Aus der Verbotenen Stadt. Von C. I. Voskamp, Missionar der Berliner Missionsgesellschaft in China. Mit 6 Illustrationen. Berlin ß.O. 43. Buchhandlung der Berliner evangelischen wlsslonsgesellschash Beorgenklrchstrasie 70.Christliches Verlagshaus, Buchdruckerei, Stuttgart.Peking. T;-King-Tscheng. Mitten in Peking, wohin sich in unseren Tagen die Blicke der Völker richten, liegt die Tz-King-Tscheng, die Verbotene Stadt. Wie ein Stück aus einem Märchen klingt das Wort in unfern Ohren Verbotene Stadt". Von hohen, mit Zinnen ge krönten Mauern umgeben, die aus leuchtend gelben Ziegeln erbaut sind, mit ihren 200 Palästen, mit ihren künstlichen Seen und künst lichen Bergen, mit ihren weiten, herrlichen Parkanlagen, mit ihren Wäldern und Hainen und hängenden Gärten, mit ihren Tempeln, deren Dächer vergoldet sind, und die im Sonnenlicht wie Feuer aufstrahlen, mit ihren aus bunten Ziegeln erbauten Pagoden, mit ihren schneeweißen Marmoraltären und Ehrenbogen und Götzenschreinen so liegt die Verbotene Stadt, die Resi denz der Mandschukaiser, da, geheimnisvoll, abgeschlossen, wie in märchenhafter Versunkenheit. Leben in der Verbotenen Stadt. Kein Unbefugter darf hinein in diese Verbotene Stadt. An den Thoren und in den Ecktürmen stehen die Schildträger und Bogenschützen und bewachen die Eingänge. Im Innern der Paläste schleichen mit unhörbaren Schritten die Palastdiener und Eunuchen, in seidene Gewänder gehüllt, und in den innersten Gemächern wohnen die edlen Jungfrauen und Frauen, Töchter hoher Mandschufürsten und Vasallen der innerasiatischen Länder, und schmücken sich mit Gold und Kleinodien und hüllen sich in seidene, farbenreiche Gewänder und legen sie ab, um sich wieder zu schmücken. Und sie schmücken sich für einen, der sie selten6 oder nie sieht, für das goldene Haupt der Welt", für den Himmelssohn. Fast täglich zieht ein prächtiger Zug, in der Mitte der Himmelssohn, in einen der vielen Tempel der Verbotenen Stadt. Dort bringt der Kaiser von China vor diesem und jenem Gott, dem Gott des Hagels oder des Schnees, der Fruchtbarkeit oder des langen Lebens, ein Opfer dar, während liebliche Musik ihn umtönt und süßer Duft köstlichen Räuchwerks die Tempelhalle erfüllt. Einmal im Jahr opfert er im Himmelstempel dem großen Schang-ti, dem Gott, der über allen Göttern ist, und dessen einziger Hohepriester auf Erden, dessen sichtbarer Stell vertreter der chinesische Kaiser ist. Wenn aber Dürre, Krieg, Hungersnot und Pestilenz das Volk heimsuchen, so legt der Himmelssohn das gelbseidene Gewand mit den eingewirkten Drachenbildern ab und hüllt sich in ein härenes Kleid, beugt sich dreimal, berührt neunmal mit der Stirn den Boden und betet folgendes Gebet: Ich, der Diener des Himmels, der gesetzt ist über die Menschen, der verantwortlich ist für die Ordnung der Welt und für die Ruhe der Völker, beuge in tiefer Demut mein Haupt und bekenne meine Sünden und Missethaten. Ich er kenne, daß das Herz des Himmels Erbarmen und Liebe ist, ich aber sinke täglich tiefer in Sünde und Schuld. Zitternd und mit Furcht durchforsche ich mein Leben und mein Inneres. Haben Stolz und Habsucht sich eingenistet in meinem Herzen, bin ich nachlässig geworden in der Verwaltung des Reiches? War ich parteiisch, wenn ich zu strafen und zu belohnen hatte, habe ich das Volk durch Abgaben gedrückt, um Paläste zu bauen? Habe ich mein Ohr verschlossen vor den Klagen der Unterdrückten, habe ich den Schuldlosen mit dem Schuldigen zusammen leiden lassen und geduldet, daß Tausende von Menschen an den Grenzen hingeschlachtet wurden, nur damit meine Offiziere ein Zeichen meiner kaiserlichen Gunst erhielten? Sind Sünden und ist Unrecht in mir, das du allein kennst und das meinen Augen verborgen ist? Gewähre mir die Gnade der Selbsterneuerung! Wende von meinem Volk die7 Plage! Siehe die zahllosen Unschuldigen, welche um meiner Sünden willen leiden. Schone uns mit ferneren Strafen. Sei uns gnädig. In tiefster Ehrfurcht bringe ich vor dein Angesicht diese meine Bitte." Fast täglich hat so der Kaiser sich niederzuwerfen und Opfer zu bringen und anzubeten: den Himmel und die Erde, die Sonne und den Mond, die Ahnen seines Hauses und die 243 Kaiser, die über China regiert haben, die Götter der Wolken, des Windes, des Regens, des Donners und des Blitzes, die Götter der fünf höchsten Berge, der vier größten Seen und der vier größten Flüsse seines Landes. Betet er den Himmel an, so trägt er ein blauseidenes Gewand, betet er die Sonne an, so ist er in ein flammenrotes Kleid gehüllt, betet er den Mond an, so trägt er ein mattes Weiß. Und das alles ist bis ins Kleinste geregelt für den, der nach einem Ausspruch nur seine Gewänder zu schütteln braucht, um die Welt in Ordnung zu halten", und der durch Störungen in den Zere monien Störungen unter dem Volk, in der Natur und unter den Gestirnen hervorruft. Oft auch öffnen sich die Thore der Verbotenen Stadt, und hineinwandert einer der Vizekönige und Gouverneure der 18 Pro vinzen des weiten Reiches und sinkt nieder vor dem kostbaren Thron, auf dem der Kuang-Sü thront, berührt mit der Stirn neunmal den Boden und berichtet in ersterbender Ehrfurcht, wie es in den Landen aussieht, und ein leises Nicken des kaiserlichen Hauptes dünkt ihm eine größere Gnade zu sein, als wenn unser geliebter deutscher Kaiser einem verdienten Mann einen hohen Orden verleiht. Oft auch ziehen seltsam gekleidete Männer in den Palast. Sie kommen aus dem Innern Asiens und legen in der Halle für tributpflichtige Stämme" dem Herrscher der Welt" die Schätze ihres Landes an Gold, Silber, Edelgestein und kostbaren Fellen und Gewändern zu Füßen. Dann spricht der Kaiser einige gnädige Worte an die Knieenden, die ein hoher Mandarin in die Sprache jenes Volkes übersetzt. Und am Schluß der Audienz läßt der Kaiser den Göttern jenes Volkes, das sich ihm mit seinen Gaben naht, an einem be-8 stimmten Altar ein Opfer bringen. Alle Völker sind dem chinesischen Kaiser tributpflichtig, und noch vor vierzig Jahren standen auf der Liste der Völker und Stämme, die Tribut zu zahlen hatten (einige müssen dies alljährlich thun, andere brauchen der weiten Entfernung wegen nur alle drei oder fünf Jahre zu kommen) auch die Völker und Nationen Europas, deren Ge sandten der Kaiser nur in jener Halle für tributpflichtige Stämme" empfangen wollte. Die geöffnete Verbotene Stadt. So war es einst, und wie ist alles so gar anders geworden vor unfern Augen! Die Deutschen u. s. w. sind gekommen, aber nicht um Tribut zu bringen, sondern mit dem Schwerte in der Hand. Sie sind in die Verbotene Stadt gedrungen und fanden die Paläste und Tempel fast menschenleer, und auf den Zinnen dieser märchen haften Stadt weht seit dem 15 . August 1900 nicht das gelbe Drachenbanner, sondern der deutsche Adler. Wo ist der Himmelssohn geblieben, wo sind sie geblieben, die seidenumhüllten Gestalten der Palastdiener und Eunuchen, die Bogenschützen, Speerwerfer und Schildträger, die Frauen und Sklavinnen? In der Morgenfrühe hat man auf geheimen Gängen die Stadt verlassen. In wilder, überstürzender Eile hat man die Siegel des Reiches, die Kleinodien und einige Kleidungsstücke zusammengerafft und ist geflohen. Der Feind stand vor den Thoren. Schon donnerten seine Geschütze gegen die Verbotene Stadt. Und als einige Stunden später die Truppen eindrangen in die Paläste und Tempel, da fanden sie die Ver botene Stadt verlassen. Nur einige alte Palastdiener schlichen umher, die nicht hatten fliehen können, und in den Winkeln der Frauengemächer kauerten schreckensbleich die Schönen des Hofes". Welche Schätze waren dort aufgespeichert: Goldene Götzen, Schalen aus edlem Gestein, Perlenhalsbänder, Ballen der köst lichsten Seide, besonders der herrlichen schweren Seide von gelber9 Farbe mit eingewirkten Drachen oder Phönixbildern, die in den kaiserlichen Seidenwebereien Hankaus oder Tientsins für den kaiserlichen Hof hergestellt sind. Wohl nie sind solche nach Europa gekommen. Man erzählt sich, daß die japanischen Soldaten allein 40 Millionen Goldtäls in Besitz genommen hätten und unsere deutschen Pioniere suchen in den Parkanlagen den vergrabenen Kaiserschatz, der von schier unermeßlichem Werte sein soll. All die Tributschätze, die fremde Völkerschaften im Laus der Jahrhunderte und Jahrtausende dort zusammengetragen hatten, all die kostbaren Geschenke der früheren Päpste und der Herrscher Frankreichs wurden ergriffen. An den Thoren der Verbotenen Stadt gab der russische Soldat einen kostbaren Pelz oder eine Perle von der Größe einer Haselnuß für eine Flasche Bier oder eine Flasche Schnaps weg. So brach über die Ver botene Stadt das Gericht herein! Die Bibel in der Verbotenen Stadt. Es war in den ersten Tagen des November 1900, da kehrten zwei Freunde aus Peking zurück und machten mir in Tsingtau einen Besuch. Der eine von ihnen war im Sommerpalast ge wesen und hatte die innersten Gemächer der entflohenen Kaiserin- Witwe betreten. Er war auch in den kleinen Privattempel der Kaiserin gegangen und hatte dort die hohe, stark vergoldete Figur der Göttin der Barmherzigkeit bewundert. Von dem Götzenaltar hatte er sich zum Andenken einen kleinen künstlichen Blumenzweig aus herrlicher Filigranarbeit mitgenonunen. Der zweite Freund war in dem Studierzimmer des Kaisers Kuang-Sü gewesen. Es herrschte große Ordnung in dem Saal. Auf dem Tisch unter den kaiserlichen Briefen und Edikten, unter den Berichten der hohen Beamten, die sich nur nu, d. h. Sklave, wenn sie Mandschuren, und sobin, d. h. Beamte, nennen, wenn sie Chinesen sind, unter all den kostbaren Gegenständen lag eine chinesische Bibel. Eine Bibel auf dem Schreibtisch des Himmelssohnes, eine Bibel, die Spuren trägt, daß sie zum eifrigen Studium benutzt worden ist, eine Bibel in der Ver botenen Stadt! 10 Söie ist nun die Bibel in des Kaisers Studierzimmer ge kommen? Wir müssen da zurückkehren bis in die Kindcrzeit des unglücklichen Kaisers Kuang-Sü. Jugend des Kuang-Sü. Wir schreiben das Jahr 1900 nach Christo, und auf allen Edikten und amtlichen Bekanntmachungen im weiten chinesischen Reiche steht im 26. Jahre des Kaisers Kuang-Sü". Kuang- Sü war noch ein Kind, als er der Herrscher von 400 Mil lionen Menschen wurde. Die Kaiserin-Witwe führte für ihn die Regierung. Der kaiserliche Knabe wurde mit aller Sorgfalt in den Wissenschaften der Chinesen erzogen. Die bedeutendsten Gelehrten der alten kaiserlichen Han-liu-Universität waren seine Lehrer und unterrichteten ihn in der Weisheit des Coufucius und des Mencius. Ja, Kuang-Sü hatte sogar seinen eigenen Sklaven, der Schläge bekam, wenn sein Herr schlecht gelernt hatte. Die Person des jungen Himmelssohnes war ja heilig, die durfte nicht geschlagen werden. Und verdiente er Schläge, so bekam sie jener, damit seine kaiserliche Majestät in sich ginge und fleißig würde. Der kaiserliche Schüler mag auch oft für seinen jungen Sklaven ein gutes Wort eingelegt haben. Sein Wort galt ja schon als Befehl, und als er einmal einem sehr- strengen Lehrer im Unmut das Wort auf die Thür schrieb: Zum Tode verurteilt Kuang-Sü," da soll große Bestür zung im kaiserlichen Palaste geherrscht haben, bis ein Eunuche hinging und den kaiserlichen Richterspruch wegwischte. Der kaiserliche Knabe hatte früh eine ganz besondere Vor liebe für europäisches Spielzeug, und man erzählte sich, daß ein Teil des Palastes, den er bewohnte, ein wahres Museum war, in dem die kunstvollsten Dinge aufgestapelt waren: kleine Eisen bahnen, kleine Dampfschiffe, Maschinen, Spieldosen, Phono graphen, Telephone und kleine photographische Apparate. Unter seinen Schätzen saß Kuang-Sü und spielte. Alle die Wunder dinge waren seine Kameraden und Gefährten in seiner einsamen Jugendzeit. Jeder hohe Mandarin, der seine Gunst erringen wollte, schenkte ihm ein bisher nie gesehenes, kunstvolles Spiel-11 zeug, das in Europa oder Amerika verfertigt war, und die Freude des Knaben war groß. So verbrachte Kuang-Sü seine Kinderzeit unter Eunuchen und alten, schwergelehrten Han-lin- Professoren, mit seinem Prügelsklaven und seinem Spielzeug. Antritt der Regierung des Kuang-Sü. Die Kinderzeit hatte bald ihr Ende erreicht. Kuang-Sü war noch nicht zwölf Jahre alt, als die Kaiserin-Witwe ihni die Zügel in die Hand legte. Freilich blieb sie immer noch die eigentliche Herrscherin Chinas, der die höchsten Mandarine nach wie vor Bericht erstatteten und die, wenn auch durch einen Vor hang getrennt, den Sitzungen des Staatsministeriums beiwohnte, und die Verhandlungen nach ihrem Willen leitete. Diese Staats ratssitzungen müssen nach uraltem Brauch zwei bis drei Stun den nach Mitternacht stattfinden, also zu einer Zeit, wo in Europa die Minister und Räte noch im Schlafe ruhen. Uni den kaiserlichen Knaben alter zu machen, als er wirklich war, schenkte ihm die Kaiserin-Witwe ein Lebensjahr, ein anderer seiner mandschurischen Onkel schenkte ihm ebenfalls ein Lebens jahr, und so war der Knabe vierzehn Jahre alt. In China geht das ja. Ein Edikt machte dem Volk die Neuerung bekannt mit dem üblichen Schluß solcher Edikte: Vernehmt es und ge horcht" oder vernehmt es und zittert". Und man vernahm es, zitterte und gehorchte. Alle heiratsfähigen Töchter jener alten Mandschufamilien, welche unter dem berühmten Schun-Tschi den mongolischen Steppen in das chinesische Reich gedrungen waren, mußten an einem bestimmten Tage sich im Palast ein finden, und welche schön und lieblich waren und das Wohlge fallen der Kaiserin-Witwe erweckten, wurden für die Frauen gemächer des Kuang-Sü bestimmt. Da saß nun der Knabe auf dem uralten Throne, in ein schweres, seidenes Gewand ge kleidet, auf dessen Bruststück der fünfklauige Drache prangte, den nur der chinesische Kaiser tragen darf. Und aus seinem länglichen, blassen Antlitz schauten zwei große dunkle Kinder augen über die Höflingsschar, die vor seiner Majestät sich in den Staub bückte. Und täglich mußte er die aus altersgrauer12 Borzeit stammenden Zeremonien in den Tempeln beobachten und täglich mußte er opfern und beten, bald im roten, bald im blauen, bald im mattweißen Gewand, und mußte seine Kleider schütteln, um die Welt in Ordnung zu halten. Aus der Kinderzeit und aus dem Kinderspiel hatte sich der Jüngling ein brennendes Verlangen gerettet nach etwas Neuem und Großen. Die Leute, welche so wunderbare künst liche Dinge verfertigen konnten, wie er sie aus seiner Spielzeit bewahrt hatte, und mit welchen er sich heimlich noch oft be schäftigte, wenn er das gelbe Gewand mit dem fünfklauigen Drachen oblegen durfte, konnten doch nicht solche vernunftlose Barbaren" sein, wie man sie ihm geschildert hatte. Das mußten kluge Leute sein, voll Verstand und Kenntnis der Natur, wie er sie unter seinen Weisen und Lehrern kaum finden konnte. Dunkle Gerüchte aus fernen Ländern, wo mächtige Völker unter großen Herrschern lebten, waren zu ihm in die Verbotene Stadt gedrungen. Gern lauschte er den Berichten seiner Gesandten, die in Europa gewesen waren, und die ihm von den Sitten und Gebräuchen fremder Völker erzählten. Eines Tages über raschte er seine Minister, und vor allen Dingen die Kaiserin- Witwe, durch den Wunsch, Englisch lernen zu wollen. Das mag ein Schütteln der alten Hofzöpfe, ein Raunen und Flüstern ge geben haben in den weiten Palästen und Hallen der Verbotenen Stadt. Im Reiche wirkte die Nachricht von diesem Entschluß des Kaisers verschieden. Während alte verknöcherte Mandarine und Schriftgelehrten sich schier entsetzten über den Plan des Kaisers, die Barbarensprache zu studieren, sprachen weite Kreise des Volkes sich günstig darüber aus. Die Chinesen, welche in den Hafenstädten, im Verkehr mit Europäern und in Missions schulen fremde Sitten und Anschauungen kennen gelernt hatten, begrüßten mit Freuden den Anbruch einer neuen Zeit. Aus der Han-li-Universität wurden zwei hochgestellte Chinesen auserwählt, von denen es hieß, sie könnten englisch, und die nun knieend den Himmelssohn unterrichteten. Wieviel englisch diese knieen den Lehrer ihrem erhabenen Schüler in ersterbender Ehrfurcht beibrachten, das weiß kein Mensch.13 Geburtstag der Kaiserin-Witwe. Da trat ein Ereignis ein, welches die Aufmerksamkeit des jungen Kaisers lebhaft fesselte. Die Kaiserin-Witwe feierte 1894 ihren großen, d. h. ihren 60. Geburtstag. Wird der Chinese 60 Jahre alt, so feiert er nach uralter Sitte, umgeben von Söhnen und Enkeln, unter zahlreichen Opfern vor den Göttern und Ahnen und besonders unter gewaltigen Festschmausereien seinen großen Geburtstag. Sehr oft pflegen an diesem Geburtstage die Söhne und Enkel dem Geburtstagskinde einen schönen Sarg zu über reichen. Die hohen Beamten des Reiches überreichten der mächtigen Fürstin aber keinen Sarg, sondern schenkten ihr große Geld summen, die durch besondere Steuern in den Provinzen gesamnielt waren. Die Spatzen schreien