Tropenkoller Ein Kolonial-Roman von Henry Wenden. 9. Tausend Leipzig Rich. Sattlers Verlag (Georg Beer) Stimmen der Presse über den "Tropenkoller" "Deutsche Warte" (Berlin): "In der Hochflut der Militärromane nimmt dieser eine Ausnahmestellung ein. Meisterhaft ist die im Mittelpunkt der Handlung stehende Figur des Leutnants v. Zangen geschildert. Dieser pervers veranlagte Mensch, der nach Afrika geht, in der dunklen Ahnung, dort seinen unumschränkten Herrschergelüsten fröhnen zu können, ist vorzüglich beobachtet .... Dies Werk ist ein Tendenzroman in gutem Sinne. Möchten die im Vorwort verflochtenen Mahnungen und Belehrungen denen, an die sie gerichtet sind, ins Herz und Ohr zugleich gehen. Nicht nur unserer Kolonialpolitik, sondern dem großen Vaterlande an sich wäre sehr damit gedient." "Neue Freie Presse" (Wien): "Der Verfasser hat durch ein früheres Werk, durch die Artistengeschichte "Die Tote" eine feinfühlige Begabung bekundet und lebhafte Hoffnungen er weckt. Auch sein neuestes Werk zeugt von seinem frischen und lebendigen Erzähler talent; . . . ." Stralsunder Zeitung": "Die grauenhaften Wirkungen des Tropenkollers, wie wir sie bei einem Leist, Prinz Arenberg, u. a. wahrnehmen, geben unbedingt für Romandichtungen lohnenden Stoff. Nahe liegt dabei die Gefahr, daß der Ver fasser durch grausame wollüstige Schilderungen prickelnd auf die Nerven der Leser zu wirken sucht. Dies hat Wenden im ganzen vermieden, wiewohl es auch in seinem Werk keineswegs an derartig aufregenden Scenen fehlt Doch hat der Roman auch ohne die scharf ausgeprägte Tendenz Vorzüge, so die lebendige Darstellung und die gelungene Charakteristik einzelner Personen. "IV Von demselben Autor wurde ani Düsseldorfer Schauspielhaus aufgeführt das Versdrama "Dergnmina" (aus dem Einakterzyklus "Der Liebe Tod"). Stimmen der Presse: Hamburger Nachrichten: Tas Düsseldorfer Schauspielhaus brachte heute einen neuen Dichternamen zu Ehren. Einen Dichter darf mau Henry Wenden nennen, denn er gibt uns poetisch geschaute Bilder von starker dramatischer Lichtwirkung. Deutsche Tageszeitung. Berlin: Wenn das Stück eine span nende Wirkung ausübte und der Beifall am Schluß sehr lebhaft war, so spricht das nur für die dichterische Kraft dcS Ganzen mit ihrem zwingenden Stimmungsreize. Die Auf führung selbst lieh dem Dichter nichts, was er nicht sich selbst gegeben hätte. Düsseldorfer Generalanzeiger: "Bergamina" aus dem Cyclus "Der Liebe Tod" ist eine Geschichte von gradliniger Ein fachheit und packender Entwickelung und in guten Versen. Es ist dazu von fast trivialer Anspruchslosigkeit der Fabel, was aber nur die Achtung vor dem Dichter steigern muß, der trotzdem zu fesseln weiß. Rheinisch-Westfälische Zeitung. Esse a. d. Ruhr: "Bergamina" ist dem Einakter-Zyclus "Der Liebe Tod" entnommen und zeigt den Schwung einer freien, mit Geschmack und Fein gefühl gehandhabten Verskunst, während "Theater" und "Die Mutter" moderne Schauspiele sind. Düsseldorfer Tageblatt: Mit seiner gehobenen, echt poetisch ge- geführten Diktion, der in einem Presto des Rhythmus zum tragischen Krater anstürmenden Situationsentwicklnng, der farbigen Koloristik von Sprache und Scene darf "Berga mina" wohl als das beste der drei Stücke des Zyclus gelten. V Von demselben Verfasser erschien im Verlag von Hermann Seemann Nachf. in Leipzig "Die Tote" Eine Artistengeschichte Preis brosch. M. 2 50 Über dieses Buch schrieb: "Neue Freie Presse": " . . . Schuld, Gewissensnot und Sühne, das sind die Entwicklungsstadien, durch die Wenden seine Novelle hindurchführt. Er tut dies in einer so leichten, freien sicheren Darstellung, mit so feiner und durchdringender Analyse der seelischen Vorgänge, daß er mit diesem Buch in die vorderste Reihe unserer Erzähler rückt." "Neues Wiener Tageblatt": " . . . Das Buch ist durchleuchtet von psychologischen Betrachtungen, die es zur ernsten Arbeit eines ernsten Schriftstellers stempeln." "Nord und Süd": " . . . Dieser Schriftsteller besitzt Fähig keiten, die sich nicht hinwegleugnen lassen; er hat eine sichere Hand und eine eigenartig konzentrierende Schlag kraft." "Münchner Neueste Nachrichten": " . . . eine grauenvoll lebendige Schilderung des bösen Gewissens. Die Angst, die Wahnvorstellungen . . . wirken in ihrer vorzüglichen Darstellung fast beängstigend auf den Leser. "Vorwort. Tropenkoller und sexuelle Perversität. Ich bekenne ganz offen, daß dieses Buch ein Tendenzroman ist, mit dem ganz bestimmten Zweck, eine Krank heit, welche droht, sich immer mehr anszubreiten, psycho logisch zu erklären. Man hörte in den letzten Jahren bald von da, bald von dort, aus den verschiedenen Kolonien aller Natio nen von den unglaublichsten Grausamkeiten. Immer, wenn eine solche Nachricht nach Europa kam, ging ein Schrei der Entrüstung durch das Publikum. Aber das selbe Publikum beruhigte sich auch immer ziemlich rasch wieder, sobald nur der "Verbrecher" seine Strafe er halten hatte. Mir fiel bei alledem nun eine merkwürdige Erschei nung auf, ein Unterschied zwischen jenen afrikanischen Verbrechern und den Verbrechern, welche wir bei uns zu sehen gewohnt sind. Es fiel mir auf, daß unser Rauf bold, unser Totschläger, unser Mörder soweit er nicht auf Raub ausgeht doch zumeist in einem Affekt han- delt, während der Tropenkollerige mit Vorbedacht, mit scheinbar kühler Berechnung vorgeht und häufig sogar seine Grausamkeiten unter dem Deckmantel des Rechtes in Form einer Bestrafung begeht. Und dann siel mir noch ein weiterer Unterschied auf. Während nämlich die Masse der Raufbolde, der Tot schläger, der Mörder sich doch zumeist aus den unter sten Schichten des Volkes rekrutiert, in denen Unbildung.10 Gemütlosigkeit, Roheit und Alkoholismus jedenfalls zu den häufigeren Erscheinungen gehören, rekrutieren sich die vom Tropenkoller "Befallenen zu einem großen Teile aus Kaufleuten, Beanrten, Offizieren, also aus Angehö rigen der höheren Stände. Bei flüchtiger Betrachtung könnte man ja nun mei nen, daß es sich hier um besonders Verbrechernaturen handelt, die es ja zweifellos unter den höheren Ständen ebenso gibt, wie unter den niederen. Aber bei genaue rem Zusehen konnte diese Auffassung doch nicht stand halten. Denn so sagte ich mir alle diese Leute sind ja doch erst in verhältnismäßig reiferen Jahren nach. Afrika gekommen. Sie haben alle, sei es als Kaufleute, sei es als Beamte, sei es als Offiziere, in der Heimat bereits ihre Laufbahn begonnen, und wenn bei ihnen also eine besondere verbrecherische Veranlagung vorhan den gewesen wäre, so hätte sich diese doch schon in der Heimat, wenn auch nur durch Kleinigkeiten, zeigen müssen. Wäre das aber der Fall gewesen, so hätte man doch ge rade solche Leute zweifellos nicht auf iminerhin verant wortungsvolle Posten gestellt. Wenn aber keine beson dere verbrecherische Veranlagung vorhanden war, so ent stand die Frage, wie es möglich ist, daß Leute von guter Erziehung und guter Familie, denen gewiß fast allen in ihrer Jugend die Segnungen des Familienlebens zuteil wurden, deren Gemüt gewiß Gelegenheit hatte, sich zu bilden, und die gewiß nicht von einem Milieu der Roheit und Brutalität umgeben waren, Leute, welche im ge sellschaftlichen Verkehr mit Damen, älteren Frauen und jungen Mädchen in Berührung kamen, Leute, die end lich doch auch in ihrem Berufe zweifellos ihre Pflicht11 und Schuldigkeit taten, . ich sage: jo entstand die Frage, wie es möglich ist, daß solche Leute, aus ihrer Heimat nach Afrika versetzt, nun plötzlich Grausamkeiten, Roheiten und Bestialitäten begehen, wie sie den Vaga bunden, Strolchen und Verbrechern unserer Heimat nicht einmal entfernt in den Sinn kommen. Um diese Frage zu beantworten, muß inan meiner Meinung nach von dem speziellen Fall des Tropenkollers absehen und die menschliche Natur als Ganzes betrachten. Ich halte mich natürlich nicht für unfehlbar und behaupte durchaus nicht, daß meine Anschauung die allein richtige ist. Ich glaube aber, daß die Grausamkeit, oder richtiger gesagt: die Freude an der Grausamkeit eine allgemeine Eigenschaft ist, die in uns Kulturmenschen nur durch Er ziehung unterdrückt wird. Und dann noch eins: Herrsch sucht. Mair schaue sich doch nur ein Kind an, das noch nicht "erzogen", noch nicht von seinen Erziehern be zwungen ist. Die hervorragendste Eigenschaft eines sol chen Kindes ist immer Ungehorsam. Ungehorsam ist doch aber schließlich nichts anderes als der Wunsch, keinen Herrn über sich zu haben, das Verlangen nach Macht über sich selbst, und von da bis zu dem Verlangen nach Macht über andere, bis zur Herrschsucht, ist gewiß nur e n Schritt. Dieses Verlangen wird eben durch Erziehung und Kultur unterdrückt, dringt aber gewiß immer wieder von neuem durch und muß immer von neueni entweder durch andere oder von innen heraus unterdrückt wer den. Wenn der Unteroffizier den gemeinen Soldaten fiir irgendein Versehen, statt ihn nachexerzieren zu lassen, körperlich züchtigt, so ist das doch in erster Linie nichts anderes als ein Ueberschreiten der ihm von seinen Vor-12 gesetzten gegebenen Machtbefugnis, also wieder der Wunsch nach einer größeren Macht, also wieder Herrschsucht. Und wenn dieser Unteroffizier es kann auch ein Offizier oder Beamter sein diesen Uebergriff, diese Herrschsucht unterdrückt und bändigt, so geschieht es doch in erster Linie unter dem Zwange der gegebenen Verhältnisse. Da ist es nun ganz natürlich, daß ein Mensch, je weiter er sich von diesem Zwange entfernt, je freier er wird und je größer seine Machtvollkommenheit scheinbar ist, auch um so weniger Veranlassung haben wird, seinen Wunsch nach Macht, seine Herrschsucht zu zügeln. Das trifft nun naturgemäß die Leute, welche in die Kolo nien gehen, in ganz erhöhtem Maße zu. Denn nicht nur, daß sie sich aus ihrer gewohnten Umgebung entfernen, nicht nur, daß sie von allen Einwirkungen der Kultur abgeschnitten sind, so bekommen sie auch zu Untergebe nen plötzlich die Angehörigen einer fremden Nasse, welche dem stolzen, überfeinerten Europäer vielleicht noch nrinder- wertiger erscheint, als sie in Wirklichkeit ist, und welche ihn oft durch ein demütiges, fast kriecherisches Wesen in dem Glauben an seine plötzliche unumschränkte Macht noch mehr bestärkt. Wenn ich nun solcherart zu behaupten scheine, daß zum Tropenkoller eine besondere Voranlage nicht gehört, so könnte man mir freilich mit vollem Recht einwerfen, daß ja doch tatsächlich nur ein verhältnismäßig kleiner Prozentsatz der in den Tropen befindlichen Europäer- wirklich vom Tropenkoller befallen wird. Ich gebe nun auch in der Tat zu, daß eine Voranlage notwendig ist. Nur glaube ich, daß diese Voranlage nicht nur mit dem Wunsche nach Macht, nicht nur mit Herrschsucht, nicht18 einmal nur mit absoluter Roheit und Grausamkeit etwas zu tun hat, sondern ich glaube, daß diese Voranlage in erster Linie auf einer sexuellen Perversität beruht. Oder mit anderen Worten: ich glaube, daß jeder absolut jeder, der in die Tropen kommt, in höherem oder geringerem Grade dem Wunsche nach Macht, der Herrschsucht ausgesetzt sein wird ; ich glaube aber, daß dieser Wunsch nach Macht, daß diese Herrschsucht nur bei denjenigen den Tropenkoller hervorrufen wird , welche zu sexueller Perversität veranlagt sind. Oder noch richtiger: ich glaube, daß nur diejenigen imstande sein werden, ihren Wunsch nach Macht, ihre Herrschsucht erfolgreich zu bekämpfen und zu unterdrücken, welche nicht sexuell pervers veranlagt sind. Diese Anlage zur sexuellen Perversität liegt nun wohl allerdings nicht immer oder säst nie so vollständig klar und greifbar auf der Oberfläche; sie ist aber meiner Meinung nach bei weitem verbreiteter, als man gewöhnlich glaubt. Und unter den Perversitäten ist gewiß wieder der Sadismus, die Grausamkeit, die Freude am Schmerz anderer am häufigsten. Ein guter Freund von mir, mit dem ich oft über solche Dinge gesprochen habe, empfindet eine sexuelle Erregung, wenn er in der Zeitung von Grausamkeiten, Kindermißhandlungen oder der gleichen liest. Nun wird dieser Freund in der geachteten sozialen Stellung, in welcher er sich befindet, gewiß nie mals eine Gelegenheit haben, Grausamkeiten und Mißhandlungen selbst zu begehen, und es wird daher seine perverse Veranlagung für die andern niemals zutage treten. Was aber bei ihm in vielleicht erhöhtem Maße vorhanden ist und worüber er sich selbst klar ist, das ist14 bei tausend andern ebenfalls vorhanden, ohne daß sich dieselben der eigentlichen Ursache bewußt sind. Eine mir befreundete Dame behauptete, bei der Schlangenfütterung, als sie das Kaninchen in Todeszuckungen sah, ein "angenehmes Gruseln" zu empfinden. Dasselbe angenehme Gruseln empfinden zweifellos die Spanier bei ihren Stierkämpfen, die Amerikaner bei ihren Faustkämpfen, und doch sind sich gewiß die wenigsten bewußt, daß dieses angenehme Gruseln, dieser Nervenkitzel in letzter Linie identisch oder doch eng verwandt mit sexuellen Regungen ist. Es ist recht gut möglich, daß solch ein zum Sadismus veranlagter Mensch von seiner Ver anlagung selbst keine Idee hat. Nun wohnt aber dieser Mann in den Tropen beispielsweise einer solchen Aus peitschung, die er bisher nur aus Büchern gekannt hat, persönlich bei, und jetzt zum ersten Male verdichtet sich das "angenehme Gruseln" zu einem wirklich vollständig ins Bewußtsein tretenden sexuellen Genuß. Und von diesem Augenblick an ist er seinem Schicksal verfallen. Und wenn er erst nur aufgeregt wurde, sobald er eine Roheit mit ansah, so begeht er von nun an selbst die Roheiten, um sich aufzuregen. Je mehr Gelegenheit er dazu hat, um so leichter wird sich diese Krankheit ent falten; und wenn es auch an solchen Gelegenheiten, wie der Fall mit den Kindern des Reichsbankdirektors Koch zeigt, sogar in unserem lieben Europa nicht fehlt, so ist doch zweifellos die Gelegenheit dazu in den Tropen, fern von der Kultur, fern von der beengenden, doch immer eine gewisse Aufsicht ausübenden Gesellschaft eine um so größere. Welche praktischen Schlußfolgerungen nun aus dieser15 Erkenntnis zu ziehen sind, das zu beurteilen überlasse ich andern. Ich wiederhole auch, daß ich durchaus nicht die Prätention habe, daß meine hier dargelegte Anschau ung die einzig richtige ist. Ich glaube aber, daß das Thema für alle Kolonien besitzenden Völker ein in höch stem Maße wichtiges ist, und wenn ich mit diesen meinen Ausführungen und durch den Roman auch nur um ein weniges zur Klärung oder vielleicht gar zur Heilung bei trage, so bin ich iiberzeugt, daß ineine Arbeit nicht um sonst gewesen ist. Wien, im April 1904. ßenry Mengen. b i*i OS s :* a S L at ** s r ata t*i sag : J(S*W £19 äfs "W )?*" JJI5 fw * U+2666 " "W "I5 * U+2666 " * ä * Erstes Kapitel. Ein warmer, leuchtender Frühjahrsmorgen war der kühlen, feuchtfrischen Nacht gefolgt. Auf den Rasen streifen und auf den mächtigen Laubkronen der alten Bäume, welche die mittlere Promenade der Straße "Unter den Linden" zu beiden Seiten einfassen, lag noch reichlicher Tau, und wie jetzt die zarten Halme und die jungen saftgrünen Blätter unter dem leisen Luftzug erbebten, da glitzerten und blinkten sie, als wären sie mit zahllosen schillernden Kristallen besät. Vom Turm des Domes zitterten sieben helle Glockenschläge herab. Der erste schivoll kräftig an, um dann langsam wieder abzunehmen; aber bevor er noch verhallen konnte, dröhnte schon der zweite hinein, und so der dritte und vierte und alle übrigen, und jeder suchte seinen Vorgänger zu Haschen und sich mit ihin zu einen, bis endlich der letzte in sanften Schwingungen erstarb. Trotz der frühen Stunde herrschte auf der Südseite der Linden vom Königlichen Schloß bis zu dem Cafv Bauer und in der Friedrichstraße bereits reges Leben. Die Kaufläden waren zwar noch nicht geöffnet, doch wogte auf den Fußsteigen schon eine dichte Menge: Knaben und Mädchen, die in die Schule, Männer und Frauen, die zu ihrer täglichen Arbeit eilten, dazwischen Tropenkoller. 118 Studenten oder auch bloße Spaziergänger. Und jeder zögerte, blieb ein wenig stehen, suchte so lange ver- weilen, als es ihm seine Zeit nur irgend gestattete, und aus solche Art hatte sich auf beiden Seiten der Straße ein Spalier gebildet, das nur selten eine Lücke zeigte, dessen Bestandteile zlvar fortwährend wechselten, das aber von Minute Minute größeren Zuivachs erhielt und immer dichter und undurchdringlicher wurde. Der Fahrdamm war noch ziemlich leer, nur viele Equipagen und Lohnwagen, deren .Lutscher weithin sichtbare Passier scheine an ihren Hüten trugen, trabten in der Richtung zum Belleallianceplatz und überholten dabei die langen Linien der Regimenter, die mit wehenden Haarbüschen und klingendem Spiel auf das Tempelhofer Feld zur Parade marschierten. Zwischendurch ritten, einzeln oder in Gruppen, ordenbedeckte Generäle und Offiziere aller Truppengattungen. Die Menge begaffte die bunten, prächtigen Uniformen und freute sich des farbenfrohen Bildes. Das größte Interesse erregten aber doch die fremden Militärattaches in ihren zum Teil phantastischen Kleidungen, und der trockene Berliner Witz, der bei aller Derbheit doch nieinals bösartig ist, suchte und fand über all sein Ziel. Als ein englischer Horseguard vorbciritt, der in seinem scharlachroten Rock unter dem unförmigen Metallhelm feltsani hervorlngte, schwenkte ein Schn ster- junge ein Paar Stiefel, die er über die Schulter geworfen trug, gegen den Offizier und schrie: "Sie! Männcken! Sie können ja nich kieken! Sic blinzeln ja wie n Huhn jejen de Sonne!" Und nicht weit davon betrachtete ein bärtiger Arbeiter den italienischen Bersaglieri, dessen Hut mit den wallenden grünen Hahnenfeder die eine19 Gesichtshälfte fast ganz verdeckte, und brnnimte lachend: "Det is ja jar keen Helm: bet is ja man bloß n Ohren futteral." Als aber nun gar ein Chinese daherkam, dessen lange seidene Gewänder zu beiden Seiten des Pferdes herabhingen, da kannte die Freude keine Grenzen mehr: von überall winkte und rief man ihm zu, und er dankte freundlich nach allen Seiten. Wie er aber einigen hübschen Backfischen besonders lebhaft zunickte und diese nun kichernd die Köpfe znsammensteckten, da meinte ein Handwerker in der Nähe: "Det sind de Chinesenbräute." Nun wurden auch schon Hofwagen sichtbar, zuerst mit den hohen Beamten lind dann mit den Prinzen und Prinzessinen. Und jetzt endlich kam es heran, flatternd und wehend, ein ragender seidenbewimpelter Wald, die durchlöcherten, zu Fetzen zerschossenen Fahnen und Stan darten des Gardekorps. In die Klänge der Trommeln und Trompeten mischte sich das Brausen des Volkes, aus allen Fenstern schauten Gesichter hervor, und wie von der Straße bis unter die Dächer der Häuser alles mit Hüten und Tüchern winkte und wehte, war es, als ob ein riesiger Vogelschwarm vor den Feldzeichen anfflöge und sie mit seinen Schwingen schützend und schirmend begleitete. Zuerst zogen die Fahnen vorbei hinter einer Kompagnie des Ersten Garderegiments mit Musik und Trommlerkorps. Die herrlichen Gestalten sahen in den hohen fridericianischen Grenadiermützen noch größer und stattlicher aus, daß es fast schien, als sei die historische Riesengarde ivieder auferstanden. Dann kam in goldenen Panzern, fliegende Adler auf den Helmen, eine Schwa dron des Regiments Gardednkorps mit den Standarte . Voraus ritt auf mächtigem Rappen der Paukenschläger, 1 *20 welcher weit ausholend die beiden Kesselpauken be arbeitete, deren Last das kräftige Roß wie spielend trug. Ihm folgten die Trompeter, die einen lustigen Rciter- marsch in die Lüfte schmetterten. Und jetzt endlich, an der Spitze der Standarten, umgeben von einer glänzen den Suite, ritt der Kaiser, der beständig freundlich dankte für die jubelnden Zurufe, die von allen Seiten aus ihn eindrangcn und . ihn umwogten. Wenige Schritte hinter dem Kaiser, zur Seite der Standarte des Garde - Kürassierregiments, ritt Kurt von Zangen Der junge Leutnant trug erst seit wenigen Monaten die Epaulettes. Er war auf dein Rittergute seiner Eltern in Pommern aufgewachsen, hatte sich von klein auf mit Pferden und Hunden heruingetuinmelt, schoß, turnte und schwamm meisterhaft und war so nebenher mit Hilfe verschiedener Hauslehrer auch mühsam dahin gebracht worden, daß er die nötigen Examina, um Offizier zu werden, bestand. Dann war er in die Hauptstadt ge- kommen, und hier hatte der schlanke junge Mensch mit der kühn gebogenen Nase und dem fast etwas zu stark ausgebildeten Mund und Kinn durch sein schneidiges Auftreten, das aber bei alledem mit einer gewissen Liebenswürdigkeit und beinahe naiver Lebensfreude ge paart war, sehr rasch die Sympathien seiner Kameraden und Vorgesetzten gewonnen. Die Zangens waren nicht sonderlich reich, aber da der jüngere Bruder bei der Marine diente, wo er ver hältnismäßig wenig brauchte, so erhielt Kurt eine Zulage, mit welcher er ohne Weiber, Spiel und Rennen ganz anständig hätte ausreichen können. Uebrigens war der 21 alte Freiherr von vornherein auf ,einige Schulden seines Sohnes gefaßt. Mein Gott, er hatte ja selbst in seiner Jugend auch ein paar Jahre bei der Kavallerie gestanden und sich dabei die Hörner ordentlich abgestoßen. Darum war er nachher doch ein tüchtiger und solider Landwirt geworden. Leben und leben lassen: sein Junge sollte nur ganz ruhig die hauptstädtischen Vergnügungen bis zur Neige auskosten, wenn dann als Bodensatz eine be scheidene Schuldenlast blieb nun, die würde er eben bezahlen auf zehn- oder zwanzigtausend Mark kam es schließlich nicht an, die hatte er schon noch einmal übrig. Kurt verkehrte nur mit Offizieren und mit den hohen Adligen und Diplomaten, denen er int Unionklub vorgestellt wurde. Den Dienst nahm er ernst und streng, wenn er jedoch nicht in der Kaserne oder auf dem Exerzierplatz sein mußte, so teilte er seine Zeit zwischen dem Kasino, dem Klub, allerhand sportlichen Veranstal tungen und gewissen Liebesabenteuern, bei welch letzteren er aber selbstverständlich imnier Zivil anlegte. Die llniform war ihin etwas so Erhabenes und beinahe Heiliges, daß er gefürchtet hätte, sie durch die Berührung mit ncht ganz zweifellos ehrenhaften Personen zu ent weihen. Überhaupt erschien ihm das Militär als das Allerhöchste, höher als jeder andere Stand, höher sogar als der Adel. Wenn er säbelrasselnd über die Straße j ging zwischen all den Menschen, welche nicht Soldaten , waren, so empfand er beinahe etwas wie Mitleid mit jenen Leuten, die nicht des Kaisers Rock tragen durften und die dadurch schon äußerlich als so tief unter ihm stehend gekennzeichnet wurden.22 Auch jetzt, da er bewegungslos wie eine Bildsäule, die Hand mit dein entblößten Pallasch auf das rechte Knie gestützt, neben seiner Standarte zur Parade zog, überkam ihn ein Gefühl, als stände er hoch oben auf einen: Bergesgipfel und das Gewimmel ringsum wäre weit fort, ganz klein und nichtig im Tale. Er wußte ja, daß das Schreien und Rufen und Grüßen und Winkei: nicht ihm galt, sondern den Fahnen und den Soldaten und besonders den: Kaiser, der da wenige Schritte vor ihin ritt, das breite orangefarbene Band quer über der Brust und dei: Generalshelm mH wehenden schwarz- weißen Federn auf den: Haupte. Aber er fühlte sich doch als ein Teil dieses Ganzen unwillkürlich bezog er den Jubel auch auf sich selbst das Brausen, das zeit weise so mächtig war, daß es sogar die schnietterndeu Fanfaren verschlang, umnebelte seine Sinne, und seine Seele schwoll an vor Freude und Glück und Stolz. So zog er über die Linden und durch die Friedrich straße. Er saß vorschriftsmäßig stramm auf seinem Pferde und zuckte mit keiner Wimper. Aber während er nicht eine Sekunde seine augenblickliche Pflicht vergaß, ließ er seine Phantasie ins Weite schweifen. Wie in: Spiel vermischten sich seine Wünsche und Hoffnungen mit der Wirklichkeit, und während er von Krieg und Sieg und Rilhin träumte, hatte er jetzt die Empfindung, als käme er aus der Schlacht und das Volk streue ihm Lorbeeren. Er wußte ja auch hier wieder ganz genau, daß er sich einer Täuschung hingab; aber es war jene tändelnde, vollständige wissende und dabei doch naive Selbsttäuschung, mit der etwa ein Knabe sein hölzernes Schaukelpferd besteigt und sich dabei hoch und heilig ein--23 redet, er jage auf einem leibhaftigen feurigen Nenner über Wiesen und Felder und Gräben. Als er an der Ecke der Kochstraße vorbeikau,, schielte er spähend und suchend ein wenig zur Seite. Dort stand eine junge Dame in jener gewissen Kleidung, welche zwar nicht unfein, nicht auffallend, aber bei aller Eleganz doch auch nicht vornehm ist und welche man besonders bei den Verkäuferinnen in besseren Geschäften antrifft. Lotte Benisch Hielt einen roten Sonnenschirm in der Hand. Der Verabredung gemäß hätte sie ihn eigentlich offen tragen sollen, damit Kurt sie leichter setzen könnte. Aber die Leute in der Nähe hatten sich beschwert, daß sie ihnen die Aussicht versperre, und deshalb hatte sie den Schirm schließen müssen. Als Kurt sie nun trotzdem gefunden hatte, nickte sie ihm zu, und er erwiderte den Gruß mit einem verstohlenen Lächeln. Dabei mußte er jedoch unversehens ei wenig mit der linken Hand gezuckt haben, denn sein Pferd begann tänzeln und zu bocken, und bis er es wieder zur Ruhe gebracht hatte, war er schon eine gute Strecke von jener Stelle entfernt. Die breite schnurgerade Chaussee, welche von Berlin ach dem nahen Tempelhof führt und das große Tempel hofer Feld mitten entzwei schneidet, war heute von Tausenden belebt, die ivie ein unabsehbarer Ameisen haufen durcheinandersurrten. Der östliche Teil des Feldes, der sich zwischen Berlin und Tempelhof bis nach Rixdorf erstreckt, war für die Truppen abgesperrt, und nur bei der "einsamen Pappel", die sich ganz allein-24 stehend wie ein Wahrzeichen emporreckt und in deren Nähe auch der Kaiser Aufstellung zu nehmen pflegt, hatten sich in dreifacher langgestreckter Linie die mit Passierscheinen versehenen Equipagen aufgereiht. Der westliche Teil des Feldes bis nach Schöneberg wahr nahezu verödet, und nur vereinzelte Nachzügler strebten noch von dorther der Straße zu. Auf dieser Straße selbst, in ihrer ganzen Aus dehnung, hatte sich eine zweite Wagenburg eingerichtet, die freilich jener ersten bei der Pappel durchaus unähnlich war. Diese bestand zumeist aus Geschäftswagen, die heute von ihren Besitzern, kleinen Schlächter- und Bäcker meistern oder sonstigen Handeltreibenden, zum Range von Equipagen erhoben wurden. Manche der Leute wollten freilich auch hier verdienen und benützten ihre Fuhrwerke als fliegende Tribünen, auf denen für geringes Entgelt Plätze vermieteten. In solcher Um gebung schienen die Droschken zweiter und gar erster Klasse, welche hier und da eingestreut waren, die Vor nehmheit und den Luxus darstellen zu wollen. Neben diesen Wagen und vor ihnen bis zu der von Gendarmen gebildeten Absperrungskette wimmelte e- von Menschen, die langsam aus und ab spazierten, standen oder sich auf den Rasen gelagert hatten. Da waren Bummler und Strolche, abgerissene Gestalten, wie sie die Militärkapellen auf ihren Märschen durch die Stadt zu begleiten pflegen, dann beschäftigungslose Arbeiter und Kauflente, pensionierte Beamte und Offi ziere, Studenten und endlich die Masse jener Leute, die sich einmal einen Tag frei gemacht hatten, um das glänzende Schauspiel der Frühjahrsparade zu sehen.25 Viele hatten ihre Damen: Bräute, Frauen, Töchter mit genommen, und die Hellen duftigen Kleider, die blmnen- geschmückten Hüte und bunten Sonnenschirme gaben dem Bilde Farbe und Reiz. Zwischendurch jagten kleine Knaben und Mädchen mit erhitzten, lachenden Gesichtern, schrien, haschten sich und trieben allerhand Kurzweil. Aber diese ganze riesige Menge, die sich hier frei willig stundenlang in der Sonne braten ließ, wünschte doch auch ihre leiblichen Bedürfnisse zu befriedigen. Und da gab es nun eine Schar halbwüchsiger Burschen, welche die Gelegenheit zum Verdienen begierig aufgriffen, in dem sie in dem nahen Brauereigarten einige Gläser Bier uiw belegte Brote kauften, die sie dann auf der Chaussee mit lautem Brüllen ausboten. Das Bier wurde zwar aus dem Wege durch die Hitze ein wenig warm und schal, fand aber trotzdem reißenden Absatz, und man zahlte sogar gern einige Pfennige über den gewöhnlichen Preis. Auf solche Art konnten die kleinen Industriellen im Laufe des Vormittags ihre geringe Barschaft wohl zwanzig- und dreißigmal umsetzen, und hatten sie zuletzt verdoppelt oder auch verdreifacht. Nicht viel anders, nur in vornehmeren Formen, vertrieb inan sich drüben im abgegrenzten Raume die Zeit. Dort sah man Herren und Damen zumeist nach der neuesten Mode gekleidet; zarteste Seide, duftiger Tüll und echte Spitzen wetteiferten miteinander um den Schönheitspreis. Lachend und plaudernd entnahm man den mitgebrachten Speisekörben allerhand Delikatessen, gebratene Hühner , Pasteten und Bäckereien, während man süßen Malaga oder duftigen Bordeaux dazu trank. Bekannte besuchten einander in den Equipagen und26 wurden ei geladen, am Mahl teilzunehmen; die Gläser klangen aneinander, man scherzte, flirtete und medisierte. Jetzt kam Bewegungen in die Massen. Adjutanten jagten über das Feld den Truppen, die, mehr als zwanzigtausend Mann, in zwei gewaltigen Treffen aus gestellt waren. Ein Rannen ging durch die Menge: "Der Kaiser kommt!" Man wußte nicht recht, wer es zuerst gesagt hatte, aber rasch packte man Teller und Gläser und Flaschen ein, stieg die Wagensitze, reckte die Hälse und suchte mit Operngläsern und Feldstechern. Inzwischen hatte der Monarch, während die Fahnen und Standarten an ihre Regimenter abgegeben ivurden, die Prinzen und Prinzessinnen begrüßt und an jeden der fremden Botschafter, Gesandten und Militärattaches einige freundliche Worte gerichtet. Nun sprengte er, von Hunderten von Offizieren gefolgt, in gestrecktem Galopp den Truppen, und indem er unter den Klängen des Präscntiermarsches die Fronten abritt, sagte er ach alter preußischer Sitte jeder Abteilung: "Guten Morgen, Grenadiere! Guten Morgen, Husaren! Guten Morgen, Ulanen!" und jede Abteilung antlvortete im Chor, daß es wie dumpfes Rollen über das Feld hallte: "Guten Morgen, Majestät!" Nachdem die Infanterie den Vorbeimarsch begonnen hatte, war. Kurt, dessen Regiment nicht vor einer Stunde an die Reihe kommen konnte, mit Erlaubnis seines Ritt meisters fortgeeilt, um seine Eltern aufznsuchen, welche auf eine Woche nach Berlin gekommen und nun auch zur Parade gefahren waren. Er ritt langsam die Egnipagenreihe ab, und als er seinen Vater von weitein27 sah, setzte er sein Pferd in Galopp und parierte es, stramm salutierend, erst dicht neben dem Wagen. Der alte Freiherr von Zangen var ein gutmütiger jovialer Herr. Die schnarrende etwas laute Stimme und der aufgedrehte Schnurrbart erinnerten noch immer an den ehemaligen Offizier. Nur die einstmals schlanke Taille hatte sich inzwischen zu einem behäbigen Bäuch lein ausgewachsen, und das Gesicht, das vom guten Essen und noch besseren Trinken gerötet war, schien eil: wenig schwammig und ctüfgedunsen. Trotzdem machte er mit seiner großen, breitschultrigen Figur noch einen recht guten Eindruck neben seiner Gattin, die in ihrer Jugend wohl einmal hübsch gewesen war, der man es aber nun deutlich ansah, daß sie seit vielen Jahren auf dem Lande lebte und ihre Interesse fast ausschließlich den Kühen und Schafen, der Milchwirtschaft und dem Ge flügelhofe widmete. Vor den beiden auf dem Rücksitz saß ein junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren. Lilli von Meer- heimb war das einzige Kind eines Gutsncichbarn des Herrn von Zangen. Sie war mit Kurt zusammen aus gewachsen, und da beide die künftigen Besitzer des väter lichen Grundbesitzes waren, so erschien es von Anfang an den Eltern natürlich und vorteilhaft, daß ein Paar ihnen würde. Lilli und Kurt wußten das auch recht gut und waren zufrieden damit, obgleich sie sich bisher noch nicht darüber ausgesprochen hatten. Sie gefielen einander, ohne gerade verliebt zu sein. Jeder kannte die Art, die Gewohnheiten, das Gehaben des andern ganz genau und glaubte daher vor Überraschungen sicher zu sein beide waren sie hübsch, gesund, stark, gewandt28 in jeder Art Sport imö Leibesübung sie hatten beide den gleich engen Horizont von Interessen Welt anschauungen. Beide Paßten also ganz ausgezeichnet zusammen, und sie sahen ihrer Bereinigung mit jener Ruhe entgegen, mit welcher man etwas unumstößlich Festes und Sicheres erivartet. "He! da bist du ja!" rief der alte Herr seinem Sohne mit lauter Stimme zu. Kurt aber erwiderte bolb scherzend: "Melde mich gehorsamst zur Stelle!" Dann ließ er den Arm herab sinken, beugte sich ein wenig seitwärts vom Pferd und schüttelte seiner Mutter und Lilli die Hand. "Nun, wie gefällt es dir in Berlin?" fragte er die letztere, und das intime "Du" erschien ihnen beiden nicht etwa als eine besondere Vertraulichkeit, sondern einfach als die natür liche und selbstverständliche Fortsetzung ihrer Kindheits gewohnheiten. "Danke, gut," antwortete Lilli, wobei sich ihre grau blauen Augen ein wenig belebten und ein liebens würdiges Lächeln über ihr feines zartes Gesichtchen glitt. "Wirklich sehr gut. Berlin ist so schon. Ich kann deinen Eltern gar nicht genug danken, daß sie mich mit genommen haben." "Papperlapapp! Hat sich was mit danken!" polterte Herr von Zangen und kniff Lilli freundschaftlich in den Arm. "Sie wissen doch, daß wir s gern tun, Sie kleiner Deibel Sie!" Die jungen Leute lachten amüsiert, Frau von Zangen jedoch seufzte kopfschüttelnd und sagte mit leisem Vor wurf: "Aber Heinz! Bedenke doch, daß wir in Berlin sind. Hier darf man doch nicht so "29 "Was denn? Was hast du denn wieder?" "Wenn das jemand Hort, wird man denken, daß wir schon ganz verbauert sind." "Ach was, Dummheit!" brummte Herr boit Zangen. Aber dann sah er seine Frau an und lenkte ein: "Das heißt . . . na ja, also gut; du hast ja recht." Die Unterhaltung stockte für eine kurze Zeit. Es war nicht gerade eine Verstimmung eingetreten, aber alle blickten jetzt hinaus auf das Feld. Die Musik tönte zu ihnen herüber, und in scharfem Takt marschierten die Linien vorbei. Wenn ein neues Regiment kam, nannte Kurt den Namen und Lilli nickte leicht mit dem Kopf. Dabei erinnerte man sich dieses oder jenes Bekanntem von dem man wußte, daß er dort drüben mit in der Front war, und im Anschluß daran plauderte man über hundert Kleinigkeiten und Nichtigkeiten aus der Ge sellschaft. Endlich mußte sich Kurt entfernen; es war schon hohe Zeit, und in gestrecktem Galopp ritt er zu seiner Truppe. Als die Kürassiere defilierten, versuchten Zangens, ihren Sohn zu finden, aber es gelang ihnen nicht. Nur Lilli behauptete, ihn zu erkennen, und deutete mit aus gestrecktem Arme: "Dort dort " Aber Frau von Zangen sah gar nicht mehr hin, sondern lächelte nur verständnisinnig und mit milder Nachsicht.Zweites Kapitel. Lotte Benisch, die nahezu eine halbe Stunde ge duldig an der Ecke der Kochstraße gewartet hatte, erschrak zuerst ein wenig, als sie Kurts Pferd sich bäumen und mit den Vorderhnfen die Luft schlagen sah. Wie sie aber merkte, daß Kurt das ungebärdige Tier spielend meisterte, wurde sie ruhig, und es iiberkanl sie sogar eine Art freudigen Stolzes. Er war fo schön und so stark ge wesen in diesem Augenblick; ohne es selbst zu wissen, hatte sie eine dunkle Empfindung, als ob sie, die doch ihm gehörte, nun gleichfalls schöner und stärker sei. Sie lächelte und sah ihm nach, bis auch das letzte Blitzen feines Panzers, in dessen Golde sich die Sonnenstrahlen fingen, in der Ferne verschwand. Dann öffnete sie ihren Schirm, dessen roter Stoff einen leichten, rosigen Schimmer über ihr Gesicht warf, und schritt die Friedrichstraße in entgegengesetzter Rich tung hinunter. Das Konfektionsgeschäft, in welchem sie -als Probiermamsell angestellt war, befand sich in der Nähe des Spittelmarktes, und weil sie ein wenig zu lange gezögert hatte, mußte sie sich nun beeilen. Noch vor einigen Wochen hätte sie sich nichts daraus gemacht, zu spät zu kommen, aber jetzt war ihr Chef nicht gut auf sie zu sprechen, und deshalb wollte sie keinen Anlaß zum Tadel bieten.31 Sie ging schnell, beinahe laufend. Das Helle Früh- jahrskleid, das ihre vollen Hüften prall nmspannte, schlenkerte infolge der hastigen Bewegung nach rechts und nach links, und die kleine Schleppe fegte die Straße. Ihr Atem wurde kürzer, und ihre Brust, die sich in einem niedrigen französischen Korsett frei entfalten durfte, hob und senkte sich rascher. Das linke Stirnlöckchen hatte sich gelöst als helle blonde Haarsträhne fiel es über die schtvarzen Brauen, welche in schönem Schwung un- merklich nachgezogen waren, hinab bis auf das Ohr. Aber diese kleine Unordnung machte das hübsche Gesicht mit den mandelförmigen braunen Augen womöglich noch pikanter. Lotte hatte den schlanken, schneidigen Kürassier leutnant wirklich gern. Es war nur ihr ewiger Ärger gewesen, daß er immer Zivil trug, wenn er mit ihr ging. Heute nun hatte er sie znm erstenmal in Uniform ge grüßt, wenn auch nur mit einem heimlichen Nicken, und da schien es ihr, als könne sie ihn jetzt noch weit besser leiden. Sie empfand etwas wie eine ernste Neigung für ihn und war bei sich selbst überzeugt, daß sie ihn sogar wahr und aufrichtig liebe. Natürlich war sie nicht etwa unberührt gewesen, als Kurt sie kennen lernte. Sie war damals bereits seit einigen Monaten bei Freund & Co., und Herr Moritz Blau, welcher die Compagnie darstellte und meist in Berlin blieb, während Herr Freund die auswärtige Kundschaft besuchte, hatte das junge siebzehnjährige Mädchen zu seiner Geliebten gemacht. Anfangs hatte sie sich zwar gesträubt. Der alte Herr Blau mit dein goldenen Zivicker unter der glänzenden, bedenklich hohen32 Stirn und mit der dicken Uhrkette, die auf dem schwammigen Bauch beständig zitterte, war durchaus keine verführerische Erscheinung. Aber dann hatte Lotte trotzdem nachgegeben, eigentlich nur aus Gleichgiiltigkeit und um doch endlich Ruhe zu haben. Allmählich hatte sie auch den Ekel überwunden, und zuletzt war sie sogar ganz zufrieden, daß sie schöne Kleider bekam und ein um zwanzig Mark höheres Monatsgehalt als ihre Kolleginnen. Aber alle die geheimen Wonnen des Liebeslebens wurde ihr doch erst jetzt durch ihr Verhältnis mit Kurt von Zangen offenbar, und wo sie früher nur mit Wider willen geduldet hatte, da gab sie sich nun mit dem ganzen Feuer einer verlangenden Sinnlichkeit. Dabei hatte sie anfangs ihre Beziehungen zu Herrn Blau noch nicht gelöst. Später erst machte sie ihm immer seltener Zu geständnisse und stellte dieselben schließlich ganz ein, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Kurt so reichlich für sie sorgte, daß sie zur Not auf ihre geschäftliche Stellung sogar verzichten konnte. Freilich wünschte sie, dies so lange als möglich zu vermeiden: der Verkehr mit den Käufern bot ihr eine ganz angenehme Zerstreuung und sie hätte sonst kaum gewußt, wie sie ihre Zeit ver bringen sollte: dann aber hielt sie sich in einem etwas verworrenen Sittlichkeitsgefühl für anständiger, wenn sie nicht nur Geliebte war, sondern auch noch arbeitete und mit ihrer Arbeit Geld verdiente. Hauptsächlich deshalb war sie noch einmal so fleißig und nahm sich doppelt zusammen, seitdem sie mit Herrn Blau gebrochen hatte. Sie wußte, daß er nur auf eine günstige Gelegenheit wartete, um sie mit einem Schein von Recht entlassen33 zu können, und sie wollte ihm dies wenigstens so schwer als möglich machen. Sie lief hastig, ohne seitwärts auf eine der vielen Auslagen zu schauen, wie es sonst ihre Gewohnheit war, und für die letzte kurze Strecke benützte sie sogar noch eine Tramway. So gelang es ihr zwar, noch gerade zurecht zu kommen, aber die übrigen Angestellten waren doch ein wenig früher da gewesen, und wie sie eintrat und ihre Sachen ablegte, musterte sie Herr Blau mit einem vorwurfsvoll tadelnden Blick und zog mit un verkennbarer Absichtlichkeit seine große goldene Uhr hervor. Lotte ärgerte sich. Sie blieb stehen, sah ihren Chef an, indem sie den Kopf über die Schulter zurückwendete und fragte: "Bin ich vielleicht zu spät gekommen?" "Nein," entgegnete Herr Blau, während es in seinen Augen feindlich aufglitzerte. "Habe ich Ihnen vielleicht etwas gesagt?" "Ich glaubte, weil Sie mir Ihre Uhr so herhalten," erwiderte Lotte. "Aber wenn ich mich geirrt habe, dann ist es ja gut." Damit drehte sie sich um und ging an ihre Arbeit. Am Nachmittag sie war eben von: Essen zurück- gekommen brachte ein Dienstmann einen Blumen strauß und einen Brief. "Nur abzugeben," sagte er und ging gleich wieder fort. Kurt bestellte sie für den Abend in das Chambre separee eines vornehmen Restaurants Unter den Linden, in welchem sie häufig zu speisen pflegten. "Ich erwarte Dich um acht," schrieb er. "Du inußt aber pünktlich sein, weil ich nur bis zehn Uhr Zeit habe." Tropenkoller. 