Gustav Stutzer: Und die Deutschen in Übersee? Geöanken unö Erlebnisse eines Kuslanüüeutschen preis 1 Mark. Druck unü Verlag von C. Bertelsmann in Gütersloh Und die Deutschen in Übersee? Gedanken und Erlebnisse eines Auslanddeutschen von Gustav Stutzer Sonderabdruck aus der vom Universitäts-Professor v. Emil Pfennigsdorf in Bonn herausgegebenen Monatsschrift Der Geisteskampf der Gegenwart" (51. Jahrgang, Juni bis Oktober 1915) Gütersloh Druck und Verlag von C. Bertelsmann 1S16lllvvcmMc SdkU^ , 5^ S . ^ us irgend einem Blatte oder Buche schrieb ich mir vor X ^ Jahr und Tag die folgenden Worte ab: Wenn Deutschland die Stellung unter den Weltmächten einnehmen soll, die ihm nach der Zahl seiner Bevölkerung, seiner kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung, seiner Heeres und Flottenmacht, sowie nach seinem Reichtum unzweifelhaft gebührt, darf es seine Söhne im Auslande nicht so gering schätzig wie bisher beiseite lassen, sondern muß mit ihnen die engste Fühlung zu behalten sich bemühen." Diese schlichten Worte öffnen uns den Eingang in den weltweiten Kreis, in welchen wir nun einige kurze Blicke werfen wollen. Das Deutschtum in Übersee findet unter uns im großen und ganzen noch viel zu wenig Beachtung. Unser Handel kennt zwar die Hafenplätze der ganzen Erde genau unsre wissenschaftlichen Forscher arbeiten überall; der Verein für das Deutschtum im Auslande mit seinen 53 OVO Mitgliedern verbreitet in hervorragender Weise das von ihm vertretene Interesse? unsre Schul- und Kirchenverwaltungen, die Gesell schaften für Außere und Innere Mission vermitteln die Kenntnis der verschiedensten Plätze unter den Völkern; viele Familien stehen in Beziehung zu ihren ausgewanderten Angehörigen, und dennoch und trotz alledem mag unter hundert Inland- Deutschen kaum einer sein, der von der Bedeutung unsrer Außenposten eine Vorstellung hat. ^ Sogar für die Leistungen der Deutschen in den andern Ländern Europas fehlt im all gemeinen das Verständnis. Der Krieg, den wir um die Erhaltung unsres Volkstums zu führen gezwungen sind, wird auch darin Wandel schaffen. Wie er alle Stämme des Deutschen Reiches in jeder Hinsicht zu einer willensstarken Einheit zusammengeschmiedet hat, so wird er auch den kulturellen und wirtschaftlichen Zu sammenschluß aller Deutschen auf der Erde zustande 1* 4 bringen. Wir sind bereits auf dem besten Wege dazu. Das Bewußtsein der Volksgemeinschaft ist über alle Festländer und bis zu den fernsten Inseln erwacht, soweit die deutsche Junge klingt". Bevor wir über die Mittel nachdenken, durch welche die Kraft des deutschen Volkstums auf dem ganzen Erdenrunde gefördert werden kann, wollen wir uns mit möglichst genauen Zahlen die Verbreitung der Deutschen in der Welt klarmachen. Die Bevölkerung des Reiches wird jetzt aus 68 Millionen angegeben. Dazu kommen aber 37 Millionen Deutsche im Auslande, welche von deutschen Eltern abstammen und Deutsch als ihre Muttersprache reden: 19 Millionen in Europa und 18 in Übersee. (Zur Vergleichung: Italien hat 36, Frankreich 39 Millionen Einwohner.) In der Österreich-Ungarischen Monarchie 12Vs, in der sog. deutschen Schweiz 2 s, in Ruh land 2Vs (nach amtlicher Zählung sogar 4^2, was übertrieben erscheint), in allen andern Ländern Europas zusammen wenigstens I V2, zusammen 19 Millionen. ^ Die Zahl der Deutschsprachigen in Übersee ist schwerer zu bestimmen. Wenn die Nachkommen aller derjenigen deutsch geblieben wären, welche jenen 13 Kre felder Mennoniten-Familien gefolgt sind, die sich als die ersten am 6. Oktober 1683 in Nord-Amerika ansiedelten, dann betrüge die Zahl unsrer Volksgenossen in den Vereinigten Staaten zum mindesten 30 Millionen. Die letzte amtliche Zählung weist aber nur knapp 15 Millionen nach, während die in Nord- Amerika erscheinenden deutschen Zeitungen und Zeitschriften 16 bis 2V Millionen herausrechnen. In Kanada wohnen etwas mehr als 499999 dagegen in dem von Revolutionen zerwühlten Mexiko jetzt nur noch höchstens 19999? in Guatemala 1999? in den übrigen mittelamerikanischen Staaten und auf allen westindischen Inseln kaum 5999. Ganz anders stellen sich die Zahlen in Süd-Amerika: Brasilien 5- 699999 Argentinien, Uruguay und Paraguay 299^259999 Chile 49999z Peru, Bolivien und Venezuela mindestens 19999. In ganz Amerika leben rund I6V2 Millionen, deren Mutter sprache deutsch ist. Ganz Afrika wird mit 79999 ein geschätzt Australien und Neu-Seeland mit 159999. Der nahe und ferne Orient wird nach dem Verlust von Kiautschou 5 nicht mehr als 100000 haben. Wir wollen, um sicher zu gehen, annehmen, daß in Übersee nur 18 Millionen Deutsche leben. Die Berechnung stellt sich mithin so: Unser Volksstamm hat rund 105 Millionen Mitglieder, nämlich 68 im Reiche und 37 im Auslande. Man braucht sich nur diese letztere Zahl vorzuhalten, um die Bedeutung des Deutschtums im Auslande zu er kennen. Wenn man aber noch dazu die Tüchtigkeit und Willens kraft der meisten unsrer Landsleute in Übersee kennen gelernt hat, mag man gern etwas dazu beitragen, wenigstens auf die Mittel und Wege hinzuweisen, durch welche ihre Arbeit gefördert, ihre kulturelle und wirtschaftliche Anstrengung erleichtert werden kann. Die dadurch bewirkte festere Angliederung Reich bietet zugleich für dieses die größten Vorteile. 5 -i- Ich schiebe an dieser Stelle eine Reihe von Beobachtungen ein, welche sich zum Teil im Widerspruch zu weitverbreiteten Auffassungen befinden. Der Krieg hat den Schleier etwas gelüftet, welcher im Blick aus die Übersee-Deutschen vieler Augen trübte. Haben nicht Tausende ihre Arbeit und Familie verlassen, keine Gefahr und Kosten gescheut, aus allen Ländern der Erde herbeieilend, um das Vaterland verteidigen zu helfen? Ihre Zahl wäre leicht auf Hunderttausende gewachsen, wenn sie nicht durch die Feinde gehindert wären, ihren Willen durchzusetzen. Wie viele von ihnen schmachten nun in den Konzentrationslagern"! Ich habe in London am Tage vor der englischen Kriegserklärung sehr große Haufen junger Leute gesehen, die darauf brannten, nicht nur als Wehrpflichtige, sondern auch freiwillig sich zum Kriege zu stellen. Durch im voraus schlau getroffene Maßregeln wurde es ihnen unmöglich gemacht. Man denke an die patriotische Stimmung der deutschen Zeitungen im Auslande, an die großartigen Spenden aus der Ferne, um die Wunden des Krieges heilen zu Helsen! Die Volksgemeinschaft aller Deutschen ist durch den Krieg zur vollen Erscheinung ge kommen, die Liebe zur Heimat, die altdeutsche Königstreue. 6 Diese Tugenden müssen aber doch im Grunde vorhanden gewesen sein, sonst hätten sie sich nicht so kräftig offenbart. Bei der herzlichen Freude darüber wollen wir jedoch nicht vergessen, daß viele ihr Vaterland verleugnet hatten. Am meisten in Nord-Amerika. Doch muh man zur Entschuldigung für die meisten sagen, daß sie, aus einfachen, ländlichen Ver hältnissen in eine hochentwickelte Kulturwelt versetzt, von dieser geblendet wurden. Andrerseits sehen wir z. B. bei den Schwaben in Süd-Rußland, bei den Deutschen in Natal, Brasilien, Argen tinien, daß sie, von einer niederen Kultur umgeben, deutsche Sprache und Sitte bewahrt haben; besonders da, wo sie in einer größeren Gemeinschaft lebten, obgleich sie von der heimat lichen Schule und Kirche arg vernachlässigt waren. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, daß sich ungezählte Familien ihres Deutschtums entledigt haben, wie man einen abgenutzten Rock auszieht. Sie beeiferten sich, so schnell wie möglich die fremde Sprache zu radebrechen, obgleich sie sich dadurch in dem neuen Lande lächerlich machten. (Bei vielen mag es zur Entschuldigung dienen, daß sie nur plattdeutsch oder das Hochdeutsch falsch sprachen.) Sie nannten sich nicht mehr Schmidt, sondern Smidt, nicht mehr Steinweg, sondern Steinway, warfen ihre Taufnamen (ein heiliges Erbteil ihrer Mütter) weg, schrieben sich Jack und IoZi,o statt des ehrlichen Johann; William und Guilherme statt Wilhelm und verfielen dadurch der Verachtung der Eng länder, Franzosen und Spanier, dre das nie fertig Kriegen. ^ Sie machten sich selbst zu Vedientenseelen, tauchten in den frem den Völkern unter, von denen sie mit Recht nicht für voll an gesehen wurden. Der Ausdruck Völkerdünger" ist häßlich, aber richtig. Sie ließen sich unterpflügen. Gewiß war das eine abscheuliche Charakterlosigkeit, durch welche dem Deutschtum Millionen von Angehörigen ver loren gegangen sind. Wer aber trägt die Hauptschuld daran? Deutschland selbst! Die Erbärmlichkeit der kleinen Staaten, die ihre ausgewanderten Angehörigen weder schützen konnten noch wollten, sondern sie für verlorene Söhne ansahen; die Kirchen- und Schulverwaltungen, welche vor lauter Formelkram keine Gedanken dafür übrig behielten, an ihren ausgewanderten Gemeindegliedern geistige Fürsorge zu üben. (Wir werden das 7 an Beispielen kennen lernen.) Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erinnerten sich einzelne private Kreise daran, daß wir Christen nicht nur Pflichten gegen die Heiden, sondern auch gegen unsre in der Zerstreuung lebenden Brüder und Schwestern haben. Die Verstockung und Verkümmerung des Patrio tismus erklärt sich außerdem einfach. Als vor 700 Iahren zur glanzvollen Zeit der Hohenstaufischen Kaiser sich Züge von Deutschen in den baltischen Provinzen Rußlands und in Sieben bürgen ansiedelten, nahmen sie das Hochgefühl mit, dem mäch tigen Staate eines edeln Volkes anzugehören. Und dieses stolze Bewußtsein hat sich an beiden Stellen vererbt und gegen schwere Bedrückungen bis auf den heutigen Tag kräftig erhalten. Die baltischen Deutschen stammen aus Nord- und Mitteldeutsch land, die Siebenbürgischen in ihrer Mehrzahl aus Süddeutsch land. Es ist das einer von den Gründen, die mich veranlassen, dem allgemeinen Gerede nicht zuzustimmen, daß der Deutsche an sich ein zu starkes Anpassungsvermögen an andere Völker besäße. Wohl, wir sind das einzige Volk, dem die bedeutungs volle Eigenschaft zuteil geworden ist, uns in die Gedanken andrer Nationen hineinzuversetzen, und wir miß brauchen diese Gabe leicht in alberner Nachäfferei von Worten, Manieren und Moden wiederum bis zur Charakterlosigkeit aber zum deutschen Wesen gehört das nicht! Der Lehr meister Weltkrieg hat auch schon angefangen, die geilen Aus wüchse dieser Gabe auszumerzen. ^ Die jahrhundertelange Zerrissenheit und Schwäche Deutschlands trägt die Schuld daran, daß ungezählte Stammesgenossen in der Welt dem Vaterlande entfremdet sind. Sie hatten wahrlich keine Ursache, stolz darauf zu sein. Und wir brauchen dabei nicht einmal aus die Zeit zurückzugehen, in welcher das römische Reich deutscher Nation" sich aus 300 Staaten und Staatchen zusammensetzte. Die Massenauswanderung im Jahre 1848 und den folgenden 20 Jahren entführte uns sehr tüchtige Leute, welche nicht nur keine Liebe, sondern Haß in ihrem Herzen mit hinausnahmen. Gesetzliche und bureaukratische Engherzigkeit trieb eine Menge Handwerker, Techniker und Ingenieure hinaus, die hier nicht vorwärts kommen konnten. Die Knechtung der Dienenden (welche Fritz Reuter so ergreifend in Kein Hüsung" geschildert 8 hat) veranlagte die besten Landarbeiter, mit bittern Gefühlen in der Fremde eine neue Heimat zu suchen. Ich kenne viele dieser tüchtigsten Kolonisten-Familien, welche, vor 1870 aus gewandert, ihre neue Heimat um keinen Preis mit der alten vertauschen möchten. Und doch! Wie unverwüstlich ist die Kraft des deutschen Gemüts! Nun, da das Baterland in dem Ungeheuern Kampfe in Gefahr steht, melden sich scharenweis freiwillig die Söhne der Verlassenen, mit ihrem Blute für dasselbe einzutreten! Und die nicht dienen können, opfern freudig und großzügig von ihrem sauer erworbenen Gut! Das Bewußtsein der Zusammen gehörigkeit aller Deutschen auf der ganzen Erde ist durch den Krieg zum Durchbruch gekommen. Wir müssen stolz aus unsere Brüder in der Ferne sein, auf unsre Kaufleute, Bauern, Lehrer, Pastoren, Ärzte, diese Pioniere des Handels, der In dustrie, der Organisation, der deutschen Sprache und Wissen schaft, des deutschen Glaubens und Denkens. Sie haben auf allen Gebieten vorgearbeitet. Es handelt sich nicht darum, viel Neues zu schaffen, sondern das längst Vorhandene neu zu beleben und zu stärken. Die Mittel und Wege dazu sind, denke ich, die folgenden: Erstens muß der Presse des Auslandes eine kräftige Hilfe dauernd zuteil werden- zweitens hat die Vertretung des Reiches einen neuen Geist zu empfangen,- drittens ist dem so stark arbeitenden Handel jede irgend mögliche Förderung zu zuwenden- viertens müssen Schule, Kirche und Mission nicht mehr so kümmerlich wie bisher bedacht, sondern als die hauptsächlichsten Vermittler und Träger deutscher Gesinnung angesehen und behandelt werden. Sprechen wir I. von der Presse. Die Macht der fremdländischen Presse ist den meisten Inland- Deutschen erst durch den Krieg zum Bewußtsein gekommen. Draußen in der Welt kannte man seit Jahrzehnten ihre Be deutung. Jetzt endlich sehen es alle ein, was diese Großmacht zu leisten imstande ist- sie erkennen es in dieser Kriegszeit an 9 der Haltung der deutschen Presse, die über alles Lob erhaben ist. Dieses Wegwischen aller eigenen Wünsche, diese Zuver lässigkeit und Pünktlichkeit unter den schwierigsten redaktionellen Verhältnissen ist bewunderungswürdig. Auf welcher geistigen Höhe unsre Presse steht, beweist sie am deutlichsten in vielen Leitartikeln, welche oft nach Inhalt und Form wahre Meister stücke sind. Sie leistet mit dem allen der einheitlichen Willenskraft unsres Volkes unschätzbare Dienste- und damit zugleich dem deutschen Gedanken im Auslande. Um so jammervoller erscheinen die bisherigen Unter lassungssünden unsrer amtlichen Vertreter gegenüber der feindlichen Presse- um so handgreiflicher tritt die übel angebrachte Sparsamkeit des Reichstages hervor. Unsre Feinde haben seit Jahrzehnten ein lückenloses Netz über die ganze Erde gebreitet. Und wir waren durch Tatsachen längst gewarnt. Z. V. das Telegramm unsers Kaisers vom 3. Januar 1896 an Krüger wurde in den Straßen Londons ausgerufen, bevor es in Trans vaal ankam. Vom 18. Oktober 1899 an unterdrückte die eng lische Regierung für viele Monate alle nach Süd- und Ostafrika bestimmten deutschen Telegramme. ?n jedem Lande ohne Ausnahme arbeiteten die angesehensten Landeszeitungen gegen uns. Sie waren und sind heute noch von England und Frank reich gekauft, erhalten täglich Telegramme, strotzen von den schändlichsten Lügen, die dann von den Lokalblättern als zweifel lose Wahrheiten in alle Häuser weiter verbreitet werden. Und was ist von unsrer Seite dagegen geschehen? So viel wie gar nichts. Die im Auslande erscheinenden deutschen Zeitungen haben es sich durch Telegramme und Mitarbeiter schwere Opfer kosten lassen, die Verleumdungen zurückzuweisen. Aber was half s? Die landessprachlichen Zeitungen nehmen einfach keine Kenntnis davon und fahren unentwegt fort, allen Schmutz aus der ganzen Welt vor unsre Tür zu fegen. Was Wunder, daß die Völker der Erde Deutschland verachten? Jeder, wer irgendwo im fernen Auslande gelebt hat, weiß, daß die Landes zeitungen überhaupt fast nichts über Deutschland brachten, als Skandal-Geschichten, meist deutschen Zeitungen entnommen! Sonst erfuhren die Leser über Deutschland kaum so viel, wie wir etwa über Australien. 10 Ich sprach vor Iahren mit einem Konsul über diese un erträglichen Zustände, die unserm Handel und unsern kulturellen Aufgaben den größten Schaden zufügten. Er antwortete: Wir haben leider kein Geld, um eine landessprachliche Zeitung in unsern Dienst zu stellen: man hat auch am grünen Tische in Berlin kein Verständnis dafür!" Das soll wohl wahr sein," antwortete ich, jeder Krämer, der seine Waren in einer Zeitung ankündigt, hat mehr Verständnis für die Bedeutung der Presse, als unsre Herren am grünen Tische." Nicht lange nachher kaufte ich auf einer Bahnstation eine in der dortigen Landes sprache erscheinende illustrierte Zeitung. Das große Titelbild zeigte vier Personen. In der Mitte stand ein Knirps von einem Manne, mit der Überschrift Germania"; um ihn her drei riesenhafte Herrenmenschen, welche sich kaltlächelnd die Hände reichten. Ich schickte das Bild mit einem warnenden Aussatz an eine hervorragende Persönlichkeit in Deutschland und erhielt die Antwort: Das Bild ist lustig. Sie sehen zu schwarz. Die Wahrheit wird sich schon Bahn brechen." Jetzt wissen alle, daß sich die Wahrheit nicht Bahn ge brochen hat. Nicht nur unsre Feinde, sondern auch fast alle Völker, die wir als Freunde ansahen und behandelten, über häufen uns mit Anklagen. Von New Pork bis Buenos Ayres, in Asien, Afrika und Australien werden wir als Friedensstörer und Räuber verurteilt. Osterreich, die Türkei und Bulgarien sind unsre einzigen Freunde. Wenn wir nicht siegreich vor gedrungen wären, so würden die andern alle über uns herfallen, und die Nord-Amerikaner, die schändlichsten, tun es ja über reichlich. Sie alle sind von der feindlichen Presse gegen uns seit Jahrzehnten systematisch aufgehetzt. Eine der bedeutendsten Zeitungen Brasiliens, Estado de San Paulo, schrieb vor fünf Monaten: Wenn Deutschland siegt, verdient es den Haß; wenn es besiegt wird, verdient es die Verachtung der ganzen Welt!" Und genau so denken die meisten Blätter aus dem ganzen Erdenrunde. Ein guter Freund hat mir sämtliche, auf den Krieg bezügliche Telegramme der größten brasilianischen Zeitungen von jedem Tage vom 1. August bis zum 31. Dezember 1914 geschickt (von da an erhielt ich nur einzelne Blätter), eine hochinteressante Sammlung, II von welcher ich vor etwa zehn Monaten der Berliner Täg lichen Rundschau" die ersten elf Tage zur Verfügung stellte. Eine Blumenlese daraus ist dann durch viele Zeitungen gegangen. (Der Kaiser hat 100 Sozialdemokraten in Verlin standrechtlich erschießen lassen er selbst ist vom Kronprinzen gefangen ge nommen. Die süddeutschen Staaten lehnen die Heeresfolge ab. Der Rest der bei Helgoland fast völlig vernichteten deutschen Flotte flieht nach Kiel usw.) Ich will deshalb hier nur aus den letzten Märznummern ein paar Sätze mitteilen: Wirkliche Hungersnot in Deutschland Die zweite Kriegs anleihe konnte nur durch polizeiliche Gewaltmaßregeln zusammen gebracht werden Ostpreußen von den Russen erobert, die zugleich fast widerstandslos durch Ungarn auf Wien marschieren Konstantinopel nach heftigen Kämpfen mit den Türken von der englischen und französischen Flotte erobert Die Fran zosen stehen vor Metz Die Deutschen weichen aus Brüssel zurück usw. Das sind die Überschriften in zollgroßen Buch staben. Dann folgen Berichte über fürchterliche Greueltaten unsrer Krieger und des Kaisers, über die barbarische Behandlung der in unsre Hände gefallenen Gefangenen und Verwundeten, über das Elend in den deutschen Häfen. Das alles wird von der durch die englisch-französischen Verleumdungen längst ab gestumpften Menge nicht nur willig geglaubt, sondern in Straßen umzügen mit Musik und Fahnen gefeiert. So offenbart sich die Gewalt der feindlichen Presse, unter der unsre Landsleute geschäftlich und persönlich namenlos leiden! Und das geschieht in einem Lande, in welchem seit 60 Iahren große deutsche Ansiedlungen mit den besten Bürgern und Steuer zahlern bestehen, 5 600000 Deutsche, welche allein in der ver zollbaren Ein- und Ausfuhr jährlich eine Geldbewegung von vielen hundert Millionen Mark hervorrufen, indem sie von den Haupt-Erzeugnissen Brasiliens (Kaffee und Kautschuk) allein für mehr als 400 Millionen Mark bar auskaufen. Aber das ist s ja gerade, was unsre Feinde seit Jahrzehnten veranlaßt, alles, was deutsch heißt, mit der geschicktesten Bosheit in der Presse des Landes zu verunglimpfen. Der Ausbruch des Krieges brachte nur das längst aufgeschüttete Pulver zur Entzündung. Wir hatten keine Schützengräben, keine Gegenminen gebaut. 