Während des Krieges in Deutsch-Ostafrika und Südafrika Von Prof. Dr. G. Gürich Direktor des Mineralogisch-Geologischen Instituts zu Hamburg Mit 2 Karten und 9 Abbildungen iipl Lalrai UtM- n Berlin N.^- pariser Plat* T* Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin 1916Während des Krieges in Deutsch -Ostafrika und Südafrika Meine Erlebnisse bei Ausbruch des Krieges in Deutsch- Ostafrika, im englischen Gefangenenlager in Südafrika und auf der Rückreise nach Europa Von Prof. Dr. G. Gürich Direktor des Mineralogisch-Geologischen Instituts zu Hamburg Mit 2 Karten und 9 Abbildungen Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) Berlin 1916Alle Rechte vorbehalten. STA ATS - tB BLICSTt#EK , v VHMeiner lieben Frau!Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwort Veranlassung zur Reise nach Ostairika 1 Ausreise  2 Mombassa 5 Deutsch-Ostafrika . . 6 Ankunft 6 Tanga 8 Moschi 12 Wilhelmsthal 20 Alarm in Tanga 23 Amani 26 Abschied von Tanga 35 Daressalam 41 Abreise von Daressalam 46 Kilwa 51 Lindi 55 Mikindani 58 Kionga 60 Portugiesisch-Ostafrika 63 Palma 63 Mocambique 66 Lourenco Marques 69 Britisch-Südafrika 74 Kapstadt 74 Im Gefangenenlager zu Pietermanitzburg 78 In Stadt Pietermaritzburg 97 Wieder im Gefangenenlager 107 Abreise von Fort Napier 114 Kapstadt 116 Versuch mit der Gaika" heimzureisen 127 Heimreise   132Verzeichnis der Abbildungen. Seite Abb. 1. Usambara-Eisenbahn. Bananenverkauf am Eingeben enen-Wagen 25 Abb. 2. Amani, Negerdorf. Der Weg zum Biologischen Institut führt nach links hinauf; im Hintergrunde die Magrottoberge 29 Abb. 3. Im Negerdorfe von Daressalam 45 Abb- 4. Lindi. Straße am Strande 57 Abb. 5. KorporalschaftsgenossendesVerfassersimQefangenenlagerNo .nl 83 Abb. 6. Pietermaritzburg, Umsindusufluß im Alexandraparke 101 Abb. 7. Beim Abendessen im Lager IV 111 Abb. 8. Kapstadt mit Tafelberg 119 Abb- 9. Schematisches geologisches Profil durch den Rand der Mulde von Südafrika vom Tafelberg bei Kapstadt aus bis Karroo- poort und von dort bis Basutoland 123Vorwort. Die Wissenschaftliche Stiftung in Hamburg hatte mich zu einer geologischen Untersuchung nach Ostafrika geschickt der Krieg brach aus, die Forschungsarbeit mußte unterbleiben. Die Rückkehr brachte Erlebnisse, von denen ich in diesem Buche erzähle. Verpflichtet bin ich allen denen, die mir in der Ferne geholfen haben den Dank bitte ich in meinen Schilderungen zu suchen! Den wärmsten Dank aber statte ich denen ab, deren Bemühungen mir die Heimkehr ermöglicht haben, in erster Reihe der Wissenschaft lichen Stiftung in Hamburg, dann den stets hilfsbereiten Fachgenossen im neutralen Auslande und den unermüdlichen Freunden in der Heimat.Veranlassung zur Reise nach Ostafrika. Anfang 1914 hielt Dr. Reck, der damalige Assistent am Geologisch- Paläontologischen Institute der Universität in Berlin einige Vorträge, in denen er von seinen neuesten Funden in Ostafrika berichtete. Zu nächst war er hinausgezogen um die Saurierausgrabungen am Tendaguru abschließen zu helfen, dann hatte er das geologische Profil längs der Mittellandbahn von Daressalam nach dem Tanganyikasee aufgenommen. Schließlich ging er nach dem Norden, wo er einen neu entdeckten Fundpunkt fossiler Säugetierknochen aufsuchte. In dem Gebiete etwa mitten zwischen Kilimandjaro und Victoriasee, in der Olduwai- schlucht, am Rande der Serengetisteppe*) hatte Reck die Arbeit auf genommen, angeregt durch einen Fund von Professor Kattwinkel in München, der in dieser Gegend gejagt hatte; dieser hatte dabei den unverkennbaren Fußwurzelknochen eines dreizehigen Pferdes gefunden, eines Hippotheriums, wie es ähnlich etwa im jüngsten Tertiär von Pikermi und anderen Fundpunkten bekannt ist. Reck war es 1913 geglückt dort eine reiche Säugetierfauna in vulkanischen Tuffen nach zuweisen; darüber sprach er in Berlin. Die Fauna hat anscheinend einen geologisch jugendlichen Anstrich, aber gewisse Elefantenreste und jener Mittelfußknochen wiesen auf jüngstes Tertiär. Dazu kam noch ein weiterer höchst bemerkenswerter Fund Recks; er hatte in derselben Schlucht ein Menschenskelett ausgegraben, von dem er meinte, daß es gleichzeitig mit den zerstreuten Knochen jener zum Teil ausgestorbenen Tierarten in die Tuffe gelangt wäre. Diesem Funde wurde die größte Bedeutung zugeschrieben, Bilder davon gingen durch zahlreiche deutsche und selbst ausländische Zeitungen. Ich hörte in Berlin Recks Vorträge, aber auch die daran sich anschließenden Erörterungen; ich sah seine Originale, seine Photos und Kartenskizzen. Das ganze Vorkommen fesselte meine Aufmerksamkeit in höchstem Maße. Die jugendlichen vulkanischen Ablagerungen, reich an tierischen Resten würden uns in den Stand setzen, die bisher vorwiegend aus der Oberflächengestalt der *) Eine zweite Steppe gleichen Namens liegt im Grenzgebiete östlich vom Kilimandjaro. G r c h , Deutsch-Ostafrika. 12 Erde gefolgerten Schollenbewegungen der Erdkruste mit größerer Sicher heit nachzuweisen; sie würden uns gestatten die Entstehung der so viel besprochenen innerafrikanischen Gräben", die Hebungen und Senkungen, die zu der Herausarbeitung der jetzigen Oberflächenformen Afrikas führten, zeitlich näher festzulegen. In gleicher Weise würde man mit einer Sicherheit, wie sie nur in wenigen Teilen der Erde möglich ist, die Veränderungen der Tiergesellschaften in jener Gegend feststellen, die Reihenfolge der klimatischen Aenderungen in den jüngsten Zeitläuften der Erdgeschichte nachweisen können. Mit dem Menschen funde hat es noch eine besondere Bewandtnis; ist Recks Annahme richtig, dann liegt hier wahrscheinlich der älteste bekannte Menschenrest vor; an sich ist ein solcher Fund irgend wo und wann zu erwarten. Im An schlüsse an Recks Vortrag regten sich Bedenken aller Art. Die Tier kadaver waren vor der Einbettung in jene Tuffschichten schon zer rissen, so daß die Knochen zumeist vereinzelt zerstreut waren. Im Gegensatze dazu fand sich das Menschenskelett in einer bemerkens werten Art der Lage, die man nach vorgeschichtlichen Gräberfunden als Hockerstellung bezeichnet. Auch viele eingeborene Stämme des östlichen Afrika beerdigen ihre Leichen in dieser Stellung, also mit angezogenen Knien und Ellenbogen, eingehüllt in Felle oder eingeschnürt. Der Gedanke liegt sehr nahe, daß dasselbe auch mit dem vorliegenden Skelette in der Olduwaischlucht ausgeführt worden ist. Es war also von allerhöchster Wichtigkeit festzustellen, ob die Recksche Auffassung von dem Alter des Skelettes begründet ist oder ob es sich um eine Beerdigung handelt, die in jüngster Zeit, mag diese nun nach Jahr hunderten oder einigen Jahrtausenden zählen, erfolgt ist. Es handelt sich demnach um Fragen von größter wissenschaftlicher Bedeutung, deren Klärung auf einem verhältnismäßig geringen Räume in einem klimatisch günstig gelegenen Gebiete Afrikas durchgeführt werden konnte. Ich entschloß mich schnell, dieser Aufgabe näherzu treten. Eile tat not. Die trockne Jahreszeit konnte ausgenutzt werden. Ich fand in Hamburg williges Gehör und in einer Sitzung vom 12. Juni bewilligte mir die Hamburgische Wissenschaftliche Stiftung die für die Reise nötigen Mittel. Ausreise. Am 21. Juni 1914 verließ ich Hamburg. Zunächst ging ich nach München, um hier den ersten Fund von Kattwinkel, jenen schon er wähnten Fußwurzelknochen von Hippotherium zu besichtigen; Freund B r o 1 suchte diesen aus den reichen Wirbeltierschätzen der Münchner Sammlung heraus. Gleichzeitig benutzte ich die Gelegenheit um Erfah rungen und Gedanken über die Geologie von Afrika mit Herrn S t r o - 3 in e r von Reichenbach auszutauschen, der gerade in der letzten Zeit wichtige Wirbeltierfunde teils aus Deutsch-Südwest teils aus Togo und aus Aegypten erfolgreich untersucht hatte. In München konnte ich auch meinen ältesten Sohn besuchen, der während meiner fünfmonat lichen Abwesenheit der Mutter zur Seite stehen sollte. In Insbruck nur ein Aufenthalt von wenigen Stunden. Er galt nicht afrikanischer Geologie, wohl aber einer Frage aus der jüngst vergan genen Periode der Erdgeschichte, vielleicht dem Alter nach nicht viel verschieden von der Zeit der Säugetiere aus der Olduwaischlucht. Am Geologenstege unterhalb der Hungerburg waren durch die Bemühungen von Geheimrat Lepsius (Darmstadt, gestorben den 18. Oktober 1915) neue Aufschlüsse in der Höttinger Brekzie geschaffen worden. Diesen Punkt untersuchte ich in ausreichender Muße und mit gespanntester Aufmerksamkeit. Dann ging es weiter nach Neapel, zum Vesuv, nach Pompeji. Es war meine Absicht wegen eines Vergleiches mit dem Oldu- Waifunde Umschau zu halten nach den im Aschenregen von Pompeji umgekommenen Tieren und Menschen. Sonntag, den 28. Juni des Abends las man die Nachricht von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in den Zeitungen von Neapel. Obwohl ich in den vergangenen Jahren die Entwicklung der äußeren Politik mit Rücksicht auf eine Kriegsmöglichkeit stets mit größter Aufmerksamkeit verfolgt hatte in diesen Tagen kamen mir Bedenk lichkeiten nicht auf; ich war zu sehr von meiner neuen Aufgabe erfüllt, zu sehr mit dem Reiseplan beschäftigt. Am 29. des Abends ging ich an Bord des Ostafrika-Dampfers Kronprin z". Am 30. des Morgens sah ich den Stromboli von weitem, mittags betrachtete ich Messina durch mein Feldglas, um die Spuren des letzten großen Erdbebens auf zufinden, dann ging es in glatter Fahrt hinaus in das Mittelmeer; die Luft war drückend, der Ausblick getrübt, und als wir am 4. Tage (den 3. Juli) nach Port Said kamen, erschien mir die Hitze unerträglich. Der Lärm, den die farbigen Händler hier, dann in Ismailia und in Suez machten, das Gedränge der Boote, das Treiben am Lande, alles schien mir geräuschvoller, unangenehmer zu sein, als es mir von früheren Reisen an der Westküste von Afrika oder in Westindien in Erinnerung war. Ich bedauerte auf das lebhafteste die eigenartige Umgebung des Suez kanals nur im Vorübergleiten vom Schiffe aus betrachten zu können; allenthalben wurden Ausschachtungen vorgenommen, um den Kanal zu verbreitern; hunderte von farbigen Arbeitern waren dabei tätig und lange Züge von Kamelen trugen den ausgehobenen Sand fort. Mit keinem Gedanken dachte ich damals daran, daß nach Jahresfrist an diesen Stätten des lebhaftesten Handelsverkehrs Krieg einsetzen könnte. Mit gespannter Erwartung fuhr ich in das Rote Meer hinein. Leider bot die Fahrt wenig; der Ausblick war völlig gestört, in trübes bleiernes 4 Grau war die Ferne gehüllt und niederdrückende Hitze, Tag und Nacht 33 35,5 , beeinträchtigten den Genuß. Inzwischen hatte sich an Bord das übliche gesellige Leben entwickelt. Junge Kaufleute gingen hinaus für unsere leitenden Hamburger Häuser, Ingenieure, die an dem Bahnbau beteiligt waren und deren Heimatsurlaub abgelaufen war, Be amte der Kolonialverwaltung, aber auch einige Vergnügungsreisende, deren Hauptzweck die Jagd war. Von besonderem Werte waren mir die älteren Herren, die schon ostafrikanische Erfahrungen hinter sich hatten und von denen ich mir manchen Rat holen konnte; als uner müdliche heitere Gesellschafter erwiesen sich unter meinen Tischgenossen am Kapitänstisch der Stabsarzt Dr. Schumacher und der Ober leutnant Henneberger, der als Flieger nach Daressalam gehen wollte. Beide wurden ein Opfer des Krieges. Von den übrigen Reisege fährten ist noch Herr von Holwelde, der als Kaufmann in Ost-Afrika tätig war, in den ersten Kämpfen am Kilimandjaro gefallen. Manches wichtige erfuhr ich über Walfischfang und Walfischschutz durch Herrn B r y d e , einen Norweger, der für ein großes Walfangunternehmen die Reise um Afrika machen wollte. Eine besondere Freude war es mir, auf dem Kronprinz" den Münchener Geologen Dr. G. Schulze anzutreffen. Schon im München hatte ich gehört, daß Herr Hesselberger, angeregt durch Prof. Kattwinkel und unterstützt von München und Berlin, eine Expedition ausrüsten wollte, die demselben Ziel zustrebte wie ich. Dr. Schulze sollte der geologische Leiter derselben sein. So konnten wir schon im voraus an Bord des Kronprinz" über unsere Aufgabe verhandeln und Arbeitseinteilung besprechen. Am 9. Juli erreichten wir Aden. Wenige Blicke hatte ich für alle militärischen Einrichtungen übrig, mit desto größerer Aufmerk samkeit betrachtete ich das vulkanische Gestein. Unter dem far bigen Völkergemisch fielen mir namentlich die überschlanken zierlichen braunen Gestalten auf, die mir als Somali bezeichnet wurden. Nach wenigen Stunden Aufenthalt ging die Fahrt weiter. Die Hitze ließ nach, in gleichem Maße aber wurde die See bewegter. Am 10. Juli näherten wir uns wieder der Küste des afrikanischen Kontinentes, am Nachmittag umfuhren wir Kap Guardafui; allenthalben wüstes, kahles Land, nur an einer Stelle sah ich Europäerbauten und vor der Ortschaft ein italienisches Kriegsschiff; an einer anderen Stelle, aber nur an einer war ein Palmenhain zu erkennen; das ist Italienisch Somaliland! Weiter ging die Fahrt. Am 14. Juli betrug die Temperatur 25 Celsius; der Wind nahm zu; wir bekamen den stärksten Süd-Ost. Auf dem Vorder deck war alles bewegliche fest angetaut, im Speisesaale wurden die Schlingerleisten an den Tischen befestigt; die Tischgesellschaft nahm an Zahl ab. Das dauerte so 6 Tage lang. 5 Mombassa. Am 17. Juli kam wieder Land in Sicht. Es sind niedrige Hügel reihen anscheinend mit Busch bewaldet; Palmengruppen ragen daraus hervor oder die halbkahlen Riesenstämme der mit Eichen vergleichbaren Affenbrotbäume und dunkelgrüne prachtvolle Laubkronen der Mango. Lebhaft wurde ich an meine ersten Erinnerungsbilder von dem afrika nischen Kontinent gemahnt; es war im Jahre 1885, als ich am Grünen Vorgebirge die ersten Affenbrotbäume sah. Im engen Fahrwasser fuhren wir hinein in den Hafen von Mombassa oder eigentlich von Kilindini. Zum ersten Male sah ich hier das eigentümliche junge kalkige Gestein, das in horizontalen Bänken anstehend von der Brandung benagt wird; geschwärzt erschien seine Oberfläche und an vielen Stellen erkennt man eine auffällig deutlich ausgebildete Brandungshohlkehle. Nach einem, wie mir gesagt wurde für die Jahreszeit ungewöhnlich hart näckigen Regenschauer entwickelte sich ein schönes buntes Hafenbild. Vor uns lag Emir", ein Hamburger Frachtdampfer und Commodore", ein Bombaydampfer. Wir gingen nahe bei der Ausgangsstation der Ugandabahn vor Anker. Auf einer Trolly, einer kleinen für den Tran sport einiger weniger Personen ausreichenden Art von Straßenbahn wagen, gestoßen von Negerburschen, gelangten wir nach der Stadt. Auf engen winkligen Straßen zwischen den hohen arabischen Häusern gingen wir durch das Geschäftsviertel zu Herrn Roter, dem Vertreter der Firma H a n s n g, der zugleich Agent der Ostafrika-Linie ist. In seinem Hause fanden wir gastliche Aufnahme, und auf einem kurzen Spaziergange zeigte er uns den Ort und seine nähere Umgebung. Eine erfrischende Brise wehte vom Meere herüber. Landschaftlich sehr schön wirkende Baumgruppen boten überraschende Bilder. An den Strandfelsen fesselten große Muscheln oder vereinzelte Korallenknollen, eingeschlossen in den Bänken der jugendlichen Kalke, meine Aufmerk samkeit. Mit Neugier besichtigte ich das alte portugiesische Fort mit seinen starken Mauern und weiter abgelegene halb verfallene Bastionen; unser ortskundiger Führer brachte uns zu dem Eingange eines unter irdischen Ganges, der zu den Festungsanlagen gehörte. Im englischen Klub wurde uns keine eigentliche Erfrischung zuteil, denn die Getränke waren nicht gekühlt; der indische Inhaber der Eisfabrik hatte aus irgend einem Grunde gestreikt und wollte sich durch Hintanhaltung der Eis gewinnung die englischen Behörden gefügiger machen, wie man uns erzählte. Unter den verschiedenartigen Gästen des Klubs herrschte eine ungezwungene heitere Unterhaltung, ich wurde nichts gewahr von Andeutungen einer feindlichen Stimmung oder gar Kriegsgefahr. Auch der nächste Tag sah uns noch in Mombassa; gern nutzte ich die Ge legenheit aus die Aufschlüsse der jugendlichen Kalke quartären Alters neben dem Stationsgebäude der Bahn zu besichtigen. Eine Schicht mit sehr großen Austern erregte besonders meine Aufmerksamkeit. 6 Deutsch-Ostafrika. Ankunft. Gegen Abend verließen wir Mombassa und am nächsten Morgen schon (19. Juli) liefen wir in den Hafen von Tanga, dem eigentlichen Ziele meiner Seereise ein. Hier fiel mir zunächst die im Bereiche der Flut sich flach ausbreitende mit grünen Mangrowen bestandene tiefste Stufe auf, hinter der sich eine höhere Stufe, gebildet aus dem schon erwähnten quartären Kalke und bestanden mit Kokospalmen und Mango bäumen erhebt. Endlich können wir die einzelnen Häuser des Ortes erkennen; auch hier reges Leben; im Hafen lagen die Rhenania" und einige kleinere Kriegsschiffe, darunter die Möwe". Am Strande sah ich hier zum ersten Male die Fischerboote der Eingeborenen: Einbäume mit Auslegern. Ich hatte mich entschlossen noch nicht hier auszusteigen, sondern zuerst nach Daressalam zu fahren, um mir dort von der Regierung die Erlaubnis für mein Vorhaben zu erwirken. Der Kronprinz" brachte mich über Sansibar nach Daressalam und auf demselben Wege wieder nach Tanga zurück. Nur soviel Zeit wie Kapitän Greiwe zum Ent laden und Laden brauchte, stand mir also für Sansibar und Daressalam zur Verfügung. Sehr ansprechend erschien mir Sansibar; die Leb haftigkeit des Eingeborenenverkehres kam mir größer vor, als an den Hafenplätzen der Küste. Die Araberhäuser selbst sahen sauberer, ge pflegter aus als in Mombassa; besonders zogen auf den engen Straßen die schönen Türeingänge mit reichen Schnitzereien, arabischen In schriften und hohen Messingbuckeln meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Leben in der Stadt machte einen feierlichen Eindruck; es war ein reger Verkehr von Zweirädern und Autos; Inder, Araber und Neger strömten in Gruppen auf den Straßen hin und her; die festliche Erregung galt der Anwesenheit Agar Khans, des Oberhauptes der indischen Mohammedaner. Ueberrascht hat es mich bei einem kurzen Spaziergange aus der Stadt hinaus stattliche Klubhäuser, schöne Spielplätze und einladende Promenadenwege am Strande anzutreffen. Nicht minder auffällig er schien mir im Gegensatz zu den Erfahrungen von meinen früheren Reisen her die rege Beteiligung farbiger Knaben und Burschen bei ihren Fuß ball- und anderen Spielen. Am 20. Juli legten wir des Morgens in Daressalam an für zwei Tage. Ich war sehr mit meinen Angelegenheiten beschäftigt; später im September stand mir mehr Zeit dazu zur Verfügung den Ort und seine Umgebung kennen zu lernen. Zunächst empfing ich schon bei meiner ersten Anwesenheit den denkbar angenehmsten Eindruck von diesem Haupt eingangshafen unserer Kolonie. Unsere Landsleute da draußen haben es .7 trefflich verstanden, sich dort ein Heim zu schaffen; mit Genuß kann man sich der Annehmlichkeiten einer behaglichen Lebensführung erfreuen. Im Kaiser hof oder im deutschen Klub kann man wohl oder konnte es wenigstens Erholung finden nach einer entbehrungsreichen Wanderung über Land. Es war mir sehr angenehm hier zwei jüngere Fachgenossen zu treffen. Dr. Reck war wieder in Afrika, aber diesmal nicht, um nach der Olduwaischlucht zu ziehen, sondern um für die im selben Jahr geplante Ausstellung in Daressalam die neuerlichst gefundenen Knochenreste der Riesensaurier von Tendaguru zu ordnen und auf zustellen. Auch Dr. K r e n k e 1, mir bekannt als erfolgreicher Bear beiter der ostafrikanischen fossilführenden Meereskalke aus der Jura- und Kreideformation hatte ähnliche Aufgaben. Jeder von ihnen war in der glücklichen Lage die Gattin als Gehilfin bei der Arbeit und Gefährtin bei Wanderungen bei sich zu haben. Bei der Regierung machte es mir dank dem Entgegenkommen der Regierungsräte M e t h n e r und Humann keine Schwierigkeit die Erlaubnis für meine Arbeiten und für die Ausführung meiner zu erhoffenden Funde zu erlangen. Schon von Europa hatte ich mir auf den Rat meiner Hamburger Freunde hin telegraphisch die Mithilfe eines des Landes und der Leute kundigen Führers zu sichern gesucht. Als solcher war mir der frühere Feldwebel der Schutztruppe und jetzige Farmer, der Vater der Massai" Bast empfohlen worden. Schon in T a 11 g a erhielt ich das Antwort telegramm, daß Bast bereits für ähnliche Aufgaben vergeben wäre; er sollte den Wiener Jagdreisenden Böhm nach der Massaisteppe ge leiten; Ersatz für ihn zu finden war an der Küste nicht möglich. Für die Schulzesche Expedition war Ingenieur Sattler, der eigent liche Entdecker der Riesensaurier vom Tendaguru, gewonnen wor den; er hatte alle Vorbereitungen getroffeil, erwartete Dr. Schulze schon in T a n g a und reiste mit ihm nach dem Innern. Näher am Ziele hoffte ich leichter landeskundige Führer zu erlangen und konnte im Notfalle an der Schulzeschen Expedition Anhalt finden. Mir schien es wichtig in Daressalam einige Eingeborene zu verpflichten, die mir von besonderem Nutzen sein sollten. Dr. Reck hatte vom Tendaguru mehrere dortige Eingeborene nach Daressalam gebracht, die bei der Herausarbeitung der Saurierknochen mit Erfolg tätig gewesen waren. Einer derselben, genannt Jumbe, weil er einst in einem Dorfe Dorf ältester, d. h. Jumbe gewesen war, wurde mir von Dr. Reck über lassen. Er hatte Erfahrung im Aufsammeln von Knochen und Hand stücken. Jumbe war ein braver Geselle, der mich späterhin bis L n d i, also in die Nähe seiner Heimat begleiten sollte. Da ich nicht die 8 Absicht hatte die Landessprache: Suaheli zu lernen, lag mir viel daran einen deutsch sprechenden, einheimischen Burschen aufzutreiben. Ich wurde zwar von allen Seiten gewarnt; die deutsch redenden wären die schlimmsten. Herr Helfferich, Spediteur in Daressalam, überließ mir seinen schwarzen Gehilfen Tabu. Dieser war in Berlin im orientali schen Seminar als Sprachgehilfe tätig gewesen, hatte Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg im Sudan begleitet, sprach leidlich Deutsch und erwies sich später als ein besonnener und verständiger Mensch, mit dem ich wohl zufrieden war; er sollte Führer und Dolmetscher sein. Tanga. Am 22. Juli verließ ich mit dem Kronprinz" Daressalam und kam am selben Tage über Sansibar nach Tanga. Ein neuer Fahrgast, Stabsarzt Mohn hatte sich eingefunden; er wollte Heimatsurlaub an treten. Er ist nicht weit gekommen, nach drei Monaten traf ich ihn in L n d wieder. Unterkommen fand ich im Deutschen Kaiser". An äußeren Annehmlichkeiten war der Aufenthalt daselbst nicht zu ver gleichen mit dem im Kaiserhof" in Daressalam; aber der Ruheplatz vor den Häusern unter Palmen und einem prächtigen Mangobäume, unmittel bar vor dem Abhänge, der sich zum Strande hinunterzieht, hatte einen ganz besonderen Reiz; im flachen Vorlande unten am Strande war eine Fischverkaufsstelle, davor lagen die zahlreichen Boote der eingeborenen Fischer und jenseits der ruhigen blauen Meeresbucht begrenzte die dicht grünbelaubte Toteninsel das Bild. Sehr gründlich und umständlich war die Zolluntersuchung meines Gepäcks. Große Schwierigkeiten machte mir mein Browning, den mir der Zollbeamte durchaus zurückzulassen anriet. Fünf Tage dauerte mein Aufenthalt in Tanga; es wurden noch einige schwarze Burschen geheuert, die Ausrüstung der Expedition vervollständigt, und eine Summe Geldes in Nickel eingewechselt. Meine Schwarzen drängten um Kleidung und Decken, Tabu und J u m b e wollten auch Schuhe haben. Meine Freunde versicherten mir, daß der artige Anschaffungen bei Antritt einer Reise durchaus üblich wären. Jumbe fühlte sich aber in seiner leichten landesüblichen Kleidung viel wohler, als in dem knappen Khakianzuge; die Lederschuhe trug er meistens in den Händen. Bei unserer Eisenbahnfahrt nach dem Innern hatte er den neuen Anzug wieder abgelegt und erschien in seinem alten weiten Gewände mit einer eigentümlichen Begründung, die mir Tabu mit verschmitztem Lächeln auseinandersetzte. In Tanga selbst besuchte ich den Bezirksamtmann Auracher, den ich als hühnenhaften Kolo nialstudenten vom Jahre 1910 noch wohl in Erinnerung hatte. Auch brachte man mir allerhand Nachrichten von auffälligen und wichtigen mineralischen Funden; ich hörte etwas von Rohöl. Viel wurde mir erzählt von dem Goldfieber, das vor einigen Jahren in Tanga aus- 9 gebrochen war; die überraschenden Funde von Riesensaurierknochen am T etidaguru hatten im Lande auch eine Art Fieber hervorge rufen. Schon jetzt in Tanga hörte ich von einem Vorkommen von Saurierknochen, Proben davon sollten in Korogwe liegen; ich sah sie später, es sind eigentümlich gestaltete Stücke von porösem Kalktuff, deren Struktur eine gewisse Aenlichkeit mit dem löcherigen Gewebe großer Knochen hat. Auch von Erzen erfuhr ich aus der Nähe von W 1 h e 1 m s t a 1 und von großen Höhlen, die die Missionäre H u t h und Dannholz gefunden hatten. Von Tanga aus machte ich zwei Aus flüge in das Gebiet des eigentümlichen festen Kalksteins, der an der Usambarabahn bei Station Steinbruch" gewonnen wird. Hier sollte Jumbe zum ersten Mal sein Geschick als Sucher von Versteinerungen betätigen; es war eine schwierige Aufgabe, denn der dichte Kalk ist außerordentlich arm an deutlichen Fossilien. Als Ersatz dafür bot sich mir Gelegenheit die eigenartigen Verwitterungsformen, der aus dem Boden herausragenden Klippen zu photographieren. Sehr anstrengend erschien mir eine zweite Exkursion nach den Sigahöhlen am Mkulumuzi, auf der mich jüngere Herren von der D. 0. A. G. (Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft) führten. Auch hier handelt es sich um denselben Kalk, dessen Bänke vom Flusse durchbrochen und von den ihm zustrebenden Gewässern durchnagt sind. Ich schlage vor, den Kalk wegen seines Vorkommens an den Sigahöhlen als Siga- k a 1 k" zu bezeichnen. Fast täglich hat es an diesen Tagen in Tanga einmal kräftig geregnet. Auch wir waren auf unserm Marsche zur Höhle naß geworden; das dichte Buschwerk des schmalen Talweges triefte von Feuchtigkeit und die Luft war erstickend schwül. Am nächsten Tage war der eine meiner Begleiter krank; es war Fieber, wie ich später hörte, ein Anfall von wenigen Tagen. Mehr Kummer hatte man damals um einen der älteren Herren, der plötzlich an Fieber erkrankt und dessen Temperatur sehr stark gestiegen war; aber auch dieser Anfall ist verhältnismäßig schnell vorübergegangen. Am letzten Tage wurden Gepäck erledigt, Gewehre gekauft, der Waffenschein besorgt; in der Ausgabestelle der Usambara Post" wurde die Zeitung bestellt und mein Vorrat an Karten ergänzt, was mir später außerordentlich zustatten kam. An diesem Tage, dem 27., wurden zum ersten Mal Extrablätter beunruhigenden Inhalts herausgegeben. Am 28. des Morgens reiste ich mit der Usambarabahn von Tanga ab meinem Ziele zu. Herr Eggers, mein Tischgenosse vom Kronprinz" und Führer zur S g a h ö h 1 e hatte es sich nicht nehmen lassen, bei meiner Abreise zum rechten zu sehen. Tabu und Jumbe mit den übrigen Burschen waren in dem für Farbige vorbehaltenen Wagen untergebracht. 6 Uhr 15 Minuten des Morgens ging der Zug ab, abends um 9 Uhr gelangten wir an unser Ziel. Die Fahrt nahm meine Aufmerksamkeit in vollstem 10 Maße in Anspruch. Mit Feldglas und Kamera, mit Karte und Hammer saß ich da, bereit an den Haltepunkten zu photographieren oder Ge steinsproben zu schlagen. Sehr erwünscht war mir hierbei Karstedts Reisehandbuch: Ostafrika. Ueber meine besonderen geologischen Be obachtungen werde ich später ausführlicher berichten, sobald meine Sammlungen, die ich in Ostafrika und später in Südafrika habe zurück lassen müssen, mir nachgekommen sein werden. Zunächst zogen die verschiedenartigen Anpflanzungen meine Auf merksamkeit auf sich. Auf den jugendlichen Küstenbildungen der ersten Terrasse in der Nähe des Meeres dehnen sich Anpflanzungen von Kokos palmen aus, die mehr den Eindruck von Palmen wäldern machen. Jenseits derselben auf der nächsten Stufe, wo schon hier und da Klippen des Sigakalkes zu beobachten waren, erschienen weite Flächen, die durch die gradlinigen Reihen der beetartigen Anpflanzungen und auch durch die Sauberhaltung des Bodens an gartenartige Anlagen gemahnten. Das sind die viel genannten Sisalplantagen; die Sisalagave unterscheidet sich im Aussehen wenig von den uns als Zierpflanzen bekannten Agaven. Welche Bedeutung, diese Anpflanzungen für Ostafrika augenblicklich hatten, konnte ich später an vielen Orten erkennen. Unsere Pflanzer im Schutzgebiete setzten große Hoffnungen darauf, da die Preise des Sisalhanfes immer noch in die Höhe gingen. Von verklungencn Klängen sprachen andere Anpflanzungen mit stockartigen niedrigen Bäumchen; ungepflegt war dort der Boden, mit Unkraut überwuchert. An den Schnittkerben, die die Bäumchen trugen, konnte ich erkennen, daß es sich um Kautschuk han delte. In Ostafrika wurde bisher ausschließlich Cearakautschuk ge wonnen, von der in schlanken Stämmchen von einigen Metern gezo genen Manihot Glaziovii. Nach drei Jahren sollen diese Stämmchen Erträge bringen; der Kautschuk soll aber geringerwertig sein, zudem sind die Selbstkosten zu hoch, so daß der ostafrikanische Kautschuk auf dem Markte nicht in Wettbewerb treten konnte und eine allgemeine Krisis im Kautschukanbau in Ostafrika eintrat. Dies war ein harter Schlag für viele Pflanzer und alle Unternehmungen die damit zusam menhingen. In Tanga erzählte man mir viel davon; bei meiner An kunft waren, wie man mir sagte, nur einige kleinere Pflanzungen mit ge ringen Selbstkosten im Betriebe. Hin und wieder fallen auf den Pflanzungen schlanke Bäumchen mit scharf abgesetzten wagerechten quirlig gestellten Zweigen auf, das sind Kapokbäume (Ceiba pentandra). Ihr Anbau scheint größeren Umfang nicht angenommen zu haben. Die Fruchtkapseln enthalten Haare, die für Matratzenfüllungen und ähnliche Zwecke gern genommen werden. Schon im Gebiete des Sigakalkes ist der größte Teil der Erdober fläche von Roterde eingenommen, die in großer Mächtigkeit das in der 11 Tiefe anstehende Gestein überdeckt. Bei Ngomeni erklomm die Bahn die höhere Stufe des Innern in einer zickzackförmigen Spitzkehre;: 1914 wurde eine neue Bahnlinie angelegt, um diese zu vermeiden. Tiefe Einschnitte haben hier die Roterde blosgelegt. Weiter landein wärts lugt hier und da Gneis aus der Roterde hervor und bildet dann in verschiedenen Abarten das herrschende Gestein im Untergrunde der Bahnlinie bis in die Nachbarschaft des Kilimandjaro. In nicht minderem Maße fesselte auch die schwarze Bewohnerschaft des Landes meine Aufmerksamkeit; zahlreiche Dorfanlagen lassen die dichte Bevölkerung in diesem Teile des Schutzgebietes erkennen. Eigenartig bunt waren die Bilder des Verkehrslebens an den Haltepunkten der Eisenbahn, wo die Farbigen: Neger wie Inder die Hauptmenge der Fahrgäste bildeten. Die laute gestenreiche Mitteilsamkeit, das heitere lachende Wesen der ¦Neger, die schreienden bunten Farben der Gewänder, die unbeküm merte Selbstverständlichkeit, das alles gab Bilder von großer Abwechse lung. Am meisten aber achtete ich auf die Aenderungen des Land schaftsbildes. Schon von Tanga aus sieht man in der Ferne die Usambaraberge. Zuerst wird man nur die gerundeten Gipfel der Vor berge gewahr, bald aber erkennt man den wesentlichsten Zug im Ge- birgsbilde: Wie eine Mauer erhebt sich das Usambarabergland hier an seiner Südwestseite aus dem niedrigeren Vorlande. Ein steiler Absturz von verblüffender Höhe und gradliniger Längserstreckung läßt sich von der Bahn aus nach Norden verfolgen, von Lücken unterbrochen, aber immer wieder einsetzend. Da oben auf der Höhe breitet sich ein welliges Land aus mit grünen Wäldern, eine andere Welt verglichen mit den Sisalpflanzungen und dem steppenartig kümmerlichen Pflanzen- wuchse der Ebene an ihrem Fuße. Die Bahn überschreitet bei Maurui den Panganifluß; Felsen mit zierlichen Katarakten bilden hier sein Bett. Es ist etwa dies die Gegend, welche die schönsten Ausblicke auf die Landschaft in der Ebene und auf die Berge dahinter gestattet. Gerade hier am Wasser ist der Pflanzenwuchs etwas üppiger, das Laub grüner; hin und wieder erblickte ich weidende Herden von Buckel rindern; weiter ab vom Flusse breitet sich die Steppe aus, einzeln ragen die verzweigten Stämme der Fächer tragenden Dumpalmen heraus, dichter stehen Akazien und Euphorbien. Ueberrascht war ich über das massenhafte Vorkommen und die allgemeine Verbreitung der faust großen ausgeblichenen Gehäuse einer Schnecke aus der Verwandtschaft von Achatina. Von Wild hatte ich nur kleine Antilopen erspähen können. Die Verpflegung machte unterwegs einige Schwierigkeiten. Speisewagen gab es auf der Usambarabahn nicht; nur einige Halte punkte waren für die Bewirtung eingerichtet. Die Eisenbahnlinie hatte eine beträchtliche Höhe erreicht und die Abendbeleuchtung der Pareberge im Norden des Usambara- 12 berglandes schuf Bilder von eigenartigstem Reize. Schnell wurde es dunkel und es erfolgte der Höhenlage entsprechend eine empfindliche Abkühlung der Luft; gern hüllte ich mich in meinen Mantel, der seit Innsbruck außer Gebrauch gesetzt war. Von der umgebenden Natur war nur noch wenig zu sehen. Auch das Parege- birge verschwand im Dunkel; plötzlich leuchtete da oben an dem Ge hänge eine Flamme auf, daneben eine zweite, sie breiteten sich aus und bildeten eine Feuerlinie, die fortschreitend ihre Lage verändert; das erste Grasfeuer! Die Wapare da oben, wurde mir erzählt, sind eifrige Feldarbeiter; sie sollen besonderes Geschick darin zeigen, die Abhänge des Paregebirges für den Feldbau auszunützen. Aber auch die Wapare- feuer entschwanden den Blicken; da nichts mehr zu beobachten war, unterhielt ich mich mit den Mitreisenden. Es war ein Grieche, der reichlichste Verpflegung für die Fahrt mitgebracht hatte; mit ihm war wenig Verständigung möglich. Um so wertvoller war mir die Unterhaltung mit einem Rechtsanwalt, der zum Zwecke einer gericht lichen Verhandlung von Tanga nach Moschi fuhr. Moschi. Am 28. Juli um 9 Uhr kamen wir hier an. Zunächst begann ein tolles Drunter und Drüber; es schien der Bahnhof der Versammlungs punkt aller untätigen Neger des Ortes zu sein und schwer war es in der unzulänglichen Beleuchtung meine schwarzen Burschen und die zahl reichen Gepäckstücke zusammenzufinden, aber es ging. Auf der Höhe erblickte ich ein reichlich beleuchtetes Gebäude, das war das Hotel, wo ich mein Unterkommen für die nächsten Tage zu finden hoffte. Hatte mich schon während der Eisenbahnfahrt der Ausblick auf die Landschaften in Usambara und an dem Paregebirge in hohem Maße gefesselt, so war ich am nächsten Morgen in Moschi völlig überrascht durch das Bild, das sich mir dort bot: der Kilimandjaro. Wohl war mir die gewaltige Schneekappe des Kibo aus Photogra phien deutlich in Erinnerung und doch war der Eindruck des Selbst gesehenen überwältigend. Die breite schneeig leuchtende Wölbung am Himmel da oben ragte aus einer Wolkenschicht hervor, die anfangs die unteren Teile des Berges verhüllte; als sie sich dann verzog, konnte icli mit Hilfe meines Glases die unteren Ränder der Schnee- und Eis massen genau verfolgen, sah die Schluchten, in die die Gletscherenden herunterhängen, konnte Moränenwälle unterscheiden und überblickte die überaus verschiedenartige Talbildung auf den sanften Abhängen des ge waltigen Sockels des Bergriesen; und hinter der ruhigen Linie des Kibogipfels erschien in der Ferne der zackige Umriß des Mawensi. In fast weihevoller Andacht verglich ich in der Erinnerung das Bild des Eliasberges, den ich im Jahre vorher hatte sehen können. Wie eine 13 schlanke Eispyramide ragte der Eliasberg im Hintergrunde der nor dischen Landschaft aus einer ausgedehnten Gletscher-, Firn- und Schneelandschaft empor, hier die breite Masse des eisbedeckten Kibo- gipfels im gleißenden Sonnenschein über üppigstem Urwald am Fuße des gewaltigen Gebirgsstockes im tropischen Afrika! Vom Vorbau des Hotels aus konnte ich den Ausblick zunächst in vollster Ruhe genießen; durch das geöffnete Fenster drang dann lautes Stimmengewirr einer gerichtlichen Verhandlung; auch das war von Inter esse für mich. Die Sitzung war öffentlich, die Verhandlungen ergaben Streif lichter auf das Leben unserer deutschen Ansiedler am Fuße des Kiliman- djaro. Allerdings handelte es sich um weniger erfreuliche Seiten. An eine Stelle erinnere ich mich deutlich: Ein Pflanzer, als hitziger Kopf bekannt, hatte einen Schwarzen zu hart gezüchtigt. Zwei Rechtsanwälte waren aufgeboten, das Wortgefecht war scharf. Die Sachlage war nicht ganz geklärt, und doch, als der Richter eine Sühne von 100 Mark festsetzte, schien mir der Angeklagte befriedigt zu sein; er hatte wohl ein noch höheres Strafmaß erwartet. Die Besprechung des Falles mit den Be kannten am Orte ließ mich erkennen, daß die deutschen Behörden mit 7 Festigkeit ihres Amtes walten. Unmenschliche Behandlung der einge borenen Arbeiter wird durchweg streng geahndet, dabei wird doch dem Arbeitgeber ein gewisses väterliches Züchtigungsrecht eingeräumt, das in den meisten Fällen genügt, die Schwarzen im Zaume zu halten. Die weiteren Tage meines Aufenthaltes in Moschi, die zur Vorbe reitung für den Antritt des Marsches nach dem Westen und insbeson dere nach Ngorongoro dienen sollten, wurden benutzt zu einigen kleinen Ausflügen in die unmittelbare Umgebung. Das Wetter war nicht allzu günstig; fast alle Tage regnete es hin und wieder und der Kili- mandjaro war sehr oft in Wolken gehüllt. Die Luft am Tage war mäßig warm und am Abend zumeist erquickend aufgefrischt. Am 30. Juli marschierte ich mit meinen Leuten nach Alt-Mosch hinauf; Neu-Moschi ist der Ort, der am Ende der Eisenbahn entstanden war. Post- und Polizeistation, Bahnhofsbauten, das Hotel, die Geschäfts häuser, die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft und einige andere Ver kaufshäuser, mehrere Häuser von griechischen Händlern, das mit Dampf betriebene Holzsägewerk des Herrn Rothbletz bildeten den am flachen Gehänge angelegten Ort. Ein Rechtsanwalt vollendete eben sein neues Wohnhaus, und etwas weiter hinauf war man eifrig beschäftigt, ein neues Gebäude für die Bezirksbehörde anzulegen. Die flachen Rücken, in die das Gehänge zerschnitten ist, waren mit lockerem Busche bestanden. Unser Weg nach Alt-Moschi führt uns über den Raufluß. In der Talsohle bilden hochstämmige Bäume eine Art dichten Wald; nicht weit davon, weiter im Süden dehnt sich der be kannte nach dem Flusse benannte R a u w a 1 d aus, der als Forstreservat 14 unberührt bleiben soll. Wir kreuzten liier mehrere Wege, die die Haupt verkehrsstraße atn Fuße des Kilimandjaro in westöstlicher Richtung bilden. Mir fielen hier einige anscheinend verlassene Anpflanzungen auf. Der günstigere Hauptgiirtel bebauten Geländes zieht sich etwas oberhalb dieser Straße am Bergesabhange entlang. Nach kurzem Marsche bergan war Alt-Moschi erreicht. Schwarze Hirten mit Kleinviehherden strebten dem Orte zu, aber diese schienen nicht Negereigentum zu sein; die Einge borenen am Kilimandjaro, die Wadschagga wohnen weiter oberhalb am Berge. Der Teil von Alt-Moschi, den ich berührte, war von Weißen und einigen Indern bewohnt. Mein Besuch galt der B o m a, d. i. der Sitz ¦des Bezirksamtmannes, der wie meist in Ostafrika aus Gründen der Sicherheit gegenüber etwaigen Aufständen der Eingeborenen mehr oder minder festungsartig angelegt war. Auch hier hatte ich Gelegenheit einen früheren Hamburger Kolonialstudenten, den Bezirksamtmann L u e g wiederzusehen. Ein Mittagsmahl fand ich in dem gastlichen Hause von Dr. Förster. Pflanzer, Forscher und Farmer zugleich, erschien mir Dr. Förster als echter Vorkämpfer des Deutschtums am Kilimandjaro. Von seinem entzückend angelegten Garten aus genoß ich den Blick hinauf nach dem K b o und weiterhin nach dem fernen kegelförmig aufstre benden gewaltigen Gipfel des M e r u, und die Zusammenstellung gerade dieser beiden Bergformen schuf ein landschaftliches Bild von unvergleich licher Großartigkeit. Nach der andern Seite schweift der Blick über die kahle Steppe, auf der nur wenige Linien je eine Geländekante ahnen lassen, und wo in traumhafter Ferne, in zitterndem Lufttone verschwim mend, steile Einzelberge sich erheben. Bunte Falter gaukelten über den Blumenbeeten des Försterschen Gartens und metallisch glänzende Nectariniiden, vergleichbar den Kolibris Süd-Amerikas schwirrten von Blüte zu Blüte. Ich war nicht der einzige Mittagsgast; ein Künstler ehepaar hatte sich diesen Punkt ausersehen, um liier die Anregungen für die Darstellung tropischer Pracht und Eigenart zu gewinnen. Der Hamburger Maler von Ruckteschell bemühte sich eben den glitzernden Ton der Steppenluft auf seinen Landschaftsbildern festzu halten, und die Vorbilder, die er aus der Wadschaggabevölkerung herausfand, benutzte er für biblische Darstellungen. Auch- seiner Gattin, einer Bildhauerin, boten die Eingeborenen die nötige Anregung für ihre Kunst. Neben den Steppenbildern von Herrn von Ruckteschell hingen noch andere; Herr von Salis hatte dieselben Gegenstände in ganz anderer Art dargestellt. Die Bilder sollten zunächst zur Landesausstellung nach Daressalam geschafft werden; sie haben ihren Bestimmungsort nicht erreicht. Wie ich am letzten Tage meines Aufenthaltes in Deutsch- Ost erfuhr, hat der Maler von Ruckteschell im Gefecht bei Tanga eine schwere aber, wie es hieß, nicht lebensgefährliche Verwundung erlitten. 15 - Von Dr. Försters Tätigkeit am Kilimandjaro zeugen die von ihm ange legten Wege und Schutzhütten: Bismarckhaus 2800 m, Dr. Karl Peters hütte 4200 m (Dr. Karstedt). Seine Wohnräume im Orte selbst waren ihm zu eng geworden; ich fand ihn eben tätig, mit seinen Schwarzen ein neues Haus an der Straße aufzuführen, zu dem er die Pläne gemacht, die Steine gebrochen und das Holzwerk bearbeitet hatte. Zu weiteren Ausflügen nahm ich mir keine Zeit; alle meine Gedanken galten nur der 0 1 d u w a s c h 1 u c h t und den Knochenlagern daselbst. Nahe bei Neu- Moschi liegt die den Ort mit gutem Wasser versorgende Prinz Louis- Ferdinandquelle. Durch tiefe Umschließungsgräben wird das Ober flächenwasser abgelenkt, Stacheldrahtzäune verhindern Tier und Men schen die Quelle zu benutzen, und sorgfältig wird der einzige Zugang verschlossen und behütet. Unter schwarzem Basaltgestein bricht die Quelle hervor, und durch eine niedrige Mauer wird das klare Wasser aufgestaut. Fleißig sammelte ich Handstücke der schönen schwarzen Ergußgesteine vom Fuße des Kilimandjaro. Vulkanische Ströme und Decken mögen es sein, die dort den Untergrund bilden und von den Zuflüssen des P a n g a n : dem R a u und dem M a r a n g u durch schnitten werden. Am reichlichsten fand ich Stoff für meine Aufsamm lungen auf der Höhe, die die Straße von Neu-Moschi nach A r u s c h a überquert. Hier oben auf dem Felsenrücken wird die neue Borna ge baut. Ein früherer Bezirksamtmann hatte mit Hilfe eines Wünschel rutengängers den Punkt für Brunnengrabungen ausgewählt; der im festen Fels niedergebrachte Schacht blieb aber trotz aller Rutenaus schläge und aller Versicherungen des Wünschelrutenpropheten, wie mir erzählt wurde, staubtrocken. Der Bau der Häuser aber ist beschlossen und begonnen; die Wasserfrage wird also auf andere Weise gelöst werden müssen. Gern hätte ich noch in jener Zeit einen Ausflug nach einem Punkte an der Straße nach Taweta gemacht, als Funda wurde er mir bezeichnet. Dort hatte der rührige Geschäftsmann und Unter nehmer Roth b letz Kalk gebrochen; nach einer Probe zu urteilen handelt es sich um eine oberflächliche Kalktuffkruste auf vulkanischem Gestein; es war nicht mehr möglich dorthin zu gehen. Vor allem galt es für meinen Marsch Träger zu beschaffen. Auf Dr. Recks Rat hin hatte ich von Daressalam aus an den Bezirks amtmann in Aruscha telegraphisch die Bitte gerichtet, mir Träger zu besorgen. Am dritten Tage meines Aufenthaltes in Moschi erhielt ich Bescheid hierüber. Feldwebel Hunzinger aus Aruscha wollte Hei matsurlaub antreten und war mit 50 Trägern von dort nach Moschi abmarschiert, die auf dem Rückwege mit mir gehen sollten. Hun zinger kam wohl zu mir, aber die Aruschaleute waren anscheinend durchgebrannt; sie sind ein unsicheres Gesindel, wie mir von mehreren Seiten gesagt wurde. Am Tage darauf stellten sich doch noch 30 von 16 ihnen ein; sie sahen sämtlich schwächlich und nicht sehr vertrauener weckend aus. Inzwischen hatte ich schon mit einem Pflanzer unter Vermittlung von Dr. Förster verhandelt, er wollte mir 30 seiner Waniamwesi überlassen; es seien alles zuverlässige feste Burschen, die voraussichtlich den ganzen Weg mit mir machen würden; die Aruscha- leute würden nur bis in ihre Heimat gehen. Allerdings war auch der Preisunterschied sehr erheblich, die Aruschaleute sollten außer 15 Heller für Poscho", d. h. Zehrgeld täglich nur je 25 Heller Lohn erhalten. Der Pflanzer verlangte erheblich mehr. Die Verhandlungen begannen am 31. Juli. Am 1. August kamen aufregende Telegramme, der Krieg sei ausgebrochen, auch mit England, der Dampfer Königsberg" in den Grund gebohrt, die Tabora" von der Ostafrika-Linie gekapert, alle Kabel seien gesperrt, die Dampferlinien unterbrochen. Die Bank in Tanga gab kein Geld mehr und alle Ver käufe am Orte und im Lande sollten nur gegen Barzahlung erfolgen. Die Aufregung war ungeheuer. Schon am Abend erfolgte ein teilweiser Widerruf; es sei nur die Mobilmachung bekannt. Dies schuf aber keine Beruhigung. Schon am nächsten Tage, Sonntag, den 2. August früh 10 Uhr, fand in Rothbletz Hotel eine Versammlung des Wirtschaftlichen Verbandes vom Kilimandjaro statt. Die Einberufung und die Leitung der Versammlung lag in den Händen von Dr. Förster, dem Vor sitzenden des Verbandes. Die Beteiligung war sehr rege, der Bezirks amtmann Dr. L u e g war aus Alt-Moschi gekommen, ebenso der Be zirksrichter, Rechtsanwälte aus Neu-Moschi, die Pflanzer, Farmer, Kauf leute, Unternehmer, Beamte und Missionare. Außer den Deutschen waren noch viele Griechen erschienen. Dr. Förster wies zuerst die Berechtigung für den Verband nach, an diesem Zeitpunkte eine Ver sammlung zu berufen. Dr. Lueg verlas das Telegramm, aus dem hervorging, daß in Deutschland nur die Mobilmachung erfolgt sei; also einen Kriegszustand gäbe es noch nicht. Dr. Förster entwarf dann, weitgehende wirtschaftliche Vorschläge: die Bank zahle nichts, Bar mittel wären nicht vorhanden, darum schlüge er gemeinschaftlichen Ankauf von Lebensmitteln und Verteilung unter gewöhnlicher Preisbe rechnung ohne Barzahlung vor. Man müßte sofort auf den Pflanzungen kraftvoll weiterarbeiten, um Nahrungsmittel zu beschaffen. Die Pflanzer sollten unter Kontrolle je nach ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Arbeiter einstellen können gegen Zahlungsscheine, für die die Regierung die Verantwortung übernehmen sollte. Dann müsse man auch an die Verteidigung denken, und zwar sollten die Schützenvereine unter Lei tung der Schutztruppe in Tätigkeit treten. Der Bezirksamtmann war einverstanden mit der Uebernahme der Verantwortung für die den Ar beitern zu übermittelnden Zahlungsscheine, vorbehaltlich der Genehmi gung der Regierung in Daressalam; alle anderen Vorschläge seien zu:CO r I CT 00 £ S) 01 ca c o 03 T3 cu L u D s 3J CD "Ö cx E D X D CO G O c* ä .S S u CO o 5 m c ¦ JH G ±S CD G S ^ E .22 ^ WH QJ L) H U  Sf co _55 D T: bG d CD bß c CS G CD G T3 G CD .O *c M 03 -a *3 CA) =3 G n d bJD u G g Ja ^ g -9 CD ctf £S i+Ü X! .