es ja in Peking von den Dächern, daß die Kaiserin-Witwe sehr goldhungrig" ist. Man will so gar wissen, daß eine ganze Reihe von Kammern in dem Palast der Kaiserin mit kleinen Barren ungemünzten Goldes ange füllt waren. Ein köstliches Geburtstagsgeschenk. Unter den kostbaren Gaben, die von nah und fern nach Peking getragen wurden, befand sich ein gar herrliches Geschenk. Christliche Chinesinnen hatten es gestiftet. Es war ein neues Testament, so prächtig, wie es die Welt selten gesehen hat. Die Blätter des lieben Bibelbuches waren kostbare Seide. Berühmte Zeichenschreiber hatten mit Tusche und Pinsel den Text auf diese seidenen Blätter geschrieben. Der Deckel des Buches war aus getriebenem Silber, und die Bibel lag in einem silbernen Kasten, der eine wundervolle Arbeit der berühmten Gilde der Silber schmiede in der Stadt Canton ist. Diesen Kasten umgab noch eine Umhüllung aus dunklem Sammet. Feierlich wurde dieses kostbare Buch durch den amerikanischen Gesandten, einen frommen Mann, mit einer kleinen Ansprache der Kaiserin-Witwe über reicht, die mit Erstaunen und Entzücken das herrliche Geschenk entgegennahm. In seiner Ansprache betonte der Gesandte den Wert des Buches. Aus diesem Buche schöpfen die christlichen14 Völker Glück und Wohlergehen. Solche Worte hatten die Mauern der Verbotenen Stadt noch nicht vernommen, solch ein Buch hatte der kaiserliche Hof noch nicht gesehen. Ach, Sammt und Seide, Silber und Gold machen des teure Buch nicht kost barer, wie die Krippe den nicht geringer machen konnte, der darin lag, ein Heiland der Welt! Was die Bibel so herrlich macht, herr licher als alle Schätze der Verbotenen Stadt, das sind die Ver heißungen unsers Herrn und Heilandes, die nicht vergehen können, wenn Gold und Silber, Verbotene Stadt, Himmel und Erde schon längst vergangen sind. Auch der junge Kaiser hatte mit erstaunten Augen das kostbare Buch gesehen. Er bat, ob er es lesen dürfe. Die Kaiserin-Witwe sagte, sie wolle es zuerst lesen. Da der Kaiser seine Ungeduld nicht länger bemustern konnte, sandte er am nächsten Tage einen Eunuchen in den Bibelladen Pekings und ließ sich eine Bibel holen. Das ist die Bibel, die auf dem Schreibtisch lag im kaiserlichen Gemach der Verbotenen Stadt. Ich möchte wohl auch das Buch haben! Aber ich habe ja eine chinesische Bibel und predige aus ihr des Sonntags den Chinesen in unserer deutschen Kolonie Tsingtau, und wie das Licht um so heller strahlt, je dunkler es um uns wird, so leuchtet auch in diesen wilden, dunklen Zeiten der Verfolgung und des Aufruhrs das Wort des Herrn in das Herz der Chinesen. Der Kaiser begann mit dem Studium des Evangeliums Lucä. Und wie sorgfältig er las, das zeigt uns, daß er mit dem Pinsel am Rande der Blätter kurze Bemerkungen machte, hier ein chinesisches Schriftzeichen durch ein anderes ersetzte, weil es seiner Meinung nach besser den Sinn traf, dort eine Stelle mit einem kleinen Kreis versah, wie der Chinese in den Klas sikern besonders wichtige Stellen zu zeichnen pflegt. Ja woher weißt du denn das alles? fragt ihr Leser mich. Die Chinesen haben ein Wort Biän-mör, die Hinterthür. Und wenn alles noch so hoch und dicht umwallt ist in China, es hat sein Biän-mör. Auch die Verbotene Stadt hat solch eine Hinterthür. Ein wackerer Blumenhändler. Fast täglich ging durch dieses Biän-mör ein Chinese, der in einer Vorstadt Pekings ein Blumengeschäst hatte. Täglich trug er Blumen in die Verbotene Stadt, die dort in den Frauengemächern sehr begehrt wurden. Cr trug aber noch etwas anders hinein. Der Mann war ein evangelischer Christ. Cr ge hörte zu der Christengemeinde, die sich seit einigen Jahrzehnten in Peking gebildet hatte, und die in der Stadt und draußen in den Vorstädten und auf dem Lande zahlreiche Mitglieder zählte. Und brachte der Manu Blumen in die Verbotene Stadt, so brachte er auch seinen Glauben und sein fröhliches Bekenntnis hinein, diese köstlichen Blumen, die dem Herrn ein süßer Geruch sind. Da saß nun der Gärtner unter den Palast-Dienern und Eunuchen und Schauspielern des kaiserlichen Hofes und zeugte von dem, was in seiner Seele lebte. Da horchten auch die chinesischen Höflinge auf. Es war ja so interessant, etwas aus der großen Welt zu hören. Drinnen in der Verbotenen Stadt ging alles seinen feierlichen, erhabenen Gang, in jahr tausendaltem Zeremoniell, in langen, seidenen Gewändern und mit langen, feierlichen Gesichtern. Das tägliche Leben spielte sich immer in derselben Weise ab, Opferfeiern in den Tempeln lösten die feierlichen Staatsratssitzungen und Audienzen ab. Sonst herrschten Jntriguen in den Frauengemächern und unter den Eunuchen aber alles leise und flüsternd. Laut wagte man ja nicht zu sprechen in den Mauern der Verbotenen Stadt. Und nun saß der Gärtner da und erzählte, was er von seinem Missionar gehört hatte aus fernen Landen. Er erzählte voiu Sonntag und den schönen Feiern in der Kirche, er erzählte von Gott und vom Heiland. Solche Mär hatten die Leute der Verbotenen Stadt nie vernommen. Daß übrigens der Blumenhändler wacker seine Pflicht gethan hat, zeigt sich darin, daß ihm eines Tages die Palastbeamten ein Essen gaben in der Verbotenen Stadt, damit er noch länger unter ihnen weile und ihnen noch mehr erzähle. Ein anderes Mal gaben sie ihm sogar einen Vorschuß 300 Lot Silber zur Vergrößerung16 seines Geschäfts und sagten ihm, sie würden für das Geld nach und nach Blumen entnehmen. Ein drittes Mal baten sie ihn, den chinesischen Prediger seiner Missionskirche mitzubringen, da mit er ihnen mehr berichte, und endlich sprachen sie den Wunsch aus, den fremden Teufel zu besuchen, der ihn unterrichtet habe. Sie besuchten den Missionar Heiland und fanden freundliche Aufnahme, so daß sie sich sehr verwunderten. Anbruch einer neuen Zeit in China. Das alles muß doch wohl bis zu dem in seiner einsamen Majestät thronenden Kuang-Sü gelangt sein. Täglich kam ein Eunuche in den evangelischen Missionsbuchladen und kaufte irgend ein Buch, das von Missionaren geschrieben worden war. Der Mann sagte, er fürchte sich, mit leeren Händen zurückzu kehren. Und wenn es auch nur ein christlicher Traktat war, er nahm alles mit in die Verbotene Stadt: Bücher über Chemie und Physik, Astronomie und Geschichte und Geographie, über die Religion, Gesetze, Sitten und Gebräuche der Völker der Erde, die in chinesischer Sprache von Missionaren verfaßt worden waren. Es war, als hätte ein Heißhunger den Herrscher der Welt er faßt, der sich so unwissend fühlte, der hinaus wollte aus den goldenen Fesseln, die ihm umgaben. Wie Frühlingswehen nach langem, hartem Winter zog es um die Mauern der Verbotenen Stadt, es wehte hinein in die Gelehrtenstuben und Schulen des weiten Landes. Überall sprach man von den Reformen, die der Kaiser einführen wolle. China sollte mit dem Abendlande in einen geistigen Verkehr treten, Zeitungen sollten in den großen Städten das Volk belehren über die Aufgaben der neuen Zeit, die großen Staatsprüfungen sollten umgeändert werden. Ein hoher Beamter, der in einer Provinzialstadt die öffentlichen Staatsprüfungen zu leiten hatte, stellte den Tausenden von Examinanden ein Thema aus der Bibel, und im Nu waren sämtliche Bibeln des Bibelladens in jener Stadt verkauft. Ein anderer araminierte in Geographie, und keiner von den Anwesenden wußte, wie die Hauptstadt Rußlands hieße. Tschang-tschi-tung, der berühmte Satrap der beiden reichent 17 Hu-Provinzen, einer der bedeutendsten Gelehrten Chinas und ein Mann von unbeugsamem Willen, schrieb ein Büchlein, das den Titel trug: Lernt! und das in der edlen Sprache des Con- fucius mit dem beißenden Spott eines Mencius Worte der Warnung und der Ermahnung redete, wie sie die verknöcherte Gelehrtenwelt der Chinesen wohl noch nie gehört hatte. Aus allen Teilen des Reiches kamen Nachrichten, daß nie mals die Zahl der Heidentaufen in einem Jahre eine solche Höhe erreicht hatte. Vornehme Chinesen sandten ihre Söhne nach Europa zur Ausbildung. Man drängte sich in die Mis sionsschulen, um deutsch und englisch zu lernen. Ja, es ging wie das Sturmeswehen einer neuen Zeit durch das uralte Volk. Und doch, wer ahnte damals, daß ein furchtbarer Orkan sich entfesseln würde, der mit einer Wut sondergleichen über die junge Kirche hereinbrechen würde, alles vernichtend und ver wüstend, daß einen heute, wo man den Umfang der Zerstörung in etwa übersehen kann, ein Schauder überläuft. Schon längst sah man in der Verbotenen Stadt mit tiefer Angst und Sorge auf das Thun des jungen Kaisers. Was könnten die stummen Mauern alles erzählen von geheimen Zu sammenkünften, von Verschwörungen und verbrecherischen Plänen! Da traten zwei neue Ereignisse ein, die auf die chinesische Na tion einen tieferen Eindruck gemacht haben, als man je im Abendlande ahnen konnte, und die die letzten Glieder der Kette bilden einer für China so tiefgehenden Entwickelung: die Er werbung Kiautschous durch die Deutschen im November 1897 und der Besuch des Prinzen Heinrich in der Verbotenen Stadt. Erwerbung von Riautschvu. Man kann als Deutscher sich von Herzen freuen über die koloniale Vergrößerung, die wir durch Kiautschou gewonnen haben, man kann sich herzlich freuen über die gesunde Entwicke lung, die es unter tüchtigen Gouverneuren genommen hat und die ihre reichen Früchte tragen wird. Für die Chinesen aber war die Besetzung Kiautschous ein betäubender Schlag. Eben war man von dem kleinen Japan in einer tief demütigenden Weise 218 besiegt worden. Man hatte die große, reiche Insel Formosa abtreten müssen. Nun kam ein anderes fremdes Volk, nahm ein neues Stück Land in Besitz und zwar das Land, das heiliger Boden war für China, und andere Völkerschaften zeigten das gleiche Verlangen. Und wie in China alles Unglück, jede Nieder lage den Sünden und Fehlern des Kaisers zugeschrieben wird, so lag es nahe, die Hinneigung des Kaisers Kuang-Sü zu allem Fremden und Ausländischen als Grund des nationalen Unglücks anzusehen. Besuch des Prinzen Heinrich in der Verbotenen Stadt. Der Besuch unseres ritterlichen Prinzen Heinrich in Peking am 15. Mai 1898 und die Art und Weise, wie er als ebenbürtiger Fürst in der Verbotenen Stadt empfangen wurde, bedeutete den chinesi schen Würdenträgern mehr als ein bloßer Austausch von Höflich keiten. Das war der Bruch mit einer jahrtausendealten Tradition. Wenn der Kaiser von China von sich selbst auch stets als kua jin. d. h. ich untugendhafter Mensch, redet und die Formel Wir" und Uns" nicht kennt, so kann er als Vertreter des Himmels auf Erden doch keinen neben sich dulden. Alle Fürsten und Könige auf Erden haben ihr Reich als Lehen von ihm empfangen und sind ihm tributpflichtig. Wenn diese Anschauung auch in den letzten Jahrzehnten heftige Erschütterungen erlitten hatte, so wurde sie dennoch in der Verbotenen Stadt weiter gepflegt. Nie durfte z. B. innerhalb der Mauern der Verbotenen Stadt davon geredet werden, daß im Jahre 1860 der kaiserliche Sommerpalast von den Franzosen gestürmt worden war. Und nun trat Prinz Heinrich in die geheiligten Räume des Himmels sohnes, und dieser setzte sich zu seinem hohen Gast, und beide plauderten miteinander, wie zwei Freunde zu thun pflegen. Man weiß, welchen Eindruck die bezaubernde, frische Persönlichkeit des Prinzen auf den empfänglichen Sinn des Kaisers machte, und unvergeßlich bleibt es, wie der chinesische Kaiser seinen Gast bis an das innere Thor der Verbotenen Stadt führte und unter dem Thorbogen in seiner ganzen kaiserlichen Pracht standThor und Straße in Peking. . p 7-, .21 und mit langem Blick dem scheidenden Prinzen nachblickte. Und wieder schlossen sich die Thore der Verbotenen Stadt. Intriguen in der Verbotenen Skadt. Was dann da drinnen verhandelt, was da gesonnen und gesponnen und gesündigt wurde, wer kann es sagen? Leise, fast unmerklich geschah manches, um die Person des Kuang-Sü aus dem Gedächtnis des Volkes verschwinden zu lassen. Ganz behutsam mußte das geschehen. Man weiß ja, mit welcher Zähigkeit das Volk am Alten, Hergebrachten hängt. Mir er zählte ein Mandarin aus Peking, den ich auf einer Fahrt in einer Flußdschunke kennen lernte, Kuang-Sü sei ein Blödsinniger. Bezeichnend ist es, daß im chinesischen Volk, welches sich viel mit seinem Kaiser beschäftigt und für den es große Anhäng lichkeit und .reilnahme zeigt, sonderbare Gerüchte umhergingen, wie man ihn langsam verhungern lasse, wie er auf Befehl der Kaiserin-Witwe, die im Volksglauben die Rolle der bösen Hexe in der Verbotenen Stadt spielt, gepulvertes Glas habe schlucken müssen, um langsam aber unaufhaltsam dahinzusiechen und zu sterben. Bei Audienzen in Gegenwart fremder Botschafter und Gesandten wurde der Kaiser mehr in den Hintergrund gerückt. Er . sei krank, er würde nicht lange mehr leben, hieß es. Die Kaiserin-Witwe habe schon einen Nachfolger bestimmt. Und bei einer Empfangsfeierlichkeit, welche die Kaiserin-Witwe den Frauen der Gesandten in den Palästen der Verbotenen Stadt veranstaltete, wo sie mit. einer Liebenswürdigkeit sondergleichen kostbare icf)enfe an die Damen austeilte, wurde auch dieser Nachfolger Kuang-Sü gezeigt: Pun-Tschü, der Sohn des Prinzen Tuan, em hübscher Knabe mit den klugen, beobachtenden Augen des uralten Häuptlingsgeschlechtes der Mandschuren. Ob man in der Verbotenen Stadt sich fürchtete, durch einen raschen Schlag den unglücklichen Kuang-Sü zu beseitigen, ob in den Palästen noch eine mächtige, starke Partei war, die sich in alter Treue um den be drohten Himmelssohn scharte, ob man eine Revolution fürchtete, die die Mandschurendynastie, welche sich in den dreihundert Jahren ihrer Herrschaft nicht in die Volksgunst hatte einwurzeln können,22 wegfegen könnte? Wer vermag das alles zu sagen. Eins läßt sich aus allen Edikten und Verfügungen und Bekanntmachungen der Verbotenen Stadt, sowie aus der allgemeinen Anschauung des Volkes sagen, daß die ganze Boxerbewegung, welche vom Hofe aus begünstigt und geleitet wurde und an deren Spitze Prinz Tuan steht, sich gegen Kuang-Sü und seine Anhänger und die täglich wachsende Reformpartei in ganz China richtete. Es galt zweierlei, die Vertreibung der Fremden aus allen Pro vinzen des chinesischen Reiches und die Ausrottung des Christentums in China; und dann sollten die uralten Thore wieder geschlossen werden. Und wie die Verbotene Stadt innerhalb Peking liegt, so sollte ganz China wieder unter den übrigen Nationen da liegen, wie in den Tagen der Vergangenheit, als das verbotene, verschlossene Volk und Land. Die Boxer. Die Boxer, Pi-cho-k üan, Pi-cho-t üan, Da-dau-chui und wie die Namen alle heißen mögen, sind ursprünglich keine Ge heimgenossenschaft, sondern eine einfache Dorfmilizeinrichtung. In allen Dörfern Nordchinas und zum Teil auch in Südchina findet sich die waffenfähige Jugend an bestimmten Tagen zu sammen und treibt ein harmloses Waffenspiel. Man schießt mit Pfeil und Bogen, man wirft den Speer, man übt sich im Gebrauch des Wurfeisens. Man brennt auch mal ein altes Gewehr ab, man schwingt verrostete Schwerter mit grimmigen Gebärden und unter erschreckendem Zuruf. Ich habe oft diesen Waffenspielen zugeschaut und mich an der komischen Wut der Leute ergötzt, die sich abarbeiteten gegen einen unsichtbaren Feind und endlich erschöpft die Waffen niederlegten unter dem be wundernden Lob der Genossen. Habe dann oft diesen Leuten den geistlichen Kriegsmann vorgeführt, wie ihn St. Paulus in Eph. 6 uns schildert. Diese Waffenspiele hatten ihren Grund. Noch zu gut waren die Schrecken der Aufstände und besonders der T ai-P ing-Rebellen im Gedächtnis. Gleich einer Lawine waren diese von den Bergen Kuangtungs und Kuangsis durch die Provinzen Chinas gerollt.Chinesische Boxer.Tie entsetzlichen Greuel, welche diese von Göttern und Menschen Verfluchten", wie es in einem kaiserlichen Edikt heißt, au den Männern und Weibern in den Städten und Dörfern ver übten, haben sich unauslöschlich dem Gedächtnis des Volkes eingeprägt. Die kaiserlichen Truppen wichen zurück vor diesen Horden, und wenn sie zurückkehrten und den trunkenen, in viehischen Greueln sich wälzenden Feind überfielen, um ihm die schier unermeßliche Beute abzujagen, kam der arme, chinesische Bauer mitten hinein in dieses furchtbare Gedränge, und oft war die Wut der kaiserlichen Truppen größer, als die der langhaarigen Räuber". Daher die Angst vor solchen Zeiten und die Entstehung der Dorfmiliz, die sich Yi-cho-t üan, heilige Vereinigung", nannte. Seit einiger Zeit hatten die Distrikts- und Kreismandarine aus der Verbotenen Stadt Befehle empfangen, diesen Dorfmiliz- ubungen größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es sei erwünscht wenn alle kräftigen jungen Männer sich daran beteiligten. Der Ortsmandarin hätte dafür zu sorgen, daß die Mitglieder der heiligen Vereinigung" mit den besten Waffen ausgerüstet würden. Aus^ diesen