Zwei Jahre Kriegsgefangen in West- und Nord-Afrika Erlebnisse einer deutschen Frau von Maria Roscher 5 Mi Stuttgart 191S Verlag von ?. Z. Steinkopf A. g. XIII.fille Rechte vorbehalten. ^ZF, -^gInhalt. Seite Nach Afrika 5 Lome, die Perle Westasrikas, in Vorahnung des Krieges . 13 Togo im Kriegszustand 30 Auf dem englischen Gefangenenschiff 45 In französischer Kriegsgefangenschaft in Dahomey ... 57 Verbannt ins Innere von Dahomey Nach Nordafrika 135 Im Represfalienlager Medsa (Algerien) 163 Nach Siidfrankreich 1965 Es war am Abend des 28. Juni 1914. Noch immer lastete die dumpfe Schwüle eines heißen Sommertages schwer auf dem Häusermeer der Millionenstadt. Unübersehbare Menschenscharen waren den überhitzten Wohnungen enteilt oder von dem nach harter Wochenarbeit Luft und Ruhe spen denden Sonntagsansflng zurückgekehrt und ström ten nun in den Hauptstraßen zusammen. Teilnahmslos überflog unser Auge das bunte Bild. Nichts Ungewohntes bot der Anblick dem Ber liner. Und heute waren unsere Gedanken noch viel weniger dabei. Fuhren wir doch von einem ernsten,schweren Gang heim. Für eine lange und weite Reise hatten wir Abschied von unseren Lieben genommen; morgen wollten wir die Reise ins tropische Afrika antreten. Mit freudigem Herzen hatten wir uns damals dazu entschlossen, aber nun die Koffer gepackt, die Plätze bestellt, die behagliche Wohnung mit dem stil losen Hotelzimmer vertauscht und jetzt auch die Ab schiedstunden durchlebt und durchbebt waren, fühlten wir doch, Wie tausendfältig und schier unlösbar fest die Bande waren, die durch den Ruf: Nach Afrika!" zerschnitten werden mußten. Doch es gab kein Zurück. Auf zwei Jahre hatten wir uns verpflichtet! In der mit der Nähe des Potsdamer Platzes wie immer belebteren Königgrätzer Straße staut sich die Menge. Große Weiße Blätter flattern umher, werden weitergereicht, da und dort den entfernt Ste henden vorgelesen. Extrablätter! Auch dies dem Berliner kein seltenes, ihn sonderlich aufregen des Bild. Wahrscheinlich irgend ein Naturereignis, ein Erdbeben, eine Feuersbrunst, ein Eisenbahn unglück, vielleicht ein Mord an einem unglücklichen Unbekannten. Man hört und liest in Berlin das Neue, und in wenigen Stunden hat es schon wieder etwas Neueres" verdrängt. Da hören wir einen der Zettelträger rufen: Extrablatt! Das österreichische Thronfolgerpaar ermordet!" Da steht s wahrhaftig: Das österreichische Thronfolgerpaar in Serajewo von Serben ermordet!" Also doch etwas ganz Ungeheuerliches! Doch unser Inneres steht so unter dem Ein druck des Abschiednehmens und unseres ganzen Vor habens, daß wir die ungeheuren Wirkungen des Ge- S7 fchehnisses nicht im entferntesten auch nnr ahnen. Denn irgend eine unmittelbare Beziehung, so meinen wir, zu dem Wendepunkt, an dem unser Leben steht, hat die ruchlose Freveltat natürlich nicht. Berlin liegt hinter uns! Deutschlands See metropole Hamburg soll auch uns den Eintritt zum Weltmeere vermitteln. Mein Mann hat dienstlich dort zu tun; ich kümmere mich besonders um das Gepäck. Leider kann es nicht vollzählig mit uns gehen. Aber was tut s? Mitte August, mit dem Frachtdampfer, wird bei deu durchaus sicheren Transportverhältnissen auch über den weiten Ozean alles bestimmt am Ziele sein, und bis dahin werden wir schon ohne Kronen und Teppiche, ohne Bücher Klavier, ohne Eisschrank und sonstiges Haus gerät auskommen. Wie ist es anders gekommen! Bis heute haben wir es noch nicht wiedergesehen! Ilm 9. Inn, abends, taten wir den entscheiden den Schritt, der uns vom deutschen Boden trennte und einem weit anderen Geschick entgegensührte, als wir glaubten. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe!" Wir hören, daß die Abfahrt in der Nacht erfol gen soll, und in der Tat werden wir wach, als nnser Haus zu schwanken, zittern und stöhnen be ginnt. Schon schwimmen wir mitten in der breiten Elbe, und als wir dann das Deck betreten, liegt in der Morgensonne bereits Cuxhaven vor uns. Dann verbreitert sich unsere Fahrstraße mehr und mehr. Immer schärfer muß das Auge nach Land suchen, bis es schließlich nirgends mehr einen Streifen ent deckt. Nnser Schiff, die Eleonore Woermann", ge hörte mit ihren 5100 Tonnen zwar nicht zu den8 größten Schiffen der damals so stattlichen Woer- mann-Flotte, war aber mit seinen behaglichen und gar nicht kleinen Kammern, den geschmackvoll ausgestatteten Salons" und den leidlich geräumigen Promenadendecks recht gemütlich und traulich. Weiter sorgten für einen behaglichen und kurz weiligen Aufenthalt während der 18tägigen Reise eine vorzügliche, heute in der Zeit der Brotkarte und des Fleisch-, Butter- und Fettmangels in der Erinne rung geradezu paradiesisch anmutende Küche, die Musikkapelle mit ihren vielseitig verwendbaren Mit gliedern, Gesellschaftsspiele, eine verständig zusam mengestellte Bücherei, warme und kalte Bäder, sogar Schwimm- und Sonnenbäder. Niemand von den zahlreichen Fahrgästen ver mutete, daß dieses stolze Schiff, das so oft den deut schen Namen hinaus über das Weltmeer ins ferne deutsche Land getragen hatte, jetzt seine letzte Fahrt unternahm und in seinem ureigensten Elemente dem Untergang entgegenfuhr. Bei der Durchfahrt durch die schmale Verbin- duugsstraße zwischen Frankreich und England sahen wir die wuchtig aus dem Meer emporsteigenden, ge waltigen Befestigungswerke von Dover. Bald dar auf legten wir vor Boulogne an. Zahlreiche Eng länder und Franzosen stiegen an Bord. Manche lernten wir näher kennen und mit einigen entwickelte sich ein reger Gedankenaustausch. Wer glaubte denn, daß sich unsere Völker in wenigen Wochen als Gegner auf Leben Tod gegenüberstehen würden! Zahlreiche unserer Mitreisenden aus Deutsch land benutzten das Schiff nur zu einer Vergnügungs und Erholungsreise nach den Inseln. Diese Insu laner", auf die der alte Afrikaner fast ebenso über legen herabsieht, wie auf die afrikanischen Neulinge,9 brachten Fröhlichkeit in das Leben an Bord. Wußten sie doch, daß sie im Gegensatz zu den meist jahre lang fernbleibenden und dann oft mit geschwächter Gesundheit heimkehrenden Afrikanern sehr bald neu gestärkt wieder nach der Heimat zurückkommen wür den. Diesmal sollte diese Vergnügungsreise" für viele weit länger dauern und hat für manche bis heute sogar noch nicht ihr Ende gefunden. Bevor die Insulaner" die Eleonore" ver ließen, fand ein großes Sportsfest an Bord statt. Was gab es da nicht sür Belustigungen und Zer streuungen! Nach dem vor mir liegenden, durch all die Kreuz- und Querfahrten der langen Kriegs gefangenschaft geretteten Festprogramm", das man chen Namen enthält, dessen Träger jetzt nicht mehr ist, fanden statt: Kopfkissenkämpse, Eierwettlaufen, Schildkrötenkämpfe, Nadelrennen, Einfädeln von Fla schen, Kniekämpfe, griechische Wagenrennen, Drei beinlaufen, Sackhupfen, Schubkarrenrennen, Tau ziehen, Tauchen nach Tellern Goldstücken usw. Den mehrstündigen Aufenthalt in dem herrlichen portugiesischen Kleinod Madeira, das wir nach fünf tägiger, ununterbrochener Seereise erreichten, benutz ten wir zu einer Besteigung des die Hauptstadt der Insel, Funchal, beherrschenden Piz de Madeira. Die üppige Blumenpracht und der herrliche Blick auf die ganze Insel, das Meer und unsere wie ein win ziges Spielzeug erscheinende Eleonore" sind mir unvergeßlich. Wie auf winterlicher Rodelbahn sausten wir dann im Schlitten auf der geglätteten Straße den steilen Berg wieder hinab. Von Teneriffa winkte der hohe Turm der Funkenstation herüber, die unserer Bordstation ein dienstliches Funkentelegramm aus Togo für meinen Mann übermittelte. Also schon Verbindung mit der10 neuen Heimat! Sie ist demnach, meinten wir, ja gar nicht so weit, wir würden uns dank dem Erde, Wasser und Luft überbrückenden Weltverkehr in den kommenden zwei Jahren mühelos in Minuten mit dem Vaterlande verständigen können. Vor Las Palmas belustigten wir uns an den erstaunlichen Schwimmkünsten der Eingeborenen, die mit unübertrefflicher Sicherheit jedes Geldstück aus der Tiefe des Meeres heraufholten, und handelten mit den zahllos das Schiff in ihren kleinen Booten umschwirrenden und schließlich an Bord kletternden Spitzenverkäufern. Wiederum fünf Tage auf hoher See ohne Lan dung. Dann aber hatten wir, am 22. Juli, die afrikanische Küste erreicht. Leider störte das Regen wetter den Jagdausflug nach Konakrh, der regel mäßig von den alten Afrikanern unter verständnis inniger Mitarbeit der Schiffsoffiziere mit bewährter Umsicht und Liebe für die Afrika-Neulinge vorbe reitet wird. Ich darf für die Uneingeweihten so will s die heilige Ueberlieserung den Schleier von diesem bei allen Afrikareisenden berühmten Ge heimnis nicht lüften. Es folgte Freetown. Inzwischen zeigte schon die Kompaßnadel nicht mehr nach Süden, sondern auf Südwest und Westsüdwest. Schon waren wir in Mon rovia, dem auch für Deutschlands Weltverkehrs politik als Landungsstelle seines Kabels nach Togo und Kamerun wichtigen Hauptort der Negerrepublik Liberia. Sie ist bei Briefmarkenliebhabern wohl bekannt wegen ihrer vielen bunten, geschmackvollen Postwertzeichen, die der jugendliche schwarze General postmeister mit schwatzhaftem Eifer höchst eigenhändig und recht teuer an Bord verkaufte.II Hier kamen wir zum ersten Male mit den Be wohnern des schwarzen Erdteils näher in Berührung. Ein europäisch gekleideter Schwarzer Verzeihung Farbiger" ! mit seiner recht stattlichen Ehehälfte und mehrere schwarze Plantagenbesitzer aus Fer nando Po stiegen an Bord, fuhren sogar I. Klasse und zeigten an der Tafel und beim Bier-, Whisky- und Sektgenutz sogar Europeus übertünchte Höf lichkeit"! Auch weniger Kulturbeleckte unserer neuen Landsleute wurden jetzt unsere Mitreisenden. Zum Löschen und Laden in den heißen Küstenplätzen wer den sie unterwegs angeworben und während der Fahrt hat man Mutze, diese dürftig gekleideten Moh ren faulenzend, schwätzend, bei ihrer Toilette" sich gegenseitig helfend, zu beobachten. Zu ihnen gesellten sich einige unfreiwillige farbige Fahrgäste, die eines Tages als Schiffbrüchige samt ihrem die rote Not flagge führenden Fischernachen bei hohem Seegang an Bord gewunden wurden. Hinter Monrovia wieder zwei Tage Fahrt ohne Unterbrechung. Da brachte Plötzlich, am 23., die von der Funkenstation gespeiste Bord-Zeitung die kurze, inhaltsschwere Nachricht, datz Oesterreich an Serbien ein Ultimatum gestellt hätte... Sollte der Mord an dem österreichischen Thronfolgerpaar also doch wei tere Kreise ziehen?? Nichts hatten wir mehr darüber seit jenem letzten Sonntag in Berlin gehört. Hoffentlich erfahren wir bald Genaueres! Zwei Tage später erhielt ein mit uns reisender Mitinhaber eines deutschen Exporthauses, der seine Zweiggeschäste in Französisch - Westafrika besuchen wollte, ein ernstes Warnungstelegramm, das auch uns zum Nachdenken Anlatz gab. Aber erst mutz man noch genauere Nachricht abwarten. An diplo matische Noten und Proteste, an internationale Ver-12 Wicklungen mancherlei Art war man gewöhnt, und schon manchmal im letzten Jahrzehnt war das Ge spenst des Krieges aufgetaucht, um schließlich immer wieder zu verschwinden. So würde es hoffentlich auch diesmal sein! Am 26. berühren wir Grand Bassam (Elfenbein küste)- Am Abend ist an Bord großes Kapitänsessen. Das glänzende Menü, der festlich erleuchtete und reizend ausgeschmückte Speisesaal, die schwungvollen Reden auf die alten und neuen Afrikaner, auf den Kapitän, die Damen usw. hoben die Stimmung. Ein unbeteiligter Beobachter hätte nach einem Blick in den Saal, auf die im Festgewand bei üppigem Mahl Sitzenden, niemals auf die Vermutung kom men können, daß mancher, erfüllt von der Vorahnung folgenschwerer Ereignisse, sich doch mit recht ernsten Gedanken trug... Die meisten der mitreisenden Engländer steigen am nächsten Tage in Sekondh und Accra aus. Spä testens am nächsten Tage werden auch wir am Ziele sein und dort Näheres aus Deutschland, das ja unmittelbare Kabelverbindung mit Togo und Kame run hat, hören. In der Nacht zum 28., mit ein tägiger Verspätung, geht unser Schiff in Lome vor Anker.