12 Das Gesetz der Mechanik, wonach das Gewicht da am stärksten wirkt, wo es den geringsten Widerstand findet, gilt auch für das geistige Gebiet der Presse und setzt sich da sofort in ma terielle Zerstörung um. Das Deutsche Reich hatte der feind lichen Presse das Feld überlassen, ein paar Millionen gespart, um Hunderte von Millionen zu verlieren. Nun aber auch endlich fort mit der elenden Gefühlsduselei! Wenn uns der Lenker der Schlachten in Gnaden den Sieg ver liehen hat, dann (man täusche sich nicht!) wird der Feldzug der feindlichen Presse nicht nachlassen, sondern sich womöglich noch verstärken. Dann gilt es, den Feind mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen. Mit andern Worten: wenn die Kanonen schweigen, muß von unsrer Seite der Kampf mit der Drucker schwärze sofort einsetzen. Es erscheinen nahe an tausend deutsche Zeitungen und Zeitschriften im Auslande. In Nordamerika allein fast 500. Die, welche es nötig haben, müssen mit Geld unterstützt werden. Landessprachliche Blätter müssen durch Geld für unsere Interessen gewonnen werden. Nachrichten- Agenturen sind einzurichten, welche allen deutschen Blättern in der Welt druckfertige, zuverlässige, anziehend geschriebene Be richte fortdauernd liefern. Zeitweilig ausgestreute Mitteilungen sind nutzlos. Bluff, Humbug!" rief die ganze Welt, als vor zwei Iahren von Berlin die gewiß richtige Berechnung ver breitet wurde, daß das deutsche National-Bermögen auf 300 bis 35V Milliarden Mark, das französische dagegen nur auf 200 bis 230 Milliarden zu schätzen sei. Es fehlte eine lange voraufgehende Aufklärung über die außerordentliche Entwicklung unsrer Landwirtschaft und Industrie, unsres Handels und unsrer Kaufkraft. Wir haben tüchtige Journalisten von Beruf, Fachleute und Schriftsteller genug, welche gemeinsam (ein Generalstab für die auswärtige Presse) solchen Aufklärungsdienst über alle Gebiete des deutschen Lebens ausführen könnten. Es gibt schon gute Anfänge dazu, die aber bedeutend erweitert und durch staatliche Hilfe reichlich gestützt und dauernd gefestigt werden müssen. Ferner ist das Kabelnetz zu vermehren und so anzulegen, daß es nicht wieder wie am Tage der Kriegserklärung abgeschnitten werden kann. Siegen wir, so muß das möglich sein. Fast 13 alle telegraphischen Untersee-Verbindungen lagen in den Händen englischer Gesellschaften, und es gehört ein Übermaß von Harm losigkeit dazu, die dadurch gegebene furchtbare Gefahr für unsern Nachrichtendienst nicht zu ahnen. Die drahtlosen Stationen müssen militärisch geschützt werden. Sie waren viel zu nahe an den Küsten errichtet. Ach, dieses unselige Ver trauen auf die Friedensliebe Englands! Diese allen Ausland deutschen unbegreifliche Kurzsichtigkeit in der Leitung unsrer äußern Politik! Gewiß, viele Millionen sind zu dem allen erforderlich, gewaltige Schwierigkeiten zu überwinden. Aber keine Kapital- Anlage kann bessere Zinsen bringen; und der Krieg hat uns gelehrt, unendlich viel größere Schwierigkeiten zu überwinden. Behalten wir die Zahlen im Gedächtnis: 68 Millionen im Reiche, 37 im Auslande! Es muß durchaus eine Frucht des Weltkrieges sein, daß sie sich alle kulturell und wirt schaftlich enger zusammenschließen. Eins der stärksten Mittel zu dem Zwecke ist die Presse. 2. Allerlei von Politik und Kolonisation. Wenn man den Gesamteindruck eines großen Gemäldes in sich aufnehmen will, tritt man ganz von selbst aus eine gewisse Entfernung zurück. Wenn man das große Gemälde, welches Europa heißt, auf seinen Gesamteindruck prüfen will, muß man längere Jahre in Übersee leben; nicht in einem Hinterlande oder Urwalde, sondern an einem Platze, wo Be richte aus der ganzen Welt täglich eintreffen. Der deutsche Reisende ist dazu wenig geeignet, weil er seine Brille von der andern Seite der See mitbringt. Der beste Beurteiler ist der Großkaufmann, welcher, in der Fremde arbeitend, den Blick über die ganze weite Welt, besonders aber auf Europa, richten muß. Mit solchen Männern habe ich oft während langer Jahre über die Weltlage gesprochen. Ein paar Beispiele: Ich habe am Kaiser dies und das auszusetzen," sagte ein strammer Linksliberaler, aber wenn das Telegramm richtig ist, daß er 14 es fertig gebracht hat, Helgoland gegen Sansibar einzutauschen, dann bewundere ich seinen Scharfblick." Ich: Ihre geliebte Frankfurter Zeitung sagt aber nach dem neuesten Telegramm, daß ganz Deutschland außer sich wäre über den Tausch des Felsbrockens gegen die große, fruchtbare Insel." Er ant wortete: Die dummen Kerle denken, daß wir mit England ewig in Frieden leben könnten. Es kommt unfehlbar zu einem Kriege auf Leben und Tod zwischen beiden Völkern. Wäre dann England noch im Besitz von Helgoland als Stützpunkt gegen Hamburg und Bremen, dann wäre unsre Flotte ver loren." Ein andrer sagte während des Burenkrieges: Es ist rein unbegreiflich, daß Deutschland seine Neutralität umsonst hingibt. England ist an beiden Händen gebunden. Warum haben wir nicht wenigstens ein paar Kohlen- und Dockstationen im Südatlantischen und im Großen Ozean als Preis gefordert, z. B. die an sich wertlosen Falklandsinseln? Ohne solche (natürlich stark zu befestigenden) Plätze in den fernen Meeren bleiben wir im Frieden immer abhängig von England; in einem Kriege, der nicht ausbleiben kann, sind unsre Schiffe verloren!" So und ähnlich, meist aber in derberen Aus drücken, unterhielten wir uns über die deutsche Auslands- Politik schon vor zwanzig und zehn Iahren, oft im Gegensatz zu der Auffassung im Reiche. Immer stellten wir dabei den Krieg mit England als unvermeidlich in Rechnung, später auch den mit Frankreich. Der Aufenthalt in der Ferne er weitert eben den Gesichtskreis. Der Kampf mit der Kon kurrenz schärft das Urteil über die eigentlichen, letzten Ab sichten der Gegner. Man ersaßt in einer gewissen Entfernung den Gesamteindruck des Bildes. Wir dürfen hoffen, daß der Krieg nun endlich den verantwortlichen Leitern unsrer auswärtigen Politik den Star gestochen hat. Es wird freilich schwer genug halten, die von ihr begangenen Fehler wieder gutzumachen- sie sind rein unbegreiflich. Waren denn die Grundzüge der englischen Politik nicht seit Jahrhunderten immer dieselben? Wer sich nur ein klein wenig mit der Geschichte der englischen Politik beschäftigt und die letzten Jahre nicht verschlafen hatte, der mußte, im Frühjahr und Vorsommer 1914 in England lebend, 15 merken, daß der Krieg unvermeidlich war. Die Spatzen verkündigten das häßliche Lied von allen Dächern. Nur unsre Diplomaten in London schienen es nicht zu bemerken. Ich glaube nämlich, sie taten nur so; war aber doch empört über eine Rede unsres Botschafters in der Aula der Oxforder Universität. Die gequälte, eiskalte Erwiderung des Rektors auf die Versicherung der Freundschaft Deutschlands wirkte wie eine Ohrfeige. Dazu die spöttischen Artikel am folgenden Tage in allen Zeitungen! Der Engländer achtet nur, und mit Recht, einen starken, seiner Kraft bewußten Gegner. Waren die Grundzüge der französischen Politik nicht seit vierzig Iahren offenkundig? Dursten wir Rußland beim Friedensschlüsse gegen Japan beistehen? Der Lohn ist nicht ausgeblieben! Warum setzten wir uns mit dem winzigen Panther vor Agadir dem Hohngelächter der ganzen Welt aus? Hart, aber treffend schreibt Paul Rohrbach in seinem be kannten Buche Der deutsche Gedanke in der Welt", S. 6V: Gibt es ein zweites Volk auf der Welt, dessen Regierung es vierzig Jahre lang über sich gebracht hätte, Hunderttausenden von Volksgenossen im Ausland ihre Zugehörigkeit zur Nation abhanden kommen zu lassen, bloß weil sie so lange keine Formel finden konnte, nach der diese Deutschen ihren nationalen Verpflichtungen genügen sollten? War es nicht für den Deutschen eine Schande, die zum Himmel schrie, daß sein endlich einig gewordenes Vaterland es nicht mehr der Mühe wert hielt, sich um ihn zu kümmern, sobald er zehn Jahre lang nach Verlassen der Heimat dem Heiligtum konsularischen Aktenpapiers fern blieb? ()uc cl non est in actis, non est in mundo! Was nicht in den Akten ist, ist nicht auf der Welt. Dies Sprich wort im lateinischen Kleid haucht den deutschen Amtsgeist in der ganzen Furchtbarkeit aus, deren er in der Verachtung nationaler Lebensgüter fähig ist." Dazu ein paar einfache Züge aus dem Leben. Ich fragte drüben einen alten Kolonisten, der im Jahre 1855 ausgewandert war: Was für ein Landsmann sind Sie?" Er antwortete: Sondershäuser". Ich: Also ein guter Deutscher?" Er: Na ja, wenn Sie so wollen, das auch." O dieses Auch-Deutschtum! Ein anderer, ein Mecklenburger, der 1869 ausgewandert war, 16 meinte: Was nützt mir das Deutsche Reich? Als ich vor 20 Iahren im Hafen ankam, wurden wir alle an demselben Tage in die Eisenbahn gesetzt und weithin, zwei Tagereisen Bahnfahrt, in das Innere des Landes befördert, wo wir guten Verdienst und gute Behandlung fanden. Ich habe mir da ein Stück Geld gespart und mich nun hier angekauft. Mein Nachbar ist ein Franzose. Er wie ich sind dabei ein bißchen betrogen. Der Franzose ging zu seinem Konsul in der Stadt und fand bereitwilligst Rat und Hilfe. Da ging auch ich zu unserm Konsul. Seine erste Frage war: Wie lange sind Sie im Lande? Sind Sie ins Register eingeschrieben?" Ich ant wortete: Zwanzig Jahre- einen Konsul und ein Register gab es aber da im Hinterlande nicht." Da zuckte der Mann mit den Schultern und sagte kurz ab: Bedauere, da kann ich Ihnen nicht helfen. Sie sind kein Reichsdeutscher mehr. Sie mußten sich alle zehn Jahre auf einem deutschen Konsulate melden, Ihre Papiere mitbringen und einschreiben lassen." Es wäre leicht, noch ein Dutzend der gröbsten Fehler auf zuzählen, die uns bei allen Völkern verhaßt gemacht haben. Aber es würde mir überhaupt, und in dieser Kriegszeit be sonders, schlecht anstehen, andere, frühere Unterlassungssünden unsrer Weltpolitik einzeln nachzuweisen. Ich denke, das Alte ist vergangen und hoffe, es wird alles neu werden. Damit das aber geschehe, muß mehr Verständnis für die Aufgaben im Auslande unter uns erwachen. Mit der alten gemütlichen Art, diese Gedanken und Sorgen der Regierung und einzelnen Kreisen zu überlassen, kommen wir nicht vorwärts. Das Interesse an überseeischen Fragen und die sich daraus ergebende heilsame Erweiterung des Gesichts kreises sollte Gemeingut unsrer Volksgenossen werden. Wieder ist es der Krieg, der endlich allem Volke, auch den Vertretern der Industrie und des Freihandels, die Be deutung der heimischen Landwirtschaft für alle Zukunft klargemacht hat. Was wäre ohne ihre Tüchtigkeit und Viel seitigkeit aus uns geworden? Wir danken es ihr, daß wir nicht Hunger zu leiden brauchen, und daß wir durchhalten, obgleich unsre Feinde (in Vorbereitung auf den längst geplanten Krieg!) uns arglosen Friedensfreunden im Frühjahr 1914 außer-17 ordentliche Mengen von Haser, Gerste und sogar Weizen ab gekauft hatten. Die Landwirtschaft, einschließlich der Vieh zucht bis zur Geflügelzucht, muß die feste, gesunde Grundlage unsres Volkslebens bleiben und in jeder Weise bis zur kleinsten Gartenkultur gefördert werden. Wer es irgend kann, pflanze Obstbäume und Beerensträucher. Es klingt unglaublich, ist aber zollamtlich nachgewiesen, daß wir jährlich für Millionen Mark Äpfel aus Kalifornien, Uruguay, Algier und andern Ländern beziehen, die wir ebensogut und wohlschmeckender im Lande erzeugen könnten. Viele hunderttausend Morgen liegen noch öde und brach. Der Krieg muß uns lehren zu sparen und unabhängiger von andern Nationen zu werden, soweit es möglich ist. Nicht möglich ist es bei allen Südfrüchten und den tropischen Genuß- und Nahrungsmitteln (Kaffee, Tee, Kakao, Gewürzen usw.) und bei vielen Rohstoffen (Baumwolle, Kautschuk, Jute, Erdnüssen, Sesam, verschiedenen Erzen, Häuten usw.). Um auch bei diesen, für Leben und Industrie notwendigen Dingen möglichst unabhängig vom Auslande zu werden, müssen wir Kolonien in warmen Ionen haben. Es ist das eine Lebensfrage von der höchsten Bedeutung. Wir haben sie mit der durch den Krieg gestählten Willenskraft zu lösen. Der Weltkrieg bedeutet eine Welterneuerung. Alle Handelsverträge mit unsern Feinden sind aufgehoben. Den eigenen Willen müssen wir rücksichtslos durchsetzen- mit festem Rückgrat auftreten; nicht in Hochmut, aber im Bewußtsein unsrer Kraft, die wir im Kampfe mit vier europäischen Groß mächten beweisen. Eine Hauptursache, weshalb wir unter den -Völkern so gering geachtet sind, liegt darin, daß wir bis jetzt nichts verachteten und eine falsche Achtung vor allem Fremden hatten. Übertragen wir solche Gesinnung auf den Erwerb von eigenen tropischen und subtropischen Kolonien, so entsteht sofort die Frage: Wo? Mit einem für uns glücklichen Ausgange des Krieges rechnend, behalten wir unsre afrikanischen Besitzungen. Ob die im Großen Ozean? Aber jene genügen uns nicht. Wir müssen Länder zu erwerben suchen, die uns solche Erzeugnisse liefern, 218 deren wir bedürfen. Unser einziger Kolonialheld, Karl Peters, hätte diese Aufgabe friedlich gelöst, wenn die poli tischen Kannegießer und Pfahlbürger ihn nicht gehindert und sich nicht so schmachvoll vor England geduckt hätten. Hoffentlich fällt uns als eine Frucht des Krieges das belgische und fran zösische Kongogebiet zu, und das fruchtbare, an Südwest-Afrika grenzende portugiesische Angola. Mit verschränkten Armen sahen wir zu, wie England und Frankreich in den letzten Jahr zehnten ein Land nach dem andern eroberten: England: ganz Südafrika, Ägypten, Sudan, Transvaal, Cypern, Teile von Beludschistan und Arabien. Frankreich, 1870 von uns völlig geschlagen, eignete sich seitdem Tunis, Marokko und Mada gaskar an. Japan, Belgien, Serbien erweiterten ihre Gebiete. Rußland dehnte sich in Inner-Asien mächtig aus (Mandschurei, Nordpersien, Mongolei). Und Deutschland? ^ ^ Nun ja, die afrikanischen Kolonien, das uns jetzt wieder abgenommene Kiautschou und die ohne dasselbe in der Luft schwebenden Inseln im Großen Ozean. So bleibt für uns nichts weiter übrig als Afrika. Denn wir dürfen gar nicht daran denken, uns etwa in Süd-Amerika irgendwo einen eigenen Besitz zu erwerben. Dieser durch die unerschöpfliche Fülle seiner Natur zukunfts reichste aller Weltteile kann von uns niemals unter einem andern Gesichtspunkte ins Auge gefaßt werden als dem, Ackerbau, Industrie, Handel zu betreiben und in den dort lebenden Deutschen unsre Sprache und Gesinnung zu erhalten. Die dort regierenden römisch-katholischen, spanischen und portu giesischen Völker stehen uns in der Rasse und Lebensauffassung so fern, daß die Deutschen am besten tun, sich ausschließlich ihren Berufen zu widmen. ^ Genau das gleiche gilt für Klein-Asien, Syrien und Mesopotamien. Wenn unsre Diplomatie weitsichtig genug ist, schließt sie mit der Türkei, unserm Bundes genossen, noch während des Krieges feste Verträge über Landerwerb, Steuern und Zölle ab. Die deutschen Ackerbau- Ansiedlungen zwischen Jaffa (Joppe) und Jerusalem, an sich vortrefflich gelegen und entwickelt, leiden nur unter dem bis herigen türkischen Steuergesetze, nach welchem für jeden Wein stock und Ölbaum eine drückende Abgabe bezahlt werden muß. 19 Was könnte näher liegen, als an der von uns erbauten Bagdad-Bahn entlang deutsche Ansiedlungen zu begründen und dadurch das alte Kulturland wieder auszuschließen? Freilich gibt es bei uns vorläufig nur wenige, die auswandern mögen, und es wäre ein