ä C 5 :j3 O O x: j £ 2 3 O ü V- Q Q  E 1 cn cu ^ r- oc O .s 1 3 cu *a T5 C a Um J5 :ctf Q. ü CO +Z D ca S S £ a ? 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Jj ^ 0^3-M D CD C! 03 m ^ Q." 0 ^ £ 1:11 i2 B B-3 g --+- Q) fc B B^j fTm 11 S io ^g^oisäsaiii; ¦^sSSMS-H-c^-S-S ^II"^ ^ W Ü) W G-M D^ CD .G E G ^ oj O - n. :cd fan G ¦ ;G Ä-2 g fe-B.E3 C 06 S-rS o ^5-^ c ^^ 0c3 59 ^ bc : G C t-i t- cu C ^ ¦" rQrg.^H 0 ^ bß C S2 G - rH -S E bc^f, W) cb*j?BS w ^ - - -  ^ gt.CO?(D2 2^ g 8 * S S5 g o-" -a-g bß bD f? co bß-G ^ G K _o ^ ¦ ti ^ -i_, bJ] ö a ~cn£ , ^3_ewK w fci Ö S=3 2 T 3 g" a) Ss S B 8 tÄ S S 3 a.-- 3  ÖBS-^B^^B ^.2 J3 -ö S E J a5; s -nni , o ; d +J ¦= f S£B^ e ffl a K-" S^ ""S t.  Cd -H 0 ^ CO G ^ (D W^.S-no; s-i a "2 rf q "8 ^ g.£ *3 ca Qbcgc S ^: J ja CD ( B u t: T. - ..r^= CS w C 0"QQ g :0 rj^tol d CCS ^3 d ß  Q .wrS 3^ ü- 3 _ 2 s S : - O-CD^ o o J5.£^  o-B a S£ c a j- fc. C N 3 t  C3 :3 tajcD j. O r-t r ~ l  _) r ~i -4 fll N S 3 ca C -S 3 9 3^-g  5 s B-S-M^; rt ts .21 rt S - S E.E OM ._:GJ^ G n Z cj^ co ^ ^ pH r Gk CQrisJ co T3 T! .S ^ W W 17 verschieben. Die weiteren Erörterungen schwankten hin und her; eine gewisse Erbitterung kam zum Ausdruck gegenüber den Kaufleuten, die versucht hatten einen Preisaufschlag von 20 % zu verlangen. Dieser Zwischenfall klärte sich später nach einer gemütlich klingenden Ver sicherung eines Angestellten der Handelsgesellschaft unter einer ge wissen Heiterkeit auf. Man kam überein eine Kommission einzusetzen; diese sollte die Arbeiter unter die Pflanzer verteilen, der Lebens mittelfrage nähertreten und die Verantwortung übernehmen. Nach dem Vorschlage des einen der beiden Rechtsanwälte sollte diese Kommission der Genehmigung des Bezirksamtes unterworfen sein. Dr. Eörster wurde Vorsitzender dieser Kommission und zu den Mitgliedern wurden Vertreter der verschiedenen Stände gewählt, insgesamt 12 Deutsche und 4 Griechen. Welche Bedeutung die griechischen Pflanzer und Händler für das Kilimandjarogebiet hatten, wurde mir an diesen Tagen klar. Zum Schlüsse wurde in der Sitzung auch noch auf die Gefahren des Panislamismus hingewiesen, ebenso darauf, daß ein Freischärlertum nicht aufkommen dürfe. Brauchbar schien mir die Einrichtung der Nach richtenübermittlung über das ganze Gebiet des Kilimandjaro zu sein. Dr. Förster wußte wiederholt die Versammlung zu begeisterter Kampfes freude hinzureißen; auch die Griechen stimmten lebhaft in die Hurra rufe ein. In unserem Hotel entwickelte sich nun in den nächsten Tagen ein lebhafter Verkehr. Am 3. August hieß es, Italien bleibe neutral, Paris verhandele noch und England wolle vermitteln. Erst am 5. August des Morgens erhielten wir die Nachricht, daß auch England den Krieg er klärt hatte. Dadurch waren mit einem Schlage alle meine Pläne in Frage gestellt. Schon die Weigerung des Bankvertreters Geld auszu zahlen und Zahlungsanweisungen zu berücksichtigen veranlaßte mich die Aruschaleute zu entlassen und den Vertrag die Waniamwesiträger betreffend nicht einzugehen. Allenthalben wurden Befürchtungen ge äußert, daß die eingeborenen Arbeiter aufsässig werden würden; wenn auch die Wadschagga am Berge vielleicht ruhig blieben, so ließ sich doch nicht übersehen, wie sich die Stämme an der englischen Grenze verhalten würden; den Massai und Wanderobbo, durch deren Gebiete ich ziehen müßte, sei nicht so unbedingt zu trauen. Einige Tage später beruhigte sich die allgemeine Aufregung wohl etwas, dafür setzte aber eine lebhafte Kriegsvorbereitung ein. Es war nicht möglich unter diesen Verhältnissen die Expedition von neuem zusammenzustellen; es wurde immer klarer, daß ein Versuch sie doch durchzuführen, an Verpflegungs schwierigkeiten scheitern würde. Ich entschloß mich also zunächst den Plan aufzuschieben und auf einen günstigeren Augenblick zur Wieder aufnahme der Arbeitspläne zu warten. Inzwischen wurde mein Hotel zur Festung umgewandelt. Das Zimmer neben mir bezog der Kom- G ü r c h , Deutsch-Ostafrika. 2 18 mandant, ein Oberleutnant; auf der anderen Seite wurden das Maschinen gewehr mit dem Munitionsvorrat und eine Kiste Dynamit untergebracht. Die Askaris hielten andauernd Uebungen ab und die Schwarzen mußten scharenweise antreten, um das Gelände in der Nachbarschaft des Hotels zu klären und Sandsäcke zu füllen, die zu tausenden verwendet wurden, um eine etwa meterhohe Schutzwehr um den Vorplatz des Hotels auf zuführen. Das gab viel Abwechselung, allerhand zu sehen und Gelegen heit zu photographieren. Aber das Schauspiel setzte sich auch in der Nacht fort: Nachtalarm, laute Kommandorufe und das Stimmengewirr der Askari, niemand konnte an Nachtruhe denken. Am Tage darauf wurden militärische Beratungen, allerdings allgemeinster Art abgehalten, zu denen auch ich aufgefordert wurde, obwohl ich nie mals gedient und von militärischen Maßnahmen keine Ahnung hatte. Dann hieß es, alle Zivilbewohner des Hotels sollten das Gebäude ver lassen; nun war meines Bleibens nicht mehr. Es wurde mir klar, daß die Durchführung meines Planes immer mehr an Möglichkeit verlor; ich würde die Reise überhaupt aufgeben müssen! aber wie heimkehren? Ueber Sansibar und das Rote Meer würden mich die Engländer nicht durchlassen; über Victoria-Nyansa, Nil, Aegypten das würde wohl eine interessante Reise sein, aber sehr viel Schwierigkeiten bieten. Eher schien es mir möglich über die Mittellandbahn, Tanganyikasee und Kongo heimzukehren; an Por tugal dachte ich damals nicht, das sollte ja auch im Kriege sein. Im Kilimandjarogebiet zu verbleiben schien mir bei der allgemeinen Aufregung nicht rätlich, es lag mir auch zu weit ab. Ich wollte näher zur Küste, um schnell bei der Hand zu sein, wenn sich irgend eine Mög lichkeit zur Heimreise böte. Zu alledem war mir die Stimmung zur Arbeit seit dem 5. August völlig verloren gegangen. Es war wie ein plötzlicher Riß in meinem ganzen Gedankengange: zu Hause der Krieg! ich wußte nicht, wie weit er um sich greift; daheim die jungen Söhne, von denen der Aelteste sicher schon mit mußte, und der zukünftige Schwiegersohn, mit dem sich eben erst die Tochter verlobt hatte. Und all die Sorgen müßte die Gattin bei keineswegs fester Gesundheit allein tragen. Ich dagegen durch Meere und Länder über tausende von Meilen von ihnen getrennt, in eine unsichere Zukunft blickend! So entschloß ich mich nach Wilhelmsthal, im Berglande von Usambara zu gehen. Es wurde mir gesagt, es fände täglicher Autoverkehr zwischen Wilhelmsthal und der nächsten Station M o m b o statt. Ich hatte es also verhältnismäßig bequem einerseits nach T a n g a zu gehen, andrer seits nach M o s c h zurückzukehren, falls sich doch noch eine Aus sicht bieten sollte, meinen Plan wieder aufzunehmen. In Moschi war inzwischen davon die Rede gewesen, daß die Militärbehörde alle in den Geschäftshäusern aufgestapelten Nahrungsmittel mit Beschlag belegen 19 2* "würde; so mußte ich schleunigst abreisen. Meine Reisevorräte übergab ich dem Vertreter der U s a g a r a (Bankabteilung der Deutsch-Ostafri kanischen Gesellschaft). In den aufregungsvollen Tagen dieser Zeit habe ich eine große Anzahl von Pflanzern und Farmern des Gebietes kennen gelernt, dabei traf ich auch ein Brüderpaar, das mir vom Kolonialinstitut her bekannt war. Der eine, Otto G u t s c h, ist, wie ich später in den Tele grammen las, gefallen. Von Tanga aus war inzwischen der Schrift leiter der Deutschen Kolonialzeitung H e n o c h heraufgekommen; er hatte ¦die Landesausstellung in Daressalam besuchen wollen; er weilt noch jetzt im Schutzgebiete, ebenso Baurat K., der ins Land gekommen war, um seine Tochter im Schumewalde mit einem der dort tätigen Herrn zu vermählen. Bis zu meinem Abschiede von M o s c h am 7. August steigerte sich die militärische Tätigkeit. Die ersten freiwilligen Patrouillen waren in der Nacht hinausgeschickt worden, um im Osten und im Westen vom Kilimandjaro gegen die englische Grenze zu marschieren. In aller Frühe, noch im Dunkeln gings mit meinen fünf Schwarzen und mit dem Gepäck hinunter zum Bahnhof. Als Reisegefährten traf ich Herrn H e n o c h liier, der unmittelbar nach Tanga zurückkehren wollte um auf Gelegen heit zur Heimreise zu warten. Wir hatten anfangs den durch irgend welche Telegramme genährten Gedanken, daß Schiffe unter amerika nischer Flagge nach Ostafrika kommen und uns mitnehmen könnten. Herr Henoch wollte mir sofort nach Wilhelmsthal telegraphieren, sobald irgend eine Möglichkeit sich zu bieten schiene. In Mombo verließ ich den Zug; ein Teil meines Gepäckes blieb hier; das Zelt, Feldbett mit Mückennetz wurden mir von den militäri schen Ortsbehörden für die Ausrüstung der Truppen beschlagnahmt. Das erwähnte Auto war an diesem Tage ausbesserungsbedürftig. Für meine Koffer wurden einige Träger beschafft und wir wanderten zu Fuß hinauf mit etwa 1000 Meter Steigung; den weiten Straßenweg kürzten wir auf Felsenstegen erheblich ab. Um 4 Uhr des Nachmittags brachen wir auf. Noch unmittelbar vor Sonnenuntergang konnte ich das Glimmerbergwerk von Madara besichtigen und schöne Handstücke der den Glimmer begleitenden Minerale sammeln. Der Rest des Weges wurde im Dunkeln zurückgelegt. Unsere Laternenträger hatten einen anderen Weg eingeschlagen; mit Mühe konnte ich die letzte Kraft meiner elektrischen Taschenlaterne für den weiteren Weg ausnützen. Unten im Tale hatte die Sonne mich glühend erhitzt, im tiefer werdenden Schatten der Bäume fand ich beim Anstiege in der trocknen Luft Erquickung; aufwärts wurde es kühler und frischer, bis ich oben an der Kante des Hochlandes fröstelnd den Mantel hervorsuchte; dann ging der Mond auf und ich konnte erkennen, wie anders die Baumwelt auf der Höhe des 20 Usambaraberglandes aussieht als unten am Rande der Steppe. Nach einem Marsche von über vier Stunden erreichte ich mein Ziel: Gerths Hotel, nachdem ich kurz vorher einige dunkle Hausumrisse am Berg abhange oder hier und da ein erleuchtetes Fenster gesehen hatte. Wilhelmsthal. In den Tagen meines Aufenthaltes daselbst vom 9. 14. August hatte ich Gelegenheit die nähere Umgebung von Wilhelmsthal zu sehen. Als ich am ersten Morgen erwachte und Umschau hielt, war ich überrascht, beim Hotel hochstämmige Eukalypten und auf den Höhen ringsum dunkelgrüne Wälder zu erblicken, fast wie Fichtenwälder da heim ausschauend. Beim näheren Zusehen bemerkte ich, daß es nicht Nadelhölzer, sondern Gerberakazien waren: lauter australische Pflanzen- hier auf afrikanischem Boden, die das ursprüngliche Bild der Pflanzen welt völlig verwischen. Bei Wanderungen allerdings in den Schluchten und an den Wasserläufen bekam ich auch genug von der ursprüng lichen, waldbildenden Pflanzenwelt des Gebietes zu sehen; auch Palmen fehlten nicht. Ich nehme an, daß es sich um eine Art Dattelpalme handelt. Prachtvoll gediehen hier Baumfarne in der feuchteren Umge bung der Gewässer in den breiteren Tälern, und ein dichtes Gewirr von Lianen machte ein Eindringen in diese Wälder unmöglich. Bergmännische Versuchsarbeiten in der Umgebung veranlaßten mich zu kleinen Ausflügen. Irente, in geringer Entfernung von Wil helmsthal wird mir unvergeßlich in der Erinnerung bleiben. Von steilen Felsenhöhen blickte ich über reich besiedelte Negerdörfer mit runden Kegelhütten inmitten von Bananenhainen, über Pflanzungen der Euro päer, den steilen Abhang hinab in das mit dichtem Busch bestandene Tal, dahinter auf eine Kante des Geländes und eine Kapelle auf dem Kalvarien-Berge ebendort. Dicht daneben gähnte ein Abgrund, der tiefe Absturz von dem Usambarahochlande hinunter in das Steppenland. Ver blüffend ist der Ausblick von diesem Punkte, nach den steilen Felsen- abstiirzen links und rechts, nach dem grünbewaldeten Sockel der Berge, nach der in der Ferne sich verlierenden Steppe, den Einzelbergen darin, so wie ich sie schon von Moschi .aus gesehen hatte. Ein überraschender Zug in diesem Ausblick aber war eine spiegelnde Wasserfläche in der Ferne: der Steppensee Manga. Jetzt nachträglich beim Nachdenken an der heimischen Arbeitsstätte wird mir erst die Schönheit jener Bilder in der Erinnerung klar. Damals eilte ich ruhelos von Punkt zu Punkt, um nur schnell wieder zurückzugelangen zur Post, wo Nach richten aus der Heimat zu erwarten waren. Die Erze, um die es sich in und bei Irente handelt, sind Schwefelkies, Kupferkies, etwas Molybdänglanz und wohl auch Blei glanz. Sie treten in dünnen Quarzgängen in den dort zirkonreichen 21 Hornblendegneisen auf. Kleinere Schürfarbeiten deuteten hier die Ver suchsbaue an. Von einem tieferen Schachte war die Rede in der Nähe les Forsthauses Philippshof. Um zu diesem Schachte zu gelangen, fuhr ich von Wilhelmsthal aus über den Magambapaß hinaus. Einen merkwürdigen Gegensatz zeigte die Landschaft südlich und nördlich von dem Passe; der Meereshöhe entsprechend, verschwand jenseits die formenreichere Pflanzenwelt mit mehr tropischem Anstrich. Saftige grüne Wiesen und Weiden mit dichterem Rasenkleide fielen mir hier auf, und die Bäume waren mit langen Bartflechten behängt, wie bei uns da heim die Fichten des Bergwaldes. Ein entsprechendes Aussehen hatten auch die Felder des Pflanzers R ö p e r, in dessen mit eigener Hand aus Lehm aufgeführten Wohnhause ich Gelegenheit fand mich etwas zu er wärmen und meinen Rock trocknen zu lassen. Regen und Wind hatten mir stark zugesetzt; aber was der heiße Trank nicht bewirken konnte, das brachte des Nachmittags die Sonne in kurzer Zeit fertig, als die Regenwolken sich verzogen hatten. Der Hügel hinter dem Forst hause Philippshof war über und über bedeckt mit festen felsblockartigen lateritischen Konkretionen: diese hatte ein eifriger Erzsucher, ein rich tiger Prospektor, als Andeutung eines Eisernen Hutes" angesehen und daraus auf ein großes Erzlager in dem Berge geschlossen; ein Versuchs schacht von erheblicher Tiefe war auf der Spitze des Hügels niederge bracht; von Erzen fand ich keine Spur, alles war Laterit. Knappe Telegramme aus Daressalam, unsinnige Gerüchte, durch das Telephon entstellt weitergegeben, überstürzten sich. Am 11. August hieß es, Lille wäre genommen (später wurde es klar, daß Liege, Lüttich gemeint war), die Franzosen wären in Togo eingerückt, die Russen über unsere Ostgrenze und die Franzosen im Elsaß einge brochen.  Dabei wurde das Leben auch hier alle Tage mehr militärisch; der Hotelbesitzer war eingezogen unten in Mombo, das Hotel selbst unter Konkurs. Die Pflanzer der Umgegend, soweit sie frühere Offiziere des Heeres oder der Reserve waren, versammelten sich um Verteidi gungsmaßregeln zu treffen. Man dachte dabei wohl weniger an einen Kampf mit anrückenden Engländern, als an eine Verteidigungsstellung gegen aufsässige Eingeborene. Die schönen Akazienwälder wurden niedergeschlagen und das Holz zu Palisadenbauten verwendet. Man sagte mir, der Anbau der Gerberaka v zien hätte die Erwartungen der Pflanzer nicht erfüllt; die Ausbeute sei zu gering. In Südafrika und Natal dagegen war man sehr zufrieden mit den Erträgen der black wattle, wie man sie da nennt. Stacheldraht in großen Mengen wurde bei diesen Bauten verwendet, und oft schaute ich zu, wie die Schwarzen des Ortes bei diesen Arbeiten sich anstellten, oder wie dort Uebeltäter als Häftlinge in einer Reihe aneinandergekettet z. B. beim Zerkleinern eines Baumstammes oder Ausschachten des Bodens be- 22 schäftigt wurden. Die deutschen Offiziere in Khaki waren von früh bis abends bei diesen Werken tätig. Unbekümmert hatte ich einige dieser interessanten Bilder photographiert. Einer der biederen Farmer der Nachbarschaft teilte mir später mit, daß ich dadurch Unwillen er regt hätte und eine Verhaftung meiner Person in Betracht gekommen wäre. Inzwischen aber hatte ich schon von selbst bei den leitenden Offizieren um Erlaubnis gefragt, die mir auch bereitwilligst gegeben wurde. So gern ich in Wilhelmsthal geblieben wäre, es wurde mir un möglich. Der Konkursverwalter des Hotels, ein Beamter des Bezirks amtes, übergab das Hotel der Militärbehörde, nachdem ein Gerichts sekretär aus Tanga, begleitet von seiner Gattin, eigens für den Zweck der Abwicklung des Konkurses nach Wilhelmsthal gekommen war. Die Offiziere zogen in das Haus, zum Teil mit ihren Damen. So mußte ich wiederum weiter. Ich meldete mich telegraphisch in A m a 11 an und wurde willkommen geheißen; das Auto war wieder in stand ge setzt, und nach sechstägiger Anwesenheit verließ ich Wilhelmsthal am 15. August. Dreiviertel Stunden dauerte die Fahrt zu Tale auf der in weitem Bogen niederführenden gut ausgebauten Straße bis Mombo; vor bei ging es an merkwürdigen Felsbildungen und Wasserfällen, vielen Eingeborenendörfern und nur vereinzelten Europäer-Pflanzungen; bei der Abfahrt oben drohte Regen, es war windig und kalt, in Mombo unten wirkte die glühende Luft und die brennende Sonne ermattend. An der Bahnstation herrschte größte Aufregung; eingezogene Reser visten und Freiwillige, in Khaki und mit schwarz-weiß-roter Binde um den Arm, sollten die Eisenbahn bewachen und für die Magazine sorgen. Große Besorgnis verursachte die Eingeborenenfrage; die schwarzen Ar beiter mußten von den Pflanzern in großer Anzahl entlassen werden, aber hierbei war Vorsicht nötig, um Unruhen zu vermeiden. Später am Tage, während der Fahrt erzählte man, daß patrouillierende Mannschaf ten von Moschi über die englische Grenze gegangen wären und dort den ersten Grenzposten Taweta erstürmt hätten. Erst einige Tage später erfuhr ich, daß bei dieser Gelegenheit Stabsarzt Dr. Schu macher, unser Freund vom Kapitänstisch des Kronprinz" gefallen war; er soll im Dunkeln beim Aufsuchen von Verwundeten von feind lichen Askaris aus allernächster Nähe einen Schuß in den Leib erhalten haben, dem er nach einigen Stunden erlegen sei. Des weiteren erfuhr ich, daß englische Kriegsschiffe buchstäblich im Hafen von Daressalam gewesen waren; sie hatten die dort liegenden Ostafrika-Dampfer be schlagnahmt und mit Beschießung des Ortes gedroht, um die Vernich tung des Funkenturmes zu erzwingen; das haben sie auch erreicht; unsere Landsleute haben den Funkenturm selbst in die Luft gesprengt, um schlimmere Folgen zu vermeiden. 23 Alarm in Tanga. Ich fuhr zunächst nach Tanga zurück, um dort den Leiter des Kaiser lichen Biologisch-landwirtschaftlichen Instituts in Amani, Professor Zim mermann zu treffen, dessen Einladung ich folgen wollte. Spät am Sonn abend kam ich in Tanga an; weder am Sonntag noch am darauf folgenden Montag war es mir möglich auf der Bank Geld zu erheben, am letzteren Tage aus Gründen, die ich weiterhin schildere. Sonntag noch konnte ich ohne Störung das damals so stille Tanga durchstreifen; außer mir waren nur noch Professor Zimmermann und Dr. H e e p e vom Ham burgischen Kolonialinstitut im Hotel zum Deutschen Kaiser"; leer stan den die Hallen, die sonst zur Zeit günstigen Kautschukhandels Stätten des üppigsten Wohllebens gewesen waren. Dr. Heepe war nach Ost afrika gekommen, um bei Gelegenheit der Ausstellung sprachliche Un tersuchungen vorzunehmen. Unter der Führung des Bezirksamtmannes Aurach er und des Herrn Münch besichtigten wir die sehr schöne völkerkundliche Sammlung der Stadt Tanga; auch sie war für die Landes ausstellung in Daressalam bestimmt. Man führte mich auch in die Räume des Schulhauses; der Unterricht der Eingeborenen wird in Deutsch-Ost und namentlich in Tanga mit sehr gutem Erfolge ausgebaut. Die Negerkinder sind im allgemeinen geweckt und erreichen schon in jungen Jahren einen hohen Grad von Anstelligkeit. Ich habe elfjährige Jungen im Postbureau am Telephon arbeiten sehen. An der Schule in Tanga war eine mit allen Instrumenten spielende Musikkapelle ausge bildet worden, die von allen Seiten gerühmt wurde. Sehr willkommen war es mir, daß ich in den Gasträumen des Herrn Kanne eine liebevoll zusammengestellte Sammlung von Mineralien des Schutzgebietes sah. Auf den friedlichen Sonntag folgte ein sehr aufregender Mon tag, den ich nie vergessen werde; noch vor 7 Uhr ertönten Trom petensignale, es ist Alarm! englische Kriegsschiffe in Sicht! Vom Strande aus blickt man nach einem Turme auf der Halbinsel; dort ist eine Flagge gehißt, sie bedeutet, wie ich hörte: Gefahr! Während ich mit meinem Feldglase hinsehe, wird die Flagge ge wechselt, die deutsche Flagge wird aufgezogen; hinter der Halbinsel kommen die Masten eines Schiffes in Sicht, es fährt in den Hafen hin ein, wendet und zieht die englische Flagge hoch! Allgemeine Auf regung! Der Strand wimmelte von Indern und Negern. So einfach, wie ich es hier angebe, hat es sich nicht vollzogen; jeden Augenblick wurden andere Deutungen laut, man konnte nämlich die Flagge gegen die Sonne nicht deutlich erkennen. Erst als man sich klar war, bestieg der Bezirksamtmann, begleitet von dem Leiter der Bank in Tanga, ein Boot, und sie fuhren mit weißer Flagge hinaus zum englischen Kriegs schiffe. Inzwischen hieß es für uns: Schnell zum Bahnhof! Zwei Züge sollten unmittelbar ins Land hinauffahren, ehe die Engländer landen 24 konnten. An Widerstand war in der offenen Stadt ohne Soldaten nicht zu denken, man hätte sich ohne weiteres ergeben müssen. Im ersten der beiden Züge sollten die Fahrgäste mit Fahrkarten, also auch wir fahren; im zweiten sollte die Regierungskasse mit dem Verwalter und einigen Beamtenfrauen folgen. Die Anordnungen wechselten fortwäh rend. Auf einmal, 15 Minuten vor der fahrplanmäßigen Abfahrtszeit setzten sich die Züge in gang, zunächst bis zur ersten Station Stein bruch, hier sollte der zweite Zug stehen bleiben und weitere Befehle abwarten; wir fuhren mit dem eigentlichen Zuge weiter hinauf. In Tengeni, wo wir den Zug verließen um auf eine Kleinbahn überzugehen, erhielten wir die erste Nachricht. Der Bezirksamtmann hatte mit dem Kapitän des englischen Kriegsschiffes verhandelt und dieses war wieder abgedampft ohne Schaden zu tun; später stellte es sich heraus, daß mit Tanga so verfahren wurde wie mit Daressalam; es wurde für neutral erklärt und es durfte dort nichts kriegerisches unternommen werden. Der uns nachfolgende zweite Zug war von Steinbruch aus mit der Kasse und mit den Beamtendamen wieder zurückgekehrt. Es war vorgesehen gewesen, daß im Ernstfalle die Brücken hinter ihm gesprengt werden sollten; dies war nun nicht mehr nötig. Auf der Station herrschte begreiflicherweise die größte Aufregung. Durch telephonische Unter haltung und unberechtigtes Auffangen derartiger Gespräche wuchsen un wahrscheinliche Nachrichten ins Ungeheuerliche. Zu den aufgeregten Bindenmännern in Khaki bildeten die zahlreichen Neger in ihrer gleich mäßigen Heiterkeit, den Bahnsteig füllend oder in den offenen Wagen stehend oder gruppenweise zu den geschlossenen Fenstern der Wagen herausgedrängt, um Zuckerrohr oder um Bananen feilschend, einen merk würdigen Gegensatz. (Abbildung 1.) Am regsten war der Verkehr in Mu hesa. T e n g e n ist eine kleine Station, von hier aus zweigt die Sigi- bahn mit 75 Zentimeter-Spurweite ab; sie war eigentlich errichtet für ein großes Holzsägewerk im Urwalde am oberen Sigiflusse; es schien aber dort nicht allzu viel los zu sein; ein Urwald ist kein Forst, ungleichartige Bäume mit sehr verschiedenartigem Holze wachsen wirr durcheinander; etwas wurde damals aber doch gearbeitet, ich sah einmal einen Zug mit zwei Wagen, die mit gesägtem Holz beladen waren. In einem kleinen Wagen mit Sonnendach und einigen schmalen Bänken waren wir mit unseren Schwarzen und unserem Gepäck zugleich unterge bracht. Außer Professor Zimmermann, Dr. H e e p e und mir hatte sich in Tanga noch ein weiterer Fahrgast für Amani eingefunden, der Konservator vom Dresdner Zoologischen Museum Schwarze; er war mit dem Feldmarschall" zwei Wochen nach mir ins Land gekommen, um Großwild in Prachtexemplaren zum Ausstopfen für sein Museum zu sammeln. Beim Ausladen seines Gepäckes in den Tagen des Kriegs ausbruches kamen seine Werkzeuge und Chemikalien durcheinander; er 25 ist gar nicht zum Arbeiten gekommen. Unsere Fahrt mit der Kleinbahn ging etwas unregelmäßig, bergauf bergab und in scharfen Krümmungen durch das Hügelland am Fuße der eigentlichen Usambaraberge. Mir fiel die außerordentlich dichte Bevölkerung dieser Gegend auf; wir kamen an zahlreichen Negerdörfern vorüber; an den Haltepunkten eilten groß und klein herbei, um die fremden Fahrgäste zu beäugen. Gegen Schluß der Strecke erreichten wir den Sigifluß selbst, dem wir uns in Spitzkehren wiederholt näherten; tief unten schäumte der wilde Ge- birgsbach, steiler ragten die Höhen empor, die Negerdörfer verloren sich Abbildung 1. Usambara-Eisenbahn. Bananenverkauf am Eingeborenen-Wagen. (Aus Kalkhof, Parlamentarische Studienreise nach Deutsch-Ostafrika.) und wir erhielten einen Begriff von der Pracht des Urwaldes. Station Sigi ist der Endpunkt. Hier ist das Sägewerk, die Wohnung des Lei ters, ein Güterschuppen an der Bahn und das Wohnhaus des Lokomotiv führers, der zugleich Bahnhofsinspektor und beinahe Eisenbahndirektor des Bähnies ist. Dort wurden wir ausgeladen und wir mußten zu Fuß nach dem Biologischen Institut A m a n hinauf. Von meinem Gepäck hatte ich soviel in Tanga gelassen wie möglich, von meinen schwarzen Burschen waren alle entlassen bis auf Tabu und Jumbe. Der Weg des Nachmittags aus der Wohnung des Sägewerkleiters hinunter zum Wasserfall des Sigiflusses, jenseits wieder hinauf, teils durch Ur wälder über feuchten Boden, teils über Felsen, vielfach durch Pflan zungen des Instituts führend war wundervoll. Die Wege waren gut im- 26 stände; der Glanzpunkt war der Fußsteg am Abhänge des steilen Ilse felsen. Noch vor Abend langten wir in Amani an. Amani. Das Fremdenhaus des Biologischen Instituts wurde für uns bereit gestellt, außer mir und Dr. H e e p e wohnte auch der Landtagsabge ordnete Dr. Arning, der bekannte Kolonialpolitiker dort; er war wie so mancher andere zum Besuch der Ausstellung ins Land gekommen; auch Herrn H e n o c h traf ich hier wieder. Herr Schwarze mußte nach K j u m b a hinunterziehen, einem etwas abwärtsgelegenen sehr hübschen Häuschen, das Stuhlmann, damals Referent im Gouverne ment und Gouverneursvertreter, bei der Einrichtung des Instituts (1902) für sich selbst gebaut hatte. Drei Wochen blieb ich in Amani, Zeit genug, um die Umgebung dieses wundervollen Erdenfleckens näher kennen zu lernen; es liegt bei 918 Meter Seehöhe 550 Meter niedriger als Wilhelmsthal, nicht auf der eigentlichen Hochfläche des Usambaralandes, sondern auf einer Vorstufe an der Südostecke des Hauptpfeilers von Ost-Usambara. In tief ein schneidenden Querfurchen wird Ost-Usambara gegen Westen abge grenzt durch das Tal des Luengera und im Osten durch einen Teil des zweifach knieförmig geknickten Sigilaufes und dessen nord-südliche Zuflüsse. Der Ausblick von Amani nach Westen wird durch die Höhe des B o m o 1 e begrenzt, nach Osten aber blickt man vorüber an der Ecke des nächst niederen Waldrückens von Derema über das tief einschneidende Sigital nach dem östlichen Pfeiler des Usambaragebirges, den Magrottobergen; links davon hat sich der Unterlauf des Sigi eine tiefe Talschlucht ausgehöhlt, in blauer Ferne darüber sieht man das Meer nördlich von Tanga, rechts davon flacheres Hügelland und dahinter die Ebene, abfallend zum Meere, etwa in der Gegend von K g o m b e ; bei günstiger Beleuchtung kann man die Brandung an den Korallenriffen draußen weit ab vom Strande und zuweilen sogar einen Segler, daran vorüberstreichend erkennen. Die Gebäude der Station sind auf schmalen Höhenrücken verteilt, zwischen denen mehr oder minder tiefe Schluch ten voller Stromschnellen und weiter unterhalb auch mit zahlreichen größeren Wasserfällen auf kurze Entfernung hin zum Sigiflusse sich ein senken. Nach dem Bomole zu verschmelzen die Rücken und die Schluch ten verlieren an Schroffheit, dabei ist anstehender Fels nur wenig zu sehen. In den Pflanzungen dringt allenthalben die rote Farbe des late- ritischen Bodens hervor; auf derselben Höhe wie unser Fremdenhaus liegt die Wohnung des Direktors und ein anderes Wohnhaus. Wir stehen hier auf einer etwas vorspringenden Nase des Höhenrückens, von hier aus ist der Fernblick besonders schön und weitreichend; nach oben zu schließen sich die Arbeitshäuser des Instituts und zwei weitere Ein- 27 zelwohnungen auf demselben Rücken an. Jenseits des Nachbartales lugt zwischen den Bäumen des Urwalds das Wohnhaus eines der Mitar beiter des Instituts malerisch hervor; andere Häuschen liegen weiter unterhalb links und rechts zerstreut; alles ist umgeben von gärtneri schen Anlagen, Versuchspflanzungen mit Kulturpflanzen, Drogenge wächsen, Bäumen der verschiedensten Herkunft; teils auf den Rücken, teils in den Talschluchten greifen die Pflanzungen ein in den eigent lichen Urwald, in den sie stellenweise unmerklich übergehen. Alle An pflanzungen sind sorgfältig mit Namenschildern, mit Bezeichnungen des Alters und anderen Angaben versehen; da auch an den benachbarten Bäumen des Urwalds Namenschilder angebracht sind, gibt es keine Grenze zwischen Garten und dem etikettierten Urwalde. Wenige Mi nuten hinter dem sonnenbeschienenen Vorplatze der Bibliothek des Instituts gelangte ich in den tiefen Schatten der Baumriesen, sah in schwindelnder Höhe über mir gewaltige schwere kürbisgroße Früchte an den Zweigen hängen und spähte mit meinem Glase nach den un glaublich üppigen schmarotzenden Farnen und anderen Gewächsen auf den weit hinausragenden mächtigen Aesten; im Unterholz Baumfarne, in den feuchten Wegeeinschnitten eine Fülle von zartesten kleinen dünnhäutigen Farnen, die ich nur aus den Gewächshäusern der Heimat kannte; dazu das Surren und Singen von so vielerlei Zikaden oder der plötzliche Aufschrei der absonderlich gestalteten auffliegenden Nashorn vögel; zuweilen glückte es mir ganz in der Nähe der Gebäude eine Herde grüner Meerkatzen geräuschvoll von Krone zu Krone flüchtig enteilen zu sehen oder einen kleinen Trupp jener Colobusaffen mit dunklem Pelz und weißem Behänge. Weiter hinauf zum B o m o 1 e über raschte mich auch zuweilen ein plötzlich durch das Dickicht enteilender Buschbock. Daß Wildschweine eine häufige Landplage waren, davon konnte man sich durch die Kratz- und Wühlspuren überzeugen, die man an vielen Stellen der Waldwege und in den Pflanzungen sehen konnte; auch Leoparden machen sich manchmal unliebsam bemerkbar. Schlupf winkel gibt es genug für sie, das kann man sich denken, wenn man vom Gipfel des B o m o 1 e über die Felsen und dichten Wälder des jenseitigen Abfalles hinwegschaut. Das Wetter war unverhältnismäßig regenreich, zudem boten die Ausflüge, selbst in geringeren Entfernungen bei der großen Steilheit der Schluchten Schwierigkeiten genug, so daß ich zu größeren Aus flügen nicht gekommen bin. Die nächsten Felsen waren seinerzeit schon von Koert untersucht worden; es war mir schwer genug, allen seinen Fundpunkten nachzugehen, da der unglaublich üppige Pflanzen wuchs angelegte Wege, die nicht offen gehalten werden, in kurzer Zeit wieder verschließt; aber gerade diese Wanderungen durch Felsentäler 28 oder steile Waldhänge inmitten der märchenhaften Pflanzenwelt gehören zu den schönsten, die ich je habe unternehmen können. Lange litt es mich nirgends, zu weiteren Wegen konnte ich mich nicht entschließen. Möglichst schnell eilte ich zurück nach unserm Frem denhause neben der Postanstalt, wo Briefe eingelaufen sein konnten oder wo wir telephonisch die Neuigkeiten hören konnten, nach denen wir verlangten. Der Funkenturm in Daressalam war wohl niedergelegt, aber der in T a b o r a sollte fertig sein, wie es hieß, durch ihn sollten Nachrichten von allen Seiten aufgefangen werden, vielleicht auch von Nauen un mittelbar oder über Kamerun, oder Deutsch-Südwest; genaueres konnte ich nicht erfahren. Die Regierung in Morogoro schickte jedenfalls Telegramme aus, aber die Deutung der Funksprüche schien mir nicht immer sicher zu sein. Am 28. August hieß es: Landungsversuche der Engländer bei Calais verhindert, Brüssel gestürmt, Maubeuge genommen. Dazu kamen die Reuter-Telegramme, am 30. August: die Russen haben Königsberg umzingelt. Vom 4. September lautete die Nachricht: Kronprinz verwundet, Prinz Friedrich Leopold gefallen, Einnahme von Maubeuge nicht wahr; die Russen sind in Ostpreußen, die Franzosen im Elsaß, die Japaner vor Tsingtau. Endlich ganz übel waren die telephonisch verbreiteten Gerüchte. Am 31. August: die Engländer seien bei M o a , d. h. an dem nördlichen Ende von Deutsch- Ost gelandet, acht Berittene wären gefallen, zwei Maschinengewehre ihnen abgenommen; tags darauf stellte es sich heraus, daß alles nicht wahr war. Man kann sich denken, daß durch dieses Hin und Fler von auf regenden, unsicheren Angaben uns alle eine nervöse Unrast befiel. Ich war auf dem Wege gleichgültig gegen diese Nachrichten zu werden und mich mit stumpfer Ergebung in das Unvermeidliche zu fügen, zumal das Leben in A m a n an sich nicht unangenehm war. Ich hatte ein geräumiges Zimmer mit guter Einrichtung; man schläft auch hier unter Mückennetz, obwohl ich trotz eifrigen Suchens unter den Mücken nie mals eine Fiebermücke Anopheles gefunden habe; diese ist in der Ruhestellung auch schon von einiger Entfernung leicht zu erkennen; während die gewöhnlichen Mücken den Körper parallel zur Unterlage halten, steckt die Anopheles sozusagen die Nase in den Boden und streckt das hintere Ende schräg aufwärts. Die Ruhe der Wohnung wurde wenig gestört durch die wilden Kriegstänze ganzer Rattenheerden, die; über der Zimmerdecke und unter dem Dache zu Tag- und Nachtzeit ausgeführt wurden. Nicht selten sahen wir auch am Tage Mitglieder der unterliegenden Partei die Dachlucken verlassen und auf irgend welchem Wege der Freiheit zustreben. Nur selten verlief sich eins der Tiere in die Zimmer selbst. 29 c C es . o 2 o c ) U+25BA H w tX e Ö I 1 o u5f- W O ^ ri ;_ o3 " M C 2 .2SS  o £ ^ 5 tSJ O *0 13 3 b ) cJ - - o 3 ( ) ^ bJ) QJ -¦ Ä U V £ V & ^ hS - K £ £ 9 o .: 13 c 03 v rz u. bo 3 rt c C3 £ o c3 * bO C X5 X) - 30 Anziehendere Gegenstände zoologischer Betrachtung waren die Chamäleons, die gelegentlich auf den schwankenden Zweigen der Bougainvillien oder anderer Ziersträucher vor unserem Fenster hockten. Die Wirtschaft im Fremdenhause wurde von einem Goanesen *) verwaltet; die Küche war einem schwarzen Koch anvertraut, ließ aber manches zu wünschen übrig. Der Goanese hatte auch einen offenen Verkaufsladen weiter unterhalb auf einer nächst niedrigen Stufe des zu Tale abfallenden Höhenrückens. Ein zweites Goanesengeschäft und Häuser für die farbigen Arbeiter der Versuchspflanzungen liegen auf gleicher Höhe mit dem ersteren. (Abbildung 2.) Sehr gern ging ich in die Arbeitsräume der verschiedenen Herren des Instituts; Professor Zim mermann untersuchte alle Arten von Kautschuk, wobei ihm ein junger deutscher Chemiker behilflich war. Die wissenschaftliche Botanik wurde von Dr. Braun bearbeitet; dieser hat auch eine schöne völkerkundliche Sammlung in seinen Wohnräumen untergebracht, aber sie nicht nur zur Schau ausgestellt, sondern, wie von allen seinen wissen schaftlichen Aufzeichnungen Verzeichnisse von erstaunlicher Genauig keit ausgeführt. Dr. Mostratt sammelte mit großem Eifer die tierischen Pflanzenschädlinge und die schädlichen Insekten überhaupt. Mehr im Betriebe der Pflanzungen war Herr E c h n g e r tätig und mehrere Gärtner wohnten auf den Außenposten des ausgedehnten Ge ländes des Instituts. In der Bibliothek konnte ich den größten Teil der ostafrikanischen Literatur und naturwissenschaftliche Bücher allge meineren Inhalts an regnerischen Tagen studieren. Gastlich nahmen uns die verheirateten Herren des Instituts in ihr Haus auf. In Friedens zeiten hatte man Tennis und Kegelspiel gepflegt; dann wurden die jüngeren Ehemänner einberufen und dasselbe war auch für die älteren Herren zu erwarten; so ging die Stimmung verloren; zuweilen nur half ein harmloser Skat des Abends über die sorgenvolle Zeit hinweg. Der Anfang meiner Anwesenheit fiel in den Rhamadan; unter den Arbeitern des Instituts haben die mohammedanischen Suaheli während dieser Zeit angeblich gefastet, nach Neumond aber feierten sie täglich Tanzfeste; fortwährend hörte man drüben aus dem Dorfe das taktmäßige Trommelschlagen, Ngoma, das ist das Wort für den Tanz und für die Trommel. Meine schwarzen Burschen beteiligten sich daran. Tabu, dem sprachgewandten erfüllte ich einen sehnlichen Wunsch durch An schaffung eines Plätteisens; mit größter Umständlichkeit und Gewissen haftigkeit besorgte er dann meine, und ich vermute auch seine Wäsche. Zu unserer Gesellschaft hatte sich noch Dr. H n d o r f, der be kannte Kolonialpolitiker und Pflanzungskenner eingefunden, ebenso der *) Goanesen sind aus Goa stammende portugiesisch-indische Mischlinge. 31 Bezirksrichter aus T a n g a, der zur Erholung diesen friedlichen Platz aufgesucht hatte; das gab des Abends nach dem Mahle eine lehrreiche und lebhafte Unterhaltung, die aber immer wieder zu demselben Ziele zurückkam, zum Kriege daheim und zu der Teilnahme der Kolonien. Nachdem ich die benachbarten Schluchten des Kwamkuyo, des Kwozallala und des oberen S g durchstreift hatte, besuchte ich die nächsten Pflanzungen z. B. D e r e m a, einen Punkt von unver gleichlich schöner Lage; das Wohnhaus des Verwalters liegt auf einem scharfen vorspringenden Höhenrücken und gewährt einerseits einen Blick nach A m a n hinauf, nach den Urwäldern des B o m o 1 e und seiner Umgebung, andererseits hinüber nach dem Magrottoge- b r g e und nach dem Meere rechts und links davon in der Ferne. Hier zeigte mir Herr M. den Betrieb der von ihm geleiteten Kaffee pflanzungen. Derema entgegengesetzt liegt Kwamkorro ; den Leiter der Pflanzungen, Hauptmann Feilke, traf ich nicht an; auch er war eingezogen und unten an der Eisenbahnbewachung tätig. Inzwischen war der erste Kriegsmonat verstrichen; wohl hatte ich geglaubt, daß ein gewisses Gewöhntsein eingetreten wäre, aber neue schlechte Reuter-Nachrichten konnten eine Flut von alten und trüben Gedanken heraufbeschwören. An eine Wiederaufnahme der Arbeit war kaum noch zu denken, sollte ich wagen nach Mombassa zu gehen? Ein Fahrgast vom Feldmarschall" sollte in den ersten Tagen auf einer Dhau dorthin entkommen sein; dazu war es jetzt zu spät, Tanga er schien mir nun auch wie ein für meine Zwecke verlorener Posten. Von Daressalam war uns in Aussicht gestellt worden, die Engländer würden möglicherweise offene Postsachen nach der Heimat befördern; Daressalam schien mir überhaupt begünstigt zu sein inbezug auf Nach richtendienst und Verkehrsmöglichkeiten. Von dort aus würde ich be urteilen können, ob es mir möglich wäre nach Portugiesisch-Ostafrika zu gelangen, um von hier aus heimzukehren; aber zu unsicher schien noch der Plan. Das Militär hatte mir ja in M o m b o Zelt und Feldbett mit Mücken netz abgenommen; ohne dieses wäre ein Marsch unmöglich gewesen. Würde ich Ersatz dafür bekommen? Aehnliche Heimkehrpläne wie ich äußerte der Konservator Schwarze. Gern wollte ich vorher einige geologische Ausflüge unter nehmen. Anstehende Gesteine der Karrooformation in den Vor bergen im Nordosten beschäftigten meine Gedanken, aber dort würde ich voraussichtlich Wege der kriegerischen Anmärsche nach der Grenze kreuzen. Näher lag mir die Ortschaft M t a r u , am rechten Panganiufer, von wo Stuhlmann seinerzeit prachtvolle Ammoniten mitgebracht hatte, jetzt eine Hauptzierde der afrikanischen Sammlung des Hamburger Instituts. Es wäre eine Tour von einigen Tagen ge wesen; ich hätte ein Zelt gebraucht und die Einrichtung dazu, alles 32 Dinge, die mir in A m a n niemand liefern konnte. Die Gaze für Mückennetze war angeblich von der Regierung beschlagnahmt und nicht zu erkaufen. Ich stöberte aber mit Hilfe meines Tabu die Vorräte unseres goanesischen Freundes durch und fand trotz aller Ableugnung seiner seits noch Gaze genug für den gedachten Zweck. Eine landesübliche Bettstelle verdankte ich Herrn Mecklenburg aus Derema, und Herr Schwarze wollte mir sein Zelt leihen. Inzwischen aber schienen sich alle Verhältnisse zuzuspitzen. Nach dem vorher Arbeiterentlassungen im größten Maßstabe stattgefunden hatten, ordnete die Regierung an, alle verfügbaren Arbeiter für militä rische Trägerdienste bereit zu halten. Professor Zimmermann konnte mir also Träger nicht abgeben. Amani, das zuerst als Krankener holungsstätte in Aussicht genommen zu sein schien, sollte zum Lazarett umgewandelt werden. Dr. Heepe hatte Amani verlassen, um Vertreter irgend eines Stammes mit verlockender seltsamer Sprache aufzusuchen. Herr Henoch war als Gast auf weiterabgelegene Pflanzungen gegangen, auch Dr. Hindorf und Dr. Arning hatten uns verlassen; so mußte auch ich das Feld räumen, um die Arbeiten in den Lazaretteinrichtungen nicht zu stören. Herr Schwarze bot mir sein Zelt an, wenn wir zusammen nach dem Süden über den Rowuma ziehen sollten. Er wollte außen unter dem Sonnensegel des Zeltdaches schlafen. So entschlossen wir uns einstweilen den Plan der Heimkehr weiter im Auge zu behalten. Zunächst mußten wir nach Tanga und von dort über Land nach Dares- salam. Zwischendurch war ich am 3. September, als wieder einmal die S g b a h n in Gang gesetzt war, hinuntergefahren nach Mgomeni, um die neuen Bahneinschnitte und die Aufschlüsse in den lateritischen Bildungen zu untersuchen. Auch sollte hier Kupferlazur von schöner blauer Farbe gefunden worden sein. Ich konnte meinen Führer nicht überzeugen, daß er im Irrtum war. Die Neger benutzten nämlich die Felsen wegen der Wasserlöcher in der Nähe zum Wäschewaschen; nur eine liegengebliebene nicht völlig entleerte Blechbüchse mit Wasch blau konnte den eifrigen Erzsucher überführen. An diesem Tage herrschte auch auf der Station die gewohnte Aufregung. Zahlreiche neue Bekanntschaften wurden angeknüpft: Dr. Schellmann, Farmer und Chemiker; von militärischen Herren erwähne ich: Oberleutnant B a 1 d a n u s , Korvettenkapitän Schönfeld, Hauptmann F e 1 k e und Hauptmann Baumstark. Am 8. September mußte ich den Plan nach M t a r u zu gehen auf geben, am 9. September wurde die Abreise beschlossen und am 10. Sep tember des Morgens um 3Va Uhr im Mondenschein traten wir den Marsch den Berg hinunter an. Der Weg war wundervoll; die natürliche Kühle wich mit der aufkommenden Dämmerung, und der Fernblick über die nebelverhüllten Täler nach den Wäldern der andern Seite wuchs 33 mit dem Hereinbrechen des Tages. Da Träger für unser Gepäck schwer zu beschaffen waren, hatten vier Mann schon zweimal denselben Weg zur Station hinunter zurückgelegt. Der Zug war schwer beladen, außer einem kleinen Packwagen und unserm schon erwähnten Personenwagen sollten zwei Wagen mit schwerem Holze aus dem Sägewerke mitgehen; das war zuviel. Der Leiter des Zuges kannte seine Leistungsfähigkeit; bergab gings, aber bergauf! Zwanzig bis dreißig Schwarze sprangen dann ab und halfen, laut im Takte singend das Zügle" stoßen. Ein Kerl lief voraus und streute Sand aus seiner Mütze auf die Schienen, so kamen wir über die unzweckmäßigen Geländesteigungen der Bahnlinie. Wir gelangten glücklich bis T e n g e n i, aber der Hauptzug nach T a n g a, an den wir Anschluß haben sollten, war schon fort. Die erste Aufregung war groß, aber ich kannte Afrika schon; wie oft hatte ich in Südwest auf der Wagendeichsel gesessen und warten müssen, bis die Ochsen, die den Wagen ziehen sollten, glücklich wieder beieinander waren. Hier hieß es also einfach wieder einmal warten, irgendwie würde es schon weiter gehen. Unser Zugführer telephonierte dem enteilten Hauptzuge nach und dieser hielt auch wirklich in M u h e s a, um die Lokomotive uns zu Hilfe zu schicken; dadurch wurde die Aufenthalts zeit erheblich überschritten, das ist für afrikanische Verhältnisse nichts ungewöhnliches. Hier traf ich wieder Dr. Arning, der sich bei einer Radtour den Arm angeknackst hatte, trotzdessen war er unermüdlich für seine Aufgabe, Lazarette einzurichten tätig. Auch Herrn Henoch traf ich hier, und Herrn Baurat K., der einstweilen seinen Plan, die Tochter zu vermählen, verschoben hatte, da ein Standesbeamter nicht aufzutreiben war. In Tanga angelangt, wurde mir der Gegensatz zwischen gestern und heute unangenehm fühlbar; oben der friedliche Urwald in erfrischen der Luft, hier unten glühende Hitze und drückende Schwüle; dann die Aufregung über die kriegerischen Ereignisse. Zwei Tage vorher waren wieder englische Schiffe hier gewesen. Der Neutralitätszustand sei nicht genügend gewahrt worden. Die Engländer drohten, sie würden wiederkommen. In Tanga fürchtete man, daß sie dann bombardieren würden. Ich wurde diesmal dem Hotel Deutscher Kaiser" untreu, und ging in das Afrikahotel", wo die deutsche Besitzerin, wie es hieß, der Küche besondere Sorgfalt angedeihen ließ. Trotz aller Bemühungen war in Tanga inbezug auf Rückkehr nichts neues zu erfahren. Ich entschloß mich daher mit Schwarze zusammen so schnell wie möglich nach Daressalam zu ziehen; es galt zu diesem Zwecke ein neues Zelt für mich zu gewinnen. Schon hatte man mir auf dem Bezirksamt ver sprochen, ein gutes wenn auch viel gebrauchtes Zelt zu leihen; das Versprechen konnte aber nicht gehalten werden; das Militär brauchte alles. Kräftiges Segelleinen zum Anfertigen eines neuen Zeltes war nicht G ü r c h , Deutsch-Ostafrika. 