234 Im ersten Augenblick freute sich Lotte. Dann aber las sie nochmals und runzelte die Stirn. Es befremdete sie, daß er nur so kurze Stunden mit ihr beisammen bleiben wollte, denn bisher war das nie geschehen; sie ging dann immer noch ihm in seine Wohnung. Auch der Ton des Briefes verstimmte sie, obgleich er freilich nicht anders war als gewöhnlich. Aber weshalb fragte er sie auch nie? . . . Immer nur: "Ich erwarte Dich" . . . Es klang fast wie ein Befehl, dem sie gehorchen mußte ... Er hätte doch fragen können, ob es ihr recht fei . . . Es war ihr ja recht, ganz- gewiß - aber er mußte das doch nicht stets als selbstverständlich voraus setzen. Eine Sekunde lang huschte es ihr durch den Kopf, daß sie nicht gehen würde; er mochte nur sehen, daß sie auch einen Willen hatte und nicht wie ein Hündchen war, das nach dem Pfiff seines Herrn läuft. Aber gleich nachher dachte sie an Herrn Blau. Wenn nun Kurt mit ihr böse wurde was dann? Ein leiser Schauder überlief sie, der all ihren Mißmut rasch zer streute und sie wieder milder stimmte. Schließlich war Kurt doch wirklich nett zu ihr, und sie hatte ihn lieb. Er meinte es wohl auch gar nicht so schlimm. Es war eben nur seine Art, ein wenig barsch und kurz an gebunden. Aber sonst nein, sie hatte warhaftig alle Ursache, zufrieden zu sein. Und sie würde auch heute abend kommen ganz natürlich würde sie kominen gar kein Zweifel. Sie begriff jetzt kaum noch, wie ihr solche Ideen hatten zufliegen können. Abends stahl sie sich einige Minuten vor Geschäfts- schluß fort. Sie machte es sehr vorsichtig, damit Herr- Blau nichts davon merkte, und als sie glücklich auf der35 Straße stand, lief sie eilig und zag sich noch im Gehen die Handschuhe an. Beinahe auf den Glockenschlag acht Uhr trat sie durch eine unauffällige Tür, welche sich in einer kleinen Seitenstraße befand, in den rückwärtigen Teil des Restaurants. Hier war ein schmaler Korridor, mit dicken Teppichen belegt, die jeden Schritt unhörbar inachten, und durch rosafarbene Glühlampen mit einem gedämpften Licht erfüllt. Der Kellner, welcher Lotte bereits kannte und devot begrüßte, führte sie einer der vielen numerierten Türen, welche rechts und links in den Gang einmündeten, und indein er dieselbe öffnete, sagte er: "Herr Baron sind soeben gekommen." Dann, entfernte er sich, indem er die Türe wieder von außen schloß. Kurt, der einen hellgrauen Sommeranzug trug, faß nachlässig zurückgelehnt in der Ecke eines bequemen, mit rotem Seidendamast überzogenen Sofas. Neben dein Tisch, der in geschmackvoller Weise gedeckt war, stand auf einem hohen schlanken Dreifuß in silbernem Eis kübel eine Flasche Champagner. Don den beiden ge schliffenen Krystallgläsern war eines bereits benützt und bis auf eine kleine Neige geleert. Aus den Wänden des Zimmers, die mit roten Sainttapeten bekleidet waren, ragten goldbronzene Armleuchter hervor, und jeder triig vier elektrische Birnen, so daß der kleine Raum, dessen Fenster hinter einer schweren Portiere fast völlig ver schwand, vom hellsten Lichte überflutet war. Als Lotte in der Tür erschien, winkte Kurt nur von seinem Platz aus mit der. Hand und rief: "Ah, da bist du ja! Beinahe pünktlich! Sehr brav!" Dann schenkte er sich gemächlich noch ein Glas voll, trank es 2 *36 halb aus und stand nun erst auf. Er trat auf Lotte zu, die ihre Sachen bereits abgelegt hatte, bog ihren Kopf zurück küßte sie. Aber er tat das mit einer solchen kühlen, ruhigen Gleichgültigkeit, daß er beinahe nur eine äußere Form zu erfüllen schien. Sobald jedoch sein Mund auf den vollen Lippen ruhte, durchströmte seine Glieder eine wohlige Wärme, und je länger die Be rührung währte, desto sinnlicher und gieriger wurden seine Küsse, die Lotte leidenschaftlich erwiderte. Zuletzt faßte er sie um die Taille zog sie zu sich auf das Sofa Es war bereits nach neun, als Kurt die kleine elektrische Klingel drückte, die den Kellner herbeirief. Während er einige Speisen auswählte und eine zweite Flasche Sekt befahl, stand Lotte vor dem Spiegel, welcher an -der den: Fenster gegenüberliegenden Wand hing. Ihr Gesicht war leicht gerötet, die Augen leuchteten fieberisch, und die halbgeöffneten Lippen waren spröde und trocken, wie von innerer Glut verdorrt. Das reiche blonde Haar stand ihr verwirrt uin den Kops und ein Teil der Frisur hatte sich befreit und fiel über ihre Schultern herab. Sie löste auch noch die letzten Spangen, und während sie mit hoch emporgehobenen Armen die entfesselten Wellen von neuem zu bändigen suchte, beugte sie sich müde und wie nach einer Stütze suchend so weit zurück, daß sich die schlanken Linien ihres Körpers wölbten und ihre Hülle zu sprengen drohten. In dieser Stellung, mit den zerzausten Haaren, den zuckenden Lippen und dem abgehetzten Ausdruck ihrer Züge glich einer ermatteten Bacchantin, die mitten in der größten Abspannung doch schon wieder lüstern ist nach neuen Wonnen.37 Sie trat an den Tisch, netzte ihr Taschentuch in dem Eisbehälter und kühlte sich Stirn und Schläfe. Dann ging sie zu Kurt, der lächelnd mit geschlossenen Augen im Sofa lehnte, fuhr ihm mit gespreizten Fingern über sein Haar und sagte halb bittend und halb ver langend: "Dn nimmst inich nachher zu dir, Kurt, nicht wahr?" Kurt regte sich nicht und antwortete nur leise, bei nahe noch träumend: "Heute nicht, Lotte. Heute ist es nicht möglich." Da ging Lottes Gesicht eine Veränderung vor: die eben noch ein wenig schlaffen Züge spannten sich, der Mund verzerrte sich wie im Krampf und die Augen funkelten wie Irrlichter in einer schwülen Gewitternacht. Gleichzeitig fragte sie mit einer Stimme, die ganz ver wandelt und rauh klang: "Warum denn nicht? Was hast du denn vor?" "Was kümmert denn dich das?" entgegnete Kurt, indem er sie verwundert ansah, fügte dann aber ruhig hinzu: "Übrigens, wenn du so neugierig bist meine Eltern sind auf ein Paar Tage hier zu Besuch." Nun besänftigte sich Lotte zwar ein wenig, denn ganz im geheimen hatte sie eine Nebenbuhlerin gefürchtet. Aber trotzdem mochte sie von ihrem Verlangen, das ihren Körper noch mehr als ihre Seele gefangen nahm, nicht lassen. Von neuem bat sie: "Mußt du denn gerade heute noch mit deinen Eltern sein?" Und dann schmeichelte sie sich an ihn an und flüsterte mit heißer Stimme: "Sieh mal, wenn wir zusammenbleiben, das ist doch viel schöner! Deine Eltern haben ja morgen auch noch Zeit!" .38 Aber Kurt, dem es nicht behagte, mit seiner Ge liebten noch länger über seine Familie zu sprechen, schob sie nervös zur Seite, und indem er sich kerzengerade anfsetzte, fuhr er sie barsch an: "Also das kümmert dich gar nichts! Verstehst du? Gar nichts kümmert dich das! Bitte, merke dir das gefälligst ein für allemal!" Er hatte das in demselben schnarrenden und brüsken Ton gesagt, mit dem er sonst auf dem Exerzierplatz die Rekruten andonnerte, und Lotte wich mit gesenktem Kopf und zusammengeduckt, als ob sie gezüchtigt worden wäre, in den äußersten Winkel des Zimmers zurück. Dort blieb sie stehen und blickte zu Boden, aber nicht etwa beleidigt, jonbern mit der Furcht und der Anhänglichkeit eines Sklaven vor seinem Herrn. Ab und zu schielte sie zu Kurt hinüber. Eine Minute schwiegen beide. Dann stand Kurt ans, ging zu Lotte und klopfte sie freundlich die Wange. Aber auch er tat dies nicht liebevoll und aus einem innigen Gefühl heraus, sondern genau in der Art, lvie man einen Hund, der Prügel bekommen und sich verkrochen hat, nach einer Weile streichelt zum Zeichen, daß nun alles wieder gut ist. Wenig später brachte der Kellner das Essen. Sie setzten sich zum Speisen, scherzten miteinander und hatten beide den kleinen Zwischenfall bald gänzlich vergessen. Als es dreiviertel zehn schlug, zahlte Kurt, und sie ginge . Auf der Straße, als Lotte schon in die Droschke erster Klasse stieg, fragte sie: "Wann seh ich dich wieder?"39 Und Kurt antwortete: "In den nächsten Tagen. Ich schreibe dir." Eine Sekunde blickte er och dem davonfahrendeu Wagen nach, und daun ging er die wenigen Straßen bis zum Kaiserhoß wo seine Eltern mit Lilli von Meer- heinib abgestiegeu waren.Drittes Kapitel. In der vorderen Stube der kleinen Portiers wohnung brannte noch die Lampe. Der alte Benisch, ein kleines verhutzeltes Männchen mit grauem Haar und grauem Schnurrbart, der von einer bräunlichen Schnupf tabakssauce befeuchtet war, hatte eben das Haus ge schlossen. Nun hing er den großen Schlüssel an die Wand und, während er seinem Sohne und dessen Freund, die an dem Tisch saßen und sich leise unterhielten, flüchtig zunickte, schlurfte er in das Nebenzimmer, wo sich sein kräftiges Schnarchen bald mit den pfeifenden Tönen seiner Ehehälfte vereinte. Vater Benisch war Schuster. Früher, vor vielen Jahren, als er noch keine grauen Haare gehabt hatte und als Lotte gerade zur Welt ge- kommen war, hatte er eine kleine Werkstatt besessen und zwei, mitunter sogar drei Gesellen beschäftigt. Aber dann waren die großen Fabriken entstanden und mit ihnen die ewig wechselnden Moden: bald sollten die Stiefel lang und spitz sein, bald kurz und breit, da gab es schwungvoll aufgesteppte Nähte und in allerhand Mustern durchlochte Kappen, einmal verlangte man niedrige englische Absätze, und nachher wieder hohe französische, und zu alledem wurden auch uoch die Preise durch die Leistungsfähigkeit der Maschinen immer 41 billiger. Damit konnte denn der iieiue Meister, der nnr auf seine zwei Hände und die seiner Gesellen angewiesen war, nicht mehr Schritt halten. Ein Kund^ nach dem andern wurde ihm untreu, und ganz langsam, ganz allmählich begriff auch er mit seinem einfachen, un geschulten Verstände, daß die Zeiten, da das Handwerk einen goldenen Boden hatte, unwiederbringlich dahin schwanden. Es ging oamals recht vielen so, und die ineisten erhoben ein furchtbares Geschrei, jammerten, wurden Revolutionäre oder doch mindestens Sozialdemokraten. Aber Vater Benisch war ein viel zu wohlerzogener Untertan, als daß er die erste Bürgerpflicht die "Ruhe" außer acht gelassen hätte. So fügte er sich denn fein still, ohne viel Wesens davon zu machen, gab seine Werkstatt auf, entließ die Gesellen, die er nicht mehr beschäftigen konnte, und nahm eine Stellung als Portier in einem schönen und eleganten Hanse am Halleschen Ufer an. Dort lebte er nun schon an die fünfzehn Jahre in zwei Zimmern und einer Küche, die allerdings neben der Einfahrt halb im Keller lagen, aber trotzdem freund lich und hell waren, weil der obere Teil der Fenster über das Straßenniveau emporragte. Die Hauseigen tümer hatten gewechselt, er war geblieben, und für das kleine monatliche Gehalt und die freie Wohnung reinigte er mit Hilfe seiner Frau pünktlich die Treppen, zündete das Gas an und löschte es wieder aus, fegte den Hof und kehrte im Winter den Schnee vom Fußsteig auf den Fahrdamm. Zwischendurch schusterte er noch immer fleißig42 drauf los. Da er keine neue Arbeit mehr bekam, so machte er Sohlen und Absätze oder ließ sich auch wohl herbei, wenn es verlangt wurde, auf eine brüchige Stelle einen Rüster aufzunähen. Seinen Niedergang hatte er längst verwunden nnb er pfiff ganz vergnügt vor sich hin, während er auf dem niedrigen Schemel neben dem Fenster über seine Schuhe gebeugt saß. Nur wenn es läutete, reckte er de gekrümmten Rücken empor, öffnete durch einen Druck auf den Gununiball, welcher ihm zur Seite herabhing, das Tor und beobachtete, wer eintrat. Das gehörte zu seinen hauptsächlichsten Obliegenheiten, denn das Haus hatte große herrschaftliche Wohnungen und blieb auch tagsüber geschlossen. In dieser Umgebung war Lotte ausgewachsen. Ihren Bruder hatte sie, da er um sechs Jahre älter war als sie und schon mit zwölf Jahren zu einem Schlosser in die Lehre kam, nur kurze Zeit in ihrer frühen Kindheit zum Spielkameraden gehabt. Später war sie hier und da mit Nachbarkindern zusammen und hatte auch wohl an den Böschungen des Kanals, welcher die andere Seite der Straße begrenzte, herumgeturnt. Aber die Mutter war immer in Sorge, sie möchte ins Wasser fallen, und so mußte sie oft und viel allein sein. Da saß sie nun halbe Tage lang auf einem kleinen Stühlchen vor dem Tor und spielte mit einer zer brochenen Puppe, die jedoch in ihrer Phantasie stets eine Prinzessin war und genau so schöne Kleider trug, lvie die feinen Damen, welche iin Hause wohnten und ihr im Vorbeigehen oft ein paar Pfennige für Näsche reien gaben. Einmal, als sie wieder ein Geschenk erhalten hatte.43 fnm gerade ihr Bruder ach Hause. Lottchen uickte ihm zu: "Tag, Otto!" Aber der nun schon vierzehnjährige starke Bursche mit den groben, schwieligen Fäusten stellte sich breit beinig vor sie hin und rief: "Du nimmst Jeschenke? Bist de denn Bettelkind? Wie kannst de den Je schenke nehmen, und noch dazu von so einer?!" Lottchen sah verwundert auf. "Von so einer?" fragte sie. "Das is doch ne feine Dame?" "Nu eben drum!" "Des versteh ich nich." "Kannst de auch noch nich verstehn! Dazu bist de och viel zu dumm! Aber ich sage dir, mit die reichen Leute darf unsereiner nischt zu tun haben!" Einen Augenblick schwieg Lottchen und besann sich. Dann lächelte sie leise und sagte naiv und halb ge heimnisvoll: "Aber Otto, ich will ja selber so ne reiche Dame werden." Da streckte ihr Bruder den Kopf vor, tippte mit dem Zeigefinger an seine Stirn und sagte langsam: "Bei dir pickt s da oben!" Und ohne sie noch weiter eines Wortes zu wiirdigen, drehte er sich um und ging fort. Das alles war nun lange her. Lotte war wirklich eine "reiche Dame" geworden, die elegante Kleider trug und den Armen auf der Straße Almosen schenkte. Aber Otto, welcher jetzt mit seinem Freund an dem Tisch unter der brennenden Hängelampe saß, tippte sich heute wie damals mit dem Finger an die Stirn und sagte ein dringlich: "Se hat ja n Sparren! Du kannst mir s44 jtauben, Fritz se hat ’n Sparren I Und du, du sollst se nich so jerne haben: du bist ville zu jut für die!" Fritz Schulze war als Schlosser in derselben Maschinenfabrik angestellt, in der auch Otto arbeitete. Die beiden jungen Leute waren sich zuerst in sozial demokratischen Versammlungen und Vereinen näher getreten, in denen sie den verschiedenen Reden und Vor trägen aufmerksam und lernbegierig folgten. Otto, aus dessen Ziigen eine nicht unbedeutende, mit Energie ge paarte Intelligenz sprach, beteiligte sich sogar mitunter an den Debatten, während Fritz, schüchtern und be scheiden, sich mehr zurückhielt. Aber beide schlossen sich immer enger aneinander an, bis sie zuletzt eine auf richtige Freundschaft verband. Fritz hatte Otto noch nichts erwidert. Er hatte seine Arme auf die Knie gestützt und blickte zu Boden. Eben hob er den Kopf, um zu antworten, als in raschem Trab eine Droschke heranrollte und mit einem kurzen Ruck vor dem Hause hielt. Nun horchte er auf und meinte beinahe flüsternd: "Das wird se vielleicht sein." Aber Otto entgegnete mit einem höhnischen Lachen: "Nee, du, das mußt de nich jlauben; so früh kommt die nich!" Inzwischen wurde draußen das Tor geöffnet und wieder geschlossen, rasche Schritte hallten durch den Flur, und wenige Augenblicke später trat Lotte ins Zimmer. Schulze warf Otto einen freudig triumphierenden Blick zu. Dann stand er auf, machte eine linkische Ver beugung und sagte mit einen: unnatürlichen, gezwungen klingenden Tonfall: "Guten Abend, Fräulein. Wie geht s Ihnen denn immer?" Weil nämlich Lottchen 45 sich die hochdeutsche Sprache angeeignet hatte, so strengte er sich in ihrer Gegenwart an, auch möglichst gebildet zu reden. "Danke, ganz gut," antwortete Lotte, ohne ihn sonderlich zu beachten, während sie Hut und Schirm ablegtc. Dann trat sie an den Tisch und setzte sich nieder. Einige Sekunden schwiegen alle drei. Fritz stand noch immer und hätte sich gar zu gerne unterhalten, aber er drückte und drückte, ohne etwas zu finden, bis er endlich fragte: "Wollen Sie denn nicht was essen, Fräulein?" "Nein, danke," erwiderte Lotte, die sich über seine Unbeholfenheit amüsierte. "Ich habe schon soupiert." Dies Wort "soupiert" wirkte jedoch auf Fritz wie ein betäubender Schlag. Vorher hatte ihn schon das zarte Parfüm befangen gemacht dieser Duft, der immer von Lotte ausströmte und den ganzen Raum erfüllte und der ihn geradeso benebelte und berauschte, wie vor Jahren die bläulichen Weihrauchwolken, als er einmal mit einem Freunde eine katholische Kirche besucht hatte. Nun kam noch dieses fremde Wort, dessen Sinn er wohl kannte, das er aber gewiß noch niemals aus gesprochen hatte. Und da erschien ihm plötzlich Lotte so ungeheuer fein, so unendlich vornehm, daß er jetzt völlig verwirrt wurde und sich gar nicht mehr zu helfen wußte. Er stotterte, zupfte an seinem Rock, hüstelte und räusperte sich. Und als er endlich einige Redensarten zusammenhanglos hervorgestoßen hatte, sagte er ganz unvermittelt Adieu und entfernte sich fluchtartig. Otto begleitete ihn hinaus, um ihm das Tor zu46 Äffneu; dabei brummte er vor sich hin und warf einen wütenden Blick auf feine Schwester. Als er zurückkam, hatte Lotte bereits die Taille ausgezogen und war im Begriff, ihr Haar in einen Zopf zu flechten. Wie sie dabei den Kopf nach vorne neigte, bauschte sich das Henid, so daß die volle, üppige Brust über den tiefen Ausschnitt zu quellen drohte, und aus den Achselhöhlen der halb gehobenen Arme lugten weiche, seidene Löckchen hervor. Die Geschwister sprachen nicht miteinander. Während Lotte sich weiter entkleidete und dann ihr Bett auf-, machte, das in der hinteren Ecke des Zimmers staiw, ging Otto erregten Schrittes auf und ab. Nur manchmal schielte er mit einem bösen Ausdruck zur Seite und endlich fragte er in grollendem Tone: "Ich möchte bloß wissen, warum de eijentlich den Schulze so niederträchtig behandelst!" "Ich?" meinte Lotte, indem sie sich verwundert umdrehte. "Ich?" höhnte Otto. "Fragst de noch lange? Natürlich du! Wer denn sonst! Tu auch noch un schuldig!" "Du irrst dich!" "Ich irr mich nich!" "Ich bin zu Herrn Schulze geradeso freundlich wie zu jedem andern." "Zu Herrn Schulze! Herrn! Herrn! Tu mir ’ Jefallen und brich dir mal bloß nich de Zunge! Schulze is keen Herr! Aber du bist nich freundlich zu ihm, sondern jemein I Verstehst de? Jemein und nieder-47 trächtig!" Otto Hatto sich immer mehr ereifert und in Zorn geredet und schlug nun bei den letzteir Worten mit der schweren Fanst so heftig den Tisch, daß die Gläser und Bierflaschen, die vom Nachtmahl stehen ge blieben waren, zitterten und klirrten. Sofort ging Lotte drohend ihn zn. Sie hatte ein Nachthemd mit weiten, offenen Ärmeln an, das lang herabfiel und nur die Füße frei ließ. Schon wollte sie heftig erwidern. Als sie aber von dem Teppich auf den kalten Boden trat und unwillkürlich zusammen- zuckte und hinunterblickte, sah sie die schlanken weißen Zehen, deren rosigen Nägeln man es anmerkte, daß sie allwöchentlich ebenso sorgsam gepflegt und behandelt wurden, wie die Finger. Dabei dachte sie nun an Kurt, der sie doch alle diese Feinheiten erst gelehrt hatte, und da kamen ihr plötzlich der Bruder und Schulze und die Eltern so ordinär und gewöhnlich vor, daß sie für alle diese Leute, von denen sie sich so himmelweit entfernt fühlte, eigentlich nur noch Mitleid empfand. Gleichzeitig verrauchte auch ihr Ärger, und mit einem Lächeln, das beinahe et vas Verächtliches hatte, sagte sie ruhig: "Willst du dich mit mir zanken?" Diese Gleichgültigkeit wirkte aber auf Otto erst recht aufreizend. Das Blut stieg ihm zu Kopf, die Ädern an seinen Schläfen traten hervor, und heiser, beinahe zischend rief er: "Nee, zanken will ich mich mit dir nich das bist du jar nich wert! Ich ärgere mich man bloß, daß n anständijer Mensch und Schulze is n anständijer Mensch, das kannst de mir jlauben! daß der so eine ferne hat und se womöglich heiraten möchte - so eine, wie du bist! Pfui Deibel! Verstehst de?"48 In Lottes Augen blitzte es nun doch auf, die Nasen- flügel bebten und ihre Lippen preßten sich zusammen; aber sie bezwang sich und zuckte nur nichtachtend mit den Schultern. "Darauf gebe ich dir überhaupt keine Antwort," sagte sie und drehte sich um. Dann ging sie zu ihrem Bett, nahm ein zweites Laken, Kopfkissen und Decke, die tagsüber dort ausbewahrt wurden, und warf alles hinüber auf einen großen Lederdivan: "Da nimm deine Sachen und geh schlafen. Ich will jetzt endlich Ruhe haben." "Nu ja, jewiß doch," entgegnete Otto hämisch. "Hast dich wahrscheinlich zu sehr angestrengt heute mit deinem Baron." "Du, jetzt hör aber aufl Ich rat s dir im guten!" erwiderte Lotte, und dabei zitterte ihre Stimme. "Fällt mir jar nich ein," sagte Otto, während er sein Lager bereitete. "Ich höre auf, wenn s inir paßt." "Na, dann werd ich dir eben einfach nicht mehr zuhören." "Des kann ich mir denken. De Wahrheit hörst du nie jerne." "Ach Gott, die Wahrheit! Was kannst du mir denn für Wahrheiten sagen! Gute Nacht!" Damit kroch sie ihr Bett, wendete sich zur Wand und zog die Decke über die Ohren. Aber Otto drehte sich um und rief so laut, daß sie es trotzdem hören mußte: "Was ich dir für Wahrheiten sagen kann? Daß du ein Mensch bist, ein jemeines! Verstehst de? Ein janz jemeines Mensch! Das kann ich dir sagen!" Lotte setzte sich mit einem Ruck in ihrem Bette auf.49 Ihr Gesicht war leichenblaß verzerrt, und die Wut, die sie jetzt schüttelte, streifte all den vornehmen Schein von ihr ab, den sie sich oberflächlich angeeignet hatte. "Du, wenn du noch ein Wort sagst, denn weeß ich nich, was Passiert " Dabei streckte sie ihr nacktes Bein auf den Boden, als ob sie bereit sei, sich auf ihn zu stürzen. Auch Otto stellte sich heraussordernd hin: "Was soll denn passieren? Na, sag doch! Was soll denn pas sieren?" "Dein Maul werd ich dir stopfen!" "Du mir? So n Mensch?" "Jawohl, ich dir! Du Kerl du!" "Was hast de jesagt?" "Kerl Hab ich jesagt!" "Du Mensch, infames!" brüllte Otto. "Du ivillsi auch noch frech werden? Hetzt Paß mal auf: jetzt gibt s Dresche!" und mit erhobener Faust stürzte er auf sie zu. Aber Lotte kreischte gellend vor Angst, und bevor noch der erste Schlag herabsausen konnte, war der alte Benisch, den das laute Gezänk aus dem Schlaf gelveckt hatte, hereingestürzt und seinem Sohn in den Arm ge fallen. In der Tür wurde auch die Mutter sichtbar, eine dicke, rundliche Frau, der das früh ergraute Haar in spärlichen Strähnen lm den Kopf hing und die mit einer- fetten, gemiitlich klingenden Stimme fragte: "Aber Kin der, seid ihr denn janz verrückt?" Niemand antwortete ihr. Otto wandte sich grollend ab und begann, sich auszuziehen. Lotte dagegen erzählte dem Vater, was geschehen war. "Er läßt mich nich in Tropc kvlll-r. 3 50 Ruhe," sagte sie zum Schluß. "Er soll mich uur Ruhe lasse , mehr verlange ich ja nicht." "Na also, was willst de denn eijentlich von ihr?" fragte der Alte, der offenbar noch immer nicht wußte, um was es sich eigentlich handelte. "Das is doch sehr einfach," entgegnete Otto. "Ich will, daß se n anständijes Mädel is und nich so eine, die sich an n ersten besteil Kerl wegwirft." "Das is kein Kerl!" warf Lotte dazwischen. "Jewiß is s einer!" trumpfte Otto auf. "Und wenn s zehnmal n Baron is, dadrum is s doch ir Kerl!" "Nanu, man ruhig Blut!. Bloß nich wieder an fangen!" legte sich Vater Benisch ins Mittel. Und zu seinem Sohne fuhr er fort: "Ja, und davor machst de nu solch Spektakel? n Radall, daß s ganze Hans auf n Kopf steht? Bist de denn schoil gar nich mehr jesund da oben? Was denkst de dir denn eijentlich? Wenn mir nu Wesen so ’n Klimbim, Wesen nächtliche Ruhestörung, die Stelle jeküudigt wird? Was is denn? Hm? Wirst du mich und Mllttern denn vielleicht erhalten?" "Dazu is ja Lotte da!" sagte Otto bissig. "Die hat ja Jeld jenug." "Kann se zufrieden sein, wenn se s hat," erwiderte der Alte. "Und du sollst nich immer in alles rein- guatschen. Was seht dich denn die Jeschichte an? Aber ich sag es ja immer: überall de Nase reinstecken; und das kommt inan bloß von de Politik, von de Sozial demokratie, in deine Versammlungen, da lernst de so tvas." "Aber Vater, laß doch das sein. Du immer mit dein Reden!"51 "Du jlaubst, ich versteh dcivou nischt. Will auch jar nischt davon verstehn. Aber jetzt wird jeschlafen, hörst Du? Deine Radau kannst Du wo anders machen, hier ich. Jetzt jehn wir schön in de Klappe, und denn is Schluß." Bei den letzten Worten schlurfte er schon hin aus und schob seine Frau, die noch immer in der Tür stand, vor sich her. Während er in das Bett kroch, brummte er, schon wieder halb im Schlaf: "Bloß de Sozialdemokratie is daran schuld, bloß de Sozialdemo kratie." Auch Otto hatte die Lampe gelöscht, und kurze Zeit später lag alles in tiefem Schlummer. ai **x Viertes Kapitel. Es war bereits Herbst geworden. Im Tiergarten und in den vielen mit Anlagen versehen Plätzen und Straßen waren Rasen und Wege dicht und hoch mit gelblich-braunen oder rötlich schillernden Blättern be deckt, die bei jedem Windstoß rauschend und raschelnd durcheinander wirbelten. Am Himmel hingen schwere graue Schneewolken, die sich wie ein schmutziges Nebel tuch so tief über die Stadt senkten, daß die Kirchtürme beinahe hineinzuragen schienen. Lotte Benisch lebte schon seit einigen Monaten nicht mehr bei ihren Eltern. Aus dem dämmerigen Keller, mit dem sich alle ihre Kindheitserinnerungen verknüpften und aus dessen Fenstern sie fast nichts sah, als die großen, schwer beladenen Elb- und Havelkähne, die langsam und müde den Kanal durchschwammen, war sie in die erste Etage eines Hauses in der Ritterstratze gezogen. Kurt hatte ihr dort, in der Nähe seiner Kaserne und ganz dicht bei seiner eigenen Wohnung, ein niedliches kleines Heim eingerichtet und es von Möbelhändlern und Tape zierern mit allem nur erdenklichen Luxus ausstatten lassen. Was dann noch fehlte, hatte Lotte gekauft, die jetzt, da sie natürlich nicht mehr in Stellung war, über genügend freie Zeit verfügte und der es ein ganz be sonderes Vergnügen bereitete, daß sie, die so viele Jahre53 andere hatte bedienen müssen, nun in all den feinen Geschäften selbst als vornehme Daine bedient wurde. Da bei empfand sie häufig einen eigenen, Prickelnden Reiz, die Verkäuferinnen durch wechselnde Launen und Wünsche bis aufs Blut zu peinigen und zu quälen, einzig nur, weil sie darin eine Art Wiedervergeltung oder ausgleichende Gerechtigkeit erblickte. Die Rechnungen gingen immer direkt an Herrn Leutnant von Zangen, unb Kurt zahlte. Er bezahlte Glas und Porzellan, Bilder und Nippes, Wäsche und Spitzen, Hüte und Kleider, und endlich die ganze Wohnungsein richtung. Nachdem er jedoch alles bezahlt hatte, fand sich eines schönen Morgens ein eleganter Herr in seiner Wohnung ein. Der Fremde machte eine tadellose Ver beugung, zog einige Wechesl mit Kurts Unterschrift aus der Tasche seines Gehrocks und bat höflich um Geld. Als er aber das Geld nicht erhielt, sagte er ebenso höflich, daß er wenigstens die Hälfte der geliehenen Summe haben inüsse. Den Rest der Schuld wolle er gegen angemessene Zinsen, die man ja auch dazuschreiben könne, prolon gieren. Und als Kurt damit einverstanden war, verbeugte er sich wieder tadellos und ging. Kurt hatte dann an seinen Vater geschrieben, und der alte Baron, der sich eigentlich schon gewundert hatte, daß sein Sohn noch immer keine Schulden machte, schickte das Geld. Es war zwar etwas mehr, als er erwartet hatte, und deshalb sandte er außerdem auch noch eine recht ernste Moralpredigt, aber Kurt war so froh über den glücklichen Ausgang, daß er sich bei den Ermah nungen nicht allzulange aufhielt und auch seinen Ver kehr mit dem eleganten Herrn nicht anfgab.54 Das war im Sommer gewesen. Nachher hatte der Dienst immer höhere Ansprüche gestellt, zwischen denen nur die Rennen einige Abwechse lung bildeten. Zuletzt waren die großen Korpsmanöver gekommen, und während Kurt im Felde stand, war Lotte auf vier Wochen nach Norderney gefahren. Sie hatte darauf nicht verzichten wollen, weil sie behauptete, sich in Berlin allein zu sehr zu langweilen, und Kurt, welcher hoffte, sie würde dort weniger Gelegenheit haben, ihm untreu zu werden, hatte schließlich zugestimmt. Nun war gestern das Regiment wieder eingerückt. Kurt hatte gleich den ersten Abend bei Lotte An gebracht, die schon am Tage vorher aus dem Seebad zu rückgekehrt war. Matt und übernächtig war er erst am frühen Morgen in seine Wohnung gegangen, und nach kaum zwei Stunden Schlaf hatte er hinüber müssen in die Kaserne. Es war der letzte Dienst vor denl vierzehntägigen Urlaub, der ihm schon bewilligt war, aber in seiner heutigen Verfassung fand er alles einfach ekelhaft. Er hatte Unteroffiziere und Gemeine heruntergehunzt und schritt nun gähnend und den ganzen Rummel verwün schend über die Straße; einen Soldaten, der ihn nicht ganz vorschriftsmäßig grüßte, hätte er am liebsten ge- ohrfeigt, und er blieb schon stehen, um ihn weiügstens anzubrüllen, aber dann war ihm auch das zuwider, und er ging weiter. Seine Wohnung lag im ersten Stock. Dein Burschen hatte er einige Besorgungen anfgetragen, und so schloß er sich allein auf und legte im Korridor Mütze und Pallasch ab. Als er aber nun ins Zimmer trat, sah erplötzlich mitten unter dem Kronleuchter wieder jenen ele ganten Herrn mit dem feinen Gehrock und der höflichen, tadellosen Verbeugung. Eine Sekunde blieb Kurt bewegungslos. Er war heute wahrhaftig nicht in der Stimmung, gerade mit diesem Menschen zu verhandeln, darum maß er seinen Besuch vom Kopf bis zu den Füßen und fragte dann halb brüsk, halb wegwerfend: "Wie sind sie denn hier hereingekommen?" Der Fremde, ein schlanker, hochgewachsener Mann von etwa vierzig Jahren, mit in der Mitte gescheiteltem Haar und aufgedrehtem Schnurrbart, überhörte absicht lich das Beleidigende dieser Frage. In vollstem Gleich- mut legte er den Zylinder, den er noch in der Hand hielt, aus ein kleines Taburett, gerade als ob man ihn aufgefordert hätte, es sich bequem zu machen, und sagte: "Ihr Diener gestattete mir, auf Sie warten, Herr Baron." "Kamel, verfluchtes!" platzte Kurt heraus, besann sich aber sofort und fügte hinzu: "Pardon! Ich meine natürlich nicht Sie, sondern meinen Burschen." "Bitte sehr, Herr Baron, ich habe daran gar nicht gezweifelt. Besonders, da Sie schon wiederholt so liebeils würdig waren, mich zu sich zu bitten." Der Herr hatte in durchaus weltmännischer Manier gesprochen und nur das letzte "bitten" ein wenig im Ton hervorgehoben, gleichsam unterstrichen. So geringfügig jedoch und beinahe unmerklich auch diese Nuance war, Kurt war sie trotzdem nicht entgangen. Er zuckte zusammen unter diesem kleinen Stich, sah seinem Gegner fest in die Augen und sagte gedehnt:56 "Heute habe ich Sie aber nicht gebeten! Darf ich Sie fragen, Herr Seelig, was mir " er zögerte einen Mo ment und vollendete dann erst: " das Vergnügen Ihres Besuches verschafft?" "Gewiß: wenn Herr Baron sich wirklich nicht er innern," antwortete Seelig, der nach und nach immer gemessener und schärfer wurde. "Übrigens glanbe ich sehr gerne," fuhr er mit einem spitzen, aber doch halb scherzhaften Lächeln fort, "daß mein Erscheinen Ihnen rein Vergnügen bereitet; denn Schulden machen ist natür lich immer angenehmer als Schulden bezahlen." "Tun Sie mir den einzigen Gefallen und philo sophieren Sie nicht!" unterbrach Kurt nervös. "Ich bin zu solchen Witzen wahrhaftig nicht aufgelegt!" "Ich auch nicht, Herr Baron!" "Und also? " "Also erlaube ich mir, Ihnen hier einige Wechsel zu präsentieren." Bei diesen Worte holte er aus der Brusttafche seines Gehrocks ein Kuvert heraus. Aber bevor er.es noch geöffnet hatte, rief Kurt: "Lassen Sie s drin! Lassen Sie s doch drin! Machen Sie s kurz und sagen Sie mir einfach, wieviel ich Ihnen wieder daznschreiben muß." Herr Seelig ließ sich indes nicht im geringsten aus seiner Ruhe bringen und sagte mit dem liebenswürdigsten und freundlichsten Tonfall: "Pardon, Herr Baron, aber diesmal kann ich nicht prolongieren." Kurt fuhr empor: "Was soll das heißen?" "Ich bitte, sich nicht aufzuregen, Herr Baron. Sie wissen recht gut, daß ich für gewöhnlich immer nur auf einen Monat Geld leihe."57 "Aber machen Sie doch Leine Dummheiten!" "Gewiß nicht., Übrigens habe ich ja auch gerade Ihnen, Herr Baron, schon vier- oder fünfmal prolon giert." "Na, das haben Sie doch nicht etwa umsonst getan!" "Das hätten Herr Baron ja gar nicht angenommen." "Aber nun? Was jetzt? Was wollen Sie jetzt? Geld? Geld Hab ich Leins!" Rede und Gegenrede waren rasch und schnell ein ander gefolgt. Dabei war Kurt immer mehr in Er regung geraten, während Seelig auch nicht einen Augen- blick seine kühle Berechnung verloren hatte. Eisig kalt sagte er jetzt: "Herr Baron werden das Geld aber haben müssen." Und das klang höflich und korrekt wie immer, trotzdem er das letzte Wort in beinahe drohender Weise hervorgehoben hatte. "Und wenn ich es doch nicht habe?" brauste Kurt auf. "Dann werden Herr Baron es eben schaffen." "So? Glauben Sie? Ich versichere Ihnen aber: es geht nicht." Herrn Seeligs Temperatur sank noch um einige Grade. Er nahm seinen Hut und zuckte die Achseln. "Ja. wenn es