Glück, wenn diese Stimmung noch einige Zeit vorhielte. Es wird nach dem Kriege an Arbeit nicht fehlen, und es wäre recht wünschenswert, wenn die Ein wanderung von fremdvölkischen Fabrikarbeitern mitsamt der Lachsengängerei" eine Einschränkung erführe aber es wird lmmer unternehmungsfreudige junge Leute geben, die gern ins Ausland gehen. Diesen sollte man sichere Wege bahnen Und schon nach zehn oder zwanzig Iahren wird die Zeit kommen, daß der Überschuß der Bevölkerung gezwungen ist, bessere Lebensbedingungen auswärts zu suchen. Und wie wäre es denn, wenn eine Anzahl der tüchtigen, sogenannten ,,Schwaben" in Süd-Rußland veranlaßt würde, sich eine neue Heimat zu schaffen? Dort von der Regierung immer schlecht behandelt, jetzt für rechtlos erklärt, könnten sie nach dem Frieden aus den großen Kronländereien in dem von uns er oberten Russisch-Polen den Anfang einer Ansiedlung unter deutschem Schutze bilden. Andere ließen sich vielleicht nach Mesopotamien oder nach Afrika verpflanzen. Sie sind be kanntlich in Sprache und Sitte, in Kirche und Schule gut deutsch geblieben, und die Zahl ihrer Familien-Grundstücke beträgt, mit denen in der Wolga-Ebene und am Kaukasus, weit über hunderttausend. Aber wo ist der Entschluß zu solchen weitausschauenden Plänen? Bei der Regierung? Das weiß ich nicht. Bei den führenden Geistern unsres Volkes? Ganz gewiß! Der deutsche Wille, der sich als so stark in der gesamten Organisation des wirtschaftlichen Lebens erweist, verlangt als Frucht des Krieges eine gesicherte Weltmachtstellung und den Zusammen schluß aller Volksgenossen, die in der Zerstreuung wohnen. - Sterben unsre Lieben im Felde nur deshalb für uns, damit sie verteidigen, was wir längst besitzen? In erster Linie ja! Aber lassen sie sich deshalb zu Krüppeln schießen, damit unser Volk nachher weiterhinkt? Nimmermehr! Fürchten sollen sich unsre Feinde vor uns, die aus Deutschland ein Konzentrations- 2*20 lager" machen wollten, in welchem unsre Frauen und Kinder verhungern" und verkommen sollten, wie es Kitchener mit jenen 26 MV Burenfrauen und Kindern fertig gebracht hat; erdrosseln" wollten sie uns und morden, wie es derselbe scheinheilige Teufel mit den 2V OVO gefangenen Sudanesen bei Omdurman fertig gebracht hat. Wir wollen und wir müssen siegen, es koste, was es wolle,- aber nicht um einen Waffenstillstand zu gewinnen, sondern einen starken, dauernden Frieden. Der soll und muß die Frucht des uns ruchlos auf gezwungenen Krieges sein. Jeder Leisetreter unter uns ist ein Verräter des Vaterlandes. Wir haben allen Grund, fest davon überzeugt zu sein, daß die Herren an der Spitze ebenso denken. Täten sie es nicht, so würde das Volk sie wegfegen. Die Feder darf nicht ver derben, was das Schwert gut gemacht hat. Das Volk hat das Recht, für seine ungeheuren Opfer an Blut und Gut eine vom feindlichen Auslande möglichst unabhängige, gesicherte Zukunft zu verlangen. Vertrauen wir aus voller Überzeugung unserm heldenhaften Kaiser und seiner Regierung, die sich im Kriege bewunderungs würdig bewährt hat! Vergessen wir die frühere ängstliche Auslandspolitik Deutschlands, der größten militärischen Macht der Welt, ihre weichliche Liebedienerei, die, als Schwäche aus gelegt, uns die Geringschätzung fast aller Völker eingebracht hat! Nur das eine muß so lange gefordert werden, bis es erfüllt ist: die amtliche Vertretung im Auslande muß einen neuen Geist empfangen, den Geist der Kraft, des nationalen Selbstbewußtseins in allen ihren Mitgliedern, mögen sie Prinzen, Grafen, Barone sein, oder Müller, Meier, Schulze heißen. Das Reich muß die Mittel bewilligen, auch vermögenslose Männer in die so überaus wichtigen Posten zu stellen. Nur die persön liche Tüchtigkeit darf dafür entscheidend sein.21 3. Der Handel. Der Weltkrieg ist ein Weltwirtschaftskrieg. England sah seine Machtstellung aus den Märkten der ganzen Erde wirklich durch Deutschland ernstlich bedroht. Wie es früher aus der selben Ursache Spanien und Portugal, Holland und Frankreich schonungslos niedergerungen hatte, so mutzte nun nach langer Vorbereitung Deutschland an die Reihe kommen. Das im Frieden eröffnete Vorspiel dazu die Voykottierung der deutschen Waren mißglückte vollständig. Man übersehe doch nicht, daß der Boykott nicht von einzelnen Firmen ausging, sondern von der Regierung zum Gesetz erhoben war! (Uaäs in (?ei-inan^.) Nach diesem Fehlschlage sollte nun das Ziel mit Gewalt erreicht werden. Das ist der Linn dieses Krieges. Der deutsche Großkaufmann im Auslande sehr bekannt in den Fabriken aller Art, welche für Ausfuhr arbeiten- sehr bekannt auch in allen Hafenplätzen ^ ist in weiten Kreisen des Reiches noch immer eine nebelhafte Gestalt. Jeder Deutsche weiß die Fortschritte unsrer Industrie und Schiffahrt zu rühmen. Wenige aber haben eine Vorstellung davon, daß wir die erstaunliche Vermehrung unsres nationalen Vermögens zu einem großen Teile, vielleicht zur Hälfte, unsern Kaufleuten im Auslande verdanken. Sie sind die Vermittler und Ver treter der heimatlichen Arbeit. Sie haben mit vielen Sorgen und Mühsalen, unter den schwierigsten Verhältnissen, gegen einen übermächtigen Wettbewerb, gegen langjährige Ver leumdung der feindlichen Presse, die Beherrschung der Welt märkte durch England überwunden. Sie haben zugleich für das ^Ausbreiten und Befestigen deutschen Sinnes das meiste beigetragen. Ich möchte nicht übertreiben, indem ich ihr Lob ausspreche. Vereinzelte Ausnahmen bestätigen die Regel. Und die lautet: Die deutsche Kaufmannschaft im Auslande mit ihrem weltweiten Blicke, ihrer Anpassungs-Begabung an jedes Land, ihrer Bevorzugung deutscher Erzeugnisse, ihrer ernsten Tüchtigkeit, verdient in allen Kreisen unsres Volkes die höchste Anerkennung und Ehre. 22 Die Gebiete ihrer Betätigung sind jedoch so groß, daß es nicht möglich ist, im Rahmen dieses Aufsatzes ein umfassendes Bild vom Handel der Auslanddeutschen zu geben, welcher naturgemäß in den verschiedensten Formen erscheint. Doch der Geist des deutschen Kaufmanns ist überall derselbe er mag arbeiten, wo er will. Ich möchte es deshalb versuchen, nur einen kleinen Ausschnitt aus dem ganzen Gemälde an dieser Stelle zu zeichnen, und wähle dazu nicht die Vereinigten Staaten von Nordamerika, welche den meisten Stoff böten, sondern ein Land, das mir durch einen zwanzigjährigen Aufenthalt am bekanntesten ist: Brasilien. Dort, wie überall, ist der Handel an sich international. Das Entscheidende bleibt für ihn: die beste Ware bei gleichen oder billigeren Preisen. Doch spielen Sprache und Gewohnheiten dabei eine große Rolle. Der Handel folgt gern der Sprache und der völkischen Angehörigkeit. Je mehr deutsche Sprache in der Welt, desto mehr Ausfuhr aus dem Reiche- und es tritt dabei, wie in vielen Vereinen, die Zusammen gehörigkeit aller Deutschen zutage; die Österreicher und Schweizer Deutschen beziehen ihre Waren aus ihrer Heimat, oder zumeist aus Deutschland. Die landsmännischen Klein händler wenden sich mit Vorliebe an deutsche Geschäfte; und ihre Kunden sind vorwiegend Landsleute. Bei den dortigen Engländern liegt die Sache anders, weil ihre Zahl verhältnis mäßig klein ist, und weil sie, wie überall, in der Hauptsache Zwischenhändler im großen (en ssros) sind. ) Ihr in jeder ) Der englische Welthandel erscheint in der Statistik noch mit einem Vorsprung vor dem deutschen, aber das ist, genau besehen, eine Täuschung. Weil die Landwirtschaft in Großbritannien die 45 Millionen Einwohner zu ernähren nicht imstande ist, müssen jährlich für mehrere Milliarden Lebensmittel eingeführt werden; dazu kommt, daß England als Zwischenhändler sür ganz Europa Ein- und Ausfuhr doppelt bucht, während Deutschlands Außenhandel in der Hauptsache Eigenhandel ist. Daher das Ergebnis, daß unsre Ausfuhr bis zum Kriege eine aktive Bilanz zeigte, die englische eine passive. Deutschlands Industrie ist die stärkste der Erde? sie war zugleich Englands bester Kunde, braucht es aber nicht zu bleiben. Wir haben mehr Steinkohlen als England und brauchen ferner nicht noch für 15t) 20V Millionen Mark von England zu kaufen. Unsre Webeindustrie vermag sich so zu entwickeln, daß wir nicht 23 Hinsicht und so auch beim Bezug der Waren stark ausgeprägtes Nationalbewußtsein ist in meinen Augen bis zu einer ge wissen Grenze ein bewunderungswürdiges Vorbild für uns. Der deutsche Handel ist in Brasilien überall anständig vertreten. Einzelne Firmen haben eine Weltbedeutung; allen voran Theodor Wille. Die Zahl der deutschen Geschäftshäuser für Ein- und Ausfuhr ist groß; ihr Handel erstreckt sich auf alle Arten von Waren? sie gelten mit Recht als solide. Man kann fast von allen deutschen Kaufleuten sagen, daß sie mit nichts angefangen und sich ihr Geld erst selbst sauer verdient haben. Die Vermögen, auf solche Weise erworben, sind nicht waghalsig. Engländer kommen mit riesigen Mitteln auf das schon vorbereitete Handels-Kampffeld gezogen und verstehen es, ihr Geld meist gut für sich auszunutzen. Die Nord- Amerikaner bringen auch bedeutende Mittel mit, welche jedoch zum größten Teile europäischen Ursprungs sind. Sie wagen viel, weil sie nicht in die eigene Tasche greisen; pflegen mit wenig Geschick und groben Mißgriffen zu arbeiten; verdienen für sich selbst und die Gründer und lassen die letzten durch die Hunde beißen. Franzosen kommen mit viel Geld und großem Geschrei, wirtschaften aber gewöhnlich in kurzer Zeit ab. Die Deutschen gehen ihren ruhigen Weg und werden darum von den Stürmen der Zeit und dem Schwanken der Verhältnisse weniger berührt. Selten sind sie bisher mit großen Unternehmungen auf den Plan getreten. Wo sie es taten, haben sie dafür im Vaterlande bei geldkräftigen Instituten, Banken, Fabrikgesellschaften keine Unterstützung gefunden; mehr genötigt sind, jährlich 200 25V Millionen Mark für Textilwaren über den Kanal zu schicken. Dagegen kann England viele unsrer Er zeugnisse nicht entbehren. Es bezog z. B. im Jahre 1313 von Deutschland für 1,200 Millionen Mark Rübenzucker. Unsre geographische Lage weist uns den Platz für den Zwischenhandel Europas an. Solche Erwägungen zeigen deutlich die eigentliche Ursache des Krieges. Alles andre (Militarismus, Kultur, Schutz der neutralen Staaten) sind erbärm liche Masken. Wir lassen uns nicht mehr täuschen. Gelänge es England, zu siegen, dann wäre es mit dem deutschen Handel so gut wie vorbei? mit der Industrie dazu. Die brutalsten Mittel würden noch viel mehr, wie schon jetzt, angewandt werden, uns zu vernichten. Wir kämpfen wirklich um unsre Existenz. Gott stehe uns bei! 24 außer durch Kredite bei Warenbezügen, die nach kurzer Frist wieder gedeckt sein mußten. Wenn der Krieg nicht gekommen wäre, würden wir (nach Helfferichs Erklärung) in drei bis vier Iahren in Deutschland so weit gewesen sein, daß sich das deutsche Nationalvermögen eine Beschäftigung im Auslande hätte suchen müssen. Borläufig wird nun alles Ausland wohl ohne neues, vaterländisches Kapital zu wirtschaften ge zwungen sein. Es hängt alles vom Ausgange des Krieges ab. Wir haben die begründete Hoffnung, daß er günstig für uns sein wird. Dann aber muß sich die deutsche Finanzwelt auch bei langatmigen Unternehmungen kräftig beteiligen. Eine Folge der bisherigen Zurückhaltung ist die Schwierigkeit für deutsche tüchtige Leute, in führende Stellungen bei großen Unter nehmungen zu kommen. Vis jetzt schnappte uns das englische Kapital die besten Bissen weg (Eisenbahn- und Hafenbauten, elektrische Licht- und Kraftwerke und dergleichen)! Und das ging recht menschlich zu. Brasilien und Argentinien und manche andere Länder waren durch Staatsanleihen so vollkommen ab hängig von England, daß man mit Recht sagen konnte, ihre wirkliche Regierung wohne an der Themse. Muckten die Schuldner auf, so drohten die Gläubiger. Durch Bestechung und Spionage wurden die Entwürfe für unsre besten Pläne in die Hände englischer Unternehmer gespielt. Und was dann noch zu tun übrigblieb, besorgt, wie wir gesehen haben, die Presse mit den unflätigsten Verleumdungen. Ja, so war es. Wir hatten alles gründlich studiert und im günstigsten Falle die nötigen Verträge in der Hand? dann zögerte das deutsche Kapital, die auf Zeit geschlossenen Verträge verfielen, die Eng länder lachten sich was ins Fäustchen, schöpften die ersten Fettaugen von der Brühe ab und stellten vor dem Kriege nicht ungern deutsche kaufmännische und technische Beamte in die Verwaltungen ein! Diese wurden gut bezahlt, aber an die Krippe kamen sie nicht. Beim Ausbruch des Krieges wurden sie ohne weiteres entlassen. Die alte Leier: Unsre Tüchtigkeit wurde bisher von unfern Feinden ausgebeutet. Das darf nirgends so weitergehen! Die Diplomatie des Handels ist unsern Kaufleuten und Technikern ziemlich fremd. Sie haben im Vollgefühl ihres25 Könnens noch zu viel von der Art an sich, welche nicht mit Unrecht an deutschen Reisenden in Übersee als Protzentum getadelt wird. Manchen von ihnen, besonders den neu An kommenden, schadet das Wehetun andrer mit dem Ellenbogen. Wer mit dem Gedanken ins Ausland geht, daß er der Mann sei, der noch gefehlt hat, dem wird es schwer, sich da hinein zuwinden, wohin ihn nur die Rücksichtnahme aus andre bringen kann. Ein berechtigtes Selbstbewußtsein braucht dadurch nicht verletzt zu werden. Nur im Bankwesen hat die deutsche Finanzwelt, wie überall im Auslande, so auch in Brasilien, einen kräftigen Aufschwung genommen. Unsre Banken stellen sich den eng lischen nicht nur würdig an die Leite, sondern gewinnen diesen gegenüber immer mehr Bedeutung, weil sie nicht, wie diese, verknöchert sind in den Gewohnheiten vergangener Jahrzehnte. Offene Geschäfte befinden sich in großer Anzahl und von jeder Art in deutschen Händen. Es gibt Straßen in den Städten, wo man auf Schritt und Tritt die Firmenschilder deutscher Kaufleute und Handwerker lesen kann. In Mittel- und Süd-Brasilien findet man sie selbst in den kleinsten Orten. In den Ackerbau-Ansiedelungen sind sie fast zu reichlich vor handen. Wenn es den Besitzern und Angestellten schlecht erginge, würden sie sich schwerlich so lebhaft an allen möglichen deutschen Vereinen beteiligen. H -t- -i- Ich schließe mit einem allgemeinen Blick auf die Zukunft des Weltmarktes. Die Hoffnung der Engländer, unsern Außenhandel schon während des Krieges für sich zu gewinnen, ist fehlgeschlagen. Zwar haben sie unsre Schiffe von den Ozeanen verscheucht- aber einen gewichtigen Faktor stellten die Schlauen nicht in ihre Rechnung: die Erlahmung des gesamten Welthandels. Sogar die neutralen Länder büßten durch den Druck des Krieges einen großen Teil ihrer bisherigen Kaufkraft ein. Sie beschränken sich nach Möglichkeit und warten mit Sorgen auf die ihnen unentbehrlichen deutschen Farben- und Medizin waren, Kali, Maschinen usw. 26 Eine kurze Zusammenstellung von nur einigen, amtlich festgestellten Zahlen ist vielleicht für manchen Leser interessant. (Vergl. Barman, Deutschlands Stellung im Welthandel", Braunschweig 1914): Von 1885 bis 1910 stieg die Kohlengewinnung in England von 162 auf 269 Millionen Tonnen, in Deutschland 74 222 (1912 schon 259 ) die Erzeugung von Roheisen in derselben Zeit in England von 7Vü auf 16,2 Millionen Tonnen, in Deutschland 3,7 14,8 (1912 schon 17^ die Erzeugung von Stahl betrug im Jahre 1910 in England 6Vs Millionen Tonnen, in Deutschland 13Vs ,, ,, Der gesamte Außenhandel stieg von 1885 bis 1912 in Englands von 13 laus 27,4 Milliarden Mark, in Deutschland 6,2 21,3 im Jahre 1913 betrug er in England rund 28 Milliarden Mark, in Deutschland 23 Vz Nach einer Schrift des vr. Helfferich, unsrer ersten Autorität auf dem Gebiete des Geldmarktes, besitzen unsre Sparkassen einen Vorrat von mehr als 20 Milliarden Mark. Und diese ungeheure Summe hat während des Krieges nicht abgenommen. Der namhafteste englische Handels- und Wirtschaftspolitiken Tarsier Peddic, veröffentlichte kürzlich seine Auffassung der Lage unter den beiden Gesichtspunkten: Im Kriege siegt England, aus dem Weltmarkte nicht." Er reicht mit dem zweiten Satze seinem Volke die denkbar bitterste Pille, ohne in seiner Beweis führung auch nur den Versuch zu machen, sie zu versüßen. Wie aber, wenn wir siegen? Und wir können und werden nicht nachlassen, bis wir alle unsre Feinde mit Gottes Hilfe besiegt haben! Wie steht es dann? Unser Kapital ist im Lande geblieben. Unsre Industrie übertrifft in den meisten Fächern an Leistungsfähigkeit und Vielseitigkeit die aller andern Völker. Unsre Landwirtschaft ernährt uns mit den 27 notwendigsten Lebensmitteln. Unsre Arbeiter werden guten Verdienst haben. Und so werden die äußern Verluste, die uns der Krieg gebracht hat, bald überwunden sein. Nur das Blut, die Wunden und Krankheiten unsrer Lieben, das Leid und die Tränen unsrer Familien . 