Hermann Kellermann: Der Krieg der Geister 1914 Heimat und Welt Herausgegeben unter Mitwirkung des Vereins für das Deutschtum im Ausland" von vr. H. Kellermann. Für nur 6 Mark Jahresbeitrag 12 reich illu strierte Monatshefte und 4 wertvolle Bücher. Heimat und Welt" berichtet allmonatlich auf 22 reich mit Bildern geschmückten Seiten über Deutsches Land und Volk in aller Welt. Deutsche Sitten und Gebräuche Heimatschutz Heimatpslege Deutsche Natur Deutsches Wandern Deutsche Arbeit im In- und Ausland Erfahrungen der Aus- l nddeutschen Entwicklung unserer Kolonien Deutsches Schul- und Bildungswesen im Auslande. Fremde Länder und Völker, unsere wirtschaftlichen Beziehungen zu ihnen. Der Unterhaltungsteil bringt kleine Novellen und Erzählungen unserer ersten Prosadichter. Der jetzigen großen Zeit und ihren Kämpfen sind die Kriegshefte gewidmet. Tägliche Rundschau: ... Die beste Förderung der Vereinigung ist Beitritt, der hiermit unseren Lesern im Inland und Ausland bestens empfohlen sei I" Die 4 Bücher des Jahres 1915: Deutsche Kriegschwänke 1914. Nasse und Nassesragen Deutschaud. Das Deutschtum in Belgieu. Das Deutschem in Galizien. Wer die 4 Bücher in . z^leinenbänden mit Originalzeichnungen von Künstlerhand gebunden wünscht, zahlt 10 Mark. Ausführliche Prospekte und Probehefte durch Alexander Duncker Verlag Weimar.Der Krieg Geister Eine Auslese deutscher und ausländischer Stimmen zum Weltkriege 1914 Gesammelt und herausgegeben von vi-. Hermann Kellermann Vereinigung Heimat und Welt Geschäftsstelle: Alexander Duncker Verlag WeimarX Alle Rechte vorbehalten suon Dresden 1915 Rammingsche Buchdruckerei (Jnh. M. Rautenstrauch).deutschen als ein Gedenkblatt gewidmetVorwort eben dem Kampfe, der mit dein blanken Schwerte und allen Mitteln der modernen Technik draußen zu Lande und zu Wasser zwischen uns und unfern Feinden mit zäher Energie durchgefochten wird, geht ein zweiter, stiller, aber nicht minder erbitterter Kampf einher: der Krieg der Geister. Die begabtesten Köpfe aller Nationen haben die Sache ihres Volkes und Landes zu der ihren gemacht und verfechten sie mit der Feder, der Waffe des Geistes. Wir haben in diesen Dokumenten nicht nur uns selbst besser kennen gelernt, sondern auch über Freund und Feind sind uns die Augen geöffnet worden. Es wäre nicht genug zu beklagen, wenn all das Wertvolle, was kluge Köpfe, Dichter, Gelehrte, Künstler, Staatsleute in diesen Monaten gesagt und geschrieben, von der Kriegeswoge wieder mit hinweggeschwemmt würde. Nicht immer mag es das reine Motiv der Vaterlands liebe gewesen sein, was gerade den Schriftstellern und Künst lern die Feder in die Hand zwang, oft genug war es auch eine gewisse Furcht, sein Publikum zu verlieren oder auch nur eine gute Gelegenheit zur Reklame ungenutzt verstreichen zu lassen, die manchen zu leidenschaftlichen Ausbrüchen hinriß, die seiner innersten Überzeugung fremd waren. Staunend sehen wir, wie selbst ein so feiner Kopf wie Anatole France dein Moloch der öffentlichen Meinung sein Weihrauchopfer bringt. Besonders schwierig war es, unter den vielen wert vollen Äußerungen der Gelehrten eine Auswahl zu tref fen, die zu einem umfassenden Bilde sich gestalten sollte.ohne den Rahmen des Buches zu sprengen,- es ist hier ganz besonders streng der auch sonst im Ganzen festgehaltene Grundsatz gehandhabt worden, alle größeren Schriften, Vorträge und Broschüren, die ja der deutschen Lesewelt allgemein zugänglich sind, beiseite zu lassen und sich im wesentlichen auf das in der Tagespresse aller Länder Niedergelegte zu beschränken. So hofft dieses Buch auch dann noch einen Wert beanspruchen zu können, wenn die lauten Tagcsstimmen in immer weiterer Ferne verklungen sind und der Leser sich zurückversenkend das Bild dieser bewegten Tage neu vor die Augen führen will. Die Sammlung erstreckt sich im wesentlichen auf Äußerungen aus dem Jahre 1914,- sie ist^trotz aller Beschrän kung auf einen Umfang angewachsen, der über die ur sprüngliche Absicht schon hinausgeht. Dabei mußten der Raumersparnis halber Kapitel wie Der Krieg und die Religion", der Krieg der Parteien", Überläufer" vor läufig weggelassen werden. Falls daS Buch die Aufnahme findet, die es erhofft, so ist eine Fortsetzung für das Jahr 191b geplant,- von besonderem Interesse werden dann die Äußerungen und Vorschläge zu einem künftigen Welt frieden sein. Am Schluß möchte ich allen denen, die bei der Sammlung des Stoffes in liebenswürdiger Weise mit geholfen haben, meinen herzlichen Dank aussprechen. Weimar, im März 1915. Der Herausgeber.1. Der Kamps um die Wahrheit Dieser Krieg ist nicht nur ein Krieg mit militärischen Waffen in offener Feldschlacht, mit allen Mitteln moderner Technik geführt, sondern daneben wurde ein nicht minder wütender, heimlicher Feldzug mit Tinte und Papier er öffnet, der Lügenfeldzug unserer Feinde. Man verstieg sich zu den unerhörtesten Verleumdungen und Wahrheits fälschungen, um die eigenen Landsleute zu täuschen und das neutrale Ausland gegen uns aufzuhetzen. Die deutsche Kabelverbindung nach Amerika wurde von den Engländern bei Kriegsbeginn durchschnitten, so- daß besonders in den Vereinigten Staaten die Stimmung systematischdeutschlandfeindlichgemachtwerden konnte. Man che Zeitungen, wie Iko New Vork Heralä", taten sich ein Gütchen daran, die englischen Siegesbulletins noch zu überbieten und ins Krasse zu steigern. Innerhalb der ersten 10 Tage waren in den New L)orker Zeitungen unter andern folgende Überschriften zu lesen, meistens in Lettern von 4 om Höhe: 25 00 Deutsche vor Lüttich gefallen. Der Kaiser bittet um 24 stündigen Waffenstillstand, um die Toten zu be graben. Ein solcher wird jedoch von den Alliierten abge schlagen." Deutsche Flotte vernichtet." Kaiser von Oesterreich tot." 101 sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete unter der Führung Liebknechts werden kriegsgerichtlich erschossen, da sie sich weigern, die Waffen zu ergreifen." Der bekannte Flieger Hellmuth Hirt wird in Deutsch land als Spion erschossen." Diese kurze Blütenlese mag hier genügen; wer sich Der Krieg der Geister. t2 über die Leistungen unserer Gegner auf diesem Gebiet näher unterrichten will, sei auf die beiden deutschen Bro schüren hingewiesen, in denen das Wichtigste davon ge sammelt wurde: Der Lügenfeldzug unserer Feinde. Eine Ge genüberstellung deutscher, englischer, französischer und russi scher Nachrichten, u. a. der W.T.B.-, Neuter-, HavaS- und P.T.A.-Telegramme über den Weltkrieg 1914. Bd. 1. (Verlag Otto Gustav Aehrfeld in Leipzig.) Gegen Lug und Trug. Deutschlands- und Öster reich-Ungarns Schicksalsstunde in Wort und Bild ihrer Feinde. Dokumente zum Weltkrieg gesammelt und heraus gegeben von C. Langfeld. (Verlag H. A. Ludwig Degener, Leipzig.) Mit reichem Jllustrationsschmuck. Bei den überreizten Gaumen stellte sich aber bald von selbst der Hunger nach Wahrheit ein; so richtete der Leiter der großen amerikanischen AeitungSverbindung ?rek in New Pork, Herr Melvile Stone, unter dem 14. August an den Reichskanzler folgendes drahtlose Telegramm: Exzellenz! Da die englische Regierung taglich Preßberichte über den Fortgang des Krieges ausgibt, würden uns ahnliche Verlautbarungen von der deutschen Regierung sehr angenehm sein." Der Reichskanzler antwortete: Deutschland ist vom internationalen Nachrichtenver- kehrabgeschnitten, kann sich gegen Lügen nicht vertei digen, vertraut, durch Taten die Falschheit seincrFeinde zu erweisen, dankt jedem, der die Wahrheit verbreiten hilft." An die gleiche Adresse sowie an die Ilnitec! ?reL", ebenfalls eine große Nachrichtenagentur Nordamerikas, ließ der deutsche Reichskanzler von Bethmann Hollweg am 2. September eine ausführliche Mitteilung zum gleichen Zweck ergehen: Ich weiß nicht, was man in Amerika über diesen Krieg denkt. Ich nehme aber an, daß dort inzwischen der Tele- grammmechsel Seiner Majestät des Kaisers mit dem Kaiser von Rußland und dem König von England bekannt ge-z worden ist, der unwiderleglich vor der Geschichte Zeugnis dafür ablegt, wie der Kaiser bis zum letzten Augenblick bemüht gewesen ist, den Frieden zu erhalten. Diese Bemühungen mußten aber vergeblich bleiben, da Ruß land unter allen Umstanden zum Kriege entschlossen war und England, das durch ein Jahrzehnt hindurch den deutschfeindlichen Nationalismus in Rußland und Frankreich ermutigt hatte, die glanzende Gelegenheit, die sich ihm bot, die so oft betonte Friedensliebe zu bewähren, ungenutzt vorübergehen ließ, sonst hatte wenigstens der Krieg Deutschlands mit Frankreich und England vermieden werden können. Wenn sich einmal die Archive öffnen werden, so wird die Welt erfahren, wie oft Deutsch land England die Freundeshand entgegengestreckt hat. Aber England wollte die Freundschaft mit Deutschland nicht. Eifersüchtig auf die Entwickelung Deutschlands und in dem Gefühl, daß es durch die deutsche Tüchtigkeit und deutschen Fleiß auf manchen Gebieten überflügelt werde, wünschte es Deutschland mit roher Gewalt niederzuwerfen, wie es seinerzeit Spanien, Holland und Frankreich niedergeworfen hat. Diesen Moment hielt es jetzt für gekommen, und so bot ihm denn der Einmarsch deutscher Truppen in Bel gien einen willkommenen Vorwand, am Kriege teilzu nehmen. Au diesem Einmarsch aber war Deutschland ge zwungen, weil es dem beabsichtigten französischen Vormarsch zuvorkommen mußte und Belgien nur auf diesen wartete, um sich Frankreich anzuschließen. Daß es für England nur ein Vorwand war, beweist die Tatfache, daß Sir Edward Grey bereits am 2. August nachmittags, also bevor die Verletzung der belgischen Neu tralität durch Deutschland erfolgte, dem französischen Bot schafter die Hilfe Englands bedingungslos für den Fall zugesichert hat, daß die deutsche Flotte die französische Küste angreife. Moralische Skrupel aber kennt die englische Politik nicht. Und so hat das englische Volk, das sich stets als Vorkämpfer für Freiheit und Recht gebärdet, sich mit Rußland, dem Vertreter des furchtbarsten Despotismus, verbündet, mit dem Lande, das keine geistige, keine religiöse Freiheit kennt, das die l 4 Freiheit der Völker wie der Individuen mit Füßen tritt. Schon beginnt England einzusehen, daß es sich verrech net hat, und daß Deutschland seiner Feinde Herr wird. Daher versucht es denn mit den kleinlichsten Mitteln, Deutsch land wenigstens nach Möglichkeit in seinem Handel und sei nen Kolonien zu schädigen, indem es, unbekümmert um die Folgen für die Kulturgemeinschaft der weißen Rasse, Japan zu einem Raubzug gegen Kiautschou auf hetzt, die Neger in Afrika zum Kampf gegen die Deut schen in den Kolonien führt und, nachdem es den Nach richtendienst Deutschlands in der ganzen Welt unterbunden hat, einen Feldzug der Lüge gegen uns eröffnet. So wird es Ihren Landsleuten erzählen, daß deutsche Truppen belgische Dörfer und Städte nieder gebrannt haben, Ihnen aber verschweigen, daß belgische Mädchen wehrlosen Verwundeten auf dem Schlachtfelde die Augen ausgestochen haben. Be amte belgischer Städte haben unsere Offiziere zum Essen geladen und über den Tisch hinüber erschossen. Gegen alles Völkerrecht wurde die ganze Zi vilbevölkerung Belgiens aufgeboten, die sich im Rücken un serer Truppen nach anfänglich freundlichem Empfang mit versteckten Waffen und in grausamster Kampfesweise er hob. Belgische Frauen haben Soldaten, die sich, im Quartier aufgenommen, zur Ruhe legten, die Hälse durchschnitten. England wird auch nichts von den Dum- Dum-Geschossen erzählen, die von Engländern und Fran zosen trotz aller Abkommen und der heuchlerisch verkündeten Humanität verwendet worden sind, und die Sie hier in der Originalpackung einsehen können, so wie sie bei eng lischen und französischen Gefangenen gefunden wurden. Seine Majestät der Kaiser hat mich ermächtigt, alles dies zu sagen und zu erklären, daß er volles Vertrauen in das Gerechtigkeitsgefühl des ameri kanischen Volkes hat, das sich durch den Lügenkrieg, den unsere Gegner gegen uns führen, nicht täuschen lassen wird. Wer seit dem Ausbruch dieses Krieges m Deutsch land gelebt, hat die große moralische Volkserhebung der Deutschen, die, von allen Seiten bedrängt, zur Verteidigung5 ihres Rechtes auf Existenz freudig ins Feld ziehen, selbst beobachten können und weiß, daß dieses Volk keiner un nötigen Grausamkeit, keiner Rohheit fähig ist. Wir werden siegen dank der moralischen Wucht, die die gerechte Sache unseren Truppen gibt und schließlich werden auch die größten Lügen unsere Siege so wenig wie unser Recht verdunkeln können." Auch die deutsche Heeresleitung sah sich veran laßt, in einer Kundgebung vom 28. August gegen den Greuel- und Lügenkrieg unserer Feinde scharfe Stellung zu nehmen. Zur selben Zeit schlössen sich eine Anzahl hervorra gender Persönlichkeiten zu einem Aufruf: Die Wahrheit ins Ausland! zusammen, der so lautete: Unsere Feinde haben die systematische Lüge auf ihren Kampfschild geschrieben! Das Ausland wird von ihnen mit den unglaublichsten Entstellungen, Verleumdungen und Unwahrheiten tagtäglich überschüttet. Solch kläglicher Kampfweise nicht gewärtig, haben wir uns darauf nicht genügend vorbereiten können. Die Lügensaat ist zum tiefen Schmerze aller Deutschen aufgegangen. Das Bild der sich gegenwärtig abrollenden weltgeschichtlichen Er eignisse ist im Ausland bis zur Unkenntlichkeit ver zerrt worden zu unserem unermeßlichen Schaden. Das muß wieder gut gemacht werden! Mit der reinen Waffe der Wahrheit müssen wir um die internationale öffentliche Meinung streiten. Dieser Kampf hat bereits begonnen. Der Kaiser hat sich an die Spitze gestellt; an seiner Seite steht der Reichskanzler. Viele Vereinigungen schließen sich zusammen. Tausend Federn beginnen sich zu regen. Aber, was bisher geschehen ist, ist bei weitem nicht ausreichend. Wir, die wir das Wesen und die Eigenart der öffent lichen Meinung im Ausland und besonders in Amerika kennen, wissen es: Das Ausland muß mit Nachrichten über den wahren Stand der Dinge geradezu überschwemmt werden. Nur so können wir hoffen, Erfolg zu haben. Unaufhörlich muß die Wahrheit hinauS- gerufen werden. Die Welt muß insbesondere erfahren, daß wir schmachvoll überfallen worden sind, daß unsere6 Sache gerecht ist, daß Deutschland wie ein Mann zum Siegen oder Sterben geeint dasteht, daß unsere Feinde mit der Benutzung von Dum-Dum-Geschossen, Nichtach tung des Roten Kreuzes, Marterung von Soldaten und anderen Grausamkeiten eine Kriegsführung treiben, deren Schändlichkeit zum Himmel schreit. Jeder kann hier helfen. Es ist die Pflicht eines jeden Deutschen, hier mitzutun. Sendet Nachrichten an geeignete Personen hinaus, in welcher Form es auch sei, Briefe, Druckschriften, Zeitungen und besonders das wirksame deut sche Weißbuch. Sie werden ihren Weg finden, ihre Wirkung erzielen! Tut es nicht einmal, ab und zu, sondern dauernd und täglich. Unser Wahlspruch sei: Nachrichten ins Aus land!!" Geheimer Kommerzienrat Georg Arnhold, k. Württemberg. Konsul; Generaldirektor Ballin, Ham burg-Amerika-Linie; Geheimer Rat Dr. zur. und Or.- Jng. d. o. Beutler, Oberbürgermeister; Professor Or. Ernst Haeckel, Wirklicher Geheimer Rat und Exzellenz; Geheimer Rat Prof. Or. pdil. und Or. me6. d. e. Walter Hempel; Geheimer Rat Prof. O. Or. Wilhelm Kahl; Geheimer Kommerzienrat G. v. Klemperer, k. k. öster reichisch-ungarischer Generalkonsul; Geheimrat Prof. Or. Josef Kohl er; Geheimrat Prof. Or. Martin Krause; Or. zur. Herbert Kraus; Geheimrat Prof. Or. Karl Lamprecht; Geheimrat Prof. Or. Franz v. Liszt, M. d. R.; Geheimrat Prof. Or. Erich MarckS; Hofrat Mc. Bride; Bankdirektor C. Palmie; Professor Leon RainS, k. s. Kammersänger; Bankdirektor Max Reimer, kgl. italienischer Konsul; Wirklicher Geheimer Rat Niko laus Graf v. Seebach, Exzellenz; Kammersänger K. Scheidemantel; Wirklicher Geheimer Rat Prof. O. Or. Adolf Wach, Exzellenz. Außer zahlreichen Einzelpersonen, Geschäftsfirmen, Zeitschriften nahmen nun eine Anzahl Organisationen die ihnen gestellte Aufgabe energisch in die Hand; so wurde in Thüringen ein Mitteldeutscher Verband zur Ver breitung wabrer Kriegsnachrichten" ins Leben ge rufen, der Old-Fellow-Orden und die Großloge des7 deutschen Reiches" richteten einen großzügigen Verband aufklärender Drucksachen ins Ausland ein und taten alles, um den vom Gegner gewonnenen Vorsprung einzuholen und feindseliger Stimmung aufklärend entgegenzuarbeiten. Auch die großen Aufrufe und Proteste der Gelehrten und Uni versitäten, auf die wir an anderer Stelle näher einge hen werden, gehören hierher. Besonders ist die Tätigkeit anzuerkennen, welche die in Deutschland ansässigen aus ländischen Vereinen dieser Hinsicht entwickelten; so richteten am 2t . August sämtliche italienischen Vereine Münchens und die gesamte italienische Kolonie Mün chens an 4V der bedeutendsten italienischen Zeitungen mit Erlaubnis des Generalkommandos eine Depesche, die in deutscher Übersetzung lautet: Mit tiefem Bedauern sehen wir, wie die öffentliche italienische Meinung in einer solch ernsten Zeit durch ein seitige Nachrichten und bei Ausnützug ihrer sentimentalen Schwäche von einer vernünftigen Auffassung der sich voll ziehenden Tatsachen und von einer richtigen Erkenntnis der Interessen des Vaterlandes abgelenkt wird. Es wäre für die Presse ein Werk von höchster Vaterlandsliebe, die öffentliche Meinung zu einer reelleren Anschauung und mehr Zurückhaltung und Jucht aufzufordern. Wir halten uns verpflichtet, Zeugnis davon abzulegen, mit welcher Korrektheit wir hier behandelt und welch wunder bar großartiges und einzig dastehendes Zeugnis von Kraft, Ordnung und einheitlichem Vorgehen uns Deutsch land bietet In München wirkte auch ein amerikanisches Auf klärungskomitee im gleichen Sinne. Anfang September wurde eine belgische Gesandtschaft an den Präsidenten der Vereinigten Staaten abgesandt, mit dem Auftrag, in Amerika über die barbarische Kriegsführung der Deutschen Klage zu führen. Sie bestand aus den Mi nistern Carton de Wiart, de Saedeleer, Vander- velde und HymanS. Sie traf am 31. August in London ein und reiste am 2. September weiter. Am 1. September wurde sie vom König Georg und von Sir Edward Grey8 empfangen. In der Audienz beim König verlas der Justiz- minister Carton de Wiart eine Adresse, in der es unter anderm heißt: Gezwungen, zum Schutz seiner Staatseinrichtungen und seiner Herzen Krieg zu führen, wollte Belgien durch seinen Widerstand der Empfindung Ausdruck geben, daß jede zivilisierte Nation die Pflicht zu vertreten hat, die ihr internationale Verträge und das menschliche Gewissen auf erlegen. Unser Gegner hat, nachdem er in unser Land ein gebrochen, die Zivilbevölkerung dezimiert, Frauen und Kinder gemordet, harmlose Bauern gefangen weggeführt, Verwundete getötet, ungeschützte Städte zerstört, Kirchen, geschichtliche Denkmäler und die berühmte Bücherei der Universität Löwen verbrannt. Alle diese Taten sind durch zweifelfreie Schriftstücke belegt, die wir der Regierung Eurer Majestät unterbreiten werden." Hieran knüpfte die Kölnische Zeitung folgende Bemerkungen: Die zweifelfreien Schriftstücke bestehen offenbar in den Aufstellungen des belgischen Untersuchungsausschusses, der beauftragt war, die angeblichen Greueltaten der Deut schen zu ermitteln. Der Minister de Wiart zählte dann auch bei dem Empfang durch Sir Edward Grey drei Fälle auf, in denen Frauen erschossen und Männer verbrannt und lebendig begraben (!) worden sein sollen. Beweise dafür werden nicht angeführt, und alles das, was diese Klagege- sandtschaft vorzutragen hat, beruht offenbar nur auf Hörensagen, denn auch die Minister sagten, ,sie selbst hätten von Verwundeten oder andern Leuten die und die Schand tat der Deutschen gehört. Herr Vandervelde erzählte dem britischen Minister, .belgische Soldaten hätten ihm persön lich versichert, die deutschen Truppen hätten planmäßig bei ihrem Vormarsch Frauen und Kinder vor die Front gestellt usw. Ob Sir Edward Grey wohl, als er diese An klagen hörte, bei sich gedacht hat, daß er das alles schon einmal gehört, und sich erinnert hat, daß den Engländern im Burenkrieg genau dieselben Scheußlichkeiten vorgeworfen wurden. Ob er daran gedacht hat, daß die Franzosen, die9 jetzigen Verbündeten Englands und der Belgier, es waren, die damals solche Lügen und die angeblichen Grausamkeiten aus den Konzentrationslagern der Engländer mit Vorliebe verbreiteten. Gesagt hat er es den belgischen Herren jeden falls nicht. Man muß erwarten, daß sie jetzt hingehen und ihre Schauermäre auch in Amerika und anderwärts als Wahrheiten ausgeben. Derartige Ausgeburten einer durch die Kriegsereignisse überreizten Phantasie aber in aller Ruhe und Überlegung als bare Münze aufzutischen, ist ein ganz ungeheuerliches Verfahren, das selbst der Krieg nicht entschuldigt. Daß sich in Belgien schreckliche Dinge ereignet haben, daß unsere Truppen ein furchtbares Strafgericht haben halten müssen, leugnet niemand, im Gegenteil, die ganze Welt soll es erfahren. Aber daß man sich nnt frecher Stirn erdreistet, nicht nur die Strafe in barbarische Menschen- guälerei umzufälschen, sondern auch mit keinen? Wort zu erwähnen, daß das Standrecht und die Zerstörung ganzer Ort schaften nur die Folge davon waren, daß diebelgischeBevölke- rung meuchlings und hinterrücks auf die deutschen Truppen geschossen hat das ist eine .Barbarei , die bisher unter gesitteten Nationen nicht üblich war. Hoffentlich findet un sere Regierung Mittel und Wege, gegen diese Art amtlicher Wahrheitsverdrehung wirksam einzuschreiten. In Holland ist sie ja bereits dagegen vorstellig geworden." Auf das Telegramm des Deutschen Kaisers an den Präsidenten der Vereinigten Staaten Wilson in dieser Angelegenheit und auf die Antwort des Präsi denten braucht als auf allgemeine bekannte Aktenstücke hier nicht näher eingegangen zu werden. Erwähnt sei aber noch das Telegramm, das die Münchener-amerikanischeAufklärungskommission an die gleiche Adresse richtete. Es heißt darin: Wir bedauern sehr tief, daß solche Schwindelnach richten, wie sie durch französische und englische Quel len den amerikanischen Zeitungen zufließen, die Grund lage bilden sollen, auf der sich die oft sehr grell gefärbten Leitartikel unserer sogenannten vornehmen Zeitungen auf bauen. Die Siege der deutschen und österreichischen Ar meen nach drei Grenzen, die Einnahme des größten Teiles10 von Belgien, das Vordringen der Deutschen bis Paris, alles das nach kaum sieben Wochen trotz der überwiegenden vereinigten Kräfte Rußlands, Frankreichs, Englands, Bel giens usw. strafen jetzt die falschen Nachrichten umsomehr Lügen, als es ihnen vorher fast gelungen war, die öffent liche Meinung Amerikas vollständig zu täuschen. Wir wenden uns an den Gerechtigkeitssinn unserer ameri kanischen Mitbürger mit der Aufforderung, die Wahrheit über die Entstehung und den Fortgang dieses Krieges zu verbreiten und ihre Sympathien den tapferen Ver teidigern des deutschen Vaterlandes zuzuwenden". Den Kundgebungen der belgischen Kommission tritt ferner die nachstehende Erklärung des Kriegskorrespondenten hervor- ragender Organe der amerikanischen Presse vom 11. September entgegen: .Der Wahrheit die Ehre zu geben, erklären wir einstim mig die deutschen Greuel, soweit wir es beobachten konnten, für unwahr. Nach zweiwöchigem Aufenthalt im deutschen Heer, die Truppen über 100 Meilen begleitend, sind wir tatsächlich nicht in der Lage, auch nur einen ein zigen Fall unverdienter Strafe und Vergeltungs maßregeln zu berichten. Wir sind ferner nicht in der Lage, Gerüchte bezüglich Mißhandlungen von Gefan genen und Nichtkombattanten zu bestätigen. Mit deutschen Truppen durch Landen, B rüssel, Nivelles,Binche, Buissiere, Haurtes-Wiherie, Merbes-le-Chsteau, Sorle sur Sambre, Beaumont, haben wir nicht die geringste Unterlage für einen einzigen Fall von Aügel- losigkeit. Zahlreiche Gerüchte fanden wir nach Unter suchung grundlos, sahen überall deutsche Soldaten Ein käufe bezahlen, persönliches Eigentum und Bürger rechte achten. Nach der Schlacht von Buissiere fanden wir belgische Frauen und Kinder ini Gefühl völliger Sicherheit. In Merbes-le-Chsteau war ein Bürger getötet worden, doch konnte niemand seine Schuld losigkeit beweisen. Flüchtlinge, welche von Grausamkeiten und Gewalttätigkeiten erzählten, konnten absolut keinen Beweis beibringen. Disziplin der deutschen Sol-11 daten hervorragend, keine Trunkenheit. Der Bürgermeister von Sorle sur Sambre widerrief unaufge fordert Gerüchte von Grausamkeiten in der dortigen Ge gend." Für die Wahrheit dieses stehen wir mit unserem beruflichen Ehrenwort, gez. Roger Lewis, ^88ooi3,teij ?rek"; Irving S. Cobb, Laturcl^ LveninA ?ost"; Harry Hansen, ?kila6elp! ia public I.e6ger", Phila delphia; JameS O Donnell Ben nett, OkieaFv vsil? Chikago; Jown T. McCoutcheon, LdieaZo l ribuno", Ehikago. Die Auslandsausgaben der deutschen Tageszei tungen sowie die im Ausland besonders verbreiteten Ex portblätter ( Echo" u. a.) stellten sich in den Dienst der Auf klärung; eine große hamburgische Zeitung gibt eine ge kürzte Ausgabe in spanischer Sprache für Südamerika zur Aufklärung heraus. Diese Propaganda begrüßt der Generaldirektor der Hapag Albert Ballin in folgender Weise: Uber die Ursachen und die Ziele dieses entsetzlichen Krieges, über Wert und Unwert der streitenden Völker, über die Stärke unserer finanziellen Rüstung und über die Kleinlichkeit und Skrupellosikeit der von unseren Gegnern verwendeten Mittel ist seit Wochen alles gesagt worden, was sich heute über solchen Gegenstand feststellen läßt. So bleibt mir nur die angenehme Aufgabe, Ihnen auch meinerseits zu versichern, wie wichtig und bedeutsam mir die von Ihnen mit so viel Geschick und gutem Willen über nommene Mission erscheint, unsern überseefreunden ein treues Bild von den deutschen Waffentaten, von den Be weggründen der deutschen Politik und den wirtschaftlichen Zuständen und Kräften unseres Landes zu geben, und so den Machinationen der von Frankreich und England inspi rierten Preßbureaus entgegenzuarbeiten. Dieser Krieg zeigt ja, daß wir es in der Tat hier mit einer neuen Waffen gattung unserer Feinde zu tun haben, die unserem Ansehen und unserer Arbeit nicht minder gefährlich werden kann.12 als Landheere und Flotten, mit dem schweren Geschütz mehr als faustdicker Lügen, der leichten Kavallerie von Ver dächtigungen und Drohungen, schließlich mit der aller- gefährlichsten der Flieger, die in die Höhen einer abstrakten, angeblich unparteiischen Betrachtung hinaufsteigen, um aus so ätherischen Regionen mit Neid und Haß gefüllte Bomben zu werfen und die friedliche Saat jahrelanger Ver ständigungsarbeit mit einem Schlage zu zerstören. Wir haben lange gezögert, uns gegen diese neuen Truppen zu wehren, die nun geschickt das Feld beherrschen und sich in sicheren Stellungen verschanzt haben. Wir haben ohne viel Geräusch gearbeitet, haben nicht viel von unseren Erfolgen und un seren Enttäuschungen geredet, haben nicht in jeder neu auftauchenden Konkurrenz einen Todfeind gesehen, dem man mit allen Mitteln das Wasser abgraben müsse; wir haben nur unsere zähe Pionierarbeit für unS sprechen lassen. Und nun verbreiten die Gegner in aller Welt, dies Volk, das stolz darauf ist, die größten, kraftvollsten Schiffe, die gewaltigsten und saubersten Fabriken, die gepflegtesten und gesundesten Städte sich geschaffen zu haben, werfe mutwillig die Früchte eines langen ertragreichen Friedens fort, um eines kriegerischen Abenteuers willen; es wäre von dem unsinnigen Wunsche beseelt, ganz Europa zu seinen Füßen zu sehen; es ließe keine Verträge mehr gelten, ver brenne und zerstöre die Kostbarkeiten vergangener Jahr hunderte und wolle Europa eine Diät von Blut und Eisen verschreiben, anstatt der demütigen Milde, mit der England, Frankreich und Rußland die Welt regieren. Dieses Spukbild ist zu unsinnig für jeden, der deutsche Art kennt, so daß man es lange für unnötig gehalten hat, dagegen zu kämpfen. Aber wie nötig ist es! Die gesamte öffentliche Meinung der Welt ist wie imprägniert mit diesem Lügengeist. Der Feind hat die deutschen Kabel durchschnitten und so gezeigt, daß er nicht nur den Welthandel, sondern auch den internatio nalen Nachrichtendienst zu monopolisieren wünscht. Das Ausland wird wissen, was es bald davon zu halten hat. Mit dem Kredit, den die Zeitungen und Aeitungsmeldungen bei ihrem Publikum genießen, ist es nicht anders als mit dem kaufmännischen Kredit: hat er einmal Flecken erhalten, so1Z ist er für immer erschüttert. So ist zu hoffen, daß gleich dem englischen Geldmarkt, der durch das Moratorium auf Jahr zehnte diskreditiert ist, auch die englisch-französischen Mel dungen ihren Ruf eingebüßt haben, die sich einstweilen ein Moratorium für die Wahrheit konzediert haben. Ist dies dem Ausland einmal zum Bewußtsein gekommen, so wird uns auch bei unseren künftigen Aufgaben sein Wohlwollen sicher sein. Denn darüber müssen wir uns heute klar sein: Es gilt nicht nur jetzt in Kriegszeiten die Wahrheit ins Aus land zu bringen; auch wenn der Frieden geschlossen sein wird, wird uns die Pflicht zufallen, nicht nur durch den Wa renaustausch und den Schiffsverkehr, sondern auch durch die Mittel des gedruckten Wortes und des Telegraphendrahtes fruchtbare Beziehungen zu pflegen und uns mit unseren überseeischen Freunden zu verbinden durch einen prompten, zuverlässigen Nachrichtendienst, durch treue und klare Bilder des deutschen Lebens und Schaffens." Den Kampf gegen die Lüge nahm nach seiner Rückkehr vom Urlaub sofort energisch der deutsche Botschafter in Washington Graf Bernsdorff auf. Der Botschafter dementierte eine Unzahl von bös willigen Falschmeldungen, die über angeblich deutsche Miß erfolge im Westen und über eine Verwundung des Kron prinzen in Amerika verbreitet waren, berichtete, daß sich schon über 1 300 vgl) Freiwillige in Deutschland gestellt haben, und setzte dann hinzu: Deuts chlandistangegriffenworden und für diesen Krieg nicht verantwortlich. Bis zum letzten Mann werden wir unser Vaterland verteidigen. Dieser Krieg hat keinen anderen Zweck, als Deutschland und Österreich-Ungarn zu zerstören, aber wir glauben, daß wir der Welt zeigen können, daß dies nicht möglich ist. Das deutsche Volk steht wie ein Mann. Es ist nicht ein Krieg des Kaisers oder des Militarismus, wie viele geglaubt haben. Es ist ein Krieg des deutschen Vol kes. Ich bin alt genug, mich an das Jahr 1870 zu erinnern und den Enthusiasmus, der damals im deutschen Volke14 herrschte. In diesem Kriege ist die Begeisterung zehnmal größer als damals." Ferner schickt man als Sendboten der Wahrheit den bekannten Breslauer Universitätsprofessor Eugen Kühne mann sowie den früheren Staatssekretär Bernhard Dernburg nach Amerika ab. Dieser veröffentlichte unter andern in der New Porker Lun" einen aussührlichen Aufsatz über den Krieg und seine Ursachen, der starken Eindruck in der ganzen Union machte. Er unterzieht sich darin der Aufgabe, die zahl losen wahnwitzigen Vorstellungen, die durch die böswillige englische Propaganda in Amerika erst erzeugt worden sind, zu widerlegen. Zuerst muß er den Amerikanern die ein fache, für sie aber ganz und gar nicht einfache Wahrheit beweisen, daß dieser Krieg wirklich nicht der Krieg des Kaisers", sondern der Krieg des ganze deut schen Volkes ist. Dann holt er zu einer längeren histo rischen Auseinandersetzung aus, in der er mit scharfer Logik beweist, daß der sogenannte, die Welt bedrohende deutsche Militarismus" nicht als das Ergebnis des seit Jahr hunderten Deutschland von allen Seiten auferlegten Zwanges zur Verteidigung, zur Selbsterhaltung ist. Sehr wirksam zeigte er, wie dieser angebliche Militarismus" Deutschland nicht abgehalten hat, 44 Jahre den Rekord des Friedens innerhalb und außerhalb Europas zu halten. Darüber sagt er: Deutschland hat nie das Gebiet seiner Nachbarn oder seine Kolonien begehrt, es ist nie innerhalb oder außer halb Europas zum Krieg geschritten, und das ist viel mehr, als von irgendeinem seiner Nachbarn oder Gegner gesagt werden kann. Lassen wir sie Revue passieren. Seit 1870: England hat Ägypten erobert, Alerandria beschossen, zwei Burenrepubliken mit Gewalt genominen; es hat seiner Sphäre Südpersien gewaltsam und einen Teil Siams durch Einschüchterung zugefügt. Frankreich hat Tunis erobert, es kämpft um Marokko, es führte Krieg in Madagaskar, versuchte den Sudan zu nehnien und eroberte Jndochina auf blutige Art. Ruß-15 land bekriegte die Türken 1878 und die Japaner 1904, entriß China die Nordmandschurei und die ganze Mongolei, führte Krieg gegen Turkestan, steckte Nordpersien ein, bil dete und förderte den Balkanbund und zeigte sich überall als die aggressivste europäische Macht. In dieser ganzen Zeit hat Deutschland sein Gebiet nur durch einige koloniale Besitzungen vermehrt, die ihm alle durch friedliche Ver einbarung und mit gemeinsamer Zustimmung der Groß machte abgetreten worden sind... Deutschland hat sich als die friedlichste europäische Macht erwiesen, selbst Spanien und Italien nicht ausgenommen, und der Militarismus spielt im deutschen nationalen Leben eine weit kleinere Rolle als bei irgendeiner anderen Nation." Zu den wahren Ursachen des Krieges übergehend, führt Dernburg dann weiter aus: Die Zertrümmerung Österreich-Ungarns kann von Deutschland nicht geduldet werden. Osterreich ist die einzige zuverlässige Hilfe, die Deutschland für den Zweck der Verteidigung hat. Die Zertrümmerung der Doppcl monarchie und die vollkommene Isolierung Deutschlands würde dieses zur leichten Beute für seine Nachbarn gemacht haben, wann immer diesen der Angriff beliebte. ... Frank reich ist sehr schlecht gefahren, indem es sich auf Gedeih und Verderb an eine Macht band, die durch Rasseninstinkt be handelt wird und deren Ziele und Bestrebungen es nicht im mindesten kontrollieren kann.... Die englische Theorie ist stets gewesen, ganz Europa in einem Kräftegleichgewicht zu halten, es in zwei Lager mit soweit möglich gleichen Gegnern sich spalten zu lassen, so daß England stets freie Hand behielt und, wo es die Hand auf die Wagschale legte, die Schale niederdrücken könne. Sir Edward Grey hat nie erklärt, daß der Bruch der bel gischen Neutralität der Grund und noch weniger, daß er der einzige Grund für Englands Kriegserklärung sei.... Der springende Punkt ist, um Gladstones Worte zu ge brauchen, daß England eine .ungemessene Vergrößerung Deutschlands fürchtete, und das ist der Grund, warum es beschloß, Belgiens Neutralität zu verteidigen. Dies ist nach meiner Menung die Geschichte der Entwicklung dies16 gegenwärtigen Kampfes. Es ist die panslawistische Agitation und die Notwendigkeit für den Zaren, Rußlands Prestige aufrechtzuerhalten, die ihn zwang, Osterreich entgegenzutreten. Es war für Deutschland eine Notwen digkeit und, wie ich hinzufügen muß, Pflicht und Schuldig keit, nach der schriftlichen Vertragsverpflichtung von 1879 Osterreich zu Hilfe zu kommen und es vor Zerstörung und Zerstückelung zu schützen." Zum Schluß bemerkt Dernburg: Es handelt sich in diesem Kriege um die Frage, ob der Slawe vom Japanischen Meer bis nach Verlin und weiter westlich herrschen soll oder ob Deutschland, wenn auch im Kampfe mit seinen zivilisierten westlichen Nachbarn, einsteht für die Erhaltung der europäischen Zivili sation und ihre Rettung vor der Herrschaft derKnute." In Dänemark arbeitete der deutsche Gesandte in Kopenhagen, Graf Rantzau seiner Pflicht gemäß der eng lischen Intrige entgegen; darauf schrieb die O-üI^Ldroniele", daß in Kopenhagen eine ganze Fabrik für die Verbreitung deutscher Nachrichten und natürlich deutscher Lügen" begründet worden sei. Der deutsche Gesandte, Graf Rantzau, besuche alle Zeitungsredaktionen und bitte dort um Veröffentlichung der deutschen Meldungen, deutsche politische Agenten seien in ganz Skandinavien tätig und gäben sehr viel Geld aus, und der Berliner Professor Hollmann, der früher der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen als landwirtschaftlicher Attache zuerteilt war, habe in Kopenhagen sogar mit zwanzig Verschworenen einen Auf stand in Ägypten vorbereitet. Die Kopenhagener ?oli- tiken" hat der Oailv t^tiromele" darauf geantwortet und vor allem betont, daß Graf Rantzau sich durch taktvolles und diskretes Auftreten auszeichne. Professor Hollmann nimmt hierzu in einem Schreiben ( Verl. Tageblatt" vom 19. Nov. 1914) Stellung: Der Artikel der ,vg,il? Lbromele sieht ja aus wie eine Mystifikation oder ein besserer Ulk, und so weit er sich mit meiner .Spionagetätigkeit in Kopenhagen befaßt, kann ich darüber hinwegsehen; weit entfernt, gekränkt zu sein.müßte ich mich ja vielmehr freuen, mit 20 .Kreaturen den Aufruhr gegen England in Ägypten vorbereitet zu haben. Aber es muß einen billig wundernehmen, wenn eng lische Blatter mit der Haltung der dänischen Presse un zufrieden sind und behaupten, daß sie unter dem Eindruck der .deutschen Lügennachrichten stehe. Es ist nämlich durchaus nicht das erste Mal, daß diese Beschuldigung in der englischen Presse auftaucht. Ist das nun ein taktisches Manöver oder sollte drüben die Unwissen heit und Unkenntnis mit dänischen Verhältnissen so weit gehen? Sollten wirklich die großen englischen Blätter nicht wissen, daß ihre höchsteigenen Artikel in ganzen Spalten und Seiten von den dortigen dänischen Korrespondenten nach Kopenhagen telegraphiert und auchtatsächlich gedrucktwerden ? Alle großen dänischen Blätter haben drüben, in Lon don, in Bordeaux oder Paris, zwei oder drei Korrespon denten, während meines Wissens in Berlin überhaupt nur ein dänischer Korrespondent sitzt. Sollten diese Ver hältnisse der englischen Presse unbekannt geblieben sein? Die englische Presse tut Dänemark bitter Unrecht, er weist schnöden Undank für die Gastfreundschaft, die ihr von danischen Blättern in weitgehendstem Maße einge räumt wird. Soviel ich gesehen habe, haben die dänischen Blätter nie mit dem Rauni gekargt; selbst die monströsesten englischen, französischen und russischen Berichte über un erhörte Bestialitäten deutscher Soldaten Berichte, die sich nachher als Schwindel herausstellten und von England selbst dementiert wurden haben Platz gefunden. Un erhörte Schmähworte gegen den deutschen Kaiser und das deutsche Volk haben in der dänischen Sprache eine adäquate Ubersetzung gefunden. Eine russische Anklageschrift gegen das deutsche Volk über die an Russen verübten Grausam keiten beim Kriegsausbruch ist durch sämtliche drei Tages ausgaben der großen englischen Blätter wiederholt worden ein wüstes Sammelsuriuni notorischer Lügen und grotesker Übertreibungen, das, soviel ich hörte, in der russischen Ge sandtschaft in Kopenhagen konstruiert ist. Diese Leute sind es, die die Kopenhagener Redaktionen Der Krieg der Geister. 218 bestürmen, und wenn Politiken sagt, daß .Graf Rantzau ein Diplomat ist, der sich durch ebenso taktvolles wie dis kretes Auftreten auszeichnet , so ist das wörtlich zu ver stehen. Der englische und der französische Gesandte hatten angefangen, in danischen Zeitungen ein Getränk zu ver zapfen, das schließlich den Dänen selbst zu stark wurde. Und dabei hat ein bekannter Redakteur eines großen Kopen hagener Blattes mir gestanden, daß er in den Auslassungen des französischen und des englischen Gesandten die schlimm sten Wendungen gestrichen habe. Die Herren scheinen aber jetzt ihre persönliche journalistische Mitarbeit in der Kopen-. Hagener Presse, nicht ganz freiwillig, eingestellt zu haben. Wenn wir nun endlich zu uns kommen, so meine ich, daß wir uns mit der bisherigen Haltung der dänischen Presse im großen und ganzen zufrieden geben müssen. Ich lese die Presse seit etwa 10 Jahren, und bin erstaunt, wie maß voll sich namentlich die früher recht deutschfeindliche kon servative Presse in dieser Zeit gezeigt hat. Man darf nicht vergessen, daß wir in Dänemark keine Sympathien hatten und keine Sympathien erwarten konnten. Wer heute noch nicht weiß weshalb, der findet die Erklärung in den sehr höflichen, sehr diskreten Andeutungen des Artikels von Peter Nansen (abgedruckt von uns Kap. 4). Da muß zunächst der Hebel angesetzt werden, wenn man auf die Sympathien des dänischen Volkes Wert legt. Aber der wie Harden sagt .von Kindesgemüt empfohlene Ver such, die Anerkennung der Kulturwelt zu erschwatzen, zu erflennen , ist auch in Dänemark völlig fruchtlos geblieben und hat uns nur Hohn eingehandelt. Die Gelder, die für die Verbreitung solcher Veröffentlichungen verwendet werden, sind zum Fenster hinausgeworfen. Sympathie läßt sich auf diese Weise nicht gewinnen, wohl aber können wir dabei noch etwas verlieren nämlich die Achtung. Übrigens Sympathie hin, Sympathie her; mit Sympathien wird keine Politik gemacht, heute dreht es sich um die vi talen Interessen der Völker. In demselben Augenblick, wo Englands Vorkehrungen dem Lebensmtereffe der skandinavischen Lander Mark gehen, werden sich dort alle englischen Sympathien in schwarze Galle verwandeln.19 Wenn es uns weiter gut geht, so wird sich die öffentliche Meinung in Dänemark, und damit auch die Presse, mehr und mehr auf die konkreten Interessen besinnen, die Däne mark mit dem großen Hinterland verknüpfen, und daß wir zugrunde gehen, kann Dänemark im Sinne eben dieser Interessen niemals wünschen. Wozu also die Phrasen: Kleine Mädchen reden von Sympathie." Die Erkenntnis, daß man bei der Aufklärungsarbeit nicht immer die richtige Linie eingehalten habe, brach sich auch in Deutschland Baku; in einem Aufsatz AufklärungS- sünden" schreibt hierüber der Universitätsprofessor Max Dessoir im Verl. Tageblatt" vom 25. November 1914: Es scheint mir ein Glück, daß jetzt endlich in der Presse die Frage erörtert wird, inwieweit unser Verfahren sich bewährt hat, die Angehörigen neutraler Länder .aufzu klären . Das Ergebnis ist nämlich so unbefriedigend, daß wir ernstlich an Änderungen denken müssen. Die .intellek tuellen Kriegsfreiwilligen , die einen Vortragsfeld zug im Auslande unternehmen, sind nach zuverlässigen Nach richten teils wegen ihrer Unkenntnis der Landessprachen, teils durch allerhand Ungeschicklichkeiten zu keinem rechten Erfolg gelangt; bloß über Herrn Dernburgs Auftreten liest man anerkennende Worte. Eher noch haben sich die Ver trauensmänner der großen Zeitungen der Aufgabe ge wachsen gezeigt. Doch sind auch hier bedauerliche Fehl schläge vorgekommen.So schreibt mireinemaßgebendPersön- lichkeit aus der Hauptstadt eines neutralen Balkanstaates: .Besten Dank für Ihre freundliche Ausendung. Der Artikel war schon in hiesige Zeitungen übergegangen. Daraus ersehen Sie erstens, daß meine Anschauungen wohlbekannt sind; zugleich aber nehmen Sie wahr den Taktmangel derjenigen, die hierher kommen mit der Absicht, uns bei der großen Aufgabe zu helfen, und leider das Gegenteil erreichen. Denn wenn man die ... Ge sellschaft auf unnötige und unrichtige Weise so schlecht be handelt wie in diesem Aufsatz, so wird die Stimmung gegen Deutschland nur schlechter und unsere guten Absichten werden erschwert. Ich hatte den Korrespon- 2 20 denten gar nicht empfangen ... Bitte den hierher kommenden Herren mehr Takt zu empfehlen.. Am weitesten verbreitet werden natürlich die Auf rufe und Aufklärungsschriften, über ihre Wirkung will ich aus den an mich gelangten Briefen zwei Stimmen an die Öffentlichkeit gelangen lassen. Ein hervorragender Gelehrter eines nördlichen Staates schreibt mir: ,Stimmungsmeinungen sind eben falsche Meinun gen, und alles Meinen ist wohl noch nie in unserem Leben so unangenehm, ja widerlich und gefährlich ge wesen wie gerade jetzt... Es muß doch in diesen Tagen auch noch in irgendeinem Lande Männer der Wissen schaft geben, die nicht alle Einsicht in den Gang der Er eignisse zugleich mit dem Auflodern der ersten patriotischen Flammen über Bord geworfen haben, wie dies in so vielen akademischen Lagern leider auch in Deutschland geschah. Mit förmlichem Schrecken habe ich bemerkt, wie viel man wissen und tun kann, ohne jemals zum wirklichen Denken ge kommen zu sein... Ein berühmter Universitätsprofessor eines anderen Landes schrieb mir, gleichfalls ungefragt, und von den besten Absichten beseelt: ,Jch verhehle Ihnen nicht, daß die deutsche Werbe tätigkeit, von der wir überflutet werden (es vergeht fast kein Tag, wo wir nicht Pakete mit Zeitungen und Flug schriften von der empfangen) zum entgegengesetzten Ziele führt, denn wir glauben viel besser unterrichtet zu sein als die Leser dieses Blattes einer amtlichen Propa ganda, wir, die wir Zeitungen und Nachrichten aus allen Ländern erhalten und miteinander vergleichen können. Namentlich der .Aufruf an die Kulturwelt und die Antwort des Hofpredigers auf den Brief des Pastor ... haben eine beklagenswerte Wirkung gebabt, vollständig entgegengesetzt der von ihren Urhebern erbofften. Diese zur Probe mitgeteilten Äußerungen stammen von Männern, die Deutschland schätzen, also keinesfalls uns herabsetzen oder schädigen wollen, und die zugleich ein21 Urteil über die in ihren Ländern herrschende Stimmung besitzen. Es ist demnach kaum zu bezweifeln, daß Fehler begangen werden. Fragt sich, wie man verfahren soll, damit nicht weiterhin gesündigt werde. Zwei Möglichkeiten sind gegeben. Die erste besteht darin, daß künftig auf jede Beeinflussung verzichtet wird. Am vornehmsten ist es gewiß, die Taten allein sprechen zu lassen, auf das Urteil der Geschichte zu vertrauen und nicht der falschen Deutung nach dem Worte Hui s exeuse, s seeusö Vorschub zu leisten. Ich muß bekennen, daß (nach meinem Gefühl) eine solche Zurückhaltung dem berechtigten Selbst bewußtsein des deutschen Volkes am reinsten entsprechen würde. Wenn man mir aber entgegengehalten hat, es sei aus politischen Gründen notwendig, Verleumdungen und Fälschungen zu widerlegen, so füge ich mich und bitte nur um das eine: nicht so vorzugehen, wie es uns am na türlichsten und bequemsten ist, sondern in einer Form, die bei dem andern den erwünschten Eindruck hervorruft. Wer überzeugen will, muß sich in die Gefühlsweise der an deren hineinfühlen, von seinen Voraussetzungen ausgehen, in seiner geistigen Sprache von ihn reden können. Des halb ist es ganz verkehrt, beliebig viele Länder mit den selben Flugschriften zu überschwemmen, denn das italieni sche Volk will anders angefaßt werden als das holländische; deshalb schadet es, wenn bedeutende und von uns allen verehrte Männer zum Auslande sprechen, ohne vorher die Stimmung des Landes gründlich kennen gelernt zu haben; deshalb verbietet es sich, den verletzenden Ton der Belehrung anzuschlagen, Behauptungen ohne genaueste Begründung hinzustellen und mit einer Überlegenheit aufzutreten, die als Großsprecherei wirken kann. Wir wissen sehr gut, wie alles das in Wahrheit empfunden und gemeint ist, aber unsere Wortführer haben mit fremder Auffassung zu rechnen; sagt ihnen das nicht zu, so ist es besser und würdiger zu schweigen." Hierauf erwiderte am 27. November 1914 einer der Llnterzeichncr des Aufrufs folgendes: Zuerst sei dem Autor zugegeben, daß mancherlei ge-22 schehen ist, was durch Übereifer oder durch mangelnde Ver bindung zwischen der einzelnen Arbeitsstätte seinen Zweck verfehlt hat. Auf dem Schreibtische manches uns wohlge sinnten Mannes im neutralen Ausland mag es wohl eine Überschwemmung von Drucksachen geben, die aus Hamburg, aus Berlin, aus Stuttgart, aus München, aus Göttingen, aus Weimar usw. auf ihn zugeströmt sind alle der gleichen löblichen Absicht entsprungen, ihn über Deutschlands wahre Absichten und wirkliche Kampfesweise aufzuklären. Und ab und zu mag es leider auch vorkommen, daß man sich ob dieser Sintflut an uns ärgert. Aber langst schon geschieht von maßgebender Seite alles nur Mögliche, um diesen einander durchkreuzenden und schädigenden Bestrebungen eine ein heitliche Richtung zu geben und die Gefahren einer uner wünschten Wirkung nach Kräften zu beseitigen. Wie sehr übrigens trotz aller vorgekommenen Mißgriffe der Einfluß der bisherigen Tätigkeit von unseren Feinden empfunden wird, ist aus einer Mitteilung der Pariser Blätter zu er sehen, die vor einigen Tagen hierher gelangte, daß, um die deutsche Wühlarbeit im neutralen Auslande lahmzu legen, ein gleicher Aufklärungstrieb in französischem Sinne eingerichtet werden solle. Über das Gesamtresultat un seres Wirkens dürfen wir hiernach beruhigt sein. Was insbesondere den .Aufruf an die Kulturwelt an belangt, der zu Anfang Oktober veröffentlicht und in Tau senden von Briefen an hervorragende Männer des neutralen Auslandes geschickt wurde, so verstand es sich für die Ab sender von selbst, daß er nicht die unmittelbare Wirkung haben konnte, die Wogen der Mißstimmung gegen Deutsch land zu glätten, die damals höher gingen als je, oder gar eingeschworene Gegner der deutschen Sache zu uns herüber zuziehen. Was in erster Linie beabsichtigt wurde, war, im Auslande Klarheit über die Stimmung zu schaffen, welche die Kreise der deutschen Intellektuellen auch mir sei in Ermangelung eines anderen dies grauenvolle Wort erlaubt seit Ausbruch des Krieges beherrschte. Man er innert sich, daß Sir Edward Grey den schlauen Satz ge prägt hatte, dieser Krieg sei lediglich ein Krieg gegen den deutschen Militarismus und nicht auch gegen die deutsche23 Kultur, die im Gegenteil, von den Fesseln des Militarismus befreit, in ihrer alten Schönheit auferstehen solle. Und hier aus war ein Schlagwort geworden, das die Runde über die Welt machte und bestimmt war, das Barbarentum Deutschlands unbehindert durch dessen bisherige Kul turstellung zum Axiom zu erheben. Dieses Schlagwort, das langst angefangen hatte, das Urteil selbst der entlegensten Halb- und Viertelkulturländer gegen uns aufzupeitschen, ist durch den Aufruf an die Kul turwelt zunichte gemacht worden, denn er bewies, daß Manner der deutschen Wissenschaft und Kunst und unter ihnen nicht wenige, deren Ruhm über die Erde leuchtet , anstatt von dem verheerenden Militarismus abzurücken, sich als Verteidiger vor ihn stellten und mit Namen und Ehre für die Reinheit der deutschen Absichten und die Menschlichkeit der deutschen Kriegführung eintraten. ,Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutze ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhunderte lang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei Vornehmlich in diesem Satze liegt die Wirkung, die der Aufruf in der gesamten Welt gefunden hat. Von ihm her kommt das Aufzischen der Wut, das wir allenthalben beobachten, wo Feindschaft gegen Deutschland offen lo dert oder unter der Decke neutralen Wohlwollens schwält. Zweierlei Vorwürfe sind dem Aufruf gemacht worden, der eine, daß er als Rechtfertigungsversuch nach dem Satze qu! s exeuse, s aoousk unsere Stellung vor der Welt herabsetzen könne, der andere, daß er mit seinem wiederhol ten ,Es ist nicht wahr als Herausforderung, als Faustschlag auf den Tisch empfunden werden müsse. Beide schließen in ihrer Berechtigung einander aus und sind deshalb nicht24 das schlechteste Zeugnis dafür, daß der richtige Mittelweg gewählt worden ist. Mehrere Kritiker des Aufrufs auch Mar Dessoir scheint zu ihnen zu gehören haben verlangt, daß dessen Behauptungen: 1. Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat, 2. Es ist nicht wahr, daß wir frevent lich die Neutralität Belgiens verletzt haben usw. mit einer .genauesten Begründung hätten versehen werden müssen, und lassen außer Acht, daß hierzu Dokumente gehören, die, zusammengestellt, einen umfangreichen Band gebildet und schließlich die Gegner doch nicht überzeugt haben würden, denn sie sind längst aller Welt bekannt, und auch sie haben die verlangten Bekehrungswunder nicht bewirkt. Nein, wer nicht überzeugt werden will, der läßt sich nicht überzeugen weder durch Proteste, noch durch Schwüre, noch durch Beweisführungen, wenn sie auch schlechtweg mathematische Evidenz hätten. Solchen Leuten gegenüber helfen nur Kanonen, und deren Sprache hat Gott sei Dank schon manchem Ungläubigen Erleuchtung ge bracht. Was wir aber können, ist schwankenden Freunden das Rückgrat steifen, furchtsam schweigenden die Lippen öffnen, den sich vereinzelt fühlenden den Mut zu gemein samen Erklärungen einflößen. Und daß dieses Ziel erreicht worden ist, dafür liegen aus Italien, Rumänien, Schweden, Spanien, Holland und anderen neutralen Ländern die Beweise vor. Eben noch heute erfahren wir aus Amerika durch die Blätter von einem Buche .(Zermaii^s just cause , das hochangesehene Gelehrte wie John Burgeß, William Sloan, Thomas Hall und andere, um den Lügen unserer Feinde entgegenzutreten, gemeinsam herausgege ben haben. Wie vorauszusehen war, hat es an Mißfallensäußerun gen aller Art nicht gefehlt ,ihr Briganten, ihr Taschen diebe, ihr Mädchenschänder heißt es in einer , aber auch eine Fülle warmherziger und begeisterter Zustimmungs erklärungen ist den Unterzeichnern des Aufrufs zugeflogen. ,Daß eine große Anzahl Griechen aller Berufsarten mir gleichgesinnt sind, weiß ich sicher, schreibt ein Professor der Universität Athen. ,Sie würden auch gern an25 eine ähnliche Kundgebung gemeinsam herantre ten, wenn sie es nicht als eine patriotische Pflicht erachteten, in keiner Weise Veranlassung zu geben, daß ein derartiges Vorgehen als eine Verletzung der von unserer Regierung offiziell erklärten Neutralität von irgendeiner Seite miß deutet werden könnte. Um so mehr fühlt sich jeder von uns veranlaßt, einzeln diese seine Gefühle der Bewunderung und Sympathie seinen Freunden und Lehrern zun? Aus druck zu bringen. Ein bekannter spanischer Gelehrter schreibt aus Madrid: .Nachdem ich in der spanischen Presse den Brief ge lesen habe, den die Vertreter der deutschen Kultur als Protest gegen die niederträchtigen Verleumdungen, deren Gegenstand das große deutsche Heer ist, an die Welt ge richtet haben, gereicht es mir zur Ehre, meine Sympathien für jene große Nation und den lebhaften Wunsch bezeugen zu können, daß Ihr heldenmütiges Heer siegreich aus diesem Kriege hervorgehen möge, den es nie provoziert hat. Und glauben Sie mir, daß so wie ich die große Mehrzahl der spanischen Nation denkt, die es auch verstanden hat, groß zu sein, und auch schändliche Verleumdungen erlitten hat. Und ähnliche Zeugnisse liegen aus Stockholm, aus Rot terdam, aus Rom, aus New-Pork, kurz, aus allen Teilen der zivilisierten Welt den Unterzeichnern vor... Den Angstlichen und Mißvergnügten aber, die glauben, daß Deutschlands Sache durch Schweigen am besten ver treten werde, sei Herz gelegt, daß, wenn ein Fehler begangen wurde, er darin zu suchen ist, daß wir zu lange geschwiegen haben." Wie richtig die hier entwickelten Ansichten sind, geht auch aus einem in Londoner Zeitungen Ende November veröffentlichten Schreiben, das von Asquith, Rosebery, Balfour und anderen unterzeichnet ist, hervor, worin namens des Aentralausschusses der nationalen patriotischen Verbände zur Unterstützung aufgefordert wird, um die britische öf fentliche Meinung aufzuklären und Literatur über die Fragen des Krieges in neutralen Ländern zu verbreiten. DaS Schreiben sagt (nach der Tägl. Rundsch." vom 22.Nov.):26 Die britische öffentliche Meinung kann letzten Endes ein entscheidender Faktor im großen Kampfe werden. Wenn das ganze britische Volk unerschütterlich und standhaft bleibt, glauben wir, daß der Sieg unser sein wird. Aber es darf komme was da wolle kein Schwanken und Er schlaffen und kein Flickwerk von Waffenstillstand geben, der unsere Kinder eine Erneuerung der deutschen Drohung aussetzen würde, die wahrscheinlich den, Reich etwas weit Schrecklicheres bringen würde als heute. Angesichts der vitalen und grundlegenden Bedeu tung ist es klar, daß die öffentliche Meinung nicht um schlagen noch sich verandern darf, wie es Tempera ment und wechselndes Kriegsglück es diktieren mag. Es ist dringend notwendig, die Aufklärungsarbeit auf jeden Bezirk des vereinigten Königreiches auszudehnen, ebenso wie es eine wichtige Aufgabe ist, den neutralen Ländern eine klare Darlegung der britischen Sache zu geben, denn das moralische Gewicht der öffent lichen Meinungen der Neutralen wird stets einen wachsenden Einfluß auf den Ausgang des Kampfes ausüben. Es ist durchaus erforderlich, sofort Schritte zu tun und das voll ständige Material vorzulegen, worauf unsere Sache sich gründet, um den neutralen Ländern zu ermöglichen, zu einem unparteiischen Urteil zu gelangen." Man sieht hieraus, wie dringend es auch für uns nötig ist, die Aufklärungsarbeit in keinem Augenblick ruhen zu lassen und unermüdlich die geistigen Waffen im Kampf mit einem hartnäckigen Gegner scharf zu halten.2. Der Krieg der Gelehrten und der Aufruf an die Kulturwelt Von der Universität Jena, die stets eine Hochburg deutscher Gelehrsamkeit und Freiheit wissenschaftlichen Denkens und ForschenS gewesen ist, gingen die ersten leb haften Äußerungen deutscher Universitätsprofessoren zum Weltkrieg aus, die einen weiteren Widerhall in der ganzen Welt fanden. Die Professoren Ernst Höckel und Rudolf Eucken beide seit langer Jeit durch zahlreiche wissenschaftliche und persönliche Beziehungen mit England verbunden, veröffent lichten Mitte August eine Erklärung, in der sie der inneren Empörung über das Verhalten Englands Aus druck geben. In der Erklärung heißt eS: Was heute geschieht, wird in den Annalen der Welt geschichte als eine unauslöschliche Schande verzeichnet werden. England kämpft zugunsten einer slawi schen, halbasiatischen Macht gegen das Germanen tum; es kämpft auf der Seite nicht nur der Bar barei, sondern auch des moralischen Unrechts. Denn es sei doch nicht vergessen, daß Rußland den Krieg be gonnen, weil es keine gründliche Sühne einer elenden Mord tat wollte! England ist es, dessen Schuld den ge genwärtigen Krieg zu einem Weltkrieg erwei terte und damit die gesamte Kultur gefährdet, und das alles weshalb? Weil es auf Deutschlands Größe neidisch war, weil es ein weiteres Wachstum dieser Größe auf jeden Fall verhindern wollte. Es lauerte nur auf eine günstige Gelegenheit, wo es zur Schädigung Deutschlands hervorbrechen könnte, und es benutzte daher28 schleunigst den für Deutschland notwendigen Einmarsch in Belgien, um dem brutalen nationalen Egoismus ein Mantelchen der Wohlanstandigkeitumzuhängen" Und zum Schlüsse: Die Weltgeschichte zeigt, daß solche Gesin nung die Völker nicht auswärts, sondern abwärts führt. In der Gegenwart aber vertrauen wir felsenfest auf das gute Recht, die Überlegenheit der Kräfte und auf den unbeugsamen Siegeswillen des deutschen Volkes. Doch müssen wir zugleich tief beklagen, daß jener schrankenlose Egoismus auf unabsehbare Zeit das geistige Zusammenwirken der beiden Völker zerstört hat, das so viel Gutes für die Entwickelung der Menschheit verhieß. Aber sie haben es dort so gewollt. Auf England fällt die ungeheure Schuld und die welthistorische Verantwortung." Außerdem erhob der greise Naturforscher Höckel auch seine Stimme einzeln in der flammenden Streitschrift Englands Blutschuld am Weltkrieg (veröffentlicht als Einzelschrift sowie u. a. in Heimat und Welt" Heft 10); auf seine Anregung in erster Linie erging auch die Erklärung deutscher Universitätslehrer vom 7. September 1914 über die Niederlegung eng lischer Auszeichnungen mit folgendem Wortlaut: Unter einem nichtigen Vorwande, der am wenigsten vor seiner eigenen Geschichte standhält und der durch zahl reiche Dokumente in seinem wahren Wesen klargestellt ist, hat England uns den Krieg erklärt. Aus schnödem Neid auf Deutschlands wirtschaftliche Erfolge hat das uns bluts- und stammverwandte England seit Jahren die Völker gegen uns aufgewiegelt und insbesondere sich mit Rußland und Frankreich verbündet, um unsere Weltmacht zu vernichten, unsere Kultur zu er schüttern. Nur in Vertrauen auf Englands Mitwirkung und Hilfe konnten Rußland, Frankreich, Belgien und Japan uns den Fehdehandschuh hinwerfen. England vor allem trifft die moralische Verantwortung für den Völkerbrand, der furchtbares Unheil für Millionen von Menschen zur29 Folge hat und unerhörte Opfer an Gut und Blut fordert. Der brutale nationale Egoismus von England hat ihm eine untilgbare Schuld aufgeladen. Wir sind uns wohl bewußt, daß hochbedeutende eng lische Gelehrte, mit denen die deutsche Wissenschaft in frucht barer Arbeit jahrelang verbunden war, gegen diesen frevel haft begonnenen Krieg gesinnt sind und gegen ihn gesprochen haben. Gleichwohl verzichten, in deutschem Nationalgefühl, diejenigen von uns, welchen Auszeichnungen von eng lischen Universitäten, Akademien und gelehrten Ge sellschaften erwiesen sind, hierdurch auf diese Ehrungen und die damit verbundenen Rechte." Emil v. Behring (Marburg a. L.), August Bier (Berlin), Moritz Cantor (Heidelberg), Vincenz Czer- ny (Heidelberg), Alfred v. Domaszewski (Heidel berg), Paul Ehrlich (Frankfurt a. M.), Wilhelm Erb (Heidelberg), Rudolf Eucken (Jena), Wilhelm Alexander Freund (Berlin), Max Fürbring er (Heidelberg), Ernst Haeckel (Jena), Engelbert Hum- perdinck (Berlin), Josef Kohler (Berlin), Leo Königsberger (Heidelberg), Willy Kükenthal (Ber lin), Paul Laband (Straßburg i. E), Philipp Lenard (Heidelberg), Mar Liebermann (Berlin), Franz v. Liszt (Berlin), Hermann Oppenheim (Berlin), Wilhelm Rein (Jena), Jakob Rießner (Berlin), Fritz Schaper (Berlin), Otto v. Schjernig (Großes Hauptquartier), Gustav Schwalbe (Straß burg i. E.), Rudolf Sturm (Breslau), Adolf Wag ner (Berlin), August Weismann (Freiburg i. B.), Anton v. Werner (Berlin), Wilhelm Wundt (Leip zig), Rudolf Kobert (Rostock). Weitere Unterschriften sind zu richten an Professor I. Schwalbe, Charlottenburg 4. Dieser scharfe Standpunkt fand nicht allseitige Aner kennung in der deutschen Gelehrtenwelt; es kam vielmehr zu einem kleinen Hauskriege", dessen einzelne Stimmen wir nach dem Berl. Tagebl." vom 11. September 191430 u. ff. wiedergeben. Zunächst äußerte sich Geheimrat Professor vr. Wilhelm Förster folgendermaßen: Es würde sicherlich nicht schwer sein, eine Anzahl von Unterschriften zu sammeln für eine Erklärung, in der ein anderer Standpunkt vertreten würde als in den durch Herrn Professor I. Schwalbe veröffentlichten Verzichtleistungen. Da der Unterzeichnete aber nicht in der Lage ist, sich der Sammlung von Unterschriften für eine solche Entgegnung zu widmen, so möchte er wenigstens für seine Person, als Ehrendoktor der Universität Oxford, sich lebhaft gegen jenes Vorgehen verwahren, in der Hoffnung, daß gerade in so furchtbar bewegter Zeit mitunter auch eine einzelne Stim me sänftigende Wirkungen hervorrufen kann. Es handelt sich doch um den Anteil, welchen die Gelehrtenwelt eines Staates auch an der sozialen und politischen Lenkung seiner Geschicke beanspruchen darf und soll. Nun wird in der vor liegenden Verzichterklärung betont, wir seien uns wohl bewußt, daß hochbedeutende englische Gelehrte, mit denen die deutsche Wissenschaft in fruchtbarer Arbeit jahrelang verbunden war, gegen diesen frevelhaft begonnenen Krieg gesinnt sind und gegen ihn gesprochen haben. Und das sind doch im wesentlichen die Männer, von denen diejenigen Ehrenerweisungen für die deutschen Gelehrten ausgegangen sind, die wir ihnen jetzt vor die Füße werfen wollen. Die deutsche Gelehrtenwelt ist zurzeit in der beglückenden Lage, daß sie mit den anderen Lebenskreisen unseres Vater landes in betreff des Krieges und der nächsten Zukunft völlig einmütig denkt und wirkt. Die englische Gelehrten welt ist offenbar nicht in derselben Lage in betreff der Politik ihres Vaterlandes. Ist es nun nicht durchaus unweise, dieser uns so nahe verwandten und so sympathischen Ge lehrtenwelt jetzt auf Grund der wirklich bösen Politik ihres Landes, an der sie aber keine entscheidende Schuld trägt, eine scharfe Trennung auszusprechen, anstatt den englischen Freunden einen kräftigen Appell zu einer wirksameren Treue der Gemeinschaft in die Seele zu rufen? Es ist doch wohl ein Gesetz der Menschennatur, daß sie durch einen31 solchen Appell viel machtvoller und nachhaltiger in ihren Entschließungen bestimmt wird, als durch die Augenblicks wirkungen einer übermaßig verallgemeinerten Erbitterung. Möchten doch die Freunde dadrüben sich über die Erhebung Deutschlands nicht täuschen lassen, und möchten sie doch end lich ihrem Volke zu einer wirklichen Kulturpolitik verhelfen anStelle der noch immer überwiegenden schnöden Jnteressen- politik." Hierauf erwiderte der Jenenser Universitätsprofessor Rudolf Eucken am 14. September 1914: Uns stellt sich zunächst der Tatbestand wesentlich anders dar. Einige englische Gelehrte meines Wis sens sind es sechs haben ihrer Hochschätzung der deutschen Kultur und ihrer Abneigung gegen den Krieg offenen Aus druck gegeben. Ehre und Dank diesen mutigen Männern! Aber diese sechs Männer, so bedeutend jeder einzelne von ihnen ist, sind nicht die englische Gelehrtenwelt, sie vertreten nicht die englischen Universitäten. Daß sie nur eine Aus nahme bilden, zeigt mit voller Deutlichkeit die Tatsache, daß im englischen Parlament, unter dessen 670 Mitgliedern sich sicherlich eine Anzahl von Gelehrten befindet, nicht ein einziger Gelehrter für den Frieden eingetreten ist, sondern daß dies einem Führer der Arbeiterpartei vorbehalten blieb. Es ist auch unwahrscheinlich genug, daß die englischen Uni versitäten, welche weit mehr nationale Bildungsstätten als wissenschaftliche Anstalten sind, die im besonderen die Pflanzschulen der Staatsmänner bilden, sich von ihrem Volk trennen. Kurz, wir haben nicht den mindesten Anlaß, das Ganze der englischen Gelehrtenwelt als deutschfreundlich zu betrachten. Ferner aber ist es die eigentümliche Art des gegen wärtigen Krieges, aus der wir unser Verfahren begründen. Wäre es ein gewöhnlicher Krieg, eine Verfeindung über einzelne strittige Fragen, ein ritterlicher Waffengang, der die gegenseitige Achtung nicht mindert, so hätte die Mahnung an die Gelehrten, sich nicht zu sehr zu erhitzen und die innere Gemeinschaft der Arbeit zu wahren, gewiß ein gutes Recht. Aber der heutige Krieg ist wesentlich anderer Art. EnglandZ2 hat mit höchst bedenklichen Mitteln die halbe Welt gegen uns in den Krieg gehetzt auch Rußland hätte, wie wir jetzt sehen, ohne England vielleicht nicht den Krieg begonnen , und in diesem Kriege will es nicht nur unseren Handel und Wohlstand vernichten, es will uns unsere gesamte politische Stellung, unsere nationale Selbständigkeit rau ben; es ist heute, wie oft ausgesprochen ward, für uns ein Kqmpf um Sein oder Nichtsein! Und daß in einem solchen Kampfe der Gelehrte beiseite stehe und Würden eines Vol kes weitertrage, das darauf ausgeht, uns zu vernichten, das dünkt vielen deutschen Gelehrten schlechterdings unerträglich. Friedfertigkeit und Sanftmut sind herrliche Dinge, aber nur an der rechten Stelle; heute, wo alles für uns Deutsche auf dem Spiele steht, sind andere Gesinnungen nötig, heute haben wir uns zum Worte Platos zu bekennen, daß sich ohne einen edlen Zorn nichts Großes verrichten läßt. Denn wahrlich haben wir heute Großes und Schweres zu ver richten." Auf de gleichen Standpunkt stellt sich mit großer Ent schiedenheit der Berliner Rechtsgelehrte Geheimrat Pro fessor Or. Josef Kohler mit folgender Erwiderung an Professor Förster (14. Sept.): Kollege Förster macht geltend, daß englische Ge lehrte wohl mit der Politik ihrer Regierung nicht einver standen seien, und es klingt aus seiner Darstellung heraus, als ob hier eine Art von Tragik jener englischen Männer vorliege, für welche wir ein Verständnis haben sollten. Allein wir deutschen Gelehrten haben stets verlangt, daß der Gelehrte nicht nur Denker und Schöpfer ist, son dern daß er auch gegen alle und jeden stets mannhaft für seine Überzeugung einstehen müsse. Das ist unser freudiger Stolz. Wenn daher jene englischen Gelehrten die Schmach ihrer Regierung nicht billigen, wenn sie in ihrem Innern erkennen, wie faul ihre Politik und wie ungeheuerlich das Gebaren gegen Deutschland ist, warum rühren sie sich nicht? Vor dem Krieg hat eine kleine Anzahl und nicht eben der bedeutendsten Gelehrten sich ausgesprochen; warum ist ihr Mund seither verstummt?33 Und nachdem die große deutsche Nation, der die gewaltigsten Denker und erhabendsten Künstler hervorge gangen sind, von den englischen Preßorganen in der nieder trächtigsten Weise verleumdet worden ist, hat sich da auch nur einer dieser Gelehrten gerührt, um für das Deutsch land einzutreten, dem er doch das Beste seiner Bildung zu verdanken hat? Nein. Man mußte schon zu den Jrlän- dern in Amerika gehen, um Verständnis dafür zu finden, daß man eine Nation, die an der Spitze der Geisteskultur steht, nicht verlästern darf. Sodann scheint Foerster vollkommen zu übersehen, daß die englischen Universitäten auch bedeutsam an der Politik beteiligt sind. Die englischen Universitäten wählen Mit glieder in das Parlament. Haben diese Männer gegen den Krieg gestimmt? Nein. Der Krieg wurde mit allen gegen eine Stimme beschlossen. Haben ihre Auftraggeber, die Universitäten, nachträglich dagegen Protest erhoben und erklärt, daß diese fluchwürdige Abstimmung gegen ihre Intention sei? Antwort: Nein. Die englischen Universi täten und damit die englische Gelehrtenwelt tragen des wegen einen Teil der Schuld des Krieges mit. Wenn wir daher erklären, daß wir mit Persönlich keiten, die auf solche Weise sich nicht gescheut haben, die Ge hilfen einer Regierung zu sein, welche sich zum Henker deutscher Geisteskultur erniedrigen wollte, keinen Verkehr haben wollen, und wenn wir erklären, daß diejenigen unter uns, welche Auszeichnungen von ihrer Seite besitzen, recht daran tun, wenn sie ihnen diese Auszeichnungen zu Füßen werfen, so handeln wir nicht nur in gerechtem Zorn, sondern auch in jenem Stolz, welcher dem Gelehrten der größten Kulturnation der Welt gebührt." Zur Mäßigung warnt hiergegen ein Aufsatz des inter national angehauchten, bekannten sozialdemokratischen Ab geordneten Eduard Bernstein im Vorwärts" vom 14. September, worin es heißt: Aus keinem Land sind so viel Stimmen gegen den Krieg mit Deutschland herübergedrungen, wie gerade aus England, und die erste Äußerung aus der englischen Der Krieg der Geister. 234 Gelehrtenwelt über den Krieg waren Proteste von Profes soren englischer Universitäten nicht gegen Deutschland, sondern gegen den Krieg mit Deutschland. Drei englische Minister haben ihre Posten niedergelegt und damit auf sehr hohe Gehälter verzichtet, weil sie von diesem Krieg nichts wissen wollen, und es wären ihrer zweifels ohne noch mehr gewesen, wenn nicht der Hilferuf Belgiens vielen englischen Liberalen den Mund geschlossen hätte. Noch in der Nummer des .vai!? Ldronide" vom 31. Juli der letzten, die mir ausgehändigt wurde stellt dieses weitverbreitete Londoner Blatt mit Genugtuung die Ab wesenheit jeder antideutschen Stimmung im englischen Publikum fest und drückt sein volles Vertrauen in die Frie densliebe der deutschen Regierung aus. Daß in den breiten Massen des englischen Volkes der Krieg nicht populär war, bestätigen noch heute selbst Berichte unserer bürgerlichen Blätter. Was hat es angesichts dieser Tatsache für einen Sinn, den Aorn über die Politik Sir Edwards Grey und gewisse verdammenswerte Kriegsmaßnahmen der englischen Regierung zu einer Verdammung einer ganzen Nation ausarten zu lassen, die zu allen Zeiten ihrer Geschichte Männer hervorgebracht hat, welche selbst mitten in? Kriege mutig lieber ihre ganze Existenz aufs Spiel setzten als zu dem Unrecht zu schweigen, das nach ihrer Ansicht das eigene Land beging? Kein Volk ist während eines Krieges frei in seinem Tun. Ob es ihn billigt oder nicht, es hat, wenn er Tatsache ist, zu viel von seinem ungünstigen Ausgang zu fürchten, um sich leichthin den Verfügungen widersetzen zu können, welche die mit der Führung des Krieges betrauten Personen tref fen. Es hat sie und vieles andere, was der Krieg mit sich bringt, über sich ergehen zu lassen. .l ksir Z not tke reasoii nt ^, Ideir s but to ki^kt an 6 äie ,Sie haben nicht warum zu fragen. Nur ihre Haut zu Markt zu tragen , singt Alfred Tennyson in seiner Ballade über den Frevel des tödlichen Ritts der leichten englischen Kavallerie bei Balaklava. So ist es in der Hauptsache noch heute. Der35 Krieg kennt, einmal entbrannt, kein Warum mehr. Lasse man es daran genug sein, genug an den Rechten, die er für sich beansprucht. Aber überbiete man ihn nicht noch dadurch, daß man auch noch die geistigen Grund bedingungen zukünftigen Ausammenwirkens der Kulturvölker untergräbt, daß man über das Unver meidliche hinaus Verbitterung und Verhetzung schafft, zwecklos und zweckwidrig die geistigen Bande zer stört, welche vor Ausbruch des Krieges über die Grenzen der sich jetzt befehdenden Nationen hinweg Tausende und aber Tausende im Wirken für gemeinsame Ziele auf dcn verschiedensten Gebieten der Kultur verbunden haben und die nach seiner Beendigung möglichst schnell wieder ange knüpft zu sehen im Interesse des Gedeihens aller beteiligten Völker liegt." Dem Foersierschen Standpunkt tritt nochmals Geh. Sanitätsrat Professor vr. I. Schwalbe am 15. September entgegen: Herr Geheimrat Foerster vermutet, daß auch andere Gelehrte mit der am 7. d. M- durch das W.T.B, veröffentlichten Verzichtleistung deutscher Geistes heroen auf englische Auszeichnungen nicht ein verstanden sein werden: er kann, ohne sich der Mühe der Unterschriftensammlung zu unterziehen, für seine An nahme einwandsfreie Belege aus meinem Archiv erhalten. Aber was wird damit bewiesen? Weder ich noch irgend jemand, der das Wesen deutscher Gelehrter kennt, wird daran gezweifelt haben, daß auch bei dieser Frage Uneinig keit unter denen, die es angeht, herrschen wird. Einer un serer besten Berliner Universitätsprofessoren schrieb mir zu der .Erklärung : .Möge der Aufruf bei den deutschen Ge lehrten vollen Erfolg haben! Ich bin etwas skeptisch aber dieser Krieg ist ja ein großer Erzieher! Wenn Männer wie Eucken und Wundt, Laband und Liszt, Behring und Ehrlich, Liebermann und Schaper, und wie die anderen Kulturträger alle heißen gewiß nicht ohne genügende Selbstprüfung sich durch ihr Nationalbewußtsein getrieben fühlen, ihrer Empörung über s-36 die (wie Foerster mit großem Zartgefühl sich ausdrückt) .wirklich böse Politik Englands trotz ihrer bisherigen freund schaftlichen Beziehungen zu englischen Gelehrten durch eine symbolische Handlung öffentlich Ausdruck zu verleihen, so werden sie beim deutschen Volke volles Verständnis finden vielleicht auch bei den englischen Gelehrten selbst. Es gibt Zeiten, wo auch der Sanftmütigste, wenn er nicht ein Schwächling ist, einen kräftigen Faustschlag auf den Tisch für den erfolgreichsten Appell um wieder mit Foerster zu reden ,zu einer wirksameren Treue der Gemeinschaft hält." Der Anregung zur Verlegung de Hauskrieges", die Professor Schwalbe noch anfügt, gibt der Direktor des physiologischen Instituts in Bonn, Professor Max Verworn noch besonders energischen Ausdruck (19. September). Er meint: Weit bedauerlicher aber als diese Erklärung einiger Professoren selbst muß für jeden Deutschen, der die große Zeit seines Vaterlandes mit warmem Herzen durchlebt und zugleich den hohen Geist seiner Wissenschaft verehrt, die Tatsache sein, daß sich an diese Erklärung eine Dis kussion über ihre Berechtigung oderNichtberechtigung in der breiten Öffentlichkeit zu knüpfen beginnt. Sieht man denn nicht und fühlt man es nicht, einen wie kleinlichen und den Geist deutscher Wissenschaft schädigenden Eindruck es machen muß, wenn in einer Zeit, in der das ganze Denken und Fühlen und Wünschen jedes Deutschen durch gewaltige Ereignisse in atemloser Spannung gehalten wird, deutsche Gelehrte Geschmack daran finden, sich über so kleine, fast möchte man sagen, kindliche Probleme öffentlich zu ereifern ?" Die englische Antort auf die Kundgebung der deutschen Hochschullehrer erschien in der l inies" am 21. Oktober unter dem Ttitel: Antwort an die deutschen Professoren (Ursprung und Führung des Krieges). Sie lautet: Mit Rücksicht auf die Proteste und Kundgebungen von verschiedenen Universitätsprofessoren in Deutschland, wurde die folgende, vernünftige Feststellung, in der wir unsere Gegengründe aufführen, von einer bestimmten Anzahl von37 Gelehrten und Männern der Wissenschaft, die verschiedene Seiten englischen Wissens repräsentieren, ausgefertigt: Wir sehen mit Bedauern die Namen von einigen deut schen Professoren und Männern der Wissenschaft, welche wir mit Achtung und, in einigen Fällen, mit persönlicher Freundschaft, anblicken, einer Beschuldigung Großbritanniens angefügt, die so überaus grundlos ist, daß wir kaum glauben können, daß diese ihre spontane oder wohlüberlegte Mei nung ausdrückt. Wir stellen keinen Augenblick ihre persön liche Aufrichtigkeit in Frage, wenn sie ihren Abscheu vor einem Krieg und ihren Eifer für die Vollendungen der Kultur" ausdrücken. Jedoch sind wir veranlaßt festzustellen, daß eine von der unseren sehr verschiedene Ansicht von Krieg und von nationalem Wachstum, das auf der Kriegs drohung beruht, von so einflußreichen Schriftstellern wie Nietzsche, von Treitschke, von Bülow und Bernhardt ver teidigt worden ist und eine weitverbreitete Unterstützung durch die Presse und die öffentliche Meinung in Deutschland gefunden hat. Dies ist nicht in irgend einem andern zivili sierten Lande vorgekommen und würde nach unserm Urteil auch nicht möglich sein. Wir müssen ferner bemerken, daß es allein deutsche Heere sind, die, in der gegenwärtigen Zeit, mit wohlüberlegter Absicht solche Denkmäler der mensch lichen Kultur wie die Bibliothek von Löwen und die Kathe drale von Reims und Mecheln zerstört oder bombardiert haben. Die diplomatischen Papiere. Zweifellos ist es schwer für menschliche Wesen, gerecht die Streitigkeiten ihres Landes abzuwägen; vielleicht be sonders schwer für die Deutschen, die in einer Atmosphäre der Hingabe an ihren Kaiser und dessen Armee erzogen worden sind; die diese im Augenblick besonders stark empfin den; und die unter einer Regierung leben, die, wie wir glauben, ihnen nicht erlaubt, die Wahrheit zu erfahren. Jedoch ist es die Pflicht eines Gelehrten, sich von den Tat sachen zu überzeugen. Das deutsche Weißbuch enthalt nur eine dürftige und vorsichtig erläuterte Auswahl aus der diplomatischen Korrespondenz, die diesem Krieg voraus ging. Aber wir wagen zu hoffen, daß unsere deutschen Kolle-38 gen früher oder später zu ihrem Besten Kenntnis von der vollständigen Korrespondenz gewinnen und sich danach ein unabhängiges Urteil bilden werden. Sie werden dann sehen, daß von der Ausfertigung der österreichischen Note an Serbien angefangen England, welches sie beschuldigen, diesen Krieg veranlaßt zu haben, sich unablässig für den Frieden bemühte. Seine nachein ander gegebenen Vorschläge wurden unterstützt von Frank reich, Rußland und Italien, aber leider nicht von der einen Macht, welche durch ein einziges Wort in Wien den Frieden hätte sichern können. Deutschland behauptet in seiner eige nen offiziellen Verteidigung unvollständig, wie dieses Schriftstück ist nicht, daß es sich um den Frieden beniühte; es bemühte sich einzig, den Konflikt zu lokalisieren". Es verlangte, daß es Osterreich überlassen werden sollte, Ser bien nach Belieben zu züchtigen". Als Äußerstes schlug es vor, daß Österreich keinen Teil des serbischen Gebietes anek- tieren sollte; eine eitle Vorkehrung, da die Durchführung von Österreichs Forderung das ganze Serbien seinem Willen unterwürfig gemacht hätte. England, sowie das übrige Europa sind der Meinung, daß, mochte Osterreich noch so gerechte Gründe zur Klage haben, die beispiellosen Forderungen seiner Note an Ser bien eine Herausforderung für Rußland und einen Anreiz zum Krieg bedeuteten. Der Kaiser von Osterreich gab in seiner Proklamation zu, daß der Krieg wahrscheinlich folgen mußte. Das deutsche Weißbuch stellt mit vielen Worten fest: Wir waren uns hierbei wohl bewußt, daß ein etwaiges kriegerisches Vorgehen Österreich-Ungarns gegen Serbien Rußland auf den Plan bringen und uns dementsprechend in einen Krieg verwickeln könnte... Wir konnten aber trotzdem unserm Bundesgenossen nicht zu einer mit seiner Würde nicht zu vereinbarenden Nachgiebigkeit raten". Die deutsche Regierung gibt zu, daß sie die Tonart der österreichischen Note vorher kannte, als sie anderen Mächten noch verborgen war; sie gibt das zu, indem sie sie verteidigt, nachdem sie ausgefertigt worden war; sie gibt zu, daß sie wußte, daß die Note wahrscheinlich den Krieg herbeiführte; und sie gibt zu, daß, was immer für Versicherun-39 gen es den anderen Mächten gab, es insgeheim Österreich nicht riet, auch nur ein Jota von seinen Forderungen zu streichen. Damit ist nach unserer Meinung zugegeben, daß Deutschland zusammen mit seinen, unglücklichen Verbün deten den Krieg heraufbeschworen hat. Einen Punkt geben wir freilich zu, Deutschland würde es sehr wahrscheinlich vorgezogen haben, nicht in diesem Augenblick mit England zu kämpfen. Es würde vorgezogen haben, Rußland zu schwachen und zu demütigen, Serbien von Osterreich abhangig zu machen, Frankreich unschädlich und Belgien unterwürfig zu machen, und dann erst, nach dem es einen überwältigenden Vorteil erlangt hatte, mit England seine Abrechnung zu halten. Sein Vorwurf gegen uns ist, daß wir ihm nicht erlaubten, das zu tun. Englands Friedensliebe. So tief eingewurzelt ist Englands Friedensliebe, so einflußreich sind unter uns diejenigen, welche durch manche schwierige Jahre sich bemüht haben, zwischen diesem Land und Deutschland gute Beziehungen zu för dern, daß, trotz unsrer Freundschaftsbande mit Frankreich, trotz der offenbaren, uns selbst drohenden Gefahr, es doch bis zum letzten Augenblick der heftige Wunsch Englands war, seine Neutralität zu wahren, wenn sie ohne Unehre gewahrt werden konnte. Aber Deutschland hat das selbst unmöglich gemacht. England zusammen mit Frankreich, Rußland, Preußen und Osterreich hatten feierlich die Neutralität Belgiens garantiert. In der Bürgschaft dieser Neutralität sind unsere tiefsten Gefühle und unsere vitalsten Interessen verknüpft, ihre Verletzung hätte nicht allein die Unabhängigkeit von Belgien erschüttert: sie hätte auch die ganze Basis unter miniert, welche die Neutralität von irgend einem Staate und überhaupt die Existenz solcher Staaten, welche schwächer sind als ihre Nachbarn, ermöglicht. Wir handelten 1914 genau ebenso wie 187V. Wir verlangten von Frankreich und Deutschland Ausicherungen, daß sie die Neutralität Belgiens respektieren würden. 1870 versicherten uns beide Mächte ihrer guten Absichten, und beide hielten ihr Ver sprechen. 1914 gab Frankreich umgehend, am 31. Juli, die40 verlangte Zusicherung; Deutschland verweigerte die Ant wort. Als Deutschland nach diesem unheilvollen Schweigen fortfuhr, vor unsern Augen den Vertrag, den beide Länder unterzeichnet hatten, zu brechen, offenbar in der Erwartung, daß England aus Angst sein Mitschuldiger sein würde, da wurde gerade für den friedliebendsten Englander ein Zaudern unmöglich. Belgien hatte an England appelliert, sein Wort zu halten, und es hielt sein Wort. Die deutschen Professoren scheinen zu denken, daß Deutschland in dieser Angelegenheit eine beträchtliche An zahl sympathisch empfindender Personen auf den englischen Universitäten hat. Sie sind in schwerem Irrtum. Niemals zu unseren Lebzeiten war unser Land so einig in einer großen politischen Streitfrage. Wir selbst haben eine echte und tiefe Bewunderung für deutsche Gelehrsamkeit und Wissenschaft. Uns verknüpfen manche Bande mit Deutsch land, Bande der Kameradschaft, der Achtung und der Zu neigung. Wir bedauern tief, daß unter dem verderblichen Einfluß eines Militärsystems und seiner gesetzwidrigen Eroberungsträume, die, welche wir einst verehrten, jetzt entlarvt dastehen als der gemeinsame Feind Europas und aller Völker, welche das internationale Recht achten. Wir müssen den Krieg zu Ende führen, den wir begonnen haben. Für uns, wie für Belgien ist es ein Verteidigungskrieg, geführt für Freiheit und Frieden. Die Folgenden sind die Unterzeichner: 8ir lülikkorä Mbutt, RsAius I rokessor ok?k^sie, ÜÄinbr!äxk; 1 . ^V. ^VIIvn, ReacZer in Oreek, Oxkorcl; L. ^rmstronA, ?ro-?rovo8t ok Hueen s (üolleAk, Ox korcl; L. V. Arnold, ?roko8sor ok I.atin, I)niver8it? Oolle^e ok Nortk ^Vales. 8ir 0. R. Lall, ReZiu8 ?roke88or ok Zur^er^, Dublin; Vir l koiNÄS Larlov, ^resident ok tke Roz^sl OoUeAk ok?Ii) sieians, I^onäon; Lernsrä Losanquet, korinorl^ ?rokk8sor ok Nora! ?tulc 8opkv, 8t. ^nclre^8; 0. Lraclle^, kormvrl^ ?roke88vr ok?ootrv, Oxkorcl; ^ V. H. Lkvenäisb krokessvi vi I^eecZ8; 8ir ?boma8 Lroelc, Mmbro cl lionnour cle la Loci^tö 6e8 ^rti8tk8 kr-MLiU8; ,7. kro^vn, ?ro-41 kessor ok Liolox^ anä Okemistr^ ok Fermentation, Dniversit^ ok Lirininzdam; äokn öurnst, ?rokessor ok Oreelc, 8t. ^närevvs; L. Lur^, Re^ius ?rokessor ok Gollern Histor^, OambriäAe. Lir V. Okez ne, ?rokessor ok Olinieal Lur xer?, Xing s Oollexe, London, ?resiäent ok tde Roz al OoUege ok LurZeons; Norman Oollie, krokessor ok Orxanie Okemistrz^ anä Oireetor ok tke Okemieai Laboratories, I^niversit) College, London; Ii . O. Oon^beare, Honorar^ ?eUov ok Ilniversit^ OoUexe, Oxkorä; Lir Henr^ Lraik, A.?. kor OlasZov anä .^beräeen Ilniversities; Lir Garnes Oriedton- Browne, Viee-?resiäent anä Ireasurer, Ro^al Insti tution; Lir ^Viliiam Orookes, kresiäent ok tke Ro^al Loeietz^; Lir Zoster Ounlikke, ?ellov ok Louis Oolle^e, Oxkorä; Lir?ranois Oarvin, late Resser in kotan^, Oainbriä^e; V. viee^, ?ellov ok Louis (^oileZe anä kormeri^ Vinerian ?rokessor ok Lnxlisti I^av, Oxkorä; Lir 8. vi , Hon. ?ellow ok Oorpus Okristi OoUexe, Oxkorä; 8ir ^ames Oonalä- son, Viee-OkaneeUor an6 ?rinoipal ok tke Dniversitz^ ok Lt. ^närevs; ?. ^V. Oxson, ^stronomer ko^ai. Lir Lävarä Llxar; 8ir ^rtdur Lvans, Lxtra- oräinarv ?rokessor ok krekistorio Vrekaeolvß^, Oxkorä. I.. R. ?arneli, Reetor ok Lxeter OolleZe, Oxkorä; O. H. ?irtd, Rexius ?rokessor ok Noäern Ilistor^, Oxkorä ; H. I . ?isiier, Viee-Lkaneellor ok Lkekkielä Uni versitz; I^IsminZ, krokessor ok Neetrical Ln^ineerinZ in tke Dniversit? ok I^onäon; H. 8. ?oxvell, krokessor ok?olitieal Leonom^ in ttie Uni- versitz ok I^onäon; 8ir Lävarä ^mbassaäor Lxtraoräinar^ anä ?irst Lritisk klenipotentiar^ to Ide Ilaxue?saxe Oonkerenee in 1907. 8ir ^rokibaiä Oeikie, ?ast ?resiäent ok tde Roz^al Loeiet?; V. l. Oeläart, ?ellov ok VII Louis anä Vinerian ?rokessor ok Lngiisk I^av, Oxkorä; 8ir Riekman Ooälee, Emeritus ?rokessor ok Olini- cai Liirxer^, Ilniversit^ Oollege, I^onäon; L. ?.LrenkeU, I^te ?roke88or ok? p^roIoF^, Oxkorä; L. R. Orikkitk8, ?rinvipsl ok tks Uni versitz OoUkFk ok 8outk ^Vales nü Nonmoutk8kire. ^V. H. Haäov, ?rineipsl ok ^rmstronA OoUe^e, ^ovosstlk! ,1. 8. Usläane, I Rv-täei- in?IivsioIoFV, 0xkorä; Uarous Hartox, ?rokö88or ok Xoolo^v in Universitv lüollexe, Lork; ?. ,1. Laverkielä, Lsmäen ?roke88or ok ^neient Hi8torv, Oxkorä; ^V. Herä- man, ?roke88or ok ^ooloxz? st Liverpool, OenersI Leeretsrv ok tke Lriti8k ^88veiation z 8ir V. ?. lkerrinxkam, Vioe-Lksnoellor ok tke IIniver8it^ ok I^onäon; L. Hob8on, 8aäleirian ?roke8 or ok ?ure ÄI tkematio8, LambriäAe; O. Z. HoZsrtk, Xeeper ok tke ^8kmoles n ? lu8eum, Oxkorä; 8ir ^VUreä Hopkinson, I^ate Vioe-OksnoeUor ok A n- ekester IIniver8it^! 8. Hunt, ?roke88or ok ?s- p5?olo^, vxkorä. Henr^ ^aok8on, Regiu8 ?roke88or ok Oreek, Lsmdri^^e; 8ir ?koma8 ^ ek8on, R.^.; ?. L. Devons, ?roke88or ok ?kilo8vpk^, vurksin; H. H. .loackiin, ?ellov ok ülerton College, vxkorä; -I. ^allv, ?roke88or ok (Zsolo^v anä Aineraloxv, Uni- ver8itv ok Oublin. Lourtne^ Xennv, Oovninx ?rokes8or ok tke I^V8 ok LnZIsnä, LsmbriZAe; 8ir. ?. K. Xenvon, Oireetor nä ?rineip I ^ibrarian, kriti8k Nu8kum. Horsoe I^amb, ?roke88or ok NittkemÄtios, Aan- okester klniversitz -, 1^. I^nzle?, ?roke 8or ok ?k^8iolo^, Lamkriä^e: Valter I^eak, k kllovv ok I onäon Vniver8it^, ?re8iäent ok tke Hellenio 8oe et^; 8ir 8i6nev I^ee, Läitor ok tke Oietionarv ok National Lionkpk?, ?roke88or ok tke LnZÜ8k I NAuaAS nä Iviterature in tke DniveiÄt^ ok I^onäon; 8ir Oliver I,oäxe, ?rinoipal ok Lirmingkam Universitv. 8ir Oonalä Useslister, ?rinoip I anä Vioe- Okaneellor, Z1a8Zo v; k. Uaesn, Laster ok Hn ver8it^ OoUeZe, Oxkorä; Lir ^ oev?en, ?roke88or ok 8urger?, OlÄ8Zovv; ^s. l eksil, kormerl^ ?rokk88or ok ?0etrv, Oxkorä; 8ir ? triok43 Älanson, R. R. Barett, Reaäer in Loeial ^ntbro- pczIvA^, Oxkorä; D. 8. U^rAolioutk, D^uäian Pro fessor ok ^Vrabio, Oxkorä; 3ir H. Mer8, ?rinoipsl ok tke Dniversit^ ok I^onäon; ?reäeriek ^V. Aott, ^ullerian?rokes8or ok?k?8ioloz?, Ro^^I Institution; Dvrä Noulton ok Lsnl!, I^orä ok Appeal in Oräinar^; 15. H. ^lurpk^, ?rokes8vr ok Irisii, Dublin; Gilbert Nurrax, Re^ius ?rokessor ok Kreel!, Oxkorä; ^s. D. Uz^res, ^Vv ce!lÄin ?rokessor ok .Vneisnt H^stor^, Oxkor6. (Z. H. ?. I^uttall, Zuielc ?rokessor ok öivlo^, ?AmbriäAe. 8ir ^V. Osler, Re^ius ?rokessor ok Mäioine, Oxkorä; 8ir Isambarä Oven, Viee-Odaneellor ok tke Iliniversit^ ok Lristol. 8ir ^V Iter?itrratt, ?rokessor ok Älusie, Oxkorä; 8i.r Hubert ?srr^, Direktor ok Roz^I Lolleze ok Uusio; V. H. ?erlcin, ^Vs^nklete ?rokessor ok Ode- mistr^, Oxkorä; ^V. I^Iinäers Metrie L^v^räs kr-okessor ok Lx^ptoloZ^, Dniversit^ LolleZe, I^on- clom; k . ?ollarä, ?rokessor ok LnZlisk Historz^, I^onäon; 8ir I?. ?olloek, kormerl^ Lorpus ?rokessor ok ^urispruäenoe, Oxkorä; Lävarä L. ?oulton, Hope ?roks88or ok ^oolvA^, Oxkorä; 8ir IZ. ?o^llter, ?i7esi6ent ok tiie Ro^al ^esäem^ ok.^rts. 8ir Zuiller-Louek, Xin^ Lclwarä VII. ?ro- kessor ok LnAÜ8k Ditersture, OsmbriclZe. 8ir kalter RaleiZK, ?roke88or ok LnFli8k I^ite- r^ture, Oxkorä; 8ir Ram8Ä?, Lmeritus ?roke8sor ok Lkemi8tr^, Donäon; Dorä R^IeiFk, ? 8t?resiäent Rov 1 8oeiet?, Isabel I^sureate, LlisneeUor ok dsinbriä^e IIniver8it^i Dorä Re ^, ?ir8t ?resiäent Lr-iti8k ^osäem^; ^ames Reiä, ?rokessor ok ^ncient IÜ8tor^, L^mbnä^e; MIIi ni Riä^evaz^, Di8llözs ?i oke88or ok ^rokaeoloA?, L^mbrläZe; ?. I?. Roberts ?r-ineipÄl ok tbo Dniversitv LoUeZe ok ^?ale8, ^ber^8t- w^td; Hollanä Rose, Reaclsr in ^lodern Hi8tor^, OAmbriäFk; 8ir Ronslä Ros8, kormerl^ ?roke88or ok l^ropiosl Z-leäioine, Diverpool, Isobel I^sureitte.44 A. 8s6Ier, Vioe-LksiioeUor ok I^eeäs; ^V. Lsnä^z , I^säzs Uar^arkt ?roke88or ok Oivinitz^, Ox- korcl; 8ir ^l. L. 8an6^8, ?ublio Orstor, Lamkiiäxe; 8ir Lrnest 8atov, 8ec:onä Lritisd OoleAate to l ks HsZue ?e-tee Lonkerenee in 1907; H. Lavoe, ?ro- kessor ok ^88Z?ioIox^, Oxkorci; ^rtkur Loduster, Iste ?rokossar ok kk^sivs, Uanekester; O. H. 8eott, Foreign Leeretarz , Roxsl Loeiet^; t!. 8. 8der- rinßton, ^s^nklete?rokessor ok?k?sioIoA^, Oxkorä; (Zevr^e ^6am-8mitk, ?rineipal anä Vioe-LkanoeUor, ^Vbercleon; (Z. L. Uoore Linitk, ?rokessoi ok Lnglisk I^iiAuage n6 I^itorsture, 8kekkielä; L. 8onnen- sekeili, ?rokessor ok I^atin an6 Lreek, öirminßdsm; R. 8oile^, ?rokessor ok ^loral?kilo8opk^, üam- briclge; 8ir (?. V. 8tankorcl. ?rok 88or ok Uu8ie, (üambri^Ak; V. H. 8t nton, ?roke88or ok vevi- Oambnä^e. ^rtkur Ikomson, Rexiu8 ?rokos8or ok Natural Li8tor?, ^beräeen; 8ir 1 kom8on, ?roke88or ok LxperimentsI ?k^8ie8, ^Ämbriäxe; 1". lout, ?roke88or ok Äleäisevsl nä iloüern Ijistor^, Nan- eke8teri 8ir ^V. I urner, ?rincipal nä Viee-LIisn- eeUor, Läinbmßk. 8ir L. ^Vslä8tein, I^ate lieaäer in Llassieal ^rekaeolog^ sn6 8Iaäe?roke88or ok?ine ^Vit, Lsm- briäAe; 8ir .5. "Uolke-Lsrr^; 8ir .^Imrotk ^Vri^lit, kormsrlz ?roke88or ok ?i tkolo^, Netle^; (?. ?. HaxberZ ^Vri^dt, I ibisri! n, I^onäon I.ibrarz ; ^o- septi ^Vri^kt, ?roke8sor ok Lomparstivs ?tiilolo^, Oxkord. Uber diese Erklärung hat der in Deutschland lebende, bekannte Rassenforscher Houston Stewart Chamberlain in der Tägl. Rundschau" vom 21. November u. ff. unter dem Titel Englische Gelehrte" ausführlich gehandelt und sie im einzelnen widerlegt. Er schreibt: Daß die deutsche Presse die Kundgebung wenig beachtet hat, verdient keinen Vorwurf, denn sie ist erstaunlich oberflächlich; über daS einzige entscheidend45 Wichtige, nämlich die von England seit elf Jahren planmüßig herbeigeführte allgemeine Weltlage, die den Krieg unvermeidlich machte, verliert sie kein Wort; was sie sagt, bezieht sich nur auf den Augenblick und besteht aus unbegründeten Vorwürfen, aus falschen Behauptungen und leider auch aus Verleumdungen und unqualifizierbaren Insinuationen. Nichtsdesto weniger verleihen die Namen der Unterzeichner dem Dokument entschieden geschichtliches Interesse, und es dient als Beispiel und Beleg zu der von mir auf gestellten These über die tiefe Entsittlichung des heutigen England in allem, was Politik anbetrifft. Zunächst möchte ich feststellen, daß sämtliche Unter zeichner Gelehrte sind, die in ihrem Vaterland An sehen genießen: die Mehrzahl gehören dem altbe rühmten Doppelsitz englischer gelehrter Arbeit, den Universitäten Oxford und Cambridge an, doch sind auch die Universitäten London, Dublin, Manchester, Birmingham, Aberdeen, Glasgow und andere ver treten. Einige Namen muß der Leser über sich ergehen lassen; denn diese Kundgebung besitzt nur insofern Bedeutung für die Kulturgeschichte, als sie uns lehrt, daß selbst geistig hochstehende Männer durch eine nationale Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wer den: dem Psychopathen ein dankbares Thema, dem praktischen Staatsmann eine furchtbar eindringliche Mahnung. Folgende Namen sind z. B. in allen Krei sen Deutschlands gekannt, in denen Interesse für Wissenschaft vorhanden ist, manche genießen sogar aufrichtige Verehrung als Meister in ihrem Fache: die Archäologen Arthur EvanS und David Hogarth, die Hellenisten Gilbert Murray und Allen, die Agyp- tologen Flinders Petrie, Grenfell und Hunt ^letztere eigentlich mehr Papyrologen), der Assyriolog Sayce, der Oberbibliothekar des British Museum Kenyon, der neutestamentliche Theologe Sanday, der Mathe matiker Hobson, der Astronom Dyson, die Physiko- Chemiker Lord Rayleigh, Crookes, Oliver Lodge, W. Ramsan, I. I. Thomson, der Geologe Geikie,der Botaniker Francis Darwin (Sohn von Charles Darwin), der Zoologe Poulton, der bahnbrechende Erforscher tropischer Krankheiten Ronald Roß, der Physiologe Sherrington, der Philosoph Jevons, die Musikgelehrten Hubert Parry und Stanford. Frei lich wird dem Bewanderten zuerst mit Staunen, dann mit Befriedigung auffallen, daß recht viele der besten Namen fehlen, vor allem unter den mehr eigenartigen Geistern, was um so bemerkenswerter ist, als diese Erwiderung mehr als zwei volle Monate zum Jnslebentreten erfordert hat, also das Sammeln von Unterschriften jedenfalls mit anhaltendem Hoch druck betrieben worden ist; wer nicht auf der Liste steht, ist nicht in der Eile vergessen worden, sondern hat seine Unterschrift verweigert. Das dürfen wir also nicht übersehen: haben viele unterschrieben, so haben viele nicht unterschrieben. Sehr auffallend ist z. B. das fast gänzliche Fehlen der Rechtsgelehrten; ich erkenne nur die Namen Pollock und Courtney-- Kenny: die Juristen scheinen ihre Bedenken gehabt zu haben. Dann um ein weiteres Beispiel zu nennen fehlen die interessanteren Theologen samt und sonders, sowohl die orthodoxen wie die liberalen; Sanday, der unterzeichnet hat, ist zwar weit und breit als fleißiger, sympathischer Gelehrter bekannt, er innert mich aber immer an ein Erlebnis aus meinen Genfer Jahren: ein Referendum rief das ganze Männervolk an die Urnen, um über die vorgeschlagene Trennung von Kirche und Staat abzustimmen; darüber geriet ein braver Bürger, von den Argumenten für und wider wie im Kreise untergetrieben, in schwind lige Verwirrung, bis er schließlich, unfähig, kurzweg ,oui zu stimmen, und entschlossen, nicht .nou zu sagen, mit der Energie der Verzweiflung auf seinen Zettel schrieb: ,nouin . Gut vertreten der Qualität nach sind dagegen die Orientalisten und Archäologen; nur darf man nicht übersehen, daß gerade sie über die epochemachenden Arbeiten und Arbeitsmethoden Deutschlands von Neid zerfressen sind: ihre Unterschrift47 wiegt darum wenig. Auch die komponierenden eng lischen Musikgelehrten mögen erbittert sein, daß sie zwar alle vom König zu Rittern geschlagen sind, den Kuß der Muse aber entbehren mußten, so daß selbst die Engländer fliehen, wenn ihre Musik gespielt wird, dagegen hinströmen, sobald die großen Barbaren Bach, Mozart, Beethoven, Wagner auf dem Pro gramm stehen. Unter Naturforschern fehlen viele der besten, namentlich unter den jüngeren. Hingegen wirkt befremdend die Reihe der Meister der Physik und der physikalischen Chemie. Unstreitig stehen Rayleigh, Ramsay, Thomson auf höchsten Höhen der Wissenschaft, Crookes ist ein bezaubernd erfin derischer Kopf, dem die Forschung manchen richtenden Einfall verdankt, Lodge gehört zu den besten, weil gründlich beschlagenen Popularisatoren. Bei einem so exakten Fache Hütte man genaueres Denken er wartet; und doch: gerade Ramsay habe ich einmal bei einem so haarsträubenden und zugleich kindisch eigensinnigen Mißverstehen ertappt, daß ich mir lebhaft vorstelle, wie leicht solche Gelehrte einem schlauen Machiavellisten nach Art des Sir Edward Grer zur Beute fallen müssen. Vor zwei Jahren gab nämlich Ramsay ein meisterliches Büchlein heraus ,LIeinellt8 nä LIeetrons ; ich benutze diese Gelegen heit, es jedem Lernbegierigen zu empfehlen; am Schluß geht die exakte Darstellung in eine kurze, ver zeihliche, ja, vielleicht unvermeidliche Spekulation über ,das Wesen der Materie über; diese wiederum mündet in ein deutsch gebrachtes Zitat; ich übersetze die Stelle wörtlich: ,Daß unser Wissen jemals ein endgültiges werden wird, mag wohl als ausgeschlossen gelten ; doch gehört es zum Wesen des Menschengeistes, mit Faust sich zu sehnen: Zwar weiß ich viel, doch möcht ich alles wissen. Als ich das las, stockte mir der Atem. Gewiß kann dem gelehrtesten Mann ein Schnitzer passieren, und mehr als andere darf gerade er auf Nachsicht rechnen; doch so liegt die Sache hier nicht: denn wenn48 ein Ausländer (wohl in Tübinger Studententagen) Faust so gut studiert, daß er die Dichtung dreißig Jahre später noch in der Ursprache aufzuführen vermag, er aber Faust und Wagner verwechselt und die blutigste Ironie, die je der große Goethe gegen falsche, hohle, aufgeblähte Gelehrsamkeit schleuderte, für die ge staltende Lebenssehnsucht FaustenS hält, da darf man sich billig fragen, ob er jemals irgendeinen deutschen Gedanken wirklich verstanden hat. Daß man ein ver wickeltes Wort Kante mißversteht oder ein mathe matisches Argument Perrins falsch auffaßt, das lasse ich gelten; unmöglich ist es aber, eine plastisch ausge bildete Gestalt wie die Faustens mit ihrem Antipoden zu verwechseln, sobald man die beiden ein einziges Mal mit Augen des Geistes erblickt hat. Das ganze Drama stellt ja den Entwicklungsgang desjenigen Menschen dar, der sich von abstrakter Wissenschaft wegwendet, um im Leben selbst den Sinn des Lebens zu entdecken; Ramsay aber hebt sich gerade die Worte des .trockenen Schleichers in der Schatzkammer seines Gedächtnisses auf als Inbegriff Goethescher Weisheit! Den Höhepunkt der Dichtung bildet nach Ramsay jener Satz, auf den Faust verzweifelt ausruft: Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet. Der immerfort an schalem Zeuge klebt. Mit gier ger Hand nach Schätzen gräbt. Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet! Den letzten Trumpf halte ich aber noch in Händen: als ich durch einen Dritten den Gelehrten auf seinen Irrtum aufmerksam machte, ließ er sich dadurch nicht beirren; diese scheinbar kleine Korrektur hätte seine ganze Weltanschauung über den Haufe geworfen: für ihn war offenbar von Anfang an Magister Wagner der Held der Dichtung gewesen und HomunculuS eine Apotheose der wissenschaftlichen Chemie! Daß der Schalk, Herr Vetter Mephisto, am Werden des kleinen Phantasten beteiligt war, blieb dem genialen Entdecker verborgener Elemente unentdeckt. Soviel nur über die Unterzeichner der ,Reply 49 und über die Nicht-Unterzeichner. Jetzt gehe ich über zu dem Dokument, das freilich weder von dem ge waltigen Geiste Faustens, noch von dem des kreuz braven Wagner etwas verrat. Folgen wir dem Bei spiel unsers Altmeisters Goethe und numerieren wir die Gedankenabschnitte der .Antwort; es wirkt pe dantisch, fördert aber Gründlichkeit und Übersicht. Den Tert gebe ich gekürzt, doch streng genau; Wich tigeres wortwörtlich englisch und deutsch. 1) Die deutschen Gelehrten können weder spontan noch überlegt geschrieben haben. Wahrlich, ein vernichtender Anfang, dieses Weder- Noch! Denn wie haben sie dann geschrieben, diese armen Gelehrten, wenn sie weder dem Drange des Herzens noch den Geboten des Hirnes folgten? Ich denke mir, hinter Haeckel stand wohl ein Musketier mit aufgepflanztem Bajonett, was ihm die sonst so wohltuende Spontaneität seiner Äußerungen raubte, und Harnack, der besonnene, wird unter dem Eindruck der Revolution, die bekanntlich am Tage der Kriegser klärung in Berlin ausbrach,die Fassung verloren haben. 2) Die Behauptung der deutschen Gelehrten, sie verabscheuten Krieg und lebten einzig der Förderung der Kultur, stimmt jedenfalls für das übrige Deutschland nicht, denn dieses steht (deutscher Leser, fasse dich wacker, sonst stürzest du zu Boden vor Erstaunen) unter dem alles überwiegenden Einfluß des Dreigestirns Nietzsche, Treitschke, Bernhardt! Ich kann nicht anders, ich muß jedesmal wieder vor Lachen laut brüllen, wenn ich diesen zugleich göttlichen und gottverlassenen Blödsinn lese; Hermann Bahr, dir sei er gewidmet für dein nächstes Lustspiel! Nietzsche, der sich schämte, Deutscher zu sein, und sich alle Mühe gab, sich eine polnische Genealogie anzu dichten, der die französische Kultur über alles erhob und Bizet für bedeutender als Wagner hielt, Nietzsche ein politischer Anführer des deutschen Reiches!! Treitschke, eine ?ei3onit inzratissimÄ am preußischen Hofe, vor der die Archive ihre Schätze verschlossen, Der Krieg der Geister. 450 ein leider in Deutschland nicht entfernt nach seiwenn Wert geschätzter, ganz und gar unmodischer Historiker! Und Bernhardt, der ein Buch schrieb, wie ihrer im England und Frankreich alljährlich ein halbes Dützen d erscheinen das seine freilich technisch wertvoller alls diese und im Ton würdiger, weil von wahrer Kultmr getragen, Bernhardi, der nicht mit einem Worte z^unn Kriege antreibt, sondern die Deutschen bloß auf diie sie unmittelbar bedrohende, unabwendbare Gefah r aufmerksam macht und sie anfleht, sich entfprecherud zu wappnen! Es scheint in England augenblicklich eine Parole zu herrschen ; wo ich eine englische Zeitunig aufschlage, gleich strahlen mir die Namen Nietzsche, Treitschke, Bernhardi entgegen: sie wirken offenbar kabbalistisch auf das britische Hirn, das hinter solchen ihm unbekannten und seiner Zunge unaussprechbaren Anhäufungen von Konsonanten, tzsch und tschk, irgend eine unheimliche Höllengewalt wittert. Bei Bernhardi vermuten sie aber ein Pseudonym für Bernhard v. Bülow, der ihnen ein unheimlicher Mann ist und hier sogar als Vierter genannt wird. 3) ?kiL t as not oeourieä, -mä in our suä^ment vou?ci soaroe!^ be possiblo, in anz? otder eivilixoä eountr^: dies ist nicht vorgekommen und wäre nach unserem Urteil kaum möglich in irgendeinem anderen zivilisierten Lande. Diesen Satz stelle ich wörtlich her, weil ich bei seiner Betrachtung in Tiefsinn verfalle, ohne Hoffnung, die Bedeutung jemals zu ergründen. Was ist in anderen zivilisierten Ländern ,nach unserem Urteil unmöglich? Die Geburt solcher Unmenschen wie Nietzsche, Treitschke Bernhardi, Fürst Bülow? Denn auf die Aufnahme ihrer Ideen kann sich der Satz nicht beziehen: Nietzsche wird im Ausland noch mehr als im Inland gelesen; Nietzsche ist der Lehrmeister der gesamten heutigen französischen Jugend, die ihm blind folgt, wohingegen die deutsche wählt, behält und verwirft. Von Treitschke ist aber in Deutschland wenig und von Bernhardi gar nicht die Rede. Also, um des Himmels willen, waS ist .nicht vorgekommen?^51 Und nun schließt die Einleitung mit einer In famie, die ich auch wörtlich hersetzen will, sonst möchte man es für unmöglich halten, daß gebildete Männer, von denen die meisten die Grundlagen ihres Wissens Deutschland verdanken mittelbar oder unmittel bar , die eigene Ehre so beflecken könnten. 4 Ve must also reiNÄrk tkat it is (Zerman armiss aione vkiod dave, at tke present time, 6eliberatel^ äestro- or bombaräeä suek monuments ok Iiuman culture as tdo I^ibrar^ st I^ouvain anä ttie Latiieärals at Reims and Hlslinns: Wir müssen ebenfalls bemerken, daß es einzig deutsche Armeen sind, die in gegenwartiger Zeit mit wohlüberlegter Absichtlichkeit solche Denkmäler der menschlichen Kultur, wie die Bibliothek in Löwen und die Dome zu Reims und Mecheln vernichtet oder bombardiert haben. Diese Art von Mut heißt man auf deutsch Feig heit: mehr Antwort verdienen die Herren nicht. Nur e ineS möchte ich im Vorbeigehen den gelehrten Bos Taurus Oxoniensis fragen: wann hätten die Franzosen die Gelegenheit unbenutzt gelassen, Denk mäler zu vernichten? Abgesehen davon, daß sie ge rade ihren eigenen Dom von Reims in der Revo lutionszeit grundlos arg zurichteten, haben sie in Deutschland stets alles verwüstet: Hütten, Häuser, Schlösser, Kirchen, Felder, Wälder, Weinberge. Die Franzosen huldigten in ihren Kriegen der Sitte, welche jetzt die Russen in dem Teil von Ostpreußen, ven sie zu Beginn des Krieges betraten, wieder auf frischten: das ganze Land in eine Wüste zu verwan deln; kennen denn die englischen Gelehrten die Ver gangenheit so wenig wie die Gegenwart? Freilich, in gegenwärtiger Aeit^ bekamen dank der deutschen Waffen die Franzosen keine Gelegenheit zu vandalischen !aten auf deutschem Boden ; wie die Engländer sich erhalten würden, wissen wir nicht: sie haben niemals deutsche besiegt. Und hier, wo ohnehin von Fachge- Ehrten die Rede ist, möchte ich eine textkritische Hypothese einschalten. Die eingeschobenen Worte52 ,in gegenwärtiger Zeit scheinen mir wahrscheinlich zu machen, daß drei Redaktoren bei der Abfassung dieser Kundgebung am Werke waren: zunächst ein hitziger .Scholar in Oxford und ein bedächtigerer .Tutor in Cambridge, der vielleicht vor langen Jahren ein Semester Geschichte in Göttingen gehört hat; so war für das Spontane und für das Überlegte ge sorgt, was dem deutschen Schriftstück fehlt. Ersterer nun, der jugendliche Scholar, warf begeistert aufs Papier hin: .einzig deutsche Armeen vernichteten... ; der Magister aus Cambridge aber kratzte sich mit der Feder hinterm Ohre: ,So blamieren dürfen wir uns doch nicht , und eben wollte er den eindrucksvollen, aber leider doppelt erlogenen Satz streichen, da trat im rechten Augenblick der dritte Redaktor hinzu, ein von modernem Geist getragener Londoner Dozent, ein Man , der sich zu helfen weiß, und rief: .Aber Kinder, das ist doch sehr einfach! Ihr schiebt da eine kleine Kammer ein ,in gegenwärtiger Zeit ; kein Mensch merkt eS, der Eindruck des AbscheueS bleibt der gleiche, und euch genügt es zum Heil der Seele. 5) Die Deutschen können schwerlich zu einem unbeein flußten Urteil über die politische Lage gelangen, weil sie in einer Atmosphäre der Hingabe an den Kaiser und dessen Armee erzogen worden sind. Ernst Haeckel, eine treibende Kraft bei dem Pro test der deutschen Gelehrten, war fast vierzig Jahre alt und hatte seine zwei berühmtesten Werke .Gene relle Morphologie und .Natürliche Schöpfungs geschichte herausgegeben, ehe es überhaupt einen Deutschen Kaiser gab! Die Aaberndebatte im Reichs tag hätte wohl allein genügen können, die Herren darüber zu belehren, was es mit der absurden Be hauptung einer .Atmosphäre der Hingabe an sich hat. Man denke sich die Millionen deutscher Sozial demokraten, die doch samt und sonders auch als Freiwillige ihre Pflicht im Heere begeistert jetzt leisten, und die .Hingabe an den Kaiser und dessen Armee ! Nebenbei gesagt, besitzt der Kaiser keine53 eigene Armee; er ist .Bundesfeldherr , und nur im Krieg führt er über alle Truppen den Oberbefehl. Die meisten Engländer wissen noch heute nicht, daß der Kaiser nicht Neichsmonarch ist, sondern lediglich in seiner Eigenschaft als Bundespräsident den Titel .Deutscher Kaiser führt. 6) Die Deutschen leben unter einer Regierung, die ihnen nicht erlaubt, die Wahrheit zu erfahren. Die deutsche Heeresleitung hat am Anfang des Krieges darüber gewacht, daß nicht durch anscheinend harmlose Zeitungsnachrichten dem Feinde strategisch wichtige Tatsachen bekannt würden; sonst herrscht nach wie vor die vollendete Freiheit, die nur in Deutsch land zu finden ist; und während in England und in Frankreich eine drakonische Zensur alles Unliebsame fernhält und fast nur Lügen leben läßt, genießen wir hierzulande täglich das zweifelhafte Vergnügen, SiegeSdepeschen und Leitartikel aus Mo .lewps , Matin usw. zum Frühstückstisch aufgedeckt zu erhalten. Auch die fremden Zeitungen werden unbehindert durchgelassen: eine kleine Samm lung .Uatin , ?ork Herslö , .Lorriere , .Dsil? (Zrspkio liegt in meinem Schübe, zur Belehrung Künftiger, die sonst nicht werden glauben können, bis zu welchen Tiefen der rohen Barbarei der West europäer des zwanzigsten Jahrhunderts gesunken war. Obszöne Karikaturen des Kaisers, himmel schreiende Photographie-Fälschungen von angeblichen deutschen Soldaten, die aus Lazarettwagen mit Ma schinengewehr schießen, und entsprechender Text. Es wäre interessant zu erfahren, was die englischen Gelehrten über diese Schweinereien ihrer Landsleute und ihrer Verbündeten denken. Auch wissen wir aus englischen Meldungen, daß der Kronprinz einen Selbst mordversuch beging, daß die Führer der deutschen Sozialisten sofort nach der Kriegserklärung alle er schossen worden sind, daß die Bayern nicht marschieren wollten und durch ein preußisches Armeekorps, das in München einzog, dazu gezwungen werden mußten54 usw. ins Unendliche. Kurz, alle jene Lügen, die bei euch für Wahrheit gelten, erlaubt uns die deutsche Regierung, zu erfahren fast möchte ich sagen ,leider , denn dieser systematische Gebrauch der Lüge kann einem das Menschsein verekeln. Außerdem er fahren wir allerdings noch jene Wahrheit, die ihr nicht erfahrt, die Wahrheit, welche nicht erlogen, son dern wahr ist: schlicht, schmucklos. 7) it is tke ckut? ok learnoä inen to mske sure ok tksir ksets. Und doch ist es für Gelehrte Pflicht, sich der Tatsachen zu vergewissern, ehe sie Behauptungen aufstellen. Die führenden Geister der deutschen Gelehrten republik in einem solchen oberflächlichen und von nachweisbaren Unwahrheiten angefüllten Schrift stück ermahnen, sie sollten die Tatsachen erst kennen lernen, ist ebenso lächerlich wie dreist. 8) Das deutsche Weißbuch ist gekürzt und zurechtge stutzt; es steht zu hoffen, es werde den deutschen Gelehrten früher oder später gelingen, Kenntnis von der gesamten Korrespondenz zu gewinnen Diese Hoffnung war erfüllt, ehe obiger Satz geschrieben wurde; der deutsche Gelehrte kennt alle veröffentlichten Dokumente, wogegen dem englischen noch manches wichtigste von der Jensur vorenthalten wird. 9) Da Deutschland Österreichs Verlangen, den Königs mord nicht unbestraft zu lassen und sich Garantien gegen serbische Umtriebe zu verschaffen, unterstützt und das da gegen erhobene russische Veto zu berücksichtigen abgelehnt hat, da Deutschland ,sich weigerte, Österreich zu raten, seiner Würde etwas zu vergeben, so gibt hiermit Deutsch land zu, nach unserer Meinung, daß es, zusammen mit sei nem unglücklichen Bundesgenossen, mit wohlüberlegter Ab sichtlichkeit den gegenwärtigen Krieg heraufbeschworen hat. Ignoranz, Kasuistik, Perfidie gehen hier einen so innigen Bund ein, daß man zunächst schweigt, un wissend, mit wem man eS eigentlich zu tun hat: mit einem Schelm oder mit einem Gimpel. Die Verkehrt-55 heit ist an dieser Stelle schon labyrintisch. Wer wie ich zwanzig Jahre in Osterreich gelebt hat und dabei die Gelegenheit benutzte, auch die östlichen Teile der Monarchie kennen zu lernen, der weiß, welch schwieriges, bedrohliches Problem da unten vorliegt: für das edle, schöne Österreich-Ungarn, eins der herrlichsten, an Geist und Gemüt reichsten Länder der Welt, aber politisch augenblicklich so gefährdet, handelt es sich bei den Beziehungen zu Serbien um eine Frage von Sein oder Nichtsein. Wer Serbiens Machtgelüste unterstützt, will Österreichs Ende: das scheinen diese arglosen Herren nicht zu bedenken. Kein Land Euro pas außer Rußland ist politisch so korrupt wie das heutige Serbien; dabei grenzt eS an Österreich- Ungarn auf Hunderten von Meilen und schafft dem Nachbar tagtägliche Beunruhigung und Gefahr; jetzt läßt sogar seine Regierung Mörder instruieren und bewaffnen und schickt sie aus, am festbestimmten Tage den unerwünschten Thronfolger des Nachbarstaates zu ermorden! Dies ist inzwischen vor Gericht alles ausführlich, unwidersprechlich bewiesen worden. Und nun beachte man das Merkwürdige: nicht ein Wort verlieren unsere Gelehrten nicht ein einziges über diese beispiellose Schandtat; ob Franz Ferdinand und seine Gemahlin feigen Meuchelmördern zum Opfer fallen, morgen dann andere Erzherzöge, Ge nerale, Staatsmänner denn ein staatlich organisier tes Mordwesen kann es weit bringen , das kümmert diese humanen Herren nicht im geringsten; eine ein zige Frage nur gibt es für sie: was sagt Rußland dazu? Ja, was geht denn Rußland Serbien an? Welches Recht hat Rußland, sich um Serbien überhaupt zu kümmern? Der Rasse nach weist der heutige, tata- risierte und mongolisierte Russe gar keine Verwandt schaft zu dem Südslawen auf; die Sprachen stehen sich nicht so nahe wie die holländische und die engli sche; ich lernte für meine dortigen Reisen das Serbische und weiß daher genau, daß der Serbe keinen einzigen russischen Satz zu verstehen vermag oder umgekehrt;56 Rußland berührt Serbien an keinem Punkte seiner Grenzen, vielmehr liegen ganze Staaten zwischen ihnen; es wird also durch die dortigen Vorgänge nicht in Mitleidenschaft gezogen; woher denn das Recht der Einmischung? Das hätten uns die Herren er klären sollen. In Wahrheit benutzt Rußland Serbien einzig und allein als ein Werkzeug unter anderen seiner verbrecherischen Politik; diese Politik liegt deutlich zutage und bildet für alle Kenner der Ver bältnisse eine längst evidente Tatsache: Österreich- Ungarn soll zugrunde gerichtet werden, das fried fertige Österreich-Ungarn, das genug mit sich selbst zu tun hat und keine Nation der Welt auch nicht Serbien bedroht. Der Mord in Serajewo wird dem Großfürsten Nikolaus ebensowenig unerwartet gekommen sein wie dem Hofe von Belgrad. Und das sind die Leute, mit denen England sich verbindet! Das sind die Leute, für die akademisch freistehende, politisch unverpflichtete Gelehrte in feierlicher Kund gebung eintreten! Die Universitäten Oxford und Cambridge erklärte Protagonisten des systematischen Königsmordes! Und von dieser Politik wie weiter unten zu lesen steht erwarten sie .Frieden und Freiheit! Wir stehen vor einer intellektuellen und moralischen Massenerkrankung; keine andere Erklärung reicht hin: es handelt sich um die zuerst bei den Eng ländern bekannt gewordene, weil bei ihnen besonders häufige Krankheit, ,mor- I inssnit^ genannt, ange wachsen zu einer fast die ganze Nation zerfressenden Epidemie. Wie weit es mit der morsl insanitv schon ge kommen ist, zeigt der folgende Absatz. Ich gebe erst den englischen Text wörtlich, dann die Ubersel?ung. 1V) One point vs kreel^ acimit. Lerman^ vvoulä ver^ likelz Iiave prekerreä not to kißkt Oreat öritsin t tkis moment. Lke voulcj kave prekerreä to vealcen nä kuinilists kussia; to make Lerbis, a 6epen6snt ok ^ustria, to reäer Trance innoeuous ani Lelxium subser- vient; nä tken, tiavinx e8tabliske6 sn overvviielminA57 sävantage, to settlo ^ooounts vitk Oreat Lritain. Her Arievanee axainst us i8 tdat we äicl not sllov der to tkis: Das eine geben wir ohne weiteres zu. Sehr wahr scheinlich hätte Deutschland es vorgezogen, nicht in diesen? Augenblick in Kampf mit Großbritannien zu geraten. Deutschland hatte es vorgezogen, Rußland zu schwächen und zu demütigen, Serbien in die Abhängigkeit von Osterreich hinabzudrücken, Frankreich unschädlich zu machen und Bel gien zu unterwerfen; um dann erst, nach Gewinnung einer erdrückend vorteilhaften Lage, in die Abrechnung mit Großbritannien zu gehen. Der wahre Vorwurf Deutsch lands gegen uns besteht darin, daß wir ihm nicht gestattet haben, diesen Plan auszuführen. Daß gebildete Männer so gemein, so ganz nieder trächtig werden, dafür gibt es nur einen einzigen denk baren Milderungsgrund: Wahnsinn. Zugleich wirkt es aber sehr komisch, dieses gewundene Eingeständnis, daß England um keinen Preis der Welt sich hätte allein gegen Deutschland finden wollen. Mann gegen Mann-, unter fünf gegen eins war es nicht zu haben: ein weiser Entschluß, doch nicht heroisch genug, um so umständlich vorgetragen zu werden. 11) So tief eingewurzelt ist in England die Friedens liebe. .. So beginnt der folgende Satz. Ein englischer Historiker wies kürzlich nach, daß während der drei- undsechzigjährigen Regierung der Königin Viktoria es nicht ein einziges Jahr gegeben hat, in welchem England keinen Krieg geführt habe! England ist das einzige Land der ganzen Welt, welches buchstäblich fast ohne Unterbrechung Krieg führt. Von vielen dieser Kriege hören wir wenig oder auch gar nichts; auch hier ist Schweigen Gold buchstäblich ,Gold ; Seele hat uns ja belehrt: für England ist jeder Krieg .geschäftliche Spekulation . Wie dem auch sei, eS gibt selten eine Stunde des Tages und der Nacht, wo nicht auf irgend einem Flecke unserer Erdenrunde Menschen abgeschlachtet werden im Auftrage der Nation, deren tiefeingewurzelte Friedensliebe hier von Gelehrten58 behauptet wird. Wieder muß ich fragen: Schelme? oder Gimpel? oder etwa schelmenhafte Gimpel? 12) ... und so einflußreich sind unter uns diejenigen, die während vieler schwierigen Jahre gearbeitet haben (lakonisch, gute Beziehungen zwischen England und Deutsch land zu fördern Ja, um Himmelswillen, warum die .schwere Arbeit ? Wie kommt es denn, daß .gute Beziehungen nicht von selbst zu dem verwandten, von jeher be freundeten Lande blühten? In Deutschland sah es ganz anders aus. der Kaiser ein begeisterter Bewun derer Englands, weite Kreise des Adels und des Bür gertums einer förmlichen Anglomanie verfallen, eine Flut von Büchern und Broschüren zur Schilderung und Anpreisung Englands und englischer Einrichtungen; zu jeder Universitätsfeier, zu jedem wissenschaft lichen Kongreß Scharen von deutschen Gelehrten zu stolz und zu unschuldig, um die kaum verhohlene Animosität ihrer Gastgeber und die zur Schau ge tragene Bevorzugung aller anderen Ausländer zu Herzen zu nehmen. Freilich war für euch die Ansamm lung von Liebe eine Danaidenarbeit, da euer Herz einem Siebe glich, durch daS alle Schätze des Freund lich-Guten, die euch jahraus, jahrein Deutschland dar brachte, und die ihr nur mit reinem Herzen zu empfan gen, nicht erst mühsam zu suchen nötig gehabt hättet, ohne eine Spur zu hinterlassen, herauSslossen, für immer verschüttet. 13) daß, trotz der Freundschaft, die uns an Frank reich bindet (!), und trotz der offenbaren Gefahr, selber überfallen zu werden (!), wir bis zum letzten Augenblick den lebhaften Wunsch hegten, neutral zu verbleiben, wenn dies ohne Unehre geschehen konnte. Hier verweisen wir die Herren auf ihre Nummer 7 zurück, wo sie gesagt hatten, Gelehrte sollten immer erst die Tatsachen prüfen. Wie sollte dasjenige Land, welckeS allein den Frieden Europas seit Jahren syste matisch aufwühlt und zu diesem Zwecke die bedenk lichsten Elemente Frankreich und Rußland 59 unaufhörlich aufhetzt, wie sollte das Land, das auch jetzt wie der Bericht des belgischen Gesandten in Petersburg beweist , als Rußland doch vor dem Kriege zurückbebte, es dazu antrieb und versprach miteinzugreifen, wie sollte es haben neutral bleiben wollen? Was hätte diese angebliche Neutralität für einen Wert besessen? 14) Es folgt nun die bekannte Lüge über Belgiens Neutralität, mit allerhand erschütternden Phrasen über .tiefste Gefühle , über das .Lebensrecht schwacher Staaten , über .feierliche Verpflichtungen usw. Ein neutrales Land genießt nicht nur Rechte, sondern übernimmt Pflichten; in leichtsinnigster, ver brecherischer Weise hat sie Belgien verletzt, indem es sich an England und Frankreich zum Vernichtungs kampf gegen Deutschland verkaufte. Hadeat sibi! Es wäre verlorene Zeit, über diese Frage noch heute Worte zu verlieren. Möglich ist es ja, daß Männer der Wissenschaft in das Suchen nach Parallaxen, nach Elementen, nach Papyrusfetzen und Tonscherben, nach Centrosomen und Neuronen, nach Malaria- Sporozoen und Diastasen, nach Menschenaffen und Affenmenschen, und weiß der Kuckuck nach was allem sonst noch versenkt möglich ist es, daß an ihnen die politischen Vorgänge der letzten elf Jahre spurlos vorübergegangen sind und daß sie jetzt alles glauben, was die von der Regierung und den Finanzmächten besoldeten englischen Zeitungen ihnen tagtäglich vorlügen; aber ein starkes Stück ist es doch; denn alles lag klar zutage, und auch ohne die jetzt entdeckten Ge heimdokumente wußte nicht allein die deutsche Re gierung, sondern wußte jeder Mensch, der Augen im Kopfe hat und Gebrauch davon macht, was vorging. Den ahnungslosen englischen Gelehrten möchte ich eine kleine, allervortrefflichste Schrift des französischen Sozialisten Delaisi, ,I^s Ouerrs qui visut , aus dem Mai 1911 empfehlen (erschienen im Verlag der .Kuerre Looials ): der ganze Plan der englischen Re gierung, wie er von Eduard VII. und seinen Helfers-Helfern ersonnen und durchgeführt ward und sich heute weiter vor unfern Augen verwirklicht, steht dort Schwarz auf Weiß zu lesen; Delaifi ist über die fest beschlossene Absicht der Engländer, einen Vernich tungskrieg gegen Deutschland zu führen, vollkommen orientiert; er kennt genau die rein kommerziellen, industriellen und finanziellen Beweggründe Eng lands; er kennt die Friedensliebe Deutschlands und weist nach, daß es töricht sei, Kaiser Wilhelm krie gerische Absichten anzudichten; er weiß aber, daß das alles nichts nützt, da England den Krieg beschlossen hat; er weiß, daß die französische Armee zu diesem Zwecke wird herhalten müssen, da es der englischen an Zahl und Tüchtigkeit gebricht und die voraussicht liche Schwächung Frankreichs England nichts anficht; er zitiert das Wort Kitcheners: .Nicht der Kanal, sondern die Maaslinie ist heute die Grenze des bri tischen Reiches in Europa ; er weiß, daß der Funda mentalsatz der englischen Politik ist: der Deutsche darf niemals nach Antwerpen kommen; er kennt zwar nicht die Einzelheiten der Militärkonvention mit Belgien, weiß aber, daß sie existiert und weiß, daß, während die dummen Deutschen aus Respekt vor der .Neutrali tät Belgiens ihre Armeen an der Südwestgrenze konzentrieren, Frankreich mehrere Korps heimlich nach Belgien schicken soll, wo sie mit den in Ostende gelandeten englischen Truppen zusammentreffen, zum blitzartig siegreichen Einfall in das schutzlose Nord deutschland; und Delaisi warnt seine Landsleute: .Lediglich im Interesse der englischen Kaufleute werdet ihr euch zu Hunderttausenden hinschlachten lassen. Dieser einfache Franzose weiß im Frühling 1911 alles, wovon die englischen Gelehrten im Jahre 1914 die sträfliche Naivität besitzen, nichts zu wissen! Oder sollten wir die Naiven sein, indem wir ihre Worte für bare Münze nehmen? Und noch eine kleine persönliche Erfahrung, nur damit auch dieses Zeugnis nicht verloren gehe: ein treuer Besucher der Bayreuther Festspiele, der einer angesehenen Brüsseler Familie61 angehört, verabschiedete sich plötzlich noch vor der eigentlichen Kriegserklärung, um schleunigst von Bayreuth nach Brüssel heimzukehren. Was haben Sie denn als Belgier zu fürchten? warf jemand ein; ,Jhr Vaterland ist doch neutral .Aber nein! sprach er, indem er sich näher uns entgegenbückte, und fuhr leise fort mit einem GesichtsauSdruck, der Schmerz und Angst verriet: Missen Sie es denn nicht? In diesem Kriege bleiben wir Gott sei s geklagt nicht neutral! 