Meine Kriegs-Erlebnisse in China. Die Expedition Seymour im Juni 1900 Minden Westfalen 1901. Mitgeteilt von Korvetten-Kapitän Schlieper. Illustriert von Marinemaler Schön Druck u. Verlag Wilhelm Köhler Preis Mk. 1. Henry Müller Grafhorst b Oebisfelde. The Germans to tbe Front! (Die Deutschen zur Front!) . Mit Karten, Photographien und zahlreichen nach Skizzen des Verfassers entworfenen Illustrationen von Marinemaler C. Schön. Zweite Auflage. 25.-60. Tausend. Henry Müller Minden in Westfalen. Grafhorst b Oebisfelde. Druck und Verlag von Wilhelm Köhler. Dem deutschen Kameraden des Seymour schen Expeditionskorps gewidmet. Vorwort. Verschiedenen Aufforderungen und Wünschen entsprechend, habe ich mich entschlossen, die nachstehenden Aufzeichnungen zu veröffentlichen, mir wohl bewußt, daß sie die Erlebnisse der Seymour schen Expedition keineswegs ausführlich wiedergeben. Die kleine Schrift soll nur die selbst erlebten Vorgänge, meine Persönlichen Eindrücke, die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten des Zuges schildern, um somit dem Leser einen Einblick in das Leben und Treiben auf unserein Marsche zu verschaffen. Selbst redend weist das Buch nicht jede brave That, nicht jede in teressante Szene auf, die wohl der Veröffentlichung wert wäre, sondern es sind nur solche berührt, die mir unmittelbar zu Ohren gekommen, bezw. von mir selbst beobachtet wurden. Einer berufenen Feder möge es Vorbehalten sein, hierüber noch aus führlicher zu berichten. Alle Beteiligten dürften indessen ein Jnteresie daran haben, daß der Leser znerst die Erzählungen eines Augenzeugen liest, ehe die Vorgänge von einer anderen Stelle, die ihre Kenntnisse nur vom Hörensagen herleitet, ein gehend geschildert werden. Möchte das Buch für meine Kriegskameraden eine Er innerung sein an eine gemeinsam verlebte schwere Zeit, eine Erinnerung an Tage, die bei einem steten Kampfe mit dem an Zahl weit überlegenen Feinde und mit Entbehrungen aller Art uns Alle einander näher gebracht haben, dürft NrFür die ührigen Leser aber dürfte es eine Ergänzung und Erklärung zu früheren Abhandlungen über die Seymonr sche Expedition bedeuten. Ein Teil des Reinertrages dieser Schrift soll den hilfs bedürftigen deutschen Verwundeten des Seymour schen Zuges und de durch den Todesfall in Not geratenen Angehörigen der Gefallenen zu Gute kommen. Der Verfasser.Die Expedition Seymour. nbc Mm des Jahres 1900 war das deutsche Kreuzer geschwader auf der Rhede von Tsingtau (Kiautschou) vereinigt, um nach vorhergegangener Inspizierung mit seinen Uebuugen zu beginnen. Ereignisse von der weittragendsten Bedeutung sollten jedoch ganz unerwartet einen Strich durch die Rechnung machen und an Stelle unblutiger Schieß- und Landungs Manöver im Exerzierhafen zu einer höchst ernsthaften und kriegeri schen Thätigkeit Veranlassung geben. Unruhen in Tschili waren die Ursache. Dort hatte man schon seit einiger Zeit Nahrungen unter dem Volke gegen die Fremden wahrgenommen, sodaß die Gesandtschaften in Peking um eine Schntzwache gebeten hatten. Den Landungen derselben in Taku hatte man von seiten der Chinesen schon Schwierigkeiten in den Weg gelegt, ja es waren bereits Schüsse gefallen. Unsere kleine Schutztruppe unter ihrem später so viel genannten Graf Soden war indessen unbehelligt bis nach Peking gelangt, wo ihr allerdings später noch eine schwere Aufgabe zufallen sollte. Nachdem zuerst S. M. S. Kaiserin Augusta" nach derTaku- uhede befohlen war, sah sich der Geschwaderchef, Vize-Admiral Bendemann, veranlaßt, mit seinem Flaggschiff Hertha" ebenfalls uach dem Norden abzudampfen, um dem Schauplatz der Wirrenss sn? iU r~ CU, r Slf)Lllt al " 7 Sm,! trnf mtd für unser Schiff bCC ^graphische Befehl ein, sofort nach der Taku-Rhede zu kommen. Demnach schien die Lage doch ernster zu lein, als man zuerst angenommen hatte. Voll Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, dampften wir am nächsten Morgen nachdem ioir noch schnell Kohlen und Proviant anfge- fullt hatten, nach dem Golf von Petschili ab. Am Abend des folgenden Tages kam ein Lichtmeer in Sicht es waren die Signale des inzwischen von allen Seiten verstärkten inter- natwnalen Geschwaders, das sich in der allgemeinen Sorge um das Ge,chnk der Gesandtschaften in Peking und Landsleute in der Provuiz Tschili hier auf der Taku-Rhede vereinigt hatte. Spät Z r V bte "^ 1 dem Flaggschiff Hertha" zu Anker. Niemand ahnte, daß unser Schiff für 6 lange l Nonate auf dieser so trostlosen Rhede festgehalteu werden sollte. am "M-t. Morgen-welch großartiges Bild^I Von allen Nationen gewahrte man Schiffe des wdernsten Typ^,- neben uns der russische Panzerkreuzer Nossia" war entsthwden der imponiereudste Kreuzer in dieser interessantem mächtigen Flotte. Infolge sehr beunruhigender Nachrichten Peki.ig fand am 9. Juni a.i Bord des Flaggschiffs des rangältesten See offiziers, des englischen Vize-Admirals Seymonr, eine Sitzung statt Obwohl in dieser noch kein allgemeiner Entschluß gefaßt wurde, befahl Vize-Admiral Beuden,ann dennoch aus eigene..: Antrieb, die Besatzung von Tientsin am nächsten Tage um 300 Mann zu verstärken. Aber schon in der Stacht wurde durch Signal befohlen die betreffenden Detachements sofort auszuschiffen. ein Manöver, das für einen Ankerplatz wie die Taknrhede sehr große Schwierigkeiten bietet. Denn bei dunkler Nacht hier die Boote auszusetzen, sie zu armieren und mit alleil Aus- rüstuugsgegeiistäiideil zu versehen, ist eine Arbeit, die nur mit vieler Mühe und Anstrengung bewerkstelligt werden kann. Anlaß zu dieser Beschleunigung hatten sehr schlimme Nachrichten von den Gesandten in Peking 9 ÖCöeßcit. Sic baten um sofortige Hilfe, falls nicht Alles ver- loreu sein sollte. Dieses unerwartete, durch das Nachtsignal vom Flaggschiff gegebene Signal verursachte an Bord nicht geringe Aufregung. Zur Beruhigung kam aber mitten in der Arbeit das Signal ,,Halt", denn die zur Trnppenbefordernng von Land einge- trofsenen Fahr- Zeuge hatten sich als nicht groß genug herausge- stellt. Nun konnte man sich wieder schlafen legen, um bei Tagesanbruch das Weitere zu deranlassen; doch sehr lange dauerte die Rübe nicht, denn nach einer Weile wurde ich mit den freundli chen Worten ge weckt: Signal vom Flaggschiff Die gesamten Landungsabtei lungen aus- schifsen, ausrüsten für 8 Tage sofort in den Booten landen!" -Vav war also wieder ein anderer Befehl, demzufolge ich als ommandeur der stets für eine Landung bestimmten Abteilung uac) Peking ziehen durfte. Da gab s denn ein munteres Leben an Deck und in allen Räumen des Schiffes. Oft hörte man en Ausruf: Es geht nach Peking, gegen die Boxer!" Wie cv schließlich zurecht gekommen ist, kann ich heute selbst nicht Vize-Admiral Bcudemann. 1* j j s 10 mehr sagen. Ich weiß nur, daß ich Punkt 9 Uhr mor gens als Kom mandeur der Landungs abteilung, bis an die Zähne bewaffnet, mit allen Booten von der Hansa" ab legte, den Be fehl in der Tasche, so schnell wie möglich nach Tientsin zu dampfen, wo ich mich mit den anderen Landungs abteilungen unter demBe- schl des Kapi täns zur See v. Usedom ver einigen sollte- Bevor wir  4 in die Boote I eilten, entließ uns der Kommandant noch mit einer Abschiedsrede, in welcher er in zündenden Worten vor der gesamten Besatzung uns versicherte, daß die Zurückbleibeuden uns Alle um diesen Zug beneideten; a habe nicht weiter nötig, uns nochmals mit Worten anznsporuen. 11 er empföhle uns noch besonders, den anderen Nationen gegen der auf die altbewährte deutsche Manneszucht zu achten. So ging es denn nach einem kurzen Abschied bon den Zurück- eibenden und von dem liebgewonnenen Schiff einer ungewissen Zukunft entgegen. Nach der Küste zu dampfend, traf ich auf der arre mit unserem Kommandeur zusammen, der mir befahl, Abfahrt von Bord am 10. morgens 9 Uhr. vorab nach Tongku zu fahren. Nach einer 2- ,stündigen Fahrt wfen wir in die Mündung des Peiho, die rechts und links on en so viel genannten und starken Takuforts geschützt wird, q 1 ! . Schiffe sind von hier aus mit bloßem Auge nur noch ^ leine Punkte zu erkennen. Neugierig kamen die chinesischen v atcn an den Strand gelaufen, als wir mit der langen ootsreihe vorüberfuhren. Uns Allen war doch eigen zu Mut: gegen diese Herren eines Tages noch fechten sollten?oijpife MV Iichiwix unn fj.tog Zii 12 ö aUnn dachte Wohl einen Augenblick an diese Möglichkeit. Im allgemeinen stellte man sich aber den Zug nach Peking ziemlich friedllch vor, war doch ev. nur der Widerstand der Boxer zu überwinden. Jede Stunde war nun kost bar und das Bestreben, so schnell wie möglich die chinesische Hauptstadt zu erreichen, wardasLeit- motiv des obersten Führers. Admiral Seymour ist wegen dieses Zuges viel angegriffen worden; bet der unpar teiischen Be urteilung vergesse man aber nicht, daß ein An griff der regulären Armeen erst erfolgte, als - wir uns _ bereits 8 £o£)c r n 3 tief im Innern des Landes befanden. Hätte man vorher gewußt, daß unsere kleine Truppenmacht eines TagesHenry Müller Morst Jj O ebisfelde. Abschied von Tongku, am 10. Juni nachnnttags Jm Hintergrund 14 9 TL T ?“" ÄC . re9UIäre 9trmee 9 c 9 cit Kavallerie, Infanterie unb Artillerie, mit allen modernen Waffen ausgerüstet, kämpfen ollte, ia - dann wäre es ein großer Leichtsinn gewesen, so lo^zuziehen Dies dachte man aber nicht, ebensowenig glaubte mau, daß der Boxeraufstand mit einem Male eine solche Aus dehnung annehmen würde. Mittagszeit, als ich mit der Hansa-Bootsab teilung m ^ongku, wo das Kanonenboot Iltis" zu Anker fa . Hier ging es gleich mit fröhlichem Humor au die Arbeit. Sofort wurde damit begonnen, Proviant, Munition, Wasscr- fasser und alles Gepäck aus ben Booten in den bereitstehenden Eisenbahnzng zu schaffen. Wir ahnten nicht, daß diese Waggons f ir eine längere Zeit unsere Behausung werdcir sollten Zugweise wurden die einzelnen Kompagnien auf die Wagen JT bie "^enbei gesagt, alle offen waren und bei näherer Bepchtigung keinen Zlveifel darüber ließen, daß sie bisher zum Bichtransport Verwendung gefunden hatteii. Doch das war ja nur äußerlich. Im Kriege übersieht man dergleichen mit einem klemen Scherzworte. ^ Hier in Tongku sahe-i wir auch den heldenmütigeu, später so viel geuannteu Korvetten-Kapitän Laus in seiner ganzen Rüstigkeit, Gesundheit und Lebensfrische uns nnt allen Kräften bei der Ausschiffung, bezw. Einschiffung , wie wir Seeleute spater das Einsteigen in die Eisenbahnzüge nannten, unterstützend. der Kajüte unseres lieben Kameraden Lans bekamen wir Offiziere noch ein vorzügliches Mittagessen. Es war das letzte Mal, daß man an einem schön gedeckten Tische saß. Bald sollte es anders werden bei den Diners in den Eisenbahnzügen, d e an Kürze und Bescheidenheit einen Spartaner hoch erfreut haben wurden. Wir hatten ungefähr noch 2 Stunden zu warten, bis^ wir abfahren konnten. Kurz vor der Abreise traf noch der Geichwader-Chef, Vize-Admiral Bendemann ein, und sagte uns Lebewohl. Mit einem kräftigen Hnrrah Erwiderten wir Keiner Qljute wohl, wie wir einst zurückkehren sollten und welche Auf gabe dem kleinen Iltis am kommenden Sonntag in aller Frühe zufnllen würde. Stoch ein letztes Hnrrah für den Iltis dann 15, ÖW ?" 9 ln Bewegung. Unter fröhlichem Gesang Ver ba ö k m’ 9E ^isenbahnfahrt bis Tientsin, wo wir gegen -in , rr c. uachnnttags anlangten. Ans dem Bahnhofe war S lebhafter Verkehr. Die Dentschen der Stadt begrüßten uns und hatten zur Erfrischung viele Hunderte vert n ^ ousten Bieres herbeigeschafft, um sie an die Leute zu unv b ^ brennenden Sonnenhitze, der staubigen Fahrt V , CfneU  numen war das sicher ein willkommener % c , tber hc t bei solchen Anlässen der Vorgesetzte das nicb? bnn!9nre 3tmt stets darauf zu achten, daß des Guten bei s* ld Ö . £tfjan uirb Dabei eriveckt er weder Sympathie bei den so gütigen toon Herzen gern ä u Beschenkenden. Ordnung gehalten Ziel halten heißt es - lasten, so sthr m ait doppelt so viel gönnt. Ziel halten", dies noch so gut Enthaltsamkeit ist ^n schönes Abzeichen baten, das ihm in die größte Aner- Gebern, die es so schenken, noch bei den und d o ch muß werden. Maß und auch bei solchen An- dem guten Kerl Aber das Maß und Aufhören, auch wenn schmeckt, kurzum, ble- andererseits wieder des deutschen Sol- aller Herren Länder , KapItSnlcutnant Kütinc. kennnng sichert. Hl er in Tientsin ließen wir ein Detachement Secsvldaten und la lofcn von der Irene zur Verstärkung der bereits vor einigen gen cing-troffenen Wache zurück, sodaß das deutsche Detache- em unter Führung des 1. Offiziers S. M. S. Iltis", Kapi- Iom : Uihmut K"hne, 120 Köpfe betrug. Auf dem Bahnhof in w, mnU au f nI ^ eu Eosichtern geschrieben sehen, daß hier v 9r ^ e Aufregung herrschte; unsere Offiziere keii r l f f ^^"lschen machten aus der Besorgnis auch weiter batt ^" b waren erfreut, daß wir Verstärkung mitgebracht en ‘ ^or Bahnhof wimmelte von Chinesen, die unserem nill^ "" b Treiben müßig zuschanten, meistens mit einem höh- an r ^^HAn verächtlichen Bemerkungen. Wir sollten H bald darüber im Klaren sein, daß von chinesischer Seite-unserer Expedition keine zu große Sympathie cnkgegengebracht wurde. Der Stationsvorsteher weigerte sich nämlich, uns weiter fahren zu lassen, und erst als tvir gewaltsam eine Lokomotive requirierten, deren Führer tvir eine gute Belohnung zusagten, sie aber auch durch tvohl bewaffnete Matrosen bewachen ließen, sahen die Herren Chinesen ein, daß wir keinen Spaß verstanden. Vorher jedoch und hieran konnte man schon ihren Fanatismus und ihre Frechheiten erkennen ivagten sie es, in unmittelbarer Nähe die Schienen aufzureißen und uns auf diese Weise an der Weitcrfahrt zu hindern. Schleunigst wurden einige englische Matrosen von der Endymion" hingeschickt, welche die Chinesen mit dem Bajonett Vertrieben und daun den ganzen Bahnhof von den Zuschauern säuberten. Nun wurden tvir in unserem Vor haben nicht mehr gestört. Um halb 6 Uhr abends konnte nunmehr die Abfahrt von Tientsin erfolgen. Die mitgenommenen Kleidersäckc mit einzelnen Sachen ließe,: tvir übrigens am Bahnhof zurück. Da Admiral Seymvur, der Leiter der Expedition, mit seinen englischen Truppen bereits Tientsin verlassen hatte, war für uns alsbaldige Vereinigung mit ihm geboten. Wir beschleunigten die Fahrt, so gut wir konnten. Auf unser 3 maliges Hurrah beim Verlassen des Bahnhofs wurde mit einem höhnischen Zurufe seitens der Chinesen geantwortet. Eine ungeheure Volksmenge hatte sich in der Nähe des Bahnhofs eingefunden. Wo man hinsah: Zopf -an Zopf. Tie Menge zählte nach Tausenden. Ich muß gestehen, daß mir die höhnischen Rufe lange in den Ohren nachgeklnngen haben; bei der späteren Stellungnahme der Chinesen den Euro päern in Tientsin gegenüber waren sie ja nur zu erklärlich. So brauste unser Zug au Dörfern und Städtchen vorbei, in eiliger Hast ging durch das viel bebaute flache Land, ohne Störung. Die Lokomotivführer Ivurden wohl bewacht von den auf dem Tender der Maschine sitzenden Matrosen, die ihre Bewegungen nicht aus dem Auge ließen. Bald zeigten sich die ersten Spuren der Boxerarbeit. An den hölzernen Eisenbahnschwellen hatten die Rebellen Feuer an gelegt, nachdem das Holz vorher noch mit Petroleum be gossen worden war. Viele Schwellen waren verkohlt, mancheKlar Deck! Räumung dcs Bahnhofs in Timlsin.- - 18 rauchten noch. Diese Entdeckung mahnte znr Vorsicht; eine größere Stockung trat jedoch nicht ein. An verschiedenen Stellen Passierten wir die Lager regulärer chinesischer Truppen. Es waren die Regimenter des General Rieh, ungefähr 4000 Mann, die gleichgültig unserer Fahrt znschanten. Znr Erklärung schalte ich hier ein, daß diese Kaiserlichen Truppen, so zu sagen, unsere guten Freunde waren, denn dem Rainen nach ivaren sie ja auch gegeii die Boxerhorden ins Feld gezogen. Das konnte man auch an den finster blickenden Feldkanonen erkennen, die gegen einen ev. Boxer? 33err. Boxer-Angriff an der einen Seite des Lagers anfgefahren waren. Der Anblick wurde aber dadurch gemildert, daß der Posten am Geschütz, das Gewehr im Arme, sanft entschlafen war und erst durch das Geräusch des anrollenden Zuges in rücksichtslosester Weise von uns anfgeschencht wurde. Sv sehr schien man in den Lagern die bösen Horden der Boxer doch nicht zu fürchten. Die Erfahrung sollte später znr Genüge lehren, daß die Regn- lären im Stillen gemeinsame Sache mit ihnen gemacht haben.2 * 19 Es war 7 Uhr abends, als ns durch die kurz vor der T atwn Lvfa stehenden englischen Eisenbahn-Züge ein Halt ge- ten wurde. Eine gründlich zerstörte Eisenbahnbrücke bildete hier e Hm ernis. Emsig und mit allen Kräften war man an der r ^ - um sie wieder passierbar zu machen. Admiral Seymonr yatte für die Bahnarbeiten ungefähr 100 chinesische Arbeiter der c,)nvcrwaltnng und viel Reparaturmaterial in seinen Zügen genommen. Auch unser Zug führte in verschiedenen Waggons b wndahnschwellen mit sich. Kapitän v. Usedom, der Komnrandeur deutschen Landungskorps, meldete sich beim Admiral, der Im U-siiig Ticnt- sin-Lofa-Langsang. crf)ir ff U ^ ClCr ^ c 0eit sehr angenehm berührt war. Wir luirtV,, 21 - l ’ ÜU ” m d6atb eineit gedeckten Wagen 1. Klasse znge- &!-  ödd em die höheren Offiziere unseres Korps ihr cv -. "e r ler aufschlagen konnten, während sich unser sogen, ca uw- eine.n offenen Wagen (ich will nicht gerade sagen wirkli ^ ntei der Lokomotive befand. Hier konnte man böwtr^ ien machen, denn das Kasinoleben war entschieden wj.- 0^ glnell. Zneyt hatten wir noch getrennte, also schiffs- wrpflcgnng. Nachher aber, als hier das Brot, dort die r l dnsging, wurde alles in einen großen Topf geworfen 20 unb gemeinschaftliche Messe geführt. Wes die Getränke anbe- laiigt, ,o wurde euch ausgeschrieben. was der Einzelne genossen. , es aber gemacht wurde, wenn plötzlich Alarm kam und die brave Kasinoordonanz" das Gewehr ergriff, oder wenn es plötz- "ch hieß: Alles anssteigen und antreten" das vermag ich nicht 0e , nnu ^ sagen- Die spätere gerechte Verteilung auf die ein zelnen Mitglieder muß jedenfalls ein schwieriges Ding gewesen r s. Ö ea r eid)t eine vorzügliche Examenarbeit für einen an, gehenden höheren Verwaltnngsbeamten. Auf die Unterbringung, Verpflegung und das sonstige Leben Abkochen. dieser Expedition komme ich übrigens später noch zu sprechen. Zum ersten Mal wurde nun biwakiert imb zum ersten Mal sollte abgekocht" werden, denn etwas Warmes hatten die Leute heute noch nicht bekommen. Alles will gelernt sein auch das Abkochen". Wir hatten freilich mit unseren Saiten schon zwei E regelrechte Landuugsmauövcr in Kiautschou gemacht und hierbei auch diesen Dienstzweig geübt. Für einen regelrechten ^eldzug konnte dies jedoch nur eine geringe Vorübung sein. Der Infanterist lernt diesen Teil des Felddienstcs schon sehr bald in seinem neuen Beruf kennen, der Matrose aber kommt vielleicht 0061 mnJ 01 pvaiiK- 22 gavuicTjt dazu. Ich mich indessen gestehen, daß der brave Sec- mmtit, so unbeholfen wie er sich vielleicht das erste Mal bei diesem neuen Manöver anstellte, mit der Zeit doch sehr schnelle Fortschritte machte. Ich habe nachher oft gestaunt, wenn es hieß: Abkochen", man aber nirgends Brennmaterial entdecken konnte - tuie schnell dann die Fener brannten und die Leute schmnn- zclnd um ihren Kochtopf standen, harrend der neuen Dinge, die da kommen sollten. Es wurde aber meistens stets dasselbe, immer der eine Gang; die übrigen wurden, wie unser lieber, zu früh dieseni Leben geschiedene Kamerad, Kapitän Bnchholz, so oft sagen Pflegte, durch stramme Haltung" ersetzt. Znm Biwak wählte man den Platz unmittelbar zur Seite dcr Züge; Zelte gab nicht. Die Leute streckten sich den zur Ausrüstung gehörenden wasserdichten Unterlagen und hüllten sich in ihre wollenen Decken ein, denn die Nächte waren empfindlich kühl. - Der Mond bcschien ein hochinteres sante Lagerbild: 3 lange Eisenbahnzüge, umgeben von Biwaks der verschiedenen Nationen. Am heutigen, dem ersten und an den folgenden Abenden betrachtete man alles noch mit phantasie reichem Gemüt, später aber, als die Zeiten ernster wurden, Stunden der schwersten Arbeit den Tag ausfüllten, Hunger, Durst und glühende Tropenglnt den Körper erschlafften, da sah man nichts mehr als die nüchterne Prosa. Man warf sich hin, wo man stand, und schlief, wenn man schlafen durfte, auch sofort ein. Man schlief infolge der großen und ungewohnten körper lichen Anstrengung auch besser als im Frieden auf den weichsten Kissen. Wer je einen Feldzug mitgemacht, wird dies nur be stätigen können. In dieser ersten Nacht freilich wollte mit dem Schlafen nicht recht gelingen, obwohl meine Kompagnie keinen Dienst hatte und ich ungestört blieb. Das ungewohnte Lager schmerzte, svdaß einem beim Anfstehm am nächsten Morgen die Knochen wie zerschlagen vorkamen. Heute Nacht bezog die Kaiserin Angusta-Abtcilnng die Feldwachen und hielt Ausschau nach ben Herren Boxern; doch alles blieb ruhig. Nur vorn bei den Engländern horte man vereinzelte Schüsse; var nur blinder Lärm. Auch hieran mußte man sich ge wöhnen, denn cö kam zuweilen vor, daß Versehen ein 23 ©elucTjr losging oder et übereifriger Posten losfenerte, Böses witternd, tvo nichts Böses war. Montag, den 11. Juni. Sehr lange dauerte die Nachtruhe nicht. Um 4 Uhr am nächsten Morgen wurde schon der Kaffee gekocht und um 7 Uhr weitergefahren, dann und wann aber wieder gestoppt, um die Bahn zu reparieren. Diese Arbeiten wurden durch die mit genommenen chinesischen Kulis unter Leitung der Zivilingenienre sehr schnell ausgeführt. Da die Boxer meistens nur den einen der beiden Schienenstränge zerstört hatten, konnte das Material des andern znm schnellen Ansbessern mit Vorteil verwandt werden. So weit ging die Fahrt in harmlosester Weise vorwärts, dis uns mit einein Male an einem Bahnübergang die ganze Grausamkeit und unmenschliche Kriegsfiihrnng der Boxer klar dor Augen geführt wurde. In der Nähe eines ausgebrannten Wärterhauses lagen 4 tote Chinese , jedenfalls Angestellte