wirklich so ist, dann tut es mir um Sie leid, Herr Baron. Ich werde dann zu meinem größten Be dauern gezwungen sein, mich an den Herrn Regiments- kommandeur zu wenden." Jetzt Prallte Kurt einen Schritt zurück. "Das wollen Sie tun?" fragte er mit heiserer Stimme. "Es wird mir nichts anderes übrig bleiben," ent- gegnete Seelig mit hochgezogenen Brauen. Tiefes Schiveigen folgte diesen Worten.Zuerst schien es, als wollte sich Kurt auf s-inen Peiniger stürzen. Das Blut drang ihm jäh zu Her und Kopf. Wilde Gedanken jagten durch sein Hirn. Wenn ich diesen Menschen packte! . . . wenn ich ihn tötete! . . . mit meinen Finger erwürgte! . . . Aber dieser Paroxysmus dauerte nicht lange; all- mählich schwanden die roten und schwarzen Punkte, die ihm vor den Augen hernmtanzten, die Starrheit seines Blickes löste sich, die übergroße Anspannung wich einem Gefühl der Mattigkeit und Schlaffheit, und endlich ließ er sich kraftlos in einen Sessel fallen. Herr Seelig hatte die ganze Zeit anfgerichtet regungs los gewartet. Er hatte kein Auge von den: jungen Manne abgewandt, der da mit keuchender Brust und krampfhaft zusammengepreßten Fäusten vor ihm stand. Mit teuf lischer Menschenkenntnis hatte er jeden Gedanken und jede geheimste Regung von dem verzerrten Gesichte ab gelesen. Nun endlich, wie er Kürt in den Stuhl gleiten sah, atmete er ans, denn jetzt fühlte er sich als Sieger. Mit zufriedenem Lächeln betrachtete er den Offizier, der mit weit anfgerissenen Augen ins Leere starrte. Aber er ließ ihm noch Zeit, sich sammeln, und sagte dann erst mit einein milden, beinahe väterlichen Tonfall: "Herr Baron müssen nicht gar so verzweifelt sein. Es ist ja nicht so schlimm. Ich bin überzeugt, daß die Angelegen heit vollkonimen glatt geordnet wird." Beim ersten Wort war Kurt znsammengeznckt. Dann hob er den Kopf mit einem Blick, in welchem Furcht und Hoffnung mit dein Abscheu vor diesem Menschen kämpf ten, und fragte durch die Zähne: "Wieviel ist es denn eigentlich?""Nur fünfzigtausend Mark cutfjcguetc Seelig mit einer ivegwerfenden Handbewegnng. "Fünfzig . . .?!" rief Kurt erschrocken. Und Seelig vollendete: " tausend ja, fünfzig tausend. Eine Bagatelle für Ihren Herrn Vater. Das Rittergut ist schuldenfrei, gänzlich unbelastet." "Das wissen Sie auch schon?" ineinte Kurt ver ächtlich. "Ja, natürlich. Verzeihen schon, Herr Baron," lächelte Seelig, "aber Sie können sich doch denken, daß man solche große Geschäfte nicht macht, ohne sich vorher zu erkundigen. Was also Ihre Schuld betrifft, so be- kommt Ihr Herr Vater das Gut das Doppelte und Dreifache geliehen . . ., gar keine Frage. Übrigens bin ich gern erbötig, das zu vermitteln. Hypothekengelder schaffe ich sehr billig . . ., ein, nein, wahrhaftig, sehr billig, zu ganz regulären Zinsen." "Geben Sie sich keine Mühe, mein Papa wird Sie nicht brauchen." Sofort lenkte Seelig wieder ein: "Um so besser, Herr Baron, um so besser. Ich wollte nur für alle Fälle meine Bereitwilligkeit zeigen; aber wenn es nicht nötig ist, wie gesagt, um so besser. Und mit den Wechseln märte ich natürlich ein paar Tage, bis Sie Ihren Brief Antwort haben." "Ich fahre selbst nach Hause." "Ach, das trifft sich ja famos! Herr Baron haben Urlaub?" "Wird ein verdeibelt vergnügter tlrlaub werden," murmelte Kurt halblaut vor sich hin. Indessen Seelig hatte es doch verstanden, und in-60 dem ec vertraulich ganz nahe herantrat, sagte er beinahe kameradschaftlich: "Aber Herr Baron, wer wird denn so verzagt sein! Ich weiß ja, wie das geht: den ersten Tag ... na ja, da gibt s allerdings einen großen Krach, aber das dauert nicht lange, und nachher ist wieder alles gut. Nur der erste Ansturm, der ist die Hauptsache. Da muß inan die Augen zudrücken und forsch hineinreiten, wie bei einer Attacke, immer ftlaine carrifere! Na, Hab ich nicht recht, Herr Baron?" "Vollkommen recht," erwiderte Kurt trocken, wäh rend er gleichzeitig in gewohnter militärischer Haltung aufstand. Und mit einer drohenden Ironie fuhr er fort: "Es ist schade um Sie! Wenn Sie nicht Geldvermittler wären, hätten Sie Kavallerieoberst werden können!" Herr Seelig lachte ein wenig gezwungen. "Herr Baron belieben zu scherzen." Da aber in Kurts Zügen alles andere eher als Lustigkeit zu finden war, so fügte er rasch hinzu: "Also wie gesagt: ich warte mit den Wechseln einige Tage, bis Herr Baron die Güte haben werden, mich zu benachrichtigen. Inzwischen empfehle ich mich bestens. Wünsche Herrn Baron noch eine recht gute Erholung und Weidmannsheil, da Herr Baron doch wahrscheinlich auch jagen werden." Eine Sekunde blieb er noch stehen, als er jedoch keine Antwort erhielt, machte er rasch seine tadellos korrekte Verbeugung und ging. Kaum hatte sich die Türe hinter ihm geschlossen, so schüttelte sich Kurt, wie vor körperlichem Ekel. Und solch Gezücht darf man nicht zertreten! dachte er. Solchen Kerl darf man nicht die Treppe hinunterwerfen, daß er sich neunundneunzigmal das Genick bricht! Mit so was muß man noch reden und höflich sein! Pfui Teufel! (51 Er ging heftigen Schrittes in dem Zimmer auf und ab, don der Tiir zum Schreibtisch lind voni Sofa zum Fenster, immer hiir und her, Wohl eine Stunde lang. Manchmal blieb er für kurze Augenblicke stehen, schaute hinab auf die Straße, trommelte ein paar Marschtakte an die Scheiben und fetzte nachher feine Wanderung fort. Zuletzt schnallte er wieder seinen Palasch um, nahm Mütze lind Handschuhe und eilte hinunter. Ursprünglich hatte er Lotte versprochen, nüt ihr zu speisen. Nun aber war er gerade für diese Gesellschaft so wenig aufgelegt, daß er ihr lieber nur kurz Adieu sagen und dann bis zu seiner Abreise allein bleiben wollte. Er schleuderte, inißniutig pfeifend, die kurze Strecke bis zu ihrem Hause. Schoil in dem Vorzimmer kanl ihm Lotte entgegen. Mit ihrer Wohnung hatte auch sie selbst sich völlig ver ändert. Wie sie dem Keller mit seiner ärmlichen Einrichtung in die luxuriös ausgestatteten Räume über gesiedelt war, so hatte sie auch von ihrer Person jene erheuchelte Eleganz verbailnt, welche mit billigen Stosfeil und ordinärein Flitterkram so gerne wirklichen Reichtum Vortäuschen möchte; nur eine gewisse unfeine Vorliebe für auffallende Formen und lebhafte Farben war ihr noch geblieben. Jetzt trug sie einen nach japanischer Weise sackartig geschnittenen Schlafrock aus schwarzer Seide, welcher um die Taille von einer breiten rotseide nen Schärpe zusammengehalten wurde, deren Endeil hinten lang herabfielen. Die Ärmel, welche beinahe bis an die Knie reichten und unten in eine rote Quaste aus liefen, öffneten sich bereits an den Schultern und ließen so die Arme frei, deren zarte, durch eineil leichten Puder-62 schleier noch weißer schimmernde Haut sich von deni glänzenden Schwarz wirkungsvoll abhob. Am Hals war ein kleiner spitzer Ansschnitt über Brust und Rücken. Zur Begrüßung hielt Lotte Kurt ihren Nacken ent gegen. Er pflegte sie dort zu küssen, und ein winziges kreisrundes Fleckchen leuchtete rötlich durch den feinen blonden Haarflaum. Aber heute berührte Kurt die Stelle nur flüchtig mit den Lippen, so wie man gewohnheitsmäßig etwas tut, ohne überhaupt daran zu denken. Er bemerkte auch nicht den verwunderten Blick, mit dein sich Lotte aus ihrer ein wenig gebückten Stellung wieder ausrichtete, sondern begann sofort: "Du entschuldigst, liebes Kind, aber ich kann mich nicht aufhalten; ich wollte dir nur Lebewohl sagen." Dabei trat er, ohne abzulegen, ins Zimmer. "Du fährst doch erst nachmittags," entgegnete Lotte, während sie ihm folgte. "Bleibst du denn nicht zum Speisen?" "Nein, ich kann nicht," antvortete Kurt. Er legte die Mütze auf den Tisch, warf sich in einen breiten Lehn stuhl und streckte die Beine gerade ans. "Ich habe keine Zeit. Das heißt richtig gesagt ich ich habe auch keine Lust." "Ist dir irgend etwas passiert, Kurt?" fragte Lotte besorgt, indem sie sich ihm zur Seite auf ein niedriges Taburett setzte. "Ich habe Ärger gehabt. Wozu soll man darüber reden, es nützt ja doch nichts." "Arger?" fragte Lotte wieder. "Habe ich dir etwas getan? Bin ich schuld?"Kurt machte eine ungeduldige Bewegung. "Aber das sage ich ja nicht. Davon ist ja gar keine Rede." Je doch, als ob ihm durch Lottes Frage erst dieser neue Gedanke zugefiihrt worden wäre, meinte er nach einer Weile murmelnd halb für sich: "Freilich, wenn du ein bißchen sparsamer gewesen wärst, da wäre manches anders." "Wenn ich sparsamer ?" erwiderte Lotte, die allmählich merkte, um was es sich handelte. "Hast du denn kein Geld?" "Geld soll ich auch noch haben!" lachte Kurt höh nisch auf. "Schulden Hab ich! Niederträchtige Schulden!" "Ach so !" flüsterte Lotte gedehnt; dabei wurde ihr Gesicht ernst, und ihre Augen bekainen einen trüben Ausdruck. Sie war schon lange nicht mehr das einfältige Ding, das dem stattlichen Leutnant dankbar gewesen war, weil er sie von dem widerlichen Moritz Blan befreit hatte. Sie wußte recht gut, daß sie mit ihrer Liebe auch Kurt nur ein Zeitvertr ib war, den er einfach fortwerfen würde, wenn es ihm gerade behagte. Und hatte für sich ihre Schlußfolgerungen daraus gezogen; bei aller Lebensfreudigkeit, Lustigkeit und Gutmütigkeit war sie doch in ihrem Innern vernünftig, ja, sogar ein wenig berechnend geworden, wenn sie das auch sorgfältig ver barg und es niemals merken ließ. Nun stand sie auf und fragte vorwurfsvoll: "Und für diese deine Schulden machst du mich verantwortlich?" "Na, wenigstens teilweise," brummte Kurt niit einem bissigen Seitenblick durch die Zähne. "Daß du ein geradezu blödsinniges Geld brauchst, das ist doch mal sicher, darüber ist doch gar nichts zu reden."(34 Sötte nagte an der Unterlippe und betrachtete for schend ihren Geliebten. 2tber nur eine Sekunde, dann drehte sie sich um, und während sie an einigen Nippes- gegenständen herumrückte, sagte sie scheinbar gleichgültig: "Das hast du ja gewußt, lieber Freund. Und übrigens, wenn du bloß eine kleine bürgerliche Liebschaft haben wolltest, da hättest du inich nicht aus dem Geschäft nehmen dürfen. Aber ich ich habe doch schließlich nur deine eigenen Wünsche erfüllt." "Ich mache dir ja auch keine Vorwürfe," seufzte Kurt. Er stand auf und trat näher zu Lotte heran. "Nur in einer verdanrint ekligen Laune bin ich, das wirst du doch begreiflich finden." "Ist es viel?" fragte Lotte. "Gerade genug." "Und was wird werden?" "Herrgott, bezahlt wird s! Da ist doch gar kein Zweifel! Natürlich wird s gezahlt! Aber die Geschichte vorher, wenn man da so den verlorenen Sohn spielt, das ist das Scheußliche!" Es war das erstemal, das Kurt mit Lotte über seine Privaten Angelegenheiten sprach. Bisher hatte er sie immer nur als seine Maitresse be handelt, die einzig dazu da war, um ihn zu unterhalten. Aber die augenblickliche Sorge verwischte auch diese Grenze. Freilich, schon in der nächsten Sekunde schien ihm die Empfindung zu kommen, daß er sich etwas ver geben habe, und stramm aufgereckt, gleichsam als volle er damit das Gespräch kurz abschneiden, sagte er: "Na, das hilft nun nichts, die Suppe muß ausgesressen werden!" Lotte ließ sich jedoch von dieser Zuversicht nicht 65 rauschen. Sie hatte das bestimmte Gefühl, daß ihre Epi sode mit Kurt dem Ende nahe war, und so blickte sie bereits darauf zurück wie auf etwas liebes Gestorbenes. Als er dann wenig später ging, bot sie ihm fast nur noch aus Mitleid ihren Nacken, und während er sie küßte, spielte sie schon mit einem Brief, der unter ihren Fingern in der Tasche leise knisterte. Kaum war er fort, so zog sie das Billett hervor, in welchem Kurts Rittmeister, Graf Revenclow, sie zum Souper einlud. Sie dachte nach und las sinnend wieder und wieder die wenigen Zeilen. Am Morgen hatte sie noch die feste Absicht gehabt, die Einladung auszuschlagen; ja, sie wollte sogar den Rittmeister ein wenig schelten und hatte die Rolle der treuest Geliebten schon im Geiste durch gespielt. Aber nun . . .? Nun lag die Sache doch eigent lich ganz anders. Durfte sie jetzt auch noch . . .? Der Graf war ein schöner Mann. Zudem war er sehr reich, während Kurt , nein, von dein konnte sie Wohl nicht mehr viel erwarten. War es da klug, dem Grafen "nein" zu sagen ? Und nach kurzem Zögern, während dessen sie noch einmal niit flüchtiger Wehnmt an Kurt zurückdachte, gab sie sich selbst die Antwort, daß sie den neuen Freund nicht abweisen dürfe, daß das dumm und leichtsinnig wäre und daß jedenfalls sie in ihrer Lage nicht das Recht hätte, dumm und leichtsinnig zu sein. Tiope.ikollu. 4Fünftes Kapitel. Am Abend dieses selben Tages, ungefähr um die gleiche Zeit, zu welcher Latte und der Graf ihre Chain- pagnerkelche aneinander stießen, stieg Kurt in der kleinen ponnuerschen Station, die noch etwa eine Stunde von dein Gute entfernt lag, aus dem Eisenbahnzug. Er hatte während der ganzen Fahrt stumm dagesessen, in eine Ecke des Coupäs gedrückt, und sich Wahl hundertmal in Gedanken Vorgesprächen, wie er seinem Vater die Sache beibringen würde. Nun, da er auf den Perron trat, über den der kühle Nachtwind dahinfegte, daß es in den Telegraphendrähten klagend summte und surrte, iiber- fiel ihn plötzlich die Furcht, der alte Herr machte ihm bis hierher entgegen gekommen sein. Nur flüchtig er- widerte er den ehrerbietigen Gruß des diensthabenden Beamten und atmete erst erleichtert auf, als er sah, daß der Wagen, welcher ihn erwartete, leer war. Die beideil stattlichen Braunen, die vor der kleinen Kalesche beinahe zu groß erschienen, waren keine vor- nehmeu, edlen Pferde, sondern kräftige, starke Tiere, ge wöhnt, auch schwere Lasten sartzubewegen, wenn es ge legentlich einmal not tat. Das leichte Gefährt zogen sie spielend in schlankem Trab über die breite, ebene Chaussee, die sich in schivachen Krümmungen zwischen Wiesen, Fel dern und hohen Taunenwalduugen hindurchwand. Tiefe Stille herrschte, nur unterbrochen von dem Knarren derRäder und dem dröhnenden Hufschlag der Rosse, und mitunter flog zur Seite eine Dohle erschreckt empor und verschwand als ein schwarzer Fleck in den Weißen Nebeln, die, vom Wind zerrissen, in länglichen Fetzen über dem Boden schwebten. Kurt schlug fröstelnd den Kragen seines Mantels in die Höhe, zog die Mütze tief ins Gesicht und vergrub die Hände in den Taschen. Alle seine Gedanken bewegten sich im Kreise nur immer um den einen einzigen Punkt, und während er der Entscheidung entgegenfuhr, hätte er sich am liebsten immer weiter von ihr entfernt. Endlich klainmerte er sich an die Hoffnung, daß er ja die Nacht noch vor sich habe, denn heute würde er selbstverständlich nicht mehr davon anfangeu. Vielleicht dachte er sind die Eltern überhaupt schon zu Bett gegangen. Und wie er nun von dem geheimen Wnnsch erfüllt wurde, heute niemanden mehr sehen zu müssen, konnte er die Ungewißheit nicht ertragen und fragte, nach dem Bock ge wendet: "Johann, ist mein Papa noch auf?" "Zu Befehl, Herr Leutnant!" antwortete der Kut scher, ohne sich mnzusehen. Er war schon seit undenklichen Zeiten im Dienste der Familie Zangen und hatte Kurt als Knaben oft genug in seinen Armen getragen oder auf seinen Schultern reiten lassen. "Zu Befehl, Herr Leutnant! Der Herr Baron und auch die Frau Baronin erwarten den Herrn Leutnant." Gar zil gern hätte er auch noch erzählt, wie die gnädige Frau den ganzen Tag im Hause und in den Wirtschaftsgebäuden herumgearbeitet und Anordnungen getroffen hatte, damit es ihrem Sohne nur ja an nichts fehlte und er bestimmt auch alle seine Lieb lingsgerichte vorgesetzt erhielte. Aber da Kurt schwieg,68 so wagte es der alte Mann trotz seiner langjährigen Ver trauensstellung nicht, ungesragt weiter zu sprechen; übri gens durfte er sich auch nicht umwenden, weil er auf die Pferde achten mußte, die in der stockfinsteren, sterneu- losen Nacht einen festen Zügel und straffe Führung brauchten. So ging denn die Fahrt schweigend weiter. Kurt versank wieder in fein starres Brüten und merkte kaum etwas von seiner Umgebung, bis endlich in der Ferne kleine matte Lichtpunkte auftauchten und seine Aufmerk samkeit erregten. Da lag es nun vor ihm, das alte Schloß, dessen massige Formen in der Dunkelheit völlig unsichtbar aufgingen, so daß die wenigen erleuchteten Fenster als winzige Sterne im Nebel zu schweben schie nen. Aber mit diesen Lichtern, die allmählich wuchsen und immer größer wurden, bis zuletzt die Umrisse der Ge bäude grau und verschwommen aus den Schatten hervor tauchten, gewannen in Kurts Phantasie auch die kommen den Tage Gestalt und Leben, stachelten die Furcht und Verzagtheit seines Herzens noch mehr empor und er füllten ihn mit einer quälenden, flackernden Unruhe. Als das Gefährt über das Pflaster des Vorhofes donnerte und gleichzeitig unter dem Torbogen der alte Baron sichtbar wurde, mußte Kurt alle seine Energie zusammennehmen, um harmlos und lustng zu erscheinen. Noch bevor die Pferde zum Stehen gebracht waren, sprang er säbelrasselnd mit einem einzigen Satz aus dem Wagen und ergriff und schüttelte die Hand seines Vaters, die dieser ihm entgegenstreckte. "Na, da bist du ja, Junge!" rief Herr von Zangen. "Wie geht s dir denn?"69 "Danke, Papa, immer famos I" "Das ist die Hauptsache! Und die Reise gut über standen?" "Brillant!" "So ist s recht! Nu laß uns aber reingehn, sonst kriegen ivir bei dem Matschwetter hier draußen noch neu Schnupfen. Mutter wartet drin hinter ner großen Bowle. Ist dir doch nicht unangenehm, Junge?" "Im Gegenteil. Aus was ist denn?" "Wer? Die Mutter?" "Nein, die Bowle." "Aus Ananas!" "Donnerwetter!" "Fein, was? Jetzt gießen wir noch ne Pulle Sekt rein, und dann " "Dann kann man die Chose trinken." Der Baron hatte Kurt, der seine Sachen einem Diener übergeben hatte, untergefaßt, und Arm in Arm gingen beide in das Haus, durchschritten die Vorhalle, die mit Hirsch- und Rehgeweihen, Dachs- und Fuchs sellen und allerhand sonstigen Jagdtrophäen geschmückt war, und öffneten eine der vielen Türen, welche in diesen saalartigen Raum mündeten. Das Speisezimmer, das sie nun betraten, war bedeutend kleiner, aber behaglich und mit reichein Luxus ausgestattet. Jedoch merkte man es all den Einrichtungsstücken an, daß sie seit vielen Gene rationen zusammengetragen waren, und gerade dies ver lieh dem Ganzen eine gediegene Vornehmheit, welche elegannt wirkte, ohiie aufdringlich zu sein. "Sv, Mutter, da hast du dein Küken!" rief Herr von Zangen seiner Frau zu, die ihnen schon an der Tür70 eutgegengekommen war und nun Kurt in ihre Arme schloß. "Aber uni Gottes willen nur nicht gerührt sein, nur keine Tränen, sonst wird die Bowle dünn!" "Aber Heinz, sei doch nicht wieder so gefühllos!" sagte die Baronin, während sie ihren Sohn unterfaßte und sich von ihm zu Tisch geleiten ließ. "Du tust ja überhaupt bloß so, ¦ du meinst es ganz anders." Dagegen protestierte jedoch der alte Herr energisch. "Ich habe jetzt bloß ein einziges Gefühl," behauptete er, "und das heißt Hunger. Kriegen wir bald was zu Pre- peln?" Die drei hatten sich inzwischen zu Tisch gesetzt. Herr von Zangen entkorkte eigenhändig eine Flasche Cham pagner, goß sie in die große gläserne Terrine, welche, in zerkleinertes Eis eingegrabeu, in einem bauchigen silbernen Behälter stand, und probierte zum letzten Male mit Kennermiene vorsichtig und langsam, ob die Mischung auch gut sei. Indessen gab seine Frau dem Diener noch einige Anweisungen, zerschnitt den Rehrücken, der rings von einer doppelten Reihe Kastanien umgeben war, und füllte ihrem Mann und ihrem Sohn die Teller. In dieser Zeit hatte die Unterhaltung gestockt. Kurt, der sich selbst überlassen war, saß init gerunzelter Stirn, zusammengesunken, an das Rückenpolster seines Stuhles gelehnt, und trommelte mit den Fingern der rechten Hand nervös auf den Tisch. Er erwachte erst aus seinen Gedanken, als er den Teller mit Essen vor sich sah, und als der Vater ihm zugleich ein volles Glas hinsetzte, ergriff er es und leerte es in hastigen Zügen bis auf die Neige.71 Zangens liebten es, gemütlich beisammen zu sitzen, ohne fortwährend von den neugierigen Augen und Ohren, der Dienstboten geniert und belästigt zu werden, und des halb hatten sie es eingeführt, daß der Diener, nachdem er die Speisen aufgetragen hatte, sofort das Zimmer wieder verließ. Auch heute war daran nichts geändert worden. Aber trotzdem es ziemlich lebhaft herging, wollte die rechte Stimmung doch nicht anfkommen. Kurt aß wenig, trank dafür um so mehr, und mit jedem Glase wurde seine Lustigkeit, die etwas Sprunghaftes und Ge- zwungenes hatte, lauter und krampfhafter. Die Mutter dagegen, welcher sehr bald das unruhige Flackern seiner Augen ausgefallen war und die ihn aufmerksam be trachtete, wurde von Minute zu Minute ernster und schweigsamer. Und so war denn der Baron bald der einzige, welcher dem saftigen Wildbraten zusprach und dazwischen mit Behagen seinen Wein schlürfte. Aber auch er merkte zuletzt, das; seine Frau überhaupt uichts mehr redete und das; Kurts Wesen eine Erregtheit zeigte, die ihm sonst fremd war und die sich jedenfalls durch die Freude über sein Hiersein nicht erklären ließ. Und als er nun ebenfalls darüber stutzig wurde, und als auch Kurt, da seine Worte keinen Widerhall mehr fanden, schwieg und den Wein stumm hinuntergoß, da entstand für kurze Augenblicke eine Totenstille, die jeden d eser drei Menschen wie ein Alp bedrückte und der sich doch keiner entziehen konnte. Eben wollte Kurt sich von neuem einschenken. Mer da hielt der Baron seine Hand fest und sagte ruhig, in dem er ihm fest in die Augen sah: "Ich glaube, du hast genug, mein Sohn."72 "Ich habe niemals, genug, Papa!" scherzte Kurt wollte seinen Arm freimochen. Der Baron ließ jedoch nicht los. "Mag sein, mein Junge. Aber jedenfalls bitte ich dich, heute nicht mehr zu trinken." Kurt wurde rot im Gesicht, und überreizt lachend, nrit etwas schnarrender Stimme, sagte er: "Na, hörst du, Papa, du bist aber komisch. Du gönnst es mir wohl nicht? Weißt du, das finde ich gar nicht nobel!" Er hatte indessen kaum geendet, als der Baron mit der Faust auf den Tisch schlug und grollend herborstieß: "Donnerwetter, Junge, in was für nem Ton redest du denn eigentlich mit mir! Bist du besoffen oder bist du verrückt geworden?! " Frau von Zangen sah erschrocken von einem zum andern und machte ihrem Manne bittende Gebärden, während Kurt, dem der Wein schon stark zu Kopf ge stiegen war, nun halb und halb ernüchtert einige ver worrene Entschuldigungen stammelte. Sein Vater unterbrach ihn aber kurz: "Das laß man gut sein. Die Redensarten haben gar keinen Zweck. Laß uns lieber mal vernünftig sprechen, was mit dir los ist: denn irgendwo stimmt s doch nicht." Inzwischen war Kurt wieder völlig zur Besinnung gekommen, und es klang bedrückt und niedergeschlagen, wie er, ohne aufznblicken, stockend bat: "Ach Gott, Papa, wozu denn heute? Morgen ist doch auch noch Zeit. Solche unangenehmen Geschichten können wir doch viel besser mor gen abmachen." Der alte Herr antwortete nicht sofort. Statt dessen zog er verständnisinnig die Augenbrauen in die Höbe,73 pfiff einige Reitersignale und brummte dann für sich in den Bart: "Aus dem Loch guckst du!" Zuletzt legte er seinem Sohn die Hand auf die Schulter, wobei aber sein Gesicht schon einen gutmütigen Ausdruck bekam, und es klang eigentlich ganz versöhnlich, wie er fragte: "Nun denn, mein Junge, du hast also wieder Schulden, nicht wahr?" Kurt seufzte nur tief auf und nickte, während Frau von Zangen unwillkürlich unter dem Tisch die Hände faltete, wie zum Gebet. Der Baron nahm aber die Sache offenbar gar nicht so tragisch, denn er sagte jetzt anfmnnternd und beinahe lustig: "Na na, Junge, du schneidest ja n Gesicht, wie der Pfarrer beim Begräbnis. Vorläufig sind wir noch nicht tot, und den Kopf wird s doch hoffentlich nicht kosten." Und als Kurt noch immer beharrlich schwieg, rüttelte er ihn freundschaftlich. "Na, also nn mal raus mit der Sprache! Nur Mut! ne Million wird s doch nicht fein!" "Nein, Papa, ne Million ist es allerdings nicht," entgegnete Kurt leise, "aber immerhin sehr viel." Und dann zögernd: "Es sind fünfzigtansend Mark." Bei Nennung dieser Summe preßte Frau von Zan gen ihre Hände fester zusammen. Ihr Mann aber, der erschrocken zurückgefahren war, fragte mit blutunter laufenem Gesicht: "Ist das dein Ernst, Junge?" Und wie Kurt nickte, sagte er: "Na, ich danke!" und stand dabei so heftig auf, daß sein Stuhl beinahe umgeflogen wäre. Mit langen, dröhnenden Schritten ging er in dem74 Saale auf und ab. Einmal blieb er kurz stehen. "Natür lich Spielschulden?" "Nein, Papa, gespielt habe ich nicht, wenigstens nicht hoch." "Also Frauenzimmer! Natürlich, Frauenzimmer! Die Weiber hat der liebe Gott in seinem Zorn er schaffen!" Dabei blickte er mit einer komischen Wut auf seine Frau, als ob auch sie mitschuldig wäre, und stapfte dann weiter. Aber Herr von Zangen war keine Natur, die sich lange mit unnützen Betrachtungen abgab. Nasch auf brausend, beruhigte er sich auch ebenso schnell, und daun gewann bald sein praktischer Sinn und seine energische Tatkraft die Oberhand. Auch jetzt sah er den Dingen gerade und frei ins Gesicht und hatte nach kurzer Zeit seinen Entschluß gefaßt. Und nun, sobald er mit sich im reinen war, unterbrach er seinen Rundgang, pflanzte sich, die Hände in den Hosentaschen, dicht vor Kurt auf und fragte seiner gewöhnlichen Manier, ohne alle Er regung: "Nun sage mal, mein Junge, was soll jetzt wer- den? Was denkst du dir so eigentlich?" Kurt schwieg. Der alte Herr aber, nachdem er noch eine Weile gewartet hatte, fuhr fort: "Du denkst dir gar nichts. Na, das wundert mich weiter nicht, mir ist es in ähnlicher Lage nicht besser gegangen. Jetzt erlaubst du mir aber wohl, mein Junge, daß ich dir mal ne Ge schichte erzähle. Paß recht gut auf. Also, wie ich so ein junger Mensch war, wie du, da habe ich eines schönen Tages auch so vor Meinem Vater gesessen. Ich hatte ebenfalls Schulden, und als mich mein Vater fragte.75 was werden soll, da schnitt ich genau solch dämliches Gesicht, wie dn s jetzt machst. Aber mein Herr Papa er sparte mir das Antworten; er befahl mir kurz und bün dig, die Uniform auszuziehen und in die Zivilklnft rein zusteigen. Ich gehorchte, weil mir nichts anderes übrig blieb, wurde Landwirt und bin dabei ganz zufrieden und glücklich geworden. Du hast mich doch verstanden, mein Sohn? Genau so wirst du es auch machen. Morgen früh wirst du deinen Abschied einreichen, ich bezahle deine Schulden, und damit ist die ganze Geschichte erledigt." Er atmete tief aus. "So! - Und nun wollen wir schlafen gehen. Gute Nacht, mein Junge!" Bei diesen Worten streckte er ernst, aber doch herzlich seinem Sohn die Hand entgegen. Dieser jedoch griff nicht danach. Schon während sein Vater gesprochen hatte, war er anfgestanden und hatte ihn starr und bleich angesehen. Jetzt sagte er mit bebenden Lippen: "Pardon, Papa, aber für mich ist die Sache noch nicht erledigt; so einfach geht das doch nicht." "Hast du noch mehr Schulden?" unterbrach Herr von Zangen. "Nein, Papa, das nicht. Aber den Rock da " Er stockte und rang nach Atem. "Na, was denn ?" "Ehe ich den Rock ansziehe Die Aufregung würgte ihn, daß ihm die Sprache versagte. Aber end lich brach es aus tiefstem Innern fast schreiend hervor: "Ehe ich den Rock ansziehe, schieße ich mir ne Kugel vor den Kopf! Wahrhaftigen Gott, lieber schieße ich nur ne Kugel vor den Kopf!" Frau von Zangen war anfgesprnngen. "Aber Kurt!"76 rief sie, und dann eilte sie ihm, der keuchend dastand, und indeni sie seine Hände, die sich feucht und kalt an- sühlten, streichelte und drückte, bat sie flehend: "Aber Kurt, wie kannst du denn nur so was sagen! Der bloße Gedanke ist doch schon gräßlich! Das ist ja auch gar nicht dein Ernst. Dazu hast du doch deine Mutter viel zu lieb. Das kann ja gar nicht dein Ernst sein." Da bei suchte sie angstvoll in den Zügen ihres Sohnes zu lesen, der ihre Worte nicht zu hören, ihre Liebkosungen nicht zu fühlen schien, sondern fest und entschlossen nur Auge in Auge mit seinem Vater verharrte. Auch der blickte forschend aus den jungen Offizier, in welchem er bisher immer nur sein Kind gesehen hatte und der ihm nun zum ersten Male als Mann entgegen trat. Die wilde Leidenschaftlichkeit, welche durchaus den Stempel der Energie und nicht etwa nur einer unbesonne nen Aufwallung trug, nötigte ihm, so falsch und un gerechtfertigt er sie auch fand, einen gewissen Respekt auf, und gleichzeitig fühlte er, daß er seinem Sohne von heute an nicht mehr bloß der gebietende Vater, sondern mehr noch der treue und aufrichtige Freund und Berater fein mußte. "Mein Sohn," sagte er, und seine Stimme zitterte ein wenig vor innerer Bewegung, deren er aber sofort Herr wurde, "du hast da etwas gesagt, das du dir doch vielleicht nicht ganz klar überlegt hast." "Oh doch, Papa." "Nun gut. Da du meinen Rat schroff ablehnst und darauf bestehst, Soldat zu bleiben, so wirst du mir aber auch sagen müssen, ioie du das bewerkstelligen willst. Ich werde deinen Wünschen gern entgegenkommen, wenn 77 ich eilte Möglichkeit sehe. Vorläufig weiß ich allerdings nicht, wie. Um deine Schulden zu bezahlen, muß ich unser Gut belasten, das weißt du. Mein Einkommen wird also geringer, und ich werde eine ganze Reihe von Jahren sehr sparsam sein müssen, um die Scharte wieder auszuwetzen. Daß du unter solchen Umständen auf eine fernere Zulage von mir nicht rechnen kannst, das wird dir ja klar sein, und ohne das geht s doch nun mal nicht." "Ja ja, Papa, das sehe ich ja alles ein," erwiderte Kurt, indem er sich von seiner Mutter losmachte. "Aber du mußt doch auch mich begreifen. Ich bin nun einmal mit Leib und Seele Soldat, und ich bin ein tüchtiger Soldat, das kann ich ohne Ueberhebung behaupten, meine Vorgesetzten sind mit mir zufrieden, ich weiß, daß ich meinen Weg machen würde. Und nun, weil ich mal leicht sinnig gewesen bin, nun soll das alles vorbei sein, die ganze Karriere futsch wegen solcher Dummheit? Ich mag nicht Landwirt sein, ich kann keinen Kohl bauen, ich kann s nicht!" "Man kann, was man muß, niein Sohn." "Aber mit ß es denn sein? Es muß nicht. Siehst du, Papa, wie ich hierher gefahren bin, da sind mir schon so allerlei wirre Ideen gekommen, aber jetzt, jetzt bin ich mir vollkommen klar darüber, jetzt weiß ich genau, wo ich was leisten könnte." "Und wo wäre das?" "In der Schutztruppe." "Aber Kurt!" rief Frau Zangen und schlug die Hände zusammen. "Mein Gott, erst will er sich das Leben nehmen und nun nach Afrika! Denk doch auch ein bißchen an mich, Kind! Dein Bruder ist bei der78 Marine, und nun willst du auch noch fort! L oll ich denn ganz allein bleiben?" Und der alte Herr fügte hinzu: "Ja, Junge, für deine Mutter wär s hart, übrigens fiir mich auch, für mich auch." Kurt jedoch wollte davon nichts hören. "Na ja, wenn ihr es so nehmt!" sagte er. "Aber eigentlich ist doch gar nichts dabei. Wenn nun hier Krieg ausbricht was dann? Ta kann ich genau so totgeschossen werden, nicht wahr? Dafür bin ich eben Soldat. Und schließlich ist der Soldat doch für den Krieg da und nicht für den Frieden. Hier kann einer alt und grau werden, ohne Blut gesehen zu haben, aber in Afrika, da gibt es noch was zu tun für uns. Und dann, wie schnell man dort avanciert, da wird man Major, bevor man hier zum Hauptmann gebracht hätte. Na, Hab ich nicht recht? Ist es nicht so?" Der Baron nickte nur traurig mit dem Kopfe. "Du hast wohl recht gewiß gewiß . Und doch ist s schwer, sehr schwer, mein Sohn." "Laß mich fort!" bat Kurt. "Bitte, Papa, laß mich fort!" "Hast du s denn so eilig?" lächelte Herr von Zangen. "Zuerst müßtest du doch um deine Versetzung einkommen." "Oh, die erhalt ich schon." "Nun, gut. Du bist ja Feuer und Flamme. Aber das kann man doch auch noch morgen machen, nicht wahr?" "Und du bist einverstanden?" rief Kurt. "Ich werde es mir überlegen. Wir wollen beide79 überlegen, Junge. Wenn du dann morgen noch immer darauf bestehst "Dann willigst du ein?" "Dann können wir ja darüber reden." Herr von Zangen gab seinem Sohne die Hand, drückte und schüttelte sie, als gälte es heute schon, Ab schied zu nehmen, und verließ dann schnellen, festen Schrit tes das Zimmer. Seine Frau blieb weinend zurück. Als Kurt zu ihr ging, streichelte sie ihn. Und dann saßen sie noch bis in die späte Nacht beisammen.Sechstes Kapitel. Schon wenige Wochen später schiffte sich Kurt in Bre merhaven ein. Der alte Baron, dessen ehemalige Kaineraden sich zum Teil bereits in hohen militärischen Stellungen be fanden, hatte diese Verbindungen benützt, damit seinem Sohn unter den vielen Offizieren, die sich für den Dienst in den Kolonien gemeldet hatten, der Vorzug gegeben würde. Zufälligerweise war in Ost-Afrika gerade ein junger Leutnant im Kampfe mit den Eingeborenen ge fallen, so daß eine Stelle frei war, und so wurde denn Kurt aus dem aktiven Armeeverband entlassen und in die ostafrikanische Schutztruppe mit dem Standorte Dar-es- Salaam eingereiht. Vor seiner Abreise war er noch einmal nach Berlin zurückgekehrt, um sich von seinen Vorgesetzten und den -Offizieren des Regiments zu verabschieden. Lotte Benisch hatte er aber nicht mehr aufgesucht. Er war mit allen Gedanken schon so völlig in Afrika, daß ihm diese Gast- mäler und Abmeldungen und Besuche nur als ebensoviele lästige Verpflichtungen erschienen, und am wenigsten fühlte er Verlangen, eine Person nochmals zu sehen, die ihm doch immer nur Mittel zum Zweck gewesen war, die ihn unterhalten und die er bezahlt hatte, reichlich bezahlt so reichlich, daß er nun dafür aus der Heimat fort und in die Ferne mußte.81 Aber eigentlich war er ihr doch dankbar. Wozu so n Frauenzimmer nicht alles gut ist! dachte er bei sich. Wenn die mich nicht so teufelsmäßig ausgezogen hätte, da wäre ich ein sunpler Garnisousleutnant ge blieben und hätte bei dem verfluchten europäischen Frieden vielleicht bis an mein Lebensende nichts anderes kennen gelernt, als Rekruten, Paraden und Manöver. Und er war froh, daß er hinaus konnte, er war glücklich, daß er nicht mehr nur zwecklos herumreiten oder nach der Scheibe schießen mußte, sondern endlich einmal mit scharfer Klinge dreinhauen und feinen Revolver auf wirkliche Feinde richten durfte. Das diese Feinde bloß Schwarze waren, das tat ihm allerdings leid; er hatte eine dunkle Vorstellung, als ob diese armen Wilden gar nicht so rechte Menschen wären, sondern mehr eine Art höherer Tiere, etwa wie Löwen oder Tiger oder ähnliche Bestien, auf die man nur einfach Jagd zu machen brauchte. Da aber seiner Meinung nach das Vaterland diese Jagd verlangte, so sollte es wohl mit ihm zufrieden sein, er würde die Kanail- len schon zur Strecke bringen, er war ja nicht umsonst ein guter Schütze . .. Ursprünglich hatte er die Absicht gehabt, über Genua zu fahren und dort erst das Schiff zu besteigen. Aber in Berlin hatte man ihm gesagt, daß der evangelische Missionsleiter von Dar-es-Salaam von einem längeren Gesundheitsurlanb, den er in der Heimat verbracht hatte, gerade jetzt auf seinen Posten zurückkehren sollte, und man hatte ihm uahegelegt, sich jenem würdigen geist lichen Herrn anzuschließen. Das war nun zwar nicht ganz nach Kurts Geschmack, indessen da ein solcher von Tropenkoller. 