15) Tief betrauern wir es, daß eine Nation, die wir einstens verehrten, nunmehr, unter dem verderblichen Ein fluß des Militarismus und ungezügelter Eroberungsträume, entlarvt dasteht als der geineinsame Feind ganz Europas sowie überhaupt aller Völker, die das internationale Recht achten. Grammatikalisch ist dieses Exordium nicht ganz einwandfrei; das passiert öfters, wenn der Mensch beredter sich geben will, als eö ihm von Natur zusteht. Auch ungrammatikalische Lügen bleiben aber Lügen. Jetzt, wo ich am Ende bin, tut S mir fast leid, meinen Lesern und mir selber Jeit geraubt zu haben, die wir besser zu verwenden gewußt hätten. Und doch ist eS geschichtlich von Wert, wie den Protest der deutschen Hochschullehrer, so auch die Erwiderung der englischen Kollegen kennenzulernen und festzuhalten. Der Hauptinhalt dieser Erwiderung erweist sich, wenn wir jetzt rückblickend daS Ganze überschauen, als aus drei Unwahrheiten zusammengesetzt: die Lüge, daß Deutschland die einzige große Friedensmacht Eu ropas den Krieg gewollt hat; die Lüge, daß Eng land, das einzige Land der Erde, welches ohne Unter brechung Krieg führt, den Frieden gewollt hat; die Lüge, daß Belgien ein neutraler Staat noch war, wo es in Wirklichkeit der von England angezettelten Ver schwörung zur Vernichtung Deutschlands seit Jahren schon angehörte. Um diese drei Lügen gruppieren sich etliche Verleumdungen und Infamien. Jum Schluß denn für einen passenden Schluß62 hat die Vorsehung gesorgt: auf der Rückseite des .limss -AusschnitteS, dem ich die Kenntnis obiger Erwiderung im Original verdanke, steht ein Brief an den Herausgeber. Dieser Mann macht keine halbe Arbeit und verrät uns, was die politisch führenden Kreise Englands wirklich wollen. Auch hier müssen freilich Treitschke und Bernhard! zur unentbehrlichen Beschwörung dienen; dann aber heißt es kurzweg: England solle den Deutschen auf der ganzen Welt zuleibe gehen, sie einfach hinschlachten, zugleich aber dafür Sorge tragend, sie nicht nur körperlich hinzu morden, sondern auch den .verfluchten Geist des Deutschtums allüberall auszurotten. Was die macht- habendenEngländer mit diesem von ihnen angezettelten Krieg also wirklich wollen, was ihr letztes Ziel ist, wir wissen es genau: eS ist ebenso bestialisch wie wahnsinnig. England war eine große, an Gaben des Herzens und des Geistes reiche Nation; vor bald 20(1 Jahren seufzte ein Dichter, dessen hellsehendes Auge den ab schüssigen Weg erkannte: LuZIanä. vvitk all tliv kaults I lovs tliee still! Es wäre absurd und ganz und gar undeutsch, wollte man die eigenartigen, unnachahmlichen Vorzüge leug nen, die auch heute edle Engländer als einzelne und in Gemeinschaft auszeichnen; politisch ist aber die Nation, infolge einer historischen Entwicklung, die ich neulich klarzulegen versuchte, nach und nach der vollkommenen Barbarei verfallen, einer Art grausigen Wahnsinns, der sie jeder vernünftigen llberlegungSfähigkeit be raubt; das zerstört aber auch das übrige Leben und reißt es allmählich in die gleiche Tiefe hinab. Die Männer, die warnen und Einhalt tun möchten wie alle jene Gelehrten, die diese .Antwort" zu unter schreiben sich weigerten sind machtlos und würden ungehört totgeschlagen werden, wenn die sie Stimme zu erheben versuchen wollten. Es ist hier der Ort, einen Ausspruch KantS in Erinnerung zu rufen, aus dem ich in meinem Aufsatz .England nur einige Worte hatte anbringen können: .Die englische Nation, als63 Volk betrachtet, ist das schätzbarste Ganze von Men schen im Verhältnis gegeneinander; aber als Staat gegen andere das verderblichste, gewaltsamste und herrschsüchtigste und kriegerregendste unter allen Augenblicklich steht in England das Verderbliche oben an und hat alle Macht an sich gerissen, das Schätzbare entschwand den Blicken: möge ein siegreiches Deutsch land auch hier ein edles Erlösungswerk vollbringen!" Der ersten Kundgebung deutscher Gelehrter an Eng land folgten weitere, so die der Historiker der Bonner Universität, unterzeichnet von Moritz Ritter, Friedrich v. Bezold, Ulrich Wilcken, Aloys Schulte, Wilhelm Levison, Justus Hashagen und Walter Platzhoff, und veröffentlicht in der Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik". (Oktober 1914): Frankreich verspricht den Völkern die demokratische Freiheit; aber die Kennzeichen dieser Freiheit sind die Prin zipien eines unduldsamen Jakobinertums, die Selbstzucht beutegieriger Parteien und die Beherrschung des politischen Denkens durch eine gewissenlose Presse. Rußland umwirbt die slawischen Völker mit dem Trugbilde ihrer Befreiung von germanischer Herrschaft und ihrer Einigung unter russischem Protektorat; was es aber wirklich zu bieten ver mag, wird als geisttötender, grausamer und tückischer Despo tismus von den slawischen Brüdern selbst zurückgestoßen. Und England? Aus seiner Politik starrt uns der reine ma terielle Egoismus entgegen: die deutsche See- und Han delsmacht muß vernichtet werden, damit der Profit des Welthandels den Engländern ungeteilt zufalle. Solcher Gegnerschaft gegenüber hat das deutsche Volk mit groß artiger Sicherheit und Einmütigkeit den Gedanken erfaßt, daß es mit seiner Existenz zugleich für die edelsten Güter europaischer Kultur zu kämpfen berufen ist. Und wen muß sie nicht ergreifen: diese stille Sicherheit und unwiderstehliche Tatkraft, mit der dies Gemeingefühl alle Schichten und Parteien unseres Volkes durchdringt und zur Aufopferung des individuellen Selbst wie zu etwas Selbstverständlichem fortreißt! Bei uns wird keiner sagen: v est notre gouver- nvmknt qui g, kait lit Auerre!"64 Eine ähnliche Kundgebung richteten Ende Oktober eine Anzahl Professoren der Münchener Hochschule in erster Linie an das italienische Volk zur Aufklärung über die Hal tung Deutschlands und des Auslands. Besonderes Aufsehen im In- und Auslande erregte der flammende Aufruf an die Kulturwelt vom 4. Oktober 1914, zu dem sich fast alle hervorragenden Geister Deutschlands beteiligten. Er wurde in zehn Kultur sprachen übersetzt und in vielen Tausenden von Exemplaren in alle neutralen Länder versandt: Wir als Vertreter deutscher Wissenschaft und Kunst erheben vor der gesamten Kulturwelt Protest gegen die Lügen und Verleumdungen, mit denen unsere Feinde Deutschlands reine Sache in dem ihm aufgezwungenen schweren Daseinskampfe zu beschmutzen trachten. Der eherne Mund der Ereignisse hat die Ausstreuung erdichteter deutscher Niederlagen widerlegt. Um so eifriger arbeitet man jetzt mit Entstellungen und Verdächtigungen. Gegen sie erheben wir laut unsere Stimme. Sie soll die Verkün den der Wahrheit sein. Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat. Weder das Volk hat ihn ge wollt noch die Regierung, noch der Kaiser. Von deutscher Seite ist das Äußerste geschehen, ihn abzuwenden. Dafür liegen der Welt die urkundlichen Beweise vor. Oft genug hat Wilhelm II. in den 26 Jahren seiner Regierung sich als Schirmherr des Weltfriedens erwiesen; oft genug haben selbst unsere Gegner dies anerkannt. Ja, dieser nämliche Kaiser, den sie jetzt einen Attila zu nennen wagen, ist jahr zehntelang wegen seiner unerschütterlichen Friedensliebe von ihnen verspottet worden. Erst als eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht von drei Seiten über unser Volk herfiel, hat es sich erhoben wie ein Mann. Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neu tralität Belgiens verletzt haben. Nachweislich waren Frankreich und England zu ihrer Verletzung entschlossen. Nachweislich war Belgien damit einverstanden. Selbst vernichtung wäre es gewesen, ihnen nicht zuvorzukommen.65 Esistnicht wahr, daß eines einzigen belgischen BürgersLebenundEigentum von unseren Soldaten angetastet worden ist, ohne daß die bitterste Notwehr es gebot. Denn wieder und immer wieder, allen Mahnungen zum Trotz, hat die Bevölkerung sie aus dem Hinterhalt be schossen, Verwundete verstümmelt, Arzte bei der Ausübung ihres Samariterwerkes ermordet. Man kann nicht nieder trächtiger fälschen, als wenn man die Verbrechen dieser Meuchelmörder verschweigt, uni die gerechte Strafe, die sie erlitten haben, den Deutschen zum Verbrechen zu machen. Es ist nicht wahr, daß unsere Truppen brutal gegen Löwen gewütet haben. An einer rasenden Einwohner schaft, die sie im Quartier heimtückisch überfiel, haben sie durch Beschießung eines Teils der Stadt schweren Herzens Vergeltung üben müssen. Der größte Teil von Löwen ist erhalten geblieben. Das berühmte Rathaus steht gänzlich unversehrt. Mit Selbstaufopferung haben unsere Soldaten es vor den Flammen bewahrt. Sollten in diesem furcht baren Kriege Kunstwerke zerstört worden sein, oder noch zerstört werden, so würde jeder Deutsche es beklagen. Aber so wenig wir uns in der Liebe zur Kunst von irgend jemand übertreffen lassen, so entschieden lehnen wir es ab, die Er haltung eines Kunstwerkes mit einer deutschen Niederlage zu erkaufen. Es ist nicht wahr, daß unsere Kriegführung die Gesetze des Völkerrechts mißachtet. Sie kennt keine zuchtlose Grausamkeit. Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerreißen Dum-Dum- Geschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbündeten und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu Hetzen. Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Au ihrem Schutz ist er aus ihr hervor- Der Krieg der Geister. 2gegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raub zügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewußtsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung, des Standes und der Partei. Wir können die vergifteten Waffe der Lüge unseren Feinden nicht entwinden. Wir können nur in alle Welt hinausrufen, daß sie falsches Zeugnis ablegen wider uns. Euch, die ihr uns kennt, die ihr bisher gemeinsam mit uns den höchsten Besitz der Menschheit gehütet habt, euch rufen wir zu: Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Ver mächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle. Dafür stehen wir euch ein mit unserem Namen und mit unserer Ehre! Adolf v. Baeyer, Exz., Professor der Chemie, München; Professor Peter Behrens, Berlin; Emil v. Behring, Exz., Professor der Medizin, Marburg; Wilhelm v. Bode, Exz., Generaldirektor der könig lichen Museen, Berlin; Alois Brandl, Professor, Vorsitzender der Shakespeare-Gesellschaft, Berlin; Lujo Brentano, Professor der Nationalökonomie, München; Professor Justus Brinkmann, Museums direktor, Hamburg; Johannes Conrad, Professor der Nationalökonomie, Halle; Franz v. Defregger, München; Richard Dehmel, Hamburg; Adolf Deiß- mann, Professor der protestantischen Theologie, Berlin; Professor Wilhelm Dörpfeld, Berlin; Fried rich v. Duhn, Professor der Archäologie, Heidelberg; Professor Paul Ehrlich, Exz., Frankfurt a. M; Albert Ehrhard, Professorder katholischen Theologie, Straßburg; Karl Engler, Exz., Professor der Chemie, Karlsruhe; Gerhard Esser, Professor der katholischen Theologie, Bonn; Rudolf Eucken, Professor der Philosophie, Jena; Herbert Eulenberg, Kaisers werth; Heinrich Finke, Professor der Geschichte, Freiburg; Emil Fischer, Exz., Professor der Chemie, Berlin; Wilhelm Foerster, Professor der Astrono-67 5* mie, Berlin; Ludwig Fulda, Berlin; Eduard v. Gebhardt, Düsseldorf; I. I. de Groot, Professor der Ethnographie, Berlin; Fritz Haber, Professor der Chemie, Berlin; Ernst Haeckel, Erz., Professor der Zoologie, Jena; Max Halbe, München; Pro fessor Adolf v. Harnack, Generaldirektor der könig lichen Bibliothek, Berlin; Gerhart Hauptmann, Agnetendorf; Karl Hauptmann, Schreiberhau; Gustav Hellmann, Professor der Meteorologie, Ber lin; Wilhelm Herrmann, Professor der protestan tischen Theologie, Marburg; Andreas Heusler, Professor der nordischen Philologie, Berlin; Adolf v. Hildebrand, München; Ludwig Hoffmann, Stadtbaumeister, Berlin; Engelbert Humperdinck, Berlin; Leopold Graf Kalckreuth, Präsident des deutschen Künstlerbundes, Eddelsen; Arthut Kampf, Berlin; Fritz Aug. v. Kaulbach, München; Theodor Kipp, Professor der Jurisprudenz, Berlin; Felix Klein, Professor der Mathematik, Göttingen; Max Klinger, Leipzig; Alois Knoepfler, Professor der Kirchengeschichte, München; Anton Koch, Professor der katholischen Theologie, Tübingen; Paul La- band, Exz., Professor der Jurisprudenz, Straßburg; Karl Lamprecht, Professor der Geschichte Leipzig; Philipp Lenard, Professor der Physik, Heidelberg; Maximilian Lenz, Professor der Geschichte, Hamburg; Max Liebermann, Berlin; Franz v. Liszt, Pro fessor der Jurisprudenz, Berlin; Ludwig Manzel, Präsident der Akademie der Künste, Berlin; Josef Mausbach, Professor der katholischen Theologie, Münster; Georg v. Mayr, Professor der Staats wissenschaft, München; Sebastian Merkle, Professor der katholischen Theologie, Würzburg; Eduard Meyer, Professor der Geschichte, Berlin; Heinrich Morf, Professor der romanischen Philologie, Berlin; Fried rich Naumann, Berlin; Albert Neisser, Professor der Medizin, Breslau; Walter Nernst, Professor der Physik, Berlin; Wilhelm Ostwald, Professor der Chemie, Leipzig; Bruno Paul, Direktor der Kunst-68 Gewerbeschule, Berlin; Max Planck, Professor der Physik, Berlin; Albert Plehn, Professor der Medi zin, Berlin; Georg Reicke, Berlin; Professor Max Reinhardt, Direktor des Deutschen Thaters, Ber lin; Alois Riehl, Professor der Philosophie, Berlin; Karl Robert, Professor der Archäologie, Halle; Wilhelm Röntgen, Exz., Professor der Physik, München; Max Rubner, Professor der Medizin, Berlin; Fritz Schaper, Berlin; Adolf v. Schlatter, Professor der protestantischen Theologie, Tübingen; August Schmidlin, Professor der Kirchengeschichte, Münster; Gustav v. Schmoll er, Exz., Professor der Nationalökonomie, Berlin; Reinhold Seeberg, Pro fessor der protestantischen Theologie, Berlin; Martin Spahn, Professor der Geschichte, Straßburg; Franz v. Stuck, München; Hermann Sudermann, Berlin; Hans Thoma, Karlsruhe; Wilhelm Trübner, Karlsruhe; Karl Vollmöller, Stuttgart; Richard Voß, Berchtesgaden; Karl Voßler, Professor der romanischen Philologie, München; Siegfried Wagner, Bayreuth; Wilhelm Waldeyer, Professor der Ana tomie, Berlin; August v. Wassermann, Professor der Medizin, Berlin; Felix v. Weingartner; Theo dor Wieg and, MuseumSdirektor, Berlin; Wilhelm Wien, Professor der Physik, Würzburg; Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff, Exz., Professor der Philologie, Berlin; Richard Willstätter, Professor der Chemie, Berlin; Wilhelm Windelband, Pro fessor der Philosophie, Heidelberg; Wilhelm Wundt, Exz., Professor der Philosophie, Leipzig." Die Aufnahme des Aufrufs war in den einzelnen Ländern bei den verschiedenen Personen eine sehr ver schiedene. Zur Ergänzung dessen, waS darüber bereits im vorigen Abschnitt mitgeteilt wurde, fügen wir hier noch einiges bei. Die römische Tribuna" schrieb (nach der Täal. Rundschau vom 6. Oktober): Die Klagen über Greuel, die heute gegen Deutschland erhoben werden, gehören zu den Begleiterscheinungen aller69 Kriege. Kein Volk ist davon verschont geblieben, nicht das russische, noch das japanische im mandschurischen Kriege, nicht die Franzosen in Marokko, nicht die Italiener in Libyen. Verallgemeinerungen, die aus Einzelverbrechen ent stehen und auf den Gemütszustand eines ganzen Volkes schließen lassen, sind im Drange blutiger Kriegsereignisse unvermeidlich. Kein vernünftiger Mensch in Italien wird aber das deutsche Volk, das in Bildung und Gesittung an der Spitze der Menschheit marschiert, barbarischer Gelüste und roher Jerstörungstriebe ernstlich bezichtigen. In diesem Punkte ist die Verwahrung der deutschen Intellek tuellen begreiflich und berechtigt. Italien weiß, daß Heer und Nation in Deutschland eins sind, und daß das deutsche Heer nicht anders fühlen, denken und handeln kann, als die Nation. Der Ausruf ist ein günstig zu deutendes Aeichen, das deutsche Volk spricht in ihm durch den Mund seiner besten Söhne zu der übrigen Kulturwelt in menschlich weicheren Tönen, als nian bisher gewohnt war. Möge dies für Deutschland und für die Welt von guter Vorbe deutung sein." Abweisend lautete der Mitte November in der Köln. Zeitung" veröffentlichte Brief eines in Utrecht lebenden holländischen Professors in dem dieser an einen deutschen Kollegen u. a. schreibt: Auf uns Neutrale machen diese Verteidigungs schriften den Eindruck mangelnden Nationalstolzes. Wir haben in Holland ein Sprichwort, das, ins deutsche über tragen, ungefähr lautet: ,Tu das Rechte und sieh dich nicht um. Mir würde es besser an den Deutschen gefallen, wenn sie in dieser Weise handelten. Nun kommt noch hinzu, daß alle diese Verteidigungs schriften in solch einem Brustton der Überzeugung, der Ent rüstung, der Autorität geschrieben sind, dabei noch in dem Stil von Kongreßreden, daß sie auf uns nüchterne Nie derländer fast komisch wirken. Was soll es doch heißen, wenn immerfort wiederholt wird: ,Es ist nicht wahr Es kann ja sein, daß es nicht wahr ist, aber das ist ohne weiteres einleuchtend doch nur für den, der im voraus7V annimmt, daß alles, was deutscherseits geschieht, absolut gut und richtig sein muß. Kein deutscher Forscher würde sich bei irgend einer Frage, auch nicht von der berühmtesten Autorität, vor schreiben lassen, was er zu glauben oder nicht zu glauben hat. Wir Neutrale sollen aber unverzüglich glauben: ,Es ist nicht wahr . Nun kommt noch hinzu, daß berühmte Gelehrte, deren Autorität in ihrem Fach ein jeder anerkennt, denn doch nicht die berufenen Leute sind oder nicht zu sein brauchen, um gerade in solchen Fragen zu entscheiden. Eine Erklärung der hervorragenden Vertreter des deutschen Handels würde schon mehr Eindruck machen, weil Kaufleute meist nüch terner, vielseitiger, unbefangener und unabhängiger sind als Gelehrte. Das wird man vielleicht in Deutschland nicht zugeben, ein Handelsvolk wie das unsrige ist jedoch davon überzeugt, obgleich auch wir unsere Professoren sehr hoch schätzen. Aber wenn nun auch solche Handelsgrößen sich zu solch einer Erklärung zusammentäten, dann würde der Neutrale sich doch noch folgendes sagen: .Alle kämpfenden Völker stehen heute unter einer Kriegssuggestion, die ihnen die unanfechtbare Überzeugung des ausschließlichen Rechtes gibt. Das ist nicht zu ändern. Aber der Neutrale steht eben nicht unter dieser Suggestion Dazu kommt, daß in allen Ländern Stimmung ge macht wird, die eben diese Suggestion erzeugte. Die Zei tungen dürfen (auch im neutralen Land) nur das bringen, was die Regierung erlaubt. Jede Kritik schweigt also, und so steigt die der Regierung erwünschte Suggestion in den kriegführenden Ländern bis zur Allmacht. Das selb ständige Denken hat aufgehört. Der Neutrale ist aber noch in der Lage einzusehen, daß der Zustand so ist." Der Briefschreiber sagt dann weiter, die Deutschen nähmen den ganzen JeitungSkrieg sozusagen tragisch" und kämpfen gegen etwas, wogegen gar nicht gekämpft werden kann. In England und Frankreich gehöre Aeitungshetze zum Regierungssystem, sie sei dort unentbehrlich. Um dem eng lischen Soldaten die nötigen Imponderabilien mitzugeben,71 müsse Stimmung gemacht werden. In Holland habe man vielfach die kleinen Nadelstiche, die Deutschland den Hol ländern ausgeteilt habe zum Beispiel in der Frage des Rheinzolls unangenehm empfunden, und es sei vieles in Deutschland und in der deutschen Auffassung, was den Holländer direkt zurückstoße und England näherrücke. Alle Holländer blieben am liebsten, was sie sind, denn die Ge schichte habe sie gelehrt, daß kein Volk hoch genug steht, um ein anders geartetes Volk zu regieren." Man wünsche in Holland nicht, daß die Karte Europqs geändert werde, auch nicht in einem für Holland günsti gen Sinne. Dann fährt der holländische Gelehrte fort: Weiter werden Sympathien zu Deutschland zurück gehalten durch den Verlauf des Krieges. Sympathien werden in erster Linie laut für Unglückliche. Unglückliche sind aber in erster Linie die Belgier, dann die Franzosen der Ostgrenze. Davon hören und sehen wir vielmehr als andere. Es ist richtig, daß Gleiches für Teile Ostpreußens und Galiziens gelten würde, aber davon sehen wir gar nichts und hören wir nur sehr wenig. Die deutschen Erfolge haben das Mitleid also auf die belgische Seite gebracht. Es würde aber ganz auf der deutschen Seite stehen, wenn zum Bei spiel die Rheingegend von den Verbündeten verwüstet würde, zumal die Familienbeziehungen dorthinüber wohl viel zahlreicher sind als nach Belgien. Während des Balkankrieges wurde man immerfort recht unangenehm davon berührt, daß das eine Volk dem andern Grausamkeiten und Vergehungen gegen das rote Kreuz vorwarf. Jetzt hört man die gleichen gegenseitigen Anschuldigungen. Wir Niederländer wissen sehr gut, daß Soldaten verwildern müssen. Unsere Kolo nialarmee von etwa 3V WO Mann hat uns dies oft genug gelehrt. Darum werden die im Felde stehenden Truppen so oft wie möglich gewechselt, um das Verwildern einzu schränken. In Deutschland hat die Kriminalität seit dem Kriege sehr abgenommen, vermutlich auch in anderen Län dern. Solche Neigungen finden jetzt eine andere Äußerung. Daran ist nichts zu ändern, es gehört leider zum Kriege. Als Deutschland die Neutralität Belgiens ver-72 letzte, war auch ich sehr entrüstet, aber es versöhnte mich teilweise, als der Reichskanzler offen erklärte: ,Wir tun Unrecht, aber es geht aus militärischen Gründen nicht an ders . Die Notlage ist immerhin eine kräftige Entschul digung. Dabei hätte es nun aber auch bleiben sollen. Wenn nun nachträglich alle möglichen Kleinigkeiten her vorgesucht werden, um zu zeigen, daß Deutschland ein Recht hatte, so zu handeln, dann berührt dies unsympathisch. Der anfangs vom Reichskanzler eingenommene Stand punkt, der, wenn ich nicht irre, auch der von v. Liszt ist, war männlicher, stolzer, sympathischer.... Trotz alledem würden Sie in Holland genug deutsche Sympathien finden, zumal aus dem Grunde, weil wir es zu schätzen wissen, was der Engländer kair lixkt nennt. Stände jetzt Dreibund gegen Tripleentente, so würden wir uns sagen ,it is a k-ür kixkt und wir würden die Helden taten der sechs Kämpfer mit Sportgefühl bewundern. Aber wie die Dinge jetzt liegen, wo zwei gegen sieben zu kämpfen haben, nun sagen wir uns ,it is not g, kair kiZ! t und fühlen nun mehr für die zwei als für die sieben. Manche achten nur auf dieses Mißverhältnis, und dann braucht man nicht weiter zu fragen wo ihre Sympathien sind. Wenn ich mir erlauben darf, Deutschen einen wohl gemeinten Rat zu geben, so wäre es dieser: Hört doch auf mit allen euren Verteidigungsschriften." Uber die Aufnahme des Kulturprotestes in Amerika schreibt der Korrespondent des Berliner Tageblatt" Or. Friedrich Glaser Anfang Oktober aus Boston: Die wiederholten Versuche, die in den beiden letzten Monaten von deutscher Seite unternommen wurden, dem amerikanischen Volke die deutsche Auffassung über Anlaß und Bedeutung des Krieges darzulegen, haben den Erfolg gehabt, diejenigen Kreise in den Vereinigten Staa ten, die schon vorher Deutschland ihre Sympathien ent gegenbrachten, in ihren Empfindungen zu bestärken. Daß diese Überzeugungsversuche dagegen bei den Schichten, die Deutschland mit Kühle oder mit ausgesprochenem Miß trauen gegenüberstanden, irgendwelchen Erfolg ge-73 habt hätten, kann leider nicht behauptet werden. Weder die Stimmen aus der wirtschaftlichen, noch die aus der wissenschaftlichen Welt Deutschlands haben gerade da, wo sie vor allem wirken sollten, den gewünschten Ein druck hinterlassen. Der Widerspruch, der sich in einem gro ßen Teile der amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften gegen den Appell führender Männer Deutschlands geltend machte, entbehrte zuweilen nicht der Schärfe." Indessen befinden sich unter den Entgegnungen von amerikanischer Seite doch auch einige, die um der Personen willen, von denen sie ausgehen, und im Hinblick auf die Form, in der sie vorgebracht werden, eine ernstere Beachtung verdienen. In ganz besonderem Maße gilt dies von der Entgegnung eines der Führer der amerikanischen Intellek tuellen, des früheren Präsidenten der Harvard-Uni versität Charles W. Eliot. Dieser wendet sich zunächst gegen die Auffassung, als herrsche in dem amerikanischen Volke irgendwelche Eifer sucht oder Feindseligkeit gegenüber Deutschland, oder auch nur die geringste Neigung zu verkennen, in welch un geheurem Maße alle Welt Deutschland verpflichtet sei. In einer ganzen Reihe von Fällen, sagt Präsident Eliot, fühlten sich auch die Amerikaner in vollster Sympathie mit dem deutschen Volke. Die Einigung Deutschlands habe nirgends größeres Verständnis gefunden als in Amerika, wo ja die gleiche feste bundesstaatliche Organisation be stehe. Auch das Wachstum des deutschen Handels und Reich tum habe bei den Amerikanern die uneingeschränkteste Be wunderung gefunden; denn sie sahen hierin die Ergebnisse zielbewußten Unternehmungsgeistes. Die größte Dankbar keit aber empfinde jeder gebildete Amerikaner gegenüber den Leistungen der deutschen Nation in Literatur, Wissen schaft und Erziehung. Nicht weniger würden in Amerika die Leistungen deutscher Verwaltungsniethoden in Kriegs- wie Friedenszeiten anerkannt, soweit sie nicht zu einer untun lichen Unterdrückung oder Beschränkung der individuellen Freiheit führten. Endlich sei dem amerikanischen Volke die Notwendigkeit eines Krieges für die Ehre und Sicherheit74 des Vaterlandes vollkommen verständlich, und eS glaube auch, daß das deutsche Volk gegenwartig von diesen Empfin dungen geleitet werde. Wenn nun trotz aller dieser Sympathien mit dem deutschen Volke in guten wie in schlimmen Zeiten, in Krieg wie in Frieden, das ganze Gewicht der öffentlichen Meinung Amerikas auf feiten der Alliierten sei, so erklare sich das ebensowohl aus der politisch-sozialen Ge schichte des amerikanischen Volkes wie aus seiner politischen Philosophie und Handlungsweise. Die übergroße Konzen tration der staatlichen Gewalt, die Nichtachtung von Neu tralitätsvertragen und die Rücksichtslosigkeit der Kriegführung erschienen den Amerikanern teils unverständlich, teils nur geeignet, den Krieg zu verlängern oder neue Kriege hervorzurufen. ,Sie können nicht anders, als sich den furcht baren Schaden für die Zivilisation vorzustellen, sollten die Russen jemals die Art von Krieg in Westeuropa führen, den die Deutschen gegenwärtig in Belgien und Frankreich führen. Die gegenwärtige Katastrophe zeige, das Kriegs rüstungen nicht imstande seien, den Frieden zu bewahren, und die Zuschriften, die aus deutschen Kreisen an die ameri kanische Nation gerichtet werden, zeigten, daß das deutsche Volk sich offenbar, wenn auch begreiflicherweise, in Un kenntnis über verschiedene Vorgänge befinde. Die Sym pathien des amerikanischen Volkes können nicht auf Seiten derer sein, die lehren, daß Macht vor Recht gehe. Furcht vor dem Moskowiter könne den Amerikanern nicht als eine zureichende Erklärung für die Handlungsweise Deutsch lands und Österreich-Ungarns erscheinen, sofern sich diese Handlungsweise nicht auf Grund einer Panik erklären lasse. Gegen einen möglichen russischen Angriff würde eine Allianz mit Westeuropa besseren Schutz bieten als die ver einzelte Macht Deutschlands. Die Hoffnung und Erwartung der Amerikaner aber sei, daß der gegenwärtige Streit keinen verhängnisvollen Ausgang nehmen werde, sondern daß Deutschland freier, glücklicher und größer als je aus ihm hervorgehen werde, nachdem es sich zu einem wahrhaft konstitutionellen Staat ent wickelt babe."75 Da eine Anzahl der Unterzeichner dieses Aufrufes Mitglieder der französischen Akademie sind, so regte die französische Presse die Frage an, ob der Ausschluß dieser Mitglieder aus der Akademie möglich sei. So schreibt der ?iFaro", die Liste dieser Namen muß jedes Zaudern bei den Unsterblichen", die vielleicht noch Skrupel haben können, beseitigen. Die Akademie müsse mindestens die korrespondierenden Mitglieder ausschließen, da sie ohne Mitwirkung des Staats die ordentlichen Mitglieder nicht ausstoßen könne, deren Ernennung durch StaatS- dekret vorgenommen wurde. Vergesset nicht," ruft das Blatt, daß diese deutschen Mitglieder das Recht haben, sich bei der großen jährlichen Versammlung am 26. Oktober einzufinden und ihren Sitz unter der Kuppel einzunehmen. Es würde sicher peinlich auf diese deutschen Herren wirken, an der Seite Henry Bergsons plaziert zu werden." Nach späteren Pariser Meldungen ( Tägl. Rundschau" vom 26. Oktober) ist man aber von dem Vorschlag, die deutschen Mitglieder des Institut äs ^ranoe" zu streichen oder denen einen öffentlichen Tadel zu er teilen, die den deutschen Aufruf an die Kulturwelt unter zeichnet haben, endgültig abgekommen. Dieser Vorschlag wurde einstimmig verworfen. Dagegen wählte man, um dem Protest in irgendeiner Form Ausdruck zu geben, Maeterlinck an Stelle des verstorbenen Claretie zum Mitglied der ^eaäemie ?ranyitisö". Damit wich man also von der Regel ab, daß nur Franzosen unter die vierzig Unsterblichen aufgenommen werden können. In einer Versammlung der ^oaäsmie äes Leaux ^rts" verlas übrigens, wie gleichzeitig gemeldet wird, der Präsident eine Erklärung, in der die Akademie ihre tiefste Bewegung über die abscheulichen Handlungen", deren sich die Deutschen in Belgien und Frankreich schuldig ge macht haben, zum Ausdruck brachte. Die Akademie protestiere jedoch nicht gegen diese Handlungen, da sie diese durch den allgemeinen Zorn hin reichend gebrandmarkt sehe"; die Akademie sei aber schmerzlich davon überrascht worden, daß mehrere deutsche Gelehrte diese Verbrechen entschuldigt und sich nicht ver-76 sagt hätten, auf Ehre und Gewissen und vielleicht auf Be fehl der Regierung, die einem gegebenen Worte keinen Wert beilege, diese Tatsachen in Abrede zu stellen. Die Aka demie erklärte, daß diese Männer, indem sie ihre Namen in denDienst von Gewalthandlungen gestellt haben, ernsthaft die Pflichten der Ehre und Loyalität im Stiche gelassen hätten. Diese Erklärung soll später in einer öffentlichen Versammlung in der Akademie vorgelesen und in das Protokoll der Akademie aufgenommen werden. Andern Meldungen nach hat man in der Akademie der Wissenschaften sich zunächst darauf beschränkt, die Antwort gutzuheißen, die Maurice Croizet vom Lotlexe 6e Dianes den Unterzeichnern des Aufrufs an die Kultur welt erteilt hat. In Deutschland ist diese Antwort nicht weiter bekannt geworden. DieAkademie hat dieseAntwort noch nicht ratifiziert, sondern erst einen Meinungsaustausch mit den Akademien von London, Petersburg und Brüssel abgewartet. Nach einer Meldung der Tägl. Rundschau" vom 2. November hat die französische Akademie sodann in einer Versammlung, der Präsident Poincarö beiwohnte, einen Protest gegen Deutschland im Namen der franzö sischen Zivilisation und menschlichen Kultur beschlossen und daran eine Huldigung für das französische Heer ge knüpft, das von den Tugenden der Väter beseelt sei und Frankreichs Existenz sichern werde. Bemerkt sei hier noch, daß auch die Lociöts äes ^rtistes kraneais" beschlossen hat, angesichts der Van- dalentaten", die von den Deutschen begangen worden seien, keinen deutschen Künstler mehr in dem all jährlichen Salon" ausstellen zu lassen. Dazu bemerkt das Berl. Tagebl." vom 28. September: Dieser Beschluß ist umso gleichgültiger, da die deutschen Künstler bekanntlich immer nur sehr spärlich in den Pariser Ausstellungen ver treten waren, während die französischen Künstler allerdings nicht die Bildersabrikanten des offiziellen Salon" sich recht zahlreich in Berlin und München einzufinden pflegten." Als ein Beispiel französischer Denkweise und Logik sei hier nach der Za?ette äe Lausanne" vom 22. Oktober77 ausführlich der Brief mitgeteilt, welchen der Chefredakteur des Journal äes Lvonomistes", Vves Guyot und der Professor an der Lvole äss Svisnesg politiques O. Bellet am 15. Oktober an den Professor Lujo Brentano in München als einen der Mitunterzeichner desAufrufs richteten: Wir haben den Aufruf an die Kulturwelt" (wozu Frankreich offenbar nicht gehört) gelesen, welchen soeben 93 Persönlichkeiten, die sich für die Vertreter der deutschen Wissenschaft und Kunst ausgeben, losgelassen haben. Wir waren nicht erstaunt, darunter die Unterschrift des Herrn Professor Schmoller zu finden. Er hatte seinen Haß gegen Frankreich schon durch seine Weigerung gezeigt, vor ein wenig mehr als 2 Jahren zu den Festlichkeiten zu kommen, die zur 70 jährigen Feier der Pariser National ökonomischen Gesellschaft veranstaltet wurden (Festlich keiten, bei denen wir durch Ihre und Ihres Kollegen M. Lötz Anwesenheit erfreut wurden). In seiner Rektorats rede, gehalten an der Berliner Universität im Jahre 1897, hatte er erklärt, daß die deutsche Wissenschaft kein anderes Ziel habe, als die kaiserlichen Botschaften von 1881 und 1890 zu feiern; und er hatte bemerkt, daß jeder Schüler von Adam Smith, der sich nicht dieser Politik dienstbar machen wolle, auf seinen Lehrstuhl verzichten müßte". Hingegen waren wir schmerzlich überrascht, als wir am Ende dieses Dokumentes Ihren Namen dem seinigen beigefügt fanden. Sie und die anderen Vertreter der deutschen Wissen schaft und Kunst klagen darin Frankreich, Großbritannien, Belgien und Rußland der Lüge an. Würden Sie Ihrerseits von einen, Ihrer Schüler einen so schweren und so leicht sinnig erhobenen Vorwurf hingenommen haben? Gibt man selbst zu, daß man Sie in vollständiger Un kenntnis der seit Kriegserklärung veröffentlichten Urkunden sich befanden, so haben Sie doch jedenfalls das Ultimatum gekannt, das Osterreich an Serbien richtete. Dieses hätte sie in Erstaunen versetzen müssen; denn es ist ein diplo matisches Schriftstück, das in der Geschichte einzig dasteht.78 Haben Sie sich denn nicht gefragt, ob die österrei chischen Forderungen nicht jedes Maß überschreiten, da sie die völlige Abdankung eines unabhängigen Staates ver langten? Sie haben doch gewiß gehört, daß, so demütig die Antwort Serbiens auch war, der Umstand, daß sie einen Vorbehalt enthielt, zur Folge hatte, daß der öster reichisch-ungarische Gesandte sofort ohne jede Verhandlung Belgrad verließ und daß Osterreich am übernächsten Tag den Krieg erklärte? Sie kennen doch jedenfalls die Schritte Großbritanniens und Frankreichs, die Bitte Rußlands um Verschiebung und die Antwort des deutschen Kanzlers: daß niemand zwischen Osterreich und Serbien zu inter venieren habe". Er nannte diese Haltung geistreich den Konflikt lokalisieren". Gibt es einen einzigen unter den Unterzeichnern des Dokuments, welcher glauben könnte, haben Sie selbst glauben können, Herr Brentano, ein Mann, der für so fein und scharfsinnig gilt, daß diese Antwort nicht den Krieg zur ver hängnisvollen Folge haben mußte? Denn jede Nation, welche sie angenommen haben würde, wäre sicher gewesen, in Zukunft von Deutschland ebenso behandelt zu werden, wie die österreichisch-ungarische Monarchie Serbien be handelte. Sie und die Mitunterzeichner Ihrer Streitschrift kannten die Vorereignisse des Krieges; Sie vermochten abzuschätzen, daß es zwischen dieser Sachlage und dem er zielten Effekte keine andere Beziehung gab, als den Willen derjenigen, welche darauf hinarbeiteten, entweder eine schmachvolle Erniedrigung für die Länder, die diese Lage angenommen haben würden, herbeizuführen oder einen allgemeinen Weltbrand, und trotzdem wagen Sie zu be haupten : Es ist nicht wahr, daß Deutschland diesen Krieg verschuldet hat?" Sie wagen von urkundlichen Beweisen zu sprechen. Wir kennen diejenigen, welche von Großbritannien, Bel gien und Rußland veröffentlicht worden sind. Alle stimmen überein, und sie geben den Beweis, daß das österreichisch- ungarische Ultimatum im Einverständnis niit dem Reichs kanzler-Amt in Berlin erging. Sie geben weiterhin den79 Beweis, daß der deutsche Botschafter in St. Petersburg, einen Rückzug Österreich-Ungarns befürchtend, die Ereig nisse überstürzt hat, während Ihr Kaiser sich unauffind bar hielt. Unterdessen hatte Ihr Generalstab unter der Hand einen Teil der Truppen durch Einberufung der Einzelnen mobilisiert, wahrend wir in Frankreich warteten, da wir uns nicht vorstellen konnten, daß die deutsche Regierung sich dazu entschlossen hatte, ohne Grund einen europaischen Krieg anzuzetteln. Man hat in den Notizbüchern Ihrer Reservisten die Aufgebote gefunden, die sie schon lange vor Ende Juli einberiefen. Unser Freund und Kollege Cour- celle-Seneuil hat das Militärbuch eines in der Schweiz in Ber wohnenden Deutschen gesehen, das diese Order enthält. Man hat am Kap offizielle Briefschaften angehalten, welche zur bestimmten Zeit deutsche Marine-Offiziere er reichen sollten, und die sie davon verständigten, sich Mitte Juli bereit zu halten. Dieser von ihren Truppen gewonnene Vorsprung hat für die unserigen eine ebensoviel schlimmere Verspätung ergeben. Wir sind so naiv gewesen, den Ver sicherungen Ihrer Staatsmänner Glauben zu schenken. Sie erklären, daß das das Verfahren einer guten Kriegführung sei, immerhin! Das stellt einen Teil der diplomatischen Moral dar, die Bismarck seinen Nachfolgern vermacht hat. Aber um zu versuchen, diese Lüge weiterzuführen, dafür haben Sie nicht mehr den Vorwand der Nützlichkeit. Sie wird von allen erkannt, außer scheint es von den Ver tretern der deutschen Wissenschaften und Künste, die offen bar der nötigen Helligkeit entbehren, um sie zu ignorieren. Sie behaupten schließlich, daß Deutschland die Neutrali tät von Belgien nicht verletzt habe: es habe sich begnügt, zuvorzukommen". Abgesehen von den veröffentlichten ur kundlichen Beweisen richten wir Ihre Aufmerksamkeit auf eine unleugbare Tatsache. Vertrauend auf den Garantie vertrag der belgischen Neutralität, unter dem sich die Unter schrift Deutschlands befand, auf das dem König von Belgien von Ihrem Kaiser vor nicht langer Jeit gegebene Wort haben wir leider unsere Nordgrenzen entblößt gelassen.80 Ebenso müssen Sie wissen, Herr Professor, daß die Eng länder erst nach der tatsächlichen Verletzung des belgischen Gebietes eingeschritten sind. Es ist wahr, daß wir den Feldzugsplan kannten, den ihr General Bernhardt aus einandergesetzt hat, aber wir hatten die Naivität zu glauben, daß, mochte die Meinung dieses Generals immerhin so sein, der Reichskanzler der Ansicht wäre, daß ein Vertrag, der die kaiserliche Unterschrift trug, etwas anderes sei, als ein Fetzen Papier". Deutschland hat in der gleichen Weise seine Unterschrift entehrt, indem es den Neutralitätsvertrag von Luxemburg verletzte. Sie haben übersehen, zu versichern, daß sie dort ebenfalls weiter nichts getan haben, als zuvorzukommen". Ihre Streitschrift macht sich zum Echo der deutschen Zeitungen, welche versichern, daß es die Belgier und ins besondere die Frauen sind, welche gegen Ihre Truppen angefangen hätten". Eine amerikanische Zeitung hat da rauf geantwortet: Wenn es die belgischen Frauen waren, welche die deutschen Soldaten auf dem Boden Belgiens angegriffen haben, was hatten denn diese Soldaten auf den, belgischen Boden zu suchen?" Die Wahrheit ist, daß Ihre Truppen gehorsam ihren Führern, wie das die Papiere beweisen, die man aufgegriffen hat und die Sie in dem Bericht der belgischen Kommission an den Präsidenten Wilson zitiert finden, zur Ausführung von Befehlen ge schritten sind, die von den blutdürstigen Inschriften der assyrischen Könige eingegeben zu sein scheinen, welche ohne Zweifel an der Linie der Bagdadbahn ausgegraben wor den sind. Und Sie, Sie finden es ganz natürlich, daß man in Löwen gemordet und niedergebrannt hat, weil die Zivilbevölkerung angeblich auf Ihre Truppen geschossen hat, aber eine gemeinsam mit den Vertretern der Ver einigten Staaten (welche Sie geruhen genügend zu achten, um ihnen die Vertretung Ihrer Staatsangehörigen zu übertragen) gemachte Untersuchung hat bewiesen, daß die Zivilbevölkerung olme Waffen war. Wenn Sie heute den Brand der Bibliothek von Löwen billigen, haben Sie bisher auch den Brandstiftern der Bibliothek von Alerandria Beifall gespendet? Es ist wahr, sie hatten nicht die deutsche81 Kultur". Das militärische Ergebnis der deutschen Kultur stellt Ihre Soldaten aber auf eine Kulturstufe, die hinter der der Vandalen zurückliegt, da diese nach der Einnahme Hippo die Bibliothek verschonten. Wenn einer von uns in Paris am Freitag, den 9. Ok tober, an der Nummer 24 der Straße Edimbourg auf dem Wege zum Büro der nationalökonomischen Gesellschaft in Nummer 14 vorbeigekommen wäre, so hatte er von einer Ihrer Bomben gemordet werden können, welche von einer Ihrer Tauben auf die bürgerliche Bevölkerung einer Stadt geworfen wurden, deren Bombardement nicht angekündigt worden ist- Eine andere Taube erregte mit Hilfe einer Bombe den Beginn eines Brandes der Kirche Notre-Dame, und man kann für dieses Attentat nicht den Vorwand brauchen, der zur Entschuldigung der Zerstörung der Reimser Kathedrale vorgebracht wurde. Kein Beobach tungsposten hätte von ihren Türmen einen deutschen Soldaten erspähen können. Ihre Mitunterzeichner und Sie entrüsten sich, daß die Kulturwelt Ihre Truppen Barbaren schilt- Sind Sie etwa der Meinung, daß diese Taten ein höherer Ausdruck von Kultur seien? Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder Sie kennen diese nicht, dann sind Sie sehr leichtsinnig, oder Sie billigen sie, dann müssen Sie sie aus Ihren Moral- und Nechtsbüchern rechtfertigen. Sie würden damit nur die Meinung Ihrer Militär- scbriftsteller befolgen, welche die Notwendigkeit dargetan haben, die Bevölkerung in Schrecken zu setzen, um auf ihre Regierung und auf ihre Annee einen derartigen Druck auszuüben, daß sie gezwungen sind, um Frieden zu bitten. Aber wenn diejenigen von Ihren Kollegen, welche die Psychologie lehren, diese Meinung gebilligt haben, müssen Sie heute zugestehen, daß Sie einen großen Irrtum be gangen haben. Denn derartige Akte, weit entfernt Feigheit hervorzurufen, fordern die Entrüstung aller heraus und erhöhen den Mut unserer Soldaten. Jedenfalls haben Ihre Militärschriftsteller nicht ge sagt, daß der Diebstahl ein Mittel wäre, sich des Sieges zu versichern. Trotzdem hat der Kronprinz, Ihr zukünftiger Der Krieg der Geister 682 Kaiser, im Schloß des Grafen Boye Sammlungsgegenstande aus kostbarem Metall an sich genommen und sie sorgfältig verpacken und wegschicken lassend) Man hat Reisekoffer Ihrer Offiziere gefunden, voll von Gegenständen, welche aus den Lagern von Kleidergeschäften herrührten. Verstehen Sie und Ihre Mitunterzeichner, die Vertreter der deutschen Kunst und Wissenschaft, hierunter die Kunst und Wissen schaft des Plünderns? Geben Ihre Rechtsprofessoren und Nationalökonomen Ihnen eine Rechtfertigung für diese Art, das Eigentum zu erwerben? Und wenn dem so ist, was wird aus Ihrem Strafgesetzbuch? Sie und Ihre Mitunterzeichner versichern, daß der gegenwärtige Kampf gegen die deutsche Kultur" gerichtet sei. Wenn diese Kultur lehrt, daß das Völkerrecht die Nicht achtung der Verträge gestattet, die Nichtachtung des Pri vateigentums, die Nichtachtung des Lebens der Nichtkämpfer, so dürfen Sie nicht erstaunt sein, daß die anderen Völker nicht deren Hüter zu sein wünschen für Ihren Vorteil und zum eigenen Schaden. Nicht durch die Waffen, sondern durch Beweise und Tatsachen haben Nationalökonomen wie wir, treu den Lehren der Physiokraten und des Adam Smith, es ver sucht uns gegen sie zu schützen. Am Vorabend des Krieges, bei der Enthüllung des Denkmals Turgots, setzten wir seine Ideen von Freiheit und Menschlichkeit der germanischen Realpolitik entgegen. Wir hoffen, daß die gegen wärtigen Ereignisse diejenigen von unseren Professoren heilen werde, welche davon angesteckt waren, und daß sie aufhören werden, sich zu Mitschuldigen dieser Form von Pangermanismus zu machen, welche sie in die öffentliche Meinung und in die Gesetzgebung einzuführen versucht haben. Die Handlungsweise Ihrer Diplomaten und Generäle und der Beifall, den Sie und die anderen Vertreter der deutschen Kunst ihnen zollen, sind ein erschreckender, aber deutlicher Beweis der Gefahren und der Hohlheit der deut schen Kultur. Sie sind deren eigene Vernichter. ) Diese Behauptung wird von der Zeitung selbst in einer Anmerkung durch einen Brief des deutschen Gesandten in Bern, Romberg widerlegt, des Inhalts, daß der deutsche Kronprinz das genannte Schloß niemals betreten hat.6 8S Ohne unfern Militarismus", sagen Sie, würde un sere Kultur langst vom Erdboden getilgt sein". Und sie rufen das Vermächtnis Goethes, Beethovens und Kants an. Aber Goethe, geboren in der freien Stadt Frankfurts lebte am Hofe Karl Augusts von Weimar, welcher ein Mittelpunkt des Liberalismus und der Kunst war, der stets von Preußen bedroht wurde. Aber Beethoven, flämischen Ursprungs, der bis zu seinem 24. Jahr in Holland wohnte- und den Rest seines Lebens in Wien zubrachte, hat nichts mit dem preußischen Militarismus gemein, der Osterreich so furchtbar wurde. Kant endlich, wenn er auch in Königs berg, der wahren Hauptstadt des Königreichs Preußen ge boren ist und dort gelebt hat, hat die französische Revolution begrüßt; und als er im Jahre 1804 starb, war es keineswegs der preußische Militarismus, welcher sein Werk dem Stu dium der Welt empfahl. Die Solidarität, welche Sie zwischen dem deutschen Militarismus und der deutschen Kultur feststellen, als deren Vertreter Ihre Kollegen und Sie sich erklären, ist der Be weis für die Verwirrung der deutschen Begriffe. Um der Welt Goethe, Beethoven und Kant zu schenken, umringen Sie sie mit Bajonetten. Ebenso pflegt jeder deut sche Industrielle und Kaufmann zu sagen: Ich habe 4 Milli onen Bajonette hinter mir!" Ihr Kaiser sagte zu Indu striellen, die sich über den schlechten Gang dcr Geschäfte beklagten: Ich muß reisen!" und er ging nach der Bremer Rede nach Konstantinopel und nach Tanger. In jedem seiner Worte und in jeder seiner Gebärden drückte er die Unterwerfung der wirtschaftlichen Kultur unter die kriege rische aus. Er war der Meinung, daß man die Absatz märkte mit Kanonenschüssen eröffnen und den Wert dcr deutschen Erzeugnisse mit der Degenspitze bekräftigen müsse. Daher seine furchterregenden Rüstungen, seine andauemden Drohungen, die alle Völker in einem fortwährenden Zu stand der Unruhe hielten. Hier liegt die tiefste und wahre Ursache des Krieges, und sie geht ganz ausschließlich von Ihrem Kaiser und seiner Umgebung aus. Daß die Mehrzahl der Vertreter der deutschen Wissen schaften und Künste, die die Streitschrift unterzeichneten,84 unfähig seien, diese Wahrheit herauszufinden, begreifen wir; aber das gilt nicht ebenso von Ihnen, der sie die Aus artungen und die Folgen der deutschen Schutzzollpolitik an den Pranger gestellt haben und wir erinnern uns, daß Sie im Kongreß von Antwerpen darin mit uns überein stimmten, daß Sie deren aggressiven Charakter erkannten. Wir bitten Sie, dem Ausdruck unserer Hochachtung Glauben zu schenken, den wir für Ihre Wissenschaft haben, welche bisher so zuverlässig war." Hierauf hat Professor Lujo Brentano ein Erwiderungsschreiben gesandt, in welchem er am Schlüsse über den preußischen Militarismus" sagt: Jum Schluß lassen Sie mich noch ein Wort zum Protest dagegen sagen, daß der Kampf gegen unseren so genannten Militarismus kein Kanipf gegen unsere Kultur sei. Sie scheinen zu übersehen, daß es zweierlei Dinge gibt, die man unter Militarismus versteht. Wenn wir Deutsche unter uns über Militarismus klagen, haben wir dabei einzelne Übelstände vor Augen, nämlich daß der Offizier und der Reserveoffizier manchmal eine größere Rolle spiele als ihm zukomme, daß in den? Bureaubeamten tum aller Zweige eine zu große Zahl von Stellen den Mili täranwärtern offen gehalten werde, und daß es bei uns Leute gibt, die so reden, als sei das Heer Selbstzweck, statt eines bloßen Mittels zur Sicherung der Existenzbedingungen Deutschlands. Das aber offenbar ist nicht der Militarismus, den Sir Edward Grey vor Augen hatte, als er erklärte, die Verbündeten führten Krieg, um Deutschland und Europa vom Militarismus zu befreien. Es ist das eine innere Angelegenheit, deren Austragung die Verbün deten wohl uns selbst überlasssen könnten. Ein anderer Militarismus aber ist der das gesamte Volk durch dringende Geist, daß es mit Freuden zu den Waffen zu greifen habe, wenn es gilt, das Vaterland zu verteidigen, und diesen Militarismus wird der von unsern Feinden unternommene Krieg statt ihn zu schwächen, nur stärken. Denn die ganze Eristenz des deutschen Volkes ist untrennbar mit diesem Militarismus verbunden,85 und darum besteht auch kein Widerspruch, wenn der Schluß unseres Aufrufes darauf Bezug nimmt, daß wir uns fühlen als die Erben eines Goethe, eines Beethoven und eines Kant. Was Sie über Goethe und den Liberalismus sagen, zeigt eine erstaunliche Unkenntnis von Goethe und wird nur übertroffen durch Ihre Behauptung, Liberalismus und Kunst seien stets bedroht worden durch Preußen, während Preußen seit Friedrich dem Großen als Pfleger beider groß geworden ist. Von Beethoven behaupten Sie, daß er, vlämischen Ursprungs, bis zu seinem vierundzwanzigsten Jahr in Holland gelebt hatte. Er war aber durchaus deutscher Rheinlander, weit mehr als LSon Gambetta Fran zose gewesen ist; sein Großvater war Kapellmeister, sein Vater Tenorist in Bonn, seine Mutter aus Koblenz; er selbst war in Bonn geboren, hat dort seine Jugend zuge bracht; Bonn aber ist nie holländisch gewesen. Und wenn Kant auch die französische Revolution begrüßt hat, so hat er doch den Geist Friedrichs des Großen in seinem berühmten kategorischen Imperativ zusammen gefaßt, und, wie gar manches andere, scheint Ihnen sein Satz unbekannt geblieben zu sein, der wie für die gegen wärtige Lage geschrieben scheint: ,Die englische Nation als Volk betrachtet ist das schätzbarste Ganze von Menschen im Verhältnis gegeneinander, aber als Staat gegen andere das verderblichste, gewaltsamste und herrschsüchtigste und kriegerregendste unter allen Sie werden zugeben, daß wir nur im Geiste Kants handeln, wenn wir, durchdrungen von seinen, kategorischen Impera tiv, uns gegen England wehren, daS Frankreich in diesem Krieg für sich kämpfen läßt." Der gesamte Briefwechsel mit noch 2 weiteren Brie fen ist als Veröffentlichung des Kulturbundes deut scher Gelehrter und Künstler erschienen, unter dessen Namen sich im Anschluß an die Bestrebungen des Aufrufs an die Kulturwelt" eine große Anzahl hervorragender Ver treter der Wissenschaft und Kunst vereinigten, um durch dauernde Verbindung mit ihren Berufsgenossen und Freun den im neutralen Auslände den systematisch ausge streuten Lügen und Verhetzungen unserer Feinde ent-86 gegenzutreten. Die Geschäftsstelle befindet sich im Ge bäude der Akademie der Wissenschaften, Berlin KV. 7, Unter den Linden 88. Den Vorsitz führt der Anatom der Berliner Universität, Professor Waldeyer. An die Universitäten des Auslandes wandte sich Mitte Oktober eine Kundgebung deutscher Universitäten zur Abwehr der dem deutschen Heere gemachten Vorwürfe barbarischer Grausamkeiten und sinnloser Zerstörungswut mit folgendem Wortlaut: Der Feldzug systematischer Lüge und Ver leumdung, der schon seit Jahren gegen das deutsche Volk und das Deutsche Reich von ihren Gegnern geführt wurde, hat seit dem Ausbruche des Krieges alles übertroffen, was man selbst der gewissenlosesten Presse zugetraut haben würde. Soweit es sich dabei um Dinge handelt, die un serem Kaiser und seiner Regierung zur Last gelegt werden, ist die Sache Abwehr der berufenen Stellen. Sie ist erfolgt, gestützt auf schlagende Beweise. Wer die Wahrheit kennen will, kann sie erfahren, und wir vertrauen, daß sie sich Bahn brechen wird. Wenn wir aber mit ansehen sollen, daß die neidische Bosheit unserer Feinde sich nicht schämt, unser Heer und in ihm unser ganzes Volk barbarischer Grau samkeit und sinnloser Zerstörungswut zu beschuldi gen, und daß sie damit auch im neutralen Ausland und dort, wo man uns sonst wohlgesinnt ist, einen gewissen Glauben zu finden scheint, so fühlen wir, denen die Pflege mensch licher Bildung in unserem Vaterlande vorzugsweise anver traut ist, und verpflichtet, aus der Zurückhaltung, die uns Beruf und Stellung auferlegen, mit einer lauten Ver wahrung hervorzutreten. Darum wenden wir uns jetzt an die Körperschaften, mit denen wir bisher uns in genieinsamer Arbeit für die höchsten Ideale der Menschheit verbunden wußten, und mit denen wir auch in dieser Zeit, da Haß und Leidenschaft die Welt beherrschen und die Geister verwirren, eines Sinnes zu bleiben hoffen im gleichen Sinne der Wahrheit. Wir wenden uns an sie im zuversichtlichen Vertrauen, daß unsere Stimme Gehör und der Ausdruck unserer ehrlichen Gesin-87 nung Glauben finden wird. Wir legen außerdem Berufung ein an die Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit der vielen Tausende in der ganzen Welt, die als gern gesehene Gäste in unseren Lehranstalten Teilhaber geworden sind an dem Erbe deutscher Kultur und die dabei Ge legenheit hatten, das deutsche Volk in der Arbeit des Friedens zu sehen, kennen zu lernen mit seinem Fleiß und seiner Rechtlichkeit, seinem Sinn für Ordnung und Jucht, seiner tiefen Achtung vor aller geistigen Ar beit und seinerinnigenLiebe zu Wissenschaft undKunst. Euch Alle, die Ihr wisset, daß unser Heer kein Söldnerheer ist, daß es die ganze Nation vom ersten bis zum letzten umfaßt, daß es von den besten Söhnen des Landes geführt wird, und daß auch zu dieser Stunde in seinen Reihen Tausende aus unserer Mitte, Lehrer wie Schüler, als Offiziere und Soldaten auf russischen und fran zösischen Schlachtfeldern für ihr Vaterland bluten und fallen; Euch, die Ihr selbst gehört und gesehen habt, in welchem Geiste und mit welchem Erfolge bei uns die Jugend unterrichtet und erzogen wird, und daß ihr nichts so tief eingeprägt ist, wie Achtung und Bewunderung für die Schöpfungen menschlichen Geistes in Kunst, Wissenschaft und Technik, wes Landes und Volkes sie immer sein mögen; Euch, die Ihr alles das wißt, rufen wir zu Zeugen auf, ob es wahr sein kann, was unsere Feinde er zählen, daß das deutsche Heer eine Horde von Barbaren und eine Bande von Mordbrennern sei, die ihre Lust darin finden, wehrlose Ortschaften dem Erdboden gleich zu machen und ehrwürdige Denkmäler der Kunst und Ge schichte zu zerstören. Wenn Ihr der Wahrheit die Ehre geben wollt, so werdet Ihr mit uns der festen Überzeugung sein, daß die deutschen Truppen, wo immer sie zu Zerstörungen schreiten mußten, dies nur getan haben können in der bitteren Notwehr des Kampfes. Alle die aber, zu denen die verleumderischen Berichte unserer Feinde dringen, und die von der Leidenschaft noch nicht ganz verblendet sind, beschwören wir im Namen der Wahrheit und Gerechtigkeit, daß sie solchen Beschimpfungen des deutschen Volkes ihr88 Ohr verschließen und sich ihr Urteil nicht von denen vorschreiben lassen, die immer aufs neue be weisen, daß sie durch die Lüge zu siegen hoffen. Wenn nun in diesem furchtbaren Krieg, in dem unser Volk nicht nur um seine Macht, sondern um sein Dasein und seine ganze Kultur zu kämpfen gezwungen wird, wenn in ihm das Werk der Zerstörung größer sein sollte, als in früheren Kriegen, und mancher kostbare Wert der Kultur der Ver nichtung anheimfällt, so lastet die Verantwortung dafür ungeteilt auf denen, die sich nicht damit begnügen wollten, diesen ruchlosen Krieg zu entfesseln, nein, die auch davor nicht zurückschreckten, der friedlichen Bevölkerung zu heimtückischen Überfall Mordwaffen gegen un sere auf den Kriegsbrauch aller gesitteten Völker vertrauenden Truppen in die Hand zu drücken. Sie allein trifft die Schuld an allem, was hier geschieht; sie wird auch für den bleibenden Schaden, den die Kultur dabei erleidet, der Fluch der Geschichte treffen." Gezeichnet ist diese Kundgebung von den Univer sitäten Tübingen, Berlin, Bonn, Breslau, Erlangen, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Göttingen, Greifswald, Halle, Heidelberg, Jena, Kiel, Königsberg, Leipzig, Marburg, München, Münster, Rostock, Straßburg, Würzburg. Dieser Kundgebung der deutschen Universitäten schloß sich die Universität Budapest in einer Zuschrift an den Rektor der Universität Tübingen an, in der sie ihre volle Solidarität mit den Universitäten Deutschlands und Öster reichs bekräftigt. Eine Erwiderung erfolgte seitens der französischen Aniversitäten, fünfzehn an der Zahl, welche an die Universitäten der neu tralen Länder folgendes Schreiben richteten (nach der Ubersetzung der Frankf. Zeitung" vom 9. Januar 1915 aus TidenS Tegn"): ,Die deutschen Universitäten haben gegen die Anklagen protestiert, die des Krieges wegen gegen Deutsch land gerichtet wurden. Die französischen Universitäten (mit Ausnahme der von Lille, die nicht befragt werden89 konnte), wollen sich darauf beschränken. Folgendes anzu führen : Wer hat diesen Krieg gewollt? Wer hat während der allzu kurzen Frist, die Europa zur Überlegung vergönnt wurde, alle mögliche Mühe auf gewandt, uni Formen zur Versöhnung zu finden? Wer hat andererseits alle die Vorschläge zurückgewiesen, die in dieser Richtung gemacht wurden, den einen nach dem andern, den Englands, Rußlands, Frankreichs und Italiens? Wer hat in dem Augenblicke, wo der Streit ausge glichen zu werden schien, den Krieg losgelassen, als ob man die günstige Gelegenheit erwartet und ersehnt hätte? Wer hat gewaltsam Belgiens Neutralität verletzt, während er sie verbürgt hatte? Wer hat bei dieser Gelegenheit erklärt, Neutralität sei bloß ein Wort, Verträge seien Papierfetzen" und im Kriegsfalle tue man, was nian könne"? Wer verachtet die internationalen Verabredungen als null und nichtig, durch die die mitunterzeichneten Mächte sich verpflichtet haben, während eines Krieges kein Macht mittel zu benutzen, das Barbarei oder Treulosigkeit" be deutet, sowie die historischen Denkmäler und die Gebäude zu achten, die religiösem, wissenschaftlichen!, künstlerischem und philanthropischem Gebrauche gewidmet sind, es sei denn, daß der Feind diesen erst einen anderen Charakter gibt, indem er sie zu militärischen Zwecken benutzt? Unter welchen Umständen ist die Universität zu Löwen zerstört worden? Die Domkirche zu Reims niedergebrannt? Notre Dame zu Paris mit Brandboniben beschossen? Nur die Tatsachen können auf diese Fragen antworten. Ihr könnt jetzt darüber die Dokumente zu Rate ziehen, die von den Staatssekretariaten veröffentlicht worden sind, die Ergebnisse der Untersuchungen neutraler Völker, die Zeug nisse, die in den Taschenbüchern deutscher Soldaten gefunden worden sind, und die stummen Zeugen: Belgiens und Frank reichs Ruinen. Tas sind unsere Beweise. Tiefen gegenüber ist es nicht genug, mit Vertretern der deutschen Wissenschaft und Kunst Ableugnungen vor-90 zubringen, gestützt bloß auf das Ehrenwort, an das zu glauben man uns befiehlt. Auch reicht es nicht aus, wie die deutschen Universi täten tun, zu sagen: Ihr kennt unfern Unterricht, der kann kein Volk von Barbaren ausgebildet haben. Wir wissen, wie wertvoll dieser Unterricht gewesen ist. Wir wissen aber auch, daß das deutsche Denken mit den Uber lieferungen aus dem Deutschland Leibnizens, Kants und Goethes gebrochen hat, wenn es sich mit dem preußischen Militarismus (!) solidarisch erklärt und als dessen gehor samer Handlanger nach der Weltherrschaft strebt. Daß man aber darauf hinzielt, dafür gibt es Beweise im Überfluß. Neulich erst schrieb eine der Spitzen der Uni- versität Leipzig: Auf unsern Schultern ruht das zukünftige Schicksal der europäischen Kultur." Die französischen Universitäten halten für ihren Teil an dem Gedanken fest, daß die Zivilisation nicht das Werk eines einzelnen Volkes ist, sondem allen Völkern insgesamt angehört, und daß der intellektuelle und moralische Reichtum der Menschheit dadurch geschaffen ist, daß die Anlagen uno die Begabung der verschiedenen Völker ihren natürlichen und durchaus selbständigen Ausdruck in einer Mannig faltigkeit verschiedener Formen gefunden haben. Wie die Heere der verbündeten Mächte werden auch die französischen Universitäten, soweit es bei ihnen steht, die Freiheit der Welt verteidigen. Unterzeichnet haben dieses Schriftstück die Universi täten zu Paris, Air-Marseille, Alger, Besanyon, Bordeaux, Caen, Clermont, Dijon, Grenoble, Lyon, Montpellier, Nancy, Poitiers, RenneS und Toulouse. Am 3. Dezember erschien dann noch folgende von 26 deutschen Professoren unterzeichnete Erklärung gegen die Oxforder Hochschulen: Au den Grundlagen künftiger Kulturbeziehungen der I Völker gehört die wissenschaftliche Wahrheit. Diese Grund lage gerade jetzt zu erhalten, ist die besondere und heilige Ausgabe der Vertreter der Wissenschaft in allen Staaten. Die unterzeichneten deutschen Vertreter der Ge schichtswissenschaft und des Völkerrechts sehen mit91 Betrübnis und Sorge jene Grundlage verleugnet durch die Schrift einiger Mitglieder der Orforder Fakultät für moderne Geschichte, welche mit Unterstützung des als Völkerrechtslehrer in Oxford angestellten Sir Erle Richards herausgegeben worden ist: ve are at war. Lres t Lntain s ease." (Oxford, Clarendon Preß.) Daß die Schrift Roheiten enthält, welche wir bei Universitätslehrern nicht gewohnt sind, mag durch die Kriegslage erklärt sein. Aber es muß das Vertrauen in die Ehrlichkeit wissen schaftlicher Arbeit erschüttern, wenn jene Männer die Wis senschaft für Zwecke der Politik mißbrauchen, einer Politik, welche den Krieg herbeigeführt, und welche zu ihrer Recht fertigung die Wendung ersonnen hat, England kämpfe für die Freiheit unterdrückter Völker und habe den Krieg er klärt zum Schutz bedrohten Rechtes gegen rohe Gewalt, oder, wie es in der Schrift auch heißt, England führe die Sache Europas" und kämpfe für das Prinzip des Völker rechts". Unverzeihlich ist es, daß die Verfasser sich haben hin reißen lassen, die Friedensliebe des Deutschen Kaisers und des deutschen Volkes verleumderisch zu verdächtigen und den Versuch zu machen, die Ver antwortung für den Krieg auf die Schultern Deutschlands zu wälzen ! Wissen die Orforder Gelehrten denn nicht, daß noch acht Tage vor der Kriegserklärung, welche durch die Mobi lisierung Rußlands dem Deutschen Reich aufgezwungen war, der Kaiser, auf Erhaltung des Friedens vertrauend, ebenso wie die gesamte Hochseeflotte, in den Gewässern Norwegens weilte, und daß der Kaiser erst am 26. Juli aus eben jenen Gewässern schleunig nach Berlin zurück kehrte, gleichzeitig die Motte in höchster Eile nach Kiel und Wilhelmshaven sammelnd? Wäre das denkbar gewesen, wenn der Kaiser kriegerische Pläne verfolgt hätte? Hat Deutschland je einen feindlichen Schritt gegen England unternommen oder auch nur geplant? Hat es sich nicht um ehrliche Freundschaft mit dem Volke bemüht.92 dessen nahe Stammesverwandtschaft der Kaiser mit dem Wort Blut ist dicker als Wasser" zu betonen pflegte? Ist auf der anderen Seite den Herren in Oxford unbe kannt, daß England, wahrend es vor der Welt Vermitt lungsvorschläge machte, in Petersburg wissen ließ, es werde hinter Rußland stehen? Weiß man in Orford nicht, daß England dieselbe belgische Neutralität, zu deren Schutz es das Schwert zu ziehen vorgab, durch militärische Verab redungen und Maßnahmen längst selbst verletzt hatte mit Zustimmung und Mitwirkung Belgiens? Die Orforder geben sich als Historiker und Völkerrechts kenner. Können sie uns sagen, mit welchem Recht England Indien unterworfen, Ägypten besetzt, die Burenstaaten unterjocht hat? Warum England bis in die jüngste Zeit hinein sich gegen völkerrechtliche Bindung gesträubt und sich der Pflege des Völkerrechts entgegengestellt hat, indem es gouvernementale Instruktionen, das heißt englische Jn- teressenpolitik, an die Stelle des Völkerrechts setzte? Warum es auch jetzt wieder von ihm selbst anerkannte Regeln des Völkerrechts mit Füßen tritt? Wenn je ein Staat in der Welt, so ist es England ge wesen, das in seinem politischen Verhalten nur selbstische Zwecke verfolgt, das Recht verachtet, seine Macht hat walten lassen. Die Orforder aber geben als einzigen Fall englischer Gewaltpolitik den Überfall auf Kopenhagen (1807) zu! Wir beklagen die Verunglimpfung der Wahrheit und die Herabwürdigung der Wissenschaft, zu welcher sich Or forder Universitätslehrer erniedrigt haben. Wir verwahren uns gegen die Vergiftung der geistigen Waffen im Kampfe der Nationen." W. van Calker, Professor an der Universität Kiel; Daenell, Professor ander Universität Münster; Fleischmann, Professor an der Universität Königs berg; Heinrich Harburger, Universitätsprofessor und Senatspräsident des Oberlandesgerichts Mün chen; Joses Köhler, Professor an der Universität Berlin; P. La band, Professor an der Universität Straßburg; Max Lenz, Hamburg; M. Liepmann,93 Professor an der Universität Kiel; F. v. Liszt, Pro fessor an der Universität Berlin; Ferdinand v. Mör titz, Professor an der Universität Berlin; Erich Marcks, Professor an der Universität München; F. Meinecke, Professor an der Universität Berlin; Christian Meurer, Professor an der Universität Würzburg; Eduard Meyer, Professor an der Uni versität Berlin; Th. Niemeyer, Professor an der Universität Kiel; H. Oncken, Professor an der Uni versität Heidelberg; R. Piloty, Professor an der Universität Würzburg; F. Rachfahl, Professor an der Universität Freiburg i. B.; C. Rodenberg, Professor an der Universität Kiel; Dietrich Schäfer, Professor an der Universität Berlin; Theodor Schie- mann, Professor an der Universität Berlin; Professor Or. Stier-Somlo, Köln; Or. Karl Strupp, Frankfurt a. M.; F. Tön nies, Professor an der Uni versität Kiel; Heinrich Triepel, Professor an der Universität Berlin; PH. Zorn, Professor an der Uni versität Bonn. An die Lehrervereine der neutralen und feind lichen Länder wandte sich Ende November 1914 eine Kundgebung der deutschen Lehrerschaft (des deutschen Lehrervereins" und des katholischen Lehrerverbandes"), in der der systematischen Herabsetzung der deutschen Armee im feindlichen Ausland mit folgenden Worten entgegengetreten wurde: Wir deutschen Volksschullehrer fühlen uns zu diesem Einspruch berufen, weil das deutsche Volksheer zun, weitaus größten Teil durch die deutsche Volksschule hindurchge gangen, dort von den deutschen Volksschullehrern unter richtet und von ihnen nicht nur im nationalen, sondern auch im Geiste der Humanität erzogen worden ist. Ein Blick auf Deutschlands Volksbildung und ihre festeste Grundlage, die deutsche Volksschule, sollte vorurteilslos Denkende allein schon davon überzeugen, daß jene Berichte von zuchtlosen Greueltaten der deutschen Soldaten zu den nichtswürdigen Verleumdungen gehören, die das deutsche Volk in diesem Kriege erdulden muß. Bei keinem94 unserer Gegner ist das Volksschulwesen so ausge baut wie in Deutschland; weder in England noch in Frankreich, weder in Belgien noch in Rußland ist der all gemeine Schulzwang so restlos durchgeführt, ist die er ziehliche Einwirkung auf die Jugendlichen zwischen der Schulentlassung und ihrem Eintritt in das Heer so organi siert, die Vorbildung der Lehrer für ihr Amt so umfassend und gründlich, nirgend dringt die freiwillig geleistete Volks bildungsarbeit so tief in die untersten Volksschichten hinein wie bei uns. Alle Kulturstaaten der Welt haben das aner kannt auch unsere Feinde , wenn sie seit Jahrzehnten ihre Pädagogen zum Studium des Volksschulwesens nach Deutschland schickten und diese in ihre Heimat zurück gekehrt in zahlreichen Kundgebungen, vor allem aber in der praktischen Anwendung des in Deutschland Gelemten im heimatlichen Schulwesen die Vortrefflichkeit der deutschen Volksschule und der deutschen Volksbildungsarbeit be zeugten". Der Aufruf schließt: Die Feinde unseres Volkes werden wir durch unseren Protest nickt überzeugen und künftige Unwahrheiten über angebliche Greueltaten der deutschen Soldaten nicht ver hindern können. Denn auch diese Lüge ist eine Waffe der Unmoral und Unkultur, die unsere Gegner in diesem Kriege in Ermangelung einer besseren benutzen. Wir wenden uns aber an unsere Amtsgenossen in den außerdeutschen Län dern. Sie, deren Lebenswerk das unsere ist, bei denen wir darum Verständnis für den Ausammenhang zwischen Volks bildung und humaner Kriegführung voraussetzen dürfen, sie, die zum Teil unser Volksschulwesen aus eigener An schauung oder doch aus Schriften kennen sie werden über zeugt sein, daß die Behauptungen unserer Feinde von der barbarischenKriegführung der deutschenSoldaten mit derBlü- te des deutschen Volksschulwesens und dem Stande der deut schen Volksbildung unvereinbar und schändlich erlogen sind." Der Anteil der deutschen Schule an der deutschen Er ziehung und ihre Wichtigkeit für die Bildung des deutschen Heeres ist auch von den Engländern nicht verkannt worden. Das Resultat, was man dort zieht, ist der Vorwurf, daß die95 deutschen Schulmeister den Haß gegen England geschürt" hätten. EindeutscherHochschulprofessorschreibt den Leipz. Neuest. Nachr." vom 5. Dezember: Die diesjährige Oktobernummer der in London als Organ der neusprachlichen Lehrerschaft Englands erschei nenden Monatsschrift ,M6ern I^MAuags lesodmA (.Der Neusprachliche Unterricht ) enthält eine .Deutsch und Russisch überschriebene Betrachtung des englischen Schul mannes und Universitätsprofessors Herbert A. Strong in Liverpool. Strong sucht eine Lanze zu brechen für das Studium des Russischen an den englischen Schulen; sei doch (so behauptet er) keine Sprache so einfach, so reich, so musi kalisch wie die russische; die schöne russische Sprache böte neue d. h. den Engländern bisher noch unbekannte Lebensideale und den Einblick in eine neue den Eng ländern (so hofft er) gewiß willkommene Kultur der Menschheit Ganz freilich könne Russisch nach dem Kriege das Deutsche doch wohl nicht an den englischen Schulen verdrängen. .Welches auch immer das Ergebnis des Krieges sein mag, die deutsche Sprache und Literatur wird in Eng land doch noch weiter gelehrt werden müssen; allerdings wird die .Kultur , die in der deutschen Sprache und Literatur ihren Ausdruck findet, fürderhin den Engländern in einer ganz neuen Bedeutung erscheinen. Für jeden, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, ist es klar, was der Engländer hiermit sagen will. Die Un verschämtheit, welche diese Worte enthalten, wird noch überboten durch die verleumderische Unterstellung des nächsten Satzes, in welchem Strong die deutsche Lehrer schaft die Lehrer in den öffentlichen Schulen Deutsch lands als die Erreger des giftigen Hasses, den alle Deutschen zurzeit gegen England hegen, hinzustellen sich nicht entblödet. Die deutsche Lehrerschaft die der höheren Schulen wie die der Volksschulen steht ethisch zu hoch, um sich zur Einimpfung eines gemeinen Giftes wie Haß in die ihrer Erziehung anvertrauten Zöglinge zu erniedrigen. Wenn der Engländer zurzeit in Deutsch land gehaßt wird, so trägt die Schuld daran einzig und allein er selber96 Als Lehrer und Dozenten des Deutschen haben in England nach Strong in Zukunft natürlich ausschließlich National-Engländer einzutreten; fernzuhalten sind alle deutschen Dozenten, Lehrer und Lehrerinnen. .Auf Jahre hinaus werden deutsche Lehrer und Lehrerinnen in England unmöglich sein und als .unässiradle" (unerwünschte Aus länder) abgewiesen werden, und kein englischer Junge, kein englisches Mädchen wird sich von einem Deutschen unterrichten lassen Zur Heranbildung von National-Eng- ländern als Lehrer des Deutschen sind alle Bildungsstätten in Deutschland selbst zu meiden; Deutsch muß außerhalb Deutschlands gelernt werden; in Zürich oder an anderen Schweizer Universitäten, oder auch in Holland oder Belgien (8 e!). Hoffentlich kommt nun auch bald deutschen Eltern, deutschen Mädchenpensionaten und deutschen Unterrichts behörden die Einsicht, daß auch in Deutschland mit Eng länderinnen als Lehrerinnen und mit national englischen Dozenten mehr noch als bisher aufge räumt werden muß." Gegenüber ähnlichen Kundgebungen, wie z. B. dem Aufsatz des Vizekanzlers der Universität Leeds, Or. M. E. Sadler, der Mitte November in einem Artikel im Lcbool (Zuaräian" das Erziehungsideal Deutschlands, das er wie die meisten Engländer durch die Trinität Treitschkes, Nietz sches und Bernhardis repräsentiert glaubt, zu Gunsten des englischen herabsetzt, ist es interessant, einige Urteile von englischen Gelehrten zu hören, die Deutschland aus eigener Anschauung kennen und schätzen. Der Dozent vom orien talischen Seminar der Universität Berlin Louis Hamilton schreibt am 2V. August an die Voss. Atg.": Als Engländer, der seit 19(12 in Berlin lebt, möchte ich diese Gelegenheit wahrnehmen, in der Hoffnung, daß nun endlich die Wahrheit nach England durchdringen wird, festzustellen, daß uns Engländer hier in Berlin nicht ein Haar gekrümmt worden ist, im Gegenteil, wir sind mit der größten Zuvorkommenheit und Vornehmheit seitens aller Behörden behandelt worden, das einzige, was man von uns verlangt hat, ist, daß wir hier ansässige Engländer uns97 jeden dritten Tag bei unserem zuständigen Polizeirevier melden müssen, wahrlich keine harte Aufgabe. Es ist sogar Engländern, welche es vorziehen, gestattet, nach Hause zu reisen. Aber beinahe alle Engländer, welche ich kenne und da ich seit Jahren ein Mitglied des .Britischen Komitees in Berlin bin, so kenne ich sehr viele ziehen es vor, hier zu bleiben, weil man weiß, daß man in einem wirklichen Kulturlande wohnt. Jeder Brite, der Deutschland kennt, seine Friedensliebe und seinen Wunsch nach Gerechtigkeit, ist empört über Englands Abenteurerpolitik.... Daß Germanen denn das sind wir Engländer mit Franzosen, Slawen und Mongolen gegen ihre Blutsverwandten kämpfen, das hätte kein Brite, welcher hier in Frieden und Ruhe gelebt hat, sich träumen lassen. Ich kann nur die Worte eines be kannten Engländers hier in Berlin wiederholen: welcher mir sagte: ,Das ist nicht mehr das England, wel ches wir in unserer Jugend kannten ." Derselbe Gelehrte hat sich in einem Artikel der Tägl. Rundschau" vom 21. Oktober über Die Wahrheit über Deutschland" eingehend zu Gunsten unseres Vaterlandes ausgesprochen. Das Neue Wiener Tagblatt" veröffentlicht Mitte September einen Artikel des Lektors der englischen Sprache an der Universität Halle, Or. F. H. Pughe, in dem dieser die Uberzeugung ausdrückt, daß die von der irregeleiteten englischen Regierung herbeigeführte Kriegserklärung an Deutschland nicht nur ein vom Standpunkt der britischen Interessen verhängnisvoller Fehler, sondern auch ein un erhörter Anschlag gegen die europäische Kulturist. Pughe wendet sich sodann gegen die Greysche Politik, welche vaS Prinzip der europäischen Gemeinschaft verleugne und auf eine veraltete reaktionäre Politik, der angeblichen Erhaltung des europäischen Gleichgewichts zurückgreife, angeblich, um die Hegemonie Deutschlands in Europa zu verhindern. Gerade vom liberalen Standpunkt müßte England eher Deutschland unterstützen als zur Herstellung der russischen Hegemonie beitragen. Wir Engländer sind nicht verpflichtet, die Politik unserer Ne- Der Krieg der Geister. 798 gierung zu unterstützen, wenn sie gegen die europäische Kultur und die Interessen des eigenen Volkes gerichtet ist, vielmehr sind wir verpflichtet, im Namen der Kultur eine Politik auf das heftigste zu bekämpfen, die unser großes Land zum Helfershelfer des russischen Despotismus sowie der Königsmörder von Belgrad und Sera- jewo und von den den Frieden von Europa gefährdenden Chauvinisten herabdrückt. An die Anglisten Deutschlands und Öster reichs wendete sich Anfang September der weit über Deutschlands Grenzen wohlbekannte Professor der englischen Philologie in Göttingen, Or. Lorenz Morsbach der 1912 auch als AuStauschprofefsor in den Vereinigten Staaten war, in einem offenen Brief", worin er das englische Wesen so charakterisiert: Den eigenen Vorteil hat England ja stets über alle andern Rücksichten gestellt. Was liegt ihm daran, daß Deutschland ihm stamm- und wesensverwandt, daß Deutsch land das Volk der Denker, der Hort der Wissenschaft und Forschung ist? Was liegt ihm daran, daß russische Barbarei den Kontinent überflutet, daß es auf die Seite der Fürsten mörder tritt, dies fromme, gerechte und puritanische Eng land? Nur der Eigennutz ist der Leitstern seiner Politik gewesen, wie früher so auch heute. Man glaube ja nicht, daß es nur das englische Kabinett oder die in England herr schende Regierungspartei ist, die den Krieg will. Gewiß sind manche Englander nicht mit dem Krieg einverstanden gewesen, haben auch laut gegen ein solches Verbrechen Einspruch erhoben. Ehre sei ihnen! Ihre Aahl ist aber gering. Hunderte von deutschen Oberlehrern, deren offizielle Be richte über ihren Studienaufenthalt in England ich in den letzten Jahren durchgelesen habe, schildern übereinstimmend die allgemeine deutschfeindliche Stimmung in England und wohin die frommen Wünsche für Deutschland gehen. Ich selbst habe von englischen Kollegen, die den inevitable German" als wissenschaftlichen Mitarbeiter auf ihrem eigen sten Gebiet mit Neid ansehen, große Unfreundlichkeiten erfahren. Und wenn es auch nur Ausnahmen waren, so99 7 waren sie doch ein Zeichen der Aeit. Wo blieben die eng lischen Friedensgesellschaften, die sich auch im Burenkriege nicht gerührt haben und nur in Friedenszeiten das Maul aufreißen? Wo blieben die englischen Kulturträger, die Künstler, Schriftsteller und Gelehrten? Kaum mehr als ein halbes Dutzend Professoren von Oxford und Cambridge haben sich zu einem Protest gegen den Krieg aufgeschwungen. Aber einen Carlyle gibt es nicht mehr in diesem Lande, das auch bei innern Wirren keine Festigkeit mehr zeigt, weder mit den verbrecherischen Suffragetten noch den aufrühreri schen Ulsterleuten fertig wird, die Streiks sich über den Kopf wachsen läßt und auf der Bahn des Feminismus immer weiter abwärts gleitet, so daß es schon seit Jahren vor einer deutschen Invasion zittert, dies einst so stolze Albion. Daß England mit seinen Sympathien auf Seite Frankreichs steht, genau so wie 1870, kann niemand wundernehmen. Den Engländern ist Deutschland und deutsches Wesen durchaus fremd, während sie mit der französischen Kultur seit Jahr hunderten enge Fühlung haben. Noch heute lernen über 90 v. H. an den höhern Schulen Englands die französische Sprache, und auch an den Schulen, wo es ihnen freisteht. Französisch oder Deutsch zu lernen, wählen fast alle das Französische und nur wenige die deutsche Sprache, freilich, wie nur oft gesagt wurde, weil die Schüler Französisch für leichter halten. Doch ist das sicher nicht der Hauptgrund. Auch kommt es ja nicht bloß auf den Willen der Schüler an. Die alte und allgemeine Sympathie für französisches We sen (nicht den französischen Staat!) gibt auch hier den Aus schlag. Wollen die Engländer doch schon längst kein angel sächsisches Volk mehr sein, kein germanisches, sondern ein neues, durch Kreuzung veredeltes Volk, das nur ungern an die deutsche Vetterschaft erinnert wird. Selbst ihren Shakespeare, der durch und durch Germane ist, hatten sie schon mehr als halb aufgegeben, im 17. Jahrhundert ihn sogar französisch zurechtgestutzt, im 18. Jahrhundert sich wieder etwas auf ihn besonnen, bis die Deutschen ihn (Lessing voran) wieder zu hohen Ehren brachten und das verschüttete Gold herausgruben, das sie, da es ihr eigenes war, dann als schlaue Briten zu ihrem Vorteil in die Tasche steckten." ...100 Wie weit die Feindseligkeit englischer Gelehrter gegen alles Deutsche geht, zeigt die geradezu kindliche Sucht, deutsche Wissenschaft und große deutsche Männer herabzusetzen, die ihren Niederschlag in der limss" findet. Eine ganze Reihe von Artikeln ist erschienen, in denen mit viel Wortaufwand klar bewiesen werden soll, daß eigentlich alle deutschen Künstler, Gelehrten und Dichter nur Nachbeter großer Franzosen und vor allen Dingen der Engländer waren. Anfang Januar 1915 aber kam Professor Clifford Albutt aus Cambridge und vernichtete Goethe. Man lese immer wieder, daß Deutschland in den letzten hundert Jahren von der hohen ethischen Stufe herabgesunken sei. Und nun setzt Professor Clifford aus einander, daß Goethes psychologische Zusammensetzung genau der deutschen Psyche von heute entspreche. Viktor Hugo sei eitel, aber kindlich eitel gewesen, und sein Herz habe warm für seine Kameraden geschlagen. Bei Goethe aber geschehe alles zum wohl disziplinierten Endzweck seines eigenen Aufbaues und seiner eigenen Fortentwicklung. Diese Art Selbstkultur wurde bei kleinen Geistern zum Größenwahn, sagt Herr Clifford. War also in Goethe nicht schon die Wurzel des heutigen Deutschland zu finden? Nach dieser grausamen Vernichtung des Deutschen Goethe gibt der Gelehrte dem deutschen Dichter noch folgenden Todes stoß: Goethe empfing den größten Teil seines Genies von seiner Mutter. Sie betete den Sohn an und gab ihr ganzes Wesen an daS seine. Trotzdem hat er sie während der letzten zehn Jahre ihres Lebens nie besucht!" Dieser Angriff war zu albern, um nicht in England selbst Widerspruch zu finden. Die limss" selbst sah sich veran laßt, den unsinnigen Herabsetzungen deutscher Wissenschaft ler und deutscher Künstler entgegenzutreten; und nun ergriff ein Herr Mellian Shawell in der limes" das Wort, um auseinander zu setzen, daß Goethes langes Leben ein ununterbrochenes und glühendes Weihen im Dienste der Menschheit war. Es ist die angestrengte Energie, mit der Goethe in den Lebenskampf eintrat und zu einem Siege kam, der anderen den Kampf erleichterte und ihn so groß machte und ihn zum Lehrer späterer Generationen101 erhob. Uber den Cambridger Dichterprofessor brach Mellian Shawell den Stab. Er sagt: Welches Menschen Leben ist ohne Fehler? Laßt uns doch einmal bei uns selbst suchen. Bei Goethe wollen wir an seine zahlreichen Handlungen der Edelmütigkeit denken und an seine hochherzige Hin gebung." Der Assyriologe der Universität Oxford, Reverend Archibald H. D. Sayce, fühlte sich gedrängt, in einem Briefe an die limes" gelassen das große Wort auszuspre chen, daß die deutsche Wissenschaft und Kunst noch nie etwas Selbständiges habe schaffen können, ja daß es eine deutsche Wissenschaft überhaupt nicht gäbe. Auf dem Ge biete der Dichtung will Herr Sayce Goethe allerdings gelten lassen; Schiller ist ihm nur ein verwässerter Byron; im übrigen bestehe die Tätigkeit der deutschen Wissenschaft nur im Sammeln von Tatsachen und im Austüfteln von Theorien. Auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften, auf dem der Assyriologe offenbar besonders Bescheid wissen muß, habe Deutschland überhaupt versagt, und Männern, wie Laplace und Newton, Darwin und Pasteur, habe Deutsch land ebenbürtige Geister nicht zur Seite zu stellen. Von Eu ler und Leibniz, von Gauß und Helmholtz, von Virchow und Koch hat der Reverend offenbar noch nichts gehört. Kant nimmt er bescheidentlich als Schotten in Anspruch, und Heine, für den er auch etwas übrig zu haben scheint, will er wegen seiner jüdischen Abkunft nicht der deutschen Literatur beizählen. Diese Offenbarungen des Oxforder Afsyriologen, die für uns Deutsche natürlich nur einen Kuriositätswert haben, sind aber doch auch englischen Gelehrten über die Hutschnur gegangen, und die l iwes" hat verschiedene kräftige Zurück weisungen der Weisheiten des Mr. Sayce veröffentlichen müssen. So hat der klassische Archäologe der Universität Oxford, Mr. Percy Gardner, das Wort ergriffen, um öffentlich zu erklären, daß die Dankesschuld Englands an Deutschland auf dem Gebiete der Wissenschaft ungeheuer groß sei. Herrn Sayce gab er ironisch zu verstehen, daß das Verbot, Schulden an feindliche Gläubiger zu bezahlen, sich nicht auf geistige Schulden beziehe. Mit dieser Stimme102 vereinigte sich die des Professors Bather, der Geologe am Naturgeschichtlichen Museum in London ist. Dieser wahrte die Ehre der englischen Naturforscher, indem er bekannte, wie viel Dankbarkeit sie der deutschen Arbeit schulden. Daß die Deutschen nicht die Eigenschaften der Franzosen, der Engländer oder der Russen besäßen ein besonders geistvolles Argument, dessen sich Prof. Sayce bedient hatte , das sei ja richtig, aber sie hätten durch ihre besonderen Eigenschaften die Welt reicher gemacht, und das könne gottlob kein Professor der Welt ungeschehen machen. Wenn der Friede wiedergekehrt sei, so werde auf dem Gebiete der Wissenschaft jede ehrliche Arbeit will kommen sein; und wenn irgendwo ein Genie aufstehe, so würden kluge Menschen nicht nachschnüffeln, welchem Volke sie den Dank dafür schuldeten. Ein Seitenstück zu dem Fall des Oxforder Assyriologen H. D. Sayce findet sich im ?iFsro" vom 31. Dezember v. I. im Bericht von Charles Daunaz über die Sitzung der äes Inseriptions". Es heißt dort: Dann liest Herr Edmond Pottier einen Brief vor, in dem Herr Rizzo, Professor an der Universität Turin, den Gefühlen seiner lebhaften Sympathie für unser Land, wie seiner Bewun derung für den Heldenmut unserer Soldaten in dem ge waltigen Kampf, den sie eben gegen eine infame Über rumpelung führen, Ausdruck verleiht. Der italienische Ge lehrte beschließt seinen Brief mit der Versicherung, daß er sein Vaterland von der Tyrannei der deutschen Ideen befreien wolle." Hierzu bemerkt der Berichterstatter der Frankfurter Zeitung: Herr G. Rizzo, der Schreiber dieses Briefes, ist berufen, von der Tyrannei deutscher Ideen in Italien zu reden, denn er verdankt seine wissenschaftliche Ausbildung der Bibliothek des deutschen Archä ologischen Instituts in Rom, in dem er zehn Jahre lang gearbeitet hat und dessen ordentliches Mitglied er noch heute ist." Wohltuend berührt es nach all den Schmähungen, wenn ein unvoreingenommener Kopf, wie der Bordeaurer Universitätsprofessor Th. Nuyssen in der Voix 6s I Humsnitä" sich so vernehmen läßt:103 Wer zu jeder Stunde sein Leben einsetzt, erniedrigt sich nicht zur Schmährede. Der Krieg, wie jedes lebensge fährliche Unternehmen, macht den Kämpfenden oft zu einem edleren Menschen. Daß es doch ebenso mit den Nichtkämpfenden wäre! Aber leider sieht man Leute, die nichts riskieren, Schriftsteller hinter ihrem Schreib tisch, Journalisten auf ihrem Bureau, ihre Feder in Schmutz, Galle und Gift tauchend und den Feind nicht anders als mit Beschimpfungen bekämpfend. Mit Ekel berühre ich diese Beispiele der menschlichen Bosheit, einer niedrigen und kalten Bosheit, weil sie nicht die Entschuldi gung der täglichen Gefahr hat. Und die in solchem Tun sich gefallen, sind keine obskuren Federhelden, die sich der Schmähung als Reklame bedienen, es sind die gelesenstcn, die berühmtesten unserer Schriftsteller. Schmutzige Rasse", sagt Barrös, Milde mit weißem Fell , schreibt Loti, und Richepin, der kürzlich noch die Unzucht mit so wort reicher Glut verherrlichte, verfaßt jetzt Dithyramben zu Ehren des Hasses, des .unversöhnlichen, unerbittlichen, aus nahmslosen Hasses . Nichts als Rhetorik! wird man sagen, Worte, Redensarten! Ja, aber Worte, die einschlagen, Worte, die gehört und von jedem Provinzblatt, das nach Spaltenfutter fahndet, wiedergegeben werden; Redens arten, deren suggestive Wirkung in widerstandslosen Köpfen die übelste Verwirrung anrichtet." Uber die Frage, ob die Japaner als deutsche Stu denten in Zukunft zu dulden seien, hat sich eine Kontro verse erhoben. Im Berliner Tagebl." vom 7. September schreibt der Breslauer Geheimrat Prof. Or. Albert Neisser unter dem Titel Von der Ausländerei": Unter der Uberschrift Von der Ausländerei" berichtet ein Herr K. im Arztlichen Vereinsblatt" (Nr. 986) so haar sträubende Dinge über das Verhalten der Professoren und Direktoren deutscher medizinischer Universitätsanstalten und in einem so maßlosen Tone, daß ein energischer Protest am Platze ist. Herr K. sagt: Hunderte von Japanern haben bisher in Deutschland den Eingeborenen die Gelegenheit zu wei-104 terer Ausbildung genommen. Tatsächlich ist es in Deutsch land so gewesen, daß Fremde auf Kosten unserer Landsleute also am Ende zum Schaden unseres ganzen Volkes, eine bessere medizinische Ausbildung erhalten haben." Diesem durch Kenntnis nach keiner Richtung hin ge trübten Urteile des Herrn K. ist die Tatsache entgegen zustellen : 1. Angestellte und besoldete japanische Assi stenzärzte hat es meines Wissens nie gegeben. Hin und wieder sind Reichsausländer in besoldete Stellen eingerückt. Das ist aber immer nur ganz ausnahmsweise geschehen, wenn es sich um hervorragend begabte und tüch tige Menschen handelte, und stets mußte dazu von Fall zu Fall die Genehmigung des Ministeriums eingeholt werden. 2. Richtig ist, daß sehr viele Ausländer, insbesondere Japaner, in unseren deutschen medizinischen Laboratorien gearbeitet haben. Aber nie ist dadurch irgend ein Deutscher zurückgesetzt oder geschädigt worden. Die Ausländer haben ihnen von den Direktoren gegebene Themata, oft in aus gezeichneter Weise, bearbeitet, haben stets die Kosten dieser Arbeiten selbst getragen und in sehr vielen Instituten noch außerdem Jnstitutsgebühren bezahlt. Geschädigt wurde also auch hier kein Deutscher, aber die deutsche Wissenschaft hat dadurch große Vorteile gehabt. Wenn auch jeder, der die Eigenschaften speziell der Japaner kennt, weiß, daß die japanischen Mediziner bis auf seltene Ausnahmen nichts als Handlanger waren, die nach dem von den Instituts direktoren gegebenen Arbeitsplan die Spezialuntersuchungen ausgeführt haben, so muß doch der enorme Fleiß und die unermüdliche Geduld dieser Arbeiter anerkannt werden. Es war jedenfalls rein deutsche Wissenschaft, rein deutsche Methodik, die zum Ausdruck kam, wenn auch die Untersuchung unter der Flagge eines auswärtigen Autors, übrigens oft genug in Gemeinschaft mit dem deutschen Spiritus reetor, veröffentlicht wurde. Und schließlich noch eine ganz kurze, allgemeine Be merkung: Ist es wirklich eine Schmach" für Deutschland, wenn aus der ganzen Welt die jungen Wissenschaftler sich nach Deutschland in unsere Institute drängen, um bei uns105 arbeiten zu lernen und Wissenschaft zu treiben? Locken wir etwa mit irgendwelchen Mitteln diese Jünger der Wissenschaft zu uns? Ich denke, wir können stolz darauf sein, dieses Ansehen in der ganzen Welt zu genießen. Und sollen wir die einzelnen, oft wahrhaft vomehmen Mitglieder der fremden Nationen für die feindselige und unfaire Haltung ihrer Regierungen oder der großen Masse verantwortlich machen? Ich denke, wir Deutsche könnten gerade stolz darauf sein, daß wir ohne solchen lächerlichen und kleinlichen Chauvinismus uns als ein großes, hochste hendes Volk fühlen dürfen. Was wir sind, haben wir nicht durch Worte und Phrasen, sondern durch unsere geistigen und sittlichen Leistungen be wiesen. Chauvinismus ist kein deutsches Wort, wird aber hoffentlich auch nie eine deutsche Eigenschaft werden." Auf einen ähnlichen Standpunkt stellte sich der Ber liner Professor der Medizin Orth. Er verlangt nicht mehr und nicht weniger, als daß die Japaner wieder zum Studium in Deutschland zugelassen würden. Dem gegenüber schrieb ein hochstehender württembergischer Jurist seinem Kollegen von der anderen Fakultät in der Süd deutschen Zeitung" in Stuttgart folgendes ins Stammbuch: Tsingtau ist gefallen. Unsere kleine Besatzung hat, was ja langst vorauszusehen war, trotz tapferster Gegenwehr der Ubermacht der Japaner und ihrer Spießgesellen auf die Dauer nicht standhalten können. Der Schmerz über diese Niederlage und die Vergeblichkeit des tapferen, todesmutigen Ringens unserer Landsleute und der Ingrimm über den schamlosen Diebeszug des Gesindels brennt in unseren Seelen, und da wagt ein Professor Orth in Berlin der Wiederzulassung der Japaner zu unseren Lehranstalten nach beendetem Kriege das Wort zu reden. Unter dem Vorgeben, die Intelligenz und der Fleiß der Japaner sei von bedeutendem Werte für die Wissenschaft habe doch der betreffende japanische Student schon beim sechshun dertsten Versuch das Ehrlich-Hatasche Mittel entdeckt befürwortet er die liebevolle Wiederaufnahme dieser nü ?-106 lichen Jünger der Wissenschaft. Es hätten sich ganz gewiß genug deutsche Studenten gefunden, denen dieser Versuch auch schon vor der sechshundertsten Probe gelungen wäre. Man hat in weiten Kreisen nie verstanden, was uns ver anlaßt hat, fremden Völkern alle unsere Erfindungen und Einrichtungen bekannt zu machen, ihnen Einblick in Dinge zu gewähren, deren Geheimhaltung für unsere Sicherheit dringend geboten war. Welchen Dank wir für unsere Freigebigkeit geerntet haben, sehen wir jetzt. Man hat aufgeatmet und es mit Freuden begrüßt, als endlich die gelben Affenfratzen mit Schimpf und Schande zum Lande hinausgejagt wurden, und da kommt ein Professor mit dem Vorschlag, dieses Gesindel wieder hereinzulassen. Was sind denn wohl die wirklichen Triebfedern dieses Wun sches? Mit Ekel wird sich von dem Gedanken, es könnte der japanischen Bande nochmals der Weg in das Deutsche Reich geöffnet werden, jeder abkehren, der Empfindung für natio nale Ehre und nationalen Stolz besitzt." Daß sich vielleicht auch der eine oder andere deutsche Gelehrte in seinen Äußerungen vom gerechten Zorn zu weit treiben ließ und sich dafür eine offizielle Zurechtweisung ge fallen laßen mußte (nebenbei bemerkt: wieder ein Beweis für das überfeine deutsche Gerechtigkeitsgefühl; denn wann ist dergleichen im Auslande passiert, wo vielmehr die schlimm sten Schreier die größten Erfolge ernteten?), dafür wollen wir zwei Beispiele anführen. Die holländische Zeitschrift De Amsterdammer" ver öffentlichte Anfang Dezember 2 Briefe des Philosophen der Universität Berlin, Geheimrat Professor Adolf Lasson die dieser einem Freunde in Holland mit der Erlaubnis, jeden beliebigen Gebrauch davon zu machen, geschickt hatte. Es heißt darin u. a.: Seit Monaten habe ich keinem Ausländer geschrieben. Ausländer heißt Feind, äum probetur eontrariuin. Man kann zum deutschen Staat und Volk sich nicht neutral ver halten. Entweder man hält es für das vollendetste Gebilde, das die Geschichte bisher erzeugt hat, oder man billigt seine Zertrümmerung, ja seine Ausrottung. Wir sind sittlich107 und intellektuell überlegen, ohne allen Vergleich, ebenso unsere Organisationen, unsere Institutionen. Wilh. II., äelioias xsneris kuinani, hat im Besitze seiner Macht, mit der er alles zu zerschmettern imstande war, immer den Frieden, das Recht und die Ehre geschützt. Sein Kanzler B. H., der weit hervorragendste unter den lebenden Menschen, kennt keine anderen Motive als Wahrhaftigkeit, Treue, Recht. Wir Deutschen tragen unsere schwere Rüstung auch zum Schutze von Holland. Das Königreich führt ein bequemes Dasein auf unsere Kosten. Es zehrt vom alten Ruhm und alten Geld in vollkommener geschichtlicher Nichtigkeit, und Amsterdam hat ungefähr in der Welt die Bedeutung von Kyritz a. d. Knatter oder der Kreishauptstadt Teltow. Hol land ist ein bloßes Anhängsel von Deutschland; eine sehr bequeme Existenz in Schlafrock und Pantoffeln, die wenig kostet, mit wenig Mühe und wenig Nachdenken. Wir Deut schen haben für das gegenwärtige Holland sehr wenig Wertschätzung, geringe Achtung und Sympathie. Gott sei Dank, daß die Holländer nicht unsere Freunde sind. ... Holland in seiner Isoliertheit versinkt mehr und mehr in die dumpfe Beschränktheit, die daS Kennzeichen kleiner Sekten ist ... mit dem dürftigen Spießbürgersinn haben wir keine Gemeinschaft ... der Deutsche hat höhere Pflich ten und höheres Streben als dies klägliche Philistertum." Das Berliner Tageblatt" vom 7. Dezember hatte diese Brüskierung des neutralen Volkes mit folgenden Worten verurteilt: Die intellektuelle Kriegsneurose nimmt einen be denklichen Umfang an. Die Verheerungen, die sie im geg nerischen Lager anrichtet, berühren uns nicht, aber im eige nen Hause sähen wir ihre Wirkungen gern abgeschwächt. Man beachte, daß die uns feindlichen Opfer dieses epidemi schen Austandes Deutschland mit den zornigsten Anklagen überhäufen, aber genug politischen Instinkt besitzen, um niemals den neutralen Völkern wehe zu tun. Unsere In tellektuellen stoßen, sobald jene Erscheinungen sich bemerkbar machen, mit Vorliebe den Neutralen vor den Bauch, und es ist klar, daß daS die gewaltigen Schwierigkeiten, die Deutschland heute zu überwinden hat, nicht gerade ver-108 mindern kann. Wilamowitz-Möllendorff, Lamprecht, Eucken, Hans Delbrück, der Düsseldorfer v. Wiese und einige andere haben seit Beginn des Krieges mit ruhigem Wirklichkeits sinn ausgezeichnete Worte gesagt, aber das alles dringt kaum zu dem Publikum im Auslande, das sich umso eifriger mit den bekannten Manifesten und mit den Ideen Haeckels und Lassons befaßt. Wer nur einigermaßen die Zeitge schichte kennt, wird es ablehnen, ein Lobredner der Diplo maten zu sein. Aber die sogenannten geistigen Führer haben mitunter weniger politische Einsicht als der jüngste Gesandt schaftsattache. Ihr Herz hängt so treu wie das jedes ein zigen Menschen in Deutschland an den Kämpfern auf dem Kriegsschauplatz, und mit jedem Gedanken ersehnen sie den Sieg, aber sie vergessen zu leicht, daß das Wohl unserer Sol daten und die Kraft des DurchHaltens auf hundert materiellen Vorbedingungen beruhen, und daß in diesem bitterernsten Kampfe kein Hilfsmittel entbehrlich, keine Freundschaft gleichgültig ist." Hierauf erwiderte Lasson zu seiner Rechtfertigung am 9. Dezember: Gestatten Sie nur einige Bemerkungen zu Ihrem Artikel vom 7. d. M-, soweit er mich betrifft. Zunächst: Eucken ist im .Amsterdammer , Wochenblatt für Nieder land, weidlich verhöhnt worden, auch als .hirnloses Küken ; von anderen nicht zu reden. DaS Blatt, das in der Haupt stadt eines neutralen Landes erscheint, bringt die schmählich sten Beschimpfungen alles Deutschen, des Kaisers, des Volkes, des Heeres mit dem bekannten Arsenal von Lügen und Ver leumdungen. Jeder Versuch einer Berichtigung ist vergeblich. Als unser hochverdienter Sinolog Professor de Groot einen solchen Versuch machte mit seinem Es ist nicht wahr", wurde er als ein entarteter Sohn Hollands bezeichnet. Ich hege noch die lebendige Erinnerung an die Stellung Hollands Deutschland gegenüber vor 50 Jahren während der Kriege um Deutschlands Einheit. Als mir, offenbar zu meiner Belehrung, der .Amsterdammer zugesandt wurde, habe ich meiner Empörung und Geringschätzung kräftigen Aus druck gegeben, und manche haben es mir gedankt." Aber auch an anderer Stelle wurde Lassons Vorgehen109 lebhaft kritisiert; so schreibt im Verl. Tagebl." vom 11. De zember Karl Schaller Mitglied de Vorstandes der Aktiengesellschaft Julius Pintsch: Ich kann mir nur denken, daß der Briefschreiber Hol land überhaupt nicht oder nur ungenügend kennt, denn sonst würde es ihm doch unmöglich sein, Amsterdam auf die gleiche Stufe mit Kyritz an der Knatter und Teltow zu stellen. Das Leben in Amsterdam entspricht vielleicht nicht dem von Hamburg, daran ist aber neben der Lage des Ortes auch der ruhigere, schwerblütigere Menschenschlag schuld. Der Hollander gleicht in seinen Charaktereigenschaf ten sehr unserem Friesländer, ein besonders ruhiger, schwer blütiger Mensch, der nicht den leichten Aufschwung des weit aus größten Teils der Bevölkerung der übrigen Provinzen Preußens besitzt Wenn in dem Briefe weiter gesagt wird, in der gegen wartigen Zeit kann man sich nur für oder gegen Deutschland erklären, so ist dies ja von unserem deutschen Standpunkt aus voll zu verstehen, aber vom Standpunkt des Holländers aus kann man gar nichts anderes als neutral bleiben. Hol land hängt mit seinen ganzen Sinnen und mit seiner Eristenz von seinen reichen Kolonien ab. Diese gegen den frechen Raub der Japaner und Engländer zu schützen, ist Holland unmöglich. Die holländischen Kolonien würden ebensogut, nur noch viel rascher von den uns überfallenden Völkern weggenommen worden sein, wie unsere Besitzungen in der Südsee und im fernen Osten, und Holland würde keine Möglichkeit haben, sie jemals wieder zurückzuerlangen. Also auch diese Behauptung des Herrn Professor Lasson schließt auf eine vollkommene Unkenntnis der holländischen Stimmung, und es ist nur traurig, daß sich ein so berühmter deutscher Gelehrter hinreißen ließ, einen derartigen Brief zu schreiben. Ich verstehe nicht, mit welchem Recht sich Herr Professor Lasson als der Sprecher des deutschen Vol kes betrachten kann und schreiben kann ,Wir Deutschen usw." Meiner Meinung nach sollte sich ein Philosoph auch einmal die praktische Frage vorlegen, die heißt: ,Was kann110 unserem deutschen Vaterland denn ein derartiger Brief nützen ? Er müßte doch dann die Antwort bekom men: .Nützen kann er nichts, aber schaden unendlich viel ." Mit den Briefen Geheimrat Lassons hat sich auch die Akademie der Wissenschaften, der Lafson angehört, beschäftigt. Der Berliner Korrespondent deS Amster damer Allgemeen Handelsblad" depeschierte am 13. De zember seinem Blatte: Die Akademie der Wissenschaften in Berlin hielt Donnerstag im Anschluß an eine offizielle Sitzung einer Besprechung ab über die Lasso nschen Briefe. Die Mitglieder sind einstimmig zu einer scharfen Verurtei lung gekommen, und würde es auf das lebhafteste be dauern, wenn intellektuelle Vereine Hollands der Meinung wären, daß die Erklärungen Lassons auch nur im entferntesten die Meinung wiederspiegelten, die man in intellektuellen Kreisen Deutschlands über Holland hat." Etwas anders liegt der Fall des ehemaligen Leipziger Universitätsprofessor, des bekannten Monisten Wilhelm Ostwald wo es sich im wesentlichen um Verdrehungen und Uber- treibungen eines ausländische Journalisten zu handeln scheint. Am 2V. Dezember erließ der Rektor und Senat der Universität Leipzig folgende Erklärung: Der emeritierte, aber noch dem Lehrkörper der Uni versität Leipzig angehörige Professor vr. Wilhelm Ost wald hat vor einigen Wochen im Gespräch mit schwedischen Berichterstattern Deutschlands angebliche politische Aukunftspläne entwickelt, insbesondere die Bildung eines mitteleuropäischen Bundes in Aussicht gestellt, der die nordischen Völker unter Deutschlands oberster Leitung zusammenschließen solle: er hat sich ferner in einer weite Kreise verletzenden Art über die gegenwärtige Erstarkung des religiösen Lebens in Deutsch land ausgesprochen. Diese Äußerungen sind, ohne daß Herr Professor Ostwald sie widerrufen hat, in die Zeitungen der verschiedensten Länder gedrungen. Wir beklagen es tief, daß ein Professor einer deutschen Universität sichIII solche unverantwortlichen Aussprüche hat zu schulden kommen lassen und mißbilligen das Verhalten des Herrn Professor Ostwald, durch das er unserm Lande großen Schaden zugefügt hat, auf das schärfste." Um was es sich bei diesen Äußerungen gehandelt hat, faßt ein Artikel aus der Feder des Leipziger Universitäts- professors Geh. Kirchenrat Franz Nendtorff im Leipziger Kirchenblatt" zusammen. Es heißt darin: In den letzten Oktobertagen weilte der frühere Leip ziger Professor der Chemie, Ostwald, in Stockholm, um die gebildeten Kreise Schwedens als .intellektueller Kriegs freiwilliger", aber ,in halb offiziellem, diplomatischem Auf trag , wie er, bisher ungestraft, hat behaupten dürfen, über die Absichten Deutschlands in dem gegenwärtigen Krieg aufzuklaren. Es sei ein .Organisationskrieg , den Deutsch land unternommen habe, um die europäische Karte in Ord nung zu bringen und die Verhältnisse der Nationen zu all gemeiner Zufriedenheit zu ordnen: in der Mitte ein mittel europäischer Verband als Zentralmacht, aus ihn gestützt ein baltischer Staatenbund, der auch Polen und Finn land umfassen, und in dem Schweden, wenn es sich während des Krieges ,der Situation gewachsen (!) zeige, die Hege monie nach dem Vorbild Preußens erhalten solle. Auf die Frage, wie er über die seit den? Kriege offenbar wachsende Bedeutung der Kirche in Deutschland denke, hat Ostwald dann nach einem wörtlichen Bericht in .Dagens Nyheter vom 28. Oktober erklärt: ,Das ist eine Folgeer scheinung, der nicht auszuweichen ist; ein Zustand wie der gegenwärtige Kriegszustand erweckt die atavistischen In stinkte in weitem Umkreis zu neuen Leben. Doch will ich erklären, daß Gott Vater bei uns für des Kai sers persönlichen Gebrauch reserviert ist. Einmal trat er im Generalstab auf, aber wohlgemerkt, er ist da nicht wieder aufgetreten. Auf die erstaunte Frage, ob das absichtlich geschehen sei, antwortet er: .Ich weiß es nicht bestimmt, aber ich sollte es beinahe glauben. Übrigens müssen wir uns gerüstet halten gegen die kulturelle Reaktion, die unzweifelhaft einer112 solchen Kraftanstrengung folgen wird, und müssen die Schulter gegen den Wagen stemmen, daß er nicht rück wärts und bergab geht. Als hierauf die verwunderte Frage erfolgte, was er denn mit seinem Besuch in Schweden wolle, gab er die stolze Antwort: Kulturarbeit !" Au diesen Äußerungen Ostwalds bemerkt Geheimrat Rendtorsf in seinem Aufsatz: Wir Deutschen können sie nur als Zeugnisse einer schamlosen Frivolität bezeichnen und müßten es tief beklagen, wenn die Roheit und Niedertracht, die aus ihnen spricht, ihrem Urheber (der übrigens Russe ist und erst bei seinem Antritt des Leipziger Lehramts 1887 deutscher Reichsangehöriger wurde) ungestraft hingehen sollten ganz abgesehen von dem unerträglichen Gedanken, daß ein Mann, der diese, die edelsten Regungen in der Seele unseres Kaisers und unseres Volkes roh verhöhnenden Sätzevon sich gegeben hat, unwidersprochen sich mit einem Auftrag des Auswärtigen Amtes sollte decken können." Professor Ostwald nahm gegen diesen Angriff Stel lung und äußerte sich in einem Gespräche mit dem Vertreter des Berliner Tageblattes" (21. Dezember) folgendermaßen über sein Gespräch mit dem schwedischen Journalisten: Ich bin während meines Aufenthaltes in Schweden im Oktober d. I. niemals öffentlich aufgetreten und habe keinerlei Ansprachen oder Vorträge vor einem engeren oder weiteren Publikum gehalten. Jene Äußerungen von mir, welche mit dem Bericht der Deutschen Tageszeitung in Ausammenhang gebracht werden können, sind in einem Gespräch mit einein schwedischen Journalisten gefallen, das ohne Zeugen in einem Privatzimmer stattgefunden hat. Nachfolgend teile ich aus dem Gedächtnis den in Betracht kommenden Teil des Gespräches mit, wobei ich natürlich für den exakten Wortlaut nicht einstehen kann. In dem Ge dankengange besteht dagegen keinerlei Zweifel. Man er kennt, wie durch Fortlassung und Vergröberung aus dem sachlichen Hinweis auf bekannte Tatbestände dieses Produkt des Journalisten entstand: Journalist: Sie haben sich in den letzten Jahren vorwiegend dem Monismus gewidmet. Diese Tätig-113 keit muß wohl jetzt aufhören, da in Ihrem Lande eine starke religiöse Bewegung aufgetreten ist. Ostwald: Das ist in solchen Zeiten immer so; der Krieg erweckt vorhandene atavistische Gefühle und steigert ihren Ausdruck. So machen sich auch die religiösen Instinkte geltend. Sie wissen vielleicht, daß ich außerdem Interna tionalist bin und Pazifist. Ich muß alle diese vorgeschritte nen Kulturarbeiten bis zum Frieden zurücktreten lassen, da wir jetzt im unmittelbaren Dienst der Zeit stehen. Journalist:Die religiöse Bewegung scheint in Deutsch land besonders stark zu sein, da auch die amtlichen Ver öffentlichungen religiösen Charakter annehmen. Ostwald: Da sind Sie im Irrtum. Sie verwechseln vermutlich die persönlichen Äußerungen unseres Kaisers mit den amtlichen Kundgebungen. In den Kriegsberich ten der Obersten Heeresleitung ist meines Erinnerns nur einmal von .Gottes Hilfe die Rede gewesen. Alle übrigen Berichte enthalten nur sachliche Mitteilungen. In den Äußerungen des Kaisers dagegen tritt wie schon immer das religiöse Element aus seinem persönlichen Verhält nis zu Gott stärker in den Vordergrund." EndeDezember tratProf.Ostwald noch mit folgenderB e- richtigunghervor, die den italienischen Reporterphantasien über eine märchenhafte Organisation, genannt Kaiserl. deut sches Plünderungs- und BrandstiftungskorpS" entgegentrat: Durch die ausländische Presse (leinps.AessaFero, 8eeo- lo usw.) geht die Nachricht, ich hätte anscheinend in amtlichem Auftrage zum Zwecke wirksamer Brandstiftung an feindlichen Objekten in mein em Laboratoriumb e s o nd e r e R e z e p t e aus - gearbeitet, über welche sogar chemische Einzelheiten angedeu tet werden. Nun haben mich jüngst gemachte Erfahrungen belehrt,welche schreckbaren Folgen durch die Unterlassung einer öffentlichen Berichtigung derartiger Tatarennachrichten be wirkt werden können. Um demgemäß nur, bezw. den etwa hierfür in Betracht kommenden Stellen die Verlautbarung einer weiteren öffentlichen Mißbilligung zu ersparen, erkläre ich hiermit auf das feierlichste, daß ich die fraglichen Brand stiftungsvorschriften weder ausgearbeitethabenoch auch amt lich zu ihrer Ausarbeitung veranlaßt worden bin." Der Krieg der Geister. 