der ^ahn, auf das Schrecklichste verstümmelt. Plötzlich ein finsteres Bild des Krieges, ein tief erschütternder Anblick, ein unzwei deutiger Hinweis auf die Handlungsweise unseres zukünftigen Feindes. Manches Gesicht wurde bleich, Manchem stockte sicher das Blut in den Adern, als ihm dies erste Bild vor Angen trat. Man hatte den Leichen die Köpfe abgeschnitten, Hände und Füße abgehackt; einem Toten war das Herz heraus gerissen. Das war also unser Loos, tvenn wir als Ver wundete von ihnen aufgefnnden wurden, das also unsere letzte Ehrung, wenn wir, tot auf dem Schlachtfeld liegend, von ihnen angetroffen worden wären. Ein Krieg, wie und wo er geführt werden mag, hat immer seine ^chreckm, bringt immer Trübsal, Kummer und Herzeleid. Und doch welch Unterschied! Ein Krieg unter europäischen Nationen, wo der Krieger, wenn er, seinen Wunden blutend, auf dein Schlachtfeld liegen bleibt, von Freund und Feind gleich geachtet, geschützt und gepflegt wird, wo das rote Kreuz ihn schätzt und nicht darnach fragt, ob er die Wunde, mit oder gegenden Sieger kämpfend, erhalten hat. und dann - ein solcher Krieq mit derartig grausamen Horden. Hier durfte der Verwundete auf keine Milde rechnen. Was fragt der Boxer nach dem roten Kreuz; ist es doch selbst bei den europäisch^ geschulten kaiserlichen Truppen oft genug vor gekommen, dag sie ihre Gefangenen und die Verwundeten des Gegners in. gleicher Weise verstümmelt haben. Der Chinese ist geradezu erfinderisch in der Ausübung von Grausamkeiten. Er ersinnt die denkbar schrecklichsten Torturen und weidet sich an dem Anblick der unter den entsetzlichen Martern langsam dahin sterbenden unglücklichen Opfer. Wir erreichten alsbald die Station Losa. vo ein Detachement Engländer vom Kreuzer Endymion" unter Leutnant Colomb znrnckgelasscn wurde, um diese Station als Stutzpunkt in Verteidigungszustand ä u setzen. Man nannte sie nachher das tfort Endymion." Als ein großer Nachteil für unser Weiterkommcn stellte sich me gänzliche Zerstörung der Wassertürme für die Lokomotiven heraus. Hier in Losa waren alle Bähngebände zerstört, wie auch auf der bisher durchlaufenen Strecke jedes Bahnwärterhans ein Raub der Flammen geworden war. Nachmittags setzteir wir die Fahrt nach Peking zu fort. Die Tropenhitze in den offenen Eisenbahnwagen wurde auf die Dauer eiiie schreckliche, auch wenn die Leute sich Bainbusstäbe-n und Strohmatten notdürftige Dächer zum Schutz gegen die Sviinen- strahlen konstruiert hatten. Bedenkt man ferner, daß die Mannschaften dicht gedrängt in den Waggons lagen, außerdem Proviant, Munition und Gepäck noch nntergebracht werdeii mußte, mit beiit -vrinkwasser nur sparsam umgegangcn werden durfte, so leuchtet es ein, daß der Aufenthalt kein beneidenswerter war. Im Laufe des Nachmittags kam noch von Tientsin ein Eisen- bahnzng mit 200 Russen imb 50 Franzosen an, eine willkommene Verstärkung unseres Korps, das nunmehr 2100 Köpfe zählte. Gegen 6 Uhr nachmittags gaben plötzlich die Lokomotiven der vordersten Züge den verabredeten Alarmpfisf ab. Dann sah man die Engländer in größter Eile aussteigen unb in dem angrenzenden Walde Vorgehen. Die Alarinsignale wurden sogleich vv.i uns 25 - fliifgcuonttneit und bic Kompagnieu auf beut Sainutelplatz formteil. lL ,,Hansa"-Kompagnte erhielt sofort den Befehl, auszuschwärmen und beit Walb von ben Boxern, btc sich hier in größerer Zahl gezeigt Mten, zu säubern. Im Nu luar bic Koinpagniekolonne gebilbet, beu Schntzenzug vorgeschickt ttub burch emcit weiteren Zug verstärkt. war bas erste Mal, ti ic total, dnß wir zum Angriff j sM) vorgingen; wohl " einein Jebem pochte dos Herz ein wenig 1 , i schneller. Nach 1 kurzer Zeit kam j schon bie Meldung v n rechten Flügel, dag nian auf zurück- gehenbe Boxer ge stoßen sei. Leiber verhinderte der Walb eine größere Uebersicht. Auch der 3. Zug wurde nun öur Verlängerung der Schützenlinie aufgelöst, während von rückwärts die Hertha"-Konipagnte zur llnter- stützung u. die Gefiou"-Kompagnie ouf den rechten Flügel zur Ver stärkung befohlen wurden. Als wir aus beut Walde in freies tfeib gelangten, sprangen dicht vor der Schützenlinie einer Deckung 2 Boxer auf. Ich ließ 511111 sofort von beut Zuge des linken Flügels das Feuer ouf dieselben eröffnen, tutt ihnen beit ersten Denkzettel zu geben. Einen Augenblick war es mir doch sonderbar zu Mut-26 war doch die Gelegenheit gekommen, wo ich zum ersten Mal über Tod und Leben verfügen sollte. Aber was hilft da langes Ueberlegen; es mußte so sein, und daß vir es hier mit unseren Widersachern zu thnn hatten, darüber war niemand im Ziveisel. Es erhob sich ein lebhaftes Feuer; nach einigen Sekunden var das erste Opfer gefallen. Noch manche sollten folgen. Weiter ging über ein Feld zu einem Häuser komplex, wo sich größere Boxerhanfen aufgestellt hatten. Die Sonne neigte sich zum Untergang, doch war die Hitze noch eine sehr beträcht liche. Wir stürzten nun weiter vor, um auch diesen Rebellen zu zeigen, daß wir keine Spaß verständen und keine Lust hätten, an unserer Weiterfahrt gehindert zu werden. Ich füge hier ein, daß wir noch nicht ivnßten, welchen Widerstand !vir von den Boxern erwarten konnten, ebensowenig, lvelche Waffen sie führten und lvelche Fechtart wählen würden. In einer langen Linie, gefolgt von der geschlossenen Hertha- Kompagnie als Reserve, von der ich nun noch den einen Zug auf den linken Flügel zur Verstärkung vorschickte, ließ ich die Kolonne auf den sich zur Wehr setzenden Feind losgehen. Wir waren Alle schon reichlich erschöpft, die Hitze, die Aufregung eines ersten Gefechts, das Ungewohitte, das schnelle Vorgehen mit vollen, Gepäck alles dies blieb natürlich nicht wirkungs los; doch achtete man, des Angriffs gewärtig, nicht lveiter darauf. Ans nähere Entfernung durch sprungwelses Vorgehen herangekommen, wurde das Feuer lvieder lebhafter fortgesetzt. Man sah jetzt auch den Feind mit wilden Gebärden aiff uns losrücken, ihre Spieße, Lanzen und Säbel hoch über ihrem Kopf schwingend. Auch einige Gewehrkugeln schlugen dicht bei uns ein. Manchmal sah man einen Boxer hoch anfspringen, eine Art Kriegstanz ausführen und dann zu Boden fallen. Man hielt ihn natürlich für einen von einer Kugel Getroffenen. Beim Näherkommen und später beim genaueren Beobachten zeigte cv sich jedoch, daß sie sich nur zum Schein hinfallen ließen, um den Glauben zu erwecken, sie seien getötet, und nin diese Weise das Feuer von sich abznlcnken. AlsBoxer, zum Angriff vorgcheud. 28 luiv mitten im lebhaften Feuer waren, erschall plötzlich lumt aerfiteu Flügel der Ruf: Es sind vor uns reguläre kaiser liche Truppen erkannt." Auf diesen Nus hin ließ ich vorab das r)-euer Mellen, denn bei der Dämmernng war eine Verwechselung schließlich nicht ausgeschlossen und würde es mir doch sehr pein lich gewesen sein, unsere so getreuen Bundesgenossen (?) in diesem gemeinschaftlichen Boxerkampf über den Haufen geschossen zu haben. Ich bemerke hinzu, daß auch die Boxer durch ein rotes Kopftuch, eine Art Schärpe und Gamaschen von gleicher Farbe im allgemeinen uniformiert sind und diese Abzeichen mit den ähnlichen der regulären Truppen bei schlechter Beleuchtung und auf größere Entfernung immechiu verwechselt werden konnten. Ich sollte jedoch sehr bald beruhigt werden, denn benn Weitervorgehen fanden wir einen Gefallenen, der die vorher erwähnten Boxerabzeichen und vor allen Dingen das in einem kleinen Täschchen auf der Brust verborgene Boxer-Amulett bei sich trug. Dies Amulett besteht einem gelben Zettel, darauf in _ chinesischen Schriftzeichen ein Spruch steht, ungefähr lautend: Hoch die Mandschu-Dynastie, nieder mit den fremden Teufeln!" ©in nt Blut, manchmal aber auch nur mit roter Farbe gemachtes Zeichen ist besonders charakteristisch. Dies Amulett soll den Träger niiverwnndbar machen. Das Volk glaubte an diesen Znubcrsprnch daher die Furcht vor diesen grausamen Horden. Als aber später die erschossenen Boxer nicht wieder aufstehen wollten, wurde die Parole aus- gegeben, er)t nach 3 Tagen würden die toten Bruder sich er heben. Als diese sich aber auch nach 3 Tagen noch ablehnend verhielten, wurde die Frist auf 8 Tage verlängert. Das dumme Volk glaubte diesen Unsinn,- allmählich jedoch, als die gefallenen Boxer absolut nichts von sich hören und sehen ließen, muß doch wohl Manchem ein Ziveifel über die Unverlonndbarkeit dieser Sekte aufgestiegen sein. In China wird aber fürs Erste der Aber glaube nicht nnfhörcn. Selbst wenn die Leute allgemein von diesem Schwindel überzeugt sind, werden sie nach Jahr und Tag, wen sich eine andere Messerhelden-Gesellschaft nnfthnt, ruhig einen ähnlichen Unsinn glauben. Nachdem kein Ziveifel darüber bestand, daß wir es mit9(uj Borpostm.30 regelrechte Boxern zu thnn gehabt, schwenkten wir nun wieder ach liuks auf die Eisenbahn zu, von wo inzwischen auch Ruckberufnngsstgnale gegeben wurden. Wir sahen noch, wie die Rebellen sich im nächsten Dorf sammelten. Eine weitere Ver folgung würde uns jedoch sehr anfgehalten liaben und war auch tm übrigen der Zweck des Vorstoßes erreicht. Die Sonne war schon untergegangen, als wir von diesem unserem erjten Scharmützel, ungemein erschöpft und mit brennendem Durst, unseren Eisenbahnzug wieder erreichten. Die Erfahrung hatte gelehrt, daß bei dieser Temperatur die Leute mit ihrem voll bepackten Rucksack dem Rücken nur sehr langsam vorivärts kommen konnten und die Anstrengung, schnell an den Feind heranzukommen, eine ungeheure war. Die Ungcübtheit des Seemanns, der doch schließlich fürLandgcfcchte weniger bestimmt ist und dessen eigentliches Gefechtsfcld das Wasser ist, fiel hier noch erschwerend ins Gewicht. Wir ließen darum bei späteren Ge fechten, wenn es sich eben machen ließ, die Rucksäcke zurück. Die Kaiserin Augusta-Kompagnie war den Engländern zur Verstärkung zugeteilt worden. Sie waren auf größere Mengen von Boxern gestoßen, von denen ungefähr dreißig dem Kampfplatze blieben. Ui 8 Uhr abends konnte die Fahrt langsam fortgesetzt iverden; doch wurde bald wieder gehalten und biwakiert. Meine Kompagnie hatte in dieser Nacht den Sicherheitsdienst bei dem deutschen Zuge, während die Kaiserin Augusta-Konrpagnie aber mals zur Aushilfe bei den Engländern kommandiert wurde. . Der heutige Tag mit seinem ersten Gefecht, die ungewohnte Anstrengung in der Tropenhitze und der nun immer wieder- kchrende Gedanke an einen plötzlichen Nachtangriff nahm die Nerven ziemlich mit. An ein Ansrnhen auf dem Eisenbahndamm war nicht denken. Jeden Augenblick nahm man das Doppel glas zur Hand und glaubte schon einen heranschleichenden Boxer zu bemerken. Aber die Chinesen fürchteten nachts die bösen Geister, und kann ich gestehen, daß wir niemals in der Nacht von unseren Feinden belästigt worden sind. Falscher Alarm, hervorgerufen durch einzelne Schüsse in der Postenlinie, ist schon 31 weit Vorgekvmmen; voll luivtlidjeit Angriffen und Neberfällen ""s unser Biwak sind wir verschont geblieben. Dienstag, den 12. Juni. Langsam ging es weiter bis zur Station Langfang, wo Wir wieder eine sehr große Zerstörung an der Station und au der Strecke vorfandeu. Wir hofften, bald mit der Reparatur E^ig zu werden, im Laufe der Zeit stellte sich jedoch die Zer- I oruug als eine weit größere dar als angenommen. . Große Schwierigkeit machte das Wassernehmen der Loko- Wotiven, denn der Wasserturm der Station mar selbstredend zerstört. Wir Kompagnieführer gingen nachmittags auf die uche nach Brunnen in das Dorf, das von der Einwohner- ichaft vollkommen verlassen war. Riit^ dem gespannten Revolver in der Hand suchten wir as Dorf ab. Auf einem kleinen Hofe bemerkten wir einen auf allen Vieren sich fortschleppenden Krüppel, der uns schon an weitem durch Zeichen seine Angst und Hilflosigkeit zu W 1 ehen gab. Man hatte den Armseligen, der auf Händen- 32 und Fußen wie ein Tier einherkroch, znrückgelnssen und ihn unserer Gnade preisgegeben. Ans . unsere Versicherung hin, daß wir von ihm nur Trinkwasser gezeigt haben wollten, kroch er freudestrahlend zu einem Brunnen hin, holte einen Eimer und Strick und trank dann den ersten Schluck von dem geschöpften Wasser zum Beweis, daß wir es hier nicht mit vergiftetem Brunnen zu thun hätten. Dieser Fund war uns sehr lieb. In dem Wohnhaus deS Gehöftes stöberten wir noch zwei alte 70-jährige Damen auf; auch sie hatten die Boxer ihrem Schicksal überlassen. Ein trauriges Loos für die Krüppel, Greise und Kranken; sie mußten sich selbst helfen. Ich sehe die armen Frauen noch vor mir, wie sie zitternd vor Angst ihre Unkenntniß von der Absicht der Boxer betheuerten. Eine Menge Hühner, Eier und Tauben fanden mir in den Ställen des Gehöftes vor. Wir brachten es jedoch nicht übers Herz, einige Exemplare mitzunehmen, obwohl unser Magen nach frischem Fleisch allmählich große Sehnsucht be kommen hatte. Unsere kleine Rekognoszierung hatte in der Entdeckung eines guten Brunnens ihren Zweck erreicht. Mit  der Meldung über das Auffinden einer guten Trinkwasser stelle nach dem Eisenbahnzuge zurückgekehrt, entstand als bald eine große Völkerwanderung nach dem Dorfe. Wasser, Wasser, das ist im Kriege oft wichtiger wie Brot, vor allen Dingen wenn, wie an diesem Tage, ein chinesischer Sand sturm über die Ebene hinwegbraust. Diese Winde, die man leider in Kiautschou so oft verspürt, bringen den Sand der Wüste Gobi. Alle Gegenstände sind in kürzester Zeit mit einer Sandschicht bezogen. Durch alle Fugen, Thürritzen, durch die dichtesten Fenster gelangt er in in die Zimmer. Das Essen auf dem Tisch wird mit Sand bedeckt und der Mensch hat dauernd seine Sandkörnchen im Munde. Daß ein solcher Wind den Durst nicht löscht, ist klar. Um den Wasservorrat zu ergänzen, wurden die von Bord mitge nommenen und in den Waggons untergebrachten Boots- Wasserfässer jetzt bis oben hin aufgefüllt, nachdem man sich selbst recht gelabt und auch die Feldstaschen bedacht hatte.v ,.VvO -" ’SPAN%N KAKfitN %Ü XA% (( "***,, H nKOU SCHRSOth A Z j EDtfj .ggSSVoTju der gecenyvart u. DER ZUKUNFT. WBST EINER. DARSTELLUNC DES CESAMHTEN SCHIENENNETZES ASIENS. " " EISENBAHNEN IN BETRIEBE CONCESSIONIRTE UND TRACIRTE BAHNEN RROJECTIRTE EISENBAHNEN. ^ ffl ; 2E CJ A ET v. PMARCON r"Tr ^ I AUE RECHTE VORBEHALTEN I l OSICHtNtS Henry Müller ^iiiorst b Oebisfelde.3 "Nicht so schnell ging die Wasserversorgung der immer dur stigen Lokomotiven vor sich. Infolge der Notwendigkeit, die Loko- mwtivcn stets zum sofortigen Angehen bereit halten zu müssen, könnt: -auch eine Ersparnis an Wasser durch Ausmachen des Feuers leider nicht erzielt werden. Im Laufe des Nachmittags brachte ein Bote aus Peking vom amerikanischen Gesandten die Nachricht, das; der Abmarsch unserer Expedition große Aufregung in der Stadt hcrvor- Fort^Äesivn^ (Station Sangfang). 34 - gerufen hätte. Der Gesandte machte dann noch einige Mit teilungen über die Beschaffenheit der Thore Pekings und über die günstigste Angriffsweise derselben. Um einen Stützpunkt zu haben und die rückwärtige Verbindung zu sichern, wurde min die Kompagnie Gesion unter Führung des Kapitän-Leutnants Weniger dazu bestimmt, genau, wie es die Mannschaften des englischen Kreuzers Endymiou" in Losa gethan hatten, das Bahnhofsgebäude von Langfang in Verteidigungszustand zu setzen. Dies geschah in schnellster und vorzüglichster Weise. Es war eine Lust, den Geffonleuten bei dieser Arbeit zuzusehen. Zur Abwechslung waren die Seeleute jetzt zu Maurermeistern avaneiert. Die Maschinengewehre wurden auf den Turm und das Dach gebracht, von wo sie das Vorterrain vorzüglich beherrschten, während von einem schnell ausgemauerten Bankett die Schützen ein wirksames Ge- wehrfener auf einen herannahendeu Feind eröffnen konnten. Dieser Stützpunkt wurde fortab Fort-Geffon" genannt. Zn unserer größten Befriedigung kam heute auch ein Proviantzng aus Tientsin an, der uns in großen Thonkrügen Trinkwasser zuführte, außerdem noch eine große Anzahl Stroh-Matten, die wie in früher schon beschriebener Weise als Dächer in den Eisenbahnwagen Verwendung finden sollten. Die Ankunft dieser Zufuhr, vor allen Dingen das Trinkwasser, wurde mit großer Freude begrüßt, wurde doch der Mangel hieran, besonders auch die geringe Abwechslung in der Er nährung schon sehr unangenehm empfunden. Erst in der nun kommenden Nacht sollte der Schlaf zu seinem Rechte kommen. Auf der harten Bank des Wagens schlief ich vorzüglich; im Luxuszug Köln-Berlin wär es nich: besser gewesen und es war doch eigentlich nur ein mangelhafter Güterzng, der nicht einmal weiter konnte, weil ihm die bösen Chinesen die Schienen fortgenommen hatten. Mittwoch, dcu 13. Juni. Man bemaß die Wiederherstellnngsarbeiten der Bahn hier iw Langfang auf ungefähr 3 Tage und schickte sich darum an. sich häuslich iederznlassen. Der geringe Wasservorrat für-35 die vielen Menschen veraulaßtc aber das Oberkommando, einen Eisenbahnzug zurück nach Jangtsnn, den nnsrigen nach Losa schicken, nm hier Lokomo tiven und Trinkwasser- behältcr auf zufüllen. Auf dem Wege dahin wurde Befehl gegeben, auf verdächtige Chinesen, die sich am Eisen bahndamm schaffen mach ten, dann und wannzufeuern. Man hatte neu lich sehr oft von den Lokomo tiven mit dem Glase be obachten können, wie plötzlich einzelne Boxer daran gingen, die eben repa rierte Bahn wieder Bei dieser Fahrt nach nicht an scherzhaften Als nämlich an einer einen chinesischen sah man, wie beileibe, troffen, von feinem Schütze war nicht wenig stolz er bald ein verdutztes Gesicht, an zerstören. Lofa fehlte es Intermezzos. Stelle Nester gefeuert wurde, anscheinend tödlich ge- Schimmcl fiel. Dci auf das Resultat, doch machcc als nach einer Weile unser 36 re *r* , ?e ^ re re jrf fÖ *0 Reiters ,ann wieder aussprang, eine höfliche Verbeugung machte, mit der Hand an der Kopfbedeckung militärisch grüßte und dann aain fidel seine Rosinante bestieg und davonntt. M,t anderen u ö 1 Worten er hatte uns hurch sein ^ Manöver, sich beim ersten Schuß vom ^ Pferde gleiten zu lassen, schön an- geführt. Nachdem wir in Losa nnt dem Wasserauffüllen fertig waren, dampften wir nach Langsang zurück. Auf dem Wege dahin sollte uns jedoch ein gut Stück Arbeit blühen. Es entgleisten nämlich 6 Wagen unseres anscheinend zu langen Zuges und durften wir uns, anstatt das Viwak anszusuchen, noch bis 2 Uhr nachts damit ab- mühen, die Wagen auf das Geleise zu bringen. Unsere Leute arbeiteten mit den russischen Matrosen an einer Stelle. Ich habe hierbei seststcllen können, daß die Russen vorzügliche Arbeiter sind und überall willig Hand anlegten. Als meine Kompagnie unter großen Schwierigkeiten die Arbeit be endet hatte, gingen die mir unter stellten russischen Matrosen stcllschwec- gend zu einer anderen Stelle, um dort weiter zu helfen, ohne seitens eines Vorgesetzten hierzu befohlen zu sein Ein schönes Zeichen von großer , , Pflichttreue und Arbeitssrendigkeit. Ich kann überhaupt den rust.schen . t 13 Matrosen unserer Expedition nur , IS J Gutes nachsagen. Es war eine sehr, "RI sehr mühsame Arbeit, die entgleisten37 Aber ich kann auch hier nur mit einem gewissen Stolz sa gen: Der Seemann muß eben alles kön nen und er kann auch, wenn es darauf ankommt. Als wir die Arbeit glücklich be endet hatten, setzten wir die Fahrt bis Langfang fort, wo wir gottlob in der Nacht vom Feinde nicht weiter belästigt wurden und uns endlich ausschlafen konnten. Vorher aber hieß es noch Abendbrot essen; es war wegen der vor- gcschrittcnen 3m eigentlich sckon besser ein Früh stück" zu nennen. In meinem Notiz buch durfte ich mit vollem Recht die kurze Bemerkung cintragen: ein ar- beitsrcichcr Tag". Donnerstag, den 11. Juni. wir uns zu längerem Aufenthalt hier in Langfang genötigt sahen, wurde für den heutigen Vormittag Zeugwäschc " gesetzt, die im benachbarten Dorf an dem vorher erwähnten Brunnen vor sich gehen sollte. Ich ließ einen Zug meiner 38 - Kompagnie, die Wache hatte, zur Vorsicht am Bahndamm in Bereitschaft stehen. Dann begab ich mich ebenfalls zum Dorf, um nach dem Rechten zu sehen. Als ich zurückkomme und noch zirka 200 Schritte vom Inge entfernt bin, höre ich vorn bei dem Fort Gefivn Schüsse fallen, die sich immer schneller folgen und in ein heftiges Schnellfeuer übergehen. Das war fraglos ein plötzlicher Angriff. Ich lasse sofort Alarm blasen und schicke noch Boten ins Dorf, um alles herbeiznrnfen und befahl dann der Kompagnie, auf dem Eisenbahndamm Auf stellung zu nehmen, während die übrigen Leute unter teilweiser Zurücklassung ihrer Wäsche schleunigst zum Zuge zuriickeilteii und sich gleichfalls bereit machten. Beim Fort Gefion hatten ganz Plötzlich mehrere hundert der Hand, auf das t mörderische Schnell- - v . cvn Oberleutnant z. S. von Kroh . j t, r n s m  seuer unserer Mann- scyasren ws. L ei diesem Gefecht fielen 18 Boxer. Der Zug des Leutnants von Krohn hatte den heftigsten Angriff zu bestehen, schlug ihn aber siegreich ab. Leider sollten wir heute die ersten Toten betrauern. Als jene Boxer zum Angriff vorgingen, trafen sie auf fünf italienische Vorposten, die ihren Eisenbahnzug nicht inchr erreichen konnten. Ich vermag nicht anzngebcn, ob es vergessen war beim Alarm, diese Posten einznziehen, oder ob ein nicht genügend beaufsichtigtes Rangieren des Eisenbahnzuges die Schuld trug. Kurzum, die armen Italiener sahen sich plötzlich allein nd umringt von mehreren hundert Boxern. Sie verkauften ihr 30 Leben so teuer, wie möglich, ihre Munition bis zur letzten Patrone verfeuernd. Daun aber waren sie der mordlustigen, grausamen Horde preisgegcbcn, die sie in geradezu entsetzlicher Weise buch stäblich zerhackten. Diese armen Italiener waren die ersten Toten des Seymour schen Korps. Es sollten nicht die einzigsten bleiben. Nachmittags kam die Nachricht, daß die Station Losa oder Fort Endymion" nach seiner neuesten Bezeichnung, von einer großen Menge Boxer angegriffen würde. Admiral Seymour begab sich sofort mit dem Zug Nr. 4, Engländer und Franzosen, zu der bedrohten Station und