Deutsches Schwert auf schwarzer Erd . 1914 1916.Gedruckt bei E. Nister : : in Nürnberg. : :^SWS-342. Deutsches Schwert auf schwarzer Erd . 1914-1916. von Dr. Turt Floericke. Mit 14 ganzseitigen Vollbildern nach photographischen Aufnahmen. Verlag E. Nister, Nürnberg.Alle Rechte vorbehalten. ^20 8Inhaltsverzeichnis. Seite Kapitel 1 7 2m Lager der Mehalla Franzosen und Deutsche Eine Naturalienbörse f Der Überfall durch die Pferdediebe Marokkanische Gasthäuser Kapitel II 27 Der hinterlistige Kaid Ein Naturforscherheim in Afrika Ein kühner Handstreich Im eigenen Hause belagert Beim Kadi Fieberkrank Kapitel 49 Die Inseln der Glückseligen Wilde Kanarienvögel Die Musterkolonie Togo Baumwollekultur Gummigewinnung Kapitel IV 62 Die stechen Duallaneger Schwarze Stutzer Urwaldleben Büffel- und Elefantenjagden Flußfahrt Krokodile und Nilpferde Kapitel V 80 Südwest, das Diamantenland Aus dem Aufstande der Zereros Farmer leben Jagdausflug Erlegung einer Kuduantilope Eine schwarze Er zählerin Kampf mit Pavianen um eine Wasserstelle Besuch einer Straußenfarm Kapitel VI 103 Kriegsausbruch Schwarze Soldaten Bienenkörbe als Waffe Die Schlacht bei Tanga Das Gefecht von Jassini Verwundet Kapitel VII 121 In den Usambarabergen Termitenbauten Sandflöhe Wilhelmstal Kampf mit einer Schlange Leopardengeschichten Löwenjagden Kapitel VIII 150 Im Kilimandscharogebiet Wütende Nashörner Das Schicksal des Kreuzers Königsberg" Gefechte bei Taveta Die Buren als Feinde Der Sieg bei Kondoa-Jrangi Heldentod des Leutnants Winter Deutsches Zchrvert auf schwarzer Erd. Uapitel I. ir befinden uns im südlichen Marokko, in einer jener lieblichen Mittelgebirgslandschaften, die dem Namen nach zum Sultanat Marokko gehört, deren tapfere und trotzige Bewohner sich aber meist ganz oder teilweise im Aufstande gegen die Kaids, d. i. Statthalter Seiner Groß-Scherifischen Majestät befinden, mit Recht empört über deren tyrannische und grausame Willkürherrschast, sowie über den unge heuren, von der bereits völlig ausgesogenen Bevölkerung nicht mehr zu ertragenden Steuerdruck. Vor uns liegt ein kesseiförmiges Tal, rings umrahmt von hohen, gleich steilen Mauern aufsteigenden Kalkfelsen, deren Zinnen von einzelnen verkrüppelten Bäumchen gekrönt sind, während die nackten Hänge unverhüllt das leuchtend fleischfarbene Ge stein zeigen. Im Grunde bricht neben dem würfelförmigen, von einer schlichten Kuppel gekrönten und grell weitz getünchten Grabmal eines Heiligen" ein frisch sprudelnder Quell aus dem felsigen Boden, durch rauscht das Tal in murmelnden Windungen und verlätzt es schließlich mit kühnem Sprunge durch eine tief eingesägte Rinne. Der Quell ist künstlich erweitert und zu einem halb und halb natürlichen Badebecken umgeschaffen, allen umliegenden Dörfern wohlbekannt und oft aufgesucht zu allen Tageszeiten, um den brennenden Durst zu löschen oder die erschlafften Glieder im kühlenden Ratz zu baden. Da, wo das Wasser das dürre Erdreich befruchtet, entfaltet sich ein üppiges Pflanzenleben.8 Die Orangen zeigen hier eine seltene Größe und treten zu dichten Hainen zusammen, aus deren saftig-dunklem Laub die goldenen Früchte gar verführerisch hervorlachen. Granatäpfel und Mandeln stehen da zwischen und werden weiterhin von Korkeichen abgelöst, während nach dem Rande zu die anspruchsloseren Oel- und Feigenbäume, untermischt mit melancholischen Thujas, ihre abenteuerlich verrenkten Formen dehnen, überall aber schlanke Palmen den majestätischen Stamm gen Himmel recken und die formenschöne Blätterkrone dem neckischen Spiel des Windes preisgeben, sowie Weinstöcke von fabelhafter Größe und Üppigkeit natür liche Lauben und lauschige Verstecke bilden, wie geschaffen zu vertraulichem Geplauder. Wilde Tauben rucksen auf den Baumwipfeln, und der Bülbül schmettert seine metallische Strophe, während aus der Luft der heisere Schrei eines mit der Regelmäßigkeit eines Pendels seine ruhigen Kreise ziehenden Raubvogels hernieder klingt. Es ist am späten Nach mittag. Der glühende Sonnenball hat seine gewaltige, blutigrote Scheibe schon bedenklich dem Horizont genähert und damit seine erdrückende, Mensch und Tier lähmende Kraft verloren. Ein erquickend frischer Luft hauch fegt die heißen Dünste aus dem Talkessel, und die ganze Natur atmet auf, wie befreit von einer schweren Last, jetzt erst erwachend zu frischem Leben. Das ist im Süden die köstlichste Stunde des Tages. Wunderbar rein ist die Luft, erfrischend ihr Hauch, gesättigt mit den duftigen Wohlgerüchen von Tausenden und Abertausenden der zartesten Blüten. Und dazu das lodernde Farbenspiel der untergehenden Sonne, der leuchtend blaue Himmel in seiner kristallenen Reinheit, die goldge säumten Purpurwölkchen am äußersten Horizonte, der rosaweiße Kalkfels, von den Sonnenstrahlen stellenweise in feurigrote Tinten getaucht, das blendende Weiß des alten Heiligtums, das mannigfach abgetönte Griw der verschiedenen Bäume, das unendliche Bunt ihrer Blüten und Früchte, das leise Murmeln des Bachs, das jauchzende Flöten des Bülbül! Ja, es ist eigenartig schön hier um diese Stunde. Sonst ist es auch still und ruhig und friedlich hier um diese Zeit. Nur das vielstimmige9 Geblök der Schafe, das Gemecker der Ziegen, das Wiehern der Pferde, das Schreien der Esel, das Brüllen der Kamele unterbricht für eine Stunde die ländliche Einsamkeit, wenn all diese verschiedenen Herden zur Tränke geführt werden, ehe man sie in die Umzäunung aus Dornen- reisig neben dem Dorfe treibt, wo sie die Nacht zu verbringen haben. Dann wird es wieder ganz still für eine Weile, bis später schlanke Arabermädchen mit großen Wassergefäßen auf dem Kopfe in edler Haltung flinken, elastischen Schrittes die steilen Hänge heruntersteigen, um das erquickende Naß zu schöpfen für die heimische Hütte und bei dieser Gelegenheit auch unter munteren Scherzen und Plaudereien die Neuigkeiten des Tages zu vernehmen oder zu verkünden. Wie ganz anders aber ist das heute! Verstummt ist das neckische Mädchengelächter, verscheucht der singende Bülbül, denn kriegerisches- Leben erfüllt das ganze Tal. Die zur Bekämpfung des mit neuer Macht ausgebrochenen Aufstandes ausgezogene Sultansarmee hat hier ihr Lager aufgeschlagen. Oben auf den das Tal umsäumenden Hügel zügen zeichnen sich in der klaren Abendlust die scharfen Umrisse der berittenenen Wachtposten ab: Finstere, braunhäutige Krieger, tief in die weißen Burnusse gewickelt, den kahl geschorenen Schädel mit dem spitzen roten Fetz bedeckt, kerzengerade auf den edlen, das steinige Erdreich un geduldig mit federnden Hufen scharrenden Rossen sitzend, den Krumm säbel oder Dolch an der Seite, die lange Araberflinte auf den hochge zogenen Schenkel gestemmt, starr und unbeweglich wie ein Bild von Stein oder Bronze, aber mit den scharfen Augen weithin das Gelände durchspähend und beherrschend. Unter so aufmerksamer Wacht kann sich unten im Tale in vollster Sicherheit das lärmende Lagerleben entwickeln. In langen Reihen, oft aber auch wirr und regellos durcheinander sind hier die kreisrunden, kegelförmigen, weißen oder einst wenigstens weiß gewesenen Zelte aufgeschlagen worden, in der Mitte, dicht neben dem Quellbecken das grünseidene Prunkzelt des Befehlshabers, vor dem an langer Stange die blutrote Flagge der marokkanischen Sultane sich trotzig10 im Abendwinde bläht. Daneben ist eine Batterie leichter Gebirgsgeschütze aufgefahren, bei der ein Trupp betreßter Rotjacken Wache hält. Einen großen Raum nehmen die angepflöckten und außerdem noch an den Vordersätzen leicht gefesselten, stampfenden, wiehernden, sich beißenden und schlagenden Pferde ein (man reitet in Marokko fast ausschließlich Hengste), an die sich weiterhin in schier unübersehbarer Menge die Maul tiere, Esel und Kamele des Trosses anschließen, und ganz zuletzt eine riesige Hammelherde, die als wandernde Fleischlieferantin mitgeführt wird. In den engen Zeltgassen wogt ein buntbewegtes Leben voll fremdartiger Anziehungskraft in seinen ständig wechselnden Szenen, seinem betäubenden Gewühl, seinem unglaublichen Farbengemisch, das sich von Minute zu Minute verschiebt und ändert zu immer neuen Bildern von echt orien talischer Gestaltungskraft, voll unerschöpflicher Farben- und Formenfülle. Am wildesten und unbändigsten geht es im Lager der Infanteristen zu, die, zur regulären Armee des Sultans gehörig, neben den Artilleristen zugleich die einzigen sind, die eine Art von Uniform tragen: kurze, reich verschnürte knallrote Jäckchen, himmelblaue Westen und ebenso gefärbte, weite, bauschige Pumphosen, aus denen die nackten, braunen oder schwarzen Füße gar sonderbar hervorragen. Schon ein flüchtiger Blick gibt zur Genüge Kenntnis davon, daß man es hier mit dem Auswurf der Menschheit, mit einem Gesindel verworfenster Art zu tun hat, denn fast ausnahmslos drücken unlautere und ungebändigte Leidenschaften diesen wilden Zügen einen grauenvollen Stempel aus. Dabei ist es sonderbar, wie wenig Männer im kräftigsten Jugendalter man unter dieser widerwärtigen Gesellschaft sieht, von der übrigens ein gut Teil mit modernen Hinderladern bewaffnet ist; meist sind es vielmehr ver lotterte, unreife, früh dem Laster anheimgefallene und kaum den Knaben schuhen entwachsene Burschen, oder alte, abgelebte Greise, die zu keiner richtigen Arbeit mehr fähig scheinen, aber gerade noch imstande sind, Seiner Eroß-Scherifischen Majestät Heeresdienste zu leisten, das heißt, deren getreue und geduldige Untertanen zu vergewaltigen und auszu-11 plündern. Und diese erbärmliche Soldateska verschwindet obendrein noch ganz und gar zwischen der Unmenge ihres Trosses, den Eseltreibern, Marketendern, Knaben, Tänzerinnen und Sklavenhändlern. Da macht die zahlreiche Reiterei, obgleich noch mit den alten Stein schloßflinten und gewichtigen Krummsäbeln bewaffnet, denn doch einen ungleich besseren Eindruck. Es sind freie, grundbesitzende, sich auch im Felde selbst ausrüstende und beköstigende Araber, die der Landessitte gemäß als eine Art Lehnsreiterei (Harka) ihren Kaids Heeresfolge zu leisten haben und dies in der Regel auch bereitwilligst tun, schon aus ange borener Lust und Liebe zum Waffenhandwerk, ohne viel danach zu fragen, welchem Zweck der Kriegszug gilt. Dafür sind ja sie nicht ver antwortlich! Freilich, auch in ihren finsteren, ernsten Gesichtern prägen sich wilder Fanatismus und verbissener Trotz aus, aber sie sind doch auch der edlen und sympathischen Züge nicht bar, die den Kopf des rein- blütigen Wüstenarabers zu einem so anziehenden Modell machen. Schon die ruhige und würdevolle Haltung, in der diese Wüstensöhne vor ihren leichten Zelten den Tschibuk schmauchen oder sich an ihren edlen rassigen Pferden zu schaffen machen, unterscheidet sich aufs schärfste von der dis ziplinlosen, zerlumpten und lärmenden übrigen Soldateska, bei der alle menschlichen Abstufungen und Schattierungen Afrikas vom Fremden legionär bis zum Aschantineger vertreten sind, und auf die sie denn auch mit unverhohlener Verachtung und Geringschätzung herabsehen. Einge hüllt sind ihre schlanken, sehnigen Gestalten in weite, schneeweiße Bur nusse, die über dem Kops in einer Art von (gewöhnlich zurückgeschlagener) Kapuze auslaufen, während die braunen Füße in grellgelben Pantoffeln aus feinem Maroquinleder stecken. Viele von ihnen hocken mit unter geschlagenen Beinen gruppenweise auf kleinen, buntgefärbten Strohmatten oder Teppichen um die summende Teekanne, aus der ein alter Weißbart fast ununterbrochen einschenkt, nachdem er jedesmal eine Anzahl großer Zuckerbrocken und ein Büschel duftenden Pfefferminzkrautes hineinge worfen hat, welch erstere er geschickt mit dem unteren Rande seines12 winzigen, goldgeränderten, mit bunten Schnörkeln und Arabesken ge zierten Teeglases von dem neben ihm stehenden Zuckerhute abschlägt. Die Gläschen stehen gemeinsam aus einem großen, runden Präsentier brett aus glänzend poliertem und mit Arabesken geschmückten Messing. Jeder der Bewirteten nimmt das seinige mit einem mechanisch gemur melten Gott segne Dich, Herr!" Sonst bleibt es still, und man hört nur das behagliche Schmatzen der Trinkenden und das leise Gurgeln ihrer Wasserpfeifen. Wie ganz anders, wie ausgelassen, toll und lärmend geht es dagegen bei dem regulären Militär her! Überall stehen und lagern in malerischem Durcheinander schwatzende, lachende und zankende Gruppen. Hier erzählt ein alter Schwadroneur einem belustigt lauschenden Zuhörerkreis die Heldentaten und Gaunerstreiche seiner abenteuerlichen Laufbahn, dort streiten sich zwei junge Burschen unter einer Flut der unflätigsten und rohesten Beschimpfungen um das Eigentumsrecht an einem im letzten Quartier gemeinsam gestohlenen Teppich; an einer anderen Stelle sieht eine dicht zusammengedrängte Menge einem braunen Mädchen zu, das unverschleiert, über und über mit buntem Tand und blinkendem Flitter behängt, beim Klange einer quiekenden Schalmei, eines rasselnden Tamburins und einer dumpf dröhnenden Kürbistrommel unter panther artig schmiegsamen Bewegungen den Bauchtanz aufführt, oft begleitet von taktmäßigem Händegeklatsch oder dem johlenden Beifall ihres be geisterten Publikums. Ein paar alte Greise und kleine Buben hören statt dessen lieber den weitschweifigen und blütenreichen Herzensergüssen eines weißhaarigen Märchenerzählers zu, und noch andere hocken in dicht geschlossenem Kreis um ein paar Tanzknaben herum, die allerlei einförmige Tänze aufführen und dazu mit entsetzlich näselnder Stimme eintönige Lieder singen und sie mit frechem Gebärdenspiel begleiten. An Schlangenbeschwörern fehlt es natürlich ebenso wenig wie an Brief- schreidern, Wahrsagerinnen, Amulettverkäufern, zerlumpten Derwischen, halb Wahnsinnigen Heiligen" und allerlei Jahrmarktsgesindel. Daß13 es in diesem Kreise mit dem Verbote des Propheten nicht allzu streng genommen wird, beweist so manche unter rohem Gebrüll kreisende Dattel schnapsflasche, so mancher blöde und stiere Gesichtsausdruck, so mancher taumelnde Neger. Daneben fordert auch der Kif (fein gemahlene Hanf samenart, die aus winzigen Tonpfeifchen geraucht wird und einen Rausch mit starker Nervenanspannung erzeugen soll, dem ein furchtbarer Katzen jammer zu folgen pflegt) seine Opfer, die halb bewußtlos in den un möglichsten Stellungen zwischen den Zelten herumliegen, so daß der Unachtsame alle Augenblicke in der rasch hereinbrechenden Dämmerung über sie stolpert. Wieder andere spielen, von neugierigen KiebiHen" umlagert, mit unerschütterlichem Ernste ein Brettspiel, indem sie als Brett ein großes Kaktusblatt, bei dem die schwarzen Felder durch Ablösen von quadratförmigen Stücken der Oberhaut sehr gut markiert sind, und als Figuren schwarze und weiße Steinchen benützen. In einer Ecke hat sich eine Art Markt aufgetan mit all dem landes üblichen Handeln, Feilschen, Schachern, Lügen und Betrügen. Hier setzen die Soldaten ihre Beutestücke in klingende Münze um, um mit dieser meist gleich wieder eingebildete oder wirkliche Bedürfnisse zu be friedigen, falls man nicht von vornherein den einfacheren und rascheren Weg des Tauschhandels vorzieht. Jüdische Händler in langen Kaftanen und schwarzem Fez lausen eilfertig hin und her, bald mit gellender Stimme ihre Waren ausrufend, bald einen vorüberbummelnden Sol daten anhaltend. Da gibt es allerlei Pferde vom feinen arabischen Renner edler Steppenzucht an bis zum erbärmlichen, abgelebten Packgaul herab, die berühmten Maultiere aus Fez, abgerichtete Jagdfalken und hohe schlanke Windspiele zur Eazellenjagd; für den Magen frische Brote, Milch und übelduftende ranzige Butter, den allbeliebten Kuskus, Salz, Pimiento und allerlei Gewürze, Eier, Hühner, Stachelschweine, Gazellen, fette Hammel und abgewogene Stückchen fliegenumschwärmten Fleisches, das die Garköche auf Verlangen gleich am Spieße braten, mit Fett und Zitronensaft beträufeln und dann mit schmutzigen Fingern dem Käufer14 anbieten. In der Nähe dieses Fleischmarktes sitzen und klettern auf ein paar dürren Feigenbäumen die blendend weißen Gestalten der Reiher, die glänzend schwarzen der Raben, die schmutzig braunen der Milane und sehen lüstern dem bunten Getriebe zu, um hier und da mit uner hörter Dreistigkeit ein unbewachtes Stück für sich wegzustiebitzen oder sich mit knurrenden, räudigen Hunden um die weggeworfenen Eingeweide zu streiten. Andere Händler bieten buntfarbige Teppiche aus Rabat, gelbe Pantoffeln und geschmackvolle Lederarbeiten aus Marrakesch, plumpe Reit- und schwerfällig-grausame Packsättel aus Alkazar, blitzende Dolche, fürchterliche Krummsäbel und eingelegte langläufige Steinschloßflinten aus Tetuan, eingeschmuggelte Hinterlader und Revolver aus Deutschland, Messer und Stoffe aus England, grell bemalte Truhen aus Dar el beida (Casablanca), minderwertige Uhren aus der Schweiz, kleine Zuckerhüte aus Belgien, rote Feze und Teegläser aus Österreich, Seifen und Par füms aus Italien, Schnaps, Bier, Wein, Fruchtwasser und Purgative aus Spanien, Amuletts und auf schmale Papierstreifen geschriebene Koransprüche aus der heiligen Stadt Mekines, zierliche Silberfiligran arbeiten aus Mazagan, golddurchstickte Seidentücher aus Mogador und eine Unmenge anderer, die Kauflust der leichtlebigen Soldateska reizenden Dingen feil. Verhältnismäßig am ruhigsten geht es noch auf dem Sklavenmarkte zu, wo nicht nur gewerbsmäßige Händler ihre fast aus schließlich dem weiblichen Eeschlechte angehörige Ware ausgestellt haben, sondern auch einige Soldaten für ihre menschliche Beute Abnehmer suchen. Stumm, mit niedergeschlagenen Augen sitzen die nur mit einem langen Hemde bekleideten Negerinnen da, so manches hübsche, junge Blut zwischen ihnen, teils mit schmerzverzerrten Zügen, teils teilnahmslos vor sich hin brütend. Den meisten sind von den drückenden Fesseln die Fußgelenke in schauderhafter Weise wundgerieben, so daß sie kaum imstande sind, zu gehen oder sich aus ihrer kauernden Stellung zu erheben, wenn nicht die rohe Hand des Verkäufers sie gewaltsam emporreißt, damit die Kauflustigen sie mustern können. Ein alter lederbrauner Sklavenhändler,15 dem der tief auf die Brust herabwallende, schneeweiße Bart das ehr fürchtige Aussehen eines Patriarchen verleihen würde, wenn nicht die übermäßig lange und krumme Geiernase und die tiefliegenden stechenden Augen das Spitzbubengesicht voll habgieriger Grausamkeit zur Genüge kennzeichnen würden, führt zwei junge, bildschöne, wie scheue Gazellen zitternde Mädchen an der Hand, mit eintöniger Stimme den Preis von 40 Duro (etwa 140 Mk.) für jede ausrufend. Der allergrößte Trubel aber herrscht an der gerade entgegengesetzten Ecke des weitläufigen Lagers, wo eben eine größere Abteilung von einem ergiebigen Raub- und Plünderungszuge zurückgekehrt ist und eine große Herde brüllender Rinder und blökender Schafe, jammernder Weiber und kreischender Kinder mit unbarmherzigen Peitschenhieben vor sich hertreibt und dazu Maultiere, schwer bepackt mit Lebensmitteln unl Beutestücken. Der Übermut kennt hier keine Grenzen mehr. Man jauchzt in toller, trunkener Lust, streut Mehl und Kuskus auf den Boden, schmiert die Hufe der Pferde mit Butter und teurem Olivenöl ein, reißt die Gewänder von den zitternden Körpern der gefangenen Frauen und Knaben, feuert Freudenschüsse in die Luft und versetzt den wehrlosen Hammeln scharfe Schwertstreiche. Und dieses ganze buntscheckige, wider wärtige und doch so unendlich malerische Lagerbild wird Übergossen von dem wunderbaren Farbenschmelz des Südens, wird von den scheidenden Strahlen der untergehenden Sonne getaucht in Tinten von zartem Rot und flüssigem Gold! Eine Reihe von Kamelen wird beladen und soll mit einer ausgewählten Reitereskorte nach Marrakesch gehen. Der Offizier wirft noch einen Blick grimmiger Befriedigung auf den Inhalt der Körbe, er besteht aus abgeschnittenen Menschenköpfen! Sie sollen der unruhigen Hauptstadt des Südens die unerschütterliche Macht des jungen Sultans verkündigen. Etwa 100 Schritte von diesem Platz saßen vor einem großen Zelte zwei Europäer auf Feldstühlen beim Schachspiel. Beide waren noch junge Männer, jedoch ihrem Aussehen nach sehr verschieden. Dem einen, der die Uniform eines französischen Leutnants trug, sah man an seiner16 straffen, elastischen Haltung und an den kühn geschnittenen, tief gebräunten Gesichtszügen sofort den Militär, sowie an den kurz geschnittenen schwarzen Haaren, den dunklen feurigen Augen und dem pechschwarzen, keck empor gewirbelten Schnurrbart sofort den Südfranzosen an, dem andern an der nachlässigen Haltung, der Brille, dem blonden Lockenhaar und der hohen, viel Gedankenarbeit verratenden Stirn den deutschen Ge lehrten. Der Deutsche spielte offenbar zerstreut, und jetzt stieß er gar das ganze Schachspiel mit einer unwilligen Bewegung von sich, daß die Figuren durcheinander fielen. Verzeihen Sie, Leutnant Delbrelle," sagte er hastig, aber ich kann jetzt nicht spielen. Diese grausigen Menschen köpfe verderben mir die Laune. Ich hatte nicht geglaubt, daß solche Barbareien und Menschenschlächtereien hier so dicht bei unserer alten Kulturmutter Europa noch möglich wären. Ich kann das nicht länger mit ansehen. Als ich aus schriftstellerischem Interesse um die Erlaubnis bat, mich den Kriegszügen dieser Mehalla nach dem Sus anschließen zu dürfen, da hatte ich eben geglaubt, daß es sich um einen ehrlichen Krieg handle, während ich jetzt zu der Einsicht gekommen bin, daß es lediglich ein Raubzug ist, der durch gemeine Mordtaten an unschuldigen Menschen gekrönt wird. Durch meinen Diener Achmed, der ja aus hiesiger Gegend stammt, weiß ich zufällig über diese Menschenköpfe genauer Bescheid. Ich weiß, daß die Sultantruppen in den letzten Kämpfen gar nichts gegen die tapferen Aufständischen ausgerichtet haben, sondern von ihnen mit blutigen Köpfen heimgeschickt worden sind. Da man aber Köpfe als Siegeszeichen brauchte, hat der Kaid Maclean, dieser ehemalige desertierte englische Unteroffizier, der es zum Ober befehlshaber des marokkanischen Heeres gebracht hat, einfach bei Nacht und Nebel ein paar ganz harmlose, gar nicht an dem Ausstande be teiligte Dörfer überfallen und die ganze männliche Bevölkerung abschlachten lassen. Daher stammen die Siegestrophäen! Mein Achmed, der sonst wahrlich ein harter Mann ist, hat mir mit Tränen in den Augen erzählt, daß auch sein Heimatort von diesem traurigen Schicksal betroffen17 worden sei. Ich halte es mit der Würde eines zivilisierten Europäers für unvereinbar, länger Zeuge solch scheußlicher Szenen zu sein und werde noch heute den Rückmarsch nach Marrakesch antreten." Nun, nun," meinte Leutnant Delbrelle begütigend, indem er sich mit einem etwas verlegenen Lächeln in den hübschen Zügen den schwarzen Schnurrbart strich, Sie dürfen das Kind auch nicht gleich mit dem Bade ausschütten, Doktor Bergner. Afrika ist nun einmal Afrika, und Krieg ist Krieg. Wir dürfen an Marokko eben nicht den Maßstab legen, den wir von unseren europäischen Kulturverhältnissen gewöhnt sind. Auch meiner Soldatennatur sind diese feigen Raubzüge in tiefster Seele zuwider. Aber was soll man machen? Ändern kann ich es in meiner immerhin untergeordneten Stellung nicht, und mit den Wölfen mutz man heulen. Ein frisch-fröhlicher, ehrlicher Krieg wäre auch mir lieber, aber ich habe hier in meiner Stellung auszuhalten und stillschweigend die Dinge ihren Gang gehen zu lassen, im Interesse meines Vaterlandes. Man wird ja in einem Lande, wo die blutigste Willkür herrscht und sogar noch Sklaven märkte stattfinden, bald genug abgebrüht gegen weiche Gemütsregungen, und wenn man dabei auch vielleicht ein wenig verroht, so kann ich mir doch zu meiner Befriedigung sagen, daß ich die Interessen Frankreichs fördern helfe. Ja, ja, bester Herr Doktor, hier in Marokko haben wir Euch Deutschen doch um eine gute Nasenlänge geschlagen. Frankreich sitzt hier schon zu fest im Sattel, als daß es sich von Deutschland wieder hinauswerfen ließe, obwohl die deutschen Kolonialpolitiker schon lange gierig sind nach dem fruchtbaren und reichen Marokko mit seiner großen Zukunft und seinen schönen Entwicklungsmöglichkeiten. Nein, Marokko muß französisch werden, wie Algier und Tunis auch französisch geworden sind. Ganz Nordafrika ist von der Natur zur französischen Kolonie bestimmt." Na, aber Ägypten!" meinte Doktor Bergner mit gutmütigem Spott, das ist Euch Franzosen doch wohl endgültig durch die Lappen gegangen." freilich, freilich, seufzte der Offizier, und jammerschade ist es darum, aber dort hatten wir es eben mit Engländern zu tun, die sich nicht viel Deutsche, Schwert.18 um Verträge und dergleichen zu kümmern pflegen, wenn es ihr Interesse und die Erweiterung ihres britischen Weltreiches gilt. Ihrer brutalen Rücksichtslosigkeit waren wir Franzosen nicht gewachsen, wohl aber sind unsere Diplomaten den deutschen überlegen, denn diese können sich von sittlichen Bedenken nie ganz frei machen, und solche dürfen in der Politik keine Rolle spielen, wenn man etwas erreichen will. Den Arabern im poniert man damit schon gar nicht; die wollen starke Taten sehen. Unser Einfluß bei ihnen ist in den letzten Jahren sehr gewachsen, und die Zeit nicht mehr ferne, wo der Sultan nur noch ein Schattenfürst von Frank reichs Gnaden sein wird. Unsere Bajonette und Kanonen werden dann die Sache endgültig ordnen. Für Euch Deutschen dürfte aber dann der Aufenthalt in diesem schönen Lande wohl etwas ungemütlich werden. Doch lassen wir die garstige Politik. Obwohl wir feindlichen Völkern angehören, haben wir uns doch persönlich immer gut verstanden und ver tragen, und ich gestehe offen, daß mir die wenigen Deutschen in Marokko sympatischer waren, als die hochmütigen, steifleinenen Engländer, die man auch hier überall antrifft, wo es viel Geld zu verdienen gibt. Ich kann auch Ihre Stimmung recht gut verstehen und will Sie nicht abhalten. Also reisen Sie glücklich, und wenn unsere siegreiche Mehalla wieder nach Marrakesch zurückkehrt, sehen wir uns hoffentlich gesund wieder." Damit schüttelte der Franzose dem Deutschen herzlich die Hand und entfernte sich. Doktor Bergner aber rief seinen Oberdiener Achmed, einen herkulisch gebauten Sus-Araber mit offenen, männlich schönen Gesichts zügen und befahl ihm, die Zelte abzubrechen und die Kamele zu beladen. Achmed selbst fand es unter seiner Würde, Hand anzulegen, aber er be aufsichtigte streng und genau die Arbeiten der anderen Diener, so daß alles glatt vonstatten ging. Als die aus mehreren Reitern, zwei Kamelen und einigen schwer bepackten Maultieren bestehende kleine Karawane schon marschfertig war, kam auch noch der Sultanssoldat dazu, dem die Sicherheit der Reisegesellschaft anvertraut war. Es war ein ehrwürdiger Greis mit weißem Bart und Haar, außerdem lahmte er auf dem linken19 Bein und konnte dieses für einen Soldaten immerhin nützliche Glied nur schwer gebrauchen. An seinem Sattel hatte er in einem schmutzigen Futteral aus Ziegenleder ein Ding festgeschnallt, das wie ein unendlich langes Schietzeisen aussah. Außer dem krummen Dolchmesser, das jeder Marokkaner an einem Schultergehenk trägt, war dies seine einzige Waffe und dermaßen mit Bindfaden verknotet und verschnürt, daß zum Losbinden wohl eine Viertelstunde erforderlich gewesen wäre. Das Herausschälen des Mordinstrumentes aus seinem Futteral hätte aber auch nicht viel ge nützt, da es gar nicht geladen war und das Laden des halb verrosteten Vorderladers abermals viel Zeit erfordert hätte. Trotz alledem gewähren diese alten, obendrein auch schlecht berittenen Sultanssoldaten dem Rei senden doch einen gewissen Schutz, da, wenn er in ihrer Gegenwart angefallen wird und ihm etwas geschieht, der Sultan, der für jeden ermordeten Europäer eine große Geldsumme an die Hinterbliebenen zahlen muß, eine solche Untat blutig und grausam zu rächen pflegt. Ohne sich weiter um das Treiben der marokkanischen Mehalla zu kümmern, ritt Doktor Bergner ab. Die romantisch schöne Landschaft, die er zu durchziehen hatte, verscheuchte allmählich seinen Mißmut. Immer höher und steiler wurden die Berge und schließlich ritt man in einem Engpaß dahin, der so schmal war, daß das Ausweichen vor einer von der andern Seite kommenden Karawane seine Schwierigkeiten hatte. Bei einer plötzlichen Wegbiegung enthüllte sich unvermutet ein Landschaftsbild von zauberhafter Schönheit, das in dieser einförmigen Öde umso über raschender und packender wirken mußte. Ein tief eingeschnittenes Tal becken, ein stattlicher, trübe Wogen wälzender Fluß, eingefaßt auf beiden Seiten von kahlen, steilen Höhenzügen, deren einen eine Palmengruppe, deren anderen die malerische Burg eines Kaids krönte. Unmittelbar vor dem Reisenden eine sprudelnde Quelle mit Palmen, Vieh und Menschen und im Anschluß daran ein herrlicher Wald im tiefsten, saftigstem Blatt grün, bestehend aus Orangen und Limonen, deren reifende Früchte zum Teil schon die leuchtende Eoldfarbe anzunehmen begannen. Dazwischen 2 20 reizvolle Farne und allerlei Gesträuch mit nickenden Beeren oder üppiger Rasen mit buntem Blumenflor, namentlich mit zahllosen Narzissen. An diesem idyllischen Platz ließ Doktor Bergner die Zelte aufschlagen, und bald darauf erschien auch aus dem benachbarten Dorf der Sohn des Scheichs und überbrachte als Willkommengruß eine riesige Schüssel Kus- kus, der maurischen Nationalspeise, eines lockeren und stark gewürzten Graupenbreis, der mit Fleisch- und Kürbisstücken belegt und mit ranziger Buttersauce übergössen war. Die Nacht verlies nicht so angenehm, wie sie sich der junge Reisende gedacht hatte, denn außer ihm nächtigten auch Tausende von Sperlingen in dem Orangenwald, und auf sie machten wieder Hunderte von großen Ratten und Dutzende von widerlich kreischenden Schleiereulen Jagd, so daß man bei dem fortwährenden Gepolter und Ge schrei nur schwer den ersehnten Schlaf finden konnte, zumal auch riesen hafte Kröten mit plumpen Sätzen, über die Zeltstricke stolperten oder gegen die straff gespannten Zeltwände anprallten. Schon im Morgengrauen ging es weiter, und der Marsch wurde jetzt schneller, da die Gegend mehr und mehr den Gebirgscharakter verlor. Das Gelände wurde sanfter, war aber vielfach von tiefen Schluchten und steilen Rinnsalen durchrissen, der Überschreitung mancherlei Schwierigkeiten für die schwer bepackten Saumtiere mit sich brachte. Mittags erreichte die Karawane einen sogenannten Sok, d. h. einen freien Platz, auf dem an gewissen Wochentagen Märkte abgehalten wurden, obgleich gar keine Ortschaft sich in der Nähe befand. Wohl 3000 Menschen mit nahezu ebensoviel Saumtieren waren hier in dickem Gewühl versammelt und gaben ein höchst malerisches Bild ab, voll von dumpfem Lärm und auf wirbelndem Staub. Gegenüber lag höchst reizvoll ein großes, weiß ge tünchtes Heiligtum, wunderbar in üppiges Grün gebettet und von einem rauschenden Flüßchen umspült. Beim Weitermarsche stellte es sich heraus, daß der als Führer dienende Soldat keine Ahnung vom Wege hatte, und es dauerte auch nicht lange, so hatte man sich gründlich verirrt. Die leuchtenden Schneeberge des Atlas mußten den einzigen Leitstern abgeben.21 Ein Fluß mit ungemein steilen Afern kreuzte den Weg. Mit Mühe kam man darüber hinweg, aber anstatt aus festen Boden, gelangte man nun in einen grundlosen Sumpf, dessen Boden mit Felsblöcken besät war. Alle Tiere stürzten, und die ganze Ladung fiel in das schmutzige Wasser. Vettkissen, Zelte, Munition, Flinten, Decken, Eßvorrat, alles nahm ein ebenso gründliches, wie unerwünschtes Bad. Die Kisten mit den wert vollen Sammlungen, die Doktor Bergner unterwegs gemacht hatte, blieben über eine Stunde im Wasser liegen, bis es endlich gelang, sie wieder herauszufischen. Die Leute standen während dieser Zeit bis über die Brust in dem kalten Element und bebten nachher im Abendwind vor Frost. Noch lange mutzte man sich zwischen Gräben und Sümpfen hin durchwinden, ehe man endlich wieder bergiges Gelände erreichte, traurig nackte Geröllhügel, zwischen denen sich grasbewachsene Hochebenen mit Tamariskengestrüpp hinzogen. In der Abenddämmerung wurde endlich ein kleiner Duar (arabisches Zeltdorf, mit einen Wall von Dornen- Reisig umgeben) erreicht, aber die patschnassen, ganz vom Wasser durch tränkten Zelte machten nicht wenig Mühe beim Aufstellen. Eines riß vollständig entzwei, und der vielgeplagte Achmed hatte die ganze Nacht zu flicken, um es wieder in einigermaßen brauchbaren Zustand zu setzen. Die Einwohner des Duars benahmen sich sehr freundlich, brachten die üblichen Gastgeschenke und stellten für die Nacht Wachtposten auf, so daß der junge Deutsche mit seinen Leuten sich ruhig und unbesorgt schlafen legen konnte. Aber auch diesmal war seine Ruhe keine ungestörte, denn über Nacht werden innerhalb des schützenden Reisigwalles die großen Herden der Araber aus Furcht vor den Raubtieren zusammen getrieben, und das Wiehern von Dutzenden von Pferden, das Blöken von Hunderten von Kamelen, das Meckern und Schreien von Tausenden von Ziegen und Schafen, das Brüllen der Büffel, das alles gibt eine fürchterliche Musik ab und läßt im Verein mit der großen Hitze, die die zahlreichen mächtigen Tierleiber ausstrahlen, wenig Schlaf finden. Doktor Bergner, der sich in Schweiß gebadet aus seinem einsamen22 Lager mähte, war deshalb froh, als endlich ein Sternlein nach dem andern erlosch und die Morgenröte den Anbruch des neuen Tages verkündigte. Er erhob sich schleunigst, machte aufatmend Toilette und durchstreifte nach hastig eingenommenem Frühstück in Begleitung seines getreuen Achmed die nähere Umgebung, um zu jagen und Tiere zu sammeln. Zu seiner Überraschung war die scheinbare öde Gegend sehr reich an solchen. Außer zahlreichen Schlangen und seltsamen Tag- und Nachteidechsen, gab es auch seltene Vögel und die niedlichen Elephantenspitzmäuse, die aussehen wie zwerghafte Känguruhs, aber durch den Besitz eines langen Rüssels ausgezeichnet sind. Auch an Raubzeug war kein Mangel, denn aus der Ferne heulten hungrige Schakale herüber, und beim Durchstreifen einer tiefen, dicht verwachsenen Schlucht schoß Doktor Bergner einen Fuchs und gleich daraus sogar eine prachtvolle Wildkatze, welche Tierart in Marokko überhaupt nicht selten ist. Auch für die Küche konnte gehörig eingeheimst werden, denn Hasen gab es in Menge und überall flatterten Felsentauben und Steinhühner auf, sogar Wüstenhühner, die sich durch länglichen Körper bau, lang zugespitzten Schwanz, schmale Flügel und sandfarbiges Gefieder auszeichnen. Sie kommen mit taubenartigem Girren in großen Flügen zu den Tränkstellen, wo unser Freund mehrere zu erlegen vermochte. Als die Mittagssonne dann gar zu glühend herniederbrannte, kehrte er erfreut über die reiche Beute zum Duar zurück und gab sich dann nach dem Mitagessen der Ruhe hin. Dann aber ließ er durch Achmed verkündigen, daß er allerlei Tiere zu kaufen bereit sei und mit barem Gelde bezahlen werde, z. B. Eidechsen, Käser, auch Vogeleier und dergleichen. Die Araber sahen sich lachend an und glaubten offenbar, daß der Fremde sich nur einen schlechten Witz machen wolle oder daß er nicht richtig im Kopfe sei. Niemand wollte sich auf den Tierfang begeben. Nur ein kleiner aufgeweckter Junge schlich sich verstohlen davon und kam nach einiger Zeit mit einer überlisteten Elephantenspitzmaus in den schmutzigen Fäustchen zurück, wofür er ein blankes Geldstück erhielt. Nun gab es aber ein allgemeines Hallo im23 Dorfe, und die ganze Einwohnerschaft stürzte sich in ihren flatternden weißen Gewändern hinaus auf die nächsten Berghänge, um Tiere zu suchen und dafür das im Innern Marokkos so seltene Bargeld einzuheimsen. So entwickelte sich eine reine Naturalienbörse, auf der die Preise allerdings rapid fielen. Es war unglaublich, was diese Leute alles herbeigeschleppt brachten, denn findig sind ja solche Naturkinder im höchsten Grade. Doktor Bergner hatte nun alle Hände voll zu tun, ihnen ihre Beute abzunehmen, unter der sich neben vielem wertlosen Zeug doch auch manches schöne und seltene Stück befand. Neben sich hatte er einen großen Blechkübel mit Spiritus stehen, in den all das Getier zur vorläufigen Konservierung hinein wanderte. Das Kleingeld ging ihm bald aus, das in Marokko nur aus roh zugeschnittenen Messingstücken besteht, und Silberlinge wollte er natürlich nicht dranwenden; so verfiel er aus den Ausweg, Papiergeld auszugeben und seinen Lieferanten einfach Zettel auszuhändigen, auf denen der Betrag aufgeschrieben war. Erst wenn jemand so viel zusammen hatte, daß es eine kleine Silbermünze ausmachte, wurde er dann ausge zahlt. Es ist bezeichnend für den hohen Grad von Vertrauen, den halb wilde Naturvölker dem Europäer entgegen zu bringen pflegen, daß dieses Papiergeld ohne weiteres angenommen wurde und alles sich willig dieser neuen Sitte fügte. Großer Mangel herrschte nur an geeigneten Trans portgefäßen, für die aus immer größerer Entfernung herbeigeschleppte Beute. Viele der Araber benützten hohle Bambusstengel oder Kürbisse, und Doktor Bergner mußte hell auflachen, als einmal ein niedliches, dunkeläugiges Mädchen ankam, das eine Anzahl fauchender und stram pelnder Eidechsen einfach in seine pechschwarzen Zöpfe eingeflochten hatte. Wie Doktor Bergner von Achmed schmunzelnd erfuhr, hielten ihn die Araber für verrückt, weil er für ein kleines Vogelei mehr bezahlte, als für ein Hühnerei, und als er vollends auch noch den eßbaren Inhalt der Eier ausblies und nur die leeren Schalen in Watte packte, da war er in ihren Augen natürlich ganz verrückt. So verging der Tag ganz angenehm, und Doktor Bergner legte sich nach Einbruch der Dunkelheit erschöpft zur Ruhe.24 Die Nacht erschien nach der Hitze des Tages bitter kalt, und schlaflos wälzte er sich, völlig angekleidet, Flinte und Revolver neben sich, aus seinen Decken. Da, es mochte ein Viertelstündchen nach Mitternacht sein, unterbrach plötzlich der scharfe Knall eines aus nächster Nähe abgefeuerten Schusses die Stille der Nacht, und eine Kugel schlug klatschend gegen einen großen, dem Zelt vorgelagerten Stein. Unmittelbar darauf erfolgte ein zweiter Schuß. Die Kugel durchschlug die Zeltwand und pfiff un schädlich über das Lager des Deutschen hinweg. Im Nu war nun alles aus den Beinen, und eine Szene unbeschreiblicher Verwirrung folgte, die auch einer gewissen Komik nicht entbehrte. Die Saumtiere schrieen, bäumten sich entsetzt aus, rissen sich teilweise los und stürmten ziellos in das Dunkel hinaus. Der tapfere Sultanssoldat vollführte unter wahrem Jndianer- geheul mit geschwungener Flinte eine Art Eiertanz innerhalb des Lagers, stolperte über alle Zeltstricke und rannte alle Zeltwände ein. Im Schutz der Dunkelheit war es den Angreifern gelungen, sich trotz der ausge stellten Wachen auf etwa 50 Meter an das Lager heran zu schleichen, wo sie hinter einem Dornwall und altem Gemäuer gedeckt waren und von da aus schössen. Doktor Bergner begnügte sich bei der geringen Entfernung damit, mit Schrot zu feuern, und wenige Schüsse aus seinem Gewehr genügten auch schon, das feige Gesindel in wilder Flucht aus einander zu sprengen. Achmed, der unerschrockene Susmann, sprang, die Flinte verschmähend, bloß sein Dolchmesser zwischen den Zähnen, mit gewaltigen Sprüngen wie ein Tiger über die hohe Dornumwallung und trieb drei mit Flinten bewaffnete Kerls über eine Stunde weit vor sich her in die Berge, hätte jedenfalls auch den einen oder den andern ge fangen genommen, wenn sich die Räuber nicht die nackten Oberkörper mit Öl eingeschmiert gehabt hätten, so daß sie nicht zu packen waren. Verletzt worden war bei dem ganzen Tumult niemand, und nur einer der Packesel hatte einen Streifschuß erhalten. Der Dunkelheit wegen mußte eine Verfolgung unterbleiben, aber noch lange saßen Reisende und Dorfbewohner in aufgeregtem Gespräch beieinander, um sich gegenseitig25 ihrer Heldentaten zu rühmen. Doktor Bergner konnte zu seiner Freude feststellen, daß die Einwohnerschaft des Duars ganz aus seiner Seite stand und den feigen Überfall durchaus mißbilligte, obgleich er gegen einen Ungläubigen gerichtet gewesen war. Einige der Männer hatten sich sogar mit ihren Flinten nach Kräften an dem Kampf beteiligt. Ihre Namen waren El Ealim, Kadur und Boasr. In Erwartung weiterer Angriffe ließ der Deutsche am nächsten Morgen ein förmliches verschanztes Lager errichten, aber es erfolgte nichts mehr, obgleich er noch eine weitere Nacht an diesem Platz blieb. Am Nach mittag machte er wieder einen Streifzug mit Achmed und kam dabei bis zu einem großen Duar, mit mindestens 2000 Einwohnern, wo sein un erwartetes Erscheinen ungeheures Aufsehen hervorrief. Wenige Minuten hinter dieser Ortschaft setzte er sich unter einer schattigen Baumgruppe nieder, um etwas auszuruhen, und sah sich sehr bald von mehreren hundert Menschen umgeben, die sich höchst neugierig und zudringlich benahmen. Achmed fand die Situation offenbar nicht recht geheuer und mahnte mit allerlei heimlichen Zeichen zu raschem Aufbruch. Der Deutsche hielt es aber für gefährlich, eine Spur von Unsicherheit oder Ängstlichkeit merken zu lassen, und rauchte in Nuhe einige Zigaretten. Bald erschien auch der Scheich, jagte scheltend die allzu Zudringlichen fort und setzte sich da für mit einigen älteren Leuten selbst neben den Fremdling, für den er Milch herbeibringen ließ. Er entschuldigte die Neugier seiner Untergebenen damit, daß sie noch nie einen Christen gesehen hätten. Dem Achmed aber flüsterte er vertraulich zu, daß in der vergangenen Nacht zwei Männer aus dem Dorf mit Schrot angeschossen worden waren. Danach konnte sich Doktor Bergner ungefähr schon zusammenreimen, woher die Räuber stammten. Offenbar hatten sie es aber mehr auf seine Pferde abgesehen gehabt, als auf ihn selbst. Er legte deshalb dem ganzen Zwischenfall auch keine weitere Bedeutung bei, sondern ritt am nächsten Morgen weiter. Er hatte nur noch zwei Tagesmärsche bis Marrakesch und fand zum Übernachten sogenannte Fondaks am Wege. Ein solcher Fondak besteht26 aus einem quaderförmigen, großen Hofe, der ringsum von hohen fenster losen Mauern umschlossen wird, durch die eine breite Pforte hinausführt, an der nachts zwei Soldaten Wache halten. Auf der Innenseite läuft ein Dach rings um den Hof, das von der Mauer und breiten Pfeilern getragen wird, und in den vier Ecken hat man mit leichten Lehmwänden geschlossene Zimmerchen hergestellt. Die Kameltreiber und ärmeren Ein geborenen übernachten inmitten ihrer Tiere, ihres Gepäcks und ihrer Waren unter den offenen Galerien, wo sie sich große Feuer anzünden und bei dem abenteuerlichen Flackern der Flammen recht malerische Bilder abgeben. Die vornehmen Gäste aber ziehen sich in einige der erwähnten Eckzimmer zurück, wo ihnen von den Soldaten aus Pferdedecken ein Lager herge richtet wird, aus dem man aber trotz großer Müdigkeit doch nicht schlafen kann, weil man zu sehr von dem massenhaft vorhandenen Ungeziefer ge quält wird. Immerhin bieten solche Fondaks als Regierungsanstalten einen gewissen Schutz gegen räuberische Überfälle und halten Wind und Wetter genügend ab, während für ihre Benutzung nur ein winziger Be trag zu entrichten ist. Am nächsten Tage ging es stundenlang über eine weite, von verwitterten Schiefern gebildete, spärlich mit Buschwerk be wachsene, aber fast gar nicht bebaute, sondern nur von Schafen- und Ziegenherden aufgesuchte