83. Italien Unser Bundesgenosse im Dreibund, Italien, hat sich bis heute neutral gehalten. Man hatte in Deutschland zunächst allgemein das Eingreifen Italiens zu Gunsten seiner Bundes- sreunde als selbstverständlich angesehen und war erstaunt, daß der geheim gehaltene Bündnisvertrag einer Auslegung fähig war, die Italien Neutralität gestattete. Die Stim mung des Volkes war und ist auch heute noch, darüber dürfen wir uns keinen Zweifel hingeben, in weiten Kreisen deutschfeindlich und wurde durch die Verleumdungen der gegnerischen Presse noch mehr zu unserem Nachteil verschlimmert. Nachdem aber Regierung und König bisher treu an dem Prinzip der Neutralität festhielten (die deutschen Siege werden dabei schon ein Wörtchen mitgeredet haben!), dürfen wir auch für die Zukunft, zumal nach der Entsendung unseres ehemaligen Reichs kanzlers, des Fürsten Bülow, auf den römischen Gesandten posten weiterhin auf eine strenge Einhaltung wohlwollender neutraler Nachbarschaft rechnen. Von dem Verhalten der Presse und hervorragender Persönlichkeiten seien einige Proben hier mitgeteilt; es hat sich gezeigt, daß die Stim mung sich hier allmählich ein wenig zu unsern Gunsten ge bessert hat, daß man wenigstens an manchen Stellen ge neigt ist, Deutschlands Leistungen und Erfolge objektiv zu würdigen, und daß gerade unter den Gebildeten manches Herz warm für unsere Sache schlägt. Einen der menschlich-schönsten Beweise von Anhänglichkeit an Deutsch land gab gleich in den ersten Kriegswochen der berühmte Schauspieler vom Deutschen Theater in Berlin Alexander Moissi von Geburt Italiener, der sich sofort naturalisieren ließ115 8 und in das deutsche Heer eintrat. Er begründet diesen Schritt in dem folgenden Schreiben, das er an die großen Blätter Italiens sandte: Warum ich deutscher Kriegsfreiwilliger wurde. Mein Entschluß, ins deutsche Heer einzutreten, ist keineswegs nur eine Geste der Dankbarkeit gegen die gast freundliche Nation, in deren Mitte ich eine für einen Aus^ länder gewiß seltene Laufbahn zurücklegen durfte. Dielleicht hätte mich mein Talent in Frankreich, Rußland oder Eng land ebenso erfolgreich durchgesetzt und doch hätte ich die Sache dieser Nationen nie zu der meinen gemacht. Nicht Gastfreundschaft, sondern das ungeheure Bild moralischer und menschlicher Kraft, das sich in diesen Tagen vor mir entrollte, hat mich bewogen! Trotz der Gewalt dieser allgemeinen Erhebung gegen drei mäch tige Feinde kein fanatischer Chauvinismus, trotz unbe dingter Siegeszuversicht kein blinder Rausch, trotz Inanspruchnahme aller nationalen Kräfte menschlichste Schonung des einzelnen wie der Gesamtheit! In den amtlichen Bekanntmachungen nichts als die reinen Tat sachen, keine Spur jenes bombastischen Lärms und der nationalistischen Koketterien, mit denen man auf der Ge genseite die Wahrheit zu verhüllen sucht. Hier ein Satz: ,Lüttich ist gefallen!" dort breite, pomphafte Sieget Nachrichten, noch nach dem Fall! Hier ein Volk, das jedem Wink der Führenden mit dem würdigen Gehorsam des politisch Reifen sich unterwirft dort Auflehnung, Des organisation und die entfesselten Banden der Franktireurs! Wer dieses ernste Volk mitten im Kriegslärm bei seiner werktätgigen Ruhe einmal gesehen hat, der weiß, daß es den moralischen Sieg schon heute errungen. Ist es denkbar, daß sich von dem Sieg der Moral der Sieg der Waffen trenne? Kann diese Vereinigung von höchster Idealität mit dem nüchternsten Sinn für die praktischsten Erforder nisse des Augenblicks jemals überwunden werden? Wo ruhiger Fleiß für den letzten Knopf auf der Montur eines Infanteristen sorgt und zugleich unbekümmerte Tollkühn heit abenteuernde Schiffe nach der Themsemündung, nach den Shetlandsinseln, nach Algier entsendet muß nicht116 diese Ausammenarbeit von Bürgerlichkeit und Genie die höchsten Leistungen hervorbringen? Der beschränkte Despotismus des Aarentums hat sich nach innen und außen als bankerott erwiesen. Das fried liche Volk der Briten wird gegen seinen Willen von einer wankenden Regierung zum Krieg geführt: Deutschlands Aufgabe ist es nunmehr, die Ideen der Menschlichkeit und der Ordnung zugleich auch für alle übrigen Völker zu ver fechten. .hatte ich Worte, unserer edlen, italienischen Nation, die sich stets auf die Seite der Menschlichkeit gestellt hat, das, was ich hier gesehen habe, mit der gleichen Glut zu schildern, mit der es mich wie alle hier Lebenden überwäl tigte, ich bin überzeugt, kein italienisches Herz würde zö gern, sich gleich nur ohne Besinnen der großen Partei des Rechtes und der Ideale anzuschließen". Großen Einfluß auf die Stimmung übten die Er zählungen der nach dem Kriegsschauplatz entsandten Be richterstatter aus, die sich meist an das französische Heer anschlössen und von Feindseligkeiten gegen Deutschland überschäumten! Angenehm sticht dagegen ab der im ganzen unparteiisch urteilende, begabte Vertreter des römischen Oorriere äsUa Lera" Luigi Barzini ab, der z. B. über den Einmarsch der Deutschen in Brüssel schreibt: Zuerst Infanterie mit Train, dann Reiterei mit einen , unendlichen Walde Lanzen und schwarzweißen Fähnchen, dann Kanonen, Kanonen, Kanonen und so fort, ohne aufzuhören. Es ist eine Masse graugrüner Uniformen, die sich in der Ferne im Grün der Landschaft verliert und den Eindruck einer ungeheuerlich starken Maschine hervorruft. Es scheint ein automatischer Organismus aus Stahl, etwas Dämonisches, unerhört Großes und Mächti ges. Stunden- und Stundenlang ziehen die Kolonnen an uns vorüber, bis die Augen müde werden. Die Monotonie des VorüberzugeS wird nur dann und wann vom Klange der Pfeifen und Trommeln oder vom Gesang patriotischer Lieder unterbrochen. Plötzlich überkommt die zuschauende117 Menge ein banges Angstgefühl; von Soldaten umgeben gehen einige gefesselte Bauern daher, mit todesblassen Gesichtern. Es sind Zivilgefangene, deren Los durch die schrecklich harten Kriegsbräuche der Deutschen besiegelt ist. Man wird sie erschießen. Die Haltung der Soldaten ist korrekt; sie sind ernst, verschlossen; nur einige wenige sind keck und werfen den Madchen im Volke lächelnde Blicke zu. Die Ausrüstung der deutschen Soldaten ist einfach wunderbar: Alle nagelneu gekleidet, das Lederzeug glänzt, da ist kein Unteroffizier, der nicht Feldstecher hätte, auch viele gewöhnliche Soldaten haben ihn; außerdem besitzen alle eine elektrische Lampe. Was ferner allgemeineBewunderung weckt, ist die Einfachheit, ja Eleganz der Feldküchen, die mit ihren Kaminen von Pferden gezogene kleine Loko motiven scheinen. Der Tag ist schon zu Ende, und der Vor beimarsch dauert noch immer an. Es ist, als wüchsen diese kalten Krieger, die in der Abenddämmerung alle gepanzert scheinen, wie durch Zauber aus der Erde hervor." Auf der Rückfahrt durch Deutschland besucht er in Aachen den italienischen Konsul, einen Deutschen, der ihm sagt: Ich habe den Eindruck, daß Belgien deutsch bleiben wird". Dazu bemerkt er: Bei diesen Worten erblassen wir Italiener, die wir Belgien wie eine Heimat lieben, enthalten uns aber, zu protestieren. Haben wir Paris und Brüssel in so ver ödetem Austande zurückgelassen, so überrascht uns das Leben und der Verkehr, der allenthalben in Deutsch land herrscht. Und welcher Kriegsmut, welcher Jubel, in aller Augen, selbst in denen der Knaben und alten Frauen, wenn immer neue Siegesbotschaften kommen! Alles hat hier in Deutschland etwas Festliches. Die Toten, so zahl reich sie sind, zählen nicht; die Hauptsache ist, daß man siegt!" Nach den Kämpfen an der Marne besuchte er am 12. September Chambry und rühmt die Ordnung und Dis ziplin, mit der hier die Deutschen gegen eine Übermacht kämpften. Bei der Beschießung von Reims entdeckte er aber sein deutschfeindliches Herz und entblödete sich nicht, in den Chorus der Entrüsteten kräftig mit einzustimmen:118 Die Beschießung von Reims ist ein Verbrechen. Es läßt sich erklaren, aber nicht rechtfertigen. Wenn die Not wendigkeiten des Krieges eine so grausame Handlung auf nötigen, gebieten die internationalen Gesetze, daß vorher eine Benachrichtigung erfolgt, damit die Waffenlosen, die Frauen und Kinder sich in Sicherheit bringen. Löwen, Mecheln, Senlis, Soissons, Reims die Deutschen lassen überall nur Ruinen hinter sich, machen sich zu Metzlern von Städten, zu Henkern von Kulturen und Zivilisationen, zu Enthauptem von Kunstdenkmälern, zu Vernichtern von Bibliotheken, zu Zerstörern von Ruhmeswerken. Wenn das französische Heer, das zwanzigmal siegreich über ihre Länder geschritten ist, nicht den heiligen Respekt der aus erwählten Rassen für alles, was schön, was edel, was kostbar ist, gehabt hättet, was würde heute wohl von dem alten Deutschland mit seinen gotischen Domen, seinen mittelalterlichen Städten und all den poetischen Altertüm lichkeiten in den Bauwerken, auf die die Deutschen mit Recht so stolz sind, übrig sein?" Für die Bewertung Deutschlands im Auslände sehr charakteristisch ist ein Aufsatz, den im Lorriero äells Lera" Mitte September der italienische Publizist Hektar Janni veröffentlichte. Er geißelt zunächst die Brutalität der Deut schen, ihren Ehrgeiz, ihre Eroberungssucht und Verachtung der Schwachen, spricht von Attila und den Hunnen und stellt fest, daß die ganze Welt gegen einen Sieg Deutsch lands, dieser msZmkiog, belva, sei. Er nennt den deutschen Weltmachtstraum die größte Unternehmung, die seit den Römertagen konzipiert sei, und spricht vonJncubus der preußischen Diktatur. Alsdann kommt aber bei dem Verfasser die Bewunderung zum Durchbruch, die geradezu pathetische Formen annimmt und die prächtige Organi sation des Heeres und der Flotte und des ganzen Deutsch tums überhaupt feiert. Der Artikel rühmt die Zähigkeit und Weisheit der militärischen Vorbereitung, die Schnelligkeit des Ansturms und die vollendete Disziplin der ganzen ) Anmerkung: Hat Varzini noch nichts vom Heidel berger Schloß gehört?119 Nation wie die enthusiastische Einigkeit des ganzen Volkes, das den Eindruck eines undurchdringlichen Stahl- panzerS mache. Jeder einzelne Deutsche sei heute Deutschland selbst, und zwar nicht Deutschland in Ge fahr, sondern Deutschland voll Siegesvertrauen. Wie herrlich sei das Bild, wie die jungen Kaisersöhne wie Adler ins Feuer der feindlichen Geschütze stürzen wie der letzte Soldat. Bei alledem erfasse eine ungezügelte Bewunderung, die stärker sei als jedes Parteigefühl, und eS entstehe neue Sympathie für Deutschland, ja, geradezu ein Stolz, daß solche Grüße in unserer Zeit überhaupt möglich war. Uber das Thema Wenn Deutschland siegt und wenn England siegt schrieb der gleiche Journalist im selben Blatte: Wenn Deutschland unterliegt, wird vor allem seine Seemacht das Gewicht des Unglücks fühlen. Das siegreiche England wird die Bedingungen zu stellen wissen. Deutsch land wird seine Vorherrschaft zur See auf seine Küstenge wässer einschränken müssen. Aber es wird nicht, wie seine berauschten Feinde sagen, zerquetscht werden. Nein. Frankreich erhob sich von dem Unglück von Siebzig; rascher noch und mächtiger wird sich Deutschland erheben, denn es ist reicher an Kraft und Menschenzahl. Die Vorstellung eines Siegs, der für immer die deutsche Gefahr beseitigte, ist ein Trugbild! Deutschland wird eine Macht ersten Ranges in Europa und in der Welt bleiben. Es mögen Jahre über der Sammlung vergehen; aber, wenn die Deutschen nicht auf ihren Traum verzichten, werden die Jahre der Samm lung nur Jahre des Waffenstillstandes sein, und die Re vanche der einen wird die Revanche der anderen erzeugen. Wenn es aber Deutschland gelingt, seine Feinde zu schlagen, wenn es dann noch Kraft genug hat, die Friedensbestimmun gen selbst zu bestimmen, wenn noch vor dem Frieden die englische Seemacht stark geschwächt sein wird, kurz, wenn Großbritannien in diesem Krieg seine Seeherrschaft ver liert, wird es einem reißenden Zusammenbruch entgegen gehen, wird es den Weg des Schicksals Spaniens gehen und wird nach fünfzig Jahren nicht mehr als das west-120 europäische Spanien bedeuten. Und Deutschland wird als Beherrscherin der Meere mit gewaltiger Sicherheit in die Zukunft blicken, mitten unter Nationen, die mittel- oder unmittelbar, politisch oder wirtschaftlich seine Vasallen sind. Der Gürtel des Meeres, der bis heute das beneidens werte Vorrecht und die Bürgschaft für das Schicksal Eng lands war, wird das Mittel werden, durch das es ersticken muß. In diesem Kampf ist also der Verteidiger, der mehr für das eigene Dasein als für den eigenen Ehrgeiz kämpft, England. Die Begehrlichkeit ist nicht auf seiner Seite. Die Apologeten der deutschen Sprache können die siebzig Millionen Deutschen anführen, die übermäßige Kraft die Notwendigkeit der Ausdehnung, den überschwemmenden Ausbruch einer Rasse, die auf die höchsten Ziele vorbereitet ist, aber sie können nicht sagen, daß, weil Deutschland so zahlreich ist, so kräftig und so wohl vorbereitet, die Mensch heit zu beherrschen, daß deshalb nun auch die Völker, welche die deutsche Herrschaft erleiden sollen, ohne weiteres das Haupt neigen und sich vor dem Eroberer in den Staub werfen müssen." Weiterhin schleuderte Janni seinen Fluch gegen den Kronprinzen von Bayern wegen des bekannten Armeebe fehls gegen die Engländer. Hierauf erwiderte der anti sozialistische und antiklerikale Mulo" in einem Artikel (in Nr. 17), der sich in schärfster und rück sichtsloser Weise gegen die barbarische und heuch lerische englische Politik wendet, gegen das zer rüttete und verrottete Nußland, aber auch gegen italienische Journalisten, denen er offen den Vorwurf macht, mit französischem und englischem Gelde bezahlt zu sein. Es heißt in dem Artikel: Seid weniger servil oder grooms! Euer Lohn wird deshalb nicht geringer sein. Und außerdem fragt Ihr vor diesen Worten eines deutschen Fürsten und vor den scham losen Taten der englischen Krämer nicht, ob das nicht zwei Kulturen sind. Ja, es sind zwei: die eines wunder vollen (stupenclo) Volkes von Arbeitern und von Gelehrten, von Soldaten und von Künstlern, das121 mit dem eigenen Blute, mit dem seiner Söhne und seiner Fürsten seinen Tribut an die Größe des Vaterlandes ent richtet, und jene eines Volkes von ^Räubern (prsäoni), das auf Meeren von Blut seine Weltherrschaft ausdehnte und das, nachdem es durch seine Hinterlist einen Krieg ent fesselte, der ihn von seinem siegreichen Konkurrenten be freien sollte, hinter francobelgische Wälle geduckt weder seine Söhne noch seine Fürsten zu seiner Verteidigung ins Feld schickt, wie das die Deutschen tun, sondern zur Vertei digung der eigenen Existenz gegen den ritterlichen Feind die Horden der Barbaren losläßt, die die ungeheu eren Mordtaten an ihren Vätern vergessen haben, Mord taten von kalter Wildheit, um John Bull die weiteste Herr schaft zu sichern." An die Lektüre des Buches des Franzosen Mar celle Sembat un roi, sinon kaltes paix" (Paris, ?iczuiöre 1913) knüpft der römische Universitäts professor Cesare de Lollis einige Betrachtungen, denen wir folgende Sätze über Deutschland entnehmen (nach dem Leipz. Tagebl." vom 21. Sept. 1914): Was die Gründe für Deutschlands .Barbarei nach der Auffassung des Herrn Sembat anbelangt, so scheint er sie in Deutschlands soldatischem Wesen zu finden. Ohne zu bedenken, daß, noch heute, eine vollkommene militärische Organisation der konkreteste greifbarste Beweis ist für die Festigkeit einer Nation... Offen gesagt, es ist wahr, daß Deutschland in das süd liche Licht der Zivilisation später eingetreten ist als wir, und auch als Frankreich. Es ist wahr, daß es sich nicht des Verdienstes rühmen kann, den Schrei der .Freiheit durch Europa getragen zu haben. Es ist wahr, daß es niemals ein so flinkes Gefährt nach allen Winden verstreuter Kultur gewesen ist und niemals vielleicht sein wird, wie Frankreich gewesen und in gewissem Sinne noch ist Es ist wahr, daß ihm jene Züge von Universalität fehlen, die verhängnis voll vorherbestimmen zur Erlangung der weltlichen Hege monie.122 Aber als Ersatz (Belohnung) ist es gerade das .bar barische Deutschland, das dem modernen Europa den Begriff des inneren Lebens gegeben hat. Es ist es ge rade, das den Wert und die Werte des Geistes wieder ein- gesetzet hat, indem er den gebührenden Teil den Rechten des Herzens gab, gegenüber den frostigen des Intellekts. Und gerade dieses Deutschland ist es, das den Leuchtturm des Ideals angezündet und vor Augen gestellt hat! Und dann, abgesehen von all diesem und quasi in scheinbarem Gegensatz zu all diesem, hat es rasch und vollkommen seine eigene wissenschaftliche, industrielle wirt schaftliche, militärische Größe geschaffen, kraft eines männ lichen Willens, strenger Sammlung, einer sozialen Recht schaffenheit, kraft seiner Ordnung, Disziplin, seiner .Selbst beherrschung . Diese Eigenschaften sind uns vielleicht nicht kongenial. Und für den ersten Moment sind sie abstoßend gegenüber jenem Ideal von Autonomie, von Initiative und von indi vidueller Vollkommenheit, die ein Privileg der lateinischen Rasse ist Aber eben, ungeachtet seiner bürgerlichen Züge, die sichere Anzeichen von Jugendlichkeit der Rasse sind, darum nimmt es Bedacht mit unendlicher Sorgfalt auf jedwedes Moment des Lebens. Jedenfalls und in jeder Beziehung sind dies Eigenschaften, die man bei den andern achten und die man für sich selbst wünschen muß, da sie, wie es scheint, unerläßlich sind für das ordnungsge mäße Weiterbestehen des Lebens einer Nation." Weiter findet Professor de Lollie ein richtiges Wort gegen die plötzlich eingerissene Sucht, die Deutschen als Barbaren" zu bezeichnen. Unter allen Fremden, sagt er, die seit hundert Jahren seit WinckelmannS, Goethes und Raphael MengS Aeit, nach Italien wallen, seien eS gerade diese deut schen Barbaren", die Italiens Schönheit und Italiens Kunstdenkmäler mit Andacht und ganzer Inbrunst der Seele durchdringen, verstehen und ehren. Treffend spottet de LolliS auch darüber, daß die zartbesaiteten Aestheten", die heute über das durch rauhe Kriegsnotwendigkeit ge botene Vorgehen der Deutschen zetern, kein Wort darüber123 verloren, als im letzten Juni italienische Streikrebellen eine Reihe ehrwürdiger Monumentalkirchen in der Romagna plünderten, anzündeten und zerstörten. Durch diese deutschfreundliche Gesinnung hat sich de LolliS den Haß der andern Parteien zugezogen. Das Verl. Tageblatt" vom 14. Dezember 1914 meldet folgende Skandalszene an der römischen Universität: Seit mehreren Tagen ist die römische Universität der Schauplatz toller Lärmszenen. Gestern erschien sogar der Futuristenführer Marinetti mit einem harlekinmäßig aufgeputzten Adjutanten, um die Studenten zum Krieg aufzuhetzen, über den Vorfall in der Hochschule veröffent licht der seiner deutschen Freundschaft wegen viel ange feindete Professor de Lollis eine interessante Darstellung. Er teilt mit, daß Marinetti schreiend auf sein (de LolliS ) Katheder kletterte, die Wasserflasche und das Glas zerbrach, worauf er und die Studenten wie tolle Hunde über den Professor und seine Anhänger herfielen. Der Skandal dauerte eine volle Stunde, ohne daß die Behörden eingeschritten wären. Hingegen wurde der Professor Borgese, Dozent der deutschen Literatur an der Univer sität, aber Gegner Deutschlands, mit Beifall überschüttet." In ähnlicher Weise führte auch ein anderer Meinungs konflikt zu erregten Vorgängen. Als Deutschenfreund hatte sich der Kriegsberichterstatter des Nornals ä Italig," Cabafino Renda erwiesen; in einem seiner Berichte vom lothringischen Kriegsschauplatz spricht er nach dem Verl. Tagebl." vom 14. Dez. 1914 in begeisterten Worten von dem felsenfesten Gottvertrauen und dem tiefwurzelnden religiösen Empfin den des deutschen Soldaten. Die Gelegenheit bietet ihm die Schilderung eines Feldgottesdienstes, den Prinz Max, der als Geistlicher im Felde stehende Bruder des Königs von Sachsen, in einer Kirche zu Epinal abhielt und dem er bei zuwohnen in der Lage war. Er fährt fort: Es waren Angehörige eines sächsischen Reservejäger bataillons, die im Schiff der Kirche Kopf an Kopf standen und unter denen alle Dienstgrade und Altersklassen ver treten waren. Wie im Banne eines inneren Erlebnisses124 standen die Soldaten unbeweglich und lauschten weltent rückt den schlichten Worten, die der Geistliche an sie richtete. Und als er geendet, stimmten alle eins der Kirchenlieder an, mit dem jede gottesdienstliche Handlung in deutschen Kir- j chen auszuklingen pflegt. Kernig und in Heller Freudigkeit erklang der Choral, in dem sich die Herzensreinheit, die religiöse Inbrunst und glaubige Überzeugungstreue der Sieger mit erschütternder Eindrucksmacht aussprach. Ich habe in meinem Leben noch keinen Gesang gehört, in dem sich das religiöse Empfinden so eindringlich zun, Ausdruck gebracht hätte. Das Phänomen, das hier in die Erscheinung trat, wäre wahrlich einer eingehenden Betrachtung wert, die in einer Tageszeitung aber selbstverständlich nicht am Platze ist. Wir haben es hier in jevem Falle mit einer Er scheinung zu tun, die ohnegleichen in der Welt dasteht, und die die unbezwingliche Widerstandskraft der deutschen Truppen erklärt. Französische Berichterstatter versichern uns zwar, daß auch in Frankreich allenthalben ein Wieder erwachen des Religionsgefühls zu bemerken ist, aber mir will es scheinen, als ob es sich dort um die impulsive Regung eines spontanen Gefühls handelt, das der bittere Ernst der Stunde ausgelöst hat und das an das von der Not erpreßte Stoßgebet eines Skeptikers gemahnt, der sich an Gott nur erinnert, wenn ihm das Feuer auf den Nägeln brennt. Mit dieser vom Augenblick eingegebenen Religionsäußerung hat die Frömmigkeit der deutschen Soldaten nichts zu schaffen. Diese haftet vielmehr mit allen Wurzeln fest in der Tiefe eines reich bewegten Innenlebens, und die phy sische Stärke ist der Untergrund und Mutterboden der achtunggebietenden physischen Kraft, die aller Anstrengun gen spottet und jedes Hemmnis spielend überwindet." Solche offene Bekenntnisse erregten die Schmähungen und Verhöhnungen von selten der deutschfeindlichen Na- j tionalistenpresse. Schließlich hat Renda einen der schlimmsten Schreier, den Dichter Tomacelli zum Duell gefordert und ihn mit einem Uoretfiich an der Achsel verwundet. Auch gegen den Chefredakteur des nationalistischen Blattes läsa Rational!", Nonitschelli, hat der streit-125 bare Berichterstatter des (Ziornale 6 ltalis," seine und Deutschlands Ehre erfolgreich verteidigt. Am 12. Dezember 1914 kam es zu einem Säbelduell, bei dem der Chef redakteur der läkk Msionalk" beim ersten Gang an der Schulter verwundet wurde, während Cabasino Renda unverletzt blieb. Mit Gründen der Vernunft suchte der in Florenz lebende, deutsche Professor Robert Davidsohn die italienische Stimmung zu beeinflussen durch eine gleich zeitig deutsch und italienisch geschriebenen Artikel Ein Wort für Italien" ( Verl. Tagebl." vom 6. Okt. 1914): Es ist schwer, daß Individuen einander in bezug auf ihr Wesen, auf die inneren Motive ihres Handelns richtig und restlos verstehen, aber es scheint fast unmöglich, daß eine Nation das Wesen der anderen völlig begreife. Die Ereignisse, die Europa durchzucken, sind nicht zum kleinsten Teil eine Folge der Verständnislosigkeit, mit der ein Volk in seiner Gesamtheit den Gedanken und Empfindungen eines andern gegenübersteht. Der etwas oberflächliche Opti mismus wohlmeinender Menschen vermeinte die Annähe rung der Nationen durch freundliche Reden und Schriften bewirken zu können. Edle Männer sind durch die erfahrene Enttäuschung zur Verzweiflung getrieben worden; andere Aehntausende leiden im stillen, aber sie leiden tief. Man sah nur die verstandesmäßige Seite der Völkerbeziehungen und rechnete nicht mit den Leidenschaften, die in entschei denden Stunden aus den Tiefen der Volksseelen hervor brechen. Was wir erleben, ist zum guten Teil ein Duell zwischen dem klaren Verstände und der Leidenschaft, zwi schen kühlem Denken und heißem Fühlen. Soll deshalb der Versuch aufgegeben werden, klarere Einsicht an die Stelle von Mißverständnissen zu setzen? Oder ist es nicht vielmehr die Pflicht der Besonnenen, aus der Reserve ruhiger und normaler Zeiten hervortretend, ihrer Stimme Gehör zu schaffen? Sprechen wir zunächst von den inneren Bezie hungen zwischen Italien und Deutschland. Es ist unverkennbar, daß in Deutschland bei aller sehr weit ver-126 breiteten Liebe für Land und Volk ein geringes Verständ nis für das eigentliche Wesen des modernen Italien be standen hat. Die Söhne und Enkel großer Männer stehen fast immer im Schatten des Namens, den sie tragen, und die gewaltige Vergangenheit Italiens liefert Maßstäbe, die für die Gegenwart nicht anwendbar sind. Die Schuld einer vielfach falschen Beurteilung darf weder geleugnet, noch darf sie übertrieben werden. Sie trifft nicht Deutsch land allein, sondern die gesamten Nationen des modernen Europa, nicht minder die Franzosen und die Engländer, als deren jetzige Gegner. Ein anderer Fehler, der ebenfalls allgemein begangen wird, ist gleichfalls nicht zu bestreiten. Wer zu allen Zeiten die Schicksale Italiens mit inniger Teil nahme als eigenes Schicksal erlebt hat, darf davon mit Klarheit und ruhigem Gewissen reden. Man spricht jetzt zuviel von jener Liebe zu Italien. Der Vorwurf trifft Franzosen, Engländer, Deutsche in gleicher Art. Auf allen Seiten wäre etwas vornehme Zurückhaltung zu wünschen. Doch sind die Deutschen bei den Versicherungen ihrer Neigung mindestens mit der Neutralität einverstanden, während die Liebeswerbungen der Franzosen und Engländer den verdächtigen Zweck verfolgen, Italien in den furcht barsten Krieg hineinzureißen, der Europa jemals durch tobt hat. Auf der anderen Seite ist schwer zu verkennen, daß man in dem südlichen Lande von den Empfindungen, wenn man will, von den Leidenschaften, die das deutsche Volk seit zwei Monaten beseelen, eine wenig klare Vorstellung hegt. Allmählich ist selbst den Parteiischen und den Fanati kern, selbst denen, die es nicht eingestehen mögen, klar ge worden, daß das deutsche Volk, der Kaiser an der Spitze, den Krieg nicht gewollt hat, daß der Kampf nicht aus Er oberungslust unternommen wurde, sondern weil man sich vor die Notwendigkeit gestellt sah, heute oder morgen zu siegen oder unterzugehen, und weil man empfand, es sei besser, heute als morgen die Entscheidung herbeizuführen. Diejenigen, die Italien mit ehrlichem Fanatismus in die Gefahren eines Krieges hineintreiben wollen, stehen zum Teil geistig zu hoch, als daß sie die intellektuelle, die127 wissenschaftliche, die technische Leistung des deutschen Volkes nicht gelten lassen sollten. Hier aber setzt der bekla genswerte Mangel psychologischen Verständnisses ein. Gerade diejenigen, die Deutschland kennen oder zu kennen glauben, verkennen es völlig, indem sie Kriterien aus der Zeit vor dem Kriege anlegen, die in keiner Art mehr Gel tung verlangen. Sie folgen einem in England ersonnenen Schlagworte, indem sie behaupten, ihr Eifer richte sich nicht gegen das Deutschland der geistigen Arbeit und der Kultur, sondern gegen das Deutschland der Kaserne und des Militarismus. Der Militarismus müsse zum Heile der Welt, auch der deutschen Geisteswelt, niedergerungen werden. Sie stützen sich auf Beobachtungen der Vergangenheit, vielleicht einer nahen Vergangenheit, aber in einer Periode großer Ereignisse zählen Wochen für Jahre. Wer hätte nicht in Deutschland und anderswo mit Bedenken gesehen, wie Milliarden des Volksvermögens und die besten Kräfte für kriegerische Rüstungen verwendet wurden? Wer frei von diesem keineswegs unedlen Irrtum geblieben ist, hebe den ersten Stein gegen die, die den Traum des Völker friedens geträumt haben, die meinten, man könne mit ge ringeren Rüstungen und mit besserer Verständigung aus kommen. Mochten solche Empfindungen nun in der Ver gangenheit auch in Deutschland noch so stark verbreitet sein, es ist keine Spur von ihnen gegenüber der klaren Er kenntnis übriggeblieben, daß die Deutschen von einem Tag zum anderen gezwungen waren, alles an alles setzend, die nationale Eristenz zu verteidigen. So befinden sich die, die Neigung und Antipathie zwischen dem kulturellen Deutschland und dem Deutschland des Heeres verteilen wollen, im tiefsten aller Irrtümer, denn, wenn ein solcher Unterschied bestanden haben mag, ist er völlig ausgelöscht. Die Trennung, die man im Auslande zwischen dem Deutsch land von München, von Heidelberg, von Göttingen, von Bayreuth und dem Deutschland von Berlin, von Potsdam, von Spandau machen wollte, besteht in Wirklichkeit nicht. Man muß Deutschland als ein Ganzes befeinden, oder es als ein Ganzes gelten lassen. Das Deutschland der Kultur128 weiß jetzt, wo die Hochflut der Gefahren von allen Seiten droht, wo die Intensität des Hasses auch den Friedlichsten die Augen geöffnet hat, daß er sein eigenes Dasein nur unter dem Schutz der deutschen Waffen behaupten konnte und kann. In starkem Optimismus hat das deutsche Volk nicht geahnt, daß es überall von Haß umgeben sei; jetzt weiß es, daß jene Gesamtheit von Erscheinungen, die man außer halb Deutschlands schlechtweg Militarismus zu nennen liebt, die aber in Wahrheit nur den stets bereiten Willen und die ! Rüstung zur Abwehr darstellen, eine nationale Notwendig keit war. Daneben niuß beachtet werden, daß die Methodik und Präzision der deutschen Wissenschaft und Technik, oft verhöhnt, doch öfter beneidet, zum großen Teil eine Frucht der militärischen Erziehung des Volkes ist. Selbst die in keinem anderen Lande erreichte Organisation der sozialisti schen Arbeiterpartei ist die Frucht militärischer Disziplin; die Genossen sind von ihrer Militärzeit her gewöhnt, ihren Führern zu vertrauen und zu gehorchen. Nun ist der Mili tarismus an sich, ohne alle Rücksicht auf Deutschland, bei vielen, zumal innerhalb der lateinischen Welt, ein Gegen stand innerer Abneigung, da man in ihm den Feind des Individualismus erblickt. Und dies letztere mit Recht. Nur sollte man sich dann auch darüber klar sein, daß die konsequente Durchführung des individualistischen Gedan kens notwendigerweise zum Anarchismus führen muß. Wer nun auf diesen Wegen nicht schreiten mag, wird sich sagen müssen, daß in Italien, obwohl es kein militaristisches Land ist, gewisse Beobachtungen zu starken militaristischen Neigungen führen könnten. Man kann gute Lehren empfan gen, wenn man bisweilen eine italienische Kaserne besucht. Ich wage es offen auszusprechen: in keinem dem öffentlichen Dienst gewidmeten Gebäude, in keinem Zweige der öffent lichen Verwaltung herrscht ein ähnliches Maß von Ordnung, Sauberkeit, Korrektheit, Zuverlässigkeit und Vorsorge, wie in einer Kaserne und wie beim Militär. Auch für Italien und wer erkennte es nicht an? ist das Heer die wirksamste Erziehungsstätte. Warum nun an einem fremden Volke tadeln, was man im eigenen Lande schätzen gelernt hat?129 Eine solche Schule der Disziplin und diese Disziplin selbst, sie verdienen mithin auch im kulturellen Interesse in Ehren gehalten zu werden, und der Militarismus, der Militaris mus, wie wir ihn verstehen, ist keineswegs all des Tadels wert, den man in Aeiten des Friedens und der Friedens zuversicht ihm, unter ausschließlicher Betonung seiner Übertreibungen, allzu reichlich zuteil werden ließ. Nur ein Pedant hat den Grundsatz, unverrückbar an Grundsätzen festzuhalten. Menschen von regem, beweglichem Verstände lassen sich durch die Ereignisse belehren. Wenn die Abneigung gegen Deutschland sich vielfach als Abneigung gegen den Militarismus äußert, so spricht dabei ein anderes Moment entscheidend mit. Man fürchtet die auf das Schwert gestützte Hegemonie emes übermäch tigen, kampfgerüsteten Deutschland. In Deutschland ist manches laute und manches über flüssige Wort gesprochen worden. Größere Zurückhaltung wäre oft wünschenswert gewesen. Der Fehler hängt mit einem unleugbar vorhandenen nationalen Vorzug zusam men. Der Deutsche liebt die Aufrichtigkeit, und kein Cha rakterzug ist in Deutschland weniger verbreitet als die Ver stellung. So waren zwar die Versicherungen deutscher Frie densliebe stets ehrlich gemeint, aber um sie nicht als Schwäche erscheinen zu lassen, wurden sie bisweilen von dem Hinweis auf die Schärfe des deutschen Schwertes begleitet, und dieser scheinbare Widerspruch hob die moralische Wirkung der ehrlichen deutschen Friedensliebe häufig auf. So konnte es geschehen, daß viele im Auslande beim Ausbruch des Krieges glaubten, jene Versicherungen friedlicher Gesinnung seien eine Maske, Krieg sei der innere Wunsch der Deutschen gewesen. Selbst die Feinde Deutschlands sind indes in dieser Hinsicht still oder kleinlaut geworden. Wer nicht vor eingenommen urteilt, weiß heute, daß Deutschland keine Angriffskriege führt, sondern nach zwei Seiten hin den Krieg erklärte, um sich schneller gegen furchtbare drohende Gefahren verteidigen zu können. Kriege schaffen veränderte Weltlagen, nicht nur weil sie die Karte und die Machtver hältnisse umgestalten, sondern auch deshalb, weil sie die Gesinnungen umwandeln. Man wird den alten Ideen, Der Krieg der Geister. 9130 der alten Phraseologie zu einem guten Teil den Abschied geben müssen. Es bestehen zwei Möglichkeiten: entweder es geht aus diesem Weltkrieg ein Zustand weiterer Reizung und Spannung hervor, und dann würde der Militarismus in allen Ländern das herrschende Element werden oder bleiben, England mit seinem Widerstreben gegen die all gemeine Dienstpflicht nicht ausgenommen. Aus Notwendig keit würde man überall, wie es in Deutschland geschehen ist, die Abneigung gegen den Militarismus fahren lassen. Oder es erfolgt, wie gehofft werden kann, eine Neubildung auf, gegen die Vergangenheit völlig veränderten Grund lagen, deren Erörterung verfrüht wäre; es gelingt eine friedliche Vereinigung bisher entgegengesetzter nationaler Interessen, eine friedliche Verbindung, die noch vor Mo naten undenkbar erschienen wäre. In solchem Falle würde der Militarismus von selbst zu einem historischen Begriff, zu einer Erinnerung der Vergangenheit werden. Man sollte sich somit in den Äußerungen des Hasses gegen ihn einige Reserve auferlegen. Man weiß keineswegs, ob man in nicht sehr ferner Zeit nicht selbst wird militaristisch empfin den müssen, und man weiß nicht, ob es nicht vielleicht dem Militarismus beschieden ist, eine Periode wirklichen Frie dens und der Verständigung auf der Basis gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen herbeizuführen, die mit der Zeit zu gemeinsamen politischen Interessen werden würden. Eine solche friedliche Einigung würde allerdings nur dann möglich sein, wenn England jede politische Einwirkung auf kontinentale Verhältnisse entzogen würde, denn dessen Interesse erforderte es stets und erfordert es heute, die kontinentalen Völker gegeneinander in Feindschaft zu erhalten. Der jetzige Krieg ist ein Ergebnis dieses Leitsatzes englischer Staatskunst. England spricht vom Gleichgewicht, und es meint den Kampf um das Gleichgewicht, der stets ein Kampf um das Übergewicht ist; bei solchen Kämpfen findet das insulare Land ohne Volksheer seinen Vorteil, wahrend sich die anderen Nationen wechselseitig zerflei schen. England glaubte eines seiner guten und wirksamen Schlagworte geprägt zu haben, als es die Phrase vom Kampf131 für das intellektuelle Deutschland, gegen das militaristische Deutschland erfand. Bei näherem Zusehen zeigt sich ihre Sinnlosigkeit, da sich das deutsche Volk als eine untrennbare, nicht von Gegensätzen gespaltene Einheit erweist. Viel mehr drängt sich eine Frage auf, die in Italien wie in anderen vom Meere umspülten neutralen Ländern stark zum Nachdenken anregen muß. Man hat vom deutschen Militarismus sehr viel gesprochen, weil er ein kontinentaler Faktor ist, aber man hat von seinem englischen Widerspiel gar kein Aufhebens gemacht, nämlich von der englischen Form des Militarismus, den wir als Marinismus bezeichnen möchten. Lastet England mit der Macht seiner Flotte, die eine beständige Drohnung für alle Küstenländer bildet, nicht im Grunde stärker auf der Welt, als Deutschland mit einem Heere, das 43 Jahre lang den Frieden aufrechterhielt? Darf irgend ein Volk, dessen Ge biet anö Meer grenzt, sich in Europa oder in den anderen Weltteilen frei bewegen ohne die Erlaubnis Englands? Würde das Verschwinden oder die Verminderung dieses Druckes nicht bis in ferne Winkel der Erde mit einem Auf atmen der Erleichterung begrüßt werden? Und dennoch wird, weil man ohne viel eigenes Urteil der von Frankreich, von England ausgegebenen Parole folgt, fort und fort gegen den deutschen Militarismus geeifert und niemals gegen den englischen Marinismus. Auch sollte die Psy chologie Englands besser verstanden und stärker beachtet werden. England hat vor anderen Ländern zwei außer ordentliche Vorteile: es handelt mehr, als es spricht, und es handelt anders, als es spricht. Englands Psychologie läßt sich nicht erfassen, ohne daß man stets an Englands teils bewußte, teils unbewußte Heuchelei denkt. England hat jederzeit fromme und edle Motive bereit, mit denen es seine Aktionen rechtfertigt. In Wahrheit spricht es Humani tär und handelt brutal. Es spricht von der Freiheit und Unabhängigkeit der Nationen und es hat Irland jahrhunderte lang geknechtet. Millionen halten es noch heute für einen Frevel, den Jrländern einige der Rechte zu gewähren, ohne die kein Engländer leben möchte. Mit ein paar gegen Ale xandrien abgeschossenen Kanonenschüssen machte es unter s 132 dem Verwände, einen Aufstand Arabi Paschas niederzu werfen einen Aufstand im nationalen Sinne, der Eng land nichts anging Ägypten, wenn nicht der Form, so der Sache nach zu einer englischen Provinz. In den Buren republiken befinden sich reiche, begehrenswerte Goldminen; England eröffnet ohne den Schatten einer Begründung gegen die Republiken den Krieg und anektiert ihr Gebiet. Persien wird, ohne daß man eine Kriegserklärung für nötig hält, zwischen Rußland und England geteilt. Der Minister dieses selben England aber spricht in einem Tone, der zwischen dem eines Dekans vom Westminster und eines Demagogen die Mitte hält, von dem heiligen Selbstbestimmungsrecht der Nationen, erklärt als der berufene Hüter der Verträge wegen Belgien den in Wahrheit längst gewollten, längst vorbereiteten Krieg und äußert sich voll Ingrimm gegen den Militarismus, dessen Vernichtung das Volk Britanniens wünscht. Dieser Wunsch ist, was bei England eine wahrhaft überraschende Ausnahme bildet, ein aufrichtiger. Es möchte den Militarismus vernichtet sehen, damit sein eigener Marinismus allein und souverän, ohne jedes Gegen gewicht, die Welt beherrsche." Ebenso richtete auch der deutsche Dichter Hermann Sudermann an seine italienischen Freunde im Mailänder Leeolo" vom 13. Oktober einen Brief, der so beginnt: Meine teuren Kollegen! Die Stunden froher Gast freundschaft, die ich bei Euch in Eurem schönen Hause ver bracht habe und die dazu dienten, uns besser kennen zu lernen, geben mir das Recht, mit Euch von einer Sache zu reden, welche die ganze Menschheit angeht und mehr als irgend jemals eine andere in dieser Welt die Sache der! Wahrheit ist. Wir Deutschen, die wir mit unserer ganzen Kraft um unsere Ehre und unsere Eristenz kämpfen, sehen uns durch die Intrigen unserer Feinde in ein Netz von Lügen verstrickt, das wir nicht imstande sind, allsogleich zu zerreißen, wenn uns nicht in den befreundeten und neutralen Ländern unter Weglassung der Sympathien, die sie für uns empfin den oder nicht empfinden können alle diejenigen bei stehen, welche die Klarheit der Tatsachen der Bildung von133 Legenden vorziehen und Abscheu vor der Verleumdung empfinden, in welcher Form immer sie auftreten möge." Und nun geht Sudermann das ganze Register der hauptsächlichsten Verleumdungen gegen Deutsch land, sein Volk und seine Fürsten durch, zeigt, wie haltlos alle die Anklagen sind, die unsere Feinde uns entgegenhalten, und zerpflückt die Mär, daß der deutsche Kaiser den Krieg wollte und Deutschland für den Krieg verantwortlich sei. Die Überschreitung der Grenzen Belgiens war ein Akt absoluter Notwehr gegen Deutschlands Feinde, mit denen Belgien sich bereits verständigt hatte. Den Lügen über angebliche deutsche Grausamkeiten stellt Sudermann die wirklich von den Russen verübten Grausamkeiten ge genüber und den Lügen über deutsche Niederlagen die ge genwärtige Lage auf dem Kriegsschauplatz. Er schreibt darüber: Mein Herz blutet, wenn ich an die gräßlichen Grau samkeiten denke, die die wilde russische Soldateska in Ost preußen, meinem Heimatlande, dem teuren Lande, in den: mein Drama .Johannisfeuer spielt, begangen hat. In jenem äußersten Winkel Preußens war keiner der Ein wohner auf den wahnsinnigen Gedanken gekommen, auf den Feind zu schießen. Trotzdem sind Städte, Dörfer und Pachthöfe weithin nur noch ein Haufen von rauchenden und rauchgeschwärzten Trümmern; große Mengen Haustiere wurden in die Ställe getrieben und samt den Häusern ver brannt; Ärzte und Verwundete, die unter dem Schutze des Roten Kreuzes standen, fielen als Opfer russischer Geschosse; Frauen wurden geschändet, verstümmelt, abgeschlachtet. Selbst ehrwürdige Priester fielen unter dem unerbittlichen Schwert der russischen Mörder ... Diese Art der Krieg führung muß vor der ganzen Welt gebrandmarkt werden, als eine Schande unserer Aeit. Die Welt soll wissen, daß die zivilisierten Völker Europas gezwungen sind, sich gegen seitig zu zerfleischen, weil die slawische Barbarei und der despotische Aarismus, der Vernichter und Hasser allen Fortschrittes auf dem Wege der Menschheit, daran Gefallen finden. Die Welt soll erfahren, daß das deutsche Volk in seiner stolzen Vaterlandsliebe mit seinen Fürsten wie134 eine Schar Brüder dasteht, entschlossen, diesen Kampf, zu dem es im Namen der Zivilisation gezwungen wurde, bis zum Endsiege zu führen..." Sudermann schließt, indem er die slawische Barbarei und den im Despotismus und der Korruption ersaufenden Aarismus für alles Unheil verantwortlich macht: Ein ehrenvoller Friede für beide Teile zwischen uns und unseren Gegnern im Westen wird erst möglich sein an dem Tage, an dem für immer die von Rußland drohende slawische Gefahr beseitigt sein wird." Natürlich haben die Worte Sudermanns den deutsch feindlichen Leeolo" nicht überzeugt. Man scheint es in Deutschland noch nicht genügend zu wissen, daß es in Jta- I lien Leute gibt, die nicht überzeugt sein wollen und denen es physischen Schmerz machen würde, falls sie I die Wahrheit in bezug auf Deutschland zugestehen müßten. Leeolo" fügt denn auch dem langen Schreiben Suder- mannS eine noch längere Entgegnung hinzu, die es wirklich an der Zeit erscheinen läßt, daß man in Deutschland auf hört, sich Illusionen hinzugeben, um so mehr, als zum Glück auch in Italien die Männer und Parteien nicht fehlen und ihre Zahl ist in stetem Zunehmen die etwas gelten für das Geschick Italiens, die aber Deutschland Gerechtig- ! keit widerfahren lassen und den Wert des Bundes mit Deutschland zu schätzen wissen. Der Leeolo" beginnt seine Entgegnung mit den Worten: Deutschland fühlt ersichtlich das Bedürfnis, seine nachgerade vom politischen Gewissen und der Moral der ganzen Kulturwelt verurteilte Sache zu verteidigen", und geht dann alle Punkte des Sudermannschen Schreibens durch, über die Ursachen des Krieges Worte zu verlieren, sei eigentlich unnütz, aber wenn wir auch die ganz unmögliche Annahme der formalen Unschuld Deutschlands am Kriege einen Augenblick gelten lassen wollten, so würde dies doch nicht im geringsten die allgemeine und tiefe Überzeugung berühren, daß ihm die tatsächliche Ursache der gegenwärtigen Kalamität zuzu schreiben ist. Denn die gesamte Kulturwelt ist nicht so sehr von den verschiedenen von Berlin versandten Ultimatums (??) berührt worden, als von der plötzlich in die Erscheinung135 getretenen außerordentlichen deutschen Denkweise und der praktischen Anwendung gewisser Morallehren, die die Um kehrung jeder internationalen Moral und jeden öffentlichen Rechts bedeuten und die Rückkehr zur Urbarbarei (!!) zu einer Zeit, als noch jeder Stamm es als sein Recht betrach tete, seine Nachbarn auszuplündern und zu ermorden". In diesem Tone geht es weiter und klingt es aus: Nur zur Erheiterung noch die Erwähnung eines Passus, in dem von den Deutschen als von Anhängern der Lehren PlatoS ge sprochen wird, die aber schon von Sokrates widerlegt seien. Ersichtlich tut es dem Lecolo" leid darum, daß nicht alle Deutschen, nachdem sie doch schon von der ganzen Kultur welt verurteilt sind, wie Sokrates den Schierlingbecher leeren... Die Gelehrtenpolemik über den Weltkrieg dauerte aber weiter fort. Nachdem der Professor der Anthropologie Sergi die Stirn hatte, die Deutschen nicht allein Barbaren, sondern sogar Sklavenjäger zu nennen, weil sie angeblich belgische Bauern zur Bebauung der deutschen Felder nach Deutschland geschleppt hätten, trat Mitte September auch der Genueser Gynäkologe Professor Bossi auf den Plan. Bossi, der eS offenbar nicht verwinden kann, daß die deutsche Wissenschaft ihn ignoriert, erläßt einen offenen Brief an die Professoren der Univer sität Leipzig, indem er in drolliger Weise über die deutschen Greuel herzieht und den Leipziger Professoren das Recht abspricht, im Namen der Zivilisation und Freiheit zu reden. Hiergegen erhob sich besonders der Kliniker der Uni versität Neapel, Professor Delmonte. Andere große Kliniker dagegen wie Guido Baecelli und Augusto Murri hielten es für geboten, auch weiterhin über Deutschland herzufallen. Beim Arztekongreß in Bologna sprach Professor Murri Ende Dezember über die sittliche Entartung" des deutschen Volkes und der deutschen Gelehrten, der gegenüber weitere Neutralität unmöglich sei. Merkwürdig ist nur,136 daß ausgerechnet Professor Murri uns Deutsche so ent artet" findet, dessen Kinder, daö Mörderpaar Tullio und Linda Murri, seinerzeit so wenig sittliche Vollkommen heit an den Tag legten. Die Beschießung der Kathedrale von Reims erhitzte die leicht entzündlichen italienischen Geister aufs äußerste. Die französische Regierung hatte gegen die Be schießung bei allen Mächten einen lebhaften Protest eingelegt. Ihre Beschwerde lautete: Ohne den Schein der militärischen Notwendigkeit anführen zu können, haben deutsche Truppen aus reiner Aerstörungssucht den Dom von Reims planmäßig heftig bombardiert. Augenblicklich ist die berühmte Hauptkirche eine Ruine. Es ist Pflicht der französischen Regierung, diese abscheuliche Tat des Vandalismus, der dadurch, daß ein Heiligtum unserer Geschichte dem Feuer übergeben wurde, die Menschheit eines unvergleichlichen künstlerischen Erbteils beraubte, der allgemeinen Entrüstung zu über geben. gez. Delcassß." Diese übertriebene und unwahre Behauptung wurde von den römischen Blättern an hervorragender Stelle nachgedruckt. Die römischen Künstler richteten, ohne die Tatsachen näher zu untersuchen, schwere Beschimpfungen gegen die deutsche Barbarei". Dies tat namentlich der städtische Beigeordnete für Kunstangelegenheiten Bild hauer Apolloni, der, so oft der Kaiser nach Rom kam, sich in Katzbuckeln vor ihm nicht genug tun konnte. Klüger und würdiger verhielt sich dagegen die römische Kunstakademie di San Lnca. Sie richtete an die königliche Akademie der Künste in Berlin ein Telegramm, in dem sie Aufklärung über die Beschädigung der Kathedrale von Reims erbat. Das Tele gramm hat in deutscher Übersetzung folgenden Wortlaut: Die Akademie von San Luca ist lebhaft bewegt von der Meldung vom Brande der Kathedrale in Reims und hofft, daß die Nachricht nicht wahr sei. Sie spricht jeden falls die Hoffnung aus, daß jede etwaige Beschädigung137 einzig einer schmerzlichen, unerwarteten kriegerischen Even tualität zuzuschreiben ist, und bittet die kaiserliche Akademie von Berlin um eine gütige Auskunft über das Wesen des Schadens. Für den Präsidenten: Aristide Sartorio. Darauf ist, am 23. Sept. von der königlichen Aka demie der Künste folgendes Antworttelegramm abgesandt worden Accademia di San Luca, Rom. Wir sind erstaunt und tiefbetrübt, daß man in befreundetem Lande allen Verleumdungen unserer Feinde über deutsche Barbareien gegen Kunstwerke Glau ben schenkt. Remis ist Festung und liegt in der Kampf front der Franzosen. Gegenüber der Behauptung der Franzosen, daß die Beschießung der Kathedrale von Reims keine militärische Notwendigkeit gewesen sei, stellt das Hauptquartier Folgendes fest: Großes Hauptquartier, 22. September, abends. Die französische Regierung hat behauptet, daß die Beschießung der Kathedrale von Reims keine militärische Notwendigkeit gewesen sei. Demgegenüber sei folgendes festgestellt: Nachdem die Franzosen die Stadt Reims durch starke Ver schanzungen zum Hauptstützpunkt ihrer Ver teidigung gemacht hatten, zwangen sie selbst uns zum Angriff auf die Stadt mit allen zur Durchführung nötigen Mitteln. Die Kathedrale sollte auf Anordnung des deut schen Armeeoberkommandos geschont werden, so lange der Feind sie nicht zu seinen Gunsten ausnutzte. Seit dem 20. September wurde auf der Kathedrale die weiße Fahne gezeigt und von uns geachtet. Trotzdem konnten wir auf dem Turm einen Beobachtungsposten fest stellen, der die gute Wirkung der feindlichen Artillerie gegen unsere angreifende Infanterie erklärte. Es war nötig, ihn zu beseitigen. Dies geschah durch Schrap nellfeuer der Feldartillerie; das Feuer schwerer Artillerie wurde auch jetzt noch nicht gestattet und das Feuer ein gestellt, nachdem der Posten beseitigt war.138 Wie wir beobachten können, stehen Türme und Außeres der Kathedrale unzerstört. Der Dachstuhl ist in Flammen aufgegangen. Die angreifenden Truppen sind also nur soweit gegangen, wie sie unbedingt gehen mußten. Die Verantwortung trägt der Feind, der ein ehrwürdiges Bauwerk unter dem Schutz der weißen Flagge zu mißbrauchen versuchte. Die Bekanntmachung des Hauptquartiers bestätigen die ,1imes durch folgende Meldung: .Amsterdam, 22. Sep tember. Die Franzosen haben die Beschießung der Stadt Reims und der Kathedrale selbst verschuldet, weil sie ihre Artillerie in der Stadt aufgestellt und von dort die deutschen Stellungen beschossen haben. Fran zösische Soldaten lagerten in den Straßen ; in der Haupt straße befand sich ein Artilleriepark, dahinter lag die In fanterie Von einer ernsthaften Zerstörung der Kathedrale, die auch wir aufs lebhafteste bedauern würden, kann keine Rede sein. In Louvain sind laut amtlicher Feststellung alle künstlerisch bedeuten den Bauwerke erhalten. Das Rathaus ist durch unsere Soldaten mit eigener Lebensgefahr unter dem Schießen der feindlichen Bevölkerung gerettet. Wir danken der Accademia di San Luea, daß sie bemüht ist, die Wahrheit zu erfahren. Akademie der Künste. Monzel." Trotzdem wurde weiter protestiert. In dem römischen internationalen Künstlerverein (^8soeig.?ione ^rtistiea Internationale) fand am 26. Sep tember eine Protestversammlung gegen die Beschießung der Kathedrale in Reims statt. Nach einem der Nord deutschen Allgemeinen Zeitung" vorliegenden Bericht soll der Vorsitzende, Architekt Banzzani einleitend erklärt haben, eS sei unmöglich, nicht gegen die Zerstörung von Löwen, Mecheln und Reims zu protestieren. Zahlreiche Zu stimmungserklärungen wurden verlesen, ebenso wurde ein würdiger Gegenprotest der in Rom lebenden deutschen Gelehrten und Künstler zur Kenntnis ge bracht. Das Ergebnis der Diskussion, in der auch zum Ab warten mahnende Stimmen sich vernehmen ließen, war139 die Annahme einer Tagesordnung, in der gesagt wird, der Schutz, der dem Roten Kreuz gewährt wird, werde von internationalen Abmachungen auch den Kunst denkmälern zugebilligt. Man protestiere gegen die Be schießung gotischer Baukunstwerke und appeliere nicht nur an neutrale Mächte, sondern auch an Deutschland, damit es diese Monumente respektiert, die nicht einem Volk, sondern der ganzen Menschheit ange hören. Hierzu nahmen die in Rom ansässigen deutschen Künstler energisch Stellung. Die Vorstände des deutschen Archäo logischen Institutes, des Preußischen historischen Institutes, des deutschen Künstlervereins, der Hertziana", des deutschen Campo Santo und der deutschen Akademie in Villa Massimi" erließen einen öffentlichen Protest gegen den Verleumdungsfeldzug gegen das deutsche Heer. Sie weisen darin die Anschuldigungen von italienischen Künstlern und Gelehrten wegen der angeblichen Zerstörung der Kathe drale von Reims entschieden zurück: Deutschland ist in der Pflege der Künste und Wissen schaften nicht minder eifrig und gewissenhaft als andere Kulturländer. Es hat sich keiner vandalischen Tat schuldig gemacht, denn es verabscheut solche. Wir apellieren an den gesunden Sinn der italienischen Kollegen und bitten sie, ihre Urteile über diesen Krieg dem Tage vorzubehalten, an dem eine ernste Prüfung der einzelnen Ereignisse möglich sein wird." Einzelne deutsche Künstler gaben ihre Demission ein; so schrieb Professor Eberh. Ege an den Vorsitzenden des Vereins folgenden Brief am 26.Sep- tember: Künstlerseele und Gefühl des Deutschen empören sich in mir gegen die vandalistische Taktik der Franzosen, Monumente von Weltbedeutung der unvermeidlichen Be schädigung und Zerstörung auszusetzen. Mit dem ernsthaften Proteste von Domenico Gnoti erwarte ich die sichere Be stätigung der Verantwortung. Meine Lage als Gast Italiens140 zwingt mich, meine Demission zu geben, als Antwort auf den Brief Colosantis." Eine Meldung, daß sich auch der Musiker Nuggiero Leoncavallo dem römischen Protest gegen den deutschen Wandalismus" angeschlossen habe, wurde später widerrufen. Dieser selbst schrieb nach der Voss. Zeitung" an eine Dame der Berliner Gesellschaft hierüber: Viareggio, Mitte Oktober 1914. Gnädige Frau und liebenswürdige Freundin! Ich erhebe nachdrücklich gegen die Meldungen verschiedener deutscher Zeitungen Einspruch, wonach ich mich im rö mischen Künstlerverein bei einer Verhandlung über die Reimser Kathedrale gehässig und undankbar gegen Deutschland gezeigt haben soll. Die Tagesordnung des Protestes, der die Empfindlichkeit der Deutschen er regen konnte, wurde in einer Versammlung angenommen, die der römische Künstlerverein zur Verhandlung über die Vorgänge in Reims einberufen hatte. Ich habe mich keines wegs an ihr beteiligt, sondern meine Abwesenheit entschul digen lassen. Es ist mir also gar nicht möglich gewesen, auf die Form der Tagesordnung einzuwirken, und ich kann keine Verantwortung dafür übernehmen. Ebensowenig konnte ich, da ich der Versammlung ferngeblieben, meine eigene Meinung über die aufgeworfene Frage kund tun. Ich wehre mich somit gegen die Unterschiebung einer feindlichen Gesinnung, wovon die Zeitun gen gesprochen haben , ein Vorgehen, das mich aufs höchste erbittert hat. Ich hoffe, daß diese auf richtige und ehrliche Darlegung jedes Mißverständnis zerstreuen wird. In vollster Ehrerbietung bitte ich Sie, dies öffentlich bekanntzugeben und sende Ihnen die besten Grüße. Ihr ergebenster Leoncavallo." Au den italienischen Komponisten, die gegen Deutsch land Stellung genommen haben, war auch Giacomo Puccini gezählt worden. Nach einem Schreiben, das er an denSchrift- führer des Deutschen Bühnenvereins", Rechtsanwalt141 Artur Wolff, gerichtet hat, aber zu Unrecht. Der Brief hat folgenden Inhalt: Milano, 21. Dezember 1914. Sehr geehrter Herr Wolff! Soeben erfahre ich von meinem Verleger, Herrn Ricordi, daß Sie mich zu jenen zahlen, welche gegen Deutsch land Stellung genommen haben. Es ist mir angenehm, Ihnen im Gegenteil zu erklären, daß ich mich stets von jeder Kundgebung gegen ihr Land enthalten habe. Mit Hochachtung gez. Giacomo Puccini." Ahnlich verteidigt sich Pietro Mascagni in einem Schreiben an seinen in Kassel lebenden Lands mann Vincenzo Murzilli, der ihn um Aufklärung über die Verdächtigungen gebeten hatte, von denen deutsche Zei tungen auf Grund französischer und englischer Meldungen berichteten: Ardenza-Livorno, den 16. Januar 1915. Ich erhalte hier in Livorno Ihren Brief vom 4. d. M. und bin erstaunt über das, was Sie mir sagen. In meinem ganzen Leben habe ich mich weder um Politik noch mit öffentlichen Angelegenheiten befaßt, und habe mich immer auf meine Kunst konzentriert, die mich vollständig in Anspruch nimmt. Ich habe nie daran ge dacht, Propaganda gegen die ausländische Kunst zu machen, und habe seit vielen Jahren keine Konferenz veranstaltet. Als ich von dem Präsidium der Volkshoch schule (Vniversitö, ?opolare) meiner Stadt (Livorno) ein geladen wurde, habe ich über Gioachimo Rossini gesprochen und naturgemäß die Größe dieses unsterblichen Meisters gefeiert. Das ist alles, und mehr habe ich nicht zu sagen, weil ich kein Verlangen fühle, mich gegen lächerliche An griffe zu verteidigen, die mich nicht berühren können. Meine ganze künstlerische Laufbahn ist ein feierlicher Beweis meines Gewissens und meines künstlerischenVerständnisses.." Man muß sich also hüten, auf die gegnerischen Lügen meldungen hin, deren Zweck durchsichtig genug ist, neutrale und wohlwollende Künstler zu verdächtigen.142 Um so schlimmer wüteten andere; nach einer Meldung des Verl. Tageblattes" vom 24. Sept. hat der römische Professor Aristide Sartorio der sich im Namen der Akademie von San Luca nach Ber lin um Auskunft gewandt hatte, anscheinend die Antwort von dort nicht abgewartet, sondern fühlt sich schon am 23. September berufen, sich ohne nähere Prüfung an der Hetze gegen Deutschland zu beteiligen. Dieser Künstler, der lange Jahre Professor an der Kunstschule in Weimar gewesen und gerade Deutschland viel zu verdanken hat, erklärt in einem offenen Briefe kaltblütig, er wisse aus eigener Erfahrung, daß das deutsche Gesetz den Deut schen den Diebstahl gestattet, wenn derselbe im Auslande verübt ist(!). Er wundere sich also nicht, wenn im Kriege diese edle Nation das Beispiel Geiserichs und Tanierlans überbiete! Die Zerstörung" der Stadt Reims, sagt er, sei eine der Ruhmestaten, um die die Lateiner das weiseDeutschland niemals beneiden werden. Auch der Historiker Guglielmo Ferrero hat sich den öffentlichen Protesten in wenig liebenswürdiger Form angeschlossen. Dem Herrn Sartorio erteilte der Direktor der Wei marer Kunstschule, Professor Fritz Mackensen noch eine besondere Abfertigung, indem er einzelnes über seine Weimarer Vergangenheit veröffentlichte: Dieser Herr wurde unter der Direktion des Grafen Görtz aus eigener Initiative des Großherzogs Carl Ale- rander an die damalige Kunstschule in Weimar berufen. Herr Prof. Sartorio hat das Vertrauen des Großherzogs aufs gröblichste mißbraucht, indem er ohne Kündi gung und ohne jede Entschuldigung nach kurzer Jeit sein Amt im Stich ließ, also kontraktbrüchig wurde. Die frechen Äußerungen über deutsches Wesen sehen ihm ganz ähnlich. Dieser .Ehrenmann ist wirklich nicht ernst zu nehmen, denn deutsche Treue kennt er nicht." Weiter wird dem Verl. Tageblatt" aus Rom am 26. September gemeldet:143 Unter all den Entrüstungsadressen aus Dichter- und Künstlerkreisen, welche die Gazetta di Popolo" wegen der Kathedrale von Reims veröffentlicht, figuriert auch eine Depesche des Dramatikers Antonio Traversi, der die Hoffnung ausspricht, recht bald in Berlin mit Fran zosen, Russen und Engländern zusammenzutref fen. Darauf sandten die hiesigen deutschen Korrespon denten heute dem begeisterten Dichtersmann folgende Depesche: Wir haben mit Vergnügen von Ihren Reise plänen gehört, glauben jedoch, daß Euer Hochwohlgeboren sich etwas beeilen müssen, da Sie in Berlin bereits von dreihunderttausend Russen, Franzosen und Englän dern erwartet werden. Gruß und gute Reise!" Ms ein wütender Deutschenhasser zeigte sich der itali enische Dichter Gabriele d Annunzio der seit Jahren in freiwilliger Verbannung in Frankreich lebt (er ist bekanntlich vor seinen italienischen Gläubigern nach Paris entflohen), und auf der Jagd nach großen Bil dern mit einer mächtigen Schreibtafel und goldenem Stifte bewaffnet die Metropole durchzog, wobei ihm dasPech wider fuhr, als deutscher Spion verhaftet zu werden. Er er wirkte sich die Erlaubnis zum Besuch der Schlachtfelder an der Marne und der Aisne, um ein Werk über den Krieg zu schreiben. Der Vorläufer dieses Werkes ist bereits er schienen in der Gestalt eines der Welt natürlich sofort bekanntgegebenen fünf Zeilen langen Briefes an einen Freund, in dem er von den Mitleid erweckenden und schrecklichen Dingen spricht, die er gesehen habe und die er vergessen möchte, um nicht Gewissensbisse zu haben, wenn er sich behaglich im gewohnten Bett streckt". Im ^i^aro" veröffentlichte er eine Ode auf die lateinische Auferstehung", worin er in elf Strophen, jede zu 21 Versen, seine politischen Ansichten und seine Kriegsbegeisterung ausströmt. Natürlich ist er ganz für den Krieg und er ruft sein italienisches Vaterland auf, im Bunde mit Frankreich in den Kampf zu ziehen. Au seinem Pech haben inzwischen die deutschen Kriegstaten auf die feurigen Bilder, die er entrollt, einige Schatten geworfen.144 Da stellt er z. B. Italien vor, daß die Schwester Frankreich sich dicht an der Sonne halte, daß sie ihr purpurnes Kriegs kleid angezogen und an ihre nackten Füße Flügel gebunden habe. Er beschließt sein Gedicht mit der Hoffnung: Die schönsten Morgenröten sind noch nicht geboren." Weiterhin veröffentlichte d Annunzio im Journal" am 30. September einen Aufruf An die Italiener ein Italiener, in dem er an die früheren Kämpfe mit Oster reich anknüpfend mit scharfen Worten die Unentschlossen- heit der italienischen Negierung geißelt und den Vertrag, der Italien an die Aentralmächte knüpft, für nichtig er klärt. Abgeschafft ist die ungeheuerliche Lüge, die zu lange gedauert." Und hingerissen von seinem polemischen Eifer behauptet er, daß ein Vertrag nur vor einer Seele Geltung hat und daß es eine österreichische Seele nicht gibt: Sie wird sogar von den Professoren von Berlin ab erkannt. Sie ist vom Kaiser verneint worden. Meine Völker sind einander fremd. Um so besser. Sie können nicht ein mal gleichzeitig erkranken. Wenn in Frankreich das Fieber kommt, ergreift es alle, am selben Tage. Ich setze Ungarn nach Italien Italiener nach Ungarn: Jeder redet über den Nachbarn Sie verstehen sich nicht und sind sich zum Ab scheu. Aus ihren Antipathien entsteht die Ordnung und aus ihrem gegenseitigen Haß der allgemeine Friede. Und der Graf Taaffe sagte auch: Damit Osterreich gut regiert werde ist es notwendig, daß keines zufrieden sei. Oster reich hat also keine Seele. Es ist nur vom Asthma seiner altersschwachen Monarchie aufrecht gehalten. Sein Geier mit den zwei Schnäbeln kann keine Luft bekommen und röchelt bereits. Aber die Verteilung seiner Federn und seiner Knochen oder seiner Eingeweide könnte uns sehr angenehm erscheinen, wenn sie mit feuchtlosen Augen das verzerrte Antlitz der Welt betrachteten, um uns dann den Anblick der neuen Umwandlungen zu gönnen. Für Italien handelt es sich nicht allein darum, mit der Gesundheit seiner linken Lunge den vollen Atem zu erlangen. Für Italien, wie für Frankreich, wie für unsere fernen Brüder des trojanischen Dacien, wie für jede Nation mittelländischer Kultur handelt es sich darum, einen äußersten145 Kampf zu fechten gegen die nahe Gefahr der Sklaverei und Ausrottung. Dieser Krieg ist nicht ein bloßer Konflikt von Interessen, die vorübergehend, schwankend oder ein gebildet sein können Er ist ein Kampf der Rassen, ein Gegensatz unversöhnbarer Gewalten, eine Probe des Blutes, den die Feinde des lateinischen Namens gemäß den ältesten Gesetzen des Schwertes führen." Der Aufruf fährt mit einer heftigen Kritik gegen die Deutschen fort, welche so schließt: Sie scheinen nach Triest zu verlangen, welches das adriatische Meer in ihren Besitz bringen würde, das Mittel meer und seine südlichen Küsten bis zu den Säulen, welche der dantische Ulysses durchritt, der Sirene seiner uner müdlichen Seele folgend. So liegt das Schicksal der Habs burger vielleicht schon im Plane der Hohenzollern. Die Küste des adriatischen Meeres würde ein Reichslan! unter der Herrschaft eines Statthalters im Spitzhelm werden und würde als Basis für die deutsche Meerherrschaft im Mittelmeer dienen. Das ist kein leerer kaiserlicher Traum, sondern der wohlerwogene Wille einer Rasse, die im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen, den Menschenstoff nach ihrem Bilde formen möchte." Und hier, in Abkürzung, der Schluß des Aufrufs: Wenn Italien die Grenzen des römischen Jstrien überschreiten wird und auf den Wegen gehen wird, welche die Veteranen von Marmont vorgezeichnet, wird an allen Toren der dalmatischen Städte das geschlossene Buch des Evangeliums unter der Pranke des Löwen sich wieder öffnen. Und wenn es seine Stunde beschleunigt, so wird es Perasto wiedersehen im Grunde seiner kleeblattförmigen Buchten, die im senkrechten Felsen geklüftet sind, Perasto rot und weiß um seinen venezianischen Glockenturm, und unter seinem Altare wird es das Banner des heiligen Markus wiederfinden, das die Getreuen unter Tränen dort, als die Republik fiel, verbargen, damit es den neuen Tag er warte " Gegen diesen Fanatismus des Hasses, veröffentlicht der Schweizer Schriftsteller, vr. Gustav Schneeli Der Krieg der Geister. 10146 der Verdeutscher von d Annunzios Sebastionsmysterium, einen Protest in der Neuen Zürcher Zeitung" in folgen dem offenen Bcief: Als Ugo d Este, vom Blutdampf und Gemetzel be rauscht, nach Parisina, der jungen Frau seines Vaters, begehrlich die Hände reckt, lassen Sie sie die beschwörende und flehende Bitte an ihn richten: Ach, Wahnsinn und Vernichtung, Unser Tod! Der Feind ist über uns Und hat von seinen Tränken Den unerbittlichsten gewählt, Das Blut gewählt, uns zu berauschen. Und sie will ihn abhalten von der verderbenbringenden Liebe. Heute schreibe ich diese Ihre Worte hierher, um Sie zurückzuhalten von verderbenbringendem Haß- Ich ver stehe wohl, verehrter Meister, daß Sie, der wie kein Aweiter den Rausch des Blutes erfaßt und besungen hat, nun am eigenen Leibe diesen Rausch erfahren. Und deshalb haben Sie in einer französischen Zeitung Ihre italienischen Brüder zum Kampf gerufen gegen Osterreich, das Sie als den Erz feind ansehen. Das ist eine Angelegenheit, die nur Sie und Italien angeht, nicht uns. Eines aber geht uns alle an, die wir gute Europäer sind und bleiben wollen, die wir Ihren Geist lieben und verehren: das nämlich, daß Sie einen Rassenkrieg im größten Stil predigen und das deutsche Ele ment in der europäischen Kultur als eine Gefahr für Eu ropa hinstellen. Wie mächtig muß der Taumel der Feind schaft und des Fanatismus in Ihrer Umgebung sein, wenn Sie heute derart Ihre eigene Entwicklung und Vergangen heit verleugnen und Ihr klares lateinisches Auge vom Nebel des Hasses trüben lassen. Aber Parisina sagt: Begehe nicht die fürchterliche Sünde und sei nicht blind! Ich weiß, Frankreich ist Ihre zweite Heimat geworden, und wenn Sie heute seine Sache zur Ihrigen machen, so erfüllen Sie vielleicht nur die natürliche Pflicht der Freund schaft und Dankbarkeit, die wir alle Frankreich zollen, da wir wissen, was wir ihm und seiner Kultur schuldig geworden sind. Dieser Akt der Dankbarkeit Ihrerseits verdient unsere Achtung, und Sie beschämen jedenfalls dadurch andere147 Künstler neutraler Nationen, welche, obwohl sie gerade deutscher Initiative viel verdanken, nun sich in Protesten gegen den deutschen Geist auslassen. Man argumentiert immer mit Reims, obgleich wir ja bereits alle wissen, daß Frankreich sein schönstes Heiligtum strategischen Notwen digkeiten hat opfem müssen. Dürfen wir nicht annehmen, daß diese Notwendigkeiten Franzosen wie Deutsche gleich sehr geschmerzt haben? Denn nicht die Deutschen und nicht die Franzosen haben Reims verwüstet, sondern der Krieg. Und obschon wir dies wissen, sollten wir durch feindliches Wehgeschrei den Haß noch weiter schüren? Wenn dadurch wenigstens etwas wieder aufgebaut würde! Aber weit davon entfernt, würden wir im Gegenteil an einem viel größeren Werke der Zerstörung mitwirken, an der unheil baren Verhetzung derjenigen Völker Europas, die von Got tes Gnaden sind und zusammengehören. Haben wir da nicht heiligere Pflichten als hinüber und herüber Barbaren" zu rufen? Warum fürchten Sie soviel für die mittelländische Kultur von seiten Deutschlands, als sollte es diese ausrotten und wäre, wo es sich doch in hartem Kampfe nur seiner Haut wehrt, eben dabei, die ganze Welt zu verschlingen? Wir wissen doch, daß Deutschland nichts von Frankreich gewollt hat, und daß dieses heute noch in Frieden leben könnte, wenn es die Neutralität hätte bewahren wollen. Oder fürchten Sie die friedliche Eroberung der Welt durch den deutschen Geist? Läßt sich denn das wieder rück gängig machen, was der deutsche Geist bereits erobert hat? Sie selber kennen und ehren diesen Geist besser als die meisten Lateiner. Muß ich Sie an das erinnern, was Sie über Wag ner geschrieben haben, oder soll ich Sie an die vielen Stun den erinnem, wo Sie sich willig Beethoven und Joh. Seb. Bach hingegeben haben und von ihnen ganz unterjocht worden sind? Oder an Nietzsche, von dessen Geist Sie so durchdrungen sind, daß Ihre Einleitung zur Betrachtung des Todes in meiner Verdeutschung wie ein Sang aus Aarathustra klingt? Wollen Sie sich von dem allen befreien und in Zukunft ohne Beethoven und Bach, ohne Goethe und Kant und ohne Nietzsche und Thomas a Kempis leben? ,o 148 Sie könnten es nicht, auch wenn Sie wollten; denn diese leben in Ihnen und Sie müßten Ihre halbe Seele heraus reißen, uni sie los zu werden. Und so leben die Deutschen auch von Dante und Petrarca und werden Moliöre und viele anderer Ihrer Rasse nicht missen wollen. Kürzlich erst hat sich in Deutsch land eine Dante-Gesellschaft gebildet. Aber Sie wissen ja selber, wie sehr man in Deutschland bemüht ist, fremdem Geiste gerecht zu werden. So sehr, daß das Literarische Echo" heute noch die neueste französische Literatur bespricht, als wären wir mitten im Frieden. Sie wissen, daß alle fremden Literaturen von Bedeutung in Deutschland mit Begeisterung aufgenommen werden und schönere Ausgaben erleben als in ihren Heimatlandern, daß französische Au toren auf Französisch in deutschen Pressen gedruckt werden, daß z. B. Verhaeren teilweise in Deutschland früher er- ! schienen ist als in seiner Heimat, und Stücke von Shaw in Berlin eher gespielt wurden als in London, daß moderne französische Kunstwerke in Deutschland höhere Preise er zielt haben als selbst in Frankreich. Und Sie wissen, daß man in Deutschland Ihren lateinischen Genius geschätzt hat, und daß eines Ihrer Dramen in Deutschland eine Auf führung im allergrößten Stile zu erleben daran war. Ist Ihnen dies alles immer verhaßt und verderblich erschienen? Was also fürchten Sie so sehr für die lateinische Welt, daß Sie von der Sklaverei und Ausrottung aller mittel ländischen Kultur sprechen? Meinen Sie vielleicht gar nicht den deutschen Geist, dessen Apostel Sie bisher gewesen sind, sondern nur den deutschen Militarismus"? Als wäre dieser Militarismus heute noch eine deutsche Speziali- I tät! Laufen sich nicht alle Länder heute darin den Rang ab? Sind nicht gerade die Lateiner von jeher hervorragende Krieger gewesen? Oder glauben Sie vielleicht an Ab rüstung, wenn Deutschland besiegt wird? Jetzt, wo Asien die Waffen tragt? Und glauben Sie wirklich auch heute nach gewissen Dokumentenfunden noch, daß Deutschland auf Eroberungen durch die Waffen ausgehe und nicht nur zu seinem Schutz die Waffen ergriffen hat? Oder fürchten149 Sie für die lateinische Welt den Sieg des deutschen Geistes der Ordnung, der sich heute so nützlich erweist? Aber vielleicht gründet sich Ihre Besorgnis auf die Kenntnis jenes Typus deutschen Mittelstandes, der hier und da Ihr Land überschwemmt und den Sie schon in Friedenszeiten für barbarisch erachtet haben. Ich meine den mit den Schmissen, den, der überall laut erzahlt, daß nichts neben Deutschland bestehen kann? Er entspricht einer Klasse, die in anderen Landern zu Hause bleibt, und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß er in der jüngeren Generation allmählich ausstirbt. Das deutsche Volk fängt an auch die Bedeutung der Imponderabilien einzuschätzen, und die Lehren dieses Krieges werden die Augen noch mehr geöffnet haben. Ich weiß, der Fanatismus ist in der Welt derartig emporgelodert, daß selbst die klarsten Augen geblendet worden sind. Warum sind Sie nicht nach Deutschland ge gangen, um es zu studieren, ehe Sie zum Kampfe riefen? Sie hätten sich dann wie ich überzeugt, daß Deutschland nicht fanatisch ist, sondern ernst. Und darin liegt vielleicht seine Stärke. Sie hätten dann vielleicht verlernt, es in der Weise zu fürchten, wie Sie es jetzt zu fürchten scheinen. Und statt zu den Waffen zu rufen, hätten Sie sich am Werk des Friedens beteiligt, das uns allen allein Rettung bringen kann. Denn Sie wären wie wenige berufen, die Gegensätze zu verbinden und die Solidarität der westeuropäischen Völker zu vertreten. Wir sind beide keine Deutschen. Aber wir schulden dem deutschen Geist viel und können nicht leugnen, daß wir ohne ihn um vieles ärmer geblieben wären. Der Krieg ist furchtbar. Aber viel furchtbarer als der Krieg ist der Fanatismus; denn er verheert selbst Gebiete, wo der Krieg nicht hinkommt. Hüten wir uns vor ihm; er ist von jeher die größte Geißel der Menschheit gewesen. Deshalb habe ich heute nur eine Angst, die jeden Tag wächst, wenn ich sehe, wie die Flamme von Haß und Fanatismus immer höher schlägt, die Angst, daß sich die Völker Europas, die Blüte unserer Rassen, immer mehr aus dem Gesicht verlieren und den Anschluß und die Verständigung nicht1S0 mehr finden werden, daß sie alle Brücken abbrechen und niederbrennen, in deren Bestehen das einzige Heil ruht, hüben wie drüben. Verehrter Meister, sollten wir, die wir nicht berufen sind, in diesem Kriege Waffen zu tragen, die wir in der Kunst leben und wissen, daß wir alle Kinder einer Mutter sind, und daß sich das, was europäisches Gesamtvermögen ge worden ist und bleiben muß, nicht mehr nach Nationen auseinanderreißen läßt. sollten nun auch wir noch Brand stifter werden? Nein, bleiben wir vielmehr an den Brücken pfeilern stehen und wehren dem Abbruch und rufen uns von Aeit zu Zeit, durch den Lärm und das Kriegsgeschrei hindurch ein Wort des Erkennens zu, das Kraft haben möge, weiter zu klingen bis in die Zukunft." Der nahende Winter übte auf das Kriegsfieber eine abkühlende Wirkung aus. Selbst die Kriegspropagan disten begannen sich dahin zu äußern, daß man mit einer Kampagne gegen Osterreich bis zum Frühjahr warten solle. Der Asttino" geißelt am 17. Oktober, daß sowohl das Skalatheater in Mailand als San Carlo in Neapel aus schwächlicher Rücksicht auf die Jämmerlichkeit des Publikums" den für die Opernsaison bereits angesetzten Parsival" vom Spielplan gestrichen und statt dessen Opern von Saint-SaenS eingeschoben haben. An Stelle eines deutschen Genius setze man also ein französi sches Talent und begehe damit eine brutale Kränkung gegen eines der Wunderwerke eines genialen Schöpfer geistes. In Neapel gründe man die Exilierung WagnerS sogar mit der Furcht vor dem patriotischen Empfinden der Italiener. Auf dieselbe Weise werde man wohl auch Beethoven, Schumann, Bach aus Italien verbannen, wobei das Schönste sei, daß man in Berlin bei Wiederer öffnung der Theater vermutlich wie alljährlich die Tra- viata" und den Bajazzi" geben werde. Die Zeitung Lonoorüia" bezeichnete den von Diego Angeli im Liornsle ä Italia" lancierten Vorschlag, alle Werke deutscher Kunst künftig von den Konzerten, Theatern und vom Buchmarkt Italiens auszuschließen, als Wahn sinn. Die Boykottierung des geistigen Deutschlands wäre151 das Attentat eines Narren gegen eine Kultur, die mit der Griechenkultur der Perikles-Aeit wetteifere. Eine erhebende Ma hnung richtete der nach den Leipz. Neuest. Nachrichten" vom 23. Oktober 1914, der römische Philosophieprofessor Chiatelli an die italienischen Jünglinge, die nach Frankreich eilten, um dem fremden Land ihr Leben gegen Deutschland anzubieten, die Mahnung, der Pflichten gegen Italien und die italienische Neutralität eingedenk zu bleiben. Unedel sei es, die Waffen gegen ein Volk zu ergreifen, gegen das England und Frankreich die halbe Welt aufge boten haben. Die Jugend müsse anständiger sein wie die alten Götter, die es immer mit der Mehrzahl hielten. Kein edler Mensch werde den Heldenmut leugnen kön nen, mit dem das deutsche Volk diesen Kampf für Haus und Herd bisher geführt hat. Kein Opfer sei ihm zu groß, kein Feind zu mächtig: seine Zuversicht auf den Sieg sei so groß, wie die Liebe zur Heimat, die in seinem Herzen lodert. Ein Bild der damaligen Stimmung Italiens gibt Ende Oktober der mit ? gezeichnete Aufsatz Tauroggen" des Verl. Tageblattes" vom 2V. Okt. 1914: Der Mailänder Lorrierg, äella 8er " betreibt die Wühl arbeit gegen Deutschland, die Agitation, deren Absicht darauf gerichtet ist, das italienische Volk zum Kampf gegen Oster reich und dessen deutschen Verbündeten aufzuwiegeln, mit einem nicht geringen Maße an Klugheit und mit einem frei lich noch größeren Maße an Gewissenlosigkeit. Um den Schein einer gewissen Parteilosigkeit zu wahren, wodurch seiner Aufwiegelung der öffentlichen Meinung um so größeres Gewicht gegeben werden soll, veröffentlicht das Blatt mili tärische Artikel, in denen die Lage klar und mit einer ge wissen Unbefangenheit dargestellt wird, sowie Berichte vom französischen Kriegsschauplatz, in denen der sehr talentvolle Barzini das dort Erschaute in objektiver Art schildert, neben anderen, die von Haß gegen Deutschland durchtränkt sind. Wie eS mit der seelischen Disposition seiner Haupt-1S2 sächlichen Mitarbeiter bestellt ist davon geben die Äußerungen Ugo Ojettis Kunde, des einflußreichen, bis dahin auch hier geachteten Kunstkritikers des Lornere", der übrigens nicht im Lorriere", sondern in der Turiner 6el ?opolo" den Wahnwitz verkündete, die Kathedrale von Reims sei von den Deutschen in Brand gesetzt" aus Rache dafür, daß der Raub französischer Kunstwerke, für den Wilhelm Bode das Programm aufgestellt habe, durch den Rückzug des deutschen Heeres vereitelt worden sei. Auf eine entschiedene Gegenerklärung Bodes erwiderte Ojetti dann in der römischen Inbuna": Solche Absichten würden na türlich stets bestritten, aber bestanden hätten sie dennoch. Dieses Auftreten eines sonst zur Skepsis geneigten Schrift stellers, der seinerzeit offen gegen die nationalistische Pro paganda Stellung genommen hatte, läßt sich nur durch eine zeitweilige Störung des seelischen Gleichgewichtes oder durch den Wunsch erklären, den Instinkten einer erregten Menge zu schmeicheln. Weit klüger, als die plumpe und sinnlose Anschuldigung Ojettis ist die Art, in der sein Kollege G. A. Borgese die Aufstachelung der Leidenschaften zu betreiben sucht. Borgese erfreut sich gleichen Ansehens wie Ojetti, der Kunst schriftsteller, als ernsthafter literarischer Kritiker, dessen Stärke zumal in der Kenntnis deutschen Schrifttums be steht. Seine Besprechungen über deutsche literarische Vor gänge verrieten bisher nichts von nationaler Befangenheit, nichts von nationalistischer Feindseligkeit. Er sucht das Ver säumte nachzuholen. Während die Waffen dröhnen, schwei gen zwar nicht immer die Musen, aber es schweigt das Ge rede über deren wirkliche oder angebliche Eingebungen. Herr Borgese hat auch seinerseits mobil gemacht und nimmt irgend ein deutsches Buch zum Vorwande, um einen Auf satz unter dem Titel Tauroggen" zu veröffentlichen, der zu dem innerlich Boshaftesten gehört, was in dieser an solchen Erzeugnissen nicht eben armen Zeit gegen Deutsch land geschrieben ist, obwohl darin nur wenige böse Worte gegen Deutschland gesagt werden. Herr Borgese erzählt seinem Publikum die jedem Deut-153 schen völlig geläufige, seinen Lesern aber natürlich unbe kannte Geschichte der Konvention von Tauroggen. Daß die Einzelheiten der historischen Vorgänge nur wenigen in Italien vertraut sind, kann niemanden wundernehmen, und die Tatsachen werden von dem Verfasser jenes Aufsatzes in durchaus zutreffender Art berichtet. Er teilt mit, wie die Preußen zum Juge Napoleons gegen Rußland ein Hilfs korps von 20 öl)ö Mann stellten, wie Vorck ^ dessen Ober kommando den General Grawert ablöste und wie, nachdem die Große Armee" fast vernichtet war, Porck am 3t). De zember 1812 zu Tauroggen jenen Vertrag mit Rußland schloß, durch den zuerst die Neutralität seines Heeres er klärt wurde, der aber bald zur ruhmreichen Erhebung Preu ßens führte; er berichtet, wie der König, von der Bewegung fortgerissen, nach Breslau ging, wie der Vertrag von Tau roggen die einleitende Tat zum endgültigen Sturz des Kaisers gebildet habe, der, wenn nicht der Form, so der Sache nach, bei Leipzig entschieden wurde. Osterreich habe sich an Rußland und Preußen angeschlossen, als Metternich sah, welche Wendung die Völkergeschicke nehmen würden; kurz vor der Schlacht von Leipzig sei Bayern von Napoleon abgefallen, während der Schlacht seien sächsische und würt tembergische Abteilungen aus den Reihen des französischen Heeres zu den Verbündeten übergegangen. Jene in Tau roggen erklärte bewaffnete Neutralität" und deren Bruch zugunsten der wahren preußischen, deutschen Interessen habe den Ausgangspunkt all jener Ereignisse gebildet, die zur Wiederherstellung Preußens führten, die zur späteren Größe Deutschlands den Grundstein legten. Niemand wird gegen diese Sachdarstellung Einwen dungen erheben. Dann aber tritt ihr Zweck, die Absicht dieses Stückchen preußischen Geschichtsunterrichtes für italienische Leser, nur allzu deutlich hervor. Borgese fährt nämlich fort: Und dies ist das Heldengedicht? Eine Reihe von falschen Schwüren, von Verträgen, die hinterhaltigen Sinnes unterzeichnet wurden, von verschlagenen Machenschaften, von geheimen Abkommen mit dem Feinde, von Verrätereien jeder Art? Man geht mit Napoleon, solange er unbe-154 siegbar erscheint, man fällt ihn hinterrücks mit Dolchstößen an, da er bereits verwundet und ermüdet ist. Und das ist das Heldengedicht, das ist der Ruhm? ... Nun wohl, ja, das ist das Heldengedicht, das ist der Ruhm! Das ist das Heldengedicht, ist der Ruhm, weil die Preußen sich geschlagen, weil sie ihr Blut vergossen, weil sie gesiegt haben, und weil die Geschichte sich derer erinnert, die sich schlagen. Was be deutet Tauroggen, wenn nachher Leipzig kam? Tauroggen wäre ein Name voll Infamie, hätte Pork Napoleon ver raten, um Neutral zu bleiben. Es gab so viele Kleinmütige, die heulten: Wir bleiben neutral, wir bleiben neutral! Und vor nicht länger als einem Jahre verhöhnte sie Ger hart Hauptmann in seiner Erinnerungsallegorie zur Jahr hundertfeier. Aber York verriet, um sich zu schlagen, um sein Volk zu retten, und auch der Name Tauroggen wurde ein Name des Ruhmes... Der wahre Verräter ist nicht der, der einen Vertrag verletzt (auch in dem ganz besonderen Falle von 1813 nicht, damals als Napoleon in brutaler Art von Preußen verraten wurde, ohne daß Preußen sich auch nur die Mühe machte, einen Vorwand zu finden), sondern der wahre Verräter ist der, der nicht gemäß der Notwendig keiten des Augenblicks seinem Vaterlande dient. Ein Individuum kann, ja unter Umständen muß es sterben, um seiner Unterschrift Ehre zu machen, aber eine Nation hat vor allem die Pflicht zu leben und zu siegen. Die Größe und das Glück erwachsen ihr nicht aus den Verträgen, sondern aus der Tapferkeit. So dachten die Deutschen 1914, als sie, einen Vertrag verletzend, ihn ein Blatt Papier nann ten und sagten: Not kennt kein Gebot. Und 1814 krönten sie den Verräter von Tauroggen mit Ruhm... Die Deut schen haben stets bis zum Überdruß die .deutsche Treue gepriesen. Ein Preußenfresser, der sich an Tauroggen, an den Aufruf ,An mein Volk , an die Emser Depesche, an die hinterlistige Politik Bismarcks in bezug auf Rußland und Osterreich, an den Einmarsch in Belgien erinnert, wird behaupten, die deutsche Treue entspräche etwa der xraeoa ki6es. Ich hingegen sage: sie bedeutet Treue gegen die höchsten Interessen des deutschen Volkes. Und die .welsche Tücke , von der die Deutschen mindestens seit dem155 Cinquecento reden, von der sie 1914 und in der Folgezeit zu sprechen fortfahren werden? Sie bedeutet die Schlech tigkeit der lateinischen Völker, die an ihre eigene Ehre, an ihr eigenes Glück denken und dafür kämpfen, statt neutral zu bleiben oder sich für die Ehre Deutschlands, für das Glück der deutschen Nation zu schlagen." Die Absicht des Aufsatzes ist für jedermann so durch sichtig, daß sie keiner Erörterung bedarf. Der Hinweis auf Tauroggen soll dazu dienen, Italien zum Bruch der Neutralität, zum Bruch der Verträge aufzuregen. Beschäftigen wir uns zunächst kurz mit Belgien. Bor ges verschweigt, daß Deutschland, plötzlich vor einen Kampf um die nationale Existenz gestellt, Belgien jede Schonung anbot, wenn es den Durchmarsch deutscher Truppen ge stattete. Er verschweigt, baß, wenn Italien seine Neutrali tät bräche, es dies nicht in äußerster Not und Daseinsgefahr täte, sondern nur um irgendwelche Vergrößerung, irgend welche Vorteile zu erlangen. In diesem Punkte glauben wir, daß der gesunde Verstand des einsichtsvolleren Teiles seiner Leser ihn ohne weiteres zu kontrollieren, zu berich tigen vermag. Anders in bezug auf den unausgesprochenen Vergleich zwischen der Lage Preußens zur Zeit des Vertrages von Tauroggen und der Italiens von heute. Von den 35 Millionen Italienern ist kaum einer unter hunderttausend imstande, jene auf Täuschung berechnete Darstellung zu entwirren, und hierauf eben rechnet der späte Enkel Ma- chiavelliS. Wie er nicht von der Not spricht, aus der die Verletzung der Neutralität Belgiens hervorging, so erwähnt er kein Wort von den inneren Motiven, aus denen der Vertrag von Tauroggen geboren ward. Müssen wir sie andeuten? Preußen war 1806 zu Boden geworfen, das Volk Fried richs des Großen war zum willenlosen Vasallen Bona- parteS herabgesunken, in seinen Festungen lagen französische Besatzungen, jede freie Bewegung war gehemmt, mit ein paar Federstrichen konnte der Kaiser den Rest von Preußens Scheinselbständigkeit vernichten; zur Stellung des Hilfs korps gegen Rußland war das Land wider seinen Willen156 gezwungen worden. Als die Gewaltherrschaft den ersten schweren Stoß erlitten hatte, schloß Vorck unter Einsatz seines Kopfes jenen kühnen Vertrag, der die Befreiung seines Vaterlandes von unerträglichem Joch einleitete. Das war der Bruch des Bündnisses, das war der Akt der Felonie. Herr Borgese weiß es, aber er will es nicht wissen. Wie steht eS mit dem Bunde zwischen Italien und Deutschland, dessen Bruch er als eine national notwendige, als eine ruhmwürdige Tat anrät und preist? Francesco Crispi begab sich vor jetzt fast 32 Jahren zum Fürsten Bismarck nach Varzin. Italien sah seit der Besitz nahme von Tunis durch Frankreich in diesem seinen Feind, gegen den es nur bei Deutschland Beistand finden konnte. ! FürstBismarck erklärte dem bedeutenden italienischenStaatS- manne, das gewünschte Verhältnis könne nur dann ein treten, wenn sich Italien dem zwischen Deutschland und Osterreich bestehenden Bunde hinzugeselle. So wurde die ! Triple-Alliance, wie man sie lange nannte, Anfang 1883 geschlossen, und wieder und wieder ward der Dreibund, zuletzt geraume Aeit vor seinem Ablauf, erneut. Italien wurde durch ihn vor drohenden Vergewaltigungen geschützt, genoß in Europa ungestörten Frieden, blühte wirtschaftlich auf. Wenn eö heute daran denken kann, große europäische Politik zu treiben, so ist dies lediglich eine Wirkung des Dreibundes. Den Staatsmännern des Landes ist das, was wir ausführen, völlig vertraut, während Herr Borgese und die gleich ihm Gesinnten das Volk demagogisch auf zureizen suchen. Man hat gegen den Dreibund in Italien laut und häufig den Vorwurf erhoben, er zwinge das Land zu kostspieligen Rüstungen. Gerade Herr Borgese und die gleich ihm Gesinnten werden heute bedauern, daß diese Rüstungen nicht noch umfangreicher waren. Italienische Festungen sind, soweit wir wissen, von Deutschland nicht besetzt gewesen, eine Vergewaltigung des Landes ist nicht erfolgt. Wo also bleibt die Analogie mit Tauroggen, auf Grund deren versucht wird, dem italienischen Volk den Vertragsbruch als eine nationale, eine sittliche Pflicht an zupreisen? Herr Borgese hat die geschichtliche Wahrheit gefälscht,157 nicht in unbedeutenden Einzelheiten, sondern im innersten Kern und Sinn der Tatsachen. Der literarische Kntiker sinkt zum Advokaten voll täuschender Dialektik und Winkel zügen herab, der Kenner deutscher Literatur wird ein haß erfüllter Sophist, der es unternimmt, seinem Volk durch Scheingründe eine Politik der äußeren und inneren Jm- moralität mundgerecht zu machen". Doch trat mit der Zeit ein immer stärkerer Umschwung zu Gunsten Deutschlands hervor, der sich auch in dem Ar tikel Luciano Zuccoli s in der Florentiner Zeitschrift Mr^oeoo" vom 25.Okt. 1914 ausspricht. Der Verfasser tut zunächst dar, daß die gebildeten Klassen Italiens heute über die Dinge ganz anders urteilen, als in den ersten Wochen des Krieges, wo sie unter dem falschen Eindruck des inter nationalen Lügenfeldzuges standen. Heute verfangen die Lügen nicht mehr. Das Publikum sei kritisch geworden und wisse, was die Anklagen der Barbarei" usw. auf sich haben. Er fährt fort: Es läßt sich nicht leugnen, daß die Geschichte dieser drei Monate für Deutschland ausgezeichnet ist. Kein Feind hat deutsches Gebiet inne, dagegen hat Deutschland Bel gien okkupiert, ist in Frankreich eingedrungen und hat die Russengrenze überschritten. Was Englands Seemacht anbetrifft, so hat diese gar keine Gelegenheit, sich zu betätigen, aus Furcht vor Deutschlands Untersee booten, ja Englands Flotte ist zum einfachen Kaperkrieg gezwungen, und zwar mit einem ungeheuren und nicht lange durchzuführenden Aufwand an Energie und Material. Gewiß, England ist Herr des Meeres, aber nur auf der Oberfläche des Wasserspiegels, ein paar Meter tiefer ist der Herr Deutschland und Deutschland handelt mit Ruhe und Methode, je nach Gelegenheit. Die Methode hat in Deutschland den einzelnen genialen Menschen fast unnütz gemacht. Einige klare und tiefe Wahrheiten genügen Deutsch land, um sie zu mathematisch sicherer Ausführung zu bringen. Deutschland zwingt z. B. alle seine Feinde zum Defensivkriege, was aber ein Defensivkrieg heißt, ist158 aus jedem Leitfaden der Strategie und Taktik zu ersehen. Es ist ein Krieg, der ohne Aussicht auf Erfolg zer mürbt. So ist Belgien nach heldenhafter Verteidigung ver nichtet, Frankreich hat nach ebenso heldenhafter Defensive den Feind im Hause und Paris wird von oben her bom bardiert. Sogar England mit seiner übermächtigen Flotte muß seine Kreuzer versenken und die feindlichen Unter seeboote unversehrt davonfahren lassen. Den wahren, den guten Offensivkrieg hat Deutschland für sich selbst aufgespart. Warum? Weil es seit Friedrich dem Großen niemals an etwas anderes gedacht und sich in un vergleichlicher Weise vorbereitet hat. Bei diesem Spiele ist Deutschland also soviel wert, wie seine Gegner, und seine Kraft wird durch die Methode verstärkt." Zum Schluß zerpflückt Auccoli den lächerlichen Vor wurf gegen deutsche Barbarei. In jedem Kriege galt der Sieger noch als Barbar, und der Besiegte spielte sich als Ankläger auf. Schöne Worte der Sympathie hat die bekannte italie nische Schriftstellerin Matilde Serao anläßlich des heldenmütigen Untergangs der deutschen Kreuzer gefunden. Sie schreibt unter dem Titel (Zloria vivtis" Ende Dezember 1914: Vier Monate und zwei Wochen sind die Schiffe, die vor wenigen Tagen auf den Meeresboden sanken, mit ihren Helden-Offizieren, mit ihren Helden-Matrosen: vier Monate und zwei Wochen sind diese deutschen Kriegsschiffe, weit im stillen Weltmeer, durch einen Federzug losgelöst für alle Zeiten vom Vaterland, sind diese Männer, losgelöst für ewig von allen denen, die sie liebten, das Staunen der Welt und die Bestürzung der Feinde gewesen. Sie waren, das mag ja wahr sein, Offiziere wie Matrosen, dem Tode geweiht, aber sie wußten es und lächelten und sahen dem Tode lachend ins Antlitz: sie mußten den einen oder anderen Tag, so mächtig und schnell sie waren, auf dunkelm Meeres grund in ewigem Schweigen ruhen unter den schwanken den Algen und dem langsamen Wachsen der Korallen: ihr Schicksal, das Menschenlos und das Leben des Schiffes159 war verzeichnet, und keine Hand konnte es ändern, ihre Tage waren in geheimnisvoller Weise gezählt auf dem Schicksalsrade: aber diese Tage dauerten vier Monate und zwei Wochen und jeder Tag dieser langen Zeit war be legt von irgend einer gelungenen kühnen Tat, von einem stürmischen und erfolgreichen Handeln, und viele waren Siege zu nennen, die wie eine Tollheit wirkten, das Suchen und das Verfolgen. Ein langes Erbeben der Furcht, ja der Furcht lief während vier Monaten und zwei Wochen über all die fernen Meere, wo sie erschienen, angriffen, siegten und verschwanden, wie in einer Wundererscheinung, wie in einem Trugbild, die Schiffe des deutschen Krieges, unter ihnen die .Emden , für die Kaiser Wilhelm gutgesagt hat, daß sie wieder auferstehen wird, stärker und schöner: vor dieser kleinen Flotte, aber deutschen Heldenflotte sind sie geflohen; doch immer wieder wurden sie eingeholt, alle Schiffe aller Nationen im Kriege, sind eingeholt und versenkt, 4, 5 englische Kriegsschiffe und an IVO Handels schiffe der Engländer, Franzosen und Russen, und in einem Augenblick, in einem sehr lange dauernden Augenblick waren alle Weltmeere leer. Niemand wollte mehr zur See fahren, jedes Schiff blieb in sicherem Hafen und das so kleine Geschwader im Stillen Ozean war die Beherrscherin und Beschützerin durch vier Mo nate und zwei Wochen. Sie wußten, daß sie sterben mußten, alle deutschen Männer dieser Schiffe, von ihrem großen Admiral bis zum jüngsten Schiffsjungen, aber ge rade dieser hohe Gedanke an den Allgebieter Tod hatte alle emporgehoben in ihrem seelischen Wert und ihre Kraft ge stärkt. Und die Taten dieses Geschwaders, das seinen sicheren Untergang vor Augen hatte, haben England erbleichen lassen vor Jörn und vor Schmerz, und auch dieser Sieg kann sei nen tiefen Haß und seine heimliche Unruhe nicht beseitigen: denn verschwunden ist das Geschwader des stillen Ozeans fast ganz, aber sein kurzes Kriegsdasein, 4 Monate und 2 Wochen, hat das Herz getroffen, den Stolz und das Selbstbewußtsein, das sich Beherrscherin der Meere noch jetzt nennen will, und doch selbst heimlich an seiner Souveränität zweifelt.160 Die Wogen sind zusammengeschlagen über den deutschen Kreuzern, zwei andere bleiben noch vielleicht aber das, was sie in diesen vier Monaten und zwei Wochen getan haben, ist so blendend in Vaterlandsliebe, in Selbstverleug nung, in Heldentum, daß man es verzeichnen kann in der Geschichte der herrlichsten und edelsten menschlichen Taten für einen Gedanken, für ein ideales Ziel. Und jeder, der ein Menschenherz in der Brust hat, wird das Gefühl haben, daß der Ruhm auch den Besiegten gebührt. Vielleicht nur den Besiegten! Wie sind denn endlich diese deutschen Schiffe besiegt? Durch Monate hindurch sind sie verfolgt, von 7l) Schiffen aller Nationen, die da unten waren, Australier, Japaner, Engländer und Franzosen: und niemals, niemals hat diese hartnäckige Verfolgung, diese Jagd auf das Geschwader von Spee Erfolg gehabt, Ruhm ihm, der an Bord seines Admiralsschiffes befehligte. Wie ist es möglich, daß sie jemals besiegt worden? Es war nötig, daß vom großen englischen Geschwader nicht weniger als drei Dreadnoughts fortbefohlen wurden, drei der stärksten und der schnellsten, es war nötig, daß sie dort unten Tage und Tageherum fuhren, um den deutschen Kreuzern eine Schlacht zu lie fern, so als ob drei Giganten heraneilten, eine Zahl von kleinen Jungen zu zerquetschen: aber diese Anstrengung war nötig; denn was allen anderen Marinen bekannt war, aber worüber sie sich wunderten, das war, daß die Panik in England so groß war, und die Notwendigkeit bestand, die englischen Gemüter über den Wert ihrer Flotte zu beruhigen; deshalb mußte England zu solcher großen Aktion seine Au flucht nehmen. Jetzt ist die Admiralität stolz auf ihr Werk und läßt ihren Siegesruf erschallen. Aber warum hat diese selbe Admiralität nicht den Verlust der .Audacious widerrufen, dieses stärksten englischen Schiffes, dessen Untergang alle Zeitungen der Welt, be- ! sonders die Amerikaner, sogar mit allen Illustrationen be schrieben haben? Wo liegt sie auf dem Meeresgrund? Und warum ist der Verlust des Panzerkreuzers .Collingwood und eines Schwesterschiffes nicht widerrufen? Weil die Admiralität still schweigt, wenn ein161 Gefecht stattfindet, besonders in der Nordsee, in dem Eng land nicht siegt, weil die deutschen Schiffe sie immerfort niederzwingen. Warum bekennt die Admiralität nicht, daß die deutsche Flotte nicht hinter dem Kieler Kanal versteckt liegt, sondern es wagt, überall herumzufahren? Denn sonst wären .Audacious und .Collingwood nicht untergegangen. Waren gestern nicht die deutschen Unterseeboote vor Dover, um eng lische Schiffe zu treffen, zu schädigen, zu versenken? Wir haben die Besiegten gegrüßt, denn diese Alle be zahlten eine Meerestat, die ewig denkwürdig bleiben wird, mit ihrem Leben aber was gerechter wäre und größeres Echo in der ganzen Welt wecken würde, wäre das Hurra des Siegers, wenn dieser stets jeden seiner Verluste einge standen hätte." Der Gatte Matilde Seraos, der bisher nicht zu Deutsch lands Freunden zählte, Edoardo Scarfoglio veröffentlichte im Uattino" Anfang Januar 1915 einen Artikel, der allen seinen Landsleuten vor Augen gehalten werden sollte. Er beginnt (nach dem Verl. Tagebl." vom 4. Jan.), indem er das unerhörte Verbrechen begeht, den Wahnsinn des hierzulande grassierenden Belgierkultus zu verspotten und die Demonstranten für Belgien als Narren" zu bezeichnen. Die Sprache, die man in Italien führe, sei nicht das Produkt gesunden Realismus, sondern eines alkoholischen Deliriums. Scarfoglio schildert als dann in beredten Worten die unüberwindliche Kraft Deutschlands, das wie ein stählerner Wall hundert Feinden trotze und sicher sei, sie zu besiegen, überall, wo Deutschland kämpfe, in der Luft, unter dem Wasser, in den Meeren des Südens und Nordens, in fernen Kolonien oder auf deutschem Boden, in den Sümpfen des Ostens oder in den Schützengräben des Westens, überall betätige es furchterregende Energie und unbeugsame Tapferkeit. Er fährt fort! Und gegen ein solches Volk wollen die Narren und Verbrecher in Italien uns Hetzen: Dieser unser angeblicher Feind hält ganz Belgien und acht Provinzen Frank- Der Krieg der Geister. tt162 reichs besetzt; er hat die Russen in zwei fürchterlichen Schlachten niedergeworfen und ihr Heer der ersten Linie fast total vernichtet. Er hat zwölfhundert Kilo meter strategischer Bahnen auf französischem Bo den gebaut, um seinen Offensivmarsch in Frankreich wie der aufzunehmen und besitzt nach der Versicherung der noch über vier Millionen Mann Reserven, die fast alle der berühmten Landwehr angehören. Und warum sollten wir uns in dies furchtbare Abenteuer stürzen gegen ein Volk, das uns nie etwas zu leide tat, das über dreißig Jahre unser Verbündeter war, dem wir die Erfolge von 1859, dem wir Venedig und Rom verdanken? Wie konnte dieser plötzliche, dieser blutige Haß gegen diese Nation entstehen?" Scarfoglio weist auf Italiens Interesse hin, die Slawen von der Adria fernzuhalten und mit Oster reich vereint große Politik zu treiben. Wir sind fest überzeugt, daß binnen wenigen Mo naten Rußland und Frankreich aus dem Konflikt ausscheiden werden. Schon zeigen sich in Rußland zahl reiche Symptome der Kriegsmüdigkeit und Friedensstim mung, und dasselbe wird mit Naturnotwendigkeit in Frank reich eintreten müssen. Je mehr die Illusion der fran zösischen Offensive sich als Trug erweist und die Fran zosen die Unmöglichkeit des Marsches nach Berlin erkennen, desto offener wird sich die Wahrheit Bahn brechen, die Wahr heit, daß dieser ganze entsetzliche Krieg mit seinen un ermeßlichen Opfern an Menschenleben und Volkswohlstand einzig und allein geführt wird, um das Welt reich England von deutscher Konkurrenz zu be freien. Diese Erkenntnis wird den französischen Geist schrecklich lähmen. Trotz der tönenden Phrasen Vivianis wäre es Wahnsinn, anzunehmen, daß Frankreich England zuliebe das Los Belgiens teilen wollte. Der Sommer wird darum kaum ins Land gehen, ohne daß der ungeheure Kon flikt auf seine natürlichen Grenzen, nämlich auf ein englisch-deutsches Duell zurückgeführt sein wird. Scarfoglio schließt mit dem Hinweis auf ein künftiges besseres Verständnis zwischen Italien und Oster-163 reich, die angesichts der gewaltigen Weltprobleme ihren kleinlichen alten Groll endlich begraben und vergessen wer den, um zusammenzuarbeiten. Das seien die großen Ziele, auf die man den Geist der Italiener hinlenken müsse. Ihn durch beständige Lügen aufhetzen und benebeln, sei ein Verbrechen, denn das Eingreifen Italiens hätte heute keine andere Folge, als die große Menschenschlächterei noch um ein paar weitere Monate zu verlängern.4. Die nordischen Länder Von den nordischen Ländern sind Norwegens füh rende Köpfe am wärmsten für Deutschland eingetreten, hier trat das Gefühl der ursprünglichen, germanischen Stammes zusammengehörigkeit stark hervor. Der Sohn des großen Dichters Bjoernstjerne Bjoernson Bjoern Bjoernson veröffentlichte im Morgenbladet" am 17. August einen Brief, der mit starkem Gerechtigkeitssinn für die deutsche Sache eintritt. Er sagt darin: Wenn man von dem russischen Doppelspiel liest, dann begreift man Deutschlands unermeßlichen Zorn über die gebrochenen russischen Ehrenworte und die Friedens telegramme des Jaren. Der Aorn über Rußlands heim tückisches Vorgehen ist unbeschreiblich gewesen. Die Deutschen fühlten den Kampf gegen Rußland als heiligen Krieg." Bjoernson schildert fernerhin in seinem Artikel mit Bewunderung das Funktionieren des deutschen Militärapparats: Dieses Rubrikwesen, das so kalt und unpersönlich gewirkt hat, in diesen Tagen ward es genial... Alle, die in den Krieg müssen, strahlen vor Begei sterung. Ich habe unter den Tausenden hier keine ein zige Ausnahme gesehen. Alle marschieren in takt fester Disziplin, glücklich in ihrem festen Glauben auf Deutschlands gute Sache, zu den Grenzen vor. Ich spreche die verschiedensten Menschen, sie sind alle zu sammen gleich. Der Arbeiter, der Mittelstand kein Unterschied. Und bei jedem neuen Feind, der sich165 tagtäglich meldet, werden sie nur noch sicherer, noch fester in ihrer Kampfeslust! Bei den Zurückbleiben den derselbe Eindruck. Eine imponierende Ruhe. Das ist das große Volk. So gehen sie in diesen Krieg, den größ ten der Weltgeschichte, den je ein Volk auf einmal durchzu kämpfen hatte." Gesetzt den Fall, Deutschland und Osterreich sollten verlieren da ist es England und Frankreich, die dem Henker seine Opfer geben. Mein Herzblutet". Bjoernson richtete, um den gegnerischen Lügenbe richten entgegenzuarbeiten, ein Pressebüro Norden" ein, von dem aus er u. a. so bedeutsame Veröffentlichungen wie G. Hauptmanns Aufsatz (s. Kap.1V) und die Unter redung mit Fürst Bülow (s. Kap.lö) in die Welt gehen ließ. Er läßt sich in der Kopenhagener Zeitung Politiken" Anfang September darüber so auS: Man sieht von hier sehr viel nach Dänemark hinüber, und man ist doppelt dankbar für Dänemarks Haltung, weil alle freidenkenden Deutschen verstehen, daß Dänemark Grund für eine gewisse Bitterkeit hat. Aber ich habe die sichere Überzeugung, daß nach diesem Kriege eine Ver änderung eintreten wird. Moltke als Oberpräsident in Schleswig ist bereits ein sehr guter Anfang. Frankreich? Ich bin ganz verzweifelt, ich habe Verwandte dort, ich liebe dessen Kultur und ich kann es mir gar nicht ausdenken, daß es jetzt so bluten muß für Rußland. Es ist mir nicht darum zu tun, nur die eigentlichen Kriegstelegramme zu schicken. Ich gebe meinen Kommentar dazu. Ich bin der Meinung, daß hierdurch die neutralen Staaten am besten verstehen werden, daß das wahr ist, was das offizielle Deutschland der Öffentlichkeit in diesen Tagen mitteilt. Ich habe die Aufforderung erhalten, meine Telegramme an über 7W Blätter rings in Europa und Amerika zu senden. Mißversteht mich nicht, die Aufforderung kam von diesen Blättern, nicht von hier." über den Krieg und die Stellung Skandinaviens äußerte sich der frühere norwegische Minister Sigurd Ibsen im Kristiania Morgenbladet" vom 24. August 1914. Jb-166 sen meint, keine der kriegführenden Mächte plane eine Ver letzung Skandinaviens, dessen Neutralität sicher respek tiert bleiben werde. Die Furcht vor einer augenblicklichen Okkupation norwegischer Häfen als Flottenbasis einer krieg führenden Macht habe sich als unbegründet herausgestellt. Sollte im Verlaufe des Seekrieges in der Nordsee die norwegische Küste der natürliche Zufluchtsort einer geschlagenen Flotte werden, so wäre das kein Neutralitätsbruch und könnte unter vollständiger Wahrung der Haager Konferenzbestimmungen geschehen. Sollte dabei eine Unregelmäßigkeit vorkommen, brauchte man auch den Kopf nicht gleich zu verlieren. Bei einem eventuellen Krieg in der Ostsee bliebe Schwedens Neutralität ungekränkt in einer Situation, in der England Rußlands Bundesgenosse sei. Die Gefahr, die der Krieg für den Osten mit sich bringe, sei nur ökonomischer Natur. Dabei denke er nicht so sehr an den Handel, der eigentlich jetzt die besten Chancen zur Erwerbung neuer Märkte hätte, als vielmehr an die Arbeitslosigkeit und das soziale Elend. Alles müßte geschehen, das ökonomische Leben in normalen Gang zu bringen. So sollte ein Moratorium nicht über die äußerste Notwendigkeit hinaus verlängert werden. Nach einer Übersicht über die Kriegssituation schließt Ibsen: Eines glaube ich voraussagen zu können: Europa wird nach diesem Kriege einen langen Frieden bekom men. Europa war müde nach den Kriegen Napoleons. Man wollte, nachdem er niedergeworfen, unbedingten Frieden haben. Ebenso groß muß die Ermattung und damit der Drang nach Frieden sein, nach dem, was die Welt jetzt durchleben wird." Der gleiche Minister hat sich am 4. Januar 1915 in einem Essay über den Krieg in Tidens Tegn" noch mals ausgesprochen. Es heißt da u. a. Soll der Krieg nun einmal sein, muß er so wirksam wie möglich geführt werden. Daß die militärische Aerstö- rungskunst mit der Vervollkommnung der übrigen Technik Schritt gehalten hat, ist nicht im Widerstreit mit dem Wesen der Zivilisation, das auf allen Gebieten das Zieldienliche fordert. Gegen die Zivilisation ist das poli-167 tische System, das derartig mangelhaft ist, daß es im Sommer 1914 zum Gegenteil von dem gesetzten Ziel führte." Über die Aera des Wettrüstens sagt Ibsen, es war nicht Deutschland, sondern Frankreich, das das Wettrüstungs- zeitalter einleitete. Es begann 1886 mit Boulangers Heergesetz. Gewiß hat Deutschland mit Osterreich und Italien Europa den Weg zu einer großpolitischen Syndi katsbildung gezeigt. Der Dreimächtebund war jedoch als Friedensgarantie gedacht und war eine solche, bis sich eine andere rivalisierende Machtgruppe ihm entgegenstellte. über den Kriegsausgang und seine Folgen sagt der Verfasser, es könne jetzt schon mit Bestimmtheit ge sagt werden, daß, sollte eine Partei wirklich als Sieger aus dem Krieg hervorgehen, das Übergewicht nicht groß genug sein könne, die feindliche Machtgruppe für immer unschädlich zu machen. Was Militärmittel aber nicht vermöchten, könnte später vielleicht auf politischem Weg erreicht werden. Die Vermutung liegt nahe, daß die Sieger gruppe sich gegen eine Revanche versichern und ver suchen wolle, sich die gewonnenen Vorteile und ein dauern des Übergewicht dadurch zu sichern, daß sie neutrale Staaten bewegen, in ihren Bund einzutreten. Die Aeit unmittelbar nach dem Friedensschluß werde günstig sein, einen derartigen Plan vorzulegen, da das Prestige dann in vollem Glanz strahlen und fast unfehlbar Anziehungskraft ausüben müsse. Es sei durchaus nicht undenkbar, daß alle Mächte zweiten und dritten Ranges nach und nach in einen derartigen Kreis eintreten. Ist dann der Bund so stark, daß keine Koalition außenstehender Staa ten ein ebenbürtiger Gegner werden kann, werde dies den Vorteil mit sich führen, daß der Frieden mittels einer Militärmacht gesichert wird, die nicht länger unverhält nismäßige Lasten erfordern. Die Lasten werden leichter je mehr Länder vereint sie tragen. Soll es Bedingungen für den internationalen Frieden und die Rüstungsbegrenzung geben, so schließt Ibsen, müßte entweder eine gemeinsame europäische Ordnung zu Wege gebracht oder der obige übermächtige Staatenbund hergestellt werden.168 Am 2. September 1914 hielt bei der Immatrikulation der Universitätsprofessor Gerhard Gran in Christiania vor den Studenten eine Ansprache. Nach Willy Pastors Ausführungen in der Tägl. Rundschau" vom 11. September ist das, was er zu sagen hatte, beseelt von edelster Menschlichkeit, und wie die Äußerungen eines nordischen Fichte wirken die tapferen und rückhaltlosen Worte, in denen er seine Landsleute zur Einkehr mahnt. Norwegische Waren seien selten die besten, weder in der Industrie nocb sonstwo. Mittelmäßig" sei im Ausland ein beliebtes Beiwort für norwegische Arbeit, die geistige wie die materielle. Der Geldkredit stehe schon jetzt höher als der Kulturkredit, aber früher, als eS umgekehrt stand, sei es besser gewesen. DaS allgemeine Volksglück, das man noch 1905 (dem Jahr der Lostrennung von Schweden) erwartete, sei aber nicht eingetreten. Vielleicht sei es den Norwegern zu leicht gemacht worden, 1814 ebenso wie 1995. Gran erinnert des ferneren an Ibsen. In seiner Ju gend betrachtete es Ibsen als seine Dichteraufgabe, seine Landsleute groß denken" zu lehren; als er dann viele Jahre später als alter Mann von einer Reise heimkehrte, vermißte er am meisten in Norwegen die Disziplin". Beides fehle dem Lande auch noch heute. Disziplin sei nicht Knute oder Korporalstock, sondern eine geistige Macht. Es sei der Wille und die Gabe, den eigenen Vorteil im Dienste einer Sache aufgehen zu lassen, sich zu beugen unter einem Aeichen, das außer und über uns steht. Disziplin sei die Grundlage alles gesellschaftlichen Zusammenlebens, das jeden auf seinem Posten das Äußerste zu tun heißt. Er fährt fort: Ist es damit seit Ibsens Tagen besser? Nein! Wir können es uns nicht verhehlen, daß es uns oft an Straffheit gefehlt hat, am Ernst der Arbeit, daß das Tempo schlecht ist, daß der Schlendrian, genannte und ungenannte Sabo tage in allen Gesellschaftsklassen nicht zu den Ausnabmen gehören, und daß wir keineswegs immer unser Äußerstes taten. Ganz im Gegenteil sind wir nur allzuoft froh, so billig als nur irgend möglich daran vorbeizukommen.169 Ich denke, ihr Studenten könnt hier aus eigener Erfahrung sprechen. Sicher haben es viele von euch mit dem ,faul im Ohr gehalten, wie man so sagt, um dann spater, wenn es Examen geht, mit einem leichten Schlag darüber wegzukommen. Aber solche leichten Schläge taugen nicht. Es ist da etwas übrig geblieben aus barbarischen Zeiten, und das ersetzt keineswegs die sichere Disziplin der Arbeit, die ja darum durchaus nicht das andere ausschließt. Sollten wir uns als Nation erheben in dem machtigen Wett kampf, der in unserem Jahrhundert die Erde beherrscht, dann werden wir die Disziplin erlernen und uns jenen Idealismus aneignen müssen, der ihre Grundlage ausmacht, jenen Gesellschaftsgeist, der sich glücklich fühlt, seinen Pflich ten nachzukommen. Und da meine ich, daß die wissenschaft liche Erziehung in einem besonderen Grade dazu verhelfen kann. Denn die Wissenschaft duldet in Wahrheit keinerlei Sabotage irgendwelcher Art. Hier straft sich unweigerlich jede Unterlassungssünde. Vorteile und Ehren kann man sich erpfuschen, niemals aber das kleinste Körnchen Wahrheit." Er kommt dann auf Deutschland zu sprechen: Man kann seine Sympathien und seine Antipathien haben, wo man will, wie es einem ums Herz ist; aber in einem Ding ist die ganze Welt in diesen Tagen einig: in der staunenden Bewunderung vor Deutschlands Tatkraft, die so überwältigend ist, daß sie uns nicht einmal Zeit läßt, uns zu ärgern über die schlechte Sprache und die ge schmacklose Großsprecherei in ihren geschwollenen Sieges- bulletins.i) Diese gewaltige Tüchtigkeit beruht vor allem darauf, daß kein anderes Volk so durchsetzt ist von Wissen schaft, wie das deutsche. Man hat viel von dem preußischen Kriegsgeist gesprochen. Aber darin stehen die Preußen sicher hinter vielen Völkern Afrikas und Asiens zurück, und nicht darauf kommt es im modernen europäischen Kriege an. Dieser Satz beweist nur, daß die norwegischen Blätter damals noch immer nicht von unseren doch wirklich kurzen amt lichen Meldungen ausgehen, sondern von irgendwelchen Zeitungs- ergüsien, mit denen unsere amtlichen Tagesberichte" nicht das Geringste zu tun haben.170 sondern auf die Wissenschaft, diese imponierende Ge nauigkeit, die fast unfehlbar ist. Jeder Knopf trifft seine Leitung und jede Leitung führt nach der Zentrale. Diese wunderbare Organisation ist, fast dem Hirne gleichend, kompliziert: ein unübersehbares Netz sich kreu zender und gleichlaufender Bahnen, von denen jede nach der ihr bestimmten Station hinführt, und die samtlich zu dem gemeinsamen Ziele gehen, das ihr Best mmungsort ist. Es ist oft verächtlich gesagt worden, der preußi che Soldat sei zu einer bloßen Nummer herabgesunken. DaS ist falsch. Nummern wären im gegenwärtigen Kriege wertlos. Jeder Leitungsdraht führt schließlich zu einem individuell bewußten Willen, der beseelt ist von dem Geist der Wis- s senschaft und Genauigkeit, von dem Eifer, das Äußerste ! voll bewußt zu tun, da der geringste Mißgriff unheilvoll ist, von dem Kameradschaftsgefühl und der gemeinsa men Vaterlandsliebe. Das kommt alles zusammen. Diese Organisation müssen wir bewundern, diese Ge dankenenergie, mit der sie durchgeführt ist. Hierin haben alle Nationen von den Deutschen zu lernen und am allermeisten wir, das Schlendrianvolk unter den europäischen Kulturvölkern." Weiterhin sprach sich Gran in einer Reihe von Vor trägen, die er zum Besten der Arbeitslosen allwöchentlich in der Universität hielt, am 8. Oktober 1914 über Krieg, Wissenschaft und Vaterland" aus. Er führte dabei aus, die internationale Höflichkeit scheine nicht mehr zu existieren. Die Presse der Kriegführenden sei nicht mehr wiederzuerkennen. Es sei bald unmöglich, überhaupt noch etwas von dem zu glauben, was da berichtet werde. Er selbst könne nicht glauben, daß es eine Regierung gebe, die Dum-Dum-Kugeln zugelassen habe. Ebenso wenig glaube er daran, daß die Deutschen mit Absicht die gro-! ßen Kulturschätze in Löwen und die Kathedrale in Reims zerstört hätten. Überhaupt ginge es nicht an, für all die haarsträubenden Greuel, die täglich auf allen Schlachtfeldern sich ereigneten, die einzelnen Völker verantwortlich zu machen und sie Barbaren" zu nennen. Der gewaltige Haß, der jetzt zwischen den großen Nationen171 aufgeflammt sei, könne allein als Folge einer Massen suggestion erklart werden. Der Patriotismus bringe ganz gewiß eine gewaltige Steigerung der menschlichen Kraft, zu handeln, aber gleichzeitig auch eine gewaltige Verringerung der Urteilskraft (!) mit sich. Unter diesem Einfluß stehend, seien Männer wie Roethe, Eucken, Wundt, die er sehr verehre, in ihren Äußerungen wohl zu weit gegangen. (!!) Er könne auch große englische und französische Na men nennen. Es sehe jetzt wirklich so aus, als sollte auch die Wissenschaft mit in den Krieg hineingezogen werden, als sollte all die fruchtbringende internationale Arbeit, die durch die letzten fünfzig Jahre geblüht hätte, zerstört werden. Dies dürfe aber nimmermehr geschehen. Die Menschen müssen ihre Feindschaft und ihren Haß wieder vergessen, wenn die Gräßlichkeiten dieses Krie ges einmal vorbei sein werden, damit alsdann im Au sammenwirken aller Nationen die Kulturarbeit fortgesetzt werden könne. Die Zivilisation kenne keine Grenzen, dürfe auch in Zukunft keine kennen, sie sei das Vaterland der ganzen Menschheit. Diesem Vorwurf des Chauvinismus", dessen Gran hier die deutschen Gelehrten Roethe, Eucken und Wundt zeiht, trat der Dramatiker Nils Kjär in dem Blatte Tidens Tegn" am 13. Oktober so entgegen: Professor Gerhard Gran beklagt, daß sogar Männer der Wissenschaft in den kriegführenden Ländern in ihrem Urteil patriotisch befangen und patriotisch einseitig in ihren Betrachtungen zu sein schienen. Er beklagt, daß sogar Män ner der Wissenschaft Menschen, das heißt Deutsche in Deutsch land und Franzosen in Frankreich sind. Der Zufall hat es gewollt, daß das dem Professor vorliegende Material sich ungünstiger für Deutschland als für die alliierten Mächte erwies. Denn er führt nur chauvinistische Auslassungen von deutschen Gelehrten an, indes er von Frankreich als leuchtenden Kontrast eine 4V Jahre alte Probe kosmopo litischer Denkweise wiedergibt. Ich für meine geringe Person sehe nun just das Große dort, wo der Professor das Kleinliche und Einschränkende sieht. Ich sehe dasÜbergewicht der Realitäten über die Schimären, den Sieg des Willens über die Schlappheit, den Vorzug warmen Blutes vor Fischblut in der machtigen Einstimmigkeit, mit . der die Rasse ihr ewiges und unbestreitbares Recht durch ihre besten Männer verkündet. Die passende Aeit und Ge- legenheit zur Ausbreitung unbestreitbarer und wohltuender ! Wahrheiten ist nötigenfalls zwischen den Schlachten, aber nicht während der Schlachten, nicht in den Tagen und Wochen, wo es auf Leben und Tod geht für die Nation ! und die Rasse. Ein tolerant umschauendes Auge, ein teils Ja, teils Nein sagender Mund, bald nach Osten, bald nach Westen schlendernde Sympathien erlaubt der Ernst des Kampfes nicht." Nils Kjär fährt dann fort: Wie deutsche Kultur freundlich das Fernste und Aller- fremdeste in sich einverleibt hat, so ist alles Hervorragende der Gegenwart aus seinen Nachbarländern in Deutschland willkommen gewesen. Slawische und skandinavische Kunst und Poesie haben dort oft früher als in ihrer eige nen Heimat Verständnis und Bewunderung gefunden. Deutschland ist stets als dasWahlvaterland des Guten, des Außergewöhnlichen und Berlin als mehr denn eines einzigen Volkes geistige Hauptstadt angesehen worden, und dies mit unbestreitbarem Recht. Die Sache ist die: Das deutsche Volk hat wie kein anderes Volk der Erde eine stürmische, eine schwärmerische, eine generöse Jugend entfaltung im Denken gehabt. Womit Frankreich und England jedoch sich niemals haben aussöhnen können, das ist, daß dieses milde denkende und träumende deutsche Ju gendalter von einem robusten und harten Mannes alter abgelöst wurde, das nicht im Sinn hat, sich mit der unendlichen, aber harmlosen Weltherrschaft der Abstraktionen zu begnügen. Dieses schwellenden, ge- ^ sunden Volkes energischer Selbsterhaltungstrieb wird als ein gefährlicher und fast verbrecherischer .Mili tarismus dargestellt und dies von Nationen, die mit Militärmacht und mit Militärmacht allein sich den besten Teil der bewohnbaren Welt angeeig net haben. Von dem Deutschland, das in seiner Jugend173 die Welt mit seinem Gedanken erobert hat bis zu der Tat kraft, die Platz in der empirischen Welt fordert, ist die Ent- wickelungslinie ungebrochen und rein. Bismarck ist ein deutscher Denker genau wie Kant, und Kaiser Wil helm ihr größter Jünger." Über Norwegens Neutralität äußerte sich der be kannte Fridtjof Nansen in einem am 19. September 1914 an die akademische Jugend von Christiania gerichteten Vortrag, dem der Ministerprä sident sowie die Minister des Äußern und des Krieges bei wohnten. Er führte u. a. aus: Die Schuld an dem Kriege trägt die Politik der Alliance. Es ist nicht der letzte Krieg. Es befindet sich im Irrtum, wer da meint, nach diesem Kriege werde die Welt anders geordnet werden. Die Welt ist noch lange nicht so weit gekommen. Das Ende des Einen ist der Beginn eines anderen Krieges. Wir müssen uns danach einrichten. Die Abrüstung ist ein leeres Geschwätz. Verstehen wir nicht die Sprache der Wirklichkeit, so sind wir unwert, ein Volk genannt zu werden. Für die Deutschen war der Durchmarsch durch Belgien unter Bruch der Neutralität eine eisen harte Notwendigkeit. Und unsere Stellung? Wenn jemand sagt, für uns sei keine Gefahr vorhanden, und unsere Stellung sei anders als die Belgiens, so sagt er die Unrich tigkeit. Wenn unsere Stellung auch nicht schlechter ist, so ist sie jedenfalls nicht besser. Unser Land ist der gleichen Lage ausgesetzt. Vor unseren Küsten können, werden und müssen die bevorstehenden Seeschlachten ausgekämpft werden. Wir haben Häfen, die wichtig sind für die kämpfen den Mächte auch in neuen Konflikten. Wir müssen uns vor bereiten. Sind wir vorbereitet? Dank den Propheten, die den Frieden gepredigt haben, sind wir schlecht vorbereitet. Ein neuer Geist muß in uns kommen. Lernen wir jetzt nicht, so lernen wir nie, sonst ist es zu spät. Wir müssen uns sichern, daß unsere Zukunft uns gehört. Ehre174 den Reformen, aber welcher Nutzen entsteht daraus, wenn wir unser Land nicht hüten können? Wir verlangen eine Rüstung, so stark wie möglich, für Heer und Flotte, damit wir nicht unterlegen sind in dem Kampfe, den wir vielleicht aufnehmen müssen. Unsere Söhne dürfen nicht als Pfuscher an die Grenzen geschickt werden. Wir verlangen Schluß mit der Politik der Friedensflöten, wir wollen nicht mehr den Stempel eines Volkes tragen, das unter dem Durchschnitt ist. Darum wollen wir den ein jährigen Militärdienst, nicht mehr und nicht weniger, haben. Das trifft auch für die Flotte zu. Diese wird dann besser als die jetzige. Für den armen Teufel wirkt der ein jährige Dienst erzieherisch. Es ist zweifellos, daß der Deutsche durch seine militärische Erziehung vor dein Engländer im Vorteil ist. Was hat die militärische Erziehung aus den Deutschen gemacht? Was wurde dagegen aus den Eng ländern ? Auch Schweden hat den einjährigen Dienst eingeführt. Wer von der skandinavischen Politik spricht, muß zuge stehen, daß unsere Politik an die Schwedens ge knüpft ist. Unser Aiel muß sein, zu einem so nahen Au sammenschluß zu kommen, wie er nur möglich ist. Wir dürfen uns nicht als Unterlegene anbieten. Die Gefahr ist nicht vorüber, sie beginnt erst für uns. Wir haben nie Not gekannt. Vielleicht lernen wir sie bald kennen; dann ist es kein Unglück für uns. Wir werden als Volk wachsen. Was wir jetzt vielleicht durchmachen, ist unsere Rettung." Anfang September veröffentlichte in der Christianiaer Dagbladet" der norwegische Gelehrte Vr. Aars einen Ar tikel, in dem er Deutschland anklagte, es dürste seit 12 Jahren nach Krieg und erstrebe um jeden Preis Eroberungen, darauf erwiderte am 12. September in der gleichen Zeitung der norwegische Gelehrte vr. Herman Harris Aal mit folgendem Aufsatz, den wir nach der Köln. Zeitung" vom 19. September wiedergeben: Das ist die denkbar stärkste Beschuldigung gegen einen175 Staat, der meint, nicht ein Räuberstaat zu sein, sondern auf der Höhe in der Weltkultur zu stehen. Sie ist auch gefährlich. Denn man verfolgt in Deutschland norwegische Zeitungs artikel genau. Und die Beschuldigung ist nicht gegen die Macht gerichtet, die wir zu fürchten gewohnt sind, sondern gegen die, bei der wir selbst unsere größten Kul turwerte geholt haben, mit der wir die stärksten Ge schäftsverbindungen haben, nahe stammverwandt sind, und die wir selbst für einen der ersten Kulturträger unserer Welt ansehen. Mit welchem Recht ist eine solche Beschuldigung erhoben worden? Das Deutsche Reich ist 44 Jahre alt. In dieser Jeit hat es nicht einen einzigen Krieg in Europa geführt, und seine Kämpfe in Afrika sind deutlich ein Aivilisationswerk gewesen, seine Teilnahme zusammen mit andern Groß mächten gegen China während des Boreraufstandes dort ebenfalls. Es hat Kiautschou nicht von China erobert, son dern es ehrlich und redlich für IVO Jahre gepachtet. Und dafür bezahlt. Hat Deutschland im Laufe der Jahre viel leicht nicht gute Gelegenheit oder sogar Grund zum Kriege gehabt? Aum Beispiel gegen England, zu dem Deutschland aus industriellen und kolonialen Ursachen in einem so stark antagonistischen Verhältnis gestanden hat? In den Jahren 1898 bis 99 hatte England den Buren krieg, und da hatte es das Heimatland von Soldaten ent blößt. Es ist kaum ein Geheimnis, daß der Aar Nikolaus damals Kaiser Wilhelm vorschlug, England anzugreifen, jetzt wo es wehrlos war. Kaiser Wilhelm schlug das energisch ab und teilte König Eduard VII. mit, daß er sich darauf ver lassen könne, daß kein Überfall von deutscher Seite erfolgen werde. Der Kaiser hat das öffentlich mitgeteilt und auf seine Telegramme und Briefe in London hingewiesen. Es ist nicht geleugnet worden von englischer Seite, auch kaum von russischer. Jedenfalls ist es nicht in den mir be kannten Quellen erwähnt worden. 1904 bis 05 hatte Rußland Krieg mit Japan. Es ver lor und war wirtschaftlich und militärisch hreunter. Eng land war Rußlands alter Feind und Rival in Asien und wäre ziemlich sicher mit Japan gegangen, seinem Verbündeten176 im Kampfe gegen Rußland. Das wurde in Rußland stark befürchtet. Und Frankreich hatte eine Reihe von Jahren ! in Rußland seinen Verbündeten gegen Deutschland ge habt. Falls Deutschland damals eingegriffen hätte, wäre Rußland zerschmettert worden. Ausammen mit Osterreich, der Türkei, die damals noch etwas bedeutete und Rußlands alter Feind war, England und Japan hatte Deutschland sich nach Wunsch bereichern (korsz ne sich mit etwas ver sehen) und Rußland aufteilen können. Damit wäre auch , Frankreich gelähmt gewesen. Es gab viele Politiker, die meinten, daß das geschehen sollte und würde. Aber Kaiser Wilhelm und die verantwortlichen Männer in Deutsch land wollten keinen Eroberungskrieg anfangen. ! Rußland bekam die Möglichkeit, sich in Frieden zu ordnen. In Frankreich kam es vor einigen Jahren an den Tag, j daß sein Pulver unbrauchbar war. Die Gelegenheit war verführerisch. Es ist niemals von militärischer Seite und einer ganzen Reihe von Politikern in Frankreich verhehlt worden, daß man einmal seinen Revanchekrieg mit Deutsch land haben wollte. Und es gab Vorwände genug für Deutsch- land, schon damals im Awist wegen Marokko. AberDeutsch- land wollte nicht Während Frankreich sich den Kon go und Tunesien angeeignet und sich eine Oberherrschaft in Marokko erworben, Italien vor wenigen Jahren Tripolis genommen hat, England in Persien .sich ordnet, die Orange- republik, Transvaal und Rhodesia in seine Kolonien ein- - verleibt, faktisch Ägypten und Zypern erwirbt, Rußland sich in der Mandschurei, Kaukasien und Nordpersien aus dehnt, die Vereinigten Saaten Kuba nehmen, die Philip pinnen und Teile von Panama, Belgien den Kongo nimmt ! usw., hat Deutschland nur einen der unwirtlichsten Teile von Afrika und einige wenige andere Stellen in Afrika erworben, obwohl es die ganze Zeit die größte Militärmacht der Welt gewesen ist und obwohl es das größte Bedürfnis von allen, sich auszudehnen, den größten Bevölkerungs zuwachs gehabt hat. Ja, trotz allem dem hat es sogar Be leidigungen eingesteckt, wie die englische bei der Agadir- Affäre. Kaiser Wilhelm hat selbst den Grund angegeben. In177 einer Rede am 22. Marz 1905 in Bremen erklarte er: ,Jch habe mir den Fahneneid geschworen, damals, als ich zur Regierung kam, daß ich niemals danach streben würde, ein Weltreich zu gründen auf Eroberungen, sondern daß es mein Ziel sein sollte, das absoluteste Vertrauen zu ge winnen als ein ruhiger, ehrlicher und friedlicher Nachbar. Und wenn man dereinst von einem deutschen Weltreich oder einer Hohenzollern-Weltherrschaft in der Geschichte reden sollte, dann soll sie nicht begründet sein durch das Schwert, sondern durch gegenseitiges Vertrauen der nach gleichen Zielen strebenden Nationen Gibt es jemand, der meint, daß Kaiser Wilhelm diesen seinen Fahneneid mitteilt, um sich vor der Welt als ein Meineidiger bloß zustellen? Nachdem eine streng moralische Erziehung und religiöse Überzeugung denselben veranlaßt hat und über 3V Jahre seiner Regierung in Frieden ihn bestätigt hat? Aber dieser Krieg? Jeder Mensch, der eine Meinung über Recht und Unrecht im größten Krieg der Welt haben will, kann sie sich verschaffen, indem er in irgendwelcher Darstellung des Völkerrechts nachschlägt. Er wird da fin den, daß es eine völkerrechtliche Kriegsursache ist, wenn ein Nachbar Streitkräfte an der Reichsgrenze sam melt. Rußland und Frankreich hatten nicht nur Trup pen in Ostpreußen und im Elsaß gesammelt, sie hatten, nach dem, was man zu glauben Grund hat, diese Grenzen überschritten und standen auf deutschem Boden vor Ablauf der Frist, die ihnen Deutschland gesetzt hatte, um zu ant worten, ob es ihre Absicht sei, Krieg zu führen. Das war Antwort genug und rechtlich entscheidend. Und nun Bel gien gegenüber muß man sich daran erinnern, daß gewiß eineVerabredung zwischen diesem Lande und Frankreich bestand, wonach Frankreich Autritt dort haben sollte auf dem Auge gegen Deutschland. Daß Deutschland da verlangt, mit Frankreich auf gleichem Fuß zu stehen, ist völkerrechtlich unangreifbar. Denn die deutsche Kriegsleitung wußte schon sofort, daß Belgien nicht imstande sein würde, den Einmarsch der französischen Truppen zu hindern, selbst wenn es gewollt hätte. Es hat in den letzten 44 Jahren keinen andern Staat Der Krieg der Geister. ^2178 gegeben, der so abgeneigt gewesen wäre gegen den Krieg mit andern zivilisierten Nationen, so klar darüber, daß seine Eroberungen auf dem Felde der Kultur und mit den Waffen des Geistes erfolgen müßten, nicht auf geogra phischem Gebiet und durch das Schwert, oder der so ver antwortungsbewußt in seiner Politik gewesen, ^ wie Deutschland. Und wenn man auf seine starken Rüstun- ! gen hinweisen will, muß die Antwort genügen, daß diese Tage beweisen: Deutschland hat nicht einen Pfennig oder ! eine Stunde Exerzieren zu viel angewandt." Der norwegische Dichter Knut Hamsun der sich noch in seinem letzten Roman Die letzte Freude" (A. Langen, München) über einige englische Touristen so äußerte: Mich beachten sie nicht, die beiden Engländer im Aiegenstall; ich war ja nur ein Einheimischer, ein Norweger, ich hatte zu schweigen über die allmächtigen Touristen. Aber sie selbst gehörten der Nation von Läufern, Wa genlenkern und Lastern an, die das gesunde Schicksal von Deutschland eines Tages zu Tode züchtigen wird " beantwortet in Tidens Tegn" Anfang Januar 1915 die Ausführungen des englischen Schriftstellers William Archer und gibt eine genauere Erklärung, weil er in früheren Ar tikeln gesagt hat, England hätte den Krieg verursacht, aber Deutschland den Krieg gewollt. Seine Ausführungen über die Voraussetzungen des Krieges stimmen zwar in manchen Punkten nicht mit den Tatsachen überein, berühren aber doch in ihrer Haltung und Gesinnung sympathisch. Hamsun schreibt u. a.: Meine Meinung war diese: England hatte durch seine Politik den Krieg unvermeidlich gemacht. Früher oder später mußte er kommen, zum Beispiel, wenn Frank reich seine dreijährige Dienstzeit bekommen und Rußland ^ die Umordnung des Heeres durchgeführt hatte. Deutsch land wartete aber nicht bis dies geschehen war, Deutsch land begann den Krieg jetzt, wollte den Krieg jetzt. Ich glaube ! doch, daß man mit einem bißchen guten Willen diese Mei- ^179 nung verstehen kann. Archer hat gesagt, Deutschland wollte die insuläre Sicherheit Englands vernichten, weil die Deut schen eine so starke Flotte bauen wollten, daß sie die See herrschaft England streitig machen könnten. Aber dies ist doch wohl etwas anderes. Wäre ich selbst Deutscher, ich wollte dasselbe tun. Und wäre England in der Stellung Deutschlands gewesen, so hoffe ich, auch England hätte dasselbe tun wollen. Es handelt sich hier um ein Volk von 46 Millionen, das durch seinen Militarismus sich ein Viertel der bewohnbaren Erde untertanig gemacht hat, und es handelt sich um ein anderes, ein viel größeres und viel entwickelungsreicheres Volk, das bis jetzt im Schatten saß, plötzlich aber aufsteht und kraft desselben Militarismus in den Sonnenschein dringen will, was das erste Volk fürchtet, sich darüber erbittert und mit aller Macht verhin dern will. Kann nicht die englische Politik, dann dürfte der einzelne englische Mann sich selbst sagen, ein gewisses Zu rückhalten sei hier am Platze. Die verschiedenen Länder und Völker der Erde sind nicht nach England gekommen, um darum zu bitten, an England verteilt zu werden. Die Ver bindung zwischen diesen Ländern und dem Mutterlande ist eine Frucht der Gewalt. England hat die meisten Kriegs schiffe und ist Herrscher des Heeres. An der insularen Sicher heit Großbritanniens und Irlands zu rühren, daran denkt wohl kein Deutscher. Es ist der abenteuerliche und unver hältnismäßig große Besitz von Erdboden, auf dem England sitzt und von dem Deutschland ein kleines Stückchen braucht, aber nicht erhalten kann." Im Morgenbladet" fragt nach dem Berliner Ta- gebl." vom 8. Oktober der bekannte norwegische Schrift steller Hjalmar Christensen nach den Ursachen, die den Deutschen die Ausführung so gigantischer Taten ermöglichten, wie sie sie in diesen Tagen tatsächlich ausgeführt haben. Ganz gleich, welchen Ausfall dieser Krieg haben werde, man werde zuerst und vor allen Dingen die glänzende Administration der Deutschen anerkennen müssen, sowohl die militärische als auch die zivile. Jeder Mann und jedes Ding sei auf seinem Platz, ,2 180 jeder kenne sein Amt und seine Verantwortung, jeder wisse, wer zu befehlen und wer zu gehorchen habe. Keiner habe Angst, ob er möglichenfalls seine eigene Macht gebrauchen könne. Komme es darauf an, so könnte er auf eigene Faust handeln. Disziplin und selbständige Tüchtigkeit gingen zu sammen. Das sei selbstverständlich das Resultat einer viel jährigen Übung. Die Maschinerie sei gründlich geprüft. Die Menschen hätten gelernt, strenge Forderungen an sich selbst zu stellen. Warum der gegenwärtige Krieg gegen Rußland einmal kommen mußte, setzt der norwegische Historiker vr. Andreas Hausen mit einleuchtenden Gründen auseinander. In einer Studie Der Weltkrieg und seine Ursachen in der Kristiani aner Wochenschrift Samtiden" legt er Mitte Oktober dar, wie Rußlands Drang nach Westen allmählich die Gefahr geworden, wogegen die Hüter europäischer Kultur sich einmal zur Wehr setzen mußten. Als ein europäisches Unglück erscheint es dem nor wegischen Historiker nur, daß die Westmächte in diesem Krieg auf die Seite des Feindes der westlichen Kultur getreten sind. Er sagt darüber: Wenn liberale Staatsmänner in Frankreich und Eng land davon sprechen, daß es Europas Freiheit von dem preu ßischen Militarismus zu retten gelte, so kann das nicht anders denn als Phrase wirken in eineni Augenblick, wo der ent^ scheidende Sieg des Dreiverbandes der russischen Despotie unausbleiblich die Ubermacht über Europa verleihen und die Grenznationen ihrer nationalen Freiheit berauben würde. Es möchte Westeuropa spater jedenfalls viel schwerer fallen, den Kampf mit Rußland der doch unweigerlich kommen mußte aufzunehmen, die westliche Kultur zu verteidigen und das freie Selbstbestimmungsrecht der Völker zu retten." Von dänischen Stimmen, die im ganzen wesentlich kühler lauten, heben wir die des in Deutschland außerordent lich geschätzten, impressionistischen Dichters181 Johannes V. Jensen hervor, der im Christianier Blatt Aftenposten" Anfang September einen Reisebericht veröffentlichte. Jensen erzählt, daß er sich vom 23. bis 27. August in Berlin aufgehalten habe, als die Siege an der Westfront und der Fall von Namur bekannt gemacht wurden und die ersten weniger ermunternden Nachrichten aus Ostpreußen eintrafen". Die Grundstimmung, aus der heraus der Dane schreibt, ist wenig freundlich für uns; aber vielleicht sind gerade deshalb seine Ausführungen da, wo sie anerkennen, von einigem Wert. Es heißt in dem Reisebericht" (nach der Köln. Zeitung" vom 9. Sept.): Man kann nicht sagen, daß das Bild der Stadt we sentlich verändert sei. Die Berliner haben ihre Arbeit wieder aufgenommen, soviel der Krieg davon übrig gelassen hat. Wo es nur möglich ist, sucht man die Geschäfte in die Spur des Krieges zu leiten, alle Schaufensterausstellungen beschäftigen sich in der einen oder andern Weise mit dem Militär. Man fühlt den Krieg bereits als einen natürlichen, dauernden Austand. Die Bevölkerung ist rastlos, alles ist auf der Straße, und alle sind in Bewegung. Berlin gleicht einer Stadt auf der Wanderung, aber die Haltung ist ruhig, fast gesetzt und ernst. Die Damen sind in der Mehrheit, sie gehen in weißen Sommerkleidern an den warmen Augustabenden. Dienstag, nachdem die Depeschen den Fall von Namur gemeldet hatten, gingen sie ununterbrochen .Unter den Linden" auf und ab, an den Plätzen vor dem Schloß vorüber und am Brandenburger Tor in weißen zu sammenhängenden Hcmfen von vielen Tausenden bis spät in die Nacht hinein unter den Bogenlampen, ein un geheures Heer von weißgekleideten Frauen, ohne ein an deres Lebenszeichen, als daß sie eben spazieren gingen, ein sonderbares sinnloses und unvergeßliches Schauspiel. Man amüssiert sich nicht in Berlin, sondern alle strömen nach den Hauptstraßen, wie eine Familie, die sich bei einem Unwetter versammelt. Die spärlichen Telegramme vom Kriegsschau platz sind es, wovon sie leben. Aber die werden ohne stür mische Kundgebungen aufgenommen, eher mit einer stillen Leidenschaft, nach dem, was ich gesehen habe. Ein Auto-182 mobil jagte durch die Straße, es warf Extrablätter in die Luft mit Nachrichten von einem neuen deutschen Sieg; sie flatterten durch die Straßen wie weiße verirrte Vögel, und die Leute stürmten ihnen nach und fingen sie ein, blie ben mitten in der Straße stehen und nickten vor sich hin, keine lauten Freudesausbrüche oder Extrava ganzen, nur eigentümlich glänzende Gesichter; die Deutschen nehmen die amtlichen Depeschen aus dem Kriege hin wie eine heilige Kommunion. Selbst bei den denk bar bürgerlich aussehenden Leuten wird man bei näherer Beobachtung eine gewisse vitale Hochspannung spüren, eine Art Inspiration oder Ekstase; jeder Deutsche, gleich gültig ob er Staatsmann oder Kutscher ist, geht umher in einem stillen religiösen Fieber, einem Gemütszustand, den die Römer gewiß ,ss,oruin genannt hätten. Man kann es den Leuten ansehen, daß sie während dieser Krise, die wohl die schwerste ist, die jemals einen Staat bedroht hat, sich in Gedanken den letzten Extremen hingeben: Sieg oder Untergang. Man sieht das an den Truppen, neuausgehobe- nen, die durch die Stadt ziehen sowohl älteste Jahrgänge wie ganz junge Knaben über ihnen ist eine eigentümliche helle Lustigkeit ausgebreitet, die nur die haben, die bereits auf der andern Seite stehen, Leute, die beschlossen haben, zu sterben. Eigentlich läßt sich so etwas überhaupt nicht erklären, aber ich habe einen unauslöschlichen Eindruck von diesen noch zivilen Abteilungen bekommen, die in raschem Marsch, geführt von einem Unteroffizier, durch die Straßen zogen, jeder mit einer flachen Pappschachtel in der Hand, ihr ganzes Gepäck, singend, mit der Hand in der Luft fechtend, einige geschmückt mit Blumen wie das Opfervieh, Trommeln und Pfeifen an der Spitze ein barbarischer Lärm, der den Gedanken auf ein Negerdorf hinlenkt. Und wenn sich die Schritte im Verkehr verlieren, steht man da und erinnert sich an das seelenvolle Licht eines oder des andern groben Tagelöhnergesichts, an einen ältern simpeln Deutschen, der von Frau und Kind weggerissen ist und verklärt im Gliede marschiert Heilig nennen die Deutschen dieses Einheits- und Vaterlandsgefühl, und das ist es auch, im alten blutigen, heidnischen Sinne. Man183 fühlt sich als Schriftsteller ganz und gar nicht an seinem Platze hier, mit einer Feder in der Hand. Eigentlich kann man nur in einer Weise an einem Kriege teilnehmen: mit dem Gewehr. Unter dem Eindruck des kriegerischen Geistes, der im Augenblick ganz Deutschland vereinigt zu einem einzigen, auf die Frage Leben oder Tod gerichteten Organismus, und wenn man sich die Schlachtfelder vorstellt, wo die blu tige Handlung im Gange ist, muß es auch gesagt werden, daß die Art, wie man sich in Deutschland über den Krieg äußert, die Presse, die Stimme des Volkes, wenig vor nehm erscheint. DerTon ist billiger deutscher Schwulst und deutsche naive Selbstverherrlichung geht über alle Grenzen. Dessen bedürfte es ja durchaus nicht, wo die Tat sachen reden, wo das Eisen so laut spricht wie hier. Ich glaube, das liegt an der Sprache selbst. Deutsch ist nun ein mal an und für sich nicht trocken. Bekanntlich hat man in Deutschland eine 4. Klasse auf der Eisenbahn; auch im Ge schmack hat man eine Klasse, die niedriger ist als irgendwo anders in der Welt, aber das sollte nicht die drei übrigen mehr schweigsamen Schichten in Vergessenheit bringen. Während eines Krieges wird immer geprahlt, das gehört mit zur Suggestion, und das hat ja auch hier gar nichts zu sagen, wo die Kriegstaten und die phänomenale deutsche Tatkraft einfach jede Meinungsäußerung übertäuben. In dessen glaube ich, die deutsche Maßlosigkeit mit dem Munde trägt ein gutTeil zu der sonst wo unverdienten Unbeliebtheit Deutschlands bei. Schamloses Eigenlob und Siege auf dem Papier sollte man dem Feinde überlassen als ein weiteres Schwächungsmittel. Es ist französisch, sich selbst alle Ehre zuzuerteilen und alles mit Phrasen abzutun, was auch die Tatsachen sagen mögen. Ich habe die englischen Zeitungen nicht gesehen, aber ich bin sicher, sie drücken sich stilvoller aus; statt dessen entfaltet man etwas mehr praktische Bosheit. Die deutsche Presse steht, wie man weiß, unter Aensur, das Publikum muß sich mit den Mitteilungen vom Kriegs schauplatz begnügen, die den Blättern durch die Heeres leitung zugehen. Diese ist sicher korrekt in allem, was sie den Zeitungen zukommen läßt. Die Presse selbst hat im184 übrigen sich völlig zur Verfügung gestellt. Wunderbar ist es, zu sehen, wie die liberale Presse, die jahrelang täglich die Regierung und die Militärausgaben bekämpft hat, jetzt mit einem einzigen Schlage und auf der ganzen Linie den Standpunkt gewechselt hat. Hierzu ist zu sagen, daß sie überhaupt keine andere Wahl hatte. Eine Erklärung dafür läßt sich nicht geben, man muß sich damit begnügen, das Verhältnis zu konstatieren. Wie man später, wenn der Krieg vorbei ist, das radikale Programm wieder aufnehmen will, wird die Zukunft zeigen, wahrscheinlich wieder durch eine Frontveränderung. Auch aus dem Lager der Frei sinnigen innerhalb der literarischen Welt hat man den Schritt hinüber zum Kriege getan, gänzlich und ohne kleinliche Rücksichten auf frühere natürlich jetzt auch ganz unzweck mäßige Standpunkte. Deutschlands modernster Dichter, Gerhart Hauptmann, schreibt einen übrigens sehr schönen Artikel, der gegen Deutschlands Feinde gerichtet ist; glücklicherweise bedeutete es ja auch weiter nichts, als er vor einem Jahre versuchte, Blücher zu ducken. Ein berühmter Lyriker, dessen Name so fein ist, daß er gewiß ei gentlich der Zukunft angehört, beruft sich auf so veraltete Ideale wie Odin, Thor und Balder. Im Krieg sollte die Literatur schweigen. Abstoßend wirkt der anmaßende Lärm, mit dem Harden in der .Zukunft für den Krieg brüllt, überflüssig und an die Bühne erinnernd. Im Vergleich hiermit nehmen sich die lakonischen Reden des Kaisers menschlich und echt aus. Man vermißt in Berlin das Auto mobil des Kaisers. In alten Tagen ich meine vor dem Krieg, aber das ist lange her gehörte es mit zu Berlins Physiognomie, daß das Auto des Kaisers sich wie ein Blitz strahl die .Linden hinunter bewegte, unter hohen feurigen Trompetensignalen, die bereits auf weite Entfernung die Straße vor dem Kaiser rein fegten. Dieser hohe krie gerische Ton und die wilde Fahrt des Wagens, mit den Symbolen der alten Kriegsgötter, das Tempo des Kaisers in Friedenszeit, das ist es, was sich jetzt über das ganze Reich ausgebreitet hat." In der Kopenhagener BcrlingSke Tidende" ver öffentlicht Ende September185 Svend Leopold nach der Tägl. Rundschau" vom 29. Sept. einen frei mütigen und geistvollen Aufsatz, worin er auf die große Bedeutung des gegenwärtigen Weltkrieges für die Reini gung der europäischen Kulturatmosphäre hinweist. In dem Kriege erkennt er einen großen geschichtlichen Zei tenwechsel; er ist ihm der Abschluß einer Periode, von der bereits jetzt mit voller Sicherheit gesagt werden könne, daß es eine Zeit des Verfalles und der Auflösung gewesen ist. Kennzeichnend ist, daß die letzte europäische Sensation" vor dem Kriegsausbruch der Caillaux-Prozeß gewesen ist; und als dieser Prozeß zur Verhandlung kam, da war die Frage, die die Pariser am meisten interessierte, der Hut der Angeklagten, und man erzählte sich staunend, der Schmuck dieses Hutes bestehe aus 80 großen Federn. Wahrlich, die Welt hat seitdem von anderem zu reden bekommen! Sen sation und Kulturheuchelei; darin sieht Leopold die Kenn zeichen des allgemeinen europäischen Kulturverfalles, der die Zeit vor dem Kriege beherrschte. Dasselbe Belgien, das nun als das Land der Hel den und Märtyrer gefeiert wird, wie ist es nicht lange Jahre hindurch von den sensationellen Enthüllungen der Welt presse besudelt worden! Alles das interessierte Europa und es gab gewiß nicht viele, die sich allzu lebhaft um Lö wens geschichtliches Rathaus oder seine einzigen Kunst schätze bekümmerten. Und nun Paris, dessen Bedrohung durch den Welt brand man mit Sorge sah! Was für eine kranke, wurm stichige Kultur herrschte nicht in dieser Millionenstadt, die beim letzten Kehraus den Ton angab. Man hielt wieder bei den Auflösungserscheinungen aus dem letzten Regie rungsjahre des dritten Napoleons Leopold spricht von den überhitzten, krankhaften Melodien und Tanzen, die von Paris ausgingen und überall Anklang und Nachahmung fanden; und die Töne, nach denen man tanzte, so bemerkt er, waren bei weitem nicht so frisch wie die Cancan-Ope retten von Offenbach aus der Zeit des zweiten Kaiserreiches. Die Tangomelodien, die schwülste Musik von Richard Strauß: das war der musikalische Ton des Tages. Der vielberufene186 gute Geschmack der Franzosen war in vollem Niedergange. Die Bildhauerkunst war der Libertinage anheimgefallen und Rodins .Marmorerzentrizitäten , wie Leopold sie recht zu treffend nennt, konnten ihren Wert auch nicht retten. Und in der Literatur? In der Literatur saß Anatole France und nivellierte alles zwischen Himmel und Erde. Sein Ehrgeiz war, der Voltaire des 19. Jahrhunderts zu sein. Er hatte eine elegante und virtuose Fähigkeit, weiß zu schwarz und schwarz zu weiß zu machen. Er zerpulvcrte alle Werte und zeigte der bewundernden Welt, daß das Ganze im Grunde nichts sei." Svend Leopold geht dann zur Besprechung der deut schen Zustände über, und er hat vollkommen recht, wenn er darauf hinweist, daß auch in der deutschen Reichshaupt stadt es an bedenklichen AersetzungSsymptomen nicht fehlte. Er weist darauf hin, daß die jungen Künstler den Kubismus und den ganzen übrigen Malereischwindel" besinnungslos nachahmten, daß die junge Literatur eher in Wilde, als in Shakespeare, allenfalls auch in d Annunzio ! oder dem dänischen Verfallsdichter Hermann Bang ihre Vorbilder sah. Darin freilich irrt der dänische Beobachter, wenn er meint, daß Schiller, der Abgott der Großeltern, ganz dem Galeriepublikum überlassen geblieben sei, und daß nur Heines Frivolität noch Gnade gefunden habe. Er übersieht dabei, daß gerade in den letzten Jahren vor dem Kriege die Liebe zu den Klassikern in weiten deutschen Kreisen einen neuen Aufschwung genommen hat; und was Heine betrifft, so weiß jeder Deutsche, daß dessen Stellung in unserer Literatur noch heute, um das mindeste zu sagen, heiß umkämpft ist. WaS aber die Hauptsache isi: diese Ver- fallerscheinungen, die ja auch in Deutschland viele Vater landsfreunde mit ernstester Freude erfüllt haben, beschränk- ! ten sich doch auf einen kleinen Teil von Berlin WW. im Grunde genommen auf gewisse KaffeehauS-Literaten-, Künstler- und Snobkreise; und als die Schicksalsstunde des deutschen Volkes schlug, da war all das verweht, wie Herbst gespinst im Sturm. So dürfen denn wir der neuen Zeit getrost ins Gesicht blicken. Er mag wohl recht haben, der dänische Verfasser, wenn er die Ansicht und die Hoffnung187 ausspricht, daß ein neues Europa vor der Tür stehe, und daß eine völlige Umwertung aller Werte zu erwarten sei. Die unfruchtbare Aeit der Verneinung wird beendet sein. Hinter dem Chaos wartet eine neue Morgenröte, die für die späteren Geschlechter das Licht sein wird. Wir, die wir jetzt leben, sind die Zeitgenossen der Welttragödie. Uber uns rast das Unwetter, das reinigend und befreiend wirken wird!" In der Wiener Zeit" hatte die bei uns durch ihren Sensationsroman Das gefährliche Alter" wohlbekannte dänische Schriftstellerin Karin Michaelis behauptet, der jüngeren dänischen Generation wird der Deutschenhaß eingeimpft. Dagegen wandten sich die Kopenhagener Zeitungen Nationaltidenbe" und Hovedstaden". Nach dem Verl. Tagebl." vom 12. Ok tober schreibt Hovedstaden: Heute wissen alle, die wirklich die danischen Verhält nisse kennen, daß weit eher das Entgegengesetzte der Fall gewesen ist. Jahre hindurch hat man in Dänemark an der Annäherung zwischen beiden Völkern ge arbeitet und keinen Deutschenhaß eingeimpft. Das deutsche Volk glaubt auch das nicht. Der von Dänemark kommende deutsche Reisende hat den Eindruck, daß er hier mit einer Liebenswürdigkeit behandelt worden ist, die seine Erwar tung übertrifft. Kein deutscher Tourist wird wegen seiner Nationalität belästigt. Das ist die Wahrheit über den Deutschenhaß Dänemarks, wo man Geist, Kunst und Literatur der Deutschen bewundert, sich davon befruchten läßt und in hohen Tönen die deutschen bürgerlichen Tugenden preist. Dänemark hat gern das gelernt, worin das deutsche Volk ihm als Meister er schien. Was etwa zwischen Deutschland und Dänemark liegt, hat nichts mit Nationalitätenfeindschaft zu tun." Am 24. Oktober 1914 starb in Roskilde von eigener Hand der auch in Deutschland hochgeschätzte, humoristische dänische Dichter (Satirspiel: Zwei mal zwei ist fünf!") Gustav Wied188 der in gewissem Sinne als ein Opfer des Weltkrieges zu betrachten ist. Dieser übte eine bedrückende Wirkung auf sein sensibles Gemüt aus. Er fühlte sich als schreibender Künstler in dieser Welt der harten Tatsachen überflüssig. Jetzt sind alle geistigen Werte gleich Null", klagte er. Ich habe Gyldendal geraten, seine Bücher auf eßbarem Material zu drucken, aber er zieht es wohl vor, gar keine herauszugeben." Über seine deutschlandfreundliche, wenn auch pessimistische Stimmung geben einige Schreiben an seine deutsche Übersetzerin Ida Anders in Berlin Auskunft. So schreibt er: Armes Deutschland! Das tüchtigste, das ^ geistig regsamste Land Europas! Es würde mich tief schmer- ^ zen, wenn die anderen Mächte, die sich bei weitein nicht ^ mit ihni messen können, nur durch ihre Massenwirkung den Sieg davontragen würden! Ich halte viel auf Deutsch land. Wir nordischen Völker haben Grund dazu, denn Deutschland hat uns mit einzig dastehender Gastfreiheit seine Tore geöffnet, wahrend Frankreich noch gar nicht lange weiß, daß wir existieren, England ,sich selbst genug ist und das räuberische Rußland uns unsere Kunst und Litera- ! tur stiehlt!" In einem andern Brief bemerkt er: Sie haben mit Ihren Bemerkungen über Reims ganz recht. Krieg ist Krieg! Wären die Englander und Fran zosen in Deutschland, so bombardierten sie auch Köln, wenn sie sich nicht anders helfen könnten. Heuchelei!" Der dänische Dichter Peter Nansen hat sich seiner Übersetzerin Julia Koppel gegenüber in sehr feiner und bemerkenswerter Weise über das Verhältnis zwischen Deutschland und Dänemark ausgesprochen. Wir geben den Bericht über die Unterredung nach dem Verl. Tagebl." vom 19. Oktober hier wieder: Während eines Aufenthaltes in Kopenhagen bat ich Peter Nansen als einen der in Deutschland bekanntesten ^ Vertreter dänischen Geisteslebens, sich über die Stellung des intellektuellen Dänemarks zu Deutschland zu äußern. Herr Nansen sagte folgendes:189 Hätte man in Dänemark mehr Verständnis dafür, was es für ein kleines Land bedeutet, wenn seine Kultur über die eigenen engen Grenzen dringt, dann würde nicht nur alles, was zur dänischen Literatur gehört, sondern das ganze dänische Volk mit Empörung von der Beschuldigung Abstand nehmen, daß die Deutschen eine kulturfeindliche Nation seien, die man im Namen der Kultur mit allen Mitteln, selbst mit Hilfe von Gelben, Braunen und Schwar zen bekämpfen müsse. Ich las kürzlich einen sehr schönen und würdigen Ar tikel von Gerhart Hauptmann, in dem er ausführte, daß keine andere große Nation mit solcher Liebe und sol chem Verständnis Kulturprodukte anderer Völker aufge nommen habe wie die Deutschen. Hauptmann wies nach, wie Deutschland französische, englische und russische Kunst gepflegt und oft mehr Verständ nis dafür gezeigt habe als das Mutterland. Besonders kann England davon mitreden. Bernhard Shaw hat Deutsch land seine Weltberühmtheit, Oscar Wilde seine Rehabili- tion zu verdanken. Die Shakespearesche Erneuerung ist von Berlin aus durch Mar Reinhardts geniale Regie kunst durch die ganze Welt gegangen. Und sowohl russische Bühnen- wie Ballettkunst hat ihren Weltstempel in Berlin erhalten. Wie treulos wäre es da erst, wenn skandinavische Künst ler und Gelehrte in diesem kritischen Augenblick nicht für Deutschland gutsagen würden. Man bedenke, was Deutschland für Ibsen, Brandes und Björnson gewesen und jetzt für Strindberg ist. Vor drei Jahren brachte das Lessing-Theater in einer Saison 13 Ibsen-Aufführungen. Etwas Annäherndes hat nicht einmal die norwegische Nationalbühne zuwege gebracht. Und im vorigen Jahr spielten sowohl das königliche Schauspielhaus wie das Lessing-Theater, das Komödien haus und das Deutsche Theater in Berlin Strindbergsche Stücke. Auf besonderen Wunsch des Kaisers wurde sogar eines von Strindbergs romantischen Dramen gespielt, nachdem das königliche Schauspielhaus bereits .Fräulein190 Julie gebracht hatte, ein Stück, das skandinavische offi zielle Theater bisher für unpassend angesehen haben- Außerdem spielte das königliche Schauspielhaus auf Wunsch des deutschen Kaisers im vorigen Jahr ,Peer Gynt , obgleich das Lessing-Theater es schon vorher in derselben Saison gegeben hatte. Der Kaiser lud Frau Nina Grieg zur Uraufführung ein, empfing sie im Schloß und bezeigte ihr große Ehre. Wie ich gehört habe, sollte auf Wunsch des Kaisers in diesem Jahre Drachmanns ,Ball auf Koldinghus ge geben werden. Die Ereignisse haben es anders gewollt. Aber was würde es für Drachmann als Dichter bedeutet haben, wenn das königliche Theater unter den: Protek torat des Kaisers eines seiner Dramen gebracht hätte, mit jenem Glanz, den deutsche Bühnenkunst heutzutage besitzt! Ja, wir Dänen wissen, was dänische Kunst Deutschland zu verdanken hat. Jeder Schriftsteller von Talent, selbst die jüngsten, können davon mitreden. England und Frank reich verhalten sich gleichgültig. Deutschland aber späht nach Kunst aus, von welcher Seite sie auch kommen mag. Und besonders hat es in den letzten Jahrzehnten seine Liebe auf dänische Kunst geworfen. I. P. Jacobsen wird in Deutschland geliebt und be wundert. Bang und Joh. V. Jensen nicht weniger. Ich kann selbst ein wenig davon mitreden. Und was haben nicht Dramatiker wie Gustav Wied, Henri Nathansen, Sven Lange, Romanschriftsteller wie Henrik Pontoppidan, Gjellerup, Sophus Bauditz, Andersen-Nerö, Laurids Bruun, Otto Rung, Jngeborg Maria Sick, Karin und Sophus Michaelis usw. Deutschland zu danken? Die gastfreien Deutschen, die nach jedem neuauftauchenden Talent in Dänemark auf der Lauer liegen, gaben auch den Jüngsten Bürgerrecht. So war zum Beispiel Aage Madelung in Deutschland berühmt, bevor man in Dänemark von ihm Notiz genommen hatte. Und was hat Deutschland nicht für dänische Wissen schaft bedeutet! Deutsche philologische, mathematische, na turwissenschaftliche, medizinische Zeitschriften haben däni-191 sehen Gelehrten jederzeit offengestanden, und die berühmten alten deutschen wissenschaftlichen Verlagsfirmen haben däni sche Werke veröffentlicht, für die der danische Büchermarkt zu klein war. Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten für danische Dichtung und Wissenschaft auch materiell eine große Rolle gespielt. Und dabei ist das Materielle hier natürlich das Unwesentlichere. Auch die danische bildende Kunst wird in Deutschland geliebt und bewundert. Die Thorwaldsen-Verehrung ist so groß, daß man ihr in Danemark kaum zu folgen ver mag. Von modernen Malern werden Kröyer und Ham- mershöi wohl am meisten geschätzt. Wie groß das all gemeine Interesse für dänische Kunst ist, geht daraus her vor, daß in den letzten Jahren bei den vornehmsten Kunst verlagen Prachtwerke sowohl über dänische Maler- als auch über alte dänische Baukunst erschienen sind. Und zur Musik. Nirgends im Auslande wird dänische Tonkunst so verstanden wie in Deutschland. Gades Ruhm drang nie über deutsche Grenzen hinaus. Unsere Opern sänger Herold und Cornelius haben ehrenvolle Gast spiele im Conventgarten in London gegeben. Berühmt aber wurde Herold in Berlin, Dresden und Prag, ebenso wie Cornelius in Bayreuth. Schmedes und Forchham mer haben große feste Anstellungen an den Wiener und Dresdener Opern errungen. Und eine ganze Anzahl dänischer Sängerinnen ist aus dem heimatlichen Nest zu größerer Entfaltung in die deutschen Lande geflogen. Daß dänische religiöse Bewegungen in Deutschland guten Boden fanden, ist begreiflich: haben wir doch den Lutheranismus aus Deutschland bekommen. Aber es ist doch imponierend, wenn man bei Deutschen größeres In teresse für Sören-Kirkegaard findet, als selbst in ge bildeten dänischen Kreisen. Ja, sogar ein so ausgeprägt dänisches Geistesphänomen wieGrundtvig wird in Deutsch land verstanden. Und ist es nicht merkwürdig, daß das beste Buch über die von Grundtvig gegründeten volkstümlichen Hochschulen von einem Deutschen geschrieben ist, von Pro fessor Hollmann, augenblicklich an der deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen tätig? Auf Veranlassung von dänischen192 Grundtvigianern wurde dieses Buch vor einigen Jahren ins Dänische übersetzt." Ich beklage mich nicht darüber, daß England und Frank reich kein sonderliches Interesse für danische Kunst und Wis senschaft gezeigt haben," fuhr Herr Nansen fort, wir, die wir zu den kleinen Nationen gehören, haben nichts zu fordern. Aber wir wären mehr als dumm, wenn wir es nicht zu schätzen wüßten, daß ein großes Land uns Aufmerksamkeit schenkt und seine Liebe auf uns geworfen hat. England und Frankreich haben keinen Gebrauch für uns. Das bleibt ihre Sache. Aber daß die große deutsche Kulturnation uns Dänen einen Ehrenplatz eingeräumt hat, sollte unsere Sympathie für Deutschland doch jedenfalls nicht verringern." Wie ist es dann aber möglich", fragte ich, daß die Haltung der breiteren Bevölkerung und der Presse Deutschland gegenüber nicht so wohlwollend ist, wie man voraussetzen zu können meinte?" Herr Nansen antwortete: Wir Dänen haben, politisch betrachtet, den großen Ländern nichts zu verdanken. Unsere romantische Schwär merei für Frankreich und den Napoleonismus hat uns Mal für Mal Unglück gebracht. England hat seit vielen Jahren materiell ungeheuer viel für Dänemark bedeutet, während Deutschland die agrarische Unklugheit beging, Dänemark abzusperren. Aber England hat uns sowohl in den Jahren 1801 wie 1804 heimgesucht. Durch unser Bündnis mit Frankreich verloren wir Norwegen; wir verloren alte dänische Provinzen an Schwe den; England nahm uns unsere Flotte; Rußland hat uns nie wirklich Hilfe geleistet. Deutschland nahm uns 1864 so und so viel deutsches Land und so und so viel altes dänisches Land, das sich in Zeiten, wo das Nationalgefühl nicht rege war, verdeutscht hatte. Aber Deutschland nahm auch ein Stück dänisches Land, wo das Nationalgefühl sehr tief wurzelte. Und Deutschland hat es nicht verstanden, groß gegen die Kleinen zu handeln. Hier liegt der Schwerpunkt des dänischen Mißmuts gegen Deutschland. Was hätte es Deutschland denn gekostet, edelmütig193 gegen diese 200 VVV dänischen Schleswiger zu sein? Warum duldete man nicht, daß junge Mädchen in Nordschleswig sich mit dänischen Farben schmückten, daß Dänisch sprechende Untertanen alte dänische Lieder sangen, unpolitische Vor träge von Dänen jenseits der Grenze, dänische Schauspiel kunst und Musik anhörten? Warum die vielen Auswei sungen? Die dänische Regierung hat doch seit vielen Jahren eine Politik getrieben, die deutlich zu erkennen gab, daß man sich nicht gegen Deutschland verschwören wollte, sondern im Gegenteil das freundlichste nachbarliche Ver hältnis wünschte. Durch Verbote kann man etwas so Zartes und Intimes wie Muttersprache und Vaterlandsliebe nicht unterdrücken. Durch Verständnis aber glättet und mildert man. Man kann den Nordschleswigern nicht nachsagen, daß sie gesetzwidrig und gefährlich sind, im Gegenteil, es ist eine gutmütige und besonnene Bevölkerung. Eine Gefahr hat Deutschland darum nie von jener Seite gedroht. Und nachdem jetzt junge dänische Nordschleswiger zum zweiten mal zusammen mit anderen deutschen Soldaten auf dem Walplatz geblutet haben, die noch dazu nach Aussage von hochstehenden Offizieren zwischen den tapfersten und tüchtigsten waren jetzt werden doch gewiß auch preußische Behörden einsehen, daß die dänischen Nord- schleswiger nicht mehr als verdächtige Individuen, als zweit klassige Bürger angesehen zu werden brauchen. Durch die Freundschaft und Verwandtschaft zwischen den deutschen und dänischen Herrscherhäusern, durch die unantastbare Neutralitätspolitik Dänemarks, und nicht zum wenigsten durch die immer größer werdende und intime geistige Verbindung zwischen den beiden Ländern, war ein wirkliches Freundschaftsverhältnis im Aufblühen. Nur die Besiegelung fehlte noch, die Besiegelung, die von deutscher Seite kommen mußte. Wir sind eine große Anzahl von Däne , die gewußt haben, daß man in deutschen libe ralen Kreisen, ja sogar von modernem militärischen Ge sichtspunkt aus, eine endgültige Aussöhnung mit Dänemark wünschte. Der Krieg der Geister. 12194 Aber die breite Bevölkerung in Danemark urteilte nur nach der Tatsache, daß in Nordschleswig beständig eine Unterdrückungspolitik ausgeübt wurde. Und man konnte nicht begreifen, daß Deutschland, das große machtige Land, uns Danen einerseits so viel gab, während es uns anderer seits seine Faust fühlen ließ. Wir Dänen, die deutsche Sympathien haben und ger manisch fühlen wie unsere Großväter und Urgroßväter, wie unsere Klassiker Oehlenschläger und Baggesen wurden in unseren Versöhnungsbestrebungen von einer deutschen Politik gehindert, die sicher nie die des bürgerlichen Deutsch lands gewesen und hoffentlich in Zukunft auch nicht die der deutschen Behörden sein wird. Lebt nicht in jedem germanischen Herzen der Traum vom gerechten Pangermanismus, mit voller Souveränität l für jedes Volk, von den beiden Großmächten England (?) und Deutschland geschützt, wovon Björnstjerne Björnson träumte? Die Zeit wird kommen, wo die Weißen in Europa und Amerika sich zusammentun müssen. Mir und sicher vielen mit mir erscheint es selbstmörderisch, daß die euro päischen Länder, die sich augenblicklich gegen Deutschland verbunden haben, Hilfe aus Nordafrika, aus Japan und Indien holen. Betrachten Sie die Weltkarte. Sehen Sie, wie klein Europa ist. Ein Europa, das miteinander im Kampf liegt, wird eine leichte Beute für die asiatischen Völker sein, die an Zahl so weit überlegen sind. Das halbasiatische Rußland ist bereits im Vorrücken. Vielleicht sind die Gelben oder die Schwarzen das Volk der Zukunft. Wir Weißen aber sollten doch nicht von vorn herein durch gar zu bittere Entzweiungen die Chancen der anderen vergrößern. Wir Dänen sind politisch unparteiisch. Und wir nehmen von der ganzen Welt Kultur entgegen. Wir bewundern Frankreichs Kunst und Dichtung, wir schwärmen, wie die Deutschen auch, für französische Eleganz, für französischen Reiz wie wir für alles Ausgesuchte schwärmen. Wir lassen uns von den großen Möglichkeiten imponieren, die Rußland195 durch seine revolutionären Denker und Dichter entschleiert; wir erkennen die Herrscherkraft, die England in allen Welt teilen bewiesen hat. Nicht am wenigsten bewundern wir die Renaissance Italiens. Wir sind Europäer. In erster Linie aber sind wir Dä nen, und als Dänen Germanen. Undwirsindmit Deutsch land geographisch und kulturell näher verwandt als mit irgeneiner anderen Nation außer mit Schweden und Norwegen. Gemeinsamkeit in Kunst und Literatur wird oft von Bürgerschaft und professionellen Politikern unterschätzt. Was hat Kunst und Dichtung mit Politik zu schaffen? Ich glaube, viel mehr als man denkt. Was haben nicht große Dichter, wie Victor Hugo, Tolstoi und Björnson politisch bedeutet? Jeder große Politiker ist im tiefsten Innern Dichter. Jeder große Dichter versteht durch Intuition oft viel mehr von Politik als Politiker von Beruf. Jeder bedeutende Mensch muß alles verstehen, alles ahnen. Und jetzt zum Schluß möchte ich Ihnen noch eine schöne Erinnerung erzählen: Es war dei ber Beerdigung von Henrik Ibsen. Soundso viele .offizielle Kränze waren auf den Sarg des Dichters niedergelegt worden- Von Schriftstellervereinen, von Frauenvereinen, von Theatern usw. Plötzlich kam ein deutscher Offizier. Er stand groß und schlank neben dem Sarg, einen Lorbeerkranz in der Hand. Und er legte den Kranz auf den Sarg nieder, indem er laut sagte wie bei einer Parade: Huldigung dem Meister von dem Kanzler des Deutschen Reiches. Durch die ganze Kirche ging bei diesem Gruß des Für sten Bülow eine heiße Welle von Pangermanismus." Dieser Artikel hat, weil Nansen darin deutlich seine deutschfreundlichen Gesinnungen ausdrückte, in dem natio nalistischen Teil der dänischen Presse und Literatur zu einer ^ Flut von Gegenerklärungen und Widerlegungen geführt. Insbesondere verdroß viele dänische Feinde Deutschlands IZ 196 der Satz: Wir sind mit Deutschland kulturell näher ver wandt, als mit irgendeiner anderen Nation." In der Kopenhagener Zeitung Berlingske Tidende" vom 8. Ja nuar 1915 präzisiert nun Nansen seinen deutschfreundlichen Standpunkt noch einmal und bemüht sich, die Gründe seiner Gegner zu widerlegen. Er sagt unter anderem: Was ich den Deutschen im .Berliner Tageblatt" an Anerkennung gab, war nach meiner Auffassung der Re geln für den gesellschaftlichen Umgang nicht mehr als das, dem jeder wohlerzogene Mensch beipflichten muß. Es ist möglich, daß ein Herr Soundso meinem geringen Hause die ungeheure Ehre macht, mein Gast zu sein. Ich zaudere auch nicht damit, hm dafür zu danken, ich bin es ja, der das Gute von seinem Geiste und seiner Feinheit genossen hat. Aber wenn er sich wohlbefunden hat bei mir, wenn er den Eindruck hat, daß er bei nnr in Berührung gekommen ist mit so und so vielen für seine Begabung besonders empfäng lichen Menschen, wenn er überhaupt nicht so eingebildet und selbstzufrieden ist, daß er glaubt, alle müssen ihn an beten so wird er auch, ohne sich demütig und gering zu machen, aus einem ehrlichen Herzen nur dafür danken kön nen, was er Gutes in meinem Hause empfangen hat. Dieses gilt in ganz besonderem Grade, wenn ich ein großes und mächtiges Haus habe, nnt den besten und nützlichsten Verbindungen und wenn mein hochgeschätzter Gast, den ich bewundere und dem ich danke, aus kleinen und beschei denen Verhältnissen kommt, in denen es für ihn schwer ge wesen war, eine volle Entfaltung und ein volles Verstehen zu finden. Friedrich der Große, der Preußenkönig aller Preußen könige, bewunderte Voltaire und, geistig frei wie dieser Soldatenkönig war, gab er dem in Frankreich von der Regierung verfolgten Dichter und Denker eine Freistatt beim Hofe in Potsdam. Wer war es in diesem Verhältnis, der gab? Wer war es, der Dank schuldete? Konnte viel leicht nicht Voltaire, ohne sich zu schämen, dem großen Fried rich Dank sagen? Er tat es ja auch eine Aeit lang, und ich habe ihn niemals loben hören, weil er später damit aufge hört hat. Wie ist es doch kleinlich, wenn so und so viele197 nicht allzu weltberühmte Schriftsteller mit Indignation dagegen protestieren, Deutschland einen Dank zu schulden, und wie kleinlich und wenig geschmackvoll zugleich ist es doch, wenn ein paar Lyriker sich keinen anderen Grund für die Dankbarkeit der dänischen Prosaliteratur gegenüber dem deutschen Geistesleben denken können, als kontante Bezahlung! Ich meine, und ich habe das ausdrücklich betont, daß das Materielle nicht die entscheidende Rolle spielt. Aber ich kann mich nicht der Ziererei anschließen, daß die Produzenten von geistigen Werten es als eine Herab würdigung ansehen sollen, für ihre Produkte bezahlt zu werden. Haben wir die Mittel dazu, uns auf ein allzu hohes Roß gegenüber den Nationen zu setzen, die auf dem einen oder dem anderen Gebiete unserer Nation Ruhm und Ehre erzeigen?" Peter Nansen geht dann mit einigen der Artikelschreiber im einzelnen ins Gericht und kommt dann auf Karl Lar sens stolze und mutigen und für die meisten Dänen in teressanten und neuen Betrachtungen über den deutschen Militarismus" zu sprechen. Er sagt: In allem Wesentlichen fallen Larsens Bettachtungen damit zusammen, was deutsche Dichter wie Hauptmann und Richard Dehmel mir erklärt haben, was ich auch kenne durch Gespräche mit begabten deutschen Ärzten, Juristen und Offizieren. Und vor ganz kurzem las ich einen Artikel von Rudolf Eucken, der an manchen Stellen bei nahe wörtlich dasselbe sagt, wie Karl Larsen. Aber alle hervorragenden Deutschen, die ich mündlich oder schriftlich den deutschen Militarismus habe verteidigen hören als einen nationalen Kulturfaktor, einen Volks militarismus zur ethischen und religiösen Stärkung von Gemeinsamkeitsgefühl, Gemeinsamkeitsfortschritt, Zusammengehörigkeit in Deutschland und für die deutsche Rasse im Heimatlande und in fernen Weltteilen alle haben doch gemeint, daß er infolge der Entwicklung der Verhältnisse ein besonders deutsches Phänomen ist, etwas, was sich nicht überführen läßt in andere Völker oder Rassen. Sie haben gesagt, auch die anderen großen Länder haben ihren Militarismus, aber der deutsche Mili-193 tarismus ist herausgewachsen aus dem Volkswillen als ein heiliges Opfer für das Vaterland, und ist daher ein sittlicherer und besserer Militarismus. Doch es ist selbst verständlich nicht der Militarismus, der unser endliches Iiel ist, geschweige denn unser Traum. Ich habe eigentlich nie mals irgendeinen Deutschen den deutschen Militarismus als eine Weltreligion wünschen hören, wie sich das Karl Larsen als möglich denkt, ich glaube nicht, oder richtiger gesagt, ich weiß, daß dieDeutschen in ihrer Allgemein heit nicht von dem deutschen Militarismus als einem erstrebenswerten Endziel träumen. Die Deutschen sind, wie alle Germanen, Romantiker, Schwär mer, sie nehmen den deut chen Militarismus als eine Notwendigkeit der Selbsterhaltung und, diszipliniert wie sie sind, beugen sie sich opferwillig unter ihn, aber ihre Träume gehen zu ganz anderen sonnenhellen Stranden. Die deutsche Volksdisziplin, vor der ich den größten Respekt habe, hat vielleicht den deutschen Militarismus stärker gemacht, als den aller anderen Länder, abgesehen von dem Englands, der in jedem Fall maritim bisher der schärfste gewesen ist. Wir Europäer können alle be schämt gestehen, daß die Menschen noch nicht reif geworden sind zu dem Glückszeittraume, der in unserem Geiste durch Jahrtausende gelebt hat, dieser Krieg mußte also kommen, und es ist auch möglich, daß noch andere folgen werden und noch schrecklichere Kriege. Aber vor jedem Kriege werden in allen Ländern viele und viele träumen von einer Jeit, wo Religion und Moral nicht auf genialen technischen Erfindungen, um zu morden, aufgebaut sein werden." Der hier zitierte, bekannte dänische Schriftsteller, Professor Karl Larsen hatte am 28. Dezember 1914 in der Politiken" seine Ansicht über den deutschen Militarismus geäußert. Er wies auf die in ihm enthaltenen Kulturmomente hin und fuhr dann fort: Unter anderem kann n cht stark genug betont werden, daß das moderne Deutschland nicht allein das Deutsch land Bismarcks und Moltkes ist, sondern auch das199 Deutschland Kants und Fichtes, daß seine Ahnen unter den höchsten Vertretern des deutschen Geisteslebens zu suchen sind. Das deutsche Militärwesen hat nicht nur das Zusammengehörigkeitsgefühl bedeutend versteift durch die Forderung der Opferung des eigenen Lebens, die es an jedem einzelnen vom Fürsten bis zum Tagelöhner stellt, sondern es hat namentlich die er erbten deutschen nationalen Geisteswerte in höchstem Maße popularisiert, anschaulich gemacht, sie unter die wehende Nationalfahne gestellt und verstandlich gemacht selbst für den Ger ngsten und Einfaltigsten. Das Militärwesen hat altes deutsches Gold in rollende Münzen umgeprägt, die dein ganzen Volke dienen. Die verschiedenen Völker können dem deutschen Militarismus gegenüber verschieden empfin den, rechnen müssen sie immer mit ihm als einer gewaltigen Macht." Als ein falscher Freund Deutschlands entpuppte sich der dänische Literarhistoriker Georg Brandes der mit Vorliebe bisher in Berliner Zeitungen über deutsche Dichtung orakelte. Der Wiener Schriftsteller Stefan Großmann hatte im Kopenhagener Politiken" ein paar Hetznachrichten gegen Deutschland und Österreich-Ungarn gelesen, sich dabei erinnert, daß zu diesem Blatte der Bruder von Georg Brandes, Redakteur und Minister Edvard Brandes, in innigster Beziehung stehe, und kurzweg in einem Offenen Briefe an Georg Brandes apelliert, sich jetzt einmal in Deutschland und Osterreich die Dinge anzu sehen. Brandes tat, als wisse er von nichts. Großmann schrieb ihm darauf privat: Die Stunde ist ernst; Deutschland und Osterreich müßten auch ihre Freunde draußen mobil machen. Wer in diesen Tagen Deutschland Freundschaft bezeigt, dem wird dies nicht vergessen werden, freilich auch nicht korrekte Gleichgültigkeit." Darauf ließ sich endlich Brandes in der Politiken" hören: Es ist klar, daß eine solche Aufforderung auf stolzere Gemüter ihre Wirkung verfehlt. ... Überall, wo Deutsch land eine wohlwollende oder begeisterte Auslassung über200 die deutsche Sache fand, vervielfältigte es sie ins Unendliche, hob den Fürsprecher bis in den Himmel und belohnte ihn durch Kauf seiner Bücher mit soliden Geldsum men." Man wird sich diese Schmähung der Freunde Deutsch lands, eines Knut Hamsun und eines Peter Nansen, als bezahlte Subjekte, die für Geld ihre Gesinnung ver kaufen, merken müssen. Die Stimmung in Schweden, der dritten der drei skandinavischen Mächte, war von Anfang an im Ganzen deutschfreundlich; hier ist es außer dem germanischen Gemeinschaftsgefühl die im Hintergrund lauernde rus sische Gefahr", welche die Sympathien des Volkes von vornherein beeinflußt, vielleicht auch mit der heimliche Wunsch, die finnische Frage in einem für Schweden gün stigen Sinne durch diesen Krieg gelöst zu sehen. In drei der größten und einflußreichsten schwedischen Zeitschriften ergriffen hervorragende Köpfe das Wort. In der StaatSwissenschaftlichen Zeitschrift" äußert sich der Professor der Staatswissenschaften an der Universität Lund, früheres Mitglied der ersten Kammer des schwedischen Reichs tages, Pontus Fahlbeck folgendermaßen über ein mögliches Zusammengehen Schwe dens mit Deutschland: Als Urheber des Gedankens eines Bündnisses Schwe dens mit Deutschland, wofür ich vor zwei Jahren ein trat, habe ich jetzt folgendes zu sagen: Der Bündnisgedanke beruhte auf einer Hoffnung und war anderseits auch auf einer Tatsache aufgebaut. Die Hoffnung bestand darm, daß es möglich gewesen wäre, den jetzigen Weltkrieg zu verhindern, wenn damals ein Bündnis Schwedens mit Deutschland zustandegekommen wäre; dabei war die Voraussetzung natürlich, daß Schwedens Wehrkraft eine solche gewesen wäre, wie es die Weltlage erforderte. Ruß land, das jetzt die Kriegsfackel angezündet hat, würde das Schwert in der Scheide behalten haben, wenn ein stark gerüstetes Schweden sich an die Seite Deutschlands gestellt201 hätte. Deshalb war der Bündnisgedanke in erster Reihe ein Friedensgedanke. Auf der andern Seite handelt es sich um die Tatsache, daß das Schicksal Schwedens und des Nordens überhaupt dermaßen mit demjenigen Deutsch lands verknüpft ist, daß eine Niederlage Deutschlands unsere eigene Existenz in Frage stellen muß. Diese Wahrheit wird vielleicht nicht voll erkannt, solange die deutschen Siege andauern. Der Krieg ist mit Deutsch lands Sieg über Frankreich nicht beendet. Sollte sich nun wider Erwarten das Kriegsglück im bevorstehenden Kampf gegen Rußland von den deutschen Waffen abwenden, ist die Aeit für das Verständnis des schwedisch-deutschen Bünd nisgedankens wieder gekommen. Zurzeit wird Deutsch land allerdings mit seinem Waffenbruder Österreich- Ungarn allein den Kampf für das Germanentum kämpfen." In der Zeitschrift Das neue Schweden" schreibt der angesehene Schriftsteller l )r. Adrian Molin u. a. folgendes ( Köln. Aeitg." vom 18. Sept. 1914): In diesem Augenblick würden es die meisten Schweden sicher als das größte Unglück betrachten, in den Weltkrieg mit verwickelt zu werden. Es gibt aber noch ein größeres Unglück: das besteht darin, jetzt außerhalb des Krieges zu stehen, um später als Kompensationsobjekt be handelt zu werden!... Unsere außerpolitische Gefahr droht uns vom Osten. Unsere Verteidigung ist zwar eine Neutralitätsverteidigung. Dieser Satz kann aber solange wiederholt werden, bis er eine Phrase wird. Unsere Ver teidigung hat den Zweck, unter allen Umständen unsere Unabhängigkeit und den Besitz unseres jetzigen Staatsge biets zu sichern. Aber wir können in die Lage kommen, daß ein .unerschütterliches Festhalten an der Neutralität eine direkte Gefahr für uns werden kann; da müssen wir die Neutralität natürlich aufgeben. Wir müssen dann eben die Stütze suchen, die wir bekommen können. Es kann eine Aufgabe von größter Wichtigkeit für unsere leitenden Staatsmänner werden, beizeiten eine solche geänderte Politik einzuleiten. Vorsicht ist gewiß eine Tugend; sie darf aber nicht ein Schlafmittel werden. Die Neutralität202 ist für uns ein Fetisch geworden, womit wir einen blinden Kultus treiben... Nur ein gedankenloser Egoismus setzt es als etwas Natürliches für uns voraus, ja verlangt gerade zu das Recht für uns ,ein kleines Volk ein Jahrzehnt nach dem andern alle geistigen und materiellen Fortschritte genießen zu können, ohne vor die Gefahr gestellt zu werden, die das Recht zum Leben und zum Glücke prüft! Wir haben in ruhigen Zeiten Anspruch auf einen Platz unter den Kul turvölkern; wenn aber der Sturm kommt, beanspruchen wir für uns fast das Recht, uns ,aus Europa auszumelden ... Uns droht die Gefahr vom Osten! Und je mehr Deutsch land geschwächt würde, um so näher würde uns diese Ge fahr kommen. Unser Interesse im Weltkriege muß also sein, daß Deutschland durch seine Feuertaufe unversehrt und ungeschwächt durchkommt!..." Die bedeutende schwedische Schriftstellerin, Freiin Annie Akerhielm veröffentlicht nach den Leipz. Neuest. Nachr." vom 27. Sept. einen Brief über Rassensympathie, der in seinem Ein treten für Deutschland schöne Worte findet. Die Schrift stellerin sagt, daß eS sich bei diesem Kriege um viel mehr handle, als um Sieg und Niederlage. Es handelt sich ihrer Uberzeugung nach um das Germanentum in seiner ganzen Bedeutung, die germanische Kultur, das germanische Recht, die germanische Art, zu denken und zu fühlen. Kurz, es geht um die germanische Existenz. Das ist keine Redensart. Man kann sich nnt einem Romanen oder Slawen vorzüglich über Wind und Wetter unterhalten, Höflichkeiten tauschen, plaudern; geht man in die Tiefen des Lebens, so merkt man, wie wesensfremd man der frem den Rasse gegenübersteht. Selbst die romanische Leiden schaft erscheint uns trocken und kalt und übertrieben. Es gibt nur eine Kulturwelt, wo wir uns heimisch fühlen kön nen, und das ist die germanische. Die Mitte des Germanis mus, sein Herz und seine feste Burg ist Deutschland. Geht Deutschland unter, so gibt es nur noch Ruinen der germanischen Welt. Die letzte, entfernteste Ruine des Ger manentums heißt Eng and... England mit seiner Jnsel- seele, seiner Unfähigkeit, anders als das spezifisch Englische203 zu verstehen und schätzen, kann niemals für das Germanen tum das werden, was Deutschland ist. Zum Schutz unserer Zukunft, unserer Lebensanschauung, unserer Gefühle und Gedanken für das Eigentliche in uns .steht fest und treu die Wacht am Rhein! Möge diese Wacht nicht fallen! Es kann unmöglich gegen unsere Neutralitätspflicht verstoßen, diesen Wunsch auszusprechen." Für eine Ausstellung von Kunstwerken, die das Ham burger Brockenhaus" zum Besten notleidender Hamburger Künstler veranstaltete, stiftete der schwedische Bildhauer Carl Milles ein Freund Sven Hedins und des Prinzen Eugen, wohlbe kannt auch über seine Heimat hinaus, eine Bronzegruppe und schrieb dazu einen Brief, der ein schönes und inniges Aeichen seiner Deutschenfreundlichkeit ist und in seiner un beholfenen, deutschen Ausdrucksweise geradezu rührend wirkt. Es heißt in diesem Brief (nach dem Berl. Tagebl." vom 15. Oktober): Sie wissen ja, wie ich mein ganzes Herz für den Deutschen fühle diese Zeit, deswegen will ich Ihre Bitte ja sagen und sende diese Tage eine kleine Bronze gruppe, vorstellend zwei Pferde und ein Mann dazwischen. Die stammt aus der Zeit ich sehr realistisch arbeitete, sind sehr karaktäristisch die Pferde und gehört die Gruppe zu meinen feineren. Habe sie einige Male verkauft für 1200 Mark. Hoffentlich wird sie verkauft und also nützlich sein... So mag Deutschland siegen, es ist wohl das ein zige Volk, man wirklich Vertrauen schenken kann!" Der bekannte schwedische Schriftsteller Henning von Molstedt schreibt in einem Artikel über die Quelle der deutschen Kriegskunst Mitte Oktober: Für die bisher bekannte meisterhafteste Art, Krieg zu führen, hat man gern den Ausdruck preußisch" an gewandt. Wenn die Engländer sagen, sie müßten Krieg führen, um diese Weise zu bekämpfen, so meinen sie, daß sie die Welt und sich selber von dem Wettstreit mit einem Volk befreien möchten, das sich im Besitz einer so meister-204 haften Kriegstechnik befindet, wie das deutsche. Es hat sich bis heute nicht gezeigt, daß es eine bessere Kriegs kunst gibt als die deutsche. Ich bin Soldat," das ist ein Wort, das der Deutsche gern anwendet. Fleiß und Sie gesgewißheit im Frieden, Unermüdlichkeit und Gehorsam im Kriege, und zwar nicht ein blinder Ge horsam, sondem ein großer, klarblickender Gehorsam, der in dem Gefühl wurzelt, daß der Dienst für das Wohl des Ganzen die eigenste Lebensaufgabe ist das ist die Quelle der deutschen Kriegskunst." Der berühmte schwedische Forscher und Weltreisende Sven Hedin, der sich auch in Deutschland durch seine weitverbreiteten Reisewcrke über Tibet, Persien usw. einen Namen gemacht hat, erhielt auf seinen Antrag von der deutschen Regierung die Erlaubnis, die Kriegsschauplätze in Frankreich und Belgien zu besuchen, um sich persönlich von der Lügenhaftigkeit ausländischer Berichte über deutsches Barbarentum zu überzeugen. Nach seiner Rückkehr ver öffentlichte er im L^äsvenska OsZblÄilkt" vom 18. Okt. 1914, sowie im Stockholmer .Mtenblacket" folgenden Brief über seine Eindrücke an der westlichen Front an einen schwe dischen Freund, worin er in unerschrockener Weise der Wahrheit die Ehre gibt: Stockholm, Anfang Oktober. Schon längst wollte ich über meine Eindrücke von Deutschland und der Front berichten. Ich mochte aber erst soviel wie möglich sehen und hatte den Wunsch, daß meine Eindrücke reifen sollten, damit mein Urteil und meine Äußerungen vollkommen zuverlässig sein sollten. Weder wollte noch durfte ich etwas sagen, was ich nicht mit meinem Namen und meiner Ehre verbürgen konnte. Vom ersten Tag des Krieges zweifelte ich nicht an dem Ausgang. Wohl konnte man einsehen, daß es eine sckwere Arbeit werden würde, die kolossale Übermacht zu brechen. Nunmehr, seitdem ich mit eigenen Augen so viel gesehen habe, und da ich mich im Brennpunkt der Ereignisse befinde, ist es mir klarer denn je geworden.205 daß das deutsche Volk siegen muß, ein Volk, das für seine eigensten Güter kämpft, sei es auch gegen eine ganze Welt. In Berlin konnte ich keinen Unterschied vom gewöhn lichen Dasein bemerken. Das Straßenleben hatte sein ge wöhnliches Aussehen wiedergewonnen. Es nahm Wunder so viele Leute in den besten Jahren zu sehen; ich machte mir die Bemerkung: hier in Berlin gibt es augenblicklich eine Reserve von etwa einer Million Soldaten! Auf der Fahrt nach Frankfurt a. M. und Koblenz, die ich im Auto zurücklegte, konnte ich dasselbe beobachten: das alltagliche Leben war dem gewöhnlichen Schraubengang nicht entlaufen. Ich konnte nicht die geringste Störung wahr nehmen ; alles arbeitete wie im tiefsten Frieden. Das einzig Eigenartige waren die Landwehrwachen bei den Eisenbahn- und Wegebrücken. Von dem gewaltigen Verkehr von Män nern, Pferden und Material, die nach Westen gingen, hatte der keine Ahnung, der die Eisenbahnhöfe nicht auf suchte. Dort aber mußte man vor Verwunderung stehen bleiben. In einer Stadt, wo ich zwei Tage verbrachte, kam jede halbe Stunde ein Truppenzug vorbei. Auf den unzähligen Etappenwcgen marschierten immer neue Trup- penmassen auf die Front hin. Wo man auch anhält, strotzt es von jungen, kräftigen, wohl ausgebildeten und ausge rüsteten Soldaten. Es kommt einem wie eine Völkerwan derung vor, wie sie die Welt niemals geschaut. Es ist der Aug der Germanen nach Westen, auf zum Kampf für ihr eigenes Dasein, ihre Zukunft und Größe. Nächte und Tage hindurch, überall im ganzen Etappen bereich, siedet und pulsiert das Leben nur dem einzigen Ziel der Front entgegen. Diese mächtige Flut von ger manischem Blute nimmt kein Ende. Keine Spur von Ab mattung. Wo einer auf seinem Posten fällt, nehmen zwei oder drei seinen Platz ein. Die deutschen Reihen lichten sich nicht unter dem fürchterlichen Geschützfeuer des modernen Krieges; sie werden nur immer dichter. Ein Wall von Männern, Eisen und Feuer steht auf dem Boden des unglücklichen Frank reichs. Er zieht sich über eine Strecke von 300 Kilometer. Überall die erstaunlichste und bewunderns-206 werteste Ordnung. Kein einziger von diesen unzahligen Truppenzügen, bei dem nicht alles prompt verlaufen wäre. Alles wie der vollkommenste Mechanismus. Niemand braucht zu fragen, ein jeder kennt seinen Platz und seine Pflicht. Wie oft wurde nicht den Deutschen ihre pedantische Gründlichkeit vorgeworfen! Hier bei der Front sieht man erst die Vorteile davon. In der Friedenszeit war schon bestimmt worden, wie viele Sicherheitsnadeln und Verbände, wie viel Gramm von verschiedenen Arzneien in die Tausende von Kästchen und Kisten in einem Lazarettzuge verpackt werden sollten. Nun klappt aber auch alles wie die Räder eines Uhr werks, so sicher wie die Kirchenuhr ihre Schläge erschallen läßt, je nach dem unveränderlichen Gange der Aeit. Eine Reise der Art wie die meine, vom ruhigen Ber lin bis zu den Stellungen der Geschütze im Schrapnell- und Granatenfeuer, weist sicherlich ein unablässiges Cres cendo auf. Aber die Ruhe, die Pflichterfüllung, die Zuver sicht sind überall dieselben. Von einem Beobachtungspunkt vor den Geschützen habe ich im Fernsprecher mit einem Major gesprochen, der im Schützengraben, kaum ein halbes Kilometer von den vorgeschobenen französischen Linien stand. Er sprach nicht allein nur mit Manöverruhe, son dern auch mit Humor, und doch konnte ihn jeden Augen blick eine Kugel treffen. Der erste Etappenweg, den ich im Auto fuhr, nahm vier Stunden in Anspruch. Er war von kilometerlangen Proviant- und Munitionskolonnen angefüllt, von ganzen Strömen von Männern, Pferden und schweren Wagen. Kaum war man an der Tete der einen vorüber, als man schon das Ende der nächst Voranmarschierenden überholte. Indem ich mein Erstaunen dem mich begleitenden Offizier aussprach, erwiderte er: ,Wir haben fünfzig Etappenwege ebenso strotzend von Leben und Material wie diesen. Jedoch merkt man in Deutschland keine Spur von Überbürdung So wird man auch überzeugt, daß Deutschland siegen muß. In entgegengesetzter Richtung von der Front nach Deutschland geht auch ein gewaltiger Strom es sind207 die Verwundeten, die gepflegt und ihrem Land erhalten bleiben sollen, und es sind die Gefangenen. Letztere sind schon mindestens 350 OVO an Aahl. Ich sah, wie sie behandelt werden, und ich sprach mit mehreren Hunderten von fran zösischen Gefangenen. Ausnahmslos redeten sie dankbar über die milde und humane Behandlung, die ihnen zuteil wird. Sie bekommen genau dieselbe kraftige, warme Nahrung wie die Deutschen. Gerade heute war ich in einem Lager, wo die Franzosen selber ihre Kost bereiten dürfen. Sie hatten um mehr Gemüse und weniger Fleisch in der Suppe ersucht, und ihre Bitte wurde sofort erfüllt. Kein Wort der Klage habe ich unter ihnen vernommen; alle sind zufrieden, sogar entzückt. Diese humane BeHandlungsweise hat das große Erstaunen der französischen Soldaten erweckt. Sie hatten eine ganz andere erwartet. Einmal bot sich mir Gelegenheit, vor den deutschen Geschützpositionen mit einer Schar von Gefange nen zu sprechen, die nur ein paar Stunden vorher ge nommen worden waren. Sie waren tief niedergeschlagen und fragten mich, was für ein Schicksal ihnen nun bevor stehe. Sie zeigten ihre Wunden und sprachen mit Tranen in den Augen von Weib und Kind. Ich antwortete, daß das erste was sie finden würden, ein siedender Suppenkessel und ein Haufen von frischge backenen Laiben Brot wäre, sowie ein Arzt, der ihnen die Wunden pflegen und verbinden würde. Nachher würden sie ihre Aeit in der Gefangenschaft nicht als Müßigganger, sondern in Arbeit verbringen, um endlich nach dem Frie densschluß zu den ihrigen nach ihrem eigenen Lande zu rückzukehren. Mit Rührung sah ich ihre Gesichtszüge sich wandeln. Ein Leuchten ging über die kleine Schar von er matteten Soldaten, die in ihren blauen Röcken und roten Hosen wochenlang in kalten, feuchten Schützengräben ge legen hatten. Mit Zweifel und Arger hatte ich in ausländischen Zei tungen gelesen, daß die französischen Gefangenen von den Deutschen hart behandelt werden. Jetzt kann ich meine Ehre dafür verpfänden, daß derartige Behaup tungen lauter Lügen sind.208 Hinter der deutschen Front geht kein einziges franzö sisches Leben verloren, soweit Menschenmacht es zu retten vermag. Keinen einzigen deutschen Offizier traf ich, der mit Härte über Frankreich sprach. Alle, ohne Ausnahme, hegen für jenes große und schöne Land eine aufrichtige und ehrliche Sympathie. Draußen in den Schützengraben liegen deutsche und französische Soldaten, die einander mit Büchse, Maschinengewehren und Bajonetten zu töten suchen. Hier aber, hinter den Feuerlinien, bieten die Deut schen ihren Gegnern Zigaretten und anderes an und zeigen ihnen gegenüber die ritterlichste Kameradschaft. Nein, in Deutschland herrscht kein Haß gegen Frankreich. Deutsch land hätte die Hände auf kein französisches Dorf gelegt, keine Kugel über die Grenze gehen lassen, wäre es nicht gegen seinen Willen dazu genötigt. Deutschland hat nie anderes und mehr verlangt, als in Frieden mit seinen? westlichen Nachbar leben zu dürfen. Frankreich wäre einer Aeit von ruhiger Entwickelung und fester Sicherheit ent gegengetreten, wäre es nicht von gewissenlosen Abenteu rern in die Katastrophe gejagt, die nun wie eine drohende Gewitterwolke über seinem von der ganzen Welt geliebten Lande schwebt. Wer trägt die Verantwortlichkeit dafür, daß der un glückliche Gedanke der Revanche schon 44 Jahre lang am Leben gehalten wurde? Wer trägt die Schuld dafür, daß das fleißige, sparsame französische Volk in ein immer größer werdendes Unglück gehetzt wurde? Meint man wirklich, daß Deutschland es nun wieder einmal dulden wird, einer neuen Periode von abermals 50 Jahren entgegenzusehen, in welcher die Rüstungen und der künstlich geschürte National haß in Frankreich fortdauernd bestehen werden? Wahr scheinlich wird Deutschland diesmal mit Macht sich ein dau erndes Gefühl der Sicherheit von Westen schaffen. Wo bleibt denn der vaterlandsliebende Franzose, der, bevor es zu spät wird, es wagt, bervorzutreten und seinem Volke die Wahrheit zu sagen, daß es um seines eigenen Daseins willen die Hand Deutschland entgegen strecken muß? Aber Frankreich läßt sich von seinen sogenannten .Freunden 209 Hetzen und will es nicht bedenken und einsehen, daß Deutsch land, das für seine Existenz ringt, den Kampf bis zum letzten Blutstropfen von Mann und Roß weiterführen muß. Hier an der Front bleibt man nicht im Zweifel, wer zuerst weichen soll. Und mit Abscheu und Entrüstung erinnert man sich, daß hier einige ehrgeizige und kurzsichtige Manner für die Ströme von Blut und Tränen verantwortlich sind, die sich heute über den Boden Frankreichs ergießen. Hoffnungslos scheint dieser Kampf für die Gegner, da man sieht, wie leicht es Deutschland war, im eigenen Lande eine Anleihe von beinahe 5 Milliarden aufzunehmen. Ich bin überzeugt und meine Ansicht wird von hervor ragenden Deutschen geteilt daß dieselbe Summe aber mals, sobald man sie nötig hat, aufgebracht werden kann. Deutschland wird dem Krieg kein Ende machen, bevor es auf allen Fronten gesiegt haben wird. Auch muß man be denken, daß das meiste von den ungeheuren Knegskosten im Lande selber bleibt. Vor ein paar Tagen gab es Löh nungsauszahlung in dem Orte, wo ich mich jetzt befinde. Am andern Tag wurden mit der Feldpost in eingeschriebenen Briefen rund eine Viertel Million Mark nach Hause ge schickt ! Und das ist nur eine kleine Ortschaft auf dieser riesen breiten Front. Ich möchte den neutralen Völkern raten, mit Kritik und Verstand die Zeitungsberichte vom Gange des Krieges zu lesen. Niemals bis jetzt ließ die Welt solche Hekatomben von Lügennachrichten, wie wahrend dieses Krieges, über sich ergehen. Deutschland ist das Ziel der Verleumdung und des systematischen Lügenverkehrs. Kaum will man den eigenen Augen glauben, wenn man die Nachrichten der englischen Zeitungen liest. Sie machen sich nichts daraus, in der schamlosesten Weise sich über die Person des Kaisers auszulassen. Ich habe den Kaiser hier gesehen, und ich weiß, daß er als ein Beispiel für sein ganzes Heer auf seinem Posten steht; ich weiß, wie er von seinen Truppen vergöttert wird. Ich weiß, und ich kann es mit meiner Ehre verbürgen, daß der Kaiser bis aufs äußerste alle Mittel versucht hat, um diesen Krieg abzuwehren. ,Der Friedenskaiser war der Ehrentitel, den man ihm bei seinem silbernen Jubiläum im vorigen Jahre gab. Seine Der Krieg der Geister. 14210 ganze Politik hat den Zweck ins Auge gefaßt, den Frieden aufrecht zu erhalten. Die Geschichte wird ihm recht geben, wenn auch jetzt Leute da sind, die ihn nicht verstehen wollen oder nicht können. Es tut allen germanischen Staaten not, jetzt fest zusammenzuhalten. Der Ausgang des Krieges wird das Schicksal der Germanen für alle Zeit entscheiden. Ist Deutschland einmal zerschmettert, so werden Schweden und Norwegen hinweggefegt und von Rußland verschlungen werden. Glücklich das Volk, das in diesen Tagen mutige und hellsehende Führer hat. Die Deutschen müssen mit tiefstem Mißtrauen alle englischen Nachrichten über deutsche Widerwärtigkeiten aufnehmen. Nie hatte man geglaubt, daß ein hochkulti viertes Volk, wie das englische, Wochen- und monatelang sich damit zufrieden geben würde, von seiner Presse syste matisch betrogen zu werden. Man hätte wohl das Recht, von einer modernen Presse Verantwortlichkeiksgefühl und Anständigkeit zu beanspruchen. Nie aber war eine Presse so tief herabgesunken wie die englische in diesen letzten Mo naten. Was soll einmal das englische Volk denken, wenn es zum Schluß endlich die Wahrheit erfährt? Ich fürchte, diese Wahrheit wird dem englischen Volke bitter, ja mehr wie bitter sein. Hat nicht die englische Presse die Deutschen Barbaren gescholten! Das Volk Goethes, Schillers, Wagners soll Barbaren sein! Wenn aber die Engländer selber mit den serbischen Königsmördern, mit den slawischen Horden Bündnisse schließen und die Japs zum Kriege gegen einen europäischen Staat auffordern; wenn sie in Afrika das Werk der christlichen Mission unter die Füße treten, indem sie den europäischen Krieg auf afrikanischem Boden führen; wenn sie die Hindus nach Europa importieren und überhaupt die farbige gegen die weiße Rasse Hetzen dann sind sie keine Barbaren! Die Weltgeschichte wies nie so etwas auf wie die heutige Politik Englands. Eine Götterdämmerung fällt über die Erde. Und es ist England, das das Licht auslöscht. Was der Menschen Kultur Jahrhunderte hindurch aufbaute, das wird jetzt211 14 niedergerissen. Frankreich muß verbluten, damit England keine Verluste leide. Der Krieg ist nicht zu Ende. Ich bedaure die englischen Staatsmänner, die daran schuld sind, daß England in diesen Krieg hineingezogen wurde, was so leicht zu vermeiden war. Und ich besitze in England genug alte liebe Freunde, um tief und heiß und mit Tranen über das Unglück trauern zu müssen, das England als Lohn für seine Politik ernten wird. Unmenschlich war der Opiumkrieg, in den die Englan der China stürzten. Aber eine Sünde gegen den heiligen Geist ist es, da sie heidnische, farbige Völker gegen ihre eigenen Rassenverwandten, gegen die weißen, christlichen Völker Europas Hetzen. Ein Makel ist es, der nie abgewaschen werden kann. Schon hegten wir die innige Hoffnung, daß die Menschheit zu besseren Zeiten vorwärtsschreite. Die englische Politik führte uns ins Mittelalter zurück. Mit tiefem Mitleid denkt man an die Staatsmänner, die die Entscheidung in ihren Händen hielten und die ihr Volk von dem größten Unglück und der Scham hätten retten können, die jemals eine Nation betroffen haben. Vor Gott sollen sie Rede stehen. Bald wird alles im Lichte des Tages vorliegen. Da sind die Dokumente, da sind die Zeugen, da liegen die Lügen aufgehäuft in den Archiven der Presseabteilungen. Das Material ist da; die historische Bearbeitung kann gleich ein setzen. Sie wird zeigen, daß die neutralen Staaten, die mit ihrer Sympathie auf der deutschen Seite standen, sich nicht zu schämen brauchen; sie waren auf der gerechten Seite, und ihre Zukunft wird in Helligkeit aufblühen. Ich höre den Kanonendonner draußen bei der Front. Ich hörte ihn schon wochenlang. Da fallen die Soldaten, die auf ihren Gewehren und Bajonetten die Geschicke der Welt tragen. Haufenweise stürzen sie übereinander in den nassen Schützengräben. In ihren warmen Zimmern aber sitzen die Staatsmänner, die kalten Blutes den Krieg her vorgerufen haben. Das Blut der Toten und die Tränen der Nachgebliebenen wird über sie kommen."212 Nach seiner Rückkehr am 8. November in Berlin erzählte er folgendes: Ich war überall an der Front, und ich kann nur sagen, daß der Eindruck, den ich gewonnen habe, ein großar tiger, überwältigender ist. Diese Begeisterung der Soldaten, diese Kampfesfreude, die sich überall offenbart, ist das schönste, was ich in meinem Leben gesehen habe. Es ist wie eine Offenbarung, diese Truppen zu sehen. Es ist meine innerste Überzeugung, daß die Deut schen siegen werden überall. Ich habe auch öfters den Kaiser gesprochen, er sieht sehr gut aus. Uber ihn kann ich das eine sagen: Er ist ideal. Was er tut, ein leuchtendes Beispiel für sein Heer!" Uber den deutschen Kaiser hat er sich weiterhin einem Vertreter des Berliner Lokalanz." gegenüber näher aus gesprochen: Ich hatte das Glück, ihn in früheren Jahren kennen zulernen. Er hat sich nicht verändert. Ich kann Ihnen sagen, daß er nichts von seiner Frische und Beweglich keit eingebüßt hat. Dabei ist der Kaiser Sie können das fast wörtlich nehmen jeden Tag 24 Stunden be schäftigt. Alles muß ihm gesagt, alles ihm mitgeteilt werden und wird von ihm bearbeitet. Ich habe mich oft gefragt, wie der Kaiser dies körperlich und geistig ertragen kann. Die Antwort glaube ich gefunden zu haben: Es ist sein reines Gewissen, daß er vor Gott, vor der Mitwelt und der Nachwelt nicht nur schuldlos an diesem Weltbrande ist, sondern daß er sein Äußerstes tat, um ihn zu verhindern. Die germanische Sache konnte sich keinen besseren Vollbringer wünschen, als ihr das Schicksal in der Person dieses Kaisers gewährt hat. Es ist, als ob er für diese Jeit geboren worden. Wie er für den Frieden sein letztes eingesetzt, so jetzt für das Erringen des Sieges. Er fühlt, daß er die Verantwortung für die Gestal tung des deutschen Geschickes tragt, und danach ist heute all sein Empfinden, Denken und Handeln gerichtet." Weiterhin erklärte Hedin gegenüber einem Dänischen Journalisten, daß eS Pflicht der nordischen Völker sei, an Deutschlands Seite in den Krieg einzugreifen. Diese Auße-213 rungen erregten, laut Franks. Ztg.", in Skandinavien lebhafte Verstimmung. In Schweden nahmen auch kon servative und als sehr deutschfreundlich bekannte Blätter gegen Sven Hedin Stellung und erklarten, daß an der Neu tralitätspolitik der Regierung unerschütterlich festgehalten werden müsse. Das danische Regierungsorgan Poli tiken" weist den Versuch HedinS, sich in die äußere Politik Dänemarks zu mischen, sehr bestimmt zurück. Das Blatt schrieb, Sven Hedin habe bewiesen, daß er gar keinen Be griff von den Verhältnissen habe, womit er sich beschäftige. In Dänemark gäbe es keinen einzigen Menschen, der seinen Ratschlägen oder Worten irgendwelchen Wert beimesse. Wahrscheinlich hätten seine Worte nur den Zweck gehabt, Deutschland beliebt zu machen. Dänemark habe überhaupt keine Veranlassung, sich in eine ernsthafte Erörterung mit Sven Hedin über die angeregten großpolitischen Fragen einzulassen. Noch mehr Ärgernis erregte Sven Hedins Freimütig keit natürlich in Frankreich, wo sich der Arger über seine Deutschfreundlichkeit in seiner Maßregelung Luft machte, die in folgender Meldung zum Ausdruck kam: Kopenhagen, 16. Nov. 1914. Die geographische Gesellschaft in Paris hat gestern einstimmig beschlossen, Sven Hedin auszuschlie ßen. Der Beschluß erfolgte wegen der kürzlichen deutsch freundlichen Auslassungen Hedins nach seinem Be such im deutschen Heere. Ferner beschloß die Gesellschaft, an das Ordenskapitel der Ehrenlegion das Gesuch zu richten. Hedin aus den Listen der Ehrenlegion zu strei chen. Wahrend der Debatte kam zum Ausdruck, daß Hedin gegen die Gesetze der Ehre verstoßen habe, weil er als Bürger eines neutralen Landes gegen Frankreich und seine Verbündeten agitiert habe. Aus Anlaß der Angriffe, die der Präsident der Geographischen Gesellschaft in Paris, Lemire de Vilers, in der inländischen und ausländischen Presse gegen ihn gerichtet hatte, veröffentlichte Hedin einen offenen Brief an Vilers. In diesem Briefe tritt Sven Hedin den Behauptungen214 des Franzosen über sein Anrecht auf seine französischen Ordensdekorationen entgegen und sagt, er würde, wenn Vilers Auffassung von der französischen Regierung und der öffentlichen Meinung Frankreichs geteilt werde, es für seine Pflicht ansehen, ohne jemand verletzen zu wollen, sein Kommandeurkreuz der Ehrenlegion der französischen Negierung zur Verfügung zu stellen Hedin tritt ferner der Behauptung entgegen, daß er in Deutschland unter der Protektion des Kaisers eine kräftige Agitation getrieben habe, um Frankreich anzuschwärzen. Er habe im Gegen teil die wärmste und aufrichtigste Sympathie für Frankreich ausgesprochen und nur die Politik bedauert, die Frankreich in den Wirbel und das Unglück getrieben habe, das jetzt seine nordwestlichen Provinzen heimsucht. Er mache jedoch kein Hehl daraus, daß er, trotzdem sein Vaterland vollkom men neutral sei, mit Leib und Seele auf Deutsch lands Seite stehe. Darauf wurde dem Forscher folgende Genugtuung zu teil: Der Präsident der Geographischen Gesellschaft in Wien richtete an Sven Hedin ein Schreiben, in dem er seine Entrüstung über die Streichung Sven Hedins aus der Reihe der Ehrenmitglieder der Pariser Geographischen Gesellschaft ausspricht und mitteilt, daß die Monatsver sammlung der Wiener Geographischen Gesellschaft be schlossen habe, Sven Hedin ihre dankbare Anerkennung dafür auszusprechen, daß er in wahrheitsgemäßer Schilderung der Sachlage nicht nur in seinem Vater lande, sondern in der ganzen Welt Zeugnis ab gelegt habe gegen die Flut der Lügen und Ver leumdungen, die von den Gegnern Osterreich-UngarnS systematisch über Österreich-Ungarn und seinen Bundesge nossen verbreitet werden Er spricht zugleich darin den Wunsch aus, Sven Hedin möchte in diesem Winter nach Wien kommen und, wenn möglich, die politischen Ver hältnisse in Persien und Afghanistan zum Gegen stand von Vorträgen in der Gesellschaft machen. Auch von deutscher Seite blieb die Anerkennung seines j Verhaltens nicht aus. Am 29. November 1914 ernannte215 die rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät der Univer sität Breslau Hedin zum voetor utriusczuk juris konoris os-usa, in dankbarer Anerkennung seines mutigen Kampfes für die Wahrheit und seiner erfolgreichen Verteidigung der Gerechtigkeit der Sache des deutschen Volkes". Sven Hedin sprach hierauf seine aufrichtige Dankbarkeit für die Ehre, die mir verliehen worden ist, aus". Der Forscher hat sich entschlossen, seine Erfahrungen und günstigen Eindrücke in einem Volksbuche Ein Volk in Waffen" niederzulegen, das im Februar 1915 bei seinem Leipziger Verleger F. A. Brockhaus erschienen ist. Der Kuriosität halber sei noch die Verleumdung erwähnt, die der I iZÄro" vom 3V. Nov. 1914 hieran knüpft: Die Haltung Sven Hedin s erklärt sich jetzt, denn Deutschland hat ihm für ein Buch, das er über Deutschland und den Krieg schreiben sollte, 209999 Kronen versprochen. Wir können uns also auf Haß und Wutausbrüche, die den 299 999 Kronen ent sprechen, gefaßt machen. Die Lügen gar nicht mitgerechnet, die Sven Hedin außerdem verzapfen wird." Der schwedische Dichter Bengt Berg hat drei Wochen den östlichen Kriegsschauplatz besucht. Auf dem Rückwege gab er in Berlin einem Berichterstatter folgende Schilderung seiner psychologisch feinen Beob achtungen: Zu den Dingen, die mich besonders überraschten und beschäftigten, gehörte die Wahrnehmung, daß ich so gar nichts von dem so viel geschmähten Militarismus bemerkte. Die Selbstverständlichkeit, mit der alles sich vollzieht, läßt für irgendwelche Sondererscheinungen keinen Platz. Ob Befehlende oder Gehorchende alle fühlen sich als Mit arbeiter an deni einen großen Ziel: dem zu erringenden Sieg. Alles ist Tat und Tätigkeit. Nichts ist Wort und Geste. Bei den Durchbruchskämpfen um Bolimow befand ich mich unmitten der Gruppe der die Schlacht leitenden Offiziere. Ich habe die Herren dabei gut beobachtet. Alles ernste, strengblickende Männer. Aber ich sagte mir: Keiner von diesen sorgt sich um das Urteil, das höhere Vorgesetzte216 später über ihre Anordnungen etwa fällen werden. Alle diese Offiziere handeln lediglich im Bewußtsein ihrer Ver antwortlichkeit, ohne Furcht und Bedenklichkeit. Und noch ein anderes fiel mir auf: daß Ihre Leute so gar keinen Haß gegen ihre Feinde empfinden. Gewiß! Wenn ich bei den feuernden Batterien stand, sah ich, wie die Artilleristen das Geschoß gleichsam mit einem Segens spruch in das Rohr schoben, daß es Tod und Verderben in die Reihen ihrer Feinde trage. Gewiß packt beim Drauf- gehen, beim Schießen und Bajonettieren auch die deutschen Soldaten der Schlachtenrausch. Aber ist dieser Rausch verflogen, so erkennen sie in dem Gegner nur den Menschen, der genau wie sie die Schrecken des Krieges erduldet. Und wie sollten Ihre Leute diese Feinde noch mit Groll verfolgen, wenn sie wehrlos in ihren Händen sind? Ich will von den Kosaken nichts sagen. Aber ich habe die russi schen Soldaten als Gefangene gesehen. Man kann sich nichts Gutmütigeres, Weicheres denken als den russischen Sol daten, so daß ich nur die eine Empfindung hatte: Wie kann man diese großen Kinder gegen die Deutschen marschieren lassen, bei denen jeder einzelne weiß, was er will und was er soll? Ihre Leute sind eben Männer in geistiger und in körperlicher Beziehung. Und was die äußere Erscheinung betrifft, so war ich als Skandinavier überrascht, so zahlreichen blondhaarigen und blauäugigen Gestalten zu begegnen. Ich habe lange am Rhein und viel in Berlin gelebt, und so vermutete ich gar nicht, daß noch so viel unverfälschtes germanisches Blut in den Adern des deutschen Volkes fließt. Seine Söhne sind aber auch gut genährt. Selbst draußen im Felde fehlt es ihnen an nichts. Die an der ganzen Front geübte Verpflegung sollten Ihre Gegner nur einmal sehen. Sie sollten einmal in Tilsit einen Blick in die Läden werfen, wie sie mit Eßwaren angefüllt sind. Seitdem ich das gesehen, kann ich mir keine Vorstellung machen, wie man Deutschland aushungern will. Und von dem Besiegen wollen wir lieber erst gar nicht sprechen."5. Die Vereinigten Staaten Die Stimmung des nordamerikanischen Volkes beim Kriegsausbruch und seine Verhetzung durch die englische Lügenpresse ist bereits im ersten Kapitel genügend beleuchtet worden. Die berufenen Fürsprecher Deutschlands in Amerika waren die zahlreichen dort lebenden Deutschamerikaner; sie haben es an höchstem Enthusiasmus und tätigein Eifer für die deutsche Sache wahrlich nicht fehlen lassen. Nach ei nem Bericht der Tägl. Rundschau" vom 31. Oktober wetteiferte vor allem die ganze deutsch-amerikanische Presse mit dem Deutschen Nationalbund", Geldmittel für die deutschen Opfer des Weltkrieges aufzubringen und die öffentliche Meinung über die englisch-französischen Tendenzlügen aufzuklären. Aber das Unglück war, daß die große Mehrheit aller Amerikaner kein oder wenigstens nicht genügend Deutsch verstehen, um von der Wahrheit erreicht zu werden. AuS diesem Grunde hat der Verband deutscher Schriftsteller in Amerika" in Neuyork ein Wochen blatt in englischer Sprache begründet, betitelt , kks I?ÄtkerIa,nä, äevotvä to kair kor l)ermau^ -lnä ^ustria", und seinen Vorsitzer, den zuerst als deut schen Dichter hervorgetretenen Georg Sylvester Viereck, mit dessen Leitung beauftragt. Von diesem Blatte erschienen bald eine Anzahl Nummern, und man muß ihm nachrühmen, daß es im großen und ganzen seiner Aufgabe trefflich ent sprochen hat. Allerdings standen der Schriftleitung auch die hervorragendsten deutschen Universitätslehrer in der ganzen Union, nämlich die Professoren Hugo Münster berg und Kuno Francke (von der Havard), A. B. Faust218 (von derCornell),Julius Goebel undHermannSchoen- feld ebensowohl zur Seite, wie eine Reihe namhafter und besonders gut beschlagener Amerikaner, namentlich der erste Berliner Austauschprofessor John W. Burgeß, der geschickte Journalist Alexander Harvey und der wohl unterrichtete Or. Herbert Sandborn. Mehrere Diplo maten, darunter der deutsche Geschäftsträger in Washington, Haniel v. Haimhausen, und der Amerikaner William C. Fox kamen zu Worte, endlich auch die Dichter Hans Heinz Ewers, Ernst Bruncken und G. S. Viereck. Der hier genannte Deutschamerikaner Hugo Münsterberg Professor an der der Havarduniversität und in Deutschland wohlgeschätzt, schrieb über die Stimmung in Amerika an einen Kölner Freund am 25. September u. a.: Die Situation ist ganz anders, als Sie und die meisten Deutschen es sich vorstellen. Deutsche Nachrichten fehlen nicht. Obgleich mir von hundert Seiten Waschkörbe voll deutscher Zeitungen zugesandt werden, habe ich dort nie mals Nachrichten gefunden, die nicht bereits in Amerika veröffentlicht waren. Nur ist ihr Wert gänzlich aufgehoben, weil hier die Überschriften, die Leitartikel, die Bilder, die Aufsätze alles ins Gegenteil verkehren, und weil zehnmal mehr Nachrichten aus England, Frankreich und Rußland kommen, wo Amerika über 100 Spezialkorrespondenten hat. Es ist überhaupt nicht Frage von Sieg und Nieder lage. Jeder dumme Junge außerhalb Deutschlands ist tief davon überzeugt, daß Deutschland 300 Jahre hinter der Kultur der westlichen Nation zurück ist, daß der Neutrali tät sbruch das schlimmste Verbrechen der Menschheit war, und daß die Deutschen in Belgien und Frankreich vandalisch Hausen. Es wird rein als moralische Frage behandelt, und alles, was Sie und andere behandeln, ist schon tausend mal diskutiert (gemeint sind hier die Nachrichten über die deutschen Erfolge). Nein, eS ist ein schwerer Kampf, den wir hier zu kämpfen haben, und ich denke mir manches Schlachtfeld als Erholungsplatz damit verglichen. Das wäre natürlich nicht wichtig, wenn Amerikas öffentliche Meinung nicht solch ungeheuren Einfluß auf die welt-219 diplomatische Situation hatte. Meine einzige Hoffnung ist die wechselseitige Eisersucht von Deutschlands Gegnern." Prof. Münsterberg hat weiter ein Buch Ms "Uar aiul ^moiies," veröffentlicht. In zwölf Aufsätzen behandelt er darin den großen Kampf von verschiedenen Gesichtspunkten her. Die folgenden Absätze sind einem Abschnitt des Buches entnommen, der Die Amerikaner" betitelt ist: Amerika ist das einzige große neutrale Land. Aber die Stimmung der Bevölkerung ist nicht einen Tag lang neutral geblieben. Eine große Welle der Feindschaft gegen Deutschland hat das Land überflutet. In den ersten zwei Wochen war die Wut gegen Berlin sinnlos. Die Zei tungen aus dieser niederdrückenden Periode werden traurige menschliche Dokumente dafür bleiben, wie ein nüchternes Volk seine Besinnung verliert. Die erste heftige Reaktion kam notwendigerweise von den Deutschen in Amerika. Sie forderten nicht einen ähnlichen Ausbruch gegen Rußland oder Frankreich oder England, sondern einfach ein billiges Verhalten. Den 25 Millionen von deutscher Abstammung schlössen sich bald die ruhigen unparteiischen Elemente aller Rassen an. Am Ende der zweiten Woche trat überall in den Zeitungen eine kleine Änderung ein, und heute fangen die Nüchternen an, Scham zu empfinden, daß solch eine leidenschaftliche Aufwallung der ganzen Nation in einer Zeit möglich war, wo eine ruhige unparteiische Haltung mehr als je nötig gewesen wäre. Natürlich gibt es noch konser vative Cliquen, die in dem Dogma erzogen worden sind, daß Frankreich und England überhaupt kein Un recht tun können, und es gibt Zeitungen, die für sie schreiben. Noch größere Gruppen sind an eine Art von rationalistischem Philosophieren über Demokratie gewöhnt und meinen dunkel, daß Deutschlands Niederlage ein Aufsteigen der demokratischen Regierungsform in der Welt be deuten würde. Wie auch Recht und Unrecht im Ursprung des Krieges verteilt sein mögen, sie sehen nicht ein, daß Deutsch land im Innern ebenso demokratisch ist wie nur irgend ein Land, daß seine Niederlage lediglich den Aufstieg der russi schen Selbstherrschaft bedeuten würde, daß Deutschlands monarchische Staatsform tiefe historische Wurzeln hat und220 sich als eine höchst wirksame Vorbedingung des beispiellosen Wachstums der Prosperität und Wohlhabenheit des deutschen Volkes erwiesen hat. Was aber auch extreme Gruppen und Cliquen denken mögen, die Nation als Ganzes hat wahrscheinlich heute jene blinde leidenschaftliche Ungerechtigkeit der ersten Wochen überwunden. Sie ist aber noch nicht dazu bereit, beide Seiten wirklich ohne Vorurteil anzuhören. Sie hat ihren hohen Würdenplatz noch nicht wieder gefunden; sie hat vergessen, daß ihr Mutterland das ganze Europa ist. Ein solcher Rückzug von der exzentrischen Lage des Parteigängers zum festen Mittelpunkte des wahrhaft Neutralen ist um so wünschenswerter, als dieser große historische Monat es mit jedem Tage klarer machte, wie Amerikas politischer Ein fluß im Kriege von höchster Bedeutung ist. Die Nation be merkte in den ersten Stunden nicht, wie sehr selbst unbedeu tende Entscheidungen ihrer Regierung die Geschehnisse auf dem Kriegsschauplatze beeinflussen können. Die Zensur der drahtlosen Telegramme oder die Unterstützung der Han delsflotte durch die Regierung oder die Begünstigung von Kriegsanleihen oder die Tätigkeit der amerikanischen Bot schafter in Europa oder die Interpretation des Begriffs ^Kontrebande und hundert andere viel erörterte Fragen haben jedermanns Bewußtsein die Verantwortlichkeit Amerikas viel näher gerückt. Jeder Tag wird neue Probleme bringen, die nicht nur im Weißen Hause, sondern in dem ganzen Gebiete von Maine bis Kalifornien zu lösen sind. Und sie alle überragend, steht Amerikas gigantische Aufgabe da, Europa einen ehrenvollen Frieden zu geben. Kein größeres Unternehmen, kein größeres Werk für die Menschheit lag je vor den Augen unserer Nation Die Tagesneuigkeiten können die gerechteren Gefühle gegen Deutschland nur stärken. Die Berichte mehren sich, daß in ganz Deutschland die Amerikaner mit Gastfreundschaft überhäuft worden sind. Jeder Tag bringt jetzt neue Ge schichten von der einmütigen Anstrengung, die das deutsche Volk gemacht hat, um reisenden Amerikanern die Unbe quemlichkeiten des Krieges zu erleichtern. Es ist kein Zufall, daß gar so viele dem Rate der Botschafter nicht folgen wollten221 und darauf bestanden, während des ganzen Krieges auf deutschem Boden zu bleiben. Aber auch andere Nachrichten müssen das Empfinden in dieselbe Richtung drangen. Den Amerikanern gefiel Japans Einmischung an Englands Seite nicht. Die Wegnahme der kleinen deutschen Kolonie in China durch einen schlauen Trick, wenn Deutschlands Hände gebunden sind, muß in jedem Amerikaner Sympa thien erwecken. Und noch mehr wirkt die letzte Bewegung im Feldzuge, welche die Hindus aus Indien und die Turkos aus Afrika gegen das deutsche Volk in die Front bringt. Daß man diese farbigen Rassen, die sicherlich nicht den geringsten Grund zum Kampfe mit den Deutschen haben, zur Schlacht gegen die Teutonen zwingt, ist ein Akt, der ein Gefühl der Scham für die Alliierten in jedem wahren Amerikaner hervorgerufen haben muß. Es ist jedoch gar nicht notwendig, die Sympathien für Deutschland durch den Widerwillen gegen die Taten seiner Feinde zu erhöhen. Herzliche Gefühle der Amerikaner für das deutsche Volk hängen keineswegs von der Animosität gegen Rußland und Frankreich und am wenigsten von der gegen England ab. Die Neutralität, für die Präsident Wilson kämpft, und um die die Deutschen bitten, bedeutet einen Aufschub des Urteils über Recht und Unrecht im Kriege, sie bedeutet nicht Haß und Verurteilung einer der Parteien, sondern Sympathie für alle. Es ist keine Spur von jener Neutralität da, die der Präsident haben will, solange die Presse ohne Zeugnisse, aus bloßem leidenschaft lichen Vorurteil, Deutschland und den Kaiser anklagt und verurteilt. ... Die Deutschen predigen keinen Haß gegen ihre Nachbarn, sondern sie machen nur klar, daß es ein Rie senunglück wäre, wenn dieser Krieg die Bande zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Volke zerschneiden sollte, Bande der Kultur und des Verkehrs, der Wohlfahrt und der Reform, des Handels und der Industrie, der Wissen schaft und der Literatur, Kunst und Musik, der Philosophie und der Religion." Gegen die zeichnerischen Ausschreitungen der ameri kanischen Presse, besonders der Nev ?or!c Tribuns" ging der Deutschamerikaner222 Ferdinand Hansen energisch vor. Am 6. August brachte das Blatt eine Zeich nung: Belgiens Blut. Ich werde dies Unrecht nachher gutmachen." Man sieht darauf den Deutschen Kaiser mit wehendem Mantel, ein bluttriefendes Schwert in der Hand, wie er durch ein Meer von Blut vorwärts stürmt. Am 17. Au gust folgte ein Blatt Uaäe in Lermanz ": ein wilder Krie ger steht mit geschwungenem Schwert über einer wehrlos bingestreckten Frau. Am 3V. August: Löwen. Die Rück kehr des Goten." Ein nackter Wilder von unsagbar gemeinem Gesichtsausdruck, ein blutiges Messer in der Faust, umgürtet mit einem Kranz abgeschnittener Köpfe, kommt aus einer brennenden Stadt und tritt mit seinem Pferdefuß Frauen und Kinder zu Boden. Am 31. August: Frauen und Kinder zuerst." Ein Zeppelin, der eine Bombe in einen Haufen Weiber und Kinder wirft. Hansen erinnert in seinem Schreiben daran, wie empört die Engländer mit Recht gewesen seien, als während des Burenkrieges die Pariser Blätter gröblich beleidigende Karikaturen der alten Königin Viktoria gebracht hätten. Im Anschluß daran sagt er: Sollte der deutsch Geborene nun die schmachvollen Beleidigungen eines Vaterlandes ruhig hinnehmen, dem er seine Erziehung in Haus, Schule und Geschäft verdankt all das, was ihn zu einem würdigen Mitbürger der Vereinigten Staaten macht, der mit ihren besten Söhnen am wirtschaftlichen, politischen und geistigen Leben deö Landes mitarbeitete? Es würde Verrat am Andenken von Vater und Mutter sein, und an den Idealen seiner Jugend und seiner ersten Mannesjahre!" Das mutige Eintreten des Deutschamerikaners Ferdi nand Hansen hat auf den geborenen Amerikaner vr. Henry Wood in Baltimore den gewünschten Eindruck nicht verfehlt. Or. Wood hat dem Chefredakteur der New Tribüne" unterm 1. September einen Brief geschrieben, dessen Schluß lautet: Ihr Zeichner und Ihr Verleger müssen beide ge wußt haben, daß Deutschland eine amtliche Erklärung223 erlassen hat, wonach der Zeppelin über Antwerpen nächtlicher Weile das Arsenal zu treffen suchte, und wonach die Be völkerung von Löwen verräterischerweise die Waffen er griff gegen die geschwächte Besatzung, während die deutschen Regimenter einen Ausfall machten. Es gibt Bomben, Herr Chefredakteur, die schlimmer sind als die der Zeppeline, und so sind Ihre beiden Zeichnungen Bomben, die Sie, zum Hohn auf alle Gesetze des Anstandes und des kair pl-^, gegen ein Volk geschleudert haben, das Sie Besseres hätte lehren können, von dem Sie aber augenscheinlich nichts gelernt haben, noch etwas haben lernen wollen. Man kann vor der Leitung eines Blattes, die solche gezeichnete Verleumdungen hinausgehen läßt, nicht mehr Achtung haben, als vor einer augenrollenden Petroleuse aus der Zeit der Pariser Kommune 1870. Obwohl kein Prophet, sieht der Schreiber dieser Zei len voll Vertrauen dem Tag entgegen, wo alles, was in den Vereinigten Staaten gehört zu werden verdient ein schließlich vielleicht der ,Iribune die unvergeßbaren Beleidigungen und Verleumdungen tief beklagen wird, womit jetzt ein Volk überhäuft wird, das uns nah verwandt ist in all unserem Besten das einzige von den großen Völ kern Europas, das uns keins unserer Güter mißgönnt hat, und ebendasselbe Volk, das den Nordstaaten eine so aus gezeichnete Schar naturalisierter Bürger lieferte, die ihnen den Sezessionskrieg gewinnen halfen." Der auch in Deutschland vielgelesene Autor des Sumpfes" Llpton Sinclair äußerte sich in einem Gespräch mit dem Redakteur der Londoner Osil^ Lketeb" u. a. Anfang September: Eure regierenden Klassen in England gehören zu den bestgenährten, bestgepflegten, intelligentesten der Welt, aber eure armen Klassen sind die elendesten der Welt, Schwächlinge, die nicht richtig gehen können, schlechte Zähne haben, häßlich von Gesicht, ohne Lebenskraft. Ich habe in den zwei Jahren meines Londoner Aufent haltes genug davon gesehen, habe eure Regimenter in England, Bermudas und Halifar beobachtet und sage mir.224 daß, wenn ihr mit diesen Soldaten in den Krieg ziehen solltet, ihr Schlimmres erleben werdet. Ich kenne Deutschland sehr genau und zögere deshalb nicht zu behaup ten, daß eure Arbeiter und Soldaten keinen Vergleich mit den Deutschen aushalten können, weil sich die Deutschen besserer Fürsorge erfreuen. In der deutschen Re gierung lebt noch der Geist Friedrichs des Großen, der dem kapitalistischen System niemals erlauben wird, Seele und Körper der Massen zu zerstören. Deutschland weiß, daß der Tag kommen mag, da es kämpfen muß." Der amerikanische Milliardär Andrew Carnegie hatte zuerst den Deutschen Kaiser den Haupfriedens- störer in Europa und den einzig Schuldigen an dem Kriege genannt, hat aber diese Anschuldigungen nach kurzem in einem Telegramm an die wider rufen, worin er äußert: Der Deutsche Kaiser hat sich als nicht schul dig erwiesen. Ich glaube, daß mehr gegen ihn gesündigt worden ist, als er selbst gesündigt hat. Herrscher werden oft überstimmt und sind oft nicht in der Lage, die internationalen Streitigkeiten zu kontrollieren. Die Geschichte allein wird die Wahrheit wiedergeben. Der Kaiser, welcher allein von allen lebenden Monarchen 26 Jahre hindurch den Frieden bewahrt hat, darf nicht ohne weiteres verurteilt werden." Bei späterer Gelegenheit fügte er dem noch hinzu: Der Kaiser ist der bekümmertste Mann in Europa. Er ist ein einzigartiger Mensch von wundervoller Begabung. Für Deutschland hat er mehr getan als irgend jemand vor ihm. Er war es, der den großen Außenhandel des Deutschen Reiches aufgebaut, er, der auf wunderbare Weise den Reich tum im Innern entwickelt, der das Unterrichtswesen ge fördert und den Arbeitern ihre Altersversicherung gegeben hat. Er hat indes um sich eine Gruppe von Mannern ge schart, die seine Abwesenheit zu Handlungen benutzten, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Der Kaiser selbst ist ein Friedensfürst. Bismarck war der Mann von Blut und Eisen, der Kaiser aber glaubte nicht an eine Herrschaft durch diese beiden oder an die Überlegenheit der gepanzerten225 Faust. Hat er doch sogar die Duelle in der Armee abgeschafft, Duelle, die vorher zahlreich waren, seither aber verschwin dend gering geworden sind. Der Kaiser ist friedliebend, aber eine militärische Kaste ist für den Krieg verantwortlich; was sie erfüllt, ist einzig und allein das Streben nach Ruhm, und Ruhm bedeutet für sie Krieg. Krieg ist aber das Werk des Teufels, der die Menschen anspornt, ihre Mitmenschen zu morden. Von dem behaupteten Anteil des Kaisers an den Kruppschen Werken weiß ich nichts, was ich aber weiß, ist, daß er immer den Frieden gewünscht, und deshalb bedauere ich ihn vom Grund meines Herzens.. So kindisck auch diese Enthüllungen" über die deutsche Kriegspartei, welcbe sozusagen hinter dem Rücken des Kaisers ihr Spiel trieb, anmuten, so muß man doch dem Friedensfürsten und Philanthropen recht geben, wenn er seine Friedenspropaganda jetzt selbst für unzeitgemäß erklärt Kein wahrer Freund dauernden Friedens kann wün schen, daß dem Kriege jetzt ein Halt geboten werde. Das wäre eine kurzsichtige Politik und würde nur einen Waffen stillstand bedeuten." In ähnlicher Weise hat auch der frühere Präsident der Vereinigten Staaten Theodore Roosevelt seine Meinung revidieren müssen. Auch er hatte sich von den englischen Phrasen betören lassen und sprach vom deutschen Militarismus", der die Welt erobern will. Diesen Militarismus setzte er in Gegensatz zur Sache der Gerechtigkeit. Ein Friede, der den Militarismus be kräftigt, werde wenig Wert haben, ein Friede, der durch Vernichtung der Freiheit und des Lebens harmloser Völker erreicht wird, sei so grausam wie der grausamste Krieg. Er sagt weiter, als Deutschland Belgiens Boden betreten, habe England seine Ehre gezwungen, zu handeln wie es getan: Belgien sei brutalisiert" worden. Er selbst sei stolz auf den Tropfen deutschen Bluts, der in ihm fließe. Verkenne aber nicht die bestehende Gefahr einer transatlantischen An wendung des Bernhardismus" (er meint damit die Lehren des deutschen Generals v. Bernhardi, in seinem Buch Der Krieg der Geister. 12226 Deutschland und der nächste Krieg", denen auch sonst in englischsprechenden Ländern eine außerordentliche Bedeutung zugesprochen worden ist, während das Werk in Deutschland nicht mehr Beachtung fand als andere unoffi zielle Äußerungen auch). Das Haager Schiedsgericht und der ganze pazifistische Kram" hätte sich als wertlos erwiesen, wenn sie nicht durch Gewalt gestützt würden. Darum müßten die Vereinigten Staaten bereit" sein.. Späterhin hat Roosevelt in den LkikaZo Oailz? Ne v8" eine Artikelreihe erscheinen lassen, in der er sich wesentlich gemäßigter über Deutschland ausspricht. Die folgenden Ausführungen sind Teile eines Aufsatzes, den die Nummer der Zeitung vom 10. Oktober enthält. Roosevelt erörtert darin zunächst die Lage Belgiens, dem e^ für seinen ent schlossenen Widerstand gegen den deutschen Angriff den höchsten Beifall zollt. Er fährt fort: Gerechtigkeit gegen den Kaiser. Die wirkliche Natur des Problems, das vor uns liegt, ist nur zu erkennen, wenn die Haltung der verschiedenen Mächte vollkommen verstanden wird. Den Kaiser als einen Teufel zu malen, der nur darauf ausgehe, einen ver ruchten Durst nach Blut zu stillen, ist eine Abgeschmacktheit, und schlimmer als eine Abgeschmacktheit. Ich glaube, daß die Geschichte erklären wird, daß der Kaiser in Überein stimmung mit den Gefühlen des deutschen Volkes gehandelt hat, und so wie nach seinem aufrichtigen Glauben die In teressen seines Volkes es verlangten; und wie so oft vorher in seinem persönlichen und seinem Familienleben, so haben er und seine Familie den ehrenvollen Beweis dafür abge legt, daß sie die Eigenschaften besitzen, die für daS deutsche Volk charakteristisch sind. Jeder seiner Söhne ist in den Krieg gegangen, nicht bloß zum Scheine, sondern um jeder Gefahr und Mühseligkeit zu trotzen. Awei von seinen Söhnen haben in Eile die Mädchen geheiratet, mit denen sie verlobt waren und sind sofort darauf zur Front abgereist. Es war dies eine neue Beleuchtung eines der fesselndsten Aüge in Deutsch land beim Ausbruch des Krieges. In Aehntausenden von Fällen heirateten Ofifziere und eingezogene Leute, die ver lobt waren, unmittelbar vor ihrem Abgang zur Front. In227 vielen Kirchen standen die Bräute in langen Reihen und warteten auf die Zeremonie, um ihre Verlobten instand zu setzen, sie zu heiraten, bevor sie dem Befehle folgten, der jegliches Opfer, einschließlich des Lebens, von ihnen für die Nation erheischen konnte. Lob deutscher Eigenschaften. Eine Nation, die einen solchen Geist zeigt, ist sicherlich eine große Nation. Die Tüchtigkeit der deutschen Or ganisation und der deutschen Vorbereitungen wurde schla gend bewiesen in der machtvollen Vorwärtsbewegung der ersten sechs Wochen des Krieges. Nicht nur ist diese Organi sation, diese Bereitschaft höchst ruhmwürdig für Deutsch land, sondem noch ruhmwürdiger ist der Geist, der hinter der Organisation liegt. Die Männer und Frauen Deutsch lands haben vom höchsten bis zum geringsten glänzende Vaterlandsliebe und Entsagungsfähigkeit an den Tag gelegt. Liest man von ihrem Benehmen, so ist es unmöglich, nicht einen Schauer der Bewunderung zu fühlen für den starken Mut und die erhabene Uneigennützigkeit, welche die große Krise in den Seelen des Volkes aufdeckte. Ich hoffe ernst lich, daß wir Amerikaner sollte einmal die Not kom men ähnliche Eigenschaften zeigen mögen. Es ist müßig, zu behaupten, daß dies kein Volkskrieg sei. Die Intensität der Uberzeugung von der Gerechtigkeit ihrer Standpunkte, welche die verschiedenen Völker zeigen, ist vor allen Dingen in Erwägung zu ziehen, wenn wir wirksame Mittel er greifen sollen, um die Wiederholung dieser unglaublichen Welttragödie zu verhindern. Warum die Deutschen in den Krieg gingen. Das Volk von Deutschland glaubt, daß es vor allem in einem Kampfe steht für das Leben des Teutonen gegen den Slawen, und für das Leben der Zivilisation gegen etwas, was nach Ansicht der Deutschen eine wüste, drohende Flut der Barbarei ist. Sie gingen in den Krieg, weil sie glaubten, der Krieg sei eine unbedingte Notwendigkeit, nicht nur für die Wohlfahrt Deutschlands, sondern für das nationale Dasein Deutschlands. Ihr aufrichtiges Empfinden ist, daß die Nationen Westeuropas Verräter sind an der Sache der westlichen Zivilisation und daß sie selber, die is 228 Deutschen, fechten, jeder Mann für seinen eigenen Herd, für seine Frau und seine Kinder, und alle zusammen für die künftige Eristenz der Generationen, die kommen werden Frankreich und England glauben, daß ihr ganzes Dasein von der Zerstörung der deutschen Drohung abHange. Deutsch land aber glaubt, daß, wenn es seine westlichen Feinde nicht so verkrüppeln oder, wenn möglich, vernichten kann, daß sie in Zukunft harmlos sind, es später selber unfähig sein werde, sich gegen das mächtige Slawenvolk an seiner Ost grenze zu wehren, lind damit in eine Lage der Ohnmacht unter den Völkern geraten werde. Manche deutsche Führer mögen von schlimmeren Motiven beeinflußt sein, aber die von mir angegebenen Motive sind, wie ich glaube, die, welche die große Masse der Deutschen bestimmen. Diese Motive sind im Wesen nur die des Patriotismus, der Hin gabe an das eigene Volk und an das eigene Land. Die Ehrenschuld an Deutschland. Was den Gedanken anbetrifft, daß Deutschland zer malmt oder verkrüppelt werden und zu politischer Impotenz gebracht werden müsse, so wäre ein solches Ereignis ein Unglück für die Menschheit. Die Deutschen sind nicht nur unsere Brüder, sie sind ein großer Teil von uns selbst. Was wir deutschem Blute schuldig sind, ist viel; das, was wir dem deutschen Gedanken und dem deutschen Beispiel verdanken, nicht nur in der Staatsverwaltung, sondern in jeder praktischen Lebensarbeit, ist noch mehr. Jedes edle Herz und jeder weitblickende Geist in der Welt müßte sich freuen über das Dasein eines festen, geeinigten und mäch tigen Deutschland, das zu stark ist, um Angriffe zu fürchten, und zu gerecht, um für seine Nachbarn eine Quelle der Angst zu sein. Was Frankreich betrifft, so hat es in der modernen Welt eine Stellung eingenommen, die so einzigartig ist, wie die Griechenlands im Altertum. Würde es gebrochen oder eingeschüchtert, so wäre das ein Verlust, so groß wie der, den die Welt erlitt, als der schöpferische GeniuS der Griechen mit dem Untergang ihrer politischen Macht und materiellen Größe dahinschwand. Die Welt kann Frank reich nicht entbehren. Nun beruht die Gefahr, die jeder229 dieser großen und glänzenden Zivilisationen droht, weit mehr auf der Furcht, die eine jede empfindet, als auf der Furcht, die sie einflößt.... Es ist eitel, gegen diese Furcht nur Reden zu halten und Artikel zu schreiben, weil sie gegenwärtig eine reale Grundlage hat. Gegenwärtig hat jede Nation Ursache für ihre Furcht. Die Ursachen der Furcht müssen beseitigt werden oder, gleichgültig, welcher Friede heute zusammengeflickt werde, über welche neuen Verträge man morgen verhandeln möge, jene Furcht wird an einem künftigen Tage dieselben Ergebnisse hervorbringen und zur Wiederholung derselben furchtbaren Tragödie führen". Trotzdem einzelne Gelehrte, wie der Präsident der Universität von Kalifornien, Benjamin Jde Wheeler, ihre Stimme für Deutschland erhoben als dem Lande, dem sie den besten Teil ihrer Geistesbildung danken, trotzdem die Presse, wie z. B. die ^VaskiiiFton ?ost," vom 10. November Englands armselige Leistungen in diesem Krieg aufs schärfste kritisierte und ihm empfahl, die Leitung seiner Flotte dem Admiral Togo zu übergeben, wenn es selbst keine befähigten Führer mehr besitze, trotz der offenkundigen Ablehnung Englands gegenüber dem amerikanischen Proteste wegen der neutralen Schiffahrt, trotz alledem ist die Stimmung in den Vereinigten Staaten vorwiegend deutschfeindlich ge blieben. Ein hübsches Stimmungsbild gab Mitte Dezember der bekannte deutsch-amerikanische Schriftsteller Henry F. Arban der unter dem Titel Des Krieges Echo im Dollar lande" folgendes schreibt: Des amerikanischen Volkes überraschende Stellung nahme zum Kriege beansprucht nach wie vor ein hervor ragendes Interesse. Wie ist diese Stellung heute? Professor Eugen Kühnemann aus Breslau versucht mit seiner feu rigen Beredtsamkeit in deutscher und englischer Sprache das Publikum über die Gerechtigkeit der deutschen Sache aufzuklären. Bernhard Dernburg zerpflückt in trefflich geschriebenen englischen Artikeln und in englischer Rede die Niederträchtigkeit der verbündeten Wahrheitsfälscher. Die Deutsch-Amerikaner, die mit so unvergleichlichem Mut230 sich zu ihrer alten Heimat bekannt haben, bearbeiten noch wirkungsvoller ihre eingeborenen Landsleute in Wort und Schrift unausgesetzt, um sie der verderblichen Hyp nose durch die lügnerische deutschfeindliche Presse zu entziehen. Unter den deutsch-amerikanischen Aeitungs- Herausgebern gebührt besonderer Dank Hermann Nidder, dem Besitzer der ,New-Yorker Ltaats-Akitun^, dessen glänzende englisch geschriebene Kriegs-Artikel weiteste Verbreitung und Beachtung finden. Doch bis jetzt sehe ich keinen nennenswerten Erfolg all dieser edelsinnigen Anstrengungen. Die Masse, wenn sie auch vielleicht den Zeitungslügen über fortgesetzte deutsche Niederlagen nicht mehr ohne weiteres glaubt, ist doch von zwei Dingen un erschütterlich überzeugt: erstens von der Ungerechtigkeit der deutschen Sache, zweitens von der Kultur-Ge fährlichkeit der Deutschen. Diese Ansichten werden auch in der Regierung zu Washington geteilt, die genau so deutschunfreundlich gesinnt ist, wie die Mehrheit des Volkes. Das trifft auch auf die ausgesprochenen Pazi fisten Wilson und noch mehr Bryan zu. Sie hielten den Untergang des britischen Schlachtschiffes .Audacious wo chenlang geheim aus Liebedienerei gegen England. Was man den Deutschen nach wie vor besonders ver übelt, ist die Verletzung der sogenannten belgischen Neutralität und die sogenannte Brutalisierung eines sogenannten unschuldigen und schwachen Volkes. Dieser Ansicht huldigt sogar ein sonst so vernünftiger Mann wie Roosevelt, der in einem Artikel in der deutschfeindlichen New-Porker Firnes als Mittel dagegen, wenn nötig krie gerische Intervention Onkel Sams vorschlägt. Alle Ver suche, das Unsinnige solcher Anschauungen nachzuweisen, prallen an der hysterischen Sentimentalität und an dem böswilligen Entschluß ab, unter keinen Umständen für Deutschland Sympathien zu haben. Und zwingen kann man ja niemanden zur Liebe. Ungünstig wirkt nebenher, daß der deutsche Reichskanzler in seiner bei Beginn des Krieges im Reichstage gehaltenen Rede bei Besprechung Belgiens die Wendung gebrauchte: ,Das Unrecht ich spreche offen das wir damit tun, werden wir wieder gutzumachen231 suchen, sobald unser militärisches Ziel erreicht ist . Das war deutsche Ehrlichkeit, aber es war zugleich eine willkommene Waffe gegen Deutschland, weil Belgiens Unrecht damals vom Kanzler noch nicht beleuchtet wurde. Und da der Mensch für alle Sünden gern den dazu gehörigen Sünden bock findet, so haben ihn auch die Amerikaner gefunden, und zwar in der Person des Kaisers. In hundert wütenden Redekämpfen mit deutschfeindlichen Amerikanern habe ich versucht, dem Kaiser eine gerechte Beurteilung zu sichern und die belgische Neutralität in ihrer wahren Gestalt zu zeigen, besonders unter Hinweis auf die neueren Beweise für Belgiens heimtückische Unneutralität schon aus dem Jahre 1906. Es ist alles umsonst. Diese Sturm flut von Übelwollen gegen Deutschland reißt jeden zu Boden, der sich dagegen stemmt. Immer wird einem das .Bethmannsche Schuldgeständnis entgegengehalten oder General Bernhardt oder der ,War-Lord , wie sie den Kaiser nennen, oder der .barbarische deutsche Militarismus, der den unmilitärischen Amerikanern unverständlich ist und bleibt. Es geht selbst so weit, daß die Kinder in den Schulen von den als engherzig und kleingeistig bekannten Lehrerinnen gegen Deutschland aufgehetzt worden sind und noch auf gehetzt werden; den anämischen Lehrerinnen, die fanatische Abstinenzlerinnen, Pazifisten und Suffragetten sind, war die rotbäckige Männlichkeit des Deutschen Volkes (sein un verkennbarer Unamerikanismus) von jeher unsympathisch. Man hört bereits Stimmen, die eine sichere Wandlung der Deutschfeindlichkeit Amerikas erwarten, sobald die Wahrheit über den Krieg erst diesen Wall von Lügen nieder gebrochen hat, oder wenn Deutschland siegt. Ich glaube nicht, daß diese Wandlung zu erwarten ist. Man wird viel leicht zugeben, daß man sich hat täuschen lassen, man wird einen deutschen Sieg anerkennen. Aber gönnen würde man Deutschland seinen Triumph nicht. Im Ge genteil man würde sagen: ,Also der barbarische deutsche Militarismus und Despotismus hat gesiegt scheußlich! Vergesse man in Deutschland doch nicht, daß eben das, was wir als Deutsch lieben, als das Fundament deutscher Größe, das Männlich-Soldatische, das Männlich-Kräftige, das Alt-232 Germanische im Familien- und Staatsleben mit seiner krönenden Spitze, dem Monarchismus, den erzdemo- kratischen Amerikanern durchaus unangenehm ist, nein sagen wir s offen: widerwärtig. Aus solchem Gefühl heraus ist keine Liebe für Deutschland möglich. Daher halte ich es auch für vollkommen verfehlt, eine Umschmeichelung des amerikanischen Volkes von deutscher Seite fortzusetzen. Ich glaube, den Amerikaner bis in die verborgenste Falte seiner Seele zu kennen, und es ist meine nie erschütterte, vielmebr nach diesen letzten Erfahrungen noch gefestigte Überzeugung, daß eine Umschmeichelung das gerade Ge genteil ihres Zwecks erreichen würde. Daher wäre es gänz lich gefehlt, gerade jetzt wieder die Achtung vor der Monroe- Doktrin schmetternd zu betonen. Ebenso verfehlt wäre es, bei Anschuldigungen Amerika um sein gnädiges Urteil als Schiedsrichter zu ersuchen. Damit wird der fatalen Neigung des Amerikaners, sich das Recht des obersten Gerichtshofes über das Tun und Lassen anderer anzumaßen, nur Vorschub geleistet. Noosevelt sprach in dem angeführten Artikel bereits von Amerika als .trustee ok oivili?ation (Vertrau ensmann der Zivilisation). Gewöhnt Deutschland den Ameri kaner erst daran, so wird er empört sein, wenn das nicht in jedem Falle und in aller Zukunft geschieht. Eine solche Unterwürfigkeit wäre also politisch unklug angesichts der amerikanischen Feindseligkeit gegen Deutschland. Deutsch land muß sich zu dem Standpunkt aufschwingen: ,Wir tun was wir für richtig halten, und erachten es für unnötig, Amerika Rechenschaft abzulegen! Das ist der Standpunkt, den der Amerikaner begreift und achtet, weil es immerdar sein eigener Standpunkt war. Selbstbewußtsein, selbst in kräftigster Form, würdigt keiner mehr als der Amerikaner. Nur einen einzigen Deutschen gibt es augenblicklich, der im Dollarlande so etwas wie Hochachtung oder vielleicht sogar Volkstümlichkeit sich errungen hat. Das ist General Kluck. Die Geschicklichkeit, mit der er den deutschen Flügel an der Aisne immer von neuem vor Umgehung oder Ver nichtung durch die Verbündeten zu schützen wußte, hat beim großen amerikanischen Publikum Eindruck gemacht. Da erschien in der sonst wütig deutschfeindlichen New-Uorker233 .^Vorlä irgendwo in einer Spalte, ganz versteckt, ein nicht einmal unterzeichnetes Gedicht, das die Überschrift trug: von Kluck. In diesem Gedicht wurde von Klucks meisterhafte Strategie offen und ehrlich besungen, zugleich mit einer kleinen Beigabe des echt amerikanischen trockenen Mark Twain-Humors. Ich gebe hier die beiden letzten Verse absichtlich im Original wieder, um dem deutschen Leser den besonderen amerikanischen Charakter der Verse zu ver mitteln: ^ncl sll last veel! our keaälmes wkirleä Mtd tke various von Xluek nas ,durleä : Von klueks riZkt klank vas beinF pounckeä; Von Xlueks armz^ kaä been surrounäeä; kour kor turninF tbst klank kaä struei:! Lut tke kl^nk s still tkere, anä so s von Xluek. Lo ) our Kaisers ?rineks anä (Zra.ks, ^our Iron Grosses and (üeneral Ltakks, Vour (Zeneral ^lokkres ancl 3ir ^lolm ?renekes, ^Vitk all tkeir men in tke sdelter trenekes; I II take kor mine tkat xame olä buolc V!io won t de turneä ja, Herr von Xluek! Bemerken möchte ich hierbei, daß der Amerikaner des Generals Namen Klock ausspricht und daher entsprechend reimt auf struck (strock) und buck (bock). Für des Englischen nicht kundige Leser füge ich eine nur den Sinn wiederge bende wörtliche Übersetzung bei: Und die ganze letzte Woche waren unsere Jeitungs- Überschriften Voll der verschiedenen Arten, wie von Kluck ward zurück geworfen : Von Klucks rechte Flanke ward gehämmert. Von Klucks ganze Armee war umzingelt. Die Stunde für das Zurückdrängen seines Flügels war da! Doch der Flügel ist immer noch da und genau so von Kluck. Nehmt Ihr Euren Kaiser und Prinzen und Grafen, Eure Eisernen Kreuze und Generalstäbe, Eure General Joffres und Sir John Frenches234 Mit allen Leuten in den Schützengräben Ich nehme den tapferen alten Bock, Der sich nicht zurückwerfen läßt ja, Herm von Kluck! Dieses lustige Liedchen aus der dunkeln Aeitungs-Ecke, an das der Verfasser sicherlich keinerlei Erwartungen geknüpft hat, ist heute in ganz Amerika bekannt. Dutzendmal ist es mir widerfahren, daß mich ein Amerikaner mit fröhlichem Augenzwinkern fragte: .Haben Sie das Gedicht von General Kluck gelesen? Und schon griff er, wie Busch sagt, in die warme linke Busentasche. Und ähnlich ist der Streich der ,Emden aufgenommen worden, die mit einem fal schen vierten Schornstein und angeblich mit der japanischen Flagge in den Hafen von Penang einfuhr und zwei feind liche Schiffe versenkte. Ihren Kommandanten von Müller besang in nicht wenige volkstümlicher Form Hanns Heinz Ewers in der ,^ev-?orksr StaatZ-^eitunZ , der gleich mir unfreiwillig im Pankeelande festsitzt und verzweifelt den Pegasus in Gang hält. Auch der andere herrliche Seemanns streich, den die .Göben und .Breslau beim Ausbruch aus Messina verübten, hat landweites Gelächter erregt. Es kitzelte den fein entwickelten Humorsinn des Pankees. Freilich zur Deutschfreundlichkeit wandelte es ihn nicht. Aber der Krieg verursacht ihm Unbehagen auch im eigenen Lande. Er fühlt ihn am eigenen Leibe, das heißt, am heiligen Dollar. Gewisse Industriezweige, die Waffen, Automobile, Baumwolle, Sättel usw. anfertigen, oder Züchter von Pferden und Mauleseln, arbeiten Tag und Nacht. In den andern Geschäftszweigen sieht es trübselig aus, und von Unbeschäftigten gibt es ein ganzes Heer. Und zu all dem kommt die Stimme eines bekannten Kongreß- Mitgliedes A. P. Gardner, der unter Betonung seiner Deutschfeindlichkeit (der ganze Kongreß ist deutschfeindlich) und unter Ausspielung der angeblich von Deutschland be drohten Monroe-Doktrin, sowie der Japaner, eine Heeres und Flottenvermehrung fordert. Denn das amerikanische Heer zählt nur 85,000 Reguläre und etwa 120,000 Milizen. Übrigens auch Roosevelt predigt das und verlangt sogar allgemeine Dienstpflicht der Jugend. Darob schlottern den Feministen und Pazifisten fast hörbar die Knie im ganzen235 Lande. Aber sie werden über kurz und lang zur gefürchteten .primitiven Männlichkeit zurückkehren müssen. Dollaris mus, Feminismus und Pazifismus (sie sind alle drei ver wandt) werden Amerika, wenn sie so weiter wuchern, ganz sicher einmal eine Katastrophe bereiten. Der Japaner ist durch die Annektierung deutschen Kolonial-Besitzes im pazifischen Ozean Onkel Sam bedrohlich nahegerückt und schielt bereits gierig über seinen Zaun."6. Die Schweiz und der Genfer Protest Die öffentliche Meinung der neutral gebliebenen Schweiz ward durch ihre eigentümliche Lage und Stellung zwischen den streitenden Parteien festgelegt. Die Scheidung, welche schon in friedlichen Zeiten durch die deutsch und fran zösisch sprechenden Landesteile geht, mußte natürlich durch den Krieg noch bedeutend schärfer zum Ausbruch kommen. Genf und Lausanne sind die Hauptpunkte der französischen Schweiz, und die dortigen Zeitungen übertrafen fast noch die Pariser Hetzpresse in der Wut und Verleumdungssucht, mit der sie über Deutschland herfielen; hiergegen machten die deutsch gesinnten Züricher und Berner Blätter energisch Front. Diese verschiedene Stellungnahme zeigt sich besonders deut lich bei dem sog. Genfer Protest, der in aller Welt viel Staub aufwirbelte. Am 27. Sept. 1914 brachte die lÄdune le Kenöve, sowie die Sonntagsausgabe der Genfer Zeitung Luisse folgenden Protest: Die Unterzeichneten, Bürger der Schweiz, heftig erregt durch das ungerechtfertigte Attentat auf die Kathedrale von Reims, das der absichtlichen Ver brennung der geschichtlichen und wissenschaftlichen Reich tümer von Löwen folgt, mißbilligen mit aller Energie (äe toutes leurs korees) einen Akt der Bar barei, der die ganze Menschheit in einem der edelsten Jeugen ihrer moralischen und künstlerischen Größe trifft." Zu den Unterzeichnern dieses echt französisch stilisierten Schriftstückes gehörten auch Ferdinand Hobler und JacqueS Dalcroze. Daß diese Kundgebung an sich nicht237 dem gesamten schweizerischen Empfinden entsprach, geht aus der zum Teil ablehnenden Haltung hervor, welche die schweizerische Presse dazu einnahm. So schreibt das Burg- dorfer Tagblatt": Die Proteste sind die ersten öffentlich in Erscheinung getretenen Folgen der einseitigen Darstellung der gegenwärtigen Weltvorgänge durch die welsche Presse. Diese hat zwar die Mitteilungen des deutschen General stabes über die Beschießung von Reims ebenfalls gebracht, sie aber sofort mit dem Stempel ,leere Ausreden ver sehen. Daß sich die Künstler mit ihren Protesten in Wider stand setzen zu dem vom Bundesrat allen Eidgenossen nahe gelegten neutralen Verhalten, bedarf keiner weitern Dar legung. Man begreift ja ganz gut, daß aus ihnen in erster Linie verletztes künstlerisches oder Kulturgefühl spricht wenigstens wollen wir das annehmen ; allein die sehr subjektiv urteilenden Herren hätten in diesem Falle wohl besser getan, mehr als Schweizer und weniger als Künstler zu fühlen. In der deutschen Schweiz hat man diesen Un terschied bisher zu machen gewußt, obschon hier das Be dauern über die durch den Krieg untergehenden Kunst- und Kulturwerke sicher nicht geringer ist als in Lausanne und Genf." Jedenfalls hätte man gerade von diesen beiden Künst lern eine andere Haltung in Deutschland erwarten sollen; von Ferdinand Hodler, dessen Kunst erst durch deutsche Federn nach Verdienst (und darüber hinaus!) gewürdigt worden war, von Jaques Dalcroze, der nach jahrelangem Umherirren erst in Hellerau ein Asyl für seine neuartige Kunst fand. Hatte Maeterlinck", so schreibt die Tägl. Rundschau" vom 5. Okt. 1914, in seinen delirierenden Reden gegen Deutschland immer noch die verletzte Vater landsliebe für sich ins Feld zu führen, so fällt diese letzte schwache Entschuldigung bei dem Schweizer JaqueS Dalcroze hinweg. Schlimmer noch: dieser Mann hat jahrelang in Deutschland gelebt, hat deutsche Gastfreund schaft für sich in Anspruch genommen, die Brüder Dohrn und zahlreiche andere deutsche Männer haben ihm in edel mütiger Weise gedient, haben ihr ganzes Vermögen ge-238 opfert, um Dalcrozes Methode verbreiten zu helfen und er protestiert gegen angebliche deutsche Barbarei! Enttäuscht können freilich nur diejenigen sein, die den wider lichen Selbstbeweihräucherungen von Hellerau mit Hilfe einer groß angelegten Reklame geglaubt haben, die auf den Schwindel hineinfielen, daß in Hellerau ein neues Mekka, ein neues Bayreuth erstehe, und die nicht beachteten, daß immer nur der französische Dichter Claudel dort gefördert wurde, aber kein einziger Deutscher. Hellerau, das schon lange finanziell kränkelte, hat nach dieser Heldentat des großen Dalcroze natürlich seine Rolle in deutschen Lan den ausgespielt, und die deutsche Presse, die sich Herrn Dalcroze oft und gern liebenswürdigst zur Verfügung ge stellt hat, wird ihm nun den letzten Dienst erweisen: von seiner Verleumdung Deutschlands und der deutschen Kul tur aller Welt Kenntnis zu geben!" Bald wurden auch namhafte Stimmen der Empörung gegen Hodler laut; der Berliner Bildhauer Professor Fritz Klimsch der mit seinen Kollegen von der alten Berliner Sezession für das Durchdringen Ferdinands Hodler so viel getan hat, richtete an den Künstler folgenden offenen Brief ( Berl. Tagebl." v. 6. Okt. 1914): Mit Bedauem lese ich, daß auch Sie Ihren guten Namen unter einen Aufruf gesetzt haben, der gegen die .deutsche Barbarei gerichtet ist. Das Manifest, welches natürlich nur Lügen enthält, bezichtigt die Deutschen des Attentates der Vernichtung der Reimser Kathedrale und der beabsichtigten Zerstörung historischer und wissenschaft licher Denkmäler in Löwen, bezeichnet unser Volk als Bar baren und enthält noch dergleichen Anpöbeleien mehr. Unter diesen Erguß gemeiner Verleumdungen setzen Sie Ihren Namen, Sie, der Sie dem deutschen Volk so vieles zu verdanken haben, außer Ihrem Genie vielleicht alles. Sie haben wohl vergessen, großer Hodler, daß Sie Ihre Größe und die Anerkennung Ihres Genies dem In tellekt des deutschen Volkes zu verdanken haben. Sie haben wohl vergessen, daß deutsche Künstler und deutsche Schrift steller von Rang für Sie eingetreten sind und nicht locker239 gelassen haben, bis Ihr Ruhm ins Volk gedrungen war und Sie als einer der größten deutschen Meister gepriesen waren. Und nun erfahren wir Ihren Dank! Er gleicht dem des Japaners, der alles von Deutschland gelernt hat und uns nun heimtückisch in den Rücken fällt. Oder sollten Sie in Unwissenheit der Geschehnisse gehandelt haben, sollten Sie nur Genfer Blatter, die ja von Deutschenhaß durchdrungen sind, gelesen und aus ihnen die Überzeugung gewonnen haben, daß wir solche Barbaren sind? Dann lassen Sie sich belehren: Es ist unwahr, daß die Ka hedrale von Reims zerstört ist. Nach Bericht von Sachverständigen sind die Schäden gering und leicht zu reparieren. Schuld an der Beschießung tragen nur die Fran zosen. Sie haben ihre Artillerie in die Nähe des Domes gruppiert und haben Beobachtungsposten auf die Türme gestellt. Daß Reims eine starke Festung st und a,s solche im Krieg der Beschießung ausgesetzt ist, werden Sie wohl wissen. Und wie steht es mit der .beabsichtigten Zerstörung von Löwen ? Erst nachdem das belgische Volk in heimtückischer Art aus dem Hinterhalt, aus den Häusern auf unsere durch ziehenden Truppen schoß, als es in bestialischer Weise sich an unseren Verwundeten, an Ärzten und Krankenschwestern vergriff, da wurde der Befehl zur Beschießung der Stadt gegeben. Das Rathaus blieb unversehrt, ebenso verschiedene andere historische Gebäude. Ich ftage Sie, wer sind nun die Barbaren in diesem Krieg? Die, welche in feiger hinterlistiger Weise Menschen morden, die trotz aller Mahnungen ihre Stadt, ihre Heimat dem Feuer preisgeben, oder die, welche in aufgedrungenem Krieg, von allen Seiten von mächtigen Feinden umgeben, um ihre Existenz und die Ehre ihres Vaterlandes einen offenen Kampf führen? Wenn Sie, wie ich gehört habe, mit Recht empört sind über diesen Krieg, so richten Sie Ihre Anschuldigungen an die richtige Adresse, nicht an die Deutschen. Ich bedauere, daß Sie die ersten Tage des August nicht hier erlebt haben. Sie hätten dann etwas von dem deutschen Geist, der in Ihrer ureigensten Schöpfung, dem Jenenser Universitätsbild, so herrlich zum Ausdruck gebracht ist, ve 240 spürt und hätten Ihren guten Namen nicht durch Unter zeichnung einer verleumderischen Hetze befleckt." Der Berliner Kunsthistoriker Pxofessor Paul Schubring richtete folgenden offenen Brief" ( Tägl. Rundschau", 8. Okt. 1914) an Hodler: Als im Jahre 1910 die Universität Basel ihr 450 jähriges Jubiläum feierte, ernannte die philosophische Fakultät auf meinen Antrag Sie zu ihrem Ehren doktor. Sie wollte damit ihren Respekt und ihre Verehrung für Ihre Kunst aussprechen, und die Worte des Doktorbriefes haben Ihnen ausgedrückt, weshalb eine wissenschaftliche Körperschaft die Pflicht empfand, einen Künstler in dieser besonderen Weise zu ehren. Da ich damals als Vertreter der Kunstgeschichte an der Baseler Universität die Veranlassung zu Ihrer Ehrung ge geben habe, fühle ich die Pflicht, heute folgendes zu er klären: Wenn es sich bestätigt, daß Sie dem Proteste der Intellektuellen Genfs, .gegen das ungerechtfertigte Atten tat der Vernichtung der Kathedrale von Reims Ihren Namen zur Verfügung gestellt haben, so bedaure ich es lebhaft, vor vier Jahren jenen Antrag gestellt zu haben. Es ist nicht meine Aufgabe, Sie daran zu erinnern, was Deutschland für Ihre Kunst getan hat, wie stark sich Urteils fähige bei uns für Sie eingesetzt haben, auch wenn sie dabei starke Bedenken verschweigen mußten. Aber jener Antrag, Ihnen den Ehrendoktor zu verleihen, wurde in der Voraus setzung gestellt, daß Sie als reifer und besonnener Mann zu den Aufrechten gehörten, die auch in der Stunde der Verwirrung ein klares Auge behielten und nicht der Massen suggestion unterliegen würden, wenn es gilt, in schwierigem und widerspruchsvollem Streite die Stimme der Wahr heit zu erkennen. Dieses Vertrauen haben Sie die Rich tigkeit obiger Meldung vorausgesetzt nicht gerechtfertigt, sondern in einem Augenblick versagt, wo der berufene Protest eines die Dinge überschauenden Künstlers just nach der entgegengesetzten Seite hätte zielen müssen. Zur Reimser Angelegenheit und zum Respekt des deutschen Heeres vor241 den Kulturwerken noch irgendein sachliches Wort hinzuzu fügen, halte ich für absurd." In der Tägl. Rundschau" vom 10. Oktober veröffent lichte der Dichter Gustav Nenner folgenden geharnischten Protest": Ferdinand Hodler hat sich einem Protest gegen die angebliche Vernichtung der Kathedrale von Reims durch die deutschen Barbaren angeschlossen. Mancher dürfte das etwas unlogisch finden, da ja bekanntlich Hodler seinen Ruhm und sein Millionenvermögen im Wesentlichen uns Deutschen verdankt. Nicht allein, daß seine Werke in allen größeren deutschen Galerien zu finden sind: er erhielt sogar bei uns wichtige und umfangreiche Staatsaufträge, auf die er in Frankreich jedenfalls für immer hätte warten können. Es berührte ja seinerzeit, bei aller Anerkennung von Hodlers Künstlerschaft, manchen etwas sonderbar, daß z. B. in Jena die Darstellung der deutschen Erhebung 1813 nicht einem deutschen Künstler, der, was bei Hodler natürlicher weise nicht der Fall sein kann, innere Beziehungen zu diesem Gegenstande hatte, übertragen wurde. Doch immerhin: man hätte wenigstens jetzt erwarten können, daß er, abge sehen davon, daß er als Deutschschweizer unseres Blutes ist, im Hinblick auf das Verständnis und die Förderung, die er wohl in solchem Maße weder in Italien, noch in Frankreich oder England gefunden hätte, sich zum mindesten erst hätte vergewissern müssen, ob alle jene heuchlerischen und unverschämten Anklagen berechtigt seien. Wenn einer, konnte er es wissen und er weiß es sicherlich , daß, wenn irgendwo Barbarei in diesem Kriege sich äußert, dies sicher nicht auf unserer Seite ist. Jeder in Deutschland, er sei wer er sei, ja, jeder ehrliche Ausländer, der unser Volk und Heer auch nur einigermaßen kennt, weiß, daß von Bar barei bei uns keine Rede sein kann, daß nur die ehernste Notwendigkeit unsere Heeresleitung zu strengeren Maßnah men zu veranlassen vermag, ja, daß hierin im allgemeinen eher zu viel Rücksicht geübt wird. Wie kommt Herr Hodler aber dazu, sich über uns zu entrüsten? Wenn Maeterlinck, der ebenfalls allen Anlaß hätte, sich Deutschland verpflichtet ?er Krieg der Geister. 