öie perle Westafrikas, in Vorahnung öes Krieges. Wie in ein Märchenland fühlten wir uns ver setzt, als wir am nächsten Morgen durch das runde Kabinenfensterchen blickten. Schöne, blendend Weiße Häuser, manche mit der Reichsflagge geschmückt, schimmerten zwischen dem in allen Schattierungen vertretenen Grün der Palmen und anderer Tropen bäume hindurch. Den Abschluß zum Meere bildete der gelbe Sand des von hochaufschäumenden Wellen umspülten Strandes Da plötzlich ging die Sonne auf und übergoß das reizvolle, farbenfrohe Bild, über das sich der tiefblaue Himmel wölbte, mit einer Fülle schimmernden Goldes. So schön hatten wir uns, trotz aller Lobpreisungen, Beschrei bungen und Bilder, unsere neue Heimat doch nicht gedacht! Ja, der mit uns reisende englische Groß kaufmann, ein guter Kenner Westafrikas, hatte Recht: Lome ist schon seiner äußeren Erscheinung nach die Perle Westafrikas! Schon wimmelt s an Bord. Da ist auch schon Herr L., der Leiter der Post und Telegraphie des Schutzgebietes Togo, den mein Mann ablösen soll, mit wundervollen Blumen zur Begrüßung erschie nen. Und nun heißt es Abschied nehmen; hatte man 1Z14 sich doch auf der langen Reise an manchen Bord genossen näher angeschlossen. Auf der Rückreise in zwei bis drei Monaten überspringe ich in Lome einen Dampfer." Wenn Sie mal nach Duala reisen, besuchen Sie mich!" Spätestens in IV- Jahren, nach Ablauf meiner Dienstverpflichtung, auf Wiedersehen!" Wie ganz anders kam alles! Auch mit meines Mannes Vor gänger, der mit der Eleonore" in vierzehn Tagen nach Deutschland zurückkehren wollte und sich hier für persönlich schon einen Platz sicherte und dem Wohlwollen des gewichtigen Herrn Oberstewards mit metallenem Nachdruck empfahl. Noch heute, nach über drei Jahren, sitzt er als Gefangener in Frank reich ! Grüßend und winkend ging es im Leichter durch heftige Brandung hindurch und dann mittelst wuch tigen Krans im Korb hinauf auf die sich weit ins Meer vorschiebende Landungsbrücke, einem mächti gen, auf starken Jochen, Streben und Verankerungen ruhenden Eisenbau, mit breiter, zwei Eisenbahn gleise tragender Fahrbahn. Schnell und bequem wickelt sich jetzt der Lösch- und Ladeverkehr wieder ab; seit Mai 1911, als die alte Landungsbrücke bei ausnehmend hoher See eingestürzt war, hatte der Personen- und Frachtenverkehr lange Zeit hindurch wieder deu alten, gefährlichen und nicht selten ver lustreichen Weg in Booten durch die heftige Bran dung nehmen müssen. Am Ende der Brücke harren unser abermals herrliche Blumen, überreicht von einem farbigen Diener, der zwar barfüßig ist, aber mit Stolz seinen europäischen Anzug trägt. Links liegt das geräumige Zollgebäude, weiter die evangelische Kirche. Dann biegen wir ein in die15 schöne, breite, von dem Laterit prächtig rot gefärbte Hamburger Straße mit ihren gefälligen, leichten, luftigen, sonnengeschützten Gebäuden, Ueberall wer den wir neugierig von Eingeborenen angestaunt, unter denen uns manche schön gewachsene, mit bun ten Tüchern malerisch gekleidete Frau, die Last in der landesüblichen Weise auf dem Kopfe tragend, auffällt. Die Willkommensflagge weht uns vom Post gebäude entgegen, einem geräumigen, zweckdienlichen, dabei anheimelnden Tropenhaus. Davor laufen zahl lose Fernsprech- und Telegraphenleitungen an einem großen eisernen Gerüst zusammen. Die im Erdgeschoß befindlichen Diensträume unterscheiden sich in nichts von unseren europäischen Einrichtungen, auffallend war höchstens die starke Vergitterung der Fenster. Das obere Stockwerk besitzt große, der kräftigen, kühlenden Seebrise gut Eintritt gewährende, behag lich ausgestattete Zimmer und eine breite, schattige Veranda rings herum: sie gewährt gemütlichen Aufenthalt und hübsche Blicke auf das bunte Stra ßenleben oder durch den unmittelbar zum Strande führenden, großen Kokospalmengarten zum Meer. Der erste und zweite Tag gehen für uns beide schnell durch allerlei dienstliche und häusliche Ver richtungen, wie sie ein solcher Einzug mit sich bringt, vorüber. Durchweg ist der Eindruck, den wir ge winnen, der denkbar günstigste. Die peinliche Sau berkeit der Straßen imponiert geradezu. Dabei wirkt das ständige Sonnenwetter erst 26 Tage nach unserer Ankunft regnete es zum ersten Male so fröhlich stimmend, daß wir schon vom ersten Tage an es Wohl verstehen können, wie die alten Afri kaner immer wieder Sehnsucht nach dieser Sonne empfinden, wenn sie fern von Afrika weilen. Geht16 es mir doch jetzt gerade so! Werde ich die Sonne Afrikas noch einmal wiedersehen? Die schmücke weiße Kleidung der Europäer vervollständigt das frohstimmende, sonnige Bild, Die Aufnahme, die wir in der neuen Heimat finden, ist herzlich und läßt gutes Zusammenleben erhoffen. Dabei merkt man nichts von Furcht vor dem mörderischen Tropenklima", sondern ist im Gegenteil erfreut, die Menschen hier so herzlich ver gnügt zu sehen. Wider Erwarten schnell gewöhnte ich mich auch an das farbige Dienstpersonal. Der schon ältere Koch und die jüngeren bohs" waren so gut brauch bar, daß ich schnell meine Berliner Dienstmädchen vermissen lernte. Für die leiblichen Genüsse konnte, dank dem Schlachthause mit Schlachtzwang in Lome, dem guten Gemüse und Obst des Landes, der be quemen Einkaufsmöglichkeit für geeignete Getränke, ausgezeichnet gesorgt werden Aber hinter dem lichtvollen Bilde lauerten doch wir fühlten es auf Schritt und Tritt! die düsteren Schatten unheilwitternder Vorahnungen. Hatten wir schon beim Landen in Lome "über die politischen Spannungen in Europa Nachrichten ge hört, die nicht beruhigend wirken konnten, so häuften sich gleich in den ersten Tagen unseres Aufenthalts die über das deutsche Kabel von Emden über Tene riffa und Monrovia nach Lome gelangenden, recht ernst gehaltenen Mitteilungen. Schon waren die Feindseligkeiten zwischen Oesterreich und Serbien zum Ausbruch gekommen. Oesterreich hatte am 28. mittags die Kriegserklärung an Serbien veröffent licht. Die Großmächte, hieß es dann freilich, be mühten sich, den Konflikt zu lokalisieren.Unzweifelhaft war mit der österreichischen Kriegserklärung der Krieg da. Die einzige Hoff nung war noch, ihn zu beschränken. Aber sie war schwach angesichts der gemeldeten Zurückhaltung Ruß lands. Was würden die nächsten, mit größter Span nung erwarteten Nachrichten bringen? Welch ein Segen war es, daß wir, fernab vom Schauplatz des großen Weltgeschehens, in dieser ewig denkwürdigen Zeit schnellste Verbindung mit der Heimat hatten! Aber nicht nur fast ebenso schnell kne das Mutterland erfuhr die Kolonie jene die ganze Welt in Atem haltenden Vorfälle, sondern gottlob waren es auch reindeutsche Meldungen, da sie nur aus deutscher Quelle über das deutsche Kabel gingen, also vom fremden Einflüsse frei und ungeschminkt waren. Das Kabel redete unverkennbar eine recht ernste Sprache: Die deutsche Flotte kehrte in die Heimats häfen zurück; der österreichische Kaiser erließ ein Manifest an seine Völker. Schon fanden die ersten Zusammenstöße statt: Die Oesterreicher beschossen Stellungen der Serben, nahmen aus der Donau zwei serbische Dampfer mit Munition und Minen weg. Was wird nun unser gefährlicher Nachbar im Osten tun? Darüber belehrte uns unsere Nachrichten quelle etwas später. Zwischen Zar und Kaiser fand ein Telegrammwechsel statt. Das klang beruhigend. Bedenklicher war dagegen die Meldung über London von einer Teilmobilisierung Rußlands an seiner Westgrenze, ferner die Nachricht von wiederholten Besprechungen des deutschen Botschafters in Paris mit dem französischen Minister des Aeußern. Würde der alte Erbfeind wieder gegen uns aufstehen? Am nächsten Tage, dem 3V., wieder eine Stei gerung der Erregung! Bei allen Telegraphenanstal-13 ten des in seiner ganzen Ausdehnung von Leitungen durchzogenen Schutzgebietes Togo wird ununterbro chener Dienst von Berlin angeordnet ein Zeichen, wie ernst man auch amtlicherseits die Lage auffaßt. Und nun reihte sich fast ohne Pause eine hoch bedeutsame Nachricht an die andere, bis wir schließ lich in der Nacht zum 1. August nicht mehr daran zweifeln konnten, daß der Krieg da ist. So reichlich und zuverlässig speiste uns unser treues Kabel, daß die Kaiserworte vom Berliner Schloß bereits am nächsten Morgen im ganzen Schutzgebiet bekannt gegeben werden konnten. Jeder Deutsche im fernen Togo konnte so im Geiste durch leben, was Gewaltiges in der Reichshauptstadt ge schah, und die emporlodernde Begeisterung der Hei mat mitempfinden. Bitter war es freilich für uns, nicht mit unter dieser jubelnden, von heiliger Paterlandsliebe durch glühten Menge sein zu können. Wer aber hätte auch nur ahnen können, daß gerade, als wir uns an schickten, die Heimat zu verlassen, so Gewaltiges über Deutschland heraufzuziehen begann! Hätte man doch an jenem Tage des Mordes von Serajewo in die Zukunft blicken können! Nun hatte das Geschick meinen Mann und mich weit ab von den erschüttern den Ereignissen, nach Afrika, verschlagen, und es gibt eben doch Fügungen, bei denen man weder dem Schicksal widerstehen", noch ihm aus dem Wege gehen" kann. Doch fort mit diesen Gedanken! Auch hier in