ist einer der Schauplätze größter natür licher Verdichtung der Bevölkerung, d. h. derjenigen Ansammlung von Menschen, welche allein aus der Eigenproduktion des BodenS beruht. Nie mals, selbst nicht in der Zeit der Großmoguln, hat hier ein umfassendes einheitliches Reich bestanden, bis die britische Macht das Indische Reich schuf. Sie hat durch Herbeiführung friedlich geordneter Verhältnisse, durch Steigerung der Produktion mittelst der in Europa entstandenen Methoden der Bewirthschastung und durch Einführung ausgezeichneter Verkehrsmittel zu hoher Blüthe gebracht. Die Bevölkerung ist zu nie dagewesener Höhe angcwachsen. Ein anderer Thcil schaut nach Ost, gegen den Großen Ozean. Die verzweigten Abslußspsteme seiner Riesenströme wurzeln im fernen Tibet. Hier besteht seit Jahrtausenden einheitlich zusammengefügt das große Chinesische Reich, der zweite Schauplatz größter Verdichtung der Menschheit. Sie hat sich hier unabhängig von europäischen Einflüssen in einem noch höheren Maß als in Indien vollzogen Trotz wechselnder Geschicke ist von einem Punkt aus das Riesenreich verwaltet worden, welches das ganze östliche4 Asien in seinen Bann zog, wenn auch manche Gebiete, wie Tibet, Siam und Korea, stets nur in dem Verhältnis; von Vasallenstaaten gestanden haben. Das vorgelagerte Japan allein hat zu allen Zeiten seine Unab hängigkeit bewahrt, und die Inselwelt im Süden von Formosa hat nie unter der Botmäßigkeit von China gestanden. Zwischen die indische und die chinesische Welt lagert sich trennend das aus Tibet sich abzweigende Gebirgsland von Hinterindien, aus dem in der Halbinsel Malakka ein Sporn sich fast bis zum Acquator vorschiebt, dadurch die Scheidung noch wirksamer gestaltend. Auch hier münden Riesenströmc, jeder im Flachland seines Unterlaufes ein Schauplatz hoher Kultur, die sich an eine natürliche Verdichtung der Bevölkerung knüpft. Schwer zu überschreiten von Ost nach West, trennt das Gebirgsland in der ganzen Strecke von Tibet bis Singapur die südwärts gerichtete indische Einflußsphäre in weiterem Sinn von der ostwärts gerichteten chinesischen, .wenn auch zeitweilig die letztere zu Lande und die erstere zur See einen Uebergriff gewonnen hat. Zurück in das Altcrthum reicht die Kenntnis; von Indien. Bewußte Handelsbeziehungen haben von hier nach Vorderasicn und den Mittelmeer ländern bestanden. Hoch war der Ruf der reichen gesegneten Rinder, ihrer kostbaren Produkte und ihrer üppigen Fürstensitze. Wiederholt lockte der Reichthum Eroberer an, von den alten arischen Wanderungen und den Zügen Alexanders des Großen an bis zu der Zeit, als die Portugiesen sich an den Küsten fcstsetzten, und unter den ihnen folgenden Mächten die Engländer nach und nach die Herrschaft gewannen. Spät wird die pazifische Seite Asiens in Europa bekannt. Zerstreute Berichte brachten unbestimmte Kunde. Auf weiten Landwegen kam von dort nach dem Römischen Reich die Seide. Aber die Legende umwob ihr Ursprungsland. Es begann erst zu tagen, als die Portugiesen im Jahr 1517 in China landeten. Aber in den seither verflossenen nahezu vier Jahrhunderten sind dort, in scharfem Gegensatz zu Indien, die europäischen Handelsvölker nur als Gäste ausgetreten, bis Frankreich in neuester Zeit von dem östlichen Hinterindien Besitz ergriff und nur einem Bruchthcil des alten Königreichs Siam noch seine Selbständigkeit ließ. Das mächtige Chinesische Reich verschlo ß sich den Fremden; und wenn es bereit war, den als schuldigen Tribut betrachteten Gewinn zu empfangen, den sie durch den Handel zu bringen vermochten, so öffnete ihnen nur ein entlegenes Eingangsthor. Ein solches bestand zu Lande an der fernen Westgrenzc gegen Zentralasien, ein anderes zur Lee. In der römischen Zeit lag es aller Wahrscheinlichkeit nach in Tongking. Dann wurde um 700 n. Chr. nach Canton verlegt. Rach beiden Orten konnten die einheimischen Güterauf Rinnenwegen, fast ausschließlich zu Wasser, gebracht werden. Als im achten Jahrhundert die Araber auf eigenen Schiffen erschienen, waren erst auf Lautem beschränkt; doch ivurde ihnen in dieser Periode hohen inneren Aufschwunges auch ein Hafen in der Nähe der Mündung des Iangtszekiang, in Kanpu, nahe von Hangtschaufu, eröffnet. Aber der chinesische Geist lehnte sich gegen dieses Eindringen auf, und im Jahr 878 wurden die ansässigen Araber und alle mit ihnen gekommenen Fremden getödtet und ihre Faktoreien zerstört. Die Händler des Westens verließen hinfort die ungastlichen Gestade von China. Als nach weiteren sechs Jahrhunderten die Portugiesen erschienen, waren sie ebenfalls zuerst aus die Mündung des Canton-Fluffes angewiesen, wo es ihnen nach einiger Zeit gestattet wurde, in Maeao gegen Zahlung einer Grundrente Faktoreien anzulegen. Auch sie erkannten die Wichtigkeit der Mündungen des Iangtszekiang und erzwangen sich die Niederlassung in dem nahe davon gelegenen Ningpo. Durch den lebhaften eigenen See verkehr dieser Stadt wurden sie auch mit Japan bekannt. Aber nicht lange duldete man im Norden. Von 1545 an blieb wieder Canton die einzige Pforte, zu deren Schwelle die Fremden zugelassen wurden. Vergeblich verlangten Spanier, Holländer und Engländer iveiteren Einlaß. Canton erblühte. Hierher strebten alle für den Export bestimmten Maaren, und von hier wurden sie durch das Reich vertheilt. Es bildete sich daher durch das weite Innere ein System von Handelswegen aus, welche dorthin konvergirten. An .Knotenpunkten der binnenländischen Linien erwuchsen Brennpunkte, welche, wie Hsiangtan in der Provinz Hunan, mit der Rolle des Sammelns und Vertheilens der Güter zugleich eine wichtige Stellung im Bankwesen erlangten. Dieser Zustand erhielt sich fort bis gegen die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts. Zur Uebersicht der weiteren Entwickelung und zur Beurtheilung der Wahl von Handelsplätze , bis zu dem letzten, soeben von Deutschland gethanen Schritt, wird es nützlich sein, einen Blick auf die Gestaltung der Küsten von China und die Bedingungen ihres Hinterlandes zu thun. Die Küste von China und ihr Hinterland. Zu den am reichsten gegliederten Meeresküsten aller Kontinente, außerhalb der den hohen Breiten zugehörigen Eisgebildc der Fjorde, gehört die des südlichen China. In Gestalt eines regelmäßigen, schön geschwungenen Bogens zieht sie durch 8^ 2 Breitengrade, von 214 2 an der Grenze von Tongking bis zum 30sten Grad in der Nähe von Ningpo. sie6 rückt dabei um 14 Längengrade nach Dst, nämlich von 108 bis 122 (östlich von Greenwich). Die Länge der Bogenlinie, ohne die Einbuchtungen zu rechnen, ist 1800 Kilometer. Davon liegt eine Hälfte im Süden, die andere im Norden des Wendekreises. Die Ausdehnung entspricht derjenigen der europäischen Küsten von Gibraltar bis Livorno, oder von Brest bis Königsberg, mit Auslassung der Dänischen Halbinsel. Aber, ungleich der einfachen Gestaltung dieser Küsten, würde die Länge der südchinesischen auf das Mehrfache anwachsen, wenn sie entlang aller Vorsprünge und Ein buchtungen gemessen würde. Das durchwegs gebirgige Küstenland ist seit langen geologischen Perioden nicht vom Meer bedeckt worden, hat aber stets sehr reichlichen Regen erhalten und ist daher durch die tiefen und verzweigten Einschnitte zahlreicher Flüsse und Bäche auf das Aeußerste ge gliedert. Das brandende Meer, in das die Gewässer mündeten, ist seit langer Zeit langsam nngestiegen. Indem es in die Einschnitte höher und höher eindrang, hat es die äußeren Gebirge angenagt und zum Thcil vernichtet. Die entgegenströmenden Flüsse brachte es zum Stillstand, und im Verein mit ihnen hat es an deren im Hintergrund tiefer Einbuchtungen gelegenen Mündungen flache Alluvialböden von großer Fruchtbarkeit geschaffen. Noch schreitet die Arbeit des Meeres stetig in dem gleichen Sinne fort. Diese überaus zahlreichen, aber stets engbegrenzten flachen ^halböden sind dicht besiedelt. Die trennenden Gebirgsrücken springen verzweigt in das Meer vor und verlängern sich meist in kleinen Inseln, die sich zuweilen in Schwärmen gruppiren. Aehnliches bieten in Europa nur die äußersten, zur Anlage von Kriegshäfen benutzten Theile der nordwestlichsten Vorsprünge von Frankreich und Spanien. Eine solche Küste würde, wie keine andere, reich an vorzüglichen Häsen sein, wenn die Mcerestiese günstig wäre. Aber allgemein ist die Tendenz einer Verschlammung, die bald mehr bald weniger weit vorgeschritten ist und in der geschichtlichen Zeit ersichtliche Fortschritte gemacht hat. Ehemals blühende Häfen sind heute kaum noch zugänglich. Längst verlassen ist zum Beispiel der von Marco Polo mit glühendem Enthusiasmus beschriebene Hasen von Zayton (Tsüentschoufu, südlich von Futschou), der unter der Herrschaft der Mongolendynastie für den Fremdhandel geöffnet und von Schaaren ausländischer Schiffe besucht mar. Nur kleine Schiffe können jetzt dort Eingang finden. Tic Flüsse, welche an dieser buchtenreichen Küste münden, sind wasser reich und können fast sämmtlich bis weit in ihre Verzweigungen hineiü für den Verkehr mit größeren oder kleineren Booten benutzt werden. Aber in der Regel sind sie an der Mündung durch Barren versperrt und entspringen in einer Entfernung von höchstens 250 lern von ihr. Sie sind in Gebirge7 eingesenkt, und dahinter erheben sich wieder Gebirge, die weiterhin das ganze südliche China anfüllen. Ein Strom nur ist von Bedeutung. Dies ist der Hsikiang oder Westfluß, derselbe, in dessen Mündungsgebiet Canton liegt. Seine Quellen liegen in Yünnan, fast 1200 km von der Küste. Da er mit allen seinen Zuflüssen zur Schifffahrt benutzt wird, vermittelt er einen billigen Verkehr von Canton nach den südlichen Provinzen. Einige der von Norden einmündenden dienen als Wasserstraßen fast bis zu ihren Quellen, so daß ein Landtransport von einer Tagereise genügt, um die Maaren in anderen, an Zuflüssen des Jangtsze gelegenen Schifffahrtsplätzen abzusetzen. In seinem gebirgigen Mündungsgebiet hat der