3 34 zu erreichen. So wurde ein Aushilfezelt aus leichtem Zeuge in Be stellung gegeben, mit dem sich mein Reisegenosse in uneigennützigster Weise beschied, während er mir sein besseres Zelt zum Gebrauche überließ. Träger waren auch schwer zu erhalten, aber das Bezirksamt half mir auch in dieser Frage. Sonnabend, den 12. September konnte ich für einen Ausflug nach dem nächstgelegenen Aufschluß in Schichten der Karrooformation frei machen. Der Weg war ziemlich weit; ich verschaffte mir zu diesem Zwecke einen sogenannten Safariwagen. Die gebräuchlichste Form dieses Wagens ist ein Einrad mit Pneumatik, über dem ein stuhlartiger Sitz befestigt ist, vorn und hinten sind je zwei lange deichselartige Griffe angebracht; es gehören zwei Fahrer dazu, der eine stößt hinten, der andere zieht vorn; die Hauptarbeit ist es nun das Gleichgewicht zu erhalten; ungeübten Fahrern macht dies aber sehr viel Schwierig keiten; ich mußte anfangs des öfteren rechts oder links von dem Tritt brett abspringen, wenn das Gleichgewicht verloren ging. Auf den schmalen Negerpfaden sind diese Gefährte außerordentlich gut verwend bar, sie versagen aber im tiefen Sande und bei steiler Steigung; im Notfalle kann man dann mit Hilfe von Tauen noch einige Träger mehr als Vorspann nehmen; ganz übel ist es natürlich wenn unterwegs der Schlauch platzt. Das Vorbild für den Safariwagen ist die Rikscha, die zweirädrig von einem Kaffern gezogen, in Südostafrika in allen größeren Orten üblich ist. Mein Weg führte mich zuerst durch das Mündungs gebiet des Nkulumuzi im flachen Vorlande; hier fand ich lockere Schichten mit Ammoniten und Belemniten, die auch anderen Geologen vor mir nicht entgangen waren. In geringer Entfernung steigt das Gelände und bildet einen flachen Rücken zwischen Mkulumuzi und S g f 1 u ß. Beim Anstiege fuhr ich durch schöne hochstämmige Kokos palmenpflanzungen; auf dem Rücken selbst liegt die anscheinend muster gültige Sisalpflanzung K o m o n ; den Untergrund bildet der von mir schon öfter erwähnte helle dicht und splittrig brechende Sigakalk. In dem Hause des Verwalters oben auf der Höhe traf ich nicht ihn, aber eine Reihe verschiedener Arten von Affen und anderes Getier, das der Verwalter verständnisinnig zu einem kleinen zoologischen Garten zu sammengebracht hatte. Ich bereute es nicht, ihn selbst aufgesucht zu haben; ich kam dadurch über den Rücken hinüber an das jenseitige Tal des Sigiflusses, wo zwischen Urwaldbäumen und Sigakalkfelsen eine Fabrik angelegt ist zur Gewinnung der Sisalfasern aus den Blättern der Agave. Beim Weitermarsche auf dem Höhenrücken mußte ich ab steigen, wo Baumstämme regellos den Pfad einengten und meine Trä ger den Wagen vorsichtig tragen mußten um das Gewirr der Wurzeln zu vermeiden. Der Jumbe, der Aelteste des Negerdorfes M o v e über nahm die Führung und lief im Trabe vor meinem Wagen den Berg- 35 3* rücken hinunter. Hier war ich aus dem Gebiete des Sigakalkes hinaus gekommen; ich hatte mein Ziel erreicht; es stehen Sandsteinbänke an, die unten am Flusse in Form von flachen Platten das Bett überqueren oder Klippen an den Ufern bilden. Es sind feste harte Sandsteine von eigenartiger Beschaffenheit; Pflanzenreste fand ich wohl darin, aber es war nur sogenanntes Pflanzenhäcksel, wie ich es aus den Schichten der selben Formation von Südafrika schon kannte. Für eine genauere Alters bestimmung sind größere Pflanzenbruchstücke nötig. Es haben gerade diese Schichten eine sehr große Wichtigkeit, weil in ihnen Steinkohlen vorkommen können, wie sie in Südafrika abgebaut werden und am Nyassasee schon festgestellt sind. 32 Kilometer legten wir an diesem Tage zurück; in der Ruhe des Abends kam ich nach Tanga. Aus der Esse des beschlagnahmten Markgraf" im Hafen stieg Rauch auf; es war wohl nur die Küche, die dort Feuer gemacht hatte. Der Ort selbst machte von weitem einen etwas auffallenden Eindruck; näher herange kommen wurde ich gewahr, daß alle Häuser geflaggt waren. Der erste Gedanke; Friede, Hoffnung auf Heimkehr ging zwar nicht in Er füllung, aber von Nauen aus war über T a b o r a ein schöner Sieg an der Ostfront gemeldet worden: über 60 000 Russen gefangen; am nächsten Tage neue Nachricht: die Deutschen 20 Kilometer vor Paris; es klang so fabelhaft, daß man der immerhin schwierigen drahtlosen Verbindung kaum zu trauen wagte. Am 14. September des Morgens in aller Frühe sollten wir von Tanga aus aufbrechen, aber die versprochenen Träger waren nicht da, das Zelt war noch nicht fertig, das Einrad mußte erst geholt werden; von morgens 5 Uhr bis mittags 11 Uhr stand ich vor dem Hotel, bis alles beieinander war. Abschied von Tanga. 15. September 1914. Wir marschierten ab, wenn wir auch in den Nachmittagsstunden nicht weit kommen konnten, aber die Karawane von dreißig Trägern sollte wenigstens in gang gebracht werden. Zuerst ging es durch die reich bevölkerte Nachbarschaft von Tanga; außer Negern trafen wir zahlreiche Inder und Araber. Die Gegend schien ein zusammenhängender Palmenwald zu sein. Während in den Kokos- pflanzungen ein grauer Farbenton das Pflanzengrün fast überdeckt und besonders des Mittags überhaupt kein Schatten zu finden ist, fallen die stattlichen Mangobäume mit ihren dunkelgrünen dichten Laubkronen im Buschwalde schon von weitem auf; eine wahre Zierde der Landschaft, bieten sie im Schatten ihres Blätterschmuckes die angenehmste Er quickung an der heißen Marschstraße. Bald führte uns der Weg durch die weniger bewohnte Buschland schaft, aus der hin und wieder vereinzelte Dumpalmen hervorragen. 36 Wir berührten die große Sisalpflanzung von T o n g o n i. Jüngere Meeres kalke, reich an Fossilien stehen hier in etwas größerer Meereshöhe an. Südlich davon mußten wir das Mündungsgebiet des Ngombeni- flusses in der Mtangatabucht überschreiten; es war gerade Niedrigwasser und ein Hindurchkommen eben noch möglich; zum Teil wateten wir durch den Mangrowesumpf, teils ließen wir uns von unseren Leuten auf dem Rücken tragen; an einigen Stellen war es auch möglich auf einem Einbaum sich hindurchrudern zu lassen; hier machte ich die unangenehme Bekanntschaft mit den Austern am Grunde der Mangrowestämmme, die förmlich zusammengewachsene Krusten bilden; die Ränder der jungen Schalen sind messerscharf; beim Waten durch den schlüpfrigen Schlamm darf man an diesen Mangrowestümpfen und Wurzeln keine Stütze suchen. An dem höheren Südufer fanden wir eine erwünschte Erleichterung vor; hier endet die Pflanzungsbahn von Kigombe und eine Trolly (Feldbahnwagen) war für uns bereit; zwei Schwarze stießen den Wagen, zumeist in vollstem Trabe; die 7 Kilometer wurden schnell zurückgelegt und um 6 Uhr waren wir am Ziele, während die Mannschaft über eine Stunde später ankam. Das Wohnhaus des Pflanzungsleiters in Kigombe liegt unmittelbar am Meere an der Kante der etwas erhöhten ersten Strandstufe. Starke Brandung und frische Brise ließen den Aufenthalt daselbst sehr ange nehm erscheinen, nicht minder auch die Liebenswürdigkeit des Pflan zungsverwalters. Man braucht hier kein Mückennetz beim Schlafen, da wie es heißt die frische Seebrise Mücken nicht aufkommen läßt. Als die Mannschaft am nächsten Morgen (15. September) antrat zeigte es sich, daß der eine meiner Wagenstoßer verschwunden war; die ungewohnte Arbeit hatte ihm nicht zugesagt. Von einem Dorf ältesten unterwegs war uns ein Mann zur Verfügung gestellt worden als Ersatz für einen unserer Träger aus T an g a , der wegen Trunkenheit seine Last nicht weiter tragen konnte, er hatte wohl irgendwo zuviel Palmwein genossen. Von hier aus konnten wir die Träger vorausmar schieren lassen, mit der Pflanzungsbahn holten wir sie dann bald wieder ein. 130 Hektar umfaßt diese Sisalpflanzung, mehrere Beamtenhäuser und Fabriken sahen wir von weitem liegen. Einen eigenartigen Eindruck machen die bei einer solchen Fabrik beschäftigten Schwarzen; der Gang der Maschinen, die zum Zerquetschen der Agavenblätter dienen, gibt den Takt ab für den eintönigen Gesang der Neger, die in demselben Rhythmus tänzelnd ihre Arbeit verrichten; allenthalben muß jetzt die Ar beit eingeschränkt werden. Der Marsch durch den Busch bot am Tage geringe Abwechselung; reizvoller wurde das Landschaftsbild erst, als wir zur Mündung des Panganiflusses hinunterstiegen. Hier gab es zwar ein sogenanntes Hotel, das ein Goanese verwaltete; es sah aber keineswegs vertrauenerweckend aus; dankenswerter Weise stellte 37 der Bezirksamtmann uns die Wohnräume des Steuerbeamten zur Ver fügung, der auch wie so viele andere zum Militär eingezogen war. Im Segelboote setzten wir am nächsten Tage, den 16. September, etwa vier zig Mann im ganzen, über den breiten Pa n g a n f 1 u ß, dann benutzte ich mit Schwarze die Feldbahn der Sisalpflanzung M b w e r a ; auch diese war bereits großenteils verwaist. Eine kurze Rast in dem nächsten Dorfe Tungamawe gestattete mir die Besichtigung einer regelrech ten Palmweinkneipe; ich sah zu, mit welcher Umständlichkeit der Palm wein aus den großen Gefäßen in die kleineren Flaschen der Trinker ver teilt, mit welcher Gier der Trunk genossen wurde und wie der glückliche Besitzer einer Flasche dem neidenden Zuschauer huldvoll einen Schluck gestattete; ich sah auch wohl, wie der eine oder andere bereits zu reichlich von dieser trüben Flüssigkeit getrunken hatte. Unser Marsch ging nur langsam vorwärts, 25 30 Kilometer den Tag; kein Mann durfte mehr als 30 Kilo tragen. So mancher von den Trägern war fußwund, blieb weit zurück oder mußte ganz zurückge lassen werden und wurde durch neue Träger ersetzt, die uns die Be hörden zur Verfügung stellten. Kurz vor 4 Uhr kamen wir in Ki- p u m b w e an und wurden von dem Akiden, das ist der farbige Bezirks vorsteher, begrüßt,- der uns einen Lagerplatz in dem am Strande sich hinziehenden Kokoswalde anwies. Die erste Nacht im Zelte und mit eigener Küche! Die Sache war noch nicht so recht in Ordnung. Des Morgens wurde zeitig aufgestanden, aber wir kamen selten vor Sonnen aufgang fort. Am 17. September brachte uns der Akide bis zum Msan- g a s s i, der auf Einbäumen mit Auslegern überquert wurde. Der wei tere Weg konnte, da die Flut ablief, bequem am Strande selbst zurück gelegt werden; es geht sich auf dem festen Strandsande sehr gut, ich konnte die Sandproben untersuchen und Schalen von Meerestieren, Koral len usw. auflesen. Schon hier fielen mir eigenartige etwas festere Sand bänke auf, deren oberste Kruste durch zusammenhängende Austern bänke einen gewissen Halt erhielt; die durch Kalkausscheidung erfol gende Verfestigung der Sandbänke scheint demnach von der Tages oberfläche aus nach unten fortzuschreiten. Unser diesmaliges Tagesziel am 17. September erreichten wir schon zu Mittag, es war Mkwadja. Die Flut war inzwischen hereingekommen und wir hätten zum Weiter marschieren zu weite Umwege nach dem Inneren hinein machen müssen. Hier empfing uns die schwarze Behörde: der Akide (BezirksVerwalter) und der Jumbe (Dorfältester). Die Umgegend war ganz ähnlich wie am Tage vorher, über uns rauschende Kokospalmen und die brandende See in der Nähe; die Brise ist erfrischend und Mücken sind nicht zu be fürchten; der Zeltbau macht heute weniger Schwierigkeiten und der Koch weiß besser Bescheid in unseren Vorräten. Während ich am Strande, nach Korallen suche, kommt plötzlich eine Dhau angesegelt. 38 Der Kapitän, ein schwarzer Araber würde in seinem malerischen Ge wände ein ausgezeichnetes Modell für einen Seeräuber abgeben; be flissen zeigt er mir seine Papiere, er war auf der Fahrt von S a d a n nach Tanga. Bald darauf ein neues Erlebnis: ein Weißer kam auf einem Tragstuhl von vier Schwarzen getragen; es war Korvettenkapitän Schönfeld, den ich schon vorher in der Eisenbahn kennen gelernt hatte. Sofort befahl er ein kleines Segelboot zur Weiterfahrt zurecht zu machen; seine Träger entließ er; er kam von Tanga und wollte die Tour nach Daressalam in drei Tagen machen, wofür wir zehn Tage in Aussicht genommen hatten. Allerdings hatte er keine Lasten; er ließ sich nicht aufhalten, sprang sofort in sein Boot und segelte ab. Noch vor Dunkelwerden ging ich etwas in die benachbarte Fluß mündung hinein und sah in geringer Entfernung auf einer Sandbank ein großes Krokodil liegen, das erste auf meiner diesmaligen Reise. Am 18. September waren wir früh aufgebrochen und ich hörte um 6 Uhr vom Meere her, also etwa vom Nordende von Sansibar 19 starke Schüsse; es werden wohl Uebungsschüsse der Engländer gewesen sein. Zur Ebbezeit ging es am Strande weiter; hier gibt es immer allerhand zu sehen, so fanden wir den Panzer einer großen Meeresschildkröte und nördlich von B u j u n ein schönes altes Arabergrab mit blauen und grünen Tellern und Näpfen aus chinesischem Porzellan, die in das Mauerwerk eingelassen waren; Scherben davon fand ich in zerstörten Gräbern in der Nähe. Bei der Mittagsrast in Groß-Bujuni trafen wir eine auffällige Gesellschaft: eine Kompagnie freiwillig eingetretener Araber, die unter der Führung von Oberleutnant Hengstenberg auf dem Marsche nach Tanga war; es war nicht möglich einige beson ders anziehende Gestalten dazu zu bewegen, sich photographieren zu lassen. Der Rest des Weges mußte bei hohem Wasser zurückgelegt werden; unangenehm war es mir auf den Schultern eines Schwarzen bei ziemlich tiefem Wasser und starker Strömung über weite Flächen hin getragen zu werden. Ich nahm mir rechts und links zur Stütze für die Hände noch je einen weiteren Träger zu Hilfe und so ging es. Dann wählten wir den etwas weiteren Weg weiter oberhalb. Wir kamen in eine flache weite Niederung, die eben noch über dem Hochwasserstand sich ausbreitet und allen Pflanzenwuchses bar, wüstenartig aussieht. Zum Schlüsse folgten wir dann der Telegraphenlinie durch die Busch steppe bis Sadani. Hier versah Herr Reutter die Verwaltung des Neben bezirksamtes, der Post, des Zolls usw; wir wohnten in je einer Kammer des festungsartig angelegten Amtsgebäudes der Borna und waren Gäste bei seinen Mahlzeiten. Wild gäbe es im Hinterlande von Sadani ausreichend und wir hörten von den Schädigungen, die die Telegraphen leitungen durch Giraffen erfahren. Am 19. September kamen wir durch Kisange, eine Baumwollenpflanzung, die anscheinend aufgegeben war. 39 Die Flußmündungen des Wami wurden in der üblichen Weise gekreuzt. Einige Male versuchte ich es im Safariwagen auf den Schultern der Leute mich hinübertragen zu lassen, so wie mein Reisegefährte Schwarze, der sich in diesen Tagen einen Tragstuhl zurechtgemacht hatte. Bis Sa- d a n hat er den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt. Das Zelt lager schlugen wir vor S o k o n auf. Am 20. September standen wir wegen des etwas längeren Tagemarsches um 4 Uhr auf, um 5 Uhr 25 Minuten hörte ich eine stärkere Kanonade; wir konnten verschiedne Arten von Schüssen unterscheiden; das war kein Uebungsschießen, sondern ein Kampf! ich zählte 98 starke Schüsse, es waren zum Teil Salven. Am nächsten Tage erfuhren wir, es wäre die Königsberg" gewesen, die den Pegasus" vernichtet und den Funkenturm von San sibar eingeschossen hätte. Gegen Mittag überquerten wir die Flußebene des Kingani (Ruwu). Mir fielen dort halb verfallene Straßendamm anlagen in der Flußniederung auf, die wir nur zum Teil benutzen konnten. Sehr zweckmäßig ist die Anstellung von Flußwächtern, die staatlich beauftragt sind, den Europäern beim Flußübergange behilflich zu sein; dies kam uns namentlich auch hier am Ruwu zustatten. Am Abend desselben Sonntags kamen wir nach B a g a m o j o , wo wir im Ge bäude des Bezirksamtes liebenswürdige Aufnahme gefunden haben. Auf der Straße vor dem Goanesenhotel" wurde ein gemütlicher Dämmer schoppen in Gesellschaft einiger noch nicht einberufener Beamten und eines durchreisenden Vertreters der Ostafrikanischen Gesellschaft einge nommen. Zwei Wochen vorher war Bagamojo von den Engländern be schossen worden und zwar vom Pegasus" unter der Leitung des ersten Offiziers H u n t e r , der auch in Daressalam durch seine Unterhandlun gen mit den deutschen Behörden bekannt war; 36 Granaten wurden hierbei verschwendet. Der Schaden am Bezirksamtsgebäude selbst be stand in einigen Löchern in der Mauer und Zertrümmerung der Zimmer ausstattung; als der am meisten beschädigte Gegenstand wurde mir eine zersplitterte Wanduhr gezeigt. Zur Zeit meiner Anwesenheit waren die Schäden am Hause beseitigt und kaum noch andeutungs weise zu erkennen, nur das Denkmal vor dem Bezirksamte war noch nicht ausgebessert worden. Ein Schuppen der Steuerverwaltung hatte auch einige Schüsse abbekommen, die man aber dem alten halbverfal lenen Gebäude kaum anmerkte. Die Geschichte der Beschießung und die derselben vorausgegangenen Unterhandlungen wurde uns von dem Be zirksamtmanne Herrn Michels wiederholt eingehend berichtet. Hier in Ba gamojo, dem alten Ausgangspunkte der Karawanenstraße schien überhaupt einiges Leben zu sein. Die Schulklassen waren in Tätigkeit, obwohl der deutsche Leiter zu den Fahnen berufen war. Während seiner Abwesen heit war der Schuljugend die Pflege der zoologischen Sammlung an vertraut, eine zierliche beschopfte Zwergantilope und ein ganz junges 40 Flußpferd mit noch fast rosig ausschauender Haut. Sehr schön war die Straße von Bagamojo nach Süden, nach Daressalam zu; gut imstande gehalten führte sie durch prächtige Kokosanpflanzungen bis zum nächsten Dorfe Kaule ; hier schon und noch besser in P u m b u j i, einer Pflan zung des A k d e n, zu der uns der Jumbe des Ortes führte, wurden uns schöne alte Gräber von verschiedenen Formen mit den bekannten Chinatellern gezeigt, auch eine Moschee mit der dazugehörigen Brunnen- anilage war erkennbar. Hier sah ich zum ersten Male die eigenartigen mit einer Art Kopf oder Hut versehenen Steinsäulen. Diese Bauten werden den alten persisch-arabischen Einwanderern, den sogenannten Schirazi etwa aus dem 12. Jahrhundert zugeschrieben. Unser Nachtquartier erreichten wir schon am Mittag: Mlingo- tini (21. September). Wir hatten unser Zelt auf einer Art Marktplatz aufgeschlagen, umgeben von den niedrigen Lehmhütten der Neger mit rechteckigem Querschnitte; ein festes weißgetünchtes Haus darunter fiel mir auf; wie ich hörte, wohnen hier zahlreiche wohlhabendere Araber und Belutschen; diesen letzteren gehörten zumeist die Palmpflanzungen, die sich in dichten Beständen bis Bagomojo hinziehen. Ich sitze an meinem Tische neben dem Zelte, über mir rauschen die steifen Palmen- wedel in dem erfrischenden Seewinde. Unsere Träger liegen gruppen weise um uns herum, sie haben sich Kost gekauft, süße Kartoffeln, etwas Kürbis und getrockneten Haifisch; plaudernd und lachend freuen sie sich ihrer Eßvorräte. Einzelne haben Kokosnüsse erhalten; sie schlagen ihnen mit dem Messer die Kappe ab, um den Saft zu trinken, dann wird auch die Schale zertrümmert und das Fleisch gegessen. Ich habe später wiederholt nach einem heißen Tagesmarsch an dem Safte jüngerer Kokosnüsse mich erlabt. In einem der Häuser sind Askaris untergebracht, zwei alte erprobte Kerle und fünf Neulinge, die mit deutschen Kommandos im Griffeklopfen geübt werden. Auch hier ist an der Küste ein Beobachtungsposten; alle Boote sind hochgezogen, wir stehen im Zeichen des Krieges. Während ich bis dahin mit meinem Safariwagen im allgemeinen gut durchgekommen war, hatte mein Reisegefährte Schwarze Schwie rigkeiten. Er versuchte der Reihe nach alle Arten der Ortsveränderung, war auch einmal einen Tag lang auf einem Esel geritten, mußte schließ lich aberi doch immer wieder sich auf seine eigenen Füße verlassen. Am 22. des Nachmittags erreichten wir einen Punkt von außergewöhnlich reizvoller Lage; die hohe Küstenterrasse läuft in Form eines schmalen Rückens gegen das Meer hin aus. Riesige Affenbrotbäume, blattlos, nur mit einigen der gurkenartigen langen Früchte behängt, schlanke Kokospalmen auf dem Rücken da oben und märchenhafte Bauten zauberten vor unseren Augen ein ganz eigenartiges Bild hervor. Es ist Bueni. Ein altes Kastell unter den Bäumen war seiner- 41 zeit von Wißmann wieder aufgebaut worden; jetzt saß ein Berliner Volksschullehrer littauischer Herkunft dort auf Küstenwacht. Die Spionengefahr an der riffreichen Küste ist hier groß, und es gilt scharfe Wacht zu halten über die dort verkehrenden Dhaus. Die Küstenvertei digung macht kurzen Prozeß. Wir konnten an dem Abend unsere Zelte schonen und in den verließartigen Räumen des alten Gemäuers baute Jumbe mir die Bettstatt auf. Wenige Schritte weiter ab nach dem Abhänge zu zwischen aller hand Gestrüpp liegt die Totenstadt, eine ganze Anzahl von Gräbern, zum Teil mit stattlichen Bauwerken, mit maurischen Zierraten und Chinatellern. Besonders zahlreich sind die minaretähnlichen Kopf säulen und ihnen verwandte niedrige Ornamente. Kurz vor Sonnen untergang gab es hier prächtige Aufnahmen für unsere photographischen Apparate. Daressalam. Am 23. September des Nachmittags trafen wir in Daressalam ein; hier blieb ich bis zum 10. Oktober. Zunächst war es meine Aufgabe Umschau und Umfrage zu halten, was ich tun könnte um die Heimfahrt zu ermöglichen; aber wie widersprechend sind die Auskünfte, die ich von den Landeskundigen erhalte und zwar von Männern in führenden Stellungen, die einen Ueberblick über die Dinge hatten! Der eine sagte: Fahren Sie mit einer Dhau nach Portugiesisch-Ostafrika, von dort mit einem portugiesischen Postdampfer nach Lissabon"; der andere meinte, die Fahrt mit einer Dhau wäre wegen des Monsums ganz unmöglich; ich müßte über Land nach Süden ziehen, das wäre für einen Herrn in solchem Alter" zu anstrengend. Dann hieß es wieder, es könnte ein neutrales Schiff kommen und durch das Rote Meer nach Europa fahren, dadurch würde viel Zeit gespart. Dann war auch wieder vom Frieden die Rede, der überraschend kommen könnte, was andere nicht glauben wollten; sie meinten, das könnte noch lange, noch bis Ostern dauern. Die Möglichkeit so lange von Hause fernbleiben zu müssen, war mir bis dahin noch nicht in den Sinn gekommen, und ich nahm mir fest vor alles zu tun um meine Heimkehr zu beschleunigen und um. Amt und Familie nicht so lange verwaist zu lassen. Freudig griff ich es auf, als mir unter der Hand mitgeteilt wurde, ein portugiesischer Küstendampfer würde von Süden heraufkommen und uns nach Mocam bique bringen; diese Aussicht erwies sich bald als trügerisch. Sicher aber waren Verhandlungen im Gange, die Post über Portugiesisch-Ost afrika nach Europa zu schaffen. Da wurde es mir klar, daß das, was die Post könnte, auch mir möglich sein würde. So entschloß ich mich über Land nach Süden zu ziehen in der Annahme bis Mocambique marschieren zu müssen um Anschluß an den portugiesischen Post- 42 dampfer zu erlangen. Es waren noch mehrere Leidensgenossen im Lande, die ebenfalls über das militärische Alter hinaus waren und eine Gelegenheit zur Heimreise wünschten. Die Anziehungskraft der Lan desausstellung in Daressalam hatte so manchen dorthin gelockt. Ueber- rascht war ich, im Kaiserhof einen alten Bekannten aus meiner schle- sischen Heimat, den Rezitator Otto G e r 1 a c h, zu treffen. Ihm schweb ten ähnliche Heimkehrpläne vor wie mir. In dem Hin und Her der Erwägungen vergingen die Tage und ich benutzte die Zeit zu allerhand fachlichen Arbeiten. Es ist jammerschade, daß die so schön vorbereitete Landesaus stellung in Daressalam nicht ihre Bestimmung erfüllen konnte. Mit be sonderer Aufmerksamkeit betrachtete ich dort die zum Zwecke der Schaustellung aufgeführten Hütten der verschiedenen Eingeborenen- Stämme. Mehrere Tage verwendete ich auf die genaue Untersuchung der mineralogisch-geologischen Sammlungen der Ausstellung; hier konnte ich außerordentlich wertvolle Notizen sammeln. Am meisten aber fesselte mich die Untersuchung der Strandbildun gen von Daressalam. Die Strandpromenade, die an dem Palmenhain und den Gärten entlang bis an das Krankenhaus führt und von da an das Ausstellungsgelände, bot namentlich zur Neige des Tages bei er frischender Brise einen entzückenden Spaziergang. Dort gelangte ich zu den Vorsprüngen des Ras Tschokir und des Ras Upanga. Die jugendlichen Meereskalke werden hier von der Brandung kräftig be nagt und die verschiedenen Schichten dieser Bildungen sind zur Ebbe zeit leicht zugänglich. An der vorspringenden Ecke in der Nähe des Krankenhauses stand eine prachtvolle Dumpalme, die auf den älteren Photographien von Stuhlmann, Koert usw. sofort in die Augen fällt. Ihre Wurzeln sind der fortschreitenden Brandung zum Opfer ge fallen. Ich habe den niedergebrochenen Stamm noch photographieren können. Auf der Fähre neben der evangelischen Missionsstation setzte ich hinüber auf die andere Seite der Bucht und konnte dieselben Schichten am Ras Rongoni untersuchen. Wenn die Zeit zu größeren Aus flügen nicht reichte, ging ich mit Vorliebe zu dem Hafen hinunter, wo die Korallenstöcke aufgestapelt lagen , die die Eingeborenen von den Außen riffen gebrochen hatten um sie als Baumaterial in der Stadt zu verwenden. Eine ganze Reihe von Arten von Korallen, von Schnecken und andern skelett- oder schalenbauenden Meerestieren aus diesen jüngsten abgestorbenen Korallenriffen habe ich gesammelt; sie lagern in Dares salam und harren der Heimsendung nach dem Frieden. Meine beiden geologischen Fachgenossen Reck und K r e n k e 1 waren im Dienste der Verteidigung der Kolonie nach dem Innern geschickt worden, um dort für die Lebensmittelversorgung der Truppen tätig zu sein. Gern nahm ich die Gelegenheit wahr, mir von den naturwissenschaftlichen 43 Studien Dr. Brühls erzählen zu lassen, der ein Fischereibiologisches Institut am Strande von Daressalam ins Leben rufen wollte. Der Krieg zwang ihn sich ausschließlich um die Fischverwertung für Nah rungsmittelzwecke zu kümmern. Auch von Dr. Dampf und Professor Schuberg erhielt ich zoologische Mitteilungen. Von den geologi schen Unterhaltungen, die ich hier und da anknüpfte, beschäftigte mich besonders die Andeutung von Kohlenvorkommnissen. Schichten der Karrooformation haben hier im Lande eine ziemliche Verbreitung, da gilt es aufzupassen und nachzuspüren! Durch den Vergleich mit den Kohlen gebieten in N a t a 1 ist mir die Wichtigkeit dieses Umstandes bei meinem späteren Aufenthalt in Pietermaritzburg klarer geworden. Zu einem längeren Ausfluge hätte mich das Ulugurugebirge mit seinen Glimmerbergwerken sehr gelockt, ich wollte aber keine Zeit verlieren, auch hatte das Militär die Mittellandbahn mit Beschlag belegt und es gab Schwierigkeiten an allen Enden. Mit großem Danke nahm ich deswegen die Einladung des obersten Baubeamten der Bahn an, ihn auf einer nur zweitägigen Reise zu begleiten. Rätselhaft erschienen mir die Schichten, aus denen das Pugugebirge zusammengesetzt ist: bunte Tone und der eigentümliche Pugusandstein, der nach ver einzelten Fossilfunden zu urteilen zur Kreideformation gehören soll. Von der Eisenbahn aus gesehen macht das Land keinen besonders gün stigen Eindruck, bewohnte Plätze wurde ich kaum gewahr. Von Kilo meter 118 bis Kilometer 139 bei Kidugallo stehen fossilführende flach gelagerte kalkige Gesteine an; hier bot sich Gelegenheit zu geologischen Beobachtungen und zum Sammeln von Versteinerungen, da eine Ver legung der Bahnlinie neue Aufschlüsse geschaffen hatte. Kurz vor mir war aber ein Konkurrent dagewesen, einer von den eingeborenen Samm lungsgehilfen Dr. Recks, der in der Tat tüchtig gearbeitet und mir die auflesbaren Fossilien vorweggenommen hatte. Einen sehr schönen Aufschluß, bereits im Gneise konnte ich bei Kilometer 167 (N g e r e n - g e r e) untersuchen; neben kleinen hellrosafarbenen Granaten fielen mir hier deutliche Kristallgestalten von hellblauem Cyanit auf; vielleicht ge lingt es dort in der Gegend noch einmal größere Schaustücke dieses schönen Mineralvorkommens zu gewinnen. Die Landschaft, obwohl baumarm, ist nicht ohne Reiz, besonders das Flußtal mit den Felsen im Grunde und den großen Strudellöchern darinnen gab gute Bilder. Auf der Rückfahrt hatte ich einige Einblicke in das militärische Leben; am Flusse von Ngerengere oben auf einer Höhe mit weitem Rundblick saß ein Leutnant der Reserve zur Be wachung des Flußüberganges; es fiel ihm sehr schwer auf einem wie er sagte so unwichtigen Punkte dem Vaterlande zu dienen und er brannte darauf möglichst bald irgendwo an die Grenze zu kommen, um sich am eigentlichen Kampfe zu beteiligen. Derselbe frohe Kampfes- 44 muf- scrach aus den neuerworbenen Freunden, die aus dem Militärlager bei Station M b a r u k u zufällig auf den Bahnhof gekommen waren. Unter diesen war Oberleutnant Henneberger, der zum Fliegen noch keine Gelegenheit hatte; ich sah ihn bei dieser Gelegenheit zum letzten Male. Einige Tage darauf war ich Zeuge von Büchners Flug in Daressalam am frühen Morgen des 10. Oktober. Zuweilen kam die fieberhafte Aufregung, die unter der Decke des alltäglichen Lebens ruhte, zum Durchbruch. Mit der Möglichkeit eines Angriffs durch englische Kriegsschiffe war immer zu rechnen. Eines Sonntags, des Nachmittags wurde Daressalam durch zwei sehr starke Donnerschläge erschreckt, alle stürzten auf die Straßen; ich fuhr in einer Rikscha nach der Gegend, aus der das Geräusch zu kommen schien. Man hatte hier aus dem Hafen einen Leichter herausgezogen und wollte ihn auf einem Eisenbahnwagen auf dem Hafengleise zur Bahnlinie be fördern. Eine Wegunterführung war zu schmal, es waren deswegen die beiden seitlichen Pfeiler angebohrt worden und man sprengte so viel ab, wie für die Durchfahrt nötig war. Inzwischen hatten sich unsere Pläne geklärt; trotz der Abmahnung von allen Seiten entschloß ich mich doch über Land nach dem Süden zu ziehen; Schwarze ging mit, Gerlach blieb zurück. Es war davon die Rede, daß wir vielleicht Geheimrat Peter, Botaniker aus Göttingen, treffen würden, der am Tanganjikasee gearbeitet hatte. Er muß aber doch wohl vorgezogen haben in Deutsch-Ostafrika zu bleiben. Selbst die eifrigsten Schwarzseher, die da meinten, wir würden doch nicht durchkommen, gaben uns Briefe für die Heimat mit, das bestärkte mich in meinem Entschlüsse. Es machte schon ziemliche Mühe die für die Reise nötigen Lebensmittel zusammenzukaufen, da alles Eßbare, was irgendwie auftauchte, sofort von den ständigen Kunden vorweggenommen wurde. Tabu wollte nicht weiter mit mir gehen; er hatte die europäische Gewandung abgelegt und besuchte mich in dem landesüblichen braunen Kansu; so gefiel er mir besser. Es war schwer Ersatz für ihn aufzutreiben. Schließlich fand sich ein Suaheli, Moritz war seine Name, der bei der Eisenbahnge sellschaft wiederholt tätig gewesen war; er hatte seinerzeit Professor W e u 1 e begleitet, und von der Zeit stammt seine Kenntnis des Deutschen; darin erreichte er nun Tabu bei weitem nicht. Am häufigsten habe ich von ihm die Antwort erhalten Jawohl, mein Herr", auf Fragen, die allermeist eine ganz andere Antwort erheischten. Er war von zierlicher Gestalt, hatte einen Anflug von Schnurrbart, den er krampfhaft zu drehen bemüht war und war nach neuestem Geschmacke gekleidet, d. h. die Beinkleider wurden nach unten zu so eng wie nur irgend möglich; das erreichten die Burschen durch eigne mehr oder minder kunstreiche Schneiderarbeit. Seinen Reichtum an Socken bekundete er dadurch, daß 45 er zwei Paar verschieden lange Strümpfe außen über die blauen Hosen hinaufzog. In diesem Aufzuge erschien er bis zum letzten Tage unseres Beisammenseins. Uebrigens war Moritz erheblich teurer als Tabu, der monatlich 45 Rupien erhielt, während jener 60 schon vorher bei den Eisenbahnbauten verdient hatte. Der Lohn war entschieden zu hoch; dafür konnte er auch seine Frau, die er mir einmal zeigte, in gelb seidene Tücher kleiden. Dann wurde noch ein besonderer Koch ge mietet; ein früherer Rikschaführer schien für den Safariwagen besonders geeignet zu sein. Die Träger wurden uns wieder dankenswerterweise von Abbildung 3- Im Negerdorfe von Daressalam. (Craemer 1898.) den Behörden besorgt. Es hieß aber, daß wir weiter im Süden wegen der Träger und ihrer Verpflegung Schwierigkeiten haben würden, deswegen wollten wir möglichst wenig Gepäck mitnehmen. Außer meinen Samm lungen ließen wir auch einige Koffer bei einem Spediteur zurück. Nichts sollte mich in meinem Bestreben, so schnell wie möglich heimzukehren, zurückhalten. Auch Schwarze hatte einen Safariwagen erworben und so hofften wir die Reise durchführen zu können. Ich ließ mir noch auf der Regierung einen Paß für die Heimat, gültig für ein Jahr, aus stellen und Empfehlungen an die Bezirksämter im Süden geben. Als ich bei meiner Rückkehr dem deutschen Generalkonsul in Amsterdam meinen Reisepaß vorlegte, stellte es sich heraus, daß er eben abgelaufen war; über ein Jahr hat also die Rückreise gedauert. (Abbildung 3.) 46 Abreise von Daressalam. Am 11. Oktober wurde aufgebrochen; der Abmarsch war auf 6 Uhr festgesetzt, aber nur die beiden Askaris waren pünktlich erschienen, die zur Aufsicht über die Träger mitgegeben waren. Ich mußte zufrieden sein, daß wir einen Zeitverlust von nur eineinhalb Stunden hatten. Wir gingen den Weg über Kurasini, sahen zuerst die Tabora", dann Feldmarschall" und König" im Hafen liegen und überschritten die umgestürzten Masten des Funkenturms. Jetzt ließen wir die Kultur hinter uns und es ging in das Land hinein nach Süden. Erst am nächsten Tage näherten wir uns wieder dem Meere. Die Karawane marschierte nicht gut, wir hatten durch an geblich schwach gewordene Träger wiederholt starke Verzögerungen. Es war eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft in den merkwürdigsten Kleidungen. Der eine ließ es sich nicht nehmen, in einem enganschlie ßenden Sommerüberzieher trotz der größten Hitze zu marschieren. Unterwegs trafen wir einen schwarzen Wanderer mit einem wärmenden Lodenkragen und einem arg mitgenommenen Zylinderhute auf dem Kopfe. Auf dem Marsche wurde in geeigneten Abständen in den Dörfern kurz gehalten um Wasser zu trinken. Der Rastplatz wurde möglichst dorthin verlegt, wo die dichten Laubkronen der Mangobäume Schatten ver hießen. Zuerst wurden die Zelte aufgeschlagen, dann Poscho" ver teilt, d. h. Zehrgeld: 15 Heller für den Träger und für den Tag; der eigentliche Lohn: 25 Heller, wird am Ende des Marsches ausgezahlt, soweit er nicht durch Vorschuß bereits vorweg genommen worden ist. So hatte sich mein Rikschaführer Apote einen erheblichen Vor schuß auszahlen lassen, weil seine Frau ihn dringend benötigte, und doch lief die betreffende Gattin die nächsten Tage mit der Karawane. Zuerst war sie ganz bescheiden, dann drang sie aber sehr energisch in ihren Mann, ihr das versprochene Geld zu geben; aber es war vergeblich. Er hatte den ganzen Vorschuß auf andere, wahrscheinlich nicht ganz einwandfreie Weise verausgabt; es blieb mir nichts anderes übrig, als die lärmende Frau durch die Askaris zurückschicken zu lassen; sie ging aber erst dann, als ich ihr das Zehrgeld nach Daressalem aus gehändigt hatte. Für das Zehrgeld kaufen sich die Träger: Maniok knollen, Kokosnüsse, Maismehl, manchmal auch getrocknete Fische, für die die Schwarzen gern unverhältnismäßig viel bezahlen; so kostet ein kleiner Panzerwels 20 Heller. Inzwischen machte der Koch unser Abend essen fertig; Hühner und Eier waren fast immer erhältlich. Später schoß Schwarze zuweilen ein Warzenschwein oder einen Buschbock. Der Tee schmeckte in der Regel infolge des schlechten Wassers erbärm lich, trotzdessen wurden alle Morgen die Feldflaschen damit gefüllt. Die Kokosnußmilch machten wir uns gelegentlich durch einen Bitteren schmackhafter. Unser erstes Nachtquartier am 11. Oktober nahmen wir 47 in W k n d j u ; inmitten der Negerhütten schlugen wir unser Lager auf; daneben war in zwei Meter Höhe über dem Erdboden durch eine Leiter erreichbar der Jungviehstall des Jumbe angebracht; aus irgend welchem mir unbekannten Grunde war das Leben darin diese Nacht besonders rege und an Schlaf war nicht viel zu denken. Am zweiten Tage gelangten wir in das eigentümliche Sumpf- und Seegebiet von M p a f u ; hier war stellenweise viel Sand, der uns nötigte den Safari wagen zu verlassen und zu Fuß zu gehen. Wir kreuzten den Zufluß Garawani und kamen am Morgen des nächsten Tages an das Mün dungsgebiet des Abflusses; hier bei der Ortschaft Mahagatan war die 20 m-Terrasse angeschnitten und in den jungen Meeresbildungen konnte ich Schalen von Austern und Kammuscheln sowie Seeigel sam meln. In Kissidju kamen wir noch vor Mittag an; dort war eine Inder- duka, einer jener Verkaufsläden, die in Ost-Afrika so verbreitet sind; was der Europäer auf der Reise braucht und noch mehr was der Neger zu brauchen gelernt hat, ist hier zu erstehen. Der Inhaber mit seiner Familie sitzt in den entlegensten Negerndörfern, selbst anspruchslos erzielt er mit seinen Waren erheblichen Gewinn. Wo die Neger selbst irgend etwas erzeugen, sind die Inder die Abnehmer. Es ist kein Wun der, daß bei dieser Art des Verkehrs die Neger vielfach ausgebeutet wer den; andrerseits beklagen sich die kleinen weißen Händler über den Wettbewerb der indischen Dukainhaber. Die Frage ist gewiß sehr schwierig; es ist möglich, daß die Verteilung der europäischen Massen einfuhr unter der Negerbevölkerung durch die Inder schneller und für die Großkaufleute gewinnbringender erfolgt, als wenn kleine deutsche Kaufleute diesen Zwischenhandel in die Hand nehmen würden. Es war viel Leben an diesem Abend in Kissidju; wir trafen eine Strandwache von vier Europäern, die gegenüber den kleinen Koralleninseln Kwale und Koma scharfe Wache halten mußten; der eine, Leut nant v. Neuenstein hatte zwei Wochen vorher mit Leutnant v. Geldern zusammen die Strandwache auf Koma selbst inne. Englische Kriegs schiffe, in letzter Zeit besonders die Dartmouth", kreuzten dort, um auf die Königsberg" zu fahnden; es war Aufmerksamkeit auf Seiten der deutschen Wachen sehr von nöten; die Engländer hatten von deren An wesenheit auf Koma Wind erhalten und schössen mit Granaten nach der Insel; dann landeten sie mit Booten und schössen mit Maschinengewehren in die Mangrowen hinein. Leutnant v. Geldern, eben erst vom Schwarz- Wasserfieber halb genesen, war zu hilflos und wurde von den Engländern gefangen genommen. Die Anderen hielten sich stundenlang in den Zweigen der Mangrowen verborgen; in der Nacht fuhren sie dann mit einem kleinen Boote nach dem Festlande hinüber und entkamen. Die Engländer zerstörten darauf das Zeltlager, alle Vorräte usw. Aus diesem Vorfall war mir klar geworden, daß es so ziemlich unmöglich war, mit 48 einer Dhau die Küste entlang nach dem Süden zu fahren. Wir lausch ten grade diesen Erzählungen, da wurde telephonisch gemeldet: Antwer pen gefallen, 100 000 Feinde gefangen; daß der letzte Teil der Nachricht nicht der Wahrheit entsprach, habe ich erst sehr viel später erfahren. Damals war unsere Aufregung groß, zumal wir nicht gehofft hatten, unter wegs überhaupt Nachricht zu erhalten. Den Nachmittag marschierten wir am Strande südwärts weiter und ich war erfreut hier in einem Einschnitte von einigen Metern Höhe in den jungen die Terrasse bildenden Meereskalken Fossilien suchen zu können; bedeckt waren die Schichten von Roterde oder von hellem Sande, aus dem die Brandung eine Strecke weit die hellroten Granaten in Form von feinsten Körnern, an einer anderen Strecke den schwarzen Titaneisen sand wie auf einer Setzmaschine ausgespült hatte. Nachtquartier in Kimmango (Kiwmangao); am nächsten Tage machten wir schon des Vormittags in M s n d a j Rast. Mit der Negerbevölkerung kam ich nur sehr wenig in Berührung; fremde Elemente fielen mir mehr auf. So traf ich hier einige bejahrte Belutschen, die auch sonst im Lande verstreut sind. Obwohl unser Zelt auf einer Terrasse ziemlich hoch über dem Flußtale lag, hatten wir doch hier das erste Mal unter Mücken zu leiden. Ich überzeugte mich, daß es keine Anopheles (Malariamücke) war; es waren kleine schwarze Mücken, die schnell angeflogen kamen, stachen und wieder ver schwanden. Fast ebenso lästig waren kleine stechende Zikaden. Unten das Flußtal stand noch im Bereiche des Meereshochwassers und schmale Wasserarme zogen sich zwischen Mangrowebeständen weit nach dem Innern, zur Ebbezeit sich in einzelne Tümpel auflösend. Hier fand ich lebende C e r t h e n, kleine schlanke Schnecken, an den Mangrowe- zweigen festsitzend, und mein zoologischer Reisegefährte machte mich auf den höchst merkwürdigen Fisch, den Schlammspringer, P e r o p h - thalmus koelreuteri aufmerksam; wie Heuschrecken im Grase ungefähr so hüpften die fingerlangen Fische auf dem schlammigen Boden der nächsten Wasserlache zu, in der sie verschwanden; mit der Hand konnten wir sie lebend fangen. Am nächsten Tage marschierten wir ohne Unterbrechung sechs Stunden durch eine ansprechende Landschaft, meist lichten Busch mit hoch herausragenden drei- bis vierfach gegabel ten Dumpalmen, bis K k a 1 e. Hier war wieder ein Militärposten. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten wir Leutnant Sprockhof, konnte er uns doch Selbstgesehenes von der Beschießung des Pegasus" durch die Königsberg" erzählen. Ich will den Berichten der Herren von der Königsberg" nicht vorgreifen, habe auch die Angaben nicht sofort zu Papier gebracht; späterhin hörten wir sehr viele verschiedene Varianten dieses Themas. Es würde schwierig sein, daraus den wirk lichen Vorgang herauszuschälen. Nicht fern von unserm Halteplatze sollte 49 die Königsberg" liegen; gern hätte ich sie gesehen, ich wollte aber die Zeit nicht daran wagen. Auch schien es mir besser, daß so wenige Menschen wie möglich von ihrem eigentlichen Liegepunkt etwas er führen. Das Tierleben war dort reicher; während wir bisher nur Perl hühner und Wildschweine gesehen hatten, bekamen wir hier Colobus- affen, Paviane, Buschböcke zu Gesicht und verfolgten ganz frische Spuren von Flußpferden. Unsere Kost fing an knapp zu werden; in Daressalam hatten wir weder Butter noch Schmalz erhalten; unser Koch mußte zum braten deswegen S e s a m ö 1 nehmen, das im Lande selbst gewonnen wird und in den indischen D u k a s allenthalben zu kaufen ist. Mit frischem Brot und Milch halfen uns die Militärposten aus. Unsere süßen Vorräte wimmelten von kleinen Ameisen, gegen die man auf dem Marsche hilflos ist. Mit jedem Bissen Marmelade muß man Dutzende davon verzehren. Auch am nächsten Tage marschierten wir über sechs Stunden in einem Zuge. Einigen Aufenthalt veranlaßten immer die Flußübergänge. Ueber den Mbumi stand uns nur ein Eihbäum zur Verfügung, der in der Querrichtung schief, und in der Längsrichtung ge bogen war; man mußte sich des Gleichgewichts wegen auf; die höhere Kante setzen, trotzdem ging alles gut ab. 44 Mann und 25 Lasten brauche ten fünf Viertelstunden, so oft mußte das Boot hinundherfahren. Breiter war der Arm des R u f d j i. Hier standen uns zwei bessere Einbäume bereit, wir brauchten aber der längeren Strecke wegen noch etwas mehr Zeit. Ein Hauptvergnügen für unsere schwarzen Träger war es, wenn unser Zoologe gelegentlich etwas schießen konnte; so sahen wir hier Flußpferde und zahlreiche Krokodile, von denen mehrere erlegt wurden. Die weiten Flußniederungen in dieser Gegend sind stellenweise gut bebaut, namentlich fielen mir Reisfelder auf, mit kleinen Hütten für den Feldwächter auf hohem Gestelle, ähnlich, wie ich sie vor vielen Jahren in den Feldern am Benue sah. Zur Zeit meines Durchmarsches waren die Felder am Rufidji dürr und trocken; die letzte Regenzeit soll ausge fallen sein. Dann kamen wir wieder durch Sandfelder, bis schöne schat tige Mangobäume von weitem das heutige Ziel M s o m e n erkennen ließen. Inzwischen fängt mein Einrad an widerspenstig zu werden; alle Augenblicke ist die Luft aus dem Schlauche entwichen und Schwarze pumpt unermüdlich neue ein. Wir machten mitten im Dorfe halt, um geben von lärmenden Kindern und von Herden blökender Ziegen, und Düfte verschiedener Art entströmten den Oeffnungen der Hütten und den Lagerfeuern; aber eins war angenehm, es gab keine Mücken. Am näch sten Tage, den 17. Oktober zogen wir durch wohlbebautes Land über krokodilreiche Flußarme bis M o h o r r o. Hier konnten wir wieder ein mal nach sechs Tagen Zeltleben in einem richtigen Hause zur Ruhe gehen. Der Ort liegt an einem Flußarme, der auch noch zum Rufidjidelta gehört. G ü r c h, Deutsch-Ostafrika. 