Aus dem belagerten Tsingtau Tagebuchblätter von C. I. Voskamp Berlin 1915 Aus dem belagerten Tsinglau Tagebuchblätter von C. I. Voskamp Berlin 1916 Buchhandlung der Berliner evang. Missionsgesellschaft RO. 43, Georgcnliirchslrabe 70 Vorwort. ie Blätter, die wir hiermit der Öffentlichkeit über geben, sind nicht ohne weiteres für den Druck geschrieben worden. Wie alle Missionare der Berliner Mission, so führt auch Missions superintendent Voskamp in Tsingtau ein Tagebuch, das die Missionsleitung daheim über den Fortgang des Werkes draußen, seine Minderungen und Erfolge, seine Be dingungen und Bedürfnisse, auf dem Laufenden erhalten und ihr zugleich als Quelle für die öffentliche Bericht erstattung vor seinen heimatlichen Freunden dienen soll. Das vorliegende Tagebuch aber gehört, gerade in unsern Tagen, der Allgemeinheit. Es bildet ein dauerndes Denkmal des Keldenkampses unserer deutschen Brüder aus dem fernen ostasiatischen Posten. Schon ein kurzer vorläufiger Bericht desselben Ver fassers über die Vorgänge in Tsingtau, den wir in unseren Blättern veröffentlicht hatten, fand ein solches Echo und ist so vielen, die mit Trauer und Sorge ringen, wertvoll geworden, daß wir ihn als Flugblatt in Massenauflage gedruckt haben. Er ist besonders in Lazaretten verteilt und auch an Soldaten im Felde versandt worden. Dieses Tagebuch bietet unvergleichlich viel mehr. Vor allem gehört es denen, die einen der Ihrigen unter den heldenmütigen Verteidigern Tsingtaus oder gar unter denen hatten, die für die Ehre des deutschen Namens dort gefallen sind. Sie werden danach verlangen, zu wissen, wie es in jenen letzten Tagen in den Kerzen derkleinen, hart bedrängten Schar aussah. Aber auch jeder, der sich für Ostasien interessiert, und den das Schicksal unsres schönen Tsingtau bewegt, und wen bewegte es nicht? wird nach diesen Blättern greifen wollen. Dieses Tagebuch in seiner Unmittelbarkeit und mit seiner treuen Wiedergabe der wechselnden Stimmungen unter den Belagerten scheint uns ein Gegenstück zur "Fröschweiler Kriegschronik" zu sein. Es bietet nichts Erdachtes, sondern Erlebtes. Die Worte unseres selbst geprüften, aber auch getrösteten Freundes werden in ihrer ergreifenden Schlichtheit und Echtheit manchem wohltun. Freilich enthält das Buch manches recht Persönliche und Intime, wie man es sonst eben nur einem geschlossenen Kreis von Freunden bietet. Aber hat nicht die Not dieser Tage unser Volk wie nie zuvor zu einer großen, gemeinsam leidenden und einheitlich fühlenden Familie zusammengeschlossen? So glauben wir, was in un vergeßlichen Stunden aus unsres Freundes Seele ge flossen ist, unverändert und, von wenigen unwesentlichen Stellen abgesehen, auch unverkürzt weitergeben zu sollen, gewiß, auch im Sinne des Verfassers zu handeln, der am Sterbebette seines tödlich verwundeten Sohnes, als Seelsorger unter den Kämpfenden und als Tröster in den Lazaretten sich selbst unter das Wort gestellt hat: Wie sagt doch St. Paulus im ersten Kapitel des zweiten Korintherbriefes so schön? Gott tröstet uns in aller unsrer Trübsal, daß wir auch trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Tröste, damit wir getröstet werden von Gott!" Glüer.21. September. Es ist Montag Morgen. Mit Br. Kunze und meinen Hausgenossen, meiner Frau, meinen Söhnen Kans und Martin und der Missions schwester Strecker, habeich das Lied gesungen: O Durchbrecher aller Bande!" Wie einem in dieser Zeit solch ein Lied so besonders verständlich und köstlich wird! Einer meiner Freunde, der krank im Lazarette liegt, sagte ganz richtig, die Psalmen Davids erscheinen einem in dieser Zeit des Karrens und Wartens in einem tieferen Lichte der Erkenntnis. Gestern war Sonntag. Mit den Meinen las ich eine köstliche Predigt des Gen.-Sup. Braun von Matthäi, und meinen Chinesen predigte ich über das falsche und das rechte Sorgen. Wir knieten nieder, und der Chinese Mau sprach ein inniges Gebet voll demütiger Sünden erkenntnis und gläubiger Zuversicht auf den Kerrn, der allein unser Gefängnis wenden kann. Ja, es wird uns sein, als ob wir träumen, wenn die Freiheit bricht herein." Wir fühlen es so deutlich, wie der Kerr in der Tat ein Schild ist allen, die Ihm trauen. Das war der Spruch der Bibellosung an meinem Geburts tage, dem 18. September. 6 Die Maschen des japanischen Belagerungsnetzes ziehen sich enger um uns. Im Lauschan-Gebirge, das unsere schöne, deutsche Kolonie im Osten abschließt, ist es schon zu wiederholten Zusammenstößen zwischen unseren Patrouillen und dem japanischen Militär gekommen. Das Mecklenburg - Kaus, das herrliche Erholungsheim, ist zum Teil von den Unseren zerstört und wurde dann von den Japanern beschossen. Das Gros der japanischen Armee befindet sich noch auf dem Marsche. Die Truppen sind in Lung ku und den Lauschanhäsen gelandet, aber die Wege sind durch die wolkenbrucharligen Regengüsse so unpassierbar geworden, daß die feindlichen Maschinen gewehrabteilungen nur täglich fünf bis sechs Kilometer weit vordringen können. Die anfängliche Besorgnis vor einer Überrennung unserer Verteidigungslinien durch überlegene japanische Kolonnen hat kühleren Erwägungen Platz gemacht. Auf dem Meere sieht man die Schatten der japanischen Linien schiffe und Kreuzer, und von Zeit zu Zeit erscheint ein englisches Kriegsschiff, das wohl beobachten soll, welche Fortschritte die Japaner gemacht haben. Japan hat sich an heischig gemacht, wie verlautet, für die Erlassung der Zinsen der Anleihe Englands in der Köhe von 50 Millionen Jen Tfingkau zu stürmen. Andere sagen, Tsingtau solle aus gehungert werden. Ein zerstörtes Tsingtau und Deutschland würde den stürmenden Japanern nur einen rauchenden Trümmerhaufen hinterlassen würde den Feinden nichts nützen. Was den Japaner reizt zu besitzen, ist das in den 16 Iahren mit unendlicher Mühe7 und Fleiß geschaffene, mustergültige Kolonialanwesen, das einzigartig in ganz Ostasien dasteht. Aber England will auch kein japanisches Tsingtau haben, und Japan verlangt nicht darnach, als Preis seiner schweren Opfer eine internationale Konzession wie Schanghai und Tientsin und Kankau entstehen zu sehen. Japan will ganz Schantung beherrschen oder nur ein Faustpfand haben, zum Ilmtausch gegen die ihm so nötige Kornkammer der Fuh Kien-Provinz. Es ist ein Rätsel, warum Japan so langsam und mit Zögern die Belagerung Tsingtaus betreibt, so ungleich dem russischen Kriege, wo es mit dem Ungestüm eines Tigers in den Dschungeln, um sein eigenes Bild zu gebrauchen, dem Gegner an die Kehle fuhr. Unsere Soldaten welche prachtvolle Stimmung herrscht doch unter unseren kämpfenden Brüdern in der Front! haben längst erkannt, daß der Japaner ein schlechter Gewehrschütze ist. Seine Stärke liegt im An griff mit dem Bajonett, im Überwinden von unglaublichen Kindernissen und in seiner Geschicklichkeit, Stellungen zu schaffen für seine gute Artillerie bei Belagerungsarbeiten. Schon werden kleine Keldenstückchen von unseren Leuten erzählt, wie sie im Kugelregen der Feinde ruhig das gestürzte Pferd aufrichten und satteln, dann die Patronen vor sich ausschütten und zehn bis fünfzehn Gegner erledigen. Stützen vor den Verteidigungslinien spielen sich täglich solche Szenen ab. Aber auch dem Feinde muß man Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er kämpft eben auch für seinen Kaiser, für das größere Japan, für sein Buschido, seine Ehre.8 Gestern fiel einer unserer Offiziere, Lt. v. Riedesel, auch wurden zwei oder drei Leute verwundet. Der japanische Flieger, welcher aus seinem Zweidecker Bomben auf die Stadt warf, war eine unangenehme Überraschung. Ich konnte nicht anders, ich mußte den kühnen Mann bewundern, der in seinem Apparate so stolz und sicher in schwindelnder Köhe einherfuhr. Eigene Gedanken steigen einem auf, wenn man bedenkt, daß dieses Flugzeug nebst anderen aus Deutschland stammt, und daß der Monteur derselben hier in unseren Reihen als Unteroffizier dient. 21. September. Die Meldungen über Räubereien der japanischen Vortruppe mehren sich. Immer wieder wird berichtet, daß sie Vieh, Vorräte und Wagenmaterial von den unglücklichen Bewohnern requirieren, ohne je auch nur einen Pfennig zu bezahlen. Die Kühner auf der Straße werden geschlachtet, und die Kunde werden gegessen. Die Frauen werden vergewaltigt. Allerhand Greuel und Scheuel werden von den Chinesen einem mitgeteilt. Ein aller Chinese sagte mir: Es sind nicht die Japaner, die solches tun, es sind meine eigenen Lands leute." All das Verbrechergesindel, das in der Mandschurei unter dem Namen der Kung hu tze seit dem Boxer aufstand und schon früher die reichen Gegenden am Amur unsicher macht, verwilderte Koreaner aus dem Grenzgebiete am Ialu, all die Thu fei, d. h. Banditen, der nord chinesischen Provinzen, meuternde Soldaten, das alles wälzt sich wie ein ekler Strom gegen die Kolonie heran,9 und gnade uns Gott, wenn diese Korden über uns Kerr werden! Von den Japanern glaube ich fest, daß sie starke Manneszucht halten. Gestern hörte ich eine richtige Bemerkung: man habe hier in Tsingtau und dem Schutzgebiete die gefangenen Räuber und Mordbrenner und die Kolonie war vor der Okkupierung ein wahres Köllennest dieses Gesindels nicht nach Gebühr bestraft, sondern sie mit leichten und schweren Freiheitsstrafen bedacht, ganz im Geiste unserer humanen" Zeit, und nun kehren diese Banditen, welche vielfach aus dem Zuchthause in Litsun entflohen sind, zurück, um die reiche Kolonie zu plündern. Bei dem Oberrichter soll schon einer dieser Kerle nachts eingebrochen sein. Wie oft warnten uns die besseren Kreise der Chinesen, daß, wenn an diesem Gesindel die Gerechtigkeit nicht erfüllt würde, die Götter strafend einschreiten würden! Unsere Gerichte waren brutal", sagten sie, aber eure Rechtsprechung ist schwach." - 22. September. Die Abschließung Tsingtaus in dem gewalligen Kalbkreise vom Lauschanhafen bis über Kiautschou hinaus ins Perlgebirge durch feindliche Kavalleriepatrouillen ist vollendet. Wir sind abgeschlossen gegen die Außenwelt: kein Brief, keine Nachricht über die Kriege und Siege in Europa kommt durch. Keute geht als erster Briefbote einer meiner Christen, Zui hüo sin, über Kung schi jiä, King dschi, Nan kiu nach Weihsien. Mein Knecht Kai juen, ein tapferer Mensch, kehrte aus Tsimo zurück, nachdem er bis an die Brust durch10 Schlamm und Wasser gewate! war. Die Wege im Innern sind infolge der furchtbaren Regengüsse ein weites Schlamm meer. Der Boke brachte einen Brief nach Tsimo. Die Geschwister Scholz sind aus dem Missionshause in das Iamen, d. h. Gerichtsgebäude, geflohen und wohnen nun in der Kreisschule, die ihnen der Mandarin zur Verfügung gestellt hat. Frau Scholz hätte am Tisch gesessen und ge weint. Gott behüte die Lieben, die in schwerer Bedrängnis sind! In Gefahr des Lebens schweben sie wohl nicht, doch werden sie Mangel an Lebensmitteln haben. Auch die Stadt Kiautfchou wird von den Feinden verschlossen gehalten, und über das Schicksal des Br. Müller ist uns nichts bekannt. Frau Kunze ist mit ihren Kindern sowie mit Schwester Voget nach Ching chu su geeilt, wo sie in dem Kaufe des englischen Missionars Burt Aufnahme gefunden haben. Burt schrieb mir gleich zu Beginn des Krieges einen lieben Brief. Wenn unsere Völker auch im Kriege liegen, wir bleiben Freunde! Die amerikanischen Freunde in Schanghai haben, wie mir Lobenstine, der Sekretär des evangelischen Misstonsausschusses, zu dem ich auch gehöre, im Auftrage des Bischofs Roots mit teilte, Geld gesammelt für die deutschen Missionen und eine Summe von 2000 Dollar nach dem Süden gesandt. Der japanische Flieger ist doch nicht von unseren Kugeln heruntergeholt. Er erscheint täglich und wirft seine Bomben über die Stadt. Er versucht, die Werft und die wenigen Schiffe zu zerstören. Vom Fenster aus beobachte ich täglich den Kampf in den Lüften. Nur wenn das Surren zu dicht über uns hörbar wird, ziehtman sich zurück. Unsere Schrapnellgeschosse platzen zu hoch oder zu kurz. Auch der Flieger kann bei der rasenden Fahrt seines Flugwerkzeuges schlecht das Ziel treffen, das er sich aus seiner schwindelnden Köhe ersehen hat. 23. September. Die Führer des japanischen Expeditionskorps sind Iamanachi, Koriuchi und Iamada. Tiefen Eindruck soll nach japanischen Meldungen die Haltung des deutschen Kaisers gemacht haben, der das japanische Ultimatum gar nicht beantwortet haben soll. In Japan ist man seit dem Frieden von Schimonoseki tief enttäuscht, ja zornig über Deutschlands Kattung im Russischen Kriege. Was ging uns der ganze Kandel an? 24. September. Bei einem Patrouillenzusammen stoß auf dem Wege nach Antokou ist der Reservist M. von der 3. Kompagnie durch einen Säbelhieb verwundet worden. Der Führer der Patrouille erhielt außerdem einen leichten Säbelhieb. Es gelang ihm, den Angreifer einen japanischen Offizier, mit einem Schuß niederzustrecken. Der Schwerverwundete schleppte sich einige Schritt weiter, zog seine Browningpistole hervor und erschoß sich. Das Ehrgefühl der japanischen Offiziere ist stark. Lebend wollen die Führer nicht in die Gewalt des Feindes fallen. Der japanische Flieger hat heute früh wieder 7 Bomben geworfen, und zwar ö ins Kafenbecken, 2 in den Kof der Bismarckkaserne. Schaden ist nirgends angerichtet worden. Ich war gerade beim Postdirektor, nals der erschütternde Schlag der Bombe unsere Fenster erzittern machte. 25. September. Unsere Truppen haben am 23. die bis zum Kletterpaß vorgedrungene feindliche Abteilung in einstündigem, leichtem Feuergefecht zurückgeworfen. Eine unserer Kanonenkugeln schlug gleich ins japanische Offizierszelt ein. Man fand nachher Blutlachen. In den Tornistern der japanischen Soldaten fand man Ansichts postkarten, die ein hiesiger japanischer Photograph Takahaschi angefertigt hatte. Sie trugen den Vermerk für den japanischen Soldaten: Meine neue Adresse lautet .... Also man hoffte doch auf eine leichle Er oberung Tfingtaus. In japanischen Zeitungen war die freundliche Aufforderung an die Deutschen zu lesen, doch unnützes Blutvergießen zu vermeiden und den Platz kampflos zu verlassen. Freundliche Behandlung würde zugesichert. Wir sind alle der Ansicht, die großen Siege unserer Truppen in Frankreich und Rußland werden schließlich doch auch für unser Schicksal hier in Ostasien entscheidend sein. Neun Bomben wurden geworfen, aber ohne Schaden. Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Külfe in den großen Nöten, die uns betroffen haben. Den verwundeten Reservisten M. besuchte ich. Auch meine beiden Söhne liegen im Lazarett. Achim, welcher Lebensmittel in die Vorposten zu fahren hatte, war tage lang nicht aus seinen nassen Kleidern gekommen und hatte sich eine Entzündung zugezogen. Gerhard13 leidet an einer schweren Bronchitis, die aber Gott sei Dank vorübergeht. Meine lieben Jungen sind Feuer und Flamme. Gott wolle sie bald wieder herstellen! Zwei unserer Soldaten wurden im Flußbette des Lizun- slusses, der durch die reißenden Bergwasser haushoch anschwoll, mit ihrem Automobil weggerissen. Einen Soldaten tröstete ich, der die ganze Nacht bis an den Aals im Wasser gestanden hatte. Kalb Lizun ist von den Wasserfluten zerstört. Die Menschen fanden in unserer Missionskirche Zuflucht. Unsere Soldaten haben den bedrängten Einwohnern tatkräftige Kütfe zu teil werden lassen. Zwei unserer Soldaten werden ver mißt. Sie sind, leicht verwundet, wie man annimmt, in die Gewalt des Feindes gefallen. 26. September. Ich besuche täglich die Lazarette. Im Seemannshaus, das auch für Verwundete eingerichtet ist, ist unser Missionar Schramm als Pfleger tätig. Am Abend kamen einige Freunde zur Gebetstunde. Wir teilen uns die wenigen Nachrichten mit, die wir erfahren haben, und falten unsre Kände, um des Kerrn Gnade und Güte zu preisen. Lebensmittel sind noch genügend vor handen, und wir sind bis heute immer satt geworden. Die Nächte sind unheimlich dunkel. Wie mit augenlosen Köhlen starrt einen eine solche Nacht an. Alle Lichter müssen ausgelöscht werden, um dem Feinde kein Ziel zu bieten. Ich liege und schlafe im Frieden", müssen wir rühmen, denn Du Kerr machst, daß ich sicher wohne". 14 Nach Zeitungsmeldungen aus Tokio ist Japan dem gemeinsamen Beschluß von England, Frankreich und Rußland, nur zusammen Frieden zu schließen, beigetreten. Auch wenn Tsingtau vorher genommen werden sollte, würde Japan erst nach Beendigung des europäischen Krieges mit Deutschland Frieden schließen. Es fragt sich, ob Deutschland dann nicht noch manches Wort zu sagen hat. Ein Chinese meinte, Japan ist der Schüler Deutschlands, und dieser Krieg ist ein Kampf eines Schülers mit seinem Lehrer, eines Sohnes mit seinen Eltern. Das strafen die Götter. 27. September. Keule ist das liebe Evangelium von der Auferweckung des Jünglings von Nain. Vor den Toren der Stadt trat der Lebensfürst dem Tode entgegen. Das war ein wunderlicher Krieg, Da Tod und Leben rungen. Das Leben, das behielt den Sieg Und hat den Tod bezwungen. Meinen Chinesen legte ich dar, wie der Keiland die Todesfurcht im Kerzen überwindet. Auch vor den Toren unserer Stadt wütet der Kampf. Früh um sechs Uhr ging ich mit meiner Frau und Kans auf den Kügel vor unserem Kaufe, wo das Observatorium steht, von wo aus wir das Eingreisen des Jaguar" in den Kampf beobachten konnten. Später kamen zwei japanische Flieger, die Bomben warfen. Die Sprenggranate rollte aus dem blauen Firmaments herunter, als glitten leuchtende Silber kugeln herab. Später hörte man einen betäubenden Schlag.Der Kampf bei Zangku hat sich bis in die späten Nachmittagsstunden hineingezogen. Die Wirkung unserer Maschinengewehre soll furchtbar gewesen sein. Wie viel Verluste der Feind an Toten und Verwundeten hatte, läßt sich nicht feststellen. Man schätzt sie auf etwa tausend. Auf unserer Seite sind zwei Tote und gegen fünfzehn Verwundete. Zwei waren in den Kopf ge troffen. Die übrigen Verwundungen waren Arm- und Beinverletzungen. Singend kamen die ersten Verwundeten an. Immer wieder staune ich über den fröhlichen, zu versichtlichen Geist unserer Leute. Mit einer Anzahl von Freunden, die vorigen Sonntag nach kurzem Urlaub hinauszogen in die Front, durfte ich beten, nachdem ich ihnen den 91. Psalm gelesen hatte. Ich gab ihnen das Wort mit auf den Weg, ein Wort aus dem Munde Gottes, von dem der Mensch allein lebt: Er begehret meiner, so will ich ihm aushelfen, er kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen. Er rufet mich an, so will ich ihn erhören. Ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren machen. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Keil." Wie ist der Kerr so überreich mit seinen Verheißungen! Der Chinese sürchtet nichts so sehr als den Verlust seines Gesichtes.*) Gib ihm das Gesicht" (ki ta lien mien) ist ein gebräuchliches Wort. Ich sage ihnen oft, glauben heißt, Gott sein Gesicht" geben, und dann nickt verständnisvoll in der Predigt solch ein aller Keide. *) Gesicht-Ansehen, Ehre. ISDer japanische Spion, der angeblich ein Offizier sein sollte, ist in der Morgenstunde vor einigen Tagen von sechs Unteroffizieren erschossen worden. Er soll bei Lizun versucht haben, das Reservoir der Wasserleitung mit Typhusbazillen zu verseuchen. Einem Angestellten des Wasserwerks, einem Chinesen, hatte er 300 Dollar ge boten, wenn er ihm hülse. Der Mann ging scheinbar auf den Plan ein und machte der Polizei Meldung. Bevor der Mann erschossen wurde, wurde ihm die japanische Flagge gezeigt, und die sechs Schützen präsentierten das Gewehr. Kalt und höhnisch blickte der Unglückliche in die Gewehrmündungen. Ob die Geschichte sich wirklich so verhalten hat, ist schwer festzustellen. Allenthalben wird sie aber erzählt. 28. September. Meine Frau ging heute in das Festungslazarett, wo sie Pslegerdienste tut. Auch katholische Schwestern und Missionare sind dort beschäftigt. Die Leute scheinen mich dort alle zu kennen oder von mir gehört zu haben. Mancher kommt und begrüßt mich freundlichst, und wenn ich dann auf des Kerrn Güte und Treue weise, die uns in der Keimat zu solchen schönen, wunderbaren Stegen verHolsen hat, stimmen sie freudig ein. Mit einem jungen Missionar der Gesellschaft des göttlichen Wortes saß ich gestern auf der Bank vor dem Lazarett und hatte ein interessantes Gespräch. Er zeigte eine wohl tuende Offenheit und eine nicht geringe theologische Bildung. Wir sprachen über das schwere Gericht, das der Herr über die Welt gebracht in diesen Tagen. Wenn ikes nur unser Volk lehrte, sich unter die gewaltige Kand des Kerrn zu beugen! Jeder Tag steht da wie ein Elias und schreit seine Bußpredigt in die Ohren und Kerzen der Menschen. Der Pater erzählte mir auch von der Wahl des neuen Papstes. Ich sagte ihm, ich wundere mich, daß kein deutscher katholischer Kirchenfürst gewählt wurde. Verzeihen Sie, das darf ich Ihnen wohl nicht sagen." Ach", sagte der Mann, wir selber haben in unseren Kreisen immer davon gesprochen und den und jenen unserer bedeutenden frommen Obersten der Kirche genannt, der in Frage kommen könnte. Aber die italienische Klicke läßt ja keinen Deutschen durch. Deutsch und Ketzer ist im Italienischen schon synonym geworden." Keule Vormittag stand Tsingtau unter einem wütenden Kagel von Eisenstücken. Vom Meere her wurde auf die Infanteriewerke und die Batterien geschossen. Auf den Köhen im Südwesten des Missionshaufes sah man die furchtbaren Granaten ausschlagen. Ein häßlicher, gelber, dicker Rauch wirbelte in die Köhe, und dann fuhren die Granatsplitter durch die Bäume des Gartens. Die Erde erzitterte unter unseren Füßen. Ich ging nachher in die Stadt, und auf dem oberen Wege kamen mir Soldaten und Chinesen entgegen, die mir Stücke der krepierten Granaten von unglaublicher Größe zeigten. Kier und da sollen die Geschosse Schaden an gerichtet haben. Auf dem Wege nach Tai dung tfchen liegt eine nichtkrepierte Granate. ManchewunderbarenErlebnissewurdeninderBismarck-- kaferne erzählt, als ich meinen ältesten Sohn besuchte. Ein 2 1718 Meldereiter aus der Feuerlinie steigt vor der Tür des Kasernenstalles aus dem Sattel und faßt das Tier am Zügel. Da zerreißt eine Granate von ca. zwei Zentnern das Pferd, zertrümmert das Kaus, und der Mann bleibt unversehrt. Solch ein Erlebnis müßte auf die Kniee ziehen und den Dank aus dem Kerzen pressen. Ob dies wohl geschieht? Mir ist es zum Segen gewesen, daß ich einst als Knabe des Nachts meinen lieben, seligen Vater auf feinem Lager für mich beten hörte, daß der Kerr mein Kerz bekehren wolle und mich zubereiten wolle für seinen Dienst. Solch eine betende Stimme in der Nacht vergißt man nicht, und wenn einem selber das Kaar grau geworden ist. Nur der Glaube an den Kerrn kann einen stark und mutig machen in dieser schweren Zeit der Belagerung. So oft sich mir Gelegenheit darbietet im kurzen Gespräch mit Offizieren und Soldaten sowie mit Zivilisten, werfe ich gerne ein kurzes Wort in die Seele und bitte den Kerrn, daß es fortklingen wolle und ihr den Anstoß geben wolle zu einer ewigen Bewegung. Die Chinesen, Christen und Keiden, sind empfänglicher als die Weißen. Wie oft unter bricht ein Keide mich mit den Worten: Du hast recht, du hast recht, nur der höchste Kerr der Welten kann in diesem ungeheuren Jammer, der größer ist als zu der Zeit, von der Menzius berichtet, daß die ungeheure Flut gen Kimmel schäumte", uns armen Menschen helfen!" Köher noch als das Vaterland, das in grimmer Not steht, muß einem das Reich Gottes stehen, da Fried und Freude lacht". Wie auch das Schicksal unserer schönen deutschen Kolonie sich entscheiden mag: Der Kerr hat niemals was versehen19 in seinem Regiment. Sein Name werde geheiliget, Sein Wille geschehe, Sein Reich komme! Warum sollen die Keiden sagen: Wo ist nun ihr Gott?" Ich bin in diesen Tagen glücklich, daß sie mich so mit unwiderstehlicher Kraft ins Gebet ziehen. Kommt mal ein Freund, wie der liebe A., aus der Feuerlinie seiner Batterie, um eine Meldung zu machen und schnell, nach furchtbar erschöpfender Arbeit die ganze Nacht hindurch, eine Tasse Kaffee zu trinken, so knien wir nieder und beten kurz. Das stärkt und erquickt! Wir haben einen Gott, der da hilft, und einen Kerrn Kerrn, der vom Tode errettet." Man sagt, der japanische Oberbefehlshaber wolle zum 6. Oktober, dem Geburtstage des Mikado, seinem Kerrn das eroberte Tsingtau als Geschenk darbringen? Allgemein herrscht die Überzeugung, daß die gestrige schier unfaßbare Beschießung unserer Stadt mit den zentnerschweren Geschossen von dem englischen Linienschiff Triumph" begonnen sei. Unsere Geschosse aus den Mörsern reichen nicht bis zu den Keuhausen", das sind die zwei unbewohnten Felskegel, die am Eingange der Bucht aus dem Meere ragen, und hinter welchen die Kriegsschiffe in einer langen Reihe liegen. Wir überlegen hin und her, wo wir uns verbergen könnten, wenn dieser furchtbare Kagel von Eisenstücken über uns herfährt. Das Land ist von Ravinen durchzogen, aber diese bieten kaum Schutz, und was nützt einem eine schwache Backsteinwand? In der Nacht saß ich lange auf der Veranda und schaute hinaus auf den Blitzfunken beim Ent laden der Geschütze und zählte bis zum Einschlagen20 der Geschosse, gerade wie man unwillkürlich tut, wenn ein Blitz krachend niederfährt. Totenstill und öde liegt die sonst so lebendige Stadt zu meinen Füßen. Jeden Abend kommt eine Polizeipatrouille und sieht nach, ob die Lichter nach der Seeseite ausgelöscht sind. Da sitzt man denn im Dunklen und zählt und betet. Die Gedanken fliegen hinaus auf die Infanteriewerke, wo unsere lieben Brüder Kildebrand, Wannags und Schwärm im nächtlichen Kampfe stehen. Nein, Gott ist nicht bei den stärksten Batterien, wie man mir vor einigen Tagen in dem Infanteriewerke II, das unterhalb des Dorfes Tschan fchan liegt, sagte. Der Kerr ist bei denen, die sein Angesicht suchen. Vertraut auf Gott und hallet euer Pulver trocken", sagte Cromwell zu seinen Ironsiders. Golt wohnt an drei Orten: im Kimmel, da, wo sein Wort verkündigt wird und in einem zerbrochenen und zer schlagenen Kerzen. Der Kerr schenke uns allen dieses Kerz, das sich willig unter seine gewaltige Kand beugt! Die Toten und Verwundeten mehren sich. Das Adler nest auf der schroffen Köhe des Prinz Keinrich - Berges, zu dessen Füßen das Dorf Fu schan liegt, ist von den Japanern erobert worden. Ein früherer Einwohner unserer Stadt, ein Japaner, hat seine Leute den steiten Psad hinaufgeführt. Unsere Soldaten, 60 an der Zahl, unter der Leitung eines Leutnants waren dort in dem kleinen Tempel einquartiert und konnten von da aus mit ihrem Geschütz ein Landen in der Scha tze ku - Bucht erschweren. Man hört auch von Vermißten. Leichtverwundete sind dem Feinde in die Kände gefallen. Ich bin überzeugt,21 daß die Japaner, welche einen starken ritterlichen Zug haben, unsere Gefangenen gut behandeln werden. In der japanischen Armee leben die alten Traditionen der Samurai, d. h. des Schwertadels, fort. Auch bei einer Eroberung Tsingtaus würden wir uns von Seiten der Japaner nur Gutes zu versehen haben. Wehe aber, wenn jene Gefangenen oder wir in die Kände der Tu fei, der Kunghutze, Mongolen und Koreaner fallen! Doch der Kerr wird auch da Mittel und Wege wissen. Ob die Beschießung sich auf die Stadt erstrecken wird, müssen wir abwarten. Keute wütete der Kampf um Sze fang, das wir von unserem hochgelegenen Kaufe klar überschauen können. 