Javanische Tänzerin. Aus Insulinde : malayische Reisebriefe von Ernst Haeckel 4 IlTtt 72 Abbildungen, -l Karten im Text und $ ganzseitigen Einschaltbilder Bonn Verlag von Emil Srraus; Seiner treuen Lebensgefährtin Lrau gnes Haeckel grd. guschkc widmet diese Ntalayischen Xciscbricfe zum 2ö. Oktober 1?c Ernst Haeckel.Dorwori. f ie Malayischen Reisebriefe", die hier als bescheidenes illuftrirtes ^ Buch erscheinen, wurden im Laufe dieses Jahres im 27sten Jahrgange der Berliner Deutschen Rundschau" veröffentlicht (Februar- bis September-Heft). Sie sind hier durch viele Zusätze vermehrt. Ursprünglich sind diese persönlichen Erinnerungen, ebenso wie die vor neun zehn Jahren veröffentlichten Indischen Reisebriefe" Ceylon, unter dem frischen Eindrücke des Selbsterlebten für meine nächsten Verwandten und die zahlreichen, an meiner Reise Antheil nehmenden Freunde nieder geschrieben worden; sie beanspruchen durchaus keinen besonderen wissen schaftlichen Werth. Vielmehr sollen dem Leser in allgemeinen Um rissen den Verlauf meiner letzten Tropenreise schildern, sowie die wichtigsten dabei empfangenen Eindrücke von Land und Leuten, von Thieren und Pflanzen der wundervollen malayischen Inselwelt. Der besonderen Interessen, die mich dabei als Naturforscher leiteten, ist nur nebenher gedacht. Von freundlichen Lesern meiner Reisebriefe wurde vielfach der Wunsch ausgesprochen, daß ich dieselben nicht nur gesammelt als kleines Buch veröffentlichen, sondern dieses auch durch eine Auswahl von den zahlreich ausgenvmmenen Aquarell-Skizzen rind Photogrammen illustriren möchte. Bei dieser Auswahl, sowie bei der Herstellung der Skizzen für den Buch- schmuck hatte ich mich der freundlichen Beihilfe meiner lieben Schwieger tochter Josefa, geb. Scholz, und meines kiinstgeübten, treuen Mit arbeiters Adolf Gilt sch zu erfreuen; insbesondere zeichnete die erstere eine Anzahl von hübschen Vignetten, während der letztere die Photo gramme zweckentsprechend retouchirte. Dagegen nnißte ich die Absicht, eine Anzahl Aquarelle in Farbendruck beizufügen, aufgeben, weil der Preis des Buches dadurch zu sehr erhöht worden wäre.YI Vorwort. Obgleich meine achtmonatliche Reise nach Jnsulinde mehrfach von Mißgeschick getrübt wurde und nur ein Theil des ursprünglichen Reise- Programms ausgeführt werden konnte, hat sie mich doch mit einer Fülle von neuen und interessanten Eindrücken beschenkt. Den zahlreichen alten und neuen Freunden, die meine Zwecke dabei förderten, habe ich bereits in den Reisebriefen selbst meinen aufrichtigen Dank abgestattet. Indessen muß ich hier nochmals drei ausgezeichneter Männer namentlich ge denken, denen ich ganz besonders für ihre umsichtige und freundschaftliche Unterstützung zum herzlichsten Danke verpflichtet bin. I r. Richard H anitsch in Singapur, Director des dortigen Raffles-Museums, Professor Melchior T r e u b in Beutenzorg, Direktor des dortigen botanischen Gartens, und Ingenieur Theodor D e l p r a t in Padang, Director der Staatseisenbahn von West-Sumatra. Der Zweck dieser Malayischen Reisebriefe" würde erfüllt sein, wenn es mir gelungen wäre, dem freundlichen Leser ein allgemeines Bild von der überreichen Lebensfiille der prachtvollen Jnsulinde zu geben. Be sonders aber würde ich mich freuen, wenn dadurch einer oder der andere junge Naturforscher zu einer ähnlichen Reise angeregt würde, um mit eigenen Augen die Wunderwerke der Allmutter Sonne in einem der schönsten und interessantesten Tropengebiete zu schauen. Jena, 29. September 1901. Ernst Hmecksl.Inhaltsverzeichnis Erstes Capitel. ^cm Jena nach Singapur ...... Reisen im Malayischen Archipel 1. Zwecke der Reise. Der Affenmensch von Java 3. Plankton-Studien 4. Kunstformen der Natur 5. Bon Jena nach Heidelberg 6. Zur Weltausstellung in Paris 7. Besuch in Basel 8. Einschiffung in Genna 9. Der Dampfer Oldenburg" 10. Stundenplan der Seereise 11. Fahrt durch das Mittelmeer 13. Neapel 14. Messina 15. Suezcanal 16. DaS Rothe Meer 17. Peridineen-Plankton 18. Meer- lcuchtcn 19. Medusen 20. Siphonophoren 23. Malediven 24. Ceylon 25. Penang 26. Malakka-Stratze 28. Zweites Capitel. Auf der Insel Singapur Die tropische Chinesenstadt Singapur 31. Rikschas 32. Bevölkerung 34. Umgebung 35. Bukit-Timah 36. Teban 37. Johore 38. Botanischer Garten 39. Deutsche Truppen-Transporte 40. Der Dampfer Hamburg" 42. Rasfles Museum 43. Korallenbänke 44. Blumenthiere 46. Blnkang- Mati 47. Pfahlbaudorf 48. Fischmarkt 49. Tempel 51. Fahrt nach Batavia 52. Drittes Capitel. Inr Harten von Weutenzovg Das botanische Central-Jnstitut 54. Botanik und Zoologie 56. Zoolog. Laboratorium 57. Bogor-Garten 58. Landschaft von Beutenzorg 60. Ge schichte des botanischen Gartens 63. Teijsman 64. Professor Melchior Treub 66. Aufgaben des botanischen Tropen-Jnstituts 67. Praktische Be- deutung desselben 70. Wissenschaftliche Bedeutung desselbeit 71. Rcichthum der Tropen-Flora 72. Wichtigkeit der Tropen-Botanik 75. Klima von Beuten zorg 80. Regenmenge 81. Jnsectenleben 83. Tageseinthcilung 83. Wanderung durch den Garten 85. Viertes Capitel. Irn Wrrvatd von IziCodas Besuch von Batavia 93. Fischmarkt 94. Limulus 95. Weltevreden 98. Reise nach Tjibodas 99. Puntjak-Paß 100. Urwald-Institut von Tjibodas 101.VIII Inhaltsverzeichnis;. Stationshaus 102. Klima 104. Photographie und Malerei im Urwalde 106. Charakter des Urwaldes 108. Bäume 109. Farne HO. Moose 113. Epi- phyten 114. Durchleuchtung 115. Lianen 116. Wasser 117. Träufelspitze 118. Wasserfälle von Tjiburrum 119. Säugethiere 121. Vögel. Jnsecten 122. Reize der Urwald-Station 123. Sylvester-Abend 124. Neujahrstag 126. Fünftes Capitel. Durch das preanger Iland 127 Centrale Eisenbahn durch Java 127. Park von Tjipannas 127. Riesen Orchidee (Grammakophyllum) 128. Preanger Regentschaft 130. Charakter der javanischen Landschaft 131. Hütten und Gärten der Javanen 132. Ananas 133. Reisfelder 134. Reiscultur 135. Reisernte 136. Javanische Büffel (Karbaus) 136. Eisenbahnfahrt durch daS Preanger Land, von Tjand- jur nach Garut 137. Sechstes Capitel. Iru Fkutcanland von Karut 140 Thalkessel von Garut 140. Der Schlammvulcan Vogelkrater (Kawa Manul) 141. Transport im Tandu 143. Bunte Scenerie im Krater des Schlammvulcans 144. Kochender See 145. Vulcanische Vegetation 146. Der Schmiedeberg (Vulcan Papandajan) 147. Eruption desselben 148. Schwefel quellen 149. Vegetation. Der Vulcan Donnerberg (Gunong-Guntur) 150. Bäder von Warmbrunn (Tjipannas) 151. Torfhütten im Preanger 152. Der Vulcan Tjikorai 153. Fahrt durch Bambuswälder 154. Siebentes Capital. Au ben Kindu-Ternpetn von Dzokja 157 Die Station Maos 157. Fahrt durch Bagelen 158. Das Sultanat Djokjakarta 159. Die Residenzstadt Djokja 160. Kedn, der Garten von Java 162. Tempel von Boro-Budur 163. Terrassenbau 164. Hindu-Invasion in Jnsulinde 165. Mendut-Tempel 166. Tempel-Ruinen von Brambanan 167. Skulpturen 168. Gruppe der Tausend Tempel 169. Ausflug nach Tjilatjap 170. Die Blumeninsel Nasa Kembangan 171. Plankton an der Südküste von Java 173. Malaria 173. Besuch von Sukabumi 174. Rückfahrt nach Batavia 175. Achtes Capitel. Auf bev Insel) Sumatra 176 Chorologische Scheidung des indomalayischen und anstralmalayischen Archipels 176. Verzicht auf die beabsichtigte Molukkcnrcisc 179. Reise durch die Sundastraßc 180. Der Vulcan Krakatau 181. Ankunft in Padang 182. Gescheiterte Arbeitspläne 183. Unfall in Padang 184. Vier Wochen Kranken lager im Hause Delprat s 185. Mentawei- und Nias-Jnsulaner 186. Excursion nach der Trussan-Bai 187. Das Hochland von Padang 190. Aneh-Paß 191. Episode aus dem Padri-Kriege 195. See von Singkara 197. Matriarchar 198. Kohlenbergwerk von Sawah Lunto 202. Fort de Kock 204. Büffel schlucht 205. Paja-Kombo 207. Malayischer Aberglauben 210. Spiritismus 2H. Feste in Padang 212. Chinesische Philosophie 214.Jnhaltsverzeichniß. IX Neuntes Capitel. Der Menschenaffe r c n Jana Sette 216 Die Menschenaffen von Jnsulinde 216. Abstammung des Menschen vom Affen 217. Der fossile Affenmensch lPithecanthropus) 218. Einheit des Primatenstammes 219. Orang-Utan 220. Singender Gibbon 221. Der Moloch oder Oa 221. Charakter desselben 222. Leidenschaften 224. Be wegungen 225. Sprache 226. Nahrung 227. Mangostin und Durian 228. Märchen vom Oa 229. Charakter der malaqischen Menschenrasse 230. Am phibische Lebensweise 231. Barbarvölker 232. Seelenleben der Malayen 233. Zehntes Capitel. Won Sumatra nach Jena 236 Jnselgennß 236. Jnselformen 238. Biologisches Studium der Inseln 238. Malapische Chorologie 239. Ter Name Jnsulinde 240. Multatnli 240. Holländische Colonial-Regierung 241. Malayischer Islam 242. Religiöse Toleranz 243. Heimreise 243. Abschied von Java 244. Plankton in der Malakka-Straße 246. Chromaceen 246. Globigerinen 247. Diatomeen 248. Der Prachtdampfer Kiautschon" 249. Erfolge des Norddeutschen Llopd 251. Englische Reisegesellschaft 252. Der Maler Wereschtschagin 253. Chinesische Wirren 254. Missionare 255. Rückfahrt durch das Mittelmcer 257. Schlnß- betrachtung 258 260.DerZeichniA der Abbildungen im Texte. Figur Seite 1. Bambus-Brücke 1 2. Radiolarie (Lychnaspis) . . 4 3. Pcridinee (Ornithocercus) . . 18 4. Meduse (Zygoeannula) ... 20 5. Siphouopbore (Disconalia) . 23 6. Ravenala (Madagascar) . . 26 7. Pfahlbau-Dorf 27 8. Goldener Berg 28 9. Lotos-Blume 29 10. Malakka-Brücke 32 11. Raffles-Villa 36 12. Raffles-Museum 43 13. Koralleu-Person (Gorgonia) . 45 14. Korallen-Stock (Madrepora) . 46 15. Fischer-Boote 48 16. Chinesen-Tempel 50 17. Hindu-Tempel 51 18. Orcliard-Road 53 19. Pavillon in Beutenzorg . . 55 20. Vulcan Salak 60 21. Directorium in Beutenzorg . 86 22. Schraubenpalme (Pandanus). 89 23. Ixigolia. Viotoria .... 91 24. Pieus Minahassa 93 25. Molukkcnkrebs (Limulus) . . 95 26. Landhaus in Batavia ... 97 27. Stationshans von Tjibodas. 102 29. Urwald- Lianen 112 30. Wasserfall von Tjiburrum . 119 31. Zannonia-Liane 125 32. Büffel am Pfluge .... 128 33. Ricscn-Orchidee 129 34. Ananas-Pflanze 133 36. Karbau-Büffel 137 37. Obstmarkt in Java .... 138 38. Pfcrde-Karren 139 Figur Seite 39. Tänzer-Quadrille 140 40. Dorfstraßc in Java .... 142 41. Vulcan Papandajan.... 148 42. Vulcan Tjikorai 153 43. Riesen-Bambus 155 44. Kletterpalme (Rotang) ... 156 45. Götzenbilder in Brambanan . 157 46. Chinesen-Kuli 159 47. Malayisches Brautpaar   161 48. Buddha-Statue 166 49. Tempel von Brambanan . . 168 50. Malapisches Floß 172 51. Waringin in Tjilatjap... 175 52. Vulcan Krakataii 176 53. Familienhaus in Pa dang . 183 56. Südküste von Sumatra. - 188 57. Zerstörte Eisenbahn .... 193 58. Zerstörte Eisenbahnbrücke   194 59. Padanger Wohnhaus ... 198 60. Padanger Moschee .... 201 62. Jnselberg, Büffelschlucht   206 64. Padanger Ratbhaus.... 208 65. Moschee (Missigit) .... 214 66. Hand und Fuß 216 67. Orang-Utang-Kind .... 220 68. Singender Gibbon .... 221 69. Gehender Gibbon .... 223 71. Sitzender Gibbon 227 72. Königspalme (Oreodoxa) . . 235 73. Insel Liugga 236 74. Wnrzelgualle (Ehizostoma) . 245 75. Globigerina (Protozoon) . . 247 76. Diatomea (Protopliyton) . . 248 77. Kameel-Markt in Aden. . . 256 78. Felsenküste bei Aden.... 257 79. Gebangpalme (Corypha) . . 260Verzeichnis! der Abbildungen. XI H anzföltige Einschaktbilder. 1. Javanische Tänzerin lFig- 80) Titelbild 2. Farnbünme im Urwalde (Fig. 28) zwischen Seite 48. 49. 3. Preanger Mädchen (Fig. 35) 128. 129. 4. Ein Paar Mentawei-Jnsnlaner (Fig. 54) .... 176. 177. 5. Ein Paar Rias-Insulaner (Fig. 55) 192. 193. 8. Reisschener im Padanger Oberland (Fig. 61) . . . 280. 201. 7. Eine Batta-Familie (Sumatra) (Fig. 63) ... . 288. 209. 8. Häuptling der Mentawei-Jnsnlaner (Fig. 70). . . 224. 225. Mg- 1- Bambus-Brücke über den Tjida , bei Batu-Tulis in Java). Crster Capitel. Äon Bfiui jiö Singapur. fj 10 ich im Herbst 1881 den Hoffnungstraum meiner Jugend verivirk- lichen und in Ceylon die ganze Herrlichkeit der Tropennatut schauen konnte, ahnte ich nicht, das; es mir beschieden sein nnirde, nenn.zehn Jahre später diese Reise zu wiederholen und sie noch weiter bis znm malayischen Archipel auszndehnen. Die freundliche Aufnahme, ivelche damals meine Indischen Reisebriese" gefunden hatten, sowie der Wunsch zahlreicher Freunde, ihnen auch von dieser zweiten Jndienreise Mittheilungen zu senden, sind die Veranlassung zum Niederschreiben dieser Zeilen. Uebrigens fürchte ich leider, daß diese flüchtigen Skizze aus Cnsulinde" recht wenig den Erwartungen entsprechen werden, welche meine Freunde daran knüpfen; das gilt sowohl in objertiver als in subjectiver Beziehung. Zunächst muß ich in vbjectiver Hinsicht be merken, daß mein Reiseziel, das gewaltige Inselreich" des nieder ländischen Ostindiens, durch zahlreiche ältere und neuere Schilderungen in jeder Beziehung sehr gründlich bekannt ist. Natur und Menschenleben in diesem schönsten Theile des Tropengürtels sind vielfach so vortrefflich Haeckel, Jnsulinde. ,Reisen im malayischen Archipel. 2 dargestellt daß meine unvollkommenen Skizzen kaum etwas Neues von Bedeutung hinzufügen werden. Das herrliche Java namentlich, die Perle des malayischen Archipels, hat schon früher, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, durch den deutschen Arzt und Naturforscher Jnnghuhn eine ebenso gründliche als anziehende Schilderung erfahren. Seitdem der wundervolle botanische Garten von Beutenzorg bei Batavia eine große biologische Station besitzt, seitdem alljährlich deutsche, österreichische, niederländische, englische und andere Botaniker und Zoologen dort ihre Studien machen. sind zahlreiche kleinere und größere Schriften darüber erschienen. Insbesondere hat der Grazer Professor Haberlandt in seiner Botanischen Tropenreise" (1893) eine so vortreffliche Beschreibung des Gartens gegeben, daß ich ihr nichts Wesentliches hinzuzufügen wiißte. Das ausgezeichnete Werk von Alfred Wallace: Reisen im malay ischen Archipel" hat schon vor 30 Jahren dessen großartige Natur in ihrem ganzen Reichthum anschaulich vorgeführt. Im Laufe des letzten Decenitiums haben zwei meiner besten eigenen Schiller vortreffliche Schilderungen dieser wundervollen Inselwelt geliefert; Richard Se m o n hat 1896 in seinem Werke Im australischen Busch und an den Küsten des Korallenmeeres" die interessanten Reiseberichte eines Naturforschers in Australien, Neu-Guinea und den Molukken" mitgetheilt; ebenso hat in demselben Tabre Willu Kükenth al seine Forschungsreise in den Molukken und in Borneo, im Austrage der Senckenbergischen Ratur- forschendeu Gesellschaft ausgesührt", mit vortrefflichen Illustrationen publieirt. Kurz vor Antritt meiner Reise erhielt ich ein kleines Buch Kasans, Kamari"; dasselbe gibt eine lebendige Schilderung einer Celebes-Fahrt", welche der Geologe Professor Fritz 9i iui_e in Hannover zusammen mit seiner Frau Else vor zwei Jahren unternommen hat. Ein umfassendes großes Werk über den ganzen Archipel und ins besondere seine reiche Fauna ist von meinem Freunde, Professor Mar Weber in Amsterdam, zu erwarten; derselbe ist erst kürzlich von einem zweijährigen Aufenthalt in Jnsulinde zurückgekehrt, dessen wundervolle Naturgeschichte er in Gesellschaft seiner geistreichen Gattin, Frau Aitna Weber van Bosse (wegen ausgezeichneter botanischer Arbeiten zum l)r. ph.il. li. c. promovirt), nach allen Richtungen erforscht hatte. Webers Werk über diese ergebnißreiche Siboga-Expedition" wird voraus sichtlich grundlegenden Werth behalten. So bleibt zwar noch im Einzelnen hier Manches zu erforschen, aber im großen Ganzen ist schon sehr viel geschehen, und neue Gesichtspunkte sind im malayischen Archipel jetzt ebenso schwer zu finden wie etwa in Italien.Affenmensch von Java. 3 Aber nicht nur in Beziehung auf die allgemeine Naturgeschichte von Jnsulinde, auch auf besondere einzelne Aufgaben derselben muß ich von vornherein meine verehrten Leser und Leserinnen bitten, hier nichts Neues von Bedeutung zu erwarten. Ebenso wenig werden in sub- jectiver Beziehung meine Malayischen Reisebriefe" Besonderes bringen können. Als vor einigen Monaten eine Notiz von meiner bevorstehenden Reise nach Java zufällig in die Zeitungen gelangte, mußte ich bald darauf zu meiner Ueberraschung lesen, daß der Hauptzweck derselben die Forschungen nach dem fossilen Affenmenschen von Java seien, nach dem berühmten, 1894 von Etigen Du b vis daselbst entdeckten 1 itliee- anthropus ereetus. Nun habe ich zwar über dieses interessante Bindeglied zwischen Assen und Menschen 1898 auf dem internationalen Zoologen- Congresse in Cambridge selbst einen Vortrag gehalten ( lieber unsere gegenwärtige Kenntniß vom Ursprung des Menschen". Siebente Auflage. Bonn 1900). Auch habe ich bei jeder Gelegenheit darauf hingewiesen, ivie diese phylogenetische Zwischenform als das vielgesuchte fehlende Glied" in der Ahnenreihe des Menschen betrachtet und als greifbarer paläontologischer Beweis für unsere Primaten-Descendenz" ver- werthet werden kann. Allein die gefürchtete Abstammung des Menschen vom Affen" dieser wichtigste Folgeschluß der modernen Entwicklungs lehre besteht auch o h n e den Schädel und Oberschenkel des fossilen Pithecanthropus ebenso sicher und klar wie mit demselben. Die ungleich stärkeren Beweisgründe der vergleichenden Anatomie und Ontvgenie stellen jene viel bestrittene Abstammung für jeden sachkundigen und urtheilsfähigen Forscher viel klarer und sicherer fest, als es eine voll ständige Reihe von fossilen Zwischengliedern zwischen Menschen und Menschenaffen vermöchte. Außerdenr sind aber die spärlichen Reste des fossilen Pithecanthropus, welche Eugen Dubois nach vierjährigen mühsamen Ausgrabungen bei Trinil auf Java auffand, nur unter Auf bietung großer Hilfsmittel und zum Theil durch einen seltenen Zufall gewonnen worden. Es kann daher mir, der ich nicht über solche Zeit und Hilfsmittel gebieten kann, gar nicht in den Sinn kommen, die Aus grabungen von Dubois fortzusetzen und neue Pithecanthropus-Reste auf decken zu wollen. Wenn trotzdem einige Zeitungsberichte sogar von einer besonderen, von mir zu diesem Zwecke ausgerüsteten Expedition" sprechen und daran große Hoffnungen knüpfen, so erweisen sie mir damit viel zu viel Ehre. Die wissenschaftlichen Ausgaben, welche ich mir bei dieser Jnsulinde- Reise" gestellt habe, sind vielmehr allgemeiner und zwar doppelter Art. 1 *4 Planktoii-Siudicu. Erstens ivünsche ich endlich die ausgedehnten Plankton-Studien ZINN Abschluß zu bringen, welche seit sechsundvierzig Jahren ein Lieblings gegenstand meiner Reisen an die Meeresküste geblieben sind. Seit ich im Herbst 1854, als zwanzigjähriger Student, in Helgoland zum ersten Male das Meer und seine unendlich interessante Lebewelt kennen lernte ftis}. 2. Gin Radiolajr aus der Legion der Ae a ntharien (Lychnaspis miranda). Bei diesen Acanthophracten strahlen immer 20 Radial-Stacheln vom Mittelpunkt des kugeligen, ein- . zelligen .tlörpers aus; sie sind regelmäßig so vertheilt, daß je vier Spitzen in fünf Paraillelkreise fallen. Biele feine, im Zickzack gebogene Nebenstacheln, welche von der Oberfläche der kmgeligen ssjilterjchale abgehen, laufen den 20 Hauptstacheln parallel. seit ich dort durch meinen großen Meister I v h a n n e s M ü l l e r persön lich in deren intimes Studium eingeführt wurde, hat sich mein Lebhaftes Interesse an dem Formenreichthnm dieser seltsamen, im Meere treibenden Thierc und Pflanzen stets unvermindert erhalten; insbesondere har sich meine Vorliebe für ihre mikroskopischen, dem unbewaffneten A uge un sichtbaren Vertreter beständig nur noch gesteigert. Meine erste größerePlankton-Studien. Arbeit galt vor vierzig Jahren den pelagischen Ra diolarten, jenen zierlichsten aller Wesen, bei denen eine einzige einfache Zelle die wunder barsten Schalen- linb Geriistformen in unendlicher Mannigfaltigkeit auf baut. Später wurde ich durch meine intensive Theilnahme an den Arbeiten der englischen Challenger-Expedition mit so zahlreichen neuen Formen dieser Strahlinge" bekannt, das; ich 1887 über viertausend Arten derselben beschreiben konnte. Aber auch andere Classen von treiben den Plankton-Thieren, insbesondere die schönen Medusen und Siphonv- pharen, haben mich viele Jahre hindurch an sich gefesselt. Dabei fand ich reiche Gelegenheit, den Wechsel in der mannigfaltigen Zusammen setzung des Plankton an Tausenden von verschiedenen Funden zu studiren; Decennien hindurch blieb ich an die reizvolle Erforschung dieser eigen artigen Schatzkammer der Natur gebannt. Die allgemeinen Ergebnisse dieser Vergleichenden Untersuchungen über die Bedeutung und Zusammen setzung der pelagischen Fauna und Flora" sind in meinen 1890 er schienenen Plankton-Studien" zusammengefaßt. Indessen konnte diese kleine Schrift nur als eine vorläufige Mittheilung erscheinen; auch fand meine Auffassung und Beurtheilung der Lebensverhältnisse dieser treiben den" Meeresbewohner von anderer Seite (besonders von der Kieler Schule) starken Widerspruch. Es blieb mir daher die Verpflichtung, meine Behauptungen durch eine große Zahl von gesammelten Thatsachen zu begründen und durch neue Beobachtungen zu ergänzen. Die Lösung dieser Aufgabe wurde durch neue Reisen an die Meeresküste in den letzten Jahren gefördert und soll nun endlich zum Abschluß gebracht werden. Aber mit dem eigentlich wissenschaftlichen Theile dieser Plankton- Studien", mit der Erforschung des Körperbaues, der Entwicklung und der Lebensverhältnisse der pelagischen Organismen ist noch eine andere Seite ihrer Betrachtung verknüpft, welche mehr in das Gebiet der Kunst als der Wissenschaft fällte die Untersuchung und Darstellung der schönen Formen, in denen ihr Leben sich entfaltet. Gerade diejenigen Gruppen niederer Thiere, mit denen ich mich seit so vielen Jahren vorzugsweise beschäftigt habe, Radiolarien und Medusen, zeichnen sich durch einen märchenhaften Reichthum an zierlichen und seltsamen, meist sehr regel mäßig gebauten Gestalten aus. Bei den Versuchen, dieselben durch Zeichnung möglichst naturgetreu wiederzugeben, war ich schon vor langer Zeit auf die Bedeutung aufmerksam geworden, welche sie für die moderne K u n st gewinnen können: theoretisch für wichtige Fragen der Aesthetik, praktisch für die Anwendung auf Kunstgewerbe, decorative Malerei,ü Hunftfotmcn der ‘liatur. Sculptur u. s. m. Um diese verborgenen, wenig bekannten Schätze größeren Kreisen zugänglich machen, habe ich 189b unter dem Titel Kunstformen der Natur" die Veröffentlichung einer Reihe von Heften (zu je zehn Tafeln) begonnen, in denen jede Tafel eine Zusammen stellung der schönsten und interessantesten Formen von je einer Gruppe gibt. Ich hoffe nun, auf dieser mnlapischen Reise mit Hilfe von Zeich nung und Photographie eine Anzahl neuer Gebilde jener Reihe hinzu- zufiigeu; noch wenig ist bis jetzt für künstlerische Zwecke der Reichthum an eigenthümlichen Gestalten verwerthet, welchen die Tropensonne auf dem Lande und ini Meere hervorzaubert. Die vielen Vorbereitungen, welche der Naturforscher vor Antritt einer Tropenreise treffen muß, wurden im Sommer 1900 ausgeführt und waren Anfang August vollendet. Den größten Theil meiner Ausrüstung schickte ich nach Bremerhaven voraus, damit sie rechtzeitig meinem Dampfer eingeschifft werden konnten: vierzehn Kisten mit zoologischen und physikalischen Instrumenten, photographischen Apparaten und Netzen, Gläsern und Flaschen mit Alkohol und Formol zum Sammeln, Biichern, Malzeug, Kleidung u. s. w. Die hoch entwickelte Technik der Neuzeit verlangt, dabei an tausend Kleinigkeiten zu denken, deren Gebrauch fiir eine befriedigende Lösung unserer Aufgaben unentbehrlich ist: so wird man fast niemals ganz fertig". Ich hatte mir daher als letzten Termin zur Abreise den 21. August gesetzt, an welchem Tage ich meinem alten Freunde Carl Gegenbaur in Heidelberg meine Glück- wünsche zu seinem vierundsiebzigsten Geburtstage persönlich darbringen wollte. Als ich in der Morgenfrühe dieses Tages mein altes, liebes Jena verließ, hatte sich die Sonne bereits über den Hausberg den Berg mit dem röthlich strahlenden Gipfel" erhoben und warf ihre goldenen Strahlen auf den grünen Forst" und die heitere Schweizerhöhe", zwei Lieblingsorte in der reizenden Umgebung von Jena, an denen ich während meiner dortigen akademischen Lehrthätigkeit seit nunmehr vierzig Jahren gar manchen heileren Sommerabend im Kreise lieber Freunde verlebt hatte. Während mich das Dampfroß am Fuße dieser malerischen Muschelkalkberge vorüber führte und ich den letzten Abschiedsgruß dem kleinen Saal-Athen und seinen lieben Bewohnern zusandte, stiegen Ge dankenbilder der verschiedensten Art in mir auf; in einer solchen beiveg- ten Scheidestnnde drängen sich die Betrachtungen über die vielen selt samen Wendungen und die labyrinthischen Windungen, in denen- uns unser räthselvolles Geschick durch das wechsclreiche Leben führt!7 Bon Jena nach Paris. Die Strecke der Eisenbahn von Weimar nach Eisenach, mit den vielen kleinen Zweigbahnen und Wegen, die südwärts in die nahen grünen Thäler des Thüringer Waldes führen, ist für mich besonders reich an freundlichen Erinnerungen. Wie hat sich dieses blühende und romantische Gebirgsland im Herzen des deutschen Baterlandes verändert, seit ich im Jahre 1849 dasselbe zuerst durchwanderte! Damals als munterer Gymnasiast in der fröhlichen Gesellschaft meines lieben Onkels Louis Mul der, des bekannten holländischen Geschichtschreibers, Lustspieldichters und Malers; später in der verschiedensten Begleitung und Stimmung. Mit ganz besonderer Andacht begrüße ich jedes Mal iin Vorüberfahren die Wartburg; sie ist durch eine Reihe von wundersamen Erlebnissen und unerwarteten Begegnungen für mich zu einer Schicksalsburg" ge- worden. Als ich 1882 der Naturforscherversammlung in Eisenach meinen Vortrag über Die Naturanschauung von Darwin, Goethe und Lamarck" gehalten hatte, knüpfte sich daran eine sehr merkwürdige Dis- cussion, die sich bis in die späten Abendstunden auf der Wartburg fort- zog. Die Lösung der Wel t räthse l" durch den Monismus ivurde damals schon eifrig besprochen. Zn Heidelberg traf ich meine alten Freund Gegenbaur, trotz dem er kürzlich sein anatomisches Lehramt niedergelegt hatte, noch in rüstiger Geistesthätigkeit an, beschäftigt mit dem Abschluß seines großen und grundlegenden Lehrbuches der Vergleichenden Anatomie der Wirbel- thiere". Von Heidelberg wandte ich mich zunächst nach Straßburg, wo ich einen Tag bei meinem lieben Neffen Georg H ae ck e l zubrachte. Die neue, stolze Stadt mit ihrem erweiterten Straßennetz, ihren glänzen den Universitätsbauten läßt das alte, winkelige Straßburg nicht wieder erkennen, das seine Bezeichnung im Lieder Du wunderschöne Stadt!" wirklich nicht verdiente. Von Straßburg machte ich einen Abstecher nach Paris, um in fünf Tagen ein allgemeines Bild von der großen internationalen Welt ausstellung zu gewinnen. Im Allgemeinen bin ich kein Freund von großen Ausstellungen und behalte keinen bleibenden Eindruck von, den zahllosen interessanten Culturproducten, die dort zusammengehäuft er scheinen. Allein in diesem Falle muß ich doch gestehen, daß die unge heure Ausdehnung des Ausstellnngsgebietes, die sehr geschickte und ge schmackvolle Anordnung des gewaltigen Stoffes (wenigstens in der Mehr zahl der Gruppen) und der erstaunliche Reichthum der modernen Cultnr- Erzeugnisse dem großen Völkerjahrmarkt ein besonderes Interesse ver liehen. Man erhielt selbst bei der flüchtigen Uebersicht, welche mir dies lieber den Gotthard. kurze Zeit meines Aufenthaltes gestattete, eine lebendige Vorstellung von der erstaunlichen quantitativen und qualitativen Höhe, zu ivelcher sich die moderne Industrie und Technik am Ende des 1! . Jahrhunderts erhoben hat. Daß dabei das Deutsche Reich in würdigster Weise ver treten war, gereicht uns Deutschen ebenso zur besonderen Genugthuung, wie die unparteiische Anerkennung, welche deutsche Knn und Gewerbe fleiß, deutsche Technik und Wissenschaft in vielen einzelnen Gruppen der Ausstellung gefunden haben. Die deutschen Erzeugnisse der Malerei und Sculptur, der Porzellanfabrication, der Chemie und Physik, der Heeres und Marine-Ausrüstung u. s. w. glänzten in erster Linie. Mein kurzer Aufenthalt in Paris wurde dadurch wesentlich verschont, daß ich ihn mit zweien meiner liebsten Freunde theilte, mir Dr. Paul Rottenburg aus Glasgow, dem Präsidenten der dortigen Handelskammer, und mit meinem Neffen Professor Heinrich Ha ecke l, dem Chef des Kranken hauses Bethanien in Stettin. Nachdem wir den Tag über fleißig die Ausstellung durchwandert hatten, sorgte mein liebenswürdiger Freund Paul dafür, daß wir Abends an den auserlesensten Produkten der feinen Pariser Küche und nachher an den witzigen Lustspielen der Pariser Theater uns ergötzten. Von Paris fuhr ich am 30. August nach Basel, wo ich am folgen den Tage die Gastfreundschaft meines verehrten Freundes und Gönners Di-. Paul Ritter genoß, des hochherzigen Gründers der Paul von Ritter schen Stiftung für phylogenetische Zoologie an der Universität Jena". Wie die Erträgnisse dieser Stiftung seit 1886 nicht nur das zoologische Studium höchst fruchtbar gefördert, sondern auch die Mittel zu zahlreichen wissenschaftlichen Reisen geliefert haben, so verdanke auch ich ihr einen Theil des Aufwandes für diese kostspielige Reise nach Jnsulinde! ein anderer Theil desselben wird durch den Bressn- Preis gedeckt, welchen mir die königliche Akademie der Wissenschaften in Turin 1899 zuerkaunt hatte. Die beiden ersten Tage des September nahm die Reise von Basel nach Genua in Anspruch. Die Fahrt über den Gotthard wurde mir, abgesehen von den zahlreichen großartigen und wechselnden Bildern dieser schönsten aller Alpenbahuen, diesmal dadurch besonders interessant, daß der Zufall auf der Strecke von Flüelen bis Lugano eine philosophische Reisegefährtin in Gestalt einer barmherzigen Schwester mir gegenüber setzte. Bemerkungen, welche sie über die seltsamen Faltungen der Ge- birgsschichten an der Axenstraße und den Wechsel der Vegetation auf beiden Seiten des Gotthard-Paffes machte, führten uns zu einem Ge-Einschiffung in Genua. 9 spräche über die natürliche Entwicklung dieser Erscheinungen und deren mechanische Ursachen. Hierbei erzählte mir die Oberin des Kranken hauses in daß sie vor zehn Jahren durch die Lectüre der Natür lichen Schöpfungsgeschichte" des Jenenser Professor E. H. veranlaßt worden sei, über diese und andere Erscheinungen nachzudenken; in Folge dessen sei bei ihr allmählich die alte Vorstellung von einer übernatür lichen Schöpfung" der Arten verdrängt worden durch die Ueberzcugnng von ihrer Entwicklung natürlichen Ursachen. Als wir uns in Lugano verabschiedeten und dabei unsere Karten austauschten. war die Ueber- raschnng beiderseits nicht gering. In Genua am Morgen des 3. September erfuhr ich der Agentur des Norddeutschen Lloyd", daß der Dampfer Oldenburg", mit dem ich meine Reise nach Jnsulinde antreten sollte, bereits im Hasen liege; ich beeilte mich, an Bord desselben zu rudern, um die mir zuge- theilte Cabine in Augenschein zu nehmen meine ständige Wohnung für die nächsten vierundzwanzig Tage. Ich wurde auf das Angenehmste überrascht, als ich eine der besten Cabinen des stattlichen Schiffes für mich sauber eingerichtet fand, Bett und Waschtisch, Spiegel und Fenster reizend mit Blumen geschmückt, mit Rosen und Amaryllis, Ziergräsern und Farnkräutern, ^a ich von früher Jugend an ein großer Blumen freund gewesen und geblieben bin, machte mir diese geschmackvolle Decoration ganz besondere Freude; ich verdankte sie der freundlichen Aufmerksamkeit des Schiffsarztes vr. Schubert, der sich für wissen schaftliche Zoologie, insbesondere mein Lieblingsstudium, das Leben und die Entwicklung der Seethiere, lebhaft interessiert; und da er bei Tisch mein Nachbar war, trug seine muntere Gesellschaft nicht wenig dazu bei, mir die dreiwöchentliche Seefahrt angenehm zu machen. Der Dampfer Oldenburg", der mich in dieser Zeitspanne vvn Genua durch das Mittelmeer, das Rothe Meer tind den Indischen Ocean bis Singapur tragen sollte, gehört zwar nicht zu den größten und schönsten Schiffen in der prachtvollen Flotte des Norddeutschen Llöyd", aber er war mir von zwei Collegen, welche ihre Jndienreise auf dem selben ausgeführt hatten, warm empfohlen worden, von meinem früheren Ritter-Professor" Willy Kükenthal und von deni Münchener Botaniker Giesenhagen. Ich kann das besondere Lob, welches diese beiden Natur forscher der Oldenburg", ihrem trefflichen Kapitän Prager und der auf- merksamen Bedienung widmen, aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Die Maschinen der Oldenburg", welche 5000 Registertonnen ent halt und täglich 330 Seemeilen läuft, entfalten die Kraft von 3200 Pferden;10 Ter Tampser Clbenburg". sie verzehren dabei jeden Tag M. Tonnen (= 1300 Centncr) Kohlen. Da-bi e To nne,Kohlen--M.Mark kostet, beläuft sich die tägliche Ausgabe für Heizung der Maschinen auf 1600 Mark. Der Comfort im Inneren des Schiffes ist in der Thal vortrefflich und läßt nichts zu wünschen übrig. Wenn ich daran denke, wie mangelhaft es mit der Bequemlich keit der Dampfschiffe noch vor vierzig Jahren bestellt war. wie viel damals der geduldige Reisende unter den nothwendigen Nebeln jeder längeren Seefahrt zu leiden hatte, muß ich den Culturfvrtschritten des modernen Dampferverkehrs meine höchste Anerkennung zollen. Besonders gilt das von der tadellosen Sauberkeit und der Vermeidung der üblen Gerüche, welche durch das Zusammenwirken von Küchenluft, Maschinen dunst. Cabinendnft n. s. w. entstehen, und welche den Ausbruch der Seekrankheit oft mehr fördern als die stampfende und rollende Bewegung des Schiffes, lieberall auf unserem Schiffe, und ganz besonders in den Localitäten des ersten Platzes, ist für Ucberfluß an Wasser und Wasch gelegenheit gesorgt. In einem bedeutenden Punkte geschieht sogar des Guten zu viel , nämlich im Essen und Trinken, allerdings eine der wichtigsten Angelegenheiten bei jeder längeren Seefahrt. Eine schwere Aufgabe stellen die sechs Mahlzeiten der Schiffsordnung (drei große und drei kleine) der gastronomischen Thätigkeit; sie erfordert zu ihrer be friedigenden Lösung (die nöthige Siesta inbegriffen) fast ein Drittel der ganzen Tageszeit. Ein anderes Drittel zum Mindesten verlangt der Schlaf. Demnach bleibt nur ein Drittel für die übrigen Lebens- functionen; unter diesen bilden Lesen und Arbeiten nur den kleinsten Theil, den größten Theil dagegen Unterhaltung, Spiel, Musik, Gmn- nastik, Deckpromenade u. s. w. Was die Arbeit" während einer mehrwöchentlichen Seefahrt betrifft, so pflegt sich der fleißige Reisende schon lange vorher auf die ungestörte Muße und Ruhe zu derselben zu freuen und betritt das Deck mit den besten Vorsätzen. Leider aber ist es eine seltsame, der physiologischen Untersuchung würdige Thatsache, daß der Dampferpassagier seine löbliche Arbeitslust von Tag zu Tag mehr einbüßt. Der beständige Anblick des Meeres, der für den aufmerksamen Beobachter niemals ein- förmig wird, das einschläfernde Wiegenlied seiner rollenden Wogen, der ivonnevolle Genuß der reinen Seeluft, dazu das eintönige Geräusch der schnaubenden Maschine, die Unterhaltung mit den Passagieren das Alles zusammen versetzt den Geist in eine behagliche, zum Faullenzen und Nichtsthun geneigte Stimmung; woher soll da die Sammlung zu ernster und zusammenhängender geistiger Arbeit kommen? Vollends inStundenplan der Seereise. 11 der Tropenzone, wo die hohe Temperatur allein schon das dolce far uiente“ in besonderem Maaße begünstigt. Um so gerechtfertigter wird es.sein, dem Genüsse dieser Seereise einen Blick widmen und der regelmäßigen Tageseintheilung, die da mit verknüpft ist. An das Friihanfstehen von Jugend an gewöhnt, erscheine ich auch jetzt schon bald nach 5 Uhr auf Deck, wo die meisten Passagiere noch in tiefem Schlafe liegen. Ich versenke mich in die ge- heimnißvolle Dämmerung, die auf dem Meere liegt, und aus der bald die goldene Sonne siegreich auftaucht. Dem erquickenden Mvrgenbade, Punkt 6 Uhr, folgt eine .kleine Deckpromenade. Nachdem der Stabs trompeter der Schiffscapelle um 7 V 2 Uhr die Langschläfer geweckt hat, bläst er sie eine halbe Stunde später zum Frühstück zusammen. Dieses ist so reich ansgestattet, daß seine Speisekarte Hause einem opulenten Mittagessen gleichkommen würde. Die Vormittagsstunden von 9 1 Uhr sind die einzigen vier Stunden des Tages, die ernstlich für geistige Arbeit" in Frage kommen könnten. Da werden denn auch verschiedene Versuche unternommen, Briefe und Reiseerinnerungen zu schreiben, durch Lectüre von Reisebüchern sich auf das Schauen der kommenden Wunder länder vorzubereiten u. s. w. In der Regel erlahmt aber dieser löbliche Eifer sehr bald. Schon um 11 Uhr wird wieder Bvuillvn mit sehr appetitlichen belegten Brötchen servirt, und die Schiffscapelle unterhält uns eine halbe Stunde lang durch Militärmusik. Um 1 Uhr folgt das Tiffin“, das zweite Frühstück, und diesem eine Siesta von ein bis zwei Stunden. Der Nachmittag ist dann vorzugsweise der Lectüre gewidmet, behaglich ausgestreckt im langen, rohrgeflochtenen Singapur-Stuhl. Zur Erquickung wird um 4 Uhr wieder Kaffee oder Thee mit Kuchen und anderen Zuthaten gereicht, oder an heißen Tagen (wie im Rothen Meer) Eis oder kühle Limonade. Doch wird dadurch nicht der unverwüstliche Appetit beeinträchtigt, dessen Hauptaufgabe, das Diner oder sogenannte Mittagessen", von 7 8 Uhr Abends erledigt wird, gewöhnlich unter der Mithülfe ermunternder Tafelmusik und in großer Toilette. Die Damen erscheinen in glänzendem Gesellschaftscostüm, die Herren in schwarzem Frack vder weißem Tropenjaquet. Dem Diner folgt dann meistens ein einstündiger Abendspaziergang dem luftigen Deck, dann wieder Musik, Unterhaltung, Spiel oder Lectüre, und um 10 vder 11 Uhr kriechen die meisten Passagiere so befriedigt von ihrem Tage werk in die Cabine, als ob sie die verdienstlichste Arbeit geleistet hätten. Um jedoch nicht die Behauptung anfkommen zu lassen, daß Jemand hungrig zu Bette gehen könnte, werden um IOV 2 Uhr noch-12 Speisekarte des Norddeutschen ßloljb". mals delikate belegte Brötchen" servirt, dazu Limonade, Thee, frisches Münchener Bier vom Faß u. s. w. Die Speisekarte spielt den Luxus- und Schnelldampfern der Gegenwart eine so bedeutende Rolle, sie beherrscht so sehr das höhere Geistesleben" der meisten Passagiere, daß es wohl geboten erscheint, hier ein Beispiel derselben zu geben; ich wähle Freitag, 7, September 1900, einen Fasttag", und bemerke dazu noch, daß die elegante, rnit schönen Vignetten verzierte Speisekarte der Oldenburg" täglich auf dem Schiffe selbst gedruckt wird: I. Frühstück ( Urealttast"), 8 Uhr: Pflaumen, Apfelsinen, Melonen; Hafergrütze, Milchreis; geräucherte Heringe, ge bratene Seezunge. Filetsteak, Hammelcoteletten, Wiener Schnitzel frische B ratw urst, gebratener Schinken und Speck; gekochte Eier nach Wunsch, Eier auf italienische Art, Eierkuchen, Spiegeleier, Eierkuchen mit Krons beeren; kälter Ka lbsbr aten, Ochsenzunge; Brötchen, Zuckerbrötchen, Biscnits, Marmelade, Gelse, Ingwer, Kaffee, Thee, Caeao, Chocolade, frische Milch, Sahne. II. Tiffin ( Lunchon“), 1 Uhr: Linsensuppe, Fleisch brühe , Hammelkeule auf englische Art, ungarisches Gnlyas; geröstete Küken, Aprikosencompot, Apfelsinencreme, Kaffee, Thee; dazu noch: Kalte Speisen nach Wunsch; geräucherte iveftfälische Schinken, Mettwurst, Mortadella, Nagelholz, Ochsenzunge, Kalbsbraten, Geflügel, Oelsardinen, Aal in Gallerte, geräucherter Lachs, Radieschen, Tafelsellerie, Salzgurken, Oliven: Salate (Kartoffel-, bunter Gemüse-, Tomaten-, Geflügel-), Käse (Edamer, Schweizer, Lloyd). III. Diner ( Mittagessen" um 7 Uhr- Abends): Kraftbrühe mit Reis, Fischfilet mit Krebssance, Chateaubriand, gemischtes Gemüse; Ochsenzunge auf polnische Art; Puterbraten, Kirschen, Kopfsalat, Chocoladenpudding mit Vanillesauce, Krachgebäck mit Rahm eis, Obst, Nachtisch, Kaffee. Nimmt man nun noch dazu, daß diese große Anzahl von auserlesenen Gerichten durch Hamburger und Bremer Köche auf das Schmackhafteste zubereitet ist und in beliebiger Quantität verabreicht wird, daß ferner die Weinkarte dazu eine entsprechende Aus wahl von feinen deutschen und ausländischen Weinen bietet, so wird man zugestehrn müssen, daß auch der verwöhnteste Gaumen hier seine Rechnung findet. Welcher Materialismus"! Und welcher Gegensatz zu dein Monismus" eines idealistischen Jenenser Professors, der an die ein fache Thüringer Rostbratwurst" und an das duftende Rostbrätchen" gewöhnt ist! Aber freilich wird dieses frugale Mahl auf Opfer-Altären gleich denen des Homer im Freien gebraten, gewiirzt durch ein frisches Glas Bier und durch den herrlichen Blick in das grüne Saalthal.Fahrt durch das Mittelmcer. 13 Trotzdem Hobe ich es für zweckmäßig gehalten, jene fürstliche Speisekarte wörtlich abzuschreiben, einerseits, um zu zeigen, wie der Norddeutsche Lloyd" bemüht ist, auch die höchsten Ansprüche der Feinschmecker zu be friedigen, andererseits, um durch dieses culturhistorische Doeumeut daran zu erinnern, daß unsere moderne imperialistische" Cultur auch in gastro nomischer Beziehung dem Geschmack der römischen Kaiserzest sich wieder bedenklich nähert. . Der letzte Dampfer des Norddeutschen Lloyd", welcher vierzehn Tage vor Abgang der Oldenburg" (am 21. August) von Genna nach Ostasien abgelassen wurde, ivar von dem Höchstcommandirenden der europäischen Truppen in China, Graf Waldersee, und seinem Stabe vollständig besetzt gewesen^ Es bestand daher die Befürchtung, daß auch unser Schiff in Folge des gesteigerten Transportes, den die chinesischen Wirren be dingten, vollständig besetzt sein würde. Das war jedoch glücklicher Weise nicht der Fall, und auf dem ersten Platze blieb so viel Raum übrig, daß ich während der ganzen Reise bis Singapur die gute, mir zugewiesene Cabine an der Backbordseite des Schiffes für mich allein behalten konnte eine der größten Annehmlichkeiten auf längeren Seefahrten. Auch die Gesellschaft in der ersten Classe, größtentheils Deutsche, hatte der Zufall gut zusammengefügt, so daß es an angenehmer Unterhaltung nicht fehlte. Außer mehreren Aerzten und deutschen Reichsbeamten, deren Reiseziel China war, befand sich an Bord noch eine Abordnung von sechs bar .herzigen Schwestern, welche das Rothe Kreuz" in das Hospital ach Tsingtau schickte. Unsere Fahrt war fast beständig vom schönsten, sonnigen Septembermetier begünstigt, und das Meer zeigte sich bei mäßigem Winde so freundlich, daß nur wenige, leichte Fälle von der ge fürchteten Seekrankheit vorkamen. Die fünftägige Fahrt durch das Mittel me er, vom 4. bis b. Sep tember, frischte in mir abermals eine reiche Fülle von schönen Erinner ungen auf, gesammelt bei meinem oft wiederholten Besuche dieses inter essantesten aller Meere, im Laufe von vierundvierzig Jahren. Schon bei der Abfahrt aus dem gewaltigen Amphitheater, welches den Hafen der stolzen Genua umschließt, fällt der Blick auf die wundervolle Riviera, dieses bilderreiche Küstenland, dein wir ivohl in Bezug auf landschaftliche Schönheit und malerischen Reiz den Borrang vor allen anderen Theilen Europa s zuerkennen müssen. Im Osten erhebt sich die kühnere Riviera Levante: Nervi, Portofino, Rapallo, Sestri Levante, Spezia, Porto Benere; im Westen die anmuthigere Riviera Ponente: Pegli, Sestri14 Spnzicrfahrt in Neapel. Ponente, Savona, San Remo, Mentone, Monaco, Billafranca, Nizza u. s. w. Die zahlreichen Buchten dieser herrlichen Küste bergen eine außerordentliche Fülle von schönen und interessanten Seethieren. Hier hatte ich im Herbst 1856, zuerst in Billafranca, den erstaunlichen Plankton- Reichthnm des Mittelmeeres kennen gelernt. An viele glückliche Monate, welche mir diese reizvollen Studien später an den Küsten von Italien und Sicilien gewährt haben, wurde ich auch im weiteren Verlaufe unserer sonnigen Herbstfahrt stündlich erinnert. Da tauchte bald die farbenreiche Insel Elba zu unserer Rechten auf, mit ihren rothen Eisenbergen von den kühnsten Formen; ich hatte ihre steilen Klippen im Frühling 1889 durchwandert. Weiterhin erscheint in der Ferne westlich das romantische wundervolle Corsica, dem ich zweimal (im Frühjahr 1875 und im Herbste 1899) einen mehrmonatlichen Besuch abgestattel.. Am Vormittag des 5. September fuhren mir beim schönsten Sonnen schein in den unvergleichlichen Golf von Neapel ein; rechts die Sphinr- statue des Felseneilandes Capri, gerade vor uns den mächtigen Vesuv mit seiner piniengleichen Rauchsäule, links die Inseln Jschia, Procida und Nisita; und dann den ganzen herrlichen Kranz von weißen Dörfern und Städten, Villen und Schlössern, der sich am langen Gestade des Golfs von Pozzuoli, vom Kap Miseno über Bajä bis zum Posilipp aus dehnt und weiterhin jenseits der glänzenden Hauptstadt selbst am Fuße des Vesuv bis Eastellamare, bis Sorrent und Kap Minerva hinzieht. Ein Aufenthalt unseres Dampfers von acht Stunden gewährte uns Zeit, an Land zu gehen und eine genußreiche Spazierfahrt nach dem Kloster San Martino zu machen, dem schönsten Aussichtspunkte der lärmenden Stadt, und weiterhin aus dem Rücken des Posilipp bis zu dessen westlicher Spitze; dann zurück an seinem südlichen Abhang der herr lichen Fahrstraße, die eine ununterbrochene Reihe der schönsten südlichen Landschaftsbilder uns vor Augen führt, bis hinab zur Villa Nazionale und der weltberühmten Santa Lucia. Unverändert stand hier noch das hohe, vierstöckige alte Haus, in welchem ich im Sommer 1859 mehrere Monate gewohnt hatte; aber der poetische Reiz der Brunnentreppe der Santa Lucia, in deren Halbrund neapolitanische Fischer Austern und andere Meeresfrüchte" (fiutti di mare) feilboten und Abends getanzt und gesungen wurde, ist durch die neuen Quaibauten und Straßen- Beränderungen geschwunden. Die Abfahrt von Neapel, dem letzten Stück europäischer Erde, das ich dieser Reise betrat, war an dem wolkenlosen Abend des 5. Sep tember wundervoll;.die anmnthigen Melodien der bekannten NeapolitanerMeerenge toon Messina. 15 Camzonetten, die vom Strande herüber tönten, machten mir das Herz aberr schwer im Gedenken an die Lieben in der Heimath, denen ich für neuin Monate Lebewohl gesagt hatte. Viele herzliche Griiße flogen noch hiniiiber nach dem schönen Strande; Tausende von Lichtern schienen dvrlt eine festliche Illumination zum Abschiede zu bieten. Nun ging es hindurch zwischen Kap Minerva und Capri, dessen kühn geformter Felsen- körpier hier im Dunkel der Nacht sich drohend von dem Hellen Sternen- himimel abhob; ich mußte des wundervollen August 1859 gedenken, welahen ich auf der poesiereichen, damals wenig besuchten Insel als Lmndschaftsmaler" verlebte, allein in Gesellschaft meines lieben Freundes, des friesischen Marschendichters Hermann Allmers. Die Wandertage am klippenreichen Strande, die kühlen Bäder in der blauen und der griimen Grotte, die sternenhellen Sommernächte auf dem Dache der Casa Pacgano, diese und andere Erinnerungen verwoben sich mit Victor Scisteffcl s Capri-Dichtungen zu einem phantastischen Bilde. Am Morgen des folgenden Tages, 6. September, passirten ivir die Lip arischen Inseln; dort hatte ich im März 1897 mit meinem dannaligen Assistenten, vr. Leo Schultze, sehr interessante Wandertage vcrlvracht. Die Nächstliegende Insel, der kegelförmige Bulcan Strom boli:. stieß in regelmäßigen Zwischenräumen eine starke Dampfwolke aus; an sseiner Nordseite floß ein glühender Lavastrom herab, dessen unteres Encve bei seinem Einfluß das Meer unter starker Dampfbildung hoch aufsschäumen ließ. Dann folgte Lipari,, die Hanptinsel, eine italienische Vertbrechercolonie; die weißen Felswände ihrer Ostküste enthalten große Binnssteingruben. Südlich davon liegt die nackte Insel Volcano, deren neu gebildeten Krater wir damals erstiegen hatten. Nun kam die herrliche Meerenge von Messina. Mittags fuhren wir am Leuchtthurm von Messina und dem Pantano vorbei, jenem See- beckcen, das durch die dort entdeckte Entwicklungsgeschichte des Amphioxus berüihmt geworden ist; dann weiterhin, zwischen Scylla und Charpbdis hincüurch, an dem stattlichen Messina und seinem berühmten Fischmarkte vornüber, dem Dorado der marinen Zoologen. An beiden Ufern der schönen, einenn blauen Strome gleichenden Meerenge tauchten Reihen von weißen Dörrfern und Städtchen ans, überragt von malerischen Hochgebirgsketten; links der Aspromonte von Reggio in Calabrien, rechts der stolze Aetna, dessern Gipfel ich im Oktober 1859 von Catania aus erstiegen hatte. Daum verloren sich allmählich die Ufer der breiter werdenden Meerenge; rneime Gedanken verweilten bei beit bunten Schaaren pelagischer Glasthiere, Radiiolarien und Sagitten, Medusen und Siphonophoren, Pteropoden16 Turch den Sucz-Cnnal. und Heteropoden, welche ich bei meinem drei Mal wiederholten Besuche von Messina aus dem unerschöpflich reichen Schooße seiner berühmten Meeresströmung erhalten hatte. Freitag, der 7. September, war der erste Tag, an welchem ich nur Himmel und Wasser sah. Das blaue Mittelmeer zeigte bei hellem Sonnenschein und kiihler Brise sein Antlitz von der liebenswürdigsten Seite. Der Sonnenuntergang bot ein bezauberndes Concert von Farben- tönen, die sich in der klaren Fluth gebrochen spiegelten; und Abends stieg am sterneugläuzenden Himmel die silberne Mondscheibe auf und ergoß ihren milden Glanz über die schimmernde Wasserfläche. Ein Feier tag voll stiller Weihe und bezaubernder Meereseinsamkeit". Sonntag, 9. September, kam früh die afrikanische Küste in Sicht, und gegen Mittag legten wir vor Port Said an. Da unser Schiff hier beträchtliche Kohlenmengen einnahm für die ganze Reise bis Ceylon benutzten wir die Gelegenheit, vier Stunden am Lande zu- zubringen. Ich fand den europäischen Therl von Port Said noch ebenso wie vor neunzehn Jahren: schmutzige Straßen voller Läden, in denen alle nur denkbaren Luxusgegenstände der modernen Hypercultur feil geboten werden, praktische und unpraktische Handelsartikel aus drei Welt- theileu, Photographien der schönsten und der bedenklichsten Objecte dazu ihre lebenden Originale aus den verschiedensten Gesellschaftsclassen und Rassen; ebenso Restaurants und Kneipen, Cafe-Chantants und Tingel-Tangel aller Art. Wogegen mir das Araberdorf, welches südlich von der Stadt Port Said sich ausdehnt, diesmal nicht die originellen Scenen arabischen Beduinenlebens bot, an denen ich mich friiher ergötzt hatte. Die Fahrt durch den Suezcanal (für welchen unser Dampfer die Kleinigkeit von 36 000 Mark Canalzoll zu zahlen hatte) dauerte achtzehn Stunden. Ungeheure Schnare von Wasservögeln bevölkern die Gestade der großen Seen: Flamingos und Pelikane, Reiher und Wasserläuser; wie ein breites, weißes Baud säume ihre dichten Reihen die braunen Uferränder. Weiterhin gewährte der Wechsel bunter Farben auf dem Ufersande und an den Hügeln der Wüste, in dcir Wolken des Himmels und ihrem Spiegel im Wasser manche Unterhaltung. Der kurze Aufenthalt in Suez, am Morgen des 10. September, gestattete uns nicht, au Land zu gehen. Im Hafen lag ein neues, großes, japanisches Kriegsschiff mit sechs drehbaren Panzerthiirmen: von London kommend, fuhr es zum Lande der ausgehenden Sonne, um in den chinesischen Wirren" ein Donnerwort mitzusprechen.(fahrt durch das Rothe Meer. 17 Die Fahrt von Suez nach Ceylon dauerte zwölf Tage bei beständig schönem Septemberivetter, klarem Himmel und ruhiger See. Der erste Tag der Fahrt, durch den Golf von Suez, erinnerte mich an meinen Besuch der Korallenbänke von Tur (1873), welchen ich in meinem Buche Arabische Korallen" beschrieben habe. Wie damals glänzten die hohen Gebirgsketten an beiden Gestaden des Golfes in den lebhaftesten Farben und kühnsten Formen; rechts im Westen auf dem ägyptischen Ufer der wilde Djebel Attaka, den Ernst Körner so naturgetreu und schön dar- gestellr hat links im Osten die langgestreckte Kette des vielgipfeligen Sinaigebirges und seiner Vorberge. Die Abendsonne ergoß über diese großartigen. öden und vegetationslosen Felsengebirge eine glühende Lichtfluth; ihre Schatten schimmerten lichtblau. Das Rothe Meer bewährte in den vier Tagen unserer Durchfahrt wiederum seinen bösen Ruf, die unerträglichste Hitze von allen Meeres- theilen zu besitzen. Die Temperatur im Schatten betrug während des größten Theiles des Tages und der Nacht zwischen 30 und 35 6. (24 28 R.); sie wurde dadurch doppelt empfindlich, daß die schwüle Lust mit Wasserdämpfen fast gesättigt war, und daß keine kühlende Brise uns entgegenwehte, wir vielmehr meistens einen schwachen, mir dem Schiffe gehenden Nordwind im Rücken hatten. Senkrecht stieg daher die schwarze Rauchsäule aus dem Schornstein gen Himmel. Fast unerträg lich war die Hitze unten im Maschinenraum, wo die Temperatur von 50 70 6. stieg und die meisten Heizer nach einigen Tagen Arbeit erkrankten; sie mußten in kurzen Zwischenräumen mit Ersatzmännern wechseln. Mehrere wurden von Delirinnr und Krämpfen befallen. Die Farbe des Rothen Meeres" blieb im größten Theile desselben tiefblau; nur im mittleren Theile durchschnitten wir Strecken, die mehr oder weniger grün oder gelblich, zum Theil selbst gelbröthlich erschienen. Die mikroskopische Untersuchung des geschöpften Wassers ergab, daß diese Färbung durch monotones P e rid ne e n- P l an k t o n" verursacht wurde, d. h. durch die Anhäufung ungeheurer Mengen von mikroskopischen Algetten, einzelligen Pflänzchen aus der Classe der Geißelhütchen oder Peridineen. 2Vun den zierlichen und seltsamen Formen dieser Proto- phyten, welche ich auf Tafel 14 im zweiten Hefte meiner Kunstformen der Natur" abgebildet habe, waren hier besonders zwei Arten vertreten (Fig. 0 und 10); die eine gleicht einem Kessel mit konischem Deckel, die andere einem eiförmigen Stuhlknopf. Dazwischen fanden sich einzelne Individuen einer dritten Art, welche die Gestalt eines reich verzierten Ritterhelmes besitzt; oben trägt derselbe einen senkrechten Flügel, dessen Haeckel. Jnsulinde. 218 Plankton. Peridineen. Chromaccen. dünne Platte durch sechs bis acht strahlende Rippen gestützt wird; unten ist die Mündung des Helins von einem doppelten zierlichen Halskragen umgeben (Oniithocercus, Fig. 3). Vor einem Jahre um dieselbe Zeit hatte ich in Ajaccio auf Corsica drei andere Species von Peridineen. in großer Menge, Plankton bildend, beobachtet, und zwar diejenigen, welche auf der gedachten Tafel 14 in Fig. 1, 3 u. 8 abgebildet sind. Diese Urpflänzchen, deren getäfelte Cellulose schale die seltsamsten Formen anniinmt, bewegen sich mittelst einer schwingenden Geißel und wurden daher früher siir Jn- susionsthierchen ge halten; allein die grünen, gelben und rothen Körner in ihrem plasmodonten Zellenleibe beweisen deutlich, daß sie ihrem Stoffwechsel nach zum Pflanzenreiche gehören. Sie ver mögen durch Syn these von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak Kohlen hydrate rmd Eiweiß körper zu bilden; und da diese Kohlenstoff- ftig. 3. ein ei8etiltctien, iperibinea (Ornithocercus magniflcns). Ussiintlatlvn UU inöge ihrer massen haften Entwicklung (fortgesetzte rasche Theilung der Zellen) in größtem Maßstabe geschieht, liefern die Peridineen, ebenso ivie die verwandten Diatomeen, große Mengen von Urnahrung" siir die niederen Seethiere. Eilte andere Gruppe von einfachsten Urpflänzchen, welche in dieser Be ziehung hohe Bedeutung besitzen, sind die C h r o m a c e e n; sie bilden gelbliche oder röthliche Flocken, die aus Fäden bestehen, zusammengesetzt19 Färbung des Rothen Meeres. mir einfachen Ketten kernloser fetten. Massenhaft angehäuft, können zu anderen Zeiten gewisse Chromaceen, so namentlich Trichodesmium erythraeum, ebenfalls dem Rothen Meere" eine gelbliche oder röthliche Farbe verleihen. Auf der Rückreise sah ich so (am 10. März 1901) das Meer in der Malakka-Straße auf iveite Strecken hin roth gefärbt. Im südlichen Theile des Rothen Meeres fuhren wir am Rachmittag des 13. September nahe dein Z ebayr-A rch ip e l oder der Inselgruppe der Zwölf Apostel" vorbei! es sind das völlig nackte und unbewohnte vulcanische Inseln, ausgezeichnet durch phantastische Formen und bunte Farben. Ihre Tuffwände, auf das Lebhafteste gelb und roth getönt, stechen grell ab gegen braune und schwarze Lavafelder. Im binnen Meere machten sich von Zeit zu Zeit Helle Flecke bemerkbar, denen Tausende von größeren und kleineren Fischen zum Vorschein kamen; zahlreiche Möven, Taucher, Cormorane und andere Wasservögel ließen sich auf diesen natürlichen Fntterplätzen nieder und machten sich unter entlastetem Schreien und Flügelschlagen die reiche Nahrung streitig. Am Morgen des 14. September hatten wir bereits das Thräneu- Thor" (Bab el Mandeb) passirt und wurden bei unserem Eintritt in den Indischen Ocean von der sehnlichst erwarteten erfrischenden Brise begrüßt; auch in den folgenden Tagen begleitete uns der Südwest-Monsun mir angenehmer Kühlung. Das Meer war nur mäßig bewegt, der Himntel zeitweise ganz klar, dann wieder mit langen Zügen von mairnigsaltig gestalteten Mvnsunwolken bedeckt, die bei Sonnenuntergang in den zartesten und prächtigsten Farben glühten. Spät am Abend unterhielt uns lange noch unter einem strahlenden Sternenhimmel das wunderbare Schauspiel, welches die Leuchtthiere an der Oberfläche des Meeres bereiteten. Das Meerleuchten" zeigte sich dieser Reise in zwei ver schiedenen Formen. An einigen Abenden erschienen Tausende von größeren Leuchtkugeln", meistens Medusen (Pelagia, Rhizostoma u. A.), geisterhaft aus der dunkeln Flnth auftauchend und wieder- verschwindend. In weiterer Entfernung sah man nur schwach ihren unbestimmten Licht schein; in der Nähe des Schiffes wurde ihre runde Glockenform erkenn bar, ähnlich den elektrischen Lampen in den Schiffscabinen. Von einer stärkeren Welle erfaßt, leuchteten sie plötzlich Heller auf und blieben dann hinter dem schnell laufenden Schiff im Kielwasser noch eine Strecke weit sichtbar. Mit Hilfe eines herabgelassenen Eimers gelang es einmal, aus dem Kielwasser einige leuchtende Medusen heraufzuziehen. Eine davon gehörte zu der Acraspeden-Gattung Pelagia, die andere zu der Crasp-edoten-Gattung Zygocannula (Fig. 4). Diese letztere, zur 2 *20 Meerleuch teil durch Medusen. Familie der Aequöriden gehörig, zeichnet sich durch die ungewöhnlich hohe Glvckeysorm des Gallertschirms (der zum Schwimmen dienenden . Umbrella) aus, sowie durch die große Zahl der bandförmigen Mundlappen (unten) und der gabelspaltigen Strahl-Canäle, die vom centralen Magen abgehen und an der Gabel je zwei Eierschnüre tragen. Viel intensiver und ausgedehnter war die zweite Form des Meeres- lenchtens, ivelche durch Milliarden von kleinen, großentheils mikroskopischen21 Meerleuchte,i durch Krebsthiere- Thierchen heroorgebracht wurde. Sie war am schönsten in dein Kühl- wasser der Maschine sichtbar, das durch eine seitliche Oeffnung an der (rechten) Steuerbordseite, in der Mitte des Schiffes, beständig ausgestvßen ivird. Dieses zur Abkühlung dienende Seewasser ivird in den untersten Schiffsraum ununterbrochen eingepumpt-, und durchströmt den Raum, in welchem die heißen, dampferfüllten Röhren der Maschine verlaufen. Letztere geben dabei einen beträchtlichen Theil ihrer hohen Temperatur an da-,, umspülende Kühlwasser ab und erhitzen dasselbe auf 40 50 C. Die starke Erwärmung einerseits, anderseits der heftige Stoß, mit dem dieser Wasserstrom seitlich ansgeschleudert wird, sind wahrscheinlich die Ursachen, welche die darin enthaltenen Thiere besonders reizen und zu Itaike, Lichtentwicklung veranlassen. In jeder Secunde wurden Tausende von ihnen, bisweilen in so dicht gedrängten Massen ausgestoßen, daß die Lichtga,be, einer Rakete oder einem Schwärmer gleich, sich in viele kleine Funken auflöste. Die mikroskopische Untersuchung ergab, daß die meisten leuchtenden Körper kleine Krechsthiere waren, Crustaceen aus den beiden Ordnungen der Ruderkrebse (Oopepod.-,) und der Muschelkrebse (Ostracoda). Unter den letzteren zeichnete sich eine kleine, eiförmige Cythere durch besonders starke Leuchtkraft aus; das intensive, schön grün lich blaue Licht, das sie ausstrahlte, war so lebhaft, daß man als Träger desselben ein viel größeres Thier vermuthete, als das winzige, kaum einen Millimeter lange Krebschen. Einzelne weibliche Exemplare bargen zahlreiche blaue Eier im Leibe, andere ein Dutzend schon entwickelte Embryonen, ebenfalls leuchtend. Zwischen diesen überwiegenden Bestand- theilen des prävalenten Crustacecn-Plaukton" waren zahlreiche kleinere leuchtende Protisten zu finden: Radiolarien und Infusorien, Peridineen und Pyrocysten. Ein ganz besonderes Schauspiel verschafften uns an einem Abend mehrere Delphine; die schnell schwimmenden, fischähnlichen Säugethiere folgten dem raschen Lauf des Dampfers nicht nur mit der selben Geschwindigkeit, sondern leisteten dabei noch besondere Evolutionen, indeiu sie aus dem Wasser sprangen, sich Überschlägen u. s. w. Dabei -var ihr ganzer Körper von leuchtenden Funken bedeckt (den anhaftenden kleineren Leuchtthieren), obwohl sie selbst kein Licht ausstrahlten. Das bekannte und oft beschriebene Spiel der Delphinschaaren, die das Schiff in schnellem Lause begleiten und umkreisen, gehört den unterhaltendsten Schaustücken einer großen Oceanfahrt; ebenso das Spiel der fliegenden Fische" (Lxaeoetus); sie zeigten sich während unserer Fahrt^ täglich in Tausenden von Individuen, sprangen schaarenweise vor den, Schiffe aus dem Wasser, schossen in flachem Bogen eine Strecke weitFliegende Fische, (Kphalopodcn. hin und verschwanden dann ivieder unter den Wellen. Dann und wann sprang auch ein fliegender Fisch auf das Deck des Schiffes oder durch das offene Fenster in eine Cabine. Die Matrosen verzehrten diese fliegenden Häringe" mit vorzüglichem Appetit. Am 16. September machte Poseidon uns ein ganz besonderes Sonntags-Vergnügen dadurch, das; er mit einer Sturzwelle drei Dutzend lebende Tintenfische an Bord warf, pfeilschnell schwimmende Cephalopoden aus der Familie der Kalmare (bollgivea). Die fußlangen Thiere. den meisten Mitreisenden unbekannt, ergötzten sie durch den bunten Farbenwechsel ihrer irisirenden Hautdecke; ihre Anatomie gab Veranlassung zu einer kleinen Vorlesung über den eigentümlichen Körperbau dieser hochorganisirten Weichthiere. Gebacken in Oel lieferten sie zur Abendtafel eine seltene Zugabe; doch konnten die meisten Passagiere daran nicht den Geschmack finden, den der Neapolitaner an seiner Frittura ili Calamaji“ so hoch schätzt. Einen zoologischen Genuß anderer Art bereiteten uns die Nereiden des Indischen Oceans, indem sie am 20. September Morgens, bei spiegelglatter See, Tausende von Porpita an der Oberfläche erscheinen ließen, blunrenförinige Siphonophoren oder Staatsquallen" von eigenthümlich complicirtem Körperbau. Sie erschienen wie schwimmende Cocarden: tiefblaue, kreisrunde Scheiben von 5 6 Centimeter Durch messer, in der Mitte mit einem gelben Fleck, der ein rothes Centrum einschloß (der lustgefüllten Schwimmblase). Leider war es mir, bei der raschen Fahrt des Dampfers, nicht möglich, eine dieser interessanten Staatsquallen zu fischen; auch auf meiner ersten Reise nach Ceylon hatte ich sie in derselben Gegend des Indischen Oceans (am 4. Novem ber 1881) angetrosfen, ohne sie erlangen zu können. Derartige Resig nationen nothgedrungener Verzicht auf interessante Beobachtungs- Objekte, die man fast mit Händen greifen kann gehören zu den grau samsten Tantalusqualen des reisenden Naturforschers! Durch zahlreiche solcher Entbehrungen seit mehr als einem halben Jahrhundert belehrt, pflege ich mich mit dem Philosophen zu trösten: Resignation, dies herbste aller Worte, Eröffnet uns allein des Friedens Pforte! Freilich muß ich leider bekeniren, daß tnein Temperament der praktischen Verwirklichung dieses schönen, theoretischen Weisheitswortes stets neue Hindernisse bereitet, und daß sich mir des Friedens Pforte" wohl erst dann öffnen wird, wenn von den mir beschiedenen Tagen zuletzt der letzte kommt".Siphonophoreii: Porpita, Tisconalia. 2 3 ben Magen des centralen Nährthieres führt. Die acht kegelförmigen Körper, welche die Mundrosette rings umgeben, sind die rothen Ge schlechtspersonen und tragen au ihrer Basis einen Kranz von runden gelben Eiern. Nach außen davon stehen mehrere Kränze von blauen Tentakeln, bewaffnet mit je drei Reihen von gestielten" Nesselknöpfen. Der Polymorphismus oder die Formspaltung" dieser socialen Medusen ist sehr wichtig für die Lehre von der Arbeitstheilung. iic scheibenförmige, in Fig. 5 abgebildete Siphon ophore, aus der Ordnung der Discvnecten (viseonali.-r ga^troblasta) ist der P v r p t a nahe verwandt und gleich ihr von schön blauer Farbe. Obgleich das ganze Thier einer einzelnen Meduse sehr ähnlich sieht, ist es doch keine einfache Person, sondern ein Stock oder Eormus, aus zahlreichen ver schiedenen Personen zusammengesetzt. In der Mitte öffnet sich der weite, von acht rvsenrothen dreieckigen Lippen umgebene Mund, der in Fig. 5. Eine Staatsgunlle oder Siphonophore der Ordnung der Disroneelen (Disconalia gastroblasta).24 Tie Maledivcn-Jnseln. Bon Aden, das wir wegen der dort vorgekommenen Pestfälle meiden mußten, sahen wir auf dieser Reise nichts; und nicht viel mehr von der großen Insel Sokotra, da sie größtentheils in Wolken gehiillt war. Dagegen bekamen wir am U . September Nachmittags ein sehr- hübsches Bild von der Malediven-Insel Minikoi, an deren südlichem Ufern wir entlang stthren. Wir erkannten sehr detülich die Ringsorin des großen Korallenriffes, welches einen dichten Wald von Cocospalmen trägt und von dreitausend Fischern bewohnt wird; in der Mitte des Atolls schimmerte der stille, grüne Spiegel der Lagune; am nördlichen Ufer waren die Masten der gestrandeten Pacht des ungarischen Grafen Festetic sichtbar, am südlichen User das Wrack eines größeren englischen Dampfers, der vor einem Jahre das gefährliche Korallenriff aus gelaufen war. Die Bewohner der Malediven-Inseln im Ganzen über 30,000 bilden einen isolirten, eigenthümlichen Zweig der mediterranen Rasse, entstanden aus einer Mischung von Singhalesen und Arabern; ihre Religion ist eine besondere Abart des Islam. Lie sind kühne und geschickte Schiffer und treiben Handel sowohl mit Ceylon, wie mit den Küsten von Vorder-Jndien. Die Haudels-Prvducte sind Cocvsnüsse, Schildpatt, Fische, Kaurimuscheln u. s. v. Sie zahlen Tribut an Eng land, unter dessen Oberhoheit der Sultan steht. In der Morgenfrühe des -21. September ging unser Schiff im Hafen von Colombo vor Anker, wo wieder Kohlen eingenommen wurden. Noch vor Sonnenaufgang betrat ich in Begleitung mehrerer Reisegefährten den Boden von Ceylon. Die Eindrücke, welche der viermonatliche, vom Glück begünstigte Aufenthalt auf dieser Insel mir vor neunzehn Jahren gewährt hatte, habe ich in meinen Indischen Reisebriefen" geschildert.H Damals hätte ich nicht geträumt, Ceylon noch einmal wiederzusehen, und die Wunder des fernen Ostens" noch weiter hinaus, bis Java und Sumatra kennen lernen zu sollen. Und nun hatte es das Schicksal doch gefügt, daß ich jene schönen Erinnerungen wieder auffrischen durfte. Die kurze uns gestattete Zeit von sechs Stunden benutzten wir zu einem Ausfluge nach Mount Lavinia tiud Victoria-Park. Zusammen mit drei Reisegefährten fuhr ich in einem Einspänner zwei Stunden weit aus der schönen Straße, welche von Colombo längs der Westküste der Insel südwärts nach Point de Galle führt eine zusammenhängende Kette von Villen der Europäer und malerischen Hütten der Eingeborenen, von ) Indische Reiscbrirse. Dritte Auslage, mit zwanzig Illustrationen nach Photo- grammc und Original-Aquarellen. Berlin, Paetel. 1893.Bffuch von C eijlon. 25 blumenreichen Gärten umgeben. Die braunen Gestalten der Singhalesen- Familien vor ihren offenen Hutten, die schwarzen Tamilen mit Wegeverbesse rung beschäftigt oder als Kutscher die Zebu-Ochsen vor den Karren lenkend, gaben die lebendige Staffage zu dem Charakterbilde der Ceylondörfer, das mich so oft erfreut hatte. Mount Lavinia ist ein elegantes Badehötel, frei auf einem male rischen Felsenvorsprung der Küste, ein paar Stunden südlich von Colombo gelegen; von einem deutschen Wirthe gut ausgestattet, wird es von europäischen Familien viel besucht und auch als Badeaufenthalt benützt. Nach dort eingenommenem Frühstück fuhren wir zurück durch den Victoria- Park, einen, öffentlichen Garten mit schönen tropischen Gebüschen und Baumgruppen, kleinen Teichen und Zimmetpflanzungen. Der kurze Besuch, den ich den südlichen Stadttheilen von Colombo abstatten konnte, überzeugte mich, daß auch hier in den inzwischen verflossenen Jahren sich Vieles geändert hatte; neue elegante Straßen sind entstanden, znm Theil mit hohen, europäischen Häusern und belebt durch zahlreiche Jinrikschas, ein Fuhrwerk, wie ich es demnächst in Singapur täglich benutzte, damals aber noch nicht kannte. Aus freundlichen Briefen von Reisenden, welche das Hochland von Ceylon nach mir besucht hatten, wußte ich bereits, daß die Eisenbahn hoch in das Gebirge vorgedrungen^ sei; weite Strecken, in denen ich allein mit einem Kuli durch einsame Bergwälder gewandert war, sind jetzt cultivirt und mit Theepflanznngen bedeckt. Bald wird von den ursprünglichen Naturreizen des unberührten Ceylon nichts mehr übrig sein. Von Colombo gelangten wir in vier Tagen nach der Insel Penang, einem wichtigen Stützpunkte des englischen Handels, unter dem fünften Grade nördl. Breite an der Westküste der malayischen Halbinsel gelegen. Den ganzen Nachmittag des 21. September behielten wir die Südwest küste von Ceylon mit den mir so wohlbekannten Küstenplätzen: Caltura und Point de Galle, Belligemma und Matura im Gesicht. Auch diese reizenden, in Palmenwälder eingebetteten Ortschaften sind neuerdings durch eine Eisenbahn verbunden worden. Abends steuerten wir um die Südspitze der Insel, und nun ging unser südlicher Kurs in den östlichen über. Am Vormittag des 24. September kam die Nvrdwestspitze der Insel Sumatra in Sicht, vor derselben die Insel Pulv Bras; aus ihrem grünen Waldkleide ragte ein weißer Thurm einsam hervor, das Leucht feuer Wilhelms-Thurm", lieber den niederen Hügelreihen an der be waldeten Küste von Sumatra erhob sich ein großer Vnlkankegel, der Goldene Berg"; sein Haupt ragte spitz aus einem Wolkenkranz hervor.26 Fächer-Banane (Ravenala). Um Morgen des 25. September erblickten wir das Gestade der malapischen Halbinsel und gingen gegen Mittag bei P-nang vor Anker, in dem geräumigen Hafen der Hauptstadt Georgetown. Die acht Stunden, welche uns für den Besuch dieser interessanten Insel vergönnt waren, bereicherten uns mit einer Fiille von bunten Bildern der hinter indischen Halbinsel. Dank der freundlichen Empfehlung von Herrn Fig. 5. Di- Aächer-Bana - (SRaoenala), der Baum der Reisenden" von Madagaskar. Hermann Katz in Frankfurt a. M. dem Chef des großen indischen Handelshauses Kaß Brothers holte mich dessen Vertreter in Penang. Herr Henssy, an Bord des Schiffes ab und führte mich nebst Herrn Dr. Schub e r t in seinem Wagen durch malerische Theile der Stadt nach der von ihm bewohnten Villa. Die herrlichen Gärten, welche die isolier gelegenen Häuser der Europäer ebenso wie die Pfahlbauhütten der Ein-Botanischer Garten in Penang. 