4 50 Die Gezeiten reichen soweit, daß die arabischen Segelboote, die D h a u s , mit der Flut vom Meere aus bis hierher fahren können. In M o h o r r o muß sonst einiges Leben gewesen sein. Eine Baumwollentkernungs- fabrik der Ost-Afrikanischen Gesellschaft war trotz Personalmangels noch in Tätigkeit. Ein Postbeamter versah die Geschäfte der Station; die Ge bäude des Forstamtes waren völlig verwaist, alles war eingezogen". Wir wohnten in der Post. Ein guter Weg mit Holzbrücke führt zu dem eigentlichen Orte jenseits des Flusses. Araberhäuser und Inderdukas waren zahlreich. Ein kleiner Spaziergang mit dem Postverwalter 0 r t brachte uns zu einem Lepra dorf. Hier saßen die Kranken friedlich vor ihren Hütten und Herr Ort ließ sich von dem Jumben, der für seinen Posten bezahlt wird, Bericht erstatten. Auch die forstlichen Anpflan zungen haben wir uns mit Interesse angesehen. Es wäre ein Jammer, wenn all die Mühe vergeblich gewesen wäre und die Arbeiten nicht fort gesetzt werden sollten. Daß die Gegend reich an Wild sein muß, konnten wir entnehmen aus dem Löwengebrüll, das ich, auf dieser Reise zum ersten Male, in der Nacht vernahm. In unmittelbarer Nähe des Hauses zog das Raubtier wiederholt vorüber; die schwarzen Wächter kamen ängstlich in die Zimmer hinein und wollten alle Türen und Läden schließen; es war überflüssig, der Löwe ließ uns unbehelligt. Hier hörten wir auch wieder neue Nachrichten von Europa; Ita lien und Portugal sollten gegen uns im Kriege sein; das waren trübe Aussichten für meine Reise; ich mußte auf alles gefaßt sein, schlimm stenfalls würde es nötig werden am R o w u m a wieder umzukehren. Zu nächst aber war es das geratenste weiter nach dem Süden zu gehen, um ganz sichere Nachrichten über Portugal zu erhalten. Am 18. mar schierten wir von M o h o r r o ab, zuerst durch Anpflanzungen von Gerberakazien, dann durch Buschsteppe. Im Dorfe Dondondo sah ich ein Albinokind, anscheinend krank und überaus vernachlässigt. Die Ortschaften am Wege waren gut bebaut, der Busch anfangs mehr wald artig, weiter südlich dann ärmer an Bäumen; neben der verzweigten Hyphaena gibt es auch schöne Exemplare der Borassuspalme. Nach sechs Stunden kreuzten wir wieder eine Flußmündung mit Mangrowen; am Rande der Niederung fallen reichliche Büsche einer Phönixart auf, auf der höheren Stufe stellen sich dann Affenbrotbäume ein. Nur hier in dieser Gegend sah ich eigenartige Anhäufungen von Schnecken- und Muschelschalen, von Cerithium, Area, selten auch einer Achatina; Küchenabfälle sind es wohl nicht; die Haufen sind etwa 1 Meter im Durchmesser groß. Sollten es Fraßreste von Vögeln sein? Den Tag über hatten wir wiederholt Paviane, Riedböcke, Wasserböcke und ganz frische Elefantenlösung beobachtet. Abends Rast auf der Pflanzung Samanga; alle Angestellten waren beim Militär, so mußte der Verwalter die Arbeiten zur Aufrechterhai- 51 4 tung des Betriebes eigenhändig verrichten. Hier empfanden wir das erste Mal wesentliche Schwierigkeiten in der Verpflegung der Träger; statt der verabredeten 15 Heller mußte der Mann der hohen Reispreise wegen 35 Heller Zehrgeld erhalten; der Sicherheit wegen kaufte ich Reis im ganzen ein, um durch einige Tage den Trägern dieses wichtigste Nah rungsmittel zuzuteilen. Der Pflanzungsleiter Schimmelmüller hatte in den letzten Tagen wiederholt englische Kriegsschiffe vor der Bucht vorüberfahren sehen. Am nächsten Tage marschierten wir etwas weiter in das Land hinein und hielten Mittagsrast auf der Pflanzung K - kanda, deren Maschinist Hoppe bereitwilligst die durchlöcher ten Schläuche unserer Einradwagen flicken half. Herr Grone lieh mir in uneigennützigster Weise eine Karte vom südlichsten Teil der Küste, die mir außerordentlich zustatten kam; weder in Tanga noch in Dar- essalam war mir für meine Reise nach dem Süden irgend welches Kartenmaterial verkauft worden. Ohne wesentliche Aenderung des Landschaftsbildes bald über Schwarzerde, bald über Roterde oder über gelben Sand führte uns der Weg am 19. und 20. Oktober südwärts, bis ich kurz vor dem Abstiege nach K 1 w a das erste Mal anstehendes Ge stein in Form von plattigen Kalksandsteinen mit einigen organischen Resten antraf. Der letzte Teil des Marsches war uns schwer geworden, unsere Radschläuche hatten endgültig alle Luft verloren und wir muß ten den größten Teil des Weges durch recht schweren Sand in der unangenehmsten Mittagswärme marschieren. Dann ging es bei stei gender Flut durch Mangrowensümpfe, die wir glücklicherweise recht zeitig überqueren konnten; von dem festeren Ufer des Matandu aus ließen wir uns mit Ruderbooten bei unverhältnismäßig stark eintretender Flut unter einigen Schwierigkeiten übersetzen. Von hier aus sahen wir in der Ferne den Rauch eines Dampfers auf dem Meere: ein englisches Kriegsschiff! Kilwa. Ki 1 wa, eigentlich Kilwa-Kiwindye, erreichten wir um 2 Uhr. Hier konnten wir wieder in einem Hotel" wohnen und des Abends mit den wenigen Beamten, die noch nicht ausgehoben waren, auf dem Vorbau des Hotels einen Abendschoppen trinken. Im Bezirksamte wurde ich von Herrn Eggebrecht freundlich aufgenom men und in den Unterhandlungen mit den Trägern, in der Beschaffung von Lebensmitteln bereitwilligst unterstützt; über Portugal erhielt ich wieder beunruhigende Angaben. Der Agent der deutschen Ost-Afrika Linie aus B e r a war mit seiner Frau bis Kilwa gekommen und erwar tete hier seine weitere Verwendung im Heeresdienste; er konnte mir genauere Auskunft über die Verhältnisse im Süden des Rowuma ertei len. In Kilwa erhielt ich wieder Reutertelegramme und zum ersten 52 Male deutsche Zeitungsausschnitte, die aus Mocambique geschickt worden waren. Es war unmöglich sich ein Bild nach den günstigen deutschen Nachrichten und den höchst ungünstigen Reutertelegrammen zu machen. Sicher waren die letzteren weniger glaubwürdig, aber es war schwer unter ihrem Eindrucke den alten Optimismus zur Geltung zu bringen. Jedenfalls mußte der Marsch nach Süden fortgesetzt werden. Je weiter südwärts, desto eher war der Einbruch der Regenzeit und damit die Gefahr eines Fieberanfalls zu befürchten. Der Arzt von Kilwa riet mir, vorbeugend Chinin zu nehmen; ich habe auch gewis senhaft jede Woche an zwei Tagen je ein Gramm davon eingenommen, so weit der Vorrat reichte. Ich freute mich hier in Kilwa das erste Mal wieder einen richtigen Berg besteigen zu können; die Gattin des Be zirksamtmannes brachte mich liebenswürdigerweise in ihrem Pferde wagen bis zum Klubhause am Singino. Ein wasserreicher Quell mit allerhand Gestein, Quarzit, in anscheinend konkretionären Klumpen mit Pflanzenabdrücken, und Kalke mit Foraminiferen ließen geologisch wich tige Verhältnisse vermuten. Für den Rest des Weges gab ich die Hoffnung den Einradwagen zu benutzen auf und schaffte mir hier eine landesübliche Sänfte (Machilla) an; es ist nichts weiter als eine an einem Tragebaum befestigte Hänge matte; sie ist mir eigentlich lästig gewesen; man liegt ausgestreckt da, kann nur schlecht Umschau halten und ist ziemlich hilflos; auf dem Sa fariwagen und dem Tragstuhle kann man bequem die Karte vergleichen, sogar kurze Notizen machen, alles das ist in der Hängematte nicht mög lich; da aber die Träger alle Augenblicke wechseln können, kommt man in der Machilla sehr schnell vorwärts. Vielfach sind meine Träger mit der Sänfte im Trabe gelaufen. Die Verpflegung der Weißen im Lande machte je weiter südwärts immer mehr Schwierigkeiten; wir mußten uns so manche Genüsse ver sagen und das S e s a m ö 1 bot keinen erfreulichen Ersatz für Butter und Schmalz. Mit Mühe und nur zum Teil konnten wir unsere Vorräte für den Rest des Weges ergänzen. Uebrigens hatten auch die Herren von Kilwa mit einiger Unruhe die englischen Kriegsschiffe vorüberfahren sehen, obwohl der Ort selbst wegen der schwierigen Landungsverhält nisse kaum etwas zu fürchten hatte; an diesem Tage erhielten wir die Nachricht, daß die im Hafen von Daressalam festliegenden und von den Engländern bereits einmal beschlagnahmten Dampfer beschossen worden seien. Kurz vorher war die Telegraphenleitung nach Daressalam ge stört gewesen; Giraffen oder Elefanten bewerkstelligen derartige Unter brechungen nur zu leicht, und doch hatten wir anfangs gefürchtet, krie gerische Ereignisse wären die Ursache. Unsere Träger und übrigen Leute mußten in Kilwa etwas abseits in Negerhütten schlafen, wir konnten sie deshalb am nächsten Morgen \ 53 nicht frühzeitig genug zusammentrommeln, und besonders der Führer Moritz schien in der vergangenen Nacht allzu reichlich sich dem Palm- weingenusse hingegeben zu haben. Schwarze auf seinem Einrade fuhr am 22. mit den Trägern voraus, ich holte sie dann später mit dem Pferdewagen des Bezirksamts leicht ein. In K k o n an der Einengung der Mawudji-Mündungsbucht wurde halt gemacht, und in zwei Segel booten glitten wir langsam über die stille Wasserfläche, hinüber zur Insel Kilwa-Kissiwani. Lauter Gesang tönte aus der Ferne, wie ich hörte ist es eine Trauerfeier für einen verstorbenen Bewohner des Ortes. Wir legten unmittelbar an dem Mauerwerke der Ruinen an, neben dem Häuschen des einzigen Europäers, der sonst daselbst sich aufhält, um Mangrowerinden aufzusammeln und für den Versand vorzu bereiten; wegen des Tanningehaltes sind sie für die Gerbereien wichtig. Mein Zelt stand unmittelbar neben der hohen, an der Kante mit Ausschnitten versehenen Mauer der alten Festung, die von den Portu giesen herrühren soll; andere Ruinen deuten auf noch älteren Ursprung, auf die Zeit der ersten arabisch-persischen Eroberer, der Schirazi. Das halbverfallene Gemäuer war von Gestrüpp überwuchert, Palmen ragten aus den Trümmern hervor, es war eine stille Nacht mit Mondschein und Sternenhimmel; kein Geräusch ringsum, die Leute san gen im Einschlafen eintönige, leise Lieder, die zuletzt zu einem bloßen Summen abklangen. Früh vor Sonnenaufgang war alles mäuschenstill; beim heranbrechenden Morgen erfreute ich mich noch einmal des wun dervollen Bildes der Ruine und ihrer Türme unter den rosig beleuch teten Wolken des Sonnenaufgangs, die sich in der glatten Meeresbucht spiegelten; aber die Luft war zu ruhig für unser Vorhaben; wir mußten wieder nach dem Festlande hinüber und konnten dies nur mit einem Segler erreichen. Ich mietete eine große Dhau, ein dickbauchiges Boot mit einem großen Quersegel, das vor dem Mast hinüber und her über gezogen wird. Auf den Schultern meines A p o t e ließ ich mich durch das niedrige Wasser zur Dhau hinüber tragen. Die Lasten wurden unter einem Mattendache der vorderen Hälfte untergebracht, ich saß hinten, die Leute vorn im Räume oder auf dem Dache. Es regte sich kaum ein Lüftchen. Wir rechneten darauf, daß gegen 8 Uhr die Brise sich erheben würde, aber sie kam ausnahmsweise an diesem Tage nicht, und wir brauchten zu einer Fahrt von etwa 20 km 7 Stun den. Der Ausblick ringsum war begrenzt durch Mangrowewaldungen innen am Saum des Festlandes und außen auf den Inseln, die die Bucht gegen das Meer abschließen; zuweilen ein Tümmler, von weitem einige Reiher, hin und wieder ein Fischerboot mit Netzen. Dann gings noch über Land weiter in anscheinend wohlhabender Gegend bis Pande Mikumbi. Am nächsten Tage gelangten wir bis Mtumbu an der Kiswerebucht, ein malerisches Nest mit 54 Kokoshainen, Negerhütten, Araberhäusern unmittelbar am Strande. Unser Zelt stand neben dem großen wohlgemauerten Hause des arabischen Akiden. Bei ihm zu Gaste wohnte auf der Durchreise Herr M.; er kam aus Portugiesisch-Ostafrika herauf, um nach Kilwa zu gehen, und konnte uns wertvolle Winke für unser Verhalten geben; er reiste ohne Zelt und deswegen mußte er in den Eingeborenen-Häusern Unterkunft suchen. Auch er hatte einen Safariwagen oder vielmehr eine Art Rikscha, die aber für das Land viel zu schwer gebaut war. Am nächsten Tage, dem 25. Oktober, fuhren wir zunächst in drei Segel booten, die zum Teil gerudert werden mußten, quer über die Kiswere- bucht. Kiswere selbst sahen wir nur von weitem liegen. Hier reichen die Hügel bis unmittelbar Meer. Unser Weg geht bergauf, bergab. Zuweilen finde ich Steine mit fossilen Korallen oder auch mit Nummu- liten; nur wenige lese ich auf, ich habe keine Ruhe weiter, weiter ! Der Mbemkurufluß wird überschritten, er gibt unsern schwar zen Trägern Gelegenheit zu einem erfrischenden Bade. Weiter geht es über eine flache Niederung mit viel Wasser, einen See lassen wir rechts; dahinter Höhen mit Busch bestanden, durch die eine eigentümliche gerade Linie hinaufzieht. Unser Weg führt dorthin. Es ist eine Wasser leitung; eine eifrig arbeitende Dampfpumpe hebt das Wasser hinauf auf den Rücken zur Bewässerung der Pflanzung, sie heißt M k o e, ebenso wie der benachbarte See, benannt nach der dort verbreiteten Form einer Borassuspalme. Ausgedehnte, noch immer gut gepflegte Anlagen der Sisalpflan- zungsgesellschaft Südkilwa wurden von uns auf den rechtwinklig sich kreuzenden Wegen durchzogen, ehe wir das Wohnhaus des Leiters erreichten; hier fanden wir bei Herrn Christen und Gattin gastliche Auf nahme. Die Erinnerungen an die Heimat wurden besonders lebhaft aus getauscht, hatte ich doch achtzehn Jahre vorher Gelegenheit, ihren Vater, den Züricher Chemiker A b e 1 j a n z als liebenswürdigen Führer und Reisegefährten im Kaukasus und in Tiflis, seiner Heimat, beim Geologen kongresse in Rußland kennen zu lernen. Die Pflanzung liegt auf einer flach dem Meere zu geneigten Ebene, deren Westkante 148 m über dem Meeresspiegel erreicht; der Boden wird von Roterde gebildet, unter der in wechselnder Tiefe Kalk liegt. Von hier aus schickten wir die Träger voraus, da wir Schwarze und ich 15 km Pflanzungsbahn bis zum Hafen Ruwu benutzen konnten. Die beiden Wagenschieber stießen das Gefährt mit großer Kraft und Geschwindigkeit, hockten bei stärkerem Gefälle hinten an der Kante des Wagens und fuhren unbekümmert um Krümmungen und Unebenheiten der Gleisanlage mit äußerster Beschleu nigung zum Strande hinunter; es ist glücklicherweise gut gegangen. Bei Niedrigwasser marschierten wir gegen Mittag um die Bucht von 55 Mtschinga und rasteten an der Südseite der Bucht; hier ragen die jungen Strandkalke, von der Brandung benagt, etwas höher heraus; eine obere feste Bank bildet das Dach einer mehrere Meter über der Hoch wasserlinie liegenden Höhle. Abgerollte Blöcke dieser festeren Bank finden sich zerstreut am Strande und fallen auf durch die abenteuerlichen Formen ihrer von Verwitterung und Abspülung bearbeiteten Oberfläche. Am nächsten Morgen, dem 27. Oktober, nach zweistündigem Marsche über Gelände der 50 m-Stufe stiegen wir zur Höhe der Sisal- pflanzung Kikwetu an. Die Besichtigung der sehenswerten Anlagen wurde gestört durch die Ankunft einer Kompagnie unserer neugebil deten Kolonialtruppe, die unter Führung von Leutnant Röderer nach dem Norden zog; begleitet von geringem schwarzem Troß, machten die braven Verteidiger unserer Kolonie nach schwerem Marsche eine kurze Rast vor der Duka des indischen Händlers; ein schneller Trunk, dann Führung durch die Fabrik und Weitermarsch. Wir hielten uns nicht länger auf und zogen von der Höhe der Pflanzung den steinigen Ab hang nach dem Tale des Mbanya hinunter, überquerten die Mangrowen- niederung kurz oberhalb der Mündung; ich betrachtete nur kurze Zeit die konglomeratischen Kalksteinbänke mit merkwürdigen Ausspülungs formen und Strandstrudelmühlen und bald darauf erreichten wir um Mit tag L n d i, die Hauptstadt des Südens unserer Kolonie. Lindi. (Abbildung 4.) Lindi ist so übel nicht; infolge seiner Lage an einer weiten, von Kokoswäldern und Felsenrändern umschlossenen Bucht, macht es einen guten Eindruck. Zuerst versuchten wir in dem ein zigen Hotel" des Ortes unterzukommen. Es war zum Teil durch einige Herren vom Militär besetzt; außerdem war eine Anzahl männlicher und weiblicher Mitglieder einer englischen Mission hier zwangsweise unter gebracht. Wichtig für unsere Weiterreise war das Beispiel von Herrn Oberstleutnant Hübner. Er war bei Ausbruch des Krieges auf einem deut schen Schiffe, ging in einem Hafen von Portugiesisch-Ostafrika an Land und gelangte schließlich mit einer Dhau des deutschen Konsulatsver wesers Stuhldreier bei günstigem Monsum in kurzer Zeit von Ibo bis Lindi. Später zog er nach Morogoro, um sich dem Gouver neur zur Verfügung zu stellen. Nach meiner letzten Nachricht, Anfang November, wurde er eingestellt. Auch traf ich hier wieder Stabsarzt Mohn, der mit dem Kronprinz" die Heimreise hatte antreten wol len; auch er war aus Portugiesich-Ostafrika nach Norden zurückge kommen. Lindi selbst kam mir sehr heiß vor, und wir zogen deswegen gern an den Strand, wo wir unsere Zelte im Bereich der erfrischenden 56 Seebrise aufschlugen, dicht neben den Gebäuden der Schule, deren Lei ter Schräge uns bereitwillig beistand. Sehr drollig verhielt sich die kleine farbige Gesellschaft beim Unterricht: größtenteils Negerkinder waren es, aber auch einige mohammedanische luder, Banyanen, einige Araber und mehrere Mischlinge verschiedenster Art. Sie lern ten alle in ihren verschiedenen Klassen gleichzeitig laut und eindringlich lesen, rechnen und sangen deutsche Lieder grade wie es bei uns zu Hause auch geschieht. Wir konnten Herrn Schräges Hilfe sehr wohl brauchen, denn Lebensmittel waren in der Eile nicht mehr zu beschaffen, und wir muß ten froh sein, daß er uns einige Brote auf den Weg mitgeben konnte. Von K 1 w a aus hatten wir einige vorzügliche Waniamwesi- träger mitgenommen, die trotz aller in bestem Einvernehmen getroffenen Vereinbarungen, das anscheinend so anziehende Lindi nicht verlassen wollten. Herr Schräge zwang sie, mit ihm auf die Borna (Bezirks amt) zu gehen, wo man ihnen wegen Kontraktbruches die übliche Strafe androhte. Daraufhin gingen sie willig mit. Bei Bezirksamt mann Wendt holte ich mir Rat und Auskunft wegen meines Weiter marsches. Ich hatte doch den Eindruck, daß in der vorhergehenden Zeit die Portugiesen sich vielfach entgegenkommender gezeigt hatten, sonst hätten kaum soviel Deutsche aus dem Süden in das Schutzgebiet hinein kommen können. In der letzten Zeit allerdings schien sich das gegen seitige Verhältnis der Grenzbehörden getrübt zu haben. Näheres ließ sich nicht in Erfahrung bringen, es blieb mir nichts anderes übrig, als selbst nach dem Süden zu gehen, und dort den Uebergang zu ver suchen. Die Stimmung unter unseren Landsleuten dort war fest und ruhig; jeder war seiner Pflicht bewußt und mit Freuden bereit, dafür einzustehen. Die Nachrichten über die Vorgänge daheim liefen immer spärlicher ein, nur Reuter-Telegramme kamen in ganzen Paketen vom Süden her. Wenn wir sie auch zu deuten wußten, so konnte doch dieser unangenehme Lesestoff wenigstens zeitweilig die Stimmung verderben, bis wie ein Lichtblick aus Morogoro wieder eine günstige Nachricht einlief. Am 29. gebrauchten wir zunächst am Morgen eine Stunde, um über den Lukuledi, den Fluß von Lindi überzusetzen; weiter oberhalb sahen wir den Präsident" von der Ost-Afrikalinie liegen, den die Engländer später beschlagnahmt haben; den Tag über marschierten wir bis S s u d i. Auch dieser Ort liegt an einer buchtartigen Flußmündung und bietet mit seinen Negerhütten, arabischen Häusern und Kokospalmen ein ansprechendes Bild. Wir schlugen das Zelt auf am Strande neben der Borna des arabischen Wali. Im Hause selbst hatte ein deutscher Pflanzer, Markwarth, Unterkunft gefunden, der mit Oberstleutnant 58 H ü b n e r nach Morogoro ziehen wollte. Schon am 29. hatten wir einen Regenguß zu überstehen, am 30. aber marschierten wir vier Stunden in stärkstem Gusse; meine Hängematte konnte ich deswegen nicht benutzen und ich mußte den ganzen Weg zu Fuß marschieren; es ist mir aus gezeichnet bekommen. Mikindani. Mikindani, unser Ziel vom 30. September ist einer der schönsten Orte unseres Küstengebietes; Berge streichen bis zur Meeresbucht aus und die vollbelaubten Bäume scheinen üppiger ge wachsen, bieten frischeres Grün, als ich es auf dem Wege bis hierher gesehen hatte; die Regenzeit machte sich hier schon bemerkbar. Einen großen Vorzug besitzt Mikindani; der Ort hat reiche Quellen mit gutem Wasser, das am Fuße der Berge heraustritt. Es wird gefaßt und eine Leitung führt es in den Ort hinein. Noch vor kurzem lag hier eine ganze Kompagnie deutscher Truppen; sie sind nun abgerückt, aber die vorhandenen Vorräte sind während der Besetzung bedenklich geschwunden. Von den deutschen Bewohnern sind nur noch drei zurückgeblieben: der Vertreter der D. 0. A. G., ein Beamter für Post und Steuer und der Verwalter der Bezirksamtsnebenstelle, Sekre tär Wacht. Die Borna liegt oben auf einer Höhe nahe am Strande und macht einen sehr stattlichen Eindruck. Hier auf dem Grenzposten gegen portugiesisches Gebiet ist ganz besondere Aufmerksamkeit vonnöten. Mit dem Kommandanten von Palma waren alle möglichen Verhandlungen bis kurz vorher gepflogen worden, aber die Aussichten für unsere Weiterreise wurden nicht als günstig angesehen. Die Beziehungen zu Portugal hätten sich nicht gebes sert, hieß es; wir müßten auf Schwierigkeiten, vielleicht auf Zurück weisung gefaßt sein. Im Hintergrunde drohte immer die Möglichkeit einer weiteren Verschärfung wegen der Ereignisse an der Nyassa- grenze und in Angola. Herr Wacht aber war bereit, nach Kräften behilflich zu sein. So übergab er mir ein Bündel Haare vom Schwänze eines Elefanten, die er dem Militärgouverneur von Palma seinerzeit ver sprochen hatte; sie werden in Gold gefaßt häufig zu Armbändern ver wendet; ich sollte das Geschenk überbringen. In den Spei chern der U s a g a r a (Bankabteilung der D. O. A. G.) be trachtete ich mit besonderer Aufmerksamkeit die Vorräte von Kopal, die Herr Wachsmuth aufgesammelt hatte. In der Borna waren uns Gastzimmer eingeräumt worden; in der Nacht hörte ich von Ferne das gleichmäßige Rauschen der Brandung, aber auch das Brüllen eines Löwen, der in unmittelbarer Nachbarschaft des Ortes durch die Büsche über die Hiigel strich. Viel lauter und näher vernahm ich 59 es drei Tage später, als wir uns dem Rowuma näherten, in Tschan gan i. Unser Weg hierher führte nur in der nächsten Nähe von Mi- kindani über hügeliges Gebiet, dann wieder über Flächen mit Busch, zuweilen mit Wald, über sumpfige Strecken, auch einige Male durch Mangrowenniederungen; auf einer wenig höheren Stufe mehrfach Ge strüpp von Dumpalmen und von Büschen einer Phönixart; schweren schwarzen Boden, vom Dampfpflug für Baumwollpflanzungen bearbeitet, fand ich am Rowuma selbst, kurz vor dem Dorfe Mwambu. Den Namen des Pflanzungsbesitzers konnte ich nicht erfahren, er war nicht daheim; die Schwarzen nannten ihn Mbwana K o m p o t". Mein zoologischer Gefährte ließ sich trotz des anstrengenden Tage marsches noch am Abend von ortskundigen Jägern führen; er erlegte ein Warzenschwein und zwei Wasserböcke. Das erstere beglückte unsere heidnischen Waniamwesi; die mohammedanischen Suaheli wür den es nicht genießen. Die Verteilung der beiden großen Antilopen unter die übrigen Träger vollzog sich mit verblüffender Geschwindigkeit. Das Löwengebrüll in der Nacht verursachte einige Aufregung, und unser Moritz erzählte des Morgens als Neuigkeit, daß ein Schläfer, der außer halb seiner Hütte in der Nachbarschaft gelegen hatte, von den Löwen geholt worden wäre; es stellte sich allerdings heraus, daß die Ge schichte ein Jahr vorher passiert war. Unser Uebergang über den Rowuma am 3. November vollzog sich ohne Schwierigkeiten; das Wasser war flach; über einige Lachen wurde ich hinübergetragen und nur jenseits kurz vor dem höheren Ufer, an der südlichen Seite, war etwas Strom vorhanden. Wir kreuzten die Stelle mit zwei Einbäumen; nicht viel weiter oberhalb soll es möglich sein auch ohne Boote den Rowuma zu dieser Jahreszeit zu überqueren; in der Regenzeit mag es natürlich ganz anders sein. Während des Uebersetzens des Gepäckes hatte ich Zeit den Pelikanen und anderen Wasservögeln zuzuschauen, die auf den Sandbänken saßen; ich suchte mit meinem Fernglase von den angeschwemmten Baumstämmen Kro kodile zu unterscheiden, die hier und da zu erkennen waren. Der Fluß sand selbst enthält reichlich feinen Kies mit klaren Quarzen und mond steinartigen Feldspaten. Die flachen Cyanitkörnchen, die ich im Nor den des Schutzgebietes in den Sanden längs der Küste reichlich beobach tet habe, konnte ich hier nicht auffinden. Granat und Titaneisen in Form von feinstem Sande fand sich in eigentümlicher Verteilung auf den vom Flusse verlassenen Uferstrecken. Nach einem Marsche von wenigen Stunden über die niedrige Höhenstufe von 20 25 m, bestanden mit grünem Busch und belebt mit Warzenschweinen, Perlhühnern und Meerkatzen, wurden gegen Mittag die Mangrowensümpfe erreicht, hin ter denen unser Ziel lag, die letzte Station auf deutschem Boden: 60 Kionga. Die D. 0. A. G. hat hier einen Posten eingerichtet, der damals von Herrn Beselin verwaltet wurde. Ein Steuerposten steht in dem inneren Zipfel der von Mangrowen umsäumten Bucht auf einem etwas hervortretenden Punkte; die deutsche Flagge weht dort unter einigen schlanken hochragenden Kokospalmen. Mango und andere laub reiche Bäume bilden den Hintergrund, aus dem die Hütten des Dorfes hervorragen. Schwarze fuhr mit Beselin auf einem Segelboote in den inne ren Winkel der Hauptbucht hinein, hier im Brackwasser des Mündungs gebietes zwischen den Mangrowedickichten soll eine besondere Rasse des Flußpferdes vorkommen. Ich ging nicht mit, ich saß an meinem Tische vor dem Zelte, um Notizen einzutragen und nachzudenken. Mein letzter Brief aus der Heimat stammte vom 29. Juni; ein Telegramm vom 20. Juli hatte mich in Tanga erreicht. Die Telegraphenleitung endet in Mikindani, von dort wurden uns die Nachrichten mit Boten nachge schickt; in Palma jenseits der Grenze ist das andere Ende des Drahtes; wir waren nicht sicher, ob unsere Nachbarn die Telegramme, die sie sich bezahlen ließen, auch wirklich weitergaben. Es war versucht worden eine Dhau aus dem Süden nach Palma zu bestellen, die uns weiter bringen sollte; irgendwo hofften wir einen Küstendampfer zu er reichen, der uns bis zu dem Ausgangspunkte des Europadampfers beför dern könnte. Einstweilen hieß es wieder einmal; Abwarten! Das ist das Schlimmste, dann wird man sich so recht der bedrückenden Schwierig keiten der Lage bewußt; auf dem Wege helfen einem die vielerlei kleinen Sorgen des täglichen Lebens in ihrem überraschenden Wechsel darüber hinweg. Während ich in Gedanken dasaß, erhob sich ein leich ter Wind und es begann ein eigenartiges Rauschen über mir, es waren dürre Wedel der Kokospalmen, die sich loslösten, von Blatt zu Blatt glitten und zu Boden stürzten, nicht ohne Gefahr für Zelt und Umge bung; schleunigst wurde ein Kundiger hinaufgeschickt, der in geeig neter Weise die übrigen locker gewordenen Wedel zum Fallen brachte. Inzwischen waren die Jäger heimgekehrt, die Jagd war ergebnislos ver laufen. Eine genaue Beschreibung der Flußpferdrasse konnten wir nicht erfahren; so klein wie das liberische Zwergflußpferd schien es nicht zu sein.. Die nächsten Tage brachten neue Aufregungen; der Telegraphen bote, der nach Pahna geschickt worden war, kam ohne Antwort, ohne Auskunft, aber auch ohne Geld verspätet zurück. Wie weit die Portu giesen hierbei Schuld hatten, konnte ich nicht übersehen; die erwartete Dhau war dort nicht angelangt. Am 4. November erhielten wir die Nach richt, daß zehn englische Transportdampfer vor Tanga wären, am 5. hieß es: die Engländer sind bei Tanga gelandet, es ist zum Kampfe 61 gekommen, es gab Verwundete und Tote, aber unsere Landsleute hätten den Platz behauptet. Am 8. trafen abschließende Angaben ein: die Engländer seien wieder abgezogen und hätten unverhältnismäßig große Verluste erlitten. Bei der großen Uebermacht müssen unsere Landsleute in Tanga heldenhaft gekämpft haben. Aus der Verlustliste ist mir erinnerlich: Bezirksamtmann Auracher verwundet, Ruck te s c h e 11, der Maler des Kilimandjaro schwer aber nicht lebens gefährlich verwundet. Daß die Engländer bei diesem Kampfe von 8000 Mann 2000 verloren hätten, hörte ich später auf anderem Wege. Für unsere Weiterreise war die Hauptsache, daß Portugal neutral bliebe. Aus den Reutertelegrammen konnte ich keine Ermutigung in diesem Punkte schöpfen; das Verhalten der Behörden in Palma gegen unsere Boten schien nicht einwandfrei gewesen zu sein, und wenn ich auch auf die Aussagen der Eingeborenen keinen Wert legen wollte, so mahnte uns unser Berater Beselin zur Vorsicht. Es schien, als ob man Befürch tungen hegte, die Askaris der portugiesischen Grenzposten könnten sich Uebergriffe erlauben; vielleicht wäre es besser, die Grenze auf dem See wege zu überschreiten und in Palma vor den Augen der Behörden selbst zu landen. In der Seitenbucht von Kionga lag eine abgetakelte Dhau, die einer Handelsgesellschaft des Hinterlandes gehörte. Beselin konnte nicht darüber verfügen; wir wollten mit dieser nach Palma fahren und Beselin verstand sich dazu dies dem Eigentümer gegenüber zu ver treten. Der Dhauführer (Nahosa) wurde in der Nachbarschaft aufge trieben; dieser, ein stattlicher Kerl, Neger mit Araberblut kam anmar schiert barfuß und barhäuptig, aber angetan mit einem deutschen Dra goner-Offiziersmantel mit Achselstücken, der ihm wie angegossen paßte. Die Dhau wurde bei Niedrigwasser ausgeschöpft, die fingerweiten Fugen verstopft und das mangelhafte Segelzeug in Stand gesetzt. Unsere Träger wurden ausgezahlt und entlassen, am nächsten Tage sollte die Fahrt beginnen; da erhoben sich bei Beselin Bedenken über die Zuläs- sigkeit unserer Fahrt. Wir entschlossen uns kein Gewicht darauf zu legen und des Morgens in aller Frühe abzufahren, ehe er sich zeigte. Um 5 Uhr sollten wir abreisen, der Wasserstand hätte es erlaubt, um 3 Uhr weckte ich meine Leute, aber erst um 7 Uhr waren wir mit dem Gepäck und fünf Mann Besatzung an Bord der Dhau. Von unseren Burschen nahmen wir nur Moritz mit; da kam plötzlich der Inder an das Ufer, der dort Verwalter des Zollamtes III. Klasse ist und die Auf sicht über den Hafen hatte; er wollte die Abfahrt nicht erlauben. Das Wasser war tiefer geworden, der Nahosa sprang über Bord, ging an Land, verhandelte mit dem Inder und dem Wali des Dorfes und kam nicht wieder. Nun fuhr Schwarze in einem Einbaum zurück und ver handelte mit Moritz s Hilfe mit den Leuten, aber erst als ich schriftlich die Verantwortung für die Ausfahrt übernahm, schienen die Bedenken 6-2 beseitigt zu sein. Der Dhauführer kam zurück an Bord und wir segel ten gegen 10 Uhr aus der engen Mangrowenbucht in den eigentlichen Hafen hinein. Der Wind war gegen uns, unser Nahosa warf das Segel hinüber und herüber, wir kreuzten im Zickzack, kamen aber nicht aus der Bai heraus, sondern immer weiter zurück. Die eigentümliche Hand habung des Segels schien mir absichtlich zu sein. Wir machten um 12 Uhr Halt und warfen Anker in einer kleinen Mangrowenbucht, die etwas oberhalb von unserem Ausgangspunkte lag; hier erreichte uns der indische Steuerbeamte und brachte einen an mich gerichteten Brief Be selins mit dem ausdrücklichen Befehle nicht abzufahren. Er hatte zugleich nach Mikindani geschrieben, um dort die Erlaubnis für unsere Abreise zu erwirken. Die Entscheidung hierüber konnte auf sich warten lassen; ich wollte so lange nicht bleiben und entschloß mich endgültig den Weg über Land zu nehmen. Mit einem Einbaum gingen Schwarze und ich an Land, das Gepäck wurde bei Niedrigwasser wieder entladen. Unsere Zelte wurden nicht mehr ausgepackt; wir fanden ein Unterkommen in dem aus Lehm erbauten Hause Beselins, dessen karge Mittagsvorräte wir teilten. Er selbst hatte einen leichten Fieberanfall, den er sich in den letzten Tagen bei anstrengenden Märschen zur Beaufsichtigung der Strandposten zugezogen hatte. Von unseren Leuten war der größte Teil der Träger fort, nur Jumbe, der Koch und einige zuverlässige Bur schen waren noch geblieben; sie traten ihre Dienste wieder an. Ein Versuch war fehlgeschlagen, nun sollte der letzte Versuch gewagt werden; ich kam mir vor wie eine Maus in der Falle, die nach allen Ecken läuft, um ein Loch zum Entrinnen zu finden. Um am nächsten Tage den 11. November möglichst früh abmar schieren zu können, hatten wir die Träger, die uns der Wali besorgt hatte, schon am Abend vorher in dessen Hause versammelt, wo sie schlafen mußten; so glückte es kurz vor 6 Uhr des Morgens loszukommen. Gegen Sonnenaufgang ist die Luft am schönsten; die Landschaft bei Kionga ist ansprechend; alles ist grün, Kokos und Mangos treffen wir allenthalben bis zu dem Grenzdorfe auf deutschem Gebiete, Kirondo. Hier ließen wir die Träger zurück, die einstweilen die Zelte aufschlagen sollten. Schwarze hatte seinen Safariwagen bei Beselin gelassen und mußte marschieren, ich ließ mich in der Hängematte tragen; dies besorgten vier Träger, die alle fünf Minuten paarweise abwech selten, Trab liefen und sich durch Gesang anfeuerten. An der Grenz linie hielt uns auf deutscher Seite ein farbiger Grenzposten auf, dem wir unseren Paß, ein schwarzweißrotes Band vorwiesen, dann verschwand er wieder in den Büschen. Der Weg war schmal aber eigens für den Grenzverkehr der Beamten wenigstens streckenweise erkennbar aus gebaut. Ich war sehr gespannt auf die portugiesische Grenzbewachung, vor der wir so gewarnt worden waren, aber die Sache lief ganz fried- 63 lieh ab; der eine von zwei Askaris nahm uns in Empfang und geleitete uns bis zu einem Offiziersposten; er verlangte zwar, ich sollte meine Hängematte verlassen und den Weg zu Fuß gehen; als ich mich aber weigerte, gab er ohne weiteres nach. Eine Stunde harrte ich vor dem Gebäude, in dem der Offizier sich aufhielt, dann erhielten wir Erlaubnis zum Weitermarsch bis zur Borna". Portugiesisch-Ostafrika. Palma. Hier trafen wir den Zivilgouverneur R e s t e 1 h o und den Militärkommandanten Congalves. Mit Hilfe des englischredenden Sekretärs konnten wir uns verständlich machen. Wir wurden durch aus liebenswürdig behandelt; der Kommandeur nahm die Elefantenhaare mit Dank, bedauerte aber das Fehlen der Goldfassung; er teilte uns mit, daß am nächsten Tage, am 12. November ein Regierungsdampfer käme. Obwohl dieser nur militärischen Zwecken diente, würde er an den Gou verneur nach Port-Amelia telegraphieren und anfragen, ob wir^ mit reisen dürften. In meiner ersten Freude wollte ich auf die Antwort warten. Schwarze marschierte einstweilen nach K r o n d o zurück. In Palma selbst war reges Leben, Askaris wurden einexerziert und weiße Soldaten schienen in großer Anzahl versammelt zu sein. Als es Abend wurde, gab ich die Hoffnung für diesen Tag auf und trat eben falls den Rückmarsch an. Am Morgen hatten wir auf unserem Wege durch die Mangrowensümpfe zwischen Kirondo und Palma sehr zu leiden durch die unglaublichen Mengen von Mücken und Tsetsefliegen; jetzt am Abend war es besser. Die Venus leuchtete wundervoll, und über den Sümpfen glimmten tausende von lebhaft fliegenden Glüh würmchen auf. Sorglos überließ ich mich meinen Trägern, die mich sicher durch Sümpfe und Lachen trugen. In dunkler Nacht wurde die Mahlzeit auf deutschem Boden genossen. Am nächsten Tage wurde der Dampfer erwartet; ich wollte keine Zeit versäumen und möglichst früh dort eintreffen. Ich weckte die ganze Gesellschaft um 3 Uhr und fort ging es unbehelligt durch die Posten in die hereinbrechende Dämme rung mit wundervollen Färbungen der Wolken im Osten über dem Meere. Als sich aber dann in Palma weder ein Dampfer zeigte, noch ein Telegramm einlief, suchte ich mir einen etwas erhöhten Platz unter Mangobäumen aus, wo der Wind vom Meere Zugang hatte und die Luft nicht so erstickend heiß war. Die Zelte wurden aufgeschlagen, die Träger aus Kionga entlassen. Endlich am Nachmittag wurde ich zum Kommandanten gerufen, die Antwort war gekommen; es wurde uns ge stattet, mit dem Dampfer L u a b o" südwärts bis I b o , dem nächsten 64 Hafen zu fahren. Dort müßten wir zwei Wochen warten und dann den andern Küstendampfer nach Lourenco Marques benutzen; von dort Ge legenheit zur Heimreise. Also anscheinend komme ich doch durch und zwei Wochen später als ich gerechnet hatte, d. h. erst Mitte Januar heim", so schrieb ich damals in mein Tagebuch. Eins fiel mir auf und wurde mir von allen Freunden bestätigt: die Schwarzen auf portugie sischem Gebiet treten zügelloser, anmaßender auf als im Norden jen seits des Rowuma. Die deutsche Zucht hält sie ausgezeichnet im Zaum und es bekommt ihnen sehr gut. Sie wissen es selbst zu schätzen und sie erkennen den Unterschied zwischen der festen und gerechten Behand lung der Eingeborenen durch die Deutschen und der willkürlichen auf Ausbeutung beruhenden Herrschaft der Portugiesen. Die schwarzen Diener, die der Deutsche auf dem Marsche über die Grenze nach Süden mitnimmt, wissen genau, daß im Portugiesischen körperliche Züch tigung der Burschen nicht gestattet ist. Trotzdessen unterwerfen sie sich in ihrem Gefühle für Gerechtigkeit gern der väterlichen Strafgewalt des weißen Herrn, wenn sie wieder nach Norden zurückziehen. Be zeichnend ist der Ausdruck, den die Suaheli für die Portugiesen haben. Die Suaheli setzen sich selbst in Gegensatz zu den heidnischen Stäm men des Innern, die sie als Schensi" bezeichnen. Die Portugiesen rechnen sie zu den Waschensi wa Uleia": Uleia bedeutet Europa. Inzwischen wirtschafteten wir in unseren Zelten. Die Vorräte waren knapp geworden, die Händler hatten nichts zu verkaufen. Da stellten uns die portugiesischen Beamten in liebenswürdigster Weise was uns fehlte zur Verfügung. Noch einmal erhielt ich Briefe nach geschickt über Kionga. So schrieb mir Dr. Schulze, daß er ebenfalls nach U f o m e gegangen wäre und hier mit Reck zusammen arbeiten könnte. Am letzten Tage hatte der Wind fast Sturmstärke erreicht und des Abends nicht nachgelassen. Ich war zufrieden, daß mir eine Dhaufahrt bei solchem Unwetter erspart geblieben war. Am 13. besorgten wir unser großes Gepäck auf eine Re- gierungsdhau, am 14. sollte die Luabo" kommen, und sie kam. Sie hielt weit draußen in der Bucht; eine halbe Stunde lang segelten wir hinüber. Die Zelte waren abgebrochen, Moritz, Jumbe und unser Koch Abdulla sollten am Strande warten bis wir auch wirklich auf dem Schiffe wären; wir waren immer noch auf Störungen gefaßt. Dann sollten sie nach Mikindani zurückmarschieren. Unsere überflüssigen Geräte hatten wir unter die Burschen verteilt, Tisch und eine Sänfte überließ ich dem freundlichen Sekretär des Kommandanten. Auf der Luabo" waren wir gut aufgehoben. Der erste Offizier sprach Englisch und war als Sohn des Sekretärs der Geologischen Landesan stalt in Lissabon mit meinem Fache und den portugiesischen Fachgenossen vertraut. Gute, reichliche Kost und der portugiesische Tischwein mun- 65 deten uns ausgezeichnet nach langer Zeit des Buschlebens und der Knappheit an vielen angenehmen Dingen. Am 15. fuhren wir draußen im Meere an der Küste entlang nach Süden und des Nachmittags in die weite Bucht hinter der Insel I b o, auf der eine Agentur der Ost afrikalinie liegt. Dort sollten wir nach dem anfänglichen Plane das Schiff verlassen. Alles ringsum nur flaches Land, anscheinend nichts Geologir sches. Die Luabo" ankerte weit draußen; die Offiziere kamen erst spät des Abends zurück; sie hatten ein kleines portugiesisches Kriegs schiff besucht, das weit ab an den Mangrowen vor Anker lag. Briefe, die ich für den Vertreter der Deutsch-Ost-Afrikalinie erhalten hatte, schickte ich durch einen der portugiesischen Gäste unserer Offiziere an Land. Die Reisepläne waren geändert, wir sollten zunächst bis Beira geschafft werden. Am 16. des Mittags liefen wir in die weite Pembabucht ein. Rechts vor uns flaches Land, im Hintergrunde Höhenzüge und Einzel berge mit auffällig steilen Umrißlinien. Links ist die Bucht abgeschlossen durch einen etwa 100 m hohen Rücken mit steilerem Abfalle nach innen. Hier, am Strande, am Abhänge und oben, die Häuser von Port-Amelia. Die Bucht bildet einen ausgezeichneten Hafen, wir konnten zum Ankern nahe an das Land heranfahren. Deutlich waren die Spuren des letzten Wirbelsturmes zu sehen, der den Ort vor kurzer Zeit heim gesucht hatte; abgedeckte Häuser, eingerissene Mauern und an das Land geworfene Boote. Reges militärisches Leben spielte sich vor unseren Augen ab, weiße Truppen waren am Strande tätig, Pferdereiter jagten von einem Uebungsritte nach den Baracken am Strande heim. Schwere Karren, von Ochsen gezogen, fuhren Kriegsmaterial zum Gouverneurs hause, kenntlich durch die Flagge. Ich fragte mich, wozu all dieser militärische Aufwand! In Palma und in Port Amelia müssen es ja Tausende von Soldaten sein. Die Negerstämme im Hinterlande sind wohl immer unruhig; dieses Mal soll, wie ich mehrfach hörte, ein Aufstand in größerem Maßstabe den Portugiesen viel zu schaffen machen. Der Ge danke liegt aber doch sehr nahe, daß die große Zahl der aufgebotenen Truppen weniger dafür und weniger für den Grenzschutz, als vielmehr für eine mögliche Angriffstätigkeit berechnet ist. Unter den Häusern des Abhanges fiel mir eins durch seine feste ruhige Bauart und durch un tadelige Instandhaltung auf; ich dachte wohl, das müsse das deutsche Konsulat sein. An Land wagte ich damals nicht zu gehen; Briefe, die ich mit hatte, gab ich nicht ab. Den Felsenabsturz mit einer deutlichen Folge verschiedener Schichten, oben mehr kalkig, unten mehr tonig, photographierte ich nicht auf den dringenden Rat unseres portugie sischen Freundes. Bei meinem zweiten Besuche in Port Amelia, acht Tage später kam der Vertreter des Hauses Philippi und Konsulatsverweser Stuhldreier an Bord und holte mich zu einem kleinen Spaziergang an G ü r c h, Deutsch-Ostafrika. 5 66 Land ab, wofür ich ihm sehr dankbar war, konnte ich doch bei dieser Gelegenheit Proben von den Kalkbänken oben an der Kante des Rückens schlagen. Es schien mir dort eine schwüle Luft in politischem Sinne zu wehen und die Lage des Konsulatsvertreters ganz besonders schwierig zu sein. Er saß als einziger Deutscher dort in dem großen Hause, das mir schon bei dem ersten Besuche aufgefallen war, und verwal tete die Geschäfte seiner Firma, die an der Küste entlang zahlreiche, wohl nur von Indern geleitete Nebenstellen eingerichtet hat. In letz ter Zeit ist er viel in Anspruch genommen worden; so manch ein Landsmann aus dem Süden wollte nordwärts, um sich in unserer Ko lonie zum Militär zu stellen. Den umgekehrten Weg ist vor mir nur der Sekretär des Deutschen Konsulats in Mombassa gereist. Des Abends verließen wir den Hafen und nun wurde mir mit geteilt, daß wir nicht in B e r a sondern in Mocambique abgesetzt wer den würden. Auf der Fahrt am nächsten Morgen sah ich fern im Lande wieder die steilen schmalen pfeilerartigen Bergklötze, dem Teufels daumen vergleichbar, der uns im Jahre vorher unter den Gletscher bergen Alaskas gezeigt worden war; auch hier konnte ich am Strande dieselben Brandungshohlkehlen erkennen, wie sie an der Küste von Mom bassa bis zum Rowuma so häufig sind. Nach vierzehnstündiger Fahrt kamen wir in Mocambique an und zahlten unseren Fahrpreis; die Dhau in Palma für das Gepäck war uns nicht in Anrechnung gesetzt worden. Mocambique. Auf der Luabo" hatte man uns mitgeteilt, in Mocam bique gäbe es ein Hotel. Ich ging sofort mit Schwarze dort hin, war aber sehr enttäuscht. Es ist ein altes arabisches Haus, un sauber, und keine eigentliche Wirtschaft. Daraufhin suchte ich Rat und Hilfe bei dem deutschen Konsulatsvertreter Schröder, in der Firma Philip pi & Co.; er gab uns einen ausgezeichneten Rat. Schon von der Luabo" aus sahen wir im Hafen zwei Schiffe liegen, es waren der Khalif", ein Frachtdampfer der 0. A.-Linie, und der Ziethen", ein Passagierdampfer, ursprünglich von der H. A.-Linie. Der Ziethen" hatte mit einem Ablösungstransport auf der Heimreise von der Südsee die Königsberg" getroffen, gab dieser die Soldaten ab und zog sich dann nach Mocambique zurück. So liegen die beiden Schiffe hier un tätig, warten auf Frieden und verzehren ihre Vorräte. Der Khalif" hat nur die Mannschaft, der Ziethen" aber noch Fahrgäste, im ganzen wie mir gesagt wurde 250 Mann. Auf diesen Schiffen würden wir Unter kommen finden. Wir holten unser Gepäck aus dem Hotel, nahmen ein Hafenmotorboot und fuhren hinüber zunächst zu dem näherliegenden Khalif", Unterwegs versagte der Motor und wir mußten mit zwei 67 5* Rudern weiterkommen. Der Motorführer war, wie ich später hörte und wie an der Nummer, die er trägt, zu erkennen war, ein Sträfling des por tugiesischen Gefängnisses in der Zitadelle. Anfangs sagte man mir, es wäre der Mörder des früheren portugiesischen Königs, später stellte es sich heraus, daß es nicht dieser, sondern ein gewöhnlicher zweifacher Raubmörder" wäre. Ich fand auf dem Khalif" ein Unterkommen, Schwarze mußte ziemlich weit hinaus zum Ziethen" fahren. Dort ist mehr Raum, mehr Unterhaltung, da mehr Fahrgäste untergebracht sind. Auf dem Khalif" bin ich der einzige, ich habe mehr Ruhe, bessere Ver pflegung und bin dem Strande näher. Die Vorräte der Schiffe gehen auf die Neige und es muß alles mögliche abgegeben werden, um dafür Lebensmittel zu erwerben. Bezahlung wollten beide Schiffe von uns nicht nehmen. Der Aufenthalt auf dem Schiffe war im Gegensatze zum Lande sehr angenehm; 27 Grad im Schatten Und dabei Seewind, am Land 31 Grad und in der Sonne erdrückende Luft. Mocambique liegt auf einer kleinen Insel, das alte Fort nimmt das äußere Ende ein; es enthält die Gefäng nisse. Der Ort selbst besteht aus sauber gestrichenen Häusern mit flachen Dächern. Die Eingeborenenviertel bestehen aus Lehmbuden, sind aber etwas tiefer gelegen und von Mauern eingefriedigt; Palmen und einige Laubbäume schaffen etwas Abwechselung im Bilde. Die Straßen sind reinlich gehalten, billige Arbeit: alles müssen die Sträflinge tun, die frei umherlaufen, aber an ihrer Numerierung kenntlich sind. Ein großes Krankenhaus mit mehreren Aerzten ist wie ich höre gut ein gerichtet. Durch die Insel ist die eigentliche Bucht, der Hafen abge schlossen, das Festland ist nicht weit. Teils besteht es aus Mangrowen- niederungen, teils aus etwas höherem Lande mit Palmen, auch Häuser sieht man da; dort ist der Ausgangspunkt der neu zu bauenden Bahn. Von den Negerdörfern und den Pflanzungen jenseits des Hafens ge langen die Nahrungsmittel nach dem Markte der Stadt. Des Abends und des Morgens fahren zahlreiche Segelboote hinüber und herüber; ich sah manchmal fünfzig Boote gleichzeitig mit ihren schlanken Segeln über die Bucht ziehen, das gibt sehr anziehende Bilder. Der Seewind war außerordentlich kräftig, des Abends früher oder später flaute er ab. Mit Schröders Hilfe schickte ich von hier aus am 21. November ein Telegramm an einen Kopenhagener Freund für die Heimat. Es ist angekommen, wie ich später hörte und war die erste Kunde, die seit Beginn des Krieges von mir in die Heimat gelangt war. Mehrere Tage war ich vollständig in Anspruch genommen durch die ersten deutschen Zeitungen, die ich hier lesen konnte. Die glänzenden Siege anfangs, sie rissen uns hin, aber die schaudervollen Einzelbilder von Löwen und Ostpreußen, sie erfüllten mich mit Teilnahme, mit Grauen und mit Kum mer. Wir rechneten bestimmt darauf, daß all dies Schlimme nur unver- 68 meidliche Zwischenfälle darstellte und daß unsere Sache ohne jeden Zweifel auf das Beste gefördert würde. Zu Ausflügen bin ich nicht gekommen, obwohl mich ein Punkt an der Küste, die nördliche benachbarte Conduciabai sehr lockte. Von hier stammen die schönen Ammoniten, die unser portugiesischer Fach genosse C h o f f a t bearbeitet hat. Im Hofe des Gouverneurs sah icli eine riesige 1 m große S e p t a r e halb durchgebrochen liegen, die ein stattliches Exemplar eines Ammoniten: Pachydiscus conduciae enthält. Zum ersten Male sah ich in Mocambique Fenster der Araberhäuser, die aus reihenweise auf Leisten aufgestellten, etwa handtellergroßen eigenartigen matten Scheiben bestehen: es sind dies dünne aus der Schale der Perlmuttermuschel geschnittene Blätter von rechteckigem Umrisse. Am 22. November kam die Chinde", der andere Küstendampfer vom Süden herauf; sie sollte nordwärts gehen; auf dem Rückwege konnte sie uns nach Lourengo Marques mitnehmen, dort wäre der Hauptdampfer sicher zu treffen. Am nächsten Tage wurde mir mit geteilt, daß es doch nicht so ganz sicher wäre, daß die Chinde" auf der Rückreise Mocambique wieder berührte, deswegen entschloß ich mich auf Schröders Rat schon jetzt auf die Chinde" zu gehen und noch einmal zurück nach Norden zu fahren, um so ganz sicher nach Lourengo Marques zu gelangen. Der Gouverneur, den ich mit Schröder zusam men aufsuchte, erteilte uns die Erlaubnis zur Abreise. Unser Fahrschein wurde in englischem Golde bezahlt; wir nahmen Abschied von unseren Freunden auf den gastlichen Schiffen und fuhren am 23. gegen Abend aus der Bai hinaus nach Norden. In Port Amelia hatte die Chinde" Bretter und Wellblech für die Militärbaracken und sehr viel Nahrungs mittel und Petroleum auszuladen. Glücklicherweise hielt diese rück läufige Bewegung auf meiner Heimreise nicht lange an. Am 27. gingen wir endgültig südwärts, hielten dann draußen vor dem Eingange in die Bucht von Mocambique des Morgens um 5 Uhr noch einen Augenblick um einen portugiesischen Beamten abzusetzen und fuhren dann weiter. Die Ausstattung der Chinde" und die Verpflegung waren ebenso wie auf der Luabo". Die Offiziere verhielten sich nicht so freundlich, sie hatten anscheinend sehr viel mit ihren eignen Angelegenheiten zu tun. Der Steward gab mir portugiesische Zeitungen (0 Seculo), die bis zum 23. November reichten. Die Blätter trieften vor Kriegsbegeisterung; der Leser mußte meinen, jeden Tag könne die Kriegserklärung gegen Deutschland erfolgen, aber es ist nur englische Stimmungsmache, das Getriebe der eigenen Parteien beschäftigt den Portugiesen anscheinend in höherem Maße. Klein gedruckt in irgend einer Ecke standen im Seculo die Berichte der deutschen Heeresleitung. 