Westfluß mittelst seiner Sedimente ein Flachland geschaffen, das die Gebirge wie ein See umhüllt und nur mit ihren Gipfelmassen als Inseln aufragen läßt. Zwischen ihnen vertheilen sich die Mündungsströme wie ein Netz. Es giebt kein zweites Beispiel eines so gebirgigen Deltas. Aber noch hat der Fluß nicht seine Ablagerungen bis zur Bogenlinie der Küste vorzuschieben ver mocht. Tief buchtet sich diese, dem Strome entgegen, in das Land hinein. Auch aus dieser Meeresbucht ragen noch zahlreiche felsige und hohe Inseln auf, darunter Hongkong und der Berg von Maeao. Canton liegt im oberen Theil des Deltas. Es verdankt seine handels beherrschende Lage dem großen schiffbaren Strom, den leichten Verkehrs bedingungen nach anderen Gegenden, besonders denen des Binnenverkehrs nach dem mittleren China, ferner der Fruchtbarkeit und fast beispiellos dichten Besiedelung des üppigen Alluviallandes und dein buchtförmigen Ein greifen deS Meeres. Dazu kommt, daß es der erste wichtige Ort für die jenigen war, die von Süden kamen. Keine andere Stelle an der langen Küste des südlichen China kann sich auch nur entfernt an Bedeutung mit dem Mündungsgebiet des Hsikiang messen. Gehen wir nordwärts. Wir waren bis zum 30. Breitengrad gc- kommen, wo der Stadt Ningpo die herrlichen Tschusan-Jnseln vorgelagert sind. Genau zehn Grad weiter nördlich, in 40 0 n. Br., zieht mit der Großen Mauer die Grenze des eigentlichen China gegen die Mandschurei bei der Festung Schan-hai-kwan an das Gelbe Meer. Dann folgt ostwärts der Golf von Linutung, welcher hier nicht in Betracht kommt. Diese große Küstenstrecke hat einen ganz anderen Charakter als die oben betrachtete. Von 30 bis 35 n. Br. ist sie, mit Ausnahme der kleinen Stelle bei Kanpu, wo die Araber landeten, völlig flach. Dann folgt nordwärts ein großes, nach Osten weit ausspringendes, theilweis stark eingebuchtetes Bergland, bekannt als die Halbinsel Schantung. und dann abermals ganz flaches Land, dessen einförmige Küstenlinie bis Schan-hai-kwan fortsetzt.8 Von wesentlicher Bedeutung in dieser Strecke sind gegenwärtig nur der südlichste und der nördlichste Theil der Flachküste; jener, weil dort der größte Strom von China mündet, dieser, weil von ihm aus die Reichs- Hauptstadt erreicht wird. Alles Andere, auch die Halbinsel Schantung, tritt in jetziger Zeit weit zurück. Ich will diese Theile einzeln betrachten. Das Mündungsgebiet des Pangtszekiang in seiner ursprünglichen Gestalt nimmt einen großen Raum ein. Gleich im Norden von Ningpo greift eine breite Bai 180 km weit in das Land ein. Sie hat einige Bedeutung durch einen in sie mündenden Strom (Tsiöntangkiang), der von den besten Theegegenden kommt. Aber weit wichtiger war in früherer Ge schichte ihre Rolle durch den Umstand, daß sie an der Nordseite das Deltaland des Jangtszc säumt. Jetzt sind die Delta-Arme, die ehemals hier mündeten, gegen das Meer hin abgedämmt, so daß sie es nicht mehr erreichen. Aber einst war die an dem innersten Winkel der Bai gelegene Stadt Hangtjchoufu, das Quinsay von Marco Polo, das große Emporium für den einheimischen Handel nach dem großen Stromgebiet. Von hier be ginnt der Kaiserkanal, welcher eine Wasserstraße bis in die Nähe der Thorc von Peking bildet. Eine zweite Bucht wird durch die weite Mündung des Uangtsze selbst gebildet. Dieser große Strom steht ohne Rivalen da, was seine Bedeutung als Lebensader für ein großes, starkbevölkertes Reich betrifft. Reicht auch seine Schiffbarkeit bei Weitem nicht so hoch hinauf wie beim Amazonen strom, so steht er doch diesem weit voran, nicht nur weil innerhalb eines ausgedehnten Gebietes seine letzten Verzweigungen dem Wasserverkehr dienen, sondern auch weil das Becken des südamerikanischen Riesenstromes in einem verhältnißmäßig fast unbewohnt zu nennenden Land eingesenkt ist. Auch dem Mississippi steht er voran, weil der Verkehr auf den Zuflüssen in gleicher Weise vom linken Ufer nach Norden und vom rechten nach Lüden ge schehen kann, und in beiden Richtungen über die Sucllgebiete hinaus andere Stromgebiete leicht erreicht werden können. Es ist dieser Verkehr in der Richtung der Meridiane, quer zu der des Hauptstromes, welcher dem Aus tausch der Erzeugnisse verschiedener Breiten besonders günstig ist, und in derselben Richtung fand die Konzentration der von dem Fremdhandel ge suchten Waaren nach Canton, sowie die Dispersion der von ihm gebrachten nach Norden statt. Geringer war früher der seewärts gerichtete Verkehr nach dem Iangtszc. Aber seefahrende Völker, wie die Araber und Portugiesen, erkannten die Wichtigkeit seines Mündungsgebietes und näherten sich ihm so weit als sie vermochten. Bei der weiteren Entwickelung der Schifffahrt und des Fremdenverkehrs war es nur eine Frage der Zeit, wann dort das wichtigste Emporium erwachsen würde.9 Die Küstenstrecke, welche unmittelbar nördlich vom Aangtszekiäng be ginnt, begrenzt bis zur Mündung des Pai-Hö ein Gebiet, welches in seinem vorwiegenden Theil als die Domäne des Gelben Flusses bezeichnet werden kann. Im 35. Breitengrad, nahezu 600 Kilometer von der Küste, verläßt dieser Strom das Gebirge. Er hat vor sich im Norden, Osten und Süden ein weites Flach land, das sich allmählich nach Osten zur Küste senkt. Die Gebilde, welche die tiefe Depression erfüllen, bestehen zwar aus den Zerstörungsprodukten aller umgebenden Gebirge und wurden von verschiedenen Flüssen herab gebracht. Aber der Gelbe Fluß, als weitaus der größte unter ihnen, hat sie sich alle durch periodische Verlegung seines Bettes tributär gemacht. In den ältesten Zeiten, aus denen Ueberlieferungen vorhanden sind, wandte er sich hoch nach Norden und nahm selbst den Pai-Ho auf. Man suchte ihn damals in dieses Bett zu bannen. Aber er verließ eS wiederholt, bald nach Osten, bald nach Südosten durchbrechend; und von dem östlichen Lauf geschahen wieder Abzweigungen nach Nordost und Südost. Denn dort stellte sich ihm eine große inselförmige Anschwellung, das Bergland von Schantung, entgegen. Mit dieser Ausnahme beherrschte er schon durch lange Perioden vor der historischen Zeit ungehindert das ganze Flachland, welches schließlich die Gestalt eines wesentlich von ihm stammenden sanft abgedachten Schuttkegels annahm. Wo immer er seinen Laus auf ihm hinab wählte, bedeckte er bei dem jährlichen Hochwasser überschwemmend weite Landstriche und setzte mit seinen lehmigen Fluthen fruchtbare Sedimente ab. Die Eindämmung durch den Menschen hat diese in das Gelbe Meer geleitet. Aber periodisch hat er sein Recht geltend gemacht. Er nagte an den Dämmen, und wenn sie nicht in festem Stand gehalten wurden, durchbrach er sie schließlich und wälzte seine Wassermassen über blühende, reich bevölkerte Landschaften, die man durch Jahrhunderte sicher vor ihm gewähnt hatte. Oft vernichtete er dabei tzundcrttauscnde von Menschenleben, da ein Weg des Entrinnens nur in den Grenzgebieten des überflutheten Landes vorhanden mar. Man hat den Strom mit Recht Chinas Kummer genannt. Einen Vor theil bringt er nur durch das sehr geringe Maß seiner Schiffbarkeit; und diese beschränkt sich auf den Binnenlauf; denn vonr Meer aus war er stets wegen vorgelagerter seichter Barren nur für kleine Fahrzeuge erreichbar, gleichviel ob seine Mündung südlich oder nördlich von Schantung lag. Seine äußersten Mündungen liegen in einem gegenseitigen Abstand von mehr als 600 Kilometer. Die letzten durchgreifenden Aenderungen voll zogen sich: im Jahr 1194, als er einen dem jetzigen nahe entsprechen den Laus einschlug; dann um 1300, als er sich südöstlich wandte. So stellen ihn alle unsere älteren Karten dar. Endlich 1852, als er bei Kaiföngfu durchbrach und sich seinen gegenwärtigen Lauf allmählich10 ausgestaltcte. Er benutzt in dessen unterer Hälfte das Bett eines kleineren Flusses, des Tsi-ho. Die Große Ebene ist ein wichtiger Theil von China. Sie scheint im allgemeinen dicht bevölkert zu sein; aber es liegen zu ivenige Berichte von aufmerksam beobachtenden Reisenden vor, um zu beurtheilen, welche Gebiete am dichtesten bewohnt sind. Der Verkehr geschieht zum Theil auf Land wegen; aber weit überwiegend dienen ihm Flüsse und Kanäle. Er würde aus diesen, angesichts der geringen Brauchbarkeit des Hwang-ho für die Schifffahrt, einheitliche ferne Ziele nicht haben können, wenn nicht die Mongolenkaiser, als ihre Hauptstadt Peking hoch im Norden begründeten, das Bevürfniß gehabt hätten, im Binnenland eine Zufahrtsstraße nach ihrer Residenz anzulegen, um die Produkte des mittleren und südlichen China dorthin zu bringen. Die Seefahrt war beschwerlich, besonders zur Zeit der nördlichen Monsune, und nicht ungefährlich. Daher wurde mit er staunlichem Aufwand von Kraft und Genie ein großer Kanal in Merivian- richtung angelegt, von dem vorher nur einzelne Theile bestanden hatten. Der Große Kanal beginnt bei der vorgenannten Stadt Hangtschoufu, an einem durch Abdämmung blind gemachten Ende der Deltakanäle des Aangtsze. Er durchzieht das durch Seidcnkultur, große Produktivität und besonders dichte Bevölkerung ausgezeichnete Deltalnnd, durchschneidet dann eine Boden schwelle und erreicht den Jangtsze bei Tschinkiangfu, 300 km von seinem Ausgangspunkt. Der Ansatzpunkt am Nordufer dieses Stromes liegt ein wenig weiter westlich. Auch hier wird erst eine hügelige Barre durchschnitten. Dann zieht der Kanal, beiderseits eingedämmt, durch weites flaches Land, mit dem die Große Ebene beginnt. An der Westseite, von der der Zufluß kommt, sind Seen abgedämmt; an der östlichen oder Unterseite wird die Entleerung seines Ueberschuffes durch Schleusen geregelt, Nach einer Strecke von 200 km erreicht er das breite trockene Bett, welches der Gelbe Fluß bis l 852 inne hatte. Er überschreitet es und zieht mit nordwestlicher Ab weichung fort, um das Bergland von Schantung zu umgehen. An dessen West- ende überschreitet er den doppelten Arm des jetzigen Hwang-ho, 000 km von Tschinkiang. Nach einer