konnte noch zur rechten Zeit eingrcifen. Auch hier hatte man wieder den besten Beweis von einer unglaublichen Todesverachtung, Mut und Fanatismus. Man bedenke nur, daß der Feind auch hier wieder ohne Schuß waffen eine feste Position, mit Maschinenwaffen und modernen Repetirgewehren verteidigt, anzugreifen wagte. DaS Resultat war der vollständige Sieg über den Feind, der unter Zurück lassung von 200 Toten die Flucht ergriff. Bei solchen An lässen wurde der Mangel an Kavallerie sehr empfunden; sie hätte in bester Weise den Sieg durch Verfolgung des Feindes ausnutzen und ihm den Geschmack an der Wiederholung seiner Angriffe verderben können. Es wurden viele Fahnen, 4 ! auch zwei alte Geschütze erbeutet. Mit Hurrarufen empfingen wir gegen Abend den zurückkehrenden Zug Nr. 4, dessen Wagen mit allerhand Trophäen geschmückt waren. Bei Sonnenuntergang rief uns noch eine sehr an] t. Pflicht: die Beerdigung un serer ersten Toten, der aus Vor posten gefallenen Italiener. Man hätte di Leichen so lange in der Maschinenhalle der Station Langfang niedergelegt und die Gräber gleich vor derselben hergestellt. Das Expeditionskorps stellte sich in einem Viereck auf. 4 ! eine aus allen Nationen zusammengesetzte Ehrenwache präsen tierte das Gewehr, dann wurden die armen Opfer unter dem Gebet des unseren Zug begleitenden englischen Schiffspfarrer in ihr Grab gelegt. Szene Mancher dachte bald so zur letzten Nahe bet uchten, wie einzelne Leute dannen geführt wurden; ein Stimmung und Traurigkeit blickes. Treu aushar- ster Pflichterfüllung, lieuischen Kame- junges Leben land gelassen. Die nun Nacht verlief ^ Boxer schie- 4 ^ Ereignissen ^ . Tages keine Lust zu einem Angriff zu ver- Um die Ar- Bahn zu sichern lich, Vieh aus den schaffen, erhielten die und Hertha-Kompagnie Befehl, aus der linken abzusuchen. Die beiden Nachmittag zurück; sie hatten £ % j war eine tief ergreifende wohl: wird man auch dich tcn? Man konnte beob- ohumachtig wurden und von schlagender Beweis für die dieses Augcn- rend in schön hatten die ita- raden ihr für ihr Vater- Freitag, d. 15. Juni - kommende ruhig; die nett nach den des heutiger sonderliche nächtlichen spüren. beiten an der und, wenn mög- Dörfern zu Kaiserin Augusta- nm Vormittag den Bahnseite die Dörfer Kompagnien kamen am im ganzen sieben Dörfer ch zurückzog, aber nicht ten mit fünf interessanten aufgesucht, den Feind, der weiter fassen können. Sie kehr Boxerfahnen, vielen Waffen, mit zwei Gefangenen und Vieh heim Nieine Kompagnie blieb heute zurück; doch wurde mir abends versichert, wir bekämen für den folgenden Tag eine besondere Aufgabe. In dem Kriegsrat nachmittags beschloß man, die 42 - einzelnen Züge nuf die Nationalitäten zu verteilen. Der russische Kapitän Chagin stellte sich sofort mit seinen 300 Mann unter das deutsche Kommando, wie uns überhaupt von Anfang an von russischer Seite eine große Sympathie entgegeuge- bracht wurde. Kapitän Chagin, der fließend deutsch sprach, war eine über aus sympathische Erscheinung; seine schöne Gestalt, sein freund liches Wesen wird einem jeden, der an dieser Expedition tcil- nahm, in Erinnerung bleiben. Für seine Leute sorgte er in der rührendsten Weise und konnte allen anderen Führern insofern als Beispiel dienen. In der Nacht wurden wir plötzlich durch einen Schuß in nächster Nähe alarmiert. Es stellte sich aber heraus, daß der selbe von einem deutschen Vorposten herrührte, der einen den Engländern entwichenen Gefangenen durch einen Schuß in den Kopf niedergestreckt hatte. Am Abend erhielt ich den folgenden Befehl: Ich sollte mit meiner Kompagnie auf einem Arbeitszug zurückfahren und die Verbindung mit Tientsin wiederhcrstcllen. Bei größeren Unterbrechungen sollten von einem etwa von Tient sin abgeschicktcn Zuge die zugeführten Lebensmittel, Trinkwasser- sowie Depeschen nach meinem Zuge Nr. 5 herübergcschafft werden, um auf diese Weise der Expedition die so nötige Nach fuhr zukommen zu lassen. Sonnabend, den 16. Juni. Früh Morgens um 3 Uhr wurde die Hansa-Kompagnie geweckt, für eine zweitägige Expedition ausgerüstet und in dem Zug Nr. 5, der mit Eisenbahnmatcrial und chinesischen Kulis au gefüllt war, untergebracht. Ein englischer Eiseubahningenieur begleitete außerdem den Zug zur Leitung der Neparaturarbcitcn. Die Leute machten es sich in den neuen Wagen bald be- guem, falls die Anwendung dieses Worte? bei der Scymour- schen Expedition überhaupt zulässig ist. Die Lokomotiven und Tender wurden mit Schützen besetzt, um jederzeit auf Boxer, die sich etwa am Bahndamm mit Zerstörung der Schienen zu schaffen machten, feuern zu können. Dann ging eS in der :Richtung auf Tientsin zurück. 13 52ofa war bald erreicht. Während eines kurzen Aufent haltes, der zur Aufnahme von Verwundeten benutzt wurde, nahm ich das Schlachtfeld des vorgestrigen Kampfes in Augen- fcheiu. Vom Dache der Station aus erbliekte man auf dem vorliegenden Felde eine große Menge Boxerleichen; das Not ihrer Abzeichen glänzte in dem grellen Sonnenschein; eS waren ungefähr 150 200, die in ihrer Verblendung und Aberglauben gewagt hatten, gegen das Massenfeuer modernster Kontrollieren der Strecke Langsang-Losa. Maschiueuwasfeu auzustnrmcn. Der Anblick wird mir noch lauge im Gedächtnis bleiben. Weiter nach Tientsin zu fahrend, stießen wir hinter Losa auf die erste Eisenbahnzerstörung, die nach kurzem Aufenthalt bald beseitigt wurde. Die Fahrt weiter fortsetzend.. fanden wir indessen eine so große Verwüstung vor, daß ich mich veranlaßt sah. dem Admiral Sehmour zu melden, die Wiederherstellung der Bahn mit unseren Kräften allein wurde zweifelsohne u mehr wie zwei Tage in Anspruch nehmen. Ich erbäte infolge* dessen eine Verstärkung, um schneller zum Ziel zu kommen. Weiter vorrückend, richtiger zurückgehend", trafen wir an einer Stelle eine schon stark in Verwesung übergegangene Leiche. Sie war der Kleidung vollkommen beraubt ver mutlich war cS einer unserer chinesischen Boten, der mit De peschen für Tientsin, von den Rebellen hier abgcfaugen und erschlagen worden war.Inzwischen hatte man in Langfang die Verteilung der Züge auf die einzelnen Nationen vorgenommen und in einem Lricgsrat beschlossen, den Vormarsch auf Peking einzustellen und den Rückmarsch anzutreten, da man nach vorn und nach hinten auf der Eisenbahn abge- schnitten war. Durch meine Mel dung in diesem Vorhaben bestärkt, befahl Admiral Seymour, die Station Langfang aufzugeben. Er selbst traf noch am Abend mit seinem Zuge bei dem weini gen ein, um sich von dem Zu stande der Bahn persön lich zu überzeu gen und unsere Arbeiten mit feinem Personal zu unterstützen. Bevor der eng lische Zug ankam, be obachteten wir noch, wie zahlreiche Boxer in das nächste Dorf auf der linken Bahnseite einzogen. Mit mächtigen dreieckigen Fahnen voran marschirten sie im Gänsemarsch in das Dorf. DieSpeere, die langenMesser und ihre sonstigen blanken Waffen glitzerten im grellen Sonnenschein. Immer mehr kamen heran, und gar bald sah man ihre Fahnen auf den Dächern der kleinen Lehmhäuser wehen. Die Herren schienen aber keine Lust zu Streitigkeiten zu haben und störten uns nicht in der mühsamenArbeit. Während ich die Bewegung des Feindes wühl im Äugt behielt, und für einen etwaigen Angriff der fanatischen Horden schon im Allgemeinen Vorbereitungen traf, meldete mir plötzlich der Lokomotinführer, daß er wieder Wasser auffüllen und zu diesem Zwecke nach Losa zurück müßte, da hier in der Nähe kein reines Wasser zu haben sei. Also wieder mal die durstige Lokomotive! Was nun thun? Sollte ich angesichts deS sich im benachbarten Dsrfe einnistenden Feindes mit dem Zuge zurück und das ganze Tagewerk der Zerstörungswut der Boxer Gnade oder Un gnade wieder preisgeben, oder sollte ich den Zug oder die Loko motive allein nach Losa schicken und dann, mit meiner Kompag nie im freien Felde alleinstehend, das gewonnene Stück gegen einen, jedenfalls an Zahl weit überlegenen Feind behauptend Beim weiteren Ueberlegen half mir ein von Losa andampfcndcr Zug aus der Klemme. Es mar ein französischer Patrouillcur- zug, der die Strecke zwischen mir und den anderen Stationen offen zu halten hatte. Auf meinen Vorschlag erhielt ich von dem französischen Kapitän eine Abteilung Matrosen zur Verstärkung, infolgedessen ich mich entschloß, die Loko motive nach Losa zum Wässernehmen zu senden und nun meinem Arbeitsfeld zu verharren. Mit dem Zuwachs an Mannschaften wollte ich dem Angriff der großen Boxcrhorde schon Stand halten und brauchte ich anderseits nun nicht zu befürchten, daß das mühsame Tagewerk wieder zerstört würde. Der französische Zug und die Lokomotive meines Zuges dampften dann nach Station Losa ab. Der französische Offizier meldete unter militärischer Ehrenbezeugung seine Abteilung zu meiner Verfügung kommandiert. Scharf bcobachtelen wir nun die weiteren Bewegungen des Feindes, der in größeren Abteilungen eiligst in das Dorf einrückte. Zu einem Angriff, oder zur Belästigung unserer Arbeiten hatte er indessen keine Lust; die Sache mit der Unverwundbarkeit schien ihm im Lause der Zeit doch wohl unsicher geworden zu sein. Was nützt schließlich der festeste Glaube der anderen Leute, wenn man selbst, nachdem man getroffen, nicht wieder aufsteht. Das ist doch eigentlich die Hauptsache. Bevor die Sonne untcrging, kam 47 auch die Lokomotive aus Lofa zurück, und erhielt mein Eisen bahnzug somit wieder Bcwegungsfähigkeit. Auch der frau- zösische Zug Holle bei einürechender Dunkelheit daö Detachement ab, für dessen Unterstützung ich dem Kapitän meinen besten Dank . M. ©efton". 4S aussprach. Nach einigen Tagen sollte ich dem Führer desselben unter traurigen Verhältnissen auf dem Verwundetenboot wieder begegnen- In Langfang war au diesem Abend wieder ein Bote aus Peking augekommeu mit der Meldung der Gesandten, daß der Zustand daselbst immer schlimmer würde und schleunigste Hilfe geboten sei. Die Lage war für Admiral Seymour sicher keine beneidenswerte. Von dem edlen Bestreben geleitet, den so hart bedrängten Gesandtschaften so schnell wie möglich Entsatz zu bringen, fand er auf dem Wege dahin immer größere Hindernisse vor, viel bedeutendere Schwierigkeiten jedenfalls als vorher zu erwarten war. Dazu noch das Gefühl, auch von Tientsin abgeschnitten zu sein und auf jegliche Unterstützung, sei es an Truppen, sei es an Munition oder Proviant, ver zichten zu müssen. Die ganze Boxerbeweguug. das wurde uns bald klar, hatte im Nu ungemein große Dimensionen ange nommen und schien wie ein Lauffeuer von Ort zu Ort zu gehen. An meiner Arbeitsstelle augekommeu, fand Admiral Seymour die Zerstörung der Bahn nicht so schlimm, wie er sich s nach meiner Meldung und derjenigen des mir beigegebenen Eisenbahningenieurs vorgestellt hatte. Er glaubte in 3 Tagen Tientsin erreichen zu können. Diese Annahme, verbunden mit dem abermaligen Hilferuf aus Peking, bewog ihn, den befohlenen Rückzug wieder aufzugeben und die Stati onen Lofa und Langfang von neuem zu besetzen. Die That- sachen haben nachher bewiesen, daß meine pessimistische Auf fassung über den Zustand der zerstörten Bahn leider Recht behalten sollte. Zum Glück entstanden aus der abermaligen Aenderung deS Planes keine weiteren Schwierigkeiten, wie die Ereignisse am 18. Juni nachher zeigen sollten. Was die Reparatnrarbeiten anbelangt, so thaten wir unser Möglichstes, um schnell vorwärts zu kommen. Auch die nun kommende Nacht verlief ruhig; es kam nicht zu einem Nachtangriff, wie ich eigentlich aus der großen Boxer ansammlung in dem nahen Dorfe schließen durfte. Selbstredend wurde nach dem Dorfe zu mit besonderer Aufmerksamkeit Wache .gehalten. 49 Wir hier draußen im weiten Felde, auf halbem Wege nach Peking, ahnten nicht, daß sich in dieser Nacht vor Taku so entscheidende, ereignißreiche Stunden abspielten. Wir ahnten nichsi daß der kleine Iltis, den wir vor einer Woche noch friedlich am Quai liegen sahen, in dieser Nacht mit den Kanonen booten der anderen Nationen einen blutigen Kampf anszufechten hatte gegen die starken Taknforts und sie zum Schweigen brachte. Ja, wir konnten es nicht wissen, daß dieser Sieg auch für unsere Expedition Rettung, Freiheit bedeutete, Befreiung aus der Gefahr des sicheren Unterganges. , S. M. K. Iltis". Die Bezwingung der Takuforts war die Bedingung für den Entsatz des arg bedrängten Tientsin und somit auch unserer Expedition, die im anderen Falle durch die llebermacht eines mit allen modernsten Schußwaffen versehenen grausamen Feindes, wie aus den späteren Schilderungen hervorgehen dürfte, -vollständig aufgeriebcn tvorden wäre. Sonntag, den 17. Jnni. Am frühen Morgen ging es mit vereinten Kräften s * Reparatur der Bahn. Die Oberleitung nahm nunmehr 50 besonderem Geschick die Bahnrcparatur leitend, konnte er sicher sein, daß jedermann, durch sein stets wohlwollendes Wesen sympathisch berührt, mit ihm durch Dick und Dünn ging. Da es erwünscht war, die Boxer in unmittelbarer Nähe zu verjagen, erhielt ich durch den Flaggkapitän Jellico den Befehl des Admiral Seymour, aus dem naheliegenden Dorf die Abends vorher daselbst eingerücktcn Boxer zu vertreiben. Diese Aufgabe gefiel allgemein, man konnte auch den Offizieren und Manschaftcn ansehcn, daß ihnen der Kommandeur der amerikanischen Abteilung, Kapitän Mc. Calla in die Hand. Ich möchte nicht verfehlen, diesen Herrn be sonders zu erwähnen, denn er hat sich große Verdienste er worben in den verschiedenen schlimmen Lagen, in welchen sich die Expedition des Oefteren befand. Die ihn kennen gelernt haben, werden ihn nie vergessen; wie er, seinen Leuten stets voran, auf der Schulter das Gewehr, mit stets freundlicher Miene und köstlichem Humor Befehle erteilte, so ruhig und gemessen, als sei er auf dem Exerzierplatz. Mit gan; Englisches Geschütz im Feuer.Die Boxer greifen die Spitze dcS Zuges nn.dieses Morgenmanöver" ein großes Vergnügen machte. Ich ließ sofort die Kompagniekolonne formieren nnb befaßt dem vordersten Zug, frontal anzugreifen, während ich dst folgenden Zug! anwies, das Dorf von der rechten Flanke anznfasfen. Bevor wir vorgingen, ließ Kapitän Jellico noch einige Granaten aus dem Nennpfündner, der dem vordersten Wagen des eng. lischen Eisenbahnzuges Aufstellung gefunden hatte, in das Dorf werfen.. Die Schüsse faßen gleich sehr gut; krachend schlugen sie in die Dächer der Lehmhütten ein und warfen eine mächtige Rauch- und Staubwolke auf. Als das Geschützfeuer eingestellt war, hieß es Schwärmen" und der Angriff begann, wie ich es vorher angeordnet hatte. Das Feuer wurde alsbald auf die sichtbar werdenden Boxer eröffnet, vor allen Dingen auf die Verwegenen, welche sich damit beschäftigten, in den Häusern Feuer anzulegen. Das konnten die Herren ruhig uns über, lassen: wir nahmen ihnen diese Arbeit sehr gern ab, nur wollten wir mit ihnen persönlich noch ein Wörtchen sprechen. Das Letztere schienen sie weniger lieben, denn beim weiteren Vorrücken flüchteten schon viele landeinwärts und nur ein Teil der Rebellen stellte sich auf der rechten Seite des Dorfes auf, um Widerstand zu leisten. Dem heftiger werdenden Feuer des die Flanke angreifenden Zuges hielten auch sie nicht lange Stand und zogen sich langsam zurück. Die übrigen beiden Züge drangen nun in das Dorf ein, um es genau abzusuchen und es von Boxern zu säubern. Die mächtigen Boxerfahnen wehten noch von verschiedenen Dächern, bezw. ragten mit ihren langen Stangen im Hofe stehend, über die Dächer der niedrigen Lehmhäuser hinweg. Die meisten chinesischen Dörfer bilden eine Art Festung, da die äußersten Häuser auf der Peripherie alle znsammen- stoßen, oder durch Lehmmauern zu einem großen Gürtel vereinigt sind. Nur eine oder zwei Lücken darin bilden die Zugänge zum Dorf, die aber sehr schnell zur Verteidigung ge. schlossen werden können. Ein jedes Hans eines solchen Dorfes ist an sich wieder ein kleines befestigtes Gehöft, da jedes von einem Zaun Matten umgeben ist. Es ist eine be- luiute Erfahrung, daß beim Durchsuchen eines Ortes leichtk’ e Führung und "ebersicht in der gruppe verloren gebt. Ganz besonders trat bei den chinesischen Dörfern diese Gefahr ein. Ein jedes Hans mußte für sich genommen und durchsucht werden. Die Leute bekamen natürlich sehr bald Hebung in dem-Niederhauen der Zaune und Einschlagen der Hausthüren. Zuerst hat es immer etwas Ungemütliches, nach der Be seitigung des Zugangs in den dunklen Raum der Häuser zu treten. Unwillkürlich war man auf den Schuß oder Hieb eines darin versteckten Boxers gefaßt. Wir machten aber bald die Er fahrung, daß das ganze Nell ausgeflogen war, falls man das liebe Federvieh nicht mitrechnen wollte. Dies hatte man zu- rückgelasscn. Diese Rücksichtnahme auf unsere armen knurrenden Atagen war wirklich ein liebenswürdiger Zug der sonst so bösen Chinesen; im Stillen haben wir ihnen beim Verspeisen der willkommenen Beute innig gedankt. Aber auch eine junge Chinesin ließen sie zurück, die vorläufig bewacht wurde, um Erkundigungen über den Feind von ihr eingnziehen. Nachdem wir nun das ganze Dorf, Hans für Haus abgesucht hatten, gingen wir daran, ein wenig an unser leibliches Wohl zu. denken, und räumten in den verschiedenen Ställen etwas auf."- 54 ES erhob sich infolgedessen ein gar heftiges Hühnergeschrei und bald sah man den braven Matrosen schmunzelnd ein oder zwei Exemplare des schönen Federviehs unter vem Arme tragend, munter einherschreiten. In einem Hause, daS anscheinend als Depot gedient hatte, fanden wir auch noch eine Menge Waffen vor, darunter hochinteressante altertümliche Stücke, auch eine Kanone von vorsündflutlicher Gestalt und erhabenem Alter. Dem Befehle des Admiral Scymour gemäß, wurden diejenigen Häuser, in welchen sich Waffen oder gestohlenes Eisenbahn material vorfand, angezündet. Der Feind selbst hatte sich immer mehr zurückgezogen, das Feuer wurde bald eingestellt, da unZ nur daran lag, dies Dorf zu säubern und Proviant zu requirieren. Im ganzen waren bei dem Gefecht fünf Boxer getödtet worden, während von uns niemand verletzt worden war. Unter anderem wurde auch eine Kuh als willkommene Beute mitgenommen und später mit großer Mühe aber auch mit viel Liebe in den Eisenbahnzug gebracht, wo sie friedlich neben den Matrosen ein stilles beschauliches Dasein führte, ohne allerdings ihren Beruf, geschlachtet zu werden, zu erfüllen; denn bei dem allgemeinen Verlassen der Eisenbahn am nächst folgenden Tage wurde sie laufen gelassen. Zum Schlachtfest hatte man da keine Zeit mehr. Als nach gcthaner Arbeit zum Sammeln angetrcten wurde, kam auch Admiral Seymour zu uns und gab Befehl, das ganze Dorf in Brand zu stecken, damit den Boxern nicht mehr als Stützpunkt dienen konnte. Auf dem Sammel platz angekommen, hatte die Kompagnie ein ganz anderes Aussehen bekommen. Fast jeder dritte Mann trug irgend ein Beutestück, dieser eine mächtige Boxerfahne, jener eine Lanze, der dritte einen langen Chinesensäbel; aber fast jeder zweite Mann ein schreiendes Federvieh in Form eines Huhnes, einer Gans oder Ente. Es war ein gar lustiges Antreten man konnte das Lachen nicht unter drücken. Dann sollte der Abmarsch losgehen; doch ein eigen artiges Intermezzo verzögerte es noch ein wenig. Von einem Brunnen in nächster Nähe schrie ein Mann plötzlich: Herr KapitänleutnantI Sie ist runtergesprungen! Sie ist herunter--gesprungen!" Wer was ist denn heruntergesprungen?" Unsere Gefangene, die Chinesin," war die Antwort. Ach so unsere Gefangenei Das kam nämlich so: In ihr Schicksal sich erge bend, mochte wohl die arme Chinesin annehmen, wir bösen weißen Teu fel gedächten sie in gleicher Weise, wie die Boxer es mit uns gemacht haben würden, grausam hinzu morden. Als nun zum Abmarsch an getreten wurde, verlangte sie plötz lich am Brunnen noch schnell Wasser trinken zu dürfen. Der galante Ma trose führte die holde Schöne hin; doch ehe er es ver hindern konnte, ließ sich seine Schutzbefohlene durch die kleine Oeffnung deS den Deckel bildenden Steines in den Brunnen fallen, sodaß der gute Mann mit ziemlich verdutztem Gesicht ihr nachsah und dann jenen Ausruf that. Wir sprangen nun schnell hinzu und konnten die Aermste noch beobachten, wie sie, sich an der Innen seite des Brunnes anklammernd, den Kopf noch eben über 56 Wasser hielt. Doch das Hcrausholeu war nicht so leicht.