Hochebene, die von den umliegenden Bergen her vielfach mit Kalkgeröll überschüttet waren. Zwischen zwei steilen Schieferbergen mußte man noch hindurch, dann aber schaute man plötzlich zu seinen Füßen den berühmten Palmenwald von Marrakesch. Mehr und mehr machte sich nun die Nähe der Großstadt bemerkbar, Dorf reihte sich an Dorf, Garten an Garten. Noch weit zog sich zwischen diesen der Weg hin, und die Sonne war schon im Untergehen, als man vor den Toren der marokkanischen Hauptstadt eintraf. Dumpf dröhnte das Gewühl der großen Stadt herüber, ringsum aber ragten Tausende und Abertausende von Palmen, soweit das Auge reichte, in den malerischsten Gruppen, viele beladen mit den schweren, glänzenden gelben Datteltrauben: darüber grollende Gewitterwolken in fahler Beleuchtung und aus der27 Erde fromme Mohammedaner, die sich auf ihre Gebetsteppiche warfen, um das vorgeschriebene Abendgebet zu sprechen. Gerade noch vor Tor schluß ritt Doktor Bergner in die Stadt ein und suchte sofort das Haus auf, das er hier schon seit längerer Zeit gemietet und sich einigermaßen behaglich eingerichtet hatte. Rapitel II. Zu seiner Überraschung erschien nach einigen Tagen ein feingekleideter Araber und überbrachte in einem Korbe als Gastgeschenk prachtvolle Orangen und andere Früchte, sowie allerlei Süßigkeiten im Auftrage des Kaids Muley Hassan ben Ibrahim. Unser Freund sagte, das müsse wohl auf einem Irrtum beruhen, da er den Kaid ja gar nicht kenne. Der Araber aber meinte mit schlauem Lächeln, daß das auch nicht nötig sei, denn der Kaid kenne ihn und würde sich jedenfalls sehr freuen, baldmöglichst auch seine persönliche Bekanntschaft zu machen. Aus Höf lichkeit konnte Doktor Bergner nicht anders, als seinen Besuch in Aus sicht zu stellen. Was er aber in der Zwischenzeit, wo er sich über den Kaid erkundigte, erfuhr, stimmte ihn nicht gerade besonders hoffnungsvoll. Der Kaid galt allgemein als einer der grausamsten, geldgierigsten und rücksichtslosesten Statthalter des Sultans und war wegen seiner Gewalt tätigkeit sehr gefürchtet. Auch hieß es, daß er ein fanatischer Muselmann und ein verbissener Feind aller Europäer und Christen sei. Was kann er denn von mir wollen", dachte Doktor Bergner, jedenfalls verfolgt er doch eine ganz bestimmte Absicht, und es wird wohl irgend eine Heim tücke dahinter stecken. Da gilt es also auf der Hut zu sein!" Trotzdem machte er sich an einem der nächsten Tage mit Achmed auf den Weg zu der burgartigen Behausung, die der Kaid in Marrakesch selbst be wohnte. Es war ein düsteres unfreundliches Gebäude, und als der junge Deutsche abgestiegen war, sein Pferd einem der harrenden Sklaven28 übergeben hatte und nun durch eine endlose Reihe von schmalen, finsteren Gängen und winkeligen Zimmerchen in ein größeres, aber vollkommen kahles Gemach geführt wurde, kam ihm unwillkürlich der Gedanke, als sei er in eine richtige Mausefalle geraten. Er mußte lange warten, und schon empörte sich sein Stolz über diesen Mangel an Höflichkeit, als endlich der Kaid im weißen Burnus, Seidenstrümpfen und gelben Pan toffeln erschien und ihn freundlich begrüßte. Obgleich der maurische Machthaber sehr liebenswürdig tat, konnte sich Doktor Bergner eines unangenehmen Eindruckes doch nicht erwehren, der namentlich durch den stechenden Blick des Arabers hervorgerufen wurde. Der Kaid nötigte seinen Gast, eine Malzeit einzunehmen, und der Deutsche mochte diese Einladung schon deshalb nicht zurückweisen, weil durch das gemeinsame Essen die Gastfreundschaft erst recht besiegelt wird. Zu seiner Verwun derung nahm sein Gastgeber jedoch selbst an dem Male nicht teil und entschuldigte sich mit Magenbeschwerden. Das Gespräch kam von dem Hundertsten ins Tausendste, und lange wußte Doktor Bergner nicht, woraus sein Gegenüber eigentlich hinaus wollte. Endlich aber meinte dieser mit einem verschmitzten Blick: Eigentlich hätte ich das Recht, Dich zu bestrafen, Fremdling." Ich wüßte nicht wieso," fuhr der Deutsche auf. Du hast doch neulich in meinem Gebiet gejagt, ohne vorher meine Erlaubnis einzuholen". Es stellte sich nun allerdings heraus, daß der Duar, in welchem der Deutsche neulich übernachtet hatte und von den Pferdedieben angegriffen worden war, zum Bezirk des Kaids gehörte, der offenbar über den ganzen Vorfall schon genau unterrichtet war. Andrerseits aber wußte Doktor Bergner, daß die Jagd in Marokko überall und für jedermann frei sei. Du irrst," sagte er deshalb nachdrücklich und stolz. Die Jagd in diesem Land ist frei, auch für den Fremdling. So weit meine Flinte reicht, bin ich selbst hier König." Nun, nun," meinte der Kaid begütigend, ich will Dir auch gar keinen Vorwurf machen, und es wird mich im Gegenteil freuen, wenn Du recht oft aus meinem Gebiet jagst.29 Ich weiß da eine Gegend, wo es sehr viele Gazellen gibt. Vielleicht können wir einmal zusammen hinreiten. Wie ich gehört habe, besitzest Du ausgezeichnete Gewehre, mit denen man mehrere male hintereinander schießen kann, ohne wieder laden zu müssen. Könntest Du mir nicht ein paar Hundert solcher Gewehre aus Deutschland besorgen? Ich würde sie gut bezahlen und es so einrichten, daß das Schiff an einem abge legenen Punkt der Küste landen kann, wo die Gewehre gleich von meinen Soldaten in Empfang genommen werden können, ohne daß wir erst die Zollbeamten des Sultans damit zu belästigen brauchen." Jetzt wußte unser Freund, worauf der Kaid hinaus wollte. Diese Kaids, deren Stellung etwa der unserer mittelalterlichen Eaugrafen entspricht, haben nämlich eigenes Militär und unternehmen mit diesem gar zu gern Raub- und Plünderungszüge, empören sich aber auch ge legentlich gegen den Sultan, falls sie sich militärisch stark genug dazu glauben. Aus diesem Grunde ist die Einfuhr von Waffen nach Marokko streng verboten, und die Kaids vermögen deshalb neuzeitliche Gewehre nur auf dem Wege des Schmuggels zu erlangen, der allerdings für die Betreffenden ein glänzendes Geschäft darstellt. Doktor Bergner als Privatmann und bloßer Schriftsteller, der lediglich in das Land ge kommen war, um seine Natur, seine Bewohner und seine Tierwelt kennen zu lernen, hatte sich aber fest vorgenommen, unter keiner Be dingung sich in die verworrenen politischen Verhältnisse Marokkos einzu mischen, bei denen man leicht zu unverhofften Reichtümern gelangen, noch leichter aber den Kops verlieren konnte. Er lehnte deshalb den Vorschlag des Kaids rundweg ab. Der warf ihm einen bösen Blick zu, meinte aber gelassen: Nun, wenn Du nicht willst, so kann es eben nicht sein, ich bekomme die Gewehre schon anderswo her. Die Franzosen sind nicht so umständliche Leute wie Ihr Deutschen." Damit war der Besuch beendigt, und Doktor Bergners Gedanken waren nicht gerade die fröhlichsten, als er seiner Behausung wieder zuritt. Seine Ahnung sollte sich auch erfüllen, denn bald sollte er die Beweise dafür erhalten,30 daß er sich das Wohlwollen des mächtigen Kaids gründlich ver scherzt hatte. Einige Tage später erschienen nämlich die drei Araber, welche ihm beim Angriffe der Pferdediebe beigestanden hatten, also El Galim, Kadur und Boasr, vor seiner Tür und baten flehentlichst um gastfreundliche Aufnahme, die sie durch fleißige Dienste vergelten wollten. Sie würden von ihrem Kaid verfolgt und könnten sich nur unter dem Schutz eines Europäers sicher fühlen. Sie erzählten dann, daß der Kaid mit Sol daten in ihrem Dorf erschienen sei und ihnen die größten Vorwürfe gemacht habe, weil sie mit bewaffneter Hand einem Ungläubigen gegen rechtgläubige Mohammedaner Beistand geleistet hatten. Zur Strafe hatte er ihnen ihr sämmtliches Vieh sowie ihre Erntevorräte weggenommen, und den dreien wäre es wohl auch selbst noch übel ergangen, wenn es ihnen nicht gelungen wäre, in der Nacht mit Hilfe der andern Dorf bewohner zu flüchten. Die unverhoffte Einquartierung war natürlich Doktor Bergner keineswegs erwünscht, aber er sah wohl ein, daß er die drei verängstigten Menschen nicht der Rachsucht des Kaids preisgeben durfte und behielt sie deshalb bei sich, hatte es im übrigen auch nicht zu bedauern, da sie sich als recht brave und anstellige Burschen erwiesen. Der Kaid bekam aber natürlich bald Wind von der Sache und schickte einen Boten, daß die drei noch Steuern schuldig seien und deshalb verhaftet werden müßten, wenn die Steuern nicht sofort bezahlt würden. Des lieben Friedens halber brachte Doktor Bergner auch noch dieses Opfer, und obwohl er natürlich sah, daß es sich um eine Erpressung handle, zahlte er doch die an und für sich nicht besonders hohe Summe, wofür ihm seine drei Schützlinge Schuldscheine ausstellen mußten. Dem Kaid kam aber offenbar der Appetit beim Essen. Schon wenige Wochen später forderte er neue Steuern, aber diesmal verweigerte unser Freund entrüstet jede weitere Zahlung. Nun erhob sich ein stiller Kampf zwischen ihm, der als fast einziger Europäer in der großen Stadt Marrakesch weilte, und dem mächtigen Kaid. Es gehörte schon ein so ruhiger31 Charakter, wie der Doktor Vergners dazu, um bei diesen fortwährenden Schikanen nicht die Selbstbeherrschung zu verlieren. Er fühlte sich ja sonst so glücklich in seinem marokkanischen Naturforscherheim. In dem Hause, das er mietete, richtete er sich mit seinen geringen und primitiven Mitteln so gemütlich und behaglich wie möglich ein. Das Haus war ganz nach marokkanischer Art gebaut; es bildete also ein Rechteck, das einen mit schönen Steinfließen gepflasterten Hof mit Wasser becken umschloß, in dessen Mitte wiederum ein Gärtchen mit Blumen, Gemüse und einigen Palmen, Feigen und Granatäpfelbäumen sich befand. Fenster gab es nicht, sondern nur große, Tag und Nacht offenstehende Flügeltüren, die sich nach dem Hofe zu öffneten, während nach der Straße zu nur einige schmale, schießschartenartige Spalten eine beschränkte Aussicht gestatteten. Das flache Dach diente in den Abendstunden den Arabern als Erholungs- und Tummelplatz. Das Haus bestand lediglich aus dem Erdgeschoß; nur auf der nach der Straßenfront weisenden Seite des Rechtecks war noch ein Stockwerk aufgesetzt, das Doktor Bergner seiner Dienerschaft überließ; darunter befanden sich die Stal lungen, Küche und Speisekammer. Was ihm aber am meisten Spaß machte, das waren die riesigen gewölbten Nischen in der dicken Hos mauer. Sie waren eigentlich zu schattigen Ruhe- und lauschigen Kose plätzchen für den Herrn des Hauses bestimmt, aber unser Freund zog es vor, sie in prächtige Volieren für seine Käsigvögel zu verwandeln, indem er sie einfach aus der offenen Seite mit Drahtgitter überzog und innen mit Sitzstangen, Gezweig, Steinen und Rasenstücken ausstattete. Drahtgitter gab es nun freilich in Marrakesch nicht, und man mußte sich das Gitter aus Rollendraht selbst mit den Händen flechten, was bei einer Erfordernis von etwa 25 hm gerade keine Kleinigkeit war. Es waren übrigens kostspielige Drahtgitter, und die Tiere wohnten auf diese Weise teurer als Doktor Bergner selbst, da er für das ganze Grund stück nur 4 Duros (i. gl. 13 Mk.) monatlich Miete bezahlte. Nun ging es mit Eifer an die innere Einrichtung. Da wurden zu-32 nächst Matten gekauft und der nackte Erdboden in den Zimmern damit ausgelegt, was dem Ganzen gleich ein viel wohnlicheres Aussehen ver lieh. In dem von unserm jungen Freund persönlich bewohnten Zimmer, welches als Salon, Arbeits-, Speise- und Schlafstube zugleich diente, wurden über die Matten noch große, buntgestickte, weiche und in Rabat billig gekaufte Teppiche gelegt, sodaß es hier förmlich luxuriös und be haglich aussah. In einer Ecke befand sich die einfache Lagerstatt des jungen Gelehrten: eine aus alten Säcken zusammengenähte und mit Kamelswolle ausgestopfte Matratze, über die sauberes Linnen gebreitet war, während sein Reisesattel als Kopfkissen und eine ungeheure weiße, rotgeränderte Schafwolldecke zum Einwickeln diente. In einer anderen Ecke waren Packsättel und Tragkörbe zu einem bunten Durcheinander aufgestapelt: ein beliebter Tummelplatz für seine Hunde, Katzen, Affen und Felsenhühner. Allerlei alte Kisten gaben, mit bunten Tüchern über zogen und mit Teppichen belegt, die verschiedenartigsten und malerischesten Sitzgelegenheiten ab, die nur den Nachteil hatten, ein wenig hart zu sein. Andere Kisten wurden zersägt und daraus ein großer Arbeitstisch und etliche Regale zur Aufbewahrung von Büchern und Vogelbälgen, Sprit präparaten, Lebensmitteln usw. angefertigt. Eine Henne legte in völliger Verkennung der Absichten Doktor Bergners nur in diese Regale ihre Eier und ließ es sich nicht nehmen, im Frühjahr auch ihre Küchlein darin auszubrüten. Über einen wackeligen Feldtisch nebst zugehörigem Klappstuhl verfügte er von seinem Zeltleben her auch noch. Die eine Längswand war mit europäischen und arabischen Flinten, Karabinern, Pistolen und Revolvern, Säbeln, Dolchen, Gazellen- und Wildschaf gehörnen, sowie allerlei andern Jagdtrophäen geradezu großartig aus geschmückt. Aus einem zur Unterhaltung für die langen Abende bis hier her mitgeschleppten Bande Über Land und Meer" hatte unser junger Freund die Illustrationen herausgeschnitten, an die übrigen, weißgetünchten Wände geklebt und so eine Gemäldegalerie geschaffen, die stets der Gegen stand aufrichtiger Bewunderung seitens der ihn besuchenden Araber war,r- 6533 deren ebenso naive wie scharfsinnige Fragen über die dargestellten un bekannten Dinge eine niemals versiegende Quelle amüsanter und für beide Teile lehrreicher Unterhaltung bildeten. Aus der Hafenstadt Mazagan schickte man Doktor Bergner später vier Küchenlampen, die dann ebenfalls die Wände schmücken mußten und bei festlichen Gelegenheiten eine so feenhafte Beleuchtung abgaben, daß die ganze Nachbarschaft zusammen strömte, um sich in den Ausdrücken der ungeheucheltsten Bewunderung zu ergehen. Am Ehrenplatze über dem Arbeitstische prangte ein Bild unseres gewaltigen Bismarck, des Vezir prussi", wie ihn Bergners Leute ehrfurchtsvoll bezeichneten. Kurz, es war wundervoll! Inmitten dieses großartigen Haushaltes waltete mit stolzer Würde als gestrenger und unumschränkter Major domus der vielgetreue Diener Achmed seines Amtes und war seinem Herrn so ergeben und anhänglich, daß er stets des Nachts auf seiner Schwelle schlief, die niemand ohne seine Erlaubnis überschreiten durfte. Gesellschaft leistete ihm seine Braut, die hübsche, aber leider einäugige Sarah, die zugleich die Zimmer in Ordnung zu halten hatte und in der qualmenden Küche eifrig bemüht war, unter greulicher Verschwendung von alter, ranziger Butter die schauerlichsten Gerichte zusammenzubrauen. Als Dolmetscher hatte sich der deutsche Ge lehrte aus der Hafenstadt Safi einen Juden namens Joseph mitgebracht, der recht gut spanisch sprach; es war aber ein unangenehmer Bursche. Doktor Bergner jagte ihn deshalb zum Teufel, nachdem er so viel ara bisch gelernt hatte, um sich selbst mit den Eingeborenen verständigen zu können. An Josephs Stelle trat dann ein älterer, schon graubärtiger Bruder Achmeds, El Hadj", der Pilger, wie man ihn kurz nach seiner Mekkafahrt benannte; er war gleichfalls ein sehr brauchbarer, zuverlässiger und was in Marokko viel sagen will grundehrlicher Mann, nur ein wenig pedantisch und rechthaberisch, dabei von einer im Orient ganz unerhörten Sittenstrenge. Boasr, der eine von den bei Doktor Bergner einquartierten drei Gästen, brachte seine hübsche Schwester mit, die als Wäscherin und Schneiderin eine willkommene Tätigkeit enfaltete. Man Deutsches Schwert. 34 sieht, es hatte sich nach und nach eine recht bunte und zahlreiche Gesell schaft in dem schlichten Heim des deutschen Schriftstellers zusammengefunden. Noch bunter und interessanter als die Menschen war die Schar der vier beinigen und gefiederten Freunde, die ihn allmählich umgab und schließlich jeden nur verfügbaren Winkel seiner Häuslichkeit bevölkerte. Es gab da manchmal tragikomische Szenen. So Wurde von Zeit zu Zeit einmal große Wäsche des gesamten Zoologischen Gartens" abgehalten. Achmed fing dann ein Tier nach dem andern ein, El Galim seifte sie dann bis zur Unkenntlichkeit ein, Kadur schrubbte sie ab, Boasr befreite sie mit lauem Wasser vom Seifenschaum, und Sarah und Fatma setzten die triefenden Tiere dann fein säuberlich zum Trocknen in die warme Sonne, während El Hadj das Ganze mit weisheitsvollen Reden begleitete. Ganz besonders drollig war es, wenn ein bereits eingeseiftes Tier entwischte und nun geängstigt im Hof umher sauste, die Araber schreiend und lachend hinterdrein, während im Hintergrunde ein paar andere eingeseifte Kunden stöhnend darauf warteten, daß sie zum Abwaschen an die Reihe kämen. Allen dabei beteiligten Tieren war diese Prozedur äußerst unangenehm, und sie suchten sich auf die listigste Weise davon zu drücken, sobald sie bemerkten, daß Vorbereitungen zum großen Waschfest getroffen wurden. Erst einmal eingeseift, ließen sie dann aber meist alles mit stoischer Ruhe über sich ergehen, und die glücklich überstandene Prozedur empfanden auch sie schließlich entschieden als eine große Wohltat. Der junge deutsche Gelehrte blieb auch manchmal einen Tag zu Hause, ohne auf Jagd zu gehen oder war auch zuweilen durch das Fieber Bett" gefesselt. An solchen Tagen erhob er sich schon vor Sonnenauf gang und betrat den Hof, um dem nächtlichen Treiben der Raubtiere in dem großen Käfig noch ein Weilchen zuzuschauen. In unendlicher Pracht flimmerte der südliche Sternenhimmel. Aber dann erblichen mit dem Er scheinen des Tagesgestirns all die zahllosen Sternchen und suchten ihre himmelblauen Bettchen aus, und Mutter Sonne deckte sorglich einen flammenden Strahlenmantel über sie, damit kein neugieriges Auge ihrenEingang in die Moschee Bu-Medine in Tlemcen (Algerien). SUOTZ^X33 3 Schlaf störe. So war es allmählich Tag geworden. Die Araber ver sorgten das Vieh, Doktor Bergner selbst das Geflügel, und dann kochte ihm Sarah den Kaffee, den Achmed mit freundlichem Morgengruße nebst flachen Weizenbroten, Kamelbutter (diese hatte er weit besser befunden als die minderwertige marokkanische Kuhbutter) und Honig in sein Zimmer auftrug. Die Leute nahmen derweil ihre Morgensuppe oder den landes üblichen gelben Tee, übermäßig gezuckert und mit Pfeffermünzblättern gewürzt. War dann sein Zimmer ausgefegt, hatte der junge Deutsche seinen Pferden einen Besuch abgestattet und sich durch einen kurzen Rund gang von dem Wohlergehen all seiner vierbeinigen und gefiederten Pfleglinge überzeugt, so setzte er sich an den Arbeitstisch, um die am Tage vorher geschossenen kleinen Vögel zu präparieren, während sich El Galim und Kadur über die größten Stücke und über die etwa erlegten Säugetiere hermachten, denn zu feiner Präparierarbeit waren ihre derben und schwer fälligen Finger nicht zu gebrauchen. Nach einer Weile trat dann wieder Achmed mit gewichtiger Miene in Erscheinung, um den Arbeitsplan des Tages mit seinem Herrn zu beraten und seine Befehle bezüglich des Ftur (Mittagessen) und des Ascha (Abendessen) zu vernehmen. Mit dem nötigen Kleingeld versehen, setzte er sich dann auf ein Eselchen und trabte in die Stadt, um auf den Sok und in dem Basar das Nötige einzu kaufen. Wenn er schweißtriefend und staubbedeckt auf seinem schwerbe ladenen Grautier zurückkam, war Doktor Bergner mit dem größten Teil der Präparierarbeit fertig und steckte sich zur Erholung eine Zigarette an, derweilen die gemachten Einkäufe besichtigend und mit Achmed verrechnend, auch wohl allerlei kleine Reparaturen inzwischen wahrgenommener Schäden an Zelten, Sätteln und allerlei Hausgeräte oder das Putzen der Tiere und Waffen anordnend und überwachend. Während der größten Mittags hitze erlahmte fast jede Tätigkeit, falls nicht gerade ausnehmend viele und dringende Arbeit vorlag. Bezüglich der Verpflegung war der junge Gelehrte weitaus übler dran als seine an die landesüblichen Genüsse ge wöhnten Leute. Die in ranziger Butter schwimmenden Hühner und36 Hammelrippchen, die Sarah zu bereiten verstand, bekam man bald gründlich satt. Am liebsten war Doktor Bergner noch die arabische Nationalspeise, das Kuskussu, und das Leham fel kidben," ein Gericht, das aus taler großen Fleischstücken besteht, die auf einen Eisendraht aufgereiht, tüchtig mit Zitronensaft beträufelt und so über dem Holzkohlenbecken halb durch gebraten werden. Eine erwünschte Abwechslung brachten immer die Er trägnisse der Jagd, insbesondere Stein- und Wüstenhühner, wilde Tauben, Hasen, Stachelschweine, Gazellen usw. Mit einer Karawanengelegenheit erhielt der deutsche Gelehrte ein Fäszchen Rotwein von den Kanarischen Inseln, sodaß es auch an einem guten Trünke nicht fehlte, ganz abgesehen davon, daß Doktor Bergner auch glücklicher Besitzer eines Sodawasser apparates war, sich also jederzeit ein Glas Limonade bereiten konnte. Das Beste von dem ganzen lukullischen Essen aber war in der Regel der Nachtisch, denn an prachtvollen und lächerlich billigen Orangen, Melonen, Weintrauben, Pfirsichen, Aprikosen, Granatäpfeln, Bananen, Datteln usw. herrscht ja im glücklichen Süden niemals Mangel. Wohl aber war dies oft bezüglich der Gemüse der Fall, und unser Freund war daher froh, sich für die Tage der Not einige Konserven von der Küste mitgebracht zu haben. War abgeräumt und die Siesta-Zigarette geraucht, so ging es wieder an die Arbeit, aber man hatte gewöhnlich nicht mehr viel Zeit und Ruhe zu dieser übrig, denn nun war die Stunde der Besuche, und an solchen fehlte es niemals. Alle Augenblicke war der Türklopfer in Bewegung. Bald erschien ein Kranker, der flehentlich um eine Arznei bat und nach deren Empfang sich segnend entfernte, bald ein verschämter Armer, bald ein Jäger mit geschossenem Wild, bald Kinder mit gefangenen Eidechsen oder gesammelten Käfern und Schnecken, bald wieder eine streitende Partei, die der Ge rechtigkeitsliebe Doktor Bergners mehr vertraute als der Unbestechlichkeit des heimischen Kadi, ihn mit unendlichem Wortschwall und lautem Geschrei zum Schiedsrichter ihrer Sache machte, sich dann aber auch unweigerlich und ohne Murren seinem Urteilsspruch fügte. Dann wieder kommt ein37 Hausierer, oder, auf einen schwarzen Sklaven gestützt, erscheint in würde voller Haltung ein vornehmer Araber, den der junge Gelehrte irgendwo flüchtig kennen gelernt hatte und den entweder die bloße Neugierde und Langeweile, oder gar die stille Hoffnung auf einen heimlichen Schluck Wein hereingetrieben hat. Kurz, es ist wie in einem Bienenstock, ein ununterbrochenes Gehen und Kommen. Alle lassen ihre Pantoffeln in der Vorhalle stehen, betreten dann unter vielen Verbeugungen das Aller- heiligste des jungen Deutschen, die Gebildeten mit einen? wahren Kreuz feuer der übertriebensten Komplimente und Höflichkeitsbezeugungen. Wenn die Sonne sich dem Horizonte zuneigte, gab Doktor Bergner Achmed einen Wink, und dieser warf dann die ganze bunte Gesellschaft ohne viel Komplimente zum Tempel hinaus, verriegelte zum Schutz gegen einen weiteren Ansturm das Tor, sattelte das Pferd seines Herrn und seinen Esel. Dann unternahm unser Freund seinen täglichen Erholungs und Spazierritt vor die Stadttore, wobei er gewöhnlich auch die Flinte mitnahm, um den einen oder den anderen Vogel für die Sammlung zu erlegen oder ein paar Tauben für die Küche zu schießen. Tänzelnd schob sich sein feuriger Hengst durch das Menschengewühl in den engen Gassen, aber auf freiem Felde ließ er ihm dann die Zügel, und es war echte Männerlust, im Galopp dahin zu jagen zwischen den hochragenden Palmen, während die Turmfalken kicherten, die Nachtigallen schlugen, die Feigen fresser sangen, die Turteltauben gurrten und ringsum alles grünte, blühte und duftete. Unendlich erfrischt und erquickt kehrte man jedesmal heim von solch herrlichem Ritt. Dann trug Achmed das Feldtischchen und den Feldstuhl in den Hof und Doktor Bergner machte es sich nach des Tages Last und Mühe bei einem Glase Wein und einer Zigarette bequem. Es war die schönste Stunde des Tages, die Zeit des Sonnenunterganges, erquickende Kühle trat an die Stelle der erschlaffenden Hitze, und betäubender Wohlgeruch erfüllte von den benachbarten Gärten her die weiche Luft. Und wenn er so gedankenvoll die blauen Ringe vor sich hinblies, dann umschmeichelte33 ihn sein Kätzchen, ließ sich ein edler Windhund (Sloki) zu seinen Füßen nieder, kamen sein schnelles Pferd und das brave Eselchen, um sich das gewohnte Stückchen Zucker von ihm zu erbetteln, spielte ein Äffchen an seinen Schnürstiefeln, tummelte sich all das zahme Federvieh zu seinen Füßen, hockten plaudernd und rauchend seine Araber um ihn herum, und dann war er glücklich für eine kurze Stunde. Die rasch hereinbrechende Dunkelheit treibt ihn ins Zimmer, wo beim milden Schein der Lampe noch allerhand Arbeiten der Erledigung harren. Jetzt wird das Tage buch vorgenommen, die heute eingelaufenen Vögel untersucht und gemessen, die Reptilien in Spiritus gesetzt, Schnecken und Käfer sortiert und ge tötet, Vogeleier ausgeblasen, die neugefertigten Bälge etikettiert, kurz, es gibt noch Arbeit in Hülle und Fülle, so daß man fast unwillig ist über das zeitige Erscheinen der einfachen Abendmahlzeit, das endlich Feier abend gebietet. Wenn Doktor Bergner gut aufgelegt war, durften nach dem Abend essen die Araber auf sein Zimmer kommen und sich hier einen Tee brauen, welche Auszeichnung sie stets mit geradezu kindlicher Freude erfüllte. Und wie die Kinder hockten sie da, flüsternd, spielend und tändelnd zu seinen Füßen. Fatma und Sarah erschienen bei solchen Gelegenheiten in großer Toilette, die Augenbrauen frisch gemalt, Zehen- und Fingernägel mit Hennah gelbrot gefärbt, rote, goldgestickte Pantöffelchen an den nackten Füßen, dicke silberne Spangen an den Gelenken, bunte Seide, Muscheln, Glasperlen, Münzen und allerlei Flitter in den langen rabenschwarzen Zöpfen. Dann hatten sie es gerne, wenn sich Doktor Bergner die Er laubnis zu einer Fantasia" abschmeicheln ließ; nachdem er seine Trommel felle seinem Schutzengel bestens empfohlen hatte, begannen die Leute ihre widerlich näselnden, entsetzlich eintönigen Gesänge unter Trommelschlag, Schalmeienklang und taktmäßigem Händegeklatsch. Doktor Bergner rauchte derweilen eine Zigarette nach der andern, und über all das Gelärm hin weg verloren sich die flüchtigen Gedanken nach der fernen Heimat. Im Geiste sah er das lindenbeschattete elterliche Haus in der Lüne-39 burger Heide vor sich stehen mit dem obstreichen Garten und den aus gedehnten Stallungen dahinter, sah sich in der Erinnerung wieder auf der Schule in dem altertümlichen Lüneburg, sah sich als lebenslustiger Student in dem kleinen, gemütlichen Marburg, wo er ganz seiner Neigung folgend Naturwissenschaften und namentlich Tierkunde studieren konnte. Sein Lebensplan war gewesen, sich ganz diesem Beruf widmen und sich als Privatdozent der Zoologie an einer deutschen Universität niederlassen zu dürfen. Da aber war das erste Mal des Lebens Ernst an ihn heran getreten und hatte einen dicken Strich durch alle diese schönen Pläne ge macht. Die Eltern waren rasch hintereinander gestorben, und bei dem dadurch notwendig gewordenen Verkauf des stark belasteten Gutes hatte es sich herausgestellt, daß auf Joachims Anteil nur eine bescheidene Summe entfallen war, die nicht hinreichte, um die kostspielige Hochschullaufbahn einzuschlagen. Da er sich andererseits für die Lehrerlaufbahn nicht zu entschließen vermochte, so hatte er nach glücklich überstandener Doktor prüfung auf seine begabte Feder zurückgegriffen, die ihm schon früher manchen willkommenen Nebenverdienst verschafft hatte, und war ganz unter die Schriftsteller gegangen. Glücklicherweise hatte er bei einer großen Tageszeitung in Berlin einen Unterschlupf gefunden, aber die erste Zeit daselbst bedeutete für ihn doch eine Kette von Enttäuschungen. Es war gar nicht so leicht, sich in die Tätigkeit eines Zeitungsmenschen einzu arbeiten, und Joachim merkte nur zu bald, welch gewaltige Anforderungen an Arbeitskraft und Ausdauer gerade dieser Beruf stellte. Die unterge ordneten Arbeiten, die er anfangs erledigen mußte, hatten ihm auch nicht gerade behagt, aber allmählich war er doch glücklich über die Anfänger zeit hinweggekommen und auch mit wichtigeren und interessanteren Aus gaben betraut worden. Besonders willkommen war es ihm aber gewesen, als der Chefredakteur, der ihn hochschätzte und ihn gut leiden mochte, ihm vorgeschlagen hatte, auf Reisen zu gehen und laufende Berichte für das Blatt zu schreiben. Mit tausend Freuden hatte er zugegriffen, denn das war so recht etwas nach seinem Herzen. Zunächst sollte er das noch40 wenig bekannte Marokko besuchen, das sich damals gerade zu einem be drohlichen Zankapfel zwischen den europäischen Großmächten auszubilden begann, und danach noch die deutschen Kolonien im schwarzen Erdteile. So war er denn wohlgemut aus dem ihm ob seines geräuschvollen Treibens wenig sympathischen Berlin abgedampft, hatte Italien durcheilt und sich einige Wochen in Neapel aufgehalten, das ihm freilich auch manche Enttäuschungen bereitete, weil er sich mit der verkommenen Be völkerung daselbst nicht zu befreunden vermochte. Das eigenartige Malta hatte er dann gesehen und die zweite große englische Zwingburg, den kanonenbespickten Felsen von Gibraltar, und war dann von da nach dem Lande seiner vorläufigen Bestimmung übergesetzt. In Tanger hatte er längeren Aufenthalt genommen, um sich erst an maurische Sitten und Gebräuche zu gewöhnen und ein wenig von der Sprache zu lernen, und war dann mit seiner Karawane langsam durch das ganze nördliche Marokko hindurch bis nach Marrakesch gezogen, wo er nun sein Haupt quartier aufgeschlagen hatte und von da aus größere und kleinere Aus flüge in das noch wenig erforschte Innere machte. Das urwüchsige, abenteuerliche Leben in Marokko gefiel ihm sehr gut, und er fühlte sich hier recht wohl, zumal er auch seiner alten Vorliebe für das Beobachten und Sammeln von Tieren hier wieder huldigen durfte, ohne seine Be rufsinteressen zu vernachlässigen. So ließ Joachim Bergner in solchen Stunden sein ganzes bisheriges Leben, das jetzt eine so abenteuerliche Gestalt angenommen hatte, wieder an sich vorüberziehen, aber in letzter Zeit erfüllte ihn doch das feind selige Verhalten des Kaids mit schwerer Sorge. Er war immerhin fast der einzige Europäer in dem weitläufigen, von mehr als 100000 fana tischen Muselmännern bewohnten Marrakesch, und es war deshalb gewiß sehr bedenklich, den Zorn eines mächtigen Würdenträgers zu reizen. Andererseits konnte sich Doktor Bergner nicht entschließen, die armen Teufel, die vertrauensvoll zu ihm geflüchtet waren, der Rachsucht des Kaids preiszugeben. Er wußte wohl, daß er unklug gehandelt, aber aus41 moralischen Gründen konnte er nicht anders. Das bis dahin so gemüt liche Leben in dem deutschen Natursorscherheim wurde jetzt von Tag zu Tag in unliebsamer Weise gestört. Fortwährend kamen Hiobsposten. Seine Packpferde, die der Deutsche während des Aufenthaltes in Marra- kesch ja nicht benötigte, hatte er der Futterersparnis halber aus dem Lande eine Tagereise weit ostwärts untergebracht und erhielt nun die Nachricht, daß der Kaid mit Soldaten dort erschienen sei und die Pferde gewaltsam weggenommen habe. Einer seiner Diener, den er auf die Gazellenjagd geschickt hatte, wurde dabei von den Soldaten des Kaids durchgeprügelt und ihm das wertvolle Gewehr abgenommen. Ja zu guterletzt wurde auch noch Boasr, als er unvorsichtig sich in den Straßen von Marrakesch allein erging, gepackt und ins Gefängnis geworfen. Über all diese Gewalttätigkeiten geriet Doktor Bergner in eine so empörte Stimmung, daß er sich nur noch mit Mühe zu beherrschen vermochte. Aber wie sollte er sein Recht finden in dem rechtlosen Lande? Zähneknirschend mutzte er sich zunächst in alles fügen. Freilich setzte er eine Beschwerde- schrift an die deutsche Gesandtschaft in Tanger auf, aber Tanger war weit, und bis dort alles untersucht und mit den einheimischen Be hörden verhandelt war, darüber würden sicher viele Monate, ja vielleicht Jahre vergehen. Zudem hatte unser Freund einen Brief seines väter lichen Gönners, des Chefredakteurs erhalten, der ihm schrieb, daß der Aufenthalt in Marokko nun wohl schon lange genug gedauert habe und er baldmöglichst die Weiterreise antreten solle, um noch Studien in den deutschen Kolonien zu machen und dann nach Berlin zurückzukehren. An und für sich hätte sich Doktor Bergner über diesen Brief gefreut, denn er hatte das Land doch ziemlich satt und sein Sinn stand nach neuen Völkern und Landschaften, nach neuen Erlebnissen und Abenteuern. Aber es kam ihm feig vor, jetzt vor dem Kaid gewissermaßen das Feld zu räumen und seine Leute einem ungewissen Schicksal zu überlassen. - So saß er eines Tages wieder in grüblerisches Sinnen verloren im Hofe, als Achmed hastig und aufgeregt herein gestürzt kam. Sidi",42 rief er, draußen geht der Kaid in der engen Straße mit nur zwei Soldaten spazieren, wenn Du willst, packen wir ihn und bringen ihn herein, und dann soll er nicht eher heraus kommen, bis er Dir alles Gestohlene zurückgegeben hat." Nur einen Augenblick zögerte Doktor Bergner, da er sich das große Wagnis eines solchen Unternehmens, wie es der kühne Achmed vorschlug, doch nicht verhehlen konnte, dann aber entschloß er sich rasch und gab seine Zustimmung. Im Nu waren Achmed und sein Bruder draußen, schmetterten mit ein paar wuchtigen Faustschlägen die beiden Soldaten nieder, packten den Kaid und hatten den Überraschten im Hofe, ehe er recht wußte, was mit ihm vorging. Doktor Bergner war auch gleich zur Stelle, warf die Tür ins Schloß und schob den mächtigen Riegel vor. Draußen pochte es bald immer lauter gegen die Türe, aber er kümmerte sich nicht darum, sondern begab sich zu seinem vornehmen Gefangenen. Der konnte kaum seine Besorgnis unterdrücken, daß ihm etwas Furchtbares geschehen werde, aber der Deutsche begrüßte ihn höflich und lud ihn nach Landessitte zu einem Glase Tee ein, das Achmed rasch über dem Kohlenbecken bereitete. Dann eröffnete er ihm, daß er ihn so lange als Gast" seines Hauses be trachten werde, bis Boasr aus dem Gefängnis zurück sei und er selbst seine Pferde und seine Flinten wieder erhalten haben werde. Der Kaid hörte sich das alles mit orientalischem Phlegma an und hüllte sich dann in Schweigen. Nun, einstweilen war er gut aufgehoben, denn Achmed hielt sorgfältig Wache. Natürlich hatte sich das Gerücht von der frechen Tat eines Ungläubigen mit Windesschnelle in der Stadt verbreitet und ziemliche Aufregung hervorgerufen, aber es kam Doktor Bergner jetzt doch sehr zustatten, daß er immer auf so gutem Fuß mit den Eingeborenen verkehrt und sich unter ihnen viele aufrichtige Freunde erworben hatte. Auch wirkte der Umstand zu seinen Gunsten mit, daß der gewalttätige Kaid allgemein verhaßt war, und man insgeheim ihm solche derbe Lektion gerne gönnte. So erfolgte kein gewaltsamer Angriff auf sein Haus, wie Doktor Bergner eigentlich gefürchtet hatte. Aber43 andererseits durften auch seine Hausgenossen nicht wagen, einen Schritt vor die Haustür zu machen. Man befand sich also wie in einer be lagerten Festung, der das Haus seiner Bauart nach auch glich. Die nach der Straße gehenden Schießscharten ließ der Deutsche natürlich von seinen bewaffneten Leuten bewachen und von da aus alle Vorgänge beobachten. Im Übrigen war er selbst neugierig, wie sich die Dinge eigentlich entwickeln würden. Er konnte die Sache ruhig abwarten, denn Nahrungsmittel, sogar einige lebende Hammel und eine große Hühner schar, hatte er ja genug im Hause. Vor allem aber auch einen eigenen Brunnen, sodaß das Wasser nicht fehlte. Mit dem Kaid war wenig anzufangen. Er wollte es offenbar darauf ankommen lassen. 2m übrigen verkehrten Hausherr und Gefangener ausgesucht höflich miteinan der, wenn auch natürlich im stillen jeder den andern zum Teufel wünschte. So vergingen etwa 10 Tage, als plötzlich Pferdegetrappel auf der Straße vernehmbar wurde, und EI Galim, der auf Wache stände, herun terrief, daß ein Europäer mit mehreren Dienern nahe und um Einlaß bitte. Nasch eilte Doktor Bergner nach oben, und ein Blick durch die Schießscharte überzeugte ihn, daß er in der Tat einen Europäer, wahr scheinlich sogar einen Deutschen vor sich hatte. Er rief deshalb in deutscher Sprache herunter, was man von ihm wünsche. Die Antwort kam deutsch zurück. Ich bin der Vize-Konsul von Fez und bin beauftragt worden, Ihre Angelegenheit zu ordnen; also bitte öffnen Sie mir." Natürlich geschah dies bereitwilligst, und gleich darauf schüttelte Herr Vize-Konsul Baldus unserm jungen Freunde die Hand. Zunächst," meinte er, darf ich mich wohl vom Neisestaub reinigen, und dann essen wir vor allem einen vernünftigen Happen zusammen, denn ich habe allerlei gute Konserven mitgebracht, und schließlich wollen wir dann bei einem guten Trunk Ihre Sache besprechen, die mir viel Spaß gemacht hat. Sie scheinen ja ein ganz toller Knabe zu sein." Doktor Bergner war natürlich hoch erfreut, nach so langer Zeit wieder einmal die geliebte deutsche Sprache zu hören und in dem Konsul einen so netten, liebens-44 würdigen Herrn kennen zu lernen. Rasch hatten sich beide angefreundet. Bei Tisch, auf dem als Hauptgericht sogar auch Frankfurter Würstchen mit Sauerkraut aus dem Konservenvorrat des Konsuls prangten, sprach man hauptsächlich vom fernen Vaterland und von den neuesten Zeitungs nachrichten, die Doktor Bergner noch fremd waren. Es scheint wirklich," meinte Konsul Baldus, als ob der politische Horizont sich mehr und mehr umdüstert und das große europäische Kriegsgewitter, das wir seit Iahren befürchteten, langsam aber sicher heraufzieht. Der alte Hexenkessel am Balkan ist ja wieder ganz ins Brodeln geraten, und wer weiß, ob nicht die dort ungehemmt züngelnden Flammen noch ganz Europa, ja den ganzen Erdball in Flammen setzen. Ich merke auch an der Haltung meiner englischen, französischen und russischen Kollegen, daß eine andere Luft weht wie früher, und der Gesandte aus Tanger berichtet mir dasselbe. Zu schade, daß wir Deutsche uns hier in Marokko übers Ohr hauen ließen. Kommt es wirklich einmal zum Kriege, dann Gnade uns Gott, wenn wir hier den Franzosen in die Hände fallen. Na, einstweilen wollen wir abwarten. Die Kriegsgefahr ist schon so oft im letzten Augenblick beschworen worden, daß man eigentlich gar nicht mehr recht daran glaubt. Das Furchtbare eines europäischen Völkerkrieges ist ja so unfaßbar, daß man es sich gar nicht vorzustellen vermag, und die Folgen für die ganze Ent wicklung der Menschheitskultur wären so verheerend, daß wohl kein Staatsmann diese ungeheure Verantwortung auf sich wird laden wollen. Hoffen wir also, daß es auch diesmal beim bloßen Säbelrasseln verbleibt. Nun aber zu unserer Sache! Als Privatmann muß ich Ihnen sagen, daß Sie höllisch schneidig gehandelt haben und meinen vollen persön lichen Beifall verdienen, aber als Konsularvertreter muß ich doch anders sprechen. In der Gesandtschaft in Tanger herrscht ziemliche Aufregung über Ihr eigenmächtiges Vorgehen. Es ist doch eigentlich ein tolles Stückchen, daß Sie hier in einer nur von Marokkanern bewohnten, ganz außerhalb des europäischen Machtbereichs gelegenenen Großstadt einen45 mächtigen Würdenträger kurzer Hand einsperren. Wie denken Sie sich denn eigentlich, was aus der Sache werden soll? Es ist nur ein wahres Glück, daß dabei nicht auch Blut geflossen ist. Man darf sich hier zu Ausbrüchen des Zornes nicht hinreißen lassen, mag dieser Zorn an sich noch so gerechtfertigt sein. Ich kann mir wohl denken, daß der Kaid Ihnen schweres Unrecht zugefügt hat, aber dann hätten Sie eben Ihre Ansprüche auf dem üblichen diplomatischen Wege geltend machen sollen, und früher oder später wäre Ihnen durch Vermittlung des deutschen Reiches doch Ihr Recht geworden." Ja," versetzte Doktor Bergner bitter, vielleicht nach Jahr und Tag, aber so lange kann ich nicht warten, zumal ich Marrakesch in Kürze wieder verlassen muß. Auch bin ich nicht reich, und ein halbes Dutzend Pferde und ein gutes Jagdgewehr bedeuten für mich durchaus kein Butterbrot." Und doch werden Sie sich fügen müssen," sagte Konsul Baldus ernst. Denn wir können in dieser unheilschwangeren Zeit diplomatische Verwicklungen keineswegs brauchen. Das wäre nur Wasser auf die Mühle der Franzosen, die sich ja nun schon längst als die Herren Marokkos betrachten. Sie müssen also Ihre Empfindlichkeit dem Vater lande zum Opfer bringen und nachgeben. Mit dem Kopf können wir hier nicht durch die Wand rennen, denn wir haben nicht die nötigen Machtbefugnisse hinter uns. Aber ich werde dafür sorgen, daß Ihre Sache in befriedigender Weise geordnet wird, wenn sie auch voraus sichtlich nach Landesart mancherlei Verschleppung erleiden wird. Ich mache Ihnen nun den Vorschlag, daß Sie mit mir zum maurischen Kadi gehen, diesem Ihre Beschwerden vortragen und ihm Ihren Gefangenen zur weiteren Behandlung übergeben. Dagegen werde ich dafür sorgen, daß Ihr Diener sofort aus dem Gefängnis entlassen wird und, falls Ihre Pferde nicht wieder aufzutreiben sind, so werden wir später doch eine sehr reichliche Entschädigung in barem Gelde herausschlagen." Ja," meinte Doktor Bergner mit bitterem Lächeln, bekommen werde ich wohl das Geld dafür einmal, denn so stark, um eine Schuld von46 etwa 1000 Franken einzutreiben, wird das deutsche Reich ja wohl noch sein. Aber wann? Ich kann nicht so lange warten, und was mich am meisten bekümmert, ist das Schicksal der Leute, die mir gegen die Räuber beigestanden haben und die im Vertrauen aus die Macht meines Vater landes zu mir geflüchtet sind. Soll ich sie denn ihrem Schicksal über lassen? Es wird jedenfalls ein recht trauriges sein, und ich kann es deshalb nicht vor meinem Gewissen verantworten." Der Konsul dachte eine Weile nach. Eigentlich haben Sie recht," sagte er, und schon mit Rücksicht aus das Ansehen des Deutschen Reiches möchte ich die Leute auch nicht gerne der Rachsucht ihres Kaids ausliefern. Aber auch diese Sache wird sich regeln lassen. Lassen Sie mich einmal mit den Leuten sprechen. Ich kenne einen sehr mächtigen und milden Kaid im Gebirge unweit Fez, der gestern auch hier eingetroffen ist, um dem Sultan seine Ehrfurcht zu bezeugen. Das Gebiet dieses Kaids ist nur dünn bevölkert und durch frühere Raubzüge ausgesogen, und er möchte es deshalb gerne neu besiedeln und wird daher mit Freuden damit einverstanden sein, wenn die drei Leute mit ihren Familien ihn von hier begleiten und sich in seinen? Machtbereich niederlassen. Er ist stark und mächtig genug, um die Leute gegen Übergriffe ihres früheren Kaids zu schützen Nun, das wäre allerdings ein Ausweg," stimmte Doktor Bergner zu, und ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn die Leute selbst einverstanden sind. Mich selbst drängt es ja auch ohnehin, von hier fort zu kommen. Einer seits meiner Berufspflichten wegen, und andererseits fühle ich schon seit einigen Tagen, daß mir das Fieber in den Adern wühlt, und deshalb glaube ich, daß mir eine rasche Luftveränderung gut tun würde." Nach diesem Plane wurde also gehandelt. Der Konsul sprach mit El Galim und Kadur und ritt dann mit beiden in Begleitung Doktor Bergners gleich zu dem Kaid aus Fez, und es wurde alles zur Zufriedenheit geordnet. Dieser Kaid, ein alter, ehrwürdiger Araber mit schneeweiß wallendem