Rheinische Missions-Traktate. Nro. 3. Die Herero-Mission. Preis 1 1 2 Sgr. Barmen, 1867. Im Verlage des Missionshauses. In Commission Bei J. Fricke in Halle a. b. Saale. Gedruckt bei J. F. Steinhaus. Die Herero-Mission. Barmen, 1867. Im Verlage des Missionshauses. In Commission bei J. Fricke in Halle a. d. Saale. Gedruckt bei J. F. Steinhaus. Vorwort. Dem Leben Kleinschmidts" und dem Erstling von Fukwing" folgt hiermit der dritte geschichtliche Traktat der Rheinischen Missionsgesellschaft. Er ist zum größten Theil in den Berichten veröffentlicht worden. Der Anstoß zu weiterer Verbreitung ist von einem Misstonsfreund gekommen. Er schreibt uns: Ihre Herero - Mis sion ist nach vielen Seiten lehrreich und besonders dazu angethan, glaubensschwache Missionsfreunde zu stärken." Der Herr gebe dem Büchlein mancherlei Segen. Barmen, Ende März 1887.I. Land und Volk. In Missionar Kleinschmidtö LcbenSgcschichte, die auch die Geschichte unsrer Namaqua-Mission in ihren wesentlichen Zügen enthält, ist schon vom Be ginn der Herero-Mission die Rede gewesen. Die Missionare Hugo Hahn aus Riga in den russischen Ostsee-Provinzen und Heinrich Kleinschmidt ver weilten in den Jahren 1843 und 1844 in Windhoek bei Jonker Afrikaner. Obwohl sie vollauf Arbeit hat ten, stand doch ihr Sinn zu den Völkern weiter nörd lich und im Innern Afrikas. Auf diese war ihr Blick von der Deputation der Rheinischen Missionsgesellschaft bei ihrer Aussendung mit gerichtet worden. Die Brü der sollten von Namaqualand weiter nordwärts streben und wo möglich in das Völkcrgewühl im Norden und Osten des Herero-Landes mit der Botschaft vom König reiche Jesu Christi eindringen. Dazu war uner läßlich, daß sie zunächst unter den Hereros festen Fuß faßten. Sollte überhaupt unsre Arbeit bis in das Innere hinein Boden haben und gedeihen, so mußten die Stationen der Rheinischen Mission von Stclleubosch imKapland an aufwärts in ein er Kette dem Westen Afrika s entlang sich über Namaqualand und Hereroland in s Innere von Afrika hincinziehen; Hereroland sollte also sür unsre Mission ins Innere das Fundament4 werden. Wir haben schon gesagt, baß unsere Boten je eher je lieber diesen Grund gelegt hätten. Allein wer GotteS Werke wirken will, muß in der hohen Schule der Geduld erst gründlich geübt sein. In dieser Schule sind unsre Hcrerü - Missionare vor allen unfern Mis sionaren reichlich geübt worden. Zwar kamen sie von Windhoek bald genug weg; sie wurden fast hinausge- stoßen. Die Weslcyanen besetzten den Platz und unsre Brüder konnten gehen ohne Dank für ihre heiße Ar beit auf diesem für die süd-afrikanische Mission so denkwürdigen Platze. Am 3. October 1844 verließen Hahn und Kleinschmidt in Begleitung Jan Bam s, des Letzteren Schwager, Windhock und zogen leichten Her zens gen Hereroland. Nach einigem Aufenthalt unter wegs langten sie am 9. October inSchmelenS Ver- wachting an. Ringsumher lagen Herero-Kraale, es war also ein überaus erwünschter Platz im Lande ge troffen. Allein unsre Brüder, die in der ungünstigsten Zeit auf den Platz kamen, glaubten hier nicht wohnen zu können und zogen ihre Straße fürbaß. Doch ist Schmelens Verwachting, nach dem treuen Namaqua- Missionar Schmelen und seinem treuen Hoffen auch für die Völker und Stämme im Innern genannt, ein für eine Missionsstation sehr geeigneter Platz. Am 29. October sagten unsre Reisenden SchmclcnS Er wartung Lebewohl, sie hatten einen schweren Weg vor sich. Mit Mühe brachen sie sich an manchen Stellen für ihre kleine Karawane einen Weg durch Dornge strüpp. Des Nachmittags überfiel ein Gewitter,5 "tote sie noch keines erlebt. Die Blitze zuckten und leuchteten ohne Unterbrechung, Donnerschlag folgte auf Donnerschlag mit fürchterlicher Gewalt. Der Regen floß in Strömen und bald war die Fläche, auf der unsre Brüder sich befanden, ein reißender Strom. Natürlich mußten beim Beginn des Gewitters die Wagen verlaßen, um die Ochsen und die Wagen zu halten. Im Nu waren sie durchnäßt bis auf die Haut und bald vor Kälte erstarrt. Die Ochsen gehorchten nicht mehr der Stimme und Peitsche der Treiber, son dern liefen erschreckt von den Donnerschlägcn und dem heftigen Regen in die Dornbüsche. In dieser Lage er eilte sie die Nacht. Glücklicher Weise ließ der Regen nach und sie konnten nach, vielen, vergeblichen Mühen doch Feuer anmachen. Mit bebenden Gliedern und klappernden Zähnen umstanden die Drei das helllo dernde Feuer. Die Frauen waren im Wagen. Des andern Tages hörten sic, daß 24 Stück ihrer Schlacht schafe vom Blitz erschlagen und von Hyänen geraubt worden waren. Das war der Weg zur ersten Missions-Station im Hcrerülande! Am 31. October langten die Brüder an dem in Aussicht ge nommenen Platze an und nannten ihn Reu-Barmen. Ob sie sehr hoffnungsvoll waren an diesem Tage? Wir finden in den Tagebüchern nichts Sonderliches ange merkt, aber das wissen wir, der Weg nach Neu- Barmen und daö Ergehen der Brüder auf demselben war einBild der Zukunft, dieihrer wartete.6 Sehen wir uns nun zunächst im Lande um.*) Hcrerüland liegt zwischen dem 19. und 32. 0 südlicher Breite und dem 32.