- Die Ocss- nung des Steines war nur sehr klein ein kräftiger deutscher Matrose konnte sich nicht hindurchzwängen. Schnell wurde darum der ganze Stein abgehoben und dann mit einem Tauende die schöne Fee, die ihre Selbstmordsgedankcn bei der Bekanntschaft mit dem kalten Wasser doch wohl geändert hatte, nach oben geholt. Der gerade des Weges kommende Dolmetscher fragte sie nach dem Feinde aus, da sie jedoch keine Angaben machen konnte, ließ ich sie wieder laufen. Vielleicht hat sie durch das Abenteuer eine bessere Meinung über uns bösen Menschen bekommen. Dann ging unter fröhlichem Gesang mit fliegenden Boxer-Fahnen, unter Hühner- und Gänsegeschrei und melan cholischem Gebrüll unserer Boxerkuh zum Eisenbahnzuge zu rück. Dort wurden wir von den Engländern mit Hurrah be grüßt, ich kann wohl sagen, nicht ohne Neid, denn unsere Beute betrachteten sie mit sehnsüchtigen Blicken. Nachmittags ging es nun weiter mit den Zügen bis zu der Eisenbahnbrücke vor der Station Jang-tsun. Es sollte unser letztes Halt mit der Bahn sein; denn eine ungeheure Zer störung nicht allein der schwer zu reparierenden Brücke, sondern auch der weiteren Eisenbahn strecke rief uns ein bitteres Bis hierher und nicht weiter" zu. Hier war an ein schnelles Weiter arbeiten nach Tientsin zu vorab nicht zu denken. Admiral Seymour überzeugte sich selbst davon, nachdem er mit einem Detache ment von 50 Mann die Strecke abgegangen war. Die Zer störung war eine so gründliche, daß man hier die Beteiligung der regulären Truppen schon unbedingt als sicher annehmen mußte. So konnten wir freilich lange warten, bis wir von Tientsin Nachfuhr bekamen. Auch die Station, vor allen Dingen der Wasserturm, war gänzlich unbrauchbar geworden. Die Stimmung war begreiflicherweise eine deprimierte; sie konnte auch nicht durch das großartige Souper, das an diesem Llbend natürlich aus Kückensuppe und einer Art Hühnerfrikassee bestand, vergnügter werden. Abends um 9 Uhr wurden die ältesten Offiziere dew 57 berfcfjiebcneit Stationen, von der anwesenden deutschen Abteilung also meine Wenigkeit, znm Kriegsrat befohlen. Da saß man nun in dein trüb erleuchteten Eisenbahn wagen mit den Vertretern der verschiedenen Nationen zusammen und sollte über das Was nun?" sein Votum abgeben. Ich fand Admiral Seymonr sehr nervös und abgespannt; es war nur zu erklärlich, daß schwere Sorgen ihn drückten, denn seine optimistische Ansicht über die Bahnreparatnr war nach dem heute Geschehenen geschwunden. Admiral Seymonr schilderte uns die allgemeine, natürlich wenig günstige Lage, wies darauf hin, daß wir fürs Erste weder nach hinten noch nach vorn rasch vorwärts kommen konnten, und daß, selbstredend, wenn man vorn Langfang und die wieder besetzten Stationen aber mals aufgeben würde, in kürzester Zeit auch dort alles zerstört sein würde, und daß dann alles, was wir in den sieben Tagen errungen hätten, vollständig verloren sei. Er fragte jeden Offizier der verschiedenen Nationalitäten nach seinem Ratschlag. Guter Rat war teuer. Man einigte sich schließ lich dahin, an Kapitän von Usedom einen Boten zu schicken mit dem Anheimstellen, die Station Langfang noch vorläufig zu halten, falls der vorhandene Proviant ihm solches gestatten würde. Man wollte versuchen, ihm ferner hier dem Orte Jangtsun weiteren Proviant znzusenden. Gleich nach dem Kriegsrate, in dem noch beschlossen wurde, am nächsten Tage im genannten Orte Proviant zu requirieren, wurde ein eng lischer Offizier mit einer Draisine nach Langfang geschickt, um Kapitän von Usedom den Befehl zu überbringen. In Langfang hatte man inzwischen die Station wieder besetzt und nach Peking zu weitere Rekognoszierungen vorge nommen, die eine bedeutende Zerstörung und das Vorhandensein starker chinesischer Reiterpatrouillen feststellten. Montag, den 18 . Juni. Zweihundert englische Seesoldaten rückten früh am Morgen gegen die Stadt Jangtsun vor, um Lebensmittel aufzutreiben. Es gelang ihnen auch, ohne irgend welchen Widerstand zu stoßen in die Stadt zu marschieren und Proviantliefernngen ab- 58 zuschließen. Am Abend sollte das Gewünschte herbeigeschafft werden, in Wirklichkeit ist es aber, wie aus den späteren Er eignissen hervorgeht, garnicht so weit gekommen. Ich er hielt am nächsten Morgen für meine Kompagnie den Befehl, weiter die Bahnstrecke nach Tientsin abzupatrouillieren. Zu diesem Zwecke schickte ich den Oberleutnant Rohr mit seinem Zuge dorthin, während die übrigen Leute zur Bahnreparatur kommandiert wnr- Eisenbahnbrücke be- nannterOfstziereine damit beschäftigt bahnschwellen zu der Annäherung und den. An der merkte ge- Dschunke, die war. Eisen verladen. Bei beim Zuruf, zu halten, fuhr sie eiligst davon, infol- gedessen daS Feuer auf die Chinesen eröffnet wurde. Leut nant Röhr, sehr richtig daran den kend, daß der Besitz einiger Fahrzeuge für unsere Expedition von großem Werte sein würde, war sich wohl bewußt, daß man sich schon jetzt dem Gedanken zuneigte, die Eisenbahn ganz aufzugeben und auf dem Wasserwege zuerst Fühlung mit Tientsin wieder zu gewinnen. Da die Expedition über keinerlei Wagen verfügte, sondern nur auf eine Eisen bahnfahrt zugeschnitten war, so würden eventuell die Boote als einzigstes Transportmittel übrig bleiben. Wie nützlich uns der Erwerb dieser Dschunken geworden ist, sollten wir später erfahren. Auf weiter unterhalb der Brücke verankerten Booten bemerkte Leutnant Röhr verschiedene Chinesische Dschunke. 59 Voxer; sie alle waren augenscheinlich damit beschäftigt gewesen, das Eisenbahnmaterial wegzuschleppen. Nach kurzem Wider stande wurden im ganzen vier Dschunken genommen, auf denen Waffen, eine Fahne und roten Abzeichen der Boxer den. Im ganzen fielen bei sich allerhand die bekannten sekte vorfan- der Besitzer greifung 14 Boxer, bezw. bei der Ab sicht, sich durch die Flucht dersel ben zu ent ziehen. Die Boote wur- dennununter die Brücke gebracht und Wachmann schaften für dieselben ab geteilt. Unerwartet trafen gegen halb 9 Uhr abends sämtliche Eisenbahnzüge bei den unsrigen an der Eisenbahn brücke von Jangtsnn ein. Ein Ereignis von großer Bedeutung war cingetreten. Der Verlauf des selben geht aus dem kurzen amtlichen Bericht der Marine-Nunvschan hervor, den ich hier folgen lasse: Während Kapitän Usedom in Langfang die Anordnungen zum Rückzug traf, erfolgte Plötzlich um 2 Uhr ein Angriff starker Boxermassen und regulärer chinesischer Infanterie und Kavallerie k!mvv & Ä ? g 6s Nt? 60 Vervollständigung der Munition. (Entnahme von Munition auZ dcn Patronengürteln der gefallenen Chinesen.) rechten Flügel ans, die Herthakompagnie voran. Beim Anlauf zog sich der Feind zurück. Unmittelbar darauf, als die Kompaq- men vor dem Wald Halt niachten. erfolgte ein Angriff des Femdes mit der blanken Waffe, an dem hauptsächlich Boxer teil, nahmen. Derselbe wurde abgewiesen, worauf der Feind in wilder Flucht zurückging. von Peking her. Der Feind entwickelte große Slreitkräfte, wohl gegen 5000 Mann, sodas; ein Eingreifen aller Kompagnien, außer den Deutschen noch Engländer, Russen und Japaner, nötig wurde. Da der Feind aus gedeckter Stellung hinter Erdwällen und einem Waldrand herausfeuerte, traten große Verluste ein. Nach anhaltendem Fenergefccht erfolgte das Vorgehen voni 61 Sic Deutschen hatten 1 Toten und 17 Verwundete. Die Engländer , 3 Tote ,24 Die Russen , 3 , , io " er Verlust des Feindes betrug weit über hundert. Von den Gefallenen trugen viele die Uniform der chinesischen Regulären, auch wurden unter den zahlzGhen. erbeuteten Bannern solche der regulären Truppen, insbesondere des Generals Juug-Lu ge sunden. Die Herthakompagnie hatte sich beinahe verschossen, als Anlauf be- beim ersten merkt die Gefal- Feindes gürtel mit wm 71 84 diesen Munition Von einer des Feindes dem Man- vallerie ab- die Rück- Jangtsun Voll nahmen Hansa- die Kunde, Kameraden Kapitän zur See von Usedom. wurde, daß lenen des Patronen- Patronen hatten. Aus wurde die ergänzt. Verfolgung wurde bei gel an Ka- gesehenund fahrt nach angetreten. Neid ver wir von der Kompagnie daß unsere der ande ren Schiffe zum ersten Mal ein wirkliches Fcnergefecht bestanden eine so große Ucbermacht regulärer Truppen in die Flucht geschlagen hatten. Das war mit einem Male ein ganz anderes Bild, ein anderer Gegner, der mit gleichen Waffen sich wehrte kräftig wiederschoß. Dieser unerwartete Angriff seitens der Peking-Armee hatte natürlich große Erregung hervorgerufen. Ich konnte aus dem Gespräch eines englischen Seekadetten zur Genüge feststellen, daß die Engländer von der vortrefflichen Führung des Kapitän von tlscdom begeistert waren. b- So waren nun alle Züge am Abend bei Jangtsun ver eint, das mühsame Werk tagelanger harter Arbeit, die mit großer Mühe vieler Kunst als Stützpunkte hergerichteten Eisenbahnstationen, alles war nun der Zerstörungswut der Feinde preisgegeben, die nun es war mit einem Male zur bitteren Gewißheit geworden nicht allein aus chinesischen Räuberbanden, sondern auch aus europäisch gedrillten, mit modernen Schußwaffen versehenen kaiserlichen Truppen bestanden. Dies war der bedeutendste Wendepunkt in der ganzen Kriegslage. Es war jedenfalls eine bittere Gewißheit, daß wir es nun mit einem ganz anderen Feinde zu thun hatten. Die Stimmung an diesem Abend war bei dieser Erkenntnis eine sehr deprimierte, die durch den Eintritt des starken Regenwetters keineswegs eine bessere wurde. Wenn man wegen der Un möglichkeit, mit der Eisenbahn Peking zu erreichen, umkehren mußte oder infolge Proviantmangels oder aus Rücksicht die vielen Verwundeten, so war diese Notwendigkeit sicherlich ein bitterer Gedanke. Wenn sich hierzu aber plötzlich die That- sache gesellte, daß die ganze chinesische Armee, die vorher eben falls gegen den Boxeraufstand ins Feld gezogen war, nun gegen uns Front machte, so war das mehr als ein peinliches Gesiihl: es war eine Begebenheit, die unser kleines Häuflein er schöpfter Menschen zur gänzlichen Vernichtung bringen konnte. Gewiß konnte man mit Stolz konstatieren, daß unsere Leute sich in diesem ersten Fenergcfecht vorzüglich benommen und den heftigen Angriff von Infanterie, Kavallerie und Boxern mit großer Bravour zurückgeschlagen hatten, aber keiner verhehlte sich, daß die Lage mit einem Male so ernst war, wie sie nur sein konnte. Nein gegen die ganze reguläre chinesische Armee war die Expedition Seymonr ursprünglich nicht ins Feld ge zogen, das hätte sie, zumal in dieser Ausrüstung, nie wagen dürfen. Der Kampf mit der Armee begann somit erst uner wartet eine Woche später, als sich die Expedition tief im Lande befand. Und daß sie ihn doch aufnehmen mußte, daß sie sich gegen die Armee durchschlagen mußte, Schritt für Schritt, bis zum Tode erschöpft, hungrig und durstig, mit vieleir Verwundeten, bei glühender Tropenhitze, stets feindliche 63 - UeT ermctcT)t vor sich das wird zweifellos noch später die Kriegsgeschichte besonders würdigen. Oft schien es uns unmög lich, siegen, oft glaubten wir, daß alles zu Ende sein müßte. Boxer-Amulett. (Auf der Brust verborgen, soll den Träger schuststcher machen) und doch gelang es uns, dürchzukommen, mit Gottes Hilfe, durch Gottes Hand, der uns tu der fchlversten Stunde nicht C4 verlassen und die Greuel, die seinen Gläubigen in so schrecklicher Weise angethan waren, nicht ungestraft lassen wallte. War es nicht auch Gattes Fügung, daß die armen Bedrängten in Peking, denen wir zu Hilfe eilen wallten, wie durch ein Wunder be schützt wurden, wo alle Welt sie schon ansgegeben hatte? Von ganz besonderem Glück war der Umstand begleitet, daß nach der Attacke am heutigen Tage alle Züge ungestört am Abend das Gros erreichen konnten. Wie leicht konnte an irgend einer Stelle zwischen Jangtsnn und Langfang wieder eine Zerstörung eingetreten sein. Ohne Zweifel wäre dann in dem Rückzug eine gefahrbringende Stockung eingetreten und die einzelnen Truppenteile hätten bei Erneuerung der Angriffe einen sehr schweren^ tand gehabt. So aber kamen alle Nationen in verhältnismäßig kurzer Zeit geschlossen in Jangtsnn an, wo nnnmchr die ganze Macht, ungefähr 2100 Mann, am Abend des 18. Juni sich vereinigte. Es war der erste Regen tag auf der Expedition, aber mit diesem traten auch gleich die unangenehmsten Folgen ein. Wie sollte man sich vor der Nässe schützen? Die Wagen der deutschen Truppen waren fast alle offen; infolgedessen krochen die Leute unter dieselben. Doch lange dauerte nicht, da tropfte es schon bedenklich durch die Fugen der Eisenbahnwagen hindurch. Zelte hatten wir nicht, mithin war das eine wenig beneidenswerte Nacht. Für die Hansa- Kompagnie gab es überhaupt wenig Schlaf, denn sie hatte die Wache am Ende des Zuges nach Tientsin zu. Besonders scharfer Ausguck mußte zu beiden Seiten des Zuges gehalten werden, da sich hier ain Bahndamm entlang Sümpfe hinzogen. Ein Vorschieben der Borposten war aus diesem Grunde hier nicht möglich. zeden Augenblick mußten wir auf einen Angriff der kaiserlichen Truppen gefaßt sein, denn sie konnten sich inzwischen wieder gesammelt haben und vielleicht, durch weiteren Zuzug verstärkt, un gefolgt sein. Dann und wann ein Schuß in der Vorpostenlinie zeugte von einer großen Erregung des Nervensystems. Selbst die ruhigsten Leute wollten plötzlich Chinesen im vorliegenden Schilf gesehen haben in der Absicht den Sumpf zu durchwaten. Schüsse in dem benachbarten .Jangtsnn dienten nicht zur Beruhigung der Gemüter.SBanbo (icuuiffnctor Sojcv.66 Aber mich diese Nacht verlief ohne Angriff; die bösen Geister schienen auch die regulären Truppen fürchten oder der Denkzettel von heute in Langfang hatte vorläufig genügt, uns die Chinesen vom Leib halten. In dieser Nacht gewahrte man in der Richtung auf Tientsin einen ungeheuren Feuerschein. Dort wurde, ohne daß wir es wußten, seit gestern schon tüchtig gekämpft. Wie sollten wir es wissen? Wir waren ja vollkommen abgeschnitten, ohne Nachschub, ohne Nachricht; wir waren, wie man auf Hochdeutsch sagt: in einer Mausefalle," wie mau sie sich nicht besser vorstellen konnte. Dienstag, den 19. Juni. er 19. Juni 1900 brach an; düster das Wetter und düster die Stimmung. Es kam hinzu, daß nunmehr die Ent behrungen aller Art, die schlechte Verpflegung, das schlechte Wasser, die jämmerliche Unterbringung zumal bei dem reg nerischen Wetter uns alle sehr mitgenommen hatten. Zuerst hatte man sich scherzend über manche Unannehmlichkeiten hinweg- gesetzt. Wenn aber mal 10 Tage ins Land gehen mit diesen unerwarteten Strapazen wir dachten schon in 3 Tagen in Peking zu sein dann wird der Mensch doch allmählich mürbe. Als Führer beachtet man die Leiden und Entbehrungen dem Grunde weniger, weil man dauernd mit dem Gedanken beschäftigt ist: Wie sorgst du am besten für deine Leute? So sind auch mir manche Entsagungen weniger in Erinnerung ge blieben und würde mir selbst schwer werden, aufzuzählen, was wir alles entbehren mußten. Nur eins weiß ich und darf ich auch au dieser Stelle wohl bestätigen: Wir haben schwer gelitten, wir haben unglaubliche Entbehrungen erfahren; Hunger und Durst hat uns gequält, nie wird mau das je ver gessen. Wer konnte die Leute zurückhalten, wenn sie sich schließlich, lechzend vor Durst, in das schmutzige Wasser des Peiho warfen und das Wasser trankest, schlammig und verunreinigt durch Menschen- und Ticrleichcn, die von unseren Feinden absichtlich hineingeworfen waren. Wohl hatte jeder dritte Mann einen kleinen Kohlenfilter bei sich, wer will aber stets kontrolieren, ob das Wasser immerregelrecht filtriert wird. ES ist nicht zu leugnen, daß wir ent setzlichen Anstrengungen ausgesetzt waren und unerwartete Leiden aller Art, an die wir bei unserer Abfahrt sicherlich nicht gedacht haben, durchkosten mußten. In der Aufregung des Gefechtes, in der steten Erregung über unser Schicksal hat man 5)iei)tc besser ertragen, als wenn man ruhig einhcrgezogen wäre. Mit dem heutigen Tage, au dem wir die Eisenbahn über haupt verließen, begannen die Strapazen ganz besonders auf unseren Körper und unser Gemüt einzuwirken. Die Ereignisse des vergangenen Tages hatten jegliche Hoff nung, möglicherweise auf dem Wasserwege den Vormarsch gegen Peking zu versuchen, zunichte gemacht. Mit Boxern allein wäre man vielleicht fertig geworden, vorausgesetzt, daß mau auf ecm Fluß von Tientsin weiteren Nachschub nach Jangtsun er halten^ hätte, gegen eine ganze Armee aber wäre es in dieser Verfassung Tollkühnheit gewesen. Ich bin zuweilen gefragt worden, warum wir nicht, direkt auf Peking von Lnngfang aus losmarschiert wären, wenn wir es mit der Eisenbahn nicht konnten, die Kämpfe in Peking gegen die Gesandtschaften hätten ja gezeigt, daß auch die nläreu Truppen nicht lange derstand geboten hätten. Eine uppe, die keine Wagen bei sich , weder für den Verwundeten- asport, noch für die Muni- oder für den Proviant, auch ni der Bestand des letzteren t mehr groß ist, eine Truppe, keinerlei Zufuhr mehr bekam sich dennoch anschickte, gegen frischen Truppen Pekings in er Verfassung loszumarschieren Ansicht vollkommen aufge rieben worden. Wir mußten zurück nach Tientsin, zu und dann Peking erobern Matrose in Landungs Uniform. 68 unserer Operationsbasis, wir mußten wieder Fühlung haben. Ver bindung mit Tientsin das war unser Loosnngswort; sonst ging alles verloren. Wir hatten alles gethan, Inas in unseren Kräften stand, viel edles Blut war schon geflossen aber es war uns nicht möglich, unseren armen Landsleuten zu helfen. Es wäre ein nutzloses Ansopfern gewesen. Ein Kriegsrat sämtlicher Truppenkommandeure unter Vorsitz des Admirals Seymour beschloß das Verlassen aller Eisenbahnzüge und den Rückmarsch der Truppen längs des Pciho, welchen in den 4 erbeuteten Dschunken Verwundete, Kranke, einzelne Kanonen, Munition, Proviant und Gepäck stromabwärts transportiert werden sollten. Nur das Allernotwcndigste sollte mitgeiionimen werden, kein unnötiger Ballast. Vor Abhaltung des Kriegsrates wurden die im Kampfe des gestrigen Tages gefallenen Kameraden noch zur letzten Ruhe gebracht. Ein trauriges Begräbnis: Kein Grabhügel, kein Kreuz schmückte die Stelle, wo ein treuer Soldat, für sein Vater land verblutet, in die kühle Erde gesenkt wurde. Wir durften es ja nicht; denn selbst die Toten hatten vor diesen schrecklichen Horden keine Ruhe. Sie würden mit Gier die Gräber aufge wühlt und die Leichen verstümmelt haben. Von Beispielen hatten wir ja schon gehört. Wir konnten uns nur genau die Stelle merken, wo ein Kamerad seine letzte Ruhe gefunden, damit man für ihn später nach Beendigung des Krieges eine bessere Grab stätte Herrichten konnte. Nach stattgehabtein Kriegsrat begannen wir sofort mit Aus- packcn der Züge und Beladen der 4 Prähme. Man wird sich ein Bild von dem Zustand auf einem solchen Boot machen können, wenn man bedenkt, daß für 500 Mann ein kleines Fahrzeug für den oben genannten Zweck ansreichen mußte. Daß die Fahr zeuge nur klein waren, erhellt daraus, daß der Peiho hier die Größe und Breite der Ruhr besitzt. Ein Leutnant hatte die Aufsicht über dieses Fahrzeug. Sein Amt war wenig beneidens wert. Die Arbeit des Ausladens ivar gegen 4 llhr nachmittags beendet. Wehmütig nahm man Abschied von seinem Eisenbahn- wagcn, der, so wenig Poesie er auch bieten mochte, uns doch für 10 Tage ein Obdach gewährt und iit dem man eiltAusschiffung bcr Verwundeten anS den Booten bei den Kämpfen vor dem Arfcnal Hsiku am 22. Juni. 70 originelles Leben geführt hatte. Traurigen Herzens mußten wir leider die schöne Kriegsbeute in den Fluß werfen: Die großen Boxerfahnen, die eigenartigen Waffen, alle Trophäen, mit denen wir unsere Wagen geschmückt hatten, alles mußten wir im Stich lassen. Das Meiste wurde in den Fluß geworfen, damit es nicht wieder in die Hände des Feindes geriet. Das Terrain bei den Zügen sah recht lieblich ans. Uebernll Kisten und Kasten, Kleidungsstücke, Reisekoffer; alles lag zerstreut umher. Was half es? Die Leute hatten schon genug zu tragen an ihren Waffen und ihrer Ältunition; das Ilebrige blieb, boniblle dictu ohne daß eilt Verlustprotokoll geschrieben wurde, zurück. Um halb 5 Uhr war man zum Abmarsch, bezin. zur Abfahrt bereit. Die Marschordnung für den heutigen Tag war: vorn die Engländer, dann Franzosen, Amerikaner, Russen; die Nach hut bildeten heute wir Deutsche. Während der Einschiffung am Nachmittag hatte meine Kom pagnie den Sicherheitsdienst und konnten wir hierbei in weiter Ferne eine Menge Reiter in scharfem Trapp vorbeitraben, sehen. Im grellen Sonnenschein glaubten wir weiße Röcke zu unter scheiden und kam uns der freudige Gedanke, daß es vielleicht Kvsackentrupps wären, die von Tientsin aus uns rekognoszieren sollten. Leider war dies aber nicht der Fall. Wir ivaren und blieben abgeschnitten und mußten uns selbst den Weg bahnen. Es war ein interessantes Bild, als die bunten Kolonnen, zum ersten Mal zu einem einzigen Truppenkörper vereint, sich in Be wegung setzten. Langsam ging der Marsch vorwärts, denn die Fahr zeuge oder die Prähme", wie es in der Seemannssprache heißt, kamen zeitweise wegen ihrer schweren Belastung auf dem Grtinde fest und mußten mit großer Anstrengung wieder flott gemacht werden. Das gab dann leider immer einen unfreiwilligen Auf outhalt und wir hatten doch so eilig, nach Tientsin zu kommen. Nun stand die ganze Kolonne zum ersten Mal im freien Felde; kein Stützpunkt mehr, weder in Fornt einer befestigten Station, noch in Form eines Eiscnbahnzuges. Mit der Waffe in der Hand, ohne Deckung ging es setzt durch Feindesland. Wir waren noch nicht sehr weit marschiert, als auch schon die Boxer von allen Seiten auf die verlassenen Züge stürztenVerlassen der Eisenbahn in Jangtsun am 19. Juni. 72 nub darin zu Plündern begannen. Man konnke sie mit bloßem Shtfle beobachten, wie sie einen Wagen nach dein andern durch suchten, gewch mit einem schönen Frendengehenl. Im Nn waren die Gesellen ivieder der Bildfläche erschienen Der Chmcse besitzt eine große Fertigkeit, sich verbergen. Der gänzliche Mangel an Kavallerie bei nnserin Korps kam ihm hierbei natürlich sehr gut zustatten. Mit Einbruch der Dunkelheit machten wir die Prähme an, Ufer fest. Es wurde dann biwakiert und abgekocht. Das letztere war allerdings leichter kommandiert, als.ansgeführt. Wohl brannten dw Feuer sehr bald aber mit dem besten. Feuer kann man nicht Abendbrot kochen, wenn der Proviant und das Kochgeschirr noch fehlt Das lag alles in einem wilden Durcheinander dem Prahm zwischen der Munition, zwischen stöhnenden und wim mernden^ Verwundeten, zwischen Gepäck und sonstigen Aus rüstungsstücken. Ich verde nie das Bild vergessen, wie die znm Proviantholen abgeteilten Leute bis zu den Knieen im weasicr standen und nun von dcni armen Leutnant des Prahmes Proviaiit und Kochgeschirr erflehten. Ein Teil der Matrosen kramte dem Boote in dcni lieblichen Chaos herum, mancher Verwundete bekam einen Rippenstoß und beklagte Iich bitter über die wenig zarte Behandlung. Aber Hunger thnt auch weh, und lange schon hatte man das Essen gewartet. Unch die größte Schwierigkeit wird einmal überwunden und wenn auch mein armer Leutnant Becker sich oft verzweifelnd an den Kopf fatzte und rief: Kerls. Geduld, Geduld, sonst giebt s überhaupt Nichts! so bekam doch schließlich jeder noch vor dem Schlafengehen etivas. um seinen Hunger stillen. Selbst in einem regelrecht angelegten Feldzug komme,! getviß nianche Verwirrungen und Verwechselungen vor, wieviel eher sind derartige soeben geschilderte Szenen erklären, S ruWe bie ^ ev Eisenbahn in spätestens 3 Tagen ach Peking gelangen will, gezwungen wird, alles im Stich zu lassen, und deren Train nur in einem Fahrzeug