27 geborenen umgeben, sind mit den üppigsten Palmen, Bambusen, Bananen, Brotfruchtbäumen und anderen Zierden der Tropenflora geschmückt. Häufig stehen am Eingang des Gartenthors ( ebenso wie in Singapur ) ein paar Prachtexemplare der Ravenala, jenes merkwürdigen Baumes der Reisenden", dessen einfacher, sänlengleicher Stamm einen Fächer von langgestielten Riesenblättern trägt, die alle in einer Ebene liegen. (Fig. 6.) Es ist dies keine Palme, sondern eine besondere Gattung der Llusaeeen (Pifang- oder Bananen-Gewächse). Die braune und gelbe, größten- theils malayische und chinesische Bevölkerung läßt uns in ihren offenen, mit Palmenblättern gedeckten Hütten alle Eigenthümlichkeiten ihrer Lebens- Fig. 7. Pfahlbauten eines Fischerdorfes am Eingang der Singapur-Straße. weise schauen. Auf vortrefflichen Wegen fuhren ivir in einer halben Stunde nachdem botanischen Garten, welcher zwar nicht sehr groß, aber landschaftlich schön angelegt und sehr gut von Mr. Curtis ge halten ist. Er füllt einen Thalkessel aus, der sich nach der Stadt zu öffnet und von hohen Felswänden umgeben ist; über letztere rauscht im Hinter grund ein mächtiger Wasserfall herab. Die ganze erstaunliche Ueppigkeit der Flora von Hinterindien offenbarte sich uns in den zahlreichen, auf Rasen flächen anmuthig vertheilten Gruppen von Palmen und Bambusen, Pandangs und Feigenbäumen, sowie reich entwickelten Kletterpflanzen und Liane aller Art. Durch besondere Zierlichkeit imponirten uns ver schiedene Arten von tropischen Farnen, Lpcopodien und Selaginellen, in28 Turch die Malakka-Strafe. offenen Glashäusern sehr geschmackvoll zusammengestellt; die Stützpfeiler der letzteren waren mit den prächtigen Bliithen von Passifloren, Bauhinien, Bongainvillien und anderen Schlingpflanzen geschmückt. Ueberall im schönen Wasserfall-Garten" zeigte sich ein feiner, decorativer Geschmack. Ehe wir Abends auf unser Schiff zuriickkehrten, führte uns Herr Heussy noch durch die hell erleuchteten Straßen, in denen die farbigen Rassen von Georgetown ihren abendlichen Genüssen und Vergnügungen nach- gehen bunte, lebensvolle Bilder von hohem ethnographischem und anthropologischem Interesse. Neben den vorherrschenden gelben chinesischen Fig. 8. Goldener Berg aus Sumatra. und Hellrothen malayischen Typen fehlte es auch nicht an dunkelbraunen Hindus, Klings und schwarzen Tamilen. Am 26. September führte uns unser Dampfer durch die hellgrüne Malakka-Straße; Abends veranstaltete der liebenswürdige Capitän der Oldenburg", Herr Prager, ein heiteres, durch Poesie und Blumen schmuck gewürztes Abschiedsfest. Am folgenden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, gingen wir inr Hafen von Singapur vor Anker. Die Einfahrt in diesen gewaltigen Hafen, zwischen grünen Inseln, in der ganzen Pracht der Tropenflora prangend und von den originellen Pfahl- bauhütten und Dörfern der malayischen Fischer belebt, ist wunderschön.Ankunft in Singapur. 29 Unser Schiff legte am Borneo-Wharf, direct am Quai des Norddeutschen Llopd", an; unter den Europäern, die dort zum Empfange der an- kommenden Passagiere bereit standen, begrüßten mich zwei alte Freunde, der deutsche Consul Herr Eschke und mein früherer Schüler und Assistent in Jena, vr. Hanitsch aus Eisenberg, seit sechs Jahren Direktor des Raffles-Museums in Singapur und Curator der damit verbundenen öffentlichen Bibliothek. In seiner Amtswohnung, dem Museums-Hause (wenige Minuten vom Museum selbst entfernt), fand ich mehrere freundliche Zimmer zu meinem Empfange hergerichtet ; Dr. Hanitsch und seine liebenswürdige Gemahlin (aus Liverpool gebürtig) übten die berühmte indische Gastfreundschaft in der angenehmsten Weise. Ich hatte beabsichtigt, in Singapur nur ivenige Tage zu verweilen, wie es die meisten Jndienreisenden thun, fand aber in der merkwürdigen Stadt so viel Interessantes, und von meinen dortigen Freunden wurden mir so viel lehrreiche Excursionen geboten, daß ich volle sechzehn Tage ihrem Studium widmete. Fig. 9. Lotos-BlumeZweites Capltel. Aus kx Insel Singapur * ^iVe hohen Erwartungen, mit denen ich die Königin der Malakka-Straße" && betrat, wurden durch die nähere Bekanntschaft mit ihr noch be deutend übertroffeu. Indessen ist Singapur ", die gewaltige Löwenstadt", neuerdings so oft und so ausführlich geschildert worden, daß ich mich auf eine kurze Mittheilung meiner persönlichen Eindrücke beschränken will. Der mächtigen, mehrere Meilen betragenden Ausdehnung der Stadr entspricht der riesige Umfang des vortrefflichen Hafens, eines der größten und besten der Welt; er ist groß genug, um sämmtlichen Flotten Europas in seinem Schooße Schutz zu gewähren. Während der nördliche Schutzwall des langgestreckten Beckens von der Südkiiste der Insel Singapur selbst gebildet wird, erscheint die südliche Umfassungsmauer aus einer langen Kette kleiner Inseln zusammengesetzt; bloß die nächst- gelegenen sind noch in englischem, die übrigen in holländischem Besitz. Als im Jahre 1819 der englische Gouverneur Sir Stamford Raffles um eine geringe Summe dem Sultan von Johore die Insel Singapur und die gegenüber liegenden kleinen Inseln abkaufte, hatte er mit weitsehendem Scharfblick die außerordentliche Bedeutung erkannt, welche dieser Platz als der bequemste und kürzeste Durchgangsweg für den west- östlichen Verkehr zwischen Indien und China gewinnen mußte. Sieben Jahre nach der englischen Besitzergreifung zählte der Freihafen Singapur nur 13 000 Bewohner, im Jahre 1865 bereits 90 000 und jetzt über 200 000. Mehr als drei Viertel davon (160 000 Einwohner) sind Chinesen, unter dem übrigen Viertel befinden sich etwa 30 000 Malapen, 10 000 Hindus und Tamilen, aber nur ungefähr 3000 Europäer. Zur Zeit lagen im Hafen von Singapur über ein Dutzend Kriegs- große Truppentransportschiffe, englische und deutsche, französischeDie Chinescnstadt Singapur. 31 uuld russische das größte non allen ein neues japanisches Panzerschiff, soelben van London angekommen, angeblich das größte von allen bisher gebmuten Schlachtschiffen. Aber mich unter den zahlreichen Passagier- und Frmchtdampsern verschiedener europäischer Nationen befanden sich viele mäichtige Fahrzeuge ersten und zweiten Ranges, neben Hunderten von kleiineren; dazwischen Tausende von Böten und Fähren, malavischeu Pcmums und chinesischen Dschunken. Matrosen und Seesoldaten, Schiffer unid Fischer aller östlichen und westlichen Rationen bewegten sich bunt durrch einander kurz, ein lebendiges, farbenreiches Gewimmel, wie es in diesen gewaltigen Massen nur in den größten Welthäfen zu finden ist. Dem erstaunlichen Seeverkehr von Singapur entspricht das ver wirrende Gewimmel des Landverkehrs in den bunten Straßen der weit- läuifigen Stadr. Der weitaus größte Theil derselben trägt vollkommen dem Charakter einer tropischen Chinesenstadt; das kleine europäische Viertel mit den öffentlichen Gebäuden der Regierung, der Post, den grojßen Bankhäusern u. s. w. nimmt nur einen beschränkten Rann, in der Mittte des südlichen Theiles, am Hafenquai, ein. Bei den weiten Ent- fermungen und der herrschenden Hitze legt man selbst kürzere Strecken meiist zu Wagen zurück. Zwischen eleganten europäischen Equipagen be wegen sich indische und chinesische Fuhrwerke des verschiedensten Calibers, leickhte Karren und schwere Ochsenwagen. Den überwiegend größten Thceil des Personentransportes vermitteln jedoch die merkwürdigen I inrikschas". Diese Männerkraft-Wagen" (hier meistens abgekürzt Riikschas" genannt) bestehen aus einem Lehnsessel auf zwei Rädern, vorm mit einer Gabeldeichsel, in welche sich ein chinesischer Kuli als Zmgthier" einspannt. Auf dem sauberen Ledersitze des Sessels, der durcch ein Schirmdach gegen Sonne und Regen geschützt werden kann, habien in den gewöhnlichen Rikschas (zweiter Classe) zwei Personen eben einmnder Platz; in den eleganteren Sesselwagen (erster Classe) sitzt nur eines Person. Der Fahrpreis ist höchst billig; er beträgt für die englische Menle (8 10 Minuten) 6 Cents ( 12 Pfennige), für die halbe Meile nur? 3 Cents. Die Ausdauer, mit der diese chinesischen Drvschken- mämner" ihre Wägelchen ziehen auf ebener Erde stets in gestrecktem Trmbe laufend ist erstaunlich, ebenso wie ihre Genügsamkeit. Die Strecke von Singapur bis Johore (2 Kilometer) legen sie in 2 V 2 Stunden zuriiick. Dabei leben sie fast nur von Reis, dem Abends ein wenig gc- trockkneter Fisch hinzugefügt wird. Die flinken chinesischen Rikscha-Männer" spielen im Verkehr vieler grosßer Städte des Ostens jetzt eine sehr bedeutende Rolle; in SingapurTic Chincsenstadt Singapur. allein fahren deren 10 000. Die meisten dieser Kulis in Sing,pur tragen nur zwei sehr einfache Kleidungsstücke, eine blaue Schwimmhose und auf dem Kopfe einen kegelförmigen Strohhnt zum Schutze gegen die Sonne. Da man nun im Sessel unmittelbar hinter dem in der Dechsel Fig. Die Malakka-Brücke über den Singapur-Fluß. laufenden Kuli sitzt, hat man beständig den Anblick des schonen nackten Körpers, dessen lebhaftes Muskelspiel jeden Künstler und Anatomen er freuen muß. Die ganze Lebensweise der Kulis, der Mangel von be engenden Kleidern und Schuhen, die anstrengende tägliche Bewegung,Chincsischc Rikscha-jtulis. gg die einfache, gesunde Nahrung, sind dazu angethan, ihre Muskulatur in günstigster Weise zu entwickeln. Die breite, kräftige Brust und der wvhl- geformte Riicken, die ebenmäßige und kraftvolle Ausbildung der Muskeln an Ober- und Vorderarm, an Oberschenkel und Waden könnten jedem Bildhauer als Modell dienen. Dazu kommt noch die schöne, braune Hautfarbe, nur selten das helle Erbsengelb", das gewöhnlich als Charakter farbe der gelben" mongolischen Rasse angegeben wird, vielmehr meistens ein schönes tiefes Rothgelb öder Braungelb, bald mehr in Orange oder Zimmtfarbe, bald in ein Helles Braunroth oder Kupferroth übergehend. Viele jüngere Rikscha-Leute, zwischen sechszehn und vierundzwanzig Jahren, zeigen außerdem eine recht hübsche Gesichtsbildnng und machen eine so heitere, freundliche Miene, daß man sie wirklich für zufriedene Glückliche" halten muß. Viele Europäer freilich, besonders neu Angekommene, lassen sich nur ungern von Rikschas fahren, empfinden gegen diese menschlichen Zug- thiere" eine gewisse Abneigung oder finden es sogar entwürdigend", sich von Mitmenschen" ziehen zu lassen. Ich muß bekennen, daß ich diese Empfindung nicht theiie; ich bin auch überzeugt, daß das Loos dieser Rikschas weit besser ist, als man gewöhnlich annimmt, ungleich angenehmer als dasjenige vieler Fabrik- und Hüttenarbeiter in Europa, vieler Bergleute, welche, um zu leben, ihre Gesundheit opfern und da bei ihr angestrengtes Tagewerk unter den härtesten Bedingungen leisten müssen. Der Rikscha-Kuli hat eigentlich nur einen Dauerlanf auszu führen, der, wenn er anstrengend ist, doch seinen nackten Körper in freier Luft und Sonne mächtig stählt; er hat keine Sorgen für den folgenden Tag und begnügt sich mit seinem täglichen Erwerb, der immer reichlich genügt, um ihm nicht allein die nöthige Nahrungsmenge an Reis und trockenem Fisch zu verschaffen, sondern auch noch das Ver gnügen, nach gethaner Arbeit mit seinen Genossen zu spielen und zu plaudern. Allerdings findet auch hier künstliche Auslese oder Selectiön statt. Ein Theil der schwächeren Kulis erliegt früher oder später; die kräftigeren dagegen erfreuen sich desto vollkommenerer Körperentwicklung, llebrigens werden die Rikschas als praktische Fahrgelegenheit nicht nur von Europäern allgemein benutzt, sondern auch von ihren eigenen chinesischen Landsleuten, von Malayen, Hindus und anderen Farbigen. Gleich den chinesischen Kulis verschmähen auch die meisten anderen Arbeiter in den Straßen und Gärten von Singapur die volle Bekleidung und begnügen sich mit einem Strohhut oder Turban zum Schutze des Kopfes, einem blauen, rothen oder weißen Tuche (gleich einer Schwimm- Ha eckel, Jnsulinde. 334 Tie Chinesen in Singapur. Hose) zur Umhüllung der Lenden. Sv hat mau denn hier Gelegenheit, die schönsten anthropologischen und morphologischen Studien an ver schiedenen Menschenrassen auf offener Straße anzustellen: schwarze Tamilen aus Borderindien, Vertreter der Dravida-Raffe, vorzugsweise als Straßen- arbeiter, beim Wege- und Wasserbau beschäftigt; dunkelbraune Hindus als Kutscher, Pferdeknechte, Gärtner und Diener thätig; hellbraune Malagen als Fischer, Boots- und Fuhrleute u. s. w. Zwischen diesen Vertretern von drei- oder vier vorherrschenden schlichthaarigen Menschen rassen sieht man dann noch einzelne Repräsentanten der wollhaarigen Rassen, hier und da einen afrikanischen Neger, einen Papua aus Neu- Guinea oder Celebes, einen Negrito aus den Philippinen oder aus dem Innern von Malakka. Inmitten dieses Gewimmels von nackten Menschen aller Farben bilden die vollständig bekleideten Europäer und vornehmeren Chinesen nur einen kleinen Bruchtheil. Durch den beständigen Anblick der nackten Körperformen, in den verschiedensten Zuständen der Ruhe und der Bewegung, muß nach den Anschauungen vieler Cultur-Menschen das Schamgefühl gröblich verletzt werden"; so müssen wenigstens die braven Volksvertreter denken, welche im vorigen Jahre die wunderlichsten Reden im Deutschen Reichstage über die sogenannte lex Heinze" hielten ( ein bedauerliches Zeichen für den Bildungsgrad der deutschen Volksvertretung! ). Sollte dieses Gesetz in Singapur und in andern Tropen - Städten zur Anwendung kommen, so müßte die große Mehrzahl des dortigen Volkes sich selbst verurtheilen und einsperren wegen gröblicher Verletzung des Scham gefühls!" Die frommen Herren des katholischen Centrums aber dürften nur bei Nacht oder mit verbundenen Augen sich durch die Straßen fahren lassen. Solche und ähnliche Betrachtungen wurden auf unserem Dampfer zwischen Ceylon und Singapur vielfach angestellt, nachdem viele Passagiere zum ersten Male eine größere Anzahl dunkelfarbiger Eingeborenen im Naturzustände beobachtet hatten. Da die Chinesen in Singapur an Zahl und Bedeutung die anderen Rassen weit übertreffen, und da uns diese inerkmürdigen Zopfträger hier alle Seiten ihres eigenthümlichen Culturlebens offenbaren, so war deren Bekanntschaft mir gerade jetzt, wo die chinesische Frage" plötzlich zu einer der größten politischen und historischen Weltfragen geworden ist, von höchstem Interesse. Es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, ivie grundfalsch die Vorstellungen sind, welche noch heute in weiten Kreisen von Deutschland und vom übrigen Europa über China und seine Bewohner herrschen. Die Vorzüge des chinesischen Raffen-CharaktersDie Umgebung von Singapur. gg l inb unermüdlicher Fleiß und technisches Geschick, zähe Ausdauer und große Genügsamkeit in der Lebensweise, dabei umsichtige Berechnung aller Berhältnisse, -- kurz ausgezeichnet praktischer Realismus. Sie be- ,rangen überall die Behauptung, daß der Chinese ein höchst gefährlicher Concurrent des Europäers und ihm im Kampf ums Dasein vielfach überlegen ist. Hier in Singapur sind in allen Geschäften, in allen Bureaus und öffentlichen Instituten, an der Post u. s. iv. die Chinesen die geschätztesten und zuverlässigsten Arbeiter, ebenso in höheren wie in niederen Stellen. Die vornehmeren Chinesen sind elegant gekleidet und ihre Eguipagen oft glänzender als diejenigen vieler Europäer. Im Bureau tragen sie meistens eine sehr praktische und weite iveiße Jacke und ein Paar dunkle (blaue oder schwarze), sehr weite Sackhosen. Die größte orgfalt verwenden sie aber stets auf die tadellose Frisur ihres laugen Zopfes; er wird meistens mit rothen oder blauen Seiden- bändern durchflochten und hängt über den Rücken oft bis zur Knie kehle herab. ^ e II m g e b u n g v v n S n g a p u r bietet dem Naturforscher zu Land und zu See eine Fülle der lohnendsten Ausflüge. Dank der Für sorge meiner dortigen Gastfreunde, Dank vor Allen den Herren Dr. Hanitsch, (ümiiil Eschke und Arthur Loeb, wurde es mir möglich, in verhältuiß- mäßig kurzer Zeit die interessantesten Punkte kennen zu lernen. Die Landstraßen sind, wie in allen englischen Colonien, vortrefflich gehalten, und die Fahrten durch die chinesischen und malayischen Dörfer (Kampongs). die herrlichen Gärten und die üppigen Wälder gewähren eine beständig wechselnde Unterhaltung, vr. Hanitsch lenkte seinen flinken Einspänner selbst und richtete seine Fahrten so zweckmäßig ein, daß ich ein voll ständiges Bild von der reichen Trvpen-Landschaft der Insel Singapur bekaur. Wenn wir Morgens im Museum gearbeitet, Nachmittags eine schöne Excursion gemacht hatten, genoß ich dann Abends das Vergnügen. hi der liebenswürdigen Familie meines Gastfreundes, und oft auch in dc lehrreichen Gesellschaft befreundeter Engländer, über die interessanten Verhältnisse dieses wichtigen Knotenpunktes des westöstlichen Weltver kehrs unterrichtet zu werden. In später Abendstunde saßen wir oft och angeregt plaudernd in der kühlen Veranda zusammen, welche den Eingang vom Garten in das hübsche Museums-Haus bildete. Wenn sich alsdann unser Blick nach oben durch das Laub der hohen Feigenbäume und Palmen auf den funkelnden Sternenhimmel richtete, und die Stern bilder des südlichen Himmels besonders der Scorpion und das süd liche Kreuz uns in die unendlichen Weiten des Universum führten,Ausflug nach Bukit-Timah. 36 entspannen sich wohl mancherlei anregende Betrachtungen über die Welt- räthsel" und über die Befähigung des sonderbaren kleinen Primaten. Mensch" genannt, zu ihrer annähernden Lösung. Unter den größeren Ausflügen aus Singapur sind mir drei in be sonders angenehmer Erinnerung: nach Bukit-Timah, nach Teban und nach Johore. Bukit-Timah (= Zinnberg) ist der höchste Punkt der Insel (etwas über 500 Fuß hoch); der Berg ist mit Wald bedeckt, der zum Theil ganz den Charakter echten Urwaldes trägt; man überläßt hier absichtlich einige seiner Partien unberührt sich selbst, so daß die Fig. II. Das Museums-Haus in Singapur (Veranda vor der Villa des Rafsies-Museums). mächtigen Bäume, mit Kletterpflanzen behängen, ivild durch einander wachsen und nach ihrem Tode ein undurchdringliches Gestrüpp Herstellen. Unter den Massen von Schmarotzerpflanzen und Epiphyten fallen be sonders zahlreiche zierliche Farnkräuter auf; in den Achseln der Banm äste sitzt der ornamentale Vogelnest-Farn (Asplenium nidus); die Ab hänge längs des Weges sind mit Massen der Gleiclienia geschmückt, eines prächtigen frischgrünen Farnkrautes, das sich durch eigenthümliche Ver zweigung der Fiederblätter auszeichnet. Hier und da erhebt sich auch ein schmucker Farnbaum (Alsophila) auf schlankem Stamme. Die stacheligen Aeste und Ranken der dicht verworrenen Lianen und besonders die ge-Ausflug nach Teban und Tampenis. fährlichen Dornenangeln der gefürchteten kletternden Rvtangpalme (Laiainu ) erschweren sehr das Eindringen in dieses Dickicht. Uebrigens ist das auch insofern nicht ungefährlich, als von Zeit zu Zeit ein Tiger von Johore herüberschwimmt und sich im Dickicht von Bukit-Timah verbirgt. Die für seinen Fang gegrabenen tiefen Gruben, lvcker mit Laubwerk bedeckt, können auch dem botanisirenden und insectensammelnden Natur forscher Gefahr bringen. Oben auf dem Gipfel des Bukit-Timah steht ein Regierungs-Rast haus mit einem Aussichtsthurm; der Blick von demselben umfaßt rings- m die ganze Insel, ruht auf den grünen Waldmassen der umgebenden Berge und schweift im Norden hinüber nach Johore, dem südlichsten Sultanat der Halbinsel Malakka. Neuerdings war wieder ein Tiger über die schmale Meerenge von Johore herüber geschwommen und machte de Wald von Singapur unsicher. Ein krachendes Geräusch im nahen Urwalde wurde natürlich scherzhafter Weise auf diesen Tigerbesuch be zogen und mischte einen romantischen Beigeschmack in die heitere Picknick- Stimmung unserer deutschen Gesellschaft. Einen zweiten sehr interessanten Ausflug veranstaltete Herr Lveb am 6. Ocrober nach T e b a n, an der Ostseite der Insel Singapur. Hier hat die Firma Katz ein ausgedehntes Gebiet mit Citronella - Gras (Andropogon schoenantlius) bepflanzen lassen und eine Fabrik errichtet, in welcher durch dessen Destillation das werthvolle aromatische Citronclla- Oel in großer Menge gewonnen wird. In geringerer Quantität wird daneben noch das kostbare Patschuli-Oel hergestellt, durch Destillation einer sehr aromatischen Lippenblume: Logostemcm patschuli. Die Ein richtung und Arbeit der Fabrik wurde uns von ihrem deutschen Ber- walter, Herrn Neuß aus Bockenheim, freundlichst gezeigt. An einem sehr aumuthigen, rings von mächtigen Bäumen umstellten und mit Schlingpflanzen bekränzten Plätzchen im nahen Walde nahmen wir das mitgebrachte Frühstück ein. Neben blühenden Orchideen sahen wir hier besonders hübsche Kauueupflanzen (ISTepenthes); an ihren Blattspitzeu hingen zierliche, kleine Kannen von der Form eines Bierseidels mit Deckel; in dem Wasser, welches die Kännchen zur Hälfte füllte, waren die Leichen zahlreicher Ameisen und anderer Insekten angehäuft, welche diese insectenfressenden Pflanzen" fangen und verdauen. Am Nachmittag besuchten wir die einige Meilen entfernte Kuhfarm ( Cattle Estate“) Tampenis. Die 250 Kühe, welche auf dieser Farm gehalten werden, sind die einzigen Lieferanten einer größeren Quanität frischer Milch für Singapur. Gegen Abend ging s dann nvch hinab nachAusflug nach Iohore. 38 der Meeresküste, wo wir über die Johorestraße hiniiber die Insel Pulv Obin sahen, im Hintergründe die blauen Berge von Malakka. Bei der Fahrt durch das Dschungel erfreute uns eine Herde wilder Affen durch ihre munteren Sprünge von Baum zu Baum und die Turnkünste an den dazwischen ausgespannten Liauentauen. Von unbeschreiblichem Zauber war die Rückfahrt durch den Wald; die glitzernden Mondlichter, von den glatten Flächen der großen, lederartigeu Baumblätter reflectirt, wett eiferten an Glanz mit den Lichtfunkeu, welche unzählige fliegende Leucht käfer durch das geheimnißvolle Dunkel des Dickichts warfen. Der tausend stimmige Gesang von großen Cicaden und Grillen, gemischt mit den ge- heimnißvollen Locktönen anderer Jnsecten und den reinen Glockeutönen von Laubfröschen, war so laut, das; wir unsere Worte kaum verstehen konnten. Dann und wann flog geisterhaft eine riesige Fledermaus über die Baumgipfel oder ein Flederhund von fußlangem Körper (1‘teropus). Nicht minder reizvoll war der Ausflug nach Iohore (sprich: Dscho- hore). Die zweistündige Wagenfahrt am frühen Morgen brachte uns nach einem Dorfe an der Nordkiiste der Insel, welches der Residenz des Sultans gegenüber liegt. Die Ueberfahrt nach der letzteren über den schmalen Meeresarm (wenig breiter als der Rhein bei Cöln) geschah in einer Ruderbarke des Sultans, welche dessen Leibarzt, De. Callvwap, durch Vermittelung von Di-. Hämisch zur Verfügung gestellt hatte. Diesen Herren verdanke ich auch die freundliche Aufnahme, welche ich in Iohore bei Dato Hole fand, dem englischen Minister des Sultans. Er bewirthete uns im dortigen Rasthause und fuhr uns dann nach seinem Landhause, ein paar Meilen von der Küste entfernt, auf einem Hügel. Der Blick von hier umfaßt einen großen Theil von dem siid- lichsten Gebiete des ausgedehnten Fürstenthums; Pflanzungen ver schiedener Art und ansehnliche Wälder wechseln mit weiten Strecken un kultivierten Landes. Der natürliche Reichthum dieses Malakka-Gebietes wird erst ganz erschlossen werden, wenn die Engländer die im Bau be findliche Eisenbahn von Singapur bis Penaug vollendet und sich damit factisch zu Herren auch dieses Landes gemacht haben werden. Jetzt sind noch Tiger (von denen wir ein schönes, kürzlich lebend gefangenes Exem plar in Iohore sahen), Leoparden und andere Raubthiere zahlreich in den nächsten Wäldern zu finden. Dato Hole erzählte uns, daß er die Spuren ihres nächtlichen Besuches häufig in seinem Garten beobachte, daß er auch ihre Stimmen Nachts in nächster Nähe höre, ebenso wie das Geheul großer Schaareu von Affen. Unter den lebenden Affen, welche er in seinem Garten hielt, interessirte mich besonders ein schönes Exem-Botanischer ©arten in Singapur. 39 pinr des weißhändigen Gibbon (Uylobates lar); die Grazie, mit welcher dieser lnngarinige Menschenaffe Früchte verzehrte und auf Stangen Seil- tänzerkiinste übte, war bewunderungswürdig (vergl. Fig. 68). Einige sehr genußreiche Tage verbrachte ich in dem schönen bota nischen Garten von Singapur, der wegen seiner ausgedehnten reizvollen Parkanlagen zugleich das beliebteste Ziel kurzer Ausflüge in der Nähe der Stadt ist. Jeden Nachmittag ist die schattige, dorthin führende Straße, der schöne Orchard-Road, von zahlreichen Equipagen belebt. (Fig. 18.) Das hügelige Terrain des Gartens ist sehr geschickt zur Anlage mannigfaltiger Baumgruppen und Buschpartien benutzt; in den tieferen Theilen finden sich auch einige kleine Wasserbecken, von großblumigen weißen, blauen und rothen Seerosen und Lotos bekränzt (Xeluinlüurn speeiosum, Nymphaea stellata u. 91.). Eine kleine Insel in einem dieser Teiche bildet ein amnuthiges Palmenbouquet, von einem lichtgrünen Kranze des reizenden Gleichenia-Farns umschlungen. Besonders interessant aber ist ein ansehnliches Stück des Gartens, in welchem man die freie Tropennatur ganz sich selbst überlassen hat; da wächst Alles wild durcheinander. Mächtige Kletter- und Schlingpflanzen aller 9lrt winden sich um die gewaltigen Baumriesen, die dicht mit Farnen, Orchideen und anderen Epiphyteu überzogen sind. Die zusammen gebrochenen Stämme der alten abgestorbenen Bäume bleiben unberührt liegen und dienen als Wohnstätte anderer junger Pflanzen, die sich auf ihnen ansiedeln; unzählige Jnsecten, Käfer, Ameisen, Termiten u. 9l. finden auf den vermodernden Pflanzentheileu ihre Nahrung. Das un durchdringliche Gewirr der durcheinander gewachsenen Lianen, besonders der schon oben genannten berüchtigten Kletterpalmen mit ihren stacheligen Aesten (Calamus rotang) versetzt uns in den echten Urwald. Auch fehlt es nicht an den charakteristischen Bewohnern des letzteren aus der Säuge- thierrlnsse, an 9lffen und Eichhörnchen, Palmenmardern und Zibetkatzen. In der Nähe des Gartenbureaus befindet sich auch der Anfang eines kleinen zoologischen Gartens, von dem zu wünschen und zu hoffen ist, daß er bald größeren Umfang annimmt. Außer den charakteristischen Raubthiereu Hinterindiens: Tigern, Panthern, dem kleinen schwarzen Malayenbären, Bärenmardern (Binturong), Zibetkatzen u. A. fesseln namentlich Affen die Aufmerksamkeit der Besucher. Ein schönes Männchen des schwarzen Pavians von Celebes (Cynopithecus niger) zeichnet sich durch Wildheit aus. In einem großen Käsig wohnen seit vielen Jahren zwei sehr verschiedene Arten von Affen zusammen, der gemeine Makako iiUacaeus cynomolgus) und der große Schweinsaffe (Inuus nemestrinus).40 Botanischer Garten in Singapur. Obgleich beide Gattungen in Größe und Gestalt durchaus van einander abiveichen, haben sie sich doch fruchtbar vermischt, und die eigenthümlichen. daraus hervorgegangenen Bastarde sind ebenfalls fruchtbar. Von Menschen affen waren ein langatmiger Gibbon (Hylobates agilis) und ein junger Orang-Utan vorhanden (Satvrus orang). Der Erstere ergötzte uns durch die außerordentliche Gewandtheit, mit welcher er seine weiten Sprünge von Ast zu Ast, beinahe fliegend, ausführte. Der junge Orang dagegen war ein sehr phlegmatischer Herr; Hand in Hand mit uns ging er ge- müthlich im Garten aufrecht spazieren, kletterte dann gemächlich einen niederen Baum, uni einige Friichte zu pflücken und sich oben umzusehen, und stieg ebenso bedächtig wieder herunter, um in seinen Käfig zurück zu kehren. (Vergl. Fig. 67 iin neunten Kapitel.) Mr. Ri d le y, der Direetor des Gartens von Singapur, war längere Zeit sowohl im malayischen Archipel als auch auf der hinterindischeu Halbinsel gereist; er wußte viel Merkwiirdiges von den wilden Urein wohnern derselben zu erzählen, den Sakaps. Diese wvllharigen Schwarzen scheinen ein Ueberrest jener Ulotrichen-Menschenart zu sein, aus welcher auch die Negritos der Philippinen und die Papuas hervorgegangen sind. Sie führen in den Urwäldern von Malakka ein ganz primitives Dasein, nähren sich von Früchten und von wilden Thieren, die sie mittelst eines Blasrohres durch vergiftete Pfeile erlegen. Sie haben keine ständigen Wohnsitze, sondern bereiten sich ihr Nest oben auf den Baumgipfeln aus zusammengeflochtenen Zweigen, ähnlich dem Orang-Utan; da die Sakaps sehr scheu sind und jede Berührung mit anderen Menschenrassen meiden (ähnlich den Veddas von Ceylon und anderen Urvölkern), ist es schwer, über ihr Familien- und Seelenleben etwas Näheres zu erfahren; es scheint auf sehr tiefer Stufe stehen geblieben zu sein. Unter den vielen Besuchern des botanischen Gartens und des zoologischen Museums in Singapur begegneten mir gerade in diesen Tagen zahlreiche deutsche Soldaten von den großen Transportschiffen, welche zu dieser Zeit über 20000 Mann nach China führten. Die Leute waren in den leichten grauen Khaki-Anzug gekleidet (ähnlich einer Turnerbekleidung) und betrachteten sich die neue, sie umgebende Wunder welt Indiens mit lebhaftem Interesse. Durch geographische Jnstruetions- stundeu während der Seereise gut vorbereitet, wußten Viele von ihnen trefflich Bescheid. Ich freute mich über ihre klugen Fragen und ihre originellen Urtheile. Mag man über die gefährliche China-Expedition und über unsere Cvlonialunternehmungen im Allgemeinen nrtheilen, wie man will, Eines bleibt sicher als werthvolles Ergebnis; übrig: daßTruppen-Trciiisportc nach China. 41 weitesten Kreisen des deutschen Volkes die Augen iiber die großen fremden Verhältnisse des Auslandes geöffnet und viele Vorurtheile be seitigt werden. Jeder dieser Soldaten, der längere Zeit in Afrika oder China war, der die gewaltigen Verschiedenheiten im Körperbau, den Lebensgewohnheiten, den Sitten und Religionsformen fremder Rassen beobachten lernte, erweitert seinen Gesichtskreis colossal und bringt ein niäik hoch genug zu schätzendes Capital von neuen Anregungen und Vorstellungen mit heim. Das deutsche Transportschiff Palatia", welchem ich am 3. Ok tober einen Besuch abstattete, umfaßte nicht weniger als 2200 Mann. Die Leute waren in dem gewaltigen Raume des großen Dampfers auf drei Etagen vertheilt; in jeder Etage lagen zwei Schichten über einander. Der erste Offirier, der mich an Bord begrüßte, war Herr Hauptmann von Auer, früher in Jena ein eifriges Mitglied unserer geographischen Gesellschaft für Thüringen. Er erzählte mir, daß die Mannschaften die lange Seereise (trotz der dichten Verpackung) im Q inzen sehr gut iiber- standen hätten. Nur int Rothen Meere waren mehrere Heizer und Stewards der entsetzlichen Hitze zum Opfer gefallen. Auf den Dampfern aller anderen Nationen, welche in den Tropen fahren, werden diese beiden Arbeiterclassen durch farbige Menschenrassen vertreten, die sich zu diesen schweren Diensten viel besser eignen. Die Principienreiter des Deutschen Reichstages voran die idealen Socialdemokraten sind aber der Ansicht, daß dadurch deutschen Arbeitskräften eine große Anzahl Stellen entzogen wird, und haben es durchgesetzt, daß Farbige vom Dienst aus deutschen Reichspostdampfern uitd Kriegsschiffen ausgeschlossen werden. In Folge dessen gehen jährlich nicht wenige deutsche Leben an den furchtbaren Strapazen zu Grunde, welche Neger, Chinesen, Malapen und Inder ohne Gefahr ertragen würden. Die gewaltigen Truppenmassen, welche das Deutsche Reich im Laufe des letzten halben Jahres auf zahlreichen großen Transportschiffen nach China gesandt, haben sowohl in Singapur als in anderen von ihnen berührten Hafenplätzen das Ansehen unserer Nation mächtig gesteigert. 4cr große Fortschritt, den Fürst Bismarck durch Eröffnung einer weit ausschauenden Colonialpolitik herbeiführte, beginnt auch in dieser Be ziehung seine glänzenden Früchte zu tragen. In anderer Hinsicht bewirkt dieselbe die steigende Zunahme unserer Handelsflotte, sowie den ivachsenden Passagierverkehr den vom Deutschen Reiche subventionirten Schnell dampfern. Die prachtvollen Schiffe des Norddeutschen Lloyd in Bremen und der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrtgesellschaft haben aber auch42 Im Hafcn von Singapur. die concurrirenden Lurusdampfer der linderen Nationen bereits überflügelt. Einer der größten Dampfer des Lloyd lag gerade damals im Hafen von Singapur und wurde am 9. October von mir besucht. Dieser schwimmende Feenpalast, Hamburg" mit Namen, übertraf an groß artiger Einrichtring Alles, ivas ich bisher gesehen. Das Riesenschiff fasst 15 000 Tonnen und wird durch 12 000 Pferdekräfte in Bewegung er halten. Es gehört zu den größten Schiffen, welche den Suezcanal noch passiren können. In dem freundlichen Capitän, Herrn Krech, lernte ich den ausgezeichneten Seemann kennen, der vor zwei Jahren die erfolgreiche deutsche Tiefsee-Expedition der Valdivia", unter Leitung von Professor Chun, geführt hat. Bon den anderen deutschen Schiffen in Singapur war mir besonders interessant die Yacht E b e r h a r d", welche Herr M e n k e (aus Hannover) für eine zweijährige wissenschaftliche Expedition nach Deutsch-Neuguinea und Neupommeru ausgerüstet hatte; als Naturforscher begleiteten ihn Di . Heinroth und Dr. Dunker. Das Schiff war früher (unter dem Namen Prinzeß Alice") im Besitze des Fürsten Albert von Monaco gewesen und für zoologische Tiefseeforschungen benutzt worden. Das Innere der eleganten Yacht war für zoologische Beobachtungen und Sammlungen sehr zweckmäßig eingerichtet, und da unsere Naturforscher auch mit den verbesserten Netzen und Fangapparaten der Neuzeit vor trefflich ausgerüstet waren, konnte man hoffen, daß ihre Reise viele inter essante Ergebnisse liefern werde. Leider ging diese Hoffung nicht in Erfüllung. Schon wenige Monate später war die kostspielige Expedition gescheitert. Bei einem Besuche der Matthias-Inseln, in der Nähe von Neuguinea, hatten die Reisenden die nothwendigeu Vorsichtsmaßregeln außer Acht gelassen; sie wurden während der Nacht in ihren Zelten von den wilden Einge borenen überfallen und Herr Menke nebst mehreren Begleitern getödtet. Das Schiff scheiterte bald danach auf einer Korallenbank. Für das Ansehen der Deutschen in Singapur ist vor Kurzem auch äußerlich viel geschehen, durch die Errichtung eines großartigen Club- gebäudes, mit geräumigen Sälen für Lectüre, Billardspiel, Ball, Theater und Restauration. Es ist sehr hübsch in einem Garten gelegen. Wenige seinesgleichen dürften sich im Auslande finden. Unter den öffentlichen Gebäuden von Singapur zeichnet sich das Raffles"-Museum aus, mit Arbeitsräumen und einer großen, viel benutzten Bibliothek im unteren und einer interessanten Sammlung von Naturalien grösstentheils einheimischen Thieren im oberen Geschoß.Raffles Museum in Singapur. 43 Unter den Säugethieren bemerkte ich mehrere große Exemplare des Orang- Utan und anderer hinterindischen Affen, mehrere Arten des Gibbon, den Nasenaffen n. 31.; ferner das Rhinoceros von Sumatra, riesige wilde Büffel und indische Raubthiere (Tiger, Leopard, Malaien-Bär, Binturongi, Zibethkatzen) und viele große Fledermäuse. Sehr schöne Exemplare finden sich unter den zahlreichen Vögeln und Schmetterlingen. Unter den Reptilien und Amphibien fallen mehrere einheimische Riesen- Exemplare durch ihre gewaltige Größe auf, so ein mächtiges Crocodil von lti Fuß Länge, Riesenschlangen, Tigerfrösche u. s. w. Die Fisch- Sammlung enthält riesengroße und seltene Formen vvit Selachiern (Hai- itig. 12. Rafsles Museum in Singapur. fischen und Rochen). Unter den wirbellosen Thieren zeichnen sich die Gliederthiere (Jnsecten, Spinnen, Crustaceen) durch Zahl, Mannigfaltig keit und Schönheit der 3lrten aus, ferner die tropischen Mollusken (Schnecken und Muscheln) prachtvolle Sternthiere, Korallen 11 . s. w. Das Mnseuin, das dem Publicum täglich von zehn Uhr Vormittags bis fünf Uhr Abends geöffnet ist, wird nicht nur von Europäern, sondern auch von Eingeborenen stark besucht. Ich habe vst das lebhafte und ausdauernde Interesse bewundert, mit dem die gelben Chinesen und die braunen Malaien, die chokoladefarbigen Inder und die schwarzen Tamilen die zoologische Sammlung studirten mehr als viele Europäer. Sicher44 Korallcnbänke von Singapur. ist diese gemeinnützige Anstalt, ebenso wie die reiche Bibliothek, für Singapur eine öffentliche Bildungsquelle ersten Ranges, Leider ist nur der vorhandene Raum viel zu beschränkt, um eine zweckmäßige systema tische Aufstellung der reichen Sammlungen zu gestatten. Wir begrüßten es daher mit Freude, daß gerade in den Tagen meiner Anwesenheit der Stadtrath von Singapur (der über sehr bedeutende Mittel verfügt) de Beschluß faßte, ein großes neues Museumsgebäude zu errichten. Es ist zu hoffen, daß nach dessen Vollendung die Bibliothek vom Museum ge trennt und somit I r. Hanitsch der Direktor beider Anstalten in einer Person ist entlastet wird. Er kann dann seine ganze Arbeitskraft der Herstellung eines Naturalien-Museums widmen, welches unter den ge gebenen, überaus günstigen Verhältnissen eine sehr lehrreiche Uebersicht über die gesammte reiche Fauna der Malakkastraße, ihrer Inseln und Küsten geben wird. Von dem Reichthum der Kvrallenbänke von Singapur bekommt mau schon durch die Prachtexemplare des Museums eine Vorstellung. Es traf sich nun sehr günstig, daß gerade in der zweiten Octoberwoche Voll mond eintrat, und daß die damit verknüpfte tiefe Ebbe (die Spring ebbe") den Wasserstand auf den Korallenriffen der Malakkastraße un gewöhnlich tief sinken ließ. Dadurch wurde mir und meinem Begleiter, Dr. Hanitsch, die Möglichkeit gegeben, au einigen besonders günstigen Stellen (bei B lakang Mati) selbst in das Meer zu steigen in dem nur einen Meter tiefen Wasser zwischen den herrlichen lebenden Korallen- Bäuiuen und -Sträuchern stundenlang umher zu wandeln, nüe zwischen den Blumenstöcken eines wohlgepflegten Gartens. Mit hohem Genüsse konnten wir die prächtigen Gebilde an Ort und Stelle untersuchen und die schönsten Stücke in unsere beiden Boote bringen. In nächster Nähe sieht man viele merkwürdige Einzelheiten im Leben der Korallenbänke, die vom Boote aus uns entgehen. Nur bei der einen Excursion verging uns die Lust, ins Wasser zu steigen; gerade an der Stelle des waldigen Ufers, wo wir beginnen wollten, lag ein stattliches Crocodil; erst als unser Boot bis auf zehn Schritt heran gerudert war, löste sich das plumpe Raubthier schwerfällig ab und schwamm nach der nächstgelegenen Insel hinüber. Unwillkürlich fiel uns das schöne Lied von Geibel ein, in welchem ein lustiger Musikante" an: liser des Nil spaziert und ein großes Crocodil durch seine Geige zum Tanzen zwingt. Die märchenhafte Pracht der tropischen Korallenbänke ist schon oft in enthusiastischen Worten und farbigen Bildern geschildert worden, und doch muß ich jedes Mal beim erneuten Anblick derselben sagen, daß keineOrganismus der Koralle nthiere. 45 ?eder und kein Pinsel dazu ausreicht. Mau muß diese Wünderwelt e ne ganz eigenartige zauberhafte Erscheinung auf unserem Erdball selbst gesehen und genossen haben, um sich ein getreues Bild davon zu machen. In meine r Schrift über die Arabischen Korallen" habe ich die farbenreiche Fauna der Korallenbänke von Tur, und in meinen Indischen Reisebriefen" die großartige Korallenwelt zu schildern ver sucht , welche die ausgedehnten Bänke au den Küsten von Ceylon, be sonders in Puntogalla und Belligemma belebt. Wenn ich aber jetzt auf diese Versuche zurückblicke und sie mit den frischen Eindrücken der lebenden Korallengärten von Singapur vergleiche, erscheinen sie mir recht schwach und ungenügend. Die zierlichen und mannig- faltigen Bildungen, welche die weißen (selten rothen oder anders gefärbten) Korallen in unseren Sammlungen zeigen, sind eben nur die Formen der todten Kalkskelette ein inneres Knochengerüst", welches im Leben von weichem Fleisch überzogen ist. Diese fleischige Hautdecke prangt nun meistens in den prächtigsten Farben. Da die Mundöffuuug jedes Eiuzelthieres jeder Ko- Fig. 13 . Eine Person sei lebende Einzelthier) der f . Rinden - Koralle (Gorgonia). Der flaschenförmige tauenperl Olt OOlt etnent Magen (in der Mitte) schimmert durch die zarte Körper- Kravre bemealickier oft Mim, monb t intmrdl - Der Mund (oben) ist mit einem Kranze orruuze veivegeteyer, vsl icyou von acht gefiederten Fangarmen oder Tentakeln umgeben. geformter und gefärbter Fang- arme oder Tentakeln umgeben ist, so gewinnt ihre Gestalt jene strahlige Blumenform, die früher dazu geführt hat, die Korallenstöcke für echte Blumenstöcke zu halten, ihren Organismus für eine echte Pflanze. Jetzt wissen wir freilich sicher, daß jede einzelne Korallenperson ein echtes Thier ist, ein Gewebethier oder Metazoon“ mit Mund und Magen, mit Nerven und Muskeln; aber immerhin bleibt die täuschende Blumen- ähulichkeit doch so groß, daß auch heute noch passend die BczcichnnngKorallciibönke bei Singapur. 46 Blume nthiere" (Anthozoa) für die ganze Korallenclasse vielfach ver wendet wird. (Fig. 13.) Die Mannigfaltigkeit der bunten und zarten Farbentöue, der zier lichen und ornamentalen Zeichnung, mit welcher der Leib der lebenden Koralle geschmückt erscheint, ist leider an den in Spiritus oder Formal conservirten Thieren nicht zu sehen, ebenso wenig wie die anmuthigen, sanften Bewegungen, mit welchen im Leben ihren Tentakelkranz ent falten und wieder einziehen. So kann auch nur die eigene Anschauung ein vollkommenes Bild von dem Leben der Korallenbänke geben, von dem bunten Treiben der unzähligen anderen Thiere, die nur auf ihnen Fig. 14. Ei Stock oder jlormuS) der Baum-Koralle (Madrepora). Die unzähligen Minen Wärzchen, welche die Sleste des baumsörmigen RorallenstockeS bedecke , sind lauter Perionen, von ähn lichem Körverban wie Fig. 14. Die gen,einsame Ernährung aller dieser socialen Einz-ltlii-r- beruht an Com,nunismus: die Magenslaschen derselben sind durch ein ernährendes Canalnetz verbunden. leben, die zu ihnen in den verschiedenartigsten bionomischen Beziehungen stehen und dieser besonderen Zauberwelt in merkwürdigster Weise an- gepaßt sind. Da huschen zwischen den vielverästelten Zweigen der baum förmigen Madreporen (Fig. 154 bunte Fischchen von höchst phantastischer Färbung und Zeichnung hin; auf den runden Blöcken der Asträen und den Labyrinthgebirgen der Mäandrinen kriechen und schwimmen Massen von kleinen Krebsthieren in den seltsamsten Gestalten und aus vielen verschiedenen Familien. Dazwischen sehen wir stattliche Mollusken mit schönen Gehäusen, Riesenmuscheln und Riesenschnecken. Besonders interessant waren mir aber auf den Korallenbänken von Singapur vieleScheu der Korallcnbünkc. 47 feltcnu* Formen von fünfstrahligen Steruthieren oder Echinodermen: rothie Seesterne (^..derickea) mit getäfeltem Panzer, bunte Schlangensterne (OpHiioclea) mit fünf langen, schlangenähnlichen, zierlich geringelten Armen; wnrrmähnliche, durchsichtige, lange Seegurken mit gefiederter Tentakelkrone (Symapta). Schwimmend bewegten sich dazwischen überaus zierlich Humderte von Palmensternen (Orinoiäea) der Familie der Evmatu- lidem; ihre langen zehn Arme sind mit Tausenden von beweglichen bunten Fielderchen besetzt. Große schwarze Seeigel (Echinidea) aus der Gattung der Turbanigel (viaäema) starren von einem strahlenden Walde gefähr- lichker Stacheln, von der Länge und Dicke einer starken Stricknadel. Diese sind) mit Kränzen von seinen Widerhaken umgeben; bricht ein solcher Starchel in der Wunde ab, so kann er eine gefährliche Entzündung er zeugen, um so schlimmer, als dazu eine Vergiftung tritt. Diese Diadem- Seengel besitzen fünf strahlende Reihen von glänzenden blauen Augen; sie gewahren sehr wohl die Annäherung der Hand, welche sie ergreifen ivilll, und richten dann ihre Stacheln als Schutzwaffe gegen dieselbe. Den ganzen Reichthum der Korallenstöcke an Insassen gewahrt man aberr erst, wenn man sie aus dem Wasser nimmt und mit dem Hammer zersschlägt. Dann wimmelt es von fliichtenden Wiirmern und Schlangen- sterrnen, Crnstaeeen und Fischen, welche alle in den Höhlungen und zwiischen den Aesten des steinharten Kalkgebäudes sichere Wohnungen ode:r Zufluchtsorte besaßen. Die ganze Lebensarbeit eines fleißigen Naiturforschers wiirde nicht ausreichen, um das reiche Beobachtungs-Material eineer einzigen Korallenbank völlig zu bewältigen. I r. Hansisch beab- sichitigt, auf der Insel Blakang Mali, die ganz besonders für solche Forrschungen geeignet ist, eine Zoologische Station mit marinen Agmarien, Laboratorien u. s. w. zu errichten; es ist sehr zu wünschen, daß ; dieser schöne Plan zur Ausführung gelangt. Unsere Exrnrsiunen waren von I r. Hanitsch so praktisch arrangirt, daß; ich in kurzer Zeit eine schöne Sammlung von prächtigen Korallen zusmmmenbringen und, in siebzehn Kisten verpackt, nach Jena absenden komnte. Ergänzt wurde dieselbe noch durch eine Anzahl trockener Korallen, wellche ich den Fischern in Pulo Brnni abkaufte. Das ist ein malayisches Psaihlbandorf im südwestlichen Theile des Hafens von Singapur. Die einffachen, mit Palmenmatten gedeckten Hütten, 3 5 Meter über dem Wajsser, ruhen auf hohen, dünnen Pfählen, welche ziemlich locker in den schlannmigen Boden eingerammt sind.. Als wir auf einer Art Frosch- leite r auf diese Pfahlbauten hinauf kletterten und oben auf schmalen Balken von einer Hütte zur anderen balaneirten, gerieth das ganze48 Pfahlbaudorf bei Singapur. .seltsame Pfahlbaudorf ins Wackeln, und ivir hätten beinahe ein unfrei williges Bad genommen. Eine andere schöne Excursion, zu den Korallenbänken im Süden des Hafens, hatte am 7. October Herr Sebastian Meyer arrangirt, welcher zusammen mit seinem Collegen Wispaur die angesehenste europäische Apotheke in Singapur unterhält. Auf einem kleinen Dampfer Fig. 15. Pfahlbaudorf bei Singapur. fuhren wir mitten durch den weiten Hafen an deni Wrack des Lloyd- dampfers Wieland" vorbei, der, mit Baumwolle beladen, vor einigen Jahren hier verbrannte. Neben dem unzugänglichen St. John s Island, auf dem sich die Quarantäneanstalten befinden, liegt die malerische Felsen insel Pulo Renggit, umgeben von den schönsten Korallengärten. Das Meer war bei starker Ebbe so flach, daß wir unmittelbar über den Nereidengarten mit seinen bunten Korallenbüschen und -Blumen hinwegFig. 28. Vaumfarne im Urwalds.Fischmarll in Singapur. 49 fahren konnten. Auch am Strande der Insel selbst, der mit Mangrove bäumen bewachsen ist, war das Wasser so weit zurückgetreten, daß ich einige der seltsamen Mangroven mit ihrem ganzen nackten Wurzelgebäude abzeichnen konnte. Auf der Rückfahrt nach der Stadt begegneten wir, ebenso wie früher Lei der Einfahrt in die Singapurstraße, Schwärmen von schönen M e d n s e n (Rhizostomen aus der Gattung Mastigias, aus der Familie der Crambessiden). Der braune Schirm dieser Art ist mit milchweißen Flecken getüpfelt, die acht krausen Arme sind mit langen, olivengriin und violett gefärbten Anhängen verziert. Zwischen großen erwachsenen Quallen schwammen auch zahlreiche junge, zum Theil noch sehr kleine Thiere, so daß ich eine ziemlich vollständige Sammlung von Ent wicklungsstufen znsammenbringen konnte. Meine Kenntniß der Seethier-Bevölkerung der Singapurstraße wurde wesentlich ergänzt durch mehrere Besuche, die ich früh Morgens dem Fi sch markt abstattete. Da sah ich eine große Auswahl von den merk würdigen Fischen des Jnsnlindemeeres, die sich zum Theil durch sehr sonderbare Formen und bunte Färbung auszeichnen. Große Selachier (Haifische und Rochen), zum Theil seltene Arten, fielen durch ihre eigen- thiimliche Gestalt auf. Zwischen den vielfarbigen Fischen lagen Haufen von Tintenfischen (Sepien), von Muscheln und Schnecken; ferner Crustaceen, langschwänzige Krebse und kurzschmänzige Krabben; auch eß bare Würmer und Holothurien (der von den Chinesen hoch geschätzte Trepang) fehlten nicht. Auf der Rückseite des Fischmarktes prangte der schöne Frucht- u n d G e m ü s e m a r k t, reich an den Erzeugnissen der Tropenzone. Wenn ich den Markt Morgens zwischen sechs und sieben Uhr besuchte, konnte ich die Chinesen bei ihrem Frühstück beobachten; mit zwei dünnen Stäbchen, die sie gleich einer zweiarmigen Pincette handhabten, stopften sie nicht nur ihre Hauptnahrung, den Reis, in den Mund, sondern auch die verschiedenen medusenähnlichen Gallertklumpen, die von ihnen als besondere Leckerbissen geschätzt werden. Nicht weit vom Fischmarkt steht ein chinesischer Tempel, mit dem sonderbarsten Schnörkelwerk verziert. Die Priester, welche in den inneren Räumen desselben lagerten, machten gerade keinen erhebenden Eindruck. Ueberhaupt scheinen die religiösen Vorstellungen bei diesem merkwürdigen Volke ziemlich gleichgiiltig behandelt zu werden. Durch Opfer und Ge bete sucht man böse Geister abzuhalten; aber von der sogenannten Haeckel, Jnsulinde. 4Eine andere Seite des chinesischen Volkscharakters lernte ich eines Abends beim Besuche eines chinesischen Theaters kennen. Der große, schmutzige Raum war schlecht beleuchtet und unten im Parket mit männ lichen Chinesen gefüllt; die weiblichen Zuschauer saßen abgesondert auf den Galerien oben, rechts und links. Die schmale Bühne mar bunt lind geschmacklos decorirt; in der Mitte spielte ein lärmendes Orchester, vor demselben figurirten die Schauspieler in den sonderbarsten Costiimen, -,0 Ehincsischer Tempel in Singapur. sittlichen Weltordnung", als Ausfluß eines höchsten Wesens , scheinen die realistischen Chinesen nicht viel zu halten. Sehr verschieden von den chinesischen Gotteshäusern in Singapur sind die Hindu-Tempel, die sich zum Theil durch hübsche Architektur und zierliche Ornamente auszeichnen; sie sind größtentheits dem Dienste des Buddha gewidmet.Hindu-Tempel in Singapur. 51 uuit hoher Fistelstimme declamirend; Kinder spielten harmlos zu beiden oeih ii der Bühne. Die Activn, niit vielen Bücklingen und Ceremonien eimgeleitet, wurde nur dann interessant, wenn die Gegenparteien sich be schimpften und ohrfeigten; auf der Höhe des Affectes versetzten sie sich rZ-Aßtritte gegen den Unterleib; das schien die bezopften Zuschauer, die k^ig. 17. Hindu-Tempel in Singapur. inzirüschen süße Gallerte verzehrten, besonders zu amüsiren. Der specisische, für arische Nasen höchst unangenehme Geruch der chinesischen Haut- Ausdünstung hier in sehr concentrirter Form benahm uns fast den Athem. Der Höllenlärm der Musik, ein Gemisch von dröhnenden Banken, schrillen Pfeifen und klingenden Metallbecken, betäubte unsere 4 2 Ohren. So waren wir froh, nach einer Stunde diesen Musentempel der Söhne des himmlischen Reiches" zu verlassen, und alhmeten nur doppeltem Genüsse die kühle, würzige Nachtlust, die uns den blumen reichen Gärten entgegenströmte. Nachdem ich also sechzehn höchst interessante und lehrreiche Tage in Singapur zugebracht hatte, nahm ich von den lieben alten und neuen Freunden, die mir diesen Aufenthalt so angenehm gemacht hatten. mit dankbarster Gesinnung Abschied, tind schiffte mich am 16. Oktober, Morgens 8 Uhr, auf dem Dampfer Stettin" nach Java ein. Dieser Dampfer, einer der kleineren des Norddeutschen Llopd", vermittelt viermal jährlich die Verbindung mit Deutsch-Neuguinea und berührt auf seiner Reise nach Ambon und Herbertshöhe Batavia, das er in 54 Stun den erreicht. Auf dieser Seefahrt, längs der Ostküste von Sumatra, kamen zahl reiche kleine Inseln in Sicht, meistens hügelig und dicht bewaldet. Die selben gehören sämmtlich zum holländischen Besitz von Insulinde und vertheilen sich auf drei Gruppen: nördlich Riau, mitten Lingga. südlich Bangka. Der Riau-Archipel umschließt die Südseite des weiten Hafens voir Singapur; die malayischen und chinesischen Bewohner des selben sind größtentheils Fischer; der Trepang, den sie in großer Menge auf die chinesischen Märkte bringen, ist eine gekochte und ge trocknete Seegurke (Holothuria). Als wir den Lingga-Archipel passirteit, überschritt ich (am 13. October Abends Ü Uhr) zum ersten Male den Aeguator: abgesehen von einigen harmlosen Scherzen, war dieser wichtige Akt von keinen besonderen Feierlichkeiten begleitet. 4.ie an sehnliche Insel Bangka, berühmt durch ihre reichen Zinngruben, ge währt mit ihren höheren Bergen und der bewaldeten Felsenküste einen sehr malerischen Anblick. Die schöne Seefahrt wurde mir besonders erfreulich durch die Gesell schaft des Professors Treub, des Directors des Botanischen Gartens von Beutenzorg, in dem ich zunächst längere Zeit arbeiten wollte. Professor Treub ivar mit seinem Assistenten, Ur. Koningsberger, schon vor vierzehn Tagen nach Singapur gekommen und führte mich nun persön lich am 15. October Mittags der grünen Insel Java ein.Abschied von Singapur Fig. 18. Die Frnchtgarlenstraße l0rci urck Uoaii) in Singapur.Drittes Capitol. Im Krirlrn von ÄrutenZorg. eutenzorg (geschrieben Buitenzorg"), AußerSorge", das S a n s - ^ Sonci" von Java hatte mir seit vielen Jahren alsein ideales Reiseziel vorgeschivebt. Besteht doch hier seit dem Jahre 1817 ein botanischer Garten, der durch die ungewöhnliche Gunst der Natur- verhältuisse und die verdienstvolle Arbeit trefflicher Männer sich zum reichsten und größten aller botanischen Tropengärten entwickelt hat. Neuerdings hat derselbe nicht nur die höchste praktische Bedeutung siir die vervollkommnete Cnltur der mannigfaltigsten tropischen Gewächse gewonnen, sondern er ist auch seit zwei Decennien durch Errichtung aus gezeichneter Laboratorien und Versuchsstationen zu einer wissenschaft lichen Anstalt ersten Ranges geworden. Alljährlich wird jetzt dieses Botanische Central-Jnstitut", wie mir es wohl nennen dürfen, von einer Anzahl europäischer Botaniker ausgesucht, welche hier die Wunder des Pflanzenlebens aus erster Quelle und in reichster Entfaltung studiren können; sie gewinnen hier im Laufe weniger Monate durch eigene lebendige Anschauung viel mehr siir das wahre Verständnis; des Pflanzenlebens nach allen Richtungen hin, als sie im europäischen Labo ratorium durch vieljähriges Studium einer sehr umfangreichen Literatur und durch das ungenügende Surrogat der verkümmerten Tropenpflanzen in unseren Gewächshäusern erlangen können. Der geneigte Leser wird vielleicht verwundert fragen, wie ich als Zoologe dazu komme, für mehrere Monate mich in diesem Pflanzen garten festzusetzen, der doch eigentlich nur durch Botaniker von Fach seine volle Würdigung und Berwerthung finden kann. Die bescheidene Antwort diese berechtigte Frage muß meinen hiesigen Aufenthalt in mehrfacher Beziehung erklären.i Beutenzorg. Johannes Müller in Berlin in die wunderbaren Geheimnisse des Thierlebens eindringen lernte, erschien mir deren Studium so viel lehr reicher und namentlich durch die Beziehung zur Anthropologie so viel wichtiger , daß allmählich die Botanik dagegen in den Hintergrund trat. Doch blieb ich der alten Liebe zur Leientia amabilis“ stets treu, und wenn den zahlreichen naturwissenschaftlichen Reisen, die ich Fig. 19. Pavillon im Garten von Beutenzorg, welchen der Versasser in den letzten drei Monaten des neunzehnte Jahr hunderts bewohnte. In der That war ich bereits in früher Jugend von dem leb haftestem Interesse für Betrachtung und Erforschung der Pflanzenformen beseelt und bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahre von dem Wunsche durchdrungen, die Botanik als Lebensberuf wählen zu dürfen. Erst als ich (1854) unter dem mächtigen Einflüsse meines großen Lehrers56 Beziehung der Botanik zur Zoologie. später ausführte, die zoologischen Zwecke stets im Vordergründe standen, behielten doch die botanischen Studien daneben noch ihre alte Anziehungskraft. Wenn nun auch die letzteren naturgemäß nur dilet tantischen Wert hatten, so haben sie doch die allgemeinen Ziele der elfteren sehr wesentlich gefördert und ergänzt. Auch stand mir dabei als leuchtendes Vorbild stets mein großer Meister Charles Darwin vor Augen. Als ich ihn 1866 zum ersten Male in Down-besuchte und in lehrreichster Unterhaltung mir ihm seinen Versuchs-Garten durchwanderte, befestigte sich in mir die schon dem Studium seiner Schriften gc- wonnene Ueberzeugung, daß die moderne Entwickelungslehre die große organische Natur nur als ein einziges, umfassendes Ganzes, als ein überall zusammenhängendes Lebensreich" begreifen und verstehen kann. Der Biologe, welcher sich ihre Erforschung zur Lebensaufgabe setzt, wird sich zwar in Folge der nothwendigen Arbeitstheilung darauf be schränken müssen, nur einen einzelnen, mehr oder minder großen Theil des ungeheuren Gebietes vollständig zu beherrschen; er wird aber, um nicht in ganz einseitige und verkehrte Anschauungen zu verfallen, genöthigt sein, daneben immer noch einen beträchtlichen Antheil seines Interesses und seiner Arbeitskraft dem ganzen großen Wunderbau des organischen Lebens zuzi oenden; in diesem bleiben Thier- und Pflanzen-Entwicklung stets innig verknüpft. Professor Melchior Trend (sprich: Tröb), welcher seit zwanzig Jahren Direktor des botanischen Instituts von Beutenzorg ist und durch zielbewußte, energische Thätigkeit dasselbe zu seiner jetzigen bewunderungs würdigen Höhe emporgehoben hat, zeichnet sich auch durch weiten Blick und philosophische Auffassung der Verhältnisse vor vielen angesehenen Biologen der Gegenwart aus; er ist stets von der hohen Bedeutung jener wichtigen Beziehungen überzeugt gewesen und hat es in Folge dessen durchgesetzt, daß jetzt ein besonderes zoologisches Labora torium neben den botanischen Gebäuden errichtet wird. Dieses statt liche, jetzt im Bau begriffene Local ivird noch vor Ablauf dieses Jahres den reisenden Zoologen Europa s geöffnet werden; wäre ich ein Jahr später gekommen, hätte ich es mit einweihen können. Es wird zunächst drei Arbeitsplätze für zoologische Untersuchungen jeder Art enthalten, ferner ein Museum, in welchem die einheimischen Thiere von Java ge sammelt sind, und zwar vorzugsweise jene Formen, die für die Pflanzen welt direct und indirect Bedeutung besitzen. In erster Linie wird es sich dabei natürlich um die formenreiche Classe der Jnsecten handeln, deren Hunderttausende von Arten zum größten Theile in bestimmten Be-Zoologisches Laboratorium in Beutenzorg. 57 Ziehungen zu gewissen Pflanzen ttehen. Wenn schon in Europa die genaue Kenntnis; der nützlichen und schädlichen Jnsecten für Land- und Forstwirthschaft von höchster Bedeutung ist, so muß das natürlich in sehr erhöhtem Maße hier in Java der Fall sein, wo die erstaunliche Zeugungs- krafr der Tropensonne unter den üppigsten klimatischen Bedingungen ebenso in der Thierwelt wie in der Pflanzenwelt die höchsten Aufgaben des organischen Lebens zur Lösung bringt. Tie Fülle von merkwürdigen Thierformen, welche der große Garten von Beutenzorg (ganz abgesehen.von jenen wichtigen bionomischen Be ziehungen) dem Zoologen liefert, ist übrigens schon seit einer Reihe von Jahren von europäischen Naturforschern, die mehrere Monate hier arbeiteten, ausgebeutet morden. So hat namentlich hier Professor Lud w g von Grass (aus Graz) das reiche Material für seine große Monographie der Landplanarien gesammelt. Von meinen eigenen Schülern haben Professor Richard Semen und W. Kiikeuthal hier gearbeitet. Professor Max Weber aus Amsterdam hat hier vor zwei Jahren mit seiner Gattin Anna Weber van Bosse die Vorbereitungen zu der großen S b v g a - Expedition ausgeführt, welche die faunistische Erforschung des ganzen malayischen Archipels mährend einer langen Fahrt von 12 000 Seemeilen (ein ganzes Jahr hindurch) erzielte. Prop üor Emil Selenka (in Miinchen), welcher mit seiner Gemahlin zwei große Reisen durch Jnsulinde ausführte und in seinen Sonnigen Welten" anziehend schildert, hat ebenfalls in Beutenzorg, wie in Sumatra und Borneo, werthvolles Material für seine embryologischen Forschungen erbeutet. Außerdem haben auch verschiedene andere Zoologen aus Holland, Ruß land, Deutschland, Oesterreich, England u. s. w. bereits den Anfang zu riiui näheren Erforschung der reichen Fauna von Beutenzorg gemacht. Da das neue zoologische Laboratorium noch nicht fertig ist, hatte mir Professor Treub ein besonderes geräumiges Arbeitszimmer in dem jenigen -!. heile des großen botanischen Instituts eingeräumt, welcher fiir das Studium der Pflanzenkrankheiten (Phytopathologie) bestimmt ist. Schon im letzten Frühjahr, als ich den Plan zu meiner Javareise gefaßt und I),-. ^.renb mitgetheilt, hatte derselbe mich in freundlichster Weise eingeladen, während meiner Anwesenheit in Beutenzorg bei ihm im Garten zu wohnen und längere Zeit das Laboratorium beliebig zu be nutzen. Nach Allem, was ich davon bisher gehört und gelesen und besonders auf Grund der eingehenden Mittheilungen meines Freundes und Collegen vr. Ernst Stahl, Professors der Botanik in Jena , fjnttc ich mir viel, sehr viel von dem hiesigen Aufenthalt versprochen.Ter Paradies-Garten vv Insulinde. ö8 Nachdem ich denselben ein Paar Monate genossen, mußte ich be kennen, daß meine hochgespannten Erwartungen in jeder Beziehung nicht allein erreicht, sondern übertroffen waren. Schon am ersten Morgen nach meiner Ankunft, als ich am 16. Oktober um 6 Uhr beim herrlichsten Sonnenschein mit Professor Treub den ersten Rundgang durch den schönsten Theil des Gartens machte, überwältigte mich der Eindruck, daß wenn irgendwo auf der Erde hier in Beutenzorg der Garten des Paradieses" in Wirklichkeit zu schauen ist. Alles, was wir seit frühester Jugend in unserer kindlichen Phantasie als Paradies" uns vorstellen, ist hier in dem ^1Iortu8 UoZoriensis" (Bogör ist der malayische Name des Ortes Beutenzorg) verwirklicht: ein prächtiger Garten, voll der mächtigsten Bäume und der schönsten Blumen, voll der köstlichsten Frischte und der herrlichsten Waldpartien durchströmt von einer Fülle rauschender Bäche, geschmückt mit anmuthigen Teichen, auf denen See rosen schwimmen ebenso reich an leuchtenden Sonnenplätzen wie an verschwiegenen Schattengängen, durchzogen von einem Netze der be- quemsten Fahrstraßen und Fußwege, mit unvergleichlichen Ausblicken auf die üppigen Fruchtebenen von Westjava und die stolzen Bnlcankegel, die sich im Süden über ihnen erheben und das Alles belebt von singenden Vögeln und Schaaren bunter, seltsamer Jnsecten. Dabei herrscht überall Friede und Ruhe (wenigstens scheinbar); das Klima ist in mancher Beziehung geradezu ideal. Selbst die eingeborene Bevölke rung, die man im Garten trifft, der stille, sanfte Malaye mit seinem Zurückhaltenden Anstande, paßt zu dem Bilde. Es würde mir eine Freude sein, wenn ich meinen Lesern nicht allein eine allgemeine Vorstellung von dem wunderbaren Reichthum und der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit des paradiesischen Bogor- Gartens" geben, sondern auch eine Auswahl von den prächtigen und großartigen Pflanzengestalten desselben ihnen im Einzelnen vvrsühren könnte. Das wäre aber nur möglich, wenn es anginge, meine Be schreibung durch zahlreiche, gute Abbildungen, Aquarellskizzen und Photo gramme, zu erläutern; auch würde zum vollen Verstäridniß ein gewisses Maß von botanischen Kenntnissen vorauszusetzen sein, sowohl in der Systematik und Morphologie der natürlichen Pflanzen-Familien als in der Pflanzcn-Geographie und -Physiognomik. Da ich das nicht ohne Weiteres voraussetzech darf, muß ich mich aus die allgemeine Wiedergabe meiner Eindrücke beschränken, mit besonderer Betonung der hohen Bedeutung, ivelche die ganze Einrichtung und Verwerthung des botanischen Bogor- Jnstiluts neuerdings gewonnen hat.Schilderung des botanischen Gartens. 59 Uebrigens existirt bereits eine ausgedehnte und werthvolle Literatur über den Garten von Beutenzorg. Die eingehendste Darstellung populär und wissenschaftlich zugleich hat Dr. G. Haberlandt (Professor der Botanik in Graz) gegeben. Seine Botanische Tropenreise" ) enthält nicht allein lebendige und naturgetreue indomalapischeBegetations- bilder und Reiseskizzen", sondern auch eine Fülle von trefflichen botanischen Bemerkungen, welche selbst dem Laien die Entstehung und Bedeutung zahlreicher bionomischer Einrichtungen klar machen. Eine kleinere, recht lebendige und anschauliche Schilderung in französischer Sprache hat der belgische Botaniker Jean Massart aus Brüssel gegebene Un Botaniste en Malaisie“ (Gand 1895, 200 S mit vielen Photogrammen). Aber auch in mehreren neueren Reisemerken botanischen und zoologischen Inhalts sind Darstellungen des Bogor-Gartens enthalten, alle darin übereinstimmend, daß dieses großartigste botanische Institut nicht nur für- alle Theile der Pflanzenkunde, sondern auch für andere Wissenschaften von höchstem Werth und in jeder Beziehung ausgezeichnet organisirt ist. Am 18. Mai 1892 beging das Dands-Ulantentuin“ (wie der offieielle Name des botanischen Landesinstitutes" zu Beutenzorg lautet) unter- großer Theilnahme die Feier seines fünfundsiebzigjährigen Bestehens. Bei dieser Gelegenheit veröffentlichte der Director l r. Treub eine offieielle Festschrift, die auch in deutscher Uebersetzung erschien-). Sie enthält aus der Feder des Herausgebers die Festrede über Die Be deutung der tropischen botanischen Gärten", und ferner eine sehr inter essante Kurze Geschichte des botanischen Gartens". Dann folgt ein praktischer Führer: Spaziergänge durch den botanischen Garten", von De. Burck, und von demselben eine Schilderung des Herbariums und Museums; von Di-. Jause eine Aufzählung der sehr zahlreichen Wissen schaftlichen Untersuchungen aus dem botanischen Garten", und endlich noch eine Anzahl kleinerer Mittheilungen. lieber den gegenwärtigen Zustand, die Zusammensetzung und Wirk- samkeit des botanischen Bogor-Jnstituts werden von De. Treub neuer dings regelmäßige Bulletins (in französischer) und Verslags (in hollän discher Sprache) herausgegeben. Der soeben erschienene Verslag omtrent den Staat van ’s Lands-Plantentuin over Ixet jaar 1899“ ist ein stattlicher Band von 242 Seiten. Besonders interessant aber ist die kurze Notice 1) G. Haberlandt, Botanische Troßenreise. 300 S. Mit 50Abbildungen. Leip zig, Engelman . 1893. 2 ) Der botanische Garten zu Beutenzorg auf Java. Festschrift zur Feier seines fünfundsiebzigjährigen Bestehens. 432 S. Mit 12 Lichtdruckbildern und 4 Plänen. Leipzig, Gngelmann. 1893.Landschaft nun Bcutcnzorg. 60 sun l etat actuel de l’Institut“ (40 ©.), welche Nr. 1 des neuen Bulletin vvn 1898 bildet. Hier findet namentlich der europäische Naturforscher, der die Herrlichkeiten des Paradiesgartens mit eigenen Augen schauen und seine botanische Bildung eine höhere Stufe erheben ivill, das Nöthigste über das Institut und die von diesem gebotenen Hülfsmittel, auch sehr nützliche Winke betreffs der Herreise, ihrer Kosten, des Per haltens inr hiesigen Klima u. s. w. Wer aber noch Näheres über diese rind andere Verhältnisse vvn Beutenzorg erfahren ivill, muß die zahl reichen einzelnen Abhandlungen consultiren, die bereits eine stattliche Zahl von Bänden füllen. Fig. 20. Der SB ule an Salat (vorn rechts die Terrassen der Reisfelder). Wenn ich nun versuche, meinen Lesern ein allgemeines Bild von Beutenzorg und seinen wunderbaren Naturschätzen zu geben, muß ich zunächst die prachtvolle Lage des Ortes in einer der schönsten Land schaften der Erde hervorheben. Maßgebend für dieselbe und zugleich bestimmend für das äquatoriale Klinia des Ortes ist vor Allem die Er hebung von drei gewaltigen Vulcankegeln, welche im Süden den groß artigen Hintergrund der Landschaft bilden: südwestlich der herrliche Kegel des Salak mit seiner fünfzackigen Krone (2253 Meter), südöstlich der ge- waltige Pangerango (3000 Meter) und der Gedeh (2962 Meter). Der größte Theil dieser Vulcanriesen ist mit Urwald bedeckt und durchzogenLandschaft von Beutenzorg. 61 vvn zahlreichen radialen Schluchten, welche nach allen Seiten in die fruchtbare Hochebene ausstrahlen und ihr reichliche Wasserbäche zuführen. Die jungen Reisfelder dieser Ebene, abwechselnd smaragdgrüne und röthlichbraune Bänder, geben dem Mittelgrund einen idyllischen Reiz, dadurch erhöht, das; überall freundliche, von Palmengärten und Frucht- bänmen umschlossene Dörfer (Kampongs oder Dessas) darin zerstreut hegen. Den Vordergrund der glänzenden Tropenlandschaft aber bilden je nach dem Standpunkt des Beobachters näher gelegene Hütten und üppige Gärten oder das tief eingerissene Flußbett des wilden Tjidani. Dieser schlammige, gelbe, reißende Bergstrom begrenzt das höher gelegene Terrain von Beutenzorg im Westen, ein anderer, Tjiliwong, im Osten. ( Tji" heißt in snndanesischer Sprache: Der Bach.) Beide Bergwässer kommen eiligen Laufes direct von den nordöstlichen Abhängen des Salak herab und fassen den erhöhten (265 Meter über Meer ge legenen) Landrücken zwischen sich, welchem Beutenzorg sich lang hin streckt. Der Vordergrund des entzückenden Bildes erhält dadurch einen beständig wechselnden Reiz, daß den ganzen Tag über besonders aber Morgens und Abends Hunderte von Malayen und Chinesen sich im Flusse baden, Männer, Weiber und Kinder bunt durch einander. Be rühmt ist die Aussicht aus den südlichen Bergkammern" des Hotel Bellevue, wo man diesen luftigen Badeplatz unmittelbar zu Füßen hat. Noch schöner aber sind die wechselvollen Landschaftsbilder, wenn man zum Flusse hinabsteigt und, seinem gewundenen Laufe folgend, die prachtvolle Vegation seiner schattigen Ufer näher ins Auge faßt. Von Strecke zu Strecke führen hohe Brücken über den Tjidani hinweg; man blickt von ihnen tief in die düsteren, von dichtester Vegetation erfüllten Schluchten hinab, in deren Tiefe der wilde Bergstrom über mächtige, Felsen und runde Rollsteine schäumt. Die herrliche Lage von Beutenzorg und das gesunde Klima, das große Vorzüge vor dem von Batavia besitzt, haben die Holländer schon vor mehr als zweihundert Jahren veranlaßt, diesen Luftkurort" zur Erfrischung aufzusuchen. Wenn man aus der erdrückend heißen und schwülen Atmosphäre vvn Batavia, verpestet durch die fieberschwangeren Ausdünstungen der schlammigen und sumpfigen Küste, mit der Eisen bahn in anderthalb Stunden nach Beutenzorg hinauf fährt, so fühlt man schon bei der Annäherung an das ferne südliche Gebirge einen frischeren Lufthauch; und oben angelangt, nthmet man erquickt die reine, frische Bergluft, welche beständig von den Urwaldschluchten des mächtigen Salak gegen die grüne Hochebene herabströmt. Es war daher sehr be-Lage des botanischen Gartens. 62 greiflich, daß schon im Jahre 1747 der Generalgouverneur von Niederländisch-Jndien seine Residenz von Batavia hierher verlegte und daß sie seitdem beständig hier geblieben ist. Nur bei besonders fest lichen Gelegenheiten und officiellen Empfängen fährt der General gouverneur, der thatsächlich Vicekönig von Jnsulinde ist, nach Batavia hinunter. Das Gouvernements-Palais gleich allen anderen hiesigen Ge bäuden einstöckig, wegen der häufigen leichten Erdbeben liegt in einem umfangreichen Parke, der von Alleen mächtiger Feigenbäume und schlanker Königspalmen durchzogen wird; seine weiten Rasenflächen sind von Hun derten zahmer Hirsche belebt. Dieser Regierungspark bildet die nördliche Grenze des großen botanischen Gartens; die westliche wird durch die breite alte Poststraße (vsalan besor) markirl, in deren Umgebung die meisten europäischen Villen liegen. Im Süden stößt an den Bogoc- Garten das abgesonderte Chinesenviertel, in welchem zusammenhängende Reihen von offenen Läden (Tokos) dicht aneinander liegen und sich weithin ausdehnen. Ehe man vom Haupteingang des Gartens n der Mitte seiner Südseite , in dieses Kampong-China" eintriit, kommt man auf den großen Marktplatz; derselbe gewährt täglich (besonders aber Dienstag und Freitag) mit seiner reichen Ausstattung und der, bunten Gemühle seiner Besucher ein höchst unterhaltendes Schauspiel. Die östliche Grenze des Gartens bildet der tiefer gelegene, von Süden nach Norden strömende Tjiliwong, jenseits dessen sich weithin Reisfelda- erstrecken, in blauer Ferne südlich überragt von dem mächtigen Gebirgs rücken des Gedeh urrd Pangeraugo. Der Flächenraum, welchen der so abgegrenzte, fast qnadratiscke Hauptgarten einnimmt, beträgt nicht weniger als 58 Hektar oda 230 Morgen. Dazu kommt nun noch der ausgedehnte Cultur- und Versuchsgarten von Tj ikömöh, welcher eine halbe Stunde westlih entfernt liegt und 72 Hektar (280 Morgen) umfaßt; ferner der gras artige Gebirgsgarten von Tj ib o da s (mit 31 Hektar 120Morgen. Alle drei Gärten haben eine Ausdehnung von 161 Hektar 630 Morgen Diese gewaltige Flüche wurde neuerdings fast um das Doppelte ver mehrt; 1890 wurde ein Urwald angegliedert, welcher an den Berggartei von Tjibodas anstößt und nicht weniger als 283 Hektar ( 1110 Morgen umfaßt, und in neuester Zeir wurde in der Nähe ein ansehnliches Grunl- stück für die Cultur von Guttapercha erworben. Bei dem hohen Werth, den neuerdings die Guttapercha für viele technische Zwecke, besvndev aber die Fabrikation der marinen Telegraphenkabel, erlangt hat, versprickGeschichte des botanischen Gartens. 