582 oben ausgesprochener Wunsch einem Befehle gleichkommt, so mußte er sich fügen. Der Pastor Schnitzer war jedoch ein Friese bou einer jener kleinen wellenumspülten sandigen Inseln, welche gleich einem Kranz die Nordsee küste Deutschlands umspannen; er liebte das Meer, dessen Brausen ihn schon als kleines Kind in den Schlaf gelullt hatte, und er wäre gerne immer auf dem Wasser ge wesen. Deshalb zog er es auch vor, die ganze Fahrt zu Schiff um Spanien und Gibraltar herum zu machen, und Kurt mußte wohl oder übel seinen Reiseplan ändern. Vater und Mutter hatten ihn nach Bremen be gleitet. Von den Gutsnachbarn hatte er sich zu Hause verabschiedet, und besonders Lilli von Meerheimb war ihm dabei zum ersten Male noch herzlicher entgcgeu- gekommen, als gewöhnlich. Zuerst, als ihr Kurts Plan zu Ohren gekommen war, hatte sie allerdings nicht recht gewußt, wie sie sich dazu stellen sollte. Aber der alte Herr von Meerheimb war ein moderner Mensch, der als junger Leutnant durch einige Jahre bei ver schiedenen Gesandtschaften attachiert und einmal sogar bis nach Fez gekommen war. Noch jetzt erzählte er gern von jener Reise und von der fabelhaften Pracht und Schönheit des Orients. Natürlich war er auch ein begeisterter Anhänger der Kolonisationsbestrebungen des Reiches, und von Kurt erwartete er, daß er sich dort Ehren erringen würde, die ihm in Deutschland niemals zuteil geworden wären. So war ihni denn Kurt, bei dem er eine glänzende Karriere voraussah, jetzt mehr denn je als Schwiegersohn willkommen, und Lilli als folgsame Tochter gehorchte ihren Eltern in diesem Falle88 um so lieber, da sie ja den Jugendgespielen, den sie nun schon seit Jahren als ihren künftigen Gatten be trachtet hatte, auch wirlich gerne leiden mochte. Auf den Rat ihrer Mutter hatte sie ihm sogar zuletzt in aller Hast und Heimlichkeit plötzlich einen Kutz gegeben, so daß Kurt im ersten Augenblick ein wenig verblüfft war, dann aber doch gleich die Sache ganz natürlich fand und den Kuß erwiderte. Zu einer weiteren Aussprache hatten sie keine Zeit gefunden. Aber das war ,ja auch nicht nötig, denn da sie sich von jeher als miteinander verlobt angesehen hatten, so war auch mit dieser Um armung eigentlich nichts Neues in ihr Leben getreten, nichts, womit sie sich in Gedanken nicht schon oft be schäftigt hatten und das doch mit allem Beiwerk von Verlobung, Hochzeit und künftigem Leben so feste Formen besaß, daß darüber wirklich nicht viel zu reden war. Nun lag dies alles weit zurück; nicht räumlich, denn Bremen ist von Pommern - ja gar nicht so weit entfernt, Wohl aber im Empfinden Kurts, der mit seiner Phantasie schon ganz in Afrika war. Er trug bereits die neue Uniform und freute sich, wenn Leute, denen die fremdartige Kleidung noch ein seltenerer Anblick war, sich anstießen und ihm nachschanten, und es machte ihn stolz, wenn er im Vorbeigehen die Worte hörte: "Der ist von der Schutztruppe! Der will nach Afrika in unsere Kolonien!" Er hatte dabei ein Gefühl, als zöge er ins Feld, in einen Krieg, fern von der Heimat, mit wilden, barbarischen Völkerschaften. Der Abschied von den Eltern: vom Vater, der ihm gefaßt die Hand drückte und einen männlichen Kuß84 ßcif , und von der weinenden Mutter, die ihn immer wieder und wieder umarmte und ihn gar nicht loslassen wollte dann das Getöse der Abfahrt: das Heulen der Dampfpfeife, das Schreien, Rufen und Komman dieren, endlich das Zittern des Riesenschiffes, als sich die Schrauben sin Bewegung setzten, dieses ganze Brausen, von hundert wirr durcheinander geworfenen Geräuschen war wie ein fernes leises Summen, beinahe traumhaft an ihm vorbeigetlungen. Auch während der .ersten Tage hatten ihn die vielen neuen Eindrücke noch in Bann gehalten und ihn kaum zur Besinnung konnnen lassen. Da wurden zuerst die Leuchttürme und Feuerschiffe passiert, und während der Dainpfer sich leise senkend und vieder hebend das leicht gekräuselte Wasser durch- schnitt, war in der Ferne das Land gleich einem bläulich sich lösenden Nebelstreif chm Horizont versunken. Dann waren die Kreidefelsen von Dover, die wie mit Eis bedeckt in der Sonne glitzerten, aus dem Wasser empor gewachsen lind wieder verschwunden. In Southampton mit seinem Wald von Masten war Post und Ladung eingenommen worden, und endlich war man an den Scilly Islands und Neadles, jenen spitz und pyramiden artig aus der Brandung hervorlugenden Felsenriffen, vorbei hinaus in den Ozean gefahren. Und zu dein allen kam noch das ungewohnte Leben auf einem Uebersee- dampfer. Das Hantieren der Matrosen und Steuerleute, die Wache auf der Briicke, der Ausguck im Mastkorb, das Wechseln von Flaggensignalen mit den Leucht türmen, das Messen der Schnelligkeit des Schiffes ver mittels der Logleine, dies und noch vieles andere erregte immer von neuem das Interesse, zerrte es bald hierhinbald dorthin und machte ein ruhiges und überlegtes Denken unmöglich. Erst als nichts mehr zu sehen war wie Himmel und Wasser, erst als die tiefe Einsamkeit der ewig gleichmäßig kommenden und gehenden Wogen das Schiff umgab, fand Kurt Zeit, sich auch mit der übrigen Reisegesell schaft zu beschäftigen. Es waren nicht viele Passagiere an Bord: einige deutsche und englische Kaufleute aus China und Australien, ein Konsul mit seiner Frau aus Singapore, ein kleiner Japaner, der ein paar Jahre auf Kosten seiner Regierung in Europa studiert hatte und nun in sein Jnsclreich zurückkehrte, ein amerika nisches Ehepaar, das zum Vergnügen Indien besuchen wollte, und endlich ein deutscher Graf Halten, welcher Löwen und Elefanten zu jagen wünschte und dessen Reiseziel vorläufig ebenfalls Deutsch-Ostafrika war. Der hatte sich denn gar bald mit Pastor Schnitzer zusammen gefunden, und jetzt schloß sich auch Kurt allmählich diesen beiden an. Sie hatten bei den Mahlzeiten ihre Plätze an dein gleichen Tische und verbrachten auch den größten Teil des übrigen Tages zusammen. Mitunter, aber doch selten, spielten sie im Rauchsalon eine Partie Skat; gewöhnlich saßen oder gingen sie plaudernd auf dem Promenadendeck, und da Graf Halten ebenso wie Kurt noch niemals die Tropen kennen gelernt hatte, so war es iiur natürlich, daß Pastor Schnitzer, der seit vielen Jahren in den Kolonien lebte, nahezu allein die Kosten der Unterhaltung trug. Der Pastor war ein untersetzter, breitschulteriger Mann, den man wegen seiner kraftvollen Figur weitS(j eher für eineu körperlichen Arbeiter, etwa für einen Landwirt gehalten hätte. Und tatsächlich wäre auch eine derartige Vermutung nicht allzuweit fehlgegangen, denn die Missionsanstalt, welche er leitete, war von ausgedehnten Aeckern, Wiesen und Gärten umgeben, und die schwarzen Schüler wurden dort nicht nur in: Worte Gottes unterrichtet, sondern auch zu tüchtigen Plan- tagenacbeitern herangebildet. Wenn der alte Herr, dessen sonnverbranntes, braunes Gesicht in dem dichten Rahmen weißer Kops- und Barthaare noch dunkler erschien, von seinen täglichen Mühen und Sorgen, aber auch von seinen Freuden und Erfolgen erzählte, und wenn dann feine gutmütigen blauen Augen leuchteten und strahlten, dann machte er beinahe den Eindruck eines Jünglings. Und doch konnten diese Augen auch recht ernst und traurig blicken, wie eben jetzt, da das Schiff vor kaum einer Stunde Gibraltar verlassen hatte. Kurt stand an der Bordwand-und schaute nach Norden, wo über der Küste Spaniens die Schneeberge der Sierra Nevada sich in scharfen, weißen Linien vom blauen Himmel abhoben. Dabei verfolgte er aber aufmerksam das Ge spräch, welches der Pastor und Halten führten, die hinter ihm in zwei bequemen Streckfauteuils lagen. "Ich begreife es eigentlich nicht," sagte gerade der Pastor, "wie heutzutage noch ein gebildeter Mensch Sie verzeihen meine Offenherzigkeit, Herr Graf, aber ich begreife es wirklich nicht, wie Sie ein Anhänger der Sklaverei sein können. Denn das sind Sie, Herr- Graf, wenn Sie es auch nicht direkt gesagt haben aber in Wahrheit sind Sie es gewiß." Graf Halten hatte lächelnd zugehört, während er ST sich mit den Fingern dnrch den langen schwarzen Voll- dart fuhr. "Allerdings bin ich das," meinte er mit äußerstem Phlegma. "Und ich glaube, daß ich diese Ansicht mit vielen Leuten teile, wenn auch nicht alle den Mut haben, sie so frank und frei auszusprechen." Der Pastor hatte sich bei diesen Worteil aufgerichtet und sah den andern voll an. "Also wirklich und wahr haftig?" fragte er. "Ja, ja! ganz wirklich! Es ist keine Täuschung!" erwiderte Halten, und dabei amüsierte er sich offenbar über das Erstaunen des Pastors. Der aber fuhr fort "Sie möchten also wirklich uns in die Nacht der Sklaverei zurücksühren?" "Uns nicht," unterbrach Halten lachend, "nur die anderen." Der Pastor aber entrüstete sich. ¦, ,Ö, scherzen Sie nicht über isolche Dinge, Herr Graf!" rief er. "Heute, lvo Amerika in einem blutigen Bürgerkrieg den Sklaven handel unterdrückt hat, wo alle Völker sich abmühen und in edler Begeisterung initeinander wetteifern, Religion, Kultur und Humanität in die entferntesten Weltteile zu tragen, da möchten Sie diesen alten Schand fleck von neuem anfleben lassen?" Jetzt war auch Halten ernst geworden, und indem er den Pastor forschend und zweifelnd ansah, ob er denn wirklich an all das, was er da sprach, auch glaubte, entgegnete er: "Aber denken Sie denn, daß es die Völker mit biefen Bestrebungen ehrlich meinen?" "Gewiß denke ich das." Halten zuckte mit den Achseln. "Dann sind Sie88 eben in einem Irrtum. Die Staaten verfolgen mit ihrer Kolonisation ausschließlich egoistische Zwecke. Be reichern wollen sich, neue Absatzgebiete für ihre Industrie finden, den Handel vergrößern, Raum haben für die Auswanderung ihrer überschüssigen Volkskraft. Das ist der wahre Zweck, und nur weil es schöner aus sieht, wird um die höchst realen Absichten ein ideales Mäntelchen herumdrapiert. Nebrigens nehme ich das beit Staaten gar nicht übel im Gegenteil, ich finde, daß sie vollständig recht haben." Inzwischen hatte sich auch Kurt umgewendet und hörte gespannt dem Streite zu. Der Pastor jedoch erwiderte unbeirrt: "Und wenn auch etwas Wahres daran wäre, Herr Graf Sie übertreiben natürlich, davon bin ich wie von meinem Leben überzeugt , aber wenn selbst ein Körnchen Wahr heit in Ihren Ausführungen entwalten wäre, ja, müßte man dann darum die gute Absicht einfach für Heuchelei halten? Läßt sich denn nicht unser Vorteil mit dem jener armen Wilden vereinen? Und wenn wir für uns auch Gewinn und Nutzen ziehen, beschenken wir sie denn nicht weit reicher, geben wir denn nicht weit mehr, als wir nehmen, indem wir ihnen unfern Glauben und unsere Kultur bringen?" Während sich der würdige Herr immer mehr in Feuer und Leidenschaft hineingeredet hatte, neigte sein Gegner nur nachdenklich den Kopf. "Haben wir denn die Wilden gefragt, ob sie unfern Glauben und unsere Kultur auch wollen?" sagte er, und als er nicht sogleich eine Antwort erhielt, sprach er weiter: "Und überhaupt die Kultur vom Glauben will ich gar nichts sagen 89 aber Sie führen immer die Kultur im Munde. Wissen Sie denn überhaupt, was das für ein Ding ist? Ein Konglomerat don uns anerzogenen Begriffen und Vor urteilen ist es. Ehre und Sitte und Moral und Ge rechtigkeit, und was weiß ich sonst noch, das ist alles schön nach Paragraphen geordnet und muß peinlichst befolgt werden. Dazu komm noch etwas Kunst und Literatur, ein paar schlechte Oelgemälde oder langweilige Theaterstücke. Und dieser ganze Krempel, in dem alles enthalten ist, nur nichts, was entfernt nach Freiheit schmeckt, der heißt dann Kultur. Und damit wollen Sie die Wilden beglücken? Na, ich danke! Prost Mahl zeit! Glück auf den Weg!" Indessen hatte der Pastor, der die Hände wieder holt abwehrend einporhob, seine gewohnte Ruhe erlangt. "Wenn es so wäre, wie Sie sagen," meinte er be dächtig, "dann hätten Sie vielleicht recht. Glücklicher weise ist es aber anders, und ich kann Sie eigentlich nur bedauern, Herr Graf, daß Sie die Welt für gar so schlecht halten." "Ich halte die Welt gar nicht für schlecht," er widerte der Graf. "Im Gegenteil, ich finde den Egoismus ganz berechtigt. Aber jetzt werde ich Sie, verehrter Herr Pastor, einmal ack absurdum führen; passen Sie ; auf. Ich will mtdjj also mal auf Ihren Standpunkt stellen! ich will glauben, daß Ihre idealen Bestrebungen etwas sehr Schönes und Lobenswertes sind. Was ginge nun für Afrika daraus hervor? Für Afrika gäbe es da doch nur zwei Möglichkeiten: entweder die Neger vertrügen unsere sogenannte Kultur nicht, sondern gingen daran zugrunde . . . nun, dann wäre es doch90 schade um die vergebliche Mühe und es wäre besser und sogar humaner, wenn wir die schwarzen Herrschaften kurzerhand niederschösseu oder aber, sie nähmen unsere Kultur an und würden uns Weißen gleich oder- ähnlich . . . und dann wäre es-noch schlimmer; denn dann - darauf können Sie sich verlasse , Herr Pastor -dann schmissen sie uns zuguterletzt einfach raus aus dein Tempel und behielten Afrika für sich selber. Eins von beiden miißte uns ereilen, wenn wir Ihre Wege gehen wollten. Dazu kommt es aber natürlich nicht." "Ich sehe noch eine dritte Möglichkeit!" entgegnete der Pastor mit sieghafter Gewißheit. "Und die wäre?" "Daß die Neger unsere Kultur annehmen und unsere Freunde werden!" Halten lächelte nur ironisch. Aber jetzt mengte sich auch Kurt in das Gespräch, indem er niit etwas näselnder Nachlässigkeit sagte: "Das wäre freilich sehr schön. Nur fürchte ich, daß Sie sich da trügerischen Illusionen hingeben." Der Pastor jedoch, wie er diesen neuen Gegner erstehen sah, wandte sich mit dem Ton seiner- innersten Ueberzengung zu ihm, und es klairg beinahe grollend: "Ich habe rein lebelang für diese Illusionen gekämpft, junger Mann! Gerade Sie, Herr Baron, sollten unsere Ideale teilen! -Wenn sich die Jugend uns nicht anschließt, wer soll es dann tun?" Der alte Mann hatte mit erhobener Stimme und flammenden Augen gesprochen, aber Kurt zuckte nur91 unmerklich mit den Achseln und antwortete nicht, weil, er eigentlich nicht recht wußte, was er hätte erwidern sollen. Der Graf schwieg ebenfalls, da er die Un möglichkeit einsah, den Pastor zu überzeugen, und dieser trug seinerseits auch kein rechtes Verlangen, eine Unter haltung fortzusetzen, die schon nahe daran war, in einen Streit auszuarten. So verstummten denn alle drei ganz plötzlich. Nachdem Sie noch einige Augenblicke verharrt hatten, schloß sich Kurt der Gattin des Konsuls aus Siugapore au, welche gerade ihren täglichen Spazier gang aus Deck machte; Halten zog seine Camera her vor, um einige Bilder von der spanischen Küste auf zunehmen, und der Pastor lehnte sich wieder -in den Fauteuil zurück und überließ sich träumend seinen Ge danken. Aber bei der Gleichheit des Reisezieles, bei der damit verbundenen Gemeinsamkeit ihrer Interessen und bei dem völligen Mangel an äußerer Anregung, wie ihn die Einförmigkeit einer Seereise mit sich bringt, konnte es gar nicht anders geschehen, als daß sie immer wieder und wieder täglich auf denselben Gegenstand zu- rückkamen. Einmal ein wenig lebhafter, das andere Mal ein wenig ruhiger, heute mit leidenschaftlichen Ge- fühlsmoinenten und morgen mit sachlichen Verstandes gründen verfocht jeder seine eigene Meinung, ohne die anderen überzeugen zu können oder selbst überzeugt zu werden,so daß niemals eine Einigung zu erzielen war. Sie hatten bereits den- Suezkanal durchfahren. Die Hitze im Roten Meer, das ja wegen seines entsetzlichen Klimas berüchtigt ist, war unerträglich. Die Passagiere blieben Tag und Nacht auf Deck, lagen in Hänge-matten unter große Sonnensegetn leblos, wie tot, ohne ein Wort zu sprechen, und regten sich nur, wenn die Stewards ihnen frische, eisgekühlte Getränke brachten. Unter dem Maschinenpersonal waren schon mehrere Hitz- schläge vorgekommen: ein schwarzer Heizer wollte in einem Wahnsinnsanfall über Bord springen, so daß man ihn mit Gewalt hindern und fesseln mußte, und der Schiffsarzt hatte alle Hände voll zu tun, ilm die Matten und Schwachen zu laben und erquicken. Die See war spiegelglatt, kein Windhauch bewegte die flimmernde heiße Luft, und wo man sich dem Lande näherte, schien die Sonne an der kahlen, vegetations losen Felsenksiste Afrikas oder Arabiens ihre sengende Glut noch zu verdoppeln. Halten und Kurt, als Neulinge in den Tropen, litten ganz besonders, wenngleich sie es mit äußerster Willenskraft zu verbergen trachteten. Aber der Pastor hatte es doch bemerkt, und da er aus langjähriger Er fahrung recht gut ivußte, daß frischer und froher Mut ein fehr wirksames Mittel gegen den Kräfteverfall ist, so versuchte er, die beiden, welche er halb und halb wie seine Schutzbefohlenen ansah, auf scherzhafte Weise zu trösten. "Jetzt kommen wir noch in des Teufels "Punsch kessel!" rief er lachend, und als Kurt ihn fragend an schaute, erklärte er, daß Aden wegen seiner infernalischen Hitze von den Engländern diesen Spitznamen erhalten hätte. "Ja, ja, meine Herren," sagte er halb lustig und halb ernsthaft, daß ist die Strafe für Ihre gottlose Ideen: dafiir genießen Sie hier einen Vorgeschmack des ewigen Höllenfeuers. Aber seien Sie nur unbesorgt: diese Hölle reicht nicht weit und wenn wir erst aus93 dem Roten Meere hinaus sind, daiui kommen wir wieder in eine menschenwürdige Gegend." Und der Pastor hatte recht gehabt. In Aden hatten sie den Bremer Dampfer ver lassen, der seinen Kurs nach Ostasien fortsetzte. Einige Stunden hatten sie sich im Hafen umgesehen, in welchem Parsen mit zylinderartigen, krämpelosen Hüten aus schwarzem Leder, halbnackte Somali, Juden in schmutzig weißem Kaftan und Turban, Beduinen mit faltenreichen wallenden Mänteln, und englische Soldaten in ihren roten Uniformen sich zu einem wirren, farbenbunten Knäuel inengten und verbairden. Und nun saßen sie auf denr kleineren Dampfboot, welches nach Sansibar und bis nach Kapstadt hinunter fuhr und dabei die wichtigereir Hafenstädte anlief. Von Osten her wehten leichte Winde, kräuselten die Wellen des Persischen und Indischen Meeres und brachten erquickende Kühlung in die tropische Glut. All mählich verschwand auch der kahle Felscharakter der Küste, welche hier, flach und eben, mit saftigeir Wiesen bedeckt war und sich erst einige Kilometer landeinwärts zu einem sanften Hochplateau erhob. In dem üppigen Grase standen einzeln oder in Gruppen prachtvolle Baobabs und Schirmmimoseir, und unter riesigen Kokos palmen und Kasuarinen, deren schlanke, himmelstrebende Stämme und schön geformte Blätter sich in der klareir Luft wunderbar abzeichneten, lagen malerisch verstreut die Dörfer der Eingeborenen, deren niedrige braune Lehmhütten ins Ungeheuere vergrößerten Maulwurfs- haufen glichen. Von Zeit zu Zeit aber veränderte sich diese Szenerie in ein seltsames Hügelland: wo nämlichFlüsse sich ins Meer ergossen, hatten sie Delta- fchwemmungen gebildet und hohe Sanddünen schoben sich in Linien und Kreisen gebirgsartig hinter- und übereinander. Dazwischen hatten sich lagunenartige, stehende Wasser gesannnelt, welche größtenteils versumpft waren, und in diesen wuchs nun neben weitausgedehnten niedrigen Mangrovenbüschen die Raphia und die zier liche Arekapalme, deren oben flaschenförmig zugespitzter Stamm eineil beinahe komischen Anblick gewährte. Diese drei Reisenden auf dem Schiff betrachteten diese Bilder, die wie ein endloses Wandeldiorama in ewig gleichem Wechsel an ihnen vorüberzogen. Kurt und Halten wurden durch das Neue und Ungewohnte der Landschaft gefesselt, während der Pastor in glück licher Zufriedenheit strahlte, daß er endlich wieder sein geliebtes Afrika sah. Er war doch während des ganzen Urlaubs von seiner verheirateten Tochter daheini und von ihrem Manne gehegt und gepflegt worden, die Enkel hatten auf seinen Knien gespielt, und auch das Grab seiner früh verstorbenen Frau hatte er oft genug besucht. Aber trotzdem hatte es ihm keine Ruhe gelassen, denn die Sehnsucht nach den Tropen, die keinen frei geben, den sie einmal gefangen haben, hatte auch ihn im Banne gehalten und an ihm gezehrt. Eines Morgens war auf dem Schiff ein merkwürdig lebhaftes Treiben zu bemerken. Es wurde gewaschen und gescheuert und gerieben und ganze Ströme Wassers über das Deck gegossen. Die Matrosen bürsteten uub putzten an ihren Kleidern, und jeder suchte sich durch ein bundes Halstuch oder eine grellfarbene Leibbinde noch besonders zu schmücken. Sogar der Kapitän und95 die Offiziere hatten sich frische weißleinene Uniformen angezogen. Alles deutete darauf hin, daß ein Fest ge feiert werden sollte. Der Graf und Kurt hatten den Vorbereitungen erstaunt zugeschaut, bis sie der Pastor aufklärte, daß sie heute den Äquator überschritten und daß nun bald Gott Neptun seinen Besuch machen würde. "Was heißt das?" fragte Kurt, der die Sache nicht begriff, während Halten sich freute, diesen uralten Matrosenbrauch beim Erreichen der Linie, von dem er schon so oft gehört hatte, nun selbst mit erleben zu können. Der Pastor erzählte ihnen noch dies und das: wie die Sitte entstanden war, allerhand kleine Scherze, die er selbst mit erlebt hatte, und daß jeder Neuling von Neptun getauft würde. Gerade wollte Kurt wieder fragen, was es mit dieser Taufe für eine Bewandtnis habe, als von dem vorderen Teil des Schiffes eine grelle und schreiende Musik ertönte, die sich allmählich näherte. Und nun kam ein grotesker Zug daher. Voran schritten drei Leute, die einer Ziehharmonika, einer alten Kindertrompete und einem blechernen Kochkessel geradezu haarsträubende Melodien entlockten: hinter ihnen schleppten zwei Matrosen eine riesige, mit Wasser bis an den Rand gefüllte Tonne; zuletzt kain Neptun mit seinem Gefolge. Alle hatten die Oberkörper bis an die Hüften enblößt, so daß die bläulichen Figuren und Embleme sichtbar wurden, mit denen ihre Leiber nach Seemannsart tätowiert waren. In den Haaren trugen sie Stroh, das sie den Schlafsäcken gezogen hatten und das den96 Schilf und Seetang vorstellen sollte. Der Meeresgott selbst aber hatte sich das Haupt noch mit einigen Kohl- und Salatblättern geschmückt und hielt in der Hand als Zepter eine kleine Feuerspritze, deren Schlauchende in die Wassertonne hineinhing. Der ganze Troß stellte sich im Halbkreis um die drei Passagiere auf. denen sich inzwischen der Kapitän, Offiziere und Maschinisten zugesellt hatten. Und nun begann das Spiel. Zuerst begrüßte Neptun den Kapitän, den er willkommen hieß, und daraus entwickelte sich ein kurzer Wortwechsel, wobei es an einigen derben Späßen nicht fehlte. Dann wurde ein kleiner Schiffsjunge herbeigeholt, der noch niemals am Äquator gewesen war, und an ihn: die Taufe voll zogen, indem man den zappelnden Burschen unter all gemeiner Heiterkeit in das Faß steckte und dreimal tüchtig untertauchte. Zuletzt wandte sich Neptun zu Halten und Kurt. In längerer scherzhafter Rede erklärte er ihnen die wichtige Bedeutung dieses Augenblicks, und nachdem er sie aufgefordert hatte, nun ebenfalls dem Meergott ihr Opfer darzubringen, richtete er das Mund stück seines Schlauches nach vorn und spritzte jedem von ihnen einen wohlgezielteu reichlichen Strahl Wassers mitten in das Gesicht. Ein Jubelgeheul erhob sich, in welches Halten prustend und sich schüttelnd, aber dabei doch von Herzen lachend, mit einstimmte. Anders dagegen Kurt. Diesen: war von allem Anfang au der ganze Mummenschanz bloß dumm und kindisch erschienen, und er hatte nur gelangweilt, hochnrütig zugeschaut. Wie er nun aber triefend dastand, kochte der Zorn: in ihm empor, daß97 solche Lümmel es wagten, ihn zur Zielscheibe ihrer Witze machen. Er suhlte sich in seiner Offiziersehre an gegriffen, und unwillkürlich tastete er nach seinem Säbel. Auf dem Schiff aber trug er die Waffe nicht, und weil er doch den Drang spürte, sich zu wehren, so sprang er den Kerl, welcher den Neptun darstellte, einfach und versetzte ihm mit der Hand einen wuchtigen Schlag auf den Kopf. Eine Sekunde lang herrschte lautlose Stille; sogar der Gezüchtigte blieb regungslos und starr. Dann aber erhob sich ein Murmeln und Murren, ein Schieben und Drängen entstand in dem Kreise, Arme reckten sich drohend empor, und endlich stürzte sich der Neptun darsteller mit geschwungenen Fäusten auf seinen Gegner, während die andern hinter ihm nachdrängten. Dies alles lvar das Werk eines Augenblicks. Kurt stand bleich und bebend, hoch aufgerichtet, jeder Muskel in dem jugendlichen Körper angespannt, vor den wütenden Matrosen, die im Begriffe lvaren, sich über ihn zu werfen. Und wenn er auch entschlossen war, keinen Schritt zurückznweichen, so wäre er von der Übermacht dieser derben Fäuste doch übel zugerichtet worden, wenn nicht im letzten Augenblick noch die Schiffsoffiziere da zwischen gesprungen wären. Mit lauter Stimme be fahlen Ruhe. Nur ihrem Einfluß und vielleicht auch dem gütigen Zureden des Pastors gelang cs, die Leute so weit beruhigen, daß sie abzogen, wenn sie auch noch grollende und wütende Blicke auf den Baron richteten. Sobald sich aber der Platz geleert hatte, trat der Kapitän auf Kurt zu und maß ihn mit einem ernsten, Tropeiiloller. 6durchdringenden Blick. Dann sagte er scharf- und ge messen: "Herr Leutnant, ich habe Sie wegen des Scherzes meiner Matrosen um Entschuldigung zu bitten. Gleich zeitig muß ich Sic aber aufmerksam machen, daß Sie kein Recht zum Schlagen habe:,. Ans meinem Schiss bin einzig und allein ich selbst der Herr, und nur ich habe zu befehlen und zu strafen. Ich bitte, sich das für die Zukunft zu merken, Herr Leutnant." Nach diesen Worten drehte er sich kurz um und ging fort. Kurt blieb zieinlich verblüfft stehen. In seiner triefenden Uniform, die ihm in Falten ain Leibe klebte, machte er eine traurige Figur. Er fühlte auch ein Un- behagen und wandte sich, nun schon ein wenig unsicher und zaghaft, an seine Reisegenossen. Der Graf war sedoch bereits in die Kajüte geeilt, um seine nassen Kleider zu wechseln, und der Pastor gab stirnrunzelnd nur einsilbige Antworten, so daß auch Kurt bald schwieg und sich zurückzog. Als man sich zur Abendmahlzeit wieder traf, sprach niemand mehr über das Geschehene: auch an den folgenden Tagen wurde dessen mit keinem Worte Er wähnung getan. Man begegnete sich jetzt ein wenig formeller. Man unterhielt sich zwar und verkehrte mit einander, aber es war doch etwas Fremdes und Kaltes zwischen sie getreten. Es war, als habe die lustige urwüchsige Maskerade, die durch einen jähen Mißton zerstört worden war, nun jeglichen Frohsinn mit sich fortgenommen und nur tiefe Verstimmung zurückgelassen. Und diese Verstimmung war so groß, daß sich ihr niemand entziehen konnte. Jeder hatte, auch mitten in dem gleichgültigen und kühlen Geplauder, doch immer6 * 99 nur den einen Gedanken, von diesen Planken fort zukommen, die ihm ein Gefängnis bedeuteten. Stunden lang schauten sie stumm suchend hinaus über die ein tönige Fläche auf den weiten Horizont. Und jeder wünschte mit der ganzen Kraft seiner Sehnsucht nur das Ziel dieser Fahrt herbei.B ii: U+2666 st - * 5 s r * U+2666 Siebentes Kapitel. Im Osten tanchte die flache, gesteeckte Küste von Sansibar aus dein Meere. Noch war sie im bläulichem Hauch verschwommen und nur die vereinzelt stehenden Palmen erhoben sich mit ihren hohen und schlanken Stämmen und weit ausladenden Blätterkronen gleich ungeheuren langgestielten Pilzen über der Ebene. Aber schon aus dieser Entfernung strömte beinahe atem raubend süß und würzig der berauschende Duft von den endlos die ganze Insel bedeckenden Nelkenplantagen herüber. Auch dieser Geruch wurde stärker und be täubender. je näher sie kamen. Nun traten auch all mählich die Gegenstände deutlicher hervor und der neblige Dunst zerfloß zu glühenden Farben. Gleich Blumen, aus einen Teppich ausgestreut, bedeckten die rosigen Blüten das grüne Land. Die langen Wedel der Kokos palmen rauschten leise und neigten sich zitternd im Winde, und aus dem Blätterdach der Bananen hingen, zu riesigen Bündeln eng aneinandergepreßt, die schmalen, hellgelben Früchte in großeir Traubendolden hernieder. Jetzt wurden auch schon, einzeln verstreut, gleich Vor posten der nahen Stadt, kleine weiße Häuschen sichtbar, welche inmitten von Orangeanpflanzungen lagen, deren dunklem Laub die goldigen Äpfel wie feurige Bälle hervorblinkten. Und endlich wuchs die Stadt empor: ein vielverzweigtes Netz schneeweißer niedriger Häuser, 101 deren flache Dächer mit grünen Landen und lauschigen Plätzchen bedeckt waren, zu denen die Blätter der Palmen und der Mango- und Melonenbäume herabwinkten, dies alles überragt von den beiden einzigen mehrstöckigen Gebäuden: dem Palast und dem Harem des Sultans. Die Reisenden lehnten an der Reling und sogen den Trobcnzauber in sich ein. Im Hafen war gerade eine Karawane angekommen, welche aus den arabischen Dhaws, in denen sie vom Festland herübergefahren war, die erworbenen Waren auslud. Und während die ge schmeidigen Suaheli schwere, mattbräunliche Elefanten zähne, Ballen mit Kautschuk und Säcke voll des köstlichen berusteiuartigen Kobals an das Land trugen, stand der arabische Besitzer all dieser Schätze bei dem reichen Inder, der ihm die Träger und Lasttiere vermietet hatte. Auch an anderen Stellen wurden Waren aus- und ein geladen, herumziehende Verkäufer priesen ihre schönen Früchte oder erfrischende Getränke an, überall wurde gesprochen, gesungen, geschrien, und ein wüster Lärm erfüllte den weiten Raum. Aus einer der engen Straßen, die in das Innere der Stadt führten, erscholl die Musik der aufziehenden Sultanswache, und in die Töne der Pauken, Trommeln und Trompeten mischte sich das Geschrei eines Esels, der unter einer meterhohen Last Zuckerrohr einherwankte und von seinem Herrn noch zu größerer Eile angetrieben wurde. Und dennoch, auch diese große Farbensymphonie, so überreich an grellen, saftigen Tönen, die sich doch alle zu voller, reiner Harmonie vereinten, auch dieses satte, Prächtige Gemälde vermochte die gedrückte Stimmung unter den Reisegefährten nicht ganz bannen. Alle102 drei atmeten freier und leichter, als der kleine Dampfer am nächsten Tage mit wehenden Flaggen in die Bucht von Dar-es-Salaam einfuhr. In weitem Bogen, halbmondförmig, lag die Reede vor ihnen. In dein ruhigen, vor der Meeresbrandung geschützten Becken ankerten außer einigen arabischen Dhaws noch zwei größere Küstensegler und ein englischer Dampfer, und zwischen den Schiffen und dem Lande ruderten kräftige Schwarze die großen flachen Leichter schiffe hin und her, um die alte Ladung zu löschen und neue zu verfrachten. Die Stadt mit ihrem regelmäßig angelegten schnurgeraden Häuserreihen, bereu Wände aus weißem Korallenkalk in der Sonne glänzten und blitzten, hätte fast wie ein zierliches Spielzeug aus gesehen, wenn nicht die mächtige Ruine eines un vollendeten Palastes, den ein früherer Sultan von Sansibar dort hatte erbauen wollen, beinahe drohend herabgeblickt hätte. In weitem Umkreis nah und fern lagen unter Kokos- und Ölpalmen, zwischen Pflanzungen von Kaffernkorn, Sesam, Maniok und Erdnüssen die palmblattgedeckten Hütten der Eingeborenen zu kleinen und gößeren Dörfern vereint. Den Horizont aber schloß rings ein sanft ansteigendes Hochplateau ab, auf dessen Höhe Waldungen von Flaschenbäumen, Tamarinden und Melonenbäumen init wildein Maulbeer, bittern Orangen und Mangobäumen abwechselten. Als der Dampfer die Anker ausgeworfen und seine Ankunft noch durch einen Schuß aus einer kleinen Singnalkanone angekündigt hatte, stießen nahezu gleich zeitig von der Küste zwei Ruderboote ab, welche schon, nach kurzer Zeit zur Seite des Schiffes anlegten. Ans103 der mit schwarzen Soldaten bemannten Schaluppe stieg ein junger Offizier in Tropenuniform aus und kletterte über das Fallreep an Bord empor, während ihm aus dem kleineren Boot ein Zivilist folgte, der in weißes Leinen gekleidet war und in der Hand, an Stelle eines Spazierstockes, eine kurze, reitgertenartige Peitsche aus gepflochtener Nilpferdhaut trug. Der letztere, ein blonder, hagerer, sehniger Mann mit stahlharten graublauen Augen, scharfen, markigen Zügen zwischen Nase und Mund, und einem Schnurr bärtchen, das gerade klein genug war, um die festen, energisch zusammengekniffenen Lippen sehen zu lassen, stellte sich als der neue, erst seit wenigen Monaten an wesende Faktoreileiter Müller vor und vertiefte sich dann bald mit dem Kapitän in ein geschäftliches Gespräch. Inzwischen begrüßte der Offizier den Pastor und wurde von diesem dem Grafen Halten und Kurt vor gestellt. Leutnant von Schelling, der kaum fünfundzwanzig Jahre alt war, gehörte zu jenen Offizieren der Schutz- trnppe, denen nicht wegen irgendwelcher tchlen Streiche der Boden in der Heimat zu heiß geworden war, sondern die aus unbezähmbaren Tatendrang, Abenteuer lust und nicht zuletzt Ehrgeiz sich in die Kolonien hatten versetzen lassen. Er war dann gleich wenige Monate nach seiner Ankunft in Ostafrika auf einer Straf expedition gegen einen kriegerischen Nomadenstamm der Bantu von einem feindlichen Pfeil verwundet worden, und vielleicht wäre er nicht sobald wieder aufgekommen, wenn die Tochter des Gouverneurs nicht seine Pflege so aufmerksam überwacht hätte.104 Olga Weiß war überhaupt der "gute Engel" von Dar-es-Salaani. Ihre Mutter hatte sie früh verloren, eigentlich kaum je gekannt, und eine ^verheiratete Schwester ihres Vaters hatte seit damals Mutterstelle au ihr vertreten. Nun fiihrte das alte Fräulein Bertha, die ihrem Bruder auch nach Afrika gefolgt war, dem Oberst hier ebenso die Wirtschaft wie sie es früher in den verschiedenen deutschen Garnisonen . getan hatte. Olga aber ging in die Hütten der Eingeborenen, hals dem Arzte Wunden verbinden oder Medizin eingebe , ¦ spielte mit den Kindern oder belehrte die Erwachsenen und wurde von allen ge achtet, gelie bt und verehrt. Ta war es also ganz natürlich, daß sie auch den verwundeten Leutnant Pflegte. Freilich besuchte sie ihn stets nur in Begleitung ihrer Tante, aber oft, wenn er darum bat, blieben die Frauen dann ein Stündchen bei ihm, und Olga las ihm aus einem Buche vor oder erzählte Neuigkeiten aus der Kolonie. Die jungen Leute waren sich in dieser Zeit so nahe getreten, daß Herr von Schelling, nachdem er wieder gesundet w^r, einen näheren Anschluß suchte. Und wirklich verkehrte er durch einige Wochen beinahe täglich auf die freundschaftlichste Weise bei seinem Vorgesetzten. Aber plötzlich, scheinbar ohne allen Grund, stellte er seine Besuche ein und erschien nur noch zu den geselligen Abenden, die allwöchentlich im Hause des Gouverneurs stattfandeu. Niemand kannte die llrsache dieses sonder baren Verhaltens, auch Olga behauptete, völlig im Un klaren zu sein, und der Oberst mochte natürlich den jungen Offizier nicht direkt fragen. Aber man wunderte sich umsomehr, als Schelling inzwischen Adjutant, ge-worden war und als solcher täglich das Gouverncments- gebände betreten mußte. Der Oberst indessen war so gerecht, daß er dienstliche und private Dinge nicht ver mischte und seinem Adjutanten das ganze Vertrauen, welches diese Stellung mit sich brachte, bewahrte. Jetzt reichte Schelling dem Grafen Halten und Kurt die Hand, und indernl er sich noch besonders zu diesem wandte, sagte er: "Ich bin beordert worden, Herr Kamerad, Sie zu empfangen und Ihnen bei Ihrer ersten Einrichtung behilflich zu sein. Ein Befehl, dem ich natürlich mit größtem Vergnügen Nachkomme. Außerdem habe ich Ihnen aber auch noch eine Ein ladung zu übermitteln. Der Herr Oberst läßt Sie nämlich bitten, sich heute um sechs Uhr bei ihm zu melden und dann gleich zu einem kleinen gemütlichen Abend bei ihm zu bleiben." Kurt schlug die Hacken zusammen: "Ich danke ver bindlichst. Werde selbstverständlich nicht verfehlen." Der Pastor aber fragte: "Wir haben doch heute Freitag? Hat der Gouverneur seine Empfänge verlegt? Sonst war es doch immer am Sonnabend." "Nein, nein, es ist nur diesmal," lächelte Schelling. "Wir sind nämlich alle furchtbar gespannt auf unseren neuen Kameraden . . ." "Die Damen wahrscheinlich auch," warf der Pastor dazwischen. Schelling jedoch überhörte das absichtlich und fuhr fort: " . . . und das hat der Oberst wahrscheinlich be merkt und ist dein unausgesprochenen, aber allgemeinen Wunsch entgegengekonnnen." Dann drehte er sich wieder zu Kirrt und sagte entschuldigend: "Herr Kamerad werden10 hoffentlich unsere Neugier verzeihen. Aber wenn Sie erst wie wir eine Zeitlang hier leben, dann werden Sie auch begreifen, daß jeder neue Ankömmling der Heimat oder überhaupt Europa für uns geradezu ein Ereignis ist. Diesmal," fügte er mit einer Ver beugung zu Halten verbindlich hinzu, "ist uns das Gute sogar gleich doppelt beschert worden." Nachdem sie noch dies und jenes besprochen hatten und der Pastor sich über allerhand berichten ließ, was während seiner Abwesenheit geschehen war, nahmen sie von deni Kapitän und seinen Offizieren Abschied und einpfahlen sich auch von Müller, der noch auf dem Schiffe znrückblieb. Dabei fiel es dem Pastor auf, daß. Schelling beu Faktoreileiter nur ganz steif und formell grüßte, ohne ihm die Hand zu reichen; aber er sagte nichts, sondern folgte nur kopfschüttelnd, langsam beu übrigen, die bereits in der Schaluppe ihre Plätze ein- nahmen. Mit scharfem Kiel, von den kräftigen, taktmäßigen Ruderschlägen getrieben, schoß das kleine Fahrzeug dem Lande zu, das es schon nach wenigen Minute erreichte., llnd während die schwarzen Soldaten das Boot an den eisernen Ringen der Hafenmauer sesthielten, stiegen die vier Weißen über eine kleine Treppe zum Quai empor. Hier trennten sie sich. Halten ging mit dem Pastor, der ihn eingeladen hatte, bei ihm in der Mission zu wohnen Kurt aber folgte Schelling, der ihm in der Nähe seiner eigenen Wohnung zwei luftige, behaglich eingerichtete Zimmer bei einem indischen Händler ausgesucht hatte. Als sie vor dem Haufe ankamen, erhob sich der Inder, der einigen Polstern und Teppichen am107 Boden seines Ladens gehockt hatte, und neigte sich mit über der Brust gekreuzten Händen. Dann rief er einen Knaben und befahl ihm, die Herren hinaufznfiihren. Schelling blieb jedoch zurück und entschuldigte sich mit dringenden Dienstgeschäften. Er hatte ein Gefühl, als ob Kurt jetzt allein sein wünschte, und er wollte um keinen Preis aufdringlich erscheinen. In der Tat hatte er sich auch nicht getäuscht, denn Kurt hatte sich voin ersten Augenblick an dem Adjutanten wenig hingezogen gefühlt. Er war von Berlin aus an lustige und leichtlebige Kameraden gewöhnt, die bei aller Strammheit und Tüchtigkeit das Dasein doch haupt sächlich von der heiteren Seite nahmen. In -Schelling dagegen fand er einen ernsten und gesetzten Manu, der jedes Wort mit Ueberlegung sprach, dessen Scherze sogar etwas Ruhiges, Abgedämpftes haben schienen und desseil kluger, prüfender Blick ihn direkt unangenehin und peinlich berührte. Deshalb machte er auch keine sonderlichen Anstrengungen, Herrn von Schelling zu sich einzuladen, und als jener ihm anbot, ihn abends zum. Gouverneur abzuholen, lehnte Kurt dankend ab: der Herr Kamerad möge sich nur nicht bemühen, er würde schon den Weg allein finden. Kurt folgte nun dem Knaben in sein neues Heim. Die eine der beiden Stuben mündete auf die Straße, wahrend die andere in einen kleinen schattigen Hof ging, in desseil Mitte sich am Fuß einer niederen Palme ene gemauerte Zisterne mit Regenwasser befand. Die Wände waren weiß getüncht, der Fußboden mit Matteil belegt. Bor einem großen Diwan, über deil ein persischer Teppich geworfen war, stand ein kleines, mit Perlmutter108 ausgelegtes Taburett, aber dicht daneben ein ordinärer Rohrstuhl aus gebogeuein Holz. Ein ebensolcher Stuhl befand sich auch vor dein einfachen Schreibtisch, der die andere Seite des Zimmers einnahin. In dem Hinteren Raum stand ein Bett und ein Waschtisch aus Eisen. Vor dem Bett aber lag ein Leopardenfell, uitb auf dem Kleiderschrank, der wieder billigste europäische Arbeit war, standen einige ansgestopfte Vögel mit seltsamem bunten Gefieder. Nachdem drei Träger das Gepäck von dem Dampfer herübergeholt hatten, indem jeder einen Koffer auf feincni Kopfe trug, begann Kurt, seine Sachen aus zupacken und sich einzurichten. Tie Fenster standen weit geöffnet, und einer jener heftigen, aber kurz andauernden Regen, die von Oktober bis Dezember beinahe täglich niedergehen, kühlte die Luft ein wenig ab. In den Zimmern hatte die schwüle Hitze des Novembers gelagert, der dort zu den wärmsten Monaten gehört, weil ja südlich des Äequators die Jahreszeiten vertauscht sind und unser nördlicher Winter zum Sommer wird. Nun aber brachte die Feuchtigkeit und ein gleichzeitig cin- setzender Wind eine angenehme Erfrischung. Inzwischen war es fünf Uhr geworden und Kurt mußte sich zu seiner Meldung bei dem Gouverneur um kleiden. Er legte also seine beste Uniform an, und wie er nun wohl frisiert, den Schnurrbart keck gedreht, den Hnt auf dem Kopf, die silberne Schärpe um die schlanke Taille, vor dem große , in Bambus gefaßten Spiegel stand, musterte er sich mit zufriedenen Blicken. Freilich, der weiße Kürassierkoller mit dem goldenen Panzer und Helm war wohl schöner und glänzender gewesen, aberdas braune Kaki mit dem roten, silbergestickten Umlege kragen stand doch auch nicht schlecht und umgab seinen Träger noch dazu mit dem Nimbus des Gefahrvollen und Fremdartigen. Und so schritt denn Kurt, indem er den Säbel klirrend nachschleppen ließ, hoch aufgerichtet, den Kopf stolz erhoben, die Treppe hinab. Der Pastor hatte ihm schon vom Schiff das Haus des Obersten gezeigt, auf dessen viereckigem niedrigein Turm die deutsche Kriegsflagge wehte. Aber wenn er setzt auch nicht über die flachen Dächer fort das weiße Tuch mit dem schwarzen Kreuz iin Winde hätte flattern sehen, so wäre er doch kaum fehlgegaugen, weil die Straße, in welcher er wohnte, beinahe gerade hinführte. Der Regen hatte nachgelassen, aber die un- gepflastcrten Wege waren noch feucht, während schon wieder die Sonne zwischen den Wolken herniederbrannte. Wie Kurt geinächlich dahinschritt und seine Blicke rechts und links über die kleinen Verkaufsläden und Magazine schweifen ließ, die zumeist Arabern und Indern gehörten, begegneten ihm einige Soldaten der Schutztruppe, welche deu neuen Vorgesetzten zuerst ein wenig Erstaunt an- schauteu und dann grüßten. Kurt dankte durch einen kurzen, nachlässigen Griff an den Helm, aber dabei musterte er die Leute mit einem kalten, kritischen Blick vonr Kopf bis zu den Füßen und seine Augenbrauen zogen sich leicht zusammen, so daß sich ein paar Fältchen über der Nase bildeten. Stramm sind die Kerle nicht t dachte er. Die Arme und Beine schlenkern herum, als ob sie gar uicht zu ihnen gehörten! Scheußlich! Na, nur Geduld ich werde den schwarzen Affen schon Haltung beibringen! 