-29. Längengrade, im Norden bildet das Land der Ovambo, im Süden Groß-Na- maqualand, im Osten etwa der Ngami-Sce, im Westen der atlantischeOcean dieGränzc. VomOranjestrom bis zum Norden wechseln hohe röthlichc Saudberge, deren Widerschein man weit von der Küste am Hori zont bemerken kann, mit hellfarbigen, viel Glimmer enthaltenden Felsen ab. Hinter diesen Sandbergen er hebt sich eine wohl 20 Meilen breite Hochebene, welche nach dem Innern ansteigt. Hier ist kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm zu sehen, nichts als große und kleine Granitblöcke von verschiedener Farbe und Gestalt. Diese Wüste wird von dem Bette des Swa- chaub und des Knisib durchschnitten. HicramKuistb bis an die Walfischbai wächst die Nara, eine Art stach- lichtcr Kürbiß, die Hauptnahrung der Hottentotten, die hier wohnen. Sie nährt in dieser heulenden Wüste" nicht allein die Menschen, sondern auch daS Vieh; ja sogar Hunde und Hyänen fressen sie. Die Frucht der Nara ist ungefähr so groß wie ein Kohlrabi und nimmt, wenn sie reif wird, eine grünliche, ins Citronengelb spielende Farbe an. DaS Innere dagegen ist dunkel, orangefarbig, kühlend und erfrischend. Drei bis vier Monate lang macht diese Frucht die hauptsächlichste *) Wir verdanken diese genaue Beschreibung des Landes dem stud. theol. Josaphat Hahn, Sohn unseres Mis sionars Hugo Hahn.7 Nahrung der Eiugebornen aus. Wenn Mangel an Frucht eintritt, genießen die Eiugebornen die getrockne ten Samenkörner, welche ebenso nahrhaft und wohl noch gesünder sind. So hat der Schöpfer auch in dieser Wüste noch für seine Creaturen einen gedeckten Tisch. Da die Nara sich außerordentlich weit hinrankt und verbreitet, macht sie zugleich den losen und trügerischen Sandboden fest und ist für diese Gegenden dasselbe, was daS SandgraS für manche sandige Küste ist. Am östlichen Saum dieser Naarip-Ebcne erhebt sich ein weites Bergland, das Herz dcS Hererolandes. Die Gegend nimmt nun inen ganz andern Charactcr an: Lange Thalzüge ziehen sich in die Kreuz und in die Quere, oft tiefe Schluchten, thcilweis schön bewach sene Hochebenen, bedeutende Bergrücken und Kuppen, die nach Osten bis 8000 ansteigcn. Jenseits dieses Berglandcs breitet sich eine hochgelegene Wüste aus. Das Bergland der Herero ist verhältnißmäßig schön. Gigantisch auf einander gethürmte Granitmassen nehmen die phantastischsten Formen an. Tiefe FelS- höhlen bieten den Löwen, Leoparden, wilden Katzen re. sichere Schlupfwinkel. Zwischen den glatten, von der Sonne heißglühendcn Fclsblöckcn wachsen Schlingpflan zen, Kaktus, Aloe S, Dornbüsche, Ginster und der wilde Feigenbaum. Wilde Bienen sammeln den Blüthcnsaft der Aloe und anderer Pflanzen. Eidechsen, Schlangen, Scorpionc, Tausendfüße und manch anderes, giftiges Gewürm halten sich nirgcns lieber auf als zwischen den Felsspalten der auf den heißen Steinen, wo sie sich8 behaglich schmoren lasten. Die Berge bilden meist große Keffelthäler, reichlich mit Gras versehen, von klei nen Flußbetten durchschnitten und von allerlei Wild belebt. Die weiten Ebenen, welche sämmtlich Hochebenen sind und terassenförmig nach dem Innern sich erheben, bieten mehr oder weniger Abwechslung dar. Eine Gluthhitze, von der man sich in Europa kaum eine Vorstellung machen kann, erschwert fast das Athemho- len; denn der meist felsige und steinharte Boden wirb von den Sonnenstrahlen wie eine Bratpfanne erhitzt. Bald durchwandert man kahle, unfruchtbare Flächen, bald verhindert ein dichter Wald von Dornbüschen jedes weitere Vordringen, bald kommt man über endlose mit hohem Gras bedeckte Prairien, bald gewahrt man Grup pen von Akazien-, Kameeldorn- und Tamariökenbäumen. Einen malerischen Anblick gewähren die steilen oft 900 bis 1000 hohen Ufcrwände dcö Swachaub in sei nem untern Lauf. Auf den Felsen wächst die stattliche Euphorbia candelabra, die wie ein prachtvoller Kron leuchter sich zum Himmel streckt, daneben die Aloe, bis weilen 14 hoch und schlank wie der Schaft einer Palme. Ueber das Schilf an den Ufern, besten Farbe das Auge erfreut, erheben sich die frisch grünenden Akazienbäume, der schwarze Ebenholzbaum und vor allen Dingen Gruppen von der Eiche Süd - Afrika s, dem Kameel- dornbaum. Der Swachaub hat das ganze Jahr hin durch Master, Gras und Schilf, und bildet den sicher sten Weg ins Innere. An den Flußufern im Osten9 des Landes findet sich häufig in Gruppen der berühmteste Baum der Herero, der Omumborumbonga, der ohne Dornen oft zu einer riesigen Höhe heranwächst. Diesen Baum ehren die Herero als ihren Stammvater. Von ihm wurden an einem Tage die Menschen gebo ren nebst dem Vieh und den vierfüßigen Thieren. Beim Anblick dieses Baumes verbeugen sich die Herero und rufen: Du bist heilig, Altvater Zuweilen schlachten sie diesen Bäumen auch Opfer. Ein solcher Baum darf weder angerührt noch umgehauen werden; frühersetzten sie sich nicht einmal in den Schatten des Baumes. Der größteTheil deö Herero-Landes hat die Farbe der Wüste, das melancholische Grau. Nach den ersten Regengüssen in der Regenzeit ändert sich der Anblick des Landes: die kahlen, traurigen, endlosen Flächen und Thäler sind mit einer solchen Masse meist gelber Blu men bedeckt, daß man fast nirgend den Fuß auf kahlen Boden setzen kann. Allenthalben ist ein Duft von Wohlgerüchen von den aromatischen Gräsern und Kräu tern; die Bäume (Dornbäume) blühen überall. DaS Gras schießt 7 9 in die Höhe. In seinem Boden birgt Hereroland eine Menge Schätze; Zinn, Blei, Eisen, Kupfererz, auch Gold, und es wird ohne Zweifel noch ausgcbcutet werden. Zur Zeit aber ist eö, wie vor Alters, zur Viehzucht sehr geeignet; für Rinder ist das Land unvergleichlich. Ein zelne Stellen eignen sich für den Ackerbau, besonders die Flußufer.10 Das Volk der Herer6 ist körperlich schön, bräun lich schwarz mit fast europäischen Gcsichtszügen, nur wenige haben ein negerartiges Aussehen. Ihre Haare sind wollicht, sie lasten sie aber lang wachsen; die Frauen schaben sich die Haare ab und lasten nur auf dem Scheitel einen Büschel stehen. An diesem befesti gen sie Fäden von den Sehnen der Thiere und schmie ren die Haare wie auch ihren Leib mit einer Pomade von Fett und Ocker ein. Zur Kleidung bedienen sie sich der Felle, an den Füßen haben sie Sandalen. Glas- und Eiscnkorallen, eiserne, kupferne, elfenbeinerne