Afrika gibt s jetzt Arbeit für das Vaterland. Jetzt muß jeder seine Pflicht tun, wo und wie immer es sein wird. ^ Ani 1- August übermittelte das Kabel das Ulti matum Deutschlands an Rußland und seine Anfrage19 a Frankreich über dessen Stellungnahme. Wir waren keinen Augenblick im Zweifel, daß Frankreich, obgleich die äußere Kriegsursache es gar nicht un mittelbar berührte, die Gelegenheit benutzen würde, um den langersehnten Revanchekrieg zu führen. Was hatten also die gewiß aufrichtigen, aber weltfremden Bestrebungen der Anhänger eines ewi gen Friedens genützt? Nun hatten wenige Tage genügt, um einen furchtbaren Gegenbeweis zu er bringen. Lange blieb nicht Zeit zu solchem Grübeln. In den Vordergrund schob sich die Frage: Was bringt der Krieg uns und unserm Togo?" Das schmale Schutzgebiet liegt eingekeilt zwischen englischem und französischem Besitz. Noch war von Englands Be teiligung am Kriege nichts bekannt. Schwierigkeiten mit der englischen Goldküste, dem westlichen Nach bar, kamen also vorläufig nicht in Betracht. Aber wie würde sich Dahomey, das im Osten gelegene französische Gebiet, verhalten? Das war die Frage, die uns die nächsten Tage beherrschte. Amtliche Warnungen an alle Schiffe liefen ein. Dank dem neuesten Schnellnachrichtenmittel, der Fuu- kentelegraphie, die erst vor kurzem mit einer Küsten station Lome-Togblekovhe in Togo Einzug gehalten hatte, konnten die Warnnngsrufe etwaigen ahnungs los auf dem Meere schwimmenden Schiffen gefunkt" werden. Unser erster Sonntag in Afrika brach an. Noch lagen leichte Nebel auf dem Meer, als sich zahl reiche deutsche Männer durch das taufrische Kasua rinenwäldchen zur Gouverneurswohnung begaben Ernst und Spannung auf den Gesichtern. Auf dem großen Platze stellten sie und zahlreiche Eingeborene sich auf. Der stellvertretende Gouver-20 neur gab in feierlicher Forin amtlich Kenntnis von dem Ausbruch des Krieges zwischen Deutschland und Rußland, betonte den Ernst der Lage für unser Volk und die Kolonie, die schweren Opfer des Krieges an Gut und Blut, wies aber auch auf die sittlichen Kräfte und die Betätigung aller Mannestugenden im Kriege hin. Möge das anhebende Völkerringen das deutsche Volk stark und treu finden, bereit, mit seiner ganzen Kraft hinter seinem Kaiser zu stehen und ihm zu folgen." Wuchtig und stark in den prächtigen Tropenmorgen hinein erschallten die be geisterten drei Hurras auf den Kaiser. Andachts voll und ernst, aber frohgemut und kraftvoll er klang das alte deutsche Kampflied vom Rhein. Wie anders hatten wir uns den ersten Sonntag in der neuen Heimat gedacht! Es gab keine Zeit zur Erholung, zum Auspacken und Einrichten der Woh nung, noch zum Abstatten der Besuche. Mein Mann, der kaum die Amtsräume verlassen konnte, hatte eine Fülle dienstlicher Arbeit zu erledigen oder an Be sprechungen außerhalb des Hauses über die zu tref fenden Kriegsmaßnahmen teilzunehmen. Die einzige Ausspannung brachte der Dämmerschoppen" mit Damen im einzigen Wirtshaus in Lome bei einem Glas eisfrischen Bieres, das die Eleonore Woer- mann" noch glücklich überbracht hatte. Dort tauschte man die Ansichten über die Lage und die inzwischen eingegangenen neuesten Nachrichten aus. Die zum treuen Zusammenstehen auffordernde Ansprache unseres Kaisers vor den Reichstagsabge ordneten entfachte bei uns allen helle Begeisterung. Auch erlaugten wir jetzt schon Gewißheit über den Ausbruch des Krieges mit Frankreich. Hier nach mutzten wir auch mit Verwicklungen mit der benachbarten französischen Kolonie rechnen.Am 4. August gab unser Gouverneur (zugleich als Konsul für die englische Kolonie Goldküste und die französische Kolonie Dahomeh) bekannt, daß der Kaiser die Mobilmachung der gesamten Armee und Marine angeordnet habe. Erster Mobilmachungstag war der 2. Augnst, Die Personen des Beurlaubten standes, die sich im Schutzgebiet Togo und den er wähnten Nachbarkolonien aufhielten, wurden darauf hingewiesen, daß sie sich nach der Wehrordnung un verzüglich persönlich oder schriftlich zu melden hätten. Nun ging es an das kriegsmäßige Einkleiden der Europäer. Sie erhielten aus den bereitgehal tenen Beständen Seitengewehr mit Gürtel, Brot beutel, Feldflasche, Mütze und Gewehr Modell 71. Erwähnt sei, daß zur Ausrüstung der Polizeitrup pen noch Jnsanteriespaten, Beile und Beilpicken, Zeltbahnen und Haumesser mit breiter Klinge ge hörten, wie es der Buschkrieg bedingt. Togo besaß nicht, wie die übrigen afrikanischen Schutzgebiete, eine besondere Schutztruppe unter einer selbstän digen Koinmandostelle, sondern eine unmittelbar der Schutzgebietsverwaltung unterstehende Polizeitruppe. Ihre Zahl war nur gering? aber sie besaß einige Maschinengewehre. Mehr und mehr wurde in Lome das Bild krie gerisch. Schieß- und Reitübungen, Belehrungen über Aufklärung, Befestigungsarbeiten und die Eigen arten des Buschkrieges fanden statt. Inzwischen wurde über unseren östlichen Grenz ort Anecho bekannt, daß der Rückkehr der Ange stellten von Togofirmen aus Dahomeh Schwierig keiten gemacht, die aus Dahomeh herrührenden Post sendungen nach Togo nicht befördert wurden und auch sonstige Hemmnisse im Nachrichtenverkehr mit diesem Gebiet eingetreten seien. 2l22 Da traf am 4. August abends die Meldung ein, daß England an Deutschland den Krieg erklärt habe; Grund: weil Deutschland unter Verletzung der Neu tralitätsakte in Belgien eingerückt sei. Unsere Ahnun gen waren also Gewißheit geworden. Deutschland stand einer Welt von Feinden gegenüber. Auch unsere Lage im kleinen Togo war dadurch, wie wir uns nicht verhehlen konnten, weit bedenklicher ge worden. Schon machten sich Anzeichen dafür bemerkbar, daß der Krieg sich auch auf das Meer ausdehnen würde. London gab Warnungen an die britischen Schiffe. Jetzt war auch zu befürchten, daß Eng land seine Herrschaft zur See dazu ausnützen würde, die deutschen Unterseekabel zu zerstören und die nichtdeutschen Unterseeverbindungen nach den deut schen Schutzgebieten aufzuheben. Wie lange würde unser Togokabel noch betriebs fähig sein? Am Tage nach der englischen Kriegserklärung, am 5. August, erfolgte die Verhängung des Kriegs zustandes über das Schutzgebiet Togo. Sämtliche Personen des Beurlaubtenstandes und des Land sturmes standen zur Verfügung des Gouverneurs und wurden den Gesetzen unterworfen, die für den Kriegszustand erlassen sind. Die Grenzen des Schutz gebietes wurden geschlossen, der Post- und Tele graphenverkehr auf offene Postsendungen mit Mit teilungen nur in offener deutscher Sprache und Tele gramme in ebensolcher Sprache beschränkt. Da kam auch schon noch schneller als man erwartet hatte von der Kabelstätion Teneriffa die Meldung, das Togokabel sei auf seiner ersten Strecke, Emden-Teneriffa, zerschnitten worden. Also doch! Die Engländer arbeiten schnell! Nun stockteder Telegrammverkehr nach Europa auf dem ge wöhnlichen Wege völlig. Welch ein Glück, daß unsere Riesen-Funkenstation im Innern Togos, in Kamina, vor kurzer Zeit glücklich fertig gestellt worden und so durch die Luft Verbindung mit Ber lin (Nauen) weiter möglich war. Jahrelanger Vor bereitungen hatte es bedurft, ehe das herrliche Werk, das die gewaltige Entfernung von 6WV Kilometern ohne Leitung zu überbrücken vermochte, glücklich voll endet worden war. Mit ihm war Deutschland auch auf diesem Gebiete des Weltverkehrs au die erste Stelle getreten. Gerade rechtzeitig war es beendet worden, um in diesen wichtigen Zeiten hervorragende Dienste zu leisten. Äm Abend desselben 5. August fielen gegen zehn Uhr an der englischen Grenze drei Schüsse. Darauf große Unruhe in Lome und Alarm. An der Grenze war jedoch nichts Verdächtiges zu bemer ken gewesen, wie die zurückkehrenden Streifposten meldeten. Allmählich wurde es auch mir schwerer, meine Unruhe zu meistern, denn ein Krieg im Lande der Schwarzen, wo der Feind von links oder von rechts oder womöglich zugleich von beiden Seiten in kür zester Zeit Plötzlich erscheinen kann, hatte für mich als Frau, die soeben erst aus Deutschland gekom men war, doch etwas Unheimliches. In den Nächten, wenn mein Maiin im untcrn Stockwerk arbeitete, fand ich, angekleidet auf dem Bett liegend, keinen Schlaf, zumal das ungewohnte Brausen der gewaltigen Meeresbrandung aus unmittelbarster Nähe herüber tönte. Der neue Tag beginnt. Was wird er bringen? Die Dinge stehen jetzt hier für uns auf des Messers Schneide. Eine dumpfe Ahnung lagert auf deu.DM24 mütern, daß die Entscheidung naht. Von den Grenzen laufen zwar beruhigende Nachrichten ein. Aber Dahomeh verweigert die Abnahme der Tele gramme aus Togo; weitere Versuche zur Beförde rung müssen als zwecklos aufgegeben werden. Fremde Schiffe befinden sich unweit Togos auf dem Meere, wie man sunkentelegraphisch wahrnimmt. Die Nachbarstation Monrovia meldet auf dem Kabel, daß im Kanal der deutsche Kabeldampfer Stephan" die englischen Kabel zerschnitten, Eng land also keine telegraphische Verbindung mehr mit dem Festlande habe, und daß er sich bis Vigo an der spanischen Westküste durchgeschlagen habe. Bravo, Stephan! Du hast so manches, dar unter auch unser Togo-Kabel gelegt. Nun hast du, wenn auch auf andere Art, dem Vaterlande wie derum treffliche Dienste geleistet." Der Tag vergeht schnell in anhaltender Tätig keit. Sollte er zu Ende gehen, ohne die Entscheidung zu bringen? Ein kurzer Spaziergang am Strand und ein Glas deutschen Bieres in der Dämmerstunde soll eine Pause in der Arbeit meines Mannes sein. Eben biegen wir in die Straße ein, als wir aus dem Lokal den stellvertretenden Gouverneur ernst und eilig heraustreten und in einen draußen haltenden Kraftwagen einsteigen sehen. Wir hören am Stamm tisch, er sei zum Verwaltungsgebäude gerufen. Warum, weiß niemand. Bald darauf wird eben dahin der Führer der Polizeitruppe gerufen. Trotz der Siegesnachrichten aus der Heimat sind wir alle in banger Erwartung. Still und ernst begeben wir uns in unsere Wohnung. Bei Tisch dieselbe Stille und Schwüle.25 Die Speisen werden kaum berührt, jeder ist mit seinen Gedanken stark beschäftigt. Da stürzt jemand plötzlich die Treppe herauf, hastig, aufgeregt. Wir springen auf und hören von dem Ankommenden die atemlos hervorgestürzten Worte: Alles soll um nenn Uhr vor dem Verwal tungsgebäude sein. Englische Unterhändler sind hier gewesen. Lome soll sofort geräumt und dann über geben werden!" ^ ^ Mechanisch sehen wir nach der Uhr: 8 Uhr 20! vierzig Minuten müssen alle Privatsachen zur Abreise fertig gemacht, die amtlichen Bestände von meinem Mann verpackt sein, und obedrein haben wir einen Weg von fünfzehn Minuten zu