Die Trommel schlug zum Streite Die Eröffnung des Reichstages am 4. Nugcilt 1914. Die Trommel schlug zum Streite Historische Erzählung aus dem Kriegsjahr 1914 von Prof. Dr. Walther Arndt Mit einem Titelbild von Wilhelm Pape, vier Vollbildern in Farbendruck von G. W. H. Jäger und zahlreichen Kunstbeilagen Meidinger s Iugendschriften Verlag Berlin W 66In diese Kriegsschilderungen wurde eine Erzählung von Marr Möller verflochten; es geschah das mit der Erlaubnis des Verfassers ^55Inhalts-Verzeichnis Ecite Erstes Kapitel: Im Zauber des Friedens 7 Zweites Kapitel: Deutschlands Jugend 24 Drittes Kapitel: In Tante Helenes Pension .... 40 Viertes Kapitel: Das Wetterleuchten in Sarajewo . 65 Fünftes Kapitel: Mobil 86 Sechstes Kapitel: Stürmische Tage IOZ Siebentes Kapitel: England erklärt den Krieg ... 127 Achtes Kapitel: Lüttich und Metz 146 Neuntes Kapitel: Florian als Detektiv 164 Zehntes Kapitel: Draußen Kämpfe, drinnen Läuterung 186 Elftes Kapitel: HiudenburgS Taten und weitere Kämpfe nach zwei Seiten 2O? Zwölftes Kapitel: Festungen; der Rückzug an der Marne; 1^9" und anderes 217 Dreizehntes Kapitel: Der feldgraue Florian. Der Halb mond tritt dazwischen 240 Vierzehntes Kapitel: Kämpfe im fernen Osten. Tsingtau. Die Emden" 26? Fünfzehntes Kapitel: Unter der Fahne des Propheten. Belgrad. Weitere Kämpfe Sechzehntes Kapitel: Ausklang. Silvesterglocken . . Z4ZErstes Kapitel. Im Zauber des Friedens. Tiefe Sommerstille lag über dem großen Hofe des kleinen pom- merschen Gutes Klein-Grussow. Die Storchmutter putzte auf dem Dach der langgestreckten, nüchternen Scheune geruhsam ihr Gefieder: die Jungen waren satt: am klarblauen Himmel zog keine Wolke. Die Arbeiter waren auf dem Felde: das Gehöft lag ruhig da. Die kleine Kirchturmuhr schlug langsam zehn Schläge. Nur der Hahn des Kirchturms konnte noch eben über den Lindenwall hinaus sehen, der das ganze niedrige und derbfeste Gotteshaus dicht umfriedete. Hinten am Dorfteich hatten es ein paar Enten riesig eilig und furcht bar wichtig mit dem Geschnatter; es waren die einzig Aufgeregten! Ruhig hatte die Gutsbesitzersfrau in der großen, blauen Stube, von der aus man den ganzen Hof übersehen konnte, den Frühstücks tisch für sich und ihren Gatten gedeckt. Als sie eben damit fertig war, sah sie ihn auch schon vom Pferdestall herüberkommen. Er war immer pünktlich. Das Haus der Familie Peeck war trotz all seiner heiteren Gastlich keit ein stilles. Der Rittmeister hatte es ein für allemal ausgemacht, daß er die erste ruhige Tischmahlzeit des Hauses um zehn Uhr morgens stets ganz ungestört und nur in Gesellschaft seiner Frau einnahm. Etwaige Gäste kannten diese Sitte und hatten sich entweder danach zu richten oder überhaupt fernzubleiben: einzig und allein mit Tante Helene wurde hierin eine Ausnahme gemacht: mußte hierin eine Aus nahme gemacht werden, wenn die einmal aus Berlin herüberkam. Mit dem jungen Leutnant Lemke, der seit acht Tagen hier zur Erholung weilte, wurden nun erst gar keine Umstände gemacht: dem hatte die Mamsell ein Butterbrot und ein Glas Bier hinten in die Laube ge tragen. Der Rittmeister trat in gebückter Haltung in die Tür, stellte den groben Knotenstock in das Schirmgestell an der Ecke, stülpte den Hutüber den Nagel und wischte sich die Stirn und die grauen Schläfen. Dann strich er sich den langen Schnauzbart, ging auf seine Frau zu und küßte sie. Morgen, Mudding!" So nannte er seine Frau gewöhnlich. Morgen, Fritz!" Post angekommen?" Noch nicht! Muß aber gleich kommen." Übrigens weiß der Kutscher Bescheid, daß heute der Bengel schon eine Stunde früher fertig wird? Er soll nur rechtzeitig anspannen und hinausfahren. Der Junge wird sich auch auf die Ferien freuen. Solch ewiges Schulgehocke kannte man in meiner Zeit nicht." Das mit der zuvielen Arbeit kann ich nicht finden. Denk doch mal, die vielen Wandervogelfahrten. Und dann ist Peter doch auch schon in Sekunda. Da kann er schon eine anständigere Portion Arbeit vertragen." Wo steckt denn der Leutnant? Ich Hab ihn auf dem Felde gar nicht getroffen." Ich denke, es macht ihm keinen Spaß mehr, sich da herum zutreiben, weil der Doktor ihm das Reiten verboten hat." Mag sein. Hat Tesch schon in der Küche alles in Ordnung ge bracht?" Jawohl. Er war um halb neun hier. Alles in Ordnung. Nimm dir auch ein paar Spiegeleier. Nein, iß erst ordentlich. Die Zigarre kannst du dir nachher anstecken. Vorhin war Harms noch hier; er sagt, mit dem Major stände es schlecht." Mit dem Major steht es ja schon immer schlecht. Der wird sich wohl nicht wieder erholen." Was wollte denn Harms hier?" Er hat mir das Kleid gebracht für heute nachmittag zur Taufe." Ach ja, richtig! Heute nachmittag müssen wir ja noch in die Stadt." Wollen wir da Peter mitnehmen?" Laß den Jungen man lieber hier. Außerdem gehören Kinder nicht zu einer solchen Feier. Die paar Stunden wird er sich schon ge nug mit Spielen vertreiben. Vielleicht bringt er sich ja auch noch einige Kameraden mit. Davon sprach er schon das letztemal." Was ziehst du dir denn zur Taufe an?" Aber Kind, was ist das nun wieder für ne Frage. Meinst du denn etwa, ich sollte im Frack kommen? Ich ziehe doch einfach den grauen Rock an. Darin kennen mich die Leute da." Ich dachte, du würdest vielleicht Uniform anziehen." S5 Aber Kind, was soll ich bei Doktor Meyers Taufe mit einer Uniform? Da paßt die ganz und gar nicht hin. Erstens ist der Mann in seinem Dienstjahr nicht mal Gefreiter geworden; vor allem, was an ein Messer erinnert, hat er solche Angst, daß er längst nur noch auf Homöopathie schwört: und den Jungen wird er wohl auch auf den waschlappigen Philisternamen Friedlieb taufen lassen wollen, wie er selber heißt." Aber es ist doch immerhin eine Taufe, und Meyers würden es immerhin als eine Höflichkeit auffassen, wenn du in Uniform kämest." Doktor Meyer weiß, daß ich schon ungeheuer höflich bin, wenn ich überhaupt aus meiner Klitsche herauskomme. Du sagtest ja wohl schon: Die Post ist noch nicht da?" Nein, aber sie muß ja gleich kommen." Lüchow traf ich eben auf dem Felde; er hat gestern unfern Leut nant auf dem Bahnhof getroffen. Was hatte er denn da zu tun?" Ich hatte ihn gebeten, den Brief an Schwester Helene persönlich in den Kasten zu stecken. Du weißt doch?" Was soll ich wissen?" Nun, heute ist doch Helenes Geburtstag!" Ach richtig! Das wäre auch gräßlich, wenn das vergessen würde!" Sei doch gerecht, Fritz! Du weißt doch, was wir ihr verdanken!" Natürlich! Weiß ich ganz genau! Wenn s ihr nicht so gut ge gangen wäre und sie uns nicht unterstützt hätte, damals in den schweren Jahren, säßen wir längst hier nicht mehr auf Klein-Grussow!" Na also!" Du hast doch meine Grüße auch mitgemeldet?" Selbstverständlich. Ausführlich. Als wenn du neben mir ge standen und sie mir diktiert hättest. übrigens laß uns doch gerecht sein. Sie benimmt sich doch zu unseren Kindern so, daß ich beinahe zur Eifersucht Grund hätte. Und wenn sie es auch ungern sähe, wenn wir den Tag vergäßen, oder wenn sie sich hier nicht als Erbtante fühlen dürfte, so läßt sie ihren Geburtstag doch in Berlin selber jedesmal ganz unbemerkt vorübergehen." Die feiert da mit all ihrem ausländischen Volk ja auch Feste und Jubiläen sonst schon in Massen und übergenug." Der Rittmeister war aufgestanden und hatte sich die Zigarre an gezündet. Seine Schritte und seine Gedanken gingen hin und her. Wenn wir nachher in die Stadt kommen, möchte ich doch mal beim alten Major vorsehen. Hat Harms denn nichts Genaueres erzählt? Der Alte war doch das letztemal noch so frisch!"10 Harms sagt, er wäre jetzt ewig müde und mißmutig." Als ich ihn vor vier Wochen in seinem Garten sprach, ließ er noch Mosel kommen und stieß mit mir an und meinte, er wollte mit mir um einen Korb Sekt wetten, daß es doch noch einmal zum Dreinhauen käme; und dann würde er sich stellen, und dann würde er auf einmal wieder ganz gesund werden." Die Wette wird er wohl verlieren. Helene schrieb mir neulich, es wäre an Krieg gar nicht zu denken." Die muß das denn ja wohl auch wissen." Natürlich. Die sitzt ja in Berlin und kommt täglich mit so und so vielen Ausländern zusammen. Sie schrieb es mir aus Leipzig. Sie war ja bei der Eröffnung der großen Buchhändlerausstellung." Daß sie die Nerven hat, das alles auszuhalten. Ich als Mann würde das nicht können. Dies ewige Gutentagsagen und Schwatzen und Jnteresfierttun würde mir auf die Nerven fallen." Das liegt eben in ihrem Beruf. Sie hat eben da eine große Pen sion für In- und Ausländer. Mit Einsilbigkeit läßt sich das nicht machen. Wir können froh sein, daß sie solchen kaufmännischen Geist hat." Jawohl, Kind. Das war eine große Rettung für uns, daß sie uns damals bei der Mißernte aus der Klemme helfen konnte; und ich freue mich ja auch, daß unsere beiden Gören bei ihr ein Zuhause gefunden haben. Ohne sie und ihre Beziehungen, die sie ja überall hat, hätte der Lümmel die Stellung an der Bank nicht mal gekriegt. Und Lissi kann sich da ja auch wohl nützlicher machen als bei uns; wenigstens wird es für solch junges Ding da amüsanter zugehen als hier in unserer ehr baren Einsamkeit." Du mußt ja doch einsehen, daß Lissi über kurz oder lang eine passende Partie machen sollte; und das findet sich doch wohl leichter unter Helenes Schutz. Hier ist die Auswahl geringer." Tante Helene weiß aber, daß ich ihren großstädtischen Geschmack nicht immer teile. Und nicht alles für Gold halte, was da in Berlin glänzt." Wir werden schon auch mitzureden haben." Das Mädchen erschien, um den Frühstückstisch abzuräumen, und meldete: Der Inspektor ist draußen und will den gnädigen Herrn sprechen." Der Rittmeister ging auf den Korridor. Die Ruhestunde war ab gelaufen. Was ist los, Kruse?" Ich wollte fragen, Herr Peeck, ob der Tierarzt nicht kommen soll, um mal nach dem Braunen zu sehen." Steht es denn so schlimm? Morgen, Leutnant. Auch schon da? Ich will Ihnen was sagen, Kruse, wenn Sie meinen, daß es nötig ist, telephonieren Sie in die Stadt. Der Tierarzt kann ja dann zusammen mit dem Jungen kommen. Platz genug ist ja aus dem Wagen. Mehr als drei Schulkameraden wird Peter sich ja wohl nicht mitbringen. Haben Sie sich das Biest mal angesehen, Herr Leutnant?" Jawohl, Herr Rittmeister, steht schlimm." Dann gehen Sie nur rein und klingeln den Menschen mal an. Kommen Sie, lieber Leutnant. Sie werden sich hier langweilen, wo Sie nicht mehr reiten dürfen. Das kommt davon, wenn man so wahn sinnige Sachen riskiert. Rauchen Sie? Bitte. Kommen Sie mit. Wir wollen mal nach dem Vieh sehen." Der Leutnant verneigte sich militärisch und schritt dann zur Linken des onkelhaften Freundes über den großen Hof dahin. Sein Vater und Rittmeister Peeck waren ja Jugendfreunde gewesen. Der Leutnant und der Sohn des Rittmeisters hatten noch vor einem halben Jahr stolz im selben Regiment gestanden. Das waren heitere Zeiten gewesen. Die waren jetzt vorbei. Der junge Peeck hatte die Militärkarriere ergriffen, weil ihm die militärischen Beziehungen seines Vaters eine Freistelle in der Kadetten schule verschafft hatten, und weil diese Karriere für den damals ganz verarmten Agrarier die einzig gegebene und billigste war. Der Junge hatte ja überall gute Freunde gefunden; seine Schlingeleien hatte man nur als Liebenswürdigkeiten belächelt; wie das so eben harmlosen, schmucken, jungen Soldaten geht. Aber als er dann nach einem Kasino feste, bei dem er des Guten zu viel getan hatte, plötzlich den Befehl zum großen Alarmblasen gegeben hatte, da war seine Schlingelhaftigkeit seinen Vorgesetzten denn doch etwas zu wild vorgekommen, und man hatte ihm den Abschied gegeben. Der Schlag hatte den Rittmeister schwer getroffen. Eine Rettung konnte er darin nicht erblicken, daß der Bengel in Berlin bei der Bank angekommen war. Denn erstens verdankte der Lümmel diese Stellung ja doch nur der Güte der Schwägerin und Tante, und zweitens fohlte ihm ja selbstverständlich jedes Interesse für diese Schreibstubentätigkeit. Der Rittmeister mußte sich jedesmal Gewalt an tun, wenn er jetzt mit dem ehemaligen Kameraden seines Sohnes harm los reden wollte; denn dessen Nähe erinnerte ihn beständig an den Jungen, und er wollte nicht an den Jungen erinnert sein. übrigens 1l12 war der ja auch a. D. hatte auch den bunten Rock ausgezogen, seit er sich beim Sturz vom Pferde die Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Aber für den Leutnant war ja schließlich immer gesorgt. Sein Vater war reich und Fabrikbesitzer: die Gehirnerschütterung war längst verwunden: und so stand dem noch jungen Menschen ja jedes Studium und die ganze Welt offen. Die beiden Männer gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Es war, als fühlten sie, daß ihre beiderseitigen Gedanken auf ähn lichen Wegen gingen. Der Leutnant empfand das Peinliche des Schwei gens und sprach von seinen neuen Hoffnungen, von seinem Plane, nach der völligen Genesung in Berlin oder Greifswald Juristerei studieren zu wollen. Jawohl, lieber Leutnant", bestätigte der Ältere. Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, so nennen Sie mich bitte nicht Leutnant. Mit dem Soldatenspielen hat es jetzt für mich keinen Zweck mehr. Sie lassen sich ja auch von Ihrem Inspektor ,Herr Peeck titulieren. Im ewigen Frieden ist das ja wohl ebenso ver nünftig." Ganz recht, mein lieber Lemke. Sagen Sie auch einfach ,Peeck ." Jawohl, Herr Peeck." Die beiden Soldaten, die mit ihren unzeitgemäßen militärischen Titeln von nun an nicht mehr angeredet werden wollten, befanden sich gerade in der Mitte des Hofes, als drinnen im großen Zimmer das Telephon heftig klingelte, und gleich darauf steckte auch der Inspektor den Kops zum Fenster heraus und rief: Herr Peeck, Fernamt Berlin hat eben angerufen!" Wir kommen schon." Im Gehen meinte er: Das wird Lissi wieder mal sein: das Kind verschwendet ein rasendes Geld am Telephon." Die beiden Männer gingen über die Diele des Hauses. Sie war weiß gestrichen. Die Schmuckstücke, die da hingen, paßten eigentlich nicht so recht zueinander: die Mitte der großen Wand nahm in halber Lebensgröße eine künstlerische Photographie der stattlichen Tante Helene ein. Das Bild hing in großem, schwerem, geschnitztem Eichen rahmen, und ringsherum hingen Geweihstücke. Als Peeck ins große, blaue Zimmer trat, stand seine Frau schon neben dem Telephon. Bitte, bleiben Sie ruhig, lieber Herr Lemke: kommen Sie man rein, Sie stören nicht, es wird das Kind, es wird die Lissi sein." Er trat an den Kasten und legte den Hörer an das Ohr: Halloh hier Peeck! Jawohl Tag Lifsi. Jawohl, Vater ist hier. Ob wir geschrieben haben? Natürlich! Wird nicht ver gessen! Nein, nein. Dann wird die Post es euch heute noch bringen. Mutter steht hier neben mir im Zimmer. Mutter hat s gestern geschrieben. Nein: Tante Helenes Geburtstag wird nie vergessen. Leutnant Lemke steht hier auch neben mir. Jawohl, der junge Lemke. Jawohl, geht ihm schon besser. Er dienert eben immerfort. Soll ihn also empfehlen. Der junge Lemke hat gestern den Brief selber in Anklam auf dem Bahnhof in den Postkasten gesteckt. Wird schon ankommen. Mach dir nur keine Sorge. Wie es Peter geht? Der Junge kommt heute nachmittag. Wahrscheinlich aber nicht allein. Einige Wandervögel werden wohl mit ins Haus flattern. Ist wohl großer Trubel bei euch? Nein? Warum nicht? Was? Wie? Ich kann nicht verstehen! Was wird da denn sür ein Lärm gemacht? Was? Da wird ein Podium aufgeschlagen? Da wird ne Orgel aufgestellt? Soll denn nun schon zum Geburtstag ein Choral gesungen werden? Ihr werdet in Berlin noch ganz meschugge! Was? Wer ist gestorben? Ich kann den Namen nicht verstehen! Sag den Leuten, sie sollen ruhiger sein, wenn das geht. Wie heißt der Kerl? Ich kann den Namen absolut nicht ver stehen! So, es ist also eine Dame? Kenne ich die Person? Wohl nicht. Dann sag nur unser Beileid unbekannterweise. Jawohl, Tante Helene hat ja viel Bekannte, da ist ja wohl tagtäglich ein Todes fall und ein Geburtstag. Also, sei ganz ruhig, der Geburtstagsbrief wird denn wohl mit der zweiten Post bei euch ankommen. Nein, nein, nein, nein! Ich kenne ja Tante Helene! Die Rücksicht sind wir ihr ja auch schuldig. Ich weiß das ganz genau. Und Tante Helene weiß das wohl auch. So. So. Das ist ja reizend von ihr. Also herzliche Grüße. Jawohl. Uns triffst du hier immer. Wir sind alte Leute und jachtern nicht immer in der Welt herum. Wir gehen selten aus. Uns triffst du immer im Bau. Jawohl, Kind. Mach uns das Vergnügen. Kuck mal bald vor. Jawohl. Heute nachmittag find wir beim Doktor. Jawohl, bei Doktor Friedlieb Meyer: der kleine Junge wird getauft. Jawohl. Sind nette Leute. Hoffentlich haben sie nicht zu viel Besuch. Nein, wir fahren recht zeitig wieder zurück. Jawohl. Jawohl. Ja. Ja, ja. Adieu, mein Kind." Als Rittmeister Peeck den Hörer wieder an den Apparat gehängt hatte, ging er mit großen Schritten zum kleinen Eckschrank und holte die Kognakflasche hervor: Heben Sie einen mit?" IZ15 Bin so frei", sagte der Jüngere. Während die beiden wie nach schwerer Arbeit tranken, sagte die Mutter plötzlich, nach draußen blickend: Da kommt Gravelottenschmidt mit der Post." Drüben über dem Hügel der Landstraße erschien eine gebeugte, zierliche Gestalt, die im linken Arm ein großes Paket schleppte und in der Rechten fröhlich winkend einen Brief in die Höhe hielt. Der scheint ja diesmal nicht viel Post zu bringen." Der junge Lemke blickte scharf Hinaus; plötzlich bewölkte sich feine junge Stirn: Was hat Gravelottenschmidt denn? Der Brief, den er da so schwenkt, ist ja wohl ein Trauerbrief?" Wer mag denn da wieder gestorben sein?" meinte Mutter Peeck elegisch. Gravelottenschmidt grinst, wie es sich für einen Todesboten gar nicht schickt", meinte der Alte. Es wird wohl von Tante Helene sein. Die hat ein weites Herz und trauert gern." Wenn s man nichts Schlimmeres ist." Aber diese Bedenken verscheuchte Gravelottenschmidts fröhliche Stimme, die so laut, daß man es über den ganzen stillen Hof hören konnte, rief: Breef ut Berlin!" Es wird von Tante Helene sein: das Kind sagte ja auch eben, daß da irgend jemand tot geblieben sei." Die drei gingen auf die große Diele, wo die Korbmöbel standen. Gravelottenschmidt trat ein, legte das Paket auf den Tisch und gab der Hausfrau den Brief. Der Alte gab ihm eine Zigarre. Mutter war an ihrem Nähtisch geblieben, um sich die Brille zu holen. Schmidt hatte sich empfohlen. Der alte Kerl war früher Tagelöhner gewesen und half jetzt als Botengänger. Viel taugen tat er nicht. Aber er mußte eben so ver braucht werden". Er war eben alter Kriegskamerad von Anno Siebzig. Er hatte die Schlacht bei Gravelotte mitgemacht. Und wie er sich fest einbildete, hatte er durch seine fabelhafte Flinkigkeit die Entscheidung herbeigeführt. Die Geschichte dieser Schlacht und ihrer Entscheidung kannte jedes Kind zwischen Anklam und Pasewalk. Zu unzählbaren Malen hatte Schmidt sie zum besten gegeben; deshalb hieß er auch allge mein nur Gravelottenschmidt". Alle, in deren Gegenwart Gravelotten schmidt jemals ein Glas über den Durst getrunken hatte und wer wäre das nicht gewesen?! wußten genau Bescheid, wie damals die15 Truppen vor der großen Entscheidung gestanden hatten, und wie der Hauptmann in wahnsinniger Angst" Schmidt zugerufen hatte: Fritzing, lauf fix zu! Und bring dem Major ein anderes Pferd! Seins ist ihm eben unter dem Leib weggeschossen! Bring dem Major fix ein anderes Pferd! Sonst können wir hier nicht weiterkämpfen! Fix, Fritzing, tummel dich!" Und da hatte sich Fritz denn getummelt. Dadurch war damals einzig und allein nach Schmidts Anficht der Sieg möglich geworden. Seit der Zeit hieß er bei allen Kindern und Leuten Gravelottenschmidt". Der Name hing ihm an, als wenn s ein Ulkname wäre; denn in langen Friedenszeiten verlieren ernste Namen leicht ihren ernsten Klang und ihre große Bedeutung. Der alte Peeck nannte den alten Botengänger auch immer nur einfach Schmidt; wenn er ihn aber im Flottenverein oder im Kriegerverein traf, so sagte er immer nur Kamerad". Dann saß Mutter Peeck im großen Korbstuhl auf der Diele und las den Brief erst einmal durch, ehe sie ihn vorlas. So war es hier immer Sitte gewesen. Peeck sah ihr ruhig ins Geficht, ob auch keine zu schreck hafte Todesnachricht im Schreiben stände; als er aber sah, daß sie es anscheinend ertragen konnte, was da im schwarzgeränderten Briefe ge meldet wurde, zog er die kleine Zigarrenschere und schnitt die Fäden des Paketes auf, das auf dem Tische lag, um es auszupacken. Was mag denn bloß wieder da drin sein?" Das wird wohl ein Bild sein", meinte der junge Lemke. Schon wieder ein Bild? Das wäre gräßlich! Was mag das wieder sein?" Es war ein großes Paket. Der Leutnant a. D. half. Zuerst kam lauter Rollpappe, dann kam Seidenpapier, schließlich erschien in schönem, großem, mattgoldenem Rahmen eine große Photographie: ein ernstes Frauenbild, eine Dame in Trauer. Peeck hob das Bild empor und sah es sich kritisch an. Dann blies er den Tabak in langem Zuge von sich und sagte: Was soll denn das nun für eine sein? Kennen Sie die?" Nein. Nie gesehen." Du, Mudding, was soll das für eine fein?" Mutter Peeck war aufgestanden und betrachtete das Bild. Wer soll das sein, Hanna? Helene wird doch darüber schreiben. Oder ist das so ne Phantasieschönheit? Das is ja woll die Freundin von Tante Helene, die gestorben ist. Sie wird dir doch in dem Briefe darüber schreiben! Wer ist das?"Frau Hanna Peeck sah durch die Brille auf die Photographie: dann ging es wie ein Lächeln aus ihren Augen hervor: Du wirst die Dame wohl nicht kennen. Das ist Berta von Suttner." Was meint Tante Helene damit? Hat die da in ihrer Pension gewohnt?" Ich glaube, einmal ist sie sogar da gewesen." So", meinte der junge Lemke und lächelte kritisch: Das ist also die Berta von Suttner. Ich Hab mal von ihr gehört; im Kasino wurde einmal von ihr erzählt. War zum Schreien. Hat ja woll Bücher darüber geschrieben, daß der Krieg verboten werden sollte; Hab auch mal so n Buch in der Hand gehabt; heißt ja woll Die Waffen nieder oder so ähnlich. Ist mal auf Schlachtfeldern herumgebummelt und hat sich furchtbar darüber gewundert, daß sie dann da auch Verwundete zu sehen gekriegt hat, denen es dreckig ging. Und nun hat sie allerlei Bücher gegen den Krieg geschrieben." Der Generalstab wird sich dadurch wohl nicht stören lassen." Also sie heißt Berta von Suttner; und die ist nu gestorben; und darüber regt sich Tante Helene so auf! Tante Helenes Sorgen möchte ich haben! Und das blödsinnige Bild sollen wir nun geschenkt kriegen und hier aufhängen! Tante Helene ist wirklich ein großes Kind. Die lebt in einer Märchenwelt. Nun ist ihre ,Friedensapostelin tot übrigens ein gräßliches Wort! Und nun wird Tante Helene gewiß meinen, nun wäre der Frieden auch bald tot! Nun meint sie gewiß, ganz Europa käme ins Wanken, weil die alte Gouvernante nicht mehr zur Vernunft ermahnen kann!" Dann nahm der Rittmeister Peeck das große Bild vom Tische und stellte es in die Ecke mit dem Gesicht gegen die Wand. Und so n dämliches Bild schickt deine Schwester uns natürlich gleich im großen, protzigen Rahmen. Das soll natürlich an einen Ehren platz gehängt werden. Sie bestimmt einfach über unsere Wände und über unseren Zimmergeschmack!" Du weißt doch, sie meint es so gut." Weiß ich. Was schreibt sie denn? Lies man erst mal durch." Er schritt in den offenen Türrahmen und paffte in vollen Zügen in die frische Morgenluft hinaus. Als hinten ein paar Knechte über den Hof gingen, rief er ihnen ein paar landwirtschaftliche Befehle zu. Dann blickte er in den stahlblauen Himmel. Das Wetter war trocken. Für die Ernte war das gut gewesen. Aber es lag so etwas in der Luft, als wollte es sich irgendwo sammeln und entladen. Die große Stille ISZum Fürstenmord in Sarajewo, Der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand und sei ? Gemahlin, die Herzogin von Hohenberg, verlassen das Nathans zwei Mim teil vor dem Attentat, s Sarajewo, Im Hintergrund links das Nathans,copyriglit k^oto-Union"^ ?lns den Mobilmachungstagen in Berlin. Der Kaiser spricht vom Ballon des Schlosses,schien erwartungsvoll und zitternd, als wollte von irgendwoher heute noch ein Gewitter kommen. Hinten im Dorfteich krakeelten die Enten. Die Lindenblätter sahen verstaubt und verdürstet aus. Ein wenig Regen könnte nicht schaden. Als Rittmeister Peeck sich umwandte, sah er, daß der Leutnant sich unbemerkt fortgestohlen hatte, und daß seine Frau, die mit der Lektüre des Briefes eben fertig geworden war, ein paar Tränen aus den Augen wischte. Was hast du, Mudding? Js noch sonst wer gestorben? Oder hat der Bengel wieder eine Dummheit gemacht?" Mutter Peeck nickte. Setz dich ruhig her. Ich will s dir vorlesen. Aber unterbrich mich nicht ewig, wie es deine Art ist." Dann will ich mir erst ne frische Zigarre anstecken. So. Nu schieß man los." Der Rittmeister saß mit dem Rücken der geöffneten Hoftür zu. Wenn er seinen Rauchwolken nachblickte, hatte er jetzt gerade das Bild der Tante Helene vor sich. Stattlich schaute sie in ihrem schneeweißen Haar aus dem schönen Rahmen heraus. Stolz und Gastlichkeit lag in ihren Mienen, als wenn hier alle Besucher, die hier diese Diele be träten, bei ihr zu Gaste erschienen. Es war, als säße sie bei allen ehe lichen Unterredungen, die hier stattfanden, mit zu Rate als abstim mungsfähiges Familienglied; und wenn der Rittmeister hier von seinem Stuhle aus bei solchen Gelegenheiten kritisierte und protestierte, so klang das immer, als gäbe er auch ihr offenherzig seine Meinung kund, und als verteidige sie fich mit dem überlegenen Lächeln der weltgewandten, großstädtischen Dame. Wenn sie aber selber auf Klein-Grussow erschienen war und persön lich im Korbstuhl saß, dann war es zu Protesten nie gekommen, dann hatte sie einfach aus ihrer Welterfahrung heraus angeordnet, und dann hatte der Rittmeister noch jedesmal einfach das Feld geräumt. Der Rittmeister blickte sicher mit bewunderndem Respekt zu dieser klugen Schwägerin empor, die es in zehn Iahren von der einfachen Zimmervermieterin zur großzügigen Pensionsinhaberin gebracht hatte, die sich jetzt schon das zweite große Haus im Westen Berlins gebaut und für ihre in- und ausländischen Gäste hergerichtet hatte. Der Ritt meister mußte es auch ehrlich zugeben, daß weder er noch seine Frau so ein Organisationstalent besäßen, und er mußte auch zugeben, daß Tante Helene ihren Einfluß nur in gütiger und niemals in bewußt herrschsüchtiger Weise zur Geltung brachte. Und doch lag etwas wie Eifersucht auf seiner Seele, wenn er aus das stolze Bild dieser stolzen 2 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.18 Frau blickte. Seinem soldatisch schlichten Wesen war all die Art solcher Menschen wildfremd, die ihren Verwandten ihr eigenes großes Bild im großen, schweren Rahmen schenken. Plötzlich machte er aus dem oft betrachteten Bilde eine Entdeckung: Sieh mal an, Hanna, das Bild, was da auf dem Tisch neben Tante Helene steht, das da in der Photographie, das ist wohl dieselbe Frau, die sie uns heute geschickt hat?" Das mag wohl sein." Na, denn lies man los." Mutter Peeck las: Liebe Schwester, da heute der 24. Juni ist, werden sich unsere Briefe wohl kreuzen." Das ist wieder ganz Tante Helene", unterbrach der Rittmeister. Sie könnte sich eher des Himmels Einsturz vorstellen, als daß man ihren Geburtstag vergäße. Und für den Fall, daß wir das Datum vergessen hätten, hätten wir hier im ersten Satz ja gleich unfern Wischer." Unterbrich mich doch nicht in einem Zug, du kannst mir ja nach her sagen, wie du es findest. Also, sie schreibt weiter: Much ich denke Eurer in der alten Herzlichkeit, wenngleich in schwerer Betrübnis. Ein unersetzlicher Verlust hat mich und unser ganzes Kulturvolk plötzlich be troffen. Doch darüber nachher. Vorgestern find die Handwerker im Nachbarhaus fertig geworden; in der nächsten Woche sollte alles be zogen werden und eine kleine Einweihungsseier gehalten werden. Ich war bei Fräulein von Gersdorf. Sie war gütig wie immer: und sie hielt es nicht für unmöglich, daß bei dieser Feier auch Ihre Majestät erscheinen würde. Der Gärtner hat mir eine tüchtige Rechnung ge schickt. Ich dachte, er würde mir mit dem Preise etwas entgegen kommen, wenn wir weiterhin zum Valkonschmuck nur Geranien nehmen würden, weil die hier jetzt nicht mehr so modern sind, nuu hat der Mensch aber Geranien von einer ganz ausgefallenen karmesinroten Farbe genommen, die, wie er sagt, das Allerneueste darstellen; und da durch ist die Rechnung doch eine recht teuere geworden. Unser japanischer Freund und Hausgenosse, der Marquis Kowoko, hat mit Miß Badlam zusammen diese Blumen ausgesucht. Der Mensch hat einen fabelhaften Geschmack! Jetzt sehen die Balkons aber auch wundervoll aus. Beide Häuser wirken zusammen wie ein einheitliches Schloß " Dem Rittmeister wurde die Schilderung schon zu länglich: Lies man weiter, lies man weiter! überspring man das überflüssige! Du weißt ja, was mich interessiert und was mich nicht interessiert!"Mutter Peeck fuhr fort: , Da kam uns nun gestern ganz unerwartet die fürchterliche Nachricht, daß unsere hochverehrte Baronin von Sutt- ner plötzlich gestorben sei. Denke Dir nur, liebe Hanna, daß ich ge rade in den letzten Tagen an die hohe Frau geschrieben hatte. Du weißt, daß ich schon längst mit unserem jungen Professor Dehneke zu sammen den Plan gefaßt hatte, hier ein großzügiges, wissenschaftliches Ausländerinstitut zu gründen, zu dem ich die Hörsäle vormittags gerne zur Verfügung stellen wollte. Ich halte auch noch weiterhin an diesem Plane fest. Es würde das meinem Institut so eine Art von wissen schaftlichem Gepräge geben, wenn es mit einer Akademie für Ausländer verknüpft würde. Ein paar Schüler unseres früh verstorbenen teuren Erich Schmidt haben sich gleichfalls zur Verfügung gestellt, um über Goethe Vorlesungen zu halten; denn Goethe ist nun doch einmal der- internationalste unserer Geistesheroen. Wir hatten uns auch schon den Kopf darüber zerbrochen, was für einen Namen wir unserer Akademie wohl geben sollten: unsere jungen russischen Freunde meinten schon, daß wir die Akademie auf meinen Namen taufen sollten; das wäre mir aber doch zu anmaßend erschienen. Aber da kam Marquis Kowoko mit einem glänzenden Vorschlage und meinte, wir sollten sie einfach )Suttner-Akademie nennen. Dieser Vorschlag fand, wie Ihr Euch denken könnt, allgemeinen, jubelnden Beifall " Da irrt sich Tante Helene entschieden," unterbrach der Rittmeister, wenn sie sich vorstellt, ich könnte mich in so was hineindenken." Mutter Peeck las weiter: Mährend wir noch darüber berieten, kam Dein Hans aus seiner Bank nach Hause. Wir saßen gerade beim Abendessen. Ich muß Dir offen sagen, daß ich nachher eine recht energische Szene mit ihm hatte: kannst Du Dir so was vorstellen? Als die junge Belgierin, die gewöhnlich neben ihm sitzt, ihm erzählt, daß wir die Akademie nach Berta von Suttner benennen wollten, da fragt er ganz naiv, wer das denn wäre. Die jungen Mädchen hielten das zuerst für einen ungeschickten Scherz; aber leider gab er dann ganz entschieden zu und ganz öffentlich vor all den verschiedenen Leuten, daß er keine Idee hätte, wer Berta von Suttner sei " Geht mir gerade so", unterbrach der Rittmeister, der sonst dem Sohne nicht zustimmte. , Jch weiß nicht, wie es kam, und ich kann ja nicht überall bei Tische aufpassen, aber Dein Hans war in einer etwas unpassenden und er regten Stimmung, vielleicht hatte er draußen etwas getrunken, und er brachte das Gespräch auf Politik, obwohl er ja doch weiß, daß so etwas bei meinem Tische und meinen vielen Gästen ein für allemal verboten20 ist. Ich habe es dem armen Jungen gewiß nicht nachgetragen, daß er damals durch sein unsinniges Alarmblasen mitten im tiefsten Frieden seine Uniform verwirkt hat, und ich habe noch kürzlich seinen Bank direktor gesprochen, der mir versicherte, daß Hans ganz leidliche Aus sichten hätte, wenn er sich nur vernünftig hielte. An diesem Abend aber war er wie ausgewechselt und kritisierte die Serben in einem Tone, daß ich im Innern Gott dankte, daß meine beiden serbischen Herren einst weilen nur noch ganz wenig vom Deutschen verstehen. Er meinte, es müßte nächstens zum ,Dreinhauen kommen! Solche ordinären Aus drücke gebrauchte er an meinem Tische! Und er meinte, wenn der Kaiser zur Schlacht riefe, so würde er sofort ein Gesuch um Wieder einstellung ins Heer einreichen, und dann wäre alles wieder in Ord nung " Der Rittmeister blickte mit brennenden Augen vor sich hin, als dachte er: Wenn s doch so käme! Wenn s doch so würde!" ,Jch gab unserer lieben Lissi, die mir immer kindlich treu zur Hand ist, einen Wink, den sie dann auch verstand; denn sie ging ganz unauffällig an seinen Platz und brachte ihren Bruder nach nebenan ins Musikzimmer. Ich wollte, sie hätte das nicht getan; denn als nachher Kowoko das Wort ergriff, um dem Andenken Berta von Suttners in einer ernsten Rede gerecht zu werden, begann Hans nebenan auf einmal so aus dem Flügel zu hämmern, daß man bei uns sein eigenes Wort nicht verstehen konnte; er dachte wohl, er befände sich im Kasino; denn er trommelte den Hohenfriedberger Marsch! Ich Hab ihm am nächsten Morgen die ernstesten Vorstellungen gemacht. Ich weiß, daß ich eine gute Patriotin bin; und es ist mir das ja auch mehrfach von allerhöchster Stelle attestiert worden. Wir müssen aber doch Rücksicht auf unsere Lage und auf unsere Höflichkeitspflicht meinen Ausländern gegenüber nehmen. Vor allen Dingen muß ich das bei meinem Ge schäft. Ich schreibe Dir dieses, damit Du im Bilde bist, wie ich Dir das ja ein für allemal versprochen habe. Nehmt beide herzliche Grüße von Eurer Helene " Es war sonst selten vorgekommen, daß der Rittmeister sich auf die Seite seines Jungen stellte. Seit der Bengel a. D. war, herrschte trübe Stimmung zwischen Vater und Sohn. Für den Moment aber waren sie jetzt nur eines Sinnes, denn der Rittmeister war während des letzten Teiles des Briefes aufgestanden und war mit großen Schritten in der großen Diele auf und ab gegangen und hatte den Hohenfried berger Marsch gepfiffen.21 Als er damit fertig geworden war, herrschte einen Augenblick Stille. Dann meinte Mutter Peeck in fast bedrücktem Ton: Wenn Helene uns das Bild in dem schönen Rahmen geschickt hat, dann müssen wir es wohl auch aufhängen: sonst verdrießt sie das, wenn sie s hier nachher nicht findet. Wenn wir die Landschaft in der blauen Stube über dem Sofa etwas tiefer hängen, hätte es da oben an der Wand noch Platz." Wollen mal sehen." Die beiden gingen ins blaue Zimmer. Peeck trug das Bild. Dann rief er in die Küche: Jochen, komm mal her mit Nagel und Hammer; sollst en Bild annageln! Die Bilder werden sich aber schlecht miteinander ver tragen." Das Landschaftsbild über dem Sofa zeigte in seinem silberverblaß ten Goldrahmen eine bunte Lithographie, welche die Landschaft vor Metz darstellte. Es war eine Erinnerung aus Rittmeister Peecks großer, jugendlicher Zeit. Er nahm das Bild sorgfältig ab und betrachtete es mit zärtlichen Blicken. Im Hintergrunde ragten die Wälle und Türme der Festung: vorne auf grünen Wiesen weideten friedlich die Kühe: ganz rechts bei einem Zelt, auf dem die preußische Fahne flatterte, saßen ein paar Soldaten. Jochen kam mit dem Hammer und dem Nagelkasten. Nimm mal das Zeitungspapier da, damit du aufs Sofa steigen kannst! So! Nun halt mal dies Bild da oben hin! Noch etwas höher! Noch höher! Jetzt noch ne Idee links! So ist s recht! Halt, halt! Nu mach da oben ein Zeichen für den Nagel." Jochen schlug den Nagel ein. Gips stäubte aus der Tapete. Dann hob Jochen den schweren Rahmen empor und hängte ihn fest. Als Jochen mit seinem Geschirr sich entfernt und Mutter Peeck das Sofa wieder gereinigt hatte, meinte der Alte: Ich mag die überladenen Wände nicht leiden. Ich bin nicht für berlinfche Moden. Aber es ist besser so, als wenn Tante Helene bei ihrem nächsten Besuche das Bild hier erst suchen müßte. So fällt s ihr gleich in die Augen. Später können wir s ja mal ins Fremdenzimmer hängen, wenn irgend jemand kommt, den so n Bild interessiert." Dann ging er wieder auf und ab und pfiff wieder den Hohenfried- berger Marsch; aber mitten in seiner Musik unterbrach ihn ein heftiges Klirren. Denn die Wand hielt wohl nicht mehr recht zusammen, und der Nagel hatte sich losgelöst: und das Bild der Friedensverkünderin war jäh hinabgeglitten auf das kleine Bild von der Festung Metz, so22 daß auch dieses mit seinem Rahmen aus der Wand geschmettert und klirrend hinters Sofa gefallen war. Der Rittmeister schob das Sofa beiseite und holte beide Bilder hervor. Der kleine, feine Goldrahmen mar ganz in die Brüche gegan gen, und feine dünne Glasscheibe lag in tausend spitzigen Scherben. Ich sagte es ja, daß die beiden Bilder sich nicht vertragen würden. Der Rahmen ist auch zerbrochen. Wir müssen s zum Glaser geben. Wir müssen das Bild von Metz mal wieder neu einrahmen lassen!" Beim Mittagessen ging es wie immer bei Peecks ruhig zu. Oft war s der Frau zu stille in solchen Stunden gewesen, und sie freute sich deshalb jedesmal, wenn netter Besuch im Hause weilte. Weil er das seit langen Jahren gut wußte, hatte ja auch der Fabrik besitzer Lemke seinen Jungen auf ein paar Wochen zur Erholung ge schickt. Der alte Herr hatte in seiner kindlichen Ehrlichkeit gemeint, ge rade so ein Schicksal wie das seines Sohnes würde beim Rittmeister volles Verständnis finden, da der ja mit dem eigenen Sohne und mit dessen militärischer Karriere ein ähnliches Pech gehabt hatte. In dieser Annahme täuschte er sich aber. Denn Rittmeister Peeck fand gar keine Ähnlichkeiten heraus zwischen dem Schicksal der beiden jungen Leute: sein eigner Junge schien ihm ganz und gar deklassiert und geschändet und hilflos: angewiesen auf die gütige Protektion der beziehungsreichen Tante; was sollte der Junge denn im Bankfache auch Großes erreichen, wo ihm solche trostlose Stubenhockers! doch etwas zum mindesten voll kommen Gleichgültiges war. Dieser junge Lemke aber stammte aus schwerreichem Hause; konnte sich den neuen Beruf in Ruhe suchen und nur wählen, was ihm Freude machte. Der junge Mann hatte gerade wieder einmal angefangen, von seinen Plänen zu sprechen, die einstweilen noch immer die Pläne seines Vaters waren: Papa meint ja, es wäre jetzt das beste, ich studierte erst mal Jura. Wenn wir dann nachher irgendwo eine nette Stadt in Pommern finden, wo die Eltern sich auch gemütlich fühlen würden, sollte ich Bürgermeister spielen." Na, das wird Ihnen denn ja auch sehr gut passen?" meinte Peeck. Jawohl. Es bleibt einem ja nichts anderes übrig. Mit dem Soldatenspielen hat s in Friedenszeiten ja doch keinen Zweck, meint Papa. Und wenn s zum Kriege käme, tritt man eben wieder ein." Ja, dann träte man wieder ein. Das würde manchem wohl passen. Aber das werden wir wohl nie erleben. Zuerst hieß es immer, es dürfte keinen Krieg geben, solange der alte Kaiser in Wien noch lebte;und dann sagen wieder die Leute, unser König hätte sich fest vorgenom men, in Frieden bis zu Ende zu regieren." Und dann gerieten die Männer beide ins Politisieren und kamen auf den Serbenunfug und auf die albanische Komödie zu sprechen. Es wurde selten im Hause Rittmeister Peecks politisiert. Aus den Zeitungen las er nur die Inserate und die Familiennachrichten, und jede politische Notiz hielt er für eine bare Lüge. Politik wurde nach seiner Ansicht nur mit dem Schwerte geschrieben und nicht mit der Feder, und jede politische Frage, die ihn beschäftigte, war nur eine Um schreibung der Frage, wird es noch einmal, solange meine alten Knochen noch rührig sind, zum Großen Wecken" kommen? Und als jetzt der junge Mensch neben ihm sich immer mehr hineinredete und vom Prinzen von Wied und seinem Korpsbruder Iagow erzählte, und das Ganze so kindlich darstellte, als wäre die ganze albanische Schmach in erster Linie die Anrempelei eines feudalen, akademischen Korps, die das Korps nicht auf sich sitzen lassen dürfte, da war für den Rittmeister diese ganz verworrene Angelegenheit der halbwilden Bergvölker in ein so maienklares Licht gerückt, daß er sich nur wundern mußte, daß die sofortige Regelung nicht längst erfolgt war. Als der junge Lemke davon sprach, daß wahrscheinlich in den näch sten Tagen sämtliche Heidelberger und Bonner Korpsbrüder des Prin zen Wied bewaffnet nach Durazzo ziehen würden, wenn fie nicht längst schon da wären, stieß der Alte mit schwerem Burgunder mit dem Jungen an. 2Z25 Zweites Kapitel. Deutschlands Zugend. In diesem Augenblick fuhr der kleine Iagdwagen aus den Hof mit dem jüngsten Sohn des Hauses, dem sechzehneinhalbjährigen Peter. Er brachte sich gleich zwei Klassenfreunde mit. Der Junge überragte seine Kameraden bei weitem; er hatte nicht wie sein älterer Bruder Hans die zierliche Figur der Mutter, sondern die hohe Gestalt seines Vaters geerbt. Natürlich kutschierte Peter selbst. Lustig rief er vom Bock her unter: Der Pferdedoktor kann noch nicht kommen, er kommt erst heute nachmittag. Ihr sollt ihm man erst erzählen, wenn ihr heute nach mittag nach Anklam kommt, was mit dem Schinder los ist." Bei diesen Worten sprang Peter mit einem Satze, der ihm in der Turnstunde ein besonderes Lob des Lehrers eingetragen hätte, vom Bock und stürzte auf den kleinen Terrierhund zu, der heulend und wedelnd an ihm emporsprang. Natürlich, der Hund geht ihm immer bei der Begrüßung vor!" tadelte ihn der Vater scherzend und schlug ihm als Willkommengruß leicht auf die Schulter. Die Mutter lächelte liebevoll. Peter weiß, daß wir kein so großes Gewicht auf Zärtlichkeiten legen. Aber, lieber Junge, wo hast du nur wieder diese vielen gräß lichen Ausdrücke her? Habe ich dir nicht schon oft genug gesagt, daß du dich etwas zusammenzunehmen hättest?" Besser, als wenn er zu affig ist", bemerkte der Rittmeister kurz und ging auf den Wagen los, von dem die beiden anderen Schüler etwas schüchtern herabstiegen. Man erkannte in ihrer ungeschickten Ver beugung gleich die Stadtkinder.25 Ach so, meine Freunde kennt ihr ja noch gar nicht! Das also ist Emil Krause. Daß der aus Berlin ist, werdet ihr schon selbst noch merken. Und das ist Wilhelm Abromeit aus Königsbarg, Königs- barg!" wiederholte er lustig, indem er den ostpreußischen Dialekt nach zuahmen versuchte. Zur Taufe brauche ich aber doch wohl nicht mit? Was sollten wohl sonst meine Freunde ohne mich hier anfangen?" Stellt nur nicht alles auf den Kopf!" mahnte die Mutter freundlich. Nein, das werden wir gewiß nicht!" Aber, gnädige Frau " tat Krause, der Berliner, ganz beleidigt. Nein, liebe Mama, wir wollen gewiß ganz artig sein. Aber eine Bitte habe ich doch noch auf dem Herzen. Als wir vorhin durch Wussin fuhren, wo doch morgen Schützenfest ist, bauten sie gerade ein großes Kino fertig und klebten die Plakate an. Riesenfilms, sage ich euch! Wie ihr und ich und wir sie alle noch nicht gesehen haben! .Der Kaiser auf Korfu, der größte patriotische Film des Jahrhunderts!^ stand darunter. Und dann gibt es noch Bilder von der Südamerikareise des Prinzen Heinrich zu sehen, und noch viele andere schöne Sachen. Bitte, bitte, das müßt ihr uns schon gestatten. Ihr könnt uns ja dann einfach abends wieder mitnehmen." Nee, nee", winkte der Rittmeister kurz ab. Das dürfte denn doch wohl etwas zu spät werden! Wann beginnt denn das Kino? Um sieben Uhr? Na, vielleicht treffen wir uns unterwegs." Die Tauffeierlichkeiten zu Braunschweig kriegen wir auch noch zu sehen", jubelte Wilhelm Abromeit ganz begeistert los. Um neun Uhr kommen wir ganz bestimmt zurück", versicherte Peter treuherzig. Der Berliner aber glaubte noch hinzufügen zu müssen: Um neun geht man doch noch nicht zu Bett!" In Berlin freilich nicht. Aber wir find auch nicht in Berlin", be merkte die Mutter lächelnd. Habt ihr denn gar keinen Hunger? Ich glaube, bei der Hitze sind Schinken und Rührei und Zitronenlimonade das beste. Line deckt euch hinten am Wasser." Nehmt euch nur in acht beim Baden!" warnte der Rittmeister: denn dieses Vergnügen werdet ihr doch heute bei der Hitze sicher nicht ausfallen lassen. Aus dem Gewitter scheint nichts, mehr aus den Abend werden zu wollen." Ich und Krause baden selbstverständlich," nickte Peter, Abromeit aber nicht. Er kann nicht schwimmen. Dem zeigen wir eine Stelle, wo er schon nicht untergehen kann." Als die drei dann im Wagen saßen und durch die im tiefsten Frieden daliegenden Felder dem friedlichen Anklam entgegen zur Taufe des jungen Friedlieb Meyer fuhren, da lag um den Zug der beiden Männer herum ein trotziges Lächeln, und der Rittmeister kaute gewaltsam an seiner Zigarre, als wäre der altväterliche, bequeme Wagenplatz eine Loge im Weltentheater, auf dem sich nun gleich ein großes famoses Kriegsspiel entfalten sollte. Haben Sie übrigens in den Zeitungen gelesen," unterbrach der Rittmeister das Schweigen, daß Majestät es sich nicht hat nehmen lassen, der Einweihung des erweiterten Kaiser-Wilhelm-Kanals persönlich bei zuwohnen? Ein kolossales Werk! Bedenken Sie nur, was das heißt, die Wasserspiegelbreite sowohl als auch die Sohlenbreite des Kanalprofils etwa aufs Doppelte zu bringen, die Wassertiefe um ganze drei Meter zu erhöhen, statt, wie bisher, nur sechs, plötzlich elf Ausweichstellen zu haben, so daß fich die Passierzeit von zehn bis vierzehn Stunden nicht auszudenken so n Schneckentempo! für die größten Schiffe jetzt auf nur sechs Stunden beläuft!" Ja, ja", nickte der Leutnant, und in seinem Blick lag aufrichtige Bewunderung. Ja, ja, was wir feit der Marinevorlage von 1900 nicht alles erleben konnten! Eine Entwicklung ohnegleichen in der Welt geschichte! Aber seitdem haben wir auch das große Mißtrauen Eng lands hinter uns. Die Besetzung von Tfingtau, die Kaiserreise nach dem Orient 1898 war es ja wohl " Seine Majestät und Tirpitz der Gedanke und die Ausführung des Gedankens!" riß der Rittmeister ungeduldig den Faden der Unter haltung an sich. Was wären wir sonst England gegenüber? Karthago nach dem zweiten punischen Kriege Rom gegenüber! Ich danke! Es wäre wahrlich augenblicklich keine Lust zu leben! Die Stärkung der deutschen Wehrkraft hat es jemals für einen Herrscher eine vor nehmere Ausgabe gegeben? Mancher freilich wäre schon damit zu frieden gewesen, den Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht lediglich auf dem Papier zu haben. Was aber tat e r, der daneben Zeit hat, heute in Ahlbeck sein Kinderheim zu besichtigen, morgen sich im Ber liner Stadion die Armeewettkämpfe anzusehen und deren ständige, jähr liche Wiederholung zu befehlen, übermorgen an den Beisetzungsfeier lichkeiten des seligen Großherzogs Adolf Friedrich V. in Neu-Strelitz teilzunehmen, überübermorgen dem Stapellauf des dritten Dampfers der Jmperatorklaffe ,Bismarck in Hamburg beizuwohnen, um nur einige Tatsachen aus dem jetzigen Monat willkürlich herauszugreifen was aber tat er: Er erleichterte die Wehrpflicht durch die Einführung27 der zweijährigen Dienstzeit, er ermöglichte die Vermehrung tadellos ausgebildeter Reserven. Das neue, kleinkalibrige Mehrladegewehr, das rauchschwache Pulver, Lanzen und weittragende Karabiner für die ge samte Kavallerie, schwere Geschütze für die Artillerie, vor denen keine Mauern von Jericho und was weiß ich sonst bestehen könnten, die trag- und fahrbaren Scheinwerfer der Pioniere, Fahrräder, Kraftsahrzeuge, Luftschiffe, Flugzeuge, Telegraphen, Fernsprecher, drahtlose Tele- graphie, Schieß- und Truppenübungsplätze, Manöver über Manöver, die feldgraue Uniform " Na, nun höre aber bloß mal auf!" unterbrach ihn seine Gattin, lächelnd abwinkend. Ganz schwindlig kann einem ja bei deinem Wirbelwind der Rede werden. Dabei ist es schon sowieso heiß genug." Es kann einem gar nicht heiß genug werden, wenn man von diesem wunderbaren Manne spricht!" entgegnete ihr der Rittmeister fast streng. Dir sind natürlich auch die fünfzig Millionen Mark immer zu happig gewesen, wenn der Reichstag, dank der unermüdlichen Aufklärungs arbeit des Kaisers, der Marinebehörden, des Flottenvereins.diese Lap palie von Summe für den Bau eines neuen Schlachtschiffes bewilligte! Und Helgoland ist natürlich auch zu teuer bezahlt! England würde uns heute etwas pfeifen, dieses herrliche, kleine Felseneiland für die zehn fache Pinkepinke herauszugeben. Und die anderen Nordseeinseln, die Mündungen von Ems, Weser, Elbe wären noch heute unbefestigt, wenn deine Meinung, vor der ich sonst die größte Hochachtung habe, in diesem Punkte maßgebend wäre. Die erbärmlichen 64 Torpedo boote, die der Kaiser bei seinem Regierungsantritt vorfand, könnten uns heute vor keinem einzigen feindlichen Angriff schützen. Wo ist die französische, italienische, russische Marine geblieben, hinter denen wir als Flottenmacht fünften Ranges zurückstehen mußten! Heute stehen wir einzig hinter England oder das ist keine frevelhafte Über hebung! einzig neben England. Die Probe aufs Exempel wird es zu beweisen haben!" Gott möge geben, daß es dazu niemals komme, solange wir leben, solange unsere Kinder leben!" beinerkte die Gattin leise. Und dafür wird unser Friedenskaiser schon sorgen." Der Friedenskaiser hat aber niemals das alte lateinische Sprich wort des Vegetius vergessen: .Li vis pacem. para bellum! Wenn du den Frieden haben willst, mußt du zum Kriege rüsten! " warf der Leutnant ein. Ein Friedenskaiser muß auch ein Kriegskaiser sein können, sonst ist er auch das erstere nicht in des Wortes umfassender Bedeutung."28 Ausgezeichnet, ausgezeichnet!" sprang ihm der Rittmeister freudig bei. , Dies sind die Herren, auf die ich mich verlassen kann! sprach einst der alte Kaiser Wilhelm zu seinen Offizieren in Koblenz. Das ist auch der Glaube unseres allerhöchsten Landesherrn und sein Vertrauen. Und so konnte er in seiner ersten Thronrede bei der Eröffnung des Reichstages sprechen: ,In der auswärtigen Politik bin ich entschlossen, Frieden zu halten mit jedermann, soviel an Mir liegt. Unser Heer soll den Frieden sichern und, wenn er dennoch gebrochen wird, imstande fein, ihn mit Ehren zu erkämpfen Sie fallen nur kommen, und sie werden die Schärfe unserer Schwerter und die Kraft unserer Arme kennen lernen, ganz eklig kennen lernen." Als die drei dann in der kleinen Stadt ankamen und durch das schmucke, rote Tor gefahren kamen, umstarrte sie all jene durch aller- tiessten Frieden geheiligte Langeweile, die dem Provinzler etwas Alt- gewöhntes ist, und die dem aufgeregten Großstadtmenschen immer so erquicklich und feierlich erscheint. Und als sie dann vor Doktor Meyers Haus hielten und sie die große, dämmerige Diele des alten Patrizier hauses betraten, grüßte gerade dem Haupteingange gegenüber von der Wand herab in großen, goldenen Lettern der Spruch: Friede sei mit euch." Der gute, alte Pastor war schon im Talar erschienen. Tags zuvor hatte er in einer befreundeten Offiziersfamilie in Pasewalk, eben falls bei einer Taufe, Worte voll löwenhafter Kühnheit gefunden, und Arndt und Körner zitiert; jetzt stand er da wie das Lamm Gottes, und nicht wie ein Diener dessen, der gesagt hatte, er sei gekommen, das Schwert zu bringen. Als der Rittmeister ihn begrüßte, tat es ihm förmlich leid, daß er nicht doch in Uniform gekommen war. Eben waren alle Taufpaten und Gäste versammelt: eben wollte der gute Pastor den jungen Friedlieb in die Christenschaft einführen; da er schien das Mädchen hastig in der Tür und bestellte, der Herr Doktor möchte doch gleich noch einmal schnell zum Major kommen; es stünde schlimm um ihn. Wartet eine halbe Stunde!" bat der Doktor. Dann verschwand er aus dem Zimmer. Der Rittmeister hatte sich ihm sofort ange schlossen; er wollte, wenn es ginge, den alten Kriegskameraden noch einmal sprechen. Die beiden Männer schritten eilig durch die engen Straßen. Sie mußten über den Markt am schönen Manzeldenkmal des alten Kaisers vorbei. Sonst war der Rittmeister hier immer gern einen Augenblick stehengeblieben, um mit alter Erinnerung Zwiesprache zu halten.29 Gerade so, ganz genau so sah unser alter Herr damals wirklich aus. Ich muß mich immer wundern, daß Mangel, der doch damals ein Kind war, es so treffen konnte. Ich sah den hohen Herrn gerade am 5. September. Ich weiß noch, als wenn es gestern gewesen wäre, wie mir uns damals über die Lügen der Franzosen geärgert hatten, die am 5. September 1872 ihren Lesern die Lüge auftischten, der ,arme alte König wäre aus Gram über die Niederlage seiner Truppen irr sinnig geworden und hätte nach Berlin geschafft werden müssen." Und während die beiden Männer dann weiter durch stillere Straßen schritten, fragte der Rittmeister: Wodurch hat sich denn der Zustand des Majors so verschlimmert? Als ich ihn zuletzt sprach, war er noch ganz munter!" Ach, das kam da neulich, vorigen Donnerstag," meinte Doktor Friedlieb Meyer, als er da am Stammtisch sich so aufgeregt hatte, als Rosenthal gemeint hatte, er würde doch nicht mehr mitgehen können, wenn s mal wieder losginge. Die Leute hatten wieder politisiert und hatten über die neueste Depesche des Kronprinzen nach Zabern ge sprochen; und der Major hatte gesagt, das würde ihn gar zu sehr freuen, wenn er noch mal mitgehen könnte. Und da kommt der Rosen thal und hat die unglückliche Idee zu sagen: ,Aber Herr Major, so n Krieg, das ist keine Kegelpartie! Da können Sie nicht mehr mit machen! Da muß einer über allerhand Gräben und Verschanzungen springen können, und so was können Sie sich nicht mehr zumuten! Da hätten Sie den alten Major sehen sollen! Mas? Ich nicht mehr springen können? Ich spring noch heutigentags über jeden Tisch weg! Und wie Rosenthal da mit einem Taschentuch abwehrend winkt und sich ausschütten will vor Lachen, da springt der alte Major aus seiner Sofaecke heraus, und die Kellner müssen die Tische draußen auf den Markt rausstellen, damit er allen zeigen kann, wie wundervoll er noch springen kann. Das erstemal ist das auch wahrhaftig ganz famos gegangen; ich war ordentlich froh und suchte ihn zu beruhigen und wollte, daß er sich wieder hinsetzte und ausruhte. Und die anderen hatten Rosenthal auch herumgekriegt, daß er den alten Herrn vor allen Zeugen um Verzeihung bitten sollte wegen seines beleidigenden Zweifels. Aber nun war an dem Alten nichts mehr zu halten. Er schnauzte auf dem Markt herum, als wär s mitten im Manöver, und die Kellner mußten die zwei Tische hintereinander aufstellen, damit er auch da hinüberspringen könne. Und das ist ihm denn doch wohl zuviel gewesen. Er kam ja hinüber; und zwei junge Leute, die noch soviel Vernunft hatten, an der anderen Seite aufzupassen, fingen ihn ja auchauf; aber in deren Armen, gerade vor dem Denkmal, ist er ohnmächtig zusammengebrochen." Unter diesen Worten waren die beiden in die Seitenstraße gekom men, wo der Major wohnte. Die Haustür stand weit geöffnet. Ein starker Pfeifentabaksgeruch erfüllte alle Räume. Der Doktor pochte leise an die Tür. Von drinnen ertönte keine Antwort. Auf dem ersten Treppenabsatz saß eine kleine, weiße Katze im hellen Sonnenschein und spielte mit einem zusammengeknüllten Papier- kügelchen; dann miaute das Tierchen wie in kindlich vorwurfsvollem Ton, als wenn es Hunger hätte. Der Doktor öffnete die Tür zum Krankenzimmer. Drinnen fanden die beiden den alten Major in halber Ohnmacht lang ausgestreckt im Bette. Eine Schlummerrolle hatte er sich unter den Nacken gelegt. Sein Atem ging schwer. Der Doktor wischte ihm den Schweiß von der Stirne. Zum Glück erschien die Aufwartefrau von nebenan, die zur naheliegenden Apotheke geschickt werden konnte, um ein paar kleine Erleichterungen zu holen. Wir können ganz ruhig mit lauter Stimme sprechen!" meinte der Doktor. Ich kenne den Zustand. Das regt ihn nicht auf, wenn er es hört; aber Flüstern macht ihn jedesmal, wenn er s merkt, nervös und wütend. Wir warten hier einen Augenblick. Ich werde ihm nach her gleich die Stirn kühlen. Ich denke, er wird bald erwachen." Die kleine Katze war ins Zimmer gesprungen. Ja, du sollst auch gleich was bekommen, Bazaine!" meinte der Doktor. Das Tierchen hieß nach seinem Großvater Bazaine". Den hatte der Bursche des Majors damals aus Metz mitgebracht. Der spielerische Vengel und das spielige Tier hatten sich damals in Feindesland mitein ander angebiedert; nachher war s beim Major geblieben und hatte den Namen Bazaine" bekommen. Es war damals ein stattlicher Kater gewesen, mit riesigem, angorahaftem Schwänze, wie man sie dort in Frankreich zu Dutzenden herumlaufen sieht, und wie man sie in Pom mern gar nicht kennt. Aber der Schwanz des Sohnes war schon unauf fälliger geworden; schließlich konnte man bei der pommerschen Vlut- mischung das auch nicht anders erwarten; unt dieser Enkel trug schon einen ganz alldörflichen pommerschen Katerschwanz, und nur fein Name erinnerte noch an glorreiche Zeiten. Es war ihm eben gegangen wie aller Kriegsromantik, die in Frie- denstagen schnell verkümmert. Z0Das Tierchen war dem Rittmeister auf den Schoß und dann aufs Bett geklettert und hatte sich da zusammengekugelt. Der Kranke schien die Wärme des Tierchens oder die Weichheit seines Felles gespürt zu haben; denn über seine Züge huschte ein belebendes Lächeln, und lang sam hob sich die linke Hand und fuhr streichelnd über den weißen Pelz. Bazaine!" Der Major hatte es leise geflüstert; das Tierchen schnurrte laut. Und dann gingen die Augen des Majors auf, und er blickte groß und ruhig gegen die Zimmerdecke, als blaute da der herrlichste Himmel, dessen Anblick ihn mit Bewunderung erfüllte. Der Rittmeister neigte sich langsam über den alten Freund, so daß der ihm voll ins Gesicht sehen konnte. Wie geht es, lieber Major geht s schon besser?" Der Major schien sich erst besinnnen zu müssen. In seinen Augen und um seinen Mund herum lag etwas Mühsames und Bewegliches, wie mau es bei juugen Schulkindern findet, wenn sie ein schweres Wort von der großen Tafel ablesen müssen. Und dann überzog es seine Züge wie kindliche Genugtuung, als er ganz langsam und listig das Wort Peeck" brauchte. Der Doktor schüttelte traurig den Kopf, als wollte er andeuten, daß hier keine Hilfe mehr möglich sei. Der Kranke blickte den alten Freund wie flehend an, als wollte er ihn um etwas ganz Dringliches bitten, oder als wollte er eine ganz not wendige Frage stellen. Er hob den Kopf und flüsterte mit großen, be sorgten Augen: Nichts Neues?" Der Rittmeister hielt den Blick in schmerzlicher Ergriffenheit aus und wußte nicht, was er antworten sollte. Gar nichts Neues? Immer noch gar nichts Neues?" Da kam dem Rittmeister plötzlich eine Ahnung, worauf der alte Kamerad wohl so inbrünstig wartete; und so unmöglich es ihm sonst auch immer gewesen wäre, wider genaueres Wissen wider frohestes Hoffen irgend etwas zu lügen, so gab er hier doch seinem kamerad schaftlichen Herzen einen Stoß sagte: Herr Major! Es geht los! Es gibt Krieg! Es geht wieder los wie damals." Da ging ein Lächeln über die Züge des Daliegenden, und er ließ den Kops wieder auf die Schlummerrolle zurücksinken; und seine Blicke wandelten hin und her vom Gesicht des Freundes zum großen Säbel, Zlder an der Wand über seinem Bette hing. Und der Rittmeister verstand diesen Blick und hakte mit langem Arm das Schwert vom Nagel und legte es mitten auf die Decke, so daß der Sterbende seine Hände darum falten konnte, als wär s ein Kruzifix. Nach ein paar Augenblicken konnte der Doktor dem Toten die Augen zudrücken. Auf dem Rückwege trafen die beiden Männer mit der Gymnasial jugend zusammen. Die Bengels kamen vom Turnen. Dem Zuge voran schritt die Musikkapelle und pfiff und trommelte. Das klang wie Musik aus einem afrikanischen Negerdorf. Den Rittmeister ärgerte es, daß die Iungens einen blöden Berliner Gassenhauer pfiffen statt irgendeines vernünftigen Marsches; und ob wohl er sich ja sonst nicht in fremde Angelegenheiten mischte, und ob wohl das Ganze ja ins Ressort des Turnlehrers gehörte, der auf dem Bürgersteige neben dem Zuge herschritt, so konnte er s doch nicht unter lassen, die Jungens gebührend anzuschnauzen: Zum Donnerwetter, was macht ihr da bloß für Katzenmusik! Da nach ist die Zeit jetzt wahrhaftig nicht angetan! Könnt ihr nicht etwas Vaterländisches spielen? Guten Tag, Herr Doktor!" Guten Tag, Herr Rittmeister!" Guten Tag, lieber Herr Doktor. Herzlichen Dank, daß Sie Peter und seinen Freunden heute Urlaub gegeben haben." Eigentlich wollte ich ja gar nicht so sehr gern. Aber die Bengels quälten mich schon so und stellten die Bude beinahe auf den Kopf, daß ich nicht gut nein sagen konnte." Auf dem Lande sind die Jungens doch immer am glücklichsten. Wenn man ihnen auch einmal die Zügel etwas locker läßt, so wissen sie doch genau, was sie zu tun und zu lassen haben, übrigens ent schuldigen Sie, bitte, daß ich Ihnen vorhin etwas in Ihren Kram hin einredete. Aber ich meine, jetzt, wo jeden Tag der Krieg vor der Tür steht, könnten doch die Jungens was anderes spielen als Berliner Operettenmusik oder sonstigen Blödsinn!" Die Musik war verstummt. Der Turnlehrer lächelte ungläubig und meinte: Meinen Sie wirklich, daß wir in Europa Krieg bekommen werden?" Ich hoffe es ganz bestimmt!" Der junge Lehrer strich sich lächelnd über den blonden Bart und sah sinnend über die friedliche Straße: Wegen der Hand voll Serben? Oder wegen der Albanier?" Z2 Weswegen, kann ich Ihnen nicht sagen", meinte der Rittmeister. Aber ich denke, es liegt so was in der Luft! Es drängt alles jetzt dazu." Der Turnlehrer lächelte ungläubig: dann bemühte er sich, ernst dreinzublicken, um nicht unhöflich zu erscheinen, und sagte so recht nieder deutsch ruhig: Wissen Sie, Herr Rittmeister, ich glaube, wenn das wirklich so wäre, dann hätte unsere Zeitung doch schon was darüber gebracht. Sie wissen, wir sind ja jetzt mit dem Berliner Depeschenbureau in Verbin dung, und wir beziehen alle Depeschen aus erster Hand. Sowie eine Nachricht herauskommt, wird sie im Laden ausgehängt. Kadow, spring mal schnell nach drüben zur Zeitung und sieh mal im Laden nach, ob da eine Depesche aushängt!" Obwohl der Turnlehrer ganz vernehmlich nur den einen Namen Kadow gesagt hatte, liefen doch fünf andere Quintaner mit. Die ganze Ordnung des Zuges war überhaupt gelockert. Deshalb ließ der Magister die ganze Gesellschaft Richtung nehmen und abtreten. Auch wenn der Rittmeister es nicht gewußt hätte, daß der junge Gelehrte niemals beim Militär gedient hatte, so hätte diese Abwicklung des unmilitärischen Schauspiels es ihn erraten lassen. Man sprach vom alten Major, der eben gestorben war: Doktor Friedlieb Meyer drängte und meinte, die halbe Stunde sei schon oer strichen: dann kamen drei Kinder zurück und meldeten, daß im Zei tungsladen keine neuen Depeschen hingen. Getröstet empfahl sich der Turnlehrer den beiden. Die Tauffeierlichkeit verlief ganz behaglich. In diesem Zimmer mit diesen Gardinen, diesen Möbeln, diesem Kanarienvogel und diesem Goldfischaquarium hatte nie Gewitterstim mung geherrscht. In taktvollster Rücksichtnahme hatte Doktor Meyer dem Rittmeister während der Taufrede einen Platz angewiesen, der sich ganz in der äußersten Ecke, neben den grünen Türvorhängen, befand, so daß der alte Herr, wenn die Rede ihm zu lange dauern sollte, ganz un auffällig ins Nebenzimmer verschwinden konnte. Als Pate fungierte der Pastor selber neben zwei alten Tanten des Täuflings. Nachher setzte man sich zu Tische. Der einzige jüngere Mensch außer den beiden jungen Taufeltern, die aber schon ein recht gesetztes Wesen hatten, war der junge Leutnant a. D. Lemke. Seine harmlos dilettantische Begabung, die ihn flott reden und witzig vortragen ließ, wirkte hier recht erfrischend. Ihn selber aber erinnerte jede kleine Pointe, die von den anderen belacht wurde, an frühere un vergeßliche Abende im Kasino. Da hatte er s ja lernen müssen: den Z Arndt. Di Trommel Ichlug zum Streite,Mund auftun, wenn es die älteren befahlen was ihm nicht schwerfiel: und den Mund zu halten und zuzuhören, wenn die höheren Chargen ihren Senf zum besten gaben, was ihm oft schwergefallen war. Und während er jetzt den gut erzogenen Zivilisten spielen mußte, der bald hier, bald da doch wenigstens halbwegs zustimmen mußte, wenn ganz unglaublich verstaubte und winkelstädtische Ideen ausgekramt wurden, malte er sich mit Grausen aus, wie öde wohl so ein Weg bis zur klein städtischen Bürgermeisterei sein müßte. Man nannte ihn ja auch rings umher längst einfach Herr Lemke", weil man wußte, daß er den Leut nantstitel nicht mehr hören mochte: nur der Pastor nannte ihn feierlich Herr Studiosus". Als aber der Pastor dann es war zum fünften mal während der Tafel wiederum Glas schlug und wieder die Friedensschalmei blies und auf die Kulturarbeit des Londoner Botschafters Lichnowsky hinwies, den die Engländer zum Doktor der Rechte ernannt hatten, da überkam den jungen Menschen ein Ge fühl unsagbarer Platzangst, denn er fühlte, daß der Blick des Seel sorgers auf ihm ruhte, während er von englischen Juristen und der Juristerei überhaupt sprach, und daß er jetzt auch einen Toast abbekom men sollte; er allein war ja noch fällig. Aber er mußte jetzt stillhalten und die Wünsche für seine baldige völlige Genesung hinnehmen und mit allen artig anstoßen. Als er das aber mit seinem soldatischen, onkelhaften Freunde tat, da lautete der Gruß der beiden Männer: Prost, Herr LeutnantI" Und der Jüngere schlug die Hacken zusammen und sagte viel lauter, als es sonst in diesem Zimmer üblich war: Danke, Herr Rittmeister!" Und diese Worte klangen wie Protest! Als nachher die drei Abschied nahmen und ihren Wagen besteigen wollten, stand draußen eine Schar von Primanern. Die wollten den jungen Lemke begrüßen, denn er war ja auch auf diesem Gymnasium gewesen und zählte bei ihnen als alter Herr". Vor allen Dingen aber beschäftigte sie die für Primaner so ungemein aktuelle Frage des Krieges. Lemke stellte die Primaner so in Bausch und Bogen dem Rittmeister und Frau Hanna vor, und der eine fragte ganz erregt: Glauben Sie wirklich, Herr Rittmeister, daß wir bald Krieg be kommen werden?" Ich halte es für sehr möglich. Das könnte Ihnen wohl so in Ähren Kram passen?" Wir würden dann doch natürlich Notexamen haben!" Hoffentlich kommt es so!" meinte der junge Lemke. Der Wagen fuhr von dannen. Z4Sie legten die Heimfahrt ziemlich schweigsam zurück. Cs schien jetzt so, als wenn das Gewitter doch noch heraufkommen wollte. Hin und wieder wetterleuchtete es ein wenig zwischen den dunklen Bäumen. Schon von weitem schallte ihnen das Riesenorchestrion des Kinos von Wussin entgegen. Na, wenn es uns nur gelingt, die Jungens jetzt schon aus ihrem Vergnügen herauszureißen", zweifelte der Rittmeister: ich kenne doch unseren Peter. Wer hätte das doch je gedacht, daß eine solche Flimmer kiste solche Anziehungskraft ausüben könnte!" Der junge Lemke sprang hurtig vom Wagen und sagte zum Ritt meister: Ich werde einfach beim Wirt drüben einmal fragen, ob er die Jungens nicht gesehen hat. Die werden ihm schon heute abend aufge fallen sein." Er kam sofort zurück und berichtete: Denken Sie sich, gnädige Frau, die sind tatsächlich schon weg. Aber der Wirt meint, wir haben sie nach ein paar Minuten schon eingeholt." Und dann stieg er wieder in den Wagen. Langsam verklang hinter ihnen die mehr geräuschvolle als schöne Musik der Drehorgel. Und nun donnerte es auch schon ganz leise hinter dem Walde. Dann aber vernahmen sie ganz deutlich vor sich auf der dunklen Landstraße fröhliches Singen von drei frischen Stimmen, dazu das Klimpern eine Gitarre. Selbst heute hat er die Kommode nicht zu Hause lassen können!" lachte der Rittmeister. Natürlich muß er seinen Freunden wieder alle seine musikalischen Künste in Freiheit dressiert vorführen." Die Jungen brachen plötzlich in ihrem Gesang ab, als sie das Her anrollen des leichten Wagens hörten. Papa Papa, seid ihr s?" schallte es ihnen laut durch den stillen Abend entgegen. Jawohl! Daß ihr s seid, wissen wir schon länger. Na, es war wohl gar nicht so nett?" Ach, Herr Rittmeister," sagte Krause, der Berliner, wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir uns das französische Lustspiel in zwei Akten auch noch angesehen. Aber Peter ist ja nicht für solche Sachen." Und dann befürchteten wir auch etwas, daß das Gewitter doch herüberkommen würde", bemerkte der junge Königsberger ganz auf richtig. Was habt ihr denn alles an Herrlichkeiten gesehen, und was war das Schönste?" fragte die Mutter. So, nun steigt man alle erst mal mit in den Wagen. Platz ist ja für drei so dünne Schneider immer noch da." 3- 55 Schneider ist gut", lachte Peter laut. Mal nennst du mich Dicker, mal Das Schönste waren eigentlich die militärischen Übungen im elsässischen Berggelände in Gegenwart des Kaisers. Und dann der Empfang am Bahnhof in Metz durch den Statthalter von Dallwitz!" Mir hat das Ostereiersuchen der Matrosen an Bord der ,Hohen- zollern vor Korfu viel besser gefallen; das war ne Sache!" Krause war ganz begeistert. Wie die Kerle immer hin und her liefen! Einer legte sich lang auf feine Neese. Es war zum Brüllen." Und dann ist der neue Zeppelin über den Säntis geflogen. Höhen rekord! Über 3W0 Meter! Wie eine winzige Fliege war das Schiff oben hoch in den Wolken anzusehen", warf Abromeit ein. Das war entschieden das Schönste! Oder nein, eigentlich war das noch schöner, wie der alte Haeseler die Parade des Jungdeutschland-Bundes abnahm!" So, hat er sich dieses Vergnügen wieder einmal geleistet?" fragte der junge Lemke interessiert. Das hat er ja seinerzeit auch schon ge tan, als ich die Ehre hatte, ihm meine Kompagnie vorzuführen." Waren Sie wirtlich mit bei Haeseler?" umsprangen ihn die Fragen der Jungens. Wirklich mit auf Gut Harnekop?" Mir war s doch vorhin auch so, als ob ich Sie mit aus dem Film gesehen hätte da ganz links in der Ecke", schwatzte Krause wie immer etwas wichtig dazwischen. Ach, wenn ich doch auch mit dabei gewesen wäre!" seufzte Abromeit neidisch. Dabe i, dabe i!" neckte ihn Peter, indem er sich wieder vergeb lich bemühte, den Königsberger Dialekt möglichst naturgetreu nach zuahmen. Gott, Junge, wie ost habe ich dir schon solche Nachäffereien ver boten!" fuhr ihn der Vater etwas ärgerlich an. Wann du wohl endlich mal etwas vernünftiger wirst, übrigens interessiert mich das auch sehr, lieber Lemke, daß Sie mit bei Haeseler waren. Ja, ja, ich weiß, der greise Generalfeldmarschall war immer ein Mann von ganz hervor ragender pädagogischer Begabung, und ein Freund und Förderer des Jungdeutschland-Bundes. Nur alle Einseitigkeiten und Übertreibungen einer militärischen Jugenderziehung lehnt er ab. Er billigt durchaus nicht die kriegerisch anmutenden Spielereien mancher Jugendtruppen, die in prunkhaft militärischer Kleidung und mit kindischen Waffen be hängt auf ihre Wanderung ziehen. Ich las das neulich erst in einer Broschüre von Professor Schütz." Da hat der alte Herr ganz recht!" beteiligte sich jetzt auch seine Gattin an dem angeregten Gespräch. Denn durch all diese Dinge wer- Zö57 den doch manche Ärmeren direkt von vornherein von der Teilnahme ausgeschlossen." Natürlich!" stimmte ihr der Rittmeister zu. Wichtiger ist ihm aber noch, eine Abschwächung der Klassengegensätze anzubahnen. Was wird mit diesen Trödeleien für kostbare Zeit und Kraft vergeudet! Erfah rungen zu sammeln, den Verstand zu gebrauchen, sich einrichten zu lernen, den Körper zu stählen, die Natur zu deuten, Gott zu preisen das ist vielmehr der tiefere Sinn der ganzen Wandervogelbewegung, wie sie sich nun auch immer in ihren verschiedenen Organisationen nennen mag." Man braucht gar nicht erst zu heiraten!" bemerkte Krause dazu ganz ernst und wichtig. Denn meine Suppe kann ich mir schon lange allein kochen, und gar erst ein Huhn rupfen " Wenn du weiter keine Sorgen für die Zukunft hast, mein Junge, dann glückauf!" entgegnete ihm lachend der Rittmeister. Woran so n Berliner nicht schon alles denkt! Na, über das Schiffstheaterspielen bei der Marineabteilung eurer Jugendwehr habe ich neulich ein herbes Urteil des früheren Kapitänleutnants Paaschs im .Vortrupp" gelesen. In Frankreich soll es ja mit diesen Soldatenspielereien noch viel schlim mer sein. Damit begreift man nicht den Geist der Wehrhaftigkeit und nationaler Tatbereitschaft. Auch ohne militärische Formen wird der militärische Geist geboren." So etwas Ähnliches las ich neulich auch in dem Buche ,Leon Gambetta und seine Armeen" des Generalfeldmarschalls Freiherrn von der Goltz-Pascha", bemerkte der junge Lemke hierzu. Auch Scharnhorst und der Freiherr vom Stein sollen schon ähnliche Anregungen gegeben haben." Jawohl!" bestätigte der Rittmeister eifrig. Bei der Gründungs versammlung des Jungdeutfchland-Bundes im Herrenhause, Novem ber 1911, erklärte von der Goltz-Pascha, der Liebling der Türken: Volks kraft und Wehrkraft, die dasselbe bedeuten, sollen gestärkt und gestählt werÄen! Und das fängt man am besten entschieden mit der Aneignung ethischer Gewinne an: Kameradschaft, Verantwortlichkeit, Selbständig keit, Begeisterung für Mannestugenden. Der militärische Drill kommt dann schon noch früh genug. Einzig ein etwa drohender Krieg könnte ihn plötzlich mehr in den Vordergrund drängen." Male bloß den Teufel nicht zu oft an die Wand!" versuchte seine Gattin das Gespräch abzulenken. Immer wieder dieser drohende Krieg! Vorläufig nimm uns doch nicht die tausend Segnungen des Friedens. Und unserer Jugend auch nicht!"Und damit war man zu Hause angelangt. Mutter, ehe ich s vergesse," rief Peter ihr nach, denk doch mal, Krauses Mutter kennt auch Tante Helene: ihre Kusine hat einmal in der Pension gewohnt." Der Rittmeister lachte: Die Welt ist doch wirklich ein großes Bier- dors. Aber wir wollen aus dem heutigen Abend kein Bierdorf machen. Eine halbe Stunde können wir ja noch zusammen in der Laube sitzen, dann aber ist es höchste Zeit ins Bett. Ich muß morgen früh trotz des Sonntags schon zeitig aus den Federn. Na und ihr ihr wollt doch den schönen Sonntagmorgen nicht gar ganz verpennen. Mit dem Gewitter wird s nichts mehr. Die Spannung bleibt in der Luft. Ihnen fiel da übrigens eben ein Blatt Papier aus dem Notizbuch. Nee, mehr nach rechts zu flatterte es. Ja, da! Liebesbrief wohl, lieber Lemke?" Nein, nein!" wehrte dieser lachend ab. Aber dennoch so etwas wie ein Blättlein der Liebe. Es ist ein Gedicht " Ein Gedicht? Und handelt von Liebe?" mischte sich Krause, der Berliner, wichtig in das Gespräch. Vorlesen! Natürlich vorlesen! Bitte, vorlesen!" Na, den Gefallen kann ich euch ja tun", bemerkte der Leutnant. Um so mehr, da der Inhalt des Zettels verschiedene Berührungspunkte mit euren heutigen abendlichen Erlebnissen hat. Es ist nämlich ein Ge dicht auf unseren Kaiser, das ich mir damals in der Zeit des Regierungs jubiläums aus einer Zeitschrift herausschnitt." Silentium!" kommandierte Peter, ganz wie der Chargierte einer Studentenverbindung. Silentium, Herr Leutnant Lemke hat s Wort!" Und der junge Lemke las ganz ohne jedes Pathos: Den Grobpapa sieht keiner ihm an! Die Zeit wird ihm nicht^Bürde! Unser Kaiser wird nie ein alter Mann, Und wenn er neunzig würde! Diesen festen Blick^bezwingt kein Jahr, Dieser Mund erlernt kein Bitten; Und bleicht die Zeit ihm mal das Haar, Wird s keck soldatisch Verschnitten! Nie wird ein greisenweißes Gelock Weichmild dieses Antlitz umbleichen! Des alten Fritzen Krückenstock Braucht ihm kein Diener zu reichen! Es braucht sein Blick zu Schau und Schuß Sich keine Brille zu nehmen; ZSEs wird sich nie sein fester Fuß Zu weichem Schuh bequemen! Ich wollt , uns könnte den Liliencron Ein Wunder wiederbringen! Der müßte so ganz in seinem Ton Von seinem Kaiser heut singen! Der könnte des Schirmherrn Eigenart Uns voll und ganz entfalten: Flott, fromm und zart und edelsteinhart, Wie Detlevs Balladengestalten! Sein Auge hat lange den Frieden bewacht! Das will uns Größeres sagen, Als hätte aus schneller und schneidiger Schlacht Er blutigen Lorbeer getragen! Sein Siegerruhm ist von weichem Glanz Und war doch so hart zu erringen! Sein Lied Heil dir im Siegerkranz" Dürfen wir stolz ihm singen! Sein Werk steht fest und ruhmgekrönt. Ob Neider auch anders wollten! Seine Ritterlichkeit hat Brüder versöhnt, Die lange abseits grollten! Nun sind die Freudenfeuer entbrannt, Nun jubelt s auf allen Bänken! Möge er s fühlen, daß viele im Land Still seiner liebend gedenken!40 Drittes Kapitel. In Tante Helenes Pension. Tante Helene hatte den Kopf wieder einmal voller Sorgen. Sie stand im ewigen hochgeschlossenen, blauschwarzen Samtkleid, das prachtvoll zu ihrem weißen Haar stand, hochaufgerichtet in der Tisch ecke ihres großen Saales. Um sie herum ihre künstlerischen Berater. Von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche her hatte es acht geschlagen. Die großen, schweren Gardinen waren auf Vorschlag des Marquis Kowoko zugezogen, damit die Tapezierer und der Gärtner bei elektrischer Abendbeleuchtung arbeiten konnten. Auf dem Tische lagen Zeichnungen und Dekorationsentwürfe. Am Tische saß der junge Professor Dehneke und sein Schüler, der junge Florian Schmidt. Der Marquis lief un aufhörlich wie ein Wiesel zwischen dem Tische und dem gegenüberliegen den Podium hin und her, wenn er nicht mit den beiden Damen, mit Lissi Peeck und Fräulein Maria Asten, plauderte, die beide an der Längsseite des Saales auf dem großen Sofa Platz genommen hatten. Es herrschte ein behaglicher und stets vornehmer, bei aller weltstädti schen Spieligkeit doch niemals würdeloser Ton im Hause. Tante Helene herrschte milde, aber absolut. Getanzt war in diesem Saal, aus dem die Teppiche noch nie entfernt worden waren, noch nie. Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten der großen Frau, daß man sie nur selten sitzen sah: nur wenn die Gelegenheit es durchaus gebot. Sie konnte im Stehen ruhen, wie andere aus dem Sofa ruhen; sie konnte stehend schlafen, ohne die großen Augen zu schließen und ohne das gast liche Lächeln von den Lippen zu verlieren. Sie konnte, während sie scheinbar Cercle abhielt, ihre Rechnungen noch einmal durchdenken: kein Tapezierer, kein Gärtner, kein Gemüsehändler konnte sie auch nur um einen Groschen überteuern: all der Glanz, den sie verwaltete, konnte sie nicht blenden und nicht verwirren; denn sie selber hatte dies ganze41 Haus oder vielmehr diese beiden Häuser, Steinchen für Steinchen müh sam zurechtgebaut; und all die Heiterkeit und Weite, die sie jetzt umgab, konnte die Erinnerung an all das Trübe und Enge nicht bannen, das sie tapfer durchschritten und durchlitten hatte. Auch jetzt während Marquis Kowoko gerade dabei war, in einer riesigen antiken Kupfervase, die der Gärtner eben aufs Podium ge schleppt hatte, allerlei langstielige Blumen zu arrangieren, stand die mühselige Vergangenheit wieder einmal deutlich vor ihr da. Sie be trachtete ihren wirtschaftlichen Aufstieg ohne Staunen und wie etwas Selbstverständliches und wie etwas ihr Zukommendes. Und in gewissem Sinne mochte sie zu solchem Trotze ein Recht haben. Demut lag ihr nicht. Wie verschieden waren doch diese beiden Schwestern. Wer an die Frau des Rittmeisters dachte, sah sie an ihrem Nähtischchen oder im blauen Sofa vor sich. Die war lediglich Ehehälfte. Die trug kein eigenes Schicksal und blickte erstaunt und fremd in die Welt. Die hatte als Offiziersfrau in der Garnison ihres Gatten ja auch immer nur die An schauungen und Rechte gehabt, auf die der Rang ihres Gemahls sie ge wiesen. Aparte Neigungen und Geschmacksrichtungen gibt es da nur bei Kommandeusen; und so weit hatte es Frau Hannas Gatte nicht ge bracht. Frau Helene aber war in jedem Zoll eine Kommandeuse, wenn auch über ein ganz friedliches Heer. Unfrieden hatte sie nur in ihrer Ehe kennen gelernt. Ihr Gatte war Apotheker gewesen: ein weltfremder Gelehrter, ein Chemiker, der Tag und Nacht sich mit fruchtlosen Experimenten abgab, sein Geschäft darüber vernachlässigte und schließlich in seinem Laboratorium, als er mit Explosivstoffen arbeiten wollte, den Tod gesunden hatte. Er hatte zu jenen unbeirrbaren Optimisten gehört, deren Sorglosigkeit aus Leicht sinn und Hochmut geboren war. Was für Kämpfe hatte Frau Helene damals gehabt, um die Miete rechtzeitig bezahlen zu können! Wie hatte er den Beleidigten gespielt, als sie sein Haus und seinen Stand dadurch entwürdigte, daß sie ein Zimmer an einen Pensionär abvermieten wollte. Wie hatte er ihr damals das Leben erschwert, wenn er den harmlosen Menschen einfach schnitt und gar nicht grüßen wollte. Was für ein Glück war es gewesen, daß später derselbe Mieter, nach dem Tode des Apo thekers, ihr Heim weiterempfohlen hatte. Nach zwei Jahren war sie schon in der Lage gewesen, ihrer Schwester und ihrem Schwager für ein paar Wochen Unterkunft zu gewähren, als der Schwager bei einer großen Mißernte sein Gut aufgeben mußte; und nach fünf weiteren Iahren konnte sie ihren Verwandten auf Klein-Grussow ein Heim gründen. Auch hier hatte sich ihr scharfer, im großstädtischen Lebens-42 kämpf geschulter, kaufmännischer Blick nicht verleugnet; Klein-Grussow lieferte ihr dauernd und billig all das Viele, was so eine große Pension an landwirtschaftlichem Vorrat brauchte für Küche und Keller. Bloße Sentimentalität hatte Klein-Grussow nicht gegründet. Die große antike, kupferne Vase war festlich geschmückt. Die fahlen Blumen leuchteten neben dem schwarzen Rahmen, aus Äem in ernster Trauertracht das Bild der Friedensverkündigerin Berta von Suttner blickte. Über diesem Bilde hatte man in ganz großem Format, so daß es fast panoramahaft wirkte, ein Gemälde von Böcklins Toteninsel an gebracht. Wacholderstauden ragten rechts und links. Das elektrische Licht blinkte gedämpft darauf. Und dann wurde Fräulein Asten auf das Podium gebeten, damit man noch einmal sehen könne, ob die Farbe des Kleides auch ganz in den Podiumrahmen passe; sie sollte ein japanisches Lied singen; der Marquis hatte es gebracht und die Noten aufgesetzt: der junge Florian Schmidt, von dem man sagte, daß er ein glänzender Orientalist zu wer den verspräche, hatte die Verse ins Deutsche übertragen: Professor Dehneke hatte die japanische Musik für den Flügel zurechtgemacht und dabei ganz wenig auf den europäischen Geschmack Rücksicht genommen: der Professor schlug ein paar Takte an, und die junge Dame markierte die Einleitungstakte. Eine stupide Hauptprobe brauchte man in diesem Hause nicht mühsam abzuhalten; hier war einer auf den anderen abge stimmt; hier genügten Andeutungen. Die junge Sängerin trug in weiblicher Kindlichkeit das ganze Selbstbewußtsein der gefeierten Künstlerin und Schönheit zur Schau. Sie verhehlte auch eine leise elegische Stimmung nicht, denn bei ihrer Jugend war ihr einstweilen für die nächste Saison nichts anderes übrig geblieben, als in einer der größten Provinzstädte ein Engagement an zunehmen. Allerdings nur für eine Saison, und nur, um da Gelegenheit zu haben, in den allergrößten Rollen zu wirken. Während sie noch vom Podium herab zum Flügel hin sprach und scherzte, war Tante Helenes Neffe in den Saal gekommen und hatte gleich die junge Künstlerin ritterlich begrüßt. Der Tante war das nicht recht. Nicht, als wenn sie in der jungen Dame für ihren Neffen eine unpassende Partie erblickt hätte, aber es war nun einmal ein für allemal ihr feststehendes Prinzip, jede Art von Flirt unter ihren Pensionären auszuschalten. Sie hatte es zu oft erfahren, daß bei solcher Romantik ihr Betrieb nur zu leiden gehabt hatte. Entweder erzürnten sich die Leute nachher und liefen auseinander und fort: oder sie fanden sich" und liefen miteinander fort. Und beides lag nicht in der Tendenz4) ihres Pensionats. Sie beschloß, nachher mit dem Jungen ernstlich dar über zu reden. Der Professor war vom Flügel aufgestanden und meinte: Ich denke, es wird schon klappen." Es waren ein paar neue Besucherinnen gemeldet, so daß Tante Helene den großen Saal verlassen mußte, um ihr Empfangs- und Ar beitszimmer aufzusuchen. Lissi hatte die Tante begleiten müssen. Die jungen Leute hatten sich jetzt um einen Tisch an der Längs seite des großen Saales gruppiert: Professor Dehneke präsidierte; seiner linken Seite saß der Studiosus Florian Schmidt, der noch etwas aus seinen japanischen Übersetzungen vorlesen sollte; die Sängerin, Maria Asten, saß allein inmitten des Sofas; der gelbe Marqnis saß ihr gegenüber. An der vierten Seite des Tisches saß Hans Peeck. Während ein Mädchen noch ein paar kalte Getränke auf den Tisch stellte, fand sich noch ein neuer Gast ein, der in der Art des Hauses sofort wie ein Zugehöriger behandelt wurde; es war ein guter Be kannter des Marquis Kowoko, ein polnischer Student Lnschin. Der Marquis hatte ihn im vorigen Sommer im Charlottenburger Poly technikum kennen gelernt. So ein großzügiges Berliner Pensionat hat wirklich oft etwas von einem großen Ozeandampfer an sich; man schließt schnell Bekanntschaft, hört in allen Sprachen reden und verliert sich bald nachher so schnell wieder aus den Angen, wie man sich fand", meinte der Professor. Sie werden uns auch bald verlassen, gnädiges Fräulein? Ich höre, Sie wollen in die Provinz?" Fräulein Asten nickte elegisch. Aber nur auf eine Saison." Hans Peeck fiel es unangenehm auf, in wie dreister Weise der eben angekommene polnische Student die junge Sängerin anstarrte. Sie schien es nicht zu bemerken oder längst gegen derartige Zudringlichkeiten abgebrüht zu sein; nur einmal, als sie sich mit der schmalen Hand un willig übers Gesicht fuhr, sah es aus, als wollte sie da etwas Unan genehmes wegscheuchen. Luschin glotzte ungestört weiter. Ich glaube beinahe, gnädiges Fräulein," meinte ,der Professor, ich bin hier in diesem Kreise Ihr ältester Bekannter." Das junge Mädchen sah ihn ruhig und groß an, dann meinte sie: Da irren Sie sich; Herrn Hans Peeck kenne ich schon jahrelang! Wie lange ist das eigentlich her, lieber Hans, daß ich damals in Ihrer Gar nison sang?" Es war im Januar vor zwei Jahren." Richtig! Wie hieß noch Ihr Kamerad, von dem Sie unzertrennlich waren, und der mich auch noch mit an den Bahnhof brachte?"54 Das war ja doch gerade Leutnant Lemke, der jetzt umgesattelt hat und Iura studieren will." Ach richtig, der jetzt bei Ihren Eltern Ferien macht!" Und dann bat sie den jungen Studenten, doch endlich vorzulesen. Der Professor setzte sich an den Flügel und präludierte ein paar Takte; und immer, wenn eins der lyrischen, zarten Stimmungsbilder vom jungen Florian vorgelesen worden war, hielt der Professor in ein paar verbindenden Akkorden die Stimmung fest: und so wechselten Worte und Klänge in einer selig müden und doch aufwühlenden Art; der Japaner nickte hin und wieder in höflicher Zustimmung: der Pole Luschin glotzte beständig: aber es war mehr die Frechheit des Unverschämten, die aus ihm blickte, als die kindische Lümmelhaftigkeit eines harmlosen Unerzogenen. Die junge Künstlerin merkte nichts davon. Für sie gab es jetzt nur Verse und Akkorde. Alles andere war für sie versunken. Oder: wenigstens tat sie doch so. Nach dem Vortrage machte man dem Japaner Komplimente. Man fragte, ob die Musik des Professors die japanischen Motive nicht gar zu sehr europäisiert hätte. Ein wenig", sagte er mit recht verschmitztem Lächeln, hinter dem verächtlicher Hohn zu blinzeln schien: ein ganz wenig. Ich kann nicht selber singen. Ich habe Grammophonplatten zu Hause mit japa nischen Liedern. Werde sie bringen. Sie werden hören. Vielleicht Sie werden schön finden: vielleicht nicht ganz schön. Ist sehr schwer, japanische Musik für deutsche Ohren." Es wäre reizend, wenn Sie die Grammophonplatten mal mit bringen würden. Was für Lieder haben Sie da?" Drei Lieder. Ein Lied, wie es die Soldaten im Felde singen, und zwei Liebeslieder." Man kam auf den großen Balkankrieg zu sprechen. Der Marquis war ja dabei gewesen: der Marquis Kowoko war ja ein richtiger Neffe des großen Generals Nogi. Er hatte wirklich nicht damit renommiert: er hatte es bloß einmal so nebenbei Frau Helene gegenüber erwähnt, und seit der Zeit hatten es alle im Hause gewußt, und seit der Zeit hatte im Arbeitszimmer der Tante Helene das Bild des Generals Nogi neben dem der Frau von Suttner gehangen. Man sprach jetzt behaglich von japanischer Kunst und Kultur und Kriegstechnik. Dem Professor schien es seltsam, daß Menschen, die so zarte, süße Gedichte schaffen, so zierliche Sträuße zusammenstellen konnten, so brutal Kriegerisches vollbracht hatten.45 Ich habe so den Eindruck," meinte er, als schlösse bei uns das eine das andere aus; als wäre unserem Volke, dem grüblerisch veran lagten, das brutale Draufgängertum versagt. Ich habe gar kein Be denken, es ruhig und offen auszusprechen, daß ich ganz und gar wie Schiller sagt ,unkriegrisch erzeugt bin; ich habe mich quälen und ab mühen müssen: ich habe durchaus nicht das Empfinden, irgendwie un männlich zu sein: aber alle brutale, muskelhafte Forschheit ist mir ver sagt. Ich mache gar kein Hehl daraus, daß ich unsagbar gelitten habe, als ich ,dienen mußte. Ich war wie erlöst, als man mich nach acht Wochen wieder wegen eines Herzleidens entließ. Ich hoffe und weiß ganz genau, daß ich meinem Vaterlande auf andere Art nützen kann." Sie wurden krank?" fragte der junge Peeck, dem jetzt auf ein mal der Leutnant noch im Leib saß". Der junge Mann mußte sich Mühe geben, die Frage im Tone höflicher Teilnahme zu stellen. Die Leute mögen wohl eingesehen haben, daß ich den Dienst außerdem doch nicht begreifen konnte. Aber ich kann Ihnen sagen: ich träume noch oft von den schrecklichen Zeiten. Schon diese ewige Arroganz, die mit unsereins da umspringt, als liefe man da subaltern unter gleichem Gesindel herum. Das Tollste war aber, als man mich entdeckte und mir höhnisch kommen wollte. Zuerst hatten die Leute ja wohl geglaubt, ich wäre rebellisch gesinnt und wollte die Sache aus Trotz nicht begreifen. Oder man hielt mich für sonst irgendeinen ganz verlorenen und verkommenen Menschen: dabei mußte ich in der Nacht noch wissenschaftlich arbeiten und Korrektur lesen, denn der Verleger drängte: mein Buch über Gottsched mußte erscheinen. Als ich dann von der Universität die große Medaille dafür bekommen hatte, und das in der Zeitung gestanden hatte, schienen die Offiziere im Kasino das zuerst gar nicht glauben zu wollen und sahen mir argwöhnisch nach. Aber ein junger Leutnant mußte doch wohl das Bedürfnis haben, sich zu der Sache zu äußern: denn eines Tages ließ er Mich ,antreten! Er schnarrte mich an, als wenn ich wieder irgend etwas vergessen hätte: .Einjähriger Dehneke! Höre da, Sie haben Buch geschrieben? ,Zu Befehl, Herr Leutnant! So! Worüber haben Sie denn da ge schrieben? Iber Gottsched, Herr Leutnant. ,So, über Jottsched? So, so! Wissen Sie was: Habe mal Jeschichte gelesen: sitzt man aus Insel: schreibt auf Schiefertafel: frißt ejal Eier: das is wohl auch von Jottsched? Was? Da sagte ich: ,Nein, Herr Leutnant, das Buch, das Sie da in der Hand gehabt haben, wird wohl der Echtermeyer ge wesen sein, und das Gedicht heißt .Sales ^ Qome? und ist von Ehamisso. Da sagte der Mann bloß: Ionnerrvetter! "-0 Hans Peeck hatte während dieser Geschichte mit ruhigem Lächeln dem Rauch seiner Zigarette nachgesehen. Als der Professor zu Ende erzählt hatte, meinte er: Ich glaube beinah, daß ich Sie jetzt verstehen kann. Der Leut nant kommt Ihnen so ungerecht vor, wie etwa Sie sich selber erscheinen müßten, wenn Sie alle diejenigen als inferior behandeln wollten, die auf Ihrem wissenschaftlichen Gebiete ihre Prüfungen nicht bestehen könnten." Ganz recht I" Aber vielleicht geben Sie sich einer kleinen Täuschung hin, wenn Sie jetzt hier den Leutnant als einen etwas stumpfsinnigen Jüngling hinstellen. Sie sagten mir mal, daß Sie in Greifswald gedient hätten; ich glaube, den Leutnant zu erkennen; war es nicht Kröger?" Ganz recht! Kröger hat der Mann geheißen! Kennen Sie den Jungen?" Sie sehen," meinte Hans Peeck, daß der Herr Marquis Kowoko den Namen Kröger auch gehört zu haben scheint! Nicht wahr, Herr Marquis? Sie kennen den Namen des Hauptmanns Kröger? Er ist im Generalstab jetzt; hat kürzlich im Japanischen sein Dolmetscherexamen gemacht. Er studiert jetzt Russisch. Vielleicht hätte er sogar einem Manne wie Ihnen schon damals ganz was Nettes über Gottsched er zählen können. Aber er hielt den Exerzierplatz wohl nicht für einen Salon! Nein, wirklich, Herr Professor, ich glaube mich nicht zu täuschen, es war der ganz kraß blonde Kröger, der so ein wenig mit der Zunge anstößt; wenn es ihm Spaß macht, kann er aussehen, als käme er direkt aus dem Simplizissimus herausgestiegen. Aber nur, wenn es ihm Spaß macht wie damals." Der Professor ließ sich weiter darüber aus, daß nach seiner Ansicht der Staat zu Ungeheueres verlange, wenn er ganz unbesehen alle seine Söhne auf den Exerzierplatz schicke; er erblickte in den englischen Ver hältnissen, wo solche Zumutungen an Gelehrte und Künstler nicht ge stellt würden, das Vorbild, dem Deutschland nachstreben müßte. Er sprach das alles in einem dozentenhasten, aber durchaus nicht rechthabe rischen, unangenehmen Ton, als spräche er von Dingen, die er mit der selben Gelassenheit von einem Podium herab Hunderten von Zuhörern erzählen wollte. Ich hatte wirklich Angst," erzählte er, als ich mich letzten Herbst in Rostock stellte: ich war dahin gegangen, weil man mir sagte, daß da wahrscheinlich ein Überfluß an Einjährigen wäre, und daß man da noch am ehesten Aussicht hätte, abgewiesen oder doch hinausgeschoben47 zu werden. Stellen Sie sich doch nur vor, wie mich so ein Jahr aus all meinen Arbeiten herausgerissen hätte. Ich hatte mir eigens deswegen keine Ruhe gegönnt, und ich kam da recht abgespannt und stubenblaß an; ich glaube, ich sah sehr jämmerlich aus; dessen hätte es übrigens gar nicht bedurft; denn als man meine Brustweite maß, fand man, daß ich zu schmal im Verhältnis zu meiner Länge wäre." So redeten diese beiden Philologen, und Hans Peeck kam sich in diesem Kreise gerade so überflüssig und verloren vor, wie sich der Pro fessor damals auf dem Exerzierplatz gefühlt haben mochte; eine gallige Stimmung wühlte in ihm und wollte emporsteigen: er wußte aber, daß er sich hier zu beherrschen hatte, und deshalb stand er auf und empfahl sich den Herrschaften. Draußen im Treppenflur traf er die Sängerin. Herr Peeck, ich möchte noch eine kleine Stunde fpazierengehen. Begleiten Sie mich." Eine Zeitlang gingen die beiden schweigend nebeneinander. Dann fing sie an zu plaudern. Sie sprach von einigen Rollen, auf die sie sich freute. Wissen Sie, auf was für eine Rolle ich mich gefreut hätte?" meinte er. Sie?" Ja. Wenn ich da hätte Feldwebel sein können, wo diese wasch lappigen Kerle von vorhin Rekruten gewesen wären." Tun Sie den guten Leuten nicht unrecht!" meinte sie. Es find wirklich keine Tagediebe. Die Leute müssen ihr Gehirn gehörig an strengen. Und schließlich hat Professor Dehneke sich doch ganz entschieden einen Namen gemacht. Das ist in Berlin keine Kleinigkeit. Sie werden das nun auch bald tun. In ein paar Jahren sind Sie vielleicht Vank- direktor. Wenn Sie dann große Feste geben, trage ich vielleicht mal dabei vor." Dieselben Lieder, die Sie damals sangen?" fragte er mit weh mütigem Lächeln. Jawohl", sagte sie, aus den Ton eingehend. Dieselben Lieder, die ich damals sang, als Sie, Hans, und Ihr Freund Lemke mir zu- hörteu, und der alte General sich so über die Begeisterung meiner beiden Leutnants amüsierte. Ja, Hans, da in der Garnison waren Sie eigentlich noch ein viel größeres Tier als hier in Berlin sieben Dehnekes zusammengenommen. Und ich war damals bei Ihnen ja auch eine ganz große, akkreditierte Persönlichkeit, lediglich weil das hochlöb liche Offizierskasino mich engagiert hatte, und weil ich bei der GeneralinLogis nehmen mußte. Das war meine Uniform, die mir Ansehen ver schaffte. Und Sie beide trugen auch Uniform, die Ihnen beiden sehr niedlich stand." Die beiden waren an einen Laden getreten, in dem aktuelle Bilder ausgehängt waren. Das ist die Kaiserbüste von Bezner. Sie sollte in Paris stehen: ist aber zurückgewiesen." Warum schickt der Mann sie denn erst dahin?" meinte der junge Peeck. Nun," meinte sie, sein Schade ist s nicht gewesen, daß man ihn zurückgewiesen hat: denn jetzt spricht alle Welt von seiner Arbeit: und außerdem ist sie gut. Da hängt ja auch der verstorbene Meininger. Was jetzt wohl aus seinem Theater wird?" In was für einer gräßlichen Zeit leben wir jetzt in Deutschland," sagte er, daß beim Tode eines Bundesfürsten die wichtigste Frage ist, ob der Theaterkarren wie bisher weitergeschoben werden kann." Davon verstehen Sie nichts!" Mag sein," seufzte er, ich muß umlernen. Was ich bisher ge lernt habe, gilt ja nur als hirnloses Griffekloppen. Und selbst das Hab ich mir verscherzt." Wie zwei gute Geschwister schritten die beiden nebeneinander her. Oft herrschte ein langes Schweigen zwischen ihnen, das gar nichts von Verlegenheit an sich hatte. Wird Ihnen Äer Weg auch nicht zu weit werden?" hatte der junge Peeck gefragt. Aber die Sängerin meinte: Es ist heute so eine wundervolle Sommernacht. Das wissen die draußen gar nicht, wie prachtvolle Himmelsbilder man über diesen Dächern oft sehen kann. Sehen Sie nur, wie riesenhaft die Türme der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aus diesem Licht schimmern! In dieser Beleuchtung wirkt der ganze Bau doch wundervoll! Und vor uns leuchtet der ganze Himmel vergißmeinnichtblau, und dahinter ist alles rosa ge taucht. Lassen Sie uns noch in etwas stillere Straßen gehen, wo Gärten stehen. Bei der Wilhelmsaue ist ein großer Park mit hohen, alten Kastanien: da Hab ich noch vor ein paar Wochen den Kuckuck rufen gehört: im vorigen Jahre gab es da noch Nachtigallen: aber die sind jetzt wohl durch die vielen neuen Brauereien verscheucht!" Kommen Sie durch die Uhlandstraße!" sagte er. Wenn es Ihnen zu weit wird, finden wir immer eine Bahn." 4SUnd dann gingen die beiden weiter nebeneinander, und sie sprachen wieder von den neuen Menschen, die sie hier kennen gelernt hatten, von seinem fröhlichen Soldatenleben in der Garnison, das er wegen seiner Leichtfertigkeit und seines Übermuts hatte verlassen müssen; und sie ent wickelte ihre Pläne und Hoffnungen für die übernächste Saison, wenn sie wieder in Berlin sein würde. Denn die nächsten Monate, die sie in der Provinz verbringen sollte, erschienen ihr wie eine Verbannung. Ich habe mir in meinem Kontrakt natürlich auch Urlaub ausbe dungen für Gastspiele. Ich werde hier in der Singakademie zweimal einen Abend veranstalten. Ich denke, daß ich in der einen Hälfte meines Programms die japanischen Lieder singen werde, die der junge Florian Schmidt übersetzt hat. Marquis Kowoko will mir dazu das ganze Podium in japanischem Geschmack Herrichten, und er will mir auch eine kleine, echt japanische Kapelle zusammenstellen. Es wird etwas ganz Eigenartiges werden. Es wird wirklich stilecht werden. Was sonst in Deutschland an japanischer Kunst auf der Bühne gezeigt wird, ist so ent setzlich unecht, daß der Marquis sagt, es wäre gar nicht zum Ansehen. Dabei bringen die Japaner mehrere unserer neuesten Dramen so echt auf ihre Bühnen, daß man beinahe glauben sollte, man sähe eine Auf führung eines deutschen Provinztheaters." Hans sühlte es jedesmal, wenn Maria das Wort Provinz" aus sprach, wie niedrig sie alles bewertete, was nicht in Berlin geprägt wurde. Er fühlte es ganz deutlich, daß ihr z. B. der damalige Ab stecher in seine Garnison lediglich als eine drollige Episode, nicht als eine künstlerische Aufgabe erschienen sein mußte. Er hatte ja kein Urteil über all die Menschen, die ihm hier so selbstbewußt und selbstgerecht und tonangebend entgegentraten. Aber sein Argwohn saß tief. Der Marquis scheint ja wohl ein sehr vielseitiger Mann zu sein?" meinte er. Was treibt er eigentlich?" Was er treibt? Er studiert die Welt! Er reist. Er soll auch Fachkenntnisse haben. Ich hörte, er ist Ingenieur. Natürlich auch Offizier." Dann ist er wohl von seiner Regierung geschickt?" Mag sein. Er sucht zu lernen, wo man ihn belehren will. Er hat sich jetzt mit dem Professor Dehneke und dem jungen Florian Schmidt befreundet. Er hat Florianchen versprochen, daß er ihn in Tokio emp fehlen will für eine Lehrstelle an der Universität." Was will Florian Schmitt denn da in Tokio unterrichten?" Natürlich doch deutsche Literatur. Der junge Kerl soll sehr be gabt sein. Ich kann mir vorstellen, daß er Ihr Freund nicht ist. Ich 4 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite. ^beobachtete Ihr Gesicht, als er erzählte, wie froh er damals gewesen sei, als man ihn beim Militär nicht brauchen konnte. Sie müssen aber gerecht sein. Für ihn wäre dies Dienstjahr nur gräßliche Gamaschenhengsterei gewesen. Du lieber Gott! Der mit iden Fingerchen, und dann Griffe kloppen! Können Sie sich auch vorstellen, daß aus diesem sein gescheitel ten Kops ein Helm sitzen könnte? Seine Frisur sieht bei ihm ja ganz natürlich aus. Wenn ein anderer, der nicht solche blaßblauen Augen und nicht solche ganz kindlich blonden Haare hätte, sich so kämmen würde, so würde es Eass Größenwahn erinnern. Bei Florianchen wirkt das alles ganz natürlich und vernünftig. Er ist ein braver Junge. Jedesmal, wenn ich ein Konzert hatte, hat er mir ein paar Blumen ins Künstlerzimmer gelegt. Dabei zeigt er sich dann des Abends weiter nicht; und er macht mir sonst gar nicht den Hos; aber er sagt mir jedesmal in einer sehr zarten Weise, was ihm an meinem Vortrag aus gefallen wäre. Sein Urteil ist ungemein scharf, und er äußert es immer so, daß es klingt, als wollte er mich um Rat fragen. Ich glaube, wenn so ein Mensch Kasernenluft atmen müßte, würde er ein fach zugrunde gehen müssen wie eine seine Orchidee, die man in preußi schen Sand pflanzt." Aber was fangen wir denn nur mit solchen Kunstgeschöpfen an, wenn wir mal in der nächsten Zeit Krieg bekommen?" Daran ist gar nicht zu denken!" unterbrach sie ihn lachend. Der Marquis hat es ja bewiesen. Es sind alle Handelsinteressen der Völker so verwachsen und gemeinsam, daß jedes Land, welches Krieg.anfangen würde, einfach Selbstmord begehen würde. Die Engländer wären zu solchem Experiment viel zu schlau. Die Franzosen wissen, daß wir mit ihnen in vierzehn Tagen fertig würden; die Russen wissen, daß Japan ihnen sofort in den Rücken fallen würde; die Österreicher wollen den Feierabend ihres alten Kaisers nicht stören, und unser Kaiser will, daß er auf seinem Grabsteine als Friedenskaiser bezeichnet wird. An Krieg ist gar nicht zu denken!" Das wäre gräßlich!" meinte er. Sie sind Egoist! Das ist nicht sein von Ihnen! Sie haben mir ja schon erzählt, was ein Krieg für Sie bedeuten würde: Sie würden dann ein Gesuch an den Kaiser richten und wahrscheinlich wieder Offizier werden. Es ist kleinlich von Ihnen, daß Sie die ganze Welt nur durch das Leutnantsmonokel besehen. Sie sind gerade so kleinlich und so egoistisch wie ein Glasermeister, der zu Gott betet, daß ein großes Hagelwetter käme, welches alle Fensterscheiben entzweischlüge!" ;c Es lag in dem Tone, in dem sie das alles sprach, etwas so Selbst sicheres und doch so Zartes, etwas so Rechthaberisches und doch so frauen haft Gütiges, etwas so lieblich überlegenes, das ihn gefangennahm. Die Frauen, die Hans Peeck in seiner Leutnantszeit in der Garnison kennen gelernt hatte, waren wesentlich andere Frauen gewesen. Schwesterlich hatte er nur mit der leiblichen Schwester bisher gesprochen. Jede Vertraulichkeit im Verkehr mit einer jungen Dame aus seinen Ständen hätte man ihm früher unzart ausgedeutet: man hätte ewig Absichten" gewittert: ehrbare und unehrbare. Um ihre Ansichten hatte er wohl früher in der Garnison die Damen auch gefragt, aber nur in der gesellschaftlichen Absicht, die Zeit totzuschlagen: Äenn alles, was da mals ihm die Frauen und Töchter seines Standes antworteten, war ja nur das Echo der zurzeit geprägten Garnisonanschauung. Hier fand er zum ersten Male eine weibliche Vornehmheit, die seiner Jugend ebenso überragend wie gütig erschien. Dabei hatte die Stimme Marias für seine Ohren einen seltsam bestrickenden Klang: es konnte vorkommen, daß er sich von der Melodie dieses singenden Tones so gefangennehmen ließ, daß es ihm schwersiel, auf den Sinn ihrer Rede zu achten. Die beiden waren in ihrem Gespräch bis zur ländlichen Garten anlage der Wilhelmsaue gekommen und bogen dann in noch stillere Straßen ein. Die Schatten gaben all den scharfen Umrissen der halb fertigen Neubauten etwas Sanftes und überragendes: einige alte Napoleonspappeln hoben sich gespenstisch vom mattblauen Nachthimmel ab. Als die beiden zu einer Bank gelangten, die den Blick auf Lauben land freiließ, nahmen beide Platz. Die kleinbürgerlichen Lauben verschwammen wie im Wiesennebel vor ihnen. Rechts und links ragten scharf umrissen Neubauten mit toten Wänden, die tagsüber wohl recht prosaisch aussahen, jetzt aber das ganze Bild heroisch umrahmten. Mit ihren Schornsteinen machten sie jetzt den Eindruck schauriger, alter Schlösser im maeterlinckschen Stile. Und wie ein Zauberland, wie ganz in Märchenglanz getaucht, duftete zwischen ihnen ein verträumter Park mit Pappeln, Akazien und einer feinen, hochstrebenden Lärchentanne, Die Sängerin begann ganz leise in diese sommernächtige Einsam keit hinein zu summen: sie sang ein Lied, das tief und schwül war wie diese Sommernacht. Hans Peeck kannte es nicht. Als sie es zu Ende gesungen hatte, küßte er ihr die Hand. Und dann konnte er nicht anders: dann mußte er ihr in seiner jungenhaften Art sein Geständnis der Liebe machen. Er tat das in genau der verschüchterten, ungeschickten, überschwenglichen, hastigen und 4 5152 rührenden Art, in der wohl jeder deutsche Mann so etwas irgend ein mal in seiner Jugend gesprochen hat. So typisch wie sein Empfinden für seine Jugend war, genau so typisch waren seine Redewendungen. Er sprach davon, daß es ihm so vorkäme, als hätte er bisher in einem Traum gelebt; er sprach von seinem Unwert und von all dem vielen, was er trotzdem noch hoffe, wenn sie" ihn anhören würde. Er sprach und sprach. Sie hatte zuerst wahrhaftig einen richtigen ehrlichen Schreck be kommen ; dann hatte sie ihre Fassung wiedergefunden und zugleich ihre heitere Selbstsicherheit: Aber lieber Hans! Wenn ich das gewußt hätte, daß Sie solche Ideen fassen könnten, hätte ich Ihnen wahrhaftig nicht erlaubt, mit mir spaziereiNZUgchen! Außerdem wissen Sie doch, wie Ihre Tante Helene über Liebesaffären unter ihren Pensionären denkt! Nein, Hans, seien Sie ein vernünftiger Junge und lassen Sie uns mal ganz ruhig sprechen! Jede Sache muß schließlich ihre Fasson haben, und ich weiß nicht, wie es zwischen uns beiden zu einer Fasson kommen sollte! Sehen Sie, Hans, wenn ich nun zum Beispiel morgen krank würde und die Stimme verlöre, dann wäre ich Ihnen auf Ihrem Wege ja doch nur ein Hinder nis, ein Klotz am Bein. Solange Sie den bunten Rock trugen, hätten Sie eine arme Künstlerin als armer Leutnant ja überhaupt nicht heiraten können, da wäre ich Ihnen oder Ihren Kameraden ja auch wohl gar nicht standesgemäß erschienen. Aber jetzt, wo ich denke, daß ich vor einer Karriere stehe, Aa kann ich doch nur einen Mann wählen, der in der Welt schon etwas bedeutet, der etwas vorstellt; sehen Sie, Hans, wären sie jetzt fünfzehn oder zwanzig Jahre weiter, und wären Sie etwa Di rektor einer größeren Bank, dann hätte die Sache ja einen Sinn. Sehen Sie, mein guter Junge, und das wollen Sie doch gewiß bleiben, und darum möchte ich Sie bitten! Sie sind jetzt weder Fisch noch Fleisch. Ihre Zukunft liegt noch weit. Werden Sie erst mal ein tüchtiger Zivilist! Kommen Sie, geben Sie mir den Arm. Wir wollen nach Hause gehen. Ein paar Schritte von hier ist die Halte stelle der Elektrischen. Da kommt schon eine. Wir wollen schnell machen." Die stattliche Tante Helene war ganz entschieden eine gütige, gut mütige Frau; leider aber war sie derartig selbstgerecht, daß sie sich ganz fest eingeredet hatte, daß sie längst auf alle Selbstgerechtigkeit verzichtet hätte; und auf diesen Verzicht konnte sie sich nun noch was Besonderes einbilden!Sie hatte noch nie beschützt", wo sie nicht gleichzeitig entdeckt hätte. Dabei hatte sie nie in gönnerhaftem, lautem Tone beschützt. Immer still wie eine gute Gärtnerin, für die es allerdings nur sehr nützliche oder sehr seltene Saat gibt. Das Alltägliche war für sie nicht da. Bei ihr wohnten nur Nummern", welche tüchtig zu zahlen hatten, oder Leute mit Namen; zu letzteren rechnete sie auch solche, die erst später mal Aussicht auf einen Namen hatten. Einem jungen Studenten, der auf einen gutbürgerlichen, akade mischen Beruf losgesteuert wäre, hätte sie kaum lebhafte Teilnahme ge schenkt: dem Professor Dehnete war sie eine Egeria und dem jungen Florian Schmidt eine stolze, sorgende Mutter. Professor Dehneke, der von einem mitteldeutschen Fürsten mit dieser Titulatur beschenkt worden war, und der mit gleicher Redwilligkeit in Arbeitervereinen und in den vornehmsten weiblichen Erziehungsan stalten des Westens sein Licht leuchten ließ, hatte die denkbar besten Beziehungen zu mehreren einflußreichen Wochenschriften und Tages zeitungen; wie oft schon hatte er auf das gemeinnützige Wirken seiner Gönnerin in der Presse hingewiesen: wie manche wertvolle Verbindung mit Redaktionen hatte er ihr vermittelt. Der Professor hatte auch den jungen Florian Schmidt bei ihr eingeführt; und der junge Orientalist hatte ihr schon gleich in den ersten Wochen Beziehungen zur siame sischen und chinesischen Kolonie verschafft. Eine Hand wusch also die andere. Tante Helene konnte geradezu raffiniert sein, wenn es darauf an kam, irgendeinem angesehenen Gast seine Stube behaglich zu gestalten. Jeder fand die Fahnen, die Landschaftsbilder an seiner Wand, die ihn heimisch grüßen konnten. Die beiden Zimmer des Professors und die Dachstube Florian Schmidts hatte sie ganz nach den Angaben der beiden Männer Herrichten lassen; die Miete, die Florian ihr zahlte, war lächer lich gering. Seine Stube war ganz streng in japanischem Stil gehalten. In den Stuben des Professors sah man nur grüne Tapeten und Gar dinen, mattschwarze Möbel und Silhouettenbilder in mattsilbernen Rahmen; es war allerdings ausgemacht, daß bei einem späteren etwai gen Fortzug der beiden diese Ausstattung dem Hause verbleiben durfte. In so einer großstädtischen Pension finden sich ja immer Leute mit selt samem Geschmack. Ein Schriftwort war s, das für Tante Helene den Inbegriff aller Weltweisheit in sich trug: das war das Wort: Wer hat, dem wird ge geben, wer aber nichts hat, dem wird auch noch genommen, was er hat!" Die Wahrheit des zweiten Teiles dieses Weisheitssatzes hatte sie 5Z55 früher in Zeiten bitterer Kämpfe empfunden; jetzt leuchtete ihr die erste Hälfte des Spruches wie eine große Verheißung: Wer hat, dem wird gegeben!" Liffi hatte auf ihren Wunsch sich im Stenographieren und im Ma schinenschreiben ausbilden lassen und wirkte neben der Tante als deren Adjutantin und Sekretärin. Eine beratende Stimme hatte Lissi natür lich nicht: konnte sie auch gar nicht haben. Ganz leise aber fühlte Frau Helene es, daß dieses junge Mädchen mit der Zeit ihre gelehrige Schülerin werden würde, und daß allerdings erst in vielen Iahren Lissi das Regiment dieses Hauses übernehmen könnte. Hin und wieder schon konnte der stattlichen, ewig grüßenden, ewig höflichen Frau eine heimliche Sehnsucht kommen nach einem stillen Weltwinkel, wo sie sich ganz in Stille, Schweigsamkeit und Einsamkeit zurückziehen konnte. Es war das ein Gedanke, mit dem sie immer wieder spielte. Die meisten Wände im Gutshause zu Klein-Grussow waren ja schon im Geschmack der Tante geschmückt. An hellen, geräumigen Zimmern war da ja wirklich kein Mangel. Vielleicht würde Tante Helene da ein mal Feierabend halten. Die Sehnsucht nach der Dorfstille geleitet ja so viele nervöse Großstadtmenschen wie eine scheue und doch oft ausge sprochene glücklich-unglückliche Liebe durchs Leben. So ging es auch ihr. Tante Helene stand gerade im vollen Schein der Nachmittagssonne am Fenster ihres Arbeitszimmers und diktierte der Nichte ein paar Briefe, als Maria Asten hereingewirbelt kam: Darf man stören, gnädige Frau?" Dabei hatte sie auch schon Schirm und Mantel abgelegt und sich in einen Stuhl geworfen. Sie bringen sicher etwas Gutes! Sie haben sicher uns etwas Fröhliches zu enthüllen?" Wirklich, meine verehrte Gnädige! Sie haben recht behalten, als Sie mir damals sagten, Künstlerinnen, die bei Ihnen wohnten, hätten noch immer Glück gehabt! Denken Sie sich nur: ich bleibe hier! Ich brauche nichL nach Köln zu gehen! Es war nämlich Köln, wo ich im nächsten Winter sein sollte! Ich mochte es gar nicht erzählen, welche Art von Provinz mir drohte! Man hätte mich ja nur damit geneckt! Ich bleibe jetzt hier! Ich darf weiter bei Ihnen bleiben! Mein Agent hat mir einen glänzenden Kontrakt geboten! Ich soll hier in Berlin in Konzerten singen! Er hat die Singakademie schon für fünf Abende gepachtet. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, daß ich in Berlin bleiben kann!"55 Sie hatte das mit leuchtenden Augen erzählt, und auch Tante Helenes Augen leuchteten, als sie strahlend auf das junge Mädchen zu schritt und ihr lachend Glück wünschte! Die mütterliche Zärtlichkeit, mit der sie Maria wie in plötzlicher Aufwallung die Stirn küßte, wurde nur ein wenig gedämpft zu verehrungsvoller Pflichttreue, als Maria den Wunsch aussprach, ob sie nicht von jetzt ab statt des bisherigen kleineren Zimmers das große Eckzimmer, welches auf den Prager Platz blickte, beziehen könnte. Zum Glück ließ sich das schon in den nächsten Tagen einrichten, da das amerikanische Ehepaar ja in zwei bis drei Tagen wieder nach Hause reisen würde. Als die überglückliche das Zimmer wieder verlassen und die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, stand Tante Helene wieder ganz genan an derselben Stelle ihres Fensters wie zuvor und setzte ihr Diktat, welches Lissi in die Schreibmaschine zu übertragen hatte, mitten in dem selben Nebensatze fort, in dem sie es unterbrochen hatte. Nach Beendigung der Korrespondenz nahm Frau Helene das große Notizbuch vom Tische und las in den Bleistiftbemerkungen. Hans sagte mir gestern, daß sein Freund Lemke nächstens nach Berlin kommen wollte: das ist doch der Sohn des Stettiner Fabrik besitzers. Hans sagte mir, der junge Mensch wollte Jurist werden. Ich sehe nicht ein, warum er da nicht in Berlin studieren sollte. So ein junger Mann kann doch nicht irgendeine Studentenbude im Norden nehmen. Hans soll ihn einladen, daß er hier wohnt. Vielleicht bleibt er hier ein paar Jahre lang. Du besprichst das mit Hans und sagst mir morgen früh, ob er dem jungen Lemke geschrieben hat. Ich denke, der kann doch zahlen. Was hat Hans übrigens? Er kam mir gestern so niedergeschlagen vor." Ich denke, die Beschäftigung in der Bank langweilt ihn. Cr gibt sich alle Mühe, aber er findet es gräßlich." Er ist kindisch. Ähm fehlt die bunte Uniform und das Angeglotzt- werden auf der Straße. Er muß es eben lernen, daß er jetzt aus sich selber etwas machen muß. Wenn er hier nicht mein Neffe wäre, wäre er hier gar nichts. Du weißt, daß ich ihn gern stütze. Ich bin nicht fo ungerecht wie dein Vater, der ja wohl gar nichts mehr von dem Jungen hören will. Das Amüsanteste, was er sich bis jetzt geleistet hat, ist noch sein Unfug gewesen, sein großer Streich beim Alarmblasen! Er muß nun gelernt Haben, daß zum Alarmblasen in unferer friedlichen Zeit kein Grund vorhanden ist. Er muh sich darin finden, daß der Offiziersrock nur bei bürgerlich fleißigen Reserveoffizieren an Kaisers Geburtstagen Geltung hat."Tante Helene nickte und schritt aus -dem Zimmer. Hans Peeck war inzwischen nach Hause gekommen. Er hatte sich auf den großen Balkon gesetzt, von dem aus man Äen bunten Schmuck platz der Straße schön übersehen konnte. Er hatte sich eine Zigarette angesteckt und blies Trübsal. Diese Stimmung paßte wenig in das heitere Bild, das ihn umgab. Der riesige Balkon, auf dem wohl dreißig Personen Tischplätze finden konnten, war überwuchert von feinblättrigem japanischen Efeu gerank und mit seltsam roten Geranien überreich ausgeschmückt. Was ihm aber seinen ganz eigenartigen Schmuck gab, das warenidie vielen kleinen, seidenen Landesfähnchen, die über ihm, an festem Kupferdraht friedlich nebeneinander flatterten. Da fanden sich die Wimpel all der Nationen, deren Landeskinder hier jetzt wohnten oder hier früher ein mal abgestiegen waren: nur ganz wilde Völkerschaften fanden hier keine Vertretung. Der weiße Elefant von Siam hing neben dem weißgelben Fähnchen des Papstes; ein Fähnchen des Geschlechts derer von Oertzen, die hoch- erhobene Hand mit dem Ringe, hing neben dem Hamburger Wappen und dem persischen Schwertlöwen. Hätte Klein-Grussow ein Wappen gehabt, so hätte man es hier auch bewundern können; ein weißes Fähnchen hing elegisch herab, als wollte es um Berta von Suttner trauern. Hans Peeck starrte noch verdrießlich vor sich hin, als ihn Schritte aus seinen Träumereien weckten. Maria Asten war auf den Balkon getreten. Guten Tag, Hans Peeck", sagte sie. Er nickte müde. Sie sollen nicht Grillen fangen, Hans. Ich mag heute keine trau rigen Menschen um mich sehen. Ich mag auch Sie nicht traurig sehen. Ich mag Sie vor allen Dingen nicht traurig sehen. Sie sollen vernünftig sein oder werden. Tun Sie mir einen Gefallen und werden Sie ganz vernünftig. Ich darf doch ganz sicher annehmen, daß alles ganz und gar und für immer vergessen ist, was neulich von uns besprochen wurde. Das ist ganz vorbei und nie gewesen." Hans nickte müde. Das ist recht, Hans Peeck. Ich möchte nämlich heute etwas Ver nünftiges mit Ihnen besprechen. Ich habe heute, als ich von meinem Agenten hierher kam, immer an Sie denken müssen. Ich habe einen Vorschlag für Sie! Hören Sie mich bitte einmal ruhig an. Zu nächst, mein guter Hans Peeck, können Sie mir gratulieren. Ich werde 5S57 in Berlin bleiben. Mein Agent wünscht es. Wenn es nicht anders geht, will er auch dem Kölner Direktor die Konventionalstrafe zahlen. Mein Agent will mich hier und in der Provinz in einer Reihe von Konzerton herausstellen." Hans Peeck nickte mit dem Kopfe und machte eine grüßende Hand bewegung, welche wohl einen Glückwunsch andeuten sollte. Dann sah er sie nervös an, als wollte er fragen, was ihn das denn anginge. Er hatte ein Gefühl knabenhafter Verlegenheit dieser Frau gegenüber. Diese Frau schritt von Sieg zu Sieg und wählte oder verwarf ihr Ziel nach eigenem stolzen Gutdünken. Ihm hatte man immer nur die Wege gewiesen. Zuerst in der Kadettenanstalt, dann in der Garnison, jetzt hier. Jetzt wollte auch diese Frau mit ihm kommandieren und ihm Vor schläge machen. Sie fühlte seinen müden Blick. Lieber Hans, ich möchte Geschäftliches mit Ihnen besprechen. Ich hatte heute eine längere Unterredung mit meinem Agenten. Sie haben mir mal vor ein paar Wochen ganz kameradschaftlich und offen, wie sich das zwischen uns gehört, geklagt, daß die Tätigkeit in der Bank Ihnen so gräßlich öde erscheint. Wenn Sie auch keine Kunst ausüben, so haben Sie doch an der Kunst Ihre Freude; und ich könnte mir vor stellen, daß es auch möglich wäre, als Vermittler von allerlei Kunst Geschäfte zu machen. Bekommen Sie bitte keinen Schreck, wenn ich das Wort ,Agent ausspreche. Ich weiß, daß Sie als früherer Offizier etwas Gräßliches hinter dem Worte vermuten. Aber es ist das ein gang vernünftiges Geschäft wie andere Geschäfte. Wir Künstler sind doch nur die Soldaten: das blöde Publikum der Feind, der überrumpelt werden muß, und ein kluger Agent ist eigentlich der Feldherr: ja vielleicht noch mehr: er ist Spion und Quartiermacher und Meldereiter, und wenn es schlimm kommt, Friedensparlamentär. Ich möchte mich von meinem Agenten, obwohl ich ja nicht über ihn klagen kann, frei machen. Ich weiß, daß er mich entdeckt hat, aber diese Reklame ist ja auch sür ihn Lohn genug. Ich möchte mich von ihm ganz frei machen und gang selbständig durch einen eigenen Agenten, durch einen Privatsekretär arbeiten. Ich stelle mir das so vor, daß dieser, mein Privatsekretär und Agent, in erster Linie in den ersten Iahren ausschließlich meinen Inter essen leben müßte: er müßte die verschiedenen Städte aussuchen, die Presse bearbeiten, die Säle auswählen usw. Er könnte, wenn er sich eingearbeitet hätte, natürlich auch die Interessen anderer Künstler ver treten, soweit solche Bemühungen mir keinerlei Konkurrenz schüfen. Ich könnte z. B. für ihn solche anderen Verbindungen gern anknüpfen.58 Natürlich könnte ich nur mit einem Impresario arbeiten, der Manieren hat und mit dem ich mich öffentlich zeigen könnte. Ich muß sagen, daß ich dabei an Sie gedacht habe." Sie hatte das alles in ihrem singenden Ton gesagt, als erzählte sie einem Kinde ein Märchen. Ihre Worte hatten geklungen, als wenn sie zu einer melodramatischen Begleitung gesprochen wurden. Früher war es in solchen Fällen oft geschehen, daß Hans Peeck nur dem Klange und nicht dem Sinn ihrer Rede gelauscht hatte. Diesmal hatte er sie aber Wort für Wort oerstanden. Sein Kopf war immer tiefer gesunken. Ganz rot war er im Gesicht geworden. Mit der Gebärde eines hilflosen Kindes hatte er sich die Zigarrenasche, die ihm aufs Knie gefallen war, abgewischt. Dann war eine strenge Traurigkeit über sein Gesicht gezogen. Er war ausge standen, hatte leise den Kopf geneigt und mit einer Stimme, die heiser klang, gemeint: Ich glaube, gnädiges Fräulein, Sie überschätzen meine Begabun gen. Ich glaube, dazu tauge ich nicht." Dann war er geräuschlos ins Haus gegangen und hatte im Vor beigehen der Schwester gesagt: Lissi, entschuldige mich bei der Tante: ich muß heute anderswo in der Stadt essen: ich habe eine wichtige Besprechung." Und gleich darauf konnte Maria Asten sehen, wie Hans Peeck über den Prager Platz ging, ohne sich umzublicken und ohne den Marquis Kowoko zu beachten, der eben von der Kaiserallee herüberkam und höf lich grüßte. Gastlich und praktisch, wie alles in Tante Helenes Programm, war auch die Art, in der sie ihren Besuchern die Tischplätze anwies. Jeder Gast erkannte den zu seinem Zimmer gehörigen Tisch sofort an den selben Blumen, die sich hier wie dort fanden. Der Gärtner kam hier eben nie aus -dem Haufe. In den Zimmern der beiden Philologen sowie im Zimmer des Marquis standen dieselben weißen Geranien, wie auf ihrem Speisetische. So konnten immer die Gäste zueinander gesetzt werden, die zueinander zu passen schienen. Auf dem größten der Tische, an dem Tante Helene selber präsidierte, sah man stets dunkelrote Rosen. Nach und nach versammelten sich die Hausgenossen: es waren heute etwa dreißig an der Zahl. Die Hausherrin selbst gab den heiteren und doch gedämpften Ton an. Das Gespräch konnte sich auf einzelne Grup pen beschränken, oder es konnte auch von Tisch zu Tisch gehen. Doch herrschte bei dem klugen Takt der Hausfrau stets eine gewisse, wenn auch niemals steife Förmlichkeit, welche alles philiströse und banale59 Gewäsch ausschaltete. An zwei Tischen saßen nur Amerikaner. Da neben hatten Russen ihren Standplatz. So tönten hier alle möglichen Sprachen friedlich nebeneinander. Und so international war auch die Kunst, die hier gepflegt wurde. Deshalb schien gerade so ein junger Philologe wie Florian Schmidt, der sich mit japanischer Lyrik beschäftigte, ganz besonders in den Rahmen dieses Hauses zu passen. Lissi und ihr Bruder pflegten am selben Tische mit den beiden Philologen und dem Japaner zu essen. Lissi hatte den Teller ihres Bruders schon fortnehmen lassen wollen, als der Japaner den Besuch seines Freundes Luschin für heute anmeldete. So unangenehm dem jungen Mädchen diese Tischnachbarschaft auch erscheinen mochte, so durfte sie sich doch nichts merken lassen, als der Slawe den Platz neben ihr besetzte. Am Tische der Hausfrau sprach man von der Dame, deren Bild hoch oben von der Wand herabgrüßte: von Frau Berta von Suttner. Maria Asten, die Tante Helene gegenübersaß, sprach von den Liedern, die sie hier bei der Gedächtnisfeier singen wollte. Der Professor sah müde aus, wie er das immer tat, wenn er in der Stadt gewesen war. Er haßte das Zentrum Berlins, und zum Zentrum Berlins rechnete er alles, was nicht geradezu zum westlichsten Westen der Riesenstadt gehörte. In einer lauten oder gar raucherfüllten, nüchternen Stadt hätte er nie eine Zeile schreiben können. Auf feinen Zügen lag meist eine lächelnde Müdigkeit, die ihm bei seinem langen Barte etwas weh mütig Großväterliches gab. Wenn er aber ins Lachen geriet, konnte er auf einmal wie ein ganz junger Student aussehen. Tante Helene freute sich jedesmal, wenn sie sein unverdorbenes, gesundes Lachen hörte. In keiner anderen Gefühlsäußerung bekundet sich eines Mannes gute Kin derstube so deutlich wie in seinem lauten Lachen. Heute schien die Laune des Professors unter seiner Müdigkeit nicht zu sehr gelitten zu haben. In diesem Frieden hier erholte er fich jedes mal fchnell. Außerdem schien er irgendeine erfreuliche Botschaft für den jungen Florian Schmidt mitgebracht zu haben: und erst nach und nach, in der Art eines guten Onkels, baute er dem jungen Manne das auf, was er gefunden hatte. Lieber Schmidt, ich habe etwas für Sie. Ich habe eben einen Menschen gesprochen, mit dem ich Sie heute noch bekannt machen muß. Ich sprach eben mit Schütz aus Leipzig; Sie wissen, der neue, junge Verleger. Soll recht solide Firma sein: steht Geld dahinter: ich habe ihm Ihre japanischen Übersetzungen gegeben. Schon vor vierzehnTagen. Heute war er wieder hier in Berlin. Er will drangehen. Die Sachen gefallen ihm sehr gut. Wir treffen ihn nachher im Bristol. Er läßt Sie grüßen. Ich habe bestimmt zugesagt." Florian Schmidt war vor Freude ganz rot geworden. Er drückte dem älteren Freunde die Hand: Danke! Wie gut von Ihnen! Sie beschämen mich." Frau Helene sah hinüber und fragte: Bringen Sie Fröhliches?" Der Herr Professor will mich nachher mit einem Verleger bekannt machen, der vielleicht etwas aus meinen Arbeiten verlegen würde!" Nein, er will es ganz bestimmt tun, wenn Florian nicht zu un bescheiden ist." Wenn Sie es eingefädelt Haben," meinte Frau Helene, wird es schon etwas Gutes sein." Ich hoffe", sagte der Professor: es ist der Verleger Schütz aus Leipzig. Er hat noch andere Pläne dabei, die uns interessieren könnten. Er denkt, wenn er die japanischen Lieder Schmidts herausgibt, möchte er s schon sehr bald tun. Schon sehr bald. Und er möchte in der großen Buchhändlerausstellung in Leipzig für Florian einen Vortrag veran stalten: ich Hatte ihm vorgeschlagen, daß vielleicht Fräulein Asten mit uns hinfährt, damit nicht nur gesprochen, sondern auch gesungen werden kann: ich habe Schütz davon erzählt, daß einige der Lieder vom Marquis in Musik gesetzt sind, und ich habe mir erlaubt, ihn für übermorgen abend zur Suttnerfeier herzubitten, damit er die Lieder gleich hört." Frau Helene war entzückt. Es gab doch keinen idealeren Zere monienmeister für ihr Reich als diesen Professor, der immer wieder dieses Haus zu einem künstlerischen Mittelpunkt gestaltete. Wann dachten Sie, daß der Abend in Leipzig sein würde?" Es ist kein Abend, sondern ein Nachmittag. Man hat dort einen sehr schönen Vortragssaal gebaut, den die größeren Verlagsgeschäfte ihren Autoren zur Verfügung stellen wollen. Es ist ein intimer Saal, der etwa 300 Personen saßt. Schütz meinte, daß ihm der 1. August am besten passen würde. Die Vorträge sind immer von fünf bis sechs." Das könnte reizend werden!" triumphierte Frau Helene. Sie sah stolz und zufrieden aus, als stände vor ihrer Seele das Wort: Wer hat, dem wird gegeben!" Gleich nachdem der Kaffee herumgereicht war, verabschiedeten sich die beiden Philologen, um den Leipziger Verleger aufzusuchen. Sie gingen zum Bayerischen Platz, um von da aus die Untergrundbahn zu benutzen. so61 Der ganze Platz wimmelte von spielendem Kindervolk. Auf den Bänken saßen alte Männer und Kindermädchen. Im Becken des Springbrunnens plantschten einige Knaben mit bloßen Füßen; andere ließen ihre Schiffchen im Wasser fahren. Als wollte er Ken Kindern ein Vergnügen damit machen, kam oben durch die blaue Luft ein großer, fchimmernder Zeppelin gezogen. Aber diese Großstadtkinder blickten kaum noch danach hin. Bloß der Professor, der sich aus kleinstädtischer Kindheit noch Unbefangenheit bewahrt hatte, sah staunend zu dem Flugzeug empor. Wie wundervoll! Ich kann mir gar nicht denken, daß sich diese Dinger so als Passagierschiffe für Vergnügungsreisende rentieren kön nen. Meinen Sie nicht auch, lieber Florian?" Im großen Foyer des Hotels Bristol herrschte lebhaftes Treiben. Es war dasselbe internationale Sprachengewirre wie bei einem Feste Tante Helenes, nur ohne die dortige Behaglichkeit. Die beiden wurden angemeldet. Sie warteten im großen Klubsessel. Dann brachte ein Boy sie nach oben ins Zimmer des Verlegers. Schütz, der am Schreibtisch gesessen hatte, kam ihnen ruhig lächelnd entgegen und gab Florian die Hand, als kenne er ihn schon seit Jahren. Florian fühlte sich hierdurch auf das angenehmste enttäuscht. Er hatte befürchtet, der neue Bekannte würde ihm nach Art der Leute in Berlin Komplimente sagen, die er abwehren müsse: statt dessen fand er hier jenes rein menschliche Zutrauen, das nichts von über- schwenglichkeit und nichts von Skeptizismus in sich trug. Florian kannte und liebte diese in Berlin so seltene Art von kaufmännischer Würde und Schlichtheit. Er hatte das Gefühl, daß er hier jetzt durch den Professor gerade so eingeführt sei, wie er jederzeit in seiner Heimatstadt Bremen bei seinen Verwandten jeden achtbarm Menschen sofort einführen konnte. Wenn dennoch der neue Bekannte ihn ein paarmal musternd betrachtete, so geschah es mehr mit dem Ausdruck brüderlicher Treue, die durchaus die Kritik nicht auszuschalten brauchte. Man konnte diesen Augen wohl ansehen, daß ihnen nichts Unechtes und nichts Halbes und nichts Verlorenes entgehen könnte. Als dann aber Schütz den gutmütigen Mund zum Sprechen öffnete, bekam Florian einen Schreck: denn Schütz sprach in sächsischem Tonfall, und das kam Florian so kleinbürgerlich vor. Das ist also der Herr Schmidt!" hatte Schütz gesagt. Kindlich hatten die Worte geklungen. Kindlich und noch sächsisch kindlich dazu. Aber die Augen, mit denen er dabei den ganzen Florian ganz unaus-62 fällig betrachtet hatte, die hatten dem jungen Orientalisten doch einiges mehr gesagt. Deren Sprache hätte etwa gelautet: Das hätte ich deiner Frisur und deinen Händen auf der Straße angesehen, daß du der Mann bist, der für japanische Lyrik schwärmt." Aber es lag auch in dem Blick etwas Schützendes, das gar nichts von kleinbürgerlicher Art an sich hatte, und das allen sächsischen Tonfall vergessen ließ. Es lag darin ein ernstes Pflichtgefühl eines Mannes, der jetzt in diesem Augenblick einem jüngeren, strebsamen Künstler gegenüber Verpflich tungen auf sich nehmen will. Man hatte sich gesetzt. Schütz hatte eine Mappe vom Tisch geholt und Manuskripte herausgenommen. Es waren Florians Verse, die der Professor vor ein paar Tagen geschickt hatte. Es lag so etwas Festes und Zartsinniges in der Art, in der jetzt der Verleger die Bogen vor sich auf den Tisch legte. Und doch zeigte er auch hier nur dieselbe Behut samkeit, mit der er eben vorhin den Herren den kleinen, silbernen Asch becher hingeschoben hatte. Jede Art von Saloppheit schien diesem Manne etwas Wildfremdes zu fein; ebenso jede Ziererei. Wie oft hatte Florian trotz seiner Jugend schon mit Verlegern zu tun gehabt. Entweder hatten sie ihn in überhöflicher Art an die Luft gesetzt, oder sie hatten onkelhast den Mäzen gemimt und kein Versprechen gehalten; alle, alle hatten immer von schweren Zeiten" gescholten und über das Publikum geklagt, welches so flüchtig wäre; und als wenn sie selber ihm dabei in ihrem Gebärdenspiel ein Bild dieses flüchtigen Publikums vormachen wollton, hatten sie bald diese, bald jene Seite des Manuskriptes ausgeschlagen, und bald diese, bald jene, gar nicht miteinander zusammenhängenden Zeilen nervös kritisch beglotzt. Da bei hätten sie doch längst wissen müssen, daß jeder anständige Schrift steller sich vorkommt, als stände er am Pranger, wenn ein Fachmann in solcher oberflächlichen Weise in seiner Arbeit schnüffelt; daß es jeden ehrlichen Künstler berührt, wie es einen Ehemann berührt, dessen Frau bald von hinten, bald von vorn dumm begrinst wird. Das ganze Auftreten dieses neuen Verlegers mußte Florian voll kommen überraschend vorkommen. Der Mann hatte gar keinen prote gierenden Ton; auch nicht den des Fuchsmajors dem jungen Studenten gegenüber. Der Mann sprach gar nicht von den Schwierigkeiten eines Verlages, und machte der Begabung Florians kein Geräuchere, und prophezeite gar keinen durchschlagenden" Erfolg, sondern der sagte einfach: Ja, dann werden wir bald an den Druck gehen. Die Korrek turen bekomme ich doch pünktlich zurück?"Dann brachte der Professor das Gespräch auf den geplanten Vor trag in der Leipziger Ausstellung. Schütz hatte ja schon mit ihm dar über gesprochen. Setzen Sie sich bitte mit Herrn Doktor Zeidler in Verbindung; der hat die Leitung dieser Vorträge; der wird Ihnen dabei helfen. Das Programm wird dann schon in unsere Druckerei geschickt. Sie fahren ja doch wohl nächstens mal hinüber; Sie wollen sich doch sicher auch die Ausstellung ansehen. Sie besprechen dann das dort alles. Ja, meine Herren, dann wären wir jetzt wohl hiermit fertig. Wenn es Ihnen recht ist, setzen wir uns unten noch etwas in den Saal und plaudern etwas. Hier ist es zu ungemütlich." Die drei gingen nach unten. Von den japanischen Gedichten wurde gar nicht mehr gesprochen. Es wurde auch gar nicht auf das Gelingen des neuen Werkes ange stoßen. Man redete wie in hanseatischer Ruhe. An einem Nebentische saßen Österreicher, die in großer Erregung von Serbien sprachen. Es handelte sich um irgendeine Kaffeehaus szene; da hatte man angetrunkene junge, serbische Studenten an die Luft setzen müssen; und wegen einer solchen Bagatelle erregten sich jetzt hier würdige Herren in männlichem Alter! An einem anderen Tische schienen Hamburger Großkaufleute zu sitzen. Sie schienen bedrückt und erwartungsvoll. Nur am Tische der beiden Schöngeister und des Verlegers herrschte ein tiefer Frieden. Wenn die Philister aus dem Vergnügungsdampfer eine Seefahrt machen," dozierte Professor Dehneke bei Tisch, so liegen sie dem Steuer mann oder dem Kapitän ewig mit der Frage im Ohr, ob er nicht meine, daß ein Gewitter kommen könnte. Jede harmlose kleine, weiße Wolke halten sie für gefahrvoll. Genau so kommen mir jetzt die Leute vor, die ewig vom bedrohten Frieden Europas reden." Alle gaben ihm recht. Tante Helene hatte wirklich nur friedliche Sorgen. Am morgigen Sonntag sollte endlich die große Gedächtnisfeier für Frau von Suttner stattfinden. Auf Wunsch einiger Freunde, die früher am Kommen ver hindert gewesen waren, hatte man die Sache schon ein paarmal hinaus schieben müssen. Der Professor hatte einen Prolog geliefert, den ein junger Schauspieler vortragen sollte. Dann würde der Marquis in der Sprache seines Landes ein paar kurze Worte reden; natürlich im Nationalkostüm. Das würde zwar nicht verstanden werden, würde aber doch einen günstigen Eindruck machen. Das würde international 6Z64 und im Sinne der Verewigten wirken. Den Hauptteil des Programms würde Maria Asten bestreiten. Schwer war es nur, wie man all die vielen Gäste unterbringen sollte, die sich angemeldet hatten. Aber in solchen Dingen gab es für Frau Helene keine Unmöglichkeit. Auch Luschin sollte in seiner Sprache etwa sechs Sätze sprechen. Der Trauer sollte eine ernste, aber große Gebärde dienen. Unter dem Bilde der Baronin war so eine Art Altar errichtet worden, auf dem zwei riesige Kerzen flackern sollten; und joder Vortragenide sollte Blumen mit bringen, entweder einen Strauß oder einen Kranz, um ihn aus dem Altar oder davor niederzulegen. Eine junge Russin wollte sogar aus ihrem Spinett einen russischen Trauermarsch vortragen: mit diesem Spinett hatte die Dame idas ganze große, heilige Rußland durchreist bis nach den sibirischen Kunststätten! Eben dieses Spinett hatte ein Kamel auf seinem Rücken durch Steppen und Wüsten, durch idie keine Eisen bahn führte, getragen! Wie reich war man doch in Berlin! Auch war dafür gesorgt, daß die Presse von dem Feste Notiz nehmen würde. Alle elektrischen Beleuchtungskörper waren ganz entfernt. Nur Kerzen sollten Äen Saal erhellen. Den Schluß des Abends sollte alt- italieni sche Musik bilden. Hans Peeck freute sich, daß dieser Festtag geraide auf einen Sonn tag, und gerade aus den 28. Juni fiel: kenn am 28. Juni feierte -fein Vater in Klein-Grufsow den sechzigsten Geburtstag, und Hans wünschte, an diesem Tage endlich einmal Gelegenheit zu finden, sich mit dem Vater wieder auszusprechen. Er hätte ja auch zu solcher Gelegenheit an einem Werktage Urlaub bekommen: aber dann hätte der Alte gebrummt. Hans hatte der Mutter geschrieben, daß er zu kommen gedächte: und die hatte es dem Alten ruhig beigebracht. Der Alte dachte auch wohl schon an die Zeit, da er die Sorge um das Gut dem Jungen übertragen müßte. Es wäre ihm sicher ein stolzeres Gefühl gewesen, wenn der geradeswegs vom Militär auf die Klitsche gezogen wäre.Eine begeisterte Blumenhändlerin schmückt die ins Feld ziehenden Krieger. Ausmarsch des Garde-Kürassier-Regiments aus Berlin.Wache auf dem Rathausturm einer von deutschen Truppen besetzten belgischen Stadt, ? !- , S, !, S. Die erste Parade der deutschen Besatzung in Brüssel. Paradeaufstellung der Truppen auf dem Marktplatz,Viertes Kapitel. Das Wetterleuchten in Sarajewo. Hans war froh, daß er von all dem hyperkultivierten, großstädti schen Trauerklimbim nichts mit anzusehen brauchte. Er hatte sich bei der Tante schon am Sonnabend früh beurlaubt, da er gleich nach Schluß der Bank die Bahn benutzen wollte. Den Alten traf er friedvoller, als er erwartet hatte. Mutter war still und liebevoll wie immer. Der junge Lemke war in die Stadt ge fahren und würde wohl erst spät abends wiederkommen. Tante Helene hat ihm einen Brief geschrieben: sie hat ihn zu sich geladen, wenn er sich einmal Berlin ansehen will. Hier auf dem Lande wird es doch recht langweilig für ihn. Er klagt auch nicht mehr über Kopfschmerzen. Er sollte nur vorsichtiger sein, wenn er sich da auf dem Ratskeller mit Bekannten trifft. Ich glaube, er kann nur wenig ver tragen. Sprich nur mit ihm, daß er bald Studieren geht. Wir mögen nicht mit ihm darüber sprechen, weil das aussehen könnte, als wollten wir ihn hier los sein." Vater und Sohn gingen über die Felder. Um seine Gutwilligkeit zu zeigen, sprach Hans ein paarmal von seinen Geschäften -in Berlin, aber der Alte ging nicht darauf ein. Der Alte zeigte und erklärte ihm hin und wieder etwas Landwirtschaftliches, als könnte das für den Jungen einmal wissenswert werden. Er schien es auch zu begreifen, daß Liffi an einem solchen Tage in Berlin unentbehrlich sein würde. Es lag eine Müdigkeit über ihm, die beinahe den Eindruck gelassener Abge klärtheit machen konnte. Ja, Mutter hätte natürlich unseren Peter am liebsten heute auch hier mit. Aber die Anklamer geht das nichts an, daß ich Geburtstag habe. Es ist am besten, wenn weiter niemand etwas davon weiß. Zu scheußlich wäre es mir, wenn da Leute kämen. Extra meinetwegen! Und für Peter soviel Urlaub muß ja jede Zucht zerstören. Wer weiß, wie viele Wandervögelausflüge er in dieser Woche wieder hinter sich hat", bemerkte der Vater. ö Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.Der Abend verlief wie alle Abende in Klein-Grussow. Der Ritt meister begann um Punkt neun Uhr abends die Zigarre in den Asch becher zu legen und dann einzuschnarchen; nach einer Viertelstunde wurde er dann wieder von Mudding geweckt; und um halb zehn Uhr waren die beiden Alten zur Ruhe gegangen. Hans, der erklärte, er könnte unmöglich jetzt schon schlafen gehen, wurde wie ein Kind er mahnt, ja mit der Lampe und dem Lichte vorsichtig umzugehen. Hans Peeck beschloß, seinem ehemaligen Kameraden auf der Chaussee entgegenzugehen. Er löschte die Lampe und verließ das Haus. Der Himmel war sternenklar. Eine ungeheuere Stille brückte weit rings umher. Wie laut mochte es jetzt im großen Verlin sein? Wie oft hatte Hans sich nach dieser Stille des Landes gesehnt; wie traulich hatte er sie sich ausgemalt. Jetzt umfing sie ihn, aber seine Sinne waren noch nicht bereit, in ihr aufzugehen. Ihm war s, als läge kein Traumfrieden in ber Lust; ihm kam es vor, als spräche aus diesem Schweigen ein schreckhaftes, atemberaubendes Erwarten. Ihn fröstelte. Er beschloß, den Freund nicht erst zu erwarten. Er ging ins Haus und legte sich schlafen. Bei Äer Schlichtheit und dem männlichen Emst des Rittmeisters konnte natürlich von einer auch nur leise prunkenden Geburtstagsfeier keine Rede fein. Der Sonntag verlief wie alle Sonntage. Die einzigen Blumen, die ankamen, hatten in dem Paket gelegen, welches die stets korrekte Schwägerin aus Berlin geschickt hatte. Sie hätte das Paket ja dem Neffen mitgeben können; aber solche Sachen pflegte sie ja immer schon mindestens eine Woche vorher anzuordnen. Sie hatte auch zwei Bücher in sehr vornehmem Einband mitgesandt; das eine brachte eine Antho logie von Napoleon-Dichtungen, das andere war eine Agitations broschüre gegen den Krieg. Helene pflegte sich niemals mit ihrem Schwager im Gespräche zu streiten. Sie war aber kindlich genug, zu glauben, daß gute Bücher Einfluß auf ihn haben könnten. Der Ritt meister hatte die Titel der Bücher kopfschüttelnd betrachtet; damit war für ihn die Sache erledigt. Um neun Uhr ging man in die kleine Kirche des Nachbardorfes. Der Pastor hatte gerade heute über den Fischfang Petri zu sprechen. Er führte aus, Äaß dieses Kapitel der Schrift uns so recht deutlich zeige, daß nur der Gehorsam gegen die Gebote des Heilandes Segen bringen könnte; daß auch alle irdischen Geschäfte nur dann gewinnbringend fein könnten, wenn sie im milden Geiste des Erlösers ausgeführt würden. öSNach dem Gottesdienst ging man durch lachende Felder wieder nach Hause und freute sich der gesegneten Ernte. Die tiefe Feldstille hatte für Hans Peeck jetzt nichts Drückendes mehr. Zu Hause wartete Behagen. Nach dem Essen würde man etwas dösen, und zur Kaffee stunde würden vielleicht ein paar Besucher kommen. Nach dem Mittagessen machten die jungen Leute einen Spaziergang. Sie hätten gerne den Wagen genommen, um auf eine Stunde in die Stadt zu fahren: aber sie wußten, daß der Rittmeister in seiner alt fränkischen Art Sonntagsausfahrten nicht für schicklich hielt. Sonn tags sollten Pferde und Kutscher Ruhe haben. Wie schlagen wir bloß die Zeit tot?" Wollen wir Krähen schießen?" Das könnten wir tun." Hans Peeck holte das Schießzeug aus dem Schrank. Die beiden Freunde gingen durch den Garten und die langen Ge müsebeete; von Äa aus führte die Pappelallee zum Krähenstand. Da nahmen die beiden auf der großen Bank Platz. Es war, als hätten sie den Zweck ihres Spazierganges ganz ver gessen; sie hatten ihre Gewehre an die Bank gelehnt und blickten schwei gend über die weiten, stillen Felder hin, als wollten sie warten, bis die Müdigkeit ihnen käme, um dann einen Nachmittagsschlaf zu halten. Hans Peeck erzählte von Berlin. Er schilderte es in lockenden Farben. Er fühlte sich der gnädigen Tante verpflichtet lind wußte, daß sie es ihm Hoch anrechnen würde, wenn er ihr einen gut zahlenden Pensionär angeln könnte: und er hatte ein Gefühl niederdrückender Scham, daß so ein Krämerkram sich zwischen ihn und den Freund drän gen könnte. Gewiß," führte er aus, das Examen könntest du ja am besten nach her in Greifswald machen. Aber ich würde dir doch raten, erst mal die Großstadt zu genießen. Du würdest da, wo ich wohne, sehr gut auf gehoben sein. Von unserem Haus aus hast du nach der Stadt sehr schnelle Verbindungen." Lemke sah sinnend in die Weite. Dann nieinte er: Nimm es mir nicht übel, mein Junge, daß ich dir ganz ossen sage, weshalb ich das nicht möchte. Ich logiere mich prinzipiell nur bei ganz wildfremden Leuten ein und niemals bei guten Freunden, und deine Hauswirtin, mein guter Junge, ist nun eben mal deine Tante. Ich geniere keinen Menschen, aber ich will auch selber von keinem geniert sein. Sieh mal, das ist sehr artig von dir, daß du das Lokal empfiehlst. Nein, bitte versteh mich nicht falsch! Ich66 weiß ja, du meinst es gut. Du meinst es mit uns beiden gut. Mit mir und mit deiner Tante. Aber ich würde bei solchen Bekannten den Eindruck haben, daß ich da niemals Wünsche äußern könnte; du weißt, Käß ich wirklich ganz anspruchslos und still bin: aber bei wildfremden Leuten sage ich einfach meine Bedingungen, die ge fälligst als Befehle zu gelten haben. Sieh mal, wenn ich erst mal bei deiner Tante eingezogen bin, dann müßte ich auch so lange bei ihr wohnen bleiben, wie ich mich in Berlin aufhalte." Ich glaube, lieber Junge, so kleinlich ist Tante Helene gar nicht." Hans Peeck hatte ein würgendes Gefühl des Ekels im Halse. Genau so wie der Freund da sprach, hätte er auch gesprochen. Deshalb brachte er das Gespräch auf andere Dinge. Ich finde, Vater ist doch gealtert." Das finde ich nicht. Er ist ruhiger geworden. Er scheint sich mehr zu schonen." Es war schrecklich, als ich das letztemal hier war, ehe ich nach Berlin fuhr. Gestern sprach er mit mir auf dem Felde über die Land wirtschaft. Ich hatte das Gefühl, als meinte er, ich würde hier später mal tätig sein wollen." Hättest du Lust zur Landwirtschaft?" Immer noch mehr als zur Schreibstubenarbeit." Das Leben ist öde!" Du kannst es dir noch wenigstens einrichten wie du möchtest, du kannst hingehen, wohin du willst!" Jawohl, Hans, ich dachte schon daran, in die Kolonien zu gehen." Da ist doch wenigstens was los!" Eine Zeitlang schwiegen die beiden. Dann fragte Lemke auf einmal, als wenn ihm hastig etwas einfiele: Du, fag mal, Hans, Haft du mal wieder was von der kleinen Sän gerin gehört, der kleinen Asten? Die soll ja jetzt auch in Berlin sein." Ja, die seh ich alle Tage; die wohnt auch in unserer Pension." Und davon hast du mir noch gar nichts erzählt? Und bringst mir gar keine Grüße von der?" Ich sah sie gestern nicht, als ich fortfuhr." So, die ist bei Tante Helene in der Pension?" Ja." In diesem Augenblick tönte das Gong aus dem Hause. Das be deutete, daß der Kaffeetisch gedeckt wäre. Die beiden standen auf, nahmen ihre Gewehre unv gingen. Maria Asten scheint eine große Zukunft zu haben. In solchenkleinen Garnisonen wie damals singt sie jetzt gar nicht mehr. Denke dir, sie hat mir allen Ernstes den Vorschlag gemacht, ich sollte bei ihr als ihr Konzertagent eintreten!" Lemke sah dem Gesichte des Freundes den Ärger und die Scham an. Donnerwetter! So weit sind wir denn doch noch nicht! Du hast ihr doch gehörig deine Meinung gesagt?" Sie meinte es gut. Wer bin ich denn jetzt? Ein weggejagter Leutnant!" Komm, mein guter Junge, mir ist das immer so, als müßten für uns beide doch mal wieder bessere Zeiten kommen." Im Hause trafen die beiden Sonntagsnachmittagsbesuch. Doktor Friedlieb Meyer war mit semer jungen Frau erschienen. Der Kaffee tisch stand in der großen Lindenlaube schön gedeckt. Den beiden jungen Männern war es, als wäre diese so ungemein ruhige Gesprächsführung eine fast zu gewaltige Zumutung für ihre Nerven. Dazu kam noch, daß Doktor Meyer die entsetzliche Gewohnheit hatte, sich in jedem Gespräche aufs eingehendste nach den Zukunftsplänen der Leute zu erkundigen: er tat dies sicherlich aus Herzensmilde und um dem Angeredeten den eigenen Optimismus zu suggerieren. So stellte er jetzt die Tätigkeit eines kleinstädtischen Bürgermeisters und die Tätigkeit eines großstädti schen Bankbeamten als etwas so Glänzendes dar, daß man sich nur wundern mußte, weshalb er selber nicht solche Lebenswege eingeschlagen hätte. Süßlich und einschläfernd wie sein Gerede war der Duft der Lin den: das klang beides ineinander, das Gerede und das Gesumme, als wollte beides nie ein Ende nehmen. Auf einmal wurde gemeldet, daß eben das Telephon angerufen hätte. Wer mag jetzt was wollen?" meinte der Rittmeister. Dann ging er ins Haus. Unter den Zurückbleibenden war eine Pause der Befangenheit ein getreten: denn es war, als warte Herr Doktor Meyer darauf, daß die jungen Leute ihm beipflichteten in seinen Hymnen. Die aber schwiegen sich rein aus. Hans blickte nach der Tür, hinter der sein Vater eben verschwunden war. Die Tür ging wieder auf. Der Alte stand im Türrahmen. Er sah ganz verändert aus. Er schien gewachsen und dabei doch tief erschüttert. Er war ganz bleich geworden. Alter, was ist dir?" Der Alte hielt ein Blatt Papier in der Hand. Das Blatt lag auf70 dein Schreibtisch. Das muß da wohl eben hingelegt fem, als wir noch schliefen. Da." Der Alte war an den Tisch getreten und hatte das Blatt auf das weiße Tuch geschoben. Es war ein Extrablatt der Anklamer Zeitung. Es trug in grellen, großen Buchstaben die Überschrift: Erzherzog Franz Ferdinand und Gemahlin ermordet." Ein jäher Schreck war über alle gekommen. Hans Peeck las: Budapest, 28. Zuni, 2 Uhr 15 ZNin. nachm. Um t Uhr vormittags trafen der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin, Herzogin von Hohenberg, von Jlidze kommend, in Sarajewo ein, um die Stadt zu besichtigen und Deputationen zu empfangen. Sie fuhren vom Bahnhof im offenen Auto nach dem Rathaus, wo die Begrüßung durch den Bürgermeister stattfinden sollte. Auf dem Wege dorthin wurde von einem Manne eine Bombe geworfen, die der Thronfolger instinktiv mit dem Arm ab- zuwehren suchte. Die Bombe explodierte. Der Erzherzog und seine Gemahlin blieben unverletzt, dagegen wurden sieben Personen aus dem Publikum und aus dem Ge folge des Thronfolgers getroffen und verwundet. Der Thronfolger und Gemahlin sehten, während die Verwun deten nach dem konak gebracht wurden, die Fahrt fort. Im Rathaus fand dann programmäßig der Empfang statt. Nach dem Empfang fuhren der Thronfolger und feine Gemahlin nach dem konak, um den Verwundeten einen Besuch abzustatten. Während der Fahrt eilte plötzlich ein junger Mensch gegen das Auto und gab schnell hinter einander vier Revolverschüsse ab, die den Erzherzog und seine Gemahlin tödlich trafen. Nach einer Viertelstunde starben beide. Die Täter sind verhaftet." Hans Peeck hatte es hastend mit bebenden Lippen gelesen. Keiner hier im Kreise hatte jemals den Namen des Ortes Sarajewo gehört. Keiner hatte sich jemals um die Politik oder die Persönlichkeit des Erz herzogs gekümmert. Und doch kam es allen so vor, als läsen sie hier plötzlich ein Urteil oder eine Kriegserklärung, oder einen ganz lauten Aufruf, der ihnen selber galt. Alles Müde, alles Elegische war aus den Mienen der beiden jungen Freunde gewichen. Straff aufgerichtet standen sie da! Ein großer Schreck war über alle gekommen. Der Doktor starrte auf das Extrablatt, als wäre er ein Analphabet.Und dieser Schrecken, der hier die kleine Kaffeegesellschaft in der ländlichen Laube stumm gemacht hatte, lastete aus einmal überall im norddeutschen Lande! Das war das ganz Seltsame und das fast Uner klärliche dieses Augenblicks! Was wußten diese niederdeutschen Menschen vom ermordeten Erz herzog und von feiner Gattin! Nichts! Oder doch fast gar nichts! Hatte es sie auch nur im entferntesten berührt, ob seine Gemahlin mit Recht oder mit Unrecht als unebenbürtig galt? Wer kannte hier in der Platt ebene den Familiennamen der ermordeten Frau? Kamen nicht all wöchentlich Meldungen von Attentaten und schrecklichen, großen Un glücksfällen? Und jetzt auf einmal hatten alle das Gefühl, als wanke die sichere Erde, als habe ein Blitz zündend eingeschlagen, als lauere hinter dem Gräßlichen noch viel, viel Gewaltigeres! Das empfanden die paar Leute hier in der Laube: das fühlten alle die vielen Taufende ringsumher im Lande! Alle sahen auf das unheilkündende Papier. Eine Wespe kam ge flogen und setzte sich auf das Blatt und kroch auf den Buchstaben umher. Alle sahen es. Keiner fprach ein Wort. Aber das ist ja gar nicht möglich!" meinte Mutter Peeck nach Frauenart. Da schlug Hans Peeck mit der Hand nach der Wespe, um sie vom Tische zu verjagen. Und es war, als wenn durch diese lebhafte Be wegung sein Blut aus der Erstarrung wieder in jugendlichen Fluß käme, und er richtete sich auf einmal hoch auf, stieß den Atem aus und rief: Donnerwetter! Nun geht s los!" Und der junge Lemke sekundierte ihm: Gott sei Dank!" Meint ihr, Kinder?" sagte der Rittmeister. Nun muß es doch losgehen!" Man war aufgestanden. Es war allen gewesen, als wäre die Luft in der Laube zum Ersticken. Vater, was meinst du, wenn wir gleich in die Stadt reiten? Viel leicht hört man da eher etwas Neues!" Der Rittmeister sah die jungen Leute groß an und schwieg: dann meinte er hart und bestimmt: Ihr habt recht. In der Stadt hört man wohl schon eher was Neues als hier." Die junge Frau Doktor verstand den Blick und Ton des Alten. Sie wandte sich an die Hausfrau: Meine Liebe, ich glaube, es wäre das beste, wir äßen heute abend 7l72 nicht bei Ihnen, sondern Sie bei uns. Wir fahren jetzt alle in die Stadt! Es ist sonst so wundervoll hier in Ihrer Einsamkeit: aber jetzt fühlt man sich hier gar zu sehr abseits." Alle waren einverstanden. Die jungen Leute eilten in den Stall. Bald fuhren die beiden Wagen über die Landstraße der Stadt zu. Man hielt vor dem Hause der Zeitung. In der Redaktion war noch nichts Neueres vorhanden, überall drückte ein fürchterlicher Ernst, ob wohl man ja gar nicht die Lage übersehen konnte. Es war eben das seltsame, grauenhafte Ahnen, das allen gekommen war! Es war, als hätte man in jedem Hause das Pfeifen der mörderischen Kugel gehört. Der Redakteur versprach dem Doktor, daß er ihn sofort antelepho- nieren würde, wenn er Weiteres erfahren würde. Aus der Traube" scholl Stimmengewirr. Man fuhr vorbei. Der Rittmeister liebte keine kannegießernde Aussprache mit dem Zivil. In Doktor Friedlieb Meyers Hause umfing alle die altgewohnte friedliche Stimmung. Die Dienstmädchen waren ausgegangen: deshalb gingen -die beiden Frauen in die Küche, um etwas die Wirtschaft zu besorgen. Die Stim mung der Männer hatte sich gehoben. Das schreckhafte Bild trat zurück! Die große Not der Zeit schrie nach Abwehr, und sie harrten sehnsüchtig des Rufes, der an sie ergehen sollte! Selbst den guten Doktor hatte Zorn gepackt. Vater, Vater! Wenn s doch losginge! Wenn s losgeht, geht mein Gnadengesuch sofort ab, und dann bin ich wieder Offizier!" Wenn der Major das doch noch erlebt hätte!" meinte der Ritt meister, der jetzt gar nicht mehr daran zweifelte, daß jetzt der Kaiser das Schwert ziehen würde. Doktor Meyer war plötzlich auf den Gedanken gekommen, ob wegen des bißchen Serbiens der deutsche Kaiser sich denn überhaupt aufregen müsse. Serbien? Bloß Serbien? Wenn jetzt überhaupt mal Krach kommt, dann wird es gleich ein ganz großer Krach! Dann Hilst keine Homöopathie mehr: dann kommt ein ganz großer Schnitt! Dann brennt s gleich an allen Ecken und Enden!" Und Hans Peeck hatte die grüne Flügeldecke beiseite geschoben und das Instrument geöffnet und begann den Hohenfriedberger Marsch zu trommeln. Der Rittmeister ging im Takte hin und her und her und hin: um Raum zu haben, hatte er die Flügeltür zum Arbeitszimmer aufge rissen, um die Flucht beider Zimmer durchwandern zu können. Wenn es zum Klappen käme, würde ich -die ganze Juristerei natür lich sofort an den Nagel hängen!" rief Lemke. Natürlich, solange der Krieg dauert!" meinte der Doktor. Denke gar nicht daran! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für ein Grauen ich vor dem Paragraphengsdresche gehabt habe." Die jungen Leute redeten schon, als wenn die Kriegserklärung an allen Häusern angeschlagen wäre. Hans Peeck war mit seinem Getrommel fertig geworden. Vater, du glaubst gar nicht, wie viele Kameraden ich habe, die auch auf den Krieg hoffen. Ich komme täglich ja mit Leuten zusammen, denen es ebenso oder ähnlich gegangen ist wie mir. Der Krieg! Was würde das für eine Rettung fein!" Und dann schlug er wieder auf die Tasten und begann eine Melodie zu spielen, die wie ein landsknechtliches Marschlied klang. Das ist ein Lied, das hat einer meiner Kameraden gemacht! Hört mal zu!" Er spielte und sang: Im dürren Feld zu Pflügen, Das scheint wenig wert! Es macht uns nichts Vergnügen Als Kugel nur und Schwert! Der mag re Aktenschimmel Wedelt uns viel zu zahm! Käme doch ein Wetter vom Himmel Und fegte alles zusamm !" Hans spielte ein paar Zwischentakte, die beiden Frauen waren wieder ins Zimmer getreten. Der Rittmeister stand am großen, grünen Stuhl, und seine Hand fuhr streichelnd über dessen Lehne. Es war der Stuhl, in dem sonst oft der Major gesessen hatte. Hans sang weiter: Dann wäre der öde Friede Verronnen! Gott sei Dank! Jetzt sind wir Invalide, Dann wären wir frei und frank! Jetzt muß uns alles verdrießen, Tinte und Löschpapier! Müßten wir fechten und schießen, Wie glücklich wären wir!" Mutter Peeck fiel es aus, wie jung auf einmal das Gesicht ihres Mannes geworden war. Er blickte hell nach seinem Bengel hiniwer. Wie lange war das nicht geschehen. Wie jung erschien ihr Alter neben dem bebrillten Doktor Meyer! 7Z75 Hans Peeck fuhr fort: Das Lesen und das Schreiben Betrübt uns ebenso tief Wie das Zuhausebleiben! Wenn doch der Kaiser uns rief! Auf öden Philisterbahnen Sollen wir kläglich gehn! Ach, sähen wir doch erst Fahnen Flatternd im Winde Wehn!" Das Gesicht des Rittmeisters glühte. Er war langsam von hinten ail seinen Sohn herangetreten und hatte dem die eine Hand auf den Kopf und die andere auf die Schulter gelegt und sagte jetzt in seinem tiefen Ton: Geb s Gott!" Da zerbrach in "der Seele des Jungen alle verkrochene Verschlossen heit, und er lehnte den Kopf weinend an die Schulter des Alten, der ihm mit ungelenker Zärtlichkeit und mit der bloßen Hand Äie Tränen ab wischte und immer nur sagte: Es wird schon alles wieder gut werden!" Vater und Sohn hatten sich wiedergefunden. Bei Tische herrschte beinahe eine heitere Stimmung! Schwerer Burgunder war aus dem Keller geholt worden. Ich Hab eine Idee!" rief Hans. Ich telephoniere nach Berlin! Ich telephoniere bei Tante Helene an und laß Lissi an den Apparat kommen. Sie muß uns sofort sagen, ob die Kriegserklärung noch nicht heraus ist!" Aber Hans!" meinte Mutter Peeck. Lissi wird jetzt über und über zu tun haben! Heut ist doch die große Feier, von der Tante Helene schrieb." Richtig!" lachte Hans hell aus. Die haben ja heute die Toten feier für die Suttner angesetzt! Dadurch wivd ihnen nun wohl ein Strich gemacht werden. Berta von Suttner wird sich jetzt wohl mit ihren Friedensideen im Grabe umdrehen!" Ja," sagte der Rittmeister, ein Konzert wird ja heute wohl nicht gemacht werden, aber das werden -die schon bald nachholen." Hans erzählte von dem Programm der Gedächtnisfeier: er war wieder in Leutnantsstimmung und hatte die alte, ulkige Art, ,die ihm damals im Kasino soviel Freude gemacht hatte, wiedergefunden. Er konnte sehr drollig Personen imitieren; und das machte er jetzt. Er schilderte den kleinen Florian Schmidt, so wie er ihn eben mit seinen Leutnantsaugen sah. Er karikierte die Bewegungen des Japaners, so75 daß der Rittmeister herzlich lachen mußte. Nur von Maria Asten sprach er nicht. Dann ging er ins Nebenzimmer Telephon, um sich mit Berlin verbinden zu lassen. Als er wieder an den Tisch kam, fragte Lemke: Du sagtest, die kleine Sängerin, die Maria Asten, wohnte ja jetzt auch dort, dann wird die doch wohl auch im Programm vertreten ge wesen sein?" Die hätte den größten Teil des Programms bestritten. Sie wollte gerade heute zum erstenmal neue japanische Lieder singen." Der Mutter war es aufgefallen, daß ihr Junge immer etwas in Verlegenheit geraten war, wenn er den Namen Maria Asten ausge sprochen hatte. Lemke meinte: Ich wollte, ich könnte sie mal wieder hören! Ich verstehe ja gar nichts von Musik, aber das Mädel möchte ich wohl mal wieder hören." Vom Telephon her schrillte der Anruf. Hans rief hinein: Hier ist Hans Peeck. Bitte, Anna, sagen Sie doch mal meiner Schwester, sie möchte an den Apparat kommen! Jawohl, Fräulein Lissi Peeck! Die ist doch heute zu Hause? Was ist denn da los? Was höre ich da? Wird da nicht gesungen? So, Sie meinen, meine Schwester könnte nicht an den Apparat kommen? Die ist im Saal? Das Konzert findet doch statt?" Und dann rief Hans nach hinten: Leinte, komm schnell her! Dein Wunsch geht schnell in Erfüllung! Komm an den Apparat! Da kannst du Maria Asten singen hören. Du kannst sie ganz deutlich hören!" Und in der Tat kam aus dem Telephon ein zunächst etwas schnar rendes Geräusch, das etwas an ein Grammophon erinnerte, und dann ging es langsam in leise schwingende Töne über, die ldurch das ganze Zimmer Hinschwebton. Hans war ganz begeistert: Ist das nicht eine wunderbare Er findung? So meilenweit voneinander entfernt und dennoch plötz lich so innig verbunden zu sein!" Der Rittmeister, der zunächst ebenfalls aufmerksam nach idem Appa rat hingehorcht hatte, drehte sich plötzlich um, wie wenn er seine Ohren einer anderen Musik zuwendete, die mit ein einmal ebenfalls ins Zimmer drang. Wiederum kam es zunächst ganz leise heran, dann aber gleich etwas lebendiger, pfeifender, trommelnder, kriegerischer. Das sind die Jungens," rief der Rittmeister, die kehren von ihrem Ausflug zurück!" und trat sogleich auf Äie Straße hinaus. Mochten die beiden sich am Telephon allein da mit Berlin unterhalten!In der Tat kehrten die Jungen mit Trommeln und Pfeifen unter Anführung ihres Turnlehrers vom Nachmittagsausflug heim. Na, Mutter, willst du auch ein wenig nach deinem Peter aus schauen?" fragte der Rittmeister. Die Jungens haben natürlich noch gar keine Ahnung, was sich da Schreckliches in Sarajewo abgespielt hat. Horch, was sind das für Klänge? Nichts mehr von Operettenmusik und dergleichen Firlefanzereien! Der Herr Magister scheint meine neuliche scherzhafte Mahnung doch eklig ernst genommen zu haben. Kennst du das Lied? Das deutsche Flaggenlied?" Und sofort summte er den Refrain mit und nickte ganz begeistert den Takt dazu. Guten Tag, Herr Doktor. Schönes Wetter haben Sie heute gehabt. Aber hier, aber hier!" und damit streckte er dem Lehrer das Extrablatt entgegen. Die Jungen wären sofort am liebsten aus Reihe und Glied hin weggelaufen, nur um zuerst die Neuigkeit zu erfahren. Daß sie nicht gerade recht fröhlichen Inhalts sein konnte, lasen sie alle aus der ernsten Miene des Vaters ihres Kameraden. Tag, Bater!" rief Peter erfreut. Du hier? Ihr hier? Tag, Mutter! Was gibt es?" Tag, mein Sohn, nur Geduld, du wirft gleich hören." Und da begann auch schon der Lehrer nach einem kurzen Silen tium" das Extrablatt vorzulesen. Er hatte kaum die letzten Worte ausgesprochen, als auch schon von drüben der Redakteur ganz aufgeregt herübereilte. Neue Nachrichten, meine Herrschaften, neue Nachrichten! Hier haben wir die Bestätigung, daß das ganze Komplott in der Hauptstadt von Serbien, in Belgrad, unter der schändlichen Hilfe amtlicher serbischer Personen vorbereitet und unterstützt wurde! Sogar die Waffen stam men aus den staatlichen Depots. Und wer ist schuld daran? Die pan slawische Propaganda Rußlands, die seit Jahren an dem Ziele arbeitet, den österreichisch-ungarischen Kaiserstaat zu zertrümmern. Die heutige verruchte Tat wird der Anfang vieler weiterer, großer Ereignisse sein. Wir müssen aus das Ernsteste gefaßt sein." Glauben Sie, daß wir nicht gefaßt sind? Daß uns dieser Schlag heute ganz unerwartet trifft?" entgegnete ärgerlich der Rittmeister. Wir sind gerüstet! Und wir sehen der Zukunft mit ruhigem Gewissen entgegen. Nicht wahr, ihr Jungens?" Auf den Gesichtern leuchtete es wie in heiligem Ja. Der Ritt meister fühlte, daß sich das Vaterland aus diese Jungen verlassen konnte. Die große Suttnerfeierlichteit hatte alfo im Hause der Tante Helene doch stattgefunden. 7 577 Im ersten Augenblick, als so ganz kurz vorher die Schreckensnach richt aus Sarajewo eingetroffen war, hatte sie sich gefragt, ob man nicht etwa das ganze Fest abbestellen müßte; dann aber hatten der Marquis Kowoko und Luschin sie beruhigt. Der Marquis hatte es ihr so darge stellt, als wäre es sicherlich nicht im Sinne der hohen Friedenspredigerin, wenn man ihr Fest eines solchen Unglücksfalles wegen hinausschöbe: der Erzherzog wäre doch ganz gewiß kein Parteigenosse der Frau von Suttner gewesen: er hätte eben den Teufel so lange an die Wand ge malt, bis der ihn geholt hätte. Der slawische Freund hatte sich zustim mend geäußert. Ja, aber glauben Sie denn, meine Herren, daß überhaupt heute Herrschaften kommen werden?" hatte sie gefragt. Warten wir es doch ab!" meinte Luschin. Und der Japaner sagte: Ihr Haus ist ja kein Konzerthaus, son dern ein Salon. Wer hier kommt, kommt ja vielleicht nur zum Besuch. Wenn sehr viele kommen, kann man das Konzert hören." Tante Helene war überzeugt. Und es gelang auch alles über Er warten. Es hatten ja eigentlich viel zu viel Gäste zugesagt. Tante Helene hatte sich die ganze Nacht hindurch den Kopf zerbrochen, wie sie nur allen Besuchern einen Platz verschaffen sollte, und sie hatte schon aus gerechnet, daß sie den dreifachen Raum benötigt hätte, um allen Sitz oder Stehgelegenheit zu gewähren. Nun war die große, politische Kata strophe dazwischengekommen, die doch immerhin manchen die Laune zu Konzertbesuchen verdorben hatte: und so kam s denn, daß am Abend d ses Tages ihre Räume bloß ein wenig überfüllt waren. So mußte selbst ein derartiges Unglück auf ihre kleine Mühle Wasser tragen. Unter denen, die nicht erschienen waren, hatte sich auch der Ver leger Schütz aus Leipzig befunden. Die Bluttat von Sarajewo hatte erschreckend gewirkt wie ein großes Menetekel. Aber es ist das Schicksal aller solcher Menetekelzeichen, daß sie nur einen Moment lang erschrecken, und dann wieder vergessen wer den: damals und heute und immer: das kommt, weil sie nicht auf bäuerischer Kalkwand zu lesen sind, sondern weil sie von goldener Königswand herniederleuchten: im Gold der Mauer verschwindet der drohende Letternglanz bald. Es ging den Großstadtmenschen Europas nach dem damaligen Fürstenmord ähnlich, wie es vielen Passagieren der ersten Klasse auf der Titanic" beim Untergang des Schiffes er ging: im Zwischendeck hatte da Verzweiflung geherrscht; Stewards hatten an ihre Rettung gedacht: aber die reichen Leute hatte der Luxus,die sie rings umgab, so hypnotisiert, daß ihnen der Untergang solcher gewaltigen Festsäle als etwas Undenkbares erscheinen ließ. Die Mensch heit Europas vergnügte sich weiter. In Berlin hatten die Reisebureaus viel zu tun; Vergnügungs fahrten wurden überallhin gemacht. In den Theatern spielte man wäh rend des ganzen Monats Juli die albernsten Possen. In den Blättern las man Berichte über die jungen Zwergziegen des Zoologischen Gartens und über ein paar antiserbische Demonstrationen. Die Berliner Stadt väter hatten für die lieben Kleinen in einigen Stadtparks sogenannte Planschwiesen anlegen lassen; das gab für die Photographen der illu strierten Blätter erwünschten Stoff. Und neben all diesen Kindereien, von denen man in den Salons schwatzt, gedieh im arbeitsamen Berlin wie immer all das ernste, unbeachtete Streben in Werkstätten, Biblio theken, Kontoren und Arbeitsstuben, als stünden gar keine Wetter wolken am Himmel. Ganz in der Stille hatte Florian Schmidt seine Studien weiter gefördert: ganz geräuschlos hatte er eines Morgens sein Doktorexamen gemacht: seine Arbeit hatte ein paar siamesische Ramayanaspiele aus dem Mittelalter behandelt. Man hatte ihm -das Prädikat suinma omn gegeben: so etwas war in Berlin etwas Seltenes. Er hatte die Ehrung mit der Gelassenheit eines Inders eingesteckt, und als man sich nach seinen Zukunftsplänen erkundigte, da hatte er in feiner ruhigen Weife gemeint, er könnte noch nicht genau angeben, wann und wo er sich vielleicht -später einmal habilitieren möchte. Tante Helene hatte dem seltsamen Menschen fast gezürnt, daß er ihr von diesen Erfolgen nichts erzählt hatte. Sie hatte es erst durch den Professor erfahren. Ich denke, Florian wird sich erst in Bremen mit seinen Ver wandten besprechen." Er ist ein seltsamer Mensch. Wenn Sie mir nicht hin und wieder etwas von ihm gesagt hätten, würde ich gar nichts von ihm wissen", sagte Tante Helene. Es ist so seine stille Art. Es paßt zu seinem Studium. Ich glaube, wenn er erst einmal da hinten im Orient sein wird, kommt er nicht wieder zurück. Es würde mir leid tun. Er ist mir wie ein kleiner Bruder: und so bescheiden wie er ist, so hat er doch etwas ganz Selb ständiges und überlegenes. Das mag kommen, weil er doch Äie Eltern so früh verlor." Seine Mutter war ja wohl eine Engländerin?" Jawohl. Sein Vater hat lange Jahre in London gelebt. Viel- 7sleicht wird Florian auch noch einige Zeit nach London gehen, um da weiterzustudieren. Ich freute mich deshalb, daß ich hier in Deutsch land den Leipziger Verleger für ihn interessieren konnte, damit doch etwas hier im Lande ist, was ihn dauernd hält." Und es war wirklich, als sollte das große politische Verbrechen vorübergehen wie irgendein anderes grandioses Schauspiel, das eben nur Schauspiel geblieben war. Die Blätter brachten Bilder des neuen Thronfolgers und seiner jungen Gattin. Die Lücke hatte sich also wieder geschlossen. Die tragische und pomphafte Heimfahrt der beiden Er mordeten hatte den Kinematographen reichen Stoff geboten. Es war ein Bild gewesen wie andere Bilder. Ein vorüberhuschendes Bild wie die Erscheinung Banquos im Macbeth", den gerade in diesen Tagen Max Grube bei den Düsseldorfer Festspielen so wundervoll inszeniert hatte. In allen illustrierten Zeitungen hatte man das Bild dieser Ge spensterszene gesehen. Jetzt schritt da Malvolio über die heitere Szene. In allen Straßen brütete eine Hitze von zweiunddreißig Grad im Schatten. Lord Chamberlain starb; sein Sohn und Erbe hatte ganz dasselbe Gesicht, dasselbe Monokel, denselben Scheitel, und wahrscheinlich auch dieselbe Orchidee und dieselbe politische Bedeutung. Es war also gewissermaßen alles beim alten geblieben. Den Neubau des Bahnhofes Friedrichstraße wollte man einer fran zösischen Firma übertragen. Warum auch nicht? Hans Peeck war verzweifelt. Diese Sommerhitze machte ihm seinen Berus ganz besonders unerträglich. Dazu kam noch, daß sein Freund Lemke zu Besuch nach Berlin gekommen war. Er war artigerweise bei Tante Helene abgestiegen und schien sich da wohlzufühlen. Er musizierte viel mit Maria Asten. Hans Peeck hatte das Empfinden, als wenn der Freund ihm fremd würde. Er mochte die Politik der Zeitungsblätter nicht mehr verfolgen; es gab da ja nur Kindereien zu lesen. Philiströse Touristen im Elsaß hatten ihren Kindern französische Fähnchen in die Patschhände gegeben. Wen konnte das interessieren? Ein sranzöselnder elsässischer Karikaturist und Kindevbllcherzeichner mit dem läppischen Namen Hansen hatte sich mausig gemacht. Wen ging das etwas an? Und dann schien es, als wenn der englische Vetter in der besonnenen Art eines größeren, reiferen Bruders weltmännisch zur Vernunft mah nen wollte: England rief das wilde Serbien zur Ruhe! Aus allen Blättern grüßte priesterlich das vornehm gepflegte Gesicht Lord Greys. Europa hatte Ruhe. Die französischen Skandale der Frau Caillaux gingen schließlich nur die Pariser etwas an. 7YDer Verleger Schütz hatte noch einmal es für nötig befunden, an Florian schreiben zu lassen, daß er den Vortrag also auf den Nachmittag des ersten August in der Buchhändler-Ausstellung angesagt hatte. Er hatte das Programm für diesen Tag gleich mitgesandt. Die Rückseite des Programms bildete einen Prospekt des neuen Bandes japanischer Gedichte, die Florian übertragen hatte. Und je näher der Tag rückte, desto mehr bewölkte sich der politische Himmel: desto besorgter wurden die Mienen der Friedensfreunde in Frau Helenes Hause; desto hoffnungsvoller wurden Hans Peeck und der junge Lemke. Kann man wirklich an den Vortrag noch denken?" Man beschloß auf alle Fälle hinzufahren. Man blieb bei dem Entschluß, trotzdem man mit großer Aufregung von der Überreichung der österreichischen Note in Belgrad las, die fol genden Wortlaut hatte: Am 31. März 1999 hat der königlich serbische Gesandte am Wiener Hofe im Auftrage seiner Regierung der kaiserlichen und königlichen Regierung folgende Erklärung abgegeben: Serbien anerkennt, daß es durch die in Bosnien geschaffene Tatsache in seinen Rechten nicht berührt wurde, und daß es sich demgemäß den Entschließungen anpassen wird, welche die Mächte in bezug auf Artikel 25 des Berliner Vertrages treffen werden. Indem Serbien den Ratschlägen der Großmächte Folge leistet, verpflichtet es sich, die Haltung des Protestes und des Wider standes, die es hinsichtlich der Annexion seit vergangenem Oktober ein genommen hat, aufzugeben, und verpflichtet sich ferner, die Richtung seiner gegenwärtigen Politik gegenüber Österreich-Ungarn zu ändern und künftighin mit diesem letzteren auf dem Fuße freundnachbarlicher Beziehungen zu leben." Die Geschichte der letzten Jahre nun, und insbesondere der schmerz lichen Ereignisse des 28. Juni, haben das Vorhandensein einer subver siven Bewegung in Serbien erwiesen, deren Ziel es ist, von der öster reichisch-ungarischen Monarchie gewisse Teile ihres Gebiets loszutrennen. Diese Bewegung, die unter den Augen der serbischen Regierung ent stand, hat in der Folge jenseits des Gebiets des Königsreichs durch Akte des Terrorismus, durch eine Reihe von Attentaten und durch Morde Ausdruck gefunden. Weit entfernt, die in der Erklärung vom 31. März 1909 enthaltenen formellen Verpflichtungen zu erfüllen, hat die königlich serbische Regie rung nichts getan, um diese Bewegung zu unterdrücken. Sie duldete das verbrecherische Treiben der verschiedenen gegen die Monarchie gerich teten Vereine und Vereinigungen, die zügellose Sprache der Presse, soDie Offiziere einer aus Freiwilligen bestehenden Patrouille beobachten den Feind, öosösckb Auf Feldwache vor Antwerpen, BeobachUingSPoslc ,die Verherrlichung der Urheber von Attentaten, die Teilnahme von Offi zieren und Beamten an subversiven Umtrieben, sie duldete eine unge sunde Propaganda im öffentlichen Unterricht und duldete schließlich alle Manifestationen, welche die serbische Bevölkerung zum Hasse gegen die Monarchie und zur Verachtung ihrer Einrichtungen verleiten konnten Diese Duldung, der sich die königlich serbische Regierung schuldig machte, hat noch in jenem Moment angedauert, in dem die Ereig nisse des 28. Juni der ganzen Welt die grauenhaften Folgen solcher Dul dung zeigten. Es erhellt aus den Aussagen und Geständnissen der verbrecherischen Urheber des Attentats vom 28. Juni, daß der Mord von Sarajewo in Belgrad ausgeheckt wurde, daß die Mörder die Waffen und Bomben, mit denen sie ausgestattet waren, von serbischen Offizieren und Be amten erhielten, die der Narodna Odbrana angehörten, und daß schließ lich die Beförderung der Verbrecher und deren Waffen nach Bosnien von leitenden serbischen Grenzorganen veranstaltet und durchgeführt wurde. Die angeführten Ergebnisse der Untersuchung gestatten es der k. und k. Regierung nicht, noch länger die Haltung zuwartender Langmut zu beobachten, die sie durch Jahre jenen Treibereien gegenüber einge nommen hatte, die ihren Mittelpunkt in Belgrad haben und von da auf die Gebiete der Monarchie übertragen werden. Diese Ergebnisse legen der k. und k. Negierung vielmehr die Pflicht auf, den Umtrieben ein Ende zu bereiten, die eine beständige Bedrohung für die Ruhe der Monarchie bilden. Um diesen Zweck zu erreichen, sieht sich die k. und k. Regierung ge zwungen, von der serbischen Regierung eine offizielle Versicherung zu verlangen, daß sie die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda verurteilt, das heißt die Gesamtheit der Bestrebungen, deren Endziel es ist, von der Monarchie Gebiete loszulösen, die ihr angehören, und daß sie sich verpflichtet, diese verbrecherische und terroristische Propaganda mit allen Mitteln zu unterdrücken. Und diesen Verpflichtungen einen feierlichen Charakter zu geben, wird die königlich serbische Regierung auf der ersten Seite ihres offi ziellen Organs vom 26. 13. Juli nachfolgende Erklärung veröffentlichen: Die königlich serbische Regierung verurteilt die gegen Österreich- Ungarn gerichtete Propaganda, das heißt die Gesamtheit jener Bestre bungen, deren Ziel es ist, von der österreichisch-ungarischen Monarchie Gebiete loszutrennen, die ihr angehören, und sie bedauert aufrichtigst die grauenhaften Folgen dieser verbrecherischen Handlungen. 6 Arndt, Die Tromm ! schliz zum treito. SIDie königlich serbische Regierung bedauert, daß serbische Offiziers und Beamte an der vorgenannten Propaganda teilgenommen und da mit die freundnachbarlichen Beziehungen gefährdet haben, die zu pflegen sich die königliche Regierung durch ihre Erklärung vom 31. März 1909 feierlichst verpflichtet hatte. Die königliche Regierung, die jeden Gedanken oder jeden Versuch einer Einmischung in die Geschicke der Bewohner was immer eines Teiles Österreich-Ungarns mißbilligt und zurückweist, erachtet es für ihre Pflicht, die Offiziers und Beamten und die gesamte Bevölkerung des Königreichs ganz ausdrücklich aufmerksam zu machen, daß sie künftighin mit äußerster Strenge gegen jene Personen vorgehen wird, die sich der artiger Handlungen schuldig machen sollten, Handlungen, denen vorzu beugen und die zu unterdrücken sie alle Anstrengungen machen wird." Diese Erklärung wird gleichzeitig zur Kenntnis der königlichen Armee durch einen Tagesbefehl Seiner Majestät des Königs gebracht und in dem offiziellen Organ der Armee veröffentlicht werden. Die königlich serbische Regierung verpflichtet sich überdies, 1. jede Publikation zu unterdrücken, die zum Haß und zur Ver achtung der Monarchie aufreizt und deren allgemeine Tendenz gegen die territoriale Integrität der letzteren gerichtet ist, 2. sofort mit der Auslösung des Vereins Narodna Odbrana vorzu gehen, dessen gesamte Propagandamittel zu konfiszieren und in der selben Weise gegen die anderen Vereine und Vereinigungen in Serbien einzuschreiten, die sich mit der Propaganda gegen Österreich-Ungarn be schäftigen. Die königliche Regierung wird die nötigen Maßregeln tref fen, damit die aufgelösten Vereine nicht etwa ihre Tätigkeit unter an derem Namen oder in anderer Form fortsetzen, 3. ohne Verzug aus dem öffentlichen Unterricht in Serbien, sowohl was den Lehrkörper als auch die Lehrmittel betrifft, alles zu beseitigen, was dazu dient oder dienen könnte, die Propaganda gegen Österreich- Ungarn zu nähren, 4. aus dem Militärdienst und der Verwaltung im allgemeinen alle Offiziere und Beamte zu entfernen, die der Propaganda gegen Öster reich-Ungarn schuldig sind, und deren Namen unter Mitteilung des gegen sie vorliegenden Materials der königlichen Regierung bekanntzugeben, sich die k. und k. Regierung vorbehält, S. einzuwilligen, daß in Serbien Organe der k. und k. Regierung bei der Unterdrückung der gegen die territoriale Integrität der Monarchie gerichteten subversiven Bewegung mitwirken, S26. eine gerichtliche Untersuchung gegen jene Teilnehmer des Kom plotts vom 28. Juni einzuleiten, die sich auf serbischem Territorium be finden. Von der k. und k. Regierung hierzu delegierte Organe werden an den bezüglichen Erhebungen teilnehmen, 7. mit aller Beschleunigung die Verhaftung des Majors Voja Tank- kosic und eines gewissen Milan Ciganovic, serbischen Staatsbeamten, vorzunehmen, welche durch die Ergebnisse der Untersuchung kompro mittiert sind, 8. durch wirksame Maßnahmen die Teilnahme der serbischen Be hörden an dem Einschmuggeln von Waffen und Explosivkörpern über die Grenze zu verhindern, jene Organe des Grenzdienstes von Schabatz und Loznica, die den Urhebern des Verbrechens von Sarajewo bei dem Ubertritt über die Grenze behilflich waren, aus dem Dienste zu entlassen und streng zu bestrafen, 9. der k. und k. Regierung Aufklärung zu geben über die nicht zu rechtfertigenden Äußerungen hoher serbischer Funktionäre in Serbien und dem Auslande, die ihrer offiziellen Stellung ungeachtet nicht ge zögert haben, sich nach dem Attentat vom 28. Juni in Interviews in feindlicher Weise gegen Österreich-Ungarn auszusprechen, 10. die k. und k. Regierung ohne Verzug von der Durchführung der in den vorigen Punkten zusammengefaßten Maßnahmen zu ver ständigen. Die k. und k. Regierung erwartet die Antwort der königlichen Re gierung spätestens bis Sonnabend, den 25. d. Mts., um 6 Uhr nach mittags. Man blieb bei dem Entschluß, doch nach Leipzig zu fahren, trotz dem die serbische Antwortnote in jeder Beziehung unbefriedigend und ausweichend war. Man blieb bei dem Entschluß, obwohl Österreich- Ungarn am 28. Juli Serbien den Krieg erklärte: Auf Grund allerhöchster Entschließung Seiner k. und k. Aposto- lischen Majestät vom 28. Juli 1914 wurde heute an die königlich serbische Regierung eine in französischer Sprache abgefaßte Kriegserklärung ge richtet, welche in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautet: Da die königlich serbische Regierung die Note, welche ihr vom österreichisch- ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. Juli übergeben worden war, nicht in befriedigender Weise beantwortet hat, so sieht sich die k. und k. Regierung in die Notwendigkeit versetzt, selbst für die Wahrung ihrer 6 LZ85 Rechte und Interessen Sorge zu tragen und zu diesem Ends an die Gewalt der Waffen zu appellieren. Österreich-Ungarn betrachtet sich da her von diesem Augenblick an als im Kriegszustande mit Serbien be findlich. Der österreichisch-ungarische Minister des Äußeren: Gras Berchthold. Und man las mit großer Ergriffenheit die Kundgebung des alten Kaisers Franz Joseph: An meine Völker! Es war mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die mir durch Gottes Gnade noch beschieden find, Werken des Friedens zu weihen und meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren. Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen. Die Umtriebe eines haßerfüllten Gegners zwingen mich, zur Wahrung der Ehre meiner Monarchie, zum Schutze ihres Ansehens und ihrer Machtstellung, zur Sicherung ihres Besitzstandes nach langen Jahren des Friedens zum Schwert zu greifen. Mit rasch vergessendem Undank hat das Königreich Serbien, das von den ersten Anfängen seiner staatlichen Selbständigkeit bis in die neueste Zeit von meinen Vorfahren und mir gestützt und gefördert worden war, schon vor Jahren den Weg offener Feindseligkeit gegen Österreich-Ungarn betreten. Als ich nach drei Jahrzehnten segensvoller Friedensarbeit in Bosnien und der Herzegowina meine Herrscherrechte auf diese Länder erstreckte, hat diese meine Verfügung im Königreich Serbien, dessen Rechte in keiner Weise verletzt wurden, Ausbrüche zügel loser Leidenschaft und bittersten Haß hervorgerufen. Meine Regierung hat damals von dem schönen Vorrechte des Stärkeren Gebrauch gemacht und in äußerster Nachsicht und Milde von Serbien nur die Herabsetzung seines Heeres auf den Friedensstand und das Versprechen verlangt, in Hinkunft die Bahn des Friedens und der Freundschaft zu gehen. Von demselben Geist der Mäßigung geleitet, hat sich meine Regierung, als Serbien vor zwei Jahren im Kamps mit dem türkischen Reiche be griffen war, auf die Wahrung der wichtigsten Lebensbedingungen der Monarchie beschränkt. Dieser Haltung hatte Serbien in erster Linie die Erreichung des Kriegszweckes zu verdanken. Die Hoffnung, daß das serbische Königreich die Langmut und Friedensliebe meiner Regie rung würdigen und sein Wort einlösen werde, hat sich nicht erfüllt. Immer höher loderte der Haß gegen mich und mein Haus empor, immer unverhüllter tritt das Streben zutage, untrennbare Gebiete Österreich- Ungarns gewaltsam loszureißen. Ein verbrecherisches Treiben greift über die Grenze, um im Südosten der Monarchie die Grundlagen staat-85 licher Ordnung zu untergraben, das Volk, dem ich in landesväterlicher Liebe meine volle Fürsorge zuwende, in seiner Treue zum Herrscher hause und zum Vaterlande wankend zu machen, die heranwachsende Jugend irrezuleiten und zu frevelhaften Taten des Wahnwitzes und des Hochverrats aufzureizen. Eine Reihe von Mordanschlägen, eine plan mäßig vorbereitete und durchgeführte Verschwörung, deren furchtbares Gelingen mich und meine treuen Völker ins Herz getroffen hat, bildet die weithin sichtbare blutige Spur jener geheimen Machenschaften, die von Serbien aus ins Werk gesetzt und geleitet wurden. Diesem uner träglichen Treiben muß Einhalt geboten, den unaufhörlichen Heraus forderungen Serbiens ein Ende bereitet werden, soll die Ehre und Würde meiner Monarchie unverletzt erhalten und ihre staatliche, wirt schaftliche und militärische Entwicklung vor beständigen Erschütterungen bewahrt bleiben. Vergebens hat meine Regierung noch einen letzten Versuch unternommen, dieses Ziel mit friedlichen Mitteln zu erreichen, Serbien durch eine ernste Mahnung zur Umkehr zu bewegen. Serbien hat die maßvollen und gerechten Forderungen meiner Regierung zurück gewiesen und es abgelehnt, jenen Pflichten nachzukommen, deren Er füllung im Leben der Völker und Staaten die natürliche und notwendige Grundlage des Friedens bildet. So muß ich denn daran schreiten, mit Waffengewalt die unerläßlichen Bürgschaften zu schaffen, die meinen Staaten die Ruhe im Innern und den dauernden Frieden nach außen sichern sollen. In dieser ernsten Stunde bin ich mir der ganzen Trag weite meines Entschlusses und meiner Verantwortung vor dem All mächtigen voll bewußt. Ich habe alles geprüft und erwogen. Mit ruhigem Gewissen betrete ich den Weg, den die Pflicht mir weist. Ich vertraue auf meine Völker, die sich in allen Stürmen stets in Einig keit und Treue um meinen Thron geschart haben und für Ehre, Größe und Macht des Vaterlandes zu schwersten Opfern immer bereit waren. Ich vertraue auf Österreich-Ungarns tapfere und von hingebungsvoller Begeisterung erfüllte Wehrmacht, und ich vertraue auf den Allmächtigen, daß er meinen Waffen den Sieg verleihen wird. Bad Ischl, den 28. Juli 1914. Franz Joseph, in. p. Stürgkh, ir . x."Fünftes Kapitel. Mobil! Als am Morgen des 1. August aus Petersburg die Nachricht ge kommen war, daß das russische Heer und die russische Flotte mobil gemacht sei, und obwohl man gelesen hatte, daß der Deutsche Kaiser den Zustand der drohenden Kriegsgefahr" befohlen hatte und nach Berlin übersiedeln wollte, fuhren dennoch sechs kunstbegeisterte Menschen aus Frau Helenes Haus zum Vortrag auf der Leipziger Ausstellung: Tante Helene und der Professor begleiteten die Sängerin und Florian: und der Marquis und Luschin hatten sich angeschlossen. Der Marquis hatte erklärt, er hätte sowieso die Absicht gehabt, die Leipziger Aus stellung zu besuchen. In der Bahn umfing schon alle eine ruhigere Stimmung. Die Nervosität Berlins lag bald weit hinter allen. Als der Zug in der großen Leipziger Bahnhofshalle eingetroffen war, traf man den Verleger Schütz, der in gewohnter Ruhe die An kommenden begrüßte. Er stand friedlich neben einer Gruppe von be frackten Männern, deren einer ein großes, blaues Banner mit Emblemen des Bäckerstandes hielt, denn es wurde gerade eine Festsitzung von Ver tretern des Bäckergewerbes in Leipzig abgehalten, und überall auf der Straße grüßten heiterblaue Ehrenpforten und Wimpel die ehrbareZunft. Das alles wirkte auf Frau Helene ungemein wohltuend. Der Verleger Schütz war nur erschienen, um sie zu begrüßen. Ihn riefen geschäftliche Pflichten. Er war nötig in einer Druckerei; er mußte mit Buchbindern sprechen: er schien keine anderen Sorgen zu kennen als geschäftliche. Nachmittags um fünf Uhr würde man sich ja im Vortrag wiedersehen. Um fünf Uhr begann das Konzert. Allerdings hatten sich nur etwa hundert Zuhörer eingefunden. Viele Leute schienen doch heute abgelenkt zu sein. Maria fühlte sich nicht recht künstlerisch aufgelegt. Der Verleger S6Schütz saß neben feiner jungen, blonden Frau sorglos an einem Tisch chen und schien sich über die Vorträge zu amüsieren. Um sechs Uhr war das Konzert beendet, ohne daß es zu aufregen den, groszberlinischen Kundgebungen gekommen wäre, und man begab sich ins Freie, um Kaffee zu trinken, wo eine Musikkapelle Walzer melodien trällerte. Das Wetter war entzückend. Auf einmal läuft ein Bengel von hinten her durch die plaudernde Menschenmenge und schreit nur das eine Wort: Mobilisiert!" Das wirkt wie eine Granate auf diejenigen, die es verstanden haben. Tante Helene kann es nicht fassen. Der Professor ist starr. Florian hat es gar nicht verstanden. Der Verleger Schütz aber winkt dem Kellner, um zu bezahlen, und sagt in bescheiden entschuldigendem Tone zur gnädigen Frau: Sie müssen jetzt entschuldigen, daß ich sofort aufbrechen muß. Ich muß nämlich morgen mich meinem Regiment stellen." Der Professor sieht den ruhigen Mann erstaunt an: Sind Sie denn Soldat?" Ja, ich bin Hauptmann." Der Professor kann diese selbstverständliche Nuhe und diese schein bare Verwandlung des Verlegers gar nich^ oerstehen. Ringsum entsteht Tumult. Die Walzermelodien werden plötzlich abgebrochen. Man spielt die Wacht am Rhein. Das große Wecken begann! Als der Rittmeister seiner Gattin am Morgen des 31. Juli kurz erklärte, daß er unter allen Umständen wegen sofortiger Erledigung einiger Hypothekenangelegenheiten nach Berlin reisen müsse sowie auch schon deshalb, um Hans noch einmal zu sprechen, wußte noch niemand von dem Telegrammwechsel zwischen Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. und dem russischen Zaren. Die Drähte hatten folgende bedeutsamen Fragen und Antworten zwischen den beiden Herrschern hin und her getragen. 28. Juli, 10 Uhr 45 Min. nachm. Mit der größten Beunruhigung höre ich van dem Eindruck, den Österreich-Ungarns Vorgehen gegen Serbien in Deinem Reiche hervor ruft. Die skrupellose Agitation, die seit Jahren in Serbien getrieben worden ist, hat zu dem empörenden Verbrechen geführt, dessen Opfer Erzherzog Franz Ferdinand geworden ist. Der Geist, der in Serbien ihren eigenen König und seine Gemahlin morden ließ, herrscht heute noch in jenem Lande. Zweifellos wirst Du mit mir darin übereinstimmen, S788 daß wir beide, Du und ich sowohl als alle Souveräne ein gemeinsames Interesse daran haben, darauf zu bestehen, daß alle diejenigen, die für den scheußlichen Mord moralisch verantwortlich sind, ihre verdiente Strafe erleiden. Andererseits übersehe ich keineswegs, wie schwierig es für Dich und Deine Regierung ist, den Strömungen der öffentlichen Meinung ent gegenzutreten. Eingedenk der herzlichen Freundschaft, die uns beide seit langer Zeit mit festem Band verbindet, setze ich daher meinen ganzen Einfluß ein, um Österreich-Ungarn dazu zu bestimmen, eine offene und befriedigende Verständigung mit Rußland anzustreben. Ich hoffe zu versichtlich, daß Du mich in meinen Bemühungen, alle Schwierigkeiten, die noch entstehen können, zu beseitigen, unterstützen wirst. Dein sehr aufrichtiger und ergebener Freund und Vetter (gez.) Wilhelm." Petershof (Palais), 29. Juli, 1 Uhr nachm. Ich bin erfreut, daß Du zurück in Deutschland bist. In diesem so ernsten Augenblick bitte ich Dich inständig, mir zu helfen. Ein schmäh licher Krieg ist an ein schwaches Land erklärt worden, die Entrüstung hierüber, die ich völlig teile, ist in Rußland ungeheuer. Ich sehe voraus, daß ich sehr bald dem Druck, der auf mich ausgeübt wird, nicht mehr werde widerstehen können und gezwungen sein werde, Maßregeln zu ergreifen, die zum Kriege führen werden. Um einem Unglück, wie es ein europäischer Krieg sein würde, vorzubeugen, bitte ich Dich im Namen unserer alten Freundschaft, alles Dir mögliche zu tun, um Deinen Bun desgenossen davon zurückzuhalten, zu weit zu gehen. (gez.) Nikolaus." 29. Juli, 6 Uhr 30 Min. nachm. Ich habe Dein Telegramm erhalten und teile Deinen Wunsch nach Erhaltung des Friedens. Jedoch kann ich wie ich Dir in meinem ersten Telegramm sagte, Österreich-Ungarns Vorgehen nicht als .schmählichen Krieg betrachten. Österreich-Ungarn weiß aus Erfahrung, daß Serbiens Versprechungen, wenn sie nur auf dem Papier stehen, gänzlich unzuverlässig sind. Meiner Ansicht nach ist Österreich-Ungarns Vorgehen als ein Versuch zu betrachten, volle Garantie dafür zu erhalten, daß Serbiens Versprechungen auch wirklich in die Tat umgesetzt werden. In dieser Ansicht werde ich bestärkt durch die Erklärung des österreichi schen Kabinetts, daß Österreich-Ungarn keine territorialen Eroberungen auf Kosten Serbiens beabsichtige. Ich meine daher, daß es für Ruß land durchaus möglich ist, dem österreichisch-serbischen Krieg gegenüberin der Rolle des Zuschauers zu verharren, ohne Europa in den schreck lichsten Krieg hineinzuziehen, den es jemals erlebt hat. Ich glaube, daß eine direkte Verständigung zwischen Deiner Regierung und Wien mög lich und wünschenswert ist, eine Verständigung, die wie ich Dir schon telegraphierte meine Regierung mit allen Kräften zu fördern bemüht ist. Natürlich würden militärische Maßnahmen Rußlands, welche Öster reich als Drohung auffassen könnte, ein Unglück beschleunigen, das wir beide zu vermeiden wünschen, und würden auch meine Stellung als Vermittler, die ich auf Deinen Appell an meine Freundschaft und Hilfe bereitwillig angenommen Habs, untergraben. (gez.) Wilhelm." 30. Juli, 1 Uhr vorm. Mein Botschafter ist angewiesen, Deine Regierung auf die Gefahren und schweren Konsequenzen einer Mobilisation hinzuweisen; das gleiche habe ich Dir in meinem letzten Telegramm gesagt. Österreich-Ungarn hat nur gegen Serbien mobilisiert, und zwar nur einen Teil seiner Armee. Wenn Nußland, wie es jetzt nach Deiner und Deiner Regierung Mit teilung der Fall ist, gegen Österreich-Ungarn mobil macht, so wird die Vermittlerrolle, mit der Du mich in freundschaftlicher Weise betrautest und die ich auf Deine ausdrückliche Bitte angenommen habe, gefährdet, wenn nicht unmöglich gemacht. Die ganze Schwere der Entscheidung ruht jetzt auf Deinen Schultern, sie haben die Verantwortung für Krieg oder Frieden zu tragen. (gez.) Wilhelm." Petershof, 30. Juli 1914,1 Uhr 20 Min. nachm. Ich danke Dir von Herzen für Deine rasche Antwort. Ich entsende heute abend Tatisheff mit Instruktion. Die jetzt in Kraft tretenden mili tärischen Maßnahmen sind schon vor fünf Tagen beschlossen worden, und zwar aus Gründen der Verteidigung gegen die Vorbereitungen Öster reichs. Ich hoffe von ganzem Herzen, daß diese Maßnahmen in keiner Weise Deine Stellung als Vermittler beeinflussen werden, die ich sehr hoch anschlage. Wir brauchen Deinen starken Druck aus Österreich, damit es zu einer Verständigung mit uns kommt. (gez.) Nikolaus." Ich danke Dir von Herzen für Deine Vermittlung, die eine Hoff nung aufleuchten läßt, daß doch noch alles friedlich enden könnte. Es ist technisch unmöglich, unsere militärischen Vorbereitungen einzustellen, die durch Österreichs Mobilisierung notwendig geworden sind. Wir sind weit davon entfernt, einen Krieg zu wünschen. Solange wie die Ver- S990 Handlungen mit Österreich über Serbisn andauern, werden meine Trup pen keine herausfordernde Aktion unternehmen. Ich gebe Dir mein feierliches Wort darauf. Ich vertraue mit aller Kraft auf Gottes Gnade und hoffe auf den Erfolg Deiner Vermittlung in Wien für die Wohl fahrt unserer Länder und den Frieden Europas. Dein Dir herzlich ergebener Nikolaus." Hierauf erwiderte Kaiser Wilhelm: Auf Deinen Appell an meine Freundschaft und Deine Bitte um meine Hilfe habe ich eine Vermittlungsaktion zwischen Deiner und der österreichisch-ungarischen Regierung aufgenommen. Während diese Aktion im Gangs war, sind Deine Truppen gegen das mir verbündete Österreich-Ungarn mobilisiert worden, wodurch, wie ich Dir schon mit geteilt habe, meine Vermittlung beinahe illusorisch gemacht worden ist. Trotzdem habe ich sie fortgesetzt. Nunmehr erhalte ich zuverlässige Nach richten über ernste Kriegsvorbsreitungen auch an meiner östlichen Grenze. Die Verantwortung für die Sicherheit meines Reiches zwingt mich zu defensiven Gegenmaßregeln. Ich bin mit meinen Bemühungen um die Erhaltung des Weltfriedens bis an die äußerste Grenze des Möglichen gegangen. Nicht ich trage die Verantwortung für das Unheil, das jetzt der ganzen zivilisierten Welt droht. Noch in diesem Augenblick liegt es in Deiner Hand, es abzuwenden. Niemand bedroht die Ehre und die Macht Rußlands, das wohl auf den Erfolg meiner Vermittlung hätte warten können. Die mir von meinem Großvater auf dem Toten bette überkommene Freundschaft für Dich und Dein Reich ist mir immer heilig gewesen, und ich habe treu zu Rußland gestanden, wenn es in schwerer Bedrängnis war, besonders in seinem letzten Kriege. Der Friede Europas kann von Dir noch jetzt erhalten werden, wenn Ruß land sich entschließt, die militärischen Maßnahmen einzustellen, die Deutschland und Österreich-Ungarn bedrohen." Noch bevor dieses Telegramm seine Bestimmung erreichte, war die bereits am Vormittag desselben Tages angeordnete Mobilisierung der gesamten russischen Streitkräfte in vollem Gange. Auch zwischen dem Reichskanzler und den kaiserlichen Botschaftern in Paris, London, Petersburg hatte ein reger Telegrammwechsel statt gefunden. Desgleichen war den Bundesregierungen eine vertrauliche Mitteilung des Reichskanzlers zugegangen. Man wußte schon am 27. Juli, daß in Kowno der Kriegszustand erklärt war, desgleichen, daß das französische 14. Korps das Manöver abbrach. Man hatte wenig Vertrauen von der von Sir Edward Grey gewünschten Vermittlungs-9! aktion in Wien, aber dennoch wollte immer nicht die letzte Hoffnung schwinden, daß noch in letzter Stunde sich alles zum Besten wenden müsse. Gerade als der Rittmeister die Friedrichstraße hinunterging, sprang ein Mann mit einem Haufen Extrablätter aus einem Automobil und warf sie der ihn sofort umringenden Menge zu: Verhängung des Kriegszustandes über Deutschland!" Diese Worte kreuzten sich von allen Seiten. Verhängung! Kriegszustand! Deutschland! Und dann las man in höchster Er regung: Aus Petersburg ist eine Nachricht des deutschen Botschafters eingetroffen, daß die allgemeine Mobilisierung der russischen Armee und der Flotte befohlen ist. Darauf hat Kaiser Wilhelm auf Grund des Artikels 68 der Reichsverfassung in Deutschland den Kriegszustand er klärt. Es handelt sich dabei um einen vorbereitenden Schritt, der einer Mobilisierung noch nicht gleichkommt." Das große Wecken hatte begonnen! In höchster Eile erledigte der Rittmeister seine Angelegenheiten bei der Bank, dann nahm er sich ein Auto und fuhr zu Tante Helene, wo er jedoch niemand antraf. Nachmittags war er wieder Unter den Linden, wo eine ungeheuer liche, aufgeregte Menge hin und her flutete. Automobile mit hohen Offizieren rasten vom und zum Schlosse. Und was war das? Eine kriegsstarke Kompagnie vom Alexanderregiment unter Führung eines Leutnants! Die Spielleute rührten die Trommel, und unter feierlichem Schwei gen einer Riesenmenge verlas der Leutnant die Artikel zur Erklärung des Kriegszustandes im Deutschen Reich. Die Menge war sich des un geheuren Ernstes des historischen Augenblicks bewußt. Nach der Ver lesung herrschte einen Augenblick Schweigen, dann sagte eine kräftige Stimme: Der Kaiser, Hurra!" Brausend klang dreimal das Hurra auf. Die deutsche Armee, Hurra!" Wieder das feierliche, dreimalige Mützeschwenken. Der blutjunge Leutnant, Schuppenkette unterm Kinn, Degen in der Faust, kommandierte jetzt: Das Gewehr über!" Die Füße stampften den Boden, und es geht gegen das Schloß weiter. Berlin steht unter Kriegszustand. Und da da wiederum eine starke Bewegung in den Massen vom Brandenburger Tor her. Das kaiserliche Automobilsignal! Trotz der Schutzleute stürzte alles auf den Fahrdamm. Der Kaiser in der Uniform der Gardekürassiere, tiefernst an der Seite der Kaiserin, er-92 widerte stumm die Grüße. Einige Minuten später schoß auf dem Schloß die Kaiserstandarte hoch. Der Rittmeister hatte ganz vergessen, daß er seinen Sohn sprechen wollte, daß er außerdem noch verschiedenes andere zu erledigen hatte. Er war nur ein kleiner, mitschwingender Teil einer ausgeregten Menge, die sich langsam wie eine eiserne Mauer nach dem Schlosse zu hinschob. Und dann war es ihm vergönnt, diesen einen großen historischen Mo ment mitzuerleben, als der Kaiser zusammen mit dem Prinzen Adalbert, umrauscht von den Rufen seines Volkes, auf den Balkon des Schlosses hinaustrat und folgende unvergeßliche Worte sprach: Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen uns zu gerechter Verteidigung. Man drückt unH das Schwert in die Hand. Ich hoffe, daß, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, daß wir es mit Ehren wieder in die Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg vom -deut schen Volke erfordern, den Gegnern aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreisen. Und nun empfehle ich euch Gott. Jetzt geht in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer!" Stürmischer, brausender Jubel! Hüte und Mützen flogen in die Luft! Taschentücher winkten dem geliebten Herrscher entgegen, und dann erklang von allen Lippen das Lied -der Lieder: Heil dir im Siegerkranz!" und daran anschließend Die Wacht am Rhein". Die unübersehbare Menschenmenge wich nicht von dem Schloß, und erst als sich gegen 7 Uhr abends das Portal V langsam öffnete und das kaiserliche Auto mit dem Monarchen und seiner Gemahlin langsam hin ausfuhr, bildete sich langsam eine schmale Gasse. Wiederum Hoch- und Hurrarufe! Wiederum ein kurzes, stummes, ernstes Danken der Maje stäten, die zum Schloß Bellevue fuhren, um dort die Kriegstrauung ihres Sohnes Oskar mit der Gräfin Ina von Bassewitz beizuwohnen. Unterdessen hielten alle Hände bereits Extrablätter, die das deutsche Ultimatum an Rußland und Frankreich verkündeten: Nachdem die aus den Wunsch des Zaren selbst unternommene Friedensarbeit von der russischen Regierung durch die allgemeine Mobil machung des russischen Heeres und der Marine gestört worden ist, hat die Regierung Seiner Majestät des Kaisers wissen lassen, daß die Mobilisierung in Aussicht steht, falls nicht binnen zwölf Stunden Ruß-land seine Kriegsvorbereitungen einstellt und hierüber eine bestimmte Erklärung abgibt. Gleichzeitig ist an die französische Regierung eine An frage über ihre Haltung im Falle eines deutsch-russischen Krieges ge richtet worden." In achtzehn Stunden mußte man die Antwort Frankreichs erhalten haben, vorher noch diejenige Rußlands. Wie würde sie lauten? Nachdem der Rittmeister noch verschiedene Male bei Tante Helene antelephoniert hatte, ohne eine Verbindung zu erreichen, aß er hastig in einem Bierlokal Unter den Linden etwas zu Abend und wurde dann in jene ungeheuere Menschenmenge mit hineingerissen, die sich um Mitternacht durch die Wilhelmstraße nach dem Hause -des Reichs kanzlers zu hinbewegte und mit Hoch- und Hurrarufen nicht enden wollte. Endlich erschien der Reichskanzler am großen Mittelfenster des Kongreßsaales, mit noch lauteren Rufen begrüßt, und sprach mit weithin vernehmbarer, fester Stimme: In ernster Stunde sind Sie, um Ihren vaterländischen Empfin dungen Ausdruck zu geben, vor das Haus Bismarcks gekommen, Bis marcks, der uns mit Kaiser Wilhelm dem Großen und dem Feldmar schall Moltke das Deutsche Reich geschmiedet hat. Wir wollten in dem Reiche, das wir in vierundvierzigjähriger Friedensarbeit ausgebaut haben, auch ferner in Frieden leben. Das ganze Wirken unseres Kaisers war der Erhaltung des Friedens gewidmet. Bis in die letzten Stunden hat er für den Frieden Europas gewirkt, und er wirkt noch für ihn. Sollte all sein Bemühen vergeblich sein, sollte uns das Schwert in die Hand gezwungen werden, so werden wir ins Feld ziehen mit gutem Gewissen und dem Bewußtsein, daß nicht wir den Krieg gewollt haben. Wir werden dann den Kampf um unsere Existenz und unsere nationale Ehre mit Einsetzung des letzten Blutstropfens führen. Im Ernste dieser Stunde erinnere ich Sie an das Wort, das einst Prinz Friedrich Karl den Brandenburgern zurief: ,Laßt eure Herzen fchlagen zu Gott und eure Fäuste auf den Feind " Mitten in diesen Minuten höchster Begeisterung fiel dem Ritt meister ein, daß er sich unverzüglich in ein Auto werfen müßte, wenn er noch den letzten Zug nach Anklam erreichen wollte. Daß er Hans nicht gesprochen hatte, tat ihm aufrichtig leid, aber er wußte ja nur allzugut, was der Junge tun würde, wenn morgen der kaiserliche Erlaß zur Mobilisierung des deutschen Heeres und der Marine ergehen würde. Denn daran war nach den Ereignissen dieses großen Tages kaum noch zu zweifeln. 