Ringe sind ihr Schmuck, auch Blechplattcn, die sie am Kopfe, Halse, Arme, an den Fingern, Füßen, Beinen befesti gen. Die Herer6 sind ein nomadisches Hirtenvolk, in ihrer Lebensweise den Küstern ähnlich. Ihre Hecrden waren vor dem letzten Kampf mit den Namaqua s oft erstaunlich groß. Dennoch leben sie fast ganz von Milch und schlachten nur bei besonderen, festlichen Gelegenhei ten und in,der äußersten Noth ein Stück Vieh. Die ses, und besonders die Ochsen, sind ihr Abgott. Vieh hüten dürfen nur die Männer, und ist eine Ehrensache auch für den Häuptling, eine Zcitlang eigentlicher Hirte gewesen zu sein. Manchmal sollen sie in späteren Jahren wieder als Hirten zu den geliebten Hecrden zurückkehren. Man behauptet, daß der Hcrer6, besten schwache Seite das Rechnen und Zählen ist, auch bei großer Heerde, ohne zu zählen doch leicht merkt, wenn ein Stück fehlt: cS fehlt ihm ein bekanntes Gesicht.11 Die Phantasie der Kinder wie der Alten ist mit der Heerde beschäftigt. Am Wege sitzend bilden die Kleinen Von Erde Thicrgestalten und wenn eine Heerde des Weges kommt, hört auch daS letzte Kind zu spielen auf und versenkt sich in den Anblick der Heerde. Gewisse Rinder von besonderer Farbe und Gestalt werden von den Herero besungen, und ihr Tanz ist im Gründe nichts Anderes, als eine Nachahmung des TrittcS unk Taktes ihrer Ochsen; wenigstens hört es sich in der Ferne so an, als wäre eine Heerde Rinder im Anzug. Die Herero sind ein munteres, fröhliches Volk. Wollen doch etliche meinen, Herero bedeute selbst: das fröhliche Volk. Dabei sind sie ungemein kräftig. Bru der Rath schreibt wohl einmal, indem er die Herero mit den Namaqua s vergleicht: Steht ein Namaqua gegen einen Herero, so steht er aus wie eine Heuschrecke. Und doch haben die Namaqua s sie nicht allein über- mocht, sondern auch durch ein Jahrzehnt geknechtet, sa als Volk zertreten. Vordem weideten die zahlreichen Herero von Swachaub bis Ondonga, dem Lande der Ovambo, und zur Zeit, da unsre Friedensboten daS Land betraten, trafen sie allenthalben verwüstete ober leere Hererokraale, wie Burgen am Rhein." Wie ist: das gekommen? Die Namaqua s hatten Feuergcwchre, gegen welche die Kraft der Herero nichts vermochte: Doch sind die Herero selbst ihres Geschickes Schmiede gewesen. Unter sich in fortwährendem Kampf und Streit um ihren Abgott, ihren Heerdenrcichthum, rief endlich der unterliegende Theil die Namaqua s um Hilfe-12 Diese kamen und suchten natürlich das Ihre. Es ist für die Beurthcilung der Geschichte der Mission dieses Landes wohl zu beachten, daß unsere Brüder zu einem Volke kamen, daS nicht allein die Nacht des Heidenthumö fesselte, sondern auch eben zertreten war. Doch sollte es in den Tagen der beginnenden Mission, wie eS schien, ganz vernichtet werben. Davon wird in^ber Geschichte die Rede sein. Damit sind wir zur Schilderung des Characterö der Hcrer6 gekommen. Alle Darstellungen desielben von Freund und Feind lauten gleich trübe und hoffnungslos: sie sind schmutzige, geizige, leidenschaftliche Menschen, ohne Mitleid mit den Alten und Schwachen, die von ihnen vcrlasien und ge- töbtet werden. Ein Armer gilt nichts bei ihnen; wird ein solcher erschlagen, so genügt eine Buße von zwei Ochsen zur Sühnung der Schuld. Dabei haben sie die Vielweiberei sammt der schamlosesten Unzucht. Hier schienen sie ohne allcö Gefühl. Doch muß es ehedem anders bei ihnen gewesen sein, ja wir glauben nicht ganz an diese trostlose Schilderung. Denn einmal gilt bei ihnen der Muttername sehr viel; sie schwören bei den Thräncn ihrer Mutter." Sodann ist über haupt die Frau bei ihnen nicht die Null, wie bei den Negerstämmen. Dazu kommt noch eine eigenthümliche Sitte. Die Häuptlinge der Herero sind Priester ihres Stammes. Ihre Töchter sind Hüterinnen des heiligen Feuers, das sie bei Nacht im Hause, bei Tage vor dem selben, auf dem Okurn6, der Opscrstättc, stets bren nend zu erhalten haben. Verlöscht das Feuer, was für13 ein Unglück gehalten wird, so wird eS durch daS Rei ben zweier Hölzer wieder entzündet, wobei Opfer ge bracht werden. Verzicht ein Stamm auf einen neuen Weideplatz, so folgt unmittelbar hinter der Heerde btc- Häuptlingstochtcr mit dem ewig brennenden heiligen Feuer, wie denn auch ein brennender Stumpfen vom Okuruü zur Ausstattung der Tochter gehört. An eigenthümlichen Sitten der Herero ist noch anzumerken, daß sie beiden Geschlechtern um das 14. oder 16. Jahr ein dreieckiges Stück der obern Schneidczähne ausschla- gen und alle vier untern Schneidczähne ausreißcn. Endlich sei noch erwähnt, daß die Herero in Kasten getheilt sind. Jeder hat feine Ejanda oder Abkunft. Mit dieser Kaste hängen gewisse Speiseverbote zusam men. Wie ist eS nun mit der Religion der Herero bestellt? Sie,haben weit mehr religiöse Sagen aus einer frühem, lichteren Zeit behalten, als die Hottentotten, aber Einfluß auf ihr Leben hat ihre Religion nicht. Jahre lang hören wir von unfern Missionaren diesel ben Klagen: Es ist fast gar kein Anknüpfungspunkt für die Predigt da, ihr Gewiflen schläft, fast ebenso ihre Vernunft und ihr Verstand. Die Herero reden wohl von einem Omukurü (Gott), aber sie haben keine Be ziehung zu ihm, sie beten nicht zu ihm, ihre einzigen religiösen Handlungen sind: Zauberei und Ahnenver- ehrung und Wahrsagen. Die Herero sind in steter Furcht des Todes. Unglück kann ihnen von Freunden und Feinden und jeglichem Zufalle kommen. Wirb Einer krank, so lasten sie gleich ihre kleinen Steinchen,14 eine Art Loos, werfen, um zu erfahren, woher rührt. Die Antwort lautet dann gewöhnlich: Andere hätten sie aus Haß verwünscht oder ihnen Zäubermittel beigc- bracht, denn hätten unbewußt von einer verbotenen Speise