für je 500 Mann bc, eht. Feldlazarett-, Mnnitions-, Proviantkolonnen, alles in diesen, kleinen Boot vereint. Aber es geht alles, wenn man will nnb mnsr. Wenn einem (6 das Messer out der Kehle sitzt, dann singt man bei einer Tropenhitze von 40 Grad Celsius: Im kühlen Keller sitz ich hier" oder das Lied: Wohlauf noch getrunken den simkelnden Wein", selbst wenn derselbe nur dnnkel-- branngefcirbtem, schlaminigein Peihowasser besteht und in der übrigens vorzüglichen Aluminium-Feldflasche von Basse & Fischer Lüdenscheid kredenzt wird. 74 Der Soldat im Felde kann manches entbehren, darf ihm manches ausgehe , nur nicht das Trinkwasser, der Tabak und der Humor! Im gegebenen Augenblick kann ein guter trockener Witz, eine sarkastische Bemerkung mehr Gutes thun als 100 Kommandoworte. Leute, die bei Friedenszeiteu manchmal über die Stränge schlagen und wegen ihrer dummen Streiche mal auf 3 oder mehr Tage un sichtbar gemacht werden müssen, sind dein Führer in Kriegszeiten wegen ihres Humors oft eine große Stütze. Nachdem man das einfache Abendbrot verspeist und sich die übrigen Gänge hinzngedacht hatte, warf man sich das harte Lager, das ich diesinal in dein Zelte unseres Kom- mandeurs bezog, da nicht möglich war, aus dem Prahme mein Gepäck herauszuholeu. Ich habe auch in dein Zelt tüchtig ge froren, da ich, außer einem Taschentuch und einer Namenliste meiner Leute, nichts zum Zudecken hatte. Ich schlief aber dennoch sehr gut, nur schinerzten am nächsten Morgen beim heißgeliebten Weckruf die Glieder infolge des harten Lagers nicht wenig. In der Nacht hatte es stark gethaut; ein schrecklicher Husten weit und breit begleitete daher die wenig willkommenen Horu- signale. Mittwoch, den 20. Juni. Der 20. Juni fing mit einer trüben Pflichterfüllung an. 2 schwer verwundete Engländer waren über Nacht ihren Wunden erlegen. Vor dem Weitermarsch sollten sie schnell am Ufer be erdigt werden. Ein trauriges Bild, kein großes Gepränge, keine Musik, nur ein kurzes Gebet des englischen Marinepfarrers, daun legte man die armen Opfer in ihr frühes Grab, während eine kombinierte Ehrenwache des Gewehr präsentierte. Wieder 2 dahin, wieviel würden wohl noch folgen? Im Kriege soll man sich aber durch derartige Ereignisse nicht zu sehr unterkriegen lassen. Man steht in Gottes Hand! Wo und ob die Kugel auf den Menschen wartet, das soll ihn nicht kümmern. Man kann ihr doch nicht entgehen, daher mit frischem Mut hinein ins Gefecht und dem Feinde entgegen! Das Frühstück wollte aber doch nicht recht schmecken; so un mittelbar nach dem Aufstehcn eine Beerdigung bringt schlechteVertreiben der Boxer aus einem Dorf. 76 - Stimmung. Um 7 Uhr ging es weiter stromabwärts, die ! Prähme stets neben uns haltend. Zum Abschied bereiteten uns die Herren Boxer noch ein großartiges Schauspiel, indem sie sämtliche 4 Eisenbahnzüge nach zuvoriger gründlicher Plünderung in Brand steckten. Es war ein schaurig schöner, zugleich ein wehmütiger Anblick 4 lange Züge, ein hier zu Lande so kostbares M aterial. mit einem Male als ein Raub der Flammen in der Ferne ver nichtet zu sehen. Welcher Wert steckte nicht darin? Nun war es vorbei damit, die Schiffe hinter uns waren verbrannt", jetzt hieß cs: Siegen oder ehrenhaft untergehen. Unwillkürlich kamen mir Bilder von Napoleons Rückzug Moskau in Erinnerung. Im Vordergrund die Truppen verschiedenen Nationen bestehend, im Hintergrund ein großes Flammenmeer. Uns war gottlob der Untergang nicht beschieden, wenn freilich auch nicht viel dran fehlte. Wir durften mit einigen Ausnahmen die Unsrigen Wieder sehen, manche allerdings nicht in bester Verfassung. Noch einen letzten Blick die hochlodernden Flammen der Züge, dann ging es mit frischem Mut vorwärts. Offen gestanden, fühlten wir uns jetzt, wo wir alle zusammen geschlossen vor drangen, stärker, als früher, wo man, auseinandergerissen, mit dem einen Eiscnbahnzuge hier, mit dem andern dort auf der Bahnstrecke thätig war. Wenn jetzt ein Angriff kam, konnte sich gleich die ganze Macht entwickeln und gemeinsam denselben abwehren. Nach einigen Stunden stockte plötzlich der ganze Zug; die Spitze hatte aus einem Dorfe Feuer bekommen. Die Eng länder und Amerikaner gingen zum Angriff vor, und bald hörie man ein heftiges Geweh.rf.euer, dazwischen die Schüsse unserer Geschütze, deren Granaten mit großem Knall in die Dächer des Dorfes einschlngen. Man konnte jetzt deutlich die Fahne einer regulären chinesischen Truppe erkennen. Plötzlich sausten uns augenblicklich nicht am Gefechte Beteiligten einige Chinesenkugeln um die Köpfe und verwundeten einen Mann. Auf diese Weise verwundet zu werden, ist ein wenig sympathischer Gedanke, obschon das Blut ebenso ehrenhaft für das Vaterland fließt wie 77 bev offenen Schlacht. Wenn einem bie Kugeln um ben iUipf schwirren, dann will man wenigstens nnch selbst ordentlich wieder schießen und kräftig dreinhanen. Dies ist nnn mal im Leben ein rein menschliches Gefühl nach der Melodie: Wie -*tu mir so ich Dir." Durch eine verlorene Kngel getroffen oder angeschossen zu werden, in augenblicklicher Iknthätigkeit, verursacht immer einen bitteren Gedanken, so schön und ehrenvoll es immer ilb für Kaiser und Reich zu bluten. Wenn man aber wnl dran glauben muß, dann doch lieber im heftigen Kamps gewühl. Der Wester-Marsch ging von jetzt ab nur langsam vor sich. Der Feind zeigte sich sehr zähe und mußte schritt weise geworfen werden. War ein Dorf gesäubert, dann konnte man mit Sicherheit darauf rechnen, daß dem nächsten ein voch heftigeres Feuer uns eröffnet wurde. Es ivar ein hartes Stück Arbeit; dabei meinte es die Sonne recht gut mit tuis. Wir innßten in einer wahren Tropenglnt kämpfend vorwärts dringen. Hier mochte ich zur Schilderung der Mühseligkeiten noch folgendes anführen: Wie schon früher erwähnt, waren die Niächte kühl, sodaß die Leute in ihren dicken blauen Anzügen schlafen und sich mit ihren wollenen Decken zndecken mußten. Am Tage hingegen hatten wir auf den Märschen, den einen Regen tag abgerechnet, dauernd die größte Tropenhitze, die z. B. den Tropenhelm unerläßlich machte. Durch die vorhin geschilderten unglaublich schwierigen Transportverhältnisse war es aber nicht angängig, jedes Mal am Morgen die leichteren weißen Anzüge aus dem Gepäck den Prähmen heransznholen. Hierzu mangelte es an Zeit. Ans diese Weise blieb nichts anderes übrig, als die Leute auch den Tag über in ihren dicken blauen Anzügen zu lassen, in welchen sie z. B. an Bord in der rauhen Nordsee im Winter umhergehen. Der Tropenhelm auf dem Kopfe bot freilich einen eigentümlichen Gegensatz zu dieser eigen artigen Bekleidung. So kam es, daß zum Schlliß der Expe dition unsere Matrosen stets in ihrem Winterzeug marschieren und kämpfen mußten. Es war dies eine Strapaze mehr, ge boten durch die klägliche Unterbringung des Gepäcks und die sonstigen ganz unerwartet eingetretenen Verhältnisse. Man TS ntacT)t sich leinen SSegviff balum, wie die nnuen Menschen zum Schluß überhaupt anssaheu. Sie hatten sich tagelang nicht waschen können, denn immer wieder rief sie das Alarmsignal.jn beit äbaffen oder es mußte schnell weiter marschiert werden. Das Gesicht war mit einer dichten Schicht Sand und Schmus) bedeckt, zu dem die berühmten chinesischen Landstürme das Ihrige gethan hatten. Für Dandys und hochfeine Salonmenschen wäre die Expedition überhaupt eine vortreffliche Kur gewesen. Es find leider keinerlei Momentansnahmen gemacht worden, sie würden vorzüglich die höchst originellen Toilettenangelegenheiten illustriert haben. Im Laufe der Zeit wurde immer mehr markiert", es ging nicht anders; und tvenn ich heute gefragt werde: Hast du dich damals auch jeden Tag ordentlich gewaschen?" dann thne ich so, als habe ich die -z-rage überhört. Oder ich antworte: Gewaschen vielleicht nicht immer, aber doch wenigstens gespult." Um 3 Uhr er]t konnte man an die Mittagspause denken, nachdem das heftige Feuer des Feindes einigermaßen verstummt war. Die deutsche Abteilung lagerte in einem kleinen Dorfe dicht am Fluß, wo wir gottlob noch einen guten Brunnen fanden. Auf dem Wege dahin passierten wir verschiedene soeben gefallene Boxer. Der Anblick der verzerrten Gesichtszüge, das Zeichen be letzten Todeskampses machen bei einer ersten Be gegnung doch einen tiefen Eindruck den Menschen. Bor der schrecklichen Sonnenhitze konnten wir nun im Schatten dicht be laubter Bäume Zuflucht finden. Wir waren herzlich froh, denn der Staub und die grenzenlose Hitze hatten uns hart zugesetzt. Diesmal gönnte ich mir eine große Delikatesse zum Diner". Sie bestand aus eingemachter Ananas; eine Dose dieses köstlichen Inhaltes war mir mit der letzten Nachfnhr Tientsin von unserem Schiffsbottelier zngefchickt; sie hat großartig geschmeckt. Leider kam auf jeden armen Kameraden nicht viel und teilen soll der Mensch doch, erst recht im bösen Kriege. Einen besonderen Genuß wollte ich mir nach dem Essen insofern verschaffen, als ich mir Schuhe und Strümpfe anszog und meine arg brennenden Füße etwas mit Wasser kühlte. Es ist doch komisch, wie man im menschlichen Leben Ahnungen hat! Kaum bin ich mit dieser Toilettenangelegenheit fertig, als mir 7y Eh der Gedenke durch deu Kopf schießt: So, jetzt müßte schnell llarm kommen, des ivnrde fnmos Possen. Zugleich mit dem Gedanken schoß der böse Feind auch wirklich den: nächsten Dorf. 1 Schuß 2 3, dann ein heftiges Schnellfeuer. Das war die Strafe für meinen Uebermnt. Mit der Siesta, ?!lann. auf die wir uns so gefreut hatten, war es vorbei. Sie mußte, wie so manches Mal, wieder markiert" werden. Noch nie in meinem Leben habe ich so schnell Toilette gemacht wie jetzt. Den Säbel in der Rechten, Revolver in der Linken, unter 80 Zurücklassung ciiteS Strumpfes und meiner Säbelkappel, so stürzte ich heraus und führte den Ruf: Hansa-Kompagnie vor , meine braven Kerls zum ersten Mal in das Feuergefecht. Ja, die Hansa-Kompagnie erhielt heute ihre Feuertaufe. Den Kommandeur hatte ich darum gebeten, uns bei nächster Gelegenheit zuerst ins Gefecht eingreifeu zu lassen, da es der Hansa-Kompagnie noch nicht vergönnt gewesen, auch gegen die Regulären zu kämpfen. Die Offiziere hatten nicht minder hierzu gedrängt. Diesem Wunsche wurde seht Folge gegeben. Es sollte später unsere Kompagnie das Feuer des Feindes noch genug zu schmecken bekommen, wies doch die Verlustliste über 50 Prozent der Toten und Verwundeten von der Hansa-Abteilung auf. Nun stürmten wir voraus in den frischen, fröhlichen Kugel regen. Wie lustig die blauen Bohnen" sausten, nie wird man so leicht das Pfeifen vergessen. Rechts und links schlugen die Geschosse ein, unwillkürlich schüttelte mau den Kops, wenn eins vorbeisauste, genau als wenn man in einen Wespeuschwarm ge raten wäre. Beinah lebensgefährlich," sagte man still für sich. Da war doch ein anderes Gefühl, ein ander Ding, wenn der Gegner wieder schoß. Und doch darf ich gestehen, daß mir vielleicht infolge mehrfacher Dienstleistungen an Land das Bild wie auf dem braven Exerzierplatz erschien. Die Auflösung des Schützeuzuges, das Verstärken usw., alles ging ebenso glatt vor sich, nur daß später das Marsch Marsch Hurrah" noch lauter und grimmiger klang, als wenn man früher in Friedrichs ort einen Erdhaufen stürmte oder in Kiel die Bäume des Vieh burger Gehölzes mit Platzpatronen bearbeitete. Sprungweise näherten wir uns dem vorliegenden Dorfe, von wo die Chinesen in der besten Deckung uns kräftig los- feuertcn. Nur dann und wann guckte ein Boxerschüdel hinter einer Mauerecke hervor und verschwand sofort wieder, sobald der Schuß gefallen war. Es gelang uns schnell, ohne Verluste au die Umfassungszäune des Dorfes hcranzukommen; nur 2 Mann wurden verwundet. Dann ging es vorwärts in das Dorf, inzwischen von den andern deutschen Kompagnien und dem Artillcriefener der Amerikaner unterstützt. Gründlich wurde der Ort durchsucht, der Feind hatteDas chinesische Aufstandsgebiet zwischen Taku und Peking, aus der Vogelschau gesehen. Bon Taku bis Tientsin 41 Kilometer. Von Tientsin bis Peking 120 Kilometer. Von Tientsin zur Nangtsunbrücke 25 Kilometer. 81 ifjtt aber verlassen. Eine Fahne erbeuteten wir, die später nachfolgenden, am Kampf nicht beteiligten Engländer fanden noch eine alte Kanone. Nach dem Passieren des Dorfes verfolgten wir den Feind, der sich dann und wann Zeigte und feuerte, bis znm anderen Ende eines vorliegenden Waldes und hielten dann. Wir waren ohne jegliches Gepäck, nur mit den Waffen in der Hand von unserem Lager fortge- ftürmt ins Gefecht. Nachdem uir nun den Feind geworfen und das Dorf gesäubert hatten, mußten wir unbedingt daran denken, das Gepäck wieder zu erlangen. Zn diesem Zwecke löste uns Beschossenes Dorf. eine französische Kompagnie ab, während wir dann nach Abholung des Gepäcks wieder zu den Prähmen auf dem Fluß znrückkehrten, uni die alte Formation wieder cinznnchmen. An eine Weiterfahrt war vorläusig nicht zu denken, denn vorn an der Spitze war man beim Weitermarsch inzwischen wieder auf den Feind ge stoßen, der sich im nächsten Dorf gesammelt und nun znm erstenmal mit Gcschützfener unsere Kolonne begrüßte. Es waren leichte, meist nur von 1 oder 2 Pferden gezogene moderne 5 cm Krnpp sche Feldgeschütze, mit denen sie auf uns feuerten. Termt* - 82 - Feind richkete sein Artilleriesencr nicht nur eins die zunächst stürmenden Kompagnien, sondern gedachte auch unserer weiter hinten. Wie viele tausend Granaten hatte man nicht schon nach der Scheibe verschossen während seiner langen Dienstzeit: bei vielen war die Scheibe, bei nicht wenigen war das Geld für die schone Munition zu beklagen. Nun war man selbst das begehrenswerte Ziel geworden. Wir ließen sofort alle Mannschaften sich hinter den Uferdänimen in Deckung hin- lcgen. Mit lautem Getöse schlugen die Granaten in die nächsten Häuser ein und machten dort Kleinholz", dann und wann gerieten einige auch in Brand. Im übrigen thaten die Geschosse uns selbst keinen Schaden. Es kam uns noch zu gute, daß, wie mir später erfuhren, bei vielen Granaten ver gessen war, die Zünder einznschranbeu. Da kann freilich die beste Granate nicht platzen. Bald konnten auch unsere Landungsgeschütze mit Graunt- seuer antworten. Sie beschossen speziell ein Haus, aus welchem ein heftiges Gewehrfeuer auf unsere Kolonnen eröffnet wurde. Ich bemerke hierzu, daß die Laudungsgeschütze stets unter- großen Schwierigkeiten von den Matrosen selbst gezogen werdeir mußten, denn Pferde giebt es auf den Kriegsschiffen noch nicht. Die läßt man lieber zu Hause und begnügt sich damit, auf einer Expedition wie hier ein Gelegenheitszugtier zu erobern, wie es später auch der Fall war. Die Pferde behandelt der Matrose immer sehr eigenartig. Davon können frühere Landungsmanöver mitreden, wo bei gemeinschaftlichen Ucbnngen ein Kavalleric- Regiinent viel auszustehen hatte. Der Matrose ist bei Kavallcric- Stttacken etwas rabiat und läßt seine Wut gern an dem Gaule aus nach dem Wahlspruch: Das Pferd ist und bleibt ein Tier, das dem Menschen nach dem Leben trachtet." Allmählich war auch dieser Widerstand des Feindes ge brochen; er floh weiter stromabwärts, sodaß wir endlich nach einem langen Aufenthalt weiter marschieren konnten. Es war recht gut, daß der Feind nach dem Eintritt der Dunkelheit zurück- geschlagen wurde, denn an dieser Haltestelle, wo verschiedene83 - Gehöfte und Waldungen die Uebersicht sehr erschwerte , hätten wir wegen etwaiger Ueberfälle keine ruhige Nacht gehabt. Nun ging es nach dem Passieren des arg zerschossenen Dorfes ein freies Terrain, Ivo biwakiert werden sollte. Wir konnten Chinesische reguläre Artillerie int Gefecht. noch beobachten, wie schnell uns die Feinde auf den Fersen waren, denn kaum setzte sich die Kolonne in Bewegung, als von der Nachhut schon wieder freche Chinesengesichter hinter den Häusern bemerkt wurden. Beim Eröffnen des Feuers vcr- S1 schwandest sie sofort wieder Auch hierbei rief man unwillkür- lich ans: Wenn wir doch nur einen Zug preußischer Kavalleristen hätten!" In der Aufklärnngsfrage hätten sie uns außerordent liche Dienste leisten können. Außerhalb des Dorfes wurde Halt gemacht und nach diesem an Mühen und Kämpfen reichen Tage endlich biwakiert. Bevor wir zur Lagerstclle kainen, trafen wir in dem hohen Gras außerhalb des letzten Dorfes noch einzelne sich versteckt haltende Boxer. Einer der Kompagnieoffiziere schritt nichts ahnend in unmittelbarer Nähe vorbei, bemerkte aber zum Glück noch recht zeitig, wie einer der Boxer mit einem langen Reitcrsäbel nach ihm nusholte. Er kam ihm jedoch noch rechtzeitig zuvor. Der Vorfall ist wieder ein Beweis für die unglaubliche Unerschrocken heit, bezw. den Fanatismus der Boxer. Gehörte doch geradezu große Tollkühnheit dazu, hier im hohen Gras die ganze Kolonne an sich vorbeiziehen zu lassen, wo es doch ein Leichtes gewesen untre, das Weite zu suchen. Wahrscheinlich hatten die Boxer sich die Lauer gelegt, um für einen Angriff bei der Nacht das Nötige auszukundschaftcn oder auch um unsere Posten meuchlings zu überfallen. Wir waren herzlich froh, als wir uns an diesem Abend auf das Feld ausstrecken konnten. 3 in hellen Flammen stehende Dörfer beleuchteten das interessante, bunte Lagerleben, das Biwak einer wenig beneidenswerten, erschöpften und einem un gewissen Schicksal cntgegengchenden Expedition. An diesem Abend standen wir Konipagmeführer eine Weile zusammen, den Blick nach jenem großen Feuerschein int Südwesten gerichtet, wo dumpfer Kanonendonner einen heftigen Kampf des stark bedrängten Tientsin andeutete, das sich in einer nicht viel besseren Lage befand. Uns Allen mußte wohl sonderlich zu Mut sein, als wir, so in Betrachtungen versunken, über unser Schicksal nachdachten. Ein jeder hatte das Gefühl: wir stehen vor einer sehr schweren Aufgabe, denn der zurückweichende, von Dorf zu Dorf an frischen Kräften zunehmende Feind wird an einer Stelle uns mit aller Macht entgegentreten. Ich ahnte freilich nicht, daß morgen mein letzter Gefcchtstag sein sollte, wo ich an der Seite meines Kameraden, Korvcttcn-Kapitän Buchholz, znmlebten Mal bic Kompagnie gegen den Feind führen durfte. Kapitän Buchholz mochte wohl daran denken, daß er eigentlich heute, wenn der Krieg nicht ausgebrochen wäre, nach 2 fahriger Abwesenheit mit dem Ablösungs transport endlich zu Weib und Kin dern zurückgekehrt wäre. Ob er es ahnte, daß er statt dessen übermorgen schon für immer die Augen schließen sollte? Es ist gut, daß der Mensch die Zukunft nicht kennt. Donnerstag, den 21. Jnni. Früh morgens am 21. Juni ging es weiter. Diesmal wurde beiden Seiten des Flusses marschiert, da der Feind auf beiden Ufern Widerstand leistete. Die deutsche Kolonne, vereinigt mit zwei russischen Kompagnien, einem Detachement Japa nern und einigen Korvetten-Kapitän Bnchhoh. englischen Norden- seldigcschützen, setzte daher über den Fluß und begann unter dem Oberbefehl des Kapitäns von Usedom gleichzeitig mit den Streit kräften der anderen Seite den Vormarsch, der zuerst durch dieSß lnittfmumen verlassenen Dvrsschaflen ungestört von statten ging. In weiter Ferne konnten wir bald große Massen flüchtender Menschen wahrnchmen,. die zu Hunderten, Hab und Gut auf zwei rädrigen Karren, die wir zuerst für Geschütze hielten, zusammen- gcpackt, die Dörfer verließen. Das ließ darauf schließen, daß weiter stromabwärts chinesische Truppen uns erwarteten und die Einwohner in Rücksicht auf den bevorstehenden Kampf sich zur allgemeinen Flucht entschlossen hatten. Lauge sollte es nicht dauern, bis sich diese Vermutung als richtig herausstellte. Um halb 9 Uhr fielen plötzlich die ersten Gewehrschüsse von der linken Flußseite her, bald darauf schlugen auch Granaten von einer auf dem andern Ufer stehenden chine- sicheu Feldbattcrie ein. Eine Granate schlug dicht neben dem Kommandeur und beit bei ihm stehenden fremden Oberführern tu einen kleinen Tempel ein, verursachte aber keine Verluste. Kapi tän v. Usedom schickte nun die Hertha- und Hansa-Kompagnie vor und ließ sie vorlänsig in einer Vertiefung hinter einer Häusergruppe Deckung nehmen. Inzwischen eröffueten unsere Maschinenwaffen ein lebhaftes Feuer auf den Feind des liukenUfers. Als das feindliche Feuer einigermaßen verstummte, ging die ganze Kolonne zum allgemeinen Angriff vor, die Hansa-Kom pagnie dies Mal an der Spitze. Der erste Zug unter Leutnant zur See Schulz mußte zuerst an der vollkommen freien Ufer böschung entlang in das wieder lebhafter werdende feindliche Gewehrfeuer hinein, während ich die anderen beiden Züge durch das hart an die Böschung stoßende Dorf vorschickte. Bei der Unmöglichkeit, sich irgendwie decken zu können, war die Situation für den ersten Zug keine angenehme; die Kugeln schwirrten uns sehr bedenklich um unsere Köpfe, während dem bösen Feinde, der in bester Deckung aus den letzten Häusern der gegenüber liegenden Seite tüchtig auf uns losfeuerte, garnicht beizukommen war. Immerhin erwiderten wir selbstredend die liebenswürdigen Willkommensgrüße aufs Lebhafteste und hatten auch den Erfolg, daß die Feinde bald verschwanden. Nach dem Passieren des Dorfes hatten wir einen größeren Ueberhlick über das Gefechts feld. Wir bemerkten nunmehr, daß eine größere Kolonne chine sischer Infanterie hinter einem Damm aus dem gegenüberliegendeng) j.toa ?m6vchuc V- vluvH SS - Ufer, mit zwei mächtigen dreieckigen Fahnen dcni rechten Flügel, Aufstellung gciwmmen hatte. Dahinter ein Trupp Ka vallerie, nach unserer Schätzung ungefähr 3 Schwadronen stark. Auf unserer Flnßseite direkt vor einem Admiral Lcyinonr. kanonen, alles, was man nur haben wollte. großen Dorf bemerkten wir gleichfalls eine ausgeschwärmte feindliche Schützenlinie, während auf dem linken Flü gel der Ort schaft die chine sischen Feld geschütze Auf stellung genom men hatten. Diese und die Infanterie er- öffneten jetzt ein mörderisches Feuer auf die herannahende internationale Truppenmacht. Mit modernsten Waffen wurden wir beschossen, rauchloses Pul ver, klcinkalib- rige Gewehre, Schnclllade- Dcr Vorteil des rauchlosen Pulvers kam hier so recht zu Tage, wurde es uns 89 doch 5 . B. sehr schwer, die Stellung der feindlichen Infanterie, die sich übrigens vorzüglich eingegraben hatte, zu erkennen. Unsere Matrosen hingegen waren noch mit dem Magazin-Gewehr Modell 71 84 bewaffnet. Tas Gewehrfener an Bord hat heutzutage kaum noch Bedeutung; hier an Land freilich, bei dieser Gelegen heit haben wir das alte Pulver sehr verwünscht und das gerade 90 Gel der Einführung begriffene neue Marincgcwehr hcrbei- gesehnt. Was nun vor uns lag, das war das Bild eines großen mörderischen Gefechtes. Da stand man nun mitten im Kugel regen, Granaten schlugen rechts und links mit lautem Getöse ein, krachend zerschlugen sie die Dächer der Chinesenhäuser und der kleinen Tempel. Dann und wann wurde einer der Nnsrigen durch eine tückische Kugel hingestreckt, hin und her eilten die Krankenträger, um die Opfer zu holen, laute Kommandoworte, der schrille Pfiff des Zngoffiziers, dann wieder ein fröh liches: Auf, Marsch! Marsch!" ein Kommando, das selbst die schlaffsten Glieder tvieder ermuntert, so ging lveiter dem in vierfacher Uebermacht uns hart bedrängenden Feinde ent gegen. Inzwischen brannte die Sonne wieder heiß uns heftig Kämpfenden herab und erleichterte unser Loos sicherlich nicht. Nachdem wir einige Anläufe gemacht hatten, ließ ich die Kompagnie hinter einem kleinen Dann das Feuergcfecht fortsehen. , Auch eine Menge Chinesengräber, die man hier über der Erde anlcgt, gaben uns eine ziemliche Deckung. Infolge Dnrchstreifens der Dorfschaft tvar, tvie dies meistens der Fall ist, ein kleines Durcheinander gekommen. So kam cs, daß ich plötzlich auch russische Matrosen in meiner Schützenlinie vor mir hatte. Nun Befehl zum Schießen und Nichtschießen konnte man ihnen schon geben, aber sonstige Anweisungen leider nicht. So tveit langte unser Russisches nicht. Sic machten aber lustig mit, beteiligten sich kräftig an unserem Kampfe und merkten ivohl ans, tvcnn der Grnppennnteroffizier ihnen znrief: Da, Russe, schießen!" oder halt stopp, Russe!" In dieser Stunde stand ich zum letzten Mal neben meinem Kame raden und Freund Buchholz, sah ihn zum letzten Mal Befehle erteilen; am nächsten Tage hat eine winzige Kugel mitten durchs Herz seinem jungen Leben ein Ziel gesetzt. Allen zu früh, sowohl für seine in der fernen Heimat um ihn trauernden Hinterbliebenen, tvie auch für uns und für ferne Untergebenen, die ihn so hoch schätzten und sich nicht in diesen Verlust finden konnten. Ein kleines Geschoß vermochte die herrliche Gestalt 91 zu Fall zu bringe , eine Gestalt, die am besten den Vorder grund eines Bildes Passen würde, das, die verzweifelten Kämpfe unseres Kvrps darstellend, von einer berufenen Hand einst viel leicht noch entworfen wird. Wie sehr er auch bei den andern Karte der Expedition vom 10. bis 26. Juni. Die angegebenen Daten sind Gefcchtstage. Nationen beliebt war, geht -dem Bericht dcZ Admirals Scy- mour hervor, in dem es u. a. heißt: a valuable offioer, whose death was a blow not only for the Germans but to the wkolo Forca. 