4. Die evangelische Schule. Wer deutsch empfindet, denkt und spricht, der gehört zu uns- er mag wohnen in der Welt, wo er will. Das Bewußt sein dieser unbegrenzten Volksgemeinschaft war uns im Aus lande immer lieb und wert. Es muß nun, durch den Völker- Krieg, auch allen Deutschen im Vaterlande in Fleisch und Vlut übergehen. Wie der Zusammenschluß durch Presse, Politik und Handel weiter gefördert werden kann, haben wir in Andeutungen gesehen. Es gibt aber noch drei andere Mittel und Wege, um dieses herrliche Ziel zu erreichen. Sie brauchen nicht neu ersonnen, nicht neu gebaut zu werden. Sie sind längst vorhanden. Es handelt sich nur um eine kräftige Förderung der drei Arbeitsfelder: Schule, Kirche und Mission. Sie hängen mehr oder weniger zusammen. Wir wollen sie aber getrennt betrachten. Die deutsche Schule im Auslande. Nach dem Kunze-Kalender" standen bis zum ersten August 1914 im Auslande 46 höhere deutsche Lehranstalten inter nationale und interkonfessionelle Realschulen in voller Tätig keit,- nämlich 19 in Europa, 1t) in Asien, 4 in Afrika, 13 in Amerika. Davon waren 14 zur Ausstellung des Zeugnisses für die wissenschaftliche Befähigung zum Einjährigen Freiwilligen Militärdienst berechtigt. Am besuchtesten war Die ^Schul- anstalt der evangelischen Gemeinde" in Bukarest (2405 Schüler und Schülerinnen). Dann folgten die Oberrealschulen in Ant werpen (rund 809) in Brüssel (799), in Konstantinopel mit der Berechtigung zur Abiturientenprüfung (699), in Buenos Ayres (499) usw. Die Zahlen sind Beweise für die Tatsache, daß es durch die Lehrer der 46 Schulen an Vertretern des höheren 28 deutschen Geisteslebens im Auslande nicht fehlt. Doch ist es wünschenswert, daß die Zahl dieser, für die Erhaltung des Deutschtums wichtigen, Lehranstalten noch vermehrt wird. Über einige von ihnen ist der Krieg wie ein Orkan hingebraust. Andere, wie die in Nord-Amerika und Konstantinopel, arbeiteten ruhig weiter. Die in Antwerpen und Brüssel sind wiederher gestellt. Unser Augenmerk soll aber an dieser Stelle nur aus die vielen Hunderte von evangelischen Volksschulen in Übersee gerichtet sein. Sie sind fast alle von unsern dort angesiedelten Landsleuten aus eigener Kraft gegründet. Manche von ihnen werden durch Vereine im Reiche unterstützt und gehalten. Der weitaus größte Teil der Lehrer stammt aus Deutschland. Die Fäden der Beziehungen zwischen der alten und neuen Heimat gehen reichlich hin und her. Die Schulen stellen einen Haupt träger zur Erhaltung unseres Volkstums im Auslande dar. Ich möchte in bescheidenem Maße etwas dazu beitragen, die Teilnahme der Leser für diese Pflanzstätten evangelischer, deutscher Gesinnung zu stärken. Betrachten wir zunächst einige lichte Seiten! Es gibt Ifast in allen Staaten von Südamerika deutsche Ackerbau-Ansiedlungen, welche sich in Gruppen über sehr weite Länderstrecken ausdehnen. Das ist besonders in Argentinien, Brasilien und Chile der Fall. In Deutschland fehlt jeder Maßstab für solche Entfernungen. Um nur eine von diesen vielen Ansiedelungen einigermaßen kennen zu lernen, gebrauchte ich eine ganze Woche im Sattel bei scharfem Ritt und guten Wegen. Und als ich zurückkam, fehlten mir noch mehrere lange Täler. Damals gab es dort in der einen Ansiedlung unter 25^30000 Deutschen etwa 60 Schulen, jetzt, nach dem letzten Berichte, sind s 78. Sie befinden sich möglichst in der Mitte der Täler und in der Nähe einer Kirche. Da jede ein zelne Besitzung, an den Wegen entlang gelegen, 25 Hektare umfaßt, wohnen viele Kinder so weit von der Schule entfernt, daß sie den täglichen Marsch hin und her zu Fuß kaum zurücklegen könnten. So begegnen einem denn des Morgens früh und mittags die lieben Blondköpfe auf ihren kleinen, zahmen, ungesattelten Pferden, wohlgemut, das Ränzchen auf 29 dem Rücken. Oft sitzt ein ABC-Schütze vor seinem größeren Bruder oder seiner Schwester; oft reitet so ein Knirps auch schon allein. Anfangs war ich erstaunt über die große Zahl der Kinder, bis ich, bei einem Aufenthalt von 1^ z Iahren in jener Ansiedlung, wußte, daß acht bis zehn Sprößlinge in einem Hause eine mäßige Durchschnittszahl bedeuteten. Gern be gleitete ich zuweilen, wenn es meine Zeit irgend erlaubte, die Kinder zu dem freundlichen Fachwerksbau der Schule, vor dem sie ihre Gäule an einem Ast oder Staketpfahle anbanden, wurde vom Lehrer bereitwillig empfangen und durfte dem Unterricht beiwohnen. Man befand sich in einer richtigen deutschen Volksschule. Bänke und Tische, Lehrbücher und Wandkarten, Schiefertafeln und kratzende Rechenstifte ^ alles wie bei uns. Die meisten Lehrer waren seminaristisch aus gebildet, einer war ein früherer deutscher Offizier, ein anderer feines Zeichens Ingenieur, ein anderer Schmied, ein anderer Kaufmann. Die Leistungen waren im allgemeinen recht gut, die Lehrmittel stellenweise mangelhaft und veraltet. Aber der Leser darf sich kein falsches Bild vom Ganzen machen! S o ungefähr sieht es mit den Schulen in den älteren Ansiedlungen aus, wo sich die Bauern, die in Deutschland Knechte waren, durch unbeschreiblich schwere Anfänge hindurch gerungen und es in dem fruchtbaren, gesunden Lande durch schnittlich zu einem nicht großen, aber behaglichen Wohlstande in längeren Iahren und bei fester Arbeit gebracht haben. Diese Kolonisten bauen ihre Kirchen, Schulen und Pfarrhäuser, be solden ihre Geistlichen und Lehrer aus eigenen Mitteln und sind stolz darauf, es zu können, wenn auch mit starken Opfern. Dazu eine Skizze. ?ch arbeitete 17 Monate lang mit der Herstellung von Bauholz und Eisenbahnschwellen in einem andern Staate im Urwalde und veranlaßte einige zwanzig weniger bemittelte deutsche Kolonisten aus jener Ansiedlung, die ihre Länderei erwachsenen Söhnen überlassen konnten, zu mir zu kommen. Jeder von ihnen pflegte bei der Auslöhnung am Monatsende freiwillig den Lohn von zwei oder drei Tagen dem Borarbeiter zu behändigen mit den Worten: für die Kirche und die Schule", oder auch nur: für die Schule". Der schickte das Geld dann mit der Post nach den entfernten Tälern.30 Als ich das zum ersten Male sah und meine Freude darüber aussprach, erhielt ich die Antwort: Wir werden doch unsere Kinder nicht in die Staatsschulen schicken, wo sie in der Landes sprache unterrichtet werden! Da brauchen wir freilich kein Schulgeld zu bezahlen. Und was die Kirche betrifft: der Turm ist Ifertig und bezahlt- nun wollen wir auch ein Harmonium haben) die Singerei ohne Orgel sind wir von Deutschland her nicht gewohnt." So durch und durch deutsch denken die meisten unserer Volksgenossen in Süd-Amerika! Aber auch sie brauchen Hilfe- nämlich eine Anzahl tüchtiger Lehrer, die besten Lehrmittel und für jede Schule eine ausgewählte religiös und patriotisch gestimmte Bücherei. Ein ganz anderes Bild zeigen dagegen alle auf Regie- rungsländereien neuangelegten oder aus irgend welchen Ursachen rückständig gebliebenen Ackerbau-Ansiedlungen. Sie entstehen überall in Argentinien, Brasilien, Chile und vereinzelt auch in Paraguay, man kann kaum noch sagen durch Einwanderung aus Deutschland- denn die hat fast ganz aufgehört. Es sind vielmehr die erwachsenen, zahlreichen Söhne der vielen tausend deutscher Kolonistenfamilien, die solche neue Siedlungen gründen. Sie kundschaften fruchtbare Gegenden aus, die meist sehr weit entfernt liegen, sammeln sich da nach und nach, lichten, der sauern Arbeit gewohnt, den Urwald Stück um Stück nach Weise ihrer Bäter, und führen jahrelang einen harten Kampf ums tägliche Brot. Trotzdem, daß sie ihre Kinder schon früh zu leichten Arbeiten verwenden können, und daß natürlich von einem Schulzwang keine Rede sein kann, wollen sie, daß ihre Kinder deutsch unterrichtet werden. Aber wie? Nun da gibt es denn eben wahre Urzustände in betreff der Schulen. Irgend jemand unterrichtet die ihm zugeschickten Kinder fast ohne Lehr mittel. Die Eltern sind schon zufrieden, wenn der Jemand" nicht gerade ein Bummler oder Trinker ist und wenigstens einige Monate aus seinem Posten standhält. Ein Bild aus dem Leben: Ein junger Mann, der, mit abenteuerlichen Ge danken im Kopfe, von Deutschland neu angekommen war, durchzog mit den letzten Groschen in der Tasche eine jener alten Ansiedlungen, ohne Arbeit zu finden. Er schlug sich dann schlecht und recht auf wüsten Saumpfaden durch Gebirge und 31 Täler zu der neuen Ansiedlung durch, von der er gehört. Ab gerissen, elend und blaß bittet er auch da um Arbeit. Ver geblich! Ein Bauer, dem die Augen des Verlassenen gefallen, nimmt ihn aus und füttert ihn erst einmal einige Tage mit schwarzen Bohnen und Speck heraus- fühlt ihm zugleich auf den Jahn, ob er etwas weiß. Wirklich, er kann leidlich gut rechnen und schreiben, kann die meisten der zehn Gebote aus sagen, das heilige Vater-Unser, den Einsegnungsspruch von seiner Konfirmation, einige Gesangbuchverse. Der Bauer, der es mir später erzählte, sagte: Ich war glücklich, einen Lehrer ge funden zu haben, der freilich den Moses nicht recht unter zubringen wußte und Breslau nach Thüringen versetzte. Aber er erzählte den Kindern begeistert vom Kaiser und von seiner eigenen Heimat in Württemberg. Er aß auf Reihe bei den Eltern der Kinder und bekam im ersten Jahre monatlich 10, im zweiten 20, im dritten 30 Mark. Dann kehrte er leider aus Heimweh nach seinen Eltern nach Deutschland zurück." Ich fragte: Und was wurde aus Ihrer Schule?" Ach," erwiderte er, damit ist es uns traurig ergangen. Unsere An siedlung hatte sich aus etwa 50 Familien vermehrt, lauter echte Deutsche. Da ließ die Munizipal-Verwaltung ein statt liches Schulhaus erbauen, sie fürchtete, daß das Deutschtum überhand nähme. Wir bekamen einen guten, aber katholischen Lehrer, der auch ein bißchen Deutsch verstand. Aber mit der deutschen Jucht und Ordnung war es vorbei, und unsere Kinder sprechen jetzt lieber die Landessprache als ihre Muttersprache. Es ist ein Jammer!" ^ Weil ich drüben auf dem Lande lebte und seit ein paar Iahren nach Europa zurückgekehrt bin, traute ich mir kein Urteil über die dortigen städtischen, deutschen Schulen zu und bat deshalb einen Herrn, der seit 30 Iahren in einer größeren Stadt Süd-Amerikas lebt, und den ich als einen hochgebildeten Mann und feinen Beobachter schätzen gelernt hatte, mir mit zuteilen, wie es in seiner Umgebung mit der deutschen Sprache und Schule stände. Er schreibt: Daß die Deutschen, wo sie einzeln leben, ihre Muttersprache bald ausgeben, ist begreiflich und wohl kein Merkmal unserer Landsleute allein- doch meine ich, daß sich der deutsche Arbeiter leichter aufsaugen läßt als 32 andere Europäer. Und selbst in den Städten, wo es doch überall genug Deutsche gibt, sprechen die Kinder der deutschen niederen Stände nur ungern ihre Muttersprache. Begegnet man den Blauaugen auf den Straßen, oder beobachtet man sie bei ihren Spielen, so hört man von ihnen nur selten ein deut sches Wort. Wie bedeutungsvoll ist die Aufgabe der deutschen Volksschule auch in dieser Hinsicht hierzulande! Geht doch mit der deutschen Sprache so leicht auch die deutsche Ge sinnung verloren. Es sollten nur warm patriotisch denkende Lehrer von den Vereinen ins Ausland geschickt werden, welche uns mit den Trägern der deutschen Bildung so freundlich ver sorgen. Dagegen bleiben die Kinder der wohlhabenden Eltern hier meistens ganz deutsch, derart, daß sie fast außer Verkehr mit den Einheimischen stehen. Wir sind eben ganz andere Menschen als die hiesigen, haben eigentlich gar keine Berührungspunkte mit ihnen (außer den geschäftlichen) in unserm Denken, Tun und in unfern Neigungen. Ich will damit nicht sagen, daß wir besser sind? aber wir sind ernster, erwachsener und geläuterter. Ein Erwachsener steht einem verzogenen Kinde, das er zu erziehen nicht berufen ist, innerlich fern. Das ist unser Verhältnis zu der Nation, unter welcher wir leben. Was sollen wir nun mit unsern Söhnen beginnen, um ihnen eine gründliche, höhere Ausbildung unter deutscher Jucht zuteil werden zu lassen? Für die Töchter gibt es endlich eine gute deutsche Privatschule. Bis vor wenigen Iahren mußten wir sie nach Deutschland schicken, da es für uns ganz ausgeschlossen war, sie den von französischen Lehrschwestern geleiteten Lyzeen anzuvertrauen. Ebenso unmöglich ist es für uns, unsere Söhne in die oberflächlichen, zuchtlosen Regierungsschulen zu schicken. Es bleibt uns also noch immer nichts weiter übrig, als uns, zu unserm großen Leid, schon früh von ihnen zu trennen und sie ins Vaterland zu schicken, so schwer es auch manchem von uns Vätern wird, und so schwer unsere Frauen darunter leiden. Aber deutsch sind unsere Iungens und das sollen sie auch bleiben! So haben wir immer gedacht und gehandelt. Und jetzt in diesem uns aufgedrängten, verruchten Völkerkriege denken wir erst recht so. Wir sind, wenn auch mit Bangen, stolz darauf, daß unsere jungen Söhne für Kaiser und Neich 33 kämpfen und, wenn es sein muh, bluten. Und so denken hier alle, die Männer und die Frauen. ^ Aber ich soll Ihnen ja über die hiesigen deutschen Schulen schreiben. Sie tun, was sie können. Man soll wohl Respekt vor ihrer Arbeit haben. Doch leiden sie an chronischem Blutmangel. Es fehlt an Geld. Die besitzenden Klassen stehen unter einer Schröpfung, von deren Stärke und Dauer man in Deutschland keine Vor stellung hat. Aber Segen bringen die deutschen Schulen hier und überall den Deutschen im Auslande und dem Auslande. Die Erhaltung der deutschen Gesinnung in den Handwerker- und Arbeiterkreisen verdanken wir zu einem guten Teil ihnen,- und sie verpflanzen zugleich einige Disziplin in die romanische Bevölkerung, welche an sich davon keine Spur besitzt. Die Frucht dieses Samens reift langsam, aber sie reift." 5 Was können wir nun tun, um die deutschen Schulen in Übersee als Pflegstätten unseres Volkstums zu fördern? Vor der Beantwortung dieser Frage möchte ich aus eigener Be obachtung berichten, wie die Nordamerikaner die Sache angreifen. Großzügig natürlich. Mit der garnicht geleugneten Absicht, auf einem Umwege ein gutes Geschäft" zu machen. Der bis zum Überdruß vielgenannte frühere Staatssekretär (Minister des Äußern) der Vereinigten Staaten, Bryan, machte vor etwa sieben Iahren eine Erholungsreise" durch Süd- Amerika. Er war bei der Präsidentenwahl durchgefallen. So kam er auch nach Sao (San) Paulo, der Hauptstadt des gleich namigen Staates in der Republik Brasilien, angefeiert von aller Welt. Und womit erholte" er sich dort, wie in allen großen Städten Süd-Amerikas? Er untersuchte auf das ge naueste die von Nord-Amerika aus gegründeten Schulen. Auch in Sao Paulo war eine solche einige Jahre vorher ins Leben gerufen, ein Prachtgebäude im vornehmsten Villenviertel, von einem wunderschönen Garten umgeben. Man fragte sich verwundert: Iu welchem Zweck? Denn in der Stadt mit damals 300 OVO (jetzt 400 VW) Einwohnern gab es nur wenige nordamerikanische Familien. Nun, es war eben eine Pro paganda-Anstalt für die Interessen der Vereinigten Staaten? ein 334 vielklassiges Gymnasium, mit tüchtigen Lehrern besetzt. Die reichen brasilianischen Großgrundbesitzer und Geschäftshäuser schicken ihre Söhne in diese Schule, nehmen sogar deren protestantischen Charakter mit in Kauf. Die Zöglinge lernen auf die leichteste Weise die englische Sprache; Nord-Amerika schließt sich ihnen wie von selbst auf; dahin gehen sie nach vollendeter Schulzeit, um sich als Ingenieure oder Kaufleute weiter auszubilden oder Universitäten zu besuchen. Sie finden da überall Verbindungen, und die geschäftlichen Beziehungen vermehren und stärken sich hin und her. Wie nun erfüllte Vryan seine Ausgabe? Im großen Versammlungssaale des Gymnasiums hielt der Friedensapostel zwei Vorträge über die Verbrüderung aller Völker". Wer etwas Englisch verstand oder auch nicht, be mühte sich, den berühmten Mann zu hören und kennen zu lernen. Der aber ging noch weiter voran. An zwei andern Abenden hielt er öffentliche, streng methodistische Gebets versammlungen im größten Saale der Stadt, wo kein Apfel zur Erde fallen konnte. Die Losung seiner Andachten war: Der Frieden der Welt". ^ Ob Bryan jetzt noch so denkt? Ich weiß es nicht. Aber das weiß jeder, daß er als Minister des Äußern, gerade e r persönlich die Schuld dafür trägt, die Zufuhr von Ungeheuern Massen Munition nach England, Frank reich und Rußland nicht gehindert zu haben, wodurch Zehn tausend? unserer Lieben im Felde getötet, verstümmelt, ver wundet wurden und noch werden. Ohne diese Lieferungen wäre das fürchterliche Blutvergießen wahrscheinlich schon beendet. Noch eine Erfahrung, eine scheinbare Kleinigkeit, die uns jedoch zeigt, wie andere Völker die Schulen für ihre Zwecke benutzen: Eine Oberlehrerin, welche einen längeren Urlaub be kommen hatte, lum die englischen Schulen genau kennen zu lernen, zeigte mir im Jahre 1913 in einem dort im Gebrauch befindlichen Geographiebuche folgenden Satz: In Deutschland gibt es noch Bären und Wölfe. Die hauptsächlichsten Nahrungs mittel der Deutschen sind Sauerkraut, Wurst, rohes Fleisch und rohe Fische; sie trinken viel Schnaps und Vier." Nach dieser erbaulichen Schilderung durchblätterte ich mit einem Schüler zusammen seinen Atlas. Dabei fiel mir zweierlei auf. 35 Der Kanal" war bezeichnet als englischer" Kanal, und alle britischen Besitzungen aus der ganzen Erde leuchteten in roter Farbe, das halbe Afrika, einschließlich Ägypten, sogar das ganze, neun Zehntel doch noch unabhängige Beludschistan. Deutschland selbst und seine Kolonien verschwanden dagegen fast in einem matten Grau. ^ Wie stark, fast unauslöschlich, prägt sich der gleichen dem englischen Volke ein! 4- -t- 4- Doch zurück zur deutschen Schule in Übersee! Was kann getan werden, um sie zu erhalten und zu fördern? Vor allem andern haben wir denen zu danken, welche sie haben entstehen lassen. Und wem gebührt Ida wohl der erste Dank? ^ Ich werde es nie vergessen, was mir vor nun 30 Iahren mancher Mann und einige Frauen erzählten, die vor nun schon 6V und mehr Iahren in die Wildnis des Ur waldes gezogen waren, fern von den nächsten Nachbarn. I. B.: Eines Tages gegen Abend blieb mein Pferd vor einem großen, schönen Hause stehen, von dem es wußte, daß man da einkehren könnte. Das Tier war übermüdet und schonte bereits seit einer Stunde sein linkes Vorderbein. Abends saß ich mit der zahlreichen Familie gemütlich aus der Veranda. (Es ist ein Menschenalter her, und doch könnte ich ungefähr noch jedes Wort wiedergeben.) Ich ließ mir vom