29. September. Die feindlichen Granaten, welche unsere Batterien zum Schweigen bringen wollten, haben bei der Beschießung der Bismarckhöhe, wo unsere schweren Kaubitzen stehen, den schönen Kirchhof aufgewühlt. So donnert der Krieg hinab in die stillen Grüfte der Toten und legt die Gräber und Särge bloß. Wir sind hinunlergezogen in unsere tiefer gelegene Mädchenschule, wo wir es uns in den Kellerräumen gemütlich gemacht haben. Über unser Missionshaus zischten mit unheimlichem Getön Tag und Nacht die schweren Ge schosse der Siau ni wa - Batterie, die in der Nähe des jetzt niedergelegten Leuchtturmes steht. Wie oft habe ich mich von meinen Missionswanderungen kommend gefreut, wenn, bei der oft gefährlichen Fahrt in der Dschunke über die Bucht, die Wechsellichter des Leuchtturms aufblitzten.22 Mit einer Zähigkeit sondergleichen versuchen die Japaner immer wieder, die Ku schan - Köhe mit ihren schweren Geschützen zu besetzen. So oft die Krieger be gannen, ihre Geschütze zu montieren, schlugen die deutschen Geschosse mit tödlicher Sicherheit mitten in die Bedienungs mannschaft und zertrümmerten den Geschützstand. Vom Meere her feuerten die Jaguar" und der österreichische Kreuzer Kaiserin Elisabeth". Namentlich die österreichischen Freunde schössen gut. Ein Telegramm, angeblich aus Wien, hatte dem Kommandanten der Elisabeth den Befehl gegeben, das Schiff zu desarmieren und die Mannschaft nach Peking zu senden. Mit Murren ver ließen die Österreicher ihr Schiff. Später traten Zweifel auf, ob nicht eine japanische List dieses Telegramm aus gegeben hatte, und der Zweifel wurde zur Gewißheit, als, auf eine telegraphische Anfrage, man aus Wien die Antwort erhielt: Aushalten in Tsingtau mit den deutschen Brüdern!" Nun war kein Kalten mehr unter den Öster reichern. Auf allen möglichen Wegen und in den seltsamsten Verkleidungen, auf den Bahnhöfen arg wöhnisch beobachtet von russischem, französischem und englischem Mililär, kamen sie an. Man spricht viel davon, daß die Chinesen, welche in den Infanteriewerken und besonders in dem davor liegenden Gelände geholfen haben, die Minen zu legen, diese an die Japaner verraten hätten. Vom Küchenfenster aus konnte man den Kampf der feindlichen Geschütze mit dem Österreicher klar beobachten. Die See war tiefblau. Die lauggezogene Schatteninsel23 Iindau, wo ich gern unter meinen Fischern weilte, hob sich in klaren Linien aus dem Wasser. Rechts von der kleinen Man dau, d. h. Mützeninsel, sah man den schlanken Kreuzer langsam dahinfahren. Die Geschosse krachten vor, hinter, links und rechts von dem Schiff ins Wasser. Eine haushohe weiße Fontäne rauschte auf, und dann wartete man mit ängstlicher Spannung auf die nächste einschlagende Granate. Von Zeit zu Zeit löste der Österreicher seine Breitseiten. Eine Feuersäule zischte aus den Rohren, ein brauner, schwerer Dampf stieg auf, der nur langsam von dem leichten Süd-Ostwinde in den stahlblauen Kimmel getrieben wurde. Nach etwa einer Stunde war die Elisabeth in der Nähe der Werft und in Sicherheit. Sie soll ihre Munition mit Ausnahme von Stahlgranaten bereits verschossen haben und soll morgen oder in den nächsten Tagen in die Luft gesprengt werden. Von der Köhe des Wasserturmes vor der Mädchenschule beobachtete ich die Zerstörung des Minendampfers und der Taku, welche wir im Boxerjahr den Chinesen abgenommen haben. Pioniere vollbrachten das Zerstörungswerk. Eine schwere Ladung Dynamit wurde durch eine Zündschnur zur Explosion gebracht. Langsam entfernte sich der kleine Dampfer mit den Pionieren. Nach etwa zehn Minuten flieg eine ungeheure Rauchsäule senkrecht auf in die Luft, und lange später ersl hörte man den dumpfen Schlag, als ob gewaltige Erdschollen auf einen Riesensarg hernieder gingen. Das Kinlerteil des Minendampfers hob sich steil in die Köhe, und dann verschwand das Schiff in24 den Fluten. In der Ferne von den Köhen rings umher erklangen die Kanonen wie Salven über das Grab eines alten Kriegers. Drüben jenseits des breiten Watts, das zu den Füßen unsers Missionshauses sich bis Sze fang aus breitet, sind japanische Infanterietruppen in den Maschinen gebäuden der Schantung-Eisenbahn einquartiert. Gestern kam ein Reiter der Unseren zurück aus Sze fang. Der Mann hatte den Auftrag, eine vergessene Kleinigkeit zu holen. Als er in den Schuppen trat, sieht er Japaner, die bereits Besitz genommen hatten. Sie stürzen auf den Aeitersmann und rufen ihm die deutsche Vokabel zu, die jeder Japaner sich angeeignet hat für alle Fälle: Bitte ergeben, bitte ergeben!" Da aber antwortet ihnen der Wackere im schönsten Berliner Japanisch: Ne, det jibts ja janich." Er wirst sich aufs Pferd und erhält dabei noch eine Kugel in die Verlängerung des Rückens. 30. September. Ein herrlicher Tag mit den leuchtenden Farben des nordchinesischen Kerbstes steigt auf. Nach der Morgenandacht wäre ich gern in die Jnsanteriewerke gegangen. Noch stehen unsere Brüder nicht im Feuer, aber die Entscheidung muß heute oder morgen für sie fallen. Bei den Sze fanger Köhen ist es den Feinden nicht gelungen, die schweren Belagerungs geschütze zu montieren. Fünf derselben wurden zer trümmert. Dort führt die Straße am Meer nach Tfingtau, die am wenigsten befestigt ist. Nun geht der Kampf nach dem Süden, nach dem Prinz Keinrich - Bergezu. Eine lange Kette niederer Köhen, die aber unser Tsingtan beherrschen, zieht sich hinab Meer nach der Scha dze - Bucht. Kier werden die schweren, feind lichen Geschütze gelandet. Von Zeit zu Zeit steigt unser Fesselballon auf und gibt telephonisch Bescheid, hinter welchen Köhen die feindliche Artillerie steht. Aus der Köhe zeigt der Ballon auch an, wo die Schüsse aus unseren Batterien eingeschlagen sind. Der alte Christ Liu besucht mich und teilt mir mit, er habe noch ein alles Werk über Kriegskunst aus der Zeit der Kreuzzüge in seinem Besitze, das er den deutschen Generalen zuschicken wolle, damit sie daraus lernten, wie die Japaner besiegt werden könnten. Ich sagte ihm mit feierlicher Miene, seine Ilmsicht sei über alles Lob erhaben, allein damals hätte man mit Bogen, Pfeil und Schild gekämpft, und heute kämpfe man mit Erddonner d. h. Dynamit und Granaten, und dagegen hülfe wohl alle Kriegslist der Tang-Dynastie nichts. Mit erschütternder Naivität bringen unsere Chinesen solche Antiquitäten vor. Wenn die Japaner wollten, könnten sie ganz China aufrollen, wie es von den chinesischen Strategen jener fernen Zeit heißt, wie man eine Matte aufrollt". China liegt vor Japan wie eine reife Frucht, die man nur abzuschütteln braucht. Korea und China leben bis heute im alten Traum- und Dämmerzustand weiter, während Japan den Sprung aus dem Dunkel der Vorzeit ins Kelle gewagt hat. Wie lange liegt man wach auf seinem Lager und überdenkt betend in der Stille der Nacht, die unterbrochen wird von dem Geräusch der fliegenden Geschosse, alle die LS26 Ereignisse! Gewiß, wir beien jeden Abend: Äerr, behüte in Gnaden unsere Kolonie vor dem Einfall der Feinde! Aber was hat der Kerr mit uns vor? Was ist sein heiliger Wille? Die 16 Jahre deutscher Kolonialpolitik habe ich erleben dürfen. In Ruhe und Frieden, unterbrochen durch die Boxerzeit, haben wir hier des Kerrn Werk treiben dürfen. Ein herrliches deutsches Gemeinwesen ist hier aufgeblüht. Und nun stehen alle waffenfähigen deutschen Männer des fernen Ostens draußen auf den Schanzen und verteidigen dieses Stück deutscher Erde in Ostasien gegen einen Feind, der in zehnfacher Übermacht, ausgerüstet mit allen Waffen der Neuzeit, gegen uns vorgeht. Er hat die Kriegskunst in deutscher Schule gelernt. Die Geschütze, welche Tod und Verderben gegen uns sprühen, stammen aus den Werkstätten von Krupp. Der General Meckel, welcher das japanische Militär die preußische Kunst der Kriegsführung lehrte, hat in Japan ein köstliches Standbild erhalten, und ihm werden an seinem Geburtstage die Opfer dargebracht, wie den zu Göttern erhobenen Ketden der Vorzeit. Und nun ist das japanische Volk in den Kampf getreten gegen seinen Lehrherrn, dem es alle seine Fertigkeit verdankt. Nur zögernd begann es seinen Kampf. Mit nur zwei Stimmen Majorität soll im Ministerrate der Krieg beschlossen sein. Die japanischen Blätter waren gegen den Krieg. Wohl war im japanischen Keere die Enttäuschung und Wut groß, als sich Deutschland im Kriege gegen China, wo die Straße nach Peking offen vor dem Sieger lag, auf die Seite Rußlands und Englands stellte. Viele Offizieresollen nach japanischer Weise Selbstmord verübt haben. Wenn einem Ostasiaten das Gesicht genommen ist. muß er dafür sorgen, daß er das Gesicht wieder erhält. Als Japan mit England das Bündnis schloß, das das Angesicht Asiens verändern wird, wollte Japan auch Deutschland mithineingezogen sehen in dieses Bündnis. In der japanischen Volksseele ringen bei der Erwägung eines Krieges mit Deutschland wohl die widersprechendsten Gefühle. Nach den japanischen Zeitungen ist der Krieg nichts weniger als populär. Es sind nur wenige chauvinistische Blätter, welche eine Vernichtung der deutschen Kolonie predigen. Man spricht von den großen Eigenschaften des deutschen Volkes. Vielleicht drängt sich auch der Gedanke an die Oberfläche, daß es eigentlich ganz gegen die vielgerühmte Ritterehre des japanischen Volkes ist, einem Kämpfer, der mit drei oder vier Gegnern im Kampfe liegt, in den Rücken zu fallen. Wird Tfinglau fallen? Die allgemeine Wehrpflicht hat alle waffenfähigen Männer, welchen Standes sie auch sein mögen, zum Keerbann aufgeboten. Die Chefs der Firmen stehen mit ihren Angestellten hier auf Vor posten. Wie nun, wenn nach dem Wort des Kaisers Tsingtau bis auf den letzten Mann verteidigt wird? Wir stecken in einer Mausefalle", sagte mir gestern ein alter Ostasiate, hier kommt keiner mehr lebend heraus." Schon spotten die englischen Zeitungen, die deutsche Wehrpflicht allein bedeute den Ruin des deutschen Kandels in Ostasien. Als ich vor 30 Iahren nach China kam, betrug der Anteil Deutschlands am Chinageschäft 4 " , heute beträgt er ca. 4O g. On ne voit que I ^IlemaZne, c n n entenä qus I ^IIemÄZne, c est pourczuoi que nous bÄL8ons I ^IlemaZne", sagte mir noch vor Ausbruch des Krieges ein Franzose. Auch die Kultur kann zum Götzen werden, und derKerr will seine Ehre nuu einmal keinem andern geben, noch seinen Ruhm den Götzen. Mir erzählte vor mehreren Jahren der deutsche Kommissar, welcher in Peking mit dem verstorbenen chinesischen Staatsmanns Chang chi tung die Verhandlungen über die in Tsingtau zu gründende Hochschule führte, wie im Gespräch mit Chang die Sache sich nicht rühren und regen wollte. Als er dann gelegentlich äußerte: Eure Exzellenz können überzeugt sein, daß von jeder religiösen Beeinflussung der chinesischen Studenten Abstand genommen werden wird", sprang Chang chi tung auf und sagte: Sie sind mein Mann!" In kurzer Zeit war die Sache erledigt! Gewiß brauchen keine Bibelstunden unter den heidnischen Studenten eingeführt zu werden. Aber ein christlich gesinnter Dozent braucht in seinem Unter richte auch nicht seine Überzeugung zu verhehlen. Manche gelegentliche Äußerung, mit Ernst und Weisheit in die Seele des Körenden geworfen, wirkt nach haltiger als eine lange Predigt. Abendländischer Atheismus und Monismus hat die Wu tang schin, d. h. Ohne - Götter - Bewegung, die in den Kreisen der jungen Studenten herrscht, zur hellen Glut angefacht.29 Alles war Nalur, alles war Materie. Der Gedanke an einen majestätischen Schöpfer Kimmets und der Erde war verbannt. Ein Stück nach dem anderen von der konfuzianischen Ethik brach in Trümmer. Der letzte Widerschein der heiligen Gebote Gottes erlosch wie die leisen, blassen Strahlen der untergegangenen Sonne, die noch am Kimmel laufen. Selbst fromme Keiden sahen mit Sorgen in die Zukunft der Jugend. Eine wahre Gier nach abendländischem Wissen war erwacht. Das Studium der chinesischen Klassiker verkümmerte. Ehang chi tnng hat in seinem berühmten Buche Lernt" ironisch gemeint, die Zeit würde kommen, wo man nur an den europäischen Universitäten die Bücher der chinesischen Weisen gründlich studieren würde. Deutschland wollte den gewaltigen Vorsprung, den England und Amerika durch die stark verbreitete Kenntnis des Eng lischen hatten, durch die stärkere Verbreitung des Deutschen Wettmachen. Auch die Missionsschulen, evangelische wie katholische, wurden hineingerissen in die Bewegung. Ein Führer dieser deutschen Kulturbewegung, mit dem ich darüber sprach, bemühte sich, mir darzustellen, wie der Missionar im deutschen Unterricht ein greifbareres Ziel vor Augen habe, als in der Dressur der Chinesen durch Bet-, Sing- und Bibelleseübungen. Man hört deutlich Gottes Stimme in diesen Tagen: Ich will meine Ehre keinem anderen lassen." Er reinigt auch sein Missionsvolk. Er reinigt auch seine heilige Missionssache. Die Enden der Erde sollen seinem Sohn gehören. Das Evangelium von Christo Jesu muß aller Kreatur verkündiget werden. Ihm,dem Gottessohne, muß der Kuldigungskuß dargebracht werden, damit er nicht zürne und wir nicht umkommen auf dem Wege. Sein Zorn entbrennt auch in unseren Tagen. Gestern abend hatten wir eine Gebetsstunde bei Freunden. Ein Missionar einer deutschamerikanischen Mission, der hier zur Reserve eingezogen ist, sprach innig und herzandringtich über das Wiedergeboren zu einer lebendigen Kossnung". 1. Oktober. Eine seltsame Nachricht kommt, daß ein Teil der japanischen Belagerungstruppen nach dem Norden gegangen sei. Weihsien sei von den Japanern eingenommen, welche sich nun zum Marsche auf Tsinansu anschickten. Keute sollte die Werft gesprengt und die Kaiserin Elisabeth" versenkt werden. Diese Zerstörung wurde bis auf weiteres aufgeschoben. Was bedeutet dieses Vorgehen der Japaner? Wie wird China dieses Überschreiten der Kriegszone beurteilen? Wie wird sich Amerika dazu verhalten? Amerika, das sein ganzes Pazisic-Geschwader in dem nahen Schanghai versammelt hält, kann doch unmöglich still zusehen, wie Japan seine Kand auf Schantung legt! Man steht vor Rätseln. Ich habe das Empfinden, daß sich etwas vorbereitet, das Tsingtau entlastet. Sollte Japan diese Tsingtau-Expedition nur deshalb unternommen haben, um sich in den Besitz des Käsen Lung ku zu setzen? Dort und nicht in dem viel günstiger gelegenen Kafen von Scha tze ku fand die Landung des japanischen Belagerungsheeres statt. Von so31 Lung Ku aus bauen die Japaner die Feldbahn nach Weihsien, angeblich um die schweren Belagerungs geschütze über Kiautschou nach Tsinglau zu bringen. Kat Japan die Lust verloren, seine Beute mit England und Rußland zu teilen, die aus Tsingtau eine inter nationale Konzession wie Schanghai, Tientsin machen wollen? Der Kerr streitet für uns, und wir sollen stille sein und anbeten. 2. Oktober. Meine Frau kommt heute aus dem Feldlazarett zurück und erzählt von den Verwundeten. Sie setzt sich zu ihnen hin mit dem Strickstrumpf und läßt sich von Vater und Mutter berichten, und wie sie beim Ausfall in der letzten Nacht sich mit dem Feinde herumgeschlagen haben. Ein junger Soldat wird ein gebracht mit furchtbar zugerichleter Schulter. Die ganze Seite ist blau und geschwollen. Wir müssen die Kugel herausschneiden, und das tut weh, mein Sohn." Schneiden Sie man zu, Kerr Doktor, aber nicht wahr, in einer Woche bin ich wieder so weit, daß ich zu meinen Kameraden in die Front gehen kann?" Einem anderen ist der Arm arg verletzt. Zum Glück ist der Knochen unversehrt. Kerr Doktor," fleht der Mann, verbinden Sie meinen Arm und lassen Sie mich wieder heraus. Ich bin bei meinem Geschütz so dringend nötig!" Nach einigen Tagen läßt der Arzt den Mann mit verbundenem Arm wieder heraus. Er führt vor seinen Kameraden einen Freudentanz auf und geht jauchzend weg. Er ist beim Geschütz so dringend nötig. 32 Der englische Kreuzer Triumph" hatbei derBeschießung Tsiugtaus in der Nähe der Schornsteine einen Volltreffer bekommen, wie von mehreren Seiten versichert wird. Die englischen Zeitungen werden wohl nichts darüber bringen. Vorgestern las ich die Schilderung, die die japanischen Flieger über ihre Leislungen und den Erfolg ihres Bombenwerfens veröffentlicht haben. Interessant war es, den wirklichen Tatbestand damit zu vergleichen, den wir hier erlebt haben. Man halte auch als Gegen stück dagegen, das das Gouvernement Tsingtaus in den Tagesbefehlen über die Ereignisse des vergangenen Tages schreibt, und was in den Werken auf den Batterien und in den Schanzen zur Kenntnis der Leute gebracht wird. Da ist nichts von Beschönigung, nichts von Stilübungen zu merken. Kurz und klar wird der Bestand festgestellt. Man hat den Japaner den Franzosen Ostasiens genannt. Auch er wiegt sich leicht in geträumten Anschauungen und verwechselt leicht Poesie mit Prosa und Prosa mit Poesie. Wie der Franzose gerät er leicht in eine schauspielerische Pose. Im ersten Angriff hat er etwas Sturmartiges. Mißglückt der Ansprung, so zieht er sich beschämt wie eine große wilde Katze in die Dschungeln zurück. Immer wieder hört man, daß unsere Verwundeten von den Japanern gut behandelt werden. Nur über die ungeahnten Verluste soll unter den Japanern große Bestürzung herrschen. In Lizun, wo das japanische Hauptquartier ist, herrscht unter den Truppen große Niedergeschlagenheit. Chinesische Späher berichten, daß sie Weinen und Klagen im Lager dortgehört hätten. Aber das mag die Totenklage um die gefallenen Kameraden gewesen sein. So mancher Schwer- verwundete ist zurückgelassen worden auf der Wahlstatt. Ilngerächt liegt er da, und in all diesen asiatischen Völkern lebt die Furcht vor den Toten, die ein an ihnen begangenes Unrecht heimsuchen. Sie sind als körperlose Wesen nicht so gebunden an Zeit und Raum. Sie können richtend und rächend hinübergreifen in die kommenden Geschlechter. Aichtiger mag sein, was die Chinesen berichten, daß unter den japanischen Soldaten ein wahres Grauen vor der deutschen Artillerie herrsche. Ich habe ja selber beobachten können, namentlich des Nachts in diesem weißen Mondlicht, das die Linien der Berge und der Schluchten wie mit einem Pinsel klar hinzeichnet, wie unsere Geschosse mit tödlicher Sicherheit dahinfuhren, wo sie hinfahren sollten. Der Feind baut mit unsäglicher Mühe ein schweres Geschütz aus der Köhe auf. Da fährt es hernieder mit höllischem Getön und zerschmettert Geschütz und Bedienungsmannschaften. Und wenn das so fünf, sechs, sieben mal hintereinander ge schieht, da entsinkt auch dem Tapfersten der Mut. Die japanische Armee besteht aus Freiwilligen, die, wie 1870 und 1871 die Franzosen, einen Spaziergang" zu machen gedachten, und nun werden sie aus Tsingtau empfangen mit einem unwiderstehlichen Feuer, das mit furchtbarer Genauigkeit die Reihen hinmäht. Ich habe früher oft innerlich räfonniert über das Verschwenden von Munition und Geld bei den Übungen. Solch ein Schuß aus der großen Kaubitze mit den 28 cm Geschossen Z 3334 kostet gegen 3000 Mark, und ich dachte daran, wie uns oft zum Bau eines kleinen Gotteshauses für die Chinesen, wo wir das Wort des Keilandes verkündigen könnten, die Mittel fehlen. Und wie freuten wir uns, wenn end lich 300 oder 400 Mark zusammen kamen, und mit großer Freude zogen wir dann in das kleine, schlichte Versammlungshaus und priesen den Kenn. Und hier ein Schuß und eine Summe war in alle Lüfte hinein geknallt, womit man fast zehn Kapellchen hätte errichten können. Keute merke ich, wie wichtig es war, daß unsere Geschütze mit mathematischer Genauigkeit ihre Geschosse auf die Köhen ringsum von Ku Schan bis hin zum majestätischen Prinz - Keinrich - Felsen richteten. Deutlich tritt in diesen Tagen die tiefe Verschiedenheit des Deutschen von dem Chinesen hervor. China und Korea, auch Indien sind morschgewordene Völker. Sie haben wie Israel auf ihren Kefen gelegen, sie sind in der langen Überkultur morsch und brüchig geworden. Kein Evan gelium hat die Kräfte der Volkserneuerung gebracht. Die Käufer der reichen Chinesen stehen verlassen da. Vielleicht hängen drinnen an den Wänden noch die kost baren seidenen Gobelins, und auf den Simsen stehen die wertvollenVasen undBronzegesäße aus derSung- und Tang- Dynastie. Man hat in jäher Flucht alles dahinkergelaffen, nur um das nackte Leben zu retten. Und dann schaue ich durch die blind gewordenen Fensterscheiben in die Gemächer der Armen und Unbegüterten. Auf dem Tische sieht man noch die Teekanne, und zerstreut auf dem Boden liegen Frauenkleider und die winzigen Schühchen,die die Mädchen von den Füßen, den armen verkrüppelten Füßen, verloren haben. Da saßen sie denn mit schreckens bleichen Gesichtern, die die Schminke so unnatürlich weiß und rot färbte, auf den Stufen der Bahnhofshalle und warteten von morgens bis in die Nacht und wieder auf den Morgen, bis sich die Tore öffneten, um im schauer lichen Gedränge, geschlagen, getreten und zu Boden ge stoßen, endlich einen armen Platz im Viehwagen zu finden, der sie nordwärts nach Kiaulschou und Weihsien und Tsinanfu tragen sollte. Und nun zieht wieder der japanische Schrecken hinter ihnen her. Kosfte Japan wieder auf einen elenden Gegner wie im russischen Kriege, dessen siegreicher Ausgang das Selbstgefühl dieses Volkes so angeschwellt hat? Ein deutsches Bataillon, das III. Seebataillon, im Kampfe mit einer Nation das ist zum Staunen. Das ist vom Herrn geschehen, der heute in diesem furchtbaren Existenzkämpfe unseres geliebten deutschen Volkes Gedanken des Friedens mit uns hat. Am Freitag Abend machten drei unserer Kompagnien einen Ausfall. Da wir von den Köhen aus unablässig beobachtet werden und das Wondlicht in diesen Nächten in wunderbarer Kelle alle Gegenstände schier in greifbare Nähe zu rücken scheint, marschierten unsere Soldaten nicht in Kolonnen, sondern schlichen sich einzeln aus der Stadt, gedeckt durch die Ravinen und das niedere Gebüsch. Es kam zu einem wütenden Gefecht. Auf der feind lichen Seite sollen, wie mir von verschiedenen Seiten bestätigt wurde, indische Soldaten gesehen worden sein. Ob es stimmt, daß das in Tientsin stationierte Bengalische 3S36 Sikh-Regiment an dem Sturm gegen Tsingtau teilnimmt? Die Engländer sollen diese Truppen dazu willig gemacht haben durch das Versprechen, die Stadt plündern zu dürfen. Das wäre ein neuer Beweis für die Nichts würdigkeit der englischen Politik. Schon das Aushetzen der gelben Rasse gegen die weiße hat hier in Ostasien Entrüstung erregt. Tag und Nacht braust und zischt und dröhnt es über uns. und dazwischen erscheint immer wieder vom Meere her der japanische Flieger und wirft seine Bomben. Gegen 150 Dynamit-Bomben hat er nach meiner Be rechnung auf die Stadt geschleudert, und es ist ein Wunder der Gnade Gottes, daß bis jetzt kein Schaden an gerichtet worden ist. Der Kerr sei auch ferner unser Schild. Wir fühlen uns unter seiner mächtigen Kand geborgen. 3. Oktober. Die Nacht zum Sonntag und den Sonntag über war es sehr unruhig. Die Feinde ver suchten wieder die Anhöhen zu besetzen, und unsere Geschütze fuhren wie mit eisernem Besen die Gegend hinter den Vorbergen rein. Im russischen Kriege sollen die Japaner die Erfahrung gemacht haben, daß sich die Nächte am besten eigneten zum Angriff, da dann meistens die russischen Offiziere betrunken waren, und an den Sonntagen lagen die Soldaten zum größten Teil in der Kirche. Es mag dies übertrieben sein, unsere Offiziere sind jedenfalls Tag und Nacht auf dem Posten und tragen mit ihren Mannschaften alle Ilnbill des Krieges und leben in Zelten und Erdlöchern.37 Mit meinen Hausgenossen sang und betete ich, und mit meinen Chinesen betrachtete ich 1. Thessat. 