110 Wenige Minuten später kam er auf den Platz, der van dem ausgedehnten Gouvernementsgebäude voll ständig beherrscht wurde. Dieses glich einem zwitter haften Gemisch von Festung und Landhaus, den während seine Mauern oben an dem flachen Dach in eine zinnenartig gezackte Brüstung ausliefen, hinter welcher man sich recht gut bewaffnete Verteidiger hätte denken können, war seitwärts am Erdgeschoß eine breite Veranda angebaut, von der einige Stufen in einen geräumigen, mit Palmen und tropischen Blumen be pflanzten und liebevoll gehegten Garten hinabführten, der freilich wieder von einer Mauer umgeben war. Das Ganze überragte der massige Turm, von dessen Höhe tatsächlich ein paar Kanonenrohre herabblitzten. Aber das Ernste und Dräuende dieses Bildes wurde doch wieder gemildert durch die freundliche weiße Farbe, mit der auch hier, ebeiiso wie der übrigen Stadt, alle Mauern getünscht waren. Der Posten vor dein schwarz-weiß-roten Schilder haus, daß neben der Einganstüre stand, leistete die Ehrenbezeigung, aber weil er beim Präsentieren das Gewehr nicht genau in der vorgeschriebenen Linie hielt, so schüttelte Kurt mißbilligend den Kopf, während er an der Glocke läiitete. Nach wenigen Augenblicken öffnete Fritz, ein stämmiger, gutmütiger Brandenburger, der früher Bursche gewesen und nach seiner Entlassung von den Soldaten als Diener bei seinem Herrn geblieben war. "Ist Herr Oberst zu Hause,?" fragte Kurt. "Zu Befehl, Herr Leutnant."111 "Dann bitte, melden Sie inich: Leutnant non Zangen." "Zu Befehl, Herr Leutnant." Der Mann, der bisher soldatisch strainin dagestanden hatte, eilte fort und kam sogleich zurück: "Herr Oberst lassen bitten." Aus dem Vorflur, in den rings eine Anzahl Türen mündeten, deren eine Fritz jetzt aufriß, trat Kurt in einen zweifenstrigen Raum, welchen man in de Garten schaute. Es war der Einrichtung nach das Bureau und Arbeitszimmer des Gouverneurs, denn außer einem kleinen Bibliotheksschrank standen an den Wänden hohe Regale, welche mit allerhand Akten vollgepfropft waren. Dazwischen dienten einige moderne und antike Vasen als einziger Schmuck. Die Mitte des Zimiuers nahm ein großer Diplomatenschreibtisch und ein bequemer, lederüberzogener Lntherstuhl ein. Links davon war ein kleinerer Schreibtisch, welcher offenbar für den Adju tanten bestimmt war, während rechts ein gewöhnlicher Tisch stand, dessen Platte viele Bücher, Akten und Land karten bedeckten. Der Oberst, welcher gearbeitet zu haben schien, hatte sich erhoben und blickte erwartungsvoll Kurt entgegen. Dieser hob ein wenig den Säbel, tat drei Schritte vorwärts, schlug die Hacken zusammen und legte die Hand an den Helin, den er vorschriftsmäßig dem Kopf behalten hatte. Dann sagte er schnarrend: "Melde mich gehorsamst zur Stelle, Herr Oberst! Leutnant Kurt von Zangen vom königlich preußischen Garde- Kürassier-Reginient zur ostafrikanischen Schutztruppe versetzt!" Eine Sekunde schaute der Oberst seinen neuen Unter-112 gebeneu forschend an, als wollte er den Zügen des jungen Mannes seinen Charakter und seine Eigenschaften herauslesen. Nachdem er die Prüfung beendet hatte, ging er auf ihn zu, noch immer kein Auge von ihm wendend. "Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Leutnant," erwiderte er mit einer ruhigen, sympathischen Stimme, der man es aber doch anhörte, daß sie zu befehlen und Gehorsam zu finden gewohnt war. "Hoffentlich werden Sie sich bald in Ihre neue Um gebung einleben. Der Dienst hier ist allerdings nicht so leicht wie in den Garnisonen der Heimat; er erfordert ein ganz besonderes Maß von Ausdauer, Geduld, Takt und militärischer Tüchtigkeit. Nun, Sie sind mir als ein sehr brauchbarer und fähiger Offizier geschildert worden, und also wird die Sache schon gehen; ich er warte zuversichtlich, daß ich mich dem Urteil Ihrer früheren Vorgesetzten anschließen kann. Sie sind heute angekommen, Herr Leutnant?" "Zu Befehl, Herr Oberst." "Mein Adjutant hat Sie abgeholt?" "Zu Befehl, Herr Oberst." "Herr von Schilling ist einer meiner tüchtigsten Offiziere. Selbstverständlich will ich damit keinem der anderen Herren zu nahe treten. Aber ich schätze ihn hoch, nicht nur als Soldat, sondern auch als Mensch. Er hat mein ganzes Vertrauen. Ich würde Ihnen raten, sich ihm möglichst anzuschließen." "Zu Befehl, Herr Oberst," sagte wieder Kurt, der die Hand noch immer am Helm hielt, während er bei sich dachte: Dieser Adjutant ist ein langweiliger Patron, der mir gestohlen werden kann.113 "Ihre übrigen Kameraden," fuhr der Oberst fort, "werden Sie noch heute kennen lernen. Herr von Schelling hat Ihnen doch gesagt, daß ich Sie bitte, heute abend bei mir zu sein?" "Zu Befehl, Herr Oberst." "Ihr Dienst beginnt morgen. Ihr direkter Vor gesetzter, Herr Hauptmann Bondi, wird Sie morgen früh um sechs Uhr in der Kaserne in ihre Funktionen ein- führen und der Truppe vorstellen. Ich werde übrigens auch zugegen sein." Er besann sich einen Augenblick. "Ja, das wäre denn Wohl alles," schloß er seine Aus führungen. "Ich danke Ihnen für Ihre Meldung, Herr Leutnant." Aber dann sagte er, bevor Kurt noch abtreten konnte, in einem anderen und jovialeren Ton: "Und jetzt bitte ich Sie außerdienstlich, es sich bequem zu machen." Kurt nahm sogleich den Helin vom Kopf. "Wenn Herr Oberst gestatten." "Ich bitte darum. Legen Sie ab und nehmen Sie Platz." Gleichzeitig hatte er geläutet. Kurt, nachdeni er dem Diener Helin, Schärpe und Säbel iibergeben hatte, folgte einer einladenden Hand bewegung des Obersten, welcher sich in dem Lutherstuhl niedergelassen hatte, und setzte sich einein kleinen Sessel gegenüber. Der Gouverneur klappte das Aktenbündel zu, in welchem er vorher gearbeitet hatte, schloß das Tintenfaß und wischte die Feder aus. Dann strich er sich über das graue Haar, das nur noch einen schwachen bräunlichen Schimmer zeigte und so kurz geschnitten war, daß der Kopf beinahe kahl anssah, und zwirbelte den dicken, Tropenkoller. 7gleichfalls schon stark melierten Schnurrbart in die Höhe. "Sie müssen vorläufig noch mit mir allein vorlieb nehmen," meinte er scherzend. "Meine Damen sind noch nicht sichtbar, machen vielleicht Toilette, ich weiß es nicht. Ja. ja, mein lieber Leutnannt, die Franen sind in Afrika eitel." "Wahrscheinlich hat Fräulein Tochter und Fräulein Schwester allen Grund dazu," entgegnete Kurt. Der Oberst lachte. "Haha! Bravo! Man merkt gleich, daß Sie frisch aus Berlin kommen, noch der echte Gesellschaftsleutnant. Na, bitte, das soll kein Vor wurf sein. Uebrigens, was meine Damen betrifft, sind Sie im Irrtum. Meine Tochter, na ja, die hätte schon ein bischen Ursache zur Eitelkeit, aber meine Schwester, du lieber Gott, die treue Seele ist ja -beinahe so alt wie ich. Die wird Ihnen nicht mehr gefährlich werden, Herr Leutnant. Auch Kurt ging jetzt den Ton ein und meinte: "Ach, auf das Alter kommt es ja nicht an, Herr Oberst. Es gibt alte Damen, die es an Liebenswürdigkeit und Liebreiz mit den allerjüngsten aufnehmen." In diesem Augenblick war eine Tür gegangen und der Oberst rief: "Na, also, lieber Zangen, jetzt können Sie Ihre Erklärungen gleich an die richtige Adresse brin gen. Komm mal her, Berta; ich glaube, bit wirst auf deine alten Tage noch heiraten. Erlaube, daß ich Dir Herrn Leutnant von Zangen vorstelle, meine Schwester." Kurt hatte sich erhoben und verneigte sich tief. Das zarte, ältliche Fräulein, das so sauber und nett und appetitlich aussah, nickte Kurt flüchtig zu und115 blickte dann erstaunt auf ihren Bruder. Sie hatte die Unterhaltung der beiden Herren nicht gehört, verstand also auch nicht, um was es sich handelte, aber sie war an die ungenierten Scherze des Obersten gewöhnt, und es fiel ihr längst nicht mehr ein, dieselben übel zu nehmen. Ja, mehr als das: im Laufe der. Jahre hatte sie selbst die gleiche Art angenommen, und es klang recht komisch, wenn das kleine Wesen mit den grauen Haaren, dem die Gutmütigkeit auf dem Gesicht ge schrieben stand, oft so derbe Ausdrücke gebrauchte, wie ein Unteroffizier. Jetzt fragte sie verwundert, aber doch schon nahe am Lachen: "Ich heiraten? Wie kommst du denn auf diese verrückte Idee?" "Das ist gar keine so verrückte Idee, Bertchen," gab der alte Herr schmunzelnd zurück. "Nicht wahr, Herr von Zangen?" "Gewiß nicht, Herr Oberst." "Ach, du mit deinen Witzen!" schmollte Fräulein Berta. "Glauben Sie ihm nicht, Herr von Zangen." Und ivieder zu ihren Bruder gemendet: "Wer möchte wohl nachher für dein Essen sorgen?" "Aber wir haben ja doch eine Köchin!" "Ja, der schwarze Deibel!" "Na, sei nur wieder gut, Bertchen," lenkte nun der Oberst ein. "Du heiratest nicht. Und wenn du heiratest, dann nimmst du höchstens mich. Bist du da mit zufrieden?" "Fällt mir gar nicht ein. So ’n ekligen Men schen, wie du bist, will ich gar nicht." Der Oberst lachte aus vollem Halse. "Sehen Sie, lieber Zangen, so werde ich in meinem eigenen Hause 7 *116 behandelt. Und meine Tochter machte nicht besser. Von Disziplin keine Spur." Auch Kurt amüsierte sich, und Fräulein Berta schmunzelte über das ganze Gesicht, so daß sich alles in Heiterkeit aufgelöst hatte, als jetzt Fräulein Olga rasch eintrat, direkt zu ihrem Vater ging, ihre Hände leicht auf seine Schultern legte, und ihm den Mund zum Kusse bot.Achtes Kapitel. Olga hatte eine unverkennbare Aehnlichkeit mit ihrem Vater. Die gerade energische Nase, der frei mütige, keiner Lüge fähige Mund, die klugen, guten Augen waren genau so wie bei dem Oberst, nur daß alle Züge und Linien, die bei diesem scharf und wie mit dem Meißel eingegraben waren, bei Olga volle Weichheit und Weiblichkeit zeigten. Sie war mittel groß, schlank und elastisch: ihre Bewegungen, obgleich rund und anmutig, waren doch niemals zögernd, immer bestimmt und fest zugreifend, so daß inan sofort die Empfindung hatte, dieses Mädchen wisse genau, was es wolle. Dabei war sie bescheiden und zurückhaltend: sie trug den Kopf meist leicht geneigt, als sei das kasta nienbraune Haar, das in dicken, rundgelegten Zöpfen wie zu einer Krone aufgesteckt war, eine zu schwere Last, und nur wenn ein Unrecht sie empörte, reckte sie sich mit funkelnden Augen zu stolzer Haltung empor. Auch jetzt, nachdem sie den Vater geküßt hatte, hielt ,sie den Kopf erhoben, und während sie sprach zuckte es um ihre Lippen, und ihre Nasenflügel zitter ten leise. "Hast du schon gehört. Papa?" fragte sie. "Hat Tante dir schon erzählt? Diese neue Gemein heit ?"118 Fräulein Berta seufzte. "Ich habe noch nichts gesagt." Und der Oberst erwiderte: "Von gar nichts habe ich gehört. Aber laß dir mal erst unfern neuen Kameraden vorstellen. Herr Kurt von Zangen meine Tochter Olga." Kurt schlug die Hacken zusammen, und da er das junge Mädchen wirklich hübsch fand, so sagte er mit ehr licher Bewunderung: "Ich freue mich aufrichtig, gnä diges Fräulein, Ihre Bekanntschaft zu machen." Olga jedoch hörte gar nicht, sondern dankte nur mit einem leichten, flüchtigen Neigen des Kopfes und wendete sich dann gleich wieder zu ihrem Vater. "Dann mußt du s also von mir hören, Papa. Es ist uner hört, sage ich dir, geradezu unerhört!" Der Oberst, der es nicht liebte, auch noch in den Abendstunden, die der Erholung von seinem anstrengen den Dienst gewidmet waren, mit unangenehmen Dingen behelligt zu werden, machte eine ungeduldige Bewegung. "Was ist denn unerhört? Was ist ne Gemeinheit? Um was handelt es sich überhaupt?" "Um Müller natürlich! Um wen denn sonst?" entgegnete Olga. Kurt horchte auf. Aber der Oberst runzelte die Stirn. "Müller? Hat der Kerl schon wieder Dummheiten gemacht?" "Ich weiß nicht, Papa, ob inan das noch Dumm heiten nennen kann. Ich sage dir, der Mensch ist ein fach ein Verbrecher, der von rechtswegen ins Zucht haus gehörte." "Na, na, na!" meinte der Oberst, der immerernster wurde. "Man hübsch ruhig Blut! Du zit terst ja ordentlich." "Wenn du vorhin an meiner Stelle gewesen wärst, du hättest deinen Säbel gezogen und dazwischengehauen." Fräulein Berta nickte nur traurig zustimmend unb seufzte wieder, während Kurt erstaunt auf Olga schaute und sich wunderte, daß ein so feuriges Temperament in diesem zarten Körper hauste. Der Oberst jedoch entgeguete ruhig und schon wie der mit jener befehlenden und Gehorsam heischenden Stimme: "Nein, mein Kind, das hätte ich nicht getan. Aber ich möchte jetzt endlich wissen, was eigentliche los ist. Also nun erzähle mal vernünftig und der Reihe nach und ohne Tatterich." Aber gerade, als Olga beginnen wollte, fand eine neue Unterbrechungen statt, indem Pastor Schnitzer ein trat, der den Grafen Halten fast gewaltsam mit sich zog. Nun begann eine so herzliche Begrüßung, daß Halten und Kurt darüber für einige Minuten völlig vergessen zu sein schienen. Der Oberst, Olga und Fräu lein Berta bestürmten den. alten Missionar mit Fragen, schüttelten ihm abwechselnd die Hände und wetteiferten miteinander, ihm Freundlichkeiten zu sagen. Nachdem sich endlich die Gemüter ein wenig be ruhigt hatten, erinnerte sich der Pastor auch wieder des Grafen, und indem er auf ihn hinwies, wendete er sich zu dem Gouverneur: "Sie verzeihen, Herr Oberst, ich habe hier noch jemanden uritgebracht. Herr Graf Halten, der mein Gastfreund in der Mission ist, kam auf dem selben Dampfer mit mir an und will einige Zeit hier bleiben, um Land und Leute zu studieren. Vorläufig120 hat es mich gewaltige Mühe gekostet, ihn heute zu Ihnen zu bringen; er wollte durchaus nicht glauben, daß er hier willkommen sei." Alle Blicke waren auf Halten gerichtet, der sich mit einer leichten Befangenheit verneigte. Der Oberst aber schritt ihm mit ausgestreckten Händen entgegen und rief: "Das sind Sie! Herzlich willkommen sind Sie! Und nicht nur mir, sondern auch hier meiner Schwester und meiner Tochter. Einer besonderen Einladung be darf es nicht. Hier in Afrika sind wir Europäer ja viel enger aufeinander angewiesen, und mein Haus steht jeden: Landsmann offen, der ein Gentleman ist. Leider Gottes," fügte er finster und halb für sich hinzu, "ist das nicht immer der Fall." Und als Halten ihn fragend ansah, fügte er hinzu: "Sie verzeihen diese Bemerkung, Herr Graf, sie kam mir unwillkürlich über meine Lip pen. Wir haben nämlich seit einiger Zeit hier einen Menschen, der mir fortwährend Sorge und Aerger macht und dem ich meine Hand nicht reichen möchte." "Ist das der Faktoreileiter Müller?" fragte der Pastor. "Ja," antwortete der Oberst. "Aber woher wissen Sie das? Der Mann kam doch erst, als Sie schon Urlaub waren?" "Aber ich sah ihn heute auf dem Schiff," entgeg- nete der Pastor, "und bemerkte, daß Herr von Schel- ling sehr kühl zu ihm war. Uebrigens hat der Mann auch auf mich keinen guten Eindruck gemacht." Ja, ja, ja," nickte der Oberst, "das ist ein Kreuz mit dem Menschen, ein wahres Kreuz! Er ist ein roher Geselle, der alle Anlage hat, tropenkollerig werden."121 "Erst zu werden, Papa? Das ist er schon," unterbrach Olga ihren Vater. Und dieser fuhr fort: "Gerade vorhin wollte sich meine Tochter wieder beklagen. Also nun erzähle mal endlich, Olga. Wahrscheinlich hat er wieder einen Neger halbtot prügeln lassen, nicht wahr?" "Ach, .wenn das noch alles wäre!" eiferte Olga. "Aber der Mensch ist ja geradezu raffiniert in seiner Grausamkeit! Denke dir nur, Papa, während der Neger mit einer dicken Nilpferdpeitsche geprügelt wurde, waren seine Frau und seine zwei Kinder an einen, Zarin ge bunden und mußten zusehen, wie dein armen Menschen unter den Schlägen das Blrit vom Rücken herunterlief!" Jetzt fuhr auch der Oberst empor. "I, so ne gott verfluchte Schweinerei!" platzte er empört heraus. "Ver zeihen Sie, meine Herrschaften, daß ich mich so unparla- mentarisch ausdrücke, aber dabei muß einem ja wirklich die Galle überlaufen! Himmelherrgott nicht noch mal! Da soll doch gleich der Deibel Junge kriegen!" In dem kleinen Kreise entstand eine lautlose Stille, in welcher man nur die schweren Schritte des Gouver neurs hörte, der erregt auf und nieder ging. Ganz leise flüsterte Halten zum Pastor: "Das ist aber wahrhaftig eine ganz unglaubliche Niedertracht!" Und der Pastor erwiderte ebenso: "Ja, Herr Graf, das konunt davon, wenn man die Kultur abstreift." "Na, das hat doch wohl dainit nichts zu tun," meinte dieser. "Bestien gibt es eben immer, auch trotz der Kultur." Der Pastor gab jedoch sofort zurück: "Ja, aber ohne Kultur wären die Bestien in der Mehrheit."Inzwischen war der Oberst noch immer auf und ab gegangen und fragte jetzt, indem er stehen blieb, wie in lautem Selbstgespräch: "Was soll man nun mit so nein Kerl machen? Na, ich werde ihn mir mal morgen vormittag kommen lassen und ein Wörtchen deutsch mit ihm reden." Fräulein Berta hatte schon vor einer kleinen Weile still und unbemerkt das Zimmer verlassen, um in der Küche noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Nun riß Fritz die Tür auf und ließ die übrigen Offiziere ein, die im Kasino gewesen und jetzt zusammen hierhergekommen waren. Hauptmann Bondi als der Rangälteste hatte den Vortritt, ihm zunächst war der Stabsarzt Doktor Huß, und hinterher folgten Ober leutnant von Grubnitz, Leutnant Graf Hartberg und Herr von Schelling. Sämtliche Herren verbeugten sich zuerst vor dein Gouverneur und begrüßten dann Olga. Der Oberst stellte Kurt und den Grafen vor, und bald entstand eine allgemeine Unterhaltung, an welcher sich auch der Haus herr beteiligte, der seine dienstlichen Sorgest bis zum kommenden Tage von sich abschüttelte. Es hatten sich kleine Gruppen gebildet. Der Pastor sprach mit Halten noch über den Fall Müller; der Oberst stand mit Bondi und dem Stabsarzt beisammen; Kurt, Grubnitz und Hartberg plauderten mit Olga, und be sonders der erstere ließ alle seine gesellschaftlichen Ta lente spielen und gab sich die größte Mühe, einen guten Eindruck hervorzurufen; nur Schelling hatte sich allein in einen Winkel zurückgezogen, wo er scheinbar eifrig in einer Mappe mit landschaftlichen Ansichten blätterte.in Wahrheit aber immer darüber fort nach Olga schielte,, die er keine Sekunde aus den Augen verlor. Als endlich Fräulein Berta wieder erschien und zu Tische bat, forderte Kurt Olga auf, seine Dame zu sein. Aber Olga lehnte dankend ab. "Sie kennen unsere Gebräuche noch nicht," sagte sie lachend. "Damit bei dem fürchterlichen Damenmangel, der hier herrscht, unter den Herren keine Rivalität entsteht, sitze ich immer zwischen Papa und Tante." Und als Kurt ob dieser Eröffnung ein etwas dummes Gesicht machte, lachte sie noch herzlicher und entschlüpfte schnell den sie umringen den Offizieren. Im Vorbeigehen warf sie rasch einen Blick auf Schelling, den dieser jedoch nicht erwiderte. Aber dieser Blick stimmte nicht mit der Lustigkeit überein, die sie noch eben gezeigt hatte; er war weit eher mitleidig und schmerzlich traurig, als würde ihr Inneres von einem geheimen Weh erfüllt. Dann eilte sie als erste in den Speisesaal, und die übrigen folgten, wobei jeder den: andern streng nach der Rangordnung den Dortritt ließ.WMDMWDBUDWDMUKDMM I Neuutes Kapitel. Am folgenden Morgen gegen neun Uhr war der Oberst mit seinem Adjutanten aus der Kaserne zurück- gekehrt. Er hatte sich auf dem Weg bis zu seinem Hause noch über verschiedene dienstliche Angelegenheiten unter richten lassen und saß nun vor seinem Schreibtisch, um einige Aktenstiicke und Berichte, welche Herr von Schelling ihm vorlegte, mit seiner Unterschrift zu ver sehen. Aber er hatte erst wenige Minuten gearbeitet, als der Diener den Faktoreileiter Müller meldete. "Na, also, da ist ja unser schwarzes Schaf!" rief der Oberst und sah Schelling dabei fragend an. "Was nun? Das wird wieder ne angenehme Unterredung werden! Und nützen? Glauben Sie, daß es etwas nützt?" Der Adjutant schüttelte den Kopf. "Eigentlich nicht." "Ich auch nicht. Aber jedenfalls nmß man s ver suchen. Ich lasse den Herrn bitten," sagte er dann zu Fritz. Müller hatte denselben hellen Anzug an wie gestern, nur trug er in der Hand einen breitrandigen Strohhut und hatte die kurze Gerte im Vorflur ge lassen. Er trat frei und ungeniert auf und suchte durch125 sein ganze Benehmen inöglichst scharf darzutun, daß er Len Gouverneur nicht als seinen Vorgesetzten be trachte, sondern sich als ein Gleicher unter Gleichen be wege. Deshalb inachte er auch keine devote Verbeugung und wartete nicht, bis der Oberst ihn ünredete, sondern grüßte nur kurz und höflich und sagte dann in beinahe familiärer Weise: "Guten Tag, meine Herren. Ich hoffe. Sie nicht zu stören. Aber Sie wünschten mich zu sprechen, Herr Oberst." Die beiden Offiziere wechselten einen vielsagenden Blick, und auf der Stirn des Oberst schwollen die Adern. Er zwang jedoch seinen Aerger nieder und erwiderte während sich Schelling wortlos umdrehte und an seinen Schreibtisch zur Arbeit setzte, äußerlich ruhig und ge messen: "Allerdings, ich wünschte Sie zu sprechen." "Wie Sie sehen, bin ich Ihrer Einladung sofort gefolgt." "Das ist doch selbstverständlich," entgegnete der Oberst kurz. "Ich habe das nicht einen Augenblick an ders erwartet." Ueber Müllers Gesicht ging ein leises, kaum merk liches Zucken. "Pardon, Herr Oberst, aber gar so selbst verständlich ist das wohl nicht; denn eine Einladung kann man ja refüsieren." Er hatte das in seiner lang samen, eisigen Art, aber doch vollkommen im Unter haltungston bemerkt. Der Oberst jedoch richtete sich auf, und es klang grollend und drohend, wie er jetzt losfuhr: "Nun, Herr, falls Sie meinen Einladungen nicht folgen wollen, so werde ich Sie eben in Zukunft vorladen lassen, wenn Ihnen das lieber ist!"126 Da müßte ich allerdings erscheinen," gab Müller zu, und dabei warf er aus seinen harten, stechenden Augen einen feindseligen Blick auf seinen Gegner. "Aber -Herr Oberst brauchen sich gar nicht aufzuregen: vorläufig habe ich ja Ihre Einladung befolgt und . . "Zu gütig," unterbrach der Oberst ironisch. " . . . und da ich mich also heute noch als Ihren Gast betrachten darf, so möchte ich Sie bitten, mir jetzt gütigst Ihre Wiinsche mitzuteilen." "Haben Sie es so eilig?" "Allerdings habe ich es eilig, Herr Oberst. Ich bin näinlich nicht zu meinein Vergnügen in Afrika. Und übrigens scheinen Sie ja ebenfalls beschäftigt zu sein." "Na, also, gut denn," sagte der Gouverneur und begann nach einer kleinen Pause in trockenem dienst lichem Ton: "Es ist mir zu Ohren gekommen, daß Sie wieder einen Neger haben peitschen lassen." "Das heißt, Ihr Fräulein Tochteu hat es Ihnen erzählt," bestätigte Müller. "Wer es mir erzählt hat, ist ja ganz gleichgültig. Genug, ich weiß es." "Und was weiter?" "Was weiter?" Ja, Herr" Der Oberst wollte aufbrausen, besann sich aber noch rechtzeitig und sprach ruhig fort: "Also, was sind denn das nun für Geschich. ten! Sie wissen doch, daß das nicht sein darf Und nun gar mit der Frau und den Kindern! Wie können Sie denn nur so grausam sein?" "Ich verstehe eben, die Neger zu behandeln," lächelte Müller.127 "Nein, Herr, das Verstehen Sie eben nicht!" ant- wortete der Oberst, der immer mehr Mühe hatte, sich zu mäßigen. "Durch so was wirkt man nur aufreizend." "Aber man verschafft sich Respekt, und das ist die Hauptsache. Der Kerl wird nicht so bald wieder stehlen, darauf können Sie sich verlassen." "Für Diebe ist das Gericht da." "Ah bah! Gericht! . . . Für einen Neger ist die Peitsche das beste Gericht." "Und ich sage Ihnen, daß ich das nicht dulde!" Rede und Antwort waren immer schneller einander gefolgt. Der Oberst war aufgesprungen, beide Männer standen sich gegenüber. Aber während der alte und ver diente Offizier wirklich im Innersten erregt war, be wahrte Müller die kalte Ruhe eines Menschen, der über haupt keine Nerven besitzt. "Seien Sie doch vernünftig, Herr!" begann der Oberst von neuein, diesmal eindringlich und beinahe väterlich bittend. "Die Neger sind ja schon alle gegen Sie aufgebracht. Wir können auf die Weise den schön sten Aufstand bekommen. Ich kann da nicht ruhig Zu sehen, das müssen Sie doch begreifen .... Ich kann es einfach nicht! Ich bin doch für die Ruhe in der Kolonie verantwortlich!" Und indem ihn wieder der Aerger übermannte, polterte er heraus: "Mein Gott, machen Sie s mir doch nicht so schwer! Ich habe schon mit so vielen Kaufleuten verkehrt alle waren sie nette, vernünftige Menschen, mit denen sich reden ließ; warum müssen denn gerade Sie so ne unangenehme Ausnahme machen!"128 Ich bedaure, in solchem Ton nicht weiter mit Ihnen sprechen zu können," entgegnete Miiller und wen dete sich zum Gehen. Aber bevor er noch die Türe erreicht hatte, rief der Oberst ihm nach: "Ach was - Ton hin, Ton her! Hier handelt es sich um ernstere und wichtigere Dinge! Ich frage Sie einfach: Wollen Sie sich meinen Anord nungen fügen ja oder nein?" "Nein, Herr Oberst!" "Na, dann erkläre ich Ihnen, daß ich Sie bei nächster Gelegenheit vom Fleck weg verhaften lasse! Merken Sie sich das und richten Sie sich danach. Adieu!" Als die Tür hinter Müller ins Schloß gefallen war, warf sich der Oberst in den Lutherstuhl und trom melte nervös mit den Fingern auf der Lehne. "Was sagen Sie nun dazu?" rief er seinen Adjutanten an. "Was soll man da nun machen?" Schelling zuckte die Achseln. "Das beste wäre viel leicht," ineinte er, "wenn Herr Oberst das Handelshaus in Hamburg benachrichtigten und um seine Abberufung bäten." "Glauben Sie, daß das helfen wird?" fragte der Gouverneur zweifelnd. "Herr Oberst könnten ja außerdem noch an das Ministerium in Berlin berichten. Wenn die Herren eiu- sehen, daß der Mensch hier tatsächlich eine Gefahr bil det, so werden sie vielleicht auch auf die Firma ein wirken." Der Oberst überlegte. "Sie haben recht, Schöl ling," sagte er. "Das wollen wir machen. Aber lassen129 Sie uns keine Zeit verlieren; gleich jetzt wollen wir die Berichte aufsetzen." Während so der Gouverneur mit seinem Adjutanteil arbeitete, saßeir die übrigen Offiziere nach beendetem Morgendienst beim Frühschoppen iin Kasino. Kurt hatte vorher in Gegenwart des Oberst im Kaserneilhof seine Abteilung übernommen, welche seit dem Tode seines Vorgängers von dem Feldwebel Weg- ner geführt worden war. Danil hatte ein allgemeines kurzes Exerzieren der gesainten Truppe stattgefunden, uild jetzt tranken die Offiziere in ihrer Messe, die, sonst kahl und schinucklos, nur durch die lebensgroßen Brust bilder des Kaisers und des Prinzeil Heinrich geziert war, gekühltes Sodawasser, das sie nach Geschinack mit Whisky Kognak oder Wein in größeren oder kleineren Mengen mischten. Ganz natürlich drehte sich dabei die Unterhaltung in erster Linie um den Faktoreileiter. Man sprach ja freilich auch von anderen Dingen: man setzte dem ileuen Kameradeil auseinander, wie sich der Dienst hier abzuspielen pflege, und besonders lebhaft schilderte man ihm die Expeditionen ins Innere, die in bestimm ten Zwischenräumen unternonunen wurden, um die Be satzungen der vorgeschobenen Stationen abzulösen. Aber immer ivieder kam man auf Müller zurück, und da man gehört hatte, daß er für heute Vorniittag zuni Gouver- ileur beschieden sei, so erging inan sich in Vermutungen, was wohl der Oberst beginnen möchte. "Was soll er bginnen," sagte achselzuckend der Hauptniann Bondi. "Er wird Vernunft predigen, gut Zureden, vielleicht auch grob werden; aber im übrigen, Tropenkoller. 8130 Müller ist nicht sein Untergebener und muß nicht gehorchen. Also, ums läßt sich da machen? Verflucht wenig!" Grubnitz unb Kurt nickten beipflichtend. Hartberg aber wendete ein: "Ich weiß doch nicht, Herr Hauptmann, ob die Sache wirklich so liegt. Denn schließlich hat der Gouverneur ja auch die Gerichtsbarkeit und könnte recht gut solch einein Menschenschinder das Handwerk legen." "Negerschinder wollten Sie sagen," bemerkte Grubnitz. Er erhielt aber sofort einen kleiiien Verweis von Bondi, der in ziemlich scharfem Ton entgegnetc: "Neger sind auch Menschen, lieber Grubnitz. Sie wissen, baß der Oberst daran streng festhält und gegenteilige Ansich ten nicht einmal im Scherz bei seinen Offizieren liebt." Grubnitz schwieg still, und Bondi wandte sich zu Hartberg. "Das mit der Gerichtsbarkeit, lieber Graf, ist so ein zweischneidiges Schwert. Zuerst würde die Hamburger Firma ein großes Geschrei anstimmen, daß man ihren Vertreter eingesperrt hat. Daun würde sie in Berlin durch alle möglichen Aemter laufen, und zuletzt käine wahrscheinlich die Ordre an den Gouverneur, in der es hieße, daß er zwar in diesem Falle durchaus korrekt gehandelt habe, daß er sich aber bemühen müsse, den Handel zu unterstützen, denn dessen Blühen sei die un erläßliche Vorbedingung für das Gedeihen der Kolonie, und so weiter, und so weiter." "Womit die Herren in Berlin meiner Meinung nach ganz recht hätten," mischte sich Grubnitz wieder131 ein. "Denn schließlich hat Deutschland die Kolonien doch für sich und nicht für die Neger erworben." "Ganz recht," erwiderte Hartberg. "Sie vergessen nur, Herr Kainerad, daß wir die schwarzen Arbeiter sehr nötig brauchen." "Und daß ein Aufstand dein Handel wahrhaftig keine Vorteile gewährt," fügte Bondi hinzu. Grubnitz lächelte. "Na für den Aufstand sind schließlich wir da." "Gewiß," bestätigte Bondi. "Und wir werden auch immer unsere Pflicht tun. Aber deswegen darf das Blutvergießen nicht leichtsinnig heraufbeschworen wer den. Und Grausamkeiten sind jedenfalls immer zu ver werfen. Wir Deutschen sind doch keine Barbaren." Kurt hatte bisher nur schweigend zugehört, weil ihni alle diese Dinge noch ein wenig fern lagen, und er sich deshalb etwas unsicher fühlte. Aber er hatte sich doch im stillen seine Gedanken genracht, und als jetzt die Unterhaltung einen Augenblick stockte, sagte er ruhig: "Ich hätte nie erwartet, daß in unseren Kolonien so viel mit Humanität gearbeitet wird. Hat dieser Herr Müller denn solche Scherze schon öfter gemacht?" "Mindestens zu oft für die kurze Zeit, die er hier ist," antwortete Bondi. Und Hartberg meinte: "Er hat ein paar Jahre im Kongostaat gelebt. Die Leute, die von dort kom- men, sind nicht umsonst ein wenig verrufen." "Mit einem Worte: er ist ein roher Patron," schloß Bondi die Debatte. Uebrigens Ihnen, lieber Zangen, muß ich noch mitteilen, daß der Mensch auf Wunsch des Herrn Oberst von uns nahezu geschnitten wird." Da- 8 *132 mit erhob sich der Hauptmann, um mit dem Stabs arzt, der eben in Begleitung Schellings eingetreten war, vor dem Essen noch eine Partie Schach zu spielen. Kurt, der sich mit Grubnitz an einen kleinen Tisch -esetzt hatte, schüttelte verwundert den Kopf und fragte mit gedämpfter Stimme: "Und solche Maßregeln, bloß weil der Mann mitunter einen Neger prügelt?" Und als Grubnitz nnr resigniert die Achseln zuckte, fuhr er fort: "Herrgott nicht noch mal! Ich habe mich doch sogar zu Hause nicht geniert, einem Rekruten gelegent lich inal eins überzuziehen." Grubnitz antwortete wieder nicht. Hartberg indessen, der mit Schelling in der Nähe bei einem Fenster gestanden und jedes Wort gehört hatte, drohte jetzt scherzhaft mit dem Finger. "Das ist aber verboten, Herr Kamerad." "Na ja, natürlich!" lachte Kurt. "Ich möchte aber wohl wissen, wer gegen dieses Gebot nie in seinem Leben gefehlt hat." In diesem Augenblick sagte Schelling, ohne sich von seinem Platz zu rühren, mit äußerster Ruhe: "Ich, Herr von Zangen. Ich habe niemals jemanden mißhandelt." Kurt sah den Adjutanten eine Sekunde an, und er fühlte heute in dieser Spanne Zeit noch inehr als gestern, wie unsynrpathisch ihm dieser strenge und allzu ernste Mann war. So klang es denn, vielleicht ohne daß er es wollte, ein wenig spöttisch, als er erwiderte: "So? Na also, da gratuliere ich. Da sind Sie ein Muster mensch." Schelling wurde bleich. "Ich will hoffen, daß Sie das nicht ironisch gemeint haben, Herr von Zangen."138 Eine peinliche. Stille entstand, und fast schien es, .als sollte es zu einem Zerwürfnis kommen. Aber Kurt hatte doch noch genug Vernunft, und er erklärte kühl, daß er durchaus nicht ironisch gesprochen habe. Gleich zeitig suchte Grubnitz die Sache ins Scherzhafte zu ziehen, indem er ausrief: "Aber meine Herren seien Sie doch friedlich! Immer gemütlich, immer gemütlich!" Und Hartberg faßte Schelling unter und raunte ihm zu, er solle vernünftig sein. Und doch wären vielleicht trotz alledem noch weitere unangenehme Auseinandersetzungen gefolgt, wenn jetzt nicht Halten erschienen wäre. Dieser hatte heute alle Missionseinrichtungen besichtigt, und da er diese Anstalt gar nicht genug rühmen konnte, lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung und trug dadurch unbewußt zum Frieden bei. So kam die Unterhaltung wieder in ruhigere Bahnen. Es störte niemanden, daß sich Kurt und Grub nitz, die gegenseitig aneinander Gefallen fanden, ein wenig abseits hielten. Und als das Mittagsmahl auf getragen wurde, setzte man sich in der gewohnten ruhigen und heiteren Stimmung zu Tisch. Zehntes Kapitel. Seit jenem Tage waren mehrere Wochen vergangen. Kurt tat zwar seinen Dienst mit all der Pünktlich keit, die er noch von seiner Berliner