Dorfgenossenschaften wurden Kreis- und Distrikts- verbande, und eine allgemeine Landwehr war geschaffen. Es ist leicht zu verstehen, wie die von seiten der Man darine diesen Bestrebungen entgegengebrachte Teilnahme und Ausmerk,amkeit die Mitglieder dieser Verbände mit Stolz und ^e pbewußtsein erfüllten. Und als es immer mehr offenbar wur e, daß sogar am Hofe in der Verbotenen Stadt sich Prin- zen afür interessierten, da kannte der Eifer dieser Daterlands- retter keine Grenzen mehr. Man fühlte sich als starke Partei. -- an erkannte ein hohes Ziel, die glühende Sehnsucht so man cher Eeheimbünde in China: Die Reinigung Chinas von jeg lichem fremden Einfluß. Wann und wie ein geheimnisvolles Moment in diese Be- wegung gekommen ist. bleibt verborgen. Genaue Nachforschungen haben ergeben, daß von der Provinz Tschili aus ein Mann in er Provinz Schantung die Nachricht verbreitete, er sei im Besitz übernatürlicher Kräfte, er könne Menschen kugelsicher und un-26 verwundbar machen. Wer folgenden Kugelsegen bete, von dem pralle jedes Geschoß ab: Nach Norden thut auf sich ein tiefes Thor, Aus tiefer Mitte kommt Eisengott vor, Eisengotttempel, eiserner Thron, Eisenmann, Eisenkleid, Eisenwand vor. Schiebt eiserner Kugel Riegel vor. Himmel und Erde bergen mich, Sonn und Mond scheint auf mich, Schneller Gehorsam höherem Befehl. Dämonisches Woment in der Voxerbewegung. Es ist zweifellos, daß der Spiritismus und der Hypnotis mus (hypnotisiert werden heißt auf chinesisch vom Besenstiel- dümon besessen sein") in allen diesen Sachen eine große Rolle spielt. In einem Flugblatt der Boxer, das mit einem Gebet zu der glänzenden Bergmutter" beginnt, haben die Anhänger sich gestreckt auf die Erde fallen zu lassen und mit angehal tenem Atem liegen zu bleiben, bis der Meister mit der Hand über ihr Gesicht fährt. Dann erwachen sie und stehen auf. Nun kann kein Messer oder Schußwaffe sie verletzen." Wer sich der Boxergemeinschaft anschließen wollte, deren Symbol jene aus dem gespaltenen Erdboden sich heraufstreckende nervige Faust sein könnte, welche man vor wenigen Jahren auf einer Berliner Aus stellung sah, mußte eine Lernzeit durchmachen. Er wurde in einen schlafartigen Zustand versetzt. Durch sonderbare Gebräuche wurde der Wille des Lernenden gelähmt. Während er so be wußtlos dalag, wurde ihm ein bestimmter Befehl mitgeteilt. Aus dem Schlaf erwacht, ging der Novize hin und that, was ihm befohlen war. Nach siebenmal sieben Tagen war die Lern zeit vollendet. Nun war der Mann der geballten Faust" im Besitz der übernatürlichen Kräfte. Er fühlte sich unter der be sonderen Leitung der Götter, die während der Lernzeit fleißig angeschrieen worden waren. Die Geister der Helden der Vorzeit umringten und schützten ihn. Wenn er das Gebet sprach, strömte ein Wolkenregen von acht Millionen Geistersoldaten herab und nahm ihn in die Mitte. Wenn er den Kugelsegen sprach, flogen27 btc Kugeln au ihm vorbei. Der Tod hatte keine Schrecken für ihn, nach drei Tagen stand er wieder von den Toten auf. Auf fein (Jeheist trat das Meer 60 Li zurück und die fchweren Panzerschiffe der Fremden lagen hilflos auf dem Meeresgrund. Einige Striche durch die Luft, und die Häuser der verhaßten Fremden gingen in Flammen auf. Deutsche Offiziere, die gegen diese Leute kämpften, haben mir versichert, die Boxer gingen mit weit aufgerisfenen Augen, langsam, fast feierlich auf die feindlichen Reihen zu, unbekümmert darum, ob die furcht baren Lchnellseuergewehre ihre Reihen niedermähten, und suchten das Gewehr des Gegners zu fassen, um mit dem langen Messer zu einem vernichtenden Schlage auszuholen. Mancher Man darin, der die Thorheit der Boxer klar erkannte, forderte die fanatischen Gesellen auf, eine Probe ihrer Unverwundbarkeit zu geben, ^vie Leute stellten sich vor die Gewehrmündung, sprachen den Kugelsegen und sanken tot zu Boden. In So-p ing-su in der Provinz Schaust wurde eine solche Probe um Mitter nacht vorgenommen. Auf den Stadtmauern standen Tausende von Zuschauern. Fackelschein leuchtete herab auf die Boxer schar, die an der Seite des Chen-wu-Tempels aufgestellt war. An der Kanone stand der Kanonier mit der brennenden Lunte. Anführer der Boxer sprach die Gebete und wartete auf den Augenblick, wenn der Wolkenregen von acht Millionen Geistersoldaten herabströmen würde. Langsam sprach er die Be schwörungsformel: Nach Norden thut auf sich ein tiefes Thor, Aus tiefer Mitte kommt Eisengott vor Plötzlich schrie er laut: Sehen lai la“ die Geister kommen, ^er Mandarin rief sein k’ai tsiong Feuer!" und die meisten der wilden Gesellen im roten Turban und mit roten Schärpen sanken zerschmettert zu Boden. Der Glaube an die Unverwundbarkeit mußte beim ersten Zusammenstoß mit europäischen Truppen erschüttert werden. Teilnehmer versichern, daß in der ersten Zeit, wenn ein Boxer haufe mit gewaltigen Fahnen zum Kampf auszog, ein Staunen und Stutzen sich in ihren Reihen bemerkbar machte, wenn die28 ersten Getroffenen stürzten. Später las ich auch Bekannt machungen der Boxer, die mitteilten, leider seien die Fremden im Besitz kräftiger Zaubermittel, gegen die Götter und Geister selbst machtlos wären. Als Trost wurde mitgeteilt, die Toten ständen nach sieben Tagen an weit entfernten Orten wieder auf. Hi-krr der Chinesen. Ueber die Vorgänge in der Verbotenen Stadt und in Peking besitzen wir ausführliche Berichte. Die Gewohnheit vieler gebildeten Chinesen, ein Yi-ki, ein Tagebuch, zu führen, hat uns manche interessante Einzelheit enthüllt, und es ist nicht schwer, aus der Fülle von scharfen Beobachtungen und sich gegenseitig ergänzenden Angaben den leitenden Faden der geschichtlichen Ereignisse aufzufinden und zu verfolgen. Tuan und Rang-Ni. Prinz Tuan und Kang-Yi, der Günstling der Kaiserin- Witwe, erscheinen immer wieder als die treibenden Kräfte in der Verbotenen Stadt. Tuan ist ein Mitglied der kaiserlichen Familie. Sein Bestreben war dahin gerichtet, für seinen Sohn die Kaiserwürde zu erringen. Ein echter, rechter Mandschu in Art und Unart, verschlagen und rachsüchtig, klug und energisch, war er der erste, welcher die Bestrebungen der Boxer bei Hofe vertrat und immer wieder den Krieg gegen die Fremden, die er glühend haßte, predigte. Kang-Yi. ein ihm gleichgesinnter Mann, wurde auf sein Betreiben in alle Provinzen gesandt, um den Boden für eine allgemeine Revolution vorzubereiten. Vor allen Dingen sollte er Geldmittel flüssig machen. Man brauchte Geld in der Verbotenen Stadt, und Kang-Yi war der richtige Mann, um Geld aus den Provinzen herbeizuschaffen. Rrichkmn der hohen Beamten. Man hat einmal die richtige Bemerkung gemacht, das ganze Regierungsfhstem in China sei mit einem Schwamme zu vergleichen. Die Gouverneure und Mandarine zögen in alle29 P ren o viel Reichtum des Volkes, als sie vermöchten, und wenn der Schwamm sich vollgesogen hätte, würde er von den Händen in der Verbotenen Stadt ausgedrückt. Um hier ein Beispiel zu geben von dem Reichtum, der sich bei den hohen Beamten oft ansammelt, gebe ich einen Auszug aus der Pekinger Hofgazette, dieser ältesten Zeitung der Welt, die nun auch auf gehört hat zu existieren. Der Bericht ist vom chinesischen Justiz ministerium aus dem Jahre 1850 über Ki-Schin. Ki-Schin führte die Verhandlungen mit den westlichen Barbaren", den Engländern, als Generalbevollmächtigter. Da ihm die schwierige Aufgabe nicht gelang, fiel er in Ungnade und wurde in Ketten nach Peking gesandt. Hier sollte er auf Befehl des Kaisers eines langsamen, peinvollen Todes" sterben. Sein Leichnam sollte zerstückelt und den Geiern als Speise vorgeworfen werden Ki-Schm besaß 17 940 000 Lot Silber und 800 Pfund unge- münztes Gold, sowie 11 Kisten mit Juwelen. Sein Landbesitz umfaßte 2 x 2 Millionen Morgen des besten Landes. Seine Weiber, Sklaven und Sklavinnen wurden verkauft und das ganze Vermögen wanderte in die kaiserliche Schatzkammer. Ki- Lchin wurde übrigens begnadigt und als Gouverneur nach Tibet gesandt. Dort konnte der Schwamm sich wieder vollsaugen. Ho-kuan ein Günstling des Kaisers, fiel in Ungnade und ent- 61 6 ^r Die Anklageschrift des Justizministeriums, unter welche der Kaiser mit dem berühmten roten Pinsel sein rteil setzte, lautete: Zur Audienz berufen, ritt er auf einem Pferd durchs das Ostthor in die Verbotene Stadt. Von den e en Jungfrauen, die für unsere Frauengemächer bestimmt waren, hat er einige in sein eigenes Haus geführt. Er hat Gerichte empfangen von Heerführern, die an den Grenzen des Reiches gegen die wilden Stämme kämpften und hat diese Be richte seinem kaiserlichen Herrn nicht vorgelegt. Er hat Gärten und Paläste angelegt nach dem Stil der kaiserlichen Paläste und Gärten. Daher ordnen wir an ..." Die kaiserliche Gnade hatte ihm huldreich gewährt, sein eigener Henker zu sein. Man schätzte das Vermögen dieses chinesischen Magnaten nach heuti gem Gelde auf 460 Millionen Mark. Es fand sich aber, daß30 er außer ungeheuren liegenden Gütern noch 80 Millionen Lot Silber und 4800 Pfund Gold besaß. Auch diese Masse Wan- derte in die Verbotene Stadt. Kang-Pi hat Geldmittel genug zusammengebracht. Es scheint aber, als ob der zweite Teil seiner Mission nicht recht erfolgreich gewesen wäre. Es gelang ihm nicht, die mächtigen Satrapen der Provinzen am Pang-tz und im Süden Chinas zu gewinnen. Besonders Tschang-tschi-tung und Liu-kung-yi sprachen ihre Bedenken aus und verhielten sich abwehrend. Sie hielten mit starker Hand die Ordnung in ihren Provinzen auf recht. Sie gestatteten nicht, daß die wilden Wasser der Boxer- beweguug über die Grenzen ihrer Provinzen gingen. Unbarm herzig ließen sie die unruhigen Köpfe abhauen, und bezeichnend für die Menge derselben ist, daß der Henkerlohn von dem üblichen Preise von 50 Pfennig pro Kopf auf 25 Pfennig heruntersank. Puän-schi-k ai, der Gouverneur der Provinz Schantung, der Mann mit dem doppelten Gesicht, wie ihn die Chinesen nennen, hielt es mit der Partei des Prinzen Tuan, wagte es aber nicht um der im Südosten seiner Provinz, in Kiautschou, an sässigen Deutschen willen, die Fahne des Aufruhrs zu erheben. Der Muhammedaner Tung-fu-swng. Auf Tuans und Kang-Pis Betreiben erschien am 7. Juni 1900 ein kaiserlicher Erlaß, daß die im südlichen Jagdpark (Nan-chai-tze) stehenden Truppen Tung-fu-siongs in Peking einrücken sollten. Tung, der Anführer der in den Kämpfen gegen die Mu hammedaner halb verwilderten Soldaten der Provinz Kansu, hatte sich durch eine gewisse strategische Begabung und durch seine wilde Grausamkeit einen Namen gemacht. Er war ur sprünglich ein Muhammedaner, hatte aber die Sache seiner Glaubensgenossen verlassen und seine Waffen gegen dieselben gerichtet. Am 9. Juni strömten diese verwilderten Horden in die Stadt und mit ihnen zum Entsetzen der friedlichen Bürger, die fest glaubten, daß die Regierung gegen die Rebellen ein- schreiten würde, auch die ersten Boxer. Als am Tage darauf der Stadtkommandant Pekings, der alte General Pan, in seiner31 Amtstracht durch die Straßen ritt, um den Räubereien der Horden Einhalt zu gebieten, rissen ihn die Mordgesellen vom Pferde und schleppten ihn vor den Altar des T am-kung, ihres besonderen Schutzheiligen, um hier das Orakel über sein Schicksal zu befragen. Es lautete auf Tod. Dem General wurde vor dem Götzen der Kopf abgeschlagen. Am 11. Juni wurde der japanische Kanzler Sugiyama von den Kansusoldaten ermordet. Als Tuan am nächsten Tage den General Tung-fu-siong traf, lobte er ihn, hielt den Daumen der rechten Hand in die Höhe und sagte: Ti-Pi, du bist ein Hauptkerl. Draußen aber zerrten Hunde am Bein der halbverscharrten Leiche des Ermordeten. Erster Angriff auf dir Gesandtschaften. Am 13. Juni griffen die Boxer zum erstenmal die Ge sandtschaften an, wurden aber zurückgeschlagen. Sie brannten dann eine östlich von der Gesandtschaft gelegene Mission, in der 200 chinesische Christen versammelt waren, nieder. Am 14. war die ganze Oststadt mit Boxern angefüllt. Eine ironische Fügung wollte es, daß selbst die Paläste Tuans und Yung-lus geplündert und zerstört wurden. Auch Pung-lu, ein Verwandter des Kaiserhauses, gehörte mit zu den Verschwörern, doch war er eine mehr vorsichtige Natur, der sich zurückhielt und den Schein erweckte, als ginge er andere Wege. Am 15. Juni erfolgte ein neuer Angriff auf die Gesandtschaften, der wieder blutig abgeschlagen wurde. An diesem Tage erschien auch ein Erlaß der Kaiserin, der die Unterdrückung der Boxer an- besahü Die Boxer erklärten aber, er sei gefälscht, denn er widersprach früheren Erlassen. Man konnte eben die Geister nicht mehr bannen, die man gerufen hatte. Die wilden Wasser konnten nicht mehr zurückgedämmt werden. Greuel und Scheuet. Immer wüster und wilder wurden nun die Ausschreitungen. Bald hier, bald dort in den verschiedenen Stadtteilen Pekings loderten die Flammen auf. Durch die Straßen gellte das Ge heul der blutgierigen Rotte. Wenn die Bewohner die Haus-brande zu löschen versuchten, so erklärten die Boxer: Unser Feuer ist himmlisches Feuer und zerstört nur das Haus, an das wir den Brand legen. Wollt ihr aber das himmlische Feuer mit irdischem Wasser löschen, so werden die Götter zornig und auch euer Haus wird verzehrt." So sraß denn das himmlische Feuer der Boxer um sich. Die Flammen schlugen aus dem Straßen viertel, wo die Seidengeschäfte waren, in die Juwelierstraße und zerstörten die Lager. Das war ein Brennen und Morden, ein Schreien und Heulen um die Verbotene Stadt, als hätte die Hölle ihre Pforten geöffnet und die bösen Geister unter die Menschenkinder gespieen. Was im dreißigjährigen Kriege an Greueln und viehischer Mordlust durch die eroberten Städte Deutsch lands raste, das raste auch hier durch die Straßen Pekings, nur noch wilder, gieriger, in asiatischer Zerstörungslust. Man fand nicht bloß eine Lust im massenhaften Morden, man fand seine teuflische Freude am Quälen. Man hieb die Hände und Füße der unglücklichen Opfer, Christen und Heiden, ab, man grub die Angen aus, man schnitt die Ohren, Nasen und Lippen ab und ließ dann die Verstümmelten liegen. Den letzten barmherzigen Todesstoß gab man nicht. Wenn dann später die europäischen Soldaten solche an Europäern und Chinesen von den Boxern verübten Greuel sahen, so hat es auch an Vergeltung nicht fehlen können. Staaisralssttzung in drr Verbotenen Stadt. Am 16 . Juni nachts hatte die Kaiserin eine Beratung mit den Prinzen und Würdenträgern der Mandschupartei. Die Nachricht von der Eroberung der Takuforts durch die Verbün deten war eingetroffen und entfesselte einen wahren Wutausbruch unter den Großen des Reiches. Nicht, wie früher, hinter einem Vorhang saß die Kaiserin-Witwe bei dieser Staatsratssitzung, um wie die alte römische Kaiserin Agrippina unsichtbar die Ver handlungen nach ihrem Willen zu lenken. Hochaufgerichtet stand Tz-Schi unter den Fürsten und Mächtigen und forderte Krieg bis aufs Messer. Als der Kaiser Kuang-Sü in dieser Beratung sich klar und scharf gegen den Krieg aussprach, drehte33 ihm die Kaiserin-Witwe verächtlich den Rücken. Ihr galt er nichts mehr. Man ließ dann die chinesischen Würdenträger eintreten und forderte sie auf, ihre Meinung zu sagen. Einige Mandarine, welche früher Gesandte an europäischen Fürstenhöfen gewesen waren, wagten Gegenvorstellungen zu machen. Sie wurden dafür später hingerichtet. Bei ihrer Hinrichtung wurde das entsetzliche Zia-Yau-Tau, die Guillotine der Mandschuren, in Gebrauch genommen, das seit 200 Jahren nicht mehr benutzt worden war. Es schnitt in der Gegend der Hüfte den Delin quenten mit einem Schnitt mitten durch. Auch der chinesische Gesandte, dem Wangemann und Knak seiner Zeit eine chinesische Bibel überreichten, fand unter diesem Zia-Yau-Tau seinen Tod. Gristergriffel in der Verbotenen Stadt. Man erzählt sich, daß in jener Rächt der Geistergrissel im Staatsratszimmer der Verbotenen Stadt angewandt wurde, um den Willen der Götter zu erforschen. Der an einem dünnen, seidenen Faden hängende Holzstift aus Pfirsich setzte sich in Bewegung und schrieb in den sauber geglätteten Sand krause Zeichen, die chinesischen Schriftzeichen ähnelten. Ich habe mir erzählen lassen von kundigen Chinesen, daß viel Betrug dabei herrsche, daß aber trotz allem ein unerklärbarer Rest" bleibe. Unter der atemlosen Spannung der Anwesenden schwankte der Holzstist leise hin und her. Nur wenige Figuren sah man auf dem Sande. Schriftkundige deuteten sie: Der Wille des Himmels gebietet es." Und die Götter wollen es," rief man m wilder Begeisterung. Rur wenige sahen trüb und ernst in d-e Zukunft. Einnahme der Takuforks und Mord Krttlrrs. Aber trotz aller Beratungen, trotz alles Geisterbefragens hatte die Bewegung den verhängnisvollen Schritt gethan, für den es kein Zurück mehr giebt. Die Zeit war gekommen, welche l^hina so lange ersehnt und gefürchtet hatte. Am 16. Juni 1900 tourbm die