5. Den Nachmittag verbrachte ich mit meinem ältesten Sohne Achim, der heute 25 Jahr alt wird, auf der Kauptwache und erzählte dort ihm und seinen Kameraden Altes und Neues aus dem Schatz meiner Erinnerungen. Der Feld webel vom Dienst ist ein alter Bekannter, der lange Zeit in Schanghai die Leitung der Zeitung KiaKoBau hatte. Bei dem letzten nächtlichen Angriff, der in unseren Reihen viel Konfusion gezeigt haben soll, da der Mann, welcher den Scheinwerfer bediente, aus Versehen unsere Stellung beleuchtete, hatten wir gteichwoht nurwenig Verluste. Ein Graf Kerzberg mit seinen 26 Mann wird vermißt, doch sollen von diesen Vermißten gegen Abend drei Mann zurückgekehrt sein. Einer dieser Männer stürzte in der Finsternis einen tiefen Abhang hinab. Er muß auf den Kopf gefallen sein, da er ganz verwirrt ist und seinen eigenen Namen nicht mehr weiß. Mein Gerhard ist in den Infanteriewerken I. W. II, die im Kalbbogen den Norden der eigentlichen Kolonie ab schließen und durch Stacheldrahtverbände und durch ein ausgedehntes Minensystem dem stürmenden Feinde ein furchtbares Kindernis bereiten. Gesetzt den Fall, die Japaner würden, wie bei der Erstürmung Port Arthurs, diese Werke überrennen und eine Division nach der andern opfern ich bezweifle sehr, ob sie mit Rücksicht aus die Stimmung des Volkes in Japan, das unter den furchtbaren Opfern des russischen Krieges noch seufzt und murrt und seit jener Zeit die entsetzliche Verarmung der38 Nation erlebt hak, geopfert werden können was dann? Ein wirklicher Erfolg ist in dem Falle noch zweifelhaft. Unsere Maschinengewehre mähen mit furchtbarer Genauig keit die Massen nieder, und dagegen hilft kein blindes Anstürmen. Wie man gesagt hat, daß das ganze japanische Jnselreich auf einem ungeheuren Vulkan ruht, so hat die neuere Geschichte Japans gezeigt, daß in dem Volke ein ungeheurer Brandstoff der Revolution liegt, bereit, jeden Augenblick in hellen Flammen auszubrechen. Neben unferm Bruder Kildebrand fuhr ein fast zehn Pfund schweres Eisenstück einer Granate nieder, das er sich als Andenken an jene Zeit aufbewahren wird, wenn uns Gottes Gnade durch dieselbe gesund und wohl erhallen hindurchführt. Auf der gegenüberliegenden Köhe treten drei Japaner als Vorposten vorsichtig auf. In demselben Augenblick sind sie durch ein Geschoß der Feldartillerie tot zu Boden gestreckt und liegen nun da, mit einem Feldstecher klar erkennbar. Kein Mensch er scheint, um die Toten zu beerdigen. Die Wut unter den Chinesen über die japanische Kriegführung ist groß. Unser Gouvernement hatte den Bewohnern der Dörfer sagen lassen, sie sollten sich nach der Insel Iindau zurückziehen. Eine größere japanische Patrouille begegnet einem Trupp dieser Flücht linge. Sie überreden sie, zurückzukehren, die Deutschen wären schreckliche Menschen, aber sie, die Japaner usw. Die Ärmsten lassen sich überreden und kehren um. Kaum erscheinen sie in dem Feuerbereich unserer Geschütze, so39 werden sie hingestreckt. Der Volkswitz in China sagt von den Bewohnern Schantungs, sie seien wie eine Kerde Schafe. Unser Nachbar, der Büchsenmacher Lange, ist heute durch eine Bombe des japanischen Fliegers schwer ver letzt worden. Seine Frau war noch gestern bei uns, da wir sie eingeladen hatten, zu uns von dem Missions hügel, wo auch ihr Kaus steht, in die tiefer gelegene Mädchenschule zu ziehen. Gott gebe, daß die armen Leute nicht in zu schweres Leid gestürzt werden! Keute wäre unser Fesselballon beinahe durch japanische Schrapnells erledigt worden. Er ging gleich nieder, aber doch stand einem das Kerz still, wenn man sah, wie die Geschosse in nächster Nähe des Ballons krepierten. Sofort erhoben unsere Batterien ihre heulenden, heiseren Stimmen, und, wie es scheint, mit Erfolg, denn seitdem herrscht Stille. Man hört, daß die Japaner nach Tfinanfu marschiert seien, und daß sie Holländisch - Indien angreifen wollen. Der alte Traum Japans, das Gelbe Meer zu einem Binnensee für sein Weltreich zu machen, dürfte in dieser Zeit wohl mehr seiner Verwirklichung entgegengehen, obwohl der Ehrgeiz dieses Volkes, überall die Kand mit im Spiele zu haben, es der politischen Mäßigung entbehren läßt, die Erfolge garantiert. 3. Oktober. Unsere Verwundeten erzählen viel von ihren Erlebnissen, und man weiß nicht, wo die Wahrheit aufhört und die Legendenbildung einsetzt. Ik und mein Kamerad waren verwundet. Da kamen zwee Indianer.40 und der Eene nahm sein Bajonett und stach et meinem Kameraden durch die Brust. Da aber ik nich saut, nehme mein Gewehr und schieße dem Eenen durch den Kopp und dem annern durch den Brustkasten." Nun wollen die Japaner auch noch mit ihren Luft schiffen kommen. Auf Überraschungen können wir uns hier schon gefaßt machen. Die Sprache der japanischen Blätter wird immer heftiger. Ist es der Ärger über die erlittenen Verluste, ist es der Verdruß über die lange Verzögerung, die sie vor Tsingtau erleiden? Japans Erntezeit ist gekommen", heißt es in den Zeitungen, nachdem dem japanischen Spießbürger und Steuerzahler dargelegt ist, wie Deutschland in brutaler Weise aller Welt den Krieg erklärt habe. Das habe Japans Zorn erregt, das nun als Rächer aller Welt dastehe. Die Welt will den Frieden nicht, der höher als alle Vernunft ist, und nun nimmt ihr Gott den Frieden, den sie schon hatte", sagte mir gestern ein lieber Christ. Wie mag es in Europa aussehen? Wird Deutschland zermalmt von der Übermacht der Feinde? Die Boten, welche sich durch die feindlichen Vorposten schleichen wollen, kehren nicht zurück, und mit den Chinesen, die Briefe in fremder Sprache bei sich tragen, macht der Japaner wenig Ilmstände. Ich schrieb meinem Gerhard heute, er solle in der Stille der Nacht, wenn er auf Vorposten stehe und die Geschosse über ihn hin heulten, an die vier köstlichen Dinge denken, die die Keilige Schrift namhaft macht. Das eine sei, geduldig sein und auf die Kilfe des Kerrn41 harren. Dabei wird das Auge besonders hell, daß es erst recht hinausspähen kann durch die Nacht auf den Feind. 6. Oktober. Keute besuchte ich nach dem Frühstück deu schwerverwundeten Büchsenmacher L. Er erwachte eben langsam aus der Narkose, und, als er mich erkannte, sagte er: Ah, Kerr V., wie geht es Ihren Jungens?" Ich freue mich immer über die kernige Art unsers lieben deutschen Volkes, die in schweren Nölen und Kriegszeiten in so treuherziger Weise zu Tage tritt. Ich griff aus Versehen in das Fliegenpapier, das zu seinen Käupten lag. Da meinte er mit verlöschender Stimme: Wischen Sie man hier an meinem Bettuch ab." Er hätte furchtbare Schmerzen, die müßte man nun einmal aushalten. Keute ist der Geburtstag des Mikado. Die Japaner schössen zu Ehren desselben am Vormittage und am Nachmittage einige Granaten in die Stadt. Die ersteren krepierten in dem Grunde westlich von unserem Missions hause, wo die Kapplerfche Ziegelei steht. Unter ihren Geschossen sind manche Blindgänger. An die Koffer", wie unsere Leule die schweren Granaten nennen, gewöhnt man sich schon. Unangenehmer sind die Schrapnells. Viel kommentiert wird in der Presse der Satz des greisen japanischen Premiers Graf Okuma: Japans Aus gabe sei es, in China den deutschen Einfluß mit Stumpf und Stil auszurotten, welcher eine beständige Bedrohung des Friedens im fernen Osten sei. Der Missionar vr, Gilbert Aeid hat in der Lbma, ?rek diesen merkwürdigen Satz einer Kritik unterzogen und führt aus,42 der Angriff Japans auf Tsingtau bedeute mehr als alles andere eine solche Gefahr. Die asiatische Well würde von dieser Zeit an nicht mehr zur Ruhe kommen. Gewiß sei die Konkurrenz Deutschlands schwer zu ertragen gewesen. Vor 25 Jahren habe er Ost-Schantung besucht mit seinen kahlen, baumlosen Köhen, den versandeten Dschunken- Häsen, den armseligen Dörfern. Und nun schildert er in lebhaften Farben, was in den 16 Iahren deutscher Fleiß und Gemeinsinn geschaffen habe. Vor den Chinesen läge die Kolonie da als eine Musteransiedelung, von der sie lernen könnten, wie ein Land regiert werden müßte. Ganz besonders rühmt er die Kochschule, die unerreicht dastände in China. Und das alles bedeute eine beständige Bedrohung des Friedens im fernen Osten? Der Artikel klingt in einen gewaltigen Lobpreis der deutschen Art aus. Und draußen klingen dumpf die Geschütze wie Erd schollen, die auf einen Sarg niederrollen. Ist es des Kerrn Wille, so gehen wir hier unter. Aber dann tritt, wie Warneck sagte, das sturmflutartige Aufschnellen der asiatischen Völker und Religionen ein, und die Schreckens bilder derOsfenbarung Sl.Iohannes, auch jenes merkwürdige Bild unseres Kaisers: Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter," erfüllen sich. Ein gewaltiger Damm erhebt sich dann gegen die Ausbreitung des Evangeliums, das verkündigt werden muß allen Völkern, bevor das Ende kommen soll. All die kühnen Berechnungen der Edinburger Missionskonferenz müssen da, menschlich ge sprochen, zuschanden werden. Gellender wird der Schrei des Heidentums werden: Wo ist nun euer Gott?" Aber43 sind alle geschichtlichen Ereignisse auf Erden nur das Baugerüst um den heiligen Tempel Gottes, so wird DER, in dessen durchbohrten Känden die Zügel der Welt regierung liegen, auch mit göttlicher Kraft heischen, daß ihm der Welt Enden zum Eigentum gegeben werden. Durch Telefunken wird dem japanischen Admirals schiff mitgeteilt, daß im Vorgelände an einer bestimmten Stelle ein gefallener japanischer Offizier mit allen militärischen Ehren beerdigt worden sei. Die Antwort des Admirats kam zurück, er danke von ganzem Kerzen sür die bewiesene Aufmerksamkeit. Auf seinen Schiffen seien ein deutscher Offizier, Leutnant v. B., und 63 Mann als Kriegsgefangene. Einer von diesen, der schwer ver wundet war, sei gestorben. Die Leute befänden sich wohlauf. Mich freuen immer solche kleinen Friedenszüge mitten im Todesringen der Völker. Wie und wann auch dieses Ringen zu Ende kommen wird, auf Generationen hin aus wird der Krieg den Völkern ein Grauen vor den Schrecknissen eingeflößt haben. Auch die Steigerungs fähigkeit der menschlichen Zerstörungswerkzeuge hat ihre Grenze erreicht. Nobel soll einmal den Gedanken aus gesprochen haben, daß er hoffe, durch die Erfindung des Dynamilstosfes und der schrecklichen explosiven Körper würde dem Kriege praktisch ein Ende bereitet werden. Welch ein ungeheurer Kagel von Eisenstücken ist über das Vorgelände von Tsingtau herniedergegangen! Mich tröstet der Gedanke, daß viel von dem Eisen in späterer Zeit von den chinesischen Schmieden wird zu Sicheln und Pflugscharen verarbeitet werden.44 Wie mag es unseren armen chinesischen Christen ergehen! Tot? zerstreut? hausend in den Löchern und Klüften der Erde? Ob da in der grauenvollen Finsternis, angesichts ihrer Dörfer, die in Schutthaufen verwandelt sind, das Wort des Keilandes, das ihnen verkündigt worden ist, zum Tröste aufleuchtet? Ob da sich mancher wieder hinwendet zu den toten Götzen? Kerr, vergib mir alle Mutlosigkeit und Lauheit und Trägheit in deinem Missjonsdienste! Decke die vergangene Zeit meines Lebens zu, und, willst Du mich noch fernerhin brauchen, so laß mir die Gnade zuteil werden, daß ich den Rest meiner Lebenszeit Dir darbringe als ein lebendiges Opfer im Dienste unter diesem armen, zertretenen, mißhandelten Volke zur Ehre meines Keilandes Jesu Christi! 7. Oktober. Ein strahlend schöner Kerbsttag mit all den wunderbaren Farben des nordchinesischen Kerbstes und dem stahlblauen Kimmel. Stille nah und fern, wie im Uhlandschen Sonntagsliede. Wie wohl einem diese Stille tut! Seit gestern abend schweigen alle Batterien. Links rechts am Wege bestellen die Landleute ihr Gartenland mit der großen Sorgfalt, die den chinesischen Ackerbau auszeichnet. Warum wohl der Kerr solch schwere Trübsal über den Menschen und die Welt kommen läßt? Deine Erziehungen ergötzen meine Seele", rühmt David. Leiden sammelt unsre Sinne, Daß die Seele nicht zerrinne In den Bildern dieser Welt.Unsere Brüder, die Missionare aus dem Süden und Norden, halten sich brav und tapfer und sind bei ihren Kameraden sehr geschätzt. Die packen an", sagte mir vorhin ein Kausman aus Schanghai, den ich auf dem Wege traf. Sie sind da draußen in den Infanterie werken in besonders exponierter Stellung. Br. Wannags kam in das gefährliche Feuer einer japanischen Patrouille, als er aus Vorposten stand, und Br. Kildebrand sah ein großes Sprengstück neben sich einschlagen, als er auf Wache stand. Kildebrand hat auf meinem Schreibtisch eine kleine Broschüre von Kant liegen sehen und bittet mich schriftlich darum. Kans radelt eben hin, um ihm das Büchlein zu bringen. Wirf dich aber auf den Boden, mein Junge, wenn du die Granaten sausen hörst." Gerhard, meiu zweiter Sohn, hat seine Bronchitis, die auf die Lunge zu gehen drohte, glücklich überwunden und tut nun frisch und freudig seinen schweren Dienst in den selben Insanteriewerken. Die Männer dort haben eine seltene Kameradschaftlichkeit zu einander und Anhänglichkeit an einander, die zu Freundschaften für das ganze Leben führt. Br. Kohls, ein lieber Mensch von etwas schwäch licher Konstiiution, aber unbeugsamem Mute, ist der Sanitätskolonne zuerteilt worden. Keute abend kommt, wahrscheinlich durch Taubenpost, wie mein guter Freund Leutnant Kropatfcheck, der Bruder des Theologen, vermutet, die Nachricht, daß Tfinanfu, die Hauptstadt Schantungs, durch die Japaner besetzt sei. Zu gleicher Zeit wird die Abreise des amerikanischen Konsuls vr. Peck gemeldet. Ich vermute, daß beide 4S46 Nachrichten in gewisser Beziehung zu einander stehen. Japan hat durch die Überschreitung der Kriegszone, deren Grenze Weihsien ist. China das Recht einzuschreiten gegeben. Wenn China die Gewährung der Kriegszone gestatten mußte unter dem Drucke seiner inneren Ver hältnisse, da Japan nur die in Japan sich aufhaltenden Aevolutionsführer wie Sun wen. Knang hing loszulassen braucht, um das Feuer zur dritten Revolution in China, zu deren Unterdrückung China aus Europa kein Geld bekommen kann, auflodern zu lassen, so ist jetzt auch Amerika gezwungen einzuschreiten, so unlieb ihm auch dieser Schritt ist. Amerika hat schon durch die Standard Oit Co. die Verpflichtung, einzuschreiten. Meine liebe Emmy hatte heute einen schweren Tag im Seemannshaus, das in ein Lazarett verwandelt ist. Mehrere gefährliche Operationen mußten ausgeführt werden. Ein Unteroffizier wurde eingeliefert, der vor einigen Nächten beim Ausfall in der Verwirrung seinen Soldaten befahl, zu schießen, und die Kugeln fuhren in die Reihen der Unseren. Das hat ihn so tiefsinnig gemacht, daß er sich von der Truppe entfernt hatte. Man untersucht seinen Geisteszustand. Sein Nachbar, der zugleich sein Uniergebener ist, schildert ihn als einen trefflichen Menschen. In Japan wird bei der Ausbildung der Truppen ein großes Gewicht gelegt aus die Ausbildung im Nehmen von Kindernissen und im Keranschleichen an den Feind. Unsere Soldaten auf den Vorposten im Vor gelände sahen den Feind oft erst dann, wenn derselbe dicht vor den Mündungen der Geschütze stand. Auch47 im Anspringen und im Bajonettkampf leisten die kleinen zähen Gegner Tüchtiges. Allgemein wird behauptet, daß sie im Gewehrschießen sich wenig auszeichneten. Wie man auch bei dem Chinesen beobachten kann, legt der Asiate das Gewehr nicht scharf ein, sondern pflegt ziellos zu schießen. Die Artillerie der Japaner ist zweifellos gut. 8. Oktober. Die Japaner haben die Karolinen und Marianen besetzt. Es ist mir unfaßlich, wie solche Nachrichten noch in unsere verschlossene Stadt gelangen können. Beim Kauptstabe sollen viele Depeschen, auf drahtlosem Wege erhalten, liegen, die absolut nicht zu entziffern sind. Tsinansu besetzt, Amerika hat . . .", ja, was hat nun Amerika gemacht? Man hofft viel von einer Entlastung durch Amerika. Ob sie geschieht? Mir fehlt etwas die Zuversicht. Man überbringt mir Briefe, die ich erst nach dem Tode des Schreibers an Vater, Mutter oder ein liebes Menschenkind in der fernen Keimat senden möchte. Da kam gestern auch solch ein Artillerist mit einem Briefe, der versiegelt war. Er hatte Fäuste wie ein Riese und war bescheiden und schüchtern wie ein Kind. Wir kranken zusammen Kaffee und knieten dann nieder und beteten. Er preßte mir die Kand, als wollte er eine Kaubitze ins Rohr stecken. Am Abend kam er zur Gebetsstunde, die bei D. s stattfand. Ich durfte sie leiten und wählte zur Betrachtung Klagelieder Ier. 3. Wie der Prophet sein Leid schildert! Ein Bild des Jammers verdrängt das andere, in immer schwereren Dissonanzen wogt sein48 Leid einher. Ilnd dann plötzlich kommt wie ein unendlich schönes Lied der Lobgesang der Güte und Treue Gottes. Immer wieder muß einen dieser tiefe Gegensatz packen. Die Güte des Kenn ist, daß wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß Eine große Anzahl von Freunden war versammelt, meistens Militär, und unser Singen klang mächtig hinab in das stille Kafen- gebiet, das vor den Fenstern sich ausbreitet. In später Abendstunde ging ich noch mit einigen Teilnehmern der Gebelstunde, Feldwebeln und Unteroffizieren, auf den Moltkeberg. Man hatte dort ein wunderbar herrliches Bild vor sich. Von Zeit zu Zeit löste sich von der Batterie 11 zu unseren Füßen ein Schuß, der drüben jenseits des Watls in Sz fang blitzartig aufleuchtete. Dann war alles wieder still. Bald nachdem ich von der nächtlichen Köhe heruntergegangen war, setzte das japanische Geschützfeuer ein. Wie ich eben in der Morgenstunde des 6. höre, hat es uns einige Tote gekostet. 8. Oktober. Ich besuchte heute meinen Sohn Joachim in der Iltiskaserne. Der japanische Flieger kreiste seit ^lO llhr wie ein Raubvogel über Tsingtau. Am Fan sche, d. h. dem Markte in der Nähe unserer Mädchenschule, wurden denn auch einem armen Kuli die beiden Beine abgerissen. Am Wege am Meere sah ich ein Loch, das eine solche Bombe gemacht hatte. Es war kreisrund und einen halben Meter tief. Mein Sohn und die Freunde der sechsten Kompagnie, die während der ganzen Nacht an den bombensicheren Unterständen bei Chang scha am Meere gearbeitet hatten, lagen in den Kellern der Kaserne und sahen sehr erschöpft aus. Ich freute mich, daß ich die Flasche Rheinwein mitgenommen hatte, die mir mein Freund, der Seezoll direktor W., geschenkt hatte. Aus ihren Aluminium bechern tranken sie mit tiefem Behagen den edlen Trank. Aus dem Leichenhause trugen Soldaten ihre toten Kameraden auf den Leichenwagen. Mit Eichenzweigen schmückten sie die Särge. Zum Winden von Kränzen ist jetzt keine Zeit. Die Patrouillengänge erfordern jede Nacht ihre Opfer. Ob nicht die schweren Stiefel unserer Leute dem auf leisen Strohsandalen heranschleichenden Feind leicht künden, wo er seinen Gegner packen kann? 9. Oktober. Den ganzen Tag über wurden von den Batterien die Wege und Zugänge aus dem gebirgigen Vorgelände, die hinabführen in die Tsingtauebene, vom Feinde freigehalten. Sobald dieser die Kühen vom Ku schan bis Meer mit seinen Geschützen besetzt hat, kann der letzte Ansturm auf die Hindernisse und Werke von der japanischen Artillerie auss wirksamste unterstützt werden. Die Siau ni wa-Batterie soll 16 japanische Geschütze er ledigt haben. Mit welcher Zähigkeit die japanischen Truppen allen Verlusten, allem heftigen Feuer zum Trotz ihre Linien in Stellung bringen, ist bewunderungswürdig. Was schadet es, wenn ganze Reihen niedergemäht werden, neue Reihen erheben sich! 4 4950 Am späten Nachmittag geriet ich in eine Gesellschaft von alten Tsingtauer Freunden und Bekannten. Treff liche Leute, aber in ihren Gesprächen keine Beleuchtung der gefahrvollen Lage durch das Wort Gottes. Es hat sich hier in Tsingtau eingebürgert, daß nur alle 14 Tage ein Sonntag gefeiert wird. Während der heißen Zeit fällt der Gottesdienst ganz aus. Wenn das Amt des Geistlichen zu dem eines Toten gräbers herabsinkt, damit das mit militärischen Ehren" beobachtet wird, was ist da noch für ein Unterschied zwischen einem evangelischen Geistlichen und einem buddhistischen Priester, der die buddhistischen Totengebete nach buddhistischem Ritual an der Bahre murmelt? Wo bleibt da die Buße zu Gott und der Glaube an den Kerrn Iesum Christum? Fällt die Kunst, so fällt sie durch die Künstler, und fällt die Kirche, so fällt sie durch ihre Diener. Man hat das Gefühl, der Gedanke an Gott ist in erschreckender Weise aus dem Leben, den Gesprächen, ja der Gedankenwelt ausgeschaltet. Mit dem Glauben an den Keiland schwindet auch der Glaube an den lebendigen Gott. Das Gespräch drehte sich darum, wann etwa wohl Tsingtau in die Kände der Japaner fallen würde. In einem Jahre sei es wieder in unseren Känden, ist der leidige Trost. Am Abend gegen V-8 Uhr beobachteten wir am hellen Himmel unter der Deichsel des großen Wagen einen Kometen. Auch nach chinesischer Ansicht ist er ein unglück bringendes Omen, ein Zeichen des Zorns der Götter. 10. Oktober. In der Nacht haben unsere 28 LM- Kaubitzen einen wahren Köllenlärm gemacht. Jede Kaubitze ist wie ein kleiner Vulkan, aus dem man des Nachts eine haushohe Feuersäule aufsteigen sieht. Es handelte sich darum, die japanischen Stellungen der schweren Artillerie auf der Watdersee-Köhe zu zerstören. Unser Flieger ging bereits um 6 Uhr morgens auf eine Rekognoszierungssahrt aus. Er blieb ca. drei Stunden lang weg. Während seines Aufstiegs kam auch der japanische Zweidecker, der wieder seine Bomben warf, von denen eine leider einen armen Kuli zerriß. Hoffent lich erfährt man heute abend, was der deutsche Flieger in seiner Rumpler-Taube erforscht hat. Beim Rückzüge aus Scha tze ku wurden die kasernen artigen Unterkunstsräume unserer Truppen durch Minen zerstört. Der Leutnant K. ging von einem Raum in den andern und zündete die Zweiminutenzünder an. Als er in den letzten Raum kommt, und nun dort aus der Tür treten will, ist dieselbe verschlossen. Da wirft er sich mit aller Wucht seines Körpers gegen das Fensterkreuz, fliegt hinaus, verstaucht sich dabei eine Kand und einen Fuß, aber entkommt wie durch ein Wunder den nach einander sich entladenden Minen. Am Nachmittage setzte von der See eine heftige Beschießung der südlichen Batterien ein. Die Japaner müssen ihre Geschütze auf den Schiffen sehr steil stellen, um ihre Geschosse in solche ungeheure Entfernung zu senden. Wie mir Fachmänner versichern, sei der Rückstoß so enorm, daß das Schiff diese gewaltigen Erschütterungen 4* 5152 auf die Dauer nicht aushalten könne. Das Tal bei Tai dung ischen und dieses selbst war durch die feindliche Kanonade in einen häßlichen braunen Dampf gehüllt, so daß jemand in das Lazarett stürzte, wo ich gerade war, und rufen konnte, Tai dung tschen stände in Flammen. Was mögen die Dörfer, die vor Tai dung tschen und jenseits der Verteidigungslinie liegen, in diesen ver gangenen Wochen unter dem fortwährenden Kagel von Eisenstücken gelitten haben! Litsun ist, wie man hört, niedergebrannt. Wenn ich an die Zukunft denke, wird mir schwarz vor Augen", sagte mir vor einigen Tagen ein Grotz- kaufmann. Ja, es kann einem schwarz vor Augen werden, wenn man nur auf das Sichtbare sieht. Man lernt es aber in diesen schweren Führungen, sich an den, den man nicht sieht, zu halten, als sähe man ihn. Dringt der Blick in die schwarze Zukunft, so formen die Ge danken sich unwillkürlich zum Gebet. Und so wird es auch unseren Lieben in der Keimat gehen. Ich will morgen, so der Kerr will, über die Witwe predigen in Luk. 18. Das Gleichnis ist so wundervoll passend, gerade für chinesische Verhältnisse. Man sieht das arme Weib im Vorräume des Iamen stehen, wie es verspottet von den Ja jis, den Gerichtsdienern, den großen Tamtam schlägt und ihr unablässiges, klägliches Da lau ja, kiu wo, Da lau ja, kiu wo schreit. Und drinnen der Mandarin, der sich nicht vor Gott fürchtet und sich vor keinem Menschen scheut, ist wütend über die Störung. Beim Essen, im Bett, unablässig klingt der Klageruf in seinOhr. Er könnte ja das arme Weib vor seinen Richter stuhl zitieren, und ist er ein ganz besonders giftiger Mandarin, so kann er mit dem Leder die Backen der Frau bearbeiten lassen, daß das Gesicht anschwillt wie eine Melone, wie der Chinese sagt, und dann nur heiser die Klagelaute aus dem Munde kommen. Denn in den chinesischen Gerichtshäusern ist die Zunge der Frauen gefürchtet, und mancher Da lau ja d. h. Vater des Volkes hat vor den keifenden Stimmen Reißaus genommen. Im eigenen Frauengemach hat er ja seine Erfahrung gemacht. Aber in diesem Fall läßt er den Feind kommen, der dem armen Weibe das Stückchen Feld streitig machen will. Selbstbewußt, im seidenen Gewand tritt der vor. Aber der wütende Mandarin schreit ihn an und be fiehlt ihm, niederzuknieen. Die Stockschläge sausen auf den fetten Körper, bis er mit zilternder Kand den Schein unterschreibt, daß er in Zukunft die Witwe in Ruhe lassen wolle. Man muß sich von einem chinesischen Evangelisten solche Schilderung geben lassen und das Schmunzeln der Zuhörer beobachten, wenn der alltägliche Vorgang im Gerichtshause vor ihnen sich entrollt. Und nun kommt die mächtige Schlußfolgerung, das Dfching miän, wie es in den acht Kategorien des chinesischen Aufsatzes heißt, in der These und Antithese: Sollte aber Gott nicht auch retten seine Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er s mit ihnen verziehen? Ich sage euch: Er wird sie erretten in einer Kürze. Doch wenn des Menschen Sohn kommen wird, meinest du, daß er auch werde Glauben finden auf Erden?" S354 11. Oktober. Der Kerr Hai uns heute einen wunderbar ruhigen Sonntag geschenkt, wie ihn kaum jemand von uns hoffen durfte. In der letzten Nacht bat ich ihn noch darum, und er hat in Gnaden mein Gebet erhört. Die Erfolge des gestrigen Tages leiteten diese Sabbalsstille ein und waren die äußere Veranlassung dazu, aber doch ist es vom Kerrn geschehen. Durch den famosen Patrouillengang des Feldwebels B. von den I. ^V. II. (A.2 Insanteriewerk) ist es uns gelungen, die Stellung der schweren japanischen Artillerie bei Cho si, unfern Litzun, genau zu bestimmen und sie unter das vernichtende Feuer der Bismarck-Batterien zu bringen. Es war wirklich ein Keldenstück des Feldwebels B., mit sieben Mann auf dem Bauch durch die japanische Vorhut zu schleichen und die Stellung der Geschütze genau zu bestimmen. Es zeigte sich, daß unsere Geschosse gegen 800 Meter zu weit nach rechts gewirkt hatten. Nun war es ein Leichtes, die Geschütze vollständig über den Kaufen zu werfen. Daß darauf plötzlich die japanischen Schiffe aus der ungeheuren Entfernung gegen eine halbe Stunde lang ihre Granaten auf die Forts und die Bismarck höhen sausen ließen, ohne irgend einen erheblichen Schaden anzurichten, wird als der Wutschrei über die vereitelten Anstrengungen angesehen. Von Kui tschin huk mit ihren schweren Kaubitzen wurden zwei Volltreffer auf die japanischen Schiffe erzielt, die den Gegner zum schleunigen Rückzug trieben. Keute abend wurde uns der Fall Antwerpens gemeldet. Ich bin im Jahre 1859 in Antwerpen geboren und habe55 dort bis zum 13. Jahre die Schule besucht, um dauu auf das Gymnasium in Duisburg am Rhein zu kommen. Mein seliger Vater hat dort 27 Jahre lang als Kasen- missionar gearbeitet und wurde dann einer der ersten Stadlmissionare unter dem seligen v. Stöcker. Gott sei Dank, daß Er diesen Erfolg unseren Waffen geschenkt hat! Er schenke uns bald den völligen Sieg und den edlen Frieden! Am Nachmittage besuchte ich mit meiner Frau unseren Achim. Wir trafen noch den lieben Bruder Kohls. Meine Frau hatte etwas Kuchen mitgebracht, ein freund licher Sergeant ließ uns aus der Menage Kaffee bringen, und so feierten wir einen schönen Sonntagnachmittag auf der Veranda der Ilnterossiziermesse der Iltiskaserne, unfern der Stelle, wo vor einigen Tagen eine feindliche Granate die Mannschaftsküche völlig demoliert hat. Der Kerr helfe in Gnaden weiter! Die Losung des heutigen Tages lautet: Du verneuerst die Gestalt der Erde." Aus all diesem Dunkel wolle der Kerr sein gnädiges Licht des Evangeliums aufleuchten lassen zum Keil der heidnischen Völker und zur Erneuerung der christlichen Nationen! Die Nacht war voller grauenhafter Finsternis und unablässigen Getöses der Geschütze. Ich ging mit dem kleinen Koreaner Fritz, den ich als verwehtes Bürschchen ins Kaus genommen habe, auf den Wasserberg. In meinen Mantel gehüllt, stand er lange bei mir auf der Köhe, und wir beobachteten die Lichtgarben der Schein werfer, welche das Gelände jenseits der Bucht und der56 Vorberge langsam Schritt vor Schritt ableuchteten. In der Nacht fanden wir wenig Schlaf. Der Mond ging spät auf, in der Ferne zog der Komet seine geheimnis volle Bahn, und beim Abfeuern der Geschütze drang der Geschützesschein in unser dunkles Schlafgemach. 