weiteren kurzen Strecke trifft er einen Fluß, den Wei-Ho, dem er nun bis Tientsin folgt. Hier mündet er in den Pai-ho. Seine Gesammtlänge ist ungefähr 1300 Kilometer. Da der Große Kanal in gleicher Richtung wie die Küste, nämlich im Allgemeinen von Süd nach Nord, verläuft, schneidet er den nach Osten gerichteten Abfluß der westlichen Gebirgsländcr und regelt ihn zugleich; nur Jangtsze und Hwang-ho gehen ungehindert durch. Er ist daher eine Lebensader von großer Wirksamkeit geworden; denn nicht nur hat er während mehrerer Jahrhunderte seiner Bestimmung, den Süden und Norden schiffbar zu ver-11 binden, völlig entsprochen; sondern er Hot auch dem Wasserverkehr, welcher innerhalb der Großen Ebene stattsindet, einen Auslaß nach bestimmten fernen Zielen gegeben. Dieser Umstand kommt bei Erwägung der Vortheile von Kiuutschou sehr in Betracht. Ueberblicken wir nach diesen Erörterungen nochmals die Küste von China, so ist es klar, daß sich an ihr, so lange der Binnenverkehr an natürliche Wege und die jetzt gebräuchlichen Methoden der Beförderung geknüpft ist, wenige Stellen für die Anlage eines den Handel nach dem Inneren in großem Umfang beherrschenden Ortes ersten Ranges, eines wirklichen Emporiums, darbieten. Ausgeschlossen ist die Küste südlich von Canton, ferner die Strecke zwischen der Mündung des Cantonflusses und Hangtschoufu. Sodann auch die gesammte Küste, welche nördlich von der Mündung des Uangtsze- kiang liegt; denn sie ist größtentheils unnahbar, und wo sich in dem bergigen Vorsprung von Schantung gute Ankerplätze, wie Tschifu und Kiautschou, bieten, da beherrschen sie wegen der unvollkommenen Binnenverkehrsmittel ein kleines Gebiet. Es bestehen nur Landstraßen, und auf ihnen werden für die meisten Waaren die Frachtkosten schon in der Entfernung weniger hundert Kilometer zu hoch. Erst die Mündung des Pai-Ho gestattet der Schifffahrt den Eingang und die Versorgring eines der Zufuhr sehr bedürf tigen Platzes, nämlich der Reichshauptstadt Peking. Somit bleiben als Eingangsthore ersten Ranges air der ganzen Küste nur die Mündungsgebiete des Hsikiang oder Cantonflusses und des Jangtsze- kiang, und unter diesen steht das letztere durch seine hervorragende geographische Lage an Bedeutung weit voran. Niederlassungen des Fremdhandels an der Küste von China. Wenn wir nun die Art betrachten, wie die Träger des Fremdhandels sich an der Küste festgesetzt haben, so spiegeln sich in den erreichten Erfolgen die natürlichen Verhältnisse. Wir haben bereits erwähnt, ivie die Portu giesen und später die Engländer ihren Handel an den einzigen damals ge öffneten Hafenplatz Canton anknüpften. Die elfteren siedelten sich an dem gegen den Ausgang des Deltalandes nach der Bai anscheinend sehr günstig gelegenen Ort Macao an, standen aber bald hinter England zurück, welches seinen Kaufleuten das Recht der Niederlassung in Canton selbst sicherte. Im Ver laus von drei Jahrhunderten festigten sich trotz mancher Reibungen die Ver hältnisse. Mit der Zunahme des Handels gestalteten sich die bestimmten Linien des nach Canton gerichteten Binnenverkehrs. Als dann die Engländer nach den Erfolgen deS ersten Opiumkrieges einen dauernden Besitz zu erwerben strebten,12 bot sich ihnen die Wahl zwischen einem Punkt in der Sphäre des altgewohnten Verkehrs und den der Jangtsze-Mündung vorgelagerten Tschusan-Jnseln. Weitschanende Männer erkannten hier die wichtigste Ansatzstelle für zu künftige große Entwickelung. Aber England wählte die Gegend der alten Beziehungen und des unmittelbar gesicherten Vortheils, und ließ sich im Jahr 1842 die öde Insel Hongkong abtrcten, welche zugleich den Vorzug hatte, durch ihre Lage am äußersten Eingang in die Mündungsbucht des Cantonflusses als Zwischenstation für den Handel mit allen nördlich und südlich gelegenen Küstenplätzen dienen zu können. Gleichzeitig erzwang England, welches in den chinesischen Gewässern eine Macht von 85 Kriegsschiffen und 75 Transportschiffen hatte, für den Handel aller Nationen die Er öffnung der Häfen von Canton, Amoy, Futschou, Ningpo und dem damals kleinen Schanghai. Weitere Häfen wurden dem Fremdhandel nach dem siegreichen Aus gang des englisch-französischen Krieges gegen China durch den im Jahr 1860 abgeschlossenen Vertrag von Peking und bei mehreren späteren Gelegenheiten geöffnet. Sie liegen fast sämmtlich an der buchtenreichen Südhälfte der Küste und am Lauf des Iangtszekiang. Nördlich von diesem sind nur Tschifu an der Halbinsel Schantung uird Tientsin zu nennen; dazu Niutschwang als Hafenplatz für die Mandschurei. Die Bedeutung von Schanghai machte sich erst allmählich geltend. Denn nur langsam und zögernd wurden die alten nach Canton führenden Verkehrsstraßen verlassen und statt ihrer die natürlichen Wasserwege nach Schanghai benutzt. Die langwierige und in furchtbarstem Maß zer störende Taiping-Rebellion wirkte wesentlich mit als ein Hemmniß der Ent wickelung. Nach deren Niederwerfung durch Gordon trat ersichtliche Be schleunigung ein. Mit steigendem Erfolg trug dazu die Errichtung von Dampferlinien auf dem Aangtszc bei. Schanghai erstarkte; seine dominirende Stellung machte sich geltend, und es übertrifft jetzt an Bedeutung wahr scheinlich alle anderen Hafenplätze zusammen. Canto ist herabgesunken, hat aber immer noch eine hohe Wichtigkeit als Hafenplatz für die an Boden erzeugnissen sehr reiche Umgebung und für die angrenzenden Provinzen. Hongkong aber ist die Hochburg europäischer Macht geworden. An dem durch die britische Flagge geschützten Ort hatten die fremden Kaufherren bald einen befestigten Sitz. Hier wurden die Exporte aus vielen Kanälen gesammelt und ausgestapelt, und von hier die Importe nach Canton und den Plätzen an der ganzen Südküste vertheilt. Der Hafen ist sicher und bequem, und zugleich der erste, welchen die nach der chinesischen Küste kom menden Schiffe anlaufen; noch heute fahren wenige von ihnen vorüber, ohne ihn zu berühren. Schnell erwuchs nach der ersten Besitznahme unter13 ausgezeichneter Verwaltung eine Stadt von Prachtbauten, ausgestattet mit allen Erfordernissen verfeinerten Lebens. Kahle Berggehänge wurden in dem tropischen Klima in üppige Garten verwandelt. Der Ort ivurde ein Heim für die Briten und die britischen Schiffe; aber auch den Angehörigen und den Schiffen anderer Nationen wurde das Gastrecht in der Freihafen stadt freigebig gewährt. Die anderen Hasenplätze an der Gebirgsküste haben sich nach Maß gabe eines Faktors cntivickelt, den man als das Produkt von Flächenaus dehnung, Zugänglichkeit und wirthschastlicher Bedeutung ihres Hinterlandes bezeichnen kann. Obenan steht Futschou; dann folgen Amoy und Swatau. Ningpo litt unter der Nachbarschaft des benachbarten Schanghai. Im nörd lichen China ist Tschisu von geringem Belang, während Tientsin hohe Wichtigkeit erlangt hat, nicht sowohl wegen der Größe seines Handels, als wegen seiner Lage als maritimer Vorort von Peking und Ausgangspunkt für die Mongolei. Außer England hatte bis zur Gegenwart nur eine europäische Macht durch Erwerbung von Territorialbesitz an den Küsten von China festen Fuß gefaßt. Seitdem Frankreich, den Missionen folgend, im Jahr 1802 von Kambodscha Besitz ergriffen hatte, war es erfolgreich in der Erweiterung seiner hinterindischen Kolonie. Kleine Verwickelungen wurden geschickt be nutzt um große Schläge auszuführen. Durch den Frieden von Tisntsin am 9- Juni 1885 wurde daS früher zu China gehörige und zuletzt unter dessen Oberhoheit stehende Tongking den Franzosen zugcsprochen, und nach her habeir sie ihre Grenzen nach Westen durch Hinzufügung von chinesischem Gebiet erweitert. Abgesehen von Annam, Kambodscha und Theilen von Siam, beherrscht Frankreich in seiner Kolonie Tongking ein Areal von 314000 Quadratkilometern mit 14 Millionen Einwohnern. Beide Arten des Territorialbesitzes sind außerordentlich verschieden. England hat mittelst eines festen Punktes von ivenig mehr als einer Quadratmeile (79 □km) Flächeninhalt nicht nur eine Handelsherrschaft über einen großen Theil des chinesischen Reiches ausgeübt, sondern auch sehr viel zu dessen materieller Entwickelung indirekt beigetragen. Frankreich verwaltet mit Aufwand erheblicher Kosten ein fremdes Land, vermag es aber durch Einführung von verbesserten Verkehrsmitteln, inneren Ein richtungen und Arbeitsmethoden direkt zu heben. Ob in solchem Besitz für die Zukunft der größere Vortheil liegt, läßt sich schiver ermessen. Bei Hongkong steht er für die Vergangenheit unzweifelhaft fest. Sein Handel ist zu einem wichtigen Glied im Weltverkehr geworden; der von Tongking be schränkte sich bisher in seinem Haupttheil auf die Nachbarküsten.14 Die Wahl eines Küstenplatzes für die Niederlassung Deutschlands. Als dritte Macht, die in China festen Fuß saßt, ist jetzt das Deutsche Reich aufgetreten, indem es von der Kiautschou-Bai Besitz ergriffen hat. Längst spielen seine Handelshäuser und seine Handelsschiffe in China eine Rolle, die stetig an Bedeulung zugenommen hat. Es erscheint nicht nöthig, die oftmals angeführten Zahlen hier zu wiederholen. Seit langer Zeit ist der Wunsch ausgesprochen worden, daß es den Schiffen der deutschen Marine und des Handels vergönnt sein möge, in den ostasiatischen Gewässern einen kleinen Fleck zu haben, an dem sie von jeder anderen Macht unabhängig ankern, Kohlen einnchmen und Ausbesserungen vornehmen könnten. An Vorschlägen dazu hat es seit beinahe dreißig Jahren nicht gefehlt. Das Vedürfniß ist gewachsen, und ein Anrecht dazu aus chinesischem Territorium ist durch die Stellung Deutschlands im chinesisch-japanischen Krieg erworben worden. Auch abgesehen davon liegt es nahe, daß ein geeigneter Platz nur an der chinesischen Küste gesucht werden konnte, weil sie zufolge der hohen Bedeutung des Reiches, welches begrenzt, allen anderen Küsten in Ostasien weit voransteht. Aber, wie ich zu zeigen suchte, bietet die chinesische Küste, trotz