Takuforts durch das vereinigte Geschwader erobert. Ruhm des Tages trug die Iltis" mit ihrem tapferen 334 Kommandanten davon. Unter dem ohrbetäubenden Lärm der Geschütze, unter den einschlagenden Eisenmassen, die die chine sischen Geschütze auf das kleine Schiff spieen, standen die braven blauen Jungen auf ihrem Posten, als gälte es ein Schiffsmanöver. Am 20. Juni wurde in den Straßen Pekings der deutsche Gesandte Freiherr von Kettler ermordet. Beide Vorgänge werden von den klugen" chinesischen Staatsmännern so in Verbindung gebracht, als ob durch die Eroberung der Forts die Wut der Chinesen erst angestachelt sei, und die Rache, welche alle Gesandten treffen sollte, gerade den deutschen Gesandten traf. Das ist nur teilweise richtig. Aus allen Berichten, auch aus den chinesischen Zeitungen, geht mit Klarheit hervor, daß es sich um eine Verschwörung der hohen Mandschusürsten handelte, die mit Hilfe der Boxer das Reich von den immer engeren Umarmungen der fremden Mächte befreien und die sinkende Macht der Dynastie heben wollten. Die Boxer waren es, welche in ihrem wilden Eifer zu früh losschlugen. Zu ihnen gesellten sich die Kansuregimenter des Tung-fu-siong. Schon lange vor dem 9. Juni, an welchem Tage diese vereinigten Horden durch die weit geöffneten Thore in Peking einzogen, hatten sie in den Ortschaften um die Stadt geplündert und gemordet. Die evangelischen und katholischen Christen waren aus den Dörfern in die Stadt geflohen und hatten sich, diese in der römisch- katholischen Kathedrale, genannt Pe-t ang, jene in den Stations gebäuden der Methodistenmission verschanzt. Viele der in Peking wohnenden Christen wurden ermordet. Man glaubte ein besonderes Mittel gefunden zu haben, um die Götter zu gewinnen, wenn man ihnen Christen schlachte. Die finsteren Heidengötter wollten Christenopfer haben. Des Nachts brannten auf den Schwellen vieler Häuser kleine rote Lichter. Die Be wohner kündeten damit an, daß sie mit den Christen nichts ge mein hätten. Dann zogen auch die Würgegeister vorüber. Aber wenn die wahnsinnige Mordlust sie packte, wurden auch solche Häuser gestürmt; daun halsen auch die roten Lichter denen nichts, die sie angezündet. Wilde Gesichte von ungeheuren Geistererscheinungen stachelten um Mitternacht die Boxer bis35 zur Raserei an. Immer enger zog sich die wilde Schaar um das Stadtviertel, in dem die Europäer wohnten. Als zuerst die fremden Gesandten um Wohnsitze in Peking baten, hatte man ihnen jenen Stadtteil angewiesen. Die Straßen, in denen Gaukler und Dirnen und allerlei fahrendes Volk seine Schlupf winkel hatten, waren gut genug für die Gesandten der um China liegenden Barbarenstaaten. Im Lauf der Jahre waren die dürftigen Häuser niedergerissen, und ein schöner Stadtteil war entstanden. Der lag nun in der gewaltigen Heidenstadt wie eine Insel, um die das Weltmeer tobt und brüllt. Und da war es eine heroische That, daß der deutsche Gesandte den letzten Versuch machte, um die wilde Bewegung zurückzndämmen, und auf seinem Posten fiel. Ermordung des deutschen Gesandten. Am 19. Juni nachmittags ging Cordes, der Dolmetsch der deutschen Gesandtschaft, im Aufträge v. Kettlers in das Tsungli- Yamen, um, wie am Tage vorher, die Zurückziehung der Truppen ^ung-fu-siongs zu verlangen. Der ihn empfangende Abteilungs direktor Sekretär Sung war außerordentlich nervös und sprach in abgerissenen Sätzen von einer großen Veränderung der Sach lage. Die fremden Admirale hätten die Takuforts besetzt. In der chinesischen Regierung ginge alles drüber und drunter. Nach wenigen Stunden kam eine Note vom Tschün-Tschi-Tschu, d. h. Staatsrat, worin erklärt wurde, durch Wegnahme der takuforts seien die Feindseligkeiten eröffnet. Das bedeute Krieg, und Krieg wolle man haben. Die Gesandten hätten binnen -1 L-tunden die Hauptstadt zu verlassen. Kettler ließ sofort um eine Unterredung mit den beiden mandschurischen Prinzen ^.sching und Tuan für den nächsten Morgen um neun Uhr im Tsungli-Pamen bitten. Cr äußerte zu Cordes, es sei un möglich anzunehmen, daß die chinesische Regierung ernsthaft meine, was sie in dem Schreiben sage. Dasselbe sei vom Wahn sinn diktiert. Am nächsten morgen um Uhr machten von Kettler und Cordes in Sänften sich auf den Weg. Der Weg führte durch die Tschang-an, d. h. lange Friedensstraße,36 in die Hatamenstraße. Eine Menge Menschen standen und beobachteten die beiden Europäer in den Tragsesseln mit Interesse. Nirgends merkte man etwas von feindseliger Gesinnung. Eine eigene Stille herrschte in der breiten Hauptstraße. Die Häuser und Läden waren geschlossen. Bor der Sänfte des Gesandten zog eine von chinesischen Lanzenreitern begleitete Karre. Plötz lich sah Cordes ein Bild vor sich, welches sein Blut für einige Sekunden zum Stocken brachte. Links neben der ersten Sänfte stand wie aus der Erde gewachsen ein Bannersoldat in voller Uniform, die Mütze mit sechstem Rangknopf und blauer Feder etwa im Range eines Sergeanten das Gewehr im An schläge, die Gewehrmündung kaum einen Meter von dem Seiten fenster der Sänfte entfernt, da, wo der Kopf des Gesandten sich besinden mußte. Langsam folgte der Mandschusoldat mit dem Gewehr der Bewegung der Sänfte. Cordes schrie auf. Der Schuß krachte. Die Sänften wurden hingeworsen. Der Dolmetsch sprang entsetzt auf und erhielt in demselben Augen blick einen Schuß in den Unterleib, der ihm das Haupt zer schmettern sollte. Schwer verwundet, mit Aufbietung aller Kräfte lief Cordes bis an die Straßenecke zurück. Er wandte den Kopf zurück und sah die umgeworfene Sänfte, in der die zusammengesunkene Gestalt des Gesandten lag. Er hörte noch, wie zwei der Soldaten, welche die Karre begleiteten und sich wandten, um ihn zu verfolgen, sagten: der hat auch genug . Taumelnd erreichte er ein evangelisches Missionsgehöft. Dann brach er zusammen. Christliche Chinesen führten ihn ins Haus. Milwissen der Verbotenen Stadt" an der Ermordung Kettlers. Man hat diesen mandschurischen Sergeanten später er griffen, als er die Uhr des Gesandten veräußern wollte. Er bekannte seine That, zu der er höheren Ortes kommandiert wäre. Man hätte ihm den Befehl gegeben, von einer bestimmten Zeit ab jeden Europäer, der die Straße passieren würde, nieder zuschießen. Wer ihn kommandiert hätte, wollte er nicht bekennen. Er wiederholte lakonisch cchong-Sz" meine Borgesetzten.37 Man glaubt diese Schong-Sz zu kennen. Daß die Kaiserin- Witwe^ ihre Billigung zu der That gegeben hat, kann kaum bezweifelt werden. Der Kaiser ist wohl gar nicht gefragt worden. Was bedeutet es, wenn die Regentin später anordnete, sie hätte in ihrem tiefen Schmerze über das Vorgefallene befohlen, den Manen des Ermordeten ein Trankopfer zu bringen. Der chinesische Beamte bringt ja auch den Manen des von ihm Hin gerichteten Verbrechers ein Opfer, weil er die Rache des Geistes des Getöteten fürchtet. Es beginnt nun jene furchtbare Zeit der Belagerung der 900 1000 Europäer in Peking, und wie schon vorher die Christen hier und da gehetzt und verfolgt worden waren, so erhebt sich jetzt eine planmäßige Verfolgung und Abschlachtung der Christen in der nördlichen Hälfte des weiten Reiches. Peking. Peking ist eine der interessantesten Städte der Erde. Man geht mit Weinen hin und verläßt es wieder mit Weinen äußerte einmal jemand. Man führt dort im allgemeinen ein Leben des Luxus und der Pracht. Die reichen Produkte des ungeheuren chinesischen Reiches strömen hier zusammen. Die Lebensmittel sind billig. - Mancher hat sich ein gewaltiges Vermögen dadurch gesammelt, daß er die wertvollen Kunstschätze der Chinesen an antiken Vasen, Gold-, Silber-, Edelstein- und Elfenbeinarbeiten aufkaufte, um sie wieder an Museen und Privat sammlungen weiter zu verkaufen. Einen besonders schwung haften Handel mit solchen Dingen treiben die Palastdiener der Verbotenen Stadt".  So manches aus den dort aufge stapelten Schätzen wurde an Liebhaber heimlich verkauft. Während des kurzen, aber glühend heißen Sommers zieht sich der reiche Europäer in die Berge zurück, wohnt dort in einem der herrlichen Taoisten- und Buddhistentempel oder jagt in der mongolischen Ebene das Wild. Man kann auch von Peking sagen: Man aß und trank, man freite und ließ sich freien," bis die furchtbare Zeit wie ein Fallstrick über die Stadt kam.38 Belagerung der Europäer in Peking. Von den Nöten, Aengsten, Leiden und Entbehrungen, die jene von einem blutdürstigen Feind sechs Wochen lang um schlossene Schar der fremden Gesandten und ihrer Hausgenossen erduldet hat, sind zahlreiche genaue Berichte nach Europa ge drungen. Die Männer kämpften, und die Frauen pflegten und arbeiteten. Während draußen Barrikaden gebaut wurden und durch verwegene Ausfälle der immer näherrückende Feind für kurze Zeit zurückgedrängt wurde, saßen drinnen die Frauen und zerschnitten ihre seidenen Roben und kostbaren Thürvorhänge, um Saudsäcke zu nähen. Ein gleiches Gefühl beseelte alle: Widerstand bis zuletzt. In der katholischen Kathedrale, die einst römische Priester, von der Gunst eines christensreundlichen Herr schers getragen, errichtet hatten, waren gegen 2000 katholische Christen mit 7 Priestern und 20 Schwestern versammelt, wäh rend in den ausgedehnten Stationsgebäuden der Methodisten der unter den Belagerten berühmt gewordene Missionar Gang well mit der Umsicht eines alten Kriegers diese letzte Zufluchts stätte befestigte und durch seine Christen Derschanzungen auf werfen ließ. Frisch und unverzagt hat dieser Mann immer wieder die sinkenden Herzen neu gestärkt und durch sein kühnes Gottvertrauen die Verzagten mit Mut und Hoffnung erfüllt. Man übertrug dem wackeren, umsichtigen Mann schließlich die äußeren Befestigungsarbeiten. Unbekümmert um die feindlichen ^ Geschosse eilte er auf seinem Zweirad von einem Ort zum an dern. Und bis zuletzt reichten die Lebensmittel aus. Man aß Maultierfleisch in altem, muffigem Reis gekocht, man sparte die Büchsenmilch und die besseren Speisen für Frauen und Kinder und Schwerverwundete. So manche rührende Züge der Selbst verleugnung und der Nächstenliebe könnten hier aufgezählt wer den, die wie köstliche Blumen in dieser Drangsal erblühten, während draußen der Feind wie ein wildes Tier um das Lager schlich, Leute mit rotem Turban, rotem Gürtel, die ihre Be schwörungsformeln sangen und die Götter herbeiriefen zur Ver nichtung der Fremden. Und was sind das für Scheusale,Das Hauptthor von Peking.r41 mit denen die Götter sich verbünden sollten. Heute haben sie im Tung-T ang über 300 Christen verbrannt und mit teuf lischem Hohngelächter die, welche, halb wahnsinnig vor Schmerz, aus den brennenden Häusern sprangen, in das Flammenmeer zurückgejagt. Am nächsten Tag machten russische Soldaten einen Ausfall. Sie töteten viele Feinde und kehrten mit sieben Boxern zurück, die, an den Zöpfen zusammengebunden, in die Schanz gräben geworfen wurden. Eine der russischen Damen fühlte Mitleid mit einem der Gefangenen, der kaum den Kinderschuhen entwachsen war, und bat, ihn zu schonen. Aber die russischen Soldaten hatten mit eigenen Augen gesehen, wie gerade dieser Knabe die kleinen Kinder ausgesucht hatte, um sie in qual voller Weise zu Tode zu martern. Und so empfing auch er seinen wohlverdienten Lohn. Welche Bilder tierischer Grausamkeit und edler Kindes- und Menschenliebe offenbarten sich in jenen Tagen oft den Blicken. Auf einem Haufen fand man nicht weniger als 14 halb verkohlte Frauenleichen. Eines Tages schwankte eine Schar blutender Chinesen in das Europäerviertel. Alle waren ver wundet, viele waren verstümmelt. Tapfere Soldaten hatten sie aus den Händen ihrer Peiniger errettet. Ein alter Chinese von ungefähr 70 Jahren trug seine Mutter, eine uralte Grei sin, auf dem Rücken. Trotzdem der Aermste aus schweren Wun den blutete und vor Mattigkeit kaum weiter konnte, redete er noch liebreich und tröstend zu der Alten mit den bleichen, ver witterten Zügen, zu der Barmherzigkeit des Hauses", wie der Chinese seine Mutter nennt. Es war erhebend, wie manche schon dem Tode geweihte, alte, verwundete Männer den jüngeren Christen zusprachen und sie in ihrem Glauben stärkten. Siong t ien fu," denk an Gott, war die einfache, herzergreifende Mah nung. Die alte Märtyrerzeit war wieder angebrochen. Was man aus den Tagen der römischen Christenverfolgung mit tiefer Ergriffenheit vernommen hatte, erschien hier aufs neue. Die Kirche Jesu Christi durfte wieder für ihren Heiland bluten und sterben. Eine furchtbare Nacht war die Nacht vom 26. auf den42 27. Juli. Um Mitternacht begann eine entsetzliche Kanonade. Von allen Seiten stürmten die chinesischen Horden heran. Wütend gellte der Schlachtruf schah," schah," schlagt sie tot," schlagt sie tot," durch die Nacht. Man sah in der unheimlichen Finsternis das Aufblitzen der Gewehre, den Feuerstrom aus den Geschützen, man hörte das pfeifende Sausen der Geschosse, die über die zitternde Schar flogen. Da zog ein schweres Gewitter am Himmel herauf, die Blitze zuckten, lang hallte der Donner und verschlang für eine kurze Zeit das Blitzen der Gewehre, das Schreien der Kämpfenden und das Donnern der Kanonen, bis dann ein sündslutartiger Regen auf die Ringenden hernieder floß. Oben auf dem Teil der Stadtmauer aber, der durch die Umsicht des Führers der deutschen Truppen besetzt war, hüllten sich unsere Seesoldaten in die prachtvoll gestickten Man darinsgewänder, die zum Teil mit kostbarem Pelzwerk gefüttert waren, und hielten Wache und schauten über die Ver botene Stadt hin, ob nicht endlich Hilfe und Rettung käme aus dieser Drangsal und Not. Einige Nächte vorher war das Tschi-men, durch das sonst nur der Kaiser ging, in Flammen aufgegangen. Es war ein großartiger Anblick, wie das Feuer aus den unzähligen kleinen Fenstern im Turm herauszüngelte. Wie eine Riesenfackel leuchtete das brennende Thor der Verbotenen Stadt über Peking hin. Freilich, für die Belagerten gab es in jener Nacht auch keine Ruhe, während sonst die Nächte etwas Ruhe brachten. Bald hier, balfida fiel einer der Kämpfer, durch den Kopf geschossen, lautlos nieder. Die Chinesen hatten ihre besten Schützen auf alle höher gelegenen Plätze gestellt, und wo in den Straßen, in den Höfen oder an den Fenstern ein Menschenhaupt sichtbar wurde, da schlugen die Kugeln ein. Im allgemeinen schossen die chine sischen Soldaten schlecht. Mancher von ihnen drückte mit ab gewandtem Gesicht ab, oder hielt sein Gewehr hoch und schoß aufs Geratewohl. Bolen aus Peking. Wie oft hat man in diesen Tagen versucht, Boten heimlich abzuschicken, die Botschaft tragen sollten an die Brüder und43 Kameraden draußen, dem einen versprach man 5000 Tals = 14000 Mark, falls er glaubwürdige Nachrichten brächte. Einer der Boten trug im Munde einen winzigen Brief ver borgen, um ihn im Falle der Not hinunterzuschlucken. Als Bettler verkleidet ließ er sich die Stadtmauer hinab. Er hoffte durch die feindlichen Reihen zu dringen und die Botschaft nach Tientsin zu bringen, um den gewaltigen Botenlohn zu verdienen. Nach fünf Tagen kehrte er zurück. Die Feinde hatten ihn ge fangen genommen. Sie hatten den Brief doch entdeckt. Zuerst wollten sie ihn dem Borergott schlachten, aber das erschien ihnen zu gering. Nachdem er drei Tage lang im Tempel gequält worden war, sandte man ihn zurück. Er brachte auch Botschaft wieder, die Belagerten sollten sich ergeben. Ein anderer Bote, der einen Brief im Nabel verborgen hatte, den er nach der Weise der kranken Chinesen mit einem schwarzen Pflaster ver klebt hatte, scheint sein Ziel erreicht zu haben. Die Pekinger Hofzeitung. Zu verwundern ist es, daß während der Belagerung noch täglich die Pekinger Hofgazette erschien, die seit mehr als 2000 Zähren aus der Verbotenen Stadt den Beamten der 18 Provinzen die Erlasse der Kaiser und jedes Schütteln seiner Gewänder" mitgeteilt hatte. Am Hatathor war diese Pekinger Hofzeitung täglich angeschlagen. Da konnten die Bürger Pekings lesen, wie im Reich Ruhe und Frieden herrsche. Von Krieg und Kriegsgeschrei war darin nicht die Rede. Man redete sich vor, es sei Friede, Friede. Kleine Störungen seien im großen Ltaatskörper nicht zu vermeiden. Von jeher hätten sich barbarische Ltämme erhoben, weil sie den völligen Tribut nicht zahlen wollten. Auch der kleineren Rebellion würde man bald Meister werden. Man kannte ja die Pekinesen, daß sie ein leicht entzündliches Völkchen seien. Die Verbotene Stadt hatte stets Götzenzüge in den Ltraßen Pekings verboten, weil die Ansammlung von Volks massen leicht bedrohlich werden konnte. Es kennzeichnet so recht den Selbstbetrug und die Verlogenheit der hohen Man darine, daß am 6. August aus dem Tungli-Pameu ein Schreiben44 an die fremden Gesandten einlief, in welchem die chinesische Regierung sich darüber beschwert, daß die Europäer das Schießen begonnen hätten und außerdem durch lautes Schreien und Feuern" die chinesischen Soldaten erschreckt und beunruhigt" hätten. So log man und glaubte schließlich an die eigenen Lügen. Das Wort des Propheten: Sie haben die Lüge zu ihrer Zuflucht und Heuchelei zu ihrem Schirm gemacht", war von jeher die Politik der Verbotenen Stadt gewesen. Man glaubte nicht mehr an Treue und Glauben, weil Glauben und Treue in der Verbotenen Stadt erloschen war. Noch am 14. August ließ am Mongolenmarkt der General Tschang eine ungeheure Proklamation ankleben, worin der tapfere Mann sich verpflichtet, binnen fünf Tagen alle Europäer auszurotten und weder Hund noch Huhn" am Leben zu lassen. Am nächsten -^age traf ihn eine Kugel, und so konnte er sein Versprechen nicht erfüllen. Wie oft mögen die Belagerten ausgeschaut haben nach Hilfe und Rettung! Aber tagaus, tagein dieselben Kämpfe, dieselben Ängste, dasselbe Leid. Mancher mag auch gebetet haben: Ach daß die Hilfe aus Zion käme und Gott sein gefangen Volk erlösete! Da, in der Nacht vom 13. auf den 14. August, mischte sich ein anderer Klang in das gewohnte Schreien und Schießen der Chinesen. Im Osten und Westen der Stadt hörte man wildes, heftiges Feuern der Chinesen und in regelmäßigen Zwischenpausen schweren, majestätisch dahinhallenden Donner aus großen Geschützen. Um 3 Uhr nachmittags tauchten die ersten Befreier indische Sikhtruppen der englischen Armee auf, und ein ungeheurer Alp löste sich von der Brust der Belagerten. Sie waren gerettet. Vom 27. Mai bis zum 14. August hatte die entsetzliche Zeit gedauert. Verwüstungen. Welch ein Anblick bot sich den einrückenden Truppen dar. Die einst so stolze Stadt, in der so fröhliches Getümmel herrschte, so gar verwüstet und verbrannt! In dem Stadtteil um das Tschienthor, das in Flammen aufgegangen war, wo die großenSäben die kostbarsten Waren von ganz Asien den staunenden Blicken zeigten, war alles ausgeplündert und ausgebrannt. 