12. Oktober. An den Ostasiatischen Lloyd habe ich vor einigen Wochen eine kleine chinesische Arbeit ge sandt: Pädagogische Briefe aus Chinas schwerster Zeit." Es sind zehn Briefe aus den Sammlungen der Gia sin des Oberbefehlshaber Tseng guo fan über die chinesischen Truppen gegen die Taiping-Rebellen. Bei der Be lagerung der Stadt Nanking, hat der als Philosoph, Staatsmann und Feldherr berühmte Tseng an seine Söhne pädagogische Briese geschrieben, die den Leser einen schönen Einblick tun lassen in die Erziehungsarbeit vornehmer Chinesen nach antiken Grundsätzen. Gleich in einem seiner ersten Briefe rügt Tseng an seinem ältesten Sohne, datz die Zeichenschrift seines Sohnes im letzten Briefe des festen Charakters entbehre, auch sei die Tusche nicht ordentlich verrieben. Und nun geht er zu weisen, feinen Ermahnungen pädagogischer Art über, immer mit dem Bestreben, darzulegen, wie er unab lässig in der Selbsterziehung an sich selber arbeite. Es täte mir leid, wenn diese kleine Arbeit in den Stürmen des Krieges verloren gegangen wäre. Die Japaner haben um eine zweistündige Waffen ruhe gebeten, von V-11 bis V2 2 Uhr, um die Toten zu beerdigen. Selbstverständlich gehen wir auf alle diesevernünftige Wünsche ein. Man hat das Gefühl, daß die Japaner ganz im Sinne eines Kulturvolkes den Krieg führen möchten. Auch die Rote Kreuz-Anstalten werden respektiert. Freilich sieht man schon fast zu viel Gebäude, die eine Rote Kreuz-Fahne tragen, und die Chinesen fangen bereits an, kleine Tüchlein mit einem Kung sche tse kia (Rotes Kreuz) als Amulette zu verkaufen, die, wie die PassauerZettel im dreißigjährigenKriege, den Träger schützen sollen gegen Schuß und Kieb und Stich. Viele Chinesen lragen solch ein Läpplein auf der Brust und fühlen sich nun sicher. Gestern traf ich meinen Evangelisten Mau am Markte, wo er am Stande eines Tuchhändlers predigte. Ich stellte mich zu ihm hin und hatte bald eine große Zuhörerschaft um mich versammelt: Was Euch schützt, meine Brüder, ist nicht der Lappen mit dem roten Kreuz, sondern das Vertrauen auf den lebendigen Gott, der uns verheißen hat: ..rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen!"" Gedenket an das alte chinesische Sprichwort: ehre mich einen Finger breit, und ich schenke dir mein Keil wie meine Kand so lang, ehre mich dein Lebenlang, und ich schenke dir das Keil eines unendlichen Lebens."" So beginnt einmal ein Leben des Glaubens und des Vertrauens auf den lebendigen Gott, und Er wird euch nicht verlassen noch versäumen!" Aber es geht den Chinesen in diesen schrecklichen Zeiten, wie es im Propheten Iesaias geschrieben steht: Und es werden über sie brausen (die Feinde) zu der Zeit wie S758 das Meer. Wenn man dann das Land ansehen wird, siehe, so ist s finster vor Angst, und das Licht scheinet nicht mehr oben über ihnen." Ich forsche gerne bei den Miteingeschlossenen in dieser umlagerten Festung denn es drängt die Not zu einander, und der Mensch bedarf nach jenem Dichterwort des Menschen in dieser Zeit der Enge und der Drangsal , wo und wie der Gedanke an das wunderbare Walten des Kerrn sich in den Kerzen regt. Man macht da so seine eigene Erfahrungen in diesen Tagen. Es ist der traurige Ruhm des modernen Deutschlands, einem ganz ordinären 8ystöme cle !a nature bei der Menge Eingang verschafft zu haben. Und doch glaube ich, daß die eiserne Zeit, die ungewisse, dunkle Zukunft, die nur wenig verklärt wird durch die Nachrichten von den großen Siegen, in den Kerzen eines jeden ein ge wisses ernstes Gefühl auslöst. Wir hier draußen, die wir so gar keinen Anschluß haben an das Mutterland und nicht die schwere Not, die heiße Sorge, die helle Begeisterung und die angstvolle Niedergeschlagenheit, die unser geliebtes deutsches Volk täglich fühlt, mitempfinden, wir, bei denen die Freude über einen Sieg unserer Waffen gleich getrübt und skeptisch angehaucht wird durch das dämonische Lügensystem des Reuter schen Nachrichtenbüros, haben hier unsere eigene Last zu fühlen. In dem Gouverneur Meyer- Waldeck haben wir, Gott sei Dank, einen ruhigen, ernsten Mann, der wie ein umsichtiger Kausvater und tapferer Soldat auf seinem Posten steht, und der in seiner herz lichen Weise selbst auf der Straße ein mutiges, freundliches Wort sagt. Am Tisch sitzt mein Kans bei der Lampe und liest den Letzten der Mohikaner", und draußen in der Nacht, die so finster ist, daß sie alles Leben verschlingen scheint, kriechen unsere Leute aus den Verschanzungen heraus und schleichen sich wie die Indianer durch das wildzerrissene Berggelände und lauschen hinter den Tannen, ob der feindliche Posten auf weichen Strohsandalen sich naht, und lauern des Tages in versteckten Wasserläufen, bis sie endlich vielleicht die Anhöhe bei Ku tze erreichen und dort im hohen Gras beim Sternenschein etwas ent decken können von den Aufstellungen des Feindes. Und auch der Feind ist reich an Listen, wie denn die alte Kriegführung und Strategie dieser asiatischen Völker, ihr berühmtester vielbändiger Roman San kuo, dessen Keld zum Kriegsgott in China ernannt ist, eine Ehre, die wenigen Aomanhelden zuteil wird, ein Summarium von Kriegslisten ist. Ich bin überzeugt, als die japanische Patrouille, welche sich vor wenigen Wochen im Lauschan gebirge einem unserer äußersten Vorposten näherte, trotz aller modernen Ausbildung und Bewaffnung zu einer solchen uralten Kriegslist gegriffen hat, da war solch ein Buch ihr Lehrmeister. Ein Wachtposten, oder war es nach anderer Lesung der Masu, der chinesische Pferde knecht, sieht zu seinem Erstaunen, wie sich ein kleines Tannenwäldchen zu bewegen scheint. Nun gab es zu den Zeiten der vielberühmten Kanperiode in China noch keine Fernrohre und Krimstecher. Aber heute kann man auch in großer Entfernung bald die Beine entdecken, die ein solches Tannenwäldchen zum Fortbewegen bringen, sgund, fliegen die bösen Schrapnells, so fallen alle Ver kleidungen. Morgens besuche ich gern meinen alten Freund, den Obersteuermann St. auf dem Observatorium. Man hat von der Terrasse aus einen herrlichen Rundblick, und das Observatorium ist mit den modernsten Fernseh apparaten ausgerüstet. Die Kaiserin Elisabeth" wird von einer hinter dem Ku schan versteckten japanischen Batterie beschossen. Zu unseren Füßen, meine Frau war mit auf dem Berge, bevor sie ihren Dienst im Lazarett antrat, spielt sich der Kampf ab, wie er sich fast täglich vor uns abspielt. Man sieht das langsam sich entfernende Schiff, das von Zeit zu Zeit seine Geschütze abfeuert, man sieht auf dem tiefblauen Wasser die ein schlagenden Granaten. Eine weiße Wassersäule wallt auf, die bei dem ruhigen Wetter wie ein weißes Phantom sich langsam auf den Wassern bewegt. Man bangt für das Schiff beim nächsten Schuß. 13. Oktober. O., der die ersten Flugversuche hier in Tstngtau gemacht hat, ist heute bei einem erneuten Gange abgestürzt. Er ist Mechaniker vom Beruf, ein Mann von großer Willensstärke, der aber augenscheinlich mit dem zu schwachen Motor keinen glücklichen Auf- und Abstieg bewerkstelligen kann. Dazu kommt, daß die Luftverhältnisse hier am Meere mit ihren leicht wechselnden Schichten der Luftfahrt nicht recht günstig sind. Ich habe ihn vor Iahren getraut und sprach über den Text: Geduld aber ist euch not" . . . und über die vorhergehenden so61 Worte: Werfet euer Vertrauen nicht weg. welches eine große Belohnung hat!" Ja. das gilt uns allen: Werfet euer Vertrauen nicht weg!" Der Äerr schenke uns die aus dem gläubigen Vertrauen geborene Geduld! Über Mittag kommt ein Bote aus Kiautfchou, dem Br. Müller ein zusammengefaltetes Blättchen, in kleinster Schrift geschrieben, gegeben hat. Der Fischer hat sich im kleinen Fischerkahne hinter der Insel Iindau an der Küste entlanggeschlichen. Br. Müller schreibt, Kiautfchou sei von den Japanern besetzt, die ihm nicht gestatteten, die Stadt auch nur zu einem kleinen Spaziergange nach dem nahen Bahnhofe zu verlassen. Die Lebensmittelpreise seien um das dreifache gestiegen. Das Missionshaus in Tsimo sei in das Hauptquartier der Japaner umgewandelt. Die Geschwister Scholz seien nach Tschi su geflohen. Wie die Japaner meinen, würde der Krieg noch etwa einen Monat dauern. Keute werden die verdeckten Stellungen der Japaner von unseren Batterien unter Feuer genommen. Der Obersteuermann St. erklärte mir vorhin den ganz modernen Apparat zum Messen der Entfernungen. Ein kleines Fernrohr ist in dem Instrument, das einem sogar die Grasbüschel auf den von uns beschossenen, den Infanteriewerken vorgelagerten Köhen klar vor das Auge bringt. Man hat es auf der Terrasse vor dem Observatorium aufgestellt, um eventuell die Köhe des feindlichen Flugapparates festzustellen. Die beiden Flieger, der deutsche und der japanische, begegneten sich in den Lüsten, doch fand kein Kampf62 statt; er wäre doch nur aussichtslos. Die Herren machten es wohl, wie die chinesischen Mandarine tun, wenn sie sich im Reisekarren begegnen und die langwierigen Zeremonien der Begrüßung vermeiden wollen: Jeder hält sich den Fächer vor das Gesicht. In Folge einiger Vorgänge kam ich mit St. auf die Disziplin unter den Truppen zu sprechen. Was man auch sagen mag, die Kallung unserer Leute ist vorzüg lich, Es steckt ein frischer, fröhlicher Wagemut in den Leuten. Die alte germanische Kampfesfreude ist wach geworden. Vielleicht stimmt das, daß unter den Offi zieren hier und da eine pessimistische Ausfassung der Dinge aufkommt. Es ist schwer, zu warten und im Feuer zu stehen, ohne einen Ausbruch machen zu können. Der Germane will das Weiße im Auge seines Feindes sehen. Er will heran an den Feind. Ein schlichtes Beispiel erzählte mir St. aus seiner lang jährigen Tätigkeit in der Flotte. Er hätte da einen Mann bekommen, einen wahren Riesen an Kraft, der aber von einem furchtbaren Jähzorn besessen gewesen wäre. Der Mann machte ihm viel Not durch seine Widersetzlichkeit. Da habe ich ihn eines Tages in meine Kajüte kommen lassen und mit ihm gesprochen. Denken Sie, Sie wären Maat, und ich würde im Glied mich so benehmen, wie Sie es tun. Sie würden mir bei der nächsten Gelegenheit die Zähne ins Maul schlagen usw." Durch sorgfällige Behandlung hätte er den Mann dahin gebracht, daß er einer seiner besten Leute wurde. Daun wechselte das Kommando, undjener Mann geriet wieder in sein altes widersetzliches Wesen und bekam ein halbes Jahr Festung. Ich sah ihn später wieder als Keizer auf einem Kriegsschiff. Er erzählte mir seine Geschichte. Einige Zeit aber danach sehe ich bei einer Kesselexplosion den Riesen, wie er mit verbrannten Füßen, über und über mit Brandwunden bedeckt, zwei seiner schwerverletzten Kameraden unter dem Arme, aus dem Keizraum kommt. Er erlag seinen Wunden." Ich erzählte meinem Freunde und einem anwesen den alten Seebären von dem holländischen Jan, der in Kanton unter die Götter erhoben ist. Da sah ich den braven Kolländer, die Kände in den Kosentaschen, die Stummelpfeife im Munde, mit einem unsäglich lächerlichen Gesichtsausdruck, wie ihn die vornehmen Chinesinnen anbeten und mit Blumen schmücken. Der Tempelpriester aber erzählte mir, wie nach den Tempel- annalen um das Jahr 1740 oder 50 dieser holländische Matrose während eines furchtbaren Taifuns, der die Stadt Kanton heimsuchte, immer wieder in die Fluten gesprungen sei, um das Leben von etwa 40 Chinesen zu retten, wie er aber dann ertrunken sei. Als die Wasser die Leiche Ilfer spülten, habe man eine überlebensgroße Figur von ihm anfertigen lassen und ihn unter die Götter erhoben. So steht nun der brave Jan aus Kolland im Götzentempel. Meine alten See bären schienen ganz bewegt von der Geschichte zu sein, wie ich von der des Riesen bei der Kesselexplosion. So treibt man einMissionsstündchen angesichts verdonnern den Geschütze. KS64 14. Oktober. Die Japaner haben unterirdische Gänge gebaut, die bis etwa SO0 Meter an die ersten Kindernisse vor den Festungswerken herankommen. Auch bei der Belagerung von Port Arthur haben sie diese Maulwurfsarbeit getan und dann die Forts in die Luft gesprengt. Für unsere Soldaten ist die Tag und Nacht andauernde, alle Kräfte und Sinne des Körpers anspannende Tätigkeit diesem schlauen, wach samen Feind gegenüber ungeheuer anstrengend. Man hört viel klagen, datz mancher Kompagnieführer den jungen Mannschaften zu wenig Ruhe und Schlaf ver schaffe, wodurch sich bei einigen Truppenteilen etwas wie Erschöpfung bemerkbar mache. Kat der Feind seine Vorbereitungen beendet, und kommen die Stürme auf die Infanteriewerke. Port Arthur hat gezeigt, daß es den japanischen Keeresleitern auf das nutzlose Opfern von Regimentern nicht anzukommen scheint, so werden unseren Leuten Mühseligkeiten und Anstrengungen zugemutet, die eine kampfessrische Truppe kaum ertragen kann, unter der aber erschöpfte Krieger zusammenbrechen müssen. Keute besuchte ich einige Brüder der China-Inland- Mission und der Barmer Mission, die ich wohlauf fand. Der Bruder der C. I. M, Sp., ein lieber, ernster Mann, ist Sergeant. Von See her wurden die südlichen Batterien, die Iltiskaserne, wo mein Achim weilt stark beschossen. Die Granatsplitter zischten über uns hin und schlugen in den Garten des Faber-Kospitals. Der Vormittag war sehr unruhig, über Mittag ist wohl eine Pause eingetreten. Was wohl der Nachmittagbringen mag! Man lebt hier von einer Stunde zur andern in Spannung. Auf das wütende Getöne folgte plötzlich eine tiefe Stille, die dann wieder von einem unheimlichen Blitzen und Krachen von allen Köhen verschlungen ward. Kartoffeln gibt es schon lange nicht mehr. Zum Glück haben wir noch viel Aeis, der aber nicht sehr beliebt ist bei den Soldaten. Reis wird von den Chinesen nur in Wasser gekocht, ohne jeglichen Zusatz, und vertritt die Stelle unserer Kartoffel. Es ist eine Kunst, die eigentlich nur der Chinese recht versteht, dem Reis beim Kochen einen bestimmten Zusatz von Wasser zu geben, so daß jedes Reiskorn völlig gar und weich und doch nicht wässerig ist. Entweder brennt der Reis an, oder er wird ein Brei. Für den, der längere Zeit in China ist, ersetzt er voll ständig die Kartoffel, ja, ich halte Reis für gesünder als die Kartoffel, nur muß man dafür sorgen, daß der chinesische Küchenjunge den rohen Aeis immer wieder wäscht, der Chinese sagt siebenmal, und daß jegliche Unreinheit verschwunden ist. Man kocht ihn in Wasser oder dämpft ihn. Nach chinesischer Ansicht bringt der unreine Reis leicht Berri - Berri, eine malariaartige Krankheit, die mit Lähmungen verbunden ist. Der Befehl ist gekommen und in dem Lazarett, wo meine Frau arbeitet, zum Teil schon ausgeführt, die Bilder unsers Kaisers zu zerstören, damit der eindringende Feind damit keinen Unfug treibe. Vielleicht geht die Vorsicht etwas zu weit. Die Japaner lieben die Bilder und respektieren sie. Wenn der japanische Premier Katsura 5 65die deutsche Gesandschaft in Tokio betrat, pflegte er zuerst das Bild des Kaisers im Salon zu begrüßen, indem er sich tief davor verneigte. Freilich heute ist ja der deutsche Kaiser der Feind Japans. Japans Schicksal ist an England gekettet, oder ist es umgekehrt? Gestern abend wurde erzählt, der japanische Kronprinz solle mit einer englischen Königstochter verlobt werden. Schon längst würde sich Japan in die unseligen europäischen Wirren ein gemischt haben, wenn es nicht, wie die chinesische Redensart für weite Entfernung lautet, durch tausend Berge und zehn tausend Ströme und Wasser von Europa getrennt wäre. Es scheint auch mir fraglos, daß wir mit diesem furchtbaren Kriege in die Ereignisse der Letztzeit treten. Die Menschen fangen schon an, das zu empfinden, was der Keiland in Lukas 21 das Verschmachten vor Furcht und Warten der Dinge, die kommen sollen auf Erden, nennt. Wenn aber ein Kreis von Freunden, die zu unserer Gebets gemeinschaft gehören, im kleineren Kreise den Kerrn bittet, seine Gläubigen zu entrücken, so liegt darin nach meiner Überzeugung eine falsche Schriftauffassung. Immer wieder tritt bei manchen zu Tage, was Martenfen das Losreißen der christlichen Subjektivität von dem historischen Zusammenhang der Tradition, eine Geringschätzung des Wortes nennt, die gewisse Lieblingsstellen und -ausdrücke pflegt und immer wieder darauf blickt wie auf einen roten Punkt. Die Endzeit ist fraglos nahe, aber die Endzeit der Wege Gottes auf Erden, wozu uns doch auch die Menschheitsgeschichte einen klaren Kommentar liefert, kann doch nur begriffen werden im Lichte der Geschichte KS67 der Evangelisierung der Völker. Die Anfechtung lehrt uns aufs Wort merken, die Trübsal und die Stunde der Versuchung, die über den ganzen Weltkreis geht, drängt uns, aller biblischen Kritik zum Spott, zum Festhalten an dem festen prophetischen Wort, darauf zu achten als auf ein Licht, das da scheinet an einem finsteren Ort. Und Gott sei Dank, daß er uns den Morgenstern Jesus Christus aufgehen läßt in unserem Kerzen! Gestern war der katholische Provikar B. bei mir und erkundigte sich nach den Nachrichten, die ich kürzlich von unserem Missionar Müller aus dem von den Japanern besetzten Kiautschou erhalten hätte. Wir saßen in dem Stübchen der Missionsschwester Voget, die seit Beginn der Belagerung Tsingtaus in Ching chou su weilt. Vom Fenster aus beobachteten wir, wie der feindliche Aeroplan unsere kleine Aumplertaube verfolgte. Es war ein ziemlich aufregender Vorgang. Unsere Taube duckte sich wie ein verfolgter Vogel ganz dicht über die Tannen und dahinter schoß wie ein Falke der japanische Flieger. Die Taube konnte nur mit Mühe den Flugplatz erreichen, die Schützen auf dem Kügel des nahen Observatoriums, die ich kurz vorher besucht hatte, schössen mit ihren Feld schlangen nach dem Feind, und hart neben unserem Flieger sauste eine feindliche Dynamitbombe nieder. B. und ich setzten uns dann wieder. Der römische Pater sah sehr trüb in die Zukunft. Die Missionskreise Deutschlands würden nicht imstande sein, das Werk zu unterstützen, und harte Zeilen würden für die Mission kommen. Es ist dies fraglos richtig, und es mag demProvikar eine besonders schwere Sorge auf der Seele lasten, was aus dem hiesigen großen Grundbesitz der katholischen Mission wird unter der neuen Herrschaft. Wir stellen auch diese Sorge dem Kerrn anHeim. Er sorget für uns. Im Kotel Prinz Keinrich, das in ein Kriegs lazarett umgewandelt ist, lief mir kürzlich eine römische Nonne nach und sagte: Ach, Kerr V., was wird noch aus uns werden?" Ich sagte ihr: In der Bibel steht das Wort: Alle eure Sorgen werfet auf IKN, Er sorget für euch." Ja, das Wort kenne ich auch!" erwiderte sie. Kennen Sie auch, fragte ich, die schöne Erklärung, die ein srommer Mann dazu gegeben hat: Wer dieses Werfen nicht versteht, der ist ein abgeworfener, verworfener und zerworfener Mensch" ?" Ach, das ist schön!" Kätte sie gewußt, daß dies Wort von Luther stammt, so würde sie sich wohl bekreuzigt haben, so aber sagte sie tiefempfindend: Das ist schön!" Die Iltis-Batterie auf der langen Landzunge, die sich weit hineinstreckt in die Bucht, hat gestern einen furchtbaren feindlichen Artilleriesturm zu bestehen gehabt. Man zählte gegen 70 schwere Granaten, die auf das niednge Fort niedersausten. Die Japaner hatten davon 14, nach andern nur 7 Volltreffer. Die meisten Ungetüme schlugen ins Wasser, wobei haushohe Wassersäulen auf rauschten. Die Betonverschanzungen hielten die furcht baren Stöße ab. Keiner wurde verletzt. Nur ein Ge schütz wurde mit Erde bedeckt, und zwei unserer Artille risten waren betäubt von den Gasen. In der Nacht war ein Brand in der nördlichen Gegend der Stadt. Wir standen lange auf dem Wasserberge K869 und beobachteten das Spiel der Flammen. Unser Scheinwerfer beleuchtete die gegenüberliegenden Köhen. Wenn sich die Strahlen auf einen Punkt konzentrierten, fuhr in demselben Augenblicke auch von unseren Geschütz stellungen ein Geschoß dahin. Auf dem tageshell be schienenen Raum erschienen dann mit blitzartigem Lichte unsere einschlagenden Geschosse. Ein feines weißes Angorakätzchen aus einem der am Fuß des Berges be findlichen leeren Käufer vornehmer Chinesen war uns durch die Tannen nachgeschlichen und sprang auf meinen Schoß. Die Nacht war ruhig, gegen Morgen setzte ein Regen ein, und der Kerr schenkte uns einen erfrischenden Schlaf. 15. und 16. Oktober. Seit zwei Tagen regnet es mit dem späten Kerbstregen, den der nordchinesische Land mann als eine gute Vorbedingung für die Wintersaat und als wichtig für die endliche Entwickelung der Süß kartoffel und der ölhaltigen Erdnuß ansieht. Die Toeng jauer-Chriften im näheren Kinterland klagen, seit zwei Iahren hätten sie nur geringe Birnenernten gehabt und Heuer, da die Birnbäume so überreichlich trügen, könnten sie nichts auf die Dschunken verladen für die südlichen Käsen um der japanischen Blockade willen. Draußen plätschert der Regen, vermummte Chinesen in dem Iii ji, dem Schilsrohrregenmantel, und dem breiten Regenhut aus demselben Material eilen vorüber. Auf den Bergen ringsumher schweigt das Kriegskonzert. Die große Entschuldigung des Asiaten, im Süden Lok fchui,70 im Norden Kia jü, d. h. es regnet, mach! auch das Klirren der Waffen verstummen. Ich habe mal wieder meinen geliebten Martensen vorgenommen und mich in seine Dogmatik vertieft. Auch mit Roschers National ökonomie beschäftige ich mich, um Analogien zu finden zum besseren Verständnis des Volkes, unter welches ich gesandt bin als Prediger des Evangeliums. Draußen im Gelände, wo 35 000 Japaner Tag und Nacht wühlen und graben, frohnen und arbeiten, um den endlichen Stoß gegen die deutsche Kolonie machen zu können, laufen die Schützengräben voller Wasser, und die Unterstände der Geschütze sinken tief ein in dem porösen Lößboden. Von Zeit zu Zeit fährt aus unseren Befestigungen ein Schuß darüber hin und zerstört wieder, was tagelange Arbeit der Feinde geschafft hat. Auch die armen japanischen Krieger sind zu bedauern. Kürz lich haben sie wieder um eine mehrstündige Waffenruhe gebeten, um die Toten zu beerdigen. Man sah die Träger mit den Tragbahren, von Offizieren befehligt, welche weiße Kandschuhe trugen. Vor ihnen marschiert ein Soldat mit einer weißen Fahne. Wie mögen die armen japanischen Verwundeten leiden, die unverbunden daliegen, weil unser schreckliches Geschützfeuer, das den Japanern ein wahres Grauen einflößen soll, das Auf suchen der Verwundeten unmöglich macht! Und dann kommen die kalten Nächte, und mancher verhaucht sein Leben. Einer unserer deutschen Verwundeten, der liegen geblieben war, als seine Kameraden zurückgingen, wurde von den vorrückenden Unsern wieder befreit. Ein71 japanischer Sanitätsmaat hatte ihn inzwischen sorgfältig verbunden. Nachts ziehen sich die Linienschiffe, die uns blockieren, in größere Entfernungen zurück. Unser kleines Torpedoboot 8. 