gegessen, oder an einem Feuer gesesicn, wo sie bereitet wurde. Die einzige Zuflucht ist nun der Zau berer, er soll die Krankheit heben, bas Unglück wenden, die bösen, mißgünstigen Geister bannen. So ist das ganze Leben der Hcrerü mit Zauberei durchzogen. In politisch schweren Lagen wendet sich der Hcrerü zu dem Grabe seines Häuptlings um Hilfe. Wir haben schon im Vorigen der pricsterlichcn Stellung des Häuptlings gedacht. Die Neger, zu denen ja auch die Hcrerü ge hören, sind ja als Einzelne nichts, sie haben nur Werth und Bedeutung durch ihre Zugehörigkeit zum Stamme. Wenn nun schon bei den Chinesen die Obrigkeit Vater und Mutter", heißt, so ist bei den Negern der Häuptling erst recht Alles in Allem. Nach seinem Tode bringen sie ihm eine Art Trankopfer. Sein Grab ist daö Orakel des Stammes. Ist etwas Ent scheidendes zu unternehmen, so kniet der Nachfolger des Verstorbenen auf seinem Grabe und frägt um Rath. Was dem Frager in dieser Lage einkömmt, nimmt er als eine Eingebung des verstorbenen Häuptlings und handelt darnach. Auch die Eingeweide gewisser Thicre werden über die Zukunft befragt.15 II. Geschichte der Mission. Die Geschichte unserer Herero-Mission weist große Schwankungen auf. Zweimal schien das Ende dersel ben gekommen, und bei der dritten Wiederaufnahme derselben zeigte s, daß auch hier die Hoffnung nicht zu Schanden werden läßt. Vom Beginn der Misston ist Eingangs schon geredet. Am Gcdächtnißtag der deutschen Reformation am 31. October 1844 schlugen unsere Brüder ihr Zelt bleibendem Aufenthalt iir Hereroland auf und gaben der Station den Namen Neu-Barmen. Der Ort ist nicht schön gelegen, allein er hatte hinreichend Wasser, in dieser Wüste die erste Lebensbedingung. Die ersten Begegnungen mit den Herero s schienen ein freundliches Verhältniß zu ver sprechen, allein der Anfang täuschte wie so oft. Die Herero kamen unseren Brüdern mit dem größten Miß trauen entgegen. Das hatte für sie seine guten Gründe. Die Missionare kamen aus dem Orte des Drängerö der Herero, von Jonkers Platz und kamen mit seiner Einwilligung, denn ohne diese hätten die Missionare, das wußten die Herero wohl, hier nicht wohnen dürfen. Was sollte aber für sie von dorther Gutes kommen? Zudem was wollten die Missionare bei ihnen? So gut oder so schlecht eS ging, hatten die Missionare, die ohne Kenntniß der Sprache und ohne ordentlichen Dolmetscher waren, den Herero den Zweck ihres Kommens ge sagt. Allein diese hätten eher geglaubt, daß der Sonnenschein schwarz sei, als daß Jemand etwas auö Liebe16 ohne Eigennutz thun könne. Das stand den Hcrcrü Jahre lang fest, daß die Missionare in ihrem Lande nur den eigenen Nutzen suchten und demgemäß verhiel ten sie sich auch zu denselben. Wo sie ihnen nahcten, geschah es entweder um zu betteln oder zu stehlen. Im Diebstahl erwiesen sie sich als Meister. Besonders zog alles Eisenwerk die Herer6 unwiderstehlich an. ES war kein kleines für die Missionare, Liebe und Achtung, die unerläßlichen Bedingungen zu einer gesegneten Wirk samkeit, gegen ein Volk zu hegen und zu erhalten, das ihnen alle Tage in einer widrigeren Gestalt entgcgentrat, in Lug und Trug, Schmutz und Unzucht, dabei von einer Habsucht, die an s Unglaubliche gränzt. Es ist vorgekommcn, daß ein ganzer Kraal (Dorf) in Aufruhr gerieth über einen Knochen, den ein reicher Mann einem Hunde entriß, um ihn selbst noch zu nagen. Obwohl stahlen wie die Raben, prahlten sie doch noch mit ihrer Ehrlichkeit. So war einmal den Missionaren ein für sie sehr werthvolleS Stück gestohlen worden. Sie sandten Botschaft zum Häuptling mit der Bitte, für die Herbeischaffung des Gestohlenen Sorge zu tragen. Er that eS. Die das gestohlene Gut zurückbrachtcn sagten dem Missionar: Der Dieb ist getödtct. Kaum aber hatte er seine Verwunderung auögedrückt über so harte Strafe, so sagten sie: es ist noch Odem in ihm. Es kostete den Missionaren nur wenig Mühe, um von ihnen selbst zu erfahren, daß sie gelogen hätten und dem Dieb gar nichts geschehen sei. Als die Missionare das Ihrige endlich bewachten und das Stehlen dadurch17 erschwert wurde, wurden die Herero geradezu feindselig. Die armen Missionare! Da saßen unter einem Volk, daS, trotzdem es sie eingeladen, sie nicht wollte, mit dem sie nicht einmal verkehren konnten und das ihnen keine Nahrung zukommen ließ. Kleinschmidt war nach Rehoboth gegangen, Bam nach SchcppmannSborf an der Walfischbai, und Hahn und Nath waren allein unter diesem Volke. Zu all dem Missionarsleid, das wir eben erwähnten, kam noch vieles, vieles andere Leid. Die wilden Thierc: Löwen, Panther und Hyänen umkreisten des Nachts ihre Vichstätte und raubten ein Stück umö andere; Schlangen und Scorpione und giftige Spinnen bedrohten täglich ihr Leben. Das Hüttlcin, das sie sich bauten, zerfraßen die Termiten,*) so daß sie vom Bauen gar nicht weg kamen. Dazu die Hitze des TagcS und das Grauen der Nacht und Fieber und schmerzhafte *) Der Engländer Galton, der in jenen Gegenden gereist, schreibt folgendes über die Termiten oder weißen Ameisen. Einige von ihren Wohnungen hatten fast 100 Fuß im Umkreis und erhoben sich zu einer Höhe von 20 Fuß. Sie zeigen sich selten am Tage, aber wenn man die Nacht auf dem Erdboden znbringt, so findet man nicht selten Häute und Filze an 100 Stellen von ihnen durchbohrt. Die Ter. mitcn errichten ihre Wohnungen nicht wie unsere Ameisen, indem fie von außen her an fie anbauen, sondern vergrö ßern sie von innen her, so daß fie so zu sagen die Wände auSdrücken. Sic arbeiten gewöhnlich im Dunkeln, verei nigen sich Gesellschaft, leben in der Erde und auf den Baumen, nagen oft das Holzwerk an den menschlichen Woh nungen an und graben eine Unmasse von Gängen, die alle auf einen Punkt auslaufcn. Bei der Ausführung dieser Gange vermeiden sie es sorgfältig, das Aeußere dcö Holz- werkö zu durchbohren, so daß dieses immer frisch aussieht, fällt aber bei der leisesten Berührung aus einander. 