Christiansen (Kommandant des ersten Blockadebrechers) Durch!" Mit Kriegsmaterial zu Lettow-Vorbeck Von Kapitänleutnant d.R. Carl Christiansen Meine Erlebnisse als Kommandant des ersten Blockadebrechers, der eine Schiffsladung Kriegsbedarf nach Deutsch-Ost- afrika brachte, sowie eine Schilderung meiner Eindrücke auf dem Schlachtfelde von Tanga und im Hauptquartier der Kaiserl. Schutztruppe am Kilimandscharo Erster Band mit 17 Abbildungen und einem Geleitwort Verlag für Volkskunst, Rich. Kcutel, Stuttgart 9, xm.Alle Rechte vorbehalten Copyright by Volkskunst-Verlag, Stuttgarr Entwurf des Umschlages von Berta Hindenlang. Karlsruhe Schrift aus der Schriftgießerei von Gebr. Klingspor, Offenbach a, M,, nach Zeichnung von Professor Walter Tiemann in Leipzig Druck der Kunstdrucke ! des Verlags für Volkskunst, Rich. Keutel, Stuttgart, im fünften Kriegsjahr 1918 Einband von Großbuchbinderei Alb. Fischer-Stuttgart SIII Ein Geleitwort. Fehle durch Talen die jagende Zeit, Schmiede den Tag an die Ewigkeit! (L o h m e y e r.) in ungeheurer Strom lebendiger Liebe stießt seit jener sonnenüberzitterten, rauschgefüllten Stunde, wo die ersten Feldgrauen jauchzend gegen den Feind zogen, von der Heimat hinaus an die eisernen Fronten. Heiß lind heimwehstark kommt diese Liebe zurück und hält die dort draußen mit uns hier daheim fest ver bunden in Not und Nacht, in Sorge und Sieg . . . Als der Niesenhammer Krieg jählings niedersauste, da ging seine dröhnende Wucht rund um den Erdball und riß alle Rassen auseinander. Das vielfach schlum mernde Stammesbewußtsein wurde wach,- in allen Weltteilen sammelten sich die Deutschen, um die schwarz- weiß-rote Flagge hochzuhalten gegen die Nbermacht der heimtückischen Felnde. Manchem gelang es unter un säglichen Mühen heimzukommen und sich zum Dienst mit der Waffe zu stellen, viele sind noch heute in der Jnternierung zum ohnmächtigen Nichtstun verdammt. Nur in den deutschen Schutzgebieten sammelte sich rasch alle erreichbare Kraft, und wie hell glänzt in!V der glorreichen Geschichte dieses Krieges die helden mütige Verteidigung von Tsingtau, die ruhmreiche Feindabwehr von Südwest, Togo und Kamerun. A^er alles wird überstrahlt von dem beispiellosen Heldenkampf der Unseren in Deutsch-Ostafrika unter Lettow-Vorbeck. Trotz vielfacher Über macht ist es dem Feinde bis heute noch nicht gelungen, die kleine, von aller Zufuhr abgeschnittene, ganz auf sich allein gestellte Schar der Kaiserlichen Schutztruppe zu besiegen! Die gewaltigen Ereignisse auf dem euro päischen Kriegsschauplatz haben es mit sich gebracht, daß des Heldenkampses in Deutsch-Ostafrika nicht in vollem Maße gedacht wurde und die breite Öffentlich keit noch verhältnismäßig wenig von den Geschehnissen dort unten in Deutschlands größter Kolonie weiß. Der von der englischen presse immer wieder herbei gezogene Vorwand, die Eroberung Deutsch-Ostafrikas werde besonders dadurch erschwert, daß die Deutschen diese Kolonie in jeder Beziehung ganz besonders für den Krieg vorbereitet hätten, ist eine plumpe Ver- legenheitslüge. Die englische Regierung vermeidet mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln das Bekannt werden von peinlichen Einzelheiten über die Krieg führung in Deutsch-Ostafrika. Die beschämende Tat sache, daß es bis hellte trotz verhältnismäßig ganz ungeheuren Menschen- und Geldopfern dem Feinde noch nicht gelungen ist, der Kaiserlichen SchutztruppeV in Deutsch-Ostafrika und den dort kämpfenden Marine streitkräften Herr zu werden, trotzdem weiße, gelbe und schwarze Engländer, Buren, Belgier und Portugiesen sich ruhmlos jahrelang in manchmal zehnfacher Über macht an dem Eroberungsfeldzug beteiligt haben, be ginnt erst jetzt nach und nach, hauptsächlich durch die Verlustlisten, dem englischen Volke bekannt zu werden. Daß Deutsch-Ostafrika, ebenso wie die anderen deut schen Kolonien überhaupt, nicht aus einen Krieg nach außen vorbereitet war, ist allgemein bekannt. Die mehrjährige, erfolgreiche und ruhmvolle Verteidigung der Kolonie konnte neben ganz hervorragenden mili tärischen Leistungen nur ermöglicht werden durch die planmäßige deutsche Organisation der zur Verfügung stehenden geringen Verteidigungsmittel, sowie ganz besonders durch das treue, unverdrossene Zusammen wirken von Schuhtruppe und Marine, oft unter den schwierigsten Verhältnissen. Dazu kommt noch, daß es der Marine im Kriege zweimal gelang, die Kolonie mit Waffen und Munition zu versehen. Im April 1915 traf das erste deutsche Hilfsschiff unter dem Kommando des Kapitänleutnants der Re serve Carl Christiansen in Ostafrika ein und da durch wurde der Kaiserlichen Schuhtruppe zunächst der Beweis gegeben, daß das Mutterland seine kämp fenden Söhne nicht vergessen habe. Der kühne, wagemutige Führer des ersten Blockadebrechers istnach Überwindung unsäglicher Gefahren nun heim gekehrt und gibt im vorliegenden Buche eine Schil derung seiner Erlebnisse. Schlicht und darum so echt und überzeugungstreu hat er das niedergeschrieben, was ihm am tiefsten zu Herzen kam während seiner Heldenfahrt zu Lettow-Borbeck. Zum ersten Male hören wir hier einen authentischen Bericht über die wahren Begebnisse in Deutsch-Ostafrika,- mit klop fendem Herzen lesen wir die Kunde über den herr lichen Geist in der Schuhtruppe. Der Verfasser bricht seine aufsehenerregende Schilderung ab mit dem Tage, wo eine gefahrenreiche, abenteuerliche Reise durch ganz Afrika und fein Versuch heimzukommen, beginnt. , Was er hierbei erlebte und erlitt, wird er uns vielleicht in einem weiteren Bande schildern. Er hat auf seiner an unerhörten Strapazen reichen Heimreise zunächst die ganze Kolonie durchquert, teils im Auto durch die Wildnis, mitten in der schlimmsten Regenzeit, teils zu Fuß, nur in Begleitung einer schwarzen Karawane. Drei Wochen weilte Kapitän- lcutnant Christiansen auf der Königsberg" im kampf umtobten Rusidjidelta, wo durch schweres Malariafieber seine Weiterreise verzögert wurde. Kaum genesen ging s in Eilmärschen nach Süden, in tollkühner Fahrt quer durch das feindliche Südafrika. Durch portugiesische Verräter geriet der Held unseres Buches dann in englisch- Gefangenschaft. Er wurde ins polizeige- VIVII fängnis geworfen und man inachte ihm den Spionage- prozeß, wobei er um ein Haar sein Leben verwirkt hätte. Der Militärbehörde ausgeliefert, kam der Ge fangene nach Kapstadt und später mit einem Truppen transporter durch alle U-Bootgesahr nach London. Hier wurde wieder eine schwere Spionageanklage gegen ihn erhoben, doch mußte man schließlich die Sache fallen lassen. Im Herbst 19^7 wurde Kapitänleutnant Chri stiansen wegen Malariaerkrankung nach der Schweiz zur Internierung gebracht und dann im Frühjahr dieses Jahres ausgetauscht. Heute gibt Christiansen dem deutschen Volke zu nächst ein Buch, das man ein Hohelied aus die Treue der Deutsch-Ostafrikaner nennen darf. Von dem Strom der lebendigen Liebe für unsere Kämpfer aber wird nach dem Bekanntwerden dieses Buches ein gut Teil auch den Helden im fernen Afrika zufließen. Tiefe, heiße Bewunderung für unsere Kolonialkämpfer wird aufglühen im weiten Vaterlande,- hat durch den Ver lauf des gigantischen Krieges und durch die Abschnürung Deutschlands vom Weltverkehr doch wohl der Letzte in unserem Volke die große Bedeutung einer Nbersee- macht begriffen. Seefahrt ist not! Kapitänleutnant d. R. C. Christansen (der Bruder des berühmtesten deutschen Seekampffliegers Oberleutnant d.Res. Fr. Christiansen) und seine heldenmütigen Leute haben es uns gezeigt, was deutsche Seeleute zu leisten vermögen. Den Odyssee-VIII fahrten einer Möwe", eines Wolf" reiht sich die kühne, glückliche Reise des ersten Blockadebrechers nach Ostafrika würdig an. Wenn die zehrende Glut der Kriegsfackel heruntergebrannt ist, wenn von Hamburg und Bremen aus wieder die deutsche Handelsflagge am Topp der Dampfer und Segler über das freie Weltmeer rauschend zieht, dann erst wird die Saat aufgehen, die unsere Seeleute, unsere herrliche Marine und unsere heldenhaften Brüder im Ausland wäh rend der schweren Kriegsjahre durch die Tat säeten, Und so mag denn auch dieses Buch als ein Do kument deutschen Heldentums hinausgehen in die Öffentlichkeit. Der Verlag.Der Ausbruch aus der Nordsee durch die Sperrlinien. Also, ich wünsche Ihnen nochmals guten Erfolg, fahren Sie mit Gott, und grüßen Sie die tapferen Kameraden in Ostafrika!" Mit diesen Worten und einem kräftigen Händedruck verabschiedete mich der Chef einer deutschen Manifestation, als ich mich am Vormittag des 18. Februar 1915 bei ihm abmeldete, um als Führer einer wichtigen Sonderunternehmung die heimischen Gewässer zu verlassen. In der Nacht vorher war ich mit dem Schnellzug von Berlin zurückgekommen, wo ich dem Admiralstab mein Schiff, dessen wohlbestallter Kommandant ich seit acht Tagen war, seeklar gemeldet und die letzten Befehle empfangen hatte. Alle guten Wünsche meiner hohen Vorgesetzten begleiteten mich und meine aus lauter Freiwilligen bestehende Besatzung auf unserer schwierigen Unter nehmung. Viel Glück und gut Gelingen war mir von den wenigen Kameraden gewünscht, die um meine Abfahrt wußten. Aber damit allein kann die Fahrt nicht durchgeführt werden. Mit eisernem Fleiß ist wochenlang schon an den Vorbereitungen gearbeitet. Christiansen! .Durch! l, 1An der nötigen Tatkraft und Verantwortungsfreudig- keit soll es von meiner Seite nicht fehlen. Ich selbst habe mir felsenfest gelobt, das große Vertrauen, Welches das beneidenswerte Kommando in sich trägt, in jeder Beziehung zu rechtfertigen und durch die Tat zu beweisen, daß meine von mir persönlich ausgesuchte Mannschaft und ich dieses Vertrauen verdienen. In Begleitung eines Stationsadjutanten geht es jetzt in sausender Fahrt mit einem Marinekraftwagen zur Hafeneinfahrt, wo eine Dampfpinasse uns erwartet. Einige Minuten später steigen wir auf der Innenreede an Bord eines etwa 60OO Tonnen großen Dampfers. Mit dem stolzen Gefühl, endlich wieder ein gutes Schiff unter den Füßen zu haben und am Vorabend einer schwierigen aber großen und dankbaren Aufgabe zu stehen, besteige ich das Fallreep. Der i. Offizier empfängt mich mit der Meldung: Das Schiff ist seeklar!" Der Erfolg unseres Unternehmens mußte zu einem guten Teil abhängen von der größten Geheimhaltung des ganzen Planes,- deshalb kommt für die Ausfahrt aus dem Hafen und dem Minengebiet der Sperr kommandant des Minenstriches persönlich an Bord, um unser Schiff durch die inneren Minensperren sicher hindurchzuführen, Klar zum Ankerlichten!" schallt der Befehl von der Kommandobrücke. Nachdem einige Minuten die Anker- 23 kette durch die Klüse gerasselt, die Ankerlichtmaschine den weißen Dampf in die kalte Winterluft geblasen, meldet der I.Offizier von der Back: Steuerbord anker ist gelichtet". Halbe Fahrt voraus!" klingelt der Maschinen telegraph. Ein leises Zittern geht durchs Schiff, das Schraubenwasser wirbelt auf, unser Dampfer setzt sich in Bewegung, zum ersten Male unter meinem Kommando. Sein früherer Führer hätte wohl die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, würde er Zeuge sein können, welche Verwendung sein ehemaliges Schiff ge sunden. Es ist nämlich ein früherer englischer Dampfer, der bei Kriegsbeginn in Hamburg gelegen und nun für diesen besonderen Zweck von der Kaiserlichen Marine übernommen und ausgerüstet wurde. Mit langsamer Fahrt, vorsichtig die verschiedenen Durchfahrten der Minensperren passierend, geht es der Nordsee entgegen. Es ist das typische Wetter sür diese Jahreszeit im Gebiet der deutschen Küste: Bedeckter Himmel mit westlichem Wind, viel Wasser in der Lust, das richtige Nordseewetter! Bevor die deutsche Küste unseren Blicken entschwindet, sollte sich noch ein glänzendes Panorama vor unseren Augen entfalten, gleichsam als Wahrzeichen von Deutschlands Macht und Zukunft, vielleicht auch als wundervoller Abschiedsgruß zu unserer ungewissen Reise. Fast die4 gesamte deutsche Hochseeflotte, vom riesigen Typ der Königsklasse bis zum kleinen U-Boot zieht an unseren Blicken vorbei. Alle Kampsschiffe liegen zu Anker,- wir fahren an den kilometerweit auseinandergezogenen Geschwadern seewärts vorüber. Es erfüllt uns alle mit Stolz und Genugtuung, das; dieser großartige Anblick unser letzter Eindruck sein soll, den wir von unserem fast mit der ganzen Welt im Kriege liegenden Vaterland mitnehmen dürfen, unserer unbestimmten Zukunft entgegen. Manch guter Bekannter ist durch das Glas, sogar verschiedentlich mit unbewaffnetem Auge zu erkennen. Jedoch nicht, wie sonst üblich, wird durch Winkspruch ein Grus; oder Scherzwort hinüberbesördert, sondern still und unhöflich aber ziel sicher verfolgt unser Schiff mit dem auslaufenden Ebb strom seinen Weg. Es kommt mir wohl der Gedanke: was mag der oder jener wachhabende Offizier auf einem der passierten Schiffe denken, was mögen die verschiedenen Signalgaste ihren Vorgesetzten melden? Jedenfalls: ein Frachtdampfer läuft aus". Hoffentlich studieren sie unsere Aufbauten nicht zu genau. Na egal, mögen sie glauben was sie wollen, den wahren Sach verhalt ahnen sie jedenfalls nicht. Den weiß nicht einmal die eigene Besatzung, ausgenommen einiger, die ein wenig besser informiert sind als die Allgemeinheit. Inzwischen haben wir das Hafengebiet verlassen, die inneren Minensperren sind passiert. Maschine5 stopp, Torpedoboot längsseit an Steuerbord!" schallt ein Befehl von der Kommandobrücke. Der Sperr kommandant, der uns bis hierher gelotst hat, geht von Bord. Natürlich nicht, ohne vorher mir und der gesamten Besatzung das beste Gelingen zu unserem Vorhaben gewünscht zu haben und zwar mit den üb lichen Worten: Hals- und Beinbruch!" Außerdem verläßt hier Kapitänleutnant der Seewehr K. das Schiff. Er gehört in Friedenszeiten zum Stabe einer der ersten deutschen Schiffahrtsgesellschasten und ist wohl einer der besten Sachverständigen der deutschen Handelsmarine in Ausrüstungssragen. Er hat die Sonderunternehmung bis ins kleinste vorbereitet und war bis zum letzten Moment an Bord geblieben. Mit den Worten: Hoffentlich haben wir nun nichts ver gessen?" steigt auch er auf das in der leichten Nord seedünung schlingernde Torpedoboot über. Der schwarze Geselle legt ab, um in elegantem Bogen seinen Kurs heimwärts aufzunehmen. Von der Brücke schallt durch das Sprachrohr Entlassen!" zu uns herüber, womit ich dienstlich aus dem Gebiet der Minensperren ent lassen und auf mich selbst angewiesen bin. Vor mir breitet sich die ungeheure See. . . Aus der Abenddämmerung ist es langsam Nacht geworden. Eine angestrengte Tätigkeit entfaltet sich an Bord während der ganzen Nacht, soll doch unser gutes Schiff bis zum anderen Morgen ein ziemlich6 verändertes Aussehen annehmen. Wie auf Befehl verschwinden mehrere Deckshäuser. Wo sie geblieben, darüber können vielleicht am besten die Heizer der Abendwache Auskunft geben. Das Schornstein abzeichen, in Friedenszeiten die beste Erkennungsmarke des normalen Frachtdampfers, wird ganz erheblich in Form und Farbe geändert. Sogar der ganze Schorn stein leuchtet am nächsten Morgen in Hellem Zitronen gelb. Von allen früheren Abzeichen unseres Schiffes ist bei Tagesanbruch keine Spur mehr zu entdecken. Von der Kommandobrücke wird inzwischen scharf Ausguck gehalten. Selbstverständlich fahren wir voll kommen abgeblendet,- ist es doch immerhin möglich, das; ein unternehmungslustiges englisches U-Boot sich auf die Lauer gelegt hat. Gegen 2 Uhr nachts er reichen wir ein Gebiet, das nach einer feindlichen Millenunternehmung als besonders verseucht gilt. Nur eine glückliche Hand kann hier unserem Schiff den sicheren Kurs geben, denn zu sehen ist nichts in der tiefdunklen Nacht. Ohne Zwischenfall geht auch diese unangenehme Stunde vorüber. Wie ein letzter Finger zeig und Gruß aus der Heimat leuchtet noch einmal ein Blitzfeuer herüber, worauf der Kurs noch eine kleine Verbesserung erfährt. Nach einer halben Stunde habe ich das erlösende Gefühl, in der freien, offenen Nordsee zu sein. Die Helgoländer Bucht mit ihrer ganzen Gefahr liegt glücklich hinter uns.- 7 Das Wetter ist günstig, also Kurs Nord! Mit etwa 10 Knoten Fahrt durchpflügt das Schiff die graue Nordsee, in der eine mäßige südwestliche Dünung es leicht schlingern läßt. Die jetzt folgende, noch am Tage zu durchfahrende Strecke bis zur Höhe von Kap Skagen kann uns alle möglichen unangenehmen Überraschungen jeglicher Art durch den Feind bringen. Die letzten Nachrichten über die feindliche Nordsee- sperre lassen Kreuzer oder U-Boote auf der Linie England Skagen durchaus erwarten. Mit großer Genugtuung wird daher die früh hereinbrechende Dämmerung begrüßt. Da der bis dahin flaue West wind bedeutend auffrischt und schwarze Regenwolken die schon geringe Sichtweite noch erheblich verkürzen, steigt mein Sicherheitsgefühl mehr und mehr. Außer dem Brückenpersonal durchspähen die verdoppelten Ausguckposten mit ihren Gläsern die schwarze Nacht, damit beim Sichten eines verdächtigen Fahrzeuges sofort die entsprechenden Maßnahmen getroffen werden können. Es ist 9 Uhr abends und wir nähern uns der Hauptverkehrsstraße, wo die Schiffe von den eng lischen Osthäsen sich beim Ansteuern des Leuchtfeuers von Kap Skagen treffen. Den Ausguckposten wird nochmals schärfste Wachsamkeit befohlen. Gegen 10 Uhr schallt vom Vorschiff die Meldung: Fahrzeug an Backbord!", worauf der kurze Befehl: Ruder hart Steuerbord!" Das Schiff dreht auf Ostkurs,- es sollder Eindruck erweckt werden, daß auch unser Schiff, von England kommend, die Einfahrt in das Skagerack sucht. Eine wohltätige Negenboe entzieht das ver dächtige Fahrzeug unseren Blicken und läßt uns nicht feststellen, ob es ein neutraler Dampfer oder feind licher Hilfskreuzer ist. Nachdem im Verlaufe der Nacht noch verschiedene ähnliche Ausweichmanöver gemacht, um verdächtigen, abgeblendeten Fahrzeugen, von denen eins durch seine Größe und Kursänderungen besonders auffällt, außer Sicht zu kommen, wird gegen 4 Uhr morgens zwischen zwei Regenböen das Blitzscuer von Kap Landsend gesichtet. Wir nähern uns der nor wegischen Küste und bei Tagesanbruch liegt sie wie ein scharfer Strich in einigen Seemeilen Abstand vor unseren Augen allsgebreitet. Die Stimmung an Bord ist ausgezeichnet. Man spürt eine gewisse Erleichterung, so ungeschoren die verflossene Nacht hinter sich zu haben,- es hätte auch anders kommen können. In geringem Abstand von der norwegischen Küste verfolgt das Schiff seinen Weg nordwärts. Bei dem mäßigen Schiffsverkehr ist es nicht schwer, den wenigen Fahrzeugen aus dem Wege zu manövrieren, damit sie keine Gelegenheit haben, unsern Dampfer auf kurze Entfernung genauer zu studieren. Auf diese Art wird gegen Abend die Höhe der Stadt Bergen erreicht, von wo aus ein Kurs gewählt wird, der nach Island zeigt. L 9 Es lst meine Absicht, in möglichst hoher Brette durchzubrechen. Dieser Plan kann von der Wetter lage natürlich sehr beeinflußt werden, wie der wettere Verlauf des Unternehmens zeigen sollte. Die letzten Nachrichten über die englische Sperrlinie: Shetlands- inseln Faröer Island waren nicht sehr günstig. Der englische Marineminister Churchill hatte ja auch vor einigen Tagen großspurig gesagt: Die Nordsee ist gesperrt". Der inzwischen auf Nordost gedrehte Wind nimmt beständig an Stärke zu. Das schwer beladene und des halb tief im Wasser liegende Schiff nimmt sehr viel Wasser über Deck und läßt sich nur mit Mühe auf seinen Kurs halten. Wie in dieser Gegend in der augenblicklichen Jahreszeit nicht anders zu erwarten ist, läßt der langsam aber beständig zunehmende Wind die See immer höher laufen. Da unsere Fahrtrichtung quer zur See liegt, schlingert unser gutes Schiff in ausgiebigster Weise. Schwere Brecher rollen von beiden Seiten über die Reeling, zeitweise das ganze Deck unter Wasser sehend. Donnernd und brausend reißt der Südwest die See steil hoch, die ungeheure Flut steht kochend um uns. Die Besatzung hat alle Hände voll zu tun, um an Deck befindliche Gegen stände vor llberbordschlagen zu sichern. Die Decks ladung wird von den überbrechenden Seen gepackt und auseinandergewühlt und geht teilweise über Bord.Durch die Wucht losgerissener schwerer Gegenstände sind noch andere Decksschäden entstanden, Treppen losgebrochen, Ventilatoren umgeknickt, es sieht einfach wüst aus. Aber es soll noch besser kommen. Das Wetter hat sich inzwischen zu einem regelrechten Nordost sturm mit hoher brechender See ausgewachsen, als in der nächsten Nacht während der Abendwache der leitende Maschinist meldet, es müsse für eine kurze Zeit die Maschine gestoppt werden, um eine Havarie zu be seitigen. Eine Zylinderpackung war herausgeflogen. Mit dem schwerfälligen Schiff unter gestoppter Ma schine steuerlos in der brausenden See zu treiben, ist keine besonders angenehme Aufgabe. Es hilft aber nichts, die Störung muß unter allen Umständen be seitigt werden. Die Maschine wird gestoppt, und das steuerlose Schiff benimmt sich dementsprechend. In der schwarzen Nacht sieht man nur die tausend weißen Kämme der hochrollenden Wellenberge. Tief, tief neigt sich das Schiff auf die Seite, fast als wenn es sich nicht wieder aufrichten will. Mit donnerndem Krachen brechen die Seen über Deck, alles unwiderstehlich mit fortreißend, was nicht eisenfest gezurrt ist. Eine be sonders hohe See schlägt das Maschinenoberlicht ein und nimmt den Hilsskesselschornstein mit über Bord. Eine aufregende Stunde selbst für alte Fahrensmänner. Lange darf dieser Zustand nicht andauern. Unterdessen arbeitet das Maschinenpersonal unten !011 im Maschinenraum in angestrengtester Tätigkeit, um die entstandene Zylinderhavarie schnellmöglichst zu be seitigen. Der leitende Maschinist, als erster bei der Arbeit, ist sich wohl bewußt, was von der Beseiti gung der Maschinenstörung abhängt. Er braucht seine Leute nicht anfeuern, es sind alles erfahrene Männer, die flinkes Arbeiten unter den schwierigsten Verhält nissen gewohnt sind. Noch nie war das Klingeln des Maschinentelegraphen mir so schöne Musik, wie jetzt. Es bringt mir die Meldung: Maschine ist klar". Ein Weiterverfolgen des nordwestlichen Weges ist zunächst unmöglich. Die ganze Decksladung hat sich in den Befestigungen gelöst. Der Dampfer läßt sich einfach nicht mehr auf Kurs halten. Schweren Herzens gebe ich den Befehl zum Beidrehen, das heißt, das Schiff wird mit dem Bug gegen die See gelegt mit ganz langsam gehender Maschine. Alles atmet er leichtert auf. Die Mannschaft kann an Deck die nö tigsten Arbeiten verrichten, da unser Schiff sich jetzt ein wenig anständiger benimmt. Der Tag graut, und nun habe ich erst Gelegenheit festzustellen, wie das Wetter in der letzten Nacht lins mitgespielt hat. Das Barometer deutet aber noch keine Besserung der Wetterlage an, im Gegenteil, die Böen sind anscheinend noch heftiger und wilder. Vor allen Dingen das drückende Gefühl: wir kommen nicht von der Stelle. Dazu der Gedanke, nach einem Besserwerden desWetters vielleicht englische Kriegschiffe in Sicht und auf den Hals zu haben. Mit diesen und ähnlichen Betrachtungen lind schweren Arbeiten der ganzen Be satzung vergeht der Vormittag. Nach Bestimmung des Schiffsortes am Mittag des 22. Februar wird der Entschluß gefaßt, das un freundliche Gebiet auf dem schnellsten Wege zu ver lassen. Bei Windstärke 11 und hoher brechender See bringen wir das schwer arbeitende Schiff vor den Wind auf südwestlichen Kurs. Es war ein gewagtes Manöver. Unter Benützung von Ol zur Beruhigung der wilden See gelingt es. Mit großer Befriedigung kann ich bald darauf feststellen, daß wir fast 1Z Knoten Fahrt machen. Die hohe See, die kurz vorher sich hindernd in den Weg gestellt, gibt sich jetzt die größte Mühe, von hinten auflaufend, in ausgiebigster Weise uns vorwärts zu schieben. Der nun folgende Nachmittag hält uns natürlich in größter Spannung, besteht doch die Möglichkeit, jeden Moment auf feindliche Streitkräfte zu stoßen. Würden trotz des schlechten Wetters die leichten Kreuzer und Vorpostenfahrzeuge, wie z. B. Torpedo boote und armierte Fischdampfer, die hohe See halten können? Ich sage mir nein,- unmöglich können sie bei diesem Seegang ihre Bewachungstätigkeit aus üben. Entweder sind sie eingelaufen oder liegen an besonders geschützten Stellen unter Land. Außerdem 1213 hatte ich die Überzeugung, daß bei einem möglichen Gesehenwerden auch größere feindliche Schiffe bei diesem Wetter uns nicht viel anhaben konnten, denn jedes Schiff hatte sicher genug mit sich selbst zu tun. Indessen verfolgten mir unentwegt unsern Kurs nach Süden, fast beständig in Schnee- und Regen böen eingehüllt. Das Wetter konnte es sicher nicht besser mit uns meinen. Es hatte fast den Anschein, als sollten wir jetzt für die vorhergegangene Störung und die damit verbundenen schweren Arbeiten und Aufregungen entschädigt werden. Der Nachmittag geht vorüber, ohne daß vom Feinde irgend etwas gesichtet wird. In der nun folgenden Nacht konnte uns schließlich nur noch ein unglücklicher Zufall ver hängnisvoll werden. Schärfster Ausguck wird gehalten. Nach Einbruch der Nacht nehmen jedoch Hagel- und Schneeböen bedeutend an Heftigkeit zu. Irgendeine Sichtweite ist überhaupt nicht mehr vorhanden Der Ozean ist überstoben vom Schneewirbel. Wir sind eingehüllt in diesem riesigen fliegenden Himmelstuch und immer weiter trägt uns das Schiff hinaus in das Weltmeer. Gegen 9 Uhr abends kommt aus der Funkenbude die Meldung, daß starker F.T.