92 Nachdem ich das Feuergefecht einige Zeit aus dieser Stellung fortgesetzt und hierbei die Mannschaften etwas hatte verschnaufen lassem begab ich mich vor die Front, um von hier zum näch sten sprnngweisen Vorgehen die Führung zu übernehmen. Kanin war ich dort angelangt und gab einige Befehle, als ich durch einen Gewehrschuß, anscheinend von dem Feinde hinter dem hohen Damme, schwer verwundet wurde. Um von meiner eigenen Person weiter zu sprechen, muß ich noch anführen, daß die Kugel das linke Schienbein in der Mitte durchschlagen und ge brochen hatte. Die erste Empfindung war die eines Stock- schlagcs, dann fühlte ich, wie das Bein bleischwer wurde, darauf ein heftiges Brennen in der Wunde, infolgedessen ich mich nicht mehr den Füßen halten konnte und hinfiel. Die mir zunächst Stehenden sprangen gleich hinzu, entfernten die Gamasche und unterbanden die Schußwunde, der ein großer Blutstrom hervorquoll. Niein Bursche Lempkc, der den Dienst einer Melde- Ordonanz bei mir that, kam dann die ziemlich verständige Idee, daß die Aussichten für die Erhaltung meines Lebens, bezw. Heilung der Wunde durch den sehr bedenklichen, meinen Liegeplatz sich konzentrierenden Kugelregen nicht gerade günstiger würden. Ich wurde darum schleunigst in eine Vertiefung hinter einem Hügel gebracht, wo sich zum Glück noch ein Wassertümpel befand. Hier konnte der Samariterdienst etwas ungenierter vor sich gehen. Infolge des starken Blutverlustes zogen meine Sinne es vor, sich einige Zeit zu empfehlen. Man muß schließlich überall seinen Tribut bezahlen. Als ich nach einiger Zeit wieder meiner Ohnmacht erwachte, hörte ich das Ge wehrfeuer bereits in weiter Ferne. Ans meine sofortige Frage nach der Gefechtslage konnte man mir erwidern, daß der Feind geworfen sei, eine Meldung, die mich selbstredend sehr er freute und beruhigte. Ich entwickelte einen wahren Heiß hunger und einen grenzenlosen brennenden Durst. Zwei Feldflaschen mit dem so köstlichen Peihotrank, wir nannten ihn später Chateau Peiho“, trank ich ans, während mein Begleiter mich init dem schlammigen Wasser des Tümpels liebevoll begoß, um einer erneuten Ohnmacht vorznbeugen. Dankbaren Herzens erinnere ich mich auch in dieser Stunde des aufopfernden Sama-viterbieiiftcS meiner Leute, insbesondere meines Burschen und des Obcrbootsmannsmaaten Mrugalla, die in geradezu rührender Weise für mich sargten. Es wäre vielleicht manches schlimmer geworden, wenn die Betreffenden nicht in geschickter Weise die blutende Wunde unterbunden hätten. 9hm war es mit dem Kämpfen für mich zu Ende, die Führung der Kmu- Pagnie ging jetzt auf den nächst ältesten Leutnant über, da mein Nachfolger Leutnant v. Zechen gleichfalls durch einen Streifschuß über den Kopf, wenn auch nur leicht, verwundet war. Was jetzt für mich luic überhaupt für alle Verwundeten noch9-1 km , das war eine lange Kette der mannigfaltigsten Leide , Ent behrungen; es waren körperliche und seelische Qualen eines recht kümmerlichen Krankenlagers, die trotz der aufopferndsten Pflege und Fürsorge unserer Aerzte nuferem Befinden und unserer Stimmung arg zusetzteu. Während vorn weiter gekämpft wurde, schnitten meine Leute Zweige zurecht, legten nnch auf dieselben und trans portierten mich so langsam zurück, um mich den tveiter rückwärts sich anfhalteuden Krankenträgern abzuliefcru. Als sich unsere wunderbare Sanitätskolonne in Bewegung setzte, wurde mir der Humor nicht untren, ich mußte lachen. Als die Träger so trau rige Gesichter schnitten, forderte ich sie in einer Art Galgen humor auf, einen dummen Witz zu machen. Sie steckten aber doch ungläubige Gesichter ans; es wollte ihnen nichts Rechtes eiufalleu. Zum Glück kam bald ein russischer Arzt, der mir einen Tourniguet anlegte, mich auf eine deutsche Krankentrage packen ließ und dann zu den Prähmen schickte, die in einer Flußkrüinmung, von der Gefionkonipagnie bewacht, den weiteren Verlauf des Gefechts abwarteteu. Mit einem kleinen Boot wurde ich dann auf den deutschen Krankenprahm gebracht, wo mir unser unermüdlicher Expeditionsarzt Dr. Schlick schnell einen provisorischen Verband anlegte. Dann mußte ich wieder von diesem Boote herunter, da es an Raum gebrach und wurde auf den französischen Prahm gebracht. Es war mithin eine Fahrt mit mehrmaligem Umsteigen, für zer schlagene Glieder übrigens nicht gerade sehr bekömmlich. Hier legte mau mich in den Laderaum der Dschunke neben einen schwervcrwundcten französischen Matrosen vom Kreuzer D Eatre casteau“, mit dem ich gute Freundschaft schloß und mit dem ich zusammen noch schtvere Stunde , bange Augenblicke verleben sollte. Da lag ich denn nun auf zusammengerollten französischen Hängematten mit zerschlagencni Bein, dicht neben mir mein stöhnender Leidensgenosse, ein kümmerliches Feldlazarett eigen ster Art. Aber auch hier darf ich nicht vergessen, in welch außerordentlich liebenswürdiger und mildthätigster Weise ich von den Franzosen gepflegt worden bin, sowohl in Bezug auf dieärztliche Behandlung wie auch hinsichtlich der Bekvjtignn;. Dankbar erinnere ich mich deZ stets nach meinen Wünschen fra genden Fouriers, der mir sogar in Form einer Flasche echt deutschen Bieres einen lange entbehrten Genus; verschaffte. In sofern empfahl es sich schon, Verwundeter zu sein. Zugleich konnte ich in der Unterhaltung mit meinem Nachbarn meine französischen Kenntnisse anffrischeu. Gemeinschaftliches Leid, gemeinsamer Schmerz bringt auch die fremdesten Menschen schnell zusammen. Oft reichte ich meine Feldflasche, gefüllt mit Wasser, das durch krystallificrte Zitronensäure etwas schmackhafter gemacht wurde, mit einem: a v otro sante “ meinem Leidensgefährten zur Linken, woraufhin er oftmals mit einem Stück franzö sischen Schiffszwiebacks und mit den besten Wünschen für mein Vaterland dankte. Der Führer des französischen Boots war der Seeoffizier, der mir neulich mit seinem Zuge bei der Bahnarbeit unterstellt wurde. Es war ein wehmütiges Wiedersehen. Lange noch haben mir seine Kommandoworte bei der Leitung des Boots in den Ohren geklungen als eine Erinnerung an schlimme, bange Stunden. Wie es draußen in der Schlacht anssah, konnte ich jetzt selbst nicht mehr sehen. Um 12 Uhr mittags war der Feind znrückgeschlagen, er setzte sich aber im nächsten Dorfe wieder fest, dem er dann am Nachmittag durch einen allgemeinen Vor marsch abermals vertrieben wurde. Er floh in wilder Flucht. Am Abend wurden die Truppen des rechten Ufers wieder das gegenüberliegende zurückgezogen, um, mit dem Gros vereinigt, einem Angriff besser gewachsen zu fein, dann aber auch, weil auf der rechten Uferscite die Hauptmacht und die feindliche Artillerie sich festgesetzt hatte. Man war sich jetzt allgemein darüber klar, daß ein Marschieren bei Tage gegen einen derartigen stets noch an Zahl zunehmenden Feind nur mit schweren Opfern zu bewerk stelligen sei, und beschloß, fortan nur in der Stacht weiter zu marschieren. Die deutschen Verluste betrugen am heutigen Tage 1-1 Ver wundete, darunter 2 Offiziere der Hansa". Der Tag hatte zum ersten Mal die ganze Truppe gemeinsam in ein großes Ge fecht mit regulären Truppen, die noch durch Boxer mit Schuß- vhuzH - 06 (VI © Umffcu verstärkt waren, geführt. Es war saznsagen das evi Hanptgefecht, in dem ungefähr 6 7000 Menschen erbittert ge- käinpst hatte . Der nächste Tag fällte nach schlimmer werden. Ich möchte znm Schluß anführen, daß am Abend Frauen- und Kinderleichen den Muß hinunter- tricben. Viele Chinesen hatten ihre Familien selbst getötet, da sie die selben in der Eile nicht mehr zu ber gen vermoch ten. Sie glaubten gewiß nicht anders, als Saß wir nach ihrer Sitte alles niedcr- machen wür- den. Freitag, d.LÄ.Jrmi. Um 1 Uhr nachts erfolgte der Aufbruch. Nach einer Strecke Weges fielen plötzlich Schüsse. Ta ließ Admiral Sehmour in der Erkenntnis, daß ein außerordentlicher Kampf bevorstand, den Kapitän von7 - 97 Ufebo.it zu sich rufen, um ihn als eventuellen Nachfolger in nächster Nähe zu haben. Zugleich ertönte jener vielsagende Ruf: The Germans to the front !“ der, angesichts einer drohenden Gefahr gegeben, ein echt deutsches Herz höher schlagen ntachte, ein Ruf, der unwillkürlich von der Haltung von der Tüchtigkeit und dein Mut unserer deutschen Matrosen zeugte, ein Ausspruch aus fremdem Munde, der nur zu klar das allgemeine Empfinden in Wirk lichkeit umsetzte, daß man beruhigter war, wenn man uns Deutsche an der schlimmsten Stelle fechten sah.- 98 Was ich hier sage, kannte mir, der ich an der Expedition beteiligt war, als Eigenlob ausgelegt werden. Ich hoffe fedoch, daß ich nicht notig habe, mich hiergegen verwahren. Ich spreche in diesem Augenblick zwar als ein Beteiligter, vor allen Dingen aber als ein Deutscher. Das; ich mit Stolz mir Lobenswertes von unseren Leuten sagen kann, das wird man mir nicht ver denken. Ich darf es ruhig anssprechen, daß alle Nationen neidlos unseren deutschen Truppen das höchste Lob spendeten. Die ruhige Haltung, die Kaltblütigkeit und die gute Feuer disziplin konnte allen anderen Nationen znm Beispiel dienen und thaten auch, denn wir haben beobachten können, wie im Laufe der Zeit die fremden Truppen uns manches absahen, was man in einem Jnfantericgefechte als Grundlage wissen muß. Es ist sa nicht viel, was der Matrose in den 0 Wochen seiner ersten Ausbildung an Land von diesem Geschäfte lernt. Da soll er gehen, stehen und sich benehmen lernen. Er soll die Gewehr griffe üben und auch schon in die Geheimnisse des Bordlebens eingeweiht werden. Daß da nicht viel Zeit übrig bleibt, ihn auch im Felddienst sicher zu machen, das wird nicht nur ein eheinaliger Soldat, nein das wird ein jeder Laie einsehen können. Und doch war es eine Freude, ein stolzes Gefühl, sehen, wie auch der deutsche Matrose in diesen ganz unerwartetenErstnrmimg des Arsenals Hsiku. 100 Verhältnissen seine Aufgabe erfüllte. Wir können alle voll be friedigt sein über das reiche Maß von Anerkennung und Lob, das uns von allen Seiten für unsere Pflichterfüllung auf dieseni Zuge gezollt worden ist. Ich möchte aber auf eins noch Hin weisen, das vielleicht in allen Berichten zu wenig berührt ist: das ist die Thatsachc, daß sich das Seymour sche Expeditions korps nur aus Seeleuten" zusammensetzte. Es war ein Korps, bei welchem nur ein kleines Detachement englischer Seesoldaten" vielleicht mehr tvie die übrigen sich mit Jnfantcrie- dienst beschäftigt hatte. Daß für Seeleute" ein Kampf mit Armeetruppen etwas sehr Ungewöhnliches ist, daß Seeleute" im allgemeinen weniger dazu berufen sind, tief im Feindesland Festungen zu erobern und lange Infanterie-Gefechte auszuführen, wird jeder einsehen. Um so schwieriger var die Aufgabe, um so schöner das Bewußtsein, doch stets den Feind zurück geworfen zu haben. Als erster Offizier kennt man seine Leute durch und durch. Man merkt sehr schnell, wer von den Herrschaften mit einem Minimum vom Dienst auskommen kann und wer ohne den nötigen Druck von oben seine Pflicht thut. Hier auf der Expedition habe ich aber manche pessimistische. Anschauung fallen lassen dürfen, habe mich mit manchem Drückeberger ausgesöhnl. Denn ich sah, wie sie sich alle fröhlichen Mutes, leuchtenden Auges und mit-Todesverachtung auf den Feind stürzten. Kein einziger bedurfte des Ansporns, im Gegenteil, man hatte genug zu thun, die allzu Wilden zurückzuhalten. Mancher von ihnen gedachte gewiß der Erzählungen des Vaters oder Großvaters, denen er als Kind mit Begeisterung zugehört hatte. Jetzt war er selbst in der gleichen Lage und mit dem Gedanken an den Heldenmut seiner Vorfahren, an die Schilderungen von deutscher Tapferkeit und Treue stürzte sich auch der sonst im Friedensdienst trägste Soldat freudig den Feind. Mit diesem Gedanken und das Bild seines obersten Kriegsherrn vor Augen, ging mancher in einen frühen Heldentod. So mag es gekommen sein, daß die altbewährte deutsche Tapferkeit, die unerschütterliche Treue bis zum Tode, die 101 stumme Ergebenheit, der unbedingte Gehorsam, der nicht fragt: Warum und weshalb", aucb in unserer kleinen Truppe als ein Erbstück früherer Geschlechter hoch da stand und auf die anderen Nationen einen tiefen Eindruck machte. So kam wohl, daß der oberste Führer jenes vielsagende Kommando gab, das die Deutschen an die Spitze des Vordertreffens beorderte, um mit der ganzen Wucht auf den Feind einzudringen. Beim Weitermarsch gelangten wir schließlich bis zu dem Erstürmung beS Arsenals Hsikn. Hertha"-Leute gehen im heftigen Feuer auf dem Steinbankett vor. Arsenal Hsiku, einem Waffensammelplatz, auf welchen sich der Feind zurückgezogen hatte. Man sah die Chinesen im Anschlag liegen und die Geschütze auf uns gerichtet. Als unsere Kolonne bis auf zirka 150 jp unbehelligt herangckommen war, schickte Admiral Seyntour den Dol metscher Kampbell als Palamentär vor, um den Chinesen zu erklären, daß wir keinerlei Feindseligkeiten beabsichtigten und nur freien Rückmarsch auf Tientsin haben wollten. Wir 102 hatten ja eigentlich auch keinen Krieg mit China, wie jeder weiß. Nach chinesischer Manier wurde aber sofort auf die Verhandelnden, die sich noch eben decken konnten, geschossen und alsbald war das Gefecht wieder im vollen Gange. Es entspann sich ein bitterer, verzweifelter Kampf, dessen einzelne Abschnitte, da selbst unbeteiligt, ich nicht weiter anführen kann und eigentlich nur selbst Erlebtes schildern möchte. Nur das Eine sei gesagt, daß Deutsche waren, die zuerst den Wall erstiegen, die chinesischen Geschütze umdrehten und schließlich den fliehenden Feind aus seinen eigenen Kanonen beschossen. Inzwischen hatten die englischen Seesoldaten vom Rücken her das Arsenal angegriffen, eine wilde Flucht des weit überlegenen Feindes war schießlich das Resultat dcS harten Kampfes. Auch wir Schwerverwnndetcn hatten von dem Gefecht zu hören bekommen, denn manchmal pfiffen die Kugeln über unser Boot. Am Nachmittage wurde das aber noch schlimmer, wie ich nachher schildern werde. Das Arsenal war nun von uns genommen. Es bedeutete für uns Rettung höchster Gefahr, denn bei einem weiteren Marsch im offenen Gelände dürfte unserer Expedition der Untergang beschieden gewesen sein. Mit der Einnahme dieses Arsenals aber sollten wir einen festen Slützpnnkt gewinnen, in dem wir uns einige Zeit halten konnten, um, wie wir hoffen durften, eines Tages doch die langersehnte Verstärkung von Tientsin aus zu erhalten. Es kam noch daS Bedenkliche hinzu, daß zwischen hier und Tientsin weitere befestigte Lager der chinesischen Truppen waren, die uns ebenfalls im offenen Felde angegriffen haben würden. So wurde denn beschlossen, hier im Arsenal Hsiku Halt zu machen. Damit war nun aber General Rieh mit seinen Regimentern nicht einverstanden, denn am Nachmittage versuchte er mit allen Mitteln, das Arse nal zurückzuerobern. Er griff systematisch von allen Seiten an und eröffvete mit Gewehren und Geschützen ein mörderisches Feuer, das auch die Verwnndetenboote außerordentlicki bedrohte. Mit dem Augenblicke, wo man schwer verwundet da liegt, sich nicht mehr rühren kann, von dem Stande der SchlachtTransport bcr Verwundeten vom ?lrsenal Hsikn ach Tientsin.104 selbst nichts mehr sieht und nur deu Lärm des Gefechtes hört, ist man ein anderer Mensch geworden. Wenn mau alles über sich ergehen lassen muß, auf seine Fragen über das Gefecht nur unbestimmte Antworten bekommt, wenn jeden Augenblick Geschosse dicht über daS Boot hinwegsausen dann, ja ich will es gern gestehen, dann ist man nicht mehr derselbe wie vordem mit dem Säbel in der Hand, an der Spitze der stürmenden Kolonne. Dann kennt man sich selbst nicht wieder. Wie einem jeden Seeoffizier mit einer 20jährigen Dienst zeit, sind auch mir die Gefahren des Seemannsberufs nicht Beschossenes Fort. erspart geblieben. Manche gefahrdrohende Situation, manche Katastrophe habe ich mitmachen müssen, doch nie ist mir so zu Mute gewesen wie am Nachmittage dieses Tages im Boot. Es war eine äußerst qualvolle, verzweifelte Lage; ein wahrer Kugelregen ergoß sich über uns und ließ dicht bei uns das Wasser hoch aufspritzen. Bald platzte eine Granate dicht neben dem Boot, bald eine am Ufer, dann wieder schlug eine krachend in ein nahes Haus. Schrapnells explodierten über unseren Köpfen; plötzlich trifft eine Granate unser vorderstes Boot, 105 auf dem einige Geschütze aufgestellt waren, und bringt es zunr Sinken. Es wurde gottlob keiner dabei getötet. Ebenso gut konnte der Schuß unser Boot treffen, dann war alles aus. Wären wir nicht direkt getroffen, so mußten wir jeden falls kläglich ertrinken, denn wir lagen ja da auf dem Rücken, hilflos, unbeweglich, nur ein Stück Himmel konnten wir sehen und doch mußten wir alles ruhig geschehen lassen. Aber ein schreck licher Gedanke war der: Was wird aus uns, wenn der Feinv siegt? DaS Bild am Eisenbahn damm war wohl die beste Antwort darauf. Der Gedanke an die sen Fall, der , Gedanke daran, daß wir eventuell als Verwundete dem grausamen Feinde auf Gnade oder Un gnade preisgege- Kapitän z. S. Pohl, der Erstürmer der Takuforts. ben sein würden, war ein geradezu quälender. Die Stunden dieses Nachmittags im Boot sind wohl die schlimmsten gewesen während der ganzen Expedition; man wird sie nie im Leben vergessen. Doch der Tag war noch nicht zu Ende. Als wir mit den Prähmen allmählich bis unter die Wälle des Arsenals gekommen waren, eilten plötzlich verschiedene Mannschaften uns zu und be gannen damit, uns an Land zu schaffen. Es war Befehl ge geben worden, alle Verwundeten so schnell wie möglich aus den 106 Booten in da? Arsenal zu bringen, da die Gefahr, von den feindlichen Geschossen getroffen Zn werden, ein längeres Ver weilen daselbst nicht mehr znließ. Nun wurden wir zur Ab wechselung mal wieder verladen, man kann nicht behaupten, daß daS gerade sehr gut ist für zerschlagene Glieder. Jeden falls war eS immer sehr schmerzhaft. Das Manöver der Aus schiffung ging so schnell, daß ich kaum Zeit hatte, meinem französischen Leidcnsgenosfen noch die Hand zum Abschied zu drücken. Dann ging es so schnell wie möglich die Böschung hinauf, wobei uns die blauen Bohnen wieder lustig um die Ohren pfiffen. J:n Hofe deS Magazins angekommen, wurde ich in eine Ecke am Thor niedergclegt, denn der Schuppen, der für uns Verwundete als Lazarett bestimmt war, mußte noch auSgeränmt werden. Gerne erinnere ich mich der Liebenswürdigkeit des Kapitäns Mc. Calla und des englischen Dolmetschers Kampbell, die mir heißen Cakao und Cakes anboten. Die sonst so leb haften Herren machten nachdenkliche Gesichter, und der Humor des inzwischen ebenfalls verwundeten Kapitäns Mc Calla schien mir nicht mehr ganz von der früheren Qualität zu sein. \v rstellung eines Lazaretts im Arsenal Hsiku.107 - Mein Bursche, der bei mir blieb, folgte erst dafür, das; ich m etwas bessere Deckung