Vollbart machte einen ganz andern Eindruck, und Doktor Bergner entfernte sich in der frohen Überzeugung, daß seine Schützlinge47 gut bei ihm aufgehoben sein würden. Noch am gleichen Tage ritten dann die beiden Europäer in großer Gala zum Kadi. Der saß in einem von einer Säulenhalle umgebenen großen rechteckigen Hofe inmitten einer großen Menge Volks und Soldaten und sprach kurz und bündig Recht. Der Konsul trug ihm den Fall vor und verlangte die Freilassung Voasrs, sowie die Verhaftung und Bestrafung des Kaids. Nach längerem Hin und Her sagte der Kadi beides zu. Boasr wurde vor geführt und unserem Freund wieder zur Verfügung gestellt, und der Kaid vor den Augen der Europäer trotz seines lebhaften Protestgeschreis verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Die beiden Deutschen ritten dann wieder ab, der Konsul hochbefriedigt, Doktor Bergner nicht ohne ein lebhaftes Mißtrauen im Herzen. Ihm war die ganze Sache eigentlich viel zu glatt gegangen, und er hatte schon zu viel von der Bestechlichkeit der maurischen Richter gehört, als daß ihm nicht das Ganze wie eine abgekartete Komödie vorgekommen wäre. Er sollte mit seinen Befürch tungen auch Recht behalten; denn als er am nächsten Tage gemeinsam mit Konsul Baldus einen Spazierritt unternahm, begegneten sie plötzlich dem Kaid, der stolz inmitten eines Soldatentrupps einHerzog und sie höhnisch angrinste. Sehen Sie," sagte Doktor Bergner entrüstet, wie recht ich hatte! Die Verhaftung des Kaids war nur eine Komödie. Jetzt erfreut er sich wieder seiner Freiheit, bestraft wird er natürlich nie, wohl aber wird er darauf sinnen, wie er sich an mir und meinen Leuten rächen kann." Na," meinte der Konsul etwas verlegen, da bleibt eben nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Vielleicht ist es ganz gut, daßi sie Marrakesch bald verlassen und dadurch dem Macht bereich des unheimlichen Kerls entrückt sind. Ich werde aber sofort einen Protest durch die deutsche Gesandtschaft in Tanger einreichen lassen, und das Geld für die geraubten Pferde werden Sie mit Wucherzinsen zurück bekommen. Darauf dürfen Sie sich verlassen." Heimgekehrt, ließ sich dann Doktor Bergner noch von Boasr seine Erlebnisse im Gefängnis-48 erzählen. Die waren nun auch nicht gerade erfreulicher Art ge wesen, denn der Ärmste hatte jeden Morgen zum Frühstück mit einem langen Bambusrohr eine Anzahl Streiche auf die Fußsohlen bekommen, sodaß diese dick verschwollen waren und er noch kaum gehen konnte. Marokkanische Gefängnisse sind ohnedies schon ein greulicher Aufenthaltsort, finstere Löcher, in denen alle Gefangenen, Schuldige und Unschuldige, Verbrecher und säumige Steuerzahler, Reiche und Arme, bunt durcheinander sitzen und den Tag mit stumpfsinnigem Dahinbrüten verbringen. Es wimmelt von Ungeziefer, ein unerträglicher Gestank herrscht, dazu eine fürchterliche Hitze, und zu essen gibt es nichts, denn der marokkanische Staat stürzt sich wegen der Gefangenen nicht in Unkosten. So sind diese ganz auf das angewiesen, was ihnen ihre Verwandten und Freunde zutragen. Der eine hilft dann mitleidig dem andern aus, aber es kommt gar nicht selten vor, daß so ein Unglücklicher buchstäblich verhungert. Doktor Bergner hatte nach den letzten traurigen Erfahrungen vorläufig genug von diesem wilden Lande, zumal das immer stärker werdende Fieber gebieterisch zum raschen Aufbruch mahnte. Er verkaufte deshalb alles überflüssige Hausgerät und verabschiedete sich dann von Konsul Baldus, der mit Kadur, El Ealim, Boasr und Fatma gegen Norden nach Fez zu zog, während Doktor Bergner selbst mit Achmed und Hadj sich westwärts aus den Weg nach Mogador machte. So schlecht war sein Gesundheitszustand geworden, daß er nur kleine Tagereisen zurück legen konnte und sich öfters von seinen Leuten in der Hängematte tragen lassen mutzte, wenn ihm die Kraft fehlte, sich im Sattel zu halten. So hatte er wenig Sinn für die an sich hübsche, aus schroffen Kalkbergen gebildete und teilweise auch mit Baumwuchs bestandene Gegend, durch die man ziehen mußte und die von einer Unzahl niedlicher Erdeichhörn chen belebt war. Völlig erschöpft erreichte er die Hafenstadt Mogador, wohl die hübscheste und sauberste der marokkanischen Städte, wo Achmed und sein Bruder sich niederlassen wollten, um ein kleines HandelsgeschäftDas Reichspostamt in vschang (Kamerun).49 zu begründen. Doktor Bergner beschenkte die Getreuen reichlich, und der Abschied namentlich von dem braven Achmed ging ihm merklich nahe. Dann verkaufte er seine Pferde, Zelte und einen Teil seiner Waffen, schickte die gemachten Sammlungen nach Deutschland und wartete sehn süchtig auf den Dampfer, der ihn weiter bringen sollte. Eine direkte Verbindung nach der nächsten deutsch-afrikanischen Kolonie, also nach Togo, gab es von hier aus nicht, sondern unser Freund mußte sich entschließen, zunächst mit einem Dampfer nach den Kanarischen Inseln zu fahren und das nächste nach Westafrika gehende Schiff dort abzu warten. Er war aber über diesen Umweg und den damit verbundenen Zeitverlust nicht böse, denn der Aufenthalt in dem herrlichen Klima der Kanarischen Inseln sollte seiner durch das Fieber erschütterten Gesund heit wohl tun, und außerdem freute er sich, dieses seiner landschaftlichen Schönheit wegen berühmte Siebengestirn von Eilanden kennen zu lernen, wenn auch nur flüchtig, wozu er sonst keine Gelegenheit gehabt haben würde. Kapitel III. Seine Erwartungen wurden auch nicht enttäuscht, und es waren wahrhaft glückliche Tage, die er auf diesen sogenannten glückseligen Inseln verleben durfte, wie sie schon bei den alten Griechen und Römern hießen, denen sie freilich nur andeutungsweise aus dunklen Sagen und als Heimat der Äpfel der Hesperiden bekannt waren. Schon aus weiter Ferne ließ sich als eine ragende Marke für den Seefahrer der steil auf ragende zuckerhutförmige Gipfel des Pico de Teyde blicken, oben mit leuchtendem Schnee bedeckt, dafür unten mit einem zirkusartigen Wall von Wolken umgeben, sodaß man von den unteren Teilen der Insel Teneriffa noch gar nichts sah. Mitten im Weltmeer, westlich von der glutdurchzitterten Wüste Sahara, liegt dieses Siebengestirn poetisch schöner Deutsches Schwert, X50 Eilande in weltvergessener Einsamkeit, und Doktor Bergner glaubte sich in eine neue Welt versetzt, als er in Teneriffa Land stieg. An genehm kühle Seebrisen umfächelten ihn hier, und gierig schlürfte seine Brust die köstliche Luft ein, wie perlenden Champagnerschaum. Sein Aufenthalt ließ ihm immerhin Zeit, eine Wanderung durch die ganze Insel anzutreten und er hatte dabei Gelegenheit, deren prächtige Romantik, ihren landschaftlichen Reiz, ihre Blumen- und Pflanzenpracht von unge ahnter Formen- und Farbenfülle, ihr herrliches Frühlingsklima und ihre erstaunliche Fruchtbarkeit kennen zu lernen. Das Eigenartige dabei war, daß man bei einer Höhenwanderung gewissermaßen alle Klimate durch streifen konnte. Die unterste Zone trug schon nahezu tropischen Charakter, war aber eigentlich die am wenigsten anziehende, denn selten nur er quickte hier ein Regenguß die dürstende Erde; lästiger Staub stieg allent halben wirbelnd empor und verunstaltete die Blätter der Gummibäume und Eukalypten mit einer häßlichen gelb-grauen Schicht. Nur gegen Abend bringt der kühlende Seewind Erfrischung in diese weiche, erschlaf fende Atmosphäre. Aber fruchtbar ist dieser Landstrich. Während die trockenen Lagen zu pulverartigem Staub verdorren, sprießt überall da, wo man vom Gebirge her Wasser zugeleitet oder solches während der kurzen Regenzeit in großen Zisternen aufgespeichert hat, ein wahrhaft üppiges Pflanzenleben hervor, denn hier wächst und gedeiht alles, wenn nur einige Tropfen des feuchten Elements den trockenen Boden befruchten, in dem so viel gewaltige Kräfte schlummern und der Erweckung harren. Längs der Straße zogen sich große Felder mit prachtvollen, im saftigsten Grün prangenden Bananen hin, denn die kanarischen Bananen gelten als die besten der Welt und sind deshalb ein Hauptausfuhrartikel dieser Inseln. Die Straßen selbst waren mit Eukalypten, Oliven oder Gummi bäumen eingefaßt, und ab und zu entzückte der Garten eines reichen Handelsherrn das Auge durch seinen verschwenderischen Reichtum an Blüten, Farben und Düften, während jubelnder Vogelsang das Ohr erfreute. Hin und wieder ragten Gruppen der herrlichen kanarischen51 Dattelpalme auf mit stolzen, schlank gewachsenen Stämmen und reizvoll im Wind spielenden rauschenden Fächerkronen. Auch das vorsintflutliche Gebilde des Drachenbaums konnte Doktor Bergner in dieser Gegend bewundern. Die Küste selbst stürzte in schroffen, steilen, wildzersägten Lavaklippen zur See ab und bot so ungemein reizvolle und romantische Bilder. Als Naturkundiger merkte unser Freund sofort, daß diese große Zerrissenheit des Geländes, die sich überall geltend machte, mit der vul kanischen Entstehung zusammenhing. Eigentliche Flüsse sah er gar nicht, aber an ihrer Stelle zahlreiche sogenannte Barrancos, das sind tief ein gesägte, schmale und ungemein steilwandige Schluchten, die im Sommer nur wenig oder gar kein Wasser führen, im Winter dagegen zu reißen den und bösartigen Strömen anschwellen. Zu ihrer stets anstrengenden und ermüdenden Überschreitung mußte unser Freund seine ganzen Kletter und Turnerkünste anwenden, aber er wurde reichlich dafür entschädigt durch ihre eigenartige Schönheit, da die steilen Wände gewöhnlich von einen! unendlich üppigen Gewirr schönblütiger Kletterpflanzen über- sponnen waren. Aus dieser tropischen Küstenregion kam Doktor Bergner beim Höher steigen dann in eine subtropische Zone, die steil geneigt und oft wild zerklüftet und zerrissen war. An den Felswänden bauten wilde Tauben und Falken ihre Nester, während in der blauen Lust majestätisch die schwarz-weißen Aasgeier schwebten. Auch diese Region ist im Sommer dürr und regenarm, staubig und sonnig und in landschaftlicher Beziehung arg entstellt durch unausstehlich langweilige Kakteenpflanzungen, die man früher der Cochenillezucht zuliebe angelegt hat. Dazwischen stehen die Telegraphensäulen der blühenden Agaven oder die Armleuchter einer riesigen Wolfsmilchart, melancholische Ölbäume und die düsteren Formen knorriger Feigenbäume. Die ausgedehnten Weinberge vermögen auch nicht viel Abwechslung in das Einerlei der Landschaft zu bringen. Doktor Bergner atmete deshalb förmlich auf, als er einige hundert Meter höher in die landschaftlich so prächtige Zone uriger Laubwälder 4 52 eindrang. Kastanien, Lorbeerbäume und eine riesige Lindenart setzten dieselben hauptsächlich zusammen, aber welch gewaltigen Umfang erreichten hier diese Bäume in dem wunderbaren Klima und auf dem nahrungs reichen Lavaboden! Die stattlichen, schön bordeauxrot gefärbten Lorbeer tauben, die sich behaglich im schattigen Wipfel des Lorbeerbaumes aus ruhen, sind vor den Nachstellungen des Jägers sicher, denn dessen Schrot reicht nicht so hoch. Und daheim hatte Doktor Bergner den Lorbeer baum immer nur als kümmerliches Kübelgewächs kennen gelernt! Um die Laubwälder herum zogen sich in breitem Gürtel dichte Bestände der lieblichen Erika, und zwischen ihren zartgebildeten rosenweißen Blüten büscheln fand der suchende Deutsche mit unaussprechlicher Freude auch das weiß gepolsterte Nestchen des wilden Kanarienvogels. Hier auf den Kanarischen Inseln lebt nämlich der wilde Stammvater unseres lieben goldgelben Sängers, der sich längst die ganze zivilisierte Welt erobert hat und in Hütte und Palast in gleicher Weiss zu Hause ist. In ganzen Schwärmen sah Doktor Bergner die lieblichen Vögel zwischen den Orangegärten und blühenden Mandelhainen hin- und her fliegen. Freilich trugen sie nicht das goldgelbe Federkleid, sondern waren von unansehnlicher graugrüner Farbe, aber sie sangen fleißig, und wenn auch ihre Lieder nicht so lange Triller und Noller hatten wie beim zahmen Kanarienvogel, so wiesen sie doch viel mehr Abwechslung auf und zeichneten sich durch feuriges Tempo und sich gerundete Stimme aus. Wo der Wald schon der würgenden Art zum Opfer gefallen war, da zogen sich prangende Weinberge und wogende Felder die Hänge entlang. Um die sauberen, friedlichen Dörfchen aber legten sich in lieb lichem Kranz blühende Mandelhaine, Zitronen- und Orangengärten, aus deren saftig dunklem Laub die goldenen Früchte verführerisch hervor lachten, während betäubende Wohlgerüche aus tausend und abertausend der duftigsten und seltensten Blüten dem Wanderer die Sinne umnebelten. Noch weiter aufwärts kam er dann in die Zone der Nadelwälder mit rauherem Klima, viel Negen und Wolken, mit Kartoffel, Gerste undS3 Hafer als häufigsten Kulturpflanzen, mit weidenden Rinderherden auf smaragdgrünen Wiesenflächen und mit prachtvollen, weitgedehnten, urwald artigen Beständen der herrlichen Kanarienfichte, die mit ihren kerzengraden, schlanken riesenhohen Stämmen und dichten, fußlangen Nadeln einen wahrhaft majestätischen Eindruck macht. In ihren Zweigen sang eine große blaue Finkenart, und an ihren Stämmen hämmerten muntere Spechte, während auf den Wiesen unzählige possierliche Wiedehopfe ihr Wesen trieben. Als letzte folgte dann schließlich die Hochgebirgszone mit niedrigem Gestrüpp und alpinen Blumen, ganz oben nur noch kahler Schutt, Geröll und Aschendecken. Hier konnte unser Freund grünglänzende Obsidianstücke sammeln, wie sie dem Urvolk der Inseln, der Euanchen, als Messer und zu verschiedenen andern Instrumenten dienten. Prachtvolle Schwefelkristalle lagen in noch heißer Asche, und oben am Krater verkündigten langsam schwelende Dämpfe, eine zitternde Bewegung des Bodens und hohl klingende Töne unter den Fußtritten, daß hier die Kräfte des unterirdischen Vulkanfeuers zwar schliefen, aber noch nicht erloschen waren. Ganz ausnehmend gefiel auch Doktor Bergner die Bevölkerung der schönen Insel, und er kam zu allen Leuten, die er kennen lernte, rasch in ein freundschaftliches Verhältnis. Denn die Kanarier sind überaus offenherzig, gastfrei und zutunlich. Verlangte er auf seinen Ausflügen irgendwo ein Glas Wasser, so konnte er sicher sein, daß ihm statt dessen eine Karaffe Wein vorgesetzt wurde, verbunden mit der Einladung, doch zum Essen zu bleiben oder zu übernachten. Von der finsteren Ver schlossenheit der Kastilianer war bei den Kanarioten keine Spur zu bemerken, sondern sie zeigten sich voll heiterer Lebenslust. Überall hörte man sie singen, und besonders angenehm berührte es unsern Freund, daß der grausame Sport der Stierkämpfe, der auf dem spanischen Fest lande eine so große Rolle spielt, hier ganz unbekannt war. Als gebildeter Mann wußte er, daß die ursprünglichen Einwohner der Kanarischen Inseln die sogenannten Guanchen gewesen waren, Menschen, die zur Zeit54 ihrer Entdeckung den Gebrauch der Metalle noch nicht kannten, sondern ihre Waffen und Werkzeugs aus dem spitzen Lavagestein anfertigten, aber trotzdem eine ziemlich hochentwickelte Eigenkultur besaßen. Sie werden geschildert als Menschen von riesenhaftem Wuchs und großer Körper schönheit, von Heller Hautfarbe, blondlockig, blauäugig, von wunderbarer Sanftmut und Gutherzigkeit, tapfer, wahrheitsliebend: Treue und Gast freundschaft galten ihnen als die vornehmsten Tugenden. Nach helden mütigem Widerstande wurde dieses Edelvolk, da es sich gegen die An nahme des Christentums sträubte, von den Spaniern in einer Reihe blutiger, grauenvoller Kriege mit Hilfe von Wortbruch und Verrat so gründlich vernichtet, daß heute Guanchenschädel in den europäischen Museen zu den begehrtesten Seltenheiten zählen. Aber in den zwischen den einzelnen Kriegen liegenden Friedensepochen fand doch eine teilweise Vermischung zwischen Siegern und Besiegten statt, und aus dieser, zu der noch Normannenblut hinzutrat, ist die heutige Bevölkerung der Insel hervorgegangen. Es kann kaum etwas glücklicheres geben, als diese Mischung. Wie die Natur der Inseln die Vorzüge des Südens mit denen des Nordens verbindet, so vereinigen sich auch in ihren mensch lichen Bewohnern alle guten Eigenschaften des spanischen National charakters, während die schlechten teils ganz ausgemerzt, teils wesentlich gedämpft und gemildert erscheinen. So verlebte Doktor Bergner unvergeßlich schöne Tage voll reicher Anregung auf den Kanarischen Inseln und fühlte sich auch gesundheitlich wieder sehr gestärkt und gekräftigt, als er in Santa Cruz endlich den deutschen Dampfer bestieg, der ihn nach der Kolonie Togo bringen sollte. Auch die Seereise verlief sehr angenehm, und es herrschte auf dem deutschen Schiffe doch ein viel gemütlicherer Ton als auf dem englischen mit seinen steifen Gesellschaftsformen. Die Verpflegung war ausgezeichnet, und unser Freund ließ sich die gute deutsche Küche trefflich munden, die er in Marokko so lange schmerzlich hatte entbehren müssen. Ohne Unfall ging die Reise vor sich, und fast rascher als es ihm lieb war, erblickte35 Doktor Bergner eines Morgens die nahe westafrikanische Küste, deren sonst öder sandiger Strand durch zahlreiche Kokospalmen belebt wurde. Freilich war es nicht ganz einfach, an Land zu gelangen, denn die Brandung in diesen Gegenden ist eine außerordentlich starke, und die Landungsbrücke, die von der deutschen Verwaltung 335 Meter weit ins Meer hinausgebaut war, ist leider bei einem heftigen Sturm im Frühjahr 1911 wieder eingestürzt. Infolgedessen ist es bei stürmisch bewegter See oft geradezu unmöglich, zu landen. Diesmal lief alles gut ab, dank der bewunderungswerten Geschicklichkeit, die die schwarzen Ruderer der Lan dungsboote entfalteten. Immerhin waren alle an Land gehenden Reifenden tüchtig durchnäßt, als sie den Strand erreichten und schüttelten sich wie begossene Pudel. Nachdem Doktor Bergner sich im Gasthofe ein Zimmer gesichert und sich umgekleidet hatte, machte er sich zu einem Bummel durch Lome auf, wie der Hafenplatz hiesz. Er war nicht wenig erstaunt über die schönen, breiten, sauberen und gut gepflegten Straßen, über die netten Häuser, über die zahlreichen freund lichen Anlagen, die Ordnung, die überall trotz des regen Lebens und Treibens in dem Städtchen herrschte. Man merkte doch gleich, daß hier deutsche Zucht herrschte, und fühlte sich ordentlich stolz, wenn man ihre wohltätigen Wirkungen mit dem verglich, was man anderswo gesehen hatte. Eine Allee von riesigen Kokospalmen führte zu dem schönen, un mittelbar am Strande gelegenen Regierungsgebäude, und hinter dem Städtchen breitete sich der Grunewald" von Lome aus, der hauptsächlich aus stattlichen Eisenholzbäumen bestand. Die Bevölkerung war offenbar sehr fleißig und intelligent, überall sah man die Leute bei der Arbeit, und daß sie schon auf einer hohen Kulturstufe standen, bewiesen die in den Kaufläden ausgelegten Sachen, sowie der Umstand, daß sogar eine Druckerei bestand und mehrere Photographengeschäfte von Schwarzen selbst ohne die Beihilfe von Weißen betrieben wurden. Doktor Bergner hatte eine Empfehlung seines Blattes an den Polizeidirektor von Lome, suchte diesen deshalb auf und wurde aufs freundlichste empfangen. Den Abend56 verbrachten beide gemeinsam auf der eine schöne Aussicht nach dem bran denden Meere gewährenden Hotelterrasse, und Doktor Bergner suchte von dem landeskundigen Manne Näheres über Land und Leute zu er fahren. Dies umso mehr, als er sich nicht lange in Togo aufzuhalten gedachte, weil diese Kolonie für seine Zwecke am wenigsten bot. Togo ist ja sozusagen unsere Musterkolonie, denn sie ist die einzige, die sich schon aus ihren eigenen Geldmitteln erhalten kann, also keinen Zuschuß aus der deutschen Staatskasse mehr bedarf. Es ist zwar die kleinste, aber die am dichtesten bevölkerte und am besten bebaute unserer Kolonien, die Be völkerung nicht nur arbeitsam, sondern auch friedfertig. Doktor Bergners Sinn war aber mehr auf Abenteuer und Jagdausflüge gerichtet, und des halb wollte er so rasch als möglich nach Kamerun weiter, wo ungeheure Urwälder und wilde Tiere seiner warteten. Ich habe," begann er das Gespräch, nach dem ersten flüchtigen Ein druck eine recht gute Meinung von der hiesigen Bevölkerung gewonnen, die man ja wohl als Ehwe zu bezeichnen pflegt. Die Leute scheinen nicht nur intelligent, sondern für Schwarze auch fleißig und unternehmungs lustig zu sein." Das stimmt allerdings" pflichtete Polizeidirektor Huber bei, diese Schwarzen leisten in der Tat Hervorragendes als Ackerbauer, Handwerker, Fischer, Seeleute und namentlich als Händler, denn sie sind schacherlustig und kennen kein größeres Vergnügen, als kaufen, tauschen und verkaufen. Sie müssen sich einmal das Getriebe auf dem Wochen markte hier oder in Palime ansehen, wie es da zugeht. Ich glaube es kann in Stanislau oder Lodz nicht schlimmer sein. Da werden Jams angeboten, Manjok, Bohnen. Zwiebeln, Erdnüsse, Papajas, Ananas, Palm ölkerne, Rohkautschuk, Fische, Töpfe, Kalebassen, Messingstäbe, Schnaps und Pulver. Daneben gibt es zubereitete Speisen und Getränke, wie gebratene Fische und sogar geröstete Mäuse, Fleischklöse in Palmöl, Palmweine und Wasser, das während der Trockenzeit teuer bezahlt werden muß. Als Scheidemünzen dienen unsere 5 und 10 Pfennigstücke, nicht selten aber auch noch Bündel von Tabakblättern. Einen großen Fehler aber haben 57 die Ehwes doch, sie sind nämlich außerordentlich abergläubisch, deshalb auch für die Lehren des Christentums wenig zugänglich, sondern größten teils noch einem Fetischdienst von der törichtesten und sinnlosesten Art er geben. Es gibt nach ihrer Vorstellung unzählige Fetische, die mit den verschiedensten Vorgängen im menschlichen Leben in Beziehung gebracht werden. Eines aber haben diese Fetische gemeinsam: sie können gar nicht genug Opfer bekommen. Diese werden in Gestalt von fetten Schafen, Schnaps, Fleisch dargebracht und den zahlreichen Fetischpriestern überant wortet, die sich dabei natürlich sehr gut stehen. Sie haben eine unheimliche Macht, da man ihren Aussprüchen, die als solche der Fetische selbst gelten, blindlings vertraut. So ein Fetischpriester braucht nur einen ihm unbe quemen Mann irgend eines Verbrechens beschuldigen, und der Unglück liche ist der Volksrache preisgegeben. In meiner amtlichen Eigenschaft als Polizeidirektor habe ich einen schweren Kampf gegen diesen Aberglauben zu führen. Noch immer kommt es z. B. vor, daß dem eines Verbrechens Beschuldigten von dem Fetischpriester in einer Kalebasse ein Fetischtrunk gereicht wird, damit er seine Unschuld beweisen solle. Hat der Verdächtige nicht vorher den Fetischpriester mit einer ansehnlichen Geldsumme bestochen, so ist der Trunk vergiftet, und er muß daran sterben. Im Übrigen aber ist mit den Leuten ganz gut auszukommen, und die Polizei hat sonst hier weniger zu tun, als vielleicht in unserer deutschen Heimat." Gibt es denn nur" frug Doktor Bergner weiter Polizisten hier, nicht auch Schutztruppen, wie in unseren anderen afrikanischen Kolonien?" Nein" lautete die Antwort, und sie wären hier auch ziemlich überflüssig. Von den Eingeborenen ist nichts zu befürchten, und auch die mächtigen mohammedanischen Sultane im Hinterlande wissen zu gut, daß deutsches Besitztum für sie unantastbar ist. Im Falle eines Krieges mit einer euro päischen Macht aber, etwa mit den Engländern, vermöchten wir das kleine, ringsum von feindlichem Gebiet umgebene Togo doch nicht zu halten, und die Schutztruppen wären von vornherein verloren." Ja, aber wie wollen Sie die Kolonie verteidigen, wenn es wirklich einmal zu dem53 gefürchteten Zusammenstoß mit den Engländern kommen sollte?" Der Polizeidirektor zuckte die Achseln. Da wird sich eben nicht viel machen lassen" meinte er, ich würde mich mit meinen paar Polizisten in den Busch zurückziehen müssen, um nicht als Kanonenfutter für die englischen Schifssgranaten zu dienen, würde anstandshalber unsere Munition ver pulvern und mich dann ergeben müssen, so schwer das auch einem Deutschen fällt. Von der einheimischen Bevölkerung ist wirksame Hilfe nicht zu er warten. Sie ist durch und durch unkriegerisch, und wenn sie auch uns Deutschen nicht abgeneigt ist, so ist es ihr doch im Grunde gleichgültig, wer sie beherrscht, wenn man sie nur ruhig ihren Schacher treiben und ihren Palmwein trinken läßt. Hoffentlich erlebe ich einen solchen kriegerischen Einbruch in unsere friedliche Kolonie nicht mehr." Ich weiß nicht," meinte Joachim Bergner, ob Sie nicht zu optimistisch denken. Mir ist aus meiner Reise hierher doch mancherlei aufgefallen, und das Benehmen der Franzosen in Marokko, sowie das der Engländer auf ihren Schiffen gegen uns Deutsche könnte einen doch recht nachdenklich stimmen. Die politische Luft erscheint wie mit Unheil geschwängert, und ich habe manch mal das bedrückende Gefühl, als ob das Gespenst des großen Weltkrieges nun wirklich im Herannahen sei. Aber lassen wir uns durch solche Be fürchtungen die Stimmung nicht verderben, und freuen wir uns des Be sitzes dieser schönen Kolonie. Ich will morgen gleich mit der Bahn ins Innere fahren, nach Palime, das ja wohl schon am Fuße des Togo gebirges liegt." Das trifft sich gut," erwiderte der Polizeidirektor, ich habe dort auch dienstlich zu tun, und wenn es Ihnen recht ist, können wir ja die Reise zusammen machen." Nichts könnte mir lieber sein," sagte Doktor Bergner freudig, denn ich denke egoistisch genug, aus Ihrer Kenntnis von Land und Leuten auch für mich und für die von mir vertretene Zeitung Vorteile zu ziehen." Sehr lang ist die Bahn, die unser Freund am nächsten Tage benützte, allerdings nicht, denn sie mißt nur ganze 122 lcm, darf also nach deutschen Begriffen nur als Kleinbahn bewertet werden, hat aber trotzdem große59 Wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung, da sie den Verkehr zwischen dem Meere und dem fruchtbaren Hinterlande vermittelt. Es ist übrigens die erste Bahn, die überhaupt in unseren Kolonien gebaut wurde. Während der langsamen Fahrt kam man vielfach an Feldern vorüber, auf denen meterhohe Stauden mit großen gelben oder rosafarbenen Blüten standen. Doktor Bergner wußte nicht recht, was es war, und bat deshalb seinen Gefährten um Aufklärung. Das ist nichts anderes als Baumwolle", sagte dieser. Bald wird die Staude abgeblüht haben, und es bildet sich dann eine Kapsel von Pflaumengröße bis zu der eines kleinen Hühner- ei s. Diese Kapsel enthält die harten Samenkörner, und diese sind wieder in weiche, blendend weiße Fasern eingehüllt, die wir als Baumwolle kennen. Wenn die Kapsel reif ist, springt sie auf, und die Baumwolle quillt heraus. Dann muß schleunigst geerntet werden, und in besonderen Maschinen wird die Baumwolle von den anhaftenden Samenkörnern be freit und kommt dann in gereinigtem Zustande in den Handel. Die Körner selbst können wieder zur Aussaat benützt werden, die sich im Mai in gut gelockertem Boden vollzieht. Die Pflanzen gehen dann schon nach wenigen Tagen auf und wachsen sehr schnell heran." Ja, jetzt erinnere ich mich," fiel Doktor Bergner ein, schon von der Baumwollkultur in Togo gehört zu haben, und so viel ich weiß, setzt man in Deutschland große Hoffnungen auf ihre weitere Entwicklung. Denn es ist ja für uns volkswirtschaftlich außerordentlich wichtig, daß wir für den Bezug von Baumwolle möglichst unabhängig vom Ausland werden und dieses unentbehrliche Produkt in unseren eigenen Kolonien erzeugen." Ob sich diese Hoffnungen freilich verwirklichen werden," wandte Herr Huber ein, erscheint mir doch fraglich, denn die Baum wollkultur hier zu Lande hat mit verschiedenen Hemmnissen zu kämpfen, die ihre Entwicklung stark behindern. Da ist einmal schon die ganze Ge staltung des hiesigen Ackerbaues im Wege, denn die Ehwes sind nur Kleinbauern, während die Baumwollkultur sich mehr für den Großbetrieb eignet. Die Ehwes haben auch keine landwirtschaftlichen Maschinen, nichtK0 einmal Pflüge, sondern machen alles mit ihren Hacken und können in folgedessen nur kleine Flächen bebauen. Eine Familie kann nur etwa zwei Morgen unter Kultur nehmen, und die Hälfte davon braucht sie für den Anbau von Gemüsen für ihre eigene Ernährung, wie Jams, Erdnüssen, Mais, Reis, Guineakorn, Bohnen und Kürbissen, und so bleibt höchstens ein Morgen für Baumwolle übrig,- das lohnt dann zu wenig, und viele Schwarze sind deshalb von der Baumwollkultur wieder abgekommen. Europäische Plantagen aber gibt es erst ganz wenige im Lande. Ein großes Hindernis für die Entwicklung der hiesigen Land wirtschaft ist auch die greuliche Tsetsefliege, deren Stiche dem Vieh den Tod bringen, so daß in Landstrichen, wo dieses unheimliche Insekt zu Hause ist, von einer Großvieh-Haltung und damit auch von der Acker arbeit mit dem Pfluge keine Rede sein kann. Wie Sie wohl wissen, wird eine andere Art der Tsetsefliege auch für den Menschen gefährlich, da sie winzige Blutparasiten übertragen, die die berüchtigte Schlafkrank heit hervorrufen. Diese furchtbare Seuche hat schon ganze Länderstriche Afrikas entvölkert und soll namentlich am oberen Kongo schlimm Hausen. Sonst ist unser Klima hier für afrikanische Verhältnisse eigentlich nicht ungesund, denn es ist trocken, zwar heiß, aber nicht so feuchtwarm wie in Kamerun. Freilich bringt andererseits diese Trockenheit es mit sich, daß Sie hier die prachtvollen Urwälder vermissen müssen, die in Kamerun uns Deutschen so gewaltig imponieren. Richtige hochstämmige Wälder haben wir hier überhaupt fast nur in den Bergen von Nord-Togo, sonst nur kümmerliche Buschwälder oder steppenartiges Gelände mit Palmen hainen und einzelnen Affenbrotbäumen dazwischen. Aber es muß doch hier auch viel Gummibäume geben," meinte Doktor Bergner, denn man sieht doch überall auf den Bahnstationen, wie Rohkautschuk verladen wird." Und doch sind Sie im Irrtum," versetzt Herr Huber, denn der hiesige Kautschuk stammt nicht von einer Baumart, sondern von einer Liane, deren Rinde streifenweise abgeschält wird, worauf dann Milchsaft hervortritt und in Kalebassen aufgefangen61 wird. Durch Zusatz von Salzwasser oder Zitronensaft wird er zum Gerinnen gebracht, und dadurch entsteht ein erst weitzlich, später bu .un c) aussehender Rohkautschuk, den man zu kleinen Ballen zusammenrollt^ Man mutz den Kautschuksammlern scharf auf die Finger sehen, denn oft Wickeln sie Holzstücke oder dergl. in die Kautschukballen hinein, um deren Grötze oder Gewicht zu erhöhen, weshalb jetzt die Vorschrift besteht, das; die Kautschukballen in der Mitte durchschnitten sein müssen. Oder die Leute begnügen sich nicht damit, einzelne Streifen der Liane abzuschälen, sondern schneiden die ganze Liane einfach in der Mitte durch, -^nn strömt allerdings der Milchsaft bedeutend reichlicher und die Kautschuk gewinnung gestaltet sich dadurch viel müheloser, aber die Liane vertmg einen derart gewaltsamen Eingriff nicht, sondern stirbt ab. So M Raubbau können wir als deutsche Beamte, die wir auch für die Zukunft Vorsorgen möchten, aber natürlich nicht dulden." Unter solchen Gesprächen und bei den vielen interessanten Bildern, die sich auf den Stationen dem Auge des Neulings boten, verstrich die kurze Bahnfahrt rasch. Palime, wo sie ihr Ende erreichte, bot aber eigentlich auch nicht viel Neues, sondern zeigte ein ganz ähnliches Leben und Treiben wie Lome, nur datz das Meer fehlte und dafür die Berge näher heran gerückt waren. Doktor Bergner bedauerte, datz seine Zeit nicht einen grötzeren Ausflug in diese Berglandschaft gestattete, denn hier, wo noch kriegerische, mohammedanische Stämme wohnten, sollte es viel interessanter sein. Einen kleinen Begriff bekam unser Freund ab ?r doch, als eine Gesandtschaft eines dortigen Häuptlings eintraf, um mit dem Polizeidirektor zu verhandeln und einige Grenzzwischenfälle zu er ledigen. Die Leute ritten schöne Pferde und waren gleich diesen mit Wattepanzern versehen. Ihren Kopf schmückten eigenartige Muschelhelme, die oben durch ein Antilopengehörn gekrönt waren. Sie traten sehr selbstbewutzt auf, und unser Freund erfuhr durch Herrn Huber, datz sie auch im Bau von Burgen grotzes Geschick besätzen. Diese Burgen bestehen aus kegelförmigen, aneinander gereihten Türmen und bilden62 förmliche Labyrinthe, in denen sich der Fremde nur schwer zurecht finden kann. Da Herr Huber noch länger in Palime bleiben mutzte, machte Doktor Bergner die Rückfahrt nach Lome allein und erreichte gerade noch sein Schiff, mit dem nun die Weiterreise nach Kamerun vonstatten ging. ttapitel IV. Kamerun machte nun allerdings einen ganz andern Eindruck als Togo, und man merkte beim ersten Schritt, daß man in ein richtiges Tropen land kam. Schon bei der Einfahrt in die breite, haffartige Mündung des Kamerunflusses sah unser Freund, woher die Gegend ihren Namen hat, denn es wimmelte dort von unzähligen flinken Krabben, die ja in der Sprache der portugiesischen Entdecker des Landes Cameroens hießen. Eine breite Sandbarre, an der aber schon fleißig gebaggert wurde, ver wehrte es dem großen Seedampfer, an der Küste selbst anzulegen. Die Reisenden mußten also in Booten ihre Landung bewerkstelligen. Eine etwa halbstündige Ruderfahrt brachte sie zu dem Landungssteg von Dualla, und kräftige schwarze Arme hoben hier die Ankömmlinge die schlüpfrige, mosüberzogene Steintreppe hinauf. Dutzende von Negern jeden Alters und Geschlechtes tummelten sich schwimmend und schreiend in dem schmutzigen Wasser. Andere lungerten müßig auf dem Landungssteg herum und musterten die Ankömmlinge mit breitem Grinsen und Zähnefletschen. Doktor Bergner mußte sich erst mit ein paar kräftigen Püffen Platz machen und merkte bald, daß die Kameruner Schwarzen lange nicht so liebenswürdig sind, wie die von Togo. Während dort jeder Weiße freundlich gegrüßt wurde, traf er hier nur auf finstere oder tückische Blicke. Diese Neger waren offenbar wohlhabend und übermütig und betrachteten den Weißen nicht mehr als ein höher stehendes Wesen. Bei Gesprächen mit den Ansiedlern mußte Doktor Bergner in den nächsten Wochen viele Klagen über die Frechheit und Lümmelhaftigkeit der Dualla-63 neger mit anhören, und mancher Kenner des Landes ließ durchblicken, daß die Schwarzen wohl noch von den Engländern aufgereizt würden und daß auf sie im Kriegsfalle wenig Verlaß sein würde. Wahr scheinlich würden sie sich sogar gleich gegen die Deutschen wenden, wenn sie es unter dem Schutze englischer Schiffskanonen ungestraft tun könnten. Nicht nur auf dem hölzernen Landungssteg sondern auch auf dem ganzen Weg zu dem Europäerviertel von Dualla, wimmelte es von schwarzen Vagabunden in allen möglichen Kostümen: Arbeiter, nur mit einem Hüftentuch bekleidet, Gigerln in weißen Anzügen, mit Strohhüten auf den schwarzen Wollköpfen, ja manchmal sogar mit Lackschuhen und mit roten Krawatten; schwarze Damen, die ihren üppigen Körper in enge Schnürleiber gezwängt hatten und mühsam aus dem Wollkopf zierliche Pariser Hütchen balanzierten. Unser Freund hätte manchmal laut aus lachen mögen bei den sonderbaren Erscheinungen, die sich hier boten. Da war z. B. ein niedliches schwarzes Backfischchen, das sich ein langes Schleppkleid geleistet hatte, das früher in irgend einem Berliner Salon eine Rolle gespielt haben mochte. Ihre Schuhe aber trug die Schöne sorgsam in der Hand, weil sie sie vielleicht gedrückt hatten. Ein Neger gigerl kam gar in den weißen Ballschuhen einer europäischen Dame einherstolziert und hatte dabei seine weißen Hosen recht weit aufgekrempelt, damit man nur ja seine rotseidenen Strümpfe sehen sollte. Als es aber zu regnen anfing, zog er seine Schuhe aus und hielt sie sorgsam unter den ungeheuren Regenschirm, mit dem er gleich den meisten Schwarzen bewaffnet war. Doktor Bergner war nicht wenig erstaunt, als er im Vorübergehen den stattlichen Palast des Häuptlings Manga Bell sah. Diese Schwarzen mußten unter der deutschen Herrschaft wirklich schon stattliche Reichtümer angesammelt haben! Gleich am nächsten Tage machte unser Freund von seinem Gasthofe aus im Boote einen Ausflug zu einer Kakao-Pflanzung, an deren Besitzer er Empfehlungen hatte. Es war ein wunderbarer Anblick, den diese Pflanzung bot. Im Schatten von oft 50 Meter hohen Urwald-64 riefen standen viele Tausende breitblättrige Kakaobäume, aus deren Stamm unmittelbar die großen roten oder gelben Früchte hervortraten. Sie wurden gerade eingesammelt, und die in ihnen angehäuften Kakao bohnen müssen dann einen künstlichen Gährungsprozeß durchmachen, um schließlich getrocknet zu werden. Unmittelbar hinter der Pflanzung begann der noch nicht gelichtete Urwald, den selten eines Menschen Fuß betrat. Zahllose Affen, Papageien und bunt schillernde Kleinvögel belebten dieses Gewirr von säulenartigen Stämmen, Lianen und Sträuchern. Eine heiße, schwere Lust, wie in einem Treibhaus, umgab den Wanderer, und Doktor Bergner, der noch an die frische, salzige Seeluft gewöhnt war, rang förmlich nach Atem. Die feuchte Wärme brachte den Körper ständig in Schweiß und ließ einen richtigen Genuß an der Schönheit des Urwaldes nicht aufkommen. Auch nachts sank die Temperatur nur wenig, und es war deshalb für den noch nicht an diese Verhältnisse gewöhnten Europäer schwer, erquickenden Schlaf zu finden. Obwohl die deutschen Behörden in hygienischer Beziehung schon erstaunlich viel getan und erreicht haben, gilt deshalb die Gegend am Kamerunfluß noch immer Mr ungesund und gefährlich, und Doktor Bergner, dem seine Malariaanfälle in Marokko noch in frischer Erinnerung standen, beeilte sich, von der heißen Küste fortzukommen und mit der neu angelegten Bahn nach dem im Hintergrunde aufragenden Kamerunberge zu fahren, wo angenehmere Verhältnisse herrschten. Schon die Fahrt mit der Bahn bot eine Fülle echt tropischer Land schaftsbilder, und oft ging es stundenlang durch dichte Urwälder von einer Pflanzenpracht, wie sie Doktor Bergner bis dahin noch nicht ge schaut, ja kaum geahnt hatte Aus der Ferne grüßte der hohe Kamerun berg herüber, der sogenannte Götterberg, ein erloschener Vulkan, von dem uns schon der karthagische Flottenführer Hanno die ersten Nachrichten gegeben hat. Die großen Feuermassen, die er aus der Ferne gesehen hatte und von denen er mit Entsetzen berichtet, waren aber wahrscheinlich nichts als der Widerschein ausgedehnter Grasbrände, wie sie die Neger- v!SUV7i-M65 selbst anzulegen pflegen. In Buea machte Doktor Bergner längeren Aufenthalt, um sich für eine Iagderpedition ins Innere auszurüsten und sich die nötigen Erlaubnisscheine zum Abschuß für Großwild zu verschaffen; denn hier walten schon strenge Jagdgesetze nach deutscher rvaidmännischer Art, durch die besonders der drohenden Ausrottung der Elefanten ein Riegel vorgeschoben werden soll, damit das wertvolle Elfenbein, das heute immer noch einen wichtigen Ausfuhrartikel Kameruns bildet, erhalten bleibt. Überhaupt konnte der Deutsche mit frohem Staunen auch hier wieder wahrnehmen, wie sehr die deutsche Verwaltung Zucht und Ordnung und Sauberkeit eingeführt hat. Der Palast des Gou verneurs war in seiner Art geradezu ein Schmuckstück, die andern euro päischen Niederlassungen reizende Landhäuser, und auch die Hüttendörfer der Eingeborenen machten einen behaglichen und anheimelnden Eindruck. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, daß die Eingeborenen vom Stamme der Bagwiri unter einander in blutiger Fehde lagen und auch den Deutschen erbitterten Widerstand entgegensetzten. Es sind schmutzige, aber kriegstüchtige Neger, die noch vor wenigen Jahrzehnten teilweise der Menschenfresserei huldigten und den Deutschen durch ihren Wider stand viel zu schaffen gemacht haben. Aber ihre Macht ist jetzt gebrochen, und sie haben sich in die neue Ordnung der Verhältnisse gefügt, weil sie bald dahinter kamen, daß die Hand des deutschen Gouverneurs eine viel mildere und gerechtere sei, als die ihrer eigenen Häuptlinge, die sich früher gegenseitig an blutdürstigen Grausamkeiten zu übertreffen suchten Die Kriegstüchtigkeit dieser Stämme kommt uns aber jetzt insofern zustatten, als sie ein vorzügliches Soldatenmaterial für unsere Schutztruppe liefern, und Doktor Bergner hatte seine helle Freude über die strammen Ge stalten, wenn sie unter Trommel- und Pfeifenklang, von deutschen Offi zieren geführt, zu ihren Übungen ausrückten. Diese Leute würden unter deutscher Führung auch einem europäischen Gegner nicht so leicht weichen! Auf den Nat der deutschen Negierungsbeamten schlug Doktor Bergner sein Hauptquartier für längere Zeit in einem kleinen Posthause auf, das Deutsches Schwert.66 ganz einsam an der Grenze zwischen Urwald und Grasland gelegen war. Die höheren Regionen Kameruns sind nicht mehr bewaldet, son dern stellen grasbewachsene Hochflächen dar, die von mancherlei Wild belebt werden. Der Marsch dorthin war aber ziemlich beschwerlich. Reit- und Lasttiere sind dort wegen der vielen Geländeschwierigkeiten und wegen der gefürchteten Tsetsefliege nicht zu verwenden. Man war aus den Fußmarsch angewiesen, und das ganze umfangreiche Gepäck mutzte durch schwarze Träger geschleppt werden. Dabei waren fort während steile Schluchten, undurchdringliche Dickichte und wilde Strom schnellen zu überwinden. In vielen Fällen wurde allerdings der Flutz- übergang durch das Vorhandensein von Brücken erleichtert. Aber es waren ganz eigentümliche Brücken, nämlich aus Lianen geknüpfte Hänge brücken, die sich oft in einer Länge von 50 Meter und mehr von Baum zu Baum über den Fluß spannten. Auf ungefügen Leitern mutzte man den einen Baum ^steigen und dann über die luftige Brücke hinweg balanzieren, deren Mittelweg kaum handbreit war. Doch konnte man sich wenigstens rechts und links an einer Art Geländer fest halten. So unsicher eine solche Brücke auch aussieht, so fest ist sie doch, denn das Lianengeflecht ist sehr zäh und vermag gut, mehrere Menschen gleichzeitig zu tragen. Immerhin schwankt die Brücke beträchtlich, und man mutz geradeaus sehen, da man leicht schwindelig wird, wenn man den Blick abwärts auf die mit unheimlicher Schnelligkeit unter dem Lianengeflecht hinwegrauschenden Wasser heftet. Zunächst hatte unser Freund nicht sonderlich viel Glück mit der Jagd, sondern war eigentlich recht enttäuscht. Er hatte sich vorgestellt, daß ein solcher prächtiger Urwald von Wild eigentlich nur so wimmeln müsse, aber das gerade Gegenteil war der Fall. Wohl trieben muntere Affen in den Wipfeln der Riesenbäume ihr lustiges Spiel, wohl belebten Papageien und Nashornvögel die Kronen der hochstämmigen Urwald partien, wohl erhob sich oft genug aus dem Buschwald mit rauschendem Schwingenschlag eine Kette Perlhühner, deren wohlschmeckendes Fleisch67 immer eine angenehme Abwechslung für den einförmigen Küchenzettel bedeutete, aber schon die zahlreichen Wildschweine gingen regelmäßig eher ab, als sie der Jäger zu sehen bekam, und von den ebenfalls nicht selten vorhandenen Leoparden war überhaupt nichts zu sehen. Nur nachts ertönten ihre Rufe weithin durch das Schweigen des Urwaldes. Büffel gab es, den vorhandenen Fährten nach zu schließen, genug, aber sie wurden durch die kleinen Vögel oder durch die Kuhreiher, die auf ihrem feisten Nucken saßen und ihnen das Ungeziefer absuchten, immer recht zeitig vor dem Nahen des Jägers gewarnt. Dabei war der Blick durch das dichte Unterholz überall aus wenige Meter im Umkreis beschränkt, und schon aus diesem Grunde war es außerordentlich schwer, zu Schuß zu kommen. Wiederholt versuchte Doktor Bergner es mit dem Anstände, wie er es von der europäischen Jagdweise her gewöhnt war, aber die unheimlichen Mengen von Moskitos und Stechfliegen ließen ihn nie lange genug ausharren, zumal der Stich dieser Schmarotzer insofern gefährlich ist, als durch ihn leicht die Keime des gefürchteten Malariafiebers oder anderer Tropenkrankheiten übertragen werden können. Auch war der Nückweg im pfadlosen Urwald bei dunkler Nacht nicht gerade eine An nehmlichkeit und der Raubtiere wegen auch nicht ungefährlich. Und doch brannte unser Freund begreiflicherweise darauf, einige Stücke afrikanisches Großwild zu erlegen, denn in Marokko hatte er zwar gute Jagdbeute gemacht, aber mit Büffeln, Elefanten und den großen Raubtieren war er dort nie zusammengetroffen. Auch schon der Fleischversorgung wegen wäre dies erwünscht gewesen, denn die Neger begannen schon mißmutig zu werden, weil die erhofften großen Fleischportionen ausblieben. Ein Umschwung zum Besseren trat erst ein, als Herr Forstmeister Braunmüller aus Buea in dem Posthause eintraf und dort auch für einige Zeit Aufenthalt nahm. Er sollte die Waldbestände der Gegend auf das Vorhandensein von wertvollen Hölzern hin untersuchen und erklärte unserm Freund, daß solche in den Kameruner Urwäldern aller dings massenhaft und in verschiedener Art vorhanden seien, daß aber ö 68 ihre Nutzung vorläufig noch durch Geländeschwierigkeiten und den Mangel von Transportmitteln stark beeinträchtigt wird. Doktor Bergner hatte den prächtigen Herrn schon während seines Aufenthaltes in Buea kennen gelernt und freute sich herzlich, in seiner Einsamkeit einen so liebens würdigen Gesellschafter zu bekommen. Wie die meisten Männer von der grünen Farbe war auch Forstmeister Braunmüller ein prächtiger, tat kräftiger Mensch, der das Herz auf dem rechten Fleck trug und auch viel Sinn für Humor hatte. So ließ sich s gut mit ihm plaudern und jagen. Er kannte die Wildverhältnisse aus jahrelanger Erfahrung, während Doktor Bergner ihnen ja noch vollkommen als Neuling gegenüberstand. Der Urwald hat Sie offenbar zu sehr gereizt," sagte der Forstmeister gleich am ersten Abend. Aber Sie dürfen sich nicht durch ihn verlocken lassen, denn viel mehr Wild findet man draußen in der freien Gras steppe, namentlich jetzt, wo nach der Regenzeit überall frisches Gras empor sprießt und dem Wild eine reichliche Weide gewährt. Auf Büffel hoffe ich Sie sicher schon in den nächsten Tagen zu Schutz zu bringen. Aber einige Vorsicht ist bei dieser Jagd schon nötig. Schießen Sie nur, wenn Sie vollkommen ruhig und ihres Schusses gewiß sind, denn ein bloß angeschossener Büffel ist ein furchtbarer Gegner. Sie werden ja wohl schon bemerkt haben, daß mir die Nase etwas schief im Gesicht steht. Das habe ich auch einem Büffel zu verdanken. Ich war nämlich vor Jahr und Tag mit einem Freunde, der nicht gerade ein ausgezeich neter Waidmann ist, auf der Büffeljagd, und wir hatten einen alten Bullen stark angeschweißt. Die Fährte führte weit in die Steppe hinein und verlor sich schließlich an einer Stelle, wo das Gras vom Brand verschont geblieben und infolgedessen sehr hoch war, so daß man nichts erkennen konnte. Ich wollte natürlich einige Stunden warten, bis der Büffel verendet sei, aber mein Gefährte, dessen erster Büffel es war und dem ich das Gehörn zugesagt hatte, war zu ungeduldig. Schließlich zog er mich sogar auf und fing an, an meinem Mut zu zweifeln. Das verträgt ein alter Afrikaner, wie ich, natürlich nicht, und so drang ich69 denn in Gottes Namen in das manneshohe Gras ein, die gespannte Büchse in der Hand, den Finger am Drücker. Kaum knisterten die ersten trockenen Grashalme unter meinen Stiefeln, da ein wütendes Schnaufen, fünf Schritte vor mir ein kurzes Brechen und Prasseln, und ein schwarzer Körper schoß auf mich los. Knapp behielt ich noch Zeit, die Büchse hoch zu reißen und abzudrücken. Im selben Augenblick erhielt ich aber auch schon einen furchtbaren Stoß in die linke Seite und fühlte mich hoch in die Luft geschleudert. Wieder auf der Erde gelandet, hatte ich doch noch Geistesgegenwart genug, blitzschnell eine neue Patrone in den Lauf zu schieben, da faßte mich der wütende Bulle aber auch schon zum zweitenmal und warf mich wieder empor. Das Gewehr entlud sich dabei, und ich versuchte nun, durch schnelles Zickzacklaufen dem grimmigen Tiere zu entkommen. Aber schon nach wenigen Augenblicken hörte ich das wütende Schnaufen wieder hinter mir und packte unwillkürlich mit meiner linken Hand das Maul des Büffels. Aber ein furchtbarer Schlag mit dem Horn zerschmetterte mir das Nasenbein, ich fühlte mich wieder emporgehoben, und gleich darauf schwanden mir die Sinne. Als ich wieder zur Besinnung kam, kniete mein Jagdkamerad neben mir und wusch mir mit Wasser das Blut aus dem Gesicht. Ringsum standen meine Soldaten mit ihren Gewehren, und andere flochten aus Lianen eine Tragbahre, um mich fortzuschaffen. Neben mir aber lag der ver endete Büffel, denn er war glücklicherweise, nachdem er mich zum letzten mal emporgeschleudert hatte, infolge der erhaltenen Wunde tot zusammen gebrochen. Mein Kamerad war ausgerissen und hatte die Soldaten zu Hilfe geholt. Solche Abenteuer, junger Mann, vergißt man so leicht nicht; also seien Sie vorsichtig, denn es läuft nicht immer so glücklich ab. 2m allgemeinen kommen auf der Büffeljagd viel mehr Jäger zu Schaden, als etwa auf der Löwenjagd. Aber wenn Sie die Nuhe nicht verlieren, möchte ich mich fast dafür verbürgen, daß Sie ein paar gute Büffelgehörne aus Kamerun mitnehmen können. Die Schußzeit auf Elefanten beginnt ja auch in der nächsten Woche, und wie ich von70 meinen Soldaten gehört habe, sollen sich größere Herden dieser Riesen tiere hier herumtreiben. Den Rückweg von hier zur Bahnlinie können Sie dann, wenn Sie Lust haben, mit mir im Boot machen, und dabei werden wir gewiß noch auf Krokodile und Flußpferde zu Schuß kommen." Doktor Bergner war natürlich hoch erfreut über die in so reichem Maße in Aussicht gestellten Waidmannsfreuden, und mit neuer Hoff nung begab er sich deshalb mit dem neugewonnenen Freunde am nächsten Tage aus die Pirsch, längs eines Flusses nach der freien Grassteppe zu. Und siehe da, diesmal lächelte ihm das Jagdglück in ungeahnter Weise, und er konnte sich endlich davon überzeugen, daß das Wild in diesen Gegenden noch nichts von seiner Urwüchsigkeit eingebüßt hat. Sogar eine Herde Elefanten kam gleich am frühen Morgen zu Gesicht. Einige alte Tiere hatten die Führung übernommen. Die langen Rüssel erhoben, die breiten Ohren rechtwinkelig zu dem mächtigen Kopse haltend, trom peteten sie durch die Steppe. Die Muttertiere folgten den Kälbern. Spielend fuhren die Rüssel der Mütter über die Rücken der Kleinen, legten sich seitwärts an die Köpfe der Kälber und wiesen ihnen so die Richtung. Wollten die Kleinen stehen bleiben, so wurden sie von den Müttern mit der breiten Brust vorwärts durch das hohe Gras geschoben. Einige alte Herrn, starke Bullen mit schwerem Elfenbein, beschlossen den Trupp. Dumpf gurgelnd durchzitterten ihre Trompetentöne die Luft, wenn sie die Rüssel aufwarfen. Die mächtigen Stoßzähne leuchteten in den ersten Strahlen der Morgensonne, und im Vorübergehen griffen die Tiere ins lange Gras, ganze Büschel ausreißend, die, vom Rüssel emporgeschleudert, wie Flocken durch die Luft wirbelten. Erschreckt fuhr ein Nudel Schwarzfersen-Antilopen aus dem Grase empor, um sich vor dem Spektakel in Sicherheit zu bringen. Einige Sumpfböcke streckten neugierig ihre Köpfe aus der dichten Schilfwand des nahen Flusses hervor, äugten ganz empört zu den lärmenden Elefanten hinüber, schüttelten ob solcher Störung unwillig die Lauscher und zogen sich dann vornehm und still wieder in ihre Verstecke zurück. Die Elefanten trabten dem71 Walde zu, um im Schatten der Riesenbäume ihre Siesta zu halten. Es war ein großartiger, herrlicher, unvergeßlicher Anblick, aber noch durften die Büchsen nicht sprechen, denn noch war Schonzeit, und der Forstmeister und der Doktor als echte deutsche Jäger waren trotz der verlockenden Gelegenheit keinen Augenblick im Zweifel, daß sie dieselbe streng einhalten müßten. Und es war, als wolle sie Diana für ihre Enthaltsamkeit belohnen, denn kurz darauf stießen sie mit einer Herde Büffel zusammen. Sie ästen in einer Wiese unweit einer Biegung des Flusses. Spielend trieben sich die Kühe hin und her im sumpfigen Boden, und etwas ab seits stand auf einem kleinen Hügel ein schwarzer Bulle und bearbeitete mit seinem mächtigen Gehörn einen Termitenhaufen, indem er die harten Lehmpatzen wie Geschosse durch die Luft schleuderte. Vorsichtig pirschte sich Doktor Bergner unter Anleitung des Forstmeisters Schritt für Schritt im hohen Grase heran, und schließlich hatte er den Bullen auf 8(1 Schritte vor sich, ohne daß das mächtige Tier etwas gemerkt hätte. Mit verhaltenem Atem machte unser Freund Halt, und obwohl er sonst ein furchtloser und unerschrockener junger Mann war, packte ihn doch ein leises Grauen beim Anblick des wehrhaften Büffels, zumal er in diesem Augenblick unwill kürlich an die Geschichte denken mußte, die ihm der Forstmeister am Abend vorher erzählt hatte. Langsam hob er die Büchse und suchte nach dem Fleck, wo er seine Kugel anbringen konnte, aber das Rohr flog in seiner zitternden Hand förmlich hin und her. Das Iagdfieber hatte ihn mit aller Gewalt gepackt. Der Forstmeister hielt ihm das Gewehr fest und flüsterte leise: Halt! Absetzen, Mann! So können Sie nicht schießen. Sie müssen erst ruhiger werden. Es ist ja gar nichts dabei, ganz und gar ungefährlich. Hier in der Nähe sind ein paar Bäume, auf die können wir im ärgsten Notfall immer noch heraufkrazeln. Denken Sie, wir seien zuhause in Deutschland und dort weidet eine Herde Vieh. Der Bulle tauge nichts, solle, statt ihn erst ins Schlachthaus zu bringen, kurzer Hand abgeschossen werden. Also nun versetzen Sie sich einmal in diese72 Lage und sehen Sie zu, ob Sie ihn treffen." Doktor Bergner war jetzt wirklich ruhiger geworden, trat leise hinter der ihn verdeckenden Gras staude hervor und drückte ab. Harter Kugelschlag war vernehmbar. Der Bulle machte einige weite Sprünge, daß Sumpf und Moor hoch auf spritzten, drehte sich dann halb um und äugte mit den kleinen tückischen Augen herüber, seinen Gegner suchend. Wütend schüttelte er den ge waltigen Zottelkops. Da bekam er die zweite Kugel Bergners in den Leib, prallte einen Augenblick zurück, hatte aber zugleich seinen Gegner wahrgenommen. Ein kurzes wütendes Brüllen ausstoßend, stürmte er mit gesenktem Kopse auf ihn los. Doch unser Freund hatte jetzt seine volle Geistesgegenwart wieder, schob rasch eine neue Patrone in den Lauf und sprang zur Seite. Der darüber verblüffte Büffel blieb einen Augen blick stehen und äugte mit blutunterlaufenen Augen herüber. Lange genug, daß Doktor Bergner ihm mitten auf die Stirne zielen konnte. Wie vom Blitze getroffen brach jetzt der Bulle im Feuer zusammen, und gleich darauf stand unser Freund hoch aufatmend mit klopfendem Herzen neben seinem ersten selbst erlegten Büffel und streichelte fast zärtlich das mächtige Gehörn, das ihn eben noch mit dem Tode bedroht hatte. Der Forstmeister beglückwünschte ihn herzlich. Er hatte sich während der ganzen Zeit im Hintergrunde gehalten, weil er die Erlegung des Tieres den? Neuling gönnen wollte. Nur war er mit der Büchse im Anschlag geblieben, um im Notfall helfend eingreifen zu können. Die Sonne war inzwischen höher gestiegen und brannte unbarmherzig aus die Steppe hernieder, wo sich infolgedessen alles Wild verzogen hatte. Nachdem die beiden Weißen ihren schwarzen Dienern die Zerlegung und Fortschassung des Büffels aufgetragen hatten, wandten auch sie sich des halb jetzt dem nahen Waldesschatten zu. Etwa eine Stunde pirschten, sie hier vergeblich, dann aber sahen sie weiße, kleine Kuhreiher auf den Bäumen sitzen. Achtung!" flüsterte der Forstmeister, wenn Kuhreiher da sind, da sind auch die Büffel nicht weit. Pirschen wir vorsichtig näher! Wieder ließ er neidlos dem jungen Mann den Vortritt, und mit Auf73 gebot aller Jägerkunst wand sich Doktor Bergner durch die Büsche. Oft mußte er unter den untersten Zweigen auf dem Bauche durchkriechen. Ab und zu blieb er stehen und horchte. Wirklich vernahm er jetzt ein Plantschen und Prusten und schloß daraus ganz richtig, daß die Büffel sich nach ihrer Gewohnheit im Schlammwasser tummelten. Weiter schleichend sah er dann wirklich auf nur 15 Schritte unter den breiten überhängenden Zweigen der Bäume einen kleinen sumpfigen Tümpel vor sich, in welchem sich neun starke Büffel suhlten. Eine ganze Weile sah er sich das großartige Bild an, dann aber schoß er dem ältesten Büffel von oben auf den Kopf, daß er lautlos in dem Sumpf zusammenbrach. Ein mächtiges Durcheinander entstand. Lautes Rauschen und Wühlen war zu hören, Schlamm und Wasser spritzten hoch auf, und dann erhob sich der erste Büffel mit schwerem Sprung aufs jenseitige Ufer. Bergner schoß auch nach ihm noch einmal, doch ging seine Kugel fehl. Nun, er hatte ja genug Beute für heute und war mit diesem Tage außerordentlich zufrieden. Nun stand sein Sinnen und Trachten nur noch auf Erlegung eines Elefanten, und als die Schußzeit für diese riesigen Dickhäuter begonnen hatte, war er eifrig hinter den Fährten her, die sich öfters in der Nähe des Posthauses zeigten. Zunächst vergeblich. Aber einmal, als er mit dem Forstmeister gerade beim Essen saß, kam einer der schwarzen Soldaten schweißtriefend herbeigesprungen und meldete in großer Aufregung, daß Elefanten ganz in der Nähe seien. Zwar war es gerade mittags und die Sonne brannte heiß und glühend, aber trotzdem sprang Bergner so fort wie elektrisiert auf. Gehen wir," drängte auch der Forstmeister, denn gerade um die Mittagszeit ist die Aussicht, auf Elefanten zu Schuß zu kommen am größten, weil die Tiere dann träge sind und im Halbschlaf ruhen." Der Schwarze führte die beiden zur Fährte, und nun folgte ein kurzer, aber höchst beschwerlicher Marsch. Durch Dickicht, Buschwerk und dornige Ranken im düsteren Unterholz mußte man sich durchzwängen, und Tausende von bissigen Ameisen fielen von den Blattspitzen auf die Jäger hernieder. Nur hie und da war die Fährte deutlich sichtbar, die der74 Forstmeister für die eines halbwüchsigen Bullen erklärte. Der Elefant selbst gleitet mit seinem mächtigen Körper durch das elastische Gewirr des Unter holzes, und dieses schließt sich sofort hinter ihm, so daß seine Spur nur schwer zu verfolgen ist. Nach etwa einer halben Stunde blieb der Schwarze stehen und machte zu dem ihm auf den Fersen folgenden Doktor eine Hand bewegung, die wohl so viel sagen sollte, als daß der Elefant da sei. Doktor Bergner schüttelte den Kopf, denn er sah beim besten Willen überhaupt nichts. Wieder und wieder aber deutete der Schwarze aufs Buschwerk, und auch der Forstmeister, der inzwischen hinzugetreten war, nickte beistimmend. Endlich glaubte der junge Deutsche eine undeutliche schwarze Masse im Zweiggewirr zu erkennen und schoß auf gut Glück ab, obwohl er des Schusses ungewiß war. Im Nu sprang der Elefant hoch, und jetzt war er allerdings deutlich zu sehen. Er verlor zwar viel Schweiß, war aber anscheinend nicht tätlich getroffen. Ohne Rücksicht darauf, daß die Dornen ranken Kleider und Haut in Fetzen rissen, folgten ihm die drei, vom Jagdfieber gepackt. Sie kamen nach einiger Zeit auf eine winzige Wald blöße, die durch dichtes Laubwerk wie mit einem Vorhang abgeschlossen war. Der Bulle steckte darin, denn man hörte ihn hin und her toben und in etwa 50 Schritt Entfernung einen Baum krachend niederstürzen. Langsam ging Doktor Bergner näher. Plötzlich hörte er vor sich ein Rauschen, eine Sekunde später öffnete sich der Laubvorhang, und 10 Meter vor sich sah er den mächtigen Kopf, die abstehenden Ohren und den ausgestreckten Rüssel des erbosten Elefanten. In diesem Augenblick packte ihn doch die Furcht. Er machte schleunigst Kehrt, sprang hinter einen dicken Baum, der glücklicherweise in der Nähe stand und ließ den Elefanten vorbei rasen; dabei schoß er nochmals von der Seite auf ihn, traf aber in der Hast nur die Hinterkeule. Auch beim Forstmeister drüben knallte es, aber auch seine Kugel genügte nicht, den Tierriesen zu fällen. Nachdem man eine Weile verschnauft hatte, ging die Jagd weiter. Die Spur war jetzt leicht zu verfolgen, denn überall war starker Schweiß vorhanden und zerstampfte Stellen. Hier hatte der Elefant seine Wunde75 an starken Bäumen gerieben, dort sich gewälzt, dann wieder Bäume in ohnmächtigem Grimm geknickt. Endlich bekam man das totkranke Tier wieder zu sehen. Es stand mit gesenktem Kopf auf 12 Meter vor den Jägern und hatte offenbar nicht mehr die Kraft, zu einem neuen Angriff. Sorgfältig zielte Doktor Bergner zwischen Ohr und Stirn, denn er wußte, daß dies die verwundbarste Stelle bei dem Dickhäuter ist. Ein Knall, ein dumpfer Fall, und der Elefant lag. Tief aufatmend schüttelte Bergner dem Forstmeister die Hand, dem er auch diesen Jagderfolg zu verdanken hatte. Beide setzten sich auf den Nacken des toten Elefanten und zündeten sich eine Zigarette an. Sie war aber noch nicht zur Hälfte ausgeraucht, als der scheinbar leblose Elefant plötzlich wieder die Augen öffnete und man hörte, wie Herz und Lungen gleich einer Dampfmaschine vom neuem zu arbeiten anfingen. Erschrocken sprangen alle auf, doch war jede Be sorgnis überflüssig, denn das Geräusch wurde schwächer, und unter einem langen Seufzer brach endlich das kluge Auge. Die Majestät des Todes schritt durch das düstere Buschwerk. Doktor Bergner warf die angerauchte Zigarette fort. Die rechte Waidmannsfreude wollte nicht mehr in ihm auf kommen, und es tat ihm jetzt fast leid um das schöne kräftige Tier, das der überlegenen Waffe des Menschen zum Opfer gefallen war. Es hielt jetzt unsern Freund eigentlich nichts mehr in dieser Gegend, denn er hatte nur Erlaubnis zum Abschuß eines einzigen Elefanten, und eigentlich war ihm auch die Lust dazu jetzt etwas vergangen. Es war ihm deshalb recht, als der Forstmeister einige Tage später ihm vorschlug, nunmehr die Rückreise aus dem Wasserwege anzutreten. Sie zogen daher eine Tage reise weit bis zu einem schiffbaren Fluß, wo ein großes, der Negierung gehöriges Boot schon ihrer wartete. Auch diese Flußfahrt bot wieder eine Reihe landschaftlicher Hochgenüsse und Gelegenheit zu reichen Beobachtungen. Vorhangartig dicht hingen die dunkelgrünen Uferwaldungen mit hie und da rot aufleuchtenden Blüten über dem Wasserspiegel und schlössen das Leben im Urwald geheimnis voll ab. Über den in der Sonne glitzernden Fluß zog gelegentlich in76 schwerem Flug ein brauner Riesenreiher, oder einige aufgescheuchte Grau papageien flogen mit schrillem Krächzen und fragendem Pfeifen von einem Ufer zum andern. Ab und zu auch ein klatschender Aufschlag, wenn ein Waran sich von seinem Ast ins Wasser herabfallen lieg. Der gleichmäßige Ruderschlag und der eintönige Gesang der Schwarzen hatte die beiden Euro päer an einem glühendheißen Nachmittag eingeschläfert. Im Halbdusel lag Doktor Bergner im Liegestuhl unter dem ausgespannten Mattendach, das Gesicht mit dem Tropenhelm beschattet. Das plötzliche Aufhören des Ge sanges und der Ruderschläge, sowie der Ruf: Herr, dort!" weckte ihn, und mit einem fast unwilligen Was gibts?" fuhr er empor. Ganz großes Wild" grinste einer der Schwarzen und deutete mit der Hand nach einer noch etwa 200 Schritt entfernten Sandbank, von der gerade ein kleines Krokodil mit schnellen Bewegungen ins Wasser hinein tauchte. Auf der höchsten Erhebung lag ein zweites, ein ganz riesiges Tier. Lang sam hob sich der Oberkiefer und ließ den mächtigen Rachen sehen, der Unterkiefer folgte ein wenig nach, und dann klappten beide gleichzeitig herunter. Das wiederholte sich mehrere Male, während das Boot lang sam näher trieb. Jetzt war es auf 100 Schritte heran. Da setzte sich die riesige Echse in Bewegung und kletterte schwerfällig und doch nicht gerade langsam die Sandbank herab. Gerade als sie mit dem Kops ins Wasser tauchen wollte, drückte Doktor Bergner ab, und hinter ihm knallte fast gleichzeitig der Schuß des Forstmeisters. Das Krokodil ver schwand spurlos und tauchte zunächst nicht mehr auf. Man landete an der Sandbank und untersuchte sie. Im Sand war keine Kugelspur zu finden, also mußte das Geschoß getroffen haben. Mißmutig und ent täuscht sah Bergner den Forstmeister an. Dieser aber nieinte gelassen: Es ist noch kein Grund zum Verzweifeln. Getroffen ist das Krokodil, und gewöhnlich kommen die Tiere in solchem Falle nach einiger Zeit zum Sterben wieder auf die Sandbank zurück. Also verstecken wir uns in der Nähe und warten wir das Weitere ab. Wirklich tauchte nach etwa einer Viertelstunde der mächtige Kopf des Tieres etwa 15 Schritte77 vor der Sandbank wieder auf. Doktor Bergner zielte diesmal auf den Nackenwirbel und glaubte, gut abgekommen zu sein, aber trotzdem ver schwand das Krokodil wieder nach der Fluhmitte zu. 10 Minuten später erregte ein sich bewegender Schlammstreifen die Aufmerksamkeit der Jäger. Sie stiegen wieder an die Sandbank empor, und richtig fanden sie an deren oberem Ende die gewaltige Echse, wie sie sich im Todeskampf in den flachen Uferschlamm einwühlte. Sie war von gelbgrüner Farbe, 5 Meter lang und entsprechend breit. Ein Schuß aus dem Schrotgewehr gab ihr den Rest, und nun brachen die Schwarzen in lautes Jubelgeschrei aus, denn Krokodilfleisch bildet für sie einen leidenschaftlich geliebten Fest braten. Die Europäer aber konnten sich nicht überwinden, davon zu essen, denn nach ihren Begriffen stank das Fleisch ganz entsetzlich. Während die Schwarzen noch mit der Bereitung des Mahles beschäf tigt waren, sagte der Forstmeister: Morgen kommen wir in die Gegend der Stromschnellen, wo sich nach meinen Erfahrungen regelmäßig ganze Herden von Nilpferden aufzuhalten pflegen. Ich muß zwei oder drei davon schießen, um unsere Station mit Fleisch zu versorgen. Gern tue ich s aber nicht, denn diese Tiere sind trotz ihres ungefügen Körperbaues eigentlich recht harmlos und dabei ziemlich zutraulich, so daß die Jagd auf sie einem richtigen Waidmann wenig Vergnügen macht, weil sie eher einer Schlächterei gleicht. Ich lasse ihnen deshalb auch da gerne den Vortritt, damit Sie in der Heimat doch auch erzählen können, ein Nilpferd geschossen zu haben. Aber ich glaube, Sie werden die Sache gleichfalls bald satt kriegen, so wie ich Sie bisher kennen gelernt habe." Wirklich traf man dann an der von dem Forstmeister im Voraus bezeichneten Stelle eine Herde von mindestens 30 Nilpferden. Die großen feisten Tiere boten ein gar friedliches Bild dar, wie sie in einer kleinen Aus buchtung des Flusses miteinander spielten. Merkwürdig behend tummelten sich die scheinbar so plumpen, rosigen und graubraunen Körper, und munter tollten Groß und Klein im Wasser und am Ufer herum. Der Forstmeister ließ halten, und beide betrachteten das schöne Naturbild mit78 stummer Bewunderung, ehe sie sich entschließen konnten zu schießen. End lich taten sie es notgedrungen doch. Mit Hellem Klang, der dumpf und dumpfer über die Wasser rollte, brach sich Doktor Bergners Schuß, der einem alten Bullen galt. Ein Stampfen und Drängen und Plantschen, und im Nu mar die ganze Herde im Wasser. Der Bulle, der einen Kopfschuß erhalten hatte, stieg hoch auf und erhielt in diesem Augenblick auch die Kugel des Forstmeisters ins Herz, noch bevor er untertauchen konnte. Die Tiere waren nun scheu geworden und streckten ihre riesigen Schädel nur noch zu kurzem röchelndem Atemholen für wenige Sekunden über Wasser, so daß man nur unsichere Schüsse anbringen konnte. Trotz dem wurden noch mehrere Tiere erlegt, aber die Schützen waren froh, als sie dann dem Morden ein Ende machen durften. Die Herde war schließlich völlig zersprengt und schwamm teils flußauf-, teils flußabwärts. Nun galt es noch die überreiche Fleischbeute zu bergen. Einige Leute wurden flußabwärts geschickt und fingen dann dort im Laufe des Tages die mit aufgedunsenen Körpern im Wasser schwimmenden Kadaver ver schiedener Nilpferde auf. Der große alte Bulle aber war nicht dabei, sondern seine Spur zeigte, daß er etwa zwei Kilometer unterhalb des Iagdplatzes trotz seiner schweren Verwundungen wieder Land ge stiegen war. Die beiden Europäer verfolgten ihn noch etwa 60V Meter weit in den Busch, bis sie ihn endlich verendet auffanden. Ringsum war die Erde zerwühlt und zerstampft, und zahlreiche Nisse in der dicken Haut des Tieres gaben Kenntnis davon, mit welcher Wucht es in seiner Todes angst durch das Dorndickicht gerannt sein mußte. Für die Neger war es ein Festtag, denn der Schwarze kennt ja nichts Schöneres, als sich von Zeit zu Zeit den Bauch einmal gründlich mit Fleisch vollzustopfen. Die Leute waren deshalb ausgelassener Laune, sangen und scherzten, und lächelnd sahen ihnen die beiden Europäer zu. Sie sind doch wie große Kinder" meinte der Forstmeister. Ja" versetzte Bergner, aber sonst machen sie doch den Eindruck, ganz tüchtige Kerls zu sein, und ich glaube wohl, daß man sich in der Stunde der79 Gefahr auf sie verlassen kann. Unbedingt", pflichtete der Forstmeister bei, namentlich was die Soldaten anbelangt. Sie glauben gar nicht, was der deutsche Drill aus den Kerls zu machen vermag. Im Gefecht gehen sie drauf wie die Teufel und entwickeln auch in der Verteidigung eine Zähigkeit und Ausdauer, wie ich sie den Schwarzen nie zugetraut hätte. Diese Eebirgskameruner sind eben ein ganz anderer Menschen schlag, als die faulen und lümmelhasten Duallas an der Küste." Dann glauben Sie wohl auch, daß Kamerun sich im Falle eines euro päischen Krieges gegen feindliche Übermacht zu halten vermag?" Nun", erwiderte der Forstmeister, ich will nicht hoffen, daß dieses jemals im Ernst fälle eintreten möchte. Selbst wenn einmal die große Abrechnung mit England kommen sollte, so werden doch wohl die Engländer, die sich ja im allgemeinen gut aufs Kolonisieren verstehen, nicht so unglaublich töricht und verblendet sein, daß sie den Krieg auch auf die afrikanischen Schutz gebiete übertragen. Eine Entscheidung könnte hier ja doch niemals fallen, sondern wird auch um den Besitz der Kolonien stets nur auf französischem Boden oder in der Nordsee zwischen den beiderseitigen Flotten errungen werden. Es wäre ja eine Verblendung sondergleichen, wenn man sich auch hier in Afrika schlagen wollte. Es würden dabei nur die mühselig aufgebauten Werke europäischer Kultur zerstört werden, und vor allem würde ein Kampf zwischen Weißen den Schwarzen ein hochwillkommenes Schauspiel bieten, das ihren Eigendünkel mächtig heben und ihre Auf- säßigkeit steigern würde. Aller Respeckt vor den Weißen, in denen sie heute immer noch eine höhere Rasse sehen, ginge dabei zum Teufel, und dann wehe unseren armen Kolonisten! Sollte das Unglaubliche aber doch wahr werden, dann bin ich allerdings davon überzeugt, daß unsere Kameruner Schutztruppen bei ihrer vorzüglichen Beschaffenheit sich recht lange, selbst gegen große Übermacht halten können, zumal das ungesunde Klima des Landes, seine dichten Wälder und vielen Flüsse dem Feind schwer überwindbare Hindernisse entgegenstellen würden. Sollten wir allerdings von mehreren Seiten mit großer Übermacht angegriffen werden80 und sollte der Krieg wider Erwarten sehr lange dauern, dann mutzten wir freilich erliegen, da wir ja vom Mutterland völlig abgeschnitten sind und deshalb keinen Nachschub an Schießbedarf, Medikamenten, Mann schaften usw. erhalten könnten. Aber auch dann werden die Engländer schwerlich die Freude haben, die deutsche Flagge in den Staub zu treten, denn so stark werden wir immer sein, um uns nach den benachbarten spanischen Besitzungen durchschlagen zu können und bei der altbekannten Ritterlichkeit der Spanier werden wir wohl dort auch freundliche Aufnahme finden." Dieses ernste Gespräch war eines der letzten, das Joachim Bergner mit dem liebenswürdigen Forstmeister hatte. Wenige Tage später hatten sie die Bahnlinie wieder erreicht und trennten sich. Denn während der Forstmeister nach Buea zurückkehrte, fuhr unser Freund wieder nach Dualla, um sich hier einzuschiffen und nunmehr Deutsch-Südwestafrika aufzusuchen. Rapitel V. Deutsch-Südwestafrika, die bekannteste und wegen der dort aufgefundenen Diamanten und wegen des dort vergossenen deutschen Blutes die volkstüm lichste unserer Kolonien, sah zunächst nicht sehr verlockend aus, als Joachim Bergner es zum erstenmal vom Bord seines Schiffes aus aus den Fluten auftauchen sah. Ringsum nichts als öder Sand und hohe Dünen, in weiter Ferne blau verdämmernde Berge, aber auch diese anscheinend kahl und ohne Pflanzenwuchs. Diese Enttäuschung hielt auch noch längere Zeit an, als Doktor Bergner das Land, selbst betrat und mit schönheits durstigen Augen seine Reize zu erfassen suchte. Er war eben durch die prachtvollen Urwälder und den Wasserreichtum Kameruns verwöhnt und fühlte sich deshalb durch die Dürre und Unfruchtbarkeit der Sandwüsten abgestoßen. Erst allmählich kam er dahinter, daß auch diese scheinbar so öde Gegend ihre Reize hat, namentlich bei Sonnenaufgang oder -Unter-87^75- -81 gang, wenn die Sandhügel und Felsenklippen in allen Schattierungen von Gold oder Purpur aufleuchten. Der fürsorgliche Chefredakteur seines Blattes hatte dafür gesorgt, daß er auch hier gleich Anschluß an einen landeskundigen und in hervorragender Stellung befindlichen Herrn fand und daraus seine Vorteile ziehen konnte. Kaum hatte er sich s im Gast hause von Srvakopmund bequem gemacht, als es auch schon an seiner Zimmertüre klopfte und auf sein Herein!" ein Offizier in Schutztruppen uniform erschien, der sich als Hauptmann Schönroald vorstellte und sich liebenswürdig als Mentor anbot. Bei dem üblichen Willkommenstrunk kam natürlich die Rede bald auf die Eigenart und die Verhältnisse der Kolonie. Wenn Sie aus Kamerun und Togo kommen," sagte der Hauptmann, dürfen Sie nicht die dortigen Verhältnisse zum Matzstab an die hiesigen anlegen, denn Südwest ist ein ganz sonderbares Land, von dessen Eigen art man sich in Deutschland wohl keine rechte Vorstellung machen kann. Urwälder und Kakaoplantagen haben wir hier nicht, sondern der Charakter des Landes wird bedingt durch seine Wasserarmut und seinen Sandreichtum. Sie sehen ja schon hier überall die kahlen Sanddünen, die sich bis zu 70 Meter Höhe aufbäumen, und das geht Hunderte von Kilometern so fort. Auch die felsigen Berglandschaften haben ein ganz eigenartiges Gepräge, denn sie sind gleichfalls im Sand vergraben, und es ragen so zusagen nur die Spitzen der Gipfel in Gestalt steiler Felsklippen daraus hervor. Das können Sie z. B. am Waterberg sehen, wo wir die auf ständigen Hereros zu Paaren trieben. Es ist ein aus der Wüste steil aufragendes festungsartiges Plateau aus rotem Sandstein, und seine Er stürmung war deshalb ein saures Stück Arbeit, zumal sich die Hereros tapfer genug wehrten. So mancher brave deutsche Reiter hat dort bluten müssen. Von der Beschwerlichkeit eines hiesigen Feldzuges hat man in Deutschland wohl keine Ahnung, aber ich kann Ihnen versichern, daß die scheinbar belanglosen Kämpfe gegen die Aufständischen hier eine ganz großartige Schulung für Offiziere sowohl wie Mannschaften gewesen sind. Deutsches Schwert. ^82 Sollte es einmal zu einem großen Kriege in Europa kommen, so werden unsere Afrikaner zu zeigen wissen, was sie hier gelernt haben. Was sie an Entbehrungen ertragen und an Ausdauer leisten mußten, das ist ein fach bewunderungswert. Eine kleine Vorstellung davon werden Sie viel leicht bekommen, wenn Sie selbst erst größere Reisen und Jagdausflüge im Inneren gemacht haben. Wo die Bahn noch nicht geht, da ist näm lich das Reisen hier gar nicht so einfach, weil man immer auf die spärlich genug vorhandenen Wasserstellen angewiesen ist und leicht verdursten kann, wenn man diese nicht rechtzeitig erreicht." Jedenfalls hat," sagte Bergner, die Wasserarmut des Landes auch von vornherein unserer kolonialen Tätigkeit einen besonderen Stempel aufgedrückt, und so viel weiß ich ja schon, daß die Besiedelung des Landes durch Europäer hier an ganz andere Bedingungen und Vor aussetzungen geknüpft ist, wie in den übrigen Kolonien." Da haben Sie allerdings recht," bestätigte der Hauptmann, denn Sie werden sich wohl denken können, daß in einem Lande, wo es meist volle neun Monate lang überhaupt nicht regnet, vom Getreidebau überhaupt keine Rede sein kann. Etwas Gartenkultur ist möglich, etwa da, wo für künst liche Bewässerung gesorgt ist. Aber in der Hauptsache ist der Landwirt hier doch aus die Viehzucht angewiesen, und zwar namentlich auf Ninder- und Schafzucht. Indessen nimmt auch die Viehwirtschaft sich hier ganz anders aus, wie bei uns in Deutschland. Ställe für das Vieh gibt es nicht, sondern dieses verbringt sein ganzes Leben auf der Weide, und muß natürlich eine ergiebige Tränkstelle in der Nähe sein. Unter der Weide dürfen Sie sich aber nun nicht etwa eine schöne grüne Wiese vorstellen, sondern es sind ziemlich öde Landstrecken, aus denen nur hie und da ein Grasbüschel hervorragt. Eine solche Weide ist natürlich wenig ergiebig und gibt nicht viel Nahrung für das Vieh. Wir rechnen hier deshalb damit, daß ein einziger Ochse 10 12 Hektar Weidefläche bedarf. Daraus ergibt sich weiter, daß zur hiesigen Art der Landwirtschaft sehr unfangreiche Güter gehören, und in der Tat haben die Farmen hier83 meist einen Umfang von 5 10000 Hektar, entsprechen also nach deutschen Begriffen einem sehr anständigen Majorat. Zur Einrichtung eines solchen Großbetriebes gehört natürlich beträchtliches Kapital, und deshalb erscheint eine Ansiedlung von Kleinbauern in Süd-West so ziemlich ausgeschlossen. Man hat es zwar versucht und Gemüsebauern an den Rivers angesiedelt, wie man hier allgemein mit einem Ausdruck der Burensprache die trockenen Flußbetten bezeichnet, die doch noch immer etwas Feuchtigkeit haben. Aber diese Versuche sind wenig ermutigend ausgefallen und haben wohl kaum eine Zukunft. Früher gab es auch viel Abenteurer aller Art hier, und nach der Entdeckung der Diamantenfelder kam eine neue Welle davon zu uns. Aber die Behörden haben alle unsicheren Elemente zu entfernen gewußt, und heute ist in Süd-West die Zeit der wilden Abenteuer vor bei und dafür die ernster und zielbewußter Arbeit gekommen." Wie kommt man denn jetzt hier mit den Eingeborenen aus?" erkundigte sich Doktor Bergner weiter. Seitdem die großen Aufstände der Hereros und Hottentotten niedergeschlagen sind, scheint doch Ruhe im Lande ein gekehrt zu sein, und sind die Eingeborenen wohl zur Vernunft gekommen." Die Macht der Aufständischen," versetzte Hauptmann Schönwald, ist allerdings wohl endgültig gebrochen, und ihre Zahl war ja niemals sehr groß, auch ihre Einigkeit zu unserm Glück nicht vollkommen. Wenn keine Störungen von außen kommen, so kann man wohl voraussagen, daß sich die Kolonie gedeihlich entwickeln wird, in vernünftiger Zusammen arbeit der deutschen Einwanderer mit den besseren Elementen unter den Eingeborenen. Wenn man von solchen spricht, so darf man nie ver gessen, daß es sich nicht um ein einheitliches Volk handelt, sondern daß da sehr verschiedene Stämme in Betracht kommen. Da sind z. B. die schon vorhin erwähnten Hereros, die heute hauptsächlich in der Gegend von Windhuk wohnen. Sie erinnern in vieler Beziehung an die Kaffern, sind kräftige, wohlgebildete, in ihrer Art nicht unschöne Menschen, in mancher Beziehung auch recht tüchtig. Ihre Schattenseiten sind ihr aus gesprochener Geiz und ihre Neigung zur Grausamkeit und Großsprecherei.- 6-84 die leicht in Frechheit ausartet. Trotzdem hat es mir eigentlich leid getan um dieses Volk, als wir es vom Waterberg aus in die wasserlose Wüste jagten. Dieser von den Hereros geschickt genug bewerkstelligte Rückzug wurde ein Zug des Todes, denn der größte Teil ihres Volkes, samt ihrem zahlreichen Vieh, das ihr wertvollstes und fast einziges Besitztum bildet, ist dabei elend zugrunde gegangen. Auf der Verfolgung fanden wir die Kadaver der gefallenen Tiere zu Tausenden neben- und übereinander liegen. Immer zahlreicher wurden dann auch die Leichen von verdursteten Kindern, Weibern und alten Männern. An vielen Stellen sahen wir 15 20 Meter tief aufgewühlte Löcher im Boden, wo die Unglücklichen vergebens nach Wasser gegraben hatten. Glück licherweise hat dann unser Gouverneur den Hereros Verzeihung zuge sichert, wenn sie freiwillig zurückkehren wollten. Und als trauriger Rest des einst mächtigen Volkes haben sich nach und nach etwa 15000 Menschen eingefunden, alle in halb verhungertem Zustand, sodasz sie erst wieder von uns aufgefüttert werden mußten. Das ganze Vieh, das sie noch bei sich hatten, bestand in drei zu Skeletten abgemagerten Pferden." Schauerlich," sagte Doktor Bergner mitleidig. Ja," pflichtete der Hauptmann bei, der Krieg ist schon in Europa grausam, aber in Afrika noch viel härter, und wir wollen deshalb wünschen, daß unsere Kolonien niemals in einen europäischen Krieg verwickelt werden mögen. Auch im Kampfe mit dem bekannten Hotten tottenhäuptling Henrik Witboi ist es hart genug hergegangen, denn der alte Häuptling war ein tapferer und umsichtiger Mann und hat sich gewehrt wie ein Löwe. Ich gönne es ihm vom Herzen, daß ihm schließlich eine mitleidige Kugel den Soldatentod bereitete und er nicht lebend in unsere Hände fiel, weil wir sonst notgedrungen den in seiner Art anständigen Mann hätten aufhängen müssen. Ein ganz anderer Menschenschlag als die Hereros sind dann wieder die Ooambos, die Sie im Norden der Kolonie finden. Während die Hereros ausschließlich Viehzüchter sind, treiben die Ovambos hauptsächlich Ackerbau, was im85 Norden der Kolonie, wo ein mehr subtropisches Klima herrscht, schon eher möglich ist. Diese Schwarzen sind verhältnismäßig fleißig, dabei gewandt und anstellig, kräftig und gutmütig und bis zu einem gewissen Grade auch zuverlässig, so daß man sie gerne als Diener, Postboten und dergl. anstellt." Und wie steht es mit den Hottentotten?" erkundigte sich Doktor Vergner weiter. Die leben mehr im Süden nach den englischen Besitzungen zu, da am Fischfluß herum, und gehen uns möglichst aus dem Wege. Es sind nicht etwa Neger, sondern ihre Hautfarbe ist gelblich, ihr Gesicht eckig, meist mit einer häßlichen Stülp nase ausgestattet, so daß sie eher den Eindruck von Mongolen machen, wenn nicht ihr Haar ganz anders wäre. So häßlich die Hottentotten auch äußerlich aussehen, sind ihre sonstigen Eigenschaften doch nicht zu verachten, und für die Jagd z. B. werden Sie gar keine besseren Ge hilfen finden können, als Hottentotten. Die Leute sind sehr intelligent und scharfsinniger als alle Indianer in den Lederstrumpferzählungen. Das harte Leben in der Wüste hat sie zu großen Jägern und Pfad findern erzogen. Auch musikalisch sind sie sehr und in gewissem Sinne auch gutherzig." Geben sich denn die Eingeborenen zu den Arbeiten in den Diamantfeldern her?" Am ehesten noch die Ovambos, die sich überhaupt jeder Arbeit unter ziehen, bei der sie etwas verdienen. Es fehlt gar nicht an Arbeitern, denn aus allen möglichen Gegenden hat der Glanz der Diamanten Leute nach Lüderitzbucht gelockt, wo sich die Hauptfelder befinden. Die Entdeckung der ersten Steine erfolgte im Frühjahr 1908. Ein Kap junge, so nennt man hier die farbigen Arbeiter an den Bahnstrecken, fand im Sand neben der Bahnlinie einen auffallend glänzenden und regelmäßigen Kristall und brachte ihn dem Bahnmeister Stauch. Als dieser spielend den gläsernen Deckel seiner Uhr mit dem Kristall ritzte, wurde das Glas glatt entzwei geschnitten, und dadurch kam Stauch zu der Vermutung, daß es sich um den echten Diamanten handeln könne. Flüchtiges Absuchen der Gegend förderte bald noch einige andere solche86 Steine zutage. Anfangs lachte man darüber, daß Stauch im Wüsten sand nach Diamanten suchte, aber bald mußten sich die Lüderitzbuchter davon überzeugen, daß es sich wirklich um Edelsteine handelte. Und nun zogen Tag für Tag Expeditionen nach allen Richtungen in die Wüste hinaus, um Schürfungen vorzunehmen. Diese ersten Unter nehmungen waren mit den größten Schwierigkeiten verbunden, denn die dortige Wüste ist völlig weglas und entbehrt aller natürlichen Hilfs quellen für den Unterhalt von Menschen und Tieren. Um ein paar Menschen mit Proviant und Wasser für ein paar Tagreisen vorwärts zu bringen, bedurfte es großer Expeditionen. Jetzt freilich durchziehen Feldbahngeleise zum Wassertransport das Hinterland von Lüderitzbucht nach den verschiedensten Richtungen. Auf den Diamantfeldern erheben sich solide Gebäude, Fahrwege sind angelegt, und man kann im Dia mantenland schon ganz bequem leben. Ursprünglich war dies alles ganz anders, und so mancher Diamantensucher, der sich in der furchtbaren Dünenwildnis verirrt hatte, ist dort elend verdurstet, ohne daß man auch nur seine Überreste gesunden hat. Merkwürdigerweise finden sich die Lüderitzbuchter Diamanten nicht wie sonst in Afrika in einem Mutter gestein, dem sogenannten Blaugrund eingeschlossen, sondern sie liegen frei und lose im Sand oder im feinen Kies. Jetzt wird der Betrieb überall mit Maschinenkraft bewerkstelligt. Der diamantenhaltige Kies wird zunächst durch Absieben von feinem Flugsand einerseits und von groben Geröllbrocken andererseits befreit, dann mit Wasser vermischt und in Sieben geschüttelt. Dadurch laufen die schweren Bestandteile des Gemisches, wozu auch die Diamanten gehören, in der Mitte des Siebes zusammen und können nun mit Augen und Pinzette auf die darin ent haltenen Diamanten untersucht werden. Immerhin werden auf diese Weise jetzt schon jährlich für mehr als 60 Millionen Mark Diamanten gewonnen, und vielleicht hat die Sache noch eine größere Zukunft. Sicherlich aber verspreche ich mir eine solche von den Kupfererzen, die man im Norden der Kolonie gefunden hat und auch schon auszubeuten87 beginnt. Denn gerade Kupfer kann ja unser deutsches Vaterland be kanntlich viel brauchen, und es wäre gut, wenn es dabei nicht in so hohem Maße vom Ausland abhängig wäre, wie dies jetzt der Fall ist." Es wurde spät an diesem Abend über solchen Gesprächen. Aber Doktor Bergner gewann aus ihnen doch wenigstens eine ziemlich klare Vorstellung von dem Lande, in welchem er sich für die nächste Zeit aufzuhalten gedachte. Von Swakopmund fuhr er mit der Bahn nach Windhuk, aber obwohl das schon ein ganz nettes und sauberes Städtchen war, gefiel es ihm da doch nicht besonders. Es herrscht hier leider schon ein gewisser Kastengeist, und die Europäer waren fast ebenso scharf in soziale Schichten geteilt, wie daheim im Mutterlande. Doch lernte unser Freund hier manchen Farmer kennen, der zur Erledigung seiner Be sorgungen in die Stadt kam, und wurde von mehreren eingeladen, sie doch draußen auf ihren Gütern zu besuchen und sich die Farmenwirtschaft näher anzuschauen. Gerne leistete er solchen gastfreundlichen Einladungen Folge und hatte es auch nicht zu bereuen, denn auf den südwestafrika nischen Farmen herrschte ein ähnlich ungezwungener gastfreier Ton, wie etwa auf den Gütern Ostpreußens. Den ersten dieser Ausflüge machte unser Freund mit einem Bezirksamts-Sekretär Kuntze zusammen, mit dem er sich im Gasthause angefreundet hatte. Frühmorgens stand die Eselskarre des Bezirksamts, mit sechs munteren Eseln bespannt, vor