ihrer Ausdehnung drirch zwanzig Breitengrade, nur in äußerst geringem Maß zweckmäßig gelegene und zugleich brauchbare Stellen. Die besten von ihnen waren außer Frage. Es lag die Möglich keit nahe, daß ein nicht allen Anforderungen entsprechender Platz gewählt werden könnte, und daß, so wenig andere Mächte gegen die Festsetzung an Einer Stelle ernstlich begründeten Einwand erheben dürften, eine Ver besserung des einmaligen Schrittes, oder seine Ergänzung durch eine zweite Niederlassung, nicht möglich sein würde. Die Anforderungen, welche zu stellen sind, können als selbstverständlich gelten. In erster Linie muß der Ort einen eisfreien, wohlgeschützten Hafen mit guter Einfahrt und sicherem Ankcrgrund besitzen. Sodann muß seine Umgebung für ausreichende Befestigung, Anlage einer Stadt und Herstellung von Docks, Waarenhäusern und sanitären Einrichtungen geeignet sein. Wünschenswerth ist, daß Klima und Boden für die Gesundheit zuträglich eien. Wollte man sich hiermit begnügen, so würde die brichtreichc Küste des südlichen China manche geeignete Stelle darbieten. Eine Jnsellage, nach dem Beispiel von Singapur und Hongkong, würde den Vorzug ver dienen und sich stnden lassen. Auch würde ein Ort an der Südküste in der Strecke von Swatau und Amoy bis Ningpo im Kurs der Schiffe liegen und leicht erreichbar sein. In der Thal sind, außer einigen anderen dort gelegenen Stellen, die Insel Ouemoy bei Amoy und die Bucht von Samsah, nördlich von Futschou, vorgeschlagen und in den Tagesblättern vielfach besprochen worden.15 Allein es tritt zu den angegebenen noch eine weitere rnrd wichtige Anforderung. Denn was immer die Lage deS gewählten Ortes sei, es müßten in jedem Fall auf die Herstellung der Hafenanlagen und eines ausreichenden Vertheidigungszustandes sehr große Kosten vcrivandt werden. Der durch die Besitznahme scheinbar errungene Vortheil würde daher theuer erkauft sein, wenn der Platz nicht aus sich selbst, vermöge seiner geographischen Lage zu Handel und Verkehr, die Mittel zur Deckung der Kosten gewährte. Stellt man diese Anforderung, so fallen sämmtliche an der Südküste von China bis hinaus zur Breite von Ningpo gelegene festländischen und Inselplätze. Denn ivo ein ergiebiges Hinterland vorhanden ist, da besteht längst ein dein Fremdhandcl geöffneter Handelsplatz, gegen den der Versuch einer neuen Gründung den Wettbeivcrb schwer nushalten würde. Durch Anlage eines Freihafens für die Sammlung der Ausfuhr und die Vertheilung der Einfuhr könnte das Ziel vielleicht zum Theil er reicht werden. Aber als solcher genügt Hongkong mit seinen altbefestigten Beziehungen, gegen die ein Ankämpfen nutzlos wäre. Ilcberdies fehlt es der ganzen Küste, mit Ausnahnie der ganz außer Betracht bleibenden Canton-Bai, an ausgedehntem Hinterland. Von jedem Küstenort gegen das Innere kommt man bald an die Grenzen des aus ihn gewiesenen Handels verkehrs. Die Exportartikel dieser Gegenden, wie Thcc, Seide und Zucker, sind zwar werthvoll, aber sie würden noch weiterhin von den bestehenden Ausfuhrhäfen seewärts abgehen. Es darf daher freudig begrüßt werden, daß ein nach diesen Küsten gerichteter Plan nicht ernstlich verfolgt worden ist. Gehen wir von Ningpo aus nordwärts und lassen wir das Gebiet der Aangtszc-Mündungcn, sowie die ihm vorgelagerten Inseln, wo Be denken anderer Art gegen die deutsche Besitzergreifung bestehen, außer Betracht, so giebt es an der gesummten Küste des nördlichen China keinen Ort, welcher für eine deutsche Festsetzung so geeignet wäre wie die Bai von Kiautschou. Ich darf dies um so mehr unumwunden aussprechen, als ich mich bereits früher, zu einer Zeit, als dahin gerichtete Pläne noch nicht bestanden (im zweiten Band meines Werkes China", 1882 , Seite 262 bis 266 ), in gleichem Sinn ausgesprochen habe. Was im Jahre 1882 gedruckt wurde, war zwölf Jahre zuvor mit besonderer Rücksichtnahme auf zukünftige Pläne Deutschlands niedergeschrieben worden. Der Erörterung über die Bedeutung der Lage von Kiautschou will ich einige Bemerkungen über die Provinz Schantung voranschicken. Ihre poli tischen Grenzen sind zwar dafür nicht wesentlich, da die Sphäre des Einflusses, welcher von dort ausgehen kann, sich nach einer Summe von Faktoren richtet, welche nur wenig Zusammenhang damit haben.16 Immerhin bietet die Verwaltungsgrcnze einen Anhalt für die Betrachtung, und manche Vortheile von Kiautschou gelten nur bis zu ihr, insofern die chinesischen Provinzen wohlgeschlossene, historisch entwickelte Einheiten bilden. Die Provinz Schantung. Ich habe die Provinz Schantung zum Zweck geologischer Erforschung im Frühjahr 1809 von Süd nach Nord in ihrem westlichen Theil, dann von West nach Ost durchzogen. Es war meine erste Landreise in China; mir fehlte noch die Erfahrung, welche zur Wahl zweckmäßiger Reisewege führt, und der geübte Blick, welcher die besonderen Verhältnisse eines Landes- theiles anderen gegenüber klar zu erfassen befähigt. Aber mar mir gestattet, in flüchtigen Umrissen ein Land kennen zu lernen, welches noch beinahe un bekannt war; denn die Berichte der Missionare, die es durchreist hatten, erzählten wesentlich Erlebnisse, die mit ihrem Beruf zusammenhingen. Seitdem haben sich die Verhältnisse kaum geändert, und die Kunde von Schantung hat, so viel mir bekannt ist, abgesehen von Zolltabellen, keinen Zuwachs erfahren. Die bergige Halbinsel, welche bei einer mittleren Breite von 125 km ungefähr 350 km von der Flachküstenlinie aus nach Osten vorspringt, umfaßt nicht ganz den dritten Theil (etwa 2 ?) der Provinz Schantung, deren Areal zu 150 000 Ci km berechnet wird. Das Bergland setzt westwärts fort, wo ihm ein gleichgroßes Areal zugehört, so daß es ungefähr 90000 ssj km Flächeninhalt hat. Im Norden, Westen und Lüden der Landhälste wird es von Flachland umzogen, welches der Großen Ebene von China zugehört und von deren beiden Hauptverkehrsadern durchschnitten wird, nämlich von dem Großen Kanal in der Länge von 500 km und von dem Unterlauf des Gelben Flusses in einer Ausdehnung von mehr als 400 km. Der letztere zerfällt innerhalb der Provinz in eine zu Ueberschwemmungen ge neigte Strecke, die mit der Provinzgrenze beginnt, und in eine längere zwischen festen Ufern eingeschlossene; es ist der Theil des Laufes, welcher das Bett des Tsi-Flusses benutzt. Nicht weit von ihm liegt die Provinz hauptstadt Tsinanfu (d. i. südlich vom Tsi"). Die Gebirgsanordnung im bergigen Theil ist äußerst unregelmäßig und trägt in ihrer inneren Struktur den Charakter von gegeneinander ver worfenen Schollen. Nur die ältesten Formationen nehmen am Aufbau theil; seit dem Ende der Steinkohlenperiode ist das Land nie mehr vom Meer bedeckt worden. Erst nach ihr erfolgten die vertikalen Verschiebungen. Die Thätigkeit äußerer Agentien ist seit der Trockenlegung auf die Ab-o 17 Witterung der aufregenden Theile und die Trünnnerablagerung in den niederen Gebieten gerichtet gewesen. Sie hat die von harten aber durch die Atmosphärilien angriffssähigen Gesteinen eingenommenem Gebiete häufig in ein sanftes flachwelliges Gelände verwandelt, auö dem die widerstands fähigen Gesteine in langen Rücken und scharsgeschnittenen Gräten, oder, wie der zu 1000 Meter aufragende heilige Opferberg Tai-schan, in plumpen Massen ausragen. Dann wieder sind flachgeneigte tafelförmige Schollen von alten kambrischen Schichtgesteinen für den Charakter größerer Landstriche bestimmend. Allenthalben, mit Ausnahme des östlichen Vor sprungs, finden sich Auflagerungen von Löß, einer lockeren, porösen, sehr fruchtbaren gelben Erde, welche oft 20 bis 30 Meter Dicke erreicht, aber von den höheren Thcilen abgespült ist, falls sie dieselben überhaupt be deckt hat. Während das flache Land reich angebaut ist und Feldwirthschast alle Thallandschaften im Bergland erfüllt, sind die Berge selbst kahl. Durch Jahrtausende haben die Bewohner die Verwüstung der vormaligen Wälder un bedacht betrieben, so daß davon nichts übrig geblieben ist. Auch die Sträucher sind ausgcrottet, und das gleiche Schicksal erleiden die in dem günstigen Klima sich stetig erneuernden Gräser und Kräuter. Denn da das Holz fehlt, und die Kohle abseits von den Gruben thcuer ist, wird alles vegetabilische Material zur Feuerung benutzt. In den Niederungen geben es in reich- licbem Maß die Stengel des angebauten Sorghum und anderer Pflanzen; in den Bergen benutzt man die spontane Vegetation. Aus Canton wird in großer Menge ein Vernichtungsinstrument eingeführt, eine Art Harke oder Rechen aus zugespitzten Bambusstäbchen, die an den Enden abwärts gekrümmt sind. Da sie sich vermöge ihrer Elastieität bei einigem Druck allen Unebenheiten fügen, sind sie erschreckend wirksam, rim bei dem Hin- ziehcn über eine Fläche alle Pflanzen mit einem Theil ihrer Wurzeln auszurausen. An Gehängen und Feldrainen sieht man, sobald die Vege tation verdorrt ist, die Menschen mit dieser vernichtenden Ernte beschäftigt; doch findet, wie mir erzählt wurde, ein regelmäßiger Umtrieb statt, indem man an jedem Fleck den Pflanzen, die sich aus Samen und den Resten der Wurzeln schnell entwickeln, eine zweijährige Bestockung gestattet. Mit Iieid wird betrachtet, wem es glückt, die Holzwurzeln eines früheren Strauches zu entdecken und auszugrabcn. Eine kurze Zeit der Schonung, wie sie bei der Beschaffung von billigem Brennmaterial unzweifelhaft eintreten wird, dürste genügen, um ein grünes Pflanzenkleid der Gebirge unb des ganzen Landes, da rvo nicht die Felder selbst es jährlich schaffen, herzustellen. Denn das Klima ist dem Pflanzenwuchs günstig. Schantung liegt zwischen 34^ und 38 n. Br.,18 also in den Breiten von Tunis, Algier, Südspanien und Sicilien. Im Winter ist es trocken. Dann wehen Kontinentalwinde aus nördlichen Rich tungen, oft stark und andauernd. Sie bringen zuweilen, besonders wenn sie von Nordost kommen, leichten Schnccfall, der aber im Niederland nicht lange liegen bleibt. Im März