9Z95 Während allen in Berlin die Mobilmachung als etwas ganz Selbst verständliches kam, erklang dieses elektrisierende Wort in Leipzig wie ein Weckruf. Die ganze Stadt schien auf einmal wie verwandelt. Wo eben noch sorglose Spaziergänger behaglich dahingeschlendert waren, herrschte plötzlich Hast und Unruhe. Aber es war eine große, freudige Unruhe, die sich nicht überhastete und nicht überschrie. Maria Asten saß neben Frau Helene im Auto. Den Damen gegen über saßen der Professor und Florian. Den japanischen Marquis und seinen Begleiter hatte man plötzlich verloren. Es war jetzt keine Zeit zum Suchen. Der Professor hatte dem Kutscher den Befehl gegeben, zum Bahnhof zu fahren. Vor dem Bahnhof und in seiner großen Halle war ein Gewimmel. Der Professor löste die Karten. Werden wir den Zug nach Berlin noch bekommen?" Der vorige steht noch da." Alle vier konnten es nicht fassen, was geschehen war. Tante Helene haßte alle Unordnung und erblickte in dem ganzen Tumult nur etwas Programmwidriges. Irgendein ganz kolossales Mißverständnis, das sich ja bald aufklären würde. Maria Asten dachte im Augenblick einzig und allein daran, ob dieser Wirrwarr nicht etwa das Konzertleben Deutschlands stören könnte. Florians Augen suchten seinen guten Freund Kowoko. Er fand ihn nicht. Das schien das einzige zu sein, was ihn bedrückte. Er konnte eben nicht fassen, was in ihm vorging. Er fah in all das Hasten und Rufen so erstaunt und so verständnislos, wie etwa ein harmloser, kleiner Kanarienvogel in den Streit der Hühner blicken würde, die draußen vor seinem Fensterplatze skandalieren. In seiner Seele träumten noch seine japanischen Lieder, die Maria Asten eben gesungen hatte. Als die vier den V-Zug bestiegen hatten, konnten sie nicht beiein ander Platz finden. Florian fand Frau Helene gegenüber seinen Sitz; der Professor und Maria mußten einen anderen Wagen nehmen. Eine drückende Stille lag über allen Insassen: diejenigen Reisenden, die schon weither zu kommen schienen, zeigten Abgespanntheit und Gereiztheit. Eben ist mobil gemacht worden!" hatte der Professor gesagt. Ein vierschrötiger, ihm gegenübersitzender Mann, der an einer schweren Zigarre qualmte, hatte nur soo " gesagt, hatte zum Fenster hinausgesehen, als müßte es dort auf den Wolken geschrieben zu lesen sein, und war dann gleich wieder in stumpfsinniges Brüten gefallen. Im benachbarten Abteil hatte man es eben auch erst jetzt erfahren und debattierte in sinnloser und aufgeregter Art darüber.95 Die Aufregung wurde noch gesteigert durch das langsame Fahren des Zuges. Eisenbahnfahrsr sind immer anspruchsvoll und erblicken in der geringsten Verspätung ein beleidigendes Unrecht, gegen das sie protestieren müssen. Und wie gräßlich lange hielt der Zug auf den Stationen. Auf jeder Station stiegen neue Reisende ein: alle Wagen wurden überfüllt. Und neue Gerüchte schwirrten: Jean Jaurös sei ermordet: der Kaiser hätte geredet: der Krieg mit Rußland wäre unvermeidlich: der Kronprinz wäre von zwei Russen angeschossen und läge hoffnungslos danieder. Entsetzlich langsam fuhr der Zug. Gerade heute, wo alles rings umher hastete und fieberte. Mitten auf den Strecken blieb er plötzlich Minuten- und minutenlang stehen. Er schien anderen Zügen Platz machen zu müssen, die in rasender Eile an ihm vorbeijagten. In Lichter felde hielt er ganz und gar: alle mußten umsteigen und den Vorortzug benutzen: es war schon spät geworden: weit umher hatte sich die Nacht gebreitet: die Hast des Umsteigens gab dem Bilde den Eindruck panik artiger Unruhe. Endlich waren die vier am Prager Platz in ihrem Heim gelandet. Frau Helene war todmüde. Maria Asten war dem Weinen nahe. Lifsi hatte vorsorglich ein Abendessen hergerichtet. Die Stille des Heim friedens tat wohl. Die einzige, die den Augenblick begriff und den Kopf hoch hielt, war Lifsi. Sie fühlte sich als Soldatenkind und Soldatenschwester. Ich hatte für sechs gedeckt", sagte sie. Ich weiß nicht, wo die beiden ausländischen Herren geblieben sind", sagte der Professor. Wie wundervoll still ist es hier, Kinder", meinte Frau Helene. Sie war so übermüdet, daß sie sich wirklich gesetzt hatte. Das Dienstmädchen reichte Speisen. Alle griffen zu. Liebe Tante, Hans läßt sich dir bestens empfehlen; er ist sofort nach seiner alten Garnison abgereist." Hans ist abgereist? So auf einmal?" Natürlich." Sie hatte das Wort in einer so selbstverständlichen und bestimmten Art gesagt, daß Florian erstaunt zu ihr aufschaute. Es lag in den drei Silben so etwas Vielsagendes, so etwas Stolzes und Festes, so etwas Stilles und Schlichtes. Es hatte das Wort wie eine Parole geklungen. So gar nicht gekünstelt: so gar nicht wie aus dem Japanischen über tragen: so gar nicht romantisch. Es war das erstemal gewesen, daß Lissi irgendeine Angelegenheit und nun noch dazu eine Angelegen-96 heit ihres gescheiterten Leutnantbruders ihrer Tante einfach mit teilte, ohne sie dem Urteil zu unterbreiten. Zum erstenmal bekam Florian Augen für die stille, verschlossene Schönheit dieses schlichten Mädchenkopfes. Zum erstenmal empfand er es, daß er wohl noch niemals in seinem jungen Leben etwas getrieben hätte, dem sie mit so einem unbeirrbaren natürlich" zugestimmt hätte. An diesem Tische war noch nie politisiert. Auch konnten hier ja jeden Augenblick Gäste irgendwelcher Nationen erscheinen. Solange unten im Flur die große Lampe noch brannte, galt das Haus noch immer als offen; waren Gäste noch immer willkommen; so war es seit Jahren; so wußten es alle Bekannte des Hauses; so war es auch heute. Zwei Menschensorten waren hier im selben Zimmer. Was der einen Partei als natürlich" erschien, war der anderen unfaßbar. Unten war jemand ins Haus getreten. Eine helle, kindliche Stimme war gehört worden. Maria Asten hatte sie gehört und hatte gelächelt. Gnädige Frau, bas wird der kleine Himsch sein. Ich glaube wahrhaftig, das Kerlchen ängstigt sich jetzt. Darf er heraufkommen?" Der kleine Himsch war nämlich ein junger Musikschüler, ein hoff nungsvoller Pianist, den Maria Asten begönnerte, und den sie sich als Begleiter für ihre Konzerte des kommenden Winters engagiert hatte. Lassen Sie den jungen Mann nur heraufkommen!" nickte Tante Helene. Es war, als käme der kleine Himsch allen vier Friedensaposteln gerade recht. Gegen den bestimmten Ton, in dem Lissi ihr natürlich" gesprochen hatte, konnte ja doch keine schöngeistige Beredsamkeit auf kommen. Der war keine Vernunft zu predigen. Nun konnte man all die beruhigenden Worte im Suttnerftil, die man gern los sein wollte, vor Lissis Ohren dem jungen, verschüchterten Himsch predigen. Wirklich kam er ganz verschüchtert ins Zimmer. Man hatte ihm ja gesagt, daß es Krieg geben würde, und daß es dann keine Konzerte mehr zu hören geben würde. Das niedliche Kartenhaus seiner beschei denen Hoffnungen schien zusammenbrechen zu wollen. Was sollte aus ihm werden? Aber nun fand er milden Trost. Alle sprachen auf ihn ein. Nur Florian war schweigend aufgestanden und war Fenster getreten; und Lissi schwieg gleichfalls. Aber lieber Himsch, wie können Sie sich nur so etwas denken? Sind Sie so kriegslustig, daß Sie durchaus Krieg haben wollen?"Die 1 ommel sckluA ?um Streite 2. Vernichtung äer russischen )Zrmee nach äer Schlacht bei DannenbergsUnd nun fand auch der Professor Worte. Und er gab zu, daß die Situation eine verwirrte sei, aber er meinte, daß eine Mobilisierung ja doch noch keine Kriegserklärung sei. In so einer schweren Angelegen heit hätten doch noch andere Völker Europas beratend mitzusprechen. Er wies auf die maßvoll und weitblickende Diplomatenweisheit des Sir Edward Grey hin, der sicher zum Frieden wirken würde. Florian, der bis dahin zum Fenster hinausgestarrt hatte, wandte dem älteren Freunde das Gesicht wieder zu. Auch er hoffte auf Eng land; er liebte dies Land und dies Volk-, seine Mutter war ja Englän derin gewesen. Lissi sah die Erregung, die über dem ehrlichen Gesicht des jungen Doktors lag, und war zu ihm getreten, um ihn zu fragen, ob er noch etwas Tee wünschte. Sie war dann in der Fensterecke mit ihm ins Plaudern gekommen; er hatte von seinen Ferientagen in Uarmouth gesprochen, während in der anderen Ecke des Saales der Professor den ganzen politischen Horizont rosigrot überpinselte. Der Professor war immer mehr ins Reden gekommen; der junge Himsch war glückselig; Maria Asten war stolz. Und wenn wirklich Rußland sich auch gegen Deutschland wenden würde, so wüßte es doch, was es dabei zu riskieren hätte! Japan würde ihm sofort in den Rücken fallen." Und wie um dieses leibhaftig zu bestätigen, stand plötzlich der Mar quis Kowoko im Türrahmen und lächelte lächelte wie alle Tage. Ein banales Erstaunen, ein philiströses Fragen: Aber wo kommen Sie denn so plötzlich her?" oder: Aber wo sind Sie denn solange ge blieben?" gab es in diesem Hause natürlich nicht. Der Marquis hatte Frau Helene begrüßt; er hatte Maria Asten eine kurze, unterwürfige Gebärde des Applaudierens gemacht, als wäre ihre letzte Gesangsnummer des Leipziger Konzertes eben in der Lust verklungen; und dann meldete er: Gnädigste Frau, ich soll Ihnen eine Empfehlung sagen von Herrn Luschin. Er läßt sich bei Ihnen entschuldigen. Er wird seine etwaigen Rechnungen in den nächsten Tagen von Warschau aus begleichen. übrigens bürge ich für ihn, und wenn Sie mir die Summe sagen lassen, darf ich es auch ordnen. Er mußte sofort nach Warschau. Sie wissen, er ist Pole. Leidenschaftlicher Pole. Wir werden wohl bald von ihm hören." Glaubt Ihr Freund, Herr Luschin, denn wirklich, daß es zum Kriege kommt?" fragte der Professor. Jedenfalls wollte er sich sofort bei seiner Partei stellen. Er wird wohl dabei sein wollen, wenn die Polen sich wieder frei machen." 7 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite. Und was werden Sie in der nächsten Zeit tun, lieber Marquis?" fragte Frau Helene. Sie wissen ja, gnädigste Frau, daß ich hier nur studieren will. Nur studieren und lernen. Ich denke bestimmt, es wird nicht so schlimm kommen, wie manche Soldaten jetzt glauben." Dann ist Herr Luschin wohl nicht mehr in Verlin?" Er fuhr mit einem Auto fort. Mit demselben Auto, mit dem wir hierhergefahren sind. Wie schade, daß der schöne Tag so schnell unterbrochen wurde." Und dann fprach der Marquis vom Konzert und von den Liedern. Und der kleine Himsch mußte sich an den Flügel setzen, und Maria Asten mußte singen. Wir werden aber nur ganz leise Musik machen, um niemand zu stören." Drüben sind noch die meisten Fenster hell. Heute kommt Berlin spät zur Ruhe." Da drüben unten in der Kneipe scheint es auch noch laut herzu gehen. Daß die Menschen das ewige Gröhlen nicht lassen können. Ich finde, solche Arbeiterkneipe paßt gar nicht mehr in diese Gegend!" Sie singen da wieder! Das geht nun Nacht für Nacht so!" Der kleine Himsch saß am Flügel und liebkoste das Instrument. Wie aus weiter Ferne klang die leise Stimme der Sängerin. Florian war am Fenster stehengeblieben und starrte auf die gegen überliegende Häuserreihe: er sah auf die große Fensterscheibe des ein fachen Bierlokals. Er horchte auf die Klänge von draußen; er schien nicht zu achten auf seine japanischen Lieder. Auf einmal reckte er sich hoch auf, als überraschte ihn etwas. Dann warf er Liffi einen winken den Blick zu. Er war ganz rot geworden vor Erregung, als er hastig rief: Gnädiges Fräulein, kommen Sie doch her; hören Sie doch, was die da unten jetzt singen! Da unten die Sozialdemokraten! Hören Sie? Sie singen die Wacht am Rhein!" Lissi war zu ihm getreten. Sie hatte den Vorhang beiseite ge zogen und das Fenster geöffnet. Von unten her, aus Rauch und Bier dunst und aus rauhen Kehlen, scholl das Lied von der Wacht am Rhein. Kühler Abendwind trug es in den weiten Saal. Lissi schien das ganz natürlich vorzukommen. Da bemerkte sie Florians Staunen. Das hat man da unten in dem Lokal noch nie gehört!" YSUnd sie schritt vom Fenster zur Gruppe der Ästheten und blickte ruhig und fest auf Maria Asten und dann auf ihre Tante, als hätte sie etwas Großes zu melden, so daß Maria mit fragendem Ausdruck stockte. Und in diese kurze Kunstpause hinein sagte Lissi mit derselben Festigkeit, mit der sie vorhin ihr natürlich" gesprochen hatte: Unten im Bierlokal singen sie jetzt die Wacht am Rhein!" Es war ganz still im Saal geworden. Der kleine Himsch hatte die Finger von den Tasten genommen. Alle orientalische Musik war ver hallt. Das Lied von unten tönte deutlich vernehmbar durch den ganzen Raum. Florian stand am offenen Fenster. Der Wind spielte in seinen Haaren. Er starrte nach unten auf die große, helle Fensterscheibe, hinter der das Singen brauste. Der Professor war zu ihm getreten und hatte hinausgeschaut, als müßte er sich erst durch den Anblick davon überzeugen, um es glauben zu können. Dann hatte er wie beschwichtigend die Hand auf Florians Schulter gelegt und gesagt: Bleiben Sie nicht so lange am offenen Fenster, lieber Florian, Sie erkälten sich sonst wieder." Damit hatte er das Fenster geschlossen. Frau Helene hatte dazu genickt. Der Gesang klang nur noch gedämpft in den Raum. Das Konzert war unterbrochen. Wann werden diese Gedichte nun wohl in Buchform erscheinen?" meinte Maria Asten. Wann wird alles wieder zur Ruhe gekom men sein?" Aber Sie meinten doch, es gäbe gar keine Unruhe?" sagte der kleine Himsch. Marquis Kowoko lächelte und bewegte beschwichtigend die Hand: Es wird bald vorbei sein. England erlaubt keinen Krieg." Dann sagte man sich gute Nacht und ging auseinander. Der Marquis Kowoko hatte erklärt, er möchte sich in der heutigen Nacht das Straßenbild Berlins noch ein wenig betrachten. Das ver wunderte niemand. Er war ja immer unsolide und zähe gewesen; wie oft war er erst um fünf Uhr morgens heimgekehrt. Zwei Stunden Schlafes genügten ihm bei seinen eisernen Nerven. Die anderen waren schlafen gegangen. Aber nicht allen wollte der Schlaf kommen. Nur Tante Helene schlief so fest, wie es einem korrekten und arbeitsamen Menschen in der Nacht zukommt, und wie sie es immer gehalten hatte. Maria Asten hatte in der Stille ihres Zimmers das Gefühl, als hätte in all den letzten Stunden ein ganz sinnloser und100 wirrer Traum sie genarrt; sie konnte es sich nicht vorstellen, daß diese bunte, heitere Welt auf einmal ein anderes, ernsteres Gesicht be kommen könnte. Auch Florian hatte das Gefühl, als hätte er geträumt; als müßte er zum Professor gehen und ihn fragen, ob er wirklich recht gehört hätte. Aber dann horchte er scharf auf, und es war ihm, als klänge aus weiter Tiefe der Gesang der Arbeiter an sein Ohr. Dann siegte seine kindliche Jugend und ließ ihn ganz fest einschlafen. Den Professor aber hielt es nicht oben. Das, was er bisher nie mals für möglich gehalten hatte, beschloß er: er ging hinunter in die Kneipe! Er mußte diese Menschen sehen. Man sprach ganz aufgeregt durcheinander. Was, der Kaiser hat heute nachmittag nochmals vom Balkon ge sprochen?" Na, er mußte wohl! Immer haben sie geschrien: ,Wir wollen unseren Kaiser sehen! Wir wollen unseren lieben Kaiser sehen! Da ist er denn schließlich wieder auf den Balkon gekommen. Mit der Kaiserin!" Und was hat er gesagt?" Hier in der Zeitung steht s ja schon. Also hört mal alle zu: Mus tiefem Herzen danke ich euch für den Ausbruch eurer Liebe, eurer Treue. In dem jetzt bevorstehenden Kampf kenne ich in meinem Volk keine Parteien mehr. Es gibt unter uns nur noch Deutsche. Und welche von den Parteien auch im Laufe des Meinungskampfes sich gegen mich gewandt haben sollten, ich verzeihe ihnen allen. Es handelt sich jetzt nur darum, daß alle wie Brüder zusammenstehen und dann wird dem deutschen Volk Gott zum Siege verhelfen! " Das ist ein Wort!" Ob das ein Manneswort ist!" Der Reichskanzler hat auch noch einmal gesprochen!" Na, lies schon schnell!" Mit Ihren Liedern haben Sie unserem Kaiser zugejubelt. Ja, für unseren Kaiser stehen wir alle ein. Welcher Gesinnung und welchen Glaubens wir auch sein mögen, für ihn geben wir Gut und Blut. Der Kaifer ist genötigt gewesen, die Söhne des Volkes zu den Waffen zu rufen. Wenn uns jetzt Krieg beschieden sein sollte, so wissen wir, daß alle deutschen Männer bereit sind, ihr Blut zu verspritzen für den Ruhm und die Größe Deutschlands. Aber wir können unsere Sache führen in festem Vertrauen auf den Gott, der die Heerscharen lenkt und der uns bisher noch immer den Sieg gegeben hat. Sollte uns Gott nochin letzter Stunde diesen Krieg ersparen, so wollen wir ihm dafür danken; wenn es aber anders wird, dann: Mit Gott für König und Vaterland!" Das ist auch ein Manneswort!" Das hatte ich ihm gar nicht zugetraut!" Der Professor nickte still in sich hinein, trank, griff nach den Zei tungen und las noch einmal: Bekanntmachung. Ich bestimme Hiermit: Das deutsche Heer und die kaiserliche Marine sind nach Maßgabe des Mobilmachungsplanes für das deutsche Heer und die kaiserliche Marine kriegsbereit auszustellen. Der 2. August 1914 wird als erster Mobilmachungstag festgesetzt. Berlin, den 1. August 1914. Wilhelm I. Ii. v. Bethmann Hollweg." Dann griff er nach einem anderen Blatt: Mannheimer Volks stimme." Aha, also ein rotes Blatt! Aber was stand da? Wir wollen den Frieden: mit allen Kräften und aller Energie und aller Ausdauer haben wir immer, auch in dieser Krise, bis zum letzten Augenblick für den Frieden und für die Verständigung gewirkt, alles, was an uns lag, getan, um die Lokalisierungsbemühungen zu unterstützen, den unbedingten Kriegstreibern das Handwerk zu legen, vor Unüberlegtheiten zu warnen, den Krieg, wenn irgend möglich, zu verhindern. Aber wenn er uns vom russischen Zarismus aufgezwungen wird, dann muß und wird die letzte Entscheidung, wie sie immer aus fallen mag über alle Klassenunterschiede und Weltanschauungen, über alle sonstigen Divergenzien hinweg , ein einiges, allseitig geschlosse nes Volk finden, bereit, mit dem letzten Blutstropfen die Unabhängig keit und Größe Deutschlands gegen den Feind zu verteidigen." War das nicht herrlich? Konnte einem da nicht das Herz im Leibe aufgehen? Und was war das? München, 31. Juli. In der Zweiten Kammer erklärte der sozial demokratische Abgeordnete Hofmann: Mir stehen unmittelbar vor einem historischen Ereignis, das den Bestand des Reiches in Frage stellen könnte und vielleicht den letzten Mann zur Verteidigung des Vaterlandes notwendig machen würde. Wenn in einigen Tagen das deutsche Volk zu den Waffen gerufen werden sollte, werden auch die Sozialdemokraten das Vaterland verteidigen " lSI Lieb Vaterland, magst ruhig sein!" sprach der Professor, trank sein Bier aus, zahlte und wußte: Auch er kannte jetzt keine Parteien mehrl Gute Nacht!" sagte er. Und das klang gerade so, als wenn er das zu alten Freunden gesprochen hätte. Auf alle Bewohner des großen, gastlichen Hauses hatte sich Schlum mer gesenkt. Sie schliefen mit der Sorglosigkeit jener Riesendampfer passagiere, denen die Pracht ihrer Umgebung Sicherheit und Sorg losigkeit einredet.10) Sechstes Kapitel. Stürmische Tage. Auf dem Lande aber, in Alt-Grussow, ging es viel, viel lebhafter zu. Wie ein Wetterleuchten nach langer, unerträglicher Dürre hatte man die Mobilmachungserklärung begrüßt. Das Telephon hatte die Kunde im Nu verbreitet. Der Rittmeister strahlte. Er schien um zwanzig Jahre verjüngt. Dann wird sich Hans wohl gleich wieder in seiner Garnison ge meldet haben?" meinte Mutter Peeck. Natürlich!" hatte er geantwortet. Daß er Hans gestern nicht mehr getroffen hatte, -schmerzte ihn wenig. Die beiden Alten hatten im großen Wohnzimmer gesessen, als die große Kunde gekommen war. Nun erschien auch Gravelottenschmidt: gleichzeitig, um es zu melden und um zu fragen, ob es denn auch wirk lich, wirklich wahr wäre. Der Inspektor kam. Er wußte, daß er sich auch sofort zu stellen hatte. Und der alte Schmied und der alte Schul meister erschienen, die beiden hatten, ebenso wie der Gravelottenschmidt und der Rittmeister, den Krieg der siebziger Jahre auch mitgemacht, und die wollten alle natürlich jetzt auch mit dabei sein. Kinder, das geht nicht; ihr seid wirklich schon zu alt. Ich bin froh, wenn ich noch mitmachen kann; aber ihr seiö ja schon inmitten der Siebziger!" hatte der Rittmeister gemeint; aber dann hatte er ihnen doch versprechen müssen, sie am nächsten Tage mit nach Pasewalk zur Stellung zu nehmen. Dann hatte sich der Rittmeister mit dem jungen Inspektor über alle wirtschaftlichen Angelegenheiten noch besprochen, und das ganze Zwie gespräch hatte so rührend sinnlos gewirkt; denn jeder sprach so, als müßte er ja selbstverständlich in den Krieg, und als müßte der andere selbstverständlich das Gut betreuen; und als schließlich der Inspektor gemeint hatte: Aber Herr Rittmeister werden doch hierbleiben!", da105 war der Rittmeister, denn das war er jetzt wirklich wieder geworden, in gröbster Weise aufgebraust. Und die Schnitter müssen wir denn ja woll rausschmeißen? Das Russenpack will ja woll nach Hause?" Verzeihen Sie, Herr Rittmeister, aber ich glaub , daß das gar nich mal nötig ist. Die können wir ganz gut hier gebrauchen. Ich hör , daß man sie anderswo schon rausgesetzt hat. Hat aber gar keinen Zweck. Sollen man hier arbeiten bei der Ernte. Nachher is noch Zeit zum Reisen genug. Wenn wir den Kerls nix davon erzählen, wissen die den Teufel was von Krieg." Haben Sie mit dem Vorschnitter schon gesprochen?" Der Vorschnitter is krank. Der is vor ner Stunde in die Stadt gegangen. Hat gesagt, er kam nich so bald wieder: aber es kam morgen früh een neuer tüchtiger Vorschnitter: der würd sich gleich bei mir melden. Ich wollt s Ihnen vorhin melden, als das Telegramm kam. Die Leute sind ja ganz vernünftig und fleißig. Wenn die hier arbeiten dürfen und sich satt essen können, sind sie froh." Ganz früh am nächsten Morgen fuhren die fünf Männer, der Ritt meister, der Inspektor, der Schmied, der Schulmeister und der Grave lottenschmidt, nach Pasewalk. Der Inspektor mußte gleich dableiben. Der Rittmeister wurde auf später vertröstet: man würde ihm sofort telegraphische Nachricht zukommen lassen, wenn man seiner bedürfe. Das Anerbieten der Veteranen wurde mit achtungsvoller Gutmütigkeit abgelehnt. Kinder, geht ihr man ins Lokal und trinkt aufs Wohl Seiner Majestät!" Das taten die drei Alten denn auch. Gerade kamen die neuen Zeitungen. Der Lehrer griff hastig danach und rief: Rußland eröffnet den Krieg! Sperrt die Ohren auf! .Berlin, 2. August. Nachdem die Kunde von der allgemeinen russi schen Regierung hierher gelangt war, ist der deutsche Botschafter in Petersburg beauftragt worden, die russische Regierung aufzufordern, die Mobilmachung gegen uns und unseren österreichischen Bundes genossen einzustellen und hierüber eine bündige Erklärung binnen zwölf Stunden abzugeben. Dieser Auftrag ist nach Meldung des Grafen Pourtalös in der Nacht vom 31. Juli zum 1. August um Mitternacht ausgeführt worden. Falls die Antwort der russischen Regierung un genügend sein sollte, war der deutsche Botschafter beauftragt, der russi schen Regierung zu erklären, daß wir uns als mit Rußland im Kriegs-105 zustand befindlich betrachten. Die Meldung des Botschafters über die Antwort der russischen Regierung auf unsere befristete Anfrage ist hier nicht eingetroffen, ebensowenig eine Nachricht über die Ausführung des zweiten Auftrages, obwohl wir konstatiert haben, daß der russische Tele graphenverkehr noch funktioniert. Dagegen sind in dieser Nacht bis 4 Uhr früh beim Großen General stab folgende Meldungen eingegangen: 1. Heute nacht hat ein Angriff russischer Patrouillen gegen die Cisenbahnbrücke über die Warthe bei Eichenried (Strecke Iarotschin Wreschen) stattgefunden. Der Angriff ist abgewiesen. Deutscherseits wurden zwei Mann leicht verwundet. Die Verluste der Russen sind nicht festgestellt. Eine von den Russen gegen den Bahnhof Miloslaw eingeleitete Unternehmung ist verhindert worden. 2. Der Stationsvorstand von Iohannisburg und die Forstverwal tung Bialla melden, daß heute nacht, vom 1. zum 2., stärkere russische Kolonnen mit Geschützen die Grenze bei Schwiddern, südwestlich von Bialla, überschritten haben und daß zwei Schwadronen Kosaken in der Richtung Johannisburg reiten. Die Fernsprechverbindung Lyck Bialla ist unterbrochen. Hiernach hat Rußland deutsches Reichsgebiet angegriffen und den Krieg eröffnet " Na und Frankreich?" fragte Gravelottenschmidt neugierig Frankreich interessiert mich viel mehr!" Die Antwort Frankreichs auf die Anfrage der deutschen Regie rung liegt vor. Sie ist ausweichend und zweideutig gehalten." Natürlich! So mußte es ja sein!" triumphierte Gravelottenschmidt. Ich kenne die Bengels doch!" Ja," sagte der Lehrer ernst, hier steht es: Gestern nachmittag fünf Uhr ist die volle Mobilmachung der französischen Streitkräfte an geordnet worden. Aber hört mal dieses wundervolle Momentbild aus Berlin! Abends elf Uhr Unter den Linden. Dolles Mädel! Ein kleines, resolutes Persönchen klettert irgendwo hoch, an einem Wagen, an einem Kandelaber. Man kann es im Gedränge nicht sehen. Bally Petzold soll sie heißen. 18 22 Jahre ungefähr. Und fängt an: ,Nun, da das entscheidende Wort gefallen ist, nun, da es uns endlich zur Gewißheit wurde, daß es für unsere deutschen Männer nur noch eine Pflicht gibt, die Pflicht, sich um die Fahne zu scharen, will ich im Namen aller meiner Mitschwestern, die ein für ihr Vaterland schlagen des Herz in der Brust haben, die Worte aussprechen: Wir deutschen106 Frauen werden unserem geliebten Herrscher und aller Welt zeigen, daß wir würdig sind, tapfere Männer zu haben! Wie es auch kommen möge, wir werden alles geduldig und mit Würde ertragen, und das soll in dieser schweren Zeit das beste Zeugnis sein für die Größe der deutschen Frau. Stolz sind wir, daß wir deutsche Frauen sind! Das Vaterland ruft und jeder deutsche Mann wird kommen! Wir aber, die wir zu rückbleiben müssen, werden unseren Männern, unseren Söhnen, Vätern, Brüdern und Freunden nicht nachstehen, wir werden unsere Herzen in Demut aus den Altar des Vaterlandes legen für eine gerechte Sache! Aus meinem und aus aller deutschen Frauen tiefstem Innern steigt der Wunsch empor: Schenke unseren deutschen Streitern, vereint mit unseren Verbündeten, den Sieg, und unserem Herrscherhause die Krone des Ruhmes! Und spontan, donnernd und brausend antwortete die tausendköpsige Menge mit dem Vers des Liedes der Deutschen:,Deutsche Frauen, deutsche Treue . . In etwas gedrückter Stimmung kam der Rittmeister wieder zu Hause an. Es hatte ihm nicht gepaßt, daß man da draußen nicht auf ihn gewartet hatte; er fragte ärgerlich, ob keine Nachricht vom Jungen da fei; Mutter Peeck berichtete ihm, daß der neue Vorfchnitter im Hause gewesen wäre; er hörte kaum hin; verdrießlich zog er sich die schöne Uniform wieder aus und zog die großen Feldstiefel und den kurzen, warmen Rock an; dann ging er hinaus und pfiff den Hunden, -die ihn aufs Feld begleiten sollten. Nichts wollte ihm passen. Der ganze Kram war ihm gleichgültig oder gar ekelhaft. Als er zu den russischen Arbeitern kam, meldete sich der Vorschnitter auf seinen Anruf. Der Rittmeister stellte einige belanglose Fragen an ihn. Dabei fiel es ihm auf, daß sein kleiner Terrier den fremden Kerl beschnupperte: das tat das Vieh sonst nie bei solchen Knechten. Der Kerl schien in den Blicken seines Herrn zu lesen; denn er wehrte den Hund ab. Er tat das mit einer Hand, die sehr unsauber, aber auffallend klein war. Dem Rittmeister fiel das auf, ohne daß er weiter darüber nachdachte. Was ging ihn Alt-Grussow noch an! Auf der Klitsche hatte er nun lange genug gesessen. Wenn er erst wieder aktiv wäre, würde er ja doch den bunten Rock nicht wieder ausziehen. Wie heißt du?" Der Vorschnitter, der sich bis dahin auf seinen gelben Stock gestützt hatte, machte linkisch stramm und sagte: Biorinsky." Der Rittmeister nickte und ging.107 Krause und Abromeit saßen mit noch einigen Kameraden bei Peter auf der Stube. Dieser entfaltete hastig eine Zeitung und rief: Hier steht es. Doktor Schneider hat es heute mittag schon seiner Klasse vorgelesen. Jetzt wissen wir auch, was wir zu tun haben. Sei ruhig, Krause, sperre lieber deine langen Berliner Löffel aus! Also: ,An die deutschen Wandervögel! Unser Vaterland geht schwerer Zeit entgegen. Die waffenfähige Mannschaft wird ins Feld müssen, und dann verdirbt dem Landmann aus Mangel an Händen die Ernte. Laßt uns hier helfen und genossene Gastfreundschaft vergelten. Jeder Gau meldet bei der Landwirtschafts- kammer seiner Provinz, wieviel willige Wandervögel in Gruppen zu zwei, drei oder mehr, Jungen und Mädel bereit sind, als Helfer in der Wirtschaft tätig zu fein. Die Schule wird schon Urlaub erteilen. Denn es fehlen der deutschen Landwirtschaft einmal alle Einheimischen, die zur Waffe einberufen werden, und dann die 4W V00 fremden Wan derarbeiter. Und jeder Wandervogel, der nicht waffenfähig ist, wird Landarbeit am freudigsten tun. Das ist Kriegsdienst auch für die nicht Waffenfähigen. Die Bundesleitung und Schriftleitung des Wandervogels E. V " Mir wäre es doch lieber, wenn man auch uns das Notexamen er lauben würde. Du glaubst gar nicht, wie alle Oberprimaner plötzlich hinter ihren Büchern sitzen. Als ob sie so gar nicht neugierig auf das nächste Extrablatt wären! Alles büffelt und schwitzt. Man erwartet schon in den nächsten Tagen die Bestimmung des Schulrats. Mein Onkel hat es direkt vom Herrn Minister selbst!" bemerkte Abromeit eifrig. Du Schwachmatikus solltest deinem Schöpfer danken, daß du über haupt in irgendeiner Weise deinem Vaterlande im Augenblick irgendwie nützlich sein kannst!" fuhr ihn Peter heftig errötend an. Ich möchte dich nicht unter dem vollgepackten Affen zusammenknicken sehen. Mit deiner Vier im Turnen!" Aber mit der Eins im Singen!" warf ein anderer lachend ein. Unsere Soldaten müssen auch singen können. Und sie können singen. Horch, da fährt schon wieder ein Zug mit Soldaten vorbei! Gestern nachmittag habe ich drei Stunden am Bahnhof gestanden." Das sieht dir ähnlich! Wie so n Kientopp nimmst du den Krieg hin." Peter lächelte etwas verächtlich. Aber hört mal hier! Das ist ja doll! Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Da schreibt man aus Jena folgendes: An dem Abend, an dem in Belgrad die österreichischeNote überreicht wurde, hat die Gewalt der Elemente in Jena der im Jahre 1816 gepflanzten ,Friedenspappel am Iohannistor den Garaus gemacht. Abergläubische Gemüter werden vielleicht geneigt sein, den Vorfall als ein böses Omen zu deuten: aber es ist schließlich doch nur ein Naturgesetz, daß auch Bäume kein ewiges Leben haben. Der Zahn der Zeit hat sich schon lange in den Baumviesen tief eingegraben, und eiserne Klammern mußten die hoch zum Himmel strebenden Aste zu sammenhalten; selbst den Stamm mußte man ausmauern, um die klaffenden Lücken zu schließen. Und nun kam an dem verhängnisvollen Abend eine Windsbraut und fällte den Zeugen vergangener Zeiten. Was übriggeblieben ist, sieht so kläglich aus, daß man es wohl nicht stehenlassen kann, und schon sind die Vertreter der Stadt zu einer Be ratung an Ort und Stelle zusammengetreten, um über das Schicksal der lebendigen Ruine zu beraten. Die Pappel war das letzte Exemplar der drei Friedenspappeln, die aus Anlaß der napoleonischen Kriege 1816 gepflanzt wurden." Da werden wir uns die nächste Friedenspappel also erst wieder verdienen müssen!" rief Krause und setzte sich ordentlich in Positur. Wir? So siehste aus!" fuhr ihn Peter an. Papperlapappel, du!" Unterdessen hatte sich Abromeit der Zeitung bemächtigt. Der kleine Kreuzer .Augsburg , der da den Kriegshafen Libau bombardiert hat und Minen legte, imponiert mir doch mächtig. Weniger die zahl reichen französischen Flieger, die die belgische Neutralität verletzten und im Rheinland Bomben warfen." Nicht nur im Rheinland! über Nürnberg waren sie auch schon. Auch sonst sollen sie ja in Bayern und Baden ihre jammervollen Grüße abgeworfen haben", bemerkte ein anderer hierzu. Wir sind schon auf der Hut!" Peter glühte voller Stolz. Punkt eins: Wir besetzen den Bahnhof Luxemburg. Punkt zwei: Wir sind nach ein paar Flintenschüssen in Czenstochau und Kalisch. Punkt drei: Um einen französischen Einfall über Belgien in die Rheinlande zu ver hindern, marschieren wir in Belgien ein, unter voller Wahrung der Neutralität und voller Entschädigung für jeden Schaden. Heißt das nicht auf dem Kien sein?" Und was macht Italien? Wie betätigt es sich im Dreibund?" fragte ein anderer dazwischen. Das kannst du hier alles schwarz auf weiß lesen. 1. Der Geist des Dreibundvertrages verbietet den Vertragsteilen jede eigenmächtige Sonderaktion. Das gleiche Verbot geht für Öfter- reich und Italien aus ihren Balkanübereinkommen hervor. I0S2. Der Dreibundvertrag tritt nur im Falle eines Defensivkrieges in Kraft. 3. Österreich hat seine Aktion gegen Serbien eingeleitet, ohne Ita lien zu verständigen. 4. Von allen weiteren Beschlüssen und Maßnahmen seiner Verbün deten wurde Italien so spät und plötzlich in Kenntnis gesetzt, daß es sür die Sicherheit und Versorgung seiner Truppen in Benadir, Erythräa, Tripolis und der Kyrenaika nicht die geringste Vorsorge treffen konnte. 5. Italien wird also an einem Kriege vorläufig nicht teilnehmen, es behält sich aber vor, zur Wahrung seiner Interessen Mittel und Wege Zu erwägen, um seinen Verbündeten freundschaftlich nützen zu können. Der König ist nach Rom zurückgekehrt. Er hatte mit dem Minister präsidenten Salandra eine Besprechung. Dieses Communiquö setzt als bekannt voraus, daß Italien hier (und wohl auch in Wien) die Erklärung abgegeben hat, in dem nunmehr sowohl gegen Frankreich wie gegen Rußland erklärten Krieg die Hal tung der wohlwollenden Neutralität bewahren zu wollen. Diesen Ent schluß zur wohlwollenden Neutralität bezeichnet die italienische Regie rung als vorläufig. Ihre bisherigen Erklärungen, namentlich die gestern offiziös verlautbarte, lassen erkennen, daß sie im Einvernehmen mit ihren Verbündeten handelt. Man darf also annehmen, daß die vorläufige wohlwollende Neutralität Italiens in Berlin und Wien keine Überraschung bereitet. Erwähnt sei noch, daß mehrfach in den jüngsten Tagen von Verhandlungen die Rede war, die zwischen England und Italien in dem Sinne geführt werden, daß England im deutsch-öster reichischen Krieg gegen Frankreich und Rußland seine Neutralität er klären würde, falls auch Italien die gleiche Haltung zusagte." Ach, ich weiß nicht, eigentlich hätten sie doch gleich mit losschlagen sollen!" meinte Peter. Dann wäre es ein großes Reinemachen ge wesen! Paßt auf, die ärgern sich nachher tüchtig, wenn sie nicht mitge siegt haben!" Vielleicht noch mehr als die dummen Belgier!" rief Krause da zwischen. Hat man Worte! Mehr mit Glacehandschuhen kann man diese Burschen doch nicht gut anfassen! Wenn sie nee sagen, wissen sie gar nicht, wie sehr sie sich damit ins eigene Fettnäpfchen treten. Wenn einer ihnen so höflich entgegenkommt, überläßt man ihm doch mit Kußhand alle Maasbefestigungen, alle Eisenbahnen, Straßen, Tunnels. Noch dazu, wenn einem nichts kaputt gemacht wird und man seine Bereitwilligkeit noch mit ordentlich Pinkepinke bezahlt bekommt. Sie sollen nur den großen Bruder England herbeirufen. Na, wenn der loyauch noch kommen sollte, dann kriegen sie eben alle zusammen ihre Dresche." Himmel, es ist ja gleich zwei Uhr!" mahnte Peter seine Kame raden plötzlich. Ausgerechnet heute dürfen wir doch nicht zu spät kommen. Und außerdem erfahren wir da noch viel mehr, als in un serer alten Zeitung steht." Und in der Tat sollte sie der Geschichtsunterricht nicht in ein ver gangenes Jahrhundert sühren, sondern in das stärkere Leben deut schester Gegenwart. Der Ordinarius verlas zunächst den Erlaß des Kaisers an den Kultusminister: Ich bin gezwungen, zur Abwehr eines durch nichts gerecht fertigten Angriffs das Schwert zu ziehen und mit aller Deutschland zu Gebote stehenden Macht den Kamps um den Bestand des Reiches und unsere nationale Ehre zu führen. Ich habe mich während meiner Regierung ernstlich bemüht, das deutsche Volk vor Krieg zu bewahren und ihm den Frieden zu erhalten. Auch jetzt ist es mir Gewissenssache gewesen, wenn möglich, den Ausbruch des Krieges zu verhüten; aber meine Bemühungen sind vergeblich gewesen. Reinen Gewissens über den Ursprung des Krieges, bin ich der Gerechtigkeit unserer Sache vor Gott gewiß. Schwere Opfer an Gut und Blut wird die dem deutschen Volke durch feindliche Herausforderung aufgedrungene Verteidigung des Vaterlandes fordern. Aber ich weiß, daß mein Volk auch in diesem Kampf mit der gleichen Treue, Einmütigkeit, Opferwilligkeit und Ent schlossenheit zu mir steht, wie es in früheren schweren Tagen zu meinem in Gott ruhenden Großvater gestanden hat. Wie ich von Jugend auf gelernt habe, auf Gott den Herrn meine Zuversicht zu setzen, so empfinde ich in diesen ernsten Tagen das Bedürfnis, vor ihm mich zu beugen und feine Barmherzigkeit anzurufen. Ich fordere mein Volk auf, mit mir in gemeinsamer Andacht sich zu vereinigen und mit mir am 5. August einen außerordentlichen Bettag zu begehen. An allen gottesdienstlichen Stätten im Lande versammle sich an diesem Tage mein Volk in ernster Feier zur Anrufung Gottes, daß er mit uns sei und unsere Waffen segne. Nach dem Gottesdienst möge dann, wie die dringende Not der Zeit es erfordert, ein jeder zu seiner Arbeit zurückkehren. Ich erwarte, daß alle zuständigen Stellen das zur Ausführung dieses Erlasses Erforderliche unverzüglich anordnen werden." Und dann verlas der Lehrer noch einige Ausschnitte aus den letzten Zeitungen, um seinen Schülern, die seinen Worten mit atemloser Auf- Iiomerksamkeit folgten, einige ernsthafteste Bilder aus den letzten Tagen zu geben, die sie niemals in ihrem Leben vergessen würden. Ich glaube," so begann er, daß Sie aus diesen Einzelzügen der Begebenheiten am besten den Geist unseres Volkes begreifen können. Ich bedauere es nur, daß ich Ihnen nicht täglich so ausführlich aus der großen Geschichte unserer großen Zeit Kunde geben kann. Aber wie Sie wohl wissen, werden wir aus das Turnen, aus das Exerzieren, auf die Mithilfe bei der Ernte in erster Linie Wert legen müssen. Die Wissenschaften müssen eben da mal etwas zurückstehen. Na, Krause, Sie sind wohl heilsfroh, daß ich Ihnen heute nicht auf den Zahn fühle. In der letzten Woche stand das ja ganz kläglich mit Ihren Kenntnissen. Sehen Sie, so hat auch ein Krieg seine guten Seiten. Also hören Sie: Merlin, 2. August. Ein feierliches Schauspiel von ungewöhnlich ergreifender Art war heute mittag um ^12 Uhr der Gottesdienst im Freien, der vor dem Vismarckdenkmal auf dem Königsplatz stattfand. Ein bemerkenswertes Zeichen dieser ernsten Zeit. Trotz der brennenden Sommerhitze hatten sich Tausende und Tausende eingefunden, die alle Stufen, wie auch die allegorischen Figuren des Bismarckdenkmals so wie auch die große Freitreppe des Reichstagsgebäudes bedeckten. Es waren Männer und Frauen aller Stände, die überwiegende Mehrzahl gehörte den wohlhabenden Klassen an. Zu ihnen sprach mit kräftiger, weithin schallender Stimme der Hofprediger Liz. Döhring. Seine Be redsamkeit hatte einen feurigen, männlichen Ton, die ihre Wirkung auf die Taufende nicht verfehlte. Er ermahnte in dieser Stunde, das Ver trauen auf den Höchsten zu setzen, sich der Worte Bismarcks zu erinnern, daß wir Deutsche Gott fürchten und sonst niemand, und daß wir in diesem Vertrauen unseren Feinden getrost die Spitze bieten könnten. Man sah während seiner Predigt manches Taschentuch von Frauenhand zum Auge geführt, und auch die Männer sahen bewegt und nachdenklich aus wie heute jedermann in Berlin. Die Kapelle des Garde-Füsiller- Regiments begleitete die Feier. Am Schluß stimmte die Versammlung einstimmig ,Deutschland, Deutschland über alles an, das mächtig über den weiten Königsplatz hin klang Es wird Sie auch interessieren, wie der russische Botschafter Berlin verlassen hat. Es ist das im Berliner Lokal-Anzeiger wundervoll leben dig geschildert: Kurz vor 11 Uhr fuhren vor der von Schutzleuten bewachten russischen Botschaft eine Reihe von Autos vor, die mit Koffern und Schachteln in großer Zahl bepackt wurden. Hierdurch wurde die Menge auf die bevorstehende Abreise des Botschafters aufmerksam und staute112 sich vor dem Palais. Das Publikum verhielt sich zunächst vollständig passiv: als aber eine Anzahl russischer Staatsangehöriger unter Lachen und Plaudern die Botschaft verließ und die offenen Autos bestieg, machte sich die Erregung des Publikums durch laute Pfuirufe Luft, die den wachthabenden Polizeioffizier veranlaßten, die Autos auf den Hof der Botschaft fahren zu lassen und das Portal zu schließen. Inzwischen war die Menschenmenge enorm angewachsen und ballte sich im Mittelgang der Linden und zu beiden Seiten der Botschaft zu undurchdringlichen Mauern zusammen. Als dann die ersten Autos mit russischen Staats angehörigen, die unter dem Schutz des Botschafters in die Heimat zu rückkehren wollten, das Portal verließen, erhob sich ein ohrenbetäuben der Lärm. Schirme und Stöcke hoben sich drohend in die Lust: aber noch hielt sich die Menge im Zaum. Erst als aus einem der nächsten Autos ein Russe höhnisch lächelnd der erregten Menge zuwinkte, wuchs der Sturm zum Orkan. Die Menschenmassen durchbrachen die schwache Schutzmannskette und hieben mit Stöcken und Schirmen blindlings in die offenen Kraftwagen hinein. Zwei weiteren Wagen, die folgten, er ging es ebenso. Die Insassen schützten sich, so gut es ging, gegen die von allen Seiten auf sie niederprasselnden Hiebe-, die Chauffeure schlugen ein rasendes Tempo an, und bald waren die Wagen in Sicherheit. In zwischen waren Schutzmannsverstärkungen herbeigeeilt: ein Zug Schutz leute zu Pferde galoppierte heran und trieb die Menschenmassen auf den Mittelgang zurück. Als dann kurz nach 12 Uhr in vier werteren Autos der Botschafter mit seinen Legationsräten und Sekretären das Palais verließ, wurden seine Wagen auf beiden Seiten von berittenen Schutzleuten eskortiert, die die drohenden Menschenmassen an Hand greiflichkeiten hinderten. Die brausenden Pfuirufe, die seine Abreise begleiteten, werden dem Vertreter des Zaren aber noch lange in den Ohren dröhnen. So bedauerlich die Ausschreitungen der erregten Menge auch sein mögen, so muß man doch zu ihrer Entschuldigung an führen, daß die Russen durch ihr ganzes Verhalten und durch das Ver lassen der Botschaft in offenen Autos am hellen Mittag direkt dazu pro voziert haben Es dürfte manchen von Ihnen auch erwünscht sein, etwas Näheres über die eventuelle Beteiligung Italiens am Kriege zu wissen Schon gut, Abromeit, wenn Sie bereits darüber etwas in den Zeitungen ge lesen haben. Diese Darstellung der München-Augsburger Abend zeitung kann Ihnen deshalb nichts schaden, weil sie nur Positives ent hält, während die italienischen Zeitungen das muß leider gesagt wer den mehr oder weniger im Solde französischer Kapitalisten stehenIm eroberten Antwerpen. Eine deutsche Trainloloime auf dem Marktplatz.Husarenpatrouille auf einer russischen Landstraße, _ , V. v. Lfonlislm Momentaufnahme vom galizischen ^rtegsschauplatz. Ich halt einen Kameraden."und es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nehmen. Also es heißt da: ,Seit 1883 besteht, wie bekannt, zwischen Deutschland, Österreich und Italien ein Defensivbund, der Dreibund. Während nun das Bündnis zwischen Deutschland und Österreich immer von zwölf zu zwölf Iahren läuft und gegenwärtig bis 1926 Kraft hat, da es 1914 wieder erneuert ist, werden die Bündnisse Deutsch lands und Österreichs mit Italien immer nur von sechs zu sechs Iahren mit einjähriger Kündigungsfrist verlängert. Sie waren das vorige Mal bis zum 8. Juni 1908 befristet und hätten am 8. Juni 1914 ge kündigt werden können, was nicht geschehen ist, so daß sie jetzt noch zu Recht bestehen. Bezüglich des Inhaltes der Dreibundverträge t folgendes zu sagen: Während sich in dem am 7. Oktober 1879 geschlossenen deutsch-öster reichischen Vertrage beide Staaten bei einem Angriffe Rußlands zu gegenseitigem Beistande verpflichten, sichern sich in dem deutsch-italie nischen Vertrage die Kontrahenten Beistand gegen einen Angriff Frank reichs zu. In dem österreichisch-italienischen Vertrage verpflichten sich beide zu wohlwollender Neutralität, falls Österreich von Rußland oder Italien von Frankreich angegriffen werden sollte. Es ist zu bemerken, daß die Verträge mit Italien im Gegensatz zu dem deutsch-österreichischen niemals veröffentlicht worden sind; man kennt sie aus nichtoffiziellen Mitteilungen Von ganz besonderer Wichtigkeit sind zwei Gnadenerlasse Seiner Majestät, die ich Ihnen nicht vorenthalten kann. Meier, bringen Sie es wirklich fertig, beim Anhören dieser Dokumente zu gähnen? Sie sollten sich etwas schämen! Schon gut! Die Sache ist für mich erledigt. Also, hören Sie: ,Das Armeeverordnungsblatt veröffentlicht einen Gnadenerlaß des Kaisers, wonach allen Personen des aktiven Heeres, der aktiven Marine und der Schutztruppen vom Feldwebel abwärts sowie allen unteren Militärbeamten des Heeres, der Marine und der Schutztruppen die gegen sie verhängten Geld- und Freiheitsstrafen bzw. der noch nicht vollstreckte Teil derselben erlassen wird, sofern 1. lediglich die wegen militärischer Verbrechen oder Vergehen ihnen auferlegten Strafen ins gesamt fünf Jahre, 2. lediglich die wegen gemeiner Verbrechen und Vergehen oder Übertretungen ihnen an erster Stelle und an Stelle von Geldstrafen auferlegten Freiheitsstrafen insgesamt ein Jahr, 3. bei Zusammentreffen militärischer und gemeiner Verfeh lungen, die wegen letzterer verhängten oder in Ansatz gebrachten Frei- 8 Arndt, Dt Trommel schlug zum Streite. , ,,115 heitsftrafen ein Jahr, die Freiheitsstrafen insgesamt fünf Jahre nicht übersteigen. Ausgeschlossen von der Begnadigung sollen jedoch die Personen sein, 1. welche unter der Wirkung von Ehrenstrafen stehen, 2. welche wegen Verlust der bürgerlichen Rechte bedrohten Verbrechens oder Ver gehens verurteilt sind, auch wenn auf Ehrenstrafe nicht erkannt ist, 3. welche während der Strasverbüßung, sofern diese bereits begonnen, oder während der vorausgegangenen Untersuchungshaft sich schlecht ge führt haben. Aus Personen des Beurlaubtenstandes findet der Gnaden erlaß entsprechend Anwendung, sofern sie aus Anlaß der gegenwärtigen Mobilmachung einberufen werden und zur Einstellung gelangen Ferner: ,Der Reichsanzeiger veröffentlicht heute den angesichts der opfer willigen Vaterlandsliebe, die das gesamte Volk in dem uns aufgedräng ten Kriege beweist, vom Kaiser erlassenen Gnadenerlaß für Preußen und diejenigen Bundesstaaten, in denen dem Kaiser das Begnadigungs recht zusteht. Die Amnestie bezieht sich u. a. aus Majestätsbeleidigungen und Bestrafungen wegen feindlicher Handlungen gegen befreundete Staaten, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Vergehen gegen die Ge werbeordnung, das Preßgesetz und Vereinsgesetz bei einer Strafe bis zu zwei Iahren Gefängnis, ferner auf Diebstahl und Unterschlagung bis zu drei Monaten Veröffentlicht wird jetzt auch die Bekanntmachung, die noch deut licher als andere unsere unbedingte Ehrlichkeit und Redlichkeit auch unseren Feinden gegenüber beweist. Hören Sie: Bekanntmachung des Oberbefehlshabers der deutschen Truppen an die belgische Bevölkerung. (Übersetzung aus dem Französischen.) Zu meinem größten Bedauern haben sich die deutschen Truppen genötigt gefehen, die belgische Grenze zu überschreiten. Sie handelten unter dem Zwange einer unabweisbaren Notwendigkeit, da die bel gische Neutralität durch französische Offiziere verletzt worden ist, die verkleidet das belgische Gebiet in Automobilen betreten haben, um nach Deutschland zu gelangen. Belgier! Es ist mein höchster Wunsch, daß es noch möglich sei, einen Kampf zwischen zwei Völkern zu vermeiden, die bis jetzt gute Freunde, früher sogar Bundesgenossen waren. Erinnert euch des glorreichen Tages von Belle Alliance, wo die deutschen Waffen dazu beitrugen, die Unabhängigkeit und das Aufblühen eures Vaterlandes zu begründen.Aber wir müssen jetzt freien Weg haben. Die Zerstörung von Brücken, Tunnels, Eisenbahnschienen muß als eine feindliche Handlung ange sehen werden. Belgier! Ihr habt die Wahl. Die deutsche Armee beabsichtigt nicht, gegen euch gu kämpfen. Freier Weg gegen den Feind, der uns an greifen wollte, das ist alles, was wir verlangen. Ich gebe dem belgischen Volke die amtliche Bürgschaft dafür, daß es nicht unter den Schrecken des Krieges zu leiden haben wird, daß wir in barem Gelde die Lebens mittel bezahlen werden, die wir dem Lande entnehmen müssen, daß unsere Soldaten sich als beste Freunde eines Volkes zeigen werden, für das wir die größte Hochachtung, die lebhafteste Zuneigung empfinden. Es hängt von eurer Klugheit und eurem wohlverstandenen Patriotis mus ab, eurem Lande die Schrecken des Krieges zu ersparen Nun habe ich hier noch aus all den Hunderten von Aufrufen, die an die deutsche Jugend, und also auch an Sie ergingen, den des Ober bürgermeisters Dominicus an die Schöneberger Jugend aufgehoben und bin glücklich, Ihnen diese kurzen, aber zu Herzen gehenden Worte vorlesen zu können. Damit möge es dann heute auch genug sein. ,Deutschland hat mobil gemacht. Es braucht jetzt jeden Mann! Darum auf, ihr Jungens von Schöneberg, Gymnasiasten, Realgymna siasten, Oberrealschüler, Forrbildungsschüler, euer Oberbürgermeister ist euch vorangegangen. Wer irgend kann, melde sich zum Eintritt ins Heer! Wer noch nicht so weit ist, helfe den Landwirten bei der Ernte und auf den Bahnhöfen für die Truppenspeisung. Beweist, daß wir in unserer Stadt nicht umsonst Jugendpflege getrieben haben. Dominicus, Oberbürgermeister, Hauptmann d. R. im Jnf.-Negt. Nr. 138 So, nun wünsche ich Ihnen eine recht vergnügte Turnstunde. Ihnen auch, Krause. Hoch das Bein!" Während es von Tag zu Tag in Alt-Grussow immer stiller wurde, weil alle wehrfähigen Leute abberufen worden waren, und weil das Dorf weitab von der Bahn lag, wurde Berlin von Tag zu Tag leben diger, unruhvoller und brausender. Groß war die Begeisterung und groß war der Zorn. Wilde Ge rüchte gingen umher. Das gewaltige Schicksal ging seinen dröhnenden Gang. Aus beiden feindlichen Ländern klangen drohende Kunden, die doch keinen erschüttern konnten. Gerüchte über Gerüchte! Japan solle mobilisieren und Rußland den Krieg erklärt haben. Ein französischer Arzt habe in Metz zusammenmit zwei französischen Offizieren versucht, Brunnen mit Cholerabazillen zu vergiften. Am anderen Tage wurde es dementiert. Der Regierungs präsident von Düsseldorf meldete, daß 80 französische Offiziere in preu ßischer Uniform in zwölf Kraftwagen die preußische Grenze westlich Geldern zu überschreiten versuchten, was man verhinderte. Bei Basel wurde ein ehemaliger französischer Offizier wegen Brieftaubeneinfuhr verhaftet. In Friedrichshafen wurde ein russischer Spion erschossen, der die Luftschiffhalle in die Luft sprengen wollte. Auch in Johannis thal wurden Russen verhaftet, die sich auffällig an der großen Zeppelin halle zu schaffen machten, überall Spione! Aus Bremen, Stuttgart, Hanau, Koblenz, Breslau, wo ein in Nonnenkleidern steckender Russe in der Elektrischen entlarvt wurde, kamen die Meldungen. Ein russischer Eierhändler gab in der Berliner Kaserne des Telegraphenbataillons eine Kiste ab, in der Bomben waren. Bei Treptow wurde auf die Görlitzer Eisenbahnstrecke von drei Russen ein Attentat verübt. In Stuttgart sollten 90 Millionen französisches Geld beschlagnahmt sein, was am anderen Tage widerrufen wurde. Dann wieder sollte der Müggelsee verseucht sein, dann das Wasser der Mangfall bei München. Die ersten Flüchtlinge aus Paris erzählten alle von der Entgeisterung der Seine stadt. Man wolle dort keinen Krieg. Dann wieder kam man in den Besitz einer Kundmachung des französischen Kriegsministers, in der es u. a. hieß: Nun beginnt ein Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei. Alle Franzosen müssen sich vereinigen im selben Gedanken, nicht bloß im Gefühle der Einigkeit und Pflicht, sondern auch im Haß gegen einen Gegner, der keinen anderen Zweck verfolgt, als die Nation zu ver nichten, die sich in der Welt zum Vorkämpfer von Recht und Freiheit gemacht hat." Wie geschickt und schlau, den Spieß einfach umzudrehen! Aus Naumburg und Eibenstock kamen Telegramme, die wiederum von Automobilen und Säcken mit Gold zu berichten wußten. Überall spukten sie herum, diese geheimnisvollen Wagen. Heute sollten sie in Hirschberg eintreffen, morgen in Landshut. Dann waren wieder feind liche Flieger über Frankfurt a. M. gewesen. Die jungen Wandervögel und Pfadfinder zogen aufs Land, um da Erntearbeit zu verrichten; Tante Helene fragte bei ihrem Schwager an, ob er nicht einige junge Leute ihrer Bekanntschaft brauchen könnte; sie bekam aber einen Korb. Junge Studierende legten schnell Notprüfun gen ab, um sich sofort beim Heere melden zu können; es gab darunter auch wohl welche, welche froh waren, daß sie sich beim Heere melden durften, weil ihnen dadurch die Notprüfung gewährt wurde. Und über all zitterte eine große Angst und Sorge um das Leben des Kaisers, der US117 nach den Berichten der feindlichen Auslandspresse längst erschossen und im Dome aufgebahrt war. Und dann war der 4. August da, der Tag, an dem der Kanzler vom Reichstag die Kreditbewilligung von fünf Milliarden erbitten sollte, eine Summe, die man erst begreift, wenn man daran denkt, daß die Re gierung im Jahre 1870 die Lappalie von 120 000 Talern forderte. Es war der Tag, es war die Stunde, die wir in ihrem ganzen Inhalt so treffend in der Vossischen Zeitung aufgezeichnet finden: Zwölf Uhr. Noch ist der weite, in Gold schimmernde Saal fast leer. Ein paar Kammerherren stehen flüsternd uniher. Zwischen ihren flim mernden Staatsröcken versinnbildlichen die schlichten, grauen Felduni formen von zwei Offizieren den Ernst der Stunde. Allmählich wird das Bild belebter. Ein Offizier führt zwei Pagen herein, die zu beiden Seiten des Thrones Aufstellung nehmen. In ihrer kleidsamen Tracht: zart und geschmeidig und dennoch kraftvoll, im Auge das Wechselspiel von bescheidener Zurückhaltung und kühner Entschlossenheit, sind diese Jünglinge ein Symbol von Deutschlands Jugend, die nun für die höchsten Güter in die Schlacht zieht. Einige Bundesratsbevollmäch tigte betreten den Saal. Der Oberhofmarschall Freiherr von Reischach erscheint. In der Diplomatenloge ist inzwischen der japanische Botschafter mit einem Rat als erster Vertreter einer fremden Macht erschienen. Kurz darauf gesellt sich der bulgarische General Markow zu ihm, und Zwischen beiden entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch. Der österreichische Botschafter Graf Szögyeni nimmt zunächst in der Bundesratsloge Platz, wo sich bereits eine Anzahl von Damen eingefunden hat. 1 2I Uhr. Der Reichskanzler, gefolgt von Unterstaatssekretär Wahn schaffe, beide als Dragoner, durchschreiten den Saal. Mit ihnen er scheinen der Kriegsminister in grauer Felduniform, Staatssekretär Tirpitz und der Generalstabschef Moltke. Inzwischen beginnen auch die Abgeordneten einzutreffen. Als erste erscheinen in lebhaftem Gespräch die Volksparteiler Professor v. Lifzt, Haas und der neugewählte Ab geordnete Arnold (Koburg). Unter den Volksboten sieht man eine ganze Reihe von Uniformen. Prinz Schönaich, der rote Husar, steht neben dem in der feldgrauen Uniform seines Schweren Reiterregiments erschienenen Grafen Praschma. Im Gegensatz dazu stehen einzelne Ab geordnete, wie Groeber, denen offenbar ihre Koffer unterwegs abhan den gekommen waren und die nun in ihren Straßenanzügen dastehen. Alle Parteien, mit Ausnahme der Sozialdemokraten und der Elsässer, sind vertreten.m Uhr. Saal und Tribünen sind voll besetzt. Zu den Diplomaten haben sich inzwischen der amerikanische und der türkische Botschafter, der rumänische, der griechische, der dänische und der persische Gesandte, der italienische Militärattache und der Vertreter Siams gesellt. Im Saale bemerkt man noch u. a. den Präsidenten der Reichsbank, Wirk lichen Geheimen Nat Ravenstein, Exzellenz Harnack und den Polizei präsidenten. Der greise Professor Adolf Wagner erscheint, gestützt auf den Arm eines Kammevherrn. Punkt 1 Uhr erscheinen in feierlichem Zuge die Vertreter des Bun desrats, die Staatsminister und Staatssekretäre, und nehmen zur linken Seite des Thrones Aufstellung. Fast gleichzeitig tritt die Kaiserin, ge folgt von den Prinzessinnen des Königlichen Hauses, in die Hofloge ein. Sie ist in Dunkellila gekleidet. Rechts von ihr nimmt die Her zogin von Braunschweig und links die Kronprinzessin Platz. Gleich darauf verkündet das bekannte dreimalige Klopfen mit dem Hofmarschallstab den Eintritt des Kaisers. Der Kaiser ist wie die Prin zen Eitel Friedrich und August Wilhelm der Kronprinz ist bereits abgereist sowie die Herren der Suite in schlichtes Feldgrau gekleidet. Während der Präsident des Reichstages, vi-. Kaempf, ein dreifaches Hoch auf den Fürsten ausbringt, in das die Anwesenden begeistert ein stimmen, durchschreitet der Kaiser mit raschen Schritten den Saal und nimmt vor dem Thronsessel Aufstellung. Der Kanzler überreicht ihm die Thronrede: und nun beginnt die Verlesung des ewig denkwürdigen Dokuments, in dem die Krone die für die Geschicke der Welt entschei denden Beschlüsse der Reichsregierung vor den gewählten Vertretern des deutschen Volkes rechtfertigt. Der Kaiser spricht kurz, mit militärischem Tonfall. Die einzelnen Sätze sind kraftvoll hervorgestoßen. Nur dreimal klingt ein Gefühls affekt durch. Als von der Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers die Rede ist, da glaubt man ein Beben des Schmerzes um den Verlust des Freundes zu empfinden. Eine unsagbare Verachtung klingt dann durch die wenigen Worte, mit denen die serbischen Umtriebe gestreift werden. Und endlich bei dem Wort von der zerbrochenen Freundschaft, da zittert der ganze Schmerz und die Enttäuschung über den Verlust des Freundes. Überraschend, aber hinreißend als spontaner Ausdruck eines tief aus dem Herzen kommenden Gefühls war es dann, wie der Kaiser das Blatt aus der Hand legte und seinem Volke die Hand entgegenstreckte. In diesem Augenblick hat Wilhelm II. sein Volk, soweit in ihm auch nur ein Funken von Deutschtum lebt, voll und restlos gewonnen. Es ging eine Rührung und Bewegung durch die Versammelten, wie sie bei IIÄII? ernsten Männern zu ernster Stunde sich in Jahrtausenden nur einmal Zeigt. Immer wieder müssen wir diese Worte unseres Kaisers lesen, mit denen er die außerordentliche Tagung des Reichstages eröffnete: Geehrte Herren! In schicksalsschwerer Stunde habe ich die gewählten Vertreter des deutschen Volkes um mich versammelt. Fast ein halbes Jahrhundert lang konnten wir aus dem Weg des Friedens verharren. Versuche, Deutschland kriegerische Neigungen anzudichten und seine Stellung in der Welt einzuengen, haben unseres Volkes Geduld oft auf harte Proben gestellt. In unbeirrbarer Redlichkeit hat meine Regierung auch unter herausfordernden Umständen die Entwicklung aller sittlichen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte als höchstes Ziel verfolgt. Die Welt ist Zeugs gewesen, wie unermüdlich wir in dem Drang und den Wirren der letzten Jahre in erster Reihe standen, um den Völkern Europas einen Krieg zwischen Großmächten zu ersparen. Die schwersten Gefahren, die durch die Ereignisse am Balkan her aufbeschworen waren, schienen überwunden. Da tat sich mit der Ermor dung meines Freundes, des Erzherzogs Franz Ferdinand, ein Abgrund auf. Mein hoher Verbündeter, der Kaiser und König Franz Joseph, war gezwungen, zu den Waffen zu greifen, um die Sicherheit seines Reiches gegen gefährliche Umtriebe aus einem Nachbarstaat zu ver teidigen. Bei der Verfolgung ihrer berechtigten Interessen ist der ver bündeten Monarchie das russische Reich in den Weg getreten. An die Seite Österreich-Ungarns ruft uns nicht nur unsere Bündnispslicht, uns fällt zugleich die gewaltige Aufgabe zu, mit der alten Kulturgemeinschaft der beiden Reiche unsere eigene Stellung gegen den Ansturm feindlicher Kräfte zu schirmen. Mit schwerem Herzen habe ich meine Armee gegen einen Nachbar mobilisieren müssen, mit dem sie auf so vielen Schlachtfeldern gemeinsam gefochten hat. Mit aufrichtigem Leid sah ich eine von Deutschland treu bewahrte Freundschaft zerbrechen. Die kaiserlich russische Regierung hat sich, dem Drängen eines unersättlichen Nationalismus nachgebend, für einen Staat eingesetzt, der durch Begünstigung verbrecherischer An schläge das Unheil dieses Krieges veranlaßte. Daß auch Frankreich sich auf die Seite unserer Gegner gestellt hat, konnte uns nicht überr s hen. Zu oft sind unsere Bemühungen, mit der französischen Repullik zu freundlicheren Beziehungen zu gelangen, auf alte Hoffnungen und alten Groll gestoßen.120 Geehrte Herren! Was menschliche Einsicht und Kraft vermag, um ein Volk für die letzten Entscheidungen zu wappnen, das ist mit Ihrer patriotischen Hilfe geschehen. Die Feindseligkeit, die im Osten und im Westen seit langer Zeit um sich gegriffen hat. ist nun zu hellen Flammen aufgelodert. Die gegenwärtige Lage ging nicht aus vorübergehenden Jnteressenkonflikten oder diplomatischen Konstellationen hervor, sie ist das Ergebnis eines seit langen Iahren tätigen Übelwollens gegen Macht und Gedeihen des Deutschen Reichs. Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren, auf den Gott uns gestellt hat, für uns und alle kommenden Geschlechter. Aus den Schriftstücken, die Ihnen zugegangen sind, werden Sie er sehen. wie meine Regierung, und vor allem mein Kanzler, bis zum letzten Augenblick bemüht waren, das Äußerste abzuwenden. In auf gedrungener Notwehr, mit reinem Gewissen und reiner Hand ergreifen wir das Schwert. An die Völker und Stämme des Deutschen Reichs ergeht mein Ruf, mit gesamter Kraft, in brüderlichem Zusammenstehen mit unseren Bundesgenossen, zu verteidigen, was wir in friedlicher Arbeit geschaffen haben. Nach dem Beispiel unserer Väter fest und getreu, ernst und ritterlich vor Gott und kampfesfroh vor dem Feind, so vertrauen wir der ewigen Allmacht, die unsere Abwehr stärken und zu gutem Ende lenken wolle! Auf Sie, geehrte Herren, blickt heute, um seine Fürsten und Führer geschürt, das ganze deutsche Volk. Fassen Sie Ihre Entschlüsse ein mütig und schnell das ist mein inniger Wunsch." Am Schlüsse dieser Thronrede, die mit lautem und sich immer wie derholendem Beifall und stürmischen Hochrufen aufgenommen wurde, ergriff der Kaiser nochmals das Wort und sagte: Sie haben gelesen, meine Herren, was ich zu meinem Volke vom Balkon des Schlosses aus gesagt habe. Ich wiederhole, ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche, und zum Zeugen dessen, daß Sie fest entschlossen sind, ohne Parteiunterschiede, ohne Standes- und Kon fessionsunterschiede zusammenzuhalten mit mir durch dick und dünn, durch Not und Tod, fordere ich die Vorstände der Parteien auf, vorzu treten und mir dies in die Hand zu geloben." Als der Kaiser geendet hatte, traten sämtliche Parteivorstände vor. Jedem einzelnen schüttelte der Kaiser kräftig die Hand. Graf Lerchen feld brachte ein dreifaches Hurra aus. Die Anwesenden stimmten dar auf die Nationalhymne an, die der Kaiser entblößten Hauptes anhörte.121 Nachdem der Kaiser dem Reichskanzler und dem General von Moltke die Hand geschüttelt hatte, reichte er dem Abgeordneten van Calker, dem Straßburger Staatsrechtslehrer, als letztem die Hand. Herr van Calker trug seine Uniform als Major der Gardelandwehr und trat somit dem Monarchen in der Doppeleigenschaft als Mitglied des Reichstages und als Offizier gegenüber. Das mochte den Kaiser veranlassen, gerade ihm gegenüber noch einer besonderen Seite der Empfindungen Ausdruck zu geben, die nach der Wucht der feierlichen Szene, die vorangegangen war, nach der feierlichen Erneuerung des Bundes zwischen Fürst und Volk, wie sie das Gelöbnis der Parteiführer dargestellt hatte, ge rade in der Brust des obersten Kriegsherrn leben mußte. Der Kaiser sah Herrn van Calker einen Augenblick an-, dann nach dem Händedruck wachte er mit der Hand und mit geballter Faust eine kurze, energische Geste, wie einen Hieb nach unten. Und Nun aber wollen wir sie dreschen!" rief er vor sich hin, nickte und ging. Die denkwürdige Tagung des Deutschen Reichstags aber begann nachmittags 3 Uhr und währte bis 5 Uhr 50 Min. Nach der Konstituierung des Hauses nahm der Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg das Wort zu folgender Rede: Ein gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein. Seit wir uns das Deutsche Reich und Ansehen in der Welt erkämpften, haben wir 44 Jahre lang in Frieden gelebt und den Frieden Europas geschirmt. In friedlicher Arbeit sind wir stark und mächtig geworden und darum beneidet. Mit zäher Geduld haben wir es ertragen, wie unter dem Vorwande, daß Deutschland kriegslüstern sei, in Ost und West Feind schaften genährt und Fesseln gegen uns geschmiedet wurden. Der Wind, der da gesäet wurde, geht jetzt als Sturm auf. Wir wollten in fried licher Arbeit weiterleben, und wie ein unausgesprochenes Gelübde ging es vom Kaiser bis zum jüngsten Soldaten: nur zur Verteidigung einer gerechten Sache soll unser Schwert aus der Scheide fliegen. Der Tag, da wir es ziehen müssen, ist erschienen gegen unseren Willen, gegen unser redliches Bemühen. Rußland hat die Brandfackel an das Haus gelegt. Wir stehen in einem erzwungenen Kriege mit Rußland und Frankreich. Meine Herren! Eine Reihe von Schriftstücken, zusammengestellt in dem Drange der sich überstürzenden Ereignisse, ist Ihnen zuge gangen. Lassen Sie mich die Tatsachen herausheben, die unsere Haltung kennzeichnen. Vom ersten Augenblick des österreichisch-serbischen Konflikts an er klären und wirken wir dahin, daß dieser Handel auf Österreich-Ungarn522 und Serbien beschränkt bleiben müsse. Alle Kabinette, insonderheit auch England, vertreten denselben Standpunkt. Nur Rußland erklärt, daß es bei der Austragung dieses Konflikts mitreden müsse. Damit erhebt die Gefahr europäischer Verwicklung ihr drohendes Haupt. So bald die ersten bestimmten Nachrichten über militärische Rüstungen in Rußland vorliegen, lassen wir in Petersburg freundschaftlich aber nachdrücklich erklären, daß kriegerische Maßnahmen gegen Österreich uns an der Seite unseres Bundesgenossen finden würden, und daß militärische Vorbereitungen gegen uns selbst uns zu Gegenmaßregeln zwingen würden, Mobilmachung aber sei nahe dem Kriege. Rußland beteuert uns in feierlicher Weise seinen Friedenswunsch, und daß es keine militärischen Vorbereitungen gegen uns treffe. Inzwischen sucht England zwischen Wien und Petersburg zu vermitteln, wobei es von uns warm unterstützt wird. Am 28. Juli bittet der Kaiser telegraphisch den Zaren, er möge bedenken, daß Österreich-Ungarn das Recht und die Pflicht habe, sich gegen die großserbischen Umtriebe zu wehren, die seine Existenz zu unterhöhlen drohten. Der Kaiser weist den Zaren aus die solidarischen, monarchischen Interessen gegenüber der Freveltat von Sarajewo hin. Er bittet ihn, ihn persönlich zu unterstützen, um den Gegensatz zwischen Wien und Petersburg auszugleichen. Ungefähr zu derselben Stunde und vor Empfang dieses Telegramms bittet der Zar seinerseits den Kaiser um seine Hilfe, er möge doch in Wien zur Mäßi gung raten. Der Kaiser übernimmt die Vermittlerrolle. Aber kaum ist die von ihm angeordnete Aktion im Gange, so mobilisiert Rußland alle seine gegen Österreich-Ungarn gerichteten Streitkräfte. Österreich- Ungarn selbst aber hatte nur seine Armeekorps, die unmittelbar gegen Serbien gerichtet sind, mobilisiert. Gegen Norden zu nur zwei Armee korps und fern von der russischen Grenze. Der Kaiser weist sofort den Zaren darauf hin, daß durch diese Mobilmachung der russischen Streitkräfte gegen Österreich die Ver mittlerrolle, die er auf Bitten des Zaren übernommen hatte, erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht würde. Trotzdem setzen wir in Wien unsere Vermittlungsaktion fort, und zwar in Formen, welche bis an das Äußerste dessen gehen, was mit unserem Bundesverhältnis noch verträglich war. Während der Zeit erneuert Rußland spontan feine Versicherungen, daß es gegen uns keine militärischen Vorbereitungen treffe. Es kommt der 31. Juli. In Wien soll die Entscheidung fallen. Wir haben es bereits durch unsere Vorstellungen erreicht, daß Wien in dem eine Zeitlang nicht mehr im Gange befindlichen direkten Verkehrdie Aussprache mit Petersburg wieder aufgenommen hat. Aber noch bevor die letzte Entscheidung in Wien fällt, kommt die Nachricht, daß Rußland seine gesamte Wehrmacht, also auch gegen uns mobil gemacht hat. Die russische Regierung, die aus unseren wiederholten Vor stellungen wußte, was Mobilmachung an unserer Grenze bedeutet, noti fiziert uns diese Mobilmachung nicht, gibt uns zu ihr auch keinerlei auf klärenden Aufschluß. Erst am Nachmittag des 31. trifft ein Telegramm des Zaren beim Kaiser ein, in dem er sich dafür verbürgt, daß feine Armee keine provokatorische Haltung gegen uns einnehmen werde. Aber die Mobilmachung an unserer Grenze ist schon seit der Nacht vom W. zum 31. Juli in vollem Gange. Während wir auf russisches Bitten in Wien vermitteln, erhebt sich die russische Wehrmacht an unserer langen, fast ganz offenen Grenze, und Frankreich mobilisiert zwar noch nicht, aber trifft doch, wie es zugibt, militärische Vorbereitungen. Und wir? Wir hatten (in Erregung auf den Tisch schlagend und init starker Betonung) absichtlich bis dahin keinen Reservemann ein berufen, dem europäischen Frieden zuliebe! Sollten wir jetzt weiter ge duldig warten, bis etwa die Mächte, zwischen denen wir eingekeilt sind, den Zeitpunkt zum Losschlagen wählten? Dieser Gefahr Deutschland auszusetzen, wäre ein Verbrechen gewesen! Darum fordern wir noch am 31. Juli von Rußland die Demobilisierung, als einzige Maßregel, welche noch den europäischen Frieden retten könnte. Der Kaiserliche Botschafter in Petersburg erhält ferner den Auftrag, der russischen Re gierung zu erklären, daß wir im Falle der Ablehnung unserer For derung den Kriegszustand als eingetreten betrachten müßten. Der Kaiserliche Botschafter hat diesen Auftrag ausgeführt. Wie Rußland auf unsere Forderung der Demobilisierung geantwortet hat, wissen wir heute noch nicht. Telegraphische Meldungen darüber sind nicht bis an uns gelangt, obwohl der Telegraph weit unwichtigere Meldungen noch übermittelte. So sah sich, als die gestellte Frist längst verstrichen war, der Kaiser am 1. August, nachmittags 5 Uhr, genötigt, unsere Wehrmacht mobil zu machen. Zugleich mußten wir uns versichern, wie sich Frankreich stellen würde. Aus unsere bestimmte Frage, ob es sich im Falle eines deutsch- russischen Krieges neutral halten würde, hat uns Frankreich geant wortet, es werde tun, was ihm seine Interessen geböten. Das war eine ausweichende Antwort aus unsere Frage, wenn nicht eine Ver neinung unserer Frage. I2ZTrotzdem gab der Kaiser den Befehl, daß die französische Grenze unbedingt zu respektieren sei. Dieser Befehl wurde strengstens befolgt, bis auf eine einzige Ausnahme. Frankreich, das zu derselben Stunde, wie wir, mobil machte, erklärte uns, es werde eine Zone von 1l) Kilo metern an der Grenze respektieren. Und was geschah in Wirklichkeit? Bombenwerfende Flieger, Kavalleriepatrouillen, auf reichsländisches Gebiet eingebrochene französische Kompagnie! Damit hat Frankreich, obwohl der Kriegszustand noch nicht erklärt war, den Frieden gebrochen und uns tatsächlich angegriffen. Was jene Ausnahme betrifft, so habe ich vom Chef des General-- stabs folgende Meldung erhalten: ,Bon den französischen Beschwerden über Grenzverletzungen unsererseits ist nur eine einzige zuzugeben. Gegen den ausdrücklichen Befehl hat eine, anscheinend von einem Offizier geführte Patrouille des XIV. Armeekorps am 2. August die Grenze überschritten. Sie ist schein bar abgeschossen, nur ein Mann ist zurückgekehrt. Aber lange, bevor diese einzige Grenzüberschreitung erfolgte, haben französische Flieger bis nach Deutschland hinein, auf unsere Bahnlinien Bomben abge worfen, haben am Schluchtpaß französische Truppen unsere Grenzschutz truppen angegrifen. Unsere Truppen haben sich, dem Befehle gemäß, zunächst gänzlich auf die Abwehr beschränkt So weit die Meldung des Generalstabs. Meine Herren, wir sind jetzt in der Notwehr: und Not kennt kein Gebot! Unsere Truppen haben Luxemburg besetzt, vielleicht schon bel gisches Gebiet betreten. Meine Herren, das widerspricht den Geboten des Völkerrechts. Die französische Regierung hat zwar in Brüssel er klärt, die Neutralität Belgiens respektieren zu wollen, solange der Gegner sie respektiere. Wir wußten aber, daß Frankreich zum Einfall bereitstand. Frankreich konnte warten, wir aber nicht! Ein fran zösischer Einfall in unsere Flanke am unteren Rhein hätte verhängnis voll werden können. So waren wir gezwungen, uns über den berech tigten Protest der luxemburgischen und der belgischen Regierung hin wegzusetzen. Das Unrecht ich spreche offen , das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wieder gutzumachen suchen, sobald unser mili tärisches Ziel erreicht ist. Wer so bedroht ist, wie wir, und um sein Höchstes kämpft, der darf nur daran denken, wie er sich durchhaut! Meine Herren, wir stehen Schulter an Schulter mit Österreich- Ungarn. Was die Haltung Englands betrifft, so haben die Erklärungen, die Sir Edward Grey gestern im englischen Unterhaus abgegeben hat, den l24125 Standpunkt klargestellt, den die englische Regierung einnimmt. Wir haben der englischen Regierung die Erklärung abgegeben, daß. solange sich England neutral verhält, unsere Flotte die Nordküste Frankreichs nicht angreifen wird, und daß wir die territoriale Integrität und die Unabhängigkeit Belgiens nicht antasten werden. Diese Erklärung wiederhole ich hiermit vor aller Welt, und ich kann hinzusetzen, daß, so lange England neutral bleibt, wir auch bereit wären, im Falle der Gegenseitigkeit keine feindlichen Operationen gegen die französische Handelsschiffahrt vorzunehmen. Meine Herren, soweit die Hergänge. Ich wiederhole das Wort des Kaisers: Mit reinem Gewissen zieht Deutschland in den Kampf! Wir kämpfen um die Früchte unserer friedlichen Arbeit, um das Erbe einer großen Vergangenheit und um unsere Zukunft. Die 59 Jahre sind noch nicht vergangen, von denen Moltke sprach, daß wir gerüstet dastehen müßten, um das Erbe, um die Errungenschaft von 187l) zu verteidigen. Jetzt hat die große Stunde der Prüfung für unser Volk geschlagen. Aber mit Heller Zuversicht sehen wir ihr entgegen. Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr das ganze deutsche Volk! Das ganze deutsche Volk (zu den Soz.) einig bis auf den letzten Mann! Sie, meine Herren, kennen Ihre Pflicht in ihrer ganzen Größe. Die Vorlagen bedürfen keiner Begründung mehr. Ich bitte um ihre schnelle Erledigung." Sämtliche Vorlagen, in erster Linie der Entwurf eines Gesetzes be treffend Feststellung eines Nachtrags zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1914, wodurch der Reichskanzler ermächtigt wird, zur Bestreitung einmaliger außerordentlicher Ausgaben die Summe von fünf Milliarden Mark im Wege des Kredits flüssig zu machen, wurden ohne Diskussion einstimmig angenommen. Die Verkündigung dieses Ab stimmungsresultats wurde vom ganzen Hause mit minutenlangem stür mischen Beifall begrüßt. Nach einstimmiger Annahme eines Antrags aus Vertagung des Reichstages bis zum 24. November d. I. wurde die Sitzung mit folgenden Schlußworten beendet: Präsident Di-. Kaempf: Die Tagesordnung ist erledigt. Damit ist unsere Arbeit beendet mit der Schnelligkeit, die der Ernst der Lage er fordert. (Sämtliche Mitglieder des Hauses einschließlich der Sozial demokraten sowie die sämtlichen Zuhörer auf den Tribünen erheben sich.) Wir haben die Mittel bewilligt, die bestimmt sind, für den Krieg und für das wirtschaftliche Leben während des Krieges die nötige Sicherheit zu schaffen. Viele von unseren Herren Kollegen ziehen mit126 hinaus in den Kampf um die Ehre des Vaterlandes. Unter uns ist keiner, der nicht von einem oder mehreren Söhnen und sonstigen Familien mitgliedern Abschied nehmen müßte. Unsere wärmsten und innigsten Segenswünsche begleiten sie alle auf dem schweren, aber ehrenvollen Gang in den heiligen Kampf. Unsere Segenswünsche begleiten unser ganzes Heer und unsere ganze Marine. Wir sind des felsenfesten Ver trauens, daß die Schlachtfelder, die mit dem Blute unserer Helden ge tränkt werden, eine Saat hervorbringen werden, die dazu berufen ist, eine Frucht zu tragen so schön, wie wir sie nur denken können, die Frucht neuer Blüte, neuer Wohlfahrt, neuer Macht des deutschen Vater landes." Reichskanzler von Bethmann Hollweg: Meine Herren! Am Schlüsse dieser kurzen aber ernsten Tagung ein kurzes Wort. Nicht nur das Gewicht Ihrer Beschlüsse gibt dieser Tagung ihre Bedeutung, sondern der Geist der Einheit Deutschlands, des unbedingten, rückhalt losen Vertrauens aus Leben und Tod. Was uns auch beschieden sein mag: der 4. August wird bis in die Ewigkeit hinein einer der größten Tage Deutschlands sein." (Stürmischer Beifall auf allen Seiten.) Präsident Di-. Kaempf: Meine Herren! Nach diesen Worten des Reichskanzlers bleibt uns nur übrig, nochmals zu beteuern, daß das deutsche Volk einig ist bis auf den letzten Mann, zu siegen oder zu sterben auf dem Schlachtfelde für die deutsche Ehre und für die deutsche Einheit. (Lebhafter, allseitiger Beifall.) Wir trennen uns mit dem Rufe: Seine Majestät der Deutsche Kaiser, Volk und Vaterland leben Hoch! Hoch! Hoch!"127 Siebentes Kapitel. England erklärt den Krieg. Es war eine unsagbar große Zeit. Die Luft war voller Lieder. Eine große, stolze Zuversicht hatte alle ergriffen. Und dann kam der große Moment, der all diese Begeisterung lähmen zu wollen schien! Aber es war eben nur ein Moment! Es war der Augenblick, als die alle bestürzende Nachricht eintraf, daß England Deutschland den Krieg erklärt hätte. Die Kunde kam am Abend desselben 4. Augusts. Kurz nach der Rede des Reichskanzlers erschien der Botschafter Großbritanniens, Sir Edward Goschen, im Reichstage, um dem Staatssekretär von Jagow eine Erklärung seiner Regierung zu machen. In dieser wurde die deutsche Regierung um alsbaldige Antwort auf die Frage ersucht, ob sie die Versicherung abgeben könne, daß keine Verletzung der belgischen Neutralität stattfinden würde. Der Staatssekretär erwiderte sofort, daß dies nicht möglich sei, und setzte nochmals ausführlich die Gründe auseinander, die Deutschland zwängen, sich gegen den Einfall einer französischen Armee durch Betreten belgischen Bodens zu sichern. Kurz nach sieben Uhr erschien der großbritannische Botschafter im Aus wärtigen Amt, um den Krieg zu erklären und seine Pässe zu fordern. Das unruhvolle Brausen der Stimmen war auf einmal verstummt. Frau Helene, Marie Asten und Florian waren gerade auf dem großen Wilmersdorfer Kaiseritz gewesen, als diese Kunde eingetroffen war. Eine männliche Stimme hatte mit eintönigem Ausdruck die Depesche verlesen. Dann war es stille geworden. Und in diese Stille hatte das kindliche Schluchzen einer einfachen Frau geklungen, welche jammernd ausrief: Ach Gott, nun wird unser liebes Deutschland ganz kaputt ge macht!" Aber dann hatten sofort andere männliche Stimmen sich dagegen vernehmen lassen, daß es fo schlimm denn doch nicht sei! Man hattesich Mut zugesprochen. Man hatte sich aufgerafft. Man hatte gelacht. Aber es war kein freies, offenes Lachen gewesen. Man hatte die Kaiser hymne nicht angestimmt. Man hatte ja noch vor kurzen Tagen mit Ehrfurcht und Sympathie auf den vornehmen und maßvollen Sir Edward Grey hingewiesen, dessen kluger Rat vielleicht überhaupt noch den Frieden verbürgen würde. Und nun kam diese Kunde. Die Bestürzung, welche die Kriegserklärung Englands hervor gerufen hatte, war im ganzen Reiche bald einer ruhigen Gefaßtheit ge wichen: später erwuchs aus ihr jener lodernde Haß, der sich in flammen den Dichtungen Ausdruck schuf. Zu denen, die der neuen Wendung ganz fassungslos gegenüberstanden, gehörten Frau Helenes Freunde. Die beiden Frauen standen noch immer dem großen Platze, auf dem sie die Verlesung des Extrablattes angehört hatten. Frau Helene fühlte plötzlich das Dringende ihrer hausmütterlichen Pflichten; sie dachte der beiden englischen Familien, die bei ihr wohnten. Wir fahren schnell mit der Bahn nach Hause. Kommen Sie, Fräulein Asten. Wo ist Doktor Schmidt geblieben?" Marias Augen suchten nach Florian, aber er war nirgends zu sehen. Er war verschwunden. Er war stille fortgegangen. In seiner ruhigen Art. Die vielen fremden Menschen mit ihrer Kannegießerei widerten ihn an. Ihm war zumute, als läge er im Traum und müßte sich nur auf die andere Seite legen, um die bedrückenden Bilder zu verscheuchen. Er ging auf einem Umweg nach Hause. Er ging über unbebaute Strecken und durch Nebenstraßen, die er sonst nie betreten hatte. Er dachte an den Strand von Darmouth, den er vielleicht noch in diesem Herbste sonst aufgesucht hätte. Er hatte sich da immer wie ein halbwegs Heimatberechtigter gefühlt. Es war ja das Land seiner Mutter ge wesen. Ihm war es, als wenn dieses Land sich ihm eben für immer versagt hätte. Seine Seele kannte kein Hassen. All sein Empfinden war bis dahin abgewogen wie mit einer Apothekerwage, wie mit einer sehr sauber polierten zierlichen Apothekerwage. Florians Gesicht kannte das laute Lachen nicht; und sein Mund kannte kein Schelten. Wo andere heftig wurden, kannte er nur Traurigkeit. Es war bisher immer nur eine Traurigkeit ohne Bitterkeit gewesen. Es war jene weiche Schmerzhastigkeit gewesen, die aus der japanischen Lyrik ihn so verwandt angesprochen hatte. I2SVon der Maulwurfsarbeit unserer Infanterie. Anlegen eines Schützengrabens. Vom westlichen Kriegsschauplatz. Der moderne Feldlrieg, Die Soldaten kriechen aus den Erdhöhlen ihren Posten im Schützengraben vor Mern.Marktplatz in Soldau (Ostpreußen). Südseite. Lebf. Hsseks! Von den Russen gesprengter Wasserturm am Bahnhof zu Memel.Jetzt senkte sich zum erstenmal eine große, öde Bitterkeit auf seine Seele. Diese Bitterkeit war so beklemmend, daß er fühlte, wie sein Kopf Zu schmerzen begann. Als er seine Wohnung erreicht hatte, empfand er Angst vor seinen Räumen und ihrer sorglos zierlichen und spielerischen, sauberen Aus stattung. All das kam ihm auf einmal entsetzlich läppisch und leer vor. Er trat endlich in den Hausflur und meldete dort, daß er heute nicht zum Abendessen kommen würde: man möchte nicht auf ihn warten. Und dann ging er, mit dem Hute in der Hand, planlos weiter durch die Straßen. Eben war er der Masse entflohen; nun suchte er Menschen. Der Lärm des großen Potsdamer Platzes tat seinen Nerven wohl. Cr setzte sich in eine kleine Weinstube und ließ sich ein einfaches Butter brot geben: dabei beobachtete er das Publikum. Seine stille, scheue, bedrückte Art fiel einigen Philistern am Nachbartische auf. Bei dem hellen Blond seiner Haare und der Schmalheit seines Schädels hielten sie ihn für einen Engländer und äußerten ihren Verdacht, so daß er es hören sollte und mußte, in verächtlichem Tone. Ihm war zumute, als wenn sie seine Mutter beschimpften. Er zahlte, ohne ausgegessen und ausgetrunken zu haben, und ging. Dies Benehmen schien den Menschen noch ganz besonders verdächtig, und sie ulkten hinter ihm her. Er ging durch die wimmelnde Leipziger Straße und dann durch die Friedrichstraße. Hier wurde er wenigstens nicht angeglotzt. Hier hatte sich auch schon wieder die Stimmung des Volkes überall beruhigt. Wie seltsam wirkte das Bild dieser Straße heute. Sonst gleicht sie der Straße bei Küßnacht, von der Tell sagt, daß da ewig die verschieden artigsten Menschen wandeln, von denen keiner nach dem Erleben des andern fragt, und von denen ein jeder sein Sonderschicksal trägt. Und heule: heule hatten sie alle nur einen Gedanken: England! All diese verschiedenartigen Menschen, die Hastigen wie die Nichtstuer, die Ehr baren wie die Verlotterten, die Armen wie die Reichen, die Jungen wie die Alten, Männer wie Frauen, alle hatten nur den einen Ge danken: England! Alle hatten nur dies eine Gesprächsthema: alle horchten nur, ob nicht etwa ein neues Extrablatt ausgerufen würde: sogar die halb wüchsigen Kinder plapperten wie Florian beobachten konnte mit den Eltern über die politische Lage. Alle Standesunterschiede und Rassenunterschiede und Bildungsunterschiede waren verschwunden: höchstens konnte man von verschiedenen Graden der Zaghaftigkeit oder Trotzigkeit reden: aber all diese Zaghaftigkeit oder Trotzigkeit all der vielen Tausende, die da gingen, schwatzten, schalten oder schwiegen, galt ö Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.nur der einen Zukunft, die jetzt in ein neues Licht gerückt war; alle sprachen nur von England, dachten nur an England. Und es machte den Eindruck, als ob die Stimmung dieser so plötzlich zum einheitlichen Empfinden verbrüderten Menge von Minute zu Mi nute eine freudigere geworden. Ein paar hohe Offiziere, die aus einem Hotel getreten waren und laut miteinander sprachen und helläugig blickten, schienen von allen Vorübergehenden mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet zu wer den. Es lag eine so markige, geruhsame Festigkeit in ihrem Wesen, die allen, die auf sie sahen, gerade jetzt wohlzutun schien. Und es war fast niemand in dem Menschengewirr der Straße, der nicht fragend und prüfend ihnen ins Geficht geblickt hätte. Florian hatte es auch getan; der eine der Offiziere, ein weißhaariger Mann, hatte ihn ins Auge ge faßt; Florian konnte es sich nicht erklären, wie es gekommen war, daß die Gesundheit und väterliche Freundlichkeit, die aus diesem festen Blicke strahlte, ihn so warm berührte. Ihm kam der Gedanke, daß diese Männer, es mochten wohl Generale sein, die Stimmung von Hunderten und Tausenden in dieser Straße niedergedrückt hätten, wenn sie mit be sorgter Miene dahergekommen wären. Einen Augenblick fragte er sich, ob dieses sichere und feste Auftreten nicht etwa Maske gewesen sei; dann aber verwarf er diesen Gedanken, als wäre er ein Gedanke, dessen er sich schämen müßte. Er schlenderte weiter. Unter den Linden schien etwas los gewesen zu sein; eine Unruhe zitterte da noch nach; hinter einem davonfahren den Auto wehte man mit Tüchern und Hüten. Florian hörte, wie ein Schutzmann einigen dazukommenden Neugierigen erzählte, daß ein paar japanische Offiziere vom Volke bejubelt und auf die Schultern ge hoben worden seien. Die Herren hätten sich schließlich nur durch die Flucht weiteren Huldigungen entziehen können. Extrablätter! Extrablätter!" kam es da gellend an sein Ohr, und fast zitternd griff er nach der neuesten Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, die den gesamten letzten Depeschenwechsel zwischen Verlin und London enthielt. Und dann las er hastig: Telegramm des Prinzen Heinrich von Preußen an den König von England vom 30. Juli 1914: Bin seit gestern hier, Habe das, was Du mir so freundlich im Buckinghampalast am vorigen Sonntag gesagt hast, Wilhelm mitgeteilt, der Deine Botschaft dankbar entgegennahm. Wilhelm, der sehr besorgt ist, tut sein möglichstes, um der Bitte Nikolaus nachzukommen, für die 1Z0Erhaltung des Friedens arbeiten. Er steht in dauerndem tete graphischen Verkehr mit Nikolaus, der heute die Nachricht bestätigt, daß er militärische Maßnahmen angeordnet habe, welche einer Mobil machung gleichkommen, und daß diese Maßnahmen schon vor fünf Tagen getroffen wurden. Außerdem erhielten wir die Nachricht, daß Frankreich militärische Vorbereitungen treffe, während wir keinerlei Maßnahmen verfügt haben, wozu wir indessen jeden Augenblick ge zwungen sein können, wenn unsere Nachbarn damit fortfahren. Das würde dann einen europäischen Krieg bedeuten. Wenn Du wirklich und aufrichtig wünschest, dieses furchtbare Unglück zu verhindern, so darf ich Dir vorschlagen, Deinen Einfluß auf Frankreich und auch auf Ruß land dahin auszuüben, daß sie neutral bleiben. Das würde meiner Ansicht nach von größtem Nutzen sein. Ich halte dies für eine sichere und vielleicht einzige Möglichkeit, den Frieden zu erhalten. Ich möchte hinzufügen, daß jetzt mehr denn je Deutschland und England sich gegen seitig unterstützen sollten, um ein furchtbares Unheil zu verhindern, das sonst unabwendbar erscheint. Glaube mir, daß Wilhelm in seinen Be strebungen um die Aufrechterhaltung von der größten Aufrichtigkeit ist. Aber die militärischen Vorbereitungen seiner beiden Nachbarn können ihn schließlich zwingen, für die Sicherheit seines eigenen Landes, das fönst wehrlos bleiben würde, ihrem Beispiel zu folgen. Ich habe Wilhelm von meinem Telegramm an Dich unterrichtet und hoffe, Du wirft meine Mitteilung in demselben freundschaftlichen Geiste entgegen nehmen, der sie veranlaßt hat. Heinrich. Telegramm des Königs von England an den Prinzen Heinrich von Preußen vom 3l). Juli 1914: Dank für Dein Telegramm. Sehr erfreut, von Wilhelms Be mühungen zu hören, mit Nikolaus sich für die Erhaltung des Friedens zu einigen. Ich habe den ernsten Wunsch, daß ein solches Unglück, wie ein europäischer Krieg, das gar nicht gutzumachen ist, verhindert wer den möge. Meine Regierung tut ihr möglichstes, um Rußland und Frankreich nahezulegen, weitere militärische Vorbereitungen aufzu schieben, falls Österreich sich mit der Besetzung von Belgrad und dem benachbarten serbischen Gebiete als Pfand für eine befriedigende Re gelung seiner Forderungen zufrieden gibt, während gleichzeitig die anderen Länder ihre Kriegsvorbereitungen einstellen. Ich vertraue darauf, daß Wilhelm seinen großen Einfluß anwenden wird, um Österreich zu einer Annahme dieses Vorschlages zu bewegen. Dadurch würde er beweisen, daß Deutschland und England zusammenarbeiten, S lZl1)2 um zu verhindern, was eine internationale Katastrophe sein würde. Bitte, versichere Wilhelm, daß ich alles tue und auch weiter tun werde, was in meiner Macht liegt, um den europäischen Frieden zu erhalten. Georg. Telegramm des Kaisers an den König von England vom 31. Juli 1914: Vielen Dank für Deine freundliche Mitteilung. Deine Vorschläge decken sich mit meinenJdeen und mit denMitteilungen, die ich Heute nacht von Wien erhielt und die ich nach London weitergegeben habe. Ich habe gerade vom Kanzler die Nachricht erhalten, daß ihm soeben die Nach richt zugegangen ist, daß Nikolaus heute nacht die Mobilisierung seiner gesamten Armee und Flotten angeordnet hat. Er hat nicht einmal die Ergebnisse der Vermittlung abgewartet, an der ich arbeite, und mich ganz ohne Nachricht gelassen. Ich fahre nach Berlin, um die Sicherheit meiner östlichen Grenzen sicherzustellen, wo schon starke russische Truppen Ausstellung genommen haben. Wilhelm. Telegramm des Königs von England an den Kaiser vom 1. Aug. 1914: Vielen Dank für Dein Telegramm von gestern nachmittag. Ich habe ein dringendes Telegramm an Nikolaus geschickt, in dem ich meine Bereitwilligkeit ausgesprochen habe, alles zu tun, was in meiner Macht liegt, um die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen den be teiligten Mächten zu fördern. Georg. Telegramm des Kaiserlichen Botschafters in London an den Reichs kanzler vom 1. August 1914: Soeben hat mich Sir Edward Grey an das Telephon gerufen und mich gefragt, ob ich glaube, erklären zu können, daß für den Fall, daß Frankreich neutral bliebe, in einem deutsch-russischen Krieg wir die Franzosen nicht angriffen. Ich erklärte ihm, ich glaube die Verant wortung hierfür übernehmen zu können. Lichnowski. Telegramm des Kaisers an den König von England vom 1. August 1914: Ich habe soeben die Mitteilung Deiner Regierung erhalten, durch die sie die französische Neutralität unter der Garantie Großbritanniens anbietet. Dieser Anerbietung war die Frage angeschlossen, ob unter diesen Bedingungen Deutschland darauf verzichten würde, Frankreich anzugreifen. Aus technischen Gründen muß meine von heute nach mittag nach zwei Fronten, nach Osten und Westen, angeordnete Mobil machung vorbereitungsgemäß vor sich gehen. Ein Gegenbefehl kannnicht mehr gegeben werden, weil Dein Telegramm leider zu spät kam. Aber wenn mir Frankreich seine Neutralität anbietet, die durch die eng lische Armee und Flotte garantiert werden muß, werde ich natürlich von einem Angriff auf Frankreich absehen und meine Truppen ander weitig verwenden. Ich hoffe, Frankreich wird nicht nervös werden. Die Truppen an meiner Grenze werden gerade telegraphisch und tele phonisch abgehalten, die französische Grenze zu überschreiten. Wilhelm. Telegramm des Reichskanzlers an den Kaiserlichen Botschafter in London vom 1. August 1914: Deutschland ist bereit, auf den englischen Vorschlag einzugehen, falls sich England mit seiner Streitmacht für die unbedingte Neutralität Frankreichs im deutsch-russischen Konflikt- verbürgt. Die deutsche Mobil machung ist heute auf Gruud der russischen Herausforderung erfolgt, bevor der englische Vorschlag eintraf. Infolgedessen ist auch unser Auf- Marsch an der französischen Grenze nicht mehr zu ändern. Wir ver bürgen uns aber dafür, daß die französische Grenze bis Montag, den 3. August, abends 7 Uhr, durch unsere Truppen nicht überschritten wird, falls bis dahin die Zusage Englands erfolgt ist. Bethmann Hollweg. Telegramm des Königs von England an den Kaiser vom 1. August 1914: In Beantwortung Deines Telegramms, das soeben eingegangen ist, glaube ich, daß ein Mißverständnis bezüglich einer Anregung vor liegen muß, die in einer freundschaftlichen Unterhaltung zwischen dem Fürsten Lichnowski und Sir Edward Grey erfolgt ist, als sie erörterten, wie ein wirklicher Kampf zwischen der deutschen und der französischen Armee vermieden werden könne, solange noch die Möglichkeit besteht, daß ein Einverständnis zwischen Österreich und Rußland erzielt wird. Sir Edward Grey wird den Fürsten Lichnowski morgen früh sehen, um festzustellen, ob ein Mißverständnis auf seiner Seite vorliegt. Georg. Letztes Telegramm des Kaiserlichen Botschafters in London an den Reichskanzler vom 2. August 1914: Die Anregungen Sir Edward Greys, die auf dem Wunsch beruhten, die Möglichkeit dauernder Neutralität Englands zu schaffen, sind ohne vorherige Stellungnahme mit Frankreich und ohne Kenntnis der Mobil machung erfolgt und inzwischen als völlig aussichtslos aufgegeben. Lichnowski." DZAls Fllorian spät nach Haus gekommen war, hatte er lange auf den Schlaf warten müssen. In ihm und dem ganzen Hause war es ewig unruhig gewesen. Das Telephon hatte mehrfach in der Nacht geschrillt: ganz spät hatte Tante Helene noch eine Depesche bekommen: ihr Neffe Hans hatte gemeldet, daß er morgen mit seinem Freunde Lemke an die Front rücken würde: er habe sich bereits von seinen Eltern verabschiedet. Am nächsten Tage war es nicht möglich, die schöne Ordnung des Hauses wie sonst aufrechtzuhalten. Viele Besucher kamen schon zu früher Stunde. Das Haus hatte wieder ganz sein großzügiges, inter nationales Gepräge. Im großen Saal war eine große Frühstückstafel gedeckt: Lissi hatte alle Hände voll zu tun. Der Marquis Kowoko hatte Besuch von drei japanischen Offizieren bekommen: die Herren tranken Sekt auf dem großen Balkon. Die verschiedenen, bunten Seidenfahnen flatterten lustig im Winde. Man sprach im Saal von einem großen Konzert, welches zum Besten des Roten Kreuzes gegeben werden sollte. Der Marquis war bald mitten im Saal, bald auf dem Balkon. Er spielte Maria Asten gegenüber den Kavalier. Er hätte ja eigentlich niederge schlagen sein sollen, daß seine Prophezeiungen so zuschanden geworden waren: er hatte so bestimmt behauptet, daß England nur versöhnlich und versöhnend eingreifen würde: und nun war es so ganz anders ge kommen: er aber lächelte wie ein Taschenspieler, der die Tasche voller Überraschungen hat. Mehrere Damen befragten ihn bewundernd, weil fie gehört hatten, daß ihm das Volk gestern Unter den Linden plötzliche Huldigungen ge bracht hatte: noch dazu vor der russischen Botschaft. Er tat gerührt und meinte, daß er wohl bald auf seinen Posten berufen werden würde. Plötzlich bemerkte man, daß von draußen her scheltende Stimmen hörbar wurden: es schienen Leute auf dem Platze zu sein, die etwas nach oben riefen: es hörte sich an, als wenn ein Extrablatt ausgerufen wurde: aber es waren mehrere Stimmen, die durcheinanderriefen. Maria Asten und Frau Helene traten auf den Balkon. Die anderen Damen und Herren folgten. Da sah man mit Bestürzung, daß unten auf dem großen Platze fchon ein paar Dutzend Menschen standen, die erregt durcheinander sprachen, und nach Tante Helenes Balkon drohend blickten und wiesen. Was haben denn bloß die Menschen?" fragte Tante Helene. Hier sind doch keine Spione!" meinte eine andere Dame. IZ5Maria Asten wollte am Hause emporsehen, ob da irgend etwas Argerniserregendes zu finden wäre. Aber da klangen schon heftige Stimmen von unten herauf: Runter mit der Fahne!" Nehmen Sie die Fahne da weg!" Die englische Fahne da oben!" Die Herrschaften auf dem Balkon begriffen. Maria Asten, die einen überlegen lächelnden Blick mit dem Marquis getauscht hatte, reckte die Hände hoch, um die kleine, seidene Fahne, den Union-Jack, herabzunehmen. Aber die war nicht so leicht vom kupfernen Draht zu lösen. Sie war sorgfältig festgenäht. Da reichte ihr der Mar quis mit verbindlicher Verbeugung seine kleine, goldene Zigarrenschere zum Abschneiden des Seidenstückes. Unten hatte man den Japaner erkannt. Man brachte ihm ein Hoch, ihm und seinem Lande. Und der Marquis Kowoko trat mit Maria Asten an die Brüstung des Balkons, und die beiden Menschen verneigten sich dankend nach unten. Sie standen da und lächelten, und dankten verbindlich, als ständen sie nicht auf einem Balkon in rauhen Kriegszeiten, sondern als befänden sie sich auf irgendeiner Kabarettbühne, und hätten eben einen Schlager beendet. Dann ging man ins Zimmer und schloß die Balkontüren, damit die Menge draußen sich zerstreue. Das Mädchen hatte den Sekt für die japanischen Herren ins kleine Rauchzimmer gebracht. Da versammelte sich die Jugend. Da bei den japanischen Herren ein europäisches Auge das Alter nicht so leicht fest stellen konnte, wurden die Asiaten in diesem höflichen Hause natürlich mit zur Jugend gerechnet. Vor ganz kurzen Zeiten hatte man hier in diesen Räumen noch von England geschwärmt: jetzt begeisterte man sich für Japan. Man sprach von japanischem Heldentum und von japanischer Kunst. Und da kein Begleiter am Instrument zugegen war, sang Maria Asten ohne jede Begleitung mit ihrer vornehm leisen Stimme ein paar der japa nischen Lieder, die der gute Florian so getreulich übersetzte. Wo ist denn Florian heute?" Wissen Sie nicht, wo Doktor Schmidt ist?" Aber niemand wußte, wo Florian stecken könnte. Besucher kamen und gingen. Die japanischen Herren empfahlen sich. Schließlich war Maria Asten mit dem Marquis allein geblieben. IZ5156 Frau Helene wußte nicht, wo ihr der Kopf stand. Mehrere Pen sionäre hatten sie verlassen. Neue hatten sich dazu gemeldet. Es war wirklich ein Kunststück, heute mit der Tischordnung auch nur einiger maßen fertig zu werden. Als es endlich soweit war, daß mit dem großen Gong das Zeichen zur Mahlzeit gegeben werden konnte, kam Maria Asten mit dem Marquis aus dem Rauchzimmer, führte ihn zu Frau Helene und sagte: Gnädige Frau, ich habe mich soeben mit dem Marquis Kowoko verlobt." Tante Helene strahlte wieder einmal. Nach dem Essen machte das junge Paar einen Spaziergang. Die beiden waren doch ernster, als Neuverlobte so zu sein pflegten, wenn gleich die Miene des Japaners immer die lächelnde Maske bewahrte. Der Marquis hatte auf Marias Bitten sich schwarz gekleidet. So interessant er in seiner Uniform auch wirkte, wenn er im Stuhle saß, so erschien er doch etwas zu klein geraten, wenn er im Waffenrock durch die Straßen schritt. Der Professor war aufgefordert, die beiden zu begleiten: er hatte sich auch gleich bereitgefunden: er fühlte sich aber nachher doch im Menschengewühl unangenehm berührt durch die Aufmerksamkeit, die der Japaner bei den Leuten auf derStraße erregte, und durch die Sympathie kundgebungen. die man ihm darbrachte. Er konnte sich selbst gar keine Rechenschaft darüber geben, weshalb er sich heute in der Gegenwart dieser beiden Freunde so gräßlich überflüssig vorkam: es war sicher nicht das Gefühl leerer Eitelkeit, welches ihm etwa die zweite Stelle neben dem japanischen Helden verleidet hätte. So war es ihm immer im Leben gegangen. Den Leuten erschien er gern als der kritische Verstandesmensch, der alles Empfinden kommen tieren konnte: und dabei war doch noch niemals irgendeine seiner Be hauptungen nur aus dem schürfenden Verstände geboren worden. Ein schwerfälliges, aber weiches Empfinden hatte ihn immer geleitet. Es war, als hätten ihn nie seine großen Forscher und Denker beraten, sondern als klänge die Stimme, die ihn mütterlich führte, noch immer weit her aus seiner Kinderstube. So eine Stimme sprach auch jetzt zu ihm, wie wohl eine Großmutter oder eine alte, treue Wartefrau zum Kinde spricht. Solche Stimmen warnen Kinder nicht, weil die Kinder noch viel zu dumm sind, um Warnungen verstehen zu können: solche Stimmen weisen nur auf Nettes und Liebes und Lustiges hin, was für Kinderaugen taugt.1)7 Und es war viel des Lieben und Heiteren zu sehen ringsumher. Die drei waren mit der Untergrundbahn zur Friedrichstraße gefahren, und gingen jetzt zufällig gerade auf denselben Wegen, die Florian gestern wie im Traum durchwandelt hatte. Wie erschien das Straßenbild so anders setzt als früher. Derselbe entschlossene Wille, dieselbe Begeisterung erfüllte alle. Abseits stehende Cliquen gab es nicht mehr: alle trugen denselben Stolz und dieselben Hoffnungen, überall schien vaterländische Musik in der Luft zu liegen. Der Professor hatte nie zu denen gehört, die nur zu einer besonderen Literatur- oder Kunstpartei sprechen wollten: sein deutsches Empfinden hatte ihn oft zu breiteren Massen sprechen lassen: oft hatte er vater ländische Töne angeschlagen: und wie matt hatte dann die Flamme der Begeisterung geleuchtet! Wie matt hatte das Lied vom Rhein sonst ge klungen. das jetzt wie ein Sturmwind durchs Land brauste, nach dessen Takt jetzt alle zu marschieren schienen. Diese Begeisterung, die da um ihn her lebendig geworden war, hatte für ihn etwas überraschendes, ja beinahe etwas Fremdes, obwohl er doch in ruhigeren Tagen, wenn auch immer in seiner ganz besonnenen Weise, an dieser Glut mitgeschürt hatte. Er stand da, wie ein Regisseur im Parkett dasteht, der das feurige Temperament eines glänzenden Darstellers bestaunt, dem er doch selber die Rolle einstudiert hat. Auch die Schaufenster zeigten das Gepräge der Zeit. Alles Raffi nierte und sinnlos Tändelnde schien verschwunden: in einem großen Stiefelladen waren nur derblederne Soldatenstiefel zu sehen. Das Bild des Kaisers grüßte überall. Unter den Linden wogte die Menge. Alle waren begierig, ob vielleicht der Kaiser wieder sich zeigen oder gar sprechen würde. Wir gehen nach dem Schlosse!" meinte Maria. Der Marquis bot ihr den Arm, um sie durch die Menge zu führen; dabei fiel sein Blick auf einen Wagen, der eilig dahersauste. Da sitzt Doktor Schmidt!" rief er. Wer? Unser Florian?" Das ist Florian nicht." Der sieht ihm ähnlich: aber Florian hat nicht solche Haare." Der hak nicht so große Ohren." Nein, nein," sagte der Marquis, es war wirklich Doktor Florian Schmidt." Wo mag der hin wollen?" Er hat sich den ganzen Tag nicht sehen lassen."Die drei waren rechts abgebogen, um in die Nähe des Schlosses zu gelangen. Das Gedränge aber wurde ihnen bald zu lästig. Auch empfanden sie alle drei die Aufmerksamkeit, die man dem Japaner schenkte, drückend. Man bog links durch die kleine Universitätsstraße, um mehr Ruhe zu haben. Der Professor wurde elegisch, als man am ehemaligen, kleinen Bota nischen Garten der Hochschule vorbeikam. Wie war es reizend hier im Frühling und Sommer! Wie manche Stunde habe ich hier in Studententagen, und später wie im Kleinstadt frieden gesessen. Es gab wohl in diesem ganzen, brausenden Berlin kein Fleckchen, wo man so ganz geruhsam und nur so in allerbester Gesell schaft ausruhen konnte. Nun wird das alles zugebaut!" Durch die Dorotheenstraße war man wieder in die laute Friedrich straße gekommen. Alle Menschen machten den Eindruck, als horchten sie auf, als erwarteten sie in jedem Augenblick das Ausrufen eines neuen Extrablattes. Und überall Soldaten und Soldaten. Besonders weiter hin in der Nähe der Kaserne. Vor dem Portal des langgestreckten, biedermeierisch anmutenden Kasernengebäudes stand ein Haufen junger Männer herumlungernd her um. Im Türrahmen stand ein schnurrbärtiger Feldwebel, der gerade auf einen jungen Menschen hörte, der den Hut verlegen in den Händen drehte und in hastiger und dringlicher Weise eine Bitte vorzutragen schien. Es lag eine tiefe Niedergeschlagenheit und ein stürmisches Flehen in den Zügen des jungen Menschen: daß es einer war, der sich als Freiwilliger melden wollte, konnte man an seinem Gehabe sofort er raten; darauf deutete auch sein glatt geschorenes Haupthaar. Der Marquis hatte ihn sofort bemerkt, und wies mit dem Finger auf ihn. Sie sehen: das ist Doktor Schmidt!" Jetzt hatte ihn auch Maria Asten erkannt. Wie ihn die andere Haartracht verändert hatte! Sein Gesicht sah gar nicht mehr so ver träumt aus wie sonst. Der Feldwebel hatte den Kopf bedauernd geschüttelt, und Florian mit gutmütiger Gewaltsamkeit beiseite geschoben. Auch die anderen jungen Männer wurden kurz verabschiedet und vertröstet. Der Pro fessor wollte sich den Weg zum jungen Freunde bahnen: aber eine Menschenwelle brandete dazwischen, und nach ein paar Augenblicken war Florian im Gedränge verschwunden. Die drei kehrten schweigend um. Sie fühlten nicht das Bedürfnis, sich über das Gesehene auszusprechen. Also auch in ihren Kreis griff IZ8der Krieg ein. Würden sie Florian wiedersehen? Würde er das einzige Opfer sein, welches diese Zeit von ihnen forderte? Der Professor hätte sich am liebsten von den beiden jetzt verab schiedet, um sich auf die Suche nach Florian zu begeben. Er kam sich treulos vor, daß er in den letzten Tagen gar nicht dazu gekommen war, an den Sorgen und Wünschen des jungen Mannes teilzunehmen. Sonst war er allein dessen Berater gewesen: jetzt war der Feldwebel Florians Autorität. Maria fühlte das Bedürfnis zu rasten. Man trat ins Monopol- Eaf6. Da herrschte auch Erregung, aber es war eine andere Erregung als die Erregung auf der Straße; es war südländische Art, die da ihr Wesen trieb. Es war mehr Nervosität, die da fieberte. Den Professor erinnerte das Gehabe dieser Kaffeehausgäste an das Wesen von Rep tilien, die schwerfällig lagern und jeden Augenblick bereit sind, empor zuschnellen: die wie in abgestorbener Trägheit versteinert scheinen wür den, wenn nicht die Augen unruhig hin und her liefen. Als die drei eben den Hinteren Saal des Lokals betreten hatten, kam ihnen von der Straße her ein Herr nach. Es war ein Japaner, der vom Auto aus seinen Landsmann entdeckt hatte. Die beiden Asiaten wechselten einige Worte in ihrer Sprache. Sie sprachen schnell, aber ohne Zeichen der Erregung. Maria, die schon bedauerte, daß Florian nicht zugegen war, der es ihr übersetzen könnte, wollte sich schon wundern, weshalb ihr der zukünftige Landsmann nicht vorgestellt würde, als der Marquis es in seiner überhöflichen Weise nachholte. Der Fremde erschöpfte sich in einigen Komplimenten und Glückwünschen, und blickte dann lächelnd auf den Marquis. Ich bitte um Ihre Entschuldigung: ich komme, um den Herrn Marquis zu einer wichtigen Unterredung zu bitten: der Herr Marquis wird sofort auf unserer Botschaft erwartet. Sie müssen entschuldigen." Der Marquis nahm jetzt das Wort: Maria Asten, Sie müssen entschuldigen: ich muß für eine Zeit verschwinden. Ich muß zur Botschaft." Der Marquis wird in einer Stunde, oder vielleicht auch in zwei Stunden wieder beim gnädigen Fräulein sein können", sagte der Fremde. Ich kann mir vorstellen," sagte der Professor, daß Sie auch be rührt werden von diesem Krieg! Nun, ich denke, Ihre tapferen Lands leute werden Rußland wohl noch viel zu schaffen machen!" Ich glaube gar nicht einmal, daß es dazu kommt", meinte der Marquis. Glauben Sie mir, alle diese Unruhen werden bald vorbei sein. Es ist natürlich möglich, daß Japan einen Druck auf Rußland aus- IZY140 übt. Das würde genügen. Ich selber werde auf alle Fälle weiter hier in Berlin bleiben. Aber augenblicklich " Er verneigte sich vor Maria, küßte ihr die Hand, und ehe sie es fassen konnte, war seine zierliche Gestalt im Zigarettennebel des Lokals entschwunden. Sie sah ihn mit großen, trockenen Augen nach. Dann wird er möglicherweise heute abend gar nicht zum Abend essen kommen können", meinte der Professor. Wie meinten Sie?" fragte sie tonlos. Der Professor wiederholte seinen echt deutschen, gutmütigen Satz. Maria sah durch die große, blindbetaute Fensterscheibe auf das Straßen gewühl. Für einen Moment entdeckte sie das Bild Kowokos. Er schritt daher wie immer. Ein deutscher Verlobter hätte einen Blick auf die Scheibe geworfen oder auf gut Glück ins Lokal hineingegrüßt und ge winkt und den Hut geschwenkt. Das tat der Marquis natürlich nicht. Andere Länder haben eben andere Sitten. Und in diesem Augenblick, als im Strudel der draußen Wogenden Kowoko untertauchte, empfand Maria es ganz klar und deutlich, daß sie den Mann da draußen niemals im Leben wiedersehen würdel Es war ihr, als wenn der Oberkellner in seiner glatten, deutlichen Art ihr eben zugerufen hätte, daß dieser Mann niemals wieder vor ihr Gesicht treten würde: und es kam ihr ganz seltsam vor, als ihr klar wurde, daß der Kellner sie bloß gefragt hatte, was sie hier zu trinken befehle. Sie bestellte, ebenso wie es der Professor getan hatte, schwarzen Kaffee. Und dann lasen sie hastig die neuesten Abendzeitungen, die eben erschienen: Deutsche Kavallerie hatte das von Russen besetzte Kibarty angegriffen. Die Besatzung dieses östlich von Stallupönen gelegenen russischen Grenzortes hatte fluchtartig den Ort verlassen. Der Angriff einer russischen Kavalleriebrigade bei Soldau war unter den schwersten Verlusten zusammengebrochen. Deutsche Kavallerie besetzte Wielun, die Kreishauptstadt im Gouvernement Kalisch. Die deutschen Truppen waren von der Bevölkerung mit großem Jubel begrüßt worden. Die im Mittelmeere befindlichen deutschen Kriegsschiffe hatten an der Küste von Algier einzelne befestigte Plätze und Einschiffsorte für die franzö sischen Truppentransporte zerstört. Die schweizerische Eidgenossenschaft, Dänemark, Norwegen und Schweden, Rumänien, die Vereinigten Staaten erklärten ihren festen Willen zur unbedingten Neutralität in den bevorstehenden kriegerischen Ereignissen. Die türkische Regierung teilte offiziell mit, daß sie zur Wahrung ihrer Neutralität die Dardanellen und den Bosporus für fremde Schiffe geschlossen habe. Am Denkmal151 des Generalfeldmarschalls Grafen Mbrecht von Roon auf der Nordseite des Königsplatzes war gestern ein großer Lorbeerkranz mit schwarz seidener Schleife niedergelegt worden, auf der man folgende Inschrift las: ,Jn ernster Zeit gedenken Kinder und Enkel ihres Großvaters, der einst das deutsche Schwert schärfen half Auf der anderen Seite der Schleife steht: ,Acht Brüder kämpfen für den Kaiser: Generalleut nant z. D. Gras Waldemar v. Roon, Major Albrecht v. Roon, Haupt mann Walter v. Roon, Hauptmann Gerhardt v. Roon, Rittmeister Moritz v. Roon, Oberleutnant Wilhelm v. Roon, Leutnant Waldy v. Roon und Leutnant Günther v. Roon, Feldprediger Wolf o. Roon " Schließlich hatte der deutsche Reichsanzeiger folgende Urkunde ver öffentlicht: Angesichts der ernsten Lage, in die das teure Vaterland versetzt worden ist, in dankbarer Erinnerung an die Heldentaten unserer Vor fahren in den großen Jahren der Befreiungskriege und des Kampfes für die Einigung Deutschlands, wollen wir das von unserem in Gott ruhenden Urgroßvater gestiftete Ordenszeichen des Eisernen Kreuzes abermals wieder aufleben lassen. Das Eiserne Kreuz soll ohne Unter schied des Ranges und Standes an Angehörige des Heeres, der Marine und des Landsturmes, Mitglieder der freiwilligen Krankenpflege und sonstige Personen, die eine Dienstverpflichtung mit dem Heere oder der Marine eingehen, oder als Heeres- oder Marinebeamte Verwendung finden, als Belohnung eines auf dem Kriegsschauplatz erworbenen Ver dienstes verliehen werden. Auch solche Personen, die sich daheim Ver dienste um das Wohl der deutschen Streitmacht und seiner Verbündeten erwerben, sollen das Kreuz erhalten. Demgemäß verordnen wir, was folgt: 1. Die für diesen Krieg wieder ins Leben gerufene Auszeichnung des Eisernen Kreuzes soll, wie früher, aus zwei Klassen und einem Groß kreuz bestehen. Das Ordenszeichen sowie das Band bleiben unver ändert, nur ist auf der Vorderseite unter dem mit der Krone die Jahreszahl 1914 anzubringen. 