63 ix-r Anbau der kostbaren, sie liefernden Palaquium-Bäume besonders glänzende Ergebnisse. Diese gewaltige Entwickelung des Bogor-Jnstitutes, sowie die be wunderungswürdige Organisation des großen Ganzen verdankt dasselbe Professor Treub. Die Anfänge des Gartens waren sehr bescheiden und die Schicksale im Laufe von dreiundachtzig Jahren sehr wechselnd. Als im October 1815 die Generalcommission aus Holland abreiste, um Java aus den Händen der englischen Zwischenregierung zuriick zu empfangen, war ihnen als Direktor der Landbau-Angelegenheiten" ein deutscher Naturforscher beigegeben, C. G. L. Reinwardt, damals Professor der Chemie und Naturgeschichte am Athenaeum in Amsterdam; er sollte sowohl die naturwissenschaftliche Erforschung der Colonie fördern, als auch über ihre praktische Verwerthung Bericht erstatten. Um beiden Auf gaben vereint gerecht zu werden, schlug Reinwardt bereits am 15. April 1817 die Gründung eines selbständigen botanischen Gartens vor, und noch am selben Tage wurde sein bedeutungsvoller Vorschlag von der General- evmmission genehmigt. Schon einen Monat später, am 18. Mai, wurde die Errichtung des neuen Institutes begonnen und ihm der officielle Name l.amls-l lantentuiitt beigelegt, um seine volle Unabhängigkeit von den angrenzenden Parkanlagen des Gouvernements-Palais zu bezeichnen. In den ersten fünf Jahren wurde durch die eifrige Thättgkeit seines Direktors der jtiitge botanische Garten so gefördert, daß er 1822 bei Reinhardt s Rückkehr nach Europa schon über 900 verschiedene Pflanzen arten enthielt. Auch sein Nachfolger, Blume, warf sich mit solchem Eifer auf die systematische Durchforschung der Flora von Niederländisch- Jndien tind speciell von Java, daß er bereits nach wenigen Jahren 1160 Pflanzenarten als neue Formen beschreiben konnte. Aber dieser viel versprechende Anfang schien von kurzer Dauer zu sein. Schon nach neun Jahren, als Blume 1826 nach Holland zurückkehrte, wurde seine Director- stelle Sparsamkeit nicht wieder besetzt und bald darauf sogar die ganze Dotation des Gartens eingezogen; die nothwendigen Regiekosten inußten aus den Mitteln des Gouvernements-Parkes bestritten werden. Ein Decennium hindurch schien die Existenz des Gartens fast vernichtet, und weitere drei Decennien hindurch hatte er den härtesten Kampf nm s Dasein zu bestehen, bis ihm endlich im Jahre 1868 seine volle finanzielle und administrattve Thätigkeit wieder gegeben wurde. Zwei mächtige Feinde waren es, welche während dieser vierzig Jahre die freie, selbständige Entwicklung des Gartens beständig be drohten und bekämpften, der bureaukratische Geist der Regierung und dieGeschichte des botanischen Gartens. 64 Eifersucht der Fachgenossen im Heimathlande. Die trefflichen Holländer bewiesen auch hierin wieder ihre Stammeszugehörigkeit zu Deutschland. Was die Regierung betrifft, so waren zwar mehrere Generalgouverneure und deren Intendanten, die sich zunächst zur Regierung" des Gartens berufen fühlten, seiner Entwicklung wohl gesinnt; Andere hingegen be trachteten ihn bloß als einen angenehmen, schattigen Anhang des Palais- Parkes; und als 1837 endlich sich die Anstellung eines dirigirenden Botanikers neben dem eigentlichen Gärtner als nnvermeidlich erwies, wurden beide auf Antrag des Palais-Intendanten, Major Scharten, unter dessen unmittelbaren Befehl gestellt. Thatsächlich blieb nun der botanische Garten dreißig Jahre hindurch unter militärischem Oberbefehl! Viele ähnliche Wunderlichkeiten hat auch die Geschichte wissenschaftlicher Institute in Deutschland zu verzeichnen in neuerer Zeit nur mit dem Unterschiede, daß man zur sachverständigen" Leitung den Officieren die Juristen vorzieht, deren hohe formale Bildung ihnen nicht gestaltet, die nöthigen materiellen Kenntnisse zu erwerben. Waren die hochgestellten Gegner im Gouvernements-Palais dem Bogor-Garten schon gefährlich, so erwuchsen ihm noch schlimmere Feinde daheim in Holland; das waren die Professoren der Botanik und die Directoren des großen Reichsherbariums in Leiden. Diese wollten den Beutenzorger Garten lediglich als eine untergeordnete Nebenabtheilung des letzteren betrachtet missen und alle Ergebnisse seiner Thätigkeit nur in ihren Besitz fließen lassen; alle Verbindungen des Bogor-Gartens mit anderen botanischen Gärten und Instituten sollten aufgehoben, jegliche Selbständigkeit vernichtet werden. Merkwürdigerweise war es der frühere Directvr des Gartens, B l u m e, welcher mit diesen Angriffen energisch begann; sein wissenschaftlicher Gegner, Professor de Briese in Leiden, setzte sie später in gleicher Weise anhaltend fort. Unter diesen schwierigen Verhältnissen war es allein dem Charakter eines einzigen Mannes von untergeordneter Stellung zu verdanken, daß der Bogor-Garten nicht allein am Leben blieb, sondern sogar im Stillen wuchs und sich günstig weiter entwickelte. Dieser merkwürdige und höchst verdienstvolle Mann war I. E. Teijsmann, ein einfacher Gärtner- gehülfe, den der Generalgouverneur mit nach Java gebracht und 1881 zum Hortnlanus" ernannt hatte. Er besaß nur sehr geringe allgemeine und botanische Bildung, dafiir aber das größte Interesse für das Ge deihen des Gartens, dessen Leitung ihm anvertraut wurde, ferner eine unverwüstliche Gesundheit und Arbeitskraft und rücksichtslose Energie in der beständigen Verfolgung des hohen Zieles, das er sich gesteckt hatte.Geschichte des botanischen Gartens. 65 Nachdem er sich sechs Jahre lang in aller Stille um die Reorganisation des Gartens bemüht hatte, wurde ihm 1837 als Assistent" der treffliche Botaniker l)r. I. K. Haßkarl beigegeben, von dessen reichen Kenntnissen er täglich zu lernen bestrebt war; und im Verein mit ihm begann er sofort die von ihm angeregte Neuordnung der Pflanzen nach den natür- lichen Familien eine Einrichtung, die sich bald als höchst fruchtbar erivies. Natürlich mußte dieser Umpflanzung eine große Anzahl schöner alter Bäume zum Opfer fallen, zum größten Berdrusse des General- Gouverneurs. Da Teijsmann trotz seines wiederholten Gegenbefehls mit dein nvthwendigen Fällen vieler Bäume fortfuhr, fragte er ihn eines Tages: Wer hat hier zu befehlen, ich oder Sie?" Prompt antwortete der Hortulanus: Ich, Eure Excellenz, so lange Sie mich nicht meines Amtes enthoben haben!" Und er blieb im Amte und führte die be gonnene Umgestaltung des Gartens glücklich zu Ende, setzte auch mit zäher Beharrlichkeit und Geduld eine Menge von wichtigen Verbesserungen durch, die für unmöglich" galten. Sehr bezeichnend für den vortrefflichen Charakter von Teijsmann und fiir die selbstlose Hingabe an den Garten, in dessen Dienste er ein volles halbes Jahrhundert wirkte, ist auch die energische Art, mit der er sich gegen die übermüthigen Angriffe der egoistischen Professoren in Leiden, besonders Blume s und de Priese s, zur Wehr setzte. Als der Letztere verlangt hatte, daß eine Anzahl leerer Ward scher Kisten, die er nach Beutenzorg schicken ivollte, mit Pflanzen gefüllt zurück kommen sollten, antwortete Teijsmann, er werde Alles aufbieten, um ihm seine Kisten leer zurück zu senden." lind als de Priese gar das Verbot betrieb, fremde Culturpflanzen aus anderen Erdtheilen in Beutenzorg einzuführen, replicirte Teijsmann: Es erübrigte sich nur noch, zu befehlen, daß alle früher bereits cingeführten Culturpflanzen, und wäre es auch nur der Caffee, der dem Gouvernement jetzt Millionen einbringt, wieder ausgerottct würden!" Mit unermüdlichem Eifer setzte Teijsmann länger als dreißig Jahre hindurch in zahlreichen Berichten die Maßregeln auseinander, welche er zur vollständigen Reorganisation des Gartens siir nothwendig hielt; und endlich hatte er die Genugthuung, seine unausgesetzten Be mühungen mit Erfolg gekrönt zu sehen. Nachdem auch der verdiente Botaniker Miguel in Utrecht seine Pläne kräftig unterstützt hatte, wurde 1868 dessen Schüler Dr. R. H. C. C. Scheffer zum neuen Director des Gairtens ernannt, und diesem zugleich seine volle finanzielle und administirative Selbständigkeit zurück gegeben. Ha eckeil, Insulinde. 5Geschichte des botanischen Gartens. t £yii den zwölf Jahren, in denen S ch e f f e r, Anfangs noch unter der werthvollen Mitwirkung von Teijsmann, die Direktion des Bogor- Gartens führte, geschah sehr viel für dessen allseitige Entwicklung, sowohl in wissenschaftlicher als auch in praktischer Beziehung. Das Terrain des Gartens wurde erheblich erweitert und verbessert, die Zahl der europäi schen Beamten und der eingeborenen Arbeiter vermehrt, und neue Ge bäude wurden errichtet. Zur besseren Aufstellung der Sammlungen und der stattlichen Bibliothek stellte die Regierung das Gebäude des Berg wesens zur Bersügung, das noch heute von den Eingeborenen Kantor Bntu", das Steinkomtvr", genannt wird. 1875 wurde das große Terrain für den Cultur- und Versuchsgarten in Tjikömöh, 72 Hektar umfassend, erworben. Außerdem wurde hier eine besondere Landbau- Schule errichtet, an welcher sowohl die jungen europäischen Beamten die praktische Cultur der Tropenpflanzen kennen lernen, als auch die Söhne der eingeborenen Bauern und Pflanzer gründliche landwirthschaftliche Ausbildung erhalten sollten. 1874 wurden die Annales du Jardin de Botanique de Buitenzorg“ gegründet, die sich seitdem zu der wichtigsten periodischen Zeitschrift für systematische und allgemeine Tropenbotanik entwickelt haben. Leider wurde aber die Arbeitslast, die mit diesen neuen, großen und verschiedenartigen Aufgaben verbunden war, so schwer, daß sie die Gesundheit des eifrigen, unermüdlich thätigen I)r. Sch esse r untergrub; er unterlag schon 1880 erst sechsunddreißig Jahre alt einem acuten Leberleiden. Es war ein großes Gliick für die weitere Entwicklung des mächtig aufblühenden Gartens, daß die erledigte Directorstelle sofort einem jungen Botaniker übertragen wurde, der in jeder Beziehung als der rechte Mann am rechten Orte" bezeichnet werden muß und der sich in den seitdem verflossenen zwanzig Jahren die größten Verdienste uni den selben erworben hal. Die zu einer Commission vereinigten Professoren der Botanik an den holländischen Reichsuniversitäten, die von der Regierung zur Wahl eines passenden Nachfolgers aufgefordert wurden, einigten sich alsbald zum Vorschläge von Dr. M eIchior Treub, damals neunund- zwanzig Jahre alt und Assistent an der botanischen Lehrkanzel zu Leiden. Seiner Wahl ist es in erster Linie zu verdanken, daß seitdem der Bcgor- Garten nicht nur seiner ursprünglichen Bestimmung entsprechend sich glänzend weiter entwickelt, sondern auch weit darüber hinaus zu einem wissenschaftlichen Institut ersten Ranges ausgebildet )at; heute steht er in seiner Art einzig da. als großartigstes botanishes Trop en-J nsti tut".Aufgaben des botanischen Tropen-Jnstitutes. ,i7 Interessant ist der Ueberblick über die Geschichte des botanischen Gartens zu Beutenzorg, den Ur. Treub damals schon zwölf Jahre Direktor in der erwähnten Festschrift zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum des Lands-Plantentuin“ gegeben hat. Man ersieht daraus deutlich, wie unter den mannigfaltigen Interessen, die sich an den Garten von Anfang an knüpften, zwei große Auffassungen im Vordergründe stehen und sich den Vorrang streitig machen: einerseits das theoretische Interesse der wissenschaftliche n Botanik, der hier ein gewaltiges Arbeitsfeld unter den günstigsten Bedingungen sich öffnet, andererseits die praktischen Zwecke der angewandten Pflanzenkunde, vor Allem der Land- und Forstwirthschaft, die hier in Java, einem der reichsten Tropenländer der Erde, ebenfalls auf ungewöhnliche Erfolge rechnet. Natürlich widersprechen sich die Aufgaben des Uands-PIautevtuüch nach diesen beiden verschiedenartigen Richtungen hin in keiner Weise; im Gegenteil sind beide berufen, sich wechselseitig zu stützen und zu fördern. Aber in der Praxis kommt es darauf an, das richtige Gleich gewicht zwischen den Ansprüchen beider Richtungen herzustellen und in der Vertheilung der reichen Hülfsguellen auf beide den richtigen Mittel weg zu finden. Alle Botaniker, die in den letzten sechzehn Jahren das Lands-Plantentuin“ besucht und darin gearbeitet haben, sind überzeugt, das; Lh\ Trend gleich bedeutend als theoretischer Botaniker wie als praktischer Gartendirector jene schwierige Aufgabe in glücklichster Weise gelöst und mit ganz ungewöhnlichem Talent die vielen entgegen stehenden Hindernisse überwunden hat. Um die vielseitigen Verdienste k)r. Treub s richtig zu würdigen, ge nügt ein Vergleich des Zustandes, in welchem er 1880 bei seinem Amts antritt den Garten vorfand, mit demjenigen, welchen er 1892 in der Jubiläumsfestschrift (S. 74 77) schildert, und mit dem Bilde, welches er 1898 von dem gegenwärtigen Zustande in der ersten Nummer des Bulletin“ entwerfen konnte. Die folgenden kurzen, der officiellen Notice sur l etat actuel de l’Institut“ (S. 1 40) entnommenen Mitteilungen mcrten dem Leser eine ungefähre Vorstellung von der außerordentlichen Bedeutung geben, welche das botanische Central-Institut" in letzten Decennium tatsächlich erlangt hat. Als die vier wesentlichen Bestandteile jedes großen botanischen Tropeninstituts betrachtet Trenb mit Recht: 1) Wissenschaftliche Labora ta rien, ausgestattet mit den Hülfsmitteln der modernen Pflanzen- Physiologie und -Morphologie; 2) einen ausgedehnten botanischen Garten, der möglichst vollständiges Material von lebenden Tropenpflanzen jeder68 Einrichtung des botanischen Bogor-JnstituteZ. Zeit zur Untersuchung liefert; 3) ein großes Herbarium, welches nicht nur die einheimische Flora möglichst vollständig enthält, sondern auch zur Vergleichung diejenige aller anderen Tropenländer und insbesondere die typischen Originalexemplare, welche für die Aufstellung der Speeies maßgebend gewesen sind; 4) eine Bibliothek, welche sowohl die botanische Literatur möglichst vollständig enthält, als auch die wichtigsten Werke aus den übrigen Gebieten der Naturwissenschaft. Für dieses letztere, sehr wichtige Bedürfniß geschah viel im Jahre 1897, indem reiche Privatleute Holland eine große Summe für den Neubau eines Bibliotheksgebändes zusammen schossen, und gleichzeitig die Koninglijke Natuurkundige Vereeniging“ in Batavia den Beschluß faßte, ihre eigene werthvolle Büchersammlung in das neue Local zu übertragen. Diese letztere umfaßte 10 800, die elftere gegen 10 000 Bände, so daß gegen wärtig die Gesammtzahl bereits über 20 000 beträgt, ungerechnet viele Tausend Broschüren und Separat-Abhandlungen. Das ansehnliche, mit Lesezimmer sehr bequem eingerichtete Gebäude der Bibliothek liegt uicht im Garten selbst, sondern dessen nordwest lichem Eingang gegenüber, an der anderen Seite der großen Poststraße. Ebendaselbst befindet sich das Museum (eine sehr reiche Sammlung von Alkohol-Präparaten, Früchten, Holzarten u. s. w.) und das als Originalquelle für Bestimmung und Vergleichung der malapischen Pflanzen- Arten höchst wichtige Herbarium. Es besteht aus einem großen, um fassenden Generalherbarium, einer Gartensammlung", welche die ini neuen Catalog des Gartens anfgezählten Pflanzen enthält, einer Labora- toriumssammlung" für den täglichen Gebrauch der daselbst arbeitender Botaniker, und einem Herbarium Bogvriense", welches ausschließlich dit in der Umgebung wild wachsenden Pflanzen enthält und die Grundlagt für die in Publication begriffene Flora von Beutenzorg" liefert. Die Laboratorien des botanischen Bogor-Jnstitutes bilden gegenwärtig dessen eigenthümlichsten und wissenschaftlick wichtigsten Bestandtheil. Nachdem im Winter 1883 84 zum ersten Malt ein europäischer Botaniker, Graf von Svlms-Laubach (jetzt Professor in Straßburg), zum Zwecke wissenschaftlicher Untersuchungen nach Beuten- zurg gekommen war, wurde für ähnliche Besuche 1885 das erste einfache Laboratorium eröffnet. Jetzt dagegen giebt es bereits ein Dutzend ver schiedener Laboratorien, deren ansehnlicher GebäudecoMplex einen weiten Raum in der südwestlichen Ecke des Gartens einnimmt. Alle diese Ge bäude (viele mit kleineren Nebengebäuden ausgestattet) sind geräumig luftig und gut ventilirt, wie es das Tropenklima erfordert, getrennt durchEinrichtung de- botanischen Bogor-Jnstitutes- 69 prächtige Baumgruppen und reichlich bewässert durch den rasch fließenden Bach Tjibalok, der auch die Teiche des Gartens speist. Gleich neben dem Haupteingang des Gartens, der an dessen Süd grenze vom Marktplatze in die große Canarienallee führt, liegt das Bureau, in welchem sich die Arbeitsräume des Directors und seiner Beamten befinden, das Archiv und eine kleine Druckerei. Westlich schließt "ich Daran die Wohnung des Obergärtners (jetzt Hortulanus" Wigman) rad der stattliche Complex der großen Laboratorien. Als selbständige rlbtheilungen derselben sind besonderen Dirigenten unterstellt: das Labvra- oriutn für europäische Botaniker, welche hier Monate lang anatomische rnd phylogenetische, physiologische und bivnvmische Untersuchungen aus- iihren wollen (vorläufig mit fünf wohl ausgestalteten Arbeitsplätzen) die Laboratorien für Pflanzenchemie und Pharmakologie, für Pflanzen krankheiten und Bakteriologie, für Forstflora und Waldcultur, für das Studium des Caffeebaues uitd des Tabaks von Deli, endlich für land- virtlhschaftliche Zoologie, Kenntniß der nützlichen und schädlichen Jnsecten , 1 . s. w. Dazti kommt nun noch ein vortrefflich eingerichtetes Labora torium für Photographie und Lithographie (unter Leitung des deutschen Künstlers C. Lang); ferner die räumlich vom Bogor-Garten getrennten großen Laboratorien im Versuchsgarten von Tjikömöh und im Gebirgs- garten von Tjibvdas letzterer wieder mit vier Arbeitsplätzen und Wohnzimmern für den Besuch europäischer Botaniker. Für den Dienst an diesen umfangreichen Anstalten sind fetzt bereits vierundzwanzig europäische Naturforscher angestellt (meist Holländer); die Zahl der ein geborenen malayischen Diener und Gartengehülfen übersteigt zweihundert. Der beträchtliche Kostenaufwand, welchen die Erhaltung und Ver waltung eines so großartigen Institutes erfordert, würde durch die regel mäßigen Dotationen der Regierung (gegenwärtig 120 000 Gulden jährlich) allein nicht gedeckt werden können. Es ist daher besonders dankbar an zuerkennen, daß nicht nur in Holland eine Anzahl von reichen Privat leuten ihr Interesse an dem Gedeihen des Instituts fortdauernd durch ansehnliche freiwillige Beisteuern bethätigt, sondern daß auch (seit 1893) Gruppen von intelligenten Pflanzern sich zusammen gethan haben, um durch regelmäßige Beiträge die Erhaltung solcher Arbeitsstellen zu er möglichen, die für ihre großen Culturen von besonderem Interesse sind. Aus diesen Mitteln sind z. B. mehrere der Stellen dotirt, welche für das Studium der Cultur des Cafsees, Tabaks. Thees u. s. w. bestimmt sind, insbesondere auch der so verhängnißoollen Pflanzenkrankheiten. Es ist sehr erfreulich, daß auf diese Weise die Nothwendigkeit der innigen70 Praktische Bedeutung des Bogor-Jnstitutes. Verbindung zwischen der t h e o r e t s ch e n Botanik und der praktisch e n Landwirthschaft immer weiteren Kreisen zu klarem Bewußtsein kämmt und dadurch ihre gegenseitige Förderung gesichert wird. Welchen Umfang in Folge dessen der erhöhte Geschäftsverkehr im Bureau des Bogor-Jnstitutes angenommen hat, geht aus folgenden That- sachen hervor: Im Jahre 1893 wurden 1927 amtliche Briefe versendet, im Jahre 1895 schon 2350 und 1897 endlich 4302. Die Zahl der un entgeltlich an Pflanzer abgegebenen Samenpflanzen, Ableger, Samen u. s. w. stieg in denselben drei Jahren von 1159 auf 1663 und 2294. Der außerordentliche prakUsche Nutzen des Institutes wird besonders dadurch illustrirt, daß es täglich von inländischen Landwirthen und Pflanzern besucht und cousultirt ivird, und daß außerdem zahlreiche Pflanzer aus dem tropischen Afrika und Amerika herüber kommen, um sich an dieser maßgebenden, in ihrer Art einzigen Centralstelle Rath zu holen. Während meiner Anwesenheit trafen in Beutenzorg wiederholt deutsche Pflanzer und Regierungs-Beamte aus unseren jungen Colonien behufs werthvoller Instruction ein, sowohl aus West- und Ost-Afrika, als aus Neu-Guinea und den Carolinen. Wenn Ulan die hohen, jährlich viele Millionen betragenden Summen einschätzt, welche die Cultur von Caffee und Thee, Cacav und Tabak, China und Guttapercha, Zimmt und Gewürznelken, und von hundert anderen unentbehrlichen Producten der Tropenflora einbringt, so ist es selbstverständlich, daß deren physiologische Kenntnis;, die sorgfältige Er forschung ihrer Lebens- und Entwicklungs-Bedingungen, die scharfe Unter scheidung und Bekämpfung ihrer zahlreichen Feinde, der Pilze, Jnsecten u. s. w. dem praktischen Pflanzer von höchstem Vortheil sein muß. Nun ist ja schon in unserem gemäßigten Klima der hohe Werth von Forst- akademien, Ackerbauschulcn und landwirthschaftlichen Versuchsanstalten jetzt allgemein anerkannt; in erhöhtem Maße muß das naturgemäß in der Tropenzone der Fall sein, wo die materiellen Werthe der Erzeugnisse viel höher, die Bedingungen ihrer Gewinnung viel verwickelter sind Darüber ist im Allgemeinen dem Bekannten nichts hinzuzufügen. Ganz anders steht es hingegen mit der Frage nach der theoretisch- wissenschaftlichen Bedeutung eines solchen großen botanischen Tropeninstitutes. Ist dasselbe wirklich zu dem Ansprüche berechtigt, den 1)r. Treub in seiner Festrede erhebt, als ein neues, höchst wichtiges und unentbehrliches Glied in die Kette der vielen kostspieligen Einrichtungen einzutreten, welche die moderne Botanik für ihren vollständigen Ausbau zur einheitlichen Gesammtwissenschaft erfordert? Ist es wirklich wünschens-71 Wissenschaftliche Bedeutung des Bogor-Jnstitutes. werth, daß jedes Jahr europäische Botaniker die weite, mindestens vier wöchentliche Reise nach Java unternehmen, um hier mindestens drei bis vier Monate dem Studium der Tropenflora an Ort und Stelle sich zu widmen? Ist es zu verlangen, daß von europäischen Regierungen und Akademien (ivie es in Holland, Deutschland, Oesterreich, Rußland bereits der Fall ist) besondere Stipendien errichtet werden, die unbemittelten Botanikern die Hin- und Rückreise nach Beutenzürg, sowie den mehr monatlichen Aufenthalt daselbst gestatten? ) lieber diese wichtigen Fragen, die fiir die weitere fruchtbare Ent- wicklung des botanischen Centralinstitutes höchst bedeutungsvoll sind, herrscht noch heutzutage nicht allein in den dafür interessirten Kreisen gebildeter Laien, sondern auch in den engeren Kreisen der botanischen Fachmänner eine weitgehende Verschiedenheit der Ansichten. Ich habe mich bemüht, während meines Aufenthaltes in Beutenzorg mir mein eigenes unparteiisches Urtheil darüber zu bilden, und ich will gleich voraus schicken, daß es durchaus zu Gunsten der von Trend ausgesprochenen Ansichten ausgefallen ist. Insbesondere sind es drei verschiedene Ge sichtspunkte, die mir fiir diese Auffassung maßgebend erscheinen, der physiologische, der bionomische und der phylogenetische. Die meisten und wichtigsten Anschauungen, die wir diesen drei Zweigen der wissenschaft lichen Pflanzenkunde entnehmen, sind erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Geltung gelangt, nachdem Charles Darwin (1859) uns über die wahren Ursachen der Erscheinungen des organischen Lebens die Augen geöffnet und in der natürlichen Entwicklung der Formen durch allmähliche Umbildung und gemeinsame Abstammung der Arten den Schlüssel zur Lösung der großen biologischen Welträthsel ge funden hatte. Wesentlich einfacher erschienen die Aufgaben der Botanik und der Zoologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo beide biologische Wissenschaften als beschreibende Naturwissenschaften" galten. Die Botanik fand damals ihre Hauptaufgabe der sorgfältigen systematischen Beschreibung und guten Abbildung aller Pflanzenarten, in ihrer zweck mäßigen Anordnung und Aufbewahrung im Herbarium. Damals vor hundert Jahren war es Alexander von Humboldt, der I) Tie Kosten hierfür belaufen sich gegenwärtig auf insgesammt etwa 4000 Mark. Junge Naturforscher, die wenig Anjpriiche machen, können aber auch ganz gut auf dem Dampfer die zweite Classe statt der ersten benutzen und dadurch beträchtlich spare , lieber die Einzelheiten der Reisekosten hat 1 r. Trend in der ersten Nummer des Lullatin" (1888. S. 30-83) sehr praktische Angaben mitgetheilt.Rcichthum bet Tropen-Flora. 72 Zuerst weitere Kreise für Tropenbotanik zu interessiren wußte. Humboldt hotte auf seinen denkwürdigen Reisen durch die Aequinoctialgegenden des neuen Cvutiuentes" sehr zahlreiche neue Pflanzenarten entdeckt, die zum Theil durch ihre gewaltige Größe imponirten, zum Theil durch dos fremdartige Aussehen ihres Wuchses, durch die Schönheit, Größe und seltsame youit ihrer Blätter, Bliithen und Früchte. In seinen fesselnden Ansichten der Natur" schilderte er anmuthig den malerischen Reiz dieser prachtvollen Tropenpflanzen; in der Physiognomik der Gewächse" unter schied er zuerst die verschiedenen ästhetischen Eindrücke, ivelche die großen Charakterformen der Flora auf uns ausüben; in seiner grundlegenden Pflanzengeographie wies er auf die allgemeinen Gesetze in der Verbreitung der Pflanzenfamilien über die Erdoberfläche hin. Später zeigte er im Kosmos", welchen Werth die Cultur exotischer Gewächse rmd die Land- schaftsmalerei als Anregungsmittel zum Naturstudium" besitzen. Einer seits machte er die hohe Bedeutung der Gewächshäuser klar, welche allein es dem Bewohner der gemäßigten Zone ermöglichen, die großartigsten und schönsten Formen der Tropenflora, die Palmen und Baumfarne, die Bambusen und Bananen, die Pandauen und Lianen, lebendig zu schauen; andererseits betonte er, daß doch diese künstlich erhaltenen, unter unnatür lichen Bedingungen gezüchteten Bewohner unserer Treibhäuser nur eine schwache Vorstellung von der Pracht und dem Glanze geben könnten, welche dieselben Gewächse unter den natürlichen Entwicklungsbedingungen ihrer tropischen Heimath entfalten. Wie verlockend diese glänzenden Schilderungen Humboldt s auf jugendliche empfängliche Gemüther wirkten, ivie sie in jedem angehenden Botaniker den Wunsch einer Tropen reise entzündeten, das weiß ich aus eigener Erfahrung zu berichten. Als vierzehnjähriger Knabe besuchte ich 1848 zum ersten Male die schönen Gewächshäuser im botanischen Garten bei Berlin und auf der Pfaueu- insel bei Potsdam, und etwas später die reizenden Treibhäuser in Moabit, in denen Borsig die schönsten Pflanzenformen der Tropen höchst geschmackvoll hatte zusammen stellen lassen. Da ich damals schon in unserer einheimischen Flora gut bewandert und von Humboldts Schilde rungen begeistert war, reifte in mir sofort der Entschluß, um jeden Preis eine längere Tropenreise zu erstreben ein Wunsch, der erst dreiunddreißig Jahre später zur Ausführung gelangte. Wenn nun schon für diese ältere, systematisch-morphologische Botanik damals bereits der Satz feststand, daß nur die eigene lebendige An schauung der Tropenflora selbst in ihrem Vaterlande uns eine voll kommene Vorstellung von ihrer Eigenthümlichkeit geben könne, so giltWichtigkeit der Tropen-Botanik. derselbe Satz freilich erst viel später zur Anerkennung gelangt! ebenso oder noch mehr auch fiir die jüngere Wissenschaft der Pflanzen- Physiologie, die Lehre von ihren Lebenserscheinuugen, von den Func tionen ihrer Organe, von der speciellen Thätigkeit ihrer einzelnen Theile. Die reichere Entfaltung des Pflanzenlebens, wie sie der verstärkte Ein fluß der Tropensonne, des Lichtes uikd der Wärme, der Ueberfluß an Regen und an Bewegungen hervorrnft, bedingt eine große Anzahl von eigenthümlichen Lebensthätigkeiten und von besonderen Organen fiir die selben, von denen wir in unserem gemäßigten europäischen Klima ent weder gar keine oder nur ganz schwache Andeutungen kennen. Die llntersuchungen von Solms - Laub ach, Stahl, Haberl and t, Wießner und vielen Anderen haben neuerdings gelehrt, daß die sorg fältige physiologische Untersuchung der Tropengewächse in ihrer Heimath, verbunden mit Experimenten, wie sie bisher unter den günstigsten Bedingungen nur in den Laboratorien von Beutenzorg durchzuführen ist , die wichtigsten Aufschlüsse giebt; nicht allein über viele merkwürdige, nur in den Tropen sich entwickelnde Einrichtungen des Pflanzenlebens in einzelnen Formen, sondern auch über schwierige, allgemeine Fragen der Pflanzenphysiologie. Ein wichtiger Punkt verdient hier ganz besonders hervorgehoben zu werden und ist auch von Ur. T r e u b in seiner Festrede mit gebührendem Nachdruck betont worden. Die zahlreichen sorgfältigen Beobachtungen und experimentellen Untersuchungen, aus denen sich die moderne Pflanzen- physiologie als selbstständige Wissenschaft anfgebaut hat, sind zum weit aus größten Theile in Europa an unseren einheimischen Pflanzen an gestellt. Diese sind nun sammt und sonders die einen mehr, die anderen weniger dem periodischen Wechsel der Lebensbedingungen unterworfen, welcher mit unserem regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten nothwendig verknüpft ist. Nur im Sommer entfaltet sich bei uns der weitaus größte Theil des Pflanzenlebens zur vollen Activität, während er im Winter einem mehrmonatlichen, bald kürzer, bald länger dauernden Winterschlafe unterworfen ist. Wenn im Frühjahr die europäische Pflanze zu neuem Leben erwacht, treibt sie zu bestimmten Terminen ihre Blätter, entfaltet ihre Blüthen und reift ihre Früchte; im Herbst ist die ganze Herrlichkeit vorüber, bei den meisten Arten fallen alle Blätter ab, und kein äußeres Lebenszeichen verräth mehr, daß tief im Innern der Lebens- keivi schlummert, der erst im nächsten Frühjahr zu neuer Lebensthätigkeit erwachen soll. Diese allbekannten Erscheinungen, die mit einer Masse von besonderen Anpassungen an den Wechsel der Jahreszeiten verknüpft74 Geschichte der Pflanzenwelt. sind, werden nun in den meisten Lehrbüchern als das normale Pflanzenleben hingestellt. Es wäre dasselbe, wenn man in den Lehr büchern der thierischen Physiologie das eigenthümliche Leben der Murmel- thiere oder anderer, einem langen Winterschlaf unterworfener Säuge- thiere als das normale Paradigma des Mammalienlebens beschreiben wollte. Ein befreundeter Botaniker nannte deshalb die jetzt geltende, von jenem irrthümlichen Gesichtspunkte beherrschte Pflanzenphysiologie die Marmotten-Botanik". Um boshaften Mißdeutungen vorzubeugen, will ich hinzufügen, daß derselbe damit nicht etwa gewisse Professoren der Botanik mit Murmelthieren vergleichen wollte, sondern die von ihnen als Paradigmen betrachteten nordischen Pflanzen. Um den richtigen Standpunkt zur naturgemäßen Beurtheilung dieser wichtigen Verhältnisse zu gewinnen, müssen wir einen Seitenblick die Geschichte der Pflanzenwelt werfen und aus die Geologie, die uns in den Versteinerungen die handgreiflichen Denkmünzen der Schöpfung" in die Hand gibt. Diese lehrt uns nun, daß der Wechsel der Jahres zeiten, den wir von Kindheit an in Europa als Norm betrachten, und die Sonderung der klimatischen Zonen auf unserem Erdball, verhältniß- inäßig n e u e Ereignisse in dessen Geschichte darstellen; sie haben sich ers: im Laufe der Tertiärzeit entwickelt, im Laufe jener känozoischen Geschichts perioden , welche nur ungefähr drei Prozent von der ganzen Länge der organischen Erdgeschichte bedeuten. In der vorhergehenden Secnndärzeit in der Trias, Jura und Kreide abgelagert wurden, und ebenso in der noch älteren und längeren Primärzeit, macht sich der Zonenunterschied noch nicht geltend; ein gleichmäßig warmes und feuchtes Klima, gleick unserem heutigen äquatorialen, herrschte auf der ganzen Erdkugel vom Aequator bis zu den Polen. Das ergiebt sich aus der großen Zahl vor versteinerten Palmen und anderen Tropenpflanzen, welche in der meso zoischen (secundären) und theilweise noch in den älteren tertiären Ab lagerungen von Grönland und anderen arktischen, heute mit Eis bedeckten Gebieten gefunden worden sind. Für die ganze Länge der organischen Erdgeschichte", d. h. jenes ungeheueren Zeitraumes, während dessen sich organisches Leben auf unserem Erdball entwickelt hat, werden von neueren Geologen hundert Millionen Jahre als Minimum angenommen. (Andere schätzen denselben fünf bis vierzehn Mal so lang!) Davon würden also nur drei Millionen auf die Tertiärzeit kommen, d. h. dreitausend Jahrtausende! *) Jeden- ) Ueber die moderne Berechnung und Schätzung dieser langen geologischen Zeit räume vergleiche die Bemerkungen über die Kosmologische Perspective" in meinem Buche über Tie Welträthsel". 0. Auslage. 1901. ckapitel I, Anm. 1Wichtigkeit der Tropeii-Botamk. falls wäre dieser Zeitraum lange genug für die langsame Sonderung der heutigen klimatischen Zonen, die durch die fortschreitende Abkühlung des Erdballs an beiden Polen bedingt wurde. Später, im Beginn der jüngsten Periode, der Oluartärzert, ging diese Abkühlung bekanntlich noch viel weiter und führte die große Eiszeit" herbei, r^chon vor Be ginn der letzteren, gegen Ende der Tertiärzeit, hatte das bedeutendste historische Ereignis stattgefunden, die Entwicklung des Menschengeschlechts aus Menschenaffen der alten Welt. Die hohe Wichtigkeit der Eiszeit für die stärkere Ausbildung der klimatischen Zonennnterschiede und für die großen, damit verknüpften Wanderungen der Thier- und Pflanzenarten ist jetzt allgemein an erkannt, ebenso der maßgebende Einfluß, den dieselben auf ihre heutige geographische Verbreitung gehabt haben. Dabei wird aber häufig ver gessen, daß die tiefgreifenden, damit verknüpften Veränderungen in der Organisation und Lebensweise der Thiere und Pflanzen erst sehr spät entstanden sind. Der lange Winterschlaf unserer nordischen Pflanzen und Thiere, die lange Unterbrechung oder doch Verlangsamung der wichtigsten Functionen, die Beschränkung der Fortpflanzung auf eine bestimmte giinstige Periode das Alles sind späte Anpassungen an die allmähliche Sonderung der Klimazonen, secundäre Abweichungen von den ursprünglichen Verhältnissen, wie wir sie noch heute in der Aeguatorialzone antreffen. Mit Recht sagt Dr. Treub in seiner Festreden Die allgemeine Botanik unserer Hand- und Lehrbücher ist zum größten Theile nur diejenige der gemäßigten Zonen, aber nicht die der Tropen." Und doch zeigen diese letzteren die p r m ä r e n, jene ersteren die neuerlich da von abgeleiteten secundären Verhältnisse. Die zahlreichen, daraus entstandenen Jrrthümer und schiefen Auffassungen werden erst mit Er folg berichtigt werden, wenn eine größere Zahl von Botanikern selbst nach Beutenzorg kommt und sich an Ort und Stelle mit eigenen Augen von jener Wahrheit überzeugt. Leichter einzusehen und allgemeiner anerkannt als diese Bedeutung der Tropenbotanik für die P hy si o logie ist diejenige für die Bi o n o mi e oder Oekologie". Wir verstehen darunter jenen wichtigen Zweig der Biologie, welcher die Beziehungen der Pflanzen und Thiere zur Außenwelt betrifft, zu ihrem Wohnort, zu den Organismen, mit denen sie Zusammenleben, zu ihren Freunden und Feinden, ihren Symbionlen und Parasiten. In Deutschland wird diese Bionomie noch häufig als Biologie (im engeren Sinne) bezeichnet, obgleich man diesen um-Bionomie der Tropen-Pflanzen. 76 snssendsten Begriff nur in weitestem Sinne gebrauchen sollte, für die Gesammtwissenschuft vom organischen Leben: Anatomie, und Physiologie, Bionomie und Chorologie, Ontogenie und Phylogenie lauter einzelne Wissenschaftszweige, die ebenso in der Botanik wie in der Zoologie und Anthropologie unterschieden werden können. Die Bionomie der Pflanzen und Thiere in den Tropen ist schon deshalb viel interessanter und lehrreicher als in den gemäßigten Zonen, weil dort im ewigen Sommer die allgemeine Lebensenergie der Organis- men ungleich größer und niannigfaltiger ausgebildet ist, als hier, wo der Winterschlaf eine lang dauernde Unterbrechung der Functionen be dingt. Hierüber sagt Treub: Die Lebensbeziehungen sowohl zwischen den Pflanzen unter einander als auch der Thierwelt gegenüber bilden an und für sich in den Tropen ein so überaus reiches Forschungsgebiet, daß man sich ohne eigene Anschauung keine richtige Vorstellung davon machen kann. Der Blick einen einzigen umgestürzten Baumstamm in unseren Urwäldern, mit der ganzen .Flora , die sich an und auf diesem einen Stamme ent wickelt hat, lehrt in dieser Hinsicht mehr als die aussührlichsten Be schreibungen. Man erinnere sich nur des Vergleiches halber an die un bedeutende Vegetation von Moosen, Flechten und Algen, die man in Europa an Baumstämmen findet, und an die so spärlich vorkommenden Kletterpflanzen, die in europäischen Wäldern einen schwachen Versuch wagen, den Bäumen Concurrenz zu bereiten. Hier in unseren Trvpen- Gegenden repräsentiren die Anpassungen an die eigenthümlichen Lebensbedingungen, welchen die Epiphyten, Schling- und Kletterpflanzen, ebenso wie die Küstenvegetation (Mangroven) ausgesetzt sind, eine An zahl ebenso neuer als interessanter Forschungsthemen. Die ganze Pflanzenwelt hat in den Tropen in Folge der größeren Verschiedenheit der Formen und der Umgebung Eigenthümlichkeiten aufzuweisen, die der Flora in den gemäßigten Zonen abgehen. Fn tropischen Ländern ist das Arsenal, aus welchem die Pflanzen (und ebenso auch die thiere) für den Kampf ums Dasein" ihr Rüstzeug holen, außer gewöhnlich reich und viel besser ausgestattet als irgendwo anders, weil die Concurrenten bei diesem Kampfe um so Vieles zahlreicher sind und so viel mehr Verschiedenheiten zeigen. Nirgends wird man sich denn auch eine bessere Vorstellung machen können von der Bedeutung der natürlichen Selection, die uns der große Darwin dargelegt hat." Ein große Anzahl von interessanten, dafür sprechenden Beispielen hat Habei lau dt in seiner Botanischen Tropenreise" angeführt undOntogenie bet Tropcn-Pflanzen. illustrirt, besonders in den Capiteln 10 13, welche die Lianen, Epiphyten, AWngroven und Ameisenpflanzen behandeln. Weniger allgemein bekannt und anerkannt, als diese Bedeutung der Tropenbotanik für die Bionomie, ist diejenige für die Phylogenie oder Stammesgeschichte. Ich darf wohl voraussetzen, daß der geneigte Leser im Allgemeinen über die Aufgaben und Methoden dieses jungen Zweiges der Biologie orientirt ist; ich habe dieselben zuerst 1866 (in meiner Generellen Morphologie") eingehend zu begründen versucht. Ihren Grundgedanken formulirte ich in dem biogenetischen Grund gesetze: Die Ontogenie ist eine gedrängte Recapitulation der Phylogenie" oder: Die Keimesgeschichte ist ein kurzer Auszug aus der Stammes geschichte"; d. h. die Reihe von Formen, welche jeder einzelne Organismus, während seiner Entwicklung aus dem Ei bis zur vollende ten Ausbildung durchläuft, ist eine kurze, allgemeine Wiederholung der Formen, welche seine Vorfahren iin ganzen Verlaufe der Stammes geschichte durchlaufen haben. Diese Wiederholung ist um so voll kommener, je älter die heute noch lebende Gruppe ist, zu der der be treffende Organismus gehört, je mehr seine ganze Organisation auf der ursprünglichen Bildungsstufe stehen geblieben ist. Deshalb giebt uns z. B. die Keimesgeschichte der ältesten Wirbelthiere (des Amphioxus, der Cyclostomen, der Haifische) wichtigere und sicherere Aufschlüsse über die Abstammung der Säugethiere (mit Inbegriff des Menschen) von jenen elfteren, als es die Ontogenie der letzteren selbst gn thun im Stande ist. Aehnlich verhält es sich nun auch mit der Entwicklungsgeschichte der Tropenpflanzen. Diese haben zum größten Theile die ursprünglichen Ver hältnisse der Keimbildung getreuer bewahrt als die Pflanzen der gemäßigten Zone; sie sind nicht jenen beträchtlichen genetischen Veränderungen unter worfen worden, welche die letzteren bei ihrer Anpassung an die klimatische Zonensonderung und den Winterschlaf durchmachen mußten. Da die Lebensbedingungen der Pflanzen in der Tropenzone noch heute im Wesentlichen dieselben geblieben sind, wie sie vor Millionen Jahren (in der Primär- und Secundärzeit) auf der ganzen Erde herrschten, so finden wir in deren Keimbildung und Entwicklung noch viele wichtige p a I n - generische Documente, d. h. unverfälschte Ursprungszeugnisse", wogegen diese bei nahe verwandten Pflanzenformen der gemäßigten Zone während der Tertiärzeit verloren gegangen und durch irreführende kenogenetische Abänderungen ersetzt worden sind. Wir beobach ten daher beim sorgfältigen Studium der Ontogenie vieler Tropen pflanzen das nur in der Tropenzone selbst in erforderlichem Maßstabe78 Phylogenic- "bcr Tropenpflanzc . möglich ist) viele bedeutungsvolle Thatsachen, die unmittelbar durch Ver erbung von älteren Ahnen erklärt und somit für die Phylogenie des ganzen Stammes verwerthet werden können; bei den nächsten Ver wandten derselben in Europa, deren Keimesgeschichte vielfach kenogenetisch verändert ist, würden wir vergeblich nach denselben suchen. Nun müssen wir uns wieder erinnern, daß die Phylogenie nicht allein an sich ein höchst wichtiger und interessanter Zweig der modernen Biologie ist, sondern daß sie zugleich der ganzen Morphologie und Systematik der Organismen eine neue erklärende Grundlage gegeben hat. Wie schon L a m a r ck und Darwin mit weitschauendem Blicke erkannten, ist das natürliche Atz st emderhypothetischeSta m m - bäum der Thiere und Pflanzen; ihre wahre Forinverwandtschaft" ist zugleich Stammverwandtschaft". Nun haben zwar die großen Fortschritte der modernen Systematik bereits die Abstammungsverhältnisse vieler größerer und kleinerer Pflanzengruppen befriedigend aufgeklärt; allein über den verwickelten phylogenetischen Zusammenhang derselben (besonders bei den Angiospermen, den höheren Phanerogamen) herrschen noch sehr verschiedene Ansichten. Gerade hier ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die O ntogenie der Tropenpflanzen (sowohl die eigentliche Keimes geschichte, die Embryologie, als die spätere Verwandlungsgeschichte, dic Metamorphosenlehre) uns noch phylogenetische Aufschlüsse von höchster Wichtigkeit geben wird. Diese sind um so kostbarer, je weniger hier dic Paläontologie im Stande ijt, die an sie zu stellenden Anforderungen zr erfüllen, je mehr den bekannten Gründen die Versteinerungsurkunde höchst unvollständig ist und immer bleiben wird. fassen wir alle diese Verdienste der Tropenbotanik zusammen, sc können ivir sagen, daß dieselbe neuerdings fiir die gesammte allgemeinc Pflanzenkunde einen ähnlich hohen, unentbehrlichen Werth erlangt hat, wie für die allgemeine Thierkunde das Studium der niederen See thiere. Seitdem vor sechzig Jahren Johannes Müller in Berlin zuerst die außerordentliche Bedeutung des letzteren darlegte, seitdem seine zahlreichen Schüler alljährlich Reisen an die Meeresküste eine Menge der wichtigsten Entdeckungen machten, ist die marine Zoologie zu einer friiher nicht geahnten Bedeutung gelangt. Nur im Meere finden ivir noch heute lebend eine große Masse von merkwürdigen und inter essanten Thieren, deren vergleichende Anatomie und Ontogenie uns nicht nur dic wichtigsten Aufschlüsse über ihre Phylogenie gegeben, sondern auch zur klaren Lösung vieler schwierigen und dunklen Fragen der all gemeinen Zoologie geführt hat. Heute gilt kein Naturforscher mehr alsZoologische und botanische Stationen. 79 wissenschaftlicher Zoologe", der nicht längere Zeit selbst an der Meeres küste gearbeitet und sich dadurch eine Menge von unentbehrlichen Kennt nissen erworben hat, die auf keinem anderen Wege erlangt werden können. Sehr erleichtert ist den Zoologen diese Ausgabe seit dreissig Zähren durch die Errichtung zoologischer Stationen an der Meeresküste. Während wir Aelteren bei unseren Reisen an dieselbe genöthigt waren, einen großen Apparat von Hülssmitteln mitzuschleppen, Kisten mit vielen Büchern und Instrumenten, mit Netzen und Reagentien u. s. w findet jetzt der moderne junge Zoologe beit größten Theil dieses Apparates fertig und beguem vorbereitet in der zoologischen Station vo , erfahrene Fisscher sind an dieser angestellt und bringen täglich in Fiille das Arbeits- mwterial, welches wir Aelteren uns mühsam und kostspielig mit eigener Hand erwerben mußten. Auch in anderer Beziehung ist der Nutzen der permanenten zoologischen Stationen so allgemein anerkannt und il)u hohe wissenschaftliche Bedeutung so gewürdigt, daß die meisten euro päischen Regierungen feste Plätze an denselben gemiethet und Stipendien gestiftet haben, welche jungen Naturforschern die Mittel zur Reise und zur Benutzung der Plätze liefern. Mit den botanischen Tropen st ationen verhält es sich ganz ähnlich, und es wäre zu wünschen, daß bald die Munificenz der Re- gie-rungen und der Akademien durch Stiftung regelmäßiger Stipendien deren Besuch ebenso erleichterte und förderte, wie es mit den zoolv- g s ch e n M a r n e st ationen bereits geschehen ist. Schön wäre es auch, wenn reiche Privatleute diese Bestrebungen unterstützten, wie es in Holland zu Gunsten von Beutenzorg bereits wiederholt und vereinzelt zu ähn lichen wissenschaftlichen Zwecken auch bei uns der Fall gewesen ist. Die Umiversität Jena wurde so 1886 durch die großartige Schenkung be- reiichert, welche vr.Panlvon Ritter (in Basel) als Stiftung für phylo- gemetische Zoologie gründete. Zahlreiche junge Naturforscher haben seither au s deren Erträgnissen nutzbringende Reisen unternommen, und dasselbe gibt von der Stiftung, mit welcher der verstorbene Graf Carl Bose (in Beiden) Jena beschenkt hat. Möchten solche glänzende Beispiele doch öftrer Nachahmung finden! Wenn aus privaten Mitteln kiinftig wie sicher zu hoffen ist! - Stipendien für die Entwicklung und den Besuch der zoologischen Marine- und der botanischen Tropenstationen in größerer Amzahl gestiftet werden, so werden die edelmüthigen Stifter sich durch deren Verknüpfung mit ihren Namen einen schöneren, fruchtbareren und dauernderen Ruhmestitel erwerben, als durch Errichtung von Standbildern oder durch Häufung von Titeln und Orden.80 Klima vo Bcuteiizorg. Bis jetzt ist nun Beutenzorg die erste und einzige botanische Tropenstation" in obigem Sinne geblieben. Es ist zu vermuthen, das; sie auch dann, wenn andere ähnliche Stationen mit ihr in Concurrenz treten, hinsichtlich ihrer Ausdehnung und ihrer Leistungen die erste bleiben wird. Schon die Wahl des Ortes durch Reinwardt muß als ein überaus glücklicher Griff bezeichnet werden. Denn die Höhe von 265 Meter iiber Meer, der Wechsel des reich gegliederten Terrains, die Ueberfülle des Regens und des fließenden Wassers, das feuchtwarme und doch gesunde Klima, die Nähe von Batavia, andererseits im Siiden die !)lähe der mächtigen Bulcane, welche das Klima in günstigster Weise be einflussen, ferner der hohe landschaftliche Reiz der wechselvollen Umgebung: diese und noch andere, oben schon erwähnte Verhältnisse vereinigt, geben Beutenzorg einen Werth, der schwerlich von einer anderen botanischen Tropenstation in ähnlicher Weise erreicht werden kann. Dazu kommt nun noch der große Vorsprung, den dasselbe durch seine glänzende histo rische Entwicklung besitzt, und die Ausstattung mit allen wünschens- werthen Hülfsmitteln, welche es der Munificenz der Regierung und vieler reicher Privatleute sowohl in Holland wie in Java verdankt. Obgleich Beutenzorg nicht im eigentlichen Aequatorialgürtel liegt (zwischen 3 N. und 3 8. von der Linie), sondern südlich 6 2 vom Aequator entfernt, kann man doch sein Klima als ein echt äquatoriales bezeichnen, weil eine trockene Jahreszeit ganz fehlt und die mittlere Jahrestemperatur beständig 25 0. beträgt; die Mitteltemperatur des wärmsten Monats, September, 25,5 0., diejenige des kältesten Monats, des Februar, 24,5 . Die Wärmevertheilung ist danach so außerordent lich gleichmäßig, daß die extremen Unterschiede der Mvnatsmittel nur einen Grad betragen. Die mittleren Jahresextreme betragen 30,1 und 20,9 , so daß die absolute Jahresschwankung sich nur auf 9,2 beläuft. In dem gemäßigten Kliina von Mitteleuropa, z. B. von Wien beträgt die letztere 48 (zwischen 33,5 und 14,5 ). Die Mittel temperatur des heißesten Monats (Juli) ist in Wien 20,5 , in Berlir 18,8 , in Singapur 26,7 und in Beutenzorg 25,0 . Noch auffallendet ist der Unterschied der Temperaturmaxima in diesen Orten; dieselbe! betragen in Wien 33,5 , in Berlin 33,0 , in Singapore 33,6 und ir Beutenzorg 30,1 . Beutenzorg hat demnach, was den Wechsel der Temperatur be trifft, eigentlich gar keine Jahreszeiten, sondern ununterbrochenen ewigen Sommer. Ebenso durch die örtlichen Verhältnisse der Lage bedingt fehlt wie schon erwähnt eine eigentliche trockene Jahreszeit ganz.Regenmenge in Beutenzorg. 81 vielmehr herrscht das ganze Jahr hindurch ein hoher Grad von Feuchtig keit. Die Gesammtmenge der atmosphärischen Niederschläge beträgt im Durchschnitt jährlich 450 Zentimeter; was das bedeuten will, begreift man bei dem Vergleiche mit Mitteleuropa, wo die entsprechende Durch- schuittsmenge z. B. für unser norddeutsches Tiefland auf 61 Zentimeter berechnet ist, für Süddeutschland auf 82. für Oesterreich-Ungarn auf 74 Zentimeter. Das schone Salzburg, dessen Negenreichthum so null Touristen in üblem Andenken haben, bringt es nur auf 116 Zentimeter: in Beutenzorg regnet es vier Mal so viel. Unser immergrüner Paradies garten ist demnach einer der regenreichsten Orte nicht nur des malayischen Archipels, sondern der ganzen Zrde. Die Gesammtzahl der Regentage im Monat schwankt durchschnittlich zwischen 18 und 24; während des Westmonsuns regnet es oft mehrere Wochen hinter einander täglich und zwar tüchtig! Ein einziger solcher Guß (wir würden bei uns Wolken- bruch" sagen) liefert bisweilen in wenigen Stunden eine Niederschlags menge von 40 bis 100 Millimeter und darüber. Daß unter diesen außergewöhnlich günstigen Verhältnissen, unter dem vereinigten Einfluß der beständigen Aequatorialwärme und des Regenüberflusses, die Tropenvegetation im Bogor-Garten den höchsten Grad üppigen Wuchses und reicher Entfaltung in jeder Beziehung ent wickelt, ist begreiflich. Das natürliche Treibhaus" zeigt hier seine gewaltige Triebkraft in äußerstem Maße. In der trockenen Jahreszeit, Vormittags, beträgt die relative Luftfeuchtigkeit 80 bis 90 Procent, in der trockensten Stunde, Mittags zwischen 12 bis 1 Uhr, 70 bis 80; wenn aber Nachmittags der übliche Platzregen gefallen ist, steigt sie rasch 90 bis 97 Procent und erhält sich auf dieser Höhe die ganze Nacht bis 7 Uhr Morgens, d. h. die Luft ist während zwei Drittel der Tages zeit mit Wasserdampf nahezu gesättigt! Während des größten Theils des Jahres läuft der tägliche Wechsel von Wärme und Feuchtigkeit im Aequatorialklima von Beutenzorg mit solcher Regelmäßigkeit ab, wie es an wenigen anderen Orten der Erde der Fall ist. Die schönsten Stunden des Tages sind die vier Morgen stunden von 5 bis 9 Uhr; das Erwachen des jungen Tages, die er frischende Kühle, der Glanz der glitzernden Thautropfen an den Blättern, die im Licht der aufsteigenden Sonne zu funkelnden Diamanten werden, dazu die Entfaltung der zusammengelegten Blätter, das Erwachen der schlafenden Blumenkelche, die munteren Stimmen der Vögel und Jnsecten das alles zusammen genommen ist unbeschreiblich schön! Die Aquarell skizzen und Photogramme, welche ich in diesen goldenen Morgenstunden Haeck Jnsulinde. 82 Tägliches Wetter in Beutenzorg. theils im Garten selbst und seiner nächsten Umgebung, theils in der weiteren Umgegend von Beutenzorg aufnahm, werden zu den mir liebsten Erinnerungen dieser Javareise gehören. Um 9 Uhr Vormittags beginnt die hoch anfsteigende Tropensvune ihren mächtigen Einfluß gefahrdrohend zu entfalten, in zunehmendem Maße bis zu Mittagszeit. Es gilt als allgemeine Regel, ivährend dieser heißesten Zeit das Arbeiten im Freien zu vermeiden und im kühlen Zimmer oder Laboratorium zu bleiben; diese Stunden sind (nächst den kühlen Morgenstunden) auch für wissenschaftliche Untersuchungen die beste Arbeitszeit des Tages. Ich versuchte wiederholt, jener zweckmäßigen Regel zu trotzen und bis zur heißesten Mittagszeit im Garten zu sammeln, zu malen und zu photographiren. Diesen Leichtsinn mußte ich mit einer starken Erkältung und rheumatischem Fieber büßen, welches mich fast den ganzen November an das Zimmer fesselte. Von 11 bis 1 Uhr ist gewöhnlich die Hitze am drückendsten; doch entwickeln sich meistens schon während dieser Zeit die schweren Regenwolken, die von den ur waldbedeckten Vulcanen im Süden Heraufziehen. Zwischen 1 und 2 Uhr ist dann gewöhnlich schon der ganze Himmel mit einer düsteren Wolken decke überzogen, und heftiger Donner beginnt deren Entladung anzuzeigen. Meistens zwischen 2 und 4 Uhr, seltener früher oder später, gehen dann jene colossalen Regenmassen nieder, welche auf das derbe, feste Laub werk der immergrünen Bäume rvie Hagelscharier niederprasseln uird in kürzester Frist alle Wege in strömende Gießbäche verwandeln. Wenn nicht im ganzen Garten alle Wege vortrefflich chaussirt oder fest ge pflastert wären, rind wenn nicht zrrgleich durch ein sinnreiches Spstem von Abzugscanälen für baldige Entfernung des Wasserüberflusses und zweckmäßige Bewässerung aller Thcile gesorgt wäre, so würde es un möglich sein, den großen, prachtvollen Garten stets in dem ausgezeichneten Zustande zu erhalten, den wir zu bewundern gezwungen sirrd. $n ben letzten Tagesstunden, zwischen 4 nrrd 6 Uhr, hat meistens der Regen aufgehört oder dauert nur im geringen Maße fort. Dann prangt oft der ganze Garten in üppigster Frische, während Nebelschleier durch die Kronen der hohen Bäume ziehen; oder wenn die Abendsonne noch durch die Wolkendecke bricht, bereitet sie uns ein entzückendes Schan- spiel, indem sie Berge und Wolken mit den glühendsten Farben be- malt und die triefenden Blätter in den leuchtendsten Reflexen erglänzen läßt. Wenn nun nach Sonnenuntergang rasch die Dämmerung herein- gebrochen ist, beginnt das tropische Jnsectenleben in eigenthümlichrr Form seine energische Fülle zu äußern: das tausendstimmige ZirpenJnjectenleben in Beutenzorg. und Singen von Cicaden und Grillen erfüllt die Luft, manchmal so dröhnend, daß man in nächster Nähe das Wort des Tischnachbars nicht verstehen kann. Noch unangenehmer sind die fliegenden Jnsecten, die, durch das Licht der Lampe angezogen, zu Tausenden in unsere Veranda und selbst in das geschlossene Zimmer dringen: geflügelte Ameisen und Termiten, Moskitos und Motten, Cicaden und Heuschrecken. Die Zu dringlichkeit dieser ungebetenen Gäste, deren Schwärme oft dichte Wolken bilden, ist so groß, daß man oft das Zimmer völlig schließen muß, trotz der dumpfen Treibhausatmosphäre, und endlich froh ist, bald unter das geschlossene Moskitonetz der riesigen Bettstatt kriechen zu können. Das tägliche Leben der Europäer in Beutenzorg und insbe sondere die Tageseintheilung der fleißigen Laboranten im botanischen Institute ist diesen regulären Witterungsverhältnissen durchaus an gepaßt. Da die Vormittagsstunden, von Tagesbeginn an, als die werth- vollste Arbeitszeit des ganzen Tages geschätzt werden, stehen wir schon um 5 oder Uhr auf, nehmen ein erfrischendes Morgenbad und zur Stärkung eine Tasse Thee oder Kaffee. Um 8 Uhr wird das eigentliche Frühstück eingenommen, Kaffee, Thee oder Cacao mit ein paar Eiern, nach Bedürfnis auch mit ein oder zwei Fleischschüsseln und einem Nach tisch herrlicher Früchte. Von 8 V 2 oder 9 bis 1 Uhr wird fleißig ge arbeitet: ich untersuchte während dieser Zeit im Laboratorium das Plankton der Gartenteiche und der Reisfelder, zeichnete neue Knnst- formen der Natur" und sammelte zugleich eine Menge von interessanten Thieren, ivelche mir täglich die malayischen Gartenarbeiter und deren Kinder brachten; vorzugsweise Jnsecten und Arachniden (Skorpione und Spinnen), Reptilien (Eidechsen, Schlangen) und Eier derselben auf allen Entwicklungsstufen; ich konnte in wenigen Monaten eine reiche embryologische Sammlung zu Stande bringen, und ebenso eine Collection von jenen seltsamen Jnsecten der Tropenzone, welche durch Mimicry“ oder mimetische Anpassung die speciellen Formen, Farben und Zeichnungen von Pflanzentheilen (Blätter, Blüthen, Früchte, Zweige) in vollkommenster Weise nachahmen. Die weitaus merkwürdigsten von diesen gehören der Ordnung der Orthopteren oder Schrecken an: grüne Blatrschrccken oder wandelnde Blätter" (Lchllium), Blumenschrecken oder wandelnde Blumen" (violetten Orchideenblüthen gleich), graue Astschrecken, welche völlig dem dürren, mit. Flechten bedeckten Aste gleichen, auf dem sie sitzen, u. s. w. Zoologen, welche sich in dem neuen Laboratorium des Bogor-Gartens dem Studium dieser und unzähliger anderer bionomischer Wunder widmen, finden hier noch unendlich viel zu thun. 6 *84 Tages-Eintheilung in Beutcnzorg. Hin 1 Uhr werden die Laboratorien geschlossen, und man begibt sich zum Genüsse des Tiffin oder Lunch. Meistens wird dies hier in Form der sogenannten Reistafel" genossen, bei welcher der grundlegende Reis eigentlich die Nebensache ist, die Hauptsache dagegen die zwanzig bis dreißig verschiedenen pikanten Znthaten zu demselben, welche aus allen möglichen vegetabilischen und animalischen Körpertheilen mit Hilfe scharfer Gewürze bereitet werden ähnlich wie in Englisch-Jndien das berühmte Curry and rice“, über welches ich in meinen Indischen Reise briefen" berichtet habe. Da ich nicht für diese complicirten und meist sehr beliebten Delicatessen schwärme, sondern eine einfache europäische Mahlzeit vorziehe, war es mir sehr angenehm, daß mein liebenswürdiger Gastfreund, Professor Treub, meinen Geschmack theilte und mich statt dessen mit einer ausgezeichneten französischen Kiiche bewirthete, wie man sie hier selten findet. In der Regel saßen wir dabei plaudernd 1 1 Vs Stunden zusammen; dann widmeten wir uns der Siesta, die hier all gemein als ein sehr wichtiges Glied in der Stundenkette des Tages be trachtet wird: eine bis zwei Stunden völlige Ruhe des Körpers und Geistes. Durch das heftige Gewitter, das während dessen draußen tobt wird die behagliche Ruhepause drinnen doppelt angenehm. Der Nachmittag von 4 bis 6 ist für die Arbeit int Laboratorium nicht mehr geeignet; die Luft darin ist dann drückend schwül und das Tageslicht gewöhnlich viel zu düster, um noch mit dem Mikroskop- arbeiten zu können. Ich habe gewöhnlich die Zeit von 3 bis 5 Uhr zum Malen oder zum Schreiben von Briefen oder Reiseerinnerungen benutzt, mich um 4 Uhr durch eine Tasse Thee erfrischt und von 5 bis 6V2 oder 7 Uhr einen Spaziergang gemacht. Und wie unvergleichlich sind dies- Abendwanderungen, wenn der prasselnde Regen aufgehört hat, di- farbigen Wolken am klaren Abendhimmel sich verziehen und die unter gehende Sonne ihren vollen Strahlenglanz durch die gefiederten Kroner der Palmen wirft! Um 6 oder 6V2 Uhr wird die Lampe angezündet und die Zeit bis 8 Uhr zum Lesen und Schreiben benutzt. Die Stunde von 7 bis 8 Uh: ist hier auch die allgenieine officielle Besuchsstunde. Man wirft sich danr in den europäischen schwarzen Gesellschaftsanzug, während man Tags übe: die bequeme, leichte Tropenkleidung trägt: weiße Jacke und Hose vor leichtem Baumwollstoff, leichte Strümpfe und Schuhe keine Cravatt, urrd Halskragen, keine Stulpen und Handschuhe, und wie alle bii Marterinstrumente der westlichen Civilisation heißen. Auch die hollän dischen Damen machen es sich vernünftiger Weise sehr bequem, indenGarten-Wohnungen in Bentenzorg. 85 sie nach malayischer Landessitte Tags über nur drei leichte Kleidungs- stiicke tragen: eine weite weiße Jacke, die Kabaya, den bunten Sarong, ein großes Stück Kattun, das gleich einer Schiirze um die Hüften ge schlungen wird und bis zu den Füßen herab fällt, und ein paar zier liche Pantöffelchen, in welche die nackten Füßchen (ohne Strümpfe!) ge steckt werden alles Andere ist vom Nebel! Erst gegen 5 oder 6 Uhr Abends ivird Toilette gemacht, und dann sind auch die europäisch ge kleideten Damen bereit, Besuche zu machen und zu empfangen und um 8 Uhr Abends am Diner Theil zu nehmen. Die beiden letzten Abend- stunden, von 8 bis 10 Uhr, saß ich gewöhnlich allein mit meinem Gast freund, Dr. Treub, bei seinem trefflichen Diner, und erfreute mich der stets interessanten Unterhaltung mit diesem ausgezeichneten Naturforscher; er muß mir erlauben, ihm an dieser Stelle nieinen herzlichsten Dank nicht nur für die berühmte orientalische Gastfreundschaft" zu sagen, die er mir mehrere Monate hindurch in der denkbar angenehmsten Weise gewährte, sondern auch fiir den hohen Genuß und die vielfache Belehrung, welche ich in mannigfaltigen Gesprächen mit ihm aus seiner orientalischen Philosophie" geschöpft habe. Das neue Directorialgebäude liegt im schönsten Theile des Gartens, nahe der südwestlichen Ecke, an der Stelle, wo die große, den Garten durchziehende Fahrstraße in weitem Bogen aus der ostwestlichen Richtung in die südnvrdliche übergeht. Das geräumige Haus, einstöckig gleich allen anderen, hat eine schöne, auf Säulen ruhende Vorhalle, aus welcher der Blick über schöne, grüne Rasenflächen auf großblumige Sträucher und prachtvolle Baumgruppen fällt, phantastisch geschmückt mit Lianen Fig. 2 j). Den gleichen erfrischenden Blick genieße ich aus deni Vorder zimmer meines Pavillons, welcher durch einen breiten, gedeckten Gang mit der Wohnung des Direktors verbunden ist. Zwischen beiden Häusern stehen prächtige Bambusgruppen und Palmen, hinter denselben Gruppen von Cvcospalnien und dem merkwürdigen Lelittulobium excelsum, einer Leguminvse, die mit ihrer Krone von zierlich doppelgefiederten Blättern auf hohem, schlankem Stanun einem Baumfarn gleicht. Von allen Aesten hängen, gleich dichten, grünen Riesenmänteln und Guirlanden, mächtige Lianen herab, darunter die merkwürdige Zannonia mit ihren kopfgroßen Riesenfrüchten; in diesen sind, dichtgepackt wie Packete von Postpapier, Hunderte von großen fliegenden Samen mit ein paar Flügeln gleich dünnem Seidenpapier eingeschlossen (Fig. 31). Wenn wir nun von unserer Wohnung eine kurze Wanderung durch den herrlichen Garten antreten, so kommen wir auf der großen Fahr-86 Lianen im Garten von Bcutenzorg. ben Mittelrippen ihrer schön geschwungenen Fiederblätter ausgehen, angeln uns beim Besuche dieses Dickichts die Hiite vom Kopfe und zerreißen unsere Kleider. Furchtbar bewaffnet ist namentlich Daemonorops. (5}ef)en wir nun durch die herrliche Allee von hohen Fächerpalmer (Livistona) an der Westseite des Gartens nach Norden, so treffen wii rechts die sonnige Parkanlage des Rosengartens, in dessen Mitte eim Granitsäule das Andenken an den hochverdienten Teijsmann lebendic erhält. Das hohe Bambusgebüsch im Hintergründe beschattet, Trauer weiden ähnlich, den Begräbnißplatz der Generalgouverneure und ihre. straße links zunächst in das alte Quartier der Lianen, in welchem Schling- und Kletterpflanzen der verschiedensten Art ihr tolles Wesen treiben; von einem Rieseubaum auf den andern steigend, würden sie bald ein undurchdringliches Djnngle" schaffen, wenn nicht das Messer des Gärtners beständig Lufträume zwischen ihnen frei hielte. Allen voran stehen die merkwürdigen Rotangpalmen (Calamin), deren öintite, kletternde Stämme das Spanische Rohr" für unsere geflochtenen Sessel liefern; sie werden mehrere hundert Fuß (im Urwald sogar über tausend Fuß) lang (Fig, 44). Die mit Widerhaken besetzten Ruthen, welche von Fig. 21. Directorial-Wohnnng in, Garten von Beutenzorg.Lictoria-Teich in Beutenzorg. 87 Familienmitglieder. Eine stattliche 91 Itee von weißstämmigen Königs palmen (Oreodoxa regia) führt weiterhin zum Palais des General- gouverneürs mit seiner stolzen Säulenhalle und seinem Kuppelbau. Aus dessen Park führt nördlich eine Allee von mächtigen Waringinbäumen nach der großen Poststraße hinüber; jeder von diesen colossalen Feigen bäumen (Ficus benjaminea) stützt sich aus zahlreiche Luftwurzeln uitd bildet eine Halle für sich. Obgleich die beiden Baumreihen der breiten Allee weit aus einander stehen, stoßen ihre mächtigen, horizontal von den Stämmen abgehenden Aeste doch in der Mitte zusammen und bilden ein dichtes Schattendach. Der große Teich, welcher sich südlich vom Regierungspalaste aus dehnt und oben in zivei Arme gespalten ist. bietet eines oer schönsten Landschaftsbilder im Garten. Seine spiegelnde Fläche ist teils mit den stacheligen Riesenblättern und weißen Blumenkronen der Victoria regia bedeckt, der gewaltigsten aller Seerosen, theils mit den schönen Blüthen des mythischen Lotos (Nelumbium speciosum), theils mit Seerosen (Nym- phaea) von verschiedener Farbe. In der Mitte des Teiches schwimmt eine kleine Insel, die wohl das farbenreichste Palmenbouguet bildet, das man sich denken kann, lieber bunten Büschen von Groton, Acalypha und Godiaeum erheben sich die schlanken Stämme der zierlichen, rothen Pinangpalme (Cystostachvs rendah); ihre scharlachenen Blattstiele und Blattscheiden leuchten schon von Weitem aus dem dunkeln Laub- und Astgewirr hervor, während die Liane Thunbergia grandiflora sich mit ihren großen, violetten Blumenglocken überall durchwindet. Unter den zahlreichen Bäumen, welche die Ufer des großen Teiches säumen, fällt einerseits die hochstämmige Ravenala madagascariensis auf, mit ihrer fächer förmigen, .in einer Ebene senkrecht stehenden Blätterkrone; andererseits die afrikanische Kigclia pinnata, der seltsame nubische Derwischbaum oder besser Leberwurstbaum" denn von den schön geschwungenen Zweigen seiner breiten Krone hängen an meterlangen Schnüren Tausende von großen Früchten herab, die äußerlich an Gestalt, Größe und Farbe täuschend einer appetitlichen Braunschweiger Leberwurst gleichen; sie sind 30 40 Centimeter lang, 8 10 Zentimeter dick und mehrere Pfund schwer (Fig. 23, Seite 91). Versuchen wir sie anzuschneiden und sie zu kosten, so werden wir freilich bitter enttäuscht; denn das steinharte Fleisch der Frucht schließt viele kleine, harte Samen ein und ist ganz ungenießbar. Längs des westlichen Ufers des großen Victoriateiches verläuft die berühmte Canarienallee, die geraden Weges zum Haupteingang des Gartens in der Mitte seiner Südseite führt. Der breite Fahrweg88 Canarien-Allee in Bcuteiizorg. ist nn beiden Seiten gesäumt mit einer Reihe von ungefähr 160 Pracht exemplaren des Canarium commune, eines mächtigen Baumes aus der Familie der Burseraceen, der aus Ambon stammt und jetzt vielfach als prächtiger Alleebaum angepflanzt wird. Gleich Säulen steigen die lichten Stämme gerade empor, unten gestützt durch einen starken Sockel, einen Kranz von senkrecht stehenden Bretterwurzeln, die nach allen Richtungen sich ausbreiten. Die Helle Rinde der Stämme ist größten Theils dicht bedeckt mit Epiphyten und Kletterpflanzen der verschiedensten Art, meistens Aroideen und Freyeinetten, Orchideen und Farnen. Die dichten, dunklen Laubkronen der Stämme treten hoch oben von beiden Seiten in schönem Bogen zusammen und bilden ein gewölbtes Blätterdach, welches nur wenig Licht durchfallen läßt. Die ganze Allee macht den erhabenen Eindruck eines gothischen Domschiffes. Der ganze östliche Theil des Bogor- Gartens bildet einen Abhang, der sich vom Ostufer des großen Teiches gegen den Tjiliwongflnß hinab senkt. Gei ist ebenso wie die westliche Hälfte in viele Ouartiere getheilt, welche die natürlichen Familien getrennt enthalten und durch orieutirende Aufschriften bezeichnet sind. Von jedem Baume sind in der Regel wenigstens zwei Exemplare neben einander gestellt, von denen das eine besonderer Etiguctte den Namen der Gattung und Art angibt. Ueber- haupt ist die ganze musterhafte Anordnung des Gartens der Art, daß nicht nur der Botaniker, sondern auch der diletttrende Pslanzensreund mit leichter Mühe sich selbst zurecht finden und belehren kann, zumal an der Hand jenes von Dr. W. Burck verfaßten Leitfadens, dessen wir als eines Bestandtheiles der Festschrift bereits gedacht haben. Wenn wir vom unteren (südlichen) Ende des großen Teiches rechts hinab steigen, gelangen wir bald an ein kleines, kreisrundes Wasserbecken, in dessen Mitte ein Springbrunnen emporsprudelt. An seinem nörd lichen Rande erheben sich zwei eolossale Gummibänme, die einen eisernen Gartenpavillon beschatten. Auch dieser kleine Teich, rings von mächtigen Bäumen umgeben, ist mit Seerosen geschmückt. Die malerische Scenerie ist von eigenthllmlicher düsterer Schönheit. Rechts weiter hinab steigend kommen wir in das Farn-Ouartier, in welchem einerseits die zier lichen Baumfarne die schönsten aller Pflanzengestalten , anderseits Farnkräuter mit colossalen Wedeln unsere höchste Bewunderung erwecken. Dazwischen sitzen und kriechen eine Menge von kleineren Farnen, deren zierliche Fiederblattbildung von keiner anderen Pflanze erreicht wird. In der Nähe des Farn-Gartens stoßen wir auf eine der seltsamsten Pflanzengruppen, das Quartier der Paudaueen oder Schrauben-Schrcmbcnpillmm in Beutenzorg. F 22. Eine Schraubenpalme (Pandanus leram).90 Palmen-Gartcn in Beuteiizorg. palmen". Diese, den Palmen verwandten Monocotylen, meistens Be- wohner des Meeresstrandes und der Sümpfe, zeichnen sich durch den Besitz vielverzweigter Stelzenwurzeln ans, denen sich der hellgraue Stamm über den Boden erhebt, ähnlich ivie bei den Mangroven. Oben tragen die gabeltheiligen Aeste des Stammes an jedem Zweige einen rundlichen Schvpf von langen, säbelförmigen, zurückgekrümmten Blättern, die am Grunde dicht spiralig gestellt eine regelmäßige Schraube bilden. Etwas enttäuscht werden wir von dem anstoßenden Orchideen - Quartier, in welchem Hunderte von Arten als Epiphpten an die Stämme von Plumiera angeheftet sind. Die meisten Arten dieser herrlichen Blumen blühen nur selten und kurze Zeit. Immerhin finden wir hie und da versteckt eine blühende Orchidee, deren prachtvolle Blumen sowohl durch herrlichen Duft ivie durch seltsame Form und bunte Färbung unsere Aufmerksamkeit fesseln. Um so großartiger und interessanter ist das nördlich anstoßende Palmen-Quartier, welches sich am östlichen Abhang bis zum Tjiliwongfluß hinabzieht und über fünfzig verschiedene Gattungen dieser Familie der Fürsten der Gewächse aufweist. Ehe wir in dasselbe eintreten, bewundern wir noch die großartige Fernsicht aus einem ober halb gelegenen Pavillon. Der Blick schweift hier über den östlichen Theil des Gartens und die anstoßenden Reisfelder bis zu dem blauen Gebirge im Süden, über welchem sich die mächtigen Vulkanhäupter des Gedeh und Pangerango erheben. Bei der aufmerksamen Wanderung durch das Palmen-Quartier erstaunen wir nicht allein über dir Riesengröße, welche der Wuchs aller einzelnen Baumtheile in dieser Fürstenfamilie" erreicht, sondern auch über die Mannigfaltigkeit, welche sich in der verschiedenen Ausbildung aller einzelnen Theile kundgibt. Das Schema der Palmen, wie wir es uns gewöhnlich von der Dattelpalme oder Fächerpalme abstrahiren, ist zwar höchst einfach: ein ungetheilter Säulenstamm, der oben eine einfache Krone von Fieder- oder Fächerblättern trägt, und zwischen diesen hängen die Trauben der Blüthen und Früchte herab. Aber welche Mannigfaltigkeit in Wirklichkeit, wenn wir die Formen der glatten oder stachelbewehrten Stämme vergleichen, das Gewebe und die Linienführung ihrer ge schwungenen Blätter, die Größe, Farbe und Form der Blüthen und Früchte! Ich würde den Leser gerne noch näher in die verschiedenen Geheim nisse dieses wunderbaren Palmengartens einweihen; ich würde ihn gerne nvch in den phantastischen Märchenwald des südlich anstoßenden Legu- minosen-Quartiers einführen, oder nördlich in den weit ausgedehnten Zipfel des Gartens, welcher die imposanten Riesenbäume trägt aus denLeberwurst-Bäume in Beutenzorg. ! 