der Türe des Gasthofes, der immer fröhliche Sekretär daneben, und eine Viertelstunde später gings mit Hallo zum Städtchen hinaus. Der brave Eselsführer, ein stämmiger Herero, trabte auf einem Maultier hinterdrein. Ein zweiter Schwarzer saß vorn auf dem Bock und schwang mit wildem Gebrüll die lange Peitsche, was gerade keine leichte Arbeit war. Doktor Bergner versuchte es einmal eine halbe Stunde lang, die Esel mit dem mächtigen Instrument zu lenken. Aber er fühlte sich dann am rechten Arm den ganzen Tag lang wie gelähmt. Prachtvoll war der Morgen. Noch war es kühl, die Sonne entwickelte noch nicht ihre Kraft, die Straßen glänzten, als wären sie aus einem Goldbade gekommen. Perlhühner88 und andere Vögel flogen auf, Erddachse und große Eidechsen stoben in eiliger Flucht davon. Die beiden Weißen aber schauten vergnügt in die Welt und sprachen von allem Möglichen. Die Schwarzen brüllten dagegen wie besessen auf die Esel los, denn ihrer Meinung nach war offenbar tüchtiges Schreien die Hauptsache beim Fahren. Ab und zu blieb die lange Peitsche in den Dornbüschen hängen, und dann mußte Halt ge macht werden, um sie wieder loszuwickeln. Bergner und Kuntze hatten sich dicht in ihre Schutzdecken gewickelt, aber trotzdem saßen ihre Anzüge bald voll Sand. Denn dieser feine Sand dringt überall durch, und es ist nichts dagegen zu machen. Am Ziel wurden sie von dem Farmer Hauber freundlichst bewillkommt und mit Trank und Speise erquickt. In den Zimmern sah es förmlich luxuriös aus, und als Doktor Bergner seine Verwunderung darüber äußerte, schlug Frau Hauber lachend die Decken zurück, und nun sah er, daß die schönen Möbel aus rohen Kisten zusammengezimmert waren. Auch Herr Kuntze lachte. Ja, ja," meinte er behaglich, die Frau Hauber ist eine Tausendkünstlerin, die macht Ihnen alles. Die Schuhe besohlt sie selbst, die Pantoffeln für den gestrengen Eheherrn fertigt sie eigenhändig an, ebenso Damen- und Herren kleider, ja sie spielt sogar den Maurer und baut Ställe oder legt Wasser leitungen an. Aber im Ernst gesprochen, eine solche tüchtige Hausfrau ist hier in Südwest wahrhaft Goldes wert und jeder Farmer sucht des halb eine zu bekommen. Wenn ein tüchtiges Mädchen heiratslustig ist, soll sie nur nach Südwestafrika kommen." Man fuhr an diesem Tage noch weiter zu einer zweiten Farm und kam dabei in die Mittagshitze. Wohl knirschte der Sand eintönig unter den Rädern und heiß brannte die Sonne hernieder, aber trotzdem spürte weder Mensch noch Tier be sondere Ermüdung in dieser wunderbar klaren und frischen Luft, die die Lungen durchbadete wie mit Lebenstau. Südwest ist ein sehr ge sundes Land. Der Weg bot auch manche Abwechslung. Man kam an knorrigen, eigenartigen Bäumen vorüber, und an prachtvollen hochge wachsenen Anaakazien, diesen schönsten Bäumen des Hererolandes. Auf89 den dürren Ästen eines solchen Baumes bleichten Ochsengehörne. Hier ist ein altes Hererograb," erklärte Herr Kuntze. Wenn ein Mann gestorben war, wurde für die Trauerversammlung ein Rind geschlachtet und das Gehörn über dem Grabe an einem Baum aufgehängt. Je reicher und vornehmer der Verstorbene, desto größer die Traueroersamm lung und die Zahl der geschlachteten Rinder, desto mehr Hörner schmückten infolgedessen sein einsames Grab, an dem der Herero einst in frommer Scheu vorüber ging. Heute braust eine neue Zeit über Afrika. Alte Sitten und Gebräuche gehen unter, wie die alten Stämme. Der weiße Mann ist gekommen, und seine Kultur möbelt das Land um und ver ändert seine Bewohner." Zu den Bekanntschaften, die Doktor Bergner in Windhuk machte, gehörte auch ein Herr Schluckwerder, ein gebürtiger Schlesier, der schon deshalb weit und breit berühmt war, weil sein Garten der schönste und reichhaltigste im ganzen Schutzgebiet war. Herr Schluckwerder besaß auch Güter auf dem Lande und war ein leidenschaftlicher Jäger. So konnte es nicht fehlen, daß beide bald vertrauter wurden und Herr Schluckwerder einen gemeinsamen Jagdausflug ins Innere der Kolonie vorschlug. Da das den Wünschen unseres Freundes nur entgegenkam, willigte er natürlich gerne ein. Bis an die Zähne bewaffnet, fuhren die beiden in einem kleinen Ochsenwagen von Windhuk ab, der mit acht Ochsen bespannt war, während drei Treiber schreiend und peitschen knallend nebenher gingen. Unter dem Segeldach des Wagens lagen Matratzen, Kissen und Decken hoch aufgetürmt, im Hintergrunde Koffer, Reisetaschen, Patronensäcke im Verein mit einer Kiste voll Burgunder, ein großer Behälter voll Wasser, Säcke mit Mehl und Reis. Büchsen und Flinten hingen überall an den Stäben des Verdecks, und sogar Romane zum Lesen während der Fahrt fehlten nicht. Es war schwer, sich in diesem Kunterbunt von Gegenständen aller Art zurecht zu finden, und unwillkürlich mußte Joachim Bergner an die Wohnwagen der Zigeuner denken, die er in seiner Jugend so oft mit ehrfürchtigem90 Staunen bewundert hatte. Langsam schaukelte der Wagen durch die Steppe, bis gegen Abend der erste Trekk (Haltepunkt) erreicht war. Bald waren die Ochsen von ihren schweren Holzjochen befreit und hinter Felsen und zwischen rot- und weißblühendem Gras und Büschen verschwunden. Die Eingeborenen zündeten rasch ein Feuer an, gössen Wasser aus dem Wassersack in einen Kochtopf, und bald brodelte und kochte der unver meidliche Kaffee hoch empor. Mit zwei Stecken wurde er flink, damit die köstliche Flüssigkeit nicht überlief, vom Feuer heruntergehoben, und nun saßen sie lachend und schwatzend herum, füllten ihre Blechbecher, tranken und atzen dazu Burenbrot und Reis. Auch die beiden Deutschen hatten es sich bequem gemacht. Wie die alten Germanen lagen sie aus Fellen und Decken, aßen köstliche kalte Fleischspeisen und eingemachte Pfirsiche und tranken immer noch eins. So ging es mehrere Tagereisen weiter, bis man die Farmgegend durchquert hatte und in die unberührte Wildnis gekommen war, in der man auf Großwild zu stoßen hoffen durfte. Bergners Sinn ging namentlich auf die Erlegung einer Kudu- antilope, deren prächtiges Gehörn einen wundervollen Schmuck für sein Arbeitszimmer daheim in Deutschland abgeben sollte. Eines Tages begab er sich, während Herr Schluckwerder noch schlief, schon ganz frühzeitig auf die Pirsch. Es begann eben zu dämmern. Die Sterne erloschen allmählich, und nur der Morgenstern stand noch am Himmel. Der Osten färbte sich blutigrot. Mit scharfen Augen spähte Doktor Bergner durch die Büsche. Vor ihm lag ein breiter, sandiger River. Er selbst stand bis an die Knie im Stechgrasgut, daß er Ledergamaschen hatte, die schützten doch einigermaßen. Der grüne Jagdrock saß schon bis obenhin voll mit diesem klettenähnlichen, furchtbar stechenden Rispengras. Plötzlich bemerkte Doktor Bergner mitten im River zwei ungeheure dunkle Tiere. Sie sahen so groß aus wie Ochsen. Sollten es wirklich Ochsen sein, die vielleicht von einem Eingeborenen lager entsprungen waren? Im Dämmerlicht ließ sich noch nicht recht erkennen, was diese Ungeheuer bedeuteten. Zweifelnd setzte Doktor31 Bergncr den Krimstecher an die Augen, und im selben Augenblick wäre er vor Freude fast hochgesprungen. Aber er beherrschte sich, strich die Büchse gegen einen Kameldorn an, zielte gut, nahm volles Korn, und der Schuß krachte. Das getroffene Kudu machte eine hohe Flucht, und im nächsten Augenblick waren beide den Augen des Jägers spurlos entschwunden. Dieser aber eilte zum Anschuß, und im weißen Sande des Rivers fand er mit freudigem Schreck roten Schweiß. Das Stück mußte die Kugel gut haben. Überall fährteten sich die breiten Schalen, überall an Gras und Büschen hing frischer Schweiß (Blut). Das Kudu konnte nicht weit mehr gegangen sein. Voll froher Hoffnung spähte der deutsche Weidmann vorwärts. Ungefähr 30 Schritt vor ihm stand ein hoher Weißdorn. Seine stacheligen Äste schaukelten in der Morgensonne, und die langen Dornen blitzten hell und keck. Warum wippten nur die Zweige so unnatürlich in der Windstille? Bergner setzte wieder den Krimstecher an und stellte sich so, daß er den Busch übersehen konnte. Richtig, dort saß der Bulle im Wundbett. Mit seinem langen Gehörn schlug er ab und zu gegen die Äste des Weißdornes. Der Deutsche zielte gut auf den breiten Hals, und verendet sank das Kudu in die Dornen. Nun konnte Joachim Bergner sich nicht enthalten, einen lauten Juchzer auszustoßen, der froh zum blauen Himmel empor schallte, und lief eiligst zum Busch. Dort lag lang ausgestreckt die ungeheure Antilope, ein herrlicher Anblick, der jedes Jägerherz vor Stolz und Freude erzittern ließ. In Ermanglung eines Fichten- oder Eichenzweiges steckte sich unser Freund als Bruch einen stacheligen Weißdornzweig auf seinen alten grünen Strohut und lief schleunigst zum Lager zurück. Unterwegs traf er schon mit Herrn Schluckwerder zusammen, der inzwischen auch gepirscht und gleichfalls Beute gemacht hatte. Diese war allerdings von ganz eigner Art, nämlich eine ganz riesige Eidechse, ein sogenannter Waran, der wie ein kleines Krokodil oder richtiger wie ein Lindwurm aussah. Er schillerte in allen Farben, war teilweise blau, grau und braun, dann wieder schwarz und weiß gepanzert. Der Schwanz war breit und lang,92 und über die Mitte des Nackens zog sich ein hoher stacheliger Kamm bis zum Kops hin, der dem Tier ein höchst abenteuerliches Aussehen verlieh. Die drei Eingeborenen mit den Ochsen und Ketten wurden nun ausgeschickt, um das schwere Kudu herbeizuschaffen. Dann lagen beide Tiere, die einen geradezu vorsintflutlichen Eindruck machten, vor dem Wohnwagen, und alles stand bewundernd vor diesen Ungeheuern. Das Gehörn des Kudu war mehr als meterlang, und Doktor Bergner freute sich nicht wenig über diese prachtvolle Trophäe. Nun gings an die Zurüstung eines Festmahls. Der Koch bereitete aus aufgefundenen Schildkröten eine köstliche Mockturtlesuppe, und dazu wurde der saftige Kudurücken am Spieß gebraten, der Rest dagegen als Reservevorrat geräuchert. Bei der großen Hitze des Tages suchte sich jeder alsbald ein schattiges Plätzchen für die Siesta aus. Doktor Bergner kroch in den Ochsenwagen, bedeckte Gesicht und Hände mit einem Schleier zum Schutze gegen die Tausende von Fliegen, die durch den Fleischgeruch angelockt waren und alles in furchtbarer Weise beläs tigten, und schlief den Schlaf des Gerechten. Als die Sonne glutrot untergegangen war und schon Mond und Sterne am Himmel standen, ging man, mit den Schrotflinten bewaffnet, nochmals zum River hinunter. Dort saßen zur Nachtruhe aufgebäumt zwischen Kamel- und Weißdorn Tausende von Perlhühnern, die aussahen wie große Vogelnester. Eine wahre Kanonade wurde gegen sie eröffnet. Das flatterte und schwirrte über den Köpfen der Jäger, und mit 10 jungen Perlhühnern beladen, kehrten sie wieder zum Lager zurück. Ein großes Holzfeuer wurde an gezündet, man setzte sich ringsum auf Kisten und primitive Stühle und erzählte Iagdgeschichten. Interessant waren namentlich die Mitteilungen, die Herr Schluckwerder über Leopardenjagden in Südwest zu machen wußte. So hatte sich einmal ein Leopard bei einer Farm, wo er frech schon mehrere Zicklein und Lämmer geholt hatte, in einer für ihn auf gestellten Falle gefangen. Der Farmer und ein bei ihm zu Besuch befindlicher Freund gingen hin, um den Leopard zu erschießen. Der93 Freund lief vorweg, schoß, traf aber das Raubtier nicht Mich. Der Leopard, der nur mit zwei Zehen in der Falle saß, ritz sich mit Auf gebot aller Kräfte wütend los und stürzte sich schnell auf seinen Feind. Als der Farmer gleich darauf ankam, sah er zu seinem Schrecken, das; das wütende Tier auf seinem Freunde stand und ihn zerfleischte. Eine wohlgezielte Kugel machte dem Leben der Bestie ein Ende. Unglück licherweise riß sie aber auch dem Freund den kleinen Finger der linken Hand weg, und außerdem war ihm von dem Leoparden der rechte Arm völlig zerfleischt, sodaß er sich einer Operation unterziehen mußte. Sogar Damen," fuhr Herr Schluckwerder fort, kommen manchmal mit dem Raubzeug in recht unliebsame Berührung. So saß ich einmal im Garten einer Farm neben der Herrin des Hauses und plauderte mit ihr ganz gemütlich, als ich die Dame plötzlich erbleichen sah. Zitternd rief sie: Eine Schlange windet sich um mein Bein! Glücklicherweise hatte ich einen schweren Stock zur Hand, und es traf sich gut, daß der Kopf des giftigen Reptils sich noch auf der Erde befand, während es nur mit Schwanz und Leib das Bein der Dame umwickelt hatte. Ein gut ge zielter Schlag tötete den Giftwurm." So spann sich eine Geschichte an die andere, und darüber wurde die Kiste mit dem Burgunderwein nicht vergessen. Plötzlich fiel es Herrn Schluckwerder ein, die Stinkadora aus dem nächsten Eingeborenendorf holen zu lassen, die könne großartig erzählen und man amüsiere sich wunderbar über ihre Geschichten. Richtig kam das Weib nach einer Weile an, und das Feuer beleuchtete ihre dürftige, in Lumpen gehüllte Gestalt. Unter dem kurzen schmierigen Nock kamen die mageren schwarzen Beine zum Vorschein. Aber seltsam leuchtete es in ihren dunklen Augen, das welke Gesicht belebte sich, und nun begann sie in der weichen melodischen Hererosprache halb singend zu erzählen. Dazu focht sie mit ihren Armen in der Luft herum, bog den geschmeidigen Körper katzengleich vorwärts und rückwärts, spähte umher, als ob sie Feinde wittere, und dabei flogen die Worte bald laut, bald leise, bald unheimlich klagend, bald zornig zischend mit allerlei94 sonderbaren Schnalzlauten von ihren Lippen. Nur die weißen Zähne und das Weiße in ihren finsteren Augen leuchtete seltsam, fast unheimlich in ihrem schwarzen Gesicht. Unwillkürlich waren alle verstummt, und obgleich Doktor Bergner kein Wort von ihren Geschichten verstand, hingen doch seine Blicke wie gebannt an dieser merkwürdigen Gestalt. Was mochte wohl das arme zerlumpte Weib da alles erzählen? Ob sie wohl von den längst verflossenen Zeiten sprach, wo zwei schwarze Heere sich feindlich gegenüber standen, wo sie mit vergifteten Pfeilen ihre Gegner erschossen oder sie mit Keulen erschlugen, das Vieh wegtrieben, die Frauen gefangen nahmen und unter sich verteilten oder sie verbrannten. Oder ob sie wohl vom letzten schrecklichen Orlog (Krieg) mit den weißen Männern erzählte? Als der große weiße Anführer (Hauptmann von Burgsdorf) noch der Freund ihres Stammes gewesen war, bis die Empörung plötzlich an allen Ecken hell aufloderte. Und als der weiße Anführer beim nächsten Vollmondschein wieder angeritten kam, um zu verhandeln, da hatte ihn der schwarze Häuptling vom Pferde geschossen. Dann war der furchtbare Orlog losgebrochen und die Furien des Krieges über das Land gefahren. Überall wurde ihr Volk geschlagen, getötet oder gefangen genommen. Das Vieh lag übereinander verendet bei den Wasserbrunnen und Wasserlöchern, daß der Gestank weithin die Gegend verpestete. Die Männer und Frauen starben vor Durst, die Kinder schrieen umsonst nach Nahrung. Dann baten die Hereros um Frieden. Ähnlich mochte wohl der Inhalt der vorgetragenen Erzählungen sein, und Doktor Bergner fühlte sich eigentümlich bewegt, als das schwarze Weib sich wieder entfernte. Einige Tage später hatten die beiden Jäger ein ebenso seltsames wie aufregendes Abenteuer zu bestehen. Nach einem ungeheuer mühseligen Tagesmarsch waren sie zu einem Hügel gekommen, auf dessen Spitze sich eine sehr geschätzte Zisterne befand, die auch in der Trockenzeit immer noch reichlich Wasser zu enthalten pflegte. Herr Schluckwerder war daher nicht wenig erstaunt, als man diesmal die Zisterne leer fand.95 Nur auf ihrem Grunde bemerkte man noch eine dickflüssige braune Masse, die so übel roch, daß man von Brechreiz befallen wurde. Doktor Bergner kam der üble Geruch bekannt vor. Es mar ihm, als hätte er ihn schon früher in zoologischen Gärten wahrgenommen, und sein Gefährte half ihm auf die richtige Spur, indem er die Vermutung aussprach, daß wohl Affen hier gewesen seien, die Zisterne leer getrunken und sie dann mit ihren ekelhaften Exkrementen verunreinigt hätten. Um Gewißheit über diese rätselhafte Sache zu erlangen, wurde ein Neger bei der Zisterne als Wachtposten aufgestellt und dann das Lager am Fuß des Hügels aufgeschlagen. Glücklicherweise hatte man ja noch genug Wasser im Wagen, um nicht an diesem unentbehrlichsten aller Stoffe Mangel leiden zu müssen. Die Ochsen freilich mußten einstweilen dursten. Die Weißen schickten sich eben an, noch einen kleinen Pirschgang zu machen, als plötzlich der Wasserwächter den Berg heruntergerast kam, verfolgt von einigen großen Pavianen, die aber bald wieder kehrt machten. Wenige Minuten später stand der Neger vor seinen Herren. Aber wie sah der arme Teufel aus! Wie der richtige geschundene Raubritter, denn sein ganzer Körper war zerkratzt und blutete an allen Ecken und Enden. Heulend berichtete der Mann, daß zahllose Affen aus den Felsen gekommen waren, ihn überfallen und mit Steinen und Holzstücken fast tot geworfen hatten. Nur durch schleunige Flucht habe er sein Leben retten können. Die Vermutung, daß Affen von der Zisterne Besitz ergriffen hatten, war also richtig, und offenbar handelte es sich um eine der großen, wehrhaften Pavianarten. Herr Schluckwerder bewaffnete noch zwei Hottentotten mit Gewehren, und dann ging er mit ihnen und Doktor Bergner den Hügel hinauf. Schon von weitem bemerkte man, daß der Schwarze nicht geschwindelt hatte, denn die Wasserstelle war von einer etwa 150 Köpfe starken Pavianherde vollständig umlagert. Mit großem Interesse beobachteten die beiden Weißen das Tun und Treiben der frechen Gesellschaft. Das war ein Lärmen und Jagen, ein Spielen und Nausen, ein Necken und Kopfstehen, wie man das früher nie96 gesehen hatte. Im stillen hatte Doktor Bergner gehofft, daß das bloße Erscheinen der Menschen genügen werde, die Affen in die Flucht zu jagen, aber darin irrte er sich gewaltig. Kaum hatten vielmehr die Paviane ihre Gegner eräugt, als auf einen besonderen Pfiff hin die in der Zisterne befindlichen Affen wie mit einem Zauberschlag emporschnellten, worauf die ganze Bande ein wahrhaft höllisches Geschrei erhob, sodaß man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Langsam gingen die Jäger näher, bis sie sich aus etwa Steinwurfweite genähert hatten, aber zu schießen, lag zunächst nicht in der Absicht der beiden Weißen, denn sie wußten, daß das Erschießen eines Affen für jeden menschlich empfindenden Jäger eine höchst fatale Sache ist, weil die Tiere im Todes kampf sich ganz wie sterbende Menschen benehmen. Das Geschnatter and Gekreisch der Paviane wurde jetzt womöglich noch ärger, noch aus-, geregter, noch gellender, und die vordersten alten Männchen nahmen eine drohende Stellung an. Ja, der Stärkste von ihnen, offenbar der Führer, machte sogar ein paar Sätze nach vorwärts. Nun hielt es Herr Schluck werder für geraten, wenigstens einen Schreckschuß abzugeben. Kaum aber war der Knall verhallt, als auch schon Steine, Holzstücke, Fels brocken, Erde, Kot und wer weiß was alles auf die Jäger förmlich herniederregneten, sodaß nichts übrig blieb, als schleunigst die Flucht zu ergreifen. Bald aber hatte jeder von ihnen eine Deckung gesucht und gefunden, und nun wurde ein Scharfschießen eröffnet. Doktor Bergner nahm den Führer der verwegenen Bande aufs Korn. Mit einem Klagelaut brach dieser zusammen und kollerte den Berg herunter. Da war es nun rührend anzusehen, wie diszipliniert eine solche Affenherde ist und wie gut ihre einzelnen Mitglieder sich miteinander zu verständigen vermögen. Kaum sahen sie ihren Führer stürzen und abwärts rutschen, als auch schon fünf oder sechs der stärksten von ihnen unglaublich behend aus ihn zusprangen, ihn erfaßten und wieder nach oben schleppten, wo er aufs dürre Gras gelagert wurde. Unwillkürlich siegte der Natur forscher in Joachim Bergner über den Jäger. Er stellte das Schießen97 ein und beobachtete durch sein Glas das Benehmen der Paviane mit steigendem Interesse. Es mochte eine Minute vergangen sein, als der totkranke Pavian sich mühsam in eine sitzende Lage brachte und mit angstvollen Blicken das seinem Körper entquellende Blut betrachtete. Dann äugte er im Kreise umher, als suche er etwas, rupfte endlich ein Büschel dürres Gras aus, stopfte es in die Schußwunde und preßte beide Hände darauf. Doch schon nach wenigen Sekunden war das Gras mit Blut durchtränkt. Das veranlagte ihn, den Verband wieder zu er neuern, und noch dreimal wiederholte er dieses Verfahren. Aber nichts vermochte den Bluterguß zu stillen. Als ob der Affe dies selbst ein gesehen hätte, warf er jetzt verzweifelt das letzte Grasbüschel weg und ließ die behaarten Arme schlaff niedersinken. In seinem häßlichen Gesicht malten sich Schmerz und Angst, und er stieß ein klägliches Wimmern aus. Joachim Berger war es unmöglich, dieses fast menschliche Ge baren länger mit anzusehen. Tief ergriffen von dem jammervollen Anblick, den der sterbende Affe bot, hob er sein Gewehr, gab ihm mit einer wohlgezielten Kugel den Fangschuß und erlöste ihn so von weiteren Qualen. Während sich diese rührende Szene abspielte, hatten die Affen mit Steinen und allerlei anderen Geschossen ihre Angriffe fortgesetzt und dachten noch immer nicht daran, zu fliehen. Erst nachdem etwa 15 von ihnen den Kugeln der Jäger erlegen waren, zogen sie sich in toller Flucht in das Felsgewirr zurück, schleppten aber ihre sämtlichen Toten und Verwundeten mit sich fort. Gerne hätte Doktor Bergner einen der geschossenen Assen für seine Sammlung gehabt, aber keiner getraute sich, zu den tapferen Vierhändern in die Felsklippen zu steigen. Nun war die Zisterne erobert. Herr Schluckwerder ließ sie reinigen, worauf bald das Wasser wieder stärker hervorquoll und wenige Stunden später auch die Zugochsen getränkt werden konnten. Kleine Herden von Straußen bekam Doktor Bergner auf diesem Streif- zug zu seiner Freude auch öfter zu Gesicht, aber er konnte sich nicht ent schließen, einen der schönen und in freier Natur schon so selten gewordenen Deutsches Schwert, 798 Riesenvögel zu schießen, ganz abgesehen davon, daß dieses auch gesetzlich verboten war. Die deutsche Kolonialregierung roill eben der Ausrottung der Strauße vorbeugen, die sonst gewiß in absehbarer Zeit erfolgen würde. Dagegen unterstützt sie verständnisvoll alle Bestrebungen, die darauf hin auslaufen, den Strauß zum Haustier zu machen und durch Zucht der Vögel ihre wertvollen Schmuckfedern zu gewinnen. In Britisch-Südafrika wird ja die Straußenzucht schon seit längerer Zeit betrieben und ist von da auf den Boden unserer Kolonie verpflanzt worden, wo sie gleichfalls eine gute Zukunft zu haben scheint. Doktor Bergner, der sich für diese Sache interessierte, bat deshalb seinen Gefährten, ob sie es nicht so ein richten könnten, daß sie aus dem Rückwege eine Straußenfarm besuchten. Bereitwillig ging Herr Schluckwerder auf diesen Wunsch ein. Die Farm, die man besuchte, gehörte einem Herrn Eitner, war etwa 5000 Hektar groß und beherbergte gegen 500 Strauße, die in verschiedenen, mit Stachel draht eingefaßten Gehegen weideten. Bereitwillig gab Herr Eitner seinem Gast über die Art und Weise dieses eigenartigen Farmbetriebes Aufschluß. Eine rationelle Straußenzucht," so ungefähr führte er aus, muß zweier lei Ziele verfolgen. Erstens die Vermehrung des Herdenbestandes durch die Zucht, zweitens Erzielung der höchsten Schönheit und damit der besten Marktfähigkeit der Straußenfedern. Ganz so einfach wie die Sache aus sieht, ist sie freilich nicht. Schon die Beschaffung tadelloser Zuchtpaare, die überdies sehr teuer sind, macht manche Schwierigkeit. Sind die alten Strauße nicht vollständig gesund, so gibt es nur eine schwächliche Nach kommenschaft. Dann macht die Futterfrage viel Sorgen, denn wenn auch die Strauße durchaus nicht wählerisch sind, so sind sie doch aus gesprochene Vielfresser. Wir rechnen hier 6 8 Hektar mittelguter Steppen weide auf einen erwachsenen Strauß, brauchen also viel Land und kost spielige Einfriedigungsgitter. Während der monatelangen Trockenzeit be sitzt aber die verdorrte Weide so wenig Nährwert, daß sich die Zugabe von Kraftfutter nicht umgehen läßt, zumal sie durch eine vermehrte Eier produktion sich gut bezahlt macht. Die Eier kann man nun entweder99 durch die alten Hennen selbst ausbrüten lassen, oder man besorgt dies mit Hilfe einer Brutmaschine, was zwar einen flotteren Betrieb ermöglicht, aber auch manches Risiko mit sich bringt und viel Arbeit verursacht. Ich ziehe aber doch die Brutmaschine vor, denn wenn die Hennen selbst brüten müssen, legen sie viel weniger Eier und die Federn der Vögel werden durch das sitzende Brüten auch stark entwertet. Der geringste Verstoß in der Bedienung der Brutmaschine kann den Verlust sämtlicher in ihr befindlichen Eier zur Folge haben, und deshalb ist unablässige Aufsicht und peinlichste Sorgfalt nötig. Viel Sorge macht dann auch die Kückenaufzucht, denn die jungen Strauße sind während der ersten Monate ihres Daseins außerordentlich empfindlich und hinfällig. Sie müssen sehr vor Kälte und Regen in Acht genommen werden und viel Bewegungsfreiheit haben, sowie leicht verdauliches, aber doch kräftiges Futter erhalten. Trotzdem sterben nicht wenige, und andere gehen durch allerlei Zufälle zugrunde oder fallen den Raubtieren zum Opfer. Der größte Teil meines Farmgebiets wird von den Straußen selbst in An spruch genommen; aus dem Rest des Bodens baue ich Luzerne, die als Futtermittel dient. Die ungefähr gleichaltrigen Tiere werden zu Herden zusammengestellt und auf einer gemeinsamen Weide untergebracht. Sie können hier solche Weideplätze bis zu 300 Hektar Größe sehen, während die Zuchtpaare kleinere Weideplätze von etwa 30 Hektar Umfang erhalten. Solche Brutvögel bekommen auch regelmäßig Körnerfutter, und natürlich muß auch ab und zu Wasser beschafft werden, obschon die Strauße in dieser Beziehung sehr anspruchslos sind. Gegen äußere Einflüsse sind sie aber sehr empfindlich, und solche ungünstiger Art machen sich immer gleich in einer Verschlechterung des Federmaterials geltend. Die Schmuck- sedern können etwa alle 8 Monate abgeschnitten werden, so daß man in zwei Iahren dreimal zu ernten vermag. Wo die Verhältnisse aber ungünstiger liegen als hier, muß man sich mit einer einmaligen Federn ernte im Jahr begnügen. Durch kluge Zuchtwahl kann auf die Erzielung vollendet schöner Federn vorteilhaft eingewirkt werden." Fürchten Sie100 aber denn nicht," bemerkte Herr Schluckwerder, daß eines schönen Tages die Straußfedern aus der Mode kommen könnten und daß dann all die große Mühe, die Sie zur Einrichtung Ihrer Straußenzucht aufgewendet haben, umsonst wäre oder sich doch nicht mehr recht bezahlt machte?" Das halte ich für ausgeschlossen," antwortete Doktor Bergner an Stelle des Farmers lebhaft, die Straußenfeder erfreut sich schon seit Jahr hunderten der größten Beliebtheit, und das wird wohl nie anders werden. Ich halte vielmehr die Straußenzucht für äußerst verdienstvoll auch im Interesse des Vogelschutzes. Nicht nur, daß dadurch die wilden Strauße vor völliger Vernichtung bewahrt werden, sondern es werden durch die Straußenfedern auch andere Schmuckfedern überflüssig. Es ist ja gerade zu schändlich, wie der Schmuckfedern wegen unter den farbenprächtigen Vogelarten gewütet wird, so daß diese in kürzester Zeit vom Erdboden verschwunden wären, z. B. Paradiesvögel und Edelreiher, wenn nicht die Regierungen beizeiten einen Riegel vorschieben würden und eben in der Straußenfeder ein vollwertiger Ersatz sich böte. Beides ist ja er freulicher Weise der Fall, und deshalb kann man gerade vom Stand punkt des Naturfreundes aus jede Straußenfarm mit Freuden begrüßen und ihr vollen Erfolg wünschen." Der Besuch dieser Straußenfarm war das letzte interessante Erlebnis auf diesem ausgedehnten Jagd-Ausflug. Wenige Tage später hielt der Ochsenkarren mit unfern Freunden wieder seinen Einzug in Windhuk. Dort schien eine große Aufregung zu herrschen. Die Leute standen trotz der großen Mittagshitze auf der Straße beisammen und unterhielten sich mit aufgeregten Gebärden über irgend einen Vorfall. Herr Schluckwerder winkte deshalb den erst besten Bekannten, den er in der Menge erkannte, zu sich heran. Was ist denn los?" frug er, ist etwas Besonderes vor gefallen, weil die Leute gar so aufgeregt tun? Ist etwa gar wieder ein neuer Aufstand der Eingeborenen ausgebrochen?" Das nicht" versetzte der Gefragte, im Schutzgebiet ist es vollkommen ruhig, und alles geht seinen gewohnten Laus. Aber aus Europa ist vor einer101 halben Stunde ein Telegramm eingelaufen mit der erschütternden Nachricht, daß der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand Este samt seiner Gemahlin in den Straßen von Serajewo von serbischen Ver schwörern meuchlings ermordet worden ist." Betroffen fuhr Herr Schluck- werder zurück. Das bedeutet den Krieg" sagte er dann mit tiefem Ernst. Das kann sich die Habsburgische Monarchie nicht bieten lassen! Sie muß Serbien züchtigen, und wenn dieses an Nußland einen Rückhalt findet, wie wohl anzunehmen ist, dann ist der große Weltkrieg da, vor dessen Ausbruch die ganze Menschheit schon seit Jahren schaudernd zurückbebt. Schlägt Ruß land los, so wird Deutschland seinem Verbündeten Helsen müssen, dann aber wird Frankreich die letzte Gelegenheit zur ersehnten Revanche für 1870 71 sich nicht entgehen lassen, und damit ist der größte Krieg der Weltgeschichte fertig. Es fehlte nur noch, daß England sich auch noch hinein mischte." Das glaube und hosfe ich nicht," sagte der Wind- huker Bürger. England hat immer nur andere für sich Krieg führen lassen und hat es in dieser Kunst nachgerade zur Meisterschaft gebracht. Außerdem würden sich die englischen Staatsmänner im letzten Augenblick doch wohl darauf besinnen, daß wir Deutsche ihre Vettern sind und ihnen kulturell am nächsten stehen, während das barbarische Rußland der natür liche Feind des Britentums ist. Ich glaube daher, daß England ebenso wie 1870 neutral bleiben und sich damit begnügen wird, im Trüben zu fischen, durch Munitionslieferungen viel Geld zu verdienen und beim Friedensschluß ein entscheidendes Wort mitzusprechen." Ich aber glaube das nicht" sagte Doktor Bergner erregt, ich kenne die Stimmung in England einigermaßen und weiß, wie man dort seit her planmäßig auf diesen Krieg hinarbeitet. Ich bin sogar fest überzeugt, daß England die eigentliche Triebfeder all dieser Wühlereien ist. Man will dort unbedingt dem unliebsamen deutschen Mitbewerber den Garaus machen und hofft, dies aus dem Wege eines großen Krieges zu erreichen. Wer wie ich als Mitarbeiter einer großen Tageszeitung die politischen Ereignisse der letzten Jahre verfolgt hat, der ist mit Grauen inne geworden,102 roie seit den Tagen König Eduards von England Deutschland enger und enger durch die feindliche Übermacht eingeschnürt wird. Den Engländern geht es vor allem um die Vernichtung unserer Flotte, und zwar nicht nur um die unserer Kriegs-, sondern ganz besonders auch um die unserer Handelsschiffe. Weiter haben sie es aber sicherlich auch auf unsere Kolonien abgesehen, deren blühende Entwicklung sie schon längst mit Neid und Mißgunst verfolgen." Aber dann bekommen wir ja den Krieg auch hierher" sagte der Herr aus Windhuk erschrocken. Ich zweifle nicht im geringsten daran," versetzte Doktor Bergner trocken. Aber jagen Sie den Mann nicht so ins Boxhorn" lachte Herr Schluckroerder. Er sieht womöglich schon die Engländer im Geiste hier in Windhuk. Sie malen doch gar zu schwarz, Herr Doktor. Erstens einmal leben wir mit England vorläufig noch im tiefsten Frieden, zweitens wird selbst im Kriegssalle England sich doch wohl sehr besinnen, den Schwarzen das gefährliche Schauspiel eines Kampfes von Weißen gegen Meitze darzu bieten, und drittens hätte im äußersten Falle doch auch unsere Schutztruppe ein gewichtiges Wörtlein mitzureden. Die würden den Briten das Ein dringen in unsere Kolonie gewiß ein wenig versalzen, und ehe der Feind nach Windhuk kommt, ist in Europa die Entscheidung längst gefallen. Aber kommen Sie, Bergner, wir fahren gleich zum Gasthaus, dort werden wir heute sicher große Gesellschaft finden und die neuesten Nachrichten hören; dann können wir ja bei einem kühlen Trunk weiter politisieren." So geschah es auch. So erregt anfangs die Gemüter auch waren, man beruhigte sich doch allmählich und schließlich drang die Überzeugung durch, daß es auch diesmal den Diplomaten gelingen werde, das drohende Kriegs gespenst zu beschwichtigen. Kein Brei werde so heiß gegessen, als er ge kocht wird. Nur Doktor Bergner konnte sich trüber Ahnungen nicht er wehren und überlegte im Stillen, ob es nicht am besten sei, seine Reise abzubrechen und auf dem kürzestem Wege heimzukehren, damit er seiner Soldatenpflicht genügen könne, sobald das Vaterland rufe. Stand ihm doch seine Einjährigenzeit bei den Marburger Jägern noch in lieber Er-103 innerung. Er teilte auch diese Gedanken Herrn Schluckwerder mit, aber der redete ihm seinen Plan aus. Ach wo, junger Freund, so brenzlich ist die Sache noch lange nicht. Zunächst wird doch einmal festgestellt werden müssen, wer eigentlich die Schuldigen bei dieser gräßlichen Sera- jcwoer Mordtat sind, dann erst wird Österreich-Ungarn mit etwaigen Forderungen an Serbien herantreten. Es werden sich langwierige diplo matische Verhandlungen entspinnen, und bis die Frage Krieg oder Friede wirklich ernst wird, bis dahin wird wohl noch mindestens ein halbes Jahr vergehen. Also sehen Sie sich ruhig hier in Süd-West noch an, was Sie für Ihre Zwecke besonders interessant finden, und dann fahren Sie nach Ost-Afrika, und Sie werden auch dort noch Zeit genug für Ihre Studien übrig behalten, bis Sie heimkehren müssen." Unser Freund befolgte diesen Rat, zumal es ihm doch widerstrebte, seine bisher so er folgreich durchgeführte Reise abzubrechen, ohne Ost-Afrika gesehen zu haben. Er blieb aber nur noch einige Tage, um seine Tagebücher auszuarbeiten, fuhr dann wieder mit der Bahn nach Swakopmund und bestieg hier einen der schmucken Wörmanndampfer, um nach der letzten deutschafrikanischen Kolonie weiter zu fahren. Aapitel VI. Da der Dampfer ein Frachtdampfer war, der an vielen kleinen Hafen plätzen anlegte, ging die Reise nur langsam vonstatten und es war schon Ende Juli, als man das Kap der Guten Hoffnung" hinter sich hatte und nun auf der Ostseite des schwarzen Erdteiles entlang fuhr. In den englischen Hafenplätzen, die man berührte, war von irgendwelcher Be unruhigung nichts zu bemerken, alles ging seinen gewohnten Gang, und die kühle Zurückhaltung der englischen Behörden fiel nicht weiter auf, da man ja ihr steifleinernes Benehmen gewöhnt war. Unser Freund konnte aber doch das unheimliche Gefühl nicht los werden, daß es nur die Ruhe104 vor dem Sturm sei. Oft schien es ihm, als sei die ganze Welt mit finsteren Wolken verhangen. Im letzten englischen Hafen hatte man noch die Nachricht von dem österreichischem Ultimatum an Serbien ver nommen, seither aber nichts mehr gehört. Aber auch der Kapitän machte ein sorgenvolles Gesicht, wenn er die von seinem Apparat aufgefangenen Funkensprüche gelesen hatte. Eben kam er wieder von der Kommando brücke herunter geschritten und bat seine sämtlichen Fahrgäste zu einer Besprechung. Als alle versammelt waren, sagte der alte Seebär mit vor Erregung zitternder Stimme: Soeben habe ich die Nachricht erhalten, daß in Deutschland der Kriegszustand erklärt und die Mobilmachung be fohlen W. Zum erstenmal seit den glorreichen Tagen des Jahres 1870 71 rüstet sich also Deutschland wieder, um seine Grenzen gegen fremde Eroberungsgier zu schirmen. Was heutzutage ein Krieg bedeutet, das wissen wir nach den langen Friedensjahren kaum noch, können es nur schaudernd ahnen. Sicher sind es furchtbar ernste und schwere Zeiten, die unserm teuren Vaterlande bevorstehen, und jeder einzelne wird durch harte Prüfungen gehen müssen, um zu erweisen, daß er würdig ist, sich ein Deutscher zu nennen. Der festen Zuversicht aber leben wir wohl alle, dasz unser unvergleichliches Heer und unsere junge, aufstrebende Marine imstande sind, jedem Feinde die Spitze zu bieten, wer es auch sei. Dasz es gegen Frankreich und Rußland gehen wird, ist heute wohl schon klar, aber es erscheint nicht ausgeschlossen, daß auch noch andere Mächte sich diesen Erbfeinden beigesellen. Trotzdem sind wir gewiß, daß sich der Sieg an unsere Fahnen heften wird, denn wir verteidigen eine gerechte Sache und haben in Österreich-Ungarn einen starken und zuver lässigen Bundesgenossen zur Seite. Noch ist ja nicht alle Hoffnung auf die Erhaltung des Friedens verschwunden, aber groß ist sie nicht mehr, das dürfen wir uns nicht verhehlen. Das Vaterland bedarf seiner Söhne nun, und ich werde deshalb mit voller Fahrt Daressalam zu erreichen suchen, damit diejenigen von Ihnen, die wehrpflichtig sind, sich dort so fort bei der Militärbehörde stellen können. Fassen wir all die gewaltigen105 Gefühle, die in dieser schicksalschweren Stunde unsere Herzen bewegen, zu sammen in den Ruf: Unser Kaiser, unser Heer und unsere Flotte, Hurra!" Natürlich löste diese Mitteilung des Kapitäns die größte Erregung unter den Reisenden aus, und lange saß man in der lauen Tropennacht beisammen, alle Möglichkeiten besprechend. Wenn auch das Schiff seine Reise nach Kräften beschleunigte, so mußten doch noch einige Tage ver gehen, ehe man Daressalam erreichen konnte und Vorsicht erschien geboten, da man nicht wissen konnte, ob nicht vielleicht französische Kriegsschiffe sich bei Madagaskar befanden und von da aus gleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten Jagd auf deutsche Handelsschiffe machen würden. Aber nichts zeigte sich am Horizont, nur die elektrischen Wellen in der Luft brachten Kunde von den weltbewegenden Ereignissen, die in diesen Tagen die gesamte Menschheit in Unruhe versetzten. Ein Schrei der Ent rüstung und Empörung ging durch das ganze Schiff, als durch Funken spruch gemeldet wurde, daß auch England unter Verleugnung aller Rasse interessen den Krieg an Deutschland erklärt habe. Doktor Bergner sah seine trüben Ahnungen bestätigt, aber jetzt erging es ihm wie allen andern auch. Seit er klar sah, war jede Besorgnis geschwunden, und er fühlte nur noch, daß es Aufgabe jedes Deutschen sei, in diesem Kriegssturm durchzuhalten bis zum Äußersten. Er kannte das zähe Britentum genug, um zu wissen, daß der Kampf ein furchtbar harter und schwerer sein würde und daß der Gegner dabei auch die niedrigsten Mittel anwenden würde, um uns zu schaden. Von diesem Augenblick an mußte man die Vorsicht bei der Fahrt natürlich noch verdoppeln, denn englische Schiffe gab es ja überall. Es ging aber fast wider Erwarten alles glatt, und schon näherte man sich dem Ziele, als ein dumpfes Rollen über dem fernen Meere die Auf merksamkeit erregte. Gewittergrollen konnte es kaum sein, denn klar und wolkenlos lachte der Himmel hernieder. Doktor Bergner wendete sich an den Kapitän, der eben dienstfrei war, und frug: Glauben Sie nicht auch, daß dieses dumpfe Geräusch, was man von Norden her vernimmt, Ge-106 schützdonner ist?" Ja, ich glaube es," erwiderte der Kapitän einfach, und dieser Geschützdonner verkündet uns, daß England in seiner Länder gier nicht davor zurückschreckt, die Greuel des Krieges auch nach Afrika zu tragen. Wahrscheinlich beschießen britische Kriegsschiffe Daressalam, hauptsächlich wohl deshalb, um den dortigen Funkenspruchturm unschädlich zu machen und so unsere ostafrikanische Kolonie von aller Verbindung abzuschneiden." Sie werden wohl recht haben," meinte unser Freund, aber wenn dem so ist, so können wir jetzt ja nicht nach Daressalam fahren, denn wir würden den Briten gerade in den Rachen laufen." Nein", versetzte der Kapitän, das tun wir allerdings nicht. Wenn Sie acht geben, werden Sie sehen, daß wir bereits nord-östlicheren Kurs genommen haben. Ich will den Versuch machen, während die englischen Kriegsschiffe vor Daressalam versammelt sind, um die Ostseite von Sansi bar herumzufahren und dann vielleicht in Tanga zu landen. Die Maschinen müssen hergeben, was sie können. Die Nacht wird uns auch zustatten kommen, und so hoffe ich zu entwischen." In der Tat gelang das Unter nehmen des Kapitäns, und das Schiff kam auf der Rhede von Tanga an, ohne mit den Briten zusammengestoßen zu sein. Bei der Landung erfuhr man, daß tatsächlich Daressalam beschossen und der dortige Funken turm zerstört worden war. Natürlich herrschte auch in Tanga ungeheure Aufregung. Von allen Seiten kamen die Farmer aus dem Hinterlande herbei, um sich zur Fahne zu melden. Auch unser Freund tat dies unverzüglich. Der Feldwebel, der seine Papiere prüfte, sagte ihm: Ja, nach Deutschland zu ihrem Bataillon werden Sie nicht zurückkehren können, denn England beherrscht ja leider das Meer und den Kanal von Suez." Aber wäre es nicht möglich," wendete Doktor Bergner ein, daß ich auf einem neutralem Schiffe wieder nach dem Atlantik fahre und von da nach Holland oder Norwegen komme?" Denkbar ist ja ein solcher Ausweg," antwortete der Feldwebel, aber ich würde Ihnen doch von diesem Versuch dringend abraten. Wie ich die Herren Engländer zu kennen glaube, werden sie107 auch vor der Durchsuchung neutraler Schiffe nicht zurückschrecken, und was sie dabei an wehrfähigen Deutschen vorfinden, das ist sicherlich ver loren. Sie würden also höchst wahrscheinlich in eines der berüchtigten englischen Gefangenenlager spazieren, ohne dem Vaterlande irgendwie nützen zu können, während, wenn Sie hierbleiben, Sie sich bei der Ver teidigung unserer schönen Kolonie nützlich machen können, denn hier kommt es auf jeden Einzelnen an. Sie können gleich als Unteroffizier eintreten, und wenn Sie sich erst mit Land und Leuten vertraut gemacht haben und mit unseren schwarzen Soldaten umzugehen wissen, dann avancieren Sie hier sicherlich schneller als daheim. Pulver werden wir hier gewiß auch bald zu riechen bekommen, denn lange werden die Briten nicht auf sich warten lassen." Natürlich entschloß sich unser Freund unter diesen Umständen, zu bleiben und seine Pflicht gegen sein Vaterland in Ostafrika zu erfüllen. Wenigstens lernte er so dem Programme seiner Reiseunternehmung gemäß auch jetzt noch diese Kolonie kennen und han delte damit im Sinne seiner Redaktion, wenn er auch mangels jeder telegraphischen Verbindung nicht mehr mit dieser verhandeln konnte. In Tanga gefiel es ihm sehr gut, denn es war eine hübsche und saubere Stadt, die, obwohl sie nur etwa 10000 Einwohner zählte, doch einen fast großstädtischen Eindruck machte und dabei alle Reize der tro pischen Natur in ihrer unmittelbaren Umgebung darbot. In der weiten, im Sonnenschein glitzernden Hafenbucht lag eine prachtvoll bewaldete Insel, die sogenannte Toteninsel, und auch die stattlichen Hotels, Kirchen, Krankenhäuser, Bezirksamt und sonstige öffentliche Gebäude waren zwischen schlanken Palmen und rundkronigen Mangobäumen eingebettet. Selbst das Eingeborenenviertel machte einen netten Eindruck, und die im lachendem Grün versteckten Negerhütten sahen ungewöhnlich sauber aus. Außer den Schwarzen gab es auch noch Jndier und Araber. Die Straßen waren breit und gut gepflastert, ja sogar eine große Markthalle gab es, in der man die herrlichsten Früchte kaufen konnte, namentlich prachtvolle Ananas für nur 20 Pfg. unseres Geldes.108 Rasch lebte