90 hat die letzten finsteren Nächte dazu benutzt, um in unerhörter Kühnheit sich durch das Gewirre der Seeminen zu schleichen und zwischen den beiden Keuhausen", wo der gewöhnliche Stand der feindlichen Schiffe ist, die verderblichen Dynamit minen zu legen. Was doch der Krieg für ein graufes Kandwerk ist! Es regnet, und man kann so recht sich dem Grübeln hingeben, dieser Lieblingsbeschäftigung der Asiaten. Ich bin vor 30 Iahren nicht mit großer innerer Freude hinausgezogen nach China. Aber in steigendem Maße hat mich das Interesse gepackt für die Völker Ostasiens. Mancher Missionar ist. erwärmt von der Missionsglut und der Begeisterung, die in den heimischen Misstons- Kreisen herrscht, hinausgezogen, und je länger er unter diesen Ostasiatischen Menschenmassen weilte, um so mehr ist seine anfängliche Begeisterung geschwunden. Er braucht nicht gerade auf den Standpunkt jenes Eng länders gesunken zu sein, der angeblich an seine Mutter schrieb: Liebe Mama, Indien ist ein wundervolles Land, nur schade, daß die Eingeborenen so unangenehm sind! Aber ich habe mir jetzt zwei große Kunde an geschafft . . China und Japan liegen vor der christ lichen Welt wie zwei große dunkle Probleme, die aller Lösung spotten, wie auch das mohammedanische Problem.72 Nur im Lichte der Offenbarung der Keiligen Schrift können sie erkannt werden. Warum wohl nach göttlichem Ratschluß die Energie der Evangelisierung der Völker in der Endzeit sich diesen beiden Nationen zuwendet? Muß erst eine gewisse Zeit der Erfüllung für ein heidnisches Volk eintreten, bevor das Evangelium seinen Siegesgang antritt? And wie und wann und wo sind die Anzeichen dieser von Gott geschaffenen Erfüllung der Zeit? Für die Bekehrung der Juden habe ich ich gestehe es bislang nicht dieses starke Interesse gefühlt. Bringen die letzten Revolutionen, bringt dieser Krieg uns der Zeit der Erfüllung näher? Asiens Angesicht verändert sich in diesen Tagen. Die leblosen Völkermassen, auf denen die Lava des Buddhismus jahrtaufende lang gelegen hat, kommen in Bewegung. Wird diese Bewegung Keil oder Unheil der Welt bringen? In unserer Gebetstunde, die Br. Kunze mit einer Betrachtung des heiligen Vaterunsers einleitete, gedenken wir auch besonders der Japaner. Es ist natürlich, daß dem betenden Christen das Interesse für ein heidnisches Volk wach wird, welches in unmittelbarer Nähe mit den Waffen uns gegenübersteht. So mancher freundlichen Züge der heidnischen Feinde habe ich bereits in diesen Blättern gedacht. Es gebietet uns die Gerechtigkeit, sie hervorzuheben. Gestern war wieder eine Zusammen kunft der deutschen und japanischen Parlamentäre bei Si siau schui. Sie verlief nach der amtlichen Erklärung in durchaus höflichen, ja liebenswürdigen Formen.73 Von unserer Seite war der mir bekannte Major v. K., welcher japanisch spricht, damit beauftragt. Auf Wunsch des Mikado sollte den NichtKämpfern ein freier Ab zug gewährt werden, und man verhandelte über den Weg, welchen diese einschlagen könnten. Nur der amerikanische Konsul Dr. P., welcher von seiner Ge sandtschaft in Peking abberufen wurde, und zwei allein stehende Frauen hatten sich gemeldet. Die japanischen Offiziere, namentlich die höheren Chargen, welche in der Schule des in Japan fast vergötterten preußischen Generals Meckel ausgebildet sind, sprechen fertig deutsch. Bei der Zusammenkunft unterhielt man sich in liebens würdiger Weise, und die japanischen Offiziere trugen herzliche Grütze an ihre deutschen Freunde in Tsingtau auf. Die bei den Toten gefundenen Wertsachen wurden mit Ausdrücken des Bedauerns übergeben. Das alles sind liebenswürdige Symptome im Kriegsleben, die wohl verdienen, bemerkt zu werden. Als die hiesige japanische Kolonie zu Beginn des Krieges aufgefordert wurde, Tsingtau zu verlassen, und Japan einen Dampfer sandte zur Aufnahme dieser Leute, hörte man auf dem Wege nach dem Käsen unter unseren Soldaten Äuße rungen wie: Den gelben Engländern ein famoses Wort, das unsere Leute geprägt haben wollen wir noch einmal zeigen, was eine Karke ist!" Aber dann mahnten wieder andere Stimmen: Das wollen wir als Deutsche nicht tun!" Und als dann in den Rickschahs kleinen, von chinesischen Kulis gezogenen Kand- wägelchen die verschüchterten Männer und Frauen,74 Kinder und Dirnen kamen, packten deutsche Fäuste lind und hilfreich zu. Und in japanischen Blättern konnte man lesen, welche prächtige Nation doch die Deutschen wären, und es wäre schade ... So ganz anders war es, als bei den Russen in Sibirien und der Mandschurei, die, wie die in der hiesigen Zeitung veröffentlichten Briefe zeigen, in brutaler, gemeiner Weise unsere Lands genossen behandelt haben. Ja, mancher von diesen soll erschossen sein, weil er zufällig eine Karte von Karbin oder einer anderen russischen Stadt des fernen Ostens bei sich trug. Und wie erst sind die armen Japaner im russisch-japanischen Kriege behandelt worden! Ganz zu schweigen von den Chinesen in jenen Amurgebieten, die wie in Blowogeschenks aus der chinesischen Ansiedelung der Stadt auf einen freien Platz geführt und dann von Kosaken in den Amur getrieben wurden. Am Ufer standen vornehme Russen und schössen auf die mit dem Tode ringenden Unglücklichen. Selbst russische Damen sollen sich daran beteiligt haben. Was Wunder, daß mir ein vornehmer Chinese beim Ausbruch der Pest vor etlichen Iahren, die aus den sibirischen Steppen kam, erklärte, das wäre die Rache der Götter für jene ungefühnte Freveltat! Der Wann hat ein richtiges Ge fühl: Gott sucht die Sünden heim, und, womit einer sündigt, damit wird er bestraft. Dagegen ein anderes Bild, das mir von Seiten vieler in Japan ansässiger Deutschen bestätigt worden ist. Bei der Abfahrt unserer Reservisten auf den japanischen Bahnhöfen stand dicht gedrängt die japanische Bevölkerung da und sangLieder, und eifrige Kände streckten Geschenke aus und riefen den Scheidenden ein herzliches Lebewohl zu. Und trotzdem dieses furchtbare Ringen der beiden Völker? Rätsel über Rätsel, und nur ein Gedanke scheint es mir lösen zu helfen, der in den letzten Tagen oft ausgesprochen wurde, nämlich daß, wie auch unsere Parla mentäre fühlten, es herrsche unter den japanischen Offi zieren ein peinliches Gefühl, gegen Deutschland kämpfen zu müssen, der ganze Krieg nur, wie vielleicht oft bei den Kriegen der Neuzeit, ein Geschäft einer allmächtigen Kapitalistengruppe in Japan ist. Meine Frau geht ins Seemannshaus, das auch zum Kriegslazarett umgewandelt ist, und hat zusammen mit den katholischen Nonnen einen Krankensaal unter sich. Die katholischen Schwestern hätten sich gefreut, mit ihr zusammen arbeiten zu dürfen. Die Mutter-Oberin sei darüber ganz besonders froh, da sie mit ihr sich doch eines Sinnes fühlten. Gewiß, es können in diesen chaotischen Zeiten evangelische und katholische Christen zusammen einen gemeinsamen Boden der Betrachtung gewinnen. Es ist schon ein Trost in diesem Dunkel, den ausgereckten Arm des Kerrn zu erblicken und sich gegenseitig vorzuhalten: "Es kann mir nichts geschehen, als was er hat ersehen, und was mir selig ist". Es spaltet sich doch im letzten Grunde die Welt in die beiden Kälsten, in solche, die den Äerrn leugnen und die an ihm festhalten. Fräulein Strecker, unsere Missionsschwester, die ich in ihrer prachtvollen Arbeit an den kleinen heidnischen 7üKindern der Ehinesenstadt immer bewundert und hoch geachtet habe, ist unsere liebe Kausgenossin, für die wir dem Kerrn danken. Still und immer fleißig von morgens bis in die sinkende Nacht, ist sie unermüdlich, die zerrissenen Jacken und Kosen unserer lieben Brüder, welche in der Front stehen, zu waschen und zu flicken. Der liebe Wannags, ein früherer Kürassier, der als Litauer vor Kampfbegierde zittert, und dem die Gefahr die rechte Atmosphäre zu sein scheint, schrieb recht kläg lich, daß die ihm von der Montierungskammer ver messene Kose nicht passen wolle. Und nun hat Schwester Frieda hinten ein mächtiges Keilstück eingesetzt, worüber großer Jubel herrscht. Man glaube nicht, daß das in Kriegszeiten etwas Nebensächliches sei. Eine gute Mahl zeit im Magen, ein gut sitzendes Kleidungsstück auf dem Leibe und dann ein kräftiger Psalm, ein Trost wort und ein gemeinsames Gebet, ein Kanddruck, ein Kuß und unsere Brüder gehen wieder unverdrossen an ihre saure Arbeit. Ihre Missionare sind prächtige Menschen und Kameraden", sagte mir neulich wieder ein Kaufmann aus Schanghai. Regen und immer wieder Regen, und der Kimmel sieht aus, als könne ein Gewitter losbrechen, das alles Donnern unserer Geschütze mit seinem majestätischen Blitzen und Donnern verschlingt. Die Japaner haben in Wang kia zun Munition und Proviant gelandet, und die Transporte dieser Sachen sind mit tödlicher Sicherheit von unseren Kaubitzen zer schmettert worden. ?"77 Die Nachricht kommt, die Chinesen hätten in Tsinanfu die Japaner in großer Anzahl vergiftet. Ob die Mär sich bestätigt? 17. Oktober. Die Vergiftung der Japaner scheint ein falsches Gerücht zu sein, oder nur einen vereinzelten Fall als Wahrheit zu enthalten. Etwas Wahres aber mag schon daran sein, daß die Japaner im Vorgelände sehr an ruhrartigen Krankheiten leiden. Die Ruhr in verschiedenen Gestalten ist besonders hier im Norden Chinas heimisch, und die japanischen Soldaten haben unter der Nässe und den kalten Nächten, sowie unter dem Mangel an Unterkunftsräumen in den zerstörten, menschenverlassenen Dörfern zu leiden. Im Laufe des Vormittags hatten wir das gewohnte Bild von unferm Fenster aus: Die Japaner möchten gern das österreichische Schiff, welches von der Insel Im dau aus in das Tal zwischen den Vorbergen und dem Lauschan späht, vernichten und beschießen es von einer hinter dem Kuschan versteckten Batterie aus. Die Elisabeth" geht langsam zurück, umheult von den Granaten, und löst von Zeit zu Zeit ihre Breitseiten. Ich war mit Br. Schramm, der im Kriegslazarett Pfleger ist, heute nachmittag in den Infanteriewerken. Gerhard stand grade Posten. Der tapfere Feldwebel B. hatte sich mit einer Patrouille aufgemacht, um die Stellungen der Japaner zu erforschen. Man hörte in der Ferne Gewehrschüsse, die befürchten ließen, unsere Leute seien entdeckt, und die Blockhauswache, zu der auch die78 Brüder Kildebrandl und Schwärm gehörten, hatten sich aufgemacht, um den bedrängten Kameraden zu Kütse zu eilen. Im Nachbarwerk war durch die Unvorsichtigkeit des Unteroffiziers, der dabei ums Leben kam, in der Munitionskammer eine Explosion geschehen. Sonst fand ich die Freunde wohl und gesund. Die Regengüsse in den beiden letzten Nächten halten natürlich wieder allen möglichen Schaden verursacht, den unsere Soldaten un verdrossen ausbesserten. Mit dem Unteroffizier K., der Lehrer ist an der Kaiserlichen Militärakademie in Tokio, saß ich gestern nacht lange auf der Äöhe unfern dem Observatorium. K. ist Polizeioffizier im Lazarett, das aber verlegt worden ist in die Kochschule. Hinten in der Ferne glühten die Lichter von Tai dung schen und die Beiwachtseuer. Ab und zu hallte ein Schuß dahin. Da in weiter Ferne ein dumpfes Krachen, als ob etwas Gewaltiges zerrissen würde. 18. Oktober. Ein herrlicher strahlender Sonntags morgen zieht herauf über Land und Meer. Mit meinen Hausgenossen lese ich eine Predigt von Pank über den Aufruhr in Ephesus. Mit den Chinesen versammelte ich mich in der Aula der Mädchenschule, und predigte ihnen an der Kand von 1. Thessal. 6 über die vier Kommando worte des alten Paulus an den jungen Streiter: Fliehet, jaget nach, kämpfet, ergreifet!" Dann besuchte ich meine Freunde auf dem Berge des Observatoriums. Die zwei langen Feldschlangen zum Abschießen des japanischen79 Fliegers sind aufgestellt zum sofortigen Gebrauch. Freude strahlend erzählte man mir. was ich nachher im Tages befehle des Festungskommandos lese, daß unser kleines Torpedoboot 3.90" in der Nacht, sich durch die Minen sperre schleichend, einen japanischen Panzerkreuzer an geschossen und zum Sinken gebracht habe. Ein Soldat tritt ein und berichtet, daß der 1400O Tonnen große Linienkreuzer Suwo oder Kuwo vorhin auf eine Mine gelaufen sei, und daß man vom Iltisberg aus das Sinken des gewaltigen Schiffes beobachten könne. Unser Torpedoboot 8. 90" geriet nach dem Abfeuern der Torpedos in eine Untiefe und mußte gesprengt werden, während die Besatzung sich durch Schwimmen an Land rettete. Sie befindet sich auf der Ääsi-Seite, nahe am Perlengebirge, und hat schon Signale gegeben, damit man sie abholen möchte. Sabbatsstiile rings um mich herum, und doch schreitet der Tod, der alte Würger, in unserer nächsten Nähe an uns vorbei, und wie mag es erst im fernen Europa aus sehen! Gott schenke unserm lieben Vaterlande den Sieg! Rosse werden zum Schlachttag bereitet, aber der Sieg kommt doch nur allein von IKM, von IKM allein. Wir trauerten sehr, als zum Beginn der Blockade unser Geschwader uns verließ, und mancher murrte, als man nichts von den Schiffen, der Scharnhorst, der Gneisenau, der Emden und den anderen, ver nahm. Man wußte hier an zuständiger Stelle genau, wo die Schiffe sich befanden, aber um der japanischen Späher willen, die sich hier in der Stadt unter den80 Chinesen befinden, hielt man die Bewegungen unserer Schiffe verborgen vor aller Welt. Nun hört man, daß allein die Emden alle Zufuhr von Australien nach Eng land, all die Transportschiffe von Indien und den süd lichen englischen Kolonien abgefangen und versenkt habe, nachdem die Besatzung irgendwo an Land gesetzt worden war. Aus den gekaperten Kandelsschissen hat man die Lebensmittel und die Munition, vor allem die so nötigen Kohlen herübergenommen, bevor sie auf den Grund des Meeres gebettet wurden. In England merkt man es aber längst, daß die Fleischschiffe von Australien, die Kornschiffe von Argentinien ausbleiben, und im Lande selbst gehen die Preise sür die Lebensmittel in die Köhe. Die Patrouille in Iwii (Infanteriewerke II), wo mein Gerhard und die meisten unserer Berliner Missionare dienen, ist aus dem von den Japanern besetzten Vor gelände zurückgekehrt. Sie geriet in heftiges Gewehr- feuer und verlor einen Mann, der durch den Kopf ge schossen wurde. Gerhard erzählte mir, wie er mit dem Getöteten noch zuletzt auf Vorposten gewesen sei. D. war lange in der Fremdenlegion in Algier gewesen. Und nun zieht es ihn doch in die alte Keimat zurück. Das Vaterland ist in Not, der verlorene Sohn kehrt zurück, meldet sich zu dem Todesgange und wird von einer japanischen Kugel durchbohrt. Es liegt eine ergreifende Tragik in diesem kurzen Lebensbild. vulce et äecorum est. . . . Die Kameraden legen einen Eichenzweig auf den Sarg in der Gruft, über welche eine Salve dahin- rollt; sie wird übertönt von dem Donner der Geschütze.81 Welche Geschichte ist hier zu Ende gekommen, welcher Lebenslauf in ab- und dann doch in aufsteigender Linie ist hier zu seinem Ruhepunkte gekommen? Gott weiß es. Ich habe mir immer ein brüderliches Interesse be wahrt für solche verwehten Existenzen, die ich im fernen Osten traf, und wenn sie im Süden aus den Fremden legionen der französischen Kolonien flohen und ich ihnen helfen konnte, habe ich ihnen gern geholfen. Es sind nicht immer die schlechtesten, die fern von der Keimöl ihr bischen Glück suchen. Ich bin mein ganzes Leben lang im Regen umhergelaufen", sagte mir ein Mann, und wir, die wir bei der hellen Lampe am Ofen sitzen, wollen freundlich derer gedenken, die in Sturm und Finsternis in weiter Welt umherirren. 19. Oktober. Während gestern eitel Jubel und Freude herrschte über den Untergang des gewaltigen Linienschiffes, des größten der japanischen Flotte, tauchen heute Zweifel auf, ob dieser japanische Dreadnought überhaupt auf eine Mine gelaufen und schwer beschädigt sei. Geheimrat G. erzählte mir, das Gouvernement würde nicht eher den Fall veröffentlichen, als bis sich in den japanischen Blättern die Bestätigung finde. Doch vielleicht wird er von den Japanern totgeschwiegen. Fach männer erklären das beobachtete starke Überneigen des Schiffskolosses, der sich gerade anschickte, Tsingtau zu beschießen, damit, er habe die eine Seite mit Wasser vollaufen lassen, um seinen Geschützen für die ungeheure Entfernung von 15 Kilometern die nötige Steilstellung82 zu geben. Das Manöver sei dem Schiffe aber miß glückt. Nur wenige Granaten sausten über uns hin. Das Schiff wurde in die Schantungbucht geschleppt, was allerdings ein bedenkliches Zeichen gewesen wäre. Jedenfalls wird sich der Sachverhalt bald herausstellen. Die Ikoma" nicht Suwo", wie gestern irrtümlich gemeldet wurde gehört den modernsten Schiffen an. Allem Anschein nach ist schon vor zwei oder drei Tagen ein Schlachtschiff auf eine Mine gelausen. Man hörte in der Morgenfrühe in weiter, weiter Ferne dumpfe, anhallende Explosionen, so daß die Ansicht laut wurde, es müßte irgendwo da draußen eine Seeschlacht statt gesunden haben. Schiffstrümmer, die bei Iü ni fan an trieben, und die von japanischen Schiffen herrühren, geben Veranlassung zu der Vermutung. Die Besatzung des Torpedobootes 3. 9O 63 Mann stark , die nach dem Sprengen des Bootes sich an Land rettete, hält sich im Perlgebirge, wo die Japaner angeblich eine starke Batterie aufstellen, verborgen, um diese zu zer stören oder hat sich gleich auf den Weg nach Shanghai gemacht. Uns würden die tapferen Leute, die mit bei spielloser Todesverachtung durch die Minensperre in das Blockadegebiel gefahren sind, die Bojen verlegt, Minen gestreut und ihre letzten Torpedos auf den Feind ab geschossen haben, hier sehr fehlen. 20. Oktober. Gestern wehte ein heftiger Sturm, der sich in der Nacht steigerte und nun nach alter Regel etwa drei Tage braucht, bis er abgeflaut ist. Der33 bekannte Taifunvers, der von den Seeleuten an der Ost asiatischen Küste zitiert wird, lautet für diese Monate: Leptember, Leptember v^ill remember, OLtober, October all 8 over", aber in diesem Jahre stimmt er nicht. Eine Depression nach der andern, die aus dem Süden, aus dem Taifunnest, den Philippinen, kommt, ein Taifun nach dem andern brausen heran und künden, wie die Chinesen meinen, einen harten Winter an. Schon gestern herrschte eine schneidende Kälte, als der Nord wind einsetzte. Wie wird das alles noch werden? Mit Br. Kunze zusammen wohne ich in einem Kellerraum der Mädchen schule, während in einem Nachbarkeller meine Frau mit Kans, Martin und Schwester Strecker haust. Es fehlt uns an nichts, die Chinesenbetten sind wohl etwas hart, aber doch ist alles so nett eingerichtet und heimisch ge macht. Auch hat es uns bis heute an keinem Guten gemangelt, und gestern sah ich, wie Schwester Frieda von einem chinesischen Gemüsehändler noch junge Schnitt bohnen kaufen konnte. 36 Pfennige das Pfund, wie ich im Vorbeigehen hörte. Man merkt ja, wie uns durch die Blockade der Brotkorb höher gehängt wird, manches ist nicht mehr vorhanden, vieles ist um das Doppelte im Preise gestiegen, aber doch macht King siu, mein alter Knecht, der mit Kai juän, dem Stationskuli, in der Not treu bei mir geblieben ist, immer noch etwas ausfindig auf dem chinesischen Markte. Ich liege des Nachts viel wach und der Geist grübelt Küter ist die Nacht schier hin?" und betet. Ja, was34 kann man anders tun in dieser schrecklichen Zeit, als sich ein Trostwort der Keiligen Schrift vor Augen halten und beten. Alle Bilder des Tages und der vergangenen kurzen und doch so langen Zeit ziehen an einem vor über, die man nicht vergessen wird. Wir leben hier ja nicht in einer umwallten Stadt mit den gewaltigen Tor türmen der chinesischen Städte und den Mauerzinnen und Schießscharten für die Schützen, sondern wie offen liegt sie dem Feinde vor Augen, der vielleicht in eben diesem Augenblicke von den Köhen des kleinen Perl berges, des Ku schan oder des Prinz Keinrich Berges hinabspäht in unsere Straßen und durch die Fenster in die Käufer. Von der Anhöhe am Walderseehügel her unter kommt ein Trupp Engländer. Sie gehören zu der Tientsiner Besatzung und mit dem Fernglas kann man die weißen Tropenhelme erkennen. Sie scheinen hinauszuziehen, um die Schützengräben fertig zu stellen. Da, von der Batterie !2 hart bei Tai dung schen auf telefonische Anfrage die Antwort: Feuer, und krachend schlägt es vor, hinter, neben der Truppe von etwa 40 Mann ein. Eine Rauch- und Staubwolke steigt auf, der Schuß hat gesessen. Man sieht Menschen am Boden liegen, und aus der Ravine kriechen nach einiger Zeit vorsichtig zwei Soldaten. Keute ist Sonntag, lassen wir sie leben", sagt grimmig der Kanonier. Ein Trupp Japaner zieht sich vor dem Feuer in ein einsames, kleines Chinesenhaus zurück. Wieder kracht der Schuß. Er scheint fehl gegangen zu sein. Man sieht den Ausschlag nicht. Da steigt aus dem Käuslein eine Rauchsäule85 lotrecht auf. und dann geht die eine Mauerwand aus einander. Mit fürchterlicher Genauigkeit ist das Geschoß dahin gegangen, wohin es gehen sollte. Ist es im Innern des Kaufes krepiert, hat es die Feinde erschlagen? Eine lange Zeit vergeht, und kein Menschenkind späht verstohlen- hinaus auf die totbringenden Köhen. Man hört keinen Menschenlaut in diesem grauenvollen Ringen, und nur, wenn eine feindliche Kugel mit ihrem unheim lichen Kiß-Kiß in die Brust eines unserer Soldaten fährt, stöhnt eine Menschenbrust auf, und mit einem wilden Schrei fällt schwer ein Körper zu Boden. Ich muß immer an die allen Römer denken, die im Zirkus an der Brüstung standen und hinabblickten in die blut getränkte Arena, nur daß sich einem das Kerz zusammen klumpst in heißem Schmerz. Unablässig donnern die großen Geschosse gegen die Eisenbetonwandungen der Iltishuk - Batterie. Sobald das Feuer auf den fernen Schiffen aufzischt, springen unsere Artilleristen in die bombensicheren Stände und zählen langsam 1, 2, 3, 4, 5, 6 und, wie das Krachen des jüngsten Tages, kommt es auf die Batterie her nieder. Sofort stehen sie aber wieder an ihren Kaubitzen mörsern, noch rasch einen Blick in den Spiegel, ob die Kimming recht steht, wieder zurück, eine Feuersäule schlägt aus wie aus eiuem Glutofen: Kurrah, Kurrah, und ausgelassen wie die Knaben, denen ein guler Wurf gelungen, springen unsere pulvergeschwärzten Kanoniere auf. Drüben auf dem Kriegskoloß steigt eine schwere Feuer- und Rauchwolke auf, und an der86 Seite des Schiffes fahren zischend die Eisenstücke in die See. Man sieht, wie die Masse in Schwanken gerät und sich etwas zur Seite neigt. Es dauert etwas länger, bis wieder aus seinen Stückpforten der Feuer strahl übers Meer fährt, der Schuß hat gesessen, und drüben liegen zerschmetterte Menschenglieder! Und dann steigen blitzschnell andere Bilder aus, wie ich sie fast jede Nacht sehe: Die grauenvolle Finsternis wird punkt artig erleuchtet unseren aufschlagenden Geschossen, die auf die dunklen Köhen vor uns gesetzt werden in blitzähnlicher, furchtbarer Schrift des Todes. Und die chinesischen Dörfer dahinter sind schwelende Trümmer haufen, und die armen Frauen und Kinder irren in der Nacht und im Gebirge umher und verkriechen sich frierend und zitternd vor dem kalten Regen in Löcher und Klüfte und wimmern und schreien. Bisher sind angeblich insgesamt von den Japanern rund 41000 Mann in Schantung gelandet worden, dazu einige hundert Chinesen und Koreaner. Die japanischen Soldaten stammen hauptsächlich aus der Gegend von Sasebo, Moji und Nagasaki. Vor Tsingtau sollen nur 35000 Mann stehen; außerdem noch etwa 1000 Eng länder. Die Verluste der Japaner in den bisherigen Kämpfen werden auf 3000 angegeben. Für die Zwecke ihrer Belagerungsartillerle haben die Japaner von Wangkotschnang nach Liulung und von dort weiter nach Tungtitsun eine doppelgleisige Schmalspurbahn gebaut, auf der etwa 100 kleine, von Kulis gezogene Wagen verkehren.21. Oktober. Das japanische Geschwader hat, wie heute amtlich mitgeteilt wurde, nach Tokio gemeldet, der von unserem Torpedoboot 8.90 in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag mit 250 Mann versenkte kleine Kreuzer sei auf eine Mine gelaufen und unlergegangen. Es ist auch interessant, daß dasselbe Geschwader an seine Behörde berichtete, 8. 90 sei von japanischen Kanonenbooten vernichtet worden. 8. 90 wurde nach dem Torpedoangriff von den eigenen Leuten in die Luft gesprengt. Trotzdem hält sich, wie auch heute amtlich gemeldet wurde, an der ganzen Küste das Gerücht, unser kleines Torpedoboot was für prächtige Männer sind die Leute der 8. 90, mancher von ihnen ist Mitglied des christlichen Soldatenheims, das unter der Leitung meines lieben Freundes, des Feldwebels L. steht sei durchgebrochen, so daß nun die ganze Schiffahrt von Schanghai stocke. Die anfängliche Furcht vor den Japanern, die doch zu Beginn jeden von uns befchlichen hat, der unglaub lichen Todesverachtung der japanischen Regimenter wegen, die sich vor Port Arthur reihenweise hätten niederschießen lassen, bis das Fort erstürmt und das Sonnenbanner gehißt war, ist unter unseren Soldaten wie ein nächtlicher Spuk verflogen. Man hat die Stärke, aber die auch durch nichts mehr zu verdeckende Schwäche des japanischen Kriegers voll erkannt. Chinesische Späher und das Polizeiamt bezahlt gut und hat sehr zuverlässige Leute unter ihnen, deren Angaben durch unseren ausgezeichneten Fliegeroffizier P. bis ins Einzelne bestätigt wurden 88 hätten berichtet, die Japaner hätten ihren gefallenen Kameraden eine Art von Denkmal errichtet und die Worte darauf geschrieben: Mögen die Götter verhüten, daß wir jemals wieder gegen die furchtbaren Deutschen Krieg führen!" Das ist wohl nur ein guter Soldaten witz, aber so viel ist klar, daß unter den Feinden vor der deutschen, mit tödlicher Sicherheit arbeitenden Artillerie ein wahres Grauen herrscht. Das ganze Feld des von unseren Geschützen bestrichenen Gebietes ist kartenmäßig in Quadrate von 500 Meter Länge und Breite ein geteilt. Ich sah heute solche Meldung des Fliegers P., die kalt und klar die Meldungen gab, z. B. 1^ 24 oder f 49 eine Batterie Feldgeschütze oder schwerer Geschütze. Unsere Kanonen richten sich haarscharf auf diese Felder ein und beschießen sie systematisch mit je SO Meter Ab stand im Quadrat, so daß alle Aufstellungen, wie nachher festgestellt ist, auf diesem Räume zerstört sind. Der Krieg ist hart, aber der Gott, von dem David rühmt, er lehrt mich einen eisernen Bogen spannen, lehrt uns jetzt, den eisernen Bogen für unsere Geschosse spannen. Unsere Sache ist eine gerechte Sache, und Deutschland kämpft gegen Lüge, Nichtswürdigkeit, Ungerechtigkeit und schändliche Ilnlertretnng von Menschenrechten. Ich bin Optimist, weil ich an den lebendigen Gott glaube. Der Gott, der in den Befreiungskriegen unseren Vätern wie im Feuer sich offenbart hat, sitzt noch heute waltend über uns und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Keute Morgen tauchten wieder in schwindelnder Ätherhöhe die Flieger auf, der japanische mit seinemwundervoll arbeitenden, schier geräuschlosen Apparat und unsere Taube. Die Taube aber schwebte wie ein dunkler Punkt noch fast 1000 Meter über ihrem Gegner und zog ruhig und sicher ihre Rekognos zierungsbahn dahin. Der Japaner gab daher die Verfolgung auf und flog seewärts. 