218 Augenkrankheiten. Die Brodnoth drängte endlich zu einem verzweifelten Schritt. Vr. Rath mußte eine Reise in die Kapstadt machen, um Mehl cinzukaufcn. Von Neu- Varmcu nach der Capstadt, welch ein Weg! Nun, Br. Rath blieb auch, ohne sich irgendwo über Gebühr auf zuhalten, ein halb Jahr aus. Wovon lebten nun die armen daheim (!) Gebliebenen. Nun, Weg hat Er allerwegen! Hahn hatte zwei Hottcntottenknaben mit sich genommen, die waren gute Schützen, so lebten sie von Wild. Wohl ist Meister Schmalhans oft Herr im Haufe gewesen; sie hungerten, aber, sie verhungerten nicht. Aber Fleisch und wieder Fleisch und nichts als Fleisch! Ach, seufzt Hahn einmal, bei unS heißt jener uralte Fluch: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Fleisch essen. Doch endlich wendete sich die Brod noth, auch die Dollmetschernotl) wandte der liebe Gott. Allmählich wurden unsere Brüder der Sprache mächtig. Wir theilcn hicr den Bericht Br. Rath ö über die erste Predigt in der Herero-Sprache vollständig mit; er gibt unö ein sehr anschaulich Bild von den Anfangszustän- ben der Herero-Mission. Br. Rath schreibt bei Beginn deü Jahrcö 1847: Am 24. Januar begann Hahn, ich weiß nicht, ob in einem Anfalle von Heldcnmuth, Verzweiflung oder Glauben, ober ob s eine Mixtur aus alle dreien war, nun laß sein waö will, kurz, er begann und zog mich auch hinein. Unsere Predigten müssen einen sonderbaren Proceß durchmachen. Erst wer den sie deutsch ausgeschrieben, dann in S Herero übersetzt. Ist dicS geschehen, bann nehmen wir den Da-19 nicl Cloete und einen Mann vom Platze, dem wir dann Satz für Satz vorlesen; er muß sie sprachlich corrigiren. Wir denken sagen zu können, daß wir biblisch noch nichts Verkehrtes gesagt haben, obwohl sehr Unvollkommenes, da uns die Wörter: Sünde, Gerechtigkeit, Heiligkeit rc. noch mangeln. Ein großes Glück war, daß wir in der Woche vorher das Wort Schuld" fanden. Der Gottes dienst wird in meiner Kammer auf folgende Weise gehal ten: OhneTalar und Bäffchcnsitzen wir auf meinem Bette, die Leute um uns auf der Erde. Erst singen wir einen holländischen VcrS, dann wird die Predigt gelesen, dann wieder ein VerS gesungen, dann gebetet; letzteres im Herero. Wir kniecn beim Beten aus verschiedenen Ur sachen. Erstens sollen unsere Hörer auch vor Gott knieen lernen, dann sind wir genöthigt, daS Gebet zu lesen, waS sich knicend bester thun läßt. Zuletzt verhindern wir, daß unsere Herero einander anschen und lachen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, nach so langem Harren in einer Sprache, in Welcher dieses noch nicht geschehen, Gotteö Wort zu vcrkündigenund vor den Gnadenthron damit zu treten. Und wie unscheinbar, wie glanz los beginnt das Reich Gottes." Bald waren nun die Brüder der Sprache Meister. Auch mit dem Volk ließ cö sich allmählich bester an, obwohl sehr lang sam. Wenigstens bekamen die Missionare Muth, im Lauf der nächsten Jahre zwei neue Stationen anzu- lcgen, Otjimbinguö und SchmelenS Vcrwachting. Beide Stationen liegen in jedem Betracht günstiger; für un-20 sere Periode in der Geschichte dieser Mission sammelt sich s aber vorwiegend in Ncu-Barmen um Hugo Hahn. Eö hatte sich dort nach und nach ein ziemlich Volk an- gesammclt aus der lieben Armuth. Die Armen auS allen Gegenden sammeln sich um den Missionar, sie begeben sich unter seinen Schutz und nehmen ihn als ihren Häuptling an, dem sie bann auch dnrchgchendS willig Gehorsam leisten." So war möglich, regelmä ßig Kirche und Schule einzurichten, auch einen gleich mäßigen, nachhaltigen Einfluß auözuüben. Die Folgen zeigten sich bald erfreulich. Die Herero lernten Gärten anlegcn, Tabak bauen, überhaupt sich durch ihrer Hände Arbeit ernähren. Da wurde denn Ncu-Barmen eine Art Markt für die Herero, deren Element das Handeln ist. Unterm 9. März 1850 führt uns Hahn dies Leben und Treiben auf seinem Platze wie folgt vor: Eine große Parthie reicher Herero kam heute mit 50 bis 60 Stück Vieh, um hier Tabak zu kaufen. Solche Han delsgesellschaften kommen wöchentlich, zuweilen täglich. Die Hauptartikel des hiesigen Handels sind: Tabakund Kalabasicn, deren Anbau die armen Herero, die sich selbst Ovatjimba nennen, durch unö gelernt haben und wodurch sie viel erwerben. Andere Artikel, wie Schccrcn, Beile, Armringe, Straußencicrschalcn werden auch ge sucht. Die Neichen dagegen bringen außer Vieh auch noch Fett, Fleisch, Perlen von den Ovambo erhandelt, höl zerne und geflochtene Gefäße rc.; Sonntags darf nicht gehandelt werden. Sobald eine Handelsgesellschaft sich unter der Girasfenacacie gelagert und ihr Vieh in die21 dazu bestimmte Hürde getrieben hat, dann wird gegrüßt. Koraja" oder Nasa!" d. h. erzählt! rufen ihnen die Hiesigen zu. Die Antwort ist nibe 1" (nein). Nachdem daö einige Dutzend Male wiederholt ist, beginnt das Handeln. Daö Murmeln im Beginne geht in lautes Sprechen über, und ehe man sichS versteht, gibt ö einen Heidenlärm. Käufer und Verläufer strengen ihre Lun gen möglichst an, einer sucht den andern zu überbicten Neulich stießen hier zwei feindliche Parthieen auf einander. Hier wird jedoch die Fehde bei Seite gesetzt. Dieser Platz wird eine Art Freistätte. In früheren Jahren hätten sie sich gemordet, wo sie sich nur fanden. Wollte Gott, cö wäre der erste Schim mer anbrechenden Friedens. . . . Zuweilen kommen die Herero mehrere Tagereisen weit hierher. Auch der Han del muß dem Evangclio dienen. Es freut mich innig, wenn ich das äußere Aufblühen dieser Station