69 Louren^o Marques. Am 29. November gegen Abend bei einem starken Gewitter liefen wir in die Delagoabai ein. Vom 4. Breitengrad am Kilimand- jaro bis zum 26. an der Delagoabai hatte ich 22 Breitegrade zurück gelegt, davon kommen etwa 6 auf den Landweg. Schon ehe ich mich des Morgens erhoben hatte, kam die Hafenpolizei an Bord, und ich mußte im Schlafanzüge die Angaben über meinen Reiseweg und über meine Person abgeben, man stellte uns aber keine Hindernisse in den Weg. Der deutsche Konsul Dr. Reuter, den wir des Morgens aufgesucht hatten, half uns bereitwilligst im Hafenamte bei der Ord nung unserer Landungspapiere. Er empfahl uns auch das einzige Hotel am Orte, das in deutschen Händen war. Die Lage mitten in der Ge schäftsstadt war nicht angenehm, die Einrichtung einfach, aber die Küche gut; das anspruchsvolle englische Hotel oben auf der Höhe bietet eine vorzügliche Aussicht, aber die Verpflegung soll trotz der doppelt so hohen Preise minder gut sein. Nach der langen Entbeh rung europäischer Annehmlichkeiten bot Lourengo Marques mit Straßenbahnen, Autos, Pferdedroschken, mit geschmackvollen Läden und reichen Auslagen dem entwöhnten Auge höchst angenehme Bilder. Dazu die Speisekarte mit einer Auswahl von Genüssen! deutsches Bier vom Faß und vom Eise hatten wir seit Daressalam nicht mehr genossen. Die Stadt macht einen durchaus tropischen Eindruck; an kühleren Tagen ist die Temperatur des Mittags 27 Grad, war doch damals Sommer dort. An Tagen mit Landwind stieg das Thermometer einigemal bis zu 40 Grad. Des Abends kühlte sich die Luft bemerkbar ab; wiederholt traten starke Regengüsse mit Gewittererscheinungen ein, in kurzer Zeit standen dann die Straßen der Geschäftsviertel unter Wasser. Die Stadt ist durchweg sauber ausgebaut; die Geschäftsstadt liegt im flacheren Teile, sich an den Hafen anschließend. In sanfter Steigung ziehen sich die Straßenzüge nach dem Höhenrücken hin, der 2 km unterhalb des Hafens in steilem Abstürze sich zur Flußmün dung senkt. Dort oben liegen die Villenviertel, Gärten und einige Staatsgebäude. Hier ist es friedlich und still, unten in den Geschäfts vierteln am Hafen herrscht einiges Leben. Augenblicklich während des Krieges soll es allerdings sehr viel ruhiger sein als in der vorher gegangenen Zeit. Die Kaffern eilen nach den Dampfern um Kohlen zu tragen oder sie lungern untätig auf den Straßen am Markte. Der Handel mit den Kaffern ist größtenteils in den Händen der Inder. Eine indische Moschee ist mitten in der Stadt, auch die besseren Läden sind vielfach in indischen Händen, sonst findet man Kaufleute ver schiedenster Staatsangehörigkeit. Unter den Portugiesen sieht man viele, die sich von den Goanesen kaum unterscheiden; alle Farbentöne sind vertreten. Unter den Groß- 70 häusern sind außer englischen und deutschen Firmen auch einige Schweizer Namen sehr bekannt. Der Mittelpunkt des Straßenlebens für den Europäer ist der Platz in der Nähe des Hafens mit einigen Bäumen, einer Konzerthalle und mehreren Kaffees. Von Gärten sind besonders zwei hervorzuheben: ein großer alter Garten zu der Villa gehörig, die seinerzeit für den Präsidenten Krüger vorgesehen war, am Anstieg zur Höhe gelegen. Daneben liegt der neue botanische Garten; nur wenige Jahre alt hat er sich unter der sorgsamen Pflege des Eng länders H o n e y wundervoll entwickelt. Ausgezeichnete Sammlungen von Kakteen, von einigen Palmengattungen und vielen selteneren Pflanzenformen in prächtig gedeihenden Exempjaren sind hier zu einer Gartenanlage von hervorragender landschaftlicher und künstlerischer Wirkung vereinigt; es war mein liebster Aufenthalt in den vielen Stun den unerwünschten Müßigganges. Dem Leiter des Gartens war meine aufmerksame Betrachtung nicht entgangen und mit Stolz zeigte er mir seine besonderen Pfleglinge unter den tropischen Pflanzen. Es ist auch eine Art Museum im Orte vorhanden mit einer mineralogischen Samm lung. Trotz aller Bemühungen ist es mir nur einmal zufällig gelungen dort einzudringen; es sind gute Stücke da, aber es fehlt augenschein lich an einer sachverständigen ordnenden Hand. Um nicht als Spion aufzufallen, vermied ich es Spaziergänge in die Umgegend zu machen, aber einen Punkt habe ich auf die Gefahr hin anzustoßen wiederholt besucht, das sind die steilen Abstürze am Kap Steuben, an deren Fuß der Weg nach Polana, dem Seebade von Lourengo Marques führt. Mit einer Eisenbahn von wenigen Kilometern kann man vom Hafen aus dorthin fahren. Das Seebad bietet einen schönen Sandstrand, sorgfältig angelegte Promenadenwege und eine gute von dort aus hinaufziehende Autostraße. Kleine Häuschen daselbst sind in festen Händen; eines der selben bewohnten deutsche Freunde. Bei Niedrigwasser kamen die flachgelagerten Bänke von Kalksandstein zutage, die stellenweise ganz erfüllt waren von schmalen langen sehr dicken Austernschalen; darüber lockerer Sand und etwas verfestigte Bänke von Kalksandstein mit nur wenigen Schalenresten; über diesen wieder mächtige Rotsande, an deren unterer Grenze lateritisch verfestigte Massen felsenartig hervorragen. Der Rotsand darüber enthält vielfach kleine lateritische Kügelchen und poröse verfestigte Partien, die genau so aussehen, als ob der innere schwammige Teil eines Termitenstockes lateritisiert wäre. Mit Rück sicht auf die militärischen Posten oben an der Höhenkante unterließ ich es, das auffällige geologische Profil zu photographieren. Die fort schreitende Brandung benagte das Gehänge und unten am Strande liegen schon mehrere der großen lateritischen Blöcke von 4 5 m Durchmesser. Der Badestrand von Polana ist eine großzügige Anlage; der Bahn damm hat eine doppelte. Gefahr zu bekämpfen, auf der einen Seite 71 muß er durch eine starke Steinmauer gegen die nagende Brandung geschützt werden, auf der anderen Seite rieselt der Sand den steilen Abhang herab und bei starken Regengüssen mögen viele Kubikmeter davon zugleich mit den roten Lateritklötzen aus dem oberen Teile des Abhanges in Bewegung kommen. Die Züge verkehren regelmäßig; mehrfach war ich der einzige Gast, nur zur Zeit des Geschäftsschlusses ist etwas mehr Leben. Ueberfüllt sind die Züge in den frühen Morgenstunden, in denen die Schuljugend des Ortes kostenlos nach dem Seebade befördert wird. Häufig ging ich auf das deutsche Konsulat; bei meinem ersten Besuche daselbst hatte ich eine schlimme Stunde. Deutsche Zeitungen zeigtet mh Dr. Reuter und daneben einen ganzen Stoß gleichartiger Blätter mit langen Namenreihen, das waren die deutschen Verlustlisten. Die ersten vier Monate des Krieges waren vorüber, ich hatte keine Nachricht, kein Wort über das Ergehen meiner Familie. Viele Stunden konnte ich hier und im Deutschen Klub damit ausfüllen die deutschen Zeitungen zu lesen, Hamburger Blätter, Kriegsnummern, die englische Kriegsausgabe des Fremdenblattes, Mitteilungen aus dem Kolonialinstitut und Schweizer Zeitungen. Aus den vielen Verlusten konnten wir auf die Schwere des Kampfes rückschließen, aber die Nach richten aus unseren Zeitungen und briefliche Mitteilungen aus der Heimat, die die deutschen Freunde am Orte zeigten, ließen die nie vorher im gleichen Maße hervortretende Einmütigkeit zu Hause, die feste Zuversicht und das Vertrauen auf die Führung der Heere erkennen; die Hauptzeitung des Ortes, der Guardian erschien in portugiesischer und englischer Sprache, arbeitete aber durchaus im englischen Dienste und tat sich in dieser Richtung womöglich noch hervor vor den England freund lichen Blättern von Johannesburg, die wir auch täglich erhielten. So wurde die Stimmung ein Spielball zwischen den niederdrückenden Reutertelegrammen und englischer Mache einerseits und den zuversicht lichen aber doch immerhin einen Monat älteren Nachrichten aus der Heimat. Der letzte portugiesische Postdampfer Beira" kam von Europa und ging an der Ostküste nach Norden, wie weit ließ sich nicht sagen; auf seinem Rückwege wollten wir uns ihm anvertrauen. Obwohl sich uns eine Möglichkeit der Heimkehr bot, wollte sich eine rechte Freude nicht einstellen. Die Zukunft lag so unsicher vor mir, die poli tischen Entscheidungen in Lissabon schwankten von Tag zu Tag. Lourengo Marques befand sich unter strengster englischer Kontrolle, der englische Generalkonsul war allmächtig, kein Ausländer durfte ohne seine Erlaubnis von den Schiffslinien aufgenommen werden. Der deut sche Konsul konnte gegen diese Anmaßung nicht ankämpfen. Deutsche Angestellte wurden trotz langjähriger anerkannt wertvollster Tätigkeit 72 auch von portugiesischen Firmen entlassen. All diese Umstände schienen mir die Gewähr einer sicheren Heimreise zu verringern. Im Gastzimmer unseres Hotels am Schänktische trafen sich Gäste verschiedenster Art, darunter auch ein sehr gewandter sprachkundiger deutscher Handwerker, der aus dem englischen Konzentrationslager ent wichen war; später stellte sich ein Schiffsmaschinist ein, dem dasselbe geglückt war; beide erzählten von dem Leben der Gefangenen. An eine Möglichkeit, daß es mir auch so gehen könnte, mochte ich damals nicht glauben. In den Deutschen Klub wurde ich durch den Konsul eingeführt. Ich beteiligte mich gern an den Kegelabenden, aber eine rechte Stim mung schien mir nicht aufkommen zu wollen. Man konnte die Sorgen um Zukunft und Stellung nicht vergessen und doch war mir der Umgang und die Unterhaltung mit so manch einem der ernsten und braven jungen Männer sehr erwünscht und vieles konnte ich dabei über die Lage der portugiesischen Kolonie, über Geschäftsverkehr und die Be ziehungen zu Britisch-Südafrika im Hinterlande erfahren. Die Portu giesen des Ortes verhielten sich damals entschieden unfreundlich gegen die Deutschen, die Geschäfte lagen darnieder. Dazu kam, daß die süd afrikanische Eisenbahnpolitik den Verkehr mit Johannesburg ablenken und nach Durban ziehen wollte. Der Hafen von Lourengo Marques ist geräumig und gut, für Verbesserung der Hafenanlagen soll weiter gesorgt werden. Vier deutsche Schiffe lagen damals darin, darunter der Kron prinz", der mich hinaus gebracht und bei Anbruch des Krieges hier ein Unterkommen gefunden hatte. Die jüngeren Mitglieder der Schiffsbe mannung brannten in ihrem patriotischen Eifer darauf zu entweichen, um den Landsleuten in Deutsch-Ostafrika im Kampfe zu helfen. Wie vielen es gelungen sein mag, ich kann es nicht sagen. Inzwischen wurde die Abreise der Beira" nach Norden immer weiter aufgeschoben; ich hielt das untätige Warten nicht mehr aus und benutzte die Gelegenheit, die mir durch einen neuen Bekannten vermittelt wurde, Ziegeleien an der Eisenbahnlinie in der Nähe der Transvaalgrenze zu besichtigen und womöglich geologisch wichtige Aufschlüsse zu sehen. Die Ziegeleien ruhten, das Geschäft lag ganz darnieder; die beiden deutschen Ver walter lebten auf diesem abgelegenen Außenposten und schienen euro päische Bedürfnisse größtenteils vergessen zu haben. In der Badestube waren drei junge Schakale untergebracht, die sich darin sehr wohl fühlten; für seinen Zweck wird dieser Raum so bald nicht wieder zu benutzen sein. In den Zimmern bewegte sich anderes Getier mehr oder minder frei. Ich bin meinen Gastgebern dort sehr dankbar; sie führten mich die Wege bergauf zwischen Kafferndörfern, Busch und Fels, zu Steinbrüchen in der Nähe der Grenze am Incomatiflusse. Das bekannte Komaati Poort ist die erste Station jenseits der Grenze; hinüber durfte 73 ich nicht; es hieß damals, jeder Deutsche würde von den Engländern sofort in das Konzentrationslager gesteckt. In dem Zuge, der mich nach der Bai zurückführte, waren mehrere Wagen angefüllt mit schwarzen Minenarbeitern, deren Arbeitszeit abgelaufen war und die nun heim reisten. Sie waren mit allerhand europäischem Kram beladen, vor allen auch mit neuer europäischer Kleidung; augenscheinlich hatten sie den größten Teil des erarbeiteten Lohnes noch jenseits der Grenze aus gegeben; sie hatten sich auch gütlich getan und zogen jetzt großen teils schweren Kopfes und unsicheren Ganges von den verschiedenen Bahnstationen nach den heimischen Bergen. Als ich des Abends heimkehrte, saßen meine deutschen Freunde vor dem Schankzimmer unseres Hotels auf dem Bürgersteige und schauten den Vorführungen des indischen Gauklers zu, der auf der Straße vor einer vielköpfigen und vielfarbigen Zuhörerschaft seine Kücken und Schlangen vorführte mit genau denselben Kniffen wie ich es in Suez gesehen hatte. Die Menge stand über die Straße hinüber bis auf einem Brandplatz der nächsten Ecke. Es war erstaunlich, wieviele Brandruinen im Geschäftsviertel zu zählen waren. Die Schaden brände werden wohl nach und nach aufhören, da die Versicherungen sich weigern dafür zu zahlen. Darüber hörte ich meine Freunde reden und zugleich Pläne schmieden für die nunmehr bevorstehende Weihnachts zeit. Ein Pflanzer drüben jenseits des Flusses hatte sich eine Anzahl der jüngeren Herren zum Weihnachtsabend eingeladen. Bei meiner Aus reise hatte ich bestimmt darauf gerechnet, zum Weihnachtsfest wieder zu Hause zu sein. Während des Marsches über Land überrechnete ich mir täglich die Wegelängen und die Zeitdauer in der Hoffnung mein Ziel zu erreichen. Die Verspätung und immer weitere Verzögerung der B e r a" machte die Hoffnung zu nichte. Ich mußte die voraussicht liche Ankunft des Schiffes in Lissabon auf immer spätere Zeiten ver legen. Mein Reisegefährte Schwarze hatte inzwischen zwei leichte Fieberanfälle gehabt; er hatte entgegen dem Rate unseres Arztes in Kilwa einige Male das Chinin ausgesetzt; das schien sich doch zu be strafen. Es kamen auch sonst in Lourengo Marques zu dieser Zeit untex den Deutschen einige leichte Fieberanfälle vor. Ich habe Chinin noch zwei Monate lang gebraucht und bin vom Fieber ganz verschont ge blieben. Endlich wurde die Rückkehr der Beira" aus dem Norden gemeldet. Die portugiesische Linie wollte uns die Abfahrt nicht ohne schriftliche Erlaubnis des englischen Generalkonsuls gestatten und Dr. Reuter gab mir deswegen ein Empfehlungsschreiben an seinen eng lischen Kollegen, der uns daraufhin in verbindlicher Form empfing und Schwarze und mir schriftlich bestätigte, daß er keine Einwendung gegen unsere Abreise mit der Beira" habe. Nun mußten wir unser englisches Gold in portugiesisches Papier umwechseln und einen Fahrschein er- 74 stehen. Sehr ungünstig erschien es mir für unsere Aussicht in Kapstadt durchzukommen, daß ein jüngerer Kaufmann aus B e r a , der ursprüng lich nach Deutsch-Ost hatte gehen wollen sich auf einmal entschloß, zugleich mit uns nach Lissabon zu fahren. Er war militärpflichtig, ihn würden die Engländer nicht durchlassen, und dadurch wuchs auch die Gefahr für uns beide ältere Leute, die wir zugleich auf dem Schiffe waren. Ich wollte nichts mehr ändern; einen weiteren Monat auf den nächsten Postdampfer zu warten, dazu reichte meine Geduld nicht aus, es konnte ja auch dann noch schlimmer werden. Bei all diesen Ent schließungen und der damit verbundenen Aufregung wurden die Zeitungs nachrichten mit Eifer verfolgt. Der Fortgang des Krieges benahm einem den Atem. Am 20. Dezember Nachricht von der Beschießung der eng lischen Ostküste durch deutsche Schiffe! Am gleichen Abend: Ein ent scheidender großer Sieg über die Russen, am 21.: 13 deutsche Schiffe gegen 6 englische Schiffe in der Nordsee verloren; dabei wußte ich meinen Sohn bei der Marine. Das furchtbare Ungewisse ist es, was am meisten angreift. Am 21. Dezember ging es an Bord der Beira", die Abfahrt erfolgte aber erst am 22. des Morgens. Es ging der Küste entlang, vielfach so nahe, daß ich die Berge, die Ortschaften erkennen konnte; aber die Beira" ist kein angenehmes Schiff. Früher hieß sie Herzog" als sie der Ost-Afrikalinie angehörte. Sie war meinen später gewonnenen seemännischen Freunden wohlbekannt. Das Schiff rollte außerordentlich stark; die See war unruhig und der Weg um das Kap hat immer seine Schwierigkeiten. In der 1. Klasse waren wir nur etwa zwölf Gäste, außer uns beiden lauter liebenswürdig erscheinende Por tugiesen. Am Heiligen Abend fand eine Art kleiner Feier statt, zu der wir von den Portugiesen geladen wurden; sogar Reden wurden ge halten, es war von paz u n v e r s e 1" die Rede. Die allzu eifrigen Beteuerungen von Kriegslust und Kriegsbereitschaft in den portugie sischen Zeitungen schienen mir nicht übereinzustimmen mit dem, was ich von gebildeten Portugiesen hörte. Britisch-Südafrika. Kapstadt. Am 26. des Morgens, am zweiten Weihnachtsfeiertage, liefen wir in die Tafelbai vor Kapstadt ein. Hier war ruhiges Wasser, hier konnte ich mit demselben Entzücken, wie 27 Jahre vor her bei meiner ersten Südafrika-Reise, den wundervollen Rundblick über die Tafelbai, über Kapstadt selbst, den Tafelberg im Hintergrunde und die beiden seitlichen Pfeiler, den Löwenkopf rechts, und den Teufels berg links genießen. Ich saß jetzt im Rauchzimmer, schaute nach den Bergen hinaus und schrieb in mein Tagebuch: Wie schade, an Land 75 darf ich nicht, da werde ich eingesperrt; hier an Bord scheinen uns die Engländer in Frieden lassen zu wollen." Kaum hatte ich das geschrieben, da kam um 8 Uhr ein Beamter der Einwanderungspolizei an Bord, nahm die Angaben über unsere Verhältnisse auf und verschwand wieder. Schon dachte ich, es wäre alles überstanden, da kam er gegen \.2 l h Uhr mit einem andern Beamten der Polizei wieder, und wir drei Deutscheil wurden in Gegenwart des Kapitäns in einem geschlossenen Raüme noch einmal vernommen. Wohl um uns zu verblüffen, erzählte der Beamte, zwischen Portugal und Deutschland wäre Krieg, er müsse uns zurück halten. Ich wollte es nicht glauben, denn in den Zeitungen hatte davon noch nichts gestanden; eine entsprechende Notiz erschien in der Tat erst zwei Tage später. Ich wandte ein, daß ein Kriegszustand zwischen Portugal und Deutschland ihm nicht das Recht gäbe gegen uns vorzu gehen; das gab er zu, erklärte aber, er müsse uns zurückhalten, er hätte den Auftrag, Salle Deutschen ohne jeden Unterschied zurückzuhalten, weder unser Alter noch unsere wissenschaftliche Tätigkeit nützte uns irgend etwas. Ich wandte mich an den Kapitän, der zuckte die Achseln und machte kein sehr geistreiches Gesicht. Es war alles vorbei! Bis um 2 Uhr sollten wir fertig sein, dann würden wir geholt werden. Ich kann nicht leugnen, ich war sehr unglücklich, und der Frost schüttelte mich wie im Fieber; in aller Eile wurde gepackt; eine ganz kurze Mit teilung an meine Frau, auf einer Visitenkarte, im Briefumschlag ver schlossen, übergab ich dem Ober-Steward für die Post; er hat sie auch wirklich besorgt. Inzwischen gab es Frühstück; ich hatte mich wieder beruhigt und genoß die Henkersmahlzeit. Zur bestimmten Stunde erschien ein anderer Polizeibeamter, der begleitet von einem Polizisten mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett uns drei Deutsche und unser Gepäck auf zwei Cabs verlud und nach den Baracken der Einwanderungs polizei brachte. Ein Tor in hohen Wellblechzäunen öffnete sich uns, ein Wächter blieb bei uns, die Tore wurden wieder verriegelt. Wir waren einge schlossen, ich das erste Mal wieder seit meinem Arrest in der Quarta des heimischen Gymnasiums. Tausend Gedanken schwirrten mir durch den Kopf; ich wollte mich sofort an den amerikanischen Konsul wenden, ich dachte an den mir von früher her wohlbekannten Professor Daniel Hahn, alle wollte ich sprechen! Sollte ich nicht heimreisen können, so möchte ich wenigstens in Kapstadt bleiben; hier gibt es Sammlungen, Bibliotheken, Fachgenossen und den Tafelberg! Unsere Wächter wech selten ab, sie waren nicht unnett. Meine Bitten wurden anscheinend freundlich entgegengenommen, aber nicht erfüllt. Es wurde mir klar, daß wir nur der Feiertage wegen vorläufig in Kapstadt gehalten wurden. Unser Schlafraum befand sich in einem Wellblechhause, dessen Innenseite mit Holz verschalt war, es war also leidlich kühl. Der 76 Wohnraum unserer Wächter war von gleicher Beschaffenheit, einige schlechtere Baracken waren unbewohnt. Der ganze Raum, etwa 50 m weit war von hohen Wellblechzäunen umschlossen, der Tafelberg im strahlenden Glänze der Sommersonne war aber doch zu sehen. Die Mahlzeiten nahmen wir gemeinschaftlich in einer kleinen Kaffeewirt schaft in der Stadt ein; unser Wächter führte uns dorthin und setzte sich an einen Nebentisch; 2 1 h Schilling für den Mann und für den Tag konnte von ihm verausgabt werden, ein Mehr bezahlten wir selbst. Durch einige Umwege sorgte unser Wächter für Abwechselung. In der Stadt herrschte reges Feiertagsleben; Autos, Omnibusse, Straßenbahnen, alles voller vergnügter übermütiger lachender Menschen in allen Hautfarben und dazwischendurch wir drei Häftlinge mit unserem Wächter. Unser Gefängnis befand sich unmittelbar neben den Wellblechbaracken, in denen die Kaffern für die Hafenarbeiten usw. untergebracht wurden. Auf unserem Wege zu den Mahlzeiten begegneten wir ganzen Trupps dieser oft angetrunkenen Gesellen. Am dritten Tage, Montag den 28. stellte es sich heraus, daß alle Versuche jemand zu sprechen vergeblich waren. Nachmittags um 4 Uhr erschien ein Zivilpolizist in unserem Gefängnis, fünf Minuten Zeit ließ er uns zum Packen wir sollten zur Bahn geschafft werden. Erst dadurch wurde uns endgültig klar, daß wir nach Pietermaritzburg ge bracht werden sollten. Unser Gepäck ging $b, um 7 1 Uhr wurden wir im Auto zur Polizeistation gebracht. Hier gesellte sich ein anderer Polizist mit aufgepflanztem Bajonett zu uns, setzte sich auf den Vorder sitz und fort ging es durch die belebtesten Straßen nach dem Bahn hofe. Gleichzeitig wurden der Kapitän, ein Offizier und ein Leichtmatrose von einem beschlagnahmten Segler in ähnlicher Begleitung eben dorthin geschafft; sie hatten schon lange in Simonstown im Gefängnis gelegen, auf Holzpritschen neben schwarzen betrunkenen Häftlingen. Das erste Mal mußte ich die üble Lage auskosten, auf einem Teile des Bahn steiges neben den bewaffneten Polizisten stundenlang vor dem vorbei flutenden Publikum zu stehen und zu warten bis die Zeit an uns ge kommen war. Wir fuhren 2. Klasse, nur der Kapitän hatte das Anrecht auf erste Klasse. Zu vier Mann waren wir in einem Abteil unterge bracht, neben uns schliefen drei Polizeisergeanten mit ihren Waffen. Den größten Teil des Tages waren sie mit der Vertilgung verschiedener Flaschen Brandy beschäftigt und infolgedessen meist in guter Stimmung, wozu die Beteiligung und die gute Laune unserer Seeleute viel beitrug. Lästig wurden sie uns nur, wenn sie nachts allzu häufig und geräusch voll in unser Abteil kamen, Licht andrehten und unsere Decken lüfteten, um sich zu überzeugen, daß wir nicht ausgebrochen waren. Auch bei dem kürzesten Besuche des Bahnsteiges, um Zigaretten oder Zeitungen zu kaufen begleitete mich immer einer dieser pflichtbewußten Beamten. 77 So waren wir 68 Stunden unterwegs; die Fahrt ging über De Aar Junc- tion, Bloemfontein, Ladysmith nach Pietermaritzburg. Die Mahlzeiten nahmen wir zuerst in unserm Abteil, später im Speisewagen ein. Sie wurden uns auf Regierungskosten zu einem billigeren Satze geliefert, in geringer Auswahl und ohne Mundtücher; Getränke durften wir neh men, mußten sie aber selbst bezahlen. Unterwegs fanden wir viel Teilnahme; mehrfach kamen auf den Stationen oder während der Fahrt burische Herren oder Damen an uns heran, drückten uns ihr Bedauern aus über unser Mißgeschick und brachten uns Zeitungen. Ein kleines Ereignis löste bei uns einige Heiterkeit aus; einer der Seeleute war mit einem Polizisten auf einer Eisenbahnstation ausgestiegen, um an dem Schanktische die beliebte Tätigkeit des Trinkens fortzusetzen; bei der Abfahrt des Zuges konnten sie sich aber nicht schnell genug wieder ein finden und blieben sitzen, der Polizist in Hemdsärmeln ohne Waffenrock. Der Zug hielt nicht, der Beamte mußte sich der Orts behörde stellen, wurde abgelöst und unser Freund kam in anderer Be gleitung 48 Stunden später als wir am Ziele an. Ich bedauerte außerordentlich während der Fahrt keinerlei Karten bei mir zu haben; auf diesen Teil der Reise war ich ja gar nicht vorbereitet. Wieviele geologisch wichtige Einschnitte, wieviele eigen artige Landschaftsbilder habe ich unterwegs gesehen, aber auch große Strecken ohne landschaftliche Reize wurden durchfahren. Am anspre chendsten war die Strecke auf der Grenze zwischen dem Freistaat und Natal, dort wo die Bahn durch den Rand der inneren Hochfläche hin überführte in den gebirgsartig zerteilten Abhang zum Meere. Die Gegend bei Ficksburg und Modderpoort schien mir die landschaftlich schönste zu sein. Besonders der Abstieg nach Pietermaritzburg bot in reichlichen Krümmungen immer wieder neue Ausblicke auf die Stadt, unser Reiseziel. Wenngleich so meine Stimmung durch die eigenartige unangenehme Zwangslage in höchstem Maße niedergedrückt war, so war ich wenigstens am Tage mit dem Ausblick auf die Geologie der Umgebung ausreichend beschäftigt und das Trübselige des Augenblicks konnte dadurch gemildert werden. Inzwischen mußte meine letzte Nachricht aus Lourengo Marques in der Heimat Hoffnung auf meine Rückkehr hervorgerufen haben, die durch meine Gefangennehmung vernichtet wurde. Da ich nicht heim konnte, überlegte ich mir, was das Beste für mich gewesen wäre: bis zum Frieden zu warten in D. 0. A. mit den Nachteilen der Regen zeit, der Fiebergefahr, Knappheit an Vorräten usw., oder in Lourengo Marques, wo das Klima nur wenig besser war, dabei aber die politische Unzuverlässigkeit der Portugiesen die Lage erschwerte, oder in Pieter maritzburg; die Zukunft belehrte mich, daß das letztere in der Tat das beste für mich war. 78 Vom Bahnhofe wurde das Gepäck mit Wagen nach Fort Napier gebracht. Wir mußten die Strecke zu Fuß gehen, natürlich unter der Führung unserer Polizisten. Allenthalben ging es durch Wellblech zäune und Stacheldrahtverhaue. Zuerst zur Kommandantur, wo wir zum vierten Male eingetragen wurden, diesmal als Kriegsgefangene". Im Gefangenenlager zu Pietermaritzburg. Schon vom Eisenbahnzuge aus waren mir die von Well blechzäunen umschlossenen Teile des Höhenrückens oberhalb des Bahnhofes und die erhöhten Ausgucke bewaffneter Wächter aufgefallen. Wir gelangten an ein Wellblechtor, meine Koffer wurden noch einmal untersucht, Zeißfeldglas, zwei photographi sche Apparate, elektrische Taschenlampen und mein großer geolo gischer Hammer (meinen kleinen ließ man mir) wurden abgenommen und in Verwahrung gegeben. Das englische Geld hatte ich schon vorher auf der Kommandantur gegen Quittung abgeben müssen; auf Verlangen konnte ich mir in der Woche 5 Pfund Sterling auszahlen lassen; das deutsche ließ man mir. Nun öffneten sich die Tore, die hinter uns wieder geschlossen wurden; ein zweites Stacheldrahttor tat sich auf, und wir waren am Ziele, im Gefangenenlager. Vor uns ein weiter Platz, im Hintergründe Baracken. Mehrere Hundert hemdärmelige oder noch weniger bekleidete Leute wandelten in Gruppen in der Frische der Abendluft. Alle kamen uns entgegen, teils höhnisch johlend, neugierig fragend oder gutmütig grüßend. Die ganze Gesellschaft kam mir sehr aufgeregt vor und ich in meiner trübseligen Stimmung hatte etwa den Eindruck in ein Tollhaus zu kommen. Das ging aber schnell vorüber; die ersten Worte wurden gewechselt, wir konnten wieder deutsch reden! Kräftige Fäuste halfen uns unser Gepäck hinunter tragen zu der uns angewiesenen Baracke. Das war der letzte Tag im Jahre 1914! . Mir wurde eine weite Halle in einem güterschuppenähnlichen Gebäude angewiesen, wo ich mit etwa 100 Leidensgefährten schlafen sollte; es war aber Sylvesterabend und an Ruhe nicht zu denken. Um 10 Uhr wurden die Lichter gelöscht (ein Gesuch um längere Beleuchtung war abgelehnt worden), aber ausnahmsweise gab es heute am Abend noch einmal Kaffee und Privatgebäck; dann begann ein unglaublicher Sylversterrummel: Maskerade und Tanz in den Hallen. Beim Verlöschen der Lichter wurde das Schreien und Lärmen lauter und zügelloser; die Wellblechwände wurden mit Knüppeln geschlagen und eine eigenartige ohrenzerreißende Musik mit Wellblechinstrumenten veranstaltet, dazu Umzüge und Vorführungen in all den einzelnen Baracken. Der letzte Umzug tobte um 12 Uhr, dann auf einmal wurde es ruhiger; aus einem Nachbargebäude ertönte Männergesang: Dies ist der Tag de^ Herrn" 79 gar nicht übel gesungen. Dann war es still, ganz still und finster. Das war der Anfang des Jahres 1915. Auf meinem ungewohnten Lager malte ich mir während der ersten Nacht meine Kümmernisse und Sorgen aus, und es kam mir alles gering vor im Vergleiche zu dem, was wir aus den Kriegsberichten von unsern braven Soldaten im Feuer und in den Schützengräben bei Schnee und Eis, von den armen Leuten in Ostpreußen, deren Heimat verwüstet worden war, gelesen hatten. Nur ganz leise tauchte die Besorgnis auf, daß auch das Gefangenenlager kein dauernder Schutz sein könnte, daß bei der Erbitterung des Kampfes in der Heimat auch hier im Lande Ereignisse eintreten könnten, die unsere Sicherheit gefährdeten. Das Fort Napier besteht aus einer Reihe kasernenartiger Bauten auf einem schmalen Höhenrücken, der sich zur Stadt Pietermaritzburg in mehreren Absätzen hinabzieht; dort etwa wo er an die höheren Ge- birgsteile anstößt, überschreitet die Bahnlinie, die wir herabgekommen waren, die obere Ansatzstelle dieses Rückens. Die Bahnlinie zieht sich an dessen flacherem inneren Abhänge hinab bis zur Station, die am unteren Ende des Rückens erbaut ist. Auf der Höhe befinden sich die Gefangenenlager. Das meinige, Kamp III, war das höchst gelegene. Die Wellblechzäune umschließen einen Raum von etwa 500 m Länge und Breite, der sich nach Süd-Ost etwas bergab erstreckt. Ueber die Well blechzäune hinüber nach Norden erblicken wir den gebirgsartig aus sehenden Abfall der nächst höheren Stufe des inneren Hochlandes, ein Tal voll grüner Baumbestände ist darin eingesenkt, wir können es mit unseren Blicken aufwärts verfolgen. Die Eisenbahn windet sich in Schlangenlinien zwischen den Hügeln, bald auf den Höhenrücken tal wärts vorgreifend, bald in den dicht bewachsenen Schluchten verschwin dend, in diesem Tale bis zur Kante des Abfalles empor. Auf der halben Höhe lugen aus den grünen Wäldern die hellen Gebäude der Station und die Villen von Sweetwaters hervor. Im Hintergrunde krönt der höchste Berg der Umgebung, der Zwartkop, mit seinem tafelbergartigen Umrisse das Landschaftsbild. Nach Süd-Ost überblickten wir die süd lichen Vororte von Pietermaritzburg mit der Universität und die Höhen, die den Horizont gegen das Meer hin abschließen; wie oft stand ich oben im Lager und schaute den weißen Dampfwolken der Lokomotive nach, die dort den Paß erklomm, um dann in einer Fahrt von wenigen Stunden bergab zum Meere nach Durban zu gelangen der nächste Weg zu einem Hafen. Der Ausblick auf die Stadt selbst, die in der Fortsetzung des Höhenrückens liegt, war uns verdeckt. Unser Lager bestand aus drei Reihen von Baracken, die durch zwei Wege getrennt waren; die unsrige war hoch und geräumig, ein Ziegelbau mit Zement fußboden; die Außenwand grenzte an das Gelände des Fort Napier, das durch zwei weitere Stacheldrahtzäune gegen die Außenwelt abge- 80 schlössen war. Die beiden anderen Reihen bestanden aus einfachen Wellblechhäusern mit Bretterfußboden; sie waren den Schwankungen der Temperatur in viel höherem Maße ausgesetzt als die unsrige. Der Weg vor unserer Baracke mit Fahrstraße und Bürgersteig war durch ein Straßenschild von unseren humorvollen Leidensgefährten als Ber linerstraße" bezeichnet worden. Später wurde unser Gebiet nach Süden erweitert und eine Gruppe von einigen Bäumen in unsere Umzäunung einbegriffen; es war unser Grunewald". Die Art der Unterbringung war zu meiner Zeit leidlich; früher, ehe die ganze Einrichtung so recht in Gang kam, muß vieles erbärmlich gewesen sein, nach den Erzählungen der seit Beginn der Gefangenschaft dort untergebrachten Leidens gefährten. Zum Schlafen erhielten wir einen zweiteiligen Rahmen von Bandeisen, auf dem die aus drei Polstern bestehenden Matratzen aus gebreitet wurden; am Tage wurden sie zusammengeschoben. Ein viertes Matratzenkissen diente als Kopfunterlage; zwei wollene Decken wurden uns geliefert. Mit Segelleinen überzogene, mit bockartigem Gestelle versehene Feldbetten konnten käuflich erworben werden; sie boten eine weichere Unterlage und einen größeren Abstand von dem zementierten Fußboden. Zur Beleuchtung dienten außerhalb der Ge bäude elektrische Bogenlampen auf Masten, im Innern aufgehängte Glühlampen. Das alles wurde später noch besser, indem die Tische einzeln beleuchtet werden konnten. In meiner Halle lagen die Betten mit je etwa V* m Abstand in vier Reihen, im ganzen etwa 100. Um Punkt 7 Uhr Morgens war Meldung. Es galt rechtzeitig außerhalb der Baracken anzutreten vor dem die Aufsicht führenden Offizier oder Sergeanten der Bewachungsmannschaft. Fehlte einer der Korporalschaft, so konnte es vorkommen, daß die ganze Gesellschaft stehend warten mußte bis der Offizier die Runde bei den übrigen Baracken herumgegangen war und zum zweiten Male zur Meldung zurückkam. Das gab natürlicherweise jedesmal Ursache zu Auf regungen, mehr oder minder scherz- oder ernsthaften Vorwürfen von Seiten der zum Stillestehen verurteilten Kameraden, die später auch Strafen wie Kartoffelschälen verhängten. Sofort nach der Meldung be gann die morgendliche Reinigung der Räume, die bis zum Frühstück er ledigt sein mußte. Wir waren in Tischgemeinschaften oder Korporal schaften eingeteilt; ein selbst gewählter Korporal hatte unsere Interessen zu vertreten. Jede Bude wählte einen Barackenkapitän und wir alle zusammen einen Lagerhauptmann. Alle Wahlen und Beratungen dazu wurden mit großem Ernst betrieben und bildeten einen wesentlichen Teil unserer Beschäftigung. Zum Waschen waren besondere Baracken ein gerichtet, wo Tische mit Wasserzuleitungshähnen und metallenen Waschbecken Gelegenheit für etwa 16 Mann gleichzeitig boten. Da neben waren besondere Räume mit Duscheinrichtungen; das Wasser 81 floß reichlich, war erfrischend und bildete einen Hauptvorzug des Lagers in Pietermaritzburg; es wurde auch viel getrunken und obwohl es nicht frei von organischen Bestandteilen war, scheinen Gesundheitsstörungen durch das Wasser, so weit ich es bemerken konnte, nicht eingetreten zu sein. Trompetensignale riefen des Morgens zur Meldung und nach her zum Essenholen für das Frühstück und die anderen Mahlzeiten. Alle Arbeiten waren verteilt, das Reinigen der Schlafräume, das Einholen der Mahlzeiten und das Säubern der Eßgefäße. Des Morgens kam in großen metallenen zweihändigen Schüsseln Kaffee, ferner Butter für den Tag, Brote, von Zeit zu Zeit Fruchtmus oder Käse; drei Mal in der Woche gab es auch Maisbrei. Die Wirtschaftsgebäude lagen außen am Wellblechzaune und durch eine Klapptür wurden, nach Oeffnung der Stacheldrahttore davor, die gefüllten Gefäße nach dem Innern gereicht. Eßgeräte, Emailleteller und Henkeltöpfchen, Messer, Gabel und Löffel mußte man sich in der Kantine kaufen. Die Kaffeebottiche wurden vor die Tische auf den Boden gestellt, reihenweise trat man an und schöpfte sich das edle Naß mit dem Henkeltöpfchen heraus. Bei dem weiten Wege in die Baracken und bei der Art der Verteilung waren Ver unreinigungen der Speisen nur zu leicht möglich. Auch brauchte ich erst einige Uebung, um zu wissen, ob es Kaffee oder Tee war. Wir einigten uns später dahin nach der Farbe zu urteilen, Kaffee war das dunklere Getränk. Später konnte man sich auch besseres Geschirr kaufen, das eine leichtere Reinigung ermöglichte. Zu Mittag gab es anfangs fast ausschließlich eine Art Stew, braune Suppe oder Tunke mit gekochten Fleischstücken, Kartoffeln und Kohl, wenig schmackhaft zubereitet. Das war für mich anfangs kaum zu essen; es wurde aber später besser dadurch, daß berufsmäßige Köche unter den Kameraden von uns ausgewählt wurden, die die Bedienungsmannschaft in der Küche unterstützen durften; sie waren auf möglichst sachgemäße Zubereitung der gelieferten Rohstoffe bedacht und sorgten namentlich auch für Ab wechselung. Des Abends um 5 Uhr gab es noch einmal Tee; Brot und Käse oder Fruchtmus vom Tagesvorräte konnte dazu verzehrt werden. Auch das Brot war anfangs kaum genießbar, nach wieder holten Beschwerden unsrerseits aber hatten wir etwa im Februar 1915 ganz leidliches weißes und auch graues Brot. Einige von uns älteren Leuten beteiligten sich nicht an den allge meinen Arbeiten, es fanden sich immer hilfsbereite Kräfte, die die Gele genheit zu einer kleinen Einnahmequelle wahrnahmen. So verpflichtete ich mir einen Schlachter, der in seiner Jugend nach der Kapfläche ein gewandert war. Er war mit rührender Sorgfalt für mein Essen und die Reinhaltung meines Zeuges bedacht. Zugleich erfreute er uns durch einen ganz eigenartigen, kräftigen und nie versiegenden Humor. Die Erinnerung an Freund Heins wird immer mit meinen Gedanken an das G ü r c h, Deutsch-Ostafrika. 6 82 Lagerleben verknüpft bleiben. Im Laufe der Zeit eröffneten findige Köpfe Küchenwirtschaften in eigenem Betriebe. Alte Wellblechstücke, Ofenröhre, Ziegelsteine fanden sich im Schutte; daraus wurden Oefen der verschiedensten Art gebaut. Die Rohstoffe für die Küche lieferte die Kantine. Unternehmer, die mit Geld eintraten, und Köche, Schlachter oder Bäcker fanden sich zusammen. So konnte man bei saftig gebra tenem Lendenstücke und gutem Büchsengemüse die Kohlsuppe der Ge fangenenkost vergessen. Kaffee und Tee wurden zu jeder gewünsch ten Zeit geliefert; Milch und Eier kamen des Morgens; knusprige Hörn chen, so gut wie in Dresden, ausgezeichnete Wurst, das waren Ge nüsse, die man sich für Geld verschaffen konnte. Ausrufer liefen durch die Baracken und die Heißen Berliner", im Wettbewerb von ver schiedenen Bäckern in Kamp angeboten, werden uns wohl in Er innerung bleiben. Als unsere Gartenanlagen weiter fortgeschritten waren, lieferten sie frischen Salat, Tomaten und Gemüse. Viele unserer Kameraden konnten sich Vorräte von ihren Farmen oder von Freunden aus Johannisburg schicken lassen. Späterhin wurden derartige Sen dungen beim Eintritte in das Lager peinlich untersucht und z. B. Brote zerschnitten um nicht unerlaubte Nachrichten in das Lager gelangen zu lassen, ¦ Alle Wochen einmal wurden die Baracken gereinigt; ich erinnere mich, daß in der einen Baracke, die besonders günstig gelegen war, guten Dielenfußboden hatte und in deren Belegschaft sich eine Reihe von Schiffsoffizieren der Ost-Afrika- und verwandten Linien befand, jedesmal ein förmliches Schrubbfest aus diesem Unternehmen wurde. Koffer und Kisten, Betten und Tische, alles was auf dem Boden stand, wurde schon früh vor Sonnenaufgang in die Berlinerstraße geschafft, die Mahlzeiten mußten dann im Freien eingenommen werden. Die ab wechselnd an die Reihe kommenden Schrubbmannschaften traten dann in zweckmäßig leichter Kleidung mit großen Schrubbern ausgerüstet an. Es wurde mit Seife und kaltem Wasser nicht gekargt; bei fröhlichem Gesänge wurde dann das eigentliche Schrubben im Takte ausgeführt. Wehe dem, der störend in den Weg kam oder sich sonst mißliebig machte, er konnte gewärtig sein, daß ihm ein Eimer kalten Wassers über den Rücken gegossen wurde. Wenn dann die Sonne höher am Himmel stieg, trocknete alles schnell und im Handumdrehen hatten die kräftigen Seemannsfäuste wieder alles Gerät an seinen Platz gebracht. Ueberhaupt verstanden es die Seeleute am besten sich ihre Wohn winkel auszustatten und behaglich einzurichten. Zur groben Reinigung der Straßen und der Außenräume trat all täglich eine Gruppe von schwarzen Sträflingen an unter der Führung eines Kaffernpolizisten, der gravitätisch einherspazierte. Seine Körper fülle hatte er in die knappste Uniform gezwängt, Wickelgamaschen und 83 Sandalen waren seine Fußbekleidung; keck hatte er das Käppi schief übers Ohr gezogen. Die Gesellschaft der Gefangenen in Kamp war merkwürdig bunt zusammengewürfelt: Vertreter aus allen Teilen Südafrikas, Zivil gefangene aus Lüderitzbucht, Kriegsgefangene aus Deutsch-Südwest, aus Deutsch-Ost wir beide, aus Portugiesisch-Ost auch einige Herren; aus Katanga im Belgisch-Kongogebiet, aus Rhodesien waren Vertreter da. Am reichlichsten war natürlich die Union von Südafrika vertreten; Abbildung 5. Korporalschaftsgenossen des Verfassers im Gefangenenlager No. III. Männer aus Transvaal, aus dem Freistaat, aus Kleinnamaland und aus der Kapkolonie lernte ich kennen. Der großen Mehrzahl nach waren es Reichsdeutsche, Oesterreicher waren in der Minderzahl; auch Tsche chen, Südslaven, Ungarn und Dalmatiner waren dabei. Aus Versehen waren auch Angehörige anderer Nationalitäten eingebracht worden, ein Holländer, ein Skandinavier und ein Amerikaner. (Abbildung 5.) Auch nach Berufen war die Zusammenstellung sehr bunt; Kauf leute und Händler mögen am zahlreichsten gewesen sein; Geschäfts inhaber von Firmen ersten Ranges, Agenten, Buchhalter oder selbst ganz jugendliche Geschäftsgehülfen. Das Goldminengebiet von "feil g. * p tu- iasl ¦ J# 84 Johannesburg, das Diamantengebiet von Kimberley lieferte eine Menge Bergleute oder beim Bergwerksbetriebe beschäftigte Hand werker, Prospektoren und einige Ingenieure. Deutsche Schlachter, deutsche Kellner, Haarschneider und alle möglichen übrigen Handwerker waren vertreten. Von Pastoren und Missionaren beider Konfessionen war eine ganze Anzahl vorhanden. Deutsche Volksschullehrer mehrerer Provinzorte, Lehrer und Oberlehrer von der Deutschen Schule in Johannesburg machten sich durch ihre vielseitigen Gaben besonders beliebt. Auch Farmer gab es eine ganze Reihe. Juristen fehlten in unserem Lager, ein Arzt trat erst später hinzu. Besonders zahlreich Waren noch die Seeleute von verschiedenster Stellung, die von den ein gebrachten Schiffen herstammten. Die ältesten Kampgenossen waren ,über 70 Jahre, der jüngste Schiffsjunge war 17 Jahre alt. Von militärisch Untauglichen seien hier nur ein Mann mit einem Stelzfuß und ein Taub stummer erwähnt. Auffällig waren endlich auch einige Schwachsinnige oder mehr oder minder geistesgestörte Personen. Das gesamte Gefangenenlager war unter dem Kommando eines Colonels, dem ein Offizier zur Seite stand. Die wachhabenden Sergeanten hatten am Tage ihren Sitz in einem Geschäftsräume; an der Innenseite des Tores und ebenso an der Außenseite war ein Wach posten. Außerdem wurde der Wellblechzaun von acht Beobachtungs- türmchen überragt, die ebenfalls von je einem Posten Tag und Nacht bezogen wurden. Das Eingangstor war der einzige Punkt, der uns Ver änderungen anzeigte. Dort kam die schwarze Bedienungsmannschaft herein, dort wechselten unsere Wachen, kamen Post und Zeitungen und gelegentlich auch ein dienstlicher Besuch für das Lager. Dort trafen neue Häftlinge ein, das war der Weg, auf dem man das Lager ver lassen konnte. Stundenlang ging ich auf und ab, immer wieder nach dem Tore lugend, in gespanntester Erwartung des Boten harrend, der meine Freilassung bringen würde. Unsere Beschäftigung den Tag über war zum Teil bedingt durch die für das Essen und für den Appell festgesetzten Zeitpunkte. Zweimal am Tage kam für gewöhnlich die Post, sie wurde von einem unserer Vertrauensmänner verwaltet und arbeitete im allgemeinen recht gut; alle ein- und auslaufenden Briefe mußten erst von dem Zensor durch gesehen werden. Da 3000 Leidensgefährten da waren und zu meiner Zeit vier deutsch redende Zensoren, so läßt sich ermessen, welcher Zeit verlust für die Briefe gerade in der Zensur erwuchs. Auch die Paket post wurde alle Tage einmal abgeliefert; in dem Räume zwischen Well blechzaun und Stacheldrahttor mußten die Pakete vor den Augen der Wachhabenden geöffnet werden, und eine zumeist gründliche Durch sicht sollte das Durchgehen von unerlaubten Briefen, Benachrichtigungen oder dergleichen verhüten. Als dem Zensor die Arbeit zu groß wurde, 85 durfte der Mann in der Woche nur zwei Briefe von je zwei Seiten ab schicken. Briefe und Paketpost waren portofrei. Der Moment der Post verteilung war der Höhepunkt des Tages; für mich bedeutete die Möglichkeit eines Postverkehrs einen völligen Umschwung meiner ganzen Lage. Am 25. Februar erhielt ich die erste Nachricht aus der Heimat, ein Telegramm, das mit Hilfe eines Kopenhagener Fachgenossen an den Kapstadter Geologen abgeschickt worden war. Seit dem Juli des Jahres vorher war dies die erste Nachricht von meiner Familie und dazu eine gute Nachricht! Der erste Brief traf erst am 17. März ein. Von da an konnte wöchentlich Nachricht kommen und gehen. Fast ebenso wichtig wie die Post waren die Zeitungen; teils zum freien Einzelverkauf, teils auf feste Bestellung hin wurden die Zeitungspakete an das Tor gebracht und von hier unter uns ausgeteilt. Am meisten gelesen wurden die beiden Blätter aus Pietermaritzburg, das Morgen blatt, der Natal Witness" und das Abendblatt, die Natal Times"; aus Durban kam der Natal Mercury". Reutertelegramme und London Times" waren die Hauptquellen dieser Provinzblätter. Nach und nach lernten wir es den Wert der Meldungen in diesen Zeitungen richtig zu be urteilen; über die Kriegslage konnten wir uns wenigstens durch die Ortsangaben in den Telegrammen mit Hilfe einiger durch die Sperre gekommenen Kriegskarten unterrichten. Arbeitet schon in London die Zensur für die dortige Presse, so wurde in Kapstadt die einlaufende europäische Post für Südafrika noch einmal zensuriert und die dritte Zensur erfuhren die Zeitungen beim Durchgehen durch die Komman dantur des Lagers. Von großem Werte waren für uns die südafrika nischen Zeitungen in holländischer Sprache, die die Reutertelegramme und die blutrünstigen Ansichtsäußerungen der südafrikanischen Presse helden mit launigen, höhnischen oder selbst beißenden Randbemerkungen versahen. Es war ein eigentümliches Zeichen der Zeit, daß die Volk- stem", die als Botha-Blatt bezeichnet wurde, zeitweilig trotz aller Zensur so frei über alle Dinge in Europa und in Südafrika sich äußern konnte. Die London Times" selbst, neutrale oder gar deutsche Zei tungen durften grundsätzlich nicht in das Lager kommen. Trotz dessen waren uns die letzteren stellenweise ein großes Labsal. Den Bedürf nissen nach Lesestoff wurde von den Freunden außerhalb des Lagers in bereitwilligster Weise Genüge getan; bald entstand eine Leihbiblio thek, die sich der eifrigsten Benutzung erfreute. Nur ein Teil unserer Leidensgefährten konnte sich die Ausgabe des Zeitungsgeldes leisten; waren wichtige Nachrichten in den Blättern enthalten, dann bildeten sich größere Gruppen, die eifrig einem Vorleser oder Uebersetzer lauschten. Voller Aufregung wurden dann im Auf- und Abgehen die Fragen von allen Seiten beleuchtet und besprochen. Das gab abwechslungsreiche Bilder, die mich anfangs fesselten; aber nach so und so viel Wochen, 86 als ich die einzelnen Politiker" unseres Kreises kannte und das Leben im Lager den Reiz der Neuheit verloren hatte, zog ich es vor, mich diesen lauten Erörterungen zu entziehen und mit fieberhafter Ungeduld wartete; ich auf die nächste Zeitung, die dann vielleicht die unklar gebliebenen Punkte erklärte, oder die nach einer langen Zeit trüber Nachrichten durch irgend eine überraschende Wendung uns neue Hoff nung schöpfen ließ. Aus den tatsächlichen Angaben, die die englischen Zeitungen nicht verheimlichen konnten, aus den spärlichen Fetzen deut scher Zeitungen, die auf Umwegen zu uns gelangt waren, aus den An gaben unserer Privatbriefe und aus dem was die Kundigen im Lager aus den englischen Zeitungen zwischen den Zeilen herauszulesen glaubten, schufen wir uns ein Bild von den Vorgängen und der Lage daheim. Wir sahen dem Fortgange der Dinge mit äußerster Spannung und doch mit fester Zuversicht entgegen. Die leidenschaftliche Erör terung mit den Freunden und die sorgenvollen Selbsteinwürfe konnten einen so in Anspruch nehmen, daß das eigene Leid davon übertönt wurde, und eigenes Leid war viel vertreten. Den kaufmännischen An gestellten, selbst in den älteren Jahrgängen waren die Stellungen ge kündigt worden; die Geschäftsinhaber konnten nur zum Teil und nur zu Anfang ihr Geschäft durch südafrikanische Vertrauensleute weiter führen lassen. Lebensfragen einschneidenster Art trafen Viele. Farmer hatten ihre blühende Wirtschaft, Felder und Vieh einer unzuverlässigen Beaufsichtigung überlassen müssen. Einfachere Leute, die nur zur Not ihr Auskommen gefunden hatten, wußten Frau und Kinder in der fremden Umgebung in Bedrängnis. Je länger es dauerte, desto mehr zeigte es sich, daß die Absicht der die öffentliche Meinung und die Politik in Südafrika treibenden Kräfte darauf hinging, deutschen Wett bewerb im Lande in jeder Form und bedingungslos niederzukämpfen. Schwer war es unter solchen Umständen der niederdrückenden Wirkung des ewigen Einerleis, der erschlaffenden Arbeitslosigkeit und der tötenden Langeweile Widerstand zu halten. Für Melancholiker und andere schwache Gemüter ist das Gefangenenlager ein gefährlicher Boden; von dieser Art lernte ich nur wenige Leute kennen. Gesunde Kraft überwindet auch dieses und es gehört mit zu meinen erfreulichsten Erfahrungen, die ich dort machen konnte, zu sehen, wie ein jeder sich bestrebte sich Möglichkeiten der Betätigung zu suchen, um sich über die trübe Zeit fortzuhelfen. Ein sehr naheliegendes Mittel ist der gegen seitige Austausch der Lebensschicksale. Ich ließ mir gern aus den ver schiedensten Teilen Südafrikas von Land und Leuten, von Jagd und Landwirtschaft und nicht am wenigsten von Bergwerken, Mineral funden usw. erzählen; das ist in Südafrika ein gegebenes Thema. Unter den Bergleuten von Johannesburg fand ich einen alten Bekannten wieder: den Bergmann Köhler, der 26 Jahre vorher im Jahre 1889 als 87 einziger Fahrgast außer mir auf dem kleinen Schoner Seabird von Walfischbay nach Kapstadt gefahren war; 21 Tage dauerte damals die Fahrt. Der beliebteste Zeitvertreib der älteren Leute war das Kartenspiel. Der Tisch meiner Korporalschaft, an dem ich so gern manchmal geschrieben oder meine Bücher studiert hätte, war zumeist von einer eifrigen Skatgesellschaft besetzt. Kräftige Schlachterfäuste warfen dröhnend die Trümpfe auf den Tisch und die manchmal lebhafte Verurteilung des Partners gestattete nicht, eigenen Gedankengängen nachzugehen. Nur selten sah ich in versteckten Ecken leidenschaftliche Glücksjäger schärferen Spielen huldigen. Auch Schach wurde viel und gut gespielt; es kam auch wiederholt zu einem Wettspiele. Die junge Welt hatte sich inzwischen einen Fußballplatz eingeebnet und unter hielt sich und eine große Zahl von Zuschauern durch eifriges Spiel. Zeit weilig blühte ein Turnverein, und Freiübungen wurden unter sach kundiger Leitung alltäglich ausgeführt. Musik wurde in verschiedenster Form getrieben; ein Gesangverein brachte es zu sehr schönen Leistungen und hin und wieder erfreute uns ein Quartett. Anfänger in der Kunst übten im Grunewald" mit mehr oder weniger Erfolg in schnell hergerichteten, durch Bettdecken verschlossenen Zellen. Die Matrosen, Schiffsjungen und ihre Freunde vergnügten sich auch des Abends am Tanze, zu dem die Musik auf unglaublichen Wellblechinstru menten aufgeführt wurde. Von Zeit zu Zeit wurden ganze Konzerte zusammengestellt; ein Klavier hatten wir billig erstanden; es schlössen sich auch Einzelvor träge, Kabarettdarbietungen an, und zuweilen gab es eine regelrechte Theatervorstellung, hatten wir doch einige Künstler" von Beruf unter uns. Mit Freuden werden wir Kampgenossen von damals der künstle rischen Darbietungen gedenken, die wir dem einen Lehrer der deutschen Schule von Johannesburg und einem Freunde unter den südwestafrika nischen Kriegsgefangenen verdanken. Aus einer Zirkusgesellschaft waren ein Komiker und zwei Keulenschwinger und Pyramidensteiler in unserm Lager. Die Zirkuskapelle war in einem anderen Lager untergebracht, aber doch nahe genug, daß wir zuweilen den recht braven Leistungen lauschen konnten. Auch ernste Unterhaltung wurde gern entgegengenommen. So hielt ich einige geologische Vorträge, die mir eine Reihe von neuen Freunden schufen. Die Aufmerksamkeit meiner Hörer war bei einem derselben etwas ein seitiger Art; nicht auf den Sinn der Worte kam es ihm an, sondern zu sehen: Wie er sich räuspert", usw. Es war unser vorher erwähnter südwestafrikanischer Freund, der bei Gelegenheit eines Unterhaltungs abends mich in Tracht und Haltung in köstlicher Art nachahmte. Eine mehr praktische Seite hatte eine andere Art der Unterhal tung. Durch Erweiterung unseres Geländes war soviel Raum gewon- 88 nen worden, daß die gärtnerisch veranlagten Kräfte Beete anlegen, Ge müsebau und Blumenzucht treiben konnten. Es gedieh auch alles vor züglich und nach wenigen Wochen konnten Salat, Radieschen, Tomaten usw. in Fülle geliefert werden. Sehr beliebt war endlich mechanische Tätigkeit. Namentlich die Seeleute bauten ganze Flotten von Schiffsmo dellen; Phantasieschlösser wurden mit unglaublichem Aufwand von Geduld ausgeführt urid dann durch Verlosung losgeschlagen. Ein intelligenter Tischler hatte sich eine Drehbank geschaffen und fertigte einwandfreie saubere Arbeiten an. Man sieht, daß auch bei uns in Südafrika all diese Dinge genau so waren, wie in den Gefangenenlagern in Europa, von denen ganz die gleichen Arten der Unterhaltung beschrieben werden. Mir fiel es auf, daß nur einzelne wenige sich mit der Beobachtung der be lebten Natur des Lagers befaßten. Schmetterlinge, Käfer, mehrere Arten von Heuschrecken, der Hottentottengott", die bekannte Blatt heuschrecke, Ameisen und Grillen wurden wohl beachtet, aber wenig stens in unserem Lager nicht gesammelt. Nur ein Mann im Lager IV baute sich einen kleinen Käfig, in dem er Chamäleons und Stab heuschrecken liebevoll pflegte. Fünf Schlangen, darunter mehrere gif tige wurden während meiner Anwesenheit gefangen und getötet. Wiederholt wurde auf maulwurfähnliche Nager Jagd gemacht. Von der Vogelwelt bekamen wir im Lager nicht allzuviel zu sehen. Im Januar flogen Störche, scharenweise ihre Kreise ziehend über das Lager; mehrere Tage hindurch kehrten sie wieder. Dann zeigten sich auf fällig viel kleine Falken; späterhin strich zuweilen des Abends in nie drigem Flug der dunkle Schattenvogel über das Lager hinweg dem näch sten Wasserlaufe zu. Eine nutzbringende Art der Verwendung für die allzu reichlichen freien Stunden war das Sprachstudium. Französisch, englisch und hol ländisch wurde sehr viel getrieben. Ein Brasilianer lehrte portugiesisch, ein Dalmatiner italienisch und mancher in der Kolonie geborene Deutsche hatte das Bedürfnis sich in seiner Muttersprache zu vervollkommnen. An den Sonntagen war regelmäßiger Gottesdienst der beiden christlichen Konfessionen und zu dem Rabbiner von Pietermaritzburg wurden von Zeit zu Zeit dessen Glaubensgenossen unter Bewachung aus dem Lager hinausgeführt. Manch ein unternehmungslustiger Jünger eines andern Glaubens soll diese günstige Gelegenheit benutzt haben, um unter falscher Flagge einmal die Welt außerhalb des Blechzaunes wieder anzusehen. Von gesundheitlichen Gesichtspunkten aus läßt sich gegen die Un terbringung der Gefangenen in den Lagern auf dem Höhenrücken des Fort Napier nichts einwenden. Die Lage ist luftig, gutes Wasser konnte reichlich zugeführt werden und für Abfluß war ausreichend gesorgt. 