gehen! Das ist ja unmöglich! Doch schnell, schnell! An die Arbeit! Ich höre meinen Mann rufen: Mach du die Privatsachen mit den Jungen fertig. Ich mich hinunter. In zwanzig Minuten muß alles fertig sein!" Das Allernotwendigste suche ich schnell zu sammen. Mein Mann hängt das Gewehr um, steckt die Browning in die Tasche und nun geht es hinaus in die Nacht, so schnell als möglich zum Verwal tungsgebäude, vor uns die ganz verschüchterten Die ner mit den wenigen Koffern und den Behältnissen für die amtlichen Sachen. Eine große Versammlung der Europäer. Schnell und stumm werden die Bekannten be grüßt. Von Eingeweihten hört man, daß zwei eng lische Unterhändler, Eaptain Barker und Distriet- Commifsioner Newlands, hier waren und mit dem Gouverneur, dem stellvertretenden ersten Referentenund einem Herrn des Gouvernements verhandelt haben. Da erscheint der Gouverneur und berichtet über die Besprechung mit den englischen Unter händlern. . Wir in unserem kleinen Schutzgebiet fin den uns jetzt nach der englischen Kriegserklärung einer Welt von Feinden, einer Macht gegenüber, die vom Senegal bis Aegypten reicht. Wir können Lome nicht verteidigen, müssen es dem Feind überlassen. Aber das Neichs-Kolonialamt hat zweimal befohlen, die Funkenstation Kamina zu schützen, die für uns, besonders für die Schiffahrt und für unsere anderen afrikanischen Schutzgebiete wertvoll ist. Dieser Wei sung gemäß müssen wir Kamina verteidigen. Lome soll nach den Vereinbarungen mit den Engländern nach Ablauf einer Frist von 24 Stunden über geben werden. Herr Bezirksamtmann C. wird die Stadt übergeben. Ich selbst werde mit den Euro päern morgen im Lause des Tages nach Kamina fahren. Die Abfahrtzeiten der einzelnen Züge wer den noch bekanntgegeben. Die Frauen bleiben in Lome zurück; auch die Schwestern müssen hier blei ben. Ich stelle es aber den verheirateten Männern frei, zum Schutze ihrer Frau zurückzubleiben und entbinde sie ausdrücklich von dem Befehl, nach Ka mina zu gehen." In manchem Gesicht zuckt es, mancher Mund bebt, und die Augen flackern angesichts dieser plötz lichen und vielfach unerwarteten Wendung der Dinge.... Die Menge verstreute sich. Weit langsamer wie vorher begaben wir uns in unsere Wohnung zurück, zusammen mit nnsern Jungen, die sich freuten, daß es wieder nach Hause ging. Nun konnte man wenig stens noch in Rnhe seine Sachen ordnen packen, 2ö27 Die Unterhaltung war karg: mein Mann und ich fühlten, ohne ein Wort darüber zu verlieren, daß wir immer wieder auf dieselben Gedanken zurück kamen, die ihren Ausgangspunkt bei den oben ge hörten Worten hatten: Ich stelle es den verheirateten Männern frei, zum Schutze ihrer Frau hier zu bleiben!" Meinem Manne gebot die Pflicht als Offizier, mit den übrigen Europäern nach Kamina abzu rücken. So blieben wir nur noch wenige Stunden bei sammen. Aber auch diese wurden reichlich von Arbeit ausgefüllt. Ich ordnete unsere Privatsachen, machte für meinen Mann einen Koffer zurecht und warf zuweilen in die unteren Räume einen Blick. Auch dort sah es schon recht nach Umzug aus. Jeder arbeitete eifrig sein Pensum ab. Der sammelte dies, der ordnete das, der verpackte dieses, der verbrannte jenes. J,l ein bequemes, warmes Nest sollte sich doch der Feind nicht setzen! Ein Beilhieb in das sonst so sorgfältig behütete Telegraphengerät, herunter mit den Drähten! Durch Fernsprecher wurde die Zerstörung der funkentelegraphischen Küstenstation angeordnet. Auch die neben den Posträumen untergebrachte Kabel station mußte ein Opfer des Krieges werden. Der Morgen graute schon, als mein Mann her aufkam. Auch ich hatte infolge des Lärms auf der Hamburger Straße vor unserem Hause keinen Schlaf gefunden. Denn viele Eingeborene luden aus den Faktoreien zur Mitnahme nach Kamina Lebens mittel in die auf den Gleisen herangeschobenen Eisenbahnwagen, und diese Arbeit der Schwarzen wurde von ihrem unaufhörlichen Gesangs begleitet.28 Am nächsten Morgen löste sich die brennende Frage, wo ich selbst bleiben sollte, schneller und be friedigender als wir gedacht. Ich wurde zusammen mit der Frau eines anderen Reserveoffiziers von dem die Uebergabe Lomes leitenden Bezirksamtmann C. in seinem gastfreien Hanfe in liebenswürdigster Weise aufgenommen, obgleich er selbst alle Hände voll zu tun und mit seiner Mission viele Weite rungen und Verdrießlichkeiten hatte. Eine große Sorge war von uns und unseren Männern genom men worden. Und nun die letzte Mahlzeit in unserem sonst so gemütlichen Eßzimmer. Sie verläuft still, ohne daß wir viel von den Speisen berühren. Jeder ist mit sich beschäftigt. Ein paar Bekannte, die zurück bleiben, kommen hinzu. Die Unterhaltung will, trotz manches energischen Versuches zu einem Scherzwort, nicht recht in Fluß kommen. Dann geht s zum Bahnhof. Zahlreiche Euro päer streben dem gleichen Ziele zu, begleitet von ein geborenen Dienern, die mit Handgepäck reichlich be laden sind. Gaffend sehen zahllose Schwarze dem Auszug der bisherigen Herren nach. Ein bitteres Gefühl kommt doch trotz allen Bestrebens, es zu unterdrücken, in uns Frauen aus, daß wir sehen müssen, wie unsere Männer jetzt gewissermaßen Spießruten durch die Reihen der Eingeborenen lau sen müssen. Wir wissen ja, wie schwer es unsern Männern ist, ohne Schwertstreich die Hauptstadt der Kolonie dem Feinde preisgeben zu müssen. Man plaudert so harmlos als möglich mit den Abreisenden. Das Signal zum Einsteigen! Leb wohl, leb wohl! Auf Wiedersehen, wenn es so bestimmt ist." Schnell schluckt man die Rührung hinunter.Der Zug setzt sich in Bewegung, Da stimmt einer das alte, liebe Lied: Deutsch land, Deutschland über alles" an, und ein Ruck geht durch die Scheidenden. Kräftig erschallt die Weise, von Abfahrenden und Zurückbleibenden gesungen. Man sieht es den Schwarzen an, dus wirkt auf sie, und einige von ihnen beteiligen sich am Singen des ihnen aus der Schule bekannten Liedes. Noch ein langer, tiefer Blick, ein Winken und wir sind allein. Durch die Verhandlungen mit den englischen Unterhändlern war das Schutzgebiet Togo in Wirk lichkeit in den Kriegszustand eingetreten. Es war an zunehmen, daß der Feind bald in die von unseren Truppen geräumte Hauptstadt einrücken würde. Da mit der sofortigen Besetzung des Postgebäudes zu rechnen war, mußte ich darauf bedacht sein, möglichst unser Eigentum zu borgen. Mit Unterstützung eini ger treuer farbiger Hilfsbeamten übergab ich die gepackten Koffer der mir bekannten Frau des Präses der Norddeutschen Mission, die freundlicherweise das Unterstellen gewährte. Dann begaben wir zwei Frauen uns in unsere neue Wohnung. Z021 Die Uebergabe der Stadt fand genau nach Ab lauf der gestellten Frist an die Unterhändler vom Abend zuvor statt. Der Bezirksamtmann C, über gab das Eigentum des Gouvernements sowie die Schlüssel zum Postgebäude, das sofort militärisch besetzt wurde. Der Feind ging sogleich tatkräftig Werk, die zerstörten Telegraphen- und Fern sprechanlagen wieder betriebsfähig zu machen. Der Eintritt in unsere Wohnräume wurde mir nur gegen Ausweis gestattet. Besonders hier, wo wir selbst noch gestern regiert hatten, gab es mir einen Stich, die neuen Herren schalten und walten zu sehen, so gar unter Zuhilfenahme unseres früheren deutschen Eingeborenenpersonals. Am nächsten Tage, den 8. August, 9 Uhr 3V vor mittags, wurden alle in Lome noch anwesenden Weißen Männer vor das Verwaltungsgebäude be fohlen. Die Engländer gaben die Uebernahme amt lich bekannt und machten allgemeine Ruhe zur Pflicht. Alle Waffen mußten abgegeben werden. Die beiden Unterhändler waren zu Mittag Gäste des Bezirksamtmanns C. Die Unterhaltung war in dieser traurigen Stunde natürlich recht flau und die Stimmung unter uns drei Deutschen sehr gedrückt. Im weiteren Verlauf ihrer Anwesenheit in Lome bahnte sich, durch geschäftliche Dinge ver anlaßt, allmählich ein näherer Verkehr an, zumal die Engländer in dieser damaligen Zeit das herbe Schicksal der Deutschen Rücksicht zu nehmen bestrebt waren. Am Abend dieses ersten Tages, an dem Lome unter der neuen Herrschaft stand, kamen 15l) Mann englische Truppen von der Goldküste an, die zu nächst zur Ausrechterhaltung der Ordnung und zur Sicherheit verwendet werden sollten. Das war drin-gend nötig; denn die öffentliche Ordnung war nach dem Abmarsch der Deutschen und der Polizeitruppe durch die Eingeborenen, die sich plötzlich ganz ohne Aufsicht fühlten, stark gestört worden. Schon in der ersten Nacht hatten die Haussahs die Häuser des außerhalb der Stadt gelegenen Truppenlagers ge plündert. Es verging keine Nacht, in der nicht Ein brüche in den von den Eigentümern verlassenen Häusern verübt wurden. Darnm ließen auch wir von jetzt ab ständig nachts zwei handfeste Einge borene in unserem Hauseingang wachen. Außer dem leistete unser treuer, wachsamer Hund Fafner beim Hüten der Schätze gleich seinem sagenhaften Namensvetter um so wertvollere Dienste, als wir ja keinerlei Waffe mehr im Hause hatten. Ein Hoffnungsschimmer leuchtete in die trübe Stimmung dieses ersten Tages der Besetzung Lomes hinein. Das Gerücht verbreitete sich, deutsche Kriegs schiffe seien nach Togo unterwegs. Wie oft standen wir wartend am Stand! Vergeblich! Die englische Herrschaft über die Hauptstadt Togos trat mehr und mehr in die Erscheinung. Das ungewisse Schicksal der zurückgebliebenen deutschen Männer entschied sich mit verblüffender Schnellig keit. Es wurde der Befehl erteilt, daß alle Militär dienstpflichtigen mit Ausnahme der Landsturm leute auf einem soeben angekommenen Dampfer mit ihren Frauen wenige Stunden später nach der Goldküste zu bringen seien. Die Aufregung unter den Betroffenen war natürlich groß! Nun blieben außer uns Dreien nur noch wenige Deutsche zurück. So einsam es war, es gab doch Unruhe und Zerstreuung genug. Vor unserem Hause erschienen dauernd Eingeborene mit Wünschen an den Bezirksamtmann. Der eine war in Sorge um Z2sein Guthaben auf der Sparkasse; ein anderer wünschte die bei der plötzlichen Abreise seines Herrn vergessene Zahlung seines Dienerlohns; hier wollte ein Waschmann die Wäsche eines Abgereisten ablie fern; andere brachten ihre Sorgen um die Zukunft vor und alles mit der den Eingeborenen eigentüm lichen Weitschweifigkeit und Wiederholungssreudig- keit! Angesichts der immer wiederkehrenden Ein brüche ergab sich für uns beide Frauen die Pflicht, wenigstens das Wertvollste der von unseren Lands leuten zurückgelassenen Sachen zu bergen. Wir pack ten und packten unermüdlich. Für mich, als den afrikanischen Neuling, hatten besonders die Nächte etwas Unheimliches, weil