Hausherrn die Ge schichte der Familie erzählen. Ein Teil davon möge hier folgen: Dort stand unsere Hütte. Eigentlich war es nur eine Laube mit einem Dache von Palmenblättern. Meine erste Arbeit war, den Urwald niederzulegen, um nach und nach Pflanzland zu gewinnen. Eine saure Arbeit mit der Axt an den eisenharten Riesenbäumen. Abends fielen mir die Arme am Leibe herunter. Und doch freute ich mich den ganzen Tag auf den Abend. Dann stellte ich die Kinder eins nach dem andern zwischen meine Knie und lehrte sie das AVE, auch lesen und schreiben; sie sollten nicht sauswachsen, wie es bei den italienischen Kolonisten noch heute Mode ist. Die Alten und die Jungen kennen keinen Buchstaben." Das war sein Schul- bericht. Dann wandte ich mich zu der Hausfrau, die mit ihren Töchtern Kartoffeln schälte und Gemüse putzte: Na, Mutters, 3* 36 Sie haben doch gewiß ein bischen beim Unterricht damals ge holfen?" Ja," erwiderte sie leise, ach, es war wohl eine schöne Zeit! Wie gern brachte ich den Kindern den Kleinen Katechismus bei, auch viele schöne Choräle und Lieder. Wir sangen oft, bis wir schlasmüde waren, oder bis wir vor Lachen nicht mehr konnten, wenn die Brüllaffen" in den hohen Bäumen näher und näher kamen, neugierig, was das wohl für eine Sorte von Gesang sein möchte und dann brüllten sie wütend darauf los, bis wir in die Hände klatschten. Das sollte Bravo bedeuten, sie aber dachten, wir schössen, und sie flohen. Nur das Einmaleins sah mir nicht mehr fest im Kopse. Ich überlernte es aber erst heimlich für mich, bis ich s wieder hersagen konnte; wollte mich doch vor meinen Kindern nicht blamieren!" Deutsches Schulleben am Rande des Urwaldes! Wer von uns möchte da nicht gern helfen, es in aller Welt zu fördern? Es zu erhalten, gleichwie unsere Krieger das Vaterland gegen den Einbruch der Feinde schützen! Es zu befestigen, gleichwie der Krieg den Zusammenhang aller Deutschen auf der Erde befestigt! Es handelt sich zunächst, wie gesagt, gar nicht darum, viel Neues zu schaffen, sondern das Vorhandene zu stärken! Schon seit einem Menschenalter gibt es nicht wenige Männer und Frauen, hüben und drüben, welche in selbstloser Weise mit Gaben und Scherflein ihre Teilnahme für die deutschen Schulen im Auslande betätigen. Es gibt Vereine in Barmen, Basel und Berlin und an andern Orten und in den meisten Städten und Ansiedlungen in Übersee, welche eine segensreiche Tätigkeit aus diesem Gebiet ausüben. Man muß das in der Ferne kennen gelernt haben, um die Wirksam keit dieser helfenden Gemeinschaften und des verdienstvollen Gustav-Adolf-Vereins sehr hoch einzuschätzen. Die Geber und die Arbeiter (Lehrer, Pastoren, Missionare) tun ihr Bestes. Aber die Gaben reichen nicht aus, um die Arbeit überall zu stützen. Und das gilt sogar, man sollte es nicht für möglich halten, in betreff der deutschen evangelischen Schulen im euro päischen Auslande und am Mittelländischen Meere! Wievielmehr in Übersee! Einige Beispiele: In dem jetzt so viel genannten Galizien 37 wohnen etwa 100 000 Deutsche, von denen die meisten evan gelisch sind, die Nachkommen früherer Eingewanderter. Nicht wohlhabend genug, um überall, wo es nötig wäre, deutsche Schulen einzurichten, können Hunderte von Familien ihre Kinder nicht vor der Polonisierung schützen. ^ Wie groß war diese Not in Kärnten, Krain, Steiermark, bis in den letzten Iahren die Peter Rosegger-Stiftung" für jene deutschen Sprachinseln geschassen wurde! Bei der Schule in Tanger (Marokko) erwies sich schon vor Iahren die Anstellung eines zweiten Lehrers als notwendig. Sie unterblieb, weil die Mittel fehlten. - In Beirut, der bedeutenden Stadt Syriens, ist die deutsche Schule aus demselben Grunde eingegangen. Nur durch die Opferwilligkeit der Kaiserswerther Diakonissen in dem dortigen großen Krankenhause ist noch eine deutsche Mädchenschule vor handen. Die Knaben sind gezwungen, eine der französischen Schulen zu besuchen! Es wäre leicht, noch viele ähnliche Beispiele aufzuzählen. ^ Aus Übersee, statt vieler Dutzende, nur eins. Ein deutscher Lehrer im Staate Rio grande in Süd-Brasilien schreibt: In unserm Municipium bestehen neben 13 deutschen Privatschulen mit 605 Kindern 21 brasilianische Regierungsschulen mit 593 Kindern. Wenn wir für die 13 Schulen nicht einen jährlichen Zuschuß von 15 000 Mark für einige Jahre erhalten, können mehrere von ihnen nicht länger bestehen." An der, bekanntlich durch deutsches Geld und deutsche Ingenieure im Bau begriffenen, gewaltigen Bagdad- Bahn sind einige deutsche Schulen im Entstehen. Ihre Förde rung ist gerade dort, wie im ganzen Orient, von besonderem Wert. Arbeit in Menge zur Erhaltung der deutschen Sprache und Schule, des Zusammenschlusses unserer Volksgenossen, der evangelischen Gesinnung auf dem Erdenrunde! Aber wie kann sie geleistet werden? Wir sind gewohnt, bei großen Angelegenheiten. zuerst nach der Regierung zu schielen. Sie, die beste und fürsorglichste der Welt, hat uns verwöhnt. Sie wird auch bei der Lösung der Schulfrage Helsen. Mehr als bisher. Der Reichstag hat den Zuschuß auf eine Million Mark jährlich erhöht. Das ist dankenswert, aber noch lange nicht genug. Was ist das unter so viele? Der Krieg um die Erhaltung unseres Volkstums wird es ohne Zweifel 38 der Regierung klarmachen, von welcher Wichtigkeit es ist, die deutschen Schulen im Auslande nach Möglichkeit zu unter stützen. Das halb so bevölkerte Italien hat dafür einen Ausgabeposten von drei Millionen Franks! Gründe der Politik den fremden Staaten gegenüber werden unsere Regierung hin dern, die Sache in die eigene Hand zu nehmen. Es würde auch für die Schulen selbst eine Gefahr darin liegen. Eine Schablonen-Behandlung nach Schema F." (wie man zu sagen pflegt) wäre dabei wohl unvermeidlich. (Ich halte sie sogar in der äußeren Verwaltung unserer überseeischen Besitzungen für einen schweren Fehler. Wir könnten darin viel von den Engländern lernen. Die Übertragung von im Vaterlande be währten Einrichtungen aus gänzlich anders geartete Verhältnisse ist ein arger Mißgriff. Eine möglichst weite Freiheit der Selbstverwaltung ist das einzig richtige Verfahren.) Bleiben wir also mit der Schule auf dem längst ein geschlagenen Wege! Es ruht ein Segen auf den bestehenden Kirchen- und Schul-Vereinen. Es ist sogar recht gut, daß ein jeglicher von ihnen auf seinen Weg sieht. Die Arbeit wird dadurch persönlicher. Der Kreis der Fürsorgenden tritt den einzelnen Arbeitern näher, und das bedeutet viel, wie jede selbstlose, persönliche Hilfeleistung. Ob und wie diese Vereine (die schon so manchen ernst-evangelisch und gutdeutsch gesinnten Geistlichen und Lehrer hinausgeschickt haben) eine Ientral- leitung aus sich heraus schaffen wollen und können das entzieht sich meinem Urteil. Ein alter Mann, der zum ersten Male wieder in Deutschland ist, kann allenfalls seine Be obachtungen aussprechen, aber keine Ratschläge geben, die für hier passen. Er hat die Überzeugung, daß die auf dem militä rischen und wirtschaftlichen Gebiete so großartig erwiesene Orga nisation sich auch für die Arbeit zur Erhaltung und Förde rung der deutschen Sprache, Schule und Gesinnung in der Welt gestalten wird. Noch einige allgemeine Betrachtungen. Die deutsche Sprache ist doppelt so stark verbreitet wie die französische (100 Millionen gegen 50 Millionen). Die spanisch-portugiesische Schwestersprache jwird von mehr als 70 Millionen Menschen gesprochen. Die englische Sprache ist zwar 39 die vorherrschende in Nord-Amerika, in Australien und in allen britischen Besitzungen, aber keineswegs in allen andern Ländern. Man kommt in ganz Süd-Amerika mit Deutsch weiter als mit Englisch. Diese Tatsachen müssen uns ermutigen in unserer Wirkung auf das Ausland. Man macht sich bei uns noch nicht klar, daß jeder Aus gewanderte einen weiteren Gesichtskreis gewinnt, als er in der viel engeren Heimat hatte. Nur wirklich tüchtige Leute passen deshalb als Lehrer in Übersee. Die besten sind gerade gut genug. Ich bin oft erstaunt gewesen, worüber man sich dort mit einfachen, deutschen Arbeitern unterhalten kann. Vielseitig gebildete Lehrer werden sich finden, wenn, aber auch nur wenn, die heimische Schulverwaltung sie in ihren Listen weiterführt, den Auslandsdienst voll anrechnet, die Wiederanstellung im Reiche zusichert, Pension und Witwengehalt gewährt. Welche reichen Erfahrungen würden solche Lehrer, im Falle ihrer Rückkehr, von ihrer Reise und dem Aufenthalte in fernen Ländern mitbringen! Welche Anregungen für Stadt und Land würden von ihnen ausgehen! Unter den genannten Bedingungen werden sich Männer finden, welche, den ihnen bisher ungewohnten Schwierigkeiten die Stirn bietend, Großes für unser Volkstum leisten können. Geld gehört von unserer Seite dazu, viel Geld! Gen.-Sup. v. Zöllner hatte ganz recht, als er, nach der Rückkehr von einer ausgedehnten Untersuchungsreise, öffentlich und wiederholt seine Meinung dahin aussprach: Die Erhaltung des Deutsch tums in Übersee ist in erster Linie eine Geldfrage." Ver doppeln wir unsere Jahresbeiträge für die Vereine, vervierfachen wir sie nach dem Kriege! Werben wir dafür in unsern Kreisen, machen wir Stimmung für die gute Sache in den uns zugängigen Zeitungen! Die Sorge für unsere Schulen in Übersee muß eine Angelegenheit unseres ganzen Volkes werden! 40 5. Die evangelische Kirche in Ubersee. Abgesehen von Nordamerika, wo sich die konfessionellen Unterschiede kräftig herausgebildet haben, trägt die evangelische Kirche in Übersee fast überall den Stempel der Union. Zwar bleiben, wie im Vaterlande, in Haus und Familie die Eigentümlichkeiten der Stämme und Gaue in Sprache und Sitten auf Kindeskinder erhalten, so daß, trotz aller Iusammen- würfelung, die Stammesverschiedenheit z. B. zwischen einer holsteinischen und rheinländischen Familie fortbesteht, bis sie etwa durch Heiraten nach Generationen verwischt wird. ^ Doch verschwindet dieser Gegensatz schon völlig in dem stark ent wickelten Vereinsleben, welches alle Deutschen umfaßt. Und dasselbe ist bei den evangelischen Kirchengemeinschaften der Fall. Von Haus aus Lutherische, Reformierte und Unierte sind glücklich, wenn sie sich auf Grund des gemeinsamen Glaubens zu einer Kirchengemeinde zusammenschließen können. Die ferne Welt führt sie einander näher, gleichwie das Zu sammenleben unsrer Krieger in der Front dieselbe Wirkung hervorruft. Dabei erscheint die evangelische Kirche in Übersee in ihren wesentlichen Zügen naturgemäß als das Abbild der Mutter kirche, besonders in ihren Schwachheiten. Wer sich daher für die Tochter interessiert, mag sich zuvor das Wesen der Mutter klarmachen, um manchen Zug in der Erscheinung der Tochter besser zu erkennen und dann auch entschuldigen zu können. Ich erlaube mir deshalb, hier zunächst einige persönliche Eindrücke aus Deutschland weiterzugeben, obgleich ich mir bewußt bin, damit nichts Neues zu bieten. Nach einer fast zwanzigjährigen, ununterbrochenen Abwesen heit kehrte ich nach Europa zurück und war bei der Durchreise vom nordischen Hafen bis Tirol über die äußere Erscheinung unseres Vaterlandes sehr erstaunt. Es hatte sich in der langen Zeit verjüngt. Die Städte, auch die kleinen, waren schöner geworden. In den Dörfern erblickte man mehr stattliche Häuser und Scheunen als früher. Die Wege waren gepflegt. Neue Verkehrsmittel machten sich geltend: Elektrisch betriebene Straßenbahnen, Kraftwagen, Fahrräder, Fernsprecheinrichtungen nicht nur in den großen Städten. Die Pünktlichkeit der Eisen- 41 bahnzüge trotz ihrer gewaltigen Vermehrung, die Sauberkeit der Bahnhöfe und der Wagen war die altgewohnte geblieben; dazu der tadellose Dienst der Post! Nur mitreisende Spieß bürger mäkelten am deutschen Verkehrswesen, weil ihnen der Vergleich mit andern Ländern fehlte. Es ist das vollkommenste der ganzen Welt. Man fühlt sich geborgen und geschützt, so bald man deutschen Boden betritt. Alles ist organisiert und wird in gewissenhafter Pflichterfüllung ausgeführt. Das war der äußere Eindruck, den ich auf einer längeren Durchquerung Deutschlands erhielt; wenige Jahre vor dem Kriege. Leider gesellten sich zu der Freude schmerzliche Enttäuschungen. Wie hatten wir uns auf den ersten Sonntag in Deutschland gefreut! Seit 19 Jahren im und am Urwalde lebend, hatten wir vor 12 Iahren drüben zum letzten Male an einem deutschen Gottesdienste teilgenommen. Schon das Geläut der Glocken er griff uns. Dann die Orgel. Der Gesang der Gemeinde. Aber der Text der alten herrlichen Lieder war noch so verwässert wie früher. Beim Altardienst kein Sündenbekenntnis, keine Zusicherung der Gnade. Die Predigt hätte ebensogut in einer Synagoge oder in einer Moschee gehalten werden können. Sie bestand aus scharf gegliederten, eiteln Worten irdischer Weisheit und Torheit. Leer im Herzen verließen wir die Kirche. Im Lesezimmer des Gasthofes war gerade die verbreitetste Berliner Zeitung frei. Um die Stimmung des deutschen Bürgertums kennen zu lernen, zwang ich mich, sie zu lesen. Im Leitartikel fand ich dieselben Schlagworte, die schon vor zwanzig Iahren abgedroschen waren; in den Reichstagsreden Beschimpfungen Deutschlands von seiten einer großen Partei neben Lobes erklärungen für Frankreich und England, also für die Länder, unter deren feindlicher Wühlarbeit die Deutschen in Übersee seit Jahrzehnten schwer gelitten hatten; in den politischen Berichten Verbeugungen gegenüber dem Auslande, Verdächtigungen des Militärs; im Allerlei öde Witzeleien über einen Geistlichen, offenbare Verleumdungen einer afrikanischen Missionsstation usw.; in den Anzeigen ekelhafte Eindeutigkeiten; in der Wochentafel der Schauspiele und Opern zwischen den besten Werken, wie gleichberechtigt, die häßlichsten, französischen Ehebruchsdramen und Operetten, und nun gar die Kinos. 42 Ich wußte wohl, daß es eine Gegenströmung gab,- daß viele ernste Männer und Frauen sich mit Eiser bemühten, christliche und deutsche Gesinnungen in Zeitungen und Zeit schriften, Vereinen, Vorträgen, Predigten zu pflegen. Aber auf der weiteren Reise durch Deutschland merkte man kaum etwas davon. Wie viele Schundware an Büchern und Bildern wurde auf den Bahnhöfen und in den Schaufenstern feilgeboten, wie viel Protzentum und englisch-französische Nachäfferei machte sich bei den Mitreisenden und in den Strafen breit! Ja, wie sehr hatten wir uns auf Deutschland gefreut und wie tief waren wir enttäuscht! Die Deutschen in Übersee, die wir verlassen hatten, waren viel deutscher als die im Vaterlande! Dann führte mich mein Weg nach England. Die Leser wissen aus meinen früheren Aufsätzen, wie hart ich über das Land urteile. Aber ebenso rückhaltlos muß auch ausgesprochen werden, daß sich dort Ewigkeitsgedanken in das öffent liche Leben hineinranken. Man begegnet da auf den Straßen Kolporteuren, welche in bescheidener Weise Neue Testamente und wirklich gute Bücher und Blätter anbieten. Es ist etwas Großes um die Sonntagsheiligung, die immer offenen Kirchen und den Kirchenbesuch. Die Predigten aus den öffentlichen Plätzen werden nicht gestört und wirken nicht so abstoßend, wie man bei uns zu meinen pflegt. Ebensowenig die Vertreter der Heilsarmee", die, auf den Straßen-Inseln neben den Schutz leuten stehend, wortlos ihre Büchsen zum Besten der Elendesten hinhalten. Die Zeitungen konnte man, einschließlich der Witz blätter (vor dem Kriege!), ruhig den Kindern überlassen. Das sind oder waren Erscheinungen der Arbeit gegen das auch dort vorhandene Gift. Und dann kam ich wieder nach Deutschland, als ein Flücht ling, am Tage der Kriegserklärung Englands. Das Gesicht des Reiches war, wie durch einen Iauberschlag, verwandelt, die falsche Maske heruntergerissen. Die Männer sahen sich merk würdig ähnlich. Ein Gedanke prägte sich in ihren Zügen aus, ein Wille. Die Frauen sahen frauenhafter aus als je? ihre fragenden Augen voll Sorge um ihre Lieben, ihre Hände voll Arbeit. O wie herrlich ist nun unser Vaterland wieder ge worden, das Volk in Waffen, das sich der Räuber erwehrt! 