werden die ersten Regen erwartet. Dann folgen unregelmäßige, meist nicht erhebliche Niederschläge im April, Mai und Juni. Die eigentlichen Regenmonatc sind Juli und August. Es er eignen sich dann heftige Gewitter. Der Herbst ist schön und meist klar, lieber den Gang der Temperatur ist wenig bekannt. Die Halbinsel erfreut sich eines milden Sommers; im Winter kommt es vorübergehend zur Eis bildung. Die Bevölkerung wird jetzt zu 25 Millionen angegeben. Nach den Zählungen von 1812 und 1842 betrug sie 30 Millionen. Bei der erstercn Zahl würden im Mittel 166 Menschen aus das Quadratkilometer (9100 auf eine deutsche Quadratmeile) kommen. Die Dichtigkeit im Deutschen Reich betrügt jetzt 97, im Königreich Sachsen 252 aus ein Quadratkilometer. Im Flachland von Schantung wird die letztere Zahl, nach Schätzungen die ich gelegentlich machte, erheblich übertroffen, wogegen das Bcrgland im All gemeinen spärlicher bevölkert ist. Eine Ursache für die anscheinend seit 1812 und 1842 stattgehabtc Abnahme läßt sich nicht erkennen; denn so stark die Auswanderung nach der Mandschurei ist, wird doch sicherlich durch den Zuwachs überwogcn. Der Unterschied der Bewohner von China nach Provinzen ist mir nirgends so ausgefallen ivie hier, besonders bei dein Uebcrgang von der südlich angrenzenden Küstenprovinz Kiangsu nach Schantung. Zieht man aus der großen, jetzt stark verfallenen Reichsstraße, welche Tschinkiang mit Peking verbindet, nach Norden, so befindet man sich im nördlichen Kiangsu, das durch die Taiping - Rebellion nicht gelitten hat, in einem Land von erstaunlicher Dichte der Bevölkerung. Sie lebt in zerstreuten Weilern, welche Bienenschwärmen gleichen. Die Häuser sind aus Flechtwerk und Lehm, meist ohne Fenster, errichtet und haben an Stelle der Thür einen zerrissenen Vorhang. Die Leute sind unrein und in ihrer Kleidung bettel haft; das heißt, es werden Schäden nicht ausgebessert, die Fetzen hängen in Lumpen herab. Durch Zählung der Weiler und Häuser schätzte ich hier die Dichtigkeit auf 16 bis 18 000 aus die Quadratmeile, oder 300 bis 320 aus das Quadratkilometer. Das Bild ändert sich plötzlich. Man sieht bessere Wohnhäuser, meist gemauert, zu größeren Dörfern vereinigt, die in der Regel mit einer aus Lehmziegeln ausgeführten und mit Schießscharten versehenen starken Mauer umgeben sind. Als ich meine Verwunderung aussprach, erfuhr ich, daß ich in die Provinz Schantung eingetreten sei.2 * 39 Von hier cm machten Reinlichkeit und Ordnungsliebe der Bewohner überall wohlthuenden Eindruck; auch bei den Armen sah man jede Beschädigung an der Kleidung sorgfältig hergestellt. Der rege Gemeindesinn war dadurch kenntlich, daß selten in der Mitte des Dorfes ein mit hohen Bäumen be stellter Platz fehlte, wo die Männer in den Abendstunden mit der Pfeife auf Steinbänken sitzen und ihre Angelegenheiten besprechen. In wenigen anderen Provinzen besteht diese Einrichtung. Auch den Familiensinn, der den Chinesen im Allgemeinen eigenthümlich ist, fand ich selten so augen fällig und patriarchalisch entwickelt wie hier. Ich habe manche schöne und ansprechende Eindrücke davon bewahrt. Es ist neuerlich in der Tagespresse vielfach von der besonderen Armuth der Bewohner von Schantung die Rede gewesen. Diese Kunde dürfte nicht von einem Augenzeugen herrühren. Denn wer verschiedene Provinzen von China bereist hat, der erhält in Schantung den Eindruck vcrhältniß- mäßigcn Wohlstandes. Besonders im Nordwesten fällt die vorzügliche Bauart der ganz aus Stein errichteten Häuser in den Dörfern auf. Sieht man von den Fenstern ab, welche noch überall aus einem mit durchscheinendem Papier überklebten Gitterwcrk bestehen, so stehen diese Dorfgebäude dem Durschschnitt derer im östlichen Deutschland nicht nach, und denen der pol nischen Länder weit voran. Aehnlich verhält es sich mit Kleidung und Ernährung. Auch in der äußeren Erscheinung haben die Bewohner von Schantung ihre Londermerkmale. Sie besitzen durchschnittlich eine dunklere Hautfarbe als diejenigen der Nachbarprovinzen, und übertreffen in dieser Beziehung besonders die Cantonesen. Im Allgemeinen sind sie hoch und schlank ge wachsen, und es schien mir als ob die besondere chinesische Augenlidstellung bei ihnen weniger typisch ausgebildet sei. Sie sind fleißig und gesittet, dem Opiumgenuß wenig ergeben, und zeichnen sich durch anständiges Be nehmen aus. Das Reisen ist daher in wenigen anderen Provinzen so angenehm. Das Behagen wird zuweilen beeinträchtigt durch die über triebenen Forderungen, denen man hier und da in Gasthäusern ausgesetzt ist. Ties schien mir darauf zu beruhen, daß der Bewohner von Schantung ein im Vergleich zum Durchschnittschinesen geringes Maß von Zahlensinn und Handelsgeist besitzt. Wo dieser Sinn vorhanden ist, beruhen die täglichen Verhandlungen über Zahlungen auf geschäftlichen Grundlagen und geben selten Anlaß zu ernsten Zwistigkeiten. Ganz anders in Schantung. Ter Gastwirth an den Hauptstraßen hat gehört, daß die Fremden in Schanghai für Dienste und Verrichtungen aller Art hohe Preise zahlen, und hält sich zu einer Mehrforderung für berechtigt. Es fehlt ihm aber jeder Maßstab, und er verlangt ohne Weiteres einen Betrag, der seine20 rechtmäßige Forderung bis um das Hundertfache übersteigen kann, und ist mehr erstaunt als verletzt, wenn er in die gebührenden Grenzen zurück geschraubt wird. Der Handel in den Städten und Hauptmärkten von Schantung befindet sich daher größtenthcils in den Händen von Angehörigen anderer Provinzen, besonders solcher aus Schansi, Kiangsi und Kwangtung. Die Sonderung der Bewohner von China nach Provinzen ist bei einigen von diesen sehr augenfällig. Auch in deutschen Gauen ist sie vor handen. Aber in China sind trotz der Gleichheit in Tracht und Sitte die Unterschiede größer und die Grenzen schärfer. Es hängt dies einerseits mit der geschichtlichen Entwickelung zusammen, indem die Sonderheiten auf Verschiedenheit der Urbewohner der einzelnen Landestheile zurückzuführen sind; anderseits mit Forterbung der beivußten Stammeszugehörigkeit. Außerhalb seiner Heimathsprovinz fühlt sich jeder Chinese als Fremder, und wenn er jahrelang entfernt von ihr wohnt, zieht eS ihn stets nach ihr zurück. Er hcirathct dort, und nach seinem Tode geht seine Leiche, wenn die Kosten aufgebracht werden können, nach der Familiengruft in die Heimathsprovinz zurück. Vermischungen sind besonders dort eingetreten, wo in Folge von Vernichtung der Bevölkerung, ivie in Szctschwan, ein Zuzug von verschiedenen Provinzen stattgefunden hat. Weniger als das Handelstalent, ist die Befähigung für hohe Staats- ämter an Provinzen gebunden. Aber auch darin bestehen Unterschiede. Die Bewohner von Schantung rühmen sich, daß eine Anzahl namhafter Staatsmänner und Gelehrter aus ihnen hervorgegangen ist. Ihr größter und berechtigter Stolz ist, daß Konfutsius in Schantung geboren wurde und wirkte. Der Drt, an den sich sein Leben knüpft, und an dem noch heute sein direkter Nachkomme, als Herzog Kung, rcsidirt, wird heilig gehalten. In seiner Nähe geschahen die Angriffe gegen die Missionen, welche das Motiv für die Besitznahme von Kiautschou gegeben haben. Die Industrie steht in dem von mir besuchten Thcil der Provinz aus niedriger Stufe. Eine Ausnahme macht die Glasindustrie in Poschan. Sic ist an diesem Drt, der zugleich die Hauptstätte der Steinkohlengewinnung ist, seit früher Zeit zu Hause gewesen, als Geheimnis; weniger Familien. Hier allein wird das bessere Glas von China gefertigt, darunter auch jene bemerkenswerthen, aus zwei bis drei Lagen bunten Glases sehr kunstvoll ausgeschnittenen Schnupftabakslaschen, von denen das Berliner Kunstge werbemuseum eine hervorragende Sammlung besitzt. Ebenso ist hier das Geheimniß für die Bereitung des buntfarbigen Schmelzes für das email cloisonne bewahrt worden. Die Kunst war ausgestorbcn. Als aber die Fremden in Peking hohe Preise für deren alte Erzeugnisse zahlten und man sie wieder aufzunehmen wünschte, fand man, daß die Nachkommen der21 Familien in Poschan, welche den Schmelz früher bereitet hatten, das Ge heimnis; noch besaßen. Seitdem ist durch europäischen Einfluß die Anzahl der Farben vermehrt worden, und die Industrie blüht jetzt in Peking. Eine andere Fertigkeit, welche ebenfalls von den Bewohnern von Schantung nusgeübt wird, ist die Anlage tiefer Brunnen. Ich erfuhr in Peking, wo das Wasser der Brunnen von geringer Tiefe schlecht ist, daß eine Gilde von Schantung das ausschließliche Vorrecht besitzt, dort Brunnen nach einer sehr tief gelegenen Schicht ausgezeichneten Wassers anzulegen und den Gewinn daraus zu ziehen. Die weitaus vorherrschende und fast ausschließliche Beschäftigung der Bewohner von Schantung ist der Ackerbau. Man findet hier die chinesischen Methoden des hochstehenden Gartcnfeldbaues in der Ebene und der terrassirten Felder in Thälern und an Hängen der Gebirge in größter Vollendung. Weizen, Bohnen, Hirse, Sorghum, auch Reis in einzelnen Theilen, sind die Hauptfrüchte. Dazu kommen Oelpflanzen, wie Sesam, Raps und Erdnuß, zahlreiche Arten von Gemüse, und Gespinstpflanzen. Unter diesen ist Hanf sehr alt. Baumwolle wurde zur Zeit meines Be suches gewonnen; doch hat der Anbau seitdem wahrscheinlich zugenommen. Thee wird nicht gepflanzt, dagegen ist die Pflege der Seidenraupen ein wichtiger Industriezweig. Der Maulbeerbaumspinner, dessen Bezirke im Nordosten liegen, steht an Bedeutung zurück gegen die auf einer Eichenart rind auf Ailanthus gezüchteten Spinner, von denen die sogenannte wilde Seide kommt. Für den Fremdhandel ist nur diese von Bedeutung; die aus der erstgenannten Art angefertigten Gewebe werden in China geschätzt, haben aber für europäischen Geschmack zu wenig Glanz. Nicht unerheblich ist die Obstbaumzucht. Am Nordfuß des Berglandes sieht man größere Flächen mit reihenweise gepflanzten Obstbäumen bestanden. Es sind die Arten des mittleren Europa, aber wahrscheinlich