2. Die zweite Klasse wird am schwarzen Bande mit weißer Ein fassung im Knopfloch getragen, sofern sie für Verdienste auf dem Kriegs- schauplatz verliehen wird. Für ein daheim erworbenes Verdienst wird sie am weihen Bande mit schwarzer Einfassung verliehen. Die erste Klasse wird auf der linken Brust, das Großkreuz um den Hals getragen. 3. Die erste Klasse kann nur nach Erwerbung der zweiten ver liehen werden und wird neben dieser getragen.152 4. Die Verleihung des Großkreuzes ist nicht durch die vorherige Erwerbung der ersten und zweiten Klasse bedingt. Sie kann nur er folgen für eine gewonnene, entscheidende Schlacht, durch die der Feind zum Verlassen seiner Stellungen gezwungen wird, oder für die selb ständige, von Erfolg gekrönte Führung der Armee oder der Flotte, oder für die Eroberung einer großen Festung, oder für die Erhaltung einer wichtigen Festung durch deren ausdauernde Verteidigung. 5. Alle mit dem Besitze des Militärehrenzeichens erster und zweiter Klasse verbundenen Vorzüge gehen vorbehaltlich der verfassungsmäßigen Regelung der Ehrenzulage auf das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse über. Gegeben Berlin, den 3. August 1914. Wilhelm, I. R. v. Bethmann Hollweg. Tirpitz. Delbrück. Beseler. Breitenbach. Sydow. Trott zu Solz. Frhr. v. Schorlemer. Lentze. Falkenhayn. Löbell. Kühn. Iagow." Da draußen ging Florian eben wieder vorbei!" sagte der Pro fessor plötzlich: soll ich ihm nachlaufen und ihn rufen?" Lassen Sie ihn heute! Ich möchte bald nach Hause gehen", meinte sie verschüchtert. Der Professor zahlte. Der nächste Tag brachte die Kriegserklärung Österreichs an Ruß land. Vor Belgrad waren die serbischen Geschütze zum Schweigen ge bracht worden. Die deutschen Truppen standen bereits vor der Festung Lüttich. Ein paar Offiziere hatten einen tollkühnen Handstreich ver sucht, der nicht gelingen konnte. Der Panzerkreuzer Soeben" und der kleine Kreuzer Breslau" liefen nach ihren Unternehmungen an der algerischen Küste den neutralen italienischen Hafen Messina an und nahmen dort aus deutschen Dampfern Kohlen ein; am nächsten Tag brachen sie wieder aus in die hohe See und entrannen den vor dem Hafen aufpassenden englischen Streitkräften. Der Deutsche Kaiser erließ jedoch an sein Volk folgenden Aufruf: Seit der Reichsgründung ist es durch 43 Jahre mein und meiner Vorfahren heißes Bemühen gewesen, den Weltfrieden zu erhalten und im Frieden unsere kraftvolle Entwicklung zu fördern. Aber die Gegner neiden uns den Erfolg unserer Arbeit. Alle offenkundige und heimliche Feindschaft von Ost und West, und von jenfeits der See haben wir bis her ertragen im Bewußtsein unserer Verantwortung und Kraft, nun aber will man uns demütigen.Man verlangt, daß wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten, man will nicht dulden, daß wir in entschlossener Treue zu unserem Bundesgenossen stehen, der um sein Ansehen als Großmacht kämpft und mit dessen Erniedrigung auch unsere Macht und Ehre verloren ist. So muß denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden über fällt uns der Feind. Nun auf, zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterland! Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter sich neu gründeten, um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens. Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Und wir werden diesen Kampf bestehen, auch gegen eine Welt von Feinden. Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war. Vor wärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war! Berlin, den 6. August 1914. Wilhelm." An das deutsche Heer und die deutsche Marine aber erging folgen der Aufruf: Nach dreiundvierzigjähriger Friedenszeit rufe ich die deutsche wehrfähige Mannschaft zu den Waffen. Unsere heiligsten Güter, das Vaterland, den eigenen Herd gilt es gegen einen ruchlosen Überfall zu schützen. Feinde ringsum! Das ist das Kennzeichen der Lage. Ein schwerer Kampf und große Opfer stehen uns bevor. Ich ver traue, daß der alte, kriegerische Geist noch in dem deutschen Volke lebt, jener gewaltige, kriegerische Geist, der den Feind, wo er ihn findet, an greift, koste es, was es wolle, und der von jeher die Furcht und der Schrecken unserer Feinde gewesen ist. Ich vertraue auf euch, ihr deutschen Soldaten! In jedem von euch lebt der heiße, durch nichts zu bezwingende Wille zum Siege. Jeder von euch weiß, wenn es sein muß, wie ein Held zu sterben. Gedenkt unserer großen, ruhmreichen Vergangenheit! Gedenkt, daß ihr Deutsche seid! Gott helfe uns! Berlin, Schloß, den 6. August 1914. Wilhelm." Gleichzeitig erließ die Kaiserin an die deutschen Frauen diesen Aufruf: Dem Rufe seines Kaisers folgend, rüstet sich unser Volk zu einem Kampfe ohnegleichen, den es nicht heraufbeschworen hat und den es nur l5Z155 zu semer Verteidigung führt. Wer Waffen zu tragen vermag, wird freudig zu den Fahnen eilen, um mit seinem Blute einzustehen für das Vaterland. Der Kampf aber wird ein ungeheurer und die Wunden unzählig sein, die zu schließen sein werden. Darum rufe ich euch deutsche Frauen und Jungfrauen und alle, denen es nicht oergönnt ist, für die geliebte Heimat zu kämpfen, zur Hilfe auf. Es trage jeder nach seinen Kräften dazu bei, unseren Gatten, Söhnen und Brüdern den Kampf leicht zu machen. Ich weiß, daß in allen Kreisen unseres Volkes ausnahmslos der Wille besteht, diese hohe Pflicht zu erfüllen. Gott der Herr aber stärke uns bei dem heiligen Liebeswerk, das auch unsere Frauen rüsten, unsere ganze Kraft dem Vaterlande in seinem Entscheidungskampfe zu weihen. Wegen der Sammlung freiwilliger Hilfskräfte und Gaben aller Art sind weitere Bekanntmachungen von denjenigen Organisationen bereits ergangen, denen diese Aufgabe in erster Linie obliegt und deren Unter stützung vor allem vonnöten ist. Berlin, d-n S, August IS14, August- VM-ri-,," Ausrufe in demselben Sinne erließen auch alle anderen deutschen Bundesfürsten, allen voran der König Ludwig von Bayern, der auf die Kriegserklärung Englands an Deutschland nur die Worte gehabt hatte: Ein Feind mehr und damit ein Grund mehr, uns bis zum letzten Atemzuge zusammenzuschließen. Unsere Sache ist gerecht, Gott wird uns nicht verlassen." Auch der König Friedrich August von Sachsen, der König Wilhelm von Württemberg, der Großherzog von Baden, der Großherzog von Hessen-Darmstadt fanden begeisterte, begeisternde Worte für ihr Volk und Heer. Deutschland war einig. Auch die Äußerungen des Fürsten Vülow, des früheren Reichskanzlers, in einer Hamburger Zeitung fanden viel Beachtung. Er sagte u. a.: Es geht um alles, um die Früchte von 187V, um das, was unsere Vätervor hundertIahren erkämpft. Esgeht nicht nur umdasjungeReich, unter dessen Schutz wir seit 43 Jahren leben, es geht auch um das alte Preußen, für das der große König sieben Jahre im Kriege stand. Es geht um die ganze, ruhmvolle Vergangenheit bis in die fernsten Tage unserer Geschichte. Es kann nicht sein und wird nicht sein, daß so viel Heldenkraft und Opfermut, so viel Wille und Geist, wie sie aus der preu ßischen und deutschen Geschichte sprechen, umsonst aufgewandt sein soll. Die Nation muß mit unbeugsamem Willen, unerschütterlich und ge schlossen hinter unserer Armee stehen. Das Ziel, das wir erreichenZu den deutschen Erfolgen an der Aisne, Im vordersten Schützengraben dicht am Ufer,Aus dem Fort Loucin, I die Luft geworfeile Decken eines Pmizerlnrms, die umgekehrt zurückfielen. Deutsches Strafgericht in Lüttich,müssen, ist dies: Ein Frieden, wert der ungeheuren Opfer, die das Vater land in dieser Stunde fordert." Alles eilte zu den Waffen. Die Jugend, das Mannesalter, ja auch das greise Alter. Da meldete sich der Berliner Rentier Louis Müller aus der Kolberger Straße, der seine goldene Hochzeit und 76 Jahre hinter sich hatte: wenn man ihn nur als Schreibhilfe gebrauchen könne, dann sei er schon zufrieden, aber dem Vaterlande müsse er seine Dienste zur Verfügung stellen. Da war in Erfurt ein Zljähriger höherer Veterinär a. D., der die Untersuchung der Pferde mit übernehmen wollte. Und bei seinem alten Lübbener Bataillon meldete sich der 74jährige Wildmeister Eduard Hein aus Altenfließ in der Neumark: das Eiserne Kreuz zweiter Klasse habe er bereits von Metz her, nun müsse er sich noch schnell die erste Klasse dazu holen. Auch der Dichter Richard Deh me!, der bereits mehr als 50 Jahre zählte, meldete sich als Freiwilliger. England begann seine Ruhmestaten mit dem Durchschneiden der deutschen Kabel, und zwar die der Deutsch-Südamerikanischen Tele graphen-Gesellschaft und die der Deutsch-Atlantischen, so daß der Depeschenverkehr mit den deutschen Kolonien Togo und Kamerun sowie mit Nord- und Südamerika unterbunden war. Das Gebäude der deut schen Botschaft in St. Petersburg wurde von sinnlosem Povel äußerlich und innerlich beschädigt und zum Teil in Brand gesteckt. In Köln mußte das Rote Kreuz die Soldaten vor dem Genuß von Obst warnen, da fest gestellt wurde, daß vergiftetes Obst in den Handel gebracht war. Feinde ringsum! 10 Arndt, Die Trommel schlug zum Streits. 155146 Achtes Kapitel. Lüttich und Metz. Und dann war der 7. August da, der Tag, an welchem es die könig lich montenegrinische Regierung für notwendig erachtete, ihrerseits Österreich-Ungarn den Krieg zu erklären, der Tag, an welchem Lüttich im Sturm genommen wurde! Nachdem die Abteilungen, die den Hand streich unternommen hatten, erheblich verstärkt worden waren, wurde der Angriff durchgeführt. Der Name des Siegers, General der In fanterie von Emmich, dem Seine Majestät sofort den Orden le msi-ite verlieh, war auf aller Lippen. Mit Tränen in den Augen las Tante Helene ihren Pensionären aus dem Berliner Tageblatt vor: Um sechs Uhr rief man sich die Nachricht von der Einnahme Lüttichs überall zu. Aber in diesen Tagen, wo die wildesten Gerüchte einander kreuzen, antwortete man den Frohgesinnten mit der vorsichtigen Frage: ,Amtlich? Nein. Aber der eine hatte es von einem Schutzmann, der andere von einem Offizier. Den energischen Anspruch auf Glaubwürdig keit aber vertrat ein Herr, der kurz vorher das Tiergartenviertel passiert hatte. Vor der ehemaligen Villa Begas war der Generaloberst v. Plessen in ein Automobil gestiegen und hatte den Vorübergehenden zugerufen:,Lüttich ist gefallen! Geben Sie es weiter! Man freute sich, aber man wollte doch noch die amtliche Bestätigung haben, bevor die Befriedigung ungehemmt durchbrechen sollte. Eine halbe Stunde später fuhr ein Schutzmann auf dem Rad die ,Linden entlang und durch die verkehrsreichen Nebenstraßen, um der Menge die gute Botschaft mit den Worten mitzuteilen: Jm Auftrage des Kaisers! Lüttich ist gefallen! . . Jubelnde Zurufe begleiteten ihn auf der Weiterfahrt. Um dieselbe Zeit wurde die Nachricht im Lustgarten im Auftrage des Kaisers durch einen Flügeladjutanten öffentlich ver kündet. Gewaltige Menschenmengen durchzogen die Friedrichstraße und versammelten sich in dichten Reihen längs der ,Linden . Von hüben unddrüben, von links und rechts erklang das ,Lieb Vaterland, magst ruhig sein! . . , unterbrochen von stürmischen Hurras und Heilrufen. Von den Balkons der Hotels und Cafes flatterten die Taschentücher, und immer wieder wurde die Macht am Rhein angestimmt. AnderKranzler- ecke entstand eine Verkehrsstauung. Die Autobusse, voll besetzt mit ein rückenden Soldaten, blieben stehen, und man tauschte mit den singenden Soldaten stürmische Grüße. Vor dem dichten Gewühl hielt plötzlich der Wagen des Reichskanz lers. Herr v. Vethmann Hollweg und sein im Wagen sitzender militä rischer Begleiter wurden akklamiert. Der Wagen mußte halten: die dicht herandrängende, winkende Menge stimmte wieder die ,Wacht am Rhein- an. Vom Verdeck des Autobusses erklang der Jubel der Sol daten. Der Reichskanzler schwang den Zylinder. Zwei Schutzmänner konnten mit vieler Mühe die Weiterfahrt des Kanzlers ermöglichen. Aber der Wagen mußte gleich wieder halten, denn eben kreuzte ein Reservistentrupp die,Linden . Sie schwangen die braunen Pappkartons und sangen mit fröhlichen Mienen: ,Jn der Heimat, da gibt s ein Wiedersehn! . . Alles war in Heller Freude. Einige aber äußerten diese Freude doch etwas weniger stürmisch und meinten, daß dem impo nierenden schönen Anfang noch andere, wuchtigere Taten folgen würden." lind dann geschah es, daß die deutsche Regierung nochmals der bel gischen großmütig die Hand zum Frieden bot, indem sie ihr durch eine neutrale Macht folgende Mitteilung übermitteln ließ: Die Festung Lüttich ist nach tapferer Gegenwehr im Sturm ge nommen worden. Die deutsche Regierung bedauert es aus das tiefste, daß es infolge der Stellungnahme der belgischen Regierung gegen Deutschland zu blutigen Zusammenstößen gekommen ist. Deutschland kommt nicht als Feind nach Belgien. Nur unter dem Zwang der Ver hältnisse hat es angesichts der militärischen Maßnahmen Frankreichs den schweren Entschluß fassen müssen, in Belgien einzurücken und Lüttich als Stützpunkt für feine weiteren militärischen Operationen besetzen müssen. Nachdem die belgische Armee in heldenmütigem Widerstand gegen die große Überlegenheit ihre Waffenehre auf das glänzendste gewahrt hat, bittet die deutsche Regierung Se. Majestät den König und die bel gische Regierung, Belgien die weiteren Schrecken des Krieges zu er sparen. Die deutsche Regierung ist zu jedem Abkommen mit Belgien bereit, das sich irgendwie mit Rücksicht auf ihre Auseinandersetzung mit Frankreich vereinigen läßt. 10 147Deutschland versichert nochmals feierlichst, daß es nicht von der Absicht geleitet gewesen ist, sich belgisches Gebiet anzueignen, und daß ihm diese Absicht durchaus fern liegt. Deutschland ist noch immer bereit, das belgische Königreich unverzüglich zu räumen, sobald die Kriegslage es ihm gestattet." Belgien war wiederum so verblendet, abzulehnen, indem es sich auf die mehr als fadenscheinige Treue seinen internationalen Verpflichtungen gegenüber berief. Daß die eigenen Verluste bei dem Fall von Lüttich sehr groß waren, wollte das Land nicht eingestehen. Hatte doch der Präsident der französischen Republik erst einige Tage vorher dem König mitgeteilt, daß der Stadt und Festung Lüttich das Kreuz der Ehrenlegion verliehen sei. Nun aber wurden bereits drei- bis viertausend Gefangene nach Deutschland abtransportiert. Nach vorliegenden Nachrichten hatten die Deutschen in Lüttich über ein Viertel der gesamten belgischen Armee vor sich gehabt. Erst später erfuhr man von der erfolgreichen Mithilfe des Zeppelinluftschiffes VI bei der Einnahme der Festung. Aus einer Höhe von 6l)0 Metern war die erste Bombe geworfen. Dann war das Luftschiff bis auf 3V0 Meter heruntergegangen und ließ durch einen Unteroffizier aus der Hinteren Gondel zwölf Bomben werfen, die alle sogleich explodierten und die Stadt an mehreren Stellen in Brand steckten, über die Einnahme selbst sah sich der Generalquartiermeister von Stein, dessen einzigartiger, messerscharfer Stil seinen Namen so schnell bekannt machen sollte und seine Worte von Stein, zu folgender Kundgebung ge zwungen: Französische Nachrichten haben unser Volk beunruhigt. Es sollen 2V l)W Deutsche vor Lüttich gefallen und der Platz überhaupt noch nicht in unserem Besitz sein. Durch die theatralische Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion an die Stadt Lüttich sollten diese Angaben bekräftigt werden. Unser Volk kann überzeugt sein, daß wir weder Mißerfolge verschweigen noch Erfolge aufbauschen werden. Wir werden die Wahr heit sagen und haben das volle Vertrauen, daß unser Volk uns mehr als dem Feinde glauben wird, der seine Lage vor der Welt möglichst günstig hinstellen möchte. Wir müssen aber mit unseren Nachrichten zu rückhalten, solange sie unsere Pläne der Welt verraten können. Jetzt können wir ohne Nachteil über Lüttich berichten. Ein jeder wird sich selbst ein Urteil bilden können über die von den Franzosen in die Welt geschienen 20 VW Mann Verluste. Wir hatten vor vier Tagen bei Lüttich überhaupt nur schwache Kräfte; denn ein so kühnes Unternehmen kann man nicht durch An- I5Ssammlung überflüssiger Massen vorher verraten. Daß wir trotzdem den gewünschten Zweck erreichten, lag in der guten Vorbereitung, der Tapferkeit unsererTruppen, der energischenFührung und demBeistande Gottes. Der Mut des Feindes wurde gebrochen, seine Truppen schlugen sich schlecht. Die Schwierigkeiten für uns lagen in dem überaus un günstigen Berg- und Waldgelände und in der heimtückischen Teilnahme der ganzen Bevölkerung, selbst der Frauen, am Kampfe. Aus dem Hinterhalt, den Ortschaften und Wäldern, feuerten sie auf unsere Trup pen, auch auf Arzte, die die Verwundeten behandelten, und auf die Ver wundeten selbst. Es sind schwere und erbitterte Kämpfe gewesen, ganze Ortschaften mußten zerstört werden, um den Widerstand zu brechen, bis unsere tapferen Truppen durch den Fortsgürtel gedrungen und im Be sitz der Stadt waren. Es ist richtig, daß ein Teil der Forts sich noch hielt, aber sie feuerten nicht mehr. Seine Majestät wollte keinen Tropfen Blutes unserer Truppen durch Erstürmung der Forts unnütz verschwen den. Sie hinderten nichts mehr an der Durchführung der Absichten. Man konnte das Herannahen der schweren Artillerie abwarten und die Forts in Ruhe nacheinander zusammenschießen, ohne nur einen Mann zu opfern, falls die Fortsbesatzungen sich nicht früher ergaben. Aber über dies alles durfte eine gewissenhafte Heeresleitung nicht ein Wort ver öffentlichen, bis so starke Kräfte auf Lüttich nachgezogen waren, daß es kuch kein Teufel uns wieder entreißen konnte. In dieser Lage befinden wir uns jetzt. Die Belgier haben zur Behauptung der Festung, soviel sich jetzt übersehen läßt, mehr Truppen gehabt, als von unserer Seite zum Sturm antraten. Jeder Kundige kann die Größe der Leistung er messen. Sie steht einzig da. Sollte unser Volk wieder einmal ungeduldig auf Nachrichten warten, so bitte ich, sich an Lüttich erinnern zu wollen. Das ganze Volk hat sich einmütig unter seinem Kaiser zur Abwehr der zahlreichen Feinde ge schart, so daß die Heeresleitung annehmen darf, es werden von ihr keinerlei Veröffentlichungen erwartet, die ihre Absichten vorzeitig dem Feinde kundtun, und dadurch die Durchführung der schweren Aufgabe vereiteln könnten." Und nochmals, am 18. August, ergriff der Generalquartiermeister das Wort bezüglich des Geheimnisses von Lüttich: Das Geheimnis von Lüttich kann entschleiert werden. Uns waren Zwar Nachrichten zugegangen, daß vor Ausbruch des Krieges franzö sische Offiziere, und vielleicht auch einige Mannschaften, entsendet worden waren, um die belgischen Truppen in der Handhabung des Festungs- dienstes zu unterrichten. Vor Ausbruch der Feindseligkeiten war da- I5- 150 gegen nichts einzuwenden. Mit Beginn des Krieges war das Neutrali tätsbruch von Frankreich und Belgien. Wir mußten schnell handeln. Nichtmobilisierte Regimenter wurden an die Grenze geworfen und auf Lüttich in Marsch gesetzt. Sechs schwache Friedensbrigaden mit etwas Kavallerie und Artillerie haben Lüttich genommen. Danach wurden sie mobil und erhielten als erste Verstärkung ihre ersten Ergänzungsmann schaften. Zwei weitere Regimenter konnten nachgezogen werden, die -ihre Mobilmachung schon beendet hatten. Unsere Gegner wähnten bei Lüttich 120 000 Deutsche, die den Vormarsch wegen Schwierigkeiten der Verpflegung nicht antreten könnten. Sie haben sich geirrt. Die Pause hatte einen anderen Grund. Jetzt erst begann der deutsche Vormarsch. Die Gegner werden sich überzeugen, daß die deutschen Armeen gut ver pflegt und ausgerüstet sind. Seine Majestät hat sein Wort gehalten: ,An die Einnahme der Forts von Lüttich nicht einen Tropfen deutschen Blutes mehr zu setzen! Der Feind kannte unsere schweren Angriffsmittel nicht. Daher glaubte er sich in den Forts sicher. Doch schon die schwächsten Geschütze unserer schweren Artillerie veranlaßten jedes durch sie be schossene Fort nach kurzer Beschießung zur Übergabe. Die noch erhal tenen Teile der Besatzung retteten dadurch ihr Leben. Die Forts aber, gegen die unsere schweren Geschütze feuerten, wurden in allerkürzester Frist in Trümmerhaufen verwandelt, unter denen die Besatzung be graben wurde. Jetzt werden die Forts aufgeräumt und wieder zur Verteidigung eingerichtet. Die Festung Lüttich soll dem von unserem Gegner vorbereiteten Plan nicht mehr dienen, sondern dem deutschen Heere ein Stützpunkt sein." über den großen Potsdamer Platz bewegten sich täglich Züge um Züge von eingezogenen Leuten. Alle Lokale waren ewig überfüllt: keinen litt es zu Hause: die erregte Phantasie wartete immer auf neue Siegesnachrichten. Eine unerschütterliche Zuversicht trug alle. Man war bereit, jede unverbürgte Siegeskunde gläubig hinzunehmen. Es war das in jener Zeit, als überall in Berlin der Fall Belsorts gemeldet worden war. Überall hatte man damals brausende Hochs ausgebracht und angestoßen und Lieder gesungen. Vielleicht waren es Feinde des Landes gewesen, die solche Nachricht viel zu vorzeitig unters Volk trugen, um ihm durch die spätere nüchterne Aufklärung Niederge schlagenheit zu schaffen. Solche Niedergeschlagenheit trat aber nicht ein. Die Menschen waren wie die Kinder geworden, die sich schnell über jedes Versprechen freuen, aber auch schnell vergessen können, wenn der Blick auf anderes gerichtet wird.151 Ganz anders war das Bild auf dem Lande. Da war es viel stiller als sonst. Die besten jungen Kräfte waren fortgeholt worden. Ältere Leute und rührige Frauen mußten Männerarbeit verrichten. Im Gegensatz zu früheren Kriegszeiten drangen ja auch diesmal alle wich tigen politischen Meldungen ebenso schnell in die entferntesten Klein städte wie nach Berlin; es konnte sich nur um Minuten in der Verspätung handeln, so flott funktionierte jetzt überall das Nachrichtenwesen selbst der kleinsten Kleinstadt. Zum erstenmal bestand tatsächlich kaum ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Inhalt irgendeiner der größten Berliner Zeitungen und den Meldungen des kleinsten Provinzblättchens. Zur selben Stunde, in der das Berliner Rathaus seine Siegesfahne hißte, flaggte man auch in allen anderen Städten. Aber außer diesen Pressenachrichten drang nichts von großem Er leben in manche dörfliche Stille unserer Heimat. Unser Rittmeister in Klein-Grussow litt entsetzlich unter dieser Ruhe. Man hatte ihn noch immer vertröstet. Er war immer noch nicht an der Reihe. Vergebens tröstete ihn Doktor Meyer mit dem Hinweis, gerade diese seine einstweilige Entbehrlichkeit sei ja doch ein schönes Zeichen unseres Soldatenreichtums. Er wollte keinen Trost annehmen. Nicht dabei fein zu können! Wie weh das tat! Noch dazu, wenn man einen so prächtigen Feldpostbrief wie diesen über die Einnahme von Lüttich in der Täglichen Rundschau las! Donnerwetter! Und er las den ganzen Brief noch einmal mit leuchtenden Augen seiner Gattin nach dem Mittagessen vor: . . . Um ein halb ein Uhr nachts machte sich die Kompagnie fertig. Es war der Tag von Spichern und Wörth! Wir drückten uns die Hände zum Morgengruß: Heil und Sieg! Es war so gedacht: Zwei Forts von dem Gürtel um Lüttich sollten von der Brigade bei Morgengrauen gestürmt, der zwischen den Be festigungen liegende Geländeabschnitt von einem Bataillon unter Feuer gehalten werden. Die Gewehre werden entladen, die Seitengewehre aufgepflanzt, wir setzten uns in Marschrichtung: Micheroux Retinne Lüttich. Ein Schattenmarsch. Man weiß, die Bewohner der Dörfer führen nichts Gutes im Sinn. Sie haben über Nacht einen Unteroffizier von uns in die Hand geschossen. Sie haben einige Soldaten, die sich wund gelaufen hatten, überfallen, zu Boden geworfen, ihnen die Augen aus gestochen und sie mit den eigenen Waffen totgeschlagen. Vorwärts! Die Artillerie zieht nach vorn, um vor Micheroux in Stellung zu gehen, wir treten ins Dorf ein. Dasselbe Bild wie gestern152 in Herve. Hier ist der Versammlungsort der Brigade, daher kurzes Halten. Und schon beginnt der blutige Tanz. Vorn, wo die vierten Jäger stehen, knallt s auf einmal aus allen Fenstern. Der Mond hat sich hinter eine Wolkenbank verkrochen, es ist stockfinster. Darum sieht man das Feuer aus den Läufen sprühen. Nun ist der Kamps im Gange. Zwei Maschinengewehre richtet man gegen die Häuser. . . Rrrrrr Rrrrrr. Die Jäger dringen in die Fenster, holen ein paar Kerle, ein paar Flinten heraus. Da strahlt s aus der Kirche, von allen Fenstern, aus den Nebengassen hinein in die Kolonnen. Es wird unheimlich. Ich lasse meinen Zug laden und gebe Befehl, die Fenster der neben uns liegenden, Häuser zu beobachten, wo bis jetzt tiefe Ruhe herrscht. Sekunden sind vergangen, da blitzt es auf uns hernieder, das ganze Dorf wütet gegen unseren Durchzug. Das bringt Siedehitze, Wut. . . . Jedes Haus wird gestürmt, jeder Keller durchsucht, die Mordbuben zu finden. Wenn es doch Tag wäre! Es ist, als bräche das Jüngste Gericht herein, Kampf gegen unsichtbare Feinde, Brand, Vernichtung. Schritt um Schritt wird blutig erstritten. Auch aus dem Bahnhofsgebäude schießen sie. Immer noch Nacht. Das Dorf liegt hinter uns. Jetzt kommt anderes Ringen. Von irgendwo tobt der Feuerkampf zwischen Retinne und dem Fort Flärou. Die Schlacht setzt ein. Man hört das Summen der Gewehrkugeln, fuiich, fuiich! Die Maschinengewehre mähen und mähen und dazwischen das Grollen der Geschütze. Wir haben nicht Zeit zu Betrachtungen. Befehl kommt. Infanterie soll vor! Da zieht sich das Bataillon nach Retinne heran. Die Jäger hinterher. Im Dorfe ballt sich die Truppenmasse. Da hört man schon wieder das Zischen aus den Fenstern und sieht die Feuerstrahlen zucken! Hinein in den Soldaten tod. Der Major von M. marschiert mit mehreren Offizieren vor seinem Iägerbataillon: Alles mit, Kinder. Und dann fängt er an: Deutschland über alles! Alle stimmen ein. In das Summen und Knistern und Knattern klingt s wie Wogendrang, das Singen unserer wackeren Jungen! Der Major ist am Fuß verletzt: ,Wenn ich nur aushalte, bis es an den Gegner geht! Und so schreitet er weiter. Da konnte unser Oberst sein Regiment in die Feuertaufe führen. Alle Herzen schlagen ihm ent gegen: ,Vorwärts! Vorwärts, Schritt für Schritt. An ein Entwickeln von Schützen linien ist hier nicht zu denken, hier muß jeder wissen: das wollen wir, das tue ich darum! Die Regimenter sind längst durcheinander, alle be herrscht ein Wille: Ran an den Feind! Lüttich muß fallen!155 An einer Dorfecke empfängt uns der General: Kinder, unsere Kameraden vorn warten auf uns, kommt, ich führe euch Und im Sturm geht s vorwärts. Die Belgier haben zwei Haubitzen auf die Straße geschoben, aus denen unaufhörlich Tod und Verderben sprüht. Die haben sie genommen! Aber wie sieht die Straße von Retinne aus: Zu Haufen lagen sie zusammen. Hier einer, dem das Blut aus dem Schädel in langer Lache floß, dort vier, fünf, von einer niederstürzenden Mauer begraben, zerschmettert, dort zwei junge Offiziere, den Degen noch in der starren Faust und die Wut im Gesicht, da uuser Brigade kommandeur G. v. W. tot, da der Oberst v. P., da unser freundlicher Kamerad L Und so viele liebe, brave Kerle. Die schleppen jetzt zwei Kanonen ins Dorf hinein. Von jedem Re giment einige Offiziere dazu und zwei von der Fußartillerie: die Leute schieben die Geschütze, von den Schutzschilden gedeckt, vorwärts. Die Artillerieoffiziere laden, richten und ziehen ab. Wo aus einem Haus geschossen wird, da wird gehalten und eine Granate hineingefeuert. An einem Kohlenbergwerk am Ausgang des Dorfes setzten sich die Belgier fest, wir haben sie hinausgehauen. Wie s weiterging, kann ich nur andeuten. Das alte, schöne Signal zum Sturm hörte ich nur noch als Verwundeter. Aber als wir am 7. August in einer Bauernstube, die zu einer Verbandstätte eingerichtet war, lagen immer noch grollte der Kampf , da kam ein junger Offizier zu uns hereingestampft: ,Meine Herren, Lüttich ist unser! " Und dann hatte da Tante Helene einen Bericht des holländischen Journalisten Pisuisse über die Zustände in Lüttich während der Be schießung geschickt. Eine kleine Holländerin, die augenblicklich in meiner Pension wohnt, hat mir dieses farbige Stimmungsbild aus dem Telegraaf übersetzt. Pisuisse, Du entsinnst Dich wohl noch seiner, wie er hier mit einem Kollegen einen Kabarettabend gab? Du hast doch noch so herzlich über ihn gelacht. Nicht wahr, er war sehr komisch!" Ja ja, der Ritt meister entsann sich noch sehr gut, und aufmerksam las er seiner Frau vor: Während das Publikum den einrückenden belgischen Truppen zu jubelte, drangen die gewaltigen Explosionen und Erschütterungen von der Sprengung der äußersten Maasbrücken nach dem Platz vor dem Stadthaus, wo ich mich befand, und hoch in der Luft sah man nun auch deutlich die deutschen Granaten in ihrem feurigen Lauf zu ihrem Zer störungswerk. Wie ein Komet fährt eine solche höllische Bombe auf ihrem155 feurigen Schweif durch die Luft, und kaum habe ich sie in ein großes Haus an der Ecke der Rue de Madeleins und des Maaskais einschlagen sehen, so bricht bereits eine pechschwarze Rauchwolke durch das Dach, untermischt mit hellen Flammen, eine Vorprobe von dem, was zu er warten steht, wenn wirklich die Deutschen in dieser Nacht zum Bom bardement übergehen, überall sieht man die Bewohner der Kais ihre Fenster verbarrikadieren, und die wenigen Kaufläden in der Stadt, die noch offen waren, schloffen ihre Schaufenster, Hotels und Restaurants im Stadtzentrum waren bereits vom Morgen ab geschlossen. Die meisten von ihnen waren unter die Flagge des Roten Kreuzes gebracht und zur Aufnahme von Verwundeten eingerichtet worden. Noch fliegt hier und da eine einzelne Bombe in die Stadt, und es geht dann sofort das Gerücht, daß sie eingeschlagen habe. So steigt die Aufregung, wächst die Angst vor dem, was noch kommen soll. Plötzlich schweigt der Ka nonendonner draußen, wie man sagt, um beiden Parteien Gelegenheit zu geben, ihre Toten und Verwundeten wegzubringen: aber die Auf regung vermindert sich nicht, und ebensowenig legt sich die Angst. Im Gegenteil, diese steigert sich zu einer wahren Panik, die die Nicht kombattanten zu einer Flucht sn niasss treibt. Alles will nach Brüssel, oder wenigstens nach Tongeren, jedenfalls fort aus dieser Stadt, wo einem womöglich das Dach über dem Kopfe weggeschossen wird. Er greifende Szenen spielen sich da in der Rue Äe Guillemins und auf dem Bahnhofsplatz ab. Am Bahnhof ist es, als ob die Hölle losgebrochen sei. Ein paar Züge stehen vor den Bahnsteigen. Man weiß nicht, ob sie weggehen oder wohin, aber jeder will hinein. Man drängt sich an den Eingängen, stößt und drückt und schreit und jammert. Die Schwächsten werden niedergetreten, und Bahnhofsbeamte, Bürgergarde und Gen darmen stehen machtlos diesem Wirrwarr gegenüber, der erst ein Ende erreicht, als unter dem Fluchen, Schreien und Weinen der Zurück gebliebenen die letzten Züge abgedampft sind. Jetzt rüsten sich die Zu rückgebliebenen für diese Nacht des Schreckens, die sie erwarten. Man sieht sie Matratzen und Kissen zur Verbarrikadierung der Türen und Fenster schleppen sowie Lebensmittel und Kerzen. Am Beginne des Abends gegen 9 Uhr sitzen wir still beieinander in einem Hinterzimmer unter den mit Matratzen verdeckten Fenstern. Es fällt ein Schuß, der dicht hinter dem Hause einschlägt, so -daß der Donner die Scheiben klirrend zerspringen läßt, während ein Stück der Mauer sich in Schutt verwandelt. Dann wird alles still, unheimlich still, draußen und drinnen. In dem großen Keller unter dem Hause lagen schon ein paar Kinder, auf Matratzen schlafend. Pakete mit Kerzen stehen herum,155 Eimer mit Wasser, Hacken und Schaufeln, damit man Helsen kann, wenn das Haus einstürzt. Wir legen uns auf dem Flur des Hinter zimmers nieder. Die alten Frauen knien betend nieder. Um 1 Uhr nachts ertönt der Ruf:,Feuer! auf den Straßen, einige Stunden später wieder. Um 4 Uhr sehen wir helle Flammen hoch über der Stadt. Man sagt, die Zitadelle brennt, doch sehe ich mit dem Fernrohr, daß es nur Bäume und niedrige Häuser sind. Nun die Nacht vorbei ist, kehre ich nach meinem Hotel zurück, ein bißchen nüchtern und enttäuscht. Aus der Ferne klingt noch Geschützseuer, aber es ist ganz weit weg. Man spricht von einem erneuten Waffenstillstand, und ganz plötzlich kommt die Nachricht, die Deutschen ziehen durch die Stadt. Ich eile mich, mit Sack und Pack, denn wenn es wahr ist, muß ich gleich nach der Grenze, um zu telegraphieren. Und es ist wahr. Als ich aus den Theaterplatz komme, finde ich dort deutsche Grenadiere, sauber in Khaki- uniformen, auch die Helme mit einem Uberzug in gleicher Farbe. . . Himmel, mußte das ein Tag gewesen sein! Und daran durfte man nur so nebenbei auf dem Papiere mit teilnehmen! Es war, zum aus der Haut zu fahren! Das einzige, was ihn trösten konnte, war der Umstand, daß sein Hans wieder vernünftiges Zeug auf dem Leibe trug. In all der letzten öden Zeit hatte es ihn nur geärgert, wenn er nach dem Jungen gefragt wurde; nun hätte es ihn beinah gekränkt, wenn man sich nicht überall nach ihm erkundigt hätte. Er konnte es nicht verstehen, weshalb der Junge nicht sofort an irgendeine Front geschickt wurde. Er hatte jetzt aber wieder das stolzeste Zuvertrauen. Mehrere Bilder des Bengels standen auf seinem Schreibtisch. Um seine verbissene Langeweile zu betäuben, rackerte er sich den ganzen Tag auf dem Felde ab. Wenn er dann nach Hause kam, waren schon Signale verabredet für den Fall, daß eine dienstliche Abberufung für ihn eingetroffen wäre. Der eine Hund hatte ständig auf dem Hofe zu bleiben, um ihm am Halsband die ersehnte Meldung aufs Feld tragen zu können. Aber diese Meldung kam nicht, und es war schwer zu ent scheiden, wer mehr darunter litt, der Herr, der ewig umherstöberte, oder der Köter, der ewig warten mußte, ohne den Grund für dies Warten er raten zu können. Inzwischen war der deutsche Bäderdampfer Königin Luise", der von der Marineverwaltung übernommen war, beim Legen von Minen vor dem Kriegshafen an der Themsemünduug von einer englischen Torpedobootsflottille unter Führung des kleinen Kreuzers Amphion" angegriffen und gesunken. Aber auch Amphion" ging in diesem Kampfe156 zugrunde, indem er auf eine Mine lief. In Brüssel, Antwerpen, Paris fanden zahlreiche, wüste Ausschreitungen gegen die noch zurückge bliebenen Deutschen statt. In Mülhausen wurde auf einen Militär posten geschossen. In Königsberg trafen die ersten russischen Ge fangenen, Kosaken und Ulanen, ein. Ein deutsches Luftschiff sollte über Lunöville Bomben geworfen haben. Feldmarschall Lord Kitchener war zum englischen Kriegsminister ernannt worden. In Warschau sollte Revolution sein. Bei den Berliner Straßenbahnen wurden weibliche Schaffner eingestellt. Im Brüsseler Hospital sollten einem deutschen Soldaten die Augen ausgestochen sein. Bei Leipzig wurden Spreng bomben gefunden. In Belgien entbrannte der Franktireurkrieg. Das Wolffsche Telegraphenbureau verbreitete hierzu folgende offizielle Be kanntmachung: Die von den Kämpfen um Lüttich vorliegenden Meldungen lassen erkennen, daß die Landeseinwohner sich am Kampfe beteiligt haben. Die Truppen sind aus dem Hinterhalt und Ärzte bei der Ausübung ihrer Tätigkeit beschossen worden, gegen Verwundete wurden von der Be völkerung Grausamkeiten verübt. Ebenso liegen Meldungen vor, daß die französische Grenzbevölkerung gegenüber Metz aus dem Hinterhalt deutsche Patrouillen abgeschossen hat, es kann sein, daß diese Vorfälle durch die Zusammensetzung der Bevölkerung in jenen Industriebezirken hervorgerufen wurden, es kann aber auch fein, daß der Franktireur- krieg in Frankreich und Belgien vorbereitet ist und gegen unsere Truppen angewendet werden soll, sollte letzteres zutreffen und durch Wiederholung solcher Vorfälle erwiesen werden, so haben unsere Gegner es sich selbst zuzuschreiben, wenn der Krieg mit unerbittlicher Strenge auch gegen die schuldige Bevölkerung geführt wird. Man wird es den deutschen Truppen, welche gewohnt sind, Disziplin zu halten und den Krieg nur gegen die bewaffnete Macht des feindlichen Staates zu führen, nicht verdenken können, wenn sie in gerechter Selbstverteidigung keinen Pardon geben. Die Hoffnung, durch die Entfesselung der Leiden schaften des Volkes auf den Krieg einzuwirken, wird an der unerschütter lichen Energie unserer Führer und Truppen zuschanden werden. Vor dem neutralen Auslande sei aber schon zu Beginn des Krieges fest gestellt, daß es nicht die deutschen Truppen waren, die eine solche Form des Kampfes hervorriefen." Die deutschen Grenzschutztruppen im Oberelsaß wurden von feind lichen Kräften, die aus der Richtung Belfort vorgingen, angegriffen. Das Vorgehen der französischen Truppen wurde zum Stehen gebracht. Bei Altkirch gingen sie bereits wieder aus Belfort zurück. Unmittelbar157 nach Bekanntwerden der österreichischen Kriegserklärung an Rußland versuchten russische Kavalleriepatrouillen und Abteilungen über die Grenze vorzubrechen, wurden jedoch zum Rückzug genötigt. In Ost preußen fanden neue Grenzgefechte statt. Die Russen sperrten den finnischen Meerbusen. Die Engländer besetzten Togo. Die Nachricht, daß Rumänien an die Seite des Dreibundes getreten sei, wurde energisch dementiert. Der von Belfort ins Oberelsaß nach Mülhausen vorge drungene Feind, anscheinend das siebente französische Armeekorps und eine Infanteriedivision der Besatzung von Belfort, wurden von unseren Truppen aus einer verstärkten Stellung westlich Mülhausen in südlicher Richtung zurückgeworfen. Unsere Verluste waren nicht erheblich, die der Franzosen groß. Im Anschluß an den Sieg sandte der Kaiser folgendes Telegramm an das Armeeoberkommando im Oberelsaß: Dankbar unserem Gott, der mit uns war, danke ich Ihnen und den tapferen Truppen für den ersten Sieg. Sagen Sie allen beteiligten Truppen meinen kaiserlichen Dank, den ihr oberster Kriegsherr ihnen im Namen des Vaterlandes ausspricht." Serbien erklärte an Deutschland den Krieg, Frankreich brach seine diplomatischen Beziehungen mit Österreich ab. Beim Auszug des Leib garderegiments der Hohenzollern, des 1. Garderegiments zu Fuß, aus Potsdam, verabschiedete sich der Kaiser als Chef des Regiments mit einer Ansprache von seinen Grenadieren, in der er u. a. sagte: Ich erwarte von meinem ersten Garderegiment zu Fuß und meiner Garde, daß sie ihrer glorreichen Geschichte ein neues Ruhmesblatt hin zufügen wird. Die heutige Feier findet uns im Vertrauen auf Gott und in Erinnerung an die glorreichen Tage von Leuthen, Chlum und Saint Privat. Unser alter Ruhm ist ein Appell an das deutsche Volk und sein Werk und das ganze deutsche Volk bis auf den letzten Mann hat das Schwert ergriffen. Und so ziehe ich denn das Schwert, das ich mit Gottes Hilfe Jahrzehnte in der Scheide gelassen habe. (Bei diesen Worten zog der Kaiser das Schwert aus der Scheide und hielt es hoch über sein Haupt.) Das Schwert ist gezogen, das ich nicht, ohne siegreich zu sein, wieder einstecken kann, und wir alle werden dafür sorgen, daß es erst dann wieder eingesteckt wird. Dafür bürgt ihr mir, daß ich den Frieden meinen Feinden diktieren kann. Auf denn, in den Kampf mit den Gegnern und nieder mit den Feinden Brandenburgs. Drei Hurra auf unser Heer!" Eine vorgeschobene gemischte Brigade des französischen 15. Armee korps wurde von den deutschen Sicherungstruppen bei Lagarde inLothringen angegriffen. Die Franzosen wurden unter schweren Ver lusten in den Wald von Parroy, nordwestlich von Lunöville, zurück geworfen. Der Feind ließ in unserer Hand eine Fahne, 2 Batterien, 4 Maschinengewehre, über 1000 unverwundete Kriegsgefangene, über ein Sechstel der beiden Regimenter, die uns gegenüberstanden. Aus der Schlacht von Mülhausen gerieten in unsere Gefangenschaft 1v Offiziere, S13 Mann. Erbeutet wurden hier 4 Geschütze, 10 Fahrzeuge, eine große Anzahl Gewehre. Inzwischen machten unsere Unterseeboote einen kleinen Abstecher an der Ostküste Englands und Schottlands entlang bis zu den Shetlandinseln. Der Hafen von Daresfalam wurde von den Engländern angegriffen, der dortige Funkenturm zerstört. Die Öster reicher rückten in Russisch-Polen weiter vor. In Serbien wurde Schabatz besetzt. Durch Vermittlung einer neutralen Macht mußte unsern Feinden folgendes mitgeteilt werden: 1. Der französischen Regierung: Die Meldungen der deutschen Truppen lassen erkennen, daß, dem Völkerrecht zuwider, in Frankreich der Volkskrieg organisiert wird. In zahlreichen Fällen haben Landes einwohner unter dem Schutz der bürgerlichen Kleidung heimtückisch auf deutsche Soldaten geschossen. Deutschland erhebt Einspruch gegen eine derartige Kriegführung, die dem Völkerrecht widerspricht. Die deutschen Truppen haben Anweisung erhalten, jede feindselige Haltung der Lan deseinwohner mit den schärfsten Maßregeln zu unterdrücken. Jeder Nichtsoldat, der Waffen führt, jeder, der die deutschen rückwärtigen Ver bindungen stört, Telegraphendrähte durchschneidet, Sprengungen vor nimmt, kurz, in jeder Weise unberechtigt an der Kriegshandlung teil nimmt, wird sofort standrechtlich erschossen werden. Wenn die Krieg führung hierdurch einen besonders schroffen Charakter annimmt, so trifft Deutschland dafür nicht die Verantwortung: Frankreich allein ist verantwortlich für die Ströme von Blut, die sie kosten wird. 2. Der belgischen Regierung: Die königlich belgische Regierung hat Deutschlands aufrichtig gemeinte Anerbietungen, ihrem Lande die Schrecken des Krieges zu ersparen, zurückgewiesen. Sie hat dem deutschen, durch die Maßnahmen der Gegner Deutschlands gebotenen Einmarsch bewaffneten Widerstand entgegengesetzt. Sie hat den Krieg gewollt. Trotz der Note vom 8. August, in der die belgische Regierung mitteilt, daß sie dem Kriegsgebrauch gemäß den Krieg nur mit uni formierten Mannschaften führen werde, haben in den Kämpfen um Lüttich zahlreiche Leute unter dem Schutze bürgerlicher Kleidung an dem Kampf teilgenommen. Sie haben nicht nur auf die deutschen Truppen 15S159 geschossen, sie haben in grausamer Weise Verwundete erschlagen und Ärzte, die ihren Beruf erfüllten, niedergeschossen. Gleichzeitig hat in Antwerpen der Pöbel deutsches Eigentum barbarisch verwüstet, Frauen und Kinder in bestialischer Weise niedergemetzelt. Deutschland fordert vor der ganzen gesitteten Welt Rechenschaft für das Blut dieser Un schuldigen, für die jeder Zivilisation hohnsprechende Art der Krieg führung Belgiens. Wenn der Krieg von nun an einen grausamen Cha rakter annimmt, trägt Belgien die Schuld. Um die deutschen Truppen vor der entfesselten Volksleidenschaft zu schützen, wird von nun an jeder Nichtuniformierte, der nicht durch deutlich erkennbare Abzeichen als zur Teilnahme am Kampfe berechtigt bezeichnet ist, als außerhalb des Völkerrechts stehend behandelt werden, wenn er sich am Kampfe be teiligt, die deutschen rückwärtigen Verbindungen stört, Telegraphen drähte durchschneidet, Sprengungen vornimmt, kurz, m irgendeiner Weise unberechtigt an der Kriegshandlung teilnimmt. Er wird als Franktireur behandelt und sofort standrechtlich erschossen. 3. Der russischen Regierung: Meldungen aus unserem östlichen Grenzgebiete berichten übereinstimmend, daß die russischen Truppen, wo sie preußisches Gebiet betreten, gegen Ortschaften und deren wehr lose Einwohner sengend und plündernd vorgegangen sind. Besonders schwere Ausschreitungen werden aus den Gegenden von Schirwindt, Lyck und Soldau gemeldet. Deutschland erhebt vor der Öffentlichkeit Einspruch gegen eine solche dem Völkerrecht zuwiderlaufende Art der Kriegführung. Wenn durch sie die Kampfesweise einen besonders schroffen Charakter annehmen sollte, trifft Rußland dafür allein die Ver antwortung." Der Generalquartiermeister sah sich in denselben Tagen auch zu dieser Erklärung gezwungen: Es ist natürlich, daß unser Volk in diesen Tagen der Spannung auf jedes Gerücht achtet. Durch Weitertragung pflegen sich Gerüchte zu vergrößern, mag es sich um Erfolge oder Mißerfolge unserer Waffen handeln. So laufen Gerüchte um, daß ganze Regimenter vernichtet seien, z. B. das Regiment Gardedukorps. Dies wurde zu einer Zeit verbreitet, als das Regiment sich noch auf dem Transport befand und den Kriegsschauplatz noch gar nicht erreicht hatte. Auf der andern Seite wurden unmögliche Erfolge verkündet, so die Einnahme von Belfort. Es hieß sogar, kaiserliche Kraftwagen hätten die Ortschaften durchfahren und diese Nachricht kundgegeben. Solche Gerüchte können der Phan tasie entsprungen sein, sie können aber auch von feindlicher Seite ab-sichtlich verbreitet werden, um uns zu schaden. Denn auch ein vorge spiegelter Erfolg, wie der Fall von Belfort, kann Unheil anrichten, wenn sich die erweckte Hoffnung später als trügerisch erweist. Mit wie nie drigen Mitteln unsere Gegner arbeiten, mag die Nachricht beweisen, daß wir England eine Teilung der Niederlande zur beiderseitigen Ver größerung angeboten hätten, um Englands Neutralität zu erkaufen, über solche Kampfmittel wird ein höherer Nichter entscheiden. Alle diese Machenschaften beweisen nur, daß wir eine gute, gerechte Sache verfechten und unsere Gegner das Gegenteil. Unser opferwilliges Volk wird immer wieder aufgefordert, nur solchen Nachrichten über Kriegs ereignisse Glauben zu schenken, die der Generalstab veröffentlicht. Die meisten kennen den Krieg nur aus Erzählungen und Büchern. Auch dort spielt die Phantasie eine Rolle im guten wie im bösen Sinne. Die unendlichen Schwierigkeiten und Mühen, unter denen ein Erfolg in langer Zeit langsam heranreift und geerntet wird, kennen selbst nur wenige der Beteiligten. Wenn es Zeit ist, wird alles bekanntgegeben, aber nur so, daß wir dann nichts mehr zurücknehmen, sondern nur noch manches erweiternd hinzuzufügen haben. Wir halten das Versprechen, keinen Mißerfolg zu verschweigen und keinen Erfolg zu vergrößern. Auch einen etwaigen Mißerfolg, mit dem unter den schwankenden Ver hältnissen des Krieges immer gerechnet werden muß, wird unser starkes Volk ertragen, und ein Erfolg wird keine überschwenglichen Hoffnungen und keinen Ubermut erwecken, des sind wir gewiß." Am 16. August, morgens, kurz vor acht Uhr, verließ der Kaiser im Automobil das Schloß und begab sich zum Bahnhof, um die Ausreise ins Feld anzutreten. Obwohl die Zeit der Abfahrt geheim gehalten war, hatten sich am Schloß und in der Nähe des Bahnhofes zahlreiche Menschen eingefunden, die den Kaiser mit lauten Hurrarufen und Tücherfchwenken begrüßten. Die Hochrufe wechselten mit den Wünschen siegreicher Wiederkehr, und die Schutzleute, die die Straße abgesperrt hatten, konnten nur mit Mühe verhindern, daß sich das Volk von Berlin um den Wagen des Kaisers drängte. Angesichts der herzlichen Kund gebungen flog für einen Augenblick ein frohes Lächeln über die Züge des Kaisers. Vorher aber hatte er an den Oberbürgermeister von Verlin folgen den Erlaß gelangen lassen: Der Fortgang der kriegerischen Opera tionen nötigt mich, mein Hauptquartier von Berlin zu verlegen. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, der Berliner Bürgerschaft mit meinem Lebewohl innigsten Dank zu sagen für alle die Kundgebungen und Be- l60Die 1 omme1 sckluA ?um streite 3 ??bzug äer Gefangenen nach äer Übergabe von Maubeuge.weise der Liebe und Zuneigung, die ich in diesen großen und schicksals schweren Tagen in so reichem Maße erfahren habe. Ich vertraue fest auf Gottes Hilfe, auf die Tapferkeit von Heer und Marine und die uner schütterliche Einmütigkeit des deutschen Volkes in den Stunden der Ge fahr. Unserer gerechten Sache wird der Sieg nicht fehlen. Verlin im Schloß, den 16. August 1914. Wilhelm I. N." In das ernste Schauspiel des Welttheaters warf das kleine Fürsten tum Monako eine unfreiwillig komische Szene ein, indem es Ausländer deutscher oder österreichisch-ungarischer Nationalität auswies. Zwei russische Kavalleriedivisionen setzten das an der deutsch-russischen Grenze gelegene Städtchen Margrabowa in Brand, mußten sich dann jedoch gleich wieder über die Grenze zurückziehen. Die österreichisch- ungarischen Truppen warfen nach heftigen Kämpfen den Feind aus einer seit langer Zeit befestigten und stark besetzten Stellung auf den östlichen Uferhöhen der Drina in der Nähe von Loznica und Ljesnica. Dort so wohl wie bei Sabac wurden zahlreiche, mit großer Tapferkeit geführte Gegenangriffe der Serben abgewiesen. Die österreichisch-ungarischen Truppen setzten ihren Vorwärtsmarsch fort. Die Serben wurden in der Richtung auf Valjewo zurückgeworfen. Es wurden zahlreiche Ge fangene gemacht, viel Kriegsmaterial wurde erbeutet. Besondere Er wähnung verdient das Varasdiner Infanterieregiment Nr. 16, dessen Offiziere die Mannschaften unter den schwersten Verhältnissen in der altbewährten zähen Tapferkeit der stets kaisertreuen Kroaten zum sieg reichen Ziele führten. Das deutsche Unterseeboot 15 kehrte von einer Fahrt nach der englischen Küste nicht zurück. Das Generalkommando des I. Armeekorps konnte melden, daß gegen die Russen ein Gefecht bei Stallupönen stattfand, worin die Truppenteile des I. Armeekorps mit unvergleichlicher Tapferkeit kämpften, so daß der Sieg erfochten wurde. Mehr als 30M Gefangene und 6 Maschinengewehre fielen in unsere Hände. Viele weitere russische Maschinengewehre, die nicht mitgeführt werden konnten, wurden unbrauchbar gemacht. Mlawa, der Endpunkt der Bahn Marienburg Mlawa, die über Soldau führt, wurde von deutschen Truppen besetzt. Die Türkei kaufte die inzwischen glücklich im Hafen von Konstantinopel eingelaufenen deutschen Kreuzer Goeben" und Breslau" für 80 Millionen von Deutschland an. Die belgische Königsfamilie siedelte zusammen mit der Regierung von Brüssel nach Antwerpen über. Bayerische und badische Truppen schlugen die bis Weiler vorgedrungene 55. französische Jnfanteriebrigade über die Vo- gesen zurück. Die französische 5. Kavalleriedivifion wurde bei Pervez, 11 Arndt, Die Trommel schlug zum Streit .162 nördlich von Namur, zurückgeworfen. Unsere Truppen eroberten bei Tirlemont eine Feldbatterie, eine schwere Batterie, eine Fahne und machten MO Gefangene. Die Österreicher überschritten siegreich die Save. Die beiden kleinen Kreuzer Straßburg" und Stralsund" führten einen Vorstoß nach der südlichen Nordsee aus. Hierbei sichtete die Straßburg" unter der englischen Küste zwei feindliche Untersee boote, von denen sie eins auf größere Entfernung mit mehreren Schüssen zum Sinken brachte. Die Stralsund" kam ins Gefecht mit mehreren Torpedobootsgerstörern auf größere Entfernung. Zwei Zer störer erlitten schwere Beschädigungen. Und bann brachte der 21. August den ersten ganz großen Sieg in Lothringen! Nachmittags um halb vier wurde zum lauten Jubel der ganzen deutschen Bevölkerung folgendes bekanntgegeben: Unter der Führung S. K. H. des Kronprinzen von Bayern haben Truppen aller deutschen Stämme gestern in Schlachten zwischen Metz und den Vogesen einen Sieg erkämpft. Der mit starken Kräften in Lothringen vordringende Feind wurde auf der ganzen Linie unter schweren Verlusten geworfen, und viele Tausende Gefangene und zahl reiche Geschütze wurden ihm abgenommen. Der Gesamterfolg läßt sich noch nicht übersehen, da das Schlachtfeld einen größeren Raum einnimmt als in den Kämpfen von 1870 71 unsere gesamte Armee in Anspruch nahm. Unsere Truppen, beseelt von unaufhaltsamem Drang nach vor wärts, folgen dem Feind und setzen den Kampf noch fort. Berlin, 21. August, nachts. Die von unseren Truppen zwischen Metz und Vogesen geschlagenen französischen Kräfte sind heute verfolgt worden. Der Rückzug der Franzosen artete in Flucht aus. Bisher mehr als zehntausend Gefangene gemacht, mindestens fünfzig Geschütze er obert. Die Stärke der geschlagenen feindlichen Kräfte wird aus mehr als acht Armeekorps festgestellt." Der Kronprinz von Bayern erließ an seine Truppen folgenden Tagesbefehl: Meine braven Truppen! Ich spreche euch mit dankerfülltem Herzen meine höchste Anerkennung und Bewunderung aus. Ihr habt wie die Löwen gekämpft und bei stürmischem Anlauf einen an Zahl und Zusammensetzung überlegenen Feind geschlagen. Ich habe im felsen festen Vertäuen auf eure Kraft und Tapferkeit nicht gezögert, euch zum Angriff gegen diesen Feind vorzusenden. Aber noch ist nicht alles getan. Es gilt noch mit Aufbietung der letzten Kraft den Feind gänzlich niederzuringen und ihn so zu verfolgen, daß er nicht mehr zur Besinnung kommt. Dies ist die Aufgabe derii nächsten Tage, die Vollendung des Sieges zum Heile des Vaterlandes, zum Verderben der Feinde. Das Vaterland wird euch jeglichen Dank wissen! Ruprecht, Kronprinz von Bayern." Nach Eintreffen der Siegesnachricht zog in München eine große Volksmenge vor das Wittelsbacher Palais, um den König zu sehen, der König dankte mit folgenden Worten: Ich danke Ihnen allen, daß Sie gekommen sind, ich bin stolz auf meinen Sohn, daß unter seiner Führung ein so schöner Sieg erfochten wurde. Große Kämpfe aber haben wir noch vor uns. Wir stehen ja, wie Sie wissen, gegen eine ganze Welt von Feinden im Kampfe. Aber wir dürfen hoffen, daß dieser Anfang eine gute Vorbedeutung für die Zukunft sein wird. Daß wir uns gut schlagen werden, das habe ich nie bezweifelt. Wenn Gottes Segen mit der gerechten Sache ist und das ist ja immer der Fall , dann werden wir siegen, überallhin, gegen jeden Gegner."Neuntes Kapitel. Florian als Detektiv. Eines Mittags saß der Rittmeister wieder verdrießlich seiner Frau gegenüber beim Essen. Sie suchte ihn von seinen soldatischen Gedanken abzubringen, indem sie von ihrem Feldpostpaket sprach, welches sie dem Jungen schicken wollte. Er ist ja noch gar nicht im Felde." Aber man nennt das doch jetzt Feldpost!" meinte sie schüchtern. Das ist dann eben ein dummer Ausdruck. Daß der Bengel sich nicht geniert! Fehlte ihm denn irgendwas? Ich meine: war er krank? Warum schicken sie ihn denn nicht hinaus?" Du hast doch gehört, daß Lemke auch noch nicht draußen steht. Sie können doch nicht alle auf einmal an die Front geschickt werden. Die neuen Rekruten müssen ja wohl erst ausgebildet werden! Du wirst wohl auch nachher erst mal hier im Lande Rekruten ausbilden!" Liebes Kind, du siehst doch, daß ich noch gar nicht an der Reihe bin! Wenn ich aber erst mal an meinem Platze und im bunten Rock sein werde, so werde ich schon da hinterherstökern, daß ich nicht wie ein Schutzmann hier im Binnenland bleibe." Einige Zeitlang schwiegen die beiden und aßen. Wie bist du mit den Schnittern zufrieden?" Ich bin froh, daß ich sie nicht weggeschickt habe. Drüben Jahnkes haben all ihre polnischen Schnitter sofort auf die Bahn geschuppst, und sind sie nun los. Das hat der alte Jahnke nun davon, daß er immer auf die politischen Schwätzereien in Anklam gehört hat! Als wenn die ausländischen Kerls hier bei uns was zum Ausspionieren finden könnten! Wenn das Gesindel sein Essen und seinen Schlaf und seinen Fusel hat, ist es froh, wenn es an nichts weiter zu denken hat!" Die meisten haben ihre russischen und polnischen Schnitter ja wohl behalten. Was sollen die armen Leute auch jetzt bei sich zu Hause machen. Da fänden sie doch nichts zu ernten." ISS165 Aber wenn man nicht auf das Volk aufpaßt, geht die Arbeit nicht weiter. übrigens scheint der neue Vorschnitter ein ganz vernünf tiger Kerl zu sein." Es kam mir so vor, als wenn er mal was Besseres gewesen wäre. Hast du mal seine Hände gesehen?" Mag wohl allerlei verkommenes Volk mit darunter sein, was früher nicht geahnt hat, daß es noch mal so an Arbeit glauben müßte. Ich lasse mich nicht auf Gerede mit den Kerls ein." Wer ist denn das?" über den Hos kam eine zierliche, städtische Gestalt; wie es schien, ein noch junger Mann; ein Tagelöhner wies ihm den Weg zum Portal des Gutshauses. Der angekettete Hofhund hatte angeschlagen. Der Fremde war in weitem Bogen um die Hundehütte herumgegangen wie jemand, der mit ländlichen Einrichtungen wenig vertraut ist. Dann hörte man drin den Fremden die drei Portalstufen empor steigen. Es klopfte. Herein!" Der Rittmeister war aufgestanden, hatte sich der Tür zugewandt, blickte den Eintretenden ruhig an und sagte in seiner festen Art: Sie wünschen?" Es war Florian, der ins Haus gekommen war. Er stand da mit dem Hute in der Hand, daß man ihn wohl für einen Bittsteller halten mußte. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie hier störe: mein Name ist Doktor Schmidt: ich bin ein Bekannter Ihres Sohnes und Ihres Fräu lein Tochter: ich wohne im Hause Ihrer Frau Schwägerin; ich hätte Ihnen wohl Grüße von dort zu bringen gehabt, wenn ich mich von dort nach hier abgemeldet hätte. Aber " Ach, Sie sind Herr Florian Schmidt?" unterbrach ihn Mutter Peeck. Mein Sohn erzählte uns von Ihnen. Bitte nehmen Sie doch Platz." Florian mußte sich setzen. Trotz seiner Befangenheit merkte er es, daß der Name Florian Schmidt durch die Erzählungen Hans Peecks hier wohl nicht zur Berühmtheit gediehen war. Die guten Leute schienen in ihm einen Bittsteller zu wittern; und schließlich war er ja auch nichts anderes. Der Alte hatte seiner Frau einen Blick zugeworfen, und sie entfernte sich ganz ohne alle verbindlichen Abschiedszeremonien nach hinten durch die Schlafstubentür. Florian saß aus dem Sofa; der Rittmeister ihm gegenüber auf dem Stuhl. Ich bitte", hatte der Rittmeister gesagt.166 Sie haben ganz recht, Herr Rittmeister, wenn Sie zu glauben scheinen, daß ich mit einem Gesuch zu Ihnen komme. Aber ich habe wirklich gar keine anderen Beziehungen zu militärischen Kreisen: Sie als der Vater des Neffen meiner hochverehrten Gönnerin in Berlin sind meine einzige militärische Beziehung. Und die möchte ich ausnutzen. Ich lause nun schon seit längeren Tagen erfolglos von einer Kaserne zur anderen und werde überall wie ein lästiger Bettler abgewiesen oder in sinnloser Weise vertröstet. Ich habe ein paar Kollegen gehabt, die hatten gleich ihren Platz finden können; der eine ist schon gefallen. Der hatte eben Beziehungen zu einer Exzellenz in der Admiralität. So was hat eben nicht jeder. Man hat mir gesagt, wenn ich ein Pferd hätte und reiten könnte, oder wenn ich ein Motorrad hätte, wäre ich schon längst ausgehoben worden, aber leider habe ich gar keine Kenntnisse von solchen Dingen. Ich habe auch noch niemals geritten." Und da kommen Sie zu mir, junger Mann, als wenn ich Ihnen helfen könnte, wo ich doch selber mich darüber ärgern muß, daß man mich hier versauern läßt! Aber auf alle Fälle danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen!" Mit diesen Worten war Vater Peeck aufgestanden und hatte dem jungen Manne die Hand gedrückt. Im stillen machte er sich selbst ein Kompliment über seine gesellschaftlich geschickte Anbringung des Dankes für das Vertrauen, welche ihm ermöglichte, den schicklichen Handgruß zu tauschen. Um Gottes willen! Was haben Sie für ne Hand! Die ist ja wie ne Kinderhand!" Und dann kam dem großen Manne ein väterliches Mitleiden mit dem verlaufenen Kinde, das die rohe Zeit aus seiner Friedenswelt ver jagt hatte, und er meinte: Wir sprechen in Ruhe darüber, Herr Doktor! Wie sind Sie denn hergekommen?" Ich fand leider in Anklam keinen Wagen " Das ist in dieser Zeit begreiflich." . . . und da mußte ich denn zu Fuß gehen." Sie müssen sich jetzt erst mal ruhen. Kommen Sie, geben Sie den Hut her. Line, Line! Nimm dem Herrn mal den Mantel ab! Sagen Sie meiner Frau Bescheid, Herr Doktor Schmidt aus Berlin wäre hier. Sie möchte mal herkommen. Da bist du schon, Mudding. Also das ist meine Frau, Herr Doktor. Herr Doktor Schmidt kommt von deiner Schwester. Sie haben ihn in Berlin und anderswo in den Kasernen nicht brauchen wollen "167 Man hat mich nicht einmal untersuchen wollen. Es waren zu viele da, die sich bewarben. Es war schrecklich!" Ja," meinte Mutter Peeck, die jungen Leute sollen doch noch warten, bis sie herankommen, und keine Dummheiten machen. In der Zeitung stand ja gestern sogar, daß welche, bloß weil sie nicht gleich an genommen waren, Selbstmord begangen haben." Ja, aus solchen Gründen begehen heute die jungen Leute Selbst mord. Früher taten sie das bloß aus verschmähter, unglücklicher Liebe." Da sagte Florian ganz schlicht: Ich glaube, verschmähte, unglück liche Liebe ist es dann heute in solchem Falle ja wohl auch." Der Rittmeister sah ihn lächelnd an: Erst müssen Sie aber zu sich kommen und erst mal ordentlich essen. Eine Exzellenz bin ich ja nicht; aber vielleicht kann ich Ihnen helfen." Sie sind wirklich sehr gütig!" sagte Florian, indem er sich mehr nach der Hausherrin hin verneigte. Sie müssen etwas essen. Line bringt Ihnen gleich etwas. Schade, daß Sie sich nicht angemeldet hatten. Meine Schwägerin erzählte mir von Ihnen. Ich kenne Ihren Namen ja schon lange Zeit. Sie sind ja doch der Herr, der aus dem Japanischen übersetzt. Das sieht man wohl auch Ihren Fingern an. Da bringt Ihnen Line schon was. Nehmen Sie, bitte, so fiirlieb. Was trinken Sie denn? Gar nichts? Sind Sie so mäßig? Ich gönne mir allerdings an Alltagen das Bier auch erst nach der Arbeit. Da sind Sie anders als mein Junge." Ich glaube, Herr Rittmeister, daß mein Weg sich sonst wenig mit dem Wege Ihres Herrn Sohnes kreuzte: wenn wir auch nachbarlich ver kehrten; er war doch immer ganz und gar der Soldat, der er jetzt wieder werden möchte, und ich hätte nie von Schlachten oder auch nur von Manövern geträumt." Sie mußten sich doch schon mal zum Dienste stellen?" Jawohl, in Rostock. Aber man konnte mich damals noch nicht brauchen. Und ich leugne Ihnen gegenüber gar nicht, Herr Rittmeister, daß ich damals herzlich froh war, daß die Menschen mich damals in der Kaserne nicht brauchen konnten! Die damalige Dienstzeit erschien mir bloß als eine gräßlich blöde Unterbrechung meiner Studien. Im tiefsten Landesfrieden glaubte ich auf rein friedlichem Gebiete dem Staate mehr sein zu können. Jetzt ist das natürlich ganz was anderes." Ja, jetzt ist das natürlich ganz was anderes. Während Sie mir da erzählen, fällt mir ein, daß ich schon von meinem Sohn darüber ge hört hatte. Ihre Frau Mutter war Engländerin, nicht wahr?" Jawohl, Herr Rittmeister. Mein Vater war Bremer." Dann sind Sie also eigentlich nicht nur halber, sondern zu drei Vierteln Engländer?" Sie belieben zu scherzen. Aber früher, so vor ein paar Jahr zehnten, mochte es so gewesen sein, wie Sie sagen." Aber nun wollen wir nicht sprechen; nun essen Sie erst mal." Florian aß mit Appetit. Diese für einen Großstädter fast befremd liche Stille, die nicht wie ein leeres Nichts erschien, sondern wie eine kompakte Masse, die gegen die Fensterscheiben drückte, wirkte auf ihn unsagbar tröstend und beruhigend. Diese ganze, ihm so wildfremde Welt schien ihm so sicher gegründet, daß er ein Ruhegefühl empfand, das ihn weich und beinahe müde stimmte. Mutter Peeck versorgte ihn mütter lich still beim Essen. Schweigend mußte er sie mit ihrer Schwester ver gleichen. Wie verschieden waren diese beiden Frauen! Und wie ähn lich doch. Es fiel Florian auf, daß diese Hausfrau, die ewig an der Seite eines stets lebhaften Mannes waltete, daß diese Mutter der beiden großen Kinder doch eigentlich in ihren Zügen viel mehr Mädchenhaftes hatte als ihre kinderlose Schwester. Der Rittmeister war Fenster getreten und schaute hinaus, denn es war die Zeit gekommen, in der Post erwartet werden konnte. Als endlich ganz hinten von der Dorfstraße her die Gestalt Grave lottenschmidts auftauchte, griff der Rittmeister zum Fernglas. Es scheint was angekommen zu sein! Gravelottenschmidt schwenkt die Mütze!" Der Rittmeister ging aus dem Zimmer. Draußen nahm er dem Alten die Briefe ab. Nach ein paar Augenblicken trat er erregt wieder ins Zimmer: Gott fei Dank, ich kann hier wegkommen! Zuerst mal nach Spandau!" Nehmen Sie mich mit, Herr Rittmeister!" Wollen schon sehen, was sich machen läßt, junger Mann!" Also nach Spandau?" Iawoll, Mudding: zu packen brauchst du ja nicht mehr. Morgen früh fahren wir los. Ich nehm Sie mit, Doktor." Vielen Dank, Herr Rittmeister." Hier ist auch ein Brief vom Bengel! Gott sei Dank, kommt der jetzt auch an die Front! Nach dem Osten! Er schreibt, er dürfte nicht sagen, wohin. Er wäre wohl lieber nach dem Westen gefahren!" Wenn man eine Wahl haben könnte," meinte Florian, möchte ich wohl lieber nach der russischen Grenze." ISS169 Sie haben wohl englische Vettern da drüben? Mit denen möchten Sie wohl nicht gern kämpfen?" Ich habe viel Freunde in England und Frankreich. Ich würde wohl nicht gerade zufällig auf sie stoßen. Aber es wäre mir doch ein unfreundlicher Gedanke. Vielleicht könnte ich auch im Osten nützlicher sein, weil ich als Dolmetscher mit meinem Japanisch dienen könnte." Verstehen Sie auch russisch?" Ein ganz wenig Russisch und etwas Polnisch." Wenn Sie das in solchem Tone sagen, wird s wohl soviel sein, daß so einer, wie mein Bengel, gefährlich mit seiner Kenntnis herum fuchteln würde!" Ihr Herr Sohn würde bei seiner soldatischen Gewandtheit wohl auch mit wenig Grammatik auskommen können!" Der Rittmeister lächelte. Er konnte diesem jungen Manne, den sein Sohn ihm gegenüber so verurteilt hatte, ganz gerecht werden. In ihm lebte noch immer der pädagogische Scharfblick, den sich so mancher Offizier vor seiner Front erwirbt, und der ihn befähigt, mancherlei Art von Menschenkindern zu verstehen. So, Sie können auch etwas Polnisch? Wir haben hier russische und polnische Schnitter! Ich weiß nie, wo der Russe aufhört und der Pole anfängt. Man erkennt die Polen höchstens daran, daß sie Sonntags nach Anklam in ihre katho lische Kapelle gehen." Ich dachte, die ausländischen Schnitter wären in ihre Heimat ab geschoben?" In anderen Gegenden sind die Leute so dumm gewesen. Wir haben die Arbeitskräfte ruhig hierbehalten. Rauchen Sie, Herr Doktor? Ich muß jetzt aufs Feld. Sie können mich begleiten. Aber mit den Stiefelchen wird es nicht gehen. Line kann Ihnen hohe Stiefel von meinem Jungen geben. Line! Die Stiefel vom jungen Herrn, die rechts beim Schranke stehen! Oder gehen Sie vielleicht lieber hin über zu Line und ziehen Sie sie sich an. Nehmen Sie sich da auch einen vernünftigen Stock. Wir gehen dann übers Feld." Der Alte war in rosigster Stimmung. Irgendwelche agrarischen Sorgen lasteten nicht mehr auf ihm. Als er Florian auf dem Flur in den ungewöhnten Schaftstiefeln trampsen hörte, verließ er das Zim mer und ging auf den Hof, um den Köter von der Kette loszumachen. Dann kam er noch einmal wieder mit Florian ins Zimmer: Ich Hab ganz vergessen: Ist sonst noch Post da?" Mutter Peeck trat an den Schreibtisch, auf dem die Postsachen lagen: Nein, Vater, nur gleichgültige Drucksachen und die Zeitung."170 Wird auch nichts Neues drinstehen." Er wandte sich zum Gehen. Da sagte seine Frau so ganz ruhig, während ihre Augen auf die erste Seite des Zeitungsblattes blickten: Hier steht: ,Japan hat uns den Krieg erklärt! " Pfui Deibel!" sagte der Alte. Na, Dötting, dann können Sie doch vielleicht noch mal als japanischer Dolmetscher herangeholt werden. Wenn auch anders, als Sie sich bas dachten." Ist das wirklich eine amtliche Mitteilung?" fragte Florian. Mutter Peeck gab ihm das Blatt. Sie sah den Schmerz und Schrecken in seinem Gesicht und hätte ihm gern ein freundliches Wort gesagt. Sie fühlte aber, daß sie wohl nicht das richtige Wort finden konnte. Es lagen eben Welten zwischen seinem Leben und ihrem Leben, wie sie zwischen den Sorgen und Freuden ihres Jungen und den Gedanken dieses jungen Mannes lagen. Und sollte nun alles in dieselbe Uniform gesteckt werden? Zum ersten Male spürte Mutter Peeck das ganz Seltsam-Große der Zeit. Und Florian las mit bewegter Stimme: Der hiesige japanische Geschäftsträger hat im Auftrag seiner Re gierung dem Auswärtigen Amt eine Note übermittelt, worin unter Be rufung auf das englisch-japanische Bündnis die sofortige Zurückziehung der deutschen Kriegsschiffe aus den japanischen und chinesischen Ge wässern oder die Abrüstung dieser Schiffe, ferner bis zum IS. September die bedingungslose Übergabe des gesamten Pachtgebietes von Kiautschou an die japanischen Behörden und die unbedingte Annahme dieser For derungen bis zum 23. August verlangt wird." Das Ultimatum lautet in deutscher Übersetzung: Die kaiserlich japanische Regierung erachtet es in der gegenwär tigen Lage für äußerst wichtig und notwendig, Maßnahmen zu ergreifen, um alle Ursachen der Störung des Friedens im fernen Osten zu beseiti gen und das allgemeine Interesse zu wahren, das durch den Bündnis vertrag zwischen Japan und Großbritannien ins Auge gefaßt ist, um einen festen, dauernden Frieden in Ostasien zu sichern, dessen Herstellung das Ziel des besagten Abkommens bildet. Sie hält es deshalb auf richtig für ihre Pflicht, die nachstehenden beiden Vorschläge auszu führen: 1. Unverzüglich aus den japanischen und chinesischen Gewässern die deutschen Kriegsschiffe und bewaffneten Fahrzeuge jeder Art zurück zuziehen, und diejenigen, die nicht zurückgezogen werden können, alsbald abzurüsten, 2. bis spätestens den 15. September 1914 das gesamte Pacht gebiet von Kiautschou bedingungslos und ohne Entschädigung den kaiser lich japanischen Behörden zu dem Zwecke auszuantworten, es eventuellan China zurückzugeben. Die kaiserlich japanische Regierung kündigt gleichzeitig an, daß, falls sie nicht bis zum 23. August 1914 mittags von der kaiserlich deutschen Regierung eine Antwort erhalten sollte, die die bedingungslose Annahme der vorstehenden, von der kaiserlich japanischen Regierung erteilten Ratschläge enthält, sie sich genötigt sehen wird, so vorzugehen, wie sie es nach der Lage der Sache für notwendig be finden wird." Gleich darunter stand in Bestätigung der Mitteilung des japanischen Ultimatums folgendes Telegramm. Florians Augen leuchteten heiß auf, als er die wenigen, aber so viel besagenden Worte las: Einstehe für Pflichterfüllung bis aufs äußerste. Gouverneur." Und dann las Florian weiter, immer schneller bewegten sich seine Lippen: Deutsche Antwort auf das Ultimatum Japans. Berlin, 23. Aug. Dem Berliner japanischen Geschäftsträger ist heute nachstehende münd liche Erklärung abgegeben worden: ,Auf die Forderung Japans hat die deutsche Regierung keinerlei Antwort zu geben; sie sieht sich daher veranlaßt, ihren Botschafter in Tokio abzuberufen und dem japanischen Geschäftsträger in Berlin seine Pässe zuzustellen " Vater Peeck paffte den Zigarrenrauch in die Luft, als wollte er ein paar Mücken verscheuchen, und meinte: Die gelben Affen! Werden sie schon noch kleiner kriegen als sie sind!" Dann gingen die beiden Männer aus dem Zimmer. Sie gingen über den großen Hof. Der Hund sprang mit seinen ländlich-dreckigen Pfoten immer an Florian empor, und der Rittmeister achtete gar nicht darauf und verbot dem Tiere das gar nicht. Das schien hier so eben Sitte zu sein. Florian fühlte, daß er noch viel zu lernen hätte; nicht nur im Geben, sondern auch im Empfangen von Liebe. Als die beiden an einem Dorfteich vorbeigingen, mußte Florian unwillkürlich einen Augenblick stehenbleiben. Der Nachmittagshimmel spannte sich wie gestrafft in wundervollem Stahlblau, und grau schim merte der Teich, in dem sich die Fensterblumen einer Tagelöhnerskate grell spiegelten. Ein paar Enten ruderten im Wasser. Florian mußte daran denken, daß dieses Bild, wenn da nur Schwäne statt der Enten gewesen wären, ganz die Stimmung wiedergegeben hätte, wie sie aus einem der japanischen Gedichte sprach, das er übersetzt hatte; Maria Asten hatte es so wundervoll und so gern gesungen. Hieran dachte Florian: er äußerte diese Gedanken nicht, weil er ganz richtig vermutete, daß erstens das Bild dieses Teiches wohl in der Seele des Rittmeisters172 ganz andere Vorstellungen hervorzaubern mochte, und daß der alte Herr gerade heute wohl nicht empfänglich für den Stimmungszauber der japanischen Lyrik sein würde. Die beiden Männer gingen weiter. Sie gingen an Scheunen vor bei und kamen aufs Feld. Hinten sah man die Russenschnitter bei sammenstehen. Sprechen Sie mit den Leuten Russisch oder Polnisch, Herr Ritt meister?" Das fällt uns hier gar nicht ein. Dann kämen hier nächstens Chinesen und würden auch noch verlangen, daß man sie in ihrem Kauder welsch begrüßte. Ich muß mal mit dem Kerl sprechen." Der Rittmeister war an den Haufen der Schnitter herangekommen. Florian setzte sich an einen Grabenrand und wartete. Der Hund, dessen stürmische Zärtlichkeit sich allmählich etwas gelegt hatte, lag ruhig neben ihm und beschnupperte ihn nur noch zuweilen. Ein goldener Laufkäfer kletterte über Florians Stiefel: der Hund wollte täppisch nach -dem Tier schnappen. Florian wehrte ihn. Der Köter sah mit großen, erstaunten Augen den neuen Gast an, als wittere er etwas von dessen Fremd artigkeit. Eine weiße Scheunenwand spannte das Bild der Schnitter vor seinen Augen wie in einen Bühnenrahmen. Die weiße Kalkwand hatte tagsüber viel Sonnenschein in sich gesogen, den sie jetzt wie magisch aus strahlte. Es ging Florian wie je. Tausend Schönheiten, wie sie ihm die Welt täglich schmeichelnd schenkte, stürmten auf ihn ein: er sah den Rittmeister mit dem Vorschnitter sprechen; hörte den vollen, nord deutschen Glockenklang seiner Stimme. Das Gesicht des Vorschnitters war ihm abgewandt. Das konnte er nicht sehen. Vom Dorfe her klang der blecherne Ton der Turmglocke. Das klang wie ein Zauberzeichen, als sollte jetzt irgendeine märchenhafte Verwandlung vor sich gehen. Ein paar der anderen Schnitter, die abseits standen, hatten neugierig auf Florian geblickt; dann aber schienen sie von anderen Dingen zu sprechen. Der Rittmeister hatte seine Befehle gegeben. Er wandte sich zum Weitergehen. Der Vorschnitter hatte grüßend Ken Hut gezogen und sich verbeugt. Und in diesem Augenblick war Florians Märchentraumbild zer rissen worden! Er war aufgesprungen, so daß der junge Köter unruhig wurde und kläffte. Er war langsam auf den Vorschnitter zugegangen, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Und als wäre in dieser einen Sekunde aus ihm ein Mann geworden, legte er dem Vorschnitter die Hand auf die linke Schulter und sagte fest und hart: Guten Abend, Herr Luschin! Ich erkenne Sie! Was suchen Sie hier?" Der Vorschnitter sah mit kalten, ruhigen Augen auf Florian. Dann schüttelte er sich etwas, um Florians Hand von seiner Schulter los zu werden, und blickte mit unverschämtem Lächeln zum Rittmeister hin über. Meint der Herr mich?" Dabei spie er gleichgültig den Kautabak zur Erde, den er bis dahin im Munde versteckt gehalten hatte. Der Rittmeister schob den jungen Köter, der den auf der Erde liegen den Kautabak apportieren wollte, mit dem Stock beiseite. Kusch! Sie sehen doch, daß Sie gemeint sind. Heißen Sie denn Luschin? Ich denke, Sie heißen Biorinski?" Florian empfand im Nu die abfällige Kritik seiner Persönlichkeit, die aus dieser rhetorischen Frage sprach. Er stand hoch ausgerichtet: beinahe soldatisch. Herr Rittmeister, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß allein aus Sie die Verantwortung fällt, wenn Sie diesen Herrn Luschin, den ich ganz genau kenne, nicht dingfest machen und abliefern. Er ist ein Spion!" Der Vorschnitter hatte grinsend seinen Leuten eine Gebärde ge macht, die andeutete, daß der Ankömmling wohl ein Irrsinniger wäre. Die Leute lachten. Der Rittmeister schien es nicht zu bemerken. Vorschnitter, wie heißen Sie?" Biorinski." Haben Sie Ihre Papiere da?" Hier." Der Rittmeister nahm die Papiere entgegen und sah auf Florian, als wollte er sagen: Was sagen Sie nun?" Florian sah gar nicht nach den Papieren hin. Herr Rittmeister, dieser Mann, oder richtiger dieser Herr, kann erst kurze Zeit bei Ihnen fein." Das stimmt." Ja, das weiß ich ganz genau. Denn am 1. August war er noch mit uns in Leipzig. Da sah er sauberer gewaschen aus; aber ich erkenne ihn doch wieder. Was macht Ihr Freund, der Marquis, Herr Luschin?" Ich kenne ihn nicht." Dem Rittmeister schien die Situation geradezu peinlich zu sein. Er mußte sehen, wie die Leute lachten und tuschelten; und solche Ntuation war ihm etwas Fremdes und Bedrückendes. In solchem Falle gab es für ihn nur einen Selbstschutz, nämlich die hanebüchene Grobheit. Aber I7Z175 gegen wen sollte er hier grob werden? Gegen den hiesigen Arbeiter oder den Außenseiter? Gegen den stillen Menschen, der sich hier in nüchterner Tätigkeit bewährt hatte, oder gegen den gewerbsmäßigen Romantiker, der hier natürlich gleich wieder ein Abenteuer erleben mußte. Daneben wirkte es rührend aus ihn, daß Luschin jetzt mit dem Hute in der Hand dastand, und wie mit treuen Köteraugen auf ihn, als auf seinen Herrn, blickte und fragte: Können wir nun gehen?" Am liebsten hätte der Rittmeister das einfach erlaubt. Aber Florian erklärte noch einmal ganz heftig und ganz unhöflich: Herr Rittmeister, ich melde Ihnen als dem Rittmeister amtlich, daß dieser Mann nicht das ist, was er Ihnen scheint! Ich kenne ihn ganz genau! Ich verbürge mich dafür!" Da sah der Rittmeister den jungen Menschen lange an, sah sich ge ruhsam ringsumher um, und als er hinten auf der Chaussee ein paar seiner Tagelöhner gehen sah, pfiff er das im ganzen Dorf bekannte Signal. Der Ton seines Pseisens war durchdringend. Die Leute beeilten sich. In diesem Augenblick hatte auch der Vorschnitter umhergespäht, und ehe er daran verhindert werden konnte, sprang er davon! Florian wollte ihm nacheilen. Der junge Hund dalberte hinterher und schien alles für Spaß zu halten. Der Rittmeister gab in einemsort sein schrillendes Signal. Einige der polnischen Arbeiter beteiligten sich an der Verfolgung: die beiden Tagelöhner gleichfalls; Florian war allen voran; aber die Entfernung zwischen dem Vorschnitter und den ihm Nachhetzenden wurde immer größer. Der Fliehende war über Acker felder dahingerast und über einen ausgetrockneten Graben gesprungen. Der Rittmeister stand breitbeinig ruhig da und gab nur immerfort seinen gellenden Pfiff. Dies Pfeifen hatte Erfolg. Der Vorschnitter lief auf der hinten liegenden Chaussee ein paar Männern gerade in die Arme. Er wurde festgenommen. Ein junger Schmied vom Nachbardorf und ein Schlossergeselle hatten ihn ergriffen. Der Vorschnitter schimpfte allerlei auf polnisch. Er hätte seinen Hut verloren. Einer der Leute brachte ihm den. Er hatte auch seinen Stock da irgendwo im hohen Gras verloren; an den schien er nicht mehr zu denken. Als er wieder vor dem Rittmeister stand, machte er ein verächtliches Gesicht und sagte nur das eine Wort: Dummheit!" Der Rittmeister, der jetzt ärgerlich geworden war, sagte: Jetzt wollen wir der Dummheit auf den Grund kommen! Nun kommst du mit. Ihr haltet ihn fest und paßt auf, daß er nicht wieder175 wegläuft. Ich gehe hinterher und schieße, wenn wieder hier geflohen werden sollte!" Schweigend und mißvergnügt ging man aufs Gutshaus. Herr, wohin sollen wir mit dem Mann?" Ihr beiden kommt mit mir. Ich telephoniere gleich nach An- klam in die Kaserne. Ihr bleibt in der Nähe mit ihm." Mit Florian sprach der Rittmeister während des ganzen Weges kein Wort. Florian ging auch nicht neben ihm, sondern oin paar Schritte vor ihm, um immer die Züge des Vorschnitters beobachten zu können. Der pfiff sich ein Lied. Schnauze halten!" schrie der Rittmeister. Als man im Gutshause angekommen war, wurde der Gefangene mit seinen beiden Wächtern in einen leeren Keller gebracht. Ihr paßt gut auf auf den Mann. So, nun kommen Sie, nun wollen wir telephonieren." Oben, im großen Zimmer, ging der Rittmeister sofort Telephon. . . . Jawohl. Hier Rittmeister Peeck. Könnten Sie Leute herschicken, um einen Mann zu verhaften? Jawohl. Es ist ein Vorschnitter bei mir. Er heißt Biorinski. Jawohl, derselbe Biorinski ist es. Hier kam eben ein Herr aus Berlin an, der mit Bestimmtheit behauptet, er kenne den Mann, und es wäre ein Herr, den er in Berlin in der Gesellschaft kennen gelernt hätte, und der Luschin hieße; der Herr aus Berlin meint, es wäre ein Spion. Jawohl. Danke bestens. Jawohl. Wir warten also hier. Danke schön!" Nachdem er ausgesprochen hatte, griff er in die Zigarrenkiste. Na, stecken Sie sich man auch eine an." Florian sagte: Dies ,na bedeutet wohl, daß ich es eigentlich nicht verdiene, und daß ich hier eigentlich wohl nur unnütze Störung treibe." Der Rittmeister sah den Jungen väterlich an: Aber Menschenskind, nun sagen Sie doch bloß: Könnten Sie sich nicht irren? Wenn das Ihnen auch so vorkommt, als müßten Sie den Herrn absolut wiedererkennen, könnte da nicht eine Täuschung vorliegen? Gerade wo Sie in dem Hause meiner Schwägerin wohnen, kommen Ihnen doch täglich so schreck lich viel Menschen vor Augen! Da könnte man sich doch mal irren und einen wildfremden Menschen, dem man nie im Leben begegnet, für einen alten Bekannten halten!" Gerade heute bin ich meiner Sache ganz sicher!" Wieso gerade heute?" Ich erlebte heute morgen etwas in Anklam, was mir die feste Über zeugung gibt, daß ich mich nicht täuschen kann!"176 Warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt? Was ist denn da noch geschehen?" Die Geschichte hängt vielleicht nicht so mit dieser zusammen, wie Sie meinen möchten, Herr Rittmeister. Aber ich kann Sie Ihnen gern erzählen." Wir haben ja jetzt Zeit zum Erzählen, junger Mann. Wir müssen hier schon warten, bis die Leute aus Anklam kommen. Und der Bio- rinski, oder wie Sie ihn sonst nennen, muß sich auch solange gedulden. Bitte, bedienen Sie sich doch: die Streichhölzer stehen da drüben bei Ihnen. Also schießen Sie man los!" Der Rittmeister hatte sich tief in den großen Stuhl gelehnt. Florian war nervös aufgestanden und stand jetzt mit seiner Zigarre am Ofen. Als ich heute morgen durch Anklam ging," sagte er mit seiner weichen Stimme, die immer so klang, als wenn er zu melodramatischer Begleitung spräche, wollte ich mir ein Auto suchen." Weiß ich schon, weiß ich schon." Ja, und als ich da durch die alten Straßen Anklams ging, da kam ich auch in eine der kleinen Nebenstraßen, ich habe den Namen der Straße vergessen " Tut gar nichts, wt gar nichts! Weiter!" Da kam ich in eine der kleinen Nebenstraßen, in der ein einfacher Kolonialwarenladen lag: es lagen da einige Säcke mit Kartoffeln vor der Tür, und zwischen den Säcken stand eine kleine Bank, auf der nur ein Mensch Platz hatte, und auf dieser Bank saß ein etwa sechzigjähriger Mann in Hemdsärmeln, der aus einem wundervollen, alten Pseifenkopf rauchte." Kenne ihn, kenne ihn! War Drews. Der alte Drews. Aber zum Donnerwetter, Mensch, erzählen Sie mir doch keine verrückten Ge schichten! Was hat Drews und sein Pfeifenkopf mit meinem Vorschnitter zu tun? Drews hat Ihnen doch nichts erzählt? Der tut ja den ganzen Tag lang den Mund nicht auf vor lauter Maulfaulheit!" Wenn man Drews nur fragt, tut er s schon. Ich habe ihn ge fragt. So wie ich ihn da sitzen sah, erkannte ich ihn wieder." Was, den alten Drews Haben Sie auch auf einmal wiedererkannt? Geht Ihnen das oft so? Wie hieß denn der Drews, hieß der auch anders?" Nein, Herr Rittmeister, der Drews heißt Drews und ist auch Drews. Aber erkannt Hab ich ihn doch, wenn er da auch so saß, als wenn er da auf der Bank geboren und erzogen worden wäre und nie anderswo sich in der Welt umgesehen hätte. Ich ging an ihn heranDer Abschiedstrunk. Der Oberst heftet einem seiner Unteroffiziere das Eiserne Kreuz an.Auf dem Transport- Gefangelle Franzosen bei der Toilette. Abtransport gefangener Franzosen.Und fragte ihn, wo wir uns denn wohl schon im Leben gesehen hätten. Er kiekte mich von der Seite an, als wenn er mich für einen Irrsinnigen hielte, und als ob er auf einmal schreckliche Angst vor mir bekäme." Sehr begreiflich. Sehr begreiflich." Ja, Herr Rittmeister, ich sehe, Sie geben Vadding Drews recht. Ich fragte ihn hin und her, wo wir uns wohl früher jemals gesehen haben konnten, ob in Berlin, ob in Greifswald, ob in Dresden; immer dasselbe pommersche Kopfschütteln: so recht bodenständig: als ich aber nach Bremen fragte, da sah er mich einen Augenblick mitleidig von der Seite an, und dann sah er so nachsinnend vor sich hin, und starrte seinem Pfeifenrauch nach, und dabei fiel ihm die Maske von seinem Gesicht und von seiner Seele, denn da sagte er auf einmal: ,Bremen ach Gott, junger Mensch, damals waren Sie ja noch gar nicht geboren, als ich in Bremen war: wie lange ist das her! Damals war ich ja noch beim Theaters Und sehen Sie, Herr Rittmeister, als er da so vom Theater sprach, daß er jemals Schauspieler gewesen wäre, da war ich aus einmal meiner Sache sicher. Daß der alte Drews jemals so was getrieben hat, haben Sie sicher auch nie geglaubt! Es kam dann her aus, daß er mal Regisseur bei einer großen Bremer Wohltätigkeitsauf führung in meinen Kinderjahren gewirkt hatte! Ich hatte sein Gesicht nicht vergessen! Und dieses Erlebnis heute morgen, an diesem Tage, hat mir Gott nur geschickt, damit ich nachher fest an die Zähigkeit und Zuver lässigkeit meines Gedächtnisses glauben sollte: Luschin ist auch nicht der, für den Sie ihn gehalten haben!" Der Rittmeister wußte nicht aus Florian klug zu werden. Sie sind ein Kind! Sie sind ein Träumer! Ich kann noch immer gar nicht recht verstehen, was die Geschichte da draußen mit dem Drews mit der angeblichen Spionage Luschins oder Biorinskis zu tun hat?" Herr Rittmeister, wenn Sie mich da heute morgen in der kleinen Straße vor dem Kartosfelladen beim alten Drews gesehen hätten, so hätten Sie mich doch ganz entschieden für irrsinnig gehalten, wenn Sie gehört hätten, daß ich es nicht glauben wollte, daß der alte Drews ledig lich und einzig und allein der alte Drews aus Anklam sei. Sie hätten mich ebenso ungläubig angeblickt und ebenso ängstlich, wie der Alte es selber tat. Aber doch hätten Sie nachher sich mit mir amüsieren müssen über die Entdeckung, als der alte Fuchs doch aus seinem Bau kroch. Er hat mir nachher erzählt, er wäre theatermüde geworden, und möchte nicht von den Leuten daran erinnert werden, daß er sich jemals Schminke aus die Backen geschmiert hätte. Mir kam mein Eifer selber etwas selt sam vor. Mir war es selber so, als wenn ich da eine läppische und sinn- 12 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite. 177173 lose Rolle spielte; und hatte schließlich doch recht behalten und über listet. Ich bin nun mal ein gläubiger Mensch und halte an und für sich nichts für unbedeutend oder bedeutend; dies kleine, anekdotische Erleb nis beschäftigte mich während des ganzen Weges. So drollig es war, so hatte ich doch eigentlich eine Aufheiterung gar nicht nötig gehabt; und so hatte ich mich gefragt, weshalb Gott mir dieses Erlebnis wohl ge schickt hätte. Ich sehe, Sie lächeln, aber " Bitte, junger Mann, ich will Ihren Glauben gar nicht belächeln. Ich finde das sogar sehr schön, daß Sie glauben. Wenn Sie mir aber diese ganze Näubergeschichte vorher erzählt hätten, so hätte ich wahr scheinlich meine Leute mit der Verhaftung des Vorschnitters nicht erst bemüht. Was Sie mir da erzählen, mag ja ganz niedlich in einer Novelle oder in einem Vortrag bei einem Feste meiner Schwägerin sein. Aber wir rechnen hier doch gern mit Wirklichkeiten. Wir hier auf dem Lande alle Tage, und nun gar erst in Kriegszeiten." Dem Rittmeister war eine ärgerliche Stimmung gekommen. Florian wußte nicht, was er sagen sollte, und stand verlegen am Ofen und wartete auf die Leute, die aus Anklam kommen sollten. Draußen war der Tag im Verscheiden. Der Rittmeister hatte die Fensterflügel weit aufgerissen und sog die kühle Abendluft ein. Draußen trieb der junge Hund sein täppisches Spiel. Er trug so eine Art von Stück Holz im Maul und knabberte daran. Der Rittmeister sah dem Tiere eine Weile zu; dann sagte er zu Florian in einem beinahe frostigen Tone: Übrigens, junger Mann, muß ich Ihnen zugeben, daß Sie doch einen gewissen Mut haben; ich hätte das nicht fertig gebracht, da auf der Straße vor seinem Hause dem alten Vadding Drews so die Seele zum Leibe herauszufragen. Kamen Sie sich dabei nicht furchtbar lächer lich vor?" Ich kann mir vorstellen, Herr Rittmeister," erwiderte Florian, daß Sie solcher Situation nicht gewachsen wären. Es gibt Leute, die im wildesten Kugelregen nicht mit der Wimper zucken, und die vor qual voller Scham zusammenbrechen möchten, wenn irgendein dummes Ge schöpf sie belächelt. Ich glaube, daß jeder Verdacht, auch der grundlose Verdacht der Lächerlichkeit Ihnen unerträglich ist. Ich glaubte das heute zu merken, als ich von Ihnen verlangte, daß Sie den Luschin verhaften sollten: Sie hatten das Gefühl, als wenn Luschin und seine Leute nun nicht mehr allein über mich, sondern auch über Sie grinsen könnten. übrigens, gestatten Sie mir eine Zwischensrage: Wenn wir hier in Frie denszeiten säßen, wenn ich hier etwa als Begleiter und Schützling Ihrer Frau Schwägerin säße und ich so in Friedenszeiten und beim Ge-Plauder die Behauptung aufstellte, daß Jadding Drews , wie Sie ihn nennen, vor Jahren einmal als ein hocheleganter Mann in tadellosem Frack einer vornehmen hanseatischen Gesellschaft Regisseurdienste ge leistet hätte, so hätten Sie mich natürlich ausgelacht!" Natürlich!" Und wenn ich Ihnen dann eine Wette angeboten hätte, wie hoch hätten Sie da wohl gewettet?" Der Rittmeister hatte sich vom Fenster fortbegeben und ging rau chend durchs Zimmer. Ich glaube, ich hätte mich auf eine Wette gar nicht eingelassen. So blödsinnig wäre mir Ihre Behauptung erschienen. Der alte Drews kann ja nicht mal richtig Deutsch sprechen." Sie werden mir hoffentlich glauben, Herr Rittmeister, daß ich Sie nicht belogen habe, wenn ich Ihnen erzählte, daß Drews mir schließ lich klar und deutlich zugegeben hat, daß er tatsächlich damals als Re gisseur in Bremen gelebt hat, und daß er wirklich der Regisseur Drews gewesen sei." Hat er das nicht vielleicht zugegeben, weil Sie ihn danach fragten und er Sie gern los werden wollte?" Gern los werden wollte er mich wohl. Alle alten Füchse, die sich eingegraben haben, wollen den Ausgräber gern los werden. Aber er gab mir nicht nur zu, was ich etwa angedeutet hatte, sondern er nannte mir auch ganz deutlich den Namen des damaligen Stückes und den Dichternamen. Er sagte in seinem dialektischen Tone: .Richtig, dschunger ^ann, das war ja woll die heilige Elisabeth von Hensen Das hat der alte Drews Ihnen wörtlich gesagt? Ohne daß Sie ihm vorher von der heiligen Elisabeth, oder wie das Dings heißt, ge sprochen haben?" Der alte Drews, der alte Oberregisseur Drews sprach zuerst die Worte Elisabeth und Herlsen." Komisch." Aber dann war es wieder, als ärgerte sich der Rittmeister dar über, daß er sein Erstaunen zugegeben hatte, und daß er nicht etwa gleich gesagt hätte: Nun ja, natürlich, warum soll nicht mal Herr Drews früher in bester Gesellschaft Regie geführt haben? So was kommt doch alle Tage vor!" Es ärgerte ihn, daß er in diesem einen Punkte zugeben mußte, daß Florian sich nicht geirrt hatte. Der Ritt- Meister gehörte eben zu den Männern, die wohl eine männliche Faust, aber eine ganz kindlich-frauliche Logik haben; und deshalb begannen seine Erwiderungen in solchen Fällen gewöhnlich mit einem Ja aber "So geschah es auch jetzt. Ja, aber was soll ich nun mit dem Vorfchnitter da draußen an fangen, wenn Ihre Prophezeiungsgabe diesmal nicht recht behält? Und was soll man dann mit Ihnen anstellen? Es würde doch ein amtliches Protokoll darüber aufgenommen werden müssen. Sie wären natürlich der Ankläger und der Hauptzeuge. Tun Sie mir bloß den einzigen Gefallen und erzählen Sie den Soldaten nachher nicht noch mal die Theatergeschichte vom alten Drews. Die gehört nämlich nicht in einen militärischen Bericht. Ich muß Ihnen überhaupt offen sagen, da Sie sich ja doch einmal an mich gewandt haben, daß Sie nach meiner Ansicht überhaupt wohl wenig zum Soldaten taugen würden. Sie leben in einer Traumwelt. Sie können sich vorstellen, daß ich durch meinen Sohn schon über Sie gehört habe. Sie sollen ja ein schrecklich gelehrter Mensch sein und an nichts anderes denken als an Ihre indischen Ge schichten. Vielleicht lockt es Sie sogar, daß jetzt in den französischen Schützengräben Inder liegen. Ich kann Ihnen aber die bestimmte Ver sicherung geben, daß es draußen in der wirklichen Welt anders aussieht als in Ihrer Traumwelt." Ich kann mir wohl vorstellen, Herr Rittmeister, wie die Kritik Ihres Herrn Sohnes über mich ausgefallen ist. Weil er mit seinem Bankberufe unzufrieden war und täglich darüber schimpfte, hielt er seinen Beruf für einen schweren, und weil ich in meiner Tätigkeit über glücklich war und davon begeistert schwärmte, hielt er meine Tätigkeit für kindliche Spielerei " Mein Sohn ist Offizier!" Nachdem er sich in den Krieg retten durfte, ist er wieder Offizier. Ich wünsche ihm, daß er s bleibt; daß er gerettet bleibt. Mir bringt der Krieg keine Rettung, sondern nur ein Opfer, das ich sehr gern brin gen möchte. Ich gehöre nicht zu denen, die singen müssen: ,Jm Felde, da ist der Mann noch was wert! Was ich in Friedenszeiten ausfülle, ist mehr als ein nüchterner und unwillkommener Kontorsessel. Ich tat schon immer meine Pflicht. Das darf ich sagen, und gerade hier vor Ihnen darf ich s sagen. Und wenn ich etwa bald wieder aus dem Felde heim geschickt werde, etwa weil mir die blutarmen Finger immer absterben, oder weil mein Herz zu schwach ist, so habe ich meine Pflicht getan. Ihr Herr Sohn aber hat in seiner Lage, wenn er eben so stolz zurückkehren will, wie ich es dann darf, zum mindesten die Verpflichtung, das Eiserne Kreuz zweiter Klasse mitzubringen." Wird er auch tun." ISoDer Rittmeister ging auf und ab. Florian war Fenster ge treten und blickte hinaus. Der große, junge Köter trieb da noch immer sein Spiel. Der Rittmeister blickte Florian über die Schulter: Das Biest gibt den ganzen Tag keine Ruhe." Florian betrachtete das Tier mit einem verträumten Interesse, als blickte er aus einer Loge auf ein Bühnenbild. Dann war er sich mit der Rechten wischend über die Augen gefahren und hatte in seiner un erschütterlich sanften Art gesagt: Mal nachsehen." Und dann war er aus der Stube gegangen. Der Rittmeister hatte wieder den Eindruck, als hätte er es mit einem seltsam Verstörten zu tun. Er sah, wie Florian den Hund an sich her anlocken wollte, und wie das Tier vor ihm zurückwich: denn das Tier hielt einen gelben Stock zwischen den Zähnen, und den Stock wollte es nicht hergeben. Es kam zu einer Hetzerei zwischen den beiden jungen, kindischen Lebewesen. Das Tier konnte gut springen; aber Florian war auch flink. Schließlich hatte er dem Hunde sein Spielzeug abgejagt und betrachtete den Stock von oben bis unten ernsthaft, als hätte er noch niemals einen ländlichen Spazierstock mit den Augen be sehen. Dem Rittmeister wurde mitleidig zumute beim Anblick dieser Überstudiertheit, die einen jungen, sonst gesunden und gerade gewachse nen Menschen so meschugge machen konnte. Dann sah er, wie Florian den Stock schüttelte und beim Schütteln horchend Ohr hielt. Florian sah sich rings auf dem Hofe umher. Dann ging er zum Holz haufen, wo der Haublock stand und das Beil lag, und begann mit dem Beil auf den Stock loszuschlagen. Der Rittmeister drehte dem Fenster Äen Rücken zu. Er sah nach der Uhr. Die Wache aus Anklam, die den vermeintlichen Spion ab holen sollte, mußte ja bald hier sein. Die würde ihn dann auch von diesem aufdringlichen Phantasten befreien. Es konnte nicht mehr lange dauern. Der Rittmeister zog die Vorhänge zu und zündete die Lampe an. Als ihr volles Licht auf den weißgedeckten, runden Tisch siel, war Florian wieder ins Zimmer getreten. Hier bringe ich Ihnen den Stock. Den Stock ihres harmlosen Vorschnitters. Ich kenne den Stock wieder. Der