-Verkehr die Nähe feindlicher Schiffe vermuten läßt. Im weiteren Ver laufe der Nacht wiederholen sich diese Meldungen noch oftmals, so daß ich annehmen muß, daß wir14 feindliche Schiffe verschiedentlich in geringer Ent fernung passiert haben. Wie gut war die Unsichtigkeit. Etwa Uhr nachts kreuzen wir eine gefährliche Linie, die nach aller Voraussicht bei gutem Wetter unter schärfster feindlicher Bewachung liegt. Einige Stunden weiter mit derselben Fahrt, dann konnte man annehmen, das Gebiet der englichen Vorposten- und Patrouillenfahrzeuge hinter sich zu haben. Auch diese Stunden vergehen, und wie bei Tages anbruch in unserem ganzen Gesichtskreis kein einziges Schiff festgestellt wird, habe ich das unbeschreiblich schöne Gefühl, daß nach dem erfolgreichen Ausbruch aus den heimischen Gewässern auch der Durchbruch durch das englische Sperrgebiet geglückt ist. Ein gut Teil unseres Unternehmens liegt hinter uns, der freie Atlantische Ozean mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten vor uns. .. 515 2. Nach Deutsch-Ostafrika. Fast 48 Stunden hatte unermüdlich die ganze Mannschaft schwer gearbeitet am Kohlentrimmen und Bergen der Decksladung, dabei beständig bis auf die Haut durchnäßt. Es waren schwere Stunden, die wir durchgemacht und daher die Freude doppelt groß, wie ich am nächsten Morgen die ganze Besahung zu sammenrief und in kurzer Ansprache ihnen ungefähr folgendes mitteilte: Der erste Teil unserer Fernunternehmung, der Ausbruch aus den heimischen Gewässern und der Durchbruch durch das englische Sperrgebiet, kann als abgeschlossen betrachtet werden. Wir sind jetzt im Atlantischen Ozean, den die Engländer noch weniger bewachen können wie die Nordsee. Den bisherigen Erfolg verdanken wir zum großen Teil unserem ein mütigen und unverdrossenen Zusammenarbeiten. Hätte das Maschinenpersonal nicht alles daran geseht, die Havarie zu beseitigen, die Decksmannschaft nicht ihr Möglichstes getan, die Sturmschäden zu reparieren, wer weiß, wo wir seht wären! Den Zweck unserer Fahrt konnte ich Euch aus Geheimhaltungsgründen bei der Abfahrt von der Heimat nicht angeben, sondernnur, daß wir voraussichtlich bis Kriegsende nicht zurück kehren würden. Die Vermutung, wir wären als Hilfs schiff für den Kreuzer Karlsruhe" oder irgendeinen Hilfskreuzer bestimmt, kann ich jetzt berichtigen. Unser Weg ist ganz erheblich weiter: Wir wollen mit einer Ladung Kriegsmaterial ums Kap der guten Hoffnung nach Deutsch-Ostafrika. Unsere Aufgabe besteht kurz darin, den angeblich im Rusidji- fluß eingeschlossenen Kreuzer Königsberg" neu mit Munition und Kohlen zu versehen. Außerdem aber sollen wir der Kaiserlichen Schuhtruppe in Deutsch- Ostafrika, die nach mehreren schweren Gefechten sicher Mangel an allem möglichen Kriegsmaterial hat, frisch mit Waffen und Munition versorgen. Viele Schwierig keiten haben wir gewiß noch zu überwinden, bevor unsere Ausgabe gelöst ist. Der schöne Erfolg im ersten Teil unserer Fahrt aber soll uns ein gutes Omen sein für die weitere Ausführung unseres Unternehmens. Jeder einzelne von uns muß es als eine Auszeich nung betrachten, für dieses Kommando ausgesucht zu sein, und ich hoffe bestimmt, daß wir Gelegenheit haben, das Vertrauen zu rechtfertigen, das man von höchster Stelle in uns gesetzt hat." In den nächsten Tagen tritt eine Besserung des Wetters ein, so das; mit den Ausbesserungen der ver schiedenen Decksschäden begonnen werden kann. Nach 16den Strapazen der letzten Tage fühlt sich die Mann schaft jetzt ersichtlich wohl. Außer den nötigen Nuder und Ausguckposten werden zunächst nur die wichtigsten Arbeiten gemacht. Die Besatzung hat es verdient, sich ordentlich auszuruhen und an gutem, warmem Essen zu kräftigen. Die Küste von Irland liegt östlich von uns, jetzt geht es mit guter Umdrehung der Schraube auf süd lichem Kurs unaufhaltsam weiter. Im nordatlantischen Ozean werden natürlich beim Kreuzen der verschiedenen Schiffahrtsstraßen eine größere Anzahl Fahrzeuge ge sichtet, doch niemals wird mit Bestimmtheit ein Kriegs schiff festgestellt. Wir suchten ja auch nicht die Be kanntschaft eines solchen, sondern ließeil es uns sehr angelegen sein, in großem Bogen dem Feinde aus dem Wege zu fahren. Unsere Funkenbude versorgt uns jeden Abend brav mit den neuesten deutschen Kriegsnachrichten, die von der Station Norddeich aufgenommen werden. Der interessanten Vergleiche halber unterlassen wir es nicht, auch die feindlichen Stationen zu belauschen. Uber den Gang der Ereignisse ist man somit ganz gut unter richtet. In einigen Tagen muß diese Verbindung jedoch leider aufhören, und wir werden dann wohl oder übel auf Reuter und ähnliche Lügenfabriken der Feinde angewiesen sein. Bevor wir die Reichweite der deutschen F.T.-Stationen verlassen, bringt mir der Christiansen: .Durch!" 2. 17Funker noch die amtliche englische Blockadeerklarung der Küste von Deutsch-Ostafrika. Diese wichtige Mel dung wird uns von der Heimat nachgesandt. Meine Hoffnung, ohne weitere Störung den winter lich-ungemütlichen Nordatlantik zu verlassen, soll leider nicht ganz in Erfüllung gehen. Zwei Tage lang wird die Reise nochmals durch einen tollen Südweststurm aufgehalten, worauf ohne weitere Störung das Gebiet des ewig guten Wetters erreicht werden kann. Im weiteren Verlaufe der Fahrt verfolgen wir unseren Weg westlich an Madeira vorbei, um einige Tage später während der Nacht die Kap Verdischen Inseln zu passieren. Ohne Zwischenfälle vergeht ein Tag nach dem anderen. Das herrliche Tropenwetter hat uns längst die Beschwerden und Strapazen des unwirtlichen Nordens vergessen gemacht. Die tägliche Arbeit und eine in der Freizeit zur Verfügung stehende Bibliothek läßt Langeweile nicht auskommen. Das Maschinenpersonal hat es mit den geringen Bord mitteln fertiggebracht, den in der Nordsee über Bord geschlageneil Hilfskesselschornstein zu erneuern. Eines Abends hört plötzlich der wachhabende F.T. Gast durch seinen Apparat eine deutsche Funkenstation. Wer kann das sein? Vielleicht der Hilfskreuzer Kronprinz Wilhelm"? Im feindlichen Funkenverkehr der letzten Tage war er mehrmals erwähnt, und konnte nch nach den erhaltenen Nachrichten wohl in unserem19 Empfangsbereich aufhalten. Es ist aber die große F.T.-Station von Windhuk in Deutsch-Südwestafrika, die von dort deutsche Kriegsnachrichten in einem weiten Umkreis in die Welt hinaussendet. Die abgegebenen Pressemeldungen sind nur kurz und werden mehrere Tage hintereinander wiederholt. Ich nehme daher an, daß Windhuk nicht täglich F.T.-Verbindung mit der Heimat hat, vielleicht nur unter besonders günstigen Luftverhältnissen. Wenn also in Deutsch-Ostafrika nocheine Station empfangsfähig ist, habe ich jetzt die ziemliche Gewißheit, daß man daselbst über meine Annäherung sicher von der Heimat aus über Windhuk Nachrichten erhalten kann. Außerdem habe ich die beruhigende Aussicht, später im Bereich der ost afrikanischen Gewässer von dortiger Seite einiges über die Kriegslage an der Küste zu erfahren. Letzteres ist für mich außerordentlich wichtig, da die Kriegs nachrichten aus Ostafrika fast ausschließlich englischen Ursprungs sind. Was man von diesen gereuterten Meldungen halten kann, weiß ja jeder, der Gelegenheit hat, sie mit den Tatsachen zu vergleichen. Wie gern hätte ich F.T.-Verbindung mit der Station Windhuk aufgenommen, um den dort von der Welt abgeschlossenen Landsleuten ein wahres Bild von der europäischen Kriegslage zu geben. Es darf aber nicht sein, unter keinen Umständen dürfen wir unsere Anwesenheit in dieser Gegend durch unnötigen F.T.-Verkehr verraten.Das Gebiet des guten Wetters bringen wir in zwischen hinter uns. Die schöne Tropenwitterung wird abgelöst durch veränderliche, steife Winde mit Regen und Kälte. Nach einigen Tagen kann das Kap der guten Hoffnung angesteuert und passiert werden. Unser braves Schiff wird allerdings, wenn auch nur für kurze Zeit, durch schlechtes Wetter mit hohem Seegang im Fortgang der Fahrt etwas auf gehalten. Ein nördlicher Kurs wird jetzt aufgenommen, und am nächsten Morgen bei Tagesanbruch sehen wir die bergige Küste von Südafrika vor unseren Blicken ausgebreitet. Um nicht als allein fahrendes Schiff außerhalb der allgemeinen Verkehrsstraße verdächtig aufzufallen, entschließe ich mich, in geringem Abstand von der Küste den Weg nach Norden weiter zu ver folgen. Wenn der Schiffsverkehr auch nicht als ein reger bezeichnet werden kann, so treffen wir doch jeden Tag eine Anzahl Schiffe verschiedener Nationalität. Dem englischen Marinestützpunkt Durban weichen wir etwas weiter aus, aber auch in dieser Gegend, wo ich ein Zusammentreffen mit feindlichen Kreuzern für möglich halte, wird mit absoluter Bestimmtheit kein Kriegsschiff festgestellt. Mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa zehn Seemeilen die Stunde haben wir inzwischen unseren Weg unter der afrikanischen Küste so weit nach Norden fortgesetzt, daß überlegt werden muß, ob wir außerhalb der Insel Madagaskar 2021 herum oder durch die Straße von Mosambkque die Annäherung an die Küste von Deutsch-Ostafrika suchen wollen. Der letztere Weg wird gewählt, um mit folgendem Plan durch die englische Küstenblockade nach dem kleinen Hafen Lindl im Süden Deutsch-Ostafrikas einzulaufen: Sollte der Kreuzer Königsberg" nichts von uns wissen, so mußte der Versuch gemacht werden, ohne irgendwelche Nachrichten über die Kriegslage an der ostafrikanischen Küste die dortige englische Blockade zu durchbrechen, um den kleinen Hafenort Lindi zu erreichen. Da es durchaus möglich war, daß die Engländer sich an gewissen Küstenpunkten fest gesetzt hatten, ja sogar Lindi sich in englischer Hand befände, mußte natürlich sehr vorsichtig zu Werke ge gangen werden. Ich wollte in einer dunklen günstigen Nacht vor Lindi stehen, durch ein Schiffsboot die dortige Lage an Land erkunden lassen, um dann im günstigen Falle noch vor Tagesanbruch einzulaufen. Ein Sachverständiger für die Verhältnisse an der ost afrikanischen Küste war in der Person des Kriegs lotsen Albers an Bord, der in Friedenszeiten einen Dampfer der Deutsch-Ostasrikalim e in dieser Gegend geführt, und sehr oft Lindi besucht hatte. Europa-Eiland, eine ganz kleine Insel im Süden der Straße von Mosambique, wird angesteuert, um beim passieren eine Chronometer-Kontrolle vorzunehmen. Das ist wichtig, da wir im weiteren Verlaufe des22 Unternehmens vor allen Dingen bei der Annäherung an das Blockadegebiet durchaus in der Lage sein müssen, zu jeder Zeit unseren Schiffsort genau zu bestimmen. In großer Erwartung, ob die Königs berg" sich nun melden wird oder nicht und überhaupt der kommenden Dinge, vergehen die nächsten Tage. Da, endlich am ... April, es ist der zweite Ostertag, abends gegen 9 Uhr, überbringt mir der F.T.-Gast die ersehnte Meldung: Eine deutsche Funkenstation ist zu hören, es kann nur die Königsberg sein." Die Freude ist natürlich groß. Noch in derselben Nacht wird ein Funkspruch aufgenommen, der die allerdings nicht sehr erbauliche Mitteilung bringt, daß die Küste stark blockiert wird. Unser Plan, nach Lindl einzulaufen, ist damit Hirt- fällig. Um nicht unnötig früh durch eigenen F.T.- Verkehr die feindlichen Stationen aufmerksam zu machen, wird noch einige Tage gewartet, bis mit der Königsberg" F.T.-Verbindung aufgenommen wird. Aus dem nördlichen Teil der Straße von Mosam- bique geben wir der Königsberg" kurze Angaben über Art und Ladung unseres Schiffes. Anscheinend hat man auf der Königsberg" die Ansicht, daß es sich nur um ein Hilfsschiff für sie allein handelt. Es scheint sie nur die Kohlenmenge zu interessieren, die wir für sie mitführen, und die zuunterst im Schiff gelagert ist.23 In der Nacht des 9. April fahren wir zwischen den Inseln der Komorengruppe hindurch. Eine wunder volle Tropennacht. Trotz großer Dunkelheit heben sich messerscharf die Konturen der bergigen Inseln Johanna und Majotta ab. Vollständig abgeblendet zieht unser hilfebringendes Fahrzeug im Schatten der hohen Inselküste dahin, einen glühenden Schaum streifen hinter sich herziehend, das einzig Sichtbare des geheimnisvollen Schiffes. Die Komoren sind passiert, und wir erreichen jetzt das Blockadegebiet der ostafrikanischen Küste. Beständig muß nun damit gerechnet werden, auf feindliche Kriegs- und Be wachungsschiffe zu stoßen. Das sollte uns auch bald zum Bewußtsein kommen, noch früher, wie ich mir gedacht hatte. Während der Mittelwache, ungefähr 15 Seemeilen nördlich der Insel Johanna, taucht plötzlich an Steuerbord ein großer Schatten vor unS auf. Nuder hart Backbord!" In kurzem Bogen dreht unser Schiff auf Gegenkurs. Der gesichtete Schatten wird inzwischen als ein großer, mindestens 10 000 Tonnen-Dampfer erkannt, der mit nordwest lichem Kurs anscheinend die Gegend absucht. Etwa 700 Meter seitab fährt das verdächtige Schiff, an scheinend ein Hilfskreuzer, vorüber, ohne uns zu be merken. Eben habe ich Befehl gegeben, mit möglichst geringer Rauchentwicklung zu fahren und wieder auf nördlichen Kurs zu gehen, als ein Funkspruch von24 der .Königsberg überbrackt wird, daß sie versuchen will, uns zu erreichen. Demnach scheint sie ja voll kommen in Ordnung zu sein. Nach den mir bekannten, allerdings aus englischer Quelle stammenden Nach richten konnte ich mir einen Ausbruch der Königs berg" schlecht vorstellen, da der Kreuzer angeblich im Nufidjifluß durch versenkte Schiffe abgesperrt und von englischen Kreuzern schars bewacht würde. Etwas Munition, "Proviant und Maschinenmaterial kann ohne große Schwierigkeiten aus hoher See sofort an Königsberg" abgegeben werden. Nach meiner Überzeugung wird es sich ja aber hauptsächlich um das wichtige Brennmaterial, um die unentbehrliche Bunkerkohle handeln. Hat der Kreuzer auch bei seinem Ausbruch vielleicht eine volle Bekohlung gehabt, so wird er doch sicher bei der längeren Fahrt mit äußerster Maschinenkrast, um die ganze Meute der Verfolger abzuschütteln, den größten Teil seiner Bunkerkohle verbraucht haben, wenn er auf dem angegebenen Treff punkt ankommt. Wir haben inzwischen auch schon über 50 Tage in steter Fahrt auf See zugebracht. Unser eigener Vorrat an Bunkerkohle ist sehr zusammengeschmolzen, der Rest reicht noch etwa 8 Tage. Da unter diesen Umständen ein Erwarten der Königsberg" auf längere Zeit unmöglich ist, teile ich ihr dieses durch den drahtlosen Funken mit. Ein Warten auf unbestimmte Zeit mit25 dem kleinen Kohlenvorrat, dazu in unmittelbarer Nähe des englischen Blockadegebiets ist glatt unmöglich. Es mußte sast gleichbedeutend sein mit einem unvermeid lichen Gesehenwerden, was in diesem Falle wohl unfehlbar das Scheitern des ganzen Unternehmens sein würde. Außerdem mußte ich damit rechnen, daß nach unserem Funkenverkehr feindliche Schiffe beson ders scharf die ganze Gegend absuchen würden. Nach unserer langen, ununterbrochenen Seereise muß, wenn irgend möglich, die Maschine auch einmal gründlich überholt gesetzt werden, um allen Anforderungen zu genügen, die jedenfalls in nächster Zeit an sie gestellt werden müssen. Aus diesen Gründen wird beschlossen, den Versuch zu machen, in der Lagune der englischen Altaprainsel zunächst unterzuschlüpfen. Es ist eine aus vier kleinen Eilanden bestehende Inselgruppe, ungefähr 400 See meilen östlich von der deutsch-ostafrikanischen Küste gelegen. Nach einer Beschreibung sind die Inseln unbewohnt. Unser Kriegslotse Albers ist der Ansicht, daß höchstens einige Eingeborene dort Hausen. Jeden falls besteht keine Verbindung mit der Außenwelt,- das ist für uns die Hauptsache. Hoffentlich gelingt es uns, in der Altapralagune einen geeigneten Anker platz zu finden, lim hier aus dem Laderaum die Kohlen bunker aufzufüllen und das Schiff so vorzubereiten, daß gegebenensalls der Königsberg" die bestmöglichsteUnterstützung auf hoher See zuteil werden kann, ohne Verlust des Schuhtruppenmaterials. Soweit uns bekannt, ist allerdings noch niemals vorher ein großes Schiff in die enge Lagune dieser entlegenen Inselwelt eingelaufen. Aber es muß gehen, zuviel hängt davon ab. Wir sind wirklich nicht über zwölf- tausend Seemeilen bis hierher gefahren, um jetzt bei einem ziellosen Herumfahren im feindlichen Blockade gebiet von irgendeinem Kreuzer aufgebracht zu werden. Ein Ausweg aus der schwierigen Lage muß und wird gesunden werden. Am 10. April morgens wird die südlichste Insel der Altapragruppe angesteuert. Es ist herrliches Tropen wetter. Nachdem die letzten Stunden vor Tagwerden mit bedeutend reduzierter Geschwindigkeit gefahren wurde, kommen bei Tagesanbruch die niedrigen, mit Buschwerk und hohen Palmen bewachsenen Altapra- inseln in Sicht. Wie bei allen Koralleninseln leuchten uns schon auf großer Entfernung die weißen Kämme der hohen Brandung, die sich über die vorgelagerten Korallenriffe bricht, entgegen. Bald hat der Abstand von der Insel sich so verringert, daß mit bewaffnetem Auge ein großes Eingeborenen-Kanoe festgestellt wird, aus der Lücke zwischen zwei Inseln herauskommend. Also doch bewohnt! ist mein erster Gedanke, und ich überlege mir schon die zu treffenden Maßnahmen den unerwünschten Inselbewohnern gegenüber, plötzlich 2627 ruft der wachhabende Offizier: An Land wird Flagge gezeigt!" Einige Minuten später kann die an weißer Flaggenstange in leichtem Morgenwind auswehende englische Flagge erkannt werden. Es muß also sogar mit der Anwesenheit von einem oder mehreren weißen Engländern gerechnet werden. Inzwischen haben wir uns bis auf einige hundert Meter dem Strande ge nähert, nur die Brandung trennt uns von der Insel. Den Insulanern scheint sich eine große Aufregung zu bemächtigen, alles rennt wild durcheinander. Schwarze Gestalten aller Altersstufen drängen zum Strande, wo einige kleine Kanoes und ein etwas größeres Brandungsboot klar gemacht werden. Aus einem Häuschen in der Nähe der Flagge erscheint jetzt ein Mann in weißer Hose und riesigem Strohhut. Aha! das wird der Inselkönig sein. Er besteigt das Bran dungsboot und wird von seinen Negern auf eine außerordentlich geschickte Art und Weise durch die hohen Brandungswellen zu uns hinausgerudert. Bald ist er längsseit. Auf seine neugierigen Fragen woher und wohin, wird er von mir natürlich in ausgiebigster Weise zufriedengestellt . . . Meiner Einladung folgend kommt er an Bold. Es ergibt sich, daß wir es mit einem Mischling zu tun haben, gebürtig von der Insel MahS. Ein älterer Mann, nennen wir ihn Robinson, denn seine Lebensweise und Beschäftigung berechtigen durchaus zu dieser Bezeichnung. Er ist der Leitereknes französischen Unternehmens, das auf diesen Inseln den Schildkrötenfang in größerem Stile be treibt. In gebrochenem Englisch erzählt Robinson mir, daß er gewöhnlich nur zweimal im Jahre durch ein Segelboot Verbindung mit den Seyelleninseln hat. Das letzte Boot war vor einigen Wochen bei ihm gewesen. Er sei der einzige Weiße" aus der Insel, seine Arbeitskräfte beständen aus etwa 100 Mahe- Eingeborenen. Die Verpflegung sei äußerst eintönig, er lebe fast ausschließlich von Schildkrötenfleisch und Reis. Die Einförmigkeit feines Lebens wäre vor einigen Monaten durch die Ankunft eines großen Kriegsschiffes unterbrochen, das bei der Insel aus einem Begleitdampfer Bunkerkohle übergenommen hätte. Wer mochte das wohl gewesen sein? dachte ich. Nach vorsichtigem Ausfragen gelingt es mir fest zustellen, daß der besagte Kreuzer unsere Königsberg", das Begleitschiff der Dampfer Somali" gewesen ist. Besonderes Interesse an dieser Feststellung hat unser Kriegslotse Albers, da er bis einige Monate vor Kriegsausbruch den Dampfer Somali" an der ost afrikanischen Küste geführt hat. Mister Robinson erzählt mir weiter, das letzte Postboot hätte unter anderem auch die Nachricht gebracht, die Königsberg" sei vor Sansibar vom englischen Kreuzer Pegasus" versenkt. Also nur einige Seemeilen von der Gegend entfernt, wo nach schneidigem Angriff und 2829 kurzem Kampf unsere Königsberg" den Pegasus" vernichtete, hat man diese Auffassung von dem Aus gang des Gefechts. Armer Robinson, du bist schlecht informiert! . . . Endlich komme ich dazu, ihm den Grund unseres Anlaufens plausibel zu machen. Durch Maschinen havarie gezwungen, hätten wir die Absicht, in der Altapralagune einen Ankerplatz zu suchen, um daselbst in aller Ruhe den Schaden zu reparieren. Unmöglich können Sie mit Ihrem großen Schiff in den schmalen Korallenkanal einlaufen, das ist ganz ausgeschlossen," sagt Robinson. Ich werde aber doch den Versuch machen," ant wortete ich ihm, denn es ist der einzige Ausweg aus unserer schwierigen Lage." Mit Robinson an Bord fahren wir zur Westseite der Insel herum. Vor der Einfahrt zur Lagune stoppen wir, ein Boot wird ausgesetzt. Ich selbst fahre in Begleitung des Obermaaten Bakker und einiger Matrosen von Bord, um die Einfahrt und Ankergelegenheit der Lagune zu erkunden. Eine Spezial- karte der Inselgruppe unter der Korallenlagune steht leider nicht zur Verfügung. So müssen wir uns eben selbst helfen. Innerhalb weniger Stunden wird der Korallen kanal zwischen den vier Inseln auf seine Tiefen verhältnisse und Brauchbarkeit für unseren Zweck hinuntersucht. Es wird in aller Eile eine Kartenskizze angefertigt, außerdem an Land einige Nichtmarken erbaut, die uns das schwierige Einlaufen in die enge Lagune erleichtern sollen. Die Erkundungsfahrt er gibt, daß unter größter Vorsicht ein Einlaufen zum versteckten Ankerplatz wohl möglich ist. Und es ist Hoff nung vorhanden, daß das Schiff auf seinem Liegeplatz ohne Maschinenhilfe drehen kann. Letzteres ist sehr wichtig, da alle sechs Stunden abwechselnd Flut- und Ebbestrom die Lagune durchfließt. Dadurch wird bei jedem Stromwechfel ein Herumdrehen des verankerten Schiffes bedingt. Gegen sechs Uhr nachmittags bringen wir unser Schiff durch die ganz schmale Einfahrt gegen den auslaufenden Strom unter sehr schwierigen Manövern auf den vorher festgelegten Ankerplatz in die Altapra- lagune. Der Anker rasselt in die Tiefe. Das Wasser ist trotz etwa 40 Meter Tiefe so wunderbar klar und durchsichtig, das; man den Anker auf dem blau grünen Korallengrunde deutlich liegen sieht. Große Schildkröten bewegen sich friedlich auf dem Meeres grunde, und Fische aller Art beleben den Korallen kanal. Augenblicklich ist Hochwasser. Das ganze Gebiet zwischen den vier Inseln ist jetzt eine Wasserfläche. Dunkelblaue, fast schwarze, unregelmäßige Streifen lassen den tiefen Korallenkanal mit seinen verschiedenen Nebenarmen klar erkennen. Alles andere ist hellgrün Z0gefärbt mtt großen weißen Flecken, die typischen Korallen riffe. Ganz anders gestaltet sich das Bild während der Ebbe. Die jetzt hellgrün gefärbten Teile der Lagune laufen dann vollkommen trocken. Das Wasser tritt zurück in die verschiedenen Korallenkanäle, die dadurch das Aussehen künstlich geschaffener Wasserwege er halten. Die bei Ebbe aus dem Wasser ragenden Stellen werden von ungeheuren Mengen Seevögeln jeglicher Gattung belebt, die um diese Zeit sich ihre Fischnahrung suchen. Wir liegen etwa 6OO Meter von der schmalen Laguneneinfahrt entfernt hinter einer vorspringenden Inselecke. Gegen Sicht von außen ist der Ankerplatz recht gut geschützt, und ohne Rauchentwicklung muß das Schiff nur unter ganz kleinem Winkel durch die Einfahrt sichtbar sein. Scharfer Ausguck wird von der Maftspitze gehalten und nachher auch teilweise von Land. Kurz nach dem Einlaufen wechselt zum ersten Male der Strom und bei Tageslicht kann jetzt noch festgestellt werden, ob das Schiff auch ohne Maschinen- Hilfe auf seinem Ankerplatz drehen kann, ohne dabei auf die Korallenriffe zu stoßen. Es ist sehr knapp, kaum einige Meter geht das Heck klar von dem ge fährlichen Riff. Das unvermeidliche Herumdrehen während der Nacht muß doch seine großen Schwierig keiten haben, deshalb werden alle Vorbereitungen getroffen, auch während der Dunkelheit das Schiffvor einem Aufstoßen zu bewahren. Der zweite Anker wird ausgebracht. Die Maschine muß für die Zeit des Stromwechselns bereit sein, um nötigenfalls sofort das Drehmanöver beeinflussen zu können. Eine wundervolle, starkfarbige Tropennacht senkt sich hernieder. Zum erstenmal nach 53 Tagen See fahrt herrscht vollkommen Ruhe im Schiff. Nach der großen Tageshitze verbreitet der leichte Südwestmonsum eine angenehme Kühle. In verschiedenen Gruppen hat sich plaudernd die Mannschaft an Deck zusammen gefunden. Hier und da hört man Worte aus ihrer Unterhaltung, die sich hauptsächlich in Vermutungen ergeht über die Ereignisse in der fernen Heimat und über unsere eigene Zukunft. Aber auch die Gespräche verstummen bald. Bis auf die nötigsten Posten kann nach langer Zeit zum erstenmal fast die ganze Mannschaft in einer ungestörten Nacht Erholung und neue Kräfte suchen. Es ist auch nötig, denn schwere Arbeit liegt vor uns. Soll doch in möglichst kurzer Zeit unser Schiff so vorbereitet sein, daß wir gegebenenfalls den Kreuzer Königsberg" nach seinem erfolgten Ausbruch auf hoher See mit Kohlen und Munition versehen können. Hoffentlich sind die Schwierigkeiten nicht zu groß. Aber das ist nicht das schlimmste,- die Haupt sache ist, daß wir bei unserer Arbeit nicht vom