hier, wie überall in China, mit Ausnahme der Aprikose, von geringer Güte. Die Traube hat in Schantung die Südgrenze ihrer Verbreitung. Ein wichtiger Baum ist der schöne Diospyros kaki, dessen Früchte theils frisch ge nossen, theils nach Art der Feigen getrocknet werden und eine Wintcr- nahrung bilden. Für den Export nach anderen Theilen von China spielt eine ganz hervorragende Rolle eine Zizyphus-Art, von welcher eine Frucht mit dattelartigem Kern, daher chinesische Dattel" genannt, stammt. Sie wird mit Zucker imprägnirt und kommt in dieser Gestalt unter der Be nennung b8aur in den Handel. Sic wird von Fremden in China und von Einheimischen in gleicher Weise geschätzt. Die Bewirthschastung der Felder ist im äußersten Grad intensiv. Jede Pflanze wird gepflegt. Höchst vollkommen ist die Berieselung, besonders22 am Nordfuß des Gebirges, wo der Boden von Ziehbrunnen siebartig durch löchert ist. Jede der kleinen Parzellen, in denen das Land zertheilt ist, hat ihren besonderen Brunnen. In trockenen Zeiten ist des Abends die ganze Familie geschäftig. Einer zieht mittelst einer Winde Eimer auf Eimer herauf; die anderen vertheilen sorgsam das Wasser, so daß jede Pflanze ihr reichliches Maß enthält. Verkehrswege und Verkehrsmittel sind durchaus einfacher Art. Es giebt Fahrstraßen durch das ganze Land; doch genügen sie nur für die ein heimischen festgebauten aber federlosen zweirädrigen Karren, welche durch Löcher und über Steine ohne Schaden ruckweise sortbewegt werden können. Die Anlage einiger Hauptverkehrsstraßen ist ursprünglich gut gewesen. lieber Flüsse und Bäche führten steinerne Bogendrücken, die aus festen Pfeilern ruhten. Wahrscheinlich waren diese Straßen besser, als die gleichzeitigen in Deutschland und anderen europäischen Kulturländern. Aber man hat sie verfallen lassen. Von den Brücken stehen in der Regel einzelne ruinen- hafte Pfeiler, rmd ein Stück guter Fahrstraße findet man nur noch bei trockener Zeit in der Ebene. Der Transport geschieht immerhin noch theil- weis durch Wagen, die mit einer Ladung von 20 bis 25 Centnern von fünf Maulthieren gezogen werden. Vorwaltend werden für große Entfer nungen lasttragende Maulthiere verwendet, die man aus der Mongolei be zieht. Pferde werden fast nur im Kleinverkehr benutzt. Kühe dienen zum Reiten für Frauen. Das wichtigste Transportmittel für den Kleinverckehr m Schantung ist der Schiebkarren. Ta bei der chinesischen Konstruktion, vermittelst Verthei- lung der Ladung auf einem das Rad überbauenden Gestell, der Schwerpunkt auf der Achse ruht, kann ein Mann auf ebenem Weg große Lasten ohne besondere Anstrengung fortbewegen; denn es kommt nur auf Ueberwindung der allerdings durch Vernachlässigung des Schmierens nicht unbedeutenden Reibung an. Aber auf holperigen und unebenen Wegen, oder in tief ein- gefahrenen Geleisen ist der Kraftaufwand erheblich. Bei großen Lasten tritt die Frau oder ein Esel als Vorspann ein; auch wird bei günstigem Wind ein Segel gesetzt. Es ist im besten Fall ein beschwerliches Gewerbe, und die Karrenschieber erreichen nie ein hohes Alter. Der Preis der Fracht, wie er 1869 bestand, berechnete sich nach dem damaligen Silberkurs für 100 Kilogramm und die Strecke von 100 Kilo meter auf 3,6 bis 6,5 Mark. Nach dem jetzigen Kurs würde er sich auf 2 bis 3,6 Mark belaufen. Wahrscheinlich entsprechen die letzteren Zahlen ungefähr den heutigen Verhältnissen, da die Zahl der Kupfermünzen oder der Gewichtstheile Silbers, welche für eine Arbeitseinheit gezahlt werden, sich kaum geändert haben dürfte.23 Es bleiben noch die mineralischen Produkte uon Schantung zu be trachten. Ueber keine andere Provinz von China ist hinsichtlich ihrer an geblichen Mineralschätze so viel gefabelt worden. Von Männern, welche nicht über Tschifu hinausgekonnuen sind, sind phantasievolle Karten von Schantung herausgegeben worden, welche geographisch ohne Werth sind, aber durch freigebige Ueberstreuung mit deir Worten: Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Blei, Kohle, Eisen, Edelsteine u. s. w. anlocken sollen. Dieser Zweck ist einmal, im Jahr 1868, betreffs des Goldes erreicht worden. Es kamen viele Einwanderer, und jedes in Tschifu ankonnnende Schiff wurde von seiner Mannschaft verlassen, die alsbald in die Berge eilte. Durch das Darben der Goldsucher, welche höchstens Spuren von Gold fanden, während des Winters platzte bald die Seifenblase. Ebenso fehlt nicht an kleinen Vorkommen von Bleiglanz, Kupferkies und Zinkblende, wohl aber, soviel bekannt, an abbauwürdigen Lagerstätten. Das einzige bekannte Mineral von wirthschaftlicher Bedeutung ist Steinkohle, wenn auch nicht an allen den Plätzen, vo jene Karten sie an- setzcn. Ich habe einige der Lagerstätten, wahrscheinlich alle wichti geren, besucht. Da sie in dem genannten Werk ( China" II, S. 184 186, 200 212, 250 253) beschrieben sind, kann ich mich auf die Bemerkung beschränken, daß in der Gegend von Jtschoufu und am Nordrand des Gebirges zwischen Tsinanfu und der Stadt WÄ-Hsien mehrere Kohlenfelder vorhanden sind. Es sind versenkte und dadurch der Erosion entgangene Reste von ehemals ivcit verbreiteten Schichtgebilden, welche, wie aus den darin vorkommenden Versteinerungen hervorgeht, der Steinkohlenformation angehören. Sie enthalten mehrere Flötze von Steinkohlen von vorzüglicher Beschaffenheit und mäßiger Mächtigkeit. Es ist größtentheils eine schwarze, fette Glanzkohle, welche mit leuchtender Flamme brennt, stark backt rind in ausgezeichneten Koks verwandelt werden kann. Die Flötze fallen in allen Kohlenfcldern unter geringen Neigungswinkeln ein. Da aber die sie enthaltenden Schichtgebilde in der Mehrzahl der Fälle ein Gelände von geringer Erhebung über dem Flachland zusammensetzen, so findet bei ihnen der einheimische Bergbau durch die Schwierigkeit der Wassergewältigung bald ein Ziel. Am günstigsten für ihn ist eines der Kohlenfeldcr von Poschan-hsien, ivo die die Flötze enthaltende Formation einen von tiefen Thaleinschnitten rnn- gebenen flach kuppelförmigen Berg zusammengesetzt. Hier findet seit langer Zeit die regste Ausbeutung statt. Sic läßt sich durch größere Anlagen leicht erheblich vermehren; doch fehlt es an Zimmerholz für den Gruben betrieb. Auf den anderen Feldern kann erst durch Schachtanlage und Wasser- Hebewerke ein Bergbari in größerem Stil angelegt werden. Die Kohle ver sorgt jetzt von jeder Grube aus nur einen kleinen Bereich, dessen Umfang24 von dem Ursprungspreis, den Transportmitteln und dem Vorhandensein anderen Brennstoffes abhängt. Der Preis erhöht sich bedeutend in geringen Entfernungen. Eisenerze werden meines Wissens jetzt in Schantung nicht verhüttet. Lagerstätten sind bei Jtschoufu und Tsinanfu, wahrscheinlich auch noch anderwärts, vorhanden; doch fehlt es an genauerer Untersuchung. Es ist ersichtlich, daß die Provinz Schantung in den Erzeugnissen ihrer Bodenbewirthschaftung, welche eine Bevölkerung von 150 Millionen zu ernähren vermögen, und, in der Arbeitskraft der kräftigen und fleißigen Bewohner große Schätze birgt, und daß ihre Produktion durch Hebung und zweckmäßige Verwerthung der Kohle vermehrt werden kann. Aber ihre \ ergiebigsten und am dichtesten bevölkerten Landstriche liegen vorwaltend im Inneren, und von dem, was sie erzeugt, ist nur Weniges, wie Seide, ge wisse Geflechte für Anfertigung von Strohhüten und einzelne landwirth- schaftliche Produkte, für den Export geeignet. Vergleicht man damit die scheinbar am meisten begünstigte Provinz Kwangtung, deren Hauptstadt Canton ist, so ernährt diese eine erheblich dünnere Bevölkerung, da sie zu viel unergiebiges Gebirge hat. Aber sie besitzt sehr viele werthvolle Er zeugnisse des Bodens und der Industrie für den Export und kann durch Einfuhr von Reis an deren Stelle mehr Bewohner ausnehmen, als sie aus sich selbst zu ernähren vermöchte. Sieht man von Canton und dessen nächster Umgebung ab, die ihren Reichthum von vielen Provinzen von China erhallen, so dürfte Kwangtung an Wohlhabenheit der Bewohner kaum höher als Schantung stehen. Schantung leidet aber, im Gegensatz zu Kwangtung, trotz seiner Lage am Meer, unter der Schwierigkeit des Zugangs von außen her. Zwar läßt sich die Küste des Halbinselvorsprungs leicht ansegeln, und fehlt nicht an Ankerplätzen. Aber einerseits ist dies der minder bevölkerte und minder produktive Theil; andererseits liegen die Ankerplätze, die sich auch zu Hafen anlagen eignen, mit Ausnahme von Kiautschou, ganz im Osten, und alle bcsindcn sich für die gegenwärtigen Verkehrsmittel in großer Entfernung von den Zentren der Bevölkerung und des Handels im Inneren. Als man die Eröffnung eines Seehafens für den Fremdhandel anstrebte, fiel die Wahl zuerst aus die Stadt Töngtschousu, am nördlichen Vorsprung. Da dort aber nur eine offene Rhede ist, wurde Tschisu erwählt. Alan hatte hier einen Rastort für die Reise aus dem Weg nach Norden, und eine Zufluchtsstätte für die Schiffe während des Winters, wenn der Paiho wegen Eisbedeckung unzugänglich ist. Auch für den Handel erschien der Ort günstig. Denn noch lange Zeit nachdem der Gelbe Fluß seinen Lauf ver legt hatte, war die Verbindung des westlichen Schantung mit dem Dangtsze25 mittelst bcö Großen Kanals gestört; daher fanden die fremden Güter den besten Zugang dorthin über Tschifrn Als aber dann der Kanal wieder hcrgestcllt war, sank die Bedeutung von Tschifu herab. Die Lage der Grenze zwischen den Gebieten, welche einerseits von hier, andererseits auf den Binnenwasserwcgcn von Tschinkiang oder Schanghai versorgt werden, schwankte hinfort je nach den Preisen der Fracht und dem Angebot der Maare am Ausgangsort. Der weiter östlich als Tschifu gelegene Hasen von Weihaiwei konnte wegen seiner noch größeren Entfernung ebensowenig, wie andere Buchten im Osten, in Betracht kommen. Bekanntlich ist er später von den Chinesen in einen Kriegshafen verwandelt worden. Gänzlich ausgeschlossen für den