Zeit her gewohnt war, aber er fühlte sich doch enttäuscht. Als er sich zur Schutztruppe hatte versetzen lassen, da hatte er dort drüben im fernen Afrika ein fröhliches Lagerleben erwartet; er hatte geglaubt, in ein Land zu kommen, in welchem unter ewigen Kämpfen und Reibe reien ein dauernder Kleinkrieg mit den Eingeborenen geführt würde, und er hatte gehofft, endlich einmal in wirklichem Ernst Pulver riechen und Blut sehen zu können. Der Gedanke, daß er sich Kriegsruhm erwerben würde, während seine Kameraden daheim im eintönigen Garnisondienst versauerten, hatte seinen Ehrgeiz ge stachelt, und daß die Feinde Wilde und das Schlacht feld in den Tropen sein sollte, hatte seine Phantasie inächtig erregt. Und nun war von alledem nichts, rein gar nichts. Rekrutendrillen, Turnen, Exerzieren, Felddienst lösten sich in regelmäßigem Einerlei hier in Dar-es-Salanr ebenso ab wie in Berlin, nur daß die Neger noch um einige Grade dümmer waren, als die Bauernlümmel daheim; denn wenn sie sich auch im Gelände, beim Aus- uützen des Terrains vielleicht geschickter anstellten, sozeigten sie sich dafür beim eigentlichen Exerzieren uin so ungelenker, und ihr Paradeschritt war geradezu ein Jammer. Und wenn dann der Dienst vorbei war, be gann die schreckliche Langeweile. So oft Kurt an Berlin zuruckdachte und das geschah beinahe täglich , wurde er ordentlich wehmütig gestimmt. Der Unionklub, die Rennen, die netten kleinen Soupers bei Dressei, nicht zuletzt Lotte, ach, wer das alles noch haben könnte! Ein einfacher Spaziergang Unter den Linden und in der Passage, wenn er die Blicke so vieler Frauen und Mädchen sich gerichtet fiihlte, dünkte ihm setzt in der Erinnerung schon ein Vergnügen. Dagegen hier? Die größte Zerstreuung bot noch die Jagd. Aber auch diese gestaltete sich nicht auf regend, denn es handelte sich meist nur um armselige Strandläufer oder ein paar Francoline und höchstens mal um einige weiße Reiher; Affen oder gar wilde Tiere, Leoparden, Hyänen, Schakale gab es nur in den großen Urwäldern des Innern, wenigstens erzählten davon Graf Hartberg und Schelling, die einmal bis zum Kilimandscharo und weiter an den Viktoria-Nyanza gekoinmen waren. Kurt jedoch traute diesen Berichten nicht ganz. Außer der Jagd war dann noch die allwöchentliche Gesellschaft beiin Gouverneur; da indessen immer die selben Leute zusammenkamen, so hatte man sich eigent lich auch nicht viel zu sagen, und für Skat das einzige Kartenspiel, daß der Oberst in seinem Hause duldete, hegte Kurt nicht die geringste Schwärmerei. Während die andern spielten machte er zumeist Fräu lein Olga den Hof, erstens, weil sie ihm gefiel,136 bann, weil er ja keine andere Auswahl hatte, und end lich, weil sie die Tochter seines Vorgesetzten war. Hatte er nun solcherart einen oder auch gar zwei und drei Tage der Woche ausgefüllt, so blieb er die restlichen vier oder fünf auf das Kasino angewiesen. Da fand sich denn gewöhnlich Bondi mit dem Stabsarzt zu einer Partie Schach zusammen, Hartberg nnb Schöl ling plauderten oder lasen in der ziemlich reichhaltigen Bibliothek, und mitunter kam Halten, der noch immer da war, mit dem Pastor von der Mission herüber. Kurt aber und Grubnitz, die sich seither noch enger zusammen- geschlossen und mehr und mehr von den übrigen entfernt hatten, saßen zumeist allein bei einer Flasche Rheinwein oder auch Champagner und tauschten ihre Ansichten aus. "Wissen Sie," sagte einmal Kurt, "ich habe, seit ich hier bin, so über allerlei nachgedacht. Na, Zeit hat man ja dazu, nicht wahr? Und ich finde, daß wir Offiziere doch eigentlich ganz miserabel daran sind." "Wieso?" fragte Grubnitz. "Ganz einfach," antwortete Kurt, "weil die meisten von uns sich niemals recht ausleben können." "Was heißt das?" "Also, passen Sie mal auf, Grubnitz," fuhr Kurt fort. "Ich bin, wie Sie mich hier sehen, mit Leib und Seele Soldat  auf Ehre! mit Leib und Seele. Und trotzdem bin ich nicht zufrieden. Ja, wie kommt das? Drüben Hab ich das gar nicht so gespürt, bei den vielen Zerstreuungen und Vergnügungen und bei den Weibern . . Ach Gott, Grubnitz, die Weiber!" "Ja, das ist ne schöne Sache! Hier kriegt man bloß Negerinnen."137 "Na, sind auch nicht übel," meinte Kurt. "Aber was ich sagen wollte. Drüben kommt man gar nicht so recht znr Besinnung. Hier aber, in diesem ver fluchten Schindernest, hier bin ich mir über vieles klar geworden über sehr vieles." "Um Himmelswillen, Kamerad!" lachte Grubnitz. "Sie fangen ja an zu philosophieren." Aber Kurt ließ sich nicht stören. "Nennen Sie s, wie Sie wollen, recht Hab ich doch. Wir Offiziere sind schlechter dran, als irgend ein anderer Stand. Nehmen Sie nial jeden anderen Beruf: ein Arzt be handelt Kranke, entweder er macht sie gesund, oder er kurriert sie zu Tode; ein Richter verknaxt die Leute zu Gefängnis; ein Rechtsanwalt führt Prozesse, und ein Kaufmann verschachert seine Ware. Jeder führt das, wozu er auf der Welt ist, auch wirklich ernsthaft aus, jeder erreicht sein Ziel. Wir aber, wir Habei: einen Beruf, den wir bei Lichte besehen immer nur im Scherz und im Spiel ausüben." Grubnitz, der nachdenklich geworden war nickte zustimmend. Kurt sprach indessen weiter. "Jeder Offizier, der keinen Krieg mitmachen kann, hat eigentlich seinen Beruf überhaupt verfehlt! Ich kann mir nicht helfen, aber ich habe ein Gefühl, als ob die ganze große Kraft, die ich in mir fpüre, all die Jahre brach läge, als ob sie ungenützt aufgespeichert und von einer eisernen Dis ziplin in Ketten gelegt würde! Ja, ist es denn da ein Wunder, wenn sich die Muskeln doch auch inal span nen, wenn man die Ketten auch nial zerreißen möchte? Ich gebe Ihnen die Versicherung: ich habe mitunter138 geradezu ein wahnsinniges Verlangen, nur einmal, in einer einzigen Schlacht, so recht aus Herzenslust morden und brennen zu können!" Kurt war zuletzt immer mehr in Erregung geraten. Nun schwieg er still. Auch Grubuitz anwortete nicht. Aber nach einer Weile sagte er: "Es ist sonderbar, Zangen, in der ersten Zeit, wie der Müller hier war und wie wir ihn noch nicht schneiden mußten, da redete ich öfter mit ihm, und da hat er einmal ganz ähnliche Ansichten aus gesprochen." "Ist auch so ein Unsinn," brummte Kurt, "das mit dem Müller. Ich sehe nicht ein, warum man den Mann schneiden soll." Solche und ähnliche Reden führten die beiden Offi ziere fast jeden Abend. Und dann war Kurt mit Müller bekannt geworden. Sie hatten sich draußen in dem niederen Busch dickicht in der Nähe der Küste, wo beide die Jagd gingen, zufällig getroffen, und nachdem in ein Ge spräch geraten waren, hatten sie sich wenige Stunden später als Freunde getrennt. Von da an verkehrten sie zusammen, und Müller nahm es nicht übel, daß Kurt ihn, aus Rücksicht den Gouverneur, immer nur heimlich besuchte. Eines Nachts, als Kurt wieder das Faktoreige- bändc verließ, fragte Müller: "Wollen Sie morgen nachmittag Herkommen? Ich lasse einen Neger aus peitschen. Sie haben ja so was noch nicht gesehen, nicht wahr?" Kurt horchte auf. "Was hat er denn getan?"139 "Gestohlen hat er," entgegnete Müller. "Aber außerdem hat er den Aufseher, der ihn ertappte, auch och geschlagen. Kommen Sie her, die Sache wird nett." Einen Augenblick zögerte Kurt. Er hatte Furcht, daß für ihn Unannehmlichkeiten daraus entstehen könnte ,, aber andererseits reizte es ihn doch ungeheuer, solch einer Exekution beizuwohnen. Schließlich sagte er zögernd: "Ich weiß noch nicht. Wenn ich irgend kann, so komme ich." Der folgende Tag war ein Sonnabend. Kurt tat mechanisch seinen Dienst und speiste dann^ im Kasino. Aber er war zerstreut und einsilbig. Die übrigen Herren blieben wie gewöhnlich beisammen, um nachher gemein sam zum Oberst gehen, wo der regelmäßige Gesell schaftsabend stattfand. Nur Kurt hatte sich, wie in einem plötzlichen Entschluß, erhoben und war, einige notwendige Briefe, die er noch zu schreiben habe, vor schützend, davongeeilt. Er suchte aber nicht seine Wohnung auf, sondern schlenderte mit kleinen Umwegen, die er, von seinen zweifelnden Gedanken hin und her gezerrt, halb un bewußt machte, zum Hafen hinab, wo, ein wenig ab seits vom großen Getriebe, inmitten von Magazinen, Schuppen- und Stapelplätzen, das Faktoreigebnude ziem lich einsam lag. Als er das Tor durchschritt, winkte ihm Müller entgegen. "Ah, da sind Sie ja! Ich glaubte schon, Sie kämen nicht mehr. Es ist spät, aber gerade noch Zeit. Wir wollten eben anfangen." Währenddessen wurde auch bereits der Sträfling mit gefesselten Hän--140 den vorbeigeführt und verschwand in einem niedrigen hölzernen Bau. Müller hatte daraus, daß neulich die Tochter des Gouverneurs durch das Geschrei angelockt worden war, eine Lehre gezogen und ließ diesnial die Züchtigung in einer Scheune vollziehen, deren Bretterwände den Schall nach außen dämpfen sollten. Wie er nun mit Kurt, der sich in einer seltsamen Spannung befand, die ihm die Worte ini Munde erstickte, seinem Opfer- langsam folgte und endlich den kahlen, leeren Raum betrat, war der Neger bereits mit Brust und Leib auf ein schmales Brett geschnallt, welches in etwas schräger Richtung an die Wand angelehnt und dort mit Kram pen befestigt war. Daneben stand mit einer dicken Nil- pferdpeitsche ein herkulischer Neger, der im Gegensatz zu den meisten Arbeitern kein Suaheli war, sondern deur kriegerischen Bantustamnie angehörte und in der Faktorei eine Stelle als Aufseher bekleidete. Kurt und Müller traten hinzu, und sobald der letztere das Zeichen gegeben hatte, sauste die Peitsche mit voller Wucht auf den Rücken des Delinquenten nieder. Ei scharfer klatschender Aufschlag ertönte, als ob ein schwerer Gegenstand ins Wasser gefallen wäre, der Körper des Negers reckte und bäumte sich und suchte die Bande zu sprengen, die aber der vergeblichen An strengung spotteten und nur tiefer in die sich wölben den Muskeln einschnitten, und gleichzeitig erfüllte ein langgezogenes Wehgeheul die Luft. Bevor aber noch der schreckliche Klagelaut verhallte, klatschte wieder der zweite Schlag, dem ein noch wilderes Schreien folgte, das ebenso wie der erste Schmerzensruf von einem neuen141 Zischen der Peitsche unterbrochen und abgelöst wurde Und immer weiter, in gleichen: Takt, mit der Regel mäßigkeit eines Uhrwerks, pendelte das Marterinstru ment durch die Luft. Aber wie es auf den zerrissenen Rücken aufchlug, klang es nicht mehr hart und hell, wie auf kernigen: Leder, sondern dumpf und weich, als böte das zerhackte Fleisch ferner keinen festen Widerstand. Tie Muskeln des Körpers, der eigentlich nur noch einen zuckenden Klumpen bildete, waren schlaff geworden, und das wilde tierische Brüllen hätte sich in ein schrilles Wimmern verwandelt, das endlich in einem leisem Röcheln erstarb. Bei den ersten Schlägen hatte Kurt ein eigentüm- liches Einpfindcn gehabt. Es war ihm, als ob ein ungeheures Entsetzen über ihn hinkröche, gleich einer riesigen Raupe, die mit ihrem stachlichen Panzer Gift in jede seiner Poren träufle, so daß es ihn kratzte und brannte. Der zarte weiche Flau::: seiner Haut schien sich in Tausende von kleinen, scharfen Nadeln zu ver wandeln, die ihre Spitzen in sein Fleisch bohrten, und die Haare de Kopfes sträubten sich, daß er glaubte, jedes einzeln fühlen zu können. Aber allmählich verwandelte sich dieser schinerzhafte Zustand in ein rätselhaft angenehmes Erdulden und Leiden. Das Stechei: und Bohren und Kratzen und Brennen wurde zu einem leise,: Prickeln, das streichelnd und liebkosend seine Nerven reizte. Mit leuchtende,: Augen verfolgte er das Blut, welches, zu vielen Rinn salen sich vereinigend und wieder trennend, vom Rücken über das Kreuz und die Schenkel langsam herabrieselte, und wie er den roten Saft immer von neuem hervor-142 quellen sah, meinte er, einen töstlich süßen, erquicken den Trank auf der Zunge zu schmecken. Er war wie in einen nebelhaften Trauni versunken, der ihn mit zärtlichen Armen umfangen hielt und aus dem er erst, als alles vorüber war, zu einer wohligen Mattigkeit erwachte. Auch Müller befand sich in einer ähnlichen Stim mung, und so gaben sich beide nur schweigend die Hand und trennten sich, ohne zu sprechen. Kurt ging am Hafenkai entlang, und da ein kiihler Abendwind voin Meer herüberwehte, so nahm er seine Mütze ab und gab seinen Kopf dem erfrischenden Hauche preis. Er kehrte mehrmals uin und ging den gleichen Weg hin und wider. In dem wellig zitternden Wasser spiegel schien der südlich klare Sternenhimmel zu schwan ken und zu beben, genau so wie Kurts Inneres in leisen Schwingungen vibrierte. Aber dieses seelische Vibrieren und Beben war nicht mehr bloß der Aus fluß einer Schwäche, sondern entwuchs langsam auch einer unerhört sich steigernden Gemütsbewegung. Und unter dein Einfluß dieser Gemütsbewegung klärte sich im Erinnern an das vorhin. Erlebte die wohlige Mattig keit, die ihn bis hierher umfangen hielt, allmählich zu einem Bewußtsein der Stärke, Festigkeit und Macht, wie er es vorher nie gefühlt und nie geahnt hatte. Er blieb einen Augenblick stehen, reckte sich hoch empor und sog, tief aufatmend, den süßen Duft der Tropennacht ein. Dann ging er mit großen, zielbe wußten Schritten zum Gouvernementsgebäude. Die Gesellschaft dort war bereits vollzählig versam melt, als Kurt eintrat, und der Oberst blickte wegen des143 verspäteten Kommens ein wenig erstannt ans. Da er es aber nach Möglichkeit vermied, privatim den Vor gesetzten herauszukehren, so sagte er nichts, sondern wunderte sich nur im stillen, daß Kurt sich nicht ein- nial entschuldigte. Nachdeni inan zur Nacht gespeist hatte und vom Lisch aufgestanden war, bildeten sich wie gewöhnlich einige Skatpartien und der Pastor setzte sich mit Schel- ling zum Schachbrett nieder. Kurt und Olga machten gemeinsam noch einen kleinen Spaziergang im Garten. Olga empfand für den jungen Offizier eine seltsame Zuneigung, trotzdem er doch in allem und jedem ihr direkter Gegensatz war. Nach Frauenart urteilte sie zumeist mit dem Gefühl, und in ihrem ständigen Ver kehr mit den einfachen Naturmenschen hatte sie sich einen scharfen Blick für kompliziertere Charaktere kaum aneignen können. So geschah es vielleicht, daß sie, die in einer merkwürdigen Täuschung über ihr eigenes In nere sich selbst für schwach hielt und ihren Wert nicht kannte, das herrische und oft ein wenig rücksichtslose Wesen Kurts für männliche Kraft und Bedeutung nahm. Sie liebte die Natur, und wenn sie ihre Schütz linge in der Stadt und in den nahen Dörfern besuchte, oder auch wohl in die Missionsanstalt ging, wo sie stets ein gerngesehener Gast war, so freute sie sich auf ihren einsamen Wegen bald über eine Palme, die sich besonders schön und graziös vom Himmel abhob, bald über eine seltene Blume, oder über einen bunten Vogel, der schwir rend an ihr vorüberflog. Abends in ihrem eigenen Garten oder auf der Veranda erzählte sie nachher gerne dem Vater und dem Pastor, der häufig Herüberkain,144 von ihren Eindrücken und Erlebnissen, und ein paar mal hatte sie auch schon vor Kurt von diesen Dingen gesprochen. Der hörte gewöhnlich eine Zeitlang höf lich zu, indem er seine Langeweile zu verbergen trach tete, suchte aber dann meist rasch einen anderen Unter haltungsstoff, der ihm geläufiger war. Auch jetzt, während sie im Mondlicht auf den ver schlungenen Gartenpfaden wandelten, erzählte Olga. Ganz gegen feine Gewohnheit unterbrach Kurt sie init keiner Silbe. Noch vollständig von seinen Erinne rungen gefangen, hörte er ihre Worte nur wie aus weiter Ferne. Aber während es wie leifes Rauschen an sein Ohr schlug, fühlte er doch deutlich die Nähe des Mädchens. Und plötzlich hatte er eine sonderbare Vision. Er glaubte, daß Olga jetzt genau so vor ihm läge wie jener Neger. Er sah den zarten, bleichen Körper hingestreckt, die schlanken Glieder bäumten sich im Schmerz, und wurden dadurch nur noch schöner, und die schmalen Streifen fließenden Blutes leuchteten auf der weißen Haut in wundervoller Pracht. Und ganz versunken in das Bild, das scheinbar wirklich vor seinem Auge schwebte, flüsterte er mit unsicherer Stimme: "Fräulein Olga, Sie sind schön!" Olga erschrak zuerst ein wenig über diese Worte, die Kurt ganz unvermittelt in ihre Rede hineingeworfen hatte, und blieb stehen. Dann errötete sie freudig, aber sie senkte den Kopf und erwiderte nichts. Kurt jedoch wiederholte noch einmal: "Sie sind wundervoll schön, Fräulein Olga!" In diesem Augenblick rief vom Hause her der Oberst mit lauter Stimine.9 145 Olga fuhr zusammen, und wie aus einem Traum erwachend, sagte sie leise: "Wir müssen zurück. Papa sucht uns." Dann ging sie klopfenden Herzens still und ohne ein Wort zu sprechen voraus. Einen Schritt hinter ihr folgte Kurt. Seine Vision war verschwunden, und er fühlte nur noch eine gewisse Schwere, so daß er ebenfalls schwieg. Aber welche Empfindungen er in Olga geweckt hatte, dessen war er sich nicht im geringsten bewußt, und er merkte auch nicht, wie sie ihm den Rest des Abends geflissent lich auswich und ihn nur manchmal verstohlen mit glänzenden Augen anschaute.Elftes Kapitel. Kurt veränderte sich allmählich immer mehr. Er war zwar nicht wieder Zeuge einer solch brutalen Bestrafung gewesen, aber das Bild derselben hatte sich tief in seine Seele eingegraben, und wenn es auch im Getriebe des Alltags irach und nach verblassen wollte, so suchte es ihn dafür nachts in seinen Träumen auf. Oft jedoch trat es auch im Hellen Sonnenlicht blitz artig vor sein Auge. Wenn sein schwarzer Diener oder ein Soldat eine Kleinigkeit versah, worüber er sich früher nur ganz oberflächlich geärgert hätte, so stieg ihm jetzt in übermäßiger Reizbarkeit der Zorn empor, und in dem ihm jene Szene aus der Faktorei dann wieder deutlich sichtbar wurde, wünschte er, den betreffenden Schuldigen ebenso züchtigen zu können. Seinem Nigger boy versetzte er in solchen Angenblicken einen Fußtritt oder er warf irgend einen Gegenstand nach ihm, daß der arme verängstigte Bursche vor Schreck und Schmerz aufschrie. In der Kaserne aber und auf dem Exerzier platz mußte er sich aus Furcht vor dem Oberst bezwingen, und er kniff dann die Lippen zusammen und ballte die Fäuste, daß sich die langen, wohlgepflegten Fingernägel tief in die Handflächen eingrnben. Sein ganzes Wesen hatte etwas Kurzes, Zer fahrenes, Abgerissenes erhalten. Sein Blick war stechend147 und flackernd geworden. Zu dem Stolz auf Adel und Stand und zu dem Hochmut, den er schon von jeher besessen hatte, war jetzt noch eine wilde, rücksichtslose Herrschsucht gekonimen. Wo er früher nur den Vor gesetzten gezeigt hatte, da schien er sich jetzt wie ein Tierbändiger zu fühlen, der in den Schwarzen nur untergeordnete Bestien sah, und wo er selbst Unter gebener war, da empfand er einen fortwährenden, un erträglichen Druck. Er war ganz erfüllt von einer un erhörten Ueberhebung, die er sogar seinesgleichen gegen über nur mühsam verhehlen konnte und die immer und überall leise durchschimmerte. An seine Kameraden in der Schutztruppe hatte, er sich ja eigentlich niemals angeschlossen, und sein intimes Verhältnis zu Grubnitz begann schon, sich zu lockern. Den Oberst besuchte er einzig an den allgenreinen Ge- sellschaftsabeuden, an denen seine Gegenwart gewisser maßen erzwungen war, und Olga sah er, außer bei dieser Gelegenheit, nur, wenn er sie zufällig auf der Straße traf, wo er sie dann zumeist eine Strecke weit begleitete. Er machte ihr noch immer den Hof, freilich in einer Art, die schon beinahe an jenen Ton erinnerte, in dem er einst mit Lotte gesprochen hatte. Aber Olga, die sich seit jenem Abend im Garten wirklich geliebt glaubte, benierkte es kaum, daß er sie ein wenig von oben herab behandelte, und was bei ihm unzart und unrein war, nahm sie im Gegenteil bloß für den Aus druck einer auflodernden Wärme und Herzlichkeit. Sie war überzeugt, daß seine Empfindungen ebenso innige seien wie ihre eigenen, und täglich erwartete sie, daß er sich erklären möchte. fl*Indessen dachte Kurt daran nicht im entferntesten. Seine Gedanken waren ganz wo anders, weit, weit in der Ferne. Er vegetierte hier eigentlich nur so hin, tat, was er eben tun mußte, aber alle diese äußeren Dinge, die Menschen, die ihn täglich umgaben, flößten ihm nicht das geringste Interesse mehr ein. Nur mit Müller verkehrte er womöglich noch häufiger, und dort fand auch der einzige Wunsch, der ihn ganz beherrschte, immer neue Nahrung: von der Küste fort in das Innere des Landes zu kommen, den ganzen lästigen Zwang und die ewige Beaufsichtigung, die ihm so unwürdig lächerlich dünkten, abzustreifen, und nur einmal Herr zu sein nur einmal eigener, unumschränkter Herr! Diese Veränderung war natürlich auch seinen Kame raden nicht verborgen geblieben. Der Oberst schüttelte oft nachdenklich den Kopf und machte sich schwere Sorgen, aber er hatte doch keine rechte Handhabe, einzugreifen, denn im Dienst war Kurt nach wie vor der stramme Offizier, der sich nichts zu schulden kommen ließ. Und was ihn außerdienstlich unbeliebt machte und Bedenken erregte, jene Wandlungen in seinem Charakter, jene kleinen Züge seines Wesens, die zwar jeder deutlich fühlte und empfand, die waren doch im einzelnen zu gering, als daß der Gouverneur ihm deshalb hätte Vor haltungen machen können. Das einzige, wodurch er einem halben Befehl des Oberst direkt zuwider handelte, war sein Verkehr mit Müller; aber gerade das war beinahe völliges Geheimnis geblieben, und wenn auch der eine oder andere etwas davon ahnte, so wollte doch niemand den Anzeiger und Denunzianten spielen.149 Nur der Pastor hatte von Kurts Besuchen in der Faktorei genaue Kenntnis. Ganz zufällig hatte er ihn einmal dort hingehen sehen, als er selbst spät abends zu einem Schwerkranken gerufen wurde, und er war dann seiner Entdeckung behutsam forschend gefolgt. Er wußte nahezu alles, sogar von jener Auspeitschung war ein dunkles Gerücht bis zu ihm gedrungen. Aber auch er schwieg vorderhand und wartete auf eine Ge legenheit, um mit dem jungen Manne unter vier Augen in freundschaftlich väterlicher Weise sprechen zu kön nen. Inzwischen war es Weihnachten geworden. Die Deutschen, welche die mystisch weihevolle Stim mung dieses Festes mit dem glänzenden Lichterbaum so tief und warm einpfinden vie kaum ein anderes Volk der Welt, rüsteten sich auch hier im fernen Afrika zur heimischen Feier. Im großen Saale des Gouvernementsgebäudes brannten am Heiligabend auf langer weißgedeckter Tafel hohe Kandelaber mit vielen farbigen Kerzen, zwischen denen niedrige Palmen, Kakteen und Farnkräuter auf gestellt waren. Für jeden Hausgenossen, auch für die schwarze Dienerschaft, dann für die Offiziere, den Pastor und Graf Halten war an verschiedenen Stellen des Tisches aufgebant worden, und jeder faub neben den anspruchslosen Gaben, mit denen sie sich gegenseitig beschenkt hatten, noch einen Teller mit süßen Früchten und mit goldgelben kleinen Kuchen, die Fräulein Berta aus Reismehl und aus Bananen gebacken hatte. Während die Gesellschaft vom Garten her den strahlenden Raum159 betrat, saß Olga am Klavier und spielte das "Stille Nacht, heilige Nacht." Die ernsten Klänge des schönen Weihnachtsliedes schwebten hinaus in die Tropennacht; vor den Fenstern standen in dichte,: Scharen Neger, Araber und Inder und schauten hinein zu dein Opferfest, das die Freinden ihrem Gotte bereiteten; die dort drinnen aber sangen im Chor die alte, erinnerungsreiche Melodie, und auf den leise verhallenden Tönen flogen ihre Gedanken iiber die Meere zu den Plätzen der Kindheit. Tiefe Stille herrschte noch lange, nachden, das Spiel beendet war. Aber allmählich trat auch die Fröhlichkeit in ihr Recht, denn Weihnachten ist ja ein Fest der Freude. Man hatte sich gegenseitig neben anderen Dingen auch allerhand scherzhafte Kleinigkeiten geschenkt, mit denen man aus Gewohnheiten oder Eigenheiten harmlos hin deutete, und daraus entstand nun ein munteres Wort gefecht, eine Plänkelei mit Witzen und Stichelreden, die fortwährend von lustigem Lachen unterbrochen und be gleitet wurden. Nur Kurt blieb diesem Treiben fern, und es zeigte sich, daß er allein mit jenen Neckereien verschont worden war, weil jeder gefürchtet hatte, daß gerade er leicht einen Mißton in die Gesellschaft bringen möchte. So saß er denn, fast einsam unter den vielen Menschen, mit finsterem Blick und znsammengezogenen Brauen in einem Winkel, bis er sich endlich erhob und über die Veranda hinab in den Garten schritt. Und doch hatten drei Personen jede seiner Bewegun gen beobachtet. Mitten in der Unterhaltung waren Olga und der Pastor, jeder, ohne von, andern zu wissen, mit151 ihren Gedanken immer bei Kurt gewesen, und Schelling wieder hatte das junge Mädchen und seinen Kameraden nicht aus den Augen gelassen. Als nun wenige Minuten später Olga ebenfalls nach der Veranda ging, trat ihr der Adjutant scheinbar zufällig entgegen und verwickelte sie in ein Gespräch, während gleichzeitig der Pastor Kurt in den Garten folgte. Die schmalen Wege waren von dem abnehmenden Monde nur schwach beleuchtet, und zudem warf noch die hohe Mauer einen schwarzen, dicken Schatten über den Boden. Der Pastor ging langsam mit vorsichtigen Schritten zwischen den Sträuchern und Hecken dahin, bis er ganz am Ende des Gartens, am Stamme einer Palme lehnend, den Leutnant gewahrte. Der regte sich nicht; und erst als der Missionar dicht vor ihm stand, blickte er auf und sah ihn fragend an. Eine Sekunde standen sich die beiden Männer schweigend gegenüber, bis endlich der Pastor das Wort ergriff und, nach seiner Gewohnheit gerade auf das Ziel hinsteuernd, sagte: "Es freut mich, daß ich Sic einmal allein treffe, Herr von Zangen." "Allein?" fragte Kurt verwundert. "Weshalb wol len Sie mich allein sprechen?" "Weil ich Ihnen manches zu sagen habe," erwiderte der Pastor, "was andre nicht zu wissen brauchen. Sie erlauben doch?" "Bitte, ich höre." Der Pastor überlegte und zögerte nun. Dann aber entschloß er sich kurz und sagte mit sanftem, mildem Nachdruck: "Herr von Zangen, ich weiß, daß Sie mit dem Faktoreileiter verkehren."152 Kurt fuhr auf, und seine Hände ballten sich. "Ah! Sie spionieren, Herr Pastor?" Der Missionar jedoch blieb vollkommen ruhig und entgegnete nur: "Sie irren sich. Ich spioniere nicht. Aber da Sie keinen Tarnhelm tragen, so muß man Sie Wohl oder übel sehen." Kurt schrie wieder: "Na, da können Sie ja nun zum Oberst gehen und mich denunzieren! Bitte gehen Sie nur!" Der Pastor indessen schüttelte lächelnd den Kopf. "Wenn ich das wollte, so wäre ich jetzt nicht hier," sagte er. Und dann fuhr er mit größerer Wärine fort: "Herr von Zangen, begreifen Sie doch, daß ich Ihnen nichts anhaben will. Im Gegenteil, ich möchte Ihnen helfen. Ich rede auch hier nicht als Seelsorger zu Ihnen, sondern einfach als alter Mann, der doch das Recht hat, von der Jugend mindestens gehört zu werden." Er wartete auf eine Antwort; als aber Kurt schwieg und nur aus großen, harten Augen auf ihn schaute, sprach er weiter: "Haben Sie schon einmal vom Tropenkoller gehört?" "Was soll das hier?" fragte Kurt rauh und schroff. Aber mit größter Einfachheit antwortete der Pastor: "Ich möchte Ihnen davon erzählen. Sehen Sie, Herr von Zangen, ich lebe schon viele, viele Jahre in den Tropen. Da sainmelt man denn so manche Erfahrun gen. Und ich- habe nun beobachtet, daß die Tropen, die Kolonien, für uns Europäer eine ungeheure Gefahr bil den; nicht körperlich, wegen des Klimas, das läßt sich ja ertragen, und man gewöhnt sich daran. Aber psychisch und moralisch sind sie-sine Gefahr. Es ist ein eigen153 Ding mit uns. Drüben in Europa sind wir alle inehr oder weniger in abhängiger Stellung. Unsere Tätigkeit, ja, unser ganzes Privatleben wird dort immerwährend kontrolliert, wenn nicht von Vorgesetzten, so doch von der Gesellschaft als solcher, wir werden dort von unseren Kulturgesetzen und Kulturanschauungen ständig geleitet, ich möchte fast sagen: an der Hand geführt. Und nun hier . . hier fehlt das alles. Tausende Meilen von unse rer Kultur entfernt, ist man gairz plötzlich ihrem mäßigen den und regulierenden Zwange entzogen. Was Wunder, daß man da mitunter den festen Boden wanken fühlt! Es geht fast jedem von uns so. Zuerst ist es nur, als ob die Grenzen aller Begriffe sich weiteten und ver wischten. Allmählich aber verliert inan auch die Maß stäbe für gut und böse, und da liegt nun die große, die gewaltige Gefahr! Wer sich dann nicht mit aller Energie noch selbst unter das wohltätige Joch unserer Kultur zurückzwingt, der verfällt unwiederbringlich in jenen krankhaften Seelenznstand, den man bei den römischen Kaisern "Cäsa renwahnsinn" n ennt u nd für den man n den Kolonien den Ansdruck "Tropenkoller" erfunden bat." Während dieser ganzen Rede hatte Kurt den Missio nar starr angesehen. Kein Muskel seines Körpers regte sich, und die Gesichtszüge schienen zu Stein verhärtet. Nur die fest auf einander gepreßte Lippen zuckten leise, als er jetzt mit geschlossenen Zähnen heiser fragte: "Und wozu sagen Sie mir das alles?: Weshalb gerade mir?" "Weil ich Sie beobachtet habe," entgegnete der Pastor eindringlich. "Ich habe Sic beobachtet und möchte Sie warnen! Sie sind auf dem besten Wege, der Krankheit zu unterliegen!" Ilnd mit erhobenen Händen, bittend,154 beinahe beschwörend, sagte er: "Glauben Sie mir, die Gefahr ist groß! Kehren Sie um, solange es noch Zeit ist!" Aber die mahnenden Worte fanden kein Gehör bei Kurt, der fremd und mit beinahe beleidigender Kälte er widerte: "Ich bin Ihnen für Ihre Belehrung verbun den, Herr Pastor. Ob Sie recht haben, bleibe dahin gestellt. Jedenfalls danke ich Ihnen. Kann ich sonst noch mit etwas dienen?" Da breitete der alte Mann entsagend die Arme aus, ließ sie dann schlaff herniedergleiten und meinte traurig: "Mir dienen? Nein. Sie könnten sich nur selber dienen. Ich aber ... ich brauche Ihre Dienste nicht." Kurt machte eine steife Verbeugung: "So gestatten Sie, daß ich jetzt zur Gesellschaft zurückkehre," und ging mit festen Schritten in der Richtung des Hauses, während ihm der Pastor sinnend nachschaute. Inzwischen waren Olga und Schelling auf der Veranda geblieben. Das junge Mädchen lehnte an der Brüstung, spähte hinaus in den Garten und gab dem Adjutanten zer streute Antworten. Da aber beide ini geheiinen nur an Kurt dachten wenn auch jeder in anderer Weise , so geschah es beinahe von selbst, daß sich das Gespräch zu ihm hinlenkte. "Herr von Zangen war heute so ernst und düster," meinte Olga. "Fanden Sie nicht?" "Allerdings," bestätigte Schelling. "Aber so ist er ja immer. Mit einem offenen und freien Gesicht habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen." Olga horchte auf. "Sie sprechen, als wäre er schon155 viele Monate hier? Wir alle kennen ihn doch erst seit wenig Wochen?" "Ganz recht," nickte der Adjutant. "Aber in dieser kurzen Zeit hat er sich leider sehr verändert." "Das finden nur Sie?" fragte Olga rasch. "Nein, das finden alle," entgeguete Schelling. "Fragen Sie nur Ihren Herrn Vater. Ich glaube, Sie, gnädiges Fräulein, sind die einzige, der das ent gangen ist." Einen Augenblick schwieg Olga. Dann sagte sie leise: "Sie niögen Herrn von Zangen nicht leiden." "Er ist mir unsympathisch," gab Schelling zu. "Weshalb?" Der Adjutant zuckte die Achseln. "Gnädiges Fräu lein, es ist schwer, sich über einen Kameraden so zu äußern." "Auch mir gegenüber ist das schwer?" fragte Olga mit großen, forschenden Augen. Und vor diesen Augen senkte Schelling die seinen. Er fühlte sich unfähig, Olga zu belügen, und mochte doch gerade ihr nicht die Wahrheit sagen, weil er ahnte, wie sie das schmerzen würde. So erwiderte er denn aus weichend: "Sie wissen doch, daß ich keine große Neigung habe für jene Offiziere, die sich nur aus Not in die Kolonien versetzen lassen, wenn sie drüben abgewirt schaftet haben. Ich liebe unser Afrika, und ich denke, daß man gerade hier nur das beste Menschenmaterial brauchen kann." "Und Zangen gehört dazu nicht?" fragte Olga von neuem, aber mit verschleierter Stimme.156 Da warf Schelling den Kopf zurück und blickte das junge Mädchen, dessen schlanke Gestalt sich von dem nächtigen Hintergrund abhob, voll an. "Wahrhaftig nein!" rief er aus innerster Ueberzeugung. Gleich darauf aber, als habe er schon zu viel gesagt, lenkte er wieder ein und meinte: "Uebrigens . . ich kann mich ja irren. Vielleicht habe ich unrecht." Olga hatte während dieser ganzen Zeit unausgesetzt das ernste Gesicht des Offiziers betrachtet, der, auf ein kleines Tischchen leicht gestützt, vor ihr stand und nüi nervösen. Fingern über die Blätter eines aufgeschlagenen Buches hinstrich. Es war, als wolle sie in seiner Seele lesen. Und endlich fragte sie fast zaghaft: "Sind da? die einzigen Gründe für Ihre Abneigung?" Schelling zögerte. Aber zuletzt sagte er stockend: "Es sind . . . beinah die einzigen." In Olgas Augen leuchtete auf. "Ach so! flüsterte sie halb für sich. Und dann wendete sie sich wieder zu Schelling. "Herr von Zangen bemüht sich ziemlich lebhaft um mich." Und nach einer Pause, als der Adjutant betreten schwieg, vollend.ete sie: "Sind Sie nicht ein wenig eifersüchtig, mein Freund?" Bei diesen Worten zuckte Schelling wie unter einem Schlag zusammen. Alles Blut wich aus seinem Gesicht. Die eine Hand ballte kramphaft das Buch, als ob sie er zerreißen wollte, indes die andere am Tisch nach einem Halt suchte. Zuletzt, als er des ersten Ansturms Herr geworden war, sagte er keuchend: "Verzeihung, Fräulein Olga . . ., aber das war nicht edel von Ihnen! Sie durften damals meine Werbung abweisen, das war Ihr gutes Recht! Aber Sie dürfen sich heute nicht über157 mich lustig machen, das mindestens habe ich nicht verdient!" Olga war über die Heftigkeit dieses Ausbruchs er schrocken. Sie bereute jetzt ihre Frage und empfand wirk lich Mitleid. Schelling aber, nachdem der Bann einmal gebrochen war, fuhr fort: "Ja, Fräulein Olga, wenn Sie s denn wissen wollen, ich b n eifersüchtig! Ich wäre auf jeden eifersüchtig, der sich Ihnen nahen wollte! Das ist einmal so, das kann ich nicht ändern! Doppelt schmerzlich aber ist es mir, wenn ich sehe, daß Sie Ihre Neigung an einen Menschen fortwerfen, der alles andere eher ist als gut! Denn Zangen das können Sie mir glauben ist nicht gut! Zangen ist schlecht und Ihrer jedenfalls unwert!" Wahrscheinlich hätte sich Schelling von seiner Leiden schaft noch weiter hinreißen lassen, wenn Olga ihn nicht unterbrochen hätte. Hoch aufgerichtet stand sie da. Sie liebte ja Kurt, und jede Beleidgung, die ihm galt mußte auch sie treffen. Und deshalb rief sie, errötend vor Zorn: "Kein Wort weiter, Herr Leutnant! Sie ver gessen, wo Sie sind!" Im Augenblick hatte sich der Adjutant gefaßt: noch bleich und zitternd, klappte er niilitärisch die Hacken zu sammen und sagte heiser: "Pardon, gnädiges Fräu lein." Schelling war still nach dem entgegengesetzten Teil der Veranda gegangen. Dort stützte er sich mit erhobe nem Arm, in den er die brennende Stirne barg, an einen der Pfeiler, die das Sonnendach trugen. Eine Palme hielt das Mondlicht ab, so daß ihn tiefer Schatten umgab. Olga blickte ihm regungslos nach.158 So sehr seine Worte sie mich empört hatten, so war doch im Ton derselben, im Ausdruck seines Gesichtes und in seiner ganzen Haltung etwas gewesen, das sie jetzt, da es vorüber war, weit mehr ergriff als erzürnte. Sie durchspähte die Dunkelheit, und während sie ihn mit den Augen zu finden trachtete, lebte wieder die Ver gangenheit vor ihr auf. Und Plötzlich wurde es ihr mehr als je bewußt, wie grenzenlos sie dieser Mann dort liebte und wie er ihretwegen litt. Eine einsame Träne rann über ihre Wange, Mit leid ergriff sie, und in weicher Stimmung schritt sie sacht und langsam zu ihm hin. Er hatte sie nicht gehört, auch nicht, da sie schon hinter ihm stand. Erst als sie leise fragte: "Sind Sie mir böse?" drehte er sich um und sah sie traurig an. Er sah sie traurig an und sagte: "Wie kann ich Ihnen böse sein? Sie wissen doch, daß ich Ihnen nie mals böse bin." Olga aber schaute zu Boden und flüsterte: "Ich habe Ihnen vorhin weh getan." Schelling antwortete nicht. Er atmete nur tief auf. Da hatte Olga ein Gefühl, als habe sie an diesem Manne ein großes Unrecht gut zu machen, und als könne sie dies nur, indem sie ihn einen freien Blick in ihre Seele tun ließ. Und sie sprach weiter: "Ich will Ihnen niemals wehe tun. Auch vorhin wollte ich es nicht." Und ihre Stimme noch mehr dämpfend, so sehr, daß sie kaum hörbar blieb, fuhr sie fort: "Ich mußte Sie da mals abweisen, mußte Ihnen damals nein sagen, ich durfte nicht anders. Aber wenn ich Sie auch nicht lieb genug hatte, um Ihre Frau zu werden, so war ich Ihnen159 doch immer herzlich gut. Es gibt wenig Menschen, zu denen ich solches Vertrauen habe wie zu Ihnen; eigent lich nur noch Papa. Oft frage ich mich sogar, bevor ich etwas tue, was Sie Wohl dazu sagen würden." Nu schwieg sie wieder. Und dann stotterte sie abgebrochen und furchtsam, daß sie ihn wieder verletzten könnte: "Und darum . . darum inöchte ich auch . . daß . . . daß Sie . . daß Sie nicht so schlecht von Zangen denken." Ein trübes Lächeln huschte über Schellings Lippen. "Ja, soll ich Sie denn belügen?" fragte er. "Dann könnten Sie doch kein Vertrauen mehr zu mir haben. Dann wäre es doch auch damit vorbei." Und wie sie ratlos, hilflos zu ihm aufblickte, tröstete er: "Ihr Vertrauen aber sollen! Sie mir bewahren. Wenn ich schon nichts anderes bin, so möchte ich wenigstens Ihr Freund sein." Dabei hielt er ihr seine Hand hin, die sie zaghaft er griff und deren innigen Druck sie leicht und leis er widerte. Aus dem Garten ertönten Schritte, und zwischen den Baumschatten kam Kurt hervor. Fest und aufrecht ging er über die Veranda in das Haus, ohne die beiden Gestalten in der Dunkelheit zu bemerken. Aber zum ersten Male fiel es Olga auf, daß etwas Starres und Hartes in feinem Wesen lag. Zwölftes Kapitel. Von Dar es Salam aus führt eine Karawanenstraße in das Hochland von Usagara und von dort weiter iir das Gebiet der großen Seen. An diesem Handelswegc liegt, wenige Tagesreisen von der Küste entfernt, eine kleinere Militärstation. Die Besatzung besteht nur aus etwa fünfzehn Mann, ferner einem Unteroffizier und einem Feldwebel, der das Kommando führt, und bleibt immer einige Monate auf ihrem Posten. Auf dieser Straße bewegte sich in den ersten Tagen des Januar eine langgestreckte Menschenkette in mäßigem Tempo dahin. Voraus schritt ein schwarzer Unteroffi zier, der die entrollte deutsche Kriegsflagge trugt dann ritten auf großen starken Pferden Kurt und Halten: ihnen folgten fünfzehn Soldaten, an ihrer Spitze der Feldwebel Wegner: und den Schluß bildete eine Anzahl Suaheli, welche den Proviant, Gepäck, Zelte, Küchen- und Lagergerätschaften nachtrugen. In dem Troß be fanden sich auch etliche Frauen und Kinder. Kurt saß auf seinem Reittier, die rechte Hand auf das Knie gestemmt, den Kopf geradeaus gerichtet. Er sprach kein Wort. Das Auge leuchtete und loderte in wildem Feuer, und um den grausam geschlossenen Mund spielte ein siegesfrohes Lächeln, während sein Blick über das Land schweifte, dessen fernste Waldungen und An pflanzungen in der reinen tropischen Luft so greifbar nahe schienen. Sein Herz triumphierte. Endlich hatte er161 es erreicht! - Endlich war sein sehnlichster Wunsch er füllt! Endlich durfte er herrschen! Nun zog er fort voir der Küste, hinein ins Innere, und zum ersten Male war er Herr, fein eigener Herr, niemandes Untertan! Daß alles dies nur wenige Wochen dauerte, daran dachte er kaum. Aber während dieser Wochen war er unumschränk ter Machthaber über alle, die da hinter ihm hertrotteten, unninschränkter Gebieter! Von ihm hingen sie ab, von ihm ganz allein, von seinem Befehl, von seiner Laune, von seiner Gnade! Ein wonniges Behagen floß durch seinen Körper und streichelte seine Nerven, daß. sie leise prickelten. Zu gleich erinnerte er sich wieder jenes Nachmittags in der Faktorei, und als er dabei auf den Fahnenträger blickte, empfand er ein merkwürdiges Vergnügen, wie sich der rote Flaggenstreifen von dem schwarzen Nacken des Negers abhob. Seine Phantasie schwelgte in der willkürlichen Macht, die er zu besitzen glaubte. Was kümmerte es ihn, daß der Gouverneur mit ihin unzufrieden war? . . . Gar nichts! Er dachte an den Pastor, diesen falschen, spionierenden Heuchler, der ihm erst gute Lehren geben wollte und ihn nachher doch de nunziert hatte. Aber eigentlich konnte er ihm nicht ein- mal böse sein, denn ohne es zu wollen, hatte dieser Intrigant ihm ja den besten Dienst geleistet. Und dann der Oberst! ... wie dumm der war! Kurt mußte ordentlich lachen. Was für eine furchtbare Standpauke er ihm ge halten hatte . . . Wie war es doch gewesen? . . . "Herr von Zangen, ich höre leider sehr viel Schlechtes von Tropenkoller. 