wahr nehme und zwar als eine Folge der Mission; nur wün sche ich, das christliche Gedeihen möge gleichen Schritt halten." Das blieb jedoch noch für lange im vollsten Sinne dcö Wortes ein frommer Wunsch. Zwar kamen Viele in die Kirche und die Schulen füllten sich auch, aber cö ist nirgend eine Spur von geistlicher Regung wahrzunchmcn. Doch war auch dieser Besuch von Schule und Kirche ein Segen für daö Volk. Etwas Grund, schreibt Hahn mit Recht um diese Zeit, haben wir dennoch hier gewonnen, wenn man das rechnen will, daß z. V. ein guter Theil der Stationseinwohner die HeilSlchre im Allgemeinen mit dem Kopfe begriffen ha-22 ben, und daß der Unterschied und das Bewußtsein von Gut und Bös weithin verbreitet ist." Zunächst sollte aber unfern Brüdern alle Hoffnung schwinden. Es begannen um diese Zeit die Gräuel deö Krieges Herero-Land wieder zu verwüsten. Der blutige Jonker, das rothe Volk re. zogen herauf zu rauben und zu morden. Ein Stamm verschwand nach dem andern. SchmelcnS Vcrwachting ward von Jonker geplündert. Die He rero mordeten gegenseitig. Kahitjcne, der edelste der Herero-Häuptlinge, der sich in SchmclenS Verwach- ting niedergelassen und zu Missionar Kolbe freund lich stand, wurde von den Herero selbst erschlagen. Die Verwirrung ward allgemein, die Knechtung der Herero bald vollzogen. Da wichen die Missionare aus diesem Gräuel der Verwüstung; Nath ging nach dem Cap, Kolbe gleichfalls, Hahn nach Europa. Ende 1853 war kein Missionar mehr im Herero-Land. Doch dauerte die Verwaisung nicht lange, Nath ging im October 1854 wieder nach Otfimbinguch und im Jahre 1855 trat auch Hugo Hahn wieder in die Arbeit ein. Br. Rath s HauS war während seiner Abwesenheit verbrannt, so mußten sie sich wieder in kleinen Hüttchcn cinquartie- rcn. Und wie stand s in Ncu-Barmen? Der Ort War wie auSgcstorbcn. Nur einige Hütten von Einge borenen standen in der Nähe unsres Hauses, welches übel zngcrichtct war. Die Kirche ohne Thüre und Fenster, der Garten ohne Hecke, ein wildes Dickicht, in welches man nur mit Hilfe des Beiles hineinkonnte, der Brunnen zugestopft, die ausländischen Bäume, welche23 ich angepflanzt, umgehaucn. Die ThrLncn waren unö näher als die Freude. Also wieder von vorne beginnen!" Genau so hieß auch die Losung in der eigentlichen MissionS-Arbeit. Dazu war die Lage setzt noch er schwert. Hereroland hatte eine Anzahl Europäer an gezogen: Kupfcrgräbcr, Naturforscher, Elcphantensäger und Händler. Die Sittlichkeit dcS Volks, wenn man davon überhaupt reden kann, sank dadurch noch mehr: die erdrückten Herero zusammt den Herren dcS Landes, den Namaqua s, wurden unter dem Einflüsse eines euro päischen Auöwurfcs noch schlechter. Doch war auch jetzt schon die scheinbar einflußlose Mission ein Damm gegen gänzliches Verderben. Das ersieht man am klarsten aus den Bestrebungen der Kupfcrgräbcr, Nath von Otsimbinguo zu vertreiben. Doch gelang cö nicht. Für die eigentliche Arbeit an der inneren Erneuerung dcö Herero-Volkes durch die Mission ist die Geschichte KamuzanduS von Interesse. Alö Kamuzandu in seiner Jugend einmal, wie die Herero so gerne thun, auf dem Rücken lag, um dcS süßen Nichtsthunö zu pflegen, packt ihn eine Hyäne unversehens bei der Nase. Er leistete Widerstands mußte aber doch ein Stück seiner Nase lassen, das zeigt die große Narbe, die quer über Gesicht und Nase liegt. Die Missionare heilten ihn und verdankten ihm viel in Erlernung der Sprache, denn er war ein gewitzigter Kopf. Seitdem blieb er in engerem Verkehr mit Hahn, besuchte die Gottesdienste fleißig und gab Hoffnung, einmal der Erstling Jesu Christi auö den Herero zu24 Werden. In einer Nachricht über den Gottesdienst auf feiner Station schreibt Hahn unter Anderem: Der Chor der Kinder, wenn sie auch nicht schön singen, so singen doch kräftig und mit Lust. Die Alten brummen so mit. Von der Harmonika gehe ich zum Pult und lese zum Beginn die 10 Gebote, dann folgt Gebet und Gesang und dann eine kurze Predigt, dabei frage ich aber immer die Leute und sie bleiben meist die Antwort nicht schuldig. Unter den Zuhörern wirst du einen bemerken, welcher sich durch Aufmerksamkeit und gute Antworten auSzeichnct, er ist aber nicht voreilig, er giebt erst den Andern Zeit zu sprechen. Daö ist Kamuzandu." Die Hoffnung Hahn S war nicht ohne Grund. Kamu- zandu. hatte starke Eindrücke empfangen. In der ersten Zeit äußerte er einmal: Manchen Tag fürchtet sich daö Herz vor dem Wort; dann aber läuft eS wieder zur Ungerechtigkeit und sagt: hat nichts zu sagen." Der Widerstreit dcS Geistes wider daö Fleisch hatte also bei ihm begonnen. Das Leben Gott wollte Wurzel fassen. Den Fortschritt seines inncrn Menschen bczcichncte er selbst in sinniger Weise durch Namen veränderung seines Sohncö. Als er noch in ungebroche ner Hcrerowcise dahin lebte, nannte er den Namen seines ncugebornen: Katucmunu (wir haben gekriegt, nämlich: Vieh, daö Idol aller Herero). Nachdem er mit Hahn eine Reise an S Kap gemacht, änderte er den Namen in Katuvctjina (wir kennen sic, nämlich die Missionare). In späterer Zeit nannte er einen Sohn Katuhaongua (uns wird gepredigt), ein bedeutender25 Fortschritt vom Fleisch zum Geist. Einst hatte Hahn, wie die Missionare, als sie die Sprache lernten, zu thun pflegten, mit Kamuzandn seinen Text Luc. 11, 1 13 durchgcgangcn. Beim Durchsprcchen desselben fragte ihn Hahn: Kamuzandn, betest du? Frischweg antwortete die ser: Ich bete um Erleuchtung, damit ich die Worte Jehovr s verstehe, daß Elohim (Gott) dem Kasatan (Satan) möge wehren, daß er das Wort nicht von meinem Herzen nimmt." Daß dieö nicht pure Augen dimerei war, bewahrte der Spott, den Kamuzandn tra gen mußte. Doch ist er nicht zum Ziel