Doktor Bergner sich auch in seine soldatischen Pflichten ein, zumal ihm auch der freundliche Feldwebel er hieß Großmann und entpuppte sich als näherer Landsmann dabei gern zu Hand ging, so daß sich zwischen den beiden jungen Männern bald ein freundschaft liches Verhältnis entwickelte. Auch mit den schwarzen Askaris kam unser Freund gut aus und bemühte sich in seinen Mußestunden eifrig um die Erlernung der Suahelisprache. Man merkte den Leuten ordentlich an, daß ihnen das Soldatenspielen Spaß machte und daß sie sich auf einen ernsthaften Kampf geradezu freuten, um zeigen zu können, was sie bei den deutschen Offizieren gelernt hatten. Bergner war ganz erstaunt, als er sah, mit welcher Promptheit diese Schwarzen Griffe klopften" und welche Gewandtheit sie bei den taktischen Übungen entfalteten, wie genau sie beim Scharfschießen das Ziel trafen. Diese Männer fühlten sich offen bar sehr wohl beim Soldatenstande, und in der Tat waren sie ja auch nach Negerbegriffen hohe Herrn. Erhielten sie doch einen nach ihrer Auffassung sehr hohen Monatssold von 30 90 Mk., hatten dazu Ver pflegung und Wohnung, durften ihre Frauen bei sich wohnen haben, und hatten außerdem jeder noch einen jungen Burschen zur persönlichen Be dienung. Von der Lümmelhaftigkeit und von der bauernschlauen Gerieben heit, die der Schwarze sonst dem Europäer gegenüber gewöhnlich bekundet, war bei ihnen kaum noch etwas zu merken, denn das hatte ihnen die straffe Disziplin gründlich ausgetrieben. Sie waren gewohnt, zu gehorchen und sich unterzuordnen, und taten dies umso williger, als sie zu ihren Vorgesetzten blindes Vertrauen hatten, weil sie diese bei vielen Gelegenheiten als mutige und tapfere Männer kennen gelernt hatten, die vor keiner Gefahr zurück schreckten. Ihre ganze Haltung zeigte stramme Festigkeit, und die Freude am bevorstehenden Kampfe leuchtete ihnen förmlich aus den Augen. Es waren meist große, kräftige Burschen, und in ihren gelben Äakianzügen mit dem herabfallenden Nackenschutztuch und den blauen Gamaschen sahen sie recht vorteilhaft aus. Wenn Doktor Bergner oder jetzt Unteroffizier Bergner abends mit109 Feldwebel Grotzmann beim Erholungsschoppen sasz, dann drehten sich ihre Gespräche natürlich um den Krieg und um die Aussicht für die Erhaltung der Kolonialbesitzungen. Das Unangenehmste bei der Sache ist für uns," so urteilte der Feldwebel, daß mir von Gott und aller Welt abgeschnitten sind und fast nichts von dem erfahren, was auf dem Hauptkriegsschauplatz in Europa vor sich geht. Wie mutz es dort wohl jetzt aussehen? Die Engländer vergiften ja die ganze Welt mit ihren Lügengeweben, aber wir als deutsche Soldaten wissen, was wir davon zu halten haben. So werden wir uns auch die Überzeugung nicht rauben lassen, daß unser Heer in Europa von Sieg zu Sieg schreitet. Dumm ist nur, das; wir keinerlei Nachschub vom Mutterlande bekommen können, denn wir würden dringend Waffen, Schietzbedarf, Offiziere, Nahrungsmittel, Geschütze und unzähliges andere nötig haben. Nun, ich denke, wir holen uns manches von den Engländern, wenn sie erst ins Land kommen. Die ersten Scharmützel am Kilimandscharo haben ja bereits gezeigt, datz wir ihnen überlegen sind. Freilich mit der Verpflegung wirds hapern, wenn erst unsere Konservenvorräte aufgebraucht sind, denn neue Lebensmittel lassen die englischen Schiffe ja nicht herein. Aber Ostafrika ist fruchtbar genug, um sich selbst zu ernähren, wir werden uns nur in unseren Lebensgewohnheiten mehr und mehr denen der Ein geborenen anpassen müssen, und so ganz leichtfällt s doch nicht, auf die europäischen Gewohnheiten Verzicht zu leisten. Schwer genug wird auch in militärischer Beziehung unsere Aufgabe sein, denn wir haben zu wenig Mannschaften zum Schutz dieser ausgedehnten Kolonie, die auf allen Seiten von feindlichen Gebieten umgeben ist, zumal die groß mäuligen Engländer sich nicht einmal schämen, auch noch die armselige belgische Kongohilfe in Anspruch zu nehmen und die Portugiesen gegen uns aufzuhetzen, die doch im eigenen Lande wahrlich genug zu tun hätten. Bei Kriegsausbruch bestand unsere Schutztruppe nur aus 260 Europäern und 2500 Farbigen, und damit soll ein Gebiet geschützt werden, das beinahe doppelt so groß ist, wie Deutschland selbst. Glücklicherweise110 haben wir ja starken Zufluß von den weißen Ansiedlern erhalten, denn jeder, der überhaupt eine Flinte tragen kann, hat sich freiwillig gemeldet. Das Schönste ist aber, daß auch die alten, früher ausgebildeten und längst entlassenen Askaris massenhaft zur deutschen Fahne zurückkehren, doch ein Beweis dafür, daß sie das Deutschtum lieb gewonnen haben. Ich glaube, daß wir uns auf unsere Schwarzen fest verlassen können, und Sie werden wohl auch schon den Eindruck gewonnen haben, daß sich mit diesen Leuten etwas erreichen läßt." Das glaube ich auch," sagte Doktor Bergner, und ich bin jetzt ganz froh, daß mich der Kriegs ausbruch gerade hier in Ostafrika überrascht hat, denn ich sehe nur zu gut, wie notwendig hier jeder einzelne Mann gebraucht wird, und man fühlt sich in infolgedessen, während man in Europa doch nur wie ein Tropfen im Weltmeer unter den Millionenheeren verschwinden würde. Hier dagegen kommt man sich ordentlich wichtig vor,- das steigert das Selbstbewußtsein, die Entschlußfähigkeit, aber auch das Verantwortlichkeitsgefühl. Sehr gut ist es, daß wir so reichlich mit Maschinengewehren versehen sind, und meine Askaris wissen ganz prächtig mit den unheimlichen Dingern umzugehen. Was nun sonst noch fehlt, holen wir uns von den Engländern, wenn sie erst ins Land kommen. Hoffentlich kommen sie bald, wir brennen ja alle darauf, uns mit diesem Krämervolk zu messen. Ich kann mir nicht denken, daß die englischen Truppen mit besonderer Begeisterung in den Kampf ziehen, ihre Hilfsvölker sicherlich schon gar nicht. Bei uns dagegen liegt die Hauptstärke in unserer sittlichen Kraft, in dem befreienden Bewußtsein, daß wir nicht auf Eroberungen ausziehen, sondern daß wir sauer er worbenen Besitz gegen ländergierige Räuber verteidigen. Nur deshalb greifen wir zum Schwert, aber ohne heiße Kämpfe wollen wir nicht aus dem Lande weichen, das mit dem Blut und mit dem Schweiß unserer Kulturpioniere getränkt ist." So verstrichen die nächsten Wochen unter unablässiger ernster Arbeit. Vom Feinde war hier an der Küste zunächst nichts zu sehen, und dieIII Nachrichten, die man sonst aus der Kolonie bekam, lauteten auch befrie digend. Am Kilimandscharo waren einige glückliche Gefechte geliefert worden, auch am Viktoriasee und am Nyanzasee hatte man die Waffen mit Belgiern und Engländern gekreuzt. Der kleine Kreuzer Königs berg" hatte die Beschießung von Daressalam höchst schneidig dadurch gerächt, daß er den englischen Kreuzer Pegasus" im Hafen von San sibar überfiel und zuschanden schoß. Später hatte sich die Königsberg" vor der englischen Übermacht in die Mündung des Rufidschiflusses flüchten müssen und war hier von den Engländern durch versenkte Dampfer eingesperrt worden. Doch waren alle Versuche der Engländer, sich des Schiffes selbst zu bemächtigen, blutig abgewiesen worden. In den ersten Tagen des Novembers verbreitete sich in Tanga plötzlich das Gerücht, daß eine große englische Truppenmacht unterwegs sei, um sich dieser Stadt zu bemächtigen, die als Ausgangspunkt der Usambarabahn strategische Bedeutung besitzt. Es schien etwas Wahres an diesen Ge rüchten zu sein; denn in aller Eile wurden von nah und fern Truppen herangeholt und in Tanga versammelt. Immerhin waren es nur 250 Europäer und 750 schwarze Askaris, die aus diese Weise zusammenkamen, und auch das Erscheinen des Kommandanten der Schutztruppe, des Oberstleutnants von Lettow-Vorbeck ließ vermuten, daß ernste Dinge in Vorbereitung seien. Aus Leibeskräften wurde geschanzt und eine befes tigte Feldstellung im Buschwerk hinter der Stadt angelegt. Der Oberst leutnant ging den ganzen Tag von Gruppe zu Gruppe und ermunterte die Leute bei ihrer harten, in der Gluthitze besonders anstrengenden Arbeit. Es wurde alle Kunst der Neuzeit zur Befestigung angewendet. Da gab es Schützengräben, mit elektrisch geladenen Drahtverhauen davor, Wolfsgruben, Flatterminen und was sich sonst noch an Hindernissen ersinnen ließ. Der Oberstleutnant, der den praktischen Sinn der Farmer kannte, forderte die Leute oft selbst aus, noch weitere Vorschläge zu machen, wie man dem Feind die Annäherung erschweren könnte. Bei einer solchen Gelegenheit besann sich auch Doktor Bergner aus seine112 zoologischen Kenntnisse und schlug vor, man solle doch gefüllte Bienen körbe auf die engen Pfade im Busch, die der Feind benutzen mußte, legen oder an ausgespannten Seilen in Manneshöhe aufhängen. Die sehr stechlustigen afrikanischen Bienen würden dann den Engländern schon gehörig mitspielen. Der Oberstleutnant lächelte. Der Gedanke ist gar nicht so übel," sagte er, und früher haben gefüllte Bienenkörbe in der Kriegsgeschichte öfters eine Rolle gespielt. Bei der Verteidigung von Burgen und Städten im Mittelalter pflegte man sie dem Angreifer von den Wällen herab auf die Köpfe zu schleudern und hat dadurch öfters einen ent scheidenden Erfolg erzielt. So können wirs ja auch machen, und ich werde gleich die nötigen Anordnungen ergehen lassen. Sogar an Ton gefäße, gefüllt mit giftigen Schlangen, könnte man denken, wie ja schon der große Karthager Hannibal eine Seeschlacht dadurch gewonnen hat, daß er solche Gefäße mit giftigen Schlangen massenhaft auf das Deck der feindlichen Schiffe schleudern ließ. Mir ist diese Sache aber doch zu unheimlich, und wir wollen es daher bei den Bienenkörben bewenden lassen. Ist man doch in diesem Kriege überhaupt vielfach zu den Waffen und Kampfmitteln vergangener Zeiten zurückgekehrt." Auch Feldwebel Großmann kam mit einem guten Vorschlag. Wenn die Engländer uns hier angreifen sollten," meinte er, so werden sie zwar harte Arbeit bekommen, aber auch für uns ist das Schießen sehr erschwert. Man sieht ja nirgends weiter als höchstens 100 Schritte und kann daher auf größere Entfernung kaum schießen, da man nicht weiß, wo der Gegner steht. Ich würde deshalb vorschlagen, daß wir auf den schmalen Busch wegen, auf denen die Engländer heranrücken müssen, Seile versteckt anbringen und diese Seile mit kleinen Fähnchen in Verbindung bringen, die aus den höchsten Bäumen befestigt sind. Wenn die Engländer an der betreffenden Stelle durchkommen, fallen die Fähnchen herab, und wir wissen dann, wo der Gegner steht und wohin wir unser Feuer zu richten haben." Auch dieser Vorschlag läßt sich hören," nickte der113 Oberstleutnant zufrieden. Ich sehe, Ihr seid nicht auf den Kopf ge fallen. Denkt nur weiter nach, vielleicht fällt Euch noch dieses oder jenes ein, das mir nutzbringend anwenden können." So verstrichen die nächsten Tage, und alles wartete sehnsüchtig, daß die Engländer kommen möchten. Und sie kamen! Als die Morgensonne des 3. November aufgegangen war, konnte Joachim Bergner von seinem erhöhten Standpunkt aus sie über See anrücken sehen. Es waren zwei Kreuzer, 12 großmächtige Transportschiffe und eine ganze Anzahl kleiner Fahrzeuge. Es bot ein schönes Schauspiel, wie diese Flotte stolz ange dampft kam. Dann aber drehten die beiden Kreuzer bei, und ihre ersten Granaten sausten an Land. Die Deutschen erwiderten das Feuer nicht, denn sie hatten den großkalibrigen Schiffskanonen doch nichts Gleich wertiges entgegenzusetzen und wollten auch die Lage ihrer Stellungen nicht zu früh verraten. So ließ man die Engländer ungehindert landen. Die Landung erfolgte bei dem Dorfe Naskazone, und unser Freund, der durch seinen Krimstecher das interessante Schauspiel verfolgte, staunte nicht wenig über die großen Truppenmassen, die da ausgeladen wurden und sich alsbald Ausheben von Schützengräben machten. Es waren zwei englische und acht indische Bataillone, auch Artillerie und Maschinen- gewehrabteilungen, Marinemannschaften und sogar etwas Neiterei, alles zusammen etwa 8000 Mann, also eine achtfache Übermacht. Trotzdem zagte keiner der Deutschen, sondern ungeduldig sehnten sich die Truppen nach dem Kampfe. Endlich waren die Engländer mit ihren Vorberei tungen fertig und traten am Nachmittag den Vormarsch an. Aber wie sie in den dichten, verworrenen Buschwald gekommen waren, lockerte sich freilich das straffe Eefüge ihrer Bataillone, denn auf den schmalen Pfaden mußten die Mannschaften vielfach im Gänsemarsch vorgehen. Das ging langsam genug, denn auch die Bienen traten jetzt als Bundes genossen der Deutschen in Tätigkeit. Die kleinen Fähnlein fielen von den Bäumen, verrieten dadurch, wo die Engländer sich befanden, und sofort wurde ein wütendes Feuer auf sie eröffnet. Bergner und Groß- Dcutsch-s Schwert. g114 mann standen mit ihren Leuten am Hange eines Hügels, von wo sie das Kampfbild in der wundervollen Tropenlandschaft gut übersehen konnten. Sie hatten auch zwei Maschinengewehre bei sich und ließen diese unausgesetzt feuern. Mehr und mehr schwoll das Kampfgetöse an. Auch die Engländer schössen wie besessen, aber mit wenig Erfolg, da sie die Lage der deutschen Stellungen nicht zu erkennen vermochten. Immerhin dauerte es nicht lange, als schon einer der Askaris aus Bergners Zug mit einem lauten Schrei zusammenbrach. Unser Freund hörte wiederholt ein eigentümliches Singen neben seinem Kopf, und es beschlich ihn doch ein banges und beklommenes Gefühl, als er zum ersten mal in seinem Leben die bleiernen Todesboten so dicht an sich vorüber zwitschern hörte. Unwillkürlich duckte er sich jedesmal, aber Großmann, der in den Feldzügen gegen die Schwarzen schon wiederholt Pulver gerochen hatte, rief ihm lachend zu: Man keine Bange! Wenn man die Kugel pfeifen hört, ist sie längst vorüber und kann keinen Schaden mehr tun." Bald hatte auch Bergner sein Kanonenfieber überwunden und wurde mehr und mehr von der Kampfhitze gepackt. Er beteiligte sich selbst am Feuern und schoß so eifrig, daß die Läufe des Gewehres warm wurden. Die Engländer schienen sehr unter dem deutschen Feuer zu leiden, und die Schlachtlinie der Jndier, die an diesem Punkte fochten, kam mehr und mehr in Verwirrung. Man konnte bemerken, daß der Feind auf allen Punkten im Weichen begriffen war. Da aber stürzten sich die bisher in Reserve gehaltenen beiden englischen Grenadierbataillone in die entstandenen Lücken und stellten die bedrohte Lage wieder her. Mit großer Entschlossenheit rückten diese Kerntruppen trotz der schweren Verluste, die sie erlitten, vor und fochten mit dem verbissenen Buldoggen- mut, der die englische Nasse auszeichnet. Allmählich kamen sie bis dicht an die deutsche Stellung heran. Jetzt konnte man schon die einzelnen Gestalten erkennen und aufs Korn nehmen. Auch Joachim Bergner tat dies, aber unwillkürlich zögerte er abzudrücken, als er so das erste Mal auf einen Menschen, der ihm nichts Böses getan hatte, anlegte.vom Vams-Bau in Veutsch-Gstafrika^115 Dann aber sagte er sich, daß es die Verteidigung des Vaterlandes und der deutschen Kultur, daß es die Zukunft seines Volkes gelte, und damit hatte er sofort eine eiserne Ruhe gewonnen. Schuß auf Schuß gab er ab mit der kaltblütigen Art eines Jägers. Wiederholt sah er drüben Menschen zusammenbrechen, die seine Kugel gefällt hatte. Freilich mehrten sich auch die Verluste auf deutscher Seite, aber jetzt erscholl das Kom mando zum Gegenangriff mit den Bajonetten. Mit brausendem Hurra brachen die tapferen Askaris vor, schnellten sich mit tigerartigen Sprüngen durch das ihnen wohlvertraute Dickicht, und gleich darauf klirrten die Bajonette aneinander, brachen Menschenschädel unter wuchtigen Kolben hieben. Dazwischen Revolverschüsse, Geschrei, Flüche, Trompetensignale. Die Engländer vermochten dem kraftvoll geführten Stoß nicht zu wider stehen, sondern mußten zurück. Ihre Artillerie deckte diesen Rückzug, und überall über den deutschen Stellungen erschienen jetzt die hübschen traubenförmigen Wölkchen der Schrapnellgeschosse, platzten mit unheimlichem Krachen und streuten rasselnd ihre tötliche Eisensaat zur Erde nieder. Dazwischen dröhnte der tiefe Brummbaß der schweren englischen Schiffs geschütze. Diese hatten sich die Vorstadt von Tanga zum Ziel ausersehen, und bald sah man von dort rote Flammen gierig zum Himmel empor lodern. An dieser Stelle war überhaupt eine kritische Lage eingetreten, denn die feindlichen Kaschmirschützen waren schon in die vordersten Häuser eingedrungen, während ihnen aus den benachbarten prasselndes Gewehr- und Maschinengewehrfeuer entgegenschlug. Man schlug sich in erbittertem Handgemenge in den Straßen und innerhalb der Häuser, und die eng lische Übermacht drohte hier das tapfere Häuflein der Verteidiger zu erdrücken. Die Kompagnie, der Bergner und Großmann angehörten, erhielt deshalb jetzt den Befehl, nach der Stadt zu rücken und in diesen Häuserkampf einzugreifen. So kamen unsere Freunde ein zweites Mal ins Handgemenge. Aber beide gingen heil und gesund daraus her vor. Bergner entging allerdings nur mit knapper Not dem Tode, denn ein baumlanger britischer Offizier feuerte auf wenige Schritte Ent- L 116 fernung einen Nevolverschuß auf ihn ab, daß die Kugel den Helm durchschlug. Im nächsten Augenblick war aber der Offizier von einem Askari niedergeschlagen und konnte als Gefangener abgeführt werden. Auf der andern Seite war der rechte Flügel der Jndier in eine regel rechte Mausefalle geraten und wurde gänzlich zusammengeschossen. Da auch die restlose Vertreibung der Kaschmirschützen aus der Vorstadt von Tanga gelang, beschien die untergehende Sonne einen entschiedenen Sieg der Deutschen. Nicht anders war das Ergebnis des nächsten Tages, ja die Engländer wurden noch weiter zurückgedrängt und flüchteten teilweise in voller Auflösung zum Strand hinunter, wo sie sich unter dem Schutze ihrer Schiffsgeschütze schleunigst wieder einzuschiffen begannen. Jetzt griff aber auch die deutsche Artillerie in den Kampf ein und nahm sogar das Duell mit den Kriegsschiffen auf. Hochklopfenden Herzens beobachtete Bergner mit freudigem Staunen die Kühnheit und Treffsicher heit der deutschen Kanoniere, und als ein Granatvolltreffer das Deck des einen Kreuzers durchschlug, konnte er sich nicht enthalten, in ein jubelndes Hurra auszubrechen. Auch einer der Transportdampfer wurde übel zugerichtet, ein zweiter stand hell lodernd in Flammen, und einer der englischen Leichter wurde als hilfloses Wrack an den Strand getrieben. Noch immer kam es mit den Engländern zu blutigen Zu sammenstößen, und Unteroffizier Bergner hatte die große Freude, mit seinen Askaris ein Maschinengewehr zu erobern, nachdem der größte Teil der Bedienungsmannschaften seinen Kugeln erlegen war. Am Abend des 3. November befanden sich keine Engländer mehr in Freiheit aus dentsch-afrikanischem Boden, wohl aber waren viele zu Gefangenen ge macht worden. Die Schiffe schössen ihre letzten Salven ab und wanden sich dann wieder dem freien Ozean zu. Eines nach dem andern ver schwand am fernen Horizonte, während Jubel und Begeisterung in den Reihen der Deutschen und der Askaris herrschte und in manchem donnern den Hurra seinen Ausdruck fand. Es war aber auch ein herrlicher Sieg, der in dieser Schlacht bei Tanga, einer der größten und denk-117 würdigsten Schlachten der Kolonialgeschichte, gegen achtfache Übermacht erfochten worden war, denn die Engländer hatten an Toten, Verwun deten und Gefangenen nicht weniger als insgesamt 3000 Mann einge büßt. Ihr Expeditionskorps war wohl für längere Zeit nicht mehr verwendungsfähig. Das Schönste bei diesem herrlichen Siege aber war, daß er mit verhältnismäßig sehr geringen Verlusten erfochten worden war, denn die Deutschen zählten nur 15 Tote und 5 Verwundete, und auch ihre schwarzen Truppen hatten nicht sonderlich gelitten. Dagegen mußten am nächsten Tag 150 Engländer und 600 Jndier bestattet Werden. Acht Maschinengewehre waren erobert worden, und auch sonst gab es willkommene Beute auf dem gestrandeten Leichter in Hülle und Fülle. Da waren Hunderte von schönen wollenen Decken, dreißig Tele phonapparate, Unmassen von Konserven, Schanzgeräten und Gewehren, alles Dinge, die den Deutschen sehr zustatten kamen und die sie trefflich brauchen konnten. Ein Angreifen von der Seeseite her war den Engländern durch diese schwere Niederlage gründlich verleitet worden, aber sie hatten trotzdem offenbar ihre Absichten auf Tanga noch nicht aufgegeben, sondern ver suchten nunmehr von Britisch-Ostafrika aus auf dem Landwege, also aus nördlicher Richtung die Stadt anzugreifen. Schon früher hatten sie von dort aus einen Vorstoß unternommen, aber diesem war durch das Gefecht von Ngazi ein Ziel gesetzt worden. Dem Hauptmann Baumstark, der hier befehligte, gelang es, die Engländer vollständig zu umgehen, sodaß sie in eine verzweifelte Lage geraten wären, wenn es ihnen nicht noch in letzter Stunde geglückt wäre, Verstärkungen an in dischen Truppen an der Küste zu landen. Die Offiziere der Jndier waren darum nicht wenig erstaunt, als sie die erwarteten Deutschen statt aus der Richtung Tanga, aus der Richtung Mombassa heranrücken sahen. Das Gefecht hatte mit dem allgemeinen Rückzug der Engländer geendigt, die sogar zwei Geschütze in den Händen der Sieger lassen mußten. Gleich nach Neujahr wiederholten sie aber diesen Versuch nochmals mit118 stärkeren Kräften. Oberstleutnant von Lettow-Vorbeck verließ deshalb mit dem größten Teile der Besatzung Tanga und rückte nordwärts den Engländern entgegen, um ihnen schon gleich hinter der Grenze einen gebührenden Empfang zu bereiten. Auch Bergner und Großmann waren an diesem Zug beteiligt, der an die Ausdauer der Soldaten hohe An forderungen stellte. Das Gelände hier war sehr sumpfig, und man wurde eigentlich überhaupt nicht mehr trocken. Oft regnete es auch nachts in Strömen, und selbst die wasserdichtesten Zelte boten dagegen nur einen sehr ungenügenden Schutz. Die englische Vorhut hatte bereits die Grenze überschritten und die schon auf deutschem Gebiet gelegene Ortschaft Jassini besetzt, während zwei kleinere Trupps einige Kilometer nördlich davon im Tal des Umbaflusses lagerten, die Hauptmacht aber sich noch auf britischem Gebiet in und bei dem Hafenstädtchen Wanga befand. Oberstleutnant von Lettow-Vorbeck, der im ganzen über etwa 1800 Mann verfügte, erschien aber überraschend im Tal des Umbaflusses und operierte so geschickt, daß er sich zwischen die britische Vorhut und die Hauptmacht einschob. Dadurch kam es am 18. und 19. Januar 1915 zu dem blutigen Treffen bei Jassini. Die englische Vorhut war vollständig eingeschlossen worden und wurde hart bedrängt, und nicht besser ging es den beiden feindlichen Truppenabteilungen im Tale des Umbaflusses. Diese ver mochten sich schließlich mit schweren Verlusten durchzuschlagen, dagegen konnte die englische Vorhut der eisernen Umklammerung der Deutschen nicht mehr entrinnen. Unsere beiden Freunde waren bei der Abteilung, die gegen die feindliche Vorhut kämpfte, und ihre Maschinengewehre spielten den Engländern übel auf. Auch hatten beide wieder Gelegenheit, sich als tüchtige Scharfschützen zu bewähren, denn den ganzen Tag über wurde ein hinhaltendes Feuergefecht geführt. Gegen Abend aber erschien die englische Hauptmacht auf dem Kampfplatz, um ihre Vorhut zu be freien, und es gab einen harten Kampf, denn die Briten fochten hier diesmal ungemein tapfer und verfügten über Gebirgsgeschütze, die vor trefflich bedient wurden und den Deutschen viel Schaden zufügten.119 Bergner stöhnte laut auf vor Schmerz, als er sah, wie durch einen Volltreffer aus einem solchen Gebirgsgeschütz drei deutsche Maschinen gewehre zerschmettert wurden, darunter auch das seiner eigenen Obhut anvertraute. Er focht nun aber erst recht mit Grimm, und auch die Askaris ließen sich nicht entmutigen, sondern wurden durch die Hart näckigkeit der Engländer nur zu neuer Kampfeswut entflammt. Der englische Vorstoß wurde abgeschlagen, und dasselbe Schicksal hatte ein zweiter am nächsten Tage. Mit einem Verlust von 200 Toten und einigen Maschinengewehren mutzten die Briten endgültig den Rückzug antreten. Damit war das Schicksal ihrer abgeschnittenen Vorhut besiegelt, der bald Wasser und Schießbedarf ausgingen, sodaß ihr nichts übrig blieb, als bedingungslos die Waffen zu strecken. Also ein kleines Sedan auf dem Boden des schwarzen Erdteiles! Aber auch die Deutschen hatten schwere Verluste zu beklagen. Allein 57 der Weißen bluteten, darunter Oberstleutnant von Lettow-Vorbeck selbst. Bei den letzten Kämpfen, als man die zurückweichende englische Haupt macht im dicht versumpften Gebüsch verfolgte, waren auch die Deutschen sehr auseinander gekommen, und auch Bergner hatte in dem unüber sichtlichen Gelände die meisten seiner Askaris aus den Augen verloren. Man konnte aber nur mit größter Vorsicht in die grüne Wildnis ein dringen, und allenthalben krachten noch die Schüsse der gut ve steckten und den Rückzug deckenden englischen Nachhuttruppe. Plötzlich fühlte unser Freund einen heftigen Schlag gegen seine Schulter, und als er hinsah, bemerkte er, daß Blut hervordrang und seine Uniform beschmutzte. Zwei seiner Leute waren aber gleich zur Stelle, und, auf sie gestützt, wankte er zurück. Obwohl er alle Willenskraft aufbot, sich auf den Füßen zu halten, brachten es der schwierige Weg und der große Blut verlust schließlich doch zustande, daß er die Besinnung verlor und be wußtlos aus den Boden stürzte. Als er wieder zu sich kam, lag er schon auf dem weiter rückwärts befindlichen, vor den feindlichen Kugeln geschützten Verbandsplatz, wohin ihn die beiden Schwarzen auf einer120 rasch hergestellten Tragbahre geschafft hatten. Ein freundlicher alter Sani täter war um ihn bemüht. Na, geht s wieder?" meinte er heiter, Sie sind gut davon gekommen. Der Arzt hat sie vorhin untersucht und gesagt, daß ihre Wunde ungefährlich ist, in einigen Wochen verheilt sein und auch keine üblen Folgen zurücklassen wird." Das war allerdings eine Beruhigung, schmerzhaft aber der Gedanke, daß er nun bei den nächsten Kämpfen nicht dabei sein konnte. Aber der Sanitäter tröstete ihn lächelnd. Vorläufig haben die Engländer genug, und der Boden Deutsch-Ostafrikas wird ihnen wohl etwas zu heiß vorkommen. Bis sie sich zu einem neuen Angriff mit noch größeren Streitkräften aufge rafft haben werden, bis dahin sind Sie längst wieder gesund." Bergner sah sich nun unter seinen Leidensgenossen ein wenig um. Leider waren es ihrer nicht wenige, und in geringer Entfernung erblickte er auch seinen Freund Großmann, der den linken Arm in der Binde trug. Auf den schwachen Anruf Bergners kam er überrascht näher. Endlich finde ich Sie," rief er bewegt aus, ich habe Sie schon überall gesucht. Hoffentlich ist s nicht gefährlich." Bergner zerstreute alsbald die Besorgnis des Freundes und erkundigte sich dann nach dessen Wunde. Es stellte sich heraus, daß es auch Eroßmann ganz ähnlich ergangen war. Auch er war in den letzten Gefechtsmomenten durch einen Schuß in den Arm verletzt worden, aber auch bei ihm bestand die begründete Hoffnung auf rasche und baldige Heilung. Ich denke," sagte Großmann schmun zelnd, daß das eiserne Kreuz das beste Pflaster auf unsere Wunden sein wird, aus die wir stolz sein können. Ich habe so etwas munkeln hören, daß für sämtliche verwundete Weiße das eiserne Kreuz bean tragt werden wird." Bergner nickte stumm sein Einverständnis. Er fühlte sich doch etwas matt und schlummerte bald wieder ein, der Ge nesung entgegen.121 Kapitel VII. Da man in Tanga, wohin die Verwundeten zunächst geschafft wurden, immerhin auf die Wiederkehr englischer Kriegsschiffe gefaßt sein mußte und bereits zur Genüge wußte, wie wenig sich englische Granaten um die Flagge mit dem roten Genfer Kreuz zu kümmern pflegen, so wurden alle leichter Verwundeten so bald als möglich mit der Usambarabahn ins Innere des Landes geschafft. Zu ihnen gehörten auch Großmann und Bergner, und dieser lernte auf diese Weise gleich den schönsten Teil unserer ostafrikanischen Kolonie, das liebliche und romantische Bergland Usambara kennen. In dessen gesunder Luft konnten die Verwundeten auch leichter genesen und sich gründlicher erholen, als in der schweren, heißen Dunstluft der ebenen Küstengegenden. Die Landschaft erinnerte lebhaft an die schönsten Teile Thüringens oder des Harzes und ist von Anbeginn an stark unter Kultur genommen worden, denn in dieser an genehmen Bergluft vermag auch der Europäer dauernd zu leben und sogar zu arbeiten, was in den heißen Teilen Ostafrikas nur für kurze Zeit möglich ist. Plantage reihte sich in diesem schönen Berglande an Plantage, wobei bald Kautschuk, bald Kaffee, bald der Sisalhanf als Hauptpflanze gebaut wird. Von allen Berghängen, die teilweise mit prachtvollen Urwäldern bestanden sind, rauschen siberne Wasserläuse zum Tal hernieder. Überall herrscht eine üppige Vegetation, und namentlich die vielen Zitronen- und Orangenbäume machen sich mit der verschwen derischen Fülle ihrer leuchtenden Früchte wunderschön. Auch allerlei Edelholz gibts in mächtigen riesenhaften Stämmen. Zwischen den Ba nanenhainen liegen kleine Negerdörfer, und oft eröffnen sich prachtvolle Ausblicke auf die Massaisteppe und den dahinter liegenden Kilimandscharo. Zum erstenmal in Ostafrika sah Bergner hier richtigen Urwald mit stolz emporstrebenden Baumriesen, zwischen denen Lianen oft von Arm dicke emporkletterten, mächtige Farnkräuter ihre zierlichen Wedel schwangen, wo auf gestürzten, morschen Stämmen tausendfältiges neues Leben er-122 blühte und das Tageslicht nur gedämpft in diese Wildnis fiel, in der tiefes Schweigen herrschte, nur unterbrochen von dem leisen Gemurmel der Gebirgsbäche. Als Quartier wurde beiden Freunden mit noch einigen Leidens genossen die wunderschön gelegene Station Amani angewiesen. Das ist eigentlich der Sitz der ostasrikanischen Gelehrten, die hier in völliger Abgeschiedenheit inmitten des Urwaldes ihren Studien obliegen. Botaniker, Zoologen, Chemiker usw. sind hier tätig, um die Verwertbarkeit der ein heimischen Pflanzen oder die Bekämpfung der zahllosen Schädlinge zu studieren oder vorsintflutliche Knochen auszugraben oder den Boden auf seine chemische Beschaffenheit hin zu untersuchen. Alle sind sie mit glühendem Eifer bei ihrer Arbeit, alle haben sie schon mehr oder minder große wissenschaftliche Erfolge erzielt. Jetzt waren aber auch die Ge lehrten fast alle hinausgezogen zum Kampfe für die Erhaltung der Kolonie, und nur die ältesten noch als Hüter des wissenschaftlichen Heiligtums zurückgeblieben. In Zimmern, die mit Spirituspräparaten, Retorten, Jnsektensammlungen und ausgestopften Tieren gefüllt waren, wurden die Verwundeten untergebracht und gastfrei gepflegt und betreut. Unter so angenehmen Verhältnissen erholten sich die meisten von ihnen rasch genug, und auch bei Bergner hatte die jugendkräftige Natur über raschend schnell den erlittenen Blutverlust wieder ausgeglichen. Bald war er so weit, in Begleitung Großmanns, der noch immer den Arm in der Binde trug, erst kleinere, dann größere Spaziergänge in der Um gebung der Station zu machen und die wundervolle Natur daselbst mit gierigen Augen zu studieren. Gerade diese Spaziergänge trugen viel zur weiteren Kräftigung bei und waren nebenbei auch noch äußerst lehr reich, zumal es dem alten Professor, der als Stationsleiter zurückge blieben war, sicherlich Freude machte, den beiden sich so für die Natur interessierenden Jünglingen alle gewünschten Aufklärungen zu geben. Besonders interessierte sich Joachim Bergner für die Termiten, denen man hier fast auf Schritt und Tritt begegnete, denn er hatte schon so123 viel von den wunderbaren Eigenschaften dieser staatenbildenden Insekten gehört und gelesen, die in vielem noch unsere Ameisen und Bienen zu übertreffen scheinen. Es gab viele verschiedene Arten von Termiten dort. Eine davon hatte ihre kugelförmigen Nester hoch oben in den Kronen der Bäume errichtet, und von da aus führten dann mit Erde überwölbte Gänge am Baumstamm entlang bis zum Erdboden. Bröckelte man einen solchen Gang auf, so sah man die kleinen Tierchen erschreckt hin und her laufen, die Arbeiter sowohl als auch die Soldaten mit ihrer nasenförmig ausgeschnittenen Stirn. Auch das Innere von alten und zermorschten Stämmen beherbergte öfters Termiten und war bisweilen ganz von ihren Gängen durchzogen. Näherte man sich einem solchen Baum, so hörte man ein eigenartiges Schnurren,- das war das War nungszeichen, welches die Termitensoldaten durch Aufschlagen mit ihren Köpfen gaben, wenn sie das Geräusch der nahenden Menschenschritte vernommen hatten. Auffallender und interessanter als die baumbewoh nenden Termiten waren aber diejenigen, die die großen kuppeiförmigen Termitenhügel auf dem Erdboden errichten. Einmal nahm der Professor auf die Bitte Bergners einige schwarze Arbeiter mit, um einen solchen Termitenhügel aufzugraben und dadurch das innere Gefüge eines der artigen Tierstaates bloszulegen. Die Schwarzen hatten aber saure und zeitraubende Arbeit mit ihren Spitzhacken zu leisten, denn das Baumaterial der Termiten erwies sich als außerordentlich zähe und widerstandsfähig. Auf der Spitze des Hügels war eine faustgroße Öffnung vorhanden, die der Professor als Schornstein" bezeichnete und hinzufügte, daß dieser Schornstein zur Lüftung des Nestinnern und zur Regelung der Tem peratur diene. Nach kurzem Graben kamen schon die ersten Termiten zum Vorschein, und die Soldaten unter ihnen, die durch einen mächtig entwickelten Kopf ausgezeichnet waren, stürzten sich grimmig auf die neugierigen Menschen, die vor ihren kräftigen Beißwerkzeugen bald den größten Respekt bekamen. Die zartere Oberhaut der Europäer wurde von ihnen glatt durchschnitten, sodaß sofort eine blutende Wunde entstand,124 während die dickere Haut der Neger weniger empfindlich war und man nur die Termiten fest verbissen an ihr hängen sah, ohne daß aber Blut floß. Im Innern des Baues wurde Doktor Bergner dann auf kinds kopfgroße rundliche Gebilde von schwammförmiger Beschaffenheit auf merksam. Was bedeuten denn diese Dinger?" frug er erstaunt. Das sind die Pilzgärten der Termiten," erklärte der Professor, und zwar besteht ihre Grundmasse aus einer von den Tieren zerkauten Holzsubstanz, die als Düngemittel und Nährboden für die Pilze dient. Diese winzigen Pilze sondern eiweißhaltige Körperchen ab, wie Sie hier sehen können, die sogenannten Kohlrabihäufchen, und diese wiederum bilden die Lieb lingsspeise der Termiten. Sie treiben also richtigen Ackerbau und haben es in der Pilzkultur eigentlich weiter gebracht als wir Menschen, denn bekanntlich stecken unsere Versuche zur künstlichen Zucht von Pilzen noch ziemlich in den Kinderschuhen." Nach der Pilzgärtenschicht kam in dem Termitenbau eine andere mit vielen Gängen und zahlreichen Tieren, und endlich stieß man im Mittelpunkt des ganzen Baues aus ein kammer artiges Gebilde, das durch einen Hackenhieb geöffnet und nun sorgsam herausgenommen wurde. Der Professor bezeichnete es als Königs kammer," und in ihr saß richtig die Königin des ganzen Staates, und die beiden Soldaten staunten nicht wenig über ihre Größe, denn ihr mächtig angeschwollener, wurstartiger, von Eiern strotzender Hinterleib war etwa 8 Zentimenter lang und füllte den größten Teil der flachge- wölbten Kammer aus. Zahlreiche Termitenarbeiter ließen sich auch durch die Gegenwart der Menschen nicht abhalten, dienstfertig um die Königin herumzulaufen, während von dem königlichen Gemahl, der sich wohl beizeiten aus dem Staube gemacht hatte, nichts mehr zu sehen war. Weniger angenehm als solche zoologische Studien waren diejenigen, die man am eignen Körper machen konnte oder vielmehr machen mußte. Zwar waren sowohl Bergner wie Großmann in dieser Hinsicht schon manches gewohnt, aber was man hier im Innern Ost-Afrikas davon erleben mußte, ging doch über alles Frühere hinaus. Recht garstige125 Plagegeister waren namentlich die Sandflöhe. Der Professor hatte eindringlich davor gewarnt, etwa mit bloßen Füßen zu gehen, da die Stiefel ziemlichen Schutz gegen diese Insekten gewähren, weshalb die Europäer ungleich seltener von ihnen befallen werden, als die Schwarzen. Wenn auch Doktor Bergner diesen wohlgemeinten Rat pünktlich befolgte, so kam er doch beim Sammeln oder Beobachten von Tieren selbstver ständlich öfters mit den Händen mit der Erde in Berührung und hatte nicht gedacht, daß die Sandflöhe auch auf die Hände übergehen könnten. Bald aber mutzte er die Entdeckung machen, daß dies in ausgiebigem Matze der Fall war. Die Tiere nisteten sich besonders an hornigen Stellen ein, namentlich unter den Fingernägeln. Bergner hatte die Empfindung, als ob er sich ein Splitterchen unter den Nagel gerissen habe,- bei näherem Hinsehen entdeckte er dann ein kleines schwarzes Pünktchen, das sich aus keine Weise entfernen ließ. Später trat Jucken und ein spannendes Gefühl ein und nun erst kam er auf den Gedanken, daß es sich vielleicht um Sandflöhe handeln könne. Der Professor, den er zu Rat zog, bestätigte seine Vermutung und riet ihm, sich an einen Schwarzen zu wenden, die auf diesem Gebiete die besten Ärzte seien. Der Schwarze betrachtete die Sache und sagte dann, datz man noch einige Tage warten müsse, weil der Floh noch nicht reis sei. Nach einigen Tagen, als sich an den schwarzen Punkten schon ein weitzer Hof gebildet hatte, präparierte dann der Neger mit großem Geschick mit Hilfe von Stecknadeln tatsächlich die Tierchen heraus, ohne datz man dabei beson dere Schmerzen empfand. Die Sandflöhe hatten die Größe einer Erbse, vorn einen kleinen schwarzen Kops, hinten einen stark angeschwollenen weißen Leib. Das in der Oberhaut entstandene Loch wurde eingepudert und verheilte in wenigen Tagen von selbst. Wenn man so rechtzeitig gegen die Sandflöhe Maßregeln ergreift, sind sie also nicht so schlimm, wie man oft hört, aber bei Vernachlässigung treten Eiterungen ein, die schließlich zur Entzündung des Fingers oder der Zehe führen und eine Operation notwendig machen können.126 So schön es auch in Amani war, den beiden Freunden wollte das süße Nichtstun dort doch nicht recht gefallen, sie sehnten sich wieder nach ihrer Truppe zurück. Allerdings schien der alte Sanitäter recht behalten zu sollen, denn seit dem blutigen Treffen von Jassini hatten die Eng länder wenig mehr von sich hören lassen. Trotzdem schwebten Bergner und Großmann immer in Angst, etwas zu versäumen, und drängten daher den sie behandelnden Arzt fortwährend, sie doch bald als gesund zu entlassen. Tatsächlich fühlten sie sich auch bereits vollkommen wieder wohl. Bei Großmann war der linke Arm zwar noch etwas steif und noch nicht recht gebrauchsfähig, aber bei Bergner schien die Verwundung ohne alle üblen Folgen geheilt zu sein. Schließlich willigte der Arzt ein. Für die Front," sagte er, sind sie freilich noch nicht tauglich, aber immerhin sind Sie jetzt kräftig genug, um wenigstens Rekruten zu drillen und sich dadurch dem Vaterlande nützlich zu machen. Ich werde dafür sorgen, daß Sie in eine gesunde Gegend kommen, in der Sie noch eine Art Nachkur durchmachen müssen, indem Sie sich durch Jagd ausflüge und dergleichen an größere Strapazen gewöhnen." Richtig kam dann einige Tage später der Befehl, daß beide nach Wilhelmstal gehen sollten, um bei der dortigen Garnison, bei der sich viele Schwarze neu zum Heeresdienst gemeldet hatten und nun abgerichtet werden mußten, Dienst zu tun. Der Weg dorthin war schön und gut, und fröhlich singend zogen die beiden Deutschen mit ihren Trägern dem neuen Be stimmungsort zu. Wilhelmstal lag in einem schönen Flußtal mit präch tigem Pflanzenwuchs in freundlicher Gegend, aber schon nahezu 150V Meter hoch, sodaß dort eine kühle Bergluft wehte und neben den afri kanischen Gewächsen auch allerlei europäische Gemüse trefflich gediehen. Selbst in der Trockenzeit ist es hier oben recht frisch und kühl und die Hitze sehr gemindert, obgleich man hier noch Kaffeebäume, Zedern und andere tropische Gewächse findet. Sogar ein bescheidenes Hotel Zum kleinen Leutnant," das von einem Schweizer gehalten wurde, war hier vorhanden, und so war für verhältnismäßig gute Unterkunft und Ver-127 pflegung gesorgt. Dazu kam die Regelmäßigkeit des Dienstes, und so fühlten sich die beiden jungen Deutschen bald wieder ganz bei Kräften. Der dichte Busch und Wald in der Nähe von Wilhelmstal roar von einer Anzahl Pflanzungen und von zahlreichen Ansiedelungen der Ein geborenen unterbrochen. Letztere kennzeichneten sich ausnahmslos durch ihre Bananenkultur und waren daran gewöhnlich schon aus der Ferne zu erkennen. Auch standen auf dem runden Dorfplatz gewöhnlich einige Kokospalmen, und meist waren die Dörfer von einer dichten Dornenhecke umgeben. Um die Hütten, die fast ausnahmslos Rundhütten waren, zog sich ein mehr oder minder großer Garten, in dem außer Bananen auch Mais gepflanzt wurde, ferner etwas Manjok, von dem die Knollen gegessen werden, Bataten oder Süßkartoffeln, Zuckerrohr, Negerhirse, Kürbis, eine Bohnenart, von der auch das Kraut wie Spinat verwertet wurde, eine Feldbohnenart mit fußlangen Schoten usw. Die großen Strecken des noch nicht in Kultur genommenen Landes waren in ihrem Aussehen teilweise dadurch recht ungünstig beeinflußt, daß die Eingeborenen und die Pflanzer zu Kultivierungszwecken Waldbrände angelegt hatten. Man sah viele kahlstehende, dürre Bäume, deren Weiterentwicklung durch das Feuer gehemmt war. Im großen und ganzen hatte freilich Regen und Tropensonne den entstandenen Schaden rasch wieder gut gemacht, und aus weite Strecken hin sah die Landschaft unberührt und jungfräulich aus mit ihren überall hoch aufragenden Prachtexemplaren von Laubbäumen, namentlich Mwulebäumen, deren eisenhartes Holz bereits im deutschen Schiffbau Verwendung findet. Eine andere Art von Bäumen hatte so hohe und glatte Stämme, daß selbst die Affen sie nicht erklettern konnten. Gern sah sich Doktor Bergner, der im Laufe der Zeit in ein immer ver trauteres Verhältnis zu den Schwarzen gekommen war, ihre Behausungen näher an. Viel war darin freilich nicht zu erblicken, denn das ganze Hausgerät beschränkte sich aus wenige tönerne Kochtöpfe und Kürbis flaschen, alle in einfachster Form und ohne jede Verzierung. Das einzige Hausgerät, auf dessen Ausstattung mehr Wert gelegt wurde, war das128 Milchgefäß, denn diese Schwarzen sind begeisterte Milchtrinker und halten ein gewöhnliches Tongefäß offenbar nicht für würdig genug, ihr Lieblings getränk aufzunehmen. Diese Gefäße waren von birnenartiger Form und aus einem einzigen Holzblock sehr geschickt herausgearbeitet. Meist hingen sie in geflochtenen Netzen, waren rot gefärbt und zeigten oft recht hübsche Verzierungen und Malereien. Auch verschiedene Musikinstrumente fanden sich in den Hütten, hauptsächlich Trommeln, diese aber in allen Größen. Sie waren verschieden abgestimmt, so daß man nicht nur den eintönigen Paukenschlag hörte, sondern ganz hübsche und harmonische Tonreihen zu stande kamen. Wie alle Schwarzen, liebten auch die Eingeborenen dieser Gegend die Musik ungemein und tanzten auch gern bei ihren Trommel konzerten unter einförmigen konvulsivischen Körperbewegungen. Die Zu schauer pflegten dabei fleißig zu rauchen und zwar aus selbstgefertigten, kegelförmigen, sauber gearbeiteten und hübsch verzierten Tonpfeifen. Dazu