10162 Ihnen. Sie haben niit diesem elenden Kerl, diesem Müller, verkehrt, gegen meinen Wunsch. Das kann ich nicht dulden. Ich bin geivähnt, daß meine Wünsche re spektiert werden. Sie werden diesen Verkehr aufgeben. Um Ihnen aber die Sache zu erleichtern, schicke ich Sie mit dem Ablösungskommando in das Innere. Sie über nehmen die Führung. Morgen früh marschieren Sie . . ." Und dabei hatte er sein wütendstes Gesicht gemacht. Wenn der alte Brummbär nur geahnt hätte, daß für Kurt diese Strafe in Wahrheit eine Belohnung war! . . . Aber keine Spur! . . . er var ja so dumm . . so dumm! . Als Kurt mit seinen Gedanken so weit gekommen war, blickte er zufällig auf seinen Begleiter. Halten be merkte es gar nicht, sondern summte zwischen den ge schlossenen Lippen ruhig ein Liedchen, das er nur unter brach, wenn er aus einer großen Havannazigarre einige Züge tat. Sobald er dann den Ranch in dicken Wolken wieder ausgeblasen hatte, brummte er weiter. Kurt runzelte die Stirn, zog die Brauen finster zusammen und betrachtete den Grafen mißtrauisch von der Seite. Dieser Mensch störte ihn . . . Was hatte der überhaupt hier zu suchen? . . . Sollte er am Ende gar spionieren und beaufsichtigen? . . . Der Oberst hatte heute morgen in der Kaserne solch eine zweideutige Bemerkung ge macht: der Graf sei ein älterer Mann, dessen Rat von Nutzen sein könne; vier Augen sähen oft besser als zwei . . und noch dergleichen Unsinn mehr . . . Machte Halten diese Expedition am Ende nur im Aufträge des Gouver neurs mit? Das wollte er wissen! Darüber mußte er ins klare kommen! "Bitte, Herr Graf," sagte er in der brüsken Art,1G3 Welche ihm in der letzten Zeit zur zweiten Natur ge worden war, "weshalb haben Sie sich uns eigentlich an geschlossen?" Halten nahm seine Zigarre aus dem Mund, blickte verwundert auf und lächelte. "Ihre Frage ist nicht sehr liebenswürdig," entgeguete er. "Uebrigens wissen Sie ja, daß ich zu meinem sogenannten Vergnügen in Afrika bin. An der Küste habe ich mich lange genug herum gedrückt, jetzt möchte ich auch einmal die geehrten Herren Neger weiter im Innern, so gewissermaßen in Freiheit dressiert, kennen lernen." Kurt lachte kurz auf, ohne daß sich der harte Aus druck seines Gesichtes nur eine Sekunde verändert hätte. Aber sein Mißtrauen begann ein wenig zu schwinden, und er erwiderte: "Sie halten die Schwarzen auch nur für halbe Tiere. Ich erinnere mich, daß Sie schon auf der Herreise diese Ansicht aussprachen. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Diese Rasse kann man einzig und allein mit der Peitsche regieren." Dagegen wehrte sich Halten jedoch ganz entschieden. "Verzeihung, Herr von Zangen," sagte er, "da haben Sie meine Aeußerungen doch falsch aufgefaßt. Jetzt so Wohl wie früher auf dem Schiff. Für die Peitsche und für Mißhandlungen habe ich niemals geschwärmt." "So? wirklich? " antwortete Kurt, der schon wieder von neuem Verdacht schöpfte. "Nun, da glaube ich, daß die Schuld an diesem Mißverständnis nicht auf meiner Seite ist! Ich weiß, wie Sie sich über die humani tären Bestrebungen lustig geinacht haben! Und Ihre Be merkung eben mit dem "in Freiheit dressiert" war doch auch nicht gerade sentimental." 10 * 164 Halten nickte. "Gewiß," bestätigte er, "was ich da mals gesagt habe, dabei bleibe ich auch heute. Für Hu manitätsduseleien bin ich nicht, und wenn es notwendig ist, die Neger zu vertilgen, so habe ich nichts dagegen. Aber auch das muß in einem ehrlichen Kriege, sozusagen auf anständige Weise geschehen. Mißhandlungen sind imnier eine Gemeinheit. Denn schließlich quäle ich ja auch ein Tier nicht unnütz. Wenn ich auf ein Huhn Appetit habe, so schlachte ich es ohne Erbarmen, aber vorher martern werde ich es nicht." Kurt war rot geworden, und mit einer Ironie, die nahe an der Grenze war, in zügellose Wut umzuschlagen, meinte er: "Sehr schön! sehr lobenswert! In der Theo rie sind Sie rücksichtslos und in der Praxis human, das ist auch ein Standpunkt!" Und als Halten etwas entgegnen wollte, unterbrach er barsch: "Aber lassen wir doch das! Wir werden uns darüber niemals einigen! Ist ja auch gar nicht nötig! Sagen Sie mir lieber, welchen Auftrag Ihnen der Oberst eigentlich erteilt hat!" "Was für einen Auftrag?" fragte der Graf in höch stem Erstaunen. "Wovon reden Sie?" "Der Oberst hat Sie doch ersucht, an dieser Ex pedition teilzunehmen?" "Im Gegenteil. Ich erklärte Ihnen ja schon vor hin, daß es einzig mein Wunsch war. Der Gouverneur war sogar anfangs dagegen, uub ich habe ziemlich lange bitten müssen, bis ich die Erlaubnis erhielt." Kurt blickte Halten von der Seite lauernd an. "Dann ist es nur merkwürdig," meinte er, "daß der Oberst mir gesagt hat. Sie würden mir mit Ihrem Rat zur Seite stehen."165 Der Graf zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf. "Ich kann daran nichts Sonderbares finden. Wenn man, wie wir jetzt augenblicklich, sich gewissermaßen auf dein Kricgspfade befindet, da ist es doch nur selbstverständ lich, daß man sich gegenseitig hilft und beisteht." "Ja, ja, ja, schon gut!" unterbrach Kurt nervös. Und dann nochmals forschend: "Also der Oberst hat nicht - -?" Halten wurde ungeduldig. "Herr von Zangen, ich , habe Ihnen das nun schon zweimal gesagt, und ich denke, meinen Worten kann man glauben." "Glauben? " entgegnete Kurt, indem er den Grafen groß und starr ansah. "Nun gut, so will ich Ihnen glauben! Aber dann bitte ich Sie, bei Ihren Rat schlägen jedenfalls nie zu vergessen, daß es mir über lassen bleibt, ob ich sie annehmen will oder nicht." Eine Sekunde zog Halten die Brauen in die Höhe und fuhr sich sinnend durch seinen Bart. Dann erwiderte er kühl: "Ganz nach Belieben. Ich werde Ihnen übri gens meine Meinung niemals aufdrängen." Kurt aber, der noch immer kein Auge von seinem Begleiter ließ, antwortete, und seine Stimme bekam da bei einen drohenden Klang: "Daran werden Sie auch gut tun! Der Führer dieses Zuges bin nämlich ich, Herr Graf! Den Befehl habe ich!" Darauf antwortete Halten nicht mehr, sondern stimmte nur init einem leichten Neigen des Kopfes zu. Als er dann kein Wort weiter sprach, wandte sich auch Kurt langsam von ihm ab und sah wieder gerade vor sich hin auf den Weg. Nun ritten sie schweigend nebeneinander fort. 166 Die Sonne brannte sengend heiß hernieder. Zur Seite des Weges dehnten sich weite Steppen mit manns hohem Gras, das nur hier und da im Lufthauch leise raschelte und wogte. Oft wich das trockene Land zurück und inachte Sümpfen Platz. Da kreisten Schwärme von Moskitos über dem stinkenden Wasser, die Frösche sangen ihre eintönige Melodie, und aus dem Gestrüpp der Man groven erhoben sich einige Wasservögel und flogen kräch zend und schreiend weiter, bis daß sie sich auf einer Rafia oder Arezapalme niederließen. Dann gab es wieder Ba nanen und wildwachsende Orangen, und manchmal stan den in Gruppen die niedrigen Flötenakazien mit ihren dünnen, feinen Fliederblättchen. Diese schwachbelaubten Bäumchen, die so kränklich und engbrüstig aussehen, dienen der schwarzen Ameise zur Wohnung, die ihre Stämme durchbohrt und durchlöchert. Und wie nun der Wind durch die Höhlungen und Gänge fuhr, tönte es wie Aeolsharfen, wie fernes leises, harmonisches Klagen. Tiefe Stille herrschte ringsum, und das Summen und Surren, das Säuseln und Wehen der Natur machte diese Stille womöglich noch größer, noch einsamer, noch gewaltiger. In gleichmäßigem Takt schritten die Leute vor wärts, einen Tag und iwch einen und wieder einen. Aus den Steppen und Sümpfen kamen sie in Urwälder, dann von neuem durch Steppen, durch Sümpfe, und wieder in Urwälder. Aber es lag etwas Trauriges und Totes über dem Zuge. Am ersten Vormittag, kurz nach jenem Gespräch zwischen Kurt und Halten, hatten die Soldaten zu singen107 begonnen. Zuerst hatte einer vor sich hingebrummt, dann war ein anderer eingefallen, und endlich war eine jener traurigen, schwermütigen Niggerweisen erklungen. Ta hatte Kurt zu schweigen geboten. Er hatte nur drei Worte gesprochen: "Nicht singen! Aushören!" . Aber wie er diese drei Worte hervorgestoßen hatte, das war schon nicht mehr ein einfacher Befehl gewesen, sondern weit eher eine körperliche Gewalttat, so übermächtig brutal im Ton. Den Leuten-war das Wort im Munde erstorben, und furchtsam heimlich flüsterten sie einander in ihrer Sprache zu: "Das ist ein böser Herr! ein schlim mer Herr!" Seitdem hatte es wie ein Alp auf der Mannschaft gelegen. Alle Freudigkeit und aller Frohsinir war da hin. Auf dem Marsche und im Lager tat jeder, was er tun mußte, aber es geschah bedrückt und in stiller Angst. Wenn ja einmal einer sich vergaß und in lustiger Laune scherzen wollte, so brauchte er nur auf den Führer zu sehen, der herrisch verschlossen fast wie unter Feinden sich bewegte, und mit der fröhlichen Stimmung war es wieder vorbei. Halten hatte seinen Verkehr mit Kurt auf die aller notwendigsten Höflichkeitsformen beschränkt und sich im übrigen mit dem Feldwebel Wegner augefreundet. Das war ein vernünftiger, freundlicher Manu, ruhig und be sonnen, der nun schon bald zehn Jahre tu Afrika lebte und auch gar nicht sortwollte, weil er sich inzwischen mit einer Mulattin verheiratet hatte. Mit ihm machte der Graf, wenn der Lagerplatz für die Nacht gewählt war, kleine Streifungen in den nahen Wald, oder sie unterhielten sich niit den Leuten, die ihiten von ihren168 kleinen Freuden und Leiden erzählten, und zuletzt saßen sie gewöhnlich in Haltens Zelt und plauderten über Afrika. Da erfuhr denn der Graf manches Neue, das ihn interessierte und seine bisherigen Ansichten änderte und verbesserte, und ein paarmal sprachen sie auch über Kurt und tauschten ihre Befürchtungen und Sorgen aus. So waren sie zu der letzten Rast gekommen; am nächsten Morgen hatten sie nur noch wenige Stunden bis zum Ziel. Nicht weit von der Stelle, wo sie ihre Zelte auf- geschlagen hatten, lag zwischen Feldern und unter Ba nanen und Kokospalmen ein kleines Negerdorf, dessen Bewohner der nahen Militärstation Feldfrüchte, Vieh und Geflügel lieferten. Jetzt entspann sich zwischen den Dorfleuten und den Soldaten ein lebhafter Verkehr, man besuchte sich gegenseitig und auch Kurt mischte sich in das Getriebe. Plötzlich blieb er stehen und blickte auf eine schlanke, geschmeidige Negerin, die zur Seite eines alten, zahn losen Weibes daherschritt. Das Mädchen, das noch sehr- jung zu sein schien, war von eigenartiger Schönheit. Einen großen Schal grellroten Kattuns, der mit weißen Arabesken über und über bedruckt war, hatte sie sich rock artig um die Hüsten geschlungen, so daß unten nur die braunen Füße und die ungemein zarten und feinen Sprunggelenke hervorschauten. Der Oberleib war nackt und zeigte ein paar Brüste von knospenhafter Entwicke lung. Die schwarzen Augen lachten ebenso munter wie die starken, wollüstigen Lippen, zwischen denen die weißen Zähne sichtbar wurden. Und das pechschwarze Haar, das mit einein roten Bande durchzogen und umwunden war.kontrastierte sonderbar mit der Hellen, beinahe bronze farbigen Haut des Gesichtes und des übrigen Körpers. Kurt hielt an und fragte sie nach ihrem Namen. "Ajata, Herr!" sagte das Mädchen und lachte da bei den Offizier kokett und gefallsüchtig an. "Ajata?" wunderte sich Kurt. "Wie seltsaur das klingt! Ajata! Hat das eine besondere Bedeutung?" "Nein, Herr, üftur Name," antwortete die Negerin in gebrochenem Deutsch, das sie sich, ebenso wie die meisten anderen Dorfbewohner, im Laufe der Jahre von den Soldaten angeeignet hatte. "Wann bist du geboren?" fragte Kurt wieder. "Ich nieine, wie alt bist du?" "Ich weiß nicht, Herr." "Haha! Das weißt du nicht, Ajata?" "Nein, Herr! Weiß wirklich nicht." Kurt sah das junge aufblüheude Weib mit lüster nen, verlangenden Augen an. "Schadet nichts, Ajata," sagte er. "Mein Jagdhund hat von so was auch keine Ahnung und ist doch ein schönes Tier. Schadet gar nichts, Ajata. Hauptsache ist Schönsein! Und schön bist du ja, du " Er nahm ihren Kopf zwischen seine Finger, und indem er sich soweit zu ihr herabneigte, das; sein heißer Atem ihr Gesicht streifte, vollendete er: "Dll kleines Tier, du!" Ajata hielt ganz still-, sie bewegte kein Glied. Und Kurt flüsterte heiser: "Komm heute nacht zu mir in mein Zelt." Als aber das Mädchen noch immer regungslos und schweigend verharrte, runzelte er die Brauen, kniff die Lippen und rief zischend: "Nun?170 Kannst du nicht hören? In mein Zelt sollst du kommenl Hast du verstanden?" Ajata leistete auch jetzt nicht den geringsten Wider stand. Vielmehr antwortete sie demütig furchtsam: "Ich werde kommen, Herr." Da ließ Kurt sie los. Und indem er sie noch ein mal musterte, als ob er eine Ware erstanden hätte, sagte er finster: "Du mußt immer gehorchen, Ajata! Immer gehorchen!" Dann ging er fort. Aber in der Nacht wartete Kurt vergebens; Ajata kam nicht. Ani andern Morgen um vier Uhr früh stand die Truppe marschbereit. Der Fahnenträger, die Soldaten, die Suaheli, auch Graf Halten aus seinem Tier erwarte ten Kurt. Endlich trat dieser aus dem Zelt. Er war bleich und fahl, tiefe bläuliche Ringe umschatteten seine Augen, die linke Hand umspannte krampfhaft den Säbel griff, und während er an den Lippen nagte, blickte er suchend nach allen Seiten. Als er auch jetzt Ajata nicht fand, verzerrten sich seine Züge, und dabei murmelte er eine Verwünschung zwischen den Zähnen. Mit heiserer, krächzender Stimme befahl er den Auf bruch. Er selbst setzte sich an die Spitze und ritt schwei gend wie inimer. Aber sein Gesicht zuckte, in den Augen wetterleuchtete es, und zwei oder dreimal riß er ganz ohne Veranlassung, nur wie im Ansbruch einer verhalte nen Wut, sein Pferd am Zügel und schlug ihm die Sporen in die Weichen, daß die arme Kreatur erschrocken auf fuhr und sich bäumte. Nach wenigen Stunden hatten sie die Station er-171 reicht. Links vom Wege, in einer Lichtung des Waldes, lag das Gebäude, aus grauen unbehauenen Steinen ge fügt. Eine hohe Mauer aus dem gleichen Material ver hüllte es beinahe vollständig den Blicken, so daß nur-das flache Dach und darüber der niedrige viereckige Turm mit seiner Bastion hervorragte. Diese Mauer umgab noch ein breiter und tiefer Graben, über den eine leichte hölzerne Briicke zu der Straße hinüberführte. Rings in der Runde auf eine Entfernung von mehreren hundert Metern waren alle Bäume gefällt und alles Strauchwerk ausgerodet, damit niemand unbemerkt nahen könne. Nachdem sie das schwere, eisenbeschlagene Tor durch schritten hatten und die Leute so gut als möglich unter gebracht waren, ging Kurt daran, das Fort zu inspi zieren. Der Feldwebel Kamke, welcher bis jetzt hier den Befehl gehabt hatte, übernahm die Führung. Aber während sie die einzelnen Räume betraten und Kamke dieses und jenes näher erläuterte, hörte Kurt kaum zu, und plötzlich fragte er mitten in einen Bericht hinein: "Feldwebel, kennen Sie eine Negerin Ajata?" Kamke schwieg und schaute den Offizier betroffen an. "Nein, Herr Leutnant," antwortete er nach kurzem Ueberlegen. Kurt stainpfte mit dem Fuß den Boden. "So denken Sie nach! Sie müssen das Frauenzimmer kennen!" Aber Kamke fand nichts. Auf einmal schien er sich zu besinnen. "Zu Befehl, Herr Leutnant! Ich erinnere mich!" "Na, also!" sagte Kurt zufrieden. Und dann fuhr er fort: "Sie werden sogleich zwei Mann ins Dorf schicken und die Person holen lassen."172 "Hierher?" fragte der Feldwebel verwundert. "Na ja, was sonst? Verstehen Sie denn nicht deutsch?" "Zu Befehl, Herr Leutnant! Aber verzeihen, Herr Leutnant, wenn nun das Mädchen fragt, was es hier soll " "Hat nicht zu fragen!" unterbrach Kurt schreiend. "Hier wird nicht gefragt! Hier wird bloß gehorcht! Ver standen? Ich befehle, und die andern gehorchen! Merken Sie sich das gefälligst! AbtretenI" Kamke, der vollständig wie vor den Kopf geschlagen war, nlachte die vorschriftsmäßige Wendung und ging zur Tür. Aber bevor er diese noch erreicht hatte, rief Kurt ihn zurück: "Feldwebel!" "Herr Leutnant?" "Was sind das für Leute, die ich da unten im Hof gesehen habe? Ein paar alte Neger und ein ganz junges Mädchen, noch halbes Kind. Die können doch nicht zur Station gehören?" "Nein, Herr Leutnant," antwortete Kamke. "Die sind in einer Streitsache hier. Das Mädchen hat angeb lich gestohlen und soll bestraft werden." "Bestraft werden? " wiederholte Kurt, indessen seine Augen einen seltsam starren, glänzenden Ausdruck annahmen. Und dann zu Kamke gewendet: "Wer spricht denn hier Recht?" "Der Stationskommandant ist gleichzeitig auch Ge richtsherr." "Der Stationskommandant?" "Zn Befehl, Herr Leutnant."173 "Das bin ja ich!" Kurt atmete ein paarmal tief auf, als könnte er dadurch das widerspenstige Klopfen seines Herzens beruhigen. Schließlich meinte er mit ironischem Lächeln: "So werde also ich den Richter spielen. Ist wenigstens mal eine Abwechslung." Und in befehlendem Tone fügte ec hinzu: "Die Bande soll bis Nachmittag warten; erst will ich essen! Und Sie lassen jetzt die Ajata holen! Aber sofort! Wenn sie nicht gutwillig kommt, wird Gewalt gebraucht! Verstanden? Ich mache Sie dafür verantwortlich!"D r ei z e h n t e s Kapitel. Kamke hatte sofort zwei Mann abgesandt und ihnen aufgetragen, das Mädchen unter jeder Bedingung her zuschaffen. Nun stand er mit seinem Kameraden Wegner bei sammen und ließ sich erzählen. Es gab ja so mancherlei Neues von der Küste. Aber den Hauptgesprächsstoff bil dete trotzdem Kurt. Es war doch vieles bekannt ge worden von seinem Verkehr mit Müller, und jetzt kain noch sein sonderbares Wesen auf dem Marsch hinzu, und heute hier der Befehl wegen der Negerin. Die beiden Männer tauschten leise ihre Ansichten aus, mächteu bedenkliche Gesichter und schüttelten sorgen voll die Köpfe. Aber sie waren zu alte Soldaten, um nicht zu wissen, daß sie schweigen mußten. Was immer geschah, Herr von Zangen war ihr Vorgesetzter, und wenn er auch das größte Unrecht tat, sie mußten blindlings gehorchen, sonst konnte es ihnen selbst den Kragen kosten. Inzwischen saß Kurt in seinem Zimmer und nahm das einfache Mittagsmahl ein. Halten, der jede Gelegen heit benutzte, damit er nicht mit ihin beisammen zu sein brauchte, hatte sich entschuldigen lassen und war in Be gleitung eines Suaheli zu einem kleinen Jagdausflug in den Wald gegangen. So war Kurt ganz allein und vollständig seinen Gedanken überlassen, die in wirren Bocksprüngen von Lotte Benisch zu Ajata und wiederZurück auf das väterliche Gut zu Lilli Meerheimb tollten, ihn dann die Faktorei führten, wo sie ihn wieder jene Auspeitschung sehen ließen, und endlich bei der kleinen Diebin Halt machten, die dort unten auf ihre Bestrafung wartete. Kurts Phantasie war krankhaft erregt, und sein Blut, durch die heiße Tropenluft noch mehr erhitzt, jagte leidenschaftlich durch die Adern und stieg ihm in Wal lungen zu Kopfe. Nun sprang er auf und rief seinen Burschen: "Sagen Sie dem Feldwebel Kamke, ich will jetzt Gericht halten." Dann setzte er sich die Mütze auf und ging die Treppe hinab in den Raum, welcher dem Stationskommandanten als Arbeitszimmer und Bureau diente. Wenige Augenblicke nach ihm trat der Feldwebel ein, gefolgt von den beiden Negern und dem Mädchen, das sich halb furchtsam und halb neugierig nach allen Seiten umschante. Die beiden Männer begannen nun sofort lebhaft zu gestikulieren, und indem sie sich gegenseitig unterbrachen oder auch beide zugleich redeten, brachten sie in einem Kauderwelsch, das mit deutschen und englischen Brocken reichlich untermischt war, ihre Klage vor. Kurt aber hörte gar nicht. Er sah einzig und allein das Kind an, und als jene endlich fertig waren, erwachte er wie aus einem Traum. "Ich habe die Kerle nicht verstanden," fuhr er den Feldwebel an. "Um was handelt es sich eigentlich?" "Die Kleine soll Hühner gestohlen haben," erklärte Kamke.Kurt sah schon wieder das Kind an. "Ist sie ge ständig?" fragte er. Und gleich darauf, ohne eine Ant wort abzuwarten, wendete er sich direkt an die Negerin: "Hast du gestohlen?" Das Mädchen wich ängstlich einen Schritt zurück, nickte aber und sagte: "Ja, Herr." "Warum hast du gestohlen?" "Schmeckt gut, Herr, Hühner. Habe genommen. Aber nur zwei Stück, Herr." "Du weißt doch, daß du nicht stehlen darfst?" "Ja, Herr. Schmeckt aber gut." Kurts Brust arbeitete heftig, der Ateni kam pfeifend durch Mund und Nase, und seine Blicke bohrten sich in den nackten Oberkörper der kleinen Diebin, die gerade so wie Ajata nur um Hüften und Beine ein buntes Tuch geschlungen hatte. Eine Sekunde lang schwieg er; dann sprach er keuchend und wie unter einer schweren An strengung nach Luft ringend: "Und . . du weißt auch . . . daß du bestraft wirst?" "Ja, Herr." "Gut! Ich werde dich auspeitschen! Bist du zu frieden?" Die beiden Neger, die bestohlen worden waren, grinsten mit freudigem Lachen, daß die weißen Zähne aus ihren großen Mäulern hervorleuchteten. Das Mäd chen aber sah furchtsam auf und antwortete zitternd leise: "Muß zufrieden sein, Herr." Jetzt blickte Kurt suchend umher. Eine Stilpferd peitsche, wie Müller sie gebrauchte, besaß er nicht. So nahm er denn die dünne Reitgerte, die er immer bei sich trug und die er auch hier mitgenommen hatte, und sagte177 zu Kanike: "Führen Sie die beiden Neger fort. Und Sie selbst kommen auch nicht wieder herein. Verstanden? Abtreten!" Als aber der Feldwebel unentschlossen und ratlos stehen blieb, stürzte Kurt mit zwei Schritten ganz nahe an ihn heran und brüllte noch einmal: "Abtreten! " Kamke und die beiden Neger entfernten sich. .Kurt blieb allein mit dem Mädchen. Das Kind harrte regungslos in der Mitte des Zimmers. Und jetzt trat Kurt zu ihm hin, die Gerte zitterte in seiner rechten Hand, und mit den bebenden Fingern der linken zerrte er ihm das Tuch bon den Hüften. Wie aber nun die schwarze Gestalt in ihrer ganzen Nacktheit entblößt war, da ergriff er ihren Arm und riß sie zu dem Tisch, über den er sie hinwarf, so daß der Oberkörper darauf zu liegen kam, während die Füße den Boden berührten. Im nächsten Augenblick sauste auch schon der erste Hieb auf den Rücken nieder. Das Mädchen schrie leise auf. Aber schon zischte die Gerte von neuem durch die Luft und im Schmerz faßte das Kind die beiden Kanten des Tisches und krallte sich mit den Fingern hinein. Kurt führte Schlag auf Schlag, abwechselnd bald dahin, bald dorthin, auf Gesäß, Kreuz und Schultern, und es tat ihm wohl, wie die einzelnen Muskeln zu- sammenznckten und sich krümmten. Bald jedoch merkte er, daß er eine zu schwache Waffe hatte. Es wollte noch immer kein Blut kommen, und er nmßte Blut sehen, er sehnte sich ach Blut, nach schönem rotem Blut auf schwarzer Haut. Und nun änderte er seine Züchtigung, nun zielte er stets genau auf die gleiche Stelle und traf mit unheimlicher Sicherheit. Sein Opfer stöhnte und Tropenkoller. 11178 wimmerte. Als aber jetzt die Haut in einem laugen Sprung aufklaffte und das rote Fleisch hervortrat, heulte das Mädchen gellend und reckte sich wild empor. Die Arme erhoben, stürzte es flehend vor Kurt auf die Knie. Der jedoch sah nur den schwellenden Körper, und in bestialischer Lust packte er die gerungenen Hände und schleifte das Kind zu dem Tisch zurück, auf den es nun mit dem Rücken zu liegen kam. Ein tückisch barbarischer Hieb fuhr hernieder, ein zweiter, ein dritter, ein vierter folgse, und erbarmungslos klatschte und zischte die Peitsche über die kleinen Brüste und den jungen Leib. Mit herausgequollenen, blutunterlaufenen Augen schlug er und schlug und schlug und schlug, und dabei öffneten sich seine Lippen pfeifend, röchelnd, ver langend und lechzend. Gerade in diesem Augenblick trat der Feldwebel ein. Kurt stürzte sich mit einem Fluch auf Kainke: "Was wollen Sie hier? Wer hat Sie gerufen?" "Ich wollte melden, daß die Negerin da ist," sagte Kamke, bleich vor Erregung. Er hatte all die Zeit vor der Tür gewartet, und während im Hof die Soldaten flüsternd standen, war er mehr als einmal versucht ge wesen, in das Zimmer zu dringen und der Grausamkeit ein Ende zu machen. Aber immer wieder hatte er sich vorgehalten, welch schwere Strafen auf Insubordination standen, und immer hatte der Soldat über den Menschen in ihm gesiegt. Jetzt war er froh, daß er Gelegenheit hatte, eintreten zu dürfen, und als Kurt seine Meldung nicht zu begreifen schien, wiederholte er noch einmal: "Die Negerin ist da, Herr Leutnant, die Ajata." Da endlich verstand ihn Kurt. "Ajata?" sagte erhalb stammelnd, halb lallend. "Ah! gut! sehr gut!" In weitem Bogen schleuderte er seine Gerte in die Mitte des Zimniers und schwankte hinaus, ohne sich noch um etwas anderes zu kümmern. Indes Kamke bei dem mißhandelten Kinde blieb und sich mit ihm zu schassen machte, stolperte Kurt die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. An der Tür stand Ajata. Sie war genau so gekleidet wie gestern Abend, hatte den gleichen roten Schal um die Hiiften und oas rote Band im Haar. Und da sie nun den Kopf ein wenig zurückbog und Kurt mit denselben koketten Augen wie gestern anlachte, da küßte sie dieser stürmisch auf den Mund und zog sie mit sich hinein. "Weshalb bist du letzte Nacht nicht zu mir ge kommen?" fragte er herrisch und sinnlich zugleich. Ajata zuckte die Achseln, und indem ihr Gesicht eine Ausdruck von Trauer bekam, antwortete sie: "Durfte nicht, Herr." Kurts Ziige verfinsterten sich. "Was heißt das: durfte nicht. Wer kann dir verbieten, wenn ich befehle?" Da sah Ajata den Offizier erstaunt und verwundert an. "Berisko, Herr," erwiderte sie. "Berisko darf ver bieten." "Wer ist das, Berisko?" "Berisko ist Neger. Will mich zum Weibe nehmen." Kurt lachte hell auf. Er legte eine Hand auf ihre Schulter und sah sie mit seinen unreinen Blicken ver langend an. Und noch immer lachend, aber mit dem Grinsen einer Bestie, die ihrer Beute sicher ist, sagte er: "Nun, ich will dich ja auch zum Weib, du kleiner brauner Affe du! Ich will dich ja auch!" 11 *180 Doch Ajata schüttelte ernsthaft den Kopf. Sogleich verschwand auch der letzte Rest von Lächeln aus Kurts Gesicht, und nur die Verzerrung blieb darin. Er packte die Negerin hinten am Halse, zog sie mit eisernem Griff ganz dicht zu sich heran und bog mit der andern Hand ihren Kops zurück, sodaß sie nun Auge in Auge standen, er über ihr wie ein Geier über dem zitternden Vögelchen. "Willst du etwa nicht, Ajata?" fragte er drohend. "Willst du mir etwa Widerstand leisten? Wage es doch! Aber hüte dich! Ich peitsche dich zu Tode! Hörst du, Ajata? Zu Tode peitsche ich dich!" Das Mädchen versuchte gar nicht, sich zu befreien: sie überließ sich vielmehr geduldig der Umklammerung und entgegnete deiniitig: "Ich will ja, Herr. Habe nur Angst vor Berisko. Ist so bös, Herr! Tötet mich." "Dummheit, Ajata! Wenn du bei mir bist, darf dir niemand etwas tun!" "Ist das wahr, Herr?" "Gewiß! Wirst du nun gehorchen?" "Arme Niggerin gehorcht immer, Herr." Jetzt senkte Kurt seinen Mnnd auf den ihren, und saugend und beißend kiißte er minutenlang in schranken loser Gier. Dann schob er sie ein wenig von sich ab und betrachtete sie. Das Tuch war ihr hinabgcglitten, so daß sie nackt vor ihm stand, und plötzlich schoß ihm eiw Gedanke durch den Kopf, den er auch sofort aus sprach. "Hast du dich schon einmal im Spiegel ge sehen, Ajata? Weißt dn überhaupt, was das ist, ein Spiegel?" Ajata nickte lebhaft und freudig. "O ja, Herr.181 Habe mich gesehen. Ich stehe hier, großes Glas da. Habe mich gesehen. Ist aber schon lange her." "Du selbst hast keinen Spiegel?" "Nein, Herr. Arme Niggerin." "Ich werde dir einen schenken." Da klatschte das Mädchen vor Freude in die Hände. Kurt nahm aus seinem Koffer einen kleinen Spiegel und gab ihn ihr. Sie nahm ihn und lief zum Fenster, und indem sie nun versuchte, nicht bloß ihr Gesicht, sondern auch alle übrigen Teile ihres Körpers zu be trachten, drehte und wendete sie sich und erging sich in den sonderbarsten Verrenkungen. Kurt aber schaute ihr zu, und wie sie ihre Glieder in katzenartiger Geschmeidig keit reckte und krümmte und wieder streckte, stand er mit vorgebeugtem Oberkörper und weit geöffneten Augen, als könnte er niemals genug von diesem seltsamen Bilde in sich aufnehmen. Endlich schritt er auf sie zu und flüsterte leise: " Jetzt laß es sein. Komm jetzt zu mir." Als aber Ajata ihn gar nicht hörte, weil sie so beschäftigt war mit ihrer Spielerei, faßte er sie scharf und roh beim Handgelenk und rief hart: "Du sollst den Spiegel jetzt fortlegen, Ajata! Gehorche, wenn man dir etwas befiehlt!" Ajata zuckte zusammen. "Ja, Herr," sagte sie furchtsam und tat den Spiegel beiseite, fragte aber gleich darauf schüchtern: "Darf ich ihn nachher wiederhaben, Herr?" Kurt jedoch hörte kaum vor Erregung. Er stammelte nur noch: "Ja, ja, ja!" und dann riß er Ajata an sich und bedeckte sie von neuem mit Küssen. 