gekommen. Auf einmal ging er hinter sich. Hahn hatte ihm, als seine Tause in Aussicht stand, die Frage vorgelcgt, ob er als Christ die Vielweiberei werde meiden können? Das war ihm zu viel zugcmuthct. Wir können nicht genug bcur- theilcn, ob die Entscheidung ihm nicht vorzeitig zuge- muthct wurde, möchten cS aber fast glauben. Es mögen hier noch einige Mittheilungcn Hahns auö dieser Zeit ihre Stelle finden. Die Abcndkirchen werden wieder gut besucht. Vor einigen Wochen, als nur etwa 15 Männer, 3 Frauen und einige Kinder sich cinfandcn, ließ ich wieder nach Hause gehen, mit dem Bedeuten, eö wäre wohl besser, daö Kirchehaltcn aufzu- gebcn, wenn nicht besser kämen, überhaupt wenn sie ihre Frauen nicht zum Kommen anhieltcn. Die Frauen scheinen überhaupt dem Evangelium am mei sten abhold. DaS kam ihnen unerwartet und fruchtete, seitdem sind die Abcndkirchen sehr gut besucht. Einige Herero nennen die Schriftsprache Augen Got-26 teS" und denken, daß wir aus Büchern und Briefen Alleö scheu können. Ihnen begreiflich machen zu wollen, daß man dem Papier durch die Schrift seine Gedanken mitthcilcn oder cinvcrlcibcn könne, ohne baß daö mit einem Wunder geschieht, ist unmöglich. Bor einiger Zeit wurden mir von Geschwister KlcinschmidtS in Ncho- both einige Sachen durch hiesige Leute gesandt. Ich las die Briefe, sah dann die Sachen nach und fand, daß die Träger gestohlen hatten. Ihr habt das und daö gestohlen, sagte ich, aus den Briefen kann ich S sehen. Bestürzt gestanden sie ihre Schuld ein, obwohl sie sonst auf Tod und Leben dagegen gestritten hätten. Seit dcrZeit ließen sie alle Sachen unangetastet, die mit einem Briefe brachten. Eines Tages kam ein Herero und bat um ein Buch. Was willst du damit machen, frug ich ihn. Ich will daraus sehen, ob ich leben oder sterben werde." Du kannst ja nicht lesen (Hungirisa d. h. sprechen machen). O das thut nichts, wenn ich nur hineinsche, dann weiß ich schon." Nun wohl! hier ist ein Buch, sage mir, was steht da? Er guckte nun in ö Buch wie weiland jener. Bauer mit der Brille. Nachdem er so eine Weile gesehen, sagte ich: nun waS hast du gelesen? Er schwieg still. Ich sagte ihm den Inhalt. Dann meinte er, daö hätte er wohl auch ge konnt, er bedürfe nur mehr Ucbung." Gar manches Andere noch aus Hahn ö Mittheilungen beweist uns doch, baß Etlichen ein jsinncnder Verstand eigen ist; der hat sicherlich auch über daö gehörte Wort gesonnen. Zunächst freilich ist Kamuzandu der einzige Herero in27 dieser Periode der Mission, von dem die Missionare eine Geschichte inner Lebens geben; er ist aber sicher nicht der Einzige, der eine solche hat. Die Folge zeit w icö cS au ö. Zunächst freilich begegnet uns auch jetzt nichts als die dichteste Finsterniß. Von geistlicher Arbeit ist nun einmal von hier nichts zu melden" seufzt Hahn in einem Berichte. So wandten sich die Hoff nungen unserer Brüder nach Norden zu den Ovambo und den andern Negcrstämmcn. Im Jahre 1857 kam dann die beabsichtigte Untcrsuchungsrcise zu Stande, aber endete kläglich. Der König der Ovambo, Nangoro, wehrte den Missionaren weiter alö Ondonga vorzudrin gen, ja ließ sie heimtückischer Weise überfallen. Doch kostete dieser Ucberfall, merkwürdig genug, Nangoro selbst das Leben. Er starb am Schreck über das nie gehörte starke Gcwehrfcuer. Da neuerdings die Ovambo unserer Mission wieder näher gerückt scheinen, so fügen wir an dieser Stelle eine kurze Beschreibung derselben ein, wie sie Waitz auf Grund von verschiedenen Reiseberichten giebt. Die Ovambo stehen in jeder (?) Beziehung weit höher als die Herero. Ihr Land (Ondonga) ist gut bevöl kert; cö leben ungefähr 100 Menschen auf der englischen Quadrat-Meile; der Ackerbau wird in größter Aus dehnung und regelmäßig betrieben. Er erstreckt sich hauptsächlich auf Getreidcarten, geschieht mit der Hacke, die Felder werden ordentlich gedüngt. Sie zählen und rechnen sehr geschickt, sind gesellig und umgänglich, Lüge und Betrunkene kommen nicht leicht bei ihnen vor (?),28 auch die Alten und Kranken werben gut von ihnen be handelt. Sie führen vergiftete Pfeile, leben in Poly gamie und gebrauchen die Weiber als Hanbclswaarc und Lastthiere. Von den Befehlen ihres Königs hängen Eingeborne wie Fremde im Lande gänzlich ab." Unsere Missionare machten im Jahre 1857, wie erwähnt, dort betrübende Erfahrungen und die Lage der Mission war nach solchem Ausgang der Untersuchungsreise hoffnungs los genug. Unsere Brüder lernten mit schwerem Herzen, an der edlen Kunst: hoffen, wo nichts zu hoffen ist. Wir entnehmen einer Denkschrift Hahn S vom October 1858 folgendes: Das steht bei mir fest, daß für diese Mission unter den gegenwärtigen Vcrhältniffen kein Gedeihen zu hoffen ist. Die Hottcntottcnherrschaft oder Zuchtlosigkeit hat nirgends Gutes gestiftet. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist ihnen daö Evangelium ge predigt und wie cö scheint mit gar geringer bleibender Frucht. Sie sind jetzt die Herren dieses Landes und, selbst ohne Rand und Band, können sie die hiesigen Zu stände nicht ordnen. Es ist hier keine Ordnung und kein Gesetz. Die Reste der Herero, noch immer ganz bedeutend, richten sich nach ihren Herren und verachten wie sie Gottes Wort und die Missionare. Das schlechte Christenthum der Namaqua ist ein dircctcs Hinderniß der Herero-Bekehrung?) Ließe sich von Seiten der *) Dieses Urtheil hat eine Berechtigung im Blick auf einige Hottentotten - Stämme, wie den der Afrikaner, der Booischen, deö rothen Volkes. ES ist aber unrichtig, wenn man es aus die Stämme der Bersabaer, der Ncho. bother u. a. anwenden wollte. 