89 Schlimm daran waren nur diejenigen, die schon krank hineinkamen. Für das ganze Lager mit 3000 Gefangenen und für die Bewachungsmann schaften war ein junger Arzt tätig; es läßt sich denken, daß er keine Zeit hatte den einzelnen Fällen viel Aufmerksamkeit zu widmen. Sehr viel war von rheumatischen Schmerzen und Leiden unter den Kamp genossen zu hören; innere und äußere Mittel wurden vielfach ver schrieben, in der Apotheke des Krankenhauses aber anscheinend nicht mit erwünschter Sauberkeit hergestellt. Täglich kam der Arzt in das Lager, durch ein Trompetensignal wurde seine Ankunft angekündigt und die Hilfsbedürftigen suchten ihn auf. Nicht selten sah ich einen älteren biederen Handwerker oder Tagearbeiter, beglückt mit dem Medizin- fläschchen in seinen Händen liebäugelnd, die Sprechstunde verlassen, und in der Baracke roch es des Abends allenthalben nach den kräf tigen Einreibungsmitteln, ohne die so mancher nicht auskommen zu können vermeinte. Magenverstimmungen traten wiederholt in grö ßerem Umfange plötzlich ein, sie wurden aber glücklicherweise, solange ich da war, immer schnell behoben. Einer unserer deutschen Lehrer stellte sich zu Hilfeleistungen bei Verletzungen oder Fällen leichteren Unwohlseins zur Verfügung; er bekam reichlich zu tun. Unter seiner Aufsicht wurde auch die Krankenküche verteilt, d. h. Leute, bei denen es nötig war, erhielten statt der Gefangenenkost mehr Milch, Reis, Eier und geröstete Brotscheiben; nicht ganz kranke, aber erfindungsreiche Patienten brachten es fertig Gefangenenkost und Krankenkost zugleich in reichlichen Portionen einzuheimsen. Für ernstere Fälle war ein Krankenhaus auf dem Fort, für ansteckende Krankheiten waren Baracken mit besonderer Stacheldrahtumzäunung eingerichtet. Das Krankenhaus muß früher, als auf dem Fort Napier die Kolonialgarnison von Natal war, zu anderen Zwecken gedient haben, denn in dem Haupt saale war eine Bühneneinrichtung vorhanden, die nun auch mit Kranken betten belegt war. Hier lagen einige Patienten, die schwer an Rheu matismus litten. Das Sanitätspersonal und die indischen Arbeitsgehilfen für dasselbe habe ich nie rühmen hören. Sehr gut eingerichtet dagegen war in der Stadt Pietermaritzburg Grey s Hospital; hier besuchte ich später wiederholt kranke Kampgenossen, die zum Zwecke einer be sonderen Behandlung dort untergebracht waren. Es war nur zu be dauern, daß nach den Lusitaniakrawallen Deutsche hier nicht mehr auf genommen werden sollten, wie mir erzählt wurde. Ich habe nicht er fahren, ob es eine Verfügung der Hospitalverwaltung oder der Aerzte oder nur ein Gerede des Personals war. Die Einwirkung des Lagerlebens auf den Gesundheitszustand der Gefangenen ist sehr bemerkenswert; gestorben sind einige Herzkranke, die an sich wohl schon gefährdet waren, aber es ist möglich, daß die Aufregung bei der Gefangensetzung und die Trennung von der Familie 90 verschärfend gewirkt haben und daß sorgfältigere Pflege den schlimmen Ausgang vermieden hätte. Einige wurden der Irrenanstalt überwiesen, es handelte sich wohl zumeist um alte Fälle. In der Kantine wurden nur alkoholfreie Getränke verkauft und das halte ich für einen großen Segen. Beruhigung und Besänftigung leicht erregbarer Gemüter ist für das gemeinschaftliche Leben in den Gefangenenlagern, wo an sich die Gemütsstimmung auf das äußerste angespannt ist, von der größten Wichtigkeit. All die verwöhnten Herren, die zeitlebens auf guten Tisch und reichlichen Trunk zu viel Wert gelegt hatten, verloren ihr über flüssiges Fett und fühlten sich sehr wohl dabei; manch armer Schlucker, der bei unregelmäßiger Lebensweise mit harter Arbeit sich hatte plagen müssen, setzte nun Fett an. Bei längerem Aufenthalte in Pietermaritzburg lernt man die Vor züge des dortigen Klimas kennen, enpfindet aber zugleich den großen Gegensatz zwischen Sommer und Winter, wenn man so schutzlos dei Witterung preisgegeben ist, wie wir es waren. Im Monat meiner An kunft, im Januar erreichte das Thermometer stellenweise 40 Grad und etwas darüber. Die Sonnenbestrahlung in den Mittagsstunden wai außerordentlich kräftig. Ich verlor die Lust zur Bewegung und setzte mich in die schattigsten Ecken. In unseren Hallen und noch mehr in den niedrigen Wellblechhäusern wurde es erstickend heiß; gegen Abend aber war die Luft wundervoll, unseren mildesten Sommerabenden vergleichbar. Ebenso war des Morgens der Aufenthalt im Freien ein Genuß. Höchst lästig dagegen waren bei trockner Luft die starken Winde, die von allen Seiten lateritischen roten Staub über unsere Plätze und durch alle Fugen der Häuser jagten. Aufziehende Gewitter boten nicht selten auffallende prächtige Wolkenbilder. Weiterhin im März ließ die Hitze nach; Regen trat häufiger ein und der rote Staub in unserem Lager verwandelte sich in einen zähen Brei, der das Gehen erschwerte und sehr bald im Innern der Baracken den Fußboden überzog. Des Morgens um 6 Uhr lag dann über der Tallandschaft zu unseren Füßen dicker weißer Nebel, aus dem sich die schwarzen Umrisse der Baum gipfel auf den Höhen der andern Seite fremdartig heraushoben. Die auf gehende Sonne warf über dieses Nebelmeer einen rosigen Schein und bald verschwanden die hüllenden Schleier und wir konnten das ge wohnte Landschaftsbild da unten in prachtvoller Klarheit genießen. Ueberhaupt richteten sich unsere Blicke viel über die Grenzen unserer) Umzäunung und wir beobachteten den Himmel genauer als sonst. So konnten wir an klaren Mittagen mit bloßem Auge im dunk len Blau des Himmels die Venus erkennen, auch verfolgten wir eine Zeit im Juni hindurch in den Abendstunden einen Kometen; einige Ver wirrung in den Gemütern riefen die prachtvollen Streifen in der abend lichen Dämmerung hervor, die vom Punkte des Sonnenunterganges aus- 91 gehend über uns weit auseinanderwichen und nach Osten zu wieder aufeinander zu liefen. Im Juni und Juli wurde es dann empfindlich kalt. Wiederholt war des Morgens das Gras von Reif überzogen und kleine Wasserspiegel waren mit einer Eiskruste bedeckt. Schnee sahen wir nur auf den benachbarten Höhen; besonders der Zwartkop hielt seine Schneedecke einige Tage. Es war dies zur selben Zeit als in Johannesburg Schneemassen niedergegangen waren, die allen Ver kehr zum Stocken brachten. Der Aufenthalt in der Halle war höchst unangenehm, die Türen mußten geschlossen werden, die Lüftung war gering und alle Tische waren besetzt, da gab es kein Plätzchen für Eigenbrödler. Mir hatte ein Freund, ein Freiberger Bergingenieur, seit langem in Transvaal tätig und früher Vorsitzender der dortigen Geolo gischen Gesellschaft, A. von Dessauer, liebenswürdiger Weise Fachlitera tur aus Johannesburg kommen lassen. So konnte ich mich nach meinem Geschmack beschäftigen. Am liebsten aber ging ich draußen auf und ab, von unserer Baracke bis zum Tore, 50 m hin, 50 m zurück; immer wieder die Blicke nach dem Tore gewandt, nach dem Wege zur Freiheit. In der heißen Zeit legten sich die Kameraden keinen Zwang auf und erschienen in möglichst leichter Kleidung. Als es kälter wurde, mußte die Regierung aushelfen; viele waren ohne weitere Vorbereitungen, ohne Zeit zu haben für Besorgungen, überraschend schnell eingesperrt worden. Für diese wurden dann Kleider, Unterwäsche, Schuhe und Hüte ge liefert. Daneben konnten aber auch Schneider und Schuster im Lager selbst durch wohlhabendere Kameraden beschäftigt werden; es wurde ihnen erlaubt, die Rohstoffe sich durch die Kantine besorgen zu lassen. Bei dem Einerlei der täglichen Ereignisse spielten sich auch aufregende Vorgänge ab. Eines Abends, im Februar, gegen 9 Uhr, ich machte gerade meinen Spaziergang bis zum Tor und schaute von dem höch sten Punkt dem leuchtenden Scheine der Lokomotive auf der Strecke nach Durban nach, da fielen außerhalb des Lagers drei Schüsse hinter einander. Große Aufregung! Alles kam aus den Baracken herausgestürzt. Die wachhabenden Sergeanten eilten zum Tore, die Offiziere kamen von außen herein, der Kommandant kam selbst in das Lager, mit ihm eine Wachmannschaft von elf Mann mit aufgepflanztem Seitengewehr. Man hörte, drei Mann sollten ausgebrochen sein und man habe sie gleich wieder gefaßt. Wir mußten wie üblich zum Apell vor den Hallen an treten; aber ein Zählen war nicht möglich, die Leute waren zu un ruhig, sie strömten hin und her; es wurde kommandiert: Herein in die Baracken, ein jeder Mann vor sein Bett! aber auch das nützte nichts. Hier war einer zu wenig, dort einer zu viel, der Versuch der Zählung mußte aufgegeben werden. Die Wachen zogen gegen 107= Uhr wieder ab; drei jüngere etwas vorlaute Lagergenossen waren bei dieser Gelegenheit kurzer Hand ver- 92 haftet worden. An ein Einschlafen war nach diesen aufregenden Stun den nicht so bald zu denken. Später erfuhr man, daß die drei erwischten Ausbrecher 28 Tage und die verhafteten Lärmmacher 2\ Tage Deten tion Camp", also Arrest erhalten hätten. Wieder frei gekommen, er klärten sie dies als eine nicht unerwünschte Abwechselung; die Kost war etwas besser und man war doch in kleinerer Gesellschaft. Einige Tage nach dem Vorfalle kamen zwei Offiziere der Bewachungsmann schaft in das Lager und entdeckten nach kurzem Suchen in der einen Halle der Hauptbaracke an der Rückwand ein Loch, das durch Koffer und ein Schild mit der Aufschrift Fröhliche Weihnachten" noch vom letzten Feste herrührend, verdeckt war. Es war dies der Weg der drei Ausreißer; durch mehrere photographische Aufnahmen ist dann die Stelle verewigt worden. Das Loch führte in wenig gebrauchte Wirt schaftschuppen, die nach der Straße außerhalb sich öffneten; in diesem Räume hatten sich die Ausreißer aufgehalten, bis sie glaubten sicher entwischen zu können. Sie wurden aber trotzdem sofort von den Wachen bemerkt. Wir nahmen damals an, daß die Lage des Loches den Behör den verraten worden sei; es befanden sich unter uns eine ganze Reihe fragwürdiger Existenzen, Tschechen, Südslaven, denen durch die Unter bringung im Deutschen Lager zuviel Ehre angetan wurde. Der griechi sche Konsul in Johannesburg hat solche unsichere Oesterreicher gegen unverhältnismäßig gute Bezahlung als Serben in Anspruch genommen und sie dadurch freibekommen. Als seine Geschäftskniffe herauskamen, mußte er aus Südafrika verduften. Derartige Ausbruchsversuche, wie ich sie oben geschildert habe, kamen mehrfach vor. In einem andern Lager war zu diesem Zwecke ein langer Tunnel gegraben worden, durch den eine ganze Anzahl entwischen konnten; mir ist es nicht bekannt, ob alle wiedergefangen wurden. Späterhin wurden alle Einrichtungen immer vollkommener und die Wahrscheinlichkeit des Gelingens eines Aus bruchsversuches immer geringer. Vom ersten Tage an machte ich alle möglichen Anstrengungen um frei zu werden, ich schrieb ein dahingehendes Gesuch an den Amerikani schen Konsul in Johannesburg und an den Commissioner of Enemy Subjects", den obersten Beamten, der die Angelegenheiten der einge sperrten Ausländer zu regeln hatte. Ebenso wendete ich mich zu dem selben Zwecke an den Allgemeinen Deutschen Hilfsverein in Südafrika, der die einzelnen Fälle weitergab. Eine Vertretung des Hilfsvereins unter Führung der deutschen Gattin eines holländischen Südafrikaners erhielt die Erlaubnis die Lager zu besuchen und sich über die Ver hältnisse aller Art zu unterrichten. Jedes Lager hatte einen Vertrauens mann des Hilfsvereins, und ein angesehener deutscher Kaufmann in Kamp II war der Vertrauensmann für alle Lager, die er jede Woche einmal besuchen durfte. Der Verein vermittelte auch durch ein Johan- 93 nesburger Bankhaus das Einwechseln deutschen Geldes. Späterhin kamen noch Liebesgaben, namentlich Tabak, Zündhölzer usw., die vielen mittellosen Kampgenossen sehr erwünscht waren, in das Lager. Ich konnte schwer übersehen ob die Bemühungen des Hilfsvereins, die Be freiung derjenigen Personen zu erwirken, die irgend ein Anrecht dar auf zu haben meinten, Erfolg hatten. Der Kommissionär kam selbst ein mal in das Lager um nachzusehen und sich die wichtigsten Fälle vor tragen zu lassen, auch der Amerikanische Konsul aus Durban tat das selbe. Hieraufhin verlautete, daß die Häftlinge von 55 Jahren und dar über und die Kranken befreit werden sollten. Am 16. Februar wurde nachgefragt, wer von den Fünfundfünfzigjährigen im Falle der Frei lassung die Union verlassen wollte. Ich ließ mich auch auf diese, bereits die sechste Liste dieser Art eintragen. Zunächst wurden wirklich Ende Februar einige mehr oder minder kranke Südafrikaner entlassen; zum Ersatz dafür trafen immer wieder neue Ankömmlinge ein, die in den verschiedensten Teilen der Union aufgestöbert wurden. In der Regel waren Angebereien neidischer Konkurrenten die Ursache der Fest nahme. Irgend welche festen Grundsätze bei der Gefangennahme oder bei der Freilassung schienen nicht maßgebend zu sein, es kam nur darauf an, wie entweder die Fürsprecher oder die Angeber bei den englichen Be hörden angeschrieben wären. Sehr peinlich war es, wenn der Eine oder der Andere, der schon die Erlaubnis das Lager zu "verlassen er halten hatte, außen von der Bewachungsmannschaft noch einmal unter sucht wurde und diese entweder im Rockfutter oder unter der Schuh sohle oder sonst irgendwo versteckte Briefe vorfand; dann hieß es ohne Erbarmen: Zurück ins Lager. Ein protestantischer Geistlicher hatte dadurch seine Gefangenschaft um, ich glaube zehn Wochen verlängert. Von Zeit zu Zeit trafen Kriegsgefangene aus Deutsch-Südwest ein, die bei Erkundungsritten oder bei Gefechten gefangen genommen waren. Es waren größtenteils stramme tatenlustige Männer, denen es schwer ankam untätig im Gefangenenlager sitzen zu müssen und zu wis sen, daß die Gefährten im Norden des Oranje jede Hilfskraft so notwendig brauchten. Es kam zuweilen vor, daß taktlose Südafrikaner den Süd western Feigheit vorwarfen, aber da kamen sie schlecht an, das ließen sich die Südwester nicht gefallen; sie hatten es auch nicht nötig, denn an ihrem Willen lag es nicht, daß unsere braven Truppen sich immer weiter und weiter zurückziehen mußten. Zur Abwehr derartiger Be schuldigungen waren kräftige Fäuste sofort bereit. Schon im Februar wurden Stimmen laut, daß sich Südwest schwer würde halten lassen bei der Uebermacht der allerseits eindringenden Feinde und der Knappheit der Vorräte. Aber jeder Mann rechnete mit Zuversicht darauf, daß die Entscheidung über die Kolonien durch die Siege in Europa erfochten werden würde. Ueber die Kämpfe daheim 94 scheint man in Südwest weniger gut unterrichtet gewesen zu sein, als wir es trotz der Einseitigkeit der englischen Presse waren. Die Wind- h u k e r -Zeitung scheint nach dem, was mir als zuverlässig versichert wurde, wiederholt unrichtige Angaben verbreitet zu haben. Selbst in einem so engen Räume, wie unser Lager es war, ver breiteten sich die unsinnigsten Gerüchte, die doch immer wieder Gläu bige und Weiterträger fanden. So hiß es am letzten Februar, nachdem in den Natal-Zeitungen Befürchtungen wegen Friedensmöglichkeiten aus gesprochen worden waren, daß Rußland und Frankreich buchstäblich Frieden gemacht hätten. Wenn man auch die Unzuverlässigkeit der artiger Gerüchte kannte, schon der Gedanke allein schuf innere Un ruhe. Bei Morgengrauen eilte ich hinaus, um die erste Zeitung nicht zu verfehlen: es wäre doch möglich, es könnte doch zu Ende sein! Statt dessen brachten die Zeitungen wie alltäglich die üblichen Siege in den Gräben an der Front, in Polen und an den Dardanellen. Ebenso plötz lich tauchte am 5. März das Gerücht auf, achtzehn Zeppeline hätten im Hafen von Dover 42 englische Schiffe zum Sinken gebracht; ein Lehrer in der Schule hätte es erzählt; wir konnten es nicht glauben, sollte es wirklich wahr sein? Es ist merkwürdig, wie selbst bei ver ständigen Leuten unter solchen Umständen die Stimmung wechselte. Die Briefe aus der Heimat, die alle die Zensur passiert hatten, waren manch mal durch Schwärzung ganzer Seiten verstümmelt; es kam auch vor, daß mit Ausnahme von Ueberschrift und Unterschrift alles herausge schnitten war. Derartige Maßnahmen deuteten wir immer zu unseren Gunsten. Häufig genug wurden Versuche gemacht in harmloser Form uns Nachrichten zuzuwenden. In allen Gefangenenlagern kommt ähn liches vor, auch in Europa. Viel Vergnügen bereitete uns eine Mitteilung, die am 20. Januar in unsere Hände kam: Die Firma Lehmann &. Co. hätte kürzlich 70 000 Rubel umgesetzt. Um diese Zeit gingen immer mehr Aenderungen im Bestände un seres Lagers vor sich. Aus Fort Napier waren auch die aus Liideritz- bucht fortgeholten Frauen und Kinder in einem besonderen Lager unter gebracht; die Männer waren zumeist in Lager II. Die kriegsgefangenen Offiziere aus Südwest und andere, als Offiziere gerechnete Gefangene waren in Durban in den Baulichkeiten der landwirtschaftlichen Aus stellung untergebracht und genossen hier verhältnismäßige Freiheit. Mitte 1915 sollte die Ausstellung in Durban eingerichtet und zu diesem Zweck mußten die Offiziere fortgebracht werden; man wollte für sie das Frauenlager in Fort Napier verwenden. Am 5. März fuhren die Fa milien in zwei Extrazügen, angeblich 500 Personen von Fort Napier ab nach Pretoria, wo Unterkunft für die einzelnen Familien, ohne Tren nung der Ehepaare eingeräumt war. Die Abfahrt erfolgte von einem Nebenbahnhofe aus, der von unserm Lager aus gesehen werden konnte. 95 Die Zufahrt führte unmittelbar hinter unserm Wellblechzaune vorbei. Als die Wagen mit dem Gepäck vorüberfuhren und dann die Frauen und Kinder kamen, standen in unserm Lager Hunderte auf allen möglichen Gestellen, auf Dächern usw. um über den Zaun sehen zu können. Lieder wurden gesungen, Hochs wurden gerufen, Hüte geschwenkt bis der letzte Wagen außer Sicht war. Und wenn der Kommandant dann mit seinen Sol daten denselben Weg vorüberzog, ertönten wohl auch in der allgemeinen Aufregung höhnische Zurufe; die Folge davon war, daß die luftigen Beob achtungsplätze geräumt werden mußten und die Vorschriften über das Verhalten im Lager verschärft wurden. Ganz eigenartig ist die Erinnerung an patriotische Feiern, die wir ungestört im Lager abhalten durften. Die erste war am 8. Januar, die Enthüllung eines Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Ein alter künstlerisch veranlagter Dalmatiner mit seinen zwei Söhnen hatte aus Ziegelsteinen, Zement und Gips ein Denkmal des Oesterreichischen und dann noch eins des Deutschen Kaisers hergestellt, mit großem Eifer, viel Mühe und gutem Willen. Das österreichische war schon im Dezember enthüllt worden. Das ganze Lager war außer Rand und Band. In aller Frühe fand ein Wecken statt mit Ziehharmonika und Blechtrommel; um 9 Uhr Parademarsch, die 27 Soldaten aus Südwest in Uniform unter Leitung eines Wachtmeisters, die Turner und Sänger in sauberem Weiß sonst dort selten gesehen; dann Aufstellung am Denkmal, Choral gesang, Festreden von Pastor Wagner mit viel Wärme und patrioti schem Schwünge und weiter Reden von reichsdeutscher und österreichi scher Seite. Unter den Teilnehmern war eine warme und ernste Stim mung; Photographen auf dem nächsten Wellblechdach ließen sich da durch nicht stören. Freiübungen des Turnvereins und waghalsig auf gestellte Pyramiden bildeten den Schluß der Feier. Ganz ähnlich ver lief die Feier zu Kaisers Geburtstag. Der Fackelzug, den man für den Abend plante, war dadurch unmöglich geworden, daß uns die Lieferung von Petroleum und brennbaren Stoffen unterbunden wurde. Nach einem Aufenthalt von sechs Wochen erhielt ich bei der Ge legenheit des Besuchs des Kommissionars die Nachricht, daß mein Fall nicht mehr erörtert zu werden brauchte. Eine Woche später schrieb ich mich in die erwähnte Liste der Fünfundfünfzigjährigen ein. Am 9. März wurde ich zum ersten Mal aus dem Lager herausgerufen, um mich bei dem Kommandanten zu melden. In der Kommandan tur traf ich mehrere Leidensgefährten aus Lager I und II, die wegen verschiedener Beschwerden ihrerseits hinbeordert waren. Wir warteten in einem Hofe; die geöffnete Tür gestattete uns einen Einblick in die Tätigkeit des Zensors, der damals mit sechs Gehilfen arbeitete und die abzuschickenden Briefe öffnete, gegen das Licht hielt, genau untersuchte und las. Wir durften 96 uns nicht untereinander unterhalten. Auf der anderen Seite war der Besuchsraum für Eheleute; eine Frau war auf Grund besonderer Erlaubnis aus der Stadt herauf gekommen; der Mann wurde von einem bewaffneten Soldaten, so wie wir alle, herbeigeführt, und unter den Augen des Zensors, der daneben saß, durfte die Unterhaltung vor sich gehen. Ich wurde vom Kommandanten gefragt, ob ich während meiner vorläufigen Freilassung auf eigene Kosten in der Stadt Pietermaritz- burg leben wollte; ich wäre lieber nach Pretoria gegangen, weil ich mir dort mehr von Bibliothek, Museen und Fachgenossen versprach, aber das war nicht zu erreichen. Daraufhin ging das gewohnte Leben im Lager weiter. Neue Südwester trafen ein; da gab es einen aufregenden Vorfall. Der eine kam in englischer Uniform ins Lager; es stellte sich bald her aus, daß er, obwohl Deutscher, sich zu den Truppen der Union hatte einziehen lassen und als solcher in Südwest gewesen war. Die Eng länder hatten dann den Irrtum bemerkt und wollten ihn nun ins Ge fangenenlager stecken. Unsere Leute im Lager waren aber in diesem Punkte sehr empfindlich; die englische Uniform wurde ihm verübelt, man nahm ihn hoch und jagte ihn dann zum Tore, wo ihn die Wärter gegen die aufgeregte Menge in Schutz nahmen. Uebler war es eine Reihe von Wochen vorher einem vermeintlichen oder auch wirklichen Spion aus Südwest ergangen; er wurde, wie ich erzählen hörte, von vielen Fäusten erfaßt und über die Stacheldrahtverhaue, über den 2 m hohen Wellblechzaun hinübergeschleudert. Elf Tage nach jener ersten Besprechung mit dem Kommandanten erhielt ich endlich am 22. März die Mitteilung, daß ich zum Aufenthalte in Pietermaritzburg frei entlassen wäre. Eine feierliche Ansprache durch den Lagerhauptmann, ein Ständ chen des Gesangvereins waren der Schluß; viele Hände griffen zu und halfen mein Gepäck nach dem Tore tragen. Ich nahm Abschied von den Männern, mit denen ich zehn Wochen denselben Raum bewohnt, gute und schlechte Kost, trübe und heitere Tage, Befürchtungen und Hoff nungen geteilt hatte. Sicher waren viele unter ihnen, für die das Lager leben ein Segen war. Eine bessere Förderung des Deutschtums unter den Südafrikanern konnten die Engländer nicht durchführen, als sie es durch die Einrichtung dieser Gefangenenlager getan haben. Viele, die dem Deutschtum halb verloren waren, wurden wiedergewonnen; viele die jahrelang kaum ein Wort Deutsch zu sprechen Gelegenheit hatten, konnten hier Tag aus Tag ein, so viele Monate hindurch und wer weiß wie lange noch, die Muttersprache zum zweiten Male lernen; daß dies nötig war, habe ich den neugewonnenen Freunden im Lager oft im Scherze gesagt und ich wiederhole die Mahnung hier noch einmal in vollem Ernste. 97 Gern hatte ich mich mit raeinen. Kameraden unterhalten, sei es daß mir der Scherenschleifer aus Johannesburg, der Träger des Namens eines berühmten Physikers seine mathematischen Träumereien über die Entstehung der Welten oder jener Naturmensch, der in seinen harmlosen Mußestunden Aluminiumbecher gravierte, seine bis an die Grenze der Zulässigkeit gehenden Gedankengänge auseinanderzusetzen suchte. Von den Prospektoren ließ ich mir ihre" letztweilige Mine eingehend schil dern; die Kaufleute verschafften mir einen Einblick in ihre südafrikani schen Geschäftserfahrungen. Am liebsten unterhielt ich mich mit Fach genossen, dem Leiter einer Lüderitzbuchter Diamantenmine und dem schon erwähnten Bergingenieur von Johannesburg. Allerdings waren auch Unstimmigkeiten zutage getreten; Zwistig- keiten und kleinlicher Streit brachen bei den Wahlen zu den Ehren ämtern aus. Freilich waren auch einige wenige dabei, die keine reine Vergangenheit hatten, aber im großen ganzen war ich erfreut, daß alles so glimpflich ablief. Daß in unserem Lager ein verhältnismäßig ruhiger Ton herrschte, lag wohl daran, daß bei uns mehr ältere, besonnene Männer waren; in Lager II und namentlich in Lager I mögen mehr jugendliche Brauseköpfe gewesen sein, die leichter zu Ruhestörungen neigten. In ihrer nachlässigen leichten Sommerkleidung machten die Leute um mich herum einen gleichartigen Eindruck. Nur als sie frei gelassen wurden für die Heimreise, da zogen sie ihre beste Kleidung an, dann änderte sich im allgemeinen das Bild. Kleider machen Leute, aber sie v e r kleiden auch den Menschen! So manch einer, den ich nach der Unterhaltung niedrig eingeschätzt hatte, ging als feiner" Mann hinaus. Die schwere Zeit bewirkte eine merkwürdige Erregbarkeit auch festerer Männer. Beim Abschiede des anderen denkt man, heute wirst Du frei, morgen möchte ich die Freiheit haben. So verstehe ich es, daß ein paar alten Leidensgenossen bei meinem Abschiede, bei meinem ersten Abschiede Tränen in den Augen standen. In Stadt Pietermaritzburg. An dem Morgen des Abschiedstages hatte ich meine Papiere per sönlich dem obersten Zensor zur Durchsicht vorgelegt, so konnte ich des Nachmittags, als mein Gepäck vor dem Ausgange aus Fort Napier noch einmal untersucht wurde, ohne Schwierigkeiten das Tor passieren. Wir, etwa zwölf Mann, wurden gleichzeitig untersucht; bei einigen ging man sehr gründlich vor; selbst die Schuhe und Strümpfe mußten ausgezogen werden. Drei Stunden dauerte der ganze Vorgang. Auf einem Last wagen ging unser Gepäck den Berg hinunter zum Bahnhof, wir gingen zu Fuß. Die anderen fuhren mit der Eisenbahn weiter in ihre Heimats orte, noch an demselben Abend. Ich hatte es nicht weit bis zu meinem Hotel. Als ich an mein Ziel kam, vermeinte ich zuerst ganz geschwächt G ü r c h , Deutsch-Ostafrika. 7_ 98 _ und kraftlos zu sein. Aber schon am nächsten Tage bemerkte ich, daß das Schwächegefühl nur die Folge der lang geübten ewig gleichmäßigen Bewegung oben im Lager, verschärft durch die Aufregung bei der Ent lassung war. Ich fühlte bald, daß mir das Lagerleben nicht geschadet hatte und ich kam mir ausnehmend gelenkig und wohlbehalten vor. Auch das Chinin, das ich bis in den Februar hinein genommen hatte, hinterließ keinerlei unangenehme Folgen. Unterkunft fand ich in einem sogenannten Privathotel ohne Schankwirtschaft. Das Haus war außer ordentlich sauber und die Verpflegung einwandfrei. Pietermaritzburg ist eine regelmäßig angelegte und sehr schön ge legene Stadt. Der Rücken des Fort Napier senkt sich in etwas ver änderter Richtung mit flachem Einfalle weiter fort. In derselben Rich tung verlaufen auch die Hauptlängsstraßen, die von den Querstraßen rechtwinklig geschnitten werden. Diese führen zu den rechts und links einschließenden Tälern hinab. Die Hauptstraße verläuft vom Bahn hof aus bei meinem Hotel vorbei zum Rathausplatze, der etwa in der Mitte der Längenerstreckung liegt. Geschlossene Häuserreihen finden sich nur in den Geschäftsvierteln; in den breiten Nebenstraßen sind die Häuser von Gärten umsäumt. Hier herrscht friedliche Ruhe. 14 000 weiße Einwohner sind vorhanden und etwa ebenso viel Farbige; nach Bewohnerzahl also ist es eine Kleinstadt, und doch macht der Ort infolge der verhältnismäßig gut angelegten öffentlichen Gebäudes den Eindruck einer Großstadt. Pietermaritzburg ist jetzt nur Provinzhaupt stadt von Natal. In zwei verschiedenen Perioden hat es eine bedeu tendere Rolle gespielt, zuletzt war es Hauptstadt der selbständigen Ko lonie Natal und in früheren Jahrzehnten Haupthandelsplatz für den Durch gangsverkehr nach Transvaal. Das Vortrekkermuseum gibt Kunde von der Zeit, wo die ersten Trekkburen nach dem Norden gingen, um der britischen Umklammerung zu entgehen. Die Staatsbauten dienen jetzt provinziellen Zwecken und der Handel beschränkt sich auf die Ver sorgung der Farmer des mittleren Teils von Natal und der benach barten kleineren Orte. Einige Straßen der Stadt setzen sich fort durch die einschließenden Täler über die benachbarten Höhen und führen als Landstraßen dann weiter, den alten Verkehrsadern des Landes folgend; die Eisenbahnlinien haben allerdings hierin so manchen Wandel be wirkt. Auf den benachbarten Höhen und in den Tälern dazwischen breiten sich die Vororte aus, Villenstraßen mit prachtvollen Baum gärten. In den flacheren Teilen finden sich vorwiegend die Wohnungen der Farbigen: der Inder, unter denen auch einige Christen sind, und der Neger. Das unbescheidene Gebahren der Kaffern in den Straßen der Stadt Pietermaritzburg sowohl wie an vielen anderen südafrikanischen Orten fällt sehr auf. In Daressalam ist man an einen anderen Ton_ 99 _ 7* gewöhnt*. Auch hier sind die Neger stets heiter, lachen immer, reißen den großen Mund auf, daß die weißen Zähne leuchten. Die Inder sind ruhiger, sehr viel ernster; manche unter ihnen sind unglaublich mager; viele sehen aus wie die Zigeuner bei uns, sind unsauber und wohnen draußen am Rande der Stadt in Wohnräumen von abschreckender Un- sauberkeit, zusammengebaut aus Abfällen der verschiedensten Art. Eigenartig sehen die kleinen Inderkinder der besseren Klasse aus: zier lich, mit kleinen Köpfen und zarten Gliedern, gekleidet wie die Erwach senen, Puppen vergleichbar. Die Negerkinder sind nach unserem Ge- schmacke hübscher; sie haben einen größeren Kopf im Verhältnis zum Rumpfe, sowie die Europäerkinder auch. Kafferndörfer mit runden gefloch tenen Hütten gibt es in der nächsten Nähe des Ortes. Die Männer sind meist europäisch gekleidet; nur ältere Personen tragen als Abzeichen einer gewissen Würde einen schwarzen wie aus Ebenholz gedrechselten Ring auf dem Kopfe, der wie mir erzählt wurde, aus den Haaren her gestellt wird; diese werden zu einem derartig wulstigen Zopf zusam mengedreht und von irgend welchem Bindemittel überzogen, daß sie einem lackierten Ringe gleichen. Die Frauen haben vielfach ihre ur sprüngliche Kleidung beibehalten. Am auffälligsten ist der Perlenschmuck und ein merkwürdiger schräg nach hinten hochaufstehender Haarwulst, der gegen oben braun gefärbt ist. Der auffälligste Zug im Straßenbilde waren mir die Rickschajungen; es sind auch Kaffern aus der Umgegend; sie überbieten sich gegenseitig durch möglichst toll aussehende Aus stattung. Der Kopf trägt Ochsenhörner, Straußenfedern, Hahnenfedern, Fellbüschel oder dergleichen. Bekleidet sind sie mit Umhängen in den schreiendsten Farben, die Beine meist in weißen Mustern angemalt. Diese Jungen sind in der Tat außerordentlich leistungsfähig; sie laufen meh rere km im Trabe, mitunter sogar bergauf, infolgedessen sind die Rik schas ein beliebtes Beförderungsmittel, nicht nur hier, sondern in ganz Ost- und Südostafrika. Der Verdienst der Rikschajungen soll sehr gut sein, mir wurde aber erzählt, daß viele von ihnen körperlich Schaden nehmen. In 1 meinem Hotel genoß ich in der ersten Zeit mit rechtem Behagen die Vorzüge eines eigenen, von mir allein bewohnten Zim mers. Leinenbettdecken hatte mir auf meiner Buschwanderung Jumbe allabendlich mit peinlichster Gewissenhaftigkeit auf meinem Feldbett ausgebreitet im Gefangenenlager gab es das nicht; erst im Hotel konnte ich mich wieder daran freuen. Weiße Tischtücher, Mundtücher, saubere Bestecke lauter lang entbehrte Gegenstände! und wenn auch unser Wirt Getränke nicht verzapfte, so holte mir doch der indi sche Tischkellner, gekennzeichnet durch eine breite seidene Schärpe über dem weißen Anzüge, aus der Nachbarschaft ein Fläschchen kräfti genden Kapweins. Aber eins fehlte mir hier; im Lager war ich von lauter Landsleuten umgeben, mit vielen unterhielt ich mich gern, un-_ 100 _ gestört konnte man reden und reden hören über die Dinge in der Hei mat, über den Krieg. Im Hotel war ich als Deutscher allein, mit keinem unterhielt ich mich, absichtlich zog ich mich zurück, denn jede mißliebige Auffälligkeit konnte zu einer Wiederverhaftung führen. Auch die An zahl der Zeitungen war hier beschränkt; ich bekam nur die drei eng lischen Hauptblätter von Natal in die Hände. Mit der Post gab es anfangs Schwierigkeiten, da traten wieder die Sorgen in den Vorder grund und quälende Gedanken nahmen mich übermächtig in Anspruch; eins aber war mir vergönnt, ich hatte Freiheit der Bewegung; ich ging die Straße zum Fluß hinunter, hinüber in den wahrhaft schön angelegten Alexandrapark, allenthalben sah ich in dem Boden das die Augen des Geologen auf sich ziehende Schiefergestein und wie immer ging ich die steilste Straße hinauf zum höchsten Punkte. Von dort blickte ich zwischen den Bäumen des Parks über den Fluß zurück, über die grünen Ab hänge auf der anderen Seite und die ansprechenden Ziegelrohbauten der Stadt, ihre Türme und Dächer, weiter zur nächsten Höhenreihe dahinter, wo aus dunklem Laubwalde die verstreuten hellen Landhäuser her vorleuchten und noch weiter bis zu den Höhen am Horizonte, die mit steilem Felsenabfalle die Waldtäler überragen. Unten an den Einschnitten des Flusses und oben auf dem Gipfel der Höhen, sah ich Felsgestein an stehen, dort bot sich mir Aussicht auf geologische Arbeit. (Ab bildung 6.) Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung, daß die Pflanzenwelt, die der Gegend den angenehmen Eindruck einer Fülle von Bäumen und Wäldern verleiht, nicht eigentlich bodenständig ist. Australische Euca- lypten, europäische Cypressen und Lebensbäume, nordische Eichen, Kie fern und Weiden bilden den Hauptbestandteil der Gärten. Zwei Bambus arten gedeihen an den Wasserläufen in üppigster Fülle; von Palmen sah ich nur vereinzelte Exemplare, eine Zykadeenart war in vielen Gärten vertreten. Die dichten Wälder auf dem Bergrücken bestehen durchweg aus Gerberakazien australischer Herkunft; nur von weitem gesehen bieten diese Wälder ein erfreuliches Bild; die Bäume, in dichten Reihen gepflanzt, dulden kein Unterholz und es fehlt deswegen jeder Pflanzen wuchs am Boden. Schön dagegen ist das ursprüngliche Pflanzenkleid der Gebirgsschluchten, sind die oft auffällig gestalteten Gewächse an den Felsenabhängen; hier findet der Botaniker immer Ausbeute. Am ersten Tage meines Aufenthaltes hatte ich mich bei dem Vor stande der Bezirkspolizei zu melden. Hier wurde ich eingetragen, mußte einen Schein unterzeichnen und sollte die Erlaubnis erhalten, mich im Bereiche der Stadt frei zu bewegen. Auf meinen Einwand, daß ich als Geologe großes Gewicht darauf legte auch die Umgebung sehen zu dürfen, dehnte der Offizier nach kurzem Besinnen die Erlaubnis auf den Bezirk Pietermaritzburg aus; das war für mich eine große_ 101 _ Verbesserung. An zwei Tagen in der Woche sollte ich mich bei der Polizei melden; später war es nur noch einmal nötig. Zufällig speiste der Polizeikapitän in demselben Hotel, das enthob mich aber nicht der Notwendigkeit der persönlichen Meldungen in dem ziemlich entfernt liegenden Polizeiamt. Irgend welchen Belästigungen war ich sonst nicht ausgesetzt. Auf meinen Ausflügen durchstreifte ich die Umgegend der Stadt und besuchte besonders die Steinbrüche; eine Fundgrube für lehr reiche Beobachtungen waren die Einschnitte an der neuen Bahnlinie Abbildung 6. Pietermaritzburg, Umsindusiiluß im Alexandraparke. (Aus Craemer, Aus meiner Wanderzeit.) für die Strecke nach Johannesburg. Die alte Strecke hat zuviel unaus geglichene Steigung und soll deswegen verlassen werden. In den Stein brüchen wurden Sandsteine von verschiedener Festigkeit gebrochen, die größtenteils den unteren Schichten der Karrooformation angehören und zwar der oberen Eccastufe. Fossile Hölzer und zerriebenes Pflanzen material sind die einzigen Fossilien, die ich hier gefunden habe. Mit besonderm Eifer durchsuchte ich die schwarzen Schiefer desselben Hori zontes, in denen gelegentlich auch bessere Pflanzenreste vorkommen._ 102 _ Es ist dies dieselbe Stufe, die in anderen Teilen von Natal und in Trans vaal Steinkohlenlager enthält. Sehr eigenartig ist das Auftreten von senkrechten Gängen und flachausgebreiteten Lagergängen des in Südafrika sogenannten Dolerit. Diese Gänge treten in so großer Massenhaftigkeit auf, daß sie im größten Teil von Südafrika fast auf jedem Quadratkilometer anzutreffen sind. Es deutet dies auf eine vollständige Zertrümmerung des ganzen Landes und Durchtränkung mit diesem vulkanischen Schmelzflusse. Im Dolerit finden sich ebenfalls zahlreiche Steinbrüche, in denen Quader oder Kleinschlag gewonnen werden. Ein beliebtes Ziel für Ausflügler aus Pietermaritzburg sind die Wasserfälle, die zumeist durch eine besonders starke Doleritbank ver anlaßt werden. So stürzt z. ß. der Howikfall aus 40 m Höhe über eine solche flache" Platte von entsprechender Stärke. Zu weiteren Ausflügen konnte ich die Bahn benutzen; da mir die Grenzen des Bezirkes nicht genau angegeben werden konnten, war ich nicht allzu ängstlich in der Innehaltung der mir gegebenen Vorschriften. Besonders ansprechend waren die Ausflüge nach den Felsenabstürzen von Ottos Bluff, des Townhill und in die sich zu dem Tale des botanischen Gartens herab ziehenden Schluchten. Der Glanzpunkt war ein Ausflug nach dem Zwartkop, dem höchsten Punkte der ganzen Gegend. Von hier aus reichte der Blick bis zu den eigentlichen Drakensbergen in der Ferne, deren Gipfel damals, anfang Mai von Schnee bedeckt waren. Bergab wärts verfolgte ich die Täler bis zum Umgeniflusse. In mehreren Stufen, angedeutet durch weithin aushaltende ebene Flächen steigt hier das Gelände bis zu einer fünften höchsten Stufe an; zu dieser gehört die Oberfläche des Nataltafelberges, der sich mächtig aus seiner Umgebung heraushebt; wundervoll müssen dort die Landschaftsbilder sein, die die tief eingreifenden Felsenschluchten des Umgeni und seiner Nebenflüsse in der Umgebung schaffen. Mir war es nicht vergönnt dorthin zu kom men, obwohl der Berg in dem mir gestatteten Gebiete lag. Eine Ein ladung zu deutschen Farmern daselbst, die mich hätten aufnehmen kön nen, erhielt ich leider zu spät. Länger als einen Tag wollte ich von Pietermaritzburg nicht fortbleiben, um immer nahe bei der Post zu sein, Verwickelungen mit der Polizei zu vermeiden und im Falle end gültiger Freilassung nicht einen Tag zu verlieren. Nach und nach lernte ich die verschiedenen Landsleute kennen, . die in Pietermaritzburg ansässig waren, und durch Naturalisierung oder irgendwelche Beziehungen zunächst noch vor der Gefangennahme geschützt waren. Wenn irgend möglich machte ich täglich mindestens einen Besuch bei einem Deutschen, um mich aussprechen zu können. Die Unterhaltung wurde gewöhnlich je nach Umständen und nach dem Grade der Aengstlichkeit meiner neu erworbenen Freunde mit gebiih-_ 103 _ render Vorsicht gepflogen. Liebenswürdige Aufnahme fand ich in dem Hause eines früheren Landbesitzers, der mit seiner Familie sich unter grünen Bäumen hinter dem botanischen Garten angesiedelt hatte. Er gehörte einer bei Neu-Hannover verzweigten angesehenen Farmerfa milie an. . Mehrere lang eingesessene deutsche Goldarbeiter und Uhr macher waren für die Stadt unentbehrlich; hätte man sie in das Lager gesteckt, dann konnten die Stadtuhren nicht instand gehalten werden. In dem Museum von Pietermaritzburg und in dem von Kapstadt sah ich sehr ansprechende Antilopengruppen, zusammengestellt von einem der beiden deutschen Ausstopfer des Ortes, mit denen ich mich be sonders angefreundet hatte. Unvergeßlich werden mir die Tage sein, die ich in dem lauschigen Gartenhäuschen in der Parkstraße am Fuße des Townhill als Gast eines deutschen Juristen verleben konnte. Durch die Unterhaltungen mit einem anderen deutschen Rechtsgelehrten bei Gelegenheit gemeinsamer Spaziergänge erhielt ich einen willkommenen Einblick in die Verhält nisse des Bezirkes und insbesondere die Beziehungen zur Eingeborenen bevölkerung. Konnte ich an klaren Tagen Ausflüge unternehmen, so war an regnerischen Tagen Gelegenheit zu Beschäftigung genug vorhan den; manche Stunde verbrachte ich in der Bibliothek der Stadt; am liebsten aber weilte ich im Natal-Museum, das sehr schöne Sammlungen und eine gute Bibliothek enthält. Für die große Bereitwilligkeit, mit der mir die Erlaubnis erteilt wurde dort zu arbeiten und die wichtigen paläontologischen Originale zu sehen, werde ich dem Leiter des Mu- museums stets dankbar bleiben; in Begleitung seiner nicht minder liebenswürdigen Gattin, die uns eigenhändig in ihrem Auto fuhr, führte er mich zu guten geologischen Aufschlüssen, wo ich das erste Mal in meinem Leben das berühmte Dwykakonglomerat sah. Es stellt die Grundmoräne einer großen alten Vergletscherung zum Beginn der Karroozeit dar. Bei den übrigen Vertretern der naturwissenschaft lichen Fächer der Nataluniversität fand ich gleiches Entgegenkommen. Dieselben angenehmen Erfahrungen machte ich bei einigen Verwaltungs behörden, bei denen ich mir Auskunft erbat, so bei der Bergbehörde, dem schwedischen Vorstande der Provinzialvermessung und bei dessen über alle Dinge des Landes gut unterrichteten Gehilfen, der in seinen Mußestunden mit deutscher Gründlichkeit astronomische Beobachtungen machte. Sehr gern ging ich späterhin des Abends auf den Bahnhof, zu der Zeit wo die Nachtzüge in den verschiedenen Richtungen den Ort ver ließen, um mich zu überzeugen ob Lagergenossen die Freiheit erhalten hätten. In Begleitung eines Unteroffiziers der Schutzwache fanden sie sich dort ein; Fahrkarte und Gepäckschein wurden ihnen von der Be hörde geliefert. Von ihnen erfuhr ich dann Neues aus dem Lagerleben,_ 104 _ zuweilen auch Neues aus der Welt draußen, denn man war da oben besser unterrichtet als ich in