ich beim Hören der johlend, pfeifend und singend, in angetrunkenem Zustand die Straßen entlang zie henden englischen farbigen Soldaten fürchtete, daß dieses zügellose Volk auch unser Haus trotz unserer Wache einmal nicht unverschont lassen würde. Aber alle diese Dinge traten zurück vor der steten bangen Frage: Wie steht es oben in Kamina?" Seit der Abreise unserer Männer hatten wir keiner lei Nachrichten von ihnen und konnten in der nächsten Zeit auch auf keine rechnen. Es wurde nur gemeldet, daß eine kleine deutsche Abteilung eine Brücke nörd lich von Lome gesprengt habe. Der Feind hatte bisher nur Lome erobert". Nun machte er energische Anstalten, auch das übrige Gebiet der Kolonie zu besetzen. Am 13. August kam ein neuer englischer Dampfer mit 300 farbigen Soldaten und am folgenden Tage ein weiterer an; ein dritter führte Träger mit sich, eine wüste, lärmende, schmut zige Horde. Auch ein winzig kleiner Dampfer, der die französischen Farben trug, ging einmal in Lome vor Anker. z 3Z34 Mit einem der englischen Dampfer war der Lt. Colone! Brhant gelandet. Er trat in Lome mit der selben Schärfe auf, wie nach den späteren Erzäh lungen nachher in Kamina und Atakpame. Sogleich nach seinem Eintreffen erhob er den Vorwurf, daß die Deutschen, namentlich der Gouverneur, die bei den Unterhandlungen über die Uebergabe Lomes ge troffenen Vereinbarungen nicht gehalten hätten. Nicht die Deutschen, sondern die Engländer waren es, die sich nicht an die Vereinbarungen hiel ten. Obgleich unbedingte Schonung des Privateigen- . tums zugesichert worden war, bemerkten wir, daß Lebensmittel aus den Faktoreien in bereitstehende Wagen eingeladen wurden. Mir erschien es damals, in der ersten Zeit des Krieges, wo man sich von seiner unvermeidlichen Härte noch keine rechte Vor stellung machte, ganz ungeheuerlich, daß der Oberst den Wein des nach der Heimat beurlaubten Gouver neurs aus dessen Keller fortschaffen ließ, und vor allem, daß er auf einen verschlossenen Geldschrank im Verwaltungsgebäude, um ihn zu sprengen, neun scharfe Schüsse abgeben ließ, von denen unser in der Nähe gelegenes Haus widerhallte. Unter Brhants Befehl rückten die Truppen mit den Trägern auf der inzwischen von den Engländern wieder betriebsfähig gemachten Eisenbahn nach Nor den ab wir wußten, sie gingen in den Kampf gegen unsere Kamina-Verteidiger. Von der Goldküste waren noch eingetroffen: der Captain Bettington mit Frau, der als Base-Com- mandant" in Lome blieb, und ein englischer Arzt, der das Krankenhaus übernahm. Da kam endlich es war am Sonntag den 16. mittags die erste Nachricht von unseren Togo- Kämpfern. Bei Tsewie, 40 Kilometer nördlich von35 Lome, hatte ein Gefecht stattgefunden, das angeblich so unglücklich für uns verlaufen sein sollte, daß wir es nicht glauben mochten. Schließlich fragte ich die Engländer. Sie sagten, 18 Europäer seien gefangen genommen, drei tot, ein Eisenbahnzug mit zwei Lo komotiven und ein Maschinengewehr erbeutet. Un fern Schreck kann man sich denken! Wenn es wahr wäre, so bedingte dieser Verlust eine erhebliche Ver minderung unserer an sich schon an Menschen und Material so winzigen Verteidigungsstärke. Etwas Wahres mußte aber daran sein, denn noch am Abend wurden tatsächlich die beiden ersten Gefangenen nach Lome gebracht. Am anderen Morgen bei Tages grauen bereits schiffte man sie auf einen englischen Dampfer ein, der vor der Landungsbrücke lag. Es war unmöglich gewesen, sie zu sprechen. Bald kamen weitere Gefangene durch Lome. Wir wurden gebeten, für einen Offizier sogleich einen Koffer mit Wäsche und Kleidung fertigzustellen und an die Landungs brücke zu schicken. Eiligst begleiteten wir den Koffer träger dorthin, um einen der gefangenen Lands leute möglichst selbst sprechen zu können. Aber alle waren schon eingebootet und es hieß trocken: No communieation!" Trotzdem konnten es die Engländer nicht ver hüten, daß höchst erfreuliche Nachrichten aus Deutsch land, die in Kamina drahtlos aufgenommen waren, Zu unfern Ohren gelangten: Lüttich sei von den Deutschen erstürmt, die Franzosen seien aus Mül hausen (Elsaß) von zwei deutschen Divisionen wie der herausgeworfen worden usw. usw. Im Gegensatz dazu stand freilich die inzwischen bestätigte Nachricht von dem Verlauf des Ge fechtes von Tfewie: Die Zahl der gefangenen Euro päer belief sich auf siebzehn. Aber erfreulicherweise25 war nur einer tot, Hauptmann Pfähler, der auf dem Marktplatz von Agbeluvhoe im Kampfe für die Togosache sein Leben lassen mußte. Zwei Verwun dete und ein Fieberkranker wurden in das Lomer Krankenhaus eingeliefert und konnten uns, da wir sie besuchen durften, noch mancherlei von Kamina erzählen. Das Schiff, die Obuafi", an das sich noch für uns und viele andere deutsche Kriegsgefangene herbe Erinnerungen knüpfen sollten, blieb nicht lange vor Lome liegen. Es dampfte nach der Goldküste ab, wo seine unfreiwilligen deutschen Fahrgäste zunächst untergebracht wurden. Unsere Ungeduld über das Ergehen unserer Männer steigerte sich nun von Tag zu Tag. Endlich mußte man doch nun einmal eins Nachricht erhalten! Aber ein Tag verging nach dem andern und immer wieder nichts! Das war für uns um so besorgnis erregender, als wir wahrnahmen, daß die Engländer jetzt mit allen verfügbaren Kräften gegen Kamina vorstoßen wollten. Sogar die in Lome für Sicher heitszwecke zurückgelassenen Soldaten wurden nun nach Norden in Marsch gesetzt. An ihre Stelle trat eine aus einheimischen Freiwilligen unter Führung des Sohnes des reichen Pflanzungsbesitzers Olhm- pius zusammengestellte Polizeitruppe, deren einzige Waffe Knüttel bildeten. Besonders niederdrückend in dieser Zeit angst vollen Wartens war die von den Engländern be kannt gegebene Kriegserklärung Japans an Deutsch land. Ja, England versteht meisterhaft die Einkrei sung seines gefürchteten Nebenbuhlers!. Wahrschein lich werdet Ihr habgierigen Gelben Euch nun gleich auf unsere deutsche Perle im fernen Osten stürzen, wie es Eure Bundesgenossen auf unsere Westafri-37 kaliische getan haben. Aber dort wird man Euch anderen Widerstand zeigen können! Schon jetzt empfanden wir, wie später so oft während der langen Kriegsgefangenschaft, jene see lische Qual, die der Feind durch die Verbreitung allerlei für unser Vaterland ungünstiger Gerüchte verursachte, die der von der Außenwelt völlig ab geschnittene Gefangene nicht nachprüfen kann. So wurde uns von einer großen deutsch-englischen See schlacht berichtet, in der 25 deutsche und neun eng lische Kriegsschiffe vernichtet worden seien. Damit wäre die deutsche Flotte so gut wie verschwunden. Diesmal wurde allerdings die Hiobspost drei Tage später widerrufen. Die englische Flotte sollte jetzt vor Rotterdam liegen. Zwischen Metz und Ver tun wäre eine große Schlacht im Gange, über deren Ausgang aber nichts bekannt sei. Auch der Name des später durch seinen Untergang so vielgenannten Riesenschiffes Lufitania" tauchte schon damals aus: sie sei von zwei deutschen Kreuzern verfolgt wor den, habe aber dnrch Funkspruch rechtzeitig Hilfe in Gestalt zweier Kriegsschiffe herbeirufen können, die die deutschen Kreuzer vernichteten. Von Kamerun, so nahe es gelegen war, hörten wir im besetzten Lome im Gegensatz zu unseren Landsleuten im hinüberfunkenden Kamina so gut wie nichts; nUr daß die Woermann-Dampser im Hafen von Dnala zur Sperrung der Einfahrt ver senkt worden seien. Ob unsere Eleonore" auch dar unter ist? Erholung und ein wenig Ablenkung von den sorgenden Gedanken an Kamina gewährten die abendlichen Spaziergänge, wenn sie auch in ihrer Ausdehnung durch die Engländer recht beschränkt wurden. Zu Besuchen der kriegsgsfangenen Lands-28 leute im Krankenhaus boten sie freilich keine Ge legenheit mehr, weil der Zutritt zu dem Kranken hause verboten wurde. So mußte man eine Unter haltung auf Entfernung erfinden. Aber auch diese war für mich von größtem Wert. Denn ich er fuhr dadurch manche Einzelheiten von Kamina und vor allem zum ersten Male etwas Näheres von mei nem Mann. Er hatte Aufklärungsfahrten im Kraft wagen und zu Pferd unternommen, war immer glücklich zurückgekehrt und gesund Eines Tages drang auch auf demselben Wegs eine wichtige Nachricht an mein Ohr. Wiederum hatte ein größeres Gefecht stattgefunden, das zwar nicht völlig siegreich für uns gewesen war, aber doch den Vormarsch des Feindes aufgehalten und ihm erhebliche Verluste zugefügt hatte. Wieder mehrere Tage ohne jede Nachricht aus .dem Inneren. Wir wußten, daß der Schauplatz dieses letzten Gefechtes an der Ehra nur 38 Kilo meter von Kamina entfernt war. Ueberdies waren starke englische Truppenabteilungen vom Westen her, von der Landseite, im Anmarsch auf Kamina ge meldet; und vom Dahomeh-Gebiet sollten auch die Franzosen heranrücken. Nach menschlichem Ermessen war es ausgeschlossen, daß unsere schwachen Vertei digungskräfte einer solchen Uebermacht gegenüber sich würden behaupten können, zumal der Feind weit besser ausgerüstet war, sogar mehrere Geschütze zur Verfügung hatte. Kaminas baldiger Fall schien uns unvermeidlich. Und mit diesem war, wie man sich sagen mußte, das Schicksal des ganzen Schutzgebietes besiegelt. Am 27. August mittags kam denn auch die Kunde an, daß Kamina übergeben worden sei.Gewiß, es war zu erwarten gewesen, aber nun die Tatsache feststand, war man doch schmerzlichst berührt. Also war nun auch mein und meines Mannes Traum von einer neuen Heimat hier drau ßen zerronnen Was wird nun aus uns werden? Am nächsten Tage, den 28. August, ging das englische Kriegsschiff Cumberland" und das Ka nonenboot Dwarf" in Lome vor Anker, und abends kam die Obnasi" zurück, die den Gouverneur der Goldküste, Sir Hugh Clifford, an Bord hatte. Am Strande stehend hörten wir die 17 Kanonenschüsse, die zu seiner Begrüßung unter jedesmaliger heftiger Er schütterung des feuernden Schiffes abgegeben wur den. Der Aufenthalt des Gouverneurs in Lome war nur kurz. Zwei Tage vergingen wieder. Da kamen am Sonntag, den 3V. August, die ersten Kamina-Ver- teidiger in Lome an nach 23tägiger Abwesenheit jetzt als Kriegsgefangene. Welche Gefühle mochten die Brust unserer Landsleute durchziehen, als sie durch die Reihen der gaffenden Neger hindurch mußten! Zu langem Nachdenken blieb keine Zeit. Die Offiziere und einige andere wurden sofort an Bord der Obuasi" gebracht, die nach Lome zurück gekommen war, um die deutschen Kriegsgefangenen aufzunehmen. Die übrigen blieben eine Nacht im Gebäude der Woermann-Linie. Mit ihnen zu sprechen, war streng verboten; es war uns nur möglich, ihnen zuzuwinken und einige kurze