3m Stadtteil am Nordthor herrschten die Gräuel der Verwüs tung. Haufen toter Soldaten, an denen die wilden Hunde ihr gräßliches Mahl hielten, Kadaver von Menschen und Vieh, in Fäulnis übergegangen, verpesteten die Luft. Wie höhnend blickten von den eingebrochenen Thüren und Haustrümmern die chinesischen Firmenschilder Zum beständigen Überfluß" oder Zu den Quellen des Reichtums" herab. - Über einem großen Geschäftshaus, das dreimal geplündert worden war, und das nun ein großer Trümmerhaufen war, grüßte das Motto den Wanderer: Friede und Ruhe." - Alles war ausgestorben Kaum sah man ein Meuschenantlitz in den öden, im Grauen des Todes^und der Zerstörung liegenden Straßen. Mit ihrem gellenden schrei mia yong" Tod den Fremden", hatten die Boxer in Ermangelung von Fremden über ihre eigenen Lands leute Tod und Verderben gebracht. Bevölkerung Pekings nach der Einnahme. Bald nach der Besetzung durch die fremden Truppen kam es wie ein Aufatmen über die Bevölkerung. Da die Japaner der chinesischen Schriftzeichen kundig waren, so trat bald eine Verständigung zwischen ihnen und den Chinesen ein. Man sah in den Straßen in der Hand der meisten Chinesen kleine deutsche, russische, englische, französische Flaggen. Sie wollten damit ihre unterwürfige Gesinnung zeigen. - An den Haus- thuren standen in krausen Buchstaben: Willige Unterthanen des Deutschen Reiches" oder der russischen Nation". Edle und gu e Herrn," las man auf einer Thür, nicht totschießen, wir gute Menschen . Ein Tempel, in dem die Boxerhäuptlinge die Hilfe der Götter und Geister unter Darbringung von Christen opfern angerufen hatten, trug die wunderliche Inschrift Christen tumsmenscheu. Alle die Paläste der Großen des Landes, in welchen die verbrecherischen Pläne zur Vernichtung der Europär geschmiedet worden, waren ausgeplündert und verlassen. Der Palast des Prinzen Tsching diente den Japanern als Haupt-46 quartier. Die Missionare mit ihren Christen wohnten in den Prunkgemächern derer, welche sie hatten töten wollen. Überall verkündigten Proklamationen in chinesischer Sprache, daß jeder Aufruhr und jede Gewaltthätigkeit verboten sei, und daß die, welche Klagen hätten, sich an die europäischen Behörden in den betreffenden Stadtteilen zu wenden hätten. Die geöffneten Tkzore der Verbotenen Stadt". Und wie sah es nun in der Verbotenen Stadt" aus? Mit seinen weit geöffneten Thoren war es keine Verbotene Stadt" mehr, das Tschi-chua-Thor, das Hata-Thor, das Schakuo- Thor, das Tung-piän-Thor und wie die Thore alle heißen mögen, waren aufgesprengt und lagen zertrümmert am Boden. Das gewaltige Pung-Ting (das ewig feste) Thor, unter dem der Kaiser Kuang-Sü stand, als er dem Fürsten aus dem fernen Deutschland nachblickte, war durch die schweren Geschosse der einziehenden Truppen niedergerissen worden. So hatte sich auch diese trotzig sich abschließende Verbotene Stadt" beugen müssen. Trinprl des Überbaues. Wenn man durch das vorhin erwähnte Jung-Ting-Thor geht, sieht man an der westlichen Seite der vor uns liegenden breiten, schönen Allee, die mitten durch die herrlichen Park anlagen der Verbotenen Stadt" führt, ein herrliches Gebäude. Es ist der Tempel des Ackerbaues. Aus bunten verglasten Ziegeln ist er errichtet. Auf den geschweiften Dächern sieht man in getriebenem Kupfer Drachen und kunstvoll sich windendes Getier. In einem kleinen Seitenraum stehen die Geräte des Ackerbaues, der herrliche Pflug, mit dem der Kaiser alljährlich nach uralter Sitte im Frühjahr die ersten Schollen umwarf und so die Landarbeit eröffnete. Der Pflug ist hinausgeworfen, auch die heilige Egge, der Spaten, die Gabel und der heilige Saatkorb, und hat dem Schwerte Platz gemacht. Das Stück Feld neben dem Tempel, auf dem der chinesische Kaiser, um geben von hohen Mandarinen, in seinem Staatskleide von ichChinesischer Tempel.i l49 weiß nicht welcher Farbe, die Hand an den Pflug legte und mit erhabenem Ernst, als gelte es einen Gottesdienst, die heilige Furche zog, ist mit Kanonen bestellt. Drinnen aber, am Mar moraltar des Tempels, auf dem der Kaiser der Göttin Erde die Garben seiner eigenen Aussaat opferte, und an dem er für sein ganzes Volk ein neues fruchtbares Jahr erflehte, hat der europäische Kavallerist sein Roß angebunden. Trmxrl des Himmels. Gegenüber dem Tempel des Ackerbaues liegt ein gewaltiges Viereck, das mindestens eine Viertel-Quadratmeile groß ist. In der Mitte des durch die uralte Gartenkunst des chinesischen Volkes verschönerten Platzes erhebt sich der Tempel des Himmels, das Allerheiligste der Verbotenen Stadt". Seit vielen Jahren ist dieser Tempel nur von wenigen Europäern betreten worden. Jetzt steht alles weit offen. Man kann sein Pferd oder seinen Wagen heranführen bis an die gewaltige Treppe, die hinanf- führt zu dem dreifachen, runden Dachgewölbe, welches den drei fachen Himmel anzeigt. Dort oben am herrlichen Altar stand der chinesische Kaiser als der Hohepriester der Welt, um die weiße Kuh dem höchsten Gott zu opfern, während alle Teilnehmer in tiefster Ehrfurcht auf den Angesichtern lagen und liebliche Musik das Gebet des Goldenen Hauptes" aller Völker begleitete. Unten aber an der Treppe steht ein deutscher Infanterist und bewacht den Weg, damit nicht räuberische Hände die heiß be gehrte Beute von dort oben in alle Winde tragen. Ahnrntrmpel des Kaisers. Wir wandern weiter und treten in den reichgeschmückten, kostbaren Ahnentempel der Maudschudynastie. Auf der nörd lichen Seite im Innern erhebt sich ein stark vergoldetes, reich geschnitztes, hohes Täfelwerk, dessen Krone eine herrliche Tafel bildet, die dem Himmel geweiht ist. Darunter stehen acht Ahnenschränke, die die Seelentafeln der Mandschu-Dynastie ent halten, von Schun-Tschi dem großen Führer der tungusischen Mandschuren bis auf den Vorgänger des Kaisers Knang-Sü. 450 Die Seele des Kuang-Sü wird Wohl nicht in diesem dämmernden Raum unter den Seelen seiner zu Göttern erhobenen Ahnen einen Platz finden. Er ist über den gelben Fluß geflohen und irrt, ein armer Flüchtling, im weiten Lande umher, und die kostbaren Seitenschränke mit den Ahnentafeln, auf denen mit kurzen Worten steht Sitz der Seele des Tau-Knong oder des Hien-fung" sind von rauhen Händen abgerissen und finden sich wieder in einem^ Museum oder schmücken das Zimmer einer- vornehmen Dame und werden staunend betrachtet, wie man mit Staunen die umwickelten Mumien mächtiger Herrscher uralter Reiche betrachtet. Ob Seelentafeln oder Mumien, sie sind ein Zeugnis des Heidentums, daß etwas im Menschen lebt, was nicht sterben will und sterben kann und was zurückschrickt vor dem Grauen der ewigen Vernichtung. Tempel des Fastens. Nicht fern von dem Ahnentempel steht die Halle, wo der Kaiser sein Fasten abhielt. Es muß gar schwer sein, Himmels sohn auf Erden zu sein. Man muß dabei viel hungern und dürsten, und die Zahl der Fasttage im Jahr ist nicht gering. Heute ist dich Halle des Fastens in ein großes Magazin ver wandelt, und den Ort, an dem der Herrscher von 400 Millionen Menschen sein Fasten abhielt, um für sein Volk zu büßen und zu leiden, hatten die Engländer angefüllt mit Bergen von Seidenballen und edlem Pelzwerk, kostbarem Porzellan und leuchtendem Gestein, die Beute aus einigen Palästen der Ver botenen Stadt". An diese Halle des Fastens stoßen die Gemächer des Kaisers. In den gewaltigen Bettladen, die aus kostbarem Holze gebaut und mit Gold und Perlmutter ver ziert sind, reckt sich der Kriegsmann, während draußen die geschirrten Pferde schreien und stampfen, und es einen anmutet wie ein erstauntes Aufhorchen über den rauhen Wechsel der Dinge in den geheiligten Räumen des Himmelssohnes. Die Liu-Pu. Die kaiserliche Regierung Chinas wurde durch die Liu-Pu oder 6 Ministerien geleitet. Da gab es ein Ministerium desI 51 Krieges, des Kultus, der öffentlichen Arbeiten, der Finanzen, der Justiz und der inneren Verwaltung. Das letztere Ministeri um verwaltete die Tributärstaaten. Ihm war auch das Tsungli- Hamen unterstellt, die Kanzlei, welche die Beziehungen zu den europäischen Staaten regelte. Jedes dieser Ministerien be steht aus einem gewaltigen Hamen, mit drei oder vier großen Hallen, zu denen Stufen hinaufführen, und die, durch Höfe ge trennt, hinter einander liegend, sich immer mehr erheben. Wie eine Schutzwehr umgeben diese Liu-Pu oder sechs Ministerien in einiger Entfernung die Derbotene ,Stadt. Alle diese Ministe rien wurden gleich nach der Eroberung der Stadt von euro päischen Truppen besetzt. Im Kriegsministerium richteten unsere deutschen Truppen sich häuslich ein. Die Japaner hatten das Finanzministerium zu ihrem Hauptquartier erwählt. Auch das Tsung-li-Hamen, das sogenannte Auswärtige Amt Pekings, wurde von Japanern und Russen besetzt. An einem bestimmten Tage gingen dann die Dolmetscher der verschiedenen Gesandtschaften hin und versiegelten die einzelnen Bureaus, in denen die Akten über den Verkehr mit den westlichen Nationen aufbewahrt wurden. Manche interessante Aufschlüsse werden diese Akten den europäischen Diplomaten noch bieten. Im eigent lichen Kaiserpalast befindet sich heute das Deutsche Hauptquartier. Der Kaisersaal ist in einen Empfangsraum für den deutschen Generalfeldmarschall verwandelt. Ja, was hatte man nicht alles in diesen innersten Gemächern entdeckt, die mit elektrischem Licht erleuchtet und mit Wasserheizung versehen waren. Man fand z. B. eine vollständige Bibliothek aller seit der ältesten Feit in allen Sprachen der Welt erschienenen Bücher über China. Han-Tin-Mbliothrk. Ein beklagenswerter Verlust ist die Zerstörung der kaiser lichen oder Han-Lin-Bibliothek. Han-Lin heißt Wald von Pinseln. Die Bibliothek ist der älteste und berühmteste Sitz der Gelehr samkeit des Chinesenvolkes. Von den 25 gewaltigen Hallen, in denen die Geistesschätze der Chinesen aufbewahrt waren, sind noch zwei oder drei erhalten. Während der Belagerung ver-suchten die Kansutruppen im Verein mit den Boxern von dieser Bibliothek aus in die nebenliegende englische Gesandtschaft zu dringen. Immer wieder war der Gedanke von den bedrängten Europäern gefaßt worden, diese kaiserliche Bibliothek zu zerstören, um die Gesandtschaft zu retten. Aber jedesmal war dieser Plan wieder verworfen worden. Man wollte nicht in den. Augen der Chinesen sich mit dem unaustilgbaren Makel beflecken, in barbarischem Vandalismus die uralte Bibliothek^ zerstört zu haben. Endlich, in einer stürmischen Nacht, legten die Boxer Feuer an und zündeten die Camphertruhen an, in denen die wertvollen Manuscripte aus der Vorzeit geborgen waren gegen Wurmfraß und Witterungseinfluß. Die Flammen^ züngelten an den hohen Bücherständern entlang und schlugen aus den Fenstern. Die Boxer hofften, so das zerstörende Element hin überzuleiten in die Wohnungen der verhaßten Fremden. Diese versuchten zu löschen und brachten einige kostbare Bücherschätze in Sicherheit. Aber es war zu spät. Der Rauch quoll aus den Bergen von beschriebenem und bedrucktem Papier, auf die das schmutzige Wasser aus den nahen Lotosteichen gegossen wurde. Was ist dabei alles zu Grunde gegangen! Was die berühmtesten Schriftsteller über Philosophie und Geschichte in Prosa und Poesie geschrieben hatten, wurde in jener Sturm nacht ein Raub der Flammen. Es verbrannten die großen Sammelwerke über alles Wissen der,Chinesen, Sammlungen von Dramen und der ältesten Poesie. Es verbrannte jenes gewaltige topographische Werk Chinas, das allein 5000 Bände umfaßte. Das Feuer fraß sich hinein in die Werke über Kunstgeschichte, in die Werke über Botanik und Medizin. Gewiß, es steckte in allen diesen Büchern viel Thorheit und Unverstand, viel Aber glaube und blinder Heidenglaube, aber auch viele edle Gedanken fanden sich darin, tiefe Sehnsucht und köstliche Lebensweisheit! Es ist ein Gottesgericht, wenn alle diese Geistesarbeiten in Flammen aufgehen, wenn die uralten Holzdruckplatten gebraucht wurden, um Barrikaden aufzubauen, uralte Schriften unter den Feldkessel des Soldaten geschoben wurden und unersetzliche Hand schriften von Tier- und Menschenfüßen in den Kot der Straße53 getreten wurden. Die gebildeten Chinesen sind in großer Sorge, daß bei dieser Gelegenheit auch die historischen Aufzeich nungen über die Kaiser der Tsin-Dynastie, d. h. der jetzigen Dynastie, und über die Ereignisse in China während ihrer Regie rungszeit zerstört sind. Es besteht nämlich die uralte Sitte am Kaiserhofe, durch drei Historiographen, die zugleich Zensoren sind und den Kaiser auf alle Mißgriffe und fehlerhaften Handlungen aufmerksam machen müssen, die Ereignisse eines jeden Tages abzufassen, gegenseitig zu ergänzen und die beschriebenen Blätter in einen bestimmten gewaltigen Kasten zu werfen. Jeder Kaiser hat seine Geschichtstruhe; alle diese Truhen werden erst nach dem Erlöschen der Dynastie geöffnet. Der Inhalt wird dann zu einem Geschichtswerk über diese Dynastie verarbeitet. Diese Truhen sind zerstört. Zum ersten Male im Lauf der Jahr tausende schließt eine Dynastie ab, von der es keine Annalen giebt. Und das ist das Ende auch dieser Verbotenen Stadt. Doch wo ist der, über den diese furchtbare Katastrophe gleich der Verwüstung des jüngsten Tages herniederbrach, er, der letzte der Mandschufürsten, der aus allen Himmeln ge stürzte Himmelssohn? Wo ist jene furchtbare Kaiserin-Witwe, und wo sind die Großen des Reiches, die das unheimliche Spiel gespielt und verloren haben? Flucht des Hofes. Am 15. August verließ der Hof in großer Hast und Furcht die Verbotene Stadt. Wie eine ungeheure Erkenntnis muß es über das Volk in den 200 Palästen gekommen sein, daß alles verloren sei. Man glaubte fest an den Sieg der eigenen Trup pen, man traute aus die Unüberwindlichkeit der Boxer, die im Sturm das ganze Volk mit sich reißen würden, man hoffte auf den Beistand der Götter, bis die Granaten der verbündeten Armeen in die Verbotene Stadt sausten. Da packte jähes Ent setzen die Bewohner. Man suchte das Heil in der Flucht. Als gewöhnliches chinesisches Bauernweib verkleidet, im blauen Leinen kittel, mit ungekämmtem Haar, so zog die Kaiserin-Witwe von dannen. Mit ihr ging der Kaiser. Man weiß, daß das furcht-54 bare Weib kurz vorher die Lieblingsfrau des Kuang-Sü hatte erdrosseln und in den Brunnen werfen lassen. Das war wohl ihre letzte Regierungshandlung in der Verbotenen Stadt. Man fand später die Leiche der Unglücklichen im Brunnen. Eine geheime Furcht waltete stets im Herzen der Kaiserin-Witwe, der Kaiser möchte noch einen Getreuen finden, der ihm behilflich sein könnte, in das Lager der verbündeten Truppen zu fliehen. War sie getrennt von ihm, dann war es mit ihrer Herrschaft gründlich vorbei. In den Augen des Volkes blieb Kuang-Sü der vom Himmel gewählte Herrscher des Erdkreises. Stets hatte die Kaiserin-Witwe ihn von ihren Kreaturen umgeben, von grausamen Eunuchen, die mit ihrem Leben für den Kaiser zu bürgen hatten. Wie zum Hohn trägt dieses Weib den Namen Tsi-Schi, erbarmende Gnade". Vierzig