meiner Abgeschlossenheit. Allerdings mußte ich zu diesen Besuchen meine anfängliche Scheu überwinden, mich an Plätzen sehen zu lassen, wo viel Polizisten und Soldaten mich an die Gefangenschaft im Lager allzusehr erinnerten; immer war es mir als ob sie mich eines schönen Tages wieder aufgreifen und einsperren könnten. So schlimm war es nun nicht, einige von ihnen waren sogar ganz umgänglich; die Hauptsache war, daß man möglichst die Gelegenheit zu Angebereien vermied. Große Freude machte es mir als mich eines Tages ein Leidens genosse besuchte, der zum Zweck gerichtlicher Verhandlungen Urlaub nach Kapstadt erhalten hatte; ohne Zeitbeschränkung und ohne Mel dungszwang konnte er sich einige Wochen frei bewegen, aber zurück mußte er doch kommen; ein Entweichen oder Verborgenbleiben wäre nicht möglich gewesen. Ein andermal besuchte mich ein Arzt aus Lager II, ein Spezialist aus Kapstadt, der trotz seiner guten Beziehungen zu weiten Kreisen des Publikums hatte in das Gefangenenlager gehen müssen, weil englische Aerzte oder vielleicht nur einer die Behörden auf ihn gehetzt hatten. Seine Patienten wagten die Reise von 60 Stun den nach Pietermaritzburg und erwirkten dort von dem Lagerkom mandanten Urlaub für ihren Arzt. So hatte ich wiederholt Gelegen heit die Stunde seines Urlaubs mit ihm zu teilen. Es war kein Zufall, wenn wir von da ab immer wieder einander trafen und zuletzt die Heimreise gleichzeitig ausführten; aus dem Meinungsaustausch in Pieter maritzburg hatte sich eine wahre Freundschaft entwickelt. Mit dem englischen Publikum im Orte kam ich sonst kaum in Be rührung; ich habe keine einzige unliebsame Erfahrung in diesem Punkte gemacht. In meinen äußeren Verhältnissen vollzog sich die erste Aenderung am 8. Mai, an demselben Tage, an dem die Zeitungen Sonderblätter mit der Nachricht über die Versenkung der Lusitania" brachten. Ich las sie, als ich eben die prachtvollen Bambusgebüsche am Eingange zu dem Parke von Freelands", dem Wohnsitze meiner freundlichen Gastgeber passiert hatte und die Straßenbahn besteigen wollte. An diesem Tage war ich aufgefordert worden auf die Polizei zu kommen; ich war in Gedanken zu sehr mit der neuen Nachricht beschäftigt und konnte die Ursache meiner Bestellung nicht ergründen. Auf dem Amte erhielt ich einen Paß zur Heimreise nach Deutschland über einen neu tralen Hafen ich war also frei! Eine Bedingung war aber daran geknüpft: Ich sollte noch einmal in das Lager hinaufkommen! Nicht ohne Scheu überstand ich das Hin und Her der Fragen der Tor wächter und hörte das Gitter hinter mir zufallen; aber man behielt mich nicht dort; ich mußte mich nur verpflichten auch meinem Reise-_ 105 _ gefährten Schwarze einen Fahrschein zur Heimreise zu bestellen, da er selbst das Lager nicht verlassen durfte. Ich hatte mir dies einfach vorgestellt, aber zu meiner Verwunderung war es mir nicht möglich bei irgend einer Linie die Zusicherung zu erhalten, daß wir mitgenommen würden. Die Unterhandlungen dauerten mehrere Tage; die größte Wahrscheinlichkeit für unsere Heimreise bot sich uns immer noch auf den portugiesischen Postdampfern. In den Zeitungen von Natal hatte sich inzwischen eine unglaub liche Aufregung über den Lusitaniafall erhoben; es machte mir den Ein druck, daß sie durch die maßgebenden politischen Kreise künstlich groß gezogen wurde. Versammlungen wurden einberufen und Entschlie ßungen gefaßt. Am 10. feierte ich noch die Freilassung eines Kampgenossen, dem ich im Laufe der Zeit nähergetreten war, auf dem Bahnhofe in der üb lichen Weise, sogar zum Teil in Gesellschaft von Mitgliedern der Be wachungsmannschaft des Lagers. Infolge von Warnungen von befreun deter Seite unterließ ich aber von da an die abendlichen Besuche des Bahnhofes, obwohl ich sonst kein Zeichen irgend einer persönlichen Auf regung gegen mich gewahr wurde. Am 13. Mai, dem Grünen Donnerstag, der als Feiertag festlich be gangen wurde, machte ich des Morgens mit zwei Universitätsprofes soren und deren Gattinnen einen Autoausflug in das Townbush Val ley", genoß den schönen Ausblick auf die benachbarten Höhen und freute mich der kostbaren erfrischenden Abendluft. Des Abends war ich bei einem Freunde deutscher Abstammung eingeladen zugleich mit einem angesehenen englischen Kaufmanne. Wir saßen nach dem Essen in einem behaglichen Zimmer bei angeregter Unterhaltung, als plötzlich gegen halb zehn Abends der Gastgeber Telephon gerufen wurde. An der erregten Art seiner Antworten merkten wir sofort, daß es irgend etwas besonderes wäre, was ihm mitgeteilt wurde. Es hieß, in der Stadt hätte sich der Pöbel erhoben, den Deutschen würden die Läden gestürmt, die Waren auf die Straßen geworfen und die Möbel ver brannt, man konnte nicht wissen wie weit die Menge in der Zer störungswut gehen würde. Die Stimmung des Abends war gestört; ich mußte mich schnell entschließen, das gastliche Haus zu verlassen. Die Straßenbahn konnte ich nicht benutzen, weil sie den Rathausplatz kreuzte, wo der Haupttumult sein sollte; auf Seitenstraßen ging ich daher den weiten Weg bis zu meinem Hotel. Ich traf nur wenige Men schen; eben ging ich an Grey s Hospital vorüber, als ein Auto ange saust kam und ein Verwundeter hinausbefördert wurde; ich hörte später, daß es einer der Tumultmacher war, der sich beim Einschlagen der Schaufenster arg verletzt hatte. Als ich dem Mittelpunkte der Stadt näher kam, hörte ich das Schreien und Johlen und sah die Flammen_ 106 _ der Scheiterhaufen auf den Straßen, vermied es aber näher heran zu gehen und kam unbehelligt in meinem Hotel an. Hier war alles in friedlicher Ruhe; ich lauschte eine Zeit lang dem Toben in der Ferne und war darauf gefaßt, falls der Pöbel doch noch herankommen und das Hotel untersuchen würde, durch einen Seitenausgang entwischen zu müssen. Gegen Mitternacht wurde alles ruhig und ich schlief ohne Störung in den nächsten Tag hinein. Wie ich später erfuhr war der ganze Krawall mit Vorbedacht angezettelt. Die eigentlichen Anstifter und Führer sind bei den Politikern zu suchen. Die Eisenbahner, die Ar beiter der Eisenbahnwerkstätten, die zu einer kräftigen Organisation vereinigt waren, führten den Auflauf an und rissen die anderen mit. Am nächsten Tage, am Freitag, gingen mir die Dinge natürlich lebhaft durch den Kopf, am Tage würde es wohl ruhig sein, aber am Abend konnte eis wieder ungemütlich werden. Meinen Paß hatte ich und ich konnte den Ort verlassen. Schnell wurden die Koffer gepackt; es war nur nötig meine Kisten mit Gesteinsstücken zuvor in sicherer Hut unter zubringen. Die photographischen Aufnahmen vom Tage vorher wollte ich zu meinem deutschen Freunde, der sich tagsüber durch Photogra- phieren von Negerkindern sein Geld verdiente und des Abends Heckel studierte, bringen, um sie entwickeln zu lassen. Das war nicht mehr möglich, die Ladentür war geschlossen, das Schaufenster zertrümmert und seines Inhaltes beraubt. Ich ging zur Bank, um einen Scheck ein zulösen, das war in der Eile auch nicht mehr möglich. Als ich das Haus verließ, sah ich gegenüber die Menge sich stauen; dort war der Verkaufsladen eines deutschen Uhrmachers, am Tage vorher noch mit sehr wertvollem Inhalte. Der Inhaber ist viele Jahre im Lande, seine Frau ist Engländerin, die Tochter englisch erzogen. Das hat alles nichts genutzt und ihn vor Beschädigung und Plünderung nicht geschützt; jetzt stand die Menge vor dem Laden und betrachtete das Zerstörungs werk. Ein Bekannter schilderte mir die Vorgänge bei den Krawallen. Noch drei weitere Goldarbeiterläden wurden angegriffen und grade die bestausgestatteten am meisten beschädigt. Man plünderte mehrere Bäckereien und verbrannte deren Ausstattung. Dann drang die Rotte in ein Hotel ein, das der deutsch geborenen Frau eines Engländers ge hörte, der als Freiwilliger für England nach Deutsch-Südwest gezogen war. Bei all diesen Ausschreitungen am 13. war die Polizei vertreten, aber nicht um die Bedrohten zu beschützen, sondern um die Gewalt tätigkeiten in einer bestimmten nicht unerwünschten Richtung zu leiten. Um Pietermaritzburg zu verlassen, mußte ich mich bei der Po lizei melden; hier hatte man mich inzwischen schon gesucht und er wartet. Der Polizeikapitän ging auf meinen Wunsch, abreisen zu dür fen, erst gar nicht ein, sondern riet mir zur eigenen Sicherheit wieder hinauf in das Lager zu gehen. Auf meine Einwendungen hin, daß ich_ 107 _ eine Unsicherheit für mich nicht fürchte, erteilte man mir noch ein mal den dringenden Rat sofort wieder in das Lager hinauf zu gehen. Da war nichts zu machen. Ich fuhr mit einer Rikscha nach dem Hotel zurück, ließ mein schon geordnetes Gepäck herunterholen, auf zwei weitere Rikschas laden, und nun zog diese kleine Karawane zurück nach dem Gefangenenlager. Diesmal war ich in ganz anderer Stimmung als das erste Mal. Ich betrachtete mich nur als Gast, der zur eigenen Sicherheit hinaufgekommen wäre und hoffte bestimmt auf eine baldige endgültige Regelung der Dinge; der von dem Minister des Innern der Südafrikanischen Union unterzeichnete Paß für die Heimreise war ja in meinen Händen. Wieder im Gefangenenlager. Oben traf ich all die alten Freunde wieder an; es kam mir vor, äls ob ich nur einen Tag draußen in der Freiheit gewesen wäre, so schnell waren mir die sieben Wochen vergangen. Als ich nach drei Tagen bei dem wachhabenden Offizier auf Entlassung drängte, hieß es, so schnell ginge es nicht; unser Fall, d. h. Schwarzes und der meinige sollten der Gegenstand telegraphischer Verhandlung mit England werden. Das sah wie eine Hinausschiebung der Entscheidung aus und doch klammerte ich mich an die Hoffnung einer baldigen Erledigung der Frage nach einigen Tagen. Ich mußte aber weiter warten, bis ich nach vierzehn Tagen hörte, daß die Unterhandlung mit England auf brieflichem Wege vor sich ging. Daraus wurde mir klar, daß es wieder eine ganze Reihe von Wochen dauern würde, und wirklich sind zehn Wochen vergangen, ehe ich freigelassen wurde. Inzwischen fing das alte Leben im Gefangenenlager wieder an; ich kannte es noch, den Reiz der Neuheit hatte es für mich ver loren. Auch schien mir die Stimmung im Lager selbst nicht mehr die Höhe zu haben wie früher; es bildeten sich Parteien, deren Gegensätze mir weniger sachlich erschienen, da sie mehr an den führenden Per sönlichkeiten lagen. An Abwechselung fehlte es auch jetzt nicht, am 20. Mai wurden die kriegsgefangenen Südwester nach Kimberley ge schafft. Es war ein Jammer, soviel Tatkraft zur Untätigkeit verur teilt zu sehen, und doch freuten wir uns beim Anblick der strammen Kämpfer, die in selbstverständlicher tadelloser Ordnung und in ausge zeichneter Haltung aus unserem Lager fortmarschierten. 127 Mann waren es, die uns verließen, aber die dadurch entstandenen Lücken sollten bald ausgefüllt werden durch neue Zuzüge. Die Aufregung, die durch die Krawalle hervorgerufen war, legte sich nicht so bald; man war im Lager selbst darauf gefaßt gewesen, daß die lärmende Rotte Fort Napier stürmen würde. Unsere Schutzwache hätte uns nicht viel genutzt, die Männlein da oben im Wachturme gehörten der Veteranen-_ 108 _ mannschaft an und machten einen höchst schlappen Eindruck. Die Er bitterung unter unseren Leuten aber war so gestiegen, daß im Falle eines Angriffs auf die Gefangenen keiner auf unserer Seite zurückgestanden hätte. Stacheldraht und Wellblechzaun wären kein ernstes Hindernis gewesen. Freitag, den 14. Abends, sollten in der Stadt wiederum Umzüge stattfinden. So geschah es auch, aber die Führer lenkten die Rotte aus dem Villenviertel heraus, an Freelands vorüber, auf eine entlegene Bergwirtschaft zu, deren Wirtin einen Gatten deutscher Abstammung hatte. Bei der großen Entfernung verrauchte der Eifer der Angreifer unterwegs und der Strom verteilte sich im Dunkel der Nacht, ohne Un heil zu stiften. Nach und nach sickerten Nachrichten durch von den Straßen krawallen in Johannesburg, in Kapstadt, Port Elisabeth und in Durban. Nach einer durch die Zensur veranlaßten Pause brachten auch die Zei tungen Berichte davon und selbst Abbildungen von den verbrannten und geplünderten Häusern. Die Einzelheiten müssen von anderer Seite auf Grund eigener Beobachtungen angegeben werden. Deutsche schei nen bei diesen Tumulten persönlich nirgends zu Schaden gekommen zu sein, aber Frauen und Kinder mußten vielfach nach Nachbargrundstücken flüchten, und in vielen Fällen haben selbst Engländer sich dieser be drängten Familien angenommen. Es wird als sicher behauptet, daß in den meisten Orten die Gebildeten, wie Rechtsanwälte und Aerzte den Strom der Plünderer geleitet hätten. Die Polizei hat die Dinge aufmerk sam verfolgt; Geheimpolizisten sollen photographische Aufnahmen ge macht haben, um die Uebeltäter feststellen zu können. Andererseits sind aber Polizisten selber beim Plündern mit tätig gewesen; ein Fall wurde durch eine Gerichtsverhandlung in den Zeitungen öffentlich bekannt. Plünderer, die erwischt wurden, wurden nachträglich mit außerordent licher Milde bestraft. In Pietermaritzburg wurden die fünfzehn Haupt lärmmacher später vor das Gericht gerufen und zu je 1 Pfund Ster ling Strafe verurteilt. Einer der Rechtsanwälte, ein Parlamentskan didat und Haupthetzer regte eine sofortige Sammlung der nötigen 15 Pfund an, die auch im Handumdrehen beisammen waren. Ein an derer Plünderer, in Port Elisabeth, bei dem gestohlene Silbergegon- stände gefunden worden waren, ging straffrei aus, weil angeblich ein Verwandter von ihm auf der Lusitania" ums Leben gekommen sein sollte. Bei den Plünderungen hatte man es namentlich auch auf die alkoholischen Vorräte abgesehen. In dem einen Hotel in Johannesburg soll im Keller ein Polizist mit verbrannt sein, von dem man annahm, daß er zuviel von den geraubten Getränken genossen hatte. In der Zeitung habe ich davon nichts gelesen, ebensowenig von dem folgenden Falle, der abef von allen Seiten übereinstimmend berichtet wurde. Die plfin-_ 109 _ eiernde Volksmenge soll von Johannesburg nach dem Vororte Vreede- dorp geströmt, dort aber von handfesten Burenburschen erwartet und sofort in der kräftigsten Weise angegriffen worden sein; hierbei soll es zu Totschlägen gekommen sein. Alle diese Nachrichten kamen durch Neuankömmlinge zu uns ins Lager, die teils bisher dem Schicksale der Verhaftung entgangen oder seit vielen Wochen aus dem Lager entlassen worden waren und nunmehr zum zweiten Male oder in einem Falle selbst zum dritten Male wieder eingesperrt wurden. Es stellte sich bald heraus, daß bei all den Verwüstungen, deren Hauptzweck es doch war, den deutschen Wettbewerb im Handel und Gewerbe einfach totzu machen, weniger die Deutschen als die Engländer selbst getroffen wur den. Bei den umfangreicheren Bauten hatten die englischen Hypo thekenbesitzer das Nachsehen und in den großen Geschäftshäusern be stand die Mehrzahl der Angestellten aus weniger bemittelten Englän dern, die nun brotlos geworden waren. Berufsmäßige Hetzer hatten einen Käuferbund gegründet, der die Anteilnahme deutschen Geldes an südafrikanischen Geschäften ausspionieren wollte, um die Beseitigung und Beschlagnahme desselben anzuregen. Der in Pietermaritzburg ent standene Wohlfahrtsausschuß zwang außerhalb jedes Gesetzes kraft angemaßter Machtvollkommenheit, jeden vor seinen Schranken zu erscheinen, der, obwohl Bürger der südafrikanischen Union, nicht laut genug seinen Abscheu vor der deutschen Kriegsführung öffentlich zum Ausdruck brachte. Rechtsanwälte, höhere Richter mußten vor diesem Ausschuß ihre Abstammungsverhältnisse auseinandersetzen und ein politisches Glaubensbekenntnis zum Besten geben. Es ist dabei manches Wort gefallen, das nicht all zu scharf ins Auge gefaßt werden durfte. Auf die schwierige Lage der naturalisierten Deutschen in Südafrika sei hier nicht eingegangen. In dieser Zeit der größten Aufregung war es, als einige übereifrige Hetzer Kaffernhäuptlinge der Umgebung nach Pietermaritzburg zusammenberiefen, und an diese das Ansinnen stell ten, sie sollten die deutschen Farmen draußen im Lande überfallen und die Häuser anstecken. Ich hatte auf derartige Berichte nichts gegeben. Die Sache wurde mir aber von ganz verschiedenen Seiten in glaub würdiger Weise erzählt, selbst in den Natal-Zeitungen standen Andeu tungen davon, sodaß man sie wohl für wahrscheinlich halten muß. Es würde dies auch durchaus dem Tone der hetzenden Zeitungsschreiber entsprechen. Ich selbst aber habe, wie schon bemerkt, niemals persönlich auch nur eine Andeutung von einer derartigen Schärfe der politischen Auf fassung erfahren; es ist als ob in der englichen Bevölkerung von Süd afrika zwei Seelen wohnten, eine persönliche und vernünftige und eine politische, die sich nur in Versammlungen und in den Zeitungen äußert. Bei den Buren sind diese Verhältnisse noch mehr verwickelt; deren Seele hatte eine persönliche, dann eine kirchliche, ferner eine nationale_ 110 - und zuletzt eine südafrikanische Seite, die nur zum Teil einen englischen Anstrich hat. Zur Aufpeitschung der öffentlichen Meinung trugen zwei belgische Wanderredner, ein Arzt und ein Anwalt viel bei, die in allen größeren Orten über die Grausamkeiten der Deutschen in Belgien Vor träge hielten und für ihre Landsleute Gelder sammelten. In einem Land städtchen, in dessen Umgebung zahlreiche deutsche Farmer sitzen, be dankte sich der die Versammlung leitende Ortsvorstand bei den Red nern, meinte aber daß ihr Vortrag noch viel eindrucksvoller gewesen wäre, wenn sie die belgischen Kinder mit den verstümmelten Glied maßen selbst hätten vorzeigen können. Während meiner Abwesenheit waren unter den Genossen im Lager Meinungsverschiedenheiten immer schärfer zum Ausdrucke ge kommen. Es stand eine Partei der Unentwegten den Gemäßigten gegen über. Zu den letzteren gehörte die Mehrzahl der besonneneren und älteren Personen; ihnen lag daran durch Uebereinkommen mit dem Kommandanten für die Gefangenen eine möglichst erträgliche Lage zu schaffen. Jeder Ungehorsam, Widersetzlichkeit oder auffälliges Be nehmen führten zu Verschärfungen der Vorschriften, konnten Ent ziehung von Zeitung, Post oder der Freiheit des Einkaufs in der Kantine zur Folge haben. Bei den Unentwegten waren die jungen Leute, einige Hartköpfe oder übereifrige Politiker, die auf Zwistigkeiten mit der Kom mandantur hinarbeiteten, um dabei Gelegenheit zu haben patriotischen Mut zu zeigen; die Wirkungslosigkeit ihres Verhaltens wollten sie nicht einsehen. Es schien mir eine Art Methode aller englischen Behörden in Südafrika zu sein, die Gefangenen möglichst zu besänftigen und bei guter Laune zu erhalten, um Schwierigkeiten und Scherereien zu ver meiden. Nur der Kommandant war, wie man mir erzählte, nicht immer geneigt dieses klügere Verfahren einzuschlagen; er war zuweilen, wenn es sich um Urlaub in dringendsten Familienangelegenheiten handelte, un glaublich schroff und rücksichtslos. Ich persönlich und meine näheren Bekannten haben das an sich nicht erfahren. Als man mir die Mit teilung von der brieflichen Verhandlung mit London machte, wurde ich auf eine baldige Verbesserung der äußeren Verhältnisse im Gefangenen lager vertröstet. Diese Verbesserung kam wirklich; sie bestand in einer Uebersiede- lung nach Kamp Nr. IV. Dort lagen die Wohnungen der verheirateten Unteroffiziere der früheren Garnison von Pietermaritzburg; sie bestan den aus drei oder vier Zimmern mit einer Küche und besonderem Neben raum. Die aneinander gereihten Häuser hatten einen verandaartigen Vorbau, die Zimmer richtige Fenster mit Vorhängen, Dielenbelag und Bodenraum, kurz es war ein ganz erträgliches Wohnen. Einige Monate vorher hatten in diesem Lager Lüderitzbuchter Frauen mit ihren Kin dern gewohnt. Wir konnten nicht eher einziehen, weil die Häuser vor her wegen Ungeziefers, worunter schon die Frauen gelitte.n hatten, 111 _ gründlich ausgeräuchert werden mußten. Unsere Wohnung bestand aus drei Zimmern, die von acht Herren bezogen wurden; in einem viertes Zimmer wohnten zwei Matrosen zur Bedienung und der deut sche Koch, der zu unserem Besten in der Küche mitarbeitete. Mein Heins hatte auch die Erlaubnis erhalten nach Kamp IV überzusiedeln und sorgte nach wie vor mit erfreulicher Sorgfalt für mich. Sonst sollten hauptsächlich kränkliche oder ältere Häftlinge aus den verschiedenen Lagern hier untergebracht werden. Für uns aus Kamp war der Abbildung 7. Beim Abendessen im Lager IV. Am Tische meine Zimmergenossen Rode und Setzer; links: Lagerhauptmann Baerecke (Johannesburg); rechts Ober lehrer Müller (Deutsche Schule Johannesburg); im Hintergrunde: Heins. Uebergang nach Kamp IV ein ganz wesentlicher Fortschritt; aus Kamp II haben sich nur wenige Kampgenossen nach Nr. IV .über siedeln lassen, weil dies Lager an sich ganz annehmbar war. In meinem Zimmer aßen wir drei an einem Tisch, hatten also sehr viel mehr Raum zur Verfügung als früher; auch konnten wir unser Zim mer besser gegen die immer empfindlicher werdende Winterkälte ver wahren. In einigen Wohnungen wurde sogar der Küchenofen geheizt um die Wohnräume zu erwärmen. In diesen Tagen hatten wir wieder holt des Morgens Reif und einen Ausblick auf schneebedeckte Berge im Hintergrunde. (Abbildung 7.)_ 112 _ Ganz anders war das Landschaftsbild jetzt im Juli als zu Neujahr bei Gelegenheit meiner Ankunft. Im Gegensatz zur baumarmen, ver hältnismäßig trocknen Hochfläche des Inneren erschien mir Natal beim Uebergange auf das sich zur Küste senkende Stufenland wie ein wald reiches, in frischem Grün prangendes Gartenland; jetzt hatten nur die immergrünen Bäume ihre düsteren Kronen unverändert aufzuweisen. Andere Bäume waren laubarm und die Grasflächen an den Abhängen der Berge zeigten keine Spur von Grün mehr, alles war in ein fahles bräunliches Gelb gekleidet. Die trockne Winterzeit ist es, die von den Farmern dazu benutzt wird, das Gras niederzubrennen und auf diese Weise Platz für frische Weiden zu schaffen. Allabendlich sahen wir vom Lager aus auf den benachbarten Höhen die merkwürdigen Feuerlinien, dem Winde folgend, dauernd ihre Lage und ihre Form verändern. Manch mal näherten sich die Rauchwolken unserem Lager; dann waren Kaffern bemüht durch Ausschlagen der vorderen Feuerlinie das Feuer in seinem Fortschreiten zu beschränken. Oft genug erschienen Mitteilungen in den Zeitungen, daß durch diesen Unfug des Grasbrennens Unglücksfälle und Schadenfeuer entstanden waren. Ueber die Zweckmäßigkeit des Niederbrennens des Grases hörte ich von verschiedenen Farmern ver schiedene Urteile, aber keiner schien sich ernstlich dagegen zu sträuben, es heist immer, es hilft nichts dagegen zu reden; die Leute sind ein mal daran gewöhnt. Außerordentlich angenehm empfand ich den Umstand, daß kein Wellblechzaun mehr unseren Ausblick hemmte. Wir hatten freien Blick in die Umgebung, beobachteten die ein- und auslaufenden Eisenbahn- ziige und die Verbesserungsarbeiten im Rangierbahnhof, blickten hin unter ins Tal zum botanischen Garten, sahen die Straßenbahn ver kehren und konnten also Anteil nehmen am Leben außerhalb unseres Gefängnisses. Dabei war auch das Leben im Innern angenehmer. Meine beiden Zimmergenossen und die Zimmernachbarn waren rück sichtsvolle Persönlichkeiten; der Unterhaltung mit ihnen verdanke ich viel Anregungen und die Kenntnis so mancher südafrikanischer Dinge. Die Deutschen im Orte nahmen sich unserer noch eifriger an. Ich konnte Besuche im Beisein des Zensors empfangen, Besorgungen in der Stadt wurden für uns ausgeführt und frische Blumen, ein Gruß aus Freelands zierten wiederholt den Tisch. An Aufregungen und Abwechselung fehlte es uns auch nicht; ein vorher stets witzreicher Lagergenosse mußte plötzlich nach der Irrenanstalt geschafft werden; ein anderer, ein bie derer Bayer, der uns durch sein offenes grades Wesen viel Freude ge macht hatte, wurde ins Gefängnis abgeführt; er hatte wiederholt in seinen Briefen in denkbar schroffster Form sich über unsere englischen Machthaber ausgelassen, trotz aller Warnungen von Seiten der Zimmer genossen; es war wie ein Zwang; er konnte diese Art nicht lassen._ 113 _ Inzwischen füllte sich Kamp IV immer mehr; außer Nachzüglern aus Kamp kamen auch mehrere Zivilgefangene aus Deutsch-Südwest, die bei dem Vorgehen der Engländer fortgeschleppt worden waren, darunter ein Regierungsarzt aus Windhuk und der Distriktschef von Okahandja, einige Farmer usw. Hier erhielt ich die erste Nachricht von dem Auf stande der Bastards von Rehoboth: man fabelte von zahlreichen Morden, glücklicherweise ist es so schlimm nicht gewesen. So erfuhr ich hier auch einiges über meine Freunde und Fachge nossen in Südwest. Der Gießener Mineraloge Prof. Erich Kaiser und Prof. Fritz Jäger, Geograph in Berlin hatten sich bei der Truppe be tätigt. Der junge Mineraloge Dr. Schneiderhöhn war nach dem Gefan genenlager in Kimberley gebracht worden. Alle drei waren bei Aus bruch des Krieges in verschiedenen Teilen des Schutzgebietes mit For schungsarbeiten beschäftigt. Der Geologe Prof. Hans v. Staff, mir seit Beginn seiner Studien besonders nahe stehend, vorher Privatdozent in Berlin, dann Reichsgeologe in Deutsch-Südwest, war einem tückischen Typhus erlegen.. Auch hörte ich von Dr. Vageier näheres über die Ermordung deut scher Offiziere in Angola; er war damals gleichzeitig in derselben Gegend. Der Fortgang der Kämpfe in Deutschland wurde mit dem größ ten Eifer verfolgt; aus der Lage der jeweiligen Gefechtspunkte konnte man sich ein Bild von dem Fortgange der Kämpfe in Galizien und Polen machen. Herr von Dessauer zeichnete ausgezeichnete Wandkarten und erläuterte uns mit Vorträgen unter freiem Himmel die Verschiebung der Kampflinien nach Osten. Gleichzeitig aber wuchsen unsere Sorgen um Südwest. Am 10. Juli erfuhren wir die Uebergabe von Südwest; am nächsten Tage folgten dann in den Zeitungen die Bedingungen der Uebergabe. Bezeichnend war das Verhalten der Natalpresse. Am ersten Tage wurde Botha für seine Heldentaten mit den größten Feldherren aller Zeiten verglichen und ganz übermäßig verhimmelt. Die günstigen Bedingungen der Uebergabe aber weckten Bedenken und veranlaßten erbitterte Bemerkungen auf Seiten der Englandfreunde. Die schärfsten Ausfälle erschienen in den häufig an Blödsinn grenzenden persönlichen Auffassungen, die nicht in den Leitartikeln sondern als eingesandte Briefe von den Zeitungen gebracht wurden; das war nicht nur diesmal so, sondern überhaupt bei allen bedenklichen Erscheinungen des Krieges. Gradezu lächerlich waren die Vorschläge für Deutsch-Südwest einen neuen englischen Namen einzuführen. An diesen den Zeitungen zugeschickten Briefen mit allerhand un sinnigen Vorschlägen war namentlich die Frauenwelt stark beteiligt. Diese bildete auch den Hauptbestandteil bei den politischen Versamm lungen in den Provinzstädten wie mir erzählt wurde. An einer Natal- G ü r c h , Deutsch-Ostafrika. 8_ 114 _ zeitung beteiligte sich eine Frau sehr häufig mit Zuschriften und selbst ständigen Auseinandersetzungen, die zu den tollsten Hetzereien ge hörten. Es war eine lohnende Aufgabe derartige Schmähartikel zu sammeln und manch ein Kampgenosse vertrieb sich die Zeit durch Ein ordnen von Zeitungsausschnitten, die bändeweise sich anhäuften. Durch weitere Verbesserungen wurde das Leben in Lager IV noch erträglicher; selbst die Wachmannschaft ließ eine geflissentliche Höf lichkeit erkennen, die in Lager vermißt wurde. Unter den weniger ungleichartigen Bewohnern benachbarter Baracken stellte sich ein an genehmer Verkehrston ein und ein gesunder Humor kam oft genug zur Geltung. Heitere Bilder wie sie z. B. das morgendliche Kartoffel schälen bot, bei dem auch der Bezirksamtmann tätig war, verlockten Berufs- und Liebhaberphotographen zu emsiger Tätigkeit, ebenso wie auch das schöne Landschaftsbild jenseits des Stacheldrahtes. Und doch er faßte mich nicht geringe Erregung, als ich eines Tages erfuhr, daß mein Freund Dri Simon in Lager II, den ich schon vorher er wähnte, einen neuen Paß erhalten hatte; er war in derselben Lage wie ich, nach den Lusitaniakrawallen mußte auch er ein zweites Mal in das Lager zurückkehren, wo er ebenfalls zehn Wochen verblieb. Einen Tag nach ihm, am 27. Juli wurde ich aufgefordert mit meinen Papieren zur Untersuchung zum Zensor zu gehen, das war das Zeichen, daß ich frei kam. Nach drei Stunden sollte mein Gepäck fertig sein; das besorgte der brave Heins. Dann gings Abschiednehmen. Die Auf träge, die ich für die Heimat mitnahm, wurden notiert; leider habe ich sie nicht ausrichten können, meine Papiere kamen mir abhanden. Zu letzt ging es so schnell, daß ich manchen nicht mehr sah, von dem ich mich gern verabschiedet hätte. Einige Hochs, das Tor schlug zu, ich war wieder frei. Meine Koffer wurden am Ausgange des Forts unter sucht, ich muß gestehen, ganz glimpflich. Die Revisoren spielten scherz haft auf meine Gesteinshandstücke an, man hatte mich also in der Stadt beim Sammeln beobachtet. Abreise von Fort Napier. Ich verdankte die Befreiung nur meinem Alter. Mein Reisebe gleiter aus Ostafrika der Präparator Schwarze war 52 Jahre alt und nur aus diesem Grunde, so wurde ihm vom Kommandanten ausdrücklich versichert, könnte er nicht mit mir zusammen frei gelassen werden. Am Ausgange traf ich Dr. Simon, wir reisten zusammen. Auf dem Bahnhofe löste ein Sergeant die Fahrkarte zweiter Klasse nach Kap stadt; die Nachzahlung zur ersten Klasse mußten wir selbst leisten, ebenso mußten wir unser Gepäck bezahlen. In der Stadt nahm ich noch Abschied im Natalmuseum, ich überzeugte mich von der Unversehrt heit meiner drei Kisten mit Steinen und besuchte zum letzten Mal meine_ 115 _ 8* Gastgeber in Freelands; um Mitternacht ging unser Zug ab. Es war mir sehr erwünscht, daß ich bei der Rückreise die Strecken, die ich vorher in der Nacht durchfahren hatte, nun bei Tage sehen konnte. Inzwischen hatte ich mir Karten, auch geologische besorgt und mit dem größten Eifer die Aufschlüsse längs der Bahn verfolgt. Mein Reisege fährte war ein aufmerksamer und gelehriger Hörer, aber immer wieder schweiften die Gedanken ab von der Geologie zur Kriegslage daheim, zur Politik des Landes und namentlich zu leidenschaftlichen Erörterungen der Möglichkeit einer Heimreise. Am 29. des Morgens frühzeitig kamen wir in Bloemfontein an, der Hauptstadt des Freistaats, wie man in Süd afrika sagt. Sie macht den Eindruck einer großen Landstadt mitten in ziemlich kahlem Felde. Schon vorher hatte ich mich mit dem Mu seumsverwalter brieflich verständigt und dann telegraphiert. Früh um 7 Uhr störten wir ihn beim Frühstück und baten ihn uns die geologischen Sammlungen zu zeigen. Von Haus aus Deutscher, kam er uns sehr freundlich entgegen. Mir kam es namentlich auf einige neuerlichst ge fundene Karroosaurier an, von denen ich Photographien gesehen hatte; ein Kampgenosse hatte mir davon erzählt und die Möglichkeit in Aus sicht gestellt, die Stücke zu erwerben; es war ein Irrtum. Das eine prachtvolle Stück etwa l s Meter lang, das Original von Rhinesuchus senekalensis ist ein Stück von bester Erhaltung; das Herz wurde mir schwer, als ich es lassen mußte, aber der Zug wartete nicht. Fünf Minuten noch hatten wir Zeit die Gattin eines Kampgenossen zu be suchen; sie mußte in der schweren Zeit das schöne Bloemfontein Hotel statt seiner hüten und verwalten. Die arme Frau hatte nur eine Frage: kommt er bald nach Hause aus dem Lager? Ich konnte ihr keine Hoffnung machen und ihr nur versichern, daß ihm das Lagerleben gesundheitlich nicht geschadet hätte. Auf dem Bahn hofe in Bloemfontein war man eifrig tätig, soviel Flaggen wie irgend möglich zur Ausschmückung der Bauten herauszuhängen. Es wurde der Extrazug des Premierministers Botha erwartet, der eine Reise durch das Land machte, um sich überall als Held feiern zu lassen. Die Neuwahlen für die Volksvertretung standen in Aussicht und es han delte sich darum möglichst viele Stimmen für Botha, also für die süd afrikanische Partei, das hieß damals für den engen Anschluß an Eng land, zu fangen. Auf einer kleinen Station fuhren wir an seinem Zuge vorbei, der auf einem Nebengleise hielt; ich sah eine größere Volks menge, meist Farbige vor dem Wagen versammelt, an die er eine An sprache zu halten schien. In De Aar kam ein Deutscher in unser Abteil, der von seiner Farm in der Gegend von Upington nach Kapstadt fuhr. Schon im Gefangenenlager hatte ich von einem Saurierfunde in einem kleinen Neste der Kapkolonie gehört; der Name des Ortes gab Ver anlassung den neuen Reisegefährten danach zu fragen. Zufälligerweise_ 116 _ kannte dieser den Fall und die Besitzer des Fundes; es schien Aus sicht vorhanden das Skelett zu sehen oder zu erwerben. Nach langen Verhandlungen konnte ich später einen Oberschenkelknochen erhalten. Ich weiß nicht, ob jemals mehr von dem Saurierskelett geborgen wor den ist. Das ist echt afrikanisch; der Fund einiger Knochen gibt die Grundlage für die ganz bestimmt auftretende Nachricht von großartigen Saurierskeletten. Am dritten Tage der Fahrt verließen wir die kahle, sonnige und doch kalte Hochebene, wir fuhren bergab auf die Küste zu und näherten uns steilen und zackigen Bergreihen. In Wolken waren die Gipfel gehüllt und Neuschnee lag auf den flacheren Gehängen. Gleich zeitig gewann die Pflanzenwelt ein anderes Aussehen; grüne Kräuter, viele blühende Pflanzen erinnerten an 4en Frühling in Europa. Allent halben waren bei der Bahnanlage Felsenanschnitte geschaffen worden, da gab es für den Geologen viel zu sehen. Ueberraschend, ja großartig war namentlich die Fahrt an den Hexriverbergen hinab zu dem gleich namigen Tale. Vorsichtig mußte der Zugführer die zahlreichen Kurven nehmen, durch starkes Bremsen wurde die Fahrt auf dieser gefähr lichen Strecke verlangsamt. Unten im Tale von Worcester angelangt, fuhren wir durch reiche Weingegenden, Obstgärten, dann wieder Sand mit Kiefernwäldern und heidekrautartigen Gewächsen, fast wie daheim. Gehörte Natal und die südafrikanische Hochfläche dem Gebiete der Sommerregen an, so gelangten wir jetzt in das Gebiet der Winterregen. Nur zuweilen wurde ein Blick zwischen den tief gehenden Regenwolken frei, wie um die gerundeten Granithügel von Paarl oder die sägezahnför- migen Gipfel der Drakensteinberge erkennen zu lassen. Als wir Berge und Wolken hinter uns hatten, klärte sich über dem flachen Lande der Abendhimmel wieder auf, und bald konnten wir vor uns die gewaltige Felsenmasse des Tafelberges von Kapstadt erkennen, dem wir uns schnell näherten. Mein Reisegefährte wurde auf dem Bahnhofe von dankbaren Patienten mit Jubel begrüßt; er fuhr nach seinem Heim in einem Vororte, ich nach meinem Hotel. Kapstadt. Die Annehmlichketten des Lebens in der Großstadt kamen mir erst gar nicht zum Bewußtsein; die Sorgen um die Heimreise nahmen mich ganz in Anspruch; am nächsten Tage schon war der Postdampfer fällig. Die Verhandlungen mit der Polizei, mit den Agenturen der Linien zwangen mich zu eiligstem Hin und Her. Der Dampfer sollte pünktlich sein. Mein Paß galt nur bis Madeira, die Linie wollte mich nur mitnehmen, wenn ich bis England führe; der Paß mußte also abgeändert werd m, und das war so schnell nicht möglich. Ich mußte die erste Fahrgelegenheit unbenutzt lassen, das gab einen Aufschub_ 117 _ von acht Tagen, denn jede Woche ging nur ein Postdampfer ab. Schon waren nach Ordnung der Paßverhältnisse die Verhandlungen mit der Linie so weit gediehen, daß wir den nächsten Postdampfer benutzen sollten; einen Tag vor der Abfahrt wurde uns plötzlich erklärt, wir könn ten überhaupt nicht mit einem Postdampfer, sondern erst mit dem näch sten Zwischendampfer, der Cluny Castle" fahren, die etwa zwei Wochen später abgehen sollte. Alle Bemühungen einen anderen Dam pfer vorher zu erreichen, waren umsonst, da die verschiedenen Linien sich weigerten uns mitzunehmen. Es blieb uns also nichts anderes übrig als auf die Cluny Castle" zu warten. Die ersten Tage in Kapstadt versuchte ich nach Möglichkeit aus zunutzen; mein erster Besuch galt dem südafrikanischen Museum; die Mineralien der Diamantenminen, die Gesteinsreihen der Goldlager stätten, die ausgezeichneten Fossilien des Bokkeveld, die fossilen Pflan zen der südafrikanischen Kohlengebiete und besonders die einzigartige Sammlung von Originalen von Fischen und Sauriern der Karrooforma- tion fesselten mich in höchstem Maße. Der Fachgenosse des Museums Rogers war nicht anwesend, er arbeitete bereits als aufnehmender Geologe draußen im Felde. Ein paläontologischer sehr gut unterrich teter Hilfsarbeiter hatte wohl die Erlaubnis mir die Sammlung zu zeigen, aber im allgemeinen wehte hier mir gegenüber eine kühlere Luft; der Direktor, ein Entomologe mit französischem Namen, ließ sich gar nicht sehen; vielleicht war es Zufall. Dann suchte ich zwei deutsche Gelehrte auf, die ich bereits bei meinem ersten Besuche in Kapstadt im Jahre 1888 kennen und schätzen gelernt hatte; Dr. Marloth, der als technischer Chemiker in vielen Minengebieten Südafrikas reiche Erfahrungen gesammelt hatte und zu den besten Kennern der so eigenartigen Pflanzenwelt von Südafrika ge hört; Dr. Daniel Hahn, Professor an der südafrikanischen Universität, ebenfalls Chemiker, aber auch in der Erdgeschichte des Landes bewan dert, als Sohn eines deutschen Missionars im Lande geboren, wie so manch anderer hervorragender Vertreter des Deutschtums in Südafrika. Beide mußten im Verkehr mit Deutschen überaus vorsichtig sein. Einen Tag nach meinem vergeblichen Besuche fand sich im Hause ein Ge heimpolizist ein, der sich nach dem Fremden vom Tage vorher erkun digte. Ich vermied es infolgedessen weitere Besuche bei Deutschen zu machen. Im Kapstadter Museum waren mir Gesteinsplatten mit angeblichen Fossilien aus den untersten Schichten des Tafelbergsandsteins aufgefallen. Ich tat alles mögliche um den Fundort am Abhänge des Berges auf suchen zu dürfen. An den Geschäftsstellen mehrerer städtischer Be amten war ich nicht ungünstig beschieden worden; die Militärbehörden wiesen mein Gesuch kurzweg ab. Der Tafelberg und seine beiden Nach-_ 118 _ barn der Löwenkopf und die Teufelspitze waren im militärischen Inter esse mit Stacheldraht eingefriedigt und konnten nur mit Hilfe eines be sonderen Passes betreten werden. Ich konnte froh sein, daß ich gleich in den ersten Tagen eine Rundfahrt mit der Straßenbahn von der Stadt hinauf über den Paß zwischen Tafelberg und Löwenkopf, nach dem Strande jenseits und über Seepoint zurück gemacht hatte. Zwei Tage darauf suchte mich ein Geheimpolizist im Hotel auf und teilte mir mit, daß ich das Haus nicht verlassen dürfte. Zu Geschäftsgängen mußte ich mir telephonisch von der Polizei Begleitung bestellen; ein schrift liches Gesuch, wenigstens das Museum täglich besuchen zu dürfen, wurde abgeschlagen. Die Vorschriften wurden nicht strenge durch geführt, ich konnte meine Wege zur Postdampferlinie, zum Amerikani schen Konsul ohne Begleitung ausführen, aber ich wurde doch beobach tet. Ein Geheimpolizist, der im Hotel zuweilen zu tun hatte, erzählte mir bei einem Glase Bier an der Bar, daß er mich vor einem bestimmten Buchhandlungsschaufenster beobachtet hätte, wie ich eifrig eine Karte des Tafelberges studierte. Das Hotel gehörte einer Gesellschaft, an der zwei Mitglieder des damaligen Ministeriums beteiligt waren; der Verwalter, ein Deutscher, war noch nicht im Gefangenenlager, weil seine Auftraggeber ihn hielten; trotz dieser ministeriellen Beziehungen galt das Haus als Absteige quartier für die Rebellen in weiterem Sinne d. h. für die Gegner Bothas unter den Buren. Die Gattin des Verwalters war Engländerin. Bei den Lusitaniakrawallen zog die plündernde Rotte auch vor dieses Hotel und wollte das Zerstörungswerk beginnen, als ein englischer Offizier die Wirtin zwang auf die Veranda herauszutreten und zum Zeichen ihrer Gesinnung die englische Flagge zu küssen; die Bande zog vorüber, das Gebäude blieb verschont und andere mustergültig ausgestattete Ge schäftshäuser deutscher Inhaber wurden heimgesucht, geplündert und verbrannt; einige Ruinen konnte ich noch sehen. In diesem selben Hotel an der Plein Street kehrten auch Deutsche ein, die in diesen Tagen in größerer Anzahl eintrafen. Die kriegsgefan- genen Soldaten aus Südwest, die in Kimberley eingesperrt waren, kamen mit der Bahn nach dem Hafen und wurden auf das Schiff gebracht, ebenso die Offiziere und die Südwester Zivilgefangenen aus Pieter- maritzburg; ich konnte nicht wagen sie aufzusuchen. Die Familien, die teils bei Pretoria untergebracht waren, teils sich frei im Lande hatten aufhalten dürfen, kamen zu gleicher Zeit nach Kapstadt, um mit dem selben Schiffe, dem Professor Woermann" nach Lüderitzbucht zurück gebracht zu werden. Einige von ihnen kamen in unser Hotel. Unter diesen waren auch Bergingenieure, von denen ich manches lernen konnte. Der eine, geborener Südafrikaner deutscher Abkunft brachte seine Erfahrungen aus Transvaal nach Südwest und war vor dem Kriege_ 119 _ im Diamantengebiet beschäftigt gewesen. Er benutzte die erste Gele genheit um wieder nach seinem Arbeitsfelde zu gehen. Außer diesen nach Südwest zurückkehrenden Deutschen fanden sich auch einige ein, die mit Erlaubnis der englischen Behörden nach Kapstadt kamen um den Handelsverkehr mit der besetzten deutschen Kolonie wieder in Gang zu bringen. Inzwischen war es in den ungeheizten Zimmern winterlich gewor den und im Lesezimmer rückte ich gern meinen Stuhl in die Nähe des Kamins. Nur bei Sonnenschein ging ich hinaus auf die Veranda des Abbildung 8. Kapstadt mit Tafelberg; links: Teufelsspitze. (Der Löwenkopf liegt weiter westlich, also rechts außerhalb des Bildes.) Hotels, wanderte auf und ab, von einem Ende zum andern, und ver suchte um die Ecke des Hauses herum einen Blick auf den Tafelberg zu erhaschen; besonders bei Abendbeleuchtung, wenn die dunstige Atmo sphäre am Löwenkopf rosig aufleuchtet, ergeben sich Bilder von einzig artigem Reize. (Abbildung 8.) Unten auf der Straße zog die Musikbande mit der Werbetrommel am Hause vorüber; von weitem hörte ich dann Trommel und Trom peten abwechseln mit den lockenden Tönen des schottischen Dudelsack pfeifers, es galt Mannschaften anzuwerben für die Ueberseetruppe. All abendlich fanden Versammlungen statt, und die dort gehaltenen patrioti schen Reden füllten die Kapzeitungen, die lärmendere Cape Times" und den etwas gemäßigteren Cape Argus" aus. Daß auch zuweilen in_ 120 _ diesen Patriotismus Einwendungen hineinplatzten, daß z. B. entlassene Soldaten, die aus Südwest zurückgekehrt waren, sich über schlechte Be zahlung beklagten, erfuhr man vorzugsweise aus dem holländisch ge schriebenen, sehr ernst und fest gehaltenen Rebellenblatte, dem Burger". Wie sehr die erzwungene Bewegungslosigkeit angesichts der sonni gen Landschaft gegen meine Natur ging, hatte wohl eine geschätzte Landsmännin, eine Malerin, Nichte des naturalisierten deutschen Inhabers eines angesehenen Geschäftshauses erfaßt. Sie erbat sich persönlich auf dem Polizeiamte die Erlaubnis, mich spazieren führen zu dürfen, sie zeigte mir Groote Schnur und den Gedächtnisbau für Cecil Rhodes. Die weißen Marmorsäulen des tempelartigen Gebäudes heben sich märchenhaft von den dunklen Laubmassen des Hintergfundes ab, und von hier aus schweift der Blick empor über die waldigen Abhänge des Berges bis zu den senkrechten Felspfeilern der Teufelsspitze, ein wahrhaft großartiges Bild! Die Beschränkung meiner Freiheit hing nur mit der militärischen Bedeutung von Kapstadt zusammen; sie erübrigte sich, wie mir bald klar wurde, in einer militärisch belanglosen Gegend. Deswegen kam ich um die Erlaubnis ein, bis zur Abfahrt der Cluny Castle" nach Ceres gehen und mich dort geologischer Studien halber frei bewegen zu dürfen; nach vier Tagen erhielt ich den dazu nötigen Paß. Ceres ist ein kleines Landstädtchen, in einigen Stunden Eisenbahn fahrt zu erreichen, und liegt am Warmen Bokkeveld, das von kahlen Bergketten umschlossen ist. Ich kannte es schon von meiner ersten Reise her; die damals dort in wenigen Tagen ausgeführten Untersuchungen hatten für meine Auffassung der geologischen Schichtenreihe in Süd afrika eine ausschlaggebende Bedeutung erlangt. So durfte ich diesmal hoffen, ausreichend Zeit zu haben um für mein Hamburger Institut Auf sammlungen von Fossilien in den Bokkeveldschichten der Devonforma tion zu machen. Von der Station Wolseley, der Hauptbahnlinie zweigt die Nebenbahn ab, die durch den Mitchellspaß hinauf nach Ceres führt. Die Bahnanlage ist noch neu, die Einschnitte sind frisch, allenthalben arbeitet man an Verbesserungen der Strecke und Verbreiterung der Bö schung: Gute Aussicht für den Geologen. Der Weg steigt steil an und führt durch nacktes Felsengebirge, das aus den schräg einfallenden Schichten des Tafelbergsandsteins besteht. Die kahlen Gehänge, die tiefen Quer- und Längsschluchten, die gewaltigen Felsenbänke und ab gelösten Riesenblöcke schaffen ein Bild von großartigen Formen und doch von trostloser Oede. Zum Schluß tritt die Bahnlinie aus der Felsen schlucht durch einen kurzen Tunnel hinaus und dort öffnet sich dem Auge eine weite Fläche. Die im Mitchellspasse durchbrochenen Ketten der Tafelbergsandsteinschichten wenden sich östlich und westlich von Ceres nach Norden und bilden so eine schützende Umwallung des War men Bokkeveldes._ 121 Ahr wollte vor Jahren einmal aus Ceres einen klimatischen Kurort schaffen, es scheint aber nicht viel daraus geworden zu sein. Die Hotels sowie das ganze Nest machen so ziemlich den Eindruck des Verfalls. Ich kann nicht übersehen, ob vielleicht die neue Bahnlinie eine Aenderung herbeiführen wird. Es ist mir glaubwürdig berichtet worden, daß noch sehr viel bebaubares Land im Bokkeveld brach liegt. Firmeninhaber deutscher Abkunft gibt es dort mehrere; zugleich mit mir waren noch einige Deutsche da, die in gleicher Weise wie ich der polizeilichen Aufsicht unterworfen waren. Besonders angefreundet habe ich mich mit einem jungen Kaufmanne, dessen Gattin, obwohl englischer Abstam mung und des Deutschen nicht mächtig, durchaus die politischen An sichten ihres Mannes teilte; nur ein ärztliches Gutachten hatte verhin dert, daß unser Freund auch nach Pietermaritzburg geschickt wurde. Die Bevölkerung des Ortes ist gemischt, einige Engländer veran stalteten hin und wieder Kundgebungen, War-bridge wurde gespielt und für die verschiedenen Geldsammlungen zu Gunsten des Krieges und der Truppen eifrig gearbeitet. Aber der burische Bevölkerungsanteil, der namentlich auf den Farmen der Umgegend überwog, verhielt sich passiv. Rebeller" spielten auch eine große Rolle. Die beiden Parteien unter ihnen, die südafrikanische oder Bothapartei und die Partei der Nationa listen unter der Führung des Leiters des Burger" Dr. Malan, mochten sich dort das Gleichgewicht halten. Ein großer Teil der Buren zeigte sich schwankend, unentschieden; sie mögen im Herzen für die Nationa listen sein, wollen es aber mit Botha nicht verderben; es mag dies auch mit äußeren Vorteilen zusammenhängen. Unter den wohlhabenderen und einflußreicheren Buren mögen mehr Bothaieute sein; die kleineren Farmer drücken ihre Ueberzeugungen freimütiger aus. Meine Ausflüge galten hauptsächlich den Bokkeveldschichten, die vorwiegend aus weicheren Schiefern mit untergeordneten Einlagerungen von hartem