Vorschnitter hat ihn wohlweislich im Rübenfeld verloren; aber der Köter hat ihn wieder gefunden. Wie Sie sehen, ein Bambusstock. Ich untersuchte ihn. Ich hörte drinnen etwas rascheln. Ich schlug ihn gleich entzwei. Ich fand darin diese Papiere. Es werden wohl Pläne aus der Umgegend dieses Gutes sein." lSI182 Dabei entfaltete Florian diese Pläne. Der Rittmeister war ganz blaß geworden. Der Rittmeister war wirklich ganz blaß geworden. Er starrte auf die Papiere, die Florian auseinandergerollt hatte, und die er jetzt auf dem Tische ausbreitete. Das war ja ein förmlicher Generalstabsplan, den er da zu sehen bekam! Da war ringsumher jede Landstraße und jede Brücke genau zu finden; da waren alle Kanäle säuberlich verzeichnet und alle Waldungen und Feldstrecken bis nach Pafewalk hin. Da gab es keinen Zweifel mehr! Was seine scharfen, nüchternen Rittmeisteraugen nicht durchschaut hatten, das hatte dieses verträumte Kind neben ihm so fort erkannt. Der Rittmeister ging schweigend aus dem Zimmer; ihm war plötz lich die Besorgnis gekommen, ob sein Gefangener, in dem er bisher nur den Gefangenen Florians erblickt hatte, auch richtig eingeschlossen und bewacht sei. Nach ein paar Minuten kam er mit dem Gefangenen und seinen beiden Wächtern ins Zimmer zurück. Sie sind also nicht Herr Luschin?" Der Vorschnitter lächelte verächtlich und tat, als wenn er gar nicht verstände, um was es sich handelte. Sie kennen diesen Herrn nicht? Sie waren nie mit ihm in Berlin zusammen?" Der Vorschnitter schüttelte den Kopf. Aber diese Pläne kennen Sie!" Da warf Luschin einen kurzen Blick tödlicher Wut auf den kleinen Doktor und hätte sich wohl am liebsten auf ihn gestürzt. Aber er wurde festgehalten. über den Hof kamen Schritte. Der Spion wurde abgeholt. Als die beiden Männer wieder allein im Zimmer waren, sagte der Rittmeister: Sie müssen mir verzeihen, Herr Doktor, Sie müssen be denken, wir beide sind zu verschiedene Naturen! In gewöhnlichen und alltäglichen Zeiten hätte ich Sie wohl nie verstehen können, gerade so wie mein Sohn Sie nicht begreifen konnte. Jetzt lebt man schneller und lernt schneller. Ich darf Sie wohl bitten, es mir nicht nachzutragen, wenn ich mich vorhin ungerecht und ungastlich Ihnen gegenüber ge äußert habe. Es würde mir eine große Ehre und Freude sein, und natürlich meiner lieben Frau gleichfalls, wenn Sie sich hier in der kurzen Zeit Ihres Hierseins recht behaglich fühlen möchten. Morgen fahren Sie mit mir, und ich werde mir alle Mühe geben, eine nette Kaserne für Sie ausfindig zu machen. Geben Sie mir die Hand!"Als nachher Mutter Peeck den Abendbrottisch gedeckt hatte, sprach man von Tante Helene und anderen Bekannten. Es gab Pellkar toffeln, und wenn im Gespräch eine Stille eintrat, dann hatte das dörf liche Schweigen ringsumher für Florian etwas unsagbar Wohltuendes; durchs Zimmer klang dann nur das dünne Ticken der Wanduhr und das Schnarchen des Jagdhundes, der hinter dem Stuhle des Rittmeisters lag. Einmal sagte Mutter Peeck in diese Stille hinein: Ach Gott, was mögen sie nun wohl mit dem fremden Menschen in Pasewalk anstellen?" Und der Rittmeister wischte so recht ruhig den Mund und meinte: Den haben Sie vielleicht jetzt schon totgeschossen!" Und gleich darauf schalt er, weil das Dienstmädchen den Büchsenöffner für die Ölsardinen nicht auf den Tisch gebracht hatte. Später griff der Rittmeister wieder zur Abendzeitung. Nee, von den gelben Herrschaften lese ich Ihnen nichts mehr vor. Aber hier von dem Sieg des deutschen Kronprinzen bei Longwy an der luxemburgischen Grenze. Gleich hat er an die Kronprinzessin Cäcilie nach Berlin folgen des Telegramm geschickt: ,Armee glänzenden Sieg erfochten, Franzosen teilweise fluchtartig zurück. Grüße, Wilhelm Vor Namur donnern die deutschen Geschütze. Und hier gleich die Telegramme des Kaisers an seine Tochter, an seine Schwiegertochter: ,Gott der Herr hat unsere braven Truppen gesegnet und ihnen den Sieg verliehen. Mögen alle bei uns daheim ihm auf den Knien ihre Dankgebete darbringen. Möge er auch ferner sein mit uns und unserem ganzen deutschen Volke. Dein treuer Vater Wilhelm .Innigsten Dank, mein liebes Kind! Freue mich mit Dir über Wilhelms ersten Sieg. Wie herrlich hat Gott ihm zur Seite gestanden! Ihm sei Dank und Ehre! Ich habe ihm das Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse verliehen. Oskar soll sich auch brillant mit seinen Grenadieren geschlagen haben. Er hat das Eiserne Kreuz 2. Klasse bekommen. Sage das der Ina Marie. Gott schütze und helfe den Jungen auch weiter und sei auch mit Dir und den Frauen allen. Papa Wilhelm Papa Wilhelm, Ina Marie wundervoll dieser familiäre Ton. Als ob wir alle plötzlich miteinander verwandt wären. Man kennt sich, man ist sich so gut. Die belgische Stadt Gent ist von den Deutschen besetzt. Kurz und bündig! Ebenso wie gestern, wo es hieß: Deutsche Truppen sind in Brüssel eingerückt. Halt, hier ist ja noch etwas sehr Wichtiges! Seine Majestät hat eine Kabinetts order erlassen, in der er seine Zufriedenheit über die Durchführung der Mobilmachung ausspricht: .Mobilmachung und Versammlung des Heeres an den Grenzen sind vollendet. Mit geradezu beispielloser Sicherheit und Pünktlichkeit haben I8Z185 die deutschen Eisenbahnen die gewaltige Transportbewegung aus geführt. Dankbar gedenke ich zunächst der Männer, die seit 1870 71 in stiller Arbeit eine Organisation geschaffen haben, die nunmehr ihre ernste Probe glänzend bestanden hat. Allen denen aber, die meinem Ruf folgend, mitgewirkt haben, das deutsche Volk in Waffen auf den Schienenwegen den Feinden entgegenzuwerfen, insbesondere den Linien kommandanturen und den Bahnbevollmächtigten sowie den deutschen Eisenbahnverwaltungen vom ersten Beamten bis zum letzten Arbeiter spreche ich für ihre treue Hingabe und Pflichterfüllung meinen kaiser lichen Dank aus, die sicherste Gewähr, daß die Eisenbahnen auch im weiteren Verlauf des großen Kampfes um des deutschen Volkes Zukunft jederzeit den höchsten Anforderungen der Heerführung gewachsen sein werden. Großes Hauptquartier, den 22. August 1914. Wilhelm, I. R Und den Truppen einer Garnison hat er den Sieg unserer wackeren Truppen in Lothringen in folgender Ansprache verkündet: Kameraden! Ich habe euch heute um mich versammelt, um mich mit euch gemeinschaftlich zu freuen über die Siege, die unsere wackeren und tapferen Brüder in Lothringen erfochten haben. Es haben dort Truppen aller deutschen Stämme unter Führung Sr. K. Hoheit des Kronprinzen von Bayern gefochten, Mannschaften aller Jahrgänge, Aktive, Reservisten und Landwehrleute gekämpft, geblutet und gesiegt. Diesen Sieg haben wir in erster Linie unserem alten, treuen und all mächtigen Gottzu verdanken. Großes haben wir noch zu leisten, es werden noch viele blutige Schlachten kommen. Aber wir wollen und müssen siegen: denn wir kämpfen für eine gerechte Sache. Gemeinsam wollen wir unseren Feinden Leder gehen! Sodann wollen wir unserer tapferen Gefallenen gedenken. Kameraden! Ich fordere euch auf, mit mir unserer tapferen Armee in Lothringen ein dreifaches Hoch auszubringen. Hurra! Hurra! Hurra! Na, nun werden wir es wohl auch bald mit den Engländern auf belgischem oder französischem Boden zu tun bekommen. Das wird eine Freude werden! Der König Georg von England hat an die Truppen vor ihrer Ausreise folgenden Tagesbefehl gerichtet: ,Jhr verlaßt das Land, um für die Sicherheit und die Ehre meines Landes zu kämpfen. Belgien, das wir uns zu verteidigen verpflichtet haben, ist angegriffen worden, und Frankreich steht im Begriffe, von demselben mächtigen Feind angegriffen zu werden. Ich habe unbegrenztes Vertrauen zu euch, meine Soldaten. Pflicht ist eure Parole, und ich weiß, daß ihreure Pflicht in edler Art erfüllen werdet. Ich werde jede Bewegung von euch mit dem größten Interesse verfolgen und mit der größten Genugtuung den Fortschrift wahrnehmen, den ihr jeden Tag macht. Euer Wohlergehen wird stets mein Gedanke sein. Ich bitte zu Gott, daß er euch segne und behüte und euch als Sieger zurückkehren lasse Na, wir werden ja sehen, wem unser Herrgott da oben beistehen wird!" Frühzeitig ging man zur Ruhe. Der Rittmeister brachte Florian auf fein Fremdenzimmer, und als er ihm gute Nacht sagen wollte und ihn fragte, ob ihm noch irgend etwas fehle, da saß Florian traurig aus dem Bettrande und sagte: Ich wollte, Herr Rittmeister, Sie hätten mir das vor dem Schlafen gehen gar nicht gesagt, daß der Luschin erschossen wird oder vielleicht schon erschossen ist! Mir ist das ein so entsetzlich bedrückender Gedanke, daß ich heute einem Menschen durch meine Entdeckung den Tod gebracht haben soll!" Da lächelte der Rittmeister väterlich und strich ihm über das blonde Haar: Beruhigen Sie sich! Sie müssen eben lernen! Ich habe heute so einen kleinen Blick in Ihre Welt getan; tun Sie auch mal einen Blick in die rauhe Wirklichkeit, in der Sie jetzt heimisch werden sollen und müssen. Die Zeit ist rauh!" jS5Zehntes Kapitel. Draußen Kämpfe, drinnen Läuterung. In diesen selben Tagen kam die Meldung des Generalquartier- meifters, die nicht so freudig aufgenommen wurde, weil aus ihr auf jeden Fall hervorging, daß nicht alles nach Wunsch gegangen war. Was würde die Zukunft bringen? War die Hoffnungsfreudigkeit, die trotz allem aus der Bekanntmachung klang, auch gerechtfertigt? Und dann las man noch einmal: Während auf dem westlichen Kriegsschauplatz die Lage des deutschen Heeres durch Gottes Gnade eine unerwartet günstige ist, hat auf dem östlichen Kriegsschauplatz der Feind deutsches Gebiet betreten. Zahlreiche russische Kräfte sind in der Richtung der Angerapp und nörd lich der Eisenbahn Stallupönen Jnsterburg vorgedrungen. Das erste Armeekorps hatte den Feind bei Wirballen in siegreichem Gefecht auf gehalten. Es wurde zurückgenommen auf weiter rückwärts stehende Truppen. Die hier versammelten Kräfte haben den auf Gumbinnen und südlich vor gehenden Gegner angegriffen. Das 1. Armeekorps warf den gegenüber stehenden Feind siegreich zurück, machte 8l)v0 Gefangene und eroberte schwere Batterien. Eine zu ihm gehörende Kavalleriedivision warf zwei russische Kavalleriedivisionen und brachte 500 Gefangene ein. Die weiter südlich kämpfenden Truppen stießen teils auf starke Befestigungen, die ohne Vorbereitungen nicht genommen werden konnten, teils befanden sie sich in siegreichem Fortschreiten. Da ging die Nachricht ein vom Vormarsch weiterer feindlicher Kräfte aus der Richtung des Narew gegen die Gegend südwestlich der masurischen Seen. Das Oberkommando glaubte hier Gegenmaßregeln treffen zu müssen und zog seine Truppen zurück. Die Ablösung vom Feind erfolgte ohne jede Schwierigkeit. Der Feind folgte nicht. Die auf dem östlichen Kriegsschauplatz getroffenen Maßnahmen mußten zunächst durchgeführt und in solche Bahnen ge- IS6leitet werden, daß eine neue Entscheidung gesucht werden kann. Diese steht unmittelbar bevor. Der Feind hat die Nachricht verbreitet, daß er vier deutsche Armeekorps geschlagen habe. Diese Nachricht ist un wahr, kein deutsches Armeekorps ist geschlagen. Unsere Truppen haben das Bewußtsein des Sieges und -der Überlegenheit mit sich genommen. Der Feind ist über die Angerapp bis jetzt nur mit Kavallerie gefolgt. Längs der Eisenbahn soll er Jnsterburg erreicht haben. Die beklagens werten Teile der Provinz, die dem feindlichen Einbruch ausgesetzt sind, bringen dieses Opfer im Interesse des ganzen Vaterlandes. Daran soll sich -dasselbe nach erfolgter Entscheidung dankbar erinnern. Generalquartiermeister v. Stein." Der Admiralstab der deutschen Marine erhielt aus Sarajewo folgende amtliche Meldung: Serbenstellung Höhe 954 Visegrad ge nommen. Seesoldaten erster Linje drei Tote; 2 Offiziere und 21 Mann verletzt. Verhalten der Mannschaften mustergültig. Major Schneider." Es handelte sich um das deutsche Skutari-Detachement, über dessen Teil nahme an den serbischen Grenzkämpfen die Reichspost" des näheren ausführt: Sicher haben unsere Truppen mit besonderer Freude die deutschen Waffenbrüder in diesem Kampfe begrüßt, der den Serben zum Bewußt sein bringt, daß ihre Kriegserklärung gegen Deutschland keine Formalität geblieben. Nach Erzählungen der hier eingetroffenen Verwundeten wurden die gemeldeten, für uns siegreichen Kämpfe bei Visegrad mit großer Hartnäckigkeit und Erbitterung geführt. Unsere Truppen, die sich heldenmütig und mit bewundernswerter Bravour schlugen, brachten dem Feinde enorme Verluste bei. Aus dem Umstände, daß in einem Schützengraben allein 500 Tote gefunden wurden, kann man schließen, daß die Verlustzahl aus serbischer Seite eine überaus große gewesen sein muß. Daß auch unsererseits namhafte Verluste vorhanden find, ist vor allem der Tollkühnheit und Todesverachtung zuzuschreiben, mit der unsere Truppen sich auf den Feind warfen. Offiziere versichern, daß unsere Soldaten einfach nicht zu halten sind und der Bajonettsturm ihnen die liebste Kampfart ist." Der russische Generalissimus Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch richtete in diesen Tagen folgenden verlogenen Erlaß an die Polen, der in seltsamem Gegensatz zu den Handlungen unserer vereinigten Heere steht. Man höre diese Phrasen und vergleiche mit ihnen die voran gegangene Geschichte der Polen! Polen! Die Stunde, da der heilige Traum Eurer Väter und Vor väter in Erfüllung gehen soll, hat geschlagen! Seit 150 Jahren ist IS7188 Polen gleichsam in Stücke zerrissen, aber seine Seele starb dennoch nicht. Sie lebte in der Hoffnung, daß für das polnische Volk Äie Stunde der Auferstehung und der brüderlichen Versöhnung mit dem großen Ruß land nahen würde. Rußlands Truppen bringen Euch die feierliche Kunde von dieser Versöhnung. Lasset die Schranken, die Polens Völker trennen, fallen! Vereinigt Euch unter dem Zepter des mächtigen Zaren! Unter seinem Zepter wird Polens Wiedergeburt in seiner Selbständig keit, seiner Religion und Sprache erfolgen! Rußland erwartet Euch offenen Herzens und reicht Euch die Bruderhand zum Empfange. Es glaubt, daß Äas polnische Schwert, das den deutschen Feind bei Grune wald schlug, noch nicht gerostet ist. Von den Gestaden des Stillen Ozeans bis zu den Küsten ,des Nördlichen Eismeeres rücken russische Truppen vor. Die Morgenröte eines neuen Lebens ist für Euch an gebrochen! Im Glänze dieser Morgenröte lasset das Zeichen des Kreuzes strahlen, das Symbol für die Leiden und die endliche Auf erstehung des Volkes!" Unterdessen ging das große Schicksal seinen ehernen Gang weiter. Von der Festung Namur waren bereits fünf Forts gefallen. Mit der Verwaltung der okkupierten Teile Belgiens wurde unter Ernennung zum Generalgouverneur der Generalfeldmarschall von der Goltz beauftragt, während die Zivilverwaltung dem zum Verwaltungschef ernannten Regierungspräsidenten von Sandt aus Aachen übertragen wurde. Auch der König von Württemberg hatte sich ins Feld begeben; und auch aus Petersburg kam ein dünnes Gerücht, daß der Zar die Absicht habe ver lauten lassen, nächstens zu seinen Truppen abzureisen. Am 26. August waren sämtliche Forts von Namur gefallen. Ebenso wurde Longwy nach tapferer Gegenwehr genommen. Aus Anlaß dieser neuen großen Siege lief im Großen Hauptquartier, allwo jetzt auch noch der greise König von Bayern eingetroffen war, folgendes Telegramm des alten Kaisers Franz Joseph an Kaiser Wilhelm ein: Sieg auf Sieg! Gott ist mit Euch und wird auch mit uns sein! Allerinnigst beglückwünsche ich Dich, teurer Freund, den jugendlichen Helden, Deinen lieben Sohn, den Kronprinzen sowie den Kronprinzen Ruprecht von Bayern und das unervergleichlich tapfere deutsche Heer. Worte fehlen mir, um auszudrücken, was mich und mit mir meine Wehr macht in diesen weltgeschichtlichen Tagen bewegt. Herzlichst drückt Deine starke Hand Franz Joseph." Der Kriegsberichterstatter der Vossischen Zeitung" gab folgende lebendige Darstellung von der Beschießung und Erstürmung Namurs: Ich hatte gestern das Glück, dem Einzug unserer siegreichen Truppen in Namur beizuwohnen. Die Haltung der Unferigen war un vergleichlich. Ein fremdländischer Militärattache sagte mit Tränen der Rührung in den Augen zu mir: Man muß Sie darum beneiden, Deutscher zu sein Kein Stacheldrahtverhau, keine Barrikade, kein Geschütz- und Gewehrfeuer aus -den befestigten Stellungen der Belgier konnte die Unseren aufhalten. Unsere Offiziere, weit voran, gaben wieder Beispiele höchster Tapferkeit und Selbstverleugnung. Das Ver trauen der Mannschaft zu ihnen ist felsenfest. Der Feind lief entsetzt in rasender Flucht vor unseren Truppen davon. Kilometerweit kam ich durch Strecken, wo der Boden mit weggeworfenen Gewehren und Uniformstücken bedeckt war. Als wir in Namur einrückten, -donnerten unsere schweren Belagerungsgeschütze, um die letzten Forts, die sich noch sehr tapfer halten, zu Fall zu bringen. Niemand, der es nicht selbst gesehen hat, kann sich die Wirkung der zentnerschweren Granaten vor stellen. Ich sah Forts, die nur noch einen tiefen Krater bilden. Mehrere Meter dicke Zementgewölbe waren in Fetzen zerrissen oder türmten sich wie Felsblöcke übereinander. An einer Stelle lagen 150 Belgier, die mit ihrem General lieber sterben als sich ergeben wollten, unter den Trümmern begraben. Musterhaft ist bei uns die Marschordnung und -die Haltung über haupt. Am Abend der Schlacht sah ich Truppenteile, die seit der Nacht unter größten Strapazen im Feuer gestanden und gewaltige Verluste erlitten hatten, aber Marschordnung hielten sie und sangen, als befänden sie sich im Herbstmanöver. Vom frühen Morgen ab bis zur späten Nacht merkte ich keinen einzigen schlaffen Mann, irgendeinen zurück gebliebenen. Wo die Gelegenheit günstig erscheint, läßt sich belgische Zivilbevölkerung immer noch zu hinterlistigen Überfällen auf einzelne Soldaten oder Patrouillen hinreißen. Da, wo dies geschehen, lernte ich die vergeltende Strafe des Krieges in ihrer fürchterlichsten Gestalt kennen. Aber gleich daneben, wo sich die Bewohner neutral verhalten hatten, waren die Häuser unberührt, und Männer und Frauen standen unbehelligt und oft gemeinsam mit unseren Soldaten vor den Türen. Ich kam auch durch Franktireurdörfer, die man in gerechter Vergeltung grausamer Behandlung wehrloser deutscher Verwundeter in einen Trümmerhaufen zusammengeschossen hatte, um als abschreckendes Bei spiel zu wirken. Unbegreiflich war mir das Verhalten der Ein heimischen. Vor Namur standen die Leute trotz des schweren Unglücks, das über sie hereingebrochen war, vergnügt plaudernd, ja gar schwätzend bei uns. Bewunderung erweckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die 1SY190 große Heeresmaschine, man möchte meinen, selbsttätig arbeitet. Zwei Stunden nach dem Einmarsch in Namur begann die Feldposteinrichtung, rückten die Kolonnen nach und es wurde mit der Wiederherstellung der Brücken begonnen. Hier an Ort und Stelle kann man am besten erkennen, von welcher großen Bedeutung die rasche Einnahme von Lüttich war. Diese Festung bildete den Schlüssel zu dem Tor, das uns den Einmarsch nach Frankreich möglich macht. Unsere bisherigen Erfolge im Westen be ruhen darauf, daß die Heerführung überraschend gewaltige Massen von Truppen dorthin geworfen hat, wo sie den Schlag führen wollte. Auf der strategischen Führung und der moralischen Erschütterung des Gegners beruht der Erfolg und auf der Angriffslust, der selbstlosen Hingabe und Manneszucht unserer tapferen Soldaten. Nach dein zu urteilen, was sie gestern alles taten, glaube ich nicht, daß ein Volk der Erde es uns hierin gleichtun kann." Gleichzeitig mit diesen großen Erfolgen endete die dreitägige Schlacht bei Krasnik mit einem völligen Sieg der österreichischen Truppen. Die Russen wurden aus der ganzen, etwa 7V Kilometer breiten Front geworfen und traten den fluchtartigen Rückzug auf Lublin an. Die österreichischen Truppen haben in den Kämpfen bei Krasnik über 3000 Gefangene gemacht und 3 Fahnen, 20 Geschütze und 7 be spannte Maschinengewehre erbeutet. Gefangen genommene russische Offiziere, die den Feldzug gegen Japan mitgemacht hatten, sagten übereinstimmend aus, daß die Angriffe der österreichischen Streitkräfte viel stürmischer seien als diejenigen der Japaner. Der Kriegskorrespondent der Wiener Neuen Freien Presse" schreibt über den Gang der Schlacht: Nicht nur die Heeres-, auch die Honved-Kavallerie leistete das Äußerste an Ausdauer und Wagemut. Einzelne Eskadronen gingen die russischen Schützengräben an und nahmen sie so, daß man die Schneid der Truppen zügeln mußte. Das Luftschiff ,Schütte-Lanz ", sagt der Korrespondent, kam dreimal ins feindliche Feuer, ohne Schaden zu nehmen. Es verbrachte 13 Stunden in der Luft. In der Nähe von Jwangorod geriet es in wahre Garben von Gewehrsalven; südöstlich von Lublin erhielt es Infanterie- und Artilleriefeuer gleichzeitg auf beiden Flanken. 23 Gewehrgeschosse durchbohrten die Hinteren Gaszellen. Die russischen Schrapnelle ver fehlten ihr Ziel; sie explodierten sämtlich weit weg vom Ballon. Ein Sprengstück flog in die Gondel, ohne Schaden anzurichten. Die Ver letzungen der Ballonhülle wurden während der Fahrt ausgebessert.191 Der Kommandant des Ballons konnte zahlreiche Beobachtungen melden. Die Besatzung, die unverletzt blieb, fand im Hauptquartier enthusiastische Aufnahme." Zusammenfassender Bericht über die Erfolge der deutschen Armeen im Westen. Großes Hauptquartier, 27. August. Das deutsche Westheer drang neun Tage nach Beendigung seines Aufmarsches unter fortgesetzten sieg reichen Kämpfen in französisches Gebiet ein. Von Cambrai bis zu den Südvogesen wurde der Feind überall geschlagen und befindet sich in vollem Rückzüge. Die Größe seiner Verluste an Gefallenen, Gefangenen und Trophäen läßt sich bei der gewaltigen Ausdehnung der Schlacht felder in dem zum Teil unübersichtlichen Wald- und Gebirgsgelände noch nicht annähernd übersehen. Die Armee des Generalobersten von Kluck warf die englische Armee bei Maubeuge und griff fie heute südwestlich von Maubeuge unter Umfassung erneut an. Die Armeen des Generalobersten vonBülow und des General obersten von Hausen schlugen etwa acht Armeekorps französischer und belgischer Truppen zwischen der Sambre, Namur und der Maas in mehrtägigen Kämpfen vollständig und verfolgen sie jetzt östlich von Maubeuge vorbei. Namur fiel nach zweitägiger Beschießung. Der An griff auf Maubeuge ist eingeleitet. Die Armee des Herzogs Albrecht von Württemberg verfolgte den geschlagenen Feind über den Semois und überschritt die Maas. Die Armee Äes deutschenKronprinzen nahm die befestigte Stellung des Feindes vorwärts von Longwy und wies einen starken Angriff des aus Verdun gegen die Maas vorgehenden Feindes ab. Longwy ist gefallen. Die Armee des KronprinzenvonBayern wurde bei ihrer Verfolgung in Lothringen von neuen feindlichen Kräften aus einer Position von Nancy und aus südlicher Richtung angegriffen. Sie wies den Angriff zurück. Die Armee des Generalobersten vonHeeringen setzt die Ver folgung in den Vogesen nach dem Süden fort. Elsaß ist vom Feinde geräumt. Aus Antwerpen machten vier belgische Divisionen gestern und vorgestern einen Angriff gegen unsere Verbindungen in der Richtung auf Brüssel. Die zur Abschließung Antwerpens zurückgelassenen Kräfte192 schlugen diese belgischen Truppen, machten viele Gefangene und er beuteten Geschütze. Die belgische Bevölkerung beteiligte sich fast überall an den Kämpfen. Daher wurden strengste Maßnahmen zur Unter drückung des Franktireurbandenwesens angewandt. Die Sicherung der Etappenlinien mußte bisher den Armeen über lassen bleiben. Da wir aber für den weiteren Vormarsch die zu diesem Zweck zurückgelassenen Kräfte notwendig in der Front brauchen, befahl Seine Majestät die Mobilmachung des Landsturmes. Der Landsturm wird zur Sicherung der Etappenlinien und zur Besetzung Belgiens mit herangezogen. Dieses unter deutsche Verwaltung tretende Land soll für die Heeresbedürfnisse aller Art ausgenutzt werden, um das Heimat gebiet zu entlasten. Generalquartiermeister von Stei n." Tage um Tage vergingen. Bald kam eine schwere Kunde, bald eine jubelnde. Die Erwartungen der Gegner sollten sich nicht erfüllen. Auf dem Lande herrschte ein Leutemangel, weil alle jungen Kräfte eingezogen waren; in den kleinen Garnisonstädten schien es nichts zu geben als Soldaten, Soldaten und Soldaten, und Angehörige von Soldaten, die von ihren Lieben Abschied nahmen. In allen Kasernen herrschte ein heitererer Ton als sonst im Frieden; irgendwelche drillhafte Dumpfheit konnte nicht aufkommen bei so großer Stimmung, und das einzige, was öde und geradezu verächtlich in den Augen der jungen Rekruten und Kriegsfreiwilligen erscheinen konnte, waren die dunklen Uniformen, die erst später durch das neuere, heldenhaftere Feldgrau ersetzt werden sollten. Diese vorzeitlichen blauen und roten Jacken gemahnten ihre Träger an kindliche Bleisoldaten. Florian hatte man auch in so eine Bleisoldatenuniform gesteckt. Er stand in Spandau. Der Rittmeister hatte ihn dort untergebracht. Als man ihn das erstemal auf dem Korridore der Kaserne in Reih und Glied gestellt hatte, hatte ein älterer Arzt, der danebenstand, gemeint: Ach Gott, was will denn das Jüngelchen hier!" Und als dann der Unteroffizier Stillgestanden!" kommandiert und die Frage gestellt hatte, ob irgendeiner von den Leuten besonders intelligent" sei, da hatte Florian von seinem Hintermann einen hinter listigen Stoß bekommen, so daß er ein wenig vorwärts taumelte; der Unteroffizier aber, der hierin eine freiwillige Meldung erblickte, fagte: Dann kommen Sie man gleich mit. Dann können Sie gleich nach her drüben die schmutzige Wäsche sortieren!" So hatte Florians Dienst begonnen. Es hatte ja in dieser Schalk haftigkeit dieser Anfrage und dieses Auftrages wohl etwas von jenerÄchelNden Selbstsicherheit gelegen, die ihn oft aus indischen Erzählungeü so wohltuend durchströmte: aber es war doch ein Unterschied zwischen den Phantasieobjekten, mit denen seine orientalischen Dichter arbeiteten, und mit denen hier der Unteroffizier sein Spiel trieb. Dem Professor hatte er nur einen kurzen Brief geschrieben; er hatte sich in dem Schreiben bei Frau Helene entschuldigen lassen; er hatte alle beruhigt über sein Wohlergehen und ein paar ganz nüchterne Sachen genannt, die der Professor ihm schicken möchte. Der Professor hatte sich natürlich sofort auf den Weg gemacht, um dem jungen Freunde all das Gewünschte zu bringen. Maria Asten hatte ursprünglich die Absicht gehabt, ihn zu begleiten; hatte aber den Plan im letzten Augenblick wieder aufgeben müssen, weil ihr Agent sie in sehr notwendiger Weise zu sprechen hatte. So fuhr der Professor denn allein nach Spandau. Als er eben sein Auto am Bahnhof beim Zoologischen Garten in Berlin bezahlte, er kannte er ein Paar, welches gerade vom Bahnsteig herabgeschritten kam: Es war der Rittmeister und Mutter Peeck. Die beiden begrüßten den Professor in jener harmlos geräuschvollen Art, die schlichten Leuten eigen ist, wenn sie etwas Stolzes zu berichten haben. Es brauchte auch wahr haftig nicht mühsam aus ihnen herausgefragt zu werden, daß ihr Hans das Eiserne Kreuz bekommen hatte. Der Professor hätte Mutter Peeck kaum wiedererkannt: sie schien ihm heute größer als sonst; sie schien ihm heute fast so groß wie ihre stolze Schwester Helene. Sie war ganz Heldenmutter. Es war, als hätte sie sich niemals etwas anderes gefühlt. Als hätte sie damals vor Jahren dem Jungen die Kleinkinderpistole und den Helm nur geschenkt, weil es ja doch gar nichts anderes geben könnte im späteren Leben als tapferen Krieg. Der Rittmeister ging heute zum ersten Male ganz in Feldgrau und sah mindestens fünfzehn Jahre jünger aus als sonst. Schließlich kannte der Professor die beiden Leutchen ja doch nur flüchtig aus dem Salon der Frau Helene. Bor seiner Erinnerung stand noch das gedrückte Lächeln dieser müden Bank- lehrlingsmutter; wo war das heute geblieben? Sie dachte gar nicht mehr an diese Zeit, an diese vorübergehenden Jrrgänge ihres ziel bewußten Heldensohnes, der jetzt kämpfte, damit Tante Helenes Pension nicht von Kosaken in Unordnung gebracht würde; mit den Russen hatte die ja nie viel im Sinn gehabt. Der Professor ließ sich in seiner gut mütigen Höflichkeit einen ganzen Schwall von Abenteuern des mutigen Hans erzählen, so daß er beinahe seinen Vorortzug verpaßt hätte. Er war froh, als er endlich doch noch rechtzeitig in seinen Wagen gelangte. Der Professor griff sogleich, als der Zug sich in Bewegung setzte, 13 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite. 10^195 nach den neuesten Zeitungen, die er sich noch schnell auf dem Bahnhof gekauft hatte. Und er las: Der deutsche kleine Kreuzer Magdeburg ist bei einem Vor stoß im Finnischen Meerbusen in der Nähe der Insel Odensholm im Nebel aus Grund geraten. Hilfeleistung durch andere Schiffe war bei dem dicken Wetter unmöglich. Da es nicht gelang, das Schiff abzu bringen, wurde es beim Eintreffen weit überlegener russischer Streit kräfte in die Luft gesprengt und hat so einen ehrenvollen Untergang gefunden. Unter dem feindlichen Feuer wurde vom Torpedoboot ,V 26 der größte Teil der Besatzung des Kreuzers gerettet. Die Verluste der Magdeburg und des ,V 26 stehen noch nicht ganz fest. Bisher sind gemeldet: tot 17, verwundet 21, vermißt 85, darunter der Kommandant der Magdeburg ." Vom Kaiser ging dem preußischen Staatsministerium nachstehendes Telegramm zu: Die Heimsuchung meiner treuen Provinz Westpreußen durch das Eindringen feindlicher Truppen erfüllt mich mit herzlicher Teilnahme. Ich kenne den in noch schwererer Zeit bewährten unerschütterlichen Mut meiner Ostpreußen zu genau, um nicht zu wissen, daß sie stets bereit sind, aus dem Altar des Vaterlandes Gut und Blut zu opfern und die Schrecknisse des Krieges standhaft auf sich zu nehmen. Das Vertrauen der unwiderstehlichen Macht unseres heldenmütigen Heeres und der un erschütterliche Glaube an die Hilfe des lebendigen Gottes, der dem deut schen Volke in seiner gerechten Sache und Notwehr bisher so wunder baren Beistand geleistet hat, werden niemand in der Zuversicht auf bal dige Befreiung des Vaterlandes von den Feinden ringsum wanken lassen. Ich wünsche aber, daß alles, was zur Linderung der augen blicklichen Not in Ostpreußen, sowohl der von ihrer Scholle Vertriebe nen, als auch der in ihrem Besitz und Erwerb gestörten Bevölkerung geschehen kann, als ein Akt der Dankbarkeit des Vaterlandes sogleich in Angriff genommen wird. Ich beauftrage das Staatsministerium, im Verein mit den Behörden des Staates, den provinziellen und städtischen Verbänden und den Hilfsvereinen auf den verschiedenen Gebieten der Fürsorge durchgreifende Maßnahmen zu treffen und mir vom Geschehenen Meldung zu machen. Wilhelm, 15." Niederlage der Engländer bei St. Quentin. Die englische Armee, der sich drei französische Territorialdivisionen angeschlossen hatten, ist nördlich St. Quentin vollständig geschlagen und befindet sich in vollem Rückzug über St. Quentin. Mehrere tausend Gefangene, sieben Feld batterien und eine schwere Batterie sind in unsere Hände gefallen.Südöstlich von Möziöres haben unsere Truppen unter fortgesetzten Kämpfen in breiter Front die Maas überschritten. Unser linker Flügel hat nach neuntägigen Gebirgskämpsen die fran zösischen Gebirgstruppen bis östlich Epinal zurückgetrieben und befindet sich in weiterem siegreichen Fortschreiten." Fall des lothringischen Forts Manonviller. Manonviller, östlich von Lunßville, das stärkste Sperrfort der Franzosen, ist in deutschem Besitz." Die deutsche Heeresleitung gegen feindliche Verleumdungen. Die deutsche Heeresleitung protestiert gegen die durch unsere Gegner ver breitete Nachricht über Grausamkeiten der deutschen Kriegführung. Wenn Härten und strengste Maßnahmen eingetreten sind, so sind sie veran laßt und herausgefordert durch die Teilnahme der Zivilbevölkerung, ein schließlich Frauen, an heimtückischen Überfällen auf unsere Truppen und bestialische Grausamkeiten, die an Verwundeten verübt worden sind. Die Verantwortung für die Schärfe, die in die Kriegführung hineinge bracht worden ist, trifft alle diejenigen Regierungen und Behörden der von uns besetzten Landesteile, die ihre Bürger mit Waffen versehen und Zur Teilnahme an dem Krieg aufgehetzt haben, überall da, wo sich die Bevölkerung feindseliger Handlungen enthalten hat, ist von unseren Truppen weder Mensch noch Gut beschädigt worden. Der deutsche Sol dat ist kein Mordbrenner und Plünderer. Er führt nur Krieg gegen die feindlichen Heere. Die in ausländischen Blättern gebrachte Nach richt, die Deutschen trieben die Bevölkerung des Landes in Gefechten vor sich her, ist eine Lüge, die den moralischen Tiefstand ihrer Urheber kennzeichnet. Jeder, der die hohe kulturelle Entwicklung unseres Volkes kennt, wird so etwas von vornherein als ausgeschlossen bezeichnen. v. Moltke." Über die derzeitige Lage in den deutschen Schutzgebieten gibt das Reichskolonialamt folgendes bekannt: In Ostafrika haben kurz nach Ausbruch des Krieges die Engländer den Funkenturm von Daresfalam zerstört. Im Innern des Landes haben nach neueren englischen Nachrichten unsere Schutztruppen die Offensive ergriffen und den wichtigen englischen Verkehrspunkt Tavota, südwestlich des Kilimandscharo, besetzt. Aus Togo, das nur von einer kleinen Schar kriegsfreiwilliger Weißer und einer schwachen Eingeborenen-Polizeitruppe verteidigt wurde, ist bereits gemeldet worden, daß die Engländer und Franzosen einiges Ge biet besetzten. Zwischen unseren Truppen und den aus Dahomey und der Goldküste anmarschierenden, weit überlegenen Streitkräften fanden196 verschiedene Gefechte statt, in denen auf unserer Seite mit großer Tapferkeit gekämpft wurde. In diesen Gefechten fielen, wie teilweise schon früher gemeldet, Hauptmann Pfähler und die Kriegsfreiwilligen Berke und Klemo, während Doktor Raven und die Kriegsfreiwilligen Lengmüller, Kohlsdorf und Ebert verwundet wurden. Aus Kamerun, das bis vor wenigen Tagen vom Feinde nicht be helligt war, liegen neuere Nachrichten nicht vor; einem Eindringen feindlicher Streitkräfte in das Land dürften die Schutztruppen erfolg reichen Widerstand entgegensetzen. Da der Funkenturm vor Kamina in Togo vor seiner Besitzergreifung durch die Engländer von unseren Truppen zerstört wurde, sind weitere Nachrichten aus Togo und aus Kamerun in nächster Zeit nicht zu erwarten. In Deutsch-Südwestafrika war bisher alles ruhig. Nach englischen Meldungen haben die Schutztruppen die Offensive ergriffen und sind von der Südostecke her in Richtung aus Upington in die Kapkolonie einge drungen. Aus unseren Besitzungen in der Südsee liegen Nachrichten nicht vor." Der Professor mußte daran denken, was für Nachrichten wohl später Florian aus dem Feindeslande senden würde. Wie still würden die klingen! Wahrscheinlich würde Florian nur kleine, aparte Kulturkurio sitäten melden oder von wunderbaren Bauten schwärmen. Er konnte es sich nicht vorstellen, daß Florian da als ein Kämpfer Schrecken um sich verbreiten sollte. Als der Professor endlich bei der Kaserne in der Moritzstraße ange kommen war, wurde ihm bedeutet, daß er zu unrechter Zeit gekommen sei. Florian und seine Kameraden waren gerade auf einem Marsche nach Döberitz. Der Professor war froh, daß er sein Paket abgeben konnte, und machte sich wieder auf den Heimweg. Als er wieder in seine Pension kam, fand er dann wohl das Dienst mädchen. Tante Helene war mit ihrem Schwager und ihrer Schwester ausgegangen, um Einkäufe für Hans zu machen. Die meisten Gäste hatten das Haus verlassen und waren in ihre teils feindliche, teils neu trale Heimat gezogen. Alles sah ausgestorben aus. Draußen auf dem großen Balkon wehten keine bunten Seidenfähnchen mehr; weder Siam noch Alt-Grussow wurde da willkommen geheißen. Noch leuchteten die Pelargonien in ihrem seltsam matten Rot. Noch blickte das Bild der Frau von Suttner mit dem alten Lächeln, das so herzlich tun wollte und doch so resigniert war, durch den Saal. Und es war dem Pro fessor plötzlich, als wenn der Geist dieses Hauses ihm erschiene, als sich197 plötzlich die Tür des kleinen Rauchzimmers auftat und Maria Asten mit ganz verstörten und verweinten Zügen und in Schwesterntracht ihm entgegentrat. Bei seiner Gutmütigkeit bemerkte er über ihrem Gesichtsausdruck gar nicht die ungewohnte Tracht, die ihr übrigens ausgezeichnet stand. Um Gottes willen, was ist Ihnen geschehen, gnädiges Fräulein? Was ist los?" Sie machte eine verzweifelte Handbewegung wie die Gräfin Terzky am Schlüsse des letzten Aktes, sah ihn groß und gespenstisch in die onkel haften Augen und sagte: Denken Sie sich nur, was einem alles passieren kann! Mein Agent, dieser Schuft, hat mir heute gesagt, daß mein Kontrakt hinfällig ist! Und dabei hat er mich doch veranlaßt, das glänzende Engagement in Köln lediglich ihm zuliebe auszuschlagen!" Sie hatte sich in den Stuhl gesetzt und starrte auf die Tischdecke. Der Professor sagte sanft, aber ganz fest: Das wird er wohl nicht aus Gemeinheit getan haben, sondern weil die schwere Zeit ihn dazu gezwungen hat! Es gibt jetzt noch größere Schufte!" Ja, Sie haben gut reden! Aber ich? Was soll ich denn jetzt an fangen? Was soll aus mir werden? Der unverschämte Mensch hat wich ja geradezu auf die Straße gesetzt! Hätte ich doch nie auf ihn ge hört! Meinen Sie denn wirklich, daß der Krieg noch länger als vier Wochen dauern könnte! Das wäre ja ganz unverantwortlich! Was soll da aus unsereinem werden?" Der Professor war tiefernst geworden. Er sagte: Nun, einstweilen, gnädiges Fräulein oder soll ich sagen ,liebe Schwester?^ haben Sie ja eine feste Tätigkeit gefunden. Sie tragen Schwesterntracht; Sie werden einstweilen ja also sowieso auf künstlerische Tätigkeit verzichtet haben!" Maria sah ihn groß an. Sie wußte nicht, was in ihm vorging: sie wußte nicht, ob er jetzt wirklich ernst und verehrungsvoll redete wie es klang, oder ob er es spöttisch meinte. Sein Blick blieb ruhig. Sie irren sich, Herr Professor. Ich bin nicht Krankenpflegerin geworden." Aber Sie tragen das Kleid. Ich kann doch nicht annehmen, t aß Sie jetzt in dieser ernsten Zeit Maskerade spielen wollen. Das wäre ja gerade so, als wenn ich jetzt feldgrau herumlaufen wollte." Maria fühlte, wie ihr der Kopf brannte. Ich folgte dem Rat unserer verehrten Frau Helene; ich singe jetzt vielfach in Lazaretten vor den Verwundeten; da meinte Frau Helene, es würde ein schlichtes Schwesterngewand am unauffälligsten wirken." Am unauffälligsten würde ich in solchem Lazarett wohl auch wirken, wenn ich da im feldgrauen Rock erschiene. Aber man würde mich dann natürlich einsperren. Sie haben mich um Rat gefragt und mir Ihr Leid geklagt. Das gibt mir ein Recht, mich zu äußern. Aber auch wenn ich Sie gar nicht kennen würde, würde ich auf öffentlicher Straße es für die Pflicht meines reiferen Alters halten, Sie auf Ihren mutwilligen Irrtum aufmerksam zu machen: Sie sind keine Schwester und tragen sich doch so; das ist Maskerade! Regen Sie sich bitte gar nicht aus!. Sie lassen es sich gefallen, daß Zeitungen, die über Ihren Vortrag berichten, von der ,Schwester Maria Asten" sprechen; das ist unwürdiges Theater! Der ehrfürchtige Gruß, den die harmlosen Sol daten Ihnen wegen Ihrer Kleidung darbringen, kommt Ihnen nicht zu! Den haben Sie sich nur erschwindelt! Legen Sie gefälligst den Trödel sofort ab!" Maria war ganz blaß geworden. Schweigend nahm sie die schwarze Haube vom Haupt. Der Professor stand unbeweglich vor ihr. Ich bitte Sie, nicht zu denken, daß ich nur kritisieren möchte. Ich verkenne gar nicht die Schwierigkeit Ihrer Situation. Sie ließen mich früher oft an Ihren Erfolgen und Hoffnungen teilnehmen. Sie pflückten jeden Kranz, als wenn er Ihnen selbstverständlich gebühre. Ich wollte, Sie könnten sich jetzt mit derselben Selbstverständlichkeit in die jetzige Lage finden. Denken Sie, bitte, ja nicht, daß Sie in besonderer Weise in dieser schweren Zeit geprüft werden. Die Opfer, die wir zu bringen haben, sind nicht zu vergleichen mit den Mühen unserer Tapferen draußen: dennoch gibt es auch für jetzt eine Art von Dienst, der in seiner Mühseligkeit an ,den Schützengraben erinnern mag. Unsere Tapferkeit hat aber ganz still zu sein. Wenn Sie sich etwas erspart hätten, würden Sie ja jetzt vielleicht in der Lage sein, als Schwester Kranke pflegen zu dürfen und nebenbei Ihre hiesige Miete und Ihren Unterhalt zu bestreiten. Mir ging Ihr Schicksal schon im Kopfe herum. Wenn ich Ihnen raten darf, möchte ich Ihnen wohl zeigen dürfen, wie Sie sich durch diese Zeit hindurchpauken können." Maria sah ihn groß an; es lagen eine erhebliche Angst und Hoff nung in ihrem Gesicht; alles Theater war geschwunden. Mein gnädiges Fräulein, ich halte es für sehr möglich, daß unsere verehrte Frau Helene, die Sie sehr schätzt, Ihnen mit Freuden einen längeren Kredit gewähren wird. Ich wage es kaum, nur so nebenbei 19Szu erwähnen, daß ich gleichfalls Ihnen gern eine beschränkte Summe zur Verfügung stellen könnte, wenn Sie darüber befehlen wollten aber ich möchte es Ihnen gönnen, daß Sie stolz und frei später an diese große, stolze Zeit zurückdenken könnten; daß Sie nicht sagen müßten: ,Man hat mir gütigst geholfen , sondern daß Sie sagen könnten: ,Jch habe mich ganz allein durchgekämpft! Konzerte gibt es jetzt nicht; wenigstens nicht in der bisher üblichen Art; wer jetzt einen großen Saal mietet, der darf anstandshalber nur zu wohltätigem Zweck vor tragen. Mag die Not der Künstlerwelt und der Gelehrtenwelt noch so bitter werden, sie darf doch nicht gar zu offen eingestanden werden. Viele Ihrer Kolleginnen wollten sich jetzt eine Stelle als Dienstmädchen suchen; aber viele Hausfrauen mußten jetzt auch auf die Hilfe der Dienst mädchen verzichten: eine Ihrer Kolleginnen, die ich vor ein paar Jahren in Magdeburg die Brünhilde singen hörte, verkauft jetzt auf der Straße Zeitungen. Es liegt das wohl in der phantastischen Künstlerart, daß solche Leute auch in ihrer Ratlosigkeit kein Maß zu halten wissen. Ich hätte für Sie einen vernünftigeren Vorschlag. Wollen Sie mich hören?" Ja." Ich sprach eben mit einem mir befreundeten Geiger. Sein Name tut hier nichts zur Sache. Sie kennen den Namen natürlich. Er hat ein paar feine Orchesterwerke geschrieben, die Nikisch im vorigen Winter in der Philharmonie dirigierte. Können Sie sich vorstellen, was er jetzt macht?" Maria sah bekümmert zu ihm empor. Verkauft er auch Zeitungen auf der Straße?" Nein. Er geigt jetzt in einem Cafs in Schöneberg des Nach mittags von fünf bis sieben und des Abends von zehn bis zwölf." Wie entsetzlich!" stöhnte Maria. Nein! Das ist gar nicht entsetzlich! Das ist sogar ganz famos! Er schützt sich dadurch vor wirtschaftlicher Not! Das einzige, was ihn be trübt, ist, daß man ihn nicht in der Front gebrauchen kann. Er tritt unter fremdem Namen auf. Du lieber Gott, Berlin ist so riesengroß! Wie wenig Menschen werden da vor ihm sitzen, die ihn erkennen!" Aber was hat das mit mir zu tun?" Ich hatte mir gedacht, daß ich Sie unter den Schutz dieses Freundes stellen würde, und daß Sie da in demselben Cafe täglich ein paar Lieder singen würden." Aber, um Gottes willen, was würden die Leute dazu sagen! Mich kennen doch so viele!" Bilden Sie sich nichts ein! Die Zeit ist rauh, lassen Sie mich es auch sein! Wenn Sie so bekannt wären, wie Ihre paar persönlichen Freunde es Ihnen einreden möchten, so würden Sie ja überlaufen sein als Lehrerin! Dann hätten Sie ja auch in der letzten berühmten Zeit Ihres Wirkens so viel verdient, daß Sie jetzt alles Weitere ruhig ab warten können. Seien wir beide doch miteinander ehrlich! Wenn nun wirklich Bekannte von Ihnen dort erschienen, Sie erkennen würden, und etwa sagen würden: ,Wie kommen Sie denn bloß hierher?^, so hätten Sie gar keinen Grund, sich zu schämen, sondern Sie könnten ein fach antworten: .Durch die schwere Zeit! " Maria starrte fassungslos vor sich hin. Aber was soll man denn an solchem Platze singen?" Genau dieselben ernsten und künstlerischen Sachen wie sonst, übrigens würden Sie da sowieso noch einen alten Bekannten treffen: Der kleine Himsch ist dort der Klavierspieler im Quartett: Sie würden also eine gute Begleitung haben. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wir trinken jetzt in dem Lokal eine Tasse Kaffee. Sie sehen sich den ganzen Kram an. Wollen Sie mitkommen? Dann ziehen Sie sich um." Mechanisch war Maria aufgestanden. In der Tür wandte sie sich noch einmal um und sagte: Ich bin gleich fertig." Als die beiden das große Haus verlassen hatten, lag es wie aus gestorben da. Nichts war darin, wo es sonst immer so lebhaft zuge gangen war, zu hören als das Ticken der Uhren. Es war acht Uhr geworden, als Tante Helene wiederkehrte. Öde und kalt und schweigend empfing ihr Heim sie. Sie hatte aller hand Einkäufe gemacht mit ihrer Schwester und dem Rittmeister. Man hatte allerlei für den Sohn Hans, den Stolz des Hauses, ausgesucht. Morgen sollte ein großes Feldpostpaket geschnürt werden. Es war kein Dienstmädchen da, das der Herrin den Mantel im Flur abgenommen hätte: der sonst so ordentlichen und gestrengen Frau Helene kam es gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, wo die Dienstboten sich jetzt nur herumtreiben müßten. Sie hing Hut und Mantel in den Schrank, und trat dann vor den Spiegel, um sich die Haare zu ordnen, die wie ein silberner Helm ihre hohe Gestalt krönten. Sie hatte die rote Flurlampe hell entzündet, als sollte die verkünden, daß jetzt hier im Hause Besuch erwartet und willkommen sei. Dann schritt sie in ihrer aufrechten Art die Stufen empor, ging ins große Eßzimmer und entzündete da ebenfalls alles Licht, damit der helle Schein selbstbewußt und einladend über den großen Prager Platz fluten konnte. Danach begab sie sich in ihr stilles Arbeitszimmer, setzte sich an zooGeneraloberst .Herzog Älbrecht von Württemberg Generaloberst von Heeringen (?liot. ^ersetieicl)Äugust von IZNactensen (pkot. Lottksil L, Lo^in)Freih. -Konrad v. .Hötzendorf (ttofpkot. ^c^sls) Exzellenz Alfred von Tirpitz (slofpliot. Kiebsr, ösi-Iin) Enroer-^PasGa, ftellvertr. (Oberbefehlshaber d. türkisGen von Bethmann Hollweg L, l.cibisc^, ?Iiot. Urbskns) ^apitänleutn. Gtto Weddigen (Lop. s^ovitss")201 den Schreibtisch und nahm ihr großes Geschäftsbuch auf den Schoß, um darin zu blättern und zu rechnen. Hier war ihr Kampfplatz. Hier fühlte sie sich sicher und verant wortlich. Im Lärm der Straßen und im Gedränge des Warenhauses, wo ihre Schwester und ihr Schwager sich so köstlich wohl gefühlt hatten, war ihr beinahe ängstlich zumute geworden. Es war ihr ordentlich eine Erleichterung gewesen, als die beiden Peecks ländliche Freunde in der Leipziger Straße gefunden hatten, mit denen zusammen sie jetzt in einem großen Restaurant in der Friedrichstraße zu Abend essen wollten. Frau Helene breitete Rechnungen und Quittungen auf dem Tische vor sich aus. Sie machte sich Notizen mit dem Bleistift auf einem Zettel und übertrug dann alles mit ihrer peinlich sauberen Schrift in das große Hauptbuch. Das Dienstmädchen erschien und fragte, ob der Abendbrottisch ge deckt werden solle. Frau Helene bestellte nur für sich etwas schwarzen Kaffee und ein paar Brötchen. Dann ging sie weiter an die Arbeit. Nach einer Weile brachte das Dienstmädchen die paar Brötchen und die abendliche Post. Frau Helene schien es gar nicht zu beachten; sie war ganz in ihre Rechnereien versenkt und las im großen Buche, das auf ihrem Schöße lag. Da sagte das Dienstmädchen: Es ist auch ein Feldpostbrief dabei, der zurückgekommen ist." Frau Helene griff nach dem Papier. Da lag ein Brief, den Lissi vor vierzehn Tagen ihrem Bruder geschickt hatte; der Brief war als unbestellbar wieder zurückgeschickt und trug das Zeichen: Vermißt." Frau Helene mußte lange auf das Wort sehen, bis sie es begriff. Das nächste, was sie überkam, war ein plötzlicher, fast philiströser Schrecken: sie mußte darüber nachdenken, wie sie der armen Schwester dies Schreckliche mitteilen sollte: der armen Schwester, die nichtsahnend jetzt in der Friedrichstraße zu Abend aß. Daß ihr dieser Gedanke nicht nur zum Bewußtsein kam, daß sie nicht nur seine Philistrosität empfand, sondern sich auch dieser später noch entsinnen konnte, lag eben in der sauberen Gewissenhaftigkeit, in der sie all ihre seelischen und ihre häus lichen Einnahmen und Ausgaben registrierte. Dann aber kam eine große, schmerzliche Traurigkeit über sie, die nichts Alltägliches mehr an sich hatte. Wie mit visionärer Deutlichkeit stand vor ihr ein Bild aus alten Tagen: ihr war es, als wenn Hans eben zu ihr ins Zimmer ge kommen wäre: aber es war nicht der große Hans, der sie selbst und an dere so viel geärgert hatte: und es war auch nicht der große Hans, der202 stolz sein Eisernes Kreuz zeigen wollte, sondern es war das vierjährige Kind Hans; so war damals das Kind hier ins Zimmer gekommen, um der Tante in ihr neues, stolzes Heim kindlich ein paar Blumen zu bringen. Damals hatte das Kind den blonden Kopf in Tantes Schoß legen wollen, wo aber ja doch schon das große Rechnungsbuch lag; und das Kind hatte gebettelt: Buch weglegen!" Und so legte Frau Helene auch jetzt das Buch weg.20) Elftes Kapitel. Hindenburgs Taten und weitere Kämpfe nach zwei Seiten. Unterdessen aber ging der Rittmeister mit seiner Gattin ganz in dem Jubel eines soeben ausgegebenen Extrablattes auf. War das herrlich! Unsere Truppen in Preußen unter Führung des Generalobersten v. Hindenburg haben die vom Narew vorgegangene russische Armee in Stärke von fünf Armeekorps und drei Kavalleriedivifionen in drei tägiger Schlacht in der Gegend von Gilgenburg-Ortelsburg geschlagen und verfolgen sie jetzt über die Grenze. Der Kaiser ernannte den siegreichen Feldherrn, General v. Hinden- burg, zum Generalfeldmarschall, verlieh ihm das Eiserne Kreuz 1. Klasse und sandte ihm folgendes Telegramm: ,Durch den in dreitägiger Schlacht errungenen vollen Sieg über die russische Übermacht erwarb sich die Armee für immer den Dank des Vaterlandes. Mit ganz Deutschland bin ich stolz auf diese Leistung der Armee unter Ihrer Führung. Ubermitteln Sie den braven Truppen meine warme kaiserliche Anerkennung. Wilhelm, I. ü,. " Das war so herrlich, daß er daneben der anderen, gewiß doch auch wichtigen Meldung fast gar kein Interesse entgegenbringen konnte: Amtlich wird bekanntgegeben: Im Lause des gestrigen Vormittags sind bei teilweise unsichtigem Wetter mehrere moderne englische kleine Kreuzer und zwei englische Zerstörerflottillen (etwa 40 Zerstörer) in der deutschen Bucht der Nordsee nordwestlich von Helgoland aufgetreten. Es kam zu hartnäckigen Einzelgefechten zwischen ihnen und unseren leichten Streitkräften. Die deutschen kleinen Kreuzer drängten heftig nach Westen nach und gerieten dabei infolge der beschränkten Sichtweite ins Gefecht mit mehreren starken Panzerkreuzern.204 S. M. S. ,Ariadne sank, von zwei Schlachtschiffkreuzern der Lion- Klaffe auf kurze Entfernung mit schwerer Artillerie beschossen, nach ehrenvollem Kampfe. Der weitaus größte Teil der Besatzung, voraus sichtlich 250 Köpfe, konnte gerettet werden. Auch das Torpedoboot ,V 187 ging, von einem kleinen Kreuzer und 10 Zerstörern aufs heftigste beschossen, bis zuletzt feuernd, in die Tiefe. Flottillenchef und Kommandant find gefallen. Ein beträchtlicher Teil der Besatzung wurde gerettet. Die kleinen Kreuzer Köln und Mainz werden vermißt. Sie sind nach einer heutigen Reuter-Meldung aus London gleichfalls im Kampf mit überlegenem Gegner gesunken. Ein Teil ihrer Besatzungen (9 Offi ziere und 81 Mann?) scheint durch englische Schiffe gerettet worden zu fein. Nach der gleichen englischen Quelle haben die englischen Schiffe schwere Beschädigungen erlitten." An jenem Abend aber ahnte noch niemand etwas von der gewal tigen Ausdehnung des Sieges von Tannenberg. Erst einige Tage später sollte man folgendes erfahren: Bei den großen Kämpfen, in denen die russische Armee in Ost preußen bei Tannenberg, Hohenstein und Ortelsburg geworfen wurde, gerieten nach vorläufiger Schätzung weit über 30 000 Russen mit vielen hohen Offizieren in Gefangenschaft." Aus dem Großen Hauptquartier wurde dann weiter berichtet: Im Osten ist der gemeldete Sieg der Armee des Generalobersten von Hindenburg von weitaus größerer Bedeutung, als zuerst übersehen werden konnte. Trotzdem neue feindliche Kräfte über Neidenburg ein griffen, ist die Niederlage des Feindes eine vollständige geworden. Drei Armeekorps sind vernichtet, 60 000 Gefangene, darunter zwei Komman dierende Generale, viele Geschütze und Feldzeichen sind in unsere Hände gefallen. Die noch in dem nördlichen Ostpreußen stehenden russischen Truppen haben den Rückzug angetreten. Generalquartiermeister v. Stein." Eine ausführliche Beschreibung der großen Kämpfe in Ostpreußen veröffentlichte der Kriegsberichterstatter der Täglichen Rundschau", M. Th. Bermann. Er meldet aus dem östlichen Hauptquartier: Ich komme soeben von den Schlachtfeldern um Hohenstein, wo wir in dreitägigem harten Kampf einen glänzenden Sieg über nach Nord westen vordringende russische Korps erfochten. Der Vorstoß der Russen sollte über Hohenstein, das die Russen zwei Tage besetzt hielten, nach Osterode und Deutsch-Eylau erfolgen. Bei Hohenstein nahm nun eine205 deutsche gemischte Landwehrdivision den Stoß der Russen auf, unterstützt im Süden von der rechten Nebendivision, im Norden von einem aus Allenstein vordringenden Armeekorps. Die südlich von der Landwehr stehenden Truppen griffen über Neidenburg mit stark vorgehendem rechten Flügel den Feind an, während vom Norden aus unsere Truppen über Allenstein, Wartenburg und Bischoffsburg mit dem starken linken Flügel auf Pfaffenheim den Gegner packten. Nun waren die Russen von drei Seiten erfaßt und wurden nach erbittertem Kampf nach dem Osten und Südosten in die Seen und Sümpfe geworfen. In Hohenstein selbst war der Kamps besonders stark. Die von den Russen besetzt gehaltene Stadt wurde von unserer Artillerie überaus wirkungsvoll beschossen und steht noch jetzt zum Teil in Brand. In Haufen sah ich dort tote Russen liegen, ebenso sind die Straßengräben von toten Russen voll. Die Zahl der von uns Gefangenen und der eroberten Geschütze läßt sich noch nicht genau feststellen. Auf allen Straßen um Hohenstein sah ich unabsehbare Züge von gefangenen Russen. Es sind etwa 30 000. Mit diesem glän zenden Sieg des Generalobersten v. Hindenburg sind die fünf bis sechs russischen Korps, die vom Südosten Deutschland umklammern sollten, als zersprengt und somit als vernichtet zu betrachten. Der Sieg ist um so bedeutungsvoller, als wir auch diesmal gegen eine bedeutende Übermacht zu kämpfen hatten." Das Gouvernement von Thorn teilte mit: Die russische zweite Armee (Narew-Armee) hat aufgehört zu bestehen. Es sind mehr als 60 000 Gefangene gemacht. Vernichtet sind das 8., 13., 23. und die Hälfte des 6. russischen Armeekorps. Von diesen Korps sind sämtliche Geschütze und Fahrzeuge in unsere Hände gefallen. Durch die Flucht konnten sich unter schweren Verlusten das 1. und die Hälfte des 6. russischen Armee korps über die Grenze retten." Nach weiteren Mitteilungen des Hauptquartiers beträgt die Zahl der Gefangenen in der Schlacht bei Gilgenburg-Ortelsburg 70 000 Mann, darunter 300 Offiziere. Das gesamte Artilleriematerial der Russen ist vernichtet. Berlin, 3. September. Im Osten ernten die Truppen des General obersten v. Hindenburg weitere Früchte ihres Sieges. Die Zahl der Ge fangenen wächst täglich, sie ist bereits auf 90 000 gestiegen. Wie viele Geschütze und sonstige Siegeszeichen noch in den preußischen Wäldern und Sümpfen stecken, läßt sich nicht übersehen. Anscheinend sind nicht zwei, sondern drei russische Kommandierende Generale gefangen. Der russische Armeeführer (Schilinski) ist nach russischen Nachrichten ge fallen. Generalquartiermeister v. Stein."206 Wieder saßen die Freunde bei Peter auf dem Zimmer. Und wieber redeten sie nur von dem einen Thema, das sie nun schon seit Wochen in den Bann geschlagen hatte. Nicht etwa davon, daß Peters Bruder Hans vermißt wurde. Das war Kriegsschicksal. Das andere aber war noch für sie alle etwas ganz anderes. Wenn sie es nicht selbst mit erlebt hätten, sondern nur irgendwo erzählt bekommen ach, wie würden sie jenen Aufschneider gehörig verbläut haben! Aber an der Tatsache war ja nicht mehr zu rütteln. Abromeit, ihr Freund und Klassenkamerad war Kriegsfreiwilliger geworden. Gar nichts hatte er zunächst von seiner Absicht verraten. Im Gegenteil, wenn Peter immer darüber gejammert hatte, daß sie noch nicht zum Notexamen zugelassen würden, hatte er immer geschwiegen. Nur so ein eigentümliches Lächeln hatte er stets ge habt, wenn sie ihn wegen seiner Schwächlichkeit verulkt hatten. Abromeit schwach? Na, er würde es ihnen ja zeigen, was für ein Kerl er war! Als er zuerst seinen Eltern von seiner Absicht geschrieben hatte und von ihnen die Erlaubnis erbat, in ein Königsberger Infanterieregiment als Freiwilliger eintreten zu dürfen, hatte er selbstverständlich eine ableh nende Antwort erhalten. Aber als er dann seine Bitten immer wieder und immer inständiger erneute, indem er selbst darauf hinwies, daß der Vater ihn damals bereits nach Absolvierung der Untersekunda vom Gym nasium habe nehmen wollen, von wegen schweren Lernens und so, hatten die Eltern ja gesagt, das heißt, sie hatten ihm gestattet, sich melden zu können und sich zunächst einmal vom Stabsarzt untersuchen zu lassen. Ihre leise Hoffnung, daß dieser ihren Jungen gleich wieder nach Hause schicken würde, hatte sich dann nicht erfüllt. Der schwächliche Abromeit war mit einem Male stark genug, ein Gewehr und den vollgepackten Affen tragen zu können. Und nun wurden seine Glieder schon ganz tüchtig gedrillt, und wer weiß, wie lange es noch dauern konnte, daß er auch in die Front kam. Und darauf lauerten seine Kameraden nun alle in unterdrücktem Neide. Und wieder ging das Gespräch so los: Hättest du dem Abromeit das zugetraut?" Du vielleicht?" Na, du vielleicht?" Du, der Abromeit hat mir eine Königsberger Zeitung geschickt. Da steht allerhand drin, was euch interessieren dürfte. Zunächst ist da ein ganz ulkiger Brief eines Obertertianers und Erntearbeiters. Hört mal zu: ,Liebe Mutter! Wir 13 Jungens find nun glücklich auf dem Ritter gut H. angelangt. Wir schlafen in einem alten Schloß auf Stroh, aber mit Decken und Kopfkissen, und sind sehr vergnügt. Nur die Arbeit ist207 doch schwerer, als ich dachte. Um 4 Uhr müssen wir aufstehen, trinken Milch und essen Landbrot dazu, und dann geht s auss Feld. Wir haben Garben aufzustellen und zu binden, aber sie sollen schön gleichmäßig stehen, und das gelingt uns noch nicht recht: dazwischen sind auch so viel Disteln, und die pieken ordentlich. Der Sohn des Gutsherrn beauf sichtigt uns, aber er schimpft eigentlich immer, und wir geben uns doch alle so viel Mühe. Wir freuten uns so aus das Mittagessen, aber es gibt immer Schweinefleisch, und ich glaube, es ist nicht ganz frisch; wir können es schon nicht mehr essen. Wir baten die Wirtin, uns einmal Kartoffel flinsen zu backen, aber sie tut s nicht. Dann haben wir noch Vesper, da gibt s frische Milch und knusprige Brötchen, und abends um 7 Uhr Abendbrot. Dann sind wir so müde, daß wir gar nicht die Augen auf halten können und wie die Mehlsäcke aus unser Strohlager plumpsen. Sehr schön war s am Sonntag, da haben wir den Garten und den Park aufgesucht und uns an Äpfeln und Birnen gütlich getan. Wenn s so auch nicht leicht ist, liebe Mutter, so bin ich doch froh, daß ich hergekommen bin, denn ich leiste doch auch etwas und bin nicht müßig, wenn andere so viel fürs Vaterland tun Und dann ist da ein Aufruf des Generalfeldmarschalls von der Goltz an Jungdeutschland! Gehören wir vielleicht nicht mit dazu? Silentium, sage ich! Mit inniger Freude habe ich aus allen Teilen des Reichs die Nach richt erhalten, daß die Jungmannschaften unseres Bundes sich durch ihr wackeres Verhalten, ihr braves, tüchtiges Zugreifen bei Erntearbeiten und Hilfsleistungen jeder Art, durch ihre Manneszucht und Ordnung die höchste Anerkennung erworben haben Ich glaube nicht nötig zu haben, unsere Jungmannschaft an das Ausharren in den begonnenen Hilfsleistungen zu mahnen. Sie wissen ja, daß es unser Grundsatz bei allen Übungen war, niemals ein ange fangenes Werk unvollendet zu lassen. Das wird sich jetzt bewähren. Vorwärts also, deutsche Jungmannschaft! Ein jeder von euch tue seine Pflicht fürs Vaterland, für unseren geliebten Kaiser und sein Reich, gleichgültig, an welchen Platz der einzelne gestellt wird. Während der Dauer des Krieges tritt unser Bund vorübergehend in die allgemeine Neuordnung der Jugendkräfte über, die in nächster Zeit von höherer Stelle aus getroffen werden wird. In ihr sollen die älteren Klassen vom 16. Lebensjahre aufwärts eine Ausbildung erhalten, durch welche sie un mittelbarer als bisher für den Kriegsdienst vorbereitet werden. Jungdeutschland hat sich früh an den Gedanken gewöhnt, zur Ver teidigung des Vaterlandes berufen zu sein. Jetzt sieht es dies schneller,als wie alle dachten, erfüllt. Es freue sich dessen und setze alle Kräfte ein, sich dieser Bestimmung wert zu zeigen.... Unser Vaterland ist schwer bedroht. Seine Feinde wollen es nicht nur schwächen, sondern zerstückeln und vernichten. Aber seine tapfere Kriegsmacht wird es retten, zum Siege führen und seinen Ruhm er höhen. Jungdeutschland hilft dabei mit. Es glaubt fest an Deutschlands Zukunft und ist entschlossen, ihr unter seines Kaisers glorreicher Führung Gut und Leben zu opfern. Glück auf, deutsche Iungmannschaft Werk! Erfülle deine Pflicht! Charlottenburg, den 11. August 1914. Freiherr von der Goltz, Generalfeldmarschall, 1. Vorsitzender des Bundes Jungdeutschland Und dann ist da ein Feldpostbrief! Losheulen könnte man, wenn man den liest und bedenkt, wie wir hier eingepökelt sitzen. Was nützen uns die paar Nachmittage, wo wir mal hier, mal da mit bei der Ernte helfen können oder die Kartoffeln rauspuhlen! Und heute nachmittag mal wieder die Geschichtsstunde! Und wenn s noch soviel aus der Gegen wart ist! Also hört mal bloß den Brief: ,Besondere Freude bereitete uns Iungdeutschland. Die Jugend wehr, die vorn an der Front die Gefallenen fortschaffte, hat die Autos mit den Verwundeten zu den Verbandplätzen und Krankenhäusern be gleitet. Der Transport der Verwundeten in Autos ist bei uns großartig organisiert. Alles geht schnellstens vor sich. Auf dem Verdeck der Kraft wagen liegen zwei Mann der Jugendwehr im Anschlag, einer in der Richtung nach vorn, einer nach hinten, um die Verwundeten gegen den fanatischen Pöbel zu schützen. Die braven Jungen gehen überall durch dick und dünn mit " Wißt ihr, was mir mein Vater heute morgen schrieb? Wir haben bereits mehr als zwei Millionen Kriegsfreiwillige!" rief Peter en thusiastisch. Da können sie uns noch ein paar Jahre entbehren!" Du, wir verplaudern wieder den Ansang unserer Geschichtsstunde! Höchste Eisenbahn! Dalli!" Ja, die Stunde sollte wieder vieles Wichtige aus der Gegenwart bringen. Der Lehrer verlas zunächst die neueste amtliche Bekannt machung über den deutschen Vormarsch: Die Armee des Generalobersten v. Kluck hat den durch schwache französische Kräfte unternommenen Versuch eines Flankenangriffes in der Gegend von Eombles durch ein Armeekorps zurückgeschlagen. Die Armee des Generalobersten v. Bülow hat eine überlegene französische 20SArmee bei St. Quentin vollständig geschlagen, nachdem sie im Vormarsch bereits ein englisches Jnfanteriebataillon gefangengenommen hatte. Die Armee des Generalobersten v. Hausen hat den Gegner auf die Aisne bei Rsthel zurückgedrängt. Die Armee des Herzogs von Württemberg hatte bei Fortsetzung des Überganges über die Maas den Feind zunächst mit Vortruppen llberrannt, mußte aber beim Vorgehen stärkerer feind licher Kräfte teilweise wieder über die Maas zurück. Die Armee hat dann die Maasübergänge wiedergewonnen und befindet sich im Vor gehen gegen die Aisne. Das Fort Les Ayvelles hinter dieser Armee ist gefallen. Die Armee des deutschen Kronprinzen setzt den Vormarsch gegen und über die Maas fort. Nachdem der Kommandant von Mont- Medy mit der ganzen Besatzung bei einem Ausfall gefangen worden war, ist die Festung gefallen. Die Armeen des Kronprinzen von Bayern und des Generalobersten von Heeringen stehen noch im fortgesetzten Kampf in Franzöfisch-Lothringen." Sodann wurde das amtliche Urteil des Chefs des Feldsanitätswesens über den Gesundheitszustand des deutschen Heeres verlesen: Der Gesundheitszustand aller Teile unseres im Felde stehenden Heeres ist gut. Seuchen sind bisher nicht aufgetreten. Freilich stehen unsere Truppen zum Teil in Feindesland, das sich bis dahin keiner so guten Aufsicht erfreute wie unsere Heimat, und dessen Bevölkerung Manche Träger von Keimen ansteckender Krankheiten in sich birgt. Doch waltet auch gegen diese Ubelstände eine weitgehende Vorsicht im deutschen Heere. Die Schutzpockenimpfung ist streng durchgeführt und wird im Notfall auch bei der feindlichen Bevölkerung durchgesetzt. Typhus-, Cholera- und Ruhrunterfuchungsgeräte sowie Schutzimpfungsstoffe wer den mitgeführt. Sachverständige Hygieniker befinden sich in den Reihen unserer Militärärzte. Leider wurde auch von ihnen schon einer bei einer vorsorgenden Brunnenuntersuchung hinterrücks von Einwohnern er schossen. Im Jnlande sind nennenswerte Häufungen übertragbarer Krankheiten ebenfalls nicht zu verzeichnen. In dieser Hinsicht werden be sonders scharf die Kriegsgefangenen überwacht. Die von den regelrechten Heeresgeschossen verursachten Wunden zeigen einen durchweg guten HeUverlauf. Das deutsche Verbandverfahren, insbesondere die Anwen dung der deutschen Verbandpäckchen hat sich bewährt. Die in den vor dersten Linien angelegten Verbände saßen auch noch zur Zeit der ferneren Rücktransports den Verwundeten gut. Ein großer Teil der zurückbeförderten Verwundeten ist bereits in der Genesung und drängt wieder nach der Front zurück. Wohl aber sind bereits zahlreiche Be weise dafür gesammelt, daß die feindlichen Einwohner und die Truppen Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.210 des englischen sogenannten Kulturvolkes Dum-Dum-Geschosse, d. h. Ge schosse ohne Vollmantel mit Einschnitten benützen, deren Fetzen in den Körper grausame Verletzungen reißen. Es sind Schritte getan worden, um dieses allen völkerrechtlichen Abmachungen hohnsprechende Vorgehen zur Kenntnis der gesitteten Welt zu bringen." Und dann folgten all die anderen Bekanntmachungen betreffs der Dum-Dum-Geschosse: Amtlich wird bekanntgegeben: Nach dienstlichen Meldungen sind sowohl bei den Franzosen wie auch bei den Engländern in den Taschen der gefangenen und verwundeten Soldaten zahlreiche Dum-Dum-Ge schosse gefunden worden. Wir werden gezwungen sein, gegen die Ver wendung dieser völkerrechtswidrigen Geschosse mit Gegenmaßregeln allerschärsster Art vorzugehen." Die Dum-Dum-Geschosse. Unsere Armeen nahmen, wie schon ge meldet, gefangenen Franzosen und Engländern Tausende Jnsanterie- patronen mit vorn tief ausgehöhlten Geschoßspitzen ab. Die Patronen befanden sich zum Teil noch in der mit dem Fabrikstempel versehenen Packung. Die maschinenmäßige Anfertigung der Geschosse ist durch die Zahl und die Art unzweifelhaft festgestellt. Im Fort Longwy wurde eine derartige Maschine vorgefunden. Die Patronen wurden also von der Heeresverwaltung den Truppen in dieser Form geliefert. Gefangene englische Offiziere versichern auf Ehrenwort, daß ihnen die Munition für die Pistolen ebenfalls in derartigen Geschossen geliefert worden fei. Die Verwundungen unserer Krieger zeigen die verheerende Wirkung dieser Dum-Dum-Geschosse. Während Frankreich und England in grober Verletzung der Genfer Konvention Geschosse zulassen, deren Verwen dung ein Merkmal der barbarischen Kriegführung ist, beobachtet Deutschland die völkerrechtlichen Bestimmungen genau. In dem ge samten deutschen Heere wird kein Dum-Dum-Geschoß verwendet." Als dem deutschen Kronprinzen die Meldung von dem Fund der Dum-Dum-Geschosse überbracht wurde, ließ er dem Kommandanten von Longwy sofort den Degen wieder abnehmen. Der deutsche Kaiser aber sandte folgendes Protesttelegramm an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika: Ich betrachte es als meine Pflicht, Herr Präsident, Sie als den hervorragendsten Vertreter der Grundsätze der Menschlichkeit zu be nachrichtigen, daß nach der Einnahme der französischen Feste Longwy meine Truppen dort Tausende von Dum-Dum-Geschossen entdeckt haben, die durch eine besondere Regierungswerkstätte hergestellt waren. Eben solche Geschosse wurden bei verwundeten und getöteten Soldaten undGefangenen, auch britischen Truppen gefunden. Sie wissen, welchö schrecklichen Wunden und Leiden diese Kugeln verursachen, und daß ihre Anwendung durch die anerkannten Grundsätze des internationalen Rechts streng verboten ist. Ich richte daher an Sie einen feierlichen Protest gegen diese Art der Kriegführung, welche dank der Methoden unserer Gegner eine der barbarischsten geworden ist, die man in der beschichte kennt. Nicht nur haben sie diese Grausamkeiten angewandt, sondern die belgische Regierung hat die Teilnahme der belgischen Zivil bevölkerung am Kampfe ermutigt und seit langem sorgfältig vorbe reitet. Die selbst von Frauen und Geistlichen in diesem Guerillakrieg begangenen Grausamkeiten auch an verwundeten Soldaten, Ärzte personal und Pflegerinnen (Ärzte wurden getötet, Lazarette durch Ge wehrfeuer angegriffen) waren derartig, daß meine Generale endlich gezwungen waren, die schwersten Mittel zu ergreifen, um die Schuldi gen zu bestrafen und die blutdürstige Bevölkerung von der Fortsetzung dieser schimpflichen Mord- und Schandtaten abzuschrecken. Einige Dörfer und selbst die alte Stadt Löwen, mit Ausnahme des schönen Stadthauses, mußten in Selbstverteidigung und zum Schutz meiner Truppen zerstört werden. Mein Herz blutet, wenn ich sehe, daß solche Maßregeln unvermeidlich geworden sind, und wenn ich an die zahllosen unschuldigen Leute denke, die ihr Heim und Eigentum verloren haben infolge des barbarischen Betragens jener Verbrecher. Wilhelm, I. N." Die Antwort des Präsidenten Wilson aber lautete: Euerer Kaiserlichen Majestät wichtige Mitteilung habe ich erhalten und von ihr mit größtem Interesse und Anteil Kenntnis genommen. Ich fühle mich geehrt, daß Sie sich wegen eines unparteiischen Urteils an mich als den Vertreter einer an dem gegenwärtigen Kriege wahrhaft unbeteiligten Nation gewendet haben, die den aufrichtigen Wunsch hegt, die Wahrheit kennen zu lernen und zu berücksichtigen. Sie werden dessen bin ich sicher nicht erwarten, daß ich mehr sage. Ich bete zu Gott, daß dieser Krieg recht bald zu Ende sein möge. Der Tag der Abrechnung wird dann kommen, wenn, wie ich sicher bin, die Nationen Europas sich vereinigen werden, um ihre Streitigkeiten zu beendigen. Wo Unrecht begangen worden ist, werden die Folgen nicht ausbleiben, und die Verantwortlichkeit wird dem Schuldigen auf erlegt werden. Die Völker der Erde haben sich glücklicherweise auf den Plan geeinigt, daß solch eine Abrechnung und Einigung statt finden muß. So weit jedoch ein solcher Plan unzureichend ist, wird die Meinung der Menschheit, die letzte Instanz in allen solchen Gelegen-212 Helten, ergänzend eingreifen. Es wäre unklug, es wäre verfrüht für eine einzelne, selbst dem gegenwärtigen Kampfs glücklicherweise fern stehende Regierung, es wäre sogar unvereinbar mit der neutralen Hal tung einer Nation, die, wie diese an dem Kampfe nicht beteiligt ist, sich ein endgültiges Urteil zu bilden oder es zum Ausdruck zu bringen. Ich spreche mich so frei aus, weil ich weiß, daß Sie erwarten und wünschen, daß ich wie ein Freund zum Freunde spreche, und weil ich sicher bin, daß eine Zurückhaltung des Urteils bis zur Beendigung des Krieges, wo alle Ereignisse und Umstände in ihrer Gesamtheit und ihrem wahren Zusammenhang übersehen werden können, sich Ihnen als der wahre Ausdruck aufrichtiger Neutralität von selbst empfehlen wird." Sodann ging der Lehrer auf die serbischen Grausamkeiten und Völkerrechtsverletzungen über, die von dem österreichisch-ungarischen Armeekommando veröffentlicht wurden: Serbische Truppen massakrieren und verstümmeln Gefangene und Verwundete. Unsere Verbandsplätze werden beschossen. Serbische re guläre Truppen hissen die Parlamentärflagge und überfallen nach Ein stellung des Feuers hinterlistig die österreichischen Truppen. Soldaten des zweiten und dritten Aufgebots sowie die Komitatschis entledigen sich bei drohender Gefahr der Waffen, um als friedliche Bürger zu er scheinen. Bei getöteten Komitatschis wurden mit Nägeln und Kupfer vitriolstücken geladene Patronen gefunden. Die serbische Zivilbevöl kerung, besonders Weiber und Kinder, schießen und werfen heimtückisch im Rücken der Armee mit Bomben. Zahlreiche Zivilpersonen und Ko mitatschis, die sich in der geschilderten Weise vergangen haben, wurden standrechtlich abgeurteilt. In Losnics, wo die Bevölkerung Feindselig keiten beging, wurde zur Strafe eine Geldkontribution erhoben." Und solchen Scheußlichkeiten unserer Feinde gegenüber ein solches Theatertelegramm: König Georg von England an König Albert von Belgien: Höre mit Schrecken, daß Ihr in Gefahr wäret durch deutsche Luftbomben. Hoffentlich haben sich die Königin und die Kinder nicht erschreckt. Mit Bewunderung folge ich den Heldentaten unserer Heere." Wie einfach und vornehm mutete da der Telegrammwechsel der beiden befreundeten Kaiser an. Kaiser Franz Joseph sandte an Kaiser Wilhelm nachstehendes Tele gramm: Die herrlichen, den mächtigen Feind niederwerfenden Siege, welche das deutsche Heer unter Deiner obersten Führung erkämpfte, haben ihre Grundlage und ihren Erfolg Deinem eisernen Willen zudanken, welcher das wuchtige Schwert schärfte und schwang. Dem Lorbeer, der Dich als Sieger schmückt, möchte ich das hehrste militärische Ehrenzeichen, das wir besitzen, anreihen dürfen, indem ich Dich bitte, das Großkreuz meines Maria-Theresien-Ordens als Zeichen meiner hohen Wertschätzung in treuer Waffenbrüderschaft annehmen zu wollen. Die Jnsignien soll Dir, treuer Freund, ein besonderer Abgesandter über bringen, sobald es Dir genehm ist. Wohl wissend, wie sehr Du und Dein Heer die genialen Leistungen des Generals der Infanterie v. Moltke Zu schätzen wissen, verleihe ich ihm das Kommandeurkreuz des militä rischen Maria-Theresien-Ordens." Kaiser Wilhelm an Kaiser Franz Joseph: Gerührt und erfreut danke ich Dir für Dein herzliches Telegramm, das Deine und Deiner Wehrmacht Empfindungen für meine Armee verkündet. Auch für diese höchste Ordensauszeichnung, mit der Du mich und meinen General stabschef bedachtest, meinen tiefgefühlten Dank. Unsere begeisterte Waffenbrüderschaft, die sich auch im fernen Osten so fest bewährte, ist das Schönste in dieser ernsten Zeit. Inzwischen haben auch Deine Truppen im Sieg von Krasnik Proben ihrer altbewährten Tapferkeit abgelegt. Nimm als Zeichen meiner Hochachtung und Wertschätzung dieser Taten den Orden ?our Is msrits für Dich freundlichst an. General v. Hötzendorsf verleihe ich das Eiserne Kreuz zweiter und erster Klasse. Gott hat bis hierher geholfen, er segne auch weiter unsere gemeinsame und gerechte Sache. Wilhelm." Kaiser Franz Joseph antwortete hierauf mit folgendem Tele gramm: Erfüllt es mich mit freudigem Stolze, daß Du den militärischen Maria-Theresien-Orden ganz in dem Sinne angenommen, in dem ich Dir dies Zeichen höchster militärischer Verdienste gewidmet habe, so bewegt mich die Anerkennung, die Du den bisherigen Leistungen meiner Armee dadurch zollst, daß Du mich mit dem Orden ?our Is msrits beglückt und General Freiherrn Konrad von Hötzendorff mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet hast, aufs tiefste. Habe hierfür den allerwärmsten Dank. Gott helfe weiter! Franz Joseph." Und im Anschluß an die Telegramme las der Lehrer dann noch ein Gedicht an den alten Kaiser Franz Joseph vor. Deiner Landeswappen und Fahnen Pracht Leuchtet wie lodernde Flammen; Dein Haar, das Kummer schneeweiß gemacht, überschimmert sie alle zusammen. ZlZAlle Kaiserpracht, die von Vätern dir kam, Muß ganz verblassen und schweigen Neben dem großen Kaisergram, Der ganz dein eigenstes Eigen, Du hüllst dein Leid wie in schweigende Scham, Dein Antlitz läßt es nicht ahnen. Und dennoch könnte dein ragender Gram An ewige Bilder gemahnen. Laokoon und Niobe Schienen dir fast Genossen, Wäre nicht dein gläubiges Weh Legendenglanzumsloss en! So frostig-steil empor wie du Stieg nie ein Lebensjäger, Dir fiel das Herbste und Hellste zu. Du Kronen- und Kreuzeträger! Wo hat an Glanz und Gram ein Mann Zugleich so viel getragen? Wir schweigen und beten die Gottheit an. Die dich gekrönt und geschlagen!" Und zum Schluß der Stunde gab es dann noch den zusammen fassenden Bericht über die Vorgänge auf dem österreichisch-russischen Schauplatz. Die Schlachten, die sich auf dem russischen Kriegsschauplatz aus unserer Offensive entwickelten, brachten die Entscheidung des Feldzuges noch nicht. Am westlichen Flügel, tief in feindliches Gebiet vor dringend, in Ostgalizien den vaterländischen Boden gegen den über legenen Feind Schritt für Schritt verteidigend, rechtfertigten unsere Truppen allenthalben den alten Ruf ihrer Tapferkeit. Wir sehen den noch bevorstehenden ernsten Kämpfen mit Zuversicht entgegen. Eine Schilderung der mehrfachen Schlachten der vergangenen Woche muß der Geschichte vorbehalten bleiben. Gegenwärtig läßt sich der Verlauf der Ereignisse nur in großen Zügen wiedergeben. Östlich bei Krasnik, nach einer dreitägigen Schlacht der siegreichen Armee des Generals Dankl, begann am 25. August zwischen dem Huczwa und dem Wieprz die dorthin dirigierte Armee Ausfenberg den Angriff auf die aus dem Räume von Cholm gegen Süden vorrückenden feindlichen Kräfte. Hieraus entwickelte sich die Schlacht bei Zamosc und Komarow. Am 28. August wurde das Eingreifen der über Belz und Uhnow heranbefohlenen Gruppe des Erzherzogs Joseph Ferdinand fühlbar. Da an der Chaussee Zamosc-Krasnostaw verhältnismäßig nur ZI4schwächere Kräfte gegenüberstanden, konnten erhebliche Armeeteile am 29. August aus dem Räume von Zamosc gegen Osten einschwenken und bis Zzesniki vordringen. Demgegenüber richtete der überall mit größter Tapferkeit und Hartnäckigkeit kämpfende Feind seine heftiasten Anstrengungen gegen den Raum von Komarow, wohl in der Absicht, hier durchzustoßen. Abends stand unsere Armee in der Linie Przewo- dow-Grodek-Ezesniki-Wielacza, wobei Grodek und Ezesniki etwa die Brechpunkte der Front bildeten. Auf russischer Seite hatten neue, von Krylow und Grubieszow herangeführte Kräfte eingegriffen. Am folgenden Tage setzte die Armee Auffenberg die angebahnte Umfassung fort und der Feind feine Durchbruchsversuche, die schließlich seine eigene Front bei Labunie-Tarnawatko zurückbogen. Indessen vermochte sich die Gruppe des Erzherzogs im allgemeinen bis an den Fahrweg Teletyn-Rachanie vorzuarbeiten. Am 31. August schritt die Einkreisung des Feindes unter heftigsten Kämpfen fort, indem auch von Norden her gegen Komarow eingeschwenkt wurde. Bei Komarow bereits äußerst gefährdet, begannen die Russen ihren Rückzug gegen Krylow und Drubieszow, sie erwehrten sich jedoch durch Offensivstöße nach allen Richtungen, namentlich gegen die Gruppe des Erzherzogs, der drohen den Umklammerung. Endlich, in den Nachmittagsstunden des 1. Sep tember, wurde es sicher, daß die Armee Auffenberg in der auch Wiener Truppen und eine vom General der Infanterie Boroevic ge führte Gruppe mit außerordentlicher Zähigkeit und Bravour kämpften gesiegt habe. Komarow und die Höhen südlich von Tyzsowze wurden genommen. Der Erzherzog drang gegen SparoZe Siele vor. Scharen von Gefangenen, zahlloses Kriegsmaterial, darunter 200 Ge schütze und viele Maschinengewehre, fielen in unsere Hände. Während dieser Kämpfe der Armee Auffenberg hatte die Armee Dankl am 27. August eine zweite Schlacht bei Niedrzwicadruza ge schlagen und weiterhin Teile unserer bisher am westlichen Weichsel ufer vorgegangenen Kräfte über diesen Fluß herangezogen. Diese ganze Heeresgruppe drang m den folgenden Tagen umfassend bis in die Nähe von Lublin vor. Gleichzeitig mit diesen zitierten Ereignissen wurde auch in Ost- galizien schwer gekämpft. Am 27. August stießen die zur Abwehr des dortigen weitaus überlegenen feindlichen Einbruchs bestimmten Kräfte in der Linie Dunajow-Busk auf den Gegner. Trotz des Erfolges der von Dunajow her die Höhen westlich von Pomorzany gewinnenden Kolonnen konnten die beiderseits der Zloczower Chaussee vorgehenden Armeeteile gegen den nament- Zl5lich auch an Artillerie weit überlegenen Feind nicht durchdringen. Am 28. August setzten die Russen ihren Angriff auch auf die östlich Lemberg kämpfenden Armeeteile fort. Am Nachmittag war ein Zurücknehmen hinter Guilalipa und in dem engeren Räume östlich und nördlich von Lemberg nicht mehr zu umgehen, zumal auch unsere südliche Flanke aus der Richtung von Brzezany bedroht wurde. Die rückgängige Bewegung vollzog sich in voller Ordnung, ohne daß der gleichfalls sehr hervorgenommene Feind wesentlich nachdrängte. Am 29. August griffen die Russen an der ganzen Front erneut an und schoben ihre Kräfte aus dem Raum nordöstlich von Lemberg gegen Süden. Tags darauf steigerte sich dieser Angriff zu größter Heftig keit. Insbesondere von Przemyslany und Firlejow her vermochte der Feind immer neue Kräfte einzusetzen, denen gegenüber unsere Truppen nach vergeblichen Versuchen, sie durch Offensivstöße neuer im Räume westlich von Rohatyn versammelter Armeeteile zu entlasten, gegen Lemberg und Mikolsajow weichen mußten. In allen diesen Kämpfen erlitten unsere braven Truppen hauptsächlich durch die an Zahl weit überlegene, auch aus modernen schweren Geschützen feuernde feindliche Artillerie große Verluste. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß wir bisher gegen etwa 4l) russische Infanterie- und 11 Kavalleriedivisionen gekämpft haben und zum mindesten die Hälfte dieser feindlichen Truppen unter großen Verlusten zurückwarfen. v. Höfer, Generalmajor."217 Zwölftes Kapitel. Festungen. Der Rückzug an der Marne. 9" und anderes. Weiter ging es in sicherem Siegeslauf. Das hoch in Felsen ge legene Sperrfort Givet war genommen. Die französische Regierung sah sich gezwungen, Paris zu verlassen und sich nach Bordeaux zu begeben. Inzwischen war Reims ohne Kampf besetzt worden. Die Sieges- beute der Armee des Generalobersten von Bülow belief sich bis Ende August auf 6 Fahnen, 233 schwere Geschütze, 116 Feldgeschütze, 79 Maschinengewehre, 166 Fahrzeuge, 12 934 Gefangene. Aus dem Osten meldete Hindenburg den Abtransport von mehr als 90 VW unoerwundeten Gefangenen. Der Kaiser hatte den Angriffskämpfen um die Befestigungen von Nancy persönlich beigewohnt. Die Öster reicher errangen einen großen Erfolg über die Serben bei Mitrowitza. Der englische Kreuzer Pathfinder" stieß auf eine Mine und nahm den größten Teil seiner 263 Mann betragenden Besatzung mit hinunter ins nasse Grab. Um Lemberg tobten die heftigsten Kämpfe. Da brachte der 8. September den Fall von Maubeuge. 40 900 Kriegs gefangene, darunter vier Generale, 400 Geschütze, zahlreiches Kriegs material fiel in die Hände der Deutschen. Wieder flatterten aus allen Häusern Deutschlands die Siegesfahnen. In allen Städten ver kündeten Extrablätter die frohe Nachricht. Die Geschichte der Kapi tulation und Übergabe dieser mächtigen Festung wurde vom Großen Hauptquartier in folgender Denkschrift festgelegt: Nach heißem, opferoollem Ringen war es unseren braven Rhein ländern und Westfalen vom 7. Armeekorps Anfang September ge lungen, die starke Besatzung der Festung Maubeuge in zähem Vor dringen aus dem Borgelände zu vertreiben und auf die Verteidigungdes Fortgürtels zu beschränken. Nun galt es. Forts und Zwischen- gelände dem äußerst rührigen, tapferen Gegner zu entreißen. Schnelle Entscheidung war im Interesse der gesamten operativen Lage dringend geboten. Die nun folgenden hartnäckigen Kämpfe ergaben sich weniger aus dem Zustande der permanenten Anlagen der Festung. Es war viel mehr hier seitens der französischen Landesverteidigung wohl mit Rück sicht auf die Sicherung Nordfrankreichs durch das zum mindesten neu trale Belgien schon seit Iahren nur wenig für den modernen Ausbau von Maubeuge geschehen. Von den zahlreichen Forts und Zwischen werken entsprach nur ein einziges einigermaßen den heutigen An forderungen. Anders verhielt es sich indessen mit der Verrichtung des Zwischengeländes. 5)ier fand unsere Infanterie nicht die gleichen Ver hältnisse wie in den Kämpfen um Lüttich und Namur. Während dort für den Ausbau der Zwischenräume seitens der Belgier wenig oder fast gar nichts geschehen war, die wenigen Anlagen sich vielfach an zweckloser Stelle und meist im toten Winkel befanden, war der Gegner vor Maubeuge mit größter Sorgfalt und Sachkenntnis Werk ge gangen. Es zeigte sich bereits in diesen Kämpfen die besonders in dem jetzigen Stadium des Krieges in Erscheinung getretene Befähigung der Franzosen, in der Verteidigung jeden sich bietenden Vorteil des Ge ländes auszunutzen und mit allen Mitteln der Feldbefestigung wert volle Stützpunkte zu schaffen. Besonders geschickt hatte der Feind an vielen Punkten Scheinstellungen angelegt, welche anfangs oft auch mit der wertvollen Munition unserer großen Brummer, der 42- Zentimeter-Geschütze sowie der österreichischen Motorbatterien be schossen wurden, bis es der Aufklärung der unermüdlichen Flieger offiziere gelungen war, die richtigen Ziele festzustellen. Das Feuer, welches in diesen ersten Septembertagen die feindlichen Forts überschüttete, hatte eine gewaltige Wirkung. Es wurde nach der Einnahme der Festung erkannt, daß die Zerstörung an manchen Stellen der Beschießung der Forts von Lüttich und Namur in keiner Weise nachstand. Dort, wo unsere 42-Zentimeter-Geschosse einschlugen, war alles Mauerwerk nur noch ein wüster Trümmerhaufen, und es schien, als hätte ein Erdbeben mit elementarer Gewalt den ganzen Bau durch einandergeschüttelt. Gleichzeitig mit der Beschießung der Forts sowie der Zwischen räume ging auch der Angriff unserer Infanterie vorwärts. Freilich an manchen Stellen nur mit großen Verlusten. Wenn dann nach einem geglückten Angriff oder nach Abwehr eines feindlichen Ausfalls ZI821? Verwundetentransporte unserer Braven nach den auf belgischem Ge biet liegenden Sammelstellen gebracht wurden, sah man häufig die in Gruppen vor ihren Häusern stehenden, nicht gerade vertrauenerweckend aussehenden Belgier die Köpfe zusammenstecken. Oft hörte man im Vorübergehen, sobald sie sich unbeobachtet glaubten, wie sie sich gegen seitig wenig freundliche Worte über die fremden Eindringlinge zu raunten: ,Habt ihr schon gehört, daß eine starke englische Armee von Antwerpen im Anmarsch ist? oder Man spricht von enormen Verlusten der Deutschen! ,Heute nacht haben die Franzosen Hunderte von Gefangenen gemacht ,Die Munition geht den Prussiens aus! Dann folgten feindliche Blicke, und wer ihre stumme Sprache verstand, der merkte nur zu gut, daß es wahr sein, womit die deutsche Führung stets rechnen mußte. Hier ging es um hohen Einsatz! Siegten wir, dann war einer der wichtigsten Stützpunkte, welcher gleichzeitig einen Rückhalt für die Belgier und die Verbindung mit Antwerpen bildete, den Franzosen entrissen. Gelang es indessen dem, wie sich später herausstellte, weit um das Doppelte überlegenen Gegner, die Deutschen zu schlagen, dann stand mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten, daß im Rücken der Belagerer ganz Belgien, das damals noch keineswegs entwaffnet war, sich erheben und der Volkskrieg in hellen Flammen entbrennen werde. Somit war vor Maubeuge eine derjenigen Lagen eingetreten, in denen nur der starke Wille zum Siege den Erfolg sichert, und es schien, als ob dieser Gedanke jeden einzelnen, vom höchsten Führer bis zum jüngsten Soldaten, beseelte. Der Befehlshaber der deutschen Ein schließungsarmee, General der Infanterie v. Zwehl, befand sich zu Beginn der Belagerung mit seinem Stabe in dem belgischen Städtchen Binche. Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Leopold von Preußen, Allerhöchst von Seiner Majestät beauftragt, über den Gang der Belagerung zu berichten, hatte in dem nahegelegenen Möns Quar tier genommen. Angesichts der Tag und Nacht andauernden Beschießung, vor allem aus unseren 42-Zentimeter-Geschützen sowie den Motorbatterien der Österreicher, gelang es, bis zum 6. September das wichtige Fort de Boussois auf der Ostfront der Festung zum Schweigen zu bringen. Es wurde nach heftigen Kämpfen, in denen sich vor allem auch unsere Minenwerfer mit großem Erfolge betätigten, durch unsere Infanterie besetzt, und bald wehte die deutsche Fahne von seinen Wällen. Von diesem Augenblick an sollte sich das Schicksal der Festung schnell er füllen.Das Generalkommando hatte nach dem Fall des Forts de Boussois seinen Gefechtsstand nach der Ferme Vent de Bise, einem Gehöft etwa drei Kilometer östlich des eroberten Forts, verlegt. Der Komman dierende General hatte diesen Punkt mit Rücksicht auf schnellste Nach richtenverbindung zu seinen beiden Divisionen gewählt. Daß der Standort zeitweise noch im heftigsten Feuer der französischen Artillerie lag. konnte an diesem Entschluß nichts ändern. Auch bei den Kämpfen vor Maubeuge trat, wie so häufig, in Erscheinung, daß die Einwohner den Nachrichtendienst mit den französischen Truppen auf das wirk samste unterstützten. So wurden zahlreiche Fernsprechverbindungen aufgefunden, welche in die Ortschaften hinter der Front der Deutschen führten, und noch drei Tage vor der Einnahme der Festung wurde eine Frau standrechtlich erschossen, welche dem Feinde durch eine im Keller liegende Telephonleitung Mitteilungen über die Stellungen und Beobachtungsstände unserer Artillerie sowie den Aufenthalt höherer Stäbe machte. Diese Erfahrungen hatten zur Folge, daß beim Ein treffen des Generalkommandos bei Vent de Bise sämtliche zu dem GeHöst gehörenden Gebäude von den noch dort befindlichen Einwohnern ge säubert wurden. Der Stab des Kommandierenden Generals, Exzellenz v. Zwehl, hatte am 7. September in einem an das Gehöft Vent de Bise an grenzenden Obstgarten Aufstellung genommen. Aus dem Wohnhause hatte man in den Garten Stühle und Tische gebracht, über letzteren waren große Karten mit der genauen Eintragung der jeweiligen Kampfeshandlung ausgebreitet. Über eine dieser Karten verfolgte auch Seine Königliche Hoheit der Prinz Friedrich Leopold von Preußen mit gespannter Aufmerksamkeit den Gang der Ereignisse. Es war kurz nach 2 Uhr nachmittags. Soeben waren mehrere Ordonnanz offiziere mit Befehlen an beide Divisionen und den unermüdlichen, leider kurz nachher bei Reims zu früh gefallenen Kommandeur der Artillerie, Generalleutnant Steinmetz, abgefertigt worden, als ein Meldereiter, von weitem winkend, dem Gehöft zugaloppierte. Er meldete, daß er vom Generalleutnant v. Unger, dem Führer der 14, Reservedivision, vorausgesandt sei und dieser in kurzer Zeit mit einem Parlamentär eintreffen werde. Bald darauf sah man den General mit einem französischen Offizier, dem man die Augen ver bunden hatte, dem Gehöft zuschreiten. Es folgten nun Momente höchster Spannung. Nachdem die Binde von den Augen des Parlamentärs entfernt worden war, meldete sich dieser als der Hauptmann im Generalstabe Grenier, der im Austrage221 des Kommandanten, Generals Fournier, an den Oberbefehlshaber der deutschen Truppen gesandt sei. General Fournier bitte um einen Waffenstillstand von 24 Stunden, um die zahlreichen vor der Front liegenden Gefallenen zu begraben und wegen der Übergabe der Festung zu verhandeln. Diese Meldung wurde in fließendem Deutsch gesprochen. Wie er später angab, hatte Hauptmann Grenier längere Zeit in Deutschland gelebt und dort Deutsch gelernt. Nachdem der Offizier seine Meldung beendet hatte, erwiderte der Kommandierende General, daß er die tapfere Verteidigung der Festung zwar in vollem Maße anerkenne, einen so langen Waffenstillstand zu bewilligen, sei ihm indessen unmöglich. Wenn es wirklich die Absicht des Kommandanten sei, die Festung zu übergeben, so werde man sich fchneller einigen. Der Parlamentär möge nach vier Stunden mit den nötigen Vollmachten wiederkommen. Diese müßten im wesentlichen enthalten, daß die Festung mit sämtlichen Werken und allem Kriegs gerät übergeben werde und die Besatzung kriegsgefangen sei. ,So hatten Sie es sich doch wohl auch gedacht? fragte zum Schluß der deutsche Führer und sagte, als der Franzose dies bejahte: ,Nun, dazu brauchen wir ja dann nicht 24 Stunden Waffenstillstand. Auch kann ich die Beschießung der Festung bis zu Ihrer Rückkehr nicht einstellen, denn wir haben keine Zeit zu verlieren! Nachdem der Hauptmann die Frage nach irgendwelchen sonstigen Wünschen verneint hatte, wurde er entlassen und durch Generalleutnant v. Unger wieder zu den Vorposten begleitet. Der Kampf wurde in den nun folgenden Stunden mit unver minderter Heftigkeit fortgesetzt. An dem klaren, blauen Himmel des heißen Septembernachmittags sah man im ganzen Umkreis, vor allem gegenüber der Nord- und Ostfront der Festung, die weißen Wölkchen der Schrapnells, kenntlich bei den Franzosen an den merkwürdig großen Sprenghöhen, sich entladen. Dazwischen tönte das pfeifend? Geheul der sich aufwärts schraubenden schweren Granaten, verbunden mit den krachenden, ohrenbetäubenden Detonationen der einschlagenden Geschosse. Die Brennpunkte des Kampfes bezeichneten rings im weiten Umkreis in Flammen stehende Gehöfte und Strohschober, während eine tiefschwarze Riesenwolke über der Festung Maubeuge und der in Brand geschossenen Arbeitervorstadt lagerte. Wohl manchen mögen in diesen Nachmittagstunden wachsende Zweifel erfüllt haben, ob der Parlamentär nach Ablauf der gegebenen Zeit wiederkommen werde, ob nicht noch lange Tage verlustreicher Kämpfe folgen und die Franzosen erst nach Einnahme sämtlicher Forts222 die Festung übergeben würden. Diese Zweifel mußten immer be gründeter erscheinen, als nach Verlauf der festgesetzten vier Stunden noch keine Nachricht aus der Festung gekommen war. Allmählich war die Sonne wie ein rotglühender Ball über einem brennenden Dorf im Westen gesunken und der Mond stand mit weißleuchtender Sichel über den Trümmern des zerschossenen Forts de Boussois. Sein Licht ließ die Umrisse aller Gegenstände in der klaren Abendluft in merkwürdig scharfen Linien hervortreten. So auch einen Erdhügel dicht am Ge höft Bent de Bise, den die braven 39er am Tage vorher gefallenen Kameraden errichtet hatten. Ein schlichtes Holzkreuz, darauf mit ein facher Schrift die Namen. An dem Kreuz ein Helm befestigt. Auf dem Hügel zwei rote Geschoßhüllen und in ihnen von treuer Hand der letzte Gruß. Spätsommerblumen! Hörten sie es wohl, die Helden, welche man dort zur letzten Ruhe gebettet hatte, in jener anderen Welt, wo die große Armee sich sammelt, das Brausen, welches in dieser Abendstunde mit einem Male fern von der Festung her durch die stille Luft über das weite Schlachtfeld zog? Erst leise, wie die einsetzende Flut, dann weiter dringend, lauter an schwellend und schließlich wie die unaufhaltsame Brandung alle Dämme durchbrechend in einem einzigen, jauchzenden Siegesruf? Allen, welche diesen Augenblick erleben durften, wird das Hurra unserer Braven unvergeßlich bleiben, mit dem sie die Rückkehr des Parlamentärs aus der Festung und die endgültige Kapitulation von Maubeuge begrüßten. Atemlose, feierliche Stille herrschte rings im Kreise, als der Kom mandierende General das an ihn gerichtete Schreiben des Generals Fournier verlas, welches Kapitän Grenier überreichte. Es enthielt das Einverständnis mit den ihm gestellten Bedingungen und ermächtigte den Überbringer, sofort wegen aller Einzelheiten in Verhandlung zu treten. Man kann den Eindruck schwer beschreiben, als jetzt erst die wirkliche Stärke des Gegners von 45 000 Mann bekannt wurde. Unsere braven Truppen hatten in diesen Septembertagen in schwierigster Lage gegen einen mehr als doppelt so starken Gegner gekämpft und den Sieg über ihn errungen. Nach kurzer Beratung des Kommandierenden Generals mit dem Chef ides Generalstabes, Oberstleutnant Hesse, wurde dem Kapitän Grenier das am Nachmittag bereits aufgesetzte Protokoll der Über gabe vorgelesen. Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Nur im weiten Umkreise der Festung beleuchteten die noch brennenden Ge bäude die Landschaft mit taghellem Schein, während sich im Westen225 über Maubeuge, wie von einem gewaltigen Fanal des Sieges, der Himmel rötete. Über das ihm vorgelegte Schreiben gebeugt, saß der Parlamentär an einem der Tische im Garten von Vent de Bise. Beim flackernden Licht von Kerzen, die man in leere Burgunderflaschen ge steckt hatte, las er die Bedingungen, die noch am Abend unterzeichnet werden sollten. Einmal schüttelte er mit wehmütigem Lächeln den Kopf. Es betras die Stelle, an welcher stand, daß mit allem Kriegs gerät auch sämtliche Feldzeichen dem Sieger übergeben werden sollten. Befragt, ob er Zweifel habe, bejahte er dieses. Fahnen oder Standarten seien nicht mehr vorhanden. Man habe sie, entsprechend der Instruktion, vor der Übergabe der Festung verbrannt. Nach beiderseitigem Übereinkommen sollte am nächsten Nach mittag der Ausmarsch der gesamten Garnison nach den für den Ab transport bestimmten Bahnstationen erfolgen. Noch während der Nacht sollten die Truppen entwaffnet sowie sämtliche Forts übergeben und von den Deutschen besetzt werden. Dieses alles vollzog sich ohne Zwischenfall. Es war am Nachmittag des 8. September um 2 Uhr, als der Kom mandierende General, Exzellenz v. Zwehl, mit seinem Stabe an der Porte de Möns von Maubeuge den Kommandanten der Festung, General Fournier, empfing. Dieser war begleitet von seinem General stabsoffizier Hauptmann Grenier und dem ersten Artillerieoffizier vom Platz. Nachdem der deutsche Führer dem Kommandanten in An erkennung der tapferen Verteidigung der Stadt seinen Degen zurück gegeben hatte, begann vor den Augen Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen sowie Seiner Hoheit des Prinzen von Anhalt der Ausmarsch der Besatzung. Zu beiden Seiten der nach Jeumont führenden Straße waren die deutschen Truppen beider Divisionen sowie die Mannschaften der österreichischen Motor batterien aufgestellt. Bezeichnend für die treue Kameradschaft mit unseren Verbündeten, welche in diesen Tagen gemeinsamer, schwerer Kämpfe bei jeder Gelegenheit hervortrat, war der laute Jubel, mit dem die Österreicher jetzt bei ihrem Eintreffen von unseren Leuten begrüßt wurden. Es war wohl kein Zufall, daß die ersten französischen Truppen verbände, welche den Ausmarsch aus der Festung eröffneten, von allen den besten Eindruck machten. Es schien vielmehr, daß hier eine be sondere Auswahl getroffen war. Haltung, Ordnung und Marschtempo zeigten bei diesen Leuten keine Spuren der voraufgegangenen großen Anstrengungen und Entbehrungen. Auch erschienen keineswegs, wie225 der Kommandant gleichsam als Entschuldigung gesagt hatte, vor wiegend Leute älterer Jahrgänge, sondern junge, kräftige Gestalten, von meist gutem Wuchs. Den Offizieren war gestattet worden, nach Belieben, entweder mit der Truppe zu marschieren oder Wagen zu be nutzen. Von dieser Vergünstigung machten indessen fast nur die Ver wundeten Gebrauch. Die meisten blieben an der Spitze ihrer Leute und grüßten beim Vorbeimarsch den Kommandanten, der mit seinem Stabe seitwärts von den deutschen Offizieren stand, in strammer Haltung. Nachdem der Ausmarsch etwa eine Stunde gedauert hatte, änderte sich allmählich das Bild. Es traten größere Pausen ein und es er schienen meist keine einheitlichen Truppenteile. Die Leute kamen viel fach einzeln, oft auch in kleineren Trupps oder in zufällig zusammen gestellten Verbänden vorüber. So bot der lange, acht Stunden dauernde Ausmarsch ein Schauspiel, wie es sich bunter und eigen artiger nicht beschreiben läßt. Alles vollzog sich ruhig und würdig. Wenn auch unseren braven Leuten der Stolz über so ungezählte Gefangene aus den Augen leuchtete, sie achteten doch in dem einzelnen geschlagenen Franzosen immer noch den Soldaten und enthielten sich jedes verletzenden Aus drucks. Da zog es mit einem Male wie lauter Unwille durch die Reihen unserer Braven. Verwünschungen wurden laut und wie umgewandelt sahen sie alle mit haßerfüllten Blicken nach dem Zuge gelb gekleideter Gefangener, der sich jetzt aus dem Stadttore auf sie zu bewegte. Erst jetzt erfuhr man, daß sich auch noch Engländer in der Festung befanden. Es waren etwa 120 Mann, meist Versprengte und Zurückgebliebene, welche sich seit der Schlacht bei Möns im August in Muubeuge ge sammelt hatten. War die Haltung der Franzosen ernst und militärisch, so zeigte sich das gerade Gegenteil bei den Engländern. Sie kamen ohne Ordnung, schleppenden Ganges, mit einem Ausdruck, der im höchsten Grade unvorteilhaft auffiel, laut sprechend vorüber. Wie nach her bekannt wurde, hatten sie sich vor dem Ausmarsch über einen Teil der Branntweinvorräte in der Festung hergemacht. Zwei Schotten, welche sich untergefaßt hatten, schwankten taumelnd vorüber. Plötzlich machte sich der eine von seinem Begleiter los und versuchte, laut rufend, einem unserer braven Westfalen die Hand zu schütteln. Dieser würdigte ihn indessen keines Blickes, sondern drehte ihm in stummer Verachtung den Rücken. Der Zug geht weiter. Hunderte, Tausende ziehen vorüber, zu Fuß, zu Wagen, Verwundete, Unverwundete, einzelne Trupps, ganze Kom pagnien, Batterien, Bataillone, Regimenter in scheinbar endloser Reihe,Die IVommel sckluZ ?um Ltreite 4. lZäcktUcke Leschieburig Untvserpens.bis erst nach 10 Uhr abends die letzten Gefangenen die Festung ver lassen haben." Der 10. September brachte die Nachricht von der Zurücknahme der deutschen Stellung an der Marne. Selbstverständlich versuchten unsere Feinde, uns hieraus eine Niederlage zu erdichten. Alle Patrioten aber wußten, daß die Meldungen des Generalquartiermeisters streng aus Wahrheit beruhten, und lasen sie mit ruhiger Zuversicht: Die östlich Paris in der Verfolgung an und über die Marne vor gedrungenen Heeresteile sind aus Paris und zwischen Meaux und Montmirail von überlegenen Kräften angegriffen worden. Sie haben in schweren, zweitägigen Kämpfen den Gegner aufgehalten und selbst Fortschritte gemacht. Als der Anmarsch neuer starker feindlicher Ko lonnen gemeldet wurde, wurde ihr Flügel zurückgenommen. Der Feind folgte an keiner Stelle. Als Siegesbeute dieser Kämpfe sind bisher fünfzig Geschütze und einige tausend Gefangene gemacht. Die westlich Verdun kämpfenden Heeresteile befinden sich in fort schreitenden Kämpfen. In Lothringen und in den Vogesen ist die Lage unverändert. Auf dem östlichen Kriegsschauplatz hat der Kampf wieder be gonnen. Beginn des Angriffs gegen die Maas-Sperrforts. Der deutsche Kronprinz hat mit seiner Armee die befestigte feind liche Stellung südwestlich von Verdun genommen. Teile der Armee greifen die südlich von Verdun liegenden Sperrforts an. Die Forts werden durch schwere Artillerie beschossen. Die Russen in Ostpreußen befinden sich in vollem Rückzug. General v. Hindenburg hat mit dem Ostherr den linken Flügel der noch in Ostpreußen befindlichen russischen Armee geschlagen und sich dadurch den Zugang in den Rücken des Feindes geöffnet. Der Feind hat den Kampf aufgegeben und befindet sich in vollem Rückzug. Das Ostheer verfolgt ihn in nordöstlicher Richtung gegen den Njemen. Seine Königliche Hoheit Prinz Joachim von Preußen ist durch einen Schrapnellschuß verwundet worden. Die Kugel ging durch den rechten Oberschenkel, ohne den Knochen zu verletzen. Der Prinz war als Ordonnanzoffizier auf dem Gefechtsfeld tätig gewesen. Er ist in das nächstliegende Garnisonlazarett überführt worden." Und wieder ging es weiter in sicherem Siegeslauf. Der 12. Sep tember brachte den neuen Sieg Hindenburgs in Ostpreußen. Die amt lichen Meldungen lauteten: 15 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite. 225,Sie Armee des Generalobersten v. Hindenburg hat die russische Armee in Ostpreußen (aus der Linie Wehlau Nordenburg Anger burg) nach mehrtägigem Kampf vollständig geschlagen. Der Rückzug der Russen ist zur Flucht geworden. Generaloberst v. Hindenburg hat in der Verfolgung bereits die Grenze überschritten und meldete bisher über zehntausend unverwundete Gefangene und etwa achtzig Geschütze. Außerdem hat er Maschinengewehre, Flugzeuge und Fahrzeuge aller Art erbeutet. Die Kriegsbeute steigert sich fortgesetzt. Berlin, 13. September. (Amtlich.) In Ostpreußen ist die Lage hervorragend gut. Die russische Armee flieht in voller Auflösung. Bisher hat sie mindestens 15V Geschütze und 2l)W0 bis 3V lM un verwundete Gefangene verloren. Generalquartiermeister v. Stein." Bericht des Generalobersten v. Hindenburg an den Kaiser: Die Wilnaer Armee, das 2., 3., 4. und 12. Armeekorps, die 3. und 4. Reservedivision und die 3. Kavalleriedivision wurden durch die Schlacht an den masurischen Seen und die sich anschließende Verfolgung vollständig geschlagen. Die Grodnoer Reservearmee, das 22. Armeekorps, der Rest vom 6. Armeekorps und Teile des 3. sibirischen Armeekorps, haben in dem besonderen Gefechte bei Lyck schwer gelitten. Der Feind hat starke Verluste an Toten und Verwundeten. Die Zahl der Gefangenen steigert sich, die Kriegsbeute ist außerordentlich. Bei einer Frontbreite der Armee von über hundert Kilometern waren ungeheure Marschleistungen von zum Teil 150 Kilometer in vier Tagen notwendig. Bei den auf dieser ganzen Front und Tiefe sich abspielenden Kämpfen kann ich den vollen Umfang noch nicht melden. Einige unserer Verbände sind schars ins Gefecht gekommen, die Ver luste sind aber doch nur gering. Die Armee war siegreich auf der ganzen Linie gegen einen hart näckig kämpfenden, aber schließlich fliehenden Feind. Die Armee ist stolz darauf, daß ein kaiserlicher Prinz in ihren Reihen mitgekämpft und Sputet hat, Hwdenburg- Jnfterburg, 15. September. Generaloberst von Hindenburg er ließ folgenden Tagesbefehl: Soldaten der 8. Armee! Ihr habt neue Lorbeeren um Eure Fahnen gewunden. In zweitägiger Schlacht an den masurischen Seen und in mehrtägiger rücksichtsloser Verfolgung durch Litauen hindurch 22Sbis weit über die russische Grenze hinaus habt Ihr nun auch die letzte der beiden in Ostpreußen eingedrungenen feindlichen Armeen, die aus dem 2., 3., 4., 20., 22. Armeekorps, dem 3. sibirischen Armeekorps, der 1. und 5. Schützenbrigade, der 53., 54., 56., 57., 72. und 76. Reserve division, der 1. und 2. Gardekavalleriedivision bestehende Wilnaer Armee nicht nur geschlagen, sondern zerschmettert. Bis jetzt sind mehrere Fahnen, etwa 30 000 unverwundete Gefangene, mindestens 150 Geschütze, viele Maschinengewehre und Munitionskolonnen sowie zahlreiche Kriegsfahrzeuge auf den weiten Gefechtsfeldern aufgebracht worden. Die Zahl der Kriegsbeute nimmt aber immer noch zu. Eurer Kampfesfreudigkeit, Euren bewunderungswürdigen Marschleistungen und Eurer glänzenden Tapferkeit ist dies zu danken. Gebt Gott die Ehre, er wird auch ferner mit uns sein. Es lebe Seine Majestät der Kaiser und König! Der Oberbefehlshaber: v. Hindenburg, Generaloberst." Die Verfolgung der Russen durch die Armee Hindenburg ist abgeschlossen. Großes Hauptquartier, 15. September. Auf dem östlichen Kriegs schauplatz ordnet sich die Armee v. Hindenburg nach abgeschlossener Verfolgung. In Oberschlesien verbreitete Gerüchte über drohende Ge fahr sind nicht begründet." Zwischen Oise und Maas ging eine große Schlacht. Ein mit großer Bravour unternommener französischer Durchbruchsversuch auf dem äußersten rechten deutschen Flügel brach ohne besondere Anstrengungen unserer Truppen in sich zusammen. Das französische 13. und 4. Armee korps wurden südlich Noyon entscheidend geschlagen und verloren mehrere Batterien. Bei Erstürmung des Ehateau Brimont bei Reims wurden 2500 Gefangene gemacht. Die Kampffront der Franzosen hatte Reims zum Mittelpunkt gemacht. Gegenüber einer Behauptung der französischen Regierung, daß die Beschießung der Kathedrale von Reims keine militärische Not wendigkeit gewesen sei, wurde im Großen Hauptquartier festgestellt: Nachdem die Franzosen die Stadt Reims durch starke Ver schanzungen zum Hauptstützpunkt ihrer Verteidigung gemacht hatten, Zwangen sie selbst uns zum Angriff auf die Stadt mit allen zur Durch führung nötigen Mitteln. Die Kathedrale sollte auf Anordnung des deutschen Oberkommandos geschont werden, solange der Feind sie nicht Zu seinen Gunsten ausnütze. Seit dem 20. September wurde auf der Kathedrale die weiße Fahne gezeigt und von uns geachtet. Trotzdemkonnten wir auf dem Turme einen Beobachtungspoften feststellen, der die gute Wirkung der feindlichen Artillerie gegen unsere angreifende Infanterie erklärte. Es war nötig, ihn zu beseitigen. Dies geschah durch Schrapnellfeuer der Feldartillerie. Das Feuer schwerer Ar tillerie wurde auch jetzt noch nicht gestattet und das Feuer eingestellt, nachdem der Posten beseitigt war. Wie wir beobachten können, stehen Türme und Äußeres der Kathedrale unversehrt. Der Dachstuhl ist in Flammen aufgegangen. Die angreifenden Truppen find also nur so weit gegangen, wie sie unbedingt gehen mußten. Die Verantwortung trägt der Feind, der ein würdiges Bauwerk unter dem Schutz der weißen Flagge zu mißbrauchen versuchte." Tage gingen ins Land. Wenn man an sie zurückdachte, meinte man, es müßten Wochen oder gar Monate sein. Frau Helenes Pension stand fast so gut wie ganz und gar still. Sie hoffte, die Räume bald dem Roten Kreuz zur Verfügung stellen zu können. Beim Rittmeister war endlich die Nachricht vom Tode seines Sohnes eingetroffen. Es war, als wenn Frau Helene durch den Ver lust des Jungen tiefer gebeugt würde als die eigene Mutter. Frau Helene hatte sich eben nicht ihr Lebenlang in den Gedanken hinein exerziert, daß dieser Hans nun ja eben mal ein Soldat märe, und daß er infolgedessen in einem Kriegsfalle selbstverständlicherweise einmal fällig" werden könnte. Frau Helene trug wie an einem persönlichen Leiden; etwa so, als wenn ringsumher Frieden wäre. Mutter Peecks Trauer war traditionell gebändigt und funktionierte sozusagen auto matisch. Frau Helene quälte sich mit dem Gedanken, daß der arme Junge vielleicht vorher noch zu leiden gehabt hätte; Mutter Peeck, die Rittmeistersfrau, hätte es nicht ertragen können, wenn ihr Sohn" das Wort Junge" oder Bengel" gab es nicht mehr ohne das Eiserne Kreuz den Tod gefunden hätte. Ganz anders nahm Peter den Tod seines Bruders auf. Für ihn war dieses Ereignis, so traurig es auch an sich für ihn im ersten Augen blick war, etwas so Selbstverständliches wie etwa die Verleihung des Eisernen Kreuzes oder ein neuer Sieg. Der Krieg brachte eben so etwas mit sich. Ja, Peter fühlte auch auf sich ein kleines Teil jener Ehre übergehen, die sein Bruder durch seinen Tod auf dem Schlachtfeld für sich erworben hatte. Und ähnlich dachten auch die meisten seiner Klassenkameraden. Kein Wort des Beileids kam über ihre Lippen, wenngleich auch sie im innersten Herzen zunächst das aufrichtige Ge fühl der Trauer hatten. Schön und ehrenvoll ist es, für das Vater- 22S225 land zu sterben! Diesen Spruch des Altertums, den sie so oft aus dem Munde ihrer Lehrer gehört hatten und einmal auch als deutschen Aus satz bearbeiteten, erkannten sie deutlicher denn jemals als eine der herrlichsten Wahrheiten. Das Leben mußte erst kommen, um ihnen den letzten Rest dieser Offenbarung zu zeigen. Ja, war es nicht, als ob sie alle durch den plötzlichen Tod von Hans Peeck, den sie alle so gut gekannt hatten, reifer und männlicher geworden waren? Daß sie alle plötzlich noch stärker in der Gegenwart standen, deren großen Ereignissen sie täglich mit derselben strengsten Aufmerksamkeit folgten! Schon war vor Tfingtau der erste Deutsche gefallen. Schon hatte England, der angebliche Herr der Meere, weitere empfindliche Verluste erlitten. Der Name des Kapitäns Otto Weddigen war auf aller Lippen. Und staunend lasen sie in den Zeitungen: Aus London wird unter dem 22. September amtlich gemeldet: Deutsche Unterseeboote schössen in der Nordsee die englischen Panzer kreuzer ,Aboukir , ,Hogue und ,Cressy in den Grund. Eine beträcht liche Anzahl der Mannschaften wurde von herbeigeeilten englischen Kriegsschiffen und holländischen Dampfern gerettet." Die deutsche amtliche Meldung besagt , II 9 hat am Morgen des 22. September etwa 20 Seemeilen nordwestlich von Hoek van Holland die drei englischen Panzerkreuzer ,Aboukir , ,Hogue und ,Cressy zum Sinken gebracht." Es hat also ein einziges deutsches Unterseeboot drei englische Kreuzer zum Sinken gebracht. Nach den aus Holland eingetroffenen Nachrichten betrug die Gesamtbesatzung der drei Panzerkreuzer ungefähr 2200 Mann, etwa drei Viertel sollen ihr Leben eingebüßt haben. Man kann also einen Verlust von 1600 Mann annehmen. Auf deutscher Seite ist ein Verlust nicht eingetreten. Der Kommandant des Unterseebootes H 9" war Kapitänleutnant Otto Weddigen aus Herford. Er ist am 13. September 1882 geboren und im Frühjahr 1901 in die Marine eingetreten. Als Unterseeboots offizier und auch als Kommandant hat er in den letzten Jahren Ver wendung gefunden. II 9" hatte eine Besatzung von rund 20 Mann. H 9" und seine Besatzung find unversehrt von ihrer Fahrt zurück gekehrt. Der Angriff des Unterseebootes II 9" auf die drei englischen Panzerkreuzer erfolgte am 22. September, morgens 6 Uhr, bei Hellem, klarem Wetter, und zwar zunächst gegen den Aboukir", der innerhalb fünf Minuten sank. Die beiden anderen englischen Panzerkreuzer be-teiligten sich zunächst an dem Rettungswerk. Alsdann sank nach weiteren drei Minuten der zweite Kreuzer Hogue", das Sinken des dritten Kreuzers erfolgte gegen 8 Uhr. Das Unterseeboot H 9" ent kam den Verfolgungen von englischer Seite. Den Augenzeugenbericht des Kapitäns des holländischen Dampfers Flora", der 287 überlebende nach Dmuiden brachte, veröffentlicht das Amsterdamer Allgemeene Handelsblad": Wie der Kapitän der ,Flora mitteilte, befand er sich mit seinem Schiffe auf der Fahrt von Rotterdam nach Leith, als er etwa 18 Seemeilen hinter dem Maas leuchtschiff auf acht Seemeilen Entfernung einen Kreuzer mit vier Schornsteinen erblickte, der sich auf die Seite legte und langsam versank. Als er sich dem Kreuzer näherte, sah er viele Rettungsboote treiben und nahm selbst von 9 bis 11V- Uhr an dem Rettungswerk teil. Dann erschienen andere englische Kriegsschiffe. Der Kapitän sah auch ein paar deutsche Unterseeboote auftauchen und hielt es für geraten, sich eiligst zu entfernen. Ein englischer Matrose vom Kreuzer ,Cressy erzählte: Die drei Kreuzer befanden sich gegen halb 6 Uhr früh etwa 30 Seemeilen von der holländischen Küste auf der Höhe des neuen Wasserweges; das Wetter war nebelig. Plötzlich erfolgte eine heftige Explosion und wenige Augenblicke später sah man, daß sich der ,Aboukir auf die Seite legte. Die beiden anderen Schiffe machten ihre Boote los. Eine halbe Stunde später hörten sie drei Explosionen in der Nähe der ,Hogue . Eine Viertelstunde später traf ein Torpedo die ,Cressy , die in vier Minuten sank." Wie überlebende der Besatzungen der in den Grund gebohrten Kreuzer den holländischen Kapitänen erzählten, erfolgte der Angriff, während noch die Engländer in ihren Kojen lagen. Daraus erklärt sich, daß die Geretteten meist nur mit dem Hemd bekleidet waren. Sie kämpften drei Stunden mit den Wellen, ehe sie gerettet wurden, und befanden sich im Zustand völliger Erschöpfung. Alle Angaben stimmen darin überein, daß die englischen Kreuzer keinen Schuß abgaben, mit hin kein Unterseeboot vernichtet sein kann. Am Rettungswerk beteiligte sich außer den beiden holländischen Schiffen ein englischer Fischkutter. Ein Torpedoboot kam zu spät und konnte nur einen Teil der Geretteten aufnehmen und nach England bringen. Der Kapitän Berkhout von der Titan" erzählte, daß er sofort den Kurs nach der Unglücksstelle setzen und die Boote herunterließ. Er konnte 114 Mann und 39 Offi ziere aufnehmen, darunter den Kommandanten Sells. Als dieser an Bord kam, sagte er mit grimmigem Lächeln: Das war eine lange 2Z02)1 Schwimmpartie." Seine Armbanduhr war 5 Minuten nach 7 Uhr stehengeblieben. Als er aufgefischt wurde, war es 10 Uhr. Er hatte sich auf Aboukir" befunden, das den ersten Schuß erhielt. Als das Schiff sank, sprang er ins Wasser und schwamm nach der Hogue". Aber kaum war er hier aufgenommen, als auch dieses Schiff getroffen wurde und in drei Minuten sank. Abermals sprang er ins Wasser und rettete sich auf die Eresfy", die aber sofort dasselbe Schicksal er reichte. Sells klammerte sich an ein Wrackstück und schwamm darauf drei Stunden lang umher. Einem Matrosen erging es ebenso. Der B. Z. a. M." ist folgende Schilderung zugegangen: Klares Wetter herrschte nordwestlich von Hoek van Holland, als ,17 9 unter Führung des Kapitänleutnants Otto Weddigen in der Frühe des gestrigen Morgens auf seiner Patrouillenfahrt plötzlich die drei eng lischen Panzerkeuzer ,Aboukir , .Hogue und .Eressy vor sich auftauchen sah, die zu dem 7. englischen Kreuzergeschwader gehörten. Das ganze Geschwader besteht aus sechs Panzerkreuzern. Die Gelegenheit ist günstig, dem Feinde, der anscheinend nichts ahnt, unbemerkt und kräftig auf den Leib zu rücken. Es ist etwa 6 Uhr morgens, plötzlich erhält .Aboukir einen gewaltigen Stoß, und 3 Minuten später sinkt das Schiff in die Tiefe. Ist es auf eine Mine gestoßen? Noch wissen es die Eng länder nicht, aber sie fürchten es, denn gleich darauf ereilt den Kreuzer -Hogue dasselbe Schicksal. Sofort werden Boote ausgesetzt, und .Eressy ist bemüht, die Uberlebenden aufzufischen. Kein Feind ist in zwischen ringsum zu sehen. Zwei Stunden vergehen mit der Ber gungsarbeit, da plötzlich erhält auch .Eressy- einen gewaltigen Stoß und versinkt gleichfalls in die Tiefe. Nun zweifeln die Engländer nicht mehr, daß ein deutsches Unterseeboot in der Nähe ist, und daß die drei Panzer von deutschen Torpedos in den Grund gebohrt wurden. Es beginnt die wilde Jagd auf .11 9 , aber es gelingt ihm, den Ver folgern zu entkommen. Inzwischen naht der holländische Frachtdampfer -Flora , der auf der Fahrt von Leith nach Rotterdam begriffen ist. Die Besatzung der ,Flora sieht einige Schiffsboote auf dem Wasser treiben und erkennt beim Näherkommen, daß englische Offiziere und Matrosen darin sitzen, nur notdürftig bekleidet und im Zustand schwerer Erschöpfung. Sie werden an Bord der ,Flora geborgen und von ihr nach Nmuiden gebracht." Als erstes der Sperrforts südlich Berdun fiel Camp des Romains bei St. Mihiel. Dort hißte das bayerische Regiment von der Tann" die deutsche Fahne. Die Belagerungsartillerie eröffnete ihr Feuer gegen Teile des Forts von Antwerpen. Russische Vorstöße gegen dasGouvernement Suwalki scheiterten. Die Serben unternahmen ver gebliche Angriffe gegen die Höhen von Krupani und Losnica. Bei Noyon und Toul gelangen den Deutschen neue große Erfolge. Nach englischen Zeitungen erlitten die Japaner in den Kämpfen um Tfingtau bereits 312 Tote: neun Flugzeuge murden verloren. Alle französischen Vorstöße wurden zurückgewiesen. Schon waren zwei Forts von Ant werpen erstürmt, zwei andere zerstört; auch die Redoute Dorvwaldt war bereits mit ihren starken Zwischenwerken in unseren Händen. Aber einige Tage sollten doch noch vergehen, bis diese angeblich stärkste Festung genommen war. Zwei russische Armeekorps waren bei Augustowo gescblagen: über zweitausend unverwundete Gefangene, eine große Anzahl von Geschützen und Maschinengewehren wurden er beutet. An Stelle des bisherigen Generalquartiermeisters von Stein, dessen Berichte mit zu den herrlichsten Denkmälern deutscher Sprache gehören und dem ein Armeekorps übertragen wurde, trat General major von Voiat-Rhetz. Der Kampf am rechten deutschen Heeres flügel ging erfolgreich weiter vorwärts. Weitere Forts vor Ant werpen wurden zum Schweiaen gebracht. Die Kampffront in Frank reich dehnte sich bis nördlich Arras aus. In Russisch-Polen gingen die Deutschen und Österreicher gemeinsam weiter vor. Bei dem ersten Sturm auf die Infanteriewerke von Tsingtau wurden die vereinigten Japaner und Engländer mit einem Verlust von 25W Mann zurück geschlagen. Die deutschen Mannschaften hatten sich die brillante Pro klamation ihres tapferen Gouverneurs nur zu gut zu Herzen ge nommen: Am 15. August hat Japan Deutschland ein Ultimatum gestellt, in dem die sofortige Zurückziehung oder Entwaffnung aller deutschen Kriegsschiffe des Kreuzergeschwaders sowie die bedingungslose Über gabe Tsingtaus bis zum 15. September gefordert wurde. Frist zur Beantwortung der 23. August mittags. Diese unerhörte Zumutung ist nach Form und Inhalt gleichweit beleidigend. Niemals werden wir freiwillig auch nur das kleinste Stück Erde hergeben, über dem die hehre Reichskriegsflagge weht. Von dieser Stätte, die wir mit Liebe und Erfolg seit 17 Jahren zu einem kleinen Deutschland auszugestalten bemüht waren, wollen wir nicht weichen! Will der Gegner Tsingtau haben, so mag er kommen, es sich holen. Er wird uns auf unserem Posten finden. Der Angrif auf Tsingtau steht bevor. Gut ausgebildet und wohl vorbereitet können wir den Gegner mit Ruhe erwarten. Ich weiß, daß die Besatzung von Tsingtau fest entschlossen ist, treu ihrem Fahneneid und eingedenk des Waffenruhmes der Väter den Platz bis 2Z2zum äußersten zu halten. Jeder in zähem Widerstand errungene Tag kann die unberechenbarsten günstigsten Folgen zeitigen! Zu stolzer Freude gereicht es uns, daß nunmehr auch wir für Kaiser und Reich fechten dürfen, daß wir nicht dazu verurteilt sind, tatenlos beiseite zu stehen, während unsere Brüder in der Heimat in schwerem Kampfe stehen. Festungsbesatzung von Tsingtau! Ich erinnere Euch an die glorreiche Verteidigung Kolbergs, Graudenz und der schleichen Festungen vor etwas mehr als 1l)t Iahren. Nehmt Euch diese Helden zum Beispiel. Ich erwarte von Euch, daß ein jeder sein Bestes her geben wird, um mit den Kameraden in der Heimat an Tapferkeit und jeglicher soldatischen Tugend zu wetteifern. Wohl sind wir zur Ver teidigung bestimmt. Haltet Euch aber so vor Augen, daß die Ver teidigung nur dann richtig geführt wird, wenn sie vom Geiste des Angriffs erfüllt ist. Am 18. August habe ich Seiner Majestät drahtlich versichert, daß ich einstehe für Pflichterfüllung bis aufs äußerste. Am 13. August habe ich den Allerhöchsten Befehl Seiner Majestät erhalten, Tsingtau bis aufs äußerste zu verteidigen. Wir werden Seine Majestät, unserem Allergnädigsten Kriegsherrn, durch die Tat beweisen, daß wir des in uns gesetzten Allerhöchsten Vertrauens würdig sind. Es lebe Seine Majestät der Kaiser! Der Festungsgouverneur: Meyer-Waldeck." Vorstöße der Franzosen in den Argonnen und bei Verdun wurden zurückgewiesen. Im Gouvernement Suwalki und in Polen errang man neue Erfolge gegen die Russen. Die Angriffe der Russen auf die starke Festung Przemysl waren blutig, aber erfolglos. Am 9. Oktober abends endlich wurde die frohe Kunde ausgegeben: Heute vormittag sind mehrere Forts der inneren Festungslinie von Antwerpen gefallen. Die Stadt ist seit heute nachmittag in deutschem Besitz. Der Kommandant und die Besatzung haben den Festungsbereich verlassen; nur einzelne Forts sind noch vom Feinde besetzt. Der Besitz von Antwerpen ist dadurch nicht beeinträchtigt." Jubel über Jubel! über die letzten Stunden vor dem Fall Antwerpens wurde aus Rotterdam berichtet: Während belgische Truppen den südlichen Teil Antwerpens ver teidigen, stehen die Engländer in der heftig angegriffenen Ostfront, wo ihnen die Aufgabe zufällt, die weite Linie der durch Erdwälle um ringten Forts zu halten. Man kämpft beiderseits mit unglaublicher Tapferkeit, ohne an ein Zurückweichen zu denken. Flüchtlinge be- 2ZZrichten, daß der Donner der Geschütze zuweilen mit zehn Schlagen in der Minute anhält und die rote Glut am Himmel sich immer mehr aus breitet, zum Zeichen, daß immer größere Teile durch Feuer angesteckt werden. Wie aus einer Hölle entfliehen noch immer Tausende von Bewohnern der Stadt. An der Scheide brennen die Petroleumtanks. Es verlautet, daß die belgische Armee, falls sie zum Rückzug gezwungen würde, nicht in der Richtung der holländischen Grenze, sondern nach Ostende ziehen würde, um mit den Armeen der Verbündeten Fühlung zu suchen. Ein Berichterstatter, welcher gestern abend aus Antwerpen zurückkehrte, erzählt, die Lage der Stadt sei schrecklich. Tote und Ver wundete lägen in den Straßen Herum. Die Polizei gehe von Haus zu Haus, um die letzten Bewohner aus der Stadt zu treiben. König Albert und die Königin wollten in der Stadt bleiben. Man überzeugte sie aber, daß es zwecklos und für das Land unheilvoll sein würde, falls sie länger in der Stadt weilten. Denn, sollte der König verwundet oder gefangengenommen werden, dann wäre dies für die Unabhängigkeit Belgiens und für die Widerstandsfähigkeit der Armee schlimmer, als wenn Antwerpen selbst fiele. Das Königspaar verließ darauf die Stadt." Nach den Depeschen vom 8. abends brennt Antwerpen an ver schiedenen Stellen. Die Geschosse fliegen über die ganze Stadt. Sie schlugen bislang hauptsächlich im nordöstlichen Stadtteil ein. Der Südbahnhof brennt. Die Übergabe der Stadt, wegen der ein Parla mentär fragte, wurde abgelehnt. Die Engländer und Belgier unter nahmen wütend Ausfälle, die jedoch mit starken belgischen Verlusten abgeschlagen wurden. Versprengte belgische Abteilungen, mehrere hundert Mann, gelangten auf holländisches Gebiet, wo sie entwaffnet wurden." Der Einzug der Deutschen in Antwerpen erfolgte über Berchem. Kurz vor dem Fall Antwerpens wurden nach einer Meldung aus Rotterdam auf Betreiben der Engländer 32 deutsche Handelsdampfer, darunter der Lloyddampfer Gneifenau" und viele andere große See dampfer sowie über 20 Rheinschiffe, die im Hafen von Antwerpen lagen, in die Luft gesprengt. Amtliche Meldung, 10. Oktober, vormittags 11 Uhr: Die ganze Festung Antwerpen einschließlich sämtlicher Forts ist in unserem Besitz." Amtliche Meldung, abends: Nach nur 12tägiger Belagerung fiel Antwerpen mit allen Forts in unsere Hände. Am 28. September fiel der erste Schuß gegen die Forts der äußeren Linie. Am 1. Oktober wurde das erste Fort erstürmt, am 6. und 7. Oktober der stark an- 2Z52)5 gestaute, meist 400 Meter breite Netheabschnitt von unserer Infanterie und Artillerie überwunden. Am 7. Oktober wurde entsprechend dem Haager Abkommen die Beschießung der Stadt angekündigt. Da ihr Kommandant erklärte, die Verantwortung für die Beschießung zu übernehmen, begann um Mitternacht vom 7. zum 8. Oktober die Beschießung der Stadt. Gleich zeitig setzte der Angriff gegen die inneren Forts ein. Schon am 9. Oktober früh waren zwei Forts der inneren Linie genommen. Am 9. Oktober nachmittags konnte die Stadt ohne ernst haften Widerstand besetzt werden. Die vermutlich sehr starke Besatzung hatte sich anfänglich tapfer verteidigt. Da sie sich dem Ansturm unserer Infanterie und der Marinedivision sowie der Wirkung unserer ge waltigen Artillerie schließlich nicht gewachsen fühlte, war sie in voller Auflösung geflohen. Unter der Besatzung befand sich auch eine unlängst eingetroffene englische Marinebrigade. Sie sollte nach englischen Zeitungsberichten das Rückgrat der Verteidigung sein. Der Grad der Auflösung der eng lischen und belgischen Truppen wird durch die Tatsache bezeichnet, daß die Übergabeverhandlungen mit dem Bürgermeister geführt werden mußten, da keine militärische Behörde aufzufinden war. Die vollzogene Übergabe wurde am 10. Oktober schon von dem Chef des Stabes des bisherigen Gouvernements von Antwerpen be stätigt. Die letzten noch nicht übergebenen Forts wurden von unseren Truppen besetzt. Die Zahl der Gefangenen läßt sich noch nicht übersehen. Viele belgische und englische Soldaten flohen nach Holland, wo sie interniert wurden. Gewaltige Vorräte aller Art wurden erbeutet. Die letzte belgische Festung, das .uneinnehmbar^ Antwerpen, ist bezwungen. Die Angriffstruppen vollbrachten eine außerordentliche Leistung, die vom Kaiser damit gelohnt wurde, daß ihrem Führer, General der Infanterie v. Beseler, der Orden lo ver liehen wurde." In einem Bericht des Korrespondenten der Daily News" in Gent über die Kämpfe an der Scheidelinie heißt es: Ich habe Furchtbares erlebt. Drei lange Tage und einen großen Teil der Nächte donnerten die Geschütze von einem Ufer zum anderen. An dem 13 Meilen langen Kanal zwischen Termonde und Wetteren hatten die belgischen Truppen große Anstrengungen auszuhalten. In diesen Laufgräben liegend, waren sie oft stundenlang dem Schrapnell-feuer ausgesetzt. Die Ambulanzen hatten täglich viel Arbeit. Be sonders groß ist die Zahl der gefallenen Offiziere. Die Nerven der Soldaten wurden bis zum äußersten angespannt. Weiter südlich kam ich in die Nähe des heftigsten Artillerieduells. Dort sah ich den Feind kurz nach Tagesgrauen eine Pontonbrücke schlagen, um einige Kompagnien Infanterie hinüberzubringen. Als die belgischen Feldgeschütze Aufstellung genommen hatten, schössen sie die Brücke sofort kurz und klein zusammen. Das Geschützfeuer war so heftig, daß die über die Brücke Gekommenen sich nur durch die Flucht reiten konnten. Die Belgier setzten ihr Feuer fort, bis am Nachmittag die deutschen Geschütze plötzlich zu antworten begannen, und zwar mit einer so furchtbaren Treffsicherheit und Heftigkeit, daß es derjenige, der es miterlebte, niemals vergessen kann. Die Genauigkeit des deutschen Feuers war erschreckend. Die Granaten verwandelten die Stellen, die uns kurz vorher zur Deckung dienten, zu einem Chaos." Von der Wirkung der deutschen Artillerie bei der Beschießung Antwerpens gab der Kriegsberichterstatter der Münchner Neuesten Nachrichten" folgende überaus anschauliche Schilderung: Wir sind im Fort Wawre St. Catherine, dem am südöstlichsten gelegenen modernen Fort. Hier hat die,dicke Berta aus ihrer Stellung bei Boort-Meebek saubere Arbeit geleistet. Von den vorhandenen zwölf Panzertürmen sind mehrere unbrauchbar gemacht, zwei von ihnen sind so zerschossen, daß es angebracht scheint, das Nähere zu sagen. Von einem dieser mit je zwei Geschützen armierten Panzertürmen ist der obere Deckel abgesprengt und durch den Luftdruck beiseite geschleudert und in Stücke zerrissen. Der zwei Meter dicke Betonsockel ist zerfetzt. Nur riesige Trümmerstücke sind noch zu sehen. Das Innere des Turmes ist freigelegt und zerstört, die Geschütze sind unbrauchbar gemacht. Bei einem anderen nicht weit davon ist die Kuppe beschädigt, der Beton aufgewühlt und das ihn verbindende Eisengeflecht bloßgelegt. Die Kasematten in der Kehle aus dicken Steinquadern sind zermalmt und die Krone der Brustwehren ist abgekämmt. Die Hohlräume sind bloß gelegt, und Helles Tageslicht erleuchtet die sonst dunklen oder nur schwach erleuchteten Räume. Das Fort ist bereits aufgeräumt, und nur eine geringe Besatzung bewacht die gesammelten Waffen und Montierungs- stücke. Das links neben dem Fort gelegene Zwischenwerk zeigt gleich falls starke Verwüstung. Unser nächstes Ziel ist das Fort Lierre, einige hundert Meter auf dem linken Ufer der Nethe gelegen. Die Stadt Lierre ist ein wichtiger Eisenbahn-Knotenpunkt und durch seine Kirche St. Gommaire schon seit 2ZSalters her berühmt. Hier war ein Übergang deutscher Truppen ge plant, hier hat der Kampf in den Oktobertagen tagelang hin und her gewogt, wiederholt ist dieser Ort eingenommen und vom Gegner wieder erobert worden, bis schließlich die hier kämpfende Division das Über gewicht gewann und den Gegner endgültig zurückschlug. Hier ist wohl am heißesten im ganzen Netheabschnitt gekämpft worden. Von der Stadt ist nur sehr wenig übriggeblieben. Streckenweise sind die Straßen, in denen der Kamps tobte, nur Trümmerhaufen, einzelne stehengebliebene Wände sagen ungefähr, was dort gewesen, von den schönen Kirchen und Klöstern ist nichts mehr zu sehen. Wir über schreiten einen Nebenarm der Nethe auf einer Notbrücke, neben der sich ein nur für Infanterie oder einzelne Reiter benutzbarer Brücken steg befindet. Dieser ist hergestellt aus Tonnen, von denen je zwei durch Bretter im Abstand von IV2 Meter untereinander verbunden und durch 2 3 Meter lange Längsbalken ineinandergefügt sind. Durch den weniger beschädigten südlichen Vorort von Lierre führt eine ein gleisige Bahn, die als Radialbahn zum Fort Lierre auch in direkter Verbindung mit der Staatsbahn steht, um ohne Umladung Munition und sonstigen Kriegsbedarf zum Fort heranzuführen. Der Bahnstrang zum Fort Lierre ist aufgerissen und anscheinend beim Bau der vor uns liegenden zwei Unterstände verwendet worden. Etwa 500 Meter weiter nach vorn durch traverfierte Deckungsgräben mit den Unterständen ver bunden, befanden sich die Zwischenstellungen des Forts Lierre. Sie, wie auch die Unterstände für etwa 4 5 Kompagnien zeigten deutlich genug, daß sie noch vor dem Ausbau hatten verlassen werden müssen. Das Fort Lierre selbst, von einem Wassergraben umgeben, dessen obere Breite etwa 30 60 Meter betragen mag, besitzt 4 Panzertürme zu je 2 Geschützen und 2 Doppeltürmen und ist bei der Beschießung von der ,dicken Berta , unserem 42-Zentimeter-Geschütz, mit Granaten be worfen worden. Der Panzerturm an der südöstlich ausspringenden Spitze ist von einer Granate getroffen worden: sie hat den Hinteren Teil des Panzerturms zerschlagen, ist hindurchgegangen und hat nach Durchschlagen der entgegengesetzten Panzerturmwand zwischen Panzerturm und Betonwand erst Ruhe gefunden. Das ganze innere Getriebe ist zertrümmert, der Panzerturm un brauchbar gemacht, die den Panzerturm umgebende 2 Meter starke Betondecke ist auseinandergeklappt: ebenso ist der dicht danebenliegende Turm stark beschädigt worden. Was an Brustwehren und Mauern getroffen ist, läßt seine frühere Bedeutung nicht mehr erkennen. Das Fort hat Besatzung erhalten, die Aufräumungsarbeiten sind im Gange. 2Z7Unser Weg führte uns weiter zum Dorfe Waelhen und zu der feindlichen Stellung am rechten Ufer der Nethe. Das Gelände zwischen Fort Waelhen und dem Dorf gleichen Namens ist Überschwemmungs gebiet, der noch trockene Boden zeigt Granatlöcher, die Bahn zum Dorf ist zerstört, sie wird wiederhergestellt. Dicht hinter der vom Gegner zerstörten, von unseren Pionieren wiederhergestellten Brücke beginnt auf der linken Seite der Flutdamm der Nethe, hinter dem die feindliche Stellung beim Kampf um Waelhen eingerichtet wird. Am Anfang des Flutdamms steht ein Revoloergeschütz mit Schutzblech, ungezählte Schüsse zeigen, daß es von unseren Leuten getroffen, aber nicht durch schlagen ist, das Geschütz ist aber unbrauchbar gemacht. Durch Ab stechen der inneren Dammböschung ist für je einen Mann ein Schützen loch geschaffen, in dem sich auch Raum für Munition befindet. Herum liegende Munition in Paketen und die einzelnen Messer, Kochgeschirre, Tornister und Kleidungsstücke zeigen, wie hastig der Rückzug erfolgt sein muß. Hinter dem Wall ist in dem Wiesenboden Loch an Loch, anscheinend von unseren großen Geschossen herrührend. Eine zu sammengetriebene Ochsenherde, vereinzelte Gruppen von Flüchtlingen, Autos^ die kommen oder gehen, bevölkern die Straße, bis dann eine größere Marschkolonne aus Infanterie oder Artillerie, ruhende Truppen und Fuhrparkkolonnen die Straße anfüllen. Ich kenne diese Regi menter und ihre Offiziere; zum Teil haben sie bei Lierre oder Kessel gefochten und sind jetzt auf dem Marsch zu neuen kriegerischen Unter nehmungen. Ihr Aussehen ist großartig! Sie klagen nicht, sie unter halten sich in aller Ruhe und sind froh für jede Botschaft, die man ihnen vom Kriegsschauplatz geben kann, und freudig leuchten ihre Augen, wenn sie unseren Erzählungen lauschen. Das Aussehen der Häuser wird städtischer, einzelne Villen liegen unbeschädigt, wenn auch verlassen am Wege. Nur Soldaten und hin und wieder einige heimkehrende Flüchtlinge begegnen uns, bis wir in die Nähe der die Stadtumwallung Antwerpens umgebenden, unter einander durch Felsbefestigungen verbundenen, durch Nummern 1 8 bezeichneten, veralteten Forts der inneren Linie gelangen. Schon einige hundert Meter vor der Linie sind in den einzelnen unbestellten Feldern niedrige Drahthindernisse angelegt, denen sich dann schachbrett förmig angeordnete, 1 2 Fuß tiefe Löcher anschließen, aus denen scharf angespitzte armdicke Stäbe herausschauen, sogenannte Wolfsgruben. Ungezählte tausende solcher Gruben sind angelegt worden. Das weitere Vorgelände ist aufgeräumt, man hat Häusergruppen niedergelegt, die Bäume des früheren Parks wie die gewundenen Wege und Gras- 2ZSflächen zu beweisen scheinen sind etwa 2 Fuß vom Boden entfernt abgesägt, nur die Stümpfe zeigen von einstiger Pracht. Hinter diesen Hindernissen dicht am Fort 4 sind starke Brustwehren unter Benutzung von Eisenbahnschienen, Sandsäcken, Holzbalken angelegt worden, die mit Schießscharten versehen sind. Das Fort selbst, ein kleines Vorwerk mit trockenem Graben, hat zwei Panzertürme, einen Beobachtungsschlitz, und in den beiden zurückgebogenen Flügeln sind grün angestrichene Schutzschilder von 15 Meter Länge und 3 Meter Breite auf Böcken im Graben aufgestellt, deren Hinterwand aus dickem Eisenblech besteht. Das nordöstliche ist durch eine schwere Batterie zertrümmert worden, sonst hat das Fort nur genüge Beschädigung erlitten. Zum rechten Widerstand ist es nicht gekommen in dieser Fortlinie, weil Antwerpen sich ergab und die Garnison Hals über Kops ihre Stellungen verlassen hat, um sich möglichst bald in Sicherheit zu bringen." General v. Beseler, der Befehlshaber der Belagerungstruppen von Antwerpen, hat folgende Proklamation erlassen: Einwohner von Antwerpen! Das deutsche Heer betritt eure Stadt als Sieger. Keinem eurer Mitbürger wird ein Leid geschehen und euer Eigentum wird geschont werden, wenn ihr euch jeder Feind seligkeit enthaltet. Jede Widersetzlichkeit dagegen wird nach dem Kriegs recht bestraft und kann die Zerstörung eurer schönen Stadt zur Folge haben." Der Bericht der Obersten Heeresleitung gibt zum ersten Male am 13. Oktober nähere Mitteilungen über das Schicksal der Antwerpener Besatzung. Danach sind rund 28 000 Mann, unter ihnen auch 2000 Eng länder, in Holland entwaffnet worden. Rechnet man zu dieser Summe die große Zahl der Verluste, die von belgischer Seite allein auf 13 000 bis 20 000 Mann veranschlagt werden, und, wiederum nach belgischen Angaben, etwa 20 000 Gefangene, so kann man mit Sicherheit an nehmen, daß von der Besatzung der Festung nur geringe Reste ohne irgendwelchen Gefechtswert die Küste erreicht haben. 2Z?240 Dreizehntes Kapitel. Der feldgraue Florian. Der Halbmond tritt dazwischen. Eine Tages kam der Professor in Frau Helenes Arbeitszimmer: Liebe, gnädige Frau, haben Sie nicht Lust, heute nachmittag mit mir nach Spandau hinauszufahren: wir können Doktor Schmidt be suchen-, Florian schickte mir eben eine Karte: denken Sie nur, wie die Menschen sich jetzt wandeln: Florian schreibt mir allerhand, was er zum Essen geschickt haben will. Vielleicht helfen Sie." Frau Helene war sofort einverstanden. Man verabredete den Zug. Sagen Sie nur, lieber Professor, was macht nur unsere gute Maria Asten? Sie ist jetzt so aushäufig?" Da erzählte ihr der Professor, welchen Rat er der jungen Künstlerin gegeben habe. Sie tritt jetzt unter einem ganz anderen Namen auf. Das Publikum ist ja viel dümmer als man ahnt. Sie hat sich eine etwas andere Frisur zurechtgelegt. Dabei hat sie dazu natürlich gar keinen Grund, sich dort ihres Singens zu schämen; es ist ein ganz würdiger Raum und ein ganz würdiges Programm. Vor allen Dingen aber behält sie den Kops hoch und den Stolz frei. Natürlich glaube ich sehr gern, daß Sie, gnädige Frau, der jungen Künstlerin gern geholfen hätten: wenn ich es gedurft hätte, hätte ich es wohl auch getan. Aber dieses Gefühl der dankbarlichen Abhängigkeit taugt für Künstler nur dann, wenn sie schwer krank daniederliegen. Sonst zerbricht es leicht die Würde, die ein Künstler noch viel mehr in acht nehmen muß als ein Offizier: denn bei den Offizieren beschützt ein Kamerad die Uniform des anderen: und bei den Künstlern ist es leider oft gerade umgekehrt." Sie meinen, es würde Maria Asten peinlich sein, wenn ich etwa dort in dem Saal zur Konzertzeit erscheinen würde?" Ich glaube, in den ersten Tagen wäre es ihr schrecklich gewesen. Jetzt ist sie darüber hinweg. Es ist auch künstlerisch nicht zu ihrem Nachteil, daß ihre Stimmung einem Zwange unterworfen wird. ?kot. cZoor. Nssokel Deutsck)e Siegesbeute aus der Winterschlacht in Masuren. Vom östlichen Kriegsschauplatz. Brotberteilung an gefangene Russen vor dem Abtransport durch deutsche Soldateu,Auf dem östlichen Kriegsschauplay. Bon den Russe gesprengte Brücke über die Alle in Bartenstein (Reg.-Vez. Königsberg),übrigens war gestern ein sehr bedeutender Theaterdirektor dort, der da zum ersten Male Gelegenheit hatte, Fräulein Maria zu hören; er hat sie heute zu einer Unterredung in sein Hotel bestellt; er war ganz begeistert von ihrer Art; er wird erst heute erfahren haben, daß er Maria Asten gehört hat, und daß er nicht mehr so recht sich als Ent decker fühlen kann." Aber was singt sie denn dort?" Sie singt die kleinen japanischen Lieder Florians; der kleine Himsch ist da auch in der Kapelle und begleitet sie. Florians übersetzer- name wird nicht genannt, und die japanischen Lieder gelten dort als chinesische. Anzustrengen braucht sie sich dort nicht. Nebenbei werden ihr auch ein paar kleine anmaßende Ungezogenheiten abgewöhnt. Vor allen Dingen aber lernt das verwöhnte Kind endlich einmal Tapferkeit und sieht dem Leben ins Gesicht." Am Nachmittag ging der Professor mit Frau Helene nach Spandau. Er trug ein großes Paket. Irgendwelche kavalierhaften Modebeschränktheiten konnten ihn nicht beengen. Er wäre auch mit einem Korbe gegangen; zumal jetzt in diesen Zeiten. Frau Helene fand es sehr interessant, daß sie jetzt auch einmal Spandau kennen lernen würde. Sie hatte natürlich, wie die meisten Leute aus dem Westen Berlins, keine Ahnung davon, wie es in der Umgegend Berlins aus sähe. Der Professor ließ in seiner Art vor ihrem Geiste erst das alte Spandau nach den Berichten der Chronik erstehen. Besonderen Spaß machte ihm dabei die Geschichte, in der Gustav Adolfs schlauer Kanzler die guten Hamburger Kaufleute geprellt hatte, als die in Spandau dem Schwedenkönig ihre Huldigung bringen wollten. Als der Professor mit dieser Geschichte fast fertig geworden war, fuhr der Zug gerade in den Spandauer Bahnhof ein. Das Leben, das hier auf allen Straßen sich drängte, erinnerte wahrhaftig nicht mehr an verschollene Zeiten. Der Professor wußte schon überall Bescheid. Die beiden gingen vom Bahnhof, um den hier ein Gedränge herrschte, durch die dichten Straßen: sie gingen an überfüllten Restaurationen vorbei und über nüchterne Brücken; überall Soldaten und Soldaten; einzeln und trupp weise; junge und ältere; Soldaten sah man dicht gedrängt in der elektrischen Bahn stehen; Soldaten drängten sich im Zigarrenladen; die Stadt glich dem Wallensteinschen Lager, und der Professor war nur Nebenfigur wie der Schulmeister im Schillerschen Stücke. In der Moritzstraße, wo man an ein paar Kanälen und kleinen Häusern vorbeikam, die beinahe holländisch wirken könnten, fand man die Kaserne. Der Professor kannte die Wache schon, und Frau Helene 16 A r n d t, Die Trommel schlug zum Streite.242 wirkte in ihrer Haltung und ihren weißen Haaren wie eine Generalin, so daß die beiden ohne Schwierigkeiten auf den großen Exerzierplatz gelassen wurden, wo sie Florian wohl sehen, aber noch nicht sprechen konnten; denn der hatte noch immer Dienst. Die jungen Soldaten standen in langen Reihen, und hin und wieder wurde dieser oder jener angeredet und, wie es den beiden Beobachtern ging, die ganz und gar nichts von militärischen Dingen verstanden, einer Kritik unterzogen. Im Hinter grunde ragten schöne Kirchtürme,- dunkel und spitz stieg der Turm des alten Gotteshauses auf, in dem damals der Pastor auf Anregung Gustav Adolfs den armen geprellten Hamburgern eine Predigt halten mußte über die Schriftlehre, daß man keine solchen Schätze sammeln solle, wie sie die Motten und der Rost fräßen; zur Seite stieg der rote Turm der neuen, schönen Garnisonkirche empor. Für Tante Helene, die an Warten nicht gewöhnt war, bedeutete es eine Erlösung, als ein kleines Mädchen kam, welches die Vossische Zeitung" verkaufte. Aber sie kam nicht weit im Lesen; denn ihr Auge blieb auf dem Worte Verlustliste" haften, und da stand wieder der junge Hans vor ihr. Fast hätte die tiefe Traurigkeit der letzten Tage sie wieder umfangen, aber ringsumher klang eine so jugendliche, ver nünftige Heiterkeit, die aus jeder Gebärde sprach und aus jeder auf rechten Haltung reckte, daß es auch sie ergriff. Auf einmal stand Florian vor ihr. Sie erschrak förmlich, als sie ihn sah; er war kaum wiederzuerkennen; er sah gebräunt und männ lich aus. An seinen Füßen trug er unförmig große Stiefel, mit denen er fest aufstampfte. So war sein Fuß niemals über ihre Teppiche ge schritten. Und all dies ihr so Fremde, auch diese unmögliche Hose, trug er mit so rührendem, leuchtendem Stolz, daß Frau Helene gar nicht dazu kam, die tröstenden Worte anzubringen, die sie sich für ihn zurecht gelegt hatte. Um Gottes willen, lieber Doktor, was haben Sie da nur für Stiefel an! Die können Ihnen doch nicht passen?" Da setzte Florian in ganz salonwidriger Weise den rechten Fuß auf die Bank, ganz dicht neben Frau Helenes Sitz, und meinte: Fühlen Sie bitte nur, gnädige Frau, ob die nicht wundervoll passen! Es ist ganz weiches Leder! Es marschiert sich ausgezeichnet darin!" Dann verabredete man ein gemeinsames Abendessen im Ratskeller. Ich kann heute gleich mitkommen. Ich esse sonst mit ein paar Kameraden zusammen bei einer hiesigen freundlichen, alten Dame; die mußte aber heute nach Görlitz fahren. Denken Sie nur: Ich darf dagar nichts für das Abendessen zahlen. Wir nennen die gute Fran Tante . Früher soll da mal einer hier in Spandau gewesen sein, der ihr richtiger Nesse war; der war jeden Abend bei ihr mit vier Kame raden geladen; wenn dann später welche von den Soldaten fortgezogen sind, kamen andere an ihre Plätze. Ich esse da immer jetzt mit einem Schlosser, einem Theologen, einem Oberprimaner, der Mathematik studiert, einem Buchbinder und einem Gärtner zusammen." Frau Helene war sicher in all den Jahren fest durchdrungen ge wesen von ihrer Würde und von ihrer Tätigkeit. Heute hörte sie hier zum ersten Male von einer Frau, die ihr bewundernswert und beneidens wert schien. Auf einmal kam s ihr vor, als müßte ihr ganzer inter nationaler Pensionsbetrieb trotz all der leuchtenden Namen seiner Gäste ihr unbedeutend und würdelos erscheinen neben dieser stillen, jugend lichen Tafelrunde, die hier eine, wie es schien, einfache Frau nun schon wochenlang mütterlich zusammentrommelte. Könnten Ihre Kameraden nicht heute mit uns essen?" Ich glaube, die würden sich sehr darüber freuen, wenn sie es dürften." So sagen Sie ihnen doch bitte Bescheid." Vielleicht gehen Sie voraus zum Rathauskeller und belegen uns dort einen Tisch: aber bitte, nicht in der Weinabteilung. Ich komme dann mit den Leuten nach." Aber hier habe ich noch ein Paket für Sie. Das kann wohl hier bleiben? Es sind Eßsachen drin." Florian salutierte und nahm es an sich. Das wird schneller alle werden, als Sie gedacht haben. Es wird nichts davon verschimmeln!" Als der Professor mit Frau Helene in den Ratskeller gekommen war, belegte er beim Kellner einen Tisch, während Frau Helene die Speisekarte studierte. Plötzlich wurde er von einem Bekannten ge grüßt, einem Hauptmann, der noch vor ein paar Wochen Architekt in Friedenau gewesen war. Die beiden Männer begrüßten sich lebhaft. Als der Professor von Florian erzählt Hatte, meinte der andere: Ach richtig: der Schmidt, der kleine Schmidt: richtig, der ist ja wohl Philologe oder so irgend etwas. Tapsig genug hat er sich anfangs gehabt. Aber jetzt hat er sich herausgemacht. Der Feldwebel sagte mir neulich, das wäre jetzt einer von seinen Besten." Und der Professor war sich des großen Wandels der Zeit gar nicht bewußt, als er gleich darauf eilig an Frau Helene herantrat, um ihr das Gehörte zu erzählen, und als sie glücklich und stolz darüber lächelte: das Lob seiner Professoren hatte er gar nicht weiter berichtet: was ihm245 im Examen begegnet war, das hatte er hochmütig verschwiegen: das lag ja nun auch schon so lange weit hinten in der Vergangenheit, als wenn viele Jahre dazwischenlägen. Das war damals, als Florian noch ein Kind war; damals, als Frau Helene noch von internationalen Friedensfesten, damals, als Florian noch von japanischen Stimmungen träumte. Inzwischen hatte ja längst ein großes Wecken eingesetzt. Als Florian mit seinen Kameraden erschien, ließen sich die jungen Leute nicht lange zum Essen nötigen. Der eine der jungen Soldaten, ein Bayer, hielt Frau Helene wohl für eine Verwandte Florians, und sprach ein paarmal von ihr und zu ihr als der Frau Tante. Frau Helene kam der Gedanke, daß ihr jetzt einmal Gelegenheit gegeben sei, sich diesen Titel wirklich zu erwerben, und als der eine der jungen Leute gemeint hatte, die bisherige Tante aus Spandau würde vielleicht nicht so bald wiederkommen, überlegte sie es sich, ob sie nicht etwa auf ein paar Wochen hier eine kleine Wohnung mieten könnte, um auch einmal eine durch und durch nationale Pension aufzutun. Vergebens hatte Frau Helene es versucht, ihre Räume dem Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen. Da legte sie die ganze Sorge fürs große Haus auf Lissis Schultern und mietete sich eine Vierzimmer wohnung in Spandau, um Florian und seinen Kameraden in der kurzen Zeit der Ausbildung noch eine Stütze sein zu können. Sie mußte ebenso wie der Professor den Umschwung der Zeit stärker empfinden als es etwa der Rittmeister konnte. Sie hatte zu lange in der Hyper- kultur gelebt. Florian schien jetzt eine solche überhaupt nie gekannt zu haben. Er nannte seine Kameraden Äu und wurde auch von ihnen nur geduzt. Er sprach nicht mehr von literarischen Dingen. Er redete von Dienst, von Ansprachen, von Anstrengungen, vom Schützenstand und von dem Tage des Ausrückens. Es war bald so gekommen, daß Frau Helene auf dem Exerzierplatz eine bekannte und populäre Gestalt geworden war. Es war ihr ausgefallen, daß der Professor oft in gedrückter Stim mung zu sein schien. Vielleicht war er überarbeitet; er konnte oft nur an einem Abend der Woche am Soldatentisch erscheinen. Sie wollte ihn schon das nächste Mal befragen nach dem Grunde seiner Verdrieß lichkeit. Als er aber das nächste Mal erschien, war er aufgeräumt und lebhaft und kam ihr gleich mit den Worten entgegen: Gott sei Dank, ich werde jetzt auch hinauskommen können!" Wollen Sie noch Soldat werden?" hatte sie gefragt. Nein; daran ist leider bei meiner Blutarmut nicht zu denken; wenn mir die Finger absterben, kann ich keinen Federhalter anfassen,255 geschweige denn ein Gewehr; aber ich werde doch hinausgehen. Ich soll nach Italien. Das Kultusministerium schickt mich hin. Ich soll da die uns noch immer ungünstige Presse aufklären." Florian, der eben ins Zimmer gekommen war und die letzten Worte mit angehört hatte, meinte burschikos: Mein Guter, diesen Aufklärungsdienst übertragen Sie nur lieber uns. Wenn wir mit unserer Sache glücklich fertig geworden sind, werden alle Neutralen behaupten, wir wären von Anfang an im Rechte gewesen, und sie hätten es nie anders aufgefaßt!" Florians Aus- Zug vollzog sich plötzlich, während die Freunde gerade in Berlin waren. Auch alle seine Tischgenossen waren mit ihm gegangen. Nur der Bayer, der sich den Fuß verstaucht hatte, war noch zurückgeblieben. Der traf die Frau Tante auf dem Wege nach ihrem Hause, als sie am späten Nachmittag wieder in Spandau einrücken wollte. Nach seiner kindlich ländlichen Auffassung lag das Schmerzliche des Abschiedes natürlich in erster Linie im Verlust dieses splendiden Abendfreitisches. Und mit all dem gesunden kindlichen Egoismus, auf den unsere Re kruten damals ein so volles Recht hatten, fragte er, ob der Tisch nun ausfallen solle, oder ob er heute abend wiederkommen und vier Kame raden mitbringen dürfe. Natürlich sagte Frau Helene nicht nein. Und so blieb es denn einstweilen. Vor Przemysl tobte der Kampf weiter. Die Angriffe der Russen brachen immer wieder unter den: vernichtenden Geschütz-, Maschinen gewehr- und Infanteriefeuer zusammen. Auch am Sanfluß gelangen den Österreichern neue Erfolge, desgleichen wurde Oberungarn langsam wieder vom Feinds frei. Auf dem östlichen Kriegsfchauplatz der deut schen Heere wurden im Norden alle Angriffe gegen die ostpreußischen Armeen zurückgeschlagen. Auch ein Umfassungsversuch der Russen bei Schirwindt wurde abgewiesen, sie mußten dabei über 10W Gefangene in unseren Händen lassen. In den Argonnen stellten sich dem deutschen Vordringen große Schwierigkeiten entgegen. Unsere Truppen mußten sich im dichten Unterholz mit allen Mitteln des Festungskrieges Schritt für Schritt vorwärts arbeiten. Der große russische Kreuzer Pallada" wurde vor dem Finnischen Meerbusen durch Torpedoschuß zum Sinken gebracht. Am 14. Oktober wurde Lille von den Deutschen besetzt. Ob wohl die Stadt durch die Behörden als offen erklärt worden war, schob der Gegner bei einem Umfassungsversuch von Dünkirchen her Kräfte dort vor mit dem Auftrag, sich bis zum Eintreffen der Um fassungsarmee zu halten. Da diese natürlich nicht eintraf, war die246 Folge, daß durch die zwecklose Verteidigung die Stadt bei der Ein nahme Schädigungen erlitt. Die belgische Regierung schiffte sich in Ostende nach Le Havre ein. Bei den Kämpfen bei Schirunndt und Warschau nahmen wir über 11 VW Gefangene und über 50 Geschütze. Französische Angriffe in der Gegend von Albert wurden zurück gewiesen. Aus Przemysl wurde ein eigenartiges Ansinnen der Russen zur Übergabe der Festung bekannt. Das Kriegspressequartier meldet hierzu: Am 2. Oktober, 3 Uhr nachmittags, wurde bei dem Festungs kommando von Przemysl folgender an den Kommandanten der Festung gerichteter, durch einen Parlamentär überbrachter Brief prä sentiert: .Herr Kommandant! Das Glück hat die K. K. Armee verlassen. Die letzten erfolgreichen Kämpfe unserer Truppen gaben mir die Mög lichkeit, die Eurer Exzellenz anvertraute Festung Przemysl zu umringen. Irgendwelche Hilfe von außen für Sie halte ich für unmöglich. Um unnützes Blutvergießen zu vermeiden, halte ich es jetzt für die rechte Zeit, Eurer Exzellenz Unterhandlungen über die Übergabe der Festung vorzuschlagen, da es in diesem Falle möglich wäre, für Sie und die Garnison ehrenvolle Bedingungen bei dem allerhöchsten Oberkommando zu erbitten. Falls Eure Exzellenz die Unterhandlung zu beginnen wünschen, wollen Sie unserem bevollmächtigten Delegierten Oberst leutnant Wandam Ihre Bedingungen gütigst mitteilen. Ich benutze diesen Anlaß, -um Eurer Exzellenz meine Hochachtung auszusprechen Die sogleich auf das Schreiben erteilte Antwort lautete: ,Herr Kommandant! Ich finde es unter meiner Würde, auf Ihr schimpfliches Ansinnen eine meritorische Antwort zu erteilen. Der Kommandant der Besatzung von Przemysl " Der 16. Oktober brachte die Besetzung von Brügge und Ostende. Neue Angriffe der Franzosen bei Reims wurden zurückgewiesen, des gleichen neue russische Angriffe auf Lyck. Der englische Kreuzer Hawke" wurde in der nördlichen Nordsee durch den Torpedoschuß eines Unterseebootes zum Sinken gebracht. Wenige Tage später er lagen unsere Torpedoboote 3 115", 3 117", 8 118", 8 119" unweit der holländischen Küste englischer Übermacht. Dafür nahmen wir in der deutschen Bucht der Nordsee wieder einige Tage später das eng lische Unterseeboot L 3". Bekannt wurde, daß die Russen ihre bis herigen Verluste bei Przemysl auf etwa 70 000 Mann annehmen. Bei Nieuport begannen neue heftige Kämpfe. In der Adria fand ein Schar mützel zwischen österreichischen und französischen Schiffen statt. In der247 Kiautschoubucht lief der japanische Kreuzer Takatschio" auf eine Mine und sank. In den Kämpfen am Yserkanal und bei Lille gelangen den Deutschen wichtige Teilerfolge. Der englische Dampfer Glitra" wurde durch ein deutsches Unterseeboot in der Nähe von Norwegen versenkt. Die Japaner besetzten die Marschall-, Marianen- und Karolinen inseln. Während draußen also der Kampf auf allen Schauplätzen mit un verminderter Heftigkeit tobte, bot das preußische Abgeordnetenhaus am 22. Oktober ein Bild seltener vaterländischer Einheit. Die Wichtig keit der Bewilligung eines Kriegskredites von 1^ Milliarden sowie die herrlichen Worte, die an jenem Tage gesprochen wurden, gebieten es, daß wir ihnen einen größeren Raum in unserer Erzählung gewähren. Die Zeitungen meldeten: Der preußische Landtag hat heute den Notstandsvorlagen der Regierung zugestimmt, in denen zur Hebung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die der Krieg mit sich gebracht hat, ein Kredit von 1500 Millionen Mark gefordert wird. Das Haus war gut besetzt. Die Tribünen waren überfüllt. Den Platz des auf dem Felde der Ehre gefallenen nationalliberalen Ab geordneten Hasenclever schmückte ein mit schwarzer Schleife geschmückter Kranz. Abg. Doktor Wrede, der im Few einen Automobilunfall er litt, ist, geschmückt mit dem Eisernen Kreuz, mit verbundenem Kopf er schienen. Abg. v. Maltzan wurde in einem Krankenstuhl in den Saal geschoben. Viele Abgeordnete trugen graue Felduniform. Vizepräsident des Staatsministeriums Doktor Delbrück führte aus: Meine Herren! Als Sie im Juni dieses Jahres Ihre Arbeiten ab brachen, geschah es in der Annahme, daß Sie in der Lage sein würden, sie im November wieder aufzunehmen. Das Schicksal hat es anders beschlossen. Der Haß und die Mißgunst unserer Nachbarn haben Deutschland in einen Krieg um Sein oder Nichtsein verwickelt. Unsere Heere kämpfen in Ost und West an den Grenzen. Seine Majestät der Kaiser und König befindet sich inmitten seiner siegreich fechtenden Truppen. Der Reichskanzler und Ministerpräsident hat ihn begleitet, und so fällt es mir zu, an Stelle des letzteren, der lebhaft bedauert, ver hindert zu sein, heute in diesem Saale zu erscheinen und zwei Vor lagen vor Ihnen zu vertreten, die uns der Krieg aufgenötigt hat. Be vor ich dies aber tue, entledige ich mich eines allerhöchsten Auftrages (sämtliche Mitglieder des Hauses und der Regierung erheben sich von den Plätzen), indem ich dem Hause die herzlichsten Grüße unseres ge liebten Kaisers und Königs übermittle, die mir vor kurzem, als ich imHauptquartier weilte, dort aufgetragen worden sind. Seine Majestät der Kaiser verfolgt mit lebhaftem Interesse Ihre Arbeiten, die daraus gerichtet sind, die WuNden zu heilen und die Erschwernisse zu beseitigen, die der Krieg verursacht hat. Seine Majestät der Kaiser und König lassen Ihren Arbeiten den besten Fortgang wünschen. (Lebhafter Bei fall.) Von den beiden Vorlagen, die sich in Ihren Händen befinden, ist die wichtigste diejenige, die sich bescheiden als eine Abänderung des Etatgesetzes für das Jahr 1914 bezeichnet, die aber tatsächlich einen Kredit von 1^ Milliarden Mark fordert, dessen Zweckbestimmungen im Gesetze selbst nicht angegeben sind und die auch in der Begründung nur lose umschrieben werden konnten. Die königliche Staatsregierung ist sich bewußt, daß in der Bewilligung eines solchen Kredits mit solchen Vollmachten ein ganz besonderes Vertrauen der Volksvertretung liegt. Aber ein anderer Weg war nicht gangbar. Ein Teil des Kredits, den wir erbitten, ist bestimmt, Äie Löcher auszufüllen, die der Krieg in die Einnahmen des Staates naturgemäß gerissen hat und weiter reißen wird. Er soll die Möglichkeit geben, die Verwaltung des Staates ordnungsgemäß weiterführen zu können. Darüber hinaus, meine Herren, ist es unsere wichtigste Aufgabe, die Hemmungen, die der Krieg dem ganzen Wirtschaftsleben auferlegt, nach Möglichkeit zu beseitigen. Vor allem gilt es hier, der Arbeits losigkeit zu steuern und die Not zu lindern, die sie zu begleiten pflegt. Hiervon abgesehen, sollen aber auch staatliche Notstandsarbeiten in An griff genommen werden. Es ist daher in Aussicht genommen, die Bau tätigkeit der Eisenbahnverwaltung und die Bautätigkeit der allgemeinen Bauverwaltung soweit möglich unverändert in der gebotenen Weise fortzusetzen. Es ist ferner in Aussicht genommen, auf dem Gebiete der Wasserbauverwaltung über den Rahmen der bisher genehmigten Pro jekte hinaus umfassende Hochwasserregulierungsarbeiten, namentlich im Gebiete der Elbe und Oder, auszuführen. Auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Verwaltung ist unsere Absicht, die Kultivierung der Ödlandflächen in den Provinzen Branden burg, Pommern, Schleswig-Holstein, Hannover und Westfalen mit großer Beschleunigung durchzuführen, und wir hoffen gleichzeitig, daß die beschleunigte Durchführung dieser Arbeiten auch die Kulturflächen zur Erzeugung menschlicher und tierischer Nahrung vermehren und so mit auch das Maß unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit für die Dauer des Krieges erhöhen werde. Soweit es sich hierbei um Arbeiten handelt, bei denen einheimische Arbeiter nicht beschäftigt werden können, 24S25? werden wir für die Kriegsgefangenen zweckentsprechende und nutz bringende Beschäftigung bieten können. Um nun aber diese Arbeiten rechtzeitig in Angriff nehmen zu können, wird es nötig sein, daß das etwas weitschweifige Verfahren unseres Enteignungsgesetzes verein facht wird. Es ist deshalb eine Notverordnung erlassen, die Ihnen zur verfassungsmäßigen Genehmigung unterbreitet ist. Daß bei der An wendung dieses abgekürzten Verfahrens nicht etwa eine Herabdrückung der im Enteignungsverfahren festgesetzten Preise beabsichtigt ist, ver steht sich von selbst. Es ist auch ausgeschlossen, da den Beteiligten auch im abgekürzten Verfahren jederzeit der Rechtsweg offen bleibt. Es sind dann ferner erhebliche Aufwendungen notwendig geworden, die eine staatliche Hilfstätigkeit für die Entlastung der kommunalen Ver bände und der Gemeinden auf dem weiten Gebiete der Kriegsfürsorge sowie für alle diejenigen Maßnahmen, die eine Vermehrung der Nahrungs- und Futtermittel und die dringend notwendige Erhaltung unseres Viehbestandes bezwecken. Mit schmerzlicher Teilnahme haben wir es erfahren müssen, daß bei dem großen Kampf an zwei Fronten die Provinz Ostpreußen, in die der Feind eingedrungen war, von der Kriegsnot auf das härteste be troffen wurde. Wie es der Kaiser und König in seiner warmherzigen öffentlichen Kundgebung betont hat, ist es ein selbstverständlicher Akt der Dankbarkeit des Vaterlandes gegen die schwergeprüfte Bevölke rung, daß ihr der Schaden in vollem Umfange ersetzt und daß dem be troffenen Landesteil wieder zu dem früheren Wohlstand verholfen werde. (Lebhafter Beifall.) Vorbehaltlich der Ersatzpflicht des Reiches war es eine unabweisbare Pflicht des preußischen Staates, sofort eine umfangreiche Hilfsaktion einzuleiten. Es müssen Maßnahmen getroffen werden, die Landwirtschaft und Gewerbe die Wiedereinrichtung und Fortsetzung ihrer Betriebe ermöglichen. Zur Durchführung dieser Maßnahmen und zur Feststellung der Kriegsschäden ist eine besondere Kriegshilfskommission für die Provinz Ostpreußen und sind örtliche Kriegshilfsausschüsse den Staatsbehörden zur Seite gestellt worden. Angesichts der Notlage, in der sich die Kommunen der Provinz Ost preußen befinden, ist ferner ein vorübergehendes Eingreifen des Staates Zugunsten leistungsschwacher Gemeinden und im Bedarfsfalle auch weiter erforderlich. Ebenso haben Mittel zur Unterstützung leistungs unfähiger und hilfsbedürftiger Kirchengemeinden bereitgestellt werden müssen, und endlich ist zur Linderung der durch den Krieg entstandenen Kreditschwierigkeiten eine Kriegskreditbank eröffnet worden, zu der der Staat eine doppelte Einlage geleistet hat wie die Provinz Ostpreußen.250 Wie groß die Kosten des Wiederaufbaues der Provinz Ostpreußen und der in Mitleidenschaft gezogenen Teile von Westpreußen sich belaufen werden, läßt sich heute nicht übersehen. Wir sind aber der Meinung, daß Beträge bis zu 400 Millionen Mark bereitgehalten werben müssen. Meine Herren! Das ist das, was ich zur Einführung der beiden Vorlagen zu sagen habe. Während draußen unsere Heere kämpfen und bluten, ist es unsere Pflicht und Aufgabe, das Land in allen seinen Hilfsquellen stark und leistungsfähig zu erhalten, die in der Heimat Zurückgebliebenen vor Not und Sorgen zu bewahren. (Beifall.) Zu diesem Zwecke dienen die Vorschläge der Königlichen Staatsregierung. Dieser gewaltige Krieg stellt beispiellose Anforderungen an das ganze Volk und er legt auch dem einzelnen ungeheure Opfer auf; er macht aber auch ungeahnte Kräfte frei. Ein jeder weiß, daß wir die Waffen nicht eher aus der Hand legen dürfen, als bis wir einen Sieg erkämpft haben, der uns die Bürgschaft dauernden Friedens gibt. (Stürmischer, sich immer wiederholender Beifall des ganzen Hauses.) ^ Ein jeder weiß aber auch, daß wir die Kraft und die Mittel haben, durchzuhalten, bis dieser Sieg unser ist. (Erneuter, anhaltender, wiederholter Beifall.) Ich zweifele nicht, daß auch Ihre Beratungen und Beschlüsse Zeugnis ablegen werden von dem eisernen Willen zum Sieg, der das ganze Volk beseelt." (Erneuter, sich immer wiederholender Beifall und Hände klatschen im Haus und auf den Tribünen.) Die Vorlage wurde in allen drei Lesungen ohne weitere Debatte einstimmig angenommen. Präsident Graf Schwerin-Löwitz schloß die Sitzung: Schwer und bitter ist die Zeit, in der wir leben, aber doch so groß, herrlich und hehr, um sich nicht glücklich zu preisen, sie miterlebt zu haben. (Lebhafter Beifall.) Wir werden den Krieg rücksichtslos durchkämpfen bis zur Erlangung eines Friedens, der die ungeheuren Opfer, die er kostet, lohnt, und bis zur Erreichung der vollen Sicherheit dafür, daß wir nicht noch einmal in frevelhafter Weife von neidischen Feinden überfallen werden. (Brausender Beifall.) Auch innerlich gefestigt und geläutert wird unser Volk aus dem Kriege hervorgehen. Wir werden stärker als zuvor aus dem Kampf hervorgehen für die Erfüllung der großen Kulturmission des deutschen Volkes unter den Völkern der Erde. (Stür mischer Beifall.) Die Verhandlungen werden von neuem der Welt und unseren Feinden zeigen, wie vollkommen einig das preußische Volk ist, in dem Sinne, keine noch so großen Opser zu scheuen. (Beifall.) Tiefer Dank erfüllt heute das deutsche Bolk in erster Linie gegen Gott den Herrn der Heerscharen, der unseren Fahnen bisher den Sieg verliehen251 hat. Unaussprechlich tiefen Dank zollen wir auch unseren tapferen Truppen (stürmischer Beifall), denen wir die Niederringung unserer Feinde im Osten und Westen verdanken. Tiefen Dank zollen wir auch unseren tapferen Heerführern, welche die Welt durch ihre glänzende Heeresführung in Erstaunen setzen, und ihrer Stütze und ihrem obersten Kriegsherrn, Sr. Majestät unserem allergnädigsten Kaiser und König. (Stürmischer Beifall.) Dieses herrliche Heer und sein oberster Kriegs herr, Se. Majestät der Kaiser und König leben hoch!" Die nächsten Tage brachten den Deutschen weitere Fortschritte am Nserkanal und westlich von Lille. Russische Angriffe westlich Augustowo wurden zurückgeschlagen. Auch die Österreicher hatten weitere Erfolge bei Jwangorod und Zarzecze. Die Belgier verloren allein in den Kämpfen am Yserkanal 10 000 Tote und Verwundete. Eine besondere Freude, um nicht zu sagen ein besonderes Fest, war es für unsere Truppen stets, wenn sie die Gewißheit hatten, englischen Truppen gegen überzustehen. ^o erließ der Kronprinz Ruprecht von Bayern als Befehlshaber der 6. deutschen Armee an seine Soldaten folgenden Armeebefehl: Soldaten der 6. Armee! Wir haben nun das Glück, auch die Engländer vor unserer Front Zu haben, die Truppen jenes Volkes, dessen Neid seit Jahren an der Arbeit war, uns mit einem Ring von Feinden zu umgeben, um uns zu erdrosseln. Ihm haben wir diesen blutigen, ungeheuren Krieg vor allem zu verdanken. Darum, wenn es jetzt gegen diesen Feind geht, übt Vergeltung wider die feindliche Hinterlist, für so viele schwere Opfer! Zeigt ihnen, daß die Deutschen nicht so leicht aus der Welt geschichte zu streichen sind, zeigt ihnen das durch deutsche Hiebe von ganz besonderer Art. Hier ist der Gegner, der der Wiederherstellung des Friedens am meisten im Wege steht. Drauf! Ruprecht." Der Kaiser Franz Joseph erließ in diesen selben Tagen folgendes Handschreiben an die Bewohner von Galizien und der Bukowina: Lieber Graf Stürgkh! Der Kriegszustand, welcher der gesamten Bevölkerung der Monarchie empfindliche Verluste auferlegt, lastet be sonders schwer auf den durch die militärischen Operationen betroffenen Gebieten Galiziens und der Bukowina. Mit tiefem Kummer erfüllte mich das über diese Gebiete hereingebrochene Ungemach. Meine treuen Untertanen, welche in ihrer persönlichen Sicherheit, in dem ruhigen Besitze der ererbten Scholle, in Handel und Wandel gefährdet wurden, dürfen meiner väterlichen Teilnahme gewiß sein. Ich erwarte von252 ihrer patriotischen Standhastigkeit, daß sie die ihnen auferlegte Prü fung mutig ertragen und in der festen Zuversicht aus eine bessere, völlig gesicherte Zukunft mannhaft das Ihre dazu beitragen werden, die Wun den des heimatlichen Wirtschaftslebens zu heilen. Ich beauftrage meine Regierung, den vom Kriege unmittelbar heimgesuchten Ländern ihre besondere Obsorge angedeihen zu lassen und zunächst zur Linderung des drückenden Notstandes im Zusammenwirken mit den berufenen lokalen Faktoren die geeigneten Maßnahmen zu treffen. Ich hege das volle Vertrauen, daß die Bevölkerung, wenn sie mit dieser Hilfe die Bedrängnis des Augenblicks überwunden hat, meiner weiteren nachhaltigen Fürsorge, auf die sie getrost zählen darf, sich ver sichert und bald imstande sein wird, die Schädigung des allgemeinen Wohlstandes wettzumachen und wieder feste Grundlagen für eine segensreiche Entfaltung ihres kulturellen Lebens zu gewinnen." Ein Zeppelin war über Paris erschienen und hatte sechs Bomben geworfen. In Südafrika erhoben sich die Buren. An die Spitze der Bewegung stellten sich die alten Generale Dewet und Beyers und Oberst Maritz. Letzterer ließ einen am 16. September in Windhuk erlassenen Ausruf des Kaiserlichen Gouverneurs von Deutsch-Südwestafrika Doktor Seitz unter den holländischen Südwestafrikanern verbreiten. Dieser Aufruf hatte folgenden Wortlaut: Nachdem englische Truppen Romansdrift eingenommen, damit die deutsche Grenze verletzt und so den Krieg von Europa nach Afrika hinübergetragen haben, erkläre ich nachdrücklich, daß die Deutschen keinen Krieg gegen die holländischen Südwestafrikaner führen. Da gegen werden wir alle Maßregeln ergreifen, um auf allen Punkten die Angriffe der Engländer abzuschlagen, und wir werden den Krieg aus schließlich und bis zum äußersten gegen England und die Engländer führen." Der 31. Oktober brachte die Gewißheit, daß auch die Türkei mit in den großen Krieg hineingerissen war. Die Möglichkeit lag ja nach den verschiedentlich^ Meldungen der letzten Tage sehr nahe. Die erste offizielle Nachricht lautete: Der türkische Kreuzer,Sultan Jawus Semlin hat in Verfolgung der zersprengten russischen Flotte Sebastopol erfolgreich bombardiert. Im Hafen von Noworossijsk wurden 50 Petroleumreservoire in Brand geschossen, 14 Militärtransportschift in den Grund gebohrt sowie mehrere Getreidespeicher und die radiotelegraphische Station zerstört.Die türkische Flotte hat serner Odessa bombardiert, dort einen russischen Kreuzer in den Grund gebohrt und einen anderen schwer beschädigt. Wahrscheinlich ist auch dieser Kreuzer gesunken. Fünf andere Transportschiffe sind schwer beschädigt worden. Ein Schiff der russischen freiwilligen Hilfsflotte ist gleichfalls gesunken. Auch in Odessa sind 3 Petroleumreservoire in Brand geschossen worden. Die Russen haben in Odessa und Sebastopol auf das Bombardement der türkischen Schiffe mit Artilleriefeuer geantwortet. Wie es heißt, haben die Tripel-Entente-Botschaster bereits ihre Pässe verlangt und werden heute abreisen." Aus Petersburg wurde hierüber gemeldet: Nachdem die Türkei die Feindseligkeiten gegen Rußland eröffnet hat, hat die russische Regierung ihre Konsuln angewiesen, die Türkei zu verlassen und den Schutz der Russen Italien zu übertragen. Der russische Botschafter wurde angewiesen, Konstantinopel zu oerlassen. Rußland wird den türkischen Untertanen in Rußland gegenüber dieselbe Haltung einnehmen wie die Türkei gegenüber den russischen Unter tanen." Die Neue Freie Presse" erfuhr nachträglich von maßgebender türkischer Seite: Nach hier eingetroffenen Berichten des türkischen Ministeriums war der Seekampf im Schwarzen Meer viel ernster, als die ersten Nachrichten annehmen ließen. Ein kleiner Teil der türkischen Flotte, welcher Übungen im Schwarzen Meer machte, wurde zunächst von russischen Kriegsschiffen beobachtet und dann verfolgt. Die russischen Kriegsschiffe gingen bald darauf zum Angriff auf die türkische Flotte über. In den Kämpfen gegen die russische Flotte tat sich be sonders das Linienschiff ,Torgut Reiß hervor. Die Erfolge der tür kischen Flotte lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Fünf russische Kriegsschiffe wurden in den Grund gebohrt, 19 Transport schiffe versenkt. Auf den Transportschiffen befanden sich, wie die ge fangenen russischen Marinesoldaten aussagten, nicht weniger als 1700 Minen, die im Schwarzen Meer versenkt werden sollten. Schon diese Tatsache beweist die feindselige Absicht der russischen Flotte. Bei der Beschießung der Häsen wurden 35 Speicher, die Petroleum und Getreide enthielten, vernichtet, und zwar 50 in Sebastopol und Nowo- rossijsk und 5 in Odessa." Die türkische Regierung teilte amtlich hierzu mit: Während ein kleiner Teil der ottomanischen Flotte am 28. Ok tober im Schwarzen Meer Übungen vornahm, eröffnete die russische Flotte, nachdem sie längere Zeit diesen Übungen folgte und sie zu stören 25Z254 suchte, am Donnerstag die Feindseligkeiten, indem sie die ottomanischen Schiffe angriff. Im Verlaufe des sich nunmehr entspinnenden Kampfes gelang es unserer Flotte durch die Gnade des Allmächtigen, den Minen dampfer ,Prut , der 5000 Tonnen verdrängte und ungefähr 700 Minen trug, zu versenken, einem der russischen Torpedoboote schwere Beschädi gungen beizubringen und einen Kohlendampfer zu kapern. Ein vom türkischen Torpedoboot .Heiret Millie abgeschossener Torpedo hat dem russischen Torpedojäger ,Kubanez , der 1100 Tonnen Wasser ver drängte, und ein anderer vom Torpedoboot Monavenet Millie ab geschossener Torpedo hat einem anderen russischen Küstenwachtschiff sehr schweren Schaden zugefügt. 3 russische Offiziere und 72 Matrosen wurden von den Unseren gerettet und, da sie zur Bemannung der ver senkten und zerstörten Schiffe gehörten, gefangengenommen. Die Kaiserliche Flotte hat durch die Gnade Gottes keinerlei Schaden erlitten und der Kampf geht günstig für unsere Flotte weiter. Die Kaiserliche Regierung wird ohne Zweifel mit äußerstem Nachdruck gegen diese feindselige Handlung Einspruch erheben, die von der russi schen Flotte gegen einen geringfügigen Teil unserer Flotte unternommen worden ist." Ein deutsches Unterseeboot torpedierte im Kanal den englischen Kreuzer Hermes", der sogleich unterging. Im Angriff auf Bpern wurde weiteres Gelände genommen. Auch in den Argonnen wurden Fortschritte gemacht. Die Überschwemmungen südlich Nieuport machten jede weiteren Operationen in dieser Gegend unmöglich. Der 6. No vember brachte den Befehl, die sich in Deutschland befindlichen wehr fähigen Engländer gefangenzusetzen. Die Gründe hierfür waren folgende: Seit längerer Zeit schweben Verhandlungen zwischen Deutschland und England wegen der Behandlung der beiderseitigen Staats angehörigen, die sich bei Kriegsausbruch im Gebiete des anderen Teiles aufhielten. Dabei stand die deutsche Regierung auf dem Standpunkte, daß nach völkerrechtlichen Grundsätzen diese Personen, soweit sie sich nicht verdächtig gemacht haben, in Freiheit zu belassen seien und auch ungehindert in ihre Heimat abreisen dürften, daß jedoch den Eng ländern in Deutschland selbstverständlich keine bessere Behandlung zu teil werden könne wie den in England befindlichen Deutschen. Als daher die britische Regierung zunächst so gut wie sämtlichen Deutschen die Erlaubnis zur Abreise versagte, wurden die in Deutschland befind lichen Engländer in gleicher Weife behandelt. Den deutschen Vorschlag, die beiderseitigen unverdächtigen Staatsangehörigen sämtlich abreisen255 Zu lassen, lehnte die britische Regierung ab, doch wurde eine Verein barung getroffen, daß alle Frauen und alle männlichen Personen bis 17 und über 53 Jahren sowie ohne Rücksicht auf das Alter alle Geist lichen und Ärzte ungehindert abreisen dürften. Die männlichen Per sonen zwischen 17 und 35 Iahren wurden nicht in die Vereinbarung eingezogen, weil die britische Regierung alle Wehrfähigen zurückhalten wollte und als solche auch die Männer zwischen 45 und 55 ansah. Inzwischen wurden in England die zurückgehaltenen Deutschen in nicht unerheblicher Zahl festgenommen und als Kriegsgefangene be handelt. Nach zuverlässigen Nachrichten wurde diese Maßnahme in den letzten Tagen auf fast alle wehrfähigen Deutschen ausgedehnt, während in Deutschland bisher nur verdächtige Engländer festgenom men worden sind. Die völkerrechtswidrige Behandlung unserer An gehörigen gab der deutschen Regierung Anlaß, der britischen Regierung Zu erklären, daß auch die wehrfähigen Engländer in Deutschland fest genommen würden, falls nicht unsere Angehörigen bis zum 5. No vember aus der englischen Gefangenschaft entlassen werden sollten. Die britische Regierung ließ diese Erklärung unbeantwortet, so daß nunmehr die Festnahme der englischen Männer zwischen 17 und 55 Iahren angeordnet worden ist. Die Anordnung erstreckt sich vorläufig nur auf die Angehörigen Großbritanniens und Irlands, würde aber auch auf die Angehörigen der britischen Kolonien und der Schutzgebiete ausgedehnt werden, falls die dort lebenden Deutschen nicht auf freiem Fuß belassen werden sollten." Der 6. November brachte zwei prächtige Erfolge unserer Marine. Das war ein Jubeltag im ganzen Deutschen Reiche! Aus dem Großen Hauptquartier lief folgende Meldung ein: Am 3. November machten unsere großen und kleinen Kreuzer einen Angriff auf die englische Küste bei Yarmouth. Sie beschossen die dortigen Küstenwerke und einige kleinere Fahrzeuge, die in der Nähe vor Anker lagen und augenscheinlich einen Angriff nicht erwarteten. Stärkere englische Streitkräfte waren zum Schutze dieses wichtigen Hafens nicht zur Stelle. Das unseren Kreuzern scheinbar folgende englische Unterseeboot .v 5 ist, wie die englische Admiralität bekannt gibt, auf eine Mine gelaufen und gesunken." Nach Meldungen des amtlichen englischen Pressebureaus ist am 1. November durch unser Kreuzergeschwader in der Nähe der chile nischen Küste der englische Panzerkreuzer Monmouth vernichtet, der Panzerkreuzer ,Good Hope schwer beschädigt worden. Der kleine Kreuzer ,Glasgow ist beschädigt entkommen. Auf deutscher Seite256 waren beteiligt S. M. große Kreuzer ,Scharnhorst und Mneisenau und S. M. kleine Kreuzer ,Nürnberg , .Leipzig und -Dresden . Unsere Schiffe haben anscheinend nicht gelitten." Die Seeschlacht fand unweit der Insel Santa Maria auf der Höhe von Coronel statt. Die Insel Santa Maria ist der Bucht von Coronel unmittelbar vorgelagert. Zuverlässigen Nachrichten zufolge haben nach Aussagen des deutschen Admirals in Valparaiso die deutschen Schiffe m dem Seegefecht an der chilenischen Küste keine Verluste erlitten. Nur wenige Leute wurden leicht verwundet. Der New Jork Herald" gibt folgenden aus deutschen Meldungen zusammengestellten Bericht über die Seeschlacht an der chilenischen Küste: Der Kampf wurde während eines Nordsturmes ausgesochten, der einen nahezu orkanartigen Charakter annahm. Die Kreuzer ,Scharn horst , ,Gneisenau und .Nürnberg hatten sich mit der .Leipzig und ,Dresden vereinigt, welche detachiert worden waren, um die Küste nördlich von Valparaiso zu patrouillieren. Das Geschwader fuhr süd wärts und war offenbar über das Zusammentreffen der Engländer auf der Höhe der Concepcionbai unterrichtet. Gleichzeitig fuhren die britischen Kreuzer Monmouth und ,Glasgow , begleitet von der ,Otranto , nordwärts, um das Flaggschiff ,Good Hope zu treffen. Die Engländer waren der Nähe der Deutschen offenbar nicht gewahr ge worden. Auf der Höhe von Coronel trafen beide zusammen. Es war Sonntag, den 1. November, abends 6 Uhr, als die Deutschen die bri tischen Schiffe sichteten. Letztere versuchten den Kurs zu ändern, offen bar in der Absicht, die Küste zu erreichen, um territoriale Gewässer zu gewinnen und einen ungleichen Kampf zu vermeiden. Aber die Deut schen schnitten ihnen den Weg ab und erzwangen den Kampf. In dem Augenblick, wo die deutschen Geschütze gerichtet wurden, sah man die ,Good Hope mit Volldampf ankommen. Es gelang ihr, sich mit den anderen britischen Schiffen zu vereinigen. Beide Geschwader dampften südwärts in parallelen Linien. Die Deutschen befanden sich näher an der Küste. Allmählich näherten sich die beiden Linien einander. Die,Scharnhorst und die .Gneisenau lösten zugleich ihre 21-Zentimeter- Geschütze, die sich auf die Mood Hope konzentrierten. Die Schiffe kamen allmählich näher. Als sie nur 55W Meter voneinander entfernt waren, feuerte die.Good Hope ihre neunzölligen Geschütze ab. Sie konnte die Sechszöller noch nicht gebrauchen, die sich auf dem Hauptdeck so nahe an der Wasserlinie befanden, daß sie beinahe vom Wasser erreicht wurden.Abend in einem Lager auf französischem Boden. Ein gemütliches Lager nach anstrengendem Marsch.?kot. n. ^ e. Von der Winterschlacht in Masuren. Der Kaiser beim Gencrallommmido in L ck. lZeb^. sseks! Der Kaiser mit dem Prinzen Heinrich im Hauptquartier des Kronprinzen.Eine schreckliche Breitseite von ,Scharnhorst und .Gneifenau machte das britische Flaggschiff und seine Maschinen kampfunfähig. Die Monmouth erkannte die Seenot ihrer Gefährten und machte einen Vorstoß, um die Mood Hope zu decken. Aber die Entfernung zwischen den beiden Geschwadern betrug jetzt nur 45W Meter. Die Deutschen konnten alle Schiffe in Aktion setzen und alle Kanonen ihrer fünf Schiffe benutzen. Diese wurden zuerst auf die Monmouth , die ,Glasgow und die,Otranto gerichtet. Die ,Otranto entkam schwer beschädigt in der hereinbrechenden Dämmerung. Bald darauf folgte die .Glasgow , die auch außer Gefecht gesetzt worden war, aber anscheinend ihre See tüchtigkeit bewahrte. Die fünf deutschen Schiffe setzten den Angriff auf die Monmouth und die.Good Hope fort, bis erftere nach wenigen Minuten sank. Jetzt trennten die Kampfschiffe nur etwa 4(M Meter. Die schwer beschädigte ,Good Hope hielt noch aus, bis eine Explosion an Bord erfolgte, und zog darauf um 71 2 Uhr zurück. Sie war in Flammen gehüllt, als sie verschwand. Es ist unbekannt, ob die Mannschaft dem Feuer Einhalt tun konnte oder ob das Schiff infolge einer Explosion unterging. Das Feuer erstarb und das Schiss wurde nicht wieder gesehen. Die deutschen Offiziere schlössen daraus, daß die ,Good Hope mit der Lanzen Bemannung verloren gegangen ist. Die einzige Spur von den Briten, welche gefunden wurde, bestand in einer Funkenbotschaft, in welcher die .Glasgow erfolglos das Flaggschiff anrief. Es war un möglich, irgend jemand von der Bemannung der ,Monmouth zu retten, da die Deutschen angesichts des Sturmes kleine Boote nicht aus setzen konnten. Die Monmouth war in der gleichen Lage. Entgegen den ersten Berichten erreichte die .Glasgow nicht Coronel oder Talca- huano, noch erreichte die .Otranto einen chilenischen Hafen. Die deutsche Flotte, ausgenommen die .Leipzig und ,Dresden , lief Valparaiso an und fuhr am nächsten Tag wieder ab. An der chile nischen Küste ist über den ,Eanopus , das englische Schlachtschiff, nichts bekannt." Anläßlich des Sieges unseres Geschwaders an der chilenischen Küste fand zwischen dem Senat und dem Kaiser folgender Depeschen wechsel statt: Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser. Den großen Waffentaten des Heeres und der Marine hat letztere in diesen Tagen eine neue von besonderem Glänze hinzugefügt, die Vernichtung der englischen Kreuzerdivision an der chilenischen Küste. Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät, als dem weitblickenden 17 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.258 Schöpfer der deutschen Marine, beehrt sich der Senat der Freien Hanse stadt Bremen zu deren erstem herrlichen Siege die herzlichsten Glück wünsche zum Ausdruck zu bringen. Möchte der Geist, mit dem Eure Majestät die deutsche Wehrmacht erfüllt haben, zu vollem Erfolg für unseres Reiches Macht und Ehre führen. Stadtlender." An den Senat der Freien Hansestadt Bremen. Meinen wärmsten Dank für die Glückwünsche der Freien Hanse stadt Bremen zum ersten Seesiege unserer Marine. Ich freue mich mit dem gesamten deutschen Volke über diese glänzende Probe echten Seemannsgeistes und bitte Gott, daß er unseren Waffen zu Lande und zu Wasser auch fernerhin Sieg verleihe und die auf die Vernichtung deutschen Wesens und Einflusses gerichteten Pläne aller unserer Feinde zuschanden mache. Wilhelm, I. R." Auch zwischen dem Staatssekretär des Reichsmarineamts, Groß admiral v. Tirpitz, und den Präsidenten der Senate von Hamburg und von Bremen fand ein ähnlicher Schriftwechsel statt. Die Times" veröffentlichten am 13. November eine Depesche des New Jork Herald" aus Valparaiso, wonach es Admiral v. Spee ge lungen sei, durch Funkspruch die Dresden" und Leipzig", die zur Auf suchung des englischen Kreuzers Otranto" nach Talcahuano gesandt waren, wieder mit seinem Geschwader Scharnhorst", Gneisenau" und Nürnberg" zu vereinigen, um der aus acht Schiffen bestehenden ja panischen Flotte entgegenzufahren. über die Seeschlacht bei Santa Maria wurde am 14. November folgender amtlicher Bericht des deutschen Admiralstabes veröffentlicht: Uber das Seegefecht von Coronet ist auf funkentelegraphifchem Weg von Nordamerika folgender Bericht des Chefs des Kreuzer geschwaders eingegangen: Am 1. November trafen auf der Höhe von Coronel S. M. Schiffe ,Scharnhorst , ,Gneisenau , ,Leipzig und ,Dresden die englischen Kreuzer ,Good Hope , Monmouth , ,Glasgow und den Hilfskreuzer ,Otranto . S. M. Schiff ,Nürnberg war während der Schlacht deta chiert. Bei schwerem Seegang wurde das Feuer auf große Entfernung eröffnet und die Artillerie der feindlichen Schiffe in 52 Minuten zum Schweigen gebracht. Das Feuer wurde nach Eingang der Dunkelheit eingestellt. ,Good Hope wurde durch Artilleriefeuer und Explosion schwer beschädigt und in der Dunkelheit aus Sicht verloren. Mon mouth wurde auf der Flucht von der ^Nürnberg gesunden. Sie hatte starke Schlagseite, wurde beschossen und kenterte. Die Rettung derBesatzung war wegen schweren Seegangs und aus Mangel an Booten nicht möglich. -Glasgow-, anscheinend leicht beschädigt, entkam. Der Hilfskreuzer flüchtete nach dem ersten Treffer aus dem Feuerbereich. Auf unserer Seite keine Verluste und nur unbedeutende Be schädigungen." Ein herrlicher Sieg! Aber würde es dem Geschwader auch ge lingen, den zahlreichen Feinden zu entgehen? Die amtliche Meldung des Admiralstabes der deutschen Marine vom 10. Dezember sollte es leider verneinen müssen: Laut amtlicher Reuter-Meldung ist unser Kreuzergeschwader am 8- Dezember, 7^ Uhr morgens, in der Nähe der Falklandinseln von einem englischen Geschwader unter dem Kommando des Vizeadmirals Sturdee gesichtet und angegrissen worden. Nacy der gleichen Meldung sind in dem Gefecht S. M. Schiffe -Scharnhorst-, -Gneisenau- und -Leipzigs gesunken. Zwei Kohlendampfer sind in Feindeshand ge fallen. S. M. Schiffen -Dresden- und -Nürnberg- gelang es, zu ent kommen. Sie werden angeblich verfolgt. Unsere Verluste scheinen schwer zu sein. Eine Anzahl überlebender der gesunkenen Schiffe wurde gerettet. Über die Stärke des Gegners, dessen Verluste gering sein sollen, enthalten die englischen Meldungen nichts." Reuter meldet weiter, daß die Seeschlacht mit Unterbrechungen fünf Stunden währte. Scharnhorst" sank nach dreistündigem Kampfe, und Gneisenau" folgte zwei Stunden später. Die leichten, deutschen Kreuzer entwichen und wurden von der Kreuzerflotte verfolgt. Kein britisches Schiff ging verloren. Der vorläufige amtliche Bericht der Londoner Admiralität über die Seeschlacht bei den FalklanÄinseln lautet: Am 8. Dezember, um 6V2 Uhr morgens, wurden ,Scharnhorst-, -Gneisenau-,-Nürnberg-, -Leipzig- und ,Dresden- in der Nähe der Falk landinseln von einem englischen Geschwader unter Admiral Sturdee gesichtet. Es entwickelte sich ein Kampf, wobei die -Scharnhorst-, die die Flagge des Admirals führte, -Gneisenau- und -Leipzig- den Grund gebohrt wurden. -Dresden- und -Nürnberg zogen sich zurück und werden verfolgt. Zwei deutsche Kohlendampfer wurden genom men. Die Verluste der Engländer waren sehr gering. Einige über lebende von -Gneisenau- und -Leipzig- wurden gerettet." Zu der Seeschlacht bei den Falklandinseln schreibt die Nord deutsche Allgemeine Zeitung":.260 Ruhmvoll wie ihre vorangegangene Wirksamkeit im Dienste für Kaiser und Reich, ebenso ruhmvoll ist der Untergang der ,Scharn horst , ,Gneisenau , ,Leipzig und ,Nürnberg in ihrem letzten Kamps. In treuer Pflichterfüllung haben die Besatzungen der Kreuzer ihr Leben eingesetzt, konnten gegenüber der feindlichen Ubermacht keinen Sieg erhoffen. So find sie, ob lebend oder tot, aus dem ungleichen Ringen mit Ehren hervorgegangen und haben die hohen Erwartungen voll erfüllt, die das Vaterland von ihrer Tüchtigkeit und ihrer sittlichen Kraft hegte. Dankbar wird Deutschland seiner tapferen Söhne ge denken, die in fernen Meeren für die gerechte Sache und für die Zu kunft des deutschen Volkes in den Tod gegangen sind." Anläßlich des Unterganges unserer Kreuzer bei den Falklandinseln hat der Präsident des Reichstags, Doktor Kaempf, folgendes Telegramm an Äen Kaiser gerichtet: Mit Schmerz und Trauer, aber ungebeugten Mutes, hört das deutsche Volk die Nachricht von dem ruhmvollen Untergange der Kreuzer ,Scharnhorst , ,Gneisenau , ,Leipzig und ^Nürnberg . Von einer Übermacht von feindlichen Schiffen umringt, haben unsere helden mütigen Seeleute, ihre tapferen Führer an der Spitze, den sicheren Tod vor Augen, bis zum letzten Atemzuge gekämpft und sind dann in den Tod gegangen für des Deutschen Reiches Ehre. Mit Eurer Kaiser lichen und Königlichen Majestät weiß das deutsche Volk sich eins in dem Schmerz und der Trauer um den Verlust so vieler hoffnungsreicher Menschenleben, aber auch in ihrer Bewunderung und in dem Stolze auf ihre ruhmreichen Heldentaten. Eine Nation, die solche Helden hervorbringt, darf ungebeugten Mutes auch den schwersten Opfern ins Auge schauen und des Sieges gewiß sein. Namens des Reichstages Doktor Kaempf." Darauf ist folgende Antwort eingegangen: Das harte Schicksal, das unser ostasiatisches Geschwader getroffen, hat Sie veranlaßt, im Namen des Reichstags dem tiefen Schmerz des deutschen Volkes über den schweren Verlust so zahlreicher erprobter Helden, zugleich aber auch dem Gefühle des Stolzes über ihre Taten und des unerschütterlichen Vertrauens in die Zukunft Ausdruck zu geben. Ich danke Ihnen herzlich für diese Kundgebung. Mögen die schweren Opfer, die der uns aufgezwungene Existenzkampf der Gesamt heit wie jedem einzelnen auferlegt, getragen werden von der zuversicht lichen Hoffnung, daß Gott der Herr, aus dessen gnädiger Hand wir Glück und Unglück, Freude und Schmerz in Demut empfangen, auchdie schwersten Wunden in Segen für Volk und Vaterland wandeln werde. Wilhelm, I. R." Der 16. Dezember sollte auf den Schmerz über den heldenhaften Untergang unseres Geschwaders ein kleines Pflaster legen. Der Chef des Admiralftabes der deutschen Marine von Pohl teilte an diesem Tage amtlich mit: Teile unserer Hochseestreitkräfte haben einen Borstoß nach der englischen Ostküste gemacht und am 16. Dezember früh die beiden be festigten Küstenplätze Scarborough und Hartlepool beschossen." über den Erfolg der Beschießung meldete das Wolfffche Bureau folgende interessante Einzelheiten: Nach englischen Meldungen find in Hartlepool über 20 Personen getötet, 86 Personen verwundet und beträchtlicher Schaden angerichtet worden. Der Gasometer brennt. Die Beschießung der Festung West- Hartlepool begann zwischen 8 und 9 Uhr früh. In Scarborough sind Zwei Kirchen beschädigt, mehrere Dächer eingestürzt. In Whitby soll die historische Abtei teilweise zerstört sein. Die Bevölkerung flieht in das Innere des Landes." Die englische Admiralität teilte mit: Eine wichtige deutsche Flottenbewegung hat heute früh in der Nordsee stattgefunden. Scarborough und Hartlepool wurden be schossen. Unsere Flottillen find an verschiedenen Punkten im Kampf verwickelt. Die Aktion wird fortgesetzt." Über den Vorstoß nach der Ostküste Englands wurden vom deut schen Admiralstab nachstehende Einzelheiten später bekanntgegeben. Bei Annäherung an die englische Küste wurden unsere Kreuzer bei unsichtigem Wetter durch vier englische Torpedobootszerstörer er folglos angegriffen. Ein Zerstörer wurde vernichtet, ein anderer kam m schwer beschädigtem Zustande aus Sicht. Die Batterien von Hartle- pool wurden zum Schweigen gebracht, die Gasbehälter vernichtet. Mehrere Detonationen und drei große Brände in der Stadt tonnten von Bord aus festgestellt werden. Die Küftenwachtftation und das Wasserwerk von Scarborough und die Küstenwacht- und Signalstation Whitby wurden zerstört. Unsere Schiffe erhielten von den Küsten batterien einige Treffer, die nur geringen Schaden verursachten. An anderer Stelle wurde noch ein weiterer englischer Torpedobootszerstörer Zum Sinken gebracht." Die erste amtliche Mitteilung der britischen Admiralität über die Beschießung von Hartlepool und Scarborough lautet nach einer Mel dung des Reuter-Bureaus: 26l262 Im Lause des Morgens veranstaltete ein deutsches Kriegs geschwader vor der Mrkshireküste eine Demonstration und beschoß Hartlepool, Whitby und Scarborough. Eine gewisse Anzahl der schnellsten deutschen Schiffe wurde für diesen Zweck ausgesandt. Sie blieben ungefähr eine Stunde lang vor der Küste liegen und wurden von englischen Kriegsschiffen angegriffen, die den Versuch machten, die deutschen Schiffe abzuschneiden. Die deutschen Schiffe zogen sich jedoch unter Volldampf zurück und verschwanden im Nebel. Die Verluste sind gering." Eine zweite Note der britischen Admiralität über das Bombarde ment der Norkshireküste sagt: Die Admiralität ergreift die Gelegenheit, um zu erklären, daß derartige ,Demonstrationen , die gegen unbefestigte Städte oder Handelshäfen gerichtet sind, obgleich sie leicht auszuführen sind, wenn man einiges Risiko mit in den Kauf nimmt, keine militärische Be deutung haben. Sie können den Tod einer Anzahl Zivilpersonen im Gefolge haben und Privateigentum beschädigen. Das ist äußerst be dauerlich, darf aber keineswegs auf die allgemeine Flottenpolitik von Einfluß sein." (Gegenüber dieser Entstellung der Dinge durch die Admiralität ist zu bemerken, daß allgemein bekannt ist, daß die beschossenen Städte als Marinestützpunkte befestigt sind.) Reuter meldet, daß in Scarborough 23 Personen getötet wurden. Das englische Pressebureau teilt mit: Nach den letzten amtlichen Berichten wurden in Hartlepool 53 Zivilisten getötet und 115 verwundet."Vierzehntes Kapitel. Kämpfe im fernen Osten. Tsingtau. Die Emden". Der junge Lemke stand nun schon feit Wochen vor Upern. Lang sam las er den Bericht des Großen Hauptquartiers vom 7. November. War er doch dabeigewesen! Unsere Angriffe in Richtung Ypern machten auch gestern be sonders südwestlich Ypern Fortschritte, über 1000 Franzosen wurden Zu Gefangenen gemacht, drei Maschinengewehre erbeutet. Französische Angriffe westlich Noyon sowie auf die von uns ge nommenen Orte Vailly Chavonnes wurden unter schwersten Ver lusten für den Feind abgewiesen." Ihm kam es oft vor, als wenn er seit Jahren im feindlichen Lande war. Gewiß: die Zeit ging wie im Fluge hin, aber sie war so über reich an lebhaftesten Eindrücken, daß auch eine noch nahe Vergangen heit wie in weit entrückter Ferne zu liegen schien. Seit der junge Fritz Lemke Klein -Grussow und sein gastliches Haus verlassen hatte, war er ein anderer geworden. Die schwere Ver drießlichkeit, die auf ihm gelegen hatte, war gewichen. Und auch im Hause seiner Eltern sah man hoffnungsvoller in die Zukunft. Er hatte wieder einen Beruf, der ihn ganz ausfüllte. Die Juristerei hatte ihn doch nicht recht gelockt; für kleinstädtische Verhältnisse hatte er sich nie erwärmen können; die Karriere eines pommerschen Kreisrichters hatte keinen Reiz sür ihn. Nun war er wieder Soldat. Der Arzt in Pasewalk, der ihn untersucht hatte, hatte ihm die be ruhigende Versicherung gegeben, daß er ohne Sorge für sein Herz ins Feld ziehen könne; er sollte sich nur im Trinken mäßig halten. Nun stand er schon seit Wochen vor Ypern. Er war wieder jetzt ganz der gute Sohn des guten Hauses, der feinen Eltern mit großer Regelmäßigkeit pünktlich schrieb, sein alter Herr" schickte ihm ein Paket nach dem andern; es war zwischen Vater Sohn wieder so geworden wie in längstvergangenen Jahren, als er noch als Kind im großen Fabrikhof des Vaters spielte. Bei der Plötzlichkeit des Aufbruchs hatte er gar nicht die Zeit gefunden, die Aätten seiner Jugend und das Haus seiner Eltern noch einmal zusehen; die Eltern hatten ihm in Graudenz Lebewohl gesagt, sie hatten da noch drei Tage im Hotel verbracht, um ihr Kind noch auszurüsten und noch um sich zu sehen. Er hatte nie ein Heimweh nach Mutters Stube gehabt und nach Vaters Arbeitszimmer und nach dem großen Fabrikhof: und nun stand er schon seit Wochen vor Vpern und mußte oft an all diese halbvergessenen Plätze zurückdenken. Wenn solche Gedanken ihn abends im Schützengraben überfielen, kam er sich oft recht albern vor. Es war ihm dann, als ertappte er sich auf einer unmännlichen Schwäche. So eine Art Schwäche mochte es wohl auch gewesen sein, die ihn dazu veranlaßt hatte, sich einen pommerschen Menschen zum Burschen zu wählen; er hieß Kloth und war ein Stralsunder Kind; einer, der gern plattdeutsch sprach, einer, der ärgerlich darüber war, daß er bei der Marine nicht angekommen war und daß sie ihn bei den Fliegern abgewiesen hatten; einer von denen, die mit schwerem, sehnsüchtigem Denken jedes Erlebnis zerlegen, während sie doch so mundflink darüber schwatzen können. Kloth ge hörte zu denen, die alles, aber auch wirklich alles, mit den heimischen Verhältnissen vergleichen und dabei natürlich immer in glücklicher Parteilichkeit der Heimat rechtgeben. Kloth hatte geschickte Finger, die allerhand basteln und schnitzen konnten. Kloth konnte kochen und nähen und schustern und malen und Pferde beschlagen, und alles, was er konnte, konnte er nur in stral sundischer Art. Aus dem Lehm der Schützengräben bildete er kleine architektonische Modelle; einmal, als Leutnant Lemke da wieder er schienen war, hatte er da ein Modell der Eldenaer Klosterruine ge funden; das hatte Kloth in ein paar Stunden der Ruhe zurechtgeknetet und gekalkt und hatte es hübsch mit roter Farbe bemalt. Kennen Sie das, Herr Leutnant?" Lemke wußte nicht gleich Bescheid; dann aber fiel es ihm plötzlich ein: deutlich stand ein Nachmittag vor seiner Seele, an dem er in Kindertagen mit seiner Mutter dort unter der Ruine spazierengegangen war; so deutlich kam ihm jetzt hier im fernen Schützengraben die Erinnerung, daß er fast den Jasminduft zu spüren glaubte, der da im Sommer immer so schwer und bedrückend in der Luft lag, daß seine Mutter gesagt hatte: Wir müssen jetzt gehen, der Jasmin riecht zu stark." Sie hatte ihm damals die Geschichte des alten Klosters erzählt; er hatte wenig hingehört auf ihre Worte; für solche Geschichten hatte er damals als Junge wenig Sinn gehabt. Und jetzt aus einmal hatte Kloth hier im Schützengraben all die versunkene Vergangenheit wieder265 vor ihm aufgebaut, und er hörte die Stimme seiner Mutter deutlicher und aufmerksamer als damals, und er roch den Jasminduft, und es war ihm, als zöge durch die Luft frischer Seewind vom Greifswalder Bodden. So erzählte ihm Kloths Ruinenmodell eine lange Geschichte. Die Heimat, die daheim ihm stumm geblieben war, wurde hier redselig. Und die heimischen Menschen, die daheim einen Bombenrespekt vor dem Herrn Leutnant und dem Herrn Direktorssohn ihn zehn Schritt vom Leibe gehalten hatten, wurden hier zutraulich, als wenn sie gute Be kannte wären. Hochnäsigkeit hatte ihm ja nie gelegen, und jetzt kam ihm so mancher Einblick in kleinleutiges Leid und kleinleutiges Hoffen, und er erkannte, wie großzügig all das im Grunde ist, wenn es nur erdschollig geblieben ist. Kloth hatte ihm von seinen engen Verhältnissen in der Stralsunder Hafenstraße erzählt; Kloth hatte in seiner ungefügen Art den Eltern seines Leutnants geschrieben, sie sollten nur ruhig sein, er als Bursche würde schon auf seinen Herrn aufpassen, und der Leutnant hatte dem Burschen versprochen, er würde schon sorgen, wenn ihm etwas begegnen sollte. Leise woben sich so Bande zwischen Fritz Lemke und seinem Pommernlande, und diese Bande wurden immer zahlreicher und immer stärker von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Und von Tag zu Tag und von Woche zu Woche verfolgte Peter nit seinen Freunden die Geschehnisse aus den Schlachtfeldern und auf dem Meere. Die Iungens schwärmten mal wieder: Der Leutnant von der Linde, der als erster preußischer Leutnant seit 1866 den Is msriis sür seinen Handstreich auf das Fort Ma- lonne erhielt, ist wirklich schneidig! Nimm du mal mit nur vier Mann ein ganzes Fort! Hier, in einem Brief an seine Eltern hat er selbst die Tat beschrieben! Ohren steif! Also: ,Jch mußte mit 300 Mann auf ungedecktem Gelände auf das Fort losgehen, überall starrten mir Schießscharten entgegen, aus denen jede Sekunde es losknallen konnte, und wenn das nicht, so konnte ich auf eine der vielen Minen, die ringsumher lagen, treten. Bon allen Offizieren, die sich freiwillig dazu gemeldet hatten, wurde ich ausgesucht. Ich nahm von meinem Zug nur vier Mann mit, und im Gänsemarsch näherten wir uns dem Fort. Heran konnte ich selbst nicht, weil die Brücke über den großen Wassergraben zurück gezogen war.Als der Kommandant uns bemerkte, rief ich ihn an und redete ihm vor, daß ein ganzes Regiment und Artillerie draußen im Walde ständen und das Feuer sofort beginnen würden, wenn noch eine Minute mit der Übergabe gewartet würde. Der Kommandant ließ die Brücke herunter, und wir betraten das stark befestigte Fort. Ich ließ jeden einzeln vortreten. Wir unter suchten sie. Die Waffen mußten sie im Fort lassen. Meine vier Leute hatten das Gewehr im Anschlag. Der Kommandant -von Fort Ma- lonne übergab mir seinen Säbel. Dann ließ ich die Belgier in eine Ecke treten, damit sie nicht sehen konnten, wer herankäme. Neben dem Kommandanten nahm ich 3 Offiziere und 2l) Mann gefangen: die übrigen vierhundert waren schon geflohen. Ich ließ nun meinen Zug nachkommen. Die Gesichter der belgischen Offiziere hättet Ihr sehen sollen, als sie nachher unsere geringe Anzahl sahen. Ich holte die belgische Flagge herunter, und meine Leute ver fertigten aus einer belgischen Hose, einem Hemd und einer französischen Bauchbinde eine deutsche Fahne und hißten sie. Vorher hatten wir den Weinkeller aufgemacht und ließen beim Aufziehen der Fahne ein paar Sektflaschen knallen. Bis zur Ablösung mußte ich das Fort, das gänz lich unbeschossen war, besetzt halten. Ich erbeutete vier schwere 21-Zentimeter-Kanonen und eine An zahl kleinerer Kaliber, über 10V Gewehre und Pistolen, 300 Granaten und mehrere tausend Gewehrpatronen. Ich wurde erst am nächsten Morgen abgelöst. Wir schwelgten inzwischen in den großen Mengen aufgestapelter Vorräte " Das ist alles gewiß schön, herrlich, erhebend, aber an unsern Meyer-Waldeck reicht es doch nicht heran!" rief Peter aus. Wißt ihr noch sein erstes Telegramm? Und dann seine Proklamation an die Besatzung Tsingtaus! Ich habe mir hier aus verschiedenen Zeitungen alle die wichtigsten Nachrichten über den Fall Tsingtaus zusammen geklebt. Japan, das war kein Heldenstück! Aber die anderen waren Helden. Allen voran Meyer-Waldeck! Hört zu: 22. September. Amtlich wird aus Peking gemeldet: Als erster Offizier fiel bei der Verteidigung Tsingtaus der zweite Sekretär der Gesandtschaft in Peking, Freiherr Riedesel zu Eisenbach, Leutnant im 3. Garde-Ulanen-Regiment. 3. Oktober. Wenn man die bisher vorliegenden, zum Teil aller dings englischen Quellen entstammenden Nachrichten über den Angriffder Gegner Deutschlands auf Tsingtau zusammenfaßt, so zeigt sich folgendes Bild: Vereinigte japanische und englische Streitkräfte gelangten am Sonntag, 27. September, nach unbedeutenden Scharmützeln mit vor geschobenen deutschen Streitkräften bis an den Litsunfluß. Hier wurde ihr rechter Flügel von dem Innern der Bucht aus durch drei deutsche Schiffe beschossen, als japanische Flieger eingriffen. Die Flieger wurden dabei beschädigt. Der Gesamtverlust des Gegners betrug 150 Tote, die deutschen Verluste sind unbekannt. Während der Kämpfe hat ein deutsches Kanonenboot die deutschen Landtruppen in vorzüglicher Weise unterstützt. Das Kanonenboot wurde von der japanischen Flotte an gegriffen, scheint aber unbeschädigt zu sein. Am 28. September, mährend Tsingtau zu Lande ganz abgeschlossen wurde, beschossen die Japaner mit einer Linienschiffsdivision die deut schen Küstenbatterien, die kräftig antworteten. Das Ergebnis ist un bekannt. Am folgenden Tage begann die Heeresmacht der Verbündeten einen Angriff auf die vorgeschobenen deutschen Stellungen, vier eng lische Meilen vor der deutschen Hauptverteidigungslinie. Von deutscher Seite wurde unter Einsatz aller Kräfte geantwortet. Aus alledem ergibt fich, daß unsere Kolonie zu Wasser und zu Land eingeschlossen ist. Die tapfere Tsingtauer Besatzung wird aber gewiß dem Feind bis zum äußersten ihren Widerstand entgegensetzen. 