kam, deuu die feiudlichen Geschosse sausten doch sehr unheimlich in meiner Nähe vorbei. Ich hatte nun Muße, mir von der augen blicklichen Stimmung ein Bild zu machen. Trübseliger konnte sie nicht sein. Wir hattten ja freilich den Feind aus die sem Arsenal herausgworfen; aber auf. allen Gesichtern stand es deutlich ge schrieben: Es geht doch noch 8" Ende," wenn wir nicht bald Verstärkung aus Tientsin bekom men. Es gehör ten auch nicht viel Kricgs- kenntnisse dazu, bies einzusehen, denn schließlich ist auch die mutigste Truppe wenn sie keine Ruhe bekommt, einmal am Ende ihrer Kräfte angelaugt. Im amtlichen Bericht der Marine-Rundschau heißt cs: Während die Vorbereitungen zum Verwundcten-Trans- 108 - Port getroffen wurden, eröffitete der Feind plötzlich aus einem nahe dem Arsenal gelegenen Dorfe heftiges Artillerie- und Gewehrfeuer. Zugleich wurden die im Arsenal auf der Süd front befindlichen englischen Marines (Seesoldaten) von über legenen Kräften angegriffen. Die Kaiserin August -" und Hertha-"Kompagnie eilten zur Hilfe. Hiebei fiel der Korvetten- Kapitän Buchholz, welcher eine in der Skdostecke des Walls aufgestellte chinesische Schnellladelauone mit einem Unteroffizier zusammen bediente. Dieser wurde gleichfalls erschossen. Um 4 Uhr nachmittags schwieg das Feuer. Die Verluste der deutschen Truppen betrugen an diesem Tage 6 Tote, da runter Korvettenkapitän Buchholz, 16 Verwundete, darunter Oberleutnant von Krohn und Lustig schwer verwundet." Unter den Toten befanden sich 4 Hansaleute, von denen am Vormittag 3 Matrosen, Gödecke, Visier und Rieck, durch einen Schrapnellschuß sofort hingestreckt wurden; der vierte fiel am Nachmittage. Der 22 . Juni brachte somit der Expedition die größten Verluste bei. Endlich war man mit dem Ausräumen des Artillcrieschuppen so weit fertig, daß wir Verwundeten hineingeschafft werden konnten. Daß für reichhaltigsten Komfort gesorgt war, wird einem Jeden gleich einleuchtcn, wenn ich erwähne, daß man als Betten hölzerne Fensterladen genommen hatte, die man mit einer wollenen Decke belegte. Mit dein Kopf lag man auf dem harten vollgepackten Ruck sack; eine weitere Decke diente zum Zudecken, und da das nicht ganz genügte, kam noch ein chinesischer Sandsturm herangebraust, der die Liebenswürdigkeit hatte, durch die nunmehr offenen Fensterhöhlen den schönsten Wüstensand auf unser weiches Lager zu senden. Lieblicher konnten wir nicht gebettet sein. Sonnabend, den 23., und Sonntag, den 24. Juni. So verbrachten wir unter stöhnenden Verwundeten, unter dem Geschrei sterbender Menschen, unter dem Pfeifen der in nächster Nähe vorbeisausendeu Gewehrkugeln und dem Krachen der in das Dach einschlagenden Granaten und Schrap nells 3 qualvolle Tage. Am Tage nach der Eroberung ent deckte man im Arsenal zirka 8-10,000 neue Mannlicher-Ge wehre, Patronen in Hülle und Fülle, Säbel, Geschütze undMaschinengewehre deutscher Konstruktion, dann aber auch gott lob Verbandstoffe, Medikamente, alle vom Apotheker Rüdel in Kiel, Esmarch sche Binden mit deutscher Gebrauchsan weisung und endlich auch mehrere hun dert Sack Neis sowie gutes Trink wasser. Das gab uns allen neuen Mut. Sofort wurde der Wall mit den gefundenen Kanonen ar miert, Nassen und Japaner, denen die Munition ausgegangen war, bewaff neten sich mit dem neuen Gewehr und uns Verwun deten konnte der Arzt wieder frische Verbände an- legen. Unsere armen Toten wurden im Arsenal begraben. Der Feind nahm auch Anteil, indem er kräftig auf die zu der letzten Ehrung versammelte Menschenmenge losfeuerte. Unter den Salven des Feindes sind die Toten Hmausschassen der über Nacht ihren Wunden Erlegenen.- 110 bestallet worden. In der Nacht suchte man vergeblich durch einen Vorstoß englischer Seesoldaten eine Verbindung mit Tientsin zu gewinnen. Die Truppe kam unter Zurück lassung von 5 Toten, die später verstümmelt aufgesundeu wurden, mit der Meldung zurück, daß alles dicht besetzt sei mit chinesischen Truppen. Heute (23. 6.) erhielten wir Ver wundeten einen neuen Leidensgefährten, Leutnant Pfeiffer, der bei den Verteidiguugsgefechtcn des Arsenals durch einen Schuß in den rechten Ellenbogen schwer verletzt wurde. Die deutsche Maschinengcwchrabteilung verlor hierdurch ihren tüchtigen Führer. In den Stunden des vergeblichen Hoffen und Harrens auf Entsatz thaten wir ein feierliches Gelübde: Wir wollten nie mehr im Leben schimpfen, wenn wir wirklich eines Tages glücklich aus unserer verzweifelten Lage erlöst würden. Ich möchte indessen heute, wo wir die goldene Freiheit genießen, keine Frage stellen, ob wir auch thatsächlich dem Versprechen treu geblieben sind. Ich glaube, wir würden Alle kein reines Gewissen haben. Montag, den 25. Jnni. Endlich am 25. Juni kam der Tag der Befreiung, nach dem es einem von uns abgeschickten Boten geglückt war, in Tientsin von unserer Lage zu berichten. Morgens um 9 Uhr rückte eS heran in weißen Röcken und Mützen, mit russischen, deutschen und japanischen Fahnen, 1600 Mann stark. Es war unser Entsatzkorps; unter Hurrahrnfen hielt eS seinen Einzug. Der Jubel wollte kein Ende nehmen. Beschreiben kann ich diese Stunde nicht; man muß selbst erlebt haben, nachdem man so lange gelitten. Niemand von uns wird diesen glückseligen Tag vergessen, er eignet sich am besten zum Jubiläumstag. Am Nachmittag wurden alle Verwundeten aufs freie Feld gebracht, Krankentragen gezimmert und am kommenden Morgen um 3 Uhr über Land nach Tientsin marschiert, da der Wasser weg wegen der chinesischen Forts zu sehr gefährdet war. Kurz nach dem Aufbruch vernahmen wir einen dumpf dröhnenden Knall, der von Explosionen im Arsenal Hsikn hcrrührte. DasIm Kraukenboot beim Gefecht am_22. Juni. 112 Magazin war von einer englischen Abteilung auf Seymonr s Befehl angezündet worden, damit der reiche Waffenvorrat nicht mehr in chinesische Hände fallen konnte. Eine mächtige Rauch wolke bezeichnete noch lange den Ort, wo die Expedition Scy- mour 3 Tage und 3 Nächte um ihr Geschick gerungen und, bis aufs Aeußerste erschöpft, auf ihren Entsatz gehofft und ge harrt hatte. Es war ein seltsamer Zug mit seinen 320 Verwundeten, von denen der größte Teil getragen werden mußte. Stabsarzt Dr. Schlick sagt in seinem Bericht n. a. folgendes: Volle 8 Stunden brauchten wir bis Tientsin. Der Weg führte über Stoppelfelder, durch Schluchten, über Eisenbahn dämme und Brücken. Die Verwundeten hatten unter dem Stoßen und Schütteln sehr zu leiden. Ein großes Glück war cs, daß der Feind uns unbehelligt ließ." Dienstag, den 26. Juni. Am 26. Juni morgens 10 Uhr rückten wir in dar arg zerschossene Tientsin ein, an rauchenden Trümmerhaufen und verkohlten Leichen vorbei. Noch einmal marschierte die Kompagnie an meiner Krankentrage vorüber, die Gesichter mit Staub bedeckt und durch Sonnenglut gebräunt, die Kleidung zerrissen und doch in strammer Haltung und mit festem Schritt. Erst in Berlin bei dem Einzug der Chinakümpfer habe ich sie wieder begrüßen dürfen. In Tientsin wurden wir Verwundeten in den deutschen Klub geschafft, wo uns deutsche Frauen liebevollsten Samariterdienst erwiesen und sich bemühten, die Hand zu ersetzen, die in noch aufopfernderer Weise gepflegt hätte, aber nicht helfen konnte, da Weltteile und Meere einander trennten. Es ist unnötig, zu versichern, daß wir Verwundeten uns in diesem Hospital nach all den erlittenen Beschwerden außer ordentlich glücklich schätzten. Von allen Seiten kam man her bei, um unser Loos erträglicher zu machen; Matratzen, weiche Decken, Kopfkissen, kurzum alle Dinge, die für eine Lazarettausrüstnng selbstverständlich sind, uns aber bis dahin nicht beschieden waren, trugen die fürsorgenden Landsleute 113 heran. Den Acnnsten stand noch die Angst und der Schrecken der vergangenen Tage auf dem Gesichte geschrieben, Bei der heftigen Beschießung der Stadt waren sie m een Keller des deutschen Konsulats geflüchtet, wo sie in steter Auf regung und Sorge um de Ausgang des Kampfes bange Stunden verlebten. Die Männer waren sich schon darüber Llar gewesen, ihre Familienangehörigen selbst niederzuschießen, 114 - wenn die Boxer etwa die Oberhand bekommen und auf sie losstürmen sollten. Nach den uns gemachten Schilderungen müssen es schlimme Augenblicke gewesen sein. Um so dankbarer waren wir ihnen jetzt für all die aufopfernde liebevolle Pflege, die sie uns angedeihen ließen. Unermüdlich, nicht an ihre eigene Lage, nicht an den Schaden denkend, den diese bösen Tage ihrem Hause, ihrem Hab und Gut angethan hatten, wett eiferten alle Damen und Herren in der Pflege für uns Ver wundeten. Auch wenn ich keine Namen nenne, werden doch die Betreffenden, welche diese Zeilen vielleicht lesen sollten, sich entsinnen, daß wir überglücklich bei der Aufnahme in den deutschen Klub gewesen sind und nie unsere Dankbarkeit gegen sie aufhören wird. Vortrefflich mundete uns das herrliche Bier, daS man uns Bahnhof in Tientsin. gleich anbot. Nach einem achtstündigen Marsch hatte man doch ziemlich viel Staub geschluckt, dazu noch durch das fortwährende Rütteln der Krankentrage auf die Dauer viele Schmerzen aus- halten müssen. Mein Leidensgefährte und Nachbar Ober leutnant Lustig litt ganz besonders. Für Heilung eines Schusses mitten durch die Brust sollen im allgemeinen Kuren, wie der heutige Transport, nicht gerade von Vorteil sein. Ein Teil der Verwundeten wurde in der Kegelbahn des Klubs untergebracht, Offiziere und ein anderer Teil in mehreren langen Reihen im zweiten Stockwerk des Gebäudes uieder- gelegt. Die erste sich bietende Gelegenheit wurde nun wahr genommen, um via Taku-Nhede Weib und Kind in der fernen 116 Heimat ein Lebenszeichen zukommen zu lassen. Heute konnte ja überhaupt nach einer laugen Zeit der Ungewißheit und Sorge um uns vollkommen von der Welt Abgeschnittenen die erste Kunde nach Europa telegraphiert werden, die endlich die schwere Zeit des Harrens auf nähere Nachrich ten ab kürzen sollte. Da vorher keine ge nauen Angaben über die zum Sey- mour scheu Zuge komman dierten Detache ments, keine Na men weiter gemeldet waren, so war das Gefühl der Unge wißheit ein all gemeines gewesen. Auf dem Wasserwege war jetzt eine Verbindung mit Takn geschaffen, wenn auch niemand dafür bürgen konnte, das; sie 116 absolut sicher sei. An der Wiederherstellung der Bahn bis Tongku wurde freilich emsig gearbeitet, jedoch konnte es noch lange dauern, bis sie betriebsfähig sein würde. Infolgedessen war die Verproviantierung der Stadt Tientsin, die mit einem Male eine große Einquartierung bon Tausenden von Menschen erfuhr, keine so einfache. Der heutige, für uns so bedeutungsvolle Tag ging zu Ende, ohne daß ein Schuß gefeuert werden brauchte. Seit den Ereignissen der letzten harten Tage war dies etwas sehr Unge wohntes. Heute ruhte das Kriegshandwerk und der Schlaf in dieser Nacht war ein wohlverdienter. Selten schlief wohl ein Mensch so gut ein wie diesen Abend das wieder auf der Bildfläche er schienene Seymour sche Expeditions-Korps. Es war aber gleichzeitig ein Ausruhen zum Sammeln neuer Kräfte für einen harten Kampf, der sich am nächsten Tage abspielen sollte, da in den Mauern Tientsins noch viele bösen Chinesen hausten, noch viele tausend Gewehre vorhanden waren, die auf uns abgesehen hatten. Mein braver Bursche kündigte mir übrigens mit dem Ein treffen im Tientsin-Klub den Dienst, indem er ohnmächtig zu sammenbrach und unter den Folgen des schönen Peiho-Wassers schreckliche Schmerzen anszustehen hatte. Er hatte es übrigens fertig gebracht, meinen Koffer, den ich längst in den Händen der Boxer glaubte, glücklich bis hierher zu schaffen, jedenfalls eine gute Leistung. Mittwoch, den 27. Juni. Um dauernd in der nun besetzten Stadt Herr zu sein und weiter nicht mehr belästigt zu werden, erfolgte am heutigen Vormittag der Sturm gegen das von starken feindlichen Streit kräften besetzte Ost-Fort, der schon vor einigen Tagen geplant war. Russen, Engländer und deutsche Seesoldaten fochten er bittert gegen einen zähen Feind. Auch unser Landungskorps, dem man nach den vielen vorhergegangenen Kämpfen die Ruhe hätte gönnen können, wurde aus zwingenden Gründen ebenfalls herangezogen und mußte wieder in ein heftiges Feuer hinein. Unter anderem hatte es bei der gräßlichen Tropenglut unter,t der Taku-Forts durch die Kanonenboote der vereinigten- 118 anhaltendem Laufschritte eine lange Strecke zurückzulegen. Mit Spannung warteten wir auf den Ausgang des erbitterten Kampfes. Aus der Ferne hörte man das Knattern der Gewehre, das Krachen der Salven, das Dröhnen der Geschütze. Plötzlich ein Knall rn nächster Nähe. Eine feindliche Granate war in das Nachbarhaus eingeschlagen und hatte großes Entsetzen unter der gerade beim Mittagessen sitzenden Familie hervorgerufen. Also mit der Sicherheit in unserem neuen Hospital war daS doch eine bedenkliche Sache. Man musterte unwillkürlich die Wände und Decken und stellte Betrachtungen über die wahr scheinlichste Flugbahn der feindlichen Granate an, die nicht zu Modell des Kanonenbootes Iltis". Gunsten unserer bombensicheren Lagerung" ansfielen. Zu gleich fand unser Arzt auf seinem Schreibtisch liegend eine Ge wehrkugel vor, ein Gruß, der uns sicher daran erinnern sollte, daß wir uns noch lange nicht in absoluter Sicherheit befänden und wir darum nicht zu übermütig sein dürften. Während des heftigen Gewehrfeuers in der Ferne ertönte plötzlich ein lauter Knall, dem ein hundertstimmiges Hurrah unten auf der Straße folgte. Es galt einer Pulver-Explosion, die durch einen vorzüg lichen Kanonenschuß der Angreifenden verursacht worden war. Nicht lange dauerte cs, als auch schon die ersten Opfer des heftigen Gefechtes in unseren Saal getragen wurden. 119 Mit dickem Staub bedeckt, das Gesicht erhitzt und gebräunt, brachten Matrosen auf Krankentragen zwei Schwerverwundete heran, beide mit Schüssen durch die Lunge, bezw. Bru,t. Still lagen sie da, nur dann und wann stöhnend vor Schmerz, im übrigen sich ohne Klagen ihrem Schicksal ergebend. Sie sind beide gottlob wieder gesund geworden. Noch mehrere folgten später. Mit Spannung sah man stets nach der sich öffnenden Thüre, ob wieder neue Opfer die Zahl unserer Verwundeten erhöhen würde. Reichere Beute hatte der Tod bei den Russen, wo besonders durch Explosion vieler Landminen schwere Verluste F-cstungsgeschütze Im Takn-Fort. eingetreten waren. Schließlich aber hielt der Feind nicht mehr länger Stand und floh in wilder Flucht. Gcwehrfener fürchtete er im allgemeinen nicht sosehr. Rur die krepirenden Gra naten und das Marsch-Marsch-Hnrrah" konnte er nicht leiden. Vielleicht ging seine Aversion gegen die platzenden Granaten so weit, daß er, wie früher schon gesagt, sogar bei seinen eigenen Geschossendie Zünder nicht mehr cinschraubte, eine Liebenswürdig keit, die uns jedenfalls sehr zu statten kam. . Als die Drachenflagge auf dem Ost-Fort nledergerlsien, und lein Chinese mehr in demselben anfzntreiben war, hielten 120 die Russen einen feierlichen Feldgottesdienst ab. Bevor die deutschen Truppen in ihre Quartiere rückten, wurden sie von dem russischen General Stössel noch mit einer sie sehr auszeichnenden Ansprache entlassen und ihnen darauf zwei der eroberten Geschütze als Kriegsbeute übergeben. Unter den Klangen der russischen Militärkapelle, mit fliegenden er beuteten Fahnen, marschierten die deutschen Truppen endlich in ihre Quartiere und konnten sich nach dieser abermaligen An strengung ausruhen. Diesmal aber folgte ein wirklicher Ruhetag, denn der für den 28. Juni geplante Angriff auf ein Stadt-Fort war nicht nötig. Die chinesische Besatzung hatte es vorgezogcn, freiwillig das Feld zu räumen und sich weiter nicht mit den weißen Teufeln" einzulasscn. Mit dem Einzug des Expeditionskorps in Tientsin legte Vize-Admiral Seymonr das Kommando nieder und hatte hiermit die Expedition als solche ihr Ende erreicht. Kapitän zur See von Usedom übernahm nunmehr über sämtliche in Tientsin anwesenden deutschen Truppen, die zum größten Teil in der Universität Quartier bezogen, den Oberbefehl. Donnerstag, den 28. Juni. An diesem Tage gab es seit langer Zeit wieder Post von der Heimat. Die Briefe ließen noch nicht darauf schließen, daß man je an eine baldige Landung zu denken haben würde. Heute, so hieß eS, sollte speziell für uns Verwundeten bessere Verpflegung eintreffen; der Jabel darüber war natürlich groß, die Enttäuschung aber noch größer, als statt dessen, die Kunde einlief, man müsse sich noch ein wenig gedulden. Selbst die mildthätigste Hand kann nichts geben, wenn nichts zum Geben da ist. So kam es, daß wir, ich muß es gestehen, an diesem Tage regelrecht hungern mußten, denn mit einer Tasse Bouillon und zwei kleinen Butterbroten kann ein Erwachsener schlecht auskommen, selbst wenn er noch so gern zum Markieren" sonstiger Gerichte gewillt ist. Es half aber nichts, auch hier hieß es abwarten". Freitag, den 29. Juni. Der folgende Tag war mein Geburtstag. Ich darf ruhig behaupten, daß ich vor Jahresfrist nicht ahnte, die 121 3Bieb:vu:tjr in dieser Verfassung zu erleben.^ Morgttl um halb drei wurde ich bereits durch Gewehrschüsse m den Strafen aufgeweckt, für einen Kranken eine höchst unspmpathlsche Störung. Immer wieder fuhr mau zusammen, wenn em Schuß losging. Das waren noch die Nachwirkungen der lieblichen Szenen im Krankeuboot und des Aufenthaltes un Arsenal Hsiku. Alsbald kroch der Bursche heran und brachte mir als Erster seine Wünsche. Es war doch ein eigenartiger Ge- burtstagsanfang: hier unter den stöhnenden und wimmernden Menschen; draußen das Schießen der Vorposten und dann die Aussicht, nachher zum Anlegen des erste.i Ghpsverbandes noch chloroformiert zu werden. Im allgemeinen pflegt man solches Nicht an seinem Ehrentage zu thnn. Mein erstes Geschenk erhielt ich in Form ziveier Butterbrote, die mir mein Leidensgenosie von Bülow znm Frühstück schenkte, da er selbst wegen eines Ruhr- anfalls, natürlich infolge Chateau-Peiho“ keinen Bissen zu P ) nehmen konnte. Der Aermste hat mich sehr gedauert; seine Liebesgabe ist m r aber vortrefflich bekommen. Heute lief auch die alles in Aufregung setzende und die ganz Welt tief erschütternde Nachricht Peking ein, daß in,er Gesandter Freiherr von Ketteler ermordet worden sei. Größte Sorge um die übrigen Landsleute erfüllte alle und wohl ein jeder befürchtete das Schlimmste, falls nicht sofort Hilfe gesan ^ werden würde. In der Heimat erhielt man heute durch das nachstehende Telegramm endlich Kiuide von uns, den - eis cn als hohe Freude; Manche versetzte es in tiefsten Schmerz und Biete wegen der Ungewißheit über die Art der Verwuiidung in eine quälende llnrnhe. Depesche: Kapitän Usedom meldet: Das Expeditwnskorps- ist nach Tientsin zurückgekehrt. Bei den außerordentlichen An strengungen waren die Leistungen unserer Leute vorzngt.cy. Gefallen sind: Kapitän Bnchholz, die Matrosen Lausten, Z-mn,er mann, Appermann von der Kaiserin Angusta , Matrow^aa; von der Hertha"; die Matrosen Gödecke. Riek, Visier Herbst., Bading, Feddermann von der Hansa". Schwer verwundet I n . Kapitänleutnant Schlieper (Schllßfraktur des UnterschenkelsDüevteutnmit v. SvoTjii (Schrapnelschnß ins linke Auge), Ober- leutnant Lustig (Lnngenschuß), Leutnant Pfeiffer (Ellenbogenschuß), Obersanitätsmaat Büriuanu von der Hansa", Matrose Grafe Von der Hertha", Heizer Otto von der Gefion". Leicht Verivnndet sind: Kapitän v. Usedom, Oberleutnant v. Zerssen, beide ganz leicht. Im übrigen ist der Ge sundheitszustand des Landungskorps gut. Von den Gesandten ist hier noch keine Nachricht angelangt. Die Expedition ist von Langfang zurückgekehrt und nicht in Peking gc- tvesen. Gezeichnet: Bendemann. Der Tag sollte insofern für mich noch rin recht glücklicher werden, als ich am Nachmittage mit Oberleutnant von Drohn und zwei Gefionlenten, die wegen Verlustes des einen Auges so bald wie möglich nach Jvkohama geschafft wurden, das Hospital bezw. Klub verlassen und mich dem Transport anschließen durfte. Auch Kapitänleutnant Kühne, der bisher als Befehlshaber des deutschenMarinedetachement so tapfer dieKämpfe gegen die chinesischen Truppen geleitet, begab sich mit diesem Transport an Bord des Iltis," oo er an Stelle des schwcrvcrwnndcten Kapitän Lans das Kommando übernehmen sollte. Mit einer gewissen Wehmut wurde nun von den anderen Leidensgefährten Abschied genommen. Der in Peking ermordete deutsche Gesandte Freiherr von Ketteler.Stunden mit der Pinasse von Tientsin nach Tongkn am 29. Juni. 124 Mancher sah meiner Kranken-Trage mit neidischen Blicken nach. Manchem drückte ich noch die HniH, von dem ich nicht ahnte, daß er doch noch den Folgen seiner Verwnndnng erliegen sollte. Dann ging es wieder an den zerstörten Gebäuden, an rauchenden Trümmerhaufen vorbei und hinein in die kleine Dampfpinasse, die am Vormittag mit drei anderen Booten im Schlepp den lang ersehnten Proviant von Tongkn herbeigeschafft hatte. Fürsorglich von dein Herrn Stabsarzt des Jaguar" auf der Ducht (das ist Bank) des Bootes nntergebracht, verproviantiert mit einem kurz vorher von der Hansa-Messe eingelaufenen Liebes gabenkorb" mit den schönsten Delikatessen, begleitet von vielen goldenen Worteil" und dem nicht zu vergessenden Getränk, so konnte die Reise, die Oberleutnant Bach von S. M. S. Jaguar" leitete, ruhig losgehen. Es war eine lange, lange Tour den Peiho hinunter. Mit mehreren großen Booten im Schlepp konnte die Dampf pinasse nur geringe Fahrt machen, die außerdem noch durch die inzwischen eintretende Flut weiter verlangsamt wurde. Den Humor und unsere Zigarren ließen wir trotzdem nicht ansgehen und sncbten uns bei Gänseleberpasteten und sonstigen Liebesgaben die Zeit zu vertreiben. Es war eine eigenartige, aber recht glückliche Geburtstagsfeier, deren Stimmung höchstens durch den Anblick der vielen im Flusse treibenden Chinesenleichen etwas beeinträchtigt wurde. Je mehr wir uns von der Stadt Tientsin entfernten, um so schärfer mußte nach etwaigen Feinden Ausguck gehalten werden. Die Passage war freilich im allge- uieinen als gesichert gemeldet, wer wollte aber schließlich die Garantie übernehmen und darauf schwören, daß nicht mal plötz lich ein Schuß fiel und uns dem Hinterhalte begrüßte. Es hatte immer etwas Unheimliches, wenn an den Dorfschasten, welche wir passierten, die Bewohner hinter den Häusern heran schlichen und uns neugierig betrachteten. Es schien sie jedoch mehr das Angstgefühl zu deni langsamen Herankriechen zu be stimmen, nicht aber ein hinterlistiger bösartiger Gedanke. All- mählich verschwand die Sonne und bei der einbrechenden Dunkel heit hieß es scharf aufpasscn auf die verschiedenen flachen Stellen im Fluß. Nichts wäre uns fataler gewesen als das Festsitzen125 ouf einer Sandbank und nächtliches Kampieren dieser wenig angenehmen Situation. Endlich kamen die Scheinwerfer des Takn-Forts in Sicht, die mit ihren grellen Lichtstrahlen Signale mit den Schiffen auf der Rhede austauschten. Nun waren alle Takn-Befestignngen in den Händen der Verbündeten, Won dort hatten wir keine Belästigungen mehr zu furchten. Mitternacht war schon vorüber, als wir endlich, endlich nach dieser langen Reife an dem Fallreep des Kanonenbootes Jaguar" in Tongkn anlegten, wo wir Verwundeten die Nacht bleiben sollten. Das war ein herzliches Willkommen seitens der lieben Käme- Txaden, die uns ihre Kammern (Kabinen) bereitwilligst zur Ver- An den Schnellfeuergeschiltzcn. -fügung stellte . Man brachte mich als beu am schwierigsten zu Transportierenden in die Kammer des ersten Offiziers, wo ich mich wieder in einem wirklichen Bette ausstrecken und nach der nicht gerade zu komfortablen Unterbringung während einer 7 .