182 Um dieselbe Zeit trabte Berisko auf der Straße von dem Dorfe her nach der Station. Er trug nur ein kurzes Lendentuch, aber trotzdem rann ihm der Schweiß von der Stirn und alle Glieder glänzten feucht. Sein Atem ging rasch, die dunklen Angen rollten wild, und wie sie sich bald nach rechts und bald nach links wendeten, blitzten die Weißen Augäpfel gleich Irrlichtern aus der schwarzen Haut hervor. Die langen Arme schlenkerten im Laufe, und es sah fast aus, als wollten sie mit ihren ruckweisen Stößen den übrigen Körper zu noch größerer Eile antreiben. Er hatte erst am Nachmittag erfahren, daß Ajata von zwei Soldaten geholt worden war, und dann hatten ihm ein paar Burschen erzählt, wie gestern abend der Weiße Ossizier mit dein Mädchen gescherzt habe. Da ließ es ihm keine Ruhe mehr. Was wollte der Offizier von Ajata? Was hatte Ajata in der Station zu suchen? Allerhand böse Ahnungen stiegen ihm zu Kopf, und so machte er sich und rannte ihr nach. Als er über die hölzerne Brücke an das Tor kam, fragte er den Posten nach Ajata. Der Soldat hatte sie nicht gesehen, weil er aber den Neger kannte, ließ er ihn passieren. Berisko eilte nun über den Hof in das Gebäude. Er wußte hier genau Bescheid: wenn er Lebensmittel zum Verkauf brachte, blieb er oft halbe Tage, und so kannte er jede Stiege und jede Tür. Jetzt lief er empor in das obere Stockwerk. Er erinnerte sich, daß da ein Raum lag, der nur für die Offiziere bestimmt war, die gelegentlich hierherkamen, und der sonst nicht benützt wurde, und er war überzeugt, daß auch der weiße Mann dort wohnte, der Ajata hatte183 holen lassen. Ihn mußte er sehen, ihn mußte er sragen, was hier vorging! Niemand begegnete ihm. Schon stand er dem Vorflur, gerade vor Kurts Zimmer. In diesem Augenblick kamen die beiden Feldwebel die schmale Wendeltreppe herab, welche sich zum Turme Hinaufwand. Sie waren im Gespräch miteinander, aber trotzdem bemerkte Kamke den Neger und sofort erkannte er auch die ganze Gefahr. Mit einem Satz war er bei ihni und suchte ihm den Eintritt unter allerlei Aus flüchten zu verwehren. Je mehr er aber sprach und ihn, gut znredete, desto mißtrauischer wurde jener. Schon nach wenigen Augenblicken entstand ein Wortwechsel, der immer lauter und heftiger wurde, und Plötzlich packte Berisko, der herkulisch gebaut und nahezu einen Kopf größer als Kamke war, den Feldwebel bei den Schultern, schob ihn mit einem einzigen Ruck zur Seite und stieß dröhnend die Tür auf, die Kurt nicht einmal ver schlossen hatte. Die beiden drin waren durch den Lärm schon auf geschreckt worden. Ajata, die Beriskos Stimme erkannte, hatte sich in den äußersten Winkel des Zimmers ver krochen, während Kurt mit wirren Haaren und in Hemdärmeln vom Sofa aufgesprungen war. Mit schnellem Griff hatte er den Säbel erfaßt und den Knauf mit der Faust umspannt, und so stand er in drohender Haltung, den Blick auf die Türe gerichtet. Als diese nun aufflog und in ihren, Rahmen der Neger erschien, da preßten sich Kurts Lippen zusammen. Der Unterkiefer schob sich nach vorn, so daß sein Gesicht einen tierischen Ausdruck erhielt, ein bebender Zorn schüttelte seine Glieder, und184 gurgelnd, daß die Worte beinahe unverständlich wurden, zischte er: "Was willst du hier, Kerl? Antwort! Was willst du hier?" Berisko jedoch, der sich suchend umgeschaut und endlich dort hinten Ajata in ihrer Blöße gefunden hatte, erwiderte keuchend: "Die dort will ich! Das dürft Ihr nicht, Herr! Mir die nehmen, das dürft Ihr nicht! Gebt mir das Mädchen wieder!" "Schweig , Schurke!" brüllte Kurt. "Kein Wort weiter! Schweig , sag ich!" Aber Berisko trat noch einen Schritt näher und rief drohend: "Nein, Herr, ich schweige nicht! Das ist nicht Euer Recht! Das Mädchen will ich! Gebt mir das Mädchen!" "Ajata bleibt hier! Und du packe dich! Oder iw lasse dich hinauspeitschen!" Kurt hatte kaum diese Worte gesprochen, als sich der Neger mit dem Oberkörper nach vorne bengte wie ein Raubtier, das sich zum Sprunge bereit macht. "Peitschen, Herr?" fauchte er. "Mich peitschen? Wenn Ihr könnt, Herr!" und plötzlich, in einem gewaltigen Satze schnellte er mit erhobener Faust gegen den Offizier. In demselben Augenblick kreischte Ajata gellend: "Sieh dich vor, Herr! Er hat einen Dolch!" Aber gleichzeitig hatte auch Kurt das Blitzen des Stahles gesehen, und mit einem Griff riß er den Säbel aus der Scheide, schlug auf die Hand, die den Dolch hielt, so daß dieser zur Erde niederficl, und führte dann zwei regelrechte scharfe Hiebe über den Kopf. Berisko taumelte blutend zurück. Doch in der nächsten Sekunde185 raffte er sich wieder auf, um wie ein Wahnsinniger sich von neuem in Kurts Säbel zu stürzen. Jetzt warfen sich die beiden Feldwebel dazwischen. Bisher hatte sich alles so schnell ereignet, daß sie gar nicht recht zur Besinnung gekommen und stille Zuschauer geblieben waren. Nun aber packten sie den Neger, umklammerten seine Arme und überwältigten ihn nach kurzem Ringen. Wie Kurt das sah, ließ er die Hand sinken und legte die Klinge, die an der Scheide leicht gerötet war, auf den Tisch. Eine seltsame Ruhe war in diesen wenigen Minuten über ihn gekommen. Zum ersten Male hatte er sich in wirklicher Gefahr befunden; zum ersten Male war ihm ein Mensch mit der Waffe entgegengetreten; zum erste Male hatte er sich wehren müssen! Er hatte den Gegner zu Boden geworfen. Aber dieser Gegner war ein Ver brecher gewesen, der ihn hatte morden wollen, ein Ver brecher, den er bestrafen mußte! Und zum ersten Male vermischte sich in seinem verwirrten Bewußtsein das Gefühl der absoluten willkürlichen Gewalt mit dem Ge fühl des Rechts. Wenn ihn bisher nur tierische Gelüste zur Grausanikeit gereizt hätten, so kam jetzt noch der Wahn hinzu, daß er in sich die rächende Macht der Gerechtigkeit verkörpere, und indem diese beiden Emp findungen ineinanderflosseu und sich zu einem Ganzen vereinten, erwuchs daraus eine grausame Unmenschlich- keit, eine kalte Entmeuschtheit von geradezu grotesker Größe. Hochaufgerichtet stand er neben dein Tisch, die Hand auf die Platte gestützt. Der Mund war fest geschlossen, die Augen weit geöffnet und die Brauen ein wenig186 emporgezogen, so daß sich ein paar kleine Fältchen aus der, Stirne gebildet hatten. Tiefer Ernst und eine un erbittliche Energie lagerten über seinen Zügen. So sah er starr auf Berisko. Vor wenigen Minuten hatte dieser Halunke ihm ach dem Leben getrachtet, und nun wartete er ohninächtig auf sein Urteil und schickte nur noch wütende, haßerfiillte Blicke zu ihm herüber. Ein höhnisches, böses Lächeln spielte um Kurts Lippen. Blicke töten nicht, dachte er, und Dolche hast du nicht mehr. Aber ich will dich auch für die Zu kunft unschädlich machen! . . . Und laut befahl er: "Bindet ihn." Die Feldwebel gehorchten und schnürten dem Neger die Hände auf dem Rücken zusammen. Auch während dies geschah, blieb Kurt regungslos. Nur mit den Augen verfolgte er jede Bewegung, bis der Gefangene trotz einer letzten Anstrengung, sich zu be freien, endlich gefesselt war. Nun trat Kamke vor und blieb in strammer Haltung stehe , der weiteren Befehle gewärtig. Aber Kurt schien ihn gar nicht zu beachten. Er sah schon wieder auf Berisko, und seine harten, stählernen Blicke, die vor Rache und Grausamkeit sprühten und blitzten, bohrten sich gleich glänzenden Eisen in das Gesicht des Negers. Eine Sekunde war es so lautlos still, daß man die Ateinzüge hätte hören können. Endlich sprach Kurt. Auch jetzt wendete er seine Augen noch nicht von Berisko und zuckte init keiner Wimper. Er redete langsam, beinahe schleppend aber trohdem er kein Wort besonders hervorhob, keines187 merklich betonte, hatte doch jedes in gleichen! Matze Schwere und Wucht und Kraft, und jede Silbe klang so scharf, als wäre sie die Schneide eines Messers. "Feld webel Kamke!" rief er. "Herr Leutnant?" "Nehmen Sitz sechs von Ihren Leuten! Gute Schützen! Führen Sie diesen Mann in den Hof und lassen Sie ihn erschiehen!" Aus der Ecke, wo Ajata stand, tönte ein ganz leiser, ganz unterdrückter, kaum hörbarer Schrei; Berisko fletschte die Zähne in Furcht und Wut, und der Feld webel Wegner schaute entsetzt auf Kurt. Auch Kamke mußte sich zusamniennehmen, daß er nicht zurücktaumelte, und fragte bebend: "Erschießen, Herr Leutnant?" Da drehte sich Kurt zu ihm und sah ihn groß und erstaunt an. Und als ob es das Natürlichste und Ein fachste von der Welt wäre, wiederholte er: "Ja! er schießen!" "Aber, Herr Leutnant," wagte Kamke zu erinnern, "ein Todesurteil darf doch nur von eineni Kriegs gericht . . ." Weiter kam er nicht, denn mit donnernder Stimme fiel Kurt ein: "Hier gibt s kein Kriegsgericht! Hier bin ch Kriegsgericht! Wolken Sie mir den Gehor sam verweigern? - Meuterei? Rebellion?" Und indem er ganz dicht an ihn herantrat, schrie er: "Wer sich meinen Befehlen widersetzt, der teilt das Schicksal dieses Menschen! Werden Sie jetzt gehorchen oder nicht?" Kamke rang nach Atem, er kämpfte mit sich. Aber zuletzt preßte er heiser hervor: "Zu Befehl, Herr Leutnannt."188 "Dann vorwärts I" Der Feldwebel zögerte noch immer, und noch einmal -fragte er schwach und leise: "Befehlen Herr Leutnant, daß ich gleich ?" Aber Kurt rief mit eherner Stimme: "Ja, sofort! Gehen Sie!" Dabei wies er gebieterisch nach der Tür, und so, mit erhobenem Arm, wartete er, bis die beiden Feldwebel den Neger fortgeführt hatten. Nun ließ er die Hand sinken und wendete sich das Zimmer zurück. Langsam ging er bis zu dem Tisch, der vor dem Sofa stand. Dort fiel sein Blick auf Ajata, die sich noch immer in ihren Winkel drückte. Er sah sie an, als ob er sich auf etwas besänne. Dann winkte er ihr gebiterisch: "Komm her!" Ajata näherte sich furchtsam und sche . Auf dem Tisch stand eine Flasche Capwein, die schon vorher halb geleert worden war. Kurt goß jetzt hastig ein Glas hinunter. Dann füllte er beide Gläser frisch, und indem er seines ergriff, sagte er: "Laß uns anstoßen, Ajata!" Gerade jedoch, als die Gläser eben aneinanderklingen wollten, knatterte vom Hofe herauf eine Salve! Kurt schrak zusammen. Sein Auge drückte Entsetzen aus, der Blick wurde starr, die Hand zitterte, daß der Wein überfloß. Eine Sekunde schien cs, als wollte er zur Besinnung kommen. Aber dies alles verschwand ebenso rasch, wie es erschienen war. "Unsinn!" flüsterte er vor sich hin. Und dann hob er den Kopf und rief laut: "Trink , Ajata! Du sollst trinken! Ich sage dir: trink !"Vierzehntes Kapitel. Im ersten Stock des Gouvernementsgebäudes, ge rade über dem Arbeitszimmer des Oberst, befand sich Olgas Stube. Sie war säst genau so eingerichtet wie alle übrigen Räume des Hauses, nur daß verschiedene gestickte Deckchen und Läufer herumlagen, die ihr, zusainmen mit den vielen Familienphotographien, die in hölzernen, goldenen oder plüschüberzogenen Rahmen an den Wänden hingen, einen zwar etwas altväterischen, aber doch herm- lichen und gemiitlichen Hauch verliehen. Der rückwärtige Teil, in weichein ein Bett, ein Waschtisch und verschiedene Schränke standen, war durch eine hohe spanische Wand Bambusstäben mit großblumigen Kattnngardinen abgetrennt, so daß der ganze Raum in einen Alkoven znin Schlafen und in ein niedliches Bondoir zerfiel. In diesem Boudoir saß Olga in einem großen Lehnstuhl biegsainem, federndem Rohrgeflecht. Sie schien gelesen zu haben. Aber das Buch war ihr auf den Schoß gesunken und träumend blickte sie durch das weitgeöffnete Fenster in den Garten, der von der späten Nachmittagssonne mit einer harten, gelbgoldigen Licht- fInt völlig durchtränkt zu sein schien. Nicht weit von ihr, bei dem anderen Fenster, lehnte in einem ähnlichen Sessel die Schwester des Oberst. Die alte Dame stickte eifrig an einer Handarbeit. Aber190 während sie die Nadel mit dem bunten Seidensaden durch den Stoff führte und emporzog, beobachtete sie heimlich ihre Nichte, und als diese noch immer ihre großen Augen ziellos in die Ferne gerichtet hielt, fragte sie endlich: "An was denkst du, Olga?" Das junge Mädchen schien erst jetzt zu erwachen. "Ich?" meinte sie verwirrt. "Ich denke nur an mein Buch," und damit las sie weiter. Auch Fräulein Berta arbeitete wieder. Aber nach einer kurzen Weile begann sie von neuem: "Du, Olga!" "Ja, Tantchen?" Einen Augenblick schien es, als ob Fräulein Berta etwas sagen wollte, aber sie besann sich wieder und brummte nur: "Ich Na, laß man sein, laß man sein . . ." "Was hast du, Tantchen?" fragte Olga erstaunt. "Habe ich dir irgend etwas nicht recht gemacht?" Fräulein Berta schielte nur vorwurfsvoll zur Seite und knurrte: "Mir nicht recht gemacht? . . . Nun, da gäbe es wohl mancherlei. Aber laß nur sein. Zum Reden kann ich dich ja nicht zwingen." "Zum Reden?" "Und zum Erzählen." "Zum . Aber ich habe ja gar nichts zu er zählen." Jetzt richtete sich das alte Fräulein in ihreni Stuhle und sah Olga voll an: "Höre mal, mein Kinding, du hältst mich wohl für furchtbar dämlich?" "Aber Tantchen!" "Ja natürlich!" nickte Fräulein Berta. "DaS kenn ich schon. Wenn du "aber- Tantchen" sagst, dann191 glaubst bn, es ist alles gut. Ist aber nicht wahr. Nein, nein. Ich weiß darum doch, was ich weiß, und meine Augen sind Gott sei Dank noch sehr scharf. Nein, unter brich mich mal nicht!" ereiferte sie sich, als Olga Miene machte, etwas einzuwerfen. "Laß mich nur ausreden! Ich habe bis heute geschwiegen, weil ich immer ge hofft habe, du wirst dir Herrn von Zangen . . ." "Herrn von . . ." fragte Olga erschrocken. Aber Fräulein Berta ließ sich nicht stören. "Ja wohl, den inein ich," fuhr sie fort. "Ich habe immer geglaubt, du wirst ihn dir aus dem Kopf schlagen, während er fort ist. Nun sehe ich aber, daß ich mich leider geirrt habe. Und da kann ich nicht länger stille sein. Jetzt, wo der windige Herr jeden Augenblick zu- rückkommen muß, jetzt sage ich dir: Die Geschichte darf nicht wieder von vorn anfangen." Um Olgas Lippen spielte ein bitteres Lächeln, als sie leise antwortete: "Ich glaube, Tantchen, du machst dir unnötige Sorge. Bisher hatte mich Herr von Zangen noch nicht um meine Hand gebeten." "Aber du liebst ihn!" Olga zuckte hilflos mit den Achseln. "Ja, dafür kann ich doch nicht, Tantchen." Diesen einfachen Worten gegenüber, die in ihrer Ruhe so ratlos klangen, wußte Fräulein Berta nichts zu erwidern. Eigene Erinnerungen, die sie längst ver gessen und begraben wähnte, wachten wieder auf, erhoben sich und kamen nun auf sie zugeschritten, daß ihre Augen sich bei diesem Anblick mit Tränen füllten. Sie wendete sich still ab und schaute hinaus in den Garten.192 Wie eben das junge Mädchen sich ihr verwundert nähern wollte, klopfte es an die Tür. "Herein!" Fritz meldete in strammer Haltung, daß die Expedi tion zurück sei. Und sofort hatte Olga alles vergessen. In fliegender Hast fragte sie den Diener aus, und als sie hörte, daß Graf Halten schon feit einer halben Stunde unten beim Herrn Oberst sei und daß auch Herr von Zangen wohl bald zur Meldung kommen würde, rannte sie mit einem kaum unterdrückten Jauchzen die Treppe hinab. Die Tante folgte ihr kopfschüttelnd nach. Als die Damen unten eintraten, sahen sie den Gouverneur mit Schelling und Halten, dessen Anzug noch über und über mit Staub und Schmutz bedeckt war, in der Mitte des Zimmers. Alle drei Herren sprachen erregt und lebhaft gestikulierend, und auf ihren Ge sichtern malte sich Entsetzen. Aber besonders die Mienen des Oberst waren so verzerrt, daß Olga vor Schrecken gebannt und überfallen von angstvoller Ahnung au der Türe stehen blieb. ’i In der nächsten Sekunde, bevor sie iwch ihren Later begrüßen konnte, herrschte dieser sie an: "Was willst du hier? Wer hat dich gerufen? Dich kann ich auch nicht .brwticheu, Berta! Hier ist kein Platz für Frauen!" -’iyv Olga regte kein Glied. Sie war es nicht gewöhnt, MtzuEhr.Later so mit ihr sprach, und trotzdem empfand WidaSstStzt kaum. Sie empfand überhaupt nichts Einzel lig, fondbm alles, was sie in diesem einen Augenblick sckifuMd Hörte- vereinte sich ihr zu einem Ganzen, das193 sich qualvoll, wie das Gefühl einem nahenden un geheuren Unglück über sie breilete. Der Oberst hatte sich wieder zu seinem Adjutanten gewendet und schien ihre Gegemvürt schon vergessen zu habein Nun trat aber Halten auf sie zu, und da sie ihn vor sich stehen sah, fliisterte sie mit einer Gebärde des Bittens: "Was ist geschehen, Graf? Ich flehe Sie an: vas ist geschehen?" Halten war selbst noch so vollständig gefangen öon all dem Erlebten, daß er immer von neuem das Bedürf nis hatte, sich mitznteilen und seinem Herzen Luft zu inachem Zudem wußte er ja, daß diese Vorgänge kein Geheimnis bleiben konnten, und so berichtete er Olga leise init kurzen Worten. Er erzählte ihr, wie Kurts Ver änderung schon hier jedermann ausgefallen sei; auch von seinem Verkehr mit Müller sprach er, und dann von dem Marsch ins Innere; endlich von dem armen Kinde, das die Hühner gestohlen hatte, und von Ajata. Olga hatte bisher atemlos zugehört. Ein name loses Grauen war allmählich über sie hingekrochen und hatte endlich ganz von ihr Besitz ergriffen. Trotzdem hin gen ihre Augen an Haltens Lippen, als könne sie all das bittere Gift nicht schnell genug in sich einsauge . Wie Halten aber nun soweit gelangt war und von Berisko begann, wie er die Gefangennahme und Hin richtung schilderte und endlich mit den Worten schloß: "Was Zangen getan hat, ist eigentlich nichts anderes als ein gemeiner Mord!", da stöhnte Olga gepeinigt auf und streckte tastend den Arni nach ihrer Tante, die sie liebevoll stützte. Der Graf erschrak zuerst, als er Olga wanken sah. Tropenkoller. 12194 Da er indes keine Ahnung hatte, was sie mit Kurt ver band, so glaubte er, daß es nur die begreifliche Er regung sei, die bald vorübergehen würde. Deshalb mur melte er ein paar bedauernde Worte, und als Olga nur stumm den Kopf neigte, zog er sich zurück und näherte sich wieder dem Oberst, der auf die Veranda getreten war und dort einsam mit heftigen Schritten auf und ab wanderte. Inzwischen strich Fräulein Berta ihrer Nichte weich über das Haar und drückte milde ihre Hand. Sie sprach tröstend und mütterlich zu ihr, deren Auge erstarrt und deren Mund fest zusammengepreßt war. "Sei gut, Kin ding," meinte sie. "So was tut weh, ich weiß. Mußt aber den Kopf oben behalten. Und dann vielleicht kann er sich auch verteidigen. Und du, wenn du ihn lieb hast, Gott, Kinding, die Liebe verzeiht ja so viel." Sie glaubte selbst nicht an das, was sie da sagte, aber sie dachte sich, wenn es nur für den Augenblick hülfe, das übrige würde dann schon die Zeit besorgen. Olga jedoch wendete sich jetzt zu dem guten alten treuen Gesicht, und ihre Lippen verzogen sich, als ob sie einen bitteren, galligen Geschmack im Munde hätte. "Liebe?" fliisterte sie heißer. "Glaubst du denn wirk lich, daß ich ihn noch liebe? Nein, Tantchen, o nein! Nur Ekel einpfinde ich! Mein Gott, ich habe ja solchen Ekel, vor ihm und vor mir und vor aller Welt! Solchen Ekel! " Dabei erschauerte sie wie im Fieber. Fräulein Berta antwortete nicht. Im stillen freute sie sich sogar, daß der gesunde, kernige Sinn ihrer Nichte die Oberhand zu gewinnen schien; jedoch sie sagte nichts, sondern wollte sie nur sanft wegführen.195 An der Türe aber stand Schelling. Olga begegnete seinen Blicken, die voll mitleidigem Ernst und voll inniger Liebe auf ihr ruhten, und plötzlich stieg etwas in ihr em por und schnürte ihr die Kehle zusammen. Eine unnenn bares Weh würgte sie, ohne daß sie doch recht wußte, ob es nur Mitgefühl war für den fremden Schmerz oder fressender Selbstvorwurf, weil sie diesen Schmerz be reitet hatte. Beider Augen tauchten ineinander, und ihre Hände fanden sich für eine kurze Sekunde z leisem Druck herüber und hinüber. Dann trennten sich die Augen wieder, und Olga ging müden Schrittes hinaus. - Nur wenig später betrat Kurt das Zimmer. Er hatte sich bereits umgekleidet, und die frische Uniform, Stiefel, Helm, Säbel, Knöpfe, alles blitzte und blinkte nur so vor Sauberkeit. Er hatte sich auf dem Rückmarsch nicht wesentlich verändert. Einzig die Augen lagen noch etwas tiefer und waren noch von dunkleren Schatten umrandet. Sonst zeigte das Gesicht den alten finsteren, herrischen Aus druck. Wie er nun an der Türe stand und hinter dem Oberst, der von der Veranda hereinkam, Halten erblickte, war er gleich im ersten Augenblick von dessen Gegenwart auf das unangenehmste überrascht. Er vergaß darüber ganz, daß er sich im Dienste befand, und schaute nur er staunt auf den Grafen. Der Gouverneur sah ihn mit gerunzelter Stirn er wartungsvoll an. Endlich sagte er drohend: "Nun? Meldung!" Kurt zuckte zusammen. Wie ein Funke schoß es ihm durch den Kopf, daß er nun wieder einen Vorgesetzten 12 *196 über sich hatte, baß er nicht mehr Herr war und sich von neuem knechten lassen mußte. Und eine hämische Grimasse ohnmächtiger Wut huschte über seine Züge. Aber die Macht der Gewohnheit war doch zu groß, als daß er eine offene Auflehnung gewagt hätte. So legte er denn seine Hand an den Helm und schnarrte vorschrifts- mäßig herunter: "Zu Befehl, Herr Oberst! Melde ge- horsamst: mit der Ablösung von der Station vor etwa einer Stunde angekommen." Der Oberst wartete wieder. Als Kurt aber schwieg, fragte er scharf: "Haben Sie sonst nichts zu melden?" "Nein, Herr Oberst." Auf der Stirn des Gouverneurs schwollen die Zorues- adern. Er hielt sich aber gewaltsani zurück und fragte nur noch einmal grollend: "Herr von Zangen, besinnen Sie sich! Sie haben mir sonst nichts zu melden? " Kurt stutzte und warf einen forschenden Blick auf Halten. Dann sagte er mit ironischem Lächeln: "Ach so! Herr Oberst sind wahrscheinlich schon unterrichtet, nicht wahr?" Jetzt aber konnte sich der Gouverneur nicht mehr halten. Mit vor Wut überschlagender Stimme brüllte er dem Leutnant zu: "Herr was fällt Ihnen ein? Sie haben hier nur zu antworten! Das Fragen ist an mir! Verstanden? Ich frage Sie also nochmals: haben Sie mir nichts zu melden?" Die beiden Männer maßen einander. Kurt indessen, durch diesen Ausbruch womöglich noch mehr aufgestachelt, antwortete mit wildem Trotz: "Zu Befehl, Herr Oberst! Ich habe einen Neger standrechtlich erschießen lassen." "Standrechtlich erschießen lassen?" wiederholte der197 Oberst in höchstem Erstaunen. "Und darf ich fragen: mit welchem Recht?" "Mit dem Recht als Kommandant der Abteilung." "Was Sie nicht sagen! Ja, leben wir denn im Kriege? Ist denn das Standrecht in der Kolonie über haupt erklärt? Davon müßte ich als Gouverneur doch wohl zu allererst etwas wissen!" Und als Kurt darauf nichts entgegnete, trat der Oberst ganz nahe an ihn heran und vollendete, jedes Wort schwer und gewichtig be tonend: "Sagen Sie mal, sind Sie sich denn überhaupt klar darüber, was Sie getan haben?" Aber Kurt hatte kein Gehör für die tiefinnerste Ent rüstung und Empörung, welche aus dieser Frage heraus klang, oder mindestens begriff er nicht ihre Berechti gung. Und in ungeduldigem und herausforderndem Ton erwiderte er: "Ich wurde angegriffen und habe mich ver teidigt! Einfache Notwehr, Herr Oberst!" Der Gouverneur schlug die Hände zusammen. "Not wehr? " rief er. "Der Mann wurde ja von de beiden Feldwebeln gebunden! Wie kann denn da noch von Not wehr die Rede sein! Und seit wann ist denn standrecht liches Erschießen Notwehr? Sie verwirren ja absichtlich alle Begriffe, Herr! Und mit solchen elenden Ausflüchten glauben Sie, sich entschuldigen zu können? Das ist er bärmlich, Herr! Das ist niederträchtig und feig!" Diese letzten Worte sausten wie Schläge auf Kurt hernieder, und wie unter Schlägen bäumte er sich auf. Er griff mit der rechten Hand nach dem Säbel und zog ihn halb aus der Scheide. Aber noch bevor die Waffe völlig entblößt war, bevor Halten und Schelling hinzu sprangen, herrschte der Oberst ihn donnernd an: "Still-198 gestanden! Sind Sie wahnsinnig? Ich stehe dar Ihnen! Ich! Ihr Oberst!" Und als Kurt den Säbel losließ und keuchend harrte, sprach er weiter: "Und jetzt werde ich Ihnen ineine Meinung sagen! Den Rock, den Sie da anhaben, den haben Sie geschändet! Sie sind eine Schmach für unsere tapfere Armee! Sie sind ein ganz gemeiner Mörder!" Kurt taumelte mit einem Schrei zurück. Dabei fiel ihm der Helm vom Kopf, und mit der Hand griff er sich an die Stirn und ins Haar. Er hatte alle militärische Haltung verloren. Und als ob durch diese gräßliche An klage auch alle seine Energie gebrochen wäre, irrten seine Blicke wie die eines gehetzten Tieres von einem zum andern, vom Oberst zu Schelling, von Schelling zu Ha! ten, und dann wieder zum Oberst. Der aber stand hoch aufgerichtet und sagte mit fester, eherner Stimme: "Herr Leutnant von Zangen, ich ev kläre Sie hiermit für verhaftet!" Und zu Schelling ge wendet, fügte er hinzu: "Herr Adjutant, bitten Sie den Gefangenen um seinen Säbel."* ?) .). * ? U+2666 tt Qi Mihi Fünfzehntes Kapitel. Als die Nachricht von Kurts Verbrechen und von seiner Verhaftung nach Deutschland gelangt war, hatte sich der Bevölkerung allmählich eine immer steigende Er regung bemächtigt. Die Zeitungen brachten spaltenlange Artikel: je nach der Parteischattierung, der sie angehör ten, voll der heftigsten und rücksichtslosesten Angriffe auf Staat, Negierung und Militär, oder überfließend von Entschuldigungen und Beschönigungen. Die sozial- deniokratische Partei berief Massenversammlungen ein, in denen Resolutionen gefaßt wurden gegen die Soldaten mißhandlungen, gegen die Ausschreitungen der Offiziere in Deutschland und besonders in den Kolonien, und end lich gegen die ganze Kolonialpolitik überhaupt. Sogar im Reichstag wurde von einer liberalen Fraktion eine Interpellation eingebracht, nahezu alle Parteien, mit Ausnahme der streng konservativen, erhoben in stunden langen Reden einmütig flammenden Protest gegen Roh heiten, welche dem deutschen Namen nur Unehre machen konnten, und die Leidenschaftlichkeit der Gemüter wollte sich auch dann noch nicht legen, als der Kriegsminister offen und frei mit der linken Seite des Hanfes ging und strengste, unnachsichtlichste Bestrafung versprach. So herrschte also in fast allen Schichten des Volkes eine unzufriedene, unwillige und kainpfeslustige Stim-200 irtung die naturgemäß in Berlin, Ivo das politische Leben am lautesten und wildesten pulsiert, ihren Höhepunkt fand. Und an dieseni Gesamtbilde konnte es auch nichts ändern, daß einzelne Mitglieder des Hochadels, des Mili tärs und des Junkertums mit lächelnden, etwas spötti schen Mienen abseits standen und meinten, man inache doch Wohl ein wenig gar zu viel Geschrei uin einen ein zigen erschossenen Neger. Aber es waren nicht viele, die so dachten, und sogar Kurts eigene Eltern gehörten nicht zu ihnen. Frau von Zangen war gewiß tief unglücklich, sie weinte von früh bis spät und halbe Nächte hindurch. Trotzdem fand auch sie keine Entschuldigung für ihren Sohn, .und daß sie keine fand, gerade das machte vielleicht ihren Kummer doppelt herb, wenn sie auch nur still vor sich hinschluchzte, ohne zu klagen. Der alte Herr dagegen ging wie ein ge reiztes wildes Tier umher. Er schimpfte und fluchte und schwor, daß dieser Mensch nicht mehr sein Kind sei. lind als ihn seine Frau schiichiern bat, ob er denn nicht nach Berlin fahren und ihn sprechen wolle, da fuhr er sie an, ob sie etwa verlange, daß er seinen Fuß in ein Gefängnis setzen solle. Er bedauerte diese Worte zwar im selben Augenblick, als er sie ausgesprochen hatte, aber er hielt doch starrköpfig daran fest und suchte Kurt nicht auf. Ganz anders verhielt sich Lillis Vater. Der alte Herr von Meerheimb spürte noch immer den Diplomaten in sich, und da die Regierung schon lange auf sein Ta lent verzichtet hatte, so nützte er es gern zu seinem eige nen Vorteil aus. Auch jetzt hielt er sich mit halben und zweideutigen Redewendungen hübsch vorsichtig der201 Scheide, so daß er im geeigneten Moment beliebig nach der einen oder andern Seite fallen konnte. Bekani Kurt nur eine geringe Strafe und wurde er wohl gar von Seiner Majestät begnadigt nun, dann wuchs gewiß bald Gras über die kleine Jugendeselei, und alles blieb beim alten. Wurde die Sache aber höheren Ortes ern ster aufgefaßt nun, dann ja, dann freilich mußte man jede Verbindung mit diesem ehrvergessenen Men schen abbrechen. In solcher Weise dachte Herr von Meer beimb, und seine gute Gattin dachte es ihm nach; sogar Lilli als gehorsame Tochter wartete geduldig, ob sie Kurt als liebende Braut mitleidig verzeihen oder in strenger Tugend ihn für immer von sich weisen solle. Kurt fand also in seiner Heimat neben der fest gefügten Masse des Volkes, das ihm mit offener Feind seligkeit gegenübertrat, nur eine kleine Minderheit von Leuten, die zwar noch mit ihrer Meinung zurückhielten, jedoch jeden Augenblick bereit waren, in das allgemeine Verdammungsurteil einzustimmen. Aber er fand keinen einzigen aufrichtigen Freund, denn auch die wenigen Standesgenossen, die ihn zu verteidigen wagten, taten dies nicht um seinetwillen, sondern nur in jenem ge- wissen Kastengeist, der es ihnen verbot, gegen ein Mir- glied ihrer Gesellschaft mit der verachteten Plebs gemein same Sache zu machen. Sogar die Mutter konnte trotz aller Liebe ein Granen nicht unterdrücken, und der Schmerz, den sie empfand, und die Tränen, die sie weinte, galten nicht nur ihrem Sohn, sondern auch dem Unglück, das ihr selbst durch die Untat dieses Sohnes bereitet worden war. Und doch gab es ein Wesen, das ganz uneigennützig,202 ohne viel zu überlegen oder nachzudenken, nur aus Nei gung ein tiefes und reines Mitleid mit Kurt empfand, - und das war Lotte Benisch. Sie hatte seit jenem Tage, da sich Kurt von ihr getrennt hatte, nicht mehr oft an ihn gedacht. Sie war durch verschiedene Hände gegangen und wurde jetzt von dem Attache einer fremden Botschaft ausgehalten. Nun aber trat ihr mit einem Schlag jene ganze Zeit, da sie Kurts Geliebte gewesen war, wieder lebendig vor Augen. Sie dachte zurück au die kleine Kellerwohnung ihrer Eltern und an die ewigen Zänkereien mit ihrem Bruder. Wie häßlich das doch alles war... dieser BruderI... immer hatte er sich hineingemischt in das, was sie tat. Und jetzt gehörte er natürlich auch zu jenen Schreiern, die über den wehrlosen Menschen herfielen . . . Erst neu lich hatte sie in der Zeitung gelesen, daß er in einer Versammlung geradezu verlangt habe, inan möge Kurt hinrichten lassen . . . oh, wie sie ihn dafür haßte, diesen Bruder! . . . wie sie ihn haßte! . . . Und danii erinnerte sie sich an ihre Stellung bei Freund & Komp, und an Herrn Moritz Blai mit den lüsternen Augen und der dicken goldenen Uhrkette auf dem schwammigen Bauch. Sie empfand in Gedanken daran ordentlich Ekel. Zu gleich aber erfüllte sie von neuem eine Dankbarkeit für Kurt, weil er sie all jener Widerwärtigkeit heraus- gezogen hatte. Er war doch eigentlich immer lieb z ihr geweseii . . . Freilich, mitunter war er wohl auch schroff . . . Aber was tat das? . . . Dafür war er nachher um so leidenschaftlicher . . . Ach, wenn er doch reich ge wesen wäre! . . . Sie wäre ihm treu geblieben, solange er sie behalten hätte; oder doch wenigstens beinahe203 treu ... O ja! ganz üestiiumt! ... Denn lieb hatte sie ihn noch immer, auch jetzt noch, das fühlte sie deutlich! . . . Und nun stand dieser arme Mensch vor einem solchen Abgrund! . . . Was sollte sie nur tun? . . . wie konnte sie ihm helfen? . . . Sie war sich ja selbst nicht klar dar über, was Kurt eigentlich zu erwarten hatte, aber etwas Schreckliches mußte es doch wohl sein, da alle Welt so erbittert über ihn herfiel! . . . Und sie saß still und tat nichts für ihn? . . . Und er dachte vielleicht an sie! . . . Was für ein Angstgefühl sie erfaßte! was für schreck liche Augst! . . . Ilnd dann wieder überkam sie eine sehn süchtige Stimmung. Ob er wohl an sie dachte? . . . Ach, wenn sie ihn nur noch einmal sprechen, nur ein mal noch ihn sehen könnte! . . . Durch all die Wochen war sie immer überreizter und überspannter geworden. Ihre Freunde und Freun dinnen machten sich über sie lustig. Der Attache ver spottete sie, und ein blasierter Lebegraf meinte: "So sind sie alle. Die leichtsinnigen Frauenzimmer sind immer gutmütig. Haben alle ein gutes Herz. Das ist ne alte Geschichte." Aber auf Lotte blieb das ohne Ein druck. Der Hohn glitt an ihr ab und machte sie nur trotzig: wenn sie Mitleid fühlte, so war sie eben nur besser als die andern! Und sie wollte besser sein! Ja wohl! Gerade weil die sie verachteten und auf sie herab sahen, gerade deshalb wollte sie besser sein als jene! . . . Sie wurde ordentlich stolz, bekam ordentlich Achtung vor sich selbst. Und als dann eines Tages die Zeitungen be richteten, daß Kurt endlich in Berlin eingetroffen sei, da war ihr Entschluß gefaßt, ihn aufzusuchen und zu ihm zu dringen um jeden Preis. 2U4 Schon am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg zuin Militärgefängnis. Da Kurt bisher bloß Untersuchungsgefangener war und also seinen Offiziersrang noch nicht verloren hatte, so wurden ihm allerlei Begünstigungen zuteil, zu denen auch die gehörte, daß er Besuche empfangen durfte. Lotte erhielt die Erlaubnis, zu ihni zu gehe . Ein Sergenant mit einem Schlüsselbund schritt vor aus. Wie er die große eiserne Gittertür, welche die Treppe versperrte und vor der ein Posten Wache hielt, öffnete und, nachdem sie beide eingetreten waren, wieder schloß, da kam Lotte plötzlich eine Beängstigung, als Hälfte man sie für iinmer von der Welt getrennt und ab geschieden. Am liebsten wäre sie gleich wieder umgekehrt. Indessen sie schämte sich vor sich selbst und folgte klopfen den Herzens ihrem Führer. Nun ging es noch durch einen langen düsteren Kor ridor, in den unzählige Türen mündeten, bis sie endlich ganz hinten vor einer der letzten anhielten. Während der Sergeant sich an dein Schloß zu schaffen machte, stand Lotte scheu beiseite. Sie dachte an all die unheimlichen Geschichten und Romane, die sie irgend einmal in ihrem Leben gelesen hatte, und Bilder von dunklen Verliesen und feuchten, schmutzigen Keller gewölben tauchten vor ihr auf. Um so mehr war sie über- rascht und erstaunt, als sich ihr ein kleines Zimmer zeigte, das allerdings nur mit dem Notdürftigsten ein gerichtet, aber sonst nett und sauber war, und in das vor allem die Sonne reichlich hineinschien. An dem Fenster, das zwar vergittert war, aber in205 einen großen, mit Bäumen beflanzten Hof führte, lehnte Kurt und blickte hinaus. Er war kaum wiederzuerkennen, so sehr hatte er sich verändert. Seine Verhaftung in Dar es Salam, sein Transport nach Europa, immer bewacht, immer Gefangener, die tausend Demütigungen, die damit ver bunden waren, die neugierigen Gesichter der Schiffs passagiere, die ihn anstarrten wie ein seltenes Wunder tier, das alles und noch so manches andere hatte an seinen Nerven gezerrt und seine Kraft gebrochen. Und dann hatte er noch so entsetzlich viel Zeit gehabt zum Denken: niemand sprach mit ihm, und Tag um Tag und Woche um Woche, all die endlos langen Stunden war er einzig auf sich angewiesen. Da mußte er also grübeln, ob er wollte oder nicht, wenn es auch oft nur ein träumendes Dämmern war. Aber nach und nach, ganz allmählich kam ihm dabei immer mehr zum Bewußtsein, was er getan hatte. Fast war es, als würde seine Er kenntnis deutlicher und klarer, je mehr er sich räumlich und zeitlich von seinem Frevel entfernte. Und zuletzt begriff er sich selbst nicht mehr. Er kam sich vor, als habe er einen fürchterlichen Rausch gehabt, in dem er zügellose Tollheiten getrieben hatte, und als sei er jetzt erst erwacht und nüchtern geworden. Und doch war alles Wirklichkeit, und er wußte, daß er dafür einstehen, dafür büßen mußte. Als er das Schloß kreischen hörte und Lotte ein- treten sah, war er zuerst erstaunt, und dann glitt ein müdes Lächeln über sein Gesicht. Also gerade sie mußte ihn zuerst begrüßen? . . . dachte er. Konnte es niemand anders sein? ... Er hatte den Vater erwartet, oder 206 hie Mutter, oder auch Silit . . . Und nun war es nur Lotte? . . . Ein Gefühl der Bitterkeit überschlich ihn, ohite ihn doch zornig zu machen. Der Sergeant hatte sich entfernt. Lotte war allein mit Kurt. Wie sie ihn aber nun so ganz anders sah, als er vor ihrein inneren Auge gelebt hatte, nicht mehr so jugendfrifch, sondern zerknickt und ausgezehrt, mit schlaffen Zügen, da erinnerte sie sich plötzlich, daß er ja Menschen geschlagen und gepeinigt, daß er geniordet hatte. Eine namenlose Furcht packte sie an und hielt sie an der Türe fest, und da Kurt zu ihr kommen wollte, rief sie, heiser flehend: "Nein, nicht! Bleib dort! Tu mir nichts! " Kurt fuhr zurück. "Was soll ich dir denn tun?" fragte er ruhig. "Weshalb hast du denn Angst?" "Ach ich meine nur so," sagte Lotte zitternd und verlegen stockend. "Ich denke weil weil weil " Jetzt begriff Kurt. Er wandte sich ab. Sein Ge sicht verzerrte sich zu einer schmerzlichen Grimasse, und er biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Also Furcht hatte sie vor ihm . . . Von allen war nur sie ge kommen . . . alle tieften ihn im Stich, und nur dies Frauenzimmer hatte seiner gedacht . . . Aber auch sie stand jetzt da und zitterte und wünschte sich fort von ihm ... Er fühlte sich auf einmal so allein, so ver lassen und einsam wie nie zuvor. Hilflos und matt lehnte er die Stirtt an die kühlen Scheiben und flüsterte murmelnd: "Sei nur ruhig, ich tu dir nichts. Ich habe ja nicht eittmal eine Waffe, nicht mal nen Säbel habe ich " Er stöhnte laut auf207 und verfiel dann in dumpfes Brüten. Allmählich ver gaß er ganz, daß er nicht allein war, und nach einer Weile sagte er seufzend zu sich selbst: "Ach, wenn ich ne Waffe hätte! " Latte war die Zeit über mäuschenstill geblieben. In ihrem ganzen Wesen kämpften Furcht und Mitleid, und sie wäre am liebsten zu ihm gegangen, um ihn zu strei cheln und zu küssen, wenn sie sich nur getraut hätte. Wie sie ihn nun aber stöhnen und seufzen hörte, und wie sie seine letzten Worte verstand, da sagte sie leise und ganz unwillkürlich, einzig in dem instinktiven Trieb, ihm einen Wunsch erfüllen zu können: "Ich habe einen Revolver." Kurt drehte sich jäh um. Erst jetzt erinnerte er sich wieder an Lotte. Und mit großen, weit aufgerissenen Augen fragte er langsam und noch zweifelnd: "Du hast einen Revolver? Zu meiner Zeit war das doch nicht. Woher hast du ihn denn?" Als wäre sie auf etwas Unrechtem ertappt worden, neigte Lotte den Kopf und stotterte: "Ach, den den Hab ich ich Hab ihn geschenkt - erst seit kurzem " Doch Kurt unterbrach sie. "Es ist ja egal, woher wenn du nur überhaupt ¦ - Du hast also wirklich einen Revolver?" Lotte nickte. "Tann gib ihn mir!" rief Kurt hastig. Und indem er auf sie zusprang und sie wild umarmte, wiederholte er immer dringender: "Gib ihn mir! ich bitte dich, Lotte! Ich flehe dich an, gib ihn mir! " Und Lotte erwidevte seine Küsse. Dabei klang es208 fast liebkosend und streichelnd, wie sie tröstend sagte: "Ich hole ihn her. Sei nur ruhig Kurt. Ich hole ihn her..." Am Nachmittag war sie wieder wankend geworden. Aber abends war sie mit ihrem Attache beisammen, und da fragte sie scheinbar gleichgültig, was Wohl mit Zangen geschehen möchte. "Na, der ist geliefert," näselte ihr Freund. "Wie jetzt die Ströniung nun einmal geht, ist es mst ihm, ganz aus. Die anständigste Lösung wäre noch eine Kugel." Am nächsten Tage ging Lotte wieder in das Ge fängnis. Den Morgen darauf fand man Ku st erschossen. Ende. Richard Schmidt, Ltivzig-S!.Richard Sattlers Verlag (Georg Beer), Leipzig. Weiße Sklaven. Schilderungen von Selbsterlebnissen eines Offiziers aus der französischen Fremdenlegion. Von Fritz Ohle. Viertes und fünftes Tausend. Geheftet Mark 3.50, elegant gebunden Mark 4.50. Eine so sachkundige und fesselnd geschriebene Schilde rung, wie diese neueste von Fritz Ohle, ist selten und ver dient weiteste Verbreitung . . . Was Maupassant in seinem Buche über Afrika nur andeutet, wird von Ohle in einer Weise beschrieben, die jeden Zweifel und jedes Mißverständnis aus schließt . . . Möchte doch dieses volkstümlich geschriebene Buch in recht weite Kreise Eingang finden, möchten sich doch dieser Wunsch ist leider zu kühn die Volksvertreter, die Regierenden seiner annehmen, denn ehe dieser Schmutz fleck, der unserer gepriesenen Kultur anhaftet, weggewischt werden kann, muß er mehr ins Licht gerückt werden, als es bisher geschah. Hamburger Fremdenblatt. Ohle gibt die Zahl der jungen Männer, die Deutschland jährlich durchschnittlich an die französische Fremdenlegion verliert, auf 4000 an . . . Durch Ohles Buch erhält man einen gründlichen Einblick in das Elend des Fremdenlegionärlebens. Neben sachlichen Angaben laufen gemütvolle Geschichten von armen deutschen Jungen her, die dort zugrunde gingen. Breslauer Morgenzeitung. Ein Buch, das mit Sachkunde diese Dinge schildert, wie sie sind . . . Das Ganze ist ein kulturhistorischer Beitrag zum Wesen der Fremdenlegion. Kleine Presse, Frankfurt a. M. Das Buch enthält durchaus nichts Gehässiges und Bissiges gegen die Fremdenlegion . . . Man fühlt aus jeder Zeile heraus, daß der Verfasser Selbsterlebtes wahrheitsgemäß schildert. Und was wir da lesen, erfüllt uns vielfach geradezu mit Grausen und Entsetzen. Das Buch wird berechtigtes und großes Interesse erwecken. Elsässer Tageblatt.N12 106791060010Cropenholler