Jahre lang war sie die Herrscherin in der Verbotenen Stadt gewesen. Wie die Königin Athalja im Alten Testament hatte sie sich aufgemacht und allen königlichen Samen umgebracht". So schnell und ungeordnet war die Flucht, daß man sich kaum mit dem Nötigsten versehen hatte. Während der ersten drei Tage mußten die Kaiserin und Kuang-Sü in Bauern häusern auf dem im Norden Chinas üblichen K ang, d. h. Ziegel steinbett, das durch ein kleines Feuer von unten erwärmt wird, schlafen. Man hatte kaum Decken. Kaum daß die Kleider ge wechselt werden konnten. Um nicht auf der Flucht behindert zu sein, ließ man den ganzen Harem in der Verbotenen Stadt. Die einzige Nahrung in den ersten Tagen bestand aus einer dünnen Reissuppe. Die vor dem kaiserlichen Zuge herziehen den Landsknechte und Reiter aus der Armee des Tung-fu-siong verwüsteten die Dörfer und plünderten die Bewohner, so daß diese erschreckt in Berghöhlen und Erdlöchern Zuflucht suchten. So kam es, daß die Häuser links und rechts am Wege ge schlossen und verlassen waren. Die Dörfer und Ortschaften waren menschenleer. Wenn früher der Kaiser aus der Verbotenen Stadt durch die Straßen Pekings zog, um in den Ahnengrä bern seiner Dynastie die Frühlings- und Herbstopfer darzu bringen, geschah dies immer in den frühesten Morgenstunden.Dann mußten die Thüren und Fenster der Häuser in den Straßen, welche man passierte, dicht verschlossen sein. Kein Menschenantlitz durfte die geheiligte Person des Himmelssohnes erblicken. Bogenschützen, die vorangingen und nachsolgten, hatten den Pfeil aus der Sehne des Bogens und drohten jedem lln- befugten, der sichtbar wurde, mit ihrem tödlichen Geschoß, lind wieder zog der kaiserliche Zug, vom Grauen des Todes und der Zerstörung umgeben, durch die ausgestorbenen Gegenden. Mancher Diener entfloh unter Mitnahme von Kostbarkeiten und kehrte im Dunkel der Nacht nach Peking zurück. Nach endlosen Schwierigkeiten und unter großen Entbeh rungen, von Raubgesindel und Boxern belästigt, hat der Hof endlich am 26. Oktober nach 41 Tagen Singanfu er reicht. Ein kaiserliches Edikt kurz nach der Ankunft daselbst in Wahrheit sind alle diese Edikte von der Kaiserin-Witwe verfaßt beginnt mit folgenden Worten: Wir sind unter dem Donner der Kanonen aus unserer Hauptstadt geflohen und hatten Mühsale und Beschwerden auf der Reise zu überstehen, von denen ihr Generalgouverneure und Gouverneure nicht die geringste Ahnung habt. ..." Am Schluß dieses Edikts wird die Hoffnung ausgesprochen, daß die Satrapen dem Hofe kräftige Unterstützung durch Sendung von Geldmitteln und Liebesgaben zu teil werden lassen würden. Ankunft in Singanfu. Es scheint, daß nur eine kleine Schar von Vertrauten und Getreuen den Hof bis nach Singanfu begleitet hat. Am Tung- kuan-Paß, dem Einfallsthor in die Provinz Scheust, mußte der Prinz Tuan auf Betreiben des Gouverneurs der Provinz Schensi zurückbleiben. Tung-fu-siong, der alte Muhammedanerhäuptling, zog mit. Als der kaiserliche Zug sich Singanfu näherte, ent stand eine nicht geringe Panik in der Stadt. Die reichen Leute wandelten in langen Karawanen nach dem Süden. Viele gingen weiter nach Westen in die reiche Provinz Setschuan. Dadurch, daß Prinz Tuan zurückbleiben mußte, konnte der reformfreundliche Gouverneur der Provinz verhüten, daß die Bevölkerung Singanfus sich feindlich dem Hofe entgegenstellte. 56 Singanfu. Singanfu war die Hauptstadt des Reiches während der T ang-Dynastie. Die einst so prächtige Kaiserresidenz in der Stadt ist vollständig verschwunden. Heute führt der chinesische Bauer seinen Pflug über den Platz, wo einst die Paläste der alten T angkaiser sich erhoben. Singanfu hat eine gewisse Berühmtheit erhalten durch die Auffindung einer großen Mar mortafel, nahe bei der Stadtmauer, im Jahre 1625, welche zeigt, wie der Nestorianismus im 7. und 8. Jahrhundert in großer Gunst am chinesischen Kaiserhofe stand und sich durch das ganze Reich ausgebreitet hatte. Im 13. Jahr der Regierung des Kaisers Tsching-kuau im 7. Monat, d. i. im August des Jahres 639 n. Ehr., beschäftigte sich ein kaiserlicher Erlaß mit dem Nestorianismus und preist die christliche Lehre als rein und geheimnisvoll" und ihren Einfluß auf das menschliche Herz segensvoll". Aber der Nestorianismus, der, von der kaiser lichen Gunst getragen, seinen Siegeszug durch die Provinzen machte, wurde nach dem Erlöschen der T ang-Dynastie bis auf die letzte Spur ausgetilgt. Vielleicht lebt ein kleiner Rest noch weiter in den religiösen Sekten in den Provinzen Schansi, Schensi und Schantung. Der Kaiserhof war weiter nach Osten gezogen nach Nanking (südliche Hauptstadt) und Peking (nördliche Hauptstadt), und eine ungeheure Woge der Zeitereig nisse trug ihn zurück nach den alten Sitzen in Singanfu, d. h. Ruhe des Westens. Die erste Forderung des Hofes an die Beamten des Reiches waren 8 Millionen Mark zum Bau eines neuen Palastes, und willig strömen die Gelder und Liebesgaben an Seide und dem am Kaiserhofe so beliebten Jaspisedelstein nach Singanfu. Da mehrfach die Geldtransporte von Räubern angegriffen wur den, hat die Kaiserin-Witwe angeordnet, die Gelder (sogenannte Silberschuhe, weil die Silberbarren die Form eines plumpen Schuhes hatten) durch das Pau-kü zu befördern. Es ist dies eine alte, gut organisierte Gesellschaft, die durch jährliche Zah lung fester Summen an die verschiedenen Räuberhäuptlinge in den Distrikten alle von ihr begleiteten Transporte von denPlünderungen der gewerbsmäßigen Räuber loskauft. Kenn zeichnend für chinesische Verhältnisse ist, daß dies die einzige Weise ist, wie Sendungen ungefährdet durchs Land gehen können, und daß sich der Kaiser dieses gewaltigen Reiches in direkt mit Räubern in Einverständnis setzen muß, um seine Zufuhren zu sichern. Und doch, der Hof wird nicht lange in Ruhe bleiben in der Westlichen Ruhe". Eine schwere Dürre und Mißwachs in den letzten Jahren hat die Provinz Scheust heimgesucht. Die alten grimmigen Feinde der Mandschu- Dynastie, die Muhamniedaner, von denen es gegen 30 Millio nen in ganz China giebt, bedrohen die Sicherheit des Hofes, und die Nachricht, daß die Verbotene Stadt völlig ausgeplündert ist, sowie, daß die Verbündeten ihre Streifzüge bis an die Grenzen der Provinz Schensi ausdehnen, haben einen solchen Schrecken in Singanfu hervorgerufen, daß man ernstlich in Erwägung gezogen hat, weiter nach Setschuan zu fliehen, bis an die äußerste Westgrenze des Reiches. Was hilft aber alle weitere Flucht! Man wird sich beugen müssen. Die klare, entschiedene Sprache unseres großen Kaisers, den keine heidnischen Trankopfer, die man seinem ermordeten Gesandten darbringt, versöhnen können, macht tiefen Eindruck auf das chinesische Volk, das sich ohne Haupt und Führer fühlt. Man wird sich auch dieser Sprache beugen in Singanfu, der westlichen Ruhe. Und wir Deutsche müssen Gott danken, daß er uns zu dieser gewaltigen, weltgeschichtlichen Mission in Ostasien beruft. Eine ungeheure Tragik liegt in diesem Zusammenbruch des ältesten Reiches der Welt. So spielt die Gerechtigkeit Gottes auf Erden, dem der Heide auch hier in China den Ausdruck verleiht: Wen die Götter verderben wollen, dem verfinstern sie vorher den Sinn!" Christenverfolgung. Wir blicken von dieser geöffneten Verbotenen Stadt" hinaus in das weite Land, und wahrlich, man kann kaum die Thränen zurückhalten über die Zerstörung und Verwüstung, die sich den Blicken darbietet, nachdem die ungeheure Woge der Verfolgungdahingerollt ist. Blühende Stationen, Kirchen, Schulen, Kranken häuser, bescheidene Bethäuser, die arme chinesische Christen sich errichtet hatten alles ist verbrannt, ausgeplündert und nieder gerissen. Auf den rauchgeschwärzten Mauern aber steht wie ein Hohn der Heiden die alte, stumme Frage: Wo ist nun euer Gott? Jener Mandarin, welcher, umgeben von seinen Tra banten, in die wogenden Feuermassen einer brennenden Station blickt, klatscht vor Freude in die Hände und dankt den Göttern für den Sieg, den sie verliehen. Mancher edle Heide aber sieht von weitem in die züngelnden Flammen und murmelt: Es waren doch edle Menschen, die dort wohnten und wirkten, und ihre Lehre ist die einzig richtige." In einer einzigen Pro vinz ist die Zahl der ermordeten evangelischen Missionsarbeiter und ihrer Angehörigen 90 Erwachsene und 24 Kinder. Zwölf Erwachsene und Kinder werden noch als Vermißte an geführt. In T ai-Duan-fu, der Hauptstadt der Provinz Schaust, ließ der Gouverneur Dü-Chien die gefangenen katho lischen und evangelischen Missionare auf Pen Platz hinter den Damen führen, wo die Bogenschützen zu üben pflegten. Er be fahl, die Missionare in einer bestimmten Entfernung von ein- eiuander aufzustellen. Nachdem er sein Obergewand abgelegt, bestieg er mit den Worten: Ich will euch zeigen, wie man es machen muß," sein gesatteltes Pferd, nahm ein langes Schwert und jagte an den aufgestellten Glaubensboten entlang, indem er zum tödlichen Streiche ausholte. Vier oder fünf Köpfe rollten in den Sand. Er wollte noch einmal an der Reihe entlang reiten, aber das Pferd bäumte und sträubte sich und war nicht zu bewegen, den Gang noch einmal zu thun. Darauf stieg der blutdürstige Mann ab und ließ die klebrigen durch seine Soldaten abschlachten. Die Köpfe fand man nachher auf den Zinnen der Stadtmauern, wie die Köpfe gemeiner Straßen räuber aufgepflanzt. Die Körper warf man in die Gräber und deckte sie mit etwas Erde zu. Selbst Heiden fanden diese That fluchwürdig. Man erinnere sich aber, daß derselbe Dü- Chien Gouverneur der Provinz Schantung war und von einem furchtbaren Haß gegen die Deutschen erfüllt wurde, als er auf59 Wunsch der deutschen Regierung abgesetzt wurde. Später wurde er in der Nachbarprovinz Gouverneur, und seinen Haß hat er in der Abschlachtung säst sämtlicher evangelischer und katho lischer Missionare und Tausender von Christen gekühlt. Freundliche Mandarine. Mancher edle Beamte hat auch mit aller Macht, die er besaß, das Leben und Eigentum der Missionare beschützt. Ein Distriktsmandarin Tschsn in der obengenannten Provinz Schaust deckte die in sein Pamen fliehenden Missionsleute vor den nachdringenden Verfolgern, tröstete sie, gab ihnen Kleider und Speise, während sein Weib die geängsteten Frauen, Jung frauen und Kinder gütig und lind behandelte. Später ließ er bei Nacht durch treue Diener die Missionare bis an die Grenze seines Distrikts führen. Er antwortete, als man ihm dankte: In eurem Lande würde ich unter ähnlichen Verhältnissen auch Schutz finden. Hier habe ich die Pflicht, euch zu schützen!" Leiden der Christen. Es wäre vergeblich, alle die einzelnen Grausamkeiten aus zumalen, welche die Chinesen an ihren Opfern verübten. Was die armen Männer, Frauen, Mädchen und Kinder unter den teuflischen Qualen ausgestanden haben, wer vermag es zu schildern! Gott hat ihnen geholfen, auch diese schwere Last zu tragen. Er hat sie erquickt in ihrer letzten Stunde mit seinem unaussprechlichen Trost. Er hat ihnen durch Leid und Geschrei ausgeholfen zu seinem himmlischen Reich. Wir aber preisen selig, die im Glauben erduldet haben. Nicht Mutlosigkeit und Verzagtheit kommt über uns, die wir durch Gottes Barm herzigkeit verschont sind vor diesen Martern, sondern heiße Sehnsucht ergreift uns, daß das chinesische Volk sich bekehren möge zu dem, der auch der Gott dieser vierhundert Millionen Menschen ist. Eine Missionarsfrau sagte an der Wu-men-k u-Fähre, die über den gelben Fluß führt, zu ihren Mördern: Wir sind in euer Land gekommen, nicht um euch Uebles zu thun, sondern60 aus Liebe zu euch, um euch zu Gott zu führen." Als ihre Mitgenossen am Reich und an der Trübsal sich gegenseitig um armten und Abschied von einander nahmen, hörte man die um stehenden Mörder sagen: Seht, wie sie sich unter einander lieben. Sie sind doch ganz anders wie wir." Es waren acht Personen, die an den Ufern des Huong-Ho niedergemacht wurden. Man ließ die Leichen fast acht Tage lang unbeerdigt. Kein Raubvogel, kein wildes Tier hatte sich ihnen genaht. Das setzte die Eingebornen sehr in Staunen. Es sind unschuldig Getötete," sagten sie, die Götter werden ihre Mörder zu finden wissen." Wie Stimmen aus dem Grabe klingen die drei Briefe, welche eine Missionarsfran kurz vor ihrem Tode an ihre Lieben geschrieben hat. Ein treuer Chinese hat dieses letzte Vermächtnis in sichere Hände gelegt. Es giebt kaum etwas Ergreifenderes als diese Briefe der Lizzie Atwater. Sie ist mit ihrem Mann und Kind und vielen Leidensgefährten im Kerker von Dai-Puan-fn und harrt der Stunde, wo auch sie hinausgeführt werden soll. Sie berichtet, eben seien sechzehn enthauptet worden. Sie weiß, daß sie ihre Lieben in der Heimat nicht Wiedersehen wird. Sie bittet um die Gnade, tapfer und unerschrocken ihrem schrecklichen Ende entgegenzugehen. Sie weiß, daß auch ihr Säugling in ihren Armen mit ihr gehen wird. Ihre Furcht ist nur, daß sie auf diesem Todesgange von ihrem Mann getrennt werden könnte. Schon ist ihr ältestes Kind, ein liebliches Mädchen, ihr vorangegangen. Man hat ihre Tochter in Ketten von Schu-Hang nach T ai-Puan-fu geführt und dort enthauptet. Still und ruhig hat sich das tapfere Weib in den Willen Gottes ergeben. Nicht beklagt sie es, daß sie nach China gekommen ist. Sie beklagt nur, daß sie in ihrem Berufe, der ihr im Angesichte des Henkertodes noch köstlich erscheint, so wenig für den Herrn gethan hat. Aber sie fühlt die Nähe des Herrn. Sie weiß, daß er mit ihr vor das blutbefleckte Beil des Henkers und hindurch durch alle Schrecken des Todes gehen wird in die Wohnungen der seligen Ewigkeit. Und so ist es denn auch geschehen. Dort in Pau-ting-fn kniet eine Missionsfrau mit! 61 - ihren Kindern vor dein Mandarin und bittet, das Leben der Kleinen zu schonen. Der Vater ist kurz vorher vor ihren Augen enthauptet worden. Lange blickt der Chinese in das thränentiberströmte Antlitz der Mutter. Dann zuckt eine wilde Freude über sein Angesicht. Ein Wink, und der Henker thut sein blutiges Werk. Manche Kinder von Europäern scheinen doch aus die eine oder andere Weise von barmherzigen Händen gerettet zu sein. Man will unter spielenden chinesischen Kindern auch kleine Blondköpfe entdeckt haben. Eine Missionarsfamilie war getötet worden. Ihr ältestes Kind, ein Knabe von elf Jahren, befand sich in England. Man holte ihn aus der Schule. Langsam, schonend teilte man ihm die Schreckensnach richt mit. Wie erstarrt, mit totenbleichem Antlitz vernahm das Kind, daß seine geliebten Eltern und Geschwister nicht mehr am Leben seien. Drei Tage lang hörte man keinen Laut aus seinem Munde. Wie betäubt von einem furchtbaren Schlage ging das Kind einher. Dann sprach der Knabe das erste Wort, und Thränen stürzten aus seinen Augen: Wenn ich groß bin, will ich dahin gehen, wo mein Vater, meine Mutter und meine Geschwister ermordet sind Wer kann sie aufzählen alle jene Beispiele von Glaubens mut und Todessreudigkeit der chinesischen Christen, die in diesen Tagen in den Tod gingen für den Herrn. Wenn auf der einen Seite die ganze Wildheit und Grausamkeit sich offenbarte im Foltern und langsamen zu Tode Ouälen, so hat der Herr auch aus der andern Seite diesen Brüdern und Schwestern aus dem chinesischen Volke mit seiner Kraft geholfen und hat ihnen ein siegreiches Überwinden gegeben nach dem Reichtum seiner Kraft und seines Erbarmens. Nach und nach werden wohl die einzelnen grauenvollen und lichten, glaub ensstärkenden Züge jener Märtyrerzeit bekannt werden. Man rechnet die Zahl der ermordeten Christen beider Konfessionen auf 14 15 Tausend. Langsam werden alle genauen Zahlen kommen, wie die der Erschlagenen nach einer blutigen Schlacht.62 Ursachen der BoXerbewegung. Man hat nach den Ursachen dieser für China so verhäng nisvollen Bewegung geforscht. Kaum war von einer oder von zwei Seiten der Ruf ansgegeben, die Mission trage die Schuld, so sprang in den Zeitungen eine förmliche Missionshetze auf. Einige Männer, die früher in China gewesen waren, erhoben die Anklage, die dann gedankenlos weitergetragen wurde. Aus einer Zeitung in die andere wanderten diese anklagenden Artikel. Man gab sich nicht einmal die Mühe, auffällige Jrrtümer zu korrigieren. Nur in den Anklagen überbot der eine den andern. Missionsfeindliche Artikel heimischer Blätter wurden in den hier in China erscheinenden Zeitungen abgedruckt und wurden dann wieder von den heimischen Zeitungen als starke Beweise für die Gefährlichkeit der Mission angeführt. Ein wahrer Wirbelsturm von Beschuldigungen und Angriffen gegen die Mission erhob sich, und Gleichgiltigkeit, Verachtung und Haß gegen das Christentum bliesen mit vollen Backen hinein in diesen Sturm. Da stand nun die Mission als arme Sünderin im Gerichte deutscher Zeitungspresse. Es waren schwere Stun den für einen Missionar, das Gericht über die ganze Arbeit seines Lebens gehen zu sehen. Mancher