22. Oktober. Unserer Kaiserin Geburtstag. Gott segne sie und ihr ganzes Kaus! Auch für Kaiserinnen und Fürstinnen gilt die prachtvolle Schilderung Sprüche Sal. 31 mit dem ergreifenden Wort in dem Lobe eines tugendsamen Weibes": Sie tut ihm Liebes und nicht Leides ihr Lebenlang." Ich besuche meinen Freund, den Oderfeuerwerker, auf der Köhe des Observatoriums. Durch die vorzüglichen Gläser, welche die Herren hier oben haben, kann man das Treiben der Japaner am Strande östlich von der Insel Jindau beobachten. Wie es scheint, wollen sie drüben eine Landungsbrücke bauen. Still wie ein Schatten im leuchtenden Kerbstmorgen daher auch ihr Name Schatteninsel liegt Jindau da. Vor Iahren fuhr ich in einer kleinen Fischerdschunke hin über. Wie heißt jene kleine Insel?" fragte ich den Alten im Boote, der das Steuer und Ruder regierte. Mau dau, die Mützeninsel. Dort ist ein tiefer Brunnen im Felsen. Er soll noch aus der Zeit stammen, als hier statt des Meeres eine reiche fruchtbare Ebene sich ausbreitete. Da lag die reiche Stadt Dschu, lange bevor Kiaulschou gegründet wurde und die Dschunken aus dem Süden vor den Toren 8S90 der Stadt ihre Waren ausluden. Die Bewohner der Stadt Dschu aber waren üppig geworden und frech gegen die Götter. Und in einer Nacht entbrannte der Zorn der Götter, und eine wilde Sturmflut rollte das Meer über die Stadt und ihre Bewohner. Nur einer entkam, ein Liebling der Himmlischen, denn er wandelte nach ihren Geboten und tat nach ihren Gesetzen. Er rettete sich auf jenen Kügel dort, und wenn Sie in Kan kia dschuang den kleinen Tempel besuchen, werden Sie," so schloß der Alte, diesen Liebling der Götter als Long schin, d. h. Wellen gott, dort ausgestellt finden. Er wird nur hier in Iindau verehrt." Am nächsten Morgen suchte ich dann den Tempel aus und fand den Long schin in der Gesellschaft des Drachengottes und des Kuhgottes. An der Mauer war von einem Maler die Szene des Unterganges der Stadt Dschu dargestellt worden. Man sieht in den Lüften Dämonen, die mit dem Götterspiegel den ver zehrenden Blitz auf die Erde schleudern. Dämonen schlagen wütend die Göttertrommelu, Dämonen blasen die Stürme, und Dämonen gießen aus großen Gefäßen Wasser hinab. Unten aber sieht man die zusammenbrechenden Türme und Mauern einer Stadt, und aus dem Tore entflieht auf einem Pferde der Liebling der Götter. Schade, daß das Bild nach einigen Monaten übertüncht wurde bei der Renovation des Tempels! Ein chinesisches Vineta! Und heute bauen Japaner über der untergegangenen Stadt eine Landungsbrücke. Überall auf dem Wege liegen die Schrapnellgeschosse verstreut, mit denen gestern die Feinde unseren kühnen91 Flieger beschossen haben. Während der feindliche Flieger nach wie vor heute vormittag zweimal seine Dynamit bomben unsere Stadt streut, die Chinesen sagen hia dan tze, d. h. er legt seine Eier zieht unser tapferer P. seine Kreise und rekognosziert das Gelände, und dann donnern unsere Geschosse hinüber. Ob unsere Munition wohl reicht, ist die bange Frage? Man glaubt, die Stadt würde sich doch nicht lange halten können. Wenn wir nur so lange aus halten, bis das große Ereignis eintritt, das wir alle erwarten, und das Gott, der wunderbare Gott, in seiner Gnade über den Erdkreis bringen wird. 23. Oktober. Die Patrouillengänge, welche aus unseren Infanteriewerken in das von den Japanern be setzte Vorgelände gemacht werden, werden immer schwie riger und gefahrvoller. Der Gürtel der Feinde zieht sich dichter, die von Port Arthur her bekannten Ilnter- minierungsarbeilen der Japaner bringen ihn nahe an die ersten Verteidigungslinien heran. Ohne Tod und Verwundungen geht es dabei nicht ab. Der Unter offizier Diehl von der ersten Kompagnie stößt bei solchem Patrouillengange auf den Feind. Er erhält einen Schuß, gibt den Befehl zum Rückzug, befiehlt seinen Leuten, ihn liegen zu lassen und Verstärkungen zu holen. Als man wiederkommt, ist er tot. Die Kugel ist durchs Porte monnaie gegangen, hat eine Banknote durchlöchert, ist ins Fleisch gedrungen und hat die Schlagader verletzt. Man fand einen Zettel, auf dem mit Bleistift geschriebendie Worte standen: Ich sterbe und sterbe gern für Kaiser und Reich." Am Finger trug der Tote ein Ainglein mit den Worten: Ob nah oder fern, ich Hab dich gern." Nun kommt es beim Zusammentreffen der beiden Flieger in den Lüften schon zum Duell. Der eine schießt aus den andern mit der Pistole. Von unten ballern die Japaner mit plumpen Schrapnells gegen unsere Taube, daß es wie ein schwerer Kagel herab geht aus die Dächer der Stadt und jedermann auf den Straßen mit Leichtigkeit mehrere Kugeln findet. Unsere Leute aus dem Observatorium berechnen exakt die Ent fernung des feindlichen Fliegers und schimpfen, daß sie ihn nicht herunterholen können. Pech: der Schlächter meister W. hat ihnen in diesem Falle einen ganzen ge bratenen Ochsen versprochen und ein anderer so viel Champagner in Aussicht gestellt, wie sie trinken können. Zwei Chinesendörser vor Taitungtschen und hinter Sysong brennen lichterloh, und die Blockadeschiffe legen sich so, als ob es zu einer schweren Beschießung kommen könnte. Auch Fu schan scho wird von uns in Brand gesteckt. Meine kleine Missionskirche geht in Ftammen auf. Viel Freude habe ich mit meinem Wirken unter der elenden, verkommenen Bevölkerung dort nicht gehabt. Man fand nirgends eine rechte Kandhabe, wo man sie lassen konnte: immer dieses halb scheue, halb freche, stumme Benehmen, das fast an das Benehmen von Idioten er innerte. Die Männer lungerten in der Opiumkneipe 9Ä33 herum mich wundert immer noch, daß die deutsche Regierung gleich von Anfang an nicht das Opium aus ihren Bezirken verbannt hat die Weiber waren ban K aimen, d, h. mit halb geöffneten Türen, wie der Volksausdruck lautet. Nach jahrelanger Arbeit hatten sich etwa zehn Menschen gefunden, die sich christlicher Zucht und Sitte fügten, bis wieder eine ärgerliche Ge schichte passierte. Wie stark doch im chinesischen Volke die Traditionen fortleben! Vor einigen Iahren ging ich an einem Morgen nach Fu schan scho. Vor dem Dorfe erblickte ich einen Leichenzug. In China gibt es wenig Fried höfe, jeder beerdigt seine Toten aus dem eigenen Felde. Ich ging seldeinwärts und kam an die Gruft, die schon gemauert war. Am Rande der Grube, in der der Sarg stand, saßen weiß gekleidete Klageweiber und heulten und ließen den Speichel aus ihrem Munde, denn tränen- nasse Augeu konnte ich bei keiner erkennen, auf den Sarg fallen. Ihre Klagen waren übrigens nur inhalts lose Interjektionen 0, 0a, ttei, I^iau bu teb (d. h. ach wie furchtbar)! Dazwischen aber schrieen einige lauter als sonst: Kehre zurück, o kehre zurück nach Iünnan!" Ich fragte einen Alten, was das Iünnan bedeute? Er sagte: Unser Klan stammt aus der Provinz Iünnan, von dort sind wir etwa um die Mitte der Ming-Dynastie, also um das 10., N. Jahrhundert, auf Befehl des Kaisers hierhin verpflanzt worden". Ich vermute, daß es sich hier um eine Kolonie von Verbannten oder nm eine militärische Ansiedelung handelt.94 Die Namen Fu schon scho und Dschan schan deuten auf das letztere. Die Erinnerung an den uralten Ahnen sitz ist nicht erloschen in den Leuten. Vielleicht auch er klärt sich von hier aus das merkwürdig scheue Ver halten der Bewohner Fu schan schos. Ein fremdes Ge fühl hak sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt: Du bist ja doch nicht hier zu Kaufe, deine Keimat ist dort im fernen Westen in der Provinz der südlichen Wolke" (Jünnan). 26. Oktober. Ich habe mir einige Soldatenlieder gesammelt, die hier draußen einige ostasiatische Färbung haben und in prächtiger Weise die Stimmung unserer Brüder in der Front wiederspiegeln. Stoßseufzer eines Tschan schan Soldaten. Ach die Löhnung, ach die Löhnung, Wenn doch nur die Löhnung kam ! Denn ich Hab nun diese Angewöhnung: Ohne Löhnung ist s mir nicht bequem. Aber das weisz ich gewisz, Wenn sie erst einmal gekommen ist, Reicht sie doch nur bis zum andern Morgen, Und den ganzen Monat musz ich wieder schmorgen Und auch diese Lösung borgen. Ach die Löhnung, ach die Löhnung, Wenn doch nur die Löhnung kam! Ach das Essen, ach das Essen, Wenn doch nur das Essen kam ! Denn ich Hab seit gestern nicht gegessen, Und der Gürtet sitzt mir unbequem. Aber das weisz ich gewisz,Wenn das Essen erst gekommen ist, Ist es doch ein Essen nicht zum Sagen, And niein halboerdorrter Magen Muß s neue kohldampfschiebend klagen: Ach das Essen, ach das Essen, Wenn doch nur das Essen kam ! Ach der Abend, ach der Abend, Wenn doch nur der Abend kam ! Ruhevoll, vergnügt und labend, Ja, das wäre angenehm. Aber trau dem Frieden nicht! Zeigt sich erst der Sterne Licht, Keißt es: Angetreten zur Besatzungsübung, Gibt s Gewehroerwechslung und Quartierverschiebung, Schlafen ist ja doch nur eine kurze Trübung. Ach der Abend, ach der Abend, Wenn doch nur der Abend kam ! Ach der Japse, ach der Japse, Wenn doch nur der Japse kam ! Denn dies ew ge Rumgeschlapse Ist wahrhaftig unbequem. Aber ist er mal zur Stell , Kriegt er wieder eins gebrannt aufs Fell, Und dann wird er sich zurückbesinnen Und die Sach aufs neu beginnen, Und am Ende heifzt s hier drinnen: Ach der Japse, ach der Japse, Wenn der Japse nur nicht wiederkam ! Kallo, Posten Hab acht! Es rollt das Meer, die Woge läuft, Der Taifun gellt, der Regen traust, Regen schüttet die Wolke herab, Reißende Bäche schwellen seldab Durch die düft re Nacht: Kallo, Posten gib acht! SSDas Band unterm Kinn, in den Manlel geschmiegt Schreitet ruhig der Posten und wiegt Leicht in der Kand das treue Gewehr. Der Gürtel drückt, die Taschen sind schwer, In die Stiefel rieselt das Wasser sacht: Kallo, Posten gib acht! Ohr und Auge sind angespannt Gierig, als tränken sie Lust und Land. Lärm ist alles, Lärm ohne Licht, Zwei Schritte vom Leibe, da siehst du nichts. Schüsse und Minen verschluckt die Nacht: Kallo, Posten Hab acht! Der Regen prasselt, der Windstoß gellt; Drei Japsen wie Katzen schleichen im Feld. Sie kauern, sie gleiten wieder voran. Ein Sprung noch, so sind sie Mann an Mann. Ein Sprung noch Kalls, Posten Hab acht! Ein anderes Lied ist mir besonders lieb. So viel ich weiß, ist es von dem Geologen Professor S. verfaßt. Die v. v. - Kompagnie ist die Kompagnie der Dienstuntaug lichen. Diese, unsere Brüder, die sonst vom Kriegsdienst befreit wären, haben sich gemeldet und wahrlich sich wacker benommen vor dem Feind und treu gearbeitet: Ein Professor, ein Importeur, Lehrer, Rechtsanwalt usw. Die v. v. - Kompagnie. Major Kessinger sprach: Bei Tschanschan da rechts, Da erscheint mir zu groß noch die Lücke. Wen stell ich da hin für den Fall des Gefechts, Daß den Japsen der Durchbruch nicht glücke? Wer wäre dafür wohl so passend, wie Die Kompagnie sechs, die v. U--Kompagnie! 9KWer stellt der Kommandos und Wachen so viel Ringsum auf der Tsingtauer Landzung ? Wer stellt selbst die Fahrer zum Automobil Und baut auch so fest die Verschanzung? Wer macht das alles so prompt wie sie, Die Kompagnie sechs, die v. U.-Kompagnie? Und zog sie hinaus denn mit Spaten und Kack , Wohl kam gar manchem es span sch an. Und von Kulis wimmelt es Tag sür Tag Auf den Feldern und Fluren von Tschan schan. Da sah man geschäftig in aller Früh Schon die Kompagnie sechs, die v. v.-Kompagnie. Da plötzlich dröhnt s in den Menschenschwall: Bum-Bum, die Riesengranaten; Und zerstoben waren die Kulis all , Wer führt sie nun weiter, die Spaten? Sei drum ohne Sorge, verlaß dich auf sie, Aus die Kompagnie sechs, die l), v.-Kompagnie. Und die Nacht sank herab auf das Tschan schan Gesild, Da regen sich hundert Künde, Und ehe der Mond seinen Lauf och erfüllt, Da war schon die Arbeit zu Ende, Sie hatte geschauselt von spät bis srüh, Die Kompagnie sechs, die l). U.-Kompagnie. Und fragt ihr, warum man l). U. sie genannt? So woll n wir die Deutung euch weisen: Aus v- eutschlands U-- rkraft nach Asien gesandt, Das sollen die Zeichen euch heißen. Im O" ienst v" nermüdlich, so nennt man sie Mit Fug wohl und Recht: die O. U.-Kompagnie. Du Vaterland weißt es, wir steh n unsren Mann, Auch wenn uns bald Kugeln umfliegen. Wir Kandvoll Menschen, was kommt s darauf an: Nur Du Deutschland, Du Deutschland mußt siegen. Doch strahlst Du im Glänze, dann denk auch an sie: An die Kompagnie sechs, die I). v.-Kompagnie. 7 9798 Keule vormittag haben die Blockadeschiffe wieder einmal eine Stunde lang die Batterien beschossen, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Man hört den Schuß in weiter, weiter Ferne, das Keulen des Ungetüms und dann das Einschlagen in der Nähe. Das letztere klingt wie ein Zerreißen. Die Schüsse der Japaner saßen gut, doch wurde keins unserer Geschütze verletzt, auch kamen keine Verwundungen durch Splitter vor. Nur die Tannen auf den Batteriehöhen waren wie mit einem Rasiermesser weggeschnitten. , Es ist erstaunlich, wie wenig Schaden die japanische Artillerie anrichtet. Gerhard erzählte, wie er von seinem Infanteriewerke aus das feindliche Feuer auf den nahen Iltisberg beobachtet habe. Gegen 70 Granaten seien auf unsere dortigen Geschützstände geschleudert worden. Der ganze Berg sei in Feuer und Rauch gehüllt worden. Der Artillerieoffizier in unserem Werke habe die Kosten der feindlichen Beschießung auf mindestens 250000 Mark berechnet. Der Schaden sei etwa 10 Mark durch Ver wüstungen in den Schonungen. Nur spärlich dringen die Nachrichten in unsere um schlossene Stadt. Man hört von chinesischen und japanischen Truppenbewegungen in der Provinz Schantung, daß der japanische Reichstag neue Mittel für die Tfingtau-Kam- pagne verweigert habe, daß unsere Kreuzer Emden" und Karlsruhe" die australischen Proviantschiffe abfangen, daß irgendwo an der Küste der Nordsee eine Seeschlacht im Gange sei, und daß im Norden Frankreichs die Ent scheidungsschlacht ausgekämpft werde.In den letzten Tagen müssen die Japaner schwere Verluste gehabt haben. Ihre Schützengräben waren unter dem anhallenden Regen überschwemmt, und man hatte beobachtet, daß sie in den Chinesendörfern Schutz gesucht hatten. Diese wurden nun von unseren sämtlichen Batterien unter ein mörderisches Feuer genommen. Auf einem der letzten Patrouillengänge versuchten die Unseren zwei leichtverwundele Feinde als Gefangene mit sich zu führen. Sie mußten dieselben aber liegen lassen. Bei einem erneuten Vorstoß fand man die Beiden auf Tragbahren, aber erschossen. Wie es sich herausstellte, waren es zwei Koreaner, die man nicht lebend in unsere Kände fallen lassen wollte, da sie Angaben über die japanischen Stellungen hätten machen können. 27. Oktober. Ich hatte heute Gelegenheit, den Bericht eines der in deutschem Solde stehenden Chinesen zu lesen, die sich nachts durch die feindlichen Posten schleichen und auskundschaften, was auszukundschaften ist. So viel ist aus allem klar, daß der Krieg bei der Belagerungsarmee nichts weniger als populär ist. Dos Gefühl, für England die Arbeit zu tun, für England zu bluten und zu leiden, Mühsal über Mühsal und Not über Not zu leiden und schließlich für England eine Division zu opfern, damit dann die Beute England zu falle, hat für das stark ausgebildete Ehrgefühl des Japaners etwas Verletzendes. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie es bei dem Kampf zwischen den Blockade schiffen und unseren Bakterien wie ein Schmunzeln über 7 99100 die Gesichter der japanischen Offiziere fuhr, als eins unserer schweren Geschosse mitten auf das englische Schlachtschiff säusle. An dem Geschütze stand einer der Scharfschützen, die von Krupp gesandt werden und bei der Abnahme der Kanonen die Proben ihrer Vortrefflichkeit geben. Es waren, wie mir ein beobachtender Artillerieosfizier sagte, nur die Mastspitzen des englischen Triumph" zu sehen, und die acht Zentner schwere Granate wurde übers Meer gesandt ohne Kossnung auf große Wirkung. Als aber aus der Ferne das bekannte Staht-auf-Stahl-Geräufch" aufdonnerte, als zwischen den Masten die haushohe Feuersäule aufrauschte, da mag doch ein Staunen und Bangen durch die Reihen der kampfesfrohen Japaner gegangen sein. Bis gegen Mitternacht saß ich auf der Höhe bei dem Artillerieoffizier G., einem prächtigen Manne, und dis putierte mit ihm über ernste Fragen. Die harte Zeit und ihre Not macht die Kerzen empfänglich, und ich werde ihm, wie ich ihm versprochen habe, morgen ein neues Testament überbringen. Sein Bruder sei auch Offizier in einem Artillerieregimente und pflege in der Bibel zu lesen. Je mehr man in ihr studiere, um so lieber würde sie einem. In seiner Batterie sei ein katholischer Laien bruder aus der Mission in Korea, der ihm imponiere durch sein felsenfestes Gottvertrauen und durch seine Ruhe: Ich bin überzeugt, wenn ich den Mann im heftigsten Kaubitzenfeuer mit einem Wagen aussende, Materialien zu holen, da geht er mit derselben Seelen ruhe Werk, als wenn er das Geschütz bedient. Ich101 habe ihn auch zum Gefreiten vorgeschlagen." Solche Züge hört man gern. In der Nacht wachte ich auf und glaubte lange, das Surren von Flugapparaten zu hören, und vernahm das Einschlagen der Dynamitbomben, die bis ganz in unsere Nähe geworfen wurden. Es war aber nur das Keulen des starken Windes, der sich in den Telegraphendrähten fing, und von der nahen Bismarck-Batterie wurden die feurigen Schüsse hinausgesandt in die rabenschwarze Finsternis. 28. Oktober. Was soll man doch wieder mit solcher Depesche anfangen wie die folgende: der englische General hätte das uns besetzte Ostends beschießen wollen, sei aber nur mit Mühe von der belgischen Regierung davon abgehalten worden? Bluff, Bluff, und gegen diese Lüge, die, wenn sie nicht so teuflisch wäre, den Eindruck des Lächerlichen macht, mutz endlich mal mit Stahl und Eisen vorgegangen werden. And der Kerr bekennt sich zu der gerechten Sache, so wahr er im Kimmel lebt und die Geschicke der Welt regiert. Ein unruhiger Tag! Den Vormittag über war auf dem Signalberge das Zeichen für die Beschießung vom Meere aus hoch. Am Nachmittage setzte sie vom Lande ein. Die feindlichen Geschütze hinter dem Kuschan zielten nach den Minendepots, wo noch eine Menge Dynamit lagert, und wie ein Peitschenhieb fährt dann solcher Schutz über uns hin. Abends ging ich hinaus, um, einer Einladung des Oberleutnants B. folgend, im Tschan schan - Lager zu102 essen. Schließlich blieb ich in der Iltiskaserne, wo ich meinen Achim fiebrisch fand. Er hatte sich bei den Schanzarbeiten eine leichte Blutvergiftung zugezogen. Zum Glück hatte er die Verletzung bald bemerkt und will nun morgen im Revier bleiben. Ich fand die jungen Leute beim Abendbrote, bei Erbswurstsuppe, Schwarzbrot und Schmalz. Mancher hatte noch eine kleine Büchse mit Sardinen. Wurst und Butter gibt es nicht mehr. Unsere Leute lagen in den Kellerräumen, müde von den Anstrengungen des Tages. Achim war auf Vorposten gewesen. Interessant sei es dort, aber gefährlich, und die Erde erzittere unter den Aufschlägen der Geschosse auf unser Infanteriewerk. Der eine Soldat erzählte, während er sich das Schmalz dick aufs Brot strich, er habe in der Nacht einen Chinesen erschossen: Es war ein alter Mann. Bei meinem Anruf Kalt, wer da!" hatte er sich auf den Boden geworfen, und ich glaubte, es sei ein Japaner". Vielleicht wollte der Ärmste nach seinen süßen Kartoffeln sehen und fand nun ein solches Ende. Gewarnt werden die Bauern, aber an der Dumpfheit und Stumpfheit des Volkes prallt alle Warnung Ermahnung ab. Früher schliefen die jungen Leute in diesen Kellern auf der Erde auf einem Strohsack, jetzt haben sie sich Feldbetten aufgestellt. Es sah ziemlich wüst und wild aus in diesen unterirdischen Räumen, aber schließlich bieten sie mehr Sicherheit vor den einschlagenden Granaten, die auf die nahe Kui tschinKuk-Batterie geschossen werden. So heißt die Landzunge, die sich vor dem Badestrand in das Meer103 hinaus erstreckt, und die als Küstenbatterie 28cm-Kau- bitzenmörser hat. Eine feindliche Granate hat das Wirt schaftshaus neben der Kaserne übel zugerichtet. Man staunt, wenn man sieht, wie durch den gewaltigen Lust druck selbst in den entgegengesetzten Teilen des weiten Gebäudes Wände, Türen und Fenster eingedrückt sind. Für unsere jungen Soldaten, die zum Teil aus an genehmen, gutbezahlten Stellungen im fernen Osten kommen, ist dieses Leben in den Schanzungen und in den Kellern eine scharfe Schule. Mancher muß sein junges Leben aushauchen oder kommt als Krüppel aus den Gefechten. Mein Nachbar Dr. W. bittet mich, nach dem Verbleib eines jungen Soldaten von T. zu forschen, den seine Mutter ihm auf die Seele gebunden. Gestern las ich in der Verlustliste, daß er tot sei. Keute vernehme ich, er lebe. Mit meinem Achim und unserem Missionar Kohls ging ich in die Unteroffiziersmesse. Die Kerren waren sehr freundlich. Einer von ihnen erinnerte sich des schönen Missionsfestes in Töng jau bei Gelegenheit der Einweihung einer kleinen Missionskirche. Dort hatte ich zusammen mit meinem Amtsbruder Kunze von einer Terrasse im Flußbett, wo früher ein Tempel des Meergottes stand, unseren Soldaten eine Missionspredigt gehalten. Kunze hatte dann eine Kollekte eingeleitet zum Besten der inneren Ausgestaltung der Missionskirche. Er sandte einen alten chinesischen Strohhut umher und erzählte dazu die Geschichte jenes Methodistenpredigers in Amerika, der auch seinen Kut zur Aufnahme der104 Kollekte in die Menge sandte. Der Kut kam leer zurück. Da hob der Mann seinen Kut mit beiden Künden hoch und sagte: Kerr Gott, ich danke Dir, daß ich wenigstens meinen Kut aus dieser Gesellschaft wiederbekommen habe." Der Kut wanderte darauf wieder den Weg durch die Menge und kam gefüllt zurück. Einer der lieben Kerrn brachte mir, da ich noch nichts gegessen halte, aus seinem Vorrate und blieb den Abend über bei mir sitzen. Er ist Lehrer an der deutschen Regierungsschule in Tientsin. Die Sorge um Weib und Kind zitterte durch seine Unterhaltung. Spät kam ich heim. Mein Aikschahläufer führte mich am Meere entlang, auf dem das helle Mondlicht lag. In der Ferne glühten die Schiffslichter der japanischen Schlachtschisse. Die Stimmung unter unfern Soldaten war heute sehr gehoben und sreudig. In der Messe stimmte man Vaterlands- und Soldatenlieder an. Der Kaiser hatte den Melden von Tsingtau einen Gruß ge sandt. Das ganze Vaterland sei stolz auf seine Söhne. Wie solch ein kaiserliches Gedenken die Kerzen durchzuckt! Das ferne Keimatland kann uns keine Külfe senden, aber der Kaiser, dem wahrlich schwere Sorgen auf der Seele lasten, sendet uns einen Gruß. Für solchen Kerrscher geht der Deutsche ins Feuer, in den Tod. Ein feste Burg ist unser Gott, Ein gute Wehr und Waffen. Er hilft uns frei aus aller Not, Die uns jetzt hat betroffen.105 29. Oktober. In den Tagesbefehlen des Gouverne ments werden interessante Darlegungen gegeben zur Er klärung der Anschauungen und Vorgänge hier im fernen Osten. Da diese Veröffentlichungen jeder Balterie, jedem befestigten Infanteriewerke und jedem Truppenteile zu gehen und beim Appell den Mannschaften verlesen werden, und da sie viel Licht und Klarheit unter unfern Soldaten verbreiten, erscheinen sie mir als wertvolle Beweise der intensiven Fürsorge der Regierung für unsere Truppeil. Wie ich höre, geschehen auch in Frankreich und Rußland solche Veröffentlichungen an unsere Truppen. Auch im japanischen Keere, das ganz nach preußischem Muster eingerichtet ist, ist diese Einrichtung eingeführt. Man hat solche sehr korrekten, höchst interessanten Darstellungen auch in dem Tornister des einfachsten japanischen Trainsoldaten gefunden. Der gestrige Tagesbefehl brachte für unsere Truppen in Tsingtau folgende Mitteilungen: Der konfuzianische Staatsbegriff ist nicht nur ein rechtlicher, sondern auch ein religiöser. Der konfuzianische Staat ist nicht nur eine Gesellschafts form, sondern d e Gesellschaftsform, die vom Kimmel kam und zum Kimmel hinüberführt. So hat nach japanischem Glauben die Sonnengötlin ihren Enkel auf die Erde entsandt. Er Hai mit seinen vom Kimmel herabgestiegenen Getreuen das japanische Reich gegründet und ist wieder unter die Götter ge gangen. Seine Nachkommen, die heutigen Japaner, entstammen also ihrem Glauben nach den himmlischen Gefilden und werden nach ihrem Leben, d. h. nachErfüllung ihrer Pflichten gegen den Staat, unier die japanische Geisterwelt versetzt. Die Mitglieder des japanischen Staates sind nicht nur Staatsbürger, sondern auch Gemeindemitgtieder der in jenseitigen Vorstellungen verankerten Reichsgemeinschaft. Ihr Reich ist von dieser und von jener Welt. Die Gehorsamspflichten gegen den Staat sind nicht nur rechtlicher Natur, sondern haben zugleich auch den Charakter religiöser Gebote. Das höchste Gebot ist die gesicherte Existenz des Staates. Unser Streben nach persönlicher Vollkommenheit und Wahrheit zwingt uns, unsere Vorstellung vom Staate nach den höchsten sittlichen Geboten zu regeln. Unsere Auffassung vom Staate schafft einen wohltuenden Ausgleich zwischen Ansprüchen des Einzelnen und denen des Gemeinwesens. Die japanische Auffassung vom Staate unter drückt die Persönlichkeit und hemmt ihre Leistungen. Das ist der Grund für die geringe Spannkraft der japanischen Volkswirtschaft und die Minderwertig keit ihrer Erzeugnisse, während Leistungen, die un mittelbar dem Staatswohle dienen, wie z. B. die Leistungen in der Armee, der Flotte und den Staats betrieben, Stahlwerken und Werften, bedeutend höher zu bewerten sind. Der japanische Staat verkörpert sich in der ge heiligten Person des in mystischer Zurückgezogenheit lebenden Kaisers. In ihm fassen sich alle Rechte und Machtbefugnisse des Staates zusammen 107 der Verfassung gemäß. Tatsächlich aber übt er sie nicht aus. Die wirkliche Macht liegt in Känden der in den letzten 50 Jahren hochgekommenen Beamtenoligarchie, die größtenteils aus dem leicht beweglichen Süden und Südwesten Japans kam und aus der Rilterklasse Alt-Japans stammt. Erst in den letzten Iahren haben in den großen Städten und Industriezentren Tokio, Osaka, Kode und Yokohama amerikanisch-demokratische und englisch parlamentarische Tendenzen angefangen Wurzel zu fassen. Das kann nicht Wunder nehmen, da die konfuzianische Auffassung des Verhältnisses vom Obenskehenden zum Untenstehenden demokratisieren den Gedanken zuneigt. Der hohe Beamte, der hohe Offizier, der