1 artenreichen Familien der Feigen- und Brotfruchtbäume, der Lorbern und Casuarinen, der Dipterocarpen und Euphorbiaceen nicht zu ge denken vieler anderen, kleineren und bescheideneren Familien, die aber doch viel Schönes und Interessantes bieten. Allein ich fürchte, ich habe der Geduld des Lesers mit meinen botanischen Liebhabereien bereits zu viel zugemuthet, und muß ihn bezüglich aller weiteren Information auf das schon erwähnte Buch von Haber lau dt, die Botanische Tropen reise", verweisen; er wird hier nicht allein alle wichtigeren Pflanzen- fvrmen des Gartens beschrieben und illustrirt finden, sondern auch zahl reiche bionomische Bemerkungen, welche die wunderbaren Anpassungs und Vererbungserscheinungen der Tropenflora vom Standpunkte der Abstammungslehre aus erklären. Soll ich in wenigen Worten die Eindrücke zusammenfassen, welche ich während des mehrmonatlichen Aufenthaltes im botanischen Central- Jnstitute von Beutenzorg empfangen habe, so kann ich nur sagen, daß sein Besuch allein die weite und kostspielige Reise von Europa nach Java lohnt. Es bleibt also nur zu wünschen, daß jedem strebsamen, jungen Botaniker die Mittel gewährt werden, sich hier einen reichen Schatz der werthvollsten Anschauungen für das ganze Leben zu erwerben.Viertes Capitel. Bin ArwM von Ijiöodas. K m S chlüsse des Jahres 1900 hatte ich meine biologischen Studien im Laboratorium von Beutenzorg beendigt. Zu Weihnachten, das in Indien nicht besoitders gefeiert wird, packte ich meine hier gemachten Sammlungen ein. Da waren die zahlreichen kleinen Glaser, die vor zugsweise Gliederthiere (Jnsecten und deren Larven, Skorpione, Spinnen, Tausendfüße und Crustaceen) enthielten; die Glasröhren mit werth- vollen Embryonen von Wirbelthieren (Fischen, Amphibien, Reptilien. Säugethieren); die Blechkästen mit den größeren Wirbelthieren, Fischen, Riesenfröschen (doppelt so groß als unsere gewöhnlichen deutschen Frösche), meterlangen Rieseneidechsen (Monitoren), mächtigen Schnapp- schildkröten, javanischen Schuppenthieren u. s. w. Als alle diese Hunderte von Objecten nebst den vielen zu ihrer Präparation nöthigen Instrumenten tind Gläsern endlich in sechs großen Kisten untergebracht waren, geitoß ich jenes wohlthuende Gefühl, welches jeder reisende Naturforscher am glücklichen Abschlüsse einer solchen mühseligen Campagne empfindet. Ich genoß es doppelt, weil ich mir sagte, daß von den zahlreichen Seereisen, die ich im Laufe eines halben Jahrhunderts zum Zwecke biologischer Forschungen angestellt, hatte, diese malayische nicht nur die weiteste, sondern auch die letzte bleiben wird. Der Monat, den ich nun für meinen Aufenthalt auf Java noch übrig hatte, sollte einer Landreise durch den schönsten und interessantesten Theil dieser herrlichen Smaragdinsel", durch das Hochland der Preanger Provinz, und besonders einer gründlichen Bekanntschaft mit dem Urwalde von Tjibodas gewidmet werden. Ich wollte nicht von dieser Perle der niederländischen Colonien in Ostindien scheiden, ohne wenigstens ihre be rühmtesten Punkte gesehen zu haben. Bisher war ich aus dem schönen ^Beutenzorg und seiner nächsten Umgebuitg kaum heraus gekommen.Besuch von Batavia. 93 Selbst die Hauptstadt Batavia hatte ich erst kennen gelernt, nachdem mir von der dortigen Naturkundigen Vereinigung" als ihrem Ehren mitglied die Aufforderung geworden, daselbst einen populär-wissenschaft lichen Vortrag zu halten. Dies geschah am 17. December 1900; ich ver suchte, die Geschichte und das Leben der Protisten", der niedersten ein zelligen Lebewesen, einem größeren Zuhörerkreise zu erklären und die großartigen Fortschritte, die auf diesem Gebiete während des letzten halben Jahrhunderts gemacht worden sind, zusammen zu fassen. Ilm den Vortrag anschaulicher zu gestalten, hatte ich dabei eine größere An zahl von Abbildungen ausgestellt; auch jene Tafeln aus meinen Kunst formen der Natur", auf denen sowohl von llrpflanzen (Protophyten) Fig. 24. Ficus Minahassa, ein Feigenbaum, aus dessen Stamm lange Blüthen-Aehren herabhängen. als von Urthieren (Protozoen) die zierlichsten und merkwürdigsten Ge stalten zusammen gestellt sind. Der Präsident der Koninklijke Natuurkundige Vereeniging", Major Johann Müller Chef des topographischen Bureau von Nieder- läudisch-Jndien gewährte mir zugleich die liebenswürdigste Gastfreund schaft in seinem Hause und machte mich in der kurzen Zeit von drei Tagen mit den interessantesten Theilen von Batavia bekannt. Unter der trefflichen Führung dieses wissenschaftlich hoch gebildeten Genie-Officiers besuchte ich das reiche Museum von Batavia, das eine Fülle der inter essantesten ethnographischen Objecte enthält: Kleider und Waffen der verschiedensten Völker des malayischen Archipels, schöne Modelle ihrer Wohnungen und Schiffe, seltsame Fetische und andere Idole des Aber glaubens, grauenhafte Marterinstrumente, historische und archäologische94 Besuch vo Batavia. Merkwürdigkeiten aller Art; auch eine werthvolle Bibliothek, die viele indische Raritäten enthält. An einem anderen Vormittage geleitete mich Di-. Jensen, ein dänischer Botaniker, der jetzt in Beutenzorg angestellt ist, und dem ich sür viele sreundliche Dienste dankbar bin, in das ausgezeichnete In stitut Paste u r. Hier werden nicht nur die in Jnsulinde besonders häufig von tollen Hunden gebissenen Personen nach Pasteur s Methode geimpft und geheilt: von hier wird auch in großem Maßstabe die Kuh- pocken-Lymphe zur Impfung der Kinder nach allen Theilen des malayi- schen Archipels und darüber hinaus nach Neu-Guinea, dem Bismarck- Archipel, den Karolinen u. s. w. versandt. Bewunderungswürdig ist die Sorgfalt und Sauberkeit, mit welcher hier alle Einrichtungen für Vacci- nation getroffen und alle septischen Einflüsse, dem Trvpenklima zum Trotze, ausgeschlossen sind. Geräumige Kühlkammern, deren doppelte hohle Wände täglich mit Eis gefüllt werden, erhalten zahlreiche, mit Lymphe gefüllte Flaschen auf niederer Temperatur. In sauberen Ställen sind die Kühe untergebracht, welche die Lymphe liefern. Andere Stalle enthalten die Kaninchen, Hunde und Affen, an denen die unentbehrlichen Versuche nngestellt werden. Die segensreiche Wirksamkeit, welche dieses musterhaft eingerichtete und geleitete Institut Pasteur" nicht nur in dem ganzen Gebiete von Jnsulinde, sondern weit über dessen Grenzen hinaus entfaltet, verdient die höchste Anerkennung; vielen tausend Menschen ist dadurch Gesund heit und Leben gerettet worden. Das sollten die gefühlsseligen Thoren begreifen, welche in Deutschland und England fortwährend in Rede und Schrift gegen Paccination und Piuiseetiun eifern. Der Fi sch markt von Batavia gab mir eine lehrreiche Ueber- sicht über den großen Reichthum des malayischen Meeres an eigenthüm- lichen Fischen; viele von ihnen sind durch absonderliche Gestalt aus gezeichnet, die meisten durch mannigfaltige, oft sehr bunte und lebhafte Färbung; Bleeker hat in seinem großen Werke über die Indischen Fische" davon sehr gut colorirte Abbildungen gegeben. Auch mir ward eine reiche Auswahl davon zu Theil: abenteuerlich gestaltete Hammerhaie und Flügelrochen, bunt gefleckte Aale und Lippfische, schön gestreifte Schuppenflosser und Spritzmäuler, sowie andere Knochenfische, die unseren nordischen Gewässern fremd sind. Ein besonders interessantes größeres Gliederthier des malayischen Meeres ist der seltsame Molukkenkrebs (lümulus moluccanus), von den Javanern Mimi" genannt. Sein flacher, stattlicher Körper scheint,Mimi, bet Molukkenkrebs. 95 vom Rücken gesehen, nur aus drei einfachen Stücken zu bestehen: aus einem halbkreisrunden Kopfschild, das einen Fuß Durchmesser erreicht und hinten halbmondförmig ausgeschnitten ist, einem sechseckigen Hinter leib und einem spießförmigen, langen Schwanzstachel. Erst wenn man den ungefügen Körper umdreht, gewahrt man auf der Bauchseite die sechs gegliederten Beinpaare, deren Schenkelköpfe zugleich zum Kauen dienen, und dahinter sechs Paar Kicmenfüße, welche die Athmung ver- Rückenseitodesl-imuins. Das große halbmondförmige KopfbruilsLild umfaßt den sechseckigen Hinterleib. Vorn sind ein Paar kleine, seitlich dahinter ein Paar große Augen sichtbar. Bauchseite des Limulus. Born sechs gegliederte, zum Kaue dienende Kopsbrust-Beinpaar-, welche am Ende . rcbsschecren tragen; hinten unter einem Kiemendeckel fünf Paar blattförmige Kiemensilßc. Fig. 25. Der M o l u k k e n k r e b s (Limulus moluccanus) Links von der RUck-ns-ite ,mit den Augen,; rechts von der Bauchseite mit den Beinen). Mitteln. Bei meinem zweimaligen Besuche des Fischmarktes von Batavia traf ich den Limulus, der dort nicht selten ist und von den Chinesen gegessen wird, leider nicht an. Uin so mehr war ich erfreut, als mir schon wenige Tage später Herr Major Müller zwei große lebende Exemplare nach Beutenzorg hinauf schickte, ein Männchen und ein Weib chen. Die anatomische und mikroskopische Untersuchung derselben nahm den glanzen folgenden Sonntag (23. Deceinber) in Anspruch und machte den wichtigsten Theil meiner diesjährigen Weihnachtsfeier aus. Am96 Mimi, dcr Molukkcnkrebs. Abend hatte die Frau Generalgouverneur Rooseboom die Güte, mich dmch Zusendung von drei Körbchen Erdbeeren zu erfreuen, die in ihren, Berggarten zu Tjipannas gezogen waren: hier eine seltene und sehr ge schätzte Delicatesse, obschon sie einen säuerlichen Geschmack und nicht das köstliche Aroma unserer Thüringer Walderdbeeren besitzen. Bonder Anatomie des Li tu Ins möchte ich noch erwähnen, das; sein farbloses Blut mehr als einen großen Tassenkopf erfüllte und bald zu einer festen Gallertmasse gerann, die nach einer Stunde hellblau, nach vier Stunden dunkelblau wurde. Da das blaue Blut" als sicheres Kennzeichen hohen Adels geschätzt wird, könnte man in dieser chemischen Thatsache einen neuen Beweis für unsere phylogenetische Annahme finden, das; der Molukkenkrebs" kein echtes Krebsthier (Caridonia) ift, sondern der einzige lebende Ueberrest einer älteren, nächstverwandten, vn t ausgestorbenen Crnstaceenclasse, der Schildthiere (Asi lonia) Diese schön gewappneten Ritter" unter den Krustenthieren bevölkerten m ungeheuren Massen, vor vielen Millionen Jahren, die paläozoischen Meere; ihre harten Panzerreste und Abdrücke sind uns in den cambrischen, silurischen und devonischen Schichten, und auch in, Steinkohlengebirge, durch zahlreiche Gattungen und Arten, vortrefflich erhalten geblieben. Eine Anzahl solcher Trilobiten habe ich im fünften Hefte meiner Kiinst- fvrmen der Natur" mit dem Limnlus zusammen gestellt. Batavia selbst, die weitläufig gebaute Hauptstadt von Java und ganz Niederlandtsch-Jndien, ist so oft und ausführlich geschildert worden, dits; ich nur mit wenigen Zeilen meine Eindrücke mittheilen ivill. Die ^tndt besteht zwei sehr verschiedenen Theilen, aus der ursprünglichen, nüchternen Geschäftsstadt Alt-Batavia und den umfangreichen, später angebauten Vorstädten von Neu-Batavia. Alt-Batavia wurde von den holländischen Colonisten zuerst am sumpfigen, flachen Meeresufer nach dem Muster holländischer Seestädte angelegt: lange, aus Stein gebaute Häuserreihen, die sich längs der Ufer von Kanälen oder Grachten iveit hinziehen, berüchtigt wegen des ungesunden Klimas und besonders des gefährlichen Sumpffiebers, welches vielen tausend Europäern das Leben gekostet hat. Gegenwärtig werden diese feuchten, moderigen Steinhäu er von den Europäern nicht mehr als Wohn- und Schlafstätte benutzt sondern nur als Contore. Geschäfts- und Lagerräume. Tags über ert- wickelt sich hier das regste Geschäftsleben, Abends wird es still und in eignen Equipagen. Droschken oder Pferde- und elektrischer Bahn fahr.n die Kaufleute in ihre freundlichen und gesunden Wohnungen nach dni Vorstädten von Neu-Batavia hinaus. Unter diesen ist die größte 97 Fig. 26. Landhaus in Batavia. Hasckel, Jnsulinde,98 Besuch Don BataDiu. und vornehmste Weltevreden ( Wohlzufrieden"). Die schönen und geräumigen Villen derselben liegen an schattigen Alleen, von großen, blumenreichen Gärten umgeben. Die Ausdehnung dieses Stadttheils ist sehr groß und seine Bauart so iveitläusig, daß man ziemlich eine Stunde braucht, um den viereckigen, inmitten desselben gelegenen Exercirplatz (Koningsplein) zu umgehen. Unweit dieses Platzes (in Kebvu Sirih) lag auch die freundliche Wohnung meines verehrten Gastfreundes, Major Müller; etwas weiter entfernt, im Schatten eines mächtigen Waringinbaumes, diejenige des deutschen Generalconsuls, Herrn von Syburg. In diesem, einem ge borenen Schlesier, lernte ich einen sehr liebenswürdigen und gefälligen Landsmann kennen, der mit seiner reichen Erfahrung und seiner gründ lichen Kenntniß von Land und Leuten meine Reisepläne vielfach förderte. Ein humorvoller Abend, den ich im Kreise deutscher Landsleute in seinem gastfreien Hause verlebte, gehört zu meinen angenehmsten Reiseerinne- rungeu. In einem witzigen Toaste, mit dem ick, beehrt wurde, spielten nicht nur die bösen Welträthsel" eine heitere Rolle, sondern auch die Radiolnrien und andere Protisten", bis zu der untersten Stufe derselben, den Moneren", deren einfacher Plasmaleib das Wunder des organischen Lebens zu schaffen begonnen hat. Von öffentlichen Bauten, die sich architektonisch auszeichnen, und sonstigen besonderen Sehenswürdigkeiten Batavia s ist wenig zu sagen. Als Curiosum mag das alte Thor erwähnt werden, welches (in der Nähe des Fischmarktes) früher in die Citadelle führte. In zwei Nischen desselben stehen, zu beiden Seiten des Thorbogens, zwei Colvssalsigureu, die sich durch höchst üppige Ernährung und große Glotzaugen in den schwarzen Gesichtern auszeichnen. Ich hielt sie erst für ein fürstliches Negerpaar, hörte aber dann, daß sie Mars und Athene, als Götter des Krieges und Friedens, darstellen sollen. In der Nähe dieses Thores liegt außen in, Grase ein altes eisernes Kanonenrohr (Mariain), vor dessen Fußstück, eine eigenthümlich gestaltete Faust mit Pinguin"-Daumen darstellend, beständig Weihrauchwolken emporsteigen. Diese Opfer werden von malayischen Frauen (angeblich auch europäischen Damen) gebracht, welche mittelst derselben Kindersegen zu erzielen wünschen. Der ausgedehnte Hafen von Batavia sowohl der schlechte alte als der gute neue (Tandjon Priok) . bietet wenig Besonderes; ebenso wenig das flache Vorland, das sich weit nach Süden gegen das Gebirge hin erstreckt; von letzterem ist meist wenig oder nichts zu sehen. So bald man aber von Weltevreden nach Beutenzorg hinauffährt (mit demÜieije nach Tjibodas. 99 Schnellzuge in fünf Viertelstunden), beginnen sich die beide großen Dulcane zu zeigen, welche für die Landschaft von Beutenzvrg den charakte ristischen Hintergrund abgeben: westlich der stolze Salak mit seiner fünf zackigen Krone (2253 Meter hoch), östlich der höhere Ged eh mit seinem Doppelgipfel, dem Pangerango (2935 Meter) und dem eigentlichen Gedeh (2700 Meter), lieber den tiefen Sattel zwischen Salak und Gedeh führt (von Norden nach Süden) die Eisenbahn in das herrliche Preanger- Land. An dem nördlichen Abhang des Gedeh, auf halber Höhe, liegt (1425 Meter über dem Meere) der berühmte Gebirgsgarten van T j - bodas (d. h. Weißenbach"). Er bildet ohne Zweifel die Krone alles dessen, wodurch die tropische Zauberwelt von Java den europäischen Naturforscher entzückt; denn er bietet ihm in bequemster und ange nehmster Form die in ihrer Art einzige Gelegenheit, die Wunder des tropischen Urwaldes ohne Schwierigkeit gründlich kennen zu lernen. Das vortrefflich eingerichtete Urwald-Laboratorium", das oberhalb des Gartens gebaut ist, gestattet ihm, nicht nur an dem Rande des Urwalds oberflächlich seinen märchenhaften Formenreichthum zu schauen, sondern mit den rafsinirten Hülfsmitteln der modernen Technik tief in seine er staunlichen Geheimnisse einzudringen. Die zehn glücklichen und genuß reichen Tage, welche ich hier mit meinem Freunde, Professor Treub, verleben durfte, werden immer zu den schönsten und reichsten Er innerungen meines Lebens zählen. Nachdem ich am zweiten Weihnachtsfeiertage mit meinem Freunde seinen neunundvierzigsten Geburtstag gefeiert hatte, bestieg ich mit ihm am 29. December in der Morgenfrühe den leichten dreispännigen Wagen, welcher uns über den Puntjakpaß in vier Stunden an den Fuß des Gedeh bringen sollte. Eine ganze Schaar Kulis war mit unserem um fangreichen Gepäck schon Tags zuvor hinaufgeschickt. In einem zweiten Wagen folgte uns l r. Palla aus Graz, ein österreichischer Botaniker, der seit zwei Monaten im Laboratorium von Beutenzvrg arbeitete. Unser Weg führte uns anfangs durch das lange Chinesendorf, dann zwischen ausgedehnten Reisfelder-Terrassen auf der schönen, von General Daendels durch ganz Java gelegten Heerstraße gegen Süden nach dem Mega- mettdung-Gebirge. Den prächtigen Urwald, der es bedeckt, konnten wir leider nur theilweise genießen, da in gewohnter Weise nur die ersten Morgenstunden heiter und sonnig waren, später aber schwere Regen wolken sich vom Gedeh herab wälzten. Die langen, zarten Nebelschleier, welche sie um die Kronen der riesigen Urwaldbäume wanden, und das100 Aufstieg nach Tjibodas. Wogenspiel der unteren Rebelschichten, die sich in wechselnden geister haften Gestalten zwischen den Bäumen und Felsen durchdrängten, ge währten übrigens ein unvergleichliches Schauspiel. Als die Straße im Gebirge zu steigen begann, wurden vor jeden unserer beiden leichten Wagen fünf Pferde gespannt. Dazu kamen noch je zwei Pferdejnngen, welche die Aufgabe hatten, den Kutscher zu unter stützen, die Pferde anzufeuern, auch an besonders schwierigen Stellen die Räder mit fortschieben zu helfen. Auch unsere beiden Diener betheiligten sich an dieser Ausgabe, die inzwischen durch strömenden Regen erschwert wurde. Sv wurden wir beide Insassen des Wagens auf die steile Paß- Höhe des Puntjak hinauf befördert durch fünf dienstwillige Malayen und fünf kleine malapische Pferdchen, die mit jenen an Verständniß für die Situation und an ostensibler Aufopferung wetteiferten. Auf der Paßhöhe (1500 Meter iiber dem Meere) rasteten wir eine Viertelstunde; man genießt von hier eine wundervolle Aussicht auf die weite grüne Preanger-Regentschaft im Osten und den nahen Gedeh im Süden; leider war ein großer Theil des Bildes heute durch Wolken be deckt. Einen grünen Rahmen um dasselbe bildet die Fülle von zierlichen Baumfarnen, die den nahen Urwald säumen. Vor dem Luftcurorte Sindanglaja verließen wir unfern Weg und hatten nun noch anderthalb Stunden zu Fuß uach Tjibodas hinauf zu steigen. Der ziemlich steile Pfad ist schattenlos und war durch den Regen tüchtig anfgeweicht. Der Boden zwischen den schwarzen Lavablöcken war theils mit bunten Blumen (Soutanen, Verbenen, Rosen) verziert, theils mit dem gemeinen, kvsmo- polischen Adlerfarn bedeckt (Pteris aquilina); diesen treuen Reisebegleiter habe ich in. merkwürdiger Constanz auf allen meinen Reisen wieder ge funden : er wächst in derselben Form im Sande der märkischen und der Lüneburger Haide wie in den Hochgebirgsschluchten von Tirol und Sa- voyeit, auf dem Aetna wie auf dem Pik von Teneriffa, in Ceplvn wie auf Java. Bald nach ein Uhr überschritten wir den liefen Einschnitt des Weißenbaches" und betraten damit das Terrain des Gebirgsgartens von Tjibodas, welches über 31 Hektaren umfaßt; es werden hier zahlreiche wichtige Pflanzen der kühleren Zone cultivirt, welche unten im warmen Beutenzorg nicht aushalten. Der Urwald, welcher daran anstößt und welchen die Regierung ganz sich selbst überläßt, umfaßt nicht weniger als 283 Hektaren; er steigt hoch an dem Rvrdabhange des Gedeh empor, von 1425 1575 Meter, und wird durch die tiefen, felsigen Schluchten von zwei schäumenden Wildbächen eingeschlossen: Tjibodas und Tjikundul.Urwald-Institut von Tjibodas. 101 Am unteren Rande desselben liegt einer freien Terrasse, mit präch tiger Aussicht, das freundliche Stationshaüs, in dem wir gegen 1 2 Uhr kurz vor Ausbruch eines mächtigen Gewitters anlangten und uns behaglich einrichteten (Fig, 27). Das Areal von Tsibadas wurde zuerst von dem hoch verdienten Gärtner Teijsmann 1852 zur Anlage einer China-Plantage erworben und vierzehn Jahre später in einen botanischen Gebirgsgarten verwandelt. Die unvergleichliche heutige Einrichtung aber, die Verbindung mit einem ausgedehnten und leicht zugänglichen Urwalde, und vor Allem die Ans- stattung eines wissenschaftlichen Institutes mit allen modernen Hülss- mitteln der Forschung verdanken wir wiederum Professor Trend. Er hat es mit seinem genialen praktischen Blick und seiner zähen, zielbewußten Energie verstanden, hier 1889 ein tropisches Urwald-Institut zu schaffen, das auf der ganzen Erde nicht seines Gleichen hat; es gibt dem Naturforscher die schönste Gelegenheit, die zahlreichen Probleme, welche der Urwald dem Botaniker und Zoologen, dem Geologen und dem Physiker darbietet, in der bequemsten und fruchtbarsten Weise zu studiren.^ Das hübsche und sehr zweckmäßige Stationsgebäude enthält zu beiden Seiten des mittleren Corridors links vier bequeme Wohn- und Schlafzimmer für die hier arbeitenden Forscher, rechts ein schönes, helles Laboratorium mit vier Arbeitsplätzen und mit großen Schränken, angefüllt mit allen nöthigen Instrumenten für botanische und zoologische, anato mische und physiologische Untersuchungen. Am Hinteren (südlichen) Ende des Corridors liegt ein freundlicher Speisesaal, am vorderen (nördlichen) Ende ein gemüthlicher Salon mit reichhaltiger, wissenschaftlicher und belletristischer Bibliothek. Die große, lichte Veranda, auf welche man aus den Salon tritt, ist ein reizender Platz zuni Ausruhen von der Arbeit, mit der Aussicht den Berggarten, rechts und links das Dickicht des Urwaldes den Abhängen des Gedeh, in der Ferne die lichtgrünen Reisfelder und die blinkenden Wasserflächen der Preanger-Landschaft und darüber in blauem Dufte die malerischen Contouren des fernen Hoch gebirges. Bei klarem Wetter erblickt man über den niedrigen Abfällen des letzteren im Norden einen feinen Silberstreifen, das Meer an der Küste von Batavia. Am breiten Rande der freien Terrasse, die sich vor der Veranda aus dehnt, stehen ein paar seltsame Bäume, die wie aufgespießte Stachel- thiere nnssehen. Ein kurzer dicker Stamm ohne Aeste trägt einen rie sigen Blätterschopf, zusammengesetzt aus Tausenden von sehr langen und schmalen, grasartigen Blättern; gleich gebogenen Ruthen strahlen dieselben102 Stationshaus von Tjibodas. von einem gemeinsamen Mittelpunkt aus. Es ist dies der australische Grasbauin (Xantliorrlioea australis). ich bei Tisch meine Bewunderung über die ebenso gefällige wie r 5ig. 27. Der australische Grasbaum (Xanthorrhoea australis) vor dem Llationshause von Tjibodas. zweckmäßige Einrichtung des Stationshauses aussprach und Freund Trenb nach den Kosten des Baues fragte, antwortete er lächelnd: Der Bau hat Nichts gekostet; Sie finden in keiner unserer umfangreichen Gvuver- nementsacten eine Zeile darüber!" Wie löst sich dies Räthsel? BisStationshaus von Tjibodas. 103 uvr zwölf Jahren hatten die wenigen Botaniker, die den Gebirgsgarten und Urwald von Tjibodas besuchten, ihre Arbeiten in den bescheidenen Räumen des kleinen Gärtnerhauses ausgefiihrt, das etwas oberhalb des jetzigen Stationshauses liegt. Als Professor Treub sah, das; bei steigendem Besuche diese ganz uugeuiigeud und nicht entfernt der Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten angemessen seien, die Regierung aber keine Mittel für einen Neubau disponibel hatte, benutzte er mit seinem diplo matischen Talente eine günstige sich darbietende Gelegenheit zur Er reichung seines Zweckes. Es wurde damals in Tjipannas ( Warm brunn), eine Stunde unterhalb Tjibodas, im Parke des Generalgouverneurs ein neues Lustschloß für denselben gebaut. Das kostbarste Baumaterial, eine Anzahl von Stämmen des hochgeschätzten Rasamalah-Baumes, aus dem Urwalds von Tjibodas, versprach Treub dem befreundeten, den Bau leitenden Architekten gratis zu liefern und erhielt dagegen von ihn; die Zusage, das; die Abfälle vom Schloßbau zur Errichtung eines einfachen Stationsgebäudes verwendet werdeit sollten. Das geschah, und der da malige Generalgouverneur, als später Treub selbst ihn in den also ent standenen Räumen umher führte, mar ebenso überrascht ivie erfreut über das, ivns aus seinen Bauresten geworden. Die Ausstattung des Innern besorgte Treub theils aus eigenen Mitteln, theils aus denjenigen des Beutenzorger Gartens. Was ich bei dieser wie bei anderen Gelegenheiten an Professor Trend besonders bewunderte und hochschätzte, das ist die volle ideale Hingabe an die Sache, deren Förderung er als seine Lebensaufgabe be trachtet. Die Stellung, welche er als Direktor der botanischen Institute in Beutenzorg und Tjibodas seit zwanzig Jahren mit so großartigem Erfolg bekleidet, ist ebenso schwierig und verantwortungsvoll als fruchtbar und lohnend. Auf der einen Seite hat er beständig mit dem Geucrnl- gouverneur in Beutenzorg und dem Ministerium int Haag zu verhandeln, auf der anderen Seite mit den zahlreichen Beamten, welche im Dienste der Institute stehen, mit den reichen Privatleuten, welche freiwillig zti deren Ausstattung beitragen, mit den Pflanzern und Gärtnern, welche dieselben reichlich benutzen und wichtige Portheile für ihre Pflanzungen daraus ziehen. Dazu nun die finanzielle und administrative Direction eines so gewaltigen Institutes und endlich die eigene originelle wissen schaftliche Arbeit; es ist nur sehr zu bedauern, das; er selten für letztere die nöthige Zeit findet, da diese von dringenderen praktischen Aufgaben in Anspruch genommen ivird. Die wissenschaftlichen Arbeiten im Urwald-Institute von Tjibodas104 Urwald von Tjibodas. werden durch die Gunst der äußeren Verhältnisse in der vortheilhaftesteu Weise gefördert. In erster Linie gilt das von dem Umstande, daß inan unmittelbar aus den Hintergebäuden der Station in den unberührten Urwald tritt; jederzeit kann man sich aus demselben das reichste Material in wenigen Minuten holen und sofort im Laboratorium der mikrvskvpi- schen, physiologischen, chemischen Untersuchung unterwerfen. Während der echte Urwald, der Virgin Forest“, sonst fast überall nur sehr schwer zugänglich ist und man viele Leute braucht, um mit Axt und Hackmesser siä; langsam Bahn durch denselben zu brechen, führen in den von 4.jibodas gebahnte Pfade, die ihn nach allen Richtungen durchziehen und durch beständige Revision der Gartengehülfen frei und gangbar er halten werden. Sowohl die großen Hauptwege als die vielen kleinen Seitenpfade (oft blind endend) sind nummerirt und mit den Ziffern der einzelnen Bezirke bezeichnet. Man kann also an der Hand des gedruck ten Planes hier Stunden lang allein umher wandern, ohne sich zu ver- meii; immer wieder kommt man auf die Hauptpfade zurück, die ab- wärts zur Station führen. --ehr zu statten kommt ferner der Arbeit in Tjibodas das herrliche, kiihle Klima dieser Bergstation, die fast 1200 Meter höher als Beuten- zvrg liegt. Jetzt, Ende December, hatten wir ungefähr dieselben ange nehmen Berhältuisse wie bei uns in Thüringen im schönen Juni. Jeü^ Morgens zwischen 6 und 7 llhr betrrrg die Temperatur im Schatten 14 16 0 C., Mittags zwischen 1 und 2 Uhr 20 21 0 €., Abends zwischen 9 und 10 Uhr 16 18 . Von entzückender Frische lind die frühen Morgenstunden, von 5 8, die ich zum Entwerfen von Aquarellskizzen fiermjjte: entweder von dem freien Kartoffelfelde hinter denr Kuhstall, ivo man (oberhalb der Station) einen vollen Blick am die nahen, großartigen Buleankegel hat, tief zu Füßen die wilde Schlucht des Weißenbaches mit seinen Wasserfällen; oder von der Terrasse (unter halb der Station), wo Treub einen reizenden kleinen See angelegt hat. Oberhalb seiner Ufer blickt man auf Schluchten mit der mannigfalUgsten Vegetation, besonders zierlichen Lianen und Farnbänmen; im Mittel gründe unten schimmern die hellgrünen Reisfelder und die silberglänzen den Teiche des weiten Thalgrundes, iiber dem sich mehrere Reihen von langgestreckten Gebirgszügen erheben, die hinterste, blaue Kette mit zackigein, schön geschnittenem Profile. Zwischen 7 und 8 Uhr begannen gewöhnlich schon die beiden mächtigen Vulcan- Zwillinge, Gedeh und Pangerangv, Wolkenschaaren um sich zu sammeln und ihr Haupt zu ver hüllen. Ich kehrte dann zur Station zurück, um mit meinen beidenAufenthalt im Urwald-Institut. 105 Genossen das Frühstück einzunehmen. Nach demselben begann sofort die Wanderung in den Urwald, dessen unerschöpfliche Reize wir drei bis vier Stunden lang genossen. Zwischen 12 und 2 Uhr brach gewöhn lich der schon lange drohende Gewitterregen los, der oft drei bis vier Stunden anhielt, bisweilen in Wolkenbrüchen, deren Stärke denjenigen von Beutenzorg nichts nachgab. Nach dem Mittagessen blieben mir den Nachmittag im Laboratorium, um die eingesammelten Schätze zu unter suchen und zu couserviren, von deit interessantesten Formen Zeichnungen und Aguarelle anznsertigen. Um 5 oder 6 Uhr hatte sich das Wetter wenigstens so weit geklärt, daß wir noch einen kleinen Abendspazier gang zusammen machen konnten. Wirklich schöne Abende hatten ivir nur zwei; diese aber auch von seltener Herrlichkeit. Die Abendsonne übergoß nicht nur die schön geformten Haufenwolken und Cirrhen mit den wärmsten Farben, sondern übermalte auch die fernen Bergketten im Norden und Osten mit den zartesten rothen und violetten Tinten. Das ferne Traumbild schimmerte um so wirkungsvoller, als der breite Rahmen des schwarzen Urwaldes zu beiden Seiten bereits tief im Schatten lag eine zauberhafte Fata Morgana. Doch nun zur Betrachtung unseres wunderbaren Waldes selbst, zur Wanderung durch den tropische n U r w a l d des Gedeh - Gebirges! Sv weit eine allgemeine Schilderung desselben möglich ist, findet sie sich bereits bei Haberl andt im fünfzehnten Capitel seiner trefflichen, mehrfach erwähnten Tropenreise". Desgleichen hat Jean Mnssart in seiner kleine Schrift Un Botaniste en Malaisie“ seinen Charakter gut bezeichnet. Den eigenthümlichen, tiefen Eindruck, welchen der Ur- ivald gerade in Tjibodas, vermöge der besonders günstigen Bedingungen seines Studimns, hervorruft, hat Richard Semon wiedergegeben im fünfzehnten Capitel seiner ausgezeichneten Reisebeschreibung: Im australi schen Busch und an den Küsten des Korallenmeeres" einer der besten, gediegensten und anziehendsten Reiseschilderungen, welche ich kenne. Auch von anderen Naturforschern, welche den Urwald von Tjibodas besuchten, sind dessen Wunder bald allgemeiner, bald specieller geschildert worden. Ich kann mich daher hier darauf beschränken, von der gewaltigen Wirkung zu sprechen, welche derselbe auch auf mich ausgeübt hat. Denn freilich vermag die Feder immer nur ein ungenügendes Bild zu liefern, wenn die dürftige Beschreibung nicht zugleich durch Betrachtung zahlreicher Photograinme, Zeichnungen und Aquarellskizzen anschaulich illnstrirt wird. Indessen bleiben auch diese bildlichen Darstellungen, selbst wenn sie der Hand eines wirklichen Künstlers entstammen (und106 Photographie des Urwaldes. nicht, wie bei mir, bloß Dilettantenversuche sind) mehr oder weniger unvoll kommen. Der tropische Urwald gehört ebenso wie die tropische Kvrallen- bank zu jenen großartigen Wunderwerken der Natur, welche man selbst gesehen haben muß, um sie zu begreifen und zu verstehen. Die bunte, überreiche Zusammendrängung von Hunderten der merkwürdigsten Objecte in den engen Raum eines einzigen Bildes, das verwegene und verwirrende Durcheinanderwachsen von tausend schönen Einzelformen, die unglaub lichen Licht- und Farbeneffecte der Tropensonne in diesem märchenhasten Gestaltenchaos das muß selbst die Hand des genialsten Künstlers bei dein kühnen Versuche ihrer Wiedergabe erlahmen lassen. Zunächst sollte man von der Photographie erwarten, daß sie im Stande sein müßte, den Charakter des tropischen Urwaldes vollkommen vbjeetiv und exakt wiederzugeben. Das ist indessen durchaus nicht der Fall, ivie schon Je an Massart hervorgehoben hat (a. a. S. 211). Sie reicht höchstens aus, um aus weiterer Entfernung die Umrisse, die all gemeine oberflächliche Zusammensetzung des Urmaldbildes getreu wieder zugeben. Ein solches Photogramm, wie es z. B. Semon auf S. 456 seiner australischen Reise gebracht hat, kann bei guter Retouche Vieles zeigen. Sobald man dagegen näher tritt, sobald man die schönen Einzel heiten des überreichen Bildes mittelst der Camera einigermaßen groß und deutlich zu firiren versucht, versagt dieselbe. In dem bunten Wirr warr der durch einander geflochtenen Pflanzenmassen sucht das Auge vergebens nach einem Ruhepunkte. Entweder ist die Beleuchtung ge dämpft, und dann stören die Tausende von gekreuzten Stamm-, Ast- und Blattgestnlten noch dazu mit einem Chaos von Epiphpten be lastet! sich gegenseitig. Oder das Licht der hochstehenden Sonne scheint von oben hell durch die Lücken der hohen Baumkronen und er zeugt auf den spiegelnden Flächen der lederarttgen Blätter Tausende von grellen Reflex- und Glanzlichtern, die keinen einheitlichen Gesamint- eindruck aufkommen lassen. Vollends im Innern des Urwaldes sind die Beleuchtungsverhältnisse ganz wunderbar und mittelst der Photographie schlechterdings nicht wiederzugeben. Ich besitze zahlreiche Photogramme des Urwaldes, die, technisch be trachtet, als ivohlgelnngen zu bezeichnen sind, insbesondere auch sehr gute Bilder, welche der treffliche Photograph Lang saus Eßlingen) in Beutenzorg und Tjibvdas ausgenommen hat. Doch ist unter diesen und vielen anderen Photogrammen des Urivaldes, die ich gesehen, kein ein ziges, welches deiit damit unbekannten Beschauer ein richtiges Bild geben könnte. Zudem fehlt immer der eigenthümliche Reiz der Farbe, ins-Aquarell-Malerei im llrwalde. 107 besondere der hundertfachen, zarten und bunten Abstufungen, in denen die vorherrschende grüne und braune Farbe auftritt und sich mit anderen Tönen verbindet. Auch durch sorgfältige Zeichnung gelingt es ümner nur theilweise, den Charakter des Urwaldes richtig wiederzugeben. Zu den besten der artigen Darstellungen gehören die Vegetationsansichten" von Kittlitz, die derselbe auf seiner Weltreise (in den ersten Decennien des 19. Jahr hunderts) naturgetreu entworfen und dann mit genialer Künstlerhand selbst in Erz radirt hat; schon Alexander von Humboldt riihmt ihre unnachahmliche Naturtreue". Dagegen siitd die vielfachen Bilder des Urwaldes, die neuerdings in modernen Reisebeschreibungen und iltustrirten Zeitschriften publicirt werden, zum großen Theil wenig getreu und geben, zumeist der subjectiven Phantasie des Zeichners entsprungen, oft eine falsche Vorstellung. Die Bleistiftskizzen, durch welche Haber land t seine Beschreibung illustrirt hat, geben zwar die charakteristischen Umrisse voit einzelnen Pflanzen und deren Theilen getreu wieder, sind aber im Ganzen doch zu dürftig: nur wer diese herrlichen Pflanzen gestalten selbst gesehen hat, vermag mittelst der Phantasie aus jenen flüchtigen Skizzen die ursprüngliche Gestalt zu reconstruiren. Als die zweckmäßigste Methode zum Festhalten eines charakteristi schen Bildes erweist sich nach meiner Ansicht beim Urwald ebenso wie bei den meisten anderen Landschaften das Aquarell; nur muß eine sorgfältige Zeichnung der wichtigsten Gestalten des Bildes und eine kritische Auswahl der vorzugsweise typischen Formen vorausgehen. Doch sind auch hier die Schwierigkeiten nicht gering; besonders wenn wie gewöhnlich die disponible Zeit beschränkt und von der Grinst des rasch wechselnden Wetters abhängig ist. Ich habe selbst eine große Anzahl solcher farbiger Aqnarellskizzcn angefertigt, welche wenigstens mir persönlich vollkommen das subjective Bild lebendig erhalten, das ich beim unmittelbaren Schauen dieser zaubervollen Natur und bei der Vertiefung in dieselbe während des Malens in mich aufnahm. Um ein größeres, völlig ausgeführtes Bild des Urwaldes in Farben zu erhalten, ist allerdings das Oelmalen dem Aquarell noch vor zuziehen, und ich habe sehr bedauert, daß ich auf dieser malayischen Reise meinen Apparat dazu nicht mitgenommen hatte, entmuthigt durch die geringen Erfolge, die ich damit vor neunzehn Jahren in Ceylon er zielte. Freilich gehört viel Zeit und Ruhe dazu, um ein gutes Oelbild fertig zu bringen, viel mehr, als dem Tropenreisenden gewöhnlich zu Gebote steht. Die Technik der Oelmalerei besitzt bekanntlich vor der-108 Oel-Malerei im Urwalde. jenigen des Aquarells den großen Vorzug, das; man nach Entwurf des Bildes jeden einzelnen Theil desselben sorgfältig ausmalen, dann aber beliebig abändern und übermalen kann. Helle Lichter müssen in Aquarell sorgfältig ausgespart werden; sie lassen sich gewöhnlich nur unbefriedigend mit hellen Deckfarben aufsetzen oder mit dem Messer anskratzen. Da gegen kann mau sie mit heller Oelfarbe leichr und wirkungsvoll über die dunkelsten Schatteupartien legen. Das ist bei den vielen hellen Glanz lichtern im dunkeln Urwald, für die Wiedergabe der hellen Aeste, Lianen u. s. w. besonders werthvoll. Ueberhaupt kann man das Oelbild, wenn schon längst abgeschlossen, immer wieder übermalen, neue Farben und Formen aufsetzen u. s. w. Ein guter Landschaftsmaler besonders wenn er botanische Kenntnisse besitzt wird im Stande sein, in einem größeren Oelbilde dem Beschauer die phantastische Zauberwelt des Ur waldes wirklich annähernd vor Augen zu stellen. Da das Interesse an dem letzteren, wie an den Wundern der Tropennatur überhaupt, in jüngster Zeit beständig gewachsen und durch die Ausdehnung unseres Colonialbesitzes und die Zunahme der großen Reisen nur noch gesteigert worden ist, so sollte man denken, das; die Herstellung solcher Tropen- bilder, die volle Naturtreue mit künstlerischer Auffassung vereinigen, eine sehr lohnende und dankbare Aufgabe für unsere jungen Landschaftsmaler sein müßte. Trotzdem begegnen wir noch heute, ebenso wie früher, auf unseren Kunstausstellungen nur sehr selten einer Tropenlandschaft. Ausgeführte Oelbilder des Urwaldes habe ich nur von Kvnigsbruuu, Bellermaun, Goering und einigen englischen Malern gesehen. Und doch nües schon Alexander von Humboldt darauf hin, wie wichtig die Landschaftsmalerei als Anregungsmittel zum Naturstudium" sei. Die bedeutenden Schwierigkeiten, welche einer naturgetreuen bild lichen Darstellung des tropischen Urwaldes entgegen stehen, sind durch mehrere Charakterzüge desselben bedingt: durch die große Zahl der ihn zusammensetzeudeu Pflanzenarten, durch ihre sehr verschiedenen, vielfach riesenhaften Dimensionen, durch das Ueberwiegen holziger Stämme, die massenhafte Entwicklung von Parasiten und Epiphyten, durch die eigen- thümlichen localen und klimatischen Bedingungen des Wachsthums u. s. w. Was dem Europäer beim ersten Eintritt in den tropischen Urwald am meisten auffällt, ist die außerordentlich große Zahl und Mannig faltigkeit der Arten, die ihn zusammensetzen. Bei uns in Europa finden wir vorwiegend reine Waldbestände; unsere schönen Buchenwälder sind aus einer einzigen Buchenart gebildet, die Tannenwälder einer Tauuenart u. s. w.; und selbst in unseren gemischten Waldbeständen sindBaumriesen im Urwalde. 109 meistens wenige Arten ganz vorherrschend, hinter denen die zwanzig oder dreißig anderen, einzeln dazwischen stehenden, völlig zurücktreten. Hier in dem tropischen Urwald dagegen beträgt die Zahl der verschiedenen holzigen Baumarten oft über tausend, und diese sind so bunt durch ein ander gemischt, daß man oft nach wenigen Schritten ein Dutzend anderer sieht und lange suchen kann, bis man ein zweites Exemplar von einer und derselben Art findet. Die Größe der einzelnen Baumarten, Höhe und Durchmesser ihrer j Stämme und Aeste, Ausbreitung der Wurzeln, ist im Durchschnitt sehr- beträchtlich und derjenigen unserer europäischen Waldbäume weit iiber- legen. Alte Prachtexemplare unserer Linden, Eichen, Buchen, Tannen, die wir ihrer riesigen Größe" wegen sehr bewundern, würden im llr- walde von Tjibvdas nur einen mittleren Rang einnehmen; höhere und stärkere Stämme finden sich hier zu Tausenden vor. lieber alle anderen empor ragt der berühmte Ra sa m a lal, - B au m, welchen Junghuhn mit Recht den Fiirsten der javanischen Wälder" nennt (Liquidambar Altingiana). Sein glatter, silberfarbiger Stamm gleicht einer Marmor säule und erreicht bis zu 3 Meter Durchmesser und 50 Meter Höhe; er steigt gerade und einfach 25 30 Meter empor, ehe er sich zu verästeln beginnt. Die eichenartige Krone ist reich verästelt, aber spärlich belaubt; sein schweres, hartes Holz wird als Bauholz sehr geschätzt. Lange, graue Bartflechten (Usnea) hängen von seinen Aesten in Masse herab; die mächtigen Bretterwurzeln, welche unten den Riesenstamm stützen, strahlen, wie bei vielen Feigenarten und anderen Urmaldbäumen, auf dem Boden nach allen Richtungen gewunden aus und lassen zwischen sich tiefe Nischen, in denen sich eine größere Zahl von Personen aufrecht stehend wie in einem Schilderhause verbergen kann. Zur Höhe von 30 40 Meter und einem Durchmesser von 2 Metern nitd darüber erheben sich aber auch viele andere Urwaldbäume, aus sehr verschiedenen Familien. Die Kastanien und Eichen, die hier Vorkommen, sind von den unsrigen grundverschieden; sie haben ebenfalls sänlenartige, ganz gerade Stämme, einfache, nicht gelappte, immergrüne Blätter und kurze, dicke, fast kugelige Früchte. Die eigenthiimlicheu Nadelhölzer dazwischen (Lodoearpus) sind ähnlich gestaltet tiud haben statt der Nadeln breite Schuppen oder ein fache, lederartige Blätter. Höher hinauf am Gedeh sind es namentlich die Lvrbeergewächse (Laurineen), mit glänzenden, lederartigen Blättern, und Melastomaceen, mit höchst zierlichem und regelmäßigem Netzwerk der Blattuerven, welche in vielen schönen Arten die Zierde des Berg- ivaldes bilden. Dagegen sind die Palmen hier nur durch wenige kleine110 Unterholz im Urwalde. Arten vertreten, Areca und Pinanga, Stämmchen von wenigen Metern: Höhe, mit spärlichen, relativ kleinen Blättern. Wenn man in: Urwalde von Tjibodas mehrere Stunden an denn Abhange des Gedeh aufwärts steigt, ändert sich der Vegetationscharakter wesentlich; die Bäume werden niedriger, knorriger und gehen allmählich in dichtes Buschwerk über, das die höchsten Abgänge bekleidet. Auch in der Zusainniensetzung des Unterholzes zeigen sich beträchtliche Ver- änderungen. Unten zeichnet sich dasselbe besonders durch den Reichthum an wildem Pisang und verschiedenen schönen Gewürzlilieu aus (Maran- laceen); dahin gehören die Jngwerarten, die Cauua unserer Gärten, die Bananen und die stattlichen Elettarien. Ihre einfachen, hellgrünen Blätter sind meist sehr ansehnlich oft riesengroß, die Blüthenkvlben prächtig gefärbt. Weiter oben erscheint dagegen die Alpenrose voll Java", das Rlwckocksmlrov retusmn, init feuerrothen Blumen; sie thront oft als Epiphgt hoch oben in den Kronen anderer Bäume. Sonst sind bunte und schön gezeichnete große Blumen im Urwalde meistens selten. Orchideen gibt es zwar auf dei: Bäumen viel; aber selten trifft man eine Blüthe derselben. Die häufigste Blume am Wegesrande ist eine hübsche rothe Balsamine (Impatiens latifolia); ihre Purpurfarbe wird um so Heller, je höher sie am Berge empvrsteigt. Einer der auffallendsten und überraschendsten Charakterzüge des Urwalds von Tjibodas ist der unglaubliche Reichthun: an Krypto gamen, sowohl was die Zahl der Arten als die Masse der Jndivihuen betrifft. Das hängt mit dem ununterbrochenen Wasserüberfluß dieser Regenmälder" zusammen, der auch die so fabelhafte Entivicklnng der Epiphyten und Parasiten bedingt. Auf jedem Schritt begegnen wir zahl reichen Arten von Farnen und Bärlapparten, Laub- und Leber moosen, Pilzen und Flechten. Die imposanteste Rolle unter diesen blumenlosen Pflanzen" spielt die Classe der Farne (Filicinae). Fast Alles, was diese Classe von Gefäß-Kryptogamen aus unserem Erdbälle Wunderbares hervorbringt, finden wir in den niederen und höheren Regionen des Tjibodas-Waldes vereinigt, und zwar in solcher massenhaften Fülle, daß die meisten anderen Pflanzen (abgesehen von den großen Bäumen) dagegen ganz zurück treten. Die zahlreichen Farnkräuter, die in unserem gemäßigten Klima den feuchten Wald schmiicken, geben nur ein schwaches Bild von dem allgemeinen Charakter dieser herrlichen Kinder der Flora, lieber alle Beschreibung schön sind die Baumfarne, die hier in den: ewig feuchten Regenivalde am Gedeh die günstigsten Bedingungen für ihreFarnbäume im Urwaldr. 111 volle Entwicklung finden (Fig. 28). Sie vereinigen in sich den schlanken Wuchs der Palme und die zierliche Fiederbildung der Doldenpflanzen (Um= belistren). Der einfache, ungetheille, meistens 5 15 Meter hohe, braune Stimm ist hübsch gezeichnet, indem die Ansätze der abgefallenen älteren Blitteir rhombische Figuren bilden. Oben trägt er die breite und flach gevolbte, schirmförmige Krone, zusammengesetzt aus einer Zahl von zwLnziig bis dreißig langgestielten mächtigen Fiederblättern. Während bei den Palmen die einzelnen Blattfiedern meistens einfache, starre, leder- artig derbe Blätter von Eiform oder Lanzettform darstellen, sind die selben dagegen bei den Farnbäumen selbst wieder mehrfach gefiedert und in unzählige kleine Blättchen symmetrisch getheilt. Dabei ist ihr Gewebe viel zarrer und durchsichtiger, so daß das von oben einfallende Sonnen licht mehr oder weniger hindurch scheint. Steht man unter einem solchen Schirme so meint man über sich einen zarten, hellgrünen Schleier zu haben, .aus Morgenduft gewebt und Sonnenklarheit". Bewegt aber ein Windhauch leise die anmuthig herabgebvgenen Blätter dieser glucken- \ förmigen Krone, so glaubt man, daß die schöne, darin wohnende Dryade uns Kühlung und Erquickung zufächelt. Am schönsten erscheinen die Farnbäume im Silberlichte des Vollmondes. Unterhalb der anmuthigen Krone hängen die abgestorbenen braunen Blätter und Blattstiele gleich langen Haaren herab, was den poetischen und malerischen Eindruck noch erhöht. Biel derber als diese wundervollen Fiederblätter der Alsophilen sind die kolossalen Blätter eines stammlosen Farnkrauts, Angiopteris Teys- j manniaini; sie erreichen über 4 Meter Länge; ihre steifen Blattstiele werden 10 Centimeter dick. Auch viele andere Farnkräuter bald unseren europäischen Arten ähnlich, bald sehr verschieden gestaltet impowiren uns durch gewaltige Dimensionen. Daneben fehlt es aber auch nicht an solchen, die viel zarter und kleiner sind. Das winzige Mvnvgramma gleicht einem Grasbüschelchen. Betrachtet man aber die Rücksei te der feinen, fadenförmigen Blättchen, so sieht man die Reihe der braune n Sporangien, welche die Farnnatur verräth. Steigen wir weiter am Grcheh aufwärts, so nimmt immer mehr die Zahl und Mannig faltigkeit der Schleierfarne zu (Hymenophylleen). Sie können leicht mit gewissen Moosen verwechselt werden; die kleinsten unter ihnen sind kleiner und schwächer als die riesengroßen Laubmoose, die sich über sie erhebeni. So liefern die Farne mehrfache Beweise für den Satz, daß die reiche Gestaltungskraft des Tropenwaldes in einer und derselben Classe nicht allein die größten und gewaltigsten, sondern auch die kleinsten und .zartestem Gestalten hervorzubringen vermag. Wir finden diesen Satz112 Farnkräuter int Urwalde. hier auch für die Moose und Flechten, die Orchideen und Liliaceen, die Palmen und Feigen und viele andere Pflanzengruppen bestätigt. Fig. 29. Weg im Urwald von Tjibodas, mit Lianen, auf denen Vogelnest-Farne sitzen (^splenium niäu avi8). Ein großes stammloses Farnkraut von eigenthümlicher Trichterform nimmt an der Physiognomie des Urwaldes von Tjibodas einen be-Vogelnest-Farne im Urwalde. 113 stimmenden Antheil; das ist der seltsame Vogelnestfarn (Asplenium nüus avis). Die regelmäßig kreisrunde Krone desselben wird durch sehr- zahlreiche, einfache, zrungenförmige Blätter gebildet, welche über 2 Meter Länge erreichen und, in zierlichem Bogen aufsteigend, außen nach abwärts gekrümmt sind. In dem Trichter, welchen die dicht gedrängten Riesen- blitter bilden, sammkelt sich das Regenwasser und das abfallende Lanb- w-rk der Bäume. Wnrch Zersetzung desselben wird reichliche Humus- erde gebildet, und im dieser hausen nicht nur Jnsecten, Spinnen und Tausendfüße, sonderrn auch colossale, hellviolette Regenwürmer von 3b cm Länge und ll Va cm Dicke. Die Nährwurzeln des Farnkrautes selbst wachsen in dies von ihm gebildete Humusbeet hinein. Die braunen, abgestorbenen Blütterr hängen unter der hellgrünen Krone frei herab; auch wenn sie vernuodern, bleibt noch ihr starker, glänzend schwarzer Mittelnerv übrig und betheiligt sich an der Decoration dieses seltsamen Pflanzengebildes. In Tausenden won großen und kleinen Exemplaren ziert dieses vegetabilische Vogelnesst die Stämme und Aeste der Urwaldbäume von oben bis unten. Beswnders schön nimmt dasselbe sich ans, wenn es frei in der Mitte eines Liianenbogens sitzt, der sich von einem Stamm züin anderen schlingt. Bis;,veilen erscheint es auch oben auf dem Stumpfe eines abgebrochenen Baumstammes und gedeiht dann besonders üppig. Man glaubt beim erstten Anblick einen höchst eigenthümlichen Farnbanm mit starkem Stamm umd einer Krone von einfachen ungetheilten Bogen blättern vor sich zu hiaben. Nächst den echtcin Lanbfarnen sbälicinae) müssen wir auch der zier lichen Schuppenfairne (Lycopodinae oder Selagineae) gedenken. Sie bedecken in unserem UIrwalde ebenfalls einen großen Theil des Bodens und der Pflanzen, die sich ihm erheben, sowohl die Stämme als die Blätter. Außer den zierlichen Selaginellen, die ausgedehnte Rasen bilden, begegnen wir -auch vielen Arien von echten Bärlapparten (Lyco- podium) : manche Speciies sind unseren einheimischen sehr ähnlich, andere, zum Theil sehr große, unterscheiden sich durch bogenförmige Gestalt des aufsteigenden Stengels,. Unübersehbar gross; ist die Masse der Moose, denen wir in Tjibodas auf Schritt und Tritt begegnen. Die Stämme und Aeste der meisten Bäume, besonders in den höheren Regionen, sind damit bedeckt. Aber auch ruf den Blättern der verschiedensten Gewächse haben sie sich ebenso wie Flechten angesiedkelt. Der Formenreichthum dieser Muscinen, der Laubmoose (Phyllobryta) wie der Lagermoose (Thallobrya), ist außer- Haeckel,. Insulinde. g114 (ipipWm im Urwalds. ordentlich groß. Auch hier wieder treffen wir die auffallendsten Diffe renzen in Größe und Massenentwicklung an; einerseits äußerst feine, leicht übersehbare Zmergformen, andererseits Riesenformen, welche die uns gewohnten Dimensionen weit übertreffen. Rhodobryum giganteum ahmt die elegante Form der Banmfarne nach und trägt auf seinen 3 5 (Zentimeter hohen Stämmchen eine zierliche Rosette von lanzett förmigen, zurück gebogenen Blättern von 1* 2 (Zentimeter Länge. Einige große Hypnum-Arten gleichen den Farnkräutern, die in ihrem Schatten wachsen, aber beträchtlich zarter sind. Erstaunlich lang werden die Moosbärte, die massenhaft oben von den Aesten der Bäume herabhängen Aerobryum u. fl.). ^ Die Mehrzahl dieser Moose und Farne sind Epiphyten; d. h. sie siedeln sich nicht auf der Erde an, sondern auf anderen Gewächsen. Die meisten ziehen die Rinden der Bäume vor, andere ihre Wurzeln, andere die Oberfläche der Blätter (Epiphyllen). Unzählbar sind aber auch die phanerogamen Blüthenpflanzen, die sich an diese epiphytische Lebens weise gewöhnt haben; viele Arten nehmen sie nur gelegentlich an, die meisten aber beständig. Sehr oft begegnen wir complicirten Gesell schaften von Epiphnten. Niedere Algen wohnen auf Moosen und Farnen, diese auf kleinen Blüthenpflanzen, die ihrerseits sich auf größeren an siedeln. Man beschreibt oft diese Ansiedler als Schmarotzer"; allein echte Parasiten" sind nur diejenigen, welche von ihren Wohnpflanzen nicht nur Wohnung, sondern auch Nahrung beziehen. Den Reichthum des Urwaldes an Epiphyten sieht man am besten, wenn ein alter Baum zusammen gebrochen oder vom Sturm umgerissen ist. Um die Hunderte von verschiedenen Pflanzenarten, die sich in vielen tausend Exemplaren auf demselben angesiedelt haben, von einander zu sondern und zu ordnen, würde man mehrere Tage, um sie zu studiren und zu bestimmen, mehrere Wochen brauchen. Das gilt zunächst nur von den größeren, mit bloßem Auge leicht zu unterscheidenden Formen. Wenn man aber erst mit Lupe und Mikroskop auch alle die kleinen und kleinsten Formen bestimmen wollte, die einzelligen Urpflänzchen (Proto- phyten), die winzigen Algen, Pilze, Flechten und Moose, die in den un zähligen Lücken der Rinde und des Holzes, zwischen den Blättern und Wurzelfasern versteckt sind, so würde eine noch viel längere Zeit dazu erforderlich sein. Ein einziger solcher Urwaldbaum beherbergt eine ganze Flora; und dieser Flora entspricht eine ebenso reiche epiphi,tische Fauna, zusammengesetzt aus mehreren hundert Arten von Jnsecten, Spinnen, Tansendfüßen, Schnecken, Würmern u. s. w.Durchleuchtung des Urwaldes. 115 8* Die mächtige Entwicklung der Epiphyten im tropischen Urivalde, mit der die schwache Ausbildung derselben in unseren europäischen Wäldern gar nicht zu vergleichen ist. hängt zusammen mit ihren ganz verschiedenen D urch l e u chtungs-Verhältnissen und mit dem dadurch bedingten Streben nach möglichster Ausnutzung des Raumes. In unseren schönen deutschen Buchenwäldern ist der Boden oft ausschließlich mit dem abgefallenen rochen Laube bedeckt. Die wenigen kleinen Pflänzchen, die sich daraus erheben, suchen vergeblich einen der schwachen Lichtstrahlen zu erhaschen, welche oben durch das dicht geschlossene grüne Blätterdach brechen. Der iveite Schattenraum zwischen den aufstrebenden Hellen Säulenstämmen bleibt leer. In dem mystischen Halbdunkel dieser heiligen Hallen" em pfinden wir die ganze Herrlichkeit unseres deutschen Hochwaldes. Und dasselbe gilt von den dichten Beständen unserer schönsten Tannenwälder, wo noch tieferes Dtrnkel herrscht und der ganze Waldboden mit hoch aufgeschichteten Tannennadeln gepolstert ist; hier finden wir kein Unter holz, nur hier und da ein bescheidenes kleines Pflänzchen, das sich mit diesem einsamen Schattenstand begnügt. Ganz anders im tropischen Urwald, wo das Unterholz" ein hohes, undurchdringliches Dickicht bildet und inehr als tausend verschiedene Pflanzenarten iiber und durch einander wachsen, jeden Kubikmeter Raum ausnutzend. Unten am Boden wie iiber demselben, zwischen den Sträuchern und Stämmen und hoch oben in den Kronen der Bäume, finden wir die denkbar größte Raumausnutznng. Der ausgezeichnete Monograph der javanischen Natur, der deutsche Arzt flu a li 11 bn. bat dieiH rlcheurunn- dem Satze ausgedrückt, daß der Urwald einen Abscheu vor dem leeren Raum" habe, einen borror vacui. Als die Ursachen derselben er kennen wir einestheils die diirftigere Belaubung der Baumkronen und andereutheils die stärkere Durchleuchtung des ganzen Waldes. Die Strahlen der senkrecht durchfallenden Tropensonne bedingen nicht allein an sich eine viel größere Lichtfülle, sondern sie dringen, ivegen der spär licheren Blattentwicklung in den Baumkronen, leichter nach unten in die Tiefe und liefern Licht genug, um auch unten am Boden die üppigste Vegetation zu ermöglichen. Wir finden daher auch in den meisten tropischen Urwäldern nicht jenes tiefe Dunkel", welches in poetischen Schilderungen derselben eine Rolle spielt, sondern vielmehr ein eigen- thiimliches gebrochenes Helldunkel", zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Lichtstrahlen, die zwischen den Bäumen, Aesten und Blättern hindurch ihren Weg bis zum Boden finden. Von der glatten Oberfläche der glänzenden Blätter werden dieselben stark reflectirt.116 Lianen im Urwalde. Ju auffallendem Gegensätze der schwächeren Laubentwicklung sieht die viel stärkere Hvlzbildnng des Urwaldes. Zahlreiche Pflanzen gattungen, die in unserer gemäßigten Zone nur durch krautartige Pflanzen vertreten sind, erscheinen hier als Sträucher oder Bäume mit holzigem Stamme. Am auffallendsten ist dies bei den Lianen, die auf die be- svndere Physiognomie des Urwaldes einen so bestimmenden Einfluß üben. Wir fassen hier unter dem Begriffe Lianen" alle kletternden und klimmenden, rankenden und schlingenden, würgenden und windenden Pflanzen zusammen. In unserem Mitteleuropa ist deren Zahl und Massenentwicklung überhaupt sehr beschränkt, und nur wenige Gattungen haben verholzte Stengel, ivie der Epheu, die Waldrebe, das Gaisblcitt. In den Tropen dagegen treffen wir mehr als zweitausend verschiedene Lianenarten an, und die große Mehrzahl derselben hat verholzte Stämme. Die Lianenbäume" spielen in der landschaftlichen Physiognomie des tropischen Urwaldes namentlich deshalb eine so hervorragende Rolle, weil ihre holzigen Stämme meistens nackt und unbeblättert zu beträcht licher Höhe an anderen Baumstämmen emporsteigen und erst hoch oben ihre Blätter und Blüthen entfalten meistens in so schwindelnder Höhe, daß der unten stehende Beobachter in dem grünen Blätterdach die dnrch- flochtenen Zweige, Blätter und Blüthen des Lianenbaumes und des Stützbaumes, an den er sich anlehnt, gar nicht unterscheiden kann. Der Durchmesser dieser nackten, aber oft mit Moosen, Farnen und anderen Epiphyten dicht bedeckten Lianenbäume steigt von wenigen Millimetern bis zu 20 30 Centimetern und darüber, während ihre Länge mehr als 100 Meter erreichen kanm^ Ein typisches Riesenexemplar einer solchen kolossalen Baumliane steht unten in Beutenzorg gleich rechts hinter dem Haupteingang des botanischen Gartens, die beriihmte l- macla scandens, eine Leguminose. Aber auch oben im Urwalde von Tjibvdns begegnen wir überall, zwischen Tausenden von dünneren Lianentanen, stärkeren Stämmen, die 10 15 Centimeter oder mehr dick sind, sich dennoch in kühnen Bogen von einem Stützbaum zum anderen schwingen und deren Aeste spiralig umwickeln, als ob sie dünne Reben wären. Zwischen den 1 aufstrebenden Stämmen der Baumlianen erblicken wir allenthalben andere, die von den Zweigen der Stützbäume wie Luftwurzeln herabhängen. Biele Lianenstämme gleichen Schiffstauen, indem sie, schnurgerade aus gespannt, in schräger Richtung zu dem senkrechten Säulenmast des Stiitz- baumes empor streben. Andere schwingen sich in anmuthigen Bogen von einem Mast zun, anderen. Sind diese Guirlanden dann mit Bogcl- nestfarne und anderen Epiphyten oder gar mit blühenden OrchideenLianen im Urwalde. 117 geschmückt, so ergeben sich reizende Decorationen für den Vordergrund eines Urwaldbildes. Einmal sah ich eine ganze Affenherde, gleich einer wohl dressirten Akrobaten-Gesellschast, in langem Gänsemarsch über einen solchen hoch gespannten Lianenbvgen voltigiren, ein höchst amiisantes Bild. Stürzen nun später die tragenden Stützbäume zusammen oder brechen ihre Aeste ab, so können sie, zugleich mit den Lianenkabeln, die ganze Gesellschaft von Epiphpten auf den Boden hinabnehmen, und das gibt wieder Veranlassung zu neuen Combinationen von Formen in dem wirren, phantastischen Gestaltenchaos des Urwaldes. Unten am Wald- boden liegen dann oft die Lianenstricke, in vielen Schleifen und Windungen locker zusammengerollt, über und durch einander, gleich den Windungen eines aufgezogenen Ankertaues. Die auffallende Aehnlichkeit, welche die ausgespannten und ge wundenen Baumlianen mit Schiffstauen und Kabeln besitzen, wird da durch noch erhöht, daß sie, gleich diesen, aus vielen einzelnen, um die Achse gedrehten Strängen zusammengesetzt erscheinen. Thatsächlich ist auch die innere Structur oft dieselbe. Wie bei einem dicken Ankertau sind viele Faserbündel derart um die Achse spiralig gewunden, daß gleichzeitig ein hoher Grad von Festigkeit und von Biegsamkeit erreicht wird. Diese Elasticität und Dehnbarkeit ist deshalb sehr wichtig, weil die Festigkeit der Lianen bei den Bewegungen der Stützbäume (besonders beim Sturme) stark in Anspruch genommen wird. Viele Lianen ent halten auch weite, mit Wasser gefüllte Röhren, so namentlich die großen Stämme des kletternden wilden Weines" (Vitis, Cissus). Dieses Lianen wasser ist gewöhnlich ganz rein, bakterienfrei und trinkbar. Es liefert mitten im Urwalde, wo inan kein genießbares Wasser findet, ein vor treffliches, erquickendes Getränk, wie ich mich selbst öfters überzeugte. Wenn man einen solchen starken Lianenstamni einfach mit dem javani schen Hackmesser durchschneidet, so fließt in der Regel wenig Saft aus den Schnittenden. Wenn man aber 1 2 Meter oberhalb nochtnals dnrchschneidet und dann das ausgeschnittene Stammstück senkrecht hält, so fließt eine überraschende Menge Wasser aus seinen Holzröhren. Aus einem Stück von ungefähr 2 Meter Länge und 6 8 Centimeter Dicke erhielt ich etiva ein Liter erfrischenden, reinen Trinkwassers. Das Wasser in den zahlreichen kleinen Bächen, die den Urwald von Tjibodas durchrauschen, ist meistens stark verunreinigt durch die Erde und die Pflanzentheilchen, welche beständig von den abfallenden Aesten und Blättern in dasselbe hineingelangen. Größere Ansammlungen von stehendem Wasser sind bei der starken Neigung der abfallenden Gedeh-118 Bewässerung des Urwaldes. Abhänge selten. Trotzdem ist der Urwald, da fast täglich Nachmittags (und oft mich in der Nacht) mächtige Regengüsse niederstürzen, überaus wasserreich. Sobald Abends die Lufttemperatur sinkt und der Wasser dunst sich verdichtet, dampft der ganze Waldboden; seine dicke Humus decke , auf welcher die abfallenden Blättermassen und die wuchernden Movspolster sich schichtenweise über einander ablagern, saugt die Wasser massen wie ein Schwamm auf. Früh Morgens tropft der ganze Ur wald von blinkendem Thau, und wenn man durch das dichte Unterholz geht, ist man in wenigen Secnnden völlig durchnäßt. Dagegen erscheinen die Oberflächen der meistens lederartigen Blätter Tags über trocken; das auffallende Regenwasser fließt über ihre schief geneigte, glatte Fläche leicht ab. Bei sehr vielen Laubblättern har sich zur Beförderung des Abflusses eine besondere Einrichtung entwickelt, die wir auch bei Pappeln und einigen anderen bei uns einheimischen Pflanzen finden: die Blatt- spitze läuft in eine fadenförmige Verlängerung aus. Mein lieber College und Freund Ernst Stahl, Professor der Botanik in Jena, der vor zehn Jahren diese und andere bionomische Einrichtungen im Urwalde von Tjibvdas zuerst eingehend stndirte, hat jene verlängerten Blatt spitzen, von denen das Regenwasser rasch abträufelt, die Träufelspitzen" genannt und auf ihre große physiologische Bedeutung für den Stoff wechsel der Pflanze hingewiesen. Durch die rasche Abtrocknung der Blätter wird deren baldige Transpiration ermöglicht, die Abgabe von Wasserdampf und die Aufnahme von Bodenwasser, welches die Nährsalze des Bodens den Blättern zuführt. Besonders stark ist die Ausbildung der Träufelspitze an den großen Blättern vieler Aroideen, Orchideen, Scitaminee und anderer Monokotylen, aber auch bei vielen Dikotylen, z. B. den Begonien, vielen Arten von Cisfus und Ficus (namentlich dem indischen Buddhabaum, Uicus religiosa u. 21.). Unter den weiteren Ausflügen, die ich von Tjibvdas aus in den Ur wald unternahm, steht mir in angenehmster Erinnerung der Besuch von Tjibnrrum (= Rothenbach).; Am 4. Januar 1901 brach ich mit Th-. Palla früh Morgens in Begleitung von mehreren Kulis auf; wir gelangten nach zwei Stunden, in denen viel botauisirt wurde, nach dein w estlich höher gel egene n Tjibnrrum. Das ist ein einfacher Thalkessel am Fuße des Pangerango-Vulkans, westlich und nördlich von 180 Meter hohen Felswänden eingeschlossen, die beinahe senkrecht sich erheben, lieber diese stürzen drei prächtige Wasserfälle herab, die sich unten größtentheils in Staub auflösen. Die größte von diesen drei Cascaden (südlich) erinnert an den Staubbach" im Lauterbruuuer Thal. DerWasserfall von Tjiburruni. 119 Fig. 30. Der mittlere Wasserfall von Tjiburrum. schönste Wasserfall ist der mittlere, eingerahmt von dichten Vegetations massen; sein Wasser sammelt sich unten in einem Becken, das von großen Felsblöcken umgeben ist. Der kleinste Fall (nördlich) ist fast völlig durch120 Kannenpflanzen (Nepcnthes). Bäume und Buschwerk verdeckt. Der ganze Thalgrund, in welchem sich die Abflüsse der drei Cascaden sammeln, und aus welchem der Rothen bach", nnid über rothbraune Felsblöcke tosend, abfließt, ist mit herrlichen Farnbänmen und wilden Bananen bewachsen. Mächtige, braune und schwarzgrüne Moospolster bedecken die Felsen und die modernden Stämme. Der graziöse Vogelnestfarn decorirt mit seinen glänzenden, oben be schriebenen Kronen alle Baumstämme; viele Exemplare wachsen auch unten am Bache. Eine Masse anderer Farne und Moose füllen die Lücken aus und gedeihen unter dem beständigen Sprühregen der Wasser fälle in reichster Ueppigkeit. An der erhabensten und (relativ) trockensten Stelle des nassen Thalbodens sind ein Tisch und eine Bank errichtet, welche mir gestatteten, ein paar Stunden trocken zu sitzen und zwei Aquarellskizzen von den Wasserfällen aufzunehmen, während mein Ge- fährte in der Umgebung botanisirte. Der Reiz dieser märchenhaft schönen und großartigen Urwaldscenerie wird dadurch erhöht, daß über den Wasserfällen und zu beiden Seiten derselben die dunkelgrünen Waldhänge des Pangerango hoch emporst-igen, während die tiefe Einsamkeit des Ortes durch das ewige Plätschern der Bäche und das Rauschen der Wasserfälle in poetischer Weise belebt ist. Dann und wann hörte ich auch den Schrei eines einsamen Vogels und den klagenden Ruf des Oa, des grauen javanischen Menschenaffen (Hylobates leuciscus). Gegen Mittag trennte ich mich schweren Herzens von dem Tjiburrum. Allein die dunklen Gewitterwolken, die der Vulcankegel des Pangerango schon lange um sich gesammelt hatten, sanken immer tiefer und drängten zu schleunigem Aufbruch. Auf dem Rückwege sammelte ich noch Pracht- exemplareFer rotheu Kannen pflanze, die hier am Ufer des Rotheu baches üppig wuchert (Nepenthes mel ampliora). Jedes einzelne Blatt derselben läuft in eine Spitze aus, an der eilt sehr zierliches, kleines Bier seidel hängt, eine er,lindrische Kanne von 12 Centimeter Länge und 3 Centimeter Durchmesser. Die nach oben gerichtete Oeffnung der Kanne ist von einem Deckel geschlossen, der erst bei voller Entwicklung des Blattes aufspringt. Ameisen tiud andere Jnsecten, welche unvorsichtig iit die Kanne eindringen und ihren innen ausgeschiedenen Safl genießen wollen, können zwar leicht an der glatten, wie mit Wachs gebahnten Innenfläche hinein, aber nicht wieder heraus gelangen; sie fallen in den Grund der Kanne und werden hier von der ausgeschiedeuen schleimigen Flüssigkeit verdaut. Nepenthes gehört zu jener merkwürdigen Gruppe von insectenfressenden Pflanzen", über deren wunderbare An passungen uns erst der große Charles Darwin belehrt hat; sindThierleben des Urwaldes. 121 in unserem deutschen Vaterlande nur durch kleinere und zartere Pflanzen verschiedener Familien vertreten, den Sonnenthau (Drosera), das Fett kraut (kivguieola) und den Wasserschlauch (lltrieularia). Unter den zahl reichen kleineren und größeren Arten von Nepenthes, welche die indische ; Flora charakterisiren, gibt es einzelne, deren Kannen über fußlang werden. Die rothe Kanuenpflanze des Tjiburrum (Xepevtbes inelamxbora) zeichnet sich durch ihre prächtige Färbung aus: dunkel purpurrothe und braune Flecken auf einem Hellen Grunde, dessen gelber Grundton durch die zartesten Abstufungen in Hellgrün und Hellroth übergeht^ Die abge^ storbenen Kannen werden purpurbraun und dann schwarz. Ich habe davon ein sorgfältig ausgeführtes, möglichst naturgetreues Bild gemalt, das ich in einem der nächsten Hefte meiner Kunstformen der Natur" veröffentlichen werde. Während ich die Nepenthes und einige schöne Farnkräuter am Ufer . des Rothenbaches sammelte, härte ich hoch oben über mir abermals den wohlbekannten Schrei des Oa. Als ich hinauf blickte, sah ich hoch oben sin Wipfel eines Rasamalah-Baumes zwei. erwachsene Exemplare dieses Gibbon, die sich mit größter Gewandheit von Ast zu Ast schwangen und rasch im Dickicht des Urwaldes verschwanden. Da diese Thiere äußerst scheu und vorsichtig sind, bekommt man sie selten zu Gesicht, während man ihren Schrei häufig hört. ( In Beutenzorg hielt ich einen jungen Oa seit zwei Monaten lebend und werde später darüber berichten. Größere Säugethiere sieht man überhaupt in den Urwäldern von Java so weit sie zugänglich sind nur selten. Königstiger und Rhinoceros, die beide früher auch hier am Gedeh und Salak häufig waren, sind längst verschwunden und haben sich in unzugänglich Districte zurückgezogen. Der Bergsattel oberhalb Tjiburrum, zwischen Gedeh und Pangerangv, von dem aus man die Besteigung dieser beiden Bulcan spitzen unternimmt, heißt noch h eute Kadang badak“, das Rhinoceros- Lager. s^ch^hMD^iDBesteigung gern ausgefllhrt; sie erschien aber jetzt, auf der Höhe der Regenzeit, zwecklos, da man oben jenem Sattel übernachten muß; jeden Nachmittag stellte sich strömender Gewitterregen ein, und nicht einmal die Spitzen beider Vulcane waren jeden Tag auf kurze Zeit wolkenfrei. Von anderen Säugethieren des javanischen Urwaldes habe ich nur noch zwei Arten von Affen zu Gesicht bekommen, den gemeinen, überall häufigen, gelbgraucn Macacv (Aaeacus cynomolgus) und den schwarzen Lutung (Lemnopitbeeus maurus); ferner ein paar Arten von Eichhörnchen und von Fledermäusen. Die Wildschweine, die in diesen Wäldern häufig nThierleben des Urwaldes. 122 sind, habe ich zwar öfter gehört, aber nie gesehen, ebenso wenig Hirsche und Moschushirsche (Tragulus javanieus). Die großen Flederfüchse, Kalongs oder fliegenden Hunde (Pteropus), die zu anderen Jahreszeiten in Scharen erscheinen, fehlten jetzt. Von Nagethieren wurde mir ein paarmal das javanische Stachelschwein gebracht, iveniger schön und statt lich als unsere südeuropäische Art. Den Panther habe ich nicht gesehen nild ebenso wenig den Zwergpanther (Felis minuta), der nicht größer als eine Wildkatze ist und oben in den Bäumen, sehr geschickt kletternd. Eich hörnchen und Vögel jagt. Dagegen erblickte ich in beit Bnnmgipfeln mehrmals den kletternden Palmenmarder (Paradoxurus musanga). Von Vögeln habe ich in diesen Urwäldern öfter prächtige bunte Waldtauben bemerkt, deren Gurren man am Vormittag täglich vernimmt, einmal auch ein paar schöne, grüne Papageien. Bisweilen tönt aus der Ferne der Glockenton des javanischen Kuckucks. Am Tjiburrum erspähte ich hoch oben ein Adlerpaar kreisen. Früh Morgens hört man schon gleich nach Sonnenaufgang die Stimmen verschiedener Singvögel, ohne sie zu sehen. Sonst ist es im Ganzen in diesen Bergwäldern sehr still. Die Eidechsen sind durch einen braungelben Leguan (Calotes) vertreten, dessen chamäleongleicher Farbenwechsel nicht weniger lebhaft ist als der jenige der verwandten grünen Art in Beutenzorg. Schlangen waren selten. Von Amphibien fing ich öfter einen großen, braunen Frosch, ausgezeichnet durch zwei spitze, dreieckige Hantlappen, die sich über den -lugen wie Hörner erheben. Fische konnte ich in den rasch fließenden Gebirgsbächen nicht entdecken. Auch das Jnsectenleben machte sich im kühlen Urwalde" von Tjibodas bei Weitem nicht so laut und so auffallend bemerkbar wie tausend Meter tiefer im warmen Beutenzorg. Je weiter man am Vulcan hinauf steigt, desto iveniger tritt dasselbe hervor. Bei genauerem Suchen findet man zwar überall zahlreiche Arten von Käfern, Schmetter lingen, Fliegen, Heuschrecken, vor Allem Massen von Ameisen und Termiten. Aber Schmetterlinge und andere Jnsecten, die sich durch besondere Größe und Färbung auszeichnen, sind nicht häufig. Von größeren Tagfaltern nahm ich bloß ein halbes Dutzend Arten wahr; eine von diesen saß häufig auf den braunen Waldwegen, deren schützende Farbe sie genau nachahmte. Ebenso war von Spinnen nicht viel zu sehen. Einige kleinere Arten fielen durch seltsame Gestalt des querbreiten, mit harten Stacheln bewehrten Chitinpanzers (Acanthosoma). Eine unangenehme alte Bekanntschaft, die mir vor neunzehn Jahren in Ceylon den Aufenthalt im Walde verdarb, traf ich auch im UrwaldeAufenthalt in Tjibodas. 