Feinde überrascht werden, dann können wir in etwa zehn Tagen unsere Umladearbeit beendet haben. Sollte Z2die Königsberg" schon während dieser Zeit seinen Bewachern entwischt sein, muß sie uns eben hier aussuchen. Unser Freund Robinson ist abends an Land zurück gekehrt, nachdem er sich von seinem Staunen etwas erholt hat und verschiedene Verpslegungsgegenstände, die er seit Iahreil nicht mehr gesehen, als Geschenk freu dig mitgenommen hat. Die Eingeborenen haben eine ganze Bootsladung frischer Kokosnüsse als willkommene Erfrischung für die Mannschaft gebracht. Der Insel- könig sendet als Gegengeschenk eine riesige Schild kröte von mehreren hundert Pfund. Für Schildkröten suppe und alle möglichen Schildkrötengerichtc ist also gesorgt, was wollen wir noch mehr? In ausgiebigstem Maße werden die Erfrischungen ausgenutzt. Nach der langen Seereise eine herrliche Abwechslung in der Verpflegung. Inzwischen hat es sich gezeigt, daß der durch den Kanal laufende Strom sehr stark und reißend ist. Ich habe große Sorge, daß das Schiff trotz seiner beiden Anker während der Nacht vertreibt und daß unser nächstes Drehmanöver dem Dampfer gefährlich werden kann. Meine Vermutungen waren nicht un berechtigt. Beim Drehen in der Nacht konnte nur durch Mafchinenmanöver das Schiff von den zackigen Korallenriffen freigehalten werden. Bei Tagesanbruch zeigte es sich, daß wir außerdem trotz beider Anker K. l. rl s iansen: Durch!" Z.34 einige Schiffslängen von unserem ursprünglichen Anker platz vertrieben sind. Da dieses durch Ebbe und Flut benötigte Herumschwenken alle sechs Stunden erfolgt, können wir also noch allerlei erleben. Am Morgen in aller Frühe wird mit den Ladungs- arbeiten und dem Auffüllen der Kohlenbunker begonnen. Jede Stunde ist wertvoll. Ich habe der Besatzung die Wichtigkeit dieser Arbeiten klar gemacht, und sie zeigt mir ihr Verständnis dadurch, daß sie sich kaum die nötigste Zeit zum Essen nimmt. Trotz der großen Hitze wird durchgearbeitet und es ist eine wahre Freude zu beobachten, wie jeder nach besten Kräften schafft. Um die nähere Beschaffenheit der Insel zu erkunden und zu untersuchen, ob nötigenfalls auf Altapra ein Kohlen- und Munitionsdepot für die Königsberg" von uns errichtet werden kann, folge ich nachmittags einer Einladung unseres Freundes Robinson. Der leitende Maschinist Hansen begleitet mich. Nachdem wir mit einem kleinen Eingeborenen-Kanoe den inneren Landungsplatz erreicht haben, benützen wir die Gelegen heit, in einem zweistündigen Besuch uns alles Sehens werte dieses weltabgelegenen englischen Eilandes ein gehend anzuschauen. Robinson wohnt in einem kleinen Holzhäuschen an der Außenseite der Insel. Voll Stolz zeigt er uns die Beute der letzten Nacht. Es war ein eigentümlicher Anblick. Am Strande lagen etwa 50 auf den Rücken gekehrte riesige Schildkröten.Ein Dutzend Schwarzer war dabei, die Tiere ab zuschlachten und in Fässer einzusalzen. Ich dachte bei mir: das ist also das Anfangsstadium der Schild krötenkonserven, die man in Europa für teures Geld in den Delikatessen-Geschäften erhält. Die Eingeborenen waren sehr zutraulich. Eine Verständigung mit ihnen war aber recht schwer. Die ganze Insel war voll prächtiger, verschwenderischer Tropenvegetationen, Kokospalmen wurden am Strande vom Gischt der hohen Brandungsroller übersprüht. Nachdem wir bei Robinson eine Tasse von unserem eigenen Kaffee getrunken, fahren wir an Bord zurück. Die Erlebnisse der jetzt folgenden Nacht sollten mir oie Gefährlichkeit unseres versteckten Ankerplatzes noch deutlicher zeigen. Die Ablösung von Ebbe und Flut und der damit verbundene Stromwechsel fiel mit einer schweren Regenböe zusammen. Das Drehmanöver wurde dadurch sehr schwierig und gefährlich, so daß ich ein weiteres Verweilen in der Altapralagune nicht sür geraten hielt. Es mußte also etwas geschehen, und nach eingehender Beratung mit dem Kriegslotsen Albers wurde folgender Plan entworfen: Von Altapra aus, wo ein längeres Verweilen auf dem gefährlichen Ankerplatz unmöglich ist, wird ein Vorstoß zur Küste gemacht. Wenn die Königsberg" kein annäherndes Datum ihres Aus bruchs geben kann, muß unser Schiff noch weiter Z536 entfernt auf hoher See in möglichst unbefahrener Ge gend eine größere Umstauung der Ladung vornehmen. Außerdem die eigenen Kohlenbunker neu auffüllen und auf Verlangen der Königsberg" ein Material depot auf der Insel Altapra anlegen. Später muß dann der Versuch gemacht werden, an geeigneter Stelle das Schutztruppenmaterial in Ostafrika zu landen. Beim Fehlschlagen des letzteren Unternehmens hc.t die Königsberg" nach einem erfolgreichen Ausbruch immer noch die Möglichkeit, sich auf Altapra mit einigen Vorräten zu versehen. Am April nachmittags Wird die Altapralagune verlassen. Wir alle bedauern, das; der aufgegebene Ankerplatz uns nicht die erhoffte Arbeitsgelegenheit gegeben hat, und daß die lokalen Verhältnisse des guten Verstecks ein längeres Verweilen unmöglich machten. Hätten wir damals geahnt, daß bereits am nächsten Morgen ein großer englischer Hilfskreuzer die Altapra- Jnseln anlief um, durch den fremden Funkenverkehr aufmerksam gemacht, die Gegend abzusuchen, wie hätten wir dem Schicksal gedankt, das uns den kurzen Entschluß fassen ließ, unseren Freund Robinson ohne Lebewohl zu verlassen! So wie die Verhältnisse jetzt liegen, sind die Aus sichten für die nächsten Tage nicht besonders glänzend. Aber trotzdem geht es mit frischem Mut der afrikanischenKüste und der englischen Bewachungslinie entgegen. Die einsame Robinson-Insel verschwindet am Horizont, die Tropennacht fällt hernieder. Es ist zwei Tage vor Neumond, die damit verbundenen dunklen Nächte können unseren Bewegungen im Blockadegebiet nur günstig sein. Abends überbringt mir der Funker einen Funkspruch, daß ich Tanga anlaufen soll. O 5 Z839 3. DaS Einlaufen in die Mansabucht bei Tanga. Welch große Erlösung bringt dieses Funkentele- gramm! Wir haben wieder ein bestimmtes Ziel vor Augen. Das ermüdende, aufregende Umherirren in dieser gefährlichen Gegend hört jetzt auf und Wir können hoffen, in kürzester Zeit den Zweck unserer Fahrt zu erfüllen. Sofort mache ich die Besatzung mit der neuen Sachlage bekannt und auf allen Ge sichtern ist die Freude zu lesen, das; wir uns dem Ziel unserer langen Reise nähern. Es -gilt jetzt nicht zu früh im Bereich der Küsten bewachung zu erscheinen. Ein nördlicher Bogen wird geschlagen, um zunächst wieder mit langsamer Fahrt in den Indischen Ozean hinauszusteuern. Die ganze Nacht und der folgende Tag der 13. April müssen noch in dieser Gegend zugebracht werden. Nachdem der nächste Tag benutzt wird, unserem Schiff wiederum ein anderes Aussehen zu geben, um bei einem mög lichen Gesehenwerden nicht sofort verdächtig zu er scheinen, stehen wir bei Anbruch der Dunkelheit etwa 5L Seemeilen östlich von der englischen Insel pemba an der afrikanischen Küste. Alle Vorbereitungen fürden Durchbruch sin) gemacht. Um die gewöhnliche Fahrgeschwindigkeit für kürzere Zeit um einige Knoten zu erhöhen, ist der Hilfskessel mit auf die Haupt maschine geleitet. Die Sicherheitsventile der Dampf kessel sind festgesetzt, um einen möglichst hohen Dampf druck zu erzeugen. Im Heizraum liegen die schon seit Tagen ausgesuchten besten Kohlenstücke aufgehäuft. Es mußte natürlich auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, das; wir aufgebracht würden. In diesem Falle ist vorgesehen, das Schiff mit allem, was drin ist, zu versenken. Dem Feind soll nichts in die Hände fallen. Die Bodenventile sind so instand gehalten, das; auf Befehl alle Schiffsräume geflutet und unter Wasser gefetzt werden können. Außerdem wird dann das ganze Oberschiff in Brand gesteckt. Für diesen Zweck stehen überall an geeigneten Stellen Benzin- und Pctroleumbehälter bereit. Das durch die lange Tropen fahrt ausgetrocknete Holz an Deck wird schon brennen! Unter großer Spannung vergehen die letzten Nach mittagsstunden des iZ. April. Die Annäherungs straße des englischen Hafens Mombassa in Britisch- Ostasrika wird passiert, ohne daß außer einigen am Horizont erscheinenden Rauchwolken irgend etwas Auf fälliges bemerkt wird. Die, Nacht bricht herein. Wir haben Kurs auf die ? ., pitze der Insel pemba gesetzt, um nachher die Einfahrt in die pembastraße zu gewinnen, von 40wo aus noch während der dunklen Nacht die gefähr liche Durchfahrt der Kilulupassage angesetzt werden soll. Was mögen die nächsten Stunden uns bringen? Die schwarze Tropennacht ist unserm Vorhaben günstig. Außerdem scheint noch Regen zu kommen. Hoffentlich gelingt es, die Nordspihe der feindlichen Insel zu erkennen, damit von dort aus ein genauer Kurs auf die gegenüberliegende, etwa 20 Seemeilen entfernte Kilulu-Durchfahrt gesteuert werden kam:. Nach den Erfahrungen unseres Kriegslotsen Albers sind die Stromverhältnisse hier besonders schwierig und unregelmäßig. Die sehr schmale Kilulu-Einfahrt wird in Friedenszelten von großen Schiffen kaum benutzt, von kleinen höchstens am Tage. Wir müssen aber nachts hindurch, da wir nachher hinter den Korallenriffen noch etwa 15 Seemeilen zu sahren haben. Auch diese Strecke muß unbedingt noch in der Dunkelheit zurückgelegt werden, um bei Tages anbruch direkt vor Tanga zu stehen. Auf das schärfste wird nach allen Seiten Ausguck gehalten. Wir nähern uns den der Insel )Zemba vorgelagerten Korallenriffen, die in ganz kleinem Ab stand passiert werden sollen. Abends warnt uns ein Funkspruch vor dem englischen Hilfskreuzer Duplex". Ein guter Fingerzeig! Man ist wenigsten^ -twas über die englische Bewachungstätigkeit inforn . Mit bedeutend verstärktem Sicherheitsgefühl laufen wir in42 die Pemba-Straße ein. Gegen Mitternacht wird vom Ausguckposten im Mast das feindliche Pemba-Leucht- seuer gemeldet, das für unsere Zwecke geradezu un bezahlbar ist. Wir haben inzwischen beschlossen, die Kilulu-Einfahrt etwa 4 Uhr morgens zu passieren, nachdem der voraussichtlich von Süden kommende feindliche Hilfskreuzer den Pemba-Kanal nach Norden verlassen hat. Es ist etwa 2 Uhr nachts. Unser Schiff fährt mit ganz langsamer Fahrt dicht unterm Pemba-Leuchtfeuer in ganz geringem Abstand von Land. Dem Hilfs kreuzer Duplex" soll aus diese Art Gelegenheit gegeben werden, in ungestörter Nachtruhe vorüberzufahren. Mötzlich die Meldung: Rauchwolke rechts voraus!" Mit Hartsteuerbordruder" drehen wir aus Westkurs, das heißt, von der Insel Pemba ab auf die afrika nische Küste zu. Ohne Fahrterhöhung, damit unter keinen Umständen eine Rauchentwicklung entsteht, wird dieser Kurs zunächst weiter verfolgt. Die immer größer werdende Rauchwolke schiebt sich inzwischen in etwa 5OO Meter Entfernung an unserem Heck vorbei. Mit den scharfen Nachtgläsern wird einwandfrei die Duplex" festgestellt, erkenntlich an ihrer eigenartigen Bauart. Mit langsamer Fahrt von Süden kommend, ist sie anscheinend durch ihre eigene Rauchentwicklung eines guten Sehfeldes beraubt. Jedenfalls zieht sie zu unserer großen Freude friedlich vorüber . . .4) Hier scheint also dicke Lust zu sein! Dafür haben wir aber jetzt die Aussicht, im Bereich des pemba- Kanals ungestört die Annäherung an die deutsch- ostafrikanische Küste zu suchen. Nachdem das soeben festgestellte feindliche Schiff uns eine gute Strecke passiert hat, wird nach und nach die Fahrtgeschwindig- keit erhöht. Mit äußerster Maschinenkraft durchpflügt unser braves Schiff die Pemba-Straße, um möglichst schnell die Kilulu-Einsahrt zu gewinnen. Die Um drehungen der Maschine übersteigen ganz erheblich die normale Tourenzahl. Unser gutes Schiff zittert in allen Fugen. Die Heizer der Freimache sind mit angestellt, um den Dampfdruck auf das höchste zu steigern. An den Dampfkesseln stehen die Zeiger der Manometer weit über dem roten Sicherheitsstrich. Die festgesetzten Sicherheitsventile lassen nicht wie sonst den überflüssigen Dampf entströmen, er musz durch die Maschine. Die ungewohnt schwere Bean spruchung läßt diese stöhnen und ächzen. In nie vorher erreichter Schnelligkeit drehen die schweren Kurbel die Schraubenwellen. Alle Lager werden ständig unter Ol gehalten und mit Wasser gekühlt, um ein Warm laufen zu verhindern. Trotzdem schmelzen die Metall- packungen der Wellenlager. Was macht es? Ewig wird diese Fahrt ja nicht andauern. Einige Zeit muß das Material standhalten. Hoffentlich wenigstens solange, bis wir die schützenden Korallenriffe hinter uns habenMit einer Fahrgeschwindigkeit von fast 14 Knoten brausen wir auf die schmale Kilulu-Einsahrt los. Das uns so außerordentlich nützliche Leuchtfeuer auf der englischen 2nsel ^emba ist zunächst für einige See meilen eine famose Unterstützung beim Ansteuern der gefährlichen Kilukl-Passage unter den schwierigen Stromverhältnissen. Jetzt verschwindet es aus un serem Gesichtskreis. Mit größter Spannung sehen wir alle der nächsten Stunde entgegen. Der kleinste Kompaßfehler, das geringste Abweichen von unserem Kurs und Versehen in der Stromberechnung muß uns unfehlbar auf die der Küste vorgelagerten Korallen riffe führen. Alle Augen durchdringen die schwärze Tropennacht. Eine halbe Seemeile müssen wir nun vor der Einfahrt sein, jetzt nur noch einige hundert Meter. Die nächste Viertelstunde muß die Entschei dung bringen, ob wir auf dem sicheren Wege sind, oder? - Man hat glücklicherweise keine Zeit, den Gedanken weiter auszumalen. Der Tiefenmesser meldet inzwischen 90 Meter Wassertiefe, 65 Meter, 4L Meter, 25 Meter wir sind an der Küste. Da! Ein kleiner Schatten an Steuerbord, unterstrichen von einem weißen Streifen, die Brandung! . . . Gleichzeitig eine Meldung: Brandung an Backbord!" Wir sind also mitten zwischen den Korallenriffen, hoffentlich an der richtigen Stelle! Einige Minuten weiter. Jetzt eine kleine Kursänderung nach Süden,der Tiefenmesser meldet in kleineren Abständen immer größer werdende Wassertiefen. Die Kilulu-Einfahrt ist passiert. .Haarscharf sind wir an den Korallenbänken vorbeigefahren. Mit der tatkräftigsten Unterstützung des Kriegslotsen Albers haben wir auch diese Schwierigkeit überwunden. Eine schützende Kette von Korallenriffen trennt uns von den feindlichen Blockadeschiffen, die jedenfalls draußen auf der Lauer liegen. Von der offenen See her droht zunächst keine Gefahr. Es gilt nun mit südlichem Kurs die letzte, etwa 15 Seemeilen betragende Strecke bis zur Hafen einfahrt von Tanga sicher zurückzulegen. Wir fahren mit unverminderter Maschinenkraft an der deutsch- ostasrikanischen Küste entlang, in deutschem Gewässer. Welch ein stolzes Gefühl! Trotz der kurzen Ent fernung von der Küste ist in der dunklen Nacht nichts zu sehen, aber man riecht daB Land", wie der See mann sagt. Jetzt ist es 5 Uhr morgens, gleich muß der Tag grauen. Unter vorsichtigster Navigierung halten wir auf die Stelle los, wo vor der Mansa- bucht uns ein Lotse für Tanga erwarten soll. Der Tag graut, plötzlich, wie mir in den Tropen, fällt das Licht herab, es wird hell und mit einem Mal liegt vor unseren Augen die afrikanische Küste ausgebreitet, deutsches Land! . . . Rechts voraus in kurzer Entfernung eine kleine Insel mit weißem Turm,46 der Leuchtturm von Menge vor der Hafeneinfahrt nach Tanga. Schräg nach Land zu, ein großes Boot mit deutscher Flagge,- es wird das Lotsenboot sein. Also Kurs auf das kleine Fahrzeug! Schräg nach hinten erblicken wir den Kilulu-Berg und weiter land einwärts die grünen Berge von Usambara. Aber das ist nicht alles, was wir entdecken. Hinter uns,dicht unter Land, in der Nähe der Kilulu- Einsahrt wird eine große Rauchwolke gesichtet, die sich schnell nähert. Bald erkennen wir die weiße, hoch aufgewühlte Bugwelle eines schnellen Schiffes. Der englische Hilfskreuzer Duplex" kann es unmöglich sein, der Verfolger ist erheblich größer. Wo mag der plötzlich herkommen? Jedenfalls sind wir vor der Kilulu-Passage in unmittelbarer Nähe an ihm vorbei gefahren, und er riskierte es nicht in der Nacht, durch die gefährliche Riffeinfahrt sofort die Verfolgung auf zunehmen. Jetzt ragen die Mastspitzen aus der Rauch wolke heraus. Gleichzeitig meldet der Ausguckposten im Mast: Kreuzer mit drei Schornsteinen kommt mit hoher Fahrt von hinten auf!" Jetzt gilt es: Sieg oder Tod! . . .47 4- Im Kampf mit dem englischen Kreuzer Hyazinth". Schräg nach Land zu ist die Einfahrt zur Mansa- bucht, einige Kilometer nördlich von Tanga. Indem wir fast das Lotsenboot erreicht haben, hat sich der feind liche Kreuzer mit seiner Weitüberlegenen Geschwindigkeit erheblich genähert. Die deutsche Flagge ist soeben auf unserem Schiff geseht, da blitzt beim Kreuzer draußen der erste Schuß auf. Der Tanz beginnt. Dumpf hallt der Donner durch den sonst so friedlichen Tropenmorgen. Mehrere hundert Meter hinter uns der Aufschlag. Es sollte vom Engländer wohl das Zeichen sein, beizudrehen oder unsere Fahrt zu ver ringern,- wir denken aber gar nicht daran. Eine Salve folgt dem ersten Schuß, alle Aufschläge liegen zu kurz. Ein schneller Entschluß muß nun gefaßt werden. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder mit der Fahrt heruntergehen, den Lotsen an Bord nehmen, um den nur noch sechs Seemeilen entfernten Hafen von Tanga zu erreichen, oder mit scharfer Wendung ohne Fahrt verminderung Zuflucht in der nahen Mansabucht suchen. Die Aussicht besteht dann, daß der feindliche Kreuzer nicht ohne Weiteres folgen kann und unser Schiffdurch Versenken auf flachem Wasser vor gänzlicher Zerstörung bewahrt wird. Ba im ersteren Fall beim Stoppen, um den Lotsen an Bord zu nehmen, der Feind in günstige Feuer- entsernung kommt, wird der letztere Ausweg gewählt. Ganz dicht braust unser Schiff am Lotsenboot vorbei. In demselben befinden sich Kapitän Schade von der Deutsch-Ostafrikalinie und Herr Memel, Vertreter der genannten Schiffsreederei in Tanga. Ohne bisher einen Treffer erhalten zuhaben, passieren wir nach einigen Minuten die Einfahrt zur Manfa- bucht. Eine Landzunge entzieht uns den Blicken des feindlichen Kreuzers. Er stellt vorläufig das Feuern ein. Unsere Ausguckposten in beiden Masten melden laufend die Bewegungen des Verfolgers. Wir fahren jetzt mit Nordkurs und unverminderter Geschwindigkeit in der langgestreckten Mansabucht im Schutze der Landzunge dahin. Auf diese Art passieren wir auf Gegenkurs den inzwischen als Hyazinth" erkannten englischen Kreuzer. Was wird der Feind unternehmen? Wird er uns bis in die Bucht verfolgen? Man muß es eigentlich annehmen. Uber die Landzunge hinweg kann er höchstens unsere beiden Mastspitzen sehen. Ob dieses schwache Ziel ein genaues Feuern von seiner Seite rmöglicht? Hoffentlich nicht! Mit größter Spannung Verden die nächsten Minuten erwartet. Die Ent-scheidung muß gleich fallen, ob wir ungestört einen günstigen Ankerplatz erreichen werden. Jetzt muß Hyazinth" dicht vor der Buchteinfahrt sein. Feind licher Kreuzer dreht auf Gegenkurs!" meldet der Ausguckposten im Mast. Gleich darauf: Kreuzer fährt mit langsamer Fahrt nach Norden". Die Spannung der letzten Minuten weicht der großen Freude, für den Augenblick außer Gefahr zu sein. Durch das unverständliche Manöver des feindlichen Kreuzers haben wir berechtigte Hoffnung, soviel Zeit zu gewinnen, um einen Ankerplatz auf flachem Wasser in der nörd lichsten Ecke der Mansabucht erreichen zu können. Vom inneren Strande der Bucht löst sich ein Ein- geborenen-Kanoe und nähert sich unserer Fahrtrichtung. Außer einigen Schwarzen erkenne ich in dem Boot einen Schutztruppenoffizier in Kakiuniform. Er winkt mit den Armen, wohl zum Zeichen, daß wir halten sollen, um ihn an Bord zu nehmen. Unsere noch immer unverminderte Fahrt ist ihm anscheinend unverständlich, denn er ahnt ja nicht, daß ein feind licher Kreuzer uns dicht auf den Fersen sitzt. Wir brausen an ihm vorbei. Aus seinen verschiedenen Zurufen entnehme ich nur, daß auf der uns von der See trennenden Landzunge eine Maschinengewehr- kompagnie in Stellung ist. Alles andere geht unter in dem Geräusch der schwer arbeitenden Maschinen und im Rauschen des aufgewühlten Wassers. Christiansen: .Durch!" 4. ^9Nach laufenden Meldungen derAusgucksposten fahrt der Kreuzer Hyazinth" außerhalb der Landzunge mit parallelem Kurs auf fast gleicher Hohe mit uns in langsamer Fahrt nordwärts. Was mag er vorhaben? Ich kam: es nur nicht vorstellen, das; er davonfahren wird, ohne irgend etwas zu unserer Zerstörung zu unternehmen. Sollte ihm vielleicht ein vor wenigen Monaten in der Schlacht bei Tanga erhaltener Denk zettel die Absicht verleitet haben, uns in die Bucht zu folgen? Oder ist die Verfolgung abgebrochen aus Angst vor einer Minensperre? Hoffen wir das Beste!... Inzwischen nähern wir uns dem Ende der Bucht, die Fahrt wird verlangsamt. In der nördlichsten Ecke der Mansabucht hinter einer kleinen Erhöhung auf der Landzunge scheint der geeignete Ankerplatz zu sein, der den besten Schutz nach außen bietet. In ganz geringer Wassertiefe, das Schiff hat kaum einen Meter Wasser unter dem Boden, rasselt der Anker in die Tiefe. Trotzdem keiner von uns weiß, was die nächsten Minuten bringen, ist es ein schönes Gefühl, nach der langen Fahrt trotz aller Hindernisse glücklich bis hierher gekommen zu sein, und das; unser Schiff mit seiner wertvollen Ladung in einer deutschen Bucht vor Anker liegt. Ich habe eben nach beendigtem Ankermanöver die Kommandobrücke verlassen, um einen Funkspruch an 5051 die Königsberg" zu chiffrieren, als dumpfes Krachen und Heulen in der Lust mir den Anfang der feind lichen Beschießung mit jäher Deutlichkeit anzeigt. Sofort an Deck geeilt, komme ich noch gerade zeitig genug, den Aufschlag der ersten Salve etwaMeter weit vom Schiff festzustellen. Es wird recht bald Treffer geben! ist mein erster Gedanke, und wie diese in unserem mit Munition vollbeladenen Schiff wirken müssen, brauchte ich mir nicht weiter aus zumalen. An einer Stelle auf dem Hinterdeck stehen allein 1OL Tonnen Sprengstoff. Es ist ein niederträchtiger Gedanke, daß wir hier, unmittelbar am Ziel unserer schwierigen, fast 13 OOO Seemeilen langen glückhaften Fahrt, noch gezwungen werden können, unser Schiff zu versenken oder mit ihm in die Lust zu fliegen. Zeit zum langen Über legen ist nicht vorhanden. Die zweite Salve bringt uns mehrere Treffer, einen im Vorschiff, den zweiten außenbords im Kohlenbunker, so daß die Spreng stücke von innen heraus durchs Oberdeck fliegen. Sofort muß gehandelt werden, um zu retten, was noch zu retten ist. Bodenventile öffnen, alle Räume fluten!" schallt der Befehl durchs Schiff und kurz darauf: Oberschiff anzünden nach Plan!" Hoffentlich haben beide Befehle erwünschte Wirkung. Ob das Wasser durch die Bodenventile so schnell alleLaderäume überflutet, dos; das von oben herunter brennende Feuer das kostbare Kriegsmaterial in den Laderäumen nicht mehr erreichen kann? Werden wir in den nächsten Augenblicken so schwere Treffer er halten, mit Explosion der eigenen Ladung, das; ein Versenken des Schiffes überhaupt unnötig ist? Diese und ähnliche Gedanken erfüllen mich die nächsten langen, langen Minuten. . , Die sich überstürzenden Ereignisse in den folgenden Augenblicken sind schwer wiederzugeben. Das Schiff erhält in kurzer Zeit eine größere Anzahl Treffer, die glücklicherweise noch keine Erplosionen hervorrufen. Es brennt an mehreren Stellen, hauptsächlich durch die angezündete Decksladung. Das Feuer entwickelt nach Wunsch einen ungeheuren Qualm. Die geöffneten Bodenventile lassen mächtig Wasser ein, so daß im Maschinenraum bald alles unter Wasser steht. Bis zum letzteil Moment bleibt das Personal dort auf Stationen die Wassermengen müssen möglichst gleich mäßig nach allen Schiffsräumen geleitet werden. Außerdem lassen geöffnete oder zerschossene Damps- rohre mit lautem Zischen Dampf ausströmen, dazu die im Schiff und in der Nähe krepierenden 15 cm- Kranaten. Es ist ein wahres Höllengetöse! Ruhig und besonnen tut jeder Mann der Besahung seine Pflicht auf dein angewiesenen Posten. Dem Ausguckposten im Mast wird von dem Lustdruck einer 52Granate die Kleidung vom Leibe gerissen, an Deck werden mehrere Mann verwundet. Der leitende Maschinist bringt mir die Meldung, das; das Fluten der Laderäume schneller wie man erwarten konnte, vor sich geht. Ein Glück! Die Rettung der Ladung hängt davon ab. Ein weiteres Verweilen an Bord ist zwecklos, außerdem unmöglich, es hieße unnötig Menschenleben opfern. Auf meinen Befehl: Alle Mann aus dem Schiff!" werden zwei Schiffsboote zu Wasser gelassen. Während die Mannschaft die Boote besteigt, eile ich nach meinen unter der Kommandobrücke gelegenen Wohnräumen, um daselbst noch einige wichtige Dokumente und meine Handwaffen zu holen. Es gelingt mir, aber eben habe ich die Kabine verlassen, als eine Granate von oben durchs Deck hart bei mir einschlägt. Alles brennt. Eiseilsplitter, brennende Holzstücke und Gott weiß was, fliegt um mich herum. An Deck zurückgekehrt, finde ich meinen treuen Hund, der mich anscheinend ängstlich erwartet. Das erste Boot hat bereits abgelegt und nähert sich dem Strande. Unter Mitnahme des treueil Hundes besteige ich das letzte Boot und bringe es sofort aus der Feuerrichtung heraus. Unser Dampfer hatte bis dahin über 20 Volltreffer erhalten. Während das Schiff unter schwerem Feuer liegt, haben wir uns mit dem Boot inzwischen einige hun dert Meter entfernt. Plötzlich