Begrüßungsworte zu zurufen. Dabei erfuhr ich wenigstens, daß mein Mann wohlbehalten sei, aber vorläufig noch von den Engländern in Atakpame, unweit Kamina, festge halten würde. R40 .Immerhin war aus sein baldiges Kommen zu rechnen, und dann würden wir Wohl bald Togo verlassen. Meine Tätigkeit der nächsten Tage bestand daher darin, unsere fest verpackten europäischen Klei dungsstücke wieder einmal zu lüften und zu sonnen und dann aufs neue zu verpacken, um für den Fall einer plötzlichen Abreise gerüstet zu sein. Am letzten Tage des so ereignisreichen August- Monats hörten wir auch noch Näheres über das zu künftige Geschick unseres geliebten Togoländchens. Togo sollte zwischen den beiden Eroberern" geteilt, das Gebiet westlich der Linie Lome-Atakpame (End punkt der Jnlandseisenbahn, 160 Kilometer nördlich der Küste) sollte englisch, das östlich davon gelegene französisch werden. So waren die vorläufigen Ver einbarungen. Die Verwaltung sollte ganz im deut schen Sinne unter möglichster Vermeidung von Aenderungen weitergeführt werden. Bei einer Rück sprache mit dem Bezirksamtmann C. legte übrigens der Gouverneur von Dahomeh großen Wert darauf, Herrn C. zu versichern, daß die bekannt gewor denen Räubereien und Schäden im besetzten Gebiet nicht auf französischen Befehl gefchehen feien, und sagte Untersuchung und Bestrafung der Schul digen zu. Ein neuer Transport von kriegsgesangenen Landsleuten kam aus dem Innern an. Sie wurden sogleich auf den Dampfer übergeführt. Da ich be stimmt glaubte, mein Mann sei darunter, erbat ich mir einen Erlaubnisschein zum Betreten des Schiffes, erfuhr aber bereits auf der Laudungsbrücke von meines Mannes Beamten kurz, daß er vorerst noch zurückbehalten würde, weil die Engländer ihn wegen angeblich vernichteter oder beiseite geschaffter Nach richtenmittel endlosen Verhören unterwarfen.41 Herrn C, war es erfreulicherweise auch gestattet, sich seiner Landsleute auf dem Dampfer anzuneh men. Eines Tages warteten wir vergeblich auf seine Rückkehr von der Obuasi". In der Mittagsstunde hatten wir plötzlich anhaltendes Ertönen der Sig nalpfeifen vom Schiff her gehört, konnten uns aber weder dies noch sein Ausbleiben erklären. Als er endlich spät nachmittags zurückkehrte, erfuhren wir den Grund: die Crewbohs des Schiffes hatten ge meutert und konnten erst durch die mittels der Alarmsignale vom Lande herbeigerufenen Soldaten nach Verprügelung der Rädelsführer zur Ruhe ge gebracht werden. Auch wir Frauen konnten unseren kriegsgesan- genen Landsleuten auf der Obuasi" mancherlei kleine Dienste erweisen, z. B. Wäsche und Kleider hinüberschicken. Die Sachen durch englische Offiziere genau nachgeprüft. Bei einer solchen Ge legenheit ging auch ich einmal mit auf das Schiff. Dieses machte äußerlich keinen schlechten Eindruck, nur waren die Naumverhältnisse schon jetzt, wo noch ein Teil der Gefangenen fehlte, recht beschränkt. Am meisten wurde über das mangelhafte Essen und das schlechte und zu knapp bemessene Trinkwasser geklagt. Diese Wünsche machte Herr E. zum Gegenstand einer Eingabe beim Base -Commandantsn. Eine angenehme Auffrischung brachte für mich in dieser Zeit des Wartens auf meinen Mann eine Fahrt im Kraftwagen, zu der mich ein Schweizer, der Vertreter einer in Lome ansässigen Firma, ein lud. So hatte ich Gelegenheit, wenigstens einmal einen Blick auf die hübsche Umgebung Lomes zu werfen. In behaglichem Tempo ging es durch den botanischen Garten, in dem die mannigfaltigsten Tro penbäume vertreten waren, dnrch das Bett der zur-42 zeit ausgetrockneten Lagune, dann um den ganzen Ort Lome herum und am Strande des brausenden Meeres entlang. Wie anders war alles gekommen, als wir es uns gedacht. Als Kriegsgefangene, ohne meinen Mann, lernte ich die Umgebung unserer in fremde Herrschaft übergegangenen Togohauptstadt kennen. Neue Eindrücke hatte ich zwar in Fülle erhalten, aber sie waren vom Kriege veranlaßt und daher weit anders, als ich hatte voraussehen können. Bald war die nahe Grenze erreicht und der Denu überschritten. Damit waren wir in der eng lischen Nachbarkolonie angekommen. Hier besichtig ten wir die Niederlage der Firma, und ich hatte Gelegenheit, die Verarbeitung der Kokosnüsse in Augenschein zu nehmen und durch sachkundige Er klärungen kennen zu lernen. Die Rückfahrt erfolgte an dem Negerdorf Kwadjovekove vorbei, das, auf deutschem Gebiet liegend, fast die Grenze erreicht und seinen Namen (Schweinedorf) von der großen Schweinezucht des Ortes hat. Am Strande waren Eingeborene damit beschäftigt, ihre Netze zu trock nen, andere fuhren durch die Brandung hinaus auf Fischsang. Endlich, am 1. September abends, bekam ich durch einen ins Krankenhaus eingelieferten Ver wundeten einige Zeilen von meinem Mann das erste unmittelbare Lebenszeichen seit all den Wochen Er hoffte, nun auch bald wie seine übrigen Kame raden zur Küste zu kommen. Erst später bei seiner Rückkehr erzählte er mir das Nähere über seine Erlebnisse im Hinterland und vor allem über die Gründe seiner befremdlichen Festhaltung. Am 3. September brachte der Zug den stell vertretenden Gouverneur und einen Bezirksamt-4? mann, die gleichfalls von den Engländern bis jetzt zurückgehalten worden waren. Mein Mann war noch nicht dabei. Da kam am 4. September mittags an mich und alle deutschen Frauen der Befehl des Base-Eomman- danten, sofort auf die Obuasi" überzusiedeln. Ich begab mich sogleich zu dem Oberstkommandierenden, Colonel Rose, der gerade eingetroffen war, um von ihm die Erlaubnis zu erwirken, erst meinen Mann in Lome abwarten zu dürfen, da ich sonst befürchten mußte, womöglich vor ihm mit dem Schiffe abzu dampfen. Er sagte mir dies freundlich zu, und so blieb ich in Lome, der weiteren Dinge harrend. Mancherlei Gerüchte über den Kriegsverlauf kamen uns wieder zu Ohren, schlechte und gute. Ein Engländer erzählte, die Japaner hätten Kiautschou genommen und wollten bald zahlreiche Truppen in Marseille landen. Königsberg und Danzig seien von den Russen genommen worden. Andererseits hieß es, die französische Regierung sei von Paris nach Bordeaux verlegt worden, und Reims sei gefallen. Es ist verständlich, daß man die letzteren Nach richten nur zu gern glaubte und die Zukunft durch aus rosig ansah, trotzdem man oder gerade weil man selbst in der wenig beneidenswerten Lage der Kriegsgefangenschaft war. Hofften wir doch nach diesen Siegen auf ein schnelles Ende des Krieges und damit aus unsere Befreiung.... Am 8. September nachmittags brachte mir ein Deutscher die Nachricht, daß mein Mann in Lome angekommen sei. Ich ließ mich schleunigst in der Rikscha zur Landungsbrücke fahren; aber als ich glücklich am Ende der Brücke ankam, wurde mein Mann schon mittels des Krans ins Boot hinabgelassen, weil der44 begleitende englische Offizier die Bitte, einen Augen blick zu warten, unbeachtet ließ. So konnten wir uns nur zuwinken! Auf Wiedersehen morgen auf dem Schiffe!" Ich sah, wie das Boot durch die in der Spät nachmittagssonne glitzernden, tiefblauen, weißgerän derten Wogen dahinglitt dem Kriegsgefangenen schiff entgegen.45 enoljzcken aefanaenen- ^cki^. Nun hatte ich die letzten Stunden in Lome verbracht. Mein Gepäck wurde durch einen englischen Offizier sehr genau untersucht. Erfreulicherweise ließ man mir mehrere Kisten mit Lebensmitteln, die uns später noch recht zustatten kommen sollten. Dagegen mußte ich meinen Bestand an silbernen Messern zu rücklassen, sie könnten als Waffe gebraucht werden". Ein herzliches Lebewohl und Dankeswort für alle Freundlichkeit und Gastfreundschaft! Dann hinab ins Boot ich hatte Lome verlassen und habe es bis heute nicht wieder betreten. Nach der langen Trennung gab es viel zu er zählen, und ich war ja besonders gespannt auf das,45 was mein Mann in diesen Kriegswochen erlebt hatte. Strapazen, Aufregungen und Entbehrungen hatte es, wie bei einem solchen Buschkrieg erklärlich ist, genug gegeben. Glücklicherweise war unsere Ver teidigerschar, obwohl sie vielfach mit den Eingebo renen in einem knapp bemessenen Raum in engster Berührung hauste und eine Tropenhhgiene oft nicht durchführbar war, von größeren und allgemeineren Erkrankungen verschont geblieben. Die verfügbare Verteidigungskraft mit 15V, vielfach nicht ausgebil deten Europäern und etwa 400 farbigen Soldaten war nach Zahl, Bewaffnung und Kriegsausbildung geradezu beängstigend dürftig. Dabei bedeckte das eigentliche Verteidigungsgelände der Riesenstation, die nach allen Seiten offen und ungeschützt war, infolge des von neun Türmen getragenen, sich weit hin erstreckenden Luftleitergebildes und der weit aus einander gelegenen Stationsgebäude (Maschinen-, Maschinisten-, Empfänger-, Ingenieur-, Telegra- phisten- usw. Haus) einen so großen Flächenraum, daß man zum Besetzen einer das ganze Gebiet um spannenden Verteidigungslinie etwa 6000 Mann mit entsprechender Bewaffnung und Munition gebraucht hätte. Um die Station unter Aufrechterhaltung des Betriebes so lange als möglich zu behaupten und zu verhüten, daß sie unzerstört in die Hände des Feindes fiele, war ein sehr ausgedehntes und weit verzweigtes Netz von Feldtelegraphenstationen her gestellt worden, die, mit Feldwachen oder größeren Streitkräften besetzt, ständig in schnellster Verbin dung mit Kamina waren. Dadurch konnte ein guter Aufklärungsdienst eingerichtet werden, der die Mög lichkeit bot, das Herannahen des Feindes und alle sonstigen wichtigen Nachrichten dem in Kamina woh nenden Kommandeur der Feldtruppen zu melden47 und an gefährdete Punkte schnell Verstärkungen zu Wersen, Das Netz erstreckte sich zuerst nach Norden bis in den an landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Bodenschätzen reichen Sokodebezirk und im Süden bis nach Nuatjä (70 Kilometer von Kamina). Auch von den Naturschönheiten des Hinter landes, besonders Atakpames und seiner Umgebung, hörte ich mancherlei durch die Erzählungen meines Mannes, der bei Aufklärungen und den Revisionen des unter seiner Leitung erbauten und ihm unter stellten Feld-Telegraphennetzes Gelegenheit gehabt hatte, einen Einblick in deutsche Erschließungs- und Kulturarbeit zu gewinnen. Namentlich fielen ihm die breiten, geraden und gut befestigten Straßen aus, die einen ausgedehnten Kraftwagenverkehr Her dorgerufen hatten. So niedergedrückt auch die Stimmung derTogo- verteidiger angesichts der Unmöglichkeit war, Kamina lange Zeit behaupten zu können, so war doch ihre Hoffnungsfreudigkeit in Bezug auf die deutsche Sache in der Heimat stets unerschütterlich. Dazu trug vor allem bei, daß ihnen die Funkenstation