123 von Tjibodas wieder, die Landblutegel, hier Padjet genannt; sie sind jedoch weit seltener als dort. Wir wurden gleich am ersten Tage von ihnen angefallen, schützten uns dann aber gegen ihren Biß erfolgreich dadurch, daß wir uns vor dem Waldgang die Unterschenkel mit dem stark duftenden Nelkenöl einrieben. Im großen Ganzen trägt das Thierleben überhaupt im indischen, ^ westlichen Theile des malayischen Archipels bei Weitem nicht den inter essanten und auffallenden Charakter ivie im australischen, östlichen Theile. Die eingehenden Untersuchungen über diese Erscheinung und ihre Ur sachen. die zuerst vor vierzig Jahren Alfred Wallace in seinem aus gezeichneten Werke angestellt hat, sind in der Hauptsache von allen neueren Forschern in diesem Gebiete bestätigt, wenn auch im Einzelnen vielfach modisicirt worden, so neuerdings besonders von Max Weber und von meinen beiden trefflichen Schülern, den Jenenser Professoren Richard Semon und Willy Kükenthal. Die wundersame, weltabgeschiedene Einsamkeit von Tjibodas, das ungestörte und ungefährdete Leben im unberührten Urwalde, das an regende und hoch interessante Studium seiner Erzeugnisse im anstoßenden Laboratorium, das erquickende, kühle Klima, der herrliche Blick in die grünen Thäler und aus die blauen Grenzgebirge des entfernten Unter landes, das bequeme und behagliche Leben in dem einfachen Stations- hause das alles zusammen übt auf den Naturforscher und Natur freund schon nach einigen Tagen einen ganz eigenen, märchenhaften Reiz aus. Semon, Haberlandt, Graff und Andere haben diesen Empfindungen dankbaren Ausdruck gegeben. Was mich selbst betrifft, so fand ich hier einen meiner sehnsüchtigsten Jugendträume in schönster Form erfüllt, und ich werde meinem verehrten Freunde, Professor Trend, immer dafür dankbar bleiben, daß er mich dieses zauberhafte, von ihm zugänglich ge machte Urwald-Paradies in angenehmster Form hat genießen lassen. Die zwanzig Aquarellskizzen, die ich von dort mitnahm, werden mich immer lebendig an jene zehn glücklichen Tage" erinnern. Ulebrigens will ich nicht das materialistische Geständniß unterdrücken, daß ain der Wärme dieser Erinnerungen auch die vortreffliche culinarische Verpifllegung betheiligt ist, die mir mein edler Gastfreund hier oben zu Theiil werden ließ. Er hatte seine alte malayische Köchin mit hinauf geschlickt, die ihre erstaunliche Erfahrung in der feineren französischen Küche (wie in der landesüblichen Reistafel") hier oben unter er schwerenden Umständen ebenso glänzend leuchten ließ wie unten im warmem Beutenzorg. Ein Hotel giebt es zum Glück in Tjibodas nicht.124 Sylvcstcr-Abend in Tjibodas. Fremde Besucher müssen ihren Proviant mitbringen. Ständig dort arbeitende Naturforscher vereiubaren die Beschaffung ihres einfachen Unterhaltes mit dem Gärtner, der täglich Lebensmittel aus dem eine Stunde entfernten Sindanglaja holen läßt. Den Sylvesterabend 1900, den letzten Tag des scheidenden Jahr hunderts, verschönte uns der gütige Hinnnel dadurch, daß er ausnahms- weise seinen üblichen Gewitterregen schon um 4 Uhr Nachmittags auf hören ließ, und daß diesem ein herrlicher Abend folgte; der ganze Himmel war mit phantastischen Wolkenzügen von den zartesten Farben tönen bedeckt, und die scheidende Sonne vergoldete die Rauchwolke, die aus dem Gedehkrater aufstieg, so wunderbar schön, das; ich noch in der letzten Viertelstunde des Shlvestertages in aller Eile eine Aquarellskizze davon entwarf. Den Abend saßen wir traulich bei einer Flasche Rheinwein beisammen; wir gedachten mit Dankbarkeit und Stolz der unermeßlichen Fortschritte in der Erkenutniß der Natur und der natürlichen Wahrheit, welche durch die vereinten Bemühungen unzähliger trefflicher Forscher in dem scheidenden 19. Jahrhundert errungen worden sind. Blicken wir auf den primitiven Zustand unserer allgemeinen Weltanschauung im Beginne dieses Jahrhunderts der Naturwissenschaften" zurück, auf die rapide Entwicklung namentlich der biologischen Forschung seit der Mitte desselben, so dürfen wir sagen, daß wir an seinem Ende uns der Lösung der großen Welträthsel" in einem Maße genähert haben, das in seinem Anfang nicht geahnt werden konnte. Auch der Beginn des 20. Jahrhunderts machte in Tjibodas ein sehr freundliches Gesicht. Als ich in früher Morgendämmerung, gleich nach 5 Uhr, aus die östlich gelegene Anhöhe hinaufsfteg, um die ausgehende Sonne zu begrüßen, war der Himmel fast ganz klar, und die Fernsicht auf die grünen Ebenen und blauen Berge der Preauger-Regentschaft leuchtete verheißungsvoll. Nicht nur der dampfende Krater des Gedeh, sondern selbst der gewöhnlich verhüllte Gipfel des Pangerango war völlig wolkenfrei. Als ich um 8 Uhr zum Stativnshause Hinabstieg, überraschte mich dort, als besondere Neujahrsfreude, der Besuch eines alten Freundes, des Herrn von Rautenfeld aus Riga. Derselbe hatte im Sommer des verflossenen Jahres die berühmte Belagerung von Peking mitgemacht, wo er als erster Secretär von Sir Robert Hart seit längerer Zeit im Dienste des Seezollamtes thätig gewesen war. Um sich von den unge heuren physischen und moralischen Strapazen dieses denkwürdigen Kriegs- dramas zu erholen, hatte er einen zweijährigen Urlaub nach Europa genommen. Auf einer mehrstündigen Vormittagswanderung durch denTer Lianen-Baum Zannonia 125 Fig. 31. Zannonia macrocarpa, ein kletternder Lianenbaum, dessen große Früchte an langen Schnüren herabhängen und viele geflügelt--, Schmetterlingen ähnliche Samen enthalten.126 Neujahrstag in Tjibodas. Urwald kannte ich ihm die zahlreichen hier zusainlnengehäuften Natiui wunder zeigen und erklären; bei seiner lebhaften und feinen Natur Empfindung ein hoher Genuß. Ehe mein Freund Nachmittags sein Pferd bestieg, um nach Sindang laja hiuabzureiten, leistete er uns noch angenehme Gesellschaft beir Mittagmahl. Er machte dabei viele sehr interessante Mittheilungen übe die merkwürdigen Einzelheiten der Vertheidiguug der in Peking eilige schlosseuen Europäer. Er selbst hatte Wochen lang die schwersten Ent behrungen zu erdulden gehabt und durch Einäscherung seines Hause seine große, werthvolle Bibliothek verloren, sowie eine ausgezeichnet Sammlung von Naturalien, von historischen und ethnographischen Merk Würdigkeiten. Was den Ausgang der chinesischen Wirren und die zu künftige Gestaltung des Verhältnisses von Europa zu Ostasieu betrifft so neigte er, auf Grund genauer Sachkenntuiß, jener pessimistischen Be urtheilung zu, welche die meisten gründlichen Kenner von China mi Sir Robert Hart theileu. Am 7. Januar machte ich noch den Versuch, von unten her in de tiefen, waldigen Schlucht von Tjibodas weiter hinaufzusteigen. Allen das reißende Wildwasser des Weißenbaches war zu stark angeschwollen um in demselben über das wüste Geröll der augehäuften Felsblöck Vordringen zu können. Durch das Lianengewirr in dem dichten Ur ivalde, der die beiden steil ansteigenden Wände der wilden Schlucht be deckt, sich durchzuarbeiten, war ganz unmöglich. Sv mußte ich mick damit begnügen, in einem Aquarell den Charakter dieser großartige, Scenerie festzuhalten. Am Nachmittage desselben Tages packten wir unsere Sachen uu Sammlungen zusammen, und in der Frühe des 8. Januar nahmen wi Abschied von dem uns so lieb gewordenen Tjibodas. Niemand wa froher als unsere Diener und Kulis aus Beutenzorg. Sie sind uu höchst ungern einige Tage hier oben in dem einsamen Waldgebirge; nick, allein, weil sie elend frieren und keine Unterhaltung finden, sondern namentlich, weil sie sich vor den bösen Geistern im Urwalde wie Kinde fürchten. Gegen 6 Uhr brach unsere kleine Karawane auf, und schvr nach Uhr waren wir unten in Siudauglaja. Hier trennten sich unfern Wege, Professor ^rreub und Dr. Palla kehrten nordwärts über der Puntjakpaß nach Beutenzorg zurück; ich fuhr südwärts nach der Eisen bahustativn Tjandjur, um von da meine Reise nach Mitteljava an zutreten.Fünfter Capitol. Dutfl Manger-Land. uAii Reise durch die Preanger-Regentschaft und ostwärts bis Djokjakarta, 5fc dann zurück nach Beutenzorg umfaßte nur zwölf Tage (vom 8. bis 19. Januar). Ruch sie gehören zu jenen kostbaren Tagebuchblärteru in der inühseligen Reise durchs Leben", die der müde Wanderer nie ver gißt; zu jenen Festtagen, die ihn für so viele harte Erfahrungen und bittere Enttäuschungen reichlich entschädigen. In der Thar vereinte sich Alles, um mir diese kurze Zeitspanne zu einem besonders reizvollen Stück ineiner achtmonatlichen Malayenfahrt zu gestalten: schönes Wetter, Naturgennß ersten Ranges, glückliche Begegnung mit freundlichen Menschen, ungestörte und erfolgreiche Ausführung des zweckmäßigen Reise- Programms. Seit dem Jahre 1895 ist die große, centrale Eisenbahnlinie vollendet, welche jetzt ganz Java durchzieht, von Serang im Westen bis Probolingv im Osten. Die meist benutzte Strecke ist die mittlere, von Batavia bis Snrabaya, der zweiten Hauptstadt der Insel. Diese lange Strecke wird in zwei Tagen zurückgelegt, da Nachtzüge nicht existiren und man in Maos, halbwegs zwischen beiden, übernachten muß. Bei der Kürze der Zeit, die mir noch zu Gebote stand, mußte ich den Besuch von Ost- java verzichten und mich auf den schönsten Theil von Mitteljava be schränken. Hier zogen mich vor allem Anderen zwei berühmte und viel besuchte Punkte an: G a r u t mit seiner großartigen vulcanischen Gebirgs- natur und Djokjakarta mit den berühmten Hindutempeln. Nachdem ich mich von meinen beiden Reisegefährten getrennt hatte, stattete ich dem nahen Tjipannas einen kurzen Besuch ab, dem Lust schlosse des Generalgonverneurs, das in einem hübschen Park am Fuße des mächtigen Gedeh gelegen ist. Der Name Tjipannas bedeutet Warm-128 (Sine Ricsen-Orchidce. brunn"; derselbe kehrt in Java, wo so viele heiße Quellen von dn zahlreichen Vulcanen gespeist werden, häufig wieder. Unter den vielir schönen Blumen, mit denen der Lustgarten am Schlosse geschniült war, fiel mir namentlich eine prächtige Ri esen - O rchrdee au, eine der größten Arten dieser formenreichen Familie (Grammafc- phylluin speciosum). Unten auf dein Stamme eines mächtigen Baums saß ein gewaltiger Busch dieser Art, dessen Durchmesser mehree Meter betrug. Hunderte von Aesten, die in zierlichen Bogen aufwärs strebten, strahlten nach allen Seiten von der gemeinsamen Stammbass aus. Von jedem Aste hing eine Doppelreihe von schmalen bandförmiger Blättern herab, zwischen denen sich die zierlich gefiederten Wedel vcr Zig. 32. Büffel am Pfluge auf einem überschwemmten Reisfelde. epiphptischen Farnkräutern vordrängten. Oben aber wurde der mächtig Busch von einem Kranze zahlreicher aufstrebender Blüthenstände gekrön Da jede dieser 50 60 Bluthenrispen über 2 Meter lang ist und 70 10 große Bliithen trägt, beläuft sich die Zahl der gelbrothen, braungefleckte: Bliithen an einem einzigen solchen Exemplare auf mehr als fünftausend Man würde kaum begreifen, wo diese imposante Riesen-Orchidce, an dem Stamme eines Baumes befestigt, ihre Nahrung hernimmt, wen nicht unterhalb des colossalen Blätterbusches ein ringförmiger Wulst vv Luftwurzeln säße, von mehr als 2 Meter Durchmesser. Dieser hellgelb Wnrzelkranz ist zusammengesetzt Tausenden von kammförmigen Luft wurzeln, welche zweizeilig verzweigt und nach allen Richtungen durci(Hm- Ricsen-Orchidec. 129 einander geflochten sind. Ans den steifen, stachelartigen Wurzelspitzen werden die abgefallenen Blätter des tragenden Baumes aufgespießt, und in den unzähligen Lücken des labyrinthischen Wurzelgeflechtes sammeln sich auch andere Pflanzenreste an, die sich allmählich in nahrhafte Humus- mnfsen verwandeln; diese werden von den Nährwurzeln der Orchidee durchwachsen, während unterhalb derselben starke Haftwurzeln hervor- Fig. 33. Eine blühende Riesen-Orchidee (Granunatophyllum speciosum) von 5 Meter Durchmesser, mit mehreren tausend großen, gelbrothen Blüthen. treten und die schwere Last des Epiphyten am Stamine des Tragbaumes befestigen. Ein noch größeres Exemplar dieses Orchideen-Giganten stand während meines Aufenthaltes in Beutenzorg daselbst in Blüthe, nahe dem Marktplätze und gegenüber den, Wohnhause des Hortulanus Wigmann. Nun setzte ich mich in den leichten, mit drei munteren malayischen Pferdchen bespannten Wagen, der mich durch freundliche, gut cultivirte Ha ecke i, Insulinde. 91:30 Fahrt durch das Preanger Land. Landschaften in drei Stunden nach der Eisenbahnstation Tjandjur brachte. In dem ansehnlichen Orte Patjet, den ich passirte, war gerade lebhaftes Markt-Getümmel; es bot mir Gelegenheit eine große Anzahl von hübschen Figuren und bunten Trachten aus diesem nördlichsten Theil des Preanger Landes zu sehen. Die Preanger Regentschaft gilt als eine der schönsten und .^uixendl** v © (TnouiAiul) Q Hi 1 * Hantam . Haiti ria . PmxjxtjrrRetjt Kmwaruj. ( JConibyiJ Uraitail c tdtic S Aro strnisra X n 0 C , 0 Alkmaar ^ öCö Leidra ( ^ t^ ooc Krrlmof J Ce o OBrurt ^ £utt 4 nx* r$ ‘VoclBfME ^ ofiocijiir. MßALAWÄI 0 -T 1 Vfü S AJMU; f WINDOE # West-Java. reichsten Landschaften, nicht nur in Java, sondern im ganzen malustschen Archipel. Sie enthält in ihrer nördlichen Hälfte, einem mnleriscten Ge- birgslande, zahlreiche große Vulcane, in der südlichen Hälfte, di^ gegen den Indischen Ocean abfällt, viele größere und kleinere, in diesen mündende Flüsse. Die Eisenbahn, welche vvn Batavia südwärts ,wischen den Bulcanen Salak tind Gedeh durchgeht, bildet vor Sukabuni einenCharakter der javanischen Landschaft. 131 rechten Winkel und schlägt nun die Richtung nach Osten ein; sie durch- schueidet den schönsten Theil des Preanger Hochlandes. In kühnen Bogenlinien steigt sie an den bewaldeten Bergwänden empor, überschreitet auf schwindelnd hohen Brücken und Viadncten herrliche Thäler und ge währt wechselnde Blicke in das höchst fruchtbare und vortrefflich bebaute Tiefland. Rasch eilt der Zug zwischen diesen annuithigen Landschafts bildern hindurch, und man bedauert nur, sie nicht in größerer Muße ge nießen zu können. Hier dürfte es gestattet sein, Einiges über die javanische Land schaft im Allgemeinen zu sagen, und über die charakteristischen Bestand- theile, welche deren Reiz bedingen. Soweit ich dieselbe kennen gelernt habe, finde ich, daß ihre besondere Schönheit in der wechselvollen Ver einigung von drei wirksamen Theilen besteht: im Hintergründe ein groß artiges, meist blau oder violett erscheinendes Gebirge, dessen vulkanischer Charakter sich in der vorherrschenden Kegelform seiner Erhebungen kund gibt, oft auch in der Rauchwolke, welche aus dem Gipfel der Kegel auf- steigt; im Mittelgrund ein gut gepflegtes Culturland, in welchem die Terrassen der lichtgrünen Reisfelder überwiegen; im Vordergründe die un endlich mannigfaltigen Schaustücke der tropischen Flora, welche die Hütten und Dörfer der Eingeborenen umgeben. Sv in dem wasserreichen West- und Mitteljava. In dem trockenen Ostjava, das ich nicht besucht habe, soll die Landschaft einförmiger sein und der Weg theils durch monotone Wälder von Teakholz, theils durch ebenso langweilige Pflanzungen von Zuckerrohr führen. In, Gegensätze zu Borneo und Sumatra, und zu den meisten kleineren Inseln des malayischen Archipels, ist die Insel Java sehr dicht bevölkert und seit Jahrtausenden vortrefflich angebaut. Wilde Waldgegenden, in denen noch heute Königstiger inrd Rhiüoceros Hausen, beschränken sich auf die unzugänglichen Theile des Gebirges und auf einzelne, besonders ungesunde Gegenden, zu denen ein großer Theil des sumpfigen Küsten landes und die wüste, schwach bevölkerte Provinz Bantam im äußersten Westen gehört. Während im Beginn des 19. Jahrhunderts die Bevöl kerung der Insel sich nur auf 3 Millionen belief, zählt sie gegenwärtig mehr ails das Achtfache, 25 Millionen. Doch ist von den unzähligen Dörfern, Kampongs und Dessas, in denen dieselbe wohnt, wenig zu sehen; meistens liegen diese im dichten Schatten von hohen Fruchtbäumeu versteckt. Die zahlreichen Gruppen solcher Bäume, die wie dunkelgrüne Inseln aus den hellgrünen Reisfeldern auftaucheu, bezeichnen ebenso viele Dörfer; sie geben dem ganzen Bilde den idyllischen Charakter einer freundlichen132 Javanische Hütten. Parklandschaft. Daneben jedoch sind überall einzelne Hütten zerstreut, die mit ihren Gärten und der bunten Staffage von Eingeborenen dem Vorüberfahrenden stets interessante Bilder bieten. Die Hütten der Javanen sind größtentheils oder fast ganz aus Bambus gebaut, jenem schönen und unendlich nützlichen Baumgrase, von dem alle Theile zu mehr als hundert Zwecken ihre praktische Ver wendung finden. Als echte einstöckige Pfahlbauten" ruhen sie Bambusstämmen, die entweder direct in den Erdboden eingerammt sind oder von einem untergelegten Stein getragen werden. An diesen senkrecht stehenden Bambusstämmen werden in Vs 1 Meter Höhe über den Boden andere, horizontale Stämme befestigt, welche parallel neben ein ander liegen und den Boden der Hütte bilden, lieber diesen erheben sich in gleicher Anordnung die senkrechten Rohrwände des einfachen Wohn- raumes, an dem eine einzige große Oefsnung Thür lind Fenster zugleich repräsentirt; in größeren Hütten ist der Wohnraum in zivei oder drei Kammern durch Scheidewände getheilt. Matten, aus Bambus- oder Palmblättern geflochten, sind über Boden und Wände gelegt; sie decken auch das Dach, falls dieses nicht aus Atap, der besonders dazu geeigneten, zerfaserten Blattscheide der Zuckerpalme (Arenga) gebildet wird. Unter tu iii tark vorspringenden, weiten Regendach liegt geschützt eine offene Vorgalerie. Die Gärten oder Haine, in deren schattigem Schutze die javanischen Hütten versteckt liegen, weisen fast immer dieselben wesentlichen Charakter- Pflanzen auf: die leichten, anmuthigen Federkronen des Bambus, die lichtgrünen Stauden des Pisang oder der Banane (Musa) mit ihren breiten, schön znrückgebogenen Riesenblättern, und die edle Cocospalme, die auf ihrem schlanken Stamme hoch darüber ihre stolze Federkrone er hebt. Außerdem sieht man dazwischen noch sehr häufig die Zuckerpalme (Arenga), die Betelpalme (Areca), die Manihot (Jatropha) und ver schiedene Fruchtbäume, als da finb: Durian, Mango, Mangostin, Ram- buttan u. s. w.; desgleichen bunte Blumen, Croton und andere Zier sträucher. Besonderen Werth legen viele Gartenfreunde neuerdings auf die bunten Farben und mannichfaltigen Zeichnungen der Croton-Bläkter; die sonderbarsten Figuren und Farben-Combinationen, von lebhastem Gelb, Orange und Roth bis zu violetten und braunen Zeichnungen auf grünem Grunde, sind hier durch sorgfältige Zuchtwahl erzielt worden ein auffälliges Zeugniß für die Macht der künstlichen Selection. In großer Menge wird hier auch auf ausgedehnten Beeten die herr liche Ananas cultivirt; die stattlichen, schön goldgelben oder orange-Javanische Warten. 133 forbenen Fruchtzapfen dieser Bromeliacee sitzen inmitten eines großen Echopfes von blaugrünen schwertförmigen Blättern, die rinnenförmig ver tieft und zuriickgekriinunt sind, ähnlich ivie bei Agave und Aloe. 3hre Vermehrung ist sehr einfach; die kleine Rosette von kirschrothen Blättern, welche oben auf dem Scheitel der tannzapfen-ähnlichen Fruchtähre sitzt, wird abgerissen und in die Erde gefetzt; sofort wird daraus wieder eitu neue Pflanze. Diese köstliche Frucht ach meinem Geschmack eines der wundervollsten Erzeugnisse der reichen Tropen-Flora wird in Java so massenhaft cultivirt, daß sie überall an den Bahnstationen als Fig. .f4. Die Ananas-Pflanze mit Frucht (Anauassa sativa). billigste Erfrischung ausgeboten wird. Ein schönes Exemplar, das bei uns, im Gewächshaus gezogen, 3 4 Mark kosten würde, erhält man hier für ebensoviel Pfennige. Ich habe mir nur wenige Tage in Jnsulinde entgehen lassen, an denen ich mich nicht an Geschmack, Geruch und Aus sehen dieser aromatischen Frucht erfreut habe. Die wechselvolle Combination dieser verschiedenen Gartenpflanzen mit der farbenreichen Staffage der Eingeborenen-Familien, der Büffel, Hunde, Ziegen, Hühner und sonstigen Hausthiere, ferner die Gruppirung mehrerer Hütten zu kleineren Gemeinden, liefert dem Auge des Malers beständig reizende Vorwürfe für sein Skizzenbuch.134 Reisfelder in Java. Den auffallendsten Charakterzug der javanischen Landschaft bilden die Reisfelder oder Saivahs, die in gewaltiger Ausdehnung den weit aus größten Theil des Culturlandes bedecken und den Eingeborenen ihr wichtigstes Nahrungsmittel liefern. Seit Jahrtausenden sind die Javanen gewohnt, den Reisbau mittelst eines eigentümlichen, höchst zweckmäßigen Terrassensystems zu betreiben. Da das Reisgras (Oryza) eine tropische Sumpfpflanze ist, findet es in den besonderen klimatischen Verhältnissen von Java die denkbar günstigsten Bedingungen für ertragreiche Entwick lung. Täglich sammeln die unzähligen Gipfel der gewaltigen Vulkan kette die Wasserdünste, welche der Indische Ocean unter dem Einflüsse der glühenden Tropensonne verdampft: täglich entladen die ausgedehnten so entstehenden Wolkenlager das befruchtende Naß in starken Gewitter regen. Auf dem hügeligen, mehr oder weniger geneigten Terrain nimmt das abfließende Regenwasser stets große Quantitäten von Humus aus den Bergmäldern und von mineralischen Nährsalzen aus dem vulkanischen Boden mit sich fort. Dieser Wasserschatz wird nun von den Javanen über die weiten Flächen der Reisfelder dadurch möglichst gleichmäßig ver theilt, daß dieselben in viele horizontale, über einander gelegene Ter rassen getheilt sind. In den Dämmen, welche diese trennen, sind kleine Oeffnungen oder Schleußen angebracht, durch welche das Wasser jeder Terrasse in die darunter gelegene abfließt. Zahlreiche, meist parallele Querdämme, senkrecht aus den Längsdämmen stehend, theilen die weiten, wasserbedeckten Flächen in kleinere Felder. Das Gitterwerk, das so ent steht, gibt der Reislandschaft ihren eigenthümlichen Charakter. Die braunen Dämme die Stäbe des Gitters heben sich scharf ab von den spiegelnden Wasserflächen oder von dem lichtgrünen Grasteppich, der daraus hervor wächst. Die Farbe dieses Sammetteppichs, in weiter Ferne mehr smaragdgrün, in der Nähe freudig gelbgrün, steht in reizendem Contrast zu dem mannigfach gestalteten dunkelgrünen Pflanzenschmuck des Vordergrundes, zu dem violett blauen Gebirgshintergrunde und zu den dunkelgrauen Monsunmolken, welche in mächtigen Haufen über den lichtstrahlenden Himmel ziehen. Besonders hübsch erscheinen die Reis felder des niederen Gebirges, die bis zu tausend Meter aufsteigen und oft in halbrunden Thalmulden die Bildung eines riesigen griechischen Amphitheaters nachahmen; die braunen Dämme, in gleichen Abständen sich über einander erhebend, entsprechen den Sitzreihen, wie man sie z. B. im Amphitheater von Syrakus so schön erhalten sieht. Da in dem ewigen Sommer" von Java der Unterschied der Jahres zeiten größtentheils fortfällt, dauert auch die Reiscultur das ganze JahrReiscultur in Java. 135 hindurch; oft folgen sich auf denselben Sawahs zwei Ernten in verschie denen Jahreszeiten. Daher hat man auf der Eisenbahn, niedere und höhere Gegenden rasch nach einander durcheilend, Gelegenheit, die alt gewohnte Reiscultur der Javancn in allen Stadien der Entwicklung zu beobachten. Zuerst werden kleine Saarfelder angelegt; ganze reife Reis ähren werden in diese Wasserbecken gelegt, in denen die jungen Pflänzchen vierzig bis achtzig Tage Zeit zur Keimung haben. Da sie viel zu dicht stehen, werden sie dann herausgenommen und auf die gut vorbereiteten Felder übertragen. Die Arbeiten der Männer an dieser Vorbereitung sieht man überall im Gange; der javanische Bauer erscheint bei dieser Thätigkeit von ferne wie ein wandelnder Hutpilz, indem seine dünne, halbnackte Figur von einem mächtigen, verschieden gefärbten, flach teller förmigen Strohhute bedeckt wird, dessen Durchmesser 1 Meter und darüber erreicht; gleichzeitig Schutzdach gegen Sonnenbrand und Regenguß. Mit leichter Jacke und kurzer Küiehose bekleidet, wandelt er so hinter dem schweren Pfluge her, welchen zwei mächtige Büffel durch den Schlamm ziehen, ebenfalls bis an die Kniee im Wasser watend. Nachher wird der Boden, aus welchem Frauen und Kinder sorgfältig das Unkraut ansjäten, noch geeggt, dann das Wasser abgelassen. Nun beginnt die mühsame Arbeit der Frauen und Kinder; sie nehmen die jungen Keimpflanzen au den Saatbeeten und übertragen sie auf das so vorbereitete Sawah; dabei werden immer mehrere Pflänz chen in je ein Pflanzloch gesetzt, ganz regelmäßig in gleichen Abständen in Reihen geordnet. Nachdem jetzt die Felder wieder unter Wasser gesetzt sind, gleichen sie eine Zeit lang flachen Teichen. Bald aber wachsen aus der Wasserfläche die zarten, gelblichen Reishalme empor und erheben sich zur Bildung der wogenden Felder, deren lichtes Sammetgrün das Auge erfreut. Geht dann die Frucht der Reife entgegen, so werden überall Vogelscheuchen aufgestellt: Blätter von Cocos- und Arengpalmen, deren Fiedern rauschend im Winde flattern. In besonderen kleinen Wächterhäuschen, auf hohen Bambuspfählen sich erhebend, sitzen Feld hüter, welche lange, nach allen Seiten ausgespannte Schnüre in Be- wegung setzen. Die bunten Kleiderfetzen und Puppen, die an diesen Schnüren befestigt sind, dienen zum Verscheuchen der Reissinken und sonstiger Diebe aus der Thierwelt. Ganz anders sehen die Sawahs wieder einige Wochen später aus, wenn die Erntezeit naht; die Felder werden wieder trocken gelegt, und nun beginnt das Fest des Erntens. Alt und Jung wandelt zu den reifen, goldenen Schätzen hinaus, schneidet mit kleinen Messern sorgfältig136 Jovamichc Reisernte. die einzelnen Aehren ab und bindet sie zu kleinen Büscheln und diese zu Garben zusammen. An den beiden Enden einer laugen, elastischen Tragstange wieder eines Bambusrohres aufgehäugt, werden die Lasten von den Männern über die Schultern genommen und auf den Markt oder in die kleinen, niedlichen Reisscheueru gebracht, die mau zwischen den Hütten sieht: zierliche Miniaturhäuschen mit steilem, über hängendem Dach, auf vier hohen Pfählen ruhend, die nach unten convergiren. Die bunten Kleider, welche die Javanen bei der Reisernte anziehen: die rothen, violetten und grünen Jacken (Kabapas) und Röcke (Sarongs) der Frauen, die weißen, gelben und blauen Jacken und breiten Schüsselhüte der Männer erhöhen den malerischen Reiz des bunten Bildes, das ein solches Erntefeld gewährt. Die maläyischen Bewohner des Preanger Landes zeichnen sich großentheils vor den meisten übrigen Javanen durch schönen und eben mäßigen Körperbau aus. Auch die Gesichtsbildung ist edler, Mund und Nase feiner, die Augen weniger geschlitzt, die Backenknochen nicht so vorspringend. Wahrscheinlich ist diese Veredelung auf die starke Mischung mit dem arischen Blute der Hindu-Eroberer zuriickznführen, die schon vor 1200 Jahren auch in andern Districten von Java in großer Aus dehnung stattgefunden hat. Ein sehr wesentliches Element in der reichen Staffage dieser heiteren javanischen Landschaft sind die Karbaus, die mächtigen javanischen Büffel, die nicht allein beim Bebauen der Reisfelder, sondern auch ale- wichtigste Last- und Transportthiere überall Verwendung finden. Sic sind bedeutend plumper und stärker als unsere schwarzen europäischer. Büffel, von lichtgrauer Farbe, die oft in Rosenroth übergeht, wenn dic röthliche Haut durch das spärliche Haar schimmert; der breite flache Kopf ist mit zwei mächtigen, einwärts gekrümmten Hörnern bewaffnet Mit Vorliebe sich im Schlamme wälzend, erinnern diese plumper Karbaus an ausgesturbene Riesenhusthiere der Tertiärzeit. Ein besonders niedliches Bild geben oft nackte, kleine Jungen von sechs bis zehn Jahren ab, welche der Länge nach dem Rücken eines im Wasser stehenden Büffels gelagert sind, den Kopf die Ellbogen gestützt. Diese und ähnliche Bilder beschäftigten Auge und Phantasie in stetem Wechsel und in angenehmster Weise während der Fahrt von Tjandsnr nach Garut. Die Wagen zweiter Klasse, in denen ich fuhr, sind sehr bequem und luftig gebaut, mit langen Rohrbänken, oben mit doppeltem Schattendach, seitlich mit Glasfenstern und dicht schließenden Jalousien, so daß man sich vor der Gluth der Tropensonne gut schützenJavanische Büffel. 137 fann. Ich habe darin von der Hitze weniger gelitten als in unseren gepolsterten deutschen Eisenbahnwagen zweiter Klasse. Ein Gang, der durch die Mitte des Wagens oder auf einer Seite der Länge nach dnrch- siihrt, gestattet, den Sitz öfter wechseln und die Aussicht nach beiden Zeiten zu genießen. Die kleineren Coupes erster Klasse, mit wenigen großen Lehnsesseln, fand ich nicht so angenehm. Die großen Wagen dritter Klasse, sehr einfach, sind mit braunen Eingeborenen und gelben Aig. 36. Karba oder Javanischer Biiss-I. Chinesen gefüllt, beide große Freunde des Eisenbahnfahrens. Die Conducteure sind sehr höfliche Javaneu. Für Erfrischungen ist an vielen Stationen während der langen, heißen Fahrt gesorgt. Eingeborene Frauen bieteit Milch, Wasser, ^tucht- säfte und Spirituosen an, sowie Eier und Brot. Andere halten Körbe mit Ananas, Pisangs, Mangos, Rambuttan, Mangostin und anderen Früchten seil. An manchen größeren Stationen ist gleich neben dein Bahnhof ein kleiner Obstmarkt, in dessen offenen Buden solche erquickende Tropen-lo8 Obstmarkt in Java. Früchte in großer Zahl und Auswahl zu haben sind. Oester ließ: ich mir da eine Cocos-Nuß öffnen und trank deren kühle, wohlschmeckende Milch mit großem Behagen. Eine Ananas nahm ich meistens mit iw den Waggon und verzehrte diese aromatische Frucht mit stets erneutem Gewusse. Nachmittags passirten wir Baudjoug, die Hauptstadt der Preamger Provinz, herrlich auf einer rings von Vulcanen umgebenen Hochebene ^ig. 37. Obst inarkt in ^ ava. Die Kränze, welche links oben am Büschel von gelben Pisangs oder Bananen (Musa). Ueber dem Kopfe der Mitte) liegt ein Haufen von Cocos-Nüss Dach der Bude hängen, sind des kleinen Jungen (unten in en. gelegen. Pl)n der ibtcition aus lief)! man lucuig von der jucit ans- gedehnten Stadt, deren Häuser und Villen zwischen Gärten und Frucht bäumen versteckt sind. Eine Stunde später erreichen nur, abermals aus- steigend, das malerische Tjitjalengka, von wo die Bahn noch biss.Nagrek 177 Meter steigt, um sich daun in vielen Windungen 264 Meter tief nach ^jib atu zu senken. Bon hier geht die Hauptbahn in östlicher Richtung nach Maos weiter; rechts führt eine Zweigbahn in südlicher Richtung nachPfcrdckarrc in Java. 169 Aig. 35. Ein Pferde-Karren im Preanger Lande. (Rechts eine Pisang Staude. Gcirut; ivir erreichen es in einer Stunde. Bei Tjisat überschreiten wir eine 40 Meter tiefe Klnft auf einem 180 Meter langen Viadukt; überall rechts und links bewaldete Vulcane über den fruchtbaren, gut bebauten Thälern; so kommen wir, in beständigem Genüsse der wilden Gebirgs landschaft, nach Garnt (geschrieben Garvet). jpi £ t 1 f:{ grüjt k ?yig. 39. Eine Quadrille von javanischen Tänzern. $cd)Tte$ Capitel. Im Zulranland von Körnt. ^CVeim die grüne Smaragdinsel Java" von vielen Reisenden als die SAJ schönste aller Inseln gepriesen wird, sv ist sicher wiederum der weite, fruchtbare Thalkessel, in welchem das Städtchen Garut, der Sitz eines javanischen Regenten" liegt, eine der prächtigsten Perlen vvn Java, wenn nicht die schönste von allen. Das blühende, iveit ausge dehnte Gebirgsthal hiillt seine zahlreichen Dörfer in den üppigsten Mantel der tropischen Vegetation und ist rings von einem malerischen Kranze hoher Vulcane umgeben, die theilweise nvch heute activ sind: im Süden der gewaltige Kegel des Tjikvrai (2815, Meter), dessen breite Basis die Hälfte des südlichen Horizonts einnimmt, im Südwesten der rauchende Krater des Papandajan (2615 Meter) und des Windn (2277 Meter), zwischen beiden der Kawa Manuk; im Westen der Malabar (2518 Meter) und der Gunong Guntur (1982 Meter); im Norden der zuckerhutförmige Haruman und der Tjiaivi, im Osten der Galungung (1167 Meter). Da der ebene Thalgrund von Garnt (ein früherer See buden) 900 Meter über dem Meere liegt und reich bewässert ist, besitzt er ein herrliches Klima.Das Vulcanland van Garut. 141 Wegen dieser Vorzüge wird Garut seit einigen Jahren, seitdem die Zweigbahn nach Tjibatu fertig ist, vielfach als Sommerfrische und Luft kurort ausgesucht; es ist vorauszusehen, daß sich dieser Besuch noch be- deutend steigern wird, wenn die Reize der Gegend mehr bekannt werden. Zn der Thal läßt sich für die europäischen Bewohner des heißen Tief landes, namentlich in Batavia, keine angenehmere Erholung denken, als ein Aufenthalt in dem kiihlen Garut, das in einer Eisenbahnfahrt von neun Stunden (mit dem Schnellzuges leicht zu erreichen ist. Für an genehmen Comfort sorgen zwei vortreffliche Hotels, beide nahe am Bahn hof gelegen: das ältere größere Van Horck und das neuere kleinere, ursprünglich als Sanatorium erbaut von dem deutschen Arzt I)r. Rupert, und nach dessen Tode von seiner Wittwe in ein sehr freundliches und zweckmäßig eingerichtetes Gasthaus mit schönem Garten verwandelt; ich kann es allen deutschen Landsleuten, die nach Garut kommen, bestens empfehlen. Frau vr. Thekla Rupert, geb. Luther, stammt aus Gotha; man findet bei ihr nicht nur treffliche Verpflegung (auf Wunsch deutsche Küche), sondern auch die beste sachkundige Auskunft über die Excursionen, welche man von Garut aus in das nahe Gebirge machen kann. Der erste dieser Ausflüge am 9. Januar galt dem merkwürdigen Schlamin- vulcan Kawa M a n u k. Da derselbe erst nach mehrstündiger Wagenfahrt zu erreichen und um die jetzige Jahreszeit nur am Vormittag gutes Wetter zu rechnen ist, mußte ich schon um vier Uhr aufstehen und eine halbe Stunde später den leichten dreispännigen Wagen besteigen. Eine svlche schnelle, nächtliche Wagenfahrt in der Morgenfrühe der Tropen hat einen eigenen Reiz. Auf den vortrefflichen Wegen eilten unsere drei mnlapischen Pferdchen in gestrecktem Trabe durch das einsame Thal dahin, bald über ausgedehntes Terrassenland, in welchem Reisfelder ver schiedenen Alters über einander liegen, bald durch stille, schlafende Dörfer, die in Bambus- und Pnlmengebüsch versteckt ruhen, lieber dem leichten, nach allen Seiten offenen Wägelchen wölbt sich nur, auf sechs Eisen stäben befestigt, ein breites Schatten- und Regendach, so daß der Hinblick nach allen Seiten frei ist. Auf der vorderen Bank sitzt der Kutscher, auf der hinteren der Fahrgast. In der ersten Stunde der Fahrt herrschte tiefes Schweigen in dem weiten Thal, über dem der Rachthimmel sein funkelndes Sternenzelt ansgespannt hatte. In der zweiten Stunde be gann der Morgen zu dämmern, die Umrisse der Vnlcane traten schärfer hervor, und muntere Vögel begannen ihr Morgenlied zu singen. Auch in den Dörfern wird es lebendig; die malayischen Bauern treten aus den geöffneten Hütten hervor und nehmen in den Wassergräben zu142 Torfstrahe in Preanger. beiden Seiten der Straße ihr gewohntes Morgenbad. Die chinesischen Kaufleute öffnen ihre Läden, in denen nicht nur Eßwaaren, sondern auch alle möglichen anderen Bedürfnisse haben sind. Sobald die Svnite über dein breiten Rücken des Galungung im Fig. 40. Dorfstraße im Preanger Land (links Bambus-Gebüsch). Osten emporgestiegen ist, ändert sich das Bild mit einem Schlage, und wir erstaunen über den goldenen Glanz, mit dem sie die großartige Landschaft übergießt. Die tiefen Schluchten in den Buleanleibern des Pnpandajan und des Gunong Guntur treten scharf hervor; die Saivah-Ausflug nach Kawa Manuk. 148 felder schimmern im zartesten Smaragdgrün, die breiten lichtgriinen Rirseublätter des Pisang und das Caladium werfen die Sonnenstrahlen funkelnd zurück, und aus tausend Gräsern und Kräutern glitzert der Morgenthau. Bald nach 6 Uhr bin ich in Pasir-Kiamis angelangt, dem Dorfe, in dem der Fahrweg endet. Mit dem Wedano, dem Dorfschulzen, der zugleich Kalipah l Kalif) ist und mich sehr ehrerbietig begrüßt, verständige ich mich größtentheils pantomimisch darüber, daß ich dei Weg zum Kaiva Manuk hinauf nicht zu Pferde (Guda) sondern im Tmgsessel (Tandu) machen will, und in kurzer Zeit stehen, außer dem Führer und Gepäckträger, noch acht Kulis bereit, die meinen Tandn zwei Stunden hinauf tragen sollen. Es war das erste Mal auf meinen zahlreichen Reisen, daß ich mich dieses bequemen, in Indien sehr beliebten Beförderungsmittels bediente. Frau Dr. Rupert Halle mir besonders dazu gerathen, da die Reitpferde dieser Strecke unsicher und die Wege zum Theil sehr schlecht sind. Der Preis für Tragsessel und acht Träger ist derselbe wie für ein Reit pferd: bis zum Kawa Manuk 2 1 2 Gulden, dazu noch der Führer und der Träger je 1 2 Gulden; außerdem 1 Gulden Trinkgeld. Der Tandu oder Palankin besteht hier aus einem einfachen leichten Lehnsessel, dessen Füße und Trittbrett an vier senkrechte Bambusstangen festgebnnden werden. Diese sind oben an zwei langen horizontalen Bambusstangen befestigt, welche die vier Träger auf ihre Schultern nehmen, zivei vorn und zwei hinten. In Zwischenräumen von 20 30 Minuten wechseln sie ihre Last mit den vier anderen Trägern; alle fünf Minuten legen sie die Tragstange abwechselnd auf die rechte und die linke Schulter. Berg auf gelit es in bedächtigem Schritt und, wenn der Weg steiler wird, unter beständigem ermunterndem Zuruf, auf ebener Erde und bergab dagegen in munterem Trab. Die schaukelnde Bewegung, die dabei entsteht, wird von vielen Personen unangenehm empfunden; bei mir war dies nicht der Fall. Ich fühlte mich in diesem achtfüßigen Vehikel sehr behaglich, da man sich gar nicht um den Weg zu bekümmern braucht und beständig die schöne, wechselnde Scenerie zu beiden Seiten betrachten kann. Außer dem ainüsirten mich die munteren Scherze und Gesänge meiner Träger, die an dieser gewohnten Bergwanderung viel Vergnügen zu finden schienen mehr als an der harten Arbeit in den Reisfeldern und Plantagen. Gegen Sonne und Regen ist man auf dem lustigen Sitze durch ein leichtes Schattendach aus Bambus geschützt, welches oben an den Stangen befestigt wird. Der erste Theil des Weges zum Kaiva Manuk führt durch das144 Tcr Schlammvulcan Kawa Manuk. malerische Darf und die sich anschließenden Pflanzungen. Dann geht es bergauf durch wilde, van der üppigsten Vegetation erfüllte und van Bächen durchrauschte Schluchten; besonders entzückte mich wieder die un vergleichliche Schönheit der Farnbänme (Alsophila), deren Fiederkronen sich hier auf sehr hohen, palmengleichen Stämmen wiegten. Die großen blauen Trichterblumen einer kletternden Winde (Ipomoea) schmückten zu Tausenden die zierlichen Guirlanden, die sich von einem Bauinfarn zum anderen schlangen. Tief unten in den wilden Schluchten tobten schäumende Wildbäche über schwarze Obsidianblöcke. Weiter oben gelangten wir in eine große, meilenweit ausgedehnte Pflanzung von Chininbäumen, Daradjat. Die geraden Stämme dieser werthvollen Bäume, mit der Hellen, glatten, fieberheilenden Rinde be deckt, erheben sich säulengleich zu beträchtlicher Höhe und sind mit glänzend grünen, in der Jugend rothen Blättern bedeckt. Unser Weg steigt lange im Zickzack, gut gehalten, durch diese Pflanzung bergan und tritt dann oberhalb in einen schönen Urwald, ähnlich dem von Tjibodas. In einer Höhe von 1800 Metern sehen wir plötzlich weiße Dampfwolken durch das Astwerk der Bäume ziehen; gleich darauf öffnet sich der Wald, und mir stehen vor dem merkwürdigen Krater, der den Namen Kawa Manuk ( Vogelkrater) führt. Kawa Manuk ist ein eigenthümlicher Schlammvulcan. Wir stehen unten im Grunde eines weiten, trichterförmigen Kraterbeckens, dessen sanft ansteigende Wände von Hunderten kleinerer und größerer Schlammkessel durchbrochen sind; der halbflüssige, hellgraue oder bläuliche Schlamm in denselben befindet sich in kochendem Zustande und entsendet zahlreiche Gasblasen, oder sprudelt selbst in Form kleiner Fontänen empor. Manche Schlammbecken sind auch mit einer schimmernden Kruste bedeckt, die wieder von aufsteigenden Gasblasen durchbrochen wird. Aus anderen erheben sich mehrere kleine Kegel mit durchbohrter Spitze: Schlammvnleane en miniature, die einen dünnen Dampf- oder Schlamm strahl aufwärts senden. Die nackten Wände der trichterförmigen Schlamm becken prangen in den huntesten und grellsten Farben, vorwiegend Gelb. Orange, Roth in den verschiedensten Abtönungen; an anderen Stellen Lichtblau, das einerseits in meergrüne, andererseits in violette und purpurne Töne übergeht. Das bunte Farbenspiel dieser Becken, aus denen der kochende Schlamm unter dumpfem Getöse seine Dampfwolker. und Gasblasen emporsendet, ist oft ganz überraschend. Unten im Grunde des großen Kraters fließen die milchigen, bläu lichen Schlammbäche zur Bildung eines trüben Stromes zusammen, denFig. 35. Preanger Mädchen.Der Schlammvulkan Kawa Maiiuk. 14ö über roth braune und violette Tuffsteine wegsprudelt und dann durch eine weite Oeffnung der Kraterwand in den anstoßenden Wald abfließt. Hier saß ich eine Stunde und verzehrte mit ausgezeichnetem Appetit das mitgenommene Frühstück, das die Giite der Frau l)r. Rupert sehr opulent ausgestattet hatte. Meine Kulis, denen solche Stätten aetiver vulcanischer Thätigkeit als Wohnstätten böser Geister immer höchst un heimlich sind, hatten sich im nahen Walde gelagert. Ich war ganz ver sunken in die wunderbare Scenerie, die sich vor mir in lebendiger Be wegung entfaltete und mich in Gedanken in den Yellowstone-Park Nord amerikas versetzte. Ein frischer Wind trieb die zahlreichen kleineren und größeren weißen Dampfwolken wirbelnd nach verschiedenen Seiten und umhüllte die niedrigen Bäume auf den Wällen des Kraters mit gespenstigen Schleiern. An dein linken Abfall des Kraterrandes ist sehr geschickt ein schmaler Weg angelegt, welcher in verschiedenen Windungen zu den höheren Theilen des hügelreichen Bodens aufwärts führt. An den gefährlichsten Stellen genügt ein einziger unvorsichtiger Fehltritt, um den ausgleitenden Wanderer rettungslos in einen der kochenden Schlammkessel versinken zu lassen. Der mitgenommene Führer, der alle einzelnen Stellen genau kennt, ist hier von Nutzen. An mehreren Stellen lief er mit seinen nackten Füßen eilig weiter, da der Fußboden hier glühend heiß ist; selbst durch die dicken Sohlen meiner Bergschuhe war die Hitze sehr fühl bar. Im hinteren Theile des Kraters liegen noch einige größere Kessel, durch höhere Hiigelrücken getrennt und versteckt. Zn einem derselben hinabsteigend, wurde ich durch den Anblick eines kleinen kochenden Sees überrascht, in dessen Mitte eine Schlammfontäne mehrere Meter hoch empor sprudelt. Die Leiche eines drosselartigen Bogels, die auf der milchigen Flüssigkeit schwamm, schien die Behauptung der Eingeborenen zu bestätigen, daß alle Vögel, welche über diesen Vvgelkrater weg fliegen , von den aufsteigenden sauren Dämpfen erstickt werden und tobt herabfallen. Sehr eigenthümlich ist auch die iippige Vegetation, welche sich auf den trockenen, heißen Schlammkrusten zwischen den zahlreichen Dampf kesseln entwickelt hat; sie besteht vorzugsweise aus trocken liebenden oder xerophilen" Pflanzen und ist größtentheils sehr verschieden von der jenigen des nahen feuchten Urwaldes. Die charakteristischen saftreichen Begonien und Eprtandren des letzteren, die zarten Htzmenophtzllen u. s. w. fehlen hier ganz. Dagegen überwiegen Sträncher und niedrige Bäume mit knorrigen Aesten, mit trockenen, spröden, lederartigen Blättern, zum Haeckel, Jnsulinde. 10146 Vegetation des Schlammvulcans. Theil nt schönen, meistens rothen Blüthen; so Melastoma Molkenboeiri, Rhododendron retusum, ein Feigenbaum mit verschieden geformten Blättewn (Ricus heterophylla); sehr zahlreich ist ein Heide,beerbnuni. der auf diesen javanischen Vulcanen besonders gnt gedeiht (Vaeeiniurn variogiaekolinrnr). Besonders charakteristisch für dieselben sind aber mehrere Farnkräuter: Polypodium vulcanicum, Lomaria vulcanica, Lycopodium vulcanicum; d ie auffallendste Art ist das seltsame Polypodium dipteris, das ich schon iin Tjibvdas bewundert hatte: ein stattlicher Farn, der im Habitus eher einer Araliacee oder Umbellifere gleicht: große runde Blätter, die rings- nm rief eingeschnitten, handförmig, langgestielt und in großer Zahl zu hohen, fast kugeligen Büschen vereinigt sind. Dazwischen gedeiht gut ein anderes Farnkraut, das auch sonst in den indischen Urwäldern sehr ver bietet und mein besonderer Liebling ist: Gleichenia diebotoma, zu Ehren des deutschen Naturforschers von Gleichen-Rußwurm so benannt. Durch die fortgesetzte Gabeltheilung der windenden Stengel und Aeste, die viele Bieter lang iverden, und die eigenthümliche Form der schlanken zart grünen Blätter unterscheidet sich Gleichenia sehr auffallend von den ge wöhnlichen Farnen. Sie wächst oft in so dichten Massen beisammen, daß sie gleich einem hellgrünen Sammetteppich ganze Abhänge bedeckt; auf dem rothen Lateritboden von Ceylon und den Gehängen des Bnckir Tima in Singapur verschönert sie die tropische Scenerie nicht r -mg, ebenso aber auch hier oben mit Vogelkrater. Nachdem ich noch einen S nß von diesen Erzeugnissen der vuleani- schen Flora gepfliickt, trat ich gegen Mittag den Rückweg an. Zur grvßen Genugthuung meiner munteren Kulis legte ich denselben größten- theils zu Fuße zurück und bediente mich des Tandu nur tiefer unten, den längeren, ebenen Wegstrecken. Rasch ging es die steilen Berg pfade hinunter, und schon gegen 2 Uhr war ich unten in Pasir-Kiamis, kurz vor Ausbruch des gefürchteten Regengusses, den drohende, inzwischen angesammelte Wolken schon lange angekündigt hatten. Rad) dem Dürfe zurückgekehrt, wiederholte ich eine Beobachtung, die bereite Jean Massart bei seinem Besuche des Bvgelkraters gemacht und in seinem Botaniste en Malaisie“ mitgetheilt hat (1895, S. 280). Gilt kleiner Tümpel des Dorfes, der frühmorgens mit grünem Schleim bedeckt war, erschien jetzt Mittags blutrvth. Dieser Farbenwechsel ist durch ein merkwürdiges, auch in unseren europäischen Teichen häufiges Protist bewirkt: Ruglena sanguinea. Der mikroskopische, einzelne Orga- nrsmus, der, zu Millionen angehäuft, jene Schleimdecke bildet, gehört zu den Urpflanzen der Classe der Algetten. Der bewegliche grüne Zu-Der Vulcan Papandajan. 147 stand (früher als ein Geißelinfuforium beschrieben) verwandelt jich unter dein Einflüsse des Sonnenlichtes in kurzer Zeit nach Massart in einer halben Stunde in den unbeweglichen rothen Zustand und umgibt sich mit einer schützenden Hülle (Cyste). Wenn diese blutrothen Kügelchen dann wieder der Lichtwirkung entzogen werden, können sie sich abermals in den grünen Zustand zurückverwandeln; sie vermehren sich sehr rasch durch wiederholte Theilung des einzelligen Körpers. Nicht weniger interessant und lohnend als dieser Ausflug war der jenige des folgenden Tages nach dem Vulcan Papandajan. Da die Entfernungen hier noch eine Stunde mehr in Anspruch nehmen, stand ich schon um 3 V 2 Uhr auf und bestieg um 4 Uhr den dreispännigen, leichten Wagen, der mich in 2 Stunden an den Fuß des Vulcans, nach dem Dorfe Tjisarupan, brachte (1220 Meter über dem Meer). Von hier aus trugen mich 8 Kulis wiederum im Palankin in 3 Stunden zum Krater des Vulcans hinauf. Der Papandajan (oder Schmiedeberg") ist einer der berühmtesten und besuchtesten Vulcane Java s, leicht zugänglich und besonders merk würdig durch den großen Krater, der viele Solfataren und kochende Quellen enthält. Der Weg hinauf ist, wenigstens im unteren Theile, gut gebaut, seitdem der russische Thronfolger (jetzige Kaiser Nikolaus il.) ihn besuchte; später wurde er auch vom österreichischen Thronfolger, Erz herzog Franz Ferdinand, besucht. Die Distanz vom Dorfe Tjisarühan bis zu dem 2600 Meter hohen Kratc betrügt etwa 12 Kilome^r. Der unterste Theil des Weges führt eine lange Strecke durch ßaji und Ehininpflanzungen, später durch Urwald, der an den von Tjibodas er innert. Einen interessanten Feigenbaum, der dort häufig war, die l ious rilies, so genannt, weil die kleinen Feigen zu Tausenden in langen Trauben, ähnlich Johannisbeeren (Ribes), vom Stamm herabhängen, fand ich hier wieder; ebenso die Nepenthes melamphora von Tjiburrum, die windende Kannenpflanze mit den zierlichen rothen Bierseidelchen am Ende der verlängerten Blattspitzen. Dazwischen wieder herrliche Banm- farue und Lianen in Fülle. Das Wunderland Java ist nicht nur für den Biologen, sondern auch für den Geologen von höchstem Interesse, insbesondere für das Studium der Vulcan-Entwicklung. Von den 51 größeren Feuer- bergen, welche in langgestreckter Kette die Insel durchziehen, find 28 noch heute in Thätigkeit. Trotzdem ich schon in Neapel, in Sicilien, auf den liparischen und canarischen Inseln die wunderbare Bildung der activen Vulcane in mannigfaltigen Foriuen kennen gelernt hatte, trat sie 10 "148 Jivatet des Aulcan Papandajan. mir doch hier (ebenso wie gestern auf dem Kawa Manuk) abermals in einer neuen Form entgegen. Schon in weiter Ferne, in Garnt, fällt Morgens, wenn das Gebirge klar und wolkenfrei ist, die absonderliche Form des Papandajan ans: ein breiter, mächtiger Doppelkegel mit zwei Spitzen, welche durch einen sehr breiten und tiefen Sattel getrennt sind. Der vordere (nördliche) Rand des Sattels ist rief ausgeschnitten, urd man blickt durch diesen Ausschnitt in ein gewaltiges Amphitheater, aus dessen östlichem Theile beständig eine starke Rauchsäule emporsteigt. Dw Ausschnitt des gewaltigen Kraterrandes, der 12 Kilometer lang urd 4 Kilometer breit ist, stellt die offene Bresche dar, durch welche man b;= quem in den tiefen Grund des trichterförmigen Kraters eintritt. Diee Fiq. 41. Der Vulcan Papandajan bei Earut. Oeffnung ist die Folge der furchtbaren Explosion vom 12. August 177. durch welche 40 Dörfer zerstört und 3000 Menschen getödtet ivurder Der ganze Gipfel des gewaltigen Vulcans wurde dabei in die Luft ge sprengt, und als Rest blieb der heutige abgestutzte Kegel des Krater, übrig, aus welchem ein Drittel oder ein Viertel der nördlichen Mauc ausgebrochen ist. Durch diese Bresche fließt der dampfende Bach al längs dessen Ufern wir heraufgestiegen sind. Die inneren Wände des ungeheuren Amphitheaters, die sich bi 270 Meter über seinen Boden erheben, sind größtentheils ganz uack aus grauen, gelben, rotheu oder braunen Lavamassen gebildet. Dc hügelige Bvden desselben ist mit weißen Sublimaten und gelbeVulkanische Thätigkeit des Papandajan. 149 Schwefelkrqftallen bedeckt und von zahlreichen größeren und kleineren Löchern durchbrochen, aus denen kochendes Wasser und Schwefeldämpfe aufsteigen. Ein zweckmäßig angelegter Pfad führt in vielen Windungen zwischen den brodelnden Kesseln hin und auf Holzstegen oder Baum stämmen über die dampfenden Bäche hinweg, die aus den, durchlöcherten Boden emporquellen. Auch hier müssen wir aufmerksam den Weisungen des uns begleitenden Führers folgen, um nicht durch einen Fehltritt unser Leben zu gefährden. Die gelbe Schwefelkruste über der Oberfläche vieler Becken ist so dünn, daß man beim Betreten durchbrechen und in der kochenden Masse sicher versinken würde. Aus vielen Oeffnungen strömt Wasser und Schwefeldampf mit solcher Heftigkeit hervor, daß das laute Getöse an das Gebläse einer Schmiede oder Hochofens erinnert: Papandajan ist das sundanesische Wort für Schmiede. An anderen Stellen meint man den Pfiff der Locomoftve zu hören; die Eingeborenen nennen sie Kareta api“ Feuerwagen, d. i. Locomoftve. Dazwischen ertönen von Zeit zu Zeit dumpfe unterirdische Donnerschläge, als ob große, schwere Massen in die Höhe gehoben würden und wieder zurück stürzten. Kurz, es ist in dieser Riesenschmiede Bulcans dafiir gesorgt, daß nicht nur das Auge, sondern auch das Ohr uns beständig an die unheimliche Gewalt der finsteren, unterirdischen Kräfte erinnert, die hier unter der dünnen, porösen Decke ihr Wesen treiben. Es ist kein Wunder, daß die Eingeborenen diesen Höllenkessel noch mehr als den Kaum Manuk scheuen; sie wollten den Krater nicht betreten und blieben unter dem Schutzdache zurück, das am Eingang desselben errichtet ist. Besonders gefürchtet sind einige große gelbe Schwefelfelsen, welche einer menschlichen Figur gleichen, einem Mönche mit Kapuze und Kutte oder einer Nonne im faltigen Mantel. Wirklich gefährlich sind übrigens die erstickenden Dämpfe von schwefliger Säure und Schwefelwasserstoff, die mit großer Gewalt aus vielen Löchern des Bodens ausströmen. Als ein plötzlicher Windstoß mir dieselben ins Gesicht trieb, wurde ich von heftigem Husten befallen und mußte sofort flüchten; ich hörte, daß schon öfter Besucher dadurch ohnmächtig geworden und nur mit Mühe gerettet seien. Die Begleitung des ortskundigen eingeborenen Führers ist daher auch hier nicht überflüssig. Von dem höheren Rücken des Sattels, welcher die beiden Kegel des Vulcans verbindet, genoß ich, über Geröll, und Lavablöcke empor kletternd, einen vortrefflichen Ueberblick über die nülde Scenerie; da wo die Bresche der nördlichen Wand sich öffnet, zeigte sich in der Ferne über dem Thalkessel von Garut eine Reihe von anderen Vulcanen und150 Vegetation des Schmiedebergs. darüber prächtige dunkle Monsunwolkeit. Jetzt begannen aber auch düe Wolken, die sich inzwischen in der Nähe gesammelt hatten, mit Regem zu drohen; so trat ich um 1 Uhr den Rückweg an und war um 5 Uh r wieder in Garut. Die Vegetation des Papandajan gleicht im Ganzen der jenigen des Kawa Mannk, ist jedoch im oberen Theile viel spärlicher entwickelt. Schon unterhalb der Kraterbresche ist der Baummuch-s ckehr redücirt; ein großer Theil des Berggehänges ist mit den blattlosen, schwarzen Stämmen abgestorbener Bäume bedeckt, welche durch die giftigen Dämpfe oder durch den Aschenregen der letzten Eruptionen ge- tödtet wurden. Bis in die Nähe des nackten Kraterbodens gehen nur ivenige Pflanzen: Polypodium vulcanicum, Rhododendron retusum linD der große Heidelbeerstrnuch. Vaoeinium varingiaekolium; endlich bleibt der letztere allein übrig. Etwas weiter unterhalb wird ein dürftiger Hain durch eine Akazie mit zarten Fiederblättern gebildete Albizzia montana. Ihre knorrigen Stämme sind mit zahlreichen runden schwarzen Aus wüchsen bedeckt, die die Größe eines menschlichen Kopfes erreichen: diese steinharten Gallen werden durch einen Brandpilz hervorgerufen, einev- Uredinee. Weiter unten trat wieder unser gemeiner Adlerfarn (Pteris aquilina), und dann erfreuten mich die lichtgrünen dichten Teppiche der schönen Gleichenia. Um nun auch den nördlichen und westlichen Theil des Thaies von Garut kennen zu lernen, fuhr ich früh am nächsten Morgen. 11. Januar, im Wagen nach dem eine Stunde entfernten, vielgerühmten See von Bagendit. dessen Oberfläche dicht mit Lotos und Seerosen bedeckt ist. Sonst fand ich eigentlich nichts Besonderes an ihm; ich vermuthe, daß er seinen Ruf wohl nur den beliebten Picknick-Partien verdankt, die häufig hierher gemacht werden. Auf der Rückfahrt bis zum Dorfe Trogon gelangt, schlug ich von hier die Straße ein, die südwestlich nach Tjipannas führt, einem kleinen Badeort mit heißen Quellen, am Fuße eines anderen, noch thätigen Bnleans. des gewaltigen Donnerberges", Gunong Guntur. Dieser Vulcan, 1982 Meter hoch, schließt das blühende Thal von Garut. gleich einer Festung mit hohen crenelirten Mauern und Zinnen, gegen West und Nordwest ab. Er erscheint mit drei mächtigen Häuptern gekrönt, von denen das mittlere, höchste, gegen die beiden anderen zurückrriti. Diesem gegenüber erscheint der weite Krater von einer tiefen Einsenkung durchbrochen, durch welche ein breiter, brauner Lavastrom sich in das grüne Thal herabsenkt. Zahlreiche andere Lavaströme, von schwarzer,Hcißc Cnellcii am Donnerberg. 151 brauner, violetter Farbe, dazwischen breite, moränenähnliche Steinfelder mit grauen Auswurfsproducten, ziehen strahlenförmig divergirend von den beiden seitlichen Häuptern herab; sie sind von verschiedenem Alter, die jüngeren noch ganz nackt, die älteren mit spärlicher Vegetation be deckt. Sie bezeugen den unruhigen Charakter dieses Feuerberges, der zu den activsten von Java gehört und noch bis in neueste Zeit unter dumpfem Donnergrollen Massen von Asche, Sand tind Steinen in die Luft schleudert. Die reiche grüne Vegetation, welche die meisten anderen Vulcane bis zur Spitze überzieht, ist hier auf einen Theil der älteren Oberfläche beschränkt. Oben zieht sie sich bis zu den zackigen Gipfeln hinauf. Am östlichen Fuße des Gunong Gnntur entspringen fünf heiße Quellen, die als sehr heilkräftig gelten und sowohl von Eingeborenen als Europäern benutzt werden. In dem kleinen, bereits genannten Dorfe Tjipannas ( Warmbrunn") sind sehr primitive Einrichtungen für Bäder getroffen: offene Becken, in denen die Eingeborenen beiderlei Ge schlechts, Alt und Jung, ihre Gesellschaftsbäder" nehmen die sehr- beliebte Massage prakticiren. In einem einfachen Bambushause liegen neben einander sechs geschlossene Badezellen mit Steinwannen, in denen man für den Preis von 20 Pfennigen ein Bad nehmen kann. Die zunehmende Mittagshitze ließ mich darauf verzichten, bis zum Rande des Kraters vorzudringen. Statt dessen verwendete ich den Nachmittag, der heute ausnahmsweise regenfrei blieb, zu einer Excnrsion in den flachen Hügelkranz, welcher den Fuß des Gunong Gnntur um- giebt. In demselben finden sich Hunderte von kleineren und größeren Wasserbecken, die von den heißen kalten Quellen des Vulcans ge speist werden; sie liegen größtentheils terrassenförmig, gleich Reisfeldern, über einander, sind durch niedrige Dämme getrennt, durch Schleusen ver bunden und werden von den Eingeborenen als Fischteiche vermerthet. Mehrere derselben waren abgelassen; eine Menge Kinder wateten im Schlamm uinher und sammelten, unter Anleitung ihrer Mütter, Massen von kleinen Fischen. Große Körbe voll wurden in die Hütten ge tragen, die einzeln oder in kleinen Gruppen, von hübschen Gärten um geben, ain llfer der meisten Teiche stehen. Die landschaftliche Scenerie dieses vulcanischen Teichiabprinthes be sitzt einen eigenthümlichen Reiz; viele Tausende von großen grauen und braunen Steinblöcken, die der Feuerberg seit Jahrtausenden ausgespieen hat, liegen überall umher, umgeben die Teichränder mit Steindämmen und ragen als Jnselchen aus der Wasserfläche empor. Zwischen deit152 Torfhütten in Preanger. nackten Felsmassen hat die unerschöpfliche Triebkraft der Tropensonne eine reiche, grüne Vegetation entwickelt: Bambusen Bananen, Cocos- und Arengpalmen, Caladium und Manihot gedeihen in üppigster Fiille; und int Schatten der Fruchtbäuine liegen am Ufer die malerischen Bambus- Hütten der Malapen. Diese sind hier, wie in den meisten Dörfern des Garntgcbietes und weiterhin in langen Strecken des Preanger Landes durch die besondere Form ihrer Dächer ausgezeichnet. Der Rücken derselben ist sattelförmig vertieft, während die Ränder der beiden Seiten flächen nicht parallel nach unten gehen, sondern gegen einander conver- giren. Am unteren Rande der steil abfallenden Seitenflächen setzt sich ein zweites, nur schwach geneigtes Dach an, welches iveit nach außen vorspringt; seine beiden Ränder laufen parallel. Dieses Außendach ist durch mehrere Bambusstäbe gestützt und schützt die breite Vorgalerie der Hiitte vor Sonne und Regen; hier lagert auf Matten Tags über die Familie, den verschiedensten häuslichen und familiären Beschäftigungen nachgehend. Die Deckung der Satteldächer besteht auch hier rheils aus Bambusmatten, theils aus Apat, den zerfaserten Blattscheiden der Zucker palme (Arenga). lieber den concaven Riicken ist meistens noch eine zottige Saumdecke gelegt. Ganz besonders malerisch aber erscheinen sie dadurch, daß sich am vorderen und Hinteren Ende des Sattels ein paar lange divergirende Stangen gleich Hörnern erheben, die oberen Enden der cvnvergirenden Bambusstäbe, die als Gerippe das Palmendach tragen. Oft hängt unter jedem Hörnerpaar vor dem Dachgiebel ein Bündel mit haarähnlichen Palmenfasern herab, das wie ein Roßschweif aussieht. Auf meine Frage nach der Bedeutung dieses sonderbaren Schmuckes erhielt ich verschiedene Antworten; es scheint, daß die meisten Eingeborenen sie als Schutzmittel gegen das nächtliche Eindringen böser Geister betrachten oder als Abwehrmittel gegen den bösen Blick" von Feinden; sie er innern an die Coniiechie, an die Hörner, welche in Italien sehr ver breitet sind und gegen das Mal occliio“ verwendet werden. Auch die nächste Umgebung von Garut ist reich an malerischen Punkten und schönen Aussichten, besonders der Weg, welcher südlich gegen Tjikorai und südwestlich gegen Papandajan führt. In der Mitte des Städtchens befindet sich ein großer viereckiger Platz, beschattet von vier riesigen Waringinbäumen. An einer Seite desselben liegt der Palast des malayischen Regenten", gegenüber derjenige des holländischen Assistent-Residenten" (der in Wahrheit der active Regent ist); zwischen beiden, an der dritten Seite, eine große mohammedanische Moschee gegenüber ein Clubhaus (Loeieteü). Die großen Gärten, welche dieDer Vulcan Tjitorai. 153 meisten Häuser von Garul umgeben, sind gut gehalten, reich an präch tigen Blumen und Bäumen. Wie gern ich auch noch länger in dein anmuthigen Orte verweilt und seine malerische Umgebung durchstreift hätte, sv drängte doch die Zeit, und am 12. Januar Mittags saß ich wieder auf der Eisenbahn, um in sechs Stunden (von 1 7 Uhr) nach Maos zu fahren. Zuerst geht es auf der Zweigbahn zurück nach Tji Batu (Steinbach), dann auf der Hauptbahn ostwärts durch den schönsten und fruchtbarsten Theil des Preauger Gebirgslandes, über Tasik-Malapa und Tji-Amis nach Bandjar. zig. 42 . Ter Silicon Tjikorai (WIL Meter). Die großartige, bis oben mit unzugänglichem Urwald bedeckte Pyramide des Tjikorai beherrjchl die ganze Südseite des Thales. Wieder windet sich die Bahn an den Gehängen und durch die Schluchten grüner Berge hinauf, überschreitet auf hohen Biaducten tiefe Flußthäler und gewährt herrliche Fernsichten nach Norden in das blühende Tiefland. Zu den uns bekannten Vulcanen treten neue gewaltige Feuerberge, Glieder der langen Kette, die ganz Java von Westen nach Osten durch zieht. Später, gegen Bandjar hin, senkt sich die Bahn in vielen Serpen tinen abwärts, und wir verlassen das kühle Gebirgsland von Preauger, tun in die heiße Tiefebene der Provinz Bandjumas einzutreteu. Die nun folgende Strecke der Centralbahn von Bandjar bis Maos wurde als letztes Verbindungsglied zwischen Ost- und Westjava erst 1895 fertig.154 Bambus-Wälder. Sic führt geradlinig von Nvrdwest nach Siidost, durch ein ganz wildes, größtentheils noch unbebautes Tiefland, das mit dichtem Urwald und Sümpfen bedeckt und wegen seines ungesunden Klimas verrufen ist. Stundenlang geht es zwischen den beiden hohen grünen Mauern hin, welche die Bahn rechts und links einfassen und durch Wassergräben von ihr getrennt sind. In langen Zwischenräumen erscheinen einzelne Wärter- Häuser, hier und da die elende Hütte eines Malayen, der im Urwald nach Rotang oder Bambus sucht. Die kleinen Stationen, die meilenweit aus einander liegen und ohne Aufenthalt paffirt werden, bestehen auch nur aus wenigen einsamen Häusergruppen. Auch diese liegen meist ganz in Bambus-Gebüsch versteckt. Der Bambus, der wegen seiner mannigfaltigen Nutzanwendung eine so große Rolle in der Oekonomie der Tropenbewohner spielt, bildet hier dichte Wälder und erscheint in vielen verschiedenen Arten. Eine der größten Arten dieser merkwürdigen Baumgräser bildet mit ihren feinen lichtgrünen überhängenden Laubmassen riesige Büsche, welche einer Gruppe von wallenden Straußenfedern gleichen (abgebildet in meinen Indischen Reisebriefen" aus Taf. VIII). Die Stämme dieses Riesenbambus, dicht gedrängt in großen Büschen beisammen stehend, erreichen bisweilen gegen hundert Fuß Höhe; ihre Blattscheiden (bei unseren einheimischen Gräsern zarte kleine Schüppchen) sind hier feste holzige Platten von der Größe eines Cürassier-Panzers. Wenn man stundenlang durch solche dichte Bambus-Wälder fährt und die botanischen Eigenthümlichkeiten der verschiedenen, hier durch einander wachsenden Pflanzen nicht kennt, wird man eine solche Fahrt - besonders in der brütenden Hitze eines Tropen-Nachmittags ein tönig und langweilig finden. Für den Botaniker aber, der den Charakter der verschiedenen Pflanzengruppen und ihre mannigfaltigen Beziehungen kennt, ist ihre Betrachtung eine unerschöpfliche Quelle des edelsten Ratnr- genusses und der intellectuellen Anregung. Auch hier fiel mir wieder die üppige Entwicklung der Lianen und Epiphyten auf, ganz besonders der merkwürdigen Kletterpalmen oder Rotang (Galamus Fig. 44). Ihre dünnen, biegsamen Stämme, die über 100 Meter lang werden, schlingen sich in weiten Spiralwindungen um die Stämme der hohen llrwaldbäume, während die langen, mit Widerhaken bewaffneten Angelrnthen am Ende ihrer großen Fiederblätter sich an deren Aeste anklammern und von Stamm zu Stamm weiter kriechen. Eine andere Liane zeichnet sich durch die Pracht ihrer großen violettrothen Blüthentrauben ans, die an dem langen, die Bäume um-Bambus-Wälder. 155 schlingenden Stengel wie künstlich angebrachter Schmuck erscheinen. Auch eine große blaue Winde leuchtete vielfach zwischen den Aesteu; sonst war Fig. 43. Stämme des Riesen--Bambus (venäroealLmuZ xibantsus). Unten liegen die abgefallenen Blatischeiden. von farbigen Blumen wenig zu sehen. Eine hohe Art von Bambus, deren schlanke Stämme der Wind über und durch einander geworfen hatte, war ganz umsponnen von den leuchtenden gelben Bliithentraubenflig. 44. .0(etteryalmeu (Solang) im Urwalde (Calamus). 156 Kletterpcilmm (Rotang). einer gewaltigen Liane. Dazwischen entfalteten wilde Bananenstaudem ihre breiten, lichtgrünen Blätter in zierlichen Bogen. Sv gab es aiuf dieser einsamen Fahrt immer etwas sehen, und ich war keinesweg,s ermüdet, als wir Abends 7 Uhr in Maos anlangten.Jyig. 45. Götzenbilder aus den Hindu-Tempeln von Brambann n. Siebentes Capitel. ZU Den Hindu Ampeln von Djokja. * Station Maos ist ein kleines Dorf in sumpfiger Ebene und &s bietet Nichts, was zu einem Aufenthalte veranlassen konnte; sie liegt in der Mitte der langen Eisenbahnstrecke, welche die beiden Haupt städte von Java, Batavia und Snrabapa, verbindet. Da keine Nachl- ziige auf diesem Staatsspoorweg" gehen, müssen die Durchreisenden in Maos übernachten. Zn diesem Zwecke hat die Regierung hier ein großes Gouvenmementshötel erbaut, welches eine beträchtliche Zahl von Passa gieren aufnehmen kann. Doch ist die Frequenz sehr wechselnd; ich iiber- nachtetre dreimal in Maos; in der ersten Nacht fanden sich ungefähr zwanziig Gäste an der Abendtafel ein, in der zweiten sechzig (meist Ossi- ciere nnit Familie), in der dritten nur sechs. Tagsüber liegt das Hüte! todtensstill und verlassen da, selbst die zahlreiche Dienerschaft schläft dann. Sobald aber die Abendzüge (zwischen 0 und 8 Uhr) eintreffen, kommt Leben in das weitläufige Haus. Um 9 Uhr findet das gemeinsame Abendessen in einem großen, luftigen Speisesaal statt; dann begiebt sich Alles eilig in seine Kammer, denn die Morgenzüge gehen schon zwischen 5 und 6 Uhr früh ab, und bereits um 4 und ck e Uhr erscheinen die158 Fahrt durch Mittel-Java. verschlafenen Gäste in den wunderlichsten Costümen, um das Frühstück einzunehmen. Ter fixe Preis beträgt fiir Abendessen, Nachtquartier rind Frühstück 5 Gulden (= 9 Mark). Die Zimmer und Betten sind ein fach, aber sauber, das Essen genügend. Am 13. Januar setzte ich Morgens um 6 Uhr meine Fahrt nach Osten weiter fort und langte um 10 Uhr in Djokjakarta an. dem Ziel- Ordf nff hui nt tri ajoe nblrant ’ Momdntü j&trhorfboTi Prtcalongan OauAMAl lUlt tUXff KunivtjAnjai Q m hfbtu-metx JJuiJooivimtiHft. liail UMYS Ptavnr.l Bail iva vs(Thurul \ R,-.litttul ts (lirrilnm Sentami Djokja lutrl t ,Vwr.i Kur tu ])faparti 7 MID JAVA 1.."" iyp H Amw.v Mittel-Java. Punkt der Reisenden, welche die weltberühmten Hindutempel von Boro- Budur und von Brambanan kennen lernen wollen. Die vierstündige Eisenbahnfahrt durch das südliche Tiefland der Provinz Bagelen führt parallel der süinpfereichen Südküste von Java meistens durch gut enlti- virtes Land. Nördlich von Maos erhebt sich hoch über den blauen Berg rücken des Horizontes der gewaltige Vulcan Slamat; eine langgestreckte Rauchwolke steigt von seinem Krater mehrfach gewunden in die Lust.Das Sultanat Djokjakarta. 1Ö9 Djokjakarta oder kurz Djvkjo" genannt, ist die ansehn liche Hauptstadt des gleichnamigen Sultanates, welches im Süden an den Indischen Ocean grenzt: ebenso wie das östlich anstoßende Kaiser- thuin" Surakarta (oder. Solo"), ein sogenannter unabhängiger" Staat. Indessen ist diese Selbständigkeit nur nominell; thatsächlich werden beide Fiirstenthümer die Ueberreste des mächtigen alten Kaiser reiches Mataram nur von den Holländern regiert, gleich allen anderen Provinzen von Java. Wie es mit der Macht der beiden, von ihnen unterhaltenen Fürsten in diesen unabhängigen" Sultanaten sieht, zeigt am besten der Ilmstand, daß jeder von ihnen noch einen eifersüchtigen Gegenfürsten sich gegenüber hat. lieber beiden steht in Wirklichkeit der holländische Resident", der jüngere Bruder" des Sultans, welchem dieser stets zu ge horchen hat. Da gegen genießt er das Vorrecht, dessen An ordnungen als seine eigenen Befehle dem Volke mitzutheilen. Daß diese immer mit denjenigen des Residenten überein- jtimmen,daflit sorgt gig. 4 . Ein chinesischer . Uli als Straßen-Reiniger und Wasserträger. lNNt Grfirpnnnrhp Die beiden großen Blechkannen werden an beiden Enden eines langen ’ Bambusrohres über der Schulter getragen. oder Leibwache von sechzig holländischen Soldaten. Der Offizier, der sie evmmnndirt, gehört .zur indischen Armee und hat ordentlich aufzupassen, daß nichts gegen den Willen der Regierung passirt. Außerdem wird der Kraton", in welchem der Sultan residirt, von den Kanonen eines benachbarten holländischen Forts beherrscht. In Djokja ist es das Fort Vreden burg", in Solo das Fort Vasteuburg", welches dergestalt die wirkliche Landesregierung durch die Ultima ratio regum“ verkündet. Die Stadt Djokjakarta liegt 113 Meter hoch in einer sehr frucht baren, gut bebauten Ebene, welche im Norden von dem mächtigen Doppelvulcan Merapi und Merbabn überragt wird. Sie erfreut sich eines sehr guten und relativ kühlen Klimas. Unter den 60 000 Ein wohnern befinden sich 4000 Chinesen, die auch hier, wie überall in Jnsulinde, als Händler und Kaufleute eine wichtige Rolle spielen; aberTie Stadt Tjokjakarta. 160 auch als Handwerker und Kulis trifft man sie zahlreich an. Europäer gibt kaum 2000; unter diesen sind die Beamten und Officiere häufigem Wechsel unterworfen, dagegen spielen die Hauptrolle die reichen Pflanzer; ihre weit ausgedehnten Plantagen sind zum größten Theil mit Zucker rohr bestanden, demnächst mit Kaffee und Indigo. Von den eingeborenen Malapen wohnen 15 000 in dem festungsähnlichen Kraton und gehören zur glänzenden Hofhaltung des Sultans; ein Wall von 4 Meter Höhe und 5 Meter Breite nmgiebt den weitläufigen Gebändecompler , der ein Viereck von ungefähr 1 Kilometer Seitenlänge bilbcr; in der Mitte liegt der Palast des Sultans. Wenn man durch das Thor des nördlichen Walles eintritt, gelangt man auf einen großen Paradeplatz, Alun-Alun genannt; zu unserer Linken sehen mir die Tigerkäfige des Sultans, zu unserer Rechten dessen Ställe, den Gerichtshof und die Moschee. Tie Abtheilung des Kratons, in welcher der Sultan residirt, ist durch ein doppeltes Gitter abgesperrt; einen beträchtlichen Raum derselben nehmen die Wohnungen seiner zahlreichen Frauen ein, sodann die Ställe für die Elephanten und die große Festhalle, in der sechshundert Gäste speisen können. Nachdem ich mich in dem guten Hotel Mataram, in der Nähe des Bahnhofs, etwas restaurirt hatte, schleuderte ich durch die breiten, freundlichen, von hohen Bäumen beschatteten Straßen von Djokja und ergötzte mich an dem bunten Treiben der malayischen Bevölkerung. Von zwei europäischen Herren, die mir begegneten, redete mich der eine deutsch an und fragte mich, ob ich nicht der Professor E. H. aus Jena sei Er hatte mich nach einem kürzlich gesehenen Porträt erkannt und stellte sich mir für meinen Aufenthalt in Djokja zur Verfügung; es war der ungarische Militärarzt vr. Uglnki, bekannt durch die großen Verdienste, die er sich 1894, gelegentlich der verrätherischen Niedermetzelnng der holländischen Armee in Lombok, erworben hat. Auch sein Begleiter, der Gerichtspräsident Roskott, zeigte sich sehr gefällig, machte mir einen trefflichen Plan und gab mir Empfehlungen für meine Excursion mich Tjilatjap. Beide Herren fuhren dann mit mir zu Dr. ©tönernem, dem früheren Militärärzte, der durch seine ausgezeichneten Untersuchungen über die alten Hindutempel in Boro-Budur und Brambanan sich einen Namen gemacht hat. Das freundliche Anerbieten dieses gründlichsten Kenners der Tempel, mich selbst in den nächsten Tagen dorthin zu begleiten, nahm ich mit Dank an. Das bunte Straßenleben in Djokja wurde am Abend dieses Tages noch besonders interessant durch ein großes Fest, bei welchem der SultanEin malayisches Brautpaar. 