Missionar, der den Messern der Boxer entronnen war, fand sich plötzlich unter den Keulen eines Feindes, der noch unbarmherziger war als selbst die Boxer. Man wurde in diesen Tagen an das Wort er innert von der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdboden gehen soll. Manchem ist dieses Treiben denn auch zu bunt geworden. Der Sturm scheint etwas nachgelassen zu haben, und eine vernünftigere Auffassung dürfte jetzt mehr zur Herrschaft kommen. Die Boxerbewegung hatte zunächst nichts zu thun mit der Mission als solcher. In einem der ersten kaiserlichen Edikte, welche die Boxergesellschaft als patriotische Genossenschaft aner kennt, heißt es: Fremde haben seit 40 Jahren das Reich beunruhigt, haben unser Land genommen und uns unserer Ein nahme beraubt." Von der Mission ist darin gar nicht die Rede.63 Wohl wird in einem späteren Edikt darauf hingewiesen, daß die christlichen Gemeinden sich immer mehr ausbreiten. Es wird der Verdacht ausgesprochen, daß möglicher Weise gefährliche Menschen sich in die Kirche einschleichen könnten, aber nirgends heißt es, durch die Ausbreitung des Christentums in China seien die Unruhen entstanden. Diese Thorheit wagte man selbst in der Verbotenen Stadt nicht auszusprechen. Fremde werden gehaßt als Fremde, christliche Chinesen weil sie mit Fremden verbündet sind. Christen heißen wohl flugs mai-kui-ti, Reichs verräter, aber mai-kui-ti nennt man auch die Compradores oder- geschäftlichen Vermittler in den europäischen Firmen. Ja, als die Wogen des Boxeraufstandes hoch gingen, schlug man auch die als mai-kui-ti tot, welche eine europäische Taschenuhr besaßen und ein Gewand aus fremdem Tuch trugen. Frrmdrnhatz in China. Die ganze Haltung des chinesischen Volkes ist sremden- feindlich, und die Träger dieses Fremdenhasses sind die Mandarine und die Schriftgelehrten. Durch das ganze Land geht ein Fremdenhaß, der nur aus der geschichtlichen und Poli tischen Anschauung des Volkes zu erklären ist. Noch ehe die evangelische Mission in China ihr Werk begonnen hatte, wur den dieselben albernen Beschuldigungen gegen die Europäer- laut, wie sie heute noch ungemindert und ungeschwächt fort- bestehen, und der ärgste Fremdenhaß zeigt sich in Provinzen, z. B. in der Provinz Hunan, wo bis jetzt, um dieser allgemeinen Abneigung gegen die Fremden willen, noch fast gar keine Mission begonnen werden konnte. Peking, die Stadt außer halb der Verbotenen Stadt, spiegelte nur wieder, was die Meinung des kaiserlichen Hofes ist. Es ist eine durch und durch fremdenfeindliche Stadt. Die christlichen Hospitäler, in sonderheit das vielgerühmte Krankenhaus der Londoner Mis sionsgesellschaft, dessen Missionsärzte in hohem Ansehen standen in der Verbotenen Stadt um ihrer ärztlichen Geschicklichkeit willen, hat vielleicht einer halben Million Kranker ärztliche64 Hilfe und Pflege zu teil werden lassen. Die berühmte Blinden schule Murrays wurde selbst von hohen Mandarinen besucht und bewundert. Zahllose katholische Wohlthätigkeitsanstalten haben unendlich viel Gutes gethan. Manche Thür zun: Herzen der Chinesen ist dadurch geöffnet, aber den fremdenfeindlichen Charakter der Stadt hat dies alles nicht im geringsten beein flußt. In den 40 Jahren seit der ersten Eroberung Pekings durch die Engländer und Franzosen bis heute ist es noch nicht zu einem freundschaftlichen Verkehr zwischen den chinesischen und europäischen Staatsmännern gekommen. Man besuchte sich amtlich, man wechselte die nichtssagenden chinesischen Höflichkeits phrasen mit einander, und sonst hielt man sich fern. Wollten die fremden Gesandten etwas Genaueres erfahren über Leben untff Treiben in der Verbotenen Stadt, so luden sie wohl einen Eunuchen oder Palastdiener ein, der heimlich und in Ver mummung zu den Fremden ging. Und wir wollen hier noch einmal feststellen, daß der deutsche Gesandte Herr von Kettler nicht im Volkstumult erschlagen ist, sondern daß er auf Betreiben der höchsten Mandarinen in der Verbotenen Stadt, vielleicht mit Wissen des ganzen kaiserlichen Hofes, am hellen, lichten Tage in den Straßen Pekings erschossen wurde, als er sich auf dem Wege zu diesen höchsten Mandarinen befand. Nicht bloß drinnen in Peking erhob sich die Verbotene Stadt. Um das ganze Volk als solches erhoben sich unsichtbar, aber fester gefügt als die Quadern der Tz-King-Tscheng, die Mauern einer Ver botenen Stadt. Der chinesische Sprachlehrer, welcher in den Straßen Pekings seinem europäischen Schüler aus der Ge sandtschaft begegnete, that, als kenne er ihn nicht. Er fürchtete, in den Augen seiner Landsleute sein Gesicht" (Ansehen) zu verlieren, wenn er den Fremden grüßte. Und so war es auch mit dem chinesischen Geschäftsfreunde, ja herunter bis zum Kuli, der in: Dienst der Fremden stand. Die Verbotene Stadt schloß alle Fremden nach außen ab. Der Fremde ist aber dem Chinesen nicht darum verhaßt, weil er der Träger einer neuen Religion ist, sondern weil er die nationale Selbständigkeit gefährdet. Es haben die ver-schiedensten Religionen in China nebeneinander bestanden, und ein Gedankenaustausch der Religionen untereinander hat statt gesunden, der dem mit dem religiösen Leben des Volkes ver traut gewordenen Missionar sofort auffällt. Einige hohe Be amte sind Muhammedaner, andere sind strenge Buddhisten, noch andere sind Taoisten. Könnte mancher Mandarin sich von der Verpflichtung befreien, in diesem und jenem Tempel seines Bezirkes von Amts wegen ein Opfer darzubringen oder in der Neujahrsnacht mit dem Angesichte nach der Verbotenen Stadt dem Kaiser im Kaisertempel durch dreimaliges zu Boden werfen seine Huldigung darzubringen, so würde er auch Christ werden und sich taufen lassen. Unzählige Chinesen, deren Leben nur durch confucianische Formeln geregelt wird, rufen den Taoistenpriester in der Krankheit, damit er die bösen Geister vertreibe, und ordnen an, daß Buddhisten bei ihrem Begräbnis Messen lesen für die Ruhe der Seele. Man duldet eben die verschiedensten Religionen nebeneinander, nicht aus Weitherzig- kcit, sondern aus Gleichgültigkeit. Mancher europäische Kauf mann will flugs seinen chinesischen Geschäftsfreunden zeigen, wie tolerant er ist, und duldet, daß an der Schwelle seines Hauses durch seinen chinesischen Diener dem Erdgeist oder dem Gott des Reichtums täglich ein Räuchopfer gebracht wird. Er schenkt wohl auch dem heidnischen Tempel in seiner Nachbarschaft ein Paar schöne Leuchter für den Götzenaltar. Ich habe aber noch nie gehört, daß ein solcher toleranter Europäer den Chinesen näher getreten sei. Man wundert sich darüber gar nicht mehr, wie man sich auch gar nicht zu wundern braucht, daß ein Geschäftsmann in der Heimat Götzen Herstellen will, die er in China abzusetzen hofft. Ich fürchte nur, das Geschäft wird nicht blühen, da der Chinese aus Weitherzigkeit wohl alle Götter verehrt, aber aus Frenidenhaß diesen Fabrikgötzen der fremden kaum Opfer bringen wird. Nur darüber muß man sich wundern, daß der Mission die Schuld gegeben wird, die Unruhen angestiftet zu haben in diesem ungeheuren Reich. Aber auch das ist ein alter Vorwurf, der schon in Thessalonich von den halsstarrigen Juden erhoben wurde, welche die Christen vor66 den Obersten der Stadt mit den Worten anklagten: Diese, welche den ganzen Weltkreis erregen, sind auch hergekommen." Religionsfreiheit in China. Die wachsende Gefahr durch die Ausländer die Furcht, die nationale Selbständigkeit zu verlieren der Unwille, welcher durch die Verluste von Formosa, Kiautschou, das der Insel Hong kong gegenüberliegende Kau-lun-Gebiet Wai-hai-wai, Port Arthur laut wurde im Volke die Angst, welche chinesische Staats männer vor Rußland empfanden, das durch das ganze nörd liche Asien bis an die Grenzen des eigentlichen China durch- gedrnngen ist die an vielen Orten Chinas durch die Fremden eröffneten Minen, um die reichen Kohlen- und Mineralschätze dieses Landes Licht zu fördern die erbauten und im Bau begriffenen Eisenbahnen das Verlangen belgischer, eng lischer, deutscher, russischer, französischer Syndikate nach neuen Konzessionen die Kämpfe der verschiedenen Nationen um Er weiterung ihrer Niederlassungen in den Hafenstädten das immer dringender werdende Verlangen, die großen Ströme mit Dampf schiffen zu befahren, so weit sie schiffbar sind die überall errichteten Seezölle, die, wenn sie auch fast die einzig sichere Einnahmequelle für den Hof bilden, doch in den Händen der Fremden sich befinden und die Bürgschaften sind für die gewaltigen Anleihen, die China in Europa gemacht hat und wodurch China stets seine Abhängigkeit fühlte der un unterbrochene Kampf der europäischen Kaufleute gegen den Li- king, d. h. gegen die den europäischen Handel im Inneren Chinas erschwerenden Distriktszölle und in diesem Zusammenhang kann man auch die Mission ansühren, deren wachsende Erfolge dem chinesischen Staatsmann, der für das Religiöse kein Ver ständnis hat, nur als ein Maßstab für den wachsenden Einfluß der fremden Mächte in China gelten, so haben alle diese und andere Ursachen die chinesische Masse in Wallung gebracht. Fühlt man sich berufen, Gericht zu üben, so übe man doch wenigstens ein gerechtes Gericht, und wenn hier zwölf Schuldige vor dem hohen Gerichtshof stehen, so schiebe man nicht die67 ganze Schuld auf einen einzigen. Es ist aber hier von keiner Schuld die Rede, sondern dem allen liegt eine göttliche Absicht zu Grunde. Wir leben in einer Zeit, die Meere überbrückt und entfernte Länder verbindet. Gott will nicht, dast die Völker in Abgeschlossenheit hinter chinesischen Mauern und in Ver botenen Städten wohnen. Für China muß jetzt eine neue Zeit anbrechen, wie sie nach langer Verschlossenheit für Japan an gebrochen ist. Und wenn die Völker mit dem Schwert in der Hand ein offenes China verlangen, in dem Handelsfreiheit herrscht und Gott der Herr unseren geliebten Kaiser und König mit dieser gewaltigen, weltgeschichtlichen Aufgabe betraut hat, so bittet die Mission die Mächtigen der Erde, welche Gott hier zu berufen hat: Gebt uns ein China, in dem Religions freiheit herrscht! Dir Mission in China. Gewiß, auch die Mission hat mit zu diesen Unruhen in China beigetragen. Wo das Evangelium verkündigt wird, da erregt es Unruhe. Es trägt die Spaltung in die Familie, es trägt die Scheidung ins Dorf, in den Stamm und ins Volk. Die Christen haben daher auch immer um ihres Glaubens willen Trübsal und Verfolgung zu leiden gehabt. Immer sind in diesem oder jenem Winkel des ungeheuren Reiches Christen verfolgt worden. Es genügte in den meisten Fällen, daß ein fremdenfeindlicher Mandarin, der sein Amt antrat, im Yamen eine Aeußerung gegen die Christen that, und die Kirchen wurden zerstört, und die Christen wurden geschlagen und verjagt. Ver folgung hat sich auch da stets erhoben, wo die Christengemeinde sich derart mehrte und zunahm, daß die Götzenhändler den Rück gang ihres Geschäfts und die Priester die Vernachlässigung der Götzen beklagten. Man wende doch nicht immer ein, dre. welche Christen würden, seien Heuchler. Daß auch Heuchler unter denen sind, welche sich taufen lassen, ist fast unausbleiblich. Die Besten und die Schlechtesten in einem heidnischen Volk kommen zum Missionar. Aber wenn solch ein Sturm der Ver folgung sich erhebt, wird stets die Spreu vom Weizen gesondert.68 Mancher chinesische Christ hätte leicht sein Leben retten können, wenn er vor den Boxergöttern, vor die man ihn geschleppt hatte, seinen Christenstand verleugnet hätte, wenn er also nur einen geringen Teil der Heuchelei, in der er bis dahin gelebt haben sollte, hätte drangeben wollen. Das hätten die Leute gewiß gethan, wenn sie um irdischer Vorteile willen wären Christen geworden. Aber sie sind fest geblieben. Viele mögen auch abgesallen sein. Wie im alten Rom in den Verfolgungszeiten, sind auch hier in diesen Tagen Schutzbriefe ausgestellt worden, auf welchen steht, daß dieser und jener, welcher, von einem Taumel ergriffen, den aufrührerischen Lehren der Fremden gefolgt sei, hiermit vor den Götzen den Glauben abgeschworen habe. Wir wollen sie nicht richten. Wer weiß, ob ich und du angesichts der abgehackten Hände und Füße und ausgerissenen Augen noch fest geblieben wären. Und wären wir fest geblieben, so wäre es nicht unsere Charakterstärke, sondern Gottes Gnade gewesen. Wir wollen nicht richten, sondern an das Wort der Schrift denken: Wer sich lässet dünken, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle". Die aber, welche überwunden haben mit Zittern im Herzen, mit Thränen im Auge und einem festen, entschlossenen Nein im Munde, wir preisen sie selig. Ihre Peiniger hatten die Macht, sie zu töten, sie aber hatten die Macht zu sterben. Und das erfüllt den Missionar, welcher seine Lebensarbeit zer stört sah, welcher die Gemeinde, die er unter Mühen und Nöten durch die Predigt des Wortes gesammelt hatte, zerstreut und abgeschlachtet sah, mit Trost für die Zukunft. Haltung der chinesischen Christen. Es ist keine Frage, daß vielen die Haltung von Tausen den von eingeborenen Christen in diesen Tagen wie eine Offen barung war. Daß diese Christen willig waren, Folter und Ver folgung und den Raub ihrer Güter zu erdulden und sich stand haft weigerten, durch Verleugnung ihr Leben zu retten, war etwas, was viele nicht erwartet hatten. Höre, was der ameri kanische Gesandte Conger, der Senior des diplomatischen Korps in Peking, welcher mit seiner Frau und Tochter die Belagerung69 von Anfang bis zu Ende durchlebt hat, am 14. August schrieb. Nachdem er seinen Dank für die wunderbare Hilfe Gottes in bewegten Worten ausgedrückt hat, schreibt er: Die eingebornen Christen haben unschätzbare Hilfe während der Belagerung ge leistet." In einem späteren Briefe vom 16. August schreibt der selbe Mann: Ich erlaube mir in dieser Stunde der Befreiung zum Ausdruck zu bringen, was die allgemeine Ansicht des diplo matischen Korps ist, nämlich unsere aufrichtige Würdigung und unsere tiefe Dankbarkeit für die wertvolle Hilfe, welche Sie, die Missionare und die eingeborenen Christen zu unserer Bc- freiung geleistet haben." Das ist doch auch ein Zeugnis. Nimm noch dazu, daß derselbe amerikanische Gesandte Conger mit dem englischen Gesandten Macdonald und allen in Peking lebenden Engländern und Amerikanern gleich nach der Befreiung einen Dankgottesdienst veranstaltete und auf den Knieen Gott dankte für seine wunderbare Hilfe. Es mag auch mancher im Stillen seine Kniee gebeugt und gedankt haben. Und wahrlich, das war auch zum Knieebeugen und zum Danken! Feindschaft gegen.Mission. Summa, die Stellung zum Christentum wird ausschlaggebend bleiben zu der Stellung, die man zur Mission einnimmt. Ich er innere mich einer kleinen Bemerkung eines deutschen Berginge nieurs, der vor zwei Jahren eine längere Reise durch die Provinz Schantung machte. Eines Tages, so berichtete er, trat sein chinesischer Diener zu ihm und sagte: Herr, ich habe in den Kirchen aus den Missionsstationen, wo wir übernachteten, immer wieder die wunderbare Lehre vernommen von einem Jesus, der für uns Menschen starb und der von den Toten erstanden ist. Ist das wahr?" Ja, es ist wahr," war die Antwort, aber reden wir nicht davon." Nun, wir werden davon reden, so lange die Welt noch steht, als ein Zeugnis für die, so in Unglauben versunken sind. Und dieses Zeugnis bringt auch die Chinesen, welche göttermüde geworden sind und den Zu sammenbruch ihrer Götterherrschaft erleben, zum Staunen und Fragen. Es bringt sie auch zu der Frage: Was muß ich thun,70 daß ich selig werde? Man wende doch nicht immer wieder ein, die für die Mission in China aufgebrachten Summen könnten besser in der Heimat zur Linderung der Not verwandt werden. Auf den Kopf jedes Bekehrten in China käme eine Summe von ca. 200 Mark. Wer wird denn so materiell rechnen, wo es sich um ideale Güter handelt! Unsere schöne Kolonie Kiautschou zieht alljährlich Millionen Mark aus dem Mutterlande, und wir glauben hier fest daran, daß die angewandten Summen nicht verloren sind. Sie werden einst reiche Zinsen bringen, viel leicht erst dann, wenn die jetzige Generation, auch die nörgeln den Rechner, dahingegangen sein werden. Eines Tages saß ich in einer chinesischen Hafenstadt mit einem hohen Beamten zusammen, der sich auch ereiferte über die Unsummen, die für die Bekehrung der Heiden verwandt würden. Er hatte sogar ausgerechnet, daß jeder bekehrte Heide 250 Mark koste. Mein Blick fiel von ungefähr auf eine vor mir liegende deutsche Zeitung. Als mein Gegenüber ansgeredet hatte, sagte ich: Er lauben Sie, daß ich Ihnen als Antwort einen kleinen Abschnitt aus dieser Zeitung vorlese." Und ich las: Die Gesellschaft zur Rettung von Schiffbrüchigen hat eine Jahreseinnahme von 250000 Mark gehabt. In dem verflossenen Rechnungsjahr wurden durch unsere tapfere Mannschaft der Rettungsboote 25 Mann von gestrandeten