16242 zu fühlen, seinen Gefühlen in würdeloser Weise Luft macht, so hat er wenigstens noch eine Art Entschuldigung darin, daß es sich um sein eigenes Land handelt. Welche Ent schuldigung aber hat Herr Hodler, der Bürger eines neu tralen Staates? Sieht er etwa ein Aeichen der deutschen Barbarei darin, daß wir so dumm waren, ihn berühmt zu machen und ihm seine Bilder für teures Geld abzukaufen, und die Höhe der Kultur der Franzosen darin, daß ihnen das nicht im Traume einfiel? Ist wirklich die Begeisterung für die Kunst der Grund seiner Entrüstung? Hatten er und seine Genossen sich ebenfalls so schmerzlich entrüstet, wenn, wie es anfangs in Frankreich hieß, Nürnberg, eine offene Stadt und künstlerisch und historisch wohl nicht minder bedeutsam als Löwen oder Reims, durch Fliegerbomben in Flammen aufgegangen wäre? Das hätte er wahrschein lich ganz in Ordnung gefunden, ebenso wie sich darüber weder in Frankreich, noch in Italien dessen Entrüstung über zerstörte Kunstwerke, von denen es gar nichts kennt oder die es als barbarisch betrachtet, besonders komisch an mutet in England oder sonstwo jemand darüber aufge regt hatte. Glaubt er etwa, die Franzosen, die Engländer oder gar die Russen hätten ein künstlerisches Bauwerk, das militärisch und zum Behuf nachträglicher Entrüstung provokatorisch ausgenützt wird, geschont oder gezögert, das zu tun, was zum Schutze der Truppen notwendig war? Sie hätten ganz anders gehandelt als unsere Soldaten, die unter den Kugeln der Franktireure das Feuer im Rat hause zu Löwen löschten. Wenn Herr Hodler und Genossen durchaus das Bedürfnis zur Entrüstung fühlten, so hätten sie Gründe dazu genug in der wahrhaft barbarischen Kriegs führung unserer Feinde, die mit Dum-Dum-Geschossen arbeiten und alle möglichen wilden Völker, die unseren Verwundeten Ohren, Nasen und Köpfe abschneiden, auf uns Hetzen, gefunden, auf uns, ein Volk, das der Weltkultur so viel an Unvergänglichem gegeben. Entrüsten hätten sie sich können über die Grausamkeiten an unseren Soldaten in Belgien und Frankreich, über die entsetzlichen Greuel der Russen in Ostpreußen oder über die Niedertracht der Engländer, die, in ihrer Politik von je unbedenklich, mit den243 16* unverschämtesten Lügen gegen uns arbeiten und Kabel durchschneiden, um diese Lügen ungestört verbreiten zu können. Alles das scheinen die edlen Seelen der Herren Hodler, Dalcroze und Genossen sehr richtig zu finden. Wehe aber, hätten wir, während unsere Feinde das ganze Gesindel der Welt gegen uns in Gang bringen, nur einen einzigen Herero in das Feld gebracht die Entrüstung über unsere Barbarei wäre unendlich gewesen! Aber noch eins: Hobler ist Künstler, und noch dazu Künstler aus deutschem Blut. Man mag über seine Kunst denken wie man will er hat ja auch in seinem Lande eine starke Gegnerschaft , man mag ihn, wie ich es tue, trotz vielfacher Affektiertheit und forcierter Originalität, die so manches seiner Werke nach zwanzig Jahren uner träglich wirken lassen werden, für bedeutend halten oder nicht, sicher hätte er, bei dem Einfluß seines Namens vor allen Dingen schon aus Gerechtigkeit, wenn nicht aus Dank barkeit, die unabweisliche Pflicht gehabt, sich erst einmal wenigstens der näheren Umstände zu versichern. Aber ha- ^ ben er, der Künstler, und seinesgleichen überhaupt kein Herz und keinen Blick für das Ungeheure, das sich jetzt auf Erden abspielt? Ist nicht der Anblick eines Vol kes, das der Welt soviel gegeben und das sich jetzt erhebt, um sein Leben und seine Kultur zu verteidigen gegen eine Welt von Feinden, die es, in ungeheurer Ubermacht, zu vernichten trachten und die Horden Asiens und Afrikas darauf Hetzen, ein Anblick, der jedem, der begnadigt ist, Zuschauer dieser ungeheuren Ereignisse zu sein, das Herz vor Bewunderung und Sympathie erzittern lassen muß? Ist das nicht ein Anblick, wie ihn die gesamte Weltgeschichte nie geboten, und der erhabener und großartiger ist als alle Kunstwerke der Welt von ihrem Be ginn an zusammengenommen? Aber dafür hat Herr Hodler anscheinend weder Herz noch Sinn. Ich hoffe aber, daß er, aus einem Rest von Scham, es nie wieder wagen wird, sich oder seine Kunst in Deutschland zu produzieren. Sollte er das aber versuchen, so wird er hoffentlich die entsprechende Zurückweisung244 finden. Das gebietet nicht etwa ein Rachegefühl, sondern einfach die nationale Würde und Selbstachtung. Uns aber sei das Verhalten dieses Mannes, der Deutsch land soviel zu verdanken hat, eine Mahnung und War nung für immer. Wir haben die deutsche Schweiz, deren Presse sich ja, soweit man sehen kann, im allgemeinen an ständig, wenn nicht freundlich gegen uns verhält, nie als Ausland betrachtet und ihren Künstlern und Dichtern jede Förderung und Schätzung angedeihen lassen, was Gott fried Keller und C. F. Meyer wohl zu schätzen wußten. Wenn wir künftig hierin etwas vorsichtiger werden, we nigstens gegen Leute wie Hodler und seinesgleichen, so dürfte das wohl auch in der Schweiz verständlich sein. Vor allem aber: nie darf die Ausländerei je wieder den geradezu erschreckenden Umfang annehmen, wie er bisher in Kunst, Theater, Literatur und sonstigen Gebieten bei uns geherrscht hat. Nie wieder! Wohin wir damit kommen, haben wir gesehen. Nicht allein, daß unser Eigenstes hinten angesetzt, ja vernichtet wird: wir ziehen uns damit nur Leute groß, die den Ruhm und Einfluß, den sie uns ver danken, bei passender Gelegenheit benutzen, um über uns herzufallen und uns zu beschimpfen. Es muß jetzt ein Ende haben mit aller Kunstfererei. Man wird uns endlich verschonen müssen damit, daß uns jede hohle Narrheit, jede innere Nichtigkeit und Nichts würdigkeit als Offenbarung aufgeredet wird. Auch den Herren Galeriedirektoren, die, mit überlegen sein sollendem Lächeln, ohne im Grunde etwas von Kunst zu verstehen, hinter jeder Schaumschlägerei herlaufen, wird man künftig schärfer auf die Finger sehen. Hier, wie auf vielen anderen Gebieten, wird man mit eisernem Besen ausfegen müssen. Wir brauchen die anderen Länder nicht, sie aber brauchen uns." So entwickelte sich die Angelegenheit bald zu einer Kontroverse über deutsche Kunst, besonders als nun auch der greise, in aller Welt verehrte Jenenser Na turforscher, Professor Ernst Höckel245 in einem im Jenaer Volksblatt" vom 16. Okt. 1914 ab gedruckten offenen Brief das Wort ergriff: Monsieur Ferdinand Hobler, Historienmaler in Genf! Mit tiefstem Bedauern haben wir in Jena Ihren Namen unter dem lügenhaften Protest gelesen, welchen haßerfüllte Feinde Deutschlands in Genf gegen unsere angebliche Barbarei gerichtet haben und in welchem die ganze Menschheit zum Kampfe gegen uns herausge fordert wird. Sie haben durch diese gehässige und verleum derische Erklärung nicht nur unser nationales Ehrgefühl auf das tiefste verletzt, sondern sich auch selbst ins Gesicht geschlagen. Denn Ihr vielbesprochenes Monumentalbild: .Aufbruch der Jenaer Studenten 1813 , welches die Uni versität Jena um schweres Geld von Ihnen gekauft und in ihren Hallen aufgestellt hat, soll symbolisch den Beginn der nationalen Erhebung darstellen, durch welche das deut sche Volk vor hundert Jahren sich von der furchtbaren Ty rannei Frankreichs zu befreien suchte. In gleichem Sinne soll aber jetzt der ungeheure, seit zwei Monaten wütende Weltkrieg, welchen England mit Frankreichs und Rußlands Unterstützung angestiftet hat, Europa von der angemaßten Weltherrschaft Englands befreien. Daß Sie als .Freier Schweizer ! in völliger Entstellung der bekannten Tat sachen diesen in Notwehr uns aufgedrungenen Befrei ungskrieg als ein barbarisches Attentat gegen die mensch liche Kultur verurteilen, zeugt ebenso von Ihrer geringen Urteilskraft wie von Ihrer deutschfeindlichen Gesinnung. Als achtzigjähriger Senior der Universität Jena habe ich, im Verein mit gleichgesinnten Kollegen, den Vorschlag gemacht, daß Ihr Monumentalbild aus den Räu men der Universität Jena entfernt und öffent lich zum Verkauf ausgeboten wird. Der gesamte Verkaufswert soll dem Roten Kreuz überwiesen und zur Linderung eines kleinen Teiles der Leiden verwendet werden, welche dieser beispiellose Völkerkrieg das größte Verbrechen der ganzen Weltgeschichte! über Millionen unglücklicher Menschen verhängt hat. Wenn unser Vorschlag angenommen wird, sind ent sprechend dem hohen Einkaufspreise als minimaler Ver-246 kaufspreis zehntausend Mark in Aussicht genommen. Meistgebote sind bis Ende November einzureichen. Je mehr, desto besser! Für unsere Tausende von Verwunde ten und Invaliden, und ihre notleidenden Familien!" und sich der Berliner Maler Prof. Friedrich Kallmorgen in einem offenen Brief an Prof. Häckel so äußerte (17. Okt. 1914): Hochgeehrter Herr Professor! Heute früh veröffentlichten die Berliner Zeitungen Ihren offenen Brief an Hodler. Er wird in der deutschen Künstlerschaft brausenden Jubel auslösen. Sie sagen in Ihrem Brief, daß Sie im Verein mit gleichgesinnten Kolle gen den Vorschlag gemacht haben, Hodlers Monumental bild aus den Räumen der Universität zu entfernen und öffentlich zum Verkauf auszubieten. Seien Sie überzeugt, daß Tausende mit mir aufs lebhafteste wünschen, daß Ihr Vorschlag auch zur Ausführung kommen möge und das Bild Hodlers aus der Universität verschwindet. Fremd ländische Künstler haben seit Jahren den deutschen Markt mit Staffeleibildern in unerhörter Weise überschwemmen dürfen. Neben einigen bedeutenden Werken sind unzählige minderwertige und wertlose Arbeiten in den Besitz deutscher Sammler und deutscher öffentlichen Sammlungen über gegangen. Die Franzosen haben dazu gelacht. Der Ein fluß einiger Händler, ihrer Berater und Helfer hat das fertig gebracht; von Berlin aus wurde ganz Deutschland durch seucht. Die Resultate haben wir schaudernd auf den Aus stellungen der letzten Jahre überall im Reiche gesehen. Aber nicht genug damit! Der gleiche Einfluß hat es ver mocht, daß Jena, in dessen Hörsälen Schiller deutsche Ge schichte gelehrt hat, und Hannover dem französischen Schwei zer Hodler monumentale Aufgaben stellten: Die Erhebung des deutschen Volkes 1?13 für die Universität, und die Ein führung der Reformation für das Rathaus in Hannover. Die deutschesten Aufgaben wurden dem französischen Schwei zer zu lösen gegeben, ihm, dessen Sprache nicht das Deutsche, sondern das Französische ist, ihm, dessen deutsche Gesin nung und deutsches Empfinden wir jetzt erfahren haben.247 Das brachten deutsche Männer, die an so einflußreicher Stelle stehen, fertig. Uber die Hodlerschen Bilder nur das eine, daß sie nicht deutsch sind. Man liest zwar immer, er sei ein deutscher Künstler und Dürer, Holbein, Grünewald seien seine Ahnen. Ist denn das Gezwungene, Gewaltsame, Verrenkte deutsch? Ist die Widerholung, dieser Parallelismus in der Kompo sition deutsch? Ist die entsetzliche Farbe etwa deutsch? Ich finde von allem das Gegenteil. Das alles ist so wenig deutsch wie die Gesinnung, so wenig deutsch wie die stau nenswerte rechnerische Begabung, die imstande ist, einzelne Arbeiten, wie den Mäher, und insbesondere den Holz fäller, viele dutzendmal immer wieder für den so ergiebigen deutschen Markt zu malen. Das für ein künstlerisches Empfinden Unfaßliche, das nur in dieser geschäftlichen Ausschlachtung eines Erfolges liegt, findet nur ein Seitenstück in der Leichtgläubigkeit der deutschen Käufer, die sich überreden ließen, die Kopien zu kaufen, Arbeiten, die überhaupt keine Bilder sind, son dern im besten Falle lebendige Studien. Hochverehrter Herr Professor Häckel, setzen Sie ge trost einen viel höheren Mindestpreis an als 10,999 Mk., unsere Soldaten und ihre Familien können einen viel größeren Nutzen aus Ihrem so guten Vorschlag ziehen. Die .Interessenten werden schon sorgen, daß der Markt wert Hodlerscher Arbeiten auf der Höhe erhalten wird, und für 19,999 Mk. würde das Bild ein gefundenes Fressen sein wenn nicht unterdessen unseren deutschen Käufern die Augen aufgegangen sein sollten. In großer Verehrung Friedrich Kallmorgen". Au diesem Brief bemerkte der Berliner Kunsthistoriker Fritz Stahl im Berl. Tageblatt" (v. 19. Okt. 1914): Ernst Haeckel wird diesen Brief mit recht gemischten Gefühlen lesen, denn indem er dafür gepriesen wird, daß er das Wandgemälde Hoblers in Jena heute verganten will, wird er doch viel härter dafür gescholten, daß er mit seinen Kollegen vor fünf Jahren den Auftrag ertreilt hat.248 Das weiß Kallmorgcn offenbar nicht, sonst hätte er die Beurteilung des damaligen Schrittes der jenaischen Pro fessoren in diesem Briefe wohl sanfter gefaßt. Wenn man es aber nicht weiß und auch das nicht weiß, daß ohne Haeckel in der Universität nichts geschieht, konnte man allerdings aus seinem Briefe nicht ahnen, welche Rolle er bei dem Auftrag gespielt hat. Wer denkt bei so gereiften Männern an so jähe Wandlungen des Standpunktes! Ich habe schon gelegentlich bemerkt, daß ich damals gegen die Erteilung dieses Auftrages an einen Ausländer scharf protestiert habe. Wo blieb damals die deutsche Künst lerschaft, als es Zeit war, die Bestellung zu verhindern?! Sie war ein Fehler, denn sie bedeutete ein Armutszeugnis für Deutschland, das im Ausland weidlich ausgebeutet worden ist. Was jetzt geschehen soll, da das Bild unter großen Preisungen angebracht worden ist und seine Stelle hat? Ich denke, es wäre besser, die Entscheidung darüber zu ver tagen. Zeiten einer so leidenschaftlichen Erregung, wie wir sie erleben, sind nicht die rechten, um solche Entscheidungen zu treffen. Darauf könnten sich beide Parteien einigen. Heute würde die Entfernung des Bildes als Racheakt wirken, später in ruhigen Zeiten würde sie, wenn sie wirklich beschlossen werden sollte, dieses Odium nicht tragen. Mög lich ist aber auch, daß man einmal den raschen Entschluß bereuen könnte. Übrigens denkt keiner der so jugendlich stürmischen alten Herren an die Rechtsfrage. Hodler ist Schweizer, also kein Bürger eines feindlichen Staates. Er ist also vollkommen rechtsfähig. Und es ist gar nicht sicher, ob dieses im Auftrag für eine bestimmte Stelle geschaffene Bild verkauft werden darf. Das moralische Recht dazu hat die Universität jedenfalls nicht das sollten gerade Künstler nicht verkennen. Auch ist kein Zweifel, daß die Schweiz, die uns poli tisch eher befreundet ist, in diesem Schritt gegen ihre größ ten Künstler eine schwere Kränkung sehen würde. Also: man mag das Bild heute zuhängen, wenn man will, und später in ruhiger Würde seinen Entschluß fassen.249 Das Urteil über Hoblers Kunst, das Kallmorgen fällt, hat ja mit dieser Frage nichts zu tun. Andere denken eben anders sonst wäre das Vild nicht an jene Stelle gekommen. Hodler ist als Künstler weder deutsch noch französisch. Es sind beide Elemente im Wesen dieses Schweizers, den man wohl am besten einen Schweizer bleiben läßt. Er hat an ?uvis äs LIiÄvsimes angeknüpft, aber die Art und der Rhythmus seiner Bewegung erinnern an die deutsche Gotik, und diese etwas gewaltsame und eckige Bewegung findet sich wie bei manchen anderen deutschen Bauern auch bei dem der Schweiz. Eine Verwandtschaft mit alten alle- mannischen Meistern kann niemand leugnen, der sie kennt. Die bedauerliche und peinliche Ausbeutung des Er folges, die Kallmorgen Hodler vorwirft, und mit Recht vorwirft, ist leider kein Einzelfall. Sie kommt auch in der deutschen Kunst nur allzu häufig vor." An der gleichen Stelle äußerte sich der Dichter Ernst Lissauer zur Verfehmung von Hoblers ,1813 -Bild": . Wird noch lange über die Abwehr Hoblers verhan delt, so sind wir in Gefahr, die Angelegenheit zu übersteigern: im Verhältnis zu dem mächtigen Geschehen dieser Zeit. Darum erbitte ich das Wort zu einer ganz kurzen Be merkung. Nicht von dem Protest Hoblers spreche ich hier. Hob lers Werk ward 1909 wert befunden, in der Hochschule zu Jena das Denkmal von 1813 zu sein: hat sich das Ge mälde durch die Worte des Malers verändert? Es ist ein Abgelöstes, ein Organismus für sich; es ward in den fünf Jahren ein Teil des Jenenser Bauwerkes selbst. Lernen wir doch, das Persönliche vom Sachlichen zu trennen! Nicht um Hodler einen Gefallen zu erweisen, dünkt mich, ward das Bild erworben, sondern weil es den Geist von 1813 in starken Linien und Rhythmen ausdrückt. Das tut es noch: Hodler mag man ausschließen, sein Bild nicht, denn von jeden, Kunstwerk gilt schließlich, was Uhland von seinen Liedern sagt: .Was ich sang, ist nicht mehr meine . Es ist nicht mehr seine, es ward unser, und im Gegenteil, es zeugt heute gegen seine Schöpfer.250 Darum meine ich: man soll das Werk weder verkaufen, noch verstecken, sondem belassen, wo es ist." Der gleiche Dichter verlieh den deutschen Gefühlen in folgenden Versen poetischen Ausdruck (Verl. Tagebl." vom 25. Okt. 1914): Hobler gegen Hobler. In der hohen Schule zu Jena, an weiter Wand, Großflächig prangt ein Bildwerk gespannt: Als ob ein Trompetenstoß niederfährt In Glieder und Leiber der Jungmannschaft: Die Tornister geschnallt! Marsch, marsch, zu Pferd! Landwehr rückt aus, in Reihen gestrafft. Die Sonne von Anno Dreizehn strahlt Uber dem Bilde, das Hodler der Schweizer gemalt. Schweizer Meister, in diesem August Bebte dein Herz nicht von Zeitwollust? Ist nicht Blitz in dein Blut geschlagen Und Wetter in deine bildenden Hände, Zeitenwiederkehr spürtest du nicht. Merktest nicht die Zeitenwende ? Ein Deutscher des Reiches wird dir sagen: Du hast gesehen ein Vorgesicht". Hohe Sonne von heute strahlt Uber dem Bild, das du vormals gemalt. Dies Volk, das dein schöpfender Blick geschaut, Will gerechten Sieg in gerechtem Gefecht Und zerstört nicht frech, was Geschlecht um Geschlecht Steinlastend, steinleicht zum Himmel gebaut. Wer da formt ragende Zeitenmale, Des Blick muß mit durchleuchtendem Strahle Schneiden durch Giftdampf von Lug und Wahn: Zerstört dies Heervolk Schloß und Kathedrale, So muß es sein, und ist wohlgetan. Hodler, es wird geschehn, Ein seltsames wirst du sehn:251 Als ob ein Trompetenschrei niederfährt Und zu Genf dir durch Stube und Balken stößt: Geschnallt die Tornister! Marsch, marsch, zu Pferd! Es kommen, aus Steinwand und Leinwand gelöst, Gewehr über Schulter, in Reihen gestrafft. Die Altmannschaft und die Jungmannschaft. Die Kolben stampfen, die Säbel schlagen. Die Werkstatt erhallt von Lärm und Ruf. Höre sie dröhnend dich befragen, Die der Blick deiner Seele erschuf...! Das Jenaer Tageblatt" vom 1. November veröffent lichte als abschließende Äußerung eine weitere Erklärung Ernst Höckels über das Hodlerbild in der Universität Jena: Der .Offene Brief an Monsieur Ferdinand Hodler, Historienmaler in Genf , welcher in Nummer 244 des .Je naer Volksblattes erschien, hat eine Anzahl von wider sprechenden und zum Teil irrtümlichen Äußerungen her vorgerufen. Ich sehe mich dadurch zu folgender Erklärung genötigt: I. Die gehässige Erklärung, welche der Schweizer Maler gegen die angebliche Barbarei Deutschlands ge richtet hat, und in welcher die ganze Menschheit zum Kampfe gegen uns herausgefordert wird, hat im ganzen Deutschen Reiche die lebhafteste Entrüstung erregt und zahl reiche Proteste veranlaßt. Mehrere Akademien und Kunst vereine haben ihn aus der Zahl ihrer Mitglieder gestrichen. Mehrere Gemäldesammlungen und öffentliche Gebäude haben die monumentalen, um hohe Summen von Hodler angekauften Gemälde aus ihren Räumen entfernt. Die Empörung über seinen deutschfeindlichen Protest war um so tiefer und berechtigter, als derselbe uns in den Augen der neutralen Länder tief herabgesetzt und in unserem nationalen Existenzkämpfe schwer geschädigt hat. II. Im Anschluß an diese Vorgänge hatte ich in dem erwähnten .Offenen Briefe vom 14. Oktober (im Verein mit mehreren gleichgesinnten Kollegen) den Vorschlag ge macht, daß das vielbesprochene Monumentalbild von Hodler: .Aufbruch der Jenaer Studenten 1813 ,252 aus den Räumen der Universität Jena entfernt und öffent lich zum Verkauf ausgeboten werde. Der gesamte Verkaufs wert solle dem Roten Kreuz zu wohltätigen Zwecken über wiesen werden. Als minimaler Verkaufspreis wurden zehntausend Mark in Aussicht genommen und der Termin für Mehrgebote bis Ende November festgesetzt. III. Unmittelbar nach Bekanntwerden dieses Vor- ! schlages gingen bei mir telegraphisch drei verschiedene feste Gebote ein, und zwar:: a) aus Genf am 19. Oktober mit 12 OVO Mark; b) aus Neuchatel am 20. Oktober mit 20 000 Mark; e) aus Berlin am 25. Oktober mit 10 000 Mark. Außerdem wurde mir brieflich aus Berlin (am 24. Oktober) ein Gebot von 30 000 Mark jedoch nicht fest in Aussicht gestellt. Ich würde diese Gebote jetzt noch nicht öffentlich mitgeteilt haben, wenn ich nicht schon vor acht Tagen in Schweizer Blättern (Genf, Zürich) die gedruckte Mitteilung gelesen hätte, daß Herr Louis Günz- berger (Genf) an mich ein Gebot von 12 000 Mark gerichtet habe. IV. In mehreren von den zahlreichen Zeitungsar tikeln, welche sich mit der Hodler-Kunst im letzten Moment beschäftigen, war irrtümlich die Angabe zu lesen, daß die Universität Jena das fragliche Bild bei dem Schweizer Künstler unter Umgehung deutscher Maler bestellt und von ihm angekauft habe. Wie sich nachträglich heraus gestellt hat, ist die Bestellung und der Ankauf weder vom Senate der Universität Jena, noch von dem hiesigen Kunst verein, sondern von einer neueren .Gesellschaft der Kunst freunde von Weimar und Jena . Diese hat das Bild der Universität Jena im Jahre 19M beim Einzug in das neue Vorlesungsgebäude zum Geschenk gemacht. Demgemäß ist auch ein Satz in meinem .Offenen Briefe , der sich auf jene irrtümlichen Angaben stützte, zu berichtigen. V. Ausdrücklich muß hier noch betont werden, daß mein Vorschlag zum öffentlichen Verkauf des hiesigen Hodler-Bildes einem rein persönlichen patriotischen Ge fühle entsprang und keinerlei offizielle Geltung beansp rucken konnte. Selbstverständlich ist es ausschließlich Sache des Senates der Universität Jena, ob er mit Zustimmung253 der Regierung! das Bild im Interesse des Roten Kreu zes verkaufen will oder nicht. Meine bescheidene Anregung (die auf jede Mitwirkung bei der betreffenden Beratung verzichtet) muß sich darauf beschranken, die bis jetzt erfolgten Angebote, sowie die vielleicht noch weiter erfolgenden Meistgebote, dem hohen Senate bis Ende November mit zuteilen. VI. über den wahren Kunstwert des hiesigen Hod- ler-Bildes sowie der vielgepriesenen Jodler-Kunst über haupt habe ich bisher kein Wort verloren und werde auch jetzt nichts sagen. Meine persönliche Ansicht darüber kann ganz gleichgültig sein; sie stimmt überein mit der großen Mehrzahl der deutschen Künstler und Kunstfreunde, welche in den letzten Wochen darüber ihre Überzeugungen öffentlich kundgegeben haben." Hierzu bemerkt der Schriftsteller Willy Pastor in der Tägl. Rundschau" (2. Nov. 1914): Unserer Meinung über die Hodlersche Malerei haben wir oft genug Ausdruck gegeben. Wir sind der Ansicht, daß es ein schwerer Irrtum war, von diesen Bildern zu behaupten, daß sie sich immer mehr monumentaler Form näherten, wahrend sie in Wahrheit von Jahr zu Jahr nur schematischer wurden. Ganz und gar verfehlt war es, diesem durchaus undeutsch empfindenden Ausländer eine Monumentalaufgabe für eine deutsche Universität zu über tragen. Wie fremd ihm deutsches Wesen ist, hat er ja nun gezeigt. Es geht nicht an, wie dies von den Freunden Hob lers immer wieder versucht wird, einen Gegensatz zu er finden zwischen künstlerischer Betätigung und politischer Äußerung. Diese politische Äußerung wäre einem deutsch empfindenden Künstler nie möglich gewesen; wem aber deutsche Art so im tiefsten Wesen fremd ist, der hat auch kein Anrecht darauf, an einer deutschen Hochschule dem heranwachsenden Geschlecht vor Augen zu halten, wie er unsere große Aeit vor hundert Jahren empfindet. Als das Bild erst kurze Zeit enthüllt war, wurde ein Jenenser Stu dent gemaßregelt, weil ihn beim Anblick der halb stilisierten Figuren das Lachen überkommen war. Heute würde die254 Maßregelung ganz sicher unterbleiben, und ebenso sicher ist, daß das Bild nach allem Vorgefallenen künftig bei der Jugend noch ganz andere Stimmungen auslösen muß als nur solche der Heiterkeit. Unter solchen Umständen scheint uns der Häckelsche Vorschlag nicht nur berechtigt, sondern sogar die einzig mögliche und würdige Lösung. Die ersten, recht günstigen Angebote liegen vor. Vielleicht gelingt es dem Kunsthandel, der bei so festen Marktwerten von Hodler- schen Bildern auf Preise halten muß, die Summe noch zu steigern. Das Rote Kreuz kann es brauchen." Das Schicksal des Hodlerschen Bildes war somit all mählich vor seinem Urheber in den Vordergrund getreten. Die Frage Wohin soll daS Hodlersche Jena-Bild? wird in einer Zuschrift an die Jenaische Zeitung" aus Professorenkreisen so beantwortet: Die Haeckelsche Verwahrung gegen Hodler und sein Bild in unserer Hochschule hat nicht nur in Jena Zustimmung weiterer Kreise erfahren. Der Hodler bedeutet an der jetzi gen Stelle, bei seinem Gegenstand und angesichts des Kamp fes, den er vor seiner Entstehung der großen Bedeutung für die Hochschule halber entfacht hatte, etwas ganz anderes als ein Hodler-Gemälde in einem Museum. Er sollte das Schutz- und Trutzbild unserer Hochschule sein. Diese be sondere Aufgabe kann das Bild fürderhin einfach nicht mehr erfüllen. Denn zwischen Werk und Beschauer wird der Ge danke, daß das Bild von einem Manne herrührt, der Verrat am Deutschtum begangen, der sich des besonderen Ve trauens unserer Hochschule unwürdig gezeigt hat, eine unüberbrückbare Kluft auftun. Deshalb: Hinaus mit dem Werke aus unserer Hochschule, an eine Stätte, wo es nur als Vertreter einer besonderen Kunstrichtung zu wirken hat, in das Weimarer Museum. Auch der weiten Öffentlichkeit dürfte dieser Vorschlag wohl als die beste Lösung der ganzen Frage erscheinen." Mit dem Semesterbeginn nahmen nach den Professoren nunmehr auch die Studenten das Wort in diesem Streit: Hierüber berichten die Leipziger Neueste Nachrichten" vom 17. Nov. 1914: Natürlich gibt es auch unter ihnen zwei Parteien.255 Es scheint aber, daß auch unter ihnen die Hodlerfreunde in der Minderheit sind. Einer, der öffentlich das Bekennt nis ablegte, daß er sich immer wieder vor der .Großtat dieses Mannes (gemeint ist Hodler und sein Bild) beugen müsse, erhält von einem Kommilitonen u. a. folgende Ant wort: ,Jch hatte gehofft, daß die Reaktion auf den heim tückischen Überfall unserer Feinde vor allem die sein würde, daß wir nun endlich von dem hundeschwanzeinziehen- den Wesen gegenüber dem Ausland, das bisher noch so viele Deutsche beherrschte, gründlich kuriert würden. Diese Hoffnung scheint tiefbedauerlicherweise noch immer nicht in Erfüllung gehen zu wollen. Geht doch einmal hin, Ihr, die Ihr Euch vor dieser .Großtat wiederum beugen wollt, zu Euren Kommilitonen der hiesigen Universität, die in den Schützengräben Tag und Nacht den Tod aus tückischer Fein deshand erwarten, ob sie sich mit Eurem Wunsch oder mit der sonst allenthalben freudig begrüßten Maßnahme des hochverehrten Seniors unserer Universität (Ernst Haeckel) einverstanden erklären. Geht doch einmal hin zu den Vätern und Müttern, die fern in Feindeserde ihre Hoffnungen, ihren Stolz begraben mußten, sie werden Euch schon sagen, wie tief Ihr Euch immer wieder am deutschen Vaterlande vergeht mit der jämmerlichen Verherrlichung dieses Aus landsproduktes. Die vor deni Bild aufgehängten Karten vom Kriegsschauplatz habe ich, wie viele andere Studenten, sehr begrüßt." Man sieht hieraus, daß das Bild zunächst dem Auge des Beschauers entzogen wurde; näheres berichtet darüber die Tägl. Rundschau": Mit einer riesigen Bretterwand vernagelt, ist das vielbesprochene Bild des Monsieur Hodlöre (wie Ernst Haeckel den Namen des Schweizers zu schreiben pflegt) seit einiger Zeit der Besichtigung entzogen. In den Pausen zwischen den Kollegs stehen Scharen von Studenten und Studentinnen vor dieser weißen Wand, eifrigst studierend: der Leiter des Geographischen Instituts Professor G. W. v. Zahn hat nämlich auf der großen Bretterfläche sämtliche Kriegs- schauplatz-Karten befestigt, auf denen die Stellungen der256 Heere mit Fähnchen bezeichnet sind. Au ihrer größten Überraschung fanden die Studenten kürzlich das folgende Gedicht neben den Landkarten angeheftet. Wir geben es hier wieder und haben erfahren, daß Professor v. Jahn der Verfasser ist: Hier hinter dieser weißen Bretterwand Da hängt ein riesig Bild in Glas und Rahmen, Von eines Meisters kunstgeübter Hand, Von einem Mann mit gutem deutschen Namen, Der Ahnen tapfren Auszug stellt es dar, Zum Völkerkampfe gegen Frankreichs Scharen, In jenem unvergeßlich großen Jahr, Da wir der halben Welt Besieger waren. Und heute, da wir s wieder einmal sind. Hat man mit festen Brettern es verschlagen ; Sind wir so furchtsam hier zu Land gesinnt, Sollt es der Feind als Beut von bannen tragen? Wär s nicht für die ein letzter schöner Blick, Die aus dem Hörsaal auf das Schlachtfeld gehen. Um dort, ach, ein beneidenswert Geschick, In heißem Kampf für Deutschlands Größe stehen? Wir fürchten nichts, das teure Vaterland Umgeben wir mit einem Wall von Waffen, Jedoch als rechter Schandkerl sich erfand Der Maler, der das große Bild geschaffen. Drum deckt man s zu. Doch auf der Bretterwand Wird sich ein Bild von Deutschlands Größe offenbaren: Da zeichnen wir mit dankbar stolzer Hand Den Siegeszug der Hunnen und .Barbaren !" Auch an andern öffentlichen Stellen hingen Hodlersche Bilder. Ein solches beherbergen die Düsseldorfer Städti schen Museen, und in einem Teile der Düsseldorfer Bürgerschaft ist der Wunsch lebendig geworden, dieses Bild nach Hodlers unangebrachtem Verhalten entfernt zu sehen. Dazu nimmt nun vr. Koetschau, der Direktor der Düsseldorfer städtischen Museen, Stellung in einem Briefe, den er im Düsseldorfer Generalanzeiger"257 veröffentlicht. Er kennzeichnet darin Hoblers Verhalten als verächtlich und schreibt, daß schon immer etwas Un wahres und Unechtes in Hodler gelebt haben müsse, wie allein schon sein ewiges Wiederholen bestimmter Bilder beweise, das weniger Kunst als Geschäftsmacherei sei. Die Entfernung des Hodler-Bildes aus der Düs seldorfer Galerie lehnt Koetschau aber ab. Die Düsseldorfer Sammlung soll einen Spiegel der geschicht lichen Entwicklung der deutschen Malerei geben, und zur Charakterisierung einer bestimmten Richtung sei Hoblers Bild kaum entbehrlich. Im übrigen aber meint Koetschau, der Fall Hodler möge den Deutschen eine Mahnung sein, in Zukunft etwas weniger die Kunst des Auslandes zu überschätzen. Eine schärfere Stellungnahme, dieselbe wie in Jena, ergriff die Leitung des Kölner Wallraf-Richartzmuseums. Sie schreibt: In der modernen Abteilung der Gemäldegalerie findet eine neue Sehenswürdigkeit viel Beachtung. Mitten zwischen den Bildern hängt dort eine Tafel, auf der zu lesen steht: ,An dieser Stelle hing ein Bild von Ferdinand Hodler, der sich nicht gescheut hat, einen Genfer Protest mit zu unterzeichnen, in dem die Rede ist von einem un gerechtfertigten Attentat der Vernichtung der Kathe drale in Reims, das nach der beabsichtigten Zerstörung historischer und wissenschaftlicher Schatze in Löwen einen neuen Akt der Barbarei bedeute und die ganze Mensch heit herausfordere. Und was tat nun zu seiner Rechtfertigung in dieser Angelegenheit Hodler selbst? Nach einer Mitteilung Prof. Or. Rudolf Eucken s in Jena erhielt dieser am 14. Oktober folgendes Telegramm, das man aber nur als eine sehr bedingte Entschuldigung ansehen kann: Wenn ich den Genfer Protest unterzeichnet habe, war es meine Absicht, nicht gegen Deutschland, son- Der Krieg der Geister. 17258 dern einzig und allein gegen die Zerstörung eines Kunstwerkes zu protestieren. Ich würde dasselbe tun, wenn eine andere Macht in Deutschland ein Werk zerstören würde. Bitte meine Unterschrift nicht anders auszulegen. Sie kennen meine lebhafte Sympathie zu Deutschland. Hodler." Weiter führte er in einem Schreiben an Karl Ernst j Osthaus, dem Direktor des Folkwaymuseums in Hagen ! aus, daß er den Protest nur in seinem Schmerz über ! die Zerstörung der Kathedrale von Reims unter- ! schrieben habe. Er habe das deutsche Volk, das er hochschätze, nicht beleidigen wollen. Er schließt: Glauben Sie, wie zuvor an meinen inneren Au sammenhang mit dem deutschen Wesen." Auch fehlte es nicht an Verteidigungsversuchen von Seiten der schweizerischen Presse; so führt die Neue Züricher Zeitung" an, man müsse die Tatsache, daß Hodler den Protest unterschrieben, psychologisch verstehen. Künst- ; ler, die ja meist Temperamentsmenschen seien, ließen sich mehr von Impulsen, als vom Raisonnement leiten. Hodler, dem nur die Kunde von der strikt behaupteten Zer störung der Kathedrale in seiner Künstlerseele brannte, ^ habe ohne nähere Prüfung des Wortlautes des Protestes einfach unterschrieben. In den Genfer Kreisen, in denen Hodler verkehrte, hörte er sicherlich nichts anderes als die Ansichten der Genfer Presse. Es hätte ihm ferner die Mög lichkeit gefehlt, sie an den Aussagen Andersdenkender und Besserunterrichteter zu kontrollieren. Ferner bestreitet sie, daß Hodler seinen Ruhm den deutschen Federn verdanke, sondern allein seinem Genius"; der Ruhm sei zu ihm ge kommen kraft seiner Schöpfungen, die neue Wege einschlu gen, eine neue Monumentalkunst brachten. Die Neue Züricher Zeitung" mißbilligt übrigens noch mals die Fassung des Deutschland und sein Heer grundlos verdächtigenden und herabwürdigenden Protestes und be dauert aufrichtig, daß so viele in überwiegender Zahl in der Westschweiz lebende Männer der Kunst, Literatur und Wissenschaft dazu ihren Namen hergegeben haben. Daß der Protest auch sonst unter den Schweizer Künst-259 17* lern keinen ungeteilten Beifall fand, zeigt die Gegenkund gebung des aus Winterthur stammenden, in Berlin wir kenden Maler-Radierers Hermann R. C. Hirzel, der folgendes Schreiben nach der Schweiz sandte (20. Okt. 1914): Hodler hat sich fast ausschließlich seinen Künstlerruhm und sein riesiges Vermögen in Deutschland erworben. Außerhalb der Schweiz und Deutschlands hat seine Kunst kein Verständnis gefunden. Jacques Dalcroze (Jacques ist sein richtiger Familienname, Dalcroze ist abgeleitet von seinem Geburtsort: St. Croix, Kanton de Vaud) ist in Deutschland gegründet und zu einer internationalen Be rühmtheit gemacht worden. Ich bin Schweizer und empfinde die schamlose Undankbarkeit, einem Lande gegenüber, dem meine Landsleute sowie ich soviel verdanken, das ich als meine zweite Heimat betrachte, unendlich schmerzlich. Solche Charakterlosigkeit ist noch nicht dagewesen. Pfui Teufel!" Einen ähnlichen Protest ließ auch ein anderer Schweizer Künstler, der bekannte Architekt und Führer in der Reform des Kunstgewerbes, H. E. Berlepsch-ValendaS in Planegg bei München, Ferdinand Hodler und Jaquee Dalcroze zukommen. Man wird es daher begreiflich finden, daß der Deutsche Künstlerbund Hodler mit folgender Begründung aus seiner Mitglieder liste strich: Im Auftrage des Grafen v. Kalckreuth, Präsidenten des Deutschen Künstlerbundes, teile ich Ihnen mit, daß der Schweizer Maler Ferdinand Hodler infolge seiner deutsch feindlichen Handlung, die er durch Unterzeichnung des ge hässigen Protestes gegen die unseren Soldaten angedich teten Schandtaten kundtat, aus der Mitgliederliste des Deutschen Künstlerbundes gestrichen wurde. Theodor Brodersen, Sekretär des Deutschen Künstlerbundes. D. 15. 10. 14." Wie der sächsische Staatsanzeiger" mitteilt, wurde Hodler ferner noch aus der Liste der Mitglieder der Akademie der bildenden Künste in Dresden ge-260 strichen. Ebenso haben die österreichischen Künstler jetzt gegen Hodler Stellung genommen. Die Wiener Künstlergenossenschaft hat nämlich beschlossen, an die Ber liner und die Münchener Sezession ein Schreiben zu richten, in dem ausgesprochen wird, daß die österreichi sche Künstlerschaft mit den Gefühlen und Empfindungen ihrer deutschen Kollegen, die sie zur Ausschließung Fer dinand Hoblers veranlaßt haben, durchaus einverstan den ist. Die Berliner Sezession hat Ferdinand Hodler am 10. Okt. wegen seiner schamlosen Stellungnahme gegen das deutsche Volk als Ehrenmitglied gestrichen und ihm davon Mitteilung gemacht. Die Münchener Sezession hat den Herren Hodler und Sartorio, die bisher zu ihren Mitgliedern gehörten, die Mitteilung zugehen lassen, daß sie wegen ihres Verhal tens gegen Deutschland aus dem Verein ausgeschlossen worden seien. Auch JaqueS Dalcroze, der zu den Unterzeichnern des Protestes gegen die deutsche Barbarei" gehört, empfing aus dem Kreise seiner Berufsgenossen eine wohlverdiente Abfertigung. Die Bayerische Akademie der Tonkunst und der Münchener Tonkünstlerverein erließen am 9. Oktober 1914 folgende Erklärung: Angehörige der untengenannten künstlerischen Ver einigungen Münchens geben ihrem unmutsvollen Er staunen darüber Ausdruck, daß auch E. Jaques-Dalcroze glaubte Veranlassung nehmen zu müssen, eine Kundgebung zu unterzeichen, in der auf Grund lügenhafter Be richte die gröbsten Schmähungen gegen Deutschland ent halten waren. Man hätte annehmen können, daß Jaques-Dalcroze, der einen regen Verkehr mit Angehörigen des deutschen Geisteslebens pflegen durfte. Bedenken tragen würde, seine Unterschrift einem Manifest zu gewähren, in dem gegen den deutschen Geist Anklagen wegen Taten erhoben werden, die er bei der ihm gewährten Möglichkeit einer Kenntnis nahme deutscher Charaktereigentümlichkeit für unmöglich erachten mußte. Da er ohne weitere Prüfung die falschen261 auslandischen Berichte für zutreffend ansah, kann ihm deut scherseits der Vorwurf leichtfertiger Beleidigung nicht erspart bleiben; da er außerdem in Deutschland eine bedeutende Förderung seiner künstlerischen Ideen gefunden hat (Hellerau, Dresden, München, Köln, Stuttgart, Ber lin, Frankfurt usw.), so ist mit jenem Vorwurf der Vor wurf gröbster Undankbarkeit zu verbinden". Auch der Allgemeine deutsche Musikverein" strich den Namen Dalcroze aus seiner Mitgliederliste, mit der Begründung, daß er wissen mußte, daß mit der Unter zeichnung des törichten, uns verletzenden Protestes seine eigene Mannesehre befleckte. Er schließt seine Erklärung mit den Worten, die auch für Maeterlinck und Verhaeren mit Recht geäußert wurden: Wir müssen Markscheiden errichten zwischen den Künstlern, denen wir mit offenen Armen Gastfreundschaft gewährten, und den Menschen, die unser Menschentum mit Schmutz besudelt haben". Hugo Rasch schreibt in einem von der Allgemeinen Musikzeitung" ver öffentlichten offenen Brief": .. .Der 1865 inWi en geborene EmilJacquesDalcroze, Schüler von Robert Fuchs und Bruckner, hat bei uns ein Verständnis für seine Bestrebungen, eine Würdigung seiner pädagogischen Fähigkeiten, und ein Entgegenkommen ge funden wie nirgendwo, während ihm geistige und finan zielle Hilfe in nur annähernd ähnlichem Maße weder aus Frankreichs .kulturgetränkten Gefilden, noch aus Britanni ens wohlgefüllten Kassenschränken nahte. Dagegen werden die Leidtragenden von Hellerau einiges zu berichten haben, was zwar traurig an sich und vielleicht beschämend für Monsieur Emile klingen mag, schwerlich aber als Zeichen mentaler Barbarei zu deuten sein dürfte. Wir pochen nicht auf unsere Wohltaten davor warnt schon der weise Na than aber ,ein bißchen happig müssen wir dieses un rhythmische Gegackel des Hellerauer Apostels a. D. schon nennen. In England gibt es ein Getränk namens ,e?e opener . Es wird gewöhnlich am Morgen anläßlich des üblichen Katzenjammers genossen. Als solch bitter schmeckenden,262 aber heilkräftigen .Augenöffner , wie er zu deutsch heißt, lasset uns alle jene läppischen Kundgebungen betrachten an dem herrlichen Morgen, dem wir entgegengehen. Wo der Katzenjammer sein wird, ist unschwer zu erraten." Die Bildungsanstalt Hellerau hat sich von JaqueS Dalcroze losgesagt; ihr Bestand ist auf neuer Grundlage gesichert. Der Begründer der Gartenstadt Hellerau richtete am 30. Okt. 1914 folgendes Schreiben an das Verl. Tageblatt": Dem, was Sie in Ihrer geschätzten Zeitung über Jaques Dalcroze gesagt haben, stimme ich vollständig zu. Nach den Opfern, die in Deutschland für seine Sache ge bracht wurden, ist sein Verhalten unerhört. Es werden nur in Ihrer Notiz wie leider überall Jaques Dalcroze und Hellerau so zusammen genannt, als wenn das eine Sache wäre. Da diese Meinung sehr geeignet ist, die Gar tenstadt Hellerau als soziales Unternehmen schwer zu schädigen, möchte ich feststellen, daß die Gar tenstadt Hellerau und die Bildungsanstalt Jaques Dalcroze ursprünglich zwei vollkommen getrennte, ganz ver schiedene Sachen waren und die Anstalt von Jaques Dal croze mit der Gartenstadt nicht mehr zu tun hatte, als jedes andere Unternehmen, das heute oder morgen seinen Sitz nach Hellerau verlegen würde. Hellerau sollte ein Ort werden, in dem jeder, reich oder arm, sein eigenes Häuschen mit Garten besitzen sollte. Die Kinder der Bewohner sollten in Luft und Sonne auf wachsen können, statt in elenden Hinterhöfen. Dabei sollte die Siedlung architektonisch mustergültig erbaut wer den, durch die besten deutschen Architekten. So bestand die Gartenstadt längst und in ziemlichem Umfange, als das Institut Jaques Dalcroze nach Hellerau kam. Dem Unter nehmen flössen man möchte fast sagen leider große Mittel zu, die es ermöglichten, dem Institut sofort eine Betriebsanlage weitesten Umfanges zu geben, die wieder eine große Reklameentfaltung zur Folge haben mußte. Es war nicht zu verhindern, daß dabei auch das durch die Werkstatten begründete, frühere Ansehen von Hellerau263 zugunsten Jaques Dalcroze und seiner Bildungsanstalt ausgenutzt worden ist, und nach außen hin die Grenzen zwischen Hellerau und der Bildungsanstalt immer mehr verwischt wurden. Da trotz aller Bemühungen dagegen nicht aufzukommen war, stellten schon vor über zwei Jahren der Begründer und die drei führenden Archi tekten ihre Mitarbeit ein. Nachdem nun Dalcroze in Deutschland unmöglich geworden ist, darf man hoffen, daß der vor der Öffentlichkeit lange verschleiert gewesene soziale Grundgedanke wieder klar gestellt und Hellerau seiner alten, einzigen Aufgabe wieder zugeführt wer den kann." Zum Schlüsse dieser unerquicklichen Angelegenheit führen wir noch eine Zuschrift einer hochstehenden, zu deutschen wie auswärtigen Künstlern in Beziehung be findlichen Persönlichkeit aus den Leipz. Neuesten Nachr." (23. Nov. 1914) an, in der folgendes Fazit gezogen wird: Zu dem mit Recht von allen Seiten gebrandmarkten Verhalten zweier Künstler eines neutralen Landes, Hob lers und Dalcrozes, werden jetzt Stimmen laut, die der ge rechten Empörung der Bevölkerung durch Hervorheben des künstlerischen Wertes dieser Männer entgegentreten. Der künstlerische Wert aber steht hier nicht zur Frage, sondern ihre Gesinnung; und ihre Leistungen sind in diesem Falle nur eine Begleiterscheinung, die wir gezwungen sind, mit in Rechnung zu stellen. Wenn wir also Männer, die unser Vaterland und unser Volk schmähen, aus unseren Reihen verweisen, so sollten die Erzeugnisse ihres Geistes, gleichviel welchen absoluten Wert wir ihnen sonst auch bei messen mögen, ebensowenig Heimatrecht mehr bei uns haben. Es würden die Biider Hoblers, beließe man sie an ihrem Platz oder fügte man sie später wieder ein, für alle Zeit eine beschämende Erinnerung sein an die Be schimpfung, die uns geworden, und ein Fleck bleiben auf unserer Ehre, den wir nicht abwuschen. Hodlers Kunst hat kaum vermocht, in den weiteren Kreisen des deutschen gebildeten Publikums Fuß zu fassen, trotz eifriger Propa ganda, die für sie gemacht wurde. Deutscher Sinn hat wohl gespürt, wie wenig Hodlers Kunstäußerung in den Tiefen264 der deutschen Volksseele gründet, die Kunst eines Mannes, der trotz jahrelangen Ausammenlebens und -schaffens mit deutschen Künstlern, jahrelanger Fühlung mit den verschie densten Schichten unserer Gesellschaft so wenig unsere Kultur, unsere Kunstbestrebungen und Empfindungen be griff und bewertet, daß er in Selbstüberhebung glaubt, ein Urteil fällen zu dürfen, das uns so tief unter das Niveau seiner Anschauung und der der übrigen gebildeten Welt herunterzudrücken sucht. Wenn in Fragen von Kunst und Wissenschaft ein internationaler Austausch gewiß eine kul turelle Notwendigkeit ist, so wie die Handelsbeziehungen mit anderen Landern eine wirtschaftliche, so ist doch, wie eine mißverstandene, in Unüberlegtheit wiederholte Äußerung besagt, die Kunst keineswegs vaterlandslos. Das Vater land, der Begriff, der unser Gemeindasein darstellt, steht über allem, wie unser Volk, das bei Ausbruch des Krieges in beispielloser Weise zum Ausdruck brachte. Kann man schon daran zweifeln, ob es richtig war, öffentliche Gebäude, die dem Volksgebrauch dienen, einem Ausländer zur Aus schmückung zu übergeben, so wäre es in einer Zeit, da wir genötigt sind, Hand in Hand die heiligsten Güter unseres Landes zu schirmen, eine unverzeihliche Schwäche, Angriffe eines Feindes unserer Kultur nicht mit allen Mitteln zurück zuweisen. Mögen Hodlers Bilder und Dalcrozes Tänze vom Schauplatz deutscher Kulturbestrebung ruhig ver schwinden. Wir können beide entbehren. Was deutschen Wesens innerstes Bedürfnis ist, wird mit eigener Kraft aus dem Mark und dem Blut unseres Volkes geboren werden." Der von Hodler und Dalcroze mitunterzeichnete Gen fer Protest" blieb nicht die einzige schweizerische Kund gebung gegen den Wandalismus" der Deutschen; nach einer Mitteilung des l emxs" vom 19. November 1914 hat der Genfer Bildhauer JameS Vibert, Ritter der Ehrenlegion, an den Präsidenten der französischen Republik einen Brief mit folgender Kundgebung der Genfer Künstler gerichtet: Gestützt auf unwiderlegliche Beweise sendet die Genfer Sektion die Gesellschaft der schweizerischen Maler, Bildhauer und Architekten einstimmig den belgischen und französischen Künstlern ihren lebhaften Protest gegen die265 systematische Zerstörung der Kunstwerke in Belgien und in Frankreich durch die Deutschen. Maines Vibert, Henri veinole, kraneis ?ortier, laurieo Larkissok, ^lexanäre ?errier, Otto Vautier, H,. Noranil, lZIanäin, Äluller, Llaneliet, Vibert, (Zuraunet, Luppo, Larein, widert, Lbatillon, Deine, Lueket, .lulien ?rinon, ^raneois Appenzeller, Nauriee Larraucl, Aartin, klareöl ?oneet, Loeizuet, Linkertie, ^ules Nens-rcl, Lüliar^, Lrosnier, Vernas, Laelieux, (Zilbert, ?orestier, (Zeor^es 6e Ira?, La- molen". Abgesehen von der inhaltlichen Unrichtigkeit dieses Protestes war auch die äußere Form desselben ungesetzlich, da nach einem Gutachten des Professor R o elli eine einzelne Sektion der Gesellschaft keine Berechtigung zu einer solchen Erklärung als Mitglied des Gesamtverbandes besitzt. Der Aentralverband der Gesellschaft hat dies ausdrücklich fest stellen lassen. Wie man mit Humor eine zu tollen Phantasien ge neigte Pcesse abführt, zeigte in einem fröhlichen amtlichen Dementi der schweizerische Konsul in Turin Georg Lang. Die Turiner Lametta äel ?opolo" hatte von einem ge gen Italien gerichteten Abkommen zwischen der Schweiz und Österreich-Ungarn erzählt; die törichte Nachricht war selbst in den österreich-feindlichen italienischen Blättern nicht ernst genommen worden. Der schweizerische Konsul nun beantwortete die Falschmeldung in der Ltampa" mit fol gendem Scberze: Die schweizerische Armee in Mailand und in Turin. Um die sensationelle Nachricht der , Zax?ett- , clel ?opolo vom 15. November (,Ein österreichisch-schweizerischer Ge heimvertrag. Sollte Italien Osterreich angreifen, dann würde die Schweiz Piemont und die Lombardei besetzen ) zu erganzen, möchte der Unterzeichnete dem Publikum folgendes mitteilen: Es ist bereits bei Cava in Mailand das Mittagessen für den schweizerischen Generalstab be stellt worden, und die Speisenfolge ist auch schon festgesetzt. Die Subaltemoffiziere und die Unteroffiziere werden bei266 Biffi speisen. Die Truppen werden sich auf dem Domplatze aufstellen, wo sie mit den Enten des römischen Korrespon denten der .(-azMttg, äel I opolo verpflegt werden sollen. Nichts mitteilen darf ich leider über die wahrscheinliche Mitwirkung der päpstlichen Armee, die mindestens 80 Mann stark ist. Aber Italien hat nichts zu fürchten, selbst wenn diese Nachricht wahr sein sollte; denn als Reserven bleiben immer noch die 200,000 Russen, die am 1 . August von Ar changelsk abgefahren sind, wie die Sondertelegramme der (Za^etta, 6el?opolo angekündigt haben. Und wenn die MV,WO Russen nicht genügen sollten oder, wie es heißt, auf der Überfahrt verdunstet sind, so hätte man immer noch die 50,000 Japaner, die jüngst immer nach den Sonder telegrammen der , Za2?ettg. lel?opolo in Marseille gelandet sind. Georg Lang, Konsul der Schweizerischen Eidgenossenschaft." Auch die Loeiötö Vsuäoise 6es InZSnieurs et c!es ^rvditeotes", die ihren Sitz in Lausanne hat, hat es auch ihrerseits nach einer Meldung des Verl. Tagebl." vom 16. Dezember 1914 für nötig gehalten, eine Protestreso lution gegen die verbrecherische und unnötige" Zerstörung von Kunstwerken zu fassen und die Fachvereine aller Nati onen zum Beitritt aufzufordern. Sie glaubte sich neutral stellen zu können, indem sie jedes politische Vorurteil ab lehnte und die Nationalität der Zerstörer nicht bezeichnete. Auch sandte sie das Zirkular an den Vorstand des Ver bandes deutscher Architekten- und Jngenieur- vereine". Die Neutralität der Herren in Lausanne wird von keinem Menschen ernst genommen. Trotzdem haben die Deutschen geantwortet, und zwar sehr sachlich, sehr höflich und sehr überlegen. Ihr Brief lautet: An den Waadtländer Ingenieur- und Architekten-Verein Lausanne. Sehr geehrte Herren! Von dem Inhalt Ihres Schreibens vom 20. November d. I. und der beigelegten Kundgebung Ihres Vereins haben wir mit Interesse Kenntnis genommen.267 Auch der Verband deutscher Architekten- und Jngenieur- vereine steht mit Ihnen auf dem Standpunkt, daß nutzlose Zerstörungen und Verwüstungen aller Art zu verurteilen sind, da sie dem Geiste der Zivilisation zuwiderlaufen. Insbesondere verurteilen wir auch mit Ihnen verbrecherische Zerstörungen von Kunstwerken aller Art. Noch mehr aber verurteilen wir es, wenn kriegführende Parteien Meisterwerke der Architektur so benutzen, daß der Feind bei seinen kriegerischen Maßnahmen Beschädigungen dieser Kunstwerke nicht vermeiden kann, selbst wenn er den ausgesprochenen Willen besitzt, sie zu schonen. Am verächtlichsten und niedrigsten aber finden wir es, wenn kriegführende Parteien, die so den Gegner zur Be schädigung von Kunstdenkmälern ihres Landes gezwungen haben, die Tatsache dieser Beschädigung benutzen, um der Ehrenhaftigkeit ihres Gegners vor der Welt einen Makel anzuheften. Wir danken Ihnen, daß Sie uns Gelegenheit zu dieser Meinungsäußerung gegeben haben, und bitten Sie, bei dem von Ihnen geplanten Meinungsaustausch in weitestem Umfange von ihr Gebrauch zu machen. Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung Der Vorstand des Verbandes deutscher Architekten- und Jngenieurvereine. Saran, Vorsitzender. Franz Franzius, Geschäftsführer". Nach einer Meldung desselben Blattes vom gleichen Tage beschäftigte sich der Verein Berliner Architek ten in seiner Dezembersitzung gleichfalls mit der Zerstörung von Kunstwerken durch den Krieg. Der Vorsitzende Baurat Spindler, zog in den Kreis seiner Betrachtung besonders die Kathedrale von Reims, und wandte sich dabei haupt sächlich gegen die Bemerkungen deck Herrn Professors Vetter in Bern, der in einer Schweizer Zeitung die Meinung aus gesprochen hat, Kunstwerke müßten im Kriege ebenso wie Spitäler geschützt werden, auch wenn dadurch Heere auf gehalten oder Menschenopfer gebracht werden sollten. (!) ES fiel dem Redner nicht schwer, die Sinnlosigkeit dieser Auffassung nachzuweisen, deren etwaige Betätigung ein anderer Schweizer (Oberst Müller im Berner Bund")268 sehr richtig ein Verbrechen am eigenen Volke" ge nannt hat. Die Worte Spindlers fanden allgemeinen Bei fall in dieser Versammlung von Baukünstlern, denen man doch wohl ein Herz für Baudenkmäler zutrauen darf. Wie der Streit der Parteien auch in dec Schweiz bis in die Hörsäle der Universitäten vordrang, davon berichtet ein deutscher Hochschullehrer in einem Schreiben an die Leipziger Neuesten Nachrichten" am 24. Dezember 1914 folgendes: Der Genfer Universitätsskandal. Es ist zur Genüge bekannt, wie offen und leiden schaftlich die welsche Schweiz in dem Weltkrieg gegen das Deutsche Reich Partei ergriffen hat. Solange diese Mißstimmung nicht amtlich vertreten wird, bleibt uns nur übrig, diese Tatsache festzustellen, um der Wirklichkeit fest ins Auge zu schauen, und unser Verhalten der Sachlage gemäß einzurichten. Was man aber nicht mit Schweigen übergehen darf, ist die Parteinahme der akademischen und politischen Behörden gegen das deutsche Reich, wie sie jetzt in Genf stattgefunden hat. Es handelt sich um einen akademischen Zwischenfall, der nach schweizerischen Berichten sich folgendermaßen zutrug: Der außerordentliche Professor für deut sches Recht an der Universität Genf, Hugo de Elaparöde, ein Sohn des schweizerischen Gesandten in Berlin, hat den allerhöchsten Unwillen seiner (mit nicht schweizerischen Elementen stark durchsetzten) Zuhörer da" durch erregt, daß er am 18. November in seinem Kolleg bei Behandlung der deutschrechtlichen Friedlosigkeit (d. h. des an das Verbrechen anknüpfenden Austandes der Recht losigkeit, vermöge dessen der Friedlose persönlich und mit seinem Vermögen allen Angriffen schutzlos preisgegeben war, insbesondere sein Haus der Zerstörung verfiel) aus führte, es hätte sich ein Rückstand dieser Rechtsübung noch heute in dem Verfahren gegen die Franktireure erhalten. Die Studenten behaupten, de Claparede habe sich nicht wie er es sonst gehalten habe auf die bloße Erwähnung des Franktireur-Schicksals beschränkt, sondem noch aus drücklich auf die Belgier hingewiesen und wörtlich269 sich dahin geäußert: .Wenn belgische Städte von den Deutschen zerstört worden sind, so geschah es, weil die Zivil bevölkerung sich außerhalb des Gesetzes stellte , indem sie auf deutsche Truppen schoß, Professor de Claparöde kann sich dieser Wendung nicht erinnern, sollte er sie aber ge braucht haben, so will er das Franktireurtum entgegen der Haager Konvention gemeint haben. Au Beginn der nächsten Vorlesung veranstaltete die Studentenschaft lärmende Kundgebungen, man rief dem Angefeindeten.Demission! zu, und ein Student verlas folgenden, von zahlreichen Kommilitonen unter zeichneten Protest: .Angesichts der Tatsache, daß Sie Äußerungen getan haben, die für das heroische Belgiervolk, das wir alle bewundern und dessen Haltung wir durchaus billigen, beleidigend sind; angesichts der Tatsache ferner, daß Sie schon zu wiederholten Malen in Ihren Vorlesungen sich erlaubt haben, deutschfreundliche Sympathien zu äußern, was mit Ihrer Eigenschaft als Schweizer und Professor einer neutralen Universität unvereinbar ist, fordern wir Sie auf, Ihre Demission einzureichen als Pro fessor der Universität Genf. Ihre gegenwärtige Haltung muß Ihnen verbieten, eine öffentlich vom Staate bezahlte Stellung einzunehmen. Professor de Claparöde konnte sich nicht Gehör ver schaffen und mußte sich zurückziehen. Die Studentenschaft zeigte überdies die den Anlaß ihrer Aufregungen bildende Äußerung de Claparödes schriftlich dem Rektor der Universität an, indem sie jene Worte als .flagrante Verletzung der Neutralität durch eine offizielle Persönlichkeit, als un moralische Apologie des Völkerrechtsbruches und schwere Kränkung ihres patriotischen Empfindens zu kennzeichnen beliebte. Auch hielt sie es für nötig, der bel gischen Regierung eine Sympathie-Adresse zu überreichen und die darauf eingegangene Antwort der Öffent lichkeit nicht vorzuenthalten. Um die Angelegenheit vol lends zu einer Haupt- und Staatsaktion werden zu lassen, interpellierte alsbald der Advokat de Rabours im Großen Rat und ließ sich dabei u. a. dahin vernehmen: es gelte270 die Feststellung, ob die Professoren das Recht besaßen, sich im Sinne de Claparedes zu äußern: Genf habe die internationale Würde immer hochgehalten, dieser Tradition solle es treu bleiben und sich gegen Äußerungen, wie sie (seitens de Claparedes) in der Universität gefallen seien, erheben. Der Staatsrat, der sich inzwischen in zwei Sitzungen mit der Sache befaßt und die Vorlesungen de Claparödes auf dessen Urlaubsgesuch einstweilen suspen diert hatte, beantwortete die Interpellation durch Rosier und ließ erklären: Rektor und Staatsrat tadeln die von der Studenten schaft für ihre Kundgebung gewählte Form, doch müsse man die derzeitigen Ausnahmeverhältnisse berücksichtigen. Das Mindeste, das man dem Professor vorwerfen könne, sei, daß er von einer (für einen Universitätsdozenten schwer begreiflichen) Unvorsichtigkeit gewesen und aus der elementarsten Zurückhaltung herausgetreten sei. Das ge wählte Beispiel sei ganz unglücklich gewesen. Zwar habe sich de Claparöde zu seiner Entschuldigung auf das juristische Argument der Überreste alter Rechtsgebräuche berufen, aber da er das gewählte Beispiel nicht mit einem Worte der Sympathie für Belgien begleitet habe, habe er das einhellige Empfinden seiner Hörer verletzt. Professor de Claparöde sei aus der Vorsicht und Zurückhaltung, die er hätte beobachten müssen, herausgetreten, indem er nur eine Seite der Frage erörtert habe, und er habe so die Neu tralität außer acht gelassen, die man von einem mit einem öffentlichen Amt bekleideten Bürger verlangen müsse. (Beifall auf allen Bänken.) Wir Deutsche haben keine Veranlassung, uns für de Claparede besonders zu erwärmen, um so weniger, als er in einer Aeitungskorresponden; den .heroischen Wider stand der .unglücklichen Belgier .billigt und be wundert und unser Verhalten zu den Belgiern weder habe rechtfertigen noch habe billigen wollen. Uns gibt nur das befremdende Mißverhältnis von Ursache und Wirkung sowie die unverblümte Feindseligkeit der schwei zerischen Behörden zu denken. Man mag der Unreife der studentischen Jugend, die sich in einer überhitzten271 Atmosphäre aus geringfügigem Anlaß zu einem höchst un ziemlichen und politisch zumindest unklugen Auftreten hin reißen ließ, allerlei zugute halten. Immerhin hatte man von den akademischen Behörden erwarten sollen, daß sie die Übertragung der üblen Gewohnheiten der Gasse und einer mehr französische wie schweizerische Ideen vertreten den Presse in die Hörsäle energisch rügen und dem Grund satz der politisch unangekränkelten Lehrfreiheit, ohne den nun einmal das akademische Leben nicht bestehen kann, unbedingte Geltung verschaffen würde. Nichts von alle dem ! Der Randaliersucht und politischen Wichtigtuerei der Studentenschaft wurde kein Ziel gesetzt. Weit entfernt davon, die demonstrierende Jugend in ihre Schranken zurück zuweisen und ihr den Kopf zurechtzusetzen, wandten sich die Genfer Behörden gegen den Professor, der lediglich seiner wissenschaftlichen Überzeugung einen einfachen Aus druck verliehen hatte und der jetzt dafür den Sündenbock spielen muß. Sein Verbrechen besteht darin, daß er die Gelegenheit, dem zurzeit in Genf wie in der sonstigen Welschschweiz landesüblichen Deutschenhaß zu fröhnen, vorbei gehen ließ! Hätte sich de Claparöde in der Vorlesung gegen die Deutschen gewendet, so wäre nach Meinung der Genfer Behörden alles in schönster Ordnung gewesen. Wir wissen nicht, ob sich die deutsche Gesandtschaft in Bern wegen der deutschfeindlichen Haltung der Genfer Behörden mit dem schweizerischen Bundesrat ins Einver nehmen gesetzt und Garantien gegen die Wiederholung solcher Unfreundlichkeiten gefordert hat. Da der schweizerische Generalstab die geistige Wappnung gegen tendenziöse Beeinflussungen zu den Aufgaben der Neutralität rechnet, dürfte das Urteil über die Genfer Praxis, eine deutschfreund liche Äußerung für neutralitätswidrig, dagegen deutsch feindliche Äußerungen für strikt neutral zu erklären, dem Bundesrat nicht schwer fallen. Das von der deutschen Ge sandtschaft zum Fall de Claparede gesammelte Material dürfte zugleich den deutschen Unterrichtsverwal tungen für die von ihnen zu prüfende Frage von größtem Wert sein, ob man unter den jetzigen Verhältnissen in Genf272 noch von Lehrfreiheit sprechen und die Genfer Semester bei uns noch weiterhin als vollwertig rechnen kann." Besondere Anerkennung verdient das Verhalten des bei uns volkstümlichsten, der heute lebenden Schweizer Dichter Ernst Zahn der auf den Spuren der großen Schweizer Dichter Gottfried Keller und C. F. Meyer ( Hier steh ich, außerm Reich und doch im Reich!!") wandelt, wenn er sich außerm Reich" als Bürger eines neutralen Staates und doch im Reich" als Angehöriger der großen deutschen Kulturge- meinschaft fühlt, deren Schätze er durch sein eigenes Schaffen mehren hilft. Er hat nach der Tägl. Rundschau" vom 24. Au gust der Zeitschrift Über Land und Meer" ein Sturmlied" von wuchtiger, ernster Kraft zur Veröffentlichung gesandt und zugleich durch den Verlag seiner Werke in Stuttgart die Summe von 1lX)ö M. für das Deutsche Rote Kreuz über weisen lassen. In dem Begleitschreiben sagt er: Mein Herz schlägt hoch für Deutschland. Ich weiß, daß es in gerechter Sache siegen wird!" Das Gedicht hat folgenden Wortlaut: Sturmlied. Nun steht die ganze Welt in Brand. Die Trommeln, sie gehen. Doch sei getrost, mein Vaterland, Dir soll nichts geschehen. Der Himmel flammt in Glut und Glanz. Wir schreiten, wir schreiten, Bis wo die Feinde uns den Tanz, Den bittern, bereiten. Die Trommeln wirbeln wild und weit. Kein Zögern! Kein Aagen! Der Tod will halten Erntezeit. Wir werden es tragen. Hei, wie der Sturm die Fahnen fand! Laßt fliegen! Laßt fliegen! Dich grüß ich noch, mein Vaterland! Sterben oder siegen!"273 Darüber ist es in der schweizerischen Presse zu einem Sturm im Wasserglase gekommen, da man in dem Vorgehen Zahns vielfach eine Überschreitung des neutralen Verhal tens der Schweiz erblicken wollte. Jahn hat seine Entlassung aus dem Präsidium des Schweizerischen Schriftstellerver eins nachgesucht: der Rücktritt erregte bedauerliches Auf sehen. DaS Schicksal Belgiens bat auch manche besonnene Schweizer, die für ihr Land ein gleiches, ganz ohne Grund befürchteten, kopfscheu gemacht; so erklärte der Gelehrte Auguste Forel sehr hitzig gegenüber einem von Prof. Häckel im Mo nistischen Jahrhundert" entworfenen TeilungSplan, in dem er London erobert, Belgien halb an Holland ge geben und halb dem Deutschen Reiche angefügt, den Kongo staat, einen großen Teil der englischen Kolonien, den Nord osten Frankreichs, Polen und die russischen Ostseeprovinzen annektiert, man spräche in Deutschland mit Verachtung von diesen kleinen Staaten, die deshalb allen Grund hätten, vor Deutschland auf der Hut zu sein, und er versichert, daß sogar die kleine Schweiz sich bis zum letzten Blutstropfen gegen Einbruchs- und Hegemoniepläne verteidigen wird." Von ähnlichen Erwägungen ließ sich auch der bekannte Schweizer Lyriker und Novellist Karl Spitteler leiten, als er am 14. Dezember 1914 in der Neuen Hel vetischen Gesellschaft zu Zürich einen Vortrag über das Tbema Unser Schweizer Standpunkt" unter stürmischem Beifall hielt, der nach der Neuen Zürcher Zeitung" vom 16. und 17. Dezember folgenden Wortlaut hat: Meine Herren und Damen! So ungern als möglich trete ich aus meiner Einsamkeit in die Öffentlichkeit, um vor Ihnen über ein Thema zu sprechen, das mich scheinbar nichts angeht. Es würde mich auch in der Tat nichts angehen, wenn alles so wäre, wie es sein sollte. Da das aber nicht der Fall ist, erfülle ich meine Bürgerpflicht, indem ich versuche, ob vielleicht das Wort eines bescheidenen Privatmannes dazu beitragen kann, einem Der Krieg der Geister. IL274 unerquicklichen und nicht unbedenklichen Zustand entgegen zuwirken. Wir haben es dazu kommen lassen, daß anläßlich des Krieges zwischen dem Deutsch sprechenden und dem Französisch sprechenden Landesteil ein Stimmungsgegen satz entstanden ist. Diesen Gegensatz leicht zu nehmen, ge lingt nur nicht. Es tröstet mich nicht, daß man mir sagt: Im Kriegsfall würden wir trotzdem wie ein Mann zusammen stehen." Das Wörtchen trotzdem" ist ein schlechtes Binde wort. Sollen wir etwa wünschen, in einen Krieg verwickelt zu werden, um uns unserer Zusammengehörigkeit deutlicher bewußt zu werden? Das wäre ein etwas teures Lehrgeld. Wir können es billiger haben. Und schöner und schmerz loser. Ich kann jedenfalls in einer Entfremdung nichts er sprießliches erblicken, vielmehr das Gegenteil. Oder wollen wir, wie das etwa Ausländer tun, die Stimmungsäußerun- gen unserer anderssprachigen Eidgenossen einfach außer acht lassen, weil sie in der Minorität sind? Abgesehen von dem Bruchteil der französischen Schweiz, die ganz in fran zösischem Fahrwasser schwimmt..." In der Schweiz sehen wir von niemand ab. Wäre die Minorität noch zehn mal minder, so würde sie uns dennoch wichtig wägen. Es gibt in der Schweiz auch keine Bruchteile. Daß aber die französische Schweiz ganz in französischem Fahrwasser" schwimme, ist ein unverdienter Vorwurf. Sie schwimmt so gut wie die deutsche Schweiz in helvetischem Fahrwasser. Das hat sie oft genug mit aller Deutlichkeit bewiesen. Ver bittet sie sich doch sogar den Namen französische" Schweiz. Also ich glaube, wir sollen uns um das Verhältnis zu unsern Französisch sprechenden Eidgenossen freilich kümmern, und das Mißverhältnis soll uns bekümmern. Ja, was ist denn eigentlich vorgefallen?" Nichts ist vorgefallen- Man hat sich einfach gehen lassen. Wenn aber zwei nach verschiedener Richtung sich gehen lassen, so kommen sie eben auseinander- Entschuldigung liegt vor. Sie heißt: Überraschung. Wie auf den übri gen Gebieten, so hat auch in unserm Gemüts- und Geistes leben die Plötzlichkeit des Kriegsausbruches gleich einer Bombe eingeschlagen. Die Vernunft verlor die Zügel, Sym pathie und Antipathie gingen durch und liefen mit einem275 18- davon. Und der nachkeuchende Verstand mit seiner schwa chen Stimme vermochte das Gefährt nicht aufzuhalten. Beobachte ich übrigens richtig, so ist der Verstand schließlich doch angekommen. Wir sind jetzt, wie ich glaube und hoffe, in der Stimmung der Umkehr und Einkehr. Damit ist die Hauptsache gewonnen, das Schlimmste verhütet. Allein eine gewisse Meinungsverwirrung, eine gewisse Ratlosig keit und Richtungsverlegenheit ist noch vorhanden. Da hinein ein bißchen Ordnung zu stiften, ist die Aufgabe der Stunde, mithin auch meine Aufgabe. Vor allem müssen wir uns klar machen, was wir wollen. Wollen wir oder wollen wir nicht ein schweizerischer Staat bleiben, der dem Auslande gegenüber eine politische Einheit darstellt? Wenn nein, wenn jeder sich dahin mag treiben lassen, wohin ihn seine Privatneigung schiebt und wohin er von außen gezogen wird, dann habe ich Ihnen nichts zu sagen. Dann lasse man s meinetwegen laufen, wie es geht und schlottert und lottert. Wenn aber ja, dann müssen wir inne werden, daß die Landesgrenzen auch für die politischen Gefühle Marklinien bedeuten. Alle, die jen seits der Landesgrenze wohnen, sind unsere Nachbarn, und bis auf weiteres liebe Nachbarn, alle, die diesseits wohnen, sind mehr als Nachbarn, nämlich unsere Brüder. Der Unterschied zwischen Nachbar und Bruder aber ist ein un geheurer. Auch der beste Nachbar kann unter Umständen mit Kanonen auf uns schießen, während der Bruder in der Schlacht auf unserer Seite kämpft. Ein größerer Unter schied läßt sich gar nicht denken. Wir werden etwa freundnachbarschaftlich ermahnt, die politischen Grenzen nicht so stark mit dem Gefühl zu be tonen. Wenn wir dieser Ermahnung nachgäben, so würde folgendes entstehen: An Stelle der überbrückten Grenzen nach außen würden sich Grenzen innerhalb unseres Landes bilden, eine Kluft zwischen der Westschweiz und Südschweiz und der Ostschweiz. Ich denke, wir halten es lieber mit den bisherigen Grenzen. Nein, wir müssen uns bewußt werden, daß der politische Bruder uns näher steht als der beste Nach bar und Rassenverwandte. Dieses Bewußtsein zu stärken, ist unsere patriotische Pflicht. Keine leichte Pflicht. Wir276 sollen einig fühlen, ohne einheitlich zu sein. Wir haben nicht dasselbe Blut, nicht dieselbe Sprache, wir haben kein die Ge gensätze vermittelndes Fürstenhaus, nicht einmal eine eigentliche Hauptstadt. Das alles sind, darüber dürfen wir uns nicht tauschen, Elemente der politischen Schwäche. Und nun suchen wir nach einem gemeinsamen Symbol, das die Elemente der Schwäche überwinde. Dieses Symbol besitzen wir glücklicherweise. Ich brauche es Ihnen nicht zu nennen: die eidgenössische Fahne. Es gilt also, näher als bisher um die eidgenössische Fahne zusammenzurücken und dementsprechend denen gegenüber, die zu einer andern Fahne schwören, auf die richtige Distanz abzurücken; kon zentrisch zu fühlen statt exzentrisch. Ohne Zweifel wäre es nun für uns Neutrale das einzig Richtige, nach jeder Seite hin die nämliche Distanz zu halten. Das ist ja auch die Meinung jedes Schweizers. Aber das ist leichter gesagt, als getan. Unwill kürlich rücken wir nach einer Richtung näher zu dem Nach bar, nach anderer Richtung weiter von ihm weg, als unsere Neutralität es erlaubt. Den Westschweizern droht die Versuchung, sich zu nahe an Frankreich zu gesellen, bei uns ist es umgekehrt. Sowohl hier wie dort ist Mahnung, Warnung und Korrektur nötig. Die Korrektur aber muß in jedem Landesteil von sich aus, von innen heraus geschehen. Wir dürfen nicht dem Bruder seine Fehler vorhalten; das führt nur dazu, daß er uns mit unsern Fehlern bedient, am liebsten mit Zinsen- Wir müssen es daher unsern welschen Eidgenossen vertrau ensvoll anheimstellen, aus ihren eigenen Reihen die nötigen Ermahnungen laut werden zu lassen, und uns einzig mit uns selber befassen. Das Distanzgewinnen ist für den Deutschschweizer ganz besonders schwierig. Noch enger als der Westschweizer mit Frankreich ist der Deutschschweizer mit Deutschland auf sämtlichen Kulturgebieten verbunden. Nehmen wir unter anderm die Kunst und Literatur. In wahrhaft groß herziger Weise hat Deutschland unsere Meister aufgenommen, ihnen den Lorbeer gezollt, ohne einen Schatten von Neid und Eifersucht ja sogar diesen und jenen über die Heimischen277 erhoben. Unzählige Bande von geschäftlichen Wechsel beziehungen, von geistigem Einverständnis, von Freundschaft haben sich gebildet, ein schönes Eintrachtsverhältnis, das uns während der langen Friedenszeit gänzlich vergessen ließ, daß zwischen Deutschland und der deutschen Schweiz etwas wie eine Grenze steht. Wollen Sie mich als Beispiel und Rebus annehmen? Ich glaube, mancher von Ihnen kann nur nachfühlen. Es gab in meinem Leben eine Periode, die Periode der edlen Jugendtorheiten, da ich über den Rhein nach dem unbe kannten, sagenhaften Deutschland sehnsüchtig wie nach einem Märchenlande hinüberblickte, wo die Träume sich verwirklichen, wo die Gestalten der Poesie verkörpert im hellen Sonnenschein herumwandeln: die edlen treuherzigen Jünglinge der Romantiker, die sinnigen Jungfrauen des Volksliedes, wo die Menschen im täglichen Leben ähnlich reden, wie unsere Klassiker schrieben, wo Berg und Tal, Hain und Quell uns mit Heimataugen grüßen. Das waren freilich naive kindliche Vorstellungen. Aber heute, wo ich längst weder naiv noch kindlich mehr bin: heute blüht mir Sympathie und Zustimmung wie ein Frühling aus Deutschland entgegen, unabsehbar, uner schöpflich. Aus den entferntesten Gauen erwachsen mir Freunde, zu Hunderten, zu Tausenden. Erscheine ich zur Seltenheit dort persönlich, so treffe ich auf gutartige, lie benswürdige, wohlwollende, zuvorkommende Menschen, deren Gefühls- und Ausdrucksweise ich unmittelbar ver stehe. Scheide ich von ihnen, so nehme ich schöne Erinnerun gen mit heim und hinterlasse meinen warmen Dank. Meine französischen Freunde dagegen kann ich an den Fingern der linken Hand abzählen, ich brauche nicht einmal den Daumen dazu und den kleinen Finger auch nicht. Und die übrigen drei kann ich einbiegen. In Frankreich reise ich als ein einsamer Niemand, umgeben von kalter, mißtrau ischer Fremde. Nun also!" Ja inwiefern nun also"? Meine politische Überzeugung meinen privaten, per sönlichen Freundschaftsbeziehungen nachwerfen? Aus indi viduellen Beweggründen einer fremden Fahne, dem Symbol278 einer fremden Politik, mit offenen Armen jubelnd entgegen fliegen ? Oder nimmt etwa jemand daran Anstoß, daß ein Deutschschweizer die Fahne des deutschen Kaiserreiches eine fremde Fahne nennt? Sagen Sie mir doch, warum stehen eigentlich unsere Truppen an der Grenze? Und warum stehen sie an allen Grenzen, auch an der deutschen? Offenbar, weil wir kei nem einzigen unserer Nachbarn unter allen Umständen trauen. Waruni aber trauen wir ihnen nicht? Und warum wird das Mißtrauen von unsern Nachbarn nicht als belei digend empfunden, sondern als berechtigt anerkannt? Des halb, weil eingestandenermaßen politische Staatengebilde keine sentimentalen und keine moralischen Mächte sind, sondern Gewaltmachte. Nicht umsonst führen die Staaten mit Borliebe ein Raubtier im Wappen. In der Tat läßt sich die ganze Weisheit der Weltgeschichte in einen einzigen Satz zusammenfassen: Jeder Staat raubt, so viel er kann. Punktum. Mit Verdauungspausen und Ohnmachtanfällen, welche man Frieden" nennt. Die Lenker der Staaten aber handeln so, wie ein Vormund handeln würde, der vor lauter Gewissenhaftigkeit .alles und jedes für erlaubt hielte, was seinem Mündel Vorteil bringt, keine Freveltat ausge schlossen. Und zwar je genialer ein Staatsmann, desto ruchloser. Unter solchen Gewissensverhältnissen wäre Empfindlichkeit gegen Mißtrauen allerdings übel angebracht. Während nun andere Staaten sich durch Diplomatie, Übereinkommen und Bündnisse einigermaßen vorsehen, geht uns der Schutz der Rückversicherung ab. Wir treiben ja keine hohe auswärtige Politik. Hoffentlich! Denn der Tag, an dem wir ein Bündnis abschlössen oder sonstwie mit dem Auslande Heimlichkeiten mächelten, wäre der Anfang vom Ende der Schweiz. Wir leben mithin politisch im Dunkeln, bestenfalls im Halbdunkel. In Kriegszeiten, wo wir Gefahr wittern, befinden wir uns in der Lage des Bauern, der im Walde ein Wildschwein grunzen hört, ohne zu wissen, kommt es, wann kommt es, und woher kommt es. Aus diesem Grunde stellen wir unsere Truppen rings um den ganzen Waldsaum. Und daß nur ja niemand sich auf die Freundschaft verlasse, die zwischen uns und einem Nach-279 barvolke in Friedenszeiten waltet. Dergleichen kommt an den leitenden Stellen gar nicht in Betracht. Das sind Harm losigkeiten des Zivil. Durch die militärische Disziplin haben heutzutage die Regierungen, zumal die mit den Schein parlamenten, ihre Untertanen fest in der Hand, und mit den eigenmächtigen Völkerverbrüderungen ist es aus. Oder können Sie sich ein Armeekorps vorstellen, das uns zuliebe den Gehorsam verweigerte: Gegen die Schweizer marschieren wir nicht. Denn das sind Freunde." Vor dem militärischen Kommandoruf und dem patriotischen Klang der Kriegstrompete verstummen alle andern Töne, auch die Stimme der Freundschaft. Darum sage jetzt ich: Nun also"! Damit meine ich: Bei aller herzlichen Freundschaft, die uns im Privat leben mit Tausenden von deutschen Untertanen verbindet, bei aller Solidarität, die wir mit dem deutschen Geistes leben pietätvoll verspüren, bei aller Traulichkeit, die uns aus der gemeinsamen Sprache heimatlich anmutet, dürfen wir dem politischen Deutschland, dem deutschen Kaiserreich gegenüber keine andere Stellung einnehmen als gegenüber jedem andern Staate: die Stellung der neutralen Zurückhaltung, in freundnachbarlicher Distanz diesseits der Grenze. Die neutrale Zurückhaltung gegenüber dem deutschen Nachbar, die uns ohnehin schwer fällt, wird uns überdies noch durch mehr oder minder wohlmeinenden Zuspruch erschwert. Zunächst der bekannte Appell im Namen der Rassen-, Kultur- und Sprachverwandtschaft. Diese müßte ja, so wird uns bedeutet, von selber zur freudigen Partei nahme mit der deutschen Sache in diesem Kriege führen. Als ob es sich da um Philologie handelte! Als ob nicht sämtliche Kanonen aller Völker das nämliche greuliche Vola- pük redeten! Als ob nicht gerade dieser Krieg die Inferiorität aller Nationalverbände gegenüber dem Staatsverbande predigte! Als ob es eine ausgemachte Sache wäre, daß die Kulturwerte eines Volkes mit seiner politischen Macht stellung steigen und fallen! Dann das gefährliche Zi scheln der Versuchung, die uns im Namen der Freundschaft und des Dankes verführen möchte, etwas zu tun, was selbst280 die beste Freundschaft und der wärmste Dank zu tun weder verpflichtet noch erlaubt: auf unsere Begriffe von Wahr und Unwahr zu verzichten, jemand zuliebe unsere Uber zeugungen von Recht und Unrecht zu fälschen. Noch etwas Böses und Gefährliches: Der Parteinahme winkt unmäßiger Lohn, der Unparteilichkeit drohen vernichtende Strafen. Mit elenden sechs Zeilen unbedingter Partei nahme kann sich heute jeder, der da mag, in Deutschland Ruhm, Ehre, Beliebtheit und andere schmackhafte Leckerbissen mühelos holen. Er braucht bloß hinzugehen, sich zu bücken und es aufzuheben. Mit einer einzigen Zeile kann einer seinen guten Ruf und sein Ansehen verwirken. Es braucht nicht einmal eine unbesonnene oder versehentliche Zeile zu sein. Ein mannhafter, wahrhaftiger Ausspruch tut den selben Dienst. Wir müssen uns eben die Tatsache vor Augen halten, daß im Grunde kein Angehöriger einer kriegführen den Nation eine neutrale Gesinnung als berechtigt empfin det. Er kann das mit dem Verstände, wenn er ihn gewaltig anstrengt, aber er kann es nicht mit dem Herzen. Wir wirken auf ihn wie der Gleichgiltige in einem Trauerhause. Nun sind wir zwar nicht gleichgiltig. Ich rufe Ihrer aller Ge fühle zu Jeugen an, daß wir nicht gleichgiltig sind. Allein da wir uns nicht rühren, scheinen wir gleichgiltig. Darum erregt schon unser bloßes Dasein Anstoß. Anfänglich wirkt es unangenehm und befremdend, allmählich die Ungeduld reizend, schließlich widerwärtig, verletzend und beleidigend. Vollends ein nicht zustimmendes Wort! ein unabhängiges Urteil! Der Angehörige einer kriegführenden Nation ist ja von dem guten Recht seiner Sache heilig überzeugt. Und ebenso heilig von dem schurkischen Charakter der Feinde. Alles in ihm, was nicht schmerzt, was nicht hofft und bangt, was nicht weint und trauert, knirscht Empörung. Und nun kommt einer, der sich neutral nennt, und nimmt wahr haftig für die Schurken Partei! Denn ein gerechtes Urteil wird ja als Parteinahme für den Feind empfunden. Und kein Verdienst, kein Ansehen, kein Name schützt vor der Verdammnis. Im Gegenteil. Dann erst recht. Denn dann wird einem neben Untreue und Verrat noch Undank vor geworfen. Wie im Felde nach den Offizieren, zielt man in281 den Schreibstuben nach den berühmten Leuten. Bald gibt es ihrer keinen mehr, der nicht schon verketzert und aus irgend einem Tempel feierlich ausgestoßen worden wäre. Man wird ganz konfus. Man weiß nicht mehr, gereicht man der Mensch heit zur Aierde oder gehört man zum Auswurf. Wie aber können wir so gefahrlichen Drohungen begegnen? Wer schweigen darf, preise sich glücklich, daß er es darf, und schwei ge. Wer es nicht darf, der halte es mit dem Sprichwort: Tu was du sollst und kümmere dich nicht um die Folgen. Um unsere neutralen Seelen zu retten, kommen uns ferner Propagandaschriften ins Haus geflogen. Meist überlaut geschrieben, öfters im Kommandoton, mitunter geradezu furibund. Und je gelehrter, desto rabiater. Dergleichen ver fehlt das Ziel. Es wirkt wenig einladend, wenn man beim Lesen den Eindruck erhält, die Herren Verfasser möchten einen am liebsten auffressen. Haben denn die Herrn die Fühlhörner verloren, daß sie nicht mehr spüren, wie man zu andern Völkern spricht und nicht spricht? Allen solchen Zumutungen gegenüber appellieren wir von dem wildge wordenen Freund an den normalen: friedlich-freundlichen, den wir nach Kriegsschluß wieder zu finden hoffen, wie über haupt den gesamten frühern schönen, traulichen, unbe fangenen Geistesverkehr. Einer entgegengesetzten Versuchung hat sich unser Landesteil leider nicht genügend zu entziehen gewußt, einer unfreundlichen Gesinnung gegen Frankreich. Ich habe wiederholt aus dem Munde von Franzosen die schmerz lich überraschte Frage vernommen: Was haben wir denn den Schweizern zuleide getan?" Wirklich, ich weiß nicht was sie uns zuleid getan haben. Wissen Sie s? Oder hätten wir einen vernünftigen Grund, Frankreich besonders zu mißtrauen? mehr zu mißtrauen als jedem andern Nach barn? Ich kenne keinen. Es handelte sich auch bei der un freundlichen Gesinnung keineswegs um vernünftige Gründe patriotischer Art, sondern um instinktive Gefühle. Die Äußerungen der instinktiven Gefühle aber waren mitunter so, daß ich in den ersten Wochen des August den Wunsch seufzte, es möchte neben den milden Feldpredigten einmal ein kräftiger politischer Redner unsern Leuten mit Ruß282 und Salz die Grundsätze der Neutralität einprägen. Nun, das Preßbureau unseres Armeestabes hat ja jetzt das Wort. Und da doch so viel von Verwandtschaft die Rede ist, sind wir denn mit den Franzosen nicht ebenfalls verwandt? Die Gemeinsamkeit der politischen Ideale, die Gleichheit der Staatsformen, die Ähnlichkeit der gesellschaftlichen Zu stände, ist das nicht auch eine Verwandtschaft? Die Namen Republik", Demokratie", Freiheit, Duldsamkeit usw. bedeuten diese einem Schweizer etwas Nebensächliches? Es gab eine Zeit ich habe sie erlebt , da galten diese Namen in Europa alles. Heute werden sie nahezu als Null behandelt. Alles war zu viel. Null ist zu wenig. Jedenfalls verachten, nicht wahr? wollen wir Schweizer deswegen die Franzosen nicht, weil ihnen die Kronprinzen und Kaiser und Könige gebrechen. Es sah nämlich fast ein bißchen danach aus. Die richtige neutrale Einstellung zu den übrigen Staa ten wäre für uns Deutschschweizer eigentlich leicht, da hier die Versuchungen zur Parteilichkeit wegfallen. Ja! wenn wir nur immer auch als Schweizer fühlten und urteilten! wenn wir nicht mit fremden Köpfen dächten und mit frem den Zungen sprächen! wenn wir uns nicht unsere Meinung vom Auslande suggerieren ließen! Die tausend und aber tausend geistigen Einflüsse, die tagtäglich von Deutschland her gleich einem segensreichen Nilstrom unsere Gauen be fruchtend überschwemmen, sind in Kriegszeiten nur fil triert zu genießen. Denn Krokodile wimmeln jetzt im Nil strom. Eine kriegerische Presse ist überhaupt keine erhebende Literatur. Wie großes auch sonst der patriotische Rausch zeitigen möge, auf das Sprachzentrum wirkt er entschieden ungünstig. Ist es überhaupt unumgänglich nötig, die blutigen Wunden, die ein Krieg schlägt, noch mit Tinte zu vergiften? Jedenfalls hat, wer für sein Vaterland stirbt, die edlere Rolle, als der für sein Vaterland schimpft. Ich sage das nicht im Sinne eines Urteils und meine es durchaus nicht überlegen. Wir würden es ja im Kriegsfall nicht anders machen. Ich sage es bloß als Warnung. Die Feinde des deutschen Reiches sind nicht zugleich unsere Feinde. Wir dürfen uns daher von dem gleichsprachigen Nachbarn, weil wir seine Zeitungen lesen, nicht seine kriegerischen Schlag-283 worte und Tagesbefehle, seine patriotischen Sophismen- Urteilskunststücke und Begriffsverrenkungen in unser Heft diktieren lassen. Und wir haben die Feinde des deutschen Reiches, die nicht unsere Feinde sind, nicht nach der Maske zu beurteilen, die ihnen der Haß und der Jörn aufgesetzt, sondern nach ihrem wirklichen Gesicht. Mit andern Worten: Wir sind als Neutrale den übrigen Völkern die nämliche Gerechtigkeit des Urteils schuldig, die wir den Deutschen ge wahren, deren Bild wir uns ja auch nicht in der französischen Verzerrung aufnötigen lassen. Werfen wir doch einmal auf die Feinde des deutschen Reiches einen flüchtigen Blick aus dem eigenen Gesichts winkel, ohne Brille. Gegen die Engländer richten, wie Sie wissen, die Deut schen gegenwärtig einen ganz besonderen Haß. Au diesem ganz besondern Haß haben sie ganz besondere Gründe, die wir nicht haben. Im Gegenteil. Wir sind den Engländern zu ganz besonderm Dank verpflichtet. Denn mehr als ein mal hat uns England in großer Gefahr schützend beige standen. England ist zwar nicht der einzige, aber der zuver lässigste Freund der Schweiz. Und wenn man mir ent gegen hält Eitel Egoismus", so bitte ich um mehr solcher Egoisten, die uns in der Not beistehen. Da täte verstärkter Geschichtsunterricht gut. Es muß ja nicht immer nur Sem- pach und Morgarten sein, der Sonderbundskrieg und der Neuenburgerhandel gehören ebenfalls zur Schweizerge schichte. Einstweilen erachte ich es für eine der nächsten Auf gaben der Schweizerpresse, mit dem aufgelesenen Gerede von Englands Hinterlist, das unser Volk durchseucht, endlich aufzuräumen. Für Italien im Gegenteil fließt drüben vorderhand lauter Milch und Honig. Falls etwa eines Früh lingstages die Milch plötzlich sauer werden sollte, brauchen wir dann nicht mit zu gären. Wir führen mit Italien einen eigenen Konto. Bis dato lautet die Bilanz erfreulich. Von Frankreich haben wir bereits gesprochen. Kann ein west europäischer Christenmensch seiner Bildung nicht froh wer den, ohne vor Rußland einen Kulturschauder zu bekunden? Ich will mich nicht auf meine eigenen Beobachtungen be rufen, der ich doch acht Jahre lang in Nußland gelebt habe.234 Ich verweise auf das Zeugnis der Deutschen. Mit denselben Russen, die uns heute so asiatisch geschildert werden, die teuflischen Kosaken inbegriffen, hat ja Preußen nahezu ein Jahrhundert lang in minniglichem Ehebunde geschwelgt. Und wenn das Bündnis morgen wieder erhältlich wäre... Und dann verglichen mit den Türken und Bulgaren, den Kroaten, Slowaken usw.! Von dem Wert und von der Lebensberechtigung kleiner Nationen und Staaten haben wir Schweizer bekanntlich andere Begriffe. Für uns sind die Serben keine Bande", sondern ein Volk. Und zwar ein so lebensberechtigtes und achtungswürdiges Volk wie irgend ein an deres. Die Serben haben eine ruhmvolle, heroische Ver gangenheit. Ihre Volkspoesie ist an Schönheit jeder andern ebenbürtig, ihre Heldenpoesie sogar überbürtig. Denn so herrliche epische Gesänge wie die serbischen hat seit Homers Zeiten keine andere Nation hervorgebracht. Unsere Schwei zer Arzte und Krankenwärter, die aus dem Balkankriege zurückkehrten, haben uns von den Serben im Tone der Sympathie und des Lobes erzählt. Aus solchen Zeugnissen haben wir uns unsere Meinung zu bilden, nicht aus der in Leidenschaft befangenen Kriegspresse. Daß Belgien Unrecht wiederfahren ist, hat der Täter ursprünglich freimütig zugestanden. Nachträglich, um weißer auszusehen, schwärzte Kain denAbel. Ich halte den Dokumentenfischzug in den Taschen des zuckenden Opfers für einen seelischen Stilfehler. Das Opfer erwürgen war reichlich genug. Es noch verlästern ist zu viel. Ein Schweizer aber, der die Verlästerung der unglücklichen Belgier mit machte, würde neben einer Schamlosigkeit eine Gedanken losigkeit begehen. Denn genau so werden auch gegen uns Schuldbeweise zum Vorschein kriechen, wenn man uns ein mal Leben will. Zur Kriegsmunition zählt eben leider auch der Geifer. Was endlich die Mitentrüstung über die düstern Hilfsvölker betrifft: Im Sport allerdings unterscheiden wir fair und unfair. Allein ein Krieg ist nicht ein mili tärischer Sport, wie etwa höhere Berufsoffiziere geneigt sind zu glauben, sondern ein bitterer Kampf um das Leben285 einer Nation. Wo es sich aber um Tod und Leben handelt, wird von jedermann jeder Helfer willkommen geheißen, ohne Ansehen der Person und der Haut. Wenn ein Mörder Sie mit dem Messer bedroht, so rufen Sie unbedenklich Ihren Haushund zu Hilfe. Und wenn der Mörder Ihnen entrüstet vorhalten wollte: Schämen Sie sich nicht, ein unvernünftiges, vierfüßiges Tier gegen einen Mitmenschen zu benützen?" so würden Sie ihm wahrscheinlich antworten: Solange ich dein Messer sehe, habe ich nicht die mindeste Lust, mich zu schämen." Und jetzt die Hauptsache: Unser Verhältnis zur fran zösischen Schweiz. Ich wiederhole: wir hoffen und erwarten, daß dort zum Frommen der Eintracht und zur Wahrung der Gerechtigkeit und der Neutralität eine ähnliche eid genössische Kopfklärung geschehe, wie wir sie bei uns an streben. Eins ist sicher. Wir müssen uns enger zusammen schließen. Dafür müssen wir uns besser verstehen. Um uns aber besser verstehen zu können, müssen wir einander vor allem näher kennen lernen. Wie steht es mit unserer Kennt nis der französischen Schweiz? und ihrer Literatur und Presse? Die Antwort darauf möge sich jeder selber geben. Man hat immer von neuem das Heil in dreisprachigen Zeit schriften gesucht. Einverstanden. Nun kommt es nicht bloß darauf an, was geschrieben, sondern auch was gelesen wird. Ich möchte etwas anderes befürworten: unsere deutsch schweizerischen Zeitungen sollten, meine ich, ab und zu ihren Lesern ausgewählte Aufsätze aus französisch-schwei zerischen Zeitungen in der Übersetzung mitteilen. Sie wären es wohl wert. Der andersartige Gedankeninhalt kann uns etwa zur Ergänzung und Erfrischung dienen. Wir waren gar zu ängstlich vorsichtig, nach der Einen Rich tung. Ein Aufsatz wie sort äs !a LelZiczus" von Wag- niöre hätte auch uns angestanden. Der Stil, ich wage es auszusprechen, ist oft geradezu vorbildlich. Ich habe in den letzten Wochen zufällig ein paarmal das .lournal 6s Kenöve" zu Gesicht bekommen, das ich vorher kaum dem Namen nach kannte, alles in allem nicht mehr als sechs Nummern. In diesen sechs Nummern nun traf ich vier mal je einen Leitartikel, dessen literarische Eigenschaften286 mir bewunderndes Staunen abnötigten. Artikel von Wag- niöre, von Seippel, von Bonnard. So, sagte ich mir be schämt, so möchte ich schreiben können. Zum Schluß eine Verhaltungsmaßregel, die gegenüber samtlichen fremden Machten gleichmäßig Anwendung fin det: die Bescheidenheit. Mit der Bescheidenheit statten wir den Großmächten den Höflichkeitsdank dafür ab, daß sie uns von ihren blutigen Händeln dispensieren. Mit der Be scheidenheit zollen wir dem todwunden Europa den Tribut, der dem Schmerz gebührt: die Ehrerbietung. Mit der Be scheidenheit endlich entschuldigen wir uns. Entschuldigen? Wofür?" Wer jemals an einem Krankenbett gestanden, weiß wofür. Für einen fühlenden Menschen bedarf es der Entschuldigung, daß er sich des Wohlbefindens erfreut, während andere leiden. Vor allem nur ja keine Überle genheitstöne! Keine Abkanzeleien! Daß wir als Unbe teiligte manches klarer sehen, richtiger beurteilen als die in Kampfleidenschaft Befangenen, versteht sich von selber. Das ist ein Vorteil der Stellung, nicht ein geistiger Vorzug. Ernste Behandlung erschütternder Ereignisse sollte sich eigentlich von selber einstellen, eine leidenschaftlich heftige, wüste Sprache sich von selber verbieten. Es hört sich nicht schön an, wenn irgend ein Winkelblättchen aus der Sicherheit unserer Unverletzlichkeit heraus einen europäischen Groß staat im Wirtshausstil anpöbelt, als handelte es sich um eine idyllische Stadtratswahl. Wenn da die Jensur mit einem Maulkorb beispringt, tut sie ein Werk des Anstandes. Die Tonart des Jubels und des Hohnes sollte bei uns unter keinen Umstanden laut werden. Der Hohn ist an sich eine rohe Gemütserscheinung, wie er denn in den Reihen der Armeen kaum vorkommt. Einzig der Grimm entschuldigt den Hohn. Diese Entschuldigung geht uns ab. Den Jubel über eine triumphierende Nachricht mögen sich die Volks genossen des Siegers erlauben, in? Gefühl der Erlösung aus peinlicher Spannung. Wir bedürfen der Entspannung nicht. Beides: Hohn und Jubel sind die denkbar lautesten Äußerungen der Parteilichkeit, schon darum aus neutralem Gebiet verwerflich. Überdies säen sie Zwietracht. Wenn Awei vor einer Siegesmeldung stehen und der Eine darüber287 triumphiert, der Andere darüber trauert, so schöpft der, der trauert, gegen den, der triumphiert, einen innigen gründ lichen Haß. Ich hatte lange gemeint, der Hohn wäre das schlimmste. Es gibt aber etwas noch Schlimmeres: die boshaft kichernde Schadenfreude, die sich gelegentlich in hämischen redaktionellen Zwischenbemerkungen und Aus rufen Luft macht. Es gibt Stoßgebete und Stoßseufzer. Das sind Stoßrülpser. Auch der übliche Spott über die lügenhaften Schlachtberichte enthält eigentlich eine Über hebung. Wer lügt in den Schlachtberichten? Nicht diese oder jene Nation, sondern jeweilen der Geschlagene. Der Sieger hat es leicht, bei der Wahrheit zu bleiben. Daß aber der Geschlagene klar und deutlich mit lauter Stimnie seine Niederlage im ganzen Umfange ankündige, darf man billiger weise nicht fordern. Denn das geht über Menschenkraft. Auch wir, die Spötter, würden es nicht können. Und da wir doch einmal von Bescheidenheit sprechen: eine schüchterne Bitte: Die poetischen Pastoralphantasien von einer vorbildlichen Mission der Schweiz bitte möglichst leise. Wir Schweizer wissen ja, wie das gemeint ist: Sonn- tagsandachten zur eigenen Erbauung, auf dem Harmonium zu spielen. Aber wenn ein Ausländer das hörte, könnte er am Ende glauben, wir beanspruchten so etwas im Ernst. Die richtige Haltung zu bewahren, ist nicht so mühsam, wie sich s anhört, wenn man s logisch auseinanderlegt. Ja! wenn man s im Kopf behalten müßte! Aber man braucht es gar nicht im Kopf zu behalten, man kann es aus dem Herzen schöpfen. Wenn ein Leichenzug vorüber geht, was tun Sie da? Sie nehmen den Hut ab. Als Zuschauer im Theater vor einem Trauerspiel, was fühlen Sie da? Er schütterung und Andacht. Und wie verhalten Sie sich dabei? Still, in ergriffenem, demütigem, ernstem Schweigen. Nicht wahr, das brauchen Sie nicht erst zu lernen? Nun wohl: eine Ausnahmegunst des Schicksals hat uns gestattet bei dem fürchterlichen Trauerspiel, das sich gegenwärtig in Europa abwickelt, im Zuschauerraum zu sitzen. Auf der Szene herrscht die Trauer, hinter der Szene der Mord. Wohin Sie mit dem Herzen horchen, sei es nach links, sei es nach rechts, hören Sie den Jammer schluchzen, und die288 jammernden Schluchzer tönen in allen Nationen gleich, da gibt es keinen Unterschied der Sprache. Wohlan, füllen wir angesichts dieser Unsumme von internationalem Leid unsere Herzen mit schweigender Ergriffenheit und unsere Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab. Dann stehen wir auf dem richtigen neutralen, dem Schweizer Standpunkt". Dieses merkwürdige Dokument hat in Deutschland keine reine Freude ausgelöst; der im Felde stehende und mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnete Dichter, Prof. Or. Herm. Anders Krüger richtete an Karl Spitteler in der Tagl, Rundschau" vom 7. Januar 1915 folgenden offenen Brief": In der Not lernt man seine wahren Freunde kennen, und ich habe meinem Volke, das noch stets ausländischen Göttern und Götzen über Vernunft gehuldigt hat, die letzten Lehren der Enttäuschung gegönnt, die ihm die Maeterlinck, d Annunzio, Shaw, Whitman und Genossen erteilt haben. Daß aber Sie, bisher verehrter Karl Spitteler, den wir deutschen Dichter und Kritiker zuerst und vielleicht allein recht verstanden haben, auch zu denen übergehen würden, die unser deutsches Volk nicht verstehen oder gar gröblich mißverstehen wollen, das habe ich nicht erwartet, und das tut mir und wohl Tausenden von redlichen Deut schen in der Seele weh. Im Schützengraben haben wir keine Zeit zum Federkrieg, da der Kampf mit Kugel, Granate und Bajonett vorgeht. Aber das eine darf ich Ihnen, Karl Spitteler, versichern: Wir Deutschen liegen als Nation im Felde, und als kämpfende Nation beweisen wir durch Taten und nicht durch Worte unsere Kultur hier in Belgien und überall an unseren Feinden, zu denen wir das arme, von England und seinen politischen Groß spekulanten schmählich getäuschte belgische Volk nicht rech nen. Wir kämpfen nicht nur um unsere Existenz, sondern wir kämpfen auch und sind uns dessen vollauf bewußt für die Wahrheit und die Sittlichkeit der germani schen Rasse, an der die Engländer Hochverrat begangen baben. Und wenn ein deutschdichtender Schweizer, wie Sie, uns Deutsche, die wir von 1871 bis 1914 friedens-289 liebend fast bis zur Würdelosigkeit waren, jetzt mit .Mördern vergleicht, gegen die man .Hunde Hetzen darf, dann vergeht sich ein solcher Mann an der germanischen Rasse, beleidigt das Gewissen und das Ehrgefühl des deutschen Volkes und frevelt am Heiligsten, am ritterlichen Drang nach Gerech tigkeit, der uns Dichtem und Denkern allen gemeinsam sein sollte. Der stolze Heldenkampf von 1870 gewann uns die Herzen der größten Schweizer Dichter, von Keller und C. F. Meyer, der furchtbare Existenzkampf von 1914 verscherzt uns die Gunst von K- Spitteler. Wir werden auch diese Verkennung stolz ertragen und mit Taten antworten, wenn die Zeit des Handelns kommen wird. Iu dem .zu verlässigsten Freund der Schweiz , zu England, gratuliere ich K- Spitteler nicht, denn in dieser Freundschaft haben schon Klügere als er ein Haar gefunden. Aber den Schweizer Freunden rate ich: Wehrt euch nach altem guten Schweizer Herkommen selbst eurer Haut, wenn die besten Freunde versagen, und haltet nur den für einen Freund, der auch in der Not zu euch steht. Und damit gebe ich im Namen meiner kämpfenden Kameraden und Tausender von red lichen Deutschen Karl Spitteler den Abschied." Im Schwäbischen Merkur" apostrophierte Anfang Januar 1915 Wilhelm Schüssen den Schweizer Dichter in folgenden Merkversen: Sie bleiben selbstverständlich, wer Sie sind, Und wir werden nicht darüber disputieren, In welchem zeitgemäßesten Wind Jakobs des Auswanderers Träume" sich verlieren. Aber wir bitten Sie doch bei Ihrem kosmischen Licht, Uns zu sagen, was soll denn nun geschehen. Da der halbe Erdkreis wider uns ficht? Sollen wir in höllischer Gemütlichkeit" vergehen? Sollen wir unsern Geist und unsern Gott Samt Ihrem Olympischen Lenz" nun träge verkaufen An Rußland, an England, um den Spott Und den köstlichen Gurkhas in den Rachen laufen? Der Krieg der elfter. 19290 Oder sollen wir stehen für unser Gut Und bis zum letzten Arm uns erwehren Gegen Englands gleißnerisch geworbene Brut? Vielleicht wollen Sie uns darüber einmal belehren. Vielleicht reden Sie darüber noch einmal ein Wort Im Kunstwart", sofern Sie sich dort noch ergehen, Als lachende Wahrheit", als Gleichnis" und so fort, Soferne Sie überhaupt noch deutsch verstehen. Der Musiker Felix von Weingartner der früher lebhaft in einer besonderen Broschüre für Spitteler eingetreten war, richtete an ihn den offenen Brief (München, 2V. Febr. 1915): Mein Herr! Wenn ein feindlicher Ausländer das deutsche Volk beschimpft, so werden wir ihn auslachen oder ignorieren und es jedenfalls bedauern, falls wir es zu Beginn des Krieges, da wir noch einen schwachen Glauben an die Kultur unserer Gegner hatten, anders gehalten haben. Wenn aber ein deutscher Dichter und das sind Sie, mein Herr, trotzdem Sie politisch nicht zu uns ge hören in das Horn unserer Feinde bläst, so geziemt es sich, zu reden. Mir vor allem würde Schweigen schlecht anstehen, der ich meines Wissens einer der ersten war, der in Deutschland, und zwar hier in München, für Sie energisch Bahn gebrochen hat. Denken Sie nur nicht etwa, ich werde mich mit theatralischer Pose vor Sie hinstellen und Ihnen ins Ge wissen reden. Au sagen habe ich Ihnen überhaupt nur sehr wenig. Durch einen merkwürdigen Zufall begleitet mich ge rade auf meiner jetzigen Reise Ihr Prometheus". Die herrliche Sprache dieses Buches, die Kraft und Schönheit der Bilder wirken so stark und so innig auf mich wie am ersten Tag, da ich es aufschlug. Ihre Werke werden nicht schlechter durch das, was Sie gegen uns verübt haben. Wohl aber muß ich heute, nachdem ich erst hier in vollem Umfange die Art Ihres291 9 Vorgehens erfahren habe, eine reinliche Scheidung ziehen zwischen dem Karl Spitteler, der seine großen Dich tungen geschaffen hat, und demjenigen, der heute vor uns steht. Der Karl Spitteler, der seiner deutschen Herkunft vergißt und die ihm von oben verliehene Gnade, in un serer herrlichen Sprache wunderbare Träume zur Wahr heit werden zu lassen, mit Füßen getreten hat, indem er seine uns stammverwandten und befreundeten Lands leute gegen uns hetzte und sich vor denen verbeugte, die uns vernichten wollen, jener Spitteler hat mit dem Schöp fer des Prometheus", des Olympischen Frühlings" und der prächtigen LachendenWahrheiten" nichts mehr zu tun. So sehr ich diesen Spitleler liebe, so wenig Ge meinschaft habe ich mit jenem. Möge dieser so lebenskräftig sein, daß er jenen wie ein wesenloses Ge spenst in den Hades hinabzustoßen vermag. Dies, mein Herr, ist der einzige Wunsch, den ich in diesem Leben noch für Sie haben kann." Selbst einer der eifrigsten Verkünder von SpittelerS Ruhm, der KunstwarthecauSgeber Ferdinand Avenarius hielt es für angebracht, dem Dichter in einem offenen Brief" Uber die Grenzen (Kunstwort XXVIII, 8) einige gute Lehren zu erteilen. Anknüpfend an SpittelerS eigene Worte, daß er nur in Deutschland Verständnis für seine dichterische Eigenart gefunden habe, führt er auS: Ging es Keller oder Meyer, Böcklin oder Welti, ging es irgendeinem großen Schweizer anders? Und weshalb ging es ihnen so, als weil ihre Arbeit aus ihnen und aus gemeinsamen Tiefen des Unbewußten aufwuchs, so daß der gleiche Boden nun auch die Saat auf gleiche Weise empfängt? Keller, Böcklin, Welti, sie sind auch unsere Künstler. Und ebenso sind die großen Deutschen auch ihre Großen und waren es lange schon, ehe Schiller den Tell schrieb, zu dem unsere Jugend wie Ihre jauchzt. Es ist doch nun einmal so, daß wir eines Volkstums sind. Wollten Sie sich, wollten wir uns aus dieser Gemeinschaft lösen, wir könnten es gar nicht. Wir könnten uns nur zumKümmern292 bringen. Wir schnitten an unserm Lebensbaum Wurzeln ab. Sie wissen, wie von Ihren großen Dichtergenossen Keller und Meyer schon den letzten deutschen Krieg empfan den. Und jetzt, gerade jetzt soll sich das deutsche Schweizer- tum von uns zurückhalten", wo wir unser Volkstum in höchster Steigerung, wo wir es in seiner großen Stunde erleben? Denn das, verehrter Freund, bedeutet dieser Krieg. Wenn Sie ihn als eine Art von Kabinettkrieg auffassen, als einen Krieg der Regierungen, meinethalb: der Staat um Ausdehnungsfragen, so sehen Sie ihn nicht, wie wir ihn fühlen. Er ist ein V olkSkrieg mit so gewaltiger Erschütterung des deutschen Ichs, wie zum mindesten nichts zuvor, dessen Jeugen wir beiden Alten gewesen sind. Es berührt uns Reichsdeutsche wunderlich, da von Monarchie gegen Re publik sprechen zu hören, nicht so sehr, weil zu unsern Fein den doch auch Rußland gehört, als weil es uns so viel tiefer, als um irgendwelche Form geht, daß bei uns der Sozial demokrat mit dem Fürstentum in vollkommen gleicher ernster Begeisterung Schulter an Schulter kämpft. Die ganze Weisheit der Weltgeschichte", so sprachen Sie, läßt sich zusammenfassen in dem einzigen Satz: jeder Staat raubt, so viel er kann". Glauben Sie, daß für irgendwelchen Raubzug sich noch aus den nicht-dienstpflichtigen Restbe ständen im Deutschen Reich mehr als zwei Millionen Freiwilliger zu einem Kriege gestellt, gedrängt hätten, der doch wahrlich nicht nach uniformiertem Spaziergang aus sah? Aber Sie als Schweizer haben nicht seit König Eduard unter dem Druck des Einkreisens" gelebt, Sie wissen nicht, wie unser Volk, das vierzig Jahre Frieden hielt, Jahr für Jahr enger die Netze knüpfen fühlte, die es erdrosseln soll ten, noch, wie es fühlte: jetzt zieht man zu. Sie als Schweizer fühlten auch nicht den ungeheuren Druck von Osten her nicht der Slawenmassen als solcher, sondern moskawitisch bestimmter Slawenmassen. Ihnen liegen auch Finnland und die deutschen Ostseeprovinzen ferner als uns ge rade der Abstand zwischen dem Damals, als Sie in Rußland weilten, und dem Heute der Entrechtung und Knechtung würde Ihnen den Gang russischer Entwicklungen zeigen.293 Unser Volk war bei Kriegsbeginn gepreßt von der ungeheu ren Not: Vaterland, Volkstum und Freiheit in Gefahr. Nicht um Raub, sondern darum erhob es sich so, daß alle seine inneren Zwiste zerstoben. Unsere Gebildeten aber, das ist wahr, zogen noch mit anderem Bewußtsein in den Kampf. Sie sahen nun sogar England, das ja selber auf seiner Insel sicher war, mit dem Aarentume verbunden wer schützte denn noch die germanische Kultur vor den zer- mahlenden Massen Asiens, wenn nicht wir? Noch scheinen Ihnen, den Schweizern, jene Massen fern, wie uns bis zu diesem Herbst die Japaner weltenfern schienen, aber wenn die deutschen Wehre nicht halten wissen Sie oder wir, wie bald dann die Flut auch an Ihre Berge spült: Wir glauben: wir kämpfen auch für die Schweiz. Also werbe ich doch um politische Bundesgenossen schaft? Nein, ich werbe um das, was jenseits des Krieges wichtig ist. Mit dem Schutze des Deutschen Staates hoffen wir allein fertig zu werden, die Schweiz kann uns nicht helfen und darf es nicht, aber um Schutz und Pflege für das werbe ich, was Gemeingut der deutschen Schweizer, der deutschen Österreicher, der deutschen Russen und der deutschen Amerikaner mit uns Reichsdeutschen ist: das Kulturgut im deutschen Sprachgebiet. Um diesen geisti gen Heimatboden von uns allen, den Ihr wie unser Volkstum durch die Jahrzehnte beackert und besät hat, und das Ihnen wie uns die Herzen und Hirne genährt hat und nährt bis auf diesen Tag, ohne daß wir uns je um politische Grenzen bekümmert hätten. Keiner kann anschaulicher bezeugen, was er gilt, als Sie in den Sätzen getan, die ich vorhin aus Ihrem Vortrage hersetzte. Auch die romanischen, auch die slawischen Kulturen bieten uns Brot- und Saatkorn, und wer die Grenzen dagegen versperren wollte, würde nicht ihnen schaden, sondern uns. Aber das Ursprüngliche, das uns Eigene fürs Leben Phantasie und des Fühlens, das was so gut im Kinderliebe klingt, wie es all Ihrer und unsrer großen Werke bis zum Grünen Heinrich", bis zum Faust" beseelt, das redet mit Goethes Sprache des Unaussprech lichen" aus jener gemeinsamen Heimat der Rasse. Sie muß groß sein, diese Heimat, sonst bleiben wir eng die Schweiz294 braucht die reichsdeutschen Geistesernten und wir brauchen die Schweizerischen. Wie wir sie willkommen heißen, das haben Sie selber betont. Eine Entfremdung der Schweizer Deutschen würde uns, Gott gebe das, in dieser Wertschätzung auch nicht beirren. Aber die Wertschätzung allein eignet die feinsten und tiefsten Werte nicht an, wollen wir die von einander herüberholen, so braucht es dazu des Sich-Ein- lebens, der Liebe. Und die Schweizer würden sich uns entfremden, wenn sie, verehrter Freund, Ihren Ratschlägen folgten. Sie würden sich von unserm Besten trennen, von unserm Erleben. Von unserm Erleben in seiner Schick- salsstunde, in seiner großen Tat- und Opfer-Zeit. Da liegt die Gefahr. Nicht doch, sie würden deutsche Bücher nach wie vor lesen!" Das hieße: beim Werden und Wachsen im Lande wären sie nicht dabei, aber wenn die Blumen erst getrocknet wären, so begännen sie sich dafür zu interessieren. Sie würden unparteiisch", objektiv", historisch", sie würden aus einein gekünstelten Sich-Fernhalten das be obachten, kritisieren, zensieren und rubrizieren wofür wir hunderttausend Tode geben. Nein, verehrter Freund, das geht nicht an, wenn die alten Bande zwischen Ihnen in der Schweiz und uns Deut schen halten sollen. Jeder im Reich begreift die Neigung der Westschweiz zum Franzosentum, keiner von uns wünscht der Schweiz innem Zwiespalt, aber wir halten die Deutsch schweizer auch für reif und stark genug, um den welschen Eidgenossen zu sagen: Wir sind mit Euch verbündet für unser eidgenössisches herrliches Ideal, wenn Ihr aber über andre Ideale anders denkt als wir, so erlaubt uns das gleiche". Wollen wir Reichsdeutschen denn, daß die Schwei zer in allem so denken sollen, wie wir? Sie glauben nicht, was wir im Reich wohl so ziemlich alle glauben: daß der ungeheure Fluch des Krieges vermieden wäre, wenn er nicht in Englands Geschäfte paßte gut, so denken Sie darüber anders. Sie glauben, daß sich Belgiens Schicksal, das auch alle Klaren im Reich auf das tiefste beklagen, von uns aus hätte vermeiden lassen sei es, wir nehmen das hin, obgleich wir s für ungerecht halten. Sie finden Takt losigkeiten, Roheiten, Ungerechtigkeiten in unserer Presse 295 da haben Sie recht, haben es freilich auch sehr viel leichter, besonnen zu sein. Sie vermuten, es würden in unserer Kriegsführung gewiß auch schwere Gewalttaten geschehn? Es gibt in jeder kleinen Menschenschar Rohlinge, in jeder großen auch einen oder den anderen Teufel, und bei den entsetzlichen Wuterregungen des Krieges greift Blut- und Feuerrausch um sich. Wenn aber Ihr Schweizer von be wußten, nüchternen Gemeinheiten hört, die nicht von Ein zelnen und nicht einmal begangen, die wohl gar systematisch befohlen sein sollen, so fragt Euch, ob in Eurem Heere derlei möglich sei. Dann bejaht es, sonst nicht. Denn wir sind eines Volkstums mit Euch und sind nichts Besseres, aber auch nichts Schlechteres als Ihr. Es waren ja auch Schweizer bei uns im Reich, als unser Volk sich erhob. Fragt die, wie sie empfanden, fragt sie, ob sie mit Unlust oder mit Jubel und Stolz das Gemein same unserer Völker in sich selber lebendig fühlten. Und dann: wie es auf uns im Reich wirken muß, wenn diese, gerade diese Aeit, da man die halbe Welt zur Vernichtung unseres Vaterlandes bewegt, geeignet befunden wird, um Distanzhalten von uns zu predigen. Und dazu, die mit ihrem Alles lim ihr Alles Ringenden zu mahnen: dieses und das gefiel mir schon immer nicht an euch, hättet ihr das anders gemacht, vielleicht, wir schenkten euch eine bessere Zensur. Die Ermahnungen, die Sie in dieser Richtung, verehrter Freund, zu Ihren Volksgenossen sprechen, be handelt auch einen seelischen Stilfehler", und einen schlim men. Es hilft nichts, in die mordende Schlacht hinein mit dem Rohrstock aufs Buchgebot zu klopfen, und wenn noch so richtig ist, was drin steht. Man erlebe mit, was wir erleben, um zu wissen, was im Aufruhr von Allem möglich ist, was nicht erlebt man es nicht mit, so tue man, was Sie raten. Ach, viele, viele, viele Grüße der Wärme sind ja auch von Deutschschweizern zu uns gekommen. Und ich glaube: die die schickten, erkannten die rechte Aeit. Eine Jeit zum Säen. Sie warfen Samenkörner in aufgerissenes Land. Unser Volk wird kämpfen bis zum Verbluten oder bis zum Sieg. Vom Kaiser über alle Gelehrten- und Kauf-296 mannstufen hin bis zum einsamsten Bauern und beschei densten Arbeiter ich für mein Teil weiß von keinem, der anders denkt. Unsere Städte und Dörfer scheinen, die sie waren, aber von den Menschen ist jeder ernstere anders geworden in diesem Krieg. Es ist ein Kreisen in unserm Volkstum. Nicht nur von Gutem Gott weiß, was auch von Untermenschlichem geboren werden kann. Aber macht nicht ein Volk verantwortlich, wo Einzelne fehlen und irren, und haltet auch nicht ein Volk für minder, wenn manche, viele, wenn es vielleicht einmal ganz in diesen ungeheuren Erregungen seine Besonnenheit verliert. Wenn eS verallgemeinert, wie sogar mancher von Euch verall gemeinert, die doch besonnen bleiben könnten, wenn es übertreibt, wie sogar mancher von Euch. Helft lieber denen, die darum ringen, gegen die Übermacht der wilden Gewalten den milderen Mächten die Kraft zu bewahren. Und laßt nichts abreißen, nichts unterwühlen, laßt nicht einmal etwas abbröckeln von unsenn gemeinsamen Heimat boden der germanischen Kultur. Denn aus dem muß Zukunft wachsen". Wie tief manche Stellen des Spittelerschen Vortrags daS deutsche Volksempfinden beleidigt hatten, zeigte sich am 18. Januar 1915 im Kunstsaal Reinicke in München, gelegentlich eines Vortrags von Dr. Gustav Wyneken über Die Kunst Karl SpittelerS". Kurz vor Beginn des Vortrags gab eine zahlreiche Gegnerschaft unter Hinweis auf die verletzende Haltung, die Spitteler in einer Rede Deutschland gegenüber eingenommen hat, der von wei testen Kreisen geteilten Ansicht Ausdruck, eine Erörterung über die Kunst des Schweizer Dichters sei gerade jetzt und unter diesen Umständen durchaus nicht am Platze. ES wurden erregte Reden und Gegenreden laut. Der Vorschlag vr. WynekenS, nach seinem Vortrag eine Erörterung zu eröffnen, wurde nicht angenommen, vielmehr kam auf Anregung Professor K. Mayr S ein Auszug aus SpittelerS Rede nach der Zürcher Zeitung" zur Verlesung, dann entfernte sich die Gegnerschaft. Weniger skrupulös hinsichtlich der Neutralität zeigte sich der Schweizer Dichter297 Artur Frey der in dem Aargauer Tagblatt" folgenden neutralen" Sang an Hindenburg veröffentlichte: Nun grollet, wenn ihr grollen wollt Ich kann es nicht erzwingen. Ich muß und bin ich gleich neutral Ich muß dem deutschen Feldmarschall, Dem Hindenburg eins singen. Das war kein rechter Schweizer mehr, Dem über diesen Siegen Nicht auch in der neutralen Brust Ein Jauchzer alter Heldenlust Vom Herzen möchte fliegen. Und darf den Jauchzer ich nicht tun. So schweig ich meinetwegen Und trink eins, feierlich neutral. Auf Hindenburg, den Feldmarschall, Den Helden und Strategen.7. Frankreich Der Revanchekrieg" war von Frankreich seit dem Jahre 1871 unermüdlich geplant und uns oft genug in drohende Aussicht gestellt worden; die Bundeögenossenschaft Ruß lands durch die Milliardenanleihen gewonnen, die drei jährige Rekrutendienstzeit eingeführt, mit Belgien und Eng land geheime Abreden getroffen. Und doch kam der Krieg überraschend und für den Augenblick unerwünscht, um ein oder zwei Jahre verfrüht. Der deutsche Siegeslauf im Monat August warf alle schönen Pläne über den Haufen; so blieb keine Gelegenheit zu siegen als auf dem Papiere. Im Verein mit der eng lischen Presse ergoß sich von Paris ein Strom von erfundenen Siegesnachrichten, von Verleumdungen und Verhetzungen gegen daS deutsche Reich und Heer über die Welt. Die hohen Herrn Minister, die Gelehrten, die Dichter, die ganze Nation berauschte sich an dem hohlen Pathos der Phrasen, woran die Franzosen seit den Tagen der großen Revolution einen solchen Schatz in ihrer geistigen Rüstkammer aufgehäuft haben, daß sie in diesem Punkt den fraglichen Ruhm genießen, das wohlhabendste Volk der Welt zu sein. Es seien nur einige Beispiele zitiert; als der französische Präsident Raymond Poincare am 27. November im Generalquartier dem gewiß tapferen, aber leider wenig siegreichen General Joffre die Militär medaille überreichte, sprach er dabei die hochtönenden Worte: Wir haben nicht das Recht, unsere Säkularmission der Zivilisation und der Befreiung abzulehnen. Ein unent schiedener Sieg, ein unsicherer Friede würde Frankreich299 bald neuen Angriffen von feiten jener vereinigten Bar baren aussetzen, welche die Maske der Wissenschaft benutzen, um ihre Machtgelüste stillen zu können. Frankreich werde unter dem beharrlichen Beistand seiner Verbündeten das von ihm unternommene Werk der Be freiung Europas durchführen, um endlich unter den Auspizien seiner Toten in einen, gefestigteren Leben in Ruhm, in Wohlfahrt und in Sicherheit sich wiederzufinden." Ahnlich äußerte sich am 9. November der Minister präsident Viviani als er dem Bürgermeister Langtet von Reims in Aner kennung seiner tapferen Haltung während des Bombar dements das Ritterkreuz der Ehrenlegion überreichte (man sieht, welcher ruhmvollen Tätigkeit die französischen Re gierungsleiter ihre Kräfte opfern!): Der preußische Militarismus hat den Kultus der Macht proklamiert. Wir sind nicht ein Volk von phan- tastischenTräuinern und wir verachten nicht die Macht; aber wir stellen sie nur auf ihren Platz, das heißt in den Dienst der Gerechtigkeit. Frankreich ist kein hochmütiges Volk und streckt nicht seine raubgierigen Hände aus, um die Welt zu erobern. Wir sind in den Krieg gezogen, weil man uns den Krieg aufgezwungen hat. Bald wird wieder Gesetzmäßigkeit eintreten und die, die durch die Brutalität der Waffen von ihrem französischen Herde getrennt wur den, werden wieder zu ihm zurückkehren. Vereint in der Arbeit für die Befreiung der Menschheit gehen wir und unsere Verbündeten vereint in den Krieg und schließen keinen Frieden, bevor wir den preußischen Mili tarismus mit Hilfe des befreienden Schwertes vernichtet haben." In demselben Augenblick, wo die neue Regierung sich anschickte, auf der Flucht vor den Paris bedrohenden deutschen Heeren die Reichshauptstadt zu verlassen und nach Bordeaux überzusiedeln, erließ sie folgenden, von allen Ministern unterzeichneten Aufruf vom 28. August, der an Bombast seinesgleichen sucht:300 Franzosen! Die Regierung hat von ihrem Kampfplatz Besitz genommen. Das Land weiß, daß es auf ihre Wach samkeit und Energie zählen kann. Es weiß, daß ihr ganzer Geist dem Lande gilt. Die Regierung weiß, daß sie auf das Land zählen kann! Seine Söhne vergießen ihr Blut für Vaterland und Freiheit an der Seite der englischen und der belgischen heldenmütigen Armee. Sie halten ohne Zittern den furchtbarsten Sturm von Eisen und Feuer aus, der je ein Volk überschüttet hat. Alle bleiben aufrecht. Ruhm den Lebenden und Ruhm den Toten! Die Menschen fallen, aber die Nation bleibt bestehen. Der endgültige Sieg ist gesichert! Ein sicher großer aber nicht entscheidender Kampf beginnt. Wie auch der Erfolg sein wird, der Krieg wird fortdauern. Frankreich ist nicht eine leichte Beute, wie es sich ein unduldsamer Feind einge bildet hat. Franzosen! Die Pflicht ist tragisch, aber einfach! Den Eindringling zurückzuwerfen, ihn zu verfolgen und unsern Boden von seiner Gegenwart und die Freiheit von seinen Fesseln zu befreien und aus zuhalten bis zum Möglichsten, bis zum Äußersten aus zuhalten, falls nötig bis zum Ende, unsern Geist und unsere Herzen zu erheben über die Gefahr hinaus, Herr un seres Geschlechts, unseres Geschicks zu bleiben. Während dieser Zeit marschieren unsere Verbündeten, die Russen, mit entschlossenen Schritten auf die Hauptstadt des Deutschen Reiches, die von Angst beherrscht zu werden beginnt, und bringen den Truppen, die sich zurückziehen, viele Niederlagen bei. Wir werden vom Lande alle Opfer, alle Hilfskräfte ver langen, die es an Menschen und Kraft geben kann. Seien wir daher fest und entschlossen! Das nationale Leben, unterstützt von finanziellen und administrativen Maß nahmen wird nicht unterbrochen. Laßt uns Vertrauen ha ben zu uns selbst und alles vergessen, was nicht das Vater land betrifft. Wenden wir das Gesicht gegen die Grenze! Wir haben dieMethode und den Willen und werden siegen". Zu den Unterzeichnern gehört der Minister Marcel301 Sembat; an ihn richtete der deutsche Reichstagsabgeord nete vr. Ludwig Haas im März" einen offenen Brief, dem wir folgendes entnehmen: Sie haben die Erklärung des französischen Ministeri ums unterschrieben, die das arme französische Volk beruhigen sollte mit der Lüge, daß Berlin schon vor den Russen zittere. Kein einziges altes Weib in ganz Berlin hat an den Ein marsch der Russen geglaubt; aber ganz Deutschland lachte über die Proklamation des französischen Ministeri ums. Inzwischen wurden bei Ottelsburg, Gilgenburg und Tannenberg Ü0,(M Russen gefangen. Sie mögen selbst durch lügenhafte Berichte getäuscht gewesen sein; es können ja auch Minister angelogen wer den. Kluge Minister sollen es aber merken, und Sie hätten es merken können. Glaubt der Sozialist und Demo krat Sembat, daß ein Kulturvolk, wie das deut sche, ein Volk des allgemeinen, gleichen Reichstagswahl recht, das in geschlossener Einmütigkeit den Krieg führt, einig von Heydebrand bis Liebknecht, von den Sklaven des Aarismus überwunden werden kann? Das konnten Sie als Demokrat nicht glauben. Furchtbarer aber noch tritt an Sie eine andere Frage heran. Wollen Sie den Sieg des Zarismus? Kann der Demokrat Sembat den Aarismus unterstützen? Er ist Ihr Feind und der Feind des französischen Volkes so gut, wie er unser Feind ist. Er ist der Feind jeder Freiheit, jeder Kultur, jeden Fortschritts. Armselige Diplomaten der alten Schule mögen Bündnisse schließen ohne Rücksicht auf die politische Moral; sie gebärden sich als die starken Männer der Realpolitik und sagen, man kümmere sich nicht um die inneren Verhältnisse eines andern Staates. Ein Sembat darf dieses dummen und verbrecherischen Leichtsinns nicht fähig sein. Er weiß, daß es für die Menschheit ein Glück ist, wenn als Folge der deutschen Schläge der Aarismus zu sammenbricht und das Ende findet das er verdient. Er empfindet auch, daß es keinen schimpflicheren Bundesge nossen für die französische Demokratie geben kann als jenes302 Rußland des Aaren, der Großfürsten, der Kosaken und der Beamten, die Verbrecher und Bluthunde sind. Die Welt erwartet, daß Sie die Lösung aus diesem Konflikt finden, und es gibt eine Lösung, die ein Glück für Frankreich und für die Menschheit wäre. Noch anderes erwartet die Welt von Ihnen: Französische und belgische Bürger schießen heimtückisch auf deutsche Soldaten. Die selbstverständliche Antwort der Notwehr ist die Vernichtung ganzer Ortschaften. Sorgen Sie dafür, daß der Krieg zwischen den Soldaten geführt wird, offen, Mann gegen Mann. Erklären Sie dem fran zösischen Volk, daß es eine Schande und ein Verbrechen ist, als Bürger aus dem Hinterhalt sich am Kampf zu be teiligen. Wer kämpfen will, der trete in die Armee ein, trage das Kleid des Soldaten und übernehme die Mühen und Gefahren des Feldzuges. So halten es die deutschen Bürger, die dem Vaterland mit der Waffe dienen wollen... Mit einem Wort: Denken Sie an die Zukunft! Arbeiten Sie dafür, daß Heimtücke, Hinterlist und Brutalität nicht Stimmungen des Hasses schaffen, die Jahrzehnte nicht überwinden können. Die beiden Völker sollen nach dem Kriege sich die Hand reichen können, weil der Krieg ehr lich und menschlich geführt wurde. In schwerer Aeit sind Sie in das Ministerium eingetreten; um so Größeres können Sie Ihrem Lande und der Kulturwelt leisten, wenn Sie in dem Geiste rücksichtslos arbeiten, der Sie früher führte, damals, als Sie das Buch schrieben: ,?kütes un roi, si non, ks,its8 ls, Vergessen Sie aber auch nicht, daß Frankreich im Kampfe steht gegen das deutsche Volk, das so einig ist wie nie zuvor. Das, was beim Ausbruch des Krieges durch das deutsche Volk ging und was heute noch in unver änderter Kraft anhält, ist die gewaltigste demokratische Be wegung, die je die Welt gesehen hat. Der letzte Mann im Volke weiß, daß der blutgierige Aarismus uns den Krieg gebracht hat, weiß, daß England mit armseligen Rechen- erempeln und wegen trauriger wirtschaftlicher Kalkulationen den Krieg führt, weiß auch, daß eure armen, französischen Proletarier sich verbluten sollen, damit eure Kapitalisten303 die Milliarden retten, die sie in ihrer Dummheit dem Russen gepumpt haben, weiß, daß er für die deutsche Zukunft und für die europäische Kultur kämpft. Ein solches Volk mit solcher Einheit und diesem Geist ist unüber windlich!" Es hatte indes von vornherein nicht an besonnenen Köpfen gefehlt; der französische Senator Charles Hum bert hatte bereits in ruhigeren Zeiten auf die mangelhafte militärische Vorbereitung Frankreichs hingewiesen und der Sozialist Jean Iaurös hatte mit allen Kräften einem Ausammenstoß der Nationen durch seine Friedenspropaganda entgegenzuarbeiten ge sucht. Noch auf der Brüsseler Versammlung, die das Inter nationale sozialistische Büro an der letzten Juliwoche zur Bekämpfung der Kriegsgefahr einberufen hatte, hielt er eine Verständigung für möglich. Er fiel als erstes Opfer des Krieges durch ein aus überhitzter chauvinistischer Phan tasie geborenes Attentat am 1. August. Wie richtig er die Ereignisse voraussah, geht aus einem Bericht eines Ober ingenieurs Kristen über ein Gespräch, das wenige Tage vorher (am 14. Juli) im Caf6 Splendid in Paris geführt wurde, hervor: Jaures äußerte danach. Ich kann Ihnen sagen, daß es meine feste Uberzeugung ist, daß Frankreich bei einem Kriege mit Deutschland früher als seine Freunde zusammenbrechen wird. 43Jahre lang hat es sich zwar auf die Stunde der Abrechnung mit Deutschland vorbereitet, aber seine klarsten Köpfe, scheint mir, wissen, daß alle Anstrengungen vergebens sein werden. Der Erfolg in unserer Zeit gehört der organisierten Mas se. Diese aber haben Deutschland und Österreich-Ungarn. Und darum möchte ich das vergangene und gegenwärtige Ringen Frankreichs nach Macht als tragisch bezeichnen. Es ahnt ja die Niederlage schon vor dem Kampfe. 1870 vor dem Kriege hatte Frankreich eine entwickelte Industrie, einen festgegründeten Wohlstand, eine geschlossene Kultur und eine Deutschland noch annähernd ebenbürtige Menschen zahl. Stück für Stück ist davon verloren gegangen. Öster reich-Ungarn wurde anderthalbmal, Deutschland fast doppelt304 so dicht bevölkert. In Deutschlands Städten allein wohnen mehr Menschen als in ganz Frankreich. Die deutsche In dustrie und damit der Außenhandel ward doppelt so groß. Frankreich baute eine achtunggebietende Flotte, Deutschland aber eine weit überlegene. Frankreich suchte den gefürchteten Nachbar an Aahl der Soldaten zu übertreffen. Deutschland führte die zweijährige Dienst zeit ein und sicherte sich ohne Anstrengung eine Über macht an ausgebildeten Kämpfern. Frankreich stellte schließlich den letzten Mann ins Feld. Deutschland erhöhte spielend sein Jahreskontingent. Frankreich gab sein Geld an Rußland hin und fügte sich den Wün schen Englands, Deutschland schloß den furchtbaren Bund mit Osterreich fester. Nun bauten wir Festungen und glaubten, den Deutschen an Bewaffnung überlegen zu sein. Da wiesen Sachverständige nach, daß die Festungs gürtel teilweise veraltet, die Geschütze unpraktisch wären. Man hoffte auf wirtschaftliche Schwierig keiten in Deutschland, bis sich zeigte, daß die eigenen Finanzen im argen lagen. So entstand jede neue Hoff nung auf dem Grabe einer alten." Jaurös schloß: Sie werden sehen, wenn es zu einem Ausam menstoße kommt es wird ein Unglück sein. Ich bin erschüttert, wenn ich an die Möglichkeit denke." Wie sich dieser aufgeklärte Denker zu der Verwendung farbiger Truppen gestellt haben würde, geht aus einem Aufsatz hervor, den er in der Huinsnits" veröffentlichte, als die algerischen Turkos und die Senagelneger am 14. Juni 1913 zum ersten Male auf dem Felde von LongchampS erschienen und dadurch diese französische Truppenschau denkwürdig machten. Die Naturkinder" Afrikas wurden damals von der Pariser Presse als Kulturträger Frankreichs und als die Verkörperung der Hoffnungen aller wahren Franzosen gefeiert. Der französische So zialistenführer jedoch beantwortete diese Hymnen fol gendermaßen: Wenn nun einmal die Eingeborenen Afrikas als die .Kulturträger Frankreichs gelten und sich in ihnen die Hoff-305 nungen aller .wahren Franzosen verkörpem sollen, so dar man wohl die Frage stellen, welche Kultur und welche Zivilisation von ihnen über die Grenzen Frankreichs hinausgetragen werden sollen. Man kann sich leicht vor stellen, wie die liebenswürdigen und galanten Pariserinnen, die sich in ihrer Begeisterung für Turkos und Neger nicht genug tun können, von diesem Gesindel behandelt würden, wenn sie ihm am Abend nach einer Schlacht in die Hände fielen. Jeder wahre Franzose muß vor Scham erröten, wenn er sieht, daß solche Horden zur .Verbreitung der französischen Kultur und zur Verteidigung des Vater landes herbeigerufen werden sollen." Im November 1914 entblödete sich aber der belgische Staatsminister Vandervelde nicht, in einer vor bel gischen Truppen gehaltenen Ansprache das große Wort gelassen auszusprechen, die Anwesenheit der indischen und senegalesischen Soldaten im Heere der Verbündeten be weise, daß jetzt die ganze Menschheit für die Freiheit und Zivilisation gegen die Deutschen kämpfe. Daß sich auch sonst gerade in den Sozialisten krei sen Frankreichs vernünftig denkende Menschen befinden, beweist die Anerkennung, die der frühere Antimilitarist Gustave Herv6 in seinem Organ Luerre goei^Ie" gegenüber der deutschen Militärorganisation ausspricht. Er fährt dann fort: Für die Franzosen ist es an derzeit, die vor demKriege begangenen Dummheiten wieder gut zu machen. Munition, Kanonen, Gewehre, Kleidungsstücke und tüchtige Offiziere sind für die gegenwärtig in der Front stehenden Armee korps kaum in genügender Menge vorhanden ge wesen. Man hat sich damit begnügt, durch Sendungen aus den Depots je nach Bedarf die Löcher zuzustopfen, die die feindlichen Mitrailleusen verursachten. Wenn der Misch masch von Rekruten, Reserven und Landsturm genügend gedrillt ist, stopft man damit die Löcher der Armeen Joffres. Jetzt ist aber der Augenblick gekommen, Besseres zu leisten. Ich will nicht behaupten, daß wir es fertig brin gen, die 60 Armeekorps aufzustellen, die wir haben müssen und haben könnten, wenn wir das organisatorische Der Krieg der Geister. 