161 mehrere hundert Gäste öffentlich bewirthete. Auch den feierlichen Auszug eines vornehmen Hochzeits-Paares konnte ich mit ansehen. Die kleinen, noch sehr jungen Eheleute glichen Kindern, welche für eine Kinder- Comödie festlich aufgeputzt sind. Sowohl der helmartige Kopfputz als Fig. 47. Ein ma layisches Brautpaar. das Mieder, der Sarong und der Gürtel waren reich geschmückt mit Edelsteinen, Gold- und Silber-Putz. Der folgende Tag, 14. Januar, war dem Besuche von Boro-Budur gewidmet, der größten und merkwürdigsten unter den zahlreichen Tempel- ruinen, welche aus der Zeit der Hindu-Invasion, aus dem achten und Haeckel, Jnkulinde. 11Tempel von Boro-Budur. 162 neunten Jahrhundert n. Chr., übrig geblieben sind; sie liegen vier Meilen nordwestlich von Djokja entfernt, in der Nähe der Stadt Magelang. Morgens um 6 Uhr fuhren wir, 4 r. Groneman und ich, in leichtem, vierspännigen Wagen ab und hatten um 10 Uhr unser Ziel erreicht. Der Weg führt anfänglich durch das reich bebaute Gebiet des Sultanats Djokja, überschreitet auf hohen Brücken mehrere malerische Flußthäler und tritt dann in das Gebiet der Provinz Ke du über, deren Hauptstadt das liebliche Mage lang ist. Diese blühende, reich bevölkerte und gut bebaute Gegend, vielfach als der Garten von Java" bezeichnet, wird im Hintergründe von hohen Gebirgen eingerahmt, west lich von einer langen Kette vielzackiger Kalkberge, die sich vom Vulkan Sumbing an, längs des Pragaflusses, nach Süden ziehen, östlich von zwei gewaltigen, neben einander aufsteigenden Vulcanen. Der südliche von beiden Feuerbergen, dem eine lang hiuziehende Rauchsäule entsteigt, ist der Merapi; seine letzte große Eruption fand 1894 statt. Nördlich schließt sich an ihn der Merbabu an. Der berühmte Tempel von Boro-Budur liegt auf dem Gipfel eines Hügels, der sich etwa 50 Meter über die blühende Ebene erhebt: er sieht von ferne wie eine trotzige alte Festung mit hohen crenelirteu Mauern und zahlreichen Thürmchen ans, gekrönt von einer glocken förmigen Citadelle. Näher kommend erkennen wir, daß das ungeheure Bauwerk die Gestalt einer flachen, vierseitigen Pyramide hat. Die Seiten länge ihrer quadratischen Grundfläche mißt 150 Meter, ihre Höhe 30 35 Meter. Verglichen mit den hohen ägyptischen Pyramiden, er scheint sie flach und niedrig; während aber die vier Seitenwände der letzteren eben oder mit einfachen Stufen bedeckt sind, erscheinen sie hier in sieben Terrassen gegliedert und mit einer erstaunlichen Fülle von Steinbildwerken geschmückt. Den soliden Kern des Bauwerks bildet ein pyramidaler Erdhügel, der sich 40 Meter über die unten liegenden größeren Hügel erhebt. Die beiden unteren Terrassen sind einfacher ge gliedert; die fünf oberen, in zwanzig Ecken getheilt, bilden Galerien, indem die innere Wand jeder Terrasse nach oben frei vorspringt und die äußere Balustrade der nächst höheren Terrasse darstellt. Zwischen diesen beiden Steinmauern eingeschlossen, wandert man in fünf verschiedenen Höhen um den ganzen Bau herum und bewundert die Tausende von kunstreich gearbeiteten Steinfiguren, welche die Wände bedecken. Diese Sculpturen stellen die ganze Buddha-Mythologie in Hunderten von Gruppenbildern dar das Leben und die Geschichte des indischen Gottes und seine Beziehungen zu den Fürsten, welche den BuddhismusTempel von Boro-Bndur. 163 schützten förderten; ferner Affen, Büffel, Schlangen und andere Thiere, welche iin Buddha-Mythus eine Ralle spielen u. s. iv. Üeberall sind Nischen angebracht, in denen die Statue des Gottes sich wiederholt. Die drei oberen Terrassen sind, und zwar in abnehmender Zahl, mit 32, 24 und 16 glockenförmigen Kuppeln lDagobs) geziert, von denen jede im Innern eine Kolossalstatue des Gottes enthält und darüber einen kegelförmigen Aufsatz trägt. Den Abschluß des Ganzeil bildet die große Kuppel, die sich in der Mitte der obersten Terrasse erhebt und eine 4 Meter hohe Riesenstatue von Buddha umschließt. Au den vier Seiten der Pyramide finbet sich unten ein Bogenthor, durch welches man einer Treppe zu den Galerien aufsteigt. Von den kolossalen Dimensionen dieses Riesentempels und der er staunlichen Menge seiner Bilderwerke giebt es eine Vorstellung, wenn wir hinzufügen, daß allein in der untersten Galerie sich 408 Basreliefs finden, fast in jedem eine Gruppe von sieben Personen, eine sitzende Mittelfigur und auf jeder Seite derselben drei Figuren mit Lotosbluinen und Moskitofächer. Die Innenseiten der folgenden Galerien enthalten 470 Basreliefs mit mehreren Tausend Figuren. Alles in Allein sind 1504 Basrelieftafeln gefunden, von denen 988 mehr oder weniger gut erhalten. Die Zahl der noch vorhandenen Buddhabilder beläuft sich auf 441. Sie stellen den Gott meistens sitzend mit untergeschlagenen Beinen dar, aber mir fünffach verschiedener Haltung der Hände. An der Südseite erscheint Buddha als Lehrer, an der Westseite als Denker, an der Nordseite als Verheißet, an der Ostseite als Opferempfänger; in den drei oberen Galerien theils als Prediger, theils als Erkenner. Die ruhige Haltung, die göttliche Hoheit, der sanfte, wohlwollende Gesichtsausdrnck predigen die Ergebung in den ewigen Schlaf des Nirwana. Die künstlerische Ausführung dieser vielen Tausende von Stein- siguren verdient um so mehr Bewunderung, als das spröde Material, ein harter, vulcauischer grauer Trachyt, der Bearbeitung große Schwierig keiten entgegensetzte. Nicht minder bewunderungswürdig ist auch die Bautechnik; die Hunderttausende von sorgfältig behauenen Bausteinen sind weder durch Mörtel noch durch eiserne Klammern verbunden; sie sind sv kunstreich in einander gefügt, daß sie sich gegenseitig tragen und stützen. Der gewaltige Riesenbau könnte noch Jahrhunderte unverändert fortbestehen, wenn nicht die ungeheure Last sich allmählich selbst in den unterliegenden Hügel einsenkte und wiederholt Erdbeben au seiner Zer störung arbeiteten. Leider wirkt auch die Zerstörungswuth der Menschen, wie gewöhnlich, dabei mit; den meisten Buddhastatuen ist der Kopf 11 *164 Tempel von Boro-Budur. abgeschlagen, vielen auch Arme und Hände; im nahen Wärterhause swh ich eine ganze Grabkammer voll abgehauener Buddhaköpfe. Auf die lehrreiche und sehr interessante Mythologie des Buddha, welche in dieser großartigen Sammlung von Steinbildwerken dargestellt ist, und die meinem Verständniß durch die eingehende Erklärung des Sachkundigen 4 r. Grvneman näher gerückt wurde, kann ich hier nickn eingehen, ebenso wenig aus die vielen merkwürdigen Einzelheiten, welche die reiche Bildergalerie enthält, und auf ihre mannigfach verschiedene Deutung. Wer sich dariiber näher unterrichten will, findet Belehrung in den Schriften des I)r. Groneinan; desgleichen vortreffliche photo graphische Abbildungen in den großen Werken von Uzerman, Leh mann u. A. Der allgemeine Eindruck, welchen das gigantische Bauwerk von Boro-Budur mir hinterließ, ist derselbe, den meine beiden Freunde und Schüler, Richard Semon und Willy Kiikenthal, in ihren mehrfach er wähnten Reisebeschreibungen niedergelegt haben. Wie Semon richtig bemerkt, ist es offenbar der charakteristische Terrassenbau der Sawahs, der javanischen Reisfelder, welche schon vor Jahrtausenden die Insel bedeckten und den Künstler beim Entwurf des Tempelplanes zur Verherrlichung in Steingebilden anregten. Ich stimme aber auch Semon bei, wenn er S. 467) hiuzufiigt, daß die künstlerische Gesanuntwirkung des Ganzen dem ungeheuren Aufwand an Mitteln und Arbeit nickit entfernt entspricht. Die Terrassengliederung ist nicht genügend, um Leben in die schwerfällige Masse des gewaltigen Steinhaufens zu bringen, und die zahllosen, an sich schönen Einzelheiten, die Tausende von kleinen Kuppeln, Spitzen, Figuren verschwinden in der ungefügen Masse der flachen Pyramide. Von den genialen Schöpfern dieser und vieler anderen Tempel in Java, von den zahllosen Künstlern, welche ihre sorgfältige Ausschmückung in Jahre langer Arbeit bewirkten, wissen wir so gut wie nichts. Nur das steht fest und ist auf den ersten Blick klar, daß wir in diesen buddhistischen Kunstwerken keine Arbeit der eingeborenen Malayen vor uns haben, sondern der arischen Bewohner von Vorderindien, welche schon vor dem achten Jahrhundert n. Ehr. den malayischen Archiptl überflutheten und nicht nur in Java, sondern auch in Borneo, Sumalri, Lombock und vielen kleineren Inseln Colonien gründeten und Stätten für den Buddha-Cultus errichteten. Aber auch von dieser merkwürdigen Hindu-Invasion wissen wir nur sehr wenig; keine indischen G-- schichtsbüchcr und Chroniken klären uns darüber auf. Nur einzelne Ir-Hindu-Invasion in Jnsnlindc. 165 schriften belehren uns außer den stummen Zeugen der indischen Künste , daß zu jener Zeit die eingedrungenen Hinduvölker einen hohen Grad von Cultur unter der wilden Bevölkerung der malayischen Ur bewohner eingefiihrt haben müssen. Es scheint aber, daß diese Bliithe- penode nicht lange gedauert hat, und daß die Hindu bald wieder den Besitz der Smaragdinseln aufgaben vielleicht aus Furcht vor den häufigen, zum Theil verheerenden Erdbeben, oder auch überwunden durch den dauernden Widerstand der unterjochten Malatzen. Wenn sie durch Vermischung mit den letzteren in dieser Rasse aufgegangen sind, und wenn ein großer Theil der heutigen Bevölkerung von Jnsnlinde wirklich einen Theil Hindublut in seinen Adern führt, so war jeden falls bei dieser Rassenmischung das niedere malayische Element stärker, als das höhere arische. Auf der Insel Lombock und in einigen Ort schaften von Java besonders auch in den höheren Familien des alten Mataramreiches soll noch heute der indogermanische Charakter in der Physiognomie deutlich ausgeprägt sein. Von dem hohen Kunst sinn der arischen Vorfahren ist aber in dem heutigen Mischvolk wenig übrig geblieben; die Malapen der Gegenwart staunen die kunstreichen Tempelruinen der Hindu als die Erzeugnisse unheimlicher Geister an und können nicht glauben, daß Menschenhände dergleichen hervorgebracht haben. Nachdem vr. Groneman seine freundliche Erklärung der langen Bilderreihen beschlossen und ich nochmals vom höchsten Gipfel des Boro- Budur den großartigen Blick auf die herrliche Landschaft ringsum ge nossen hatte, stiegen wir gegen 1 Uhr zu dem nahen Pasangrahan hinab, in welchem der Wächter des Tempels wohnt, ein alter ausgedienter österreichischer Soldat, Namens Oppenheimer; derselbe erinnerte mich durch sein Wesen und seinen langen Bart auffallend an den alten Samiel", welcher älteren Besuchern unserer schönen Rudelsburg, im Saalthal bei Kösen, ivohl erinnerlich ist. Er stillte unseren mächtigen Appetit mit einer vortrefflichen Reistafel. Dann bestiegen wir wieder unseren Vierspänner und benutzten ein paar Nachmittagsstunden noch zum Besuche von zwei kleineren benachbarten Hindu-Tempeln. Die Ruinen des einen, des pyramidenförmigen Mendut-Tempels, haben neuerdings durch ein Erdbeben stark gelitten. Sein Inneres ist mit schönen Sculpturen an den Wänden geschmückt und enthält drei Kolossal statuen von vortrefflicher Ausführung. Die größte, in der Mitte, ist Buddha selbst, auf einer Lotosblume sitzend; im Antlitz den milden Ernst und die stille Resignation, die sich in den meisten Bnddhabildern wieder-166 Buddha-Statue im Mendut-Tempel. spiegelt. Die beiden kleineren Figuren, beiden Seiten des Gottes, scheinen die indischen Fürsten darzustellen, welche den Tempel gegründet und ausgestaltet haben. Der kleinere Tempel, nicht weit entfernt, Fig. 48. Statue des Buddha im Mendut-Teinvel. heißt Küchen-Tempel" (Tjandu Babon); er ruht auf einem hohen Stufenaufsatz und bietet ein sehr malerisches Bild; die ungeheuren Wurzeln eines mächtigen Baumwollbaumes (Bombax), dessen hoher Säulenstamm sich unmittelbar neben de l Tempel erhebt, sind in die FugenTempel-Ruinen von Brambana . 167 der Wände und Treppen eingedrungen und haben sie bereits so weit auseinander gesprengt, daß sie mit völligem Einsturz drohen. Um 4 Uhr traten wir von hier aus unseren Rückweg an und waren Abends gegen 8 Uhr wieder in Djvkja. Zum Besuche der Tempelruinen von Brambanan fuhr ich, aber mals in Begleitung des Herrn vr. Groneman, am folgenden Vormittag, den 15. Januar, Morgens um 7 Uhr auf der Eisenbahn gegen Osten ab; bereits nach einer Stunde waren wir auf der Station. Hier er wartete uns Herr Gegner, der deutsche Administrator einer großen Zucker pflanzung; er war schon Tags zuvor von unserem Besuche benachrichtigt und führte ns in seinem Wagen zu den 1 Kilometer entfernten Teinpel- ruinen. Ich begrüßte in Herrn Geßner einen freundlichen Landsmann wieder, dessen Bekanntschaft ich schon vor vier Jahren auf einem Dampfer des Norddeutschen Llopd bei der Ueberfahrt von Genna nach Neapel ge- macht hatte. Die Hindurninen von Brambanan bestehen nicht, wie die von Boro-Budur, einem einzigen, sehr großen, sondern zahlreichen kleinen Tempeln; sie waren nicht dem monotheistischen Buddha-Cnltus, sondern der polytheistischen Bramahreligion gewidmet. Auf einem sehr ausgedehnten Terrain, das rings von Reisfeldern und Zuckerpflanzungen umgeben ist, sind mehrere Gruppen brahmanischer Tempel zerstreut, deren größte und besterhaltene ain linken Ufer des Opakflnsses liegt und von drei kreisrunden concentrischen Wällen festungsarUg umgeben ist. Zwischen dem äußeren und mittleren Wall sind die Reste von 157 kleinen Tempeln sichtbar, welche in drei Reihen stehen und früher Götterbilder enthielten. Auf dem Platze, den der innere Wall umschließt, erheben sich die Ruinen von acht größeren pyramidenförmigen Tempeln in drei parallelen Reihen, zwei mittlere zwischen je drei äußeren. Der interessanteste ist der mittlere westliche Tempel; seine Basis ist zwanzigeckig; sein Inneres umschließt vier Räume mit großen Götterbildern. Das berühmteste von diesen ist das schöne Erzbild der streitbaren Göttin Dnrga, mit acht Armen und Händen, mit dein javanischen Namen Loro Djonggrang" benannt; jede Hand hält ein anderes Emblem. In einer ziveiten Kammer desselben Tempels steht das Standbild ihres Gatten Sinrah (= Mahadewa), und in einer dritten der Sohn beider, Ganesa; er nimmt mit seinem Elephantenrüssel Speise aus einer Schale, die er in der Hand hält. In den anderen Tempeln stehen die Bildsäulen von anderen brahmanischen Göttern, insbesondere Wischnu und Brahma. In dem Mittlern, öst lichen Tempel fährt links Sacrya auf einem Wagen, rechts Tjandrn mit168 Tempcl-Ruinrn von Brambanan. zehn Pferden. Sowohl die inneren Wände dieser Tempel als die äußeren Flächen der Pyramiden sind mit schönen Ornamenten bedeckt. Fig. 49. Tempel-Ruinen von Brambanan. Diese Reliefbilder, sämmtlich der brahmanischen Mythologie entnommen, übertreffen bei Weitem diejenigen des Boro-Budur an MannigfaltigkeitTempel-Ruincn von Brambancm. 169 der Erfindung und Composition, an Kraft und Leben der Gestaltung, an Feinheit und Eleganz der Ausführung. Manche von ihnen erinnern an die berühmten Tempelbilder und Altarfriese des Parthenon und von Pergamon, die hinsichtlich der Kunstvollendung allerdings höher stehen. Viele Figurengruppen sind ähnlich denjenigen in den Höhlentempeln der Insel Elephanta und den Carlie-Caves, die ich vor neunzehn Jahren auf meinen Ercnrsivnen von Bombay sah und in meinen Indischen Reisebriefen" beschrieben habe. Nördlich von dieser großen Hauptgruppe der Brambanantempel, gegen den Vulcan Merapi hin, liegt eine andere, größtentheils zerstörte Gruppe, Tjandi Lein bang. Hier steht ein großer Haupttempel in mitten von sechzehn kleineren, deren Wände mit vielen lebensgroßen, männlichen und weiblichen Figuren in Basrelief bedeckt sind. Noch weiter nördlich gelangen wir nach Tjandi S e w u, der berühmten Gruppe der Tausend Tempel". Hier ist ein großer Haupttempel von vier Reihen kleinerer Tempel umgeben, deren Gesammtzahl sich 250 beläuft. Durch das Erdbeben von 1867 sind sie größtentheils zer stört; aber die reichen Reliefbilder aus der Hindu-Mythologie, welche ihre Wände und Corridore schmückten, sind noch vielfach gut erhalten und lassen uns auch hier die Phantasie und Gestaltungskraft ihrer arischen Urheber bewundern. Der Ansgang der vier Wege, welche kreuzweise durch das Labyrinth dieser Tempelstadt führen, wird von je zwei kolossalen Steinfiguren bewacht, grimmige Tempelwächter mit gewaltigem Maul und Glotzaugen. Aehnliche Figuren, sowie noch zahlreiche brahma- nische Götterbilder aber auch stellenweise Buddhastatuen finden sich in anderen Ruinen von Tempelgrnppen, die hier in weitem Um kreise zerstreut liegen. Ihre Gesammtzahl wird 500 geschätzt. Sie lassen aus die Größe und Cnlturentwicklung der ansehnlichen Hindustädte schließen, welche hier vor zwölfhundert Jahren blühten, und von denen sonst jede Erinnerung spurlos verschwunden ist. Nachdem wir diese weitläufigen Ruinenfelder durchwandert hatten, folgten wir der freundlichen Einladung des Herrn Geßner, ihn auf seiner nahe gelegenen Pflanzung zu besuchen. Wir fanden dort ein stattliches, äußerst geräumiges und behaglich eingerichtetes Bungalow und erfreuten uns in Gesellschaft der liebenswürdigen und schönen Hausfrau einer sehr angenehmen Erholnngsstunde. Hier in diesem gemüthlichen deutschen Heim hatte ich den östlichsten und zugleich den südlichsten Punkt der Erde erreicht, bis zu dem ich auf meinen Reisen vorgedrnngen war. Gern wäre ich noch einige Stunden weiter gen Osten bis zum Dorfe170 An der Siidküste von Java. Ngale gefahren, um das nahe Trinil am Bengawaflusie, den berühmten Lrt zu besuchen, an welchem I r. Eugen Dubais 1894 die fossilen Reste des Missing link“, des Affenmenschen von Java, gefunden hatte (Pithecanthropus erectus). Slllein leider gestattete mir meine knapp zu- gemessene Zeit nicht diesen frommen Act des Ahnencultus! Ich musste schon Mittags zurück zur Station Brambanan, und um 1 Uhr war ich bereits wieder in Hotel Mataram in Djokja. Hier machte ich noch die Bekanntschaft eines deutschen Pflanzers aus Bandong, des Herrn Teuscher, eines Neffen des vr. R e n h o l d Teuf ch e r in Jena, meines geschätzten Mitarbeiters an mehreren zoologischen Unter suchungen. Wie klein doch die Welt" ist! Rasch packte ich nach dem Frühstück meine Sachen und saß schon um 2 Uhr wieder auf der Eisen bahn , um vier Stunden nach Maos zurückzufahren. Hier blieb ich zwei Nächte, um einen Tag der Excnrsion nach Tjilatjap widmen zu können. Diese frühere Garnisonstadt ist der Hafenort der Provinz B an j um as und liegt (unter 109 ö. L.) fast in der Mitte der langen, wilden und wenig bevölkerten Südküste von Java; sie besitzt den einzigen guten Hafen an dieser Küste und einigen Handel. Eine Zweigbahn, welche nach Süden von Maos abgeht, verbindet Tjilatjap mit der Hauptbahn; die Fahrzeit dauert kaum eine Stunde. Die Zweigbahn durchschneidet die berüchtigten Waldsümpfe, welche sich hier von der Südküste bis nach Bandjar hinauf ausdehnen, bis an den Fuß des Preangergebirges. Diese ganze Region ist als die schlimmste Fiebergegend von Java verrufen, und es fährt selten Jemand nach Tjilatjap, der nicht durch Geschäfte dazu gezwungen ist. Die Garnison musste schließlich verlegt werden, weil Tausende von Soldaten an bösartiger Malaria starben. Ich ver mied es deshalb auch, in diesem Fieberneste zu übernachten, fuhr Morgens 6 Uhr mit dem ersten Zuge von Maos dahin und war Abends 6 Uhr mit dem letzten Zuge wieder zurück. Was mich trotz dieser Gefahren nach Tjilatjap zog, war einerseits der hohe Ruf seiner schönen landschaftlichen Umgebung, andererseits der Wunsch, wenigstens an einem Punkte der Siidküste von Java das Planktvn in diesem Theile des indischen Oceans kennen zu lernen. Ich hatte zu diesem Zwecke meine pelagischen Netze und Gläser mitgenommen. Als ich Morgens 7 Uhr in Tjilatjap ankam, erwartete mich bereits am Bahnhofe der höchste Beamte des Bezirks, der Assistent-Resident Hooso; er war durch den Präsidenten Roskott von meiner Ankunft benachrichtigt worden und bot mir mit der größten Liebenswürdigkeit seine DiensteTic Blumeiiinjel Nusa Kembangan. 171 für den ganzen Tag an. Zunächst fuhr er mich in seiner Equipage durch die Stadt und nach dem Hafen, daun in seine Wohnung, die sehr hübsch in einem großen Garten am Meeresufer liegt; gegenüber die langgestreckte Insel Nusa Kembangan ( Blumeninsel). Für den Be such derselben erbat mein Gastfreund das große Boot des malayischen Regenten". Ehe dieses eintras, hatte ich noch Zeit, im Garten einen der großen prachtvollen Waringiubäume (1 ieus benjaminea) zu malen, welche denselben zieren, mit zahlreichen Luftwurzeln und iveit kriechenden Brettermurzeln. Eine hübsche und eigenartige Decoration hatte die Frau Resideutiu, eine große Blumenfreuudiu, diesen riesigen Feigen bäumen verliehen; sie hatte an den unteren Aesten und Luftwurzeln zahlreiche Cocosschalen gleicht Ampeln aufgehängt und in jede derselben eine Orchidee oder eine andere schönblühende Pflanze eingesetzt (Fig. 51). Um 10 Uhr erschien das Boot des Regenten, mit vier uniformirten Ruderern und einem Mandur (Steuermann). Dazu gab mir noch der Resident einen seiner Diener mit. Die Leute ruderten zunächst eine Strecke an der Südküste hin, an welcher mehrere kleine Flüsse aus- müuden. Die primitiven Fahrzeuge zum Uebersetzen derselben sind kleine, aus Baumstämmen roh zusammengezimmerte Flöße, zum Theil mit einem kleinen Schattendach. Sodann setzten mir in einer halben Stunde über die Meerenge hinüber, welche die Küste von Tjilatjap von der dicht bewaldeten, langen Insel Kembangan trennt. Die Meerenge er scheint hier wie ein breiter, schöner Strom; nach Osten öffnet sie sich in die weite Schildkrötenbai". Die große Insel Nusa Kembangan ist hügelig, fast unbewohnt und in ihrer ganzen Ausdehnung mit dichtem, undurchdringlichem Wald bedeckt. Derselbe wird von der Regierung unverändert erhalten und ist botanisch interessant durch eine große Anzahl seltener Bäume, wie mir 1 r. Koorders, der Forstbotaniker von Beutenzorg, schon früher erzählt hatte. Es befinden sich darunter mehrere Arten, die im übrigen malayi schen Archipel nicht zu finden sind. Das Dickicht der Lianen, welche die gewaltigen Bäume umschlingen, erschwert das Eindringen sehr. Ich machte hier die unangenehme Bekanntschaft der Mucuna pruriens, eines Leguminosenbaumes, dessen große Schoten glänzende schwarze Bohnen enthalten und dicht mit gelben, leicht abfallenden Brennhaaren bedeckt sind. An der Stelle der Nordküste, au der wir zuerst landeten, besichtigte ich die verfallenen, ganz von dichter Vegetation überwucherten Ruinen eines alten holländischen Forts. An einer zweiten Stelle besuchte ich eine einsame, sehr malerische Fischerhütte, deren Besitzer mehrere172 Malalch chcs Pfahlbaudors. Rifl. 50. Malayischos Pfahlbaudorf an eincr Flußmündung, vorn ein Floß zum Uebersetzm. Affe und Papageien znr Gesellschaft hielten. Sehr schön ist der Blck von hier über die Meerenge das gegeniiber liegende Festlaw.Besuch von Tjilatjcip. Nlalaria. 173 lieber der grünen, palmengeschmückten Südküste von Java erheben sich in der Ferne lange blaue Gebirgszüge, und hoch über diesen der mächtige Vulran Slamat mit seinem Doppelgipfel und seiner hoch aufsteigenden Rauchwolke. Die pelagische Fischerei mit dem feinen Müllernetz" ergab in dem trüben, gelblich-grünen Wasser nichts besonders Interessantes; überwiegend kleine Erustaceen (Copepoden und Ostraeoden), daneben viele Diatomeen, Chromaeeen und andere Protisten des littoralen Plankton. Gegen 3 Uhr Nachmittags ließ ich mich nach Tjilatjap zurückrudern und verlebte hier noch ein paar angenehnie Stunden in der Familie des Assistent-Residenten, der mir beim Diner viel über die eigenthümlichen Verhältnisse dieses weltentlegenen Küstenplatzes und seiner Bewohner er zählte. Die verrufene Malaria soll ihren bösartigen Charakter sehr ver loren haben, seitdem die sumpfige Gegend theilweise drainirt und bei Gelegenheit des Eisenbahn-Baues manche gefährliche Loealeinrichtung be seitigt wurde. Immerhin gehört der Ort noch zu den verrufensten Fieber nestern von Java, obgleich der gefürchtete Anopheles nicht häufiger sein soll als anderswo. Bezüglich dieses schlimmen Moskitos begegnete ich hier und in anderen Fiebergegenden von Java vielfachem Zweifel, auch bei gebildeten und erfahrenen Aerzten. Nicht daß die Richtigkeit der schönen Entdeckungen von Grösst, Koch u. A. angezweifelt und die Ueber- tragung der mikroskopischen Malariaparasiten, welche die Blutzellen zer stören, angezweifelt wurde. Aber es ivurde bestritten, daß sie die einzige Ursache der perniciösen Fieber seien, die an einzelnen Orten einen so auffallend verschiedenen und bösartigen Charakter tragen. Die Rückfahrt nach Maos in der Abendstunde durch das dichte Djungle war genußreich, da die sinkende Sonne ihre glitzernden Strahlen überall durch die Fiederblätter der Cocospalmen warf und die breiten hellgrünen Riesenblätter der wilden Bananen, Eleüarien und anderer Marantaceen ntit phantastischen Lichtfiguren bemalte. Viele der letzteren waren mit großen purpurbraunen Blüthenkolben geschmückt, auf denen die stattlichen weißen Blüthen sich glänzend abhoben. Eine schöne Liane, die sich in weitem Bogen von Baum zu Baum schwang, war mit großen violetten Bliithentrauben behängen. Schwärme von kleinen grünen Pa pageien und Schaaren von braunen Affen belebten die Aeste des unzu gänglichen Urwaldes. Am folgenden Morgen, den 17. Januar, setzte ich mich schon um 5 Uhr Morgens in Maos auf die Eisenbahn, um die Rückreise nach Beutenzorg anzutreten; sie dauerte mit dem Schnellzuge volle zwölf174 Besuch von Sukabumi. Gründen. Jedoch unterbrach ich sie um 3 Uhr Nachmittags auf der Station Sukabumi, um hier einen Tag der freundlichen Einladung des Major a. D. Ouwens zu folgen, welchen ich einen Monat zuvor bei Gelegenheit eines Vortrages in Batavia hatte kennen lernqn-. Dieser vielseitig gebildete Officier ist ein großer Freund und Kenner der Natur und ein specieller Sammler von Conchylien. In dem Garten seines Hauses traf ich eine ganze Menagerie von Affen und Halbaffen, Papa geien und anderen Vögeln, sowie lebenden Vertretern anderer Thierclaffen. Die werthvolle Sammlung von Schnecken und Muschelschalen, die er selbst während seines langjährigen Aufenthaltes in verschiedenen Theilen des malayischen Archipels angelegt hat, ist sehr vollständig und enthält viele seltene Arten. Auch unter den sonstigen Naturalien-Sammlungen des Majors Ouwens bemerkte ich viele jwerthvolle Stücke, von denen mir derselbe alle gewünschten Exemplare mit größter Liberalität für das Zoologische Museum in Jena schenkte. Am anderen Tage konnte ich Dank seiner Güte! drei Kisten mit Skeletten, Schädeln, Fischen, Conchplieu, Korallen und anderen Seethieren packen und in die Heimath abschicken. Der angenehme Aufenthalt im Hause des Majors O u w e n s wurde mir noch besonders interessant dadurch, daß seine Haushälterin eine ge bildete Japanerin war; die liebenswürdige Dame sprach Holländisch und etwas Englisch und betheiligte sich mit unerschöpflicher Heiterkeit an unseren Gesprächen. Dabei mußte ich die seinen und zierlichen Umgangs- sörmen dieser Schönen des Ostens" bewundern, von denen alle dafür empfänglichen Besucher Japans mit Entzücken sprechen. Das Städtchen Sukabumi (geschrieben Soekaboemi) liegt in 650 Meter Höhe am südlichen Fuße des Doppelvulcaus Gedeh und Pange- rango. Es ist reich an schönen Villen und Gärten und erfreut sich eines sehr angenehmen und gesunden Klimas. Auch liefern zwei heiße Quellen, die aus der südlichen Wand des Vulcans entspringen, Material für warme Bäder. Der Ort ist daher neuerdings als Bade- und Luftkurort" im Aufblühen begriffen; viele pensionirte Beamte und Osficiere nehmen hier dauernd ihren Aufenthalt. Auf einer schönen Ereursivn, die ich am fol genden Morgen mit Major Ouwens unternahm, lernte ich die hohe land schaftliche Schönheit der Umgebung von Sukabumi kennen, dessen Namen Verlangen der Welt" bedeutet. Besonders reizend sind die Uef einge schnittenen und mit reicher Vegetation geschmückten Flußthäler, die sich vom Fuße des Gedeh und Pangerango herabziehen. Die beiden Kegel dieser mächtigen Vulcane schließen im Norden den Hintergrund, während dieser im Süden von einer langen vielzackigen Bergkette gebildet wird.Rückkehr nach Batavia. 175 Am folgenden Nachmittag fuhr ich in zwei Stunden nach Beuten- zvig zurück. Die Bahn geht erst nach Westen durch schöne Gebirgsgegend, wendet sich daun bei Tji Badak nach Norden und führt iiber den Sattel zwischen den beiden Vulcanen Pangerango und Salak hinweg. So schloß ich denn im Westen den Zirkel, den ich bei der Reise nach dem Gedeh im Osten begonnen hatte. Eine reiche Ernte der schönsten Erinnerungen brachte ich von dieser dreiwöchentlichen Bergfahrt mit. In Beutenzorg blieb ich bei meinem verehrten F-ennde Trenb noch ein paar Tage, um mich bei den dortigen Bekannten und beim General-Gouverneur zu verabschieden. Dann fuhr ich am 21. nach Ba tavia, wo ich auch diesmal wieder mich der Gastfreundschaft des Majors Müller erfreute, und am Morgen des 23. Januar, in seiner Begleitung, ach Tandsong Priok, dem Hafen von Batavia. Hier bestieg ich den niederländischen Dampfer Princeß Amalia", welcher mich in zweitägiger Fahrt von Java nach der Westküste von Sumatra führte, nach der Hauptstadt P a d an g. Fig. 51. Bretter wurzeln eines War ing in bäum es (Ficus benjaminea); am Stamm sind Cocosnuß-Schalen als Blumentöpfe aufgehängt. Aus Tjilatjap. Im Hintergründe die Blumen insel Nusa Kembangan.Mlcs Capitel. Auf bfr Insel Zumalm. * (P\a& wunderbare Reich von Inch,linde ist nicht allein durch die uu- übertroffene Pracht und Ueppigkeit seiner Tropennatur höchst an ziehend, sondern auch die ausfallende Verschiedenheit seiner einzelnen Theile. Seitdem AlfredDallace vor dreißig Jahren sein berühmtes Werk über den malapifchen Archipel veröffentlichte, ist die von ihm durch geführte Scheidung desselben in eine westliche, indische und eine östliche, australische Hälfte bis aus den heutigen Tag ein Gegenstand der inter essantesten Diskussionen und der fruchtbarsten geographischen und phylo genetischen Erkenntnisse geblieben. Wie Wallace auf Grund seiner reichen, langjährigen Erfahrung und seiner ausgedehnten systematlsch- chorologischen Kenntnisse nachwies, ist die Thierbevölkerung m dunen beiden Hälften des großen, scheinbar ein Ganzes bildenden nialapischen Jnselreiches wesentlich verschieden. Die westliche Hälfte, der indo-Fig. 54- Ein Ptaar M enlawei-Jnsulaner (Mann und Frau von Liberur).177 Fauna des malayischcu Archipels. malapische Archipel, mit den drei großen Snnda-Jnseln (Java, Sumatra, Borneo) und den Philippinen, stimmt im allgemeinen Charakter seiner Landfauna mit dein nördlich anstoßenden Gebiete von Siidasien, zunächst der malapische Halbinsel Malacca, überein und hat ursprüng lich von diesem seine Landbevölkerung erhalten. Hier finden wir die selben großen Hauptordnungen der Zottenthiere (oder der höheren, placentalen Säugethiere) wie auf dem südasiatischen Continente, in der indischen oder orientalischen Region; hier sind die Wälder von Schaaren echter Affen und Halbaffen belebt; hier finden die großen Hnfthiere: Elephanten und Rhinoceros, zahlreiche Arten von Hirschen und Antilopen, Massen von Nagethieren und Jnsectenfressern ihr reich liches Futter; und hier wird deren Vermehrung durch zahlreiche blut gierige Raubthiere Einhalt gethan: viele Arten von Katzen, Hunden, Zibetkatzen und Bären, vor Allen durch den majestätische Königstiger. Ebenso trägt die Vogelwelt und die Landbevölkerung der Reptilien und anderer Thierclassen im indomalapischen Archipel den echten indischen oder orientalischen Charakter. Völlig verschieden ist dagegen die terrestrische Fauna der östlichen Hälfte von Jnsulinde, des australn,al ay.ischen Archipels. Hier finden wir den Molukken und in Reu-Guinea fast nichts von jenen herrschenden Zottenthieren der westlichen Hälfte, oder nur solche Arten, ivelche vom Menschen erst spät eingeführt sind (Hund, Schwein, Ratte, Maus u. s. w.), oder welche vermittelst ihres Flugvermögens leicht von dorther einmandern konnten (Fledermäuse). Dagegen finden wir an ihrer Stelle eigenthümliche Arten von Beutelthieren, von jenen niederen, niarsupialen säugethiere , ivelche außerdem gegenwärtig fast nur auf dem Continente von Reo ran ien, in Neuholland gefunden werden. Zll giM ös marsupiale Raubthiere und Jnsectenfresser, mar- snpiale Hnfthiere und Nagethiere, welche den entsprechenden placentalen Ordnungen nahe verwandt und oft zum Verwechseln ähnlich erscheinen; und doch tragen sie alle im inneren Körperbau die gemeinsamen Merk male der Unterclasse der Marsupiale , jener niederen und ültereir Abtheilung der Säugethiere, welcher die hoher organisirlen P l a c e n t a l e n erst später (während der Kreideperiode) hervorgegangen sind. Der geneigte Leser, welcher sich für diese wichtige Frage interessiert, findet darüber Näheres im 26. Capitel meiner Natürlichen Schöpfnngs- geschiichte" und im 22. Bortrage meiner Anthropogenie". Wenn man von den indomalapischen großen Snnda-Jnseln, Java ad Bnrneo, in wenigen Tagen nach den benachbarten australmalayischen Dackel, Jnsulinde. io178 Fauna de-:- inalayischc Archipels. Inseln hinüber fährt, nach Flores und Celebes, weiterhin nackt den Molukken und Neu-Guinea, so tritt der charakteristische Unterschied ihrer terrestrischen Fauna nicht allein in der Klasse der Säugethiere, sondern auch der der Vögel und Reptilien, und ebenso in anderen Thiereiassen immer auffallender hervor, um so mehr, je weiter man nach Osten kommt. Wallace zog daraus eine Anzahl von wichtigen Schlüssen über die Entwickelung und Verbreitrmg dieser Thiergruppen durch Wanderung und betonte namentlich, dag die Trennung der beiden malayischen Ge biete durch tiefe Meerengen schon seit früher Tertiärzeit (seit einigen Millionen Jahren!) ein Hinderniß für die spätere Vermischung der beiderlei Landfaunen gebildet habe. Er irrte jedoch manchen Einzel heiten und besonders darin, daß er die Grenze zwischen den beiden kleinen Nachbarinseln Bali und Lombok (östlich von Java) zu scharf zog, und daß er weiter nördlich auch den Gegensatz zwischen Borneo und Celebes zu sehr betonte. Spätere Forschungen, namentlich von Max Weber, Richard Semon, Willi, Kükenthal u. A., neuester Zeit von den beiden Herren Sarasin, haben jene Jrrthümer berichtigt. Jedoch gehen manche neuere Schriftsteller viel zu iveit, wenn sie glauben, daß damit die ganze geistreiche Theorie von Wallace widerlegt und werthlvs geworden sei. Vielmehr bleibt diese in ihren Grundzügen bestehen, und es sind nur (wie bei vielen anderen großen Theorien) genauere Aus schlüsse über einzelne Verhältnisse, welche die Aufgabe schwieriger und eomplicirter erscheinen lassen, als sie zuerst erschien. Insbesondere sind in diesem Falle die chorologischen Fragen nach den vielfachen Wanderungen der Thiere aus einem Gebiet in das andere, von einer Insel zur anderen, ferner die geologischen Fragen nach den Verhältnissen der jetzigen und der früheren Cvnfigurativu des Archipels viel verwickelter, als man zuerst annahm. Trotz alledem oder besser: eben deswegen bleibt Jnsulinde mit seinen beiden so verschiedenen Archipel-Hälften für den Ratursorscher eines der interessantesten Gebiete unserer Erde, und es werden noch viele Jahre (oder Jahrzehnte!) vergehen, ehe die Mehrzahl der vielen hier vorliegenden Probleme gelöst sein wird. An dieser interessanten Arbeit mich zu betheiligen, war mein sehnlicher Wunsch gewesen, und ick hatte bei Antritt meiner malayischen Reise sicher gehofft, wenigstens einige Monate auch im östlichen Gebiete verweilen zu können. Mein verehrter Freund, Professor Max Weber in Amsterdam, hatte mir für diese Molukkenreise" einen vortrefflichen Plan entworfen und mick reich lich mit werthvollen Empfehlungen ausgestattet. Als Hauptziel sc,webte179 Fauna dcs malayischcn Archipels. mir dabei die tiefe Band asee vor, mit ihrem berühmten Reichthum an schönen Korallen und anderen Seethieren. Insbesondere gedachte ich auf der Insel Ambon mein zoologisches Laboratorium aufznschlagen einem klassischen Orte für die marine Zoologie, seitdem der treffliche alte de Nische Naturforscher Georg Eberhard Rumph dort sein großes Werk, die .Amboinische Raritätenkammer" verfaßt hat. Was neuerdings über diese herrliche Insel (südlich von Ceram) und ihre reiche Fauna mein Schüler Richard S e m o u in seiner ausgezeichneten, mehrerwähnten Reise schilderung über die Küsten des Korallenmeeres" initgetheilt und durch mündliche Mittheilungen ergänzt hatte, war besonders geeignet, mir diesen längeren Aufenthalt auf Ambon als den zoologisch ergiebigsten Theil meiner Jnsulindefahrt erscheinen zu lassen. Allein hier wie schon öfter auf meinen zahlreichen Reisen! machte das tückische Schicksal mir einen dicken Querstrich durch meine schönen Pläne. Als ich im November int Garten von Beutenzorg die Lichteffectc der senkrecht stehenden Tropensonne zur Mittagszeit studirte und (trotz der wohlgemeinten Warnung meines Freundes Treub!) mich Stunden lang mit ihrer photographischen Wiedergabe abqnälte, hatte ich das disponible Maß meiner Kräfte überschätzt. Ein leichter Sonnenstich verursachte mir Uebelbefinden und Schwindel, und als ich denselben durch ein kaltes Bad zu neutralisiren versuchte, zog ich mir eine starke Er kältung zu. Die Folge war ein rheumatisches Fieber, welches eine An schwellung des rechten Kniegelenks nach sich zog und mich mehrere Wochen am Gehen hinderte. Als ich gegen Weihnachten wiederhergestellt mar, erschien die noch disponible Zeit zli kurz, uin die geplante Molukken reise auszuführen. Inzwischen hatte ich eine sehr verführerische Ein ladung zum Besuche der Westküste von Sumatra erhalten, ivv mir die reichen Korallenbänke von Padang und den benachbarten Inseln den besten Ersatz für den aufgegebenen Besuch von Ambon zu bieten schienen. Nach Abschluß der Gebirgsreise durch Java fuhr ich also direct von Batavia nach Padang. Diese Reise auf dem Königlich Niederländischen Postdampfer dauert nur zwei Tage (44 52 Stunden gewöhnlich); sie gehört aber zu den theuersteu Vergnügen dieser Art auf dem ganzen Erdenrunde. Ein Platz in der ersten Classe kostet 150 Gulden (= 260, Mark); macht pro Tag 140 Mark! Überhaupt sind die FahrAuge Ü er holländischen Dampf- bvote. die in den meisten Theilen des malayischen Archipels den Vorzug ldes Monopols haben, sehr hoch; es wird darüber allgemein geklagt. Die Schiffe sind von mittlerer Größe, aber gut eingerichtet. Die Princeß 12 *180 Eruption des Bulcan Krakatau. Amalia", auf der ich van Batavia am 23. Januar nach Padang fuhr, war eine Dame von etwas vorgeschrittenen Jahren und brauchte für diese Strecke bei schönem Wetter 54 Stunden. Nach der Abfahrt von Taudjong Priok, dem neuen Hafen von Batavia, fuhren wir zunächst längs der Nordküste von Bantam hin, der westlichsten Provinz von Java : wir passirten viele kleine, meistens mit Wald bedeckte Inseln. Dann wendeten wir nach Südwesten und traten in die Sundastraße ein. Zur Rechten erschien bald die Südostspitze von Sumatra, darüber die Kaiserspitze im Gebirge von Lampongs. Zur Linken versperrten die Korangberge von Bantam, südlich die Nicolasspitze, den Blick nach Süden. Besondere Aufmerksamkeit erregte bald ein spitzer Vnlcankegel, der sich mitten aus dem südlichen Theil der Sundastraße, nördlich von der Prinzeninsel, erhebt : es ist der berühmte Krakatau. Die furchtbare Eruption dieses modernen Vulcans am 27. August 1883 gehört zu den großartigsten vulcanischen Ansbrüchen, von welchen uns die Geschichte berichtet; sie kostete 40 000 Menschen das Leben und be drohte Westjava und Südsumatra mit Vernichtung. Der Krakatau liegt in der Mitte einer langen Erdspalte, welche sich von Südwest nach Nordost gegen die Sundastraße hinzieht. Man nimmt an, daß die Decke dieser Spalte damals theilweise einstürzte, und daß große Wassermengen in die darunter verborgene, glnthflüssige Masse eindrangen. Der ungeheure Druck der Dämpfe, die dadurch plötzlich entwickelt wurden, sprengte dann den Krater, der seit zweihundert Jahren ganz ruhig gewesen war, vollständig in die Luft. Schon drei Monite zuvor, im Mai, strömten Dampfwolken aus demselben aus, welche 11 000 Meter Höhe erreichten. Bei der großen Eruption selbst stieg diese bis zu 27 000 Metern, jiinf Mal die Höhe des Montblanc. Nicht iveniger als 8 Kubikkilometer Lava und Bimsstein wurden ausgeworfm. Der ungeheure Aschenregen, welcher sich dabei über Südsumatra nd Westjava ergoß, erstreckte sich bis in das Hochland von Preanger und hüllte einen Flächenraum größer als Irland während der Mittag stunden in nächtliche Finsterniß. Der feinere Aschenregen dehnte sich über an Gebiet größer als Deutschland aus. Die feinsten Theilchen der acs- geworfenen Massen aber erhoben sich in die höchsten Regionen unse:er Atmosphäre und breiteten sich hier rings um den ganzen Erdball ars; sie vcrnnlaßten jenes wunderbare rothe Farbenspiel des Abcndhimnes, welches uns im Herbst 1883 bei Sonnenuntergang mehrere Monate hin durch in Erstaunen versetzte. Das gewaltige Erdbeben in Folge dieser Krakatau-Explosion Eruption des Bulcan Krakatau. 1S1 streckte sich über einen Flächenraum. dessen Radius der Entfernung zwischen London und Konstantinvpel gleich kam. Alles Lebendige, was sich im Umkreise von fünf geographischen Meilen von der Eruptions stell? befand, war dem Tode geweiht und wurde theils verbrannt, theils unter der Asche begraben. Das furchtbarste Unglück jedoch verursachte eine ungeheure Meereswoge, welche sich in Folge des plötzlichen Ein sturzes des halben Vulcans erhob und die benachbarten Küsten über- flittlieite. An der Westküste von Java schwemmte dieselbe beim Zuriick- tretcn zahlreiche Dörfer nebst 36 000 Einwohnern mit sich fort und kehrte Häuser und Vieh, Bäume und Felsen zugleich mit den Menschen in den Abgrund des Meeres. Ein reicher, fruchtbarer Landstrich von 50 Meilen Länge und 5000 Metern Breite wurde mit einem Schlage dadurch in eine öde Wüste verwandelt. An der gegenüber liegenden Südspitze von Sumatra, im Golfe von Telok Betong, erhob sich die furchtbare Fluth- welle bis zu 24 Meter Höhe, sie warf unter Anderem ein dort ankern des Dampfschiff auf die Mitte eines 3300 Meter entfernten chinesischen Marktplatzes. Die Masse der ausgeworfenen weißen Bimssteine war so groß, daß sie noch mehrere Jahre lang die Oberfläche des Meeres in der Sundastraße und weit hinaus in den Indischen Ocean bedeckten. Noch jetzt begegneten wir an einigen Stellen solchen schwimmenden Bimssreinbänken. Aber die wunderbare Zeugungskraft der Tropensonne von Jnsuliude ist so mächtig, daß sie selbst die grauenhaften Folgen dieser furchtbaren Krokatau-Eruptiou bald wieder vergessen machte. Der neue Kegelberg, wellcheir sich in Folge derselben erhob, bedeckte sich bald wieder mit neuer Vegetaitiou, und als Professor Treub, fünf Jahre nach dem Ausbruch, deniselb,eu besuchte, fand er bereits einen großen Theil des Vtilcans wieder mit eitter grünen Pflanzendecke geschmückt. Als wir am Nachmittag des 2:;. Jamunr nahe seiner Südküste vorbei fuhren, konnten wir deutlich uickit nur die dünnen, braunen Lavarippen unterscheiden, welche vom Gips,-! des Kegels nach allen Seiten ausstrahlend seinen grünen Mantel durchsetzten, sondern auch ein kleines Wäldchen am Strande, dessen Bäume 10 15 Meter Höhe zu erreichen schienen. D en folgenden Tag fuhren wir längs der Südwestküste von Sumatra hin, in solcher Entfernung, daß wir deutlich die zahlreichen hohen Vulkau- kegel unterscheiden konnten, welche in einer langgestreckten Reihe über dein Rücken des Barisangebirges sich erheben. Dieser mächtige Gebirgszug, über 2000 Meter aufsteigend, zieht in der Richtung von Südost nach Nordwest durch die ganze lange Insel Sumatra hin und182 Ankunft in Sumatra. scheidet die schmale, steil aufsteigende Südwestküste derselben von dem breiten, flachen Tiefland der Nordostküste; das letztere ist schwach be völkert und größtentheils mit Sümpfen und Urwald bedeckt. Auch die steilen Abhänge der Südwestseite des Gebirgszuges, in mehreren parallelen Rücken über einander aufsteigend, sind fast ganz mit dichtem grünen Wald überzogen und lassen nur selten Spuren von menschlichen Bewohnern am Strande erkennen. Der Königstiger, welcher diese einsamen Urwälder in Menge bewohnt, scheint keine menschliche Herrschaft neben sich zu dulden. Ebenso erscheinen die zahlreichen kleinen Inseln, an denen wir vorbei fuhren, ganz unbewohnt rmd mit Wald bedeckt. Am Mittag des 25. Januar näherte sich unser Schiff der malerischen Königinbai, der geräumigen, von hohen, bewaldeten Bergen umschlossenen Bucht, welche im Süden von Padang liegt; sie ist von dieser Haupt stadt der Insel durch einen nach Westen in das Meer vorspringenden Bergrücken geschieden, den Affenberg. Am Fuße des letzteren liegt der neue, treffliche Hafen von Padang, der Emmahafen", in dein um 3 Uhr Nachmittags unser Dampfer vor Anker ging. Unter den wenigen Europäern, welche am Ufer seine Ankunft erwarteten, gewahrte ich schon von Bord aus Herrn Theodor Delprat, den ich in Batavia kennen gelernt, und der mir bereits dort seine Gastfreundschaft für die Zeit meines Aufenthalts in Padang angeboten hatte. In dem schönen Directionswagen, welcher auf der am Hafen mündenden Eisenbahn uns erwartete, gelangten wir in zwanzig Minuten zur Bahnstation von Padang. Der Palnienwald, durch welchen wir am östlichen Fuße des Affenberges hinfuhren, ließ sofort die hohe landschaft liche Schönheit der Umgebung von Padang erkennen und die strahlende Ueppigkeit des tropischen Pflanzenwuchses, der seine felsigen Gebirgs- mauern bedeckt. In dem Gebüsch des lichten Palmenhains liegen malerisch die Hütten der Eingeborenen zerstreut, von Pisangbüscheu, Manihot-Stauden und Melonen-Bäumen (Oariea papaja) umgeben. Ihre hohen Dächer, mit Palmbast gedeckt, sind sattelförmig, tief aus geschweift. Da die Hütten auf inehrere Meter hohen Pfählen stehen, führt zu ihrem engen Eingang eine schmale Treppe oder Leiter hinauf. Bei den vornehmen Häusern sind Treppe und Wände zierlich dekorirt und bemalt. (Fig. 53.) Auf einer eisernen Brücke von 100 Meter Länge überschreitet die Bahn den Padangfluß, welcher an der Westseite des Affenberges in das Meer mündet. Der Arbeitsplan, welchen ich mir für die fünf bis sechs Wochen meines Aufenthaltes Sumatra sorgfältig ausgearbeitet hatte, warArbeitsplan für Sumatra. 183 reiflich erwogen und versprach mir unter ungeivöhnlich giinstigen Ver hältnissen reiche Ausbeute. Ich gedachte zunächst mehrere Wochen dein Studium der marinen Zoologie zu widmen, wobei einerseits das süd- indische Plankton, andererseits die interessante Fauna der Korallenbänke vorzügliches Arbeitsmaterial in Aussicht stellten. Herr Delprat hatte für die damit verknüpften technischen Arbeiten seine bewährte praktische Jngeuieurkunst und ein geübtes Personal von eingeborenen Fischern und Tauchern zur Disposition gestellt, sowie treffliche Arbeitsräume, in denen 53. Familienhaus in Pa dang. Vor demselben ein Paar Melonenbäume (Carica papaja) ich meine Instrumente aufstelleu und meine Sammlungen verpacken konnte. Weiterhin gedachte ich mehrere der reizenden kleinen Kvrnllen- inseln zu besuchen, welche dem Küstensaum von Padaug vorliegen, und sowohl ihren Aufbau aus lebenden Korallenthieren als auch ihre übrige Thierbevölkeruug zu nutcrsuchen. Der Generalgouverueur von Nieder- ländisch-Jndien, General Rooseboom in Beutenzorg, an welchen ich durch den Großherzog von Weimar und durch das Ministerium der Colonien im Haag besonders empfohlen war, hatte mir für die Ausführung jener Fahrten das Regiernngs-Danipfboot Condor" zur Verfügung gestellt184 Mißgeschick in Padang. und den Gouverneur von Sumatra ersucht, mir in jeder Weise behülflich zu sei . Aber auch zu einer weiteren Fahrt mit dem Condor" würde sich die erwünschte Gelegenheit geboten haben, nämlich zu dem Besuche der entfernten Nias-Jnseln und vielleicht selbst der Mentawei-Jnseln selten besuchter, mehrere Tagereisen südwestlich von Sumatra gelegener Koralleninseln, die noch heute von Wilden eines eigenthiimlichen malayischen Rassenzweiges bewohnt sind. Endlich gedachte ich die letzte Woche meines Aufenthaltes auf Sumatra zu einem Besuche des Padauger Hochlandes zu verwenden, eines wegen seiner wilden Naturschönheit be rühmten Gebirgslandes. Sv durfte ich denn hoffen, das; die sechs Wochen auf Sumatra mich mit einer Fiille von interessanten Beobachtungen bereichern und einen glänzenden Abschluß meiner schönen Reise nach Jnsulinde bilden würden, würdig der herrlichen Eindrücke, mit welchen mich die drei Monate auf Java beschenkt hatten. Mein ganzer Himmel hing voller Geigen", und ich hoffte, diesen kostbaren Monat um so intensiver auszubenten und zu genießen, als mich die prächtige Gebirgsfahrt durch das Preanger-Paradies ungemein erquickt und die letzten Spuren der vorhergegangenen Er krankung verwischt hatte. Allein leider! hatte ich meine schöne Rechnung ohne den Wirth" gemacht, d. h. ohne Furcht vor jener un heimlichen Macht, welche wir Schicksal" nennen, ohne Gedanken an das grausame llismet^, au die Anangke“. welche Götter und Menschen bändigt". Schon eine halbe Stunde nach meiner glücklichen Ankunft in Padang war mein ganzer herrlicher Sumatra-Traum in fliichtigen Schaum zerronnen, und ich mußte mich an den Gedanken gewöhnen, auf den größten Theil meiner Arbeitspläne zu verzichten. Das kam nun so! Mein gütiger Gastfreuud, Herr Delprat, der Hauptingenieur der niederländischen Staatseisenbahnen au der Südwest küste von Sumatra, wollte mir gleich nach der Ankunft auf dem Bahn höfe in Padang die große Maschinenwerkstätte zeigen, die er neben dem selben errichtet und vortrefflich ausgestattet hat. Bei der Wanderung durch dieselbe ereilte mich das Mißgeschick eines gefährlichen Falles. Während mein Begleiter mir eine sinnreiche, über unserem Kopse an gebrachte Einrichtung erklärte, achtete ich nicht auf den Weg und strauchelte über eine schräg darüber gelegte Schiene, Beim Falle verletzte ich mir das linke Bein dergestalt, daß ich nur mit Mühe zu dem bereit stehenden Wagen gehen konnte, und daß in den nächsten Tagen trotz sofort an gewendeter Eisumschläge eine heftige Entzündung des Kniegelenks eintrat; durch die starke Anschwellung desselben war ich volle vierKrankenlager in Padang. 185 Wochen am Gehen verhindert. Der holländische Militärarzt, den ich consultirte, vr. Stibbe, erklärte absolute Ruhe für nothwendig und legte mit großer Sorgfalt einen festen Compressionsverband an. Meine Ab- sicht, in das Militärhospital von Padang überzusiedeln und mich dort festzulegen, wurde durch die Giite meines sorglichen Gastfreundes und seiner vortrefflichen Frau Gemahlin verhindert; sie bestanden darauf, das; ich bis zur völligen Genesung in ihrer Wohnung bleiben müsse. Für die treue und sorgfältige Pflege, die mir beide während dieses Leidensmonats angedeiheu ließen, muß ich ihnen auch an dieser Stelle meinen herzlichsten Dank wiederholen; ich lernte hier die berühmte indische Gastfreundschaft" auch in ihrer zartesten Form, als aufmerksame und unermüdliche Krankenpflege, kennen. Unter den mancherlei Unfällen und Widerwärtigkeiten, welche die schönen Eindrücke meiner Jnsulindefahrt trübten, war dieser unglückliche Fall der störendste. Trotzdem waren die vier Wochen, die mich derselbe kostete, nicht verloren. Bei Tage, während ich steif ausgestreckt auf dem indischen Rohrstuhl lag, hatte ich genug mit Schreiben von Briefen und Reiseerinnerungen zu thun, sowie mit Ausführung der zahlreichen Aquarellskizzen, von denen viele im raschen Laufe der vorhergegangenen Wanderfahrten nur in flüchtigen Umrissen festgehalten morden waren. Schlimm waren nur die heißen Nachmittage, an denen die Temperatur in meinem stillen, sonst sehr freundlichen Krankenzimmer gewöhnlich 28 80 0 C. betrug (nur.wenige Meilen südlich vom Aequator entfernt!). Abends wurde ich in die luftige Veranda hinaus getragen, wo ich den freien Blick in den i .ung n Garten genoß und in der liebens würdigen Fannie Delprm di. ngenehmste Unterhaltung fand. Zwei wißbegierige Töchter, von m und sechzehn Jahren, ließen sich ebenso wie ihre hochgebild^en Eltern gern über meine zoologischen und botanischen Interessen umeri tivii; an manchen Abenden hielt ich auf ihren Wunsch längere biologi c! , Vorträge, wobei die Abbildungen in meiner Natürlichen Schöpf geschichte" und meinen Kunstformen der Natur" den Anschauni! reicht förderten. Ich selbst hingegen genoß reiche Belehrung an interessanten Erzählungen, welche niir Herr und Frau Delprat über die vielen Erlebnisse und Abenteuer während ihres vielbewegter ,,v izigjährigen Aufenthalts in Jnsnlinde spendeten; sowohl mit verschiedenen Theilen von Sumatra als von Java wurde ich dadurch näher belanni. Unter den mancherlei .blichen Besuchen, welche Abends (zwischen 7 und 9 Uhr) kamen, war - der angenehmste und lehrreichste derjenigeISti Besuch von wilden Insulanerin unseres deutschen Cousuls in Padang, eines geborenen Wieners, Namens Schild. Derselbe ist nicht nur ein tüchtiger und mit den Handelsoer- hältnissen von Jnsulinde ivohlvertrantcr Kaufmann, sondern auch ein begeisterter Naturfreund und eifriger Sammler, besonders von zoologischen Scherten; dabei ein höchst gefälliger und freundlicher Mann. Meinen Wünschen entgegenkommend, war er bemüht, während meines Aufenthalts in Padang eine Sammlung der charakteristischen Säugethiere von Sumatra mir lebend vorzuführen: Affen und Halbaffen, das Knntschil oder Zwerg moschusthier, ferner große Landschildkröten und andere Reptilien, sowie zahlreiche wirbellose Thiere. Auch eine werthvolle Sammlung von Schädeln, Korallen und Conchylien erhielt ich zuni Geschenk für unser zoologisches Museum in Jena. Am Tage vor meiner Abreise konnten für das letztere im Hanse des Herrn Schild acht Kisten mit Samm lungen verpackt werden. Auch mein Wunsch, die wilden Einwohner der Sumatra westlich vorgelagerten Inselkette kennen zu lernen, wurde durch Herrn Consul Schild erfüllt. Eines Tages brachte er ein paar Mentawei-Jnsulauer von der Insel Siberut, die er selbst einmal besucht hatte. Die wilden braunen Kerle waren ganz nackt, mit Ausnahme eines kleinen Lenden schurzes, am ganzen Körper zierlich tättvmirt; die langen Haare schwarz und straff. Um den Hals trugen sie Ketten von Glasperlen. Im kräf tigen Körperbau rmd in den Gesichtszügen ivichen sie von den gewöhn lichen Malayen beträchtlich ab. Dasselbe gilt auch von den Bewohnern der weiter nördlich gelegenen Insel Nias, von denen Herr Schild uns an einem Sountagmorgen ein ganzes Dutzend vorfiihrte. Dieselben waren in voller Kriegsrüstung er schienen und führten in der Vorhalle des Hauses ihren wilden Kriegs tanz auf. Ju der rechten Hand schwangen sie den langen Speer, mit welchem sie nach ihrem Gegner zu stechen versuchten; in der linken Hand hielten sie den großen^ hölzernen Schild, mit dem sie sich gegen dessen Stiche schützten. Mit bunten Bändern, blauen und rothen Lappen waren Kopf und Körper phantastisch verziert. Lautes Geschrei begleitete die hohen Sprünge, in denen sie sich dem Gegner näherten und wieder zurückwichen. Im Beginne des Kriegstanzes, der mehrere Stunden dauerte, traten sich die einzelnen Gegner paarweise gegenüber, später in geschlossenen Reihen, geführt von ihren Häuptlingen. Die Gewandtheit und Unermüdlichkeit, mit der sie ihre leidenschaftlichen Bewegungen aus führten, waren bewunderungswürdig. Einen sehr angenehmen Zuwachs nun res geselligen Kreises bildeteAusflug nach der Trussan-Bai. 187 einige Wochen später die Ankunft meines jungen Collegen Professor Anton uns Jena; er bereiste mit seiner Gemahlin, einer geborenen Holländerin, Java und Sumatra zum Zwecke uationalökonomischer Studien. Beide fanden in dein geräumigen Hause des Cousul Schild, das nur wenige Häuser von Delprat s Wohnung entfernt lag, gastliche Aufnahme. Die vielen freundlichen Dienste, welche mir beide während meines Krankenlagers in Padang und später auf unserer gemeinsamen Rückreise über Batavia iiiid Penang bis Colombo leisteten, verpflichten mich zu aufrichtigem Danke. Nachdem ich vier Wochen in Padang still gelegen, war meine Ge sundheit so iveit wiederhergestellt, daß ich es wagen konnte, die letzte Woche des dortigen Aufenthaltes zu mehreren interessanten Ausflügen zu benutzen: der erste, am 23. Februar, galt dem Besuche der Trussan- Bai, einer schönen, von Korallenbänken umschlossenen Bucht der West küste, mehrere Meilen südlich voii Padang. Früh um 6 Uhr fuhren ivir mit der Eisenbahn nach dem Emmahafen, wo sich außer der Familie Delprat noch das Ehepaar Anton, Cvnsnl Schild und einige befreundete Herren unserer Expedition anschlossen. Die vierstündige Fahrt auf dem mir vom Gouverneur zur Verfügung gestellten Regierungsdampfer Condor" führte uns, vom schönsten Wetter begünstigt, längs der be waldeten Küste hin, zwischen zahlreichen kleinen Kvrallen-Inseln hindurch, die wie Blumenbouquets auf dem blauen Meere schwammen, lieber den steil cuifsteigenden Felsen der Küste erhoben sich mehrere parallele Ge birgszüge, alle in dichtes Grün gekleidet, der oberste und höchste Grat der Barisnnkette im Blau der Ferne verschwimmend. Die höchste Er hebung derselben, der Pik v o n I u d r a p it ra, erreicht 2562 Meter. Hier und da war unten am Strande die einsame Hütte eines einge borenen Fischers zu sehen. Unten säumte den Fuß der braunen Felsen das weiße Silberband der Brandung. Die mannigfaltigen Formen der schroffem Küstenfelsen und der malerischen derselben vorliegenden Inseln lieferten Stoff für acht Blätter meines Skizzenbuches. Dns schönste Bild bot die Trussan-Bai selbst, die wir gegen Mittag erreichtem. Das runde Wasserbecken derselben ist durch vorgelagerte Ko- ralleniiniseln vollkommen abgeschlossen und gewährt den Anblick eines stillen großen Landsees. Aber die prächtigen Korallenbänke, die im süd lichen Theile derselben wunderbare bunte Blumengärten unter dem Meeresispiegel bilden, widerlegen jenen Anschein. Im Grund der Bucht breitet ffich nördlich am sandigen Ufer das Pfahlbau-Dorf Trussan aus, dessen malerische Hütten von Cocospalmen beschattet sind. Fischer in188 Südküste von Sumatra. Fig. . 6. SüdIiistc von Sumatra; vorn kleine Znsein in der Nlihe der Trnsian-Bai, Hinte (rechts oben) der Pik von Jndrapura. kleinen Booten mit Auslegern durchfurchen die blaue Fluth. Wir blieben dort mehrere Stunden liegen, nahmen in fröhlicher Stimmung unser ge-Fahrt in das Padang sche Hochland. 189 ineinsames Mittagsmahl an Bord des Dampfers ein und besuchten nach her die am Eingang der Bucht liegenden Korallenbänke; außer bunten Madreporen und Asträaeeen erhielten wir nach mehrere seltenere Formen von Gorgonien und anderen Korallen. Ilm 3 Uhr Nachmittags wurde die Rückfahrt angetreten. Die glänzende Abendbeleuchtung der Küste und des Himmels, an welchem Schaaren von schönen Monsunwolken sich anf- thürmten, erfreute uns durch eine Reihe prachtvoller wechselnder Bilder. Abends 6 Uhr waren wir wieder im Emmahafen und konnten den letzten Zug zur Riickfahrt nach Padang benutzen. Hatte ich dieser prächtigen Excursion nach der Trussan-Bai den wilden Charakter des dicht bewaldeten Küstenlandes von Sumatra kennen gelernt, sv machte mich in den nächsten Tagen eine längere Bergfahrt mit dem berühmten Boven landess dieser herrlichen Insel bekannt. Herr Delprat hatte die Vorbereitungen dazu so gut getroffen und leitete die Ausführung derselben so praktisch, daß ich, von ihm begleitet, in den kurzen vier Tagen ein möglichst vollständiges Bild von den sehens- werthesten Punkten dieses großartigen Gebirgslandes bekam. Als Haupt ingenieur der hiesigen Staatseisenbahn hatte er mir den vortrefflichen Directionswagen derselben zur Verfügung gestellt; dieser wurde bald vorn, bald hinten an den Zug angehängt, und gestattete auf seinen beiden großen, schattigen Plattformen einen ganz freien Umblick in die Landschaft. Im Mittelraum des bequemen Waggons nahmen wir unsere Mahlzeiten ein. Die Staatseisenbahn (Staats-Spoonveg) an der Westküste, seit 1896 vollendet, führt von Padang zunächst eine lange Strecke in nördlicher Richtung durch das flache Küstenland, die Bene den lande", bis Kandang Ampat. Bon dort steigt sie in nordöstlicher Richtung durch die Waldschlncht von Aneh-Klvvf nach dem Gebirgsort Padan g-Pandjang hinauf. Hier spaltete sich die Bahnlinie in zwei divergente Aeste, von denen der eine nach Osten, der andere nach Norden sich wendet. Der erstere geht in südöstlicher Richtung nach dem großen Singkarahsee und längs dessen östlichem Ufer nach Svlok, vvn dort zu dem großen Kohlen bergwerk von Sawah Lunto. Der nördliche Zweig hingegen führt nach der Bergfestung Fort de Kock und vvn dieser weiter bis Paja Kombo. Beide Zweige dieser ivundervollen Eisenbahn führen durch eine ununter brochene Reihe der interessantesten tropischen Gebirgslandschaften. Der Genuß derselben wird dadurch erhöht, daß die Züge langsam fahren und an vielen kleinen Stationen anhalten. Ich hatte vvn dieser Fahrt doppelte Freude und Belehrung durch die Gesellschaft des Herrn Delprat;190 Eisenbahn im Padang schm Hochlande. er hatte selbst den Bau der Gebirgsbahn Jahre lang geleitet and wair mit allen einzelnen Localitäten und Verhältnissen genau bekannt. Sv ge mährten diese vier Tage, die ich dem widrigen Schicksal abtrvtzte, mild von denen ich keine Minute unbenutzt ließ, mir befriedigenden Ersatz für den großen Verlust meines vereitelten längeren Reiseplans. Zeug- Karte der Fadan^scheu Hochlande 1 : 90 00 0 iVey Eisai bimrt niß darum geben die vierundzwanzig Aquarellskizzen, die ich in diesen vier Tagen gewann. Der berühmte Directie-^VaFgon" ging so vor trefflich , daß ich selbst während der Eisenbahnfahrt ununterbrochen zeichnen und malen konnte. Dazu kam, daß das schönste Wetter unsere glückliche, bilderreiche Bergfahrt von Anfang bis zu Ende begünstigte. Ha rau finia kombo y L-.Vti u td r abat Patah [PtU Cape Um Faila fo Pandjann^ b 11 SolokFahrt iit das Padang sche Hochland. l; l Am ersten Tage, dem 25. Februar, fuhren wir von Padang bis S a w a h Lunto, von Morgens 6 Uhr bis Nachmittags 4 Uhr. Der erste Theil dieser Fahrt zeigt uns das Padang sche Beneden- la nd", den dicht bevölkerten und gut cultivirten Küstenstrich. Die Bahn überschreitet auf eisernen Brücken zahlreiche kleine Flüsse, die vom West abhang des mächtigen Barisangebirges herab rauschen tind nach kurzem Lauf in das Meer münden. Die Scenerie dieser blühenden Küstenland schaft ist dieselbe ivie Java: ausgedehnte, in Hellem Smaragdgrün schimmernde Reisfelder, am Gebirge in Terrassen aufsteigend; Haine von Cocospalmen und Pisangbiischen, welche die malerischen Hütten und Kainpongs unter ihren Schutz nehmen; neben diesen hübsche kleine Blumen- und Fruchtgärten; im Hintergrund die hoch aufsteigenden blauen Coulissen des Gebirges. Biele bunte Vögel und Schmetterlinge belebten die glanzende Tropenlandschaft in den frühen Morgenstunden. Je mehr unser Zug, nach Norden fahrend, sich dem Eingang zum Anehpaß näherte, desto deutlicher traten die blauen Kegel der mächtigen Vulcane hervor, die ihn von beiden Seiten einschließen, rechts der Ambatjang (1959 Meter), links der Tandikat (2458 Meter) und gleich hinter ihm sein Zwillingsbruder, der Singgalang. Besonders imposant erhebt sich iiber dem Waldgebirge die blaue Mauer des Tandikat, deren Rücken oben in mehrere schöne Zacken gespalten ist, ähnlich dein Salak bei Bentenzorg; und ivie bei diesem ziehen viele tiefe Einschnitte strahlen förmig gegen den breiten Fuß herab. Die praktischen kleinen Gebirgslocomottven, welche diese Eisenbahn bedienen und größtentheils mittelst Zahnrads die steilen Berghänge er klimmen , stammen sämmtlich aus der Maschinenfabrik von Keßler in Eßlingen. Bis Kandang Ampat ist die Locomotive vorn am Zuge an gespannt, und wir genießen hinten vom Directionswagen freien Ueberblick über das Küstenland. Jetzt wird das Berhältniß umgekehrt: die Maschine wird hinten an den Zug angehängt und schiebt denselben auf der steil ansteigenden Zahnradbahn aufwärts. Der Directionswagen tritt vorn an die Spitze des Zuges und gestattet uns von der offenen vorderen Plattform den vollen Genuß der herrlichen wechselnden Landschafts bilder, welche der berühmte Anehpaß bis nach Padang-Pandjang hinauf gewährt. Dieser großartige Anehpaß (oder die Aneh-KlooF) ist eine wilde, 15 Kilometer lange Schlucht, welche zwischen den beiden mächtigen Bulcanen, dem Tandikat nördlich und dem Ambatjang südlich, zur Hoch ebene von Padang-Pandjang empor steigt. Die steilen, hohen Fels-192 Scencrie des Aneh-Passcs. wände, welche die tief eingerissene Kluft von beiden Seilen einschließen und sich im Zickzack hinauf winden, sind mit der üppigsten Vegetation des tropischen lirwaldes bekleidet. Die mächtigen Baumstämun sind reich mit Farnen, Orchideen und anderen Epiphpten bewachsen und durch schön geschlungene Guirlanden verbunden, während ganze Bündel von Lianen von ihren breiten Vesten herab hängen. Wilde Pisangarten treten mit ihren lichtgrünen, breiten Blattkronen leuchtend aus dein dunkeln Grün des Walddickichts hervor. Vor Allem aber entzücken das Auge auch hier wieder zahlreiche herrliche Baumfarne (Alsophila und Cyathea), diese feinsten und lieblichsten unter allen Bäumen. Ihre schön gebogenen, braunen Stämme erheben sich allenthalben über die niederen Waldbäume und entfalten den hellgrünen Kranz ihrer zarten, doppelt gefiederten, breiten Blätter gleich dem elegantesten Kronleuchter. Die märchenhaften Bilder der javanischen Urwälder vom Tjibodas und Gar.it traten wieder lebendig vor meine Seele. Zahlreiche bunte Vögel, Affen und Eichhörnchen beleben am Morgen das einsame Dickicht dieses herrlichen Urwaldes. Seine tiefe Stille wird durch den lauten Ruf des Siam an g unterbrochen, des großen, schwarzen Menschenaffen von Sumatra, der schaarenweis in den hohen Gipfeln der Bäume sich fast fliegend von Ast zu Ast schwingt. Unten im Grunde der tiefen Schlucht aber schäumt der wilde Anehbach in tosenden Fällen über die mächtigen Felsblöcke, welche den Grund des stufeuweis ab fallenden Strombettes bedecken. An einer Biegung stürzt zu unserer Linken ein prächtiger, 75 Meter hoher Wasserfall von der senkrechten, nackten Felswand herab und sammelt seine zerstäubten Massen in einem geräumigen, von der schönsten Vegetation umkränzten Felsenbecken. Die heftigen tropischen Regengüsse, die oft Stunden lang in die Schlucht herab stürzen, lassen de Anehbach in ihrem Grunde in kürzester Frist zu einem mächtigen Strome anschwellen. Gleich den gefürchteten Muren in der Schweiz reißt dann der tobende Bergstrom Bäume und Felsen, ja ganze Stücke der Bergwände unaufhaltsam mit sich fort, Als im Jahre 1895 der schwierige und kostspielige Bau dieser schönen Ge birgsbahn kaum beendigt war, löste ein solcher Wirbelstrom oder Bandjir" große Stücke der Bergwände ab und riß sie, snmmt den daraw- stehenden Bäumen und Felsen, mit sich in die Tiefe. An mehreren Stellen nahm derselbe den ganzen Unterbau des Schienenweges mit fici fort, so daß dieser streckenweise frei in der Lust schwebte (Fig, 57). Di. schweren, steinernen Unterbauten vvn sieben kaum vollendeten Eisenbahv- brückeu wurden von ihm gleich den leichten Kieselsteinen des FlußbettesFig- 55. Ein Paar Nias-Insulaner.Bergwasser im Anch-Pah. 193 mit fortgeschwemmt, die Eisenschienen und Gitterbogen der Brücken selbst wie dünne Holzstäbe abgcknickt und verbogen. Eine solche abgerissene Eisenbahnbrücke sahen wir noch jetzt tief unter der neuen, später erbauten Brücke querüber im Flußbett liegen (Fig. 58); die gewaltigen Felsblöcke, die sie umgaben, hatten zum Theil die Größe eines Hauses und darüber. Aig. 57. Eisenbahn im Aneh-Paß, durch Bergwasser zerstört. Der Schaden, den dieser eine Wildstrom innerhalb weniger Minuten an richtete, belief sich auf mehr als eine halbe Million Gulden. Oben am Ausgang des malerischen Anehpasses treten wir auf die Hochebene hinaus, auf welcher die kleine Stadt Padang-Pandjang d. h. Langenfeld) liegt, der Knotenpunkt der Bahn, von welchem sie nach Norden und Süden abzweigt. Wir sind hier zugleich auf der Wasser scheide des.Barisau-Rückens, von welchem die kurzen Flüsse seines west- Haeckel, Jnsulinde. 13Bergwasjer im Aneh-Pas;. 194 lichen Hanges steil nach Südwesten, dagegen die langen Flußlänfe des östlichen Hanges in sanfterem Abfall nach Südosten abfließen. Unter den hohen Bergen, welche die. kühle Hochebene von Padang-Pandjang rings umgeben, hat uns der Zwillingsvnlcan Tandikat und Singgalang im Westen schon bisher begleitet, ebenso der Ambatjang im Süden. Jetzt Fig. 5,8. Eisenbahn-Brücke im Aneh-Paß, durch Bergwasser zerstört. tritt dazu im Osten ein neuer gewaltiger Vulcan, der schön geformte Merap i, 2872 Meter hoch; sein letzter großer Ausbruch fand 1872 statt. Gleich seinem Namensbruder in Java stößt auch dieser Feuerberg" seinem Krater beständig Dampfwolken aus, als warnendes Signal, daß seine vulcanische Thätigkeit keineswegs erloschen ist. Auf dem Bahnhof von Padang-Pandjang befindet sich eine guteEpisode ci s dem Padrikriege. 