wird die Beschießung54 eingestellt. In der Annahme, das; dieses vielleicht den Abbruch der feindlichen Aktion bedeutet, gebe ich sofort Befehl, an Bord zurückzukehren, um, wenn irgend möglich, das Feuer zu löschen. Wir sind be reits auf dem Wege, als von dem ersten Boot, das sich näher an Land befindet, Signal gegeben wird: Feindlicher Kreuzer erscheint in der Buchteinfahrt!" Die Begrüßung sollte auch nicht lange auf sich warten lassen. Mit allen Kräften eilen wir jetzt dem Lande zu, um das an der Innenseite der Bucht ge legene, etwa 500 Meter entfernte Ufergelände zu erreichen. Sobald Hyazinth" von der Landzunge frei ist, eröffnet sie mit allen Geschützen Feuer. Von der Steuerbordseite mit Sprenggranaten auf unser bren nendes Schiff, von Backbord mit Schrapnells und Granaten auf die beiden Boote und die Landungs stelle. Ohne Verluste erreichen wir den Ort, wo das erste Boot gelandet ist. Es hat soeben einen Treffer erhalten und ist ganz auseinandergerissen. Von seiner Besatzung ist nichts mehr zu entdecken, sie ist in dem dichten Mongrovengebüsch schon verschwunden. Es ist ein ungünstiger Landungsplatz. Sumpfiges Mon- grovengelände, weicher Schlickboden mit zahlreichen daraus hervorragenden glatten Baumwurzeln, die ein Vorwärtskommen kaum möglich machen. Ein fast undurchdringliches Dickicht. Nachdem wir im Gehölz55 untergetaucht, gebe ich Anweisung, sich zusammenzu halten, aus der vermutlichen Feuerrichtung heraus- zustreben und möglichst schnell das feste freie Land zu erreichen. Es ist leichter gesagt als getan. Bei dem Versuch, sich von Wurzel zu Wurzel weiterzuarbeiten, versinkt man bis an die Hüfte, ja sogar bis zur Achsel im tiefen Morast. Durch einschlagende Granaten und krepierende Schrapnells wird das sonst fast dunkle Dickicht zeitweise etwas erhellt. Ein verdammt unfreundlicher Empfang auf deut schem Boden," sagt neben mir ein Oberheizer. Er hatte ja nicht unrecht. Etwas anders hatten wir uns alle die Ankunft vorgestellt. Weiter und weiter sährt unterdessen die Hyazinth" in die Mansabucht hinein. Trotzdem nichts zu sehen ist, läßt der immer stärker werdende Kanonendonner seine Annäherung erkennen. Er kann nur noch etwa 2OOL) Meter von unserem Schiff entfernt fein. Fast alle Treffer kann ich genau hören, mit jedem Moment erwarte ich eine schwere Explosion. Zwischendurch hört man das Knattern von Maschinengewehren. Was mag da alles vor sich gehen? . . . Hat denn dieses Mongrovengelände gar kein Ende? Haben wir die Richtung verfehlt? Unter diesen Um ständen würde es mich nicht wundern. Dem Kreuzer sind wir glücklicherweise nicht sichtbar, sonst würde56 wohl kaum einer mit dem Leben davonkommen. Wo mag die ganze Besatzung überhaupt geblieben sein? Trotz größter Anstrengung, die Leute zusammenzu halten, habe ich nur noch vier Mann bei mir. Mit der Batteriepfeife gebe ich Signal. Irgendwo wird geantwortet, ob vor oder hinter uns, ist nicht festzu stellen. Es ist ein trostloser Zustand. Mit fast über menschlicher Anstrengung erreichen wir etwa nach einer Stunde das feste Ufer. Eine kleine, mit Palmen be wachsene Anhöhe liegt vor uns, dahinter sind verfallene Negerhütten sichtbar, aber kein Mensch ist zu sehen. Ich gebe Befehl, einige Minuten auszuruhen, neue Kräfte zu sammeln, um nachher in raschem Lauf die vor uns liegende Anhöhe zu gewinnen. Dort hoffte ich einen Überblick zu erhalten und die zerstreute Be satzung sammeln zu können. Das feindliche Feuer schien augenblicklich etwas weiter nach rechts zu liegen. Das ganze Usergelände wird vom Hyazinth" mit Granaten und Schrapnells abgestreut, ich befürchte große Verluste unter meiner Besatzung. Um nicht zu sehr im Laufen behindert zu sein, haben wir inzwischen in aller Eile den dicksten Morast von unseren Kleidern abgestreift. Ich gebe ein Zeichen und im schnellstem Laufe suchen wir die Palmengruppe vor uns zu erreichen. Eine Salve kracht hinter uns her, Schrapnells krepieren im Mongrovengebüsch. Immer weiter! In unmittelbarer Nähe schlägt eine57 Granate ein, uns mit Erde überschüttend. Ich selbst erhalte einen schweren Schlag am rechten Bein, falle vornüber und verliere das Bewußtsein. Aus der Betäubung erwachend, finde ich mich gegen den Stamm einer großen Palme gelehnt. Vier Mann meiner Besatzung sind dabei, mir einen Notverband anzulegen. Ein Granatsplitter hatte mein rechtes Bein aufgerissen und großen Blutverlust verursacht,- ich war hilflos und vollständig außer Gefecht. Der Maschinisten maat Hansen hatte etwas abgekriegt und war leicht angekratzt. Durch das Herunterstürzen abgeschossener palmkronen und geknickter Baumstämme erwache ich aus einer neuen Betäubung. Wir liegen noch immer im Feuer des englischen Kreuzers. Meine vier Getreuen haben mich eben angepackt, um eine etwas besser ge schützte Stellung auszusuchen. plötzlich hören wir kurze Kommandos in einer fremden Sprache, dazwischen abgerissene deutsche Laute. Aus dem Unterholz der vor uns liegenden Senkung taucht eine auseinandergezogene Schützenkette auf. Große, schwarze Gestalten in Kaki, als Kopfbedeckung den unverkennbaren Tarbusch mit dein deutschen Reichs adler. Allen voran ein Offizier, den Karabiner in der Hand. Einige Rufe hin und her, dann ist der Offizier bei uns. Die Verbindung mit der Kaiser lichen Schutztruppe in Deutsch-Ostasrika ist aufgenommen. Es ist eine Halbkompagnieunter Führung des Leutnants (Name entfallen) vom Bataillon Baumstark in Tanga, die hier für den Fall eines englischen Landungsversuchs in Stellung geht. Patrouillen werden sofort nach allen Richtungen ausgesandt, um Versprengte oder Verwundete der Schiffsbesatzung aufzusuchen. Mit großer Geschicklichkeit haben inzwischen die Askaris aus abgehauenen Baumzweigen eine Trag bahre gefertigt. Auf diese werde ich gebettet und von schwarzen Trägern landeinwärts abtransportiert. Von den weiteren Erlebnissen des ereignisvollen Morgens ist mir wenig bekannt, da ich größtenteils ohne Be wußtsein war. Da es unmöglich ist, während der Mittagshitze zu marschieren, soll gegen N Uhr gerastet werden. Horn signale erschallen in nächster Nähe. Im Schatten eines riesigen Affenbrotbaumes wird halt gemacht. Zu meiner großen Freude kann ich feststellen, daß von der ganzen Besatzung, die sich inzwischen wieder zusammengefunden hat, auch nicht einer fehlt. In rührender Weife sind alle um mich besorgt, trotzdem jeder wahrhaftig genug mit sich selbst zu tun hat. Aber wie sehen die Männer aus! Abgerissen, teil weise zerschunden, die sonst so sauberen Leute von von oben bis unten mit Morast und anderem Dreck beschmutzt. Aber alle sind frohen Mutes und von dem einzigen Gedanken beseelt: Wenn nur unser gutes 5859 Schiff nicht in die Luft fliegt, dann wird von der wertvollen Ladung noch vieles zu retten fein. Kurz vor uns ist eine Askarikompagnie gleichfalls auf dem Rastplatz eingetroffen, um nach der großen Mittagshitze an der Manfabucht ebenfalls in Stellung zu gehen. Die Offiziere haben sich zu mir gesetzt, freudigste Begrüßung von beiden Seiten. Ich kann leider kaum sprechen. Als ersten Seeoffizier in Ost afrika lerne ich hier den Leutnant zur See a. D. Besch kennen. Seit einigen Iahren inaktiv und in der Kolonie ansässig, hat er sich bei Kriegsausbruch natür lich sofort zur Verfügung gestellt und ist bei der Schutztruppe eingestellt. Die von der Kompagnie mitgeführten Erfrischungen werden mit der Schiffs besatzung redlich geteilt. Wasser ist genügend vor handen und manchem gelingt es, sich schon hier etwas zu reinigen. Ein riesiger Askari tritt an den neben mir sitzenden Offizier mit einer Meldung heran. Ich habe zum erstenmal Gelegenheit, einen unserer schwarzen Kame raden in Ostafrika aus nächster Nähe zu betrachten. Welch ein Kerl! Das Gewehr reicht ihm gerade bis Koppelschloß. Dem möchte ich nicht in die Hände sallen! Die Offiziere erzählen mir einige Einzelheiten des glänzenden Sieges bei Tanga, wo im November 1914 die mit großer Übermacht gelandeten Engländer von unserer Schuhtruppe ins Meer geworfen wurden.Fast die ganze Ausrüstung des vor uns stehenden Askaris ist englischen Ursprungs. Seine Schübe, Gamaschen, Lcderzeug, ja sogar sein Gewehr ent stammen der bei Tanga gemachten großen Beute. Die ganze Kompagnie ist mit englischen Gewehren ausgerüstet, und sie ist nicht wenig stolz darauf. Der Kanonendonner hat inzwischen aufgehört. Ein Ausguckposten bringt die Meldung, daß der englische Kreuzer im Begriff ist, die Mansabucht zu verlassen. Der Liegeplatz unseres Dampfers ist durch eine riesige Rauchwolke gekennzeichnet. Unser Schiff muß noch immer brennen, die Explosionsgefahr scheint aber vor über zu sein. Unterdessen erreicht uns folgende Nach richt von der Mansabucht: Der Kreuzer Hyazinth" ist bis auf etwa 000 Meter heran gewesen, unser sinkendes Schiff beständig unter Feuer haltend. In kurzer Feuerpause wurden einige armierte Boote aus gesetzt, um den Versuch zu machen, an Bord des brennenden Schiffes zu gelangen. Sobald die Boote längsseit kamen, wurden sie von den Maschinen gewehren auf der Landzunge erfolgreich beschossen. Nach Verlust einiger Mannschaften gaben die Eng länder sofort ihren Versuch aus und fuhren zum Kreuzer zurück. Die Beschießung wurde jetzt wieder aufgenommen und einige Zeit fortgesetzt. Das Schiff brannte lichterloh und ist über Wasser gänzlich zu sammengeschossen. Anscheinend in der Annahme, daß 6061 das Schiff nunmehr vollständig vernichtet sei, fährt die Hyazinth" befriedigt davon." Gegen Z Uhr nachmittags hat sich die Tageshitze soweit gemäßigt, das; wir trotz unserer mehr als mangelhaften Tropenausrüstung an den Weitermarsck denken können. Uber meiner Tragbahre haben die findigen Schwarzen ein Sonnendach gebaut. Der Mangel an Tropenhelmen wird von der Besahung besonders schwer empfunden. Als Ersatz werden Taschentücher um den Kopf gebunden, mit einem Grasbündel darunter, oder man benützt grüne Blätter. Nachdem wir unterwegs noch verschiedenen Abteilungen der Schutztruppe begegnet sind und sie begrüßt haben, wird am Spätnachmittag die kleine Etappenstation Timbani erreicht. Vorher war uns schon der Ober arzt Oi-. Wolf entgegengeeilt, um den Verwundeten die erste Hilfe angedeihen zu lassen. Timbani hat Telephonverbindung mit Tanga, lind es kann auf diesem Wege sofort Tropenallsrüstung lind Proviant für die Besatzung bestellt werden. Alle Gegenstände sollen noch während der Nacht eintreffen, damit morgen früh sogleich die Mannschaft zur Mansabucht zurück kehren kann, um die Bergungsarbeiten vorzubereiten. Trotz der großen Erschöpfung wären die Leute natürlich am liebsten alle gleich zum Schiff zurückgekehrt. Es hatte aber ohne die notwendige Ausrüstung nicht den geringsten Zweck. Außerdem bedurfte Zeder nach denletzten Ereignissen einiger Stunden Ruhe, um den neuen Anstrengungen gewachsen zu sein. Nach einer kräftigen Mahlzeit hat sich die Mann schaft in verschiedenen Zelten und Grashütten zur wohl verdienten Ruhe hingelegt. Ich habe Unterkunst ge funden im gastlichen Zelt des Oberarztes Or. Wolf, der sich alle erdenkliche Mühe gibt, mir einige Stunden Ruhe und Erholung zu geben. Aber ich finde keinen Schlaf. Nicht allein die Verwundung quält mich, sondern hauptsächlich der Gedanke, ob die Bergung unserer wertvollen Ladung, die wir trotz größter Hindernisse aus der Heimat hierher gebracht haben, gelingen wird. Wie mag unser gutes Schiff wohl aussehen? Uber Wasser jedenfalls alles zertrümmert, zerschossen und ausgebrannt. Die Laderäume voll Munition und Sprengstoff müssen aber doch recht zeitig unter Wasser gewesen sein, sonst hätten schwere Explosionen stattgefunden. Welch ein Glück, daß Hyazinth" uns nicht gleich bis in die Bucht ver folgte. Es wäre sonst unmöglich gewesen, unser Schiff zu versenken, und das Kriegsmaterial vor der Ver nichtung zu bewahren. Ein Wunder, daß die ganze Besatzung mit dem Leben davongekommen ist. Man kann es kaum glauben. Wird es aber möglich sein, in nicht allzulanger Zeit die Ladung durch Taucher aus dem Schiff herauszuholen? Sicher ist es mit großen Schwierigkeiten verbunden, aber es muß 62gehen! Leider kann ich mich selbst an den Bergungs arbeiten zunächst nicht beteiligen. Meine Verwundung wird mich manche Woche von der Mansabucht und meiner braven Besatzung fernhalten. Alle Hebel müssen sofort in Bewegung gesetzt werden, das zur Bergung der Ladung benötigte Material, vor allen Dingen alle verfügbaren Taucher zur Stelle zu schaffen. Unter diesen Gedanken vergeht die Nacht. Schon früh am Morgen herrscht reges Treiben im Lager. Die während der Nacht angekommenen Kleidungs stücke, Tropenhelme usw. werden verpaßt und aus geteilt. Durch die Nachtruhe erfrischt ist jeder guten Mutes und alle finden sich erstaunlich schnell in die neue Situation. Im ersten Morgengrauen lasse ich die Besatzung vor meinem Zelt zusammenrufen. In einigen kurzen Worten sage ich der Mannschaft meinen Dank für ihr treues Zusammenarbeiten und für ihre gute Haltung in der schweren Lage. Ich mache sie auf merksam auf die Wichtigkeit der nun vor ihr liegenden mühevollen Arbeit und hoffe mit ihnen, daß es ge lingen wird, den größten Teil des kostbaren Kriegs materials aus unserem Schiff zu bergen. Nachdem jeder durch einen kräftigen Händedruck mir gute und schnelle Besserung gewünscht und versprochen, auch unter den neuen Verhältnissen das Menschenmöglichste zu leisten, geht von der Besatzung alles, was marsch- 6Z64 fähig ist, zur Mansabucht zurück. Von meinem Lager aus schaue ich durch die Zelttür dem Trupp der auf Mauleseln davonreitenden Mannschaft schweren Herzens nach. Welch ein Unterschied gegen gestern lim dieselbe Tageszeit! Was hat sich in den letzten 24 Stunden alles ereignet und verändert. Unser gutes Schiff liegt auf dem Grunde der Mansabucht, seine Besahung zieht in Schutztruppenuniform durch die afrikanische Wildnis. Gebe Gott, daß unsere lange, schwierige Fahrt, alle Mühe und Arbeit nicht umsonst gewesen ist. Ein zweirädriger Krankenwagen ist unterdessen von Tanga angekommen, mit welchem ich in das dortige Lazarett überführt werden soll. Um ? Uhr geht s weiter. Wir fahren auf der im Kriege an gelegten Heerstraße dahin. Wie mir später erzählt wird, ist diese in ganz kurzer Zeit gebaut, um schnelle Truppenverschiebungen von Tanga nach der Mansa bucht und bis zur Nordgrenze der Kolonie ausführen zu können. In der Gegend zwischen Timbani und Tanga sind in den übereinanderliegenden Höhenzügen große Infauteriestellungen vorbereitet, da die Gegend an der Mansabucht sich besonders gut für einen feindlichen Landungsversuch eignet. Aber sie sollen nur kommen, man wird ihnen einen würdigen Empfang bereiten. Wir nähern uns der kleinen Eisenbahnstation Amboni und treffen den uns von Tanga entgegen-kommenden Assistenzarzt Or, Kirchheim, der mich einige Stunden später im Negierungshospital Tanga der weiteren Obhut des dortigen leitenden Arztes, Regicrungsarzt Or Deppe, übergibt. Hier ist man glänzend ausgehoben, ein erstklassiges deutsches Tropen- Hospital mit der sprichwörtlichen Sauberkeit und Ord nung. Liebe, fürsorgliche Hände tun alles erdenkliche, meine von dem langen Transport nicht günstig be einflußte Verwundung nach besten Kräften zu heilen. O Christiansen: Durch!" 5. 655. Auf dem Schlachtfeld von Tanga. Wie ein Lauffeuer hatte sich inzwischen in Tanga die Kunde verbreitet, daß der Führer und einige Mann der Besatzung vom ersten aus der Heimat an gekommenen Hilss schiff in der Stadt an gekommen seien. Heute gestattete der Arzt nur ganz wenigen, mich aufzusuchen. Herr Major Baumstark, der Bataillonskommandeur und Kommandant von Tanga, sowie Herr Bürgermeister Münch besuchen mich am Spätnachmittag, um mir zum Gelingen des Unternehmens zu gratulieren und die besten Wünsche zu meiner Wiederherstellung zu überbringen. Von vielen Seiten werden mir Blumen zugeschickt. Ein riesiger Strauß der schönsten Tropenblumen vom Offizierkorps Tanga. Hätte Schwester Kläre nicht energisch Einhalt geboten, mein Zimmer wäre bald in einen Blumenladen verwandelt. Doch die größte Freude wird mir noch vor Abend zuteil, indem ein baumlanger staubbedeckter Askari von einer Abteilung an der Mansabucht mir eine Meldung überbringt mit folgendem Inhalt: Feuer auf unserem Schiff ist ge löscht, Schiff über Wasser vollständig zusammen geschossen und ausgebrannt, bei niedrigem Wasser 6667 ragt Oberdeck aus dem Wasser. Mit Taucher- Hilfe besteht Aussicht, daß sast die ganze Ladung geborgen werden kann! Die Auf- räumungsarbeiten haben begonnen und schreiten gut vorwärts. Ein Teil Schiffsproviant ist bereits gelandet." Den langen schwarzen Kameraden hätte ich für diese Botschaft umarmen können. Ich konnte damals leider kaum ein Wort in seiner Sprache antworten. Er verstand kein Deutsch und machte ganz unglück liche Augen ob meiner wilden Freudenbezeugungen. Die Situation wurde durch Ankunft einiger Schutz truppenoffiziere gerettet, die dem Askari sofort den Grund meines Gebarens verdolmetschten. Die großen Augen des schwarzen Kriegers leuchten auf, er hat vollkommen verstanden, um was es sich handelt. Mit einer Kehrtwendung, daß die Wände zittern, geht er davon. Die soeben angekommenen Herren sind Oberleutnant Müller, persönlicher Adjutant des Schutztruppen kommandeurs v. Lettow-Vorbeck, ferner Oberleutnant v. Brandis und Leutnant Viebranz, beide Kom pagnieführer im Bataillon Tanga. Erfterer ist vor einigen Tagen vom Schutztruppen-Hauptquartier Neu- Moschi am Kilimandscharo nach Tanga gekommen, um bei der Ankunft des Hilfsschiffes zugegen zu sein. Nachdem er die Glückwünsche und Grüße vom Kom-mandeur der Kaiserlichen Schutztruppe ausgerichtet, erzählt er mir seine gestrigen interessanten Erlebnisse. Mit einem Einjährigen und einigen Askaris war er in aller Frühe mit einem Tumbi (kleiner Einbaum) zum Ulenge-Leuchtturm nach der gleichnamigen Insel hinausgefahren, um von diesem guten Beobachtungs- posten das Einlaufen unseres Schisfes nach Tanga genau zu verfolgen. Der Zweck war, durch Signale die außerhalb Tanga in Stellung liegenden Abtei lungen über eine etwaige feindliche Annäherung zu informieren. Man war eben auf alles gefaßt. Nach dem unser Schiff, um den Verfolgern zu entgehen, in die Mansabucht eingeschwenkt, der englische Kreuzer später folgte, beschloß Oberleutnant Müller zur Küste zurückzukehren. Auf halbem Weg wurden sie von Hyazinth" entdeckt, der sofort mit Einzelschüssen und gleich darauf mit ganzen Salven den winzigen Ein baum unter Feuer nahm. Der Kreuzer feuerte auf diese Art etwa achtzig 15 cm-Granaten, glücklicher weise ohne jemand zu treffen! Alle Insassen waren über Bord gesprungen und hatten trotz der großen Entfernung schwimmend das Ufer erreicht. Ein großes Fragen, Erzählen und Staunen be ginnt. Es ist mir eine tiefe Freude und Genug tuung, den Kameraden von der Schutztruppe die erste persönliche Kunde von den heimatlichen Kriegsereig- nissen zu überbringen. Bis auf ganz wenige durch- 6869 gesickerte Wahrheitsgetreue deutsche Nachrichten war man hier seit Kriegsbeginn nur auf feindliche Mel dungen angewiesen. Es gelingt mir, manches lügen hafte Gerücht zu beseitigen, und immer wieder muß ich von der großen, gewaltig hochschlagenden Begeiste rung erzählen, mit der jung und alt, arm und reich sich dem Vaterlande zur Verfügung gestellt, um unsere Grenzen gegen eine Welt nichtswürdiger Feinde zu schützen. Die Kameraden können nicht genug von unserer glänzenden Mobilmachung hören, von den ersten großen Siegesnachrichten, den Gefangenenzahlen, den Heerführern, kurzum von allem, was an welterschüt ternden Ereignissen mit der fernen Heimat zusammen hängt. Es erscheinen immer mehr Besucher, unter anderem: der Bezirksamtmann von Tanga, sowie Hauptmann v. Schappuis, der nach schwerer Ver wundung im Gefecht bei Gazi noch nicht wieder front- dienftfähig war und leicht hinkte. Das Fragen nimmt kein Ende. Nachdem der Arzt meinem Erzählen ein Ende gefetzt, habe ich jetzt Ge legenheit, aus dem Munde verschiedener Mitkämpfer interessante Einzelheiten aus der Schlacht bei Tanga zu hören. Zu meinem Erstaunen erfahre ich, daß das Lazarett, in dem ich selbst liege, mitten im Gebiet der damaligen Kampfzone gelegen ist. Das nebenan befindliche Eingeborenenhospital hat sogar einen schweren Treffer erhalten. Nach und nach ent-rollt sich vor meinen Augen ein Gefechtsbild mit ganz eigenartigen Begebenheiten und kraftvollen, ja mäch tigen Eindrucken. Nachdem die Engländer anfangs November 1914 mit einigen Schiffen eine Demon stration vor Tanga gemacht, dann wieder abgefahren, erschienen sie am nächsten Tage mit einer ganzen Flotte von Transportschiffen, eskortiert von einigen Kreuzern und Hilfskreuzern. Es waren im ganzen gegen 20 große Schiffe. Sofort wird erkannt, daß eine feindliche Unternehmung größten Maßstabes be vorsteht. Augenscheinlich wollten die Engländer sich in den Besitz von Tanga, der Küstenstation der ins Innere führenden Ufambarabahn, sehen. Wie später aufgefundene militärische Dokumente beweisen, hatten sie sich dieses Unternehmen ziemlich einfach vorgestellt. Trotz ihrer großen Ubermacht sollten die erfahrenen englischen Kolonialtruppen von der jungen deutschen Schutztruppe einen furchtbaren Denkzettel erhalten, den die englische Regierung bis zum heutigen Tage noch nicht gewagt hat, ihrem Volke zu offenbaren. Da dem Feinde genau bekannt war, daß vom Lande aus keine Artilleriegegenwirkung zu erwarten sei, fuhren die englischen Schiffe teilweise direkt in den Hasen von Tonga hinein. Der Kreuzer Fox" lag nur einige hundert Meter vom Hospital entfernt, mit seinen Geschützen die offene Stadt bedrohend. In Tanga selbst waren auf deutscher Seite zunächst nur 7071 einige Kompagnien vom Bataillon Baumstark. Draußen vor der Stadt am äußersten Ende der Bucht bei Ras; Kafona fand der erste englische Lan dungsversuch statt. In aller Eile waren hier Schützen gräben und Maschinengewehrstellungen ausgebaut worden. Die Augen des Erzählers leuchteten, als er mir in drastischer Schilderung zeigt, wie unter den schwersten Verlusten der Angreifer dieser erste englische Landungsversuch von einigen Kompagnien Askaris mit Leichtigkeit abgewiesen wird. Indem der Feind die Überreste seines Landungskorps, das zum größten Teil aus Indern bestand, auf die verschie denen Schiffe zurückfammelt, ist das ungeschützte Tanga einer schweren Beschießung ausgesetzt. Mit Schiffs geschützen wird aus nächster Nähe auf die Regierungs- gebäude, den vermutlichen Truppenunterkünsten und überhaupt auf alles gefeuert, was die Engländer ge hofft hatten, mit leichter Mühe in ihre Hände zu be kommen. Auf unserer Seite war man inzwischen nicht müßig. Sobald die Tatsache feststand, daß eine größere feindliche Landung beabsichtigt, wurden von allen Seiten Verstärkungen herangezogen, hauptsäch lich aus dem Gebiet des Kilimandscharo, wo der Schutztruppenkommandeur in Neu-Moschi sein Haupt quartier hatte. Mit allen verfügbaren Kompagnien eilte Oberstleutnant v. Lettow-Vorbeck an die Küste. Mit den geringen Verkehrsmitteln nahm es freilich72 eine gewisse Zeit kn Anspruch. Von ihrem ersten Schreck lind den unerwarteten Verlusten ein wenig erholt, machen inzwischen die Engländer den zweiten Landungsversuch in erheblich größerer Stärke und Wucht. Unter dem Schuhe ihrer Schiffsartillerie gelingt es ihnen, bei Ras; Kasone den Strand zu gewinnen und festen Fuß zu fassen. Die Garnison von Tanga, bis jetzt erst verstärkt durch wenige Kom pagnien, zieht sich in größter Ordnung mit ganz ge ringen Verlusten durch die Gummiplantagen und das dicht mit Buschwerk bewachsene Gelände zurück. In diesem für den Feind ungünstigen Gefechtsgebiet haben die indischen Truppen wieder außerordentlich schwere Verluste. Jeder Schritt vorwärts muß teuer erkauft werden. Auf dem Bahnhof von Tanga herrscht während der Nacht reges Leben. Der Kommandeur mit seinem Stabe ist soeben eingetroffen. Er läßt sich Meldung erstatten über den Stand des Gefechts und übernimmt sofort persönlich die Leitung. Mit Truppen angefüllte Eifenbahnzüge werden draußen vor Tanga auf offener Strecke ausgeladen. Eine Askarikompagnie nach der anderen rückt im Laufschritt in die befohlenen Stellungen. Ein schwerer, aber ruhmreicher Tag, einer der denkwürdigsten in den Annalen der Kaiser lichen Schutztruppe bricht an. In der Morgendämmerung rasselt plötzlich Artilleriedurch die Straßen, um (von Hunderten der schwarzen Hilfskrieger gezogen) in gedeckte Feuerstellung gebracht zu werden. Wo kommen denn diese Geschütze plötzlich her?" frage ich den Erzähler. Ja, diese alten Kanonen haben eine Geschichte für sich," wird mir geantwortet, die haben schon viel erlebt." Es ist eine Batterie alter, preußischer Feld kanonen, die schon Anno 70 mitgemacht hat. Im Bufchiri-Aufftand wurden sie damals Wißmann zur Verfügung gestellt, kamen aber nicht mehr zur Ver wendung. Seitdem standen die alten Brummer als Schmuck und Andenken vor verschiedenen Regierungs- gebäuden, wahrend die dazugehörigen Granaten als Gartenbeeteinfassungen auf öffentlichen Plätzen und auf ähnliche Art Verwendung fanden. Bei Kriegs beginn wurden die Feuerschlünde sofort untersucht, brauchbar gefunden und in Ermangelung einer anderen Artillerie von der Schuhtruppe in Dienst gestellt. Die Granaten