Fabrikherr, der Kaufmann sind nach alten Traditionen gehalten, sich um das Wohl und Wehe ihrer Untergebenen zu kümmern und ihre Forderungen nicht unberücksichtigt zu lassen. Die Auffassung des Dienslverhällnisses, sowohl des militärischen wie des zivilrechtlichen, ist noch heute zum Teil patriarchalisch. Selbst in der Zeit des Absolutismus des japanischen Polizeistaates hat sie allzu drückende Verhältnisse verhindert. In unserer Zeit, wo sich die japanische Presse oberflächlichen angelsächsischen Ideen der Demo- kralisierung und des Parlamentarismus in die Arme geworfen hat, haben diese Bestrebungen zwar rasch Verbreitung gefunden, aber immer hat noch dis oberste Beamtenschaft mit ihrem Anhang die108 ausschlaggebende Macht in Künden. Der Kaiser greift nie in die Politik ein; seine Unterschrift dient nur dazu, den staatlichen Willen zum Ausdruck zu bringen. Sobald aber einmal der Staalswille durch einen persönlichen Befehl des Kaisers ausgesprochen ist, hat er gemäß der oben besprochenen Staatsauf fassung unbedingte Macht über die Gemüter und wird blinden Gehorsam erzeugen. Dies gilt besonders, wenn der kaiserliche Befehl den Staatswillen dem Auslande gegenüber wirk sam machen will. Die japanische Nation hat zweifellos erhebliche Intelligenz. Diese wird ganz bewußt durch Er ziehung und Gesetzgebung auf die gesamten Inter essen des Staates gerichtet. Jede übermäßige Entwicklung der Persönlichkeit wird unterdrückt, und Formen von Selbstsucht und Sichausleben, wie sie die amerikanische Kultur hervorgebracht hat, sind nicht nur selten, sondern würden auch allgemein der Verurteilung anheimfallen. Die japanische Kultur ist von jeher wenig schöpferisch gewesen. Dagegen hat sie seit Beginn ihrer Geschichte große Anpassungsfähigkeit bewiesen. Da der Staatswille fest darauf besteht, sich durchzu setzen, haben die Japaner bei den Staaten, die ihnen Beispiele mustergültigen Staatslebens waren, kulturelle Anleihen aufgenommen. Vorbilder für Armee, Flotte, Verfassung, Verwaltung, Gesetz gebung, Industrie, Kandel und Schiffahrt übernahmman aus Europa und Amerika, um den eigenen Staat nach dem Gebote der Existenzsicherheit mit größt möglichen Machtmitteln auszustatten. Nicht mit Be geisterung, sondern mit Wehmut ließ man die alte nationale Kultur fahren. Die Schnelligkeit dieses Prozesses beweist nicht das Gegenteil, sondern nur die Energie und das hohe Maß von Nachahmungs- und Anpassungsvermögen. Es ist ganz falsch, den Japanern ein mädchenhaftes Verliebtsein in unsere Kultur zu zuschreiben. Unsere Kanonen und Kriegsschiffe, unser Recht und unsere Wissenschaft haben sie nur deshalb eingeführt, weil sie darin Waffen sahen, mit denen sie den Westländer schlagen, im Osten dominieren können. Unter den fremden Kulturen, die auf die Ent wicklung der japanischen von tieferem Einfluß ge wesen sind, sind vor allem zwei zu nennen: die deutsche und die angelsächsische. Romanischer Ein fluß hat im Anfang der 70er Jahre stärker be standen, ist aber seitdem durch den deutschen und englisch-amerikanischen so gut wie ausgeschaltet. Die Keeresversassung ist von japanischer Weiterentwicklung des Vorbildes abgesehen ohne Ausnahme deutsch. Der Lehrmeister der japanischen Armee war der verstorbene General major Meckel; er hat in Tokio ein Denkmal er halten. Die medizinische und juristische Wissen schaft, die Naturwissenschaften, die Philosophie, die Technik, das gesamte Ilnterrichtswesen und die moderne Musik beruhen auf deutscher Grundlage. ?0S110 Angelsächsisch organisiert sind die Flotte, der Kandel, die Kandelswissenschaften, die Presse und die Schiffahrt. Das derzeitige Ministerium ist in seiner Zu sammensetzung überwiegend aus der englisch-ameri kanischen Schule hervorgegangen. Das gilt zu nächst für den Ministerpräsidenten Grafen Okuma, dem Begründer der nach amerikanischem Muster geleiteten Waseda - Universität. Der Minister des Auswärtigen Baron Kato ist ein ausgesprochener "Engländer". Im Jahre 1888 war er Privat- sekretär des Grafen Okuma. Dann war er lange japanischer Gesandter in London. Nachdem er zweimal Minister des Äußeren gewesen war, ging er wieder nach London zurück, diesmal als japa nischer Botschafter. Bei Übernahme des jetzigen Ministerportefeuilles wurde es als sein spezielles Programm bezeichnet, eine tatkräftige äußere Politik zu führen, um die Schwierigkeiten im Innern zu überwinden (Flottenskandal) und Japans politi schen Einfluß in China stärker werden zu lassen. Der Finanzminister Wakaisuki war nach dem russisch-japanischen Kriege japanischer Finanzagent in London, wo er die Anleihenverwaltung geordnet hat und die Schaffung der geheimen Goldreserve und die Unterbringung neuer Anleihen auszuführen hatte. Der Minister für Kandel und Ackerbau, Mcomte Oura, war im Jahre 1910 Präsident der englisch-japanischen Ausstellung in London. Erist ein eifriger Verfechter des Grundsatzes: Japans Kandel durch japanische Kände". Der Verkehrs minister Taketomi ist ein alter Freund des Grafen Okuma und hat in den früheren Okuma-Kabinetten 1896 und 1898 hohe Verwaltungsstellen bekleidet. Der Iustizminister Ozaki war früher Bürgermeister von Tokio und ist ein Verfechter englisch-freiheit licher Ideen. Kriegsminister ist Generalleutnant Oka, der Marineminister ist Vizeadmiral Iashiro. Er war vom Jahre 1907 bis 1909 Marineattachö an der kaiserlich-japanischen Botschaft in Berlin. Als Kommandant der Iachima" hat er auf deren Kreuzfahrt nach Amerika viel von sich reden ge macht, als er die Weigerung der amerikanischen Damen, mit seinen Offizieren zu tanzen, damit beantwortete, daß er die schon erteilte Erlaubnis zum Besuch des Kreuzers durch amerikanische Kinder ohne Weiteres zurückzog. Der Ilnterrichts- minister Ichiki hat seine grundlegenden Studien in den Iahren 1890 bis 1893 auf dem Gebiete der Verwaltung gemacht. Wenn auch das jetzige Ministerium in seiner Mehrzahl ausgesprochen englisch ist, so ist doch damit keineswegs gesagt, daß Japans england freundliche Politik der Begeisterung für die Briten entsprungen ist. Das japanisch-englische Bündnis und die Konsequenzen, die Japan daraus gezogen hat, sind unter Ausschaltung aller Gefühlsmomente aus reinstem Staatsegoismus hervorgegangen. in112 Überhaupt ist die westtändische Kultur niemals mit großer Sympathie aufgenommen worden. Nie hat sich ein Japaner in unseren Univer sitäten mit offenem Kerzen den Eindrücken unserer Wissenschaft hingegeben. Er war nur ein ge lehriger Schüler, der unsere mühevollen Arbeits ergebnisse und vor allem Arbeitsmethoden mit verbindlicher Artigkeit und in sich geschlossen davon trug, um sie nur zu Nutz und Frommen seines Vaterlandes zu verwenden, gegebenenfalls gegen uns." 30. Oktober. Der gestrige Tag stand unter einer ganz besonders heftigen Kanonade. Von drei japani schen Linienschiffen wurden 264 30 cm-Geschosse auf die Iltisbatterien geschleudert. Der Erfolg war: ein zer schmettertes Gewehr, zwei zerrissene Patronentaschen und ein zerstörter Leitungsdraht der Telefonverbindung. 2 Millionen Mark gegen etwa 100 Mark! Soeben komme ich von der Köhe hinter unserem Kaufe, wo ich der Beschießung unsers Kanonenboots Tiger Zeuge war von der feindlichen Geschützstellung hinter dem Kn schan aus. Sie währte eine Stunde und 20 Minuten. 150 Geschosse heulten hinab, von denen eins den Schorn stein mitnahm. Wunder über Wunder! In unserer Bibelstunde gestern abend, die ich leitete, wurden wieder so prächtige Erlebnisse erzählt von den gnädigen Führungen Gottes, die die Anwesenden erlebt hatten. Das treibt zum Danken. 113 31. Oktober. Während ich schreibe, geht die große Beschießung Tsingtaus ihren Gang. Die Schiffe nehmen das Observatorium unter Feuer, und die Granaten schlagen in unserer nächsten Nähe ein. Soeben bricht eins dieser Ungetüme durch die Wand des Gartenhauses unseres Nachbars. Die nächsten schlagen auf dem oberen Wege, unfern des Faberkrankenhauses, ein und wirbeln häßliche Wolken von Erde, Steinen und gelblichem Rauch auf. Was für Schaden dieses Bombardement angerichtet hat, möchte ich nachher feststellen. Keute ist der amtliche Geburtstag des Mikado, der, wie es scheint, zwei- oder dreimal im Jahre seinen Geburtstag feiert. Als Sohn der Sonne hat er vor anderen Sterblichen diesen Vorzug. Als ich in der Stadt Kanton am Iau tan-Tor wohnte, freute ich mich immer, wenn die Kwan jin, die Göttin der Barmherzigkeit, einen ihrer drei Geburtstage feierte. Der eine fiel ja mit deinem Geburtstage zusammen, meine unvergeßliche Marlene! Dann ertönten die Schall becken, und der Gesang der Priester klang über den Fluß hin, während die vornehmen chinesischen Damen der Stadt durch ihre Diener und Sklaven Feuerwerkskörper ab brannten zu Ehren der beliebten Göttin, deren Antlitz", wie es in einer tiefempfundenen Kymne heißt, schön ist wie der Mondenglanz und anmutig wie die Meereswellen". So lieb und hold warst du auch mir, dein ganzes Leben lang, Geliebte, tapfer und mutig und immer voller Liebe und Er barmen zu den Frauen Chinas, die auf der fernen Station im Innern zu dir kamen mit ihren Frauennöten und -sorgen!114 Der Kimme! sieht schwarz und trübe aus, trotzdem die Sonne so leuchtend hell aufging und in wunderbarer Kerbstespracht Land und Meer bestrahlte. Zwei gewaltige Petroleumtanks im Norden und Osten der Stadt sind in Brand geschossen, und ein ungeheurer schwarzer Rauch steigt kerzengerade in den Kimmel. Gegen 11 Uhr ging ich ins Gouvernementshaus. Die Beschießung hat in der Stadt doch einen nicht unbeträchtlichen Schaden angerichtet. In das Gerichts gebäude oberhalb der Kauptwache hatte eine Granate ein kreisrundes Loch gerissen. Auf dem Rückwege surrten zwei Flieger über mir und warfen ihre Bomben. Ich trat in ein Europäerhaus, um Deckung zu suchen. An einem Tisch saß ein etwa zwölf Jahre altes Mädchen und aß Preißetbeeren. Ich werde Mutter rufen", sagte das Kind. Ich begrüßte die Dame des Kaufes und bat um Entschuldigung für die Störung. Als die Mutter einige Worte mit mir sprach, fuhr das so anmutige Mädchen mit ganz verzerrten Zügen auf die Mutter ein: Schweige du, ich rede" und machte dazu mit den Fingern eine verächtliche Bewegung. Magda ist krank", sagte dann das Kind in klagenden Tönen. Papa, Mama und der liebe Gott sind sehr traurig darüber, aber Tanta hat mir eine große Puppe versprochen". Mein Kind ist epileptisch", sagte die junge Frau erschüttert, und zeigt jetzt Spuren von Geistesstörung". Die Frau weinte leise. Ich wandte mich zu dem Kinde und sagte: Du mußt jeden Abend beten, lieber Keiland, schenke mir ein neues Kerz!" Aber auch die große Puppe", schrie dasKind. Man denke sich dazu das Krachen der ein schlagenden Granaten, die auf der hinter dem Kaufe führenden Kauptftraße platzten, und das Surren der nieder fallenden Bomben aus dem Aeroplan, und man vermag mit mir die ganze Tiefe dieses Elendes zu empfinden. Mein lieber Freund, der Sergeant Sp., hatte recht, als er seinen Kameraden sagte: Es gibt nur einen bombensicheren Unterstand und Schirm, Brüder; den, von dem es im 91. Psalm heißt: Wer unter dem Schirm des Köchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet, der spricht zu dem Herrn: meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, aus den ich hoffe!"" Am Nachmittage wollten meine beiden Freunde, Baumeister M. und Seezolldirektor K., zum Kaffee kommen. Man hat in dieser aufgeregten Zeit das Be dürfnis nach Aussprache mit Freunden. Um drei Uhr begann von den Köhen und von den Schiffen aus die Beschießung der Stadt. Wir flüchteten aus den höher gelegenen Räumen der Mädchenschule in die Keller. Das Keulen und Zischen der Granaten und ihr dumpfes, zermalmendes Aufschlagen, das Zusammenstürzen der Kausmauern, das Aufwühlen des Pflasters, und alles das in unserer nächsten Nachbarschaft, war uns wie das hereinbrechen des jüngsten Gerichtes. Ich saß mit Schwester Frida und Martin im Hinteren Keller, wo die Beiden die Köpfe in die Kissen steckten, während ich am Tische saß und jeden Augenblick das Ende nahen glaubte. Ununterbrochen zischten die 6 Zentner - Eisen geschosse am Kellerfenster vorüber die Straße entlang. 8 115116 Sie kamen über den Wasserberg, wo eine Bakterie auf gestellt war, sie schlugen in das gegenüberliegende Gilden haus der Kiang - Provinzen und warfen den Altar mit dem großen Bildnis des Gottes des Reichtums um, sie rissen Löcher, durch die Lastwagen hätte fahren können, sie platzten auf dem Chinesenmarkte, dem Fan sche, auf der Kauptftraße Tsingtaus und sprühten einen Eisen- regen in ungeheurem Umfange über die Dächer der Stadt bis hin zum kleinen Kafen. Wir knieten nieder und befahlen unsere Seelen dem Kerrn. Es schien uns unmöglich zu sein, daß aus diesem Köllenfeuer noch ein Menschenkind sich retten könne. Als die Beschießung sich mehr nach dem östlichen Teile der Stadt wandte, machte ich mich aus den Weg, um meine Frau zu suchen, die im Seemannshaus die Verwundeten pflegte. Überall sah man schreckensbleiche Gesichter. Die Bürgersteige und die Fahrwege zeigten tiefe, aufgewühlte Löcher. Meine Frau war mit den Kranken und den Ärzten in den Keller gegangen, der kaum Schutz bot gegen die ein schlagenden Sprengstücke. Wie durch ein Wunder war meine Frau dem Tode entronnen. 1. November. In der Morgensrühe nach einer verhältnismäßig ruhigen Nacht gingen wir in das Privat haus eines Großkaufmanns K., das seiner tiefen, festen Keller wegen in ein Kilsslazarett umgewandelt war und dann vom Seemannshause aus verwaltet wurde. Die darauffolgende Nacht brachten wir im Missionshause zu. Eine Granate hatte mein Studierzimmer, das117 danebenliegende Zimmer meines Sohnes Gerhard sowie das über diesem liegende Zimmer meines Sohnes Achim zertrümmert. Ich stand in meinem Studierzimmer, dessen nördliche Wand zerrissen war, nachdem das Geschoß seinen Weg durch die Bücherschränke genommen hatte, mit einem seltsamen Gefühl, als ginge mich all diese Zerstörung nichts an. Ich habe immer eine Vorliebe für Bilder und Gemälde gehabt. Wo waren nun all die chinesischen Ölgemälde, die ich im Laufe der Jahre erworben hatte! Alles lag vernichtet da, wie durch eine Aiesenhand ausgelöscht! Wie einem doch in solcher Zeit das Gefühl für den Wert der materiellen Güter verloren geht! King siu brachte uns Essen, das er in der Mädchen schule, die etwa zehn Minuten davon entfernt liegt, bereitet hatte. Ich mutz hier dankenden Kerzens meine beiden chinesischen Knechte rühmen, die in diesen furcht baren Tagen mit grotzer Treue bei uns aushielten und uns unter großer Lebensgefahr dreimal am Tage in Kandkörben das Essen brachten. Nach dem Abendessen legten sich die Meinen zur Ruhe. Ich wachte. Die Stille des Abends hatte für mich etwas Beunruhigendes. Da, gegen 11 Ilhr, schlägt die erste Granate durch das Kinterhaus. Am Ostabhange des Kügets, auf dem unser Missionshaus steht, hatte eine Batterie Feldartillerie ihren Stand genommen und wurde sofort, nachdem sie das Feuer auf die Kuschan höhen eröffnet hatte, beschossen. Unten in der Ebene loderte der Brand der Petroleumreservoirs, die gegen 1 Million Liter Öl enthielten, und durch die dicken,schweren Rauchmassen zischten mit unheimlichen Licht reflexen die Geschosse. Unser Kaus war das Ziel der feindlichen Feuer, und mitten in diesem Köllenkessel saßen wir und wußten nicht, wohin wir uns wenden sollten. Das sind Stunden, wo das Denken ein einziges Gebet ist zu DEM, der allein aushelfen kann aus dieser furchtbaren Qual. 7. November. Und nun folgen die Tage auf ein ander, die uns eine Ewigkeit dünkten, und deren Ein druck uns begleiten wird bis in die letzte Stunde: Tage unaussprechlichen Grauens, Tage des Heldenmutes, wie ihn die Weltgeschichte seit den fernsten Zeiten als leuchtendes Vorbild preist, Tage des inneren Sieges über alle äußere Not und Drangsal, Tage, wo sich Menschen zerreißen ließen, um das Leben ihrer Brüder zu retlen, Tage des Stöhnens und Schreiens derer, die mit zerschmetterten Gliedern dahergetragen wurden, Tage des Wehs und der Angst, und war doch, wie der Prophet sagt, keine Kraft da zu gebären, Tage des Zorns und der Tränen, wo das Kämpfen zum Aasen wurde, wo der Tod grinsend über die Köhen um Tsingtau und durch seine Gassen schritt, und es schwand uns immer mehr die Koffnung, je solcher Übermacht Kerr zu werden. Und doch kämpften unsere Brüder, und der iuror teutomcus brach los wie ein verzehren des Feuer, daß die Feinde ein Grauen überkam vor solchem unbeugsamen Mute und solcher Todesfreudig keit. Wir haben Tsingtau eingenommen", sagte nachdem Sturme ein höherer japanischer Offizier, aber ihr Deutschen seid Sieger geblieben. " Der japanische General, ein Mann mit dem Gesichte eines alten Römers, wie ich ihn auf seinem Pferde durch die Stadt reiten sah, soll das Verlangen ausgesprochen haben, den Kommandeur der Bismarck - Batterie kennen zu lernen, der mit solcher todbringenden Sicherheit beim ersten Schusse aus den schweren Kaubitzen die japanischen Gefechtsstellungen der Artillerie immer wieder zerstörte. Es war ein solch furchtbarer Geschützkampf, wie ihn nach dem Urteil unserer höheren Offiziere, die ich sprach, die Geschichte der Kriegführung noch nicht wieder gesehen hat. Und Tag und Nacht, über eine Woche lang erklang das Keulen und Zischen der Eisenstücke in den Lüsten, daß es war, als ob das Meer wütete und wallete und von seinem Ungestüm die Berge einfielen, wie es in den Psalmen heißt. Und mir wars welch seltsame Bilder treten einem vor die Seele in solcher Zeit der heißesten Drangsal! als ob der Teufel, der Fürst dieser Well, auf den zackigen Köhen des Perlgebirges jenseits der Bucht säße und geigte höhnend sein höllisches Lied über dem Morden und Schlachten der Menschenkinder dort unten in den Tiefen und Schluchten der Bergs. Und wenn ich nachts im Keller auf dem harten Lager lag wer hätte auch schlafen können, wo eine deutsche Kolonie in ihren Todeszuckungen lag! und hörte, wie alle zwei Sekunden auf die fünf Infanterie- befeftigungen ein erschütternder Schlag niederging, so dumpf und schwer, als rollten schwere Erdschollen auf 11s120 einen Riesensarg, da krampste sich das Kerz zusammen in heißem Weh. Dort in den Kasematten lagen ja unsere Brüder, sie duckten sich unter die Felsenüber hänge und gegen die Erdwände der tiefen Schluchten, nur um Schutz zu suchen gegen das verzehrende Feuer, das der Feind aus seinen Rohren spie. Die Batterien waren stuudentang von dem aufwirbelnden Pulver dampf und Staub der Erde und zermahlenen Gestein massen in Finsternis eingehüllt, daß die Mannschaft nichts, rein nichts erkennen konnte mit den Augen, die geblendet wurden von den Blitzen der aufschlagenden Geschosse. Aber Schuß auf Schuß krachte aus ihren Geschützen, und selbst aus den zerschossenen Rohren wurde weiter geschossen, bis buchstäblich die letzte Granate verschossen war. Und dann wurde das Geschütz rohr gesprengt, und ich hörte, wie ein Geschützführer im Krankenraum zu seinen Kameraden sagte: Da sind mir die Tränen über die Backen gelaufen, denn solch ein Geschütz gewinnt man lieb, als wäre es ein lebendes Wesen. Es ist nur ein totes Stück Eisen, Kameraden, aber wenn es sein Feuer hinaus speit, schlägt mit jedem Schuß das Kerz mit einem wilden Wunsche nach, und das Ohr vernimmt scharf, ob das Geschoß ins Erdreich fährt oder auf Gestein schlägt oder hartes Metall trifft, daß eine starke Lohe auffährt. " Wer die Batterien nach dem Sturme besucht hat, erschrickt über die furchtbare Gewalt der eingeschlagenen Geschosse. Da sind haustiefe Löcher rings umher ein gerissen, die stählernen Deckungen sind durchschossen, und121 das Erz ist an den Rändern der Schußöffnungen geschmolzen wie Blei. Wo aber eine solche Granate von sechs Zentnern mitten auf den Geschützstand fuhr, mitten hinein in die Bedienungsmannschaft, da packte einen das wilde Entsetzen vor der verheerenden Gewalt der Zerstörung unserer modernen Kriegsmittel. Und hört man ferner, daß die Japaner die neusten Geschütze aus den Krupp schen Werkstätten hatten und wir zum Teil alte Kanonen, daß unseren 40 Geschützen über 300 japanischer Artillerie gegen überstand, zum Teil schwersten Kalibers, wir hatten 28 cm. während jene 30,5 cm auf uns donnern ließen, so muß man staunen über den zähen Widerstand, der von kaum 5000 Deutschen einem siebenfach überlegenen Feind zuteil wurde. Am 4. November morgens, als das nächtliche Feuer zu einem Stillstand gekommen war, wurde ich an das Telefon gerufen. In der Kochschule, die am Meere liegt, an der Grenze der Linie der Beschießung, verlange ein Ver wundeter nach mir. Ich wußte, daß es jetzt galt, die Zähne zusammenzubeißen. Es konnte einer unserer Brüder sein, eine innere Stimme sagte mir: Es ist dein Gerhard!" Betend schritt ich durch die stillen Straßen, die so grauenhaft öde und zerrissen dalagen. Aus den Keller löchern krochen Chinesen hervor mit verstörten Mienen. Automobile mit der Genfer Flagge und mit bleichen Verwundeten jagten an mir vorüber. Ich fragte in den weiten Räumen nach dem, der mich gerufen. Man sah mich mitleidig an. Eine Schwesterführte mich in ein Klassenzimmer, das nun für Ver wundete eingerichtet war. Ja, da lag mein armer Junge, totenblaß mit eingefallenen Wangen und dem Sterbens ausdruck in den lieben Augen. Kommst du Papa?" sagte er mühsam, ich glaube, mich hat s ordentlich zu gerichtet." Ich strich ihm die eiskalte, nasse Stirn und gab ihm einen Kuß auf den Mund. Gott wird alles recht machen, mein Kind." Er nickte leise. Der Oberstabsarzt I)r. P., ein Pastorensohn, trat ein und drückte mir tief bewegt die Kand: Ich will es Ihnen nur gleich sagen, daß wir kaum Äoffnung haben für Ihren Sohn. Er hat einen Schuß durch den Rücken bekommen, der seine Eingeweide zerrissen hat." Da saß ich am Bett meines Knaben. Meist war er bewußtlos, dann össnete er auch wieder die Augen, sprach einige Worte und siel dann wieder in Schlaf. Ich betete mit ihm den alten Sterbevers: Christi Blut und Gerechtig keit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid". Kennst du "auch den Schluß davon, mein Kind?" Er nickte und sprach langsam weiter: Damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Kimme! werd eingehn." Langsam sprach ich den 23. Psalm, es ging ja jetzt hinein in das finstere Tal, und wohl dem, der den Gottesstecken und den Gottesstab des Wortes in der Kand hat! Es war so schwer da draußen, Papa," sagte mein Junge, so furchtbar schwer." Langsam gingen ihm die Worte über die Lippen. Was ist es für eine Pein, wenn man nicht schlafen kann sechs, sieben, acht, neun Tage lang! Man steht auf Vorposten, und, liegt man in den Kasematten, so IS2123 donnern Tag und Nacht die Granaten gegen die Zement- roände. Man fühlt nur Stiche im Kopf, und wir sehnten uns alle so nach Schlaf, nach Schlaf!" Er sprach ab gerissen, und die Schwester trat ein. Ich betete ihm sein Abendgebet vor, das er als Knabe gern zu beten pflegte: Weil denn weder Ziel noch Ende Sich in Gottes Liebe sind t, Ei, so heb ich meine Kände Zu dir Vater als dein Kind. Bitte, wollst mir Gnade geben, Dich aus aller meiner Macht Zu umfangen Tag und Nacht Kier in diesem armen Leben, Bis ich dich nach dieser Zeit, Lob und lieb in Ewigkeit. Dann kniete ich nieder und segnete ihn ein zum Sterben. An der Tür saß ein Genesender, der auf der Walderseehöhe eine schwere Verletzung davongetragen hatte, und der nun die Wache hatte. Dem braven Jungen liefen immer die hellen Tränen über die Backen. Auf einem Nebenbell stöhnte leise ein junger Soldat mit einem schönen, feinen Antlitz. Er war zusammen mit meinem Gerhard eingeliefert worden. Ein Granatsplitter war ihm tief in den Rücken gefahren. Still und sanft ist dann mein lieber Junge gestorben, und ich habe ihm noch einen Gruß mitgegeben an sein unvergeßliches, totes Mütterchen. Ich bin dann den weiten Weg zurück durch die Stadt gegangen in das Kasenviertel, wo das Lazarett124 Köfst liegt. Links und rechts fegten die Geschosse daher, aber mir war s, als ginge das alles mich gar nichts mehr an. Ich dankte dem Kerrn, daß er mir vergönnt hatte. 