2030k Genie Deutschlands besäßen. Aber man sollte doch, ohne dem Generalissimus die Truppen zu verweigern, deren er zur Auffüllung der Lücken bedarf, unter den Mauern von Paris schleunigst ein Heer von 4- bis 50V OVO Mann organisieren Die Deutschen haben mit ihrer Organisation der Massen erhebung und mit den Vorteilen, die sie in großartigem Um fange aus den lebendigen Kräften ihrer Nation zu ziehen verstehen, die großartigen Eigenschaften der Methode und Entschlossenheit bewiesen, die ihnen ihre bewundernswerten Erfolge auf dem Gebiete des kommerziellen und industriellen Wettbewerbes eingetragen haben." Um so toller war die Konfusion in den anderen Köpfen; hochgebildete Gelehrte und Philosophen, feine dichterische Geister, kurz die ganze französische geistige Elite geriet in einen Taumel der Wut und Raserei gegen Deutschland, der sich in der gehässigsten Art und Weise äußerte. Der französische Akademiker Maurice Donnay redete in geradezu irrsinnigen Ausdrücken vom deutschen Kaiser; in einem Leitartikel des I^iZaro" legte er dar, daß der Krieg Deutschlands gegen seine Gegner der Krieg der Roheit gegen die Feinheit, der Schwere gegen die Grazie sei. Graziös leistet er sich dabei einen schweren Schnitzer. Er versucht zu schildern, wie das Deutschland des KaiserismuS" in wunderlichem Gegensatz zum Deutschland Goethes stehe, dessen Geist er beschwört, indem er von einem Besuche erzählt, den er vor einigen Jahren in Wetzlar machte in (wie er schreibt) ,,^Vet?.Iar, Ig, petite villk b-msöitticzue". (Wetzlar, die kleine Hansastadt!) Hierzu bemerkt die Franks. Ztg.": Uns scheint, dieser Krieg ist weniger der Krieg der Schwere gegen die Grazie, sondern der Krieg der Wissenden gegen die Unwissenden". Ebenso stieg Alfred Capus, ebenfalls von der Xeg-üeriüe kikn^Äse", sonst durch Grazie, wenn auch nicht Würde ausgezeichnet, tief in den Gassenschlamm und bespritzte unser Volk und Heer mit Schmutz. Mit besonderem Behagen setzte sich in den eigenen Kot307 20 Jean Richepin der bekannte Salonrüpel der ehrenwerten ^enckemie kranysise. In einem Sperrdruckartikel des ?etit Journal" vergleicht er Deutschland nnt einer bereits zu Tode gehetzten Bestie und bricht in ein kannibalisches Geheul aus, das nüt folgenden geschmackvollen Auswürfen seiner schönen Kul turseele" endet (Münchener Neueste Nachr." vom 27. Sep tember 1914): Laßt uns hinter der flüchtigen Bestie, um ihre Flucht noch weiter zu verwirren, unser freudiges Jagdge- schrei anstimmen bis zu dem nicht mehr fernen Tage, an dem sie sich in ihren Bau verkriechen wird, geduckt im eige nen Schlamm um Gnade flehend, die niemand ihr gewähren wird, gehaßt und verachtet von der ganzen Welt, die lachen wird, wenn die Bestie von der ,Nagaika der Kosaken gepeitscht und vom Bajonett der Tur- kos gespießt wird." Auch der Führer der heutigen französischen Philo sophie Henri Bergson hat sich wegwerfend über Deutsch land ausgesprochen. Wir bringen darüber den in der Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Literatur" erschienenen Aufsatz des deutschen Philosophen Georg Simmel mit dem Titel: Bergson und der deutsche Zynismus: Die Zeitungen berichteten, daß, laut des ?etit?a- risien", Henry Bergson in einer Akademiesitzung von dem Amiismus gesprochen habe, mit dem Deutschland diesen Krieg begonnen habe und der einen Rückfall in die Barbarei bedeute. Der ?etit ?arisien" ist vielleicht keine lautere Quelle. Allein aus Gründen, deren Auseinandersetzung ich mir ersparen möchte, glaube ich mich berechtigt, die Notiz im wesentlichen für wahr zu halten. Gerhart Haupt mann hat in einer Gegenäußerung Bergson als Salon philosophen" und Philosophaster" abzutun gemeint. Ware die richtig, so bedürfte es überhaupt keiner Abwehr; aber es liegt ganz anders. Bergson hat nicht nur für mancherlei wesentlichste Bestrebungen, die in vielen von uns nach ihrem Ausdruck suchten, die europaisch gültige, eindruckvollste308 Formulierung gebracht; sondern ich stehe unter den deut schen Philologen nicht allein, wenn ich ihn für den stärksten Intellekt der lebenden Philosophengeneration halte. Frei lich, zum großen Philosophen gehört noch anderes als Intellekt, und ich habe von jeher ausgesprochen, daß der Mangel dieses anderen Bergson von dem höchsten Range ausschließen dürfte. Und das ist ja gerade das entsetzliche, daß nicht bloße Philosophaster",sondern Männer von solch sublimer Geistig keit Urteile dieser Art über uns aussprechen. Von dem fran zösischen Durchschnittspublikum, das von Deutschland nur weiß, was ihm seine Zeitungen erzählen, wird niemand et was Besseres erwarten. Aber daß ein Bergson keine kritische Zurückhaltung gegenüber der Objektivität" dieser Zeitungen übt, Bergson, der sich jahrzehntelang um deutsche Philo sophie bemüht hat (er hat Kant sehr eingehend, wenngleich unter wunderlichen Mißverständnissen, studiert, hat sich mit Dilthey und Cohen beschäftigt, hat sich aufs lebhafteste für die französische Übersetzung der Arbeiten des Schreibers dieser Zeilen eingesetzt) das zeigt mit einem Schlage die mit alledem hoffnungslose Unfähigkeit des Franzosen, deutsches Wesen zu begreifen. Die Fran zosen sind in ihrer literarischen Polemik oft Muster von Sachlichkeit und Ritterlichkeit. Wenn sie von diesen Zügen so gar nichts in die jetzige Lage zu retten wissen, so eröffnet dies einen Blick in einen Abgrund von Verblendetheit und Verkehrtheit, für den kein Wort der Entrüstung und der Trauer stark genug ist. Zynismus wirft man uns vor! während die erste Signatur dieser furchtbaren und großen Zeit unzweifelhaft das gänzliche Verschwinden aller der Erscheinungen war, die man unter dem Begriff des Zynis mus zusammenfassen könnte und die uns in den letzten Jahren an manchen Schichten unseres Volkes irre werden ließen. Es wurde wohl auch dem Gedankenlosen plötzlich klar, wie unsäglich verwickelt und vielgliedrig unsere Existenzbedingun gen waren, mit wie gefährdetem Gleichgewichte sie in einan der griffen, und daß dieser Bau in dem Augenblick der Er schütterung seiner Grundlage, des Friedenszustandes, zu nächst einmal zusammenstürzte; daß er so, wie er war, so,309 wie wir in ihm geworden sind, was wir sind, auch im besten Falle auch nicht in einem Menschenalter erstehen wird. Und mag selbst, wie wir hoffen, ein vertiefteres, verinner- lichtes, einigeres Deutschland danach aufwachsen die ses Bewußtsein, daß die Form der deutschen Existenz in den Schmelztiegel geworfen wurde, das ist wohl das gewaltigste Motiv der unvergleichlichen Erschütte rung gleich im ersten Moment des Kriegsausbruches ge wesen, mehr noch als die kriegerische und politische Gefahr. Verschwunden ist damit der Mammonismus, der uns so oft verzweifeln machte, jene Anbetung aller äußeren, in Geld ausdrückbaren Erfolge; verschwunden die Selbstsucht der einzelnen und der Klassen, für die der Gedanke des Ganzen zur Schimäre wurde; verschwunden das ästheti- sierende Genießertum, das von den Furchtbarkeiten und Gefahren der Existenz einfach wegsah. Sicher werden unter uns, die wir ja auch in Zukunft keine Engel sein werden, solche Unzulänglichkeiten sich in irgendwelchen Formen wieder melden. Jetzt aber, jetzt sind gerade sie, diese Wur zeln oder Früchte gerade des Zynismus, aus dem Bilde des deutschen Lebens weggewischt. Diesen Krieg, den wohl ein jeder von uns als die furchtbarste Erschütterung seines Lebens empfindet, konnten wir überhaupt nur aufnehmen, weil wir uns im selben Augenblick von all jenen Beeinträch tigungen unserer sittlichen Kraft frei wußten. Wären wir Zyniker wir hätten ihn vielleicht um den Preis unserer Würde und unserer Zukunft vermieden; denn der Zyniker sucht vor allem Ruhe, Sicherheit vor äußeren Gefahren,Freiheitvon starken, grundaufwühlenden Bewegtheiten, sein Wahlspruch war stets: axrös iwus 1s äöluZs. Ich weiß nicht, was etwa unsere Feinde uns mit irgendeinem Schein oder Maß von Be rechtigung vorwerfen mögen; daß aber einer der erlesensten Geister unter ihnen immer vorausgesetzt, daß der Bericht nicht einfach aus der Luft gegriffen ist uns gerade diesen Makel anheften will, dessen völlige Abstreifung das über allen Zweifel erhabene Zeichen dieser Zeit ist, das ganz ent scheidende, die Quelle der unerhörten Steigerung unserer erfolgbewiesenen Kraft dieses einzige Wort reißt noch eine Kluft zwischen uns und unseren Gegnern auf, die eine310 lange Zukunft nicht ausfüllen wird. Aber von ihr aus blicken wir mit Vertrauen zu den Völkern hin, die uns noch freund lich gesinnt sind und zu denen wir all dieses, uns Deutschen Selbstverständliche, aussprechen müssen, damit ihr besseres Verständnis unseres Wesens auch fernerhin von der Gefahr bewahrt bleibe, daß jene Kluft zwischen uns und unseren Feinden sich auch nur als ein feiner Riß zwischen uns und sie fortsetze." Eine schärfere Abfertigung mußte sich Bergson von dem philosophischen Schriftsteller Fritz Mauthner gefallen lassen, der im Berliner Tageblatt" vom l3. Sep tember die Frage stellt: Wer ist Henri Bergson? Das tapfere Schneiderlein in Paris, Henri Bergson, das Schneiderlein der philosophischen Mode, die bis vor kurzem in Paris getragen wurde, hat uns Deutsche vor seinen gemischten Zuhörern ein Volk von Barbaren ge nannt. Es ist wirklich nicht notwendig, auf diese international- le, von jeher übliche Beschimpfung zu antworten. Aber große Ursachen haben mitunter kleine Nebenwirkungen; der große Krieg wird uns weiterhin vor der Lächerlichkeit schützen, daß federgewandte deutsche Schriftsteller den glatten Lack von Bergson ernst nehmen, daß sie den: Lande eines Kant und eines Schopenhauer die Stilübungen Berg- sons als eine bedeutende Philosophie anpreisen. Das ist jahrelang geschehen. Jetzt freilich werden auf einmal ge schlitzte Röcke und die faltenreichen Satze Bergsons unschön gefunden. Vor einigen Monaten sprach ich an dieser Stelle von Bergsons glattfrisierten Unklarheiten, die in Deutsch land seit mehr als zwei Menschenaltern ausgespielt hatten, und die jetzt aus Frankreich wieder herüberkommen wollen"; damals wurde ich uni dieses Urteils willen getadelt, heute nennt man Bergson einen Feuilletonisten und hat noch schlimmere Bezeichnungen für ihn. Ich bin der Meinung, daß wir eigentlich keine Barbaren sind, und daß wir uns über den Kriegszorn hinweg die Nei gung bewahren sollen und können, große Menschen auch feindlicher Völker gelten zu lassen. Descartes bleibt uns311 der Erfinder der analytischen Geometrie, obgleich er ein Franzose war; Newton bleibt uns der Entdecker des Gravi tationsgesetzes, obgleich er sogar ein Engländer war. Und Bergson wäre hoffentlich als ein Aufwärmer von ab gestandenem Kohl schließlich erkannt worden, auch wenn er diesen Kohl zufallig in deutschen Töpfen aufgetischt hätte. Aber in Deutschland hatte ein Erfolg dieser Schriften bei selbstdenkenden Menschen zu Beginn des 2l). Jahrhunderts unmöglich sein sollen.Wir haben diese Mode just hundertJahre früher eingeführt; sie hieß damals nach Schölling und sei nem norwegischen Schüler Steffens, wurde auch Natur philosophie benamset, machte viel Aufsehen und wurde nach einigen Jahren wieder abgelegt. Man versuchte zu Kant zurückzukehren. Wir brauchen gegen Herrn Bergson nicht grausam zu sein; er hat uns aus dem Hinterhalte beschossen, aber nicht aus einer gefährlichen Waffe, nur aus einer Theaterpistole. Und hat sich für den Beifall gewiß mit professorlicher An mut bedankt. Wir brauchen nicht einmal ungerecht zu sein. Der naturphilosophische Supranaturalist unserer Tage macht nicht mehr die groben Schnitzer, die vor hundert Jahren so häufig waren; er ist sehr belesen, hat Darwin stu diert und benützt gute physikalische Kenntnisse zu schlechten Bildern. Auch von Kant hat er etwas läuten gehört, wie denn überhaupt die französische Philosophengruppe, von der Herr Bergson bei uns am bekanntesten geworden ist, gewissermaßen, und wenn man durchaus will, ein wenig von Kant genascht hat. In Frankreich ist der Gegensatz zwischen den höheren Schulen und der Literatur oder dem Publikum noch größer als bei uns. Die Literatur steht fast allgemein auf dem Boden des radikalen Positivismus von Comte; die Franzosen, deren Schriften auch bei uns populär geworden sind, sind Materialisten. In der Naturwissenschaft, in der Geschichts schreibung und erst recht in der Soziologie ist der Materia lismus obenauf, wie bei uns vor siebzig, vor fünfzig Jahren. Inzwischen ist in Deutschland dieser seichte Materialismus als eine philosophische Weltanschauung in den obersten Schichten längst überwunden worden, nicht etwa durch seine312 kirchlichen Gegner, sondern durch eine strenge Erkenntnis theorie, welche den dogmatischen Charakter des Materialis mus erkannte und ihn darum zu den andern Dogmen legte. Anders in Frankreich. Dort schwang schon zurzeit von Na poleon dem Kleinen der drollige Caro die Fahne des Idea lismus, bekannte sich nicht ausdrücklich zur Kirche, wurde aber von den eleganten Damen getätschelt, die die neuesten Hüte und die ältesten Weltanschauungen zu beschützen ge wohnt sind. Dieser Caro, der komische Held von Paillerons ,Melt, in der man sich langweilt", war der würdige Vor gänger unseres Herrn Vergson. Zwischen diesen beiden Salonphilosophen steht, recht viel höher als beide, der in Deutschland fast unbekannte Jules Lachelier, der wirklich Kant über den Rhein einzufübren versuchte, leider aber das Schicksal vieler Deutschen teilte: Kant mangelhaft zu verstehen und just den Kritiker Kant am schlechtesten zu verstehen. Herr Bergson übernahm von dieser Richtung einen schillernden Idealismus und fügte, der populären Wirkung sicher, sehr viel darwinistische Entwickelungslehre hinzu, die er gegen den Geist Darwins eine schöpferische Entwickelung nannte, und goß über das Ganze als Tunke viel Pragmatismus; das Beste, was man aus Bergsons Schriften herauslesen kann, hat er den amerikanischen Prag matismen entlehnt. Die Lehre von der Relativität der Wahr heit, die Lehre vom Vorrang des Handelns vor dem Den ken, den Jnstrumentalismus des Verstandes, der der Philo sophie unseres Ernst Mach ziemlich nahe kommt. Wer den Herrn Bergson früher kennen lernte als die Pragmatisten, wie mir geschehen war, der konnte ihn eine Weile um dieser fremden Federn willen überschätzen. Waren auch sie ihm ausgerupft, dann blieb kaum mehr etwas Eigenes übrig; das Neue war nicht gut, das Gute war nicht neu. Man kann dieses alte Epigramm unseres Schiller, indem man es auf Bergson anwendet, sogar noch genauer bestimmen: seine negative Leistung, die Bekämpfung einer mechanistischen Erklärung der geistigen Erscheinungen ist alt und gut, ist lange vor ihm von deutschen und englischen Philosophen viel gründlicher geübt worden, wenn auch niemals noch in so geölten Sätzen; seine positive Leistung, der immer ver-313 sprochene und niemals ausgeführte Aufschwung zu einer Methaphysik, ist neu und schlecht, neu für Frankreich, schlecht überall. Ich will es versuchen, mit ganz wenigen Worten die Stellung der drei Völker zu den höchsten Problemen der Philosophie anzudeuten. Deutschland versuchte lange die Tradition des Mittel alters fortzusetzen, und seine besten Köpfe zerbrachen sich an der unfruchtbaren Aufgabe, aus der reinen Vernunft eine Metaphysik herauszuspinnen. Inzwischen hatten die stärksten Englander die ältesten Begriffe dieser Metaphysik kritisiert und bahnten den Weg zu einem fruchtbaren Be kenntnisse des Nichtwissens, des vornehmsten Zweifels. Ihnen folgte nun Kant, der in seinen gewaltigsten Darle gungen (nicht immer) dieses Nichtwissenkönnen für alle Folgezeit bewies, aber darüber hinaus die skeptische Er kenntnistheorie mit der äußersten ethischen Sicherheit zu vereinigen suchte. Unter Kants unmittelbaren Nachfol gern war Fichte derjenige, der eigentlich unabhängig von seiner eigenen Metaphysik die ethischen und poli tischen Ideale in prachtvollster Weise anstatt Philosophie darbot. Die Metaphysik war von Kant so völlig umgestürzt worden, daß auch so kraftvolle Denker wie Hegel und Scho penhauer sie immer nur für kurze Aeit, nur scheinbar er neuern konnten. Erkenntnistheorie war die neue Aufgabe. In Frankreich verstand man unter Philosophie eine ganz andere geistige Tätigkeit. Dort beschäftigten sich die Philo sophen nach der späten Preisgabe der mittelalterlichen Meta physik mit der Deutung der Seelenvorgänge, mit der Be kämpfung der Intoleranz und mit der Begründung der Menschenrechte, also mit psychologischen und soziologischen Fragen. Die Methaphysik blieb geächtet, die Erkenntnis theorie blieb mit ihren feinsten Ergebnissen unbekannt. Da, als die Metaphysik bei uns als leistungsunfähig schon er kannt worden war, hatten die Franzosen der Gruppe Renouvier-Lachelier-Bergson den verspäteten Einfall, sie ihren Landsleuten einreden zu wollen. Bergson vielleicht schon mit der Nebenansickt, die Franzosen durch seine spiri- tualistische Metaphysik zu regenerieren"; als ob er ihre314 schlechtere Bewaffnung durch Wiedereinführung römischer Standarten hatte verbessern wollen. Und weil Bergson zu seiner spiritualistischen Metaphysik nur Splitter der neuen deutschen und englischen Erkenntnistheorie hinzu fügte, wurde ein Mischmasch daraus, der ja Vielen (auch in Deutschland) zu gefallen scheint, der aber mir das Lesen der Bergsonschen Bücher zu einer Qual für mein kritisches Gewissen macht. Auch für mein sprachliches Gewissen. Ich darf nicht viele Beispiele geben; einige wenige werden zum Beweise dafür genügen, daß Bergson, der häufig fein genug genaue Begriffsbestimmungen verlangt, selbst in un erlaubter Weise mit den Begriffen spielt. Wie ein Jongleur. Mit seinen Hauptbegriffen. Schon der Titel seines meistverbreiteten Buches (1907) ist verrätensch. Die schöpferische Entwicklung." Der Be griff der Entwickelung oder der Evolution hat sich besonders seit Darwin eingestellt, um die Vorstellung von einer Schöpf- nug aus den? Nichts zu überwinden. Schöpfung oder Ent wickelung, das ist die Frage. Bergson sagt mit lächelnder Eleganz schöpferische Entwickelung" und reitet das Bild von diesen? hölzernen Eisen zu Tode. Nicht besser steht es um den Titel und um den Gedan ken seines ersten Buches (1339), das noch nicht so schwülstig ist. Die unmittelbaren Tatsachen des Bewußtseins." Es klingt ganz gut; aber für unsere Erkenntnistheorie ist das Bewußtsein durchaus abgeleitet, kompliziert; es erhält und es gibt keine unmittelbaren Nachrichten. So hat Bergson auch gelesen, daß das Ich" nicht mehr zu retten sei; was er aus Eigenem hinzufügt von der einfachen Vielfältig- keit und vielfältigen Einheit des Ichs" ist unklar und scho lastisch. Er hat sich viel um den Zeitbegriff bemüht; ich bin weit davon entfernt, die Tendenz seiner Satzperioden zu tadeln, in denen er nach französischen und deutschen Vor gängern Raun? und Zeit unterscheidet und oft hübsch davor warnt, die Methode der Naturwissenschaften auf die Geistes wissenschaften anzuwenden. Aber im Handumdrehen ver wandelt sich ihm die Zeit zu einer Gottheit, die Zeit wird zum Erfinder", zun? Schöpfer der Entwickelung.315 Am gefährlichsten aber ist Bergsons pathetisch nachge sprochene Lehre von der Intuition". Wir wußten schon vor ihm, daß der Instinkt vielfach dem erlebten Leben näherstehe, als der nachhinkende Verstand; wir wußten schon vor ihm, daß der Verstand die Welträtsel nicht lösen könne, nur daß der Verstand nach wie vor des Menschen allerhöchste Kraft bleibt, und wir darum entsagen müssen, wenn Verstand und Wissenschaft versagt haben. Bergson kennt eine noch höhere Kraft: die Intuition. Als ob Scho penhauer die intellektuale Anschauung oder die Intuition und das Absolute dazu nicht mit Kculenschlägen umgebracht hätte, kehrt Bergson zu dieser Intuition wie zu einer Wahr sagerin zurück und will uns durch sie wieder in das Reich des Absoluten hineinführen. Die Reise geht über den Mond ins Blaue. Man wird bemerkt haben, daß mir auch die vielge rühmte Sprache Bergsons nicht imponiert. Die französische Sprache hat unleugbare Vorzüge, wo es sich um die Dar stellung der abstraktesten mathematischen und physikalischen Gedanken handelt; Henry Poincare (nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Raymond, der vielleicht beim Erscheinen dieser Zeilen noch Präsident oder schon Kon kursmasse-Verwalter ist) schreibt besser als die Mathematiker anderer Länder; ich habe auch meine Bewunderung für den kristallklaren Stil von Voltaire, von Anatole France nicht verleugnen zu müssen geglaubt. Aber daneben haben die Franzosen einen Stil der immer fertigen Phrasen, der leeren Antithesen, der nichtssagenden Überraschungen, einen Stil, der für die Unterhaltung und für Briefe sehr bequem ist, für Behandlung der letzten Fragen aber nicht ausreicht; in diesem Stile schwelgt Bergson als ein Meister. Ich weiß, daß in diesen Tagen ein Aufsatz über solche philosophische Dinge kaum lesbar sein wird, es wäre denn, weil Bergson, der in deutschen Zeitungen so oft gefeiert worden ist, uns als die Barbaren beschimpft haben soll, weil also viele gefragt haben werden, was das eigentlich für ein Mann sei. Heute ist jedem von uns vorläufig das Leben jedes deutschen Soldaten, das Mittagbrot jedes deutschen Soldaten wichtiger als die ganze Philosophie.316 Auch hätte ich diese Seiten kaum zu schreiben vermocht, wenn der größere Teil nicht schon vor Monaten zusammen gestellt gewesen wäre. In friedlichen Zeiten, und wenn Herr Bergson gar seine Unschuld nachgewiesen oder seine Frechheit zurückgenommen hätte, müßte ich den Ton ändem, nicht das Urteil. Heute sage ich: die Bergson-Mode ist wie ein geschlitzter Rock um die dürren Beine eines alten Weibes. Dann würde ich viel höflicher sagen: die Bergson- Mode ist wie ein geschlitzter Rock um die schöngeformten Beine einer Figurantin auf der Bühne. Wenn die Franzosen den deutschen Abfertigungen gegenüber behaupten konnten, daß man Vergson nur seinen edlen patriotischen Elan" entgelten lassen wollte, so kann man diesen Verdacht nicht gegen den Kopenhagener Uni versitätsprofessor W. Iohannsen erheben, der sich nach den Leipz. Neuest. Nachr." vom 17. November in höchst entschiedener Weise mit Bergson wissenschaftlich auseinandersetzte. Die Sache erregte in Kopenhagen erhebliches Aufsehen, zumal da Johannsens Abhandlung an besonders hervorragender Stelle, nämlich in der Festschrift zum Jahresfeste der Kopenhagener Uni versität erschienen ist. Sie trägt den Titel Falsche Ana logien unter Berücksichtigung der Ähnlichkeit in Verwandt schaft, Vererbung, Uberlieferung und Entwickelung" und macht es sich zur Aufgabe, die verderblichen Folgen aufzu decken, die die Aufstellung falscher Analogien auf dem ganzen Gebiete der Wissenschaft, und besonders auf dem Spezial gebiete des Verfassers, der Biologie, nach sich zieht. In dieser Abhandlung widmet Iohannsen Bergson ein ganzes Kapitel, und zwar aus dem Grunde, weil nach seiner Uber zeugung Bergson die Aufstellung und Verwendung falscher Analogien geradezu zum System gemacht hat. Er geht so weit, zu sagen, daß Bergson durch das bewußte Abstand nehmen von zwingenden Ausdrucksweisen einen Aug von Wissenschaftlichkeit hat, der wirkliche Feinde geistiger Klar heit ansprechen müsse. Iohannsen kennzeichnet BergsonS Wesen mit folgenden Worten: Man fühlt sich bei ihm wie ein Schwimmer, der vom317 treibenden Tang loskommt; es ist wirklich ein Genuß, frei auf Bergsons Woge des schönsten Französisch zu schwimmen. Aber man bleibt eben auch im bloßen Wasser; es gibt wirklich nichts anderes nur Worte, Worte, Worte. Nichts, ab solut nichts Reelles, woran man sich halten kann, wird ge geben." Was Bergsons berühmten slan vital" angeht, so er klärt Johannsen ihn geradeheraus für eine bloße Vokabel, allenfalls für eine poetische Idee", ein Hymnen-Motiv zur Ehre des Schöpfers oder der Mutter Erde. Kurz, vom schimmernden Hause des Modephilosophen Bergson bleibt auch nicht ein Stein auf dem anderen, und Professor Johannsen schließt mit der Bemerkung, falls Bergsons Jntuitionsphilosophie" wirklich etwa in anderer Beziehung Verdienste habe, so gereiche daö der ernsten Forschung nur zum Schaden, insofern sich seine biologische Philosophie dadurch um so leichter verbreite. Bergson war im Jahre 1914 Präsident der Akademie der moralischen und politischen Wissenschaften", im Jahre 1915 ist es der Finanzminister Ribot. Gelegentlich der Amtsübertragung hielt nach der Frankfurter Atg." vom 21. Januar 1915 Bergson eine kleine Rede, in der er Frankreich, das sich im glücklichen Besitz von Ideen" be findet als da sind: Rechte der Individuen und der Völ ker, Freiheit, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Loyalität, Menschlichkeit, Barmherzigkeit gegen Deutschland stellte, daS aller Ideen" bar, nur der Mechanik und dem Fort schritt der methodischen Organisation des materiellen Le bens" ergeben ist. Man sollte meinen, daß Bergson mit dieser Kritik an den Deutschen, mit der er sich ohne Zweifel als bodenständigen Gallier qualifizieren wollte, einstimmigen Beifall geerntet hätte. In der Tat hat die Pariser Presse seiner Rede die üblichen Adjektive sublim", meisterlich" usw. im allgemeinen nicht versagt. Doch gab eS einen Miß ton. Den frenetischen Royalisten Charles Maurras hat die neueste Bergsoniade ganz außer Rand und Band ge bracht. Er schnauzte den armen Bergson in der Lotion ^rsiiyaise" wie einen Schuljungen an. Die methodische318 Organisation schlecht zu machen, deren Mangel sich jetzt in Frankreich so bitter räche, sei ein Unterfangen, durch das sich Bergson zum Verbrecher" stemple. Auch müßten die Söhne von Franzosen den Sohn von Fremden zur Rechenschaft fordern wegen der Verbreitung der unver schämten Fabel", daß Deutschland keine Ideen" habe. Deutschland hat Ideen", wenn auch falsche, die man kennen muß, um sie mit den wahren" bekämpfen zu können. Das germanische Ideal, das so tief in der alten deutschen Philo sophie wurzelt, als bloße Materie anzusprechen, ist eine Albernheit, meint Herr MaurraS, die nur einem Mitglied der Akademie der unmoralischen und unpolitischen Ig noranzen" in den Sinn kommen konnte. llbrigenS ist auch der Philolog Alfred Croisset anderer Meinung als Bergson. Weit entfernt, nur der Ma terie zu dienen, besitzen die Deutschen nach seiner Meinung, die er kürzlich in einem Vortrag kundtat, sogar einen ge wissen, bald kindlichen, bald tieferen Mystizismus, der ihnen das Gefühl für die geheimnisvollen Kräfte, für die unsicht bare Seele hinter den Erscheinungen bewahrt und sie auf die Spur der großen religiösen Probleme und der primi tiven Poesien gebracht hat". Es bedurfte des Krieges, um die Franzosen zu so eifrigen Bemühungen um das Verständ nis der deutschen Seele zu bringen! Der Historiker Ernest Lavisse der bereits vor ein oder zwei Jahren einen Aufruf an die elsässische Jugend zu richten sich unterfing, worin er empfahl, der französischen Kultur treu zu bleiben, was doch schließlich auf eine Aufforderung zur Mitwirkung an der Revanche binauslief, veröffentlichte im lemps" einen Aufruf, worin es heißt: Man soll sich selbst eine sickere Stütze sein, aber sich klar werden, daß man sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen hat. Das eigene Ich, die persönlichen Interessen, ine Be quemlichkeiten, die Gefahr, die man laufen kann, soll man im Vergleich zu den Interessen der Ehre und der Gefahr des Vaterlandes stellen, des Vaterlandes soll man vor allem319 gedenken. Man glaube nicht, daß der Ort, in dem man sich befindet, und wenn es selbst Paris wäre, der Punkt ist, wo die letzte Entscheidung fällt, man blicke auf die Karte Frank reichs und Belgiens, nicht nur auf die Oise und die Seine, sondern auch auf die Maas, Mosel, die Vogesen und Ant werpen, man blicke auf die Karte Europas, die Donau, die Weichsel und das russische Reich. An der Oise, an der Maas, an der Mosel, am Fuße der Vogesen, in Antwerpen, an der Donau und der Weichsel ziehen sich Gefilde einer und derselben Riesenschlacht dabin. Man betrachte auf einer Weltkarte Kanada, Australien, Indien, aus denen die Frei willigen und Soldaten zur Hilfe herbeieilen; Japan, das in Abwartung besserer Leistungen das Reich angreift, das Deutschland begonnen hatte, sich in China zurechtzuschnei- den. Uberall arbeitet das Gewehr, das Maschinengewehr, das Geschütz, das Flugzeug, das lenkbare Luftschiff, überall gibt es Verwundete und Tote. Man denke anderseits an die Ursache dieses gewaltigen Krieges. Ein Volk strebt nach der Weltherrschaft, seine Schriftsteller und Denker sagen und verkünden es, dieses Volk sollte das einzige sein, das sich voll ausleben darf. Es gesteht den übrigen das Daseins recht nur insofern zu, als sie es in keiner seiner Bewegungen und in keinem der Ziele seines unbegrenzten Ehrgeizes stören. Kein geschworenes Wort, kein Bedenken der Ehre gebietet ihm Halt, da es kein Ehrgefühl aus sich selbst hat, wundert es sich, Ehrgefühl bei andern zu finden: .Ehrge fühl, was heißt das? sagte Herr v. Bethmann Hollweg, als der Botschafter des Königs Georg ihm hierüber von der Ehre Englands sprach. Dieses Volk hat zum Führer den Nachkommen derselben Hohenzollern, die durch Gewalt den preußischen Staat gebildet haben, und nun dieselbe Gewalt als die einzige Tugend verehren. Jeder Hohen- zoller ist vor allem ein Kriegsherr. Achtung hat er nur vor der Kriegsuniform. In seinem Palast reihen sich in Schränken die Uniformen aneinander. Man bedenke die an sich geringfügige Tatsache. Solche Tatsachen sprechen oft mehr als die großen Dinge. Als Kaiser Wilhelm erfuhr, daß England ihm den Krieg erkläre, war er sofort sich be wußt, wie er sich auf die grausamste und nach seiner Ansicht320 verletzendste Weise rächen könnte. Er sandte einen seiner Offiziere zu dem Botschafter, und der Offizier erklärte in strammem Tone, daß Se. Majestät die Uniform als Mar schall oder Admiral nicht mehr trage. Dieser Militaris mus, der sonst nirgendanderswo vorkommt, stützt sich auf eine preußische Kaste Hochmütiger, mit Ideen und Empfindungen aus einer andern, weit zurückliegenden Zeit. Die Freiheit der Völker, die Ehre der Völker, die Interessen der Völker, die Freiheit und Gerechtigkeit, das ist, was in Gefahr schwebt, und darum dehnt sich das Schlachtfeld über die ganze Welt aus. Das sind Gedanken für dunkle Stunden, geeignet zur Stärkung des Gemütes in bangen Wehen, geeignet, dem Bewußtsein eines jeden den Entschluß zur Reife zu bringen, daß es sich lohnt, für solche Aiele zu kämpfen, zu leiden und zu sterben, in dem Glauben, daß die Verteidigung dieser Aiele nicht besiegt werden könne. Wer angesichts dessen noch zusammenschreckt, wer dann um sich her weiterhin den Schrecken verbreitet, und dadurch zur allgemeinen Gefahr beiträgt, der mag sich sagen, daß er ein schwacher Mann ist." Wo bleibt da", meint hierzu die Köln. Zeitung" vom 9. Sept., die vielgepriesene Vaterlandsliebe der Fran zosen? Nur eine Nation, bar jedes Pflichtgefühls, kann sich solche Dinge auf den Kopf sagen lassen." Nach einem Bericht des Verl. Tagebl." vom 29. Okt. sagte der Akademiker Paul Appel bei der Jahresversammlung der Akademie am 26. Oktober in seiner Eröffnungsrede, daß, wer mit Aufmerksamkeit der Entwickelung der deutschen Verhältnisse gefolgt sei, den Krieg hätte voraussehen können. Alle Bestrebungen Deutschlands auf dem Gebiete der Industrie und des Han dels, auf allen militärischen wie zivielen Gebieten seien auf die Aufrichtung der deutschen Herrschaft ausgegangen und zielten auf Gewinn und Beute, auf Eroberung und Ver heerung ab, die von Deutschland als Mittel zu Siegen be trachtet würden. Deutschlands leitender Gedanke sei, daß Macht, wenn sie vollkommen organisiert sei. Recht schaffe, das allen Abmachungen und dem gegebenen Worte vor-321 gehe, die Ideen der Freiheit und Brüderschaft umstürze und die Arbeit nicht respektiere, die die Menschen in langen Jahrhunderten unter Kämpfen und Leiden ausgeführt. Deutschlands Traum sei ein organisiertes, gepanzertes Deutschland über die ganze Welt zu schaffen. Die Alliierten stellten das Ideal auf gegenüber der mächtigen und unbarmherzigen Regierung in Berlin. Gegenüber Deutschland, das die Freiheit und Gerechtigkeit bekämpfe, ziehe Frankreich das Schwert, nicht um Tyrannei zu üben, sondern um seine Jahrhunderte alten Besitzungen zu be freien und wiederzuerwerben. Die Alliierten kämpften für die Sache der unterdrückten Völker. Nach ihrem Siege werde die Menschheit sich frei entwickeln als ein Ganzes, aber mit voller Freiheit, ihre nationalen Bestre bungen geltend zu machen. Frankreich habe 1789 die Men schenrechte proklamiert, jetzt proklamiere Frankreich der Menschheit Rechte. Nachdem es Deutschland auf den Schlacht feldern besiegt haben werde, werde Frankreich Deutschland auf den geistigen Kampfplätzen besiegen. Welchen wüsten Phantasien sich ernsthafte Gelehrte noch Hingaben, als Frankreich schon nahezu aufgerieben am Boden lag, geht aus der Rede hervor, die Charles Lallemond vom Französischen Institut nach dem ?iZaro" am 27. No vember 1914 in der Geographischen Gesellschaft von Paris unter brausendem Beifall vor über 1l)t)ö Zuhörern über die neue Karte Europas und der Welt hielt, die nach dem Kriege erstehen würde: Das edelmütige Belgien wird bis zum Rhein ausgedehnt, das heldenmütige Serbien wird bis zum Adriatischen Meere reichen und Bosnien, Herzegow na und Kroatien erhalten. Elsaß-Lothringen und das Herzogtum Iweibrücken wird Frankreich zurück gegeben, Polen und Armenien werden als autonome Staaten unter den großen Schutz Rußlands gestellt. Das barbarische Deutsche Reich, ebenso wie das österreichische, wird zersplittert und zerstört, und die übrigbleibenden Stümpfe Bayern, Sachsen, Württemberg, Hannover, Westfalen, Böhmen, Der Krieg der Deister. 21322 Ungarn usw., die bisher künstlich zusammengehalten wur den, werden jedes einzelne für sich selbständig und werden so ungefährlich gemacht für den Weltfrieden. Die Türken werden aus Europa hinausgeworfen, die Meer engen werden frei oder neutralisiert. Der französische Kongo wird seine alte Form wieder annehmen; die deutschen afrikanischen Kolonien werden dem groß mütigen Großbritannien zufallen, und die deutschen Kolo nien ini pazifischen Ozean werden Australien zufallen. Kiautschou wird dem Lande der aufgehenden Sonne ge hören. Die Bevölkerungen von Schleswig, Transsilvanien, Trient und Triest werden wieder mit dem Mutterlande ver einigt. Jedenfalls wird sich unsere Generation schmeicheln können die grandiosesten Umwälzungen auf der Welt karte erlebt zu haben." So braucht man sich nicht zu wundern, in welchem Tone die Tagespresse ibre Leser über den Mangel an günstigen Nachrichten wegzutäuschen sucht. So entleert der Figaro vom 31. August seine Gift- und Gallendrüse in folgenden wahnwitzigen Schmähungen, die als eine Kostprobe fran zösischer Verhetzungskunst hier stehen mögen: Und wie er nichtswürdig ist, der Gegner! Das ist kein menschliches Geschöpf, das ist ein Scheusal (oZre). Es verzehret nicht die kleinen Kinder, es läßt sie erwürgen. Es äschert nicht Rom ein, um sich in raffinierter Verkommenheit an dem Schau spiel zu weiden, es legt die Fackel an ärmliche Dör fer! Der kaiserliche NarrwilldasganzeAllinSchrecken halten, sich brüsten vor der Welt, wie einst Alexander. Der Mazedonier nahm sich Dionysos zum Vorbild: der Preuße lauert wie der Drache auf sein Opfer. Sein Thron ersetzt ihm die Felsenhöhle. Den Franzosen und den Slawen will er zermalmen, beide zusammen, wie der kaldäische Js- durbar in jedem Arm einen jungen Löwen erwürgte. Er hat ein knechtisch ergebenes, brutales Volk dres siert, wie man Hunde abrichtet. Diese Riesenmeute hetzt er jetzt auf uns los, und wir werden große Mühe haben, uns zu verteidigen. Aber diesem Höllendrachen fehlt das323 2: klare Ziel in seinen. Wüten; seiner Blutrunst fehlt die Poli tik, und als einziger Genosse gesellt sich ihm nur ein heimtückischer, greisenschwacher Monarch zu. Wir haben die Gewißheit, daß die Russen in einem Monat in Scharen in Berlin sein werden. Wenn Paris gelitten haben sollte, wird Berlin bezahlen. Monument um Monument, Grausamkeit um Grausamkeit. Wir werden gerächt werden, wenn wir be siegt sein sollten. Welch erhebender Gedanke zu Beginn eines Krieges! Der Sieg mag auf sich warten lassen, sein Preis kann teuer sein, aber wir sind seiner sicher. Und welch ein Sieg! Die Aufteilung zweier Reiche, der ret tungslose Untergang der Hohenzollern und der Habsburger. Unsere Söhne werden das germanische Schreckgespenst nicht kennen lernen, denn in sechs Mona ten wird es kein Deutschland mehr geben. Wir können nicht hassen und gestehen wir es unumwunden zu in der Freude, Elsaß-Lothringen wieder zu besitzen, waren wir imstande, das Scheusal leben zu lassen, damit es uns in einigen Jahren aufs neue be drohe. Aber England und Rußland werden das Untier nicht mehr loslassen. Sie werden ihm die Hauer und die Krallen ausreißen und es für immer außer Möglichkeit setzen, zu schaden. Wer hätte gedacht, daß der Lorbeer der Thermophylen noch einmal an den Ufern der Maas rauschen, daß das glückliche Belgien sich eines Tages des größten christlichen Heros, Gottfrieds von Bouil lon, würdig erzeigen würde? Der Widerstand Davids brach die Wucht Goliaths. Das konnte niemand wissen; das ist göttliche Ordnung. Und endlich welch zivili sierter Geist, welche christliche Seele ist nicht in Gedanken und Gebeten mit diesem dreifachen Heere, welches wie einst Herkules, Theseus und Perseus alles daran setzt, die Erde zu säubern von dem grauenhaftesten Ungeheuer, welches sie je getragen, von dem unmenschlichen, herzlosen Kaiser, für dessen asiatische Wildheit in Europa kein Platz ist. Wer in diesen Geschehnissen nicht den Gott der Gerechtigkeit und seine fürsorgende Hand erkennt, verdient nicht, das Schauspiel zu erleben, das selbst324 die Engel entzückt: wie ein Volk, das unsrige, in der Not seinen Wert wiederfindet und in dem Augenblick, in welchem die Rassen verweichlichen, sich noch über seine unsterblichen Ahnen erhebt. Nie war Frankreich so groß, so schön, und so nahe Gott, welcher der ewige Sieg ist." Schmähschriften jeder Art wurden losgelassen und in neutralen Ländern verbreitet; über eine solche aus der Feder des Journalisten Louis Macon wird den Münchener Neuesten Nachrichten" vom 29. Sep tember von dem Leiter eines Schweizer Blattes geschrie ben: Den Redaktionen der großen schweizerischen Zeitungen ist eine Schmähschrift gegen das Deutschtum zuge stellt worden, überschrieben ,(!ontre les Vanäsles! und unterzeichnet von einem ,Louis Macon, ?resiäent ä boimeur äu Lzmäieat cle Is?resse Stran^re . Die Schmähschrift ist in Genf zur Post gegeben wor den und trägt den Kopf .Lorresponäenee tielvsticzue ?sris-(Zeneve". Jeder Schweizer, sei er welsch oder deutsch, hat die Pflicht, gegen diese ,Lor- responäencs kelvöticjus mit allen Mitteln Verwah rung einzulegen. Die in Paris erscheinende .helvetische Korrespondenz hat mit dem schweizerischen Journa lismus nichts zu tun, und dieser Ludwig Macon, .Ehrenpräsident und Pampbletäc, ist uns eine unbekannte Größe. Wir sind sicher, daß jede Schriftleitung in der Schweiz, die mit offenen Augen den Stand der Dinge heute zu überblicken vermag, das .Lontre les Vanclales! mit Entrüstung beiseite wirft oder als Beleg aufbewahrt, um einer späteren Zeit zeigen zu können, was für Mist- finke sich berufen füblten, gegen das Deutsch tum aufzutreten. Der Herr .Ehrenpräsident wendet sich an die Neu tralen, an die Gelehrten, Arbeiter, an die .Denker und Bauern , und fordert die ganze zivilisierte Welt auf, eine internationale Vereinigung gegen .die Geißel Pan- germanismuS zu bilden. Uber die Deutschen, schreibt Macon u. a., daß sie das Andenken Goethes und Schillers325 in den Kot ziehen, er nennt sie .Henker und schreibt weiter: Diese Zerstörer der geheiligten Güter, diese Bahnbrecher des Todes und der Hölle sind noch viel ärger, als ihre Brüder von ehedem: die kulturlosen Hunnen. Gegen dieses .tierische Deutschland , gegen diese Feinde des Lichtes, diese Halsabschneider, gegen die Schläch ter von Frauen und Kindern genügt ein .Ver flucht seid Ihr! nicht. Aus der kleinsten Hütte wie aus dem stolzesten Palaste muß der Fluch aufsteigen gegen die Deutschen und diese müssen fühlen, daß über ihnen die Verachtung der ganzen Welt schwebt. Nicht bloß eine Armee, nicht eine Stadt, oder ein Land oder ein Volk steht in Gefahr, nein, es ist die Zivi lisation, der die Barbaren die erhabensten Quellen vernichten wollen." So fordert Ehrenpräsident" LouiS Macon die Welt zum Bunde gegen das Deutschtum auf. In diesem Bunde werden sein: die Lügner aus England, die Bestien von Löwen und Mecbeln, die Senegalneger, die indischen Schlachtopfer der Briten, die serbischen Meuchelmörder, das russische Großfürstengesindel mit ihren Bluthunden und Dirnen und leider Gottes der Sündenbock englischer Ge meinheit, das irregeleitete französische Volk. Und dann die Neutralen! Ludwig Macon rechnet wenigstens auf diese, aber er rechnet falsch! Nein, wir Schweizer würden uns in den Erd boden schämen, wenn wir dieser internationalen Liga die Hand reichen müßten. Wie schlecht Herr Macon die Schweizer kennt! Was nimmt er sich her aus, uns zu beleidigen mit seiner Einladung! Ja, wir sind neutral, aber wo unser Gefühl steht, das wissen wir. Wir wissen, was unsere Pflicht dem Vaterlande gegenüber ist, eben weil wir als deutsche Schweizer unsere Heimat so lieben, wie ein jeder von deutschem Blute sein Vaterland liebt." Dazu bemerkt das deutsche Blatt: Der genannte Louis Macon gehört jener Vereinigung326 der Pariser Auslandspresse an, die bisher die meisten Ver treter großer deutscher Blätter als Mitglieder zählte. Als es galt, den Ehrenvorsitz der Vereinigung zu erlangen, waren ihm die Stimmen dieser .Vandalen willkommen. Als aber die deutschen Journalisten in Paris un längst Gegenstand der gemeinsten Anrempelungen von feiten nationalistischer Apachen wurden, hat sich Herrn MaconS .Kulturseele nicht .empört . Heute maßt er sich an, im Namen eines Verbandes zu sprechen, dessen ver dienstvoller tatsächlicher Vorsitzender Österreicher und dessen angesehenste Mitglieder großenteils Deutsche sind." Nachdem er bereits zu Beginn des Krieges an der Hetze gegen deutsche Kunst teilgenommen hatte, nahm der bekannte französische Komponist Camille Saint-Saens dessen Oper Samson und Dalila" bisher im Spielplan aller deutschen Opernbühnen stand und der noch vor einem Jahre, als er ein Konzert in Berlin gab, stürmisch in der deutschen Neichshauptstadt gefeiert wurde, im Loko 6e ?ÄN8" speziell gegen die Wagnersche Musik Stellung in einem Artikel, worin er heftig Klage darüber führt, daß sie immer noch in Frankreich aufgeführt wird und den er mit folgenden Worten schließt: Würden Sie einer be rühmten Sängerin Applaus zollen, wenn sie ihre Mutter beleidigt hätte?" Saint-Saens erklärt, daß er einer der ersten war, die die neue Kunst bei ihrem Entstehen vertei digten, daß er aber, wie seine Portrait et Souvenirs be weisen, niemals ein fanatischer Anhänger der Wagnerschen Religion" war. Er argumentiert weiter, daß die Musik mebr als die Sprache die Seele des Volkes ausdrückt, um schließlich bitter zu beklagen, daß WagnerS Musik seit zehn Jahren einem erleuchteten Volke aufgedrungen" worden ist, zum Schaden der französischen Komponisten. Die Ouvertüre zu Tannhäuser", das Vorspiel zu Tristan", der Walkürenritt" haben, wie er sagt, die Werke von Berlioz, Fälician David und Massenet, dessen Perle die Luits Älsaoienne" bedeute, aus dein Felde geschlagen. Saint-Saens stellt weiter die Frage: Wie kann in Frankreich noch immer eine Musik An-327 klang finden, die von Deutschland als Verkörperung seines nationalen Genius betrachtet wird? Frankreich darf nicht vergessen, daß Wagner derjenigen Rasse angehört, die so viele Frauen und Kinder hingemordet hat, die Spitaler bombardierte, die Kathedralen zerstörte und die ihren Haß gegen alles, was französisch ist, ausgesprochen hat." Dabei brachte der Parsival" im Jahre 1914 der großen Oper in Paris die höchsten Einnahmen, die sie seit Jahrzehn ten gehabt hat. Man braucht also kaum mehr nach den Grün den zu fragen, weshalb die Wagnersche Musik in Frankreich so geschätzt ist; auch bei Saint-SasnS wird man nicht im Unklaren sein, was größer ist, sein Patriotismus oder sein Geschäftsgeist. Eine treffliche Antwort auf seine Schmähungen er teilte ihm die Gesellschaft der Musikfreunde am Rhein und in Westfalen, deren Ehrenmitglied er bis dahin war, in folgendem offenen Brief ( Musi kalische Rundschau"): Mit Erstaunen und Entrüstung vernehmen wir die Nachricht, daß Sie sich nicht scheuten, in den gehässigen Ton der französischen Verleumder deutscher Kunst mit einzustim men, jener wahnsinnigen Hetze sich anzuschließen, welche verblendeter Dünkel und niederträchtige Verstellung gegen die Wohltaten und Segnungen deutscher Kultur anzettelt. Als wir Ihnen vor Jahresfrist unsere Ehrenmitgliedschaft antrugen, geschah es in aufrichtiger Verehrung für Ihr musikalisches Wirken und Können, das uns, da es sich an die deutschen Meister Bach und Beethoven, an die Formen unserer Klassiker anschloß, besonders nahe stehen mußte. Wir bewunderten in Ihren Werken eine seltene Vereinigung von germanischem Inhalt mit romanischer Form, wir glaub ten in Ihnen dasSymbol einerVermählung zweier Nationen zu sehen, deren musikalisches Leben sich seit Jahrhunderten befruchtet und gegenseitig gefördert hatte. Mein Herr, wir schämen uns jetzt jener Bewunderung, schämen uns jenes Glaubens; wir sehen unseren Irrtum ein, daß wir im Künstler auch das Ideal eines Menschen erblickten! Dop pelt herb ist unser Irrtum, da nicht ein junger Unerfahrener323 uns schmäht, sondern ein Greis von 79 Jahren die Hand er hebt, um seinen Lehrmeister zu schänden. Oder werden Sie es leugnen, was französische Meister Deutschland ver danken? Werden Sie leugnen, was Ihnen die Kunst Sebastian Bachs bedeutete? Können Sie die Tatsache un geschehen machen, daß Ihr Vorgänger Hector Berlioz nur von deutschen Musikern anerkannt wurde, daß ein Schumann und Liszt sich seiner annahmen, als Ihre ge gerühmten Pariser ihn verlachten? Haben Sie vergessen, daß jenes Werk, das Ihren Ruhm begründete, Ihre .Sam son und Dalila in einer deutschen Stadt, in Weimar im Jahre 1877, seine Erstaufführung erlebte? Wurde Ihnen nicht hier, in dem gelästerten Deutschland, die höchste Alls zeichnung, der preußische Orden ?c ur Is merite verliehen? Empfing Sie nicht noch im vorigen Jahre der Kaiser der Barbaren Wilhelm II. im Schlosse zu Berlin in der liebens würdigsten Weise? Nun denn, wenn Sie dies alles ver gessen haben, so wollen auch wir Ihr Bild aus unserem Gedächtnis tilgen, die Ehrfurcht vor Ihren weißen Haaren ist dahin. Hiermit entbeben wir Sie Ihrer Ehrenmitglied schaft. Unser Ehre ist nicht die Ihre! Leben Sie wohl!" In längeren Ausführungen im Leko 6e?ari8" ver trat Saint-Saens weiterhin den Standpunkt, daß politische und künstlerische Fragen nicht zu trennen seien. Er unter nahm es, endlich einmal den Wert der deutschen Musik ins reckte Licht" zu setzen, wobei, freilich sehr gegen seinen eigenen Willen ein Loblied der deutschen Musik heraus kommt. Er schreibt dort u. a. (nach der Neuen Musik zeitung" vom 2. Januar 1915): Mehrere Personen, besonders Klavierprofessoren, die nicht mehr von deutscher Musik sprechen hören wollen, fragen mich, wie man beim Klavierunterricht Sebastian Bach, Mozart und Beethoven ersetzen kann. Sie er setzen ist unmöglich und sie ausschließen unvor teilhaft. Man liebt Deutschland durch sie und das ist ärgerlich; aber das Deutschland, das sie darstellen, gleicht so wenig dem pangermanischen Kaiserreich von heute! Es war das Deutschland der kleinen Königreiche und .Herzog tümer, mit einem Germanismus, der stark gefärbt war mit329 französischer Kultur und italienischem Geschmack, In Wien wurden die Opern italienisch geschrieben und gesungen, wie es Don Giovanni und Figaro, Orpheus und Alceste beweisen. Es gibt einen dunklen Punkt im Werk Beet hovens: ein symphonisches Stück, betitelt: ,Die Schlacht von Vittoria oder der Sieg Wellingtons , sehr mittelmäßig übrigens, das als Köder diente, um das Publikum in das Konzert zu locken, in welchem man zum ersten Mal die un sterbliche I -äur-Symphonie hörte. Das ist das musikalische Gemälde einer historischen Tatsache, das ist keine Belei digung Frankreichs. Und die Tatsache liegt so weit zurück. Man braucht nicht die Deutschen nachzuahmen, die immer noch Postkarten verkaufen, auf denen der Brand des Heidel berger Schlosses dargestellt ist, und die mit Verachtung von Racine und Moliöre sprechen, während sie die .Jungfrau von Orleans von Schiller rückhaltlos bewundern, wo eine Johanna zu sehen ist, die in einen Engländer verliebt ist und die in den Armen Agnes Sorels stirbt! Machen wir Frieden mit der Vergangenheit; wir wollen nicht das Porträt des Erasmus von Holbein von der Wand holen, um es auf den Speicher zu stellen und wir wollen fortfahren, Unterricht in Geschmack und Stil bei dem göttlichen Mozart zu nehmen. Das was man tun muß und tun kann, ist, nicht alles zu unterdrücken, wie man es in der musikalischen Welt tut, was nicht zur deutschen Schule gehört oder was nicht von Deutschland protegiert wird, wie die Musik von Grieg, die bei uns eine unerhörte und ungerechtfertigte Gunst genossen hat, während sein Lands mann Svendsen, der meiner Ansicht interessanter ist, ebenso wie der Däne Gade, die nicht dieselbe Protektion genossen, bei uns verachtet werden. Für den Unterricht genüge jedem der wundervolle Gradus ad Parnassuni von Element!, die Etüden von Era- mer (Engländer), von Stamaty, Ravina und die berühmten Etudes von Ehopin. Man sebe die Nocturnes und Eon- certos von Field lJrländer) durch, ebenso wie die zahlreichen Kompositionen von Scarlatti (Sizilianer), die ersten Ranges sind. Endlich bat der schon erwähnte Gade, dessen sich Dänemark mit Recht rühmt, unter anderem reizende .Aqua-330 relles für Klavier hinterlassen! die glänzende russische Schule ist eine Goldgrube für Pianisten. Es genügt die Namen Balakireff, Rubinstein, Tschaikowsky zu nennen... In Frankreich haben wir, ganz abgesehen von den Zeit genossen, das Siebengestirn der Spinettkomponisten, und an ihrer Spitze unseren großen Rameau; näher bei uns Henri Reber, unter dessen absichtlicher Einfachheit sich eine große Stil-Sorgfalt verbirgt, Alkan und andere Rameau, der Zeitgenosse Bachs, war vor allem ein dramatischer Komponist; seine Schöpfungen für das Klavier können bei ihrer Kürze nicht mit jenen seines mächtigen Rivalen wetteifern. Nichtsdestoweniger haben sie großen Wert durch ihren Charakter und Originalität. Es ist sehr ungerecht, dies zu ignorieren, ebenso wie das was uns die alten französischen, englischen und italienischen Schulen hinterlassen haben, die das Recht auf Tageslicht haben neben der großen deutschen Schule". Den Ausführungen Saint-Saens über Wagner trat auch der bekannte deutsche Musiker Felix von Weingartner in einem charakteristischen Brief vom 17. Oktober 1914 ( Der Merkur") entgegen. Er schreibt: Meister! Ich schreibe Ihnen nicht als Feind. Trotz dieses trau rigen Krieges hege ich keinen Haß gegen die Franzosen und noch weniger gegen Ihre Musik. Ich las in einer Übersetzung Ihren Artikel im ,Leko de ?s,ris . Ich las ihn ruhig und mit der Hochachtung, die ich dem großen Künstler schulde. Aber am Schluß hatte ich den einzigen Wunsch, daß diese Übersetzung falsch, grund falsch sein möge, und daß ein schlechter Schriftsteller Ihren berühmten Namen mißbraucht hat. Sie protestieren gegen Wagner-Aufführungen in Frankreich. Das ist Ihre Sache, die mich nichts angeht. Sie sagen, daß die Musik eines Volkes seinem Charakter entspreche. Das ist bis zu einem gewissen Grade wahr. Sie ziehen aber daraus die ungeheuerliche Forderung, daß man in Wagners Musik die Greueltaten gegen Frauen und Kinder und die Beschießungen von Kathedralen höre.331 Meister! Ich hoffe von ganzem Herzen, daß diese Übersetzung ein schlechter Witz ist und daß Sie nichts zu tun haben mit jenen unglaublichen Worten. Ich versichere Sie, daß diese Hoffnung der einzige Grund ist, daß ich Ihnen und mir selbst die Ehre gab, Ihnen zu schreiben und Ihnen Ge legenheit gebe, sich zu rechtfertigen. Sollten Sie wirklich der Verfasser dieses Artikels sein, so bliebe für die musikalische Welt nichts als das Bedauern, daß ein Genie, dessen Auf gabe es wäre, mit edler Gesinnung voranzugehen, den Ver stand verloren hat. Gestatten Sie, Meister, den Ausdruck meiner voll kommenen Hochachtung." Die Antwort Camille Saint-SaönS lautete: Ich hätte Ihnen antworten können, wenn Sie nicht das Manifest unterzeichnet hatten, das alle Welt kennt." Man sieht, daß der französische Musiker eine sachliche Erwiderung nicht mehr fand und sich durch eine reine Ver legenheitsausrede über die Kläglichkeit der Situation weg zuhelfen suchte. Au einem inneren Streite unter den französischen Musikern kam eS, als der Pariser Kapellmeister und Kom ponist Vincent d Indy einen Brief an den Pariser Gemeinderat richtete, in dem er auffordert, dem Skandal ein Ende zu machen, daß im Herzen von Paris ein erzpreußischer Name schamlos forterklingt. Dieser erzpreußische Name ist Meyerbeer, nach dem eine Pariser Straße benannt ist. Vincent d Indy bezeichnet Meyerbeer als den einzigen wirklich preu ßischen Komponisten, da alle anderen deutschen Ton meister Sachsen oder Österreicher seien und Beethoven ein Belgier. Uberhaupt sei Preußen von jeher arm an großen Männern gewesen, wie denn auch der einzige nicht ganz unbedeutende Philosoph, den es hervorbrachte, nämlich Kant, in Wahrheit aus Schottland stammte. Was Meyer beer anbetrifft, so kommt zu seinem Preußentum noch hinzu, daß er nach Herrn Vincent d JndyS Schätzung ein recht mittelmäßiger Komponist" ist. Da aber ein französischer Musikus sich niemals öffentlich oder privat kundgeben kann.332 ohne auf einen anderen französischen MusikuS zu sticheln, so war eS in diesem Falle Herr Saint-SaenS, der, ohne ausdrücklich genannt zu werden, den landesüblichen Seiten hieb abbekam, und zwar in seiner Eigenschaft als Rufer im Streit derjenigen eingeborenen Tonsetzer, die den Völker krieg hauptsächlich als eine Gelegenheit auffaßten, die französische Bühne von Wagners tantiömengefährdender Ubermacht zu befreien". Herr Saint-Saens ließ den Hieb nicht auf sich sitzen. Es sei geradezu beleidigend für das französische Publikum, meinte er, Meyerbeer, der wenigstens ein lialbes Säkulum den Ruhm und Gewinn der französischen Musikbühnen ausmachte, nun mit einem Mal der Mittel mäßigkeit zu zeiben. Auch habe Meyerbeer sein Möglichstes getan, um sich dem französischen Geschmack anzupassen, während Wagner sich erkübnte, eine deutsche Kunst zu gründen und sie der Welt aufzudrängen, ja, die Heraus forderung so weit trieb, die Meistersinger" mit einem Hym nus auf die deutsche Kunst zu schließen! Der leinps", dessen Spalten das Schlachtfeld für dieses gewaltige Ringen abgaben, machte dem Streit ein Ende, indem er Vincent d JndyS Vorstoß für nicht so ernst gemeint erklärte, Herrn Saint-Saens aber daran erinnerte, daß just er es gewesen, der in der heroischen Zeit der Kämpfe um Wagner eine Lanze für den Meister von Bayreuth eingelegt und bei dieser Gelegenheit unter anderem das schöne Wort gescbrie- ben habe: Wirklich, der Patriotismus bat einen breiten Rücken, aber eS wäre vielleicht doch scbicklicber, eines der schönsten Gefühle der Menschheit nicht mit allen Saucen anzurichten". ... Unter der Spitzmarke Müßige Zänkereien" nahm zu dem Musikerstreite Victor Snell in der Humanitö" Stellung. Er versetzt zunächst Herrn Saint-SaenS einen Hieb, weil er den Krieg als Vorwand benutzt hat, um aufs neue seinem Zorn gegen Ricbard Wagner Luft zu macben. Dann kommt er auf die Meyer- beer-Hetze zu sprecben und fragt: Ist es nicht kleinlich, wenn man die gegenwärtigen Ereignisse benutzt, um Meyerbeer, der 1864, also sechs Jahre333 vor dem ersten deutsch-französischen Krieg, starb, etwas am Jeuge zu flicken? Und Mozart? Und Gluck? Wird man ihre Namen auch aus der Liste der Pariser Straßen ent entfernen und feierlich verfügen, daß .Figaros Hochzeit und .Orpheus" einen Dreck wert sind?" Snell schließt seine vernünftigen Betrachtungen mit den Worten: Wir haben leider andere Kämpfe auszufechten und andere Vergeltungen zu üben! Wenn man mit Flinten schüssen angegriffen wird, antwortet man nicht mit Nadel stichen." Der Versuch, aus dem echten deutschen Beethoven einen Belgier zu machen, kehrt auch sonst in der französi schen Presse ständig wieder. Daß Beethoven in Bonn ge boren wurde, in seinem Wesen und seiner Kunst durch und durch deutsch war, ja eher ein Franzosenfeind als ein Fran zosenfreund genannt werden kann, daß er die deutscheste Musik geschrieben hat, die wir besitzen, kümmert die Fran zosen wenig. Aus Flandern soll seine Familie stammen, also nimmt ihn Belgien für sich in Anspruch. Ja man be trachte ihn sogar als eine Art Märtnrer, den Deutschland seinem Vaterlande sozusagen mit List und Gewalt entwen det hat; man spielt ihn in Frankreich heute mit wahrer Ostentation, ein förmlicher Beethovenkult ist ausgebrochen, der sich gegen Deutschland kehrt! Dieser Stimmung gibt ein Sonett von Edmond Rostand Ausdruck, das die Runde durch die französische Presse machte. Wir lassen das Gedicht in deutscher Übersetzung von Rudolf Lothar folgen: Van Beethoven. Sein Blut ist nichts? Sein Name eitel Spreu? Sein Lied, das Heller Sterne Glanz umflicht, Der Schrei des Stolzes, seiner Güte Licht, Das ist ja Flandern selbst, ist Flanderns Leu. Deutsch die Eroica"? Oh nein! Getreu Der Freiheit stirbt ein Held für seine Pflicht. Und Belgiens bester König hält Gericht Und schenkt dem Land den besten Sohn aufs neu.334 Beethoven! Löwens Kind! Du trugst, verbannt. Die Maske des Erils im fremden Land, Prophet des Schmerzes, der im Vorwurf grollte. Und als der Taube nichts mehr hören sollte. Betäubt von Glockenklang brach er zusammen: Sie läuten Sturm in einer Stadt voll Flammen. Wie man dem deutschen Volke sogar aus seiner musi kalischen Begabung und Überlegenheit gegenüber andern Völkern ein Seil zu drehen versucht, zeigt ein Aufsatz des auch bei uns bekannten Dichters Pierre Mille im l empZ", der trauernd die Tatsache feststellte, daß die französischen Soldaten kein rechtschaffenes Lied mehr zu singen verstehen. Sie sind rein nicht mehr imstande, etwas anderes aus der Kehle zu bringen als die blöden Gassen hauer, bei deren Klang man sich fragt, ob man sich mehr über den schwachsinnigen, wenn nicht gemeinen Inhalt oder über die abscheulich flache Melodie ärgern soll. Und nicht nur der Krieger, auch der französische Aivilstand, meint Herr Pierre Mille, weiß nicht, was Musik ist. Da streiten sie jetzt, ob man Wagner oder Meyerbeer heftiger verpönen soll, aber im Grunde ist das ganz gleichgültig, denn weder der eine noch der andere wird jemals die mindeste Bedeutung für Frankreich haben, weil man in Frankreich die Musik nicht liebt, das heißt, man ,fühlt sie nicht, was die einzig richtige Art ist, sie zu lieben". Die Deutschen dagegen! Oh, ihre Soldaten sind in jeder Beziehung zu tadeln wir übergehen mitleidig die obligatorischen Schmähungen, die Herr Pierre Mille sich hier entringt aber es ist eine Pracht, wie sie singen. Ein Einwohner von Lille, von dem Herr Piecre Mille es hat, sah sie beim Einzug in die Stadt. Sie waren nicht schön anzusehen, aber sie sangen wunder bare Weisen, volkstümlich, doch nicht gemein, einfach und doch kunstreich. Da fühlte ich mich wirklich unglücklich", seufzte der Einwohner, denn ich mußte mir sagen: wir werden sie besiegen, gewiß, aber das werden wir niemals haben!" Wie mag das nur kommen? fragt Herr Pierre Mille, lind er hat auch gleich die Antwort bereit, eine Ant-335 wort, die sozusagen eine wissenschaftliche Entdeckung ist. Nämlich: Reiflich überlegt, ist es möglich, daß die auf einem gewissen Grad höherer Zivilisation angelangten Völker die Musik nicht mehr ,fühlen . Um das ehrliche und gesunde Gefühl für sie zu bewahren, muß man sich noch auf einer gewissen Stufe von Barbarei befinden. Das würde erklären, weshalb die Engländer und wir dies Gefühl schon lange verloren und weshalb die Deutschen es bewahrt haben. Somit, um die Musik zu lieben, müßte man wild genug geblieben sein, um leichten Herzens kleine Kinder massakrieren zu können!" Sollen nun wir uns ärgern? fragt hierzu der Bericht erstatter der Frankfurter Zeitung" (29. Januar 1915). Nicht doch, Herr Pierre Mille, denn wir wissen aus jener fernen Zeit vor dem Krieg noch genug von der in der Tat entschuldigen Sie das harte Wort mehr germanischen als gallischen Art Ihres Humors, um zu erkennen, daß Ihre Rede ein bloßer Scherz ist, eine bittere, tragische Parodie auf das harte Schicksal, dem jetzt die französischen Schrift steller verfallen sind: ein Körnchen Wahrheit nur in ganzen Eimern von Unrat unter die Leute bringen zu dürfen. Anstatt Ihnen zu zürnen, danken wir Ihnen vielmehr für das Lob unseres musikalischen Genies und bedauern mit Ihnen, daß kein Phonograph da war, die nach Ihrer Theorie ohne Zweifel über alle Maßen herrlichen Melodien auf zunehmen, mit denen der Neandertaler seine Höhle er füllte. Zu denen, welche sich an Schmähungen gegen Deutsch land nicht genug tun konnten, gehört Pierre Loti, der französische Romanschriftsteller (Verfasser des in Deutsch land vielgelesenen Romans Die Jslandfischer") und ehe malige Korvettenkapitän, jetzt Mitglied der französischen Aka demie. Er hat an Enver Pascha, den türkischen Kriegs minister, einen Brief geschrieben, den er im ^ixaro" ver öffentlicht. Der Brief, den die Tägl. Rundschau" mitteilt, will den Pascha überreden, seinen Einfluß dafür einzu setzen, in dem großen Weltkrieg nicht an die Seite Deutsch lands und Österreich-Ungarns zu treten. Loti umschmeichelt336 Enver Pascha als herrlichen Helden" und beschwört ihn, sich nicht den Feinden zu verschreiben. Er fährt fort: Ich will Ihnen sagen, was Sie wahrscheinlich noch nicht wissen: Die Deutschen begehen in Belgien und Frank reich, und zwar auf Befehl, dieselben Scheußlichkeiten, wie die Bulgaren sie in Ihrem Lande begangen haben. Und sie sind noch vielmehr zu verabscheuen, weil die Bul garen ungebildete Bergbewohner sind, die man fanati- siert hatte, während die Deutschen zivilisierte Leute sind. Sie sind aber von einer so eingewurzelten Roheit, daß die Bildung von ihren Seelen nicht hat Besitz ergreifen können, und man nichts von ihnen erwarten kann. Sollten wir wider Erwarten für eine Aeit lang unterliegen, so würden Preußen und seine Dynastie wilder Bestien trotzdem für alle Aeit an den Schandpfahl der Menschengeschichte angenagelt bleiben. Wie würde ich leiden, wenn ich sähe, wie unsere teure Türkei, nur von diesen Elenden getäuscht, sich in ein so schreckliches Abenteuer stürzte; mehr noch, wenn ich sähe, daß sie sich den Horden der letzten der Barbaren im Kampfe gegen Zivili sation beigesellten. Oh! Wenn Sie den unendlichen Abscheu kennten, der sich in der ganzen Welt gegen die preußische Rasse erhebt." Hierzu bemerken die Leipziger Neuesten Nachrichten" von? 15. Sept. 1ö14: Pierre Loti mit seinem bürgerlichen Namen Julien Viaud dürfte kaum so töricht sein, daß er selbst von der Wahrheit seiner Worte überzeugt ist. Uns bietet sich eben die traurige Erscheinung, daß die führenden Männer des gebildeten Frankreich in ihrer Teilnahme am Welt kampf die geistigen Waffen in derselben gemeinen Weise mißbrauchen, wie ihre im Felde stehenden Landsleute Dum-Dum-Gefchosse in die deutschen Reiben feuern. Für diejenigen, die Loti nur als Schriftsteller kennen und schätzen, mögen noch ein paar Worte über den Menschen Loti zur Aufklärung folgen. Nachdem Pierre Loti in seinem Bucb .Indien ohne die Engländer eine einzige flammende An klage gegen seine jetzigen Verbündeten geschrieben hatte, fühlte er sich zum Verfechter .wahrer Kultur berufen.337 Besonders unangenehm bemerkbar machte er sich im Bal kankriege, als er unter unzweifelhaft absichtlicher und ten denziöser Verkennung der von den anderen kriegführenden Nationen begangenen Grausamkeiten allein den Bulgaren die unerhörtesten Gemeinheiten zuschrieb. Obwohl Herr Loti aller Berichtigungen ungeachtet seine Vorwürfe auf recht erhielt, hielt er, der frühere Marineoffizier, eS dennoch nicht für notwendig, mit seiner Person für seine Worte ein zutreten. Als ein bulgarischer Offizier ihm im Namen der bulgarischen Armee eine Säbelforderung übersandte, war Herr Loti so vorsichtig, einen der berühmtesten französischen Fechtlehrer an seiner Stelle antreten zu lassen, der den Bulgaren denn auch prompt nach einigen Gängen abführte. Das ist Herr Pierre Loti, der jetzt den Türken ihre Sym pathien vorschreiben will." Mit welchem Genuß mag Enver Pascha diese arro ganten Phantastereien des schwülen Haremspoeten ge nossen haben; vielleicht erinnerte er sich dabei, wie ungerecht, feindselig und verleumderisch die gesamte französische Presse, mit wenigen Ausnahmen, die schwergeprüfte Türkei wäh rend des Balkankrieges behandelt hat. Damals sprach man ausschließlich nur von türkischen Greueln! Trotz seines hohen Alters (64 Jahre) hat sich Loti der französischen Regierung zur Verfügung gestellt; sein Freund Gallieni übernahm ihn in seinen Stab. Die Be schießung von Papeete auf Tahiti hat nun den alten Marine offizier auch als Schriftsteller auf den Plan gerufen, denn Loti hält sich für besonders berufen, über alles, was Tahiti angeht, seine Meinung zu sagen, da er lange auf der Insel gelebt und sie in mehreren exotischen Novellen verherrlicht hat. Er ergeht sich in folgenden Schmeicheleien (übersetzt im Deutschen Kurier", 16. Okt. 1914): Tahiti, die Insel, an die ich kaum noch dachte, ist mir durch einen Zeitungsartikel plötzlich wieder ins Ge dächtnis gerufen worden: es war dort erzählt, daß die Deutschen dagewesen seien und alles getötet und geplün dert hätten (was natürlich Schwindel ist! Die Red.). Und die Kommandanten der beiden Kreuzer, die, ohne etwas zu riskieren, sich diese schamlose Feigheit gegen eine Der Krieg der Geister. 22338 arme offene kleine Stadt, die an nichts Böses dachte, zuschulden kommen ließen, können nicht einmal zu ihrer Entschuldigung anführen, daß sie nur einen Befehl des ent setzlichen Kaisers ausgeführt hätten, nein, sie waren ja am anderen Ende der Welt; sie hatten das also ganz allein gefunden und haben es aus der ihnen angeborenen teu tonischen Wildheit heraus getan Ich traf gestern auf einem der Forts von Paris einen alten Unteroffizier der Marine, der früher zwei- oder dreimal unter meinem Befehl zu Schiff gefahren war. Er scheint mir für die Preußen den passendsten Namen, der ihnen ewig anhaften soll, gefunden zu haben. .Sehen Sie, mein Kommandant sagte er, ,wir hatten zusammen alle Art von Wilden, die mit schwarzer Haut, die mit gelber Haut (damit sind offenbar Frankreichs Freun de, die Japaner, gemeint. Die Red.) und die mit roter Haut, und ich glaubte, daß es niedriger stehende Menschen gar nicht geben könne. Aber jetzt sehe ich, daß es doch noch schlimmere gibt,dieseschmierigenBurschen mit rosigerSchwar- te!" Tahiti also, wo niemals Blut geflossen war, Tahiti, das mitten im Meere als ein kleines unschädliches Eden liegt, hat den Besuch der Wilden mit rosiger Schwarte erhalten. Und ohne Nutzen, aus Sport gleichsam und aus bloßem Vergnügen, so viel Schaden wie nur irgend möglich zu stiften, haben diese Wilden in der Bucht von Papeete mit der ewigen Ruhe, den immer grünen Bäumen und den immer blühenden Rosen einen Haufen von Trümmern und von Leichen zurückgelassen. Das hat sich allerdings bei den Antipoden ereignet, und es ist so wenig im Vergleich mit den rauchenden Fleischhaufen, die in Frankreich und Belgien den Weg der verfluchten Armee bezeichnet haben. Aber es muß trotzdem darauf hingewiesen werden, denn es ist von einer noch nutzloseren, törichteren Grausam keit " Wie man in Frankreich auch den geringsten Einlen- kungSversucb vereitelte, das mußte Frankreichs feinster dichterischer Kopf unter der jetzt lebenden Generation Anatole France erfahren. Er hatte Ende September einen Brief an den339 22* sozialistisch-nationalistischen Deputierten Herve gerichtet, in dem er, aus Anlaß der Beschießung des Domes von Reims, der allgemeinen Stimmung das bedauerliche Ein geständnis machte, die deutschen Truppen als Barbaren" zu bezeichnen und Deutschland als Feind aller Zivilisation hinzustellen. Aber Anatole France gelangte dann zu Schluß folgerungen, die dem erhitzten Chauvinismus nicht gefielen: er erklärte, Frankreich müßte die Deutschen, wenn sie be siegt werden sollten, als Freunde aufnehmen. Wegen dieses bescheidenen Schlußsatzes haben einige Pariser Blät ter und, wie Anatole France mit leiser Ironie sagt, aus gezeichnete Personen", dem Dichter ihre Unzufriedenheit zu erkennen gegeben. Das hat den folgenden Brief France s an den Kriegsminister veranlaßt: Von vielen ausgezeichneten Personen wurde mir gesagt, daß meine Schriftstellerei in Kriegszeiten keinen Wert habe, und da es wohl sein kann, daß sie recht haben, höre ich hiermit auf, zu schreiben. Ich bin nicht mehr ganz jung, aber bei ausgezeichneter Gesund heit. Machen Sie einen Soldaten aus mir." In einem weiteren Brief an Gustave Hervö schrieb er darüber Ende Oktober: Ich bin noch tief betrübt, wenn ich denke, daß man wie aus gewissen Deutungen meines Briefes ersichtlich ist glauben konnte, ich nähme nicht voll und ganz Anteil an dem einmütigen Aufschwung, der die Zivilisation gegen die Barbarei ins Feld gerufen hat. Ich schrieb deshalb an Millerand jenen Brief, über den einige gelächelt haben. Im Kriegsministerium ist mein Anerbieten durchaus nicht geringschätzig aufgenommen worden; aufrichtig und restlos bot ich dem Vaterlande meine letzten Lebenstage an, und man hat das Opfer angenommen, was mich Sie dürfen mir das glauben überg ücklich macht. Ich habe mich ver pflichtet, nicht mehr zu schreiben: ich betrachte mich schon als Soldat und bin, ich wiederhole das noch einmal, sehr glücklich. Nicht als ob ich mich über meine militärischen Fähig keiten oder über die Dienste, die ich in meinem Alter noch leisten kann, irgendwelchen Täuschungen hingäbe aber je näher ich dem Heere bin, desto näher fühle ich mich in340 diesen schrecklichen Stunden der Seele meines Landes. Im Kriegsministerium hat man erkannt, welch tiefe Empfin dung mich veranlaßte, zu handeln. Mit Feingefühl und unendlichem Zartsinn bemühte man sich, meinen Wunsch, dem Vaterlande zu dienen, mit den militärischen Vorschrif ten und meinen persönlichen Eigenschaften in Einklang zu bringen. Ich brauche jetzt nur noch zwei oder drei notwen dige Förmlichkeiten zu erfüllen, dann bin ich Soldat. Ge meiner Soldat und stolz darauf, daß ich es bin. Wenn mir unter den gegenwärtigen Umständen nicht gestattet worden wäre, meinem Lande in der Uniform des Soldaten zu dienen ich glaube, ich wäre vor Schmerz gestorben..." Anatole France zog also trotz seiner 7V Jahre noch die Uniform an. An ihn richtete sich in einem Leitartikel des BerlinerTageblattes" vom 5. Oktober, dessen Chefredakteur Theodor Wolff mit folgenden Sätzen, die auch sonst kennzeichnend für die französische Geistesverfassung sind: Daß Frankreich, dessen Boden zum zerstampften Schlachtfeld geworden ist, für den eindringenden Feind keine Segenswünsche haben kann, verstehen wir sehr gut, und wir können höchstens konstatieren, daß manchmal der Mensch sich doch zum Menschen findet, der französische Verwundete die versöhnende Aussprache mit dem deutschen Verwundeten sucht. Daß die französische Presse, die seit Jahren, gegen den Wunsch des friedliebenden Volkes, jede Friedenspolitik verhinderte, jetzt mit keifender Stimme den Gegner herab würdigen möchte, überrascht uns nicht, und wir haben ja auch Leute, denen zwar nicht eine so hinterhältig perfide, aber doch eine möglichst laute Sprache als die Sprache der Männlichkeit gilt. Daß die beiseite gestellten Erminister Pichon und Hanotaur alle Worte des Hasses gegen uns häu fen, läßt uns kühl, und wir begnügen uns mit dem Gedanken, daß ihr Geschreibe genau so töricht erscheint, wie ihr Han deln gewesen ist. Daß ein aufgeregter, nie im Gleichgewicht sich haltender Politiker wie Pelletan im .Natm" einen wüsten Artikel ,8on Gott veröffentlicht, gehört in das all gemeine Bild, und wenn er uns die Zerstörung der fran zösischen Kathedralen und Wohnstätten vorwirft, könnten341 wir antworten, daß man ihn in seinem Lande den Zerstörer der französischen Marine nennt. Das alles kann vielleicht gar nicht anders sein. Aber daß auch Anatole France geglaubt hat, sein Wort gegen die .Infamie und gegen die .Barbaren sagen zu müssen, tut uns aufrichtig leid. Denn Anatole France ist nicht nur ein Dichter, der himalajahoch über dem Gewimmmel der Literaturfabrikanten steht. Er hat auch immer das grobe Schlagwort und die geölte Phrase skeptisch zurückgewiesen und die gangbare Massenwahrheit ironisch zerpflückt. Dieser große Ungläubige hat mit feinem Lächeln die innere Gebrechlichkeit so vieler geheiligten Grund sätze und geschichtlichen Traditionen gezeigt. Und er glaubt jetzt das, was ein leidenschaftlich tobender Chor durch die Gassen schreit. Wir bilden uns gewiß nicht ein, daß wir alles ethische Empfinden für uns allein besitzen, und auch unsere Staats lenker haben in der Vergangenheit manchen politischen Feh ler gemacht. Nach dem Friedensschlüsse wird eine Aussprache über manche Unterlassungen und manche Maßregeln nicht zu vermeiden sein, aber jetzt ist dazu keine Möglichkeit. Jeder, der sich den klaren Sinn bewahrt, weiß auch, daß in Kriegszeiten immer einzelne Individuen die Schranken durchbrechen werden, die ihnen von den strengen Geboten der Heeresleitung und den allgemeinen Grundgesetzen ge zogen sind. Aber wenn die Turkos und die Singalesen, die Japaner und die Kosaken, die Neger und die sonstigen .fremden Hilfsvölker von der Pariser Presse und der Menge bejubelt werden kann Anatole France glauben, daß man mit solchen vielfarbigen Horden das Leben und das Eigen tum einer Bevölkerung sichert und die Zivilisation beschützt? Wie würden die deutschen Städte und Dörfer aussehen, drängen diese schwarzen und gelben Banditen bei uns ein? Und würde die Heuchlerwelt uns nicht mit allen Bann flüchen bedrohen, hatten wir die Hereros zum Kampfe gegen Europäer geführt? An einem jener Tage, an denen er in seinem Hausmuseum Freunde und Schüler um sich schart, sprach der wissensreiche und immer noch wißbegierige Anatole France mit einem heimgekehrten Afrikaforscher über die Negerstämme und ihre Mentalität. Ich erinnere342 mich nicht, daß man zu dem Ergebnis kam, diese Völker seien von tiefem Respekt vor europäischer Menschenwürde beseelt. Und die Mordtaten, von denen, unwiderlegbarer als jede Erzählung, die lange Liste der getöteten deutschen Ärzte zeugt? Anatole France ahnt nichts von der Abscheu lichkeit dieser Überfälle, weil die französische Presse sie verschweigt. Das Schweigen wäre entschuldbar, denn auch die französischen Zeitungen stehen unter der Jensur, aber schimpflich ist es, daß die schreiende Schar der so schnell nach Bordeaux geflüchteten Pariser Zeitungsschreiber das heldenhafte deutsche Heer mit ihrem Unrat bewirft. Es gab eine Zeit, wo der mit Zola und Jaur6s für Dreifuß kämpfende Anatole France gegen die ,presse iinmooäe" redete und schrieb. Hat er vergessen, welches Vertrauen sie verdient? Noch eine andere Erinnerung taucht auf: eine Erinne rung aus den Tagen der russischen Revolution. In all den Versammlungen, in denen damals französische So zialisten und russische Studenten zornige Verwünschungen gegen den Aarismus schleuderten, saß Anatole France am Ehrentische. Er hat die Politik der Poincars und Delcassö, die das französische Volk dem Zaren dienstpflichtig machte, immer mit Widerwillen und Argwohn gesehen. Er hat hinter der journalistischen Russentreue immer den Rubel und hinter der angeblichen russischen Schutzwehr die lau ernde Gefahr erkannt. Jetzt marschiert das deutsche Volk gegen den Kerkermeister der Peter-Paul-Festung, in welcher die russische Intelligenz angekettet ward, und das deutsche Volk wird mit dem Ergebnis dieses Krieges nur zufrieden sein, wenn es der Russengewalt in Europa ein Ende macht. Es ist nicht unsere Schuld, daß die Westmächte sich auf den Kampfplatz drängten, und der .Zwischenfall Lichnowsky" beweist, wie wenig uns an dem Kampf mit ihnen lag. Es ist nicht unsere Schuld, daß Herr Poincare, noch durchglüht von dem Petersburger Händedruck, sein Volk zu Ehren des Aaren ins Gemetzel warf, und daß er und Delcassö, ver führt durch den stärkenden Zuspruch Greys, Frankreichs Glücksstunde anbrechen sahen. Es ist nicht unsere Schuld, daß Frankreichs bester und klarster Geist sich durch den Mas-343 senwahn tauschen laßt und den wahren Ursprung all des niederdrückenden Unheils vergißt, und wir können nur hoffen, daß er seine skeptische Abneigung gegen Schlag worte und Legenden wiederfinden wird. Weil er, nach seinem etwas erzwungenen Aornesausbruch, dann doch von einer künftigen Freundschaft mit Deutschland sprach, ha ben die Unversöhnlichen ihn heftig angepackt, und er hat sich nun ein philosophisches Schweigen auferlegt. Vielleicht wird dieser Kenner bald wieder die gefälschten Münzen von sich werfen, die man jetzt in der öffentlichen Meinungs werkstatt prägt." Das oben zitierte Schweigegelöbnis hat Anatole France nur schlecht gehalten; kurze Zeit später dankt er in einem offenen Briefe dem Präsidenten der portugie sischen Akademie der Wissenschaften, Thsophile Braga, der in einem Manifest von der Verherrlichung des teu tonischen Wandalismus" durch die deutschen Intellektuellen, diesen entarteten Intelligenzen", spricht. Im ?etit?sn- sien" hat er dann noch Mitte Dezember folgenden naiven Aufruf an die französischen Soldaten ergehen lassen: Freunde! Damit Ihr nicht nutzlos gelitten haben sollt, und damit das Blut der Kinder und die Tränen der Mütter nicht vergeblich geflossen sein sollen, ist es notwendig, daß Deutschlands militärische Macht vollständig zerschmettert und daß dieses Barbarenvolk jeder Möglichkeit, seinen Traum von Weltherrschaft fortzusetzen, beraubt werde. Die Auf gabe ist groß. Ewiger Ruhm und Segen wird aber in Eueren Schoß fallen . Ihr werdet die Unterdrücker vernichtet haben, indem Ihr Elsaß-Lothringen an Frankreich, Triest und Trient an Italien wiedergebt, Freiheit und Un abhängigkeit wieder errichtet, das Völkerrecht wieder ein führt, ein neues harmonisches Europa gründet und den Abschluß eines dauernden wirklichen Friedens ermöglichen werdet. Und Ihr werdet von Euren Nächsten geliebt und zu den größten der Geschichte gezählt werden." Der auch den deutschen Lesern so gut bekannte fran zösische Romanschreiber Georges Ohnet hat nach der Tägl. Rundschau" vom 9. Januar 1915 sein344 Kriegstagebuch veröffentlicht. Er sagt darin über die französischen Freunde eines baldigen Friedens und die Verbreiter von Friedensgerüchten folgendes: Diese Verbreiter von Gerüchten sind ebenso gefährlich wie die Feinde. Sie bringen ihre Jeit damit zu, das Ver trauen zu zerstören und die öffentliche Meinung zu erschüt tern. Diese Unruhverbreiter bedeuten für Deutschland so viel wie ein neues Armeekorps. Das sind Furchthasen, die ihre eigene Besorgnis weiterverbreiten wollen." Daß sich tatsächlich trotz allem anbefohlenen Optimismus der Wunsch nach Frieden regt, kann auch Ohnet, so gern er es möchte, nicht bestreiten. Er begnügt sich aber damit, den Friedenswunsch in erster Linie den französischen Frauen zuzuschreiben. Seine hierauf bezüglichen Ausführungen verdienen Aufmerk samkeit, wenn sie natürlich auch nichts anderes sind als die Feststellung eines Symptoms, das vorläufig keinen entschei denden Einfluß haben kann. Er sagt: Man muß den Mut haben, die wesentlichen Wahr heiten zu sagen, selbst wenn man damit die Anschauungen vor den Kopf stößt. Gegenwärtig läßt sich eine Strö mung in der öffentlichen Meinung verfolgen, die auf die Möglichkeit eines nahen Friedens hin zielt. Es ist gefährlich, daß sich die Frauen an der Spitze dieser Bewegung befinden. Sie beginnen, wie in dem Aristophanischen Stücke damit, daß sie sich über die Lange des Krieges beklagen. Es sind jetzt bald fünf Monate, daß die Feindseligkeiten begonnen haben. Der Winter naht, wird man sich so bis zum Frühling schlagen?" Ohnet erinnert daran, daß die Engländer einen drei jährigen Krieg ins Auge fassen und ihre Exerzierplätze in Frankreich auf drei Jahre gemietet haben! Drei Jahre! Unmöglich rufen die Frauen, ,wir haben unsere Männer, Brüder, Kinder unter den Fahnen. Soll das Leben 36 Monate lang unterbrochen werden, und soll der Tod die Männer zu Tausenden hinmähen bis zur völligen Erschöpfung der einander gegenüberstehenden Streitkräfte?" Ohnet tritt diesem Friedenswillen entgegen, indem er345 sich das System der französischen Presse zu eigen macht und die Kriegsunlust mit aufreizenden Geschichten von unglaub lichen Greueltaten der Deutschen, die Rache verlangen, bis den Barbaren das Lachen vergeht" und sie in ihrem eigenen Lande furchtbar heimgesucht werden können, zer streuen will. Da auch General Joffre selber das Märchen verbreitet, wir töteten alle Gefangenen, so ist klar, daß die französischen Freunde eines Sonderfriedens mit Deutsch land und die Warner vor der Ausbeutung Frankreichs durch das treulose England" durch diese verlogene Agi tation geschwächt und ungefährlich gemacht werden sollen. Ein ruhigeres Urteil als andere hat sich der auch in Deutschland hochgeschätzte Bildhauer Auguste Rodin bewahrt, der dabei das Pech hatte, daß eine Fliegerbombe über seinem Atelier platzte. Er ist darauf nach Cheltenhani in England geflüchtet und hat sich einem italienischen Schrift steller gelegentlich eines Besuchs Ende November so ge äußert: Warum schleudert die Welt den Bannfluch gegen die Deutschen, welche die Bauwerke eines früheren Genies mit der groben Sprache ihrer Geschosse grüßen? Die Welt müßte doch wissen, daß lange vorher die Kunst von dem kleinbürgerlichen, trivialen Geiste des neunzehnten Jahr hunderts zu Tode getroffen ward! Nichts, gar nichts wurde geschont. In Brüssel hat der junge König Albert, um sich als modernen Menschen und als Gegner jeder Liebe für das Alte zu zeigen, sogar die altehrwürdigen Quartiere des siebzehnten Jahr hunderts niederreißen lassen! Abscheuliches geschah lange vor dem Krieg in Paris, aber auch in Venedig, in Florenz, in Genua." Der greise Künstler hofft aber dort auf eine Befreiung aus seiner freiwilligen Gefangenschaft" durch Russen, Jndier, Kanadier und Australier! Nachher", so soll er die obenerwähnte Unterredung geschlossen haben, werden die Deutschen sich wohl oder übel in ihren Festungen ein schließen müssen". (!) Einer anderen Meldung nach hat er die ganze Sa mm-346 lung seiner Plastiken, die im South Kensington Mu seum ausgestellt war, im ganzen etwa 20 Werke, der bri tischen Nation zum Geschenk gemacht. Darunter befinden sich Das eherne Zeitalter" und Der gefallene Engel". Au einer abweichenden Meinung über den Wert der englischen Waffenbrüderschaft, die Rodin so königlich be lohnen zu müssen glaubt, hat sich ein französischer Uni versitätsprofessor für deutsche Sprache und Literatur bekehrt, der zurzeit als Kriegsgefangener auf dem Hohen- alpberg bei Stuttgart weilt. Der Gelehrte hat unter dem Titel Meine arme Normandie Anfang November ein Gedicht in deutscher Sprache verfaßt, dessen letzter Vers lautet: Als wir, die gefang nen Feinde, Drunten zogen durch die Stadt Still und ernst stand die Gemeinde, Manches Auge Tränen hatt Für uns. Rohe Sieger hätten Wut und Hohn und bittern Spott; Doch sie achten auch in Ketten Uns als Brüder noch vor Gott. Wer ist s, der den Brand entfachte. Der dies stolze Volk umloht, Wer ist s, der uns glauben machte. Daß es frevelnd uns bedroht? Frankreich! Deine Söhne sterben. Deine Marken sind zerstört Nicht durch Feindes Schuld, Verderben Schuf der Freund, der dich betört. Falscher Freund, er raubt für immer, Was dir Ruhm und Glanz verlieh, Und es stürzt mit dir in Trümmer Meine arme Normandie !" Bis zu welchem Grade rohester Beschimpfung lang genährter Haß und die durch die Niederlagen erzeugte hoch gradige Nervosität selbst angesehene französische Gelehrte wie347 Frsdöric Masson von der ^eackemie kr^llysise" gegen ihre deutschen Kollegen verleitet, und wie selbst die angesehensten Blätter von Paris sich nicht schämen, solche Roheiten zu veröffentlichen, davon gibt ein offener Brief im Leko äs?aris", den der Adressat dem Verl. Lok.-Anz." zur Verfügung stellt, den deutlichsten Beweis: An Seine Exzellenz Herrn Wilhelm v. Bode, Generaldirektor der Königl. Museen von Berlin. Niemand kann die erdrückende Stellung leugnen, die Sie im Antiquitätenhandel und selbst, wie man behauptet, in der Domäne der Kunst einnahmen. Sobald ein Lieb haber, besonders aber ein Händler die bedeutungsvollen Worte: .Bode hat gesagt ausgesprochen hatte, blieb nichts übrig, als zu schweigen. Sie hatten die Kunst gefunden und übten sie aus, Gemälde auf .neu aufarbeiten zu lassen, so daß abschreckende Bilder, die Sie aufgestöbert hatten, indem Sie sie aufkochten, putzten, mit Bimsstein abrieben, scheuerten, Meisterwerke wurden, von denen man nicht mehr wußte, ob man Chardins oder Fragonards, Watteaus oder Bouchers vor sich hatte; eins war sicher, man hatte .Bodes . Sie waren und gewiß Sind sie es noch immer unfehlbar; Sie waren es, der falsche Rem- brandts taufte und umtaufte, und Sie erfreuten sich in der ganzen Welt einer solchen Autorität, daß Ihr Urteil unanfechtbar war. Diese Kraft Ihrer Autorität imponierte: .Ohne den deutschen Militarismus , sagten Sie in dem berühmten Manifest, unter welches Sie als einer der ersten Ihre Unterschrift setzten, .würde die deutsche Kultur seit langer Jeit aus der Kultur der Welt verschwunden sein . Man konnte nicht fehlgehen, hinter Ihren Argumenten die Mündung einer Kruppschen Kanone herauszufühlen. Wenn der Boden unter Ihren Füßen zu schwanken begann und ganz Europa Sie der Unwissenheit, des Böotiertums, des Mangels an Geschmack und Kritik überführte, wie bei der berühmten Angelegenheit der Wachsbüste im Kaiser- Friedrich-Museum, dann riefen Sie zu Ihrer Unterstützung den Kaiser selbst herbei. Einem Manne, der das gewöhnliche und banale Werk eines Richard Cockle Lucas mit einem Werke348 Lionardos verwechselt, kann man auch zutrauen, daß er sich ebensowenig auf Donatello, Rembrandt, die Statuetten der italienischen Renaissance oder auf orientalische Teppiche versteht, über alle diese Sachen haben Sie anzählige Bände geschrieben. Sie sind ja universell, und um Ihre Erzeugnisse abzu setzen, verachten Sie weder den französischen noch den eng lischen Markt. Da eine Anzahl Ihrer Werke gerade die teuersten mit Text in drei Sprachen im Handel erschienen sind, anerkannten Sie sogar unsere französische Zivilisation, wenn sie Ihnen 16 oder 20 Louisdor einbrachte. Sie ver achteten auch nicht die kleinen Profite, und unsere Kunst zeitschriften fühlten sich hochgeehrt, wenn Sie ihnen, für Geld, einen der Aufsätze überließen, in denen Sie im Ma gisterton die unwissenden Franzosen belehrten. Und man hörte Ihnen zu, man bewunderte Sie, man öffnete Ihnen nicht nur die Museen, sondem auch die sonst schwer zugänglichen Privatsammlungen. Bedenken Sie, mein Herr, daß Sie als Gast empfangen wurden, angesehen wie ein hervorragender Gelehrter, um Rat gefragt wie ein Orakel! Was taten Sie indessen? Mit einem Stück Wachs der unglücklichen Vincibüste nahmen Sie den Abdruck der Schlösser, und in Ihr Notizbuch, in das Sie, wie man wähnte, lichtvolle Vergleiche eintrugen, schrieben Sie einfach Auf schlüsse für Ihre Raubabsichten auf. Man bestätigt, daß Sie in dem Museum in Brüssel, in dem Sie als Freund empfangen worden sind, die beiden Flügel des Polyptichons des van Eyck ,Die Anbetung des Lamms gestohlen haben, um sie nach Berlin zu senden. Berlin hatte schon sechs dieser Flügel, nun wird es acht haben! In St. Bavo in Gent ist das Mittelstück des Altars, Sie kennen es wohl; die Pho tographische Gesellschaft in Berlin hat sich, dank Ihnen, das alleinige Recht der Reproduktion desselben gesichert. Euer Exzellenz werden nicht verfehlen, Ihren kleinen Raub zug in St. Bavo zu vervollständigen. Man hörte seit kurzem nicht mehr sprechen von dem Bande der Sammler; das war wohl, weil Euere Exzellenz mit den Vorbereitungen zum Kriege beschäftigt waren. Hoffen wir also, daß man Ihnen bald Muße zum Arbeiten verschaffen wird in einem349 der Häuser, von denen die Kunst verbannt ist, aber in denen die Rauber ihre sündhafte Begier nach der Verurteilung abbüßen. Dies wird Ihnen erlauben, die letzte Hand an Ihre Arbeiten zu legen, die die Akademien mit ihren Aner kennungen belohnen und um die unsere Zeitschriften sich streiten. Ehedem beschäftigte man solche Räuber mit der Anfertigung elender Tabaksdosen aus Kokosnußschale in den Juchthäusern von Brest und Toulon." Der Schreiber stützt sich dabei offenbar auf einen im ^RiZÄro" erschienenen Artikel IIn Amateur", der viel Ge hässigkeit und wenig Sachkenntnis zeigt. Am Schluß des Berichtes heißt es: Ein Belgier, der dem Jammer der Belagerung Brüssels glücklich entfloh, hat einem der Konservatorien des Louvre angezeigt, daß Herr Bode in eigener Person aus dem Museum der unglücklichen ruhmreichen Stadt van Eycks berühmte Gemälde Teile des ehemaligen gro ßen Polyptychons von St. Bavon entwendet hat." Wann diese Entwendung" stattfand, sagt der ?i- Zaro" nicht; sie müßte aber schon vor längerer Zeit erfolgt sein, denn im weiteren Verlaufe des ?iA ro"-BerichteS heißt es: Man versteht jetzt die rätselhaften Zeilen im Baedeker: ,Adam und Eva des van Eyck befinden sich noch immer im Brüsseler Museum ). Demnach muß der Verfasser dieser Zeilen von dem Amateur Wilhelm v. Bode inspiriert worden sein." Der Generaldirektor der Königlichen Museen Wilhelm von Bode weist diese unsinnigen Anschuldigungen im Berl. Tagebl." vom 28. Dezember mit den Worten zurück: Es ist ein Zeichen der Zeit, daß man bei unseren Gegnern zu den Mitteln der Verleumdung greift. Selbst verständlich sind die Behauptungen unwahr, und die ) Die Firma Baedeker in Leipzig erklärt, daß diese Worte sich in diesem Reisehandbuch gar nicht finden, wo es viel mehr in allen drei Ausgaben (Deutsch, Französisch, Englisch) ganz richtig heißt: Adam und Eva sind seit 1861 im Brüsseler Museum."350 Herren, die mich des Diebstahls bezichtigen, können sich schon in den nächsten Tagen durch den Augenschein überzeugen, daß die Bilder sich noch in Brüssel be finden. Denn Herr v. Bissing hat angeordnet, daß die öffentlichen Sammlungen in Belgien, soweit sie nicht in Städten sind, wo sie infolge des Krieges noch gefährdet werden könnten, der öffentlichen Besichtigung freigegeben werden. So wird man also schon in den nächsten Tagen van Eycks ,Adam und Eva in Brüssel besichtigen können. Nebenbei gesagt war ich überhaupt nicht in Brüssel. Wenn die Bevölkerung von Brüssel von einem Martyrium spricht, so kann ich sagen, daß vielmehr unsere deutschen Offiziere und Soldaten Opfer eines Martyriums waren, indem sie die Angriffe seitens der Bevölkerung mit großer Geduld ertragen. Es ist nicht beabsichtigt, auch nur ein Bild aus den belgischen Sammlungen zu entführen. Lediglich jene wenigen Kunstwerke, die unter Napoleon im Jahre 1814 aus deutschen Kirchen und Samm lungen geraubt wurden, werden, soweit als möglich, wieder zurückgenommen werden." Erfreulich ist es, daß sich auch in Frankreich Stimmen hören lassen, welche eine Herabsetzung des Gegners durch lügenhafte Schilderungen in der französischen Presse energisch entgegentreten. So bringt die Hunianitö" am 11. Dezember einen Leitartikel von Pierre Nenaudet mit der Uberschrift: Der Wahrheit ins Gesicht", welche lautet: Ich hatte, offen gestanden, eine reine Freude, als ich gestern in der ?atns" den offenen Brief eines Soldaten von der Front an Emile Faguet las. Derselbe Brief hätte ebenso gut an die Mehrzahl unserer Journalisten ge richtet sein können, die ihr Geschreibsel mit all seinem Un sinn für so wichtig halten, daß sie gern die ganzen Kammer verhandlungen ausfallen ließen, wenn ihre Artikel dafür abgedruckt würden. Herr Faguet hatte geschrieben: Was die Deutschen als Soldaten nach dem Norden351 geschickt haben, sind beinahe Greise oder reine Kinder. Es sind ihre letzten Kräfte oder besser Schwächen." Hierauf antwortete ihm die Zuschrift mit einer Deut lichkeit, die nichts zu wünschen übrig läßt: Warum wollt Ihr Herren Akademiker und Mode schriftsteller dem Publikum durchaus einen ohnmächtigen Gegner oder eine Armee von Greisen, Invaliden und hal ben Kindern vormalen? Fürchtet man sich hinter unserem Rücken ,im Hintergrund vor der nackten Wahrheit einer furchtbaren Kraft, die durch die Begeisterung einer tapfer kämpfenden Armee noch verzehnfacht wird? Oder ist es ein Verbrechen, auszusprechen, daß das Heer unserer Gegner aus Soldaten besteht, die ihren Beruf verstehen und ihn bewunderungswürdig ausüben, wodurch sie für uns furchtbar sind und der Kampf endlos wird? Verehrter Herr Akademiker, statt von Greisen und Kin dern zu sprechen, sprechen Sie lieber davon, wie es wirk lich ist. Sprechen Sie von dem furchtbaren Feinde, gegen den Frankreich ringt, siegreich (?!), aber unter Aufopferung seiner gesamten kampfesfreudigen Jugend. Sprechen Sie das aus, Herr Akademiker, und die Taten aller werden erst im rechten Lichte erscheinen, vom Niedrigsten bis zum höch sten, vom gemeinen Manne bis zum Armeechef, die mit dem eigenen Körper, mit Geschützen und mit allen Mitteln der Kriegskunst die mächtigste Kriegsmaschine der Neuzeit bekämpfen. Man muß der Wahrheit ins Gesicht sehen." Diese Tendenz ist die gleiche, die auch der deutsche Schriftsteller Arthur Bonus im März" Anfang Oktober in einem Artikel Wider die moralische Sentimentalität betont. Er sagt, er habe in den deutschen Zeitungen vergeblich nach einer Äußerung der alten germanischen Feindesachtung gesucht". Er fügt hinzu: Neulich unterwegs ein Verwundeter, der aus dem Krieg kam, schenkte mir ein Wort aus der Richtung, in der ich suchte: ,Die Franzosen schlagen sich sehr gut, mit dem Unterschätzen ist es nicht getan! Und, obwohl er352 sich freute, wieder in die Front zu kommen, sorgte er auch im weiteren Gespräch, das ich als dritter anhörte, dafür, daß Licht und Schatten gleich verteilt wurden. Das tat wohl nach dem Bramarbasieren. Möchte es unseren Krie gern gelingen, den verleumderischen und hetzerischen Ton eines Teils unserer Presse zu überwinden, der sie im Voraus ihrer Lorbeeren beraubt, indem er verbreitet, daß ihre Siege gegen Feiglinge und Unwürdige erfochten werden." Unwichtig ist hieran nur, daß der Tadel Bonus auf die ganze deutsche Presse sich erstreckt; es gibt eine Anzahl rühmlicher Ausnahmen, die es verschmähen, mit jenen französischen und englischen Blättern und soviel neutralen" zu wetteifern, die in der Herabsetzung und Beschimpfung des Gegners so Außerordentliches leisten. Ein Musterbeispiel französischer Phrasenkunst ist auch die Rede des Ministerpräsidenten Viviani in der Tagung des französischen Parlaments vom 22. Dezember 1914, auf die hier nicht näher eingegangen zu werden braucht. Ihr Inhalt ist widerlegt durch den Runderlaß des deutschen Reichskanzlers Bethmann Hollweg an die Kaiserlichen Botschafter und Gesandten vom 24. Dezember 1914. Wie verschieden deutsche und französische Auffassung von Waffenehre sind, zeigt ein Aufsatz des bekannten Schriftstellers, Mitglied der Akademie Maurice Barrls im Lotio äe?aris". Er erhielt einen sentimentalen Brief von einem korsischen Banditen, der zu lebensläng licher Zuchthausstrafe begnadigt wurde, nachdem er wegen Mordes, an drei Männern verübt, zum Tode verurteilt war. Der Bandit leugnet seine Verbrechen nicht. Er gesteht ein, vorher bereits wegen Mädchen raubes zu zwölf Jahren Gefängnis und wegen Wider standes gegen die Staatsgewalt zu lebenslänglichem Kerker verurteilt worden zu sein, Strafen, denen er nur deshalb entging, weil er sich der Verhaftung zu entziehen wußte. Im übrigen spricht der Bandit die Sprache aller Verbrecher. Innerlich sei er unschuldig an all seinen Schand taten gewesen, ein anderer Bandit habe ihn verführt. Er353 bittet Barrös, sich für ihn zu verwenden. Er wäre froh, kämpfen zu dürfen, anstatt im Zuchthaus zu schmachten. Was tut Barrös? Er empfiehlt den Banditen zum Eintritt in das französische Heer. In einem langen Artikel setzt er die Angelegenheit auseinander. Und was veranlaßt ihn dazu? Der Mann, schreibt er, sei aus Lebensüberdruß bereit, zu sterben. Hierzu bemerkt die Tägliche Rundschau vom 22. Dezember: Das also macht für Barrös den Begriff des empfeh lenswerten Soldaten aus: aus Lebensüberdruß zum Tode bereit sein. Als wenn nicht vor dem Sterben die Frage stünde, wofür man stirbt. Als wenn nicht Rauflust, son dern Vaterlandsliebe den Bürger zu den Waffen ziehe. Aber abgesehen von diesem allen: kein leisester Arg wohn beschleicht Barr es, daß er mit seiner .Empfehlung das Heer seines Landes entehrt. Daß er die Ehrlichen herab setzt, indem er ihnen den Unehrlichen zum Gefährten geben will. Daß er die eigenen Waffen beschmutzt, indem er sie dem Mörder in die Hand drückt. Vielleicht ist Maurice Barres , des allbeliebten Schrift stellers, Auffassung nicht uncharakteristisch für die Stim mung breiter Schichten in Frankreich?" Der Krieg der Geister 228. Belgien Zur Charakterisierung Belgiens genügt es, auf die Äußerungen der zwei bedeutendsten Dichter hinzuweisen, die dieses Land aufzuweisen hat, Maeterlinck und Ver- haeren. Der flamische Dichter Maurice Maeterlinck hat nach der Köln. Ztg." vom 25. August seinem Freund Gerard Harrn aus welchem Ort, wird nicht mitgeteilt folgenden Brief geschrieben: Ich weiß nicht, ob Dich dieser Brief erreicht. Ich wäre gerne nach Belgien gekommen, um mich zu stellen. Wenn ich auch 52 Jahre alt bin, so würde ich doch noch einen annehmbaren Bürgergardisten abgeben. Der Mobili- sierungsbefehl überraschte mich, so daß ich festsitze und nicht weiß, wann ich abreisen kann. Ist s mir nicht möglich, von hier wegzukommen, so will ich versuchen, mich an ein bel gisches Freiwilligenkorps anzuschließen, denn, mag es kosten, was es will, kämpfen will ich gegen den Feind des menschlichen Geschlechts, das Monstrum der Welt. Es ist aber die Frage, ob man von uns etwas wissen will. Inzwischen helfe ich den Bauern bei der Ernte. Hier gibt s nur noch Frauen und Kinder. Das heldenmütige Vorrücken der Franzosen ist das Herrlichste, was es gibt. Von ganzem Herzen bin ich dein alter Freund.. Das Monstrum der Welt" sind natürlich die Deutschen. Maeterlinck, dessen Monna Vanna", Blauer Vogel" usw. ständig auf dem Spielplan der deutschen Bühne vertreten waren, dessen philosophische Werke ( Leben der Bienen") zum Hausschatz der deutschen Bücherei gehörten, während man in Frankreich kaum seinen Namen kannte, hat ver-355 gessen, was er Deutschland an Ruhm und Geld verdankt. Man erinnert sich jetzt erst an die eindringende Charakteristik, die Joseph Hofmiller in seinen Versuchen" vor 10 Jahren, von seinem dichterischen Schaffen gegeben hat. Einige Stellen daraus, die Bezug haben auf die zuerst entstandenen Todesdramen des belgischen Dichters, seien hier wiederge geben: Auch für Maeterlinck gilt das Wortspiel, das Victor Hugo bei seinem Eintritt in die Akademie nicht erspart blieb: Vous sve? intracluit I art sevmczus (I ku-senie) ckans le clramö. Die Technik dieser Stücke wurde mit der jenes höllischen Betthimmels verglichen, der sich Zoll um Zoll senkte und den Schlummernden lautlos erstickte Das eigentliche Geschehnis in diesen Stücken ist stets ein rein äußerliches aoeiäent, das durch eine auf die niedrigsten Hintertreppenwonnen der .Spannung" spekulierende Tech nik zum svenement wird. Die Grausamkeit allerdings, niit der diese Schauergeschichten erzählt werden, ist keineswegs alltäglich. Der Autor schleppt ein retardierendes Motiv ums andere herbei; der Kern ist gleichsam japanisch einge schachtelt: in jeder Schachtel wieder eine kleinere, bis in der letzten, winzigsten, das petit kait als widerlicher Unhold dem erschreckten Offner entgegengrinst. Kürzer: neurasthe- nischer Sardou. Die Grenzen zwischen Zirkus und Theater verwischen sich; ob eine gewisse Art von Spannung durchlas Aort 6s ImtaZiles (Drama von Maeterlinck) oder durch I.oopinA-tke-Ioop erweckt wird, macht verdammt wenig Unterschied." Als Entschuldige! Maeterlincks trat hingegen sein Übersetzer und Vorkämpfer in Deutschland Friedrich von Oppeln-Bronikotvski mit folgendem Aufsatz in der Tägl. Rundschau" vom 28. August 1914 auf den Plan: Maeterlinck und wir. Es ist deutsche Art, auch dem Gegner die Ehre der Wahrheit zu erweisen. Daher sei mir als Maeterlincks bisherigem deutschen Dolmetscher auch ein Wörtlein zu den letzten Preßerörterungen über seine Deutschenfeind lichkeit gestattet. Wie viele Deutsche las ich mit Schmerzen im .Berliner Tageblatt" die Amsterdamer Meldung des 2Z*356 Herrn Emil Ludwig, Maeterlinck habe sich in .wüsten Schmähungen gegen Deutschland ergangen, eine Nach richt, die dann von der übrigen Presse nachgedruckt wurde, über deren Grundlagen ich jedoch von ihrem Verbreiter bisher eine Auskunft nicht erhalten konnte. Inzwischen schien sie mir und anderen in diesem Umfange wenig glaub haft. Maeterlinck verdankt seine europäische Berühmtheit und einen Teil seiner Einkünfte Deutschland; er hat sich selbst stets als Germanen empfunden und dies in seiner bekannten autobiographischen Skizze zum öffentlichen Aus druck gebracht, hat Deutschland noch vor wenigen Jahren das .moralische Gewissen der Welt genannt, tief sinnige deutsche Werke (wie ,Sa!s-Schüler und .Fragmente des deutschen Romantikers Novalis) ins Französische über tragen und zur Schillerfeier einen Hymnus brausender Begeisterung beigesteuert. Nun kommt durch die Veröffentlichung der .Taglichen Rundschau vom 26. August (Abendblatt) zutage, worin Maeterlincks .Verbrechen an Deutschland eigentlich besteht. In einem Privatbrief an einen Belgier, der eine kleine, mäßige Biographie über ihn geschrieben hat, gibt der Dich ter-Philosoph die Absicht kund, eventuell als belgischer Kriegsfreiwilliger einzutreten, falls man ihn in seinen Jahren überhaupt noch brauchen kann was auch das .Berl. Tagebl. als berechtigt anerkennt; inzwischen will er in der Normandie, seinem sommerlichen Wohnsitz, bei der Ernte helfen. Der Brief schließt mit einer törichten Entgleisung gegen Deutschland, die alle Merkmale eines unüberlegten Aufallswortes trägt und die jedenfalls für die Öffentlichkeit nicht bestimmt war. Das ist alles! Ich möchte nicht mißverstanden werden, als ob ich Maeterlincks Entgleisung irgendwie beschönigen wollte. Aber zunächst ist er wie alles, was in Frankreich lebt, in das Netz der offiziellen französischen Markonilügen einge sponnen, und als Belgier steht er noch besonders unter dem Eindruck der von Deutschland wenn auch mit gutem Grunde gebrochenen belgischen Neutralität. Maeter linck ist von jeher ein Augenblickskind gewesen und in prak tischen Dingen überhaupt ein Kind; er läßt sich in der ersten357 Aufwallung leicht zu unbedachten Äußerungen hinreißen, die er nachher selbst am bittersten bereut: Diese Erfahrung habe ich zum eigenen Schaden oft genug mit ihm gemacht, ja, es wäre dadurch ein-, zweimal fast zum Bruche zwi schen uns gekommen. Sollte also seine jetzt tragikomisch wirkende Drohung, sich als belgischer Kriegsfreiwilliger zu stellen, noch in Erfüllung gehen, so dürfte er als belgischer Kriegsgefangener bald Gelegenheit finden, die Wahrheit über diesen Krieg zu erfahren und sein Urteil zu berichtigen; denn er ist ein zwar aufbrausender, aber ehrlicher Charakter, der bald am meisten über die Greueltaten seiner belgischen Landsleute erröten und erkennen dürfte, w o die .Unge heuer Europas zu finden sind! Hat er doch schon im Frie den mit dürren Worten die kulturelle Minderwertig keit Belgiens zum Ausdruck gebracht. Im Jahre 1902, als die Flamen das 600jährige Jubi läum der Schlacht von Courtrai (Kortryk) feierten, hat er diese Anschauung zuerst öffentlich vertreten und die feind selige Haltung, die er in der sich daranknüpfenden Polemik mit hervorragenden Vertretern des Landes beobachtete, auch gelegentlich des 75jährigen Jubiläums von Belgien beibehalten. Ja, ein deutscher Privatdozent, vr. Schädel in Halle, ging soweit, Maeterlinck damals der .belgischen Vaterlandsverleugnung zu bezichtigen. (.Köln. Ztg. , 22. Juni 1907.) Jetzt bestätigt es die Aeit, was der Dichter damals über den .belgischen Iwitterstaat ehrlich bekannt hatte! Ein jeder von uns dürfte in diesen Tagen patriotischer Erregung in Wort und Schrift seinem zornigen Unmut über Frankreich Luft gemacht haben, obwohl dies Land noch unser anständigster Gegner ist, da eö aus seiner Feindschaft gegen Deutschland nie ein Hehl gemacht hat, während Eng land, Rußland und die ganze übrige Meute sich in schein heilige Lügen hüllten. Brauchen wir deshalb in patrioti schem Ubereifer gleich einen Dichter und Denker als .Un geheuer zu brandmarken, weil er sich in einem Privatbrief aus Feindesland eine törichte Phrase gegenDeutschland gelei stet hat? Denn ein Dichter und Denker ist und bleibt Maeter linck, und davon, daß seine Werke immer schwächer geworden358 sind, habe ich noch nichts gemerkt. Gerade vor Ausbruch des Krieges hatte er ein tiefes philosohpisches Werk über die Rätsel und Wunder unseres Innenlebens abgeschlossen, I^ Kötk iueoiwu, ,Der fremde Gast , das nun wohl fürs erste brach liegen wird. Ein großer, bereits veröffentlichter Abschnitt daraus beschäftigte sich mit den Pferden von Elberfeld, und in einer eigenartigen Stelle dieses Buches wurde ausgeführt, daß der im Menschen wohnende Genius oder Dämon, der .fremde Gast , seine größten Wunder in der Menschenbrust wirkt, aber sofort linkische und törichte Gebärden macht, sobald er aus diesem Allerheiligsten in die Außenwelt hinausgreift. Das ist ein ungewolltes Sym bol für Maeterlincks eigenstes Wesen: sobald er sein inneres Schauen verkündet, wächst er über die nationalen Schran ken zum Allgemein-Menschlichen empor; verirrt er sich aber in die dem Dichter fremde Außenwelt, so bringt er nur linkische, verkehrte Bewegungen hervor. Selbst in dem einzig schwächlichen Werk der letzten zehn Jahre, dem über Gebühr aufgebauschten .Blauen Vogel , finden sich tiefe menschliche Szenen, wie der Besuch der beiden armen Köhlerskinder im Reich der Erinnerung bei den toten Groß eltern, und durch das ganze Märchenspiel geht der bedeut same Kontrast zwischen der Psychologie des treuen, ehr lichen, unbesonnenen Hundes Tylo und der abgefeimten, falschen, selbstsüchtigen, süßtuenden Katze Tylette ein prächtiges Symbol germanischer Redlichkeit und welscher Tücke. Daß der Dichter dort offen Partei für Tylo und gegen Tylette nimmt, beweist besser als seine jetzige poli tische Entgleisung, wohin er dem Herzen nach gehört und wohin er zweifellos früher oder spater zurückfinden wird, sobald er die volle Wahrheit erfährt." Es zeigte sich aber bald, daß Maeterlinck wenig geneigt war, bei seinen privaten Gehässigkeiten stehen zu bleiben. Aus dem Haag wird der Voss. Ztg." (17. Sept. 1914) gemeldet, daß sich Maurice Maeterlinck neuerdings auch ofsenNvch vernehmen läßr, vndem er zu der unbarm herzigen Ausrottung des preußischen Militarismus nach dem vollständigen Sieg der Verbündeten auffordert. Man dürfe gegen keinen der 80 Millionen Deutschen Gnade359 walten lassen. Alle seien gleich schuldig. Alle ständen auf demselben Niveau. Selbstverständlich fehlt es nicht an den üblichen Beschimpfungen des Kaisers. Der Brief kann nur pathologisch beurteilt werden. So war es nur zu berechtigt, wenn man sich in Deutsch land verächtlich von ihm abwandte. So hat der deutscheDichter Herbert Eulenberg nach einer Mitteilung des Deutschen Kuriers" vom 8. Okt. gelegentlich eines Vortrags im Stuttgarter Schauspielhaus über den Krieg und die Kunst" sich in kräftigen Wor ten mit Maeterlincks Beschimpfungen auseinandergesetzt. Eulenberg pries mit Begeisterung den deutschen Wesenszug, der mit Recht heute ein Unterseeboot höher schätze als das schönste Drama, und die Kruppschen 42-Ientimeter-Mürser für viel wichtiger ansehe als das bedeutsamste Kunstwerk. Aber darum sei Deutschland doch das Land der größten Kultur und einem Manne wie Maeterlinck zieme es am wenigsten, sich gegen deutsche Barbarei auszusprechen. Sicher ist die Tatsache, daß Maeterlinck heute noch zu den unbekannten Größen gehören würde, wenn nicht gerade deutsche Männer für ihn Stimmung gemacht hätten. Deutschland wird aber nach dem Kriege weiter die Größe und bedeutsame Rolle des Kulturvermittlers bleiben. Hof fentlich wird der Krieg nur die große Wirkung haben, daß auch unser künstlerisches Empfinden eine kräftigere deutsche Färbung erhalten wird. Dadurch werden wir in Zukunft gehindert werden, allerlei fremdländischen Tand auf den deutschen Kunstmarkt zu schleppen und hier allein aus dem Grunde anzupreisen, weil es fremdländischen Ursprungs sei. Eulenberg hofft fernerhin von diesem Erstarken des deutschen Geistes auch auf dem Gebiete der Kunst und Li teratur die Förderung eines großen deutschen National- theaterS, das sicherlich eine künstliche Folge dieses ungeheu ren Krieges sein würde. Dann wird Deutschland wirklich deutsch sein auf allen Gebieten. Nachdem sich Maurice Maeterlinck seinen Groll gegen die deutschen Barbaren, die ihn, ihrer Unkultur zum Trotz, zuerst erkannt und geschätzt hatten, von der Seele geschrieben hat, hat er, anscheinend noch vor dem Fall360 Antwerpens, aufs neue in die Saiten gegriffen, um dem Heldentum seines vertriebenen Landesvaters einen in verstiegenen Lyrismen schwelgenden Hymus an den belgischen König zu singen (nach der Übersetzung der Tägl. Rundschau" vom 20. Okt. 1914): Von allen Helden dieses gewaltigen Krieges, die im Gedächtnis der Menschen in hehrer Reinheit fortleben werden, ist der junge und große König meines kleinen Va terlandes sicher derjenige, den man nicht heiß genug lieben kann. Er spielte in der entscheidenden Stunde die Rolle der Vorsehung, der sich alle Herzen unterwarfen. Er ver körperte den Willen seines Volkes in leuchtender Schönheit. Wäre er nicht gewesen, ich glaube nicht, daß die Dinge den Verlauf genommen hätten. Die Geschichte wäre um eine ihrer schönsten und edelsten Seiten beraubt worden. Gewiß, Belgien wäre dem gegebenen Worte treu geblieben, und die Regierung, die geschwankt hätte, wäre ja auch von der Welle des Unwillens eines Volkes hinweggeschwemmt worden, das, wie weit man auch in der Geschichte zurückgeht, niemals Verrat geübt hat. Aber das erlösende, unerläßliche und feste Wort wäre nicht ge sprochen worden, und der entscheidenden Stunde hätte die Geste gefehlt, die man sich nicht schöner und bestimmter zu denken vermag. Dank seiner Energie sind wir zur Tat erstarkt, und es wurde ohne Schwäche und Zögern die große Heldenlinie angelegt, die sich groß, wie die der Thermo- pylen, ins Ewige verliert. Aber das, was er erduldet hat und noch jeden Tag duldet, können nur die begreifen, die das Glück hatten, diesem Helden, diesem feinfühligen und zartesten der Menschen, diesem Schweiger näher zu treten, der in stummer Scheu ein stilles Innenleben führt und der sein Volk nicht wie ein Vater seine Kinder liebt, sondern wie ein Sohn, der seine Mutter vergöttert. Von diesem ihm treuen Reich, seinem Stolz und seiner Leute, seinem Haus, seinem Herd, seinem Glück, bleibt nichts mehr als eine Stadt, die aber auch in jeder Sekunde von dem Einfall der Feinde bedroht ist, der unflätigsten Invasion, die die Welt bis zur Stunde gesehen hat. Von allen anderen361 bleibt nur Stein auf Stein, und selbst das Land, eine der schönsten Landschaften der Welt, ist heute nur noch ein Tranenfeld. Verschwunden sind die Visionen, die zu den edelsten und ergreifendsten der Menschheit zählten, für immer verschwunden die Zeugen, die nichts ersetzen kann. Die Hälfte eines Volkes, das seiner alten schlichten Gewohn heit treu geblieben ist, durchirrt heute heimatlos die Straßen Europas. Tausende Unschuldiger sind gemordet, und alles, was das Unglück überlebt hat, nur noch eine Seele, die bei der großen Seele des Königs zitternd Schutz sucht. Und nicht ein Murmeln, nicht ein Vorwurf. Gestern erhielt eine Stadt von 30000 Einwohnern den Befehl, ihre weißen Häuser, ihre Kirchen, ihre uralten Plätze, auf denen sich das Leben in Arbeit und Wohltun abspielte, zu verlassen. Die 30000 Einwohner, Frauen, Kinder, Greise, gingen hinaus in die Nacht, um in einer Nachbarstadt ein unzuverlässiges Asyl zu suchen, das sie vielleicht morgen schon wieder verlassen müssen; denn das Vaterland ist gar so klein. Und er tat, was ihm zu tun geboten, und wenn alle dulden, was noch kein Volk von den grausamsten Eroberern der dunkelsten Vorzeit zu erdulden hatte, so wissen sie, daß er mehr als alle duldet, da ja alle ins Riesenhafte gewachsene Schmerzen in seinem Herzen ein vielstimmiges Echo finden.... Wenn es in der Angst, in der wir leben, erlaubt wäre, von etwas anderem als von Schmerzen und Tränen zu reden, so müßte man in dem Schauspiel des unerhörten Mutes, der sich überall betätigt, stärkenden Trost finden. Soweit das Gedächtnis der Menschen zurückgeht, nie hat man das Leben mit so glühender Vaterlandsliebe zum Opfer gebracht, nie hat man solche Selbstentäußerung und solche Begeisterungs freude erlebt..." Zum Schluß bittet der Dichter um die Erlaubnis, sich dem belgischen Heere anschließen zu dürfen. Weiterhin brachten englische Blätter die Nachricht, daß bei Gelegenheit einer Rede, die Lord Haldane in New- castle on Tyne gehalten hatte, auch Maurice Maeter linck anwesend gewesen und zur Versammlung gesprochen habe. Die limes" konstatierte die große Begeisterung, die durch Maeterlincks Worte hervorgerufen sei, und ließ362 dann einen Bericht über Maeterlincks Rede folgen. Bald aber meldete der ?iKiiro", daß Maeterlinck aus Pvetot an eine Zeitung in Rouen geschrieben habe, er wisse nicht, wie jener Bericht entstanden sei. Seit dem Anfang des Krieges habe er den Kontinent nicht verlassen (Nach einer Amsterdamer Meldung des Berliner Tagebl." vom 21. Okt.) Der Dank der Verbündeten" an den Dichter blieb nicht aus; die ^eaäömis?ranyaise" nahm ihn unter ihre 40 Unsterblichen auf. So sehr er sich also seinen patrio tischen Ergüssen nach als Belgier fühlte, mußte Maeterlinck doch seiner Eitelkeit zu liebe Franzose werden. Das ist die Voraussetzung für jene Ehrung, der kein Ausländer teilhaftig werden darf. Und wie ein Telegramm aus Paris der Tägl. Rundschau" vom 28. Okt. meldet, ist die französische Regierung wirklich im Begriff, dem großen Dichter auf seinen Wunsch die Naturalisation zu erteilen. Maeterlinck war auch Zeuge der furchtbaren Kämpfe, die sich Ende November an der Wer abspielten. Er faßt seine Eindrücke in einem Aufsatz des klFaro" vom 23. No vember zusammen, worin er zunächst der zerstörten Schön heit der flandrischen Städte, besonders der Tuchhallen von Vpern, einige Tränen nachweint und dann fortfährt: Ich kann nicht glauben, daß er nicht mehr existiert (der Vperner Marktplatz); indes in diesen schrecklichen Krieg muß man alles glauben, besonders das Schlimmste. Jetzt wird schicksalsverhängt, unvermeidlich die Reihe an Brügge kommen. Dann wird die Woge der Barbaren zurückfluten über Gent, Antwerpen, über Brüssel und mit einem Schlag wird einer der schönsten Erdenwinkel verschwinden, wo sich die meisten Erinnerungen, das meiste geschichtliche Gedenken und die meisten Schönheiten angehäuft hatten. Wir haben getan, was wir tun konnten, um ihn zu verteidigen, wir vermögen nichts mehr auszurichten. Die tapfer sten Armeen sind ohnmächtig, die Banditen, welche sie zurücktreiben zu verhindern, die Frauen und Kinder zu massakrieren und methodisch und zwecklos alles zu zerstören, was sie auf ihrer wilden Flucht finden. Es bleibt uns nur noch eine363 Hoffnung: die sofortige und gebieterische Inter vention der Neutralen. Auf sie richten sich unsere angsterfüllten Blicke. Zwei große Nationen beson ders: Italien und die Vereinigten Staaten halten das Schicksal der letzten Schätze in ihrer Hand, deren Verlust eines Tages zu den kostspieligsten und unheilbarsten zählen würde, welche im Laufe der Jahrhunderte die Menschheit erlitten hat. Sie vermögen, was sie wollen; es ist Zeit, daß sie das tun, was ihnen zu unterlassen nicht mehr erlaubt ist. Durch ihre närrischen Lügen zeigt die Bestie von jen seits des Rheins in ihren Todeszuckungen deutlich ge nug, welchen Wert sie auf die Meinung der einzigen Völker legt, welche der Fluch aller atmenden Massen noch nicht gegen sie bewaffnet hat. Sie hat Furcht. Sie fühlt, daß alles unter ihr wankt und daß alles sie verläßt. Sie sucht überall einen Blick, der ihr nicht fluche. Es ist nicht nötig, daß sie diesen Blick finde. Man braucht Italien nicht darüber aufzuklaren, was unsere gefährdeten Städte wert sind. Es ist ja das Land der berühmten Städte par exoellenee. Unsere Sache ist seine Sache; es schuldet uns seine Unterstützung. Wenn man ein Werk der Schönheit zer stört, so ist es sein eigenes Genie und seine ewigen Götter, die man beleidigt. Was Amerika betrifft, so vertritt es besser als jedes andere Volk die Zukunft. Es muß an die Tage denken, die diesem Kriege folgen werden. Wenn der große Friede auf die Erde herabsteigen wird, darf er sie nicht wüste und aller seiner Schmuckstücke beraubt fin- deb. Die Stätten, wo diese Erde schön ist durch die Bemühun gen von Jahrhunderten, durch das glückliche Gelingen des guten Willens, der Geduld, des Genius einer Rasse sind nicht sehr zahlreich. Dieser flandrische Winkel, über welchem der Tod schwebt, ist eine von diesen geweihten Stätten; wenn er unterginge, würde er den Menschen fehlen, die einst zur Welt kommen und am Ende vielleicht sich an den Erinnerungen und Denkmälern erfreuen werden, welche nichts ersetzen kann." In Mailand hielt er Anfang Dezember in der Leals, und im kkiloäramatiei Vorträge, in denen er die belgische Sache verfocht. Er erklärte u. a. in einem äis-364 eours mg^mkiczus sui I deroi^us LslAiczue (abgedruckt I e petit Journal 3. Dez. 1914), daß die Leistung der Bel gier noch die der Spartaner des LeonidaS bei den Ther- mopnlen überstrahle. Belgien habe sich durch seinen Wider stand für die Kultur geopfert. Nun es am Ende seiner Kräfte sei, müsse das edle Italien eintreten, als die einzige Macht Europas, die noch im Stande sei, die entfesselte Bestie am Rande des Verbrechens aufzuhalten. Das in London erscheinende Loko äs Dianes" gibt ein Gedicht des belgischen Dichters Emile Verhaeren wieder, das im Observer" erschienen und Das blutende Belgien" betitelt ist; sein Schluß lautet in einer deutsche Übertragung, die das Hamburger Fremdenblatt" veröffent licht, folgendermaßen: In abgelegenen Weilern und einsamen Flecken, Wo die Ulanen in zügellosem Galopp durchzogen. Hat man im Busen von Müttern lange Messer gefunden, Benetzt mit Milch und Blut. Reihen von Greisen, die zur Seite der Chaussee, Am Rande der Gräben, die sie selbst gegraben hatten. Knieten, um den Tod zu empfangen; Mädchen von sechzehn Jahren, deren Körper und Seele Jungfräulich und rein waren, erduldeten die Bisse Und die gewaltsamen, trunkenen Küsse der Soldaten, Und als ihr armes Fleisch nichts als Wunden war. Schnitt man ihnen mit Seitengewehren die Brüste ab, überall flohen die Leute mit erschrockenen Augen Aus dem Schoß der Dörfer nach den benachbarten Städten, Als sie wie ein ungeheures Meer die Trümmer stürzen sahen Über das Land, das sie hatten verlassen müssen. Hinter ihnen erhob sich das tolle Sturmläuten der Glocken, Und wenn sie am Rande des Weges einen Teutonen fanden. Den eine geschickte Kugel getroffen hatte. Entdeckten sie oft in der Tiefe seiner Taschen Neben goldenen Halsbandern und gestohlenem Seidenzeug Zwei kleine gräßlich abgeschnittene Kinderfüße. Wessen war Zeuge in Flandern, o, welch traurige Sonne, Von Weilern in Flammen und Städten in Asche,365 Von langem Entsetzen und jähem Verbrechen, Nach denen der germanischeSadismus hungerte und dürstete." Das Leko äs Trance" nennt dies Vers-Pamphlet einen wundervollen Rubin, den köstlichsten von allen, die der Meister ziseliert hat". Dieses blutrünstige Machwerk eines hochbegabten Dich ters, muß in Deutschland umso mehr Verwunderung und Entrüstung hervorrufen, als Verhaerens germanisch ge richteter Geist bei uns zuerst Aufnahme und Verehrung fand. Jahrelang haben sich unsere Dichter, darunter Dehmel, George, Stefan Zweig und Ludwig Scharf, in der selbst losesten Weise für ihn eingesetzt, der Jnselverlag hat seine Werke in einwandfreier Weise uns Deutschen nahegebracht. Und dies der Dank! Wie der deutsche Verleger Verhaerens der Tägl. Rundschau" (15. Nov. 1914) mitteilt, wird der Dichter einen ganzen Band von Gedichten über das zerstörte Belgien veröffentlichen, darunter auch eins auf die Kathe drale von Reims. Ein solches über die Kämpfer von Lüttich (Oux äe I^iözes) ist bereits erschienen, daS in pathe tischen Versen den Mut der belgischen Besatzung feiert. Zu Verhaerens Entschuldigung führte Prof. Or. Kippenberg, der Leiter des JnselverlagS, an, daß er mit ganzer Seele an Belgien hänge, und es nun, vor allem aber die Städte, in denen er seine Jugend verlebt hatte, zerstört sehen mußte. Er sei dann nach London geflüchtet und kenne die Nach richten über Belgien und Frankreich nur aus der Lügen presse: Daß der fanatischste Wahrheitssucher Verhaeren verleumden sollte, ist ausgeschlossen. Wenn er ein Buch des Hasses schreiben wird, so geschieht eS aus tiefster, wenn auch irregeleiteter Überzeugung. Und wenn einst, wie ich hoffe, die Stunde kommen wird, die ihn aufklärt, so wird er versuchen, was er getan, wieder gut zu machen." Warten wir es ab!9. England Daß ein Krieg mit uns in England von vornherein keineswegs populär war, insbesondere auch in der Gelehr tenschaft wenig Widerhall fand, zeigt der in der limes" vom 1. August 1914 abgedruckte nachdrückliche Aufruf englischer Gelehrter gegen einen Krieg mit Deutschland. Er lautet: Wir erblicken in Deutschland ein Volk, das in Künsten und Wissenschaft führend ist, und wir alle haben von deut schen Forschern gelernt und lernen noch immer von ihnen. Krieg gegen Deutschland in Serbiens und Ruß lands Interesse ist eine Sünde gegen die Gesit tung de Ä sin sZainst oivili^tion). Sollten wir mit Rücksicht auf unsere Verpflichtungen unglückseligerweise in den Krieg hineingezogen werden, so könnte Vaterlandsliebe unseren Mund schließen, aber in der augenblicklichen Lage halten wir uns für berechtigt, Protest zu erheben gegen die Hineinziehung in den Kampf wider ein Volk, das uns so nahe verwandt ist und mit dem wir so vieles gemeinsam haben." Professor des Arabischen an der Universität Cambridge C. G. Browne, Professor der Theologie zu Cambridge F. C. Burkitt; Professor I. Est- lin Carpenter, Oxford; Professor F. I. FoakeS Jackson von Jesus College, Cambridge; Rektor K. Latimer Jackson; Professor Kirsopp Lake; Professor W. M. Ramsay, früher an der Univer sität Aberdeen; Professor W. B. Selbie, Oxford; Professor der Physik I. I. Thomson, Cambridge. Am 3. August wurde ein englisches367 Flugblatt der Xeutrslitx l .eaxue" in Tausenden von Exemplaren in den Straßen Londons verteilt, das beweist, daß weite Kreise des Volkes einem Krieg ablehnend gegenüber standen. Es war ebenfalls von einer Reihe bekannter Engländer und Engländerinnen unter zeichnet: Engländer, tut Eure Pflicht und haltet Euer Land fern von einem schmählichen und unsinnigen Krieg. Eine kleine, aber mächtige Clique will Euch in diesen Krieg treiben. Ihr müßt diese Verschwörung vernichten, oder es wird zu spät sein. Fraget Euch selbst, warum sollen wir in den Krieg ziehen. Die Kriegspartei sagt: ,Wir müssen das Gleichgewicht der Kräfte aufrecht erhalten, denn wenn Deutschland Holland oder Belgien annektiert, wird es so mächtig sein, daß es auch uns bedroht . Aber die Kriegs partei sagt Euch nicht die Wahrheit. Es ist vielmehr Tatsache, daß, wenn wir an der Seite Frankreichs und Ruß lands kämpfen, das Gleichgewicht der Mächte gestört werden würde wie nie zuvor. Wir würden Rußland zu der gewaltigsten militärischen Macht auf dem Kontinent machen, und Ihr wißt, was für eine Macht Nußland ist. Es ist Eure Pflicht, das Land vor dem Verderben zu retten. Handelt, bevor es zu spät ist." Wirkungslos verballten solche Kundgebungen; die Kriegspartei siegte und die sich anschließenden Ereignisse, vor allem Deutschlands rasches und siegreiches Vor dringen, übten eine starke Wirkung auf die Stimmung aus. Hier seien die Zeugnisse einiger auch bei uns vielgelesener Dichter und Schriftsteller aufgeführt. Der kluge Erfinder des auch in Deutschland so volks tümlichen Meisterdetektivs Sherlock Holmes Conan Doyle ist ein leidenschaftlicher englischer Nationalist. Er hatte England auf die Gefahr hingewiesen, die seiner Weltmacht drohen, wenn es im Krämersinn aufgehe und das Mili tärische vernachlässige. Er hat auch in seiner kurz vor Aus bruch des Krieges erschienenen Novelle: Die Gefahr für England" die kommende Unterseebootblokade aufs Wort vorausgesagt. Jetzt suchte er den Deutschen, die als be-363 geisterte Sherlock-Holmes-Leser ihn zum reichen Mann machten, auseinanderzusetzen, warum England eigentlich den Krieg gegen uns angezettelt hat. Im Osil^ lütwomele" vom ö. September sagt er: Wir kämpfen für das starke, tiefe Deutsch land der Vergangenheit, das Deutschland der Musik und der Philosophie, gegen das j etzig e m on str ö se D eu tsch- land von Blut und Eisen. Für die Deutschen, die nicht der regierenden Klasse angehören, wird unser Sieg dauernde Erlösung bringen. Aus den Trümmern des Reiches wird sich der Deutsche dann jenes herrliche Juwel heraussuchen; das Juwel der persönlichen Freiheit, das höher steht als der Ruhm der Eroberung fremder Länder." Hierzu bemerkt die Köln. Zeitung" vom 14. Sept.: Wenn die Deutschen so dumm wären, wie Herr Conan Doyle offenbar glaubt, dann würden sie vielleicht auf diesen Leim kriechen. Ein Deutschland wie das zur Zeit der Kleinstaaterei, in Dichtung, tiefgründiger Philo sophie und Musik aufgehend, macht- und einflußlos in der Welt, verträumt nach den Wolken starrend, während Eng land unterdes die Weltherrschaft führt und ringsum Macht und Reichtum mehrt, das wäre so ein Ideal nach dem Ge schmack des freundlichen Herrn Conan Doyle. Schade, daß die Deutschen zu realistisch geworden sind, schade, daß ein Bismarck gelebt hat! Die Deutschen haben einge sehen, daß sie selbst alle Berechtigung dazu haben, nicht nur Kunst- und Wissenschaft zu pflegen, sondern nebenbei sich an den Geschäften der Welt in Politik und Handel zu beteiligen. Daran werden die liebenswürdigen Ratschläge des Herrn Conan Doyle nicht mehr viel ändern und die freundliche Zusage, daß England den Deutschen die Freiheit bringe, schon gar nicht." Nach der gleichen Zeitung vom 16. September richtete der Romanschreiber Hall Caine, als eitler Mensch bekannt, an die Italiener einen zur Veröffentlichung in englischen und italienischen Zeitungen bestimmten Aufruf, worin er für England alle andern KriegSgründe zurückweist als das Eintreten für die Unab-369 hängigkeit Belgiens. Denn das freie Volk Englands habe es stets als heiligste Aufgabe betrachtet, seine Stärke dem Schutz der Schwachen zu widmen. (Siehe Indien, Gibral tar, Dänemark, Ägypten, Burenland; der Ausdruck stets darf auch noch die Unterjochung Irlands ins Gedächtnis rufen!) Der englischen Flotte verdanke die Welt die freie, offene Schiffahrt (und der englischen Politik verdankt sie den bis in neueste Zeit fortgesetzten Seeraub, vergleiche Alabamafrage und die rechtlose Bedrängung der neutralen Schiffahrt in Kriegszeiten!). Er fährt fort: Italien weiß dies alles und weiß es genau, seitdem Garibaldi mit seinen Tausenden in Marsala landete, sozu sagen unter dem Schutz der englischen Kriegsschiffe Jntre- pide und Argus. (Recht vorsichtig, dieses .sozusagen .) Die Italiener, die so lange unter fremdem Druck gelitten und erst kürzlich ihre Freiheit errungen haben, (bei welchem letzten Akt die preußischen Barbaren jedenfalls näher be teiligt waren als die Engländer, die vielleicht Leitartikel tinte, aber keinen Blutstropfen für Italien vergossen haben!) die Italiener werden England ihre Anerkennung nicht vor enthalten, wenn es für seinen kleinen, nördlichen Nachbar dasselbe tut, was es für seine südliche Tochter getan hat, denn Italien ist Englands Tochter." Mit etwas verwelkten Redeblumen wird dann jetzt, nach fünfzig Jahren Garibaldis Empfang in Lon don nochmals gefeiert, um nicht gerade besonders geschickt die Stelle des Aufrufs einzuleiten, auf die es eigentlich ankommt: Die Entscheidung über Italiens Geschicke ruht in Italiens Hand; Fremden kommt eS nicht zu, anzudeuten, welche Stellung es in dem gegenwärtigen Kampf zu nehmen habe. Aber diese Stellung ist ganz gewiß nicht an der Seite der Feinde Großbritanniens, auch wenn diese es zu locken oder zu bedrohen suchen. (Der Fremde mischt sich also trotzdem mit seinem Rate ein!) Ich will die sachlichen Er wägungen für Italien hier außer Betracht lassen und mich darauf beschränken, daß das demokratische Italien, das ge einigte Italien, das eher noch von einem neuen Geiste der Verbrüderung durchwehte, in libyschem Feuer gestählte Der Krieg der Geister. 