43 Es stand am Rande der Versumpfung. Gott hat uns durch unsre Feinde gepackt. Er muß noch Großes mit uns vorhaben. Das waren die stärksten Eindrücke, die ich empfing. Da neben bewunderte ich die straffe Organisation, die in jeder Hinsicht bis ins kleinste zutage trat. Jeder von uns kennt sie. Jeder Hilst dabei oder beugt sich ihr. Im Auslande erkennt man erst jetzt, daß sie neben dem Willen zum Siege unsre Kraft ist. Nur an einer Stelle fehlt die Organisation der Arbeit, und zwar an der, nach meiner Meinung, für die Seele unsres Volkes wichtigsten: in der evangelischen Kirche. Ich möchte nicht mißverstanden werden, sondern mit dem größten Nachdruck hervorheben, daß von sehr vielen einzelnen Dienern der Kirche herzerhebende Zeugnisse in Wort und Schrift ausgegangen sind und immerfort ausgehen, Zeugnisse, die ein volles Verständnis für die gewaltige Macht unsrer Zeit aus sprechen und unsern Verteidigern im Felde, wie dem ganzen Volke das Beste bieten, was ihnen geboten werden kann. Dazu kommt, daß viele Hunderte von Theologen mit Heller Begeisterung in den Reihen der Kämpfenden, aus den Verbandplätzen, in den Lazaretten und als Feldprediger dienen, Großes leistend unter oft schweren, persönlichen Opfern. Aber dem Ganzen fehlt die einheitliche Leitung, die Organisation, wie sie von Anfang des Krieges an in der katholischen Kirche hervorgetreten ist (der Erzbischof von Cöln sammelte z. B. gleich nach der Kriegserklärung 800M M. für die Seelsorge der rheinischen Regimenter, und die andern Bischöfe taten es ihm nach). Es fehlt das klare, zielbewußte Voran gehen der kirchlichen Behörden (die Initiative"). Es hat z. B. monatelang Lazarette gegeben, in denen katholische Priester (evangelische Geistliche fehlten), Trost spendend, täglich erschienen, ohne einen Unterschied zwischen ihren Glaubensgenossen und den Evangelischen zu machen, beauftragt von ihren Bischöfen, während unsre Geistlichen lange auf die Genehmigung ihres Wunsches warten mußten. Der evangelische Feldpropst steht an der Spitze der Feldgeistlichkeit. Er lehnte anfangs die Ge suche mit der Begründung ab, es fehle nicht an Geistlichen!! Als sich diese Meinung dann nach Monaten so sehr als irrig44 erwies, daß mindestens 20t) fehlten, wandte er sich um deren Anstellung Kriegsministerium. Das ist auch für die katho lischen Bischöfe der vorgeschriebene Weg. Diese aber hatten nicht gewartet, bis sie gedrängt wurden, sondern von vornherein junge Priester als Lazarettgehilfen an die Front geschickt, welche mit voller Hingabe ihre doppelte Pflicht erfüllten, bis Ersatz in hinreichendem Maße durch die Sanitäter geschaffen war. Auf der Seite ging man voran, während man bei uns einmal wieder nachhinkte. Und so ist es denn geschehen, daß bei ganzen Regimentern in zwei, sogar in drei Monaten kein evan gelischer Gottesdienst gehalten, kein evangelisches Trostwort für die Verwundeten von Geistlichen gespendet wurde. Ich habe bittere Klagebriefe darüber gelesen. Einer schrieb: Gestern hat uns ein Rabbiner in einer vortrefflichen Andacht wirklich erbaut." Ein anderer: Unsere vielen evangelischen Toten sind von einem würdigen katholischen Priester in ergreifender Weise eingesegnet." Ein anderer schrieb aus dem Stellungskriege an der Front: Wir sind glücklich, heute in einer alten Scheune endlich einmal wieder, nach mehr als acht Wochen, einen richtigen Gottesdienst gehabt zu haben. Meine ganze Kompagnie nahm mit Freude daran teil, auch am heiligen Abendmahl." Beim Bewegungskriege, wie in Rußland, ist das schwer durchzuführen, oft vollkommen unmöglich. Aber gerade da darf es nicht an Geistlichen fehlen, die täglich und reichlich Gelegenheit haben, sich unsrer evangelischen Krieger, die nach Hunderttausenden zählen, als gute Freunde, Tröster, Helfer und Berater anzu nehmen. Weshalb ist der Ob erKirchen rat" in dieser hochwichtigen Angelegenheit nicht vorangegangen? Weil er eine unpersöliche, bureaukratische Behörde" ist, die vielleicht beim besten Willen nicht das Recht hatte, einzugreifen. Auf der nächsten General-Sl)node" wird die Sache ja wohl zur Sprache kommen!! Bei der Kriegstagung" hat man aller dings noch nichts davon gehört! Noch niemals seit dem Jahr hundert der Pest und seit dem Dreißigjährigen Kriege ist die Ewigkeit unserm ganzen Volke so nahe getreten, wie jetzt. Noch niemals war es notwendiger als jetzt, Gottes Wort und Luthers Kraftgeist zur Geltung zu bringen. Und zwar nicht nur, wie es ja geschieht, von vielen einzelnen, sondern von der Kirche als solcher. 45 Ich sage das alles, nicht um zu richten, sondern in aus richtiger Bekümmernis um unsre Kirche. Denn sie ist mir lieb, die werte Magd"- aber die Stricke, mit denen sie gebunden ist, die hasse ich. Haben wir denn nur Landeskirchen" und nicht eine deutsche evangelische Kirche?? Besteht diese nur in einer blassen Vorstellung, nicht in Wirklichkeit? Nur in den Stückwerken Königlicher", Herzoglicher" oder Fürst licher" Konsistorien? ^ Wenn es unmöglich sein sollte, wie es scheint, in allen äußeren Fragen eine einheitliche Leitung der gesamten evangelischen Kirche herzustellen, dann wird sich die Hoffnung ihrer Feinde erfüllen. Doch rede ich einer so genannten deutsch-evangelischen Reichskirche" nicht das Wort denn damit verbindet sich die Borstellung, das Historisch- Gewachsene über den Haufen zu werfen und die kirchlichen Bekenntnisse aufzulösen. Auf ihre innere Zerrissenheit durch die verschiedenen Standpunkte" ihrer Lehrer und Pastoren will ich nicht ein gehen. Aber um das Abbild der Mutterkirche im Auslande zu erkennen, mag ich es nicht unterlassen, auf einige äußere Iüge des Originals aufmerksam zu machen. Und dabei kann die Begleichung mit einem andern Bilde nützlich sein. Wenn ein richtiger Engländer eine weite Reise unternimmt, legt er in seinen Koffer das Loinmon Look (das All gemeine Gebetbuch). Darin stehen die Morgen- und Abend andachten, alle 150 Psalmen, für jeden Kalendertag des ganzen Jahres, sogar für den Tag des Schaltjahres, geordnet- die althergebrachten Sonntags-Evangelien und -Episteln - eine Bibel- Lesetafel über je einen Abschnitt des Alten und Neuen Testa mentes - die liturgischen Handlungen für jeden Gottesdienst, für Taufe, Konfirmation, Abendmahl, Trauung, Begräbnis (denn bei allen diesen Handlungen wird kein freies Wort gesprochen, sie sind liturgisch fest gebunden). Den Schluß des Buches bilden 600 Lieder, Hymnen". ^ Mit diesem Buche geht man in die Westminster-Abtei in London, oder in eine Kapelle in Mittel afrika, oder in eine Kathedrale Australiens, oder in eine Mis sionskirche auf irgend einer Insel des Großen Ozeans, und findet überall dieselben Gebete, denselben Altardienst, dieselben Vorlesungen. Man weiß an jedem Alltage, welche 46 Gebete, welche Schriftabschnitte die eigene Familie und alle gläubigen Engländer auf der ganzen Erde lesen. Das ist ein gewaltiger nationaler Zusammenschluß! Und wie steht es damit in unserm, seit 45 Iahren geeinigten Deutschen Reiche mit seinen 4V Millionen Evangelischen? Jede Landeskirche" hat ihr eigenes Gesangbuch. Die herrlichsten Lieder, die es in der ganzen Welt gibt, wahrhaftige Psalmen, werden zum Teil anders gesungen in Bremen, Hamburg, Lübeck, Sondershausen, Reich-Greiz-Schleiz und Lobenstein - in jedem Staate, in jeder Provinz. Ich wollte einer Enkelin zur Kon firmation ein Gesangbuch schenken. Aber Großvater, wir ziehen doch in vier Wochen von N. nach W, da gilt das ja nicht!" (Als ich diese Sätze geschrieben hatte, erhielt ich die Mitteilung, daß eine Kommission der Eisenacher Konferenz die wertvollsten Lieder unserer Kirche zusammengestellt und bearbeitet habe. Die Arbeit ist als Deutsches evang. Gesangbuch für die Schutzgebiete und das Ausland" bei Mittler und Sohn, Berlin, erschienen. Wenn es doch als einheitlicher Grundstock für alle deutschen Gesangbücher diente! Wir müssen wieder wie zur Reformations zeit die singende Kirche" werden.) ^ In einem Hause wird zur Andacht das Landesgesangbuch benutzt, in einem andern werden die Gemeinschaftslieder gesungen (unter denen sich viele vortreffliche befinden, aber auch genug ungesunde Reimereien mit sentimentalen Melodien). Die unvergleichlich schönen, ur sprünglichen Melodien in ihrer volkstümlichen rhythmischen Weise scheinen fast nur noch in Bayern üblich zu sein - sonst scheint sie jeder Landes - Musikdirektor nach seinem musikalischen Leisten umgeschustert zu haben. Ist das ein Wirrwarr! Und wie verschieden ist die Form der Gottesdienste! Hier eine reiche Liturgie zur Erfüllung des Wortes: Mein Haus ist ein B et Haus." Dort ein möglichst nüchterner Altardienst. Nur in einem Stücke herrscht Einigkeit: in der Betonung der Predigt. Welcher Prediger spricht heute?" fragt man in Berlin. Es hat mir in den englischen Kirchen nicht gefallen, daß es Hauptgottesdienste gibt, in denen gar nicht gepredigt oder eine kurze Predigt offen abgelesen wird. Und ich bin dankbar, in Deutschland Predigten gehört zu haben, deren klare, tiefe und schmucklose Kraft mir noch lange nachher Stecken47 und Stab gewesen sind. Aber im allgemeinen wird unter uns die Bedeutung der Reden" übertrieben ? besonders der schönen" oder geistreichen". Die Kritik der Zuhörer" oder ihre Sehn sucht nach dem Amen passen schlecht zu einem Gottesdienste. Entspricht es der Lehre unsrer Kirche, daß der Pastor fast alles allein tut? Es war mir eine Freude, in der reformierten Kirche der französischen Schweiz von einem der Gemeinde-Altesten das Sonntags-Evangelium am Lesepulte vorlesen zu hören, so wie es in der Brüdergemeine Sitte ist. An jedem Sonntag tut es der Reihe nach ein anderer. In der schottischen Kirche herrscht dieselbe schöne Sitte, und auch die, Brot und Kelch durch die Ältesten herumreichen und das allgemeine Kirchengebet vorlesen zu lassen. Wie wertvoll würde auch ein liturgischer Aus bau der Nebengottesdienste sein! Es würde zu weit abseits unsrer Erörterungen führen, auf Mittel und Wege hinzuweisen, wie die Lehrkirche (die so oft eine Leerkirche ist) zur Bolks Kirche werden muß, wenn sie ihren Beruf erfüllen soll. Es sind viele und starke Ansätze dazu vorhanden in den mannigfachen Vereinen und in den großen, gesegneten Arbeiten der Inneren Mission, die zumeist in enger Verbindung mit der Kirche stehen, während viele der sogenannten Gemeinschaften" nicht als Blüten und Früchte treibende Zweige mit ihr organisch verwachsen sind, sondern sich nur bestenfalls an den Stamm anschließen (hoffentlich nicht, wie die Lianen im Urwalde, die den Bäumen den Saft zu entziehen vermögen). Viele Vereine pflanzen sich sogar neben die Kirche und ver mehren noch deren Zerrissenheit. Freilich mag es wohl leider Gemeinden geben, in denen solche Vereinigungen zur Erhaltung des Glaubens außerhalb der Kirche eine volle Berechtigung haben. ^ O, welcher Zukunft gehen wir entgegen! Die Zeichen der Zeit deuten auf ein neues, weltgeschichtliches Morgenrot - und es ist nach dem ersten Kriegsjahre nicht vermessen, zu sagen: Der Herr, unser Gott, scheint das deutsche Volk zu großen Dingen bestimmt zu haben. Kann er aber, dessen ganze Schöpfung ein einziger Organismus ist, unsere in Stücke zersägte und dann noch in Splitter zerhackte Kirche als Werkzeug gebrauchen? Jetzt, im Zeitalter der Organisation?-- 48 Wenden wir uns nun von der Betrachtung der Mutter kirche zu den Tochterkirchen in Übersee, so haben wir es, wie gesagt, mit Abbildern zu tun. Der Leser wolle nicht übersehen, daß alle meine Betrachtungen unter dem Gesichtspunkte stehen, zu bedenken, was etwa zur Förderung des Zusammen schlusses der Deutschen auf der ganzen Erde geschehen kann; in allgemein-völkischer Hinsicht vermittels der Presse, des Handels, der politischen Vertretung und Kolonisation; in christ licher Hinsicht durch die Schule, Kirche und Mission. Bei diesen letzteren drei Mitteln müssen wir uns aber sehr davor hüten, ihren christlichen Charakter in denDienst derPolitik zu stellen. Das zu tun überlassen wir den Amerikanern und Engländern. Es gibt keinen deutschen Gott. Treue, evan gelische Art in der Erziehung und im Gottesdienste erhält und stärkt bei unsern Volksgenossen in Übersee von selbst ihre deutsche Gesinnung. So mögen denn dunkle und helle Bilder aus der evan gelischen Kirche in Übersee folgen alte und neue wie sie gerade, gemischt, im Album des Gedächtnisses liegen. In einer Ackerbau-Ansiedlung, die jetzt zu den größten gehört, verlangten die meist aus Norddeutschen bestehenden Kolonisten nach jahrelangem, vergeblichem Warten vom Direktor so dringend einen Pastor, daß der ganz unkirchlich gesinnte Mann dem Wunsche nicht länger widerstehen konnte. Aus einer Reise nach Deutschland begab er sich zum Konsistorium seines Heimatlandes, legte die Bitte der Ansiedler in einer Liste von Unterschriften vor, worunter sich neun verheiratete Pastorensöhne und einige dreißig verheiratete Bauernsöhne allein aus demselben kleinen Lande befanden. Der Direktor stellte durch Banken und Bürgen die Reisekosten und einen ansehnlichen Gehalt sicher und wies darauf hin, daß eine große Anzahl von Predigtamts- Kandidaten vorhanden war. Die Antwort lautete ablehnend. Da überredete der Direktor einen Geistlichen, welcher aus der Kirche ausgetreten und zu den Uhlichschen Lichtfreunden" über gegangen war, die Stelle anzunehmen. Und der versah dann das Amt lange Jahre. In welchem Sinne und mit welchen Folgen, brauche ich nicht zu sagen. 49 In einer sehr weit vom Mittelpunkte der Ansiedlung ge legenen Niederlassung von Pommern, Mecklenburgern und Hol steinern versah den Dienst des evangelischen Predigers und Lehrers in den siebenziger Iahren des vorigen Jahrhunderts ein früherer Landmesser, nachdem er als solcher das Brot für seine Familie nicht mehr hatte erwerben können. Nachher wurde er Advokat in einer kleinen Stadt. Ich verkehrte da gern mit dem achtungswerten, verständigen Manne, ohne mehr von ihm zu wissen, als daß er in jenem fernen Tale Lehrer gewesen sei. Und was bekam ich von ihm selbst zu hören! Er sei ^ Katholik, habe dort nur als Lehrer seinen Lebensunterhalt erwerben wollen, bis die Leute nicht nachgelassen hätten, ihn zu bitten, in der als Schule dienenden Palmitenhütte an jedem Sonntagmorgen einen Gottesdienst zu halten. Er habe sich so lange dagegen gesträubt, bis ihm ein pommerscher Bauer einen Band Predigten von Fr. Ahlseld gebracht. Da habe er dann wirklich mit den immer zahlreich Versammelten Choräle aus den 8V Liedern der preußischen Schulregulative gesungen, die von vielen Kolonisten mit herübergebracht wären,- die Kinder hätten wechselweise in Frage und Antwort jeden Sonntag ein Hauptstück des kleinen Lutherischen Katechismus aufgesagt und er habe eine Ahlfeldsche Predigt über das Evangelium des betreffenden Sonntags vorgelesen. Als die guten Leute aber verlangt hätten, daß er ihre Kinder taufen möchte, die zum Teil schon seine Schule besuchten, und daß er das heilige Abend mahl austeile, da habe er es mit der Angst gekriegt und sei zum Leidwesen der Gemeinde weggezogen. Es war an einem Sonntagmorgen im Mai des Jahres 1886, lange vor Ausgang der Sonne, als ich der Einladung des Pastors R. folgte, der Einweihung der Kirche in Pommerode beizuwohnen. Eine schöne Fahrt in der Morgenfrische. Immer mehr Reiter und Wagen voran und hinterher, um das fünf deutsche Meilen entfernte Ziel ja früh genug zu erreichen. Bald erkannte man die üppigen Zuckerrohr- und Maispflanzungen, die freundlichen Häuser der Kolonisten, mehrere helle Kirchen aus kleinen Anhöhen, Schulen am Wege. Dann blickte in einem weiten, fruchtbaren Tale von einem kleinen Hügel über prächtigen Palmen der stattliche Bau der neuen Kirche. Der Posaunenchor 450 der jungen Leute blies Nun danket alle Gott": die Glocken erklangen zum ersten Male; mit dem Gesänge: Tut mir auf die schöne Pforte" traten wir ein. Ein feste Burg ist unser Gott" ^ brauste durch die große Kirche, in welcher ich mehrere ältere Frauen in der alten pommerschen Landestracht sah. Aufgefordert, nach dem Gottesdienste eine Ansprache zu halten, legte ich der großen Versammlung ein prophetisches Wort Luthers aus, der seinem FreundeVugenhagen, dem Reformator Pommerns, in schwerer Zeit geschrieben hatte: Gott will nicht solche Leute haben, die verzagen, mein lieber Pommerane. Sein Befehl und Tröstung lautet: Fürchtet euch nicht! Es wird die Zeit kommen, wo deine zur See fahrenden Pommern nicht allein in ihrer Heimat, sondern auch in der fernen Welt sich des heiligen, teuern Evangeliums herzlich freuen werden." Derartige Lichtbilder Sonntag feiernder Gemeinden in der fernen Welt habe ich viele gesehen, dazu Taufen, Kon firmationen, Abendmahlsfeiern, Trauungen, Begräbnisse erlebt, die mich vollständig in das alte Baterland versetzten. Im Kirchen gebet fehlte nie die Fürbitte für Kaiser und Reich. Das Band der völkischen Gemeinschaft ist in den evangelischen Kirchengemeinden immer auf der ganzen Erde festgehalten. Das bezeugen viele Berichte von überallher. Und diesen tiefsten Zusammenschluß unsrer Volksgenossen verdanken wir nicht den kirchlichen Behörden" im Baterlande, die zu jener Zeit nur notgedrungen etwas taten, sondern, wie bei den Schulen, privaten Vereinen und Gesellschaften, die fast in allen Ländern tätig sind. Als ein Beispiel von dem, was geleistet wird, werde ich einen kurzen Auszug aus dem letzten Bericht der ältesten und größten dieser Gesellschaften bringen. Zuvor will ich aber noch auf Unterlassungssünden hinweisen, die auf keinem Gebiete so grell zutage getreten sind, wie bei der kirchlichen Versorgung unsrer Glaubensgenossen im Auslande. Ich entnehme diese gewissenhaft geprüften und von der betreffenden Gemeinde bestätigten Anklagen meinem Buche In Deutschland und Brasilien", wo sie sich in der 4. Auflage von l914, Seite 299 und 399, finden: In der Hauptstadt unsres Staates . . . gab es eine evangelische Gemeinde. Die Zahl der eingeschriebenen51 Mitglieder war nicht groß die aller Deutsch-Evangelischen wurde auf 4^5000 geschätzt. . . Wir hätten gern den Gottesdienst besucht, so schwer es uns fiel (wir wohnten aus dem Lande), konnten uns aber nicht dazu entschließen. Der (vom Berliner Oberkirchenrat geschickte) Geistliche ver öffentlichte nämlich in einer der beiden deutschen Zeitungen jeden Sonnabend einen Aufsatz religiösen" Inhalts, der uns höchst anstößig war, aber nicht ungeschickt geschrieben. (Es war im Jahre l897.) Die meist in der Form der zehn Gebote gehaltenen Überschriften wurden mit Spannung erwartet und bildeten dann eine Woche lang Geflügelte Worte", welche sich die jungen Leute gern lachend auf den Straßen zuriefen. Die Zeitung verweigerte die Aufnahme von Erwiderungen. Ich bestellte sie ab, als sie einen Artikel (wie jedesmal von dem Pastor mit vollem Namen und Titel unterschrieben) gegen die Person unsres Heilandes unter der Überschrift brachte: Du sollst dir keinen Nudelteig machen!" ^ Der arme Mann hatte bald abgewirtschaftet und kehrte nach Deutschland zurück." Ein Jahr später fuhren meine Frau und ich zur Kirche, um den neuen (wieder vom Oberkirchenrat geschickten) Pastor kennen zu lernen (von dem mir ein Freund in der Stadt geschrieben hatte: Wir sind aus dem Regen