11 2 Stunde lang neben meinem sterbenden Kind zu sitzen und Abschied zu nehmen. Das empfinde ich noch heute als eine ganz besondere Gnade; denn wie viele verbluten still in diesen Tagen hier in Tsinglau und auf den Schlachtfeldern Frankreichs und Rußlands, und kein Mensch wischt ihnen den Todesschweiß von der Stirne und erhellt ihnen den dunklen Pfad mit einem linden Gebetswort! Als ich das Kaus erreichte, war das feindliche Feuer in seiner ganzen Stärke wieder ausgebrochen. Im Laufe des Vormittags sandte mir der Gouverneur der Stadt einen herzlichen Brief. Was mich ganz besonders freute, war ein Bote aus dem Infanteriewerke, wo mein armer Junge zuletzt Vorposten stand, und wo seine näheren Kameraden waren. Es war gewiß ein mutiges Wage stück, mitten durch das anhaltende feindliche Geschützfeuer das Automobil zu führen, nur um mir einen Brief des Oberleutnants Sch., der stellvertretend das Infanteriewerk befehligte, zu überbringen. In dem Briefe heißt es: In dem lang aufgeschossenen, schmächtigen jungen Soldaten, der so knabenhaft aussah, habe ich einen außergewöhnlich mutigen jugendlichen Kämpfer kennen gelernt, der sich oft freiwillig zu schweren Posten meldete." Am 5. November, abends 9 Uhr, habe ich dann meinen Jungen zur letzten Ruhe gebracht. Wir standen125 am Meere und sangen Karre, meine Seele", sein Lieblingslied. Die Wasser rauschten, die feindlichen Ge schütze von der Arkona-See und von den Inseln her, wo die Kriegsschiffe ihre Stellung genommen hatten, blitzten auf, und der Mond beleuchtete wie eine mächtige Grabeskerze Meer und Land. Kerr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens" war das Textwort. Einen Sarg gab s nicht mehr, aber die Kameraden hatten das weiße Laken, in das man den Toten gehüllt hatte, mit Guirlanden geschmückt. So ruhe denn in Gottes Künden, mein geliebtes Kind, dort an dem Gestade des Gelben Meeres! Du liebtest Tsingtau, du hingest mit deinem ganzen Kerzen an China, wo du geboren bist, dessen Sprache und Sitte dir so heimisch war. Menschlich gesprochen bot die Zukunft dir große Aussichten. Du wolltest dein Jahr abdienen in Freiburg, und dann nach London gehen, wo deine Firma ihren Kauptsitz hat. Dein Ziel war die ferne Provinz Setfchuan, die unter den 18 Provinzen Chinas eine der reichsten und am wenigsten aufgeschlossene ist. Nun bist du auf den Schanzen Tfingtaus gefallen, auf denen heute das Sonnenbanner siegreich weht. Bist immer meine Freude und Wonne gewesen, oft auch meine Sorge, ob du in den schweren Versuchungen, die das fernöstliche Leben bietet, stand halten würdest. War s nicht vor zwei Iahren, wo ich bei Tische mich hinreißen ließ, dir, dem erwachsenen Sohne, einen Backen streich zu geben? Auch unsere leiblichen Väter haben uns gezüchliget nach ihrem Willen", sagt St Paulus an einer12" Stelle und streift dabei leise aber deutlich die Erziehungs fehler der Väter. Du standest vom Tische auf, und ich saß nachher da in dem peinlichen Gefühle, einen solchen Fehler begangen zu haben; denn welcher rechte Vater möchte nicht strafen und doch das Kerz seines Kindes behalten! Und dann öffnete sich hinter mir leise die Türe, und du legtest die Arme um meinen Nacken und gabst mir einen Kuß und gingest wieder still hinaus. Es ist doch seltsam, daß einem solche Geschichten gerade dann einfallen, wenn man dasitzt und in die brechenden Augen seines Kindes blickt. Wie sagt doch St. Paulus im ersten Kapitel des zweiten Korinther-Briefes so schön? Gott tröstet uns in aller unserer Trübsal, daß wir auch trösten können, die da sind in allerlei Trübsal, mit dem Tröste, damit wir getröstet werden von Gott." In dem Verse liegt eine ganze Pastoraltheologie. Unten in den Kellern und in den Räumen lagen unsere armen verwundeten Brüder in ihren heißen Schmerzen. Die Kugeln und Granatensplitter hatten oft so seltsame Verwundungen geschaffen. Da gab es dann zu trösten mit dem Tröste, damit man selber getröstet war von Gott. Eine tiefe Kochachtung vor unseren deutschen Ärzten habe ich in diesen Tagen gewonnen. Wie sie mit ge schickter Kand lieb und lind hineingrissen in die oft so gräßlichen Wunden! Mancher Soldat war recht wehleidig und hatte doch wie ein unerschrockener Keld im wütenden Kugelregen gestanden. Ich ließ mir gern die näheren Umstände erzählen, wie sie zusammengebrochen waren.127 Wie oft wurden mir da die seltsamsten Erfahrungen erzählt! Jeder stand unter dem Eindruck, an seinem eigenen Leibe ein Wunder erlebt zu haben. Ilnd sagte ich dann: Sehen Sie, da hat Gottes gnädige Kand ein gegriffen in Ihr Leben", nickte mir der Erzähler mit leuchtenden Augen zu. Kabe ich doch selber gestern an mir solch ein Ein greifen Gottes erlebt. Eine Granate schlägt in den Kos ein und wühlt dort ein tiefes Loch auf. Schon wollte ich hingehen, um mit dem Stocke die Tiefe des Loches zu messen, als ich wie von einer leisen und doch unwider stehlichen Macht zurückgehalten wurde. Noch stehe ich in seltsamer Unentschlossenheil da, als gerade über diese aufgewühlte Stelle in halber Manneshöhe eine kleinere Granate fährt und durch die Wand des Nachbars, eines chinesischen Ölhändlers, schlägt. Von den Kranken ließ ick mir gerne solche Erlebnisse erzählen. Der Mann vergißt dann für eine kleine Zeit im Eifer seines Berichtes und im dankbaren Gesühl, daß er wie ein Brand aus dem Feuer errettet ist, seine Schmerzen und seine unbequeme Lage. Man kann dann auch leicht als Seelsorger dem Gespräch eine höhere Wendung geben, für die unsere lieben Kameraden immer von Kerzen dankbar waren. Man braucht nicht lange Sermones zu halten, oft genügt ein gutes, kräftiges Wort. Die Kerzen sind weich und empfänglich. Eine meiner kleinen Erzählungen erregte große Freude. Als 1866 unsere Truppen in Berlin durchs Brandenburger Tor einzogen, kam als letzter der Feldprediger, einen128 Schlapphut auf dem Kopfe und das Ranzel auf dem Rücken. Rüstig schritt der Mann Gottes, den derben Stock in der Kand, daher. Da erhob sich die Stimme eines Berliners, der mit lauter Stimme rief: Und nun kommt det Amen zum Vaterunser. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen." Ich sah gern am Lager eines westfälischen Bergmannes, eines Steigers, der in dem erzreichen Annan nach Metallen schürfte. Wie der von den schlagenden Wettern in den heimatlichen Koylenschächten zu erzählen wußte! Und draußen heulten ebensolche Weiler über uns hin. In seiner Kompagnie seien viele westfälische Bergleute ge wesen. Für den deutschen Bergmann bietet das kohten- und erzreiche China viel Arbeit. Ein Doktor der Philosophie hätte die Mannschaft beim Bau von Unterständen gegen Granaten- und Schrapnellfeuer beaufsichtigt. Der wollte uns zeigen, wie wir solche Stollen zu bauen hätten," meinte mein Westfale ironisch. Zum Glück aber fuhr der Hauptmann, der seine Leute kannte, mit einem kräftigen Donnerwetter gegen seinen Leutnant dazwischen:" Lassen Sie die Leute in Ruh, die verstehen so etwas besser als Sie!"" In dem Infanteriewerk, wo mein Gerhard diente, und bei der sechsten Kompagnie, die die Stellung am Meere befestigte, wo mein Achim stand ich kam natürlich dort mehr hin als zu anderen Truppen teilen staunte ich, mit welcher Geschicklichkeit die Leute gearbeitet haben. Und das waren keine ausgebildeten 129 Soldaten, sondern Lenle, die als Kandelsherren, Kommis, Ingenieure, Rechtsanwälte, Dozenten und Professoren in den Weiten und Tiefen Chinas bis vor kurzer Zeit tätig gewesen waren, und die nun mit einer Lust und Hin gabe arbeiteten, daß einem die Augen naß wurden. Gott sei Lob und Dank für diesen prächtigen, tapferen Geist unserer Leute! An den bombensicheren Unterständen, die meine westfälischen Landsleute geschaffen hatten, zer schellten denn auch die japanischen Granaten wirkungslos. Unwillkürlich wurde denn solch schlichter Mann bei solchen Arbeiten der Führer und Leiter, dem sich alle wie von selbst unterordneten. Ich habe den starken Gemeinsinn des deutschen Volkes hier aus unserem kleinen, beschränkten Felde so recht be wundern gelernt. Als die Japaner einrückten, waren selbst die in preußischer Schule des Generals Meckel erzogenen Offiziere starr, als sie hörten, daß in unseren Ver teidigungslinien den stürmenden Feinden, die etwa 35 0L O Mann stark waren, nur etwa 3200 Deutsche gegenüber standen, die sich fast drei Monate lang gehalten haben. Und rechnet man gegenüber den japanischen Verlusten von 10 bis 12O0O Mann unsere ISO Tote und gegen 250 Verwundete und Gefangene die Zahlen der deutschen und japanischen Artillerie habe ich schon oben angegeben so muß man sagen, es ist dies, nächst Gottes wunderbarer Kitfe, nur durch die wundervolle Disziplin, die völlige, unbedingte Kingabe an die große Sache, die brüderliche Eintracht, die Kameradschaftlichkeit und Freundschaft, die zwischen den Leuten herrschte, zu erklären. Mir ist dieser130 lebensprühende Geist der deutschen Nation in diesen Tagen des Feuers und des Todes eines der gewaltigsten Zeugnisse gewesen auch sllr die liefe Gottesfurcht, die in dem Kerzen unseres Volkes lebt. Auch der japanische Soldat ist ein tüchtiger Soldat, von einer Gelenkigkeit, Ausdauer und militärischen Durchbildung, die unseren Leuten Eindruck machte. Man spottete über die kleinen Kerle, aber man bewun derte sie. Die Disziplin des Japaners gründet sich auf blinden Gehorsam gegen die göttliche Person des Kaisers mit der unerschütterlichen Grundlage einer unbedingten Vasallentreue, mit der starken Lebensverneinung. Schwer verwundete Japaner, bei denen keine Koffnung der Wiederherstellung vorhanden zu sein schien, wurden von ihren eigenen Leuten ohne weiteres erschossen, ganz nach dem Kriegsbrauch der Assyrer und Aegypten Der kriegerische Geist des deutschen Volkes ist freier, bewußter, religiöser, und in der heißen Todesnot ist der Glaube der Väter machtvoll lebendig geworden. Als die ersten deutschen Gefangenen, von japanischer Infanterie eskortiert, in die Stadt zurückkehrten, sangen sie mit tauler Stimme: Deutschland, Deutschland über Alles." Dann mußten sie halten, um die japanischen Soldaten passieren zu lassen. Als letzter Trupp kamen Engländer. Da, wie auf ein Kommando, spucken unsere Leute aus und wenden sich ab. Zwei englische Soldaten aber traten vor und riefen: Vou Vermans are incteeci brave solckersl" und gingen in ihre Rethen zurück.Doch ich greife vor in meinem Berichte. Im Kranken zimmer steht ein Oesterreicher und erzählt im kräftigsten Dialekt seine Abenteuer. All die armen Zerschossenen mit ihren geschienten Armen und Beinen und den ver bundenen Köpfen richten sich auf, so gut es geht, und lauschen. Daß man nun hier liegen mutz", stöhnt ein riesiger Artillerist, wie gern wäre ich da vorn in der Front!" Er wischt sich mit dem Kandrücken die Augen winkel. Ich versuche ihn zu trösten. Und dann Kerzbrüder", sagt der Oesterreicher, wo Deutsche und Oesterreicher zusammen lagen, herrschte immer solch ein herzbrüderliches Verhältnis, und die große brüderliche Rauferei anno 66 ist der Kitt zu diesem Kerzbruderbund gewesen der Oberleutnant v. Sch.", der deutsche Offizier, welcher die Oesterreicher befehligte, döfch ifcht erschl ein Mann. Donnerwetter noch einmal, dör ifcht wie gehacktes Eisen." Ich habe ihn mit seinem Monocle gesehen, und er sprach mit mir nach dem Tode meines Gerhard, dieser Mann wie gehacktes Eisen; er sieht sich seinen Gegner, und wär s der Teufel, kühl durchs Einglas an. Da liegen wir im heftigsten Feuer nachts hinter den Felsen und in den Ravinen in Deckung", sährl der Oesterreicher fort, und dazu gießt es vom Kimmel, was es nur regnen kann. Und plötzlich steht der Leutnant unter uns und sagt mit feierlicher Stimme: Freiwillige vor!"" Und 30 Mann von uns springen auf. Folgl mir"", kommandiert er, und wir folgen ihm, als ob es in den Tod ginge. Und er führt uns in einen bombensicheren Unterstand und sagt: Kier könnt ihr 9* 131132 Kerle euch ausschlafen."" Ein fröhliches Gelächter ertönle, und selbst der Mann dort, dem eine Schrapnellkugel die beiden Backen des Gesichtes durchbohrt hat und dem der Arzt heute beim Verbinden sagte: Pfeifen Sie mal", und er antwortet, zu Befehl" und spitzt die Lippen und ein mißftimmiger Akkord wird hörbar, aber auch der Eiter quoll heraus aus den Wunden ver zieht sein Gesicht zu einem vergnügten Lachen. Ilnd nun sind die Schleusen geöffnet für all die drolligen Erlebnisse des Kriegerlebens und draußen saust es durch die Lüfte, als ob Peitschenschläge niedersausten. Und immer wilder ertönt die höllische Musik, und bald nah, bald fern, bald links, bald rechts, hört man das Zusammenkrachen der Mauern und Wände der Käufer. Die Unterhaltung verstummt, es wird stille, und ein Jeder denkt, nun wird der nächste flammende Schlag hier unler uns erfolgen. Draußen herrscht Heller Sonnenschein; dann wird es dunkel, und der Mond zieht herauf. Einen Augenblick tritt Ruhe ein. Vielleicht holen die Feinde neue Munition heran oder kochen am Beiwachtseuer ihren Reis? Und nun kommt die Nacht vom 6. zum 7. November, die schrecklichste, die wir erlebt haben. Das war ein Ausflammen aus der Kölle, eine Raserei von Dämonen. Die Befestigungen der Infanterie sollten mit Eisen zu gedeckt werden, die Mannschaften in den Kasematten sollten unter den Trümmern der Betonmauern begraben werden. Rings umher die Zugänge, die Straßen der Stadt standen unter dem Kagel der Schrapnells. Zwischen I. W. 1 und 2, sowie zwischen 3 und 4 erfolgte dann133 auch der Durchbruch. Unsere Munition war verschossen. Um den Belagerten keine Zeit zu lassen, an die Geschütze und Maschinengewehre zu kommen, erfolgte die Über rennung im Kagel der eigenen Geschosse. Was da von den stürmenden Kolonnen fiel, mußte fallen, das japanische Geschützfeuer bahnte den eigenen Leuten die Gasse und riß sie nieder. Aber neue Regimenter folgten, und wo eins unserer Maschinengeschlltze das Feuer eröffnete, da war die Wirkung unter den stürmenden Feinden unbeschreiblich furchtbar. Die sogenannte weiße Mauer, welche schräg hinabführt zu den Stacheldrahthindernissen, und die durch einen Kalküberwurf weiß gemacht worden war, ebenso die Drahtverhaue selber waren mit den Leichen der gefallenen Japaner bedeckt. Ihre ersten Kolonnen, die durchbrachen, eilten spornstreichs durch die Straßen nach der Bismarckkaserne, wo der Gouverneur mit seinem Stabe war. Kalte man einen Straßenkampf in Aussicht genommen, so war dies nun vorbei. Es gab kein an deres Mittel, als sich zu ergeben. Um 6^ Uhr morgens ging die weiße Flagge hoch auf dem Signalberge. Und doch dauerte es noch fast eine Stunde bis gegen ^8 Uhr, wo der Kampf langsam wie mit den letzten Schlägen eines abziehenden Gewitters verhallte. Da tauchen schon die ersten japanischen Soldaten in den Straßen auf, je zwei und zwei, und wir stehen auf dem Trottoir und sehen die Kerle mit dem wilden Ge sichtsausdruck, wie sie links und rechts spähten, ob sich ihnen ein Bewaffneter entgegenstellte. Ein höherer ja panischer Offizier mit seinem Adjutanten sprengt vorüber,134 eine größere Abteilung jagt im Laufschritt vorbei mit auf gepflanztem Bajonett. Im Nu sind die Straßenecken besetzt. Man sieht Soldaten in die Käufer dringen, Passanten werden beiseite gestoßen und doch: wie wohl tat einem die fast sabbatliche Ruhe, die sich über uns ausbreitete! Ich muß hier, um dem Feinde Gerechtigkeit wider fahren zu lassen, hervorheben, daß von Anfang an unter den japanischen Soldaten eine bewunderungswürdige Disziplin herrschte. Im Südteil der Stadt, wo die Villen stehen, sind freilich Marodeure in die Käufer eingedrungen, man entriß den Frauen auf der Straße die goldenen Broschen und Ringe. Einsam stehende Käufer wurden von den Siegern nach Spirituosen durchsucht. Das alles ist vor gekommen. Die Sieger waren sicherlich ebenso erschöpft wie unsere eigenen Truppen. Aber das eine steht fest, daß unter den 65 Marodeuren, die aus der Straße nieder geschossen wurden, mindestens 50 Kung Ku Tze, Tungufen und Koreaner waren. Wohl hatte die japanische Armee auch dieses wilde Gesindel, das, was die Kunz Ku Tze (Rotbärte, Name einer großartig organisierten Räuber bande) anbetrifft, aus der Provinz Schantung stammt, zum Keerbann aufgeboten. Waren diese Räuber dem japanischen Rufe gefolgt in der Hoffnung aus reiche Beute, so waren sie die Ersten, die erschossen wurden, wie sie auch beim Angriff zuerst das Terrain aufzuklären halten und von unseren Geschützen, sowie von den massenhaft ausgelegten Landminen, die beim Betreten in die Luft gingen, vernichtet wurden. So hat der kluge Japaner135 die reichen Mandschuprovinzen, wo die Rotbärte zum wahren Schrecken geworden waren, von diesen Teufeln in Menschengestalt gereinigt. Unter den Erschossenen war auch ein japanischer Offizier, aber ebenso wurde ein Oester reicher erschossen, der in dem furchtbaren Wirrwarr zu plündern versuchte. Keute ist der vierte Tag seit der Eroberung der Stadt, und in den Straßen herrscht die Stille einer musterhaften Ordnung. Patrouillen ziehen umher mit kleinen weißen Fähnchen in der Kand und suchen die zahlreichen Blindgänger (nichtkrepierte Granaten) auf, um sie zu entladen. Kin und wieder hört man eine heftige Detonation. Auf dem Meere ist eine aufgefischte Seemine zur Explosion gebracht. Vor den fiskalischen Gebäuden stehen Wachen, und Kavalleriepatrouillen durcheilen die Stadt. Unser Flieger ist in der Nacht, als wir meinen toten Gerhard zur letzten Ruhe begleiteten, aus seiner Taube mit der Fahne des III. Seebataillons nach Schanghai geflogen. Auch die Engländer sind eingezogen, aber dann wurden sie von den Japanern entwaffnet und in die Außenwerke geschickt. Das selbstsüchlige, feige Be nehmen des englischen Korps hat unter den Japanern eine solche Verachtung erregt, daß japanische Offiziere unseren Leuten erklärten, sie hätten mit den rascals nichts gemein. Im Rücken der japanischen Belagerungs armee hat John Bull Baseball gespielt. Die englischen Offiziere sind, soweit sie vor unseren Geschossen inSicherheit waren, an die japanischen Schützengräben herangetreten und haben dort gehetzt, doch etwas rascher zu machen mit der Erstürmung der Stadt. Im eigent lichen Sturmangriff war kein Engländer zu sehen, auch ist keiner von ihnen in der Feuerlinie gefallen. In der Stadl herrscht unter Freund und Feind die hellste Em pörung über Englands Treulosigkeit, Niedertracht und Grausamkeit. Es mag sein, daß mancher einzelne Engländer im Gesühl der Scham sich abwendet, aber der Geist des englischen Volkes in seiner Politik ist ein Geist des Verrats und der Brutalität. Beim ersten Zusammentreffen des japanischen Oberstkommandierenden mit seinen Offizieren und dem deutschen Gouverneur sowie dessen Gefolge, stellten die Kerren sich gegenseitig vor und wechselten freundliche Worte und Wünsche. Der englische Militärbevollmächtigte wurde von beiden Parteien völlig als Lust behandelt. Keiner kümmerte sich um ihn und seinen Adjutanten. Am Schluß der ersten Verhandlungen über die Uebergabe ließ der japa nische General Sekt kommen und bot seinen Gegnern Wein an. Der englische Offizier stand am Fenster. Um ihn kümmerte sich kein Mensch. Wenn die Engländer gehofft haben, daß sie als die ersten einziehen würden in das englische Tsinglau, so sind sie grausam enttäuscht worden. Uns gehört die Stadt", sagte ein höherer japa nischer Stabsoffizier, wir haben sie mit unserem Blute erkauft." Unsere Leute sind aus den Infanteriewerken, schmutzig und erschöpft wie sie waren, nach Schatzeku geführt, wo ZiZ6137 sie sich als Gefangene nach Japan einschissen sollen. Eins dieser Werke war vollständig zusammengeschüttet, und unsere Melden mußten ausgegraben werden. Das Erstaunen der japanischen Offiziere war groß, als 130 Mann zum Vorschein kamen. "Was, mehr Menschen sind das nicht?" schrie der japanische Ossizier. Meine Brüder, die Berliner Missionare Wannags, Mdebrandt und Schwann habe ich nicht mehr sprechen können vor ihrer Überführung nach Japan. Br. Kohls, der sie noch sah, erzählte mir, sie und ihre Kameraden seien völlig apathisch gewesen infolge der übermenschlichen An strengungen. Einer unserer Ärzte meinte, er würde sich gar nicht wundern, wenn sich bei vielen unserer Soldaten Störungen des Nervensystems zeigten. Aufsallend ist auch die Zahl derer, welche an Ohrenleiden eingeliefert werden. 9. November. Äeute um 5 Uhr war aus dem Friedhofe eine Totenfeier. Da standen im großen Karree unsere braven Leute fertig zum Auszug nach Japan, wie einst die Kinder Israel nach der Zerstörung Jeru salems. Zum letzten Male spielte die berühmte Kapelle des III. Seebataillons, und ein tiefer Ilnterton des Schmerzes und der Traurigkeit klang durch die Akkorde der Choralmusik hindurch. In langen Massengräbern, mit Tannengrün bedeckt, lagen die Gefallenen da. In der Ferne hörte man nach langer, banger Zeit wieder die Glocken der Ehnftuskirche. Mir kamen die Tränen in die Augen, und ich gedachte der Worte des Propheten in seinen Klageliedern: Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe die Fürstin unter den Keiden; und, die eine Königin war in den Ländern, muß nun dienen. Ihre Widersacher schweben empor, ihren Feinden geht es wohl; denn der Kerr hat sie voll Jammers ge macht. Ihre Kinder sind gefangen vor dem Feinde hin gezogen. Euch sage ich allen, die ihr vorübergehet: Schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat! Denn der Kerr hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zornes." Und doch soll wieder aus den Klageliedern Jeremia uns das Trostwort entgegenklingen, ein mutiges Trostwort für die Kelden Tsingtaus: Die Güte des Kerrn ist, daß wir nicht gar aus sind; seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und Deine Treue ist groß. Der Kerr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen." I3K139 Anmerkung Der Verfasser ist Superintendent der Berliner Mission in Schantung, die hier 1898, unmittelbar nach der deutschen Besitzergreifung, zu arbeiten begann und außer in Tsingtau in Tsimo (auch Prediger und Lehrerseminar und Kospital) und in der Stadt Kiautschou Stationen hat. In Tsingtau befanden sich mit Superintendent Voskamp und seiner Familie während der Belagerung Missionar Kunzeund die Missionsschwester Frieda Strecken die Familie Kunze und die Leiterin der Mädchenschule in Tsingtau, Schwester Käthe Voget, hatten sich vor dem Keranriicken der Japaner zu Freunden nach Tsintschousu zurückgezogen. Missionar Scholz in Tsimo wurde von den Japanern der Spionage beschuldigt, wochenlang in ein peinigendes Verhör verwickelt und schließlich genötigt, unter drangvollen Ilmständen mit seiner Familie nach Tschisu zu flüchten. An den Gebäuden der Station Tsimo wurde schwerer Schaden angerichtet, ihre Ausstattung zum großen Teil beschlagnahmt. Die Station Kiautschou verwaltete Missionar Müller. Der junge Missionar Kildebrandt, vorher gleichfalls in Kiautschou tätig, trat, als der Krieg ausbrach, bei der Besatzung von Tsingtau ein. Aus Südchina, wo die Berliner Mission in der Provinz Kanton seit 1882 die schon seit den sechziger Iahren von dem Kauptverein sür China" begonnene Arbeit mit 2 Synoden (Unterland und Oberland) fortführt, waren zu der Besatzung von Tsingtau, gleich anderen deutschen Missionaren, auch die Berliner Missionare Wannags und Schwärm als Soldaten, Kohls und Schramm als Kranken- psleger herbeigeeilt.140 Die Berliner Misston (gegründet 1824) arbeitet außerdem seit 1834 in Südafrika, wo sie zur Zeit 5 Synoden (Kapland, Sulu- Tosa, Oranje, Süd- und Nordtransvaal) hat, und seit 1391 in Deutschostasrika mit 3 Synoden (Konde, Kehe, Usaramo). Januar 1914 betrug die Gesamtzahl ihrer Kauptstationen in Asrika und China 95, ihrer europäischen Arbeiter (abgesehen von den Missionarsfrauen) 184, ihrer eingeborenen Geistlichen, Kelfer, Lehrer und Lehrerinnen 1S47, ihrer getauften Gemeinde glieder 73S75, der erwachsenen Tausbewerber SK20, der niederen und höheren Schulen 7S0 und der Schüler und Schülerinnen 30009. Der Gesamtbedarf des Werkes stellte sich für 1914 aus M. 1S00000. Die Arbeit wird lediglich von den freiwilligen Aufbringungen der eingeborenen Gemeinden und von den Liebesgaben heimatlicher Christen getragen. Der Sitz der Missionsgesellschas! ist Berlin (NO. 43, Georgen kirchstrabe 70); geleitet wird sie von ihrem Komitee" (Präsident z. Z. v. F. A. Spiecker, Direktor l). Ä. Axenfeld); über ihre Tätigkeit in der Keimat und auf den Missionsfeldern geben die Berliner Missionsberichte" (jährlich M. 1,40) fortlaufend Rechenschaft.Von demselben Verfasser erschiene im Verlag öer Suchhanölung öer öerliner evangelischen Mifflons- gesellschast, Serlin 1(1. 43, Georgenkirchstraße 70 Confucius unö öas heutige China. Eiil Vortrag, gehalten vor dem Ausbruch der Boxerbewegung. 1902. (20 Psg.) Gestalten unü Gewalten aus öem Reiche öer Mitte. Vorträge. 1906. (75 Psg.) Das alte unö öas neue China. 1914. (Mk. 1, .) In gleichem Verlage erschienen: Harbige Künstlerpostkarten. 4 Serien zu k MK. 1,20 mit je 12 Karten nach Natur aufnahmen in Dreisarbenlichtdruck, unler nach stehenden Titeln: Ms chinesischen Dörfern unö Stäöten. Ms öem Leben unö Sterben öer Chinesen. Norö-China. Süö-China. 14l142 Weitere China-Literatur im gleichen Verlage: Seutsch-EvangelischeMisfionsarbeit in Süö-China. 1911. (40Pfg.) Cnüemann, G. Schak-gok. Aus Saat und Ernte der Mission in China. 1911. (75 Pfg.) Märchen und Sagen aus dem Reich der Mitte. In Prachtband, reich illustriert. 1914. (Mk. 2, .) Leuschner, . M. Chinesische Liebe oder der Kampf um eine Frau. Eine Novelle. 1901. (80 Pfg.) Aus dem Leben und der Arbeit eines China- Missionars. 1902. (Mk. 1,50.) Auf Vorposten in China. Aus dem Tagebuch einer Missionarsfrau. 1913. (75 Pfg.) Lutschewitz, W. Frauenelend und Frauenhilfe in China. 1911. (50 Pfg.) Alte und neue Zeit in Tfimo. 1909. (Mk. I, .) Das neue China und das Christentum. 1913. (60 Pfg.) Müller, K. . Im Kantonlande. Reisen und Studien auf Missionspfaden in China. (Geb. Mk. 2, .) Sauberzweig-Schmiöt, f, Misswnsinspeklor der Berliner Mission. Drei Jahrzehnte deutscher Pioniermissionsarbeit in Süd China. 1852 bis 1882. (1908.) (Geb. Mk. 1,60.) Ferner aus seinem literarischen Nachlaß: Durch Chinas Südprovinz. 1908. (Geb.MK.2, .) DurchDeutsch-Kiautschou. 1909. (Geb.Mk. 1,50.)143 Über das afrikanische Missionsgebiet erschienen im gleichen Verlage: Seper, M. Geschichte der Missionsstation Medingen. 1913. Gröschel, p., Missionar. Zehn Jahre christlicher Kulturarbeit in Deutsch-Ostafrika. 1S11. (Gebunden Mk. 2.50.) Hoffmann, !., Missionar. Aus Afrikas verträumten Bergen. Neue Fabeln und Märchen. 1912. (S0 Psg.) Lebenswasser in dürrem Lande. 1912. (50 Pfg.) Was der afrikanische Großvater seinen Enkeln erzählt. Fabeln und Märchen aus Nord-Transvaal. (Gebunden Mk. 1.S0.) Am Kose der Büffel. Schilderungen aus dem Leben einer afrikanischen Fürstenfamilie in Transvaal. 1909. (Mk. 1. .) Der Sohn der Wüste. Erzählungen aus den Kolzbusch- berge Transvaals. (Mk. 1. .) Vom Kraal zur Kanzel. Lebensgeschichte des Eingeborenen pastors Timotheus Sello. 1914. (Mk. 1. .) Klamroth, Missionssuperintendent. Auf Bergpfaden in Deutsch- Ostafrika. 1907. (75 Pfg.) Meinhof, Carl. Die Dichtung der Afrikaner. 1911. (MK.3. .) Afrikanische Religionen. 1912. (Mk. 3. .) Afrikanische Rechtsgebräuche. 1914. (Mk. 3. .) Schulhe, Lrich. Der Njahabund. Bilder aus der weiblichen Liedestätigkeit der Berliner Mission in Deutsch-Ostasrika. 1912. (80 Pfg.) weichert, LuSw. Die köstliche Perle. Ein Jahrbuch der Berliner Mission. 1913. (Mk. 1. .) ^ Senfkorn. Ein Jahrbuch der Berliner Mission. 1914. (Mk. 1.50.) Wilöe, !N., Missionsinspektor. Schwarz und Weib in Süd- Afrika. Bilder von einer Reise durch das Arbeitsgebiet der Berliner Mission. 1913. (Gebunden Mk. 4. .)-i Druck von Sc Gebrüöer?acob Burhdriillirct Serlin MüUerstr. IZSii.Aus dem belagerten