24370 Italien sicher nie dem selbstherrlichen Materialismus, dein feudalen Militarismus und der Bedrückung aller persön lichen Freiheit zustimmen kann, die sich in Deutschland in diesem Augenblick der Welt gegenüber verkörpern." Nach diesem hohlen Gerede, dessen sich sein Erzeuger selbst zu schämen scheint, denn wie käme sonst die Be grenzung in diesem Augenblick" hinein? kehrt er zu seinem lieben Garibaldi zurück mit dem Hinweis auf ein rotes Hemd", das vor kurzem erhobenen Hauptes und funkelnden Blickes neben einer englischen Truppe durch die Straßen Londons marschierte, und hat dann den schlech ten Geschmack, auf seinen teils heillos nüchternen, teils unerträglich schwulstigen Aufruf den lächerlichen Trumpf zu sehen: Italiener! In der Person dieses alten Soldaten der Freiheit grüßen wir euch. Euer Herz ist voll, wir bitten um eure Zuneigung und eure Liebe; werdet ihr sie uns ver weigern?" Die relativ tiefste Weltkenntnis und Urteilsfähigkeit findet man und wen sollte das Wunder nehmen? am ersten bei den Humoristen und Satirikern. So machte der bekannte englische Humorist Ierome K. Ierome bei uns durch sein reizendes Büchlein Drei Mann in einem Boote" bekannt, in den vai!? NevvL" vom 4. September in einer Reihe von kleinen satirischen Streiflichtern seinem spöttisch-ernsten Herzen Luft. Er schreibt: Der Handelsneid. Jeder kleine englische Handeltreibende, der Wurst macher und der Musikant, der in diesem grimmigen Krieg nur ein Mittel sieht, den deutschen Konkurrenten an die Wand zu drücken, von ihnen mag ich nicht sprechen. Zwei fellos leidet der deutsche Handel während des Krieges. Aber so lange das Blut in den Schützengräben verspritzt wird, rate ich unsern unternehmungsgierigen Krämern, soviel Takt zu besitzen und uns mit ihren Kassabüchern gefälligst in Ruhe zu lassen. Denn wir wollten doch für eine Idee, nicht für Gewinst Krieg führen. Jetzt ist nicht die Zeit zum Vellen und Wutheulen.371 24 Den Neger Jack Johnson respektiere ich als einen Borer. Was ihn mir verleidet, ist seine schlechte Angewohnheit, den Gegner während des Kampfes zu höhnen und zu ver spotten. Das ist nicht manneswürdig, nicht anständig. Die Soldaten kämpfen in grimmigem Schweigen. Wenn einer unserer Kämpfer spricht, so ist es meist ein Wort der Be wunderung für die deutsche Tapferkeit. Anders die würdigen Schreier, die jeden anderen, nur nicht ihre eigene wertvolle Persönlichkeit zu den Waffen rufen. Wenn es nach diesen ehrenwerten Drückebergern daheim ginge, so kämpfte England wie ein betrunkenes Weib aus den Fisch hallen, das schreit und spuckt und mit den Händen fuchtelt. Die deutschen Greuel. Die Hälfte aller Greultaten sind vollkommen er funden. Es gibt keinen Krieg, in dem nicht jede der beiden Seiten nach der Ansicht der anderen sich ein teuflisches Ver gnügen daraus macht, auf die Lazarette des Feindes zu feuern, in denen nebenbei gesagt natürlich auch eigene Verwundete liegen können. Nun liegt mir hier ein Bericht aus belgischer Quelle vor. In der Abenddämmerung schafften die Deutschen ihre Verwundeten in Ambulanzauto mobilen vom Schlachtfeld. Die belgischen Scharfschützen übersahen in der Dunkelheit die rote Kreuzflagge und er öffneten Schnellfeuer. Eine größere Anzahl Verwundete wurden getötet. Hätten die Deutschen diesen Irrtum begangen, so hätte sich England sicherlich wieder über einen .neuen absichtlichen Schurkenstreich der Deutschen moralisch entrüstet. Andere Schauermärchen berichten immer wieder, daß die Deutschen beim Vorrücken Scharen von Frauen und Kindern vor sich Hertreiben. Der wirkliche Vorgang ist natürlich, daß ein paar verängstigte Kreaturen vor den anrückenden Truppen weglaufen und zwischen zwei Feuer geraten. Die Kugeln, von denen diese Bedauernswerten getroffen werden, kommen von der einen wie von der an deren Feuerlinie. Redakteure und Klubsesselpolitiker haben bei uns seit Jahren nach diesem Krieg geschrien. In ihrer Vorstellung war es ein Gänsemarsch mit Militärmusik. Die Wahrheit ist schlimm genug. Gott weiß es. Es liegt also kein Sinn372 darin, die Dinge noch grausiger zu malen, als sie ohnehin schon sind. Wenn der Krieg vorüber ist, so müssen wir ihn vergessen. Durch Lügengewebe künstliche Schranken des Hasses zwischen unseren Kindern und unseres Feindes Kindern aufzubauen, ist ein Verbrechen gegen die Zukunft. Dann die Geschichten, daß deutsche Marineoffiziere schwimmend auf ihre eigenen Matrosen, die verwundet im Wasser lagen, geschossen haben! Die Lügen, die wir uns in unseren Zeitungen auftischen lassen, sind eine Be leidigung unserer Intelligenz. Au Löwen wurden fünfzig Einwohner ausgesondert und erschossen. Am nächsten Morgen hatten die Aeitungen aus den fünfzig fünfhundert gemacht. Für beide Ziffern wurden natürlich Augenzeugen angegeben. .Holländer, die doch kein Interesse daran haben würden , hieß es, usw., usw. die üblichen Phrasen. Gott sei Dank sickern auch andere Geschichten zu uns durch. Ein tödlich verwundeter Ulan nimmt ein Kind in seinen Arm und küßt es. Er hätte gern sein eigen Kind ge küßt, ehe er starb. Aber, da es nicht sein konnte allen Kin dern ist etwas gemein: Die Augen, so tief, so verwundert in die Welt schauend.... Tiefer senken sich die Schatten des Todes. Wenn aus den geschwärzten Ruinen das erste junge Grün wieder sproßt, dann ist es an uns, des sterbenden Ulanen zu gedenken, der ein französisches Kind statt des eigenen in den Arm nahm." Der gleiche Schriftsteller hat sich im vsil? Ldroniele" vom 7. Oktober unter dem wohlwollenden Titel Geben wir Deutschland den Deutschen wieder!" nochmals ausführlich geäußert: Furcht, sagt ein alter Dichter, ist die Mutter des Hasses. Wenn man nicht seinen Feind fürchtet, haßt man ihn nicht. Man mag die Pflicht fühlen, ihn zu töten, ihn an einen hohen Galgen zu hängen als eine Warnung für Friedensbrecher und andere Übeltäter. Aber wenn man ihn haßt, tut man kund, daß man ihn fürchtet. Der Richter haßt den Verbrecher nicht; er spricht sein Urteil über ihn und befiehlt seine Seele Gott. ... Haß gibt den Schwachen Mut. Der Starke braucht dessen nicht.373 Ich war nie imstande, die Notwendigkeit einzusehen, daß wir Deutschland hassen müßten. Selbst wenn wir ge zwungen gewesen wären, ihm als einzigen Gegner ent gegenzutreten, so sehe ich immer noch nicht, wie es ihm hätte möglich sein sollen, unsere Flotte zu vernichten. Im Ge genteil, die stärkste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß wir zur See genau das erreicht haben würden, was wir voll bracht haben. Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist es undenkbar, obwohl der Krieg lang und schrecklich sein mag, daß er irgend ein anderes Ende finden kann, als den letzten Ausammenbruch des deutschen Imperiums in seiner jetzigen Form. Der Grusel vor seiner gerade über menschlichen Macht, der uns immer durch unsere Jingopo- litiker für deren eigene Zwecke vorgepredigt worden ist, hat sich schon gelegt. Der Respekt vor der übermenschlichen Schlauheit der deutschen Imperialisten ebenso uns vor gepredigt für denselben Zweck hat, wie sich zeigt, noch weniger Begründung. Es ist fast schmerzhaft, von den Höchst leistungen ihrer erstaunlichen Dummheit zu lesen. Das Gän semädchen in Hans Andersens Märchen, die den Preis ihrer Eier überrechnet, während sie in die Pfütze tritt, wird eine gescheite junge Person im Vergleich mit der Sammlung von großsprecherischen Mummelgreisen, die Deutschland ins Verderben gezogen haben. Ihre Methoden waren die der Bauernkomödie. In den letzten zehn Jahren haben sie ihre kostbaren Pläne, so laut sie konnten, erörtert, während ganz Europa lauschte und sich das Seine dachte. Deutschland, Osterreich und Italien würden Frankreich überfallen und abtun, bevor die übrige Welt noch Zeit hatte, sich den Rock anzuziehen. Selbst für diesen kindischen Plan waren noch zwei Voraussetzungen wesentlich. Die eine war, daß eine russische Revolution die russischen Ar meen zerstören sollte. Was aber tun sie? Sie wählen für ihre Kriegsbegründung die einzige Sache, die imstande ist, das ganze russische Volk in einer Begeisterung zu einigen: die Sache der Germanen gegen die Slawen. Die zweite Voraussetzung war die Nichteinmischung Englands. Man kann nur annehmen, daß sie in den letzten sieben oder acht Jahren die englische Torypresse gelesen374 haben und sich überzeugt hielten, daß ihnen Gott insofern beistand, als er die Schicksale Englands einer Regierung von Schuften und Verratern überantwortet hatte. Wenn sie sahen, welches Gift täglich ausgespritzt wurde, als es sich um die Marconiangelegenheit handelte, dann konnten sie zu dem Schluß kommen, daß nicht ein Mann im englischen Kabinett war, der nicht für einige tausend Mark gekauft werden konnte. Sie lesen in der monistischen Presse, daß Irland England haßt, und nur auf eine Gelegenheit wartet, ihm in den Rücken zu fallen, Ausammen mit einigen anderen waren sie dumm genug, derlei zu glauben. Indien stand vor der Revolution. Zu einer gewissen Zeit würde es wirklich eine Gefahr bedeutet haben. Lord Curzons starkes Eintreten dafür, daß die Eingeborenen gerecht behandelt wurden, wendete diese Gefahr ab. Unsere weißen und braunen Männer fechten nun Schulter an Schul ter für Englands Sache. In Zukunft darf keine törichte Anmaßung herrschen. Englische und eingeborene Gentle- men werden denselben Eisenbahnwagen teilen. ... Einige wenige Torheiten der Welt werden verschwinden: das wird hoffentlich auch ein Ergebnis dieses Krieges sein. Ich kann keinen Grund dafür sehen, daß wir die deutsche Diplomatie oder die deutschen Waffen fürchten sollten. Wir werden sie mit ihren eigenen Waffen bekämpfen und wer den sie besiegen. Und wenn wir ihnen ihren törichten Hoch mut und ihre Großsprecherei ausgetrieben haben, werden wir mit ihnen einen Frieden schließen, Deutschland hat gesündigt und wird für seine Sünden büßen. Die Geschichte der Völker ist nicht derart, daß einer von uns die Hände pharisäisch aufheben und Gott danken dürfte: daß wir nicht wie die anderen sind. Wer vom deut schen Volke spricht wie von Ungeheuern, denen niemals vergeben werden darf, spricht die Sprache eines hysterischen Schuljungen. Viele Jahrhunderte lang war Frankreich unser Feind. Wenn manche von unseren tapferen Jour nalisten nur Geschichte lernen wollten. Sie mögen einmal unsere Bilder, unsere Reden und Schriften während der napoleonischen Zeit hernehmen. Napoleon war der Anti christ. Attila der Hunne war ein christlicher Ehrenmann375 verglichen mit ihm. Unsere Furcht vor ihm ist vorbei. Sein Name wird nicht mehr verwendet, um unartige Kinder zu erschrecken. Heute schreiben wir mit Sympathie über ihn begreifen die Tatsache, daß er seinen Zweck in der Welt hatte. Ich wage es, einen seiner weisen Aussprüche zu wiederholen. Es heißt: .Meide den Haß. Höre beide Teile und verschiebe das Urteil, bis die Vernunft Zeit gehabt hat, wieder ihren Platz einzunehmen . Heute ist der tausendjährige Haß begraben. Wir fech ten Seite an Seite mit Frankreich. Jacques ist kein frosch fressendes Ungeheuer mehr, sondem unser tapferer Bruder. Wir haben ihn nach all diesen Jahren gefunden. So werden wir einst erkennen, daß sie alle unsere Brüder sind. Ger mane und Slawe, der braune und der gelbe und der schwarze Mann. Die Zeit mag noch weit sein. Unterdessen wollen wir die Brücken offenhalten. Wir wollen den Ratschlägen des Hasses nicht Gehör schenken. Alles Wertvolle in Eng land bestärkt uns darin. König Georg besucht die Hospitäler, spricht freundliche Worte zu den Verwundeten. Und nicht allein zu den englischen Verwundeten. Hat Worte der Sym pathie und Hoffnung für Hans und Fritz. Wir hoffen, daß unsere Journalisten sich nicht damit beschmutzen werden, daß sie den König für sein .unenglisches Verhalten tadeln. Ich stelle mir vor, einige von unseren strammen Journalisten haben noch nicht ganz den englischen Charakter vergessen. Ein bißchen mehr Erfahrung im englischen Leben mag ihnen vielleicht nützlich sein. Wir hören von den Beleidi gungen, die Engländer bei der Flucht aus Deutschland er fahren. Andere erzählen uns von der großen Freundlich keit, mit der ihnen geholfen wurde. Jedes Volk bringt seinen Teil an Schurken hervor. Und so auch, Gott sei Dank, seinen Teil an barmherzigen Samaritern. Die russische Regierung verhilft Deutschen zur Rückkehr nach Deutsch land. Die deutsche Regierung, angenehm überrascht, wie wir lesen, erwidert nun im selben freundlichen Geiste. Russen senden Gaben an das deutsche Rote Kreuz. Zwei Franzosen, die bis zum äußersten kämpfen, werden von Deutschen umringt. Der deutsche Befehls haber bedeutet ihnen, ihre Waffen zu behalten und bittet376 dann um die Erlaubnis, ihnen beiden die Hände zu schütteln. Französische Soldaten begeben sich in große persönliche Gefahr, um einen Ulanen lebend gefangen zu nehmen. Er hat gefochten wie ein Löwe. Sie umarmen ihn, schüt teln seine Hand. Es gibt einen gewissen tieferstehenden Teil der englischen Presse, der rasend wird bei der bloßen Vorstellung, daß England auch irgendwelchen ritterlichen Empfindungen Raum geben sollte. Für die Grausamkeiten, die der Krieg bringt, wollen wir unsere Entrüstung nicht erkalten lassen. Aber wir wollen es die Entrüstung gerechter Männer sein lassen. Wir wollen willig Gehör schenken und die Gewißheiten abwägen. Lord Selborne macht den ausgezeichneten Vorschlag, daß all diese Schauergeschichten durch ein beglaubigtes Gericht eines neutralen Staates gesiebt werden sollten, so daß ihre Wahrheit oder Falschheit geprüft werden kann. Manche von ihnen sind so unnatürlich, daß ich mir erlaube, sie zu bezweifeln. Sie ohne weiteres zu glauben, hieße die mensch liche Natur beleidigen. Daß einige wahr sein mögen, ist leider nur zu möglich. Wenn ein Teufel in einen Menschen schlüpft, so mag der Krieg wohl fähig sein, ihn Tages licht zu bringen. Die Geschichte des peninsularen Krieges ist keine angenehme Lektüre. Menschen sind lebendig ver brannt worden, nicht nur in Kriegszeiten und nicht nur von Deutschen vorausgesetzt, daß deutsche Soldaten derlei getan haben sollten. Lassen wir alle diese Anklagen erst geprüft sein. Wenn sie wahr sind, müssen die Verbrecher bestraft werden. Das sollte zu einer Bedingung des Frie dens gemacht werden. Wenn sie nicht wahr sind, dann ver dienen die, die sie erfunden haben, erschossen zu werden. Eine neue und widerwärtige Geschichte von der Miß handlung einer Roten-Kreuz-Schwester stellt sich nun als ein ausgewachsener Bär (,a pi-aetieal joks ) heraus. Ein ,Spaß , der einen Flecken auf Englands Namen hinterläßt. Geschichten von deutschen Offizieren, die vor den Augen englischer Soldaten Frauen die Brüste abschnitten, schreien nach Widerlegung. Ich habe einige Zeit in Belgien ver bracht. Ich achte die Belgier wegen vieler Vorzüge. Aber keine Nation besteht nur aus Georg Washingtons. Das un-377 beglaubigte Aeugnis von Männern und Frauen, die ein grausames Unrecht erleiden, die durch die Bilder des Krieges von Sinnen sind, gibt keine genügende Gewißheit, um eine ganze Nation zu verdammen. Wie unter dem Einfluß einer starken Erregung selbst gebildete, wahrhaftige Leute durch ihre Einbildung verführt werden können, das wurde uns bezeugt durch die Geschichten von Zehntausend russischer Soldaten, die England passiert haben sollten. Leute sahen sie, sprachen mit ihnen. Ich beleidigte geradezu persönliche Freunde, als ich ihre Feststellungen bezweifelte. Aller gesunden Vernunft zum Trotze, begann ich zu glauben, es müßte doch etwas Wahres daran sein. Genau ein Jahrhundert zurück haben wir mit der Hilfe von Rußland und Deutschland Napoleon endgültig be zwungen. Wir gaben Frankreich den Franzosen zurück! ihre Weinberge, ihre Kornfelder und ihre schönen Städte. Und Frankreich, sein unbezwungener Geist nahm seinen Platz von neuem zwischen den Nationen ein und steuerte seine Vorzüge und seine besondere Begabung zur allge meinen Kultur bei. Heute bekämpfen wir mit der Hilfe Frankreichs und Rußlands die Kriegsherren Deutschlands. Wir werden sie besiegen. Wir werden wenn das deutsche Volk nicht selbst bis dahin uns die Mühe erspart haben sollte es von allen Mächten des Bösen befreien. Und dann wollen wir Deutschland dem nüchternen deutschen Volke zurückgeben. Und gereinigt durch Feuer, gestärkt durch viele Leiden, werden sie ein neues Deutschland aufbauen. Und wir werden Brüder sein." Hierzu bemerkt die Deutsche Arbeit" (Dezember 1914), der wir obige Ubersetzung entnehmen, daß Jerome, der lange in Deutschland gelebt hat und seine Liebe zu Deutsch land offen bekannte, trotzdem noch völlig befangen ist in den verhängnisvollen Banden englischen Hochmuts, der gegen die eigenen Schwächen blind macht. Eine noch bemerkenswertere Stellung nimmt der bekannte englische Satiriker irischer Abstammung Bernard Shaw ein, dessen Komödien ( Der Arzt am Scheidewege", Png- malion", Frau Warrens Gewerbe" usw.) sich auch in378 Deutschland großer Beliebtheit erfreuen. Er ließ Ende August in den Nevs" einen Aufsatz erscheinen, in dem er den Kampf gegen die Gefahr von Potsdam" predigte. Er äußerte darin: Wir müssen so lange auf die preußischen Schädel losschlagen, bis wir ihnen den Militarismus ausgetrieben und uns Achtung verschafft haben. Hat man aberDeutsch- land mit Rußlands Hilfe zu Boden geschlagen, so muß man die Parteien wechseln und mit der Hilfe, die ein besiegtes Deutschland noch leisten kann, dieselbe Operation an Rußland vollziehen." Jedoch hat der scharf urteilende Satiriker bei dieser Gelegenheit auch seinen Landsleuten einige Dinge gesagt, die dem echten Engländer weniger angenehm zu hören sein werden: Nun, da wir den Krieg haben, ist es an der Zeit, daß wir uns darüber klar werden, was es in diesem Krieg gilt. Wir führen nicht Krieg, weil Deutschland den .schänd lichen Vorschlag gemacht hat, wir sollten ihm gestatten, die Neutralität Belgiens zu verletzen. Hätte es uns gepaßt, diesen Vorschlag anzunehmen, so hätten wir eine Menge Gründe finden können, um es zu tun Gründe, die nicht schlimmer wären, als die diplomatischen Gründe, die wir in früheren Zeiten für das Verhalten angegeben haben, das für uns das vorteilhafteste war. Lassen wir das also. Unser nationaler Trick, mit tugendhafter Entrüstung zu prunken, ist schon in friedlichen Parteikämpfen wider wärtig genug. Im Krieg ist er unedelmütig und un erlaubt. Nehmen wir Offenheit mit ins Feld hinaus und lassen wir Heuchelei und böses Blut zu Hause! Dieser Krieg ist ein Krieg um Machtverhältnisse, nichts anderes. Und wir müssen alle der Tatsache ins Auge schauen, daß im Falle eines Sieges unserer Partei das Resultat eine Übermacht zugunsten Rußlands sein würde, die für den Kämpfenden viel gefährlicher wäre als die Übermacht, deren Vernichtung der Zweck des jetzigen Krieges ist. Deutschland ist ein so wichtiges Bollwerk für die Zivilisation, daß, selbst wenn wir mit ihm379 im Krieg sind, linser Endziel die Aufrechterhaltung seiner Macht sein muß." Hierauf erwiderte der bekannte deutsche Volkswirt schaftler Werner Sombart in einem Potsdam" überschriebenen Aufsatz des Ber liner Tageblattes" vom 6. September 1914: Bernhard Shaw soll geäußert haben: Dieser Krieg werde dazu dienen, uns Deutschen Potsdam" auszutreiben; nachdem dann von der tapferen Armee Lord Kitcheners dieses segensreiche Werk vollbracht sei, werde sie die tapfere Armee Lord Kitcheners so gütig sein, mit uns gemeinsam das russische Knutenregiment zu Boden zu schlagen. Ich muß sagen: von allen Unverschämtheiten und allen Dummheiten, mit denen in den letzten Wochen die Geistesheroen unserer Gegner die Maeterlinck, Bergson, d Annunzio aufgewartet haben, ist dieses die größte, vorausgesetzt, daß der brave Shaw sich nicht bloß einen Witz hat machen wollen, was man ja bei ihm nie weiß. Was denkt sich der Herr eigentlich, wenn er uns mit der Austreibung Potsdams begnadigen will? Sollen wir uns zu der Portemonnaiephilosophie Sir Edward Greys bekehren? Oder sollen wir auf den Clownspäßen Bern hard Shaws unsere Weltanschauung aufbauen? Weder mit dem einen noch mit dem anderen gewinnt man Schlach ten. Nur Potsdam verdanken wir unsere Siege. Es könnte freilich den Herren Engländern recht sein, wenn wir diese unsere Stärke von uns würfen. Das hieße Simson scheren, wollte man den Deutschen Potsdam austreiben. Denn was heißt denn Potsdam in dem Sinne, in dem es Shaw meint? Ich denke doch die Vereinigung zweier Tugenden: eines starkenPflichtgefühls und eines ebenso starken Ordnungssinnes. Die Überzeugung, daß wir unsere persönlichen Neigungen unterdrücken und in den Dienst einer überindividuellen Auf gabe stellen müssen und die Fähigkeit, uns in ein großes Gefüge als Teilchen einzuordnen: auf diesen beiden Seeleneigenschaften ruht unsere Größe, sie führen uns jetzt zum Siege. Und sie380 sind echtes Potsdam. Sie sind echter Friedrich. Und sie sind nicht etwa beschränkt auf unsere herrschende" Kaste, nicht etwa nur auf die militärische Organisation: sie sind Grundbestandteile der deutschen Volksseele und be stimmen das Wesen unserer besten Männer, welchem Stande oder Berufe, welcher Klasse oder Partei sie angehören mögen. Nur weil unser Heer aus einem Volke hervorgeht, dem Pflichtgefühl und Aucht und Ordnung in Fleisch und Blut übergegangen sind, darum erringt es seine Siege. Wo wir uns umsehen im deutschen Volke: immer tritt uns Potsdam als Grundzug des Wesens entgegen. Ich sagte schon: in allen Berufen und allen Parteien. Sehen wir uns unseren Reichstagspräsidenten an, den ehr würdigen Johannes Kaempf, oder Friedrich Naumann oder irgend welchen hervorragenden Liberalen: immer ist eS bestes Potsdam. Es sind stets Männer aus Pflicht und Selbstzucht und Ordnungssinn zusammengesetzt. August Bebel war bestes Potsdam. Unsere Gewerkschaftsführer sind aus dem besten Holze geschnitzt. Und unsere Zentral verbände" schlagen jetzt den aufgeblasenen Syndikalismus" aufs Haupt, der mit seinem Elan" nichts ausrichten kann gegen die Wucht der Organisation. Aber auch unsere Riesen betriebe besiegen die französischen Ateliers und der Kapi talismus erweist sich in dieser Form dem Militarismus dankbar für so vieles, was er dem älteren Bruder schuldet. Denn daß nicht zuletzt auch unsere wirtschaftliche Größe, die uns jetzt siegen hilft, auf Potsdamer Grunde ruht, kann niemandem zweifelhaft sein, der die Ausammenhänge durchschaut. Man betrachte unsere Reichsbank, deren Leiter wie ein volkswirtschaftlicher Generalstab disponieren. Ver waltet wird das Institut von dem Reichsbankdirektorium, dessen Mitglieder vom Kaiser ernannte Reichsbeamte sind. Eine ganz wunderbar ingeniöse Einrichtung. So recht der Typ deutscher Wirtschaft überhaupt: Die Kreuzung kapi talistischen Unternehmertums mit altpreußischer Korrekt heit. Bismarck hat einmal gesagt: den preußischen Leut nant mache uns keine Nation nach. Man könnte mit noch viel größerem Rechte sagen: den wirklichen Geheimen Rat381 mit dem Titel Exzellenz, der als anerkannte Autorität einem Gremium von Vertretern allergrößter Bankhäuser mit europäischem Rufe vorsitzt. ... Wahrhaftig ein Austand, den man erst ganz begreifen kann, wenn man ein paar Wochen lang seinen Morgenspaziergang rund um das Bornstädter Feld bei Sanssouci gemacht hat." Ich erinnere mich, daß ich diese Sätze vor zwölf Jahren in meine Deut sche Volkswirtschaft" aufnahm, nach einem angeregten Gespräche mit meinem Freunde Sayous, einem der besten Kenner des deutschen und des französischen Bankwesens, als er mir mit Begeisterung die Überlegenheit der deutschen Organisation gepriesen hatte. Potsdam, Herr Shaw! Aber hören Sie, was ein Landsmann von Ihnen, dem Sie vielleicht mehr Glauben schenken, über die Bedeutung Potsdams für unser Wirtschaftssystem gesagt hat: Man übertreibt kaum, wenn man sagt, daß der Militärdienst mehr als irgendein anderer Einfluß das industrielle Deutschland macht. Unternehmer und Arbeiter sind zu sammen durch ihn gegangen; sie haben in derselben Schule gelernt, und sie verstehen beide gleich, daß Ordnung für jede organisierte Kraft, sie sei nun industriell oder mili tärisch, wesentlich ist." (Dr. Shadwell in den limes".) Heute, da die kapitalistischen Unternehmungen immer mehr an Ausdehnung gewinnen und auch mehr die Natur von riesigen Truppenaufgeboten annehmen, kommen be greiflicherweise diese besonderen Begabungen und Übungen erst recht zur Geltung, die bei uns in Potsdam vor allem gepflegt werden: die Disziplin einerseits, die organisatorischen Fähigkeiten andererseits. Unsere deutschen Eisenbahnen, unsere riesigen Schiffahrtsunternehmungen, unsere großen Elektrizitätsgesellschaften die uns keine Nation nachmacht: Alles ist gutes Potsdam. Und das, gerade das, wollen Sie uns austreiben", Herr Shaw? Wohl deshalb, damit das Uaäe in (Zerm-m weniger Schrecken bei Ihnen verbreite? Oder haben Sie das Gefühl, daß wir erst etwas mehr herun terkommen müssen, ehe wir der Ehre teilhaftig werden können, Schulter an Schulter mit der tapferen Armee des Lord Kitchener gegen Rußland zu ziehen? Nein, Herr Shaw, wir werden Ihnen den Gefallen,382 uns von der tapferen Armee des Lord Kitchener besiegen zu lassen, damit uns Potsdam ausgetrieben werde, nicht tun. Wir hoffen sogar, Rußland ohne die Hilfe der tapferen Armee des Lord Kitchener allein niederringen zu können. Und dann wollen wir auch nach dem Siege noch viel mehr aber, wenn wir unterliegen sollten Potsdam in Ehren halten. Wenn irgend etwas die Wirkung dieses Krieges ist, so wird es die Wirkung des alten Preußentums bester Tra dition in der deutschen Volksseele sein. Denn dieses hat uns groß gemacht und dieses hat auch allem geistigen Wesen der besten Deutschen die Richtung gewiesen. Uns auf Friedrich II. besinnen, heißt, uns auf Kant und Fichte besinnen, aber auch so widerspruchsvoll es manchem klingen mag auf Weimar. Pflicht und Zucht bilden auch die Grundzüge in der Seele dessen, der uns gelehrt hat: Vergebens werden ungebunden Geister Nach der Vollendung reiner Höhe streben; In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister, Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben." Und echtes, bestes Preußentum steckt auch ich sage es auf die Gefahr hin, es mit allen Kaffeehausliteraten auf ewige Zeiten zu verderben in Friedrich Nietzsche. Auch dieser Mann würde Ihre Clownspäße, Herr Bernhard Shaw, für ein Gift gehalten haben, das an dem Bolkskörper frißt; auch dieses Mannes höchstes Ideal war der in Jucht und Ordnung und Pflicht zur Größe aufstei gende Mensch, und er stand mit seinem innersten Empfinden Potsdam ganz gewiß näher, als den verlumpten Kaffee hausliteraten, die ihn heute für sich requirieren. Was Sie uns, lieber Herr Shaw, in Fülle gebracht haben, und wofür wir Ihnen mit hohen Tantiemen unsern Dank abgestattet haben, waren amüsante Einfälle und geist reiche Pointen. Sehr nett. Aber daran haben wir nun für einige Zeit genug. Nun wollen wir gerade umgekehrt, wie Sie wünschen, wird die Entwicklung verlaufen wieder etwas mehrPotsdam in unserem Wesen zur Geltung bringen. Mir fällt ein prächtiges Wort Arthur Schnitzlers ein, mit dem Herr v. Sala im Einsamen Weg" Abschied nimmt,383 das ich Ihnen, Herr Shaw, zu bedenken geben möchte: Finden Sie nicht, daß er sich brav gehalten hat? ... Der junge Felix.) Es scheint mir überhaupt, daß jetzt wieder ein besseres Geschlecht heranwächst, mehr Haltung und weniger Geist." Der Krieg soll dieses Geschlecht stark machen". Späterhin hat sich Shaw in Msks I-ls^ine" geäußert. Er schreibt dort (nach der Tägl. Rundschau" vom 27. November): Es bleibt eine traurige Tatsache, daß wir uns in eine Lage gebracht haben, die uns zwingt, wenn wir nicht als feige Verräter dastehen wollen, uns mit aller Macht in diesem Kriege auf Frankreichs Seite zu stellen. Aber wir alle drei, Frankreich, England und Deutsch land, begehen ein Verbrechen gegen die Zivili sation zum Vorteil Rußlands. Mich und andere vernünftige Männer veranlassen zu wollen, diesem Ver brechen den illusorischen Anstrich eines reinen und edlen Patriotismus zu geben, ist eine Zumutung an ehrliche Menschen, eine Narrenarbeit zu unternehmen. Wir müssen jetzt kämpfen und sterben und leiden mit dem schrecklichen Bewußtsein, daß wir uns für eine wahnsinnige Sache opfern. Nur durch hervorragendes Kämpfen können wir mit Ehren aus diesem Feldzuge hervorgehen. Ich selber kann nur wünschen, daß alle beteiligten Westmächte sich so heldenhaft schlagen, daß sie gezwungen werden, sich mit Ehren in die Erfolge zu teilen, um dann einen ewigen Frieden zu schließen. Was sollte denn geschehen, wenn wir Deutschland ver nichten? Was soll geschehen, wenn wir Schweden ver nichten, nachdem wir Schweden zwangen, mit Deutschland gegen uns zu kämpfen? Wir würden dann sowohl Deutsch land wie Schweden gegen Rußland verteidigen müssen, und müßten diese Verteidigung versuchen, trotzdem wir selber durch diesen Bruderkrieg erschöpft wären. Wenn nun aber Deutschland uns vernichtete und die Küsten der Nordsee annektierte, in welche untergeordnete Stellung würden dann Frankreich und wir gedrängt werden wir, die wir die Schicksale Westeuropas beherrscht384 hätten, wenn wir uns auf die Seite der Zivili sation gestellt hätten, statt unsere Kräfte für russische Anleihen und persische Kapitalspeku lationen einzusetzen. Es ist ein Glück für uns, daß das .Vernichten nur Schuljungengerede ist. Wir können wohl unerhörten Mut beweisen, und wir können uns gegenseitig erschöpfen angesichts des unerschöpflichen Rußland (das freilich ebensowenig unerschöpflich ist wie wir drei anderen, wenn wir vereint sind), aber wir können uns nicht gegen seitig vernichten. Jetzt bleibt uns nur eins zu tun übrig außer dem, daß wir mit aller Macht kämpfen, damit wir nicht wie Feiglinge und Schwächlinge, wie Narren und Verrückte dastehen, bis wir gelernt haben, uns gegenseitig zu achten, vor allem aber unsere große Völkeraufgabe zu erkennen, die darin besteht, uns als die vereinigten Banner träger der Zivilisation zu fühlen im Gegensatz zu den Ost mächten, denen wir selber erst die Kunst beigebracht haben, mit den todbringenden Maschinen Krieg zu führen. Das eine, das uns noch obliegt, ist: gleich mit der Arbeit des unvermeidlichen Friedensvertrages zu beginnen, den wir doch alle einmal unterzeichnen müs sen, wenn wir endlich alle von dem entsetzlichen Morden und Vernichten genug haben." Durch seine Artikel über Grey und die Regierung zog sich Shaw den Haß der ganzen englischen Presse zu. Be sonders heftige Angriffe gegen ihn richtete der Romandichter H. G. Wells, der trotz seiner republikanischen" Gesin nung dem Zarismus und der russischen Knutenberrschaft eine Schmeichelei über die andere sagte. Er erklärte, daß die melodramatischen Geschichten über Rußland und seine Herrscher absurde und gefährliche Legenden" seien. Alles, waS wir von Rußland wissen, haben wir aus ein paar dummen Romanen und sinnlosen Rührstücken gelernt". Demgegenüber ließ sich Shaw aber nicht in die Enge treiben und verteidigte seine Ansichten über den Krieg in einem offenen Briefe, gerichtet an l tie New Ltatesman". In diesem sagt Bernard Shaw folgendes (nach dem BaSler Anzeiger"): Ich mache kein Hehl daraus, daß ich nicht zart und385 sentimental mit Sir Edward Grey umgehe. Es ist wahr, daß ich ebenso leicht ein blutiges Bild seiner ganzen bis herigen Laufbhan hatte malen können. Ich hätte mit seinem ekelhaften Verrate in der persischen An gelegenheit beginnen können. Es ist eine einfache zuge gebene Tatsache, wie unsere Diplomatie während des Krie ges und vor dem Kriege gearbeitet hat. Aber es würde ein fataler Fehler sein, wenn man dies allein der persönli chen käuflichen Gesinnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes zuschreiben wollte. Nein, ich schleudere meine Angriffe gegen die ganze englische autokratische und geheime Diplomatie, als deren Vater ich Grey betrachte. Bedenken Sie, daß diegeheime Diplomatie sich unbedingt zur lügnerischen Diplo matie entwickeln muß, solange in der Kammer ge wisse Fragen erlaubt sind, denn es ist leicht, eine Frage in einer solchen Form zu stellen, daß sie zur Zufriedenheit der Regierung beantwortet werden muß. Lord Roberts hat sein ganzes Leben dazu verwandt, um uns klar zu machen, daß Rußland unser erbitterter Feind ist, und Rud yard Kipling hat uns in zahllosen Gedichten und Geschichten vor Rußland gewarnt und uns immer wieder ermahnt, Rußland nie zu trauen. Und jetzt vergießen wir unser Blut, um Rußland zu der stärksten militärischen Autokratie Eu ropas zu machen. Haben wir vergessen, daß, nachdem die Hunnengefahr Jahrhunderte hinter uns lag, Österreich- Ungarn zwischen uns und den Türken stand? Haben wir Sobieski vergessen, ohne den wir jetzt vielleicht als Sklaven in Tripolis oder Algier sitzen könnten? Und doch führen wir Krieg mit Österreich-Ungarn? Ja, wir sind ein hoffnungs loses Volk und fallen von einer Undankbarkeit in die andere. Und wie benehmen wir uns den Deutschen gegen über? Haben wir alle die braven Hessen vergessen, die für uns Engländer von Marlborough bis Bourgogne so viele Lorbeeren ernteten? Und wie würde es um unsere protestantische Religion in England bestellt sein, wenn nicht der deutsche Luther zur Welt gekommen wäre? Eine ewige Schande bleibt unser Vorgehen, und wir sollten darüber erröten. Wenn Professor Ramsay Muir mir Un klarheit und Widerspruch in meinen Ansichten über den Der Krieg der Geister. 25336 Krieg vorwirft, so kann ich darauf nur erwidern, daß er sich irrt. Ich sagte, daß der Vertrag von 1839 (der Vertrag über die belgische Neutralitat) nicht das Papier wert ist, worauf er geschrieben wurde, und daß wir den Krieg auch erklärt hatten, wenn es diesen Vertrag gar nicht gegeben hätte. Aber jetzt gehe ich sogar noch weiter und behaupte, England hätte den Krieg auch erklärt, wenn z. B. in dem Vertrage ein heiliges Versprechen enthalten gewesen wäre, nie das Schwert gegen Deutschland zu ziehen. Ich behaupte ganz ernsthaft, daß die englische Nation nur deshalb mit Sir Edward Greys Kriegserklärung einverstanden war, weil sie nicht haben wollte, daß Frankreich von Deutschland zerschmettert würde, und nicht etwa, weil sie sich auch nur im geringsten um ein Stück Papier gekümmert hat, und dann behaupte ich ferner und werde natürlich auf Wider spruch stoßen, daß wir Engländer eine große Schuld an Belgien abzutragen haben. Natürlich wird sich der insu lare Engländer gar nicht vorstellen können, daß ein Engländer jemals eine Pflicht gegen einen Ausländer l mere korei^ner) haben könne, die nicht in einem Vertrage genau formuliert sei, und er kann es nicht verstehen, daß ich wohl die Echtheit des Vertrages anzweifeln, aber gleichzeitig eine Dankes schuld der Engländer Belgien gegenüber anerkennen kann. Ich habe nie behauptet, daß diese unsere heilige Pflicht in diesem Vertrage formuliert war, und selbst wenn der ganze Vertrag eine Fälschung wäre, würde unsere Pflicht fort bestehen, weil Deutschland beweisen kann, daß die ganze belgische Defensive schon lange vorbedacht und vorbereitet war, und weil es in Belgien allgemein bekannt war, weil alle belgischen militärischen Sachver ständigen es wußten, daß man mit einem Durchmarsche Deutschlands rechnen mußte. Auch sind die Belgier keine Narren, und selbstverständlich haben sie jahrelang vorher mit den Engländern eine Verständigung über die Vertei digung Belgiens gesucht. Belgien hat einfach die Tür gehalten und hat uns hierdurch die kostbare Zeit gegeben, unsere kriegerischen Vorbereitungen zu treffen, wenn auch unter schrecklichen Opfern für die Belgier selbst. Nachdem sie dies für uns getan haben,387 25 dürfen wir sie jetzt nicht im Stiche lassen, auch wenn alle Juristen der Welt den Vertrag für ungültig erklären würden. Unsere Ehre ganz allein und nicht etwa der Vertrag soll uns jetzt zu neuen Kraftanstrengungen veranlassen. Und da wollen wir uns von Mr. Asquith nicht länger durch dieses StückchenPapier verrückt machen lassen. Wir wollen Belgien helfen, das so fürchterlich gelitten hat durch die englischen Truppen und durch die belgischen Truppen, und nicht etwa allein nur durch die deutschen." In der Nev ^ork ?ime8" schrieb er (Kunstwart 1915, H. 8): Die meisten Engländer wollen den Feind gedemütigt und gequält sehen. Nun loben sie in einem Atem das brut- tale Vorgehen der Russen und protestieren gegen das Ein äschern von Dörfern und Städten durch die Deutschen. Sie verlangen, daß man die deutschen Kriegsgefangenen wie Verbrecher behandeln soll, und freuen sich, wenn die indischen Truppen ihre tierische Wildheit an den Deutschen betätigen. Sie möchten, daß das deutsche Volk niederge zwungen wird, daß es jahrelang nicht wieder aufstehen kann. Sie sagen: nennen wir die Deutschen getrost Hunnen und schicken wir möglichst viele von ihnen aus den Schützen gräben geradewegs in den Tod! Wenn, die so reden, ernsthaft zu Werk gehen wollten, warum raten sie nicht gleich, die deutschen Frauen zu töten? Wenn wir fünfundsiebzig von hundert deutschen Frauen töteten, könnten wir Deutschland getrost seine Flotte und sein Geld lassen, denn dann brächte es nicht mehr so viel Soldaten in den Krieg. Aber das will man inkonsequenter weise auch wieder nicht. Wenn ihr die Folgen eurer Reden auf euch nehmen wolltet, so müßtet ihr das unbedingt tun, tötet ihr aber von hundert deutschen Männern neunzig, so werden die letzten Zehn immer noch wieder für Nachwuchs sorgen Möglich, wenn wir Engländer nach Deutschland kom men, so widerstehen wir der Versuchung, zu plündern, denn bis jetzt plündern wir ja nur auf der See. Wir nehmen den Deutschen die Schiffe weg und verkaufen sie, statt sie brav bis Friedensschluß in Verwahrung zu halten. Freilich:388 im HousL ok Lommons stehen Gentlemen auf und erklären, sie schuldeten zwar den Deutschen Geld, aber sie dächten gar nicht daran, es ihnen zu bezahlen danach müßten wir uns darüber klar werden, daß später doch einmal das Plün dern auch auf deutschem Lande beliebt werden könnte. Oder wird der Durchschnittsenglander nicht nach den Worten Fallstaffs handlen: .Denkst du, ich werde meine Seele für nichts in Gefahr bringen? Shaw rät, sich einmal offen als Halbräuber zu be kennen und dann nicht zu viel davon zu reden. Er kritisiert dann noch unbarmherzig das englische Werbesystem. Trotzdem er natürlich von manchen irrigen Voraus setzungen ausgeht (so z. B. von der angeblichen Zerstörung der Kathedrale von Reims), so kommt er doch zu ganz an deren Erwägnungen und Resultaten als die meisten seiner Landsleute. So schreibt er in seiner Broschüre Der ge sunde Menschenverstand und der Krieg" u. a. folgendes (nach dem Verl. Tageblatt" vom 20. Jan. 1915): Lohnsklaven können niemals jene wundervolle Schar gemeißelter Gestalten wieder herstellen, die Reims von jedem anderen Ort der Welt unterscheiden, und wenn sie jetzt zerstört sind oder in Kürze zerstört sein sollten, tröstet es mich nicht, daß wir noch immer die zauberhafte Glasmalerei des Domes von Chartres und den Kirchenchor von Beauvais besitzen. Wir behaupten, daß die armen Franzosen dabei das empfinden, was wir empfänden, wenn wir die West- minster-Abtei verloren hätten. Reims war zehn West- minster-Abteien wert, die ebenso leicht vernichtet werden können. Wir wollen aber den Anspruch der Deutschen auf Kultur nicht verhöhnen, sondern der Tatsache ins Auge sehen, daß die Deutschen zumindest genau so kul tiviert sind wie wir, und daß der Krieg sie trotzdem dazu gezwungen hat, derlei so unnachsichtig zu tun, wie e. uns dazu treiben mag, ähnliches morgen zu vollbringen, wenn wir uns einer Stadt gegenübersehen, die wir angreifen und deren höchster Punkt die befestigte Spitze einer Kathe drale ist, von der aus ein Beobachter unsere Stellungen entdecken kann, der in der einen Hand einen Feldstecher und ein Telephon in der anderen hat. Auch sollten wir vor-389 sichtiger sein, ehe wir mit unserer Vorliebe für mittelalter liche Kunstwerke Leuten gegenüber prahlen, die aus den Protesten von Ruskin und Morris sehr gut wissen, daß wir in Friedenszeiten ebensowenig gutzumachen de Dinge nur deshalb getan haben, weil der Bruder des Oberbürgermeisters oder der Stiefonkel des Altersprä sidenten, ein Baumeister, auf der Suche nach einer .Restau rierung" gewesen ist. Wenn die Kirche die Kathedrale von Reims morgen einer englisch-französischen Ge sellschaft m. b. H. überließe, würde die alles, was nicht niet- und nagelfest ist, sofort an amerikanische Sammler verkaufen, den Platz dem Erdboden gleichmachen und für .Baugründe vermieten. Auf diese Weise würde die Kathedrale sich geschäftlich .rentieren ." Der obengenannte englische Romanschriftsteller H. G. Wells ist mit besonders heftigen Äußerungen gegen Deutschland hervorgetreten. Als Erwiderung auf Gerhart Hauptmanns Aufsatz Die Unwahrhaftigkeit unserer Feinde" veröffent lichte er in der öerlinAske politi8ke l iäenäe" vom 28. Au gust 1914 unter dem Titel: Krieg an Stelle von Frie den" folgenden Aufsatz: Deutschland war in alteren Zeiten der Träger einer friedlichen und hochkultivierten Tradition. Keine europäische Macht hat wirklich an Deutschland an sich etwas auszu setzen. Unsere Hand ist gerichtet gegen die deutsche Welt herrschaft. Wir sind in diesen Kampf mit reinen Händen gegangen. Es ist unser fester Beschluß zu siegen. Wir sind vorbereitet auf jedes Unglück, Bankerott, Hunger, auf altes, nur nicht auf eine Niederlage. Ich für mein Teil zweifle nicht, daß es Deutschland und Osterreich vorausbe stimmt ist, in diesem Kriege eine Niederlage zu erleiden. Der Deutsche ist von Natur kein guter Soldat, er ist ordentlich und gehorsam, aber er ist nicht geschmeidig und schnell, und auf der anderen Seite haben die Fran zosen seit dem Unglücksiahr Geschmeidigkeit gelernt; sie sind nun ernsthaft auf einen Streit vorbereitet. Ich glaube nicht, daß ein .Sedan einem Volke gegenüber wiederholt werden kann, das so intelligent ist und das im Rückzüge390 Guerilla-Methoden anwendet. Wir Engländer bekamen davon einen kleinen Vorgeschmack in Südafrika. Ein deutsches Heer auf dem Rückzüge dagegen ist minder gefährlich, denn es besteht aus Leuten, die daran gewöhnt sind, in Reih und Glied zu marschieren, deren Intelligenz bei den aristo kratischen Offizieren konzentriert ist, und deshalb verliert ein solches Heer den Humor, wenn seine Reihen durchbro chen sind. In Wirklichkeit steht die deutsche Armee fast zwanzig Jahre hinter den Forderungen un serer Jeit zurück. Was die Ostgrenze anbelangt, so besteht Rußlands Stärke in ihren großen Mengen verfügbarer Reiterei, die ausgezeichnet zu einem plötzlichen Einfalle geeignet ist, der mit größerer Gewißheit auf das Ziel Berlin losgeht, als der deutsche Vormarsch auf Paris. Die deutsche Flotte ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine ausgezeichnete Flotte, deren einzelne Schiffe eben so gut sind wie unsere. Die einzige Stelle, wo die deutsche Flotte sicher ist und etwas ausrichten kann, ist die Ostsee, und die können wir nur sperren, wenn wir Dänemarks Neutralität außer acht lassen. Aber wir wollen aus diesem Krieg mit reinen Händen hervorgehen, so wie wir begonnen haben. Die deutschen Schiffe werden in der Ostsee gute Verwendung gegen Rußland finden. Ich glaube, in wenigen Monaten wird Deutschlands künstliche Hegemonie niedergebrochen sein, und dann wird sich die Möglich keit ergeben, die Rüstungsepoche in Europas Geschichte zu beschließen. Frankreich, Italien, England und alle anderen Staaten sind friedliche Mächte, auch Rußland wird nach die sem ungeheuren Kriege zu ermattet sein für irgendein Abenteuer. Deutschland selbst wird ein Deutschland der Revolution sein, ebenso müde der Militäruniform und der Segnung des Kaisertums wie Frankreich im Jahre 1371, und so wird der Weg endlich offenstehen für die West mächte zum organisierten Frieden. Dieser Krieg wird nicht in der .Diplomatie enden. Es wird kein .euro päisches Konzert noch eine .Weltkonferenz folgen, über die Ruinen von Preußens Kriegsherrschaft wird die Ver nunft der öffentlichen Meinung und internationales Ver-391 trauen das Schicksal der Menschheit steuern. Aber die Be gebenheiten erwarten nicht Vernunft und Rechtlichkeit, wenn nicht rechtschaffene Männer Energie und Verant wortlichkeitsgefühl entwickeln. Und dies ist der Grund dafür, daß ich trotz meines erklarten Abscheus gegen den Krieg nicht eine einzige Anti-Kriegsadresse unterschrieben habe." Dieser Friedensapostel" mußte seine Prophezeiungen zu seinem großen Schmerze unerfüllt sehen; als dagegen das Gespenst einer deutschen Invasion in England immer bedrohlicher auftauchte, verstieg er sich in einem Artikel der l iines" zu noch viel gewagteren Äußerungen, über die Art, wie man einer solchen Gefahr begegnen müsse (nach einem Auszuge der Tägl. Rundschau" vom 17. Nov. 1914): Aufrichtig gesagt glaube ich nicht an einen solchen Einfall. Nach meiner Meinung erweisen wir dem Feind sogar einen Dienst, wenn wir uns bloß mit dieser Möglich keit beschäftigen; denn dadurch werden wir nur dazu ge führt, einen beträchtlichen Teil unserer Landtruppen hier festzuhalten, die wahrhaftig in der Front an der belgisch französischen Grenze nötiger sind. Das ist nicht bloß meine eigene Meinung, sondern auch die der größten Mehrheit des englischen Volkes. Wenn die Deutschen erst wagen sollten, ihre Absicht auszuführen, so wird eine einfache ,I^ev5s en blasse stattfinden, und dabei werden nicht bloß Männer, sondern auch die Frauen(!) zu den Waffen greifen und gegen die Eindringlinge vorgehen. Nach den belgischen Geschehnissen kann keine Rede davon sein, daß die regu lären Truppen einen pedantischen Versuch machen sollten, die Menge zurückzuhalten. Jedes Dazwischentreten wäre aussichtslos. Man würde sie eben auch als Feinde betrachten und sie niederschießen. Es würde kein Krieg sein, sondern ein blutrünstiges Vorgehen. Ein naturgemäßer Ausfluß der Zustände. Wir würden einen jeden Deutschen einfach massakrieren, die Offiziere würden wir hängen und jeden sonstigen Mann niederschießen. Die deutschen Ein dringlinge in England würden tatsächlich nicht niederge- fochten werden, sondern man würde sie lynchen. Krieg392 ist Krieg und ein Spiel, woran sich zwei beteiligen kön nen; das ist die latente Stimmung des britischen Volkes, und je eher die Behörden diese innere Bewegung regeln und ihre Führung übernehmen, umso besser und ruhiger werden wir die Möglichkeit eines solchen Uberfalles ins Auge fassen. Was wir dazu brauchen? Man soll das Volk so schnell wie möglich mit Waffen versehen. Es können dazu ruhig alte Modelle, und wären sie zehn Jahre alt, verwandt werden. Weiter nehme man, was auf eine Uniform heraus kommt, und es kann nur eine Frage von ein paar Tagen sein, um uns zusammengefaßt die Hauptregeln zur Hand zu stellen, wonach wir uns zu Hause, in unserer freien Jeit, jeder nach seiner Bequemlichkeit im Waffengebrauch wie im Exerzieren üben könnten. Dann könnten wir uns auch schon damit befassen, Karren und Wagen gefechtsmäßig umzubauen oder zu panzern. Und nachdem wir so zum Kampfe gerüstet wären, könnten wir nötigenfalls auch für andere Zwecke verwendet werden. Aum Beispiel als Ersatz männer für Motorenlenker usw. Auf jeden Fall sollten wir in dieser Weise dazu beitragen, die wirklich in, Kampfe stehenden Kräfte zu entlasten, und soviel wie möglich die Truppen für den weit wichtigeren Gebrauch auf dem Fest lande freimachen helfen." D. h. also, Wells predigt statt geregelter Kriegführung den Massenmord. Allerdings eine merkwürdige Seelen- wandelung, die man nur einem Engländer zutrauen kann. Die Verleumdungen dieses Autors, die sich in zahlreichen Auikeln gegen Deutschland ergehen, veranlaßten einen Landsmann Wells, den Engländer N. L. Orchelle ihm in der New Porter Wochenschrift I ke? tlierlan6" mit einem Aufsatz H. G. Wells und der Krieg, offe ner Brief eines Engländers an einen andern", entgegenzutreten, aus dem wir den Schluß hier wieder geben: Sie sprechen von den leichten Siegen der Deutschen im Jahre 1870. Dieses Wort ist eine Beschimpfung dessen, was für immer eines der größten Ereig nisse in der Geschichte bleiben wird... Hundert-393 tausende von Deutschen mußten geopfert werden, um die riesigen Festungen zu erobern, und doch wurden sie alle erobert. Allein während der Belagerung und Einnahme einer solchen Festung verloren 28 OVO Deutsche das Leben. Dagegen hat Frankreich, die größte militärische Macht ihrer Zeit, nicht eine einzige Schlacht gewonnen, trotz ihrer Überlegenheit an modernen Geschützen und Ausrüstungen. Es wurde hoffnungslos geschlagen von dieser verachteten Nation von Professoren und Träumern, die außerdem nicht reich und eben erst geeinigt war. Und seit jenen Tagen hat Frankreich seinen Krieg von Lügen und Verleumdungen geführt. Deutschland, vor allem der Kaiser, haben sich als Freun de des Friedens erwiesen. Daß es erst einen Platz zwischen den Großmächten einnahm, nachdem England und die anderen sich aller nützlichen Kolonien bemächtigt hatten, ist kein Grund, um seine Entwicklung zu hindern, jedenfalls nicht im Namen der Humanität und Zivilisation, wobei England die Rolle einer sprungbereiten Dogge spielt. Ich wiederhole es und ich weiß, daß viele Englander, deren Mund gegenwartig verschlossen bleibt, innerlich mit mir übereinstimmen: Unsere Nation hat etwas getan, was die Geschichte als Verrat der eigenen Rasse bezeichnet. England unterstützt die Lateiner gegen die germanischen Vettern, es unterstützt den ungeheuren Slawen, obwohl es sich schämt, das einzugestehen, und als Krönung der Gemeinheit hetzt es mongolische Horden gegen sein eigenes Blut. Das ist meiner Meinung nach die Gemeinheit aller Gemeinheiten, eine Feigheit sonder gleichen (tke inkamz? ok inkamies, tke eowarclies ok all eovvÄr^iee). ... Schamgefühl und Erniedrigung empfinde ich in dem Augenblick, wo ich diese Zeilen schreibe. Ich sehe den an ständigen Namen Englands besudelt durch einen Verrat, der auf Schwäche und Furcht, auf Heu chelei und Ungerechtigkeit beruht..." Ebenso heftig wie Wells wüteten andere, so z. B. Englands amtlicher, lorbeergekrönter Dichter Robert Bridges, der in der l imes" schrieb, daß dies sichtlich394 ein Krieg zwischen Christus und dem Teufel ist". Das englische Volk solle einsehen, daß sein Krieg ein hei liger Krieg ist. Der weltberühmte englische Dichter Nudyard Kipling, veröffentlichte in der limes" folgende Verse: ?or II vve IiÄve snä sre, ?or all our ckilärvn s kate, LtÄllä up anä meet tds var. I ke Lun is at tke xste! Our vorlä das passeä In vvantonness o ertlirovn. ?ders s notliinZ lekt to-6^ Lut kteel anä kire auä stone. ?kouxk all ve knsv äepsrt, Ide olä eommanäments 8tÄN Z: In eouraZe keep ^our dsart, In strengtli likt up z^our kanä." Vnee mors ve dear tke ^vorä l dat sieliöneä kÄrtd ok olä: ,,I^o lav exeept ttio svorä UnsdestlikZ Ällä uneontroUeä." 0i oö mors it knits niankinä, Onoe more tde nations xo ?o meet anä bre^ anä binä ^ era?eä Aiiä äriven kos. * . * Lomkort, eontenä, ^elixkt I ke ÄZes slov-bouZdt ßain ?de^ skrivelieä in g, ni^kt^ Onl^ ourselves remain ks^cs tds nakeä äaz^s In kilkut kortituäe ^drouA perils an6 äisma^s Reneveä snä rs-rsne^ecl. IdouA s.U ve maäe äepÄrt, I ks 16 eommanämenk stanä: In patienee keep z^our deart, In stren^tk likt up z^our lianä."395 No eas? doxes or lies LtiÄlI brinZ us to our Ao^l, Lut iron saerikios Ok boä^, vill, ariä soul. I kero s but ovs task kor all, ?or caek onv like to givs. "Udo stanüs ik krseäoiu ksU? ^V!w ckies ik LnAlanä live? in deutscher Ubersetzung: Um all das, was ihr seid. Um Hab und Kind empor! Empor zum blut gen Streit! Der Hunne pocht Tor! Dahin ist unsre Welt Von Üppigkeit und Schein; Was heut allein uns hält, Ist Stahl und Feu r und Stein. Sinkt unser Wissen hin. Der alte Ruf hält stand: Mit Mut stählt euern Sinn, Mit Kraft hebt auf die Hand!" Das freche Greuelwort, Hört, wie es wiederkehrt: Uns ist Gesetz und Hort Das nackte, freie Schwert." Drum auf, und unverzagt, Ihr Völker rings vereint. Jagt, packt, in Fesseln schlagt Den wahnsinnstollen Feind. 4- - Wohlstand, Behagen, Pracht, Mühvoll erworbnes Glück Versank in einer Nacht, Wir blieben arm zurück, Trostloser Tage Not In stummer Tapferkeit Ertragend, stets umdroht Von Angst, Gefahr und Leid.396 Schwand unsre Habe hin. Das alte Wort halt stand: Geduld stähl euern Sinn, Mit Kraft hebt auf die Hand." Nicht Hoffnungswahn, nicht Quark Von Lügen beut Verbleib; Nur Opfer eisenstark An Willen, Seel und Leib. Euch alle führ ein Ziel, Ein Leben alle gebt. Wer steht, wenn Freiheit fiel? Wer stirbt, so England lebt? Die l imes" setzt hinzu: Auf Herrn Kiplings Wunsch haben wir in seinem Namen der belgischen Unterstützungskasse 50 Pf. St. über- sandt." Dazu bemerkt die Kölnische Zeitung" vom 10. Sept.: Reime und Schillinge in ein entsprechendes Ver hältnis zu bringen, ist schwierig; jedenfalls hat der Dichter seine diesmal recht minderwertige Ware mit SO Pfund seha hoch eingeschätzt. Aber die Times darf schon aus Eigenem zu den klappernden Versen klingende Münze hinzulegen; dazu scheint sie nach ihrer langjährigen Kriegshetze, die jetzt ihre bittern Früchte zu tragen beginnt, vollauf berechtigt. Eine der anspruchvollsten Stellen des Gedichtes mit ihrem Stahl, Feuer und Stein" erinnert gar sehr an Steinschloß flinten seligen Angedenkens, und die Schlußfrage erweckt naturnotwendig den Gedanken an die Millionen und aber Millionen der mit Hilfe der Freiheit, wie man sie in Eng land versteht, geknechteten Jndier und Ägypter. Daß der schon ein wenig abgehetzte Hunne nicht fehlen darf, ver steht sich von selbst; auch ist Kiplings Deutschenhaß eine fast ebenso bekannte Tatsache, wie Sir Edward Greys und seiner englischen Einkreisungsgenossen mit Trug und Heu chelei übel verbrämter nationaler Brotneid." Dazu bemerkt ein Leser, daß ihm durch dies Gedicht die Erinnerung an ein längeres Beisammensein mit dem397 Verfasser im Jahre 1910 in Engelberg (Schweiz) wachge rufen werde. Er schreibt ( Köln. Ztg." vom 11. Sept.): Kipling brachte dort mit seiner ganzen Familie den großem Teil des Winters zu und lief fleißig auf Schlitt schuhen. Da ich dem bekannten Dichter früher schon in London begegnet war, kamen wir in den langen Abend stunden öfter in ausgedehntere Gespräche, die im Ge gensatz zu Durchschnittsunterhaltungen mit Englandern auch aus sogenannten gebildeten Kreisen über Wetter, Sport und Geschäft (für andere Themata ist der Durch schnittsengländer meist nicht zu haben) manches Anre gende boten, da Rudyard Kipling die Welt auf seinen vielen Reisen nicht nur mit den Augen eines Weltbummlers, son dern als gedankenreicher Beobachter gesehen hat. Eines Abends aber, es war der letzte vor meiner Abreise, gerieten wir in ziemlich scharfen Wortwechsel, weil Kipling mir klar zu machen versuchte, die deutsche Rasse sei den? Unter gang geweiht, und es sei nur eine Frage der Zeit (er schätzte 50 Jahre), daß die deutsche Rasse .perkeetl^ exkau8teä (vollkommen erschöpft) sein würde und sein müsse. Der Deutsche triebe nur ,br!un vork (Hirnarbeit) und vernach lässige darüber die Stählung der Körperkräfte; die ein bis zwei Jahre militärischen Drills seien nicht genügend, um der allgemeinen Tendenz übertriebener Hirnarbeit erfolg reich ein Gegengewicht zu bieten. Er hat meine Entgeg nungen angehört, aber ihn von der Irrigkeit seiner An schauungen zu überzeugen, ist mir nicht gelungen." Kipling, der seine Einführung in die deutsche Literatur einem freundlichen Urteil unseres Kaisers über sein Dschun gelbuch" verdankt, hat sich schon früher deutschfeindlich gezeigt. Gelegentlich des Konfliktes mit Venezuela vor 12 Jahre , als englische und deutsche Schiffe gemeinsam vorgingen, veröffentlichte er ein Gedicht, in dem er dem Seelenschmerz des britischen Seemanns Worte lieh, dem seine Regierung zugemutet hatte, mit dem Goten, dem schamlosen Hunnen" gemeinsam zu kämpfen. Fürst Bülow erteilte damals dem aufgeregten Dichter eine glän zende Abfertigung, indem er in der ReichStagssitzung vom 2V. Januar 1903 darüber bemerkte: DaS Vorgehen Eng-393 lands an der Seite Deutschlands hat in manchen englischen Blättern und in manchen englischen Reden Anstoß erregt, und ein wildgewordener Poet von großem Ta lent hat sich infolgedessen sogar zu Verbalin jurien gegen uns verstiegen." Eine Anzahl von etwa 50 bekannten englischen Schriftstellern taten sich zu einer Erklärung zusammen, die in der limes" vom 18. September unter dem Titel Ein gerechter Krieg" erschien: Die unterzeichnetenSchriftsteller, bestehend ausMännern und Frauen der verschiedensten politischen und sozialen Richtungen, von denen einige vor Jahren eifrige Vorkämpfer guter Beziehungen zu Deutschland und manche ertreme Friedensfreunde waren, stimmen nichtsdestoweniger darin überein, daß Großbritannien sich nicht ohne Unehre hätte weigern dürfen, in dem gegenwärtigen Krieg Partei zu ergreifen. Niemand kann die vollständige diplomatische Korre spondenz, die in dem Weißbuch veröffentlicht ist, lesen, ohne zu erkennen, daß die britischen Staatsleute durchaus aus vollem Herzen bemüht waren, den Frieden Europas zu bewahren und daß ihre Friedensbemühungen herzlich von Frankreich und Rußland aufgenommen wurden. Als diese Bemühungen erfolglos waren, hatte dennoch Großbritannien keinen direkten Streit mit irgend einer Macht. Es war gegebenenfalls verpflichtet, die Waffen zu erheben, weil es zusammen mit Frankreich, Deutschland und Osterreich sich feierlich verbürgt hatte, die Neutralität Belgiens aufrecht zu erhalten. Sobald diese Neutralitat gefährdet erschien, befragte es sowohl Frankreich wie Deutsch land über seine Absichten. Frankreich erneuerte sofort seine Zusicherung, Belgiens Neutralität nicht zu verletzen, Deutschland verweigerte eine Antwort und machte weiterhin jede Antwort durch seine Handlungen überflüssig. Ohne auch nur den Vorwand zu einer Beschwerde gegen Belgien zu haben, eröffnete es den Krieg gegen das schwache und harmlose Land, das es zu beschützen sich verbürgt hatte, und hat seitdem seine Invasion mit einer wohlberechneten399 und klugen Gewalttätigkeit durchgeführt, welche andere und nicht minder schwere Fragen angeregt hat, als die von der willkürlichen Mißachtung von Verträgen. Als Belgien in seiner schlimmen Bedrängnis an Groß britannien appellierte, seine Bürgschaft durchzuführen, war die Lage dieses Landes klar. Es mußte entweder sein Versprechen brechen, indem es die Heiligkeit der Verträge und die Rechte der kleinen Nationen für nichts achtete gegenüber der Drohungen mit nackter Gewalt, oder es mußte kämpfen. Es zögerte nicht, und wir vertrauen, daß es die Waffen nicht niederlegen wird, bevor Belgiens Integrität wieder hergestellt ist und seine Schäden wieder ersetzt. Der Vertrag mit Belgien machte unsere Pflicht klar, aber manche von uns fühlen, daß, selbst wenn Belgien nicht hineingezogen worden wäre, es für Großbritannien unmöglich gewesen sein würde, beiseite zu stehen, während Frankreich in einen Krieg verwickelt und niedergeworfen wurde. Den Untergang Frankreichs zuzulassen, wäre ein Verbrechen gegen Freiheit und Zivilisation. Gerade die jenigen von uns, welche die Klugheit einer Staatenpolitik von Kontinentalententen und Bündnissen in Frage stellen, weigern sich, Frankreich niedergeworfen zu sehen durch einen ruchlosen Schlag, der in Verletzung eines Vertrages aus geteilt wird. Wir bemerken, daß verschiedene Verteidiger Deutsch lands, offiziell und halboffiziell, zugeben, daß ihr Land das gegebene Wort verletzt habe, und ganz besonders mit Stolz bei der Schrecklichkeit" der Beispiele verweilen, durch die es in Belgien Furcht zu verbreiten suchte. Aber sie ent schuldigen alle diese Vorgänge mit einer seltsamen und neuartigen Ausrede: Deutschlands Kultur und Zivili sation sind der anderer Völker so überlegen, daß alle Schritte zu ihrem Schutze mehr wie gerechtfertigt sind, und die Be stimmung Deutschlands, die herrschende Gewalt in Europa und auf der Erde zu sein, ist so offenbar, daß gewöhnliche Rechtsregeln in diesem Falle nicht stichhaltig sind, sondern die Handlungen sind gut und schlecht, je nachdem sie die Erfüllung seiner Bestimmung fördern oder aufhalten.400 Diese Ansichten, die der gegenwärtigen Generation der Deutschen durch berühmte Geschichtsforscher und Lehrer eingeimpft sind, scheinen uns sowohl gefährlich wie wahn sinnig. Manche von uns haben viele Freunde in Deutsch- , land, manche von uns blicken auf die germanische Kultur mit der höchsten Achtung und Dankbarkeitaber wir können nicht zulassen, daß irgend ein Volk das Recht haben soll, mit brutaler Gewalt seine Kultur anderen Völkern aufzu- j drängen, noch daß die Militär-Bureaukratie Preußens eine höhere Form der menschlichen Gesellschaft darstellt als die übrigen Konstitutionen Westeuropas. Was auch immer die Weltbestimmung Deutschlands sein mag, wir in Großbritannien sind uns selbst einer Be- stiinmung und einer Pflicht bewußt. Diese Bestimmung und Pflicht, gleich für uns und für die ganze englisch spre chende Rasse, ruft uns auf, die Geltung gemeinsamer Ge- ! rechtigkeit zwischen zivilisierten Völkern aufrecht zu erhalten, ^ die Rechte der kleinen Nationen zu verteidigen und die freien und sich an das Gesetz haltenden Ideale Westeuropas gegen die Herrschaft von Blut und Eisen" und die Unter werfung des ganzen Kontinents unter eine militärische Kaste zu schützen. Aus diesen und anderen Gründen fühlen sich die Un terzeichneten veranlaßt, mit allen ihren Kräften die Sache der Verbündeten zu unterstützen, in der vollen Überzeugung von ihrer Gerechtigkeit, und mit einem tiefen Gefühl ihrer vitalen Bedeutung für die Zukunft der Welt". William Grober, H. (-ranville Larker, Äl. Larrie, ^rnolä Leimett, L. öenLon, Läwarä ?reäerio öenson, Robert Hu^li öenson, I^aurenee Lmz?oii, 0. LrÄÜlsz?, Robert LriclAes, IZall Lame, k. L. Larton, (?. Haäclon Lbambers, (Z. X. Lbe8terton, Hubert lienr^ Oavieg, ^rtliur Lonau Doxle, H. H,. 1^. ?isber, ^obn Lalsvvortdz?, ^nste? Lutkrie ^nstez^). H. Riäer UsAZarä, Ikomas Haräz^, ^ane lZUen Harrison, ^ntbon^ Hope Havvkins, Nauriee Hewlett, Robert Hiebens, ^erome X. ^erome, Henr? ^rtbur ^loues, Ruä^arcl Kipling, V. I^ocke, L. V. I^ueg,8, V. Naeliall, ^obu Uasekielä,401 Aason, Gilbert Nurr^, Henr^ ^e^bolt, Us.rrv ?An, Lilbsrt? rl;kr, I^äeii ?ki1Ipotts, ^rttmr ?illsro, ^rtkur (Zuiller-Oouek, O^ven Lehman, Leorzs k. Sims, Lmdair, ^lora Vnnie Lteel, ^Ure6 Lutro, tZsorZs AaeÄuls.^ Irevel^s-o, (ZeorAk Otto ^revelvÄN, Humplir^ ^Varä, Nar^ ^Varcl, H. Z. ^VsIIs, Uarxaret 1^. Aooäs, Israel ^an^ill. Bis zu welchem Grade sich die englische Wut speziell gegen unsern Kaiser verstieg, das zeigt ein Aufsatz des Daily Chronicle vom 1. September, also aus den Tagen, da die englische Armee Mister Frenchs bei Saint Quentin so völlig ge schlagen worden war und sich vor gänzlicher Vernichtung nur durch eine Flucht gerettet hatte, deren Schnelligkeit alle Bewunderung verdient. Es heißt dort: Was soll mit dem Deutschen Kaiser ge schehen? In Ihrer und in anderen Zeitungen sehe ich eine neue Karte von Europa, worin der Deutsche Kaiser immer noch als Monarch geduldet wird, wenn auch mit ei nem verminderten Reiche. Ich glaube einer sehr verbrei teten Anschauung Ausdruck zu geben, wenn ich sage, daß ein Monarch, der in so schändlicher Weise sich an der Zivili sation versündigt hat, absolut unwürdig ist, in irgendeiner Form königliche Rechte auszuüben. Die Zeiten sind vorbei, daß ein Monarch, der verantwortlich ist für den Verlust so vieler Tausender von Menschenleben und für die Trauer über viele weitere Tausende, ungerechnet den materiellen Schaden und Verlust, persönlichen Leiden und Entbehrungen entgehen soll, nur weil er ein Monarch ist. Ich für meine Person werde nie mit dem Ergebnis dieses Krieges zufrieden sein, wenn nicht Kaiser Wilhelms Le ben verwirkt ist oder wenn er nicht für Lebenszeit nach St. Helena oder einer noch einsameren In sel verbannt wird. Meine Hoffnung ist, daß man kurzen Prozeß mit ihm macht, damit die militärischen Ideale Preu ßens und die deutschen Barbareien für immer ein Ende finden und damit unseren Herrschern die Aufgabe abge nommen wird, die Art seiner Bestrafung festzustellen. Der Krieg der Geister. 26402 Wenn das nicht geschehen kann, so muß die Zivilisation aller Völker seine lebenslängliche Verbannung ver langen, und zwar unter der Verschärfung, daß ihm jeglicher Luxus versagt wird. Ich lade alle, die mit mir gleicher Meinung sind, ein, sich mit mir in Verbindung zu setzen, um gemeinsam dieses Ziel zu erreichen zu suchen. Auf alle Fälle sorgen Sie dafür, daß bei der Umformung der Karte von Europa (folgt eine nicht wiederzugebende Schmäh ung des Kaisers) nicht wieder auf irgend einen europäischen Thron zu sitzen kommt. Die Missetaten eines Abdul Hamid verblassen vor der Ethik und den Taten des gegenwärtigen Deutschen Kaisers." Ende September wurden die englischen Zeitungen mit offiziellen Berichten der belgischen Untersuchungs kommission überschwemmt, in denen die grausigsten Ge schichten von deutschen Greueltaten in Belgien gekauft waren. Dafür, daß diese erlogenen Darstellungen selbst im englischen Publikum auf starke Zweifel stießen, ist ein offener Brief bezeichnend, den der Schriftsteller H. N. Brailsford an den Herausgeber der News" richtete. Er weist darin auf die Tatsache hin, daß die Eng länder selbst unter dem Zwange einer scheinbaren mili tärischen Notwendigkeit jedes Bauerngehöft und viele Städte in Transvaal und im Freistaat niedergebrannt haben. Gegen die offizielle Regierung und den Krieg hatten sich auch die Führer der Arbeiterpartei, John BurnS und Ramsay Macdonald gewendet; ihnen schloß sich außer Lord Morley auch der bisherige Unterstaatssekretär im Unterrichtsministerium Trevelyan an, der seinen Austritt erklärte. In l de Nation" veröffentlichte der englische Politiker Ponsonby der Mitglied des Unterhauses ist und aus altangesehener Familie stammt, eine Anklage, die wir wegen ihrer origi nellen Fassung nach Art eines Katechismus mit Frage und Antwort hier abdrucken: 1. Beweist nicht die in unserem Weißbuch nieder gelegte Korrespondenz über die Ursachen des Krieges klar.403 26 daß unsere ganze frühere Politik uns starke Verpflich tungen auferlegte und uns in ein sehr wirres Netz ver wickelte, das wir uns selbst geknüpft haben? Ja. 2. Ist es richtig oder auch nur vernünftig, hinter dem Rücken einer Nation bindende Abmachungen mit einer anderen Nation zu treffen? Nein. 3. Hat unsere Regierung ausdrücklich erklärt, daß wir im Kriegsfall vollständig frei und ohne jede Verpach tung wären? Ja. 4. Hätten wir Frankreich den Krieg erklärt, wenn Frankreich es notwendig gefunden hätte, auf Rücksicht aus seine Sicherheit ein französisches Heer über die bel gische Grenze zu schicken? Nein. 5. Hat Deutschland von vornherein gewußt, daß wir verpflichtet waren, Frankreich zu unterstützen, und hat Deutschland den Krieg mit uns gewollt? Nein. 6. Wäre nicht Deutschlands Haltung ganz anders gewesen, wenn wir von Anfang an unsere Absichten offen und klar dargelegt hätten? Ja. 7. Ist es nicht in erster Reihe ein Angriff der slavischen Rasse, also Rußlands, den Deutschland fürchtete? Ja. 8. Bedeutet nicht unsere Unterstützung Rußlan 6 eine Kräftigung der russischen Autokratie und des Mili tarismus und damit auch eine Störung der Entwicklung des russischen Volkes? Ja. 9. Würde nicht Rußlands Kriegsglück weitere Länder erwerbungen Rußlands mit sich bringen und wäre das nicht ein großes Unglück? Ja. 1V. Ist es möglich oder wünschenswert, daß das Deutsche Reich vernichtet und sein natürliches Aufblühen für immer gehemmt wird? Nein. 11. Ist es wahrscheinlich, daß Deutschland für die Zukunft ein untätiger und untergeordneter Staat würde, wenn es all seine Kolonien verlöre? Nein. 12. Herrschte beim Ausbruch des Krieges in dem britischen Volk irgendwelche feindliche Stimmung Deutsch land gegenüber? Nein. 13. Haben wir Ursache zu der Annahme, daß das404 offizielle England bereits seit längerer Zeit eine anti deutsche Politik getrieben hat? Ja." Wir führen noch die Stimmen und Äußerungen einiger führender Persönlichkeiten Englands an, die über den flüchtigen Tageswert hinausragen und als ein Spiegel der allgemeinen englischen Meinung angesehen werden dürfen. So hielt der englische Schatzkanzler Lloyd George Mitte September vor einer Abordnung englischer Städte vertreter eine Rede, in der er folgendes sagte: Meiner Ansicht nach werden die letzten hundert Millionen diesen Krieg gewinnen, das ist meine Überzeugung. Die ersten hundert Millionen Pfund können unsere Feinde genau so gut aufbringen wie wir, aber die letzten können sie Gott sei Dank nicht, und deshalb glaube ich, daß das Geld eine größere Rolle spielen wird, als wir uns gegenwärtig denken können. Deshalb bitten wir die Stadtverwaltungen, uns in dieser Beziehung zu unterstützen. Es wird eine Zeit kommen, wo es auf unsere Hilfsmittel ankommt, nicht allein an Mann schaften, sondern auch an Geldmitteln. Wir haben schon früher mit silbernen Kugeln gesiegt, wir gaben Europa Geld in dem größten Kriege, der bisher je geführt wurde, und dieser Krieg wurde gewonnen. Natürlich haben englische Hartnäckigkeit und englischer Mut mitgezählt und werden immer mitzählen, aber lassen Sie uns nicht vergessen, daß Englisches Gold auch mitzählt. Wenn die andern vollkommen erschöpft sind, dann holen wir erst zum zweiten Male Atem und dann zum dritten und vierten Male, und wir werden unser Letztes hingeben, ehe wir geschlagen sind. Ich bitte die Stadtver waltungen, das zu bedenken. Ich spreche hier als Vertreter des Schatzamtes, dessen Aufgabe es ist, daraus zu sehen, daß Ihre Ausgaben sich jetzt nicht zu sehr erhöhen. Deshalb sage ich Ihnen, daß wir das Geld, das für Linderung der Not notwendig ist, geben werden, aber nur dann erst, wenn wirklich dringende Not in Ihrem Bezirke vor liegt. Viel besser wird es sein, wenn Sie darauf halten, daß405 die Leute überall mit Arbeit beschäftigt werden, solange es angeht. Die Meere gehören uns weiter und werden uns weiter gehören, und wir werden nicht nur unseren eigenen Handel, ausgenommen den mit europäischen Län dern, vollkommen behalten, sondern auch einen großen Teil des feindlichen Handels hinzugewinnen, so daß sich bald eine Menge Beschäftigung ergeben wird. Wir müssen alle zusammenarbeiten, bis wir unser altes Land zu einem triumphierenden Siege gebracht haben." Der erste Lord der Admiralität Winston Churchill sagte in Liverpool in einer seiner Hetzreden gegen Deutsch land über die Flotte unter dem Beifall der Menge: Was die Flotte angeht, so können wir nicht fechten, weil der Feind im Hafen bleibt. Wir hoffen, daß eine Ent scheidung zur See eine Eigentümlichkeit dieses Krieges sein wird Unsere Leute, die unermüdlich Wache halten, hoffen, daß sie bald Gelegenheit haben werden, sich mit der deutschen Flotte auseinanderzusetzen; wenn die Deutschen nicht heraus kommen und kämpfen, werden wir sie ausgraben wie Ratten in einem Loch." Churchill ahnte wohl nicht, was für einen dankbaren Stoff er mit seinem letzten Witzwort den deutschen Witz blättern schenkte. Der ehemalige Premierminister (Nachfolger Glad- stoneS) Lord Nosebery einer der führenden Männer des Liberalismus, äußerte sich um dieselbe Zeit über Englands Zukunft": Es werden einige Jahre vergehen, bevor wir die ganze heimliche Geschichte der Gründe dieses Krieges erkennen werden. Wir kennen die Ursache, warum Osterreich Serbien den Krieg erklärt hat, wir wissen, daß Rußland die Erklärung abgab, es müsse Serbien beistehen, und daß Frankreich wiederum sagte, es müsse Rußland unterstützen. Es war gleichsam wie ein Funke in dem großen Pul verturm, den Europas Nationen in den letzten zwanzig406 bis 30 Jahren erbaut hatten, wie ein Funke, der plötzlich in der fürchterlichen Pulverkammer Feuer fing, welche Europas Länder mit großen Anstrengungen aufgeführt haben. Wenn man sich fortgesetzt gegeneinander bewaffnet, kommt schließlich ein Zeitpunkt, in dem die Kanonen von selbst losgehen, oder, wie die Völker sagen: ,Wir können nicht mehr länger diese ungeheure Last von Ausgaben er tragen, wir machen am besten mit einem Schlage der Sache ein- für allemal ein Ende . Dies ist absolut die wahre äußere Ursache zum Kriege. Ob die eine oder andere Persönlich keit mit Überlegung diesen Krieg geplant hat, weiß ich nicht. Ohne sicheren Beweis würde ich es nicht wagen, eine solche Verantwortung auf eines Mannes Haupt zu legen, denn der Fluch der Menschheit würde ihm folgen, wenn dies wahr wäre. Aber wie sind wir eigentlich in diesen Krieg hineingezogen worden? Der erste Grund hierzu war die Mobilisierung der Heere, die unserer Re gierung nicht mehr Aeit gab, die Friedensbestrebungen fortzusetzen. Der andere Grund war unsere nationale Ehre. Wir hatten einen Vertrag unterschrieben, der Belgiens Unabhängigkeit und Integrität garantierte. Ob nun recht oder unrecht, klug oder unklug, wir mußten, solange noch die geringste Kraft in Großbritanniens Armen vorhanden war unser Wort den Belgiern gegenüber einlösen. Laßt uns nun annehmen, daß es möglich gewesen wäre, uns für einige Aeit neutral zu verhalten, indem wir uns sagten, daß, wenn Deutschland Belgien gegenüber sein Wort nicht hielte, wir dasselbe tun könnten. Wie lange hätten wir ertragen, es anzusehen, wie ein kleines, tapferes Volk unterdrückt wird? Belgien ist in diesem Kriege ein Chaos von Feuer, Blut und Zerstörung. Wir hätten uns zuletzt doch einmischen müssen, und dann wären wir zu spät gekommen. Wir kämpfen für Belgiens Unabhängig keit und für Frankreichs Freiheit. Wir kämpfen auch dafür, daß das europäische Völkerrecht nicht gekränkt werden darf, aber wir kämpfen auch für uns selbst, um unsere eigene Freiheit gegen eine Unterdrückung zu schützen, die sich ganz fürchterlich gestalten würde. Ihr müßt euch endlich klar werden darüber: Wenn wir unterliegen, sind wir für alle407 Ewigkeit verloren. Dieser Kampf ist ein Schlußkampf für uns oder für den Gegner." Als ein Deutschenfreund hatte sich von jeher der Groß kanzler Lord Haldane der einst auf einer deutschen Universität studiert hatte, ausgegeben und z. B. geäußert: Nach meiner innersten Überzeugung bedarf England, um nicht intellektuell zu verdorren, der engen Berührung mit Deutschland und der fortdauernden Auffrischung durch deutsche Kultur". Daß er inzwischen seine Meinung etwas geändert hat, zeigt sich in der Rede, die er Mitte Oktober beim Empfang des neuen Lordmayor von London und dessen Bestätigung durch den König hielt. Er sagte bei dieser Gelegenheit nach dem Verl. Tageblatt" vom 15. Oktober: Die jetzigen Verhältnisse verlangen, daß wir die gleiche Ausdauer zeigen müssen, wie unsere Ahnen sie während des Napoleonischen Krieges bewiesen haben. Jetzt ist es die Aufgabe aller, fest entschlossen zu sein, um zu zeigen, daß wir imstande sind, alle Länder von den Drohungen des Militarismus zu befreien, die unter seinem Joche ächzen (!), und Europa zu helfen, daß dieses Ziel erreicht wird. Ich weiß, es gehört notwendig Standhaftigkeit dazu, ein solches Werk zu vollführen. Dieses London, das bei diesem Werk eine so große Rolle spielt und das hierbei die ganze Nation personifiziert, wird, dessen bin ich gewiß, uns unterstützen, die Verwirk lichung unserer Hoffnungen zu erreichen." Am 1( . Januar 1915 hielt Haldane in Newkastle o. T. eine Rede, in der er über die deutsche Nation ungefähr folgendes sagte: Dieselbe mißbraucht ihre großen Eigenschaften, um militärischen Geist in sich aufzunehmen. Der gegenwärtige Krieg wird aber den Militarismus auflösen. Lieber soll das englische Reich auf ehrenvolle Weise untergehen, als daß wir mit ansehen, wie Belgien und Holland l!) annek tiert, wie Frankreich einen König erhält und Rußland ge schlagen wird. Aber wenn wir mit Entschlossenheit aushalten, fuhr Lord Haldane fort, wie dies dem englischen Volks-408 charakter am meisten entspricht, dann müssen wir zum Schlüsse siegen. Voraussetzung für den Frieden, den wir zusammen mit unseren Verbündeten dann diktieren werden, wird sein, daß der deutsche Militarismus, der jedes Talent in der deutschen Nation untergräbt, gebrochen und die Nachwelt davon vollständig befreit wird." Dieser Gesinnungsumschwung wurde auch in Deutsch land hart verurteilt; näheres darüber ist aus einer Polemik des Florenzer Professor Robert Davidsohn und Pro fessor Or. Ludwig Quidde in München zu ersehen. (Schluß aufsatz im Berliner Tageblatt" vom 27. Oktober 1914). Daß das Opfer des Intellekts, das Haldane den eng lischen Patrioten" bringen zu müssen glaubte, um sich auf seiner Stellung zu halten, von diesen in keiner Weise gewürdigt wurde, ist nur natürlich; man verlangte von ihm deutlichere Beweise, daß er sich auch seine Verehrung für den deutschen Kaiser und für Goethe auS dem Herzen ge rissen babe. Unionistische Blätter wie Osilz? LxpreL" und National Reviev?" begannen Sturm gegen den Lordkanzler zu laufen und verlangten seine Entfernung. Die Zeitschrift ^otm Lull" veröffentlichte am 19. Dezember einen Ar tikel Lord Haldane muß fort!", den wir auch wegen mancher intimer Blicke auf das englische Leben z. T. für der Wiedergabe wert halten: Ms Lordkanzler ist Lord Haldane das Haupt der Justiz Großbritanniens, und unsere Forderung ist, daß er in Zukunft seine Aufmerksamkeit auf die Pflichten dieser Stellung beschränken soll. Es ist wahr, daß er mehrere Jahre lang die wichtige Stelle des Kriegsministers eingenommen hat und insofern, als seine Handlungen in dieser Eigen schaft Akte der Regierung waren, deren Mitglied er war, ist es unsere Absicht nicht, heute irgendeine davon zu tadeln. Das hieße, das Königsministerium angreifen. Aber was wir sagen wollen und sagen, ist, daß Lord Haldanes Platz auf dem Wollsack ist, und nirgendwo sonst. Wir verwahren uns dagegen, daß er beständig am Regimentstisch mitißt, sowohl im Kriegsministerium wie im Auswärtigen Amt. Was tut er in diesen Kasinos?409 Im gegenwärtigen britischen Kabinett sitzt ein glühender Bewunderer und ein inniger persönlicher Freund des Kaisers, ein Mann, bis über die Ohren in deutsche.Kultur eingetaucht und mit jeder Faser in teutonischen Sympathien lebend. Sein höchstes Interesse gilt nicht der Politik, sondern der Philosophie. Der Deutsche Hegel ist sein Pro phet. Er zieht die Bibliothek dem Gerichtssaal vor, und Goethe, Schiller und Heine sind ihm ebenso lieb, wie die Meister seiner Muttersprache .Sein vorwiegendes Gefühl ist ein geistiges Edelmenschentum, das sich um Völkergrenzen nicht kümmert. Wen die Wahrheit aus tausend feinen Andeutungen und Anzeichen erkannt werden kann um so mehr ist sein Herz in Berlin oder vielleicht lieber in Heidel berg oder in Leipzig oder an irgend einer anderen der deutschen Lehrstätten. Trotz des Eides im Privy-Coucil, bleibt er ein Mitglied der Weltrepublik der Wissenschaft, zu deren Vorsitzenden nach unvorsichtigen Reden zu urteilen der Zerstörer Löwens erwählt ist. Er hat deutsche Philosophie übersetzt und deutsche Geschichte geschrieben. Aber bei all seiner prächtigen Mentalität ist er ein Mann einfacher, menschlicher Gefühle, und sein heißt Kaiser ! Und in der Porträtsammlung von Potsdam sind wenige Gestalten so lieb und wert gehalten wie die des Viscount Haldane of Cloan, Lord High Chancellor of Great Britain! Als John Burns und Lord Morley an jenem schick salsvollen Morgen im August dieses Jahres aus Downing- street Nr. 10 heraustraten, blieb ein Mann im Sitzungssaal zurück, der, wenn er auf sein Gewissen gehört hätte, mit ihnen hätte gehen müssen. Man betrachte die Lage: diese kleine Versammlung rund um den Tisch des ersten Ministers war im Begriff, das Schicksal Europas mindestens für das nächste Jahrhundert festzustellen. Es war mehr als ein Staatsausschuß, es war ein Gerichtshof. Ein Monarch erwartete seinen Spruch vor dem Richterstuhl der einzigen menschlichen Macht, die endgültig das Urteil über ihn vollstrecken konnte. Und da, zwischen seinen Richtern, saß sein Freund und Vertrauter! Es ist vielleicht ein müßiger Gedanke, aber wir hätten410 wohl das Gesicht des Lordkanzlers Haldane sehen mögen, als Sir Edward Grey die ganze Geschichte von des Kaisers Plänen in Gegenwart seines vornehmsten Lob redners und Verteidigers aufrollte. Vielleicht verriet es keine Gemütsbewegung; denn Lord Haldane ist ein ge schulter Rechtsgelehrter und ein erfahrener Richter. Das aber ist sicher: Die Gegenwart dieses ausgesprochenen Germanophilen an diesem Tisch war eine Beleidigung und ein Schimpf für diejenigen seiner Amtsgenossen, die vielleicht überhaupt nur drei seinen honigsüßen Ver sicherungen ins Gesicht die grimmige Wirklichkeit der deut schen Drohung nachdrücklich zum Ausdruck brachten. Es ist gesagt worden mit welchem Recht wissen wir nicht , daß während dieser peinlichen Verhandlungen der Lord kanzler in seinem Stuhl zurückgelehnt war, mit geschlossenen Augen, als ob seine Gedanken fern von dem ihn umgebenden Schauspiel schweiften. Seine umherschwärmende Phan tasie mag vielleicht die gepflasterten Terrassen von Potsdam wieder besucht haben, wo er und sein kaiserlicher Freund in ernstem Gespräch auf und ab zu wandeln pflegten; oder vielleicht war er im Geiste wieder bei den Kriegsübungen des deutschen Heeres, wo die ungeschickte Reitkunst eines britischen Kriegsministers die scherzhafte Spötterei eines .freundlichen Kaisers hervorrief. Von der Verrücktheit, die einen Pazifisten und Ger manophilen in das Kriegsministerium einführte, in einer drangvollen Periode unserer Heeresgeschichte, ist es müßig, jetzt zu sprechen, ebensowenig brauchen wir Berlins Freude auszumalen, bei der Kunde, daß ein im mittleren Alter stehender Kanzler-Advokat, tief in deutschen Traditionen steckend, zur Oberaufsicht über die britische Armee berufen worden sei. Mit einer Art von Scham erinnern wir uns, wie der friedliebende Kriegsminister durch den pläneschmie denden Kriegslord .überrumpelt wurde, und wie der pe dantische und blinde Philosoph von jedem neuen Besuch in Deutschland zurückkehrte, um vom Frieden zu schnurren und zu schwatzen. Dann kam die Agadir-Krisis, mit dem hysterischen und antienglischen Stimmungsausbruch in der deutschen Presse411 und noch hatte Lord Haldane nichts als Spott über die .Angstmeierei ehrlicher Kritiker. Ein paar Monate spater wurde er, vor allen anderen, auserwählt für eine ,Spezial- mission nach Berlin, wo er wieder von seinem ... Schutz patron vollkommen genarrt wurde so sehr, daß Mr. Asquith sich berechtigt glaubte, dem Hause der Gemeinen, auf das ausdrückliche Zeugnis seines Spezialgesandten hin, zu versichern, daß ,die Episode jeden Verdacht, wo immer er noch bestünde, zerstreuen müsse, daß eine Regierung Angriffspläne gegen die andere im Sinne habe. Das war vor weniger als drei Jahren! Man male sich Europa in dem gegenwärtigen Austande und stelle sich die erbärmliche Abgeschmacktheit von alledem vor! Im August, als Antwort auf des Kaisers Herausfor derung, sprang die Nation an ihre Geschütze, mit einem Bulldoggsprung, der böses für jeden vorbedeutete, der im Wege ihres Zornes stehen würde. Seitdem ist die Haltung des Lordkanzlers, obgleich frei von Begeisterung, peinlich .korrekt gewesen. Er ist selten in öffentlichen Versammlungen erschienen, aber wenn er sprach, waren seine Worte nicht anstößig. Das alles ist wahr, und doch ist eine große Gefahr dabei. Bei aller Sprachgewandtheit eines Rechtsanwalts hat Lord Haldane die Verachtung des Philosophen gegen hohle Rhetorik. Er spricht nicht er handelt. Man gebe sich darüber keinem Irrtum hin. Die Zeitungen haben nicht davon gesprochen, aber es ist eine unbestreitbare Tatsache, daß dieser pseudogermanische Minister berufen worden ist, Sir Edward Grey bei der delikaten und schwierigen Arbeit des Auswärtigen Amtes zu beraten und beizustehen. Seine unvergleichliche Kenntnis der Untiefen und Sandbänke, zwischen denen die britische Staatskunst jetzt steuert, ist zum Vorwand gemacht worden, ihm eine Stelle an der Seite des Steuermannes zu geben. Hier liegt die Gefahr! Obwohl die Nation davor gewarnt ist, wird der Minister des Äußeren den Lordkanzler an seiner Seite haben bei allen den dornenvollen Geschäften, die einem dauerhaften Frieden vorausgehen müssen. Der ... Kaiser aber wird einen Freund am Gerichtshof haben! Wie gesagt Haldane muß gehen! Er muß das Kabi-41S nett verlassen und nie wieder die Schwelle des Auswärtigen Amt überschreiten! Lasse man ihn zurückkehren zu seiner Rechtskunde und Philosophie, seinen wissenschaftlichen Untersuchungen und Billigkeitserörterungen, und die Poli tik solchen Briten überlassen, die es voll und ganz sind! Al Staatsmann haben wir fortan keine Verwendung für ihn. Die Leichtigkeit, mit der er nicht für eine Stunde, sondern für Jahre durch einen ... Herrscher be trogen ward, stempelt ihn als gänzlich unfähig für die Stellung, die er in der KrisiS des Geschickes unseres Im periums einzunehmen versucht. Früher oder später, vielleicht früher als wir erwarten, wird die Partei des .Friedens um jeden Preis , die jetzt zum Schweigen verdammt ist, sich von selbst zu regen beginnen, in der Hoffnung, das Urteil der Minister zu beeinflussen. Sie werden keine Unterstützung größeren Umfanges im Lande finden, und sie dürfen keinen Fürsprecher im Kabinett haben." Der frühere Vizekönig von Indien Lord Earl Curzon rührte eifrig die Werbetrommel für das englische Heer; in Hull äußerte er im September 1914 nach dem ?elexrapti": Dem Talmi-Napoleon des heutigen Krieges ist es gelungen, was sein großes Vorbild vor IVO Jahren nie erreicht hat. Er hat uns alle, Männer, Frauen, Kinder in allen Teilen deS Landes geeinigt, so daß keiner von uns nicht vorbereitet wäre, bis zum Ende durchzuhalten, wie lange es auch dauert, bis wir den neuen Napoleon und sein verruchtes System für immer zu Boden geschlagen haben. Die Deutschen fechten wie die Teufel auf dem Land, in der Luft und zur See. Kein Element ist frei von ihren mörderischen Erfindungen. Aber wir ziehen ohne Furcht aus, und wenn die Endabrechnung erfolgt, wird für alle Verbrechen bis zum letzten Heller bezahlt werden müssen... Einer der weisesten Schritte der Regierung ist die angekün digte Absicht, indische Truppen zu dem europäischen Krieg heranzuziehen. Das war ein Akt höchster Staatsklugheit und höchster Weisheit. Der Osten schickt seine zivilisierten Soldaten, damit sie helfen, Europa von den modernen413 Hunnen zu retten. Ich möchte wohl die bengalische Ka vallerie die deutschen Ulanen angreifen sehen. Ich erwarte, daß der kleine Gurkha mit seiner stämmigen Figur und seinem gefährlichen Schneidemesser zeigen wird, was er vermag, und Sie können sicher sein, daß der indische Rajput- Soldat die Kühnheit und den Heroismus bewähren wird, derentwegen er seit zahllosen Jahren berühmt ist. Wenn diese Leute auf dem Schlachtfeld anlangen, so richtet eure Augen auf den Turban und die dunkele Haut, und ich denke, ihr werdet finden, daß sie euch keine Schande machen." In Glasgow verstieg er sich zu dem schönen Ausspruch: Ich hoffe es zu erleben, daß die Lanzen bengalischer Reiter auf den Straßen Berlins funkeln und dunkelhäutige Gurkhas es sich in den Potsdamer Parks bequem machen. Lord Curzon ist auch der Verfasser einer englischen GesetzeStafel von 12 Geboten für sein Volk, die so lautet: Wie sich ein starkes Volk in Kriegszeiten be trägt: 1) Denkt nicht, daß der Krieg euch persönlich nicht trifft! 2) Ubertreibt nicht eure Freude bei SiegeSnach- richten und auch nicht eure Niedergeschlagenheit, wenn ihr von Niederlagen erfahrt! 3) Laßt euch nicht entnerven durch die Nachteile, die ihr und die Eurigen erleiden werdet! 4) Erschreckt nicht über die so langen und bisweilen so betrübenden Verlustlisten! b) Glaubt nicht, daß ihr es wißt, wie man den Feld zug führen muß, und daß der Generalstab es nicht weiß! 6) Werdet nicht nervös, weil das Fortschreiten der Operationen langsam ist. Es kann nicht anders sein auf diesem Kriegstheater. 7) Glaubt nicht alles, was aus Berlin (!) kommt! 8) Unterschätzt nicht den Feind! 9) Erschöpft euch nicht in Prophezeiungen, welches das Schicksal des Deutschen Kaisers sein wird in dieser Welt und in der anderen!414 10) Fangt nicht an, Deutschland zu teilen, bevor es erobert ist! 11) Hört nicht auf diejenigen, die rufen Halt!", bevor nicht vollständig das Ziel des Krieges erreicht ist! 12) Vergeht nicht, wenn der Krieg beendet ist, diese Lehren!" Einen krassen Gesinnungswechsel wirft die deutsche Presse dem Mister Sidney Whitman ehemals Herr Wittmann, vor, der nach der Tägl. Rund schau" vom 14. Dezember lange Jahre hindurch den deut- schenBüchermarkt mit seinen unbedeutenden Erinnerungen" und Gesprächen" mit deutschen Persönlichkeiten über schwemmt hat. Er ist Bismarcks Gast in Friedrichsruh ge wesen und hat die dort geführten Unterhaltungen in immer neuer Zubereitung dem deutschen Publikum vorgesetzt. In der Vergangenheit hat er, da er von deutschem Gelde lebte, nichts über unsere schwarze Seele zu sagen gewußt. Nun aber schreibt er in der Dezembernummer der ?ort- Review" über die preußische Autokratie: Kein zusammengeflickter Friede ist möglich. Im amerikanischen Sezessionskriege handelte es sich gleichzeitig um die Vorherrschaft des Südens und die Sklaverei, und der Krieg hörte erst mit der völligen Vernichtung der An maßungen des Südens auf. So wird es wieder sein, das Ende ist entweder der Triumpf Deutschlands und die Strangulierung der Freiheit, wie sie das Ideal der angelsächsischen Rasse ist, oder die Befreiung Eu ropas von unerträglichen Anmaßungen, die mit beispiel losen Betrügereien und Brutalitäten ins Werk gesetzt werden, und die Morgenröte einer neuen Ära der Vernunft und des Wohlwollens gegen unsere Mitmenschen." Am 14. November brachte die Times unter dem Titel Ausblick in Deutschland" folgenden Leitartikel: Wir veröffentlichen heute eine außerordentlich in teressante Darstellung eines vornehmen Bürgers eines neutralen Landes", welcher soeben 7 Wochen in Deutsch-415 land zugebracht hat. Er ist ein Mann von gesundem Urteil, welcher das Land intim kennt, und hatte ungewöhnlich günstige Gelegenheiten, genaue Schlüsse über seine innere Lage zu ziehen. Wir glauben, daß das Gemälde, welches er zeichnet, genau wahrheitsgetreu ist. Er sagt, daß er keine Spur davon sah, daß Deutichland tatsachlich das Ziel seines großen Abenteuers erreicht habe". Das Volk habe noch nicht die wirkliche Lage erfaßt, und die Regierung und die Zeitung vereinigen sich, es zu täuschen. Andrerseits kann weder die Regierung noch die Presse auch nur einen Augenblick die Großbankiers, die Großreeder, die Führer der Industrie und die Handelsmagnaten täuschen. Solche Leute wie Herr Ballin und Herr Heineken, Herr v. Gwinner und Herr Thyssen und mancher andere, welche genannt werden könnten, sind internationale Per sönlichkeiten, welche die Wahrheit sehr wohl kennen. Sie sind sehr patriotisch und um den Sieg so besorgt, wie irgend ein Junker, aber es ist ihnen allmählich klar geworden, daß sie nicht siegen können. Unser Berichterstatter sagt, daß Deutschland in ein großes und verhängnisvolles Aben teuer" gestürzt worden ist. Der Generalstab sagte den Geschäftsleuten von Westfalen, Schlesien, Hamburg und Bremen, daß Frankreich in drei Wochen zerschmettert und Rußland geschlagen sein würde, bevor es Zeit hätte, seine Mobilisierung zu vollenden. Von Belgien erwartete man mürrische Nachgibigkeit und von England gänzliche Untätigkeit. Jede von diesen Erwartungen ist getäuscht worden, wie wir wiederholt festgestellt haben, und die besten und kühlsten Gehirne in Deutschland beginnen einzusehen, daß ihr Land in einen hoffnungslosen Kampf wider eine unvermeidliche Niederlage verwickelt worden ist. Sie sehen die Meere reingefegt von ihrer Handelsflotte, die Fabriken größtenteils still stehen, ihre Vorräte von Baumwolle, Kupfer, Petroleum und anderen Rohwaren ständig schwin den. Sie bemerken deutlich, daß, je länger sie kämpfen, umso schlechter die ökonomische Lage ihres Landes wird, wenn die Entscheidung des Krieges schließlich gegen sie ausfällt, wie das jetzt sicher ist. Der Pöbel mag jauchzen und seine Begeisterung behalten, aber diese Leute von416 kosmopolitischem Wissen, welche die industrielle Größe Deutschlands aufgebaut haben, geben sich keiner Täuschung hin, wenn der Stillstand schließlich ihre Fabriken und Unter nehmungen erfaßt und die Lähmung ihre Markte und Kredite tötet. Sie wissen ferner, daß es England ist, dem sie hauptsächlich den Niedergang aller ihrer Hoffnungen zu danken haben. Es ist die majestätische, aber unsichtbare Große Flotte, welche ihre Wohlhabenheit zum Scheitern bringt und ihren Handel ruiniert, indem sie sie der Waren beraubt, welche das Lebensblut Deutschlands in seiner be denklichen Lage bedeuten. Männer derart, wie wir sie genannt haben, sind zu klar in ihren Ansichten und in ihrer Umsicht, um den wilden und sinnlosen Haß gegen England zu empfinden, der gerade jetzt so weit und breit in Deutsch land zum Ausdruck kommt ein Haß, fügen wir hinzu, welcher nicht in der gleichen Weise in unserm Lande er widert wird. Sie sind keine beschränkten Fanatiker. Von dem Augenblick an, wo wir den Krieg erklärten, mußten sie genau erkennen, was kommen mußte. Der klügste der deutschen Staatsmänner, welcher sich nicht von der Kriegs partei treiben ließ, wußte es ebenfalls. Fürst Bülow schrieb noch vor wenigen Monaten: Wir sind jetzt verwundbar zur See. Wir haben Millionen in den Ozean gesteckt und mit diesen Millionen das Wohl und Wehe von vielen unsrer Landsleute". Fürst Bülow fährt fort, daß die Zerstörung der deutschen Handelsflotte eine,, ökonomische Krisis her beiführen würde, welche leicht den Umfang einer nationalen Katastrophe erreichen könne". Ein ähnliches Resultat ist erreicht worden und es sind Aeichen vorhanden, daß die Katastrophe in Deutschland nicht bis ins Unbestimmte verschoben werden kann. Wir sind nicht im mindesten erregt durch die ständige Wiederholung der lächerlichen Behauptung, daß England den Krieg organisiert" habe. Die Leute, welche das mo derne industrielle Deutschland geschaffen haben, die Deut schen mit den besten Gehirnen, wissen sehr wohl, daß wir das nicht taten, was immer ihnen auch passen mag, auf den öffentlichen Rednerbühnen in Rücksicht auf die Leiden schaft der Stunde zu sagen. Eines Tages wird das gemeine417 Volk in Deutschland die Wahrheit ebenso kennen, und dann werden wir seine außergewöhnliche Neigung zu sinnloser Aufregung sich wiederum gegen die Soldaten und gegen die Führer wenden sehen, welche es in seinen gegenwärtigen Zustand gebracht haben. Wenn England die geringste Nei gung gehegt hätte, einen Ungeheuern Kontinentalkrieg zu organisieren", so würden wir nicht erst heute verspätet daran gegangen sein, hastig große Armeen zu improvi sieren, noch würden wir erst in diesem Augenblick unsere Landleute von allen Enden der Welt zu unsrer Hilfe herbei rufen- Überdies, waren wir fertig gewesen, wie es Deutsch land war, so würde bis heute kein einziger Deutscher nach Belgien hereingelassen worden sein. Unter den gegenwär tigen Verhaltnissen halt unsere Armee trotzdem nahe an der belgischen Grenze eine Reihe von Angriffen aus, welche, wie wir bekennen, furchtbar genug sind, unsere Truppen zum Äußersten zu treiben- Die Deutschen fahren fort, frische Kräfte gegen den linken Flügel der Verbündeten heranzuführen, weil sie wissen, daß ihre Lügen das letzte Mittel sind, um das Narrenparadies aufrecht zu erhalten, in welchem ihr Volk verweilt. Wenn die Militärpartei laut in den Straßen von Berlin schreien kann: Wir haben Calais genommen", dann darf sie ihr Schwächebekenntnis ein wenig länger verschieben. Wenn sie das nicht kann, ist ihre letzte Hoffnung verloren- Diese Taktik kommt uns sehr gelegen. Die Anstrengung ist groß, aber wir denken sie aushalten zu können. Je mehr deutsche Armeekorps die Verbündeten in Nordfrankreich beschäftigen können, umso besser ist die Aussicht einer schnellen Überflutung durch eine russische Invasion in Preußen. Wir brauchen mehr Leute und immer mehr, denn was auch immer noch kommen mag, die endgültige Niederlage Deutschlands kann nur herbeigeführt werden, wenn wir kräftig genug sind, unsern Platz zu behaupten. Jeder gute Mann, den wir in die Laufgräben stellen können, wird späterhin eine Kompagnie wert sein. Es genügt nicht zu sagen, Deutschland kann nicht siegen; wir müssen das ganze deutsche Volk fühlen lassen, was seine scharfsinnigsten Männer bereits mit bitterer Klarheit erkennen. Wir können das nur erreichen, wenn Der Krieg der Geister. 27418 wir sie jetzt aufhalten und dann stetig Verstärkungskräste vorwärts drängen lassen, um sie über die Grenze zurück zuwerfen, die sie niemals hätten überschreiten dürfen". Hierauf hat am 19. November der Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie Ballin folgende Erklärung qbgegeben: Die ,1 imss bringt in einem Artikel ihres Korrespon denten in Kopenhagen die Nachricht, daß es hervorragenden Patrioten Deutschlands von Tag zu Tag klarer werde, daß wir England nicht besiegen können. Da zu den namentlich aufgeführten Männern auch ich gehöre, lege ich Wert darauf festzustellen, daß meines Erachtens England heute schon besiegt ist, denn ein England, das in einem solchen Kriege seine Flotte versteckt und sich nicht mehr aufs Meer hinaustraut, hat aufgehört, das alte England zu sein. Es hat vor allen Dingen sich damit ein für allemal des Rechts begeben, mitzusprechen, wenn es sich um die Frage des europaischen Gleichgewichts handelt." Auch mit ihren anderen Zeugen hatte die limes" Pech; so erklärte Generaldirektor Heineken vom Norddeutschen Lloyd am 24. November: Die veröffentlicht in ihrer Nummer vom 14. d. M. einen Artikel aus Kopenhagen, worin unter Berufung auf einen nicht genannten neutralen Bankmann ausgeführt wird, leitende Persönlichkeiten der deutschen Finanz und Industrie seien der Meinung, daß die Aus sichten des Krieges sich für Deutschland mehr und mehr verschlechtem müßten. In einem Leitartikel derselben Num mer unter der Überschrift: Outlool! in Lerman^trat die .limes diese Behauptung noch besonders breit und tat mir die Ehre an, unter den persönlich aufgeführten Gewährs männern in Deutschland bei den Lapitains ok ?ins,noe anä Inäustr^ auch meinen Namen zu nennen. Die Äußerungen der .l imes sind so töricht, daß sich eine Berichtigung eigent lich völlig erübrigt. Nachdem es sich aber die ,?imes bei ihrer nicht immer einwandfreien Weltweisheit zur Spezial-419 2? aufgäbe gemacht zu haben scheint, in die Herzen fremder Leute einzudringen, so möchte ich ihr zur Beruhigung sagen, daß es in diesen Herzen doch ganz anders aussieht als wie es die .limes ihren Lesern auszumalen beliebt. Meiner persönlichen festen Überzeugung nach haben wir in Deutschland allen Grund zum Optimismus. Nie habe ich daran gezweifelt, daß unsere wirtschaftliche Bereit schaft in diesem Krieg sich unserer militärischen würdig zur Seite stellt, und daß es Deutschland gelingen wird, seinen schlimmsten, weil mit den unedelsten Motiven kämpfenden Feind, nämlich England, niederzuringen". Der dritte Kronzeuge der l imes", der Generaldirektor der deutschen Bank Artur von Gwinner erwiderte folgendes: Die ,l imes vom 14. November leistet sich einen Leit artikel, in welchem die wirtschaftlichen Aussichten des Deut schen Reiches in den düstersten Farben geschildert werden. Da auch ich unter den .internationalen Figuren genannt bin, welche ,die Wahrheit verstehen , welche .intensiv patriotisch und ebenso nach dem deutschen Siege dürstend sind, .wie irgendein Junker , .aber denen in zunehmen dem Maße klar werde, daß sie nicht siegen kön nen , so bin ich zu der Erklärung veranlaßt, daß der .distin guierte Bürger eines neutralen Landes , auf dessen Mit teilungen die .l imes ihre Auslassungen stützt, mir unbekannt ist, daß ich die mir unterschobenen Ansichten keineswegs hege und daß ich nichts weniger als überzeugt bin, daß wir nicht siegen können. Es wäre müßig, mit der .liines oder ihrem ungenann ten Gewährsmanne zu polemisieren, zumal es sich ganz offensichtlich um Äußerungen handelt, die für den Geschmack der Leser der .l imes zurechtgemacht sind. Wir können damit zufrieden sein, daß der .distinguierte Neutrale , der in jüngster Zeit sieben Wochen in Deutschland geweilt hat, nach seinen eigenen Worten noch keine Spur erblicken konnte, daß Deutschland die Wirkung des Krieges fühlt." Der Großindustrielle420 August Thyssen erklärte: Die unter Nennung auch meines Namens von der aufgestellte Behauptung über aufkommenden Kriegspessimismus in der deutschen Industrie ist vollkommen aus der Luft gegriffen und gibt mir Veranlassung zu der Erklärung, daß ich mit den Ver tretern der deutschen Erwerbsstände einig bin in der un erschütterlichen Zuversicht auf den endgültigen Sieg unserer Waffen und in der festen Entschlossenheit, diesen Krieg auch wirtschaftlich bis zu Ende durch zuhalten. Ich habe genau die gegenteilige Auffassung von der Lage, als der mir gänzlich unbekannte .neutrale Gewährsmann der .limss mir unterstellt. Ich habe mich auch niemals weder direkt noch indirekt in ähnlichem Sinne ausgesprochen, mich vielmehr stets entgegengesetzt geäußert. Auch hat die deutsche Regierung niemals den geringsten Versuch gemacht, mich in meiner Ansicht zu beeinflussen. Wenn Deutschland die Intrigen Englands und sein Bestreben, seine Alleinherrschaft auf dem Welt markte immer mehr zu entwickeln, jahrzehntelang er tragen, und wenn es ruhig mit angesehen hat, wie England aus rein egoistischen Interessen die Revanchelust Frank reichs genährt und die durch den Berliner Frieden entstandene Mißstimmung Rußlands gegen uns sich zunutze gemacht hat, überhaupt der ganzen Einkreisungs politik Eduards VII. und seiner Nachfolger in der jetzigen englischen Regierung nicht früher entgegengetreten ist, so lag dies nicht an dem Willen des deutschen Volkes, son dern an der Friedensliebe unseres Kaisers. Jeder weitblickende englische Staatsmann hätte sich längst darüber klar sein müssen, daß Deutschland sich diesen Druck von England nicht dauernd würde gefallen lassen können. Jetzt, wo es durch Englands Politik zu diesem unvermeidlichen Kriege gekommen, ist ein Ende erst denkbar, wenn der Egoismus und diese Uberhebung Englands gebrochen und auch Deutschlands Stel lung in der Welt anerkannt ist. Wenn auch der Krieg uns und unseren Freunden und Feinden die größten Opfer421 an Blut und Gut auferlegt, so kann doch von einer Erschöp fung Deutschlands am wenigsten die Rede sein, weil unsere Verhältnisse gesund sind und unser Vertrauen zum Sieg durch die große Begeisterung und die beispiellose Tatkraft der Nation außerordentlich gehoben und be festigt ist. Es kann mich nur Wunder nehmen, daß die .limös über diese wahre Stimmung Deutschlands so wenig orientiert sein sollte." Auch der Geheime Baurat Or. Emil Rathenau mar von der limes" weiterhin als Zeuge benannt worden; er wendet sich hiergegen mit der Erklärung vom 21. Nov.: Gegenüber der von der .limss wiedergegebenen Behauptung eines angeblichen Kopenhagener Gewährs mannes, wonach ich im Hinblick auf die Unterbrechung der Aufuhr von Kupfer und Petroleum Zweifel an dem Siege Deutschlands ausgesprochen hätte, erkläre ich, daß ich selbst verständlich nie eine derartige Äußerung irgend je mand gegenüber getan und daß vielmehr Deutschland für die Bedürfnisse, zu deren Befriedigung Kupfer und Pe troleum dienen, ausreichend gesorgt sieht. Die Be hinderung dieser Zufuhren durch England tritt in ihrer Bedeutung völlig zurück hinter all den Tatsachen, auf die sich meine Zuversicht stützt, daß Deutschland aus dem Kriege siegreich und stark hervorgehen wird." Man sieht, viel Glück hatte die l iines" nicht mit ihren Kronzeugen!10. Deutschland n. Österreich-Angarn Auf die in ihrer Schlichtheit und einfachen Vornehm heit tief ergreifenden Aufrufe des deutschen Kaisers, aus die ReichStagssitzungen vom 4. August und 2. September, die großen Reden des deutschen Reichskanzlers bei diesen Gelegenheiten, die Sitzungen des preußischen Landtags usw. braucht hier nicht näher eingegangen zu werden, da sie in jeder Kriegschronik nachzulesen sind. Hingegen führen wir eine weniger bekannte Äußerung des deutschen Reichs kanzlers von Bethmann Hollweg gelegentlich einer Unterredung mitte August mit Björnssjerne Björnson an, in der sich die volle Gewißheit ausspricht, daß Deutschland siegreich den ihm aufgezwungenen Waffen gang durchfechten wird. Er sagte . a. folgendes: Daß die nordischen Länder und Holland sich so entschieden neutral verhalten, wird in Deutsch- land sehr dankbar empfunden und wir sind entschlossen, diese Neutralität mit allen uns zu Gebote henden Mitteln zu stützen. Dies gilt insbesondere von unseren unmittelbaren Nachkam Holland und Däne mark. Ich habe fünf Jahre lang alles getan, um einen Weltkrieg zu verhindern, und sogar noch noch der jetzigen allgemeinen Mobilmachung haben wir versucht, was nur möglich war. Aber vergeblich. Rußland hat vor der schweren Verantwortung nicht zurückgescheut, den Weltbrand zu entfesseln. Ich habe soeben von unserem Bot schafter in Konstantinopel ein Telegramm erhalten, worin nur mitgeteilt wird, daß am dortigen englischen Botschafts gebäude ein Plakat angeschlagen ist, die deutsche Flotte hätte in der Nordsee eine furchtbare Niederlage423 erlitten und zwanzig ihrer besten Schiffe dabei verloren. Kein wabres Wort ist an dieser Geschichte. Sie sollte natürlich dazu dienen, bei den Türken Stimmung zu machen. Die frivole Politik Rußlands trägt die direkte Schuld am Kriege. Wir kämpfen heute nicht für uns: besonders die skandinavischen Länder müssen ja verstehen, daß es auch um ihre Eristenz geht, wenn Rußland siegen sollte. Daß also mit unserem Schicksal auch dasjenige anderer germanischer Länder von höch ster Geisteskultur verknüpft ist, das läßt uns, die wir mit reinem Gewissen in den Krieg üehen, mit doppelter Entschlossenheit kämpfen Man hat oft Einwand gegen mich erhoben, daß ich zuviel des ethischen Moments in die Politik trage-, bedenken Sie, was es heißt, daß auch unsere Sozialdemo kraten, die mir so oft in der inneren Politik Schwierig keiten bereiten, jetzt Mann für Mann mit uns gehen. Es lind tiefe sittliche Kräfte, die alles vorwärts treiben. Noch eins: Unsere Mobilmachung ist noch nicht ganz be endet, und schon hat unsere Armee beträchtliche Erfolge erzielt: Lüttich, Mülhausen, Lagarde, und das Land vom Feinde gesäubert. Ein Volk aber, das sich im Voll besitz seiner moralischen Kraft wie ein Mann erhoben hat und so Bewundernswertes zu leisten vermag, das kann nicht unter die Räder kommen und das kommt nicht unter die Räder!" Mit Björnson fübcte auch der ehemalige Reichskanzler Fürst Bülotv Anfang September ein Gespräch, in dessen Verlauf er folgendes sagte: Wir werden siegen, weil wir siegen müssen. Das deutsche Volk ist noch nie seinen Feinden erlegen, wenn es einig war, und niemals im Laufe seiner langen und wechselvollen Geschichte war es so einig wie heute. Wie oft baben scharfsinnige Beobachter unseres politischen Lebens, wie oft Kenner unserer Volksseele, wie oft hat ein Bismarck darüber geklagt, daß es uns Deutschen so schwer falle, kleine Meinungsverschiedenheiten großen,424 gemeinsamen Zielen umzuordnen. Der Sturmwind dieser Tage hat weggefegt, was rückstandig und kleinlich an uns war. .Dieser Krieg hat uns alle besser ge macht! sagte mir gestern ein alter Freund. Das gilt von dem einzelnen, es gilt von dem ganzen Volk. Der volle Einklang zwischen Staatsgesinnung und Volksempfinden, die in Fleisch und Blut übergegangene Überzeugung, daß 5aS Los jedes einzelnen mit dem Schicksal des Ganzen un auflöslich verknüpft ist, haben sicb in diesen Tagen in über- wältigender Weise Bahn gebrochen. Hinter uns in wesem losem Scheine liegen die Zankereien früherer Tage. Wir erkennen, wie wenig vielfach das bedeutete, das uns zu trennen schien, von welch vitaler Bedeutung das ist, was uns verbindet. Ein Sozialdemokrat, der Reichstagsab geordnete Or. Südekum, bat in einer schwedischen Zeitung in einer öffentlichen Erklärung dem Empfinden der gesamten Nation Ausdruck gegeben, wenn er schreibt! .Wir in Deutschland, und zwar alle Parteien und alle Volksschichten, sind von der Uberzeugung tief durch drungen, daß wir siegen müssen oder untergehen! Man kann die Lage, in der wir uns befinden, und die Aufgabe, vor der wir stehen, nicht klarer formulieren. Aber wir werden oben bleiben. Mit uns ist der Geist unserer Väter, der Geist von Schiller und Kant, von Schleiermacher und Fichte. Er geht unseren Heeren voran, er weist uns die Wege. Wenn Goethe wieder unter uns weilte, er würde lächelnd und befriedigt manches zurücknehmen, was er über deutsche Untugenden gesagt und geklagt hat. Wenn Bismarck und Richard Wagner wieder auf erstünden, sie würden zufrieden sein mit ihrem Volk. Mit uns ficht aber nicht nur der Geist der deutschen Vergangen heit, wir fechten nicht allein für das geistige Erbe unserer Väter, wir kämpfen auch für die europäische Kultur, ihren Fortbestand und ihre Zukunft. Unser Sieg sichert Gerechtigkeit und Ordnung, Wohlstand und Bildung für Europa und für die Welt. Wenn wir russischer Herrsch sucht, englischer Scheelsucht, französischer Rachsucht er lägen, müßte der Genius Europas sein Haupt verhüllen. Der Ausgang dieses Krieges wird darüber entscheiden, ob425 deutscher Geist und deutsche Kultur belebend und befruch tend auf die Welt wirken werden, oder ob diese der Bar barei, Verderbtheit und Verfechtung zum Opfer fallen soll. Und darum werden wir das Schwert nicht aus der Hand legen, bis wir unser Land gegen die Wiederkehr eines so ruchlosen Überfalles gründ lich und für lange hinaus gesichert und bis wir in Europa einen Austand hergestellt haben, der die Möglich keit friedlichen und rubigen Nebeneinanderlebens der Völker im Interesse der Förderung ihrer materiellen und geistigen Wohlfahrt wirklich gewährleistet Das Volk, dessen größter König sieben Jahre lang gegen balb Europa im Felde stand, das vor IM Jahren mit dem ausgesogenen und zerschlagenen Preußen für den Befreiungskampf Europas gegen fran zösische Weltherrschaft die Kerntruppe stellte, wird auch in einem langen Kriege sicherlich nicht mutlos das Schwert sinken lassen... Ich möchte nicht, daß Sie es für Ruhm redigkeit hielten oder für den Ausdruck einseitiger Beur teilung, wenn ich sage, wie groß steht gegenüber seinen Fein den jetzt das deutsche Volk da! Wie wundervoll treten heute die Tugenden dieses Volkes zutage, nicht nur sein Helden mut, den die Welt kennt seit Siegfrieds Tagen, seit den Ur anfängen unserer Geschichte, wo sich die Wurzeln des deut schen Volkes mit denen der skandinavischen Völker berühren, sondern auch seine anderen Vorzüge, sein tiefgewurzeltes, selbstverständliches Pflichtgefühl, sein Sinn für Ordnung, die Selbstsucht, die jeder an sich übt, die Reinheit des deut schen Gemütes, der deutsche Fleiß, die deutsche Arbeits krast, die Gründlichkeit deutscher Bildung, der unverwüst liche deutsche Idealismus, das deutsche Gottvertrauen. Seben Sie, wie die deutschen Heere im Westen und Osten alles vor sich niederwerfen, wie sie aufmarschiert sind, wie in diesem Millionenheer jeder den ihm angewiesenen Platz ausfüllt, sehen Sie, mit welcher Sicherheit und Pünkt lichkeit Tausende von Eisenbahnzügen von früh bis spät die Truppen nach dem Westen und Osten befördern, wie die Verwaltungsmaschine ohne Störung noch Stocken weiter arbeitet, sehen Sie das ruhige, friedliche Bild, das die Millionenstadt Berlin auch heute bietet.426 sehen Sie (der Fürst wies aus dem Fenster auf den Tier garten), wie der Rasen dort im Tiergarten heute ebenso gepflegt ist wie in tiefster Friedenszeit, wie die Rosen im Rosengarten an der Charlottenburger Chaussee blühen und prangen wie immer, sehen Sie die ruhige, gesittete, im wahren Sinne vornebme Haltung dieses Volkes, wo jeder seine Schuldigkeit tut, ohne Prahlerei noch wüsten Lärm, wo Sie kein häßliches Geschrei auf den Straßen hören, sondern nur, wenn wieder eine Siegesnachricht ein getroffen ist, eines unserer schönen nationalen Lieder, schauen Sie auf das Bild, das in diesem Augenblick nicht j nur die Reichshauptstadt, sondern ganz Deutschland bietet, und ich darf sagen- Sie blicken auf ein großes Volk. Auch derjenige Deutsche, dem der Alltagskampf der Mei nungen und Parteien hier und da den unvergänglichen Kern deutschen Wesens verhüllte, den manche Vorgänge ^ der letzten Jahre mit Sorge auf unsere Entwicklung blicken ließen, kann angesichts der Haltung des deutschen Volkes in diesem Riesenkampf nur schweigend sein Haupt neigen vor der Größe der Nation. ... Nicht nur in Deutschland hat der Krieg erhebend ge wirkt, auch über Österreich-Ungarn ist er wie ein rei nigendes Gewitter hingegangen. Welches Zerrbild haben vor dem Kriege englische und französische Politiker und Pu blizisten von dem infolge der Nationalitätenkämpfe angeblich auseinanderfallenden Habsburgischen Reiche entworfen. Wie hat der Gang der Ereignisse diese Prophezeiung Lügen gestraft. Fürst Bismarck hat recht behalten, der sagte, daß, wenn Kaiser und König Franz Josef zu Pferde steige, ihm alle seine Völker folgen würden. Wenn auch der Tscheche am Deutschen, dieser am Slowenen, der Rumäne am Ungarn und der Ruthene am Polen dieses oder jenes aus zusetzen haben mag, so ziehen sie doch alle trotz gelegent licher Reibungen in der Prager oder Laibacher, Agramer oder Lemberger Landtagsstube das weitere Zusammenleben mit dem alten Zeitgenossen bei weitem der russischen Knute vor. Alle Völker der alten Donaumonarchie, die nach einem bekannten Wort erfunden werden müßte, wenn sie nicht427 existierte, haben das gleiche Interesse an dem Fortbestand des Habsburgischen Reiches." Über die Haltung Italiens sagte Fürst Bülow: Ich glaube, daß das italienische Volk den schwersten Fehler seiner Geschichte begehen würde, wenn es sich durch englische, französische und russische Einflüsterungen und Hetzereien verleiten ließe, eine feindliche Haltung gegen über Österreich-Ungarn einzunehmen. Ich weiß wohl, was zwischen Italien und Osterreich sieht. Die Erinnerung an langjährige und erbitterte Kämpfe, die lebhafte Teil nähme des italienischen Volkes an dem Ergehen seiner Stammesgenossen in Osterreich. Ich kenne auch die Fäden, die Italien mit Frankreich verbinden, den Einfluß, den Eng- land seit jeher in Italien ausgeübt hat, nicht nur durch seine Flotte, vor deren Kanonen die italienischen Seestädte liegen, sondem auch durch die Erinnerung an die englischen Sympathien für die italienische Freiheitsbewegung, an das Asyl, welche italienische Freiheitskämpfer in England gefunden haben, ich kenne die Vorliebe vieler Italiener für englische Institutionen, die ihnen Vorbild gewesen sind. Aber das sind Gefübie und Erwägungen, die nicht den Kern der Sache treffen. Und dieser ist, daß ebensosehr wie das Schicksal Österreichs, die Zukunft Italiens von dem Siege unserer Waffen abhängt. Zwischen dem Werdegang und den Lebensbedingungen des italie nischen Volkes und unserer deutschen Entwicklung besteht eine Gleichartigkeit, die nicht nur äußerlicher Natur ist. Beide Völker haben später als andere, viel später als Eng länder, Franzosen, Spanier ibre Einigkeit erlangt. Woran lag das? An dem Übergewicht Frankreichs, das auf der Zersplitterung Italiens und Deutschlands beruhte. Der klügste französische Politiker, Adolphe Thiers, wußte, was er tat, als er die italienischen wie die deutschen Einbeits- bestrebungen mit solcher Erbitterung bekämpfte, denn er sah voraus, daß sie die ,?röponäeranee läxitime 6e Is ?rkwee", wie die Franzosen es nannten, die von Richelieu bis zu Napoleon III. von Frankreich ausgeübte Hegemonie, gefährdeten. Dem Genie zweier großer Staatsmänner, Bismarck und Cavour, ist es gelungen, durch ihre der Un-4Sg klarheit und Kurzsichtigkeit Napoleons III. unendlich über legenen Staalskunft die deutsche und die italienische Einigung zu verwirklichen. Die italienische Großmachtstellung, Unabhängigkeit und Einheit sieben und fallen mit der deutschen Machtstellung. Eine Schwächung Deutschlands würde auf die italienische Stellung im Mittel meer und damit auf die italienische Gesamtposition eine unvermeidl.che und tiefgehende Wirkung ausüben, der Triumpb des Panslawismus italienische Kultur und das italieniiche Volkstum in ganz anderer Weise bedroben als die Mißgriffe dieses oder jenes Beamten in Südtirol oder Triest. Ein Vorgehen Italiens gegen Österreich- Ungarn nach jahrzehntelanger Allianz wäre ein völkerrechtliches Unrecht, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Es wäre aber noch mehr als das. Hier träfe das Wort von Talleyrand zu, das er nach der Erschießung des Herzogs von Enghien spracht pire czu un crime, e e8t une bktise . Damit würde das Tafeltuch zwischen Italien und Deutschland zerschnitten, würde die italienische Weltstellung und Zukunft kleinlichen Augenblickserfolgen, hohlen Phrasen und lügenhasten Ver sprechungen leichtherzig geopfert. Und wie steht es mit Skandinavien? Ich will Sie nicht daran erinnern, wie warme Sympathien in Deutsch land für Skandinavien immer bestanden haben, an die Aufnahme, die der Genius skandinavischer Dichter, eines Ibsen, eines Björnson, eines Strindberg, auf deutschen Büh nen und im deutschen Volke gefunden haben, an die vielen Deutschen, die Ihr Land besuchten und Liebe zu Ihrem Lande von dort mitgenommen haben, an die vielen Be weise von Liebe und Verständnis, die unser Kaiser Ihrem Volk gegeben hat. Ich frage Sie nur das eine: .Welche Gefahr sollte Norwegen, sollte irgendeinem skandinavischen Land, sollte irgendeinem unserer friedlichen Nachbarn von Deutschland drohen? Sind wir nicht während 43 Jahren, bis wir von unsern Nachbarn angefallen wurden, ein friedliches Land gewesen? Ich kann ohne Übertreibung sagen: Das friedlichste Land der Welt. Wieviele Kriege haben inzwischen Frankreich, England, Rußland in429 Afrika und Asien geführt, wie haben sie ihren Besitz ver größert ! Wann sind wir jemals den Rechten oder Interessen anderer Lander mnahegetreten? Wir denken natürlich auch heute nicht daran, die Sicherheit und Unabhängigkeit derjenigen Lander zu bedrohen, die in Frieden und Freund schaft mit uns leben wollen. Die Schweiz und die Nieder lande, Schweden, Norwegen, Danemark, sie alle wissen, daß wir nichts böses gegen pe im Schilde führen. Brauche ich Sie an die sorgsame Pflege unserer Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu erinnern, zu dem amerikanischen Volk, für dessen große Seiten unser Kaiser ein so richtiges Verständnis besitzt? Wenn heute Millionen deutscher Soldaten im Felde stehen, so kämpfen sie für die Sache des künftigen Friedens, der Zukunft und der Freiheit der Völker. Wofür kämpft Frankreich? Für die Stillung seines Rachedurstes, dessen Befriedigung nur möglich wäre, wenn das deutsche Schwert am Boden läge, wovor uns Gott in Gnaden bewahren wird. Wofür Rußland? Für die panslawistischen Ziele, für eine russische Weltherrschaft, die ein Greuel sein würde, wenn sie nicht eine Utopie wäre. Die Geschichte wird sagen, daß der tapfere Generaloberst v. Hindenburg, als er die Russen bei Tannenberg aufs Haupt schlug, sich ein ebenso großes Verdienst um die euro päische Zivilisation erwarb, wie in alten Tagen Herzog Heinrich von Liegnitz, als er sich den Mongolenhorden entgegenstellte. Und England? Der bisherige Minister John Burns, der lieber zurücktrat, als daß er die Greysche Polink mit machte, hat es offen ausgesprochen. Aus brutalem Konkurrenzneid ist es uns in den Rücken gefallen. Es hat uns das irregeführte und töricht geleitete Belgien zu dessen eigenem Unglück entgegengeworfen, hat uns Japan auf den Hals gehetzt, das seinem deutschen Lehrmeister so viel verdankt, und diesen Dank jetzt dadurch abstattet, daß es unser aufblühendes Tsingtau, wo deutscher Fleiß und deutsche Organisation schöne Früchte gezeitigt hatten, heim tückisch überfällt. Das war ein Hochverrat an der weißen Rasse. Es wird viel Wasser die deutschen Ströme430 herabfließen, bis der Deutsche das England vergißt, dessen Freundschaft von uns, und in erster Linie von unserem Kaiser so beharrlich, so ehrlich gesucht wurde, mit dem wir so gut in Frieden und Freundschaft hätten leben können, wenn England uns nur den Platz an der Sonne ge gönnt hätte, auf den das deutsche Volk ein Recht hat, den es sich, und wenn die Welt voll Teufel wär , nicht nehmen lassen wird. Würde das deutsche Volk überwunden, so wäre das der Ausammenbruch der sittlichen Weltordnung. Aber glauben Sie mir, wir werden das Feld behalten. Wir werden kämpfen, bis wir einen Frie den erlangen, würdig der Opfer, die unser Volk mit heiligem Ernste bringt. Und es wird sich am deutschen Volke das Wort des Psalmisten erfüllen, das der greise Oberhofpre diger Dryander bei dem Kriegsgottesdienst im Dom seiner Predigt zugrunde legte: ,Jch werde nicht sterben, sondern leben ." Zu einer gewaltigen Kundgebung deutschen Wesens und Fühlens gestaltete sich auch die vom Verein für das Deutschtum im Ausland unter dem Vorsitz des StaatS- ministerS z. D. von Heutig auf den 24. September zum Schutze der Auslanddeutschen einberufene Versamm lung, der die deutsche Kronprinzessin beiwohnte. Die Hauptrede hielt der Gebeime Justizrat Prof. Or. Otto von Gierke, der die Auslanddeutschen als Träger der deutschen Kultur pries. Näheres über die Versammlung lese man noch in Heimat uns Welt" 1914, H. 11. Den Begriff Militarismus" hat Graf Hoensbruch in einem so überschriebenen Artikel der Täal. Rundschau" vom 11. Nov. 1914 näher charakterisiert. Wir geben diese Ausführungen hier gekürzt wieder: Gewiß: das Soldatsein, der Militarismus ist eine Wesenseigenschaft unseres Volkes. Es ist kriegerisch, es kämpft gern, es kämpft mutig. Seit den ältesten Zeiten heben alle Geschichtschreiber diese Seite am deutschen Cha rakter empor. Allein, damit ist der Begriff Militarismus noch längst nicht erschöpft. Auch der Indianer, auch der431 Herero haben diesen .Militarismus . Was den deutschen Militarismus zu einem so kostbaren Bestandteile unseres Nationalbesitzes macht, ist, daß der hohe kriegerische Sinn unseres Volkes und seine Betätigung gefaßt und geordnet sind in feste und doch bewegliche Formen, daß er ein dem Volkscharakter entsprechendes feingliederiges und doch riesenstarkes System bildet; ein System, das nicht wie ein Kasernen- oder Gefängnisbau mit meterdicken Mauern das Volk abschließt von Kultur und Entwicklung, sondern das als Hallen-Dom unser Millionenvolk umfaßt und ihm Raum, Licht und Luft beläßt zu freiester Entfaltung aller seiner physischen, sittlichen und wirtschaft lichen Kräfte. Hat der deutsche .Militarismus das deutsche Volk etwa gehindert, das erste Kulturvolk der Welt zu werden? Hat der deutsche .Militarismus das deutsche Volk etwa gehindert, die Welt wirtschaftlich zu erobern und Handel und Industrie zu staunenswerter Höhe zu führen? Hat der deutsche .Militarismus das deutsche Volk etwa gehindert, alle Werke des Friedens in der Vollendung aus zuüben? Hier ist die für andere Völker unerreichbare Größe des deutschen Militarismus (diesmal ohne Gänsefüßchen): er eint vollendete Kriegsbereitschaft mit voll endeter Friedensarbeit. EristdasVolk in Waffen, d. h. er ist die mit streitbarer Wehr, von Jugend auf in Waffen geübte Bevölkerung, die aber zugleich und nicht im mindesten durch die Rüstung gehindert, arbeitsam, hoch gebildet, kulturfördernd an der Spitze der Nationen ein- herschreitet. Diesen Militarismus, die Verbrüderung zwischen höchster Kultur und unüberwindlicher Wehrhaftig- keit, macht uns kein Volk der Erde nach, kann uns keines nachmachen. Denn keins besitzt dazu, so wie das deutsche, die Grundlage: physische und sittliche Kraft, aufgeschlossenen, durch starke und wohlgeschulte Intelligenz zu höchster Kulturleistung befähigten Sinn." Uber die schlechte Behandlung der deutschen Zivil- gefangenen in England hat sich unser kolonialer Vorkämpfer vi . Karl Peters der die ersten 2 Monate des Krieges in London zubringen mußte, in Artikeln des Tags" vom 17. Oktober und 2. No-432 vember unter dem Titel Englische Verlogenheit ein gehend ausgesprochen. Dieser vorzügliche Kenner deS englischen Volkes wandte sich dann noch in den Süddeutschen Monatsheften" gegen die Rücksichtnahme der deutschen Regie rung auf die Angehörigen der Staaten, die unsere Lands- l leute mit Brutalitäten behandeln, und forderte mit Recht zu scharfen Maßregeln auf. Er schreibt u. a. folgendes: Wie ich höre, sind der Bruder von Sir Edward Grey und der Sohn des französischen Ministers Delcasse in deutscher Gefangenschaft. Ich kann nur raten, diese beiden Herren zunächst einmal in einen wirk- ^ lichen Schweinestall einzusperren mit den na türlichen Insassen als Gesellschaft, das wird auf die Stimmungen in London und Paris ganz anders zurück wirken als 10 gewonnene Schlachten. Übrigens scheinen die Vergeltungsmaßregeln der Kaiserlichen Regierung in London schon Eindruck gemacht zu haben. Ich will hoffen, falls Großbritannien einen Teil der deutschen Ai- vilgcfangenen nun endlich freiläßt, daß die Kaiserliche Regierung diesen Schritt nicht ohne weiteres nachahmt. Überhaupt sehe ich nicht ein, weshalb wir mit unseren Repressalien in so methodischer Weise vorgegangen sind. Zunächst war es nieiner Ansicht nach nicht nötig, der britischen Regierung noch ein Ultimatum von acht Tagen zu stellen, nachdem so viele Beweise vorliegen, daß sich diese Regierung über die Genfer Konvention einfach hinweggesetzt hat, überall da, wo es ihren Interessen ent spricht. Ich hätte den Herren voraussagen können, daß dieses Ultimattun von London gar keiner Antwort gewürdigt werden würde. Sodann sehe ich nicht ein, weshalb wir mit unseren Maßregeln uns aus das Maß der Frem den gegen uns zu halten brauchen; weshalb will Deutschland nicht die Initiative nehmen? Um so eher wird es die andern zur Anerkennung internationaler Verträge zwingen. Sie haben uns auf der ganzen Erde als brutale Mordbrenner gebrandmarkt, und die ganze englische Welt hat es monatelang geglaubt und glaubt es noch. Wozu dann diese Rücksichtnahme?433 Von allen Orchestern in London wurden gleich nach der Kriegserklärung sämtliche deutsche Direktoren und Mu siker ohne einen Pfennig Entschädigung entlassen. Und nicht nur die Professoren, sondern auch die in Deutschland ge machten Musikinstrumente wurden auf die Straße geworfen. Hier wurde auf der Königlichen Hochschule für Musik ein Franzose, der Professor Marteau, sistiert, aber sein Gehalt wird ihm nach wie vor ausgezahlt. Herr Professor Kulenkampi^) erklärt in einer Berliner Tageszeitung, daß dies der Rechtslage entspräche. Entspricht es der Rechtslage weniger, wenn die deutschen Musiker auch in London ihr Gehalt weiterbeziehen würden? Der Krieg gilt aber dort als koree majeure, welche Kontrakte ohne weiteres auslöst. Wir alle, die wir in London wohnten, haben darunter zu leiden gehabt. In Deutschland entspricht es der Rechtslage, daß ein Franzose, dessen Landsleute wehrlose Deutsche auf das brutalste behandeln, sein Gehalt auch im Kriege weiter bezieht. Die Maßregeln der Regierung machen mir den Ein- druck,daß sie auch heute noch von Leuten beraten wird, welche England und die Engländer gar nicht kennen oder nur ein nebelhaftes Gebilde von ihnen im Kopfe herumtragen. Wenn aber unser Volk auch durch diesen Krieg nicht lernt. Fremde angemessener zu behandeln, so sind alle seine Opfer umsonst gewesen, und es bleibt dauernd eine Nation vierten oder fünf ten Ranges auf der Erde wie bisher. Deshalb sind die Repressalien zum Beispiel nur gegen England gerichtet und nicht auch gegen die Russen und Franzosen, die ja ebenfalls soweit wir wissen, die Deutschen skandalös be handeln? Von den Franzosen ist solche Behandlung Deut scher um so unverschämter, weil die deutschen Armeen zurzeit in Frankreich, nicht aber die franzöisschen in Deutschlan d stehen." ) Nach einer Erklärung Professor Kulenkampf s liegt hier eine Verwechselung vor. Nicht er, sondern der Direktor der Anstalt, (^ehcimrat Kretzschmar hat diese Erkläruna abge geben übrigens hat inzwischen die preußische Regiernng die ferneren Gehaliszahlungen an Professor Marteau eingestellt und sich damit auf den Peters schen Standpunkt gestellt. Der Krieg der Geister. 