195 Restauration, deren deutsche Wirthin, durch Herrn Delprat von unserer Ankunst benachrichtigt, uns ein schmackhaftes deutsches Mittagessen in den Directionswagen schickte. Wir verzehrten dasselbe gemächlich, während uns der Zug in südöstlicher Richtung nach dem Singkarasee weiter führte. Bald nach der Abfahrt zeigte sich zur linken Seite der Bahn auf einem Hügel ein steinerner Obelisk an der Stelle des gesprengten Forts Gugur Malintang, zur Erinnerung an eine Heldenthat, welche sich hier in dem Padrikriege vor sechzig Jahren abspielte, und zwar an demselben Fe bruartage, an welchem wir heute diese Stelle passirten. Da sie zu den berühmtesten Episoden in den blutigen Kämpfen zwischen den Holländern und den sumatranischen Eingeborenen gehört, will ich sie hier mit den Worten wiedergeben, mit ivelchen sie Oberst Lange in seiner Geschichte des Krieges von Westsumatra" schildert. Im Monat Februar des Jahres 1841 kam in den Padanger Ober ländern ein Ausstand zum Ausbruch, welcher die niederländische Ober herrschaft auf Sumatra s Westküste in gefährlicher Weise bedrohte. Der Regent von Batipu, Jahre lang ein getreuer Bundesgenosse der Re gierung, hatte unerwarteter Weise die Fahne der Empörung entrollt. Roch vor Sonnenaufgang erschienen am Morgen des 24. Februar einige seiner Vorfechter in den zu Padang-Paudjang befindlichen Wohnungen der eingeborenen Kaufleute und ermordeten deren Bewohner. Mit An bruch des Tages folgte ein größerer Schwarm, der sich schnell des ganzen Platzes bemeisterte und die Häuser in Brand steckte. Hierauf folgte ein Aufall aus das schwach verschanzte Lager zu Gugur-Maliutang. Die geringe Besatzung, vom Feinde iiberrascht, zog sich, jeden Fuß breit Grundes auf das Hartnäckigste vertheidigend, in das Reduit zurück, worin sich das Pulvermagazin befand. Sie bestand in diesem kritischen Moment aus dem Leutnant Bauzer, Commandant, dem Quartiermeister Keppel, 10 europäischen, 35 javanischen llnterofficieren und Soldaten und 14 Frauen und Kindern. Auf dem Reduit standen einige Sechs- und Dreipfünder-Kanouen in Batterie. Nachdem alle im Lager befindlichen Gebäude geplündert und den Flammen preisgegeben worden waren, machten die Aufrührer von der das Lager umgebenden Brustwehr Gebrauch, um sich gedeckt dem Reduit zu nähern, und nur ein anhaltendes Feuern von unserer Seite konnte dieses Vordringen einigermaßen verzögern. Trotzdem jedoch Geschütz- und Gewehrfeuer stets anhielt, bemerkte man am 26., daß der Feind immer näher heranrückte. Verschiedene Soldaten und auch einige Frauen waren inzwischen verwundet worden, Lebensmittel nicht mehr vorhanden, und 13*196 Episode aus dem Padrikriegc. ein heftiger, am Mittag einfallender Regen durchnäßte Gewehre und Mannschaften, welche Letzteren nirgends Schutz fanden, da das Reduit kein anderes Gebäude enthielt als das Pulvermagazin. Dazu kam, daß die streitfertigen Mannschaften im höchsten Grade entkräftet und kaum noch im Stande waren, die Waffen zu führen. Mit allem Grunde ver suchten deshalb die Truppen, den Commandanten zu überreden, das Fort während der Nacht zu verlassen und sich durch einen heimlichen Abzug zu retten. Doch der brave Banger mies dieses Ansuchen von der Hand, und es gelang ihm selbst, die Truppen zu überreden, nur noch einen Tag auszuharren. Glücklich lief die folgende Nacht zu Ende, ohne daß die Besatzung beunruhigt wurde. Jnmittelst hatten sich die Meuterer mehr und mehr genähert; die Zahl der außer Gefecht gesetzten Leute vergrößerte sich zusehends, und viele Gewehre waren unbrauchbar geworden. Die Unmöglichkeit einsehend, noch länger Widerstand leisten, entschloß sich nun Banger selbst zum heimlichen Abzug in der kommenden Nacht. Dieser Entschluß wurde dem Unterofficier Schelling (Deutscher) und den Füsilieren Marion (Belgier) und Sosmito (Javaner) mitgetheilt, ivelche alle Drei so schwer verwundet darnieder lagen, daß sie unmöglich auf dem Rückzug mit geführt werden konnten. Die drei Helden sahen das Hülflose ihrer Lage ein, und sich ihrem Geschicke unterwerfend, faßten sie den Plan, das Pulvermagazin in dem Augenblicke in die Luft zu sprengen, wo ihre Kameraden abgezogen und der Feind in das Reduit eingedrungen wäre. Nachdem die Geschütze vernagelt und jeder Mann mit 30 Patronen ver sehen worden war, verließ die Besatzung in der Nacht vom 27. den 28. Februar mit Zuriicklassung der drei genannten Braven das Fort. Die Flüchtlinge möchten ungefähr l r 2 Stunden marschirt sein, als sie plötzlich in der Richtung von Gugur-Malintang einen gewaltigen Knall hörten, rvoraus sie schlossen, daß die Zurückgelassenen ihren Plan nus geführt hatten. Wie man später von Augenzeugen vernahm, waren die Malayen, als mit Tagesanbruch nirgends mehr Truppen zu sehen waren, haufenweise in das Reduit eingedrungen. Dvch im Augenblick, wo die Ersten, blutlechzend, das Magazin betraten, warfen unsere Helden die brennenden Lunten in das Pulver und sprengten sich mit sammt ihren wuthschnaubenden Feinden in die Luft. Mehrere Hunderte von Malayen kamen durch die Explosion ums Leben vder wurden tödtlich verwundet und verstümmelt. Bon Gefahren umringt, erreichten die schon an Rettung ver zweifelnden Flüchtlinge am 2. März die Vorhut der Kolonne, welcheSce von Singtara. 197 gleich nach dem Bekanntwerden )es Aufstandes von Padang nach den Oberländern dirigirt worden war, und sahen sich somit gerettet. Quartiermeister Keppel (Deutscher), welcher kaum von einer schweren Krankheit erstanden war und schon nach wenigen Stunden nicht mehr weiter konnte, bat selbst, man möge ihn liegen lassen, und mit blutenden Herzen waren seine Streitgenossen gezwungen, dieser Bitte zu willfahren. Niemals hat man wieder etwas von ihm gehört, noch wurde seine Leiche aufgefunden. Auf der Stelle, wo das Reduit stand, erhebt sich gegenwärtig ein Obelisk, welcher auf Marmorplatten die Namen der drei Helden trägt. Eine der ruhmreichsten Thaten in der indischen Kriegsgeschichte ver herrlichend, zeigt sich das einfache, schöne Monument schon der Ferne dem Auge des Ankommenden und trägt nicht wenig zum Schmuck der großartigen Landschaft bei. Die Gebirgslandschaft in der llmgebung von Padang-Pandjang, und weiterhin von Singkara und bis Sawah-Lunto, gehört wohl zu den schönsten und eigenartigsten Bildern, mit welchen das Paradies von In- sulinde so reich ansgestattet ist. Seine Hauptzierde ist der See von Singkara, 362 Meter über dem Meere gelegen; so glatt wie ein Spiegel; er ist 21 Kilometer lang, 7,7 Kilometer breit und 268 Meter tief; seine blaue Fläche nimmt einen Raum von 112 Quadratkilometern ein. Die Längsachse seines fast lanzettförmigen Beckens ist von Nordwest nach Südost gerichtet. Das lange Thal, dessen Boden der See ansfiillt, ist nur an den beiden spitzen Enden offen; sonst ist es ringsum von griinen Bergen umschlossen. Im Westen erhebt sich über dem See die Barisankette über 1000 Meter hoch; über ihrem gezackten Rücken steigen die stolzen Häupter von nicht weniger als vier großen Bulcanen gen Himmel empor. Ihre Abhänge sind größtentheils mit dunkelgrünem Urwald bedeckt, in den unteren Theilen jedoch auch vielfach cultivirt und unten am Seeufer mit vielen Hütten und kleinen Dörfern geschmückt. Biel niedriger ist die hellgrüne, mit vielen Zacken gekrönte Kette der Ombilienberge, welche sich nahe dem östlichen Ufer des Singkarasees hinzieht, theils mit Wald bedeckt, theils mit Matten und Gärten. Zwischen ihrem Fuß und dem Seeufer läuft die Eisenbahn hin, eine uti- unterbrochene Reihe von malerischen Landschaftsbildern bietend; ich konnte das Zkizzenbnch nicht aus der Hand legen. Obwohl die Gebirgslandschaft dieser Padang schen Bovenlande in ihrem allgemeinen Charakter und im reichen Schmucke der tropischen Vegetation mit derjenigen der Preanger Regentschaft in Java überein-198 Häuser im Padang schcn Hochlande. stimmt, erhält sie doch einen eigenthümlichen Reiz nicht nur durch manche Besonderheiten wie hier den großen, glänzenden See , sondern namentlich durch die eigeuthümliche Bauart der Häuser und die Tracht ihrer Bewohner. Insbesondere zeichnen sich die Wände der Pfahlbau- Häuser durch zierliche Bemalung aus, und die Palmblatt-Dächer durch die tief ausgeschweiften, sattelförmigen Firsten, die in feinen Spitzen aus- Fig. 59. Haus im Padanger Oberland, auf dessen lief ausgeschweiftes Satteldach ein kleineres Dach-Stockwerk quer aufgesetzt ist. laufen. Bisweilen ist in der Mitte des Daches ein kleines Stockwerk mit Satteldach quer aufgesetzt (Fig. 59). Auch die innere Einrichtung dieser Häuser ist eigenthümlich, großentheils bedingt durch die sonderbaren Formen der Familienverhältnisse der Malapen im Gebirge von Sumatra, und besonders durch das seltsame Matriarchat", die Herrschaft der Frauen, die sich hier seit Jahrtausenden in primitiver Weise erhalten hat.Matriarchat im Padang schen Hochlandc. I99 Dieses Matriarch al" der Malayen von Sumatra ist von größtem, überall sichtbarem Einfluß auf Charakter und Lebensweise der Ein geborenen und bedingt für sich allein schon einen auffallenden Gegensatz zu den Malarien auf Java. Von dem sanften, demüthigen und unter würfigen Charakter dieser Letzteren ist hier oben in Sumatra nichts merken. Dieses wilde Gebirgsvolk zeigt schon äußerlich einen viel trotzigeren und selbständigeren Charakter, und die Unterwerfung desselben hat den Holländern viel mehr Mühe, Blut und Geld gekostet als in Java. Aus der Nordspitze von Sumatra, in Atj eh (oder Atschin) dauert der blutige Guerillakrieg noch heute fort, und gerade während meines Aufenthaltes in Padaug war eben eine neue Expedition zur Unterwerfung eines ge fährlichen, aufständischen Häuptlings ausgesandt worden. Der wilde Charakter der Sumatraner spricht sich schon äußerlich in ihren trotzigen, stolzen Mienen und in ihrem robusten Körperbau aus, und zwar bei beiden Geschlechtern. Die Javaner erscheinen, damit ver glichen, weit schwächer, zarter und zierlicher. Während die Javaner ihre Lasten gewöhnlich an den beiden Enden eines langen, über die Schulter gelegten Bambusstabes tragen, balanciren sie dagegen die Sumatraner auf dem Kopfe. Besonders die Frauen erlangen dadurch jene stolze, malerische Haltung, die wir in Italien so oft bewundern. Die stattlichen Gestalten der Mädchen ain Singkarasee, in faltenreichem, bunten Gewände, Körbe und Wnsserkrüge aus dem Kopfe tragend, erinnerten mich an die schöne Staffage der Sabiner Gebirgslandschaft. Die wichtigste Einrichtung in der uralten Sitte des Matriarchats besteht darin, daß nach der Hochzeit Mann und Frau kein gemeinsames Haus gründen, sondern daß jeder der beiden Gatten im Hause seiner Mutter ivohnen bleibt oder, ivenu diese gestorben ist, im Hause des Bruders oder der Schwester der Mutter, die das eigentliche gebietende Haupt jedes Hauses bildet. Die Kinder bleiben ihrem Vater fremd und dürfen von ihin nicht einmal Geschenke annehmen; sie bleiben im Hause ihrer Mutter und erben deren Besitzthum. Sie erben auch die Hälfte des Besitzes, den beide Eltern gemeinsam erwerben; der andere fällt an die Schwester oder die Schwesterkinder des Gatten. In zahlreichen merkwürdigen, uns ganz fremdartigen Sitten und Rechtsverhältnissen äußern sich die Folgen dieser seltsamen Frauenherr schaft. Wenn aber unsere europäischen Frauenrechtler meinen sollten, daß damit eine höhere Stufe des Familienlebens und ein vollkommnerer socialer Zustand erreicht sei, so befinden sie sich in starkem Jrrthum. Es kann vielmehr keinem Zweifel unterliegen, daß dieses Matriarchat einen200 Matriarchat im Padang schen Hochlandc. niederen, barbarischen Zustand der menschlichen Gesellschaft bildet, und das; dadurch nicht nur jedes innige Familienleben zwischen den beiden Ellern und ihren Kindern ausgeschlossen wird, sondern auch in Folge davon eine Menge von complicirten Beziehungen entstehen, welche die Entwicklung seinen Gemüthslebens und höherer Cultur ausschließen. Niemals habe ich in den harten und stolzen Gesichtsziigen der Sumatraner Frauen jene harmlose Heiterkeit und jene liebenswürdige Freundlichkeit gegenüber den nächsten Verwandten bemerkt, welche man in den weicheren und-zarteren Gesichtern der javanischen Frauen so häufig begegnet. Einen auffallenden Ausdruck findet das Matriarchat der Sumatraner in der seltsamen Bauart ihrer Häuser, welche der Landschaft, besonders im Gebirgslande, einen sehr eigenartigen Charakter aufdrücken. Die Häuser sind, gleich denjenigen der meisten anderen Malayen, größten- theils aus Bambus gebaut und mit Rohr oder Palmblättern gedeckt: sie ruhen auf Pfählen, die 1 bis 2 Meter über den Boden sich erheben. Das auffallende Satteldach ist tief ausgeschnitten, oft fast halbmond förmig; die beiden Hörner des Sattels sind vielfach geschmückt. Oft ist in der Mitte ein kleineres Dach aufgesetzt, das bis zur Hälfte der Höhe des unteren herabreicht. Wenn nun eine Tochter des Hauses heirathet, so wird siir sie im Hinteren Theile des einstöckigen Hauses eine neue, kleine Abtheilung abgesondert, mit einem kleinen Fenster; oder es wird später für die neu hinzugekommene Familie ein neuer Anbau mit einem selbständigen Satteldach angefügt. So entstehen langgestreckte Pfahlbauten, deren steile Dächer sechs bis acht oder noch mehr steile, oft hübsch ver zierte Kegelspitzen tragen. Die Bedeckung des Daches bilden bei den ärmeren Leuten meistens Matten aus Jdjuk, geflochten dem Alang- Alang-Gras oder Bambus, bei den Reicheren dagegen die theuren schwarzen Matten aus Atap, den verfilzten Blattscheiden der Arengapalme. Neuer dings ist aber vielfach billiges Wellblech an ihre Stelle getreten; der von ihm reflectirte Sonnenglanz läßt die Dächer dann auf weite Ent fernung wie Silberplatten leuchten. Fenster und Thüren der Häuser sind klein; zur niedrigen Hausthür führt gewöhnlich eine schmale Treppe oder Leiter hinauf. Die offenen Veranden oder Vorgallerien der javani schen Häuser fehlen in: Sumatraner Oberlande meist. Der Vordertheil des Hauses ist ein ungetheilter weiter Raum siir gemeinsamen Aufent halt ; der Hintertheil ist in die kleinen Kammern für die einzelnen Familien abgetheilt. Der malerischen Landschaft im Padanger Oberlande prägen diese seltsamen, oft bunt bemalten und verzierten Pfahlbauten mit ihrenFlg. 61. Reisscheuer im Pa dang er Oberland bcl Padang-Pandjangl.201 Moschee im Padang schen Hochlande. Ooljen, vielspitzigeir Satteldächern einen ganz eigentümlichen Charakter auf, sowohl wenn sie einzeln liegen, von Cvcospalmen und Pjsaug- duschen beschattet, als wenn sie gruppenweise zu kleinen Dörfern oder Kampongs vereinigt sind. In diesen letzteren befindet sich dann ge wöhnlich ein kleiner Marktplatz , auf dem ein Baiei oder gemeinsames Fig. 60 . Moschee (Misfigit) im Padaiiger Oberlande. Versammlnngshaus steht,^eine lange, offene Halle (Fig. 04 ); daneben oft ein Passangrahan oder Regierungs-Rasthaus, zur Unterkunft für Beamte nnö europäische Reisende. In jedem größeren Dorfe steht auch eine Moschee oder Missigit von eigenthümlicher Bauart; in drei oder vier Stockwerken erheben sich übereinander vierseitige Säulenhallen, die von unten nach oben an Größe abnehmen, jede Halle mit einem vorspringenden DachUser des Singkara-Sce. 202 versehen; das oberste bildet eine pyramidale Kuppel mit Aufsatz; die Gallerien, welche die einzelnen Stockwerke umgeben, sind oft zierlich bunt bemalt. Besondere Sorgfalt verwenden die Padanger Bauern aber aus die bunte Bemalung der niedlichen Reis scheu nen oder Rangkiangs, die in der Nähe der Wohnhäuser stehen; auf vier schlanken, hohen Pfählen, die nach unten convergiren, ruht ein würfelförmiger Kasten, dessen vier Seitenflächen vvrgcmölbt und durch sechs Stäbe sieben Felder abgetheilt sind. Das steile, hohe Satteldach ist an den beiden dreieckigen Giebelfeldern meistens mit bunten Borten und Arabesken in lebhaften Farben verziert, ebenso wie die Felder der Seitenwände (Fig. 61 ). In diesen und anderen Malereien offenbaren die Bauern der Padang schen Bovenlande" mehr Kunstsinn und Phantasie, als sonst gewöhnlich in der primitiven malayischen Architektur zu finden ist. Während wir von Batu Tabal bis Singkara am östlichen Ufer des blauen Sees hinfuhren, erfreute uns eine ganze Reihe der lieblichsten Landschaftsbilder; die Dörfer an den Bergabhängen, die Fischerhütten und Kähne am Ufer, vorspringende Landzungen und lauschige Buchten dazwischen, von üppigem Gebüsch umrahmt von Palmengruppen bekränzt, dazu die malerische Staffage der bunt geschmückten Eingeborenen, die vom Markte zurückkamen, Vorlagen für zahlreiche Blätter des Skizzenbuches. Weiterhin ändert sich der maunigfalUge Charakter der Landschaft. Von Singkara bis Solok führt die Bahn in südlicher Richtung durch eine fruchtbare Ebene mit grünen Reisfeldern, während die Berge beiderseits zurücktreten. Hinter Solok wendet sich unser Schienenweg fast rechtwinkelig nach Osten und tritt das lange und enge Thal des viel gewundenen Biugungflusses; die steilen Berge beider seits sind mis sedimentärem Tertiärgestein, Kalk und Sandstein ge bildet, großentheils bewachsen und als Büffelweiden benutzt; schroffe Felsen mit jähen Abhängen treten vielfach vor. Zuletzt führt die Bahn durch einen 800 Meter laugen Tunnel nach ihrem Endpunkte, Sawah Lunto. Das große Kohlenbergwerk von Sawah Lunto, fiir dessen Erschließung diese kostspielige Gebirgsbahn erbaut wurde, bildet einen werthvollen Besitz der holländischen Regierung; seine mercantile und finanzielle Bedeutung nimmt von Jahr zu Iah zu. Die ausgedehnten Kohlenflöze wurden 1868 von dem Ingenieur de Greve entdeckt und m ihrer Bedeutung erkannt; ihren Namen Ombilien-Kohleufelder" führen sie von dem Flusse Ombilien, welcher in der Nähe von Baku Tabal entspringt und bei Sawah Lunto sich mit dem Bingungflnsse vereinigt.Kohlenbergwerk von Sawah Lunto. 203 Die schwarze Kahle, die hier in großer Quantität gewonnen wird, hat das Aussehen und den Brennwerth guter Steinkohle, ist aber viel jüngeren Alters; die Sand- und Kalksteine, welche die drei über einander liegenden Kohlenlager trennen (in Zwischenräumen von 25 Meter Dicke), gehören zur Eoeänformation und sind während der ältesten Tertiär zeit gebildet worden. Am Bahnhof von Sawah Lunto wurden wir vom technischen Directvr des Kohlenbergwerkes, Herrn van Lessen, als seine Gäste in Empfang genommen. Seine hübsche Wohnung liegt im oberen Theile des engen Thaies und gewährt einen schönen Ausblick die tiefer gelegenen Theile der Stadt und die umfangreichen Bauten des Bahnhofes. Beim Abend essen erfreute uns die Gesellschaft eines trefflichen deutschen Landsmannes, des Dr. Preitner, und seiner Gattin; geborener Bager, ist er seit mehreren Jahrzenten auf Sumatra als Militärarzt thätig gewesen und jetzt als Arzt am Bergwerk angestellt. Der Vormittag des folgenden Tages (26. Februar) wurde zur Be sichtigung des Kohlenbergwerkes verwendet. Das ausgedehnte Terrain, welches im oberen Theile des Thales von Sawah-Lunto in Terrassen ansteigt, ist großentheils mit den Wohnungen von mehren tausend Ar beitern und von den beaufsichtigenden Beamten, sowie den zugehörigen Gärten und Feldern eingenommen. Die oben gewonnene Kohle wird in kleinen eisernen Karren auf einer sehr zweckmäßig angelegten Doppel bahn abwärts geführt, hier wird sie unmittelbar in die größeren eisernen Wagen verladen, von denen täglich mehrere Züge zum Emmahafen hinab gehen. Die größeren hier ankernden Dampfschiffe können täglich 600 bis 900 Tonnen Kohlen einnehmen. Die reichen Erträge der Kohlenbergwerke von Sawah Lunto wiirden noch ergiebiger sein, wenn eine größere Anzahl von Arbeitern zu be schaffen wäre. Das hat jedoch seine beträchtlichen Schwierigkeiten. Die eingeborenen Malaien, deren Hauptcharakterzug grenzenlose Faulheit ist, sind für diese schwere Arbeit kaum zu haben. Gute chinesische Arbeiter, die sich am meisten dazu eignen, sind nicht in ausreichender Zahl zu be kommen ; die englische Regierung in Singapur hier, wie überall, allein vom nationalen Princip des reinen Egoismus geleitet - bemüht sich nach Kräften, d^ tt Export brauchbarer chinesischer Kulis nach Java und Sumatra zu verhindern. So bleiben denn als wichtigster Theil der Arbeiter die Kettenjungen" übrig, die an Ketten gefesselten malayischen Verbrecher; eine große Zahl dieser Strafgefangenen, in braune Jacken gekleidet, truppweise von Aufsehern geleitet, sahen wir in den verschiedenen204 Hochcbene von Fort de Kock. Theilen des Bergwerkes bei fleißiger Arbeit. Die Einrichtung des letzteren schien mir sehr zweckmäßig zu sein bei dem raschen Aufblühen der Unternehmung viel für die Zukunft zu versprechen. Mittags 12 Uhr fuhren ivir nach Padang-Pandjang zurück und von dort weiter nach Fort de Kock. Die herrliche Fahrt längs der User des Singkarasees war von schöner Nachmittagsbeleuchtung, unter der Mit wirkung wechselnder Wolkenschatten, begünstigt und ließ uns die land schaftlichen Reize dieses prächtigen Gebirgssees nochmals genießen. In Padang-Pandjang gingen wir nun auf den nördlichen Zweig der Bahn linie über, der uns in zwei Stunden über Kota-Baruh und Padang- Luar nach dem Hanptort der Padang schen Bovenlande, nach Fort de Kock, führte. Die Gebirgslandschaft auf dieser schönen Strecke gewährt Anfangs noch einzelne Riickblicke auf den fernen Singkarasee, später weite Ausblicke nach Norden auf die ausgedehnte Hochebene von Agam; zur Rechten aber tritt hier imposant der gewaltige Vulcan Merapi hervor, während ihm gegenüber zur Linken der Singgalang mit seinem mächtigen Kegel in die Wolken steigt. Die zahlreichen Dörfer dieser gut cul- tivirten Hochebene zeigten uns wieder malerische Häusergruppen und Kampvngs in mannigfaltigen Formen. Abends sechs Uhr langten mir in Fort de Kock an fanden in dem kleinen, freundlichen Hotel, dessen deutscher Wirth ein geborener Cölner ist, sehr behagliches Unterkommen für zwei Nächte. Die Hochebene von Fort de Kock ist gut angebaut und dicht be völkert; sie öffnet sich nach Norden in das ausgedehnte, 900 Meter hohe Plateau von Agam; an den übrigen Seiten wird der Hintergrund durch mächtige Vulcane abgeschlossen; im Süden der Ambatjang, im Westen der Singgalang, im Osten der Merapi; der langgestreckte Rücken des letzteren tritt besonders imposant hervor und entsendet aus seinem Krater eine Rauchsäule, die sich am Abend unserer Ankunft pinienförmig aus- breitete und durch die untergehende Sonne prächtig vergoldet wurde. Die Stadt Fort de Kock selbst, der Hauptort des Padang schen Ober landes, ist sehr hübsch gelegen, Sitz einer Garnison, durch ihr kühles und gesundes Bergklima (in 940 Meter Höhe) berühmt, und wird viel als Luftkurort von solchen Europäern besucht, deren Gesundheit durch längeren Aufenthalt in dem erschlaffenden Klima des heißen Unterlandes gelitten hat. Durch ihre centrale Lage bietet sie Gelegenheit zu mannigfachen Excursionen, als deren schönste der Besuch des Sees von Manindjv gilt, eines ausgedehnten Kratersees, dessen Spiegel etwa 460 Meter ü. M. liegt. Die steilen Wände des elliptischen Kraters, welche denselbenBüffelschlucht und Jnsclberg. 205 ringsum einschließen, sind mit dichtem Walde besetzt und lassen nur an der Westseite eine Oeffnung frei, durch welche der Antokanfluß abfließt. Leider ist der Weg dorthin so schlecht, daß ich ihn nicht passiren konnte. Ich muffte mich damit begnügen, den Vormittag des 27. Februar zu einem Ausfluge im Tragsessel zu benutzen, der durch die Biiffelschlucht" zum ersten Theile jenes Weges führt. Die Biiffelschlucht oder der Larbuuen-t-at" ist eine ausgedehnte, tief in das vulcanische Gebirge eingerissene Kluft, welche unweit des Fott de Kock im Westen beginnt; sie wurde von zwei kleinen, hier zu- sammen mündenden Flüssen, Masang und Sianvk, aus dem weichen Tuffstein ausgewaschen, mit welchem vor langen Zeiten der Merapi das weite Thal ausgefüllt hat. Die nackten, hellgelben Tuffwände fallen zu beiden Seiten der Schlucht etwa 120 Meter tief senkrecht ab und sind nur oben auf der Höhe mit grüner Vegetation bedeckt; ihre seltsamen Formen erinnern vielfach an diejenigen der ähnlichen Tuffwände am Posilipp und anderen vulcanischen Abhängen in der Umgebung von Neapel. Im Grunde der Schlucht angelangt, überschritten wir den Masangfluß und setzten dann unfern Weg noch weiter bis zu der Stelle fort, wo er sich mit dem Siauvk vereinigt. Hier wird das Auge durch ein höchst malerisches Bild überrascht. Mitten aus dem Flußbett erhebt sich der sogenannte Jnselberg", ein hellgelber Tuffobelisk von 75 Meter- Höhe , dessen nackte Wände nach allen vier Seiten senkrecht abfallen. Die entfernten, ebenfalls perpendiculären Tuffwände der beiden Seiten des Flußbettes, von derselben Höhe und Beschaffenheit, erläutern die ge waltige geologische Wirkung des Wassers, welches im Laufe vieler Jahr tausende durch langsame Erosion diese bizarren Felsbildungen hervor gebracht hat. Der malerische Reiz dieser prächtigen Landschaft wurde nicht wenig durch die vielfarbige Staffage derselben erhöht, durch Hunderte von bunt gekleideten Landleuten und Büffelkarren, welche zu dem großen, heute in Fvrt de Kock stattfindenden Markte zogen. Die malayischen Frauen dieser Gegend sind wegen ihrer Schönheit berühmt; doch gilt dieser Ruf, so viel ich sehen konnte, wohl hauptsächlich der kräftigen, vollen Gestalt, soivie den bunten, reich mit Gold- und Silberschmuck verzierten Ge wändern, in welche die Figuren geschmackvoll drapirt sind. Dagegen konnte ich in den finsteren Herrschermienen der regelmäßig geformten Ge sichter nichts Anziehendes finden. Sehr niedlich sind die nackten Kinder mit ihren großen, schwarzen Augen; die kleineren werden von den Müttern rittlings auf der Hüfte getragen; die größeren laufen nebenJnsclbcrg im Padaiig schon Hochlande. Fig. 62. Jnselberg bei der Biiffelschlucht im Padanger Tberlandc.Z r Grenze des Bnttalaiides. 207 ihnen her. Besonders malerisch mar der Anblick, welchen die bunten Kara wanen dieser Leute beim Durchschreiten der Flüsse gemährten, die der Brucken entbehren. Auch das Leben und Treiben vor den Hütten, die in einiger Höhe über den Flußufern am Fuße der steilen Tufffelsen im Gebüsch versteckt liegen, bot viel interessante Genrebilder. Nachdem wir gegen Mittag vom Karbauen-Gat nach Fort de Kock zuriickgekehrt waren, benutzten wir den um Mittag nach Pasa-Kombo abgehenden Zug, um auch diese letzte, schöne Strecke der Hochlandbahn kennen zu lernen. Die Bahn führt Anfangs noch durch eine gut cultivirte, mit Reisfeldern und Cocospalmen bedeckte Hochebene. Später passiren wir eine große Strecke Haideland, das ganz mit großen, schwarzbraunen Lavablöcken bedeckt ist und von einem gewaltigen Ausbruch des Merapi erzählt. In der Ferne erblicken wir nördlich die fruchtbare Hochebene von Tanah-Datar, iiber welcher der majestätische, 2240 Meter hohe Bulcan Sago aufsteigt. Die Bahn windet sich dann durch ein hügel- reiches Bergland, dessen Helle, gelbliche und graue Kalkfelsen in eine große Zahl von Spitzen und phantastisch geformten Zacken zerklüftet sind. Nachdem wir mehrere Flußwindungen überschritten haben, kommen wir in den großen Cocoswald, in welchem das Städtchen Paja-Kombo liegt, der Endpunkt der Eisenbahn und das vorgeschobenste Fort des holländi schen Gebietes. Das blaue Vordergebirge, welches hier im Osten sich erhebt, trennt dasselbe von dem unabhängigen Gebirgslande Sumatra s, das noch heute von wilden Battastämmen (zum Theil Menschenfressern) bewohnt wird. Einer Familie solcher Battaker begegnete ich in der Nähe von Fort de Kock; sowohl Männer als Frauen waren halbnackt. Sie trugen an beiden Seiten des Kopfes einen eigenthümlichen Metall- Zierrath, zusammengesetzt aus ein Paar Spangen, die spiralig (wie eine Uhrfeder) in entgegengesetzter Richtung anfgerollt sind. Da wir nach einer Stunde schon mit dem letzten Zuge nach Fort de Kock znrückkehren mußten, reichte die Zeit eben hin zu einer Wagen fahrt durch die Hauptstraßen von Paja-Kombo über den Markt und bis zu dem holländischen Fort und Hospital, sowie über die Brücke, welche jenseits des letzteren über den Agamfluß führt. Den Ausflug nach der wilden, im Norden gelegenen Harnuschlucht zu machen, mußten wir uns versagen. Auf der zweistündigen Rückfahrt nach Fort de Kock kamen wir an einem größeren Dorfe vorüber, dessen offenes Gemeinde haus ( Balei", die Halle für öffentliche Versammlungen) sich durch be sonders bunte und zierliche Bemalung auszeichnete (Fig. 64). Sodann hatten wir noch das Vergniigen, die mannigfaltigen Bilder dieser schönen208 Fahrt durch das Padang schc Hochland. tropischen Gebirgslandschaft von den wärmsten Tönen der Sbmdsorne beleuchtet und verklärt zu sehen. Besonders nahm sich der Bcrapi mit seinem zackigen Gipfel und der orangefarbenen, daraus aivstrigenden Rauchwolke wieder prachtvoll aus. Die Riickfahrt nach Padang gab mir Gelegenheit, die hohen landschaftlichen Reize dieser kühnen Gebirgsbahn nochmals zu genießen. Sowohl oben in den Padang schen Bovenlanden als beim Hm2bfahren in die Benedenlande besonders in der malerischen Anehkluft werden ivir vielfach an die schönsten Gegenden der Schweiz erinnert. Freilich Fig. 64. Ein Baiei (öffentliche^ Versammlungs-HauS) im Padanger Oberland. ist die Gotthardtscenerie in allen Theilen großartiger und erhabener; und die Silberhäupter der Schneeberge, die sich glänzend vom blauen Firma ment abheben, fehlen dem Hochlande von Padang. Dafiir treten hier an deren Stelle die mächtigen Vulcane, deren Rauchsäulen das lebendige innere Feuer unter der starren Felsenkruste der Erde verkünden; und der märchenhafte Reichthum der üppigsten tropischen Vegetation erinnert uns daran, daß wir uns nahe dem Aeguator befinden. Auch die vielen kleinen Gebirgsdörfer oder Kampongs mit ihren Bambushütten und deren phantastischen Bemalung beleben im PadangFig. 63. Eine Batta-Familie aus dem Inneren von Sumatra. (Ein Mann mit seinen zwei Frauen.)Gebirgs-Formationen von Sumatra. 209 die Hochlandschaft in ähnlicher Weise wie die malerischen Schweizer Dörfer mit ihren hölzernen Hütten, den holzgeschnitzten Galerien und Dächern im Berner Oberlandc. Aber an die Stelle der Obstbänine und Tannen, welche die Gärten unserer Alpendörfer zieren, treten hier die riesigen Bambus- und Pisangbüsche, die Coeospalinen und Mangobäume. Der blinkende Spiegel des Singkarasees mit seinem großartigen Gebirgs- kranze erinnert auch an die Reize des Genfer Sees. Selbst die malayische Bevölkerung der Padanger Hochlande, mit ihrem kräftigen Wüchse, ihrem stolzen Freiheitssinne, ihren bunten, originellen Trachten, ihrer Freude an Musik und Volksfesten, gestattet manche Vergleiche mit den Bauern des Berner Oberlandes. Fiir den Reisenden, der einige botanische und geologische Kenntnisse besitzt, ist der Besuch des Padanger Hochlandes doppelt interessant und lehrreich. Denn er lernt dabei nicht nur die mannigfach verschiedenen Vegetationsformen in den über einander aufsteigenden Höhengürteln des Gebirges kennen, sondern auch die merkwürdigen Veränderungen, welche das Letztere noch im jüngeren Verlaufe der Erdgeschichte erfahren hat. Roch während der Kreideperiude war der größte Theil von Sumatra vom Meere bedeckt. Die Hebung desselben begann erst in der Eocänperiode, d. h. im ältesten Abschnitt der darauf folgenden Tertiärzeit. Die Länge dieser Letzteren wird von den neueren Geologen auf mindestens drei Millionen Jahre geschätzt, von anderen noch bedeutend länger. Schon die gewaltige eocäne Sandsteinschicht, welche die Kohlenflötze von Sawah Lunto ein schließt und arm an Versteinerungen ist, erreicht über tausend Fuß Mäch tigkeit! wie viele Jahrtausende, die zu deren Bildung erforderlich waren, mögen allein schon in diesem ältesten Abschnitte der Tertiärzeit verflossen gewesen sein! Die eocänen Sandsteine und Mergelschiefer der Bovenlande sind vielfach von jüngeren Korallenkalken überdeckt, deren Bildung ebenfalls nur während sehr langer Zeiträume stattfinden konnte. Unter denselben aber lagern viel ältere, earbonische und devonische Formationen, die krpstallinischem llrgebirge, Schiefer, Gneiß und Granit, ruhen. Wollten wir in die graue llrzeit ihrer Entstehung einen scheuen Blick werfen, so müssen wir mindestens 30 Millionen Jahre zurückgehen. Diese ganze mächtige feste Decke der Erdrinde wurde gehoben und durchbrochen, als die vulcanischen Kräfte im Erdinnern mährend der Tertiärzeit ihre erstaunliche Wirksamkeit begannen und jene Gruppen von imposanten, zum Theil noch heute thätigen Feuerbergeu aufbauteu, deren mächtige Kegel den Hintergrund in der malerischen Scenerie der Bovenlande bilden. Haeckel, Jnsulinde. 14210 Abcrglaubm in Jnsulinde. Es war heute gerade Markttag in Fort de Kock und in Padang- Pandjang, und da waren alle Straßen von Schaaren buntgekleideter Landleute belebt: stolze Mädchen und Frauen mit Körben und anderen Lasten auf dem Kopfe, finster blickende Männer, die Büffelkarren führen und Schafe vor sich her treiben. Viele Männer tragen in der Hand ein Vogelbauer, in dem eine Taube sitzt, oder der merkwürdige Mino (blulabes religiosa), jener amselähnliche Vogel mit schwarzem Gefieder und orange- gelbem Schnabel und Kopflappen, der die menschliche Stimme noch besser nachahmen lernt als Papageien und Kakadus. Die Malayen sind im Allgemeinen große Liebhaber von Vögeln und halten viele Arten der selben in ihren Hütten. Diese einzelnen Vögel aber, die sie im Bauer mit sich herumtragen, sind etwas ganz Besonderes: es sind Glücks- vögel", deren Gesellschaft dem Besitzer bei jedem Unternehmen den günstigen Ausgang desselben garantirt. Wir lächeln vielleicht über diesen Aberglauben, aber vergessen dabei, daß unsere vielgerühmte euro päische Bildung noch heute bis in die höchsten Gesellschaftskreise hinauf! von vielen ähnlichen irrationellen Vorstellungen durchsetzt ist. Ein sehr merkwürdiger Aberglaube ist auch bei den gebildeten Holländern auf Sumatra und Java noch heute weit verbreitet. Wenn man eine echte Perle zusammen mit einem Häufchen Reiskörner in eine Schachtel einschließt und diese an einem ruhigen Orte verborgen hält, so sollen die Reiskörner nach einigen Jahren verschwunden und zahlreiche Perlen daraus entstanden sein. Sv behaupteten mit der Sicher heit des echten Glaubens" mehrere sehr gebildete Damen und Herren, welche öfter Abends bei Delprats einen Besuch abstatteten. Ja sie brachten mir sogar verschiedene Schachteln und Fläschchen mit, die das handgreiflich beweisen sollten. In jedem derselben lag eine große Perle und mehrere kleine Mutter und Töchter! und daneben einige Reiskörner. Vergeblich mußte ich als zoologischer Sachverständiger den Einwand machen, daß die Perlen nicht lebendige Organismen seien, sondern tobte Produkte des Muschelmantels, daß sie weder einen Magen zum Fressen der Reiskörner, noch irgend welche Möglichkeit der Ver mehrung durch Theilung oder Knospung hätten. Ich mußte behaupten, daß hier irgend welche absichtliche Täuschung vorliege. Aber meine un gläubige Skepsis reizte nur den Widerspruch meiner gläubigen Gegner, und sie hielten um so mehr an ihrem guten Glauben" fest, als sie sich darauf berufen konnten, daß derselbe in Jnsulinde allgemein verbreitet und durch viele Beispiele bewiesen sei! Beobachtet hatte freilich den Vorgang dieser wunderbaren Vermehrung der PerlenSpiritismus in Jnsulinde. 211 (die doch ein recht einträgliches Geschäft abgeben müßte!) bisher noch Niemand! Jndeß der wahre Glaube" bedarf keiner Erfahrung! Ein anderer Aberglaube, der ebenfalls auf Java und Sumatra iveit verbreitet ist, und der in Padang während vieler Abende Gegenstand unserer heiteren Unterhaltung war, betraf das Steineiverfen durch Geister, On verschiedenen Häusern (meistens von strengen oder miß liebigen Regierungsbeamten!) flogen Abends, bisweilen sogar bei Tage, S-teine durch die Fenster in die Zimmer, ohne daß werfende Personen zu entdecken waren. Auch zahlreiche Diener und Soldaten, die zur Ent deckung der Steinwerfer rings um das Haus aufgestellt waren, vermochten dieselben nicht zu beobachten. Also konnten nur Geister", Dämonen oder Spirits, diesen Spuk bewirken. In einigen Fällen wurde über dieses Wunder" sogar von Regierungsbeamten ein notarieller Act aus genommen! Bisweilen begnügten sich die unsichtbaren Geister nicht mit dem Werfen von Steinen, sondern benutzten dazu auch Töpfe, Gläser und andere Hausgeräthe, was natürlich noch viel wirkungsvoller war; oder sie beschmierten kleine, in der Wiege liegende Kinder mit Blut und dergleichen mehr. Zum Beweise, daß das alles wahr sei, und daß es sich hier um übernatürliche Vorgänge handle, wurden mir mehrere Zeitungs blätter gebracht, in denen dieselben schwarz auf weiß gedruckt zu lesen waren; und Zeitungen lügen bekanntlich niemals! Da gegenwärtig wieder in mehreren Ländern leider auch in Deutschland der Spiritismus spukt und in den Lehren des Occultismus sogar eine wissenschaftliche Maske sich vorbindet, werden ihm jene ballistischen Wunder von Jnsulinde vermuthlich als neue Be weise für die Echtheit der Geheimwissenschaft" willkommen sein. Schade Ml, daß auch hier, wie bei dem ähnlichen Spuk von Resau" und anderen Geistergeschichten, die nüchterne kritische Untersuchung in vielen Fällen den überzeugenden Beweis des Betruges führen konnte. Die stein werfenden Personen waren meistens einige von den Dienern des Hauses selbst, oder Nachbarn, die mit großer Geschicklichkeit und verblüffender Geschwindigkeit die Steine durch die Luft schleuderten. Geschwindigkeit ist keine Hexerei!" Das schöne Geschlecht spielte dabei wie bei den spiritistischen Actionen unserer Medien" eine hervorragende Rolle. Indessen auch bei diesen Wundern" gelang es mir nicht, meine gläubigen Gegner von den natürlichen Vorgängen bei denselben zu überzeugen; sie blieben dabei, daß in vielen Fällen die Erscheinungen nicht aufgeklärt und nur durch Annahme übernatürlicher Kräfte zu begreifen seien. Wenn solche abergläubische Vorstellungen sogar noch heute bei den 14 *212 Fcstzug in Padang. hochgebildeten Culturvölkern von Europa nicht auszurotten sind, so darf man sich nicht wundern, daß sie im Geistesleben der Naturvölker von Jnsulinde eine mächtige Rolle spielen. Ueberall in ihrem socialen und Familienleben, in ihrer Medicin und Religion, in Handel und Wandel spuken Geister" und bestimmen die Geschicke der Menschen auf wunder bare Weise. Ost wohnen diese Dämonen im Körper von wilden Thieren, Tigern und Panthern, Affen und Halbaffen, Krokodilen und Schildkröten. Bei den feierlichen Aufzügen, die ich während meines Aufenthalts in Java und Sumatra mehrfach bei Gelegenheit hoher Feste beobachten konnte, erscheinen diese Thiere, kolossale Drachen und andere thierische Fabelwesen, in den wunderbarsten Formen. Das glanzvollste Fest, welches während der Zeit meines dortigen Aufenthalts gefeiert wurde, fand in Padang Anfang Februar statt, bei Gelegenheit der Vermählung der Königin Wilhelmine von Holland. Festessen, Illuminationen, Feuerwerke, Musik und Tanzbelustigungen hielten mehrere Tage lang die ganze Bevölkerung auf den Beinen. Das großartigste Schauspiel war jedoch ein kolossaler Festzug, dessen Ent wicklung einen ganzen Vormittag in Anspruch nahm. Von den 33 000 Einwohnern der Stadt Padang und mehreren tausend Land bewohnern, welche zu Fuß die Stadt gekommen waren, betheiligten sich mindestens 20 000 daran. Den Kopf desselben bildete das holländische Militär, Landtruppen und Marine; dann die verschiedenen Vereine und Innungen der Europäer, deren Gesammtzahl in der Hauptstadt noch nicht ganz 2000 beträgt. Die eingeborenen Malarien (im Ganzen 20 000) marschirten in verschiedenen, langen Abtheilnngen; ihnen folgten die Chinesen (4000), Araber und Inder (zusammen etwa 1000). Eine der kleinsten, aber interessantesten Gruppen des Festzuges bildeten die wilden Eingeborenen der Insel Rias, von denen viele als fleißige Gärtner, Diener und Kulis in Padang geschätzt sind. Unter den mancherlei höchst phantastisch aufgeputzten Fabelthieren, welche zur Decoration des Zuges dienten, fiel besonders ein ungeheurer Drache aus, der gleich einer Riesen schlange sich wand, bewegt durch zahlreiche Männer, welche unter dem Schuppendach des Leibes geschickt versteckt waren. Ein anderes, sehr interessantes Fest, das ich am Abend vor meiner Abreise von Padang mit ansehen konnte, war die Neujahrsfeier der Chinesen, die, wie überall in Hinterindien, so auch in Sumatra einen sehr wichtigen und vielfach sehr hochgeschätzten Bestandtheil der handeltreibenden Bevölkerung bilden; nicht wenige der bedeutendsten Geschäfte sind in ihren Händen. Der Kapitän der Chinesen", welcherNeujahrsfen-r der Chinesen. 213 die Familie Delprat und mich in sein Haus eingeladen hatte, war ein sehr intelligenter und gebildeter Mann; er sprach geläufig Holländisch und Englisch, unterhielt sich mit uns mehrere Stunden über die ver schiedensten Verhältnisse und offenbarte dabei so vielseitige Kenntnisse und ein so gesundes Urtheil, auch so viel gesellschaftlichen Tact und vor nehmen Anstand, daß er sich in jeder feineren europäischen Gesellschaft ohne Bedenken hätte sehen lassen können. Haus und Garten des Kapitäns waren festlich beleuchtet. Der Fest zug bestand einer Reihe von Wagen, auf deren hohem Thronsessel hübsche, fürstlich geschmückte Kinder von sechs bis zwölf Jahren saßen. Aeltere Kinder, mit blitzendem Edelsteinschmuck, ritten auf den Pferden, welche den Wagen zogen, und zahlreiche Erwachsene, mit bunten Lampions und Fackeln in den Händen, gingen zu beiden Seiten der Wagenreihe. Auch hier wieder erregten phantastische Drachen und andere Fabelwesen besonderes Aufsehen. Alles war prächtig decorirt, Menschen und Pferde, Drachen und Wagen überladen mit bunten Decken, schönen Blumen- Guirlanden, glitzerndem Gold- und Silberzierrath. Dazu warf noch von oben der Vollmond seinen vollen Glanz auf die märchenhafte Scene. Nachdem der lange Festzug unter Musikbegleitung seinen Weg durch das ganze Chinesenviertel vollendet hatte, gab es noch Tänze und Fest spiele, und zuletzt wurde ein großartiges Feuerwerk abgebrannt. -Nit Vergnügen folgten wir sodann der Einladung des Kapitäns in den oberen Stock seines stattlichen Wohnhauses. Die eleganten Möbel in den geräumigen, offenen Zimmern waren reich mit Gold verziert; prächtige seidene Vorhänge an Fenstern und Thiiren. Die zahlreichen Gemälde an den Wänden zeigten eine seltsame Mischung von ver schiedenen Kunstformen: reizende japanische Blumenstücke und barocke chinesische Genrebilder, auch französische Kupferstiche (meistens dramatische Scenen) und deutsche und italienische Landschaften (Heidelberg und Neapel). Das interessanteste Object war aber der bunte, goldgeschmückte Hausaltar, der in keinem größeren chinesischen Hause fehlen darf: über demselben groteske Götzenbilder, Drachen u. s. w. Mit besonderem Stolze zeigte uns der Kapitän zwei große, wohlgelungene Oelbilder, die Porträts seines Vaters und Großvaters; auch andere Reliquien be zogen sich auf frommen Ahnencultus. Auf dem Altar selbst standen als Opfer zwei große Schüsseln mit Früchten und anderen Leckereien. Auf eine neugierige, etwas indiscrete Frage, ob und wie viel von diesen Delicatessen sich die lebensgroßen Götterbilder über dein Altar schmecken ließen, antwortete der Kapitän mit heiterem Lächeln, daß die Speisen zwar214 Monistische Philosophie in Padang. täglich erneut, aber unberührt weggetragen und dann vvn seinen Leuten mit Appetit gegessen würden; diese seien der Ueberzeugung, daß sie nuir die rohe Materie" verzehrten, nachdem der wahre Geist" der Speisen von den Göttern genossen sei. Wie werden sich unsere akademischen Metaphysiker über diesen kritischen" Dualismus freuen! Dahin gegen erklärte der Kapitän, er selbst sei anderer Ansicht, er glaube Fig. 65. Moschee iMissigit) bei Fort de Kock. überhaupt nicht, daß Götter Menschengestalt annähmen und Speisen brauchten; auch sei er überzeugt, daß in diesen Opfergaben wie in allen anderen Dingen Kraft und Stoff" (matter anck lnree) untrennbar ver bunden seien. Der arme Mann schien mir schon von der bösen monistischen Philosophie" angesteckt zu sein, die neuerdings in dem berüchtigten Buche über Die Welträthsel" einen so unheimlichen Ausdruck gefundeu hat!Vollmond-Nacht in Padang. 215 Da ich hier der Philosophie gedenke, möchte ich darüber im Vorbeigehen bemerken, daß man darunter in Jnsulinde eine vernünftige, mit der Natur-Erkenntniß harmonirende Weltanschauung versteht; jeder gebildete Mensch ist hier berechtigt, sich eine solche zu bilden wie ich glaube, mit Recht. Andere Ansichten darüber herrschen bekannt lich in Deutschland; hier ist die Philosophie der systematische Mißbrauch der eigens dazu erfundenen Begriffe" und ausschließliches Eigenthnm einer dafür privilegirten, mit der Naturwissenschaft unbekannten Ge- tehrten-Kaste. Nachdem unser gütiger chinesischer Wirth uns noch mit köstlichen: ?hee, Zuckergebäck und eingemachten Früchten bewirthet hatte, bestiegen wir sehr befriedigt unseren Wagen und fuhren durch das bunt illnminirte Chinesenviertel nach Hause. Der klare Vollmond schien aber so ver lockend von dem wolkenlosen Nachthimmel, daß wir der Versuchung nicht widerstehen konnten, noch einen weiten Umweg durch die herrliche Parklandschaft zu machen, in welcher hier, nahe dem Aequator, die einzelnen Häuser und Villen der vornehmen Bewohner von Padang weit zerstreut liegen. Tausende von glänzenden Reflexlichtern, welche der taghelle Mondschein die steifen, polirt erscheinenden Blätter der Palmen und Pandanen, der Tectonien und Bananen warf, wett eiferten mit zahllosen, in: Gebüsche fliegenden Leuchtkäfern, um die Ein drücke des vorher gesehenen chinesischen Feuerwerks in Schatten zu stellen. Eine solche klare Voltmondnacht in den Tropen, die balsamische Luft gekühlt durch die sanfte Seebrise und erfiillt von berauschendem Blumen duft, gehört zu dein Herrlichsten, was dem Menschen auf unserer schönen Erde zu genießen vergönnt ist, und mit diesen zauberhaften Eindrücken meiner letzten Nacht Sumatra nahm ich von der wundervollen Smarcrgdinsel Abschied.Fig. 66 Hand und Fuß einer M a l a y n. Neunter Capitcl- Der WnUenaffr von Java. den vielen interessanten Objecten, welche die Tropensonne von Vt Jnsnlinde mittelst der giinstigsten Eristenzbedingungen hervvr- gebracht, ist sicher eines der merkwürdigsten die kleine Gruppe von Menschenaffen, die auf diesen Theil der Erde beschränkt ist. Der größte und bekannteste von diesen Anthtopomorphen ist der Orang- Utan (Satyrus onmg), der auf Borneo noch häufig vorkommt, auf Sumatra schon selten geworden ist, und in Java und den übrigen Inseln des Malayischen Archipels fehlt. Viel weiter verbreitet, aber weniger allgemein bekannt ist die kleinere Gattung Gibbon (Uylobates), von welcher vier bis acht Arten auf einzelne Inseln des malayischen Archipels vertheilt und zum Theil offenbar durch die besonderen Existenzbedingungen derselben local entstanden sind; einige Species kommen aber zugleich auf dem benachbarteit Festlande von Hinterindien vor. Die beiden Gattungen des Orang (Satyrus) und des Gibbon (Hylo- bates) vertreten allein die Gruppe der heute noch lebenden asiatischen Menschenaffen! ihnen stehen gegenüber die afrikanischen Anthropo- morphen, der kleinere Schimpanse (Fntliropitbeeus) und der stärkereDer fossile Affenmensch üo Java. 217 Gorilla (Gorilla gina); letzterer der größte und ansehnlichste Vertreter der ganzen Gruppe. Wie bekannt, sind diese schwanzlosen Anthropo- morphen unter allen lebenden Wirbelthieren der Gegenwart diejenigen, die dein Menschen in ihrer gesammten Organisation an, nächsten stehen so nahe, daß an ihrer nahen Blutsverwandtschaft nicht zu zweifeln ist; die Annahme einer directen Abstammung des Menschen von ans- gestorbenen (tertiären) Affen derselben Gruppe bietet für Denjenigen, der mit den betreffenden anatomischen, ontogenetischen und paläonto- logischen That suchen bekannt ist, heute nicht mehr die geringste Schwierigkeit. Seitdem uns Charles Darwin vor zweiundvierzig Jahren durch seine Selectionstheorie (den eigentlichen Darwinismus") und durch die damit verknüpfte Reform der Descendenztheorie den wahren Schlüssel für das Verständniß der organischen Entwicklung geschenkt hat, ist die daraus folgende Abstammung des Menschen vom Affen" bekanntlich Gegenstand des heftigsten literarischen Kampfes bis auf deu heutigen Tag geblieben. Es wird daher gerechtfertigt sein, wenn ich meinen Lesern hier einen kurzen Bericht über die darauf bezüglichen Be obachtungen mittheile, welche ich während meiner malayischen Reise ge macht habe; auch dürfte es mir gestattet sein, daran einige allgemeine Reflexionen zu knüpfen, mit besonderer Beziehung auf die wissenschaft liche Lösung dieser großen Frage aller Fragen". Zunächst sei es mir erlaubt, nochmals auf den fossilen Affen menschen von Java zurückzukommen, auf den berühmten Pithecan- thropus erectus. Die einstmalige Existenz dieser wirklichen Uebergangs- furm" vom Menschenaffen zum Menschen (die in der jüngeren Tertiär zeit, in der Pliocänperiode, gelebt haben muß) hatte ich schon 1860 be hauptet und in dem hypothetischen Gattungsnamen Pithecanthropus" ausgedrückt; dieser griechische Genusname bedeutet wörtlich: Affen mensch". Achtundzwanzig Jahre später wurden die fossilen Reste der selben von E n ge n D u b o s in Java wirklich gefunden und auch dieser Name zur Bezeichnung des wahren Affenmenschen" beibehalten. Ich habe bereits im Eingang des ersten meiner Reisebriefe (S. 8) diese Thatsachen erwähnt und auch der eingehenden Erörterungen gedacht, welche dieselben auf dem internationalen Zoologen-Congresse in Cambridge 1898 hervorgerufen haben ). Ebendaselbst habe ich auch gegen die An gabe mehrerer Zeitungen Einspruch erhoben, daß die Hauptaufgabe meiner ) Bergt, meine Broschüre Ucber unsere gegenwärtige Kenntniß vom Ursprung des Menschen". Siebente Anslage. Bonn, Stranß. I960.218 Abstammung des Menschen vom Affen. Reise nach Java darin bestände, durch weitere Ausgrabungen neue lieber- reste des versteinerten Pithecanthropus aufzufinden. Nicht wenig war ich erstaunt, trotzdem nach meiner Rückkehr noch andere, längere Mit theilungen über meine angebliche Absicht zu finden, und weiterhin die Angabe, das; der amerikanische Millionär Panderbilt (nach anderer Version der Millionär Gould) einen anderen Naturforscher, vr. Walters, gleichzeitig nach Java gesandt habe, um mir mit diesen wichtigen Ent deckungen" zuvorzukommen. In Java selbst habe ich mich überall ver gebens nach diesem angeblichen Concnrrenten umgesehen; er war nirgends zu finden. Die ganze Fabel, die durch viele Tagesblätter ging, beruhte auf der freien Erfindung eines müßigen Zeitungsreporters. Ich kann nur wiederholen, was ich schon früher sagte, und was jeder mit den Verhältnissen vertraute Naturforscher weiß, das; der glückliche Fund der fossilen Pithecanthropus-Knochen nur einem selten günstigen Zufalle zu verdanken war, sowie der Energie und Umsicht von Professor Eugen Dubois, der jahrelang unter Aufbietung reicher Hilfsmittel nach den selben suchte. Da ich über letztere nicht verfügte, wäre es thöricht ge wesen, wenn ich noch weiter ähnliche Entdeckungen hätte ausgehen wollen. Da der lange Streit über die Bedeutung der Pithecanthropus- Fragmente in populären Zeitschriften immer noch fortgeführt wird, möchte ich hier noch besonders auf zwei Umstände. Hinweisen: erstens, daß die Deutung derselben als Ueberreste eines wirklichen Mittelgliedes zwischen den älteren Menschenaffen und den ältesten Urmenschen jetzt von fast allen sachkundigen Naturforschern angenommen ist; und zweitens, daß der wirkliche Nachweis dieses Lli88wZ link“ des fehlenden Gliedes in unserer Ahnenkette nicht die principielle Bedeutung be sitzt, welche ihm in Laienkreisen zugeschrieben wird. Die verhaßte Ab- stammung des Menschen von Affen" (oder, vorsichtiger ausgedrückt: die gemeinsame Abstammung der Menschen, Affen und Halbaffen von einer- älteren, längst ausgestorbenen Primatenform) steht auch ohne jenen Nach weis fest; sie gründet sich auf die vollständige anatomische Ueberein- stimmung inr Körperbau und in der Entwicklung des Menschen und der Menschenaffen. Die hohe principielle Bedeutung, welche diese morphologische Ueber- einstimmung besitzt, habe ich schon früher in der Anthropogenie" und neuerdings besonders im zweiten Capitel der Welträthsel" betont. Selbst der verwickelte Körperbau der heute noch lebenden Anthropomorphen (die doch von der gemeinsamen Stammform mehr oder weniger ab-Abstammung des Menschen vom Affen. 219 weichen) ist demjenigen des Menschen nicht nur im höchsten Grade ähnlich, sondern in allen wesentlichen Beziehungen derselbe". Dieselben 200 Knochen, in derselben Anordnung und Zusammensetzung, bilden unser inneres Knochengerüst; dieselben 3OO Muskeln bewirken unsere Bewegungen; dieselben Haare bedecken unsere Haut, dieselben Gruppen von Ganglienzellen setzen den kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns zusammen; dasselbe vierkammerige Herz ist das centrale Pumpwerk unseres Blutkreislaufes; dieselben 32 Zähne setzen in der gleichen An ordnung unser Gebiß zusammen. Stellen mir uns vom nüchternen Standpunkte der vergleichenden Anatomie aus die kritische Frage, worin denn eigentlich der anatomisch^ Unterschied des Menschen und der Menschenaffen besteht, so finden wir ihn lediglich in gering fügigen Unterschieden der Gestalt und Größe der einzelnen wesensgleichen Theile; und diese sind nur bedingt durch etwas verschiedenes Wachs- thum derselben, in Anpassung an die ungleichartige Lebensweise. Aehn- liche Unterschiede finden sich aber auch zwischen den einzelnen Gliedern der menschlichen Familie, ja sogar zwischen Mann und Frau. Was den Grad und Werth jener anatomischen Unterschiede betrifft, so bleibt immer das bedeutungsvolle, von Thomas Huxley formulirte Gesetz bestehen: Die anatomischen Unterschiede zwischen dem Menschen und den heutigen uns bekannten Menschenaffen sind nicht so groß, als diejenigen, welche die letzteren von den niedrigeren Affen trennen." Da nun die genealogische Einheit des Primaten stamm es durch die über einstimmenden Zeugnisse der vergleichenden Anatomie, Ontogenie und Paläontologie unzweifelhaft bewiesen wird, so folgt daraus der sichere Schluß, daß alle Menschen, Affen und Halbaffen von einer gemeinsamen längst ausgestorbenen! Primatenform abstnmmen. Da die unermeßliche Bedeutung dieser Erkenntniß dem Studium der heute noch lebenden Anthropomorphen ein ganz besonderes Interesse ver leiht, war es mir sehr werthvoll, daß ich auf dieser Reise nach Jnsülinde Gelegenheit fand, die beiden hier noch vorkommenden Gattungen der selben eingehend in lebendem Zustande beobachten zu können, sowohl den größeren Orang-Utan als den kleineren Gibbon. Schon der Hin reise hatte ich Vertreter beider Gattungen lebend in Singapur gesehen, später in Batavia. Den jungen Orangknaben, mit dem ich im botanischen Garten von Singapur spazieren ging (Fig. 67), habe ich schon früher erwähnt (S. 40). Gerade diese Gattung von Menschenaffen gleicht in ihren bedächtigen Be wegungen und in vielen Gewohnheiten dem Menschen ganz besonders;220 Lebende Menschenaffen von Jnsulinde. sie besitzt nicht das lebhafte sanguinische Temperament der meisten übrigm Affen, sondern ist eher phlegmatisch. Von der Gattung Gibbon (Ilvlobates) habe ich auf meiner Reie vier Arten lebend gesehen, den langarmigen (II. agilis) im zoologischm Garten von Singapur, den weißhandigen (II. lar) in Johore (S. N), den großen schwarzen (II. svväacNlas) in Sumatra und den aschgraren ( . leueiseus) in Java. Alle Arten dieser Lan garmaffen " zeichren sich durch die außerordentliche Länge ihrer Arme aus, im Vergleich zu den kurzen Beinen, und durch die daraus folgende Fähigkeit, ungewösn-Singende Menschenaffen von Jnsulinde. 221 lich gewandt zu klettern und weite Sprünge von Baum zu Baum aus zuführen. Alle haben eine laute Stimme, und einige singen eine ganze Octave der chromatischen Tonleiter, genau wie ein musikalischer Knabe. Einer dieser singenden Gibbons ist im zoologischen Garten zu Breslau kürzlich photographirt worden Fig. 68). Der interessanteste von diesen Menschenaffen war für mich der junge Gibbon, den ich in Beutenzorg mehrere Monate hindurch lebend in meiner Wohnung beobachten konnte. Ich erhielt denselben als Geschenk von Di . Axel Pieper, dem Sohne meines verstorbenen Freundes und Collegen Wilhelm Preyer. Derselbe hatte sich ein Jahr lang in Beutenzorg botanischer Studien halber aufgehalten und schenkte mir den ihm lieb ge wordenen Hausgenossen bei seiner Ab reise nach Europa. Die Art der Gattung Gibbon, zu welcher mein kleiner Freund und Primatenvetter gehörte, findet sich aus schließlich auf Java; sie fiihrt den wissenschaftlichen Namen Hylobates leuciscus (Wagner). In der Natur geschichte wird er als Moloch" oder aschgrauer Gibbon" aufgeführt, nach der Farbe seines Felles. Die Eingeborenen nennen ihn Oa, nach dem charakteristischen Laute, den er gewöhnlich mehrmals hintereinander wiederholt ckusstößt. Das kleine Thier ist in aufrechter Stellung kaum einen Meter hoch; die Hälfte davon kommt auf den Körper, die andere Hälfte auf die schwachen Hinterbeine; viel länger sind die schlanken Vorderbeine. Im Ganzen hat unser Oa die Statur eines zarten sechs jährigen Kindes; jedoch ist der Kopf im Verhältnis; viel kleiner, die Taille schlanker, die Beine sind kürzer und die Arme viel länger. Der größte Theil des Körpers ist mit einem hell aschgrauen, ziemlich wolligen, weichen Pelz bedeckt; an der Brust ist die Behaarung spärlich, die nackten Hauttheile, Ohren, Handteller und Fußsohlen sind schwärzlich gefärbt, Fiq. 68. Der weiß händig Gibbon (Hylobates lar) während seines Gesanges.222 Bewegungen des Aienschenaffen vo Java. das kleine runde Gesicht rußschwarz; ein weißer Bart, welcher dasselbe ringförmig einrahmt, giebt ihm einen besonderen Ausdruck. Die Fris ist lebhaft hellbraun. Die Gesichtsbildung des Oa ist viel menschenähn licher als die des Orang, da der Unterkiefer viel weniger vorspringt: der Gesichtswinkel beträgt über 60". In einer älteren Beschreibung dieses schwanzlosen Menschenaffen wird die Physiognomie als eigenthümlich ältlich und melancholisch scheu" bezeichnet; mich erinnerte sie an einen bankerotten, von schweren Sorgen geplagten Bankdirector, der mit gerunzelter Stirn über die Folgen eines großen Kraches nachdenkt. Obgleich mein Oa sich schon mehrere Mo nate in Gefangenschaft befand, war er doch noch ziemlich scheu und ängstlich; er gewöhnte sich nur langsam an die neuen Personen und Verhältnisse. Sehr auffallend war das Mißtrauen, welches unser Oa gegenüber allen weißen Europäern behielt; sowohl Professor Trend als mich be trachtete er stets mit Argwohn; dagegen schloß er bald intime Freund schaft mit den braunen Malayen unseres Hauses und vorzüglich mir den kleinen Kindern. Ganz besonders liebte er einen kleinen häßlichen sechs jährigen Jungen, der seine Körpergröße hatte und den wir wegen seines dicken Kopfes und breiten Mundes scherzweise Frosch oder Rana nannten. Die beiden Freunde konnten stundenlang zusammen auf dem Rasen sitzen und sich eng umfaßt halten; der Oa schlang seinen langen Arm um den Hals des Rana, während dieser den Leib des Affen umarmte. Um die Bewegungen des Oa besser studiren zu können, gestattete Professor Trend, daß in der gedeckten Gallerie, die seine Wohnung mit der ineinigen verband, eine geräumige Kiste als Wohnung angebracht, und außerdem vor derselben eine zweite Kiste, aus einem Stamm be festigt, im Garten aufgestellt wurde. Mehrere lange, mit den Kisten verbundenen Stangen, sowie unter dem Dache der Galerie verlaufende Balken gaben unserem Affen reiche Gelegenheit, seine bewunderungs würdigen Turnkünste in voller Freiheit zu zeigen. An einem schmalen, um den Leib befestigten Gürtel war eine lange Kette angebracht, deren anderes Ende mit einem weiten, auf dem Balken laufenden Ringe in Verbindung stand. Wenn wir diesen Ring ablösten, konnte der Oa mit uns spazieren gehen. Auf der Erde ging derselbe stets aufrecht auf den Hinterbeinen, während die Arme, seitlich horizontal ausgestreckt und mit herabhängenden Händen, als Balancirgewicht benutzt wurden. Niemals berührte er bei seinem behenden Laufe den Boden mit den Händen (wie es Orang und Schimpanse oft thun); niemals kroch er auf allen Vieren.Der lebende Menschenaffe von Java. 223 Seine ganze Gewandtheit entfaltete dieses Baumthier jedoch beim Klettern; mit größter Sicherheit schwang er sich mittelst seiner langen kräftigen Arme von einem Baumast zu einem anderen, weit entfernten. Auf einem Querbalken der Gallerte, der zwei senkrechte Pfähle verband und ein Reck bildete, führte er dieselben Hebungen aus, wie der gewandteste Turner, insbesondere die Riesenwelle, Kniewelle u. s. m. Auf der Reckstange Fig. 69. Der Oa-Affe (Hylobates leuciscus), aufrecht gehend. aufrecht stehend, lief er rasch hin und her, ohne jemals zu schwanken. Gleich einem geübten Voltigeur im Varietö-Theater hing er sich an der Stange bald mit einer Hand, bald mit einem Fuße auf, während der herabhängende Kopf hin- und hergeschwungen wurde. Auch die schwie rigsten Evolutionen wurden mit einer Leichtigkeit und Sicherheit aus- geführt, als ob gar keine Muskelanstrengung dazu nöthig wäre.224 Gemüthsbewcgungcii des v JJtmfcf)cnaffen. Mit besonderem Behagen streckte sich der Oa, wenn er sich müde geturnt hatte, den Rasen aus und ließ sich die Tropensonne den Leib scheinen. Dabei legte er gewöhnlich den einen Arm unter den Kopf und nahm genau dieselbe Lage ein, wie ein müder Wanderer, der sich unter dem Schatten eines Baumes auf den Rücken legt. In dieser Lage schlief er auch bisweilen; gewöhnlich aber schlief er Nachts sitzend in einer seiner beiden Kisten; dabei hatte er den Rücken angelehnt, die Kniee heraufgezogen und die gebogenen Arme die Kniee gestützt; der Kopf nickte auf die Brust herab. Intime Zuneigung faßte unser kleiner Jüngling auch zu einem niedlichen malarsischen Mädchen von neun Jahren und zu zwei Frauen, ivelche tagsüber im Garten neben der Gallcrie unter dem Schatten eines großen Bambusgebüsches saßen und mit unermüdlicher Geduld buhte Figuren auf Sarongs malten. Eine von ihnen hatte ihm ein rothes Jäckchen angefertigt, in dem er sich sehr gefiel ; er betrachtete sich von oben bis unten, knöpfte geschickt das Jäckchen auf und zu, und war sehr mißvergnügt, ivenn es wieder ausgezogen wurde. Die Eitelkeit, welche der kleine Stutzer dabei zur Schau trug, war nicht geringer, als diejenige des Mentawei-Häuptlings, der seinen nackten Körper mit einer abgelegten Militär-Jacke decorirt (Fig. 70) oder diejenige des Pariser Gigerl, der die Narrheiten der neuesten Mode" mitmacht. Für die kleine Freundin war ein Hauptvergnügen die tägliche Morgentoilette des Oa; er benahm sich dabei genau wie ein artiges Kind und ließ sich mit großem Behagen baden, waschen und kämmen. Besonderes Vergnügen machte es ihm, wenn ihn seine Pflegerin nach dem Bade sorgfältig ab trocknete, sich neben ihn in die Sonne auf den Rasen legte und sanft mit der Hand streichelte; er machte dann die Augen zu und streckte sich lang auf dem Rücken aus. Als ich dann einmal das Mädchen an der Hand nahm und wegführen wollte, gerieth er in große Aufregung und fing kläglich an zu schreien; als ich sie aber wirklich wegführte, wurde er wüthend und versuchte ernstlich zu beißen, was er sonst nur selten that. Diese Anfälle von heftiger Eifersucht wiederholten sich später regel mäßig, sobald ich den Oa von seiner Freundin trennen wollte; er wurde dann schon aufgeregt und böse, wenn ich mich nur dem Gegenstände seiner Neigung näherte und Miene machte, sie zu berühren. Mein Freund Treub hatte an diesem stets wiederholten Drama der Eifersucht seinen großen Spaß. Wenn die beiden kleinen, stammverwandten Primaten miteinander spielten, war die Aehnlichkeit ihrer Bewegungsfvnnen oft überraschendAig. 70. Häuptling der MentaweiJnsulaner (in abgelebter holländischer Uniform).Sprache des Menschenaffen. 225 groß. Insbesondere gebrauchte das kleine Malayenkind beim Greifen und Ringen seine Gliedmaßen genau so, wie sein Affenvetter; beide konnten mit demselben Rechte vom Physiologen als Vierhänder be zeichnet werden, wie vom Morphologen als Zweihänder. Die Zehen an den Füßen sind bei den Malayen, ebenso wie bei anderen niederen Menschenrassen, die stets barfuß gehen, viel beweglicher und freier, als bei uns gestiefelten Culturmenschen; sie werden bei vielen Arbeiten mit demselben Geschicke gebraucht, wie die Finger an den Händen (vergl. Fig. 66, S. 216); darauf hatte schon Huxley in seiner berühmten Ab handlung Ueber die Stellung des Menschen in der Natur" (1866) hin gewiesen. In großen Zorn gerieth der Oa auch, wenn ich ihm einen be sonderen Leckerbissen hinhielt, ohne daß er ihn ergreifen konnte; er schrie dann wie ein unartiges Kind so lange, bis ick, ihm das Gewünschte gab. Die Laute, die er in solchen Affecten des Zornes und Aergers von sich gab, bestanden in einem gellenden, oft wiederholten Huih Huih Huih Hnih! Sie waren ganz verschieden von dem gewöhnlichen Oa Oa Oa," welches er in verschiedener Betonung und Stärke zum Ausdruck verschiedener Gemüthsbewegungen verwendete. Oft wurden aber auch beide Laute in der Weise combinirt, daß zuerst vier- bis sechs mal Oa Oa" und dann ebenso oft Huih Huih" gerufen wurde. Dann wurden meistens die ersten Silben sehr laut und hoch gerufen, während die letzten immer schwächer wurden und ungefähr um eine Octave herabsanken. Einen dritten Laut, einen gellenden Schrei, stieß der Oa aus, wenn er plötzlich in Schrecken versetzt wurde, so einmal, als ich Miene machte, ihn in den a,n Garten vorüberfließenden Bach zu werfen. Ich hörte diese Schreie einmal an den Wasserfällen von Tjibnrrum, als ich Isikhrere Oas vbt tt lll dtzii Wipfeln hoher Bäume kletternd beobachtete; sie führten dabei so unglaublich weite Sprünge von einem Baum zum andern aus, daß sie förmlich durch die Luft zu fliegen schienen. Einige Minuten später, als sie außer Sicht gekommen waren, vernahm ich ein ganz jämmerliches Geschrei, genau so, wie wenn ein kleiner Hund arg geprügelt wird. Vielleicht züchtigte nur eine Oa-Mutter ihr unartiges Kind; vielleicht war aber auch einer der armen Gesellen von einem Panther angegriffen worden oder von der schlauen kleinen Wildkatze (Felis minuta), die in den Urwäldern von Java nicht selten ist und vor trefflich Bäumen klettert und springt. Die Sprache dieser Menschenaffen ist zwar nicht reich an ver schiedenen Lauten; diese werden aber so ausdrucksvoll modulirt, so ver- Ha ecke I, Jnsulinde. 15226 Sprache des Menschenaffen von Java. schieden in Bezug auf Tonhöhe, Stärke und Zahl der Silbenwiederholung, angewendet, dazu noch durch mannigfaltige Gesten, Handbewegungerr und Mienenspiel so sinnfällig erläutert, daß der länger mit ihnen ver traute Beobachter daraus ganz bestimmte Schlüsse auf ihre Vorstellungen, Wünsche und Empfindungen ziehe,: kann. So gebrauchte auch mein sanfter Hausgenosse seinen gewöhnlichen Laut Oa so verschieden, daß ich eine ganze Anzahl verschiedener Vorstellungen und Gemüthsstimmungen daraus errathen konnte. Wenn er sich besonders wohl in den Armen seiner malapischen Freundin fühlte, klang das sanfte Oa fast wie das behagliche Schnurren einer Katze; wenn er zum Vergnügen turnte und weit von einem Banmast zun, andern sprang, hatte das Helle Oa einen jauchzenden Klang; wenn er nach Futter verlangte, klang es fordernd; wenn fremde Besucher kamen, mißtrauisch fragend. Ja, mein Oa hielt sogar in stillen Stunden, oben seiner Kiste sitzend, mit leiser Stimme Selbstgespräche, indem er von Zeit zu Zeit bald nur einmal, bald zwei- oder dreimal hintereinander ein seufzendes Oa ertönen ließ. Wahr scheinlich dachte er trauernd über das herbe Geschick seiner Gefangenschaft nach, oder klagend über die Grausamkeit und Thorheit seiner vornehmeren Vettern, der vertrauten braunen Malapen und der unheimlichen weißen Europäer. Wie im Leben der meisten Menschen, so spielt auch in dem ihrer Primatenvettern eine Hauptrolle das Essen und Trinken. Außer Milch und Cacao trank der Oa auch gern siißen Wein und wurde dadurch ebenso angeheitert, wie es seit Noahs Beispiel bei uns Menschenkindern der Fall zu sein pflegt. Becher und Tassen, in denen ich ihm diese Getränke reichte, umfaßte er geschickt mit beiden Händen und trank daraus wie ein Kind. Bisweilen tauchte er aber auch die Hand in die Flüssigkeit und leckte sie dann von den Fingern ab. Unser Gibbon war vermuthlich schon durch seinen früheren Besitzer daran gewöhnt worden, bei Tische das Meiste mit seinem Herrn zu theilen. Gleich den Malapen ernährte er sich vorwiegend von gekochtem Reis und Früchten, wobei er auch seine beiden Hände genau so wie die ersteren gebrauchte. Insbesondere schälte er Pisang und Orangen ganz ebenso, wie wir es gewohnt sind; während er die Frucht mit der linken Hand festhielt, entfernte er mit der rechten geschickt die Schale und biß dann ein Stück nach dem andern ab. Aber auch getrockneten und gebratenen Fisch, wie ihn die Malapen als Zuthat zu ihrer Reismahlzert verzehren, verschmähte er nicht, ebenso wenig Eier und Backwerk verschiedener Art. Besonderes Vergnügen machte es ihm, dazwischen Käser und Schmetterlinge zu fangen und zuTer lebende Menschenaffe von Java. 227 verzehren. Einen ansgesprochenen Widerwillen jedoch äußerte er gegen alle Arachniden, Spinnen sowohl wie Skorpione. Geradezu entsetzlich erschien ihm der große Molukkenkrebs (Limulus), den ich früher erwähnt habe; als dieses große, unbehilfliche Thier mit seinem schwerfälligen Fig. 71. Der Oa-Gibbon (Hylobates leuciscus), auf dem Baume sitzend. anzer langsam auf dem Boden umherkroch, sprang der Oa, mit einem deutlichen Mischgefühl von Neugier und Furcht, um denselben herum, wagte aber nicht, ihn anzurühren. Dann und wann naschte der Oa auch etwas gebratenes Gefliigel; doch zog er meistens Früchte allem Anderen vor, nainentlich Mangos, Mangostin und Durian. IS228 Fruchtgcnuß dcr Menschenaffen. Da die herrlichen Früchte Ostindiens auf unserer Tafel nie fehltet,, und mein aufmerksamer Gastfreund, Professor Treub, stets bestrebt wir,, mir alle die mannigfaltigen Arten derselben in auserlesener Qualiiitr vorzuführen, konnte ich durch viele Versuche feststellen, daß unser Menschm- asfe auch in dieser Beziehung ganz den Geschmack des Menschen theite.. Meine eigene Lieblingsfrucht, und auch die seine, war die edle Mar-- g o st n (Garcinia mangostana); die kugelige, einem Apfel an Größe mb Gestalt ähnliche Frucht ist von einer dicken, dunkelbraunrothen Hülle un- geben. Oefsnet man diese durch einen Ringschnitt im Aequalor und hebt nnnl dann die obere Halbkugel der Schale von der unteren ab, so erblckck man sechs bis acht strahlig um die Achse gestellte Fruchtfächer, deiein schneeweiße Farbe reizend gegen das zarte Purpurroth der innerem Schalenflächcn contrastirt. Jedes der Fächer birgt einen harten Kern, der von einem weichen, saftigen, weißen Fruchtfleisch umgeben ist. Ter feine aromatische Geruch und der erfrischende süß-säuerliche Geschmack dieses zarten Fruchtfleisches sind köstlich und weichen von denjenigen aller anderen mir bekannten Früchte ab. Nur eine einzige Frucht stellte der Oa noch über die Mangostin: ins war der berühmte D ri r a n (Durio zibethinus). lieber dieses merkwürdige Erzeugnis; der indischen Tropenflora werden allenthalben im fernen Osten die lebhaftesten Tischgespräche geführt, und über ihren culinarischen Werth stehen sich die extremsten Ansichten gegenüber; während die Einen den Durian als die vollkommenste aller Speisen preisen, finden die Anderen sie ganz entsetzlich. Sie hat ungefähr die Größe und die eiförmige Gestalt der Cocosnuß und ist mit einer sehr dicken und festen, grünen Schale umgeben; diese ist dicht mit spitzen, harten Stacheln be setzt. Mau öffnet sie, indem man mit einem großen Hackmesser in fünf vertiefte Längsfurchen einschneidet, welche fünf inneren Fruchtfächern ent sprechen; in jedem Fache liegen 2 4 weiße Fruchtkörner hinter einander, von der Größe und Gestalt eines Kastanienkerns. Das gelbliche oder rosafarbene Fruchtfleisch, welches diese Kerne umhüllt und das Innere der atlasweißen Fächer ausfüllt, ist das einzig Eßbare, ein weicher, klebriger Brei von höchst pikantem Geschmack ein würziger, butteriger, stark nach Mandeln schmeckender Eierrahm, zugleich erinnernd an Rahm käse, Zwiebelsauce, braunen Xereswein und anderes Unvergleichbare". Gleichzeitig aber verbreitet dieselbe edle Frucht einen höchst intensiven Ge ruch, der für mich, wie für viele andere Europäer, geradezu abschreckend ist: ein wunderbares Gemisch der Düfte von scharfen Zwiebeln, altem Kire, faulen Eiern und verdorbenem Fleische. Man merkt die AnnäherungUrsprung der Menschenaffen. 229 an einen Durianmarkt schon aus weiter Entfernung, und auf den menschlichen Körper hat ein reichlicher Duriangenuß ungefähr dieselbe Wirkung wie der von Zwiebeln und Knoblauch. 