in die Traufe gekommen"). Man muß sich wundern," sagte u. a. der Pastor, woher Jesus die guten gesellschaftlichen Manieren hatte, daß er bei so hohen Leuten zu Tisch geladen werden konnte. Er war doch nur ein H andwerker, ein Zimmer mann - also er gehörte nicht einmal zu den feineren Hand werkern. Merkt es euch ein für allemal: er war nichts weiter, gar nichts weiter als ein Zimmermann. Aber in der Religion stand er gleich mit seinen andern Tisch genossen. Man vergißt leicht, daß er als Jude geboren ist, als Jude gelebt hat und als Jude gestorben ist." Und dann folgte eine lange Nutzanwendung, wie sich ein gebildeter" Mensch unsrer Zeit in Gesellschaften zu benehmen hätte. Während er abscheuliche Vorwürfe gegen Luther er hob, schrieb ich die vorstehenden Sätze auf." 4* 52 Als Lehrer und Mensch geschätzt, konnte er als Prediger noch einige Jahre den plattesten Unglauben von Amts wegen verkündigen^ Zum Glück vor fast leeren Bänken. Das war die Erntezeit der Methodisten, Baptisten, Adventisten, der Kon- ventikel und Gemeinschaften. Als ich von deren Tätigkeit er fuhr, freute ich mich zum ersten Male über das Vorhandensein von Gottsuchern außerhalb der Kirche. Besonders die Metho disten warben, wie in Japan und China unter den Heiden, so dort mit Eifer und seinem Takt Freiwillige für das Reich Gottes aus unsrer verwahrlosten Kirche; zu unserm Schaden. Noch mehr aber wächst bei den evangelischen Deutschen das Ansehen der römischen Kirche, die, unter der Führung geist voller, tatkräftiger, weltgewandter deutscher Priester, einig und stark das Feld beherrscht. Es ist seitdem in jener Stadt viel besser geworden? aber die Folgen der geschilderten Zustände sind schwer zu überwinden. Daß es auch sonstwo und noch immer mit unsrer Kirche in den Städten in Übersee nicht gut bestellt ist, ersehe ich aus einem Briese, der mir handelspolitische Nachrichten bringt, da zwischen aber folgenden Stoßseufzer enthält: . . . Man hat uns hier einmal wieder mit einem Pastor versorgt, der, noch dazu in dieser Kriegszeit, dem Ansehen Deutschlands nur schaden kann und der Gemeinde nicht nützt. Die Kirchenbehörden in Deutschland scheinen zu meinen: so einer sei fürs Ausland gut genug. Sie werden offenbar nicht von dem Bemühen geleitet, den richtigen Mann zu finden, sondern nur, überhaupt einen zu finden. Die katholische Kirche schickt bekanntlich nur hervor ragend geeignete Vertreter ins Ausland. Unsre Kirche tut das Gegenteil. Gelingt ihr einmal ein Griff, so hat der arme Mann es bald satt, sich neben der Seelsorge ums tägliche Brot zu sorgen. Wir zahlen wirklich und gern, was wir können, aber die Besoldung ist für die hiesigen Verhältnisse doch noch viel zu mager. Sie wissen von früher her, daß ich in Deutschland nicht zu den eifrigen Kirchenbesuchern gehörte, aber man lernt in der weiten Welt, was bleibt und was schwindet. Und so bedaure ich aus meinem tiefsten Herzen, daß die deut schen Kirchenbehörden kein Verständnis dafür zu haben scheinen, von welcher außerordentlichen Bedeutung tüchtige, eifrige, positive Geistliche für die Auslandsposten sind." 53 Wir verkennen durchaus nicht, daß der Evangelische Ober kirchenrat vom besten Wollen beseelt für die kirchliche Ver sorgung der Auslanddeutschen allerlei getan hat. Die Mitteilung über die Auslandsarbeit des E. O. K. in der Kriegszeit" auf der 7. ordentlichen Generalsynode 1915 bringt dafür neue Beweise. Es würde auch in höchstem Grade ungerecht sein, wenn man über solchen einzelnen betrüblichen Erscheinungen die Ver dienste aller andern evangelischen Pfarrer in Übersee unaus gesprochen lassen oder verkleinern wollte. Was würde aus dem Deutschtum im Auslande ohne sie? Wie unsagbar schwer ist ihre Arbeit und Aufgabe in den oft weit zerstreuten, bunt zusammengewürfelten Gemeinden! Man macht sich in Deutsch land kaum eine Vorstellung davon. Gottesdienste auf meilen weite Entfernungen- Amtshandlungen aller Art nach stunden langen Ritten auf oft grundlosen Wegen oder durch Berge und Täler - Konfirmanden-Unterricht an mehreren Orten das ganze Jahr hindurch; Schulstunden in den meist vortrefflichen Kirchen- gemeindeschulen - dazu die eigentliche Seelsorge; die Stellung nahme zu den alle Gemeinden durchsetzenden brasilianischen, spanischen, portugiesischen, italienischen Katholiken, zu den Sektierern, zu den nicht immer wohlwollenden Behörden usw. Und das alles bei knappem Gehalt. Wahrlich, es gehört viel Gottvertrauen und ein starker Wille dazu, solche Lasten auf sich zu nehmen, und die Männer, die es tun und in Treue ihres Berufes walten, verdienen die größte Achtung. Indem sie dem Reiche Gottes dienen, sind sie zugleich starke Stützen für deutsche Sitte und Gesinnung in allen überseeischen An- siedlungen. Sie tragen neben den Lehrern das meiste dazu bei, den Zusammenschluß der Deutschen in der Welt mit dem Vaterlande zu befestigen und zu fördern. Es ist deshalb nicht nur eine kirchliche, sondern zugleich eine nationale Pflicht, ihre Arbeit auf das kräftigste zu unterstützen. Ich schließe mit einem Auszuge aus dem neuesten Berichte (von 1914) der Barmer Evangelischen Gesellschaft für die protestantischen Deutschen in Amerika". Diese Gesellschaft konnte im Jahre 1912 das Jubiläum der seit 75 Iahren tätigen deutsch-evangelischen Diasporaarbeit in Nord- und Südamerika54 feiern. Sie hatte in der Zeit 114 Geistliche nach Nordamerika, 154 Pastoren und 50 Lehrer nach Südamerika geschickt; deren Reisekosten gedeckt, Zuschüsse zum Einkommen, Erziehungsgelder, Unterstützungen, Pensionen, Witwengelder gewährt, Schulen und Anstalten nach Möglichkeit gefördert. Sie ist die älteste, aber längst nicht mehr die einzige evangelische Gesellschaft im Reiche und in der deutschen Schweiz. Verfasser des Berichtes ist Pastor Max Dedekind in Elberfeld, der Schriftleiter der Barmer Gesellschaft und von 1899 bis 1908 Pfarrer und Reise prediger im Staate Rio grande Sul, ein genauer Kenner der Verhältnisse in den Ackerbau-Ansiedlungen Südbrasiliens. Er schreibt: . . . Die schreckliche Zeit der kirchlichen Vergessenheit und Verlassenheit, mit all ihrer Not und Schande, gehört für die meisten deutsch-evangelischen Gemeinden in Südbrasilien der Vergangenheit an; und wo noch heute in einzelnen Ge meinden solche jammervollen Zustände bestehen, da regt sich doch auch dort immer mehr das Empfinden, daß es so nicht weitergeht, daß es anders werden muß. Und das kirch liche, sittliche, religiöse und nationale Ehrgefühl allerorten, gerade aber in solchen verwahrlosten Gebieten anzuregen, wollen wir nicht müde werden. . . . Daß aber die meisten Deutschen in Brasilien auch bereit sind, ihre Kirchen und Schulen nach eigenen Kräften zu fördern, das haben sie oft bewiesen. ... So wächst in Südbrasilien die Erkenntnis, daß Schule und Kirche die Grundlagen einer jeden Nation, besonders aber auch deutschen Geistes und deutscher Kraft sind." . . . Mit Freude können wir manche Anzeichen begrüßen, die davon Zeugnis ablegen, daß deutsch-evangelisches Leben in Südbrasilien immer mehr erwacht und zu segensreicher Wirksam keit ersteht. Auch die Gründungen von Gustav-Adolf-Vereinen und Frauenvereinen in den Gemeinden gehören zu diesen An zeichen. . . Früher mußten diese armen Neuansiedler im Ur walds lange, lange Jahre Kirche und Schule entbehren. Und ob sie mit Schmerzen sahen, daß ihre Kinder verwilderten in der Wildnis, verkamen und verdarben, weil sich ihrer niemand annahm und sie erzog in der Jucht und Vermahnung zum Herrn, ihnen auch ihre deutsche Sprache und Sitte erhielt; ob sie, die 55 gerade in der Not der Anfangszeit Trost und Zuspruch nötig hatten, im Urwald vergebens auf einen Glockenklang lauschten, der sie am Sonntag nach heißer Wochenarbeit zum Gottesdienst rief ihr Seufzen und ihr Hilferuf verhallten ungeh ort- und wenn sie in ihrer Not damals Pseudopfarrer und Pseudo- lehrer anstellten, erbärmliche Mietlinge, die mit geistlichem und religiösem Gut schmählich Geschäfte" zu machen sich nicht ent blödeten, so wurde durch sie zerschlagen und vernichtet, was an edlem Erbe noch von den Bätern und der Heimat her in den Menschenherzen vorhanden war." . . . Erst nach Iahren, als alles in Trümmern lag, setzte die Arbeit der Heimat ein, um nun das Verlorene zurückzu führen. So soll es heute nicht mehr sein. Wir gehen den Zerstreuten in den neuen Ansiedlungsgebieten von vornherein nach, damit sie gar nicht erst verloren gehen. Nachdem sie in den Häsen bei der Ankunft im Lande schon von unseren dor tigen Pastoren freundlich begrüßt und versorgt sind, sucht sie in ihren neuen Hütten unser Reiseprediger aus, und sobald es möglich ist, werden ihnen Gemeinden und Schulen gegründet und eingerichtet ... So haben wir im letzten Jahre wieder manches zur Entwicklung und zum Aufbau des evangelischen Deutschtums in Südamerika beitragen dürfen. Und wir haben es mit Freuden getan." So weit der Bericht. Ich wiederhole die Worte aus meiner Betrachtung über die Schule: Verdoppeln wir unsere Jahresbeiträge, vervierfachen wir sie nach dem Kriege! Werben wir dafür in unsern Kreisen, machen wir Stimmung für die große, gute Sache in den uns zugängigen Zeitungen! Die Sorge für unsere Kirchen in Übersee muß ^eine An gelegenheit unseres ganzen evangelischen Volkes werden! K. Die evangelische Mission. Es war in den ersten Tagen des Monats Mai l914, acht Wochen vor dem Ausbruch des Krieges, als ich auf der Fahrt von Cöln nach Hoek van Holland in ein Gespräch mit den beiden andern Insassen meines Abteils geriet. Ein Streichholz 56 stellte, wie oft, die Anknüpfung her. Wir saßen allein und qualmten so, daß wir allein blieben- nicht unzufrieden darüber, daß wir uns die lange Abendreise durch Unterhaltung verkürzten. Einer der Herren sprach viel und im breitesten Pankee-Englisch. Seine dicken Diamanten an mehreren Ringen, seine plumpe goldene Uhrkette und sein nichtsdurchbohrendes Auge brachten mich auf die Vermutung, daß er etwa der Besitzer einer der großen Schweineschlächtereien in Chikago sein möchte. Er be mühte sich, uns die Originalität" seines Reiseplanes begreiflich zu machen, die darin bestand, daß er nicht die Länder, sondern ausschließlich die Hauptstädte der ganzen Erde kennen lernen wollte. So berichtete er über Tokio, Peking, Moskau, Peters burg usw., wobei die Gasthöfe die Hauptrolle spielten. In jeder Hauptstadt unterhielt ich mich telegraphisch mit meiner Familie in Eincinnati" (haha, dachte ich, also beinahe getroffen!). Wie weit haben es die Menschen doch gebracht! Es gibt keine Grenzen mehr. Alle Völker bilden eine große Einheit. Alle wollen leben, aber auch leben lassen. Das ist das Ergebnis meiner Weltreise, die ich nun mit London abschließe." Der andere Herr, ebenfalls in mittleren Iahren, sah mich fragend an und bewies dadurch, daß er von guter Familie war. Er wollte mir nicht vorgreifen. Achtung vor dem Alter ist immer ein Zeichen einer guten Erziehung. Er verstand mich, als ich, ihm zunickend, sagte: Schiffe, die sich des Nachts be gegnen, tauschen zuweilen Signale miteinander aus." -- Dann sagte er im besten Englisch und leise nach der Gewohnheit seines Landes: Ich komme nur aus Ägypten, habe im Austrage der Missionsgesellschaft, bei der ich angestellt bin, unsere Kirchen und Schulen im Sudan besucht. Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß die Einheit der Völker noch niemals so stark gewesen ist, wie jetzt; noch niemals seit dem babylonischen Turmbau. In dieser Einheit und der Überwindung von Raum und Zeit liegt jedoch eine viel tiefere Bedeutung. Sie ist nicht nur ein bewunderungswürdiges Menschenwerk, sondern eine Fügung des allmächtigen Gottes, durch welche das größte Hindernis zur Ausbreitung des Reiches Gottes überwunden wird. Unsere Britische Bibelgesellschaft hat dazu 57 vorgearbeitet, da sie die Heilige Schrift in fast 500 Sprachen übersetzt und herausgegeben hat. Wir sind in das Zeitalter der Weltmission eingetreten. Die Aufgabe, diesen höch sten Willen Gottes zu erfüllen, ist England zugefallen." Da unterbrach ich den Sprecher nachdrücklich mit den zwei Worten: Und Deutschland!!" Der Amerikaner lächelte, der Engländer wickelte sich sofort in seinen Reisemantel und tat, als ob er schliefe. Eine Stunde tiefsten Schweigens, bis wir gegen Mitternacht in der Hafenstation einliefen. Schweigend lüftete ich meinen Hut. ^ ^ Einige Wochen nachher kam in einem kleinen englischen Kreise das Gespräch aus die Entdeckung der einzigartigen Über reste von der Arbeit der Jesuiten im Grenzgebiete von Argen tinien, Paraguay und Brasilien, worüber ich gerade einiges veröffentlicht hatte. Meine Schilderungen der übermäßigen Fruchtbarkeit jenes Gebietes, von der Größe eines Königreichs- der geheimnisvollen Reste von Kirchen und Klöstern mitten im wildverwachsenen Urwalde- von dem Wassersall des Iguassn, der inzwischen von Forschern für den stärksten der ganzen Erde erklärt ist! von der Harmlosigkeit der dort lebenden Ureinwohner waren in Deutschland unbemerkt geblieben, in England nicht. Ich hatte jene, zwar schwer zu erreichenden, Stämme zugleich als ein Arbeitsfeld für die Mission bezeichnet und empfohlen. Und gerade das war Wasser auf die Mühle des einen der Herren in unserm Kreise, eines Großkaufmanns. Er sagte: Ich bin ein eifriger Freund der Mission, besonders der unter den Chinesen." Und dann schilderte er mit Wärme die Ver handlungen auf der Welt-Missions-Konferenz in Edinburg, an der er teilgenommen. Der Bericht des bekannten John Mott über die Erfolge in der Christianisierung Chinas sei über wältigend gewesen. Die ganze Versammlung habe ihm be geistert zugestimmt, als er sagte: Wir, wir selbst werden die Bekehrung Chinas noch erleben!" Ich warf die Bemerkung dazwischen: Das war eine Massen-Suggestion, hervorgerufen durch eine alle andern überragende Persönlichkeit. Es war ein Blick in einen goldenen Kelch, eine Hypnotisierung. Gestatten Sie mir, einen Gegenbericht zu liefern: Zu der Zeit, als die Welt-Missions-Konferenz in Edinburg tagte, lernte ich den Prior 58 eines katholischen Ordens kennen. Der kluge, feine Mann kam geradewegs von einer mehrjährigen Forschungsreise aus China zurück, und wir freundeten uns während einer zwanzigtägigen Seereise auf einem holländischen Dampfer an. Wir waren außer einigen Damen die einzigen Deutschen an Bord. Er zeigte sich über die Arbeit der verschiedenen Bekenntnisse unter richtet, hatte mehrere Hauptplätze der evangelischen Missions gesellschaften und deren Leiter persönlich besucht. Ich brauche kaum zu erwähnen, daß seine römische Auffassung von der Mission für uns Evangelische nicht maßgebend ist. Während wir nach gründlicher Belehrung die Sinnesänderung und Be kehrung von jedem einzelnen als Vorbedingung verlangen, ist die römische Kirche, die bequemste aller Religionsformen aus Erden, mit der Unterwürfigkeit unter ihre Satzungen und Zere monien zufrieden. Ich erklärte das natürlich ganz offen dem Prior und erinnerte ihn daran, daß die Jesuiten im 18. Jahr hundert sich gerühmt hätten, Hunderttausende von Chinesen durch die Taufe in den Organismus der römischen Kirche ein gefügt zu haben- daß man aber nie wieder etwas von ihnen gehört habe. Er ließ diesen Einwurf unbeantwortet. Immer hin fesselten mich seine Beobachtungen sehr. Er faßte sein Urteil dahin zusammen, daß die Arbeit der Mission unter den Chinesen noch schwieriger und erfolgloser sei als unter den Mohammedanern. Jene seien die vollendetsten Pharisäer, mit der Tugendlehre des Konfuzius in der Wolle gefärbt- nur die amerikanischen Methodisten hätten in China wie in Japan unter Anlehnung an die amerikanischen Geschäftshäuser und durch ihre tüchtigen Schulen in einem sehr bescheidenen Maße einigen Boden gewonnen. ^ Ich versuchte dann, den Kaufmann auf Afrika zu bringen- aber er blieb bei China. Da fragte ich: Haben Sie ein per sönliches Interesse an China?" Er: Ja! das ist wirklich ein Land mit unbegrenzten Mög lichkeiten 4M Millionen Einwohner." Ich: Sicherlich! Für das Evangelium und für den Handel. Sie haben Zweiggeschäfte in Tientsin und im Pangtse- tale, wie ich hörte." Er (vorsichtig): Sie scheinen eine Verbindung zwischen 59 Mission und Geschäft bei mir vorauszusetzen. Ich bin aber wirklich und seit langen Iahren ein Freund der Mission!" Ich: Woher sollte ich das Recht nehmen, es zu bezweifeln? Wir in Deutschland behandeln aber beides getrennt. Bei uns beschränkt sich die Liebe zur Mission aus bestimmte Kreise, die im Gehorsam gegen Christi wundervollen, welt umfassenden Befehl das Werk mit Begeisterung treiben. Wir finden, daß gerade in dieser selbstlosen, opferfreudigen, idealen Auffassung ein großer Segen liegt, für die Heiden draußen und für die Christen daheim." Er: Ihr Schwärmer! Wir Engländer fassen die Sache, wie alles, am praktischen Zipfel an. Unsere Missionare dringen oft weit in das Innere der Länder ein. Halten Sie es denn für ein Unrecht, wenn sie uns außer den religiösen Berichten auch solche über die wirtschaftliche Lage der Völker, über ihre Industrie und ihren Handel schicken? Wir lassen sie dafür nie im Stich. Unsere Regierung schützt sie überall. Lauten ihre Berichte geschäftlich für uns Kaufleute günstig, so suchen wir für die Faktoreien, die wir anlegen, nur solche Leute aus, die ihrer kirchlichen Arbeit in keiner Weise Hindernisse in den Weg legen. Im Gegenteil! Unsere Häuser sind ihre gesicherten Stützpunkte. Wir helfen den Missionsgesellschaften, passende Lehrer, Arzte und Handwerker auszuwählen, deren auskömm liches Gehalt wir übernehmen. Ich bin der Meinung, daß diese Art der gemeinschaftlichen