- stündigen Bootsfahrt ordentlich ansrnhen durfte. Das Himmterschaffen in die behagliche Kammer war aber nicht so einfach, denn die Luken eines Kanonenbootes sind keine Scheunenthore und ein Anstoßen mit der Krankentrage ist oft un vermeidlich. Bei Klarschiff zur Uebnng" mögen sich die c-. ; fchwerverwnndet bezeichneten und nach dem Verbandplatz zu chaffendeu Matrosen wenig dem Stoßen und Rütteln machen, 126 im vorliegenden Felle habe ich jedoch manchmal An" ge- schrien. Ich will hierinit meinem so rührend um mich be sorgt gewesenen Arzt nicht zu nahe treten. Nach einer herrlich durchschlafenen Nacht, nur in den Träumen mußte man noch wochenlang mit den Boxern kämpfen rüstete man sich zur Weiterfahrt, die diesmal mit dem Schlepp dampfer Peiho" vor sich gehen sollte. Glücklich hinübergeschafft, von dem 2. Admiral des Kreuzergeschwaders und von unseren liebenswürdigen Wirten mit einem kräftigen dreimaligen Hnrrah verabschiedet, sagten wir dem gastlichen Kanonenboot Lebewohl. Auch daS den Deutschen zugcteilte chinesische Torpedo boot schloß sich den Hnrrahrufen für uns Verwundete an. Oberleutnant von Klitzing, Torpedooffizier unseres Schiffes, war zum Kommandanten dieses Fahrzeuges ernannt worden, das zwar noch ganz neu, dessen Maschine und Kesselanlagen jedoch nach chinesischem Reglement, nach einer besonderen Methode konser viert worden waren, sodaß es mit dem schneidigen Fahren vorab noch eine gute Weile hatte. Aber dennoch ist es schöner, Torpedo- bootskonnnandant eines wenn auch flügellahmen Bootes zu sein, als der fernen Rhede an Bord der ziemlich verwaisten Schiffe die Wache zu strampeln". Nun ging es in schneller Fahrt den Peiho hinunter, die Ortschaft Taku kam bald in Sicht. Dann passierten wir das kleine, aus den Kanonenbooten der verschiedenen Nationen bestehende Geschwader, das nach einem so hartnäckigen Gefechte ani 17. d. M. die mächtigen Forts znm Schweigen gebracht haatte. Da lag der so weltberühmt gewordene Iltis" mit seinen ehrenvollen Wunden, die man notdürftig verdeckt hatte. Man sah noch die Löcher im Schornstein, heransgerissene Stellen an der Reeling u. s. w. Wie die meisten Schiffe sah auch der Iltis arg mitgenommen ans. Auf ihn hatte sich schließlich das ganze Feuer der chine sischen Forts konzentriert; ein Wunder, daß trotz allem das Schiff keinen tödlichen Schuß erlitten. Auch auf dem Iltis" war man angetreten, um uns vier Verwundeten des Seymour schen Korps mit kräftigen Hnrrahrufen willkommen zu heißen. Das geht dem Menschen doch noch näher, als wenn bei sonstigenWiedersehen mit de Jltis" am 30 Juni. 128 Gelegenheiten ein Hoch ausgebracht wird, sei es, weil inan Dar so und so viel Jahren sich erlaubt hat, die Welt mit seiner Gegenwart beglücken, oder andere Veranlassungen vorliegen. Vor allen Dingen berührte mich der Zuruf aus dem Munde der Jltisheldcn, die so Großartiges geleistet hatten, ganz besonders. Weiter stromabwärts lag der Giljak," ein russi sches Kanonenboot, das gleich beim Be ginn des Kampfes Schüsse in den Kessel erhalten und schwere Verluste an Menschen zu beklagen hatte. Große, mit Eisen- platten verdeckte Löcher im Rumpf zeugten noch von den in heftiger Schlacht erlittenen Beschädigungen. Fast auf allen Schiffen winkte man uns zu, denn dem Deck unseres Dampfers untcrgebracht, er kannte man uns sehr bald als frisch Ange- schossene". Nun waren die mächtigen Taku-Forts, auf denen nach der Erstürmung durch die Neserve-Landungskorps unter Führung des Kapitän z. S. Pohl die Flaggen der verschiedenen Nationen anstatt der gelben dreieckigen unserer Feinde wehten, querab. Gleichzeitig hatte man das weite Meer wieder vor sich, das man unter diesen Umständen, auch wenn es von dem Peiho- .schlamm häßlich gefärbt und wegen des wenig Annehmlichkeiten Korvettcn-Kapitän Laus. Cberin 0 . Hühnerbein. Wnldersees Schwester, i. Kammerherr Graf Waldersee. n. BizeUdmiral Graf Waldersee r Hauptm Graf Waldersee. 5. Gräfin Waldersee. 6. Fcldmarschall Gras Waldersee. 7. Graf Wahersee. 8. Krau n. Wächler Die Familie Waldersee an Bord der Gera". Dao erste Stündchen für sich: Gräfin Waldersee heftet an Bord der Gera" dein Gatten dielLhma- Denkmünzc an die Brust. Graf Walderfees Rückkehr aus China. Gros Waldersee in Homburg: Der Kaiser fCit)vt mit dem Feldmarschall vom Bahnhof ad Gen.-Mai. v. Hopfner, Viu-ls 0 -Kuei, Nin - tschang, Prinz Tschun. Chang-yin-mau, Minister Liang Cheng, Major Frhr. v. ültwitz. Kom. d. III. ostas. Jnf.-Brig. Sekretär, der neue Gesandte in Berlin. Vize-Präs. u. Leg.-Sekretär. Leg.-Sekretär. Wang-Kuan, Sekretär. Gen.-Major Richter. Chih-Ko, Dolmetscher. Prinz Tschu , der chinesische Sühne-Gesandte, mit seinem Gefolge und seinen dmtschen militärischen Begleitern im Orangerie-Gebäude des Schlosses Sanssouci zu Potsdam. 129 . -elenden Aufenthaltes nicht sehr beliebt war, mit Freude be grüßte. Für uns bedeutete es seit langer Zeit wieder: Ruhe für das Nervensystem, Schutz gegen das feindliche Feuer, Heilung unserer Wunden, Wiedersehen mit den Zurückgebliebenen und mit dem liebgewonncnen Schiffe. In der Peihomündung, weit in das Meer hinaus trieben nach viele tote Chinesen, vielleicht waren es dieselben Soldaten, die vor drei Wochen neugierig an den Strand gelaufen kamen, als wir mit allen Booten den Fluß hinauffnhren. Wir konnten nicht ahnen, daß wir erst jetzt so heimkchren würden. Wieder auf der Takn-Nhcde am 30. Junk. Auf oer Rhede angekommen, fuhren wir gleich längSseit des großen Lloyddampfers Köln", der, nachdem er . mit den Ablösungsmannschaften für unser Geschwader zu einem so günstigen Augenblick cingetroffen, nun die ersten Verwundeten iiadj dem Marinelazarett Yokohama überführen sollte. Die Hansa" konnte ich nur von weitem begrüßen; sie sah ivie alle Schiffe so verlassen aus, denn die meisten Menschen befanden sich an Land, in Tientsin, auf der Expedition oder im Taku-Fort als Besatzung. Als ich das brave Schiff in mitten der Flotte entdeckte, ging mir mit einem Male der in der Messe in fidcler Stimmung so oft gesungene Refrain des Karneval- licdes et hat noch immer immer gut g e g a n g e" durch 9 130 den Kopf. Ja, so weit war wenigstens alles wieder in Ord nung, war alles trotz größter Schwierigkeiten noch gut abgc- laufen, und der Gedanke, nun wohl aufgehoben Zu sein, war mir ein ganz wunderlicher. Da ein Transport über die Fall- rcepstreppe bei der hohen Dünung (Seegang) nicht möglich, wurde man nach allen Regeln der Kunst wie ein Stückgut" in der Krankentrage mittelst Dampfkrahn übergeheißt und dann in einer besonders für die Arbeit der Aerzte geeigneten *. Krohn. An Bord der Köln". Kammer niedergelegt. Besuch von allen Seiten, Fragen und Antworten hinüber und herüber, die Ankunft von immer neuen Menschen, alles dies ließ den Tag schnell dahinfliegen. Der Schlaf aber ließ dann nicht lange mehr auf sich warten. Am folgenden Tage, Sonntag, den 1. Juli, wurde mir der erste regelrechte Gypsverband angelegt. Es ging damit schmerzloser, wie ich dachte. Am nächsten Tage, den 2. Juli, erfolgte die Abreise nach Iokohama, nachdem kurz vorher noch Korvettcn-Kapitün Lans, der sich bis dahin auf S. M. S. Kaiserin Augnsta" in ärztlicher Behandlung befand, als Hauptperson an Bord gebracht worden war.Die weiteren Ereignisse haben mit dem Kriegsschauplatz nichts mehr zu thun. Friedliche Bilder kamen jetzt an die Reihe, jeder Schraubenschlag des Schiffes entführt uns mehr der Stätte, wo in einer verhältnismäßig kurzen Zeit so be deutungsvolle Vorgänge sich abgespielt hatten und wo gerade unserem Landungskorps Plötzlich so große Aufgaben gestellt wurden, die in dem nachstehenden Telegramm unseres obersten Kriegsherrn voll und ganz anerkannt wurden: Cs gereicht mir jit hoher ffiemtgtljuung, -aß -as Expeditions-Korps des Krenzergeschwaders sich unter den außerordentlichen Anstrengungen in fernen Landen vorzüglich gehalten hat. Die unerwartet an dasselbe herangetretenen Aufgaben stellten es vor eine sehr ernste schwere Probe; würdig schließt sich die Haltung von Ofsineren und Mannschaften den Thaten an, mit welchen der deutsche Name verknüpft war, wo immer es fei. Ehre den Ge fallenen l Meine warme Teilnahme den Verwun deten. Kapitän Mr See v. Usedom verleihe ich den Kronen-Orden II. Masse mit Schwertern. Wilhelm I. R. Für uns Verwundete kam jetzt eine Zeit, wo wir uns ausschließlich nur mit unseren sehr verehrten zerbrochenen Gliedmaßen in Ruhe beschäftigen konnten und wo man nicht mehr Deckung gegen feindliches Granat- oder Gcschntzfeuer Bedacht nehmen brauchte, höchstens gegen die Mosguitos und Fliegen. Ich möchte meine kleine Schrift nicht schließen, ohne noch kurz der Tage in Jokohama gedacht zu haben. Wen von den verehrten Lesern interessiert, möge mich auch noch so weit begleiten. Nach einer 7 tägigen Fahrt, auf der wir auch noch Nagasaki wegen Proviantbestellung entliefen, kamen wir im schönen Hafen von Yokohama an. Das Schiff wurde an den Kai geholt und begann manmit der Ausschiffung, sobald sich der größte Strom der Zuschauer verlaufen hatte. Gleich nach Ankunft begrüßte uns der deutsche General-Konsul und der Chefarzt unseres Marine hospitals, dessen Fürsorge wir für die nächste Zeit übergeben werden sollten. In gleicher Weise wie die Einschiffung erfolgte wieder das Ausladen, nur insofern bequemer, als man vorher auf eine Trage gelegt wurde, die durch Anbringung zweier Näder gleich als Krankenwagen losfabren konnte. Hier draußen S. M. S. Hansa" auf der Rhede von Taku. auf dem Kai sah ich zum ersten Male meinen Kameraden Laus wieder, der während der Ucberreisc eine Etage über mir, in der Kammer des l. Offiziers, untergebracht war. Unter kräftigen Hurrahrufen seitens der Besatzungen der Köln" und des hinter ihr liegenden Lloyddampfers Stuttgart" ging die Abfahrt vor sich, nicht ohne dem Kapitän Langreuter, Herrn Dr. Becker, Offizieren und Mannschaften nochmals herzlichsten Dank anszusprcchen für alles Gute und Liebe, das. wir während der Uebcrfahrt genossen. Begleitet von einer immer noch großen Menge Schau- i33 luftiger, kamen wir endlich in dem so herrlich gelegenen Marine lazarett an. Dasselbe ist seit ungefähr 25 Jahren bereits in unseren Händen und sollte es nun, infolge der jüngsten Ereignisse, ganz besonders zur Geltung kommen. Die Ruhe hier war geradezu herrlich. Keine Boxer, kein Kommandieren, keine Gewehrschüsse weit und breit, höchstens der monotone Klang eines Gongs im nahegelegenen Tempel. Gleich am folgenden Tage bekamen wir Besuch von verschiedenen hochgestellten japanischen Offizieren, Beamten, und Würdenträgern, die sich alle teilnehmend nach unserem Be finden erkundigten. Diese Besuche kamen in der ersten Woche fast täglich. Der Mikado schickte seinen Flügeladjutanten, die japanische Kaiserin eine ihrer Hofdamen, um Grüße zu übertragen. Kurzum, die Aufmerksamkeit seitens der Japaner, die alle ein kleines Geschenk für uns mitbrachten, war wirklich rührend. Sieben lange Wochen verblieb ich im Hospital, in dem ich bei aller vorzüglicher Pflege und Behandlung doch auch manche böse Stunde in Schmerzen und Unbehagen, die ein langes Krankenlager mit sich bringt, habe durchkosten müssen. Fern von allem Kriegsgetriebe und sich selbst überlassen, konzentrierten sich nunmehr natürlich alle Gedanken auf die Verwundung, bezw. Verlauf der Heilung selbst. Wenn dann in den grenzen los heißen Nächten der Schlaf nicht kommen wollte, sondern höchstens nur immer der eine" Mosqnito, dem es stets wieder gelang, durch die Maschen der Netze cinzudringeu und einem das Leben schwer zu machen, wenn dann der so geliebte Streckverband, in den man für zirka 14 Tage eingespannt wurde, bei jeder Bewegung schmerzte, dann freilich wünschte man die Zeit um einige Monate weiter. Der geschickten Hand unseres Chefarztes und der sorg fältigen Pflege gelang es jedoch, schnellere Heilung zu ver schaffen, als wir dachten. Geschont wurden wir freilich bei den Krankenvisiten nicht. Wir sangen ordentlich aus," wie der Seemann sagt, wenn das Bein oder der Arm zurecht ge setzt wurde, sodaß wir uns gegenseitig zuriefen: Darf ich Ihnen vielleicht einen Revolver für 6 Palronen schicken oderDie verwundeten deutschen Offiziere im Lazarett zu Uokohama. Ventil. Pfeiffer. Korv.-Kapit. La ns. Korv.-Kapit. Schliepcr. Oberleutn. v. Wolf. Oberleutn. Lustig. Oberleutn. v. Krohn. ri4 sonst Hilfe anbieten gegen die Attacke unseres Chefarztes?" Es war klar, daß man ein wenig zustimmendes Gesicht machte, wenn dem Sanitätsmaaten beim Geraderecken des Beines befohlen wurde: So nun mal rciugelcgt, als wenn Sie einen nassen Stiefel ausziehen wollten. Es war einleuchtend, daß ein anderer nicht verstehen konnte, wenn bei der Morgenbegrüßnng dieAbschied mm Taku-Rhede, 23(5 - biedere Rechte so lange in derjenigen des wohlwollenden Arzte? festgchalten, geschüttelt und gerückt wurde, da doch der zer schmetterte Ellenbogen so sehr schmerzen mutzte. Alles geschah natürlich unter srenndlichstem Lächeln und Fragen nach dem Befinden. Aber wir Laien kennen nicht die Ursache und sollen uns ruhig fügen; in den Augen des Arztes ist man doch immer mehr oder weniger Simulant. Der Chefarzt möge mir nicht zürnen, er weitz doch zur Genüge, datz wir ihm verziehen und voll des Dankes sind für sein rastloses Mühen und die aufopfernde Pflege in jener so arbeitsreichen Zeit. Als Rekonvaleszent in der Villa aus dem Bluff" in Yokohama. G würde mich zu weit führen, all die Zeichen von Liebens würdigkeiten, Mitleid und Fürsorge anzngeben, die uns von allen Seiten in jener langen Zeit seitens unserer Landsleute in Jokohama und Tokio erwiesen sind. Die herrlichen Blnmen- spenden, Früchte, Delikatessen, die schönen Pfirsichbowlen, den Kaviar des Lloyddampfcrs und die schönen Wagenfahrten nicht f 1 . vergessenI Alles dies hat auch zur schnellen Heilung beigetragen. An dieser Stelle sei den Betreffenden nochmals von Herzen gedankt I Mir war es vergönnt, den letzten Teildes Aufenthaltes in Nokohama im Hause meines Bekannten, des Herrn W. Daniels, zu verleben, wo ich meine Gehstndicn fortsetzen konnte und vo ich bei reichhaltigstem Komfort jeder Art sehr verwöhnt worden bin. Während der größte Teil der verwundeten Offiziere sich schnell erholte und in der Besserung große Fortschritte machte, mußte sich unser Kamerad Lans, wie zur Genüge bekannt sein dürfte, später einer abermaligen Operation unterziehen. Erst nach dieser trat schnelle Heilung ein. Er hat von uns allen am meisten gelitten, und ist doch uns allen in Bezug auf den Humor über gewesen. Am 25. August vorigen Jahres war cS mir möglich, aast dem Lloyddampfer Prinz Heinrich", (Kapitän N. Meyer) nach der Heimat abzureisen, nachdem 8 Tage vorher Oberleutnant von Krohn bereits über Honolulu-Amerika Uokohama verlassen hatte. Nach einer 6wöchentlichen Reise, während der mir seitens des Herrn Kapitäns und der Offiziere größtes Entgegenkommen gezeigt wurde, traf ich in Genua ein, von vo ich über Land der deutschen Heimat zneilte. Sie brachte mir ein glückseliges Wiedersehen mit den Meinen und endlich auch die völlige Gesundheit, nachdem ich in der Wilhelm-Heilanstalt zu Wiesbaden mit Kapitän Lans und Leutnant v. Wolf Erinnerungen n die Iokohamazcit anffrischen durfte. Die mir anläßlich. Tf!S der Heimkehr Dort nah und fern entgegengebrachten Zeichen von Mitgefühl, die von so vielen Seiten eingelaufenen De peschen, Grüße, Ovationen aller Art sowie die allerhöchste Anerkennung und Auszeichnung aller am Sehmour schen Zuge beteiligt Gewesenen, die Begrüßung der Chinakrieger in Berlin am 16. Dezember, alles das ist wohl geeignet, die ansgestandenen Schmerzen und Leiden schnell in Vergessen heit zu bringen. Die Geschichte wird den Seymour schen Zug einen unglück lichen nennen, die Kämpfe jedoch, die stets mit einem Siege auf unserer Seite endeten, sind wohl geeignet gewesen, den späteren Widerstand des Feindes, wie die Ereignisse gezeigt haben, be deutend abzuschwächcn. Das dabei geflossene Blut aber hat dem deutschen Namen nicht geschadet und VaS deutsche Ansehen hat keine Einbuße erlitten durch einen Ruf, der ausklang in die Worte: The Germans io tlie front!Heimkehr. Ls ging uns schlecht, es ging uns kr Im Rucksack, Taschen: Vacuum! Rein Brot, kein Tabak gab es mehr Und unsere Flaschen waren leer, Doch niemand bis zuletzt verlor Lin kleines Bündel voll Humor.Signal: Dir je Aelmng ist beendigt.Ordre de Bataille der Landungstruppen des Kreuzergeschwaders. a. Expeditionskorps. Kommandeur: Kapitän zur See v. Usedom. Adjutant: Oberleutnant zur See Freiherr v. Ko ttWitz. I. Jnsailtcrie: 1. ( Hertha") Kompagmc: Kompagniesnhrcr: Kapitänlentnant He Oberleutnant zur See Bunne mann. Oberleutnant zur See Schnabel. Leutnant zur See B crendes. cht. 2 . ( Hansa") Kompagnie: Kompagniesnhrcr: Kapitänlentnant Schlieper. Oberleutnant zur See v. Zcrßen. Oberleutnant zur See Röhr. Leutnant zur See Schultz (Max). Leutnant zur See Becker. 3. ( Kaiserin Angusta") Kompagnie: Kompagniesnhrcr: Korvettenkapitän Buch Oberleutnant zur See v. Bülow (Otto). Leutnant zur See S ch n t t e. Leutnant zur See Kettler. Stückmeister Wcydc. chhoktz. 4. ( Gefion") Kompagnie: . Kompagnieführer: Kapckanlentnant Weniger. Oberlent -ant zur See v. Krohn. Oberleutnant zur Sec Lustig. II. Artillerie. Leutnant zur See Pfeiffer (Franz).VIII Pioniere. Lenti,mit zur Sec Blockhuis. IV. Krankenträger. Stabsarzt Di. Schlick (IG Manu). Oberassistenzarzt Dr. Presuhn. ^Oefomt 20 Offiziere, 489 Unteroffiziere und Mannschaften mit 2 Maschinengewehren. Die Provinntansrüstung betrug beim Abmarsch 8 Tagesrationen und wurde durch spateren Nachscbnb 16 Tagesrationen erhöht. J J b. Tientsin-Besatzung. Kommandeur: Kapitänleutnant Kühne. Kaiserin Augnsta" Detachement: Kapitänleutnant Ko pp. Lentnant zur See Fra zins. Irene" Detachement: Leutnant zur See Mönch. Seesoldaten-Detachement: Lentnant Wenzel pom 3. Seebataillon. c. Et ap p e n k o m m a n d o: Kapitänleutnant v. Trotha (Tientsin). Leutnant zur See p. Wolfs, f .. . ... Lentnaiit zur See Hilniers, ^^L^ltnng der Zuge.Landungs-Abteilung Hansa". 1. Stlickmcister Matz. Ob.-Bts.-Mt. Mrugalla. 32. 33. Matrose 2 . Bts.-Mt. Schawaller. 34. 3. Möller. 35. 4. Röhl. 36. 5. Rißmauil. 37. 38. " 6. Lassow. " 7. Dambrowski. 39. 8. Sig ai-M..at Lembkc. 40. 9. Flvks.-Dlt. Hellwig. 41. 42. 10. Krajewski. 11. Ober-Biatrosc Friedrich. 43. " 12. Klaivs. 44. 13. Wewctzer. 45. 14. Spriugbvru. Teßmar. 46. " 15. 47. " 16. Egdmatzn. 48. 17 Trv.-Ob.-Mtr. Scholz. 49. " 18 Ob.-Siail.-GastSchwaiidt. 50. 19. Siqiial-Gast Peter. 51. " 20. Gemiiildt. 52. 21. Matrose Friedrich. 53. 22. Holzhauseu. 54. " 23 ! Wichert. 55. " 24. Krentzel. 56. 25. Dickmaiiii. 57. " 26. Schmuur. 58. 27. Wiebe . 59. 60. 28. Seuthe. " 29. I Wulff. 61. " 30. Meuger. 62. " 31. v. Laateu. 63. Gicse. Awerhosf. Koppen. Festem Mandel. Baier. Knbc. Kahlalu. Meschke. Ziehdvrii. Nicol. Bading st Broeniiig. Düsterbeck Bieman . Fcddermauu Komm. Stölting. Strümpel. Mallwitz. Schmöde. Knnth. Rohde. Pohl. Jenssen. Schade. Schröder.. Böhm. Braatz. Pusch. Thiel. Goedckc st64. 65. 66 . 67. 68 . 69. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76. 77. 78. 79. 80. 81. 82. 83. 84. 85. 86 . 87. 88 . 89. 90. 91. 92. 93. 94. 95. 96. 97. Matrose Krause. Ricck ch Deitmer. Daniels. Lohmüller. .. Holstein. Kaschubat. .. Klug. Hjort, Herbst f .. Kaiser I. Marloiv. Bisscr -j- Öles. Splitt. ,, Dinklage. Madlener. Schäfer. Tietz. Teßmann. Ullrich. .. Lumplesch. .. Sennefelder. Scheibe. .. Brandt. Dethmann. - Kunze. Eggert. ,, Schöning. .. Rickert. Ewald. .. Wassack. Zim.-Gast Kein. Dorp.-Mir. Perknhn. 98. Torp.-Mtr. Welke. 99. Sann. 100. Genz. 101. Mir. Bender. 102. Schwenke. 103. Ob.-Tp.-Mtr. Thiele. 104. Ob.-Bts.-Mt. Uhlmann f 105. Ob.-San.-Mt.Bührmann. 106.Ob.-Mstr.-Mt.Werner. 107. Zim.-Gast Blank. 108. Fischer. 109. Fw.-Mt. Tschöuc 4- 110. Mir. Ganz. 111. Torp.-Mtr. Schack. 112. Bts.-Mt. Tschupke. 113. Bitr. Höxer. 114. Patzenbein. 115. Grosch. 116. Lempke. 117. Torp.-Mtr. Thdecks. 118. Sig.-Gast Burkhardt 119. Ob.-Nch s.- G st. S ch über t. 120. Tp.-Ob.-Hzr. Stössel. 121. Schücke. l 22. Tvrp.-Hzr. Gürtler. 123. Hzr. Zornow. 124. Mir. Jürgens. 125. Torp.-F.Wt. Frank. 126. Mir. Kaiser 19 127. Kluge. 128. Knorr. 129. Parche. 190. Wolkowsky.