Zugang sind die Flachküsten, trotz der Mündung des gewaltigen Hwang-ho und anderer Flüsse. Nur kleine Fahr zeuge, welche über die Barren zu gehen vermögen, besorgen einen geringen Zwischenverkehr von Tschifu nach einigen dort gelegenen untergeordneten Handelsplätzen. Der einzige noch in Betracht kommende Zugang ist der eben ermähnte über den Großen Kanal. Er ist langwierig und wegen mehrerer Schleusen nicht unbeschwerlich, bietet aber den Vortheil relativ billigen und sicheren Güter transports. Er muß in erster Linie herangezogen werden, wenn es sich um Abwägung der Vortheile von Kiautschou handelt. Ich gehe nun zur näheren Betrachtung dieses Platzes über, befinde mich jedoch in dem Nachtheil, ihn nicht durch Augenschein zu kennen. Die Lage von Kiautschou, in Vergangenheit und Zukunft. Die Bai von Kiautschou öffnet sich an der Südseite der Halbinsel Schantung, an der Stelle wo diese an das plumpgestaltete Festland ansetzt. Die Einfahrt liegt im 36. Breitengrad, demselben, welcher durch die Meer enge von Gibraltar zieht. Zur Rechten erhebt sich ein, ivie es scheint, isolirtes Gebirge, der Lau-schan, welches bald zu 2500 und weiterhin (nach britischen Seekarten) zu 4500 Fuß ansteigt. Ein weniger hohes Gebirge liegt zur Linken. Dort, ivo die Ausläufer von beiden Seiten gegen einander streben, führt eine über 40 Meter tiefe Wasserstraße hindurch nach einer Bai, welche als ein (nach Darstellung der Seekarten) kreisrundes Becken von etwa 26 Kilometer Durchmesser, in dem jenseits jener Küstengebirge sich weithin ausdehnenden slachwelligen Land eingescnkt ist. Nur ihr Südrand und einige kleine Inseln sind gebirgig. Nach der Einfahrt mindern sich die Tiefen in allen Richtungen, und seichter, verschlammter26 Boden füllt den größten Theil der Bai. Zur Rechten der Einfahrt, nördlich vom Lau-schan, ist jedoch tiefer Ankergrund in hinreichender Aus dehnung vorhanden, um ivohlgesicherten Raum für eine Flotte zu gewähren. Eisbedeckung soll Vorkommen, aber unbedeutend und schnell vorüber gehend sein. Die erste der vorgenannten Bedingungen scheint daher in ausreichender, wenn auch nicht völlig idealer Weise erfüllt zu sein: ein eisfreier, wohl geschützter Hafen, mit guter Einfahrt und sicherem Ankergrund. Genaue Aufnahme wird bald feststellen, innerhalb welcher Grenzen diese Eigen schaften vorhanden sind, ebenso, inwieweit die zweite Bedingung, nämlich die Fähigkeit zu genügender Befestigung zur See und zu Land, sowie das Vorhandensein hinreichenden Raumes für die Anlage einer zweckmäßig ge legenen Stadt, von Waarenhäuscrn und von Docks, erfüllt ist. Vermuthlich liegen in diesen Beziehungen, bis auf den Mangel an Holz, die Verhält nisse günstig. Klimatisch dürfte Kiautschou allen Anforderungen entsprechen; in dieser Beziehung hat es für den Deutschen unzweifelhaft die günstigste Lage an der ganzen chinesischen Küste. Nicht vortheilhast ist der Umstand, daß von Nordosten her ein Fluß, der Kiau-Ho, mündet, welcher den größeren Ku-Ho aufnimmt. Denn dieser kommt von hohen Gneißgebirgen und fließt durch zersetztes welliges Hügelland; er hat jedenfalls die Ver sandung der Bai bewirkt. Im Norden der Bai, ungefähr 36 km- von ihrem Ausgang, liegt die Stadt Kiautschou. Ehemals von Bedeutung, ist sie jetzt herabgegangen und scheint, da dies die Seite der vorgeschrittensten Versandung ist, nur noch in geringer organischer Verbindung mit der Bai zu stehen, die nach ihr den Namen führt. Ihr eigener Name stammt aus alter Zeit. Vor dem Jahr 2000 v. Ehr. werden im östlichen Schantung die Lai-Barbaren erwähnt, welche schon damals die Seide des Gebirgsmaulbeerbaums" als Tribut zu entrichten hatten. Um 600 v. Ehr. werden dann die zwei unabhängigen Stämme der Lai und der Kiau in derselben Gegend genannt. Beider Namen sind forterhalten in Kiau-tschou und dem nördlich davon gelegenen Lai-tschou-su. Man schreibt den Namen Kiau mit einem Zeichen, welches stolz" bedeutet. Die Deutung als Leimstadt" beruht aus einem Jrrthum. Der Stamm der Lai wurde 563 v. Ehr. unterjocht; der der Kiau etwas später. Wahrscheinlich wurde daraufhin die Ltadt gegründet. Die Bedeutung der Bai von Kiautschou in der chinesischen Geschichte beruht in ihrer Lage. Die seetüchtigen Schiffe der Provinz Tschekiang brachten hierher südliche Erzeugnisse. Wahrscheinlich konnten damals kleinere Fahrzeuge bis nach der Stadt gelangen, von der aus die Waaren weiter vertheilt wurden. Dafür bot sich ein bcmerkenswerther, in der Boden-27 plastik beruhender Vortheil. DaS Bergland von Schantung ist nämlich durch eine breite, mit tektonischen Vorgängen zusammenhängende Landsenke, welche von der Bai bis zur Nordküste der Halbinsel reicht, in zwei Theile geschieden. Diese Senke ist mit niederem flachwelligem Land erfüllt, welches ausgedehnteren Feldbau gestattet und sich nach Osten breit zwischen die Gebirge hineinzuziehen scheint. In ihr geht ein Fluß, der Lai, nach Norden, ein anderer, der Kiau, nach Süden. Beide sind für kleinere Boote schiffbar, und wo sie einander am nächsten kommen, ist das Land so flach, daß man die Flüsse durch einen Kanal verbinden konnte. Die Boote gingen nun den Kiau hinauf und den Lai hinab und kamen dann entweder durch innere Kanäle, oder außen an der Küste entlang, nach einem westwärts gelegenen Ort Po-Hsing, von wo die Maaren auf Binnenwasser wegen weitergeführt werden konnten. Die ziemlich ausgedehnte, in meinem Atlas von China (Blatt 3 und 4) dargestellte Landsenke bietet außerdem den für Kiautschou sehr wichtigen Vortheil, daß sie, wie aus einigen Reise berichten hervorgeht, als der fruchtbarste und am dichtesten bevölkerte Theil des Berglandes von Schantung erscheint. In der Geschichte von Kiautschou sind dies für uns die wesentlichsten Momente. Im übrigen hat sie rein chinesisches Interesse. Nur eine Episode erhebt sich darüber hinaus. Als nämlich die Araber im neunten Jahr hundert ihre Faktoreien in dem vorerwähnten Kanpu bei Hangtschoufu hatten, kamen sie noch weiter nordwärts und erreichten in acht Tagen den Hafen von Kantu, wo es Gänse, Enten und anderes wildes Geflügel giebt", und vor dem sich hohe Berge erheben". Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß damit Kiautschou genieint ist. Sie fuhren von hier hinüber nach Sila, dem damaligen Königreich Sinla im südlichen Korea, von wo ein Gemisch von koreanischen und japanischen Erzeugnissen aus- gcführt wurde. Hieraus läßt sich entnehmen, das; Kiautschou auch als Zwischenstation für diese östlicheren Länder benutzt wurde. Offenbar war der Hafen von Wichtigkeit vor der Anlage des Großen Kanals. Er bot den einzigen bequemen Zugang nach Norden für die Er zeugnisse des Südens. Als später Peking gegründet wurde, und dessen Versorgung mit Reis eine Lebensfrage für die Residenzstadt war, behielten die Handclswege über Kiautschou immer noch einen Theil ihrer historisch erworbenen Bedeutung, und daß diese nicht gering geschätzt wurde, beweist der noch später entworfene Plan, einen Kanal für Seeschiffe auf dem an gegebenen Weg quer durch die Halbinsel zu legen. Die Arbeit wurde be gonnen, aber nicht ausgeführt. Der Missionar Williamson hat den noch mit Wasserlachen bedeckten Kanal gesehen und berichtet von den Ruinen von Brücken und anderen größeren Anlagen.28 Für die Beurteilung der Lage von Kiautschou in der Gcgenivart kommt diese vormals so wichtige Wasserverbindung zunächst weniger in Be tracht, als das Vorhandensein der Einsenkung, dem der Kanal seine Ent stehung verdankte. Der Landverkehr mittelst der heute dort gebräuchlichen Methoden ivird dadurch erleichtert und ist erheblich bequemer als von Tschifu, da die Straße von dort nach Westen entlang der Küste eine Anzahl von Gebirgsausläufern zu verqueren hat. Das erste Ziel des Verkehrs ist die Stadt Wei-Hsisn, da in ihr die Händler wohnen, welche die Vertheilung der Güter nach dem Seidendistrikt von Tsingtschou, nach der Hauptstadt Tsinanfu und anderen Gegenden vermitteln. Ihre Entfernung von Tschifu beträgt 240, von der Stadt Kiautschou 100 Kilometer. Was die Kon kurrenz mit dein Großen Kanal und dem Fremdhandelsplatz Tschinkiang be trifft, so würde jetzt vermuthlich alles Land bis nach Tsinanfu und Jtschoufu billiger von Kiautschou als von den Iangtszestädten versorgt werden können. Aber für diese verbleibt das reiche ivestliche Niederland von Schan- tung zu beiden Seiten des Großen Kanals, so lange dieser nicht beschädigt wird. Dies gilt für die Gegenwart. Die Bedeutung von Kiautschou aber be ruht in der Rolle, ivelchc es unter geschickter Verwaltung als Ausgangs punkt von Eisenbahnen spielen kann, und nur von diesem Gesichtspunkt kann unsere dritte und wichtigste an einen Heimstätteplatz der deutschen Schiffe zu stellende Anforderung, nämlich die sinanzielle Selbsterhaltung, erfüllt werden. Unter den heutigen Verhältnissen vermag es als Seehandels platz für eine Bevölkerung von vielleicht 8 bis 10 Millionen zu dienen, und schon dadurch wird ein Theil der Erhaltungskosten bestritten werden können. In außerordentlicher Weise aber würde die Bedeutung schon durch die Anlage einer Eisenbahn nach Wei-Hsi8n wachsen, welche mit verhältniß- müßig geringen Kosten erbaut werden kann. Denn es würde dadurch nicht nur der Ausgangspunkt des kostspieligen einheimischen Transportes erheblich weiter in das Innere (240 Kilometer weiter im Vergleich mit dem jetzigen Ausgangspunkt Tschifu) verlegt, sondern auch das Kohlenseld von Wei- Hsi8n selbst dem Hafen nahe gerückt werden. Würde die Bahnlinie weiter westwärts, dem Fuß des Berglandes entlang, gegen Poschan-hsisn und Tsi nanfu hin verlängert, so würde ihre Bedeutung wahrscheinlich annähernd mit dem Quadrat der Entfernung wachsen; denn in diesem Verhältnis; un- gefähr dürften die Bcvölkerungsmengen zunehmen, welche sie als Auslaß straße nach dem Meer zu benutzen haben würden. Es darf ausgesprochen werden, daß Kiautschou den natürlichen Brenn punkt