Kamina dank ihres guten Betriebes von ihrer deutschen Gegen station Nauen (bei Berlin) täglich herzerfreuende Siegesnachrichten hatte zuführen können. Ich konnte mir recht vorstellen, was für eine große Besrie - digung im besonderen mein Mann noch empfunden hatte, als er, nachdem er vor Monaten in Nauen die von Kamina gesandten Zeichen persönlich mit hatte ablauschen können, nun auch in die Lage ver setzt war, ini Innern Afrikas Zeuge des Empfanges der Zeichen von Nauen sein zu können. Gehörte es doch zu den ihm für seinen Afrika-Aufenthalt übertragenen Pflichten, sich mit der auf Veran 4 lassung der deutschen Reichs-Postverwaltung herge stellten Funkenstation dienstlich zu befassen. Leider dauerte aber ihre Wirksamkeit nur kurze Zeit. Auch dieses herrliche Denkmal deutschen Gei stes und Fleißes mußte angesichts der riesigen Uebermacht des Feindes der Vernichtung anheim fallen, um dem Gegner kein wertvolles Kampfmittel in die Hand zu geben. Ohne große Erklärung ver stand ich voll die Bitternis, die unsere deutschen Männer erfüllen mußte, als sie schließlich dem an Zahl und Feuerkraft weit überlegenen Feinde den Kampfplatz räumen mußten. Es galt nun, sich in unserm schwimmen den Gefängnis einzurichten, so gut oder so schlecht es die eigenartigen Verhältnisse gestatteten. Die Obuasi gehört der Elder Dempster and Company Limited in Liverpool. Das Schiff war hauptsächlich zu der Fahrt England-Kanada-Westafrika-Ostindien- England benutzt worden. Es hatte eine Größe von 441L Registertonnen und konnte nach einem offenen Aushang bei einer Schiffsmannschaft von 50 Per sonen 48 Fahrgäste I.Klasse aufnehmen. Vier Sicher heitsboote waren aufgeführt, die 134 Personen fas sen konnten. Gegenwärtig hatte es freilich eine weit größere Zahl von Fahrgästen zu beherbergen? an Kriegsgefangenen waren im ganzen allein etwa 16V an Bord. Man kann sich denken, wie eng es war. Sämtliche Frauen, die Offiziere und die höheren Beamten waren in Kabinen oder in sonstigen Räu men der I. Klasse untergebracht; die Gänge waren atembedrückend von unserem Gepäck angefüllt. Noch enger als in der I. Klasse war der Raum für die übrigen deutschen Kriegsgefangenen. Im Laderaum des Schisses hatte man auf Holzverschlägen dicht aneinander liegende Schlafstellen notdürftig unterAusnützimg jedes Raumteilchens hergerichtet. So war ein Labhrinth entstanden, durch das man sich nur schwer hindurchfinden konnte. Dabei herrschte schlechte, stickige Luft. Nur die Verpflegung der hier Untergebrachten war besser, weil einige im Kochen gut Bewanderte für sämtliche Kameraden aus dem gelieferten Fleisch und Gemüse ein sauberes, schmack haftes und kräftiges Essen zubereiten durften. Es wurde dann korporalschastsweise von dem eine Art Oberstewardposten einnehmenden Kameraden berteilt und wegen des beschränkten Raumes auf Deck in mehreren Messen verzehrt. Ich sah oft begehrlich don dem Oberdeck aus aus die dampfenden Schüsseln nnt den appetitlichen Gerichten: denn für uns hier oben ließ das vom Personal der Schiffsküche zube reitete Essen viel zu wünschen übrig, weil unsere deutschen Mägen nicht auf diese englische Kost ein gestellt waren. Das ewige Hammelfleisch hatte stets einen naphtalinartigen Geschmack. Und die Pud dings konnte man nur mit großer Ueberwindung genießen. Das einzige, was man wirklich mit Be hagen aß, war das Brot. Es war nur gut, daß biele noch Vorräte von Togo her besaßen! Nach mittags wurde in mancher verschwiegenen Ecke dank dem von Lome mitgebrachten Spiritus Kaffee gekocht; unsere Kaffeerunde wuchs schnell und erklärte sich schließlich in Permanenz. Mit den Wasserverhältnissen war es recht schlecht bestellt. Trinkwasser gab es nicht viel, und das wenige schmeckte karbolartig. Waschwasser war nur durch häufiges Trinkgeld an die Stewards zu erlangen. Bäder mit kaltem Seewasser standen aber in dem Baderaum der I. Klasse zur Verfügung. Bei dem beengenden Durcheinander mußte man scharf auf seine Sachen aufpassen. Aus Gepäck-stücken, Wäschestücken nsw. wurde wiederholt, nament lich nachts, allerlei gestohlen; ich habe dort manches eingebüßt. Auf dem kleinen, von Menschen wimmelnden Schiffe war natürlich die Bewegungsfreiheit äußerst beschränkt. Man Vertrieb sich die Zeit mit Lektüre glückliche Besitzer von Büchern, Zeitschriften usw. hatten ihre Schätze bereitwillig zur Verfügung ge stellt , mit Schach- und Kartenspiel und Platten- Wersen. Man unterhielt sich über die Erlebnisse in Kamina und Lome, über unsere Zukunft usw. Abends Uhr wurde das Zeichen zur Nachtruhe durch vorübergehendes Löschen des elektrischen Lichtes ge geben, um 19 Uhr erlosch es dauernd. Abwechslung bot uns die Beobachtung des Schiffsverkehrs. Mehrere Tage lang lag in der Nähe der Obuasi" der englische Dampfer Elmina", der, ebenso wie unser Schiff, einen regen Bootsverkehr mit dem Lande unterhielt. Wir konnten dabei wahrnehmen, mit welcher sicheren Gewandtheit der schwarze Bootsführer fein Fahrzeug durch die bei der starken Brandung oft bis über die hochragende Landungsbrücke aufspritzenden Wellen zu lenken ver mochte. Eines Tages wurden zahlreiche Boote mit farbigen Soldaten zur Elmina" gerudert; sie sollten nach Kamerun geschafft werden und wurden, wie wir beobachten konnten, an Deck einexerziert. Ein anderes Schiff, die Ashanti", nahm die von der Goldküste für den Feldzug gegen Kamina herbeigeschafften Träger zur Rückbeförderung nach Acera (Goldküste) auf. Unter Begleitung eines Kriegsschiffes, das so fort nach seiner Ankunft abgeblendet wieder abfuhr, dampfte die Elmina" in Richtung Kamerun ab. Wir wußteu, sie wollten uns auch unsere zweite west- asrikanische Kolonie nehmen. soMit großer Freude war es begrüßt worden, daß ich am 9. September englische Zeitungen hatte an Bord bringen können. Mein Mann hatte seit zwei Monaten keine Zeitung mehr erhalten, und nun waren die neuesten, die ich ihm geben konnte, nur zwölf Tage alt. Manche Sätze haben heute, wo Deutschlands Sieg über Rußland zweifelsfrei ist, ihr besonderes Interesse. Wir werden mit beson derer Sympathie den Fortschritt der russischen Waf fen verfolgen, die jetzt, ebenso wie vor hundert Jah ren, für die Verteidigung der Freiheit Europas und der Heiligkeit von Staatsverträgen verwendet werden". Wenn die Kosakenlanzen das Branden burger Tor berühren, nicht eher wird der Friede wieder in das vom Wasfeugeräusch beunruhigte Europa einkehren." (Times vom 27. 8. 14). Als ein Ergebnis dieses Erfolges" (nämlich einer vier tägigen Schlacht bei Gumbinnen, in der General Rennenkamps drei deutsche Armeekorps geschlagen hat") kann das Vordringen und Einschließen Kö nigsbergs erwartet werden" (Daily Chroniele vom 25. 8.). An Bord hörten wir durch die Engländer, mit Deutschland stehe es sehr schlecht, es hätte ungeheure Verluste gehabt und sei in vier bis fünf Wochen ganz erledigt. Und der Kapitän erklärte mit allem Ernst, Frankreich sei von deutschen Truppen völlig frei. Wir maßen dem allen keinen Glauben bei, hofften bielmehr zuversichtlich, daß bald selbst der Feind unumstößliche deutsche Erfolge nicht mehr würde ver heimlichen können. 5 * Was wird aus uns?" Eine Ursache der Niedergeschlagenheit, die na mentlich in der ersten Zeit auf dem Gemüte des öl52 Kriegsgefangenen lastet, liegt in der völligen Unge wißheit über sein Geschick. Gewohnt, über seine Person selbst zu bestimmen, ist er jetzt nicht mehr im Besitze der persönlichen Freiheit, sondern der Willkür des Feindes preisgegeben. Ständig quält ihn, be vor er sich resigniert in sein Los ergeben hat und das dauert geraume Zeit! , die Frage: Was machen sie mit mir?" So ging s uns auch schon damals aus dem Gefangenenschiff. Nach den gelegentlichen Aenße- rungen der Engländer in Atakpame und in Lome mußte man annehmen, daß wir mit dem Schiff nach England gebracht würden. Der Gouverneur der Goldküste hatte in Lome erklärt, er wolle alles tun, daß wir in ein günstiges Klima, wahrscheinlich nach England, kämen. ^ Es kam ganz anders. Nicht nach Westen, der Heimat entgegen, nach Osten, noch weiter fort, ging es. Und das kam so: Am Sonntag den 13. September erschienen an Bord der Base - Commandant von Lome und als Dolmetscher der Distriet-Commissionar N. Zunächst mußten alle Kriegsgefangenen, sofern es noch nicht geschehen war, ihr Ehrenwort abgeben, auch die Frauen. Und so verpflichtete auch ich mich schriftlich, in diesem Kriege nichts gegen die Alliierten zu unternehmen. Dafür war uns konoi-able treatment" zugesichert worden. Dann wurden sämtliche Ehepaare in dem auf dem Oberdeck gelegenen Rauchzimmer versammelt. Hier verlas der Base-Commandant ohne erklären den Zusatz folgendes: Die Frauen haben die Wahl zwischen folgenden drei Möglichkeiten:53 1. Wollen Sie mit Ihren Männern nach Co tonou? 2. Wollen Sie in Togo bleiben? 3. Wollen Sie über England nach Holland gehen?" Alles sah sich erschreckt und zunächst sprachlos an. Das Wort Cotonou" wirkte lähmend. Es war der Hauptküstenort von Französisch-Dahomeh, be deutete also Auslieferung an die Franzosen und Ausenthalt in einem anerkannt ungünstigen Klima. Für unsere Männer war demnach Cotonou schon fest bestimmt und nicht Europa, wie man allgemein hatte annehmen müssen. Auf unsere Fragen, warum im Falle der Heim reise (Vorschlag 3) der Zusatz über England" ge wacht würde, ob man in England etwa lange Zeit bleiben müsse, und ob man mit voller Sicherheit daraus rechnen dürfe, nach Holland zu kommen, ferner, ob man sich im Notfall Geld von Deutsch land überweisen lassen dürfe, erhielten wir stets die Antwort: I cion t knovv. I liavs oi^res." Auch die weitere Frage, ob wir nicht unter Vermeidung der gefährdeten Kanalzone und zur Ab kürzung unserer Heimreise über ein anderes neu trales Land, Italien und die Schweiz, nach Hause reisen könnten, wurde wieder mit dem ewigen I 6on t knov" abgetan. Nun baten unsere Männer wenigstens um eine schriftliche Zusicherung des Schutzes und der durchaus sicheren Ueberführung ihrer Frauen nach Holland. Auch dies wurde abgelehnt, ebenso die Bitte meines Mannes, die Frauen unter dem Schutze des deutschen Bezirksamtmannes C. aus Lome reisen zu lassen,54 dem ebenfalls die baldige Freilassung nach Deutsch in Aussicht gestellt war,*) So blieben uns nur die Vorschläge 1 und 2 übrig. Bezüglich des Verbleibens in Togo (Vor schlag 2) stellte ich die Frage, ob darunter der Aufenthalt in Lome selbst gemeint sei. Antwort: Lome käme bestimmt nicht in Betracht; welcher Ort des Landes Togo es sei, wäre noch nicht bestimmt. Für mich schied demnach auch dieser Vorschlag aus, weil