29 Mission nichts thun, um die entmutigenden Zustände zu verbessern? DaS Einzige, was sich vielleicht thun ließe, wäre die Anlegung wohlorgani- sirter Missionskolonien, welche den Einge- bornen Verdienst geben undsic zur Ordnung nöthigen. Wenn sich hier auch nicht großartiger Ackerbau treiben läßt, so können doch mit Vorthcil Handel und mehrere Gewerbe betrieben werden und vor Allem Viehzucht." Die Liebe macht erstnbcrisch. Hahn will also sein Volk, dem er sein Leben widmet, durch Colonisation, durch die christlichen Arbeiter und durch den scgenSvollen Einfluß der Arbeit selbst sittlich heben, um sie so für daS Leben auS Gott fähiger und em pfänglicher zu machen. Gewiß ein guter Gedanke und, wie sich erwies, auch praktisch ausführbar. Zunächst schien cS aber, als ob von diesen Vorschlägen nicht wei ter die Rede sein könnte; denn naht die zweite Kri sis in der Herero-Mission. Wir sehen Hahn wieder unterwegs nach Europa und Rath ist durch eine schreck liche Katastrophe der Herero-Mission entzogen worden. Von der Capstadt zurückkehrend, litt er am Abend des 1. April 1859 in der Nähe der Walsischbai Schifsbruch und nach Gottes wunderbarlichem Rathschlusie fand Frau Rath, gcb. Jörris aus Mettmann, mit 4 Kindern in den Wellen ihr Grab. So war Hereroland wieder von den Missionaren verlasicn. Doch wieder nicht lange. Missionar Kleinschmidt zog bald von Nchoboth nach Otjimbinguo und der treue Daniel Cloete blieb auch. Alö Hahn im Jahre 1844 gen Norden zog, über-30 gab ihm ein gläubiges Namaqua-Paar ihren einzigen Sohn, um denselben, so Gott gefiele, zu einem Ar beiter in des Herrn Weinberg zu machen. Besonders der gottseligen Mutter lag dies sehr am Herzen. Ihre Hoffnung hat sich erfüllt: Daniel wurde durch GotteS Gnade etwas Rechtes. Hahn hatte viel Freude an ihm und bald auch eine Stühe. Daniel war ein guter Schütze und versorgte in den bösen ersten Jahren auf Ncu-Barmcn die Missionare mit Lebensmitteln. Auch sein Namaqua kam den Missionaren sehr zu Statten. Daniel lernte aber auch in der Schule und im Unter richt der Missionare treulich, so daß sie ihn bald als Katecheten berufen konnten, und er ist bis heute eine sehr werthvolle Hülfe für die Missionare. Bald wurde auch Br. Brincker aus Jssclhorst in Wcstphalen Klcin- schmidt zur Hülfe gesandt. Während nun Hugo Hahn in Deutschland und sei ner Heimath Rußland sich wieder längere Zeit aushielt und für den Versuch einer Colonisation im Hereroland wirkte, gingen in diesem Lande selbst wichtige, entschei dende Dinge vor. Am 18. August 1861 starb der blutige Jonkcr in Schmelcnö Verwachting, mit ihm ging die Kraft der Namaqua zu Grabe. Das leuchtete auch den zertretenen Herero ein. Sie waren die Viehhirten der Namaqua geworden und zwar hüteten sie ihr eige nes, ihnen von denselben geraubtes Vieh. Nun kündigten sie den Gehorsam und wurden frei. Allerdings nicht mit einem Male, denn noch ist das Ende deö Kampfes nicht gekommen. Doch läßt sich s vorausschen,31 die Nanraqua ö werden nicht mehr die sperren der Herero werden. Wie war eS möglich, daß die Herero sich noch einmal so hoben? Zwei Ursachen liegen zu Tage: der Einfluß der Mission und die Freundschaft der Weißen. Der Schwede Andersson und der Engländer Green nahmen sich der elenden Herero nach Kräften an und machten ihnen Muth. Aber es ist doch über wiegend der Einfluß der Mission, der dies zuwege brachte. Bei Beginn der Frciheitökämpfe war unsere Missionsstation in Otjimbingne, damals von Klein schmidt bewohnt, in Gefahr, bas Lobs von Schmelcns Vcrwachting zu thcilcn. Die Namaqua ö wollten es in Brand stecken. Bei der Verthcidigung derselben fiel der Herero Philippus. Er hatte Br. Kleinschmidt unter allen Umständen seinen Schutz zugcsagt und hat treulich Wort gehalten: er hat sein Versprechen mit seinem Le ben gehalten. Diese That wiegt schwer in der Geschichte der Herero-Mission. Sie ist ein Beweis zunächst davon, daßdieHerero endlicherkannten, daß doch eine Liebcgiebt, dienicht dasJhre sucht, und daß diese Liebe mit den Missionaren zu ihnen gekommen, und dann und das ist das Grö ßere sind selbst von dieser Liebe hinge nommen worden. Wir müssen auf des Philippus Leichcnstcin schreiben: Liebe um Liebe. Die Missio nare aber und andere Leute können an diesem Grabe etwas lernen: tsuäem lucescit! endlich wird doch Tag!" Hugo Hahn hat seine doppelte Arbeit in Europa32 zu Stande gebracht; er brach 1863 zum dritten mal auf mit Colonistenbrüdern nach Hcreroland. Die Brüder sind seitdem durch schwere Zeiten gegangen, aber cS geht doch voran. Das Jahr 1865 hat die lang er sehnte Erstlingsgemeinde aus den Herero gebracht. Auf Otjimbingus und Neubarmen baut sich dieselbe und ist im Wachsen. Auch im Acußerlichen heben sich die Herer6; sie bauen Häuser, bebauen Gärten und Felder, zum sprechenden Beweis, daß mit dem Christenthum auch die Bildung in ein Land ciuzieht. Und noch eins! Mitte 1866 ist Missionar Hahn mit der Nachricht überrascht worden, daß die Ovambo und meh rere andere Ncgerstämme Missionare begehrten. Als die Brüder im Jahr 1857, an der Herero-Mission ver zweifelnd, jene Untersuchungsreise unternahmen, mußten sie unverrichteter Sache wieder zurück. Neun Jahre später überrascht sie mitten in hoffnungsvoller und treuer Arbeit an den Herero diese freudenreiche Botschaft: die Thür nach Norden ist weit offen. Hahn ist nun auf bringende Einladung zum zweitenmal in S Ovambo- land gereist und hat die beste Aufnahme gefunden. Die Treue hat ihren Lohn. Wir aber sagen am Schluffe dieser Uebersicht: Hier ist Geduld und Glaube der Heiligen!In gleichem^ Verlage ist erschienen: Franz Heinrich Kleinschmidt. Ein MisfionarSleben aus Südafrika. 2. Auflage. Preis 2 - Sgr. Der Erstling von Fukwing und sein Freund. Ein Lebensbild aus der evangelischen Mission in China. Preis 2 Sgr.