an der Küste für den Handels- und Personenverkehr des ganzen nordöstlichen China bildet, insoweit dieser nicht in den eisfreien Monaten des Jahres über Tientsin leichtere rind billigere Bedingungen findet. Für29 alles übrige Land können weder dieser Ort noch Tschifu in Wettbewerb mit Kiautschou treten, und ein anderer Platz kommt außer den Handelsplätzen am Aangtsze nicht in Frage. Was diese betrifft, so hat die chinesische Regierung den Bau der wichtigen Binnenbahn von Peking bis Hankou bewilligt. Voraussichtlich wird sie in wenigen Jahren vollendet sein. Aber schon vorher wird das Verlangen nach Eisenbahnen in China Fort schritte machen. Den Anlaß hat die außerordentliche Rentabilität der vor wenigen Monaten vollendeten kurzen Linie von Tientsin nach Peking gegeben, welche außerdem eine Reise, die bisher zwei Tage höchst schwerfälliger Beförderung in Anspruch nahm, auf einige Stunden bequemster Fortbewegung herabsetzt. Vor dem klar ersichtlichen wirthschaft- lichen Nutzen und dem klingenden Gewinn der Aktionäre schwinden plötzlich alle Vorurtheilc, welche früher den Bau von Eisenbahnen als gänzlich un möglich erscheinen ließen. Wie vor einigen Jahren, nachdem der Versuch einer ersten Telegraphcnlinic erfolgreich durchgeführt war, das Himmlische Reich in kurzer Zeit nach allen Richtungen bis zu seiner fernen Westgrenze mit Drähten durchzogen war, so werden voraussichtlich bald die Eisenbahnen wie Krystalle aneinanderschießen. Wenn dem Deutschen Reich gelingt, in Kiautschou einen gesicherten Hafen und Handelsplatz und einen maritimen Ausgangspunkt für die Eisen bahnen des Nordens anzulegen, so wird dem Chinesischen Reich einen sehr großen Nutzen bringen; denn es wird ihm die Mittel schaffen, eine der gesegnetsten und besten Provinzen, welche jetzt durch ihre schwere Er reichbarkeit leidet, zu hoher Entwickelung zu führen. Dieses Ziel wird zum Besten Chinas um so schneller und vollkommener erreicht werden, je mehr der in Kiautschou ansässigen befreundeten Macht freie Hand gelassen wird, die Eisenbahneir zu bauen und die Kohlenschätze zu fördern. Das Bestreben wird allerdings dahin gerichtet sein müssen, über Tsinanfu hinaus die Bahn bis zu ihrer Verbindung mit der Linie Hankou-Peking zu ver längern, welche in einem geradlinigen Abstand von 500 Irm gelegen ist. Die Uebcrwindung des Gelben Flusses wird freilich eine schwierige Aufgabe sein; aber ist wahrscheinlich, daß in der Strecke, wo er das Bett des früheren Tsi eingenommen hat, geeignete Steifen zur Ueberbrückung ge funden werden können. Eine besondere Bedeutung wird Kiautschou als Ausfuhrplatz für Stein kohle haben, und dadurch kann die es verwaltende Macht dem Handel und den Flotten aller Nationen große Dienste erweisen. China besitzt Kohlen- ffelder, die sich an Ausdehnung und Reichthum rur mit den nordamerika- irischen messen können. Aber der Werth der meisteir wird durch ihre Entfernung von der Küste und von schiffbaren Flüssen beeinträchtigt. Die* * 30 leicht erreichbaren sind, mit Ausnahme von Kaiping, soviel bis jetzt bekannt ist, von geringer Bedeutung, entweder weil die Kohle nicht gut ist, oder weil die Flötze zu wenig mächtig sind. Diejenigen von Schantung sind abbauwürdig und liefern treffliche verkokbare Kohle, welche allen jetzt von Fremden verwandten ostasiatischen Kohlen bedeutend voransteht. Ein Schienen weg allein vermag sie zu erschließen. Kiautschou ist durch seine Lage be-^ stimmt, der Stapelplatz für diese Kohlenschätze zu werden. Außer der Kohle hat Schantung gegenwärtig keine Produkte, welche eine hervorragende Stellung als Gegenstände der Ausfuhr einzunehmen geeignet sind. Der jetzige Handel von Tschifu, welchen ich zum Werth von 25 Millionen Mark angegeben finde, wird sich größtentheils nach Kiautschou wenden und für dieses um mehr als den für Tschifu ver bleibenden Rest erhöht werden. Der Eisenbahnbau aber wird unzweifelhaft eine erhebliche Steigerung herbeiführcn. Der Baumwollbau wird ver- muthlich an Bedeutung zunehmen, und man wird andere für den Export geeignete Produkte in erhöhtem Maß gewinnen. Sehr weit dürfen die Grenzen für die Möglichkeit der Einfuhr fremder Maaren angesetzt werden. Auch wird Kiautschou als Zwischenstation für Korea einige Dienste leisten, wenngleich es in dieser Richtung hinter Schanghai immer sehr weit Zurückbleiben wird. Es ist selbstverständlich völlig ausgeschlossen, daß Kiautschou jemals ein Auswanderungsplatz für Deutsche werden kann. DaS Land ist so dicht be völkert, daß ein Abfluß des Uebcrschusses der stetig zunehmenden Menschen menge nothwendig geworden ist. Seit Jahrzehnten hat derselbe seinen Weg nach der Mandschurei und Liautung gefunden, wo die Leute von Schantung den Hauptbestandthcil der neuen Ansiedler bilden. Unsere Rasse vermag, was Lebenserhaltung und Arbeitsleistung mit einem geringen Betrag von Mitteln betrifft, in Wettbewerb mit den Chinesen nicht zu treten. Aus diesen und vielen anderen Gründen erscheint es daher auch gänzlich ausge schlossen, daß Deutschland mit der Besetzung der Kiautschou-Bai einen großen Landbesitz erstrebt, der zu endlosen Schmierigkeiten führen würde. Wenn man von der naturgemäßen Ausdehnung Rußlands nach Tsten bis an Küsten mit eisfreien Häfen absieht, kann es für eine europäische Macht, die in China festen Fuß faßt, nur darauf ankommen, einen geeigneten Punkt fest zu halten und dort eine Heimstätte für ihre Schiffe und einen Hort für ihren Handel zu haben, wie dies in dem glänzenden Beispiel von Hongkong vorgezeichnet ist. Je konsequenter, ohne fernere Gebietserweiterung, ein solcher Platz mit Festigkeit gehalten, gegen Angriffe gesichert und für den Handel aller Nationen ausgestaltet wird, desto größer wird der Einfluß sein, der von ihm ausgeht.31 Es ist in neuester Zeit in Tagcsblättern häufig von einer Gefahr der Zerstückelung und Zerbröckelung von China geschrieben worden. Für das eigentliche China, daS alte Land der achtzehn Provinzen, kann davon kaum ernstlich die Rede sein. Käme je dazu, so würde die Zcrtheilung nur äußerlich sein und eben so wenig dauernden Bestand haben können, wie in früheren Perioden bei ähnlichen Anlässen. Das Land ist durch die Gleich artigkeit seiner dichten Bevölkerung, durch Ueberlicferung, Anschauung, Sitten und Gewohnheiten zu fest zusammengeschweißt, als daß die Beherrschung von Thcilcn durch fremde Mächte mehr als eine zeitweilige Verwaltung sein könnte. Der gewaltige Koloß im fernen Orient steht in dieser Beziehung in großem Gegensatz zu Indien, welches nie geeint gewesen war, und dessen getrennte Theilc nur gewinnen konnten, als eine fremde Macht sie unter warf und zusammenhielt. China verdankt den europäischen Mächten seinen langsam und mit innerem Widerstreben beginnenden Aufschwung. Es würde, auf seine überlieferten Hilfsmittel allein angewiesen, in seiner übermäßigen Be völkerung ersticken, oder durch vernichtende Revolutionen nach Art derjenigen der Taipings aufgerieben werden. Der Fremdhandel hat längst die materielle Kraft gefördert. Von Hongkong und den Fremdhandelsplätzen hat sich ein Strom gewinnbringenden Verkehrslebens durch alle Theilc er gossen und dabei auch denjenigen, von denen er ausging, den Lohn nicht versagt. Deutschland hat seinen Antheil daran spät errungen. Es steht im Be griff, durch Festigung seiner eigenen Stellung in eine neue Phase zu Gunsten der Entwickelung der natürlichen Schätze des Reiches und seiner Volkskraft einzutreten. Die Frage, ob von dieser Förderung die Fremdmächte in Zukunft den größeren Vortheil haben werden, ist mit billigem Zweifel, wenn nicht unmittelbar verneinend, zu beantworten. Wir brauchen nur auf Japan zu blicken. Dieses ehemalige Zauberland ist gewaltsam aufgerüttelt worden und dann aus eigener Kraft in den internationalen Wettbewerb um Handelsmacht und politische Macht mit erstaunlich schnellem Erfolg ein getreten. China, im Gegcnthcil, hat sich ablehnend verhalten und sträubt sich noch. Ihm werden die modernsten europäischen Einrichtungen und Erfindungen und die vollkommensten Verbindungen durch Telegraph und Eisenbahn aufgedrungen. Aus eigener Gewinnsucht ruhen die Fremden nicht, bis sie die schlummernden Riesenschätze an natürlichen Hilfsquellen und menschlicher Arbeitskraft entwickelt haben werden. Gewaltsam zwingen sie China, die letzteren auf die massenhafte Herstellung der Güter zu wenden, durch welche Europa den Handel der Welt beherrscht, unbekümmert darum, ob sie nicht dadurch Europas32 hohe materielle Macht herabsetzen, und ob nicht der Koloß, dem sie das durch westliches Genie sinnreich erdachte Spielzeug in die Hand drücken, es so zu gebrauchen lernt, daß den Erfindern selbst schwerste Schädigung droht. Jede Kohlengrube, die geöffnet wird, jede Fabrik, die daraus hin für die Chinesen angelegt wird, jede Eisenbahn, die man ihnen aufzwängt, ist ein Theil dieses Selbstmordprozesses. Er wird gefördert, wenn man bestrebt ist, die Wehr fähigkeit von China zu erhöhen. So lange die fremden Mächte hiervon abstehen und es selbst übernehmen, von ihren festen Plätzen an den Küsten aus das Land zu schützen, werden sie die Fäden der Erstarkung des Reiches der Mitte in ihrer Hand behalten. Der industrielle Fortschritt Chinas aber ist nicht mehr zu hemmen, und seitdem er ein unabweisbares Verhängnis; für Europa geworden ist, hat jede Nation das Interesse, die Bewegung zu überwachen, von dem Gewinn, mit dem sie verbunden ist, für sich einen Theil zu sichern und auf dem Schauplatz des wirthschaftlichen Wettbewerbes der Nationen, dessen Schwerpunkt mehr und mehr in den fernsten Osten gerückt wird, eine machtvolle Stellung einzunehmen. Es ist zu hoffen, daß Deutschland durch die mit energischem Handeln erfolgte Besetzung von Kiautschou einen sicheren Schritt nach diesem Ziele hin gethan hat. Truck von I. ’S. Preub, Berlin W Leipzigerstrabe 31 32. -Druck von 3 . S, Preuß, Berlin W Leipzigerftr. 31 32.h