wurde auch eine Art Bier getrunken, das die Negerweiber aus gegorener Hirse selbst zu bereiten verstanden. Die Last des Haushaltes ruhte überhaupt fast ganz aus den Schultern der Weiber, und Doktor Bergner fand bald, daß diese Frauen es nicht gerade leicht hatten, trotz der üppigen Natur, die sie umgab. Eine erhebliche Arbeitsleistung stellt allein schon das tägliche Stampfen der Negerhirse in großen Mörsern dar. ein Vorgang, der unserem Dreschen entspricht. Die halbe Nacht hindurch dauerte oft dieses rhythmische Stampfen an, mit seinem unaus gesetzten bum, bum, bum, das sich anhörte wie fernes Pelotonfeuer. Un ausgesetzt schwangen so die Frauen ihre langen schweren Mörserkeulen, und wenn die Hirse oder der Mais erst etwas zerstampft war, so klang das Geräusch mehr klatschend und nicht so schußartig. Wenn das Stampfen endlich aufhörte, wischten sich die Frauen aufatmend den Schweiß von Stirn und Brust, denn es ist eine harte Arbeit in der tropischen Tem peratur, weshalb sie auch so gern auf die Nachtstunden verlegt wird. Durch Schütteln im Wind in Handschalen wird dann die Spreu ab gesondert, und hierauf werden die Körner zwischen zwei Steinen zur- UI7KS129 Mehl verrieben, damit dann der Brei gekocht werden kann, der die tägliche Hauptmahlzeit bildet. Auf einer nahen Pflanzung, die einem Herrn Ilgner gehörte, waren die beiden Freunde oft zu Gast. Es war wunderschön hier, namentlich wenn die Sonne um 6 Uhr nachmittags unterging. Sie verschwand dann wie in blauen wogenden Wellen, und als wollte die Spenderin alles Lebens aus Erden ihre Kinder trösten, ihre Fortdauer bekunden und ihre Wiederkehr versprechen, verstreute sie aus der Tiefe, in der sie verschwand, eine Fülle Goldes in den Himmelsraum, das sich in zarten Farben dort brach und alle Wolken umsäumte. Aber der Glanz dauerte nicht lange. In wenigen Minuten war das Zaubergold verschwunden, und die Nacht sandte ihre Schatten herauf. Wie ein plötzliches Schweigen ging es durch die Welt, und unwillkürlich griff jeder nach seiner Decke, denn von der erschrockenen Erde aus wehte ein kalter Windhauch die Menschen an. Dann stieg der Mond herauf und die Sterne wandelten ihre unvergänglichen Bahnen. Zu der Pflanzung gehörte etwa 1000 Hektar Land, wovon aber kaum erst der dritte Teil unter Kultur genommen war. Herr Ilgner erzählte, wie er vor fünf Jahren sich in den Urwald gesetzt und diesen zu lichten begonnen hatte. Eine Arbeiterkolonne von etwa 30 Mann wurde dabei vorangeschickt, die mit ihren Geräten das hohe Elefantengras und das leichte Buschwerk beseitigten. Hinterdrein folgte eine große Kolonne von Arbeitern mit Beilen, Sägen und ÄXten, die das starke Buschwerk und die Bäume umhieben. Wenn dies ge tan ist und das gefällte Holz in großen Haufen herumliegt, werden diese von der Sonne ausgetrocknet und bald so dürr, daß ein Streichholz die ganzen ungeheuren Massen in Brand zu setzen vermag. Das gewaltige Flammenmeer bietet dann namentlich nachts einen überwältigenden Anblick. Fast alles verbrennt, nur die großen Stämme bleiben angekohlt liegen. Aber das verbrannte Holz düngt den Boden auf das üppigste. Jetzt stand schon fast eine Viertelmillion Kautschukbäume, von denen bereits 50000 anzapfbar waren, in der Plantage, in regelrechten Reihen, deren Deutsches Schwert. c 130 Zwischenräume von Unkraut freigehalten wurden. Aber in dieser tsetse- sreien köstlichen Bergluft, wo man abends das lustig im Kamin flackernde Feuer recht gut vertragen konnte, gedieh auch alles vortrefflich, was den Stall füllte. Zwei Dutzend flinke Pferde tummelten sich auf der Weide, eine umfangreiche Schweineherde grunzte froh und sah ahnungslos ihrer Verwandlung in Schinken, Speckseiten und Mettwurst entgegen. Seine schönsten Erfolge hatte aber Herr Jlgner mit der Rindviehzucht erzielt, denn er hatte das niedrig gebaute, magere und wenig ergiebige Vieh der Eingeborenen mit edlen europäischen Bullen gekreuzt. Jetzt nach wenigen Iahren hatten die Tiere schon hohe Beine, breite Brust und Stirn und kurze Hörner bekommen, und die Euter der schönen, kraftvoll gebauten Kühe strotzten von Milch. Wenn es hier auch keine Tsetsefliegen gab, so stellten sich doch andere Plagegeister aus dem Insektenreiche genug ein, denn ohne die geht es in Ostafrika nun einmal nicht ab. Stinkwanzen als Buchzeichen, im Rockärmel, im Teewasser, Motten in der Suppe oder im Getränk, Termiten an den Kleidern und Gamaschen, Wespen im Zelt, winzige Ameisen im Bett, ungeheure Kakerlacken in den Koffern, das waren alltägliche Erscheinungen. Wollte man sich abends auf der Veranda der Farm im Freien aufhalten und zündete die Lampe an, so erschienen nicht selten ungeheure Schwärme geflügelter Termiten, die ihren Hochzeits flug hielten, und bedeckten den Tisch und alles, was er enthielt mit ihren leicht abfallenden Flügeln. Einmal hatte man ein Picknick im Freien ver anstaltet und harrte gespannt der Genüsse, die Ilgners Koch am Lager feuer bereitete. Plötzlich erscholl ein Schreckensruf, und alles sprang er schrocken auf. Ungezählte Tausende von Beißameisen hatten das friedliche Lager überfallen, im Augenblick die Küche mit allen Vorräten erbeutet, die Neger in die Flucht geschlagen, und auch die Gegenangriffe der Weißen blieben angesichts der feindlichen Übermacht erfolglos. Man mußte sich damit begnügen, Zelt und Gepäck zu retten. Ungeachtet der heftigen, sehr schmerzhaften Bisse, die ihnen die Tierchen verursachten, ergriffen die Schwarzen Feuerbrände und fuhren mit ihren Fackeln langsam durch die131 Reihen der anrückenden Feinde, bis rings um das Zelt ein Wall von Leichen und glimmender Asche errichtet war. Die innerhalb dieses Kreises noch befindlichen Ameisen wurden einzeln unschädlich gemacht, und es ge lang auch, die in unverminderten Scharen weiter nachrückenden Tiere abzulenken. Trotzdem war die Freude an diesem Picknick allen gründlich verdorben, und man beeilte sich, heim zu kommen. Aber auch gefährlichere Abenteuer hat ein ostafrikanischer Farmer zu bestehen. Einmal waren die Leute des Herrn Jlgner im Busch mit Aus rodungsarbeiten beschäftigt, als sie zu ihm schickten mit der Nachricht, sie hätten die Arbeit verlassen müssen, weil eine große Schlange sich gezeigt habe. Als Herr Jlgner hin ging, fand er nur noch zwei Aufseher, die ihm ungefähr die Stelle zeigten, wo das Untier sich versteckt habe. Der Farmer wollte nicht recht an die ganze Geschichte glauben und näherte sich deshalb unvorsichtig dem betreffenden Platz. Da schoß plötzlich die Schlange hochaufgerichtet hervor, und es gelang ihm nur mit Mühe, sie durch einen kräftigen Faustschlag auf den Kopf von sich abzuwehren. Doch wurde der neben ihm stehende eine Aufseher stark am Oberarm gebissen, und nun umschlang das Reptil mit ungeheurer Kraft die beiden Beine des Herrn Jlgner und umwickelte sie mehrmals. Er fiel um und war in der Gefahr, in dem ungleichen Kampf erdrückt zu werden. Doch verloren glücklicherweise die beiden Aufseher den Mut nicht, sondern be arbeiteten mit ihren scharfen Buschmessern den Kopf der Schlange so gründlich, daß sie betäubt herabsank und nun vollends getötet werden konnte. Sie gehörte einer der großen Arten an und maß mehrere Meter, war aber glücklicherweise nicht giftig. Wenn man abends auf der Veranda des gemütlichen Farmhauses zusammensaß, hörte Doktor Bergner öfters auch mit wollüstigem Schauern in der Ferne das dumpfe Gebrüll der Löwen. Dann regte sich das Jägerblut in ihm, und er nahm sich vor, Afrika nicht zu verlassen, ohne auch den König der Tiere erlegt zu haben. Er wendete sich deshalb an Herrn Jlgner mit der Bitte, doch gelegentlich ein gefallenes Stück 9 132 Vieh herzugeben, damit er oder Großmann einen Löwen am Luder schießen könne. Aber Herr Jlgner wehrte entschieden ab. Nein, nein, mein Lieber," sagte er, wenn Sie Löwen schießen wollen, dann müssen Sie schon in die freie Steppe hinaus, denn hier meinen Plantagenlöwen lasse ich nichts zu leide tun. Das sind ja für uns Farmer die allernütz- lichsten Tiere! Sie müssen nämlich wissen, daß die Hauptnahrung dieser Löwen in Wildschweinen besteht, und daß andererseits diese Wildschweine in unsern Feldern und Kulturen den größten Schaden anrichten und oft in einer einzigen Nacht jahrelange Mühe und Arbeit zunichte machen. Mit der Flinte können wir uns dieser nur nachts erscheinenden Wild schweinherden kaum erwehren, haben auch gar nicht die Zeit dazu. Das besorgt der Löwe, und deshalb ist er unser guter Freund. Wie ich, so denken in dieser Hinsicht fast alle Farmer, zumal die Löwen, von seltenen Ausnahmen abgesehen, sehr scheu sind, sich deshalb nicht in die unmittel bare Nähe der Niederlassungen wagen und demgemäß so gut wie gar keinen Schaden am Vieh verursachen. In dieser Hinsicht ist der Leopard weit gefährlicher und unverschämter, obwohl auch er uns nicht wenig da durch nützt, daß er fleißig hinter den Affen her ist, die sonst wenig natür liche Feinde haben und gleichfalls zu den ärgsten Kulturschädlingen ge hören. Eine besondere Vorliebe scheinen die Leoparden für Hundebraten zu haben, und wir müssen deshalb unsere vierbeinigen Lieblinge sehr vor ihnen in Acht nehmen. Es kommt vor, daß sich Leoparden Hunde mitten aus dem Hofe oder von der Veranda wegholen. Dabei sind diese Raub tiere doch wieder sehr vorsichtig und deshalb schwer zu überlisten." Da haben Sie wohl schon manches Abenteuer mit Leoparden während Ihrer Farmertätigkeit erlebt," erkundigte sich Doktor Bergner interessiert. O gewiß," lautete die Antwort. Wie gefährlich z. B. selbst ein in die Falle geratener Leopard noch werden kann, möge Ihnen folgender Fall beweisen. In der hiesigen Mokonje-Pflanzung wurden von Zeit zu Zeit die Viehstallungen durch Leoparden heimgesucht und von ihnen jedesmal viele Schafe getötet. Um der Räuber habhaft zu werden, wurden133 Tellereisen ausgelegt, die aber die Leoparden sorgsam mieden. Schließlich mutz beim Verlassen des Stalles einer der Räuber, nachdem er die darin befindlichen Schafe getötet hatte, es doch einmal an der nötigen Vorsicht haben fehlen lassen und war so in die Falle geraten. Das Tier brüllte furchtbar, und da nicht weit von den Stallungen das Europäerhaus sich befand, in dem die beiden Pflanzer Schreimüller und Münzer wohnten, so griff einer von diesen zum Karabiner, während der andere mit der Lampe leuchtete. Es war nachts zwei Uhr, beide Herren im bloßem Hemd. Als sie aus dem Hause heraustraten, gewahrten sie auch schon den Leoparden in der Falle, und Schreimüller feuerte sofort auf das Tier, das im selben Augenblick, auf den Hinterläufen aufrecht stehend und mit der Falle herum fuchtelnd, auf beide zusprang, zunächst Herrn Münzer die Lampe aus der Hand schlagend. Münzer kam dabei zu Fall und der Leopard auf ihn. Die Lampe war erloschen und ringsumher alles finster. In seiner Angst rief Münzer, mit der einen Hand seinen Hals schützend und mit der andern den Leopard abwehrend: Schreimüller schießen Sie doch, schießen Sie doch! Doch Schreimüller hatte eine Ladehemmung an seinem Gewehr und hieb nun mit dem Kolben auf den Schädel des Leoparden ein. Dieser ließ schließlich von dem am Erdboden liegenden Münzer ab und gab dem Schreimüller einen Schlag, so daß auch dieser hinstürzte. Inzwischen richtete sich der an Brust und Schultern arg zu gerichtete Münzer auf und verschwand, und auch Schreimüller sprang wieder auf, dabei vom Leopard noch einen recht empfindlichen Biß in die große Zehe des linken Fußes erhaltend. Von der Veranda des Hauses aus wurde die Bestie durch einen wohlgezielten Schuß dann endlich zur Strecke gebracht. Der erste Schuß hatte wohl sein Ziel erreicht, doch war seine Wirkung nicht sofort tötlich. Der Räuber war 2^ Meter lang. Schreimüller und Münzer haben danach monatelang im Hospital in Tanga geweilt und dort Heilung ihrer Wunden gefunden. Wenn man bedenkt, daß der Leopard in einer etwa 15 KZ- schweren Falle saß und sich an dieser bereits die Zähne ausgebissen hatte, so kann man ermessen, wie134 gefährlich ein solches Raubtier dem unbewaffneten Menschen in freier Wildbahn werden kann. Auch ein bei mir in Gefangenschaft gehaltener Leopard, ein junges Stück, das man für zahm erklärt hatte, war keines wegs ganz harmlos. Das Tier hatte ich von der Militärstation in Wilhelmstal erhalten. Es war sehr spielerisch und lustig, doch aus dem Käfig habe ich es nie genommen, denn selbst beim Spielen und Streicheln erhielt man von ihm manchmal Prankenschläge, die, nicht bös gemeint, doch geeignet waren, einem die ganze Hand aufzureißen. Scharf wie die Messer sind die Krallen, und eine ungewöhnliche Kraft wohnt in den Vorderpranken dieser Tiere. Ein Hund, der einmal dem Käfig zu nahe kam, wurde plötzlich von der Bestie erfaßt und mit dem Kopf durch das Gitter gezogen. Furchtbar schrie der Dobermann, und nur der Umstand, dasz sofort einige Schwarze zur Stelle waren, die den Hund an den Hinterläufen mit aller Kraftanstrengung dem wutschnaubenden Leoparden entrissen, hatte es der erstere zu verdanken, daß er, allerdings schwer verwundet, mit dem Leben davonkam. Selbst mir wurde ein mal beim Spielen mit dem Leoparden ein ganz neuer Juchtenlederstiefel aufgerissen, so daß ich ihn nicht mehr gebrauchen konnte. Nur noch ein Ereignis, das wie eine Fabel klingt, aber doch der Wahrheit entspricht. Der farbige Jäger eines mir bekannten Herrn stößt während seines Pirsch ganges auf eine Antilope, die er anschießt und verfolgt. Gerade als er den Rücken eines Hügels überschreitet, gewahrt er die Antilope im Fange eines Leoparden. Da er eine Patrone nicht mehr besitzt, wirft der Mann in seiner Angst die Flinte weg und klettert schnell auf einen Baum, von dem aus er aus Leibeskräften ein Zedermordio anstimmt, so daß der Leopard die Antilope fallen läßt und verschwindet. Darauf klettert der Jünger Dianas wieder herunter vom Baum, nimmt die Antilope auf und begibt sich vergnügt nach Hause. Im Aberglauben der Eingeborenen spielt der Leopard eine große Rolle. Sie glauben fest, daß der bunte Räuber sich in einen Menschen verwandeln kann, der überall, wo er auf tritt, Unheil und Verderben bringt." 135 Solche Erzählungen konnten natürlich nur dazu beitragen, Doktor Bergners Sehnsucht nach einem Zusammentreffen mit einem großen afrikanischen Raubtier noch mehr zu steigern. Bezüglich der Leoparden war ihm das nicht vergönnt, aber den König der Tiere sollte er doch noch aus eigener Anschauung kennen lernen. Er wurde nämlich mit ver schiedenen Aufträgen der Militärbehörde samt seinem Freunde Großmann und einem Trupp Soldaten in die Massaisteppe geschickt und behielt bei dieser Gelegenheit Zeit genug zu einigen größeren Ausslügen. Die beiden ließen sich hier für einige Wochen zur Erfüllung ihrer Aufgaben im Ge biet der Warundi nieder, die dem großen Völkerstamm der Massai an gehören. Diese Massais haben uns bei der Eroberung Ostafrikas viel zu schaffen gemacht, und sie wären wahrscheinlich überhaupt nicht so rasch bezwungen worden, wenn nicht verheerende Seuchen unter Mensch und Vieh ihre Kraft gebrochen hätten. Die Massais sind nämlich ausschließ lich Viehzüchter und leben fast nur von Milch und Milchprodukten, stellen infolgedessen eine sehr kernige Menschenrasse dar. Auch körperlich waren sie schöner als alle Negerstämme, die unser Freund bisher gesehen hatte. Sie hatten nicht den üblichen Negertypus mit dem Kraushaar und den Wulstlippen und dem breit gedrückten Gesicht, sondern verrieten in ihrem ganzen Aussehen hamitische Abstammung. Sie waren auch dadurch merk würdig, daß sie an Armen und Füßen schwere Messingringe trugen. Manche hatten eine solch große Zahl von Ringen, daß sie eine ordent liche Last mitschleppen mußten. Doktor Bergner wurde durch sie lebhaft an die Wildungen erinnert, die er von den alten Ägyptern gesehen hatte. Dieses Volk zog ihn deshalb sehr an, auch ihre Tänze und Waffenspiele, uizd namentlich hatte er oft Gelegenheit ihre Geschicklichkeit im Bogen schießen zu bewundern. Flinten dürfen die Massais nämlich vorsichts halber nicht besitzen, obwohl sie sich im allgemeinen der deutschen Herr schaft gut gefügt haben. Sie beschäftigen sich auch jetzt noch hauptsächlich mit Viehzucht, und die beiden Freunde mußten immer wieder staunen, über die ungeheuren Hörner des dortigen Rindviehs. Einige der Warundi136 nahmen sie auch in ihren persönlichen Dienst, um sie als ortskundige Führer bei den Jagdzügen zu benutzen. Es war zu Beginn der Regenzeit, Unsere beiden Freunde lagerten in der weiten Steppe unweit eines Flusses, am Fuße bewaldeter Berge. Dicht am Flusse war ihr Lager unter ein paar riesigen Akazien aufge schlagen. die, mit Stechpalmen abwechselnd, an den Usern wuchsen. Weiter vom Flusse ab dehnte sich die kahle Steppe, die wasserlos und fast ohne jegliche Vegetation sich weit nach Süden bis an die Ausläufer der Berge erstreckte. Der Fluß führt hier oben das ganze Jahr hindurch reichlich Wasser in tiefen Tümpeln, die außerordentlich fischreich sind, aber das Wasser ist so salzig, daß es nur zur Regenzeit oder kurz nachher genossen werden kann. Und auch dann ist es nicht gerade angenehm, denn die scharfen Natronsalze, die es enthält, lassen die Lippen aufspringen, ruinieren schon in wenigen Tagen auch den besten Magen und erzeugen ein fort währendes Durstgefühl. Wenn die ersten Regen fallen, dann rotten sich die ungeheuren Gnu rudel, die während der Trockenzeit an den Unterläufen der zum Viktoria- Nyanza abwässernden Flüssen gestanden hatten, zusammen und ziehen sich nach Südosten den unbewohnten Steppen der südwestlichen Massai- länder zu, um hier der Verfolgung der Menschen entzogen zu sein; fallen doch alljährlich Tausende dieser Tiere den Giftpfeilen der Wassukuma, Wanyamwezi, Warundi und Wandorobbo zum Opfer. Es war eine rabenschwarze Nacht. Schwere Gewitterwolken hatten sich über den Bergen zusammengeballt, und nur grelle Blitze, die aus ihnen hervorzuckten, er hellten für Sekunden das nächtliche Dunkel. Eisige Sturmwinde jagten über die Hochsteppe und rüttelten an den alten Riesenbäumen. In sint flutähnlichen Massen strömte der Regen hernieder. Aber lange dauert ja glücklicherweise in den Tropen solches Wetter nicht. Bald milderte sich die Wut der Elemente, und kurz darauf schien wieder die schmale Sichel des Mondes scheu hinter den Wolken hervor. Die Träger schürten die durch den Regen erloschenen Lagerfeuer zu neuer Glut, andere brieten137 schnell am Spieß noch ein Stück Gnuwild und kurze Zeit später begaben sich auch die letzten zur Ruhe. Dicht aneinander gedrängt lagen sie um die Feuer herum, und nichts war mehr zu hören, als das leise ruhige Atmen der Schlafenden. Da tönte langgezogen das Heulen einer Hyäne aus dem Flußbett zum Lager herüber. Minutenlang herrschte lautlose Stille, dann wurde sie jäh unterbrochen durch die hustenartigen Stimmen dreier Leoparden, die, dem Flusse aufwärts folgend, nächtlicher Jagd oblagen. Langsam verhallte das Brüllen der gefleckten Katzen in der Ferne, und wieder senkte sich tiefes Schweigen über die Umgebung des Lagers, nur hin und wieder unterbrochen durch das Bellen eines Hundsaffen, der durch die Leoparden aus seiner Ruhe aufgescheucht worden war. Als sich dann unsere beiden Freunde müde auf die schmalen Feldbetten streckten, tönte von draußen aus der Steppe das mächtige stoßweise Brüllen eines Löwen an ihr Ohr. Bald gesellten sich diesem einen noch mehrere hinzu. So gerne sie auch diesen oft gehörten Lauten lauschten, über mannte sie nach den Anstrengungen des Tages doch bald der Schlaf, und sie schlummerten ein. Gegen vier Ahr morgens war es, als sie ein Soldat weckte. Auf dem Zelttisch flackerte die Laterne, die Toilette nahm nicht lange Zeit in Anspruch, und auch das Frühstück kalter Thomsongazellenbraten und ein paar Tassen Tee war bald erledigt. Gegen 5 Uhr machten sich dann die beiden jungen Deutschen mit drei Warundi und sechs Trägern aus, um, dem Flusse auswärts folgend, zu versuchen, ob sie nicht einen Löwen zu Schuß bekämen. Vorauf marschierten im Gänsemarsch die drei Warundi, hinter ihnen kamen Bergner und Großmann, dann der Soldat mit ihren Riesengewehren, und den Beschluß machten die sechs Träger. Immer einer hinter dem andern marschierend, überschritten sie an einer trockenen Stelle den Fluß und folgten ihm dann aufwärts. Langsam sing jetzt das nächtliche Dunkel an, sich zu lichten. Bald konnte Bergner die kleinen Thomsongazellen erkennen, die am Flusse ästen, dann138 auch die zahlreichen Gnus weiter hinten in der Steppe. Anderthalb Stunden mochten sie gelaufen sein, als sie einen kleinen Hügel erreichten, auf den sie mit den Warundi hinaufkletterten, um Umschau zu halten. Unendlich weit lag die Steppe vor ihnen, belebt von Gnus, Zebras, Erant- und Thomsongazellen und vereinzelten Leier- und Kuhantilopen. Wie die beiden jungen Deutschen so in die Betrachtung dieses Bildes versunken dastanden, stieß sie der eine der Warundi an: ol ein Löwe! sagte er. Bergner sah scharf nach der Richtung, die er mit der Hand angab und sah weit in der Steppe, wohl 1500 Meter entfernt, einen Mähnenlöwen. Der schien sie aber noch nicht eräugt zu haben. An pirschen konnte man sich nicht, da bei vollständigem Mangel an Vege tation eine Deckung ausgeschlossen war; so blieb nichts übrig, als einfach hinter dem alten Herrn herzulaufen und zu versuchen, an ihn heranzu kommen. Wohl 20 Minuten gingen die Jäger hinter ihm her, schienen aber wenig Glück zu haben. Mehrmals verhoffte er und äugte dabei auch nach rückwärts, was dann die Jäger veranlaßt?, sich platt aus die Erde zu werfen. Anscheinend hatte er sie doch eräugt, denn er verfiel nun in einen fördernden Trab. Das einzige, was man tun konnte, war nun, auch Dauerlauf hinter ihm herzumachen. Das Gelände stieg hier sanft zu einem Hügel an und senkte sich dann an dessen anderem Ende wieder abwärts, einem mit niedrigem Busch bestandenen, ausge trockneten Regenstrombett zu. Der Löwe war jetzt oben angekommen und entschwand jenseits der Bodenwelle den Blicken. Als Bergner und Großmann etwas atemlos bald nach ihm auf dem Hügel ankamen, ge wahrten sie ihn ca. 800 Meter vor sich am Rande des Negenstrombettes. Er äugte zu den Weißen herüber und setzte sich dann auf die Keulen. Doktor Bergner war unschlüssig, was er tun sollte, denn ein Anpirschen war absolut ausgeschlossen. Aber der Löwe enthob ihn jeder weiteren Gedankengymnastik dadurch, daß er plötzlich im Weidengebüsch verschwand. Der junge Gelehrte ging dann mit Großmann und den Warundi hinunter, vielleicht konnten sie ihn doch noch zu Schuß bekommen. Aber139 trotz eifrigen Suchens fanden sie ihn nicht wieder, nur so viel sahen sie, daß der Busch viele Löwenfährten und Lager auswies, also wohl öfter von ihnen aufgesucht wurde. So beschlossen sie, dem alten Herrn seine Ruhe zu lassen, und an einem der nächsten Morgen wiederzukommen, wenn sein Gebrüll ihnen verriete, daß er nachts fort war. Gegen Mittag kamen sie wieder im Lager an. Den Nachmittag verbrachte Doktor Bergner damit, daß er am Fluß angelte. In den ziemlich tiefen Tümpeln leben Welse, von denen einige recht erhebliche Größe und Gewichte aufweisen, und so ist der Angelsport dort wirklich eine reine Freude, ganz abgesehen von der erfreulichen Abwechslung, die ein Fisch gericht in dem sonst immer nur aus Wildbret bestehenden Speise zettel macht. In der folgenden Nacht hörten sie den Löwen wieder brüllen und konnten bemerken, daß er gegen 1,30 Uhr den Fluß durchquerte, um am Morgen an dem trockenen Strombett sein Lager aufzusuchen. Gegen drei Uhr morgens brachen sie auf. Sie mochten ungefähr eine halbe Stunde vom Lager entfernt sein, da hörten sie ihn am andern User des trockenen Flusses, dem sie folgten, brüllen. Sie blieben halten und setzten sich nieder. Es war ein eisigkalter Morgen. Schneidender Ostwind pfiff über die Steppe und ließ die Leute eng aneinander geschmiegt zusammenkauern. Man bekam eine unbeschreibliche Sehnsucht nach einer Tasse Tee, einem Schnaps oder etwas dem Ähnlichen. Nach und nach machte sich wieder der versäumte Schlaf fühlbar, unmerklich duselte man im Halbschlummer, aber wieder rüttelte sie alle die Stimme des Löwen wach. Jetzt klang sie geradezu unangenehm nahe in dieser rabenschwarzen Nacht. Wenn doch Wenigstens die Sonne aufgehen wollte, wenn doch wenigstens ein rötlicher Schimmer im Osten zu sehen wäre! Aber nichts von alledem. Rabenschwarzes, fast greifbares Dunkel lagerte um sie wie eine schwarze Wand, und das Blöken" der flußaufwärts ziehenden Gnus klang selt sam und wie aus einer andern Welt zu ihnen herüber. Wenn diese Gnus schwiegen, dann herrschte Totenstille weit ringsum in der Steppe,140 bis sie plötzlich jäh unterbrochen wurde durch die Stimme jener gewaltigen Katze, die dort drüben jenseits des trockenen Regenrinnsals, nächtlicher Jagd oblag. Allmählich klang das Brüllen entfernter, der Löwe zog mehr flußaufwärts. Kaum merklich kündete im Osten ein fahler Schein den nahenden Tag. Nun eilten sie weiter dem Dickicht zu, in dem sie den Löwen am Tag vorher hatten verschwinden sehen. Eine halbe Stunde später waren sie dort angelangt; dichtes Gebüsch gewährte Bergner und einem Warundi Deckung gegen Sicht, ohne ihnen jedoch den Ausblick auf die Steppe zu verwehren. Die Träger waren mit Großmann einen Kilometer entfernt zurückgeblieben. Purpurn stieg gerade dem Jäger gegenüber die Sonne über dem Horizont empor und er möglichte so endlich einen Ausblick auf die Steppe. Ungefähr 60 Meter vor ihm hielt ein wohl 300 Stück zählendes Gnurudel. Weitere 350 Meter hinter diesem hatten Löwen zur Nachtzeit ein Gnu geschlagen, und um die Überreste balgten sich jetzt die Hyänen. Idiotisch klingend tönte ihr Gelächter und ihr unangenehm heulender Schrei bis zu den deutschen Jägern herüber. An vierzig hatten sich dort an den Überresten des Gnus eingefunden, und von allen Seiten kamen noch neue hinzu. Etwa 30 Meter von Bergner sah er eine einzelne Hyäne, die ihn mit ihren großen, anscheinend von der Sonne geblendeten Lichtern erstaunt anäugte. Kurz darauf erblickte er weit hinten in der Steppe, gegen 1500 Meter von sich entfernt, den Löwen. Die mächtige gedrungene Gestalt, die ruhige, langsame Gangart und vor allem die fast wagerechte Kopf-Rücken-Linie machten jeden Irrtum unmöglich. Langsam näherte er sich den Überresten des Gnus. Viel hatten aber die Hyänen wohl nicht übrig gelassen, denn der Löwe wendete sich ab und kam nun aus das Versteck Bergners, bisher sein eigenes Lager, zu. Nach einer Weile mochte er aber die angenehme, wärmende Wirkung der Frühsonne ver spürt haben, er blieb stehen, fing an, mit den Vorderpranken sich ein Loch im harten Steppenboden zu kratzen, und tat sich nieder. Wohlig und behäbig dehnte er die Glieder, ermüdet nach seiner Jagd in der eisigkalten141 nächtlichen Steppe. Langsam zogen sich jetzt die Gnus fort, weiter hin aus in die baumlose Ebene. Bald duldete es auch den Löwen nicht länger dort draußen, und er kam näher auf Bergner s Versteck zu. Da ca 60. Meter vor ihm sicherte er plötzlich, das Knacken eines Zweiges, auf den einer der Leute unvorsichtig getreten war, hatte ihre Gegenwart verraten. Nun blieb Doktor Bergner keine andere Wahl, er mußte schießen, so schwer dies gegen die in grellrotem Licht aufgehende Sonne auch war. Auf seinen Schuß bäumte der Löwe hoch auf der junge Deutsche wollte repetieren, hatte aber eine Ladehemmung, und ehe er noch seinem Soldaten sein Reservegewehr fortreißen konnte, war der Löwe ca. 20 Schritt im Busch verschwunden. Bergner verließ nun schleunigst das Gebüsch, um erst einmal die eingeklemmte Patrone aus der Kammer zu entfernen. Auf dem Anschuß fanden sich Mähnenhaare und ein einziger winziger Schweißtropfen, kein näheres Zeichen dafür, daß es ein schwerer Schuß gewesen. Wo mochte nun der Löwe stecken? Lag er jetzt dort drüben in dem Busch, in dem er verschwunden, oder war er bereits wieder flußauf- oder flußabwärts davongeschlichen? Vor sichtig näherte Bergner sich wieder dem Busch und versuchte hineinzu sehen. Da war wenig zu machen, so dicht, so undurchdringlich war alles. Weidengestrüpp, Kraut, Schilf, Schlingpflanzen, Dornen, in denen konnte man den Löwen nicht eher sehen, bis man auf ihn trat, oder, was wahrscheinlicher war, bis man unter ihm lag; da blieb nur eins übrig: der Löwe mußte herauskommen. Aus der einen Seite von den Trägern Steine hineinwerfen und möglichst viel Lärm machen lassen, dann würde er sich auf der andern davon schleichen wollen, und da mußte dann Bergner sein und ihn erwarten. So stellten sich also seine sechs Leute auf der einen Seite des Busches auf und Bergner auf der andern mit Großmann. Einige Minuten vergingen, dann hörte Doktor Bergner auf der andern Seite das Schreien seiner Leute und das Prasseln der Steine im Gebüsch. Plötzlich wildes Angstgeschrei dann Totenstille.142 Bergner wußte sofort, roas das bedeutete. Jetzt war der Löwe sicher bei den Trägern ausgebrochen und hatte einen ersaßt. Großmann und Bergner eilten um den Busch, aber noch waren sie nicht ganz auf die andere Seite gekommen, da sahen sie die sechs Träger in die Steppe davonlaufen. Aber von dem Löwen war leider nichts zu sehen. All mählich verlangsamte sich die Gangart der sechs Flüchtlinge, einer faßte sich ein Herz und schaute sich um, sah keinen Löwen hinter sich, statt dessen aber die Jäger an dem gefürchteten Busch; auch die andern blieben halten, alle gestikulierten eifrig miteinander und kamen dann langsam zu rück. Sie erzählten dann, sie hätten Steine in den Busch geworfen; das hätte der Löwe übel genommen, wäre plötzlich aus dem Busch heraus gesprungen und hätte sie verjagt. Dann wäre er flußabwärts wieder im Dickicht verschwunden. Nun konnten die Jäger wieder anfangen mit dem mühevollen Suchen nach der Fährte. Der Löwe war etwa 200 Meter weit, an dem trockenen Negenstrombett entlang, in den Busch ge wechselt; wo er nun dort lag, das ließ sich nicht sagen. An einer Stelle war das Dickicht außerordentlich dicht, und wie Doktor Bergner aus seinen Erfahrungen mutmaßte, sicherlich auch bei Löwen als Lagerplatz sehr be liebt. Ob er wohl jetzt auch drinnen steckte? Er wollte es auf alle Fälle versuchen! Ein paar Steine flogen hinein, und zorniges Knurren war die Antwort. Da, dicht am Nande schwankten ein paar Büsche, schnell feuerte Bergner einen Schuß dorthin wütendes Knurren des Löwen der schien getroffen, dann wieder Totenstille. Bergner lauschte mit seinen Leuten angestrengt, aber nichts war zu hören, als das Rauschen des Windes im Busch. Und noch einmal prasselten die Steine hinein in das dichte Pflanzengewirr. Nichts, kein Erfolg! Sollte der Löwe durch den aufs Geratewohl abgegebenen Schuß tötlich getroffen sein? Es schien beinahe so, sonst hätte man ihn doch einmal hören müssen. Der Eifer von Bergners Leuten erlahmte allmählich, und schließlich sagte einer: Herr, er ist verendet. Laß uns alle hineingehen und nachsuchen!" Doktor Bergner zweifelte noch immer daran, daß es so wäre, dann aber143 siegte der überzeugungsfeste Ton seiner Leute. Er ging mit ihnen lang sam auf den Busch zu, sie lauschten noch einmal und traten dann hinein. Großman und Doktor Bergner weit rechts, wo sie den Löwen zum letzten Male gehört hatten. Bei dem überaus langsamen Vordringen, das die Vorsicht gebot, waren sie kaum 20 Schritt in den Busch eingedrungen, als Bergner wieder das Angstgeschrei seiner Leute hörte und, schnell hin auseilend, sie wieder laufen sah aber diesmal nur fünf. Aber nein! Dort kam auch der sechste aus dem Busch. Wie er näher kam, staunte Doktor Bergner. Wie sah der Mensch aus! Über sein aschfahles Gesicht liefen dichte, lange, zum Teil blutige Striemen, und sein Körper sah aus, als hätten Hunderte von Peitschenhieben auf der schwarzen nackten Haut ihre blutrünstigen Male hinterlassen. Zitternd erzählte er Doktor Bergner, er sei mit den andern in den Busch gegangen und dabei gerade auf den Löwen gestoßen. Der hatte ihn sofort angenommen, und er sebst hatte gerade noch Zeit genug, sich umzuwenden um zu versuchen, durch eilige Flucht zu entrinnen, als er mit dem Fuß in einer Schlingpflanze hängen blieb und zur Erde stürzte. Der Löwe, der ihm nachjagte, war dadurch wohl verwirrt geworden und über den gestürzten Träger hinweggesprungen und dann wieder im Busch verschwunden. Der arme Junge war ganz fassungslos vor Schreck. Erst als Doktor Bergner ihm ein paar Zigaretten gab, die er gierig rauchte, beruhigte er sich einigermaßen. Aber was war das für ein Pech heute! Immer mutzte der Löwe dort ausbrechen, wo Doktor Bergner nicht war. Und wo war er jetzt nun wieder? Die Fährte deutete flußaufwärts, also mußten sie dort suchen. Bergner kam ein Gedanke. Der Busch reichte nur noch ca. 150 Meter flußaufwärts. Danach kam dann die baumlose Steppe. Wie, wenn er jedem Ausweichen des Löwen einfach dadurch vorbeugte, daß er mit seinen Leuten fluß aufwärts das ganze trockene Zeug anzündete, das bei dem so stark zu Tal wehenden Winde sicher gut brennen mußte. Und wenn Bergner selbst dort sitzen blieb, so mußte er den Löwen zu Schuß bekommen, wenn er, vor dem Feuer flüchtend, wieder flußabwärts wechselte.144 Wenige Minuten später prasselten helle Flammen flußaufwärts im Busch. Knatternd verschlangen sie das trockene Gras und wälzten sich, in dichte Rauchwolken gehüllt, dem Standpunkte der Jäger zu. Und immer näher kam das Feuer, immer mehr benahmen die beizenden Rauch schwaden den Atem; schließlich erreichte es den Standpunkt der Weißen das ganze trockene Gras und dürre Gestrüpp zwischen den Büschen war ausgebrannt, aber den Löwen hatte niemand gesehen. Wo mochte er sein? War er den Flammen zum Opfer gefallen, oder war er viel leicht gar nicht im Busch, sondern hatte sich wieder beizeiten davongeschlichen? Doktor Bergner suchte mit seinen Leuten alles ab vergebens! Keine Fährte, kein Anzeichen ließ daraus schließen, wohin das königliche Wild sich gewandt. Mißmutig schlenderte Doktor Bergner das niedergebrannte Flußbett hinauf, während Großmann ermattet zurückblieb. Vielleicht lag er oberhalb. Dort war das Feuer nicht hingekommen. Aber das Gras war dort nur über einen halben Meter hoch. Wo sollte er da sein? Es war ausgesuchtes Pech,- so oft war er ausgebrochen, aber niemals hatte ihn der deutsche Gelehrte auch nur für den Bruchteil einer Sekunde zu Gesicht bekommen. Er sah nach der Uhr. Es war bereits ein Uhr, und er fing an, müde zu werden. Die Mittagshitze und die beständige Anspannung der Nerven machten matt. Das Gewehr, das er schon den ganzen Tag herumschleppte, was man sonst in den Tropen niemals tut, schien beständig an Gewicht zuzunehmen. So übergab er es einem seiner Träger, befahl ihm aber, neben ihm zu bleiben und ja nicht fortzulaufen, wenn sie den Löwen plötzlich zu Gesicht bekämen. Eigentlich hätte Bergner in dem Grase des Flußlaufes pirschen müssen, aber aus Bequemlichkeit ging er am Rande des hohen Grases auf dem dürren Steppenboden. Plötzlich bemerkte er eine Fährte und erkannte zu seiner Freude, daß es die des Löwen war. Jetzt hieß es aufpassen nach vorn. Wenn man nur wüßte, ob er überhaupt noch da war, vielleicht war er doch weit, weit hinaus in die Steppe gewechselt. Immer härter wurde der Boden, immer schwerer erkennbar die Fährte,145 dann verlor sie sich schließlich vollkommen; wenn sie ihn nun noch trafen, dann mußte es ein großer Zufall sein. Im stillen hatte er es schon längst aufgegeben, den Löwen wieder zu sehen. Plötzlich ein Fauchen hinter ihm, und wie er sich umblickte, sah er den Löwen aus dem Hoch grase aufspringen und wieder dem Fluß zuflüchten. Bergner wollte dem Träger das Gewehr fortreißen griff aber in die Luft, denn der Träger war samt Gewehr ausgerissen, und als er ihn einholte, da hatte der Löwe wieder den Busch erreicht und war darin verschwunden. So! Nun war er wieder genau so schlau wie vorher. Jetzt konnte er mit seinen Trägern wieder Steine suchen und von vorne anfangen. Diesmal schien es aber aussichtsreicher, denn der Löwe war in einen Busch gewechselt, der zwar dicht am Flusse lag, aber nur einen Durchmesser von etwa 12 Meter hatte. Da mußten sie ihn doch eigentlich herausjagen können. Äußerst unangenehm war aber, daß dieser Busch nur ca. 15 Meter vom Fluß busch entfernt war. Bergner hatte in diesem ja nun wie gesagt, das dürre Gras ausgebrannt, so daß man immerhin ca. 10 12 Schritt weit in ihm sehen konnte. Gelang es aber dem Löwen, wieder in diesen Busch zu flüchten, so konnte ihn seine Schnelligkeit wahrscheinlich sehr bald jeder Weiteren Verfolgung entziehen. Bergner stellte sich deshalb so auf, daß er in diesem Fall unbedingt zu Schuß kommen mußte. Anscheinend war der alte Herr jetzt äußerst schlechter Stimmung, denn sein wütendes Knurren und Fauchen, als sich Bergner dem Busch näherte, zeugte davon, daß seine Laune wohl auf dem Siedepunkt war. Bergners Leute warfen wieder Steine von der entgegengesetzten Seite hinein, aber die meisten er reichten ihr Ziel gar nicht, da das Knurren des Löwen den Trägern den Mut nahm, auf Wurfweite sich dem Busch zu nähern, was man ihnen auch gar nicht verdenken konnte. So ließ der Erfolg auch wieder auf sich warten. Schon fing es an, so auszusehen, als könnten sie den Löwen doch nicht aus dem Busch herausjagen, als die Träger plötzlich gleich zeitig schrieen: Da ist er, da!" Bergner rannte um den Busch herum, und als er vor der Stelle anlangte, wo der Löwe sich gezeigt haben sollte, brach Deutsches Schwert. .f,146 er dort aus, wo der deutsche Gelehrte eben noch gestanden hatte und war mit ein paar Fluchten wieder im Flußbusch. Mit Großmann lief Bergner so schnell er konnte, an dem Fluß entlang, dem Löwen nach, den sie zwar nicht sehen konnten, aber das Knacken und Krachen in den Büschen und die hoch auffliegende Asche kündeten deutlich genug seinen Weg. Wohl 300 Meter weit ging diese wilde Jagd, dann blieb der Löwe in einem kleinen, vom Feuer verschonten frisch-grünen Busch stehen. In seiner zum äußersten entfachten Wut schüttelte er brüllend den Busch mit den Pranken. Jetzt mußte er kommen, jetzt oder nie! Bis auf 10 Schritt ging Doktor Bergner an den Busch heran, ohne den Löwen sehen zu können. Groß mann ging ein paar Schritte links von Bergner näher, um zu versuchen, ob er ihn von dort aus erblicken konnte. Bergner sah, wie der Gefährte sich niederbückte, um unter den Zweigen hindurchsehen zu können, als der Löwe mit halb offenem Rachen und wutverzerrtem Gesicht ihn annahm. Im selben Augenblick traf den Löwen im Sprunge die Kugel Bergners aufs Blatt und warf ihn nieder. Der Feldwebel sprang zurück, Bergner repetierte, um noch gerade im letzten Augenblick dem Löwen, der wieder hochgeworden war und sich ihm zuwandte, auf ca. fünf Schritt eine Kugel auf den Stich zu setzen, die ihn im Feuer verenden ließ. Es war ein prächtiger alter Kerl, der nun endlich gegen 5 Uhr nach mittags zur Strecke kam. Wie sich herausstellte, hatte Bergners erster Schuß am Morgen ihn nur leicht am Halse gestreift. Etwas schlapp und wolfshungrig setzte der glückliche Jäger sich neben ihn ins Gras und beaufsichtigte seine Leute beim Abstreifen der Decke. So groß seine Freude über das Weidmannsheil war, konnte er doch nicht verhindern, daß seine Gedanken sehnsüchtig nach dem Lager spazierten, wo sein Koch sicher schon lange mit einer gebratenen Gazellenkeule und einem Riesen topf Kaffee seiner harrte. Seit drei Uhr morgens waren sie unterwegs, und in der ganzen Zeit hatte er nichts gegessen. Und so wird ihm wohl niemand die materiellen Gedanken verdenken, die ihn beschlichen. Schon waren seine Leute mit dem Abstreifen beinahe fertig, als er einen147 Warzenschweinkeiler bemerkte, der ca. 200 Meter flußabwärts aus dem Busch auf die Steppe wechselte. Schnell sprang Bergner auf, und es gelang ihm, durch die Büsche des Flusses gedeckt, bis auf ca. 80 Meter an ihn heranzukommen. Auf seinen Schutz brach er wie vom Blitz ge troffen im Feuer zusammen. Gerade als Frau Sonne im Westen hinter den Bergen zur Rüste gehen wollte, kamen sie am Lager an. Ein ausgiebiges Abendbrot und ein tüchtiger Kaffeepunsch ließen bald die Müdigkeit schwinden, und im langen Stuhl vor seinem Zelte sitzend, lauschte unser Freund noch lange hinaus in die Nacht, bis endlich der Sandmann sich gar zu sehr be merkbar machte, und er sein Bett aufsuchte. Einige Tage nach der Erlegung des stattlichen Löwen mutzte man wieder aufbrechen und bald hatten Bergners Leute alle Zelte abge brochen, das Reisegepäck gut verstaut, und die Karawane setzte sich in Bewegung. Spät langte man am nächsten Lagerplatz an. Bald waren die Zelte wieder aufgeschlagen, die Lagerfeuer prasselten in die Höhe, und nicht lange währte es, da waren Mühe und Anstrengung des Marsches vergessen, und die einförmig melancholischen Lieder der Schwarzen klangen verhallend in den Abend hinaus. Bergner satz mit seinem Freunde, wunschlos und glücklich in die bequemen Lagerstühle hingestreckt, den Blick in den funkelnden Sternenhimmel der lauen afrikanischen Nacht versenkt, und lauschte der uralten und doch ewigen neuen Simphonie der Wildnis. Doch horch! Was war das? Weit draußen in der Steppe ertönte, allmählich anschwellend, die Stimme des Königs der Tiere. Wie oft hatten Bergner und Großmann sie während der langen Reise gehört, aber doch jedesmal beim Vernehmen der ersten Laute packte es sie von neuem, und mit angespannten Sinnen lauschten sie dem gewaltigen Naturkonzert. Simba, Simba bana!" erscholl es unterdrückt. Der Gesang verstummte für kurze Zeit, und unwillkürlich rückten die Schwarzen näher an das Feuer heran. Am folgenden Tage, man hatte Mondschein bis etwa 2 Uhr nachts, sollte es endlich versucht werden, 10 148 der Ansitz auf den Löwen beim Luder. Ein geeigneter Baum weitab in der Steppe war bald gefunden und ein Sitz, bequem für zwei Per sonen, darauf gezimmert. Der Köder, ein Zebra, lag nicht weit darunter. Um 7 Uhr begab sich Großmann, der nun, nachdem Bergner bereits einen Löwen erlegt hatte, auch diesen König der Tiere zur Strecke bringen wollte, mit einem Gewehrträger für die Nacht auf das luftige Gerüst. Blutigrot war die Sonne hinter dem fernen Gebirge verschwunden. Nach Nordosten zu erhob sich das zackige, schneebedeckte Haupt des Kenia. Schnell wich die Tageshelle dem Einbruch der Tropennacht. Allenthalben flammten gewaltige Feuer auf, die Steppe brannte, einen schaurig schonen Anblick gewährend. Alljährlich wirkt das zerstörende Element hier be fruchtend, und nach erqickendem Regen grünt neues Leben aus den Stätten der Verwüstung. Der Mond stand strahlend am Firmament fast Tageshelle verbreitend. Ein tausendstimmiger Chor von Grillen und Zikaden umgab den Jäger, und süßer Duft der blühenden Flöten akazie nahm ihn gefangen. Angestrengt beobachtete er den Kadaver. Da tauchten plötzlich aus unsicherem Licht ein, nein zwei, fünf, sechs Schakale aus, die erst vorsichtig das Zebra umkreisten, dann aber bald unter lautem Gezänk sich an die Beute machten. Plötzlich waren sie verschwunden. Hatten sie Wind bekommen? Was war der Grund? War wirklich schon der Herr der Steppe in Sicht? Die plumpe Gestalt einer Hyäne näherte sich dem Riß. Vor ihr wichen die schwächeren Räuber. Es folgten mehrere, und nun begann ein Zerren an dem Kadaver, Grunzen, Schmatzen, Knochenknacken, von