4. Oktober. Aus Peking wird nach London gemeldet: Die eng lischen Streitkräfte unter General Barnardiston setzen mit großer Energie den Angriff auf Kiautfchou fort. Die deutschen Truppen zogen sich auf Tsingtau selbst zurück, dessen Forts Tag und Nacht tätig sind. Das Feuer ist besonders gegen die japanischen Stellungen gerichtet. Deutsche Flugzeuge versuchten wiederholt japanische Kriegsschiffe durch Bomben zu zerstören. Die Engländer und Japaner treffen Vorberei tungen zu einem entscheidenden Vorstoß gegen Tsingtau. Der Berliner Zeitung am Mittag wird von ihrem besonderen Berichterstatter aus Rotterdam mitgeteilt: Bei dem ersten Sturm aus die Jnfanteriewerke von Tsingtau wurden die vereinigten Japaner und Engländer mit einem Verlust von 23l)l) Mann zurückgeschlagen. Die Wirkung der deutschen Minen, Geschütze und Maschinengewehre war vernichtend. Der rechte Flügel der Verbündeten wurde von dem österreichisch-ungarischen Kreuzer,Kaiserin Elisabeths und dem deutschen Kanonenboot ,Jaguar^ wirksam beschossen. Die deutschen Verluste sollen gering sein. Die Japaner warten Verstärkungen aus Japan ab. Z57Die Münchner Neuesten Nachrichten^ schreiben: Der erste Sturm auf Tsingtau ist von der deutschen Besatzung, die durch wackere österreichisch-ungarische Kameraden vom Kreuzer Kaiserin Elisabeths verstärkt wurde, blutig zurückgeschlagen worden. Die Japaner und ihre englischen Brüder haben bei diesem Angriff 2500 Mann verloren und werden schon einen Begriff vom deutschen Soldatengeist davongetragen haben. Gewiß, Tsingtau steht allein da. Aus der deutschen Heimat kann ihm keine Hilfe werden, und der Tag wird kommen, an dem dieser ferne Vorposten deutscher Tüchtigkeit, Arbeit und Kultur, dem räuberischen Feinde zur Beute fallen wird, dem es ein leichtes ist, ganze Armeen nach China hinüberzuwerfen, das zu schwach ist, um sich dem Eindring ling zu widersetzen. Tsingtau wird aller menschlichen Voraussicht nach fallen. Als verlorenen Posten werden wir aber diesen Verlust ins Buch unserer Geschichte nicht eintragen. Der Heldenmut, mit dem unsere Kulturinsel in Ostasien verteidigt wird, zeugt so laut von deutschem Geiste, deutscher Todesverachtung, daß ganz Asien davon widerhallen und staunend künden wird, welch ein Volk die Deutschen sind. Nicht nur zu leben, auch zu sterben muß ein großherziges Volk verstehen. Zu sterben nicht in dumpfer Ergebung gegenüber dem un abwendbaren Geschick, sondern im befreienden, begeisternden Gefühl, das der Kampf für eine Idee, für ein seelisches Gut einflößt. Als Tsingtau von den Japanern bedroht wurde, erhoben sich, ohne dazu aufgefordert zu werden, die waffenfähigen Deutschen in Ostasien und strömten herbei, um die Stadt zu verteidigen. So selbstverständlich schien es ihnen allen, die plötzlich von einem tückischen Gegner an gefallene Pflanzstätte deutschen Geistes, die schmale Schwelle deutschen Einflusses im fernen Osten bis zum letzten Atemzuge zu verteidigen, als stände sie am Rhein oder an der Weichsel. Sie rückten in Tsingtau ein, stehen und fallen auf den schwachen Wällen dieses für friedliche Arbeit geschaffenen deutschen Emporiums, eine lebendige Mauer, die unserem Volke unendlich viel mehr Ehre eintragen wird als die Freude wert sein kann, die unseren Feinden der Fall von Tsingtau je machen könnte. Für Deutschland war der Besitz von Tsingtau von kultureller Be deutung. Das hat auch China dankbar anerkannt und es hat von dem stillen Wirken deutscher Arbeit, das von Tsingtau ausging, gern gevor teilt. Gelingt es nun Japan, sich dort festzusetzen, so wird Tsingtau zu einer Stätte politischen Kampfes um die Macht. Der Druck, den Japan 2 58269 von dort auszuüben suchen wird, muß nicht nur China, sondern auch Japans jetzigen Bundesbruder, Großbritannien, in Ostasien empfindlich bedrohen. Tsingtau in japanischen Händen bedeutet ebenso ein politisches Programm, wie das deutsche Tsingtau ein Vorposten und Stützpunkt von rein zivilisatorischem Charakter war. Unser europäischer Feind, der gehässigste und schlimmste, den wir haben England , macht einen schlechten Tausch, falls es Japan gelingen sollte, die Felsen von Tsingtau zu erklettern und dort zu bleiben. In Peking aber weiß und begreift man schon heute, welch eine Gefahr für China in einem Besitzwechsel von Kiautschou liegt. Sind die Chinesen auch heute noch zu schwach, um ein gewichtiges Wort mit dem beutegierigen Japan zu reden, sie werden es nicht immer sein, und sie werden eines Tages wissen, daß die deutschen Helden von Tsingtau, die für Deutschlands Ehre und Ansehen in der Welt fochten, nicht um sonst auf chinesischer Erde fielen. Denn auch Chinas Interessen waren im deutschen Tsingtau gut geborgen. 19. Oktober. Aus Tokio wird über London gemeldet: Der Befehlshaber Äes japanischen Expeditionskorps in Kiautschou hat der Besatzung eine ehrenvolle Kapitulation angeboten. Er bot der Be satzung an, daß er die Garnison nicht als Kriegsgefangene behandeln wolle, sondern sie auf japanischen Schiffen durch den Suezkanal nach einem neutralen Hafen im Mittelländischen Meer überführen wolle. Der deutsche Kommandant lehnte das Anerbieten mit aller Bestimmt heit ab. Gleichzeitig wurde der eingeborenen Bevölkerung freier Abzug aus der belagerten Stadt zugestanden. Diefer Schritt wird allgemein als das Vorspiel zu dem letzten Kampfe angesehen. 23. Oktober. Die Beschießung von Tsingtau. Der ,Franks. Ztg. wird aus Rotterdam gemeldet: Die Festung Tsingtau ist von zwei japanischen Kriegsschiffen und dem englischen Linienschiff ,Triumph bis heute ohne Erfolg beschossen worden. Am 14. Oktober wurde dabei das Oberdeck des ,Triumph durch einen schweren Haubitzentreffer durchschlagen. Das deutsche Kanonenboot ,Jaguar ist leicht beschädigt worden. Die letzte, bis zum 6. September reichende Post aus Tsingtau, Peking und Schanghai bringt wieder einige interessante Nachrichten. So hat eine Anzahl höherer chinesischer Beamter aus der Kaiserzeit, die sich hei Ausbruch der chinesischen Revolution zurückgezogen hatten, seit der dortigen Mobilmachung aber wieder nach dem benachbarten270 chinesischen Tsinanfu zurückgekehrt sind, dem dortigen deutschen Kon sulat Wohnungen und sonstige Hilfe für die Unterbringung deutscher Familien aus Tfingtau angeboten, um sich für die daselbst genossene Gastfreundschaft erkenntlich zu zeigen. In Tsingtau selbst hat sich eine chinesische Rote-Kreuz-Gesellschast gebildet. Der Mandschuprinz Tsai Tao hat die deutsche Staatsangehörigkeit erworben und ist fest ent schlossen, weiter in Tsingtau zu bleiben, während sein älterer Bruder nach Peking zurückkehrte. Unterdessen schreiten die japanischen Vorbereitungen zum Angriff fort. Aus Peking wird nach London gemeldet, daß die japanischen Belagerungsgeschütze nunmehr bei Tsingtau aufgestellt seien und der allgemeine Angriff jederzeit beginnen könne. Daß dieser noch so gut vorbereitete und mit noch so erdrückender Übermacht geführte Angriff einem recht ansehnlichen Widerstand be gegnen wird, bezweifelt kein Deutscher, der den männlichen Treuschwur des Gouverneurs gelesen. Neben diesen moralischen berechtigen aber auch rein materielle Gründe zur Erwartung, daß der Raubanfall gegen das deutsche Recht auch auf diesem verlorenen Posten von den Räubern teuer bezahlt werden wird. Darüber gibt ein der,Tägl. Rundschau zugehender Bericht vom 12. September aus Manila interessante Auskunft. Darin wird zunächst erzählt, wie der Kampf um Tsingtau bei der amerikanischen Bevölkerung der Philippinen das lebhafteste Interesse hervorruft. Es habe deshalb sehr erfreulich berührt, als günstige Nachrichten aus Tsingtau eintrafen. Diese Nachrichten besagten, daß es irrig wäre, wenn man die Be festigungen von Tsingtau allzusehr unterschätze. Die Japaner werden sich ziemlich lange die Köpfe daran einrennen müssen. Man rechnet deshalb damit, daß die Besatzung von Tsingtau sich selbst gegen eine erhebliche Übermacht bis gegen Ende des Jahres halten kann Von den deutschen Mannschaften in Tsingtau haben diejenigen den schwersten Dienst, die in den Kasematten der Felsenbatterien verbleiben müssen, weil sie dort sehr unter Hitze und dumpfer Luft zu leiden haben. Aber auch sie sind in bester Stimmung, und man hört nie ein miß launiges Wort. Diese Entbehrungsfähigkeit imponiert den Amerikanern ganz besonders. Mit Lebensmitteln ist Tsingtau gut versorgt. Ein guter Fang war der russische Dampfer ,RjäsaM, der nicht nur große Vorräte gesalzenen Rindfleisches enthielt, sondern auch sehr viel Früchte. Aus Mangel an Proviant wird also Tsingtau kaum dem Feind ausgeliefert werden müssen.271 Älle in Tsingtau dauernd oder vorübergehend anwesenden Fremden haben bereits im August den Ort verlassen. Die Einwohnerschaft be steht jetzt nur noch aus Männern, die für Deutschlands Ruhm kämpfen können und wollen. Der Kaiser hat durch die deutsche Gesandtschaft in Peking folgendes Telegramm an die Besatzung von Tsingtau gerichtet: ,Gott mit Euch in schweren bevorstehenden Kämpfen! Ich gedenke Euer. Wilhelm. I. 2. November. Aus Tokio wird der ,Frankfurter Zeitung ge meldet: Der deutsche Gouverneur von Kiautschou beantwortete das japanische Verlangen einer ehrenvollen Übergabe mit einem draht losen Telegramm an das japanische Flaggschiff. Admiral Kato verbot den drahtlosen Verkehr mit dem Feind und verlangte eine schriftliche Antwort. Es wurde ein japanischer Zivilgouverneur für die Marignien eingesetzt, dem 80 Beamte beigegeben wurden. 1100 japanische Aus wanderer gingen dorthin ab. Die ,Frankfurter Zeitung veröffentlicht weiter folgende Havas- meldung aus Tokio: Die Festung Tsingtau wurde zerstört. Die Operationen werden mit allgemeinem Erfolge fortgesetzt. Hierzu schreibt die ,Frankfurter Zeitung : Die Japaner kün digten bereits vor längerer Zeit an, daß sie am Namenstage des Mikado, am 31. Oktober, dem Herrscher als Ehrengeschenk die eroberte Festung Tsingtau darbieten wollten. Dieser Wunsch war wohl auch der leitende Gedanke bei der Herausgabe des vorliegenden Telegramms, das Havas zu verbreiten sich natürlich eilfertig bemühte: doch ist es offenbar unrichtig. 3. November. Aus Tokio erfährt die -Frankfurter Zeitung in direkt: Das Marineministerium teilt mit, die Beschießung Tsingtaus Zu Wasser und zu Lande dauere an. Die Forts seien größtenteils zum schweigen gebracht, nur zwei erwiderten energisch die Beschießung, infolge der Explosion eines Petroleumbehälters sei ein Biand beim Hafen entstanden. Die Festung Schiao Schauschau brenne. 4. November. Aus Amsterdam wird der ,Frankfurter Zeitung telegraphiert: Nach Londoner Meldungen hat die allgemeine Be schießung von Tsingtau am 31. Oktober morgens begonnen, schwere Belagerungsgeschütze wurden auf dem Lande in Stellung gebracht und wirken zusammen mit der Flotte. Die nordöstlich der Jltishöhe ge legenen Verschanzungen von Hsiao -Ehan-Sian und ebenso das Arsenal von Tsingtau wurden schwer beschädigt. Die Petroleumtanks gerieten lu Brand. Die Deutschen haben das Feuer nur schwach erwidert.272 Aus Schanghai meldet ,Central News , die Kapitulation von Tsingtau werde jeden Augenblick erwartet. Nach dem schweren Bom bardement durch die Verbündeten antwortete nur noch ein.deutsches Fort, das von Huchnan. Das englische Linienschiff ,Triumph soll das Fort Bismarck durch sieben Schüsse zum Schweigen gebracht haben. 7. November. Nach amtlicher Meldung des Reuter-Bureaus aus Tokio ist Tsingtau nach heldenhaftem Widerstand am 7. November ge fallen. Dem Fall von Tsingtau ging, wie das -Berliner Tageblatt er fährt, ein letzter, schwerer, von beiden Seiten mit äußerster Leidenschaft geführter Kampf voraus. In der Nacht zum 7. November um Mitter nacht stürmten die Japaner mit äußerster Wucht gegen das Jltisfort an, das bis zuletzt noch, hartnäckig von der deutschen Besatzung ver teidigt, Widerstand geleistet hatte. Am 4. November war in London offiziell bekanntgegeben worden, daß seit dem 31. Oktober das Bom bardement mit schwerer Artillerie eröffnet fei, und daß gleichzeitig die blockierende Flotte ihr Feuer auf die Forts von der Seeseite her er öffnete, und daß die Beschießung das Jltis-Hügelfort auf dem rechten Flügel der deutschen Verteidigungswerke beschädigt habe. Trotzdem war das Fort bis zum 6. November, abends, bis zu dem Augenblick, wo der neue Sturmangriff begann, todesmutig gehalten worden. Es entstand ein letztes und blutiges Ringen um das Fort, und die Ver luste auf beiden Seiten waren groß. Da die Japaner immer neue Verstärkungen heranführen und ihre Lücken stets ausfüllen konnten, mußte die heldenhafte deutsche Besatzung unterliegen. Das Jltisfort war das wichtigste Fort der Verteidigungswerke, es wurde von den Japanern als das Zentralfort bezeichnet. Der Fall dieses Forts, das das letzte Bollwerk des Widerstandes gewesen war, bedeutete zugleich den Fall Tsingtaus. Eine Reuterdepesche aus Tokio meldet: Die Deutschen haben am 7. November um 7 Uhr morgens die weiße Flagge auf Tsingtau ge hißt. Die Erstürmung des Mittelforts wurde von General Zufhimi und Hamada mit dem Geniekorps ausgeführt. Der japanische Oberbefehlshaber berichtete am 7. November früh: Der linke Flügel der Belagerer besetzte die nördliche Batterie auf dem Schautanhügel um 5 Uhr 10 Minuten und die östliche Batterie auf Tatungsjing um 5 Uhr 35 Minuten. Inzwischen rückte das Zentrum gegen die Forts Iltis und Bismarck vor und eroberte zwei schwere Geschütze in der Nähe der Hauptwerke. Die Angreifer besetzten nach einander die Forts Moltke, Iltis und Bismarck. Die Garnison hißte^ie 1 omme! scklux ^um Llreile 5. Vernichtung äer englischen Panzerkreuzer Lrelly, k)ogue Kbukir äurck A?.lim L Uhr die weiße Flagge auf dem Observatorium, die Küstensorts folgten diesem Beispiel um 7 Uhr 3V Minuten. Eine von Reuter aus Tokio verbreitete Schilderung der unerhörten Anstrengungen und zahllosen Todesopfer, die die Japaner bringen mußten, um Tsingtau einzunehmen, läßt den Ruhm der kleinen Heldengarnison nur noch glänzender erscheinen. Die japanischen Genietruppen hatten Hunderte von Toten, ehe es gelang, das Pulvermagazin des Feindes in die Luft zu sprengen. Die Japaner wurden von dem Kugelregen aus den Maschinengewehren reihenweise niedergemacht, bevor sie die Brustwehren erstürmen konnten. Der japanische Bericht weist auf die überaus hartnäckige deutsche Verteidigung und besonders auf das nächtliche Gefecht im Mondenschein nach der Erstürmung des Moltkeforts hin. Die Kämpfe waren so schwer, daß von japanischer Seite der Befehl gegeben wurde, das Gefecht abzubrechen, um ein allzu mörderisches Kämpfen in den Straßen zu verhindern. Der offizielle japanische Bericht über die Einnahme Tfingtaus hebt ausdrücklich hervor, daß die Stadt Äurch die Deutschen bis zum äußersten verteidigt wurde. Der Widerstand sei nicht einmal erlahmt, sondern im Gegenteil noch zäher geworden, als das Fort Moltke gefallen war. Die japanischen Truppen fochten mit Todesverachtung, besonders hatten die japanischen Pioniere entsetzliche Verluste. Von englischen Blättern wird die Nachricht verbreitet, daß in Tsingtau neun deutsche und österreichisch-ungarische Kriegsschiffe ver nichtet worden seien. Diese Behauptung ist unrichtig. Es waren beim Ausbruch des Krieges in Tsingtau ein Kreuzer und fünf Kanonenboote. Für die Kriegführung kamen allein der österreichisch-ungarische Kreuzer -Kaiserin Elisabeth und die Kanonenboote ,Iltis und ,Jaguar in Betracht. Die übrigen Kanonenboote wurden nach Ausbruch des Krieges aufgelegt, die Besatzung heruntergenommen und zur Ver stärkung von Tsingtau benutzt. Mehr als diese Schiffe sind nicht in Tsingtau gewesen. Der österreichische Kreuzer .Kaiserin Elisabeth ist nach Er schöpfung der Munition von seiner Besatzung versenkt worden. Ein Telegramm aus Tokio berichtet, der Gouverneur von Tsingtau Kapitän z. S. Meyer-Waldeck sei im Kampf verwundet worden. Der Fall von Tsingtau ist für die überwundenen ruhmreicher, als sonst Siege sind, für die Sieger schimpflicher, als manche Niederlage wäre. 13 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite. 27^274 Lange Wochen hindurch haben 6000 bis 7000 Deutsche gegeü 60 000 bis 100 000 Japaner den verlorenen Posten gehalten, ohne jede Hoffnung auf Entsatz, von der ersten Stunde bis zur letzten das bittere Ende vor Augen. Das wird das deutsche Volk nie vergessen, so wenig es vergessen wird, wer diesen niederträchtigen Überfall auf das ohne jeden Vergleich blühendste Gemeinwesen Ostasiens ausgeführt und wer ihn angezettelt hat. Militärisch betrachtet, war Tsingtau bekanntlich keine Festung im europäischen Sinn, es war auf die Verteidigung gegen plötzliche Über fälle und gegen etwaige chinesische Unruhen eingerichtet, nicht auf den Kampf gegen ein nahegelegenes großes Reich, das sein Heer und seine Flotte unverkürzt gegen die alleinstehende deutsche Hafenstadt verwenden konnte. Die wenigen Befestigungen waren sämtlich in die Hände des übermächtigen Feindes gefallen, als über der wehrlos ge wordenen blutenden Stadt und ihre zusammengeschmolzene Besatzung Äie weiße Flagge aufstieg. Das ist keine Kapitulation: das gleicht nicht dem Streichen der Flagge auf dem noch kämpfenden Schiff, sondern der Gefangennahme der aufgefischten Mannschaft nach dem Untergange des Fahrzeuges. Japan hat nun, von England gerufen, in Mittelchina festen Fuß gefaßt, und wir treten wohl England nicht zu nahe, wenn wir die Ver mutung aussprechen, daß es die Provinz Schantung als Preis für die Henkerarbeit an der fernen deutschen Kulturschöpfung den Japanern zugesichert hat. Die Küstenländer und Inseln des Chinesischen Meeres und der Südsee, die maleüsche und hinterindische Inselwelt, Australien und Ostasien, das ist das eigentliche Betätigungsfeld des japanischen Ehrgeizes; und darum wird auch nach dem Fall von Tsingtau sicherlich die japanische Flotte oder gar das japanische Heer zu weitausschauenden Unternehmungen fern von dem genannten Länderkreis zu haben sein. Hier aber werden sie sich tummeln und ausbreiten; und ihre Ver bündeten von heute werden noch manche Freude an den Geistern er leben, die sie gerufen haben. Vis auf weiteres möchten wir nicht ein mal an jene acht japanischen Schiffe glauben, die nach englischer Be hauptung angeblich das deutsche Kreuzergeschwader des Grafen Spee suchen sollen. Der Fall von Tsingtau war unabwendbar und ist später erfolgt als Freund und Feind geglaubt hätten. Das deutsche Volk wird diesen monatelangen Heldenkampf niemals vergessen; und wenn die Abrech nung mit den Japanern auf lange Zeit vertagt ist, so können wir zu nächst eine nähere Vergeltung suchen. Die ,Engländer Ostasiens , wieman die Japaner nicht ohne tiefere Berechtigung genannt hat, sind uns vorderhand nicht erreichbar. Dafür müssen wir uns an die Japaner Westeuropas halten. 9. November. Die japanische Gesandtschaft im Haag teilt mit, daß die Verhandlungen, die am 7. November, 7 Uhr S0 Minuten früh, zwischen den Vertretern der beiden Parteien geführt wurde, zur An nahme der japanischerseits gestellten Bedingungen hinsichtlich Tsingtaus führten. Kommissare beider Parteien, die mit der Auslieferung und Entgegennahme der Festung und anderer Eigentümer betraut wurden, traten am 9. November, 10 Uhr früh, zusammen. Die Übergabe wird am 10. November, 10 Uhr früh, erfolgen. Anläßlich des Falles von Tsingtau richtete der Präsident des Reichstages, Doktor Kaemps, am 8. November folgendes Telegramm an den Kaiser: Das ganze deutsche Volk ist bis in das Innerste erregt und er griffen angesichts des Falles von Tfingtau, das bis zum letzten Augen blick todesmutig verteidigt, der Übermacht hat weichen müssen. Ein Werk deutscher Arbeit, von Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät unter freudiger Anteilnahme des Volkes als ein Wahrzeichen und Stütz punkt deutscher Kultur errichtet, fällt es dem Neide und der Habsucht zum Opfer, unter deren Flagge sich unsere Feinde verbündet haben. Der Tag wird kommen, wo die deutsche Kultur im fernen Osten von neuem den Platz einnehmen wird, der ihr gebührt, und die Helden von Tsingtau werden nicht vergeblich ihr Blut vergossen und ihr Leben geopfert haben. Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestät bringe ich namens öes Reichstags die Gefühle zum Ausdruck, die in diesem Augenblicke das ganze deutsche Volk beseelen. Kaempf, Präsident des Reichstags. Vom Kaiser ist an den Reichstagspräsidenten Doktor Kaemps am 9. November nachstehendes Telegramm eingetroffen: Ich danke Ihnen für den Ausdruck der Gefühle des Schmerzes und des Vertrauens auf die Zukunft, von welchem der Reichstag und alle deutschen Herzen angesichts des Falles von Tsingtau erfüllt sind. Die heldenmütige Verteidigung der in langjähriger Arbeit geschaffenen Musterstätte deutscher Kultur bildet ein neues Ruhmesblatt für den Geist der Treue bis zum Tod, den das deutsche Volk mit seinem Heer und feiner Flotte in dem gegenwärtigen Verteidigungskampf gegen eine Welt von Haß, Neid und Begehrlichkeit schon so mannigfach will s Gott, nicht vergeblich betätigt hat.Durch Vermittelung der japanischen Gesandtschaft in Peking ist solgende vom Gouverneur von Tsingtau an den Kaiser erstattete Meldung nach Verlin gelangt: Tsingtau, 9. November. Die Festung ist nach Erschöpfung aller Verteidigungsmittel durch Sturm und Durchbrechung in der Mitte ge fallen. Die Befestigung und die Stadt wurden durch ununterbrochenes neuntägiges Bombardement von Land mit schwerstem Geschütz bis 28-Zentimeter-Steilfeuer, verbunden mit einer starken Beschießung von der See, schwer erschüttert. Die artilleristische Feuerkraft war zum Schluß völlig gebrochen. Der Verlust ist nicht genau zu übersehen; er ist aber trotz des schwersten anhaltenden Feuers wie durch ein Wunder viel geringer, als zu erwarten war. Meyer-Waldeck. 11. November. Ein japanisches Torpedoboot ist heute vor Kiautfchou beim Minensuchen gesunken. Die Mehrzahl der Besatzung wurde gerettet. In Tsingtau explodierten unterirdische Minen am 11. November, während sie entfernt wurden. Zwei Offiziere und acht Soldaten wurden getötet, ein Offizier und 56 Mann verwundet. Im Hospital von Tsingtau befinden sich 436 verwundete Deutsche. Wie dem ,Basler Anzeiger von orientierter Seite mitgeteilt wird, hat man in eingeweihten Kreisen den Fall Tsingtaus schon des halb viel früher erwartet, weil die Festung alle irgendwie für die aus dem Hasen entwichenen Kriegsschiffe brauchbare Munition diesen mit gegeben hatte, in der ganz richtigen Erkenntnis, daß die Festung, die nur durch schwache Erdwerke und Mittelartillerie verteidigt war, gegenüber einem ernsthaften Angriff auf keinen Fall zu halten sei, und daß es deshalb die Hauptaufgabe sein müsse, die Aktionsfreiheit der Kriegsschiffe auf möglichst lange Zeit zu sichern. Daß dieser Gedanke richtig war, hat sich inzwischen gezeigt, indem das ganze deutsche Ostasiengeschwader mit Ausnahme des veralteten Torpedoboots 8 9V, das immerhin noch einen japanischen Kreuzer zum Sinken brachte, glücklich entkam, und dem Deutschen Reich ganz andere Dienste erweisen kann, als es in dem verlorenen Posten Tsingtaus möglich gewesen wäre. 25. November. Nach den bis heute vorliegenden Nachrichten be trägt die Zahl der bei den Kämpfen um Tsingtau und beim Fall der Festung gefangenen Angehörigen der Besatzung etwa 4250 einschließlich 690 Verwundeten. Die Zahl der Gefallenen soll etwa 170 betragen, darunter 6 Offiziere. Vom österreichisch-ungarischen Kreuzer Kaiserin Elisabeth sind 1 Leutnant und 8 Mann verwundet, 8 Mann tot. Die 27S277 Behandlung der Gefangenen in Japan soll gut sein. Die japanische Regierung hat die baldige Übersendung namentlicher Listen der Toten, Verwundeten und Gefangenen in Aussicht gestellt." Bei den letzten Worten war Krause schon unruhig auf seinem Stuhle hin und her gerückt. Einmal hatte er sogar nicht ganz leise ge flüstert: Ist die Kiste mit dem Meyer denn noch nicht zu Ende?", was ihm einen bösen Blick von Peter aus eingetragen hatte. Jetzt atmete Krause sichtlich erleichtert auf, und man sah es ihm sogleich an, daß auch er etwas auf der Pfanne" hatte. Ich verehre auch einen Helden, oder ich muß wohl sagen eine Heldin." Hört, hört!" unterbrach es ihn prustend. Krause muß doch immer etwas zum Poussieren haben!" Die Dame ist zwar etwas dick. Aber gerade deswegen erfreut sie sich allgemeiner Beliebtheit. Sie ist von einem besonders einnehmen den Wesen, wie ihr gleich alle erfahren werdet." Nanu? Wen meinst du denn? Kennen wir die denn?" Ich sollte doch wohl annehmen," lachte Krause los, daß ihr alle die ,dicke oder fleißige Berta kennt! Da wir nun heute abend doch einmal beim Vorlesen sind, bin ich so frei, euch einige Berichte über die so gar nicht häusliche Tätigkeit meiner Freundin zum besten zu geben." Krause muß doch immer seinen besonderen Pappenstiel haben. Na, wir hören ja in diesem Falle ausnahmsweise alle gern zu." Und Krause begann zu lesen: Kriegschronik ,der Münchner Neuesten Nachrichten . Lüttich, Namur, Maubeuge, Manonviller, Antwerpen sind die fünf Stationen auf dem Siegeszug, den der 42-Zentimeter-Mörfer seit Kriegsbeginn zurückgelegt hat. über der Existenz dieses Riesenmörsers, von dem dieser Tage ein deutscher Militärschriftsteller schrieb, er sei einige Armeen wert, lag bis zum Kriegsbeginn dichtes Geheimnis. Es vollständig zu lüften, ist auch heute aus naheliegenden Gründen nicht möglich: immerhin sind die nachstehenden Ausführungen, die der -Züricher Post- von deutscher Seite zugehen, geeignet, manchen Irrtum zu berichtigen: Als am 8. und 9. August dieses Jahres, einen Tag nach dem Fall der Festung Lüttich, die Kunde durch die Welt ging: die Deutschen haben ein lange geheimgehaltenes Geschütz vor die Forts der Stadt ge fahren und diese mit 6 bis 8 Schüssen so zugerichtet, daß es unmöglich war, sie noch länger zu verteidigen, da ging wohl ein geheimes Grausen vor dieser Mordwaffe durch die Welt.278 Tatsache ist, daß der 42-Zentimeter-Mörser außer den wenigen Ingenieuren und Arbeitern der Firma Krupp und nur einer ganz ge ringen Anzahl von Offizieren und Mannschaften der Schießschule, die darauf vereidigt waren, in der ganzen Armee und im Deutschen Reich vollständig unbekannt war. Man hat von seiner Existenz nicht eher etwas erfahren, als bis sein eherner Mund das Schweigen, das ihm auferlegt war, selbst brach. Der große ,Brummer oder ,die fleißige Berta ähnelt in vielen Teilen den in der deutschen Armee schon vorhandenen Rohrrücklauf geschützen; nur daß er schwer transportierbar ist und daher so weit als möglich mit Eisenbahnen befördert wird. Muß der Mörser oder ,die fleißige Berta auf der Straße transportiert werden, so wird er zer legt und auf eigens hierzu konstruierten Wagen verladen. Das Rohr allein auf dem Rohrwagen, einem langen, festen Schienengestell, auf denen das Rohr mit seinen Klauen gleitet. Die Lafette allein, Ersatz- und Zubehörteile allein und die Gürtel allein. Diese Gürtel sind eine Reihe von Holzplatten und Eisenschuhen, die vor dem Schießen aus dem Gürtelwagen genommen und um den Rad kranz gelegt werden, damit das Geschütz auch auf nicht chaussiertem Unterboden nicht versinkt. Es ist eine mächtige Last, die auf den Gürteln ruht, und sie bewähren sich großartig. Wir sind über extra tief und frisch gepflügtem Acker gefahren und das Geschütz rollte gleich einer mächtigen Dampfwalze genau wie aus der Landstraße dahin. Wie ich schon gesagt, wird das Geschütz zerlegt gefahren. Kommt nun von der obersten Leitung der Befehl, das Geschütz fertig zu machen, die Kanoniere nennen es ,die Berta poussieren so hält die ganze kilometerlange Kolonne auf der Landstraße, das Rohr wird durch die ganzen Bedienungsmannschaften auf die Lafette gezogen und die Gürtel um die Räder gelegt. Nun geht s mit einem mächtig klappernden Ge töse in die für das Geschütz oder die ganze Batterie ausgesuchte Stellung, die der Sicht des Feindes gänzlich entzogen ist. Hört man dieses ohren betäubende Getöse, dann wird s einem schon bange, und nun erst der gewaltige Knall beim Abfeuern des Geschützes. Man ist fast unfähig, für die nächste Zeit zu hören. Abgefeuert wird das Geschütz auf elektrischem Wege, und zwar in einer Entfernung von über 4W Meter. Der Luftdruck beim Abfeuern ist so gewaltig, daß sich ein Mensch in der Nähe nicht auf den Beinen halten kann. Der Durchmesser, 42 Zentimeter, ist ja bekannt, und nun umhüllt ein ebenso dicker Eisenmantel das Seelenrohr, das bis zu neun Zehnteln der Länge rund, dann viereckig zuläuft und sich noch mehr ver-27? stärkt. Wie groß das Gewicht der Pulverladung ist, ist mir nicht ge stattet, mitzuteilen: doch kann ich sagen, daß die volle Ladung nicht unter 15 Zentner beträgt. Der Mörser ist ein Rohrrücklaufgeschütz. Ein Mann der Be- dienung behandelt mit der größten Sorgfalt den Rücklauf, damit seine Funktion beim Schuß auf keinen Fall beeinträchtigt wird. Das Rohr hat eine Länge von etwa 21 Meter. Die Schußweite des 42-Zentimeter-Mörsers ist etwa 44 000 Meter. Die Entfernung von Dover nach Calais ist 33 000 Meter. Man mache sich davon ein Bild, wenn ein Eisenkoloß, von den bekannten in Bildern gezeigten Granaten, die nebenbei bemerkt genau sind, durch die Lust brummt und dann aus einer Höhe von 400 500 Meter, wenn er den übrigen Teil der Flugbahn in ziemlich hohem Bogen zurückgelegt hat, auf einen Betonklotz oder Panzer schlägt. Die stärksten Panzer- und Betondecken, wenn sie eine Dicke von 5 Meter überschreiten, zer trümmern unter der Aufschlagskraft wie Scherben. Die einschlagenden Granaten kehren ganze Forts um, dringen tief in die Erde und Gestein ein und bringen was unten war nach oben. Immerhin geht man mit der .fleißigen Berich sehr sparsam und vorsichtig um. Die Abnutzung des Geschützes steht im Verhältnis zur Reibung des Geschosses und der aufeinanderliegenden Teile und kostet ein Schuß wohl die hübsche Summe von etwa 48 000 Mark. Irrig ist es, wenn gesagt wird, man könne aus dem Geschütz nur eine bestimmte, geringe Anzahl etwa 50 Granaten verschießen. Der ,Brummer überlebt gewiß den Feldzug. Ehe nun ein Schuß abgefeuert wird, wird genau die Entfernung berechnet, nachgerichtet und nochmals gerechnet, gezielt und geprüft und, saust das Geschoß durch die Luft, ist auch der Kanonier des Er folges sicher. Erst ist eins mächtige, hohe Feuersäule bemerkbar, dann eine gelb und schwarz sich ballende Rauchwolke, wohl über 100 Meter hoch mit Eisenbeton, Erde und sonst allem vermischt, und dann ganz spät ein von weit her schallendes dumpfes Grollen: der Knall. Das Geschoß dringt bei nicht allzu felsigem Boden etwa 8 bis 10 Meter tief in die Erde ein, krepiert und reißt einen Trichter von un gefähr 15 bis 18 Meter Durchmesser. Niemals marschiert die deutsche schwere Artillerie und vor allem die mit der fleißigen Berta ausgerüsteten Bataillone allein. Borne und hinten, rechts und links, überall starke Infanterie- und Kavallerie deckung, Maschinengewehre und leichte Artillerie zum Schutz gegen Überrumpelungen auf dem Marsch. Und außerdem bleibt ja das Ge-280 schütz auch so weit hinter der fechtenden Truppe, daß ein Überfall aus geschlossen ist. Erreichbar sind die Mörser in ihrer Gefechtsstellung vom Gegner nie. Ich weiß fast genau, daß die feindliche Artillerie stets als größte Schutzgrenze 10 WO Meter annimmt. Steht nun der Mörser auf 15 VW Meter, so bleibt ihm immer noch eine Anzahl Kilo meter zum Schutz. Nun möchte ich noch an dieser Stelle einfügen, daß wohl die Schußweite und Treffsicherheit 44 0W Meter beträgt, man jedoch auf diese Entfernung niemals Schüsse abfeuern wird. Es wäre eine Verschwendung der kostbaren Munition und eine große An forderung an die Stabilität des Geschützes, weil man auf diese Ent fernung den Schuß nicht beobachten kann. Wenn das Geschütz auch etwa 44 (M Meter weit trägt, wird man doch wohl nur in den seltensten Fällen über 20 WO Meter schießen, und das will für Ne heutige Taktik schon etwas sagen. Freistehend wird das Geschütz auch nie verwendet werden. In der dem Schießtage vorangehenden Nacht wird es so eingedeckt, daß nichts von ihm zu sehen ist. Den Namen ,Brummer haben dem 42-Zenti- meter-Mörser die Belgier gegeben. Dagegen haben die deutschen Kanoniere das Geschütz ,die fleißige Berta getauft zu Ehren der Gattin des Herrn von Krupp, die bekanntlich Berta heißt. Unter diesem Namen ist der 42-Zentimeter-Mörser in der ganzen Armee bekannt, und man spricht nur noch von den Leistungen der ,fleißigen Berta . Neben den Kruppschen 42-Zentimeter-Mörfern waren die öster reichischen Motormörserbatterien die wichtigste artilleristische Über raschung, die der Krieg mit sich gebracht hat. über die Konstruktion und Verwendung dieser Motorbatterien teilt die Wiener offiziöse .Korrespondenz Wilhelm eine Reihe von Einzelheiten mit, von denen wir folgende hervorheben: Auf den voraussichtlichen Kriegsschauplätzen, welche für Öster reich-Ungarn in Betracht kommen, ist das Eisenbahnnetz sehr schütter, und die für einen Angriff in Betracht kommenden Festungen liegen meist weit im Feindesland, so daß man sich entschließen mußte, Angriffsgeschütze zu bauen, welche ganz unabhängig von den Eisen bahnen auf jeder Straße fortbewegt werden können. Man entschloß sich deshalb zum Motorzug, zur Fortbewegung dieser schweren Ge schütze durch automobile Zugwagen. Auf Grund der durchgeführten Untersuchungen ergab sich, daß ein Rohr von 30,5 Zentimeter das maxi male Kaliber darstellt, welches für die gegebenen Bedingungen in Be tracht gezogen werden kann, und so entstand der 30,5-Zentimeter- Mörser der Heeresverwaltung, welcher von den Skoda-Werken, A.-G.,m Pilsen, gebaut wurde. Das geringere Kaliber dieses Geschützes mußte, um ein der Wirkungsfähigkeit größerer Kaliber gleichwertiges Geschütz zu erhalten, durch Steigerung des Geschoßgewichtes, der Anfangs geschwindigkeit und damit der Wurfhöhe wettgemacht werden, um die notwendige Durchschlagskraft zum Durchschießen der stärksten Beton wände zu gewährleisten. n Die (bei zahlreichen Versuchen erprobten) Erfolge des 30,5-Zenti- meter-Mörsers waren der deutschen Heeresverwaltung, welche auc.) schon in Friedenszeiten mit unserer Heeresverwaltung im engsten Ein vernehmen stand, bekannt, und so darf es daher nicht überraschen, wenn die deutsche Regierung gleich zu Beginn des Krieges mit Frankreich auf die Mitwirkung einzelner derartiger Motorbatterien großen Wert legte. Der 30,3-Zentimeter-Mörser verfeuert Bomben im Gewichte von 388 Kilogramm und wird durch einen Motorwagen von Pferde stärken (Austro-Daimler) auf drei Anhängewagen transportiert. Diese Anhängewagen sind entsprechend der aufzunehmenden Last konstruiert und für die Beförderung des Rohres, der Lafette und der Bettung ein gerichtet. Die sinnreiche Konstruktion des Mörsers ermöglicht eine sehr rasche Montage des Geschützes, das in vierzig bis fünfzig Minuten nach seiner Ankunft in der Stellung bereits schußbereit sein kann. Infolge der raschen Montage ist auch eine schnelle Demontage durchführbar, so daß das Geschütz einen Stellungswechsel mit Leichtigkeit durchführen und im Notfalle selbst ohne Bettung, also beispielsweise am Straßenkörper selbst, schießen kann. Der 30,3 -Zentimeter-Mörser findet infolge seiner geringen Dimensionen überall leicht Deckung, und stellt daher ein für den Feind sehr schwer auffindbares und zu bekämpfendes Ziel dar. Die großen Erfolge des Mörfers bei Namur, Givet, Maubeuge waren für den Kenner des Geschützes jedenfalls nicht erstaunlich. Wäh rend der 42-Zentimeter-Mörser nach den bisherigen Publikationen und dem Vorhergesagten beim Angriff auf das leicht mit der Bahn erreich bare Lüttich seine Überlegenheit zeigte, war es den 3l),5-Zentimeter- Motorbatterien vorbehalten, bei den schon schwerer zugänglichen Festun gen Givet und Maubeuge die Arbeit allein zu verrichten. Die rasche und überwältigende Wirkung dieser modernen 42-Zentimeter- und 30,5-Zentimeter-Mörser mit ihrer großen Treffsicherheit haben den Be stand der bisher üblichen Festungsbauten direkt in Frage gestellt. Einige kurze Episoden von dem bisherigen Tätigkeitsfeld der öster reichisch-ungarischen Motorbatterien sollen, soweit sie bisher bekannt ge- 2SIworden sind, die vorangegangenen mehr theoretischen Erwägungen kon kret erhärten. Unmittelbar an die Auswaggonierung anschließend, setzten sich bei spielsweise zwei österreichisch-ungarische 30,5-Zentimeter-Motor- batterien am 20. August in Marsch, bewältigten am ersten Tage einen Marsch von 3l) Kilometer, am zweiten Tage einen solchen von 20 Kilo meter und eröffneten am dritten Tage gegen die Nordforts von Namur das Feuer. Nach dreitägiger Tätigkeit fällt Namur. Hierauf erfolgt kurze Retablierung, ein weiterer Marsch von zusammen 60 Kilometer, der in drei Tagen beendet ist, und am 29. August beginnt die Feuer tätigkeit vor Maubeuge, die bis zu dessen Fall am 8. September an dauert. Hierbei wurde vor beiden festen Plätzen eine im Verhältnis sehr geringe Schußanzahl verfeuert, ein ebenso ehrendes Zeugnis für die Treffsicherheit der Geschütze wie für die Führung und Bedienung derselben durch die österreichisch-ungarische Festungsartillerie. Der Berichterstatter des ,Berliner Lokal-Anzeigers" auf dem west lichen Kriegsschauplatze hat vor Antwerpen mit österreichisch-ungari schen Offizieren von den schweren Motorbatterien gesprochen. Die Offiziere erzählen, wie sie ihre Geschütze in Stellung gebracht und auf Waelhen und Kessel geschossen haben. Am nächsten Tage erzählten zwei andere, daß noch am selben Tage die Nethe mit den schweren Ge schützen überschritten war, und das Niederkämpfen der inneren Befesti gungen von Antwerpen begonnen hatte. Sie hatten starke Werke vor sich, so z. B. habe Koningshoikt zehn Panzertürme und zwei kaum erkenn bare Beobachtungsstände gehabt. Die Wirkung der schweren Granaten sei aber grandios gewesen, sie hätten alles durchschlagen, und von den Explosionen seien die Betonwände geplatzt, auch da, wo kein Geschoß die Zerstörung direkt bewirkt hatte. Bis in das Maschinenhaus, das Mon- turenlager und den Schlafsaal seien die Projektile durch alle Bettun gen hindurchgedrungen: sogar die Erdwerke seien hier mit Eisenrosten versehen gewesen, aber nichts habe ihren Geschützen standgehalten. Die Mannschaft fügt hinzu, daß kein Projektil zum Feind ohne entsprechende Inschrift hinübergeschickt wird. Mitten im Granat- und Schrapnell feuer finden die Leute die Ruhe, sich immer neue Liebenswürdigkeiten auszudenken, die sie mit Kreide aus die großen, eisernen Geschosse schreiben." Ich wollte vorhin dem Krause nicht in seine Ungeduld hinein platzen", nahm jetzt ein Obersekundaner das Wort, der auf den nicht gerade ungewöhnlichen Namen Schulze hörte. Ich meine, wenn man 2S228) heute abend hier den Meyer rühmend nennt, so darf auch der Name Müller nicht unerwähnt bleiben." Hoch! Herr von Müller und die .Emden !" rief Peter begeistert. Ja, lies uns von der .Emden vor!" Und Schulze begann: Plötzlich war er da, der deutsche Kreuzer .Emden . Im Golf von Bengalen! Die erste Beute seines Streifzuges, der am 10. September begann, war der Dampfer ,Indus , der durch Geschützfeuer zum Sinken gebracht wurde, nachdem die Besatzung auf die ,Emden übergeführt war. Als der Kreuzer auf die Höhe der Bai kam, fing er alle draht losen Nachrichten auf, welche die Abfahrten aus dem Hafen meldeten, und kannte infolgedessen die Lage sämtlicher Schiffe in der Bai. Am 11. September sichtete die ,Emden den Dampfer ,Loo , übernahm seine Besatzung und versenkte ihn. Der Dampfer ,Kabinga wurde in der Nacht zum 12. September genommen, zwei Swnden später der Dampfer.Killin . Während derselben Nacht wurden drei andere Schiffe gesichtet, jedoch nicht verfolgt. Mittags, am 12. September, nahmen die Deutschen den Dampfer .Diplomat , der später versenkt wurde. Dann wurde der italienische Dampfer ,Laruano angehalten und untersucht, aber am selben Tage wieder freigelassen. Auf seinem Rückwege warnte er Dampfer und mehrere andere Schiffe, die zurückfuhren und so der Kaperung entgingen. Am 14. September nahm die ,Emden den Dampfer .Tratbock und versenkte ihn durch eine Mine. Die Besatzun gen sämtlicher Schiffe, die erbeutet wurden, brachte man dann an Bord eines Fahrzeuges, das den Befehl erhielt, nach Kalkutta zu fahren. Zwei deutsche Schiffe begleiteten es bis innerhalb 73 Meilen von der Mündung des Hooghly. Die Offiziere und Mannschaften der vom Kreuzer .Emden versenkten britischen Schiffe äußerten sich anerkennend über die ihnen von den deutschen Offizieren erwiesene Höflichkeit. Am 24. September meldete das Reuterfche Bureau amtlich aus Kalkutta: Der deutsche Kreuzer .Emden erschien vor Madras und schoß zwei Öl behälter in Brand. Die englischen Forts beantworteten das Feuer. Die .Emden löschte ihre Lichter und verschwand in der Dunkelheit. Am 29. September gab die englische Admiralität bekannt, daß während der letzten Tage der Kreuzer .Emden im Indischen Ozean die Dampfer -Tumerico , .Einglud , .Riberia , .Toyle weggenommen oder in den Grund gebohrt und ein Kohlenschiff weggenommen habe. Die Be mannung der Schiffe wurde auf dem Dampfer .Gyfedale , der ebenfalls genommen war und freigelassen wurde, nach Eolombo gebracht. Der -Manchester Guardian schätzt den Verlust, den der deutsche Kreuzer284 ,Emden dem englischen Handel bisher im Indischen Ozean zugefügt, auf eine Million Pfund Sterling (20 Millionen Mark). Der Tonnen gehalt der in den Grund gebohrten Schiffe betrage rund 30 000 Tonnen. Das Blatt zollt dem Kommandanten des Kreuzers Lob, weil er nicht unmenschenfreundlich verfahre, sondern auch die englischen Besatzungen der Schiffe schone. Manchester Guardian bemerkt noch, daß die eng lische Marine in den asiatischen Gewässern über ein halbes Dutzend Kreuzer verfüge, die der,Emden an Schnelligkeit gleichkämen. Lloyds Agent in Colombo telegraphierte am 22. Oktober an die englische Admiraliät, daß die britischen Dampfer ,Chilka , ,Troilus , ,Benmohr , Man , ,Grant und der für Tasmanien bestimmte Bagger ,Ponrabbel von der ,Emden versenkt worden seien, während der Dampfer lExford gekapert wurde. Außerdem wurde von dem deutschen Kreuzer noch der neue Dampfer ,Siegbert versenkt. Aus Colombo wurde dem .Berliner Lokal-Anzeiger gemeldet, daß die,Emden den Briten bereits einen Schaden von über 40 Millionen zugefügt habe. Die ,Tribuna erfuhr durch ein Privattelegramm, daß die Zahl der vom Kreuzer ,Emden gekaperten englischen, französischen und russischen Schiffe viel größer sei, als man ahne. Wie der Tribuna-Korrespondent von dem Gouverneur von Bengalen erfuhr, war der Durchbruch der ,Emden durch eine kombinierte Verfolgung englischer, russischer, französischer und japanischer Schiffe eine unerhörte Leistung, und nur dadurch mög lich, daß die ,Emden die Funksprüche der feindlichen Schiffe auffing. Die Londoner ,Times schreiben: Der kühne kleine Kreuzer ,Emden ist wieder erschienen, diesmal in der arabischen See und hat gute Beute gemacht, die die von der ,Emden in der Bucht von Bengalen gemachte Beute an Tonnengehalt und Werte noch übertrifft. Die ,Emden ver senkte diesmal fünf Schiffe, darunter ein ganz neues der British East Jndia Company, ein großes mit Kautschuk und Zinn beladenes Schiff der Haltlinie und ein wertvolles Baggerschiff. Sie beschlagnahmte fer ner das mit Kohlen beladene Schiff,Oxford , um ein verlorenes Kohlen schiff zu ersetzen. Das britische Publikum war bisher geneigt, die Kreuzfahrt der zEmden mit Amüsement und Toleranz zu betrachten, besonders, weil die Offiziere sich wiederholt als so gute Sportsleute erwiesen haben. Die Zeit ist aber gekommen, die Admiralität zu fragen, wann sie beab sichtigt, der kecken Laufbahn des Kreuzers ,Emden ein Ende zu machen. Sein Auftreten an der Küste von Koromandel hat Birma abgeschnitten und den Handel Kalkuttas gelähmt. Das kostete England über eine Million Pfund Sterling. Das Wiedererscheinen des Kreuzers bedeutetden direkten Verlust einer zweiten Million, so daß wir in wenigen Wochen nahezu den Preis für einen Dreadnought verloren haben. Die ,Emden ist serner verantwortlich für die gegenwärtige hohe Versicherungsrate für die Routen nach dem Orient. Sie kann uns even tuell den indischen Postdienst unterbrechen. Wir wünschen nicht, die gegenwärtige Tendenz mitzumachen, hochgestellte Seeleute anzugreifen, ober wir müssen die wachsende Unzufriedenheit mit den Maßnahmen der Admiralität verzeichnen. Es besteht allgemein das Empfinden, daß die Admiralität den Anforderungen auf der hohen See nicht ge nügend Aufmerksamkeit schenkt. Eine amphibische Kriegführung mag eine Anziehungskraft be- sitzen, aber wir ziehen es vor, daß die Flotte vor allen Dingen mit dem Ozean beschäftigt ist. Die Nation ist gleichzeitig mißgestimmt, zu sehen, daß so viele deutsche Kreuzer noch ungestört die Meere durchfahren, und daß das mit so vieler Reklame geschaffene Minenfeld das Erscyei- nen feindlicher Unterseeboote bei Ostende nicht hindert. Die Nation fürchtet, daß bei der Admiralität die Tendenz herrscht, ihre Tätigkeit zu sehr zu zersplittern, und sie würde den Nachweis begrüßen, daß die Admiralität sich ausschließlich auf ihre eigentlichen Aufgaben konzen triert. Dem ,Daily Telegraph wurde dann aus Kalkutta gemeldet. Infolge der Leistungen des deutschen Kreuzers ,Emden sind die amerikanischen Aufträge für den Jutemarkt vom 21. Oktober zurückgezogen worden. Man fürchtet, daß mit dem argentinischen Auftrage dasselbe geschehen wird. Die ,Morningpost meldet Bombay vom 22. Oktober. Die anglo-indische Presse verlangt Maßregeln zur Wiederherstellung der Sicherheit der Schiffahrt nach Indien, deren gänzliche Hemmung durch die Tätigkeit des Schiffes ,Emden die indische Volkswirtschaft schä digte. Die indische Handelsstatistik weise für den September 1914 gegen den September 1913 einen ernsten Rückgang auf, wofür die ,Emden in höherem Maße verantwortlich sei als der bloße Kriegszustand. Am 27. Oktober gab die Schanghaier Versicherungsagentur Tangtse Kiang bekannt, daß der große japanische Dampfer Jamasata Maru , der nach Singapore unterwegs war, von der ,Emden versenkt wurde. Die Gesellschaft erklärte, für Fahrten über Singapore keine Versicherung mehr anzunehmen. Nach weiteren Feststellungen ver senkte die ,Emden bisher bereits 31 Dampfer, darunter 34 englische, französische und 7 japanische. Über die neuesten Taten der ,Emden gaben die ,^,nnes vom ^2. Oktober einen recht interessanten aussührlichen Bericht unter der 2S5vielsagenden Überschrift Moi-s gucLsssss ok tlw ^inäsn . Zwar ist er vom Pressebureau nicht bestätigt, aber zur Veröffentlichung freigegeben. Das Telegramm lautete: Colombo: Die Admiraliät meldet, daß die britischen Dampfer ,Ehilkana (5140 Tonnen), ,Troilus (7562 Tonnen), ,Benmohr (4806 Tonnen) und Man Grant (3948 Tonnen), sowie ein für Tasmania bestimmter Bagger, wahrscheinlich ,Ponrabel , 150 See meilen südwestlich von Cochin (einer im Süden von Ealicut an der Westküste Vorderindiens gelegenen Stadt) vom deutschen Kreuzer ,Emden versenkt worden sind und der britische Dampfer ,Exford weg genommen wurde. Originell klingt die Behauptung der ,Times , daß, trotzdem nach einer weiteren Meldung die ,Emden auch den Dampfer ,St. Egbert weggenommen und mit den Fahrgästen und der Beman nung der anderen Schiffe nach Cochin gebracht habe, diese erst spät am Abend eingelaufenen Nachrichten keine Wirkung gehabt hätten auf die Versicherungsraten für die Ladungen von Schiffen, die den Hafen noch nicht verlassen hatten. Sie seien auch nicht geeignet, eine solche Wir kung auszuüben, solange die Regierung bereit sei, Versicherungen zu 2 Pfund Sterling 2 Schilling abzuschließen. über den Wert der von der,Emden aufgegriffenen Schiffe gibt eine am nächsten Tage von den ,Times veröffentlichte Liste Auskunft. Danach besaß der mit Gummi und Zinn beladene Dampfer ,Troilus ,wahrscheinlich den höchsten Wert , es war ,ein erst in diesem Jahre fertig gewordenes schönes Schiff ; dasselbe wird vom Dampfer ,Ehil- kana gesagt. Der Dampfer ,Benmohr stammte aus dem Jahre 1912, der ,ExforÄ von 1911, er war von Eardiff unterwegs, wahrscheinlich mit Kohlen. ,Seine Ladung erklärt, warum er nicht versenkt worden ist , fügt das Blatt hinzu, das den Gesamtverlust auf eine Million Pfund Sterling schätzt. Außer den bereits aufgezählten können wir nach den,Times noch folgende Dampfer auf das Konto der ,Emden buchen: ,Buresk mit Kohlen (4350 Tonnen) gekapert, ,Eity of Winchester (6800 Tonnen) versenkt, ,Elan Matheson (4775 Tonnen) versenkt, ^Diplomat (7615 Tonnen) versenkt, ,Indus (3871 Tonnen) versenkt, ,Karbina (4657 Tonnen) gekapert und freigegeben, Mllin (3544 Ton nen) versenkt, Mng Lud (3650 Tonnen) versenkt, ,Lovat (6102 Ton nen) versenkt, ,Pontopores mit Kohlen (4049 Tonnen) gekapert, aber später von einem britischen Kriegsschiff aufgenommen, Mberia (4147 Tonnen) versenkt, ,Traboch (4014 Tonnen) versenkt, und ,Tymerie (3314 Tonnen) ebenfalls versenkt. Es sind dies also zusammen zwanzig Dampfer mit 92 955 Tonnen, die einen Wert von einer Million Pfund Sterling repräsentieren. 2S6267 Nach einer amtlichen Petersburger Meldung aus Tokio wurde der russische Kreuzer ,Schemtfchug und ein französischer Torpedojäger auf der Reede von Pulo-Pinang durch Torpedoschüsse des deutschen Kreu zers ,Emden zum Sinken gebracht. Der Kreuzer hatte sich durch An bringen eines vierten, falschen Schornsteins unkenntlich gemacht und konnte sich auf diese Weise den vernichteten Schiffen unerkannt nähern. Der russische Marinestab teilt folgende Einzelheiten über den Untergang des russischen Kreuzers ,Schemtschug bei Pinang mit: Am 28. Oktober, 5 Uhr früh, näherte sich die ,Emden , die durch Auf stellen eines vierten, falschen Schornsteins unkenntlich gemacht war, den Schiffen, welche die ,Emden- für ein Kriegsschiff der Verbündeten hielten. Die ,Emden fuhr mit voller Kraft gegen den ,Schemtfchug . Sie eröffnete das Feuer und schoß einen Torpedo ab, der am Bug des russischen Kreuzers explodierte. Der Schemtfchug erwiderte das Feuer. Die ,Emden schoß einen neuen Torpedo, der den ,Schemtschug- Zum Sinken brachte. 83 Mann der Besatzung ertranken, 250 Mann, darunter 112 Verwundete, wurden gerettet. Nach amtlicher englischer Bekanntmachung wurde S. M. Kreuzer -Emden am 9. November srüh bei den Kokosinseln im Indischen Ozean, während eine Landungsabteilung zur Zerstörung der englischen Kabel- ftation ausgeschifft war, von dem australischen Kreuzer ,Sidney an gegriffen. Nach hartnäckigem, -verlustreichem Gefecht ist S. M. ,Emden durch die überlegene Artillerie des Gegners in Brand geschossen und von der eigenen Besatzung auf Strand gesetzt worden. Die englische Admiralität gibt ferner bekannt, daß S. M. Kreuzer -Königsberg im Rufidji, 6 Seemeilen oberhalb der Mündung, von dein englischen Kreuzer ,Ehatam durch Versenken eines Kohlendampfers blockiert worden ist. Ein Teil der Besatzung soll sich in einem befestigten Naum am Lande verschanzt haben. Eine Beschießung scyeint wirkungs los gewesen zu sein. Das Schicksal der Besatzung (nach amtlicher Meldung des Neuter- schen Bureaus vom 11. November): Der Kapitän des kleinen Kreuzers -Emden , von Müller, und der Leutnant zur See Franz Joseph Prinz von Hohenzollern sind beide kriegsgefangen und nicht verwundet. Die Verluste der ,Emden betragen 200 Tote und 30 Verwundete. Die Admiralität hat angeordnet, daß den überlebenden der ,Emden alle kriegerischen Ehren zu erweisen sind, und daß der Kapitän sowie die Offiziere ihren Säbel behalten. Nach einer Meldung aus Sydney ist der Kommandant der ,Emden , von Müller, dort eingetroffen; er bleibtauch dort. 150 Matrosen der ,Emden befinden sich, laut einer Londonet Meldung, in Singapore in Kriegsgefangenschaft. London, 11. November. Die englische Admiralität meldet: Nach dem der Angriff auf den ,Pegasus am 19. September anzeigte, wo sich die ,Königsberg befand, veranlaßte die Admiralität die Zusammen ziehung einiger schneller Kreuzer in den ostafrikanischen Gewässern. Die Schiffe suchten gemeinsam die See ab. Die ,Königsberg wurde am 30. Oktober von dem englischen Kriegsschiff,Ehatam entdeckt; sie lag etwa sechs Meilen von der Mündung des Rufidjiflufses gegenüber der Insel Mafia. Die ,Chatam konnte wegen des größeren Tiefgangs die,Königsberg nicht erreichen. Wahrscheinlich sitzt der deutsche Kreu zer außer bei hohem Wasser auf Grund. Ein Teil der Bemannung der Königsberg ist an Land gesetzt worden und liegt am Ufer ver schanzt. Sowohl die Verschanzungen als der Kreuzer wurden von der zChatam beschossen, aber die üppigen Palmenwaldungen verhindern, festzustellen, welcher Schaden durch die Beschießung angerichtet worden ist. Sodann wurden Schritte getan, um den Kreuzer in dem Fluß ab zuschließen, indem in der einzigen Fahrrinne ein Kohlenschiff versenkt wurde. Nachdem so der Kreuzer gefangengenommen war und un fähig, einen Schaden zu tun, wurden die schnellen Schiffe, die ihn ver folgt hatten, für einen anderen Dienst frei. Eine andere kombinierte Operation wird seit einigen Tagen durch schnelle Kreuzer gegen die ,Emden geführt. Dabei wurden die eng lischen Kreuzer durch französische, russische und japanische Kriegsschiffe und durch die australischen Kreuzer Melbourne und ,Sidney unter stützt. Gestern kam ein Bericht, daß die ,Emden bei den Kokosinseln angekommen sei und auf der Insel Keeling eine bewaffnete Abteilung ausgeschickt habe, um die drahtlose Station zu vernichten und die Telegraphenkabel abzuschneiden. Dort wurde die ,Emden durch die )Sidney überrascht und zum Kampfe genötigt. In dem heftigen Ge fecht, das nun folgte, hatte die ,Sidney drei Tote und drei Verwundete. Die Minden wurde auf Strand getrieben und ist verbrannt. Den Ge retteten wurde alle mögliche Hilfe geleistet. Die Londoner Presse widmet dem Kapitän und der Mannschaft der ,Emden warme Worte der Anerkennung wegen ihrer Kühnheit, Tapferkeit und Menschlichkeit. ,Daily Ehronicle schreibt: Wir können alle den Hut abnehmen vor einem solchen Mann wie Kapitän von Müller und nur hoffen, daß er nicht zu den Toten gehört. Andere Blätter heben hervor, die ,Emden habe mehr Schaden angerichtet als die ganze deutsche Flotte zusammen. Wenn Kapitän von Müller, der 2SSDie gefürchtete Waffe unserer Verbündeten. Die österreichisch-ungarischen Motormörser in Russisch-Polen, Zum Absenern eingestellter M.S-vm-Mörser, Deutsches Geschütz im Gefecht,gerettet sein soll, englischen Boden betreten würde, dürfte er gewiß sein, daß er von uns jubelnd mit herzlichem Händedruck empfangen würde, da wir ihm we-gen seiner Tapferkeit, seines Edelmutes und seiner Un erschrockenst ehrliche Bewunderung und Anerkennung entgegenbrin gen würden. Die Namen ,Emden und ,Alabama werden in der Ge schichte der Marine ewig leben. Von dem Kommandanten der ,Emden , Fregattenkapitän von Müller, ist am 26. November nachstehender telegraphischer Bericht über das Gefecht der ,Emden mit dem englischen Kreuzer ,Sidney bei den Kokosinseln eingetroffen: Der englische Kreuzer ,Sidney näherte sich den Kokosinseln mit hoher Fahrt, als dort gerade eine von S. M. S. -Emden ausgeschiffte Landungsabteilung das Kabel zerstörte. Das Gefecht zwischen den beiden Kreuzern begann sofort. Unser Schießen war zuerst gut, aber binnen kurzem gewann das Feuer der schweren englischen Geschütze die Überlegenheit, wodurch schwere Verluste unter unseren Geschützbedienungen eintraten. Die Munition ging zu Ende, und die Geschütze mußten das Feuer einstellen. Trotzdem die Ruder anlage durch das feindliche Feuer beschädigt war, wurde der Versuch gemacht, auf Torpedoschußweite an die Mdney heranzukommen. Die ser Versuch mißglückte, da die Schornsteine zerstört waren und infolge dessen die Geschwindigkeit der ,Emden stark herabgesetzt war. Das Schiff wurde deshalb mit voller Fahrt an der Nord-(Luv-)Seite der Kokosinseln auf ein Riff gesetzt. Inzwischen war es der Landungs abteilung gelungen, auf einem Schoner von der Insel zu entkommen. Der englische Kreuzer nahm die Verfolgung auf, kehrte aber am Nach mittag wieder zurück und feuerte auf das Wrack der -Emden . Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, kapitulierte ich mit dem Rest der Besatzung. Die Verluste S. M. S.,Emden betragen 6 Offiziere, 4 Deck- ofsiziere, 26 Unteroffiziere und 93 Mann gefallen, 1 Unteroffizier und 7 Mann schwer verwundet. über den Untergang des Kreuzers ,Emden und die Zerstörung der Telegraphenstation auf den Kokosinseln bringt der Ostasiatische Lloyd, gestützt auf Schilderungen der ,Stroits Times noch folgende Mit teilungen: Kurz vor 6 Uhr morgens, am 9. November, wurde dem Vor steher .der Kabelstation auf den Kokosinseln gemeldet, daß ein Kriegs schiff mit vier Schornsteinen sich der Hafeneinfahrt nahe. Sofort sandte die Station, entsprechend ihren Befehlen, nach London, Perth, Adelaide und Singapore die Mitteilung, und gleichzeitig wurde drahtlos überall hin ein Hilferuf ausgesandt, dem bald der zweite Ruf folgen konnte, daß das fremde Schiff die,Emden sei. Zwar machte die Minden sofort 19 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.290 den Versuch, die Wellen mit ihrem starken Telefunkenapparat zu stören, aber es ist ihr leider nicht gelungen. Blitzschnell waren zwei Boote ins Wasser gelassen, die unter dem Befehl des ersten Offiziers, Kapitänleut nants von Mücke, standen und mit etwa 40 Mann besetzt waren. Im Handumdrehen waren sie an Land und besetzten die Station, wo noch bis zum letzten Augenblick gearbeitet worden war. Mit drei Schüssen waren die Masten der Funkenstation zusammengeschossen, dann wurden mit Äxten die Instrumente, Dynamomaschinen usw. vernichtet, worauf man sich an das Suchen der Kabel machte. Es war nicht ganz einfach, sie zu finden, und als man das nach Perth führende glücklich gefunden hatte, machte das Durchschneiden viele Mühe. Schließlich gelang es, ungefähr 300 Aards von der Landungsbrücke. Da erschien plötzlich um 9 Uhr 43 Minuten die,Emden wieder im Hafen und forderte durch Flaggen- und Dampfpfeifensignale das Landungskorps auf, schleunigst an Bord zurückzukehren. Da das nicht so schnell möglich war, verließ schließlich die,Emden den Hafen ohne die Leute. Um 9 Uhr 30 Minuten kam die ,Sidney in Sicht. Etwa eine Meile von der Barre entfernt kamen die beiden Schiffe in Schußweite, und die,Emden eröffnete sofort das Feuer auf das mit voller Fahrt herankommende Schiff. Beide Schüsse trafen gut, während die ,Sidney zunächst die Entfernung über schätzt hatte, so daß ihre Schüsse über die ,Emden hinweggingen. Aber bald war dieser Fehler beseitigt, und nun hielt sich die ,Sidney , deren Geschütze weiter reichten als die der,Emden , außerhalb der Reich weite der feindlichen Geschütze. Das konnte sie leicht, weil sie 26 Knoten lief, während die ,Emden nur 24 herausbringen konnte. Treffer auf Treffer hagelte nun auf die,Emden hernieder. Vom Ufer aus sah man noch, wie ein Schornstein, ein Mast, wieder ein Schornstein unter dem Feuer zusammenbrach, dann entschwanden beide Schiffe am Horizont. Die Landungsboote der ,Emden waren inzwischen wieder nach der Insel zurückgekehrt, und Kapitänleutnant von Mücke erklärte den Beamten, daß sie unter deutschem Kriegsgericht ständen, daß also jede Verständigung mit dem Feind schwer geahndet werden würde. Käme die ,Emden bis zum Abend nicht in den Hafen zurück, so werde er auf dem im Hafen liegenden Schoner ,Ayesha mit seinen Leuten die Insel verlassen. Um 6 Uhr abends ging dann der Schoner in See, ge zogen von der Dampfbarkasse, die im Hafen lag, und mit den beiden Booten der ,Emden im Tau. Am nächsten Morgen kam die ,Sidney bei Tagesgrauen in den Hafen und bat um den Doktor und sonstige ärzt liche Hilfe. Sie berichteten, daß die,Emden nach heftigem Geschütz- kampf schließlich auf die Klippen bei North Keeling gelaufen sei, um19 291 nicht zu sinken. Trotzdem nur noch ein Geschütz gebrauchsfähig war, weigerte sich die,Emden doch, die Flagge zu streichen, bis nach mehreren Salven der ,Sidney endlich die Flagge heruntergeholt wurde. An Bord sei alles nur ein unentwirrbarer Haufen von Eisenteilen gewesen. Die -Sidney selbst war angeblich kaum beschädigt, die Geschosse der ,Emden hätten kaum handtiefe Beulen in die Panzerung schlagen können. Am 11. November verließ die ,Sidney die Insel wieder unter Zurück lassung von zwei schwer verwundeten Deutschen. Zum Schluß," und Schulze wurde etwas rot zum Schluß möchte ich mir erlauben, euch ein kleines Gedicht vorzulesen, als dessen Verfasser ich mich selbst gern für schuldig bekenne: ,Emden , dein Name wird nun hinfort Ganz besonderen Klang für uns haben. Brach auch auf steinernem Strand dein Bord, Schmolz auch Feuer des Räderwerks Naben. .Emden , dein tapferer Kommandant Wird uns von allen Feinden beneidet. Jedes Herz fliegt ihm zu, jede Hand; Sieger, Besiegte kein Haß mehr scheidet- England, begreifst du den deutschen Geist Endlich, den du doch wolltest vernichten? Kannst du die falschen Blicke noch dreist Diesem Manne ins Angesicht richten? Nein, in Bewunderung und in Neid Stehst du vor ihm und hast ganz vergessen, Was er gekapert dir kühn im Streit An Schiffen und Schätzen unermesfen. Wisse: Der Name .Emden lebt fort, Karl von Müller wird keine Legende! Wir haben solch Männer mehr an Bord, Die sorgen schon für des Krieges Ende, Sorgen, daß uns der Krieg bringt den Sieg. Wohin ist deine Herrschaft der Meere? Flieg , deutsche Fahne, gen Albion flieg , Euch zum Schrecken, und uns zur Ehre!" An einem anderen Winterabend lasen sie dann wieder von anderen Helden, von solchen, die aus dem Element der Luft am Kriege teil nehmen, von solchen, deren Namen nicht so sehr auf aller Lippen sind und die es doch wahrhaftig verdienen, mit denselben Ehren wie Weddi- gen, Meyer-Waldeck, von Müller genannt zu werden. Feldpostbrief eines Fliegers aus der Vosfischen Zeitung": . Wir, L. und ich, hatten den Auftrag erhalten, die gegen Norden vorgeschobenen Stellungen der Verbündeten festzustellen, und292 hatten uns mit dem alten, braven Doppeldecker, der nun schon manche ehrenvolle Narbe aufzuweisen hat, auf den Weg gemacht. Die Luft war dunstig, und über dem Boden lagerte ein Nebel, daß man ihn mit einem Messer hätte durchschneiden können. Das konnte uns aus zwei Gründen wenig angenehm sein, denn erstens war es fraglich, ob wir überhaupt etwas sehen würden, und dann mußten wir tief gehen, um die Stellun gen Äes Feindes festlegen zu können. Also los, immer nach dem Kom paß steuernd, der uns öfter richtig geführt hatte. Nach einer halben Stunde wurde die Luft etwas sichtiger, und so kamen wir aus 200 Meter Höhe in vorsichtigem, flachem Gleiten tiefer. Richtig! Da unten bewegten sich schwärzliche Striche und Punkte auf Hellem Untergrund. Das mußten Truppen auf der Landstraße sein. Ich kreiste in weitem Vogen über dem Feind, während L. Aufzeichnungen machte. Inzwischen aber hatte man uns unten gesehen, und bald er schienen die bekannten weißen Wölkchen. Also Geschützfeuer! Mein Be obachter zeichnete mit Seelenruhe weiter. Hinter einem Walde sahen wir mehrere Kolonnen. Tiefer gehen, lautet die Losung. Jetzt fängt auch die Infanterie zu bummern an. Zu hören ist natürlich bei dem Motorgedonner nichts, aber einige Treffer haben die linke Fläche ge troffen. Plötzlich kommt vom Benzinreservoir her ein matter Knall. Ehe ich über die Ursache klar bin, sinkt der Zeiger der Benzinuhr und das Druckmanometer zeigt 0. Alle Wetter, der Benzinkasten ist ange schossen! Im nächsten Augenblick verlangsamt sich die Tourenzahl des Motors. Aber schon habe ich die Benzinpumpe gefaßt und presse, so schnell es nur gehen will, neue Luft in das Reservoir, um den Motor in Gang zu halten. Gott sei Dank, der Motor erholt sich wieder. Aber nun zurück, das ist die Losung. Etwa 50 Kilometer trennen uns von unserem Start. Ich bringe den Doppeldecker in die Kurve und gebe dann Höhensteuer, was das Zeug hält. Wir steigen. Immer ängstlich die Benzinuhr beobachtend, die den Verlust des kostbaren Be triebsstoffes kündigt, sausen wir mit etwas Rückenwind dahin. Hundert Liter hatten wir beim Aufstieg, da wir nicht allzu weit fliegen wollten. Fast 20 Minuten flogen wir so mit Anspannung aller Nerven dahin. Da plötzlich das bekannte Puffen im Vergaser. Der Motor bekommt kein Venzin mehr! Zwar waren wir hoffentlich über den Feind hin weggekommen, aber unsere Lage, inmitten feindlicher Bevölkerung zu landen, war nicht beneidenswert. Vorsichtig stoße ich durch Äen Nebel durch und lande bei einer größeren Stadt. Was nun? Da kommen schon die ersten Neugierigen herbeigeeilt und von weitem klingt uns das Vivs entgegen. Ich tauschemit L. einen Blick. Man hält uns offenbar für Engländer, und wenn wir diese Rolle durchhalten, können wir davonkommen. L. fängt also an wie ein Engländer französisch zu radebrechen und verlangt einen Klempner sowie Benzin. Beides ist schneller da, als wir gehofft, nach 20 Minuten Aufenthalt, der durch die Gegenwart einiger Zuaven angenehm gekürzt wurde, konnten wir wieder Benzin auffüllen. Das Leck war verlötet und hielt. Bereitwillig half man uns beim Start, und balö konnten wir davonsausen, so schnell der Motor lief. Aus der Höhe warfen wir den Braven noch eine Meldekarte hinunter, auf der wir für die erhaltene Hilfe bestens dankten allerdings in deutscher Sprache." Oder sie lasen des .deutschen Feldpiloten Hanns vom Rhyns Flug über Warschau im Pester Lloyd: In wenigen Augenblicken trägt die Maschine uns in Turmhöhe über das Fliegerlager, das wie ein aufgebautes Kinderspielzeug an mutet. Gerade ist es 10 Uhr vormittags. Der Bahnlinie Lowicz Warschau entlang rasen wir mit 113 Stundenkilometer vorwärts. Noch immer gebe ich volles Höhensteuer: noch immer klettert der Albatros höher; 700, 800, 900 Meter. In der Tiefe zieht die weiße Welt vorüber. Schneebedeckte Wälder, verschneite Felder. Hin und wieder unterbricht ein Dorf in schwarzen Umrissen die weiße Einöde. Aber immer ist es verwüstet, verbrannt. Seine Bewohner sind geflüchtet, und man kann sich kaum vorstellen, daß auch hier vor Monaten Menschen gelebt und geliebt, Äcker bestellt und Kinder gewiegt haben, ehe die Granaten kamen. Da mein Beobachter wird sichtlich nervös. Er hat seine Karte hervorgezogen und kritzelt darauf. Was gibt s. Er hat größere russi sche Truppenansammlungen erspäht. Richtig! Jetzt haben auch sie uns entdeckt. Maschinengewehrfeuer peitscht uns entgegen. Höher hinauf! Aber weiter: vorwärts! Nun kommen wir gerade so in ein Schnee gestöber hinein. Da stehen wieder weiße Rauchwolken gleich sechs Stück unter uns, wenige Sekunden später uns dicht zur Rechten. Das ist russische Artillerie, die immer in ganzen Lagen feuert. Nun reißen die Fäuste den Steuerhebel ganz heran. Hinein in die bergen den Wolken. Kein Laut von unten dringt mehr herauf. Nur der Mer cedes donnert und braust seinen Titanengesang. Betäubend, gewaltig! Flocken umwirbeln uns in irrem Tanz. Der Sturmwind heult klingend in den straffen Drähten, unter uns, über uns. Dunkler und undurch dringlicher werden die Schneewolken. Der Apparat beginnt schwerer zu arbeiten. Ich sehe fast nichts mehr. Schmelzwasser rinnt von der Schutzbrille. Ich muh sie Hochschieben, doch nun 2V294 sticht der Schnee in die Augen wie Nadeln. Schon lange hat F. die Orientierung verloren. Es ist, als würden wir von einem unheim lichen, fürchterlichen Strudel im Kreise herumgerissen. Nur das Gefühl leitet mich noch etwas. Endlich stoßen wir wieder aus der Wolken decke hervor. Wo sind wir? Ties unten zieht sich wie ein dunkles Band die Weichsel durch das weiße Land. Wir scheinen nach Süden abgetrieben zu sein. Ratlos schaut Gras F. zu mir. Jede Minute ist kostbar, denn sie bringt uns weiter vom Kurs ab. Da gelingt es F., eine Eisenbahnlinie zu entdecken, aus der wir annehmen können, daß Warschau in Nordnordwest liegen muß. Wenden! Mit Vollgas braust der Hundertpferdige, und nach 25 Minuten taucht unser Ziel auf. Man muß unser Kommen gemeldet haben, denn wir wurden so gleich mit mörderischem Artilleriefeuer empfangen. Indes Graf F- zeichnet, muß ich unablässig über den Festungswerken kreisen. Unter und neben uns krepieren die Schrapnells. Ihr Luftdruck packt den Doppeldecker, stößt ihn in die Tiefe, bläst ihn nach oben. Die weißen Wölkchen brodeln wie kochende Milch, weiß, wallend, schäumend. ,Blasewitz stößt, stampft und rollt wie ein Schiff, das überholt. Um mit Erfolg zu zielen, find wir zu hoch. Graf F. winkt nach unten, und in steilem Gleitflug lasse ich den Albatros hinabsteigen. Dann aber be ginnt F. Er wirft ein Geschoß über Bord noch fällt es und schon saust ein zweites ihm nach. Für einen Augenblick drossele ich den Motor; eine gewaltige Detonation schallt herauf. Und nun fliegt Bombe auf Bombe erdwärts, jede mit einem deutschen oder österreichisch- ungarischen Wimpel. In verschiedenen Stadtteilen flammt Feuer auf. Da klingt hell und herausfordernd, wie der Schrei eines Adlers, von links durch all das Krachen und Knattern ein anderer Motor. Noch ist im Schneegestöber nichts zu erkennen. Ist s Freund oder Feind? Wir steigen. Der andere auch. Jetzt ist er deutlich sichtbar. Ein Ein decker, Typ Nieuport. Also ein Russe! Er ist höher als wir, und wie wütendes Kampfgeschrei klingt das scharfe, gellende Brausen seines Gnome. Auch wir steigen rapide. Ich messe, ich rechne. Eine Runde noch. Jetzt sind wir mit ihm in einer Bahn. In nur 150 Meter Abstand sausen wir aneinander vorüber. Ein Luftduell wird in 18V0 Meter Höhe beginnen. Oberleutnant Graf F. steht auf und reißt den Kara biner an die Wange, ich entsichere meine Pistole. Der Russe feuert. Die Schüsse scheinen nicht getroffen zu haben. Wie zwei Kampfhähne kreisen die beiden Flugzeuge umeinander. F. schießt. Ein-, zwei-, dreimal. Ohne Erfolg. F. winkt, näher an den Russen heranzugehen. Eine jähe Wendung. Wir sind gerade über ihm. Da aber zersplittert eine295 Kugel den Holm des linken unteren Flügels. Kaum wage ich hinzu sehen. Plötzlich spüre ich auch einen Stich in der Hüfte. Ich versuche vergeblich, tief zu atmen. Blut rinnt aus dem Pelze. Da schießt Graf F. ein letztesmal. Der Führer des Eindeckers wirft die Arme hoch und sinkt in seinem Sitz zusammen. Der feindliche Apparat schwankt einmal nach rechts, einmal nach links, dann schießt er nach unten. Mit fest zusammengebissenen Zähnen jagen wir westwärts. Wenn bloß der Flügel standhält! Und er ist nicht gebrochen. Nach 43 Minuten hatten wir unseren Flugplatz erreicht. Wir gehen nieder, schweben, gleiten, setzen sacht auf. Der Doppeldecker rollt, wippt und bleibt zitternd stehen. Fast auf derselben Stelle, wo er aufgestiegen ist. Die Mechani ker springen herbei. Die Schraube macht ein paar matte, kraftlose Schläge und steht still. Oberleutnant Graf F. hat vorzügliches Material gesammelt. Die Russen werden meinen Hüftschuß teuer zu bezahlen haben." Und dann lesen sie wieder die männlichen, herrlichen, deutschen Worte, mit denen der General von Wachs, der königliche General kommissar zur militärischen Vorbereitung der Jugend für die Provinz Brandenburg, zum Eintritt in die Iugendkompagnien aufrief, in deren Reihen auch sie nun schon seit Wochen standen. Und wenn es ihnen auch noch nicht vergönnt war, selbst mit hinauszuziehen in die wirkliche Schlacht, der große Rhythmus der Gewißheit: Die Trommel schlug zum Streite " war auch in ihnen mächtig. Die Worte Generals von Wachs waren nicht ungehört im deutschen Vaterlande verhallt: Und ob die halbe Welt uns feind In Niedertracht und Lügen, Ein Volk wie wir, im Kampf vereint, Wird siegen, siegen, siegen! Wir müssen siegen! Denn Deutschland kämpft um seine Existenz. Es verteidigt seine heiligsten Güter, Freiheit und Vaterland, Weib und Kind, Haus und Herd gegen ruchlosen Uberfall. Es kämpft auch für Gesittung und Menschlichkeit. Die Welt kann deutschen Fleiß, deutsche Gründlichkeit, deutsche Treue, deutsche Red lichkeit nicht entbehren. Wir werden siegen! Unser Kaiser sprach beim Kriegsbeginn sein Vertrauen aus, daß der alte kriegerische Geist noch in dem deutschen Volke lebt, jener ge waltige kriegerische Geist, der den Feind, wo er ihn findet, angreift,296 koste es, was es wolle, der von jeher die Furcht und der Schrecken unserer Feinde gewesen ist . Dies Vertrauen ist nicht getäuscht worden. Wir haben schon gesiegt. Wir haben gesiegt über den Geist der Zwietracht und Parteiung, der unserm Volke so oft und schwer geschadet hat. Den Feinden gegen über gibt es keine Parteien, sondern nur Deutsche. Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen und Gefahr. Wir haben gesiegt auch im heißen Ringen zu Lande und zu Wasser und in der Luft. Heldentaten sind vollbracht worden, wie sie glänzender die Welt geschichte nicht kennt. Warum haben wir gesiegt? Weil jeder im deutschen Volke, hoch oder niedrig, felsenfest davon durchdrungen ist, daß wir den Krieg nicht gesucht haben, daß unser Kaiser alles getan hat, uns auch diesmal den Frieden zu erhalten. Darum ist jeder zu den größten Opfern bereit. Darum find Millionen deutscher Soldaten hinausgezogen mit dem unbezwinglichen Willen zum Siege. Sie wissen als Helden zu kämpfen und als Helden zu sterben. Aber noch ist der Kampf nicht beendet. Groß ist die Zahl unserer Feinde. Groß sind ihre Machtmittel. Wir wissen nicht, wie lange wir noch kämpfen müssen. Noch viele wer den zu den Fahnen gerufen werden, um das Vaterland zu verteidigen. Wohlan, ihr deutschen Jünglinge von 16 bis 22 Iahren! Ihr habt vernommen, mit welchem Löwenmut eure kriegsfreiwilligen Kame raden die feindlichen Reihen gestürmt haben, das Triumphlied ,Deutsch land, Deutschland über alles! auf den Lippen. Unsere oberste Heeres leitung gibt ihnen das Zeugnis, daß sie sich auf das glänzendste bewährt haben. Ihr werdet hinter euren Brüdern nicht zurückstehen und in gleichem Geiste kämpfen, wenn euch das Vaterland ruft. Auf daß aber eure Kraft nicht hinter eurem Willen zurückbleibe, bereitet euch rechtzeitig und gründlich auf euern hohen Beruf vor! Tretet ein, Mann für Mann, in die Jugendkompagnien! Stählt eure Kraft! Schärft eure Sinne! übt euern Mut! Überwindet euch selbst! Große Scharen sind dem Rufe fchon gefolgt. Doch auch hier muß es heißen: Das ganze Deutschland soll es sein! Der König rief, und alle, alle kamen.297 Wohlan, ihr Väter und Mütter! Regt eure Söhne zur Teilnahme an! Seht das Treiben der Jungmannschaft nicht als eine Spielerei an, sondern als eine ernste, vaterländische Pflicht. Bringt auch dafür Opfer. Seid stolz auf eure Söhne, wenn sie ihre sittlichen und körperlichen Kräfte für den vaterländischen Dienst stählen wollen. Wohlan, ihr Meister, Lehrherren und Arbeitgeber! Gewährt den Jungmannen die Zeit, an den Übungen teilzunehmen. Ihr könnt sie an einem Wochennachmittag und am Sonntag nicht entbehren? Wenn der Feind ins Land einbräche und eure Betriebe zerstörte, dann würden eure Arbeitskräfte unfreiwillig feiern. Bedenkt auch, daß die Kraft, Ausdauer, Gewandtheit und Umsicht, Zucht und Ordnung, die die Jungmannen auf den Übungsplätzen erwerben, euch bei ihrer Arbeit in euren Betrieben und dem Vaterlande durch Hebung der Volks- und Wehrkraft zugute kommen. Und nun Werk! Ist das Gesagte richtig, so stimmt zu, aber nicht mit Worten, sondern mit der Tat. Kein Ja aber . . ., sondern ein freudiges: Ja also!" Oder sie lesen von dem mit dem Eisernen Kreuz geschmückten Pfadfinder Kurt Fielow aus Kottbus. Jener, der bei Ausbruch des Krieges in Kassel in der Lehre stand, schloß sich beim Ausrücken den Kasseler Truppen an, und hat sich im Westen sehr verdient gemacht. In den Kämpfen bei Lille und Armentiöres zeichnete er sich vor dem Feinde so sehr aus, daß ihm trotz seiner Jugend das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen wurde. Er rettete mehreren Offizieren und Mannschaften durch seine Unerschrockenst das Leben. Um bei etwaiger Gefangenschaft nicht als Freischärler betrachtet zu werden, wurde er auf Veranlassung der Obersten Heeresleitung in Jena militärisch aus gebildet. Oder sie lesen den Bittbrief jenes Sohnes an seine Eltern, wie er zuerst in den Hohenzollernschen Blättern" abgedruckt war und dann von fast allen deutschen Zeitungen nachgedruckt wurde. Der siebzehnjährige Sohn einer Fabrikantenfamilie in Hohen- zollern, Primaner am Eßlinger Gymnasium, dessen älterer Bruder be reits seit Kriegsbeginn als Offizier im Felde steht, sandte an seine Eltern folgendes Schreiben: Liebe Eltern! . . . Ihr seht an meinem gestrigen Brief, daß ich in Eile und gar nicht in der rechten Verfassung war. Das hat einen tiefen Grund . . ., jetzt habe ich mich entschlossen, Euch alles mitzuteilen. Ich298 bitte, laßt mich als Kriegsfreiwilliger ins Feld! Ihr braucht nicht zu denken, es sei der überschäumende Mut der Jugend, der mich zu dieser Bitte drängt im Gegenteil, zurückgezwungen habe ich diese Worte schon lange, weil ich Euch nicht zuwider sein wollte. Ich habe das Vor haben mir lange, lange überlegt, die Überlegung füllte lange Stunden, in denen ich an Reinhold dachte, wie er draußen gegen der Deutschen Lügenfeinde kämpft. Und wie ich sein neues Kommando gehört, da hat es mich neben der Angst um ihn mit Stolz erfüllt, daß meinem leiblichen Bruder eine so ehrenvolle Aufgabe zuteil wurde. Und wieder empfand ich als Schmach, wenn man gesunde und gerade Glieder hat, fähig ist, etwas zu leisten, da herumzusitzen. An all das Große dacht ich, das da draußen nun geschaffen wird, an den Bau eines zukünftigen friedlichen Lebens. Ich dachte daran, daß ich nicht mitmachen sollte, mithelfen, mitwirken an Deutschlands großem Kampf, trotzdem ich mir immer wieder sagen mußte, daß ich dazu befähigt sei. Selbstsüchtig, dacht ich, ist s, wenn man sich erhalten will, aufsparen, um die Lor beeren zu ernten, die meine Vettern errangen, und die auch ich tauglich wäre zu erringen; bloß darum nicht mitzugehen, daß es keine Schmer zen gibt. Und nun, da ich wieder in der Schule sitze, ist s immer stärker gekommen, und schließlich Hab ich s nimmer aushalten können, und dann habe ich gedacht: Mater muß es tun, er muß dieses Opfer dem Vater land bringen Ich muß hinaus, sprach s in mir, sonst reibt s mich auf. Täglich, wenn ich einem Menschen begegnete, glaubte ich, er müsse mich fragen: ,Warum bist du noch im Landes Und dann stellte ich mir vor, daß ich mich schämen würde in hohem Alter, wenn jemand von Deutsch lands großem Erhaltungskampf erzählte. Schmählich scheint s mir, auf einem Boden zu leben, den zu verteidigen man auch mich hätte brauchen können, Vorteile zu ziehen aus Kulturwerten, die auch ich hätte mit- erkämpfen können. Ach, ich kann Euch gar nicht schildern, wie mir ist. Und darum, liebe Eltern, bitte ich Euch in meiner Kindesliebe, laßt mich ziehen, freiwillig, ohne das harte Muß, wie bei Roinhold. Mutter hat mich oft gelehrt, eine freiwillige Tat sei vor Gott viel mehr wert als eine erzwungene. Denkt an die vielen Familien, in die dieser Krieg schon Leid gebracht: diesen ist s ein Trost, wenn sie von der Dienstbereit schaft junger Freiwilliger und deren Eltern hören. Vertraut auf den alten Gott, wie er über unserm ganzen Volke steht; er wird s wohl machen, auch mit mir. Denkt: Gottes Wege sind unersorschlich drum laßt sein Werk bestehen. Er spricht in mir, Vaterlandsliebe ist auch Gottesliebe, denn wir kämpfen einen Kampf der Wahrheit gegen die Lüge, einen Kampf der Gerechtigkeit gegen das Laster.299 Nicht dem raschen Impuls der Jugend folgend, nicht unbedacht und voreilig komme ich mit meiner Bitte. Alles habe ich erwogen, ich bin allen Stimmen gerecht geworden, aber immer wieder stürmte jener Gedanke auf mich ein: Die Sache der Wahrheit Die Sache Gottes Sobald Du mir den Erlaubnisschein gesandt haben wirst, lieber Vater, werde ich aufs Depot gehen. Im Urlaub komme ich Äann schon mal, und schließlich ist ein rüh render Abschied nicht dazu geeignet, das Fortsein leichter ertragen zu lassen. Es gibt Dinge, wo man nicht Nein sagen kann. Ich hoffe, Gott möchte Euch das Herz auch so voll und schwer von der Erkenntnis der gerechten Sache machen, daß Ihr nur den Segen sprechen könnt: Liehe mit Gott! Ich möchte noch so viel, ach so viel schreiben .... Es grüßt Euch herzlich Euer "dankbarer Chr." Dachten sie in diesem Augenblick nicht alle an ihren Freund und Kameraden Abromeit, der vielleicht gerade jetzt in Gefahr und Kälte eines Schützengrabens fern im Argonnenwalde lag? Dessen Gedanken ebenfalls jetzt zu ihnen hinüberfluteten und sich in Herzlichkeit der ge meinsamen schönen Tage der ersten Jugend erinnerten! Ach, wenn es ihm doch nicht bestimmt wäre, auch eines der notwendigen Opfer dieses schrecklichen Krieges zu werden!Fünfzehntes Kapitel. Anter der Fahne des Propheten. Belgrad. Weitere Kämpfe. Der Heilige Krieg! Der Heilige Krieg war da! Der alte Kaiser Franz Joseph zögerte keinen Augenblick, dein Sultan folgendes Telegramm zu senden, das im ganzen ottomanischen Reich großen Jubel hervorrief: In diesem feierlichen Augenblick, da das ottomanische Reich ge nötigt ist, für seine Ehre und die Wahrung seiner obersten Interessen zu kämpfen und sich aus die Seite Österreich-Ungarns und seines Ver bündeten, Deutschlands, stellt, liegt es mir sehr am Herzen, Eurer Kaiserlichen Majestät die hohe Genugtuung auszudrücken, die ich dar über empfinde, unsere Heere und unsere Flotten in edler und hehrer Begeisterung für die Unversehrtheit und den Ruhm des Vaterlandes kämpfen zu sehen. Es freut mich, in diesem glücklichen Beginn der Aktion der Flotte Eurer Kaiserlichen Majestät ein Unterpfand und ein gutes Vorzeichen zu erblicken für den Erfolg unserer Waffen im Kampfe, der uns von unseren Feinden aufgezwungen worden ist, und für eine dauerhafte und ruhmvolle Zukunft unserer Völker. Franz Joseph." Das Antworttelegramm des Sultans aber lautete: Ich habe das Telegramm, das Eure Majestät an mich zu richten die Güte hatten, mit dem größten Vergnügen erhalten. Gestützt auf mein Recht und im Vertrauen auf ven Allmächtigen habe ich den von unseren gemeinsamen Feinden uns aufgedrängten Kampf angenommen. Ich kann Eurer Majestät versichern, daß ich meinerseits die lebhafteste Be friedigung darüber empfinde, meine Heere mit den glorreichen Heeren Österreich-Ungarns und Deutschlands für die Verteidigung unserer hei ligsten Rechte kämpfen zu sehen. Ich habe die feste Hoffnung, daß öer Allerhöchste die heilige Sache der Gerechtigkeit durch den Sieg unserer Heere triumphieren lassen wird. Ich lege Wert darauf, Eurer Majestät zoo501 meine größte Bewunderung für die ruhmvollen Taten Ihrer Heere aus zudrücken und hege die aufrichtigsten Wünsche für unfere gemeinsamen Erfolge. Mehmed V." Am 12. November erschien folgendes Manifest des Sultans: An meine Armee und Flotte! Infolge der Erklärung des Krie ges zwischen den Großmächten wäret ihr unter die Fahnen berufen worden, um nötigenfalls gegen die auf eine Gelegenheit lauernden Feinde die Rechte und die Existenz unserer Regierung und des Landes zu verteidigen, das stets ungerechten und unerwarteten Angriffen aus gesetzt war. Während wir so in bewaffneter Neutralität lebten, eröff nete die russische Flotte, welche in das Schwarze Meer ausgelaufen war, um am Bosporus Minen zu legen, plötzlich das Feuer gegen einen Teil der Flotte, welcher gerade Manöver abhielt, und während wir er warteten, daß Rußland diesen dem Völkerrecht widersprechenden Angriff wieder gutmachen werde, brach dieser Staat, ebenso wie seine Verbündeten Frankreich und England, die Beziehungen zu unserer Regierung ab, indem sie die Botschafter abberiefen. Unmittelbar dar auf überschritt die russische Armee unsere Ostgrenze, während die ver einigte englische und französische Flotte die Dardanellen sowie englische Schiffe Akaba bombardierten. Angesichts derartiger aufeinanderfolgen der Akte verräterischer Feindseligkeiten waren wir gezwungen, den Frie den aufzugeben, welchen wir immer wünschten, und vereint mit Deutsch land und Österreich-Ungarn zu den Waffen zu greifen, um die gesetz mäßigen Rechte zu verteidigen. Seit drei Jahrhunderten fügte Rußland unserem Reiche schwere Nachteile zu und bemühte sich immer, sei es durch Krieg, sei es durch List und Intrige, jede sich kundgebende Aufrichtigkeit, die zur Er höhung der nationalen Kraft und Größe hätte führen können, zu unterdrücken. Rußland, England und Frankreich, welche Millionen Muselmanen unter tyrannischer Verwaltung halten, hörten niemals auf, Hintergedanken gegen unser erleuchtetes Kalifat zu hegen, mit wel chem die Muselmanen durch religiöses Gefühl verbunden find. Sie wurden die Urheber und Anstifter allen Unglücks und Ungemachs, das gegen uns gerichtet wurde. Durch den großen Heiligen Krieg, den wir heute unternehmen, werden wir mit Gottes Hilfe den Angriffen ein Ende setzen, welche einerseits gegen den Ruhm des Kalifats, anderseits gegen die Rechte des Reiches gerichtet werden. Die ersten Schläge, welche wir mit Hilfe Gottes und dem Beistände des Propheten unseren Feinden durch die Flotte im Schwarzen Meere und unsere tapfere Armee an den Dardanellen, bei Akaba und an der502 Grenze des Kaukasus versetzt haben, bestärkten unsere Überzeugung, daß der Kampf auf dem Wege des Rechtes sieggekrönt sein wird. Die Tatsache, daß die Gebiete und die Armeen der Feinde heute unter dem festen Drucke unserer Verbündeten stehen, erhöht noch diese Über zeugung. Meine heldenmütigen Soldaten! Lasset nie ab von der Festigkeit und der Ausdauer in diesem Heiligen Kriege, den wir gegen unsere Feinde eröffnen, die unsere heilige Religion und unser teures Vaterland angreifen wollen! Stürzet euch wie die Löwen ungestüm auf den Feind, weil ebenso wie unser Reich auch das Leben und die künftige Existenz von 300 Millionen Muselmanen, die ich durch die Heilige Fetwa zum Heiligen Krieg aufrufe, von eurem Siege abhängen! Die Wünsche und die Gebete von 300 Millionen unschuldiger und bedrückter Gläubiger, die in den Moscheen, den Medschlis sowie in der Kaaba sich an den Herrn der Welten wenden, sie begleiten euch! Soldaten! Meine Kinder! Die Pflicht, die euch obliegt, war niemals bis jetzt irgendeiner anderen Armee auferlegt. Zeiget, indem ihr diese Pflicht erfüllt, daß ihr würdige Nachfolger der Armeen der Ottomanen seid, die einst die ganze Welt erzittern ließen, damit der Feind nicht mehr wage, an unser heiliges Gebiet zu rühren und die ge weihte Erde von Hedschas, die die göttliche Kaaba und das Grab des Propheten birgt, zu stören: zeigt wirksam den Feinden, daß die Armee und die Flotte der Ottomanen bestehen, die dem Tode für ihre Herrscher trotzen und die Religion, das Vaterland und die militärifche Ehre mit den Waffen verteidigen! Wir wissen, daß Recht und Gerechtigkeit auf unserer Seite, Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf der Seite unserer Feinde sind. Es besteht kein Zweifel, daß zur Vernichtung unserer Feinde uns die Gnade des Allmächtigen und der geistige Beistand des Propheten Helsen und uns beschützen werden. Ich bin überzeugt, daß wir aus dem Heiligen Krieg glorreich und mächtig hervorgehen. Vergesset nicht, daß ihr in diesem Kriege die Waffenbrüderschaft eingeht mit den zwei bedeutendsten und mächtigsten Armeen der Welt! Mögen eure Märtyrer den Märtyrern, die euch vorangegangen sind, einen glücklichen Sieg bringen! Möge der Säbel derjenigen, die ihn anlegen werden, scharf sein! Mehmed Reschad." In Konstantinopel wurde eine Massenversammlung veranstaltet, an der eine nach Zehntausenden zählende Menschenmenge teilnahm. Frühzeitig versammelten sich die verschiedenen Vereine auf den bezeich neten Plätzen und marschierten mit Fahnen und Standarten, die mit patriotischen Aufschriften versehen waren, auf den Fatihplatz in Alt-Stambul, der von einer ungeheuren Menschenmenge aller Schichten und jedes Alters, darunter auch zahlreichen türkischen Damen, dicht gefüllt war. Nach den Mittaggebeten wurde in der Fatihmoschee von der großen Kanzel herab durch eine Sondergesandtschaft des Scheich ül Islam die Heilige Fetwa verlesen, in der der Heilige Krieg proklamiert wird. Von einer Tribüne auf dem Fatihplatz hielt der Deputierte von Smyrna eine längere Ansprache. Die ganze ungeheure Menschenmenge begab sich sodann auf den Platz vor das Kriegsministerium, wo mehrere Reden gehalten und Gebete für den Sieg von Heer und Flotte ver richtet wurden. Sodann zog die Menge vor die Pforte, um zu be kunden, daß die Nation im vollen Einvernehmen mit der Regierung zu allen Opfern bereit ist. Im alten Serail von Topkapu empfing der Sultan vor dem Mantel des Propheten in Gegenwart des Großwesirs, des Scheich ül Islam und einiger Minister eine Abordnung der großen Versammlung und hielt dabei folgende Ansprache: Ich betrachte die patriotische Kundgebung meiner Nation als den glänzendsten Beweis für die Beharrlichkeit und Festigkeit, Äie sie in der Verteidigung des Vaterlandes während des Krieges zeigen wird, den wir zur Verteidigung unserer Rechte gegen drei Großmächte unter nehmen. Wir vertrauen dabei auf den göttlichen Schutz und den Bei stand des Propheten. Ich bin überzeugt, daß wir siegen werden. Meine Kinder! Auf daß der Boden des Vaterlandes nicht von den Feinden überschwemmt werde, auf daß die seit einiger Zeit den Angriffen von allen Seiten ausgesetzte mohammedanische Nation gerettet werde, ist es notwendig, daß ihr Festigkeit und Ausdauer zeigt. Ich erwarte von der Gnade Gottes, daß unsere an diesem heiligen Orte gesprochenen Gebete erhört werden!" In später Abendstunde zog die Menge in gewaltigem Zuge auch vor die deutsche Botschaft, wo der Botschafter von Wangenheim und Herren der Botschaft das Komitee empfingen. Auf eine Ansprache aus der Menge heraus erwiderte der Botschafter etwa folgendes: Es ist mir eine Genugtuung, daß die Versammlung der Freude Ausdruck gegeben hat, mit den Deutschen Schulter an Schulter kämpfen zu können. Ich danke für diese Sympathien und werde darüber dem Kaiser berichten, der sich schon oft als treuer Freund der Türkei und des Islams gezeigt hat. Zum Zeichen seiner Gesinnung gegen die Türkei und die mohammedanischen Völker hat der Kaiser einige mohamme danische Gefangene hierhergeschickt und zur Verfügung des Sultans ZvZgestellt. Die Türkei ist an einem wichtigen Wendepunkt der Geschichte angelangt. Ich habe die unerschütterliche Überzeugung, -daß die ver bündeten Heere bis zum letzten Mann kämpfen und siegreich bleiben werden und das Ergebnis des Sieges eine neue Ära des Glücks sür die Türkei bedeuten werde." Mit einem Hoch auf den Sultan und die mohammedanischen Völker sowie das siegreiche türkische Heer schloß die Ansprache des Bot schafters. Auf dem Balkon erschienen nun vier der auf dem Kriegs schauplatz in Frankreich von deutschen Truppen gefangenen afrikani schen Soldaten in französischer Uniform. Einer nahm das Wort und erklärte, er und seine Brüder hätten erst im Kriege erfahren, daß sie gegen Deutschland kämpfen sollten. Sie seien von den Franzosen grau sam behandelt worden und froh, daß der Kaiser sie nach der Türkei ge schickt habe. Unter fortwährenden Hochrufen auf Deutschland und unter den Klängen von Heil dir im Siegerkranz" setzte sich dann der Zug nach der österreichisch-ungarischen Botschaft m Bewegung. Das türkische Hauptquartier veröffentlichte inzwischen diesen Be richt über die Vorgänge, über die bisher aus strategischen Gründen noch geschwiegen werden mußte: Die Russen wollten an der Landgrenze den überraschenden An griff wiederholen, den sie gegen unsere Flotte versuchten. Ohne Kriegs erklärung überschritten sie am 1. November in fünf Kolonnen die kau kasische Grenze. Es steht außer Zweifel, daß die Durchführung einer solchen Bewegung nur nach langen Vorbereitungen erfolgen konnte. Trotz dieser Vorbereitung und diesem Angriffe des Feindes führten unsere Grenztruppen die ihnen erteilten Befehle mit viel Tapferkeit und Geschicklichkeit durch. Zunächst zogen sie sich, indem sie dem Feinde starke Schläge versetzten, sehr langsam zurück. Wir fügten den Russen zahlreiche Verluste zu und setzten durch diesen Zeitgewinn unsere Nach schübe in den Stand, die notwendigen Stellungen einzunehmen. An gesichts des beständigen Widerstandes unserer Vortruppen konnte der Feind, der alle seine Kräfte sammelte, erst vier Tage nach dem über schreiten der Grenze in die Gegend von Köpriköi gelangen. Ein An griff der Kosaken gegen Köpriköi wurde durch unsere Kavallerie divisionen zurückgeschlagen. Am 5. und 6. November stellte der Feind seine Bewegungen ein und begann Verschanzungen zu errichten. Unsere in Zwischenräumen eingetroffenen Truppen hielten den Vormarsch des Feindes aus. Unsere Infanterie traf die notwendigen Vorbereitungen zum Sturmangriff. Am 7. November gingen unsere Truppen zur Offensive über. Der Z05K S. M. S. Goeben". ?kot. f^snsi ci Der Kreuzer Breslau".ptiot. ^snsi-6 pliot. ksnol^ Der deutsche Turbinenkreuzer Dresden" Der kleine Kreuzer Nürnberg", im Kaiser-Wilhelm-Kanal. k-kot, ? s. Der Panzerkreuzer Scharnhorst", der an dem Seekampf in den chilenischen Gewässern teilnahm. ? ?! , X, k . S, Der kleine Kreuzer Leipzig", der an dem See kampf in den chilenischen Gewässern teilnahm. Der Panzerkreuzer Gneisenau", der an dem See kämpf in den chilenischen Gewässern teilnahm-Feind leistete in einer starken Stellung, die er im Westen von Köpriköi errichtete, Widerstand. Am 8. November wurde unsere Offensive fort gesetzt. Am Nachmittag drangen unsere tapferen Truppen in die Ver schanzungen des Feindes ein und besetzten seine Stellungen, die von vier Infanterieregimenten, einem Artillerieregiment und einer Ka valleriedivision verteidigt morden waren. Der Feind zog sich zurück und besetzte eine andere starke Stellung in der Umgebung von Köpriköi, wo Verstärkungen einzutreffen begannen. Am 9. November hatten wir vor uns eine russische Division und das ganze erste kaukasische Korps. Die feindliche Front erstreckte sich auf eine Länge von 13 Kilometern vom Araxflusse im Süden bis zum Gebirge im Norden. Der Feind hatte in der ganzen Ausdehnung seiner Stellungen Be festigungen errichtet und verfügte hinter dem linken Flügel über starke Reserven. Am 10. November traf unsere Armee die notwendigen Maß nahmen, um zur Offensive überzugehen. Sie begann am 11. November früh mit einem allgemeinen Sturmangriff. Nach einer blutigen Schlacht nahmen unsere Truppen gegen mittag mit dem Bajonett Kö priköi, das einen feindlichen Stützpunkt bildete. Bei Einbruch der Nacht waren drei Viertel der feindlichen Stellungen von unseren Truppen besetzt. In der Nacht wurde mit dem Bajonett auch die Höhe 1905 östlich Köpriköi, der letzte feindliche Stützpunkt, genommen. Am 12. No vember war unser Sieg endgültig. Alle feindlichen Stellungen waren genommen. Ein ganzes russisches Armeekorps war geschlagen und hatte die Flucht ergriffen. Unsere unerschrockene und unermüdliche Armee hat die Verfolgung des Feindes aufgenommen. Infolge dieser Niederlage des Gros der feindlichen Armee besteht kein Zweifel, daß die schwachen feindlichen Streitkräfte, die vor Turtum und Karakiliffe sich gehalten haben, gleichfalls verjagt werden. Un geachtet der fünftägigen Kämpfe und des gebirgigen Terrains ist die Moral unserer Truppen ausgezeichnet. Der Zustand zahlreicher Ge fangener und Deserteure, deren Zahl noch nicht geschätzt werden kann, beweist, wie erschüttert die Moral des Feindes ist." Zwischen dem Deutschen Kaiser und dem Sultan aber fand folgen der herzlicher Telegrammwechsel statt: In dem Augenblicke, wo ich das Vergnügen habe, im Haupt quartier meiner tapferen Armeen drei Prinzen aus der Kaiserlich os- manifchen Familie zu empfangen, lege ich Wert darauf, Eurer Majestät Zum Ausdruck zu bringen, daß ich volles Vertrauen in den Erfolg 20 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.unserer Armeen habe, die sich vereinigt haben, um mit gleichem Ziele für Recht, Freiheit und Gerechtigkeit zu kämpfen." Der Sultan erwiderte mit folgendem Telegramm: Der außer ordentlich wohlwollende Empfang, dessen Gegenstand meine Neffen seitens Eurer Majestät bei ihrer Ankunft im Hauptquartier der tapferen Kaiserlichen Armeen waren, ist ein Zeichen der kostbaren Freundschaft Eurer Majestät mir gegenüber sowie ein deutlicher Beweis der Ver einigung unserer Armeen in gleichem Gefühle der Würdigung und des Vertrauens. Ich beeile mich, Eurer Majestät aus diesem Anlaß meinen lebhaften Dank auszusprechen, und ich lege Wert darauf, Eurer Ma jestät meine größte Bewunderung für die großartigen Heldentaten Eurer Majestät Armee und Flotte zum Ausdruck zu bringen. Es ist mir ein großes Vergnügen, Eurer Majestät zur Kenntnis zu bringen, daß meine tapfere Armee nach blutigen Kämpfen die russische Armee voll ständig geschlagen hat und sie augenblicklich verfolgt. Ich erblicke in diesem ersten Siege meiner Armee ein gutes Vorzeichen für den voll ständigen Erfolg unseres gemeinsamen Zieles und hege die feste Zu versicht, daß mit Hilfe des Allmächtigen diesen Siegen bald größere unserer verbündeten Heere aus drei Kontinenten und auf allen Meeren folgen werden." Generalfeldmarschall Freiherr von der Goltz wurde von seiner Stellung als Generalgouverneur von Belgien enthoben und für die Dauer des mobilen Verhältnisses der Person des Sultans und dessen Hauptquartier zugeteilt. Zu seinem Nachfolger als Generalgouverneur von Belgien wurde der General der Kavallerie Freiherr v. Bissing ernannt. Die erste Sitzung des türkischen Parlaments hat mit glänzendem Zeremoniell stattgefunden, wie die Kriegschronik der Münchner Neuesten Nachrichten" auf Grund eines Berichtes vom 14. Dezember aufgezeichnet hat. Es nahmen daran sämtliche hohen Geistlichen, an ihrer Spitze der Scheik ül Islam und die Ulemas sowie die Staats und Hofwürdenträger teil. Das Bild war farbenprächtig durch die Anwesenheit der Generalität und der Diplomaten, darunter des deut schen Botschafters mit dem Botschaftsrat Doktor von Kühlmann und dem Dragoman Weber und die deutsche Militärmission in einer be sonderen Loge. Pünktlich um 1 Uhr erschien der Sultan in Begleitung des Thron folgers und der anderen Prinzen sowie des Khediven, mit dem der Sultan vor Einnahme seines Platzes sich ungewöhnlich lange unterhielt. Im Mittelpunkt des Interesses stand von der Goltz-Pascha, der sich in zosder Begleitung des Sultans befand und in der Hofloge Platz nahm. Nachdem der Sultan nach allen Seiten huldvollst gegrüßt hatte, fand die Verlesung der Thronrede statt, die, der Tradition entsprechend, schweigend entgegengenommen wurde. Nur eine gewisse Bewegung ging durch die Versammlung, als der Heilige Krieg und die glorreichen Waffentaten der deutschen und österreichisch-ungarischen Bundesgenossen erwähnt wurden. Die Thronrede selbst lautete: Ich sage Gott Dank, daß er in seiner Gnade mir erlaubt hat, nach der dritten Erneuerungswahl die erste Session der Nationalversamm lung zu eröffnen und heiße Sie willkommen. Wir waren dabei, alle Anstrengungen zu machen, um den aus wärtigen Schwierigkeiten zuvorzukommen, indem wir die schwebenden Fragen zu beseitigen suchten, und den Reformen und Fortschritten im Inneren einen frischen Aufschwung zu geben, um die Verluste und Übel des Balkankrieges so bald als möglich zu heilen, als plötzlich die große Krise ausbrach, die aus einem Angriff in großem Maßstabe gegen den allgemeinen Frieden in Europa entsprang. Da die Frage der Verteidigung und Wahrung unserer politischen Rechte und Interessen natürlich alle anderen in den Hintergrund drängte, habe ich zugleich mit der Erklärung unserer Neutralität die allgemeine Mobilmachung aller unserer Land- und Seestreitkräfte be fohlen. Während aber unsere Kaiserliche Regierung fest entschlossen war, in ihrer bewaffneten Neutralität zu verharren, wurde unsere Kaiserliche Flotte im Schwarzen Meer von der russischen Flotte angegriffen und begannen England und Frankreich zu Land tatsächlich die Feindselig keiten, indem sie Truppen und Schiffe an unsere Grenzen schickten. Daher habe ich unter der Gnade Gottes und mit Hilfe des Pro pheten den Kriegszustand gegenüber diesen Mächten erklärt und den Vormarsch meiner Truppen, die sich an den Grenzen befanden, be fohlen. Da die Notwendigkeit, mit bewaffneter Macht die Zerstörungs politik abzuwehren, die zu allen Zeiten von Rußland, Frankreich und England gegen die islamische Welt verfolgt worden ist, den Charakter einer religiösen Verpflichtung angenommen hat, habe ich in Überein stimmung mit den betreffenden Fetwas alle Muselmanen zum Heiligen Krieg gegen diese Mächte und diejenigen, die ihnen zu Hilfe kommen würden, aufgerufen. -o- Z07Der Mut und die Tapferkeit, von der meine Kaiserlichen Heere art den Grenzen und unsere Flotte im Schwarzen Meer Beweise gaben, werden den hervorragendsten Platz unter den Heldentaten unserer Ge schichte einnehmen. Die Ordnung und der Eifer, womit man Äem Mobilmachungsbefehl folgte, und die außerordentlichen Anstrengungen zur Bereitstellung der für die Armee nötigen Vorräte haben bewiesen, daß unsere Nation einen durch die Vaterlandsliebe zusammengehaltenen Block bildet zum Heile unseres Vaterlandes. Diese schöne Handlungsweise patriotischer Kundgebung ist eine wahrlich würdige Erscheinung. Ich hoffe, daß unsere Volksvertretung in ihren Entschließungen und Arbeiten mir Proben von Einigkeit und Eintracht geben wird, und er warte, daß sie rasch die notwendigen Änderungen der Verfassung und die militärischen Kredite prüfen wird, die ihr durch unsere Exekutiv regierung vorgelegt werden, ebenso wie andere Gesetzentwürfe, über die sie in gleicher Weise zu entscheiden haben wird. Ich bin überzeugt, daß unsere Kräfte zu Land und zu Meer ebenso wie die muselmanischen Kämpfer, die zum Heiligen Krieg gegen Eng land, Frankreich und Rußland zu den Fahnen gerufen worden sind, glänzende Siege in Asien und Afrika den Siegen hinzufügen werden, die nacheinander in Europa von den glorreichen Armeen unserer Ver bündeten, Deutschlands und Österreich-Ungarns, gegen die gemeinsamen Feinde errungen worden sind, und daß der Allmächtige eine Zukunft voll Glück und Ruhm unserem Reiche ebenso wie den Muselmanen der ganzen Welt bescheiden möge, die die Waffen ergriffen haben, um Recht und Gerechtigkeit zu verteidigen. Die besonderen Vorrechte, die ehedem durch unsere Regierung den Fremden eingeräumt worden sind, haben mit der Zeit ihren Charakter und ihre Bedeutung verloren und eine schädliche, gegen unser Hoheits recht gerichtete Form angenommen. Ich habe also die Unterdrückung aller dieser Vorrechte angeordnet, die mit keinem Prinzip Äes Völker rechts vereinbar waren und unter der Bezeichnung Kapitulationen zusammengefaßt wurden. Ich habe im Gebiete meines Reiches nach dem Muster anderer Länder für die Behandlung der Fremden und ihrer Angelegenheiten die Bestimmungen Äes internationalen Rechtes eingeführt. Ich stelle mit Befriedigung fest, daß unsere Beziehungen zu den Staaten; die am allgemeinen Krieg nicht teilgenommen haben, aufrichtig und freundschaftlich sind und daß sie es insbesondere sind mit unserem Nachbarn Bulgarien." zosDie Tage gingen dahin, und fast ein jeder führte einen neuen großen Erfolg herauf. Es steht gut im Westen!" sagte man seinem Freunde, der lächelnd erwiderte: Ich glaube, im Osten noch besser!" Der 11. November brachte diesen schönen Tagesbericht: Am Yser-Abschnitt machten wir gestern gute Fortschritte. Dix- muiden wurde erstürmt. Mehr als 300 Gefangene und neun Ma schinengewehre fielen in unsere Hände. Weiter südlich drangen unsere Truppen über den Kanal vor. West lich Langemarck brachen junge Regimenter unter dem Gesang .Deutsch land, Deutschland über alles gegen die erste Linie der feindlichen Stel lungen vor und nahmen sie. Etwa 2000 Mann französischer Linien infanterie wurden gefangen und sechs Maschinengewehre erbeutet. Südwestlich Dpern vertrieben wir den Gegner aus St. Elvi, um das mehrere Tage erbittert gekämpft worden war. Etwa 1000 Ge fangene und sechs Maschinengewehre gingen dort in unseren Besitz über. Trotz mehrfacher heftiger Gegenangriffe der Engländer blieben die beherrschenden Höhen nördlich Armentiöres in unseren Händen. Südlich Lille kamen unsere Angriffe vorwärts. Große Verluste erlitten die Franzosen bei dem Versuch, die be herrschende Höhe nördlich Vienne le Chateau am Westrande der Ar- gonnen zurückzuerobern. Auch im Argonnerwald sowie nordöstlich, westlich und südlich Verdun wurden französische Vorstöße überall zurückgeworfen. Vom östlichen Kriegsschauplatz liegen keine Nachrichten von Be deutung vor." Am 16. November gab es wieder Extrablätter. Die Worte Große Siege bei Lipno, Plozk und Kutno in Russisch-Polen. 