erhielten neue Führungsringe, Kartuschen konnten angefertigt werden, da Schwarzpulver genügend vorhanden war, die Artillerie war kampfbereit. . . Bei Tagesanbruch dröhnt den feindlichen Schiffen die erste Salve aus diesen Geschützen der Schutztruppen artillerie entgegen. Zwei Treffer! meldet die Be obachtung. Es ist kaum zu glauben, aber der erste Schuß wird dem Kreuzer Fox" auf die Kommando brücke gesetzt, der zweite einem Transportdampfer in74 die Wasserlinie. Es wird sogar behauptet, daß der Kommandant des Kreuzers Fox" von der ersten deut schen Granate gefallen sei. Diese Nachricht bedarf aber noch der Bestätigung. Durch den Gebrauch des Schwarzpulvers gibt es natürlich nach jeder Salve eine gewaltige Rauchentwicklung, wodurch den feindlichen Schiffen die Batteriestellung verraten werden muß. Stellungswechsel nach jeder Salve!" befiehlt der Batteriekommandeur. Ein mörderisches Feuer aus modernen Geschützen konzentrieren die englischen Schiffe auf die verhaßte deutsche Batterie, die in ihrer Rech nung fehlte. Ein Geschütz fällt aus. Was macht es? In ununterbrochener Salvenfolge werden noch manche Treffer den Transportschiffen beigebracht. Schiffsbrände und große Löcher im Rumpf kennzeichnen die Wirkung der Schuhtruppenartillerie. Immer neue Truppenmengen werfen die Engländer an Land. Der feindliche General hat seine Gefechts leitung in dem alten Turm von Raß Kasone ein gerichtet. Große Mengen Kriegsmaterial aller Art werden an Land geschleppt. Die Transportschiffe scheinen unerschöpflich zu sein. Ein Europäer-Regiment wird jetzt ausgebootet, es sind die Lancashire-Rifles, als letzte Garnison standen sie in Kalkutta. Die halbe indische Armee scheint hier auf dem Plane zu erscheinen, um mit einem Handstreich den Schlüssel punkt zum paradiesischen Usambra an sich zu reißen.75 Von den weit überlegenen englischen Streitkräften zurückgedrängt, haben unsere Askarikompagnien in zwischen die vorbereitete Stellung am tiefen Elsenbahn einschnitt zwischen Tanga und dem Regierungshospital bezogen. Diese Stellung soll gehalten werden. In dichten Scharen greifen die Inder an. Vor dem Angriff hat man ihnen Rum und Whisky gegeben, damit es an dem nötigen Mut nicht fehlt. Auf ganz nahe Entfernung läßt man diese unglücklichen Opfer der englischen Eroberungspolitik herankommen. Ein mörderisches Maschinengewehrseuer empfängt dann die Sturmkolonnen. In wilder Flucht geht alles zurück. Trotz ungeheurer Verluste gelingt es den englischen Offizieren, die Inder noch mehrmals zum Angriff vorzujagen, um jedesmal aufs blutigste zurückgeschlagen zu werden. Vor den Maschinengewehrstellungen liegen Haufen von Leichen, vor einer über achtzig. Das Schlachtfeld ist mit toten und verwundeten Feinden und allem möglichen Kriegsmaterial bedeckt. Ein neues indisches Regiment wird eingesetzt, der Übergang über den Eisenbahneinschnitt soll unter allen Umständen erzwungen werden. Unter schweren Verlusten kommen sie vorwärts. Zum Gegenangriff bricht jetzt die zum größten Teil aus Kriegsfreiwilligen bestehende euro päische Schützenkompagnie vor, unter Führung des Hauptmanns von prince, eines alten Afrikaners. Sein langersehnter Wunsch, sich mit einer feindlichenKolonialtruppe zu messen, geht hier in Erfüllung. Er bezahlt es mit dem Leben. Beim Sturmangriff an der Spitze seiner Kompagnie stirbt er den Heldentod für sein geliebtes Ostafrika. Nber die Leiche ihres Führers hinweg wirft sich die Kompagnie in un widerstehlichem Ansturm der feindlichen Angriffswelle entgegen. Die dichten Reihen der Inder geraten ins Stocken, sie haben furchtbare Verluste. Die un barmherzigen deutschen Maschinengewehre halten reiche Ernte. Es gibt kein Halten mehr, in wilder Flucht flutet das dezimierte Inder-Regiment zurück auch dieser Angriff ist erfolgreich abgeschlagen! In treuer Pflichterfüllung als Angehöriger eines Dreibundftaates fiel auf deutscher Seite ein Italiener, der sich als Kriegsfreiwilliger gestellt hatte. Den schnöden Verrat seines Vaterlandes hat er nicht mehr erlebt. Mit armierten Booten und kleinen Landungs- abteilungen versuchen unterdessen die Engländer an ver schiedenen Stellen im inneren Hasen zu landen. Auch diesessollihnenschlechtbekommen. MitLandungstruppen vollgepfropfte Schiffsboote nähern sich von Damps- pinassen geschleppt dem Lande. Sic haben die Absicht, ohne auf großen Widerstand zu rechnen, die Zollbruck? zu erreichen. Ein warmer Empfang wird ihnen zuteil. Der Chef des im Kriege gebildeten Automobilkorps der Kaiserlichen Schutztruppe, Or. Lessel, hat sich 767? hier mit einigen Askaris aufgestellt. Wie auf dem Anstand schießt er mit seinem Karabiner zunächst die feindlichen Bootssteuerer ab. Die Schleppzüge geraten in Verwirrung. Schuß fällt auf Schuf;. Die jetzt fteuerlosen, dicht besetzten Boote fahren wild im Hafen herum. Die Askaris reichen immer aufs neue dem Scharfschützen ein geladenes Gewehr, damit ja kein Schuß daneben geht. Nach großen Verlusten geben die Engländer auch dieses unfruchtbare Unternehmen auf. Mit großer Mühe gelingt es ihnen, auf ihre Schiffe zurückzukehren. Inzwischen bombardieren die Kriegsschiffe mit allen Kräften die offene Stadt Tanga. Die alte Boma (Bezirksamt) wird zusammengeschossen, verschiedene Häuser erhalten Treffer. Der angerichtete Schaden ist aber verhältnismäßig gering. Am Eisenbahneinschnitt ist unterdessen der erbitterte Kampf aufs höchste gestiegen. Den Engländern ge lingt es nicht mehr, die indischen Truppen zum Angriff vorzubringen. Ganze Regimenter meutern. Sie lassen sich lieber von ihren eigenen Offizieren erschießen, als daß sie nochmals gegen die feuerspeiende Schlucht vorgehen. Viele haben sich im Gebüsch und im Unter holz versteckt, um später gefangen zu werden. Der englische Führer mag inzwischen eingesehen haben, das; die geplante widerstandslose Landung an der deutsch-ostafrikanischen Küste mit dem folgenden Spazier-gang zu den Iagdgründen am Kilimandscharo seine Schwierigkeiten hat. Wie soll er überhaupt seine zurückflutenden Truppen wieder auf die Schiffe bringen? Ein deutscher Angriff setzt ein. Der Schuhtruppen kommandeur läßt eine vom Feinde unbemerkte Flanken umgehung ausführen. Bald rattern auch Maschinen gewehre von der Seite. In schneidigem Angriff fallen unsere braven Askaris dem überraschten Feind in die Flanke. Widerstand ist nutzlos, eine große Anzahl Gefangener wird gemacht. Um den Rückzug zu den Booten zu decken und zu retten, was nach dieser Niederlage noch zu retten ist, wirft der eng lische General ein europäisches Schützenregiment, die Lancashire-Risles, den Deutschen entgegen. Sie gehen kaltblütig vor, die Offiziere mit geschwungenem Säbel voran, ein wundervoller Anblick! Aber was Hilst es, das Schicksal des Tages ist bereits entschieden. Auch von diesem tapferen feindlichen Regiment bleibt kaum die Hälfte übrig, der Rest flutet unaufhaltsam zu den Booten zurück. Die Tropennacht senkt sich hernieder,- der Gefechts lärm ist verstummt. Die barmherzige Dunkelheit läßt die grausigen Einzelheiten des Schlachtfeldes nicht mehr erkennen, man hört nur die klagenden Laute und Schreie der Verwundeten. Zu Tode er schöpft liegen auf deutscher Seite die weißen und schwarzen Kämpfer in ihren Stellungen, den nächsten 7L79 Angriff erwartend. Der Feind mit seiner großen Überlegenheit wird sicher wieder angreifen. Oberstleutnant v. Lettow-Vorbeck geht in der Nacht selbst eine Patrouille, wobei er von einem feindlichen Vorposten angerufen wird. Wie schwer in Wirklich keit die Verluste der Engländer sind, weiß man leider noch nicht, das sollte erst der nächste Tag zeigen. Man ahnt ja nicht, daß der Feind bereits beschlossen hat, das Feld zu räumen. Das mitten in der Kampfzone hinter der englischen Linie liegende Regierungshospital war bis zum Dach angefüllt mit feindlichen Verwundeten. Der deutsche Regierungsarzt Or. Deppe und seine tapfere Gattin waren treu auf ihrem Posten geblieben und hatten Tag und Nacht unermüdlich den Verwundeten Hilfe geleistet, -- Freund und Feind! In aller Eile schafften während der Nacht die Engländer ihre Verwundeten auf die Schiffe, nur die nicht transportfähigen Schwer verwundeten blieben zurück. Ein hoher indischer Armee arzt war hierbei persönlich anwesend, er dankte dem deutschen Kollegen in höchster Anerkennung für die glänzende Behandlung der Verwundeten und sprach sein Bedauern darüber aus, daß eine unglückliche Granate das Eingeborenenhospital beschädigt habe. Der Tag graut. Von einer englischen Gefechts tätigkeit ist wenig zu merken. Eine Anzahl Schiffe ist schon abgefahren und sie warten vor der Bucht.Reger Bootsverkehr mit dem Lande herrscht draußen in der Gegend bei Ras; Kasone. Ein wildes Durch einander, alles eilt in die Boote, um die rettenden Schiffe zu erreichen. Der Feind baut ab! Wie ein Lauffeuer pflanzt sich diese unerwartete Nachricht durch die Reihen der deutschen Kämpfer, Während aus einer neuen Stellung die alten Wiß- mann-Kanonen die Transportschiffe erneut unter Feuer nehmen und manche glücklichen Treffer erzielen, gehen auf der ganzen Linie unsere Askarikompagnien zum letzten Angriff vor. Sie finden kaum noch Wider stand. In wilder Flucht hat der Feind das Gelände geräumt, alles im Stich lassend. Die letzten Boote verlassen den deutschen Strand, was zurückbleibt, wird gefangen. Alle Transportschiffe haben bis auf einen großen Dampfer den ungastlichen Hafen von Tanga verlassen. Dieses Schiff liegt besonders dicht unter Land und wird von einem deutschen Maschinengewehr bestrichen. Große Löcher klaffen in seiner Seite, Andenken an die Schutztruppenartillerie. Sobald sich ein Mann auf der Back (Vorderteil des Schiffes) bei der Anker maschine zeigt, fällt er als Opfer der erbarmungs losen deutschen Geschosse. Kein Mensch läßt sich mehr an Deck blicken, alles hat sich verkrochen. Endlich gelingt es, die Ankerkette zu schlippen (lösen) und das letzte Schiff der stolzen englischen Armada, die 80hier billige Lorbeeren pflücken wollte, fährt hinkend davon. .. Die Engländer waren glänzend ausgerüstet und hatten das erdenklichste Material mit an Land ge schleppt, um nachher liebenswürdigerweise fast alles zurückzulassen. Der Feind hatte keine Zeit, etwas zu vernichten, so das; für koloniale Verhältnisse unsere Schutztruppe eine ungeheure Beute machte. Mit den eroberten Gewehren wurden ganze Kompagnien aus gerüstet. Ein vom Kreuzer Fox" bei Kriegsbeginn aus dem Hafen von Tanga entführter Ladungsleichter wurde voll Munition jetzt prompt wieder angeliefert. Vom sofort brauchbaren Maschinengewehr lind modernstem Telephongerät bis zum gefüllten Offiziersfrühftücks- korb und große Mengen aller mögliche,: Ausrüftungs- gegenstände lag alles bunt zerstreut auf dem Schlacht felde herum. Das unvorbereitete Deutsch-Ostafrika hatte jetzt Waffen und Munition für eine mehr monatliche Kriegführung! Neben der großen Be- fangenenzahl und dem vielen erbeuteten Kriegsmaterial lieferte die Schlacht bei Tanga den glänzenden Be weis, daß unsere treuen Askaris das Vertrauen verdienten, das ihre Führer in sie sehten. An der Seite und unter Führung ihrer deutschen Beschützer hatten sie tapfer und ausgezeichnet gekämpft. Mit ganz geringen eigenen Verlusten zeigte unsere herrliche Schutztruppe einem fast zehnfach überlegenen Feind, Christiansen: Durch!" 6. 81daß man nicht ungestraft den deutsch-afrikanischen Strand betreten darf. Auf dem Schlachtfeld aufgefundene Papiere ließen einwandfrei erkennen, daß die Engländer überhaupt nicht mit der Möglichkeit eines Fehlschlages gerechnet hatten. Im Gegenteil, sie waren eines leichten Erfolges ganz sicher gewesen. Unter den erbeuteten Büchern und Dokumenten des englischen Generalstabes befanden sich ausführliche Operationspläne für Deutsch-Ost- asrika mit genauen Angaben über Stärke und Bewaffnung der Schutztruppe, vom englischen Konsul in Dar es Salam. Da diese Pläne schon mehrere Jahre vor Ausbruch des Krieges itt Kalkutta für den Gebrauch der indischen Armee gedruckt waren, hatte man den sichersten Beweis, daß die scheinheiligen Engländer niemals im Ernst daran gedacht haben, die Kongo-Akte, die den Krieg von den Kolonien fern halten sollte, innezuhalten. Im tiefsten Frieden hatten sie durch ihren diplomatischen Vertreter Ostafrika aus spioniert, um im gegebenen Augenblick über die völlig unvorbereitete Kolonie mit einem Teil der indischen Armee herzufallen. Dieses, in der englischen Kolonialpolitik schon so oft bewährte und darum so beliebte Experiment war ihnen bei Tanga recht übel bekommen, es scheiterte an deutscher Wachsamkeit und an der beispiellosen Tapferkeit der ihres Namens stolz bewußten Kaiserlichen Schuhtruppe. 82Von dem weit in den Indischen Ozean sichtbaren Turm auf Raß Kasone, wo noch gestern der englische General mit seinem Stabe die Quartierverteilung in Tanga besprach, rauscht heute stolz die deutsche Flagge im frischen Südwestmonsum. Den vorüberfahrenden feindlichen Blockadeschiffen eine böse Erinnerung an ihre blutige Niederlage bei Tanga, den tapferen Kämpfern der Schutztruppe ein Wahrzeichen der treuen deutschen Landesverteidigung! . . . LZ6. Die Bergung des Kriegsmaterials. Während ich, durch meine Verwundung zur Untätig keit verdammt, die nächste Zeit im Lazarett Tanga zubringe, entwickelt sich draußen an der Mansabucht ein reges Treiben. Es waren alle Hebel in Bewegung gesetzt, um in möglichst kurzer Zeit die wertvolle Ladung aus dem versenkten Schiff zu bergen, da beständig damit gerechnet werden mußte, das; feindliche See streitkräfte wieder erscheinen würden. Der Schiffsbesatzung war es recht bald geglückt, das Feuer zu löschen. Man begann sofort mit den Ausräumungsarbeiten. Nach der schweren Beschießung sah es an Bord wüst aus. Trotzdem bei Niedrig- waffer das Oberdeck trocken war, konnte man nur mit großer Schwierigkeit das Deck betreten. Die Aufbauten waren ausgebrannt und in sich zusammen gefallen. Durch Granatwirkung waren die Decks aufgepflügt, überall große Schußlöcher. Der durch einen Volltreffer halb weggefegte Schornstein, sowie alle stehengebliebenen Eisenteile waren durch Granat splitter buchstäblich durchsiebt. Der Großmast hatte eben über Deck einen Treffer erhalten, war umgeknickt und hing über Bord. Mit einem Wort: unser gutes L485 Schiff war über Wasser die wahre Berg- und Tal bahn und ein Trümmerhaufen. In den Laderäumen war dagegen wenig beschädigt. Bis auf einige, glücklicherweise nicht sehr wichtige Gegenstände, die durch Wasser gelitten hatten, war das Kriegsmaterial rechtzeitig der Feuerwirkung ent zogen, - das Fluten der Laderäume hatte glänzend gewirkt. Es galt jetzt nur die Waffen- und Muni- tionsbestände so schnell wie möglich zu landen, damit sie nicht noch dem schädlichen Einfluß des Wassers anheimfielen. Bisher war das Wasser das rettende Element gewesen. Eine fieberhafte Tätigkeit seht ein. Einige Araber-Dhaus (kleine Küstensegler) und Schiffs boote waren am nächsten Tage zur Stelle, um den Verkehr mit dem Lande herzustellen. Nur mit den geringsten Hilfsmitteln versehen, schleppte die Besatzung in den folgenden Tagen schon alles an Land, was zunächst von der Ladung erreichbar war. Am inneren Strande der Mansabucht hatte man inzwischen ein großes Lager angelegt, um, wenn das nötige Arbeitsmaterial, vor allen Dingen die bereits von der Königsberg" in Marsch gesetzten Taucher zur Stelle waren, in großem Maßstabe den Abtransport des gelandete : Kriegsmaterials zu er mögliche!,. Mehrere Askarikompagnien hatten in der Nähe Stellungen besetzt, um einem feindlichen Stö rungsversuch augenblicklich entgegentreten zu können.Auf einer hohen Palme war ein Ausguckposten ein gerichtet, gegen Überraschungen war man gesichert. Eine große Anzahl eingeborener Arbeiter war auf geboten, es wimmelte von Menschen. Bretterschuppen, Grashütten und ganze Zeltstraßen wuchsen in unglaub lich kurzer Zeit aus dem Boden. Außerdem hatte man eine .kleine Landungsbrücke gebaut und einen richtigen Fährdienst mit dem Schiff eingerichtet. Die seemännische Leitung der Bergungsarbeiten haben Kapitän Schade und Kriegslotse Albers in der Hand, und sie leisten in jeder Beziehung Außerordentliches. Auf dem Schiff sind unterdessen die Aufräumungs arbeiten soweit gediehen, die im Wege liegenden Trümmer soweit beseitigt, daß man durch die Decks luken an die unter Wasser stehende Ladung gelangen kann. Wenn bloß die Taucher erst da wären! Es wird aber noch einige Tage dauern, bis diese eintreffen können. Die Königsberg" liegt etwa zehn Tage märsche entfernt. Die Zeit darf nicht nutzlos ver streichen, der Feind kann jeden Tag die Arbeit stören. Mit dieser Überlegung versucht man daher ohne Taucher herauszuholen, was irgend möglich ist. Es ist ein schwieriges, teilweise lebensgefährliches Unternehmen. Einzelne Leute der Besahung tauchen durch die Decks- öffnungen in die Laderäume, wobei sie eine ganze Strecke unter der vom Wasser hochgedrückten, unter 8687 Deck festgeklemmten Holzladung hindurchschwimmen müssen, um einen Haken an einer Munition- oder Gewehrkiste zu befestigen. Manchmal muß mehrere Male getaucht werden, um auf diese Art eine wert volle Last Tageslicht zu fördern. Aber es übt sich, und jeden Tag sind größere Erfolge zu verzeichnen, so daß in einigen Tagen mehrere hundert Gewehre und über 50LV0 Gewehrpatronen geborgen werden. Ein großer Wettbewerb im Tauchen hebt an. Man findet einen Sport darin, unter Einsetzung des eigenen Lebens der Schutztruppe Kriegsmaterial zuzuführen. Der Obersteuermannsmaat Bakker fördert durch per sönliches Tauchen allein etwa 150 Gewehre zutage. Der leitende Maschinist Hansen, der für jede schwie rige Lage eine Lösung hat, findet auch hier ein frucht bares Feld seiner Tätigkeit. Es ist erstaunlich, mit welchen Mitteln gearbeitet wird. Sogar der Lagcr- arzt Or, Kirchheim beteiligt sich an diesem gefähr lichen, aber recht nützlichen Sport durch persönliches Tauchen holt er seine Geschützlafette" heraus. Nach und nach hat sich die Schiffsbesatzung auf die neue Lebensführung vollkommen eingespielt, in kurzer Zeit ist jeder Afrikaner" geworden. Der Schiffskoch brutzelt unter einem Palmbaum in feiner neuen Kombüse, als wenn er nie in einer anderen Umgebung seine Erbsensuppe gekocht hätte. Eine irgendwo aufgetriebene Handharmonika trägt in derFreizeit zur Unterhaltung bei. Die neuesten Operetten- schlager sind mit unseren Leuten eingetroffen . . . Die Mansabucht ist in aller Eile telephonisch mit Tanga verbunden, so daß ich laufend von dem Stand der Bergungsarbeiten unterrichtet werden kann. Wenn doch nur bald die Taucher kämen, ist mein ständiger Gedanke. Außer von der Königsberg" ist noch ein Marinetaucher vom Vermessungsschiff Möve" nach hier unterwegs. Der letztere kommt vom Tankanikasee, wo die Besatzung S.M.S. Möve" seit Kriegsbeginn stationiert ist. Er hat also einen noch weiteren Weg. Endlich nach einigen Tagen kommen die lang ersehnten, auf Eilmärschen von Rufidji herbeigeeilten Königsberg"--Taucher in Tanga an. Mit ihrem Gerät werden sie sofort nach der Mansabucht weiter in Marsch gesetzt. Die Tauchergruppe besteht aus einem Maschinisten, der als besonders guter Taucher gilt und außerdem aus zwei Unteroffizieren, ebenfalls ausgebildete Marinetaucher. Jetzt geht die Arbeit gewaltig los. Gleich am ersten Tage wird eine Höchst leistung der Taucher von über sechs Stunden erreicht, die sich im Laufe der nächsten Wochen auf etwa zwölf Stunden steigern sollte. Eine Leistung, die wohl nie vorher unter so schwierigen Verhältnissen in den Tropen erreicht wordeil ist. Die Menge des an einem Arbeitstage geborgenen Kriegsmaterials vergrößert sich von Tag zu Tag. Eine Gewehrkiste nach der andern, LLdie dazu gehörige Munition, Geschütze Maschinen gewehre, Granaten für die Königsberg" sowie Maschinenmaterial wird aus dem schier unerschöpflichen Schiffsbauch durch die unermüdlichen Taucher heraus geholt, an Land befördert, getrocknet und nachdem auf den Köpfen der schwarzen Träger landeinwärts abtransportiert. In fast unübersehbarer Trägerkolonne geht es im Gänsemarsch nach der Eisenbahnstation Amboni. Hier ist ein großes Sammel-und Neinigungs- lager für das geborgene Material eingerichtet. Jeden Abend erhalte ich im Lazarett die Meldung über das Fortschreiten der Arbeit, und ich kann auf diese Weise genau verfolgen, wie eine Tagesleistung die andere übertrifft. Unterdessen erscheinen noch mehr Taucher auf dem Plan. Der Marinetaucher von der Möve", sowie ein in der Kolonie ansässiger Ziviltaucher treten in den Wettbewerb an der Mansabucht ein. Es kann jetzt mit Tag- und Nachtschicht gearbeitet werden, genau nach dem Stand von Ebbe und Flut ist die Arbeitszeit eingeteilt, nur bei Hochwasser wird ausgeruht. Unterdessen ist von der Königsberg" zu meiner Vertretung ein Offizier angekommen, Leutnant zur See d. R. Sprockhofs. Er übernimmt in der Haupt sache die Organisation der Sammelstelle Amboni, um außerdem dort das Sondieren und Reinigen der ge borgenen Ladung zu leiten. Die schwere Bergungs arbeit wird jetzt von glänzendem Erfolge gekrönt. L9Als Rekord werden an einem Tage 29Z Gewehre, Z75OO0 Gewehrpatronen, 1 Geschütz, 4 Maschinen gewehre, 40 Offizierszelte mit voller Ausrüstung, über 1OO Stück 10,5 cm-Granaten, 150 Stück L,8 cm-Granaten, mehrere hundert Kartuschen und einige Bootsladungen Mafchinenmaterial für die Königsberg" gelandet. Störungen durch den Feind treten glücklicherweise nicht ein. Trotzdem englische Blockadeschiffe des öfteren in unmittelbarer Nähe vorüberfahren, fällt es nicht einem ein, seine Nase in die Manfabucht hineinzustecken. Man hat eben fest damit gerechnet, daß unser Schiff mit seiner Ladung gänzlich vernichtet sei. Diese Auf fassung von feindlicher Seite ist für uns geradezu unbezahlbar. Das ganze gerettete Material wird, wie schon vorher erwähnt, auf den Köpfen der schwarzen Träger zunächst nach Amboni transportiert. Alle Gegenstände werden hier zunächst gesichtet, untersucht, um nachher zur Schuhtruppe oder Königsberg" weiter geleitet zu werden. Büchsenmacher und Feuerwerks- personal nehmen sich mit größter Sorgfalt der wert vollen Waffen und Munition an. Geschütze, Maschinen gewehre und Gewehre, die übrigens durch das Liegen im Wasser kaum gelitten haben, werden auseinander genommen, tadellos gereinigt und neu eingeschossen. Die ersten Maschinengewehre waren schon einige Tage nach der Landung auf dem Wege nach Dar-es-Salam, 9091 lim dort in den Küstenbefestigungen Verwendung zu finden. Die große Menge Artilleriemunition für die Königsberg" war in ihrer tadellosen Verpackung vollkommen trocken geblieben. Von den 5 Millionen Gewehrpatronen war eine Anzahl Kisten von der bei der Beschießung hervorgerufenen Erschütterung auf gesprungen und naß geworden. Diese Patronen wurden in einer großen Kopra-Trockenanstalt (ähnlich wie eine Obstdörre) unter einer genau ausgerechneten Tempe ratur getrocknet und wieder gebrauchsfähig gemacht. Die mitgebrachte große Anzahl Gewehre und Kara biner Modell 98 begrüßte die Schuhtruppe besonders freudig, da die noch mit dem alten Gewehr aus gerüsteten Askarikompagnien jetzt auch die im Busch krieg so wichtige rauchlose Waffe erhielten. Die mit dem Gewehr alten Modells ausgerüsteten Askaris hatten den Nachteil ihrer rauchentwickelnden Waffe dem besser bewaffneten Feinde gegenüber schwer empfunden. Hoch erfreut nahmen sie die neu aus der Heimat angekommene Bonducki" zur Hand, zumal diese mit französischen und belgischen Seitengewehren versehen waren, Kriegsbeute von der Westfront! Die für Königsberg" bestimmten Ausrüstungs gegenstände hatten einen langen Transportweg vor sich. Jede Granatbüchse mit drei Stück 10,5 cm- Granaten mußte von zwei Trägern geschleppt werden, indem man die Blechbüchse zwischen zwei Knüppeleinschnürte, auf diese Weise eine Art Tragbahre bildend. Leichtere Sachen konnten auf dem Kopf getragen werden, um so in etwa vierzehntätigem Marsche von Amboni über Pangani Bagamoyo-Dar-es-Salam nach der im Rusidjidelta liegenden Königsberg" ge schleppt zu werden. Alles was mit der Bergung lind dem Abtransport der wertvollen Schiffsladuyg im Zusammenhang stand, war aufs beste organisiert. Durch glänzendesZufammen- arbeiten der unermüdlichen Taucher mit der fleißigen undvorkeinerArbeit zurückschreckenden Schiffsbesatzung, deren beiderseitige Leistung man nicht hoch genug an schlagen kann, konnte erreicht werden, das; die Bergungs arbeiten bereits nach wenigen Wochen ihrem erfolg reichen Ende entgegengingen. Spurlos freilich waren diese harten Wochen an den beteiligten Mannschaften nicht vorüber gegangen. Europäer können eben nicht ungestraft Tag und Nacht unter diesem Klima und bei den ungewohnten Lebensverhältnissen schwer ar beiten. Malariafieber, Dysenterie und Sonnenstich forderten ihre Opfer. Buchstäblich hielt aber jeder Mann aus, bis er umfiel. Tag für Tag wurden immer mehr Leute der Schiffsbesatzung dem Hospital in Tanga eingeliefert, abgearbeitete, rotbraun gebrannte Männer. Es war geradezu rührend, mit welcher Opferfreudigkeit jeder einzelne Mann an seiner not gedrungen verlassenen Arbeitsstätte hing. In einigen 9293 Tagen wollten sie alle wieder zur Mansabucht zurück. Das ging natürlich in den meisten Fällen nicht sc schnell die heimtückischen Tropenkrankheiten lassen ihre Opfer nicht so bald aus den Klauen. Außerdem verordnete der Arzt eine längere Erholung in den gesunden Usambarabergen. Der Kommandeur der Kaiserlichen Schuhtruppe, sowie der Kommandant S.M.S. Königsberg" ließen der gesamten Besahung des ersten Blokadebrechers ihre höchste Anerkennung für die bewiesene Haltung in jeder Lage, sür das treue unverdrossene Zusammenarbeiten unter den schwierigsten Umständen und größten Entbehrungen aussprechen. Alle waren stolz darauf, jeder freute sich mitgewirkt zu haben, die Wehrkraft unseres schönen Ostafrikas zu verstärken, - die Kolonie war wieder für längere Zeil mil Waffen und Munition versorgt. 