Sandstein bestehen. Diese Schichten finden sich in der Ebene und im Hügel lande des Warmen Bokkeveldes, während der umschließende Kranz der hochragenden Bergketten von mächtigen Folgen festester Sandstein bänke gebildet wird. Ich suchte dementsprechend zuerst die Aufschlüsse im Hügellande auf und hatte die Freude an mehreren Punkten eine große Menge zum Teil ausgezeichneter Devonfossilien zu sammeln, z. B. Plat ten von Spiriferensandstein, wie er sich ganz ähnlich am Kahleberg im Harz oder in den Ober-Koblenzschichten am Rheine findet. Die darin enthaltenen Arten erinnern allerdings mehr an ähnliche Schichten in dem südlichen Teile von Südamerika. Es ist eine ganz bemerkenswerte Tatsache, daß abgesehen von den Schichten der Kreideformation, die vom indischen Ozean aus nur wenig weit nach Südafrika hineinragen, die Bokkeveldschichten die einzigen sind, die Reste von Meerestiefen ge-_ 122 _ liefert haben. Meine dort gesammelten Schätze liegen noch in Süd afrika, wie ich hoffe, in sicherer Hut. Eine zweite Aufgabe bot der Sandstein der Bergketten, dessen Alter durch Fossilfunde bisher noch nicht bestimmt werden konnte. Nach meiner ersten Reise 1889 suchte ich in Uebereinstimmung mit einigen älteren englischen Autoren nachzuweisen, daß dieser Sandstein, ledig lich nach den Lagerungsverhältnissen beurteilt, gleichaltrig ist mit dem Tafelbergsandstein, und beide älter sind als die Bokkeveldschichten; trotz der damals abweichenden Anschauung grade der deutschen Fach genossen wird die von mir befürwortete Auffassung jetzt allgemein an genommen. Auch hier bei Ceres suchte ich namentlich in den dem Sand steine eingeschalteten Schichten nach organischen Resten, allerdings vergeblich. Von Ceres aus führt die Straße nach dem Mitchellspasse über einen niedrigen Höhenrücken, der dem Nordfuße der eigentlichen Hauptkette entspricht. In schmaler Felsenschlucht durchbricht der Fluß von Ceres diesen Rücken. Drei Ausweitungen von rundlichen Umrissen, Felsen wannen vergleichbar folgen abwärts nacheinander und sind durch schäumende Wasserfälle verbunden, die in engen Klüften zu dem nächst niederen Becken abfließen. Große Strudellöcher an den Seiten deuten höhere Wasserstände in früheren Zeiten an. Nur dieser niedrige Riegel, gebildet aus festestem Tafelbergsandstein schließt hier die Ebene von Ceres ab. Weiter südwärts ist die Hauptkette des Gebirges durch eine breite und tiefe Lücke unterbrochen, in der der Fluß von Ceres zum aus geweiteten Tale des Breederivers abfließt. Neben der Eisenbahn, der Anlage der jüngsten Jahre, führt die Landstraße, auf der ich vor 26 Jahren heraufgekommen war, und an vielen Punkten in der Tiefe der Schlucht sieht man noch heute die Reste eines ältesten Weges. Die Riesenblöcke, die auf der Höhe des Passes als Reste einer zertrümmerten Sandstein platte übrig geblieben sind, zeigen die merkwürdigsten Formen der Ober flächenverwitterung, bilden überhängende Wände oder höhlenartige Unterschlupfe, die von den Hirten verschiedenster Zeitalter benutzt worden sind. An mehreren Stellen findet man noch Reste alter Busch mannzeichnungen von derselben Art, wie man sie in ganz Südafrika so häufig beobachten kann. Ein Ausflug führte mich zu dem Gydopasse hinauf, wo in modellartiger Schärfe die Bokkeveldschichten auf den steileinfallenden Tafelbergsandsteinbänken im Westen aufruhen und im Osten untertauchen unter die nächst jüngere Schichtenreihe: die Witte bergschichten. Diese bilden die steilen Hänge des tafelbergartig aufge bauten Gydoberges. Einen anderen Ausflug dehnte ich aus bis Karroo- poort, der Pforte zu der Karroosteppe. Auch auf diesem Wege kam ich durch die Bokkeveldschichten hindurch und fand bei Hottentottenkloof schöne Spiriferensandsteinplatten; im Straßengasthause hielt ich dort 123 _ 124 _ kurze Rast. Der Gastwirt sprach etwas Deutsch, er hieß Cohn und stammte aus Kowno; russische Juden aus derselben Gegend traf ich im Lande überraschend zahlreich. Ueber den Bokkeveldschichten folgt bei Karroopoort der Wittebergsandstein, der dort die Unterlage der Karroo- formation bildet. (Abbildung 9.) In diesen Gegenden hat sich das Wild in die unzugänglichsten Teile des Gebirges zurückgezogen; nur einmal sah ich in allernächster Nähe eine Herde von Pavianen etwa 50 Tiere in allen Altersstufen mögen es gewesen sein quer über die Straße nach den benachbarten Felsen hinaufziehen. Ein andermal kam auf dem schmalen Landwege ein Strauß vor unser Auto, der durch Hupen nicht zum Ausweichen zu bewegen war; die merkwürdige Art des Vogels davonzulaufen, konnte ich mehrere Minuten beobachten; es war natürlich kein wilder Strauß, son dern er gehörte zu einer benachbarten Farm. Eine Fülle von eigenartigen Kräutern mit niedrigem Stengel und auffallenden Blüten traf ich auf Schritt und Tritt; ich erinnere hier nur an die zahlreichen handbreithohen zarten schwertlilienartigen Ge wächse; auf den Hügeln waren bis mannshohe Büsche von Proteaceen sehr verbreitet, das ist die Familie, die für Südafrika vielleicht die meisten Charakterpflanzen geliefert hat. Die kopfgroßen Blütenstände bildeten einen beliebten Schmuck für die Blumenvasen unserer Wirte. Auf den Farmen standen die Pfirsichbäumchen in schönster Blütenpracht, und von den kahlen Pappeln wehte der Wind die buschigen Kätzchen fast wie bei uns; weite Flächen mit Zwergobst, das noch keinen Blüten ansatz zeigte, erinnern etwa an die Obstgärten von Süd-Tirol. Aber da neben z. B. auf Ezelfontein stehen hunderte und vielleicht tausende von Orangenbäumchen, aus deren sattgrünem Laube die gelben oder roten Früchte hervorleuchten. Auf manch einem der Bäumchen sah ich die weißen Blüten, die schon aus der Ferne sich durch ihren köstlichen Duft bemerkbar machten. Nur mittags in der Sonne war es eigentlich warm, aber an trüben Regentagen fror ich im Zimmer, und Neuschnee auf den umgebenden. Gipfeln war keine seltene Erscheinung. Welch anderes Aussehen gewann dadurch die öde Steinwüste oben auf den Bergen. Das fahle Gelb des Felsengebirges erhielt durch die dünne Schneedecke eine reichliche Glie derung und wird erst dadurch zu einem greifbaren Bilde. Für den Sonntag, an dem die Südafrikaner nicht arbeiten, so daß es meist schwer fiel einen Wagen zu mieten, nahm ich eine Aufforderung zu einer gemeinschaftlichen Wanderung an, die von einem Anwalt buri scher Abstammung ausging. In unserer Begleitung befanden sich der Lokomotivführer der Bahn am Sonntag findet keine Zugverbindung statt zwischen Ceres und der Welt draußen ferner mein Wagenführer_ 125 _ vom Tage vorher, der dänische Verwalter des Schanktisches unseres Hotels und ein burischer Mühlenbesitzer; es war eine heitere ausgelas sene Gesellschaft. Das Ziel war eine Höhle im Sandsteingebirge, die wie man mir sagte, in den Berg weit hineinführen und jenseits in der Nähe von Worcester wieder herauskommen sollte. Wir versahen uns mit Kerzen und Blitzlicht; alles was zu einem Piknik gehört, wurde mit genommen. Gleich anfangs mußten wir den Fluß kreuzen, was wegen des hohen Wasserstandes Schwierigkeiten machte. Meine kundigen Führer halfen mir dort wo der Fluß durch Felsen eingeengt ist bei einigen kühnen Sprüngen und wir kamen glücklich hinüber. Der andere Teil der Gesellschaft wollte den Fluß 10 km oberhalb mit dem Wagen kreuzen, was aber wegen des hohen Wassers nicht mög lich war; da entkleidete sich einer und trug die anderen einzeln über das Wasser, auch den dicken Lokomotivführer und den Korb mit Bier flaschen. Auf dem Rückwege waren die schwierigsten Stellen über die Felsen durch Bohlen zugänglicher gemacht. In der Gegend der Höhle bestand das Gebirge aus dicken Sandsteinplatten, die mit dem Gehänge unter einem mittleren Winkel einfielen. Unter einer solchen Platte hatte sich ein Bach einen Weg gebahnt, wahrscheinlich war eine Schicht weniger festen Sandsteins der nagenden Kraft des Gebirgsbaches zum Opfer gefallen. Dort unten war der Eingang, zur Höhle, gewaltige Klötze der eingebrochenen Decke erschwerten das Vordringen; zudem hatte das Wasser am Grunde ein sehr starkes Gefälle, sodaß ein weiteres Ver folgen der Höhle nicht möglich war. Ein kurzer Ausflug über Tage überzeugte mich, daß 200 m oberhalb von dieser Stelle derselbe Bach im Grunde einer offenen steilen Schlucht durch ein Felsentor sich in die Höhle hinein ergießt. Die Höhle war also nur 200 m lang und der Weg bis Worcester beträgt durch den Berg hindurch 8 km. Auf einige Ueber- treibungen muß man bei Afrikaner-Schilderungen gefaßt sein. Ent schädigung für diese Enttäuschung fand ich bei der Betrachtung der überraschenden Formen der Felsgebilde und der fremdartigen Pflanzen welt in den Ritzen und Fugen des Gesteins. Dazu kam die heitere Gut mütigkeit meiner Führer; auf einem flachen im Feuer erhitzten Steine wurden 6 Pfund Hammelrippen und 2 m Bratwurst mit Zwiebeln äußerst schmackhaft gebraten und aus der Hand gegessen, es ging alles. Nicht alle Tage war es mir möglich, Ausflüge zu machen. An fünf von zehn Tagen regnete es den ganzen Tag über. An einigen Tagen erstrahlte der Morgen in hellstem Sonnenglanze, aber gegen Nachmittag kamen die weißen Wolken von Süd-West zuerst unscheinbar durch die Scharten der umwallenden Bergkette herübergekrochen; bald bedeckten sich die Gipfel mit einer dunkler werdenden Kappe; strichweise schien es hier und da zu regnen, und noch vor Sonnenuntergang war das ganze Bokke- x veld von schweren grauen Regenwolken überzogen._ 126 _ Inzwischen trafen telegraphische Nachrichten ein, daß die Cluny Castle" sich verspätete; zweimal wurde die Abfahrt verschoben. Da das Wetter nicht mehr verlockend war, fuhr ich am 25. August nach Kap stadt zurück. Trotz langwieriger Verhandlungen hinüber und herüber durfte ich mit Ausnahme von Geschäftswegen das Hotel nicht verlassen. Endlich hieß es, am 2. September würde die Cluny" abfahren; sie hatte um die Ostküste herum schweres Wetter gehabt und ein Mann der Be satzung war über Bord gespült worden. Auf der Westseite von Afrika hofften wir besseres Wetter zu haben. Das Gepäck war schon erledigt, und der amerikanische Konsul hatte versprochen der Gesandtschaft in London unsere Abreise telegraphisch zu melden, damit für unsere Weiter fahrt gesorgt werden könnte. Es wurde uns von der Polizei vorge schrieben, an Geld nicht mehr als 10 Pfund Sterling, zudem nicht in Gold mitzunehmen. Das auf der Bank eingewechselte Silbergeld mußte auch geprüft werden; die im Lande viel vorhandenen Halbkronenstücke mit dem Kopfe des Präsidenten Krüger würden, wie man uns sagte, auf dem Schiffe nicht angenommen werden. Für die weitere Fahrt von Eng land nach dem Festlande sollte dieselbe Beschränkung in der mitzu nehmenden Geldsumme gelten; ganz klar waren sich die Polizeibeamten in Kapstadt über diese Bestimmungen auch nicht. Bei der Schwierigkeit aller Verhältnisse waren mein Reisegefährte Dr. Simon und ich dar auf gefaßt unter Umständen unterwegs das Schiff auf Madeira oder einer der Kanarischen Inseln verlassen zu müssen, aber auf ein Fortkommen rechneten wir sicher; doch es kam anders. Wenige Stunden vor der voraussichtlichen Abreise suchte mich ein Beamter der Linie im Hotel auf, der mir mitteilte, es wäre den Deutschen nicht erlaubt, mit der Cluny Castle" abzufahren; wir wurden auf eine nächste Gelegenheit vertröstet, auf die Gaika", die am 11. September abfahren sollte. Unser Vertrauen zu der englischen Linie war gering, wir ver suchten deswegen Verbindungen mit nordischen Linien anzuknüpfen; es verkehren auch kleinere Frachtdampfer aus Norwegen, die zwar in Kap stadt anlaufen, es aber nur auf der Hinausfahrt nach Indien tun; die Rückreise treten sie durch das Rote Meer an. Die Reise hätte so ein Vierteljahr gedauert und uns erneuten Eingriffen seitens der Engländer ausgesetzt. Da mit den anderen Linien ein Ergebnis nicht erzielt wurde, mußte es mit der Gaika" zunächst sein Bewenden haben. Inzwischen fanden sich in Kapstadt noch weitere Leidensgenossen ein, die wie wir nach Europa wollten: der deutsche Pfarrer von Wynberg mit Familie, mehrere Damen aus der Kapkolonie sowie aus Südwest. Wegen meines Aufenthaltes am Kap kam mir die Polizei insofern entgegen, als sie mir dieselben Vergünstigungen gewährte, wie sie die in meinem Hotel lebenden deutschen Kaufleute aus Lüderitzbncht hatten. Zwei Meilen im Umkreise von meinem Hause aus gerechnet, durfte ich_ 127 _ mich frei bewegen; das reichte aber kaum bis zu den Steinbrüchen am Abhänge des Berges. Unter diesen Umständen eine weitere Woche in Kapstadt zu bleiben, immer unter den Augen der Polizei sagte mir nicht zu. In Ceres hatte ich namentlich den einen Fundort bei Ezelfontein noch nicht genügend ausgebeutet; kugelige Knollen festeren Gesteins sind hier aus dem Schiefer ausgewittert, fast eine jede von ihnen enthält Teile großer Tri- lobiten in vorzüglicher Erhaltung, Muscheln oder Schnecken. Schnell entschloß ich mich noch einmal nach Ceres zu gehen und dort auf die Gaika" zu warten; mit einigem Zögern erteilte die Polizeibehörde auch hierzu die Erlaubnis. Das freundliche Verhalten der Bevölkerung von Ceres den Deutschen gegenüber, war die Ursache, daß immer mehr davon dorthin kamen. Noch immer war das Wetter kalt und regnerisch wie in den Wochen vorher. Die Pfirsichbäume hatten abgeblüht, dafür standen die Pflaumenbäume in üppigster weißer Blütenpracht. Versuch mit der Gaika" heimzureisen. Nur wenige Tage hielt ich es in Ceres aus, dann ging es zurück nach Kapstadt, um die Gaika" zu erwarten. Tagsüber weilte ich solange wie möglich im südafrikanischen Museum bei eifrigstem Studium der Karroo- saurier und -Fische. Am 10. wurde der Preisaufschlag bezahlt, um den die Fahrt auf der Gaika" teurer war, als auf der Cluny Castle". Die Fahrgäste trafen wieder ein, mit der Polizei und dem Amerikanischen Konsul wurde fast täglich verhandelt, das Gepäck wurde gepackt. Die Gaika" kam Sonnabend, den 11. September, konnte aber erst am 12. weiter gehen; einige Damen hatten das Gepäck bereits an Bord geschafft; das meinige war schon auf dem Hotelwagen untergebracht, die Rechnung bezahlt und ich im Begriffe nach dem Hafen zu fahren, da kam die Nach richt: die Gaika" nimmt Deutsche nicht mit. Die Mannschaft hätte schon auf der Fahrt von Durban bis Kapstadt gestreikt, die deutschen Fahr gäste, drei Pastoren, Damen und Kinder, im ganzen 17 Personen, waren von der Schiffsbemannung unglaublich behandelt worden; sie mußten das Schiff in Kapstadt verlassen, ihr Gepäck wurde ausgeladen, und uns wurde die Aufnahme verweigert. Die Kapzeitungen brachten am näch sten Tage die Nachricht davon und gaben die Weigerung der Mannschaft, deutsche Fahrgäste an Bord zu nehmen, als Grund an. Das war der vierte vergebliche Versuch von Kapstadt aus die Heimfahrt anzutreten. Nun galt es alle Bemühungen noch einmal aufzunehmen! Mit eng lischen Dampfern schien die Fahrt unmöglich zu sein. Als einzige Hoff nung blieb der Portugiese, dessen monatliche Fahrten aber in letzter Zeit sehr unregelmäßig erfolgten. Der nächste Dampfer war die Beira" unseligen Angedenkens, das Schiff, das so stark rollte und dessen Kapitän uns bei der Verhaftung in Kapstadt seinen Schutz versagte. Mir war_ 128 _ dies jetzt gleichgültig; den Paß hatte mir die Polizei gegeben, bis Lis sabon hätte ich damit fahren können; die Erlaubnis galt anscheinend nur mir allein. Bis zur Abfahrt der Beira" konnte es noch vier Wochen dauern. Im Vertrauen aber wurden wir auf der Polizei darauf hinge wiesen, daß die Union-Regierung unabhängig von den Dampferlinien selbst einen Dampfer mieten würde, um Deutsche nach der Heimat zu befördern. Es war zunächst von Familien die Rede, auch solchen aus Deutsch-Südwest. Da ich in der Zwischenzeit aus begreiflichen Gründen nicht in Kapstadt bleiben wollte, folgte ich einer neuen sich bietenden Anregung. In unserem Hotel wohnte eine Leidensgefährtin, eine Dame die ebenfalls von der Gaika" zurückgewiesen worden war. Als Lehrerin jung ins Land gekommen, hatte sie sich einen großen Kreis von Schülerinnen, Bekannten und Freunden geschaffen und reichlich Erfahrungen im Lande gesammelt; das kam mir zustatten. Sie empfahl mir nach Bovenvlei, am Fuße der Drakensteinberge in der Nähe des Städtchens Wellington zu gehen, wo sie auch ein Unterkommen gefunden hatte. Sie war die einzige deutsche Dame in Südafrika, die aus Kapstadt ausgewiesen, sich bei der Polizei in der Provinz so melden mußte, wie wir Männer es taten. Ich zog die geologische Karte zu Rate: auch hier Tafelbergsandstein, auf liegend auf alten Schiefern und auf Granit wie bei Kapstadt; auch hier konnte ich also der Frage nach dem Vorkommen der rätselhaften Ver steinerungen in den untersten Schichten des Tafelbergsandsteins nach gehen. Eine weitere Frage war die nach dem Vorkommen von ge schrammten Geschieben innerhalb des Tafelbergsandstcins, die ich bei Dr. Marloth und im Südafrika-Museum sah. Rogers, Schwarz und Mar- loth sehen darin Spuren einer Vergletscherung. Das gab Arbeits gelegenheit genug. So wie die deutschen Damen erhielt auch ich die Erlaubnis nach Bovenvlei zu gehen. Zwei der Pastoren wurden in das Gefangenen lager nach Pietermaritzburg zurückgebracht; die übrigen Fahrgäste kamen in Kapstadt unter. Dr. Simon erregte den Unwillen seiner englischen Konkurrenten, die bei der Polizei auf seine Tätigkeit hin wiesen, da er seine Kranken nicht verhindert hätte, ihn aufzusuchen. Es wurde ihm sofort geraten auch nach Bovenvlei zu gehen, wenn er nicht Gefahr laufen wollte nach Pietermaritzburg zurückgeschickt zu werden. So waren wir vier Deutsche inmitten der fremdartigen Bevölke rung aufeinander angewiesen, Dr. Simon und ich, Fräulein von Held und Frau von S t a f f, die Witwe des in Südwest gestorbenen Geologen Hans von Staff. Sie war von Grootfontein aus mit der Bahn nach Kap stadt gefahren, um von dort heimzureisen; des Faches kundig begleitete sie mich auf geologischen Ausflügen._ 129 _ Wellington ist ein kleines Landstädtchen an der Hauptbahnlinie, das hauptsächlich von den zahlreichen höheren Schulen verschiedener Art lebt. Zum Teil sind es Internate; zum Teil sind die Schüler im Orte selbst untergebracht. Mit seinen sauberen Straßen, die in das Garten land der Nachbarschaft hineinführen, gewährt es einen freundlichen Anblick. Es ist noch im flachen Lande gelegen. Hier vereinigen sich mehrere Täler, die sich von den Drakenstein- bergen nach der Niederung des großen Bergflusses herunterziehen. In einem dieser Tälchen liegt Bovenvlei. Der Ort besteht aus lauter Farmen, deren Gebäude großenteils durch eine mustergültige Sauber keit den angenehmsten Eindruck erwecken. Kiefern bilden kleine Wäldchen in den flacheren Teilen; Pappeln und Eichen beschatten die Wege. Ausgedehnte Wein- und Obstgärten bilden den Hauptreichtum der Besitzer. Weiter nach dem Gebirge zu ragen die Hügel höher hinauf, werden die Abhänge steiler, ertönt das Rauschen der Bäche wilder, üppiger scheint der Pflanzenwuchs, und hier sind die schönsten Orangen pflanzungen, die ich je gesehen habe. Von diesen Farmen beziehen die Dampfer der Union & Castle Linie ihre Vorräte für die Heimfahrt. In geringer Entfernung gelangt man aus diesen Vorbergen hinauf zu den steil ansteigenden Felsenketten mit vorspringenden Pfeilern und tiefein schneidenden schluchtartigen Tälern, das sind die Drakensteinberge und ihre Ausläufer. Eine berühmte Bergstraße: Bainskloof führt dort hindurch. Groß schienen die Erträgnisse der Farmen nicht -immer zu sein, sonst hätten nicht die Besitzer so wie bei uns zu Hause in den Gebirgs- sommerfrischen einen Teil ihrer Wohnungen an Fremde vermietet und diese in Kost genommen. Die Gärten unserer Farmen reichten bis an das Kiefernwäldchen der Landstraße; Stacheldrahtzäune grenzten ein jedes Besitztum ein. Zwei dieser Farmen lernten wir näher kennen; man räumte uns zum Teil die eigenen Wohnzimmer ein und zog uns zu den gemeinschaftlichen Mahlzeiten hinzu. Von der Veranda des Hauses blickte ich über die Weingärten des Tales hinüber nach kiefer bestandenen Vorhöhen, deren gerundete Gipfel von eigenartigen tiefen Schluchten durchfurcht waren. In hellem Ockergelb leuchteten diese Stellen weithin. Die Hügel bestehen aus Granit, der bis in das Herz hinein verwittert und aufgeweicht ist. In diesem lockeren Boden hatten die Bergwässer Schluchten gerissen, die sonst auf der Erde für eine bestimmte Bodenart: den Löß bezeichnend sind. Hinter den Granit hügeln stieg der Groeneberg steil empor, seinem Namen entsprechend mit Proteaceen-Buschwerk und Gras überzogen; alle Abhänge und Kanten sind gerundet, wenn auch die Böschung sehr steil ist. Es ist bezeichnend, daß in dem Knick zwischen den Gipfeln der Vorhöhen und dem Anstieg zum Groeneberg die Grenze liegt zwischen dem verwit- G ü r c h,. Deutsch-Ostafrika. 9_ 130 _ terten Granit einerseits und dem festen durch die Berührung mit dem emporstrebenden schmelzflüssigen Magma verhärteten Schiefer anderer seits. Oben auf der Höhe des Berges sah ich von weitem große Felsen klötze mit scharfen Kanten einen merkwürdigen Gegensatz bilden zu den sonst sanfteren Formen des Berges. Der Berg selbst steht frei auf eigenem Sockel, durch ein breites Tal vom Gebirge abgetrennt, ragt er weit in das flachere Land hinein. Bei der Besteigung konnte ich feststellen, daß die Blöcke am Gipfel Reste einer Sandsteinplatte sind, die über die Köpfe der Schieferschichten hinwegragt. Die Fortsetzung dieser Sandsteinbedeckung sehen wir in den mächtigen Felsenabstürzen der Drakensteinberge. Die Aussicht vom Groeneberge ist wundervoll, einmal auf das eigentliche Gebirge nach Osten und Nord-Ost, und dann nach Westen; hier schweift der Blick weit in die Ebene hinaus, auf der noch andere, ähnliche steile Einzelberge sich erheben wie z. B. der Riebeek-Kasteelberg. Nach S.-O. zu treten die gerundeten Granitkuppen der Paarlberge in einen auffälligen Gegensatz zu den schroffen Ab stürzen des benachbarten Sandsteingebirges, und dahinter in blauer Ferne taucht der Tafelberg von Kapstadt auf, an seinem Fuße die zier liche Kegelform des Löwenkopfes. Daneben sieht man am Horizont eine" schwach hervortretende Linie, das ist das Meer, die Tafelbai, von dort aus führt der Weg zur Heimat! Landschaftlich nicht minder lohnende Ausflüge führten über die Straße der Bainskloof in das wildzerklüftete Gebirge hinein. Am anziehendsten ist der Anblick des Hawikwasberges. Von Bovenvlei aus gesehen wird der Absturz der Sandsteinplatte von mächtigen Felsen von vielleicht 400 m Höhe gebildet. Steil absinkende Schluchten haben die Platte zersägt und in einzelne Pfeiler zerlegt. Steinschutthalden führen vom Fuße des Berges in diese Schluchten hinein. Wo der senk rechte Sandsteinabsturz aufsetzt auf die Böschung des Bergfußes ist die Grenze zwischen dem Tafelbergsandstein oben und dem Granit und dem Kontaktschiefer darunter. Auch hier fand ich am Grunde des Tafelberg sandsteines zu meiner Befriedigung dieselben roten Schieferplatten mit rätselhaften, an Fossilien erinnernden Bildungen, wie sie die Kapstadter Geologen zuerst am Tafelberge aufgefunden haben. Am leichtesten gelangt man von der Rückseite nach dem Gipfel der Felsenzinnen. Steinmeere, aufgelöste Sandsteinbänke gestatten hier ein langsames aber ungefährliches Emporklimmen. Auf einmal steht man in einer Scharte zwischen zwei Pfeilern des Gipfels. Ueberrascht überblickt das Auge das Gemälde da unten: Bovenvlei, Wellington, Paarl und wiederum das Meer! Eingerahmt ist das Bild von den beiden mächtigen Felspfeilern rechts und links, und zu den Füssen senkt sich die Schlucht in die Tiefe zu den Steinhalden, deren oberen Rand ich am andern Tage vom Tal aus erreicht hatte. So friedlich und lieblich der Blick in die Ebene ist,_ 131 _ 9* so öde und leer erscheint das wild zerrissene Gebirgsland im Rücken. Eine Scharte öffnet sich nach Osten; dort hinten geht es hinüber in das Tal von Worcester; die Spitzen, die dahinter sichtbar werden sind die Hexriverberge. Die gut ausgebaute Straße von Bainskloof hatte früher eine größere Bedeutung; jetzt ist sie durch die Eisenbahn überflügelt. Jenseits der Drakensteinberge wird sie von dem Breederiver geschnitten; eine Brücke ist hier nicht vorhanden, zur Regenzeit ist der Fluß mit Wagen kaum zu passieren. Auf der Höhe des Passes neben der wilden Schlucht des Witterivers sind einige Landhäuschen erbaut, die zur Ferienzeit von Sommerfrischlern bewohnt werden, für Verpflegung muß ein jeder selbst sorgen. Ein großes Familienfest, eine Hochzeitsnachfeier in der Familie unseres Wirtes zwang uns zum Teil auf eine Nachbarfarm zu ziehen. Unter hohen breitkronigen Bäumen lag das Wohnhaus; ein kleines Paradies von blühenden Pflanzen hatte die verwittwete Besitzerin vor dem Hause geschaffen, was sie nicht hinderte eine allzu enge Vertraulichkeit zwischen dem verschiedenen Jungvieh des Gehöftes und dem Blumen garten oder selbst unsern Wohnräumen zu gestatten. Alltäglich wurde unsere unverdiente idyllische Ruhe in Bovenvlei unterbrochen durch die Neuigkeiten, die uns die Post und die Zeitungen brachten. Kapstadter Freunde berichteten von der weiteren Entwicklung des Planes der Unionregierung, für die Heimbeförderung von Deutschen Schiffe zu mieten. Es sollte die Erna Woermann" sein; ein Schiff, dessen Ein richtungen und Bau eine Gewähr für eine gute Reise gaben. Auch die Kapstadter Polizei hatte uns nicht vergessen und versah uns einzeln mit widersprechenden Benachrichtigungen. Am leidenschaftlichsten wurden die Zeitungen erwartet, wiederholt marschierte ich nach Wel lington hinunter, um dem langsameren Postboten zuvorzukommen. Sehr reges Verständnis und aufrichtige Teilnahme fanden wir bei der Farmerbevölkerung. Bei der Hochzeitsfeier lernten wir ein gut Teil davon kennen. Namen wie Joubert, Dutoit, Leroux, Cillie, de Villiers, Van Niekerk usw. kehrten oft wieder. Die Häufigkeit der französischen Namen stimmt zu dem Oertchen Huguenot in der Nähe. Besonders erwähne ich einen würdevollen, zur Ruhe gesetzten, aus Holland gebürtigen Schulmeister, ferner den Postmeister des Ortes, der zugleich der einzige Krämer in Bovenvlei ist. Wir haben kaum im Gefangenen lager so eifrig politisiert, wie hier in dieser Gesellschaft; begreiflicher weise lag ihnen die Politik in Südafrika am meisten am Herzen. Die Hauptfrage war: Für Botha oder für Hertzog, den Führer der Natio nalisten in Transvaal und damals vielleicht in ganz Südafrika. Scherz haft wurden die Bothagegner als Rebeller" bezeichnet mit Anspielung auf den eben überstandenen Aufstand. Vielfach sind auch hier die Frauen der politisch tätigere Teil; die Männer sind vielleicht etwas vorsichtiger_ 132 _ und müssen allerhand Rücksicht nehmen. Englandfreundlich ist man in den Burenkreisen wohl nirgends. Ueberall ist die Erinnerung an das Denkmal in Bloemfontein lebendig, das den 23 000 in englischen Kon zentrationslagern gestorbenen Frauen und Kindern gewidmet ist. In wohl allen größeren Orten Südafrikas waren kurz vorher die burischen Frauen zu tausenden zu den Magistraten und Ministern marschiert, um die Freilassung des als Rebell eingesperrten De Wet zu erbitten. Doch nicht alle Ortseingesessenen schienen so gesinnt zu sein. Ich wurde gewarnt bei meinen geologischen Ausflügen die Stacheldrahtzäune der einen Besitzung zu überklettern; es war dies die größte Farm, die des wohlhabensten Buren, des Apfelsinenlieferanten für die Postdampfer; oben in den Bergen konnte ich mich nach dieser Warnung nicht richten, es hat mich aber niemand angezeigt. Wir fanden noch Einlaß auf anderen Farmen, hörten die Klagen über Mangel an Feldarbeitern, konnten uns aber überall überzeugen von der sorgfältigsten Pflege der Obst- und Weinanpflanzungen; mit Stolz zeigte man uns die Weinkeltereien und ließ uns von den besten Erzeugnissen an Ort und Stelle Proben nehmen; zu kaufen erhielten wir aber nichts, es wird alles genossenschaftlich geregelt. Soviel war mir klar, daß die Burenbevölkerung dieser Gegend aus braven tüchtigen Menschen besteht, deren Anschauungsweise der der deutschen Bauern sehr nahe steht. Wie oft ich mich auch mit Kennern des Landes unterhalten habe, so verschiedenartig fällt das Urteil über die Buren aus, und man muß sich vor Verallgemeinerungen hüten. Bauernschlauheit kommt auch bei uns vor und die Verschlagen heit und Lust zum Vernöken", d. h. zum Übervorteilen, mag sich ent wickelt haben durch den Verkehr mit den Eingeborenen. Eine gewisse Trägheit ist das Geschenk des afrikanischen Klimas; die Eigenwilligkeit ist eine Folge der Lebensweise in früheren Zeiten, wo der Bur weit und breit ohne Nachbar sein eigener König, ein König im Kleinen, war. Ob die Unzuverlässigkeit eine allgemeine Eigenschaft ist und unter allen Umständen zu Tage tritt will ich dahingestellt sein lassen. Uns sind die Buren von Bovenvlei wirkliche Freunde geworden. Inzwischen waren wir von der Kapstadter Polizei benachrichtigt worden, daß die Erna Woermann" am 14. Oktober abfahren sollte. Die Angaben schienen so bestimmt, daß ein Zweifel kaum noch möglich war, und doch konnten wir nach den üblen Erfahrungen mit der Gaika" Bedenken nicht unterdrücken. Heimreise. Freitag, den 8. fuhr ich nach Kapstadt zurück und sprach noch einmal auf der portugiesischen Linie vor. Die Beira" sollte am 15. abgehen; wenn es also mit der Erna" nichts wurde, lag noch die Mög lichkeit vor nach Lissabon zu gelangen und von dort aus weitere Pläne_ 133 _ zu schmieden. Es war nicht nötig; die endgültigen Verabredungen mit der Polizei fanden am 13. statt, wir bezahlten unser Fahrgeld und erhielten die ausdrückliche Versicherung, daß die Verpflegung auf dem Schiffe von der Regierung selbst vorgesehen sei, und daß die Mann schaft daraufhin ausgewählt wäre, die Deutschen unbehelligt nach Europa zu bringen. Der Amerikanische Generalkonsul übernahm es, seine Gesandtschaft in London von unserer Ankunft zu benachrichtigen, sodaß also auch in England für unseren Schutz gesorgt wäre. Noch einen letzten Besuch stattete ich dem Südafrika-Museum ab, nahm Abschied von meinen wissenschaftlichen Freunden, Prof. H. und Dr. M., von dem deutschen Elektrotechniker der Hochschule und ging noch einmal in das deutsche Pfarrhaus. Die letzte geologische Ausbeute wurde in sichere Hand zur Aufbewahrung gegeben. Am 14. des Morgens sollten sich all die Fahrgäste zur Untersuchung des Gepäckes im Hafenzollhause ein finden. Es waren mehrere protestantische Geistliche, zum Teil mit Familie, ein katholischer Missionar aus Oesterreich, mehrere einzelne Damen mit Kindern, zwei Lehrerinnen aus Süd-West, wir vier aus Bo- venvlei, und ein verkrüppelter jüdischer Händler. Bei der sehr gründ lichen Untersuchung waren fünf Polizeibeamte sechs Stunden lang tätig. Die Damen selbst wurden im Nebenzimmer von Frauen untersucht; man fahndete auf Geld und auf Briefe. Ich sah zu wie der eine Beamte aus einem Federkissen im Koffer einer Dame einen großen versiegelten Briefumschlag mit der Schere herausschnitt. Mir wurden ein ganzer Stoß Papiere aus Ostafrika, die bereits viermal die Zensur passiert hatten, ein Zeißfernglas, zwei photographische Apparate, entwickelte photographische Platten und Abzüge in größerer Zahl, wissenschaftliche Broschüren: Geschenke der Südafrikanischen Verfasser, Karten, die ich in Kapstadt in der Buchhandlung gekauft und im Auskunftsbureau des Ortsvereins kostenlos erhalten hatte, fortgenommen. Die Quittung hier über bezieht sich nur auf die Apparate. Auch ein kleines Metallstativ, dessen Spitzen dem Polizisten als gefährliche Waffe erschienen, wurde zurückbehalten. Abgespannt und verärgert kam ich als letzter auf die Erna Woermann". Während der ganzen Dauer der Untersuchung waren wir bereits unter polizeilicher Aufsicht; es durfte mit der Außenwelt kein Verkehr mehr stattfinden. Am Hafendamm waren Soldaten mit auf gepflanztem Seitengewehr aufgestellt; an Bord blieb neben dem Kapitän ein Offizier als Militärkommandant mit 24 Mann Bedeckung. An allen Uebergängen auf Deck und vor dem Speisesaale standen Wachen mit Gewehr. Mit der Mannschaft durften wir nicht reden, wir hatten uns nur an den Offizier zu wenden. Der Amerikanische Generalkonsul war an Bord gekommen, um uns zu verabschieden; um 4 l h Uhr verließen wir die Anlegebrücke, aber zunächst nur um im äußeren Hafen wieder vor Anker zu gehen. So groß 134 war unser Mißtrauen, daß wir schon meinten, es wäre wieder alles umsonst gewesen und wir würden an Land geschafft werden; aber es hatte sich nur darum gehandelt, Platz zu gewinnen für den neuein laufenden Postdampfer; Briefe brachte dieser aus der Heimat und Nach richten, von denen wir aber nichts mehr erfahren konnten. Wir sahen noch vom Hafen aus den Tafelberg und Löwenkopf, vergoldet von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne, und später, begleitet von den aufblitzenden Lichtern der Scheinwerfer gingen wir in die See hinaus. Die Erna" war schwer geladen, angeblich mit Mais. Eine Kanone stand am obersten Deck, so wurde mir erzählt, ich habe sie nicht gesehen. Trotz der bewegten See ging das Schiff sehr schön ruhig und so ist es geblieben bis Tilbury, nur in der Bai von Biscaya stampfte es etwas kräftiger und wegen des tiefen Ganges schlugen dort die Wellen gehörig über das Vorderdeck. Am zweiten Tage sahen wir wieder Land, ich konnte die Dünen er kennen, die Felsenhöhen darin und die eigentümlichen terrassen artigen Strandlinien an der Küste von Lüderitzbucht. Wir fuhren ziemlich weit in die Bai hinein, deutlich übersah ich den Ort, die Häuser, die Kirchen 27 Jahre vorher bei Gelegenheit meines ersten Besuches waren es nur drei Wellblechbuden; jetzt ist es eine kleine Stadt geworden. Die Erna Woermann" ankerte und wir er fuhren, daß wir deutsches Sanitätspersonal an Bord nehmen sollten. \uf dem Schiffe erwartete man vierzig Mann, vom Lande kam ein Leichter mit Gepäck für siebzig Mann an. Auf so viel Zuwachs waren die Vorräte des Schiffes nicht berechnet; es wurde nur eine kleinere Anzahl an Bord genommen, das überzählige Gepäck mußte wieder herunter geschafft werden. Später stellte sich heraus, daß bei dieser Gelegenheit drei Koffer der Kapstadter Fahrgäste nach Lüderitzbucht geschafft wurden; darunter mein Koffer mit dem mir verbliebenen Reste von Büchern, Papieren, photographischen Platten usw., ein für mich außer ordentlich schmerzlicher Verlust. Etv a fünfzehn Aerzte der Schutz truppe und der Reserve aus Südwest kamen an Bord und füllten unsere Nachbarkabinen. Die Lazarettgehülfen usw. wurden im Hinterdeck untergebracht, in einem Räume von gleicher Ausstattung wie ihn die militärische Besatzung unseres Schiffes hatte. Die Herren Aerzte wurden zuerst streng als Kriegsgefangene behandelt; wir durften mit ihnen, obwohl wir uns auf demselben Deck aufhielten, nicht sprechen. Das ließ sich natürlich nicht lange durchführen; hatte es schon im Hafen kaum einen Sinn, so fiel außerhalb jeder denkbare Grund dafür weg. Abends 9 Uhr mußten sie zur Ruhe gehen, wir Zivilgefangene waren in diesem Punkte nicht beschränkt. Die Wachen mit Gewehr ließen sich des Abends auf der Treppe zum Speisesaale nieder. Später fiel das alles weg, die Beschränkungen wurden nachgelassen. Kleine Mißverständnisse_ 135 _ wurden durch Vermittlung des Schiffsarztes unser Freund aus Kapstadt Dr. S. hatte dieses Amt übernommen und ausgeübt und des General oberarztes Dr. B. glatt erledigt. So stellte sich ein ganz erträgliches Verhältnis heraus. Unsere Schutzmannschaft wurde durch Bewegungs spiele unterhalten und ihr Kommandant hielt alltäglich in Khakiuniform mit bunt gestickten Hausschuhen eine Musterung ab. Die Schiffsmann schaft selbst war eiligst zusammengestellt worden, daher bunt zusam mengewürfelt und wenig eingearbeitet. Es befanden sich unter ihnen wenig Berufsleute, Angehörige aller Stände benutzten die günstige Ge legenheit, um nach England zu kommen und sich hier anwerben zu lassen. Unter den Stewards und dem Maschinenpersonal befanden sich zwei Söhne bekannter Kapstadter Professoren. Alle bemühten sich der Weisung der Kapbehörden, uns auf der Reise vernünftig zu behandeln, nachzukommen. Es ist bezeichnend, daß der Kapitän, der Offizier der militärischen Mannschaft und der Obersteward es sich schriftlich be stätigen ließen, daß wir mit ihrem Verhalten zufrieden gewesen waren. Die Verpflegung ließ vieles zu wünschen übrig; wir nahmen das alles guten Mutes in den Kauf, kamen wir doch langsam aber sicher der Heimat näher. Es entwickelte sich das übliche Leben an Bord. Mit größter Teilnahme lauschte ich den Erzählungen der Aerzte, die an den verschiedenen Kriegsereignissen in Deutsch-Südwest beteiligt gewesen waren. Schwierige Schach- und- heitere Kartenspiele" verkürzten die Zeit, doch herrschte unverkennbar ein ernster Unterton. Mit größtem Eifer bereiteten sich die Mediziner auf die Kriegschirurgie vor, für die sie an den europäischen Fronten voraussichtlich mehr Verwendung haben würden als in Südwest. Unter den Fahrgästen befanden sich noch zwei Engländer, die von unseren mißtrauischen Damen als Ge heimpolizisten angesehen wurden; es waren harmlose Seeleute, wie sich später herausstellte. Unser Schiff fuhr langsam, angeblich weil die Mannschaft nicht genügend eingeübt war. In überflüssiger Geheimniskrämerei wurden wir über den Ort des Schiffes nicht unterrichtet. Am 2. November kam an den Kanarischen Inseln Land in Sicht. Schiffe sahen wir sehr wenig und namentlich Kriegsschiffe, nach denen wir eifrig ausschauten, gar nicht. Am 6. erzählten uns die Schiffsoffiziere, hätten wir des Morgens früh die Mauretania" auf der Fahrt nach Süden passiert. Am 7. lag die Bai hinter uns; wir rechneten darauf alle Augen blicke nach Osten zu wenden. Der Kapitän teilte uns den verschiedenen Rettungsbooten zu, und wir mußten mit Schwimmgürteln angetan zur Verteilung an Bord Aufstellung nehmen. Die Mannschaft stellte täglich an den Rettungsbooten Uebungen an; sehr vertrauenerweckend sahen diese nicht aus._ 136 _ Am 8. kamen die Höhen von Cornwall in Sicht, am 9. Fischerboote, einige Dampfer und das erste Kriegsschiff: ein Minenzerstörer. Wir fuhren dann längs der englischen Küste und hatten verhältnismäßig ruhige Fahrt, vor allen Dingen keinen Nebel. Seit vier Wochen hatten wir keine Nachricht aus Europa, keine Ahnung von dem Laufe der Dinge, aber das eine erschien uns doch sicher: Frieden gab es noch nicht. Im Kanal wurden alle Fensterluken lichtdicht verschlossen, auch die Fenster des Rauchzimmers und die Türen nach Möglichkeit ver deckt. Das Licht an Deck und in den oberen Gängen wurde nicht an gesteckt und wir mußten uns eher in unsere Kabinen zurückziehen als vorher üblich. Wir hatten gedacht im Kanal mehr Schiffsverkehr anzutreffen. Anfangs hieß es wir würden von einem Kriegsschiff erwartet und durch den Kanal geleitet werden; an Bord war keine Funkenstation eingerichtet und es war uns nicht klar, wie der Kapitän seine Weisungen für Minenfelder und dergl. erhalten haben sollte; ein Pilot schien in der Nacht nicht an Bord gekommen zu sein. Am Abend wurden wir aufgefordert, während der Nacht bei einem Alarm uns sofort bereit zu halten; in der ersten Nacht fojgte man bereitwilligst; man kleidete sich nicht aus, einige Herren spielten unten in einer Ecke einen Dauerskat die Nacht hindurch; aber als alles friedlich ablief, ließen wir uns später in unserer Nachtruhe durch nichts stören. Vor Dover war reges Leben, vier Torpedoboote fuhren in einer Reihe an uns vorüber dem Hafen zu. Besonders zahlreich waren die berühmten Trawlers, mit einem Geschütze bewehrte Fischdampfer zu sehen. Des Abends gingen wir vor Deal vor Anker; Pilotenboote, neu trale Schiffe gingen an uns vorüber und ringsherum soweit man sehen konnte, mögen an hundert Fahrzeuge gelegen haben, uns zunächst Hol länder, Norweger, ein Däne, ein Schiff aus Montevideo. Alle die ver ankerten Schiffe tanzten lebhaft auf und ab, die See war sehr bewegt; uns war die Ursache des Anhaltens nicht klar und dies verursachte einige Aufregung. Die Offiziere gaben den unbefangen fragenden Damen die unmöglichsten Antworten; aber schließlich wurde uns klar, daß nur der Uebergang in die Themsemündung den Aufenthalt bedingte. Der nächste Tag brachte uns einen schönen klaren Morgen; ich konnte die Häuser von Deal aus der Nähe betrachten, dahinter die grünen Wiesen, dann die weißen Kreideabstürze der Küste von Dover und in deu- Ferne jenseits Land, wohl Calais, das in unserer Phantasie und in den Kampgerüchten in Pietermaritzburg eine so große Rolle gespielt hatte. Um 11 Uhr kam endlich der Lotse an Bord; das war für uns eine große Erleichterung, nun geht es doch weiter, hoffentlich noch heute bis London, und dann noch einen Tag bis Holland so hofften wir. Als die Anker gelichtet wurden, machte uns der Kommandant darauf auf-_ 137 _ merksam, daß unsere weitere Fahrt durch treibende Minen führte; in den letzten Tagen seien drei Schiffe dadurch gesunken. Nötigenfalls sollten wir sofort mit den Rettungsgürteln bei dem zugewiesenen Boote an Deck antreten. Das Fahrwasser war sehr belebt, wir trafen viel Minensucher, Patrouillenschiffe, Frachtdampfer usw. Jeder von uns hatte seinen Rettungsgürtel bei der Hand und alle schauten hinaus auf das Wasser; jeder schwimmende verdächtig aussehende Gegenstand wurde genau beachtet. Wir fuhren nicht den kürzeren Weg, der in scharfer Krümmung durch den Edinburghkanal nach der Themsemündung führte, sondern weit nach Nord-Ost hinaus und im spitzen Winkel zurück in die einzige freie Fahrrinne der Themsemündung hinein. Bei langsamer Fahrt kamen wir im Tageslichte nur etwa bis Sheerneß; bei Dunkelwerden wurde geankert, und in der Nacht lagen wir still; wieder dieselben Vorsichts maßregeln wie vorher; das Verdunkeln aller Lichter auf dem Schiffe wurde noch weiter getrieben. Um 9 Uhr hieß es: in die Kabinen! Am Morgen fuhren wir die Themse hinauf, mehrfach hin und her, bis wir kurz oberhalb Tilbury des Abends ankerten. Die widersprechendsten Gerüchte wurden von Offizieren ausge streut und von erregten Fahrgästen erörtert. Unruhig gingen wir auf Deck auf und ab und halb gedankenlos suchte ich jedes neue Bild zu erfassen, an dem wir vorüberfuhren. Zuerst sah ich in der Ferne aus dem Nebel die Giebel und Essen von Gravesend und die Bäume der Um gegend hervortauchen. Eisenbahnzüge sausten mit einer in Afrika un bekannten Geschwindigkeit vorüber, gleichzeitig ein fortwährendes Vor beifahren und Ueberholen von anderen Schiffen: neutrale und Engländer, große Passagierdampfer, Frachtfahrer, Barkassen usw. Des Abends sahen wir zwei prachtvoll ausgestattete große Lazarettschiffe mit grün durchscheinenden Scheiben und einem rot leuchtenden Kreuze; aber alle Schiffahrt ist auf eine schmale Rinne be schränkt. Unsere Wachen auf dem Schiffe haben ihr Seitengewehr wieder aufgepflanzt, das sich unseren Blicken einige Zeit entzogen hatte. Gewehr- und Kanonenschüsse vom Lande, wohl militärische Uebungen, die Schnellfeuerkanonen auf den kleinen Patrouillenschiffen und hin und wieder ein Torpedoboot in der Ferne, das sind die Andeutungen des Kriegszustandes. Noch wissen wir nicht was aus uns werden soll; wir sehen große Holländer aus Vlissingen vorüberfahren, man trifft keine Anstalten uns hinüber zu bringen. Wir weilen noch den 12. November vor Tilbury. Amtliche Boote legen bei uns an, sonst aber gibt es keinen Verkehr mit dem Festlande. Aussteigen durfte niemand, obwohl die eine Dame in Kapstadt die Versicherung erhalten hatte in England das Schiff ver lassen zu dürfen, um von hier nach New York zu fahren._ 138 _ Wir hatten gehofft Nachricht aus der Heimat über die Ameri kanische Gesandtschaft in London zu erhalten; auch diese Hoffnung war umsonst. Nach der Unterhaltung mit dem Amerikanischen General konsul in Kapstadt mußten wir uns vorstellen, daß die Gesandtschaft in London sich um uns kümmern würde; wir haben davon nicht viel gemerkt. Englische Offiziere kamen an Bord und erkundigten sich nach dem Wohlverhalten der aus Südafrika angekündigten politischen Persönlich keiten wie Fräulein von H. und Dr. S. Es hieß auch einer der Geist lichen, der sich politisch in Süd-Afrika betätigt haben sollte, und einer der Sanitätsunteroffiziere würden durch die englische Polizei zurückge halten; glücklicherweise trat nichts davon ein. Wir wurden noch einmal alle einzeln vernommen, es galt haupt sächlich der Frage nach englischem Golde. Schwierigkeiten wurden soviel ich weiß nicht gemacht. Endlich Sonnabend, den 13. abends, im dunklen wurden wir mit unserem Gepäck auf einen Tender und hinüber zu dem holländischen kleinen Dampfer Batavier III." geschafft. Nach einigen Stunden Fahrt hielten wir draußen vor der Themsemündung; die englischen Offiziere, verließen uns und wir waren endgültig frei! Am 14. November 1915 ging ich in Rotterdam an Land, genau ein Jahr vorher, am 14. November 1914, war ich in Palma, Portugiesisch- Ostafrika an Bord der L u a b o" gegangen. In Bentheim kreuzte ich die Reichsgrenze Zolluntersuchung, wieder deutsche Zeitungen, die ersten Feldgrauen! Allüberall: heilige deutsche Ordnung! Heim ging es so schnell wie möglich, zur Frau, zu den Kindern welch gütiges Geschick, alles wohlbehalten! Heim ging es zu meinem lang entbehrten Amte in der alten Hansestadt Hamburg. Druck: Wajjner & Co., G.m.b.H., Berlin SW. 11, Möckernstr. 144.Aus lvlcinerKolonialallas ÖsÜ. L. 34 v. Greenw Die Usambara-Bahn Kilometer Mtukida Jflalo l lßO Arn Jtorn* täj vdi ¦ £ Sfrii(A V +ie ihrrff "\ T \ C t O T Y Ä. Sh nVnba 71 77 1132 üfp-P JÜA t f 9,athti* , e e ... ¦k*0* ^ 2000 wnsa SirfünW Qj tirami a \ Didaol : WffrtdmL .. , Tschu mliho\ idso-n* "V iomo ?Ar" ml a ! ci V jfptf s usft ovo -%.^?T^ V * Vrw C?l JfS!rieTtSreri..^~^ JSxcOaoftcYv ^Soxiatfxülkä&ß ! Kikofove 2*6 Äbo kXtärÄöFi eAxz Jftgrufafft ^ 3fujagc Alex-u 4730 KVTOS S^Mirharl Urctmbi fUmbn 1765 \\cÄvinAtt\\i Ssamuf(y Sambum ojfibohdo c- Mantel \talS framba, iibuab t jloma *?%?** \ o^y 2 " Q Knrtbaan£ e ^& [ombfcisa Kiteln s yjanso ( umira Tambprri r A ibangu d\Khn mb(i Jassin "Wilhelm 1 iOü tf. rekmni ix-, dfir jr Ts )^ - ¦ _ ^ iriV .sv bö"-. ^fli pgUds~ 5 (f AfnAwu igidtus ir sS* Msinga Jsiki&ia, Otl: iTjmgUviJ ima Jcn7t Warnas. PEMBA ssu-kirn -Jfcda Albpr^tvil p- (unio Ajongola s UfiäQrtiai Sr. Bihcavcuia o üssc ee- . -\ ^ (^ re lütniJxi Jfbuent Hüde Ritb eTi o oBbahm Ä Jtasa] R idegc 13 9 B . 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Sprigadc u-ftLMoiseL GeographischeVerlagshandlung DIETRICH REIMER (ERNST VOHSEN) BerlinAus KleinevKolonialailas. Krim UMÄNI F UANKRE1C1 ÖKwaiTiea "NU Corsical .j7Madri Valencia. SäoMguel Sicilien Malta Maßstab 1:35000000 oflarna icrn Beirut} ema Na£ h\ lamieltc 0 IViptoH\~ ^ Suwun _r- , iflanies\- fv 3 -^ 071 ^ Mogadat. okko \ä.TiambBecfiar 771 , ..JW J o Siuah JnS alah ( Jlmasscu in- Ghoduob 2üirsuk fendouf Kebabo ? . ^Vfg\deircd s_de 8 Kr S^bkes. (ififKOff Immo C.BUmcoy- el Chüiffuetv BardaZ ibuJlamvu Oualala offilmus Tombouctou Bidouaram, Jüfpfada , clsfhsTiej^^^y ENGL.-ÄGYP Darcfr ^ ShaJtka Fff}dgmhy\^ Sokotra oSokbto Gando , K ^)AB ES voa o fystseris Jfarua Portuj Guine; Timbo- Bofmx L __ r. ffi^T^Borberä r Addis-Abeba] Konakr\ %. 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