28 000 russische Gefangene." kamen an aller Ohren, und dann las man mit Heller Freude: Auf dem westlichen Kriegsschauplatz war gestern die Tätigkeit beider Parteien infolge des herrschenden Sturmes und Schneetreibens nur gering. In Flandern schritten unsere Angriffe langsam vorwärts. Im Argonnerwalde errangen wir jedoch einige größere Erfolge. Die Kämpfe im Osten dauern fort. Gestern warfen unsere in Ost preußen kämpfenden Truppen den Feind in der Gegend südlich von Stallupönen. Die aus Westpreußen operierenden Truppen wehrten bei Soldau den Anmarsch russischer Kräfte erfolgreich ab und warfen am rechten Weichselufer vormarschierende starke russische Kräfte in einem siegreichenGefecht bei Lipno und Plozk zurück. In diesen Kämpfen wurden bis gestern 5000 Gefangene gemacht und 10 Maschinengewehre erbeutet. In den seit einigen Tagen in Fortsetzung des Erfolges bei Wlocla- wek stattgehabten Kämpfen fiel die Entscheidung. Mehrere uns ent gegengetretene russische Armeekorps wurden bis über Kutno zurück geworfen. Sie verloren nach den bisherigen Feststellungen 23 000 Mann an Gefangenen, mindestens 70 Maschinengewehre und viele Ge schütze, deren Zahl noch nicht feststeht. Unter den in der Schlacht bei Kutno Gefangenen befand sich auch der Gouverneur von Warschau, v. Korff, mit seinem Stabe." über die Gefangennahme des Gouverneurs von Warschau mit samt seinem Stabe meldete das Verl. Tageblatt": Der Gouverneur war mit seinem Adjutanten, Hauptmann Fechner, früh von Warschau in einem eleganten Privatautomobil abgefahren in der Richtung auf Kutno, ohne Kenntnis davon, daß diese Stadt nach erbittertem Straßen kampf bereits von den Deutschen genommen war. Er stieß plötzlich auf die Kavalleriespitze der Deutschen, versuchte sofort umzukehren und zu entkommen, wurde jedoch von einer Abteilung Dragoner eingeholt und festgenommen. Der Gouverneur setzte sich nicht zur Wehr und ließ sich ruhig im eigenen Auto in Begleitung eines Leutnants und eines Dragonergefreiten abtransportieren. Er kam abends in Gnesen durch, wo er auf Einladung des Platzkommandanten im Hotel für die Nacht untergebracht wurde. Der gefangene Gouverneur wollte niemand sehen, da er nicht in der Stimmung sei und seine Nerven durch das plötzliche Ereignis abgespannt seien. Heute früh erfolgte der Weiter transport. Der Chauffeur, ein Pole, erzählte, daß in Warschau große Angst vor den Deutschen, zumal vor Luftbomben herrsche." Auch der 26. November war für ganz Deutschland wieder ein Heller Freudentag. Der amtliche Tagesbericht gab folgendes kund und zu wissen: Die Lage auf dem westlichen Kriegsschauplatz ist unverändert. In der Gegend St. Hilaire-Souain wurde ein mit starken Kräften an gesetzter, aber schwächlich durchgeführter französischer Angriff unter großen Verlusten für den Gegner zurückgeschlagen. Bei Apremont machten wir Fortschritte. In Ostpreußen ist die Lage nicht verändert. In den Kämpfen der Truppen des Generals v. Mackensen bei Lodz und bei Lowicz haben die russische 1. und 2. und Teile der 5. Armee schwere Verluste erlitten. Außer vielen Toten haben die Russen nichtweniger als etwa 40 VW unverwundete Gefangene verloren, 70 Ge schütze, 160 Munitionswagen, 156 Maschinengewehre sind von uns er beutet. 30 Geschütze wurden unbrauchbar gemacht. Auch in diesen Kämpfen haben sich Teile unserer jungen Truppen trotz großer Opfer auf das glänzendste bewährt. Wenn es ungeachtet solcher Erfolge noch nicht gelungen ist, die Entscheidung zu erkämpfen, so liegt dies in dem Eingreifen weiterer starker Kräfte des Feindes von Osten und Süden her. Ihre Angriffe sind gestern überall abgewiesen worden, der endgültige Ausgang der Kämpfe steht aber noch aus." In Thorn wurde folgender Armeebefehl bekanntgegeben: In tagelangen schweren Kämpfen haben die mir unterstellten Armeen die Offensive des an Zahl überlegenen Gegners zum Stehen gebracht. S. M. der Kaiser und König, unser allergnädigster Kriegsherr, hat diesen von mir gemeldeten Erfolg durch nachstehendes Telegramm zu beantworten geruht: ,An Generaloberst von Hindenburg. Ihrer energievollen, um sichtigen Führung und der unerschütterlichen, beharrlichen Tapferkeit Ihrer Truppen ist wiederum ein schöner Erfolg beschieden gewesen. In langem, schwerem, aber von Mut und treuer Pflichterfüllung vor wärts getragenem Ringen haben Ihre Armeen die Pläne des an Zahl überlegenen Gegners zum Scheitern gebracht. Für diesen Schutz der Ostgrenze des Reiches gebührt Ihnen der volle Dank des Vaterlandes. Meiner höchsten Anerkennung und meinem kaiserlichen Dank, die Sie mit meinen Grüßen Ihren Truppen aussprechen wollen, will ich da durch Ausdruck geben, daß ich Sie zum Generalfeldmarschall befördere. Gott schenke Ihnen und Ihren sieggewohnten Truppen weitere Er folge. Wilhelm, I. Ii Ich bin stolz darauf, diesen höchsten militärischen Dienstgrad an der Spitze solcher Truppen erreicht zu haben, Euere Kampfesfreudigkeit und Ausdauer haben in bewundernswürdiger Weise dem Gegner große Verluste beigebracht. Über 60 000 Gefangene, 150 Geschütze und gegen 200 Maschinengewehre sind wiederum in unsere Hände gefallen. Aber vernichtet ist der Feind noch nicht, darum weiter vorwärts mit Gott für König und Vaterland, bis der letzte Russe besiegt am Boden liegt. Hurra! Hauptquartier-Ost, 27. November 1914. Der Oberbefehls haber: v. Hindenburg, Generalfeldmarschall." Anknüpfend an den russischen Generalstabsbericht vom 29. No vember wurde über eine Episode in den für die deutschen Waffen so erfolgreichen Kämpfen amtlich festgestellt: ZU Die Teile der deutschen Kräfte, die in der Gegend östlich Lodz gegen rechte Flanke und Rücken der Russen im Kampfe waren, wurden ihrerseits wieder durch starke, vom Osten und Süden her vorgehende russische Kräfte im Rücken ernstlich bedroht. Die deutschen Truppen machten angesichts des vor ihrer Front stehenden Feindes kehrt und schlugen sich in dreitägigen erbitterten Kämpfen durch den von den Russen bereits gebildeten Ring. Hierbei nahmen sie noch 12 VW ge fangene Russen und 25 erbeutete Geschütze mit, ohne selbst auch nur ein Ges^ütz einzubüßen. Auch fast alle eigenen Verwundeten wurden mit zurückgeführt. Die Verluste waren nach Lage der Sache natürlich nicht leicht, aber durchaus keine .ungeheuren . Gewiß eine der schönsten Waffentaten des Feldzugs." Am 2. Dezember erhielt Kaiser Franz Joseph von General Frank, Kommandanten der 5. österreichisch-ungarischen Armee, eine Huldi gungsdepesche, in der es heißt: Ich bitte Eure Majestät, am Tage der Vollendung des 66. Regierungsjahres die Meldung zu Füßen legen zu dürfen, daß die Stadt Belgrad heute von den Truppen der 5. Armee in Besitz genommen wurde." Der österreichische Tagesbericht: Die Ruhe in unserer Front in Westgalizien und Russisch-Polen hielt im allgemeinen auch gestern an. In der vergangenen Nacht wurde ein russischer Angriff nordwestlich Wolbrom abgewiesen. Die Kämpfe im Raum westlich Noworadomsk und bei Lodz sind in günstiger Entwicklung begriffen. Vor Przemysl blieben die Russen unter dem Eindruck des letzten Ausfalls. Mehrere feindliche Flieger warfen erfolglos Bomben ab. Die Operationen in den Karpathen kamen noch zu keinem Abschluß. Die Nachricht von dem Einrücken unserer Truppen in Belgrad löste auf dem nördlichen Kriegsschauplatz unaussprechlichen Jubel aus." Und dann war Lodz in deutschen Händen! Die Räumung von Lodz durch die Russen geschah heimlich bei Nacht, daher ohne Kampf und zunächst unbemerkt. Sie war aber nur das Ergebnis der vorhergegangenen dreitägigen Kämpfe. In diesen hatten die Russen ganz ungeheure Verluste, besonders durch unsere schwere Artillerie. Die verlassenen russischen Schützengräben waren mit Toten buchstäblich angefüllt. Noch nie in den gesamten Kämpfen des Ostheeres, nicht einmal bei Tannenberg, sind unsere Truppen über so viel russische Leichen hinweggeschritten wie bei den Kämpfen um Lodz-Lowicz, wie überhaupt zwischen Pabianice und der Weichsel. Ob gleich wir die Angreifer waren, blieben unsere Verluste hinter denen der Russen weit zurück. Wir haben insbesondere im Gegensatz zu ihnenganz unverhältnismäßig wenig Tote verloren. So fielen bei dem be kannten Durchbruch des 23. Reservekorps von diesem Heeresteil nur 120 Mann, gewiß eine ausfallend niedrige Zahl für die Verhältnisse. Beim Feind ist demgegenüber bezeichnend, daß allein auf einer Höhe südlich Lutomiersk, westlich Lodz, nicht weniger als 887 tote Russen gefunden und bestattet worden sind. Die Gesamtverluste können wir wie in den früheren Schlachten ziemlich zuverlässig schätzen. Sie be tragen in den bisherigen Kämpfen in Polen mit Einschluß der von uns erbeuteten 80 Ml) Gefangenen, die inzwischen mit der Bahn nach Deutschland transportiert worden sind, mindestens 150 000 Mann. Die Stadt Lodz hat durch die jüngsten Kämpfe um ihren Besitz sehr wenig gelitten. Einige Vororte und Fabrikanlagen außerhalb des Stadtbezirkes haben Beschädigungen aufzuweisen, doch ist das Innere der Stadt fast völlig unversehrt. Das Grand-Hotel, in dem sich ein reger Verkehr abspielt, ist unbeschädigt. Die elektrische Straßenbahn verkehrt ohne Störung wie in Friedenszeiten." Der 17. Dezember sah wieder überall Fahnen auf den Dächern. Die russische Offensive war gänzlich zusammengebrochen! Bei Nieuport setzten die Franzosen ihre Angriffe ohne jeden Er folg fort. Auch bei Zillebeke und La Bassöe wurden Angriffe versucht, aber unter sehr starken Verlusten für den Feind abgewiesen. Die Ab sicht der Franzosen, bei Soissons eine Brücke über die Aisne zu schlagen, wurde durch unsere Artillerie vereitelt. Östlich Reims wurde ein fran zösisches Erdwerk zerstört. Von der ost- und westpreußischen Grenze ist nichts Neues zu melden. Die von den Russen angekündigte Offensive gegen Schlesien und Posen ist völlig zusammengebrochen. Die feindlichen Armeen sind in ganz Posen nach hartnäckigen, erbitterten Frontalkämpfen zum Rück zug gezwungen worden. Der Feind wird überall verfolgt. Bei den gestrigen und vorgestrigen Kämpfen in Nordpolen brachte die Tapfer keit westpreußischer und hessischer Regimenter die Entscheidung. Die Früchte dieser Entscheidung lassen sich zurzeit noch nicht übersehen." Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schrieb über den Kampf im Osten: Das Endergebnis der gewaltigen Schlacht in Polen ist von hier aus noch nicht zu übersehen. Gleichwohl gewähren die amt lichen Berichte des deutschen Großen Hauptquartiers und des öster reichisch-ungarischen Generalstabes einen Ausblick auf die Tragweite der kriegerischen Geschehnisse, die sich gegenwärtig im Osten abspielen. Es bedarf keiner ins einzelne gehenden Angaben, um zu erkennen,daß in dem weit ausgedehnten Gebiet von Nordpolen bis nach West galizien entscheidende Schläge gefallen sind. Die mit viel Ruhmredig keit angekündigte russische Offensive gegen Schlesien und Posen ist nicht nur zusammengebrochen, sondern das russische Millionenheer, das zur Ausführung dieser Offensive angesetzt war, ist auf der ganzen Front zum Rückzüge getrieben worden. Das Ergebnis der weiteren Operationen kann ruhig abgewartet werden. Unter meisterhafter Führung haben die deutschen und die öster reichisch-ungarischen Truppen die denkbar höchsten Leistungen voll bracht. Ihre Ausdauer, ihre Tapferkeit und bis zum letzten gehende Hingabe haben in der Geschichte dieses wahrhast heiligen Krieges aber mals Ruhmesblatt an Ruhmesblatt gefügt und werden unauslöschlich im Gedächtnis der Menschheit fortleben, solange es noch gesunde mensch liche Seelen gibt, in denen die Begeisterung für das Hehre und Helden hafte nicht ersterben kann. Wir wissen wohl, daß selbst mit völliger Niederringung der gegnerischen Kräfte, deren Bewältigung es jetzt gilt, die Arbeit im Osten noch nicht zum Abschluß gelangt sein wird. Weitere Anstrengungen werden nötig sein, ehe das Ziel endgültig erreicht ist. In den bisherigen Ereignissen von weltgeschichtlicher Bedeutung liegt aber die sichere Bürgschaft für einen Ausgang der blutigen Aus einandersetzung, der den Friedensstörern für alle Zeit die Neigung nehmen wird, mit dem Schicksale der Völker ein so frevelhaftes Spiel zu treiben. Zugleich bilden die gemeinsamen Kämpfe der Heere Deutschlands und Österreich-Ungarns einen herrlichen Triumph der Waffenbrüder schaft, die sie umschließt. Noch nie sind da Bedenken gegen jeden Bünd- niskrieg so glänzend widerlegt worden, wie in diesem Krieg, durch das feste Zusammenstehen der beiden Kaisermächte. Treue um Treue. Hiermit ist in schlichten Worten der Geist bezeichnet, der Deutschland und Österreich-Ungarn beseelt, und sie befähigt, einer Welt von Feinden die Stirn zu bieten. Ein Ziel haben sie vor Augen, das Ziel, ihren Völkern die Bahn zu freier Entfaltung ihrer Kräfte offen zu halten, und ein Wille erfüllt sie, der Wille, für die Lösung ihrer hohen Aufgabe ohne Schwanken ihr alles einzusetzen. In diesem Geiste werden wir siegen!" ^ Aus dem Großen Hauptquartier erfuhr das Wolffsche Telegraphen- Bureau in den nächsten Tagen: Unsere in Polen kämpfenden Truppen haben bei der an die Kämpfe bei Lodz und Lowicz anschließenden Verfolgung über 56 lM Gefangene gemacht und viele Geschütze und Maschinengewehre erbeutet.)15 Die Gesamtbeute unserer am 11. November in Polen einsetzenden Offensive ist somit auf 136 600 Gefangene, über 100 Geschütze und über 300 Maschinengewehre gestiegen." Aus einem Offiziersbriefe konnte die Kreuzzeitung" folgendes mitteilen: Kürzlich hat der Kaiser bei einer Besichtigung folgende Ansprache gehalten: Liebe Kameraden! Ich bin hierher gekommen aus Frank reich, um euch die Grüße eurer Kameraden im Westen zu bringen und euch meinen königlichen Dank zu sagen für die Tapferkeit, mit der ihr getreu eurem Fahneneid die Russen bisher siegreich geschlagen habt. Alles dies habt ihr mit Gottes Hilfe vollbracht, und er wird euch weiter helfen. Euren anderen Kameraden in den Schützengräben bringt mei nen königlichen Gruß, dem Feinde aber Kugeln und Bajonette und das eine sage ich euch: Geschlagen wird der Feind unter allen Um ständen!" Die Gesamtzahl der beim Jahresschluß in Deutschland befindlichen und internierten Kriegsgefangenen (ohne Zivilgefangene) betrug nach amtlichen Mitteilungen 8138 Offiziere, 577 875 Mann. In dieser Zahl ist ein Teil der auf der Verfolgung in Russisch-Polen gemachten sowie alle zum Abtransport sich befindlichen Gefangenen nicht enthalten. Die Gesamtzahl setzt sich folgendermaßen zusammen: Franzosen: 3459 Offiziere, 215 905 Mann, darunter 7 Generale: Russen: 3575 Offi ziere, 306 294 Mann, darunter 18 Generale; Belgier: 612 Offiziere, 36 852 Mann, darunter 3 Generale; Engländer: 492 Offiziere, 18 824 Mann. Zum zweitenmal war der Deutsche Reichstag am 2. Dezember, nachmittags 4 Uhr, in Berlin zusammengetreten zur Entgegennahme der Regierungsvorlagen, nach denen für Kriegszwecke ein neuer Kredit von fünf Milliarden bewilligt werden soll. Der Reichskanzler war in feldgrauer Generalsuniform erschienen; das Haus war vollständig be setzt. Auf dem Platz des im Felde gefallenen Abg. vi-. Frank-Mann- Heim (Soz.) lag ein Lorbeerkranz. Sodann führte der Reichskanzler vr. von Bethmann Hollweg aus: Seine Majestät der Kaiser, der draußen bei der Armee ist, hat mir bei meiner Abreise aufgetragen, der deutschen Volksvertretung, mit der er sich in Sturm und Gefahr, der gemeinsamen Sorge um das Wohl des Vaterlandes bis zum Tode eins weiß, seine besten Wünsche und herzlichen Grüße zu überbringen, und zugleich von dieser Stelle aus in seinem Namen der ganzen Nation Dank zu sagen für die beispiellose Aufopferung und Hingabe für die gewaltige Arbeit, die draußen unddaheim von allen Schichten des Volkes ohne Unterschied geleistet worden ist und weiter geleistet wird. (Beifall.) Auch unser erster Gedanke gilt dem Kaiser, der Armee und Marine, unseren Soldaten, die im Felde und aus hoher See für die Ehre und Größe des Reiches kämpfen. (Bei fall.) Voller Stolz und mit felsenfestem Vertrauen blicken wir auf sie (erneuter Beifall), blicken wir zugleich auf unsere österreichisch-unga rischen Waffenbrüder (lebhafte Zustimmung), die treu mit uns vereint in glänzend bewährter Tapferkeit den großen Kampf kämpfen. Noch jüngst hat sich uns in dem uns aufgezwungenen Kampfe ein Bundes genosse zugesellt, der genau weiß, daß mit der Vernichtung des Deut schen Reiches es auch mit seiner staatlichen Selbstbestimmung zu Ende wäre (Sehr richtig!): das Ottomanische Reich. Wenn unsere Gegner auch eine gewaltige Koalition gegen uns aufgeboten haben, so werden sie hoffentlich die Erfahrung machen, daß auch der Arm unserer Ver bündeten bis in die schwachen Stellen ihrer Weltstellung reicht. (Beifall.) Am 4. August bekannte der Reichstag den unbeugsamen Willen des gesamten Volkes, den ihm aufgezwungenen Kampf aufzunehmen und seine Unabhängigkeit bis zum äußersten zu verteidigen. Seitdem ist Großes geschehen. Wie kann man die Heldentaten der einzelnen Armeen, Regimenter und Schwadronen aufzählen bei einem Kriege, dessen Fronten durch die ganze Welt gehen? Ihre Taten wird die Weltgeschichte verzeichnen. (Lebhafte Zustimmung.) Die unvergleich liche Tapferkeit unserer Truppen hat den Krieg in Feindesland ge tragen. Dort stehen wir fest und stark und können mit aller Zuversicht der Zukunft entgegensehen. (Lebhafte Zustimmung.) Aber die Wider standskraft des Feindes ist nicht gebrochen. Wohl sind die Opfer groß, aber die Nation wird diese Opfer weitertragen mit demselben Herois mus, mit dem sie es bisher getan hat, denn wir müssen und wollen den Verteidigungskrieg, den wir, von allen Seiten bedrängt, für Recht und Freiheit führen, bis zum guten Ende durchführen. (Allseitige lebhafte Zustimmung.) Dann wollen wir auch der Unbill gedenken, mit der man sich au unseren im Feindeslande lebenden wehrlosen Landsleuten zum Teil in einer jeder Zivilisation hohnsprechenden Weise (lebhafte Zustimmung) vergriffen hat. Die Welt muß es erfahren, daß niemand einem Deutschen ungesühnt ein Haar krümmen kann. (Großer Beifall.) Meine Herren! Wenige Augenblicke, nachdem jene Sitzung vom 4. August zu Ende gegangen war, erschien der großbritannische Bot schafter, um uns ein Ultimatum Englands, und nach dessen sofortiger Ablehnung, die Kriegserklärung zu überbringen. Da ich mich damals Zl6)17 Hu dieser endgültigen Stellungnahme der britischen Regierung noch nicht äußern konnte, will ich jetzt einige Ausführungen dazu machen. Die Verantwortung an diesem größten aller Kriege liegt für uns klar. Die äußere Verantwortung tragen diejenigen Männer in Rußland, die die allgemeine Mobilisierung der russischen Armee betrieben und durch gesetzt haben. Die innere Verantwortung aber trägt die britische Regie rung. (Lebhafte Zustimmung.) Das Londoner Kabinett konnte den Krieg unmöglich machen, wenn es in Petersburg unzweideutig erklärte, England sei nicht gewillt, aus dem österreichisch-serbischen Konflikt einen Kontinentalkrieg der Mächte herauswachsen zu lassen. Eine solche Sprache hätte auch Frankreich gezwungen, Rußland energisch von allen kriegerischen Maßnahmen abzuhalten. England hat das nicht getan. England kannte die kriegslüsternen Treibereien einer zum Teil nicht verantwortlichen, aber mächtigen Gruppe um den Zaren. (Zustim mung.) Es sah, wie das Rad ins Rollen kam, aber es fiel ihm nicht in die Speichen. (Lebhafte Zustimmung.) Trotz aller Friedens beteuerungen gab London in Petersburg zu verstehen, England stehe aus seiten Frankreichs und damit auch Rußlands. (Lebhafte Zustim mung.) Das zeigen klar und unwiderleglich die inzwischen erfolgten Publikationen der verschiedenen Kabinette, insbesondere das Blaubuch, das die englische Regierung herausgegeben hat. Nun gab es in Peters burg kein Halten mehr. Wir besitzen darüber das gewiß unverdächtige Zeugnis des belgischen Geschäftsträgers in Petersburg. Sie kennen seine Worte, aber ich will sie hier wiederholen. Er berichtet am 30. Juli an seine Regierung: ,England gab anfänglich zu verstehen, daß es sich nicht in einen Konflikt hineinziehen lassen will. Sir George Buchauan sprach das offen aus. Heute aber ist man in Petersburg fest davon überzeugt, ja man hat sogar die Zusicherung, daß England Frankreich beistehen wird. Dieser Beistand fällt ganz außerordentlich ins Gewicht und hat nicht wenig dazu beigetragen, der Kriegspartei Oberwasser zu verschaffen (Hört! Hört!) Vis in den Sommer hinein haben die englischen Staatsmänner ihrem Parlament versichert, kein Vertrag, keine Abmachung binde die schrankenlose Selbstbestimmung Englands, falls ein Krieg ausbreche. Frei könne Großbritannien sich entscheiden, ob es an einem europäischen Kriege teilnehmen wolle oder nicht. Also war es keine Bündnispflicht, kein Zwang: es war auch keine Bedrohung des heimatlichen Lanoes, die die englischen Staatsmänner veranlaßte, den Krieg entstehen zu lassen, und dann sofort selbst in ihn einzutreten. Dann bleibt nur übrig, daß das Londoner Kabinett die sen Weltkrieg, diesen ungeheuren Weltkrieg kommen ließ, weil ihm dieGelegenheit gekommen schien, mit Hilfe seiner politischen Entente genossen den Lebensnero seines größten Konkurrenten auf dem Welt markt zu zerstören. (Sehr richtig!) So trägt England mit Rußland zusammen über Rußland habe ich mich am 4. August ausgesprochen vor Gott und der Menschheit die Verantwortung für diese Kata strophe, die über Europa, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Die belgische Neutralität, die England zu schützen vorgab, ist eine Maske. Am 2. August, abends 7 Uhr, teilten wir in Brüssel mit, daß wir durch die uns bekannten Kriegspläne Frankreichs um unserer Selbsterhaltung willen gezwungen seien, durch Belgien zu marschieren. (Sehr wahr!) Aber schon am Nachmittag desselben Tages, am 2. August, also bevor in London das geringste von dieser Demarche be kannt war und bekannt sein konnte, hatte die englische Regierung Frankreich Unterstützung zugesagt (Hört! Hört), und zwar bedingungs los zugesagt für den Fall eines Angriffs der deutschen Flotte auf die französische Küste. Von der belgischen Neutralität war dabei mit kei nem Wort die Rede. Diese Tatsache ist festgestellt durch die Erklärung, die Sir Edward Grey am 3. August im Unterhause abgab, und die mir am 4. August infolge des erschwerten telegraphischen Verkehrs nicht in extenso bekannt war, und bestätigt durch das Blaubuch der englischen Regierung selbst. Wie hat da England behaupten können, es habe das Schwert gezogen, weil wir die belgische Neutralität verletzt hätten? Und wie konnten die englischen Staatsmänner, denen doch die Verhält nisse genau bekannt waren, überhaupt von belgischer Neutraliät sprechen. Als ich am 4. August von dem Unrecht sprach, das wir mit dem Einmarsch in Belgien begingen, stand noch nicht fest, ob sich die Brüsse ler Regierung nicht in der Stunde der Not dazu entschließen werde, das Land zu schonen, und sich unter Protest auf Antwerpen zurückzuziehen. Sie erinnern sich daran, daß ich nach der Einnahme von Lüttich auf den Antrag unserer Heeresleitung eine erneute Aufforderung in diesem Sinne an die belgische Regierung gerichtet habe. Aus militärischen Gründen mußte die Möglichkeit zu einer solchen Entwicklung am 4. August unter allen Umständen offen gehalten werden. Für die Schuld der belgischen Regierung lagen schon damals mannigfache An zeichen vor: positive schriftliche Beweise standen mir noch nicht zu Ge bote. Den englischen Staatsmännern aber waren diese Beweise genau bekannt (Sehr richtig!), und wenn jetzt durch die in Brüssel aufgefun denen, von mir der Öffentlichkeit übergebenen Aktenstücke festgestellt worden ist, wie und in welchem Grade Belgien seine Neutraliät Eng- ZISland gegenüber preisgegeben hat, so ist nunmehr alle Welt über zwei Tatsachen im klaren: als unsere Truppen in der Nacht vom 3. auf den 4. August das belgische Gebiet betraten, befanden sie sich auf dem Boden eines Staates, der seine Neutralität längst preisgegeben hatte und die andere Tatsache: nicht um Belgiens Neutralität willen, die es mit untergraben hatte, hat uns England den Krieg erklärt, sondern weil es glaubte, zusammen mit zwei großen Militärmächten des Festlandes unser Herr werden zu können. (Wiederholtes, lebhaftes Sehr richtig!) Schon seit dem 2. August, seit seinem Versprechen der Kriegsfolge an Frankreich, war England nicht mehr neutral, sondern tatsächlich im Kriegszustand mit uns. Die Motivierung seiner Kriegserklärung vom 4. August mit der Verletzung der belgischen Neutralität war nichts als ein Schaustück, geeignet, das eigene Land und das neutrale Ausland über die wahren Beweggründe irrezuführen. (Sehr richtig!) Jetzt, wo der bis in alle Einzelheiten ausgearbeitete englisch-belgische Kriegs- Plan enthüllt ist, ist die Politik der englischen Staatsmänner für alle Zeiten vor der Weltgeschichte gekennzeichnet. (Sehr richtig!) Die eng lische Diplomatie hat ja auch noch ein übriges getan. Auf ihren Ruf entreißt uns Japan das heldenmütige Kiautfchou und verletzt die chine sische Neutralität. Ist England gegen diesen Neutralitätsbruch einge schritten? (Sehr richtig!) Hat es da seine peinliche Fürsorge für die neutralen Staaten gezeigt? (Sehr gut!) Meine Herren! Als ich vor fünf Jahren auf diesen Platz berufen wurde, stand dem Dreibund festgefügt die Tripleentente gegenüber, um England, dem bekannten ^alanee zu dienen, d. h. ins Deutsche übertragen, der seit Jahrhunderten befolgte Grundsatz, sich gegen die stärkste Macht des Kontinents zu wenden, sollte zur Wirklichkeit wer den. Darin lag von vornherein der aggressive Charakter der Triple entente gegenüber den rein defensiven Tendenzen des Dreibundes. Ein Volk von der Größe und der Tüchtigkeit des deutschen Volkes läßt sich in seiner freien und friedlichen Entwicklung nicht stören. Angesichts dieser Kombination war der deutschen Politik der Weg klar vorgeschrie ben. Sie mußte versuchen, durch Verständigung mit einzelnen Mäch ten der Tripleentente die Kriegsgefahr zu bannen. Sie mußte gleich zeitig ihre Wehrkraft stärken, daß sie dem Kriege, wenn er doch kam, gewachsen war. Sie wissen, meine Herren, wir haben beides getan. In Frankreich bemerkten wir immer wieder den Revanchegedanken. Von ehrgeizigen Politikern genährt, erwies er sich stärker als der unzweifel haft von einem Teile des französischen Volkes gehegte Wunsch, mit uns in nachbarlichem Frieden zu leben. Mit Rußland kam es zwar zu ein- ZI9zetnen Vereinbarungen, aber seine feste Allianz mit Frankreich, seilt Gegensatz zu dem uns verbündeten Österreich-Ungarn und ein von pan- slawistischen Machtgelüsten gezüchteter Deutschenhaß machten Verein barungen unmöglich, die im Falle von politischen Krisen die Kriegs gefahr ausgeschlossen hätten. Verhältnismäßig am sreiesten stand England da. Ich habe schon vorhin daran erinnert, mit welcher Hingabe die englischen Staats männer immer aufs neue im Parlament das ungebundene Selbst bestimmungsrecht Großbritanniens gerühmt haben. Hier konnte am ehesten der Versuch zu einer Verständigung gemacht werden. Danach habe ich gehandelt, danach mußte ich handeln. Der Weg war schmal, das wußte ich wohl: Die insulare englische Denkart hat im Laus der Jahrhunderte einen politischen Grundsatz aufrechterhalten, den Grund satz nämlich, daß England mit der Kraft eines selbstverständlichen Dog mas ein ,ai-diti-win gebührt, das es nur aufrechterhalten könne durch die unbestrittene Seeherrschaft einerseits und durch das viel berufene Gleichgewicht der Kräfte auf dem Kontinent andererseits. Ich habe niemals gehofft, diesem alten englischen Grundsatz ein Ende zu bereiten. Was ich für möglich hielt, war, daß die wachsende Macht Deutschlands und das wachsende Risiko eines Krieges England nötigen könnte, einzusehen, daß dieser alte Grundsatz unhaltbar und unpraktisch geworden und ein friedlicher Ausgleich mit Deutschland vorzuziehen ist. Einen neuen Anstoß erhielten die Verhandlungen durch die Krisis von 1911. Dem englischen Volk war über Nacht klar geworden, daß es vor dem Abgrund eines europäischen Krieges gestanden hatte. Die Volks stimmung zwang die englischen Machthaber zu einer Annäherung an Deutschland. In langwierigen Arbeiten gelang es schließlich, sich über verschiedene Jnteressenfragen, die Afrika und Vorderasien betrafen, zu verständigen. Damit sollten die möglichen politischen Reibungsflächen vermieden werden. Die Welt ist weit (Sehr richtig!), sie bietet, wenn man nur die freie Entfaltung unserer Kräfte nicht hindern will, beiden Völkern Raum genug, in friedlichem Wettbewerb ihre Kräfte zu messen. Das war ein von der deutschen Politik stets vertretener Grundsatz. Aber während wir so verhandelten, war England unablässig darauf bedacht, seine Beziehungen zu Frankreich und Rußland immer enger zu ge stalten. Das entscheidende dabei war, daß über das politische Gebiet hinaus immer festere militärische Abmachungen für den Fall eines Kon tinentalkrieges getroffen wurden. England betrieb diese Verhandlun gen möglichst geheim. Wenn etwas davon heraussickerte, wurde ihre Bedeutung in Presse und Parlament als durchaus harmlos hingestellt. Z20?kot, ö. I. L. Wie unsere Feldgrauen im Unterstand das Weihnachtsfest begehen. ?kot. g. I.L Einüben des Weihnachtschorals im Schützengraben.Ein Kriegslager im Keiligen Lande. Rast türkischer Truppen in der Nähe des Bahnhofes von Jerusalem, Unter dem Zeichen des Äalbmonds.Verborgen blieben sie uns nicht, wie Sie aus den Veröffentlichungen wissen, die ich veranlaßt habe. Die gesamte Situation war nun die: England war zwar bereit, sich über Einzelfragen mit uns zu verständigen, oberster und erster Grundsatz dieser Politik aber blieb: Deutschland muß in der freien Ent faltung seiner Kräfte in Schach gehalten werden durch die ok poner . Das war die Grenzlinie für die freundschaftlichen Beziehun gen mit Deutschland zu dem Zwecke: Stärkung der Tripleentente bis aufs äußerste. Als die Freunde militärische Zusicherungen dafür ver langten, waren die englischen Staatsmänner sofort bereit, sie zu geben. Der Ring ist geschlossen. England ist Frankreichs Gefolgschaft sicher und damit auch der Rußlands. Aber freilich auch England bindet seinen Willen. Wollen Frankreich oder Rußland, die in beiden Ländern vor handenen chauvinistischen Kreise, in der militärischen Konnivenz Eng lands ihre stärkste Stütze finden, und das alles zu welchem Zwecke? Deutschland muß niedergehalten werden. Wir haben es an Warnun gen bei der englischen Negierung nicht fehlen lassen. Noch zu Anfang Juli dieses Jahres habe ich der englischen Regierung andeuten lassen, daß mir ihre geheimen Verhandlungen mit Rußland über eine Marine konvention bekannt seien. Ich habe sie auf die ernsten Gefahren auf merksam gemacht, die diese englische Politik für den Weltfrieden berge. 14 Tage später trat das ein, was ich vorausgesagt hatte. Wir haben aus der gesamten Lage der Dinge die Konsequenzen gezogen. Schnell hintereinander habe ich Ihnen die größten Nüstungsvorlagen gebracht, die deutsche Geschichte kennt, und Sie haben in voller Erkenntnis der Gefahr einmütig und opferbereit bewilligt, was für unsere Selbstver teidigung notwendig war. Und als nun der Krieg ausgebrochen ist, verkündet England laut und offen: England will kämpfen, bis Deutsch land niedergezwungen ist, wirtschaftlich und militärisch. Panslawistischer Deutschenhaß stimmt jubelnd zu, Frankreich hofft mit der ganzen Kraft seiner alten soldatischen Nation, die Scharte von 187V auszuwetzen. Dar auf haben wir an unsere Feinde nur die eine Antwort: Deutschland läßt sich nicht vernichten! (Lebhaft, wiederholt sich erneuerndes Sehr richtig!) Wie unsere militärische, so hat sich auch die finanzielle Kraft Deutsch lands glänzend bewährt, sich rückhaltlos in den Dienst des Vaterlandes gestellt. Das wirtschaftliche Leben wird aufrechterhalten und die Zahl der Arbeitslosen ist verhältnismäßig gering, die Organisationskraft und Organisationskunst Deutschlands sucht in immer neuen Formen Übeln vorzubeugen und Schäden auszuheilen, kein Mann, keine Frau entzieht 21 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.sich der freiwilligen Mitarbeit, keine Werbetrommel braucht gerührt zu werden (Sehr richtig! Heiterkeit), und alles zu dem einzigen Zweck, für das Land der Väter, für die Hoffnung der Kinder und Enkel alles hinzugeben an Gut und Blut. Wenn dieser sittliche Geist, diese sittliche Größe des Volkes, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gekannt hat, wenn der millionenfach bewährte Heldenmut unseres Volkes in Waffen gegenüber einer Weit von Feinden von unseren Gegnern als Militaris mus geschmäht wird, wenn sie uns Hunnen und Barbaren schelten, wenn sie eine Flut von Lügen über uns auf dem Erdenrund verbreiten: ich glaube wahrlich, wir können stolz darauf sein und brauchen uns nicht darum zu grämen. (Lebhafter Beifall.) Dieser wunderbare Geist, der die Gesamtheit des deutschen Volkes durchglüht in nie gesehener Einig keit in der unbedingtesten Hingabe aneinander: er muß und wird sieg reich bleiben, und wenn ein ruhmvoller, wenn ein glücklicher Friede er kämpft sein wird, dann wollen wir diesen Geist hochhalten als das heiligste Vermächtnis dieser furchtbar ernsten und großen Zeit. (Bravo!) Wie vor einer Zaubergewalt sind die Schranken gefallen, die eine öde und dumpfe Zeitlang die Glieder des Volkes trennten, die wir gegenein ander ausgerichtet hatten in Mißverstand, im Mißtrauen und Mißgunst. Eine Befreiung, eine Beglückung ist es, daß nun einmal dieser Kampf den Wust und Unrat weggefegt hat (Bravo!), daß nur der Mann gilt, einer gleich dem andern, einer dem anderen die Hand reichend für ein einziges und heiliges Ziel. Ich wiederhole noch einmal das Wort, das der Kaiser sprach, als der Krieg ausbrach: Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche! Wenn der Krieg beendet sein wird, werden die Parteien wiederkehren. Ohne Parteien, ohne politischen Kampf kein politisches Leben, auch für das freieste und einigste Volk. (Erneuter Beifall.) Aber kämpfen wollen wir dafür, ich für meinen Teil verspreche es Ihnen, daß es in diesem Kampf nur mehr Deutsche geben darf. Meine Herren! Ich schließe meine kurzen Ausführungen, die Zeit ist nicht für Worte. Nicht über alle Fragen, die das Volk und die auch mich aufs tiefste bewegen, kann ich sprechen, nur eines noch: In Treue und in heißem Gedenken gedenken wir der Söhne Deutsch lands, die auf den Schlachtfeldern in Ost und West, auf hoher See, an den Gestaden des Stillen Ozeans und in unseren Kolonien für ihr Vaterland ihr Leben gelassen haben. Vor ihrem jetzt verstummten Heldenmut neigen wir uns in dem Gelöbnis, auszuharren bis zum letz ten Hauch, damit Kinder und Enkel in einem starken Deutschland frei und gesichert gegen fremde Drohung und Gewalt an der Größe des Reiches weiterbauen können. (Großer Beifall.) Und dieses Gelöbnis Z22soll hinausschallen zu unseren Söhnen und Brüdern, die weiter kämpfen gegen den Feind, zu dem Herzblut Deutschlands, das an Zahl und gemeinsamem Heldentum aufwallt, für die wir bereit sind, alles herzugeben, was wir haben, hinausschallen auch zu unseren Lands leuten im Auslande, den draußen für uns sorgenden, den von der Heim fahrt abgeschnittenen und gefährdeten, den widerrechtlich Gefangenen und Mißhandelten. Wir halten durch, bis wir die Sicherheit haben, daß keiner mehr wird unseren Frieden stören können, einen Frieden, in dem wir deutsches Wesen und deutsche Kraft entfalten und entwickeln wollen als freies Volk!" (Ungeheurer, jubelnder Beifall des ganzen Hauses und der Tribünen: stürmisches Händeklatschen, das sich immer erneut; die Beifallskundgebungen dauern minutenlang.) Ohne Debatte werden dann die Vorlagen in zweiter Lesung an genommen, ebenso in sofortiger dritter Beratung, diesmal gegen die Stimme des Abg. Liebknecht (Soz.). (Bewegung und Beifall.) Abg. Graf Westarp (kons.) berichtet über die Petitionen, die er der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen beantragt. Die Bevölkerung von Ostpreußen und Elsaß-Lothringen könne versichert sein, daß ihre alte Heimat, ihre alten Grenzen wiederhergestellt und sie in ihre Erwerbs stände wieder eingehen würden. Das Haus stimmt sodann der Vorlage zur Vertagung bis zum 2. März 1915 zu. Präsident Doktor Kaempf erbittet und erhält den Auftrag, den ver bündeten Nationen Sympathietelegramme zuzusenden. Sodann schließt er die Sitzung mit den Worten: Somit sind wir am Schlüsse unserer heutigen Tagung angelangt, und wir trennen uns in dem erhebenden Gesühl, für das Vaterland getan zu haben, was in diesem Augenblick unsere Pflicht war. Wir trennen uns mit dem Rufe: Seine Majestät der Kaiser, unser Volk, unser Heer, unsere Marine und unser Vater land leben hoch!" An den vorweihnachtlichen Abenden saß Peter stets mit seinen Freunden zusammen. Da las einer aus der Pädagogischen Warte" einen Brief aus Bukarest vor: Zu den deutschen Pfadfindern gehören ungefähr 120 Jungen, meistens Schüler der deutschen Schulanstalten, daneben aber auch einige deutsche junge Kaufleute. Es ist dies eine Gründung eines Ober lehrers, der in den Krieg gezogen ist. Da ich für derlei Iugendsachen sehr viel Interesse habe, so habe ich mich dieser verwaisten Organisation angenommen. Wir machen trotz der schon eingetretenen Kälte Tages-ausflöge mit Abkochen, Spielen, militärischen Übungen im Entfernungs schätzen, Winken usw. Daneben wird ihnen militärischer Schliff bei gebracht. Man muß, auch ohne es gewesen zu sein, etwas Soldat wer den. Ich habe darin vortreffliche Stützen in meinen Hilfsfeldmeiftern. Es herrscht ein strammer Zug in meiner Garde! Die rumänischen Pfad finder hatten letzthin Fahnenweihe und Eidesleistung vor ihrem höchsten Protektor, dem Kronprinzen Carol von Rumänien. Hierzu waren wir deutsche Pfadfinder als Gäste eingeladen. Wir hatten nach den und den Delegationen der einzelnen Pfadfinderbünde an zweiter Stelle einen Ehrenplatz. Bei dieser Gelegenheit schnitten wir vor allen Rumänen bei weitem am besten ab, was Organisation, Disziplin, Straffheit, Aus rüstung, gleichmäßige Uniform usw. anbelangt. Es war ein Sieg auf der ganzen Linie! Ich wurde vorher schon von ein paar rumänischen Offizieren angesprochen, die mir ihre Bewunderung für meine Pfad finder mit den Worten aussprachen: Man merkt doch sofort, daß es Deutsche sind. Der Glanzpunkt war dann der Vorbeimarsch der Pfad finder vor dem Kronprinzen. Da mußte ich selbst gestehen: ,Welch ein Unterschieds Die Rumänen gingen vorbei, trotz des Befehls, zu dreien, ohne Fühlung, fast ohne Richtung, ungeachtet sie sich Mühe gaben. Unsere Jungen marschierten im Parademarsch in Gruppen mit enger Fühlung, tadellos ausgerichtet vorbei mit tadellosem ,Augen rechts! , als das Kommando kam. Allgemeine Bewunderung seitens der Zuschauer. Nachher kamen wieder zwei Offiziere an mich heran und baten mich noch für denselben Abend um eine Zusammenkunft. Man hörte: Die da, die sind gut, wer sind sie? Aufgefallen waren wir schon vorher, da wir den Eid nicht mitschworen, und dabei für uns standen. Antwort: Deutsche, schade! (im Sinne der hiesigen). Am Abend traf ich dann die Offiziere, die mich bei Gelegenheit zu Rate ziehen wollen. Man hört überall in den Eaf6s von der Pfadfinderfeierlichkeit sprechen und, daß die Deutschen am besten abgeschnitten hätten. Das wurde mir natürlich von Bekannten und Kollegen hinterbracht, die an diesem Abend mit diesem oder jenen Rumänen zusammengekommen oder mit ihnen zu fällig ins Gespräch gekommen waren. Man muß bedenken, daß sich das ganze Restaurantleben der Gesellschaft nur in den Lokalen des Zen trums abspielt, so daß man tatsächlich die Meinungen vieler Leute über irgendeine wichtige Sache, die das Abendgespräch bildet, hören kann durch Bekannte. Nun war dies ein wichtiges Ereignis. Ich wurde dem Kronprinzen vorgestellt. Leider hatte ich gar keine Gelegenheit, von ihm Meinungen zu hören. Meine Pfadfinder waren natürlich nicht wenig stolz!" Z25Oder Peter las aus einem Briefe, den die bekannte Vortragskünst lerin Resi Langer ihrer Freundin Maria Asten geschrieben hatte: eine Geburtstagsfeier im Döberitzer Lager: Ein später Septembertag. Auf dem Bahnwege von Berlin nach Döberitz immer wieder die Erinnerung an den Krieg. Schon auf dem Bahnsteige viele .Feldmarschmäßige im preußischen ,Rührt-euch- Schritt hin und her gehend. Beim Verlassen des Berliner Weichbildes zur Linken Holzhäuser zur Speisung aus- oder durchziehender Krieger, daneben Lazarettbaracken aus kugelsicheren Asbestplatten für ankom mende Schwerverwundete. Die letzte Sonne blickt in die kleinen Fen ster, doch sie verbergen nichts. Die Baracken sind leer. Da steigt ein Mann in unser Abteil und stört uns heftig beim Ordnen des Geburtstagskoffers, der viele Soldatenfreuden enthält: denn wir wollen doch zum Kanonier Schröder nach Döberitz, der heute als Kriegsfreiwilliger seinen vierundzwanzigsten Geburtstag feiert. .Was, Mettwurst nehmen Sie mit? knüpft der Eingestiegene seine Unterhaltung an, ,die wird ja sauer! Und Fett und Butter, wird ja ranzig! Und Kuchen? Ist nischt für einen Soldatenmagen! Das ist ja ein reizender Miesmacher, denke ich, und sage ihm laut und deutlich: Soldatenmagen sind verschieden. Und sauer wird die Mettwurst keines falls, denn auf der Stube sind außer unserem Kanonier noch einige dreißig andere und da ist das Teilungssystem sehr im Schwange. Wir klappten den Koffer zu, um unserem Gegenüber den Zankapfel aus dem Wege zu räumen. Nachdem der junge Mann Bankbeamter gab er vor zu sein, und den Feldzug wollte er auch bis Aachen aller dings nur, infolge Krampfadern mitgemacht haben uns mit seiner Bildung zu blenden versucht hatte, kam er über die Geographie endlich zur Heimatskunde und erklärte uns die Gegend. Da vergaßen wir seine Bramarbaseligkeit über den ,singenden 8-Lampen auf dem Dache des Siemens-Schuckert-Werkes. Wir bestaunten die schlanke Antenne für die drahtlose Telegraphie und freuten uns, daß Motard-Kerzen aus märkischem Talg gezogen werden; denn wir sahen die Fabrik am rech ten Bahnufer zwischen die immer noch sommerlich grünen Bäume des schönen September gekauert. In Spandau verließ uns der Reisegefährte mit seinem etwas karierten Gemüt, und schnell ging es dem Ziele zu, über dem in der leicht rosafarbenen Frühabendluft zwei Flieger kreuzten. Die stählernen Apparate funkelten mit dem Kupferdach des architektonisch schönen Döberitzer Wasserturmes um die Wette. Z25Auf dem kleinen Bahnhof ein reges Treiben. .Kriegsmäßige und ,Friedfertiges doch das .Feldgraue ist dem geliebten .Zweierlei-Tuch stark überlegen. Zwei ältere Landwehroffiziere, schöne, hohe Gestalten mit weißem Haar und Bart, auf der Brust das herrlichste deutsche Zeichen: das Eiserne Kreuz, fahren in einem dunkelblauen Auto davon. Auf dem kurzen Wege zum Lager ein wundervolles Hin und Her von Soldaten jeden Ranges, jeder Länge, jeder Kürze, jeder Dicke, jeder Schlankheit. Halbwegs kam uns unser Kanonier entgegen mit einem ganz jungen Junker aus ganz, ganz altem Hause. Beide im Drillich mit Feldmütze. Artilleristen sind sie. .Bummerköppe nennt sie der Volksmund. Am Tore des Lagers. Ein großer Soldat mit grüner Achselklappe bewacht es und weist freundlich .Eindringlinge zurück, die keinen Passierschein haben. Wir haben einen und kommen schnell in die breite, gutgepflegte Mittelstraße. Ein kurzer Aufenthalt für einen Trupp Sol daten, die ein wenig lahm gehen und etwas bleich dreinschauen. Es sind entlassene Kranke, die wieder in ihre Kaserne zurückkehren. In einer Gruppe Soldaten wird erzählt, die soundsovielten Grena diere rücken morgen früh um fünf Uhr aus. Und wie aus einem Munde kommt s: .Die Glücklichen! Wir Frauen sehen uns an. Schon steigt es feucht in die Augen. Freudentränen. Das sind deutsche Männer! Durch ein paar Querwege. Wir stehen vor einer Steinbaracke. Es ist gerade Appell. Demonstration der Feldmarschmäßigkeit. Auf den Zehen schleichen wir denn wir wollen nicht stören in die Soldaten stube. Angesichts der vielen Betten, sauber zusammengestellten Eß- und Waschgefäße wieder das Gefühl: deutsche Ordnung. Gleich sind wir vorgestellt, viele Hände find gegeben. Es sind fast alles Einjährige und Junker in diesem Raum. Man fühlt: Damen in einer Soldatenstube denn schon sind die Holzschemel von eifrigen Kanonierhänden mit Handtüchern und Papier nochmals überrieben. Die kleine Lampe über uns wird angezündet. Es klingt fast wie eine Entschuldigung für das Fehlen des Elektrischen, wie der Zylinder in der Kanoniershand klappert. Nun wird ausgepackt. Viele erfahren erst jetzt von dem Geburts tag ihres Stubengenossen. Hände strecken sich ihm entgegen: .Biel Glück, Schröder! .Bon mir auch! ,Von mir auch! Dankbar be schaut Schröder sich die Herrlichkeiten: eine Kriegsuhr, Puls wärmer, Socken und die Naturalien. Am Fettopf darf jeder einmal riechen, zur Eröffnung des Abonnements. Zigaretten werden gleich Z26oerteilt. Es ist eine helle Freude. Noch mehr Stubeninhaber kommen vom Appell zurück, bringen Post. Ein blonder Unteroffizier ruft: ,Zum Cssen antreten! Einige gehen, die meisten bleiben; denn ihr Schränk- chen birgt noch was von Muttern, da verzichten sie auf die Soldatenkost. Wir gehen durch das Lager. Da kommen die Abendbrotbeladenen zurück. Kartoffeln und Hering oder wie man ,gebildeter sagt: -Beamtenlachs in saurer Verfassung . Dreierlei Arten des Abendbrot transportes sind zu bemerken: Hering in der Rechten, Butter in der Linken, Napf mit Kartoffeln unter dem Arm das sind die Ästheten. Hering friedlich über den dampfenden Kartoffeln, Butter separat in den Pfoten das sind die Halbempfindlichen. Und schließlich alles auf einem Häufchen das sind die Einfachen. Wohl bekomme es allen dreien! Wir gehen weiter, bei Protzen vorbei, rechts lugt aus der Dämmerung eine Feldhaubitze. Ein Teil der deutschen Sicherheit im Felde; sie wird auch hier vor profanen Augen streng bewacht. Soldatenlieder ertönen. Unter einem Baume sitzen die singenden Soldaten; sie haben Putzstunde. Im Rhythmus des Liedes: ,Schum- heidi, schumheida wird alles Blinde blank und blänker. Eine Abteilung stopft Strohsäcke, das heißt, diesmal muß es Schlaf säcke heißen; denn es wird Holzwolle zur Füllung benutzt, weil man das Stroh den vierbeinigen Heeresangehörigen nicht entziehen will. Die Dämmerung ist tiefer geworden und vertreibt die Zivilperso nen, denn der Erlaubnisschein gilt nur bis zum .Hereinbrechen der Dunkelheit . Schon ist das Tor erreicht, das das freiwillige Lager von dem unfreiwilligen unserer gefangenen Feinde trennt. Engländer sind es. die in der gelben Zeltstadt Hausen. Wir kommen näher. Gespenstisch huschen die hohen Gestalten vor den Lagerfeuern, die hellauf in den Abend brennen, hin und her. Rembrandt hätte den Ton der Farbe ge troffen, und Spitzweg das Unheimliche in der Bewegung. Kein Ton einer Stimme ist vernehmbar. Marionetten, die sich ihre Abendmahl zeit holen. Ein Trupp kehrt mit geschulterten Spaten heim. Von unserer Landwehr treulich bewacht. Das Licht der Kantine auf dem Gefangenenplatz scheint herüber; es ist ein kraftloses Licht, aber es scheint doch auf Herrlichkeiten, die den Gefangenen begehrlich sind, und die sie erstehen können, wenn sie Geld besitzen oder sich solches verdie nen. Denn Arbeitsgelegenheit ist da, raunt der Kanonier Schröder. Und der blütenjunge Junker aus dem alten, alten Geschlecht erzählt mir von der Ankunft der Gefangenen, und wie sie ihre Uniformknöpfe zu Z27Gelde machen, um sich Dinge anzuschaffen, die ihnen wichtiger erschei nen, als die Ehrenzeichen ihres Vaterlandes. Und der Junker schenkt mir solch einen englischen Knopf. Schwarz, aus Steinnuß, mit einer Krone und einem Horn, unserem deutschen Posthorn gleich. Eigen tümlich: ein Stückchen Feind in meiner Hand! Ich wende ihn und rück wärts steht: I. As. Grove u. Sons, Halesowen. Ablösung der Wache am Gefangenenlager. Die ablösenden Mann schaften ziehen in Mänteln auf Wache: denn die Nächte sind kühl, und mancher nacktbeinige Engländer dürfte sich einen guten deutschen Schnupfen holen. Alle 50 Schritt steht ein Posten und auch ein Schemel zum Ausruhen. Wir gehen in den St. Hubertus, eine geräumige Soldatenkneipe, um noch verspätet den Geburtstagskaffee zu trinken und den mitgebrach ten Kuchen zu verzehren. Ein humoristischer Klavierspieler, ein .Reutter der Tasten , besorgt die Unterhaltung aufs beste. Er kann sogar einen richtigen Kanonenschuß auf dem Klavier darstellen, und eine Abteilung Trommler und Knüppelpfeifer. ,Bravo, bravo! Da stürmt ein hoch gewachsener Unterveterinär herein und verkündet freudestrahlend: ,Jch bin telegraphisch nach dem östlichen Kriegsschauplatz kommandiert, ich freue mich unmenschlich! Schröder, gute Apothekerseele, die erste russische Laus, die ich greife, übersende ich dir, im Feldpostbriefs ,Ach, und mir die erste Wanze, bitte! Die sollen ja da drüben mai käfergroß gedeihen! verlangt ein anderer. Schröder revanchiert sich schon vor Eintreffen der Laus: ,Ober, einen Schoppen Bier für einen abziehenden Krieger! , und an das Prosit wird ,Sie Glückskind! , ,Sie Beneidenswerter! angehängt. Jetzt .schmeißt der Abziehende jeder ihm irgendwie nahestehenden Soldatengruppe Lage um Lage, und jeder ist glücklich mit dem Scheidenden und denkt im Innern: Oh, wär ich doch endlich so weit! Der junge Junker sagt es laut und sagt dazu, daß er dann der vierundzwanzigste seines Namens wäre, der auf den Kampfplatz ginge. Das ist ein stolzes Gefühl. Und Kanonier Müller, ein echter Berliner, schwört: .Laßt uns erst mal draußen sind, da gibt es Pocke. Und die Nüssen, die wer n wir schon kämmen! " Oder sie lesen ein englisches Flugblatt, das in Tausenden von Exem plaren auf den Straßen Londons verkauft wurde: Letzter Wille und Testament des Kaisers. (Da er sein Ende her beikommen sieht, macht er sein Testament.) (Von unserem Spezial- korrespondenten in Berlin.) Dies ist der letzte Wille von Uns, Wilhelm, dem Großtuer und Be herrscher der Wurstfresser, da Wir einsehen, daß Wir bald eine Z2SSchlappe kriegen und jederzeit erwarten müssen, eines gewaltsamen Todes durch einen tapferen John Bull zu sterben. Wir setzen den Kaiser von Österreich als Testamentsvollstrecker ein (mit gütiger Er laubnis der Verbündeten). 1. An Frankreich geben Wir Elsaß- Lothringen (womit Wir nur gestohlenes Eigentum zurückerstatten, was Uns nicht hoch genug angerechnet werden kann). 2. An Serbien geben Wir Österreich. 3. An Rußland geben Wir die Türkei. 4. Belgien vermachen Wir alle blauen Flecke, Beulen usw., mit denen es Uns überschüttete, als Wir widerrechtlich das Land betraten. 3. An Admiral Jellicoe geben Wir alle Unsere Torpedos, Unterseeboote und Unsere ganze Flotte der Auskneifer, d. h. was davon übrigbleibt, denn schließlich muß er sie ja doch alle kriegen. 6. Dem John Bull geben Wir den Rest Unserer Armee. Da sein General French Unsere Soldaten so prompt in Wurstfülle umwandelt, muß Ich annehmen, daß Kitchener, der Preiswurstkoch, dem Ganzen bald ein Ende machen wird. 7. Dem britischen Museum vermache Ich Meinen berühmten Schnurrbart als Erinnerung an den größten Großtuer aller Zeiten. 8. Mrs. Pankhurst und den wilden Weibern überlassen Wir Unsere gepanzerte Faust; sie werden sie sehr gut brauchen können, sobald sie ihre kriegerische Tätigkeit wieder aufnehmen. 9. Dem Sir Ernst Shackleton vermachen Wir den Pol, den Wir ja längst als Unser Allerhöchstes Eigentum be trachtet haben. (Unterzeichnet) Wilhelm, Beherrscher des Landes, der Meere und Lüfte nicht zu vergessen der Würste und des Lagerbieres. Baron von Sauerkraut. Graf von Munichlagerbier." So spottete man über den Herrscher, den der Kriegsberichterstatter der Ehikago Tribüne" anläßlich eines Kriegsgottesdienstes also schilderte: In der Kirche saß ich 15 Fuß von dem Kaiser entfernt. Ich habe ihn so scharf beobachtet, wie ich schicklich tun konnte. Dies, so dachte ich, als ich den Kaiser in seinem Stuhle vor dem aus dem Steg reife hergestellten Altar sitzen sah, ist das trauervollste Gesicht, das ich je gesehen habe. Nein, nicht das trauervollste, auch nicht das sorgen vollste, sondern das ernsthafteste. In seinem Gesicht war kein Schmerz zu lesen, sondern eine so tiefe und erhabene Feierlichkeit, daß in meinem Herzen nicht so sehr die Empfindung des Mitgefühls als der Ehrfurcht aufstieg. Ich glaube sagen zu können, dieser Mann zeigte ein Antlitz, das mit der großen Rolle in Einklang stand, die er in dem furchtbaren Drama der Gegenwart spielt. Er sah nicht nur aus wie der Kriegs herr, sondern wie das besorgte Haupt des Staates, und wenn man die nachdenklichen Augen und die unbeweglichen Lippen sah, mußte Z25man sagen: er trägt die Last seines Reiches. Sein Gesicht war wie von Marmor, unbewegt durch ein Blinken der Augenlider oder ein Öffnen der Lippen. Seine Augen hatten für mich eine besondere An ziehungskraft, und als der Kaiser sich etwas nach rechts wandte, und ich ihm fast gerade ins Gesicht sehen konnte, kam die Überzeugung von der Trauer in seinem Gesicht wieder über mich, und ich wurde an den Ausdruck erinnert, den man in manchen Bildern Lincolns sieht: der nachdenkliche, in die Ferne gerichtete Blick, bei dem das Gehirn hinter den Augen mit schmerzlichen Dingen beschäftigt ist, an die andere noch nicht denken können. . . . Sein Gesichtsausdruck ließ ihn älter erscheinen. Und doch, eine halbe Stunde nach dem Gottesdienst schien er wieder jung, und es gab Augenblicke, in denen beinahe der Ausdruck jungenhaften Glückes in seinen Augen zu lesen war. Das war nach dem Parademarsch von 2VM Landsturmleuten. Ein glänzender Stab stand um ihn; alte und junge Männer beugten sich über seine Hand, aber stets veränderte er den Handkuß, zu dem die Begrüßung werden zu sollen schien, in einen Händedruck. Er sprach lebhaft, und, wie es schien, über angenehme Dinge. Mit vier Offizieren lachte er viel und zeigte dabei seine weißen Zähne. Der Gottesdienst fand in einer neugebauten französischen Kaserne statt, und es wirkte wie eine Ironie des Schicksals, daß die Kaserne zum ersten Male beim Gottesdienst von dem Kaiser und seinem Einfallsheere benutzt wurde. 2000 Mann Landsturmtruppen wohnten dem Gottesdienste bei. Unter dem mittel sten von drei hohen Fabrikfenstern an dem Ende einer Halle hatten die Soldaten einen Altar gebaut. Vorne war er mit scharlachrotem Tuch bedeckt, auf dem ein großes, schwarzes Eisernes Kreuz angebracht war. Beiderseits waren Lanzentrophäen, und an den Spitzen dieser Lanzen waren die Fahnen vierer Heere: eine preußische, eine sächsische, eine württembergische und eine bayerische. In der Ecke stand eine kleine Hausorgel, vor der ein Generaladjutant saß; daneben standen ein Trompeter und sieben Hornisten, alles Musiker von Kavallerieregimen tern. Vor dem Altar war eine Plattform mit einem Armstuhl für den Kaiser; auf der Seite waren zwei andere Plattformen für Stab und Gefolge, und auf der rechten Plattform hatte ich meinen Sitz. Auf allen Plätzen lag ein Feldgesangbuch für die evangelischen Mannschaften des deutschen Heeres. Während wir eine halbe Stunde auf den Kaiser warteten, ging Hofprediger Goerns vor dem Altar auf und ab. Sein Gesicht war sanft, doch hat er die Stimme eines Kriegers, über seiner schwarzen Toga trug er einen grauen Militärrock. Nun kam der große Augenblick: wir hörten draußen Rufe und das Hupen der Kraftwagen: ZZ0dann wurde es in der Kirche ganz still: alles stand da, die rechte Hand zum Gruß erhobender Trompeter nahm dem Prediger den Militär rock ab, wir hörten den langsamen Schritt eines Mannes, der den hölzernen Mittelgang entlang kam. Der Kaiser ging auf die mittlere Plattform, nahm den Helm ab, und nun nahm alles in der Kirche eben falls die Kopfbedeckung ab. Während er auf seinen Stuhl zuging, kam der Pfarrer lächelnd vor und schüttelte ihm die Hand. Wir blieben stehen, bis der Kaiser sich setzte, und während des Gottesdienstes folgten wir ihm in allem: stand er, so standen wir auch, und wenn er saß, saßen wir ebenfalls. Der Kaiser sang die Kirchenlieder laut mit, oft ohne in den Text zu sehen. Während der Gebete stand er, die Augen geschlossen, den Kopf ein wenig geneigt. Seine Haltung war die er habener Frömmigkeit, und wenn man den festgeschlossenen Mund und den Ausdruck der Versunkenheit in seiner ganzen Haltung sah, mußte wan sagen: das ist ein sehr frommer Mann. Während der Predigt suchte ich in seinem Blick Niedergeschlagenheit oder Selbstgenügsamkeit, Stolz, Anmaßung oder sonst was zu lesen, allein ich konnte die Maske seines Ernstes nicht durchdringen. Die Predigt war eine auf den Krieg bezügliche Paulusbriefstelle. Der Prediger ehrte Paulus als Kame raden und Krieger: Paulus war ein guter Soldat, zwar nicht mit dem Schwerte, wohl aber mit der Zunge. Die Predigt endigte folgender maßen: Ms der Krieg über unser Land kam, sprach Gott zu Deutsch land: Soll ich in dieser Prüfung mit euch sein? Werdet ihr diesen Krieg mit mir oder ohne mich führen? Und die Stimme eines ganzen einigen Volkes trug zu dem großen Führer die Worte: Mit dir, o Vater, mit dir, in dieser unserer schweren Aufgabe Alles, was der Prediger sagte, wurde in dem Hymnus zusammengefaßt, den die 2000 nach der Predigt sangen, in dem altniederländischen Dankgebete: Mir treten zum Beten . Es wurde in einer Art gesungen, die seine kurzen, kräftigen Worte wie das Rühren von hundert Trommeln, nein, wie den Schlag von hundert Trommeln wirken ließ. Der Gesang schwoll zu einem begeisterten Finale an, dann wurde der Segen ge sprochen, und ein stilles Gebet folgte. Als die Stille vorüber war, ging der Prediger vom Altar auf den Kaiser zu und drückte ihm die Hand. Nun drehte der Kaiser sich um. Gerade, wie er von der Plattform heruntergehen wollte, grüßte er und sagte ,Guten Morgen, Kame raden . Und mit einem Ruf, von dem die eisernen Träger erzitterten, antworteten 2000 Stimmen: ,Guten Morgen, Majestät " .... Oder sie lesen, was aus dem Hauptquartier über die langwierigen Kämpfe im Argonnerwalde amtlich berichtet wurde:I. Im Kriege 1870 haben die Argonnen keine Rolle gespielt. Das Waldgebirge wurde zwar bei dem Marsche auf Sedan von deutschen Truppen durchzogen, die dabei wegen der spärlichen Ortschaften und des wenigen Wassers Mangel litten, es fanden darin aber keinerlei Kämpfe statt. Solche gab es auch nicht, als die Armee des Kron prinzen von Preußen zu Anfang September 1914 zwischen Argonnen und Verdun südwärts gegen die Marne vorrückte. Auch Mitte Sep tember war noch der Wald frei vom Feinde gewesen. Die Sache änderte sich, als zu Beginn des sich nunmehr entwickelnden Stellungs kampfes das deutsche Westheer eine Linie eingenommen hatte, die von Reims her in westöstlicher Richtung nach der Maas bei Consenvoy führte. Zwar erwartete man anfänglich auch jetzt noch keine Wald kämpfe die deutschen Truppen führten vielmehr bei Binarville auf der Westseite und bei Chatel auf der Ostseite der Argonnen ihre Stellun gen bis dicht an die Waldränder heran, während man das Gebirge selbst durch Detachements sperrte. Als aber die Franzosen namhafte Kräfte in den Wald führten, in der augenscheinlichen Absicht, aus diesem heraus eine umfassende Bewegung gegen einen der am Walde an gelehnten deutschen Flügel einzuleiten, da war der Augenblick ge kommen, wo die Argonnen eine neue militärische Bedeutung gewinnen mußten. H. Der Beschreibung der Kämpfe sei eine kurze Charakteristik der Argonnen vorausgeschickt. Das Waldgebiet erstreckt sich in einer Tiefe von etwa 40 Kilo metern in nordsüdlicher Richtung und hat eine wechselnde Breite von 8 bis 12 Kilometern. Es wird durch das Tal der Biesme in eine nördliche und südwestliche Hälfte von annähernd gleicher Größe ge teilt und außerdem durch Bahn und Straße Clermont en Argonne St. Mänehould in einen kleinen Südteil und einen größeren Nordteil zerlegt. Für den Argonnenkampf kommt nur der nördlichste Teil des Waldes in Betracht, mit ihm die beiden Straßen Clermont Flsville und Clermont Le Four de Paris Menne le Chäteau, von denen erstere außerhalb der Argonnen, letztere im Tal der Biesme führt. An besseren Querverbindungen durch den Nordostteil der Argonnen be stehen nur die Sträßchen Montblainville Servon und Barennes Le ZZ2Four de Paris, als Nordsüdverbindung nur die auf dem Kamme des Waldgebirges laufende alte Römerstraße. Außerdem sind natür lich eine Unmenge von Holzabfuhrwegen vorhanden von mehr oder weniger fragwürdiger militärischer Brauchbarkeit. Diese ist von der Witterung sehr bedingt. Bei feuchtem, regnerischem Wetter verwandeln sich die Wege wegen der lehmigen Bodenbeschaffenheit bald in grund lose Sümpfe. Das Waldgebiet ist eine Mittelgebirgslandschaft, die etwa den flacheren Teilen des Thüringer Waldes entsprechen dürfte. Nach Osten fällt es steil und plötzlich zur Aire ab, im Inneren weist es zahlreiche tiefeingeschnittene Täler und Schluchten aus: hier tritt überall der kahle Fels zutage. Die Argonnen sind ein echt französischer Wald, der be kanntlich vorwiegend aus dichtem Busch von Buchen, Erlen, Eichen Birken besteht, und alle 15 Jahre geschlagen wird, wobei das ge wonnene Knüppelholz in den Kamin wandert. Nur einzelne Eichen und Buchen läßt der Franzose stehen und sich zu vollem Wachstum ent falten. Um diese Stämme schlingen sich die im französischen Walde so zahlreichen Kletterpflanzen, wie der Efeu und die Waldrebe. Ersterer bedeckt große Flächen des Waldbodens, und diesem entwachsen in den Argonnen auch besonders schön und zahlreich ein kleiner immergrüner Strauch, die sogenannte Stechpalme und der Besenginster. Der Wald ist wenig bewohnt. Nur Köhler, Holzhauer und Jäger gehen dort ihrer Beschäftigung nach. Das Innere des Waldes wird, schon seiner Un durchdringlichkeit wegen, von der Bevölkerung gemieden. Auch die Namen ,I^uisseau c! z ^leui issons , ,1a ?ille Moulin 60 1 IIoiniuo mort weisen darauf hin. So sieht der Wald aus, der seit nunmehr vier Monaten Tag und Nacht widerhallt vom Lärm der Massen, und der durch die Erd arbeiten der Soldaten und die Verwüstungen der Feuerwaffen ein ganz neues Gepräge erhalten hat. HI. Als Ende September die ersten deutschen Truppen aus dem Aire- tal in westlicher Richtung in die Argonnen vorgeschoben wurden, hatten die Franzosen, nachdem sie aus den östlichen Waldteilen zurück geworfen waren, den südlich Binarville gelegenen Waldteil stark be setzt und namhafte Kräfte aus dem Tale der Biesme nach Barricade Pavillon, St. Hubert Pavillon und Bagatelle Pavillon vorgesandt. ZZZDiese Truppen legten bei den dortigen Waldhütten Verhaue und Schützengräben an und richteten sich darinnen zur Verteidigung ein. Vor diesen Sperren fanden die deutschen Jägerabteilungen Ende Sep tember ernsthaften Widerstand, so daß Verstärkungen in den Wald geschickt wurden, um den Feind zurückzuwerfen. Da aber auch dieser weitere Truppen dem Walde zuführte, so entspannen sich hier lebhafte Kämpfe, die auf beiden Seiten mehr und mehr den Charakter des Stellungskrieges annahmen. Mitten im Walde entstand Schützen graben hinter Schützengraben, die durch Laufgräben untereinander verbunden wurden. Es wurden Unterstände gebaut, und als das Laub fiel, auch Geschütze in den Wald gebracht. Neben der natürlichen Be schaffenheit des Waldes erschwerten Verhaue und Drahthindernisse dem Gegner die Annäherung an die künstlich geschaffenen Anlagen. Es begann nun ein Kampf von Graben gegen Graben, vielfach von Schritt zu Schritt. Um unnötige Verluste zu vermeiden, griff man zur Sappe. Mit ihr stellten sich auch die starken Kampfmittel des Festungskrieges, wie Minenwerfer, Handgranaten, Revolverkanonen, Stahlblenden, Sandpackungen usw., ein, und die Tätigkeit der Pioniere gewann eine erhöhte Bedeutung. Diese Waffe schritt dann auch zum Minenangriff, wenn andere Mittel nicht zum Ziel führten. Aus allem ergab sich ein langsames Vorschreiten des Angriffs und ein ungewöhn licher Zeitoerbrauch, da nur sorgfältige, wohlüberlegte Vorbereitungen zum Erfolge führten. Zuerst hatte man keine Artillerie im Walde, dann ließ man sie auf Wegen und Schneisen vorkommen, endlich lernte man es, sie überall im Walde zu verwenden. Eine Sonderheit bildeten bei den Franzosen die sogenannten ,Eselsbatterien (Gebirgsgeschütze), eine Bespannungsart, die unseren Soldaten neu war. Die Bevölkerung leistete den Franzosen Vorschub: in deutsche Uniformen verkleidete Soldaten machten sich an unsere Leute heran und versuchten diese aus zuhorchen. Der deutsche Soldat und Argonnenkämpfer entwickelte sich bald zu größter Vielseitigkeit. Schnell und gut paßte er sich den neuen Verhältnissen an. Da wir bald den Franzosen überlegene Angriffs mittel zur Anwendung brachten und unsere Soldaten, was Zähigkeit, Beharrlichkeit und Angriffslust betrifft, unübertrefflich waren, so bildete sich im Waldkampfe ein starkes Überlegenheitsgefühl über den Feind heraus, der, abgesehen von den gelegentlichen Gegenstößen, in die Defensive gedrängt wurde. Der Feind vermochte unseren Angriffen nicht zu widerstehen, so daß unsere Truppen in zwar langsamem, aber ununterbrochenem Vorrücken geblieben sind, trotz der starken Kräfte, die der Feind uns nach und nach entgegenstellte. ZZ4IV. Um die Wende der Monate September und Oktober setzte der Be ginn der größeren deutschen Angriffe ein. Auf dem rechten Flügel drangen unsere Truppen von Binarville aus in die Westargonnen ein und warfen hier den Feind allmählich südwärts zurück. In der Mitte des Waldgebietes wurden Mitte Oktober dem Feinde Barricade Pa villon und St. Hubert entrissen, nachdem um die letzte heftig gekämpft worden war. In den nächsten Tagen drang man von hier aus weiter nach Westen vor und näherte sich dem Biesmetale in der Richtung auf Le Four de Paris, an welchen Ort man bis auf 400 Meter herankam, und wo man sich festsetzte und man sich hielt trotz aller Gegen angriffe, welche die Franzosen seitdem hierher gerichtet haben. Auch Bagatelle Pavillon, einer der stärksten Stützpunkte der Franzosen im Walde, mußte vom Feinde am 12. Oktober aufgegeben und dem deut schen Angreifer überlassen werden. Die Wegnahme der drei erwähnten Pavillons war ein großer moralischer Erfolg. Man begnügte sich nicht mit ihrem Besitze, sondern trug die Offensive weiter vorwärts. Aber auch für diese blieb, wie bei den bisherigen Kämpfen, der schritt weise Angriff bestehen. Die Infanterie sappte und schanzte unentwegt, vielfach bei Nacht, um unnötige Verluste an Menschenleben zu vermei den. Dem Infanteristen reichte der Pionier die Hand, der dem ersten lehrte, Bergmannsarbeit im felsigen Boden zu leisten und den Stollen unterirdisch weiterzutreiben. Bei den Kämpfen und Stürmen kämpften und stürmten beide Schulter an Schulter. Auch der Artillerist stellte sich im Schützengraben ein. So entstand ein enges kamerad schaftliches Berhältnis, wie es selbst im Frieden kaum zustande ge kommen war, einer dem anderen vertrauend, jeder auf die Unter stützung des anderen bauend, sie alle jederzeit dem Tod ins Auge schauend. Graben um Graben war so gewonnen. Bald war es einer, bald stürmte man eine ganze Gruppe von Schützengräben hintereinander. Dementsprechend schwankte der Raumgewinn zwischen 25 und 1000 Metern. Manchmal wurden selbst größere Fortschritte gemacht, hier und da gelang es auch dem Feinde, vorübergehende kleine Erfolge Zu erzielen oder unser Vorgehen durch Gegenangriffe zeitweise aufzu halten. Beides vermochte jeiwch nicht zu verhindern, daß die deutschen Truppen im Argonnerwalde in unausgesetzter Angriffsbewegung, und Zwar in langsamem, aber ununterbrochenem Vorwärtsschreiten be griffen sind. ZZ5Wie langwierig diese Angriffe sind, mag aus der kurzen Schilde rung des Angriffes einer Pionierkompagnie gegen eine im Walde gelegene beherrschende Höhe hervorgehen. Es galt, eine feindliche Stellung wegzunehmen, von der aus die rückwärtigen Verbindungen eines deutschen Abschnittes dauernd gefährdet wurden. Hierzu wurden am 7. Dezember aus dem deutschen Schützengraben drei Sappen vor wärts getrieben, am 18. Dezember war die linke Sappe bis auf etwa acht Meter an die feindliche Sappe herangekommen, als die Spitze durch eine französische Minensprengung auf zehn Meter Länge wieder eingeworfen wurde. Die beiden anderen Sappen waren am gleichen Tage bis auf etwa zwanzig Meter an den feindlichen Schützengraben vorgetrieben. Bis zum 19. Dezember war die linke Sappe wieder auf geräumt und die beiden anderen bis auf sechs bis acht Meter an den Gegner getrieben. Von den Sappenspitzen aus wurden jetzt drei Meter lange Stollen zur Aufnahme von Sprengladungen vorgetrieben, die am 20. zündfertig waren. 8 Uhr vormittags wurden die Minen gezündet. Gleich darauf stürzten die in den Sappen und den angren zenden Teilen der Schützengräben aufgestellten Sturmabteilungen gegen den Feind vorwärts, ihnen voraus Pioniere mit Handgranaten, Drahtscheren und Äxten ausgerüstet. Der durch die Sprengungen kopf los gewordene Feind wurde aus seinen Stellungen geworfen. Die Sturmtruppen folgten über ein feindliches Lager hinweg dem fliehen den Feinde noch etwa 800 Meter, bis sie dichtes Gestrüpp zwang, von der weiteren Verfolgung Abstand zu nehmen und sich einzugraben. Durch die Sprengungen und die geworfenen Handgranaten hatte der Feind eine größere Anzahl Toter, außerdem wurden 200 Gefangene gemacht, vier Maschinengewehre, eine Mevolverkanone und acht Minen werfer erbeutet. Die Besichtigung der genommenen feindlichen Gräben ergab, daß der Feind ebenfalls rmt Minen gegen die deutschen Stellun gen vorgehen wollte. Er hatte vier Schächte, je vier bis fünf Meter tief mit einem Durchmesser von 1,5 Meter abgeteuft und von diesen aus Schleppschächte angesetzt, mit deren Fertigstellung nach Aussage eines gefangenen Genieoffiziers in den nächsten Tagen gerechnet worden war. Die Erfolge unserer Truppen sind natürlich unter mancher Schwierigkeit, Gefahr und unter allerlei Entbehrungen erzwungen worden. Aber die Schwierigkeiten wurden überwunden, den Gefahren keck ins Auge gesehen, und die Entbehrungen wurden freudig ertragen. Wo die Wege schlecht, ungenügend oder nicht vorhanden waren, wur- ZZ 5den neue angelegt oder die alten ausgebessert; wo auch dies dem Be dürfnisse nicht genügte, schritt man zum Bau von Bahnen. Drang Wasser in die Gräben und Sappen ein, so erfand man bald Mittel und Wege, um den unerwünschten Eindringling zu beseitigen. Eine aus gezeichnete und reichliche Verpflegung sorgte dafür, daß die Wider standskraft unserer Truppen andauernd auf der gleichen Höhe blieb; eine Reihe hygienischer Maßnahmen verhinderte das Ausbrechen von Krankheiten und Epidemien. In Hüttenlagern, in bequemen und wohldurchwärmten Erdhöhlen und Unterständen richtete sich die Truppe vorn am Feinde ein. Jeder Schützengraben erhielt einen Namen, überall entstanden Bezeichnungen für die unterirdischen Dörfer, die sich da entwickelten. Neben einem fröhlichen Humor, dem unsere Soldaten so gerne die Zügel schießen lassen, kommt bei diesen Bezeichnungen auch religiöse Gesinnung und ernste Entschlossenheit zum Ausdruck. Da lesen wir vor einem Unterstande ,Ordonnanzen- und Burschenstube und darunter steht,Ein feste Burg ist unser Gott , öder eine andere Aufschrift: ,Treu leben, Tod trotzend kämpfen, Lachend sterben Die deutschen Führer leben in unmittelbarer Gemeinschaft mit ihren Soldaten. Brigade- und Divisionsstäbe haben mitten im Walde ihre Erdhöhlen, über die bei Tag und Nacht die feindlichen Jnfanterie- und Artilleriegeschosse hinwegpfeifen. Tagtäglich zeigen sich die höheren Führer bei der Truppe in den vordersten Linien der Schützengräben, während alle Truppenoffiziere bis zu den Regimentskommandeuren in den Unterschlupfen der Kampflinie nächtigen. Der Oberbefehlshaber, General der Infanterie v. Mudra, erscheint gleichfalls mehrmals die Woche in den vordersten Linien. Im Hauptquartier ist auch der Armee führer, Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen, kein seltener Gast; auch Seine Majestät der Kaiser ist hier wiederholt gewesen. Vor kurzem erst hat er General v. Mudra für die hervorragenden Leistungen der deutschen Truppen im Ar gonnerwalde durch die Verleihung des Ordens Is insrits ganz besonders ausgezeichnet. In einem kleinen Häuschen eines unansehn lichen Argonner Dorfes lebt inmitten der Truppen der greise Feld marschall Graf Haefeler. Tagtäglich muß sein Adjutant ihm berichten über den augenblicklichen Stand des Waldkampfes, den der greise General mit unermüdlichem Interesse verfolgt. 22 Arndt, Die Trommel schlug zum Streite.Rein zahlenmäßig lassen sich die bisherigen deutschen Erfolge in den Argonnen wie folgt ausdrücken. Bis Ende November hat der Feind eingebüßt: 1300 Gefangene, 4 000 Tote, 13 000 Verwundete. Im Monat Dezember betrug die Zahl der Gefangenen 3000, jene der Toten und Verwundeten 8000. An Trophäen wurden in diesem Monat allein 21 Maschinengewehre, 14 Minenwerfer, 2 Revolver kanonen und 1 Bronzemörser erbeutet. Rechnet man die bisher im Januar gemachten 2300 Gefangenen und zählt man etwa 4- bis 5000 Tote hinzu, so ergibt sich französischer- seits ein Gesamtverlust in den Argonnen von etwa 36 000 Mann. Ein ganzes Armeekorps ist also so gut wie aufgerieben, während die Ver luste aus deutscher Seite nicht einmal den dritten Teil betragen. Wie sehr die Franzosen in den Waldkämpsen gelitten haben, geht allein schon aus der Tatsache hervor, daß sie immer neue Verbände in die Argonnen geschickt haben. Kämpften dort zuerst die Truppen des II. und V. Armeekorps, so wurden diese bald verstärkt durch Kolonial truppen und Marineinfanterie. Im Januar tauchten vorübergehend Truppen des I. Armeekorps und Garibaldianer auf: endlich wurden Mitte Januar neue, bisher bei Npern verwendete Verbände in den Wald geschickt, um das anscheinend völlig zusammengebrochene H. Armeekorps abzulösen. Wie es mit der Verfassung der französischen Truppen in den Ar gonnen bestellt ist, das zeigen am besten jene Dokumente, welche den französischen Gefangenen in Gestalt von Anordnungen, Befehlen, ge heimen Erlassen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen abgenommen wurden. Da erwidert General Gourand, Kommandeur der 10. Division, in einem Zusätze zu dem Tagesbefehl vom 28. Dezember die Klagen seiner Untergebenen mit den Worten: ,Sie werden daraus entnehmen, daß sich der Gegner bei der Wegnahme einer Stellung mit den gleichen Schwierigkeiten abzu finden hat wie wir. Das gibt zu denken, denn man denkt oft wegen der eigenen Schwierigkeiten, Anstrengungen und Verluste nicht an jene, die auch der Gegner hat ZZSDie Schwierigkeiten erweisen sich aber auf französischer Seite als recht erhebliche, sonst würden die höheren Führer nicht so oft über die Untätigkeit und Passivität der ihnen unterstellten Truppen Beschwerde führen. So enthält ein Mitte Dezember abgenommenes Befehlstage buch folgende Weisungen: Ks ist von der größten Wichtigkeit, auf der ganzen Front die Tätigkeit zu erhöhen. Die bisherige ist nach Ansicht der Divisions generale unzulänglich. ... Es muß eine größere Angriffstätigkeit entfaltet werden. Wenn es weitergeht, wie bisher, werden die Deutschen uns zuvorkommen Eine geheime persönliche Anweisung des Kommandierenden Gene rals des II. Armeekorps enthält folgende Sätze: .Der Kommandierende General stellt mit Bedauern fest, daß die Gefechtstätigkeit sich ausschließlich auf starre Verteidigung beschränkt, während die Deutschen bei gleichen Verlusteu wie die Franzosen immer erneut angreifen und durch Teilerfolge angefeuert werden Man hat sich an Untätigkeit gewöhnt und wartet rein passiv auf den feindlichen Angriff. Der Mann übernimmt seinen Wachtposten im Schützengraben wie im Frieden vor einem Pulvermagazin oder Proviantamt. . . . Die Führer bleiben in ihren Gefechtsständen sitzen; sie führen die Posten viel selten auf und geben ihnen keine be stimmten Aufträge. Alle Führer bringen ihre Zeit in vorderer Linie in Langeweile oder Angst zu. ... Es ist unbedingt notwendig, daß dies anders wird. . . . Alle Abschnittskommandeure, die Ba taillons- und Kompagnieführer müssen jeden Tag in den vordersten Schützengräben ihre Leute aufsuchen Alle Truppenkommandeure haben ihre Untergebenen mit Angriffsgeist erfüllen Zum Schluß heißt es: ,Der Kommandierende General will mer ken, daß die Franzosen den Deutschen das Gesetz vorschreiben. Wenn sie fühlen, daß wir ihnen überlegen sind, dann werden die Deutschen weichen, und die bisherige schwere Arbeit wird leichter gehen Wie erwähnt, mußte inzwischen das II. französische Armeekorps aus den Argonnen zurückgenommen werden. Dem Brigadegeneral Gossart (V. französisches Armeekorps) fällt es auf Befehl vom 30. November , ,daß der Dienst in den Schützen gräben in bezug auf deren Einrichtung und auf Feuerdisziplin viel zu wünschen übrigläßt General Fobborge (3. Division) ,kennt genau die schwierige Lage, in der sich die Truppen befinden, zweifelt nichtdaran, daß sie diefe überwinden werden. (13. November.) Der Armeeführer will keinen Zoll zurückweichen. Er wird unerbittlich gegen jeden Offizier und Mann einschreiten, der nicht bis zum äußer sten die Stellung und den ihm anvertrauten Posten hält Inzwischen gewannen aber die deutschen Truppen erneut Boden, und auf französischer Seite stieg die Unlust am Kriege, die Zahl der dem Feinde in die Hand fallenden Soldaten und Maschinengewehre. Dagegen versuchte nun der Oberbefehlshaber der 4. Armee und das französische Große Hauptquartier der Ostarmee einzuschreiten. An fangs Januar erschien, von der erstgenannten Stelle ausgegeben, ein Erlaß gegen die zunehmende Selbstverstümmelung bei den Leuten. ,Seit einiger Zeit , lautet dieser, ,sind eine Anzahl verdächtiger Verwundungen bei Mannschaften verschiedener Truppenteile, vor allem bei der Infanterie, bemerkt worden. Es hat sich ergeben, daß es sich um Fälle freiwilliger Verstümmelung handelt, zu dem alleinigen Zweck, sich seiner Militärpflicht zu entziehen In Anlage 3 dieses Erlasses wird erläuternd hinzugesetzt: ,Durch Kriegsgericht der 4. Armee vom 18. Dezember 1914 sind wegen Selbstverstümmelung zwecks Verlassens des Schlacht feldes verurteilt worden je 1 Mann der Regimenter 151, 34, 7, 149, 247, 336,135, 88, Jäger 21 und je 2 Mann vom Kolonialregiment 24 und Jäger 19. Das Urteil ist am 19. vollstreckt worden Eine Verfügung des Generals Josfre stellt fest, daß allein in der Zeit vom 20. November bis 15. Dezember der Ersatz von 315 Stück Maschinengewehren angefordert fei. Nachdem der Oberbefehlshaber kurz die Schwierigkeiten betont, die ein derartig umfangreicher Ersatz bereite, weist er darauf hin, daß wohl nur ein Teil der Gewehre aus Mangel an Sorgfalt unbrauchbar geworden, daß dagegen aus den verhältnismäßig hohen Verlusten ganzer Maschinengewehrzüge der Schluß zu ziehen sei, daß viele Maschinengewehre in Feindeshand ge fallen seien. Dazu bemerkt der Generalstab des V. Armeekorps: ,Diese Verfügung kommt zu gelegener Stunde, da die schmach volle Panik der 5. Kompagnie des Regiments 46 den Verlust von zwei Maschinengewehren gekostet hat Ein anderer Joffrescher Erlaß richtet sich endlich dagegen, daß so zahlreiche französische Soldaten in deutsche Gefangenschaft geraten und verfügt, ,daß jeder gefangen gewesene, nicht verwundete Soldat bei seiner Rückkehr aus der Gefangenschast einer Untersuchung unterworfen wird . Z40Dieser und der vorher genannte Erlaß haben nicht zu verhindern vermocht, daß die Zahl der Gefangenen in den Argonnen ständig zu nimmt, so daß unmittelbar nach der Ablösung des II. Armeekorps den frischen Truppen sogleich 2 Offiziere, 250 Mann und 5 Maschinen gewehre abgenommen wurden. Aus den Gefangenenaussagen klingt starke Kriegsmüdigkeit hin durch, die wir aber nicht ohne weiteres verallgemeinern wollen, da der Gefangene ja nur allzusehr dazu neigt, dem Sieger zu Gefallen zu reden, um sich dadurch in eine günstigere Lage zu versetzen. Weit schärfere Schlüsse vermag man aus dem Briefwechsel zwischen den Sol daten und ihren Angehörigen zu ziehen. Wie aus zahllosen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen hervorgeht, betrachten die Angehörigen den in die Argonnen entsandten französischen Soldaten als Todeskandi daten und den aus diesen Kämpfen heil Entkommenen als einen, über dessen Haupt die Vorsehung gewaltet haben müsse. Ein Mitte Januar bei einem größeren erfolgreichen Angriffs gefecht gefangengenommener französischer Stabsoffizier (Major Guinard) sagte aus: .Der Angriff der Deutschen wurde mit bewunderungswürdiger Energie durchgeführt. Unsere Stellung war schnell durchbrochen. Meine Kompagnien hatten den Befehl, sich bis zum äußersten zu halten. Darum wurden alle, die nicht fielen, gefangengenommen. Ich selbst bekam einen Schuß in den Kopf und weiß von diesem Augenblick an nichts mehr. Ich bin zufrieden, daß ich verwundet bin, denn nun brauche ich den Fortgang dieses Krieges nicht mehr mitzuerleben. Wir waren sehr schlecht orientiert über die Qualität des deutschen Heeres. Derartige Leistungen hatten wir ihm nicht zugetraut. Anderer seits hat man die Russen weit überschätzt. Für die von Jossre be fohlene Offensive haben die Franzosen noch einmal ihre beste und äußerste Kraft an allen Punkten eingesetzt. Nachdem nun auch dieser Stoß keinen Erfolg gebracht hat, könnte höchstens nur noch auslän dische Hilfe den Feldzug günstig entscheiden. Von wem sollte diese Hilfe aber kommen? Rußland ist fertig, und England hat wohl Menschen, aber kein Kriegsmaterial mehr einzusetzen. Der Krieg kann zwar noch lange dauern, aber an eine Besserung unserer Lage glaube ich nicht mehr. Diese Auffassung verbreitet sich immer mehr, und deshalb ist es kein Wunder, wenn wir alten Soldaten traurig und deprimiert sind ?42 Mögen die Franzosen in ihren Bulletins immerhin weiter von an geblichen Erfolgen in den Argonnen berichten, mögen sie fortfahren, zu behaupten, daß sie bei St. Hubert und im Bois de Grurie Stellungen inne hätten, die schon längst einen Kilometer hinter der vorderen Linie der Deutschen liegen, durch alle diese Mittel wird sich auf die Dauer nicht verheimlichen lassen, wer der Sieger in den Argonnen ist, ob der jenige, der unaufhaltsam vorwärtsschreitet, oder der gezwungen ist, Erlasse herauszugeben, wie sie im Auszuge foeben vorgeführt wurden."Sechzehntes Kapitel. Ausklang. Silvesterglocken. Aus Wochen waren Monate geworden. Der Professor wirkte in Italien; Frau Helenes Heim am Prager Platz war nun endlich doch vom Roten Kreuz mit Beschlag belegt worden. Wo früher all die vielen kleinen, bunten und schnurrigen Seidenfähnchen geflattert hatten, da hing jetzt die weihe Fahne mit dem roten Kreuz. Der Rittmeister stand in Zossen und drillte die jungen Leute, und konnte es nicht verstehen, daß man ihn noch immer nicht in die Front rief. Mutter Peeck war zur Schwester gezogen. Lissi hatte alle Hände voll zu tun, und unter diesen veränderten Umständen war man auch an Maria Asten mit dem Ersuchen herangetreten, ob sie nicht als Schwester helfen könnte. Aber Maria Asten sah ein, daß ihre Nerven sie nicht zu solcher andauernden Tätigkeit befähigten: und der Ernst der Zeit hatte so geweckt, daß lediglich die Tracht sie nicht locken konnte. Außerdem hatte sie im Verlauf ihrer Tätigkeit die Aufmerksamkeit eines norddeutschen Stadttheaterdirektors erweckt, an dessen Oper sie schon in der nächsten Woche wirken sollte. Ihr Lebensschifflein war durch die großen Ereignisse aus seinem ruhigen Kurs herausgeschleudert worden; fie hatte es selber mit eigener Hand wieder zurechtgesteuert; kein Mensch hatte ihr Opfer bringen müssen, keinem war sie lästig ge fallen, nur einen vernünftigen Rat hatte sie vernünftigerweise befolgt. Florian schrieb selten. Höchstens mal eine Karte. Er hatte an der Wer gekämpft und bei Dixmuiben. Eines Tages, als Frau Helene mit ihrer Schwester von Einkäufen her über den Potsdamer Platz ging, sahen sie plötzlich Florian im Straßengewimmel stehen; die Frauen hätten ihn kaum wiedererkannt, so groß und so stark und so verbrannt sah er aus; auf der Brust trug er das Eiserne Kreuz. Z5ZEr stand hochaufgerichtet da und starrte über die drängenden, lärmvollen und schwatzenden Menschen dahin, als wäre er einer vom Lande, der noch niemals im Leben so ein Großstadtbild gesehen hätte. Es lag auf seinen Zügen etwas Fremdartiges und Herbes, aus seinen Augen sprach tiefe Traurigkeit und um seinen Mund lag es wie herbe Verblüfftheit. In seiner Nähe standen Blumenverkäuferinnen und schrien Zeitungsverkäufer: alles geschäftliche Leben schien denselben Schritt zu gehen wie in Friedenszeiten. Als die Damen ihn anredeten, grüßte er sie, als wenn er erst all mählich sich in dieser Wirklichkeit zurechtfände, als wenn seine Ge danken noch immer weit, weit anderswo wären. Natürlich mußte er mit ihnen nach Haufe kommen. Er sollte sich ausruhen. Er hatte lange Fahrten hinter sich. Zu Hause bat er um die Erlaubnis, ein Bäd nehmen zu dürfen: n.ich dem Kaffee müßte er sich wieder stellen. Er ging nach oben in seine Wohnräume, in seine Stuben mit den japanischen Tapeten; er setzte sich da in einen Stuhl und staunte die Wände an: ihm war es, als wären viele Jahre verflossen, feit er damals hier am Schreibtisch ge sessen hatte. Beim Essen war er wortkarg. Mutter Peeck konnte das gar nicht verstehen. Sie hatte es schon immer nicht verstanden, daß Florian so wenig Kriegsschilderungen in seinen Briefen geboten hatte: die Schlachtenbriefe ihres Sohnes trug sie immer bei sich. Als sie schließ lich in Florian drang, er möchte doch erzählen, wie er zum Eisernen Kreuz gekommen wäre, sah Florian wie müde in die Weite und meinte: Gnädige Frau, es mag wohl einzelne Feldherren geben, die einen überblick über die ganze Schlacht haben; unsereiner aber ist ja nur das Zähnchen eines kleinen Zahnrades in der großen Kriegs maschine und merkt nur das Wenige, was ihn trifft. Es kam bei uns auf Ausdauer und Geduld an. Listige .Schiebungen^, wie man das in Berlin nennt, haben wir nicht gemacht. Nur ein paarmal kam es zum Sturm." So, gestürmt haben Sie auch?" Ja, es war bei einem belgischen Dorf. Da haben wir auch ge stürmt." Erzählen Sie doch, wie war das?" quälte Mutter Peeck. Da gab Florian auf einmal einen leisen, schluchzenden Don von sich und deckte die Hand über die Augen. Es war, als wenn irgend eine Erinnerung über ihn gekommen wäre, die ihm zu schmerzlich war, als daß er sie hier bei Tische servieren mochte. Z45 Verzechen Sie!" hatte er gesagt; dabei hatte er sich die Augen gewischt, und reichte die Hand jetzt der Hausfrau. Die Geschichten gehen mir alle noch zu nahe. Ich bin leider nicht so geschickt wie manche unserer Autoren, die so über der Sache stehen, daß sie über alles sofor aus dem Schützengraben heraus leitartikeln können. Wir sa)en ja auch nicht immer nur den großen, tröstlichen Zusammenhang ev Manzen, sondern oft nur das Untröstliche, Menschliche. Damit empfahl sich Florian. Und so plötzlich, wie er gekommen war, war er auch wieder ver schwunden. Zuerst war er im Westen gewesen, jetzt mußte er nach dem Osten. Für Leute wie Florian war der Tausch kein günstiger, denn für Leute, wie Florian einer war, ist es ein großer Trost und eine große Stärkung, wenn hin und wieder ein ehrwürdiges Bauwer oder eine liebliche Landschaft durch friedlichen Gruß stärken kann. Schon war der Weihnachtsabend da. Während die Anregung des Papstes, am Weihnachtsfeiertag einen Waffenstillstand eintreten zu lassen, bei Deutschland, Österreich-Ungarn, bei der Türkei und anscheinend auch bei England eine gute Aufnahme gefunden hatte, lehnten Rußland un5 Frankreich den Vorschlag ab. Der deutsche Kronprinz hatte folgenden Befehl an seine Mann schaften erlassen: Weihnachten in Frankreich in engster Fühlung mit dem Feinde! Solche Feier wird uns allen unvergeßlich bleiben! Dazu wünsche ich sämtlichen Angehörigen meiner tapferen Armee Gottes reichsten Segen, bis wir uns mit dem Soldatenglück pflichtbewußter Streiter einen Frieden erkämpft haben, aus den wir und unser geliebtes Vaterland stolz sein werden. Wie mein Großvater, der Kronprinz Friedrich Wilhelm, Weihnachten 1870 seiner braven Armee, Euren Vätern und Großvätern, so !sende ich jedem einzelnen meiner treuen Ä^itkämpser als bescheidene Erinnerungsgabe an die gemeinsame Weih nachtsfeier in Deutschlands größter Zeit eine Tabakspfeife mit meinem Vilde." Die Weihnachtsfeier im Großen Hauptquartier war, wie die Kölnische Zeitung" berichten konnte, ebenso einfach und schlicht wie ein drucksvoll. Der Kaiser wollte das Fest inmitten der Soldaten begehen, die zum Hauptquartier gehören. Dazu bedurfte es eines sehr großen Raumes, da der Gabentisch für etwa 960 Personen aufgestellt werden mußte. Die weite Halle war über und über mit Tannengrün geschmückt, so daß nirgends von Decke und Wand etwas zu sehen war. Jedermann, vom Kaiser bis zum schlichten Landwehrmann, fand Platz an den in Längsrichtung aufgestellten Tischen, die in gleichen Abständen mit Z45Lichtern geschmückte Bäume trugen. Jeder Offizier und jeder Mann erhielt die gleichen Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse sowie ein Bild des Kaisers. Die Mannschaften erhielten außerdem einen Tabaksbeutel und Zigarren. An der Stirnseite des Raumes war ein Altar errichtet, davor eine große Krippe. An den Seiten standen hohe Christtannen. Der alte Weihnachtsgesang: O du selige, o du fröhliche Weihnachts zeit" leitete die Feier ein, sobald der Kaiser die Anwesenden mit dem Gruße Guten Abend, Kameraden!" begrüßt hatte. Es folgte eine kurze Ansprache eines Pfarrers und dann das Lied Stille Nacht, heilige Nacht!" Nachdem Generaloberst v. Plessen dem Kaiser für die Bereitung des seltenen Festes gedankt hatte, hielt der Kaiser folgende Ansprache: Kameraden! In Wehr und Waffen stehen wir hier versammelt, dieses heilige Fest zu feiern, das wir sonst in Frieden zu Hause feiern. Unsere Gedanken schweifen zurück zu den Unserigen daheim, denen wir diese Gaben danken, die wir heute so reichlich auf unseren Tischen sehen. Gott ließ es zu, daß der Feind uns zwang, dieses Fest hier zu feiern. Wir sind überfallen, wir wehren uns. Das gebe Gott, daß aus diesem Friedensfest mit unserem Gott für uns und unser Land aus dem schweren Kampf reicher Sieg erstehe. Wir stehen auf feindlichem Boden, dem Feinde die Spitze unseres Schwertes und das Herz unserem Gott zugewandt. Wir sprechen es aus, wie es einst der Große Kur fürst getan hat: In den Staub mit allen Feinden Deutschlands! Amen." Der Kaiser ging bann an den Tischen entlang und zeichnete viele Offiziere und Mannschaften durch Ansprachen aus. Nach verhältnismäßig kurzer Zeit erschien Florian zum zweiten Male in Berlin. Es war zwischen Weihnachten und Neujahr. Er hatte einen Schuß durch das rechte Knie bekommen und mußte sich jetzt im Lazarett ausruhen. Es gelang den Bemühungen der Frau Helene, daß der junge Freund, der bereits Unteroffizier geworden war, in ihrem Hause ein Bett finden konnte. Eines Tages besuchte Rittmeister Peeck den Kranken. Der Alte murrte, weil er meinte, er würde wohl nie mehr an die Front kommen. Lachend entsann er sich des ersten Zusammenkommens aus Klein- Grussow. Denken Sie sich nur: der alte Drews ist gestorben. Die Leute sagen, der Krieg hätte ihn zu sehr bedrückt. Das hätte ich dem alten Drews nicht zugetraut."Florian erwiderte: Ich sagte Ihnen damals ja schon, daß der alte Drews nicht das war, wofür Sie ihn hielten. Als -der alte Drews noch ein junger Drews war, ist er mit großen künstlerischen Plänen in die Welt gegangen, und als die ihm fehlgeschlagen sind, hat er sich da eingesponnen in der kleinen Anklamer Hinterstraße, um sich da vor aller Welt zu verstecken. Ich war der letzte, der ihn nochmals aus seinem Schlaf geweckt hat. Als dann für uns alle das große Wecken kam, konnte er nicht mehr teilnehmen, und es blieb ihm nichts übrig, als sich zu Tode zu grämen." Aber was haben Sie denn da für Bücher liegen?" Das sind japanische." Ach richtig. Wollen wohl Dolmetscher werden, oder sind es ja wohl schon. Aber den bunten Rock ziehen Sie nun doch gewiß nicht wieder aus? Sie werden doch sicher bald Offizier und bleiben es dann auch?" Da sagte Florian leise und lächelnd: Nach den? Siege werde ich im Frieden als Philologe doch wohl nützlicher sein." Na, dann: Glückauf dazu!" Silvester! Neujahr! Was würde das neue Jahr bringen? Der Kaiser entbot an Heer und Marine folgenden Neujahrsgruß: Nach fünfmonatigem, langem, schwerem und heißem Ringen treten wir ins neue Jahr. Glänzende Siege sind erfochten, große Er folge errungen. Die deutschen Armeen stehen fast überall in Feindes land. Wiederholte Versuche der Gegner, mit ihren Heeresmassen deutschen Boden zu überschwemmen, sind gescheitert. In allen Meeren haben sich meine Schiffe mit Ruhm bedeckt. Ihre Besatzungen haben bewiesen, daß sie nicht nur siegreich zu fechten, sondern, von Übermacht erdrückt, auch heldenhaft zu sterben verstehen. Hinter dem Heere und der Flotte steht das deutsche Volk in beispielloser Eintracht bereit, sein Bestes hinzugeben für den heiligen, heimatlichen Herd, den wir gegen frevelhaften Überfall verteidigen. Viel ist in dem alten Jahre geschehen. Noch aber sind die Feinde nicht niedergerungen: immer neue Scharen wälzen sie gegen unsere und unserer treuen Verbündeten Heere heran. Doch ihre Zahl schreckt uns nicht. Ob auch die Zeit ernst, die vor uns liegende Aufgabe schwer ist, voll fester Zuversicht dürfen wir in die Zukunft blicken! Nächst Gottes weiser Führung vertraue ich auf die unvergleichliche Tapferkeit der Armee und der Marine und weiß mich eins mit dem ganzen deutschen Volke. Darum unverzagt dem neuen Jahre ent gegen: zu neuen Taten, zu neuen Siegen für das geliebte Vaterland!" Z47Zwischen Kaiser Wilhelm und König Ludwig von Bayern fand zum Jahreswechsel folgender Telegrammwechsel statt: Seiner Majestät Kaiser Wilhelm, Großes Hauptquartier. An der Wende des Jahres, in dem Deutschland gegen eine Welt von Feinden zum Schwerte greifen mußte, beseelt uns alle nur ein Ge danke: Möge es unserer tapferen Armee und unserer heldenmütigen Marine gelingen, die Gegner niederzuringen, und möge dem deutschen Volke im neuen Jahre ein Frieden gesichert werden, der wert ist der schweren Opfer, die es zum Schutze des Vaterlandes freudig auf sich genommen. In der zuversichtlichen Hoffnung, daß diesem Wunsche Erfüllung beschieden werde, stehen die deutschen Fürsten und Stämme in unerschütterlicher Treue zu Kaiser und Reich. Gott schütze Dich und Dein Haus auch im neuen Jahre. Er erhalte Dir die Kraft im Kampfe um Deutschlands Größe und Ehre; er verleihe den deutschen Waffen und unserer gerechten Sache den Sieg. Ludwig. Marie Therese." Ihren Majestäten dem König und der Königin, München. Euer herzerfreuendes treues Gedenken anläßlich des bevorstehenden Jahres wechsels empfing mich heute bei der Rückkehr von einer kurzen Reise. Ich erwidere Euere guten Wünsche von ganzem Herzen für Euch, die Eurigen und das gesamte Bayerland. Ihr sprecht mir aus der Seele, wenn Ihr sagt, wir alle hätten nur den einen Gedanken, daß dem ge liebten Vaterlande im neuen Jahre ein Friede gesichert werde, würdig der gebrachten und noch zu bringenden schweren Opfer. Wie herrlich ist dabei die Gewißheit, daß die deutschen Fürsten und Stämme in un erschütterlicher Treue zusammenstehen, um mit Gottes Hilfe durch unsere heldenhaften Truppen den Sieg zu erkämpfen, den wir für die gerechte Sache mit felsenfester Zuversicht erhoffen. In herzlicher Freundschaft Wilhelm." Generalfeldmarschall von Hindenburg erließ aus Anlaß des Jahreswechsels folgenden Tagesbefehl an feine Armee: Hauptquartier- Ost, 30. Dezember 1914. Soldaten des Ostheeres! Am Schluß des Jahres ist es mir ein Herzensbedürfnis, Euch meinen wärmsten Dank und meine vollste Anerkennung für das auszusprechen, was Ihr in dem nun abgelaufenen Zeitabschnitt vor dem Feinde geleistet habt. Was Ihr an Entbehrungen ertragen, an Gewaltmärschen ausgeführt und in langen, andauernden, schweren Kämpfen erreicht habt, das wird die Kriegsgeschichte aller Zeiten stets zu den größten Taten zählen. Die Tage von Tannenberg und den masurischen Seen, von Opatow, Jwan- gorod und Warschau, von Wloclawek, Kutno und Lodz, von der Piliza, Z5SVsura und Rawka können Euch nie vergessen werden! Mit Dank gegen Gott, der uns die Kraft zu solchem Tun gegeben hat, und mit festem vertrauen auf seine weitere Hilfe wollen wir das neue Jahr antreten. Treu unserem Soldateneid werden wir unsere Pflicht auch ferner tun, bis unserem teuren Vaterland ein ehrenvoller Frieden gewiß ist. Und nun weiter frisch darauf, wie 1914, so auch 1915! Es lebe Se. Majestät der Kaiser und König, unser allergnädigster Kriegsherr! Hurra, v. Hindenburg, Generalfeldmarschall und Oberbefehlshaber der ge samten Streitkräfte im Osten." Der Papst übersandte den beiden Kaisern Wilhelm und Franz Joseph folgendes Telegramm: Im Vertrauen auf die Gefühle christlicher Nächstenliebe, von denen Euere Majestät beseelt sind, bitten wir Euere Majestät, dieses unheilvolle Jahr zu beenden und das neue zu eröffnen mit einer Hand lung kaiserlicher Großmut, indem Euere Majestät unseren Vorschlag annehmen, daß zwischen den kriegführenden Staaten ein Austausch der für den Militärdienst künstig als untauglich anzusehenden Kriegs gefangenen stattfinden möge. Papst Benedikt XV." Kaiser Wilhelm antwortete: An Seine Heiligkeit den Papst, Rom. Indem Ich Euerer Heilig keit für Ihr Telegramm danke, ist es mir ein Herzensbedürfnis, zu ver sichern, daß Euerer Heiligkeit Vorschlag, das Los der für den ferneren Militärdienst untauglichen Kriegsgefangenen zu lindern, meine volle Sympathie findet. Die Gefühle christlicher Nächstenliebe, von der dieser Vorschlag eingegeben ist, entsprechen durchaus meinen eigenen Über zeugungen und Wünschen. Wilhelm." Kaiser Franz Joseph erwiderte mit folgendem Telegramm: Tief gerührt von den Gefühlen christlicher Nächstenliebe, welche Euere Heiligkeit zu der großherzigen Initiative bewogen hat, welche auf den Austausch der für den Militärdienst als unfähig erkannten Kriegs gefangenen abzielt, beauftragte ich bereits auf telegraphischem Wege weinen Botschafter beim Heiligen Stuhl, dem Kardinal-Staatssekretär uützuteilen, daß meine Regierung diesen liebreichen Vorschlag grund sätzlich und von Herzen zustimmt und daß sie sich beeilen wird, mit den in Betracht kommenden Staaten in Verhandlungen einzutreten, um den Vorschlag Euerer Heiligkeit der praktischen Verwirklichung zuzuführen."Wir nehmen von dem Leser Abschied mit einer Silvesterbetrachtung von Marx Möller: Wieviel hat das alte Jahr uns genommen! Wieviel Herzen ge hoben und tief beschwert! Nun galt dem neuen ein ernstes Willkommen! Silvester war diesmal ein ernstes Fest! Wie viel hat das alte Jahr uns gelehrt! Um uns tobt ein gewaltiger Streit! Unser aller Urmutter, die Zeit, sitzt uns überragend und spinnt an ihrem Garn und blickt und sinnt; sinnt längst verschollene Vergangenheiten und blickt geruhsam in kommende Zeiten; kennt kein Jammern und kein Frohlocken, als achte sie kein Einzelgeschick; aber beim Klang der Silvesterglocken verspüren wir ihren Urmutterblick, mahnettd wie in sorgendem Gram; und wir entdecken die neue Falte, die eben jetzt ihre Stirn bekam; und wir grüßen in Ehrfurcht die Alte! Und sie hebt den Finger: wir spitzen die Ohren! Und der Nebel um sie her zerbricht: und aus den drei heimlichen Toren, die sie uns auftut, bricht zaubrisches Licht! Und das erste Tor ist mondscheinerhellt: das führt in die liebe Legendenwelt! Aus dem tritt in Priestergewand uns entgegen Sankt Silvester und gibt seinen Segen; und erzählt vom Kaiser, den er be lehrte, vom Konstantin, dem Gott Siege bescherte, der alle Feinde überwand in allen seinen Christenkriegen, weil auf seinem Schwerte der Kreuzesspruch stand: In diesem Zeichen wirst du siegen!" Und uns ist, wenn Silvester vom Konstantin spricht, als trüge der unseres Kaisers Gesicht! Und das zweite Tor liegt im Abendrotglängen und ist ganz um blaut von Vergißmeinnichtkränzen: daraus kommen in leisen Zügen all die Treuen, die längst von uns gingen; Alte, die gar nicht am Leben mehr hingen, neben Kindern mit Tränenkrügen! Und hinter den Kleinen und hinter den Alten schreiten in unüberseh barer Schar unsere Toten vom letzten Jahr, all die tapferen, feldgrauen Gestalten! Und es ergreift uns schluchzende Pein, daß sie lebend nicht wiederkehren. Aber sie heben die Hände empor, um unseren stürzen den Tränen zu wehren, und sie weisen aufs dritte Tor! Und das dritte Tor liegt im Sonnenschein! Und es lacht Hohen- zollernwetter! Und um seine Säulen ziehen sich Lorbeergewinde und Eichbaumblätter, und aus ihm klingt ein Siegesgebraus: und das dritte Tor sieht gerade so aus, wie das Brandenburger Tor in Berlin! Z50Die Viktoria glänzt! Ihre Rosse prahlen, alle Gesichter leuchten und strahlen! Und dann tönt Jubeln mit einemmal bei all den Tausenden, die da stehen, und es erbraust der Landeschoral, weil sie da vorne den Kaiser sehen im Siegerkranz, den Gott ihm gereicht! Er trägt den Glanz und die Herrlichkeit: und er trägt auch am tausendfältigen Leid; er trägt heimlich mit an viel heimlichem Weh: Sorge hat das Haar gebleicht. Fällt auch auf solche Häupter Schnee?" Des Kaisers Auge blickt gütig und weich! Und um ihn braust Jubel zum Himmel empor! Das alle- üingt aus dem dritten T r - L-uchtmd w nd unt wunderbar! Die Sonne strahlt, der Himmel steht offen! Das ganz Land liegt bunt wie ein Garten! . . ^ Dieses Tores und Einzuges wollen wir warten! Daraus wollen wir gläubig hoffen! Das wünschen wir uns für das neue Jahr.Druck von A, Seydel ck Cie. G. m. b. Ä., Berlin SW.Die Trommel schlug zum Streite Historische Erzählung aus dem Kriegsjahrl9l4 von Prof. vr. WaltherArudt Mit einem Titelbild von Wilhelm Pape, vier Vollbildern in Farbendruck von G. W. H. Jäger und zahlreichen Kunstb ei lagen