seltener Gier zeugend, begleitet von jenem widerlichen Gelächter, das man von den Hyänen nur bei solch schauriger Mahlzeit vernimmt. In weiter Ferne stießen andere ihr langgezogenes Geheul aus. Diese antworteten. Und bald waren zahlreiche Beutesucher des feigen Gesindels zur Stelle. Inzwischen hatten sich auch die Schakale wieder herangewagt, und mancher Strauß wurde ausgefochten, um eines Brockens habhaft zu werden. Mitternacht war längst vorüber. Von dem Kadaver waren nur noch149 Reste übrig. Der Mond stand tief am Horizont. In einer halben Stunde herrschte finstere Nacht. Heute kam kein Löwe mehr. Wer weiß, ob überhaupt schon je der Ansitz am Luder Erfolg gebracht hatte, so überlegte Großmann. Aber noch roar Büchsenlicht, und er wollte versuchen, was von dem Raubgesindel seiner Kugel erliegen konnte. Un aufhörlich repetierte er. Aber immer kehrte die freche Schar zurück, bis schließlich sich immer mehr entfernendes Geheul besagte, daß die Gesell schaft den Platz geräumt hatte. Großmann befahl seinem Träger hin unter zu gehen und zu zählen, wie viele ihrer dort liegen geblieben. Er selbst schaute nach der andern Seite, seine Füße baumelten vom Sitz herab, der kaum drei Meter über dem Erdboden stand. Heiliger Brahma! Da stand ja eine Riesendogge direkt unter seinem Baum, und weiterhin tauchte eine zweite auf. Löwen! Und Großmann schoß leichtfertig auf Hyänen und Schakale! Hätte er doch 10 Minuten ge wartet. ehe er diese törichte Kanonade begann. So ging es ihm blitz schnell durch den Kopf. Keinen Blick von dem ihm zunächststehenden Löwen lassend, tastete er langsam nach seiner Büchse. Doch der schien ihn eräugt zu haben. Mit einigen unbeholfenen Sprüngen flüchtete er weg, verhoffte aber bald. Nun schnell den Balken im Fernrohr in die Gegend des Blattes. Noch ging es gerade und dem peitschenartigen Knall der Büchse folgt ein markerschütterndes Gebrüll der in ge waltigem Satz zu Boden kommenden, getroffenen Katze. Wo war der andere? Dort, abseits an einem Strauch, kaum durchs Fernrohr zu er kennen, verhoffte auch dieser. Peng! Da ging er hin. Gefehlt? Aschfahl hockte der brave Träger neben Großmann, und erregt flüsterte dieser ihm zu, daß er soeben auf zwei Löwen geschossen habe. In qualvoller Ungewißheit vergingen die nächsten Stunden. Es war ja möglich, daß der eine oder gar beide Löwen, obgleich er sie röchelnd verenden zu hören glaubte, nicht gefunden wurden, daß eine langwierige, gefahrvolle Suche bevorstand. Doch als der neue Tag anbrach, da fand Großmann sie. Nicht 30 Schritt von einander lagen verendet zwei150 Mähnenlöwen von einer Stärke, wie sie in den kühnsten Träumen ihm nicht vorgeschwebt hatte. Überglücklich weidete sich Großmann lange Zeit an dem Anblick der seltenen Beute und fühlte still, daß dies der schönste Jagdtag seines Lebens bleiben würde, die schönste Erinnerung an das geheimnisvolle, dunkle Afrika. Kapitel VI II. Auch die schönen Zeiten der freien Jagd im afrikanischen Busch und in endloser Steppe nahmen ein Ende. Bergner und Großmann waren ja von ihren Wunden vollständig wieder hergestellt, hatten sich auch sonst in jeder Beziehung gestählt und gekräftigt und erhielten daher jetzt Be fehl, mit ihren neu gedrillten Askaris wieder zur Front zurückzukehren, und zwar diesmal ins Kilimandscharogebiet. Beide vernahmen die Nach richt mit Freuden, denn schon lange hatten sie sich danach gesehnt, wieder bei der Verteidigung der Kolonie aktiv mitwirken zu dürfen. Mit der Bahn fuhren sie von Wilhelmstal nach Moschi, wo das gewaltige Haupt des Kilimandscharo schon in fast greifbarer Nähe herübergrüßt, und traten von da zu Fuß mit ihrer, der vielen Träger wegen ziemlich um fangreichen Kolonne den Marsch nach Taveta an. Dieser Platz liegt schon jenseits der Grenze auf britischem Gebiet, war aber von unsern Schutztruppen bald nach Ausbruch der Feindseligkeiten genommen und seitdem gegen alle Wiedereroberungsversuche gehalten worden. Der Marsch dorthin war außerordentlich interessant, denn er führte durch ein land schaftlich sehr schönes Gebiet, das sich obendrein den erstaunten Augen Bergners als eine Art großer Zoologischer Garten darstellte. Die Eng länder haben nämlich die Gegend beiderseits der Ungandabahn als Natur schutzgebiet erklärt, und infolgedessen hat sich die Tierwelt ganz fabelhaft vermehrt, so daß man schon vom Fenster des Bahnwagens aus ganze Rudel der verschiedensten Antilopen, Gnus, Strauße, Giraffen, ja ge-151 legentlich selbst Elefanten, Rhinozerosse und große Raubtiere beobachten kann. Unsere Freunde hatten hier ein Zusammentreffen, das leicht hätte übel ausgehen können. Als sie durch einen dicken Busch marschierten, wo des schwierigen Geländes wegen die Leute langsam einer hinter dem andern hergehen mußten, eben einen kleinen Fluß überschritten hatten und nun einen Hügel hinaufstiegen, alle infolge der großen An strengung mehr schläfrig als wach, hörten die beiden Weißen plötzlich ein furchtbares Hilfegeschrei und nahmen ein gräßliches Durcheinander an der Spitze des Zuges wahr. Der Himmel war bewölkt, und im Busch war es so dunkel, daß man kaum zu unterscheiden vermochte, was denn eigentlich vorging, bis Bergner die Gestalt eines riesigen Nashorns erkannte, das unter seinen Leuten herumtrampelte. Bei seinem Angriff hatte der wütende Dickhäuter die Träger eines Maschinengewehrs über den Haufen gerannt, worauf alle anderen Träger voller Schrecken ihre Lasten hingeworfen hatten und in den undurchdringlichen Urwald ge flüchtet waren. Es war eine schöne Bescherung, und die Munitions schachteln flogen nur so nach allen Richtungen hin durch die Luft. Man fing gerade an, die Leute und das Gepäck wieder zu sammeln und sich zusammen zu finden und neu zum Marsch zu ordnen, als man plötzlich wieder ein scheußliches Brüllen hörte und die Büsche unmittelbar in der Nähe knackten und krachten. Sofort warfen die verängstigten Träger das Gepäck wieder hin und suchten schleunigst Deckung. Aber das wilde Vieh raste gerade über sie hinweg, ohne ihnen im übrigen etwas zuleide zu tun. Wiederum entstand ein grenzenloser Wirrwarr, und die Neu ordnung nahm eine gehörige Zeit in Anspruch, denn viele der er schrockenen Träger ließen sich nur mit großer Mühe zur Rückkehr be wegen. Als endlich die Kolonne marschfertig dastand, raste ein drittes Rhinozeros gerade durch die Mitte, zwischen Unteroffizier Bergner und Feldwebel Großmann hindurch und schleuderte beide wie leichte Bälle zur Seite ins Dorngebüsch, das sie mit seinen scharfen Stacheln nicht gerade sanft empfing. Viele der Schwarzen hatten sich flach auf die152 Erde geworfen oder klommen voller Schrecken die Bäume hinauf und veranstalteten ein förmliches Wettklettern. Helme und Ausrüstungsgegen stände flogen nach allen Richtungen umher, es war ein gräßliches Chaos. An ein Schießen aus die Nashörner hatte in der allgemeinen Verwir rung niemand gedacht. Es war auch nirgends freier Ausschutz, und die ganze tolle Sache spielte sich viel zu schnell ab. Lange dauerte es, bis die beiden Weißen ihre Leute nun wieder zusammen bekamen, ja einige Träger waren auf Nimmerwiederkehr verschwunden. Von den in Taveta stehenden Truppen wurden die Ankömmlinge freudig begrüßt, und namentlich der hier befehligende Leutnant Winter, dessen Namen in der Tropenhitze etwas eigentümlich anmutete, zeigte sich als ein guter Kamerad, der Freud und Leid getreulich mit seinen Untergebenen teilte. Wie das Freundespaar von ihm erfuhr, hatten sie tatsächlich nichts ver säumt, obwohl sie ein halbes Jahr von der Truppe abwesend gewesen waren. In dieser ganzen Zeit nach dem Gefecht von Jassini war es nur zu belanglosen Scharmützeln an der Westgrenze der Kolonie ge kommen. Die im Kilimandscharogebiet stehenden Truppen, die zu Be ginn des Krieges einen schönen Sieg an der Höhe von Longido er fochten hatten, waren seitdem nicht nur nicht angegriffen worden, sondern hatten ihrerseits wiederholt ausgedehnte Streifzüge ins englische Gebiet gemacht, dabei mancherlei Beute heimgebracht, sogar öfters die Unganda- bahn erreicht und sie an mehreren Stellen zerstört, um die englischen Truppentransporte zu unterbinden. Viel Heiterkeit erregte es, als Bergner das Abenteuer mit den Nashörnern erzählte. Auch die Engländer scheinen in ihren Operationen öfters mehr durch wilde Tiere, als durch Menschen gestört zu werden" sagte Leutnant Winter. Lassen Sie sich hier mal einen Brief vorlesen, den wir neulich bei einem gefallenen englischen Offizier gefunden haben. Er schreibt: Beständig haben wir unter den wilden Tieren zu leiden, unter ihren zerstörungslustigen Gewohnheiten, denn die ganze Gegend hier ist ein einziges ungeheures Jagdgebiet. Die Löwen brachten es in einem Falle sogar fertig, unfern General in seinem ge-153 panzerten Motorwagen förmlich zu belagern, wobei es zu den abenteuer lichsten Einzelheiten kam. Die Giraffen, die für den Menschen sonst ganz ungefährlich sind, wurden dadurch lästig, daß sie die Telegraphen- drähte umrissen und so die Verbindung unterbrachen. Diese schönen Tiere, die das Laub so hoch, wie ihre langen Hälse und Zungen reichen, abzustreifen lieben, können selten der Verlockung widerstehen, wenn sich viele der Telegraphenstützen nach der Regenzeit mit Laub be decken. Sie sind dreist, weil sie sich bisher eines besonderen Schutzes im britischen Gebiet erfreuten. Noch hartnäckigere Sünder und Zerstörer von Telegraphenanlagen sind die ebenfalls streng geschützten Elefanten. Unglücklicherweise sind sie nicht so leicht zu verscheuchen, wie die ängstlichen Giraffen. Nicht damit zufrieden, blos die Drähte herunter zu zerren, reißen sie in ihrer Wut auch die Pfosten aus, und ich erinnere mich gut daran, daß sie, als ich zu Pferde den Ungandawald durchstreifte, meilen weit jeden Pfosten aus der Erde gerissen und auf die Straße geworfen hatten, während die Drähte zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammen gerollt und in den Busch geschleudert worden waren. Dieser kleine Spaß einer Elephantenherde unterbrach alle Verbindungen zwischen Konia und den Nachbarstationen, und die Beamten wußten nicht warum, bis eine genaue Untersuchung an Ort und Stelle die Sünder entlarvte."" Alles lachte. Aber nicht immer waren die Gespräche so heiterer Natur, denn obwohl gegenwärtig die Kämpfe fast völlig ruhten, war doch die Lage der rings von Feinden umringten Kolonie offenbar ernst genug und bot daher beim Meinungsaustausch viel Anlaß zur Besorgnis. Ein Unteroffizier, der Matrosenkleidung trug, fiel unsern Freunden be sonders auf. Es war auch wirklich ein Matrose, der bisher an Bord des kleinen Kreuzers Königsberg" Dienste getan hatte. Auf ihr Be fragen erfuhren Bergner und Großmann von ihm über das weitere Schicksal des berühmten Kreuzers noch folgendes: Seit die Engländer", so erzählte der Seemann, unser braves Schiff in der Mündung des Rufidschi eingesperrt hatten, versuchten sie alles Mögliche, um sich seiner154 zu bemächtigen oder es wenigstens zu vernichten. Anfangs sind ihre Versuche völlig gescheitert und erst geglückt, als sie mit immer größerer Übermacht anrückten. Schon in den ersten Tagen des Dezember 1914 beschossen englische Kreuzer von der See aus die Rufidschimündung und versuchten, die Königsberg durch das Feuer ihrer weittragenden Geschütze zu zerstören. Es gelang nicht, weil die Kerle herzlich schlecht zielten. Am 10. Dezember versuchten die Briten dann ihr Heil mit einem Wasserflugzeug, aber das glückte ihnen ebensowenig, denn das Flugzeug erlitt Motordefekt, mutzte im Wasser niedergehen und trieb hilflos unseren Wachtposten in die Arme, die die beiden feindlichen Fliegeroffiziere schmunzelnd in Empfang nahmen. Zu Weihnachten erfolgte ein neuer Angriff mit zwei Kreuzern und zwei Hilfskreuzern, aber wir hatten in zwischen Geschütze unserer Landtruppen in der Nähe in Stellung gebracht und schickten die Engländer mit blutigen Köpfen heim. Etwas später kamen die Engländer mit Landungstruppen angefahren, die sie auf zwei flach gehende Küstendampfer gesetzt hatten, nämlich auf den Hyazint" und aus den Adjutant". Dieser ist eigentlich ein Schiff der Deutsch ostafrikalinie, war aber gleich nach Kriegsausbruch von den Engländern unter schnödester Verletzung der Neutralität und des Völkerrechts in portugiesischen Gewässern beschlagnahmt und mit 6 Kanonen ausgerüstet worden. Gegen diese beiden Schiffe entspann sich also ein regelrechtes Artilleriegefecht, und der Adjutant" wurde dabei so beschädigt, daß er steuerlos umhertrieb und schließlich am Ufer auflief, wo wir die ganze Besatzung gefangen nahmen. Auch Hyazint" hatte mehrere Volltreffer erhalten und rückte mit Volldampf schleunigst aus. Ähnlich ging es noch mehrmals. Am 6. Juli wurden wir sogar mit löfacher Übermacht angegriffen, haben aber auch diesen Angriff nach neunstündigem heftigem Feuergefecht abgeschlagen. Über 2000 Schutz haben damals die Eng länder unser Schiff verfeuert, und trotzdem waren unsere Verluste nur gering, denn aufs Treffen verstehen sich die Briten nicht so gut, wie unsere Kanoniere. Dieser schöne Sieg war auch unser letzter. Das155 Ende war nicht länger hinauszuschieben, denn die feindliche Übermacht wurde immer größer. Diese stellte sich beim nächsten Angriff am 11. Juli sofort heraus. Gegen unsere kleine eingesperrte Königsberg" kämpften an diesem Tage der Panzerkreuzer Cumberland", die geschützten Kreuzer Weymuth" Hyazint", Astrea", Pyramus", zwei Kanonenboote, drei Hilfskreuzer, sechs bewaffnete Wachboote und noch weitere 4 große Dampfer. Alle diese Schiffe liefen in die Flußmündung ein und nahmen unser Schifflein unter verheerendes Feuer. Zwei Flieger kreisten über dem Delta und übermittelten ihre Beobachtungssignale, so daß sich die Engländer diesmal rasch eingeschossen hatten. Sie überschütteten uns mit einem wahren Hagel von Geschossen, der zuerst besonders im Vorder schiff große Verluste herbeiführte. Sämtliche Geschützbedienungen und Munitionsmänner des Vorderschiffes fielen, der Kommandant wurde schwer verwundet. Im Achterschiff wütete ein nicht mehr zu erstickendes Feuer, verursachte Explosion der Munition und tötete oder verwundete dadurch gleichfalls viele Leute. Der Verlust aller Geschützmannschaften und die vollständige Verheerung des Decks machten es uns schließlich ganz unmöglich, das feindliche Feuer länger zu erwidern, zumal wir des Brandes wegen die Munitionskammern unter Wasser setzen mußten, um nicht in die Lust zu fliegen. Aber mit den beiden letzten Schrapnells wurde doch noch unter den Hurrarufen unserer Blaujacken der eine der beiden feindlichen Flieger heruntergeschossen. Unser braver Kommandant erhielt eine zweite Wunde und gab endlich halb ein Uhr mittags schweren Herzens dem ersten Offizier den Befehl das Schiff zu sprengen, damit es nicht in feindliche Hände falle. Unter heftigem Granat- und Schrap nellfeuer ging der Nest der Besatzung unter Mitnahme aller Verwun deten in vollster Ruhe in die Boote und fuhr an Land. Die Sprengung des Schiffes erfolgte gegen zwei Uhr durch einen angelegten Torpedo, der es in der Höhe der Kommandobrücke mitten auseinander riß. Mit wehender Flagge und flatternden Wimpelen, legte sich die Königsberg" aus die Seite und versank alsbald bis zum Oberdeck im Rufidschi, ein156 unvergeßlich trauriger Anblick für die, denen das stolze Schiff so lange eine Heimat gewesen roar. Immer noch schössen die Engländer wie wahnsinnig aus das Wrack. Trotzdem fuhren bei Sonnenuntergang einige von uns nochmals hin und holten die von tausend Granatsplittern zer fetzte Flagge herab, die unter einem dreifachem Hurra auf den Kaiser geborgen wurde. Haben wir auch unser Schiff verloren, so hat doch die ganze Mannschaft im stundenlangen, schwersten Granatfeuer getreu ihrem Eide mit Todesverachtung und Kampfesfreude ihre Pflicht bis zum Äußersten getan. Unsere Offiziere haben uns selbst gesagt, daß unser Verhalten über jedes Lob erhaben gewesen war. Die flach gehenden englischen Kanonenboote fuhren zwar noch ein Stück stromauf wärts, getrauten sich aber doch nicht an das Wrack der Königsberg" heran, und schließlich verließ das ganze feindliche Geschwader den Rufidschi und dampfte wieder in die offene See hinaus. Unsere Verwundeten wurden gut untergebracht, und dann der Rest der Mannschaft auf die Schutztruppe zur Dienstleistung an Land verteilt. Aus diese Weise bin auch ich hier ins Kilimandscharogebiet und nach Taveta gekommen und hoffe an den Engländern noch Rache nehmen zu können sür die Ver nichtung unserer lieben Königsberg"." Militärisch gab es während der nächsten Wochen und Monate eigent lich herzlich wenig zu tun. Es schien, als habe der Krieg Ostasrika ver gessen. Nur von der Westgrenze der Kolonie kamen Nachrichten über kleine Gefechte am Viktoria- und Tanganjikasee gegen Engländer und Belgier. Dort werden sie nicht durchdringen," urteilte Leutnant Winter kaltblütig. Größere Heeresmassen gegen Ostafrika kann der Feind nur entweder von der See, also aus Osten heranführen oder hier im Norden gegen das Kilimandscharogebiet, indem er sie in den Steppen von Uganda aufmarschieren läßt. Aber auch das würde seine Schwierigkeiten haben, denn ein großer Teil dieser Steppen ist wasserlos, und daher würde der Nachschub und Etappendienst kaum zu bewältigen sein, solange die Eng länder nicht von der Ugandabahnlinie aus Zweigbahnen gegen die Grenze157 zu bauen. Schon im Frieden war ja eine solche Bahn geplant, die hier in Taveta endigen sollte, aber da ist der Krieg dazwischen gekommen." Trotz der sirengen Absperrung, in der sich Ostafrika befand, sickerten doch noch manchmal Nachrichten von den europäischen Kriegsschauplätzen durch und sie waren geeignet, das Herz der braven Männer, die hier deutschen Boden im schwarzen Erdteil verteidigten, mit Stolz und Genugtuung zu erfüllen, ihre Hoffnung für die Zukunft zu stärken. Und das war auch nötig, denn was man andererseits von den übrigen deutschen Kolonien mit vieler Verspätung und auf großen Umwegen hörte, das klang traurig genug. Uberall waren die deutschen Schutztruppen nach heldenmütigem Pnd überraschend langem Widerstande schließlich doch von der feindlichen Ubermacht erdrückt worden. Togo und die Südseeinseln hatte der Feind, weil dort keine Schutztruppen sich befanden, fast widerstandslos in Besitz nehmen können. Tsingtau war nach tapferer Gegenwehr in die Hände der Japaner gefallen, in Kamerun wurden die wenigen Deutschen mehr und mehr bedrängt und hatten offenbar nur noch den Ausweg, sich nach spanischem Gebiet durchzuschlagen. Am allerschmerzlichsten aber wirkte die Kunde, daß auch Deutsch-Südwest-Afrika, das man für die wider standsfähigste unserer Kolonien gehalten hatte, von den Engländern mit Hilfe der Buren unter General Botha überwältigt worden war. Der Tag, an dem dort die deutsche Flagge niederging und der Rest der un erschrockenen Verteidiger halb verhungert die Waffen strecken mußte, war der schmerzlichste in der deutschen Kolonialgeschichte. Alle die deutschen Offiziere und Unteroffiziere, die sich im Kilimand scharogebiet befanden, wurden von heißem Ingrimm erfaßt, als sie diese traurige Kunde vernahmen. Hier zeigt sich doch wieder einmal recht deutlich," rief Bergner entrüstet aus, daß Undank der Welt Lohn ist. Wenn ich daran denke, wie aufrichtige Sympathien ganz Deutschland dem stammesverwandten Burenvolk entgegenbrachte, als es den Verzweiflungs kamps für seine Freiheit und Unabhängigkeit gegen England kämpfte, wenn ich denke, wie wir jungen Deutschen damals alle für Dewet, Dela-158 rey und Botha geschwärmt haben, wenn ich mir vergegenwärtige, wie dieser selbe Botha dann in Deutschland herumzog und Gaben für sein armes Volk einsammelte, die ihm auch willig und in reichem Maße zu flössen, und wenn ich jetzt sehe, wie diese selben Buren in englischem Sold und unter dem Befehl desselben Botha gegen uns kämpfen, um uns unseren rechtlichen Besitz in Afrika zu entreißen, dann möchte ich fürwahr den Glauben an die Menschheit verlieren und an ihr verzweifeln!" Es scheint in der Tat," versetzte Großmann, als sei in diesem fürchterlichen Kriege die ganze Menschheit verrückt geworden, als seien alle edleren Gefühle erstickt unter der Gier nach Blut und Besitz, unter wahnwitzigem Hätz. Aber wir wollen als gute Deutsche doch immer gerecht urteilen und nicht vergessen, daß wohl nur der Abschaum des Burenvolkes unter englischen Fahnen ficht, daß dagegen der bessere Teil zu Beginn des Krieges auf deutsche Seite trat und einen Aufruhr gegen England ent fachte. Erfolg hatte dieser ja leider nicht. Der edle Delarey wurde er mordet, der kühne alte Reiterführer Dewet von den englischen Panzer automobilen so lange gehetzt, bis er sich seinem alten Kampfgenossen Botha ergab, der ihn erbarmungslos ins Gefängnis werfen ließ. In diesem Botha allerdings, den viele unserer Kolonialpolitiker merkwürdiger weise stets als das Muster eines Gentleman hingestellt haben, haben wir uns gründlich getäuscht. Bei ihm scheint auch blinder Ehrgeiz die einzige Triebfeder seines Lebens zu sein. Ich möchte, der verräterische Kerl käme mir einmal unter meine ehrlichen deutschen Fäuste!" Das wird er wohl bleiben lassen," lachte Leutnant Winter, denn er scheint mir ein ziemlich vorsichtiger Herr zu sein. Aber wenn er auch ein niedriger Charakter ist, wie sein Verhalten gegen Dewet am besten beweist, so ist er doch als Heerführer und Afrikakenner gewiß nicht zu unterschätzen. Das haben wir ja jetzt zu unserem Schaden sehen können. Gar nicht unmöglich, daß wir nun auch hier seine Bekanntschaft machen, denn Ostafrika ist die letzte uns noch verbliebene Kolonie, und die Eng länder weiden gewiß alles aufbieten, sie nun auch in ihre Gewalt zu159 bekommen. Ich bin überzeugt, daß wir nun bald an die Reihe kommen, aber ich denke, die Briten und ihre Helfershelfer sollen dabei auf Granit beißen. Wahrscheinlich werden die Engländer ihrer Gewohnheit gemäß sich die Kastanien wieder von ihren Helfershelfern und Stiefkindern aus dem Feuer holen lassen, und da kommen hier wohl in erster Linie die Buren in Betracht, weil sie die afrikanische Taktik am besten kennen." Innerlich pflichtete jeder dieser Anschauung bei, aber zunächst rührte sich noch immer nichts, und das Weihnachtsfest konnte man nach guter deutscher Sitte in aller Ruhe und Gemütlichkeit behaglich feiern. Nur wurden fleißig größere Patrouillen in der Richtung auf die Ugandabahn vorgeschickt, um zu erkunden, was die Engländer eigentlich trieben, denn man wollte sich doch nicht irgendwie von ihnen überraschen lassen. Auch Bergner, der inzwischen gleich seinem Freunde Großmann zum Offizier- Stellvertreter aufgerückt war, hatte öfters solche Erkundigungsabteilungen zu führen. Einmal war er wieder mit einer solchen ausgezogen und sah zu seiner grenzenlosen Überraschung die englische Bahnlinie viel früher vor sich, als er sie seiner Berechnung nach hätte antreffen müssen. Ein sorgsamer Überblick über das Gelände und eine vergleichende Betrachtung seiner Karte brachten ihm die Überzeugung bei, daß das gar nicht die Ugandabahn war, die er vor sich hatte, sondern eine neu errichtete und noch im Bau begriffene Linie, die in der Richtung auf Taveta zu führte. Er versteckte sich mit seinen Askaris im dichten Busch und beobachtete durch den Krimstecher sorgfältig die ganze Gegend. Das Stück Bahn, was er vor sich hatte, war offenbar schon fertig und die Arbeiter wohl an einer Stelle, die er bei seinem Vormarsch nicht berührt hatte. Vor ihm zog sich eine tiefe Schlucht hin, die von einer Brücke überspannt war. Durchs Glas erkannte er deutlich das Lager eines starken eng lischen Wachtpostens bei der Brücke, den er mit seinen wenigen Leuten nicht mit Hoffnung auf Erfolg anzugreifen vermochte. Er blieb deshalb ruhig in seinem Versteck und beschloß, es mit einem nächtlichen Überfall zu versuchen. Er wollte dazu die Zeit kurz vor Tagesanbruch160 abwarten, die erfahrungsgemäß für solche Unternehmungen die günstigste zu sein pflegt. Inzwischen beobachtete er auch nach Einbruch der Nacht unausgesetzt weiter. Der Mond stand hell am sternenklaren Himmel, so daß man weit zu sehen vermochte. Weit und breit rührte sich nichts. Die Engländer schienen sich in voller Sicherheit zu glauben. Unser Freund bekam von ihnen überhaupt nichts zu sehen, wohl aber ein mächtiges Nas horn, das sich offenbar verirrt hatte, nun mit lautem Getöse über die Brücke stürmte und zwischen deren dünnen Querbalken schließlich 70 Meter tief in die Schlucht herabstürzte. Der Fall des Niesentieres weckte auch die verschlafenen Engländer. Sie kamen mit lautem Geschrei zu der Brücke, sahen sich hier die Bescherung an, und man hörte deutlich ihr Lachen herüberschallen. Offenbar freuten sie sich über die unverhoffte Jagdbeute. Dann zogen sie sich, ohne erst die Umgegend abzusuchen, zu ihren Zelten zurück. Einige Stunden später hielt Bergner seine Zeit für gekommen. Auf seinen Wink erhoben sich die Askaris und schlichen laut los wie Katzen durch das Buschwerk bergabwärts zur Brücke. Hier stand ein einsamer englischer Posten, offenbar in süße Träumereien versunken. Einer der Askaris schlich sich wie ein Raubtier an ihn heran, sprang ihm dann plötzlich an die Kehle und warf ihn zu Boden, ehe er noch einen Schrei ausstoßen konnte. Eine Fessel um Hände und Füße und ein Knebel im Munde machten den Mann unschädlich. Dann ging es mit lautem Hurra und gefälltem Bajonett auf die Zelte los. Die Engländer waren überrascht, ehe sie noch recht wußten, um was es sich handle, da sie im tiefsten Schlaf überrascht wurden. Nur wenige Schüsse fielen und es gab nur wenige leicht Verwundete. Jetzt aber kam die Haupt sache. Eiligst ging Bergner mit einem seiner Leute zur Brücke, befestigte an einem der Pfeiler eine Dynamitpatrone, setzte die zugehörige Zündschnur in Brand und zog sich dann zu seinen Askaris und Gefangenen, sowie der gemachten Beute an Waffen und Munition in den Busch zurück. Es dauerte nicht lange, so erfolgte eine fürchterliche Erplosion, die weithin durch die stille Tropennacht schallte, und die Mitte der Brücke brach zusammen.161 Trotz der durchwachten Nacht traten dann unser Freund und seine braven Askaris so rasch als möglich den Rückzug an, denn es war vorauszu sehen, daß das Getöse der Explosion überlegene englische Truppenkörper herbeilocken würde. Der Zweck der Erkundung war ja vollständig erreicht. Die Nachrichten, die Sie da überbringen, sind ja außerordentlich wichtig," sagte Leutnant Winter, als sich unser Freund wieder bei ihm meldete. Denn sie zeigen uns, daß die Engländer mit dem Angriff auf Ostafrika ernst machen. Offenbar bauen sie eine Bahnlinie durch die Steppe, um das Kilimandscharogebiet nachdrücklich und von verschiedenen Seiten her angreifen zu können. Ich glaube, es stehen uns schwere Tage bevor. Gut ist es auch, daß Sie Gefangene mitgebracht haben, denn durch Aus fragen werden wir sicherlich noch mancherlei Interessantes aus ihnen her ausbekommen." So war es auch, und schon in den nächsten Tagen zeigte es sich, daß der Feind längs der ganzen Front eine erhöhte Tätig keit entfaltete und immer stärkere Truppenmassen zum Vorschein brachte. Die deutschen Patrouillen stießen überall aus nachdrücklichen Widerstand und mußten meist unverrichteter Sache zurückkehren. Immerhin meldeten sie, daß eine englische Vorhut im Anmarsch auf Taveta selbst sei und zwei deutsche Kompagnien, zu denen auch unsere Freunde gehörten, wurden ausgeschickt, um den Feind zurückzuwerfen. Die deutschen Streitkräfte be setzten einen die ganze Ilmgegend beherrschenden Hügel, konnten von hier aus den Anmarsch der Engländer beobachten und sie unter nachdrückliches Feuer nehmen. Man sah wie der Feind, der den Deutschen mindestens dreifach überlegen war, seine Kolonnen auseinanderzog und zum Gefecht entwickelte. Aber als Bergner diese Vorgänge durchs Glas genau ver folgte, war er doch nicht wenig überrascht, denn was er da vor sich hatte, waren nicht englische Liniensoldaten oder beturbante Jndier, mit denen man sich bis dahin herumgeschlagen hatte, sondern es waren Männer in der Burentracht, die ihm von der Zeit des Burenkrieges her bekannt war. Ihr ganzes Benehmen ließ alsbald auch auf kampfkundige und mit den Eigentümlichkeiten Afrikas vertraute Leute schließen. Sie warfen sich so- Deutschcs Schwert. . H162 fort zu Boden, nahmen Gefechtsdeckung, schössen langsam, zielten aber ausgezeichnet. Hinter diesen Scharfschützen tauchten alsbald auch Maschinen gewehre auf und feuerten wie toll über die Köpfe der Schützen hinweg gegen die deutsche Stellung. Diese war glücklicherweise gut gewählt und bot vorzügliche Deckung, so daß die Verluste mäßig blieben. Die Buren drüben machten von Zeit zu Zeit einen Sprung nach vorwärts, immer nur wenige Leute zugleich, so daß sie den deutschen Gewehren nicht viel Angriffsfläche boten. So kamen sie dem Fuße des Hügels näher und näher, aber der deutsche Befehlshaber traf rechtzeitig entsprechende Gegen maßregeln. Die Abteilung des Leutnants Winter wurde mit mehreren Maschinengewehren rechts um den Hügel herum geschickt und tauchte so unvermutet am Rande einer Schlucht in der Flanke der vordersten eng lischen Linie auf. Von diesem Standpunkt aus konnten die deutschen Maschinengewehre ein verheerendes Feuer eröffnen, und man sah manchen Buren im Todeskampf sich wälzen. Allerdings zog der Feind Verstär kungen heran, und zwar auch wieder in der vorsichtigen Weise, die den Buren eigen ist. Es kamen immer nur drei Mann auf einmal, die et wa 100 Schritt vorstürmten, sich dann niederwarfen, feuerten und dieses Spiel wiederholten, bis sie in der Kampflinie eingetroffen oder unterwegs abgeschossen waren. Denn fast unausgesetzt polterten Winters Maschinen gewehre und fällten noch manchen Gegner. Die Lage des Feindes be gann offenbar kritisch zu werden und seine Verluste steigerten sich, obwohl die Buren ihre Köpfe mit grünen Zweigen umwunden hatten, so daß sie im bebuschten Gelände außerordentlich schwer aufs Korn zu nehmen waren. Schon dachte unser Freund mit stillem Jubel, daß man bald zum Sturm übergehen und den Rest der Buren gefangen nehmen könne, da ließ sich plötzlich in der Ferne lautes Rattern vernehmen, und mehrere große Panzerautomobile sausten in wahnsinnigem Tempo durch die Steppe, wobei sie unaufhörlich aus ihren Maschinengewehren schössen. Natürlich wurden die Kraftwagen von den Deutschen unter Feuer genommen, und klatschend schlugen die Gewehrkugeln gegen ihre Panzerplatten, prallten163 aber wirkungslos ab. In einem Nu waren die gepanzerten Kraftwagen in der Schützenlinie und nahmen die Reste der bis zum letzten Augen blick feuernden Buren auf. Dann stoben sie wieder davon, wie bos hafte Gespenster, und die Deutschen hatten das Nachsehen. Zwar hatten sie als Sieger das Schlachtfeld behauptet, aber weder einen Gefangenen, noch irgendwelche Beute gemacht, und da sie keine Gegner mehr vor sich sahen, traten sie nach Beerdigung der Toten und unter Mitnahme der Verwundeten den Rückmarsch nach Taveta an. Am nächsten Morgen saßen Bergner und Großmann im Lager bei ihrem dampfenden Kaffeekessel und unterhielten sich über den vorange gangenen heißen Kampftag. Da trat Leutnant Winter zu ihnen und bat sich in seiner gemütlichen Art bei ihnen zum Kaffee zu Gast. Er kam eben von einer Besprechung der Offiziere, die unter dem Vorsitz des Obersten von Lettow-Vorbeck stattgefunden hatte, und war sichtlich erregt. Kinder" sagte er, nun wirds Ernst, und wir werden die Zähne zu sammenbeißen müssen, um dem Englischmann die Eroberung Deutsch- Ostafrikas zu erschweren." Wird denn die feindliche Übermacht so groß sein?" frug Bergner. Erdrückend groß" lautete die Antwort, und von allen Seiten kommen sie jetzt gegen uns. Offenbar wollen sie das selbe Manöver wiederholen, das ihnen in Süd-West geglückt ist, und auch diesmal bilden die Buren ihre Hauptstütze. Wir werden dem Feind ja jeden Fußbreit Bodens streitig machen, das ist selbstverständlich, und einige Monate können wir die Kolonie wohl noch halten. Aber wenn der Krieg noch länger dauern sollte, dann befürchte ich das Schlimmste. Wir sind ja nun durch die fortwährenden Kämpfe stark geschwächt, sind von aller Welt abgeschnitten, können keinen Ersatz an Waffen, Schieß bedarf und Konserven erhalten, und so wird es wohl auch einmal mit uns zu Ende gehen. Aber teuer wollen wir unser liebes Ostafrika ver kaufen, und wenn es nicht anders geht, ehrenvoll untergehen, wie es ja für deutsche Soldaten selbstverständlich ist. Es hat sich herausgestellt, daß die Engländer von der Ugandabahn aus nicht nur hierher gegen Taveta Ii 164 eine Zweigbahn vorgetrieben haben, sondern auch noch eine zweite gegen Longido, das ihnen von unserem Sieg im Herbst 1914 her auch nicht gerade in angenehmer Erinnerung stehen dürfte. Offenbar wollen sie das ganze Kilimandscharogebiet umfassen. Sie sind uns nicht nur an Zahl und Geschützen unendlich überlegen, sondern haben vor allen Dingen auch den Vorteil einer zahlreichen Reiterei und vieler Panzerautomobile. Für diese sind aber die ausgedehnten Steppen am Fuße des Kilimand scharo ein prachtvolles Gelände, und der Feind kann daher überraschend an Punkten auftreten, wo man ihn nicht vermutet. Es wird uns also wohl nichts übrig bleiben, als den Rückzug an die llsambarabahn an zutreten, die wir dann so lange als möglich verteidigen wollen." Ist General Botha auch hier der Anführer?" erkundigte sich Großmann. Es scheint nicht so," versetzte Leutnant Winter, aber der geistige Ur heber dieses Feldzugsplans ist er jedenfalls, und an seiner Stelle ist Ge neral Smuts Oberbefehlshaber, auch ein verräterischer Bure, der schon in Südwest gegen uns gekämpft hat. Nach seinen Gefechtsberichten zu urteilen, muß er ein rechter Prahlhans sein, denn die kleinen Vorposten gefechte, die wir bisher mit ihm gehabt haben, hat er zu großen Siegen aufgebauscht. Speziell im Kilimandscharogebiet hat General Deventer den Befehl über die Engländer. Auch er war schon in Südwest gegen uns tätig, namentlich im Süden der Kolonie. Er hat mehrere südafri kanische Brigaden unter sich, im ganzen wohl 25 26000 Mann, mit vielen Geschützen, Panzerautomobilen und Flugzeugen, ist also allein schon fünfmal so stark als unsere Schutztruppe, die inzwischen schon sehr zu sammengeschmolzen ist, es bei Ausbruch des Krieges war. Im Westen der Kolonie sind zwei belgische Brigaden aufgetaucht, die auch wohl 12000 Mann ausmachen, etwa 5000 Portugiesen haben sich gleichfalls gezeigt, indische Reiterregimenter, neuseeländische Truppen sind im An marsch. Alles in allem kann man die Stärke des Feindes wohl auf etwa 80000 Mann veranschlagen, und wir werden also gegen ungefähr 20 fache Übermacht zu kämpfen haben. Ganz abgesehen davon, daß165 unsere Europäer unter dem Klima zu leiden anfangen und unsere mili tärische Ausrüstung immer stärkere Lücken aufweist." Doktor Bergners Augen funkelten. Da gibts tüchtige Arbeit," rief er, und roir wollen den Engländern schon zeigen, daß es etwas anderes ist, gegen deutsche Truppen zu kämpfen, als nackte Neger zusammenzuschießen, die nur mit Speeren bewaffnet sind." Der Leutnant drückte beiden die Hand. So ist s recht," sagte er, nur nicht verzagen! Jeder von uns wird seine Schuldigkeit tun bis zum äußersten, und auch auf unsere Schwarzen dürfen wir uns getrost verlassen." Schon die nächsten Tage zeigten, wie gerechtfertigt die Befürchtungen des Leutnants waren. Es erfolgte ein großangelegter englischer An griff zwischen Taveta und dem Kilimandscharo. Die Deutschen hatten Schützengräben aufgeworfen und verteidigten sich in ihnen aufs hart näckigste. So oft die englische Übermacht auch vorging, immer wieder wurde sie durch das wohlgezielte deutsche Gewehr- und Maschinen gewehrfeuer blutig abgewiesen. Englische Flugzeuge erschienen am Himmel, warfen Pfeile und Bomben, aber auch sie vermochten nicht, die deutsche Stellung zu erschüttern. Als die Sonne sank, behaupteten die Deutschen als Sieger das Schlachtfeld. Aber in der Nacht kam die Kunde, daß englische Reiterei und zahlreiche mit Truppen vollgepfropfte Automobile eine Umgehungsbewegung vollführten, um den Deutschen in den Rücken zu kommen. Unter diesen Umständen wäre ein weiteres Ausharren in der gefährdeten Stellung Wahnsinn gewesen und hätte nur zur Ver nichtung der tapferen Truppen führen müssen. Diese traten also den Rückzug an, der sich unter beständigen Nachhutgefechten bis zur Usambara- bahn fortsetzte. Trotzdem waren die Truppen nicht niedergeschlagen, denn sie hatten gesehen, daß sie selbst den berühmten Buren überlegen waren. Mitte April 1916 eröffneten dann die Engländer, nachdem sie sich des ganzen Kilimandscharogebiets bemächtigt hatten, in gleicher Weise einen umfassenden Angriff gegen die Usambarabahn. Wieder blieben ihre Angriffe an der Front erfolglos und hatten nur die fürchterlichsten166 Verluste zur Folge. Ganze englische Regimenter wurden aufgerieben. Mit Hilfe ihrer Automobile und berittenen Truppen, versuchten es die Engländer abermals mit einer weit ausholenden Umgehung. Oberst v. Lettow-Vorbeck beschloß aber diesmal, der unter dem persönlichen Be fehl des Generals Deventer stehenden Umgehungstruppe die Stirn zu bieten. Er ließ deshalb nur schwache Kräfte in der Front zurück und rückte mit seiner Hauptmacht, zu der auch die Kompagnie unserer beiden Freunde gehörte, dem General Deventer entgegen, wodurch es in den Tagen vom 17. 19. April zu den blutigen Treffen von Kondoa-Jrangi kam. Die Engländer erlitten in diesen sehr empfindliche Verluste und mutzten den unentschiedenen Kampf abbrechen. Mehrere Wochen hin durch lagen sich beide Gegner beobachtend gegenüber, aber am 3. Mai ging die deutsche Schutztruppe, die von Tabora her inzwischen bedeutende Verstärkungen erhalten hatte, ihrerseits zum Angriff über. Die Vorposten der Engländer und Buren wurden förmlich über den Haufen gerannt und auf ihre Hauptstellung zurückgeworfen, die dann von der deutschen Artillerie lebhaft beschossen wurde. Ein seinerzeit von der Königsberg" gerettetes schweres Geschütz tat hier besonders gute Dienste, zumal es von den schneidigen Marineartilleristen ausgezeichnet bedient wurde. Seine Volltreffer setzten nach und nach sechs englische Geschütze außer Gefecht und verbreiteten Verwirrung und Schrecken in den Reihen des Feindes. Die englischen Batterien dagegen schössen schlecht und hastig und erzielten deshalb nur geringe Wirkung. Offenbar war der Feind durch das un vermutete Vorgehen der kühnen Deutschen schon recht nervös geworden. Während der Nacht arbeiteten sich die deutschen Schützen näher an die englische Stellung heran, namentlich aus beiden Flügeln, um einen kon zentrischen Angriff vorzubereiten. So konnte sich am nächsten Tage ein heftiges Feuergefecht entwickeln, das stellenweise in Nahkampf ausging. In todesmutigem Ansturm drängte die schwarze deutsche Schutztruppe, geführt von ihren weißen Offizieren, die beiden feindlichen Flügel soweit zurück, daß die englische Hauptstellung in einem großen Halbkreis um-167 schlössen wurde. Die Engländer machten verzweifelte Anstrengungen, ihre verlorene Stellung zurückzugewinnen, aber nach erbittertem Handgemenge wurden sie immer wieder mit schweren Verlusten zurückgeworfen. Natür lich versuchten sie es auch in ihrer beliebten Manier wieder mit Um gehungen durch ihre Reiterei, aber das Gelände war dieser nicht be sonders günstig und der deutsche Befehlshaber hatte umsichtig an allen dafür in Betracht kommende Stellen ausgewählte Scharfschützen aufge stellt, die die englischen Reiter von ihren Pferden Herabschossen, so daß der Nest in wilder Flucht davonsprengte. In der Nacht vom 10. aus den 11. Mai brachen dann die gesamten deutschen Streitkräfte mit lautem Hurra zum Hauptsturm vor. Der erbitterte Kampf wogte unter dem Lichte der englischen Scheinwerfer die ganze Nacht hindurch hin und her, endigte aber schließlich mit der völligen Niederlage des Feindes. Dieser räumte seine gesamten Stellungen und ging in fluchtartiger Eile zu rück. Leider konnte er nicht verfolgt werden, da es der deutschen Truppe vollständig an Reiterei fehlte und das Fußvolk durch die mehrtägigen Kämpfe gänzlich erschöpft war. Aber über 1200 Buren und Engländer blieben tot und verwundet am Platze. Das Gefecht neigte sich schon seinem Ende zu, als Leutnant Winter, der eben mit seiner Kompagnie um eine Waldecke herum vorging, in kurzer Entfernung eine gerade im Abfahren begriffene englische Batterie bemerkte. Leuchtenden Auges winkte er Bergner und Großmann heran. Die verstanden sofort, gaben ihren Askaris die nötigen Zeichen, und die deutschen Truppen eröffneten ein wütendes Schnellfeuer auf den Gegner. Die Pferde der Batterie brachen zusammen und wälzten sich in ihren Strängen, so daß die Geschütze nicht mehr vom Neck konnten. In diesem Augenblick brachen die Deutschen mit gefällten Bajonetten vor und hatten alsbald die Geschütze erreicht; deren Bedienungsmannschaften wehrten sich verzweifelt. Gewehr- und Revolverschüsse knallten, mit Kolben, Bajonetten und Artilleriewerkzeugen schlug man auf einander los. Leutnant Winter stürmte in jugendlicher Begeisterung allen voran und legte eben seine163 Hand auf das erste englische Geschütz, als ein Schuß aus dem Revolver des englischen Offiziers ihn niederwarf. Mit rasender Wut stieß Bergner, der früher kein Menschenblut hatte fließen sehen können, dem englischen Kapitän sein Bajonett durch die Seite. Der Nest der feindlichen Mann schaft war nun auch bald bewältigt, die Batterien erobert. Eben wollte sich Bergner von dem Zustande seines verehrten Leutnants überzeugen, als in der Steppe Hufschläge ertönten und englische Reiterei zur Zurück- eroberung der verlorenen Geschütze heranbrauste. Es war ein schöner Anblick, aber die geschulten Askaris ließen sich dadurch nicht verblüffen, sondern gaben unter der Leitung Bergners und Großmanns, die selbst fleißig mitschossen, Schuß auf Schuß mit einer Ruhe ab, als ständen sie auf dem Exerzierplatz. Im Nu war ein Teil der englischen Sättel geleert, und der Rest der wilden Reiter brauste in voller Flucht davon. Nun erst konnte sich Bergner seinem Leutnant zuwenden. Er sah sofort, daß dieser nur noch wenige Minuten zu leben hatte. Sein Gesicht war wachsbleich, aber seine Augen glühten vor inneren Begeisterung. Das war der schönste Tag meines Lebens" lispelte er mit schwacher Stimme, daß ich diesen Sieg auf afrikanischem Boden über die Engländer noch erleben durfte. Nun sterbe ich gern, denn noch sehe ich unser Ostafrika nicht bezwungen. Ihr werdet es weiter verteidigen, Ihr Freunde, das weiß ich, und die Briefe in meiner Tasche an Eltern und Braut werdet Ihr auch getreulich besorgen, sobald sich Gelegenheit dazu bietet. Lebt wohl!" Damit schloß der Tapfere die Augen, ein leichter Seufzer, ein röchelnder Atemzug, und er hatte den Soldatentod gefunden. Erschüttert standen die andern um ihn herum, und in stummer Bewegung reichten sich Bergner und Großmann die Hände; ohne ein Wort zu sprechen, wußten sie, daß diese Weihestunde sie noch enger zusammenschmiedete und daß sie in der Verteidigung der letzten deutschen Kolonie gleich allen andern durchhalten würden bis zum Äußersten. -^7 Deutsches Schwert Verlag E. Nister, Nürnberg.