5 ^ *94 ?. Einiges über die Deutsch-Ostafrikanische Landesverteidigung. Während draußen in der sonst so stillen Mansa- bucht in harter Arbeit die wertvolle Ladung meines Schiffes geborgen wird, habe ich Gelegenheit, durch den Verkehr mit ebenfalls im Lazarett liegenden Leidensgenossen und an der Hand der Erzählungen liebenswürdiger Besucher mir ein klares Bild zu machen von den verschiedenen bis dahin stattgefundenen kriegerischen Ereignissen in Deutsch-Ostasrika. Daß die Kaiserliche Schuhtruppe bei Kriegsbeginn zusammen mit der schwarzen Polizeitruppe eine Stärke von nicht ganz 5OOO Mann hatte, war mir bekannt. Gleichfalls, daß die Kolonie auf keinen Fall für einen Krieg nach außen vorbereitet war. Die Kaiserliche Schutztruppe hatte lediglich den Zweck, Ruhe und Ordnung im Lande zu gewährleisten. Der Schutz truppenkommandeur, der sich bei Kriegsbeginn in Dar- es-Salam aufhielt, hatte aber sofort in der richtigen Erkenntnis, daß die umliegenden Feinde, vor allen Dingen die lieben Engländer, sich nicht an den Kongo- Vertrag halten würden, in großzügigster Weise die Landesverteidigung organisiert. Mit den zur Ver-95 fügung stehenden geringen Mitteln war das Problem äußerst schwierig. Zunächst mußte daran gedacht wer den, die Schuhtruppe in möglichst kurzer Zeit zu ver stärken. Die dienstpflichtigen Reservisten, Landwehr und Landsturmmänner wurden eingezogen, außerdem meldeten sich viele Kriegsfreiwillige. An Offizieren mangelte es glücklicherweise nicht unter den angesessenen Pflanzern un5 plantagenbefihern, sowie unter den Kolonialbeamten gab es eine große Anzahl inaktiver Offiziere, die als Landeskundige und mit den örtlichen Verhältnissen wohl vertraut, entsprechende Verwendung fanden. Es waren sogar nicht wenige Schuhtruppen- osfiziere dabei, die nach ihrem Abschied in der ihnen liebgewordenen Kolonie ansässig geworden waren. Offiziere aller Waffengattungen (einschließlich der Kaiserlichen Marine) traten wieder in Dienst. Jeder waffenfähige Deutsche stellte sich bereitwilligst zur Ver fügung, um im Falle eines feindlichen Angriffes das Seinige beizutragen, die Grenze zu verteidigen. Damit der Betrieb auf den großen Plantagen und Farmen nicht unnötig ins Stocken geriet und vor allen Dingen die schwarzen Arbeiter unter Aufsicht blieben, wurde es so eingerichtet, daß je ein felddienstunfähiger Pflanzer gleichzeitig mehrere Plantagen beaufsichtigen mußte. Nun ging es daran, die schwarze Truppe auszubauen. Als Rekruten stellte man zunächst meistenteils die an militärischen Dienst schon etwas gewohnten Kompagnie-träger ein, welche wiederum durch Sie neu angewor benen Eingeborenen erseht wurden, Jede Kompagnie gebraucht nämlich eine große Anzahl Träger, da in Ostafrika die ganze Bagage, Munition, Proviant usw. nicht wie in der Heimat auf Packwagen, sondern auf den Köpfen der Träger mitgeführt wird. Jeder Offizier, wie überhaupt jeder Europäer hat seinen Diener und Koch beständig bei sich. Außerden führen die Schwarzen oft ihre Frauen und Kinder mit. Auf diese Weise hat die Kompagnie einen ziemlich großen Troß. Es konnten natürlich nur soviel Rekruten ein gestellt werden wie Gewehre zur Verfügung standen. Trotzdem es zustatten kam, das; die Schuhtruppe sich gerade im Begriff der Neubewasfnung befand, das heißt, daß außer den neu eingeführten Gewehren (Modell 98) auch noch die alten Gewehre zur Stelle waren, konnte der Bedarf an Handwaffen nur schwer gedeckt werden. Alle im Privatbesitz befindlichen brauch baren Gewehre und Karabiner wurden daher über nommen. Viele eingezogene Reservisten und Kriegs freiwillige brachten ihre Waffen mit. In verhältnis mäßig sehr kurzer Zeit konnten auf diese Weise eine ganze Reihe neuer Kompagnien aufgestellt werden. Eine ziemliche Anzahl alter, früherer Askariunteroffiziere meldeten sich wieder freiwillig zum Dienst, einige hatten schon unter Wißmann gekämpft. Sie fanden gute Verwendung in der Ausbildung der Neuformationen. 96Da inzwischen die Engländer als erste feindliche Handlung den Funkenturm von Dar-es-Salam zu zerstören suchten und beständig mit weiteren Be schießungen der offenen Küstenstädte gerechnet werden mußte, welche Vermutung sich ja auch in der Folge zeit durchaus bestätigte, begann man augenblicklich alles gute, brauchbare Material und alle proviant bestände, wichtige Maschinen usw. landeinwärts ab zutransportieren. Eine Feldintendantur wurde ein gerichtet unter Hauptmann a. D. Feilke. An allen wichtigen Stellen, hauptsächlich an den beiden Eisen bahnlinien, errichtete man Depots, Bekleidungs- und Materialwerkstätten. Die Europäer in der Kolonie hatten sich bis dahin zum größten Teil von eingeführten Lebensmitteln ernährt, hauptsächlich von Konserve ,. Für die Schwarzen waren im Frieden große Mengen Reis importiert. Da dieses nun aufhörte, wußte zunächst noch keiner, wie die Ernährungsfrage des von der Außenwelt abgeschnittenen Ostafrikas gelöst werden sollte, es mußte recht bald an allem Mög lichen Mangel eintreten. Die Eingeborenen bauen im Frieden im allgemeinen nur soviel Nahrungsmittel an, wie sie für ihren Lebensunterhalt benötigen. Es wächst ihnen ja fast alles in den Mund, und wenn sie nur heute was zu essen haben, denken sie nicht viel an morgen. Durch eine Mißernte, die in Friedens zeiten durch Einsuhr ausgeglichen wird, konnte im Christiansen- .Durch I 7. 97Kriege eine große Hungersnot eintreten. Um diese zu verhindern, wurden in den fruchtbaren Teilen der Kolonie die Eingeborenen jetzt energisch angehalten, soviel Feldfrüchte, wie nur irgend möglich, anzubauen. Der von der Feldintendantur aufgekaufte und be schlagnahmte Europäerproviant, sowie die keine geringe Rolle spielenden Weine und Spirituosen unterzog man der genauesten Einteilung und dein sparsamsten Verbrauch. Ein prachtvoller Zuschuß in Form von großen Mengen erstklassiger Konserven und Getränken aller Art erreichte die Kolonie eben vor Kriegsbeginn mit den letzten Dämpsern der Deutsch-Ostafrikalinie. Außer diesen wichtigen proviantmengen kam auch eine ganze Anzahl Passagiere aus der Heimat zum Besuch der im August 1914 geplanten Kolonial-Ausstellung in Dar-es-Salam. Unter der wertvollen Ladung dieser Schiffe ^ es war der große neue Dampfer Tabora" dabei befanden sich auch verschiedene Last- und Personenautomobile, ja sogar ein Flugzeug. Um die Kraftwagen im Kriegsdienst nutzbringend zu verwenden, wurde ein Automobil-Korps der Kaiser lichen Schuhtruppe" gebildet. An der Spitze dieser Kriegsschöpfung, die im weiteren Verlaufe der Ereig nisse unschäzbare Dienste geleistet hat, stand Lessel, bis dahin Pflanzungsbesitzer auf der Insel Mafia vor dem Rufidjidelta. Die Besatzungen der ver schiedenen Handelsschiffe traten selbstverständlich auch 9ö99 . u den Dienst der Schuhtruppe, oweit ie nicht der Marine angehörten und später von S.M.S. Königs berg" eingezogen wurden. Von einer Verteidigung der offenen Stadt Dar-es-Salam sollte abgesehen werden. Die dort garnisonierenden Teile der Schutz- truppe wurden aus der Stadt selbst zurückgezogen, die Verwaltung ebenfalls ins Innere verlegt. Zur I Verhinderung des Einlaufens feindlicher Kriegsschiffe n den Hafen von Dar-es-Salam wurde das Schwimm dock in der Hafeneinfahrt versenkt. Gleichfalls wurde n Innern des Hafens das dort liegende M.irike- ^ermessungsschiff Möve" in die Tiefe geschickt, ein kleines Fahrzeug ohne den geringsten Gcfechtswert. Im Hafen blieben die Dampfer der Deutsch-Ostasrika- ü nie Tabora", Feldmarschall" und König", wäh rend die kleinen Regkerungsdampfer auf Eisenbahn wagen verladen und zum Tanganikafee transportiert wurden. Hier wurden sie zusammen mit einigen Motorbooten von der Besatzung S.M.S. Möve" in Dienst gestellt und bildeten fortan die sich in vielen Gefechten bewährte Tanganikaslottille" unter dein Kommando des Korvettenkapitäns Zimmer, dem früheren Kommandanten der Möve". Unter be ständiger Erwartung irgendwelcher feindlicher Unter nehmungen, die auch nicht lange auf sich warten ließen, wurde nichts unterlassen, die Kolonie in besten Ver teidigungszustand zu bringen.Es ist nicht zu verwundern, das; mancher Reisende in der Kolonie vom Kriege überrascht wurde. Auf diese Weise haben z B. mehrere Rcichtagsabgeordnetc Gelegenheit, die Kriegscreignisse in Ostafrika mit zuerleben. Wie sich sogar nach einigen Tagen ein deutscher General als von der Heimat abgeschnitten zur Verfügung stellt, ist man aus alle Überraschungen ^ in dieser Beziehung gefaßt. Herr Generalmajor z. D Wahle wird zunächst militärischer Befehlshaber von Dar-es-Salam, um später den Befehl an der Nord westfront zu übernehmen. Das mit dem letzten Dampfer aus Deutschland angekommene, für die Ausstellung bestimmte Flugzeug steht unterdessen unausgepackt in einemLadungsschuppen. Wozu es auspacken? Es ist kein Flieger da, der wurde erst mit dem nächsten Dampfer erwartet. Da meldet sich eines Tages ein zufällig zum Besuch in der Kolonie anwesender junger Offizier als ausgebildeter Feldpilot! Eigentlich wollte er in Ostafrika Elefanten und Löwen schießen, aber jetzt ist Krieg, und er dankt einem günstigen Schicksal, das ihm auch fern von der Heimat Gelegenheit gibt, seine Flugkenntnisse in den Dienst des Vaterlandes verwerten zu können. Bald ist die Maschine ausgepackt, zusammengesetzt und die Probeflüge nehmen ihren Anfang. Mit großem Erstaunen sehen die Schwarzen den riesigen, fremden Menschenvogel über Dar-es-Salam und Umgebung 100101 n der Lust kreisen. Flugzeug und Führer sind ein gefahren, der Apparat kann Frontverwendung finden. Da, welch ein Mißgeschick: bei der Landung beim letzten Probeflug schleudert eine unglückliche Seitenbö die Maschine gegen einen hohen Palmbaum. Es gibt Bruch, der hoffnungsvolle Flieger stürzt heraus und tödlich verletzt, -- der Apparat ein Trümmerhaufen ... Bald belästigen die Engländer von der See aus auf alle erdenkliche Art und Weise die Küstenstädte. Äeistens kommen sie unter dem Schutz der weißen Flagge dabei beständig nach Minen suchend an Land, um nachher die unverschämtesten Forderungen ZU stellen. Sic verlangen zum Beispiel ehrenwörtliche Unterschriften von Offizieren, daß diese am Kriege Nicht teilnehmen wollen. Weiter möchten sie ungehindert Telegraphen- und F.T.-Stationen zerstören usw. Nach einem selbstverständlich abschlägigen Bescheid lassen die Engländer ihre Wut dadurch erkennen, daß sie die unbeschützten Ortschaften einer Beschießung aus setzen. Fast alle Küstenstädte werden in der Folge auf diese Art bombardiert. Da an verschiedenen Stellen die Küste militärisch unbeschützt war, konnten n einigen Fällen die Engländer sich ungestraft Über griffe erlauben. Verschiedentlich wurden sie aber ganz gehörig in ihre Schranken zurückgewiesen. Einige kleine Beispiele: Eines Tages erscheint vor der offenen Stadt Bagamopo ein englischer Kreuzer,102 ich glaube es war Pegasus". Unter weißer Flagge kommt ein bewaffnetes Boot au Land mit der Absicht, die Telegraphenstation zu zerstören. Eine Baga- moyo liegende Askarikompagnie hatte bei der Annähe rung des feindlichen Schiffes die Stadt geräumt, um keinen Grund zu einer Beschießung zu geben. Der Kompagnieführer, Hauptmann v. Schappuis, trat dem englischen Seeoffizier am Strande entgegen und verlangte eine Erklärung der Landung. Außerdem machte er ihn auf die unberechtigte Verwendung der weiszen Flagge aufmerksam. Der Engländer erklärt, er wolle nur" die Telegraphenstation unbrauchbar machen. Er kann es nicht begreifen, das; man es wagt, ihn daran zu verhindern. In nicht mißzuver- stehender Weise wird ihm aber klar gemacht, das; sofort Feuer eröffnet würde, wenn er sich nicht augen blicklich in sein Boot zurückbegebe. Wutentbrannt, unter Drohungen und Verwünschungen fahren sie davon. Noch bevor das Boot immer noch unter weißer Flagge an Bord zurückgekehrt ist, eröffnet der Kreuzer das Feuer und bombardiert für einige Zeit das offene Bagamoyo, allerdings ohne viel Schaden anzurichten. Die Furcht vor Belästigungen und Beschießungen durch feindliche Kreuzer hatte aber ganz erheblich abgenommen. Durch das energische Austreten des Hauptmanns v. Schappuis war der Bann gebrochen. Die Eingeborenen hatten eingesehen das; nicht jede Granate trifft, in Zukunft lachten sie darüber. Der Kreuzer Pegasus" wurde übrigens einige Zeit später für sein verschiedentlich vorwitziges Penehmen von unserer Königsberg" bestraft. Auf der Innenreede von Sansibar vor Anker liegend, wurde er bei Tagesgrauen von der schnellen Königsberg" überrascht, der es gelungen war, während der dunklen Nacht trotz der gefährlichen Korallenriffe die Schwierig keiten bei der Annäherung zu überwinden. Nach schneidigem Angriff und kurzem Gefecht wird Pegasus" vernichtet, -- der beschießt keine deutschen Küftenstädte mehr! Vor der Hafeneinfahrt von Lindi erscheint eines Tages sogar ein älteres englisches Linienschiff, der tüchtige Goliath". Nach bewährtem Muster schickt auch er unter weißer Flagge ein Boot an Land, um einen deutschen Regierungsvertreter zwecks Ver handlung an Bord zu holen. Dieser Aufforderung wird Folge geleistet. Der Kommandant des Goliath" stellt jetzt das harmlose Ansinnen, sofort eine Anzahl Offiziere, eine noch größere Anzahl weißer Soldaten nebst mehreren hundert Askaris bedingungslos aus zuliefern, widrigenfalls er die sogenannte Festung" Lindi mit ZO,5 cm-Granaten beschießen würde. Ganz energisch lehnt der deutsche Vertreter diese eigenartige Zu mutung, ebenso wie ein ihm angebotenes Glas Whisky soda ab. Er fährt an Land zurück. Die Engländer 104benutzen auch hierbei wieder die Gelegenheit, unter weißer Flagge den Hafen von Lindi auf Minen- und Tiefenverhältnisse zu untersuchen. Das inzwischen voll ständig geräumte Lindi wird jetzt heftig bombardiert, wobei aber nur das alte Regierungsgebäude in Trümmer gelegt wird. Befriedigt zieht darauf das tapfere, stolze englische Linienschiff davon. Auf dem Meeresgrunde vor den Dardanellen ruht der Goliath" von seinen Heldentaten aus. Ein deutscher Torpedo sehte seiner Laufbahn ein Ende, auch er wird keine deutschen Küstenstädte mehr beschießen. In der Zwischenzeit wird mit allen verfügbaren Mitteln an dem Ausbau der Kaiserlichen Schutztruppe gearbeitet. Ebenfalls suchte man Ersatz zu schaffen für die in Friedenszeit aus der Heimat bezogenen Gebrauchs gegenstände und Nahrungsmittel. Die koloniale Ver suchsstation Amani in Usambara leistete im Erfinden Und der praktischen Anwendung aller erdenklichen Kolonialerzeugnisse einfach Erstaunliches. Alle mög lichen Rezepte zur Anfertigung von Seife, Bier, Chinin, Gerbstoffe, Konserven, ja sogar Whisky wurden hier zusammengestellt und der Bevölkerung zur Ver wendung übergeben. Um größere Truppenverschiebungen möglichst schnell vornehmen zu können und den Proviant- und Material transport zwischen den beiden quer landeinwärts tau enden Eisenbahnlinien in kürzester Zeit zu ermöglichen, l05legte man mit großem Aroeiteraufgebot verschiedene Etappen- und Autostraßen an. Die an diesen Heer straßen liegenden Etappen- und Unterkunftsstationen waren telephonisch verbunden und so eingerichtet, daß die größten Trägerkolonnen oder Truppenabteilungen ohne Zeitverlust verpflegt, sowie Unterkunft für die Nacht finden konnten. Es wurde das Erdenklichste getan, um bei einem feindlichen Einbruch an irgend einer Stelle der ungeheuren Grenzstrecken möglichst schnell in genügender Stärke dem Feinde entgegen treten zu können. Da außer den englischen Angriffen an der Küste unterdessen auch die Belgier am Tanganikasee, sowie die Engländer von Rodesien aus sich als Angreifer gezeigt hatten, beschloß der Schuhtruppenkommandeur nun seinerseits auch offensiv vorzugehen. Den Engländern brachte man ihren Bruch der Kongo-Akte dadurch zum Bewußtsein, daß bereits Ende August eine Schuhtruppenabteilung unter Haupt mann v. Prince aus dem Gebiet des Kilimandscharo nach Norden vorstieß und nach kurzem Gefecht den sehr wichtigen Karawanenknotenpunkt Taveta besetzte. Den Belgiern wurde auf ihren verräterischen Über fall am Tanganikasee, wo sie eine kleine deutsche, vom Kriegsausbruch noch nichts ahnende Station überrumpelten, ebenfalls geantwortet. Einige Askari- kompagnien, zusammen mit verschiedenen Fahrzeugen 10610? der Tanganikaflottille machten einen Einfall in das belgische Gebiet. Bei diesem erfolgreichen Vorstoß konnten große Mengen sehr brauchbaren Telephon- geräts erbeutet werden. Es wurden sogar strecken weise die belgischen Telephonleitungen abgetakelt. Das erbeutete Fernsprechgerät wurde zusammen mit be schlagnahmten privatleitungen in nützlichster Weise verwendet. Nach und nach erhielten die vielen im Kriege neu erstandenen Militärstationen, Depots usw. telephonischen Anschluß. Die Verbindungen für die im Kriege errichteten, äußerst wichtigen Küstenschutz stationen erforderten allein schon viele neue Leitungen. Nachdem es der Kaiserlichen Schutztruppe nach einer größeren Anzahl erfolgreicher kleinerer Gefechte nun auch noch gelungen war, den weit überlegenen Engländern anfangs November bei Tanga eine blutige und verlustreiche Niederlage beizubringen, dabei eine für Monate reichende Kriegsbeute zu machen, war das Vertrauen der Kolonialdeutschen, sowie auch der schwarzen Bevölkerung zu ihrer Landesverteidigung ein geradezu unbegrenztes geworden. Es war be rechtigte Aussicht vorhanden, daß bei richtiger An ordnung und Verteilung der Bodenerzeugnisse die Ernährungsfrage durchaus gesichert war. Durch die Ankunft unseres Hilfsschiffes aus der Heimat war man für längere Zeit der Sorge enthoben, daß ein Mangel an dem wichtigen Kriegsmaterial eintretenkönnte. Dazu hatte die Erklärung des heiligen Krieges nicht verfehlt, eine gewisse Wirkung unter der heimischen Bevölkerung Ostafrikas hervorzurufen. Als besondere Auszeichnung wurde einigen Askarikompagnien die grüne Flagge des Propheten verliehen. Um den in der Kolonie ansässigen Arabern Gelegenheit zu geben, ihre Treue zur deutschen Schuhherrschast zu beweisen, bildete man unter Fuhrung eines alten, einflußreichen Küstenarabers ein freiwilliges Araberkorps. Diese später auf eine Stärke von etwa lOOO Mann ge brachte Hilfstruppe mußte selbst für ihre Bewaffnung sorgen. Die wildesten Bilder aus den alten Türken- und Araberkriegen werden kaum imstande sein, die Typen wiederzugeben, die bei diesem freiwilligen Araberkorps in Erscheinung traten. Uralte Stein- schloßflinten, ebensolche dickläufige Pistolen mit Trichter mündungen, vermischt mit alten Jagdgewehren, Ele- fantenbüchfen usw. waren wieder hervorgeholt, um trotz des greisen Alters bei passender Gelegenheit in diesem modernen Kriege Verwendung zu finden. Nachdem die Engländer sich von ihrer schweren Niederlage bei Tanga und dem gleichzeitigen Miß erfolge am Longidoberge (westlich vom Kilimandscharo) erholt hatten, begann das Jahr 1915 mit einem großen Erfolge der Schutztruppe. Mitte Januar versuchten die Engländer von Norden her gegen Tanga vor zurücken. Der Ort Iassini wurde von ihnen besetzt WL109 und zur Verteidigung eingerichtet. Ahnlich wie im November 1914 gelang es dem Schuhtruppenkom- mandeur in rechtzeitiger Erkenntnis der Lage, inner halb einiger Tage dem Feinde in genügender Stärke entgegenzutreten und im Weitermarsch aufzuhalten. Der gleichzeitig im Lazarett liegende Leutnant der Reserve Schulz (postsekretär aus Dar-es-Salam), der bei Iassini durch einen Lungenschuß schwer ver wundet war, erzählt mir einige Einzelheiten von den schweren Gefechten am 18. und 19. Januar, die mit einer gänzlichen Niederlage der Engländer endeten. Die feindlichen Streitkräfte, in der Hauptsache wieder aus Indern bestehend, hatten sich in unbekannter Stärke in und um Iassini festgesetzt. Die Hauptstellungen des Gegners bestanden aus einer Anzahl stark be festigter Blockhäuser, die in dem buschigen Gelände äußerst schwierig festzustellen waren. Beim deutschen Angriff wird das Vorrücken der Askarikompagnien mehrmals durch schweres Flanken- feuer aus den versteckten Blockhäusern zum Stehen gebracht. Hin und her wogt der Kampf. Der Gegner wehrt sich verzweifelt. Wie bei jeder Gelegenheit ist Oberstleutnant v. Lettow-Vorbeck mit seinem Stabe auch hier in der vordersten Feuerlinie. Major Keppler, sein erster Stabsoffizier, findet an seiner Seite den Heldentod. Der Kommandeur selbst erhält einen Sckuß durch den Arm, einen zweiten durch denTropenhelm, Mit frischen Kräften machen die Eng länder einen Gegenstoß. Das freiwillige Araberkorps, das hier die Feuertaufe erhalten sollte, hält dem Ansturm nicht stand und geht zurück. Einige Askari- kompagnien haben aber unterdessen in schneidigem Angriff unter nicht unerheblichen eigenen Verlusten die Lage der feuerspeienden Blockhäuser entdeckt. Trotz der größten Hindernisse wird jetzt durch den dichten Busch die fahrbare Revolverkanonen-Batterie in Feuer stellung gebracht, und bald überschüttet ein Hagel der kleinen, aber wirksamen Z,7 cm-Granaten aus den deutschen Kugelspritzen die dichtbesetzten Blockhäuser. Das brachte die Entscheidung. In einigen Block häusern geht die weiße Flagge hoch, andere werden im Sturm genommen. Auf der ganzen Linie geht es unwiderstehlich vorwärts. Der Feind räumt das Feld und zieht sich in der Richtung auf Mombassa, seiner Operationsbasis, zurück. Die Verluste der Engländer waren ganz erheblich, etwa 17 Offiziere gefallen, eine Anzahl gefangen. In den Blockhäusern werden mehrere Jnderkompagnien mit voller Ausrüstung gefangen genommen. Unter der beträchtlichen Beute befanden sich allein 5OL L 0 Gewehrpatronen. Auf deutscher Seite waren die Verluste auch nicht unerheblich. Es sielen mehr.ere Offiziere, 5ine ganze Anzabl war verwundet. Dafür hatte man aber die U0III Engländer, die es diesmal auf dein Landwege ver sucht hatten, sich den Eingang in das fruchtbare ^sainbara zu erzwingen, wiederum vollständig unter großen Verlusten zurückgeschlagen, Unsere schwarzen Soldaten zeigten auch wieder bei Cassini außer großer Tapferkeit die treueste Gesinnung, die man von einem Eingeborenen erwarten kann. Ein Uralter, noch aus Wißmanns Zeiten stammender Askarisergeant, der vor dem Kriege schon längst pen sioniert war, sich bei Kriegsausbruch wieder freiwillig Zur Verfügung gestellt hatte, lieferte einen besonders erwähnenswerten Beweis. Er antwortete seinem Kompagniesührer, der im dichten Kugelregen ihm die Anweisung gab, sich etwas besser in Deckung zu halten, mit folgenden Worten: Der kionns mkuko in Ulaia (Großer Herr in Deutschland, in diesem Falle der Kaiser) hat mir viele Jahre Gold gegeben, ohne daß ich dafür arbeiten brauchte, und wenn ich jetzt für ihn kämpfe und sterbe, so sind wir wieder quitt." Der alte treue Kämpfer war beim Sturmangriff allen voran und freute sich kindlich über seinen Armschuß. Der letzte Mißerfolg der Engländer schien ihnen die Lust zu weiteren großen Unternehmungen im Ge biet der Nordgrenze zunächst genommen zu haben. Es blieb längere Zeit still.L. Bei Lettow-Vorbeck im Schutztruppen- Hauptquartier am Kilimandscharo. Nachdem ich von meiner Verwundung ziemlich genesen und körperlich genügend wieder hergestellt war, sollte ich auf Anordnung des Arztes einige Wochen zur vollständigen Erholung im gesunden Klima von Usambara zubringen. Zu diesem Zwecke beab sichtigte ich einer liebenswürdigen Einladung des alten Afrikaners Jllich nach seiner Musterfarm Kwei bei Wilhelmstal Folge zu leisten, um mich später mit meiner gesamten Besatzung zur Königsberg" zu be geben. Zur Ausführung dieses Planes sollte es aber nicht kommen, da ich inzwischen eine Aufforderung des Schutztruppenkommandeurs erhielt, ihn so baid wie irgend möglich in seinem Hauptquartier Neu- Moschi (Endstation der Usambarabahn am Kiliman dscharo) aufzusuchen. Daß mich die Aussicht, den heldenmütigen Ver teidiger Deutsch-Ostafrikas persönlich kennen zu lernen, noch mehr reizte, als ein Aufenthalt im paradiesischen Usambara, kann man sich wohl vorstellen. Ohne Wissen des besorgten Arztes, der mich auf dem Wege nach Kwei wäbnte, begab ich mich daher unverzüglich N2auf die Reise zum Kilimandscharo. Nie werde ich diese Fahrt vergessen,- es ist eine der denkwürdigsten und interessantesten in meinem abwechslungsreichen Seemannsleben, trotzdem es mir vergönnt war, fast alle Tropengegenden der Welt zu sehen. Mit dem vom Schuhtruppenkommando zur Ver fügung gestellten Bahnschutzzug verließ ich eines Mor gens Tanga, um nach einer wundervollen, ungemein eindrucksreichen Fahrt gegen Abend die Station Mombo zu erreichen. Der Zugkommandant, Leutnant der Reserve Günther, scheute keine Mühe, seinem Fahrgast alle