ich nicht ohne meinen Mann im Innern des mir noch fremden Landes unter den durch deu Feld zug und die gegenseitige Bekämpfung der Weißen zweifellos unzuverlässig gewordenen Eingeborenen leben wollte. Folglich blieb keine andere Wahl als den Vor schlag Nr. 1 anzunehmen, also mit nach Cotonou zu gehen. Unsere mannigfachen Fragen über Einzel heiten wurden auch hier mit I äon t knovv" beant wortet. Nur zugesichert wurde uns, daß wir mit unseren Männern zusammen bleiben dürften. Nunmehr erklärten alle Frauen einstimmig, ihre Männer nach Cotonou begleiten zu wollen. Sichtlich enttäuscht über unseren Entschluß, ver ließen die Engländer das Schiff. Am nächsten Morgen kamen sie wieder und wünschten die Unterschrift von uns Frauen unter folgenden vorgeschriebenen Satz: Ich wünsche mit meinem Manne nach Cotonou zu gehen." Dabei wie sen sie darauf hin, daß die Frauen auf keinerlei Komfort" in Cotonou rechnen könnten, und daß außerdem die Mehrzahl ins Innere des Landes ge- ) Dab die Engländer diesen Vorschlag ablehnten, wurde uns erst später, nach vier Wochen, richt verständlich, alz wir hörten, dah Kerr C. Holle sahren dürfen, sb-r auch ur bis Los Palmas gekomm.n war.55 bracht werden würde, wie der Gouverneur von Daho- meh mitgeteilt habe. Sämtliche Fraueu blieben bei ihrem Entschluß, ihren Männern nach Cotonou folgen zu wollen. Drei Tage später, nachmittags, ruderte man unsere neuen Gebieter, mehrere französische Offi ziere und Unteroffiziere und 60 farbige Soldaten, heran. Die recht struppig und schmierig aussehenden Soldaten wurden in großen, an den Zipfeln zu sammengebundenen Leinenstücken an Bord gewunden. Am nächsten Morgen, 7 Uhr 3l), wurden die Anker gelichtet, und in östlicher Richtung dampfte die Obuasi" ab. In trübem Schleier lag, nur schwach sichtbar, Lome zum letzten Male vor uns. Es war uns immer schmerzlich gewesen, von unserem Gefängnis aus die Stadt, nun fremdes Eigentum, in ihrer ganzen Pracht vor Augen haben zu müssen. Aber nun, wo wir einem ungewissen Schicksal entgegen fahrend es verließen, wurde es uns doch noch weher ums Herz. Wann werden wir es wieder sehen? Und wie? Eine große Zahl Delphine begleitete unser lang sam unweit der Küste dahinfahrendes Schiff. Ganz in unserer Nähe wurde die mächtige Rückenflosse eines übermütig das Wasser peitschenden Walfisches sichtbar. Zuweilen tauchte ein Stück der gelben, sandi gen, hie und da von Kokospalmen bewachsenen Küste auf. Bald war das Togogebiet ganz dem Auge ent schwunden und Dahomey an seine Stelle getreten. Allmählich hatte sich der Nebel verzogen, und nach einein trüben Tag beleuchtete die Abendsonne das jetzt auftauchende Cotonou wir waren am Ziel,Von unserem Schiff aus konnten wir sehen, daß eine große Menschenmenge, neugierig nach uns aus schauend, am Strande in der Nähe des hochragenden Leuchtturmes sich staute. Weiße und Schwarze alle waren sie gekommen, nm das nie gesehene Schau spiel der Ankunft weißer Kriegsgefangener zu ge nießen. Eine Abteilung schwarzer Soldaten war auf marschiert. Auf der sich weit in die See hinaus reckenden mächtigen Landungsbrücke wehte die Tri kolore; am Signalmast war auch die englische Flagge aufgezogen. Auch viele Gebäude zeigten Flaggen schmuck. Der Ort machte vom Schiff aus einen freundlichen Eindruck. Zahlreiche massiv gebaute, gut aussehende und instand gehaltene Tropenhäuser zogen sich am Strand entlang. Rasselnd ging der Anker in die Tiefe. Eigen artige Gefühle überkamen uns. Wie würde es uns ergehen? Würden sich die da und dort laut gewor denen Befürchtungen etwa erfüllen? SÄ57 Der hereinbrechenden Dunkelheit wegen wurde unsere Ausbootung bis zum nächsten Morgen ver schoben. Sichtbar enttäuscht, vergeblich so lange ge kartet zu haben, verstreute sich die Menge am Strande wieder langsam. Bei Tagesanbruch wurde zunächst unser Gepäck ausgeladen. Jeder der etwa 180 Deutschen hatte von seinem beweglichen Eigentum so Viel als mög lich mitgenommen, und es dauerte geraume Zeit, bis alles an Land war. Der Seegang war ziemlich stark kein Wunder, daß einige Kisten über Bord verschwanden und andere beschädigt wurden... So war es glücklich zehn Uhr, also schon recht heiß geworden, als wir die Landungsbrücke betraten und den Fuß als französische Kriegsgefangene auf das Dahomeh-Gebiet setzten. Der unfern Männern als Kommandierender des französischen Detachements dor Kamina bekannte Kommandant M. eröffnete uns, daß die Frauen im Krankenhaus untergebracht würden. Auf unseren Einwand, es sei uns Zusam menbleiben der Ehepaare zugesichert worden, beru higte er uns dahin, daß es nur für einen Tag wäre, weil vorerst kein geeigneter Platz vorhanden fei. Wir sahen, wie unsere Männer antreten mußten58 und dann gruppenweise unter Bewachung von ein geborenen Soldaten (Senegalesen) mit Bajonett ab marschierten durch die in dichten Scharen versam melten männlichen und weiblichen, Weißen und schwarzen Neugierigen hindurch; gaffend, grinsend und höhnend bekundeten diese ihr lebhaftestes Inter esse. Eine der französischen Damen" sahen wir sogar die Zunge herausstrecken; andere machten lange Nasen. Wir Frauen wurden nach dem Kranken haus geführt, ebenso mit Zurufen und Höhnen be grüßt. Wer von uns nicht zufällig einen Schwarzen gegen ein gutes cacieau" zu überreden vermochte, mußte sein Handgepäck selbst tragen. Das in der Nähe des Strandes gelegene, einen hübschen Ausblick zum Meer gewährende Krankenhaus war ein freund licher, seinen Zwecken entsprechend gut eingerichteter Tropenbau mit einem Garten rings herum. Wir dreizehn Frauen erhielten Unterkunft in einem gro ßen Saal. Jede hatte ihr Bett; für alle dreizehn gab es aber nur eine Waschschüssel. Die das Wasser herbeitragenden schwarzen Heilgehilfen bewegten sich wie selbstverständlich in dem nicht verschließbaren Raum. Das Essen wurde in einer geschlossenen Veranda eingenommen; es war gut. Wir durften das obere Stockwerk nicht verlassen. So war es uns auch unmöglich, den, wie uns bekannt wurde, im unteren Stockwerk liegenden Landsmann S. zu sprechen, der in einem Gefecht mit französischen Truppen verwundet und gefangen genommen wor den war. 24 Stunden nach der Trennung von unfern Männern wurden diese, wieder begleitet von Sene galesen mit Bajonett, auf eine Stunde zu uns ins Krankenhaus geführt, um sich von uns zu verabschie den. Denn sie hatten Mitteilung erhalten, daß sie mit59 den übrigen Deutschen in das Innere des Landes bis zum Niger hinaus geschafft würden, während wir Frauen nach Porto Novo, der Hauptstadt Dahomehs, kommen sollten also wurden, trotz des gestrigen nochmaligen Versprechens, die Zusicherungen bezüg lich des Zusammenbleibens der Ehepaare nicht ein gehalten. Unsere Befürchtungen über das Verhalten der Franzosen verwirklichten sich nur zu schnell. Wir reichten sofort ein schriftliches Gesuch ein, daß wir entweder im Innern oder in Porto Novo mit unfern Männern zusammenbleiben dürften. Glücklicherweise wurde es den Ehepaaren ge stattet, gemeinsam ihr Gepäck zu trennen. Nachmit tags um drei Uhr, in glühender Sonnenhitze, wurden wir von Soldaten abgeholt. Der Anblick der Unterkunftsräume schnitt mir ins Herz. Für die Offiziere diente ein schmutziger Lagerschuppen als Unterkunft, an dessen nach der Landungsbrücke zu gelegenem offenem Haupteingang Senegalesenposten mit aufgepflanztem Seitengewehr standen. An den übrigen Eingängen waren die Türen verschlossen. Frische Luft zu schöpfen, war den in dem dumpfen, düsteren, heißen Raum Hau senden unmöglich. Tische, Stühle oder Bänke gab es überhaupt nicht. Wer sitzen wollte, mußte mit dem blanken Steinfußboden vorlieb nehmen. Später be kamen die Herren Strohmatten, wie sie die Einge borenen besitzen, und erst einen vollen Tag später Decken, die wenigstens etwas vor der in starkem Gegensatz zu der fast unerträglichen Tageshitze stehenden Nachtkälte schützten. Mückennetze, wie sie jeder Europäer in diesen gefährlichen Fiebergegenden haben muß, wurden nicht geliefert, ebenso gab es keine Eßbestecke, nur Blechlöffel, Emailleteller und Emaillebecher. Das Essen bestand aus Maisbrot undeiner Suppe aus Uamskuollen (einer der Kartoffel ähnlichen Frucht), Fleisch und Hülsenfrüchten. Es wurde zweimal am Tage in großen, unsauberen Eisentöpfen von schwarzen Frauen hereingebracht. Man schöpfte sich das Essen heraus und aß das Fleisch in Ermangelung von Messer und Gabel mit den Fingern. Zum Trinken diente schmutziges Was ser, das einem offenen Blechgefäß aufbewahrt wurde. Waschgelegenheit fehlte ganz. Der gegen überliegende Unterkunftsraum der Mannschaften, ebenfalls ein Lagerschuppen, hatte in einem durch Lattenverschlag getrennten Teil auch unser ganzes Gepäck aufnehmen müssen. Die als ..Lebinet" dienen den Petroleumbehälter wurden nicht entleert, liefen daher über und überschwemmten den Gepäckraum. Auch den Mannschaften war jedes Herausgehen aus ihrem Gefängnis verboten worden. So behandelten die angeblichen ersten Vertre ter" der Zivilisation" unsere Deutschen im äußerst ungünstigen Fieberklima unter Außerachtlassung jed weder Tropenhhgiene. Das Empörendste war, daß diese schimpfliche Behandlung unter den Augen der Eingeborenen geschah. Die Erklärung lag nahe und trat im weiteren Verlauf unserer Gefangen schaft immer deutlicher hervor: mau wollte nicht nur die Deutschen demütigen, sondern man wollte auch jedem natürlichen Rasseempfinden zum Hohn das Ansehen der Deutschen den Eingeborenen gegenüber herabsetzen und das Deutschtum in jenen Gegenden vernichten. Es wurde erlaubt, daß jeder Offizier eine Trag last (30 Kilo) und eine Bettlast (Matte) und jeder Soldat eine halbe Traglast und eine Matte mit nehmen dürfe. Es galt nun, aus den hoch überein ander getürmten Gepäckstücken ohne Hilfskräfte soden Eingeborenen mußte doch gezeigt werden, daß die deutschen Offiziere die in den Augen der Schwarzen niedrig erscheinende körperliche Arbeit selbst aus führen müßten! sein Gepäck herauszusuchen, her vorzuziehen, zurecht zu machen und an den dafür bestimmten Platz zu befördern. Das war wahrlich eine außerordentlich anstrengende Arbeit in diesem überhitzten Räume. Der Nest des Gepäcks wurde in den Schuppen verwahrt. Als wir aus dem Gepäckraum heraustraten, waren wir Zeuge einer ebenso seltsamen wie be zeichnenden Szene. Auf offener Straße ohrfeigten sich zwei weiße Franzosen. Der eine, der betrunken schien, wurde schließlich von schwarzen Soldaten ab geführt. Nun kam ein ernster, trauriger Augenblick. Wir mußten uns Lebewohl sagen. Am nächsten Morgen schon sollten alle Männer bis auf wenige Ausnahmen mit der