Schiffen gerettet." Da kamen sogar auf jeden Kopf 10000 Mark u. s. w. Wer wird sich nicht freuen, daß auch dafür noch Geld vorhanden ist. Man lasse sich doch das Herz erst einmal recht erwärmen an der großen Gottesthat, die im Evangelium offenbart ist, und man wird sich freuen, daß dieses Evangelium auch den Chinesen verkündigt wird. Man verlernt dann auch, so schnöde zu rechnen. Man kommt dann vielleicht auch zu dem Ergebnis eines Zeit und Ewigkeit umfassenden Rechenexempels: Was hülfe es dem Men schen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele. Daß aber ein eingehendes Studium der Missionsarbeit zu einer Wertschätzung derselben führen muß, zeigt mir folgendes Erlebnis. Auf einem Dampfer des Nord deutschen Lloyd fuhr ich mit einem österreichischen Naturforscher71 zusammen, mit dem ich mich gerne unterhielt. Der Mann war nicht ein gläubiger Mann", doch lag eine ehrliche Ueberzeugung in ihm, die ihn mir lieb und wert machte. Unsere Gespräche in den Abend- und Nachtstunden auf dem weiten indischen Ozean, der bei jeder Bewegung der Schiffsschraube in unzähligen Funken aufsprühte, unter dem von Millionen hellfunkelnder Sterne bedeckten, gewaltigen Himmelsgewölbe nahmen immer eine Wendung nach dem Urgrund aller Dinge und alles Seins. Eines Tages saßen wir zusammen im Eßzimmer und schrieben. Was schreiben Sie, Doktor?" fragte ich. Gleich werden Sie es hören." Dann nach einer kleinen Weile: Nun hören Sie zu." Und nun hörte ich einen begeistert geschriebenen sachlichen Artikel über die Arbeit der Mission. Er schilderte, welchen ver edelnden Einfluß dieselbe auf die Eingeborenen ausübe, welche Vorteile oft dem Handel daraus erwüchsen, welchen Nutzen die Sprach- und Religionswissenschaft, die Anthropologie und Bo tanik, die Geographie und Geschichte daraus zögen, so daß ich noch heute lebhaft bedaure, ihn nicht um diesen Aufsatz gebeten zu haben. Sehen Sie," sagte der Naturforscher, ich bin jahre lang an der Westküste Afrikas gewesen und habe dort meiner Wissenschaft gelebt. Ich habe auf den einzelnen Stationen der Basler Mission monatelang gewohnt, habe mit teilgenommen an Freud und Leid im Missionsleben. Ich habe die Missionare gepflegt in ihrer Krankheit, ja manchem die Augen zugedrückt, wenn er dem Fieber erlag. Ich habe mich mit ihren einge borenen Christen beschäftigt, die mich in die Urwälder be gleiteten. Ich habe gesehen, welch stiller, aber unwiderstehlich wirkender Segensstrom aus dem Hause eines solchen Missionars fließt, wie der Missionar mit seinem ganzen Hause für einen großen Umkreis gleichsam als gewaltiges Vorbild dasteht, er ziehend, mildernd und veredelnd. Bin fascht ein Bruder ge worden," fügte er scherzend im Dialekt der Basler Brüder hin zu. Und da lese ich in einer Zeitschrift, wie jemand, der die Mission nicht kennt, sie schlecht beurteilt, und das empört mich. Schließlich möge für unsere Richter ein Wort Napoleons I. Erwähnung ftnden. Derselbe ging einst mit einer Dame durchdie Straßen von Paris. Ein Sacktrüger kam ihnen entgegen. Napoleon ging dem Schwerbeladenen aus dem Wege. Aber Sire," sagte die Dame, warum gehen Sie dem Menschen aus dem Wege, der kann Ihnen aus dem Wege gehen?" Respekt vor der Last," sagte der Herrscher. Etwas von dieser Groß herzigkeit könnte man auch den Gegnern der christlichen Mission wünschen, die in diesen Tagen nur bittern Tadel und scharfe Anklagen gegen sie aussprachen: Respekt vor der Last! Gericht über Mission. Eins aber muß auch die Mission sich sagen, das Gericht, welches über sie ergangen ist, wird ihr heilsam sein. Wir evangelische Missionare wollen uns ruhig beugen unter den Vor wurf, daß manche Art und Weise der Missionierung in China nicht nach den Worten des Heilandes war, der sanftmütig und von Herzen demütig ist. Es giebt eine Art von wilder Missions arbeit, die auch unter das gerechte Gericht der Heiden fallen muß. Auch die Ausbreitung des Reiches Gottes aus Erden hat ihre festen Ordnungen und vollzieht sich nach bestimmten Ge setzen. Gott schließt die Thüren der Völker auf. Er hat auch den Schlüssel zu der Verbotenen Stadt" in der Hand und schließt sie auf. Er schließt die Thüren auf, damit sein Name geheiligt werde, sein Reich komme und sein Wille geschehe auf Erden. Es drängt sich leicht hier und da menschliches Hasten und Treiben in die gewaltige Arbeit der Christianisierung der Welt. Gewiß, die Kirche muß das Evangelium in aller Welt predigen, und wehe ihr, wenn sie das Evangelium nicht predigte. Sie muß hinaustreten in die Völker, um nach dem Befehl und Vorbild des Herrn zu suchen und zu sammeln. In dem Ruf Evangelisation der Welt in dieser Generation" liegt neben dem vermehrten Eifer um Gottes Reich auch falsches Drängen. Es ist leicht das Losungswort auszugeben: Tausend Missionare mehr für China, und dadurch die Menge zu entflammen. Es mischt sich leicht Missionssport hinein! Viele von denen, die hinauszogen, wurden nach einiger Zeit müde und matt und kehrten wieder um. Die Flamme der Begeisterung erlosch bald73 in der Einsamkeit und in den Mühsalen des Missionslebens. Es klingt nicht gut, wenn ein Bischof der Methodisten kürz lich in einer Rede geäußert haben soll: Gott sei Dank, daß die Methodisten für die gegenwärtigen Wirren in China mit verantwortlich sind. Mit gebeugtem Haupte danke ich Gott, daß ich in geringem Maße für die heutige Unruhe in China zu tadeln bin. Ich danke Gott, daß jeder von euch und alle Methodisten dieses Landes hiefür getadelt werden." Von einer im Süden Chinas arbeitenden Mission der Methodisten aber heißt es, gegen 40 Missionare derselben seien im Laufe weniger Jahre müde, krank oder enttäuscht nach England zurückgekehrt, um dort ein Pfarramt anzunehmen. Missionsarbeit kann nur Lebensarbeit sein. Nach 8 Jahren, um niedrig zu rechnen, ist der Mann nach angestrengtem Studium vielleicht im stände, erfolgreich unter Chinesen zu wirken. Er hat sich dann so weit in die schwierige Sprache und in die ebenso schwer zu ver stehende Lebensanschauung des chinesischen Volkes eingelebt, daß er das Volk in seiner zähen Eigenart begreift und beeinflussen kann. Dann hat auch ein gewisser unklarer, heftiger Eifer nach gelassen, der nur abstößt. Dann lernt man auch das Volk gerecht zu behandeln, nicht richtend, sondern evangeliumsgemäß. Es ist so natürlich, daß man sich dann freut, wenn man einen Wahrheitskeim entdeckt, an den man seine Belehrung anknüpfen kann. Wo ist denn Confucius? fragte ein gelehrter Chinese in der Disputation den jungen Missionar. Tsai-Ti-M in der Hölle," antwortete derselbe prompt. Wie viel näher liegt es doch auf jenes Wort des Confucius deutend: Ich habe noch keinen Heiligen gesehen, wenn ich ihn aber sehen werde, wird meine Seele frohlocken" zu erwidern, daß, wie Abraham den Tag Christi sah und sich freute, so auch Confucius ihn gesehen und sich vor ihm gebeugt hat. Man horcht doch auf, wenn man jenes an eine Stelle im Römerbrief anklingende Wort aus den Klassikern vernimmt: Wenn du weit genug vorgeschritten bist in der Erkenntnis deiner selbst, wird sich ein Gefühl des Schmerzes deiner bemächtigen. Du wirst dann zwei Menschen in deiner Brust finden. Wünschest du Gutes zu thun, so drängt sich das Böse dazwischen, und wenn du dich entschließt, Böses zu thun, so widersetzt sich dem ein Gefühl der Scham. Und so kämpfen zwei Gewalten in dir mit einander." Bezahle Beleidigung durch Freundlichkeit" mahnt das tiefsinnigste Buch der Chinesen, der Tau-teh-king". Solche Wahrheiten gehen leichter ins Verständnis des Chi esen, wenn sie ein Chinese schon vor 2000 Jahren ausgesprochen hat. Auch das chinesische Heidentum hat tiefe Wahrheiten erkannt. In jedem Heidentum ist ja ein tiefes Suchen des Menschen, ob er Gott finden möchte. Im Evangelium aber sucht Gott den Menschen und findet ihn. An dieses Suchen und Finden knüpft ein jeder Missionar an, der das Volk und seinen eigenen hohen Beruf liebt. Er versenkt sich in das uralte Geistesleben dieses Volkes, er horcht auch auf, wenn die Weis heit der Gasse spricht. Da hört er z. B. die Geschichte eines chinesischen Soldaten, der in der Schlacht von einem Pfeil ge troffen wird. Der Verwundete wagt den Pfeil nicht selber herauszuziehen und eilt zu einem Quacksalber. Dieser nimmt das Messer und schneidet den Holzschaft ab, soweit er aus dem Fleische ragt. So, nun gehe nach Hause, du bist heil." Aber drinnen schmerzt es noch. Drinnen steckt noch die Pfeilspitze," ruft der Soldat. Ich heile nur äußere Krankheiten, auf in nere Leiden verstehe ich mich nicht," antwortete der Medizin mann. Am nächsten Sonntag erzählt der Missionar die selbe Geschichte in der Kirche. Alle Quacksalber der Welt schneiden nur den aus dem Fleisch ragenden Schaft ab. Jesus aber nimmt dir aus dem Gewissen die alte, schmerzende Pfeil spitze mit dem Widerhaken. Er heilt dich von Grund aus." So preist der Missionar den, der allein helfen und heilen kann. Was sind es denn für Lehren, die er den Chinesen verkündigt? Es liegt in der Natur der Sache, daß die Unter weisung der zugänglichen Chinesen sich in dem Rahmen des Katechismus bewegen muß. Die heiligen zehn Gebote, unser apostolisches Glaubensbekenntnis, das heilige Vaterunser können keine Boxerbewegung Hervorrufen. Die Mahnung des Apostels, seid unterthau der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, reiztLin dcü der großen chinesischen Mauer.76 ntc£)t zur Revolution. Die evangelischen Missionare haben je den Sonntag auch treulich für den chinesischen Kaiser gebetet. Sie haben sich in den meisten Fällen nicht in die Streitig keiten der Dörfer und Stämme untereinander gemischt. Wo sich s nicht vermeiden ließ, sind sie vor den heidnischen Richter getreten und haben ihn gebeten, die Sache der Christen nach Recht und Gerechtigkeit zu richten. Sie haben auch in ihm die Obrigkeit geehrt, die Gewalt hat. Der Missionar hat sich ge freut, wenn er von zwei heidnischen Stämmen, die miteinander in Fehde lagen, als Friedensrichter erwählt wurde. Da hat er dann über das richtende und schlichtende Wort gepredigt: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Die Mission giebt dem Volke eben das Beste: Das liebe Evan gelium. Was auf den Chinesen immer Eindruck macht, ist die aus dem Missionar redende Liebe, welche diese unendlich herz bewegende Botschaft von der Liebe Gottes in Christo an ein Heidenherz trägt. Die öffnet auch ein Chinesenherz. Die schließt auch in uns die Verbotene Stadt auf und holt den alten, finstern Boxerhäuptling, den Unglauben, heraus. Darum sei das Gebet des Propheten Jeremias ein tägliches Gebet für uns Missionare: Bekehre mich, so werde ich recht bekehrt. Dann wartet man geduldig wie ein Ackermann auf seine Frucht. Zum andern müssen wir uns entschieden auf die Seite derer stellen, die da sagen, die Aussendung von jungen, unverheirateten Schwestern in neueröffnete chinesische Gebiete, wo sie in einer chinesischen Stadt ohne männlichen Schutz missionieren, sei ein schwerer Fehler. Sie sind ein Anstoß und Ärgernis für die an die in Oeffentlichkeit tretende weibliche Erscheinung nicht ge wohnten Chinesen. Sie sind eine Quelle steter Angst und Sorge für den chinesischen Beamten. Wo sie aber als Mitarbeiterinnen eines Missionars auf einer schon längere Zeit bestehenden Mis sionsstation oder in chinesischen Hafenstädten als Ärztinnen und Lehrerinnen wirken, hat ihre Erscheinung als die eines Engels Gottes sich tief eingeprägt in die Herzen der auch für Liebe und Erbarmen tief empfänglichen Chinesen.77 Blick in die Zukunft Chinas. China wird sich den Friedensbedingungen unterwerfen. Es wird ein Denkmal für den ermordeten deutschen Gesandten in Peking errichten, es wird einen Prinzen von kaiserlichen! Geblüt nach Deutschland senden, damit derselbe dort das Be dauern der chinesischen Regierung über die Ermordung des Ge sandten zum Ausdruck bringe. Die an den Greueln und Morden schuldigen Beamten werden bestraft werden. Die Taku-Forts, die Wusung-Forts, die Forts am Pangtse, am Minslusse und andere Befestigungen, welche die Durchfahrt fremder Kriegsschiffe auf den für den Handel wichtigsten Flüssen hindern, werden ge schleift werden. Die Waffeneinfuhr wird untersagt werden. In den Provinzen, wo Europäer ermordet sind, werden die Staatsprüfungen für eine Reihe von Jahren aufgehoben werden. Entschädigungen für zerstörtes Eigentum werden geleistet und die gewaltigen Kriegskosten werden bezahlt werden. Das uralte Reich wird noch tiefer gedemütigt werden aber andernteils kann die gelbe Gefahr noch mehr wachsen. Die chinesische Frage kann noch schwieriger und rätselhafter werden. Napoleon I. sprach einst auf China deutend das Wort: Dort liegt ein Riese, laßt ihn schlafen!" Der Riese ist gründlich wach ge worden. Wer weiß, was die Zukunft noch bringen wird oft nicht die Könige des Ostens ihre ungezählten Horden hinein wälzen werden ins Abendland, wie der Seher des Neuen Testa ments voraussah. Und wieder wird dann vielleicht das alte Gebet wach werden: Domine, libera nos a Tartaris, wie in km Zeiten, als die wilden Völkerschaften Ostasiens sich auf die abendländische Kultur stürzten Herr, befreie uns von den Chinesen!" Neues Erwachen der Mission. Die Mission aber darf nicht müde werden, immer wieder hineinzudringen in dieses Land der 400 Millionen. Die er mordeten Missionare, die hingeschlachteten Christen rufen laut der Kirche zu: Laß nicht ab, Mission zu treiben, erbarme dich des chinesischen Volkes!" Ein neues Erwachen der Missions-78 liebe wird adlergleich aus den Trümmern, aus Not und Tod sich erheben. Bis in seine tiessten Tiefen ist dieses Volk durch die schweren Schläge erschüttert. Der Herr reißt mit seiner scharfen Pflugschar die Herzen des Volkes auf. Schon klagen viele edlere Heiden: Wie ist unsere Herrlichkeit dahin, wie tief sind wir gesunken!" Wir Missionare beugen uns in diesen Tagen tief unter die gewaltige Hand Gottes. Wir bitten den Herrn, uns mit der heißen, werbenden Liebe zu diesem Volk zu erfüllen. Wir bitten auch für die Tausende unserer jungen Landsleute, daß sie nicht ihre Seelen beflecken mit asiatischen Sünden und asiatische Laster und Greuel zurück tragen in die Heimat. Gott segne unfern geliebten deutschen Kaiser, der mit fester Hand als evangelischer Herrscher hinein gefahren ist in diese Hochburg des nächtlichen Heidentums, und der sich als Werkzeug fühlt in der Hand dessen, der die Völker auch im Sturm und in den Wettern des Krieges zubcreitet für sein ewiges, unbewegliches Reich. Unverbokrn. Das letzte Wort in der Apostelgeschichte, diesem Anfang der Krieges- und Siegesgeschichte des Reiches Gottes auf Erden, heißt: Unverboten. Es wird so bleiben mit aller Predigt des Gottesreiches, das Evangelium wird mit aller Freudigkeit hineingetragen werden in jedes Heidenland, in jede verbotene Stadt unverboten. Bis der Weltposauue Hall Aus den Gräbern ruft die Toten, Läuft es um der Erde Ball Nnverboten, unverboten!Inhaltsverzeichnis. Seite Peking. Tz-King-Tscheng 5 Leben in der Verbotenen Stadt 5 Die geöffnete Verbotene Stadt 8 Die Bibel in der Verbotenen Stadt 9 Jugend des Kuang-Sü 10 Antritt der Regierung des Kuang-Sü 11 Geburtstag der Kaiserin-Witwe 13 Ein köstliches Geburtstagsgeschenk 13 Ein wackerer Blumenhändler 15 Anbruch einer neuen Zeit in China 16 Erwerbung von Kiautschou 17 Besuch des Prinzen Heinrich in der Verbotenen Stadt 18 Jntriguen in der Verbotenen Stadt 21 Die Boxer 22 Dämonisches Moment in der Boxerbewegung 26 Di-ki der Chinesen 28 Tuan und Kang-Ii 28 Reichtum der hohen Beamten 28 Der Muhammedaner Tung-fu-siong 30 Erster Angriff auf die Gesandtschaften 31 Greuel und Scheue! 31 Staatsratssihung in der Verbotenen Stadt 32 Geistergriffel in der Verbotenen Stadt 33 Einnahme der Takuforts und Mord Kettlers 33 Ermordung des deutschen Gesandten 35 Mitwissen der Verbotenen Stadt" an der Ermordung Kettlers . . 36 Peking 37 Belagerung der Europäer in Peking 38 Boten aus Peking 42 Die Pekinger Hofzeitung 43 Verwüstungen 44 Bevölkerung Pekings nach der Einnahme .... 45 Die geöffneten Thore der Verbotenen Stadt 4680 Seite Tempel des Ackerbaues 46 Tempel des Himmels 49 Ahnentempel des Kaisers 49 Tempel des Fastens 50 Die Liu-Pu 50 Han-Lin-Bibliothek 51 Flucht des Hofes 53 Ankunft in Singanfu 55 Singanfu 56 Christenverfolgung 57 Freundliche Mandarine 59 Leiden der Christen 59 Ursachen der Boxerbewegung 62 Fremdenhaß in China 63 Religionsfreiheit in China 66 Die Mission in China 67 Haltung der chinesischen Christen 68 Feindschaft gegen Mission 69 Gericht über Mission 72 Blick in die Zukunft Chinas 77 Neues Erwachen der Mission 77 Unverboten 78 IP evgeicßms 6er Wilder. Der gelbe Tempel zu Peking 2 Thor und Straße in Peking 19 Chinesische Boxer 23 Das Hauptthor von Peking 39 Chinesischer Tempel 47 Ein Teil der großen chinesischen Mauer 75 4 3 01