Naturschönheiten, wie überhaupt alles Wissenswerte der mir neuen, in vollster Tropenpracht prangenden Gegend eingehend zu erklären. Neben diesen eigenartigen Eindrücken war es nicht uninter essant, die eigentliche Tätigkeit des Bahnschutzzuges zu beobachten. Die Besatzung des aus einer Loko motive und einem Wagen bestehenden Zuges bestand außer dem Offizier und dem weißen Lokomotivführer nur aus wenigen Askaris unt. r einem schwarzen Unteroffizier. Bei allen wichtigen Bahnübergängen, Brücken, Unterführungen usw. wurde gehalten, um die Bahnlinie auf Zerstörungsanlage oder Beschädi gung zu untersuchen. Da die Truppenverschiebungen aus der Kilimandscharozone zur Küste nur auf dieser Bahnverbindung beruhen, muß diese unter allen Um ständen gut bewacht werden. Genau wie in der Christiansen- .Dur-HI .Heimat sind alle Bahnhöfe militärisch besetzt. Die verschiedenartigsten Typen in Uniform kann man hier antreffen. Als Bahnhofskommandanten an der Usam- barabahn habe ich einen früheren Marine-Deckoffizier, einen adeligen Kavallerieoffizier, sowie einen See maschinisten der Ostafrikalinie und einen Laienbruder, der als Landsturingefreiter eingezogen war, kennen gelernt. Es ist eben alles bis ins kleinste organisiert, und jeder Mann ist herangezogen im Interesse der Landesverteidigung. Wurde auf den verschiedenen Bahnstationen meine Ankunft rechtzeitig genug bekannt, strömten die Lands leute zusammen, um sich von mir alle mögliche Aus kunft über die heimatlichen Kriegsereignisse zu holen. Jeder hatte eine andere Frage. Nebenbei wurde ge waltig politisiert. Es war mir eine ganz besondere Freude, daß ich nach der Abfahrt von jeder Station immer wieder den Eindruck bestätigt fand, daß die lieben Afrikaner die Entsendung des ersten Hilfs schiffes aus Deutschland als einen Gruß und als eine Aufforderung von der Heimat empfanden, in schwerer Zeit treu auszuhalten. Das durch die ab geschnittenen Verbindungen hervorgerufene Fehlen von direkten Nachrichten, verstärkt durch die lügenhaften feindlichen Berichte, hatte doch bei manchem wackeren Deutschen das Gefühl aufkommen lassen, vom Vater- lande verlassen zu sein. Diese drückende Sorge war U4ihnen jetzt genominen und mit felsenfester Zuversicht bauten sie außer auf ihre eigene, glänzend bewährte Landesverteidigung auch auf weitere Unterstützung aus der fernen Heimat, Den kurzen Aufenthalt in Korogwe benutze ich dazu, dem dortigen Feldlazarett einen kurzen Besuch abzustatten. Wie überall herrscht auch hier muster gültige Ordnung. Die Unterbringung der Verwun deten und Kranken ist vorzüglich. Nachdem ich eine eindrucksvolle plauderstunde bei dem leitenden Arzt, Stabsarzt Ol (Name entfallen), in der Ge sellschaft des verwundeten Stabsarztes L)s. Vorwerk und der freiwilligen Krankenschwester Frau v. Deb schwitz verlebt habe, erreichen wir nach einigen Stunden weiterer Bahnfahrt das liebliche, am Rande des Ur waldes gelegene Mombo. Da der Bahnschuhzug auf dieser Station die Nacht liegen bleibt, habe ich ge nügend Zeit, einer Einladung des Oberleutnants d. R. der Matrosenartillerie Hengstenberg, sowie seines Duartierwirtes, des alten Matthiessen, Folge zu leisten. Es wurde ein festlicher Abend in fröhlicher Runde. luf der großen offenen Veranda von Matthiessens Gasthaus versammelte sich alles aus Mombo und Umgebung, um außer der berühmte ? mecklenburgischen -^üche dieses bekannten Hauses auch den letzten aus gegrabenen Flaschen gehörig zuzusprechen. Unter den interessanten, drastischen Erzählungen des alten Afri- U5kaners und meinen Schilderungen aus der Heimat Wurde es spät, bevor der mecklenburger platt sprechende Boy uns den Weg zum kleinen Bahnhof voran- leuchtete. Das war ein echt heimatlicher Abend! Bevor am nächsten Morgen die Weiterfahrt statt fand, hatte ich noch Gelegenheit, das von Oberleutnant Hengftenberg geleitete Minendepot zu besichtigen. Aus eisernen Bierfässern wurden hier Minen angefertigt, die vor den verschiedenen Häsen und Buchteinsahrten Verwendung finden sollten. Als Sprengladung wurde Dynamit und die neu angekommenen Sprengmittel verwendet. Die ehemaligen Bierfässer wurden mit Bleikappen, Glasröhren und chemischer Zündung ver sehen, so daß man sich bei richtiger Anwendung wohl einen guten Erfolg versprechen konnte. Jedenfalls hoffte man, das; diese neu angefertigten Minen eine wirksamere Sperre abgeben würden, wie eine ganz im Anfang des Krieges in aller Eile mit primitivsten Mitteln von einein Apotheker konstruierte Minensperre. Nber diese war ich selbst mit meinem Schiff einmal und der englische Kreuzer Hyazinth" zweimal ohne Schadeil hinweggefahren. Bei der Minenwerkstätte wurde außerdem ein großes Motorboot als Minen leger umgebaut. Die ganze Arbeitsstätte und Organi sation machte den Eindruck, daß auch hier, wie überall mit allen Mitteln gearbeitet wurde, den größten An forderungen der Landesverteidigung gerecht zu werden- 116Nach herzlichem Abschied v?n diesen prachtigen Menschen rollte ich mit unserm Zug weiter landein wärts, in langsamer Steigung dem Kilimandscharo- gebiet entgegen. Nachdem ich im weiteren Verlause des Tages aus einer kleinen Stativ bei der Bahnhofs wache ein echt afrikanisches Mittagessen eingenommen hatte, auf einer anderen Gelegenheit habe, das fabel haft sichere Bogenschießen einer Eingeborenenhilsstruppe, die zum Bahnschuh mitherangezogen ist, zu bewundern, erreichen wir am Spätnachmittag den Bahnhof von ^eu-Moschi am Fuße des Kilimandscharo, Hier herrscht reges militärisches Treiben. Eine von nner Felddienstübung heimkehrende Askarikompagnie ieht gerade mit klingendem Spiel vorüber,- ein herr licher Anblick, Zur Begrüßung sind Oberleutnant Miller (Adjutant des Kommandeurs) und Or, Lesse! (Chef des Automobilkorps) aus dem Bahnhos er schienen, Ich werde im Hause eines Rechtsanwalts untergebracht und begebe mich nachdem in Begleitung der beiden genannten Herren zum Bahnhofsgebäude Zurück, wo der Stab der Schutztruppe seine Dienst- räume und der Kommandeur seinen Wohnsitz ha . Auf diesem Wege habe ich schon Gelegenheit, den ersten Eindruck zu verstärken, das; ich mich wir kl ick rn Hauptquartier der Kaiserlichen Schutztruppe be- -inde. Auf Mauleseln und kleinen Ponys berittene Offiziere eilen vorüber, staubbedeckte Ordonnanzen N?kommen und gehen. Eine lange Trägerkolonne mit Mafchincngcwehrmunition, eine andere mit den ver schiedensten Proviantlaften streben dem Bahnhof zu. Jetzt kommt ein mit schweren Eisenträgern beladenes Lastauto angerattert. Gegen das friedliche Tanga scheint hier im Kernpunkt der Kilimandscharozone ein äußerst reges militärisches Leben zu pulsieren. Der Kommandeur macht seinen täglichen, mehr stündigen Spaziergang und will mich beim Abend essen in der Stabsmesse begrüßen. Ich werde zunächst zum Hauptmann Tafel geführt, der trotz seiner schweren Beinverwundung, die er im November am Longido erhalten hat, im Stabe Dienst tut. Das ganze Bahn hofsgebäude atmet Arbeit, überall tippen Schreib maschinen. In einem kleinen Zimmerchen finde ich den Hauptmann im Bette liegend, einen Wulst Pa piere um sich herum. Nach herzlichster Begrüßung beginnt hier wieder ein großes Fragen und Erzählen, will er doch möglichst jetzt schon etwas von der Heimat erfahren, da er durch feine schwere Verwundung ver hindert ist, an der gemeinsamen Mahlzeit teilzunehmen. Ich folge mit größtem Interesse seiner Schilderung der schweren Kämpfe am Longido, wo gleichzeitig mit dem Landungsverfuch bei Tanga die Engländer einen Einbruch von Norden versuchten und unter schweren Verlusten zurückgeschlagen wurden. Es ist wäbrenddessen fast dunkel geworden. Leist öffnet sich die Tür, und mit einem Guten Abend, meine Herren, lassen Sie sich bitte nicht stören," be tritt ein hochgewachsener hagerer Mann die Stube. Dann zu mir gewendet: Ihre Ankunft wurde mir draußen gemeldet, ich möchte Sie nur schnell begrüßen, ich sehe Sie heute abend beim Essen, seien Sie bitte für die Zeit Ihrer Anwesenheit mein Gast." Ein kräftiger Händedruck. Bevor ich dazu kam, in dem fast dunklen Zimmer das Gesicht zu erkennen, war er mit einem Guten Abend, meine Herren!" schon wieder hinaus. Es war der Schutztruppenkommandeur, Oberst leutnant v. Lettow-Vorbeck, der Sieger von Tanga, Iassini und zahlreicher anderer Gefechte. Also das war der berühmte Verteidiger von Deutsch-Ostafrika? Dieser hagere Mann in der alten, abgetragenen Kaki- jacke ohne jegliches Abzeichen, der mit der von ihm in unglaublich kurzer Zeit verstärkten Schutztruppe die Kolonie bisher vom Feinde freigehalten?! Im Begriff, mich vom Hauptmann Tafel zu verab schieden, läuft die Nachricht ein, das; Leutnant zur See a. D. v. Büchsel, der seit Kriegsbeginn der Schutztruppe angehört, von einer erfolgreichen Fern- patrouille an die Ugandabahn in Britisch-Ostasrika zurückgekehrt ist. Nachdem sie die aus mehreren Indern bestehenden Wachposten an einem Eisenbahnübergang gefangen genommen, hat die deutsche Patrouille das 1!9Viadukt mit Dynamitpatronen gesprengt und außer dem eine ganze Strecke den Schienenstrang durch Sprengung vernichtet. Eine schneidige Unternehmung! Die erste Fernpatrouille, der eine Störung der wich tigen Ugandabahn erfolgreich gelang. Die zum Stabe gehörenden Offiziere, sowie einige Gäste versammeln sich gegen 7 Uhr auf dem offenen Bahnsteig, dem Speisesaal des Schutztruppcnkom- mandos. Nachdem ich eben die versammelten Herren kennen gelernt habe, erscheint Punkt ? Uhr der Kom mandeur. Mit einem sesten Handdruck und scharfem Blick aus seinen Stahlaugen dankt er für meine Ankunftsmeldung, mich gleichzeitig ersuchend, an seiner Seite Platz zu nehmen. Wir gehen zu Tisch, und die im frischen Abendwind flatternden Windlichter beleuchten eine ganz eigenartige Tischrunde die Stabs- messe des Hauptquartiers der Kaiserlichen Schutztruppe. Verschiedene Herren haben, um sich gegen die nicht unerhebliche Abendkühle zu schützen, einen Mantel an gezogen. Oberstleutnant v. Lettow-Vorbeck trägt eincn alten Seebatallionsmantel bis oben zugeknöpft. Ohne große Umstände wird serviert und ziemlich schnell gegessen. Gewandte schwarze Ordonnanzen eilen hin und her. Mein lieber Oberleutnant," fängt jetzt der Kom mandeur an, gleichzeitig fein Glas erhebend, nun essen und trinken Sic mal ganz tüchtig, denn wir 120121 alle haben die Absicht, Sie nachher ganz gehörig, wie eine Zitrone auszuquetschen. Sic müssen uns un heimlich viel erzählen." Der Aufforderung des Kommandeurs folgend, leert darauf die ganze Tischgesellschaft ihr Glas auf das Wohl der Kameraden in der fernen Heimat. Fragen und Erzählen nehmen kein Ende. Liebfrauenmilch und deutscher Schaumwein lassen bald eine gehobene Stimmung aufkommen. Ich muß natürlich erzählen, erzählen, erzählen, und danke meinem Schöpfer, daß ich in meiner fiebenmonatlichen Kriegstätigkeit in Deutschland bei den verschiedenen Kommandos zu Wasser und zu Lande gute Gelegenheit hatte, mich eingehend über die allgemeine Lage und die wichtigsten Ereignisse zu informieren und außerdem in der ganzen 2eit die Zeitungen fleißig gelesen hatte. Es wäre mir sonst mit dem besten Willen nicht möglich ge wesen, den Anforderungen zu genügen, und so viel seitige Auskunst zu geben. Der Kommandeur hat außer seinen mannigfaltigen Beziehungen zur Armee, durch sein mehrjähriges Kommando als Kommandeur des Seebataillons in Wilhelmshaven einen großen Bekanntenkreis in der Marine. Wenn ich auch nicht in der Lage war, alle Einzelheiten der großen Ereig nisse im Landkriege zu erklären, so gelang es mir anscheinend doch, ein anschauliches Bild der allgemeinen Kriegslage auf allen europäischen Fronten zu ent-wickeln, ein Vild, das in ganz erheblichem Maße von den durch die ostafrikanischen Funkenftationen aufgefangenen Reutermeldungen abweicht. Meine genauen Schilderungen über die Heldentaten eines Weddigen, über die Emden", Karlsruhe" und die verschiedenen Hilfskreuzer, wie über den heldenmütigen Kampf unseres Kreuzergeschwaders, sowie über die verschiedenen Nordseeaktionen werden mit größtem Interesse aufgenommen. Das; die im Rusidjidelta liegende Königsberg" die ganze Meute der englischen Kriegsschiffe auf einen Haufen zusammenhält, und dadurch den Feind ver hindert, größere Angriffe an der Küste vorzunehmen, scheint in der Heimat kaum bekannt zu sein," sagt der Kommandeur. Sic werden ja später selbst Gelegenheit haben, durch persönliche Anschauung sich zu überzeugen, was dort unten im Rusidjidelta von der Marine mit sehr beschränkten Mitteln organisiert ist, Sie werden staunen!" Von meinen Eindrücken, die ich während des ersten Mobilmachungstages in Berlin und in den folgenden Tagen in Kiel erhalten, kommt die Unterhaltung auf unsere riesigen Gesangenenzahlen und die unüberseh bare Menge Kriegsmaterial. Wenn wir von dieser Kriegsbeute jedesmal einen ganz kleinen Teil abbekämen," äußert sich der Haupt mann Schulz, erster Stabsoffizier und Nachfolger 122des gefallenen Majors Keppler. Aber wir haben ja jetzt den erfreulichen Beweis erhalten, das; man uns auch in dieser Beziehung in der Heimat nicht vergessen hat, und daß man schon weiter Mittel und Wege finden wird, uns auf die Dauer mit Waffen und Munition zu versehen " Lakonisch meint dazu der Kommandeur, das; unsere Askaris schon ziemlich daran gewöhnt sind, die Waffen vom Feinde zu holen, um sie später in verbesserter Anwendung gegen ihn zu gebrauchen. Der mir gegenübersitzende Feldintendant, Haupt mann a. D. Feilte (sonst Administrator der großen Besitzungen des Herzogs Johann Albrecht in Ufam- bara), läßt seine Erklärung über die Ernährungssrage Deutsch-Ostasrikas in den Worten ausklingen: Was keiner vorher glaubte, nämlich das; die Kolonie durch aus imstande ist, sich selbst zu ernähren, ist jetzt sicher gestellt, Wenn der Luxus der guten deutschen Kon serven, Weine, Biere usw. auch fortfällt, was schon keinem schadet, so werden uns die hiesigen Erzeugnisse niemals verhungern lassen. Kleiden können wir uns, wenn es darauf ankommt, mit den primitivsten Sachen, soweit ist es übrigens noch lange nicht. Sic glauben nicht, mit welchen Mitteln wir jetzt arbeiten, um die Bersorgung der Schuhtruppe für lange Zeit sicherzustellen.- Nach Möglichkeit werden auch die Feinde mit herangezogen, durch unfreiwillige Lieferungen uns zu unterstützen." 12Z 24 Das lebhafteste Interesse hat natürlich der ganze Kreis an den Kriegsereignissen in den anderen Kolo nien. Von Deutsch-Südwestafrika ist man durch den direkten F.T.-Verkehr mit Windhuk recht gut infor miert, so daß ich verschiedene Neuigkeiten erfahre. Von den Vorgängen in Kamerun, Togo, Tsingtau und den Südseeinseln kann ich verschiedene Gerüchte aus der Welt schaffen. Mit größter Entrüstung wird meine Schilderung über die schamlose Gefangenen behandlung durch die Engländer und Franzosen, be sonders der letzteren, aufgenommen. Man will es mir zunächst nicht glauben, daß die nach tapferem, ehr lichem Kampf in Kamerun und Togo gefangenen Deutschen in Dahomey unter Aufsicht von schwarzen Soldaten im glühenden Sonnenbrand Wege bauen und ähnliche schwere körperliche Arbeiten verrichten müssen. Diese Leute nennen uns Barbaren und Hunnen," sagt der Oberstleutnant. Ich möchte doch, Sic hätten mal Gelegenheit, unser Gefangenenlager in Kilimatinde in Augenschein zu nehmen. Wenn wir den Gefangenen auch keine große Bequemlichkeit oder Luxus gestatten können, den wir uns selbst auch versagen müssen, so wird jede unnötige Härte selbstverständlich vermieden. An Verpflegung erhalten sie dasselbe wie wir. Zu leichten körperlichen Arbeiten werden höchstens die schwarzen Soldaten und Inder herangezogen."125 Nachdem der Hauptmann Göhring, Oberleutnant Müller, Or. Lessel noch einiges von ihren aben teuerlichen Kriegserlebnissen zum besten gegeben und wir alle mit manchem Glase der Lieben in der fernen Heimat gedacht, ist der Uhrzeiger bereits sehr vor gerückt. Wie ich die Freude und Begeisterung schildere, die in ganz Deutschland nach dem Eintreffen der Siegesbotschaft von Tanga herrschte, nickt mein wort karger Gastgeber mit dem Kopfe und antwortet be dächtig: Die Engländer konnten uns damals keinen größeren Gefallen tun. Der schöne Erfolg hat das schon vorhandene Vertrauen unserer Askaris zu ihren Führern derart verstärkt, daß die braven schwarzen Iungens jetzt kaum zu halten sind, wenn es mal wieder an den Feind geht. Die große Beute hat natürlich auf die Schwarzen einen riesigen Eindruck gemacht. Das Glückwunschtelegramm Seiner Majestät des Kaisers für den Sieg bei Tanga, das uns von Berlin durch Funkspruch über Windhuk erreichte, wurde der Truppe bekannt gemacht, wie sie aus schwerem, aber siegreichem Gefecht bei Iassini zurück kehrte. Die allerhöchste Anerkennung erfüllte uns alle mit Stolz und Freude." Zu Ende kommen wir heute abend doch nicht, meine Herren, unser seltener Gast muß uns noch viel, viel mehr erzählen." Dann zu mir gewendet, erhebt sich der in seinem abgeschlissenen Mantel fröstelndeKommandeur: Sic werden Gelegenheit finden, wäh rend der Zeit Ihrer Anwesenheit sich unsere ver schiedenartigsten Einrichtungen und überhaupt das ganze militärische Leben und Treiben in der Kiliman- dscharozone auf das eingehendste anzusehen. Für morgen bitte ich Sie mit mir den Artilleriepark zu besichtigen, sowie an einem Probeschießen einer neu errichteten Dynamit-Naketenbatterie teilzunehmen." Mit einem kurzen Gute Nacht-Gruß geht er elasti schen Schrittes davon, um im nahen Stationsgebäude, seinem Quartier, zu verschwinden, Nach und nach lichtet sich jetzt die Tafelrunde, haben doch die meisten der Herren schon am frühen Morgen wieder Dienst. Im engeren Kreise werden noch eine Weile Erlebnisse ausgetauscht, dann macht sich bei allen das Bedürfnis nach Nachtruhe geltend. Die mich in mein Quartier begleitenden Kameraden können leider ihr Versprechen nicht ausführen, mir im Mond schein die schneebedeckte Spitze des Kilimandscharo zu zeigen. Eine dichte Wolkenschicht entzieht hartnäckig den Kibo unseren Blicken. Na, warten wir ab, es wäre doch jammerschade, wenn dieser prächtige An- blick, von dem ich schon so viel gehört, mir vorent halten würde. In meiner in der Nähe des Kilimandscharohotels gelegenen Unterkunft hat mein Boy Momadi, der im Kriege schon zwei Herren verloren hat und seit einigen l2ü127 Wochen in meinen Diensten steht, in der Zwischenzeit Mein Feldbett aufgestellt. Am nächsten Morgen er- wache ich durch lautes pferdegewieher, und wie ich mich erstaunt aufrichte, erblicke ich zu meiner großen Verwunderung den Oberleutnant Müller hoch zu Rosz in meinem Zimmer. Der Einfachheit halber war er gleich über verschiedene Hecken und Treppen mir direkt ins Haus, ja sogar bis an mein Bett geritten, mich zum Frühstück abzuholen! Schnell heraus, von dem tüchtigen Momadi einen Eimer Wasser über den Kops geschüttet, dann herunter zur Grashütte des Ober leutnants Müller, der sich mit Or. Lcssel zusammen diese Behausung erbaut hatte. Die Grashüttcn, in deren Erbauung die Schwarzen ein geradezu erstaunliches Geschick an den Tag legen, bestehen meistens aus zwei Teilen, einem geräumigen Schlafraum, und einem nach allen Seiten offenen Vorraum, dem eigentlichen Wohnzimmer. Ii, den folgenden Tagen habe ich immer hier gefrühstückt. Es wurde nirgends besser gegessen im ganzen Haupt quartier Oberleutnant Müller war nämlich auch Speisemeister der Stabsmcsse. Unvergeßliche, ver gnügte Stunden habe ich in der Gesellschaft diescr beiden lustigen Grashausbewohner verlebt. Sie hatten beide schon viel durchgemacht, aber ihr unverwüstlicher Humor brachte sie über alle Strapaze , und Uncrquick- lichkeiten der afrikanischen Kriegführung hinweg.In Begleitung des Kommandeurs, seines Adjutanten und anderer Offiziere nehme ich an der Besichtigung des Artillerieparks teil. Unter einem Grasschuppen stehen außer den bei Tanga neu zu Ehren gekommenen alten Brummern, die auch schon 70 mitgemacht, und wohl deshalb ein sehr ehrwürdiges Außeres zur Schau tragen, eine fahrbar gemachte Revolverkanonenbatterie, sowie eine 6 cm-Bootskanonenbatterie. Die Artillerie ist leider unser wunder Punkt," bemerkt der Kommandeur, solange wir keine bessere haben, müssen wir eben versuchen, uns mit diesem wenigen und alten Material zu behelsen. Bei rich tiger Anwendung kann man auch damit Erfolg haben, die Engländer mußten das bei Tanga auch wohl einsehen." Der Führer der Nevolverkanonenbatterie, Leut nant , hatte übrigens eine eigenartige Laufbahn hinter sich. Er war vor vielen Iahren als Schutz truppenoffizier nach Kamerun gekommen, dort später Missionar geworden und nachdem als solcher nach Indien verschlagen. Dann hatte er auf englischer Seite den Burenkrieg mitgemacht und war englischer Offizier geworden, um wieder später sich in Deutsch- Ostafrika als friedlicher Pflanzer niederzulassen. Als ehemaliger deutscher Offizier hatte er sich bei Kriegs- beginn natürlich sofort zur Verfügung gestellt und war in die Schutztruppe eingetreten, wo er bei Iassini 12Lschon Gelegenheit hatte, sich mit seinen Kugelspritzen auszuzeichnen. Bei der der Besichtigung folgenden Besprechung bringe ich in Erfahrung, das; in den nächsten Tagen eine weitere 6 cm-Bootskanonenbatterie, sowie etwa 70 Mann unter Oberleutnant zur See Angel von der Königsberg" erwartet werden, um an der Kiliman dscharofront bei der Schuhtruppe Verwendung zu finden. Also die Marine sogar am Kilimandscharo!" kann ich mich nicht enthalten zu bemerken, dabei innerlich denkend: wer hätte das im Frieden gedacht, daß unsere Seeleute hier hunderte Meilen von der Küste entfernt in der afrikanischen Wildnis Krieg fuhren sollen? Aber sie werden es schon machen. Landungsmanöver bei Borkum und Sylt tauchen in meiner Erinnerung auf. . . Welch ein Unterschied! Jetzt geht es zur Besichtigung einer behelfsmäßigen Dynamit-Raketenbatterie. Es sind sehr wenig ver trauenerweckende Apparate. Von einer niederen Holz- lafette wird ein mehrere Meter langer, fast armdicker Raketenstock geschossen, an dessen Ende eine eimergrosze Blechbüchse sitzt. Letztere ist mit einer Dynamit sprengladung und Aufschlagzündung versehen. Da auf ziemliche Entfernung recht gute Trefferresultate erzielt wurden, hofft man diese afrikanischen Minen- werfer gegen feindliche Massenangriffe gelegentlich er folgreich zu verwenden. Christiansen: Durch!" 9. 129Bei dieser Gelegenheit erfahre ich, daß man in Dar-es-Salam augenblicklich dabei ist, eine alte 15 cm-Ringkanone, die sich seit mehreren Jahrzehnten dort befindet, instandzusetzen. Angeblich stammt das Geschütz von der alten Kreuzerkorvette Bismarck". Trotzdem der zur Kanone gehörende Verschluß viele Jahre in einer Schlosserei als Amboß benutzt wurde, zeigte er sich bei näherer Untersuchung als durchaus verwendungsfähig. Dem guten deutschen Stahl hatte die Ainboßtätigkeit wenig geschadet. Die Munitions frage war noch nicht gelöst, vor allen Dingen hatte man keine passenden Granaten. Die Untersuchung, ob die große Zahl der im Rufidjideltagebiet von den verschiedenen Beschießungen herstammenden englische,? 