28434 In amerikanischen Blättern erschien mitte Dezember ein Artikel, in dem eine Unterredung zwischen Großadmiral von Tirpitz und dem Berliner Vertreter der Dnitsä wieder gegeben ist. Bei dieser Unterredung ging von Tirpitz "aus den Ur- sprung des Krieges ein, sprach von den Ursachen und schil derte Englands Wachsen zur Weltmacht und seine Beherr schung der Meere, bis seine herrschsüchtige Anmaßung den Gipfel erreichte in dem gegenwärtigen Kriege, den England anzettelte, um das Wachsen und die Machtent wicklung Deutschlands zu zerschmettern. Er erklärte, Eng lands Seeherrschaft gründe sich ursprünglich auf See räuberei, Gewalttätigkeit zu Lande und Räu berei in allen Weltteilen. England, ja England allein ist für diesen Krieg verantwortlich. Englands deutschfeindliche Politik geht bis auf 1870 zurück, bis auf unsern Sieg über Frankreich. Immer herrisch, wie ein Diktator, wollte es nicht, daß Deutschland sich wirtschaftlich ausdehne oder in der Welt den Platz einnehme, auf den es als Macht ein Recht hatte. England wird jedem die Kehle durchschneiden, der ihm in den Weg kommt oder der ihm nach seiner Ansicht in den Weg kommen würde. England hat nicht die Gewis senhaftigkeit der weißen Rasse, wie das Bünd nis mit Japan zeigt. Wenn es daraus Nutzen ziehen kann, wird es mit jedem ein Bündnis schließen, ohne Rück sicht auf Rasse oder Farbe." Der Eindruck ist entstanden," sagte ich, als ob der deutsche Militarismus dazu beigetragen hatte, den Krieg zuwegzubringen." Ja, das ist Englands Geschrei über unseren Mili tarismus. Und wie steht es mit seinem Marinismus, der seit Jahren schon die Alleinherrschaft über die Meere für sich in Anspruch nimmt? Bei uns gibt es keinen Militaris mus, wenn Sie nicht gerade die allgemeine Wehrpflicht als solchen ansehen und diese wiederum ist notwendig zur Verteidigung unseres Landes, das seit Jahrhunderten der Kampfplatz für die europäischen Völker gewesen ist. In435 23 den vergangenen 200 Jahren hat Frankreich wohl dreißig mal den Krieg an Deutschland erklärt. Meiner Ansicht ,ach führt die allgemeine Wehrpflicht zum Frie den und nicht zum Kriege. Fragen Sie die Mütter in unserem Volke! Sie wissen, was der Krieg bedeutet, ehe er kam, gerade deshalb, weil ihre Söhne Soldaten sind. England, das ein Söldnerheer hat, hält Fuß ballwettkämpfe und Rennen ab, wobei immer eine große Volksmenge versammelt ist. Können Sie sich so was in einer deutschen Stadt vorstellen? Nein, deutsche Mütter und Frauen weinen. Sie geben freiwillig ihr alles her fürs Vaterland, aber sie weinen! Ich wiederhole: die allgemeine Wehrpflicht ist ein starker Friedensfaktor. Ich war einer von denen, die nicht glauben wollten, daß dieser Krieg kommen würde. Ich konnte es mir nicht vorstellen, daß die europäischen Völker sich gegenseitig abschlachten würden." Was sind Ew. Exzellenz Ansichten über das japa nische Problem?" Das ist ein Problem für Sie Amerikaner; Sie werden sich damit beschäftigen müssen. Dann werden wir Zu schauer sein." Großadmiral von Tirpitz richtete sich bei diesen Worten auf. Seinen Finger hatte er auf mich gerichtet. Er fuhr fort: Ich meinte das mit unserer Juschauerrolle natürlich nur im Spaß. Das würde ganz von den Um ständen abhängen, von den Umständen...! Eines kann ich Sie versichern, Deutschland wird niemals die weiße Rasse aufgeben! Japan wird China zu seinem Vasallen machen und seine Millionen von Leuten mili tarisieren. Dann wird Ihr Land auf der Hut sein müssen. Admiral Togo sagte einmal einem Europäer: .Der nächste Krieg wird ein allgemeiner europäischer sein, und dann kommt der große Krieg zwischen meiner Rasse und der Ihren ." Um dem Lügenfeldzug unserer Feinde entgegenzu treten, veröffentlichte der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann unser erster, lebender Dramatiker, in dem Nachrichtenbüro Norden" des norwegischen Schriftstellers Björn Bjorn-436 s o n, desSohnes des großenDichters, Mitte August folgenden Aufsatz über Die Unwa hrhaftigkeit unserer Feinde": Wir sind ein eminent friedliches Volk. Der oberfläch liche Feuilletonist Bergson in Paris mag uns immerhin Barbaren nennen, der große Dichter und verblendete Gallomane Maeterlinck uns mit ähnlichen hübschen Titeln belegen, nachdem er uns früher ,das Gewissen Europas genannt hat. Die Welt weiß, daß wir ein alles Kulturvolk sind. Die Idee des Weltbürgertums hat nirgends tiefere Wurzeln geschlagen, als bei uns. Man betrachte unsere Übersetzungs-Literalur und nenne mir dann ein Volk das sich ebenso wie wir bemüht, dem Geiste und der Eigen art anderer Völker gerecht zu werden, ihre Seele liebevoll eingehend zu verstehen. Auch Maeterlinck hat bei uns seinen Ruhm und sein Gold gewonnen. Für einen Salon-Philo- sophaster wie Bergson ist allerdings im Lande Kants und Schopenhauers kein Platz. Ich spreche es aus: wir haben und hatten keinen Haß gegen Frankreich: wir haben einen Kultus mit der bildenden Kunst, Skulptur und Malerei, und mit der Literatur dieses Landes getrieben. Die Wertschätzung Rodins wurde von Deutschland aus in die Wege geleitet, wir verehren Anatole France, Maupassant, Flaubert, Balzac wirken bei uns wie deutsche Schriftsteller. Wir haben tiefe Zuneigung zu den, Volkstum Südfrankreichs. Leidenschaftliche Verehrer Mistrals findet man in den kleinen deutschen Städten, in Gäßchen und Mansarden. Es war schmerzlich zu bedauern, daß Deutschland und Frankreich politisch nicht Freunde sein konnten. Sie hätten es sein müssen, weil sie Verwalter des kontinentalen Geistesgutes, weil sie zwei große durch kultivierte europäische Kernvölker sind. Das Schicksal wollte es anders. 1870 erkämpften sich die deutschen Stämme die deutsche Einheit und das deutsche Reich. Unter diesen Errungen schaften ward unserem Volke eine mehr als 4V sährige fried liche Epoche beschieden. Eine Zeit des Keimens, des Wach sens, des Erstarkens, des BlühenS, des Fruchttragens ohnegleichen. Aus einer immer zahlreicher werdenden437 Bevölkerung bildeten sich immer zahlreichere Individuen. Individuelle Tatkraft und allgemeine Spannkraft führten zu den großen Leistungen unserer Industrie, unseres Han dels, unseres Verkehrs. Ich glaube nicht, daß ein ameri kanischer, englischer, französischer oder italienischer Reisen der sich in deutschen Familien, in deutschen Städten, in deutschen Gasthöfen, auf deutschen Schiffen, in deutschen Konzerten, in deutschen Theatern, in Bayreuth, auf deut schen Bibliotheken, in deutschen Museen, wie unter Bar baren gefühlt hat. Wir besuchten andere Länder und hatten für jeden Fremden die offene Tür. Gewiß, unsere geographische Lage, bedrohliche Mächte in Ost und West, zwangen uns, für die Sicherheit unseres Hauses zu sorgen. So ward unsere Armee, unsere Flotte ausgestaltet. In diese Gestaltung wurde der Strom deut scher Arbeit, Tüchtigkeit und Erfindungskraft zu einem er heblichen Teil hineingeleitet. Daß dies notwendig war, wissen wir jetzt besser, als wir es je gewußt haben. Aber Kaiser Wilhelm II., oberster Kriegsherr des Reiches, hat aus wahrhaftiger Seele den Frieden geliebt und den Frie den gehalten. Unsere erakte Armee sollte einzig der Ver teidigung dienen. Wir wollten drohenden Angriffen ge genüber gerüstet sein. Ich wiederhole: das deutsche Volk, die deutschen Fürsten, an der Spitze Kaiser Wilhelm, haben keinen anderen Gedanken gehabt, als durch Heer und Flotte den Bienenstock des Reiches, das fleißige, reiche Wirken des Friedens, zu sichern. Ohne Anmaßung gebe ich meiner tiefen Uberzeugung Ausdruck, wenn ich sage: es ist ein leidenschaftlich festgehaltener Lieblingsgedanke des Kaisers gewesen, einst die segensreiche Epoche seiner Regierung als durchaus friedliche abzuschließen. Es ist nicht seine, nicht unsere Schuld, wenn es anders gekommen ist. Der Krieg, den wir führen, und der uns aufgezwungen ist, ist ein Verteidigungskrieg. Wer das bestreiten wolle, der müßte sich Gewalt antun. Man betrachte den Feind an der östlichen, an der nördlichen, an der westlichen Grenze. Unsere Blutsbrüderschaft mit Osterreich bedeutet für beide Länder die Selbsterhaltung. Wie man uns die Waffe in die Hand gezwungen hat, das mag jeder, dem es um Ein-43S ficht, statt um Verblendung zu tun ist, aus dem Depeschen wechsel zwischen Kaiser und Aar, sowie zwischen Kaiser und König von England entnehmen. Freilich, nun haben wir die Waffe in der Hand, und nun legen wir sie nicht mehr aus der Hand, bis wir vor Gott und Menschen unser heiliges Recht erwiesen haben. Wer aber hat diesen Krieg angezettelt? Wer hat sogar den Mongolen gepfiffen, diesen Japanern, daß sie Europa hintertückisch und feige in die Ferse beißen? Jedenfalls doch unsere Feinde, die, umgeben von Kosakenschwärmen, für die europäische Kultur zu kämpfen vorgeben. Nur mit Schmerz und mit Bitterkeit spreche ich das Wort England aus. Ich gehöre zu denjenigen Barbaren, denen die eng lische Universität Oxford ihren Doktorgrad konoris causa verlieh. Ich habe Freunde in England, die mit einem Fuße auf dem geistigen Boden Deutschlands stehen. Haldane, ehemals englischer Kriegsminister, und mit ihm zahllose Engländer traten regelmäßige Wallfahrten nach dem kleinen, barbarischen Weimar an, wo die Barbaren Goethe, Schiller, Herder, Wieland und andere für die Humanität einer Welt gewirkt haben. Wir haben einen deutschen Dichter, dessen Dramen, wie keines anderen deutschen Dichters, National gutgeworden sind: er heißt Shakespeare. DieserShakespeare ist aber zugleichEnglands Dichterfürst. Die Mutter unseres Kaisers ist eine Engländerin, die Gattin des englischen Königs eine Deutsche. Und doch hat diese stamm- und wahl verwandte Nation uns die Kriegserklärung ins Haus ge schickt. Warum? der Himmel mag es wissen. Soviel ist gewiß, daß das nun eröffnete bluttriefende Weltkonzert in einem englischen Staatsmann seinen Impresario und Dirigenten hat. Allerdings ist die Frage, ob das Finale dieser furchtbaren Musik noch den gleichen Dirigenten am Pult sehen wird. .Mein Vetter, du hast es nicht gut ge meint, weder mit dir selbst, noch mit uns, als deine Werk zeuge den Mordbrand in unsere Hütten warfen. Wenn der Himmel es will, daß wir aus dieser unge heuren Prüfung erneut hervorgehen, so werden wir die heilige Aufgabe zu lösen haben, unserer Wiedergeburt würdig zu sein. Durch den vollständigen Sieg deutscher439 Waffen wäre die Selbständigkeit Europas sichergestellt. Es würde darauf ankommen, den Völkerfamilien des Kon tinents begreiflich zu machen, daß dieser Weltkrieg der letzte unter ihnen bleiben muß. Sie müssen endlich einsehen, daß ihre blutigen Duelle nur demjenigen schwächlichen Vor teil einbringen, der, ohne mitzukämpfen, sie anstiftet. Dann müssen sie einer gemeinsamen, tiefkulturellen Frie densarbeit obliegen, die Mißverständnisse unmöglich macht. Es war in dieser Beziehung schon vor dem Kriege viel ge schehen. Im friedlichen Wettstreit fanden sich die Nationen und sollten sich noch zuletzt in den Olympischen Spielen zu Berlin finden. Ich erinnere an die Wettflüge, Wettfahrten, Wettrennen, an die internationale Wirksamkeit von Kunst und Wissenschaft und die große internationale Preisstiftung. Das Barbarenland Deutschland ist, wie man weiß, den übrigen Völkern mit großen Einrichtungen sozialer Fürsorge vorangegangen. Ein Sieg müßte uns verpflichten, auf diesem Wege durchgreifend weiterzugehen und die Seg nungen solcher Fürsorge allgemein zu verbreiten. Unser Sieg würde fernerhin dem germanischen Völkerkreise seine Forteristenz zum Segen der Welt garantieren. Mehr als je ist während der letzten Jahrzehnte z. B. das skandinavische Geistesleben für das deutsche, und umgekehrt das deutsche für das skandinavische befruchtend gewesen. Wieviele Schweden, Norwegen, Dänen haben in dieser Zeit, ohne einen fremden Blutstropfen zu fühlen, deutschen Brüdern zu Stockholm, Christiania, Kopenhagen, München, Wien, Berlin die Hand gereicht. Wieviel heimatliche Gemeinsam keit ist nicht allein um die großen und edlen Namen Ibsens, Björnsons und Strindbergs innigst lebendig geworden. Ich höre, daß man im Ausland eine Menge lügnerischer Märchen auf Kosten unserer Ehre, unserer Kultur und unserer Kraft zimmert. Nun, diejenigen, die da Märchen fabulieren, mögen bedenken, daß die gewaltige Stunde dem Märchen erzähler nicht günstig ist. An drei Grenzen steht unsere Blutzeugenschaft. Ich selbst habe zwei meiner Söhne hinaus geschickt. Alle diese furchtlosen deutschen Krieger wissen genau, für was sie ins Feld gezogen sind. Man wird keinen Analphabeten darunter finden. Aber destomehr solche,440 die, neben dem Gewehr in der Faust, ihren Goethischen Faust, ihren Jarathustra, ein Schopenhauersches Werk, die Bibel oder Homer im Tornister haben. Und auch die, die kein Buch im Tornister haben, wissen, daß sie für einen Herd kämpfen, an dem jeder Gastfreund sicher ist. Auch jetzt hat man bei uns keinen Franzosen, Engländer oder Russen ein Haar gekrümmt, oder gar, wie im Lande des empfindsamen Herrn Maeterlinck, an wehrlosen Opfern, einfachen, einsässigen deutschen Bürgern und Bürgers frauen, grausamsten, fluchwürdigen, nichtsnutzigen, besti alischen Meuchelmord geübt. Ich gebe auch Herrn Maeter linck speziell die Versicherung, daß niemand in Deutschland daran denkt, sich von solchen Handlungen einer Kulturnation etwa zur Nachahmung reizen zu lassen. Wir wollen und werden lieber weiter deutsche Barbaren sein, denen die vertrauensvoll unsere Gastfreundschaft genießenden Frauen und Kinder unserer Gegner heilig sind. Ich kann ihm ver sichern, daß wir uns, bei aller Achtung vor einer .höheren Gesittung der französisch-belgischen Junge, doch niemals dazu verstehen werden, belgische Mädchen, Weiber und Kin der in unserem Lande feige unter qualvollen Martern hinzuschlachten. Wie gesagt: an den Grenzen steht unsere Blutzeugenschaft: der Sozialist neben dem Bourgeois, der Bauer neben dem Gelehrten, der Prinz neben dem Arbeiter, und alle kämpfen für deutsche Freiheit, deutsches Familienleben, für deutsche Kunst, deutsche Wissenschaft, deutschen Fortschritt, sie kämpfen mit vollem, klarenBewußt- sein für einen edlen und reichen Nationalbesitz, für innere und auch äußere Güter, die alle dem allgemeinen Fort schritt und Aufstieg der Menschheit dienstbar sind." Hierauf antwortete der französische, auch in Deutsch land durch seinen Musikerroman Jean Christoph" bekannt gewordene Dichter Romain Rolland mit folgendem offenen Brief an Gerhart Haupt mann" im ^ournsl c!s (Zenöve (29. August 1914): Ich bin. Gerhart Hauptmann, keiner derjenigen Franzosen, die Deutschland als barbarisches Land behan deln; ich kenne die geistige und sittliche Größe Ihrer mäch-441 tigen Rasse; ich weiß, was ich alles den Denkern des alten Deutschland verdanke-, und auch im gegenwärtigen Augen blick noch gedenke ich des Beispiels und der Worte unseres Goethe er gehört der ganzen Menschheit an , worin er jeden nationalen Haß von sich weist und seine Seele auf jene Höhen erhebt, ,wo man das Glück und das Unglück der andern Völker wie sein eigenes empfindet . Ick habe mein ganzes Leben lang daran gearbeitet, beide Nationen sich geistig näher zu bringen, und die Schrecken des ruchlosen Krieges, der sie zum Unglück für die europäische Zivili sation feindlich gegenüberstellt, werden mich niemals dazu führen, meinen Geist mit Haß zu beschmutzen. Es fehlt mir heute also nicht an Gründen, mich über Ihr Deutschland zu beklagen, die deutsche Politik und die Mittel, deren sie sich bedient, als verbrecherisch zu erachten, aber ich mache das Volk, das sie über sich ergehen läßt und sich zu ihrem blinden Werkzeug hergibt, nicht dafür verant wortlich. Ich erblicke nämlich keineswegs, wie Sie, im Kriege ein Verhängnis. Der Franzose glaubt nicht an das Verhängnis. Das Verhängnis dient willenlosen Seelen als Entschuldigung. Der Krieg ist die Frucht der Schwäche und der Dummheit der Völker; man kann sie deshalb nur beklagen, ihnen aber nicht zürnen. Ich werfe Ihnen auch nicht unsere Gefallenen vor ; die Trauer ist bei Ihnen nicht geringer. Wenn Frankreich zugrunde geht, so wird auch Deutschland zugrunde gehen. Ich habe meine Stimme selbst dann nicht erhoben, als ich Ihre Armeen die Neutrali tät des edlen belgischen Volkes verletzen sah. Dieser Ge waltstreich gegen die Ehre, der jedes rechtlich führende Gewissen zur Verachtung herausfordert, liegt zu sehr in der Tradition der Politik Ihrer Könige von Preußen; er hat mich nicht überrascht. Was aber zu viel ist, das ist die Wut, womit Ihr diese hochherzige Nation behandelt, deren einziges Verbrechen darin besteht, bis zur Verzweiflung ihre Unabhängigkeit zu verteidigen und das Recht, so wie Ihr, Deutsche, es selbst gehalten habt im Jahre l813. Die Welt bäumt sich in Entr stung auf; spart diese Gewalttätigkeiten auf für uns Franzosen, Eure wahren Feinde! Aber welche Schande,442 diese Verbitterung gegen Eure Opfer, gegen dieses kleine, unglückliche, unschuldige, belgische Volk! Nicht zufrieden mit Euren Taten gegen das lebende Belgien, führt Ihr auch noch Krieg gegen die Toten, gegen Jahrhunderte alten Ruhm. Ihr bombardiert Mecheln, Ihr steckt Rubens in Brand, Löwen ist nicht mehr als ein Aschenhaufen Löwen mit seinen Schätzen der Kunst und der Wissenschaft, die heilige Stadt. Aber wer seid denn Ihr? Und mit welchem Namen wollen Sie, Haupt mann, daß man Euch gegenwärtig nenne, der Sie den Titel Barbaren zurückweisen? Seid Ihr die Enkel Goethes oder Attilas? Führt Ihr Krieg gegen die Armeen oder gegen den Menschengeist? Tötet die Menschen, aber achtet die Kunstwerke! Das verlangt der Patriotis mus des Menschengeschlechts. Ihr gehört ebenso wie wir alle zu seinen Hütern. Indem Ihr ihn über den Haufen rennt, zeigt Ihr Euch dieser großen Erbschaft unwürdig, unwürdig, in jener kleinen europäischen Armee einen Rang zu bekleiden, die die Leibwache der Zivilisation darstellt. Es kommt mir nicht auf die Meinung des Universums an, wenn ich mich gegen Sie wende. Um Ihretwillen, Haupt mann, tue ich es. Im Namen unseres Europas, zu dessen erlauchtesten Streitern Sie bis zu dieser Stunde gezählt haben, im Namen jener Zivilisation, für die die größten Männer seit Jahrhunderten kämpften, im Namen der Ehre Ihres deutschen Volkes beschwöre ich Sie, Gerhart Haupt mann. Ich fordere Sie auf, Sie und die geistige Elite Deutschlands, unter der ich viele Freunde besitze, mit der äußersten Energie gegen ein Verbrechen zu protestieren, das auf Sie zurückfällt. Tun Sie es nicht, so beweisen Sie, entweder daß Sie es billigen (und dann wird die Meinung der Welt Sie vernichten) oder Sie sind nicht fähig, Ihre Stimme gegen die Hunnen zu erheben, die Sie beherrschen. Mit welchem Recht aber können Sie in diesem Falle noch beanspruchen, wie Sie geschrieben haben, daß Sie für die Sache der Freiheit und des menschlichen Fortschritts kämpfen? Sie beweisen der Welt, daß Sie unfähig sind, die Freiheit der Welt zu verteidigen, denn Sie sind unfähig, Ihre eigene443 Freiheit zu verteidigen. Und Sie beweisen, daß die geistige Elite Deutschlands dem schlimmsten Despotismus ausge liefert ist, der die Geisteswerke zerstört und den Menschen geist meuchelt. Ich erwarte von Ihnen, Hauptmann, eine Antwort, eine Antwort, die eine Tat ist. Die öffentliche Meinung Europas erwartet sie gleich mir. Beachten Sie wohl: in einem solchen Augenblick bedeutet auch das Schweigen eine Tat." Hierauf lautete die Erwiderung Gerhart Hauptmanns (vom 11. Sept. 1914): Sie richten, Herr Rolland, öffentliche Worte an mich, aus denen der Schmerz über den (von Rußland, England und Frankreich erzwungenen) Krieg hervorgeht, der Schmerz über die Gefährdung der europäischen Kultur und den Unter gang geheiligter Denkmäler alter Kunst. Diesen allgemeinen Schmerz teile ich. Allein ich verstehe mich nicht dazu, eine Antwort zu geben, die Sie mir im Geiste schon vorgeschrie ben haben und von der Sie mit Unrecht behaupten, daß ganz Europa sie erwarte. Ich weiß, daß Sie deutschen Blutes sind. Ihr schönes Buch .Johann Christoph wird unter uns Deutschen neben dem .Wilhelm Meister und dem .Grünen Heinrich immer lebendig sein. Frankreich wurde Ihr Adoptiv-Vaterland. Darum muß Ihr Herz jetzt zerrissen, Ihr Urteil ein ge trübtes sein. Sie haben an der Versöhnung beider Völker mit Eifer gearbeitet. Trotzdem sehen Sie jetzt, wo der blutige Riß auch Ihr schönes Friedenskonzept, wie so viele andere, vernichtet hat, unser Land und Volk mit französi schen Augen an: und jede Mühe wird ganz gewiß vergeblich sein, Sie deutsch- und klarblickend zu machen. Natürlich ist alles schief, alles grundfalsch, was Sie von unserer Regierung, unserem Heer, unserem Volke sagen. Es ist so falsch, daß mich in dieser Beziehung Ihr offener Brief wie eine leere, schwarze Fläche anmutet. Krieg ist Krieg. Sie mögen sich über den Krieg be klagen, aber nicht über Dinge wundem, die von diesem Elementarereignis unzertrennlich sind. Gewiß ist es schlimm,444 wenn im Durcheinander des Kampfes ein unersetzlicher Rubens zugrunde geht, aber Rubens in Ehren ! ich gehöre zu jenen, denen die zerschossene Brust eines ZHey- schenbruders einen weit tieferen Schmerz abnötigt. Und, Herr Rolland, es geht nicht an, daß Sie einen Ton anneh men, als ob Ihre Landsleute, die Franzosen, mit Palm wedeln gegen uns zögen, wie sie doch in Wahrheit mit Kanonen, Kartatschen, ja, sogar mit Dum-Dum-Geschossen reichlich versehen sind. Gewiß sind Ihnen unsere heldenmütigen Armeen furchtbar geworden! Das ist der Ruhm einer Kraft, die durch die Gerechtigkeit ihrer Sache unüberwindlich ist. Aber der deutsche Soldat hat mit den ekelhaften und läppi schen Werwolfgeschichten nicht das allergeringste gemein, die Ihre französische Lügenpresse so eifrig verbreitet, der das französische und das belgische Volk sein Unglück ver dankt. Mag uns ein müßiger Engländer .Hunnen nennen, mögen Sie meinethalben die Krieger unserer herrlichen Landwehr als Attilas Söhne bezeichnen. Es ist genug, wenn diese Landwehr den Ring unserer unbarmherzigen Feinde zerschmettert. Weit besser, Sie nennen uns Söhne Attilas, machen drei Kreuze über uns und bleiben außer halb unserer Grenzen, als daß Sie uns eine empfindsame Inschrift, als den geliebten Enkeln Goethes, auf das Grab unseres deutschen Namens setzen. Das Wort von den .Hun nen ist von solchen Leuten geprägt, die sich, selber Hunnen, in ihren verbrecherischen Anschlägen auf das Leben eines gesunden und kerntüchtigen Volkes getäuscht sehen, weil dieses Volk einen furchtbaren Stoß noch furchtbarer zu parieren verstand. Der zur Ohnmacht Verurteilte greift zu Beschimpfungen. Ich sage nichts gegen das belgische Volk. Der friedliche Durchzug deutscher Truppen, eine Lebensfrage für Deutsch land, wurde von Belgien nicht gewährt, weil sich seine Re gierung zum Werkzeug Englands und Frankreichs gemacht hatte. Dieselbe Regierung hat dann, um ihren verlorenen Posten zu stützen, einen Guerilla-Krieg ohnegleichen organi siert und dadurch Herr Rolland, Sie sind Musiker! 445 die schreckliche Tonart der Kriegführung angegeben. Wenn Sie eine Möglichkeit haben wollen, durch den Riesenwall deutschfeindlicher Lügen sich hindurchzuarbeiten, so lesen Sie einen Bericht unseres Reichskanzlers vom 7. September an Amerika, lesen Sie ferner das Telegramm, das am 8. Sep tember der Kaiser selbst an den Präsidenten Wilson richtete. Sie erfahren dann Dinge, die zu wissen notwendig sind, das Unglück von Löwen zu verstehen!" Romain R o a n d hat sich dann noch im Journal 6e Qknövk" am 15. September 1914 in einem längeren Auf sage llber dem Ringen (deutsch in Wissen und Leben" VIII, I über den Krieg geäußert. Er sagt u. a.: Das verblüffendste Charakteristikum dieses ungeheuer liche Epos ist die nie dagewesene Tatsache der Einstimmig keit für den Krieg in jeder der kriegführenden Nationen. Es ist, als ob gleich einer ansteckenden Krankheit eine mör derische Wut, die vor zehn Jahren ihren Ursprung nahm, ihre mächtigen Wellen daherwälzte, den ganzen Erdkörper durchlaufend. Keiner widerstand dieser Epidemie. Nicht ein freier Gedanke vermochte sich unberührt über der Ver heerung zu halten. Eine dämonische Ironie schwebt über diesem Ringen der Völker, aus dem Europa verstümmelt hervorgehen wird, der Ausgang mag sein, welcher er wolle. Nicht allein die Leidenschaften des Rassenhasses, welcher blindlings die Millionen Menschen gegeneinander wirft wie Ameisenhaufen, daß selbst die unbeteiligten Völker den gefahrlichen Fieberfrvst verspüren, nein, selbst die Ver nunft, der Glaube, die Poesie, die Wissenschaft, alle Mächte des Geistes werden eingereiht in die Regimenter und folgen in jedem Staate den Armeen. Nicht einer in der Elite eines jeden Landes, der nicht ausruft und es aus Überzeu gung ruft, daß die Sache seines Volkes diejenige Gottes, die der Freiheit und des Fortschrittes der Menschheit sei. Und ich auch proklamiere dasselbe. Kämpfe eigener Art werden zwischen den Metaphy- sikern, den Poeten, den Historikern ausgefochten. Eucken gegen Bergson, Hauptmann gegen Maeterlinck, Rolland gegen Hauptmann, Wells gegen Bernhard Shaw. Und Kipling und D Annunzio, Dehmel und de Rügnier singen446 Kriegshymnen. Barrös und Maeterlinck stimmen die Saiten des Hasses. Inmitten einer Fuge von Bach und dem brausenden Lärm der Orgel: Deutschland über alles! ruft der alte Philosoph Wundt in seinen zweiund achtzig Jahren mit gebrochener Stimme die Studenten von Leipzig auf zum .heiligen Krieg . Und einer wirft dem anderen den Namen des .Barbaren zu. Durch die Stimme ihres Präsidenten Bergson erklärt die Akademie der Moralwissenschaften in Paris: ,der gegen Deutsch land begonnene Kampf ist ganz eigentlich der Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei Deutschlands Geschichte durch den Mund Karl Lamprechts antwortet, ,der Krieg habe begonnen zwischen dem Germanismus und der Bar barei und die Kämpfe der Gegenwart seien die logische Fortsetzung derjenigen, die Deutschland im Laufe der Jahrhunderte gegen die Hunnen und Türken geliefert . Und nach der Geschichte sind es Naturwissenschaften, die in die Schranken steigen und mit E. Perrier, dem Direktor des Museunis, Mitglied der Akademie der Wissenschaften erklären, daß die Preußen eigentlich nicht der arischen Rasse angehören, sondern in direkter Linie den Menschen der Steinzeit, den Alloohylen Nassen entstammen und daß derjenige unter den modernen Schädeln, dessen Basis entsprechend der Stärke seines Appetites, am besten den Schädel des Steinzeitmenschen von Chapelle-aur-Saints repräsentiere, derjenige des Fürsten Bismarck sei. Aber die zwei moralischen Mächte, deren Schwäche dieser ansteckende Krieg am schlagendsten bloßlegte, das sind das Christentum und der Sozialismus. Diese rivalisierenden Apostel der religiösen oder weltlichen In ternationale sind auf einmal die eifrigsten Nationalisten geworden. Herv5 verlangt es, unter der Fahne von Auster- litz zu sterben. Die reinsten Verwahrer der reinsten Lehre, die deutschen Sozialisten bewilligen im Reichstag den Kriegs kredit und stellen sich zur Verfügung des preußischen Mini steriums, welches sich ihrer Presse bedient, um seine Lügen bis in die Kasernen zu tragen, und welches sie als geheime Agenten ausschickt, um das italienische Volk zu verführen. Man hat einen Augenblick geglaubt, zwei oder drei unter447 ihnen hätten sich, für die Ehre ihrer Sache einstehend und indem sie verweigerten die Waffen gegen ihre Brüder zu tragen, erschießen lassen. Entrüstet weisen sie solche Zu mutungen zurück: Alle marschieren, die Waffen in der Hand. Nein, Liebknecht ist nicht gestorben für die sozialistische Sache. Aber der Deputierte Frank, der Hauptverfechter einer französisch-deutschen Vereinigung, fiel unter den fran zösischen Kugeln für den Militarismus. Denn diese Leute, die den Mut nicht haben, für ihren Glauben zu sterben, finden ihn, um zu sterben für den Glauben der Anderen. Die Vertreter aber des großen Fürsten Frieden, die Priester, Pfarrer und Bischöfe mischen sich zu Tausenden unter die Reihen der Kämpfenden und üben, die Faust am Gewehr, das göttliche Wort: Du sollst nicht töten, und: Liebet euch untereinander. Jedes Siegesbulletin der deutschen, österreichischen oder russischen Armeen dankt dem Feldmarschall Gott, .unser alter Gott , unser Gott, wie Wilhelm II. und Herr Arthur Meyer sagen. Denn jeder hat den seinigen. Und jeder dieser Götter, ob jung ob alt, hat seine Leviten, um ihn zu verteidigen und den Gott der anderen zu vernichten. Zwanzigtausend französische Priester marschieren unter den Fahnen. Die Jesuiten bieten der deutschen Armee ihre Dienste an. Kardinäle lassen kriegerische Mandate los. Man erlebt es, daß die serbischen Priester in Ungarn ihre Getreuen zum Kampfe auffordern gegen ihre Brüder in Großserbien. Und die Zeitungen scheinen nicht zu erstau nen, wenn sie von so paradoxen Szenen zu melden wissen, wo italienische Sozialisten im Bahnhof zu Pisa den Zög lingen der Seminarien zujubeln, welche ihren Regimen tern zueilen. Und alle zusammen singen die Marseillaise. So stark ist der Zyklon, der sie alle fortreißt! So schwach sind die Menschen, die er auf seinem Wege trifft, und ich, wie die andern..." Rolland ergeht sich des weiteren über die Aufgaben, die dieser Krieg der Menschheit bringt, und ruft in erster Linie die Neutralen auf, durch freie Meinungsäußerung einen Hohen Gerichtshof der Moral" ins Leben zu rufen, der über das Völkerringen entscheiden soll. Er fährt fort:448 Aber es bleibt uns noch eine andere Aufgabe, uns den Künstlern und Schriftstellern, den Priestern und Den kern jedes Vaterlandes, Mag auch der Krieg sie entzweien, so ist s doch ein Verbrechen, wenn die Elite ihre unantast baren Ideen bloßstellte. Es ist beschämend, sie im Dienste der Leidenschaften einer kindischen und monstruösen Rassen politik zu sehen, welche wissenschaftlich gesprochen unsinnig ist (denn kein Land kann sich einer eigentlich reinen Rasse rühmen), und welche, wie es Renan in seinem schönen Briefe an Strauß ausgesprochen, .bloß zu zoologischen Kriegen führt, Vernichtungskriegen, denen gleich, die die verschiedenen Arten der Nager und Raubtiere sich um ihre Existenz zu liefern. Das bedeutete das Ende dieses frucht baren Gemisches, welches sich aus zahlreichen Elementen zusammengesetzt, von denen jedes notwendig ist, und welches wir die Menschheit nennen . Die Menschheit ist eine Sym phonie großer, gemeinsamer Seelen- Wer diese nur ver sieben und lieben kann, nachdem er einen Teil der Elemente zerstört hat, der gibt sich als ein Barbar zu erkennen und der zeigt, daß er sich von dieser Harmonie eine Idee gemacht, wie jener andere von der Ordnung in Warschau- Elite Europas, wir baben zweierlei Heimat- Die un seres irdischen Vaterlandes, und die andere, die Stadt Gottes. In der einen sind wir Gaste, die andere erbauen wir. Geben wir der ersten unsere Leiber und unsere treuen Herzen. Aber nichts von alledem, was wir lieben, Familie, Freunde, Vaterland, nichts hat das Recht über den Geist. Der Geist ist das Licht. Unsere Pflicht ist es über den Stür men zu halten und die Wolken zu verscheuchen, die ihn zu verdunkeln trachten. Unsere Pflicht ist es, höher und weiter zu bauen den Gürtel der Stadt, die über den Ungerechtig keiten und dem Haß der Nationen steht, und die die brüder lich gesinnten und die freien Seelen der ganzen Welt in sich schließt." Späterhin veröffentlichte Rolland in der gleichen Jeitung einen Aufruf an die Intellektuellen aller Nationen mit der Aufforderung, die Bedingungen zu studieren, unter welchern ein gerechter, menschlicher und dauernder Frieden, der Europa eine lange Au-449 kunft gemeinsamer fruchtbringender Tätigkeit sichert, ge schlossen werden könne. Der Aufruf richtet sich an die Män ner der Wissenschaft, der Kunst und der Literatur, die Einfluß auf die öffentliche Meinung in ihrem Vater lande haben, und beschwört sie, darauf einzuwirken, und selbst alles in Wort wie Schrift zu vermeiden, was den Haß unter den Kriegführenden noch verschärfen könnte. Von den zahlreichen Äußerungen deutscher Dichter und Künstler führen wir einige besonders wertvolle an. Der greise Peter Rosegger verfaßte im Oktober einen beherzigenswerten Aufruf: Deutsche Weihnachten!, der von einer langen Reihe deutscher Schriftsteller mit unterzeichnet ist. Er lautet: Noch nie ist das deutsche Volk zu Weihnachten so gründlich bei sich selbst daheim gewesen, als diesmal. Feinde ringsum, die gleichsam für uns einen Schutzwall bilden gegen die widerliche Auslanderei, der wir zu verfallen droh ten. An uns das beste verlierend, von fremden Völkern Nichtiges einsaugend, waren wir in Gefahr, nationale Awitterlinge zu werden. Aber nun besinnen wir uns der Schätze, die bei uns daheim in reichster Fülle aufgespeichert sind. Weihnacht weist uns zur Einkehr bei unsern Denkern und Dichtern im Buche. Wir geben uns das Buch, wir geben es unseren Lieben. Nichts Würdigeres, als die erlauchten Geister der Nation zum Feste zu laden. Kein vornehmeres Geschenk, als das Buch; in schwerer Zeit keine glücklichere Insel der Seligen. Unsere Klassiker! Unsere neueren, die zeitgenössischen Dichter, die mit uns leben, leiden, streiten. Hören wir, was sie uns zu erzählen wissen, was sie uns zu sagen haben. Wenn Kriegslärm aller Art uns bange macht, nehmen wir Zuflucht zu den Dichtern und zu den Denkern, die das Menschenleben von einem höheren Standpunkt aus betrachten. Suchen wir in ihnen die deutsche Seele, die Quelle herzstärkender Zuversicht, Weltfreudigkeit, Menschen vertrauens und frommen Gottesempfindens. Vernehmen wir die hehren Klänge von Liebe und Treue, von Groß mut und Heldenhaftigkeit; hören wir das harmlos heitere Der Krieg der Geister. 29450 Lachen des deutschen Humors; versetzen wir uns durch das Buch in schönere, bessere Welten, so uns die gegen wärtige nicht gefallen will. Wenn der Frieden kommt, dann wird Zeit genug sein, uns auch wieder mit den Li teraturwerken unserer jetzigen Gegner zu befassen. In diesem Jahre, Ihr Freunde, wollen wir deutsche Weih nachten halten. Erfreuen wir uns in dem Buche des Christ baums wieder einmal der deutschen Seele. Die Zeit der langen Nacht ist gekommen, wir brauchen ein Licht." Der oberbayrische Dichter Ludwig Ganghofer hat sich in einem stark persönlich gehaltenen Schreiben an einen Freund über den Krieg geäußert (nach den Leipz. Neuest. Nachr." vom 12. November 1914): Gleich am 1. August habe ich mich von Tirol aus telegraphisch als Kriegsfreiwilliger gemeldet; dann wieder persönlich am 6. August in München. Wegen meiner 59 Jahre wurde ich .vorerst zurückgestellt. Einerseits hoffe ich, daß ich noch drankomme, andererseits glaube ich, daß es nimmer nötig sein wird. Unsere Jungen machen aus reichende Arbeit... Für uns ist es ein harter Kampf. Jeder Schritt in Frankreich muß mit Strömen Blutes er fochten werden. Haben wir erst Calais und Verdun, dann wird es im Westen wohl flinker vorwärts gehen. Unser Menschenmaterial scheint unerschöpflich zu sein. Wie hart es auch gehen mag, in diesem Kriege nach drei Fronten aufrecht zu bleiben, wir reißen es schließlich durch und werden obenauf kommen. Aber viele, viele, viele werden auf diesem Weg nach aufwärts hinuntersinken! Wenn nur Deutsch land oben bleibt, dann ist uns alles recht. Ich kann dir nicht schildern, wie es groß und herrlich bei uns aussieht! Das ganze Volk ist ein einziger Wille, ein einziges Herz. Jeder gibt sein Liebstes, jeder sein Letztes. Wenn S nicht so wäre, kämen wir auch nicht durch. Bis Mitte Dezember, glaube ich, werden wir mit Frankreich fertig sein. Und der Sommer 191 wird den von links und rechts unbehinderten Kampf gegen England bringen. Eine harte Nuß! Aber wir hoffen sie zu knacken. Der Zorn gegen Frankreich und Rußland ist bei uns völlig aufge-451 2? gangen in einem glühenden, mit Verachtung gemischten Haß gegen England. Da heißt es jetzt: Entweder, oder! Jede Versöhnung, jeder Kompromiß ist ausgeschlossen. Vor der maritimen Übermacht der Engländer haben wir keine Angst, kaum ein Bedenken. Wir haben das bessere Besatzungsmaterial und die bessere Bewaffnung, dazu den flammenden Siegeswillen. Es wird, es muß gehen! Ich kann mir gar nicht denken, daß wieder einmal ruhige Zeiten kommen. Dann werden die überspannten Nerven auslassen und wir Alten werden zusammenklappen, während die Jungen in die offene Welt schreiten. Na, lieber Alter, im nächsten oder übernächsten Sommer besuchen wir zur Stärkung unserer hart mitgenommenen Nerven ein deutsches Seebad am Armelmeer. Und Deine Freude wirst Du haben, wenn Du hier die Herzlichkeit miterleben könntest, mit der ganz Deutschland an Osterreich hängt. Bismarcks Wort in der Nacht von Königgrätz: ,Wir gehören zusammen! ist zu herrlicher Saat aufgegangen. Und wir zusammen schreiten großen Zeiten entgegen. Hoffentlich erleben wir das beide noch. Dann mache ich gern die Augen zu." Uber das Thema: Deutschland bringt die Freiheit schrieb Frank Wedekind im Verl. Tagebl." vom 27. September: Es steht heute wohl außer Zweifel, daß der Urgrund des Weltbrandes in der inneren Fäulnis Rußlands lag. Der eine eiternde Krankheitsherd hat unter der besorgten Umsicht und Obhut englischer Mißgunst den ganzen Erd ball zu mörderischem Fieber entflammt. Zwei Folgeer scheinungen hatte die innere Zerrüttung in Rußland seit Jahrzehnten gezeitigt. Einmal maßlose Prahlerei, Selbst überschätzung, die Sucht, um jeden Preis stärker zu erscheinen als man war, eine Politik, die Rußland noch 1895 nach dem chinesisch-japanischen Krieg befähigte, sein Schwert auf den Tisch der Friedensverhandlungen zu werfen und Japan um den Ertrag seines Sieges zu bringen. Die anderen Fol gen der inneren Fäulnis in Rußland waren die Wühlarbeit, die Verhetzung der europäischen Mächte durch Bestechung der Presse, durch Spionage, Aufwiegelung und Meuchel-452 mord. Wenn der Mord in Serajewo russische Arbeit war, dann ist wohl mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß nicht die Absicht bestand, erst in zwei Jahren zum Krieg zu schreiten, sondern daß in, Gegenteil unter solcher Vor spiegelung Poincare seinen Besuch in Petersburg machen mußte, damit man derweil für den entscheidenden Augen blick in Paris um so freieres Spiel hatte, und daß die Er mordung Jaurös, wie die des österreichischen Thronerben nur ein Akt der längst im Gang befindlichen russischen Mo bilisierung war. Der blinde Deutschenhaß, der trotz allem Entgegen kommen der Bismarckschen Politik seit mehr als eine ? Jahrhundert in Rußland blüht, der selbst in den Werken Turgenieffs, Dostojewskijs, Tolstois seinen schwachen Ab glanz findet, und der kulturell betrachtet nichts anderes ist, als der Haß des Schülers gegen seinen früheren Lehrer, sollte nun als Handhabe dienen, um auch den widerstre benden Elementen Rußlands der revolutionären Ju gend, den Polen und den Israeliten über den toten Punkt zwischen inneren und äußeren Konflikten hinwegzu helfen. .Deutschland bringt die Freiheit!" Dieses Wort wurde schon in vielen Betrachtungen über den Wellkrieg, von ern sten Männern, von Gelehrten und Dichtern ausgesprochen Wenn .Freiheit die größte und stärkste Entfaltungsmöglich keit der im Menschen ruhenden sittlichen Kräfte bedeutet, dann hat dies Wort die vollste Berechtigung Untersuchen wir gar nicht erst lange die Frage: ob die russische akademische Jugend ein freieres Leben führt oder die deutsche, ob die Polen Rußlands sich eines freieren politischen Daseins erfreuen oder die Polen Deutschlands, ob die russischen Juden mehr Erwerbs- und Bewegungs freiheit genießen oder die Juden in Deutschland- Uns fesselt hier die Tatsache, daß Deutschland durch einen ihm aufgezwungenen furchtbaren Krieg in die unumgängliche Notwendigkeit versetzt ist, dem Nachbarvolke seine in ernster, mühevoller Entwickelung errungenen Freiheiten entgegen zutragen. Denn siegen wird Deutschland heute nur dadurch, daß es auch in: Kampfe sich selber treu bleibt, nicht dadurch453 mehr, daß die Verwaltung russischer ist als der Aar, siegen kann Deutschland nur dadurch, daß es seine höchsten, seine teuersten Errungenschaften in die vorderste Schlachtlinie stellt. Wenden wir uns dem westlichen Kriegsschauplatz zu, Eine höhnischere Ironie gab es wohl kaum jemals in der Weltgeschichte als die, daß Frankreich nach dem Schlage von 1871 mit all seinem Ertrag die Freundschaft Rußlands erkaufte zu dem einzigen Aweck, damit ihm Rußland im Rachekrieg gegen Deutschland Hilfe leiste, und daß ihm von diesem Bundesgenossen nun ein Krieg aufgezwungen wurde, den Rußland zu seinem Fortbestehen nötig hatte und der Frankreich zerschmettert. War für Frankreich überhaupt noch ein größeres Un heil, eine sicherere Vernichtung auszudenken, als sein un seliges, seit 44 Jahren betriebenes Wettrüsten an der Seite des durch eigene Kraftfülle stets mächtiger werdenden Deutschland? Können alle Schrecknisse des Krieges Frank reich im wesentlichen noch arger schwachen, als es Deutsch lands Nachbarschaft, ohne es zu wollen, im Frieden tat? An uns ist es wahrlich nicht, das Wohl unseres Feindes zu bedenken. Aber, wenn unseren Waffen der Himmel gnädig ist, dann sichern wir Frankreich seine Ruhe. Frankreich glaubt sich vom kuror teutonieus, von der rohen Gewalt, von der numerischen Übermacht überwältigt. Die 4Z-Aenti- meter-Geschosse haben nicht das Geringste mit kuror teu- tonieus zu tun, sie sind Ergebnisse der allerstrengsten posi tiven Wissenschaften, der Mathematik, der Physik und der Chemie. Sie sind in diesem Kriege sicherlich die lautesten Verkünder der Überlegenheit deutscher Geistesarbeit. Leiser und menschlicher naht dem Feind unsere gesetzliche soziale Fürsorge, die er sich trotz seiner demokra tischen Verfassung bis heute noch nicht erkämpft hat. Ihr werden wir es zu danken haben, wenn sich im Westen wie auch im Osten gerade die freiheitlichen Elemente zuerst zu einer friedlichen Verständigung mit Deutschland bereit finden Weil Deutschland inmitten kriegsbegieriger Rachbarn den Frieden ehrlich zu wahren suchte, ist die deutsche Stra-454 tegie heute zu einem Ergebnis gelangt, das unserer Poli tik wie unseren Diplomaten kaum jemals ernstlich am Herzen lag, zu dem Ergebnis, im Osten sowohl wie im Westen mit den freiheitlichen Elementen unserer Feinde Fühlung zu unterhalten, im Osten mit der politischen, im Westen mit der sozialen Freiheitsbewegung" Ein schönes Dokument deutscher Gesinnung legte der Dichter Richard Dehme! ab, der in einem Brief An meine Kinder" (Verl. Tagebl." vom 9. Oktober) Rechenschaft gibt, warum er trotz seines vorgerückten Alters von 51 Jahren als Kriegs freiwilliger ins deutsche Heer eintrat. Der geschätzte Ly riker, dem wir einige der schönsten KriegSgedichte ( Gebet anS Volk", Alldeutschlands Erweckung", Deutschlands Fahnenlied" u. a.) verdanken, schreibt: Ich begreife natürlich Eure Trauer über all die Schauderhaftigkeiten des Krieges. Als unbeteiligier Zu schauer, zum Beispiel als Holländer oder Schweizer, würde ich auch vielleicht mehr die Schattenseiten als den Glanz dieses Ungeheuern Ereignisses sehenaber die Leidenschaft des Mittuns kümmert sich nicht um beschauliche Empfind samkeiten. Ich meine durchaus nicht blofi die körperliche, sondern gerade die geistige Kampflust, Den scheinbaren Gesinnungswiderspruch zwischen meiner sonstigen Humani tät und meinem jetzigen ?uror teuromou? kann ich Euch sehr viel leichter auflösen als die meisten anderen Quer- pfeifereien zwischen Ideal und Praris, Was wir Menschheit im sittlichen Sinne nennen, ist ja niemals ein schon erreichter Zustand, sondern immer ein erst erstrebenswerterund man wird stets zu entscheiden haben, welcher besondere Kreis von Menschen (also unter den Völkern welches Volk, oder innerhalb eines Volkes welche Volksschicht) die allgemein menschliche Gesittung zurzeit wohl am stärksten zu fördern vermag. Nun, ich glaube, wir dürfen ohne Prahlhansigkeit heute unserem eigenen Volk diese edle Kraft zusprechen. Die französische Nation hat sich überlebt: tragisch, aber wohl kaum zu ändern, wenn sie sich nicht noch rechtzeitig durch einen Blutbund mit Deutschland auffrischt. Was sie455 für die humane Kultur geleistet hat, das haben wir in uns aufgenommen; vielleicht noch nicht vollkommen verarbeitet, aber immerhin in dem Grade, daß es fruchtbar in uns fort wachsen kann. Ahnlich scheint s mit Italien zu stehen, ob gleich in Oberitalien viel deutsches Blut steckt, das die ro manische Dekadenz noch eine Zeitlang hinhalten wird. Rußland kommt für höchste Gesittungsfragen vorlaufig gar nicht in Betracht-, es ist der Barbarenstaat par exesllence, ein Monstrum aus primitiven Instinkten und importierten Raffinements, die kein gestaltliches Gleichgewicht finden können und sich gegenseitig verzerren, woran ein paar christliche Rettungsapostel wie Dostojewskis und Tolstoi nichts bessern, Japan und China, wie überhaupt die Asiaten, sind den Europäern zu wesensfremd, als daß wir ihr hu manes Niveau gerechterweise abschätzen könnten; aber auf jedenfall sind wir fähiger, uns ihr wertvollstes Geistesgut einzuverleiben, als sie sich selbst das unsere aneignen könn ten, selbst wenn sie s wollten (womit ich nicht unseren technischen Hokuspokus meine, denn den können sich selbst Hottentotten aneignen). Bleibt nur noch England für unsere Frage übrig, und man redet ja viel von englischer Kultur; besonders unsere ästhetischen Snobs, die sich als Dandys aufspielen wollen. Aber das ist sehr bezeichnend für diese Kultur; wenn man sie nämlich genauer ansieht, entpuppt sie sich bloß als Nerven- und Muskeldressur, als Sport, Komfort und Tipptoppdreß, als gute Haltung in allen Lebenslagen, wie sie auch unser Offizierskorps sich andrillt, und worin der Durchschnitts engländer dem Deutschen nur deshalb .über ist, weil er ein paar Jahrzehnte früher als wir zu wirtschaftlichem Wohl stand gelangte, Jur vornehmsten seelischen Gesittung fehlt dem Engländer vor allem das eine, was sein größter Dichter ,Musik in ihm selbst genannt hat (riotsbeuö in negativem Aussvruch: ,der Mensch, der nicht Musik hat in ihm selbst, ist wie ein reißend Tier usw., offenbar aus bitterer Er fahrung an seinen lieben Landsleuten). Dies Volk hat keinen einygen Musiker auch nur zweiten Ranges hervor gebracht, keinen Maler ganz ersten Ranges, keinen Plastiker von Belang, keinen bedeutenden Architekten, hat seine paar456 großen Dichter schlecht behandelt bis über ihren Tod hinaus, und seinen Philosophen mangelt der Sinn für das, was höher ist als alle Vernunft; nur für die exakten Wissen schaften hat es Vorzügliches in Fülle geleistet, besonders für die Nationalökonomie. Fischblütig ist dieses Jnselvolk, klug, umsichtig, gewandt, verschwiegen und von unersätt licher Beutegier-, alle warmblütigen Tugenden laßt es mit heuchlerischem Gleichmut verkümmern. Rücksichtslose Gewinnsucht ist die Triebfeder seiner ganzen Politik, be mäntelt durch anständige Behandlung der Schafe, die sicb ohne viel Widerstand scheren lassen (aber wehe den bösen Böcken!). Mit diesem praktischen Talent hat es sich den Weltmarkt erobert, nicht mit irgenwelchem idealen Genie, wie man es selbst den Römern noch nachrühmen kann: einzig wir Deutschen waren Idealisten genug, uns durch Shakespeare und Byron erobern zu lassen. (Aber was für Zyniker sind sogar diese beiden, wenn man sie auf die Nieren prüft!) Und mit jener merkantilen Brutalität hat England all mählich ganz Europa, ja die ganze zivilisierte Welt ange steckt; jawohl, es ist das Mutterland des Amerikanismus! Und nachdem wir Deutschen notgedrungen bewiesen haben, daß wir s auch in dieser Sorte Zivilisation mit dem briti schen Vetter aufnehmen können, will er uns nun den Boden abgraben und hetzt die halbe Welt auf uns los. Denn Frank reich wie Belgien, Rußland wie Japan, sie zappeln alle an Englands Iobberstrippe, sollen ihn, die Kastanien aus dem Kreuzfeuer holen. Zum Teufel, soll da etwa Deutsch land, das sich moralisch wie physisch Gott sei Dank zum stärksten Volk der Erde entwickelt hat, mit christlichen Phrasen um sich werfen anstatt mit Bomben und Granaten? Nein, wir führen diesen uns aufgenötigten Krieg keineswegs bloß als Verteidigungskampf! wir kämpfen um den Platz in der Welt, der uns von Gottes Gnaden gebührt, kraft unserer menschlichen Vorzüge. Die Begleitumstände sind allerdings scheußlich, aber das Hauptziel des Kampfes ist herrlich und heilig; denn wir vollen den Frieden auf Erden schaffen, allen Menschen zum Wohlgefallen. Wir sind humaner als die anderen Nationen, selbst die Art um-457 serer Kriegsführung beweist es; wir haben mehr Zucht und Sitte im Leibe, mehr Geist und Gemüt und Phantasie, daher auch mehr Mitgefühl mit fremder Art. Also wir haben auch ein adliges Recht auf die Weltherrschaft unseres Geistes- er wird der Menschheit bessere Dienste leisten und hat sie sogar schon bisher geleistet als der englische Vampirismus, der allen Volkern das Mark aus den Knochen saugt, selbst seinen werten Bundesgenossen. Im friedlichen Wettstreit als ehrlicher Kaufmann hat John Bull uns nicht unterkriegen können, nun versucht er s als Halsabschneider mit tückischer Gewaltsamkeit; zur Ge gentücke haben wir keine Begabung, also muß eben die Gewalt entscheiden, auf wessen Seite das stärkste Recht ist. Aber da gibt s einen Kraftunterschied: wir haben vor dem Gegner das gute Gewissen voraus Unsere Regierung braucht nicht zu schwindeln, um das Volk zum Opfermut zu be geistern , wir sind einig von oben bis unten, wir haben die Siegeszuversicht, die aus unserer edleren Menschlichkeit stammt. Und das ist der Segen dieses Krieges, daß wir un serer einmütigen Aufschwungskraft endlich ganz innege worden sind, nicht bloß den anderen Staaten gegenüber, auch innerhalb unseres Gemeinwesens All das hemmende, lähmende Mißtrauen zwischen den einzelnen Standen und Klassen, all der Parteihader und Cliquendünkel, zu dem wir leider seit alters neigen, all die zersetzende Machtprotzerei, die das englische Lohnsklavensystem bei uns eingebürgert hatte, denn von Hause aus haben wir wenig Anlage zum Sklavenhändler-Herrentum: plötzlich war alles wie weg geblasen. Ich bin nun zwar nicht mehr grün genug, um mich in der sozialistischen Hoffnung zu wiegen, die Menschen könnten durch äußere Umwälzungen von heute auf morgen Engel werden: aber etwas mehr Himmelsluft wird sich doch ausbreiten nach diesem reinigenden Sturm, sowohl bei uns wie im ganzen Völkerverkehr. Und seht Ihr, Kinder, das war der Hauptgrund, warum ich alternder Mann mit zur Waffe griff, nicht bloß aus Vaterlandsliebe und Aben teuerlust- da mein Körper noch kräftig genug dazu ist, muß ich ihn einsetzen für die geistige Aukunft, gerade weil ich manchem wertvollen Menschen auch außerhalb unseres458 Vaterlandes als ein menschliches Vorbild gelte. Die Welt soll merken, daß jeder bei uns mit Leib wie Seele fürs Ganze eintritt. Wir werden siegen in diesem Krieg, wir werden endlich dem aalglatten britischen Haifisch die ge fräßigen Zahne putzen-, und das bedeutet einen humanen Triumph, für den auch den besten deutschen Männern ihr bißchen Leben nicht zu schade sein darf. Wenn ich nicht wiederkommen sollte: ich war von jeher der Meinung, liebe Kinder, daß man ein herrliches Erlebnis nicht zu teuer mit dem Tode bezahlt." Dehme! ist Mitteilnehmer einer Schützengraben korrespondenz geworden, die sich in den Feldlagern im Süden von Noyon abspielte und worin deutsche Neckereien und französischer Witz in den Stunden, wo nicht geschossen wurde, ein kleines geistiges Raketenfeuer abbrannten. Sie sei hier als ein amüsanter Beitrag zu unserm Thema abgedruckt: Der erste Brief wurde von einer unfrer Patrouillen bei Morgengrauen in der Nähe des französischen Schützen grabens (etwa 5l) Meter davon entfernt) an einen Baum geheftet und lautete: Loläats krgnyais eouraZeux! Vous verse? votre san^ iuutilement pour ees ^uZIais I )poerites qui triodeut tout le monäe saus vous servir. Iis livreut Ig, Kranes g, la Iiäelie, eomme äöjä Ig LelAique, et vous clever rester 15, Mourant cle keim. Rous avons pris ^uvers, kgit prisonniers presque 309 ööO Kusses et sommos vietorieux sur toute la liZne. L est Ig, v6rit6, Ig, pure vöritö, malZrö toutes les meusonges anglgises. l assLx obe? nous; vous sere^ trsitös en ami. Vous aure^ g mauZer aveo tous les äix äoixts, et vous n aure? rien g oraiuäro äe notre pg,rt. Nous n avons czue pitis 6e vous. Ne ssve^- vous pg,s czue nos munitions et vivres äureut euoore pour äes Änuöes! Lelm czui passerg, eke^ uous pkuäant les äeux jours suivants avee un ärapegu ou quelque autre eliose cle blsne, et ngtureUement sg,ns armes, sorg reyu dospitg.Isment. ?our eette promesse äouuent leur ^arvls ä bonneur Ug-uitius vedmel okkieier prussien. poöte sllemgnä.459 In deutscher Übersetzung: Tapfere französische Soldaten! Euer Blut vergießet Ihr nutzlos für diese scheinheiligen Engländer, die die ganze Welt betrügen, ohne Euch zu nützen. Sie liefern Frankreich dem Beil aus, wie vorher schon Belgien, und Ihr müßt hier bleiben und Hungers sterben. Wir haben Antwerpen ge nommen, nahezu 30V 000 Russen gefangen und sind Sieger auf der ganzen Linie. Das ist die Wahrheit, allen englischen Lügen zum Trotz. Kommt rüber zu uns, Ihr werdet freund schaftlich behandelt werden. Mit allen zehn Fingern werdet Ihr bei uns zu essen haben und auch nichts von uns zu fürchten haben. Wir haben nur Mitleid mit Euch. Wißt Ihr denn nicht, saß wir Munition und Lebensmittel noch für Jahre haben! Wer von Euch während der nächsten beiden Tage mit einer weißen Fahne oder einem anderen weißen Zeichen, natürlich ohne Waffen, zu uns herüberkommt, wird gastlich aufgenommen werden. Dieses Versprechen bekräftigen mit ihrem Ehrenwort Manitius, preußischer Offizier, Dehmel, deutscher Dichter." Einige Tage später fand eine Patrouille folgende Antwort (in deutscher Sprache und Schrift) an denselben Baum angenagelt: Antwort an den Brief von den Herrn Offizier Manitius und Dehmel. Die Nachrichten, die Sie uns geben, sind schon alt. Wir kennen die Ernehmung Anvers seit einer Woche. Wir kennen auch, daß die Russen, nachdem sie in Rußland zurückgenommen sind, ihre großen Heere gesammelt haben und gegen eure 24ten westlichsten Armeekorps jetzt sieg reich ins Deutschland ziehen. Von den österreichischen Sol daten sagen wir nichts, sie zählen nicht. Ich glaube, daß Sie unsere Freunde, die Englander, verlügen, welche sich an unsern Seiten sehr mutig für die Freiheit und die Glücklichkeit der Völker schlagen. Jene die, der fran zösische Soldat hungrig ist, sagen, sind Lügner. Sie kennen, unglücklicherweise, die zahlreiche Reichheiten un serer schönen Frankreich. Ich wiederhole, Sie sind verloren. Ganz Europa ist gegen Deutschland, und wir wollen siegen, um Ihr Kaiser zu töten, und Ihnen die Frei heit geben. Sie sind elende Sklaven. Seien Sie frei;4K0 Ihr Kaiser muß fallen; das deutsches Reich ist ver loren. Kommen Sie mit uns. Unterschrift lohne Namen): Ein französischer Soldat, der deutsche Studenten gekennt hat und sie von der kaiser lichen Macht befreien will." Dem Brief lag ein kalligraphisches Menü bei, datiert le 19 oetobro: Homarä g, I snZIaise (Hummer auf englische Art), öeurre Dänemark (Dänische Butter), ?oulst s-mtö ekasseur (Gesottenes Huhn auf Jägerart), Otwux 6e LruxeUes (Brüsseler Kohl), OiZot boime kemme Hammelkeule in Art gute Frau"), Leißnets aIZ6rien8 (Algerische Bäckerei), Lreme au olwealat (Schokoladen- speise), Loukitures Lak^ (Konfekt, Kaffee); Viiis (Weine): Liu 6u Loiivoi, saus earte, Lonvoi, s^ns arte, Luv6e reserv^e ZZar8^e; tlkÄmpAAlle Oevaux, ouvöe sauvöe ctu dvmbaräement (gerettet vor dem Bombardement), I^i- queur8 varises (Verschiedene Schnäpse). Und auf dem Rand der Speisekarte stand in der Handschrift des Brief schreibers: Das ist eine gewöhnliche Mahlzeit der fran zösischen Offiziere, die deutsche Offiziere freundlich ein laden." Auf diese Prahlerei wurde von unserer Seite (am 25. Oktober) folgender Bescheid erteilt und wieder an den Baum der Vermittlung geheftet, diesmal aber natürlich in deutscher Sprache: Verehrte Kriegskameraden von der Gegenseite! Wir danken Euch für die gastfreundliche Einladung und werden uns erlauben, ihr Folge zu leisten, sobald wir in Paris sind. So lange wir im Felde liegen, speist der deut sche Offizier grundsätzlich kein anderes Menü als die üb rigen Soldaten; unsere Feldküche ist sehr leistungsfähig. Über .Freiheit und Gleichheit machen wir nicht viel Worte; wir beweisen sie lieber durch die Tat, soweit es menschen möglich ist. Hoffentlich bringt Euch dieser Krieg die gleiche Freiheit und Ordnung und Einigkeit, deren wir uns nach 40 glücklichen Friedensjahren unter unserem Kaiser er freuen. Das unglückliche Frankreich aufrichtig bedauernd Manitius und Dehmel." Weiter konnte der nächtliche Waldpostverkehr nicht461 fortgesetzt werden, da die betreffende Kompagnie unserer Truppe am nächsten Tage aus jener Gegend nach einem anderen Schützengraben verlegt wurde. Von den zahlreichen Kriegsgedichten, die in Deutsch land aus berufener und unberufener Feder erschienen, drucken wir hier nur eins ab, einmal weil es dem Empfinden des Volkes einen vollendeten Ausdruck gab, sodann wegen seines interessanten Schicksals. Das ist der Haßgesang gegen England. Von Ernst Lissaner. Was schiert uns Russe und Franzos , Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß, Wir lieben sie nicht, Wir hassen sie nicht. Wir schützen Weichsel und Wasgaupaß, - Wir haben nur einen einzigen Haß, Wir lieben vereint, wir hassen vereint, Wir haben nur einen einzigen Feind: Denn ihr alle wißt, denn ihr alle wißt, Er sitzt geduckt hinter der grauen Flut, Voll Neid, voll Wut, voll Schläue, voll List, Durch Wasser getrennt, die sind dicker als Blut. Wir wollen treten in ein Gericht, Einen Schwur zu schwören, Gesicht in Gesicht, Einen Schwur von Erz, den verbläst kein Wind, Einen Schwur für Kind und für Kindeskind, Vernehmt das Wort, sagt nach das Wort, Es wälze sich durch ganz Deutschland fort: Wir wollen nicht lassen von unserm Haß, Wir haben alle nur einen Haß, Wir lieben vereint, wir hassen vereint, Wir haben alle nur einen Feind: England. In der Bordkajütte, im Feiersaal, Saßen Schiffsoffiziere beim Liebesmahl, Wie ein Säbelhieb, wie ein Segelschwung, Einer riß grüßend empor den Trunk,Knapp hinknallend wie Ruderschlag, Drei Worte sprach er: Auf den Tag!" Wem galt das Glas? Sie hatten alle nur einen Haß. Wer war genieint? Sie hatten alle nur einen Feind: England. Nimm du die Völker der Erde in Sold, Baue Wälle aus Barren von Gold, Bedecke die Meerflut mit Bug bei Bug, Du rechnetest klug, doch nicht klug genug. Was schiert uns Nüsse und Franzos ! Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß. Wir kämpfen den Kampf mit Bronze und Stahl Und schließen Frieden irgend einmal. Dich werden wir hassen mit langem Haß, Wir werden nicht lassen von unserm Haß, Haß zu Wasser und Haß zu Land, Haß des Hauptes und Haß der Hand, Haß der Hammer und Haß der Kronen, Drosselnder Haß von siebzig Millionen, Sie lieben vereint, sie hassen vereint, Sie alle haben nur einen Feind: England. Das Gedicht wurde sofort nach seinem Erscheinen in ganz Deutschland volkstümlich. Es wurde angeblich von einem vor dem Feind liegenden Krieger des 10. bayerischen Infanterie-Regiments nach dem Armeebefehl des bayeri schen Kronprinzen verfaßt, durch Korpsbefehl an alle Stellen im Felde verbreitet. Die Fassung, in der das Ge dicht in der bayerischen Armee verbreitet wurde, enthält nicht die Mittelstrophe und ist auch sonst mannigfach zer sungen". Eine Übersetzung des Gesanges erschien in amerikanischen und sogar in englischen Blättern. Die limes" haben dem Gedichte einen Leitartikel unter dem Titel Eine Hymne des Hasses" gewidmet, in dem es als ein allgemein gültiger Ausdruck der Stimmung im deutschen Volke mit Besorgnis verzeichnet wird.463 Ja, man hielt es sogar für nötig, eine ausführliche Antwort darauf zu geben. Sie heißt: Der Tag", und diese Überschrift ist eben dem Liffauerschen Haßgesange entnommen. Der Tag" ist ein dramatisches Werk von Sir James Barrie; das Stück ist Ende Dezember 1914 in eng lischen Tageszeitungen veröffentlicht worden, außerdem soll es in Buchform erscheinen. Aus den Berichten der holländischen Presse kann man ersehen, worum es sich han delt. Der Londoner Mitarbeiter des Nieuve Kotter- äsinsode Lourant", der die Aufführung des Stückes im Londoner Colosseum gesehen hat, verzichtet darauf, den Inhalt wiederzugeben, und zwar aus guten Gründen; denn obwohl die Londoner Presse es lobt, findet er keinen anderen Ausdruck dafür, als albern. In dem Stücke tritt der Kaiser auf, der Reichskanzler und der Geist der Kultur". Au dem, was der Kaiser und der Geist der Kultur einander zu sagen hatten, klatschten die Engländer jauchzend Beifall. Der Holländer gesteht, er war noch dankbar dafür, daß aus dem Kaiser wenigstens keine fade Karikatur gemacht wor den war. Daß die Behauptung der limeg" über das Lissauer sche Gedicht doch nicht völlig zutrifft, geht daraus hervor, daß ein Kritiker wie Thummerer (in der Deutschen Arbeit") das Gedicht zwar gut gearbeitet, aber in seinen gewalt samen Steigerungen undeutsch nennt, und ein Schriftsteller wie der bekannte Österreicher Hermann Bahr in seinem Aufsatz An einen entfremdeten Freund ( Tägl. Rundschau", 5. Dez. 1914) das Vorhandensein von Haßgefühlen ableugnet. Er schreibt u. a.: Wir wurden angegriffen, wir mußten uns unserer Haut wehren. Es fiel uns aber nicht ein, Europa zu be schädigen, jenes Europa des Geistes. Das hätte ruhig in der Luft hängen bleiben können, bis das Waffenglück ent schieden war; dann hätten wir es schon uns wieder herab geholt. Nicht wir haben es zerstört, sondern der Haß. Wir hätten den Krieg ohne Haß geführt. Wir hatten zu hassen nicht nötig, wir haben Kraft, nur Schwache haßt. Wir hassen heute noch keinen. Wir schlagen sie, aus Pflicht und464 weil es sein muß, doch ohne Haß. ,Wir Deutsche , hat Bis marck gesagt, .fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt, und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt . Wer den Frieden bricht, den schlagen wir ab, dies muß sein, aber dazu brauchen wir keinen Haß, das Schwert genügt. Es ist nicht wahr, daß wir hassen; der deutsche Furor muß nicht erst mit Haß gepfeffert wer den. Kommen Sie her, um hier im Spital unsere Ver wundeten anzuhören. Meine Frau pflegt sie, die kann Sie herumführen, und da werden Sie dann erst sehen, auf welche Art der Deutsche Held ist: bedachtig, ohne sich zu haben, unauffällig, eher mit einer gewissen Verlegenheit, immer aber, selbst im Aorne noch, gerecht und gut. Und ich finde kein anderes Wort, ich muß sagen: Der deutsche Held ist zart gesinnt. Wie Wagner an die Wesendonk schrieb, über die Menschen der alten deutschen Heldendichtung: ,Die furchtbarsten Kraftäußerungen aus übermäßigen Feingefühl! Das gilt auch von unseren Verwundeten heute noch ebenso. Aber Haß werden Sie nirgends hören. Der Deutsche bringt die nötige Wut auch ohne Haß auf. Da wir keinen fürchten, hassen wir auch keinen. Nicht einmal die Engländer, die uns doch zwingen wollen, sie von Herzen zu verachten, hassen wir. Wenn Europa zerrissen ist, wir sind unschuldig. Der Haß, der es zerrissen hat, war nicht unser. Ein paar Ästheten mögen auch bei uns verrückt geworden sein, doch das deutsche Volk haßt keinen Feind. Daß aber der Feind uns haßt, das können wir nicht ändern. Denn da müßten wir unser Wesen ändern, wir müßten auf unser Bestes verzichten. Denn dies erregt ihren Haß: Der Russe, der Franzose, der Engländer haßt uns, weil wir mit jedem von den dreien etwas Entscheidendes gemein haben, selbst aber noch mehr sind. Deshalb können wir sie verstehen, sie aber uns nicht. Sie fühlen sich uns verwandt, aber dabei dennoch wie verraten von uns, weil wir nämlich auch noch einen anderen Inhalt haben, der ihnen fremd bleibt. Mit den Russen ist uns das Chaos gemein, die slu- tende Seele. Je größer ein Deutscher ist, desto mehr Chaos hat er; und so könnte man sagen: desto russischer ist er; der junge Goethe, der junge Bismarck, gar Beethoven sind465 Dostojewskijfiguren. Doch ist dem Deutschen eingeboren, sein Chaos zu gestalten. Wir bekennen uns, nach Goethes Wort, zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt. Dieses Streben führt uns den Franzosen zu, deren Verlangen nach Klarheit, Sinn für die reine Linie, Empfin dung der Schönheit, von Maß, Geschmack und Takt wir teilen. Sie können nur nicht vertragen, daß wir dahinter immer noch ein Chaos haben und es uns nicht nehmen lassen wollen. Uns ist der Augenblick, wo das Dunkel hell wird und aus dem ChaoS eine Gestalt tritt, der höchste; die Gestalt soll aber nie den Hintergrund verlieren, von dem sie der Franzose losreißen, an den der Franzose durchaus nie mehr erinnert werden will. Mit dem Englander endlich haben wir gemein, alles auf die Tüchtigkeit des Einzelnen zu festen. Auf der Kraft der freien Persönlichkeit beruht die englische Kultur wie unsere. Nur sind wir darin weiter als der Englander, der, obwohl es ihm Carlyle gesagt hat, noch immer nicht weiß, daß erst wer entsagen, sich hingeben sich anschließen lernt, erst der Freie, der sich bindet, erst im Ganzen der Einzelne sich ganz erreicht. Wir haben erkannt daß der Einzelne, so lang er vereinzelt bleibt, weniger ist, als er sein kann; erst in der Gemeinschaft wird aus ihm alles vas er sein kann. Wir haben den Begriff der Persönlichkeit gesteigert zum Begriff der Organisation. Jeder Engländer muß immer wieder England sozusagen improvisieren, während wir das Bedürfnis nach einem Definitivum haben. Die Engländer nennen das Potsdam: sie täten besser, in Wilhelm Meisters Wanderjahren darüber nachzulesen, wo schon alles Nötige steht, um des Deutschen auf Entsagung, Pflicht und Ehrfurcht ruhende Freiheit der Persönlichkeit begreifen zu lernen, von der Potsdam nur das erste große Beispiel war. Es ist uns darum auch um Europa gar nicht bang. Wir werden es schon wieder aufbauen. Und um fassender. fester und tiefer: mit deutscher Weire, auf deut schem Grund, aus deutscher Tiefe." Gegen die feindliche Stellungnahme einer großen An zahl ausländischer Dichter wandte sich der Romanschrift steller Karl Hans Strobl Der Krieg der Geister. 20466 Anfang September in folgendem Aufruf an die deut schen Schriftsteller: Maurice Maeterlinck hat in einem Brief erklärt, er erachte es für seine Pflicht, sich als Freiwilliger zum Kampfe gegen Deutschland, dieses Monstrum der Welt , zu stellen. Ahnliche Gesinnungen äußert der englische Ro manschriftsteller Wells, und nur die Absperrung, die das feindliche Land über uns verhängt hat, verhindert uns, festzustellen, daß wohl auch die meisten anderen Autoren der mit uns im Krieg liegenden Nationen derselben Ansicht sind. Die Herren haben bei uns jahrzehntelang Gastrecht genossen, und Deutschland hat nicht zuletzt dazu beigetragen, ihrem Ruf internationale Geltung zu verschaffen und ihnen erhebliche materielle Vorteile zuzuwenden. Ich glaube, es ist an der Zeit, dieser unangebrachten Gutmütigkeit ein Ende zu machen und schon aus Gründen der Selbstachtung den Herren die Möglichkeit zu nehmen, künftighin noch durch literarische Erfolge in Deutschland, diesem .Monstrum der Welt , beleidigt zu werden. Um die Wandlung, die sicher auch bei den Verlegern und Übersetzern vor sich gehen wird, auch von unserer Seite wirksam zu unterstützen, glaube ich vorschlagen zu dürfen, daß alle jene Schriftsteller, die ständig oder gele gentlich kritisch tätig sind, sich zu einem Nationalbund deutscher Kritiker zusammenzuschließen. Mit dem Bei tritt zu diesem Bunde verpflichtet sich der Schriftsteller ehrenwörtlich, künftighin keine Übersetzung literarischer Erzeugnisse der uns feindlichen Nationen, also der Engländer, Franzosen und Russen, keinen ihrer Romane, keines ihrer Gedichtbücher, keines ihrer Theaterstücke mehr kritisch zu besprechen. Ausgenommen sind rein wissenschaftliche Werke, solche politischen oder sozialpolitischen Inhaltes; denn es liegt keineswegs in der Absicht des zu gründenden Bundes, die wissenschaftlichen Leistungen der fremden Nationen zu leugnen: wir wollen nur künftigem Mißbrauch unserer Gutmütigkeit durch die Belletristik des feindlichen Auslandes begegnen. Der Bund wird sich auflösen, wenn die Literatur unserer Feinde sich durch die Änderung ihrer Haltung würdig gezeigt hat, wieder von der deutschen Kulturnation467 beachtet zu werden. Vorschläge zur Gründung des Bundes und Beitrittserklärungen erbitte ich an meine Adresse: Leipzig, Hospitalstraße 10." Au denen, die ein weiteres Tragen von englischen und russischen Titeln und Ehrenzeichen mit ihrem deutschen Nationalgefühl für unvereinbar hielten, gehört auch der deutsche Musiker und Wagnerdirigent, Hofkapellmeister Hans Nichter dessen Name mit dem englischen Musikleben unzertrennlich verknüpft war. Mehr als ein Vierteljahrhundert pilgerte der Wiener Hofkapellmeister alljährlich nach England, um dort deutsche Musik-Kultur zu verbreiten. Als Richter vor 1b Jahren die Wiener Hofoper verlassen hatte, übersie delte er gänzlich nach Manchester, wo er als Dirigent der dortigen Symphonie- und Chorkonzerte in überschweng licher Weise gefeiert wurde. Die Richterkonzerte in Lon don, die Wagneraufführungen unter Richters Taktstock bildeten den Sammelpunkt der musikverstandigen Kreise ganz Englands. Zwei englische Universitäten, die in Oxford und die in Manchester, hatten Richter zu ihrem Ehren doktor ernannt. Diesen Titel, auf den er stolz war, hat er in einem Schreiben an die beiden englischen Univer sitäten niedergelegt und seinen englischen sowie auch seinen russischen Orden sowie ein Geschenk der Kaiserin von Ruß land dem Roten Kreuz in Bayreuth, wo er seit zwei Jahren wohnt, überlassen. Hans Richter begründet seinen Schritt mit einen, mannhaft schönen Schreiben, das er Mitte Sep tember an den Wiener Musikkritiker Ludwig Karpath ge richtet hat. Der Brief lautet nach dem Neuen Wiener Tagblatt": Lieber Freund! Die obrige Eklärung habe ich durch meine Tochter, die in London verheiratet iü, an die und den ,OaiI^ 1 elexrsp!, schicken lassen; hoffentlich wird sie veröffentlicht werden. Ich finde, daß ein Volk, das seine eigene Unterschrift (aus der Genfer Konvention) so schmachvoll mißachtet, niemand Ehren erweisen kann. Ich bin alt und habe noch so viel altväterliche Ansichten über Ehre: ich kann nicht anders. Vielleicht wird s besser, wenn zg 468 einmal die Suffragetten, deren Wirken mir bisher wenig sympathisch war, an die Regierung resp. Mitregierung kommen. Für Ehre und Ehrenwort haben die englischen Frauen gewiß mehr Verständnis als die Männer der jetzigen Regierung, die durch ihre Organe Dum-Dum- geschosse verteilen und von ihren Söldnern gebrauchen läßt. Aber ich verzage nicht: der Gott Bachs, Beethovens, Wag ners und aller deutschen Geisteshelden wird die deutsche Kultur nicht verderben lassen. Die ruhige Ordnung, das fromme Gottvertrauen des deutschen Heeres haben etwas Johann Sebastian Bachisches. Gleich trostreich war der Anblick der österreichischen Truppen, die ich bei meinem fluchtartigen Verlassen Gasteins in Salzburg zu beobachten Gelegenheit hatte. Für den Vater zweier Söhne, die die Ehre haben, im österreichischen Heere zu dienen, ein er hebender und stärkender Gedanke. Leben Sie wohl! Wer den wir uns je wiedersehen? Mit besten Grüßen Ihr alter .entdoktorter Hans Richter." An seinen Freund Bernhard Baumeister schrieb der temperamentvolle Künstler Mitte Oktober ( Badener Zeitung"): Die Engländer sollen nur fest gehauen werden, die verdienen die Prügel für die schmähliche Behandlung, die sie den Werken ihres Größten angedeihen lassen. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie erbärmlich die Stücke von Shakespeare dort aufgeführt werden! Wichtige Szenen werden gekürzt oder ganz ausgelassen, nur damit der Re gisseur Gelegenheit hat, recht viele Auf- und Umzüge zu veranstalten (sdov), die endlos sind und den Gang der Handlung hemmen. Die Schauspielkunst ist auch nicht .weit her . Allerdings bin ich durchs Burgtheater sehr ver wöhnt. Dagegen steht es mit der Musik dort sehr gut. Wir leben immer aufgeregt in banger Furcht und freu diger Begeisterung, je nach den Nachrichten, die wir er fahren. Wie schön verstehen sich die Völker! Natürlich auch, weil die Stänkerer und Schwätzer nicht zu Worte kommen. Möge es den Regierungen glücken, den Hetzern ein eisernes Papagenoschloß freche Maul zu hängen."469 Im Oktoberheft der Süddeutschen Monatshefte" veröffentlichte der Münchener Künstler Adolf von Hillebrand der durch seine Kunstschöpfungen und seinen langjährigen Aufenthalt in Florenz auch im Auslande zahlreiche Freunde und Verehrer gewonnen hat, einen offenen Brief an die Kunstfreunde im Auslande, worin er gegen die Ver leumdung der deutschen Kriegsführung in wür digster Form Einspruch erhebt. Der Brief lautet: Dem anständigen Menschen geht es gegen das Gefühl, sich zu verteidigen, wenn ein Freund ihm zutraut, daß er gestohlen hätte. So schwiegen wir denn auch in Deutsch land, als wir als Barbaren und Wandalen in der feindlichen Presse verschrieen wurden, fest überzeugt, daß es doch nie mand glauben könnte. Leider sehen wir, daß die gedruckte, fortgesetzte Lüge doch Gläubige findet, und daß sogar ge bildete und hervorragende Menschen In der Leidenschaft den Kopf und das Urteil verlieren. Es ist dies eine der traurigsten Erfahrungen, die wir in diesem Krieg machen. Nichts ist bitterer, als die Zerstörung solcher Illusionen, welche die vorausgesetzte Gemeinschaft mit dein gegen seitigen Zutrauen der Kulturmenschen vernichtet. Ich wil hier nicht von den Grausamkeiten in Belgien reden, die unseren Truppen lügenhafter Weise zugeschrieben werden, während es doch die harte Notwehr gegen ein hin terlistiges Franktireurtum verlangte, Menschen und Ort schaften zu vernichten, um vor solch schmählicher Kriegs führung zu warnen und um den unerhörten Grausamkeiten der weiblichen Furien halt zu gebieten. Dann aber folgte das Geschrei gegen den Vandalismus der Deutschen, die ehrwürdige Bauten und Kunstschätze schonungslos niedersengten, wie in Löwen und später in Reims. Die ganze künstlerische Welt war empört, und hier rede ich als Künstler gegen solche Verleumdung. Haben die Deutschen Löwen oder Reims irgendwie beschädigt, als sie es besetzt hatten? Erst als in Löwen auf Order von Ant werpen die Bevölkerung aus den Fenstern die friedlichen Soldaten niederschoß, mußte die ganze Strenge des Krieges eintreten. Und welche Rücksicht und Umsicht dabei von deut-470 scher Seite noch geübt wurde, beweist die Tatsache, daß die wichtigsten Bauten unversehrt blieben. Dasselbe in Reims. Hatten die Franzosen nicht die Kathedrale als Obser vatorium besetzt und zum Jentrum ihrer Geschütze gewählt, so wäre keine deutsche Kugel eingeschlagen. Es ist lacherlich und feig, sich hinter ein Kunstwerk zu stellen um den Feind zu bedrohen, mit der Anforderung, daß der Feind das Kunst werk schonen müsse. Will man seine Kunstwerke schützen, so wähle man sie nicht als Schild. Verlangt es aber der Kampf, daß ein Kunstwerk zugrunde geht, dann tröste man sich mit dem Bewußtsein, daß der Künstler, der es schuf, es willig dem Vaterland geopfert hätte. Denn der Geist und die Kraft, die das Werk ihn schaffen ließ, ist dieselbe, die auch zu opfern vermag." Der Fall Hodler-Dalcroze hat ganz besonders dahin gewirkt, auch in der Kunst den Sinn für das echte Deutsche, der so lange unterdrückt war, wieder lebendig zu machen. Ganz vortreffliche Ausführungen über den Krieg und die deutsche Kunst", bringt Momme Nissen, einst der vertraute Freund des Rembrandt- deutschen", im Dezember in der Werkstatt der Kunst". In einer Schrift gleichen Titels (im Verlag Herder, Freiburg) ruft er für seine Anschauungen außer den toten EideSbelfern auch manchen Künstler der Gegenwart zum Jeugen auf. Der Altmeister deutscher Kunst Hans Thoma schreibt dort: Schüler von mir sind in Paris gewesen und voll Weisheit dorther zurückgekehrt-, sie mühen sich redlich ab, das neue Prinzip der Farbenzertrümmerung mit ihrem deutschen Gemüt, in dem immer noch der Funke einfacher Größe schlummert, in Einklang zu bringen. Nackte Körper hat einer gemalt, die mittels zentimetergroßer Flecke und Striche hergestellt waren: roter Jinnober, grüner Jinnober, Blau. Ich Unwissender wußte nicht, was dazu sagen, und vermutete, daß es den Gipfel der ,Phantasiekunst bedeutete und daß dies Papageienmenschen mit bunten Federn sein sollten, die man ja gerade so gut machen darf, wie Jen tauren, Harpyen, Faune, Sirenen und dergleichen Fabel-471 getier. Daß dies aber die Höchste, weil neuste Weisheit in der Malerei sei, erfuhr ich mit Staunen! Daß die Netzhaut dies alles wieder vereinigen soll, sagte man mir auch aber meine Netzhaut versagte. Es ist geradezu traurig, wie ganz talentvolle Leute vor solcher Windigkeit allen künstlerischen Halt verlieren. Über Manet, Monet, Degas, Münch durfte man ja gar nicht mehr mucksen, wenn man nicht als Barbar gelten wollte, und die spitzfindigsten un serer Kunstgelehrten gingen auf den Leim. Spitzfindigkeit findet Spitzfindigkeit! Was ist darüber Unsinn geschrieben worden! Man war versucht, zu glauben, es habe bisher in der Welt noch keine Kunst gegeben, bis das Momentane in der Malerei erfunden worden Es streift ja schon an das Komische, wenn es nicht gar traurig wäre, daß es in Deutschland fast als ein Wagnis erscheint, wenn man Dürer Führer in der Kunst nennt diese doch so selbstverständliche Sache. Woher kommt es nur, daß den Malern Dürer nicht ein solcher Grundstein ist, wie es Bach den Musikern ist? Welche Einflüsse sind es denn, die den Deutschen das Aller- deutscheste immer wieder verhüllen, auf die Seite schieben?? ... Der Sinn für den deutschen Humor ist sowieso fast er loschen bösartiger Witz und geistige Entrüstung ist an seine Stelle getreten in der Öffentlichkeit, d. h., es ist alles brutal geworden. ... Es ist schon wichtig, dafür zu sorgen, daß das deutsche Gemütsleben, was doch auf einer beson deren Innigkeit beruht nicht schamlos wird. Wir Deutsche könnten dadurch tiefer fallen in bezug auf Moralität als unsere leichtlebigeren Nachbarn. Unklare Künstlerköpfe fühlen sich geniert und meinen, daß ihnen die Freiheit ge nommen werden könnte ... ich aber befürworte nur die deutsche Würde des ehrbaren Menschen, der jetzt bald jeder geistige Fer und Hampelmann mit seiner Nacktheit ins Ge sicht springen will; als ob das was wäre, als ob das Kultur fortschritt und Freiheit bedeute. Ich will nur das erhalten wissen, was unserer Väter Sitte und was deutsches Haus recht ist." Zu ihm gesellt sich als Gleichgesinnter einer der we nigen deutschen Künstler, die den Sinn für Humor noch nicht verloren haben,472 Adolf Oberländer mit den Worten: Der allzuviele internationale Verkehr ist besonders für den Deutschen, der immer auf dem Laufenden bleiben zu müssen glaubt (wie ein Maschinenbauer), geradezu ver hängnisvoll geworden. In der schönen Aeit des gelben Post wagens konnte der Künstler die rechte mittlere Linie wohl finden, wenn er in sein Inneres ging aber nicht in der Zeit des Blitzzuges, der mit dämonischer Schnelligkeit jede Mode von einem Ende der Welt zum andern trägt. Das fürchterliche Durcheinander einer modernen internationalen Kunstausstellung regt mich so auf und drückt mich nieder, daß ich seit Jahren gar keinen Besuch mehr wage. Der wahren Kunst dient nicht das wissenschaftlich optische Ge setz, sondern die warme seelische Anschauung als Richtschnur. Das ist kein Kunstwerk, wo nichts damit dargestellt ist! ,Es gibt keine Menschen, es gibt nur Flecken! Dieser allen Ernstes von einem großen Modernen aufgestellte Satz enthält die ganze Seelenlosigkeit der modernen Richtung, dieser eiskalten Kunstreiterei. Wenn die Kuh mehr tut als dreinschauen, so nennt man das schon .Anekdotenmalerei ! Ein Hypermoderner stößt sich sogar an der trefflichen Cha rakteristik eines Tizianischen Porträts, weil ihn diese in Betrachtung der schönen Farbe irritiert ach, die Anekdote von Karl dem Fünften!! O Mensch, Ebenbild Gottes, du bist also nicht mehr würdig, als rein malerisches Motiv zu gelten!" Als Leitmotiv für künftige deutsche Kunstentfaltungen mögen noch die Worte des Generaldirektors Wilhelm von Bode angeführt werden, mit denen er den 50. Jahrgang der Zeitschrift für bildende Kunst" als ältester lebender Mit arbeiter eröffnete: Heute, wo Deutschland im Kampfe steht gegen die halbe Welt, gegen eine Bundesgenossenschaft, die auf ihre Fahnen die Furien er Rache, des Neides und der Bar barei geschrieben hat, wo Deutschlands Siege ihm erst die volle Entfaltung seiner Kulturbestrebungen sichern werden, steht auch unsere deutsche Kunst, steht diese473 Zeitschrift für bildende Kunst an einem großen Wendepunkt. Es gilt jetzt vor allen, die Abhängigkeit von der fremden Kunst abzuschütteln, wieder deutsch zu empfinden und zu schaffen, auch in en Künsten. Freilich geht der Aufschwung nationaler Kunst keineswegs immer Hand in Hand mit der politischen Erhebung einer Nation; hat uns doch der große Krieg gegen Frankreich gerade die Ab)ängigkeit von der französischen Kunst gebracht. Aber wir dürfen hoffen, aß der furchtbare Emst und die uner meßlichen Opfer dieses Weltkrieges die allgemeine Verfla- chung und Dekadenz auch bei uns überwinden und auf die sittliche Kräftigung unseres Volkes eine heilsame, gründlich reinigende Wirkung ausüben werden, daß aus dem blut getränkten Boden eine neue Zeit auch für die Kunst und Wissenschaft in Deutschland erstehen wird. Au einer natio nalen Sanierung kann auch die Kunstwissenschaft ihr Teil mit beitragen, nicht nur inizem sie die deutsche Kunst noch stärker betont, vor allem, indem sie die Wissenschaftlichkeit vertieft und nicht Kunstpolitik mit Kunstgeschichte ver wechselt." Ende September 1914 hat die Direktion des Deut schen Theaters in Berlin, obgleich sie der Meinung war, daß man auch in dieser allem Englischen abgeneigten Zeit Shakespeare nicht von den Bühnen verbannen dürfe, fol gende Anfrage an eine Reihe hervorragender Männer gerichtet: Darf ein Theater, das sich in diesen Tagen der all gemeinen nationalen Erhebung seiner ernsten nationalen Aufgabe im tiefsten Sinne bewußt ist, Shakespeare spielen oder nicht? Sollen wir Shakespeare als Briten und seine Werke als Erzeugnisse des britischen Geistes ansehen, oder soll er uns als die große geistige Provinz gelten, die wir Deutschen einmal erobert haben, festhalten und an nieman den wieder herausgeben wollen? Wie nicht anders zu erwarten war, haben sich alle die Persönlichkeiten, an die das Deutsche Theater sich wandte, dafür entschieden, daß Shakespeare nicht aus dem Spiel plan der deutschen Bühnen gestrichen werden könne. Von474 den auf die Anfrage eingegangenen Antworten, seien einige hier wiedergegeben. Der Reichskanzler Herr v. Bethmann Hollweg schreibt: Shakespeare gehört der ganzen Welt." Der frühere Reichskanzler Fürst Bülow schreibt: Gewiß soll in diesen Tagen vaterländischen Bewußt werdens das deutsche Theater seine nationale Aufgabe er füllen. Kleists .Hermannschlacht und .Prinz von Homburg , Hebbels .Nibelungen , Goethes .Götz und Schillers .Wal lenstein haben freilich das erste Recht und sprechen jetzt unserem Volk am unmittelbarsten zum Herzen. Aber auch auf Shakespeare wollen wir nicht verzichten. Er gehört zu den ältesten und schönsten Eroberungen des deutschen Geistes, die wir wie unseren sonstigen geistigen und materiellen Besitz gegen alle Welt behaupten wollen. Wir haben Shakespeare langst annektiert und geben ihn nicht wieder heraus. Überlassen wir es unseren Gegnern, sich selbst zu verarmen und überdies lächerlich zu machen, indem sie Wagner und Goethe, Beethoven und Schiller aus ihren Ländern verbannen." Professor Harnack antwortet: Wären nur alle Theaterfragen so leicht zu beant worten wie die von Ihnen mir vorgelegte! Selbstver ständlich soll Shakespeare weitergespielt und auch jetzt gespielt werden. Wir werden uns doch nicht von den hohen Ahnen unserer deutschen Kultur lossagen." Professor Max Liebermann ist folgender Ansicht: Shakespeare gehört der Welt und Sie sollen ihn spielen." Bürgermeister Geheimrat Georg Reicks spricht sich dahin aus: Erstens, wir sind mit den Lebenden verfeindet, aber475 nicht mit den Toten. Zweitens, die großen Mehrer der Geistesschätze der Menschheit gehören der gesamten Kul turwelt und nicht mehr ihrem Vaterland allein. Drittens, Shakespeare insbesondere ist auf diesem Wege seit einem Jahrhundert uns Deutschen so in Fleisch und Blut über gegangen, daß wir ihn als einen der Unserigen emp finden. Beweis: jede Aufführung bei Mar Reinhardt." Der Berliner Universitätslehrer, Geheimrat Professor Kohler antwortet: Shakespeare in seiner sittlichen Größe und seinem weltidealen Humor ist der mächtigste Ankläger gegen das erbärmliche Geschlecht der Engländer von heute, die unter der Führung von Ignoranten so sehr alle Scham verloren haben, daß sie ihren Zynismus offen aussprechen. Wir wissen, daß sie Shakespeare nicht verstehen und nur in seltenen Fällen und ganz ohne Verständnis aufführen; wir aber haben den Großen erfaßt und zu dem unsrigen gemacht, jeder hat in Verbindung mit den Gewaltigen unserer Literatur wesentlich dazu beigetragen, die einzig artige deutsche Kultur zu schaffen. Daß dem so ist, das ist die größte Schmach, welche die heutige englische Gesell schaft zu tragen hat. Darum Shakespeare und wie derum Shakespeare." Zum Schlüsse sei noch kurz auf die Stellungnahme des deutschen Buchhandels zu den ausländischen Autoren eingegangen, die zu einigen Kontroversen im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel führten. In Nr. 294 (1914) sprach sich der Berliner Verleger S. Fischer dahin auS: Zuvörderst wollen wir feststellen, daß wir auslän dische Werke nicht deswegen in unser Land verpflanzen, damit ihre Autoren Geld verdienen. Nichts war in diesem Streit um diese Dinge, besonders, wenn es sich um Hodler handelte, kläglicher, als daß man oen Missetätern vorrech nete, wieviel Geld sie aus Deutschland bezogen hätten. Eine Nation, die Güter einer andern an sich zieht, tut es immer, um sich selbst zu bereichern. Eine Erwägung von476 höherer und anstandigerer Art ist es dann, zu untersuchen, ob eine Nation sich aber auch wirklich bereichert, wenn sie überhaupt oder in einem zu hohen Grade geistige Güter einer andern an sich zieht. Und diese Frage ist von der Geschichte der Literatur aller Zeiten und aller Völker be antwortet. Immer wurde übersetzt, immer haben Über setzungen gewirkt, und zwar fast immer belebend. Man kann aus der klassischen deutschen Literatur nicht Shakespeare, Ossiin und Rousseau fortdenken; aus unserer neueren Literatur nicht Dostojewskis, Ibsen und Flaubert. Darin drückt sich keine deutsche Schwäche aus, sondern das Ge genteil oavon, und übrigens haben es andere Literaturen ebenso gehalten. Handelt es sich in diesem Ausammenhang auch nur um die großen Erscheinungen, deren jede irgendwie über das Nationale von Natur hinausstrebt, so ist damit aber doch bewiesen, daß prinzipielle Entscheidungen über unser Verhalten zur auslandischen Literatur gar nicht möglich sind, sondern nur Entscheidungen zu Fall von Fall. ... Ich bin der Verleger Ibsens. Ibsen ist durch seine innerliche Wirkung zu einem deutschen Dichter geworden. Ich habe Romane und Dramen von Gabriele d Annunzio ver öffentlicht, )och ich werde sie fortan in den neuen Auflagen meiner Kataloge nicht mehr anzeigen. DÄnnunzio hat sich gegen Deutschland schwer vergangen, ihn entschuldigt nicht die Betäubung durch ein schweres Schicksal, das über sein eigenes Land gekommen wäre; ihn hat nicht ein Haß zur Lüge, sondern die Lüge zum Haß verführt; weg mit ihm! Ich bin auch der Verleger Shaws und ge denke weiter zu ihm zu halten. Wir brauchen eine Kritik Englands, und Shaw ist Englands schärfster Kri tiker. Nicht aber deshalb, weil er als der einzige Auslander von Rang, den wir zu hören bekamen, seine Dankverpflich tung gegen Deutschland nicht vergaß und mit Freimut seine Stimme erhob, sondern weil er auf seine Weise, mit seinen Mitteln und seiner Begabung auf Wahrheit aus ist. Er kann unser Gegner, aber nicht unser Beleidiger sein. Ich glaube, daß anders als von Fall zu Fall niemand entscheiden wird, den die Sache wirklich angeht. Gegen477 den ausländischen Schund gibt es nur eine Art des Kampfes, nämlich den gegen den Schund überhaupt." Der Jenenser Verleger Eugen Diederichs schreibt in einem Artikel Die Abtrünnigen in Nr. 9 (1915) der gleichen Zeitschrift: ..Ich könnte zur Frage, wie wir Buchhändler uns zu den Franzosen Bergson, Anatole France, Romain Rolland, zu dem Belgier Maeterlinck, zu den Engländern Shaw, Wells, Webb, zu den Schweizern Dalcroze, Hodler und Spitteler verhalten sollen, nichts Besseres sagen, als was Ricarda Huch kürzlich in den Süddeutschen Monats heften geschrieben hat und was ich hier nochmals wieder hole: ,Das Kunstwerk wird von einem einzelnen hervor gebracht, aber wie dieser einzelne von der Vergangenheit aller Völker beeinflußt wurde, so gehört sein Werk auch der ganzen Menschheit. Man spricht von Heimatkunst, Volkskunst, sogar von Frauenkunst; aber es gibt doch nur eine Kunst, und nicht seine Herkunft, nur seine Qualität kann ein Werk aus ihrem Bezirk ausschließen. Mögen gegnerische oder neutrale Künstler uns hassen oder beleidigen, ihre Werke haben uns nichts zuleide getan, und wer sie liebt, sollte das Recht haben, sie weiter zu lieben, wer sie besitzt, sich ihrer zu freuen Hinzusetzen möchte ich nur: Nationale Uberempfindlichkeit und starkes, nationales Gefühl sind nicht ein und dasselbe, sie stehen zu einander wie Frauen empfinden und Manneshandeln. Wer uns tadelt, dem wollen wir als Männer Taten gegenübersetzen, die sein Urteil als falsch erweisen. ... Wir Deutschen haben unsere Fehler genau wie andere Völker, und es ist unsere Aufgabe, sie nicht weiß anzumalen, sondern unsere guten Eigenschaften stärker zu entwickeln. Wir müssen es verstehen und vertragen, wenn der Angehörige eines Volkes, mit dein wir Krieg führen, uns aus seinen verletzenden Gefühlen heraus beurteilt, ein Unterliegender ist niemals gerecht, d. h. objektiv. Nichts ist schlimmer als schulmeisterlich den andern in Gefühlssachen logisch über-478 zeugen zu wollen. Da schreibt z. B. Osthaus in der Frank furter Zeitung einen offenen Brief an Maeterlinck, um ihm nachzuweisen, daß er Marne sei und daher oeutschem Wesen nahestände. Ich habe mit Maeterlinck früher selbst einmal über sein vlämisches Blut gesprochen, und er sagte mir, daß in seine Familie seit Jahrhunderten kein Tropfen französisches oder wallonisches Blut gekommen sei. Wozu also Maeterlinck etwas beweisen, was er selbst reiß? Ich kann aus der künstlerischen Psyche des schwerblüngen Ma nien leicht verstehen, wie er franzosische Leichtigkeit zur Ergänzung und Befruchtung seines Wesens braucht. Ich verstehe auch, daß er die stillen, verträumten Städte Flan derns, seine Heimat mit ganzer Seele liebt und, da er unter ihrer Zerstörung seelische Qualen leidet, uns deshalb .Bar baren schilt. Wer will die Worte und Empfindungen, die sich in diesem Ausdruck verdichten, mit der Elle messen? Spitteler redete als Schweizer zu Schweizern; hätte er als Deutscher zu Deutschen geredet, so würde er andere Saiten berührt haben. Sein Vortrag ist also eine innere schweizerische Angelegenheit. Geben wir die Berechtigung eines eigenen Schweizer Standpunktes zu, so befremdet uns das kühle Spittelersche Verhalten gegenüber unseren nationalen Gefühlen in diesem Kriege nicht mehr so stark, und wir haben nur mit einzelnen Ausdrücken zu rechten. Können wir von einem Künstler Objektivität überhaupt verlangen? Ich erinnere an Goethes Beiseitestehen in der Begeisterung der Freiheitskriege. Sind deswegen Goethes Werke auf den Inder gekommen? Spitteler lebt weltabgeschieden in Luzern und wird im April dieses Jahres 70 Jahre alt. Er selbst beklagte sich bei meinem letzten Besuch, daß ihn im letzten Jahrzehnt nur zwei, sage zwei deutsche Schriftsteller aufgesucht hätten. Haben wir uns um ihn genügend bekümmert, damit er von uns genug weiß? Wohl kein Schriftsteller von dieser Größe ist jahrzehntelang so wenig anerkannt worden, und er hat es doch mit Würde getragen. Und trotzdem, der Künder herakleischer Weltanschauung hätte einiges anders sagen können und müssen. Germanisches Wesen ist, über Mittel und Wege seines Handelns sich Gewissensbedenken zu479 machen. Gewiß sagt Spitteler psychologisch ganz richtig: der Unterlegene muß lügen. Augegeben, aber jenes schmutzi ge Lügen nach kaufmännischen Gesichtspunkten, um den Kredit abzugraben, alles jene Zurechtmachen erfundener Nichtswürdigkeiten in überseeischen und neutralen Ländern mußte der Dichter der olympischenGötterwelt mitVerachtung behandeln, wenn er von der Lüge im Krieg spricht. Ver stehen bedeutet auch Stellungnehmen. Wohl alle kleinen neutralen Staaten leiden daran, daß sie keine Aufgaben in der Welt haben, ein Nützlichkeitsstandpunkt setzt sich fest, der den Blick behindert. Das ist die Tragik der Staaten, die weder ,hott noch ,hüh kennen, und politisch gesprochen, sind der Weimarische Staatsminister Goethe und der größte deutsche Dichter der Gegenwart Carl Spitteler die Opfer kleinstaatlichen Denkens." Dieser weitherzige Standpunkt hat als unglückseliger Kosmopolitismus" in weiten Kreisen deö deutschen Buch handels Ablehnung erfahren; von dem Vergleich Spittelers mit Goethe sagte Heinrich Staadt (Wiesbaden), er streife nahe an Tempelschändung. DiederichS hat sich in einem zweiten Artikel in Nr. 23 (1915) seinen Angreifern gegen über, zu denen auch die Redaktion des Börsenblattes zählte, nochmals ausführlich in obigem Sinne ausgesprochen.11. Die übrigen Länder Die Stimmung in den Niederlanden I .n Hollands Verhalten während des Krieges ist sehr verschuden beur teilt worden. Während die Regierung sich vo^ Anfang an einer strengen Neutralität befleißigt hat, ist die Meinung des Volkes hin- und hergeschwankt. Die Symp-tlie für die vertriebenen Belgier und die Furcht vor einem ähnlichen Schicksal hat besonders in den unteren Schichten d utschland- feindlich gewirkt. Eine wahrheitsgetreue Darstellung der Simmung in Holland findet der Leser Heimat und Welt" (Januarheft 1915) aus der Feder eines eit langen Jahren in Holland ansässigen Deutschen unter zem Titel Die Niederländer und wir. Das Scherzrort eines Holländischen Kaufmanns hat viel Wahres an sich der se ne Meinung dahin zusammenfaßte: Als Kaufmam wünsche ich den Deutschen den Sieg, da ich mit ihnen min Haupt geschäft mache, als Mensch den Verbündetm, da sie mir lieber sind Gegen die sinnlosen Beschuldigungen vielc Blätter, als hätten die deutschen Truppen in Löwen we Hunnen gehaust und die wertvollen Kunstsachen absictlich ver nichtet, protestierte der hervorragende holändische Architekt Eduard Cuypers in einer an die größern holländischen Blätter gerichteten und von diesen abgedruckten Zuschrift. Er sag: Ich habe, wie es mein Beruf mit sich dachte, die meisten Länder von Europa besucht. In Deutscland habe ich 30 Jahre lang das Streben und Schaffen de deutschen Volkes betrachtet. Ich habe das Glück gehabt, ie persön liche Bekanntschaft von den bedeutendsten deutsien Archi-481 tekten zu machen, die mir wiederholt ihre hohe Verehrung und Bewunderung der flämischen und holländischen Kunst ausdrückten, die nicht müde wurden, durch Wort und Schrift ihren Schülern Liebe und Achtung von den Schönheiten einzuflößen, welche Belgien und Holland auf jedem Gebiet der Kunst der Welt geschenkt haben. Und wenn wir ferner wissen, daß in beinahe jedem kleinen Platz in Deutschland die Vereinigung Heimatschutz ängstlich über der Er haltung des kleinsten altertümlichen Gebäudes wacht, also das Volk zur Würdigung der alten Kunst erzieht, wer glaubt dann noch, daß die Verwüstung von Löwen absichtlichem Vernichtungstrieb zugeschrieben werden kann. Ich möchte deshalb den wohlgemeinten Rat geben, mit dem Urteil so lange zurückzuhalten, bis die offizielle Untersuchung uns einen richtigen Überblick über den wahren Sachverhalt gibt." Hollande größter Dichter Frederik van Eeden hat an seine deutschen Freunde einen offenen Brief ge sandt, in dem er sich gegen die Versuche wendet, die von un serer Seite gemacht werden, um das Ausland von der Gerechtigkeit unserer Sache zu überzeugen. Er weist die Vorwürfe, die von deutscher Seite gegen die Belgier wegen der von ihnen begangenen Schandtaten erhoben worden sind, zurück. Denn das eben sei der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend BöseS muß gebären". Die böse Tat aber sei die Verletzung der belgischen Neutralität. Über die Stellungnahme der holländischen Gelehrten gegenüber dem Aufruf an die Kulturwelt" siehe S. 69 u. ff. Der Weltkrieg hat auch die irische Frage wieder ins Rollen gebracht. Die jahrhundertelange Unterdrückung Irlands, der Nachbarinsel Englands, durch ihre mächtigere Schwester, die Hunderttausenden von Iren den Anstoß zur Auswanderung nach Amerika gab, die noch immer nicht zur allgemeinen Zufriedenheit gelöste Homerule- und Bo denbesitzfrage haben den altgenährten Haß der irischen Be völkerung gegen England nie erlöschen lassen, und der Krieg hat dem glimmenden Funken neue Nahrung gegeben. Das Wohlwollen der amerikanischen Iren ist ganz auf Seiten Deutschlands; sie wie ein großer Teil Der Krieg der Geister. 2l482 der einheimischen Iren erhofft von Deutschland nichts weniger als eine Befreiung von Englands Joch. Im einer Ansprache, die der berühmte Gelehrte und Kenner wes kel tischen Altertums, Or. Kuno Fischer in Long Island, Staat New Pork, vor den Mitgliedern der bekannten allirischen Liga LIsn na Lsel Ende Dezember hielt, heißt eS am Schlüsse: Wenn Deutschland sein Ziel erreicht hat, danm wird es die Nationen, die widerwillig unter dem englischem Joch seufzen, nicht vergessen! Und in bezug auf zwei von ihren Eroberungen, die älteste und die jüngste, Irland und Ägyp ten, wird die volle Autonomie eine der Friedens bedingungen sein müssen. Bis dahin lassen Sie uns alle in ihrer uralten Sprache ausrufen: A Oliia. Laar Lirmn 2Fus ^Imaill (Gott schütze Irland und Deutsch land)." Am wärmsten trat für sein Land der irische Nationalist Sir Roger Casement ein, einer der fähigsten Verwaltungsbeamten und Diplo maten Englands, dem sein mannhaftes Einschreiten als britischer Konsul für die bedrängten Eingeborenen in den Gummidistrilten am Kongo und in Südamerika in der ganzen Welt einen Ruf verschafft hat. Er erließ u. a. einen Aufruf an die I ren, der in der Berliner amerikanischen Zeitung kontinental l imes" Ende November erschien und der unschwer erkennen läßt, welche Rolle die Iren im jetzigen Kriege spielen sollen: Als Jrlander, der mit der irischen Freiwilligenbe wegung seit ihrer Begründung verbunden ist, halte ich es für meine Pflicht, dagegen zu protestieren, daß Jrländer in die britische Armee eintreten sollen, um den asiatischen und europäischen Mächten in dem Kriege gegen ein Volk beizustehen, welches Irland nienials etwas zuleide getan hat. Irland hat keinen Streit mit dem deutschen Volke und ist m keiner Weise von ihm gekränkt worden. Den Iren sind von den Engländern mehr Übel ab sichtlich zugefügt worden, als eine Nation zivilisierter Menschen sie jemals zu erleiden hatte. Heute, da kein483 Uberschuß an Volkskraft mehr zur Erfüllung der daheim harrenden wichtigen Aufgaben vorhanden ist, da Irlands fruchtbare Auen planmäßig dazu reduziert werden, Vieh anstatt Menschen zu züchten, wird der Rest unseres Volkes aufgefordert, sein Leben auf fremden Schlachtfeldern dahin zu geben, nur, damit große und übermäßig reiche Staatseinheiten durch Zerstörung von eines Konkurrenten Handel und Gewerbe noch größer und reicher werden sollen. Wenn irländisches Blut das .Siegel sein soll, welches ganz Irland als eine Nation voll Freiheit und Gleichheit zusammenbringen soll , möge dann dieses Blut in Irland selbst fließen, denn nur dort kann eS rechtmäßig zur Erlangung jener Freiheit ver gossen werden. Nicht Deutschland war es, welches die nationale Freiheit des irländischen Volkes zerstörte. Wenn jetzt zu kämpfen unsere Pflicht ist, laßt uns auf jenem Grund und Boden fechten, wo so viele Geschlechter getöteter Jrländer in Ehre und Ruhm gebettet liegen. Mögen unsere Gräber unter jenem vaterländischen Rasen sein, aus dem allein die irländische Nationalität zu neuem Leben ersprießen kann. Irland wird seiner Geschichte, ebenso wie jeder Erwägung von Ehre, Glauben und Selbsterhaltung untreu sein, wenn es jetzt auf den Ruf der britischen Regierung hört, seine tapferen Söhne und treuen Herzen zu entsenden, um in einer Sache zu kämpfen, die keinen Funken von Ritterlichkeit und keinen Widerschein von moralischer Größe in sich birgt. Wenn dieses wirklich ein Krieg für die .kleinen Nationen ist, wie seine Urheber ihn nennen, möge er dann für eine kleine Nation daheim be ginnen." Die Antwort der englischen Regierung war, daß sie durch ihren norwegischen Gesandten Findlay CasementS eigenen Diener, einen Norweger, durch Bestechung dazu zu verleiten suchte, seinen Herrn zu beseitigen oder in englische Hände zu spielen. Der Anschlag wurde nur durch die Treue des Dieners zunichte gemacht. Ob die irische Bewegung nicht bloßes Strohfeuer ist, wie der berufene Kenner Karl Peters meint, muß Zt*484 erst die Zukunft lehren. Jedenfalls gilt hier wie sonst daö Sprichwort: Wer sich nicht selbst hilft, dem kann auch nicht geholfen werden!" Infolge der nahezu hermetischen Abgeschlossenheit, die Rußlands geistige Welt während des Krieges vom übrigen Europa trennt, fehlt es fast ganz an Zeugnissen über die Auffassung dt .S Kriegs im russischen Volk. Als eine blutige Satire muß eS uns Deutsche anmuten, daß auch die russischen Gelehrten, Schriftkünstler und Künstler eine Antwort auf die Kundgebung der Deutschen In tellektuellen" ergehen ließen, worin es heißt, die Le gionen Deutschlands" zeigten schmachvoll der Mensch heit, daß das entsetzliche Tier noch immer im Menschen lebte". Weiter wird in erregten Ausdrücken gegen die Vernichtung der Kunststätten in Belgien und Frank reich protestiert, sowie gegen die Zerstörung der Städte und die infame Behandlung, die man schutzlosen Opfern, Greisen lind Frauen zuteil werden läßt". Unterzeichnet ist diese Kundgebung u. a. von Gorki, den Präsidenten der Tolstoi-Gesellschaft Dawydow, Sta- nislanski und dem alten Liberalen Struve. Sie scheinen in der Tat nicht zu wissen, wie die russischen Kosaken in Ostpreußen und Galizien hausten und wie man deutsche Zivilisten nach Sibirien verschleppte. Wie Or. Alfred Nossig im Tag" mitteilt, fühlten sich weiterhin einige wis senschaftliche Gesellschaften veranlaßt, den einzigen Unter zeichner des Ausrufs, der zu ihren Mitgliedern gehörte, und auf dessen Mitgliedschaft sie hätten stolz sein können, aus ihren Listen zu streichen. Als aber der russische Mi nisterrat beschloß, die Streichung aller deutschen und öster reichischen Gelehrten und Künstler herbeizuführen, pro testierte die russische Gelehrtenwelt und die liberale russische Presse mit beachtenswerter Energie. Der Rektor der Pe tersburger Universität, Grimm, und viele andere Peters burger Professoren lehnten sich gegen die geplante russische Regierungsmaßregel auf. Nossig zitiert Äußerungen der Professoren WbedienSki, Amarkow und N. Marr, die eine solche Verquickung von Politik und Wissenschaft entschieden verwerfen. Marr beispielsweise erklärt: Wohin soll die485 Verallgemeinerung führen? Es würde dazu kommen, daß wir jedes Jahr je nach den Kriegen, die Rußland durch kämpft, die Mitglieder der Akademie ändern müßten!" Die Blätter Rjeteed" und visu" fordern, Rußland möge der Welt beweisen, daß es geistige Verdienste unabhängig von allen politischen Konstellationen zu würdigen wisse". Merkwürdig ist das Verhalten des polnischen Schrift stellers Henryk Sienkiewicz, der zum Dank dafür, daß er lieber Russe sein wollte als Pole, von der Akademie der Wissenschaften in Petersburg unter Vorsitz des Großfürsten Konstantin Konstantinowitsch zum Ehrenmitglied ernannt wurde. In Spanien durfte man von der romanischen Be völkerung eine Hinneigung zu Frankreich erwarten; Land und Regierung haben aber die Neutralität mit aller Strenge durchgeführt. Während die liberale Presse die Lügennach richten unserer Gegner eifrig nachdruckte, zeigte die evan gelische Presse sowie die katholische Geistlichkeit eine ausge sprochen deutschfreundliche Haltung. Der geistvolle Geiger Ivan Manön richtete an einen Stuttgarter Freund ein Schreiben ( Berl. Tagebl." vom 14. Nov.), in dem es heißt: Sie haben es erraten, ich arbeite an meinem .Weg zur Sonne (Manens werdende Oper) mit aller Kraft, mit voller Lust, mit Herz und Gehirn. Nur ... es fehlt mir etwas: ich sehne mich nach Deutschland! Sie wissen, welch starker, überzeugter Bewunderer des deutschen Volkes ich bin, seit lange schon. Stellen Sie sich die Wärme unserer jetzigen Erörterungen vor, wie ich über Deutsch land rede! Auf keine Frage bleibe ich eine Antwort schuldig! Für mich und meine Freunde gibt es keinen Zweifel über den letzten Sieg!! Ich muß Ihnen sagen, daß die hiesigen besseren Leute alle für Deutschland einstehen, nur die Sozialisten sind anderer Meinung." Gegen die Verleumdung der deutschen Kriegführung wendet sich eine Kundgebung spanischer Aniversitätsprofessoren die an einen Berliner Kollegen gerichtet ist:486 Barcelona, den 21. November 1914. Hochgeehrter Herr! Da ich vor mehr als einem Jahr das Vergnügen hatte, der Vertreter Spaniens auf dem Berliner Kongreß für Ästhetik zu sein, wende ich mich an Sie als den Präsidenten des Ständigen Ausschusses für ästhetische Kongresse , dem ich gleichfalls anzuge hören die Ehre hatte, um im Verein mit den Gelehrten, deren Unterschriften sich an die meinige anschließen, und die alle Professoren an der Universität von Barcelona sind, anläßlich der Lage, in der sich das große deutsche Volk befindet, die Bewunderung zu bezeugen, die wir für die Wissenschuft und die Kultur Ihres Landes empfinden, eine Bewunderung, die gewiß alle gebildeten, von Vorurteilen freien Spanier mit uns teilen. Veranlassung zu dieser Kundgebung in den gegenwärtigen Verhältnissen gibt meinen Kollegen und mir der Wunsch, daß sie als Protest gegen die ungerechten Anschuldigungen dienen möge, die eine parteiische und von Leidenschaft verblendete Presse anläßlich dieses gewaltigen Krieges gegen das deutsche Volk erhebt, und gegen die Bezeichnung .Barbaren , womit die gebildetsten Männer der Erde belegt werden. Wer die Liebe zu den Kunstdenkmälern kennt, in der jeder Deutsche erzogen wird, wer die unvergleichlichen Museen Deutschlands besucht hat, wer da weiß, daß es in Deutsch land keine Analphabeten gibt, daß Männer und Frauen selbst der bescheideneren Stände die Verse ihrer hervor ragendsten Dichter und die Werke ihrer unvergleichlichen Tonkünstler auswendig kennen, und wer nun jetzt sieht, wie dies ganze deutsche Kulturvolk sich erhebt, um das Vaterland mit seinem Blute zu verteidigen, ohne daß das Heer aus Söldnern oder Kolonialtruppen besteht, der ist dessen ganz sicher, daß, wenn die deutschen Truppen sich gezwungen gesehen haben, irgendein Kunstdenkmal zu zerstören, sie es jedenfalls nur getan haben, um das eigene Leben zu verteidigen. Ich zeichne, Herr Professor, hochachtungsvoll und ergebenst Prof. vr. Jose Jordan de Urries y Azara-"487 Angeschlossen sind die Unterschriften der auch in Deutschland bekannten Professoren: Eduardo Perez Agudo, Martiniano Martinez, Cosme Parpal, Jose AmoroS, Claudio Miralles de Imperial, Bar y Comas, Pedro Font y Puig. Der gefeierte brasilianische Erzähler Coelho Netto hat an seinen deutschen Ubersetzer eine bemerkenswerte Sympathiekundgebung für Deutschland gerichtet, der wir nach dem Literarischen Echo" folgende Sätze entnehmen: Wie sehr bedaure ich diese europäische Konflagration, dieses wahre Kataklysma, das unter Blut und Ruinen die Errungenschaften tausendjähriger Zivilisation begräbt, Volk wider Volk hetzt in grausem Gemetzel, dessen Scheußlichkeit selbst die tragischen Zeiten der Barbarei hinter sich läßt. Ich kenne kein Banner, ich sehe nur Menschheit, umhüllt von Pulverdampf, zu ihren Füßen Schutt und Verderben. Nein, ich nehme für niemand Partei, ich beklage die Kata strophe als solche- Und da ist es mir tief schmerzlich zu wissen, daß Deutschland, eine der hehrsten Kathedralen, Pro tektorin der Künste und beredte Zeugin einer stolzen Historie, jetzt von dem Geknatter von Mitrailleusen widerhallt. So wie ich eS bedaure, daß dem geistigen Leben der großen Zentren Deutschlands neue Hemmnisse erwachsen sind, diesem Deutschland der Aktivität, das in vierzig Jahren energischer Arbeit, dank seiner imposanten industriellen Entwicklung, eine gebieterische Stellung in der Welt sich eroberte, die Meere mit einer Handelsflotte bedeckend, die den Stolz seines Kaisers und Volkes ausmacht. Von den Kriegspanzern und dem Heere will ich schweigen; weit mehr bewundere ich die friedliche Werktätigkeit, durch die Deutschland mählich, dafür um so gewisser, die ganze Welt sich noch Untertan machen wird." Der Pianist und Weltreisende Albert Friedcnthal teilt im Berliner Tageblatt" als Beweis für deutschfreund liche Stimmungen in der südamerikanischen Republik Ve nezuela eine Hymne an den Kaiser" mit, die in der Normalschule der Hauptstadt Caracas gesungen werden488 soll. Die Dichtung, die von einer jungen Venezolanerin herrührt, lautet in wörtlicher Ubersetzung: Wünschen wir Sieg dem heldischen Deutschland, Das so ruhmvoll seine Ehre verteidigt, Und preisen wir hoch seinen Kaiser Für seinen großen, herrlichen Mut. Nicht mal die Waffen von sieben Nationen Flößen Schrecken ein seiner Seele, Allein vor dem Throne Gottes Seine stolzen Standarten sich neigen. Ruhm! Ruhin! wird stets der Schrei sein, Der überall erschallen wird, Wo man von seiner Stirn es liest: Entweder siegen oder sterben! Eine Sympathiekundgebung griechischer Professoren von der Universität Athen erschien Anfang Dezember. ES ist eine Zuschrift, die gleichlautend von einzelnen Pro fessoren an ihre Kollegen in Osterreich und Deutschland gerichtet worden ist und die die Erklärung enthält, daß diese Form an Stelle einer Gesamtkundgebung nur mit Rücksicht auf die Neutralität Griechenlands gewählt worden sei. Eine solche an das Mitglied der Akademie der Wissen schaften, den Wiener Universitätsprofessor l)r. Paul Kretsch- mer gerichtete Zuschrift trägt die Unterschrift des berühmten Athener Philologen Professor vr. G. N. HotzidakiS, der ein engerer Fachgenosse und persönlicher Freund Professor KretschmerS ist, und lautet: In den schweren Zeiten, die gegenwärtig auf dem deutschen Volke lasten, fühle ich mit vielen Griechen, die während ihrer Studienzeit deutsche Kultur und Sinnesart kennen und schätzen gelernt haben, in Dankbarkeit für die in Deutschland erhaltene wissenschaftliche und allgemeine Förderung das Bedürfnis, den Freunden und Lehrern in Deutschland unsere warme Sympathie auszudrücken. Die einmütige und opferwillige Erhebung des deutschen Volkes, das Zusammenhalten aller Parteien und Klassen, ohne Unterschied von Stellung und Rang, sein heldenmütiges Verhalten, die an den Tag gelegte opferwillige Fürsorge489 für alle vom Kriege direkt oder indirekt Betroffenen und nicht minder die gerade bei diesem Anlasse zutage getretene erstaunliche wirtschaftliche Stärke rufen volle Bewun derung hervor. Ich empfinde daher umsomehr das Bedürfnis, mein tiefstes Bedauern auszusprechen über die Berichte von Vorkommnissen, die mit der ganzen Art des deut schen Volkes und seinem Ehrgefühl nicht im Ein klänge stehen können. Wer das Glück gehabt hat, deutsches Wesen in Wahrheit kennen zu lernen, wird nie mals geneigt sein, solchen Berichten Glauben zu schenken. In der Uberzeugung, daß Deutschland um die Er haltung einer hohen Kultur kämpft, hege ich die Hoffnung und spreche den Wunsch aus: Das deutsche Volk und seine Kulturarbeit mögen unbeeinträchtigt aus dieser schweren und unheilvollen Krisis hervorgehen. Daß eine große Anzahl Griechen aller Berufsarten mir gleichgesinnt sind, weiß ich sicher. Sie würden auch gerne an eine ähnliche Kundgebung gemeinsam herantreten, wenn sie es nicht als eine patriotische Pflicht erachteten, in keiner Weise Veranlassung zu geben, daß ein derartiges Vorgehen als eine Verletzung der von unserer Regierung offiziell erklärten Neutralität von irgendeiner Seite miß deutet werden könnte. Umsomehr fühlt sich jeder von uns veranlaßt, einzeln diese seine Gefühle der Bewunderung und Sympathie seinen Freunden und Lehrern zum Ausdruck zu bringen." Auch aus der Türkei und China gelangten Stimmen der Freundschaft und Anteilnahme zu uns; noch ehe die Türkei in den Krieg eingegriffen hat, ergriff der Jung türke Hakki Bei im Neuen Deutschland" das Wort, um die Gründe darzulegen, die für das Verhalten der Türkei maßgebend sein würden. Den deutschen Waffenbrüdern hat der bedeutendste türkische Dichter der Gegenwart Aka Gündüs das Gedicht O junger Deutscher! gewidmet, da wir nach der Ubersetzung Dr. Fr. Schräders ( Franks. Zeitung" vom 1. Jan. 1915) wiedergeben: Das ungestüme Klopfen Deines Herzens fühle ich490 mit unauslöschender Glut in meinem eigenen Herzen. ... Wird Dein Herz etwa umschmeichelt von den alten Liedern der Begeisterung und der Liebe? Dieser Schlag, von dem zu gleicher Stunde unser beider Herzen klopfen, habe ich ihn von Dir, oder hast Du ihn von mir? Welche himmlische Macht hat ihn uns gegeben und uns verbunden? Aber ich kenne die Kraft, die Deine große, endlose Seele beherrscht, diese Seele, die selbst die Fülle der Schöpfung nicht auszu füllen vermag: Es ist die Liebe zum Siege! Auch in meiner großen Seele, die seit Jahren öde und verzweifelt war und leise blutete, herrschte diese Liebe. Ich und Du, wir sind beide Verliebte... Um unsre Geliebte zu finden, machen wir uns auf, wandern wir nach Ost und West, in die schneebedeckten Berge, in die weite Welt, wo die Flüsse rauschen. Der Weg, den Du Dir mit dem Schwert gebahnt hast, führt in das Land des Rechts ... Ich bin mit Dir ... Komm ... Laß uns nicht umkehren, bevor wir nicht dieses Land erobert haben. Was aus der Brust des Feindes trieft, die Deine Kugel durchbohrt hat, ist nicht Blut. .. Es ist die Menschheit, die von uns ihre Rettung erwartet, es sind die Tränen, die seit Jahrhunderten angesammelt sind. ... Komm! Bevor wir nicht mit der Glut unsres Herfens die Tränen getrocknet und Trost gefunden, wollen wir unser Feuer nicht unterbrechen... Du bist ein leuchtender Held, Du bist lieb und menschlich.. Denn Du bist ein Deutscher. .. O junger Deutscher, der Du mit Deiner ganzen Kraft in meine Seele dringst, wisse, daß ich Türke bin und jung wie Du. Drücken wir uns die Hände, die das Schwert schwingen und das Gewehr um spannen. ..! Sie sollen einander kennen lernen mit der Gotteskraft, die in uns beiden ruht. Solange Du und ich und mein Bruder, der Ungar, leben, werden wir diese Welt stark und männlich machen. Aus der Ferne tönen Stimmen Das ist nicht der Donner der Geschütze ! Das ist das freudige Lechzen der Geschichte. Sie sieht, daß die wahre Menschheit und die wahre Gesittung geboren wird. Darum ladet sie voll Freude! O, Du junger Genosse mit den seidenen Haar! Wenn die Engel des Sieges Deine Hände und Dein stolzes Haupt491 emporheben, sollen darauf herabregnen alle Blumen des Hydepark... Und ich werde, wenn ich durch die schneebedeck ten Walder des Kaukasus ziehe, das Lied von Deinem Helden tum singen. ... O Du Deutscher mit den goldenen Sporen, der Du die Einöden, die Dein Fuß betritt, in Rosengärten verwandelst... Die Göttin des Ruhmes und des Glanzes möge Dir die Sonne der Zukunft nicht durch Wolken verdunkeln Wenn Dein stolzer Fuß ihren Strand betritt, möge die Wolga still stehen voll Ehrfurcht, damit Du hindurchschreiten kannst, und aufhören zu fließen Und ich werde in jener Nacht, wenn der Halbmond durch die Zweige der Dattelpalmen sein Licht ergießt, dem leise fließenden Nil von Dir erzählen. Reich mir Deine Hand, junger Kamerad..! Auf! Laß uns nun vor wärts ziehn zum Kampf! Vorwärts, bis aus dieser Welt alle Wildheit, aller Haß, alle Feindschaft verschwunden sind!" Jum Schluß bringen wir noch das Schreiben eines chinesischen Gelehrten, der sich jahrelang in Europa auf gehalten hat, aus dem Ostasiatischen Lloyd" vom 21. Au gust 1914: Nur ein paar Worte, um Ihnen meine herzliche Sym pathie mit Ihrem deutschen Volk in dieser Ihrer großen Prüfungsstunde auszudrücken. Ich bin überzeugt, daß Sie für die wahre Sache der Menschheit und Kultur fechten. Die beiden wirklichen Feinde der menschlichen Kultur im heutigen Europa sind auf der einen Seite die rohen unzivilisierten Horden in Rußland, und auf der anderen Seite die überzivilisierten, kranken, in Sinnlich keit erstickenden Menschen in Frankreich und die gemeinen, vulgären, eigensüchtig-niedrigen Angelsachsen in England. Die einen können als die äußeren Barbaren oder Heiden bezeichnet werden, die anderen als die inneren Barbaren oder Heiden in bezug auf die wahre moderne Kultur in Europa. Wenn für diese Kultur noch Hoffnung vorhanden sein soll, so müssen diese beiden Feinde unserer Zivilisation unterdrückt werden. Und die große Aufgabe, die zweierlei Heiden zu Fall zu bringen, ist Ihrem deutschen Volk anvertraut, das so der Schützer der wahren, europäischen Kultur ist. 