1)6 gustibus non est disputandum! Wallace sagt in dem langen entzückten Hymnus, den er in seinem berühmten Buche Liber den Malayischen Archipel" dem Durian widmet, am Schlusses Je mehr man davon ißt, desto weniger fühlt man sich geneigt, aufzuhören. Durian essen ist in der Thal eine neue Empfindung, die eine Reise nach dem Osten lohnt." Auch viele Europäer theilen diese Bewunderung, ebenso wie die Malayen, die Chinesen und mein Oa. Freund Trend jedoch hielt ein strenges Verbot aufrecht, daß kein Durian in unsere Wohnung gebracht werden diirfe. Ich selbst habe mit dem be rühmten Durian nur einen einzigen Versuch gemacht; dieser mißlang aber vollständig. Am letzten Abend in Singapur hatte mein Gastfreund I)r. Hanitsch zwei große Durian-Früchte von vorzüglicher Qualität zur Feier des Abschieds herbeigeschafft. Während er selbst und seine Frau Gemahlin die eine mit dem größten Appetit verzehrten, vermochte ich von der anderen nur wenige Bissen hinabzuschlucken. Der Versuch, durch reichliche Riechopfer von Ean de Cologne den entsetzlichen Geruch zu neutralisiren, mißglückte gänzlich. Da die malayischen Diener unseres Hauses nicht allein ihre culinari- schen Genüsse mit dem Gibbon theilten, sondern ihn auch sonst ganz wie eines ihrer Kinder behandelten, war es mir interessant, durch Professor Trend ihre Ansichten über die Natur dieses Menschenaffen kennen zu lernen. Die meisten Malayen betrachten (wie ich von anderen Kennern derselben bestätigen hörte) sowohl den Gibbon als den Orang- Utan nicht als gewöhnliche Thiere gleich den anderen Affen; die Einen halten sie für verzauberte Menschen, die sich im Walde verirrt haben, die Anderen für Missethäter, die zur Strafe in Affen verwandelt sind, noch Andere für Menschen, die der Seelenwanderung begriffen sind. Eine von den malayischen Frauen unseres Hauses erzählte uns folgende Geschichten Zwei Kinder, Bruder und Schwester, gingen mit ihrer Tante Oa im Walde spazieren; beim Früchtesuchen verloren sie ihre Führerin und konnten sie nicht wieder finden; Tage lang riefen sie vergeblich: Oa! Oa! Immer tiefer im Waide verirrt, konnten sie keinen Ausweg mehr finden und suchten nun Schutz den Bäumen, wie sie es von den Affen sahen. Allmählich nahmen sie auch deren Lebens- weise an und nährten sich nur noch von Früchten. Ihre menschliche Sprache verlernten sie bald fast ganz; nur der gewohnte klagende230 Wanderungen der Malahen. Ruf Oa" blieb übrig. Später heiratheteu sich die beiden Geschrvster und wurden die Stammeltern der heutigen Gibbvns. ^ Die Malayen sind gute Beobachter und große Freunde der Thiere sie halten sich gerne nicht nur Affen und Vögel, sondern auch andere Tiere des Waldes zu ihrem Vergnügen. Ueberhaupt sind sie sehr empfänglich für die Reize und Schönheiten der Natur; vielleicht hängt das mit dem ausgeprägten Wandertriebe ihrer Raffe zusammen, der ihnen auch i,ren Namen gegeben hat: Orang-Malaju", bedeutet herumschweiferder Mensch" ebenso wie Orang-Utan ursprünglich Waldmensch" bedeutet. Keine andere Menschenrasse, ausgenommen die mediterrane, besitr so viel Wanderlust und zugleich so viel Naturgefühl wie die Malcr en. Insbesondere sind sie leidenschaftliche Freunde der Schifferei und des Fischfangs, die geborene Bevölkerung für einen so einzig inselrechen Archipel, wie es Jnsulinde ist. Wir dürfen annehmen, daß der ur- spriingliche Stamm dieser Rasse im südöstlichen Asien (wahrscheinlih in Malakka oder im Nachbargebiete) seinen Sitz hatte und mit der Wurzel der nächstverwandten mongolischen Rasse zusammenhing *). Mehrere divergirende Aeste dieses Stanuues verbreiteten sich, von der hinter indischen Halbinsel auswandernd, nach allen Richtungen; südwärts be völkerten sie Jnsulinde; westwärts drangen sie bis Madagaskar vor; ostwärts stießen sie auf die Papuarasse und vermischten sich mit dieser. Die eigentlichen Polynesier, welche sich über den größten Tbeil de- paeifischeu Oceans ausgebreitet und dessen unzählige Inseln bevölkert haben, sind wahrscheinlich Nachkommen von Mischlingen, die den ur sprünglich überwiegenden Malayencharakter durch beträchtliche Zumischun; von Papuablut wesentlich verändert haben. Die außerordentliche Vorliebe der M a l a y e n für das Wasser, welche mit ihrer überwiegend insularen Lebensweise naturgemäß verknüpt ist, äußert sich nicht nur irr ihrem Hange zr, weiter Schifffahrt und zur Fischerei, sondern auch in anderen Rassegewohuheiten, insbesondere ihrir sorgfältigen Körperpflege. Jeder Malaye, ohne Ausnahme, wird vor früher Kindheit au daran gewöhnt, wenigstens einmal (meistens abn mehrmal) täglich ein Bad zu nehmen. Wenn man am frühen Morgm die malayischeu Dörfer oder Karirpoirgs besucht, findet man ihre W- wohner schon vor Souneuaufgang auf den Beinen und mit ihrer Toilete beschäftigt; Männer, Weiber und Kinder durcheinander baden im nächs- ) Aergl. hierüber das 28. Cfapitet meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte". Neunte Auflage. 1898. S. 746, Tafel 30.Eine amphibische Menschenrasse- 231 gelegenen Flusse oder Teiche, oder auch einem Wassergraben der Reis- felder, oder sie übergießen sich mit Wasser in ihrer Hütte. Die meisten Frauen entkleiden sich dabei nicht ganz, sondern behalten den Sarong um, die bunte breite Schürze, die sie uin Unterleib und Beine wickeln. Nach dem Bade wissen sie den nassen Sarong so geschickt mit einem trockenen zu vertauschen, daß dadurch der schamhafte Anstand nicht ver letzt wird. Schon die kleinen Kinder von drei und vier Jahren können geschickt schwimmen und spielen mit Vorliebe im Wasser. Aber auch die erwachsenen Malapen pflegen während des Tages oft ins Wasser zu gehen und nach jeder ermüdenden Arbeit sich durch ein Bad zu erfrischen, ebenso Abends vor dem Schlafengehen. Während der mühsamen Arbeit auf den überschwemmten Reisfeldern waten sie Stunden lang im Schlamm herum und waschen sich dann wieder ab. Man könnte die Malapen geradezu als eine amphibische Menschenrasse bezeichnen. Angesichts der hohen Temperatur, welche in dem äquatorialen Jnsnlinde jahraus, jahrein herrscht, erscheint dieses öftere tägliche Baden nicht nur als eine herrliche Erfrischung, sondern auch als eine sehr wohl- thätige hygienische Gewohnheit. Offenbar ist die Ursache desselben nicht bloß im directen Einflüsse des Klimas selbst zu suchen; denn andere Tropenbewohner, wie viele Neger, die Australneger u. s. w., kennen diese Sitte nicht und waschen ihren unreinen Körper nur selten. Auch die mohammedanische Religion, die solche tägliche Waschungen vorschreibt, ist nicht das Motiv derselben; denn im Ganzen kümmern sich die Malapen sehr wenig uin die Vorschriften ihres Koran; und andererseits giebt es wieder im Orient, in Arabien, Syrien u. s. w. viele orthodoxe Jslam- bekenner, welche gar nicht an Waschen und Baden denken oder dasselbe höchstens symbolisch ausüben, indem sie die Finger ins Wasser tauchen und damit Stirn oder Brust berühren. Ich glaube vielmehr, daß die auffallende Wasserliebe der malayischen Raffe auf ihrer uralten insularen Lebensweise beruht, auf einer hydrophilen Anpassung, die im Laufe der Jahrtausende erblich geworden ist. Uebrigens sorgen auch die Holländer in Jnsnlinde dafür, daß sich überall Badegelegenheit findet: jedem Hotel, auf jedem Dampfschiff, in jedem Privathause. Es wäre sehr zu wünschen, daß wir Deutschen und ebenso viele andere Continentalvölker! uns daran ein gutes Beispiel nähmen und schon von Jugend an unsere Kinder daran gewöhnten, täglich wenigstens einmal zu baden, am besten gleich früh nach dem Auf- stehen. Diese Sitte erfordert weder besondere Kosten noch Umstände; eine Sitzbadewanue, ein Eimer Wasser und ein Schöpftopf genügen.232 Charakter der malapischen Nasse. Ueberhaupt können wir weißen und weisen Europäer von den braunen und ungelehrten Malaien noch vielerlei lernen. In allen öe- wegungen, wie im Sprechen. Essen und Trinken, halten die Malaien int Allgemeinen, ganz besonders aber die Javanen, als ihr höchst entwickelter und best cultivirter Stamm, aus Maß und Anstand. Niemals habe ich in Java und Sumatra einen betrunkenen oder schimpfenden Malaien gesehen, niemals solche gemeine Rohheiten, wie man sie in Europa all täglich erleben kann, leider besonders in den germanischen, an Alkohol- Mißbrauch gewöhnten Ländern. Im persönlichen Verkehr befleißigen sich alle Malsyen einer großen Zurückhaltung und Bescheidenheit, die Unter gebenen gegen ihre Vorgesetzten der größten Höflichkeit und Ehrerbietung. Im Innern von Java ist der Respect vor den Europäern dem Lande noch so groß, daß beim Vorübergehen oder -fahren derselben die Malayen stehen bleiben und ihnen den Rücken zukehren oder selbst nieder knieen. Zum Theil ist das noch die Folge der uralten Fendal- Verhältnisse, die erst von den Holländern nach und nach reformirt wurden. Als Diener sind die Malayen höchst aufmerksam und dienstbeflissen und werden von vielen Europäern mit Recht als unübertrefflich gepriesen. Nur darf man keinen hervorragenden Jntellect, keine Initiative von ihnen erwarten. Aber die gewohnten täglichen Dienste versehen sie meistens sehr geschickt und gewissenhaft, trotz der großen Trägheit rmd Arbeitsscheu, die sie mit den meisten Naturvölkern theilen. Früher pflegte man die Menschheit nur in Wilde oder Natur völker und in Civilisirte oder Culturvölker einzutheilen, und mar rechnete die Malayen zu den Ersteren. Indessen haben nenerdingr mehrere Ethnographen und Psychologen darauf hingewiesen, daß dies, Zweitheilung nicht genügt, und daß man zwischen beiden Gruppen nock eine dritte, vermittelnde, unterscheiden muß, die Barbarvölker; so den Dresdener Philosoph Fritz Schnitze in seiner neuen trefflichen Psycho logie der Naturvölker" ), und Alexander Sutherland in dem be deutenden Werk lieber den Ursprung und das Wachsthum des morali schen Jnstincts" (1898). Nach der zweckmäßigen dort gegebenen Ein thcilung sind die Malayen zu den Barbarvölkern gu rechnen uni zwar zu den höheren Barbaren"; sie sind ungefähr auf derselben Stuß der niederen Cultur stehen geblieben, welche die alten Griechen im Zeit ) Fritz Schultze, Psychologie der Naturvölker. Entwickluugs-Psycholoigisch Charakteristik des Naturmenschen in intellectueller, ästhetischer, ethischer und relicgiöse Beziehung. Eine natürliche Schöpfungsgeschichte inenschlichen Vorstellens, Wollens- nn Glaubens. Leipzig, Veit. 1900.Charakter der malayischen Rasse. 238 . alter Svlon s inne hätten, die Römer im Beginne der Republik, die Angelsachsen znr Zeit der Heptarchie. lieber die körperlichen und seelischen Eigenschaften der malayischen Rasse ist so viel geschrieben worden, daß ich hier nicht weiter darauf eiugehen will; ich habe aus eigener Erfahrung und aus den Mittheilungen vieler genauer Kenner von Land und Volk den Eindruck gewonnen, sie im Ganzen besser ist als ihr Ruf. Die Malayen gelten als träge, falsch, lügenhaft, grausam, diebisch, lasterhaft u. s. w. Allein oft sind diese Vorwürfe nur auf üble Erfahrungen gegründet, welche Europäer mit einzelnen Dienern, oder Ausseher mit arbeitsscheuen Arbeitern ge macht haben; und jedenfalls steht jenen Schattenseiten ihres Charakters auch eine gute Zahl von Lichtseiten gegenüber; sie sind durchgängig von einem feinen Gefühl für Anstand, Ehre und Sitte beseelt, wodurch sie von vielen Vergehungen abgehalten werden. Der ernste, schweigsame und verschlossene Charakter ist mit einem cholerischen Temperament gepaart; leidenschaftliche Ausbrüche sind selten. Bei der ausgesprochenen Neigung zu weiten Wanderungen und kühnen Seefahrten offenbaren sie viel Muth und Unternehmungslust; ebenso auf der Jagd und im Kriege. Persönliche Gegner schaffen sie gern durch Dolch oder Gift aus dem Wege, besonders wenn Eifersucht oder beleidigtes Ehrgefühl das Motiv ist. Während meiner mehrmonatlichen Arbeiten im botanischen Institute von Beutenzorg hatte ich täglich Veranlassung, mich mit malayischen Dienern und Beamten desselben zu beschäftigen; ebenso mit Kindern, welche mir neues Material für meine Sammlung brachten: Schlangen und Eidechsen, Eier und Embryonen von diesen Reptilien, Fische und Krebse, Skorpione und Spinnen, besonders aber jene wundervollen mannigfaltigen Jnsecten, an denen Java so reich ist. Hierbei hatte ich täglich Gelegenheit, den Scharfblick und den lebendigen Natursinn der Malayen zu bewundern, sowie die Geschicklichkeit, mit der sie giftige und gefährliche Thiere, z. B. Giftschlangen und Scorpione, zu fangen und zu fesseln wissen. Auch in technischer Beziehung sind sie sehr geschickt und erfinderisch, ofl mit schönem Zeichentalent begabt. Im Institut arbeitete danials ein junger eingeborener Maler, der die schönen Zeich nungen und bunten Farben von Blumen, Schmetterlingen und anderen Jnsecten mit unübertrefflicher Treue in Aguarellbildern wiedergab. Im Handel mit den gesammelten Jnsecten fand ich meine malayischen Sammler meistens bescheiden und anständig. Auch für Musik und Tanz haben die Malayen viel Neigung. Abends lauschte ich oft^mit Vergnügen den elegischen Klängen des Game lang,234 Charakter der malayischen Rasse. jenes javanischen Orchesters, bei welchem eine Art Glockenspiel, eine Claviatur von Holzbrettchen und Metallplättchen, beim Anschlag ver schieden hohe Töne erklingen lassen. In der Stille der Trvpumacht, unter dem funkelnden Sternenglanze des dunkeln Himmels und lei dem magischen Anblicke Tausender von glänzenden Leuchtkäfern ervgt die sanfte Harmonie der Gamelangklänge tiefe Sehnsucht in der Brist des einsamen Reisenden, der an die theuren Lieben in der fernen jseimath denkt. Die nationalen Tänze, welche die Malaisen unter der Bereitung des Gamelang ausführen, bestehen meistens in langsamen und gemessenen Bewegungen der kostbar geschmückten, in bunte Gewänder gekeideten Tänzerinnen (vergleiche das Titelbild); ich fand sie langweilig. Lei der lleberladnng mit Schmuck gaben sie wenig Gelegenheit, die zvrlichen Körperformen der Malayen zu bewundern, an deren Betrachtung ch mich oft beim Baden erfreute. Der schlanke Körper ist durchschnittlich in Java unter Mittelgröße, zwischen 4* 2 und 5 Fuß. Die Gliedmaßen sind sein geformt, die Hautfarbe schön braun, bald mehr gelblich zimmtbrarn, bald mehr röthlich kupferbraun. Das lange schwarze Haar ist ganz schlickt, nicht lockig; der Bartwuchs sehr schwach. Der runde Kopf zeichnet sich durch breite Backenknochen und sehr platte Nase aus; die Nasenflügel und der Unterkiefer sind sehr breit, ebenso der Mund mit seinen dicken Lippen. Die Augen sind schivarz, nicht so eng geschlitzt und nicht 0 schief wie bei der nächst verwandten mongolischen Nasse. Beim Vergleiche der Malayen mit den Singhalesen, die ich vor neun zehn Jahren in Ceylon genau kennen gelernt hatte, fand ich sowohl im Aeußeren als im Charakter manche Aehnlichkeit, die durch Anpassung an die gleichen Bedingungen eines sorglosen und glücklichen Lebens in der Fülle der Tropennatur zu erklären ist. Und doch empfand ich tef den durchgreifenden Unterschied zwischen beiden Rassen, der sich duich Vererbung von zwei verschiedenen, seit Jahrtausenden getrennten Rassen- stämmen erklärt. Die Singhalesen gehören dem großen südöstlich! Zweige der arischen oder indogermanischen Rasse an; sie sind lockenhaari;; die schlichthaarigen Malayen dagegen sind näher der mongolischen Völkcr- familie verwandt, zu der die Chinesen und Japaner gehören. Währerd aber diese letzteren Culturvölker seit Jahrtausenden sich zu einer Hche der Civilisation erhoben haben, die derjenigen der arischen Rasse meng nachsteht, sind selbst die höheren Glieder der malayischen Rasse imner der Stufe der Barbarvölker stehen geblieben.Königspalmc in Bcutcnzorg. 235 Fig. 72. Königspalme kOrvockox regia) in der Nähe der Wohnung von Professor Treub im Garten von Beutenzorg. Der kerzengrade weiße Stamm dieser schönen Palme trägt oben einen hellgrünen tegel- fölmigen Aufsatz, die Blattscheide, welche die Stiele der dunkelgriinen, schön geschwungenen Fiederblätter umfaßt.Fig. 73. Insel Lingga in der Malakka-Llraße. Zehntes Capltel. Bon Zumatra nn Zeno. wYuf keiner meiner vielen Seereisen habe ich so sehr in den besonderen W Charakter der Jnselbildungen mich vertieft, mich so an dem reinen Jnselgenuß erfreut, ivie auf dieser meiner letzten großen Reise. Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle!" Dieses Wort von Goethe kam mir oft wieder auf dieser malayischen Reise in den Sinn, als ich Hunderte von größeren und kleineren grünen Inseln vom Bord des Dampfers an mir vorüber gleiten sah, als ich aus zwei der größten und schönsten Inseln der Erde, aus Java und Sumatra, ihre großartige vulcanische Natur, ihre reiche tropische Thier- und Pflanzen bevölkerung, ihre naturwüchsigen Menschenrassen studiren konnte.Reiz der Insel-Bildungen. 237 Als Achtjähriger Knabe hatte ich kein Buch lieber als Robinson Crusoe", and in vielen Jugendträumen spielte das einsame Naturleben auf einer entfernten Insel eine Hauptrolle. Als zwanzigjähriger Student konnte ich im Herbst 1854 zum ersten Male auf Helgoland einen Monat auf einer Insel verleben: unter der Leitung meines großen Meisters Johannes Müller lernte ich dort die wunderbare Thier- und Pflanzen welt des Meeres kennen, deren Erforschung später mein Lieblingsstudium wurde. Mächtig wuchs diese Neigung, als ich fünf Jahre später ein ganzes Jahr in Italien verweilte und auf Capri und Jschia, besonders aber auf Sicilien die eigenthümlichen Reize der mediterranen Jnselnatur eingehender studiren konnte. Die dort gewonnene reiche Ernte an Natur- erkenntniß wurde für mich der Anlaß, später noch viele andere Jnselreisen, sowohl im östlichen als im westlichen Mittelmeere, auszuführen. Den Winter von 1866 auf 1867 brachte ich den carrarischen Inseln zu und lernte Madeira und Teneriffa, auf Gran Canaria und Lanzerote wieder einen ganz anders gearteten vulcanischen Archipel kennen. Als ich dann endlich 1881 den kühnsten Traum meiner Jugend verwirklichen und die ersehnte erste Tropenreise ausführen konnte, da glaubte ich, in der herrlichen Wunderinsel Ceylon nicht nur die reichste Entfaltung des or ganischen Lebens, sondern auch die anziehendste Jnselbildung gefunden zu haben. Jetzt, auf der Rückreise von Jnsulinde nach Jena, kamen mir alle diese früheren Eindrücke wieder lebhaft in Erinnerung und forderten mich auf, sie mit den neu gewonnenen Anschauungen des letzten halben Jahres zu vergleichen, lind da konnte ich mir denn klar machen, daß diese letzteren abermals eine neue große Bereicherung der Naturerkenntniß und des Naturgenusses für mich bedeuteten. Ceylon ist zwar in mancher Be ziehung noch interessanter und reicher als Java und Sumatra; aber in anderen Beziehungen sind wieder diese letzteren Inseln der elfteren über legen. Eine eingehende Vergleichung derselben sowohl vom Gesichts punkte der Kunst als der Wissenschaft lehrt uns, daß die unermeßliche Schöpferkraft unserer Mutter Erde in jeder dieser Inseln ein neues und eigenartiges individuelles Gebilde hervorgebracht hat. Fragen wir uns, worin denn eigentlich der eigenthümliche Reiz der Inseln, ihre mächtige Anziehungskraft für viele Naturforscher insbe sondere besteht, so finden wir ihn zunächst wohl in der geschlossenen Einheit dieser geographischen Individuen, in der Eigenthümlichkeit ihres geologischen und biologischen Charakters, in ihrer Verschiedenheit von den näheren oder ferneren Nachbargebieten. Den wahren Schlüssel zum Ver-238 Tie biologische Bedeutung der Inseln. ständiüß dieses individuellen Charakters aber hat uns erst nsere moderne Entwicklungslehre gegeben. Die Geologie hat uns gelehrt wie die Inseln und ihre Bevölkerung sehr verschiedenen Ursprungs sind. Die meisten und größten sind Continentalinseln, die früher mildem benachbarten Festlande in Zusammenhang gestanden haben und durch Senkung des Meeresbodens davon abgetrennt worden sind; so Ciiloit und die großen Sundainseln: Java. Sumatra, Borneo. Davon ganz verschieden sind die oceairischen Inseln (oft auch als paratische Eilande" bezeichnet); sie sind unabhängig vom benachbarte Feslande aus dem Meeresboden emporgestiegen, entweder in Folge vulcaiischer Eruptionen (z. B. die canarischen Inseln) oder durch das Wachthum von Korallenstvcken, oder durch die vereinigte Thätigkeit beider Fatoren (wie die meisten Koralleninseln" der Tropenzone). Als eine dritte Gruppe kann man die unbedeutenden Cvrrenteninseln oder Schwemminseln unterscheiden; sie verdanken ihre Entstehung den Cor- renten oder Meeresströmungen, welche besonders an flachen und laamen- reichen Küsten Sand, Schlamm, zerriebenes Korallengestein u. deril. zu sammen führen und anschwemmen. Weiterhin ist aber das biologische Studium der Insel: von ganz besonderer Bedeutung für die Descendenztheorie gewordei; die Fülle von merkwürdigen Thatsachcn, welche uns die eigenthiimliche fäuiia und Flora der Inseln und ihre Beziehungen zu den benachbarten Inseln und Festländern bieten, ist nur zu erklären durch unsere moderte Ab stammungslehre und die eng damit verknüpfte Migrationstheorü, die Lehre von der Wanderung und Verbreitung der Thier- und Pflinzen- arten. Das hatte zuerst Charles Darwin klar erkannt; in einem epochemachenden Hauptwerk lieber die Entstehung der Arten dtirch natürliche Zuchtwahl" (1859) sind zivei von den vierzehn Capiteln der geographischen Verbreitung gewidmet. In der umfassenden geistreichen Weise, mit der der große englische Naturforscher Tausende von That- sachen einheitlich zusammen zu fassen und durch eine einfache gmiein- same Ursache zu erklären verstand, hat er hier die verwickelten Erschei nungen der Chorologie oder biologischen Geographie und Topographie" erläutert. Alle diese Thatsachcn erklären sich sehr einfach durch die An nahme gemeinsamer Abstammung der Arten, ihre Ausbreitung durch Wanderung und Entstehung neuer Formen durch Anpassung an die neuen Existenzbedingungen in den neu besiedelten Gebieten. Dabei sind besonders wichtig die natürlichen Schranken, welche sich den Wanderungen aus einem Gebiete in das andere entgegen stellen, und die IsolirungDie Inseln und die Dejccndcnztheorie. 239 oder Separation in abgeschlossenen Gebieten. Diese Verhältnisse hat später besonders Moritz Wagner erörtert und darauf eine besondere Migrationstheorie" gegründet. Daß diese letztere nicht im Gegensätze zum eigentlichen Darwinismus", d. h. zur Selections- theorie", steht, sondern vielmehr in deren Rahmen als wesentlicher Be- standtheil einzuschließen ist, habe ich im vierzehnten Capitel meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte" zu zeigen versucht. Da kein einziger Gegner der Descendenztheorie eine andere Erklärung für die mannig faltigen Thatß chen der Chorologie oder Verbreitungslehre" zu geben vermocht ha , so erblicken wir in diesen letzteren gewichtige indirecte Beweise" für die Wahrheit der ersteren. Nun ist aber für diese bedeutungsvollen Fragen kein anderer Theil der Erde von so großem Interesse als unser schönes Insulin de, das ausgedehnte Jnselgebiet, dessen Flächenraum mehr als zwei Millionen Quadratkilometer betrügt, nahezu das Vierfache vom Areal unseres neuen Deutschen Reiches. Nicht allein an Zahl und Größe seiner Inseln, sondern auch au Reichthum und Mannigfaltigkeit der Bevölkerung von Menschen, Thicren und Pflanzen iibertrifft der malayische Archipel weit aus alle anderen Jnselgebiete der Erde. Er hat daher naturgemäß für unsere moderne Chorologie und die darauf mitgestützte Descendenz theorie eine ganz besondere Bedeutung gewonnen und auf zahlreiche Naturforscher eiue vorzügliche Anziehungskraft ausgeübt. Die merk würdigen Thatsachen dieser Malayischen Chorologie" waren es, die vor vierundvierzig Jahren den verdienstvollen englischen Naturforscher Alfred Wallace, unabhängig von Darwin, zu dem wichtigen Grund gedanken der Selectioustheorie führten, und zugleich zu jener Scheidung des östlichen austral-malapischeu und des westlichen indv- malayischen Archipels, welche ich früher in dem Reisebricfe über Sumatra besprochen habe (S. 177). In einem besonderen größeren Werke über Islanck life“ hat Wallace später (1880) die vielen verwickelten Probleme eingehend erörtert, welche die geologischen und chorologischen Veränder ungen dieses wunderbaren Jnselgebiets uns stellen ). Daß ich in meinen anspruchslosen Malayischen Reisebriefen" dieses Gebiet kurz als I n s u l n d e" bezeichnet habe, ist mehrfach getadelt worden, und ein Kritiker fand, daß ich diesen Namen nicht mit be sonderem Geschmacke" geschaffen habe. Diesen Vorwurf muß ich deshalb ablehnen, weil jene kurze und bequeme Bezeichnung für den ostindischen ) Vergl. die inchrerwahnten Reisen von Scmon, Kükenthal, Mar Weber u. A.240 Ziy ulliide und Multatuli. oder malayischen Archipel nicht von mir herrührt, sondern seit vierzig Jahren daselbst im Gebrauch ist. Viele Hvtels in den größeren Städten vvn Java und Sumatra führen den Titel Jnsulinde", und in vielen holländischen Erzählungen und Dichtungen wird dieser Name ebenfalls gebraucht. Dagegen ist die später statt dessen vorgeschlagene Bezeichnung Indonesien" nicht in weiteren Gebrauch gekommen. Der Autor des Namens Jnsulinde" ist der bekannte holländische Schriftsteller und Politiker Eduard Do uw es Dekker, welcher 1860 unter dem Pseudonym Multatuli den berühmten Tendenzroman Max Havelaar" veröffentlichte. Dieser merkwürdige Roman enthält eine höchst lebendige Schilderung der javanischen Verhältnisse, die Dekker als dortiger Re gierungsbeamter (zuletzt Assistentresident von Labak) in den Jahren 1840 1857 gründlich kennen lernte. Die Enthüllungen, die er darin über das Leben der unterdrückten Eingeborenen in diesem tropischen Paradiese machte, iiber die grausame Tyrannei der indischen Fiirsteu rind die herzlose Habgier der mit ihnen verbündeten holländischen Kaufleute, erregten damals in Holland ein ähnliches Aufsehen wie in Nordamerika acht Jahre früher der berühmte Rvmnn von Harriei Beecher-Stowe: Onkel Tom s Hütte". Wie dieses letztere Buch sehr viel zur Aufhebung der Sklaverei beitrug, sv auch Max Havelaar" zur Beseitigung vieler schwerer Mißstände in der Regierung der indischen Colonien. Im klebrigen war Multatuli ein zu großer I d e a I st, um durch seine späteren Schriften bedeutende praktische Erfolge zu erzielen; seine späteren ungliicklichen Lebensverhältnisse (insbesondere die merkwürdigen Be ziehungen zu seinen zwei Frauen) sind jedoch geeignet, für den auf opfernden Altruisten vielfach herzliche Theilnahme zu erwecken. Außer mehreren holländischen Biographien desselben (von Bosmacr u. !(.) ist 1899 auch eine deutsche von Spohr erschienen. Während meines fünfmonatlichen Aufenthaltes in Jnsulinde wai häufig von Multatuli die Rede, und die bedeutenden neueren Reformen des niederländischen Colonialsystems, zu denen er vielfach die Anregung gab, wurden sehr anerkannt. Auf diese politischen rind national- ökonomischen Verhältnisse hier näher einzugehen, will ich schon deswegen unterlassen, weil mein werther jüngerer College, Professor Günther Anton aus Jena, der gleichzeitig mit mir auf Java und Sumatra reiste, gegenwärtig mit Ausarbeitung eines besonderen Werkes darüber beschäftigt ist. Daß das gegenwärtige holländische Regierungss y NI in Jnsulinde, im Ganzen betrachtet, vortrefflich ist, und daß es in vielerColomal-Rkcherttiig der Holländer. 241 Beziehung allen anderen Colonial-Regierungen, insbesondere auch der englischen und deutschen, als Muster empfohlen werden kann, darüber sind Wallace und die meisten neueren Reisenden einig. Das beste Zeugnis; dafür ist der blühende Zustand von Java selbst, von ihrer reichsten und wichtigsten Cownie. Die Bevölkerung der Insel hat sich während des neunzehnten Jahrhunderts um das Achtfache vermehrt, von 3 Millionen auf mehr als 24 Millionen. Die malayische Bevölkerung erfreut sich inmitten ihrer paradiesischen Natur eines allgemeinen Wohl standes und des höchsten Glückes, der Zufriedenheit. Nur auf zwei Punkte möchte ich dabei noch besonders aufmerksam machen, weil wir sie in unseren neuen deutschen Colonien zu unserem großen Nach theil nicht berücksichtigen; erstens, daß man die Eingeborenen, größten Theils Malayen, in ihren nationalen Gewohnheiten und Sitten möglichst ungestört läßt, und zweitens, daß man sie mit den gewaltsamen Be kehrungs-Versuchen der Mission verschont. Was zunächst die Verhältnisse der inneren Regierung und Ver waltung von Jnsuliude betrifft, io haben es die Holländer vortrefflich verstanden, die Eingeborenen selbst dazu möglichst weitgehend zu ver wenden und doch dabei ihrer Oberleitung stets die unbedingte Autorität zu sichern. Befreit von der drückenden Tyrannei und Willkür ihrer früheren malayischen Fürsten, fühlen sich die Eingeborenen unter dem klugen und wohlwollenden Regiment der Holländer sehr zufrieden. Ihre Sprache und die altererbten Vvlkssitteu werden geschont, und für den Unterricht wird nur so viel gethan, als für die niedere geistige Capacität der malayischen Rasse wünscheuswerth und zweckmäßig erscheint. Da gegen vermeidet man es, denselben diejenigen Verhältnisse der europäischen Civilisativu aufzwingen zu wollen, die zwar uns selbst sehr wichtig und wünschenswerth erscheinen, aber Jenen weder ivillkommeu noch nützlich sind. In dieser Beziehung können unsere deutschen Colonialbeamten noch sehr viel von den praktischen Holländern lernen. Dasselbe gilt von den Verhältnissen des religiösen Lebens; jede zwangsweise Bekehrung zu einer Confession wird vermieden und die Thätigkcit der Missionen möglichst eingeschränkt. Die segensreiche Folge davon ist der religiöse Friede, der jeden freier denkenden Europäer höchst angenehm berührt und von den widerwärtigen Con- fessionskämpfen in Europa sehr vortheilhaft absticht. Ausfallen wird dem Reisenden im größten Theil von Jnsulinde das Zurücktreten des religiösen Cultus überhaupt; von Priestern und Congregativneu sieht man nur wenig und ebenso von kirchlichen Festen und Feiern. Und doch reist Haeckel, Jmsulinde. 16242 Stellung der Frau in Iusuliude. man durch den größten Theit des niederländischen Archipels ins besondere durch ganz Java sicherer und ruhiger als durch vste Theile von Europa. Zumeist liegt es wohl an dem sanften und untemiürfigen Charakter der Malaien und den geordneten Verhältnissen der Verwaltung, gewiß aber auch an der Toleranz der verschiedenen nebeneinander bestehenden Confessionen. In ihrer großen Mehrzahl sind die Malapen Bekenner des ^Slam; aber der mohammedanische Cultus und Glauben, der hier nckgegen- tritt, ist himmelweit verschieden von demjenigen, welchen wir in Orient, in der Türkei und Aegypten, in Algier und Marokko antreffm. Von dein bekannten Fanatismus dieser mediterranen Jslambekenner st in den meisten Gegenden von Jnsulinde kaum etwas zu spüren; ausgmvnimen sind nur diejenigen Bezirke, aus welchen öfter zahlreiche Piger nach Mekka geschickt und dort von dem religiösen Wahnsinn der Amber an gesteckt werden so die Bewohner von Bantam in Westjava und von Lampongs in Ostsuinatra. Eine Hauptursache der großen Verschiedenheit zwischen dnn arabi schen Islam in den mediterranen Ländern und dem malapischm Islam von Jnsulinde scheint mir durch die ganz verschiedene Stellung der F r a u in beiden Gebieten gegeben zu sein. Im mediterranen Orient wird die Frau voin öffentlichen Leben streng abgeschlossen und ini Harem ein gesperrt; wenn sie auf die Straße geht, darf sie nur tief verschleiert und womöglich in Begleitung erscheinen. Davon ist in Jnsulinde gar keine Rede; der Verkehr beider Geschlechter ist hier ganz zwangslos. Die malayischen Frauen in Java und Sumatra gehen größtentheils ganz ohne Schleier und sind nicht entfernt von so eifersüchtiger Neberivachung gequält, wie es dort der Fall ist. Auch ist hier die Ehescheidung sehr leicht; sie kostet nur ein paar Gulden und wird oft geübt sehr zum Vortheil der beiden Gatten, die nicht durch Liebe zusammen ge halten werden. Auch kommt es nicht selten vor, daß geschiedene Ehe leute nach einiger Zeit sich wieder vereinigen. Da die Malapen sehr kinderlieb, und ihre Kinder gewöhnlich allerliebste Geschöpfchen sind, nehmen sie auch keinen Anstoß daran, wenn die Frau ihrem Manne gleich einige muntere Kinderchen in die Ehe mitbringt. Freilich werden diese vielen Europäern entsetzlich erscheinenden Verhältnisse auch dadurch begünstigt, daß der Lebensunterhalt der anspruchslosen Malapen sehr billig ist; für die tägliche Nahrung der Person genügen 15 bis 20 Pfennige. Die große Toleranz, welche die Holländer in ihren Colonien, sehr zum Vortheil derselben, iiben, hängt zum Theil auch mit dem UmstandeReligiöser Frieden in Jnsulinde. 243 zusammen, daß unsere batavischen Vettern in Bezug aus religiöse Duldung und Gedankenfreiheit uns Deutschen weit überlegen sind. Bei uns wird neuerdings wieder der wahre Glaube" an bestimmte Dogmen, die Lehre von traditionellen Offenbarungen", die unserer wissenschaftlichen Weltanschauung geradezu widersprechen, als heilige Pflecht gepredigt; die Cvnfessiou wird als Grundlage des Unterrichts und der Bildung hin gestellt. Leider kann nur Niemand sagen, welches der wahre Glaube" und welches die echteConfession" ist. Denn jede von den vielen widersprechenden Glaubenslehren behauptet mit gleichem Rechte von sicli dasselbe. Daher haben die tüchtigsten und fortgeschrittensten Culttirstaaten, wie Holland und Nord-Amerika, den confessionellen Religionsunterricht aus den öffentlichen Schulen iiberhaupt verbannt und denselben als Privatsache dem Belieben der Eltern überlassen. In vielen Gesprächen, die ich darüber mit hochgebildeten Holländern in Java und Sumatra hatte, wurde der treffliche Erfolg dieses Systems gerühmt und zugleich der Verwunderung darüber Ausdruck gegeben, daß das neue Deutsche Reich in dieser Beziehung auf dem überwundenen Standpunkte des Mittelalters stehen geblieben sei. Ich mußte leider zugeben, daß die Malayen von Jnsulinde in diesen und anderen Beziehungen bessere und vernünftigere Verhältnisse genießen, als wir Germanen im Centrum von Europa. Die freundliche Theilnahme, welche die Leser meinen zwanglosen Malayischen Reisebriefen" bisher geschenkt haben, verpflichtet mich, ihnen auch von meiner Heimreise noch einen kurzen Bericht abzustatten. Sie verlief sehr angenehm und glücklich, so daß ich beim Abschlüsse derselben, am 31. März in Neapel landend, das alte Sprichivurt gelten lassen konnte: Ende gut, Alles gut!" In der That vereinigten sich alle Um stände, um meine Rückreise mit freundlichen Eindrücken auszustatten: Vortreffliche Schiffe, schönstes Frühlingswetter, ruhige und schnelle See fahrt, anregende Gesellschaft und endlich das Beste bei der Heimkehr von allen Tropenreisen: die frohe Zuversicht, bald wieder in die alt gewohnten Geleise der gemüthvollen Häuslichkeit und des europäischen Geisteslebens mit seinen vielseitigen Anregungen einzutreten. Der niederländische Dampfer Soembing", von Rotterdam kommend, traf etivas verspätet am frühen Morgen des 5. März in Padang ein und fuhr schon nach wenigen Stunden Aufenthalt nach Batavia weiter. Meine lieben Gastfreunde, die Familie Delprat und der Consul Schild, begleiteten mich an Bord und empfingen dort den letzten Aus- 16 244 Abschied von Jnsulindc. druck meines herzlichen Dankes für das viele Gute und Schere, das ich während meines Aufenthaltes van ihnen erhalten hatte. Da unser Schiff ziemlich weiten Abstand von der Kiiste einhielt, erfreuin wir uns noch zwei Tage lang an dem großartigen Anblick des mächtign Barisan- Gebirges, dessen langgestreckte blaue Gipfelkette sich hock über den grünen Vorbergen und zahlreichen Inseln des Küstensaunes erhob. Prachtvoll waren die beiden milden Nächte, in denen der Vvllnond seinen Hellen Silberglanz über die dunklen Flutheu des leichtbemegen Oceans ergoß. Einen Tag Aufenthalt in Batavia benutzte ich noch zu lerschiedenen Besorgungen und Einkäufen. Ich genoß diesmal die lielenswürd.ge Gastfreundschaft unseres vortrefflichen deutschen Consuls, Herrn Bin Syburg. Ein herrlicher Waringinbaum (Heus benjamina), der m Vorgarten seiner schönen Wohnung stand, lieferte mir Stoff zu meimm letzten Aquarell von Java; die gewaltige Krone dieses Fägenbaunes beschattete einen Raum, unter welchem viele Hütten Platz gembt hättm. Ein fröhliches Mittagessen in der angenehmen Gesellschaft des Mavr Müller und seiner Frau Gemahlin nahmen mir auf der schären Verarda des stattlichen Consulatsgebäudes ein. In dem Toast, weichen mene Freunde mir zum Abschluß weihten, wurde auch des Mo ukkenkrebcs Mimi" gedacht, des Limulus, von dem mir dieselben früher zwei schine Exemplare nach Beutenzorg gesandt hatten. Ich selbst aber gedahte dabei seines lieben Vetters, unseres einheimischen Flußkrebses, über deseu Nerven ich einst meine Doctordissertation geschrieben hatte. Zufällig var- gerade heute der Tag, an welchem ich auf Grund derselben vor ver- undvierzig Jahren in Berlin zum llr. med. promovirt worden war ln 7. März 1857). Am Abend dieses Tages nahm ich von der schönen Smaragdirsel Java Abschied und schiffte mich auf dem holländischen Danrffer Reael" ein, um in vier Tagen nach Penang zu fahren und dort en Anschluß an den Dampfer des Norddeutschen Lloyd zu erreichen. ln Bord des Reael" hatte ich das Vergnügen, das Ehepaar Geßuer mzu- treffen, welchem ich vor zwei Monaten in Brambanan einen Besuch rb- gestattet hatte; sie fuhren nach Deutschland zurück, wo ihre Söhne saon seit längerer Zeit die Schule besuchten; ich reiste in ihrer angenehuen Gesellschaft bis Genua. Da in Singapur neuerdings mehrere Pestfälle vorgekommen waen, berührten wir den Ort nicht, sondern fuhren direct durch die Malaka- straße nach Penang. Tags über gewährte mannigfache llnterhaltmgMedusen in der Malokka-Straße. 245 das Spiel ö 1 wechselnden Monsunwolken, deren hohe Thürine in langen Schaaren gireiht am Himmel aufzvgen; Abends bei Sonnenuntergang kleideten sie sich in die prächtigsten Farben. An der Oberfläche des Meeres ergihten uns Schwärme von munteren Delphinen, die in raschem Laufe das schiff begleiteten und oft ihre Springküuste zeigten. Da- zwischen ershienen Schaaren von großen blauen und gelben Medusen aus der Familie der Rhizostomen oder Wurzelquallen. Dieselben strahlten Fig. 74. Eine leilchtende Wurzelqualle (Rhizostoma), eine wurzelmündige Meduse aus der Ordnung der Scheibenquallen oder Discomedusen (Lychnorhiza lucerna). In halber natürlicher Größe. im Dunkeln ein intensives bläuliches Licht ans; im Kielwasser hinter dem Schiffe erschienen sie Abends als schwimmende Leuchtkugeln. Ein eigenthümliches Schauspiel gewährte das Meer, als wir am Nachmittag des 10. März den Aequator kreuzten; die Oberfläche war in weiter Ausdehnung, mehrere Stunden weit, rothgelb gefärbt, theils rein orangeroth, theils schmutzig lehmgelb. Bald erschien der ganze Meeres spiegel gleichmäßig gefärbt, bald von parallelen rothen, mehrere Meter246 Chromaceen int rothen Plankton. breiten Bändern durchzogen, welche mit ebenso breiten grünen Bändern ganz regelmäßig abwechselten; offenbar eine Wirkung des Wellenschlages. Als ich mittelst eines Eimers etwas von der rothen Masse an Bord ziehen ließ, erschien dieselbe dem unbewaffneten Auge im Glasgefäß bei durchfallendem Licht wie fein gehacktes gelbes Stroh, in feineren und gröberen Flocken zusammengehäuft. Die mikroskopische Untersuchung be stätigte meine Vermuthung, daß dieselben aus gewaltigen Anhäufungen jener kleinen, gelben llrpflänzchen bestehen, welche auch im Rothen Meer Vorkommen und demselben seinen Namen gegeben haben, ebenso wie auch dem chinesischen gelben Meere. Jede Flocke erscheint zusammengesetzt aus gekreuzten und mit einander durch Gallerte verklebten Fadenbündeln; jeder Faden besteht aus einer Reihe von kleinen, scheibenförmigen Zellen, die gleich den Münzen einer Geldrolle an einander gereiht sind. Die Chromaceen (oder Schizophyceen), zu welchen diese llrpflänzchen, Trichodesniiuin genannt, gehören, sind unseren Oscillarien tmd Rostocaceen des süßen Wassers nahe verwandt; sie werden gewöhnlich als einzellige Algen" bezeichnet. Indessen die echten Algen oder Tange sind vielzellige und gewebebildende Pflanzen; jene Protophyten dagegen bilden noch keine Gewebe; ja ihre sogenannten Zellen" sind noch nicht einmal echte Zellen, da sie des charakteristischen inneren Bestandtheiles derselben, des Zellkerns, entbehren. Eigentlich sind sie nur einfache, gefärbte Plasma körnchen, gleichwerthig den Chlorophyllkörnern in den Zellen der höheren Pflanzen; sie gehören zu den einfachsten uns bekannten Organismen und sind deshalb von höchstem theoretischem Interesse, weil sie eine starke Stütze für die Hypothese der Urzeugung oder Archigonie geben (der sogenannten Ueneratio spontaverU in einem ganz beschränkten Sinne!); sie machen uns begreiflich, wie im Beginne des organischen Lebens auf unserem Erdbälle die ersten und einfachsten Organismen durch Archigonie aus einfachen anorganischen Verbindungen entstanden sind. Da unser Schiff mit mäßiger Geschwindigkeit fuhr, war es möglich, durch wiederholtes Schöpfen mittelst eines herabgelassenen Eimers auch andere Bestandtheile des Plankton zti erbeuten, jenes angehäufren Auftriebs", der hier streckenweise in Gestalt bandförmiger Thier ströme (oder Zoocorrenten) die Oberfläche des Meeres in der Malakka- Straße bedeckt. Als überwiegende Bestandtheile desselben ergaben ich Milliarden von Glvbigerinen und Diatomeen. Die Globigerinen sind Wurzelfüßer oder Rhizopoden aus der Klasse der Kämmerlinge (Tiia- lamophora). Ihre vielkammerigen Kalkschalen sind mit sehr zahlreichen, langen und dünnen, strahligen Kalkstacheln bedeckt: diese dienen als(yiobigmnnt im Plankton. 247 Schwebe-Apparate und verhindern das Untersinken dieser einzelligen Ur- thiere. Nach dem Tvde derselben brechen jedoch die Stacheln ab, das lebendige Plasma in den Kammern der Schale verwest, und die leeren Schalen sinken langsam den Meeresboden herab. Hier hänfen sie Fug. 75. Eine Globigerine (Polythalamie mit langen strahligen Kalkstacheln) aus der Classe der Kämmerlinge (Thalomophora). Stark vergrößert. sich in ungeheuren Massen an und bilden den kreideartigen Globigerinen- Schtamm, dessen hohe Bedeutung der Challenger" nachgewiesen hat. Während die kalkschaligen Globigerinen, im Plankton massenhaft schwebend, den Stamm der Urthiere (Urotoxoa) vertreten, gesellen sich248 Diatomeen im Plankton. zu ihnen die kieselschaligen Diatomeen (Fig. 7 ) als ebenso charakte ristische Repräsentanten der Urpflanzen (I rotopb.vtlia). Gleich jenen elfteren sind auch diese letzteren einzellige Organismen (Protista); ihr ganzer lebender Körper hat nur den Formwerth einer einzigen ein fachen Zelle (ebenso wie das Ei der Pflanzen, Thiere und Menschen . Die zarte Kieselschale, welche den lebendigen Zellenkörper einschließt, be sitzt die Form einer Schachtel mit Deckel ( in Fig. 76 kreisrund ); sie zeichnet sich durch eine außerordentlich feine irnd mannigfaltige Skulptur ans. Die sehr kleinen und feinen Poren, welche die Schale durchbrechen, sind meist in regelmäßiger und eleganter Form geordnet. In Penang langten wir bereits in der Morgenfrühe des 12. März an. Die Muße dieses Tages benutzte ich zu einem längeren Besuche des schönen botanischen Gartens, den ich schon der Herreise bewundert und in meinem ersten Reisebriese er wähnt hatte. Damals, am Ende der hiesigen Regenzeit, prangte die ganze Vegetation im herrlichsten Grün; jetzt, in Folge längerer Trockenheit, waren die Rasenplätze gelb und viele Pflanzen verdorrt; die kühle, schattenreiche Schlucht Fig. 76 . Eine Diaiomee dcs aquaiorialcn Plankton mit dem Wasserfall erschien (Actinoptyqlia lieliopelta). Die Kieselschale, welche den einzelligen Plasmakörper einschließt, hat die Form einer jedoch UM so anziehender, kreisrunde Schachtel mit Deckel. Stark vergrößert. _ Eine große Anzahl prachtvoll blühender Orchideen gewährte besonderen Genuß. Gegen Abend machte ich noch mit meinem trefflichen Jenenser Kollegen Anton und seiner Frau Gemahlin, die gleich mir der Heimreise begriffen waren und mir eine angenehme Gesellschaft blieben, eine sehr unterhaltende Jinrikschafahrt durch die interessantesten Stadtviertel von Penang. Die drei bezopften chinesischen Kulis, welche uns im raschen Trabe durch die belebten Straßen fuhren, waren von rührendem Wetteifer erfüllt, sich zu übertreffen. Wir fuhren an der schölten Villa vorbei, in welcher ich auf der Herreise im September Herrn Max Heußp besucht hatte. Als ich den Besuch wiederholen ivollte, mußte ich zu meinem großen BedauernTer Prnchtdampfer Kiautschou". 249 erfahren, daß dieser liebenswürdige junge Mann inzwischen plötzlich ein Opfer der Dysenterie geworden sei. Am frühen Morgen des 13. März lief der erwartete Dampfer des Norddeutschen Lloyd in den Hafen von Penang ein und setzte seine Fahrt schon um 10 Uhr Vormittags fort. Es war das neue Prachtschiff Kiautschou", im Aufträge der Hainburg-Amerika-Linie erbaut und erst vor drei Monaten vom Stapel gelaufen; es kam gerade von seiner ersten Fahrt nach Ostasien zurück, welche es Weihnachten 1900 ange treten und mit glänzendem Erfolge bestanden hatte. Der gewaltige Koloß, doppelt so groß als die Oldenburg", auf der ich meine Hin reise nach Jnsulinde ausgeführt hatte, übertraf in jeder Beziehung alle anderen im Hafen von Penang ankernden Dampfer bei Weitem und er regte das Erstaunen der zahlreichen Besucher die in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes an Bord kamen. Alles, was ich in meinem ersten Malayischen Reisebriefe über die schöne und höchst zweckmäßige Einrich tung der Oldenburg" meinen Lesern erzählt habe, findet erhöhte An- wendung auf dieses Oceanungeheuer. Der Gehalt der Kiautschou" be trügt 10 000 Registertonnen, die tägliche Geschwindigkeit 330 340 See meilen; gegen 6000 Pferdekräfte sind dabei thätig. Die Besatzung be trägt über 200 Köpfe. Der schwimmende Palast der Kiautschou" ist in drei Theile ge schieden, von denen der mittlere die Passagiere erster, der Hintere die jenigen zweiter und der vordere die dritter Classe aufnimmt; über 2000 Personen finden auf ihr Platz. Das Mittelstück ist sechs Stock werke hoch, oben ein Sonnendeck", auf welchem vorn der Capitän und die Schiffsofficiere ihre Wohnungen und Arbeitsräume haben; darunter zwei Promenadendecke" mit gedeckter breiter Gallerie (oberes und unteres); dann folgt weiter unten das Oberdeck", darauf das Unter deck" , ganz unten endlich der tiefe Raum zur Aufnahme der Kohlen, Vorräthe n. s. w. Im Vorderthcile des oberen Promenadendecks be findet sich ein geräumiger Musik- und Lesesalon, darunter (im unteren Promenadendeck) ein prachtvoller Speisesnal, der die ganze Breite des Schiffes einnimmt. Die zahlreichen Cabinen sind höchst comfortabel ein gerichtet und mit allem erdenklichen Luxus ausgestattet. In jeder Cabine ist ein besonderer elektrischer Fächer angebracht, eine kleine Windmühle, deren Flügel durch Elektrieität in pfeilschnelle Umdrehungen versetzt werden und gleich einer Miniaturpunka beständig einen frischen Luftstrom erzeugen. Die elektrischen Lampen sind in allen Schiffs räumen, besonders aber in den Salons, in so großer Zahl angebracht.250 Der Prachtdampser Kiautschou". daß das großartige schwimmende Hotel Abends einen märchenhaften Glanz verbreitet. Daß Verpflegung und Bedienung auf der Kiautschou" nicht hinter den ausgezeichneten, früher geschilderten Verhältnissen der Oldenburg" zurückstehen, versteht sich von selbst. Auch der verwöhnteste Reisende, der in den großen continentalen Hotels ersten Ranges die höchsten An- sprüche zu machen gewohnt ist, kann hier alle seine Wünsche befriedigen. Das gilt insbesondere von den lucullischen Mahlzeiten, der feinen Ham burger Küche und den auserlesenen Getränken. Das beste Münchener Bier, Eis gelegen und frisch vom Fasse verzapft, ist jetzt als Specialität der Norddeutschen Lloyddampfer in ganz Ostasien berühmt; auch auf unserem Schiffe fand es so allgemeinen und anhaltenden Beifall, daß der riesige Vorrath trotz seiner unglaublichen Ausdehnung doch noch vor Ende der Reise erschöpft war. Außerdem war für musikalische Unkerhaltting sowohl täglich durch die regelmäßigen doppelten Concerte der trefflichen Schiffscapelle gesorgt, als auch durch Gesangs und Jnstrumentalvorträge von verschiedenen Passagieren. Nicht minder war Gelegenheit für Spiele und unterhaltende Lectüre aller Art geboten. Da der Andrang von Passagieren für diese erste Rückfahrt des Kiautschou" sehr groß war, mußte ich es mit besonderem Danke aner kennen, daß mir von der Direktion des Norddeutschen Lloyd auch dies mal, ebenso wie auf der Hinreise, eine eigene gute Cabine zum aus schließlichen Gebrauche reservirt war. Als ich an Bord kam, fand ich dieselbe mit dem Bilde Darwin s geschmückt, und mit schönen Farn kräutern und Blumen, darunter die Oloriosa superbu, die rvthe Pracht lilie von Indien. Diese freudige Neberraschung verdankte ich einem früheren Schüler, dem Schiffsarzte l r. Wilhelm Specht aus Hamburg, der vor sechs Jahren meine Vorlesungen und zoologischen Hebungen in Jena mit besonderem Eifer und Fleiße besucht hatte. Er nahm sich auch der fortgesetzten Behandlung meines steif gewordenen Kniegelenks mit größter Sorgfalt an, so daß ich drei Wochen später wieder leidlich gehen konnte. Auch die täglichen Mahlzeiten nahm ich zusammen mit ihm und einem sehr intelligenten englischen Arzt, Dr. Tunzelmann, ein, den ich schon in Singapur kennen gelernt hatte. Wir saßen mit der liebenswürdigen Gemahlin des Letzteren, mit einem aus China zurückkehrenden russischen Fregatlen- capitän, von Ketteler, und einem angenehmen deutschen Tabakpflanzer Sumatra zusammen an einem der zahlreichen kleinen Tische, die an den Seitenwänden des großen Speisesaals vertheilt waren: ich denkeTie Schiffe des Norddeutschen Lloyd". 251 noch mit Vergnügen an die vielseitig anregende Unterhaltung zuriick, die das behagliche Mahl würzte. Die grvße Mehrzahl der Passagiere erster Classe (über 250) nahm bei den Mahlzeiten an vier langen Tafeln Platz, die regelmäßig besetzt waren, da leise Anfälle von Seekrankheit sich nur selten bei einigen be sonders nervösen Damett bemerkbar machten. Die schwer belastete Kiautschou", deren ungeheure Laderäume fast ganz gestillt waren, durch- schnitt mit ihrem gewaltigen Körper die bewegte Meeresfluth so ruhig und unerschütterlich, wie einen stillen Landsee. Selbst an den wenigen Tagen, an welchen ein frischer Gegenwind die schäumenden Wellen höher empor warf, rvurde dadurch der ruhige stete Gang des Riesenschiffes nicht gestört. Mehr als die Hälfte der Passagiere erster Classe auf unserer Kiautschou" waren Engländer, die aus dem östlichen und südlichen Asien nach Europa heimkehrten; und wie ich hörte, ist das jetzt der ge wöhnliche Fall bei den Dampfern des Norddeutschen Lloyd. Es ist gewiß kein geringer Triumph für unsere angesehenste deutsche Dampf schifffahrtsgesellschaft, daß sie in der scharfen Concurrenz auf dem wichtigen Handels- und Verkehrswege nach Ostasien alle übrigen Nationen überflügelt und sogar die gefürchtete I\- and O.-Sinic völlig besiegt hat. Diese letztere die englische Peninsular- and Oriental-Steam-Navigation- Company“ war früher allmächtig und galt noch vor 20 Jahren, als ich meine Reise nach Ceylon antrat, als die schnellste von allen Linien. Die meisten Engländer zogen sie den anderen Linien vor. Der Tadel, den ick) damals (auf Grund vieler schlimmer Erfahrungen von anderen Reisenden) in meinen Indischen Reisebriefen" (S. 23) über die P.- and .-Linie aussprach, veranlaßte eine öffentliche Entgegnung eines Freundes der Letzteren. Inzwischen hat der Erfolg gezeigt, daß ich Recht hatte. Die große Mehrzahl der englischen Reisenden zieht heute die Beförderung auf unseren Norddeutschen Lloydschiffen vor, die jenen an Geschwindig- keit und Sicherheit nichts nachgeben, ihnen, aber in Bezug auf freundliche Bedienung und gute Beköstigung iveit überlegen sind. Die kleinere Hälfte unserer Passagiere erster Classe bestand aus Deutschen und Holländern; diese hielten auch bei Tisch gut zusammen. Dagegen bestand zwischen ihnen und den Engländern größtentheils eine scharfe, auch räumlich durchgeführte Trennung. Die Ursache derselben bildete nicht so sehr der ausgeprägte und gewohnte englische National stolz, als vielmehr die allgemeine Entrüstung über den südafrikanischen Krieg, die sich nirgends so eifrig und von ganzer Seele äußerte, als bei252 (itne englische Walküre. den den Boeren stammverwandten Holländern. Ich mar erstaunt über die Heftigkeit, mit der in Java und Sumatra täglich dieser Krieg ver- urtheilt, jeder Sieg der Boeren und jede Niederlage der Engländer von den sonst so ruhigen Holländern bejubelt ward. Ich selbst schreibe das nur nnt tiefem Bedauern; denn ich stehe seit mehr als vierzig Jahren in den nächsten Beziehungen zu den wissenschaftlichen Kreisen Gros;- brittanniens; ich bewundere aufrichtig eine Nation, die auf so vielen Culturpfaden den übrigen europäischen Nationen voran gegangen ist und den Weg geebnet hat, eine Nation, der wir die wichtigsten politischen und socialen Fortschritte verdanken, eine Nation, die viele der größten Geister hervorgebracht hat. Um so mehr bedauere ich den rücksichtslosen nationalen Egoismus der Britten und ihr Streben nach einer Universalherrschaft, die keiner anderen Nation neben sich Erfolge gönnt und Alles unter ihr eigenes Scepter beugen will und das Alles unter der hochgetragenen Fahne einer christlichen Kirche, die den Alt en s m u s predigt und den Egoismus verwirft! Für die englische Gesellschaft auf unserer Kiantschou" war es von besonderem Nachtheil, daß sich unter ihnen eine robuste Jungfrau befand, die ihren Mangel an Jugend und Schönheit durch ein höchst anmaßen des und unweibliches Benehmen auszugleichen suchte. Unter dem festen Tritte ihrer knochigen Figur ertönte während ihres täglichen Dauerlaufes das obere Promenadendeck; am Clavier schmetterte sie Arien mit solcher Vehemenz, daß der ganze Salon erzitterte; bei den Tanzvergnügen Abends hüllte sie ihren Oberkörper in so zartes durchsichtiges Schleier- gewand, daß das geübte Auge eines Bildhauers auf den ersten Blick ihre Untauglichkeit zum Modell erkannte; bei Tische endlich brach sie während ihrer überlauten Unterhaltung oft in so wieherndes Gelächter aus, daß die erstaunten Gesichter von mehr als zweihundert Tischgenossen sich plötzlich auf sie concentrirten. Erst als die nächsten Nachbartische den Angriffen der Walküre nicht mehr widerstanden und das Feld räumten, nahm sie in Sprache und Gebärden etwas gemäßigtere Manieren an. Ich hatte verniuthet, daß sie aus den Felsengebirgen Nvrdamerika s stamme und Europa s iibertünchte Höflichkeit nicht kannte". Um so mehr war ich erstaunt, zu hören, daß sie einem angesehenen Kreise Alt- englands angehöre. Jedenfalls ist sie nur als eine seltene Ausnahme zu betrachten; es war sehr charakteristisch, daß einige feine und sehr ge bildete englische Damen, mit denen ich mich öfter unterhielt, unauf gefordert ihre Beschämung über die seltsame Landsmännin bekannten und mich baten, ich möchte sie als eine exceptionelle Erscheinung ansehen.Ter Maler Wcreschtschagin. 253 Außer den schon genannten Landsleuten hatte mir der Zufall auch noch mehrere andere angenehme Reisegefährten auf der Kiautschou" zugeführt; unter Anderen zwei geniale Künstler: den berühmten Maler Wassili Wereschtschagin und den jugendlichen Prager Radirer und Holz schnittzeichner Emil Orlik. Der Letztere kehrte von einem einjährigen Aufenthalte in Japan zurück und zeigte mir zahlreiche interessante Skizzen und Studien, die er in diesem merkwürdigen Lande der ausgehenden Sonne gezeichnet hatte. Wereschtschagin befand sich auf der Heimreise von den Philippinen, wo er Studien für neue Kriegsbilder gesammelt hatte. Großes Aufsehen erregten bekanntlich vor zwanzig Jahren die Bilder aus dem letzten russisch-türkischen Kriege, in denen er durch drastische Schilderung der Kriegsgräuel die Propaganda des Friedens zu fördern sucht, ferner vor fünfzehn Jahren die realistischen Bilder aus der heiligen Geschichte, in der er die wichtigsten Lebensmomente Christi in dem wahren ethnographischen und geographischen Charakter von Palästina darstellt. Die außerordentliche Vielseitigkeit dieses fruchtbaren Malers mußte ich später auf Collectivansstellungen in Berlin, München und Frankfurt a. M. ivicder- holt bewundern. Die Natnrtreue insbesondere, mit der er zahlreiche Porträts und Genrebilder des Orients, großartige Landschaften und Archi tekturen Indiens ausgeführt hatte, erregten meine aufrichtige Bewunderung. Sie vermehrte sich noch, als ich 1897 in Moskau, in der reichen Galerie Tretjakoff, eine Anzahl anderer hervorragender Gemälde von ihm kennen lernte. Es war mir daher sehr interessant, auf unserer gemeinsamen Seefahrt mit diesem großen Künstler persönlich mehrere Wochen zu ver kehren, und in seinen aufrichtigen Aeußerungen über Natur- und Menschen leben mich an jener Reife des llrtheils und an jenem umfassenden Blick des Geistes zu erfreuen, welche die Frucht ausgedehnter Reisen in fremden Ländern und reicher persönlicher Erfahrungen sind. Bei Wereschtschagin kommt dazu noch, daß er größtenteils Autodidakt ist und daß seine Großmutter eine Tatarin war. Er ist mit neunundfünfzig Jahren noch jetzt ein schöner, stattlicher Mann, mit langem grauen Barte, höchst lebendigen Augen und sehr angenehmer Unterhaltungsgabe. Die Bekanntschaft mit vielen gebildeten und erfahrenen Männern verschiedenster Art, welche man solchen weiten Reisen macht, und besonders der ungezwungene, allseitig anregende Verkehr an Bord eines großen Dampfschiffes, bereichert uns mit einer Fülle interessanter Betrachtungen und gehört nicht zu den geringsten Früchten einer solchen mühseligen und kostspieligen Reise. Im Wechselgespräch über die beider seitigen Erlebnisse, im Austausch der Ansichten über die gemachten Er-254 Unterhaltung auf den, Ocean-Dampfer. fahrungen erweitert sich unser Blick und schärft sich unser Urtheil. Gleich zeitig aber werden wir auch milder und toleranter gestimmt; denn wir überzeugen uns immer klarer uitd fester, daß der Mensch im Grunde überall derselbe bleibt, daß die Verantwortlichkeit des Menschen für seine guten und bösen Handlungen nicht auf einer mystischen Willensfreiheit" beruht, sondern das nothwendige Product von zwei großen, in steter Wechselwirkung befindlichen Factoren ist: einerseits der angeborenen körper lichen und geistigen Eigenschaften der individuellen Persönlichkeit, die durch Vererbung von Eltern und Vorfahren bedingt sind; andererseits der ver änderlichen Existenzbedingungen, der mannigfaltigen Einflüsse der Außen welt, an welchen der Organismus durch Anpassung gewöhnt ivird. Ein anderer großer Vortheil ist die Jsolirnng von der Heimath und ihren Gewohnheiten, die Befreiung von der Last der Arbeiten und Ge schäfte, mit denen man zu Hause niemals fertig wird. Insbesondere empfand ich abermals auf dieser Reise nach und von Jnsulinde als be sondere Wohlthat die Sicherheit vor der Post, die uns mitten im Ocean weder mit Zeitnngsklatsch und Correcturplagen, noch mit überflüssiger Correspondenz erreichen kann. Viel freier und ungezwungener als zu Hause ist auch die tägliche Unterhaltung, die offene Aussprache über politische und religiöse Inter essen. Bei uns in Deutschland, wo 8uprema lex regis voluntas“ ist, hat in den letzten zehn Jahren bei jedem nicht ganz vertraulichen Ge spräche die Angst- vor der allmächtigen Polizei wieder dergestalt zuge- nommen, daß mau sich immer zuvor umsieht, ob nicht irgendwo ein Polizist oder Staatsanwalt im Verborgenen lauert. Davon ist in dem freien internationalen Verkehr an Bord der großen Oceandampfer keine Rede. Vielfacher Gegenstand lebhafter Unterhaltung waren an Bord der Kiantschon" natürlich auch die gegenwärtigen chinesischen Wirren. Auf dem Vorderdeck befanden sich über zweihundert deutsche Krieger, die als dienstuntauglich von China zurückkehrten, theils in Folge schwerer Verwundungen, theil als Reconvalescenten. Was sie über ihre Er fahrungen im Lande des Zopfes erzählten, lautete wenig erbaulich. Die Hauptschuld an dem Ausbruche des seltsamen Krieges zwischen China und der übrigen Welt wird im Osten allgemein den christlichen Missionaren aufgebürdet, die zum größeren Theil mit ebenso wenig Ver stand als Sachkenntnis; ihre moderne Propaganda in dem alten Cultur- laude China ausgeiibt hätten. Es bestätigte dies nur eine Ueberzeugung die ich schon auf früheren Reisen gewönnen hatte. Es giebt unter den christlichen Missionaren gewiß viele vortreffliche Männer, die als ver-Christliche Missionäre in China. 255 Künftige Kulturträger den niederen Bildungsgrad der Naturvölker und Barbarvölker auf eine höhere und glücklichere Stufe zu heben suchen. Die Mehrzahl sind leider mehr oder weniger beschrankte Theologen, die als Confessio nsprediger unverständliche Dogmen in jene Gehirne eintrichtern und nur eine Form des Aberglaubens durch eine andere ersetzen wollen. Vortreffliche Betrachtungen über die Einführung des Christenthums in Jnsulinde und über die Bedeutung dieser hoch entwickelten Cnltur- religion für die dortigen Naturvölker enthält das gedankenreiche Buch von Franz Junghuhn: Licht- und Schattenbilder aus dem Innern von Java"J. Der Verfasser ursprünglich preußischer Militärarzt, 1812 in Mansfeld geboren hatte sich während der dreißig Jahre seines Aufenthaltes in Jnsulinde nicht nur die gründlichste Kenntnis; seiner Thier- und Pflanzenwelt erworben, sondern auch die tiefsten Blicke in Leben und Charakter der Eingeborenen gethan; er zeigt einleuchtend, wie wenig die abstracten Lehren des Christenthums und die Dogmen seines Wunderglaubens geeignet sind, auf dem fremdartigen Boden des Malayischen Geisteslebens erfreuliche Früchte reifen zu lassen. Interessante Einzelheiten wüßte ich sonst von meiner Heimreise nicht zu berichten. Das Friihlingsmetter und die freundliche See blieben sich fast immer gleich. Einen halben Tag brachten wir am 17. März in Colombo zu, wo wieder Kohlen-Vorräthe eingenommen wurden. Von der großen einsamen Insel Soeotra sahen wir auch diesmal wenig; sie blieb größtentheils in Wolken gehüllt. Dagegen zeigte sich in voller Klarheit die wilde, zerklüftete und farbenreiche Felsenküste des öden Aden, ohne Wasser, ohne Vegetation. Wir blieben an diesem trostlosen Orte ( den ich in meinen Indischen Reisebriefen" geschildert habe ) einen halben Tag liegen. Am Abend dieses Tages (23. März) genossen wir eines der wunderbarsten Farben spiele, die ich je gesehen habe. Während bei und nach Sonnenunter gang der wolkenlose Himmel in allen Farben des Regenbogens prangte, überwiegend Gelb und Orange, kleidete sich die Küste von Aden und den kleinen vorliegenden Inseln in die prachtvollsten blauen, violetten und Purpurfarben. Als ich dieselben in mehreren flüchtigen Aquarell skizzen festzuhalten versuchte, fuhr Wereschtschagin mit dick gefülltem violetten Pinsel nochmals über meine Felsen und sagte: Sv etwas sollte man eigentlich nicht malen; wenn man es aber malt, kann man es nicht toll genug machen!" * Das Hauptwerk von Franz Jung Huhn: Java, seine Gestalt, Pflanzendecke und innere Bauart (3 Bände), ist noch heute von fundamentalem Werthe.Knmcll-Mnrkt in Aden. 256 Nachdem wir am 27. März glücklich den Suezkanal passirt Hellem, begriißtc ich in der strahlenden Morgenfrühe des folgenden Tages im Port Said wieder mein geliebtes Mittelmeer. Der kühle NordwinÄ, Fig. 77. Äameel-Markt in Aden. der uns hier empfing, brachte uns willkommene Grüße aus der theuren Heimath. In der Nacht vorn 30. zuin 31. März passirten ivir die Meer enge von Messina, diese mir besonders werthe Erinnerungsstätte. UmFelsenküste bei Aden. 257 2 Uhr Morgens fuhren wir nahe an der liparischen Insel Stromboli vorbei, deren Krater in Zwischenräumen von 6 9 Minuten eine Feuer garbe gen Himmel sandte; an der Nordseite der Insel sahen wir den glühenden Lavastrom abfließen. Am frühen Morgen des 31. März tauchre die Sphinrgestalt der Insel Capri vor uns auf; ich fuhr nahe an derselben vorüber, nicht ahnend, daß kaum eine Stunde entfernt meine liebe Tochter Lisbeth mit ihrem Manne, dem bekannten Kilimandscharo- Forscher Professor Hans Meyer, auf Capri weilte. Beide hatten mich in Neapel bei meiner Rückkehr empfangen wollen, aber erst vierzehn Tage später auf dieselbe gerechnet. Meine ursprüngliche Absicht, diese beiden - V*. % h 8 Fig. 78. Felsenküste und Inseln bei Aden. Wochen noch in Aegypten zu bleiben, hatte ich leider unterwegs auf geben müssen. In Neapel lag unser Dampfer von 10 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags vor Anker. Ich benutzte diese sechs Stunden zu einem Be suche des Museo Nazionale und einer Spazierfahrt über den Posilipp. Die schöne Landschaft erschien noch sehr winterlich in Folge der ganz ungewöhnlichen Kälte, welche die Monate Februar und März in diesem Jahre gebracht hatten. Sehr unfreundlich, mit Sturm und kaltem Regen, empfing uns der erste April in Genua, um 4 Uhr Nachmittags. Mit Erlaubnis unseres vortrefflichen Kapitäns, des Herrn Lüneschloß, blieb ich die Nacht noch an Bord des Schiffes und verließ dasselbe erst am folgenden Tage, mit herzlichem Danke gegen den Kapitän, die Offi- Haeckel, Jns v! !, . 17258 Rückkehr nach Jena. eiere und den Arzt des Schiffes. Nachdem ich am 2. April meine Sachen gepackt und in Genua, bei sehr unfreundlichem kalten Regenwetter, noch mehrere Geschäfte besorgt hatte, fuhr ich am Abend desselben Tages nach Mailand. Mit ganz besonderem Behagen übernachtete ich zum ersten Male seit sieben Monaten wieder in einem europäischen Hotel. Am 3. April fuhr ich von Mailand bei kaltem Winterwetter über den G tthard, auf dessen Paßhöhe diesseits und jenseits noch tiefer Schnee lag; mehrere Lawinen hatten ihre Schneemassen bis dicht an den Bahndamm gewälzt. Am liebsten wäre ich direct nach Hause gefahren. Doch zog ich vor, noch drei Wochen in Baden-Baden zu bleiben. Auf den erprobten Rath meines trefflichen Arztes, Hofrath vr. Ob kirche r, gebrauchte ich täglich Dampfbäder und schwedische Heilgpm-  nastik. Zugleich erholte ich mich bei der guten Verpflegung des Fran zösischen Hofes" und im Vollgenuffe des deutschen Frühlings, der jetzt all seine Reize zu entfalten begann, von den vielen Strapazen der glücklich überstandenen Tropenreise. Der Erfolg war so ausgezeichnet, daß ich schon nach drei Wochen wieder mehrstündige Spaziergänge auf den wal digen Bergen von Baden unternehmen und mich der prachtvollen Natur dieses schönsten aller deutschen Bäder erfreuen konnte. Vollkommen wiederhergestellt, fuhr ich am 28. April nach Jena und genoß das Glück, nach achtmonatlicher Trennung wohlbehalten in die Arme meiner theureu Familie zurückzukehren. Die Empfindungen, mit denen ich jetzt an meine Jnsulindefahrt zurück denke, kann ich nicht besser ausdrücken, als mit den Worten meines College Richard Semon, der am Schluffe seiner ausgezeichneten " Reise nach Australien lagt: Wenn ich jetzt zürückblicke und mich frage: Was ist mir diese Reise gewesen? so denke ich nicht der greifbaren Förderung, die meine wissen schaftlichen Arbeiten durch Gewinnung eines reichen und in vieler Be ziehung sehr eigenartigen Materials erfahren haben. Viel höher schätze ich die große Anregung auf allen Gebieten naturwissenschaftlichen Denkens, die den reisenden Forscher veranlassen, unendlich Vielem Beobachtung und Nachdenken zu widmen, das für ihn zu Hause, wo er allein den Weg seiner Specialforschung zu wandeln gewohnt ist, nicht vorhanden ist. Nicht Zersplitterung, sondern einseitige Specialisirung ist die Haupt gefahr, die heute die Vertreter der so hoch, aber deshalb so specialisirt entwickelten Naturforschung bedroht Da wirkt denn die Reise ins große Meer allgemeiner Naturerkenntniß auf den jungen Forscher ivie die Meerfahrt des Lachses auf das Fischlein, das in seinem kleinenErgebnisse der Tropen-Reise. 259 Fluß groß geworden ist, sich dort heimisch weiß und kaum ahnt, daß es draußen auch noch Wasser giebt, bevor es seine große Reise ins Welt- nieer angetreten hat. Ebenso wichtig als der Gewinn, den der Forscher aus einer solchen Reise zieht, ist aber die Förderung, die der Mensch als Mensch erfährt, die reiche Fülle ästhetischer Geniisse, die Uebung des Auges und aller Sinne, die Ausdehnung des Horizonts und der Nrtheilsfähigk, durch die Vervielfältigung der Vergleichungsobjecte Wallace sagt scherzend, allein der Genuß, Durian zu essen, lohne eine Reise in den Osten. Er hat darin schon Recht; aber noch mehr lohnt es sich, der Ge sellschaft der eignen Verwandten und alten Freunde zeitweilig zu ent sagen, um dafür draußen fremde, uns durch keinerlei Baude verknüpfte Menschen kennen zu lernen, die hochherzig und ohne jedes eigennützige Motiv den fremden Wanderer bei sich aufnehmen und seine Bestrebungen opferwillig unterstützen. Solche Erfahrungen, die auf einer langen Reise in fremden Ländern jeder machen wird, der sich ihnen nicht künstlich verschließt, sind geeignet, uns den Glauben an eine eingeborene Güte der menschlichen Natur viel eindringlicher zu Gemüthe zu führen, als wenn wir im abgegrenzten Kreise der Heimat bleiben, wo die Selbst losigkeit der Motive sich unserem Auge weniger überzeugend darstellt. Bor einer zu optimistischen Beurtheilung des menschlichen Charakters wird der Reisende, der unter schwierigen Verhältnissen mit allen mög lichen Sorten von Menschen in Berührung kommt, ebenfalls geschützt sein. Er wird sich gewöhnen, objectiv zu beobachten, daß unter den Weißen und Schwarzen, Australiern und Deutschen, Männern und Weibern, immer dieselben Leidenschaften, Schwächen und Tugenden wiederkehren, immer dasselbe Thema, aber verschieden gesetzt, verschieden variirt, überall widerklingt, wo Menschen leben, lieben und hassen. Das Gemeinsame der Menschennatur in all ihren Verkleidungen heraus zu er kennen und das Charakteristische jeder einzelnen Variation zu erfassen, ist ein weiterer Genuß, der der verständnißvollen Versenkung in ein großartiges Kunstwerk oder eine wunderbare Landschaft ebenbürtig ist. Vielfach versucht man es, den Werth der Colonien für das Mutter land auf Heller und Pfennig zu berechnen, indem man fragt, was sie dem letzteren unmittelb u wird hiergegen geltend ge.narbt. daß xi mm reu die lebhaften gegenseitigen Handels beziehungen. der Einwanderer aus den noch unge- hobenen Schätzen der Colonien ziehen und später mittelbar oder un- rt, die directen Einnahmen n*260 Ergebnisse der Tropen-Reise. aus den Ueberschüssen unendlich übertrifft. Noch viel höher möchte ich aber den Nutzen anschlagen, den die gesteigerte Lebenserfahrung, die Erweiterung des Horizonts die Mehrzahl derjenigen ausiibt, die draußen geweilt haben. Daß der Aufenthalt in fernen Ländern unter ungeregelten Verhältnissen für ge- wisse Naturen eine Schule des Lasters tind der Brutalität werden kann, ist nicht zu verkennen. Doch die Mehrzahl der Jugend, der es vergönnt ist, draußen die Pionierarbeit zu vollführen, wird jene entsagungsvolle, aber an neuen Ein drücken und ungewöhn lichen Erlebnissen reiche Zeit sicher erzieherisch wirken, und der geistige Zuwachs, den jeder Ein zelne heimbringt, kommt der Gesammtheit zu Gute. Dieser ideale Werth der Colonien für ein Volk ist ihrem mate riellen mindestens gleich zri achten." Aehnliche Betrach tungen hat auch Charles Darwin am Schlüsse seiner berühmten Reise eines Naturforschers um die Welt" angestellt, jenes ersten Werkes, das die Augen der wissenschaft lichen Welt auf diesen großen Beobachter und Denker lenkte. Ich danke meinem gütigen Schicksal, das mir noch in so vorgeschrittenem Alter er laubte , den Spuren jener verdienstvollen Reisenden zu folgen und in Jnsulinde eines der schönsten und lehrreichsten Gebiete unserer herr lichen Mutter Natur mit eigenen Augen kennen zu lernen. Fig. 79. Javanische Fächerpalme oder Gebang-Palme (Corypha Gebanga).Picrer sche Hosbuchdrnlkerei Stephan Gcibcl St Go. in Aitenburq. ot msSBB N12 150636348010 St.B I8.I.40.Ü