15 Lm -Blindgänger gebrauchsfähig gemacht werden konnten, war noch nicht abgeschlossen, man hoffte aber das Beste. Ein Schlossermeister in Mikindani hatte sogar auf eigene Faust ein ganzes Geschütz hergestellt, indem er mehrere Mannesmannrohre übereinandertrieb. Diese als Vorderlader konstruierte Kanone soll auf 1OO0 Meter Entfernung zufriedenstellend geschossen haben Es sollte zunächst nur ein Versuch sein. Der Kon strukteur hatte die Absicht, auf ähnliche Weise auch Hinterlader herzustellen. Nachdem ich mich im weiteren Verlaufe des Tages beim Platzkommandanten von Mofchi, dem Haupt- 1Z0Mann a.D. Freiherr v. Ledebour gemeldet, habe ich am Abend Gelegenheit, bei einer vom Oberstabs arzt L r. Scherning arrangierten kleinen Festlichkeit die sich hier augenblicklich aufhaltende Eingeborenen^ kapelleausTangazu hören. Es ist ein herrlicher Tropen- abend. Wir sitzen an langer, sauber gedeckter Tafel im Garten irgend eines Hauses unter riesigen Bäumen. Für die nötige Beleuchtung sorgen einige große offene Feuer, so daß die fremdartige Umgebung mit den vielen schwarzen Gestalten in einer malerischen Beleuchtung er scheint. Dazu die wirklich gute Musik, Militärmärsche, vaterländische Weisen,Trompeter von Säkkingen man ist für den Augenblick der Wirklichkeit entrückt... Es sind sogar einige Damen anwesend, freiwillige Kranken schwestern vom Lazarett Moschi, und manches düstere Bild von schweren Verwundungen und schlimmen Krank heitserscheinungen wird mir durch ihre Schilderungen enthüllt, Der leitende Arzt ersucht mich, vor meiner Abreise dem Lazarett einen Besuch abzustatten, um den leidenden Kameraden mit einigen Erzählungen aus der Heimat eine erhebende Stunde zu bereiten. Nachdem auf dem Heimweg der Kommandeur mich aufgefordert, am nächsten Morgen in aller Frühe in feiner Begleitung die weit im feindlichen Gebiet liegende, Ende August 1914 besehte feste Stellung Taveta zu besichtigen, endet auch dieser Tag mit seinen mannigfaltigen, unauslöschlichen Eindrücken.Am nächsten Morgen in aller Frühe geht s los. Das sogenannte Stabsauto, ein schöner, großer Wagen, der auch eigentlich für die Ausstellung in Dar-es-Salam bestimmt war, wird vom Kommandeur persönlich gelenkt. An seiner Seite sitzt Or, Lesse!, während ich und der Krastwagenführer, Einjähriger Scheidt, im Rücksitz Platz finden. Sobald wir das Weichbild Moschis verlassen haben, werden die Kara biner geladen und handgerecht hingestellt,- muß man doch jetzt auf alle Überraschungen gefaßt sein. In dem wundervollen Tropenmorgen fahren wir mit be trächtiger Geschwindigkeit auf einem gut gehaltenen Wege dahin. Der Kilimandscharo hat noch immer seine schneebedeckte Spitze mit dichten Wolken verhüllt. Aber trotzdem ist die ganze Gegend mit seiner beständig wechselnden Szenerie von überwältigender Schönheit. Alles leuchtet im saftigsten Grün, riesige Affenbrot bäume, schlanke Palmen, Akazien, wie überhaupt die üppigste Tropenvegetation, die man sich nur vorstellen kann, zieht an unseren Blicken vorüber. Dazwischen liegen, allerdings nur vereinzelt, einige Allsiedlungen, und ich höre zu meinem Erstaunen, daß in dieser Gegend mehrere Italiener- und Burenfamilien an sässig sind. Wir passieren jetzt einen kleinen Wasser lauf. An der darüberführenden Knüppelbrücke ist eine schwarze Wegebauabteilung mit Instandsetzungsarbeiten beschäftigt. Ahnliche Abteilungen treffen wir noch 1Z2des öfteren im wetteren Verlaufe der Fahrt. Es wird mit allen Mitteln gearbeitet, um die nach Taveta führende Straße instand zu setzen, daß sie bei jedem Wetter für Kraftwagen mit großer Geschwindigkeit fahrbar ist. Links, am AbHange des Kilimandscharo, ragt eine weiße Kirche mit spitzem Turm aus der grünen Umgebung heraus. Es ist Rombo, der Bischofs sitz am Kilimandscharo. Nach einer halben Stunde weiterer Fahrt hält mit einem plötzlichen Ruck unser Wagen. Instinktiv greifen wir zum Karabiner. Ein Hornsignal! Aus dem dichten Gebüsch sammelt sich von beiden Seiten der Straße ein ganzer Haufen Askaris, in einer grünlichen Uniform gekleidet. Die Kopfbedeckung ist mit grünen Zweigen bedeckt. Die Kerle sehen merkwürdig aus. Ein älterer, schlanker Offizier tritt zur Meldung an den Wagen heran Es ist der alte Hauptmann a. D. v. Boedecker, der mit seiner Kompagnie eine Feld dienstübung abhält. Auf meine erstaunte Bemerkung, daß ich zum ersten Male Askaris in grüner Uniform sehe, wird mir die Antwort zuteil, daß er je nach der Jahreszeit und der Farbe des Geländes seine ganze Kompagnie grün, gelb oder braun färbt. Die ver schiedenen Töne würden von Baumwurzeln gewonnen und die erzielten Resultate seien ganz hervorragend. Eine kleine Strecke weiter passieren wir die durch einen hohen Grenzpfahl gekennzeichnete englische Grenze.Wir sind jetzt im besetzten feindlichen Gebiet. Das Wald- und Buschgelände tritt etwas in den Hinter grund, die Gegend hat mehr den Anstrich der Steppe, durchsetzt mit einzelnen Baumgruppen und Busch- slecken. Viel Wild jeglicher Art wird angetroffen. Ganze Antilopen- und Wildschweinherden werden auf gescheucht, gehen beschleunigt ab, um in geringer Ent fernung wieder stehen zu bleiben. Durch die beständig wechselnden Eindrücke der malerischen Landschasts- und Naturbilder vergeht wie im Fluge die stunden lange Fahrt. Jetzt taucht rechts voraus aus der unübersehbaren Steppe eine kleine lichte Hügelkette auf, dazwischen einige weiße Häuser. Bald ist die an hoher Flaggen stange wehende deutsche Flagge zu erkennen, die Feste Taveta! Schnell nähern wir uns dem Ziel. An der letzten Strecke der Anfahrtsstraße sind hun derte Eingeborene dabei, den Weg zu schottern und auszubessern. Aus dem Menschenhaufen lost sich eine Gestalt und reitet uns auf kleinem, flinkem Pony entgegen. Der Wagen hält und der Reiter kommt zur Meldung heran. Es ist Major Kraut, Kom mandant der Feste Taveta. In kurzer, knapper Mel dung erstattet er dem Kommandeur Bericht über den Fortschritt bei dem Ausbau der Befestigungsanlagen, sowie über die neuesten Ereignisse, um uns dann für die letzte kurze Strecke zu begleiten.1)5 Nachdem noch einige Herren, deren Namen mir leider entfallen sind, unsere Gruppe verstärkt haben, geht es an eine sofortige Besichtigung der Stellung. Um ein möglichst freies Schußfeld zu erhalten, hatte man das ganze Vorfeld, das teilweise mit Busch werk bewachsen war, abgeholzt. Die verschiedenen Hügel, welche die eigentliche Stellung Taveta bilden, sind mit gedeckten Laufgräben verbunden. Die Hügel selbst hat man mit Gräben, Tunnel und Unterständen durchbrochen. Als Flankenschutz sind an geeigneten Punkten aus Stein erbaute Maschinengewehrtürme errichtet. Hinter den verschiedenen Stellungen befindet sich ein Netz guter, geschotterter Transportwege. Es wird augenblicklich an einer Wasserleitung gearbeitet, deren Rohrleitung die Wasserversorgung für alle Stellungen sicherstellen sollte. Aus dem höchsten Punkte der Feldbefestigung stehend, mit der Hand nach der unübersehbaren feindlichen Steppe nach Norden zeigend, bemerkt der Kommandeur mit markiger Stimme und zuversichtlichem Gesicht: Es wird einst der Tag kommen, an dem die Eng länder mit großer Ubermacht versuchen werden, in das Kilimandscharogebiet einzubrechen. Taveta mus; deshalb mit allen verfügbaren Mitteln zu einem festen Bollwerk ausgebaut werden. Diesen vorgeschobenen Posten wiederzunehmen, wird, wenn überhaupt mög lich, dem Feinde einst blutige Verluste kosten. ImFrontalangriff kann eine ganze Division hier an rennen, sie wird nicht viel erreichen. Mit großer Übermacht werden die Engländer natürlich kommen, daraus müssen wir gefaßt sein, aber sie sollen uns bereit finden." Nach allem, was ich sehe, hatte man hier in Taveta in verhältnismäßig kurzer Zeit mit einer enormen Arbeitsleistung ganz Hervorragendes geschaffen. Welche Mühe mußte es allein gekostet haben, mit den geringen zUr Verfügung stehenden Mitteln die steinige Hügel kette in ein Labyrinth von Laufgräben und Unter ständen zu verwandeln. Daß Taveta alö Abgangsort der Fernpatrouillen zur Ugandabahn und dem feindlichen Tsavolager eine große Rolle spielte, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Gerade heute ist eine Patrouille zurück gekehrt. Unter Führung des österreichischen Oberleut nants der Reserve, Freiherr Unterrichter von Bechtental, sind einige Askaris am Tsavolager gewesen, haben daselbst mehrere Posten abgeschossen, um nachdem mit guten Meldungen zurückzukehren. Bei dieser Patrouille hat sich ein Shaush (Askariunteroffizier) besonders hervorgetan. Er wird vom Kommandeur durch eine Belobigung in seiner Muttersprache und einem Hände druck ausgezeichnet. Stolz auf die ihm Widerfahrene Anerkennung geht hocherhobenen Hauptes der schwarze Krieger ein langjähriger Soldat mit strammen 1Z6 ^7 militärischen Formen zu seinen Kameraden zurück, die sich anscheinend alle mit ihm freuen. Diese Fernpatrouillen sind manchmal wochenlang unterwegs, da meistenteils nur des Nachts marschiert wird. Am Tage halt man sich im guten Versteck verborgen. Auf diese Weise haben es schon ver schiedene Patrouillen fertiggebracht, die für den Feind so wichtige Ugandabahnlinie erfolgreich zu stören. Mehr mals waren Brücken gesprengt, auf ganze Strecken die Schienen aufgerissen. Man hatte sogar mit Ma schinengewehr einen mit Truppen besetzten fahrenden Eisenbahnzug beschossen. Die von den Engländern in der Richtung auf Taveta vorgetriebene strategische Bahnlinie war auch durch Patrouillen der beständigen Störung unterworfen. Alle Pferde für die im Kriege errichtete berittene Schützenkompagnie hatte man sich auch vom Feinde geholt. Einer Patrouille, unterstützt von einigen Buren, war es gelungen, die weidenden Pferde aus nächster Nähe eines feindlichen Lagers mitsamt ihren Bewachern als gute Beute nach Hause zu bringen. Beim einfachen Mittagessen vor der kleinen Hütte des Majors Kraut versammeln sich alle abkömmlichen Offiziere der Feste Taveta, um die Gelegenheit nicht zu versäumen, einige Neuigkeiten aus der fernen kämpfenden Heimat zu hören. Die Zeit ist bemessen, ick muß mich darauf beschränken, die wichtigsten Be-gebenheiten zu erläutern. Jeder hat seine Fragen. Manchem kann eine Auskunst gegeben werden, und alle sind froh darüber, daß auch hier auf diesem roeltabgelegenen, vorgeschobenen Posten die Einförmig keit durch persönlich überbrachte Neuigkeiten und zu versichtliche Nachrichten aus der Heimat unterbrochen wird. Zu schnell vergeht die kurze Zeit im Kreise der Kameraden. Der Kommandeur mahnt zum Aufbruch. Nach einem herzlichen Abschied von der kleinen Schar deutscher Männer, die berufen sind, hier treue Wacht zu halten, versuche ich, schon im Wagen sitzend, nochmals durch einen Rundblick alle Eindrücke zu verstärken, die ich in meiner kurzen Anwesenheit in mir ausgenommen habe. Mit unermüdlichem Fleiß und glänzender Organi sation unter beständiger Bedrohung durch weit über legene feindliche Streitkräfte war hier auf englischem Ge biet ein starkes deutsches Bollwerk errichtet. Am hohen Flaggenmast flattert stolz die schwarz-weiß-rote Flagge, in der hellen Nachmittagssonne weithin sichtbar Ein Ruck, noch ein kurzer Gruß, wir treten die Rückfahrt an und erreichen nach einer mehrstündigen Fahrt, auf der ich nochmals Gelegenheit habe, die großartigen Naturschönheiten dieser gottbegnadeten Gegend in ihrer ganzen Pracht an meinen Augen vorüberziehen zu lassen, gegen Abend das Haupt quartier. IZ Für dm nächsten Tag war Wieder ein reichhaltiges Programm vorgesehen. Vormittags besuchte ich das Feldlazarett Neu-Moschi, wo ich von den dort lie genden Kameraden mit großer Freude empfangen wurde, war doch jeder begierig, einiges aus der lieben Heimat zu hören. Außer Verwundungen und den verschiedensten Tropenkrankheiten hatte ich in diesem Lazarett eine ganz besondere Gelegenheit, die außer gewöhnlichen Strapazen und Gefahren der afrika nischen Kriegsführung an einem Beispiel kennen zu lernen. Es lag hier nämlich der schwerverletzte und dadurch halb gelähmte Leutnant von Der bedauernswerte Offizier war nicht etwa durch ein feind liches Geschoß verwundet, sondern hatte sich eine schwere Rückgratverletzung durch Begegnung mit einem Nas horn zugezogen. In unmittelbarer Nähe eines Lagers hatte das gefährliche Raubtier den überraschten Offizier am hellen Tage angegriffen und bevor er sich zur Wehr setzen konnte, fast tödlich verletzt. Nur durch die Besonnenheit seines schwarzen Begleiters, der sofort Nachricht ins Lager brachte, war ihm das Leben gerettet. Glücklicherweise ist Hoffnung vor handen, daß ihm bei guter Pflege die Gebrauchs- fähigkeit feiner Beine erhalten bleibt. Beim Mittagessen ersucht mich der Kommandeur, am Nachmittag im Kilimandscharohotel einen Bortrag zu halten über die Kriegsereignisse in der Heimat. IZYAuf seine Veranlassung würden alle dienstfreien weißen Soldaten aus der erreichbaren Umgebung zusammen kommen. Gern fügte ich mich diesem Wunsche, konnte ich doch gut verstehen, daß der Oberstleutnant seiner Truppe Gelegenheit geben wollte, aus einwandfreier Quelle die europäische Kriegslage erklären zu lassen. Also am Spätnachmittag versammelten sich alle, die die Nachricht rechtzeitig erhalten hatten, im größten Raum des Kilimandscharohotels. Es wurde eine zahlreiche Versammlung. Offiziere, Mannschaften, Zivilisten und Damen, jeder, der irgend konnte, war erschienen. Nicht allein aus Moschi und der nächsten Umgebung, sondern teilweise stundenlang zu Fuß oder zu Pferde waren sie herbeigeströmt. Nachdem ich mehrere Stunden meinen dankbaren Zuhörern es waren einige hundert anwesend ein möglichst klares Bild von den Ereignissen auf den europäischen Kriegs schauplätzen, sowie von dem einmütigen Siegeswillen des deutschen Volkes und von der Opferfreudigst aller Klassen erzählt hatte, beantworte ich auf Wunsch Fragen jeglicher Art. Zu meiner Freude war es mir sogar möglich, einer ganzen Anzahl von Landsleuten persönliche Auskunft über Angehörige zu geben. Nach meinem Vortrage hatte ich das schöne Gefühl, in den Herzen der Ostafrikaner das deutsche Stammesbewußt- sein und die unerschütterliche Liebe zu unserem schwer kämpfendenVaterlande neu gestärktundersriscbtzu haben. I-lCAm folgenden Tage machte ich in Begleitung des Hauptmann a. D. Feilke eine Dienstreise nach dem etwas hoher gelegenen Alt-Moschi. Bei dieser Gelegen heit lernte ich den Bischof vom Kilimandscharo kennen, besuchte das Lazarett Alt-Moschi, um nachher einige Zeit in der alten Boma zu verweilen, Einen wunder vollen Ausblick hatte man von diesem hochgelegenen alten historischen Regierungsgebäude. Man zeigte mir den in der Ferne sichtbaren sogenannten Peters berg, der Ort, wo vor vielen Jahren der bekannte O, Peters mit einer Anzahl von Häuptlingen und Sultanen den ersten Vertrag abschloß, wodurch die deutsche Schuhherrschaft über diese paradiesische Ge gend von den verschiedenen Negerfürsten anerkannt wurde, Mit dem kleinen, durch die große Beanspruchung ziemlich wüst aussehenden Auto auf abschüssiger, ge fährlicher Straße im Laufe des Nachmittags zum Hauptquartier zurückgekehrt, finde ich bei meiner An kunft eine Einladung des Hauptmanns von Boedecker vor, den Abend im Kreise seiner Offiziere und Gäste in seinem Standort außerhalb Moschis zu verbringen. Die Einladung war ja sehr schön, aber wie hin? Die lange Strecke zu Fuß gehen oder sogar reiten, konnte ich noch nicht. Nebenbei war der Weg auch nicht gerade hervorragend. Die Schwierigkeit wurde überwunden, indem der findige Oberleutnant Müllersich anbot, mich vierspännig" zur Kompagnie Boedecker hinauszubefördern. Tatsächlich erscheint zur ange gebenen Zeit ein kleiner leichter Iagdwagen, bespannt mit vier unternehmungslustig dreinschauenden Maul eseln. Der Adjutant war mit einer riesigen Peitsche bewaffnet, um, wie er erklärte, den nötigen Dampf zu machen. Die Fahrt geht los. Wir kommen auch frühzeitig genug an. Als Lebensversicherung war diese Beförderungswelse aber unter keinen Umständen zu empfehlen. Die Gäste sind schon versammelt. Es sind noch manche dabei, die ich noch nicht kenne, sogar wieder ein früherer Seeoffizier. Unter freiem Himmel stand der weißgedeckte Tisch. An europäischem Komfort das einzige Sichtbare. Hier war wirklich Feldleben, man hauste in Zelten und Grashütten. Die Speisen folge war ausgezeichnet: Wild und Geflügel aus den unerschöpflichen Iagdgründen des Kilimandscharo. Die Getränke waren dagegen nicht als unerschöpflich zu bezeichnen, sondern am heutigen Abend wurde nach weiser Überlegung alles ausgetrunken, was nach der Rationierung dem einzelnen Offizier für den ganzen Monat zustand. Man erzählte mir, es würde meistens so gemacht, denn die eine Flasche Wein oder Kognak, die es pro Kops und Monat gab, fände auf diese Weise die beste Anwendung, und man wäre der Sorge für die Aufbewahrung enthoben. Die inzwischen em- 142143 getretene Dunkelheit wird von mehreren riesigen Holz feuern, die die Schwarzen beständig in vollster Glut halten, malerisch erhellt. Wir haben uns eben zu Tisch gesetzt, als auf einmal laute Fanfarenmusik unsere Unterhaltung unterbricht. Der Marinepräsentiermarsch wird von der Eingeborenenkapelle durch den lauen Tropenabend geschmettert eine gelungene Uber- raschung des alten Boedecker! In hellen Haufen sind die Schwarzen zusammen geströmt, in respektvoller Entfernung lauschen sie der Musik. Lustige Weisen und vaterländische Lieder, die von der ganzen Tafelrunde kräftig mitgesungen werdeil, wechseln einander ab. Fragen, Erzählen, Austauschen der Erlebnisse, so vergeht wie im Fluge auch dieser schöne Abend im Kreise lieber Kameraden. Da ich am nächsten Tage, dem letzten meiner An wesenheit im Schutztruppenhauptquartier, recht früh zeitig zum Kommandeur befohlen bin, dränge ich bald zum Aufbruch. Beim Abschiednehmen von den Gast gebern drücke ich gerade mein Bedauern aus, das; es mir nun doch nicht vergönnt war, einmal die schnee bedeckte Spitze des Kibo zu sehen, als plötzlich der Hauptmann v. Boedecker meinen Arm ergreift, dabei ausrufend: Diesen Genus; haben wir Ihnen bis zum Schluß ausgehoben, sehen Sie dort, da kommt er ja heraus!" Und wahrhaftig, der inzwischen auf gegangene Mond hat erfolgreich die beharrliche Wolken-144 wand durchbrochen und majestätisch stolz leuchtet wie ein funkelnder Diamant der schneeige Gipfel des Kilimandscharo in die lichte Tropennacht hinaus. Nun habe ich es doch erlebt!" Sollte es mir vergönnt sein, die ferne Heimat wieder zu sehen, so kann ich den Meinigen am Nordseestrande erzählen, das; ich mit eigenen Augen bei Mondscheinbeleuchtung die stolze Spitze des Kilimandscharo gesehen habe als Schlußeffekt eines unvergeßlichen Abends bei den Kameraden der Kaiserlichen Schutztruppe. Unter dem überwältigenden Eindruck dieser einzigen Naturschön heit machen wir uns jetzt auf den Weg nach Neu- Moschi zurück, noch eine Strecke begleitet von unseren Gastgebern. Trotz des beschwerlichen Weges können wir es nicht unterlassen, jeden Augenblick stehen zu bleiben, um immer noch einmal den Kibo zu sehen. Bevor wir unser Quartier erreichen, hat der Berg schon wieder sein Haupt verhüllt, gleichsam als wenn der alte Boedecker ihn nur für sein Fest bestellt hätte. Der nächste Tag ist ausschließlich mit dienstlichen Besprechungen beim Kommandeur und Hauptmann Tafel ausgefüllt, die das Ergebnis zeitigen, daß ich mich mit einer wichtigen Mission auf schnellste Art und Weise nach der im Rusidjidelta liegenden Königsberg" begeben soll. Der Bahnschutzzug der Usambarastrecke wird für den nächsten Morgen in aller Frühe nach Mofchi bestellt, um mir eine Streckeals Fahrgelegenheit zu dienen. Unter den verschie densten Reisevorbereitungen und Abschiednehmen von so manchem in der kurzen Zeit hier lieb gewordenen Kameraden kommt der letzte Abend meines Aufent haltes in dieser Zentralstelle der Ostafrikanischen Landesverteidigung heran. Die Tischgesellschaft der Stabsmesse ist vollzählig versammelt, so das; ich Gelegenheit habe, jedem Ein zelnen meinen tiefgefühlten Dank auszudrücken für die unvergeßlich schönen Tage, die ich in ihrer Mitte verleben durste. Der Kommandeur ist aufgeräumtester Stimmung, er erzählt Anekdoten aus seiner Marine zeit, von seinen Seefahrten, sowie von seinen verschie denartigsten Kriegserlebnissen. Schade, daß Sie uns schon verlassen müssen," bemerkt er zu mir gewendet, denn wenn Sie erst fort sind, fällt uns sicher noch manches ein, worüber Sie hätten Auskunft geben können. Ich hoffe aber bestimmt, daß Sie uns in absehbarer Zeit mal wieder besuchen, dann bringen Sie vielleicht noch mehr gute Nachrichten." Ich hoffte das Gleiche, hatte ich doch in dieser kurzen Zeit so unauslöschliche Eindrücke in mir aufgenommen. Ein wunderliches Wehmutsgefühl stieg in mir empor bei dem Gedanken, fetzt von dieser kleinen Schar deutscher Männer Abschied zu nehmen, denen die Aufgabe gestellt war, die deutschen Grenzen in Ost- Lhrlsllanscn- .Durch!" 0.afrika zu schützen und alles, was deutsche Arbeit, deutscher Fleiß und deutscher Wagemut in jahrzehnte langem, mühseligein Ringen zur Ehre unseres Vater landes ausgebaut hatte, bis zum Äußersten, vielleicht bis zum Untergang zu verteidigen. Der Kommandeur bricht auf, er hat noch zu ar beiten. Ordonnanzen und Meldungen von den ver schiedenen Grenzposten sind während des Abends ein gelaufen und harren der Erledigung. Mit einem kurzen Glückliche Reise! Grüßen Sie mir die Königsberg !" verbunden mit einem letzten festen Druck seiner Hand, verschwindet er im nahen Bahn hofsgebäude, das Fenster seines Arbeitszimmers bleibt noch lange erleuchtet. . . Der unterdessen schon eingelaufene Bahnschutzzug wird von seinem liebenswürdigen Kommandanten Leutnant Günther zur Stelle gemeldet. Nach einem herzlichen Abschied von meinem neugewonnenen Be kanntenkreis, mit einem fragenden Auf Wiedersehen?" von beiden Seiten, suche ich mein Nachtlager auf. Da die Abreise schon in aller Frühe stattfinden soll, verbringe ich die letzte Nacht in Neu-Moschi schon im Bahnwagen. Viel Schlas war mir nicht beschieden. Die empfangenen Eindrücke der letzten Zeit drängten sich alle zusammen. Ich dachte an den eisernen Schutz truppenkommandeur, an Taveta, an den Kiliman dscharo, a die riesige Arbeitsleistung auf allen Ge- 146147 bieten und an die grenzenlose Energie, die mir hier in den wenigen Tagen vor Augen geführt war. Meine Gedanken schweifen zurück zur fernen Heimat, wo in riesigem Maßstabe alle verfügbaren Kräfte organisiert sind, unsere Grenzen zu verteidigen. Ich habe aber die felsenfeste Überzeugung, daß auch hier, in der weit abgelegenen, von vielen kaum gekannten Ostafrikafront mit derselben Hingebung und Opferfreudigst, mit der gleichen Tapferkeit und eisernen Energie gearbeitet wird. Es gilt hier die gleiche Losung wie in der Heimat: Kämpfen und Aushalten für die vom Feind bedrohten heiligsten Güter, für Deutschlands Ehrund Recht! Mit Gott für Kaiser und Reich!" Ein "pfiff! Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Von der Plattform werfe ich noch einmal einen Blick zurück, aber in der Morgendämmerung ist kaum etwas zu erkennen. Dort das Bahnhofsgebäude! . . . Ein, zwei Fenster sind erleuchtet. Arbeitet man dort noch, oder schon wieder? Gebe Gott, daß es Euch treuen Kämpfern allen befchieden ist, dereinst den Dank der Heimat zu empfangen, die stolz ist auf ihre tapferen Verteidiger von Deutsch-Ost- afrika!" Nun trägt mich der Zug fernen neuen Zielen zu. Viele tausend M^.len trennen mich von dem in derNot herrlich großen Deutschland. Wird es mir ge lingen, durch unsägliche Gefahren, über alle Hinder nisse hinweg die liebe Heimat wieder zu erreichen? ... Ich will es, ich muß es! Das Vaterland ruft zu neuer pflichttat. Drüben in der Mansabucht ruht mein braves Schiff zerschlagen am Meersgrund. Aber seine stählernen Schätze sind lebendige Kraft geworden hier sür die Unseren im kampsumzogenen Schutzgebiet. Und auch meine treue Mannschaft hilft nun hier unten im heißen Ostafrika die schwarz-weiß-rote Flagge ver teidigen. Ich grüße Euch, Ihr Mitkämpfer alle! Haltet aus im Sturmgebraus! . . . Noch jetzt, nach Jahren schwersten Erlebens, wo ich in der lieben Heimat diese Zeilen schreibe, kommt die Stunde des Abschiednehmens von den kämpfenden Brüdern in Afrika mit dumpfer Gewalt über mich. Ich lege die Feder still aus der Hand. Wie der Gipfel des Kilimandscharo mir am letzten Abend gleich einer Niesenfackel den flammenden Scheidegruß zu warf, so steht lebendig vor meiner Seele immer Euer Heldentum, Ihr Ostafrikaner, rein und klar leuchtend im Glänze der Treue bis zum Tode.Inhalts-V erzeichnis E-tt Ein Geleitwort 1. Der Ausbruch aus der Nordsee durch die nördlichen Sperrlinien 1 2. Nach Deutsch-Ostafrika 15 Z. Das Einlaufen in die Mansabucht bei Tanga ... ZY 4. Im Kampf mit dem englischen Kreuzer Hyazinth . 47 5. Auf dem Schlachtfeld von Tanga 66 6. Die Bergung des Kriegsmaterials 84 7. Einiges über die Deutsch-Ostasrikanische Landesverteidi gung 94 8. Bei Lettow-Vordeck im Schuhtruppen-Hauptquartier am Kilimandscharo 112 Ü-II Der Volkskunstbund Ü--Ü stellt sich die vornehme Ausgabe, gute bildende Kunst zu mäßigen Preisen in unser Volk zu trogen. Seine Bestrebungen sucht er in erster Linie darin zu erfüllen, daß er seinen Mitgliedern jährlich eine Kunstmappe mit 6 sarbigen Bildern unserer berühmten alten und neuen Meister kostenlos liefert bei einem Jahresbeitrag von nur Mark 6. . Die Mitglieder werden von allen neuen Veröffentlichungen durch Rundschreiben und Kataloge regelmäßig verständigt. Außer der Zahlung des Jahresbeitrags liegen Verpflichtungen nicht vor. (Anmeldungen an die Geschäftsstelle des Volks- kunslbundes, Stuttgart, Marienplatz 12.) In den nachstehenden Zeilen sind die früheren Bundes gaben aufgeführt, welche die Mitglieder beliebig nach Wahl unter Nachzahlung des Bundesbeitrags von Mk. 6. (für jede Mappe) nachbeziehen können. Die jährliche Bundes gabe Auslieferung jeweils Ende November für das darauf folgende Jahr besteht in prächtiger Geschenkmappe mit farbigen Bilder in der Kartongröße 27: Z6 cm,- Bildgröße etwa 16:28 cm. Die Ausführung der Mappen ist künstlerisch vornehm und gediegen. Die Blätter liegen lose in den Mappen, so daß sie auch einzeln als Wandschmuck verwendet werden können. Bis jetzt sind in sehr schöner Ausführung erschienen: Ludwig Richter: Gemälde I. j Prof. L. Fahrenkrog: Gemälde. Ludwig Richter: Aquarelle. ^ Lrof. Fr. Hein: Gemälde. Märchenb. Theodor Schüz: Gemälde I. CarloS Grethe: Gemälde. Tyeodor Schüz: Gemälde II. Prof. Gebh. Fugel: Gemälde I. (rel.) Prof. Gebh. Fugel: Gemälde II. Christl. Kunst alter Meister. Cyristl. Kunst neuprotestant. Meister. E. Burnand: Religiöse Gemälde. E. Burnand: Sechs Gleichnisbilder. Dan. u. Dav. Burnand: Der Genfer See. Prof. K. Liebich: Schwarzwaldbilder. K. Bauer: Deutsche Führer in großer Zeit. Ausg. I und Ausg. II. Deutsche Jugend - Unser Heimatglück. Prof. Lauxmann: Bilder aus schwäb. Bauernkreisen. Prof. W. Nagel: 6 färb. Blumenstücke. M.v. Schwind: Gemälde. Prof. E. Liebermann: Gemälde. Prof. Di-. Rud. Schäfer: Gemälde. Prof. Ol-. Rud. Schäfer: Kriegsbilder. Eine der Mappen von O . Rud. Schäfer wird im November 191L als BundeS- gabe für 1919 ausgegeben werden,- die Bilder, die zum erstenmal R. Schäfers farbige Kunst veröffentlichen, werden mit großem Interesse erwartet.Staatsbibliothek verlin pi-euizisc^ei- Xulwi-desit? Christiansen el, Stuttgart des Schiffs- ltsch-Ost- lachtfelde der ndscharo