Arbeit sich nach beiden Seiten bewährt hat: für die Mission und für den Handel." Ich: Klug ist es jedenfalls, zwei Eisen im Feuer zu haben. Ob aber in diesem Falle Ihr Verfahren nicht im Widerspruche zu dem Worte des Herrn steht: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon??" Er (ausweichend): Sie sind mir noch Ihr Urteil über die Edinburger Welt-Missions-Konferenz schuldig." Ich: Ich verstehe vollkommen, daß die Versammlung eine überwältigende Wirkung auf die Teilnehmer ausgeübt hat? auch, daß die Persönlichkeit John Motts ihr einen in der Missionsarbeit noch nie dagewesenen Stempel von Großartigkeit und Kraft ausgedrückt hat. Und doch kann ich mich von der Vorstellung nicht frei machen, daß diese Massen-Versammlung 60 aus der ganzen Welt für das heilige Werk unseres Heilandes zugleich einen Nebenzweck verfolgte. Sollte sie nicht zugleich eine englische Flottenschau aus geistlichem Gebiete darstellen? Sollte sie nicht zugleich der ganzen Welt zeigen, daß das meer beherrschende England auch für die Seelen der Heiden sorge? Es bleibt bei euch immer dasselbe: Gott und Mammon." -ü Was für ein gewaltiges Werk war doch -- bis zum Aus bruch des Krieges ^ die von 26 Gesellschaften betriebene deutsche, evangelische Mission! Unter wie vielen Heidenvölkern war sie tätig! Welche Hindernisse hat sie überwunden, welche Opfer gebracht, welche Arbeiten geleistet! Indem ich diesen stillen, heiligen Eroberungs-Feldzug zur Ausbreitung des Reiches Gottes überdenke, beuge ich mich anbetend vor dem Befehl des Generalissimus und in Ehrfurcht vor allen, die ihn ausgeführt haben und noch ausführen. Nun aber muß ich die Fäuste ballen wider die Feinde, die in ihrer Zerstörungswut gegen uns sogar vor unserer friedlichen Mission nicht Halt machen. England zerriß, wie einen wertlosen Fetzen Papier, die Kongo akte". Es wird in Deutschland viel zu wenig beachtet, was das für ein verruchter Streich der britischen Regierung ist. Eine kurze Darstellung darüber mag hier Platz finden. Die sogenannte Kongoakte" vom 26. Februar 1885 war einer der feierlichsten Verträge, die jemals geschlossen sind. Alle christlichen Staaten Europas und die Bereinigten Staaten von Nordamerika setzten als unumstößliche", völkerrechtliche Be stimmung fest, daß das ganze Flußgebiet des Kongo und aller seiner Nebenflüsse, also auch Kamerun und die Hälfte von Deutsch-Ostafrika niemals in einen Krieg verwickelt werden dürfte, wenn ein solcher zwischen den vertragschließenden Staaten jemals ausbrechen sollte. Alle jene Gebiete sollten so angesehen werden, als ob sie einem nicht kriegführenden Staate an gehörten," und die christlichen Missionare aller Bekenntnisse sollten den Gegenstand eines besonderen Schutzes bilden." Als Zusatz zu diesem für die Mission bedeutungsvollsten Vertrage der Neuzeit trat noch am 1. Juli 1896 ein deutsch-englisches 61 Abkommen mit dem Wortlaute: In allen Gebieten Afrikas, welche einer der beiden Mächte gehören oder unter ihrem Ein flüsse stehen, sollen Missionare beider Länder vollen Schutz genießen." Deutschland hielt auch daran fest, indem es in seinem Machtgebiete (dem größten Teile von Deutsch-Ostafrika) die englischen Missionsplätze gänzlich unbehelligt ließ, bis es zu milde durchgeführten Gegenmaßregeln gezwungen wurde. Die Engländer haben nämlich ohne jede Veranlassung die deutschen Missionare sofort gefangen genommen und zum Teil nach Indien transportiert. Die Engländer und Franzosen haben unsere Missionen in Kamerun zerstört und die Missionare und ihre Familien wie Sklaven unter den Peitschen und Fußtritten von Schwarzen durch Wüsten und Wälder in die ungesundesten Gefangenenlager gebracht. Das sind unwiderlegliche Tatsachen. Ob die Mitteilung englischer und französischer Zeitungen richtig ist, daß die Militärbehörden eine Prämie auf den Kopf jedes Deutschen, auch der Missionare gesetzt haben, welche sich der grausamen Gefangenschaft durch Flucht entzogen, muß abgewartet werden. Unmöglich ist es nicht. Man darf es denen schon zutrauen, welche die farbigen und schwarzen Heiden völker nach Flandern holen, um sie wie wilde Tiere gegen unsere lieben Söhne loszulassen. Hochgebildete Männer und Frauen in Deutschland fragen trotzdem heute noch, wie es möglich sei, unsere Missionare so niederträchtig zu behandeln. Ihr guten Seelen kennt das amt liche englische Christentum immer noch nicht. Die geräuschvollen, frommen Veranstaltungen und die in der Lippe Kanaans" ver faßten Berichte der entschiedenen Christen" haben euch ge täuscht. Ohne jeden Zweifel gibt es dort sehr viele, welche in aufrichtiger Glaubensüberzeugung das Werk der Mission unter den Heiden lieben und unterstützen- aber das eine steht auch ihnen über allem anderen fest: Wer die britische Weltherrschaft im allergeringsten schädigen könnte, muß vernichtet werden- es sei auf politischem, kom merziellem oder religiösem Gebiet. Dieser Grundgedanke war der satten, beschränkten Geistlichkeit längst in Fleisch und Blut übergegangen. Die Geistlichen der anglikanischen Staats kirche sind politisch fest gedrillt. Ihr großer Einfluß auf das 62 urteilslose, zum Teil noch analphabetische Volk wird von den Einpeitschern der Parteien und von den stimmungmachenden Zeitungen stark in Anspruch genommen. Jetzt sind sie alle einig gegen uns. Wer sie kennt, wundert sich gar nicht über die Hetzpredigten der protestantischen Erzbischöse, Bischöfe und Pfarrer, welche in frevelhafter Übertretung des achten Gebotes uns als verruchte Satansknechte" schildern und unsern Kaiser als den Abschaum teuflischer Gesinnung". Und doch haben bei dem Wettschießen mit christlichen" Dum-Dum- Geschossen nicht die Geistlichen den Rekord" erlangt, sondern die Missionsg eselisch asten. Es ist über alle Maßen betrübend, ihre ruhig überlegten, gemeinschaftlichen Erklärungen zu lesen. Sie ^ die Mis- sionsgesellschaften! ^ finden kein Wort des Abscheus, nicht einmal des Widerspruchs gegen das Herbeirufen der Heiden völker, die helfen sollen, uns zu erwürgen. (Ob wohl die Mohammedaner imstande wären, heidnische Völker gegen ihre Glaubensgenossen zu Hilfe zu rufen? Erweist sich der Geist Mohammeds kräftiger, als es der Geist Gottes ist, in den uns feindlichen, seit tausend Iahren christlichen Nationen?) Noch habe ich kein Wort des Widerspruchs von seiten der englischen Missionsgesellschaften gegen die Gefangennahme und ruchlose Behandlung unsrer Missionare gefunden. So denken und schweigen dieselben Christen, mit denen wir mehrere Menschen alter lang in Treue und Glauben Schulter an Schulter gestanden und gearbeitet haben. Das ist verächtlicher als der Treubruch Italiens. Und doch gibt es unter uns Leimsieder, sogar nam hafte, welche meinen, den Verrat an der heiligen Sache mit dem Mantel christlicher Liebe zudecken zu müssen. Ihre Ver öffentlichungen werden in England wie Gold geschätzt und in allen Zeitungen als Stimmen der besten Deutschen" ausposaunt. Alle Freunde unsrer deutschen evangelischen Mission wissen, wie schwer diese Kriegszeit auf ihr lastet. Viele unsrer Posten sind verwaist, manche zerstört- ihre Leiter und Lehrer verschleppt und gefangen! die Hilfsmittel im Vaterlande beschränkter als je. Hunderte von Missionaren und Zöglingen stehen im Felde. Die weiße Rasse hat ihren Nimbus vor den Farbigen verloren. Wo will das alles hinaus? Und dennoch wollen wir un- 63 verzagt bleiben gleich unfern Helden im Kampfe und in den Schützengräben. Sie kennen die Pläne der Heerführer nicht, und doch kämpfen sie in unbedingtem Gehorsam und unerschütter licher Treue, um uns mit dem Einsatz ihres Lebens vor dem Verderben zu bewahren. Sie erfüllen in ihrem Pflichtenkreise das Wort des Apostels: Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark!" Wir wissen, daß die Gedanken des Allmächtigen über die Bekehrung der Heiden zu Tatsachen werden müssen. Und darum müssen wir beim Werke der Mis sion erst recht wachen, im Glauben stehen, männlich und stark sein, weil der Befehl unseres Herrn lautet: Gehet hin in alle Welt und machet alle Völker zu meinen Jüngern! Aber der harte Krieg nimmt uns auch auf diesem Ge biete alle falsche Sentimentalität. Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt" so denkt keiner unsrer Zeit genossen mehr. Mir paßt sogar das viel wiederholte Dichter wort nicht: Und es soll am deutschen Wesen noch einmal die Welt genesen." Die Welt? Das klingt mir zu englisch. Mit bereitwilliger Freude wollen wir an unserm Teile, aber innerhalb wohlbedachter fester Grenzen, Mission treiben. Alle ihre Freunde unter uns sind in dem Punkte einig, daß sie unter keiner Bedingung der Politik dienen darf, sondern eine freie Betätigung des Glaubens bleiben muß. Nach der Seite ihrer Ausdehnung scheinen jedoch die Ansichten auseinanderzugehen. Die einen möchten festhalten, was wir haben, auch die Stationen, welche uns, wie sie meinen, nur vorübergehend von unsern Feinden genommen sind. Sie bringen sehr gewichtige Gründe, äußerer und innerer Art, für ihren Wunsch bei. Die anderen raten den Missionsgesellschaften, die Posten einzuziehen, welche sich in englischen und französischen Besitzungen befinden, und sich auf unsere eigenen Kolonien zu beschränken; nach dem bisherigen Gange der kriegerischen Er eignisse dürften wir mit dem Besitz derselben und womöglich mit einer bedeutenden Erweiterung rechnen. ^ Ich schließe mich der letzteren Auffassung an, und zwar aus dem einfachen Grunde, daß die Feinde auf keinen Fall deutsche Missionare in ihren Ländern dulden werden. Wer das bezweifelt, hat seit einem Jahre nichts gelernt. Sie werden die nach Millionen zu be- 64 wertenden deutschen Gründungen als gute Prise behandeln und das durch unsere Missionare mühsam unter den Heiden ver breitete geistige Kapital zu ihrem Nutzen einkassieren. Man glaube doch nicht, daß die brutale Mißhandlung unsrer Friedens boten nur eine Folge der Aufregung durch den Krieg sei- sie ist eine Erscheinung des festen Willens der britischen Volksseele: jede Konkurrenz da zu unterdrücken, wo es möglich ist. Eng land wird sich nach dem Kriege keinen Augenblick besinnen, alle deutschen Missionsplätze, evangelische wie katholische, die sich in seinem Machtbereiche befinden, mit eigenen Missionaren zu besetzen. Wir sind zornig auf England, aber England haßt uns, und diese Stimmung wird gerade bei diesem Volke in Menschenaltern nicht überwunden werden. Der deutsche Handel wird sich von selbst wieder zur Geltung bringen. Wie es jedoch als ausgeschlossen erscheint, daß sich unsere Auswanderung in absehbarer Zeit in die überseeischen Besitzungen unserer Tod feinde begibt, so sollte es auch mit unsrer Mission gehalten werden. Rein ab, und dann schiedlich friedlich! Ein freiwilliger, planmäßiger Rückzug möchte doch wohl richtiger sein, als dar auf zu warten, später unfehlbar hinausgeworfen zu werden. Die Mission darf sich nie wieder auf papierne Verträge verlassen! Sie würde in unsern eigenen Kolonien (und etwa in der Fortsetzung ihrer Arbeit in China und der Türkei) für hundert Jahre Arbeit in Überfluß haben. Eins scheint mir sicher zu sein: die Anteilnahme unseres ganzen evangelischen Volkes für die Mission würde durch solche Beschränkung bedeutend zunehmen. Das hat sich bereits bei dem 25jährigen Regierungsjubiläum unseres Kaisers erwiesen, wobei die Nationalspende für die Mission in unsern Kolonien fast 3Vz Millionen Mark für die evangelische und 1300000 M. für die römische Mission betrug. Das große, heilige Werk würde durch die Beschränkung allen Deutschen näher gerückt, übersichtlicher, vertrauter. Wir sollten uns auch nicht scheuen, neben der religiösen Hauptsache die sogenannte kulturelle" Aus gabe der Mission bei der Propaganda für sie zu betonen. In meiner Schüler- und Studentenzeit und noch Jahrzehnte hernach wurde in Norddeutschland oft gesagt: Kultur ist wich tiger als Mission." Wahrscheinlich denken auch heute noch 65 recht viele so. Man sollte jede Gelegenheit benutzen, sie darauf aufmerksam zu machen, daß gerade die Mission die Haupt vermittlerin der Kultur ist. Man braucht nur, um das einzu sehen, an die Stelle des unklaren Wortes faßbare Ausdrücke zu setzen. Wer bringt denn den Heiden Erziehung, Bildung, Förderung in der Sittlichkeit und in den Sitten, ein reineres Familienleben, den Segen der Arbeit? Wer überwindet den Kannibalismus, die Sklaverei? Die Mission! Das bezeugen willig alle, welche ohne Voreingenommenheit das Werk an Ort und Stelle kennen gelernt haben? viele, die in Europa die Mission gering schätzten. Nur ein Beispiel: Darwin, der berühmte Naturforscher, fand bei seiner ersten Weltreise auf den Feuerlandsinseln wüstes Heidentum. Kindesmord und Menschenfresserei waren gang und gäbe. Das schreckte aber eine Anzahl von Missionaren nicht ab, dahin zu gehen. Mehrere von ihnen wurden getötet. Als Darwin nach einer Reihe von Iahren auf einer Forschungsreise wieder dahin kam, fand er die Einwohner als völlig verwandelte Christen wieder. Er spricht sich in einem seiner Werke begeistert darüber aus, und blieb bis zu seinem Tode ein eifriger Werber für die Mission. Tausende von Schulen sind von der Mission gegründet. Allein in den deutschen Kolonien bestanden bis zum Ausbruch des Krieges rund 2600 Schulen mit rund 800 deutschen Lehrern (von denen jeder einzelne ein Pionier deutscher Gesinnung und Gesittung in der weiten Welt war) und mit mehr als 3400 eingebornen Lehrern. Davon gehörten 1682 Schulen mit 83000 Schülern der evangelischen Mission an, 916 mit 59000 Schülern der katholischen. Wie bedeutsam ist auch die geistige Be wegung, welche die Mission in Deutschland hervorgerufen hat! Die Lehranstalten der Missionszöglinge- ein besonderes Institut zur Ausbildung von Missionsärzten an der Universität Tübingen für alle medizinischen Wissenschaften- Vorlesungen an andern Universitäten- Vorträge,- eine große Anzahl von Zeit schriften, von gelehrten und volkstümlichen Büchern. Die wissen schaftlichen Werke des Altmeisters Warneck sind eine wahre Fundgrube für Völkerkunde. Selbst ein Teil der in religiöser Hinsicht links stehenden Tagespresse scheint endlich begriffen zu 5 66 haben, daß die Mission ein Werk von großer Bedeutung, eine Kulturträgerin allerersten Ranges ist. Aus dem allen geht hervor, daß wir auf dem richtigen Wege sind, um weite Kreise, die bisher fern standen, für die Mission zu gewinnen. Wir können dabei noch viel von den nordamerikanischen Methodisten lernen, deren Zeitschriften (auf dem Glaubensgrunde fest, aber kurz verankert) anziehende Be richte über alle Lebensbedingungen der fernen Völker bringen, über Abstammung, Geschichte, Beschäftigung, geographische und geologische Verhältnisse, über Hausbau, Werkstätten, Pflanzungen usw. Alles in allgemein verständlicher und rein sachlicher Weise. Enge des Gesichtskreises paßt in kein Gebiet weniger hinein als in das der Mission. Man rede doch nicht gleich von Ver weltlichung". Die Mission stellt auch noch eine andere, bedeutungsvolle Erscheinung dar. Während die evangelische Kirche in Deutsch land leider viel zu unselbständig ist, so daß sie in ihren Behörden wie ein Anhängsel des Staates erscheint, ist die Mis sion eine vom Staate freie Betätigung des Glaubens. Sie verlangt vom Reiche nur den Schutz, den es jedem Deutschen gewährt. Endlich möchte ich noch zwei Wünsche aussprechen. Der Krieg hat den Bestand der meisten Stationen entweder ver nichtet oder doch gefährdet. Denken wir dabei zunächst nur an Afrika, wo ziemlich alles später neu angefangen werden muß. Erweitern sich dort unsere Besitzungen, wie wir es hoffen dürfen, dann sollten von vornherein große Gebiete zwischen der evangelischen und römischen Mission fest getrennt und verteilt werden, damit die sonst unvermeidlichen Reibungen künftig ver mieden werden. Zweitens sollten unsere Missionsgesellschaften ihre Arbeitsfelder in Afrika klar voneinander scheiden. So wie es jetzt Städte in Deutschland gibt, welche die Patenschaft für die in Ostpreußen und im Ober-Elsaß zerstörten Ortschaften übernehmen, sollten die Freundeskreise der Missionsgesellschaften ihre Fürsorge den begrenzten Arbeitsgebieten in verdoppelter Opferfreudigkeit nach dem Kriege zuwenden. Es würde durch solche feste Organisation die Teilnahme der Geber wie der Nehmer sicherlich wachsen, besonders für die in deutschen Kolo-67 5* nien gelegenen Arbeitsgebiete. Also z. V. sollte Rheinland die Patenschaft ausschließlich für die Barmer, Westfalen für die Bielefelder, Hannover für die Hermannsburger Mission über nehmen usw. Dadurch würde der Zusammenschluß aller Deutschen auf der Erde, unsrer provinziellen und staat lichen Eigenart entsprechend, auch auf diesem Gebiete kräftig gefördert werden. Ich schließe mit einigen Zahlen. Nach dem Iahrbuche der sächsischen Missionskonferenz trafen auf den Kopf der Be völkerung in Deutschland während der Jahre 1911^1913 durchschnittlich 14 Pfg. jährlicher Missionsgaben, in Schweden und Norwegen 40 Pfg., in der Schweiz 50 Pfg. Einzigartig steht die Leistung der Brüdergemeinde da, wo jeder einzelne 7 M. aufbringt. Bremen weist in Deutschland nach der Brüder gemeinde die höchste Leistung aus mit 39 Pfg. für die Person, Thüringen die geringste mit 3 Pfg.Inhaltsverzeichnis. Einleitung 1. Von der Presse 2. Allerlei von Politik und Kolonisation 3. Der Handel 4. Die evangelische Schule 5. Die evangelische Kirche in Übersee . 6. Die evangelische Mission ....SSL M2 151533195010Und die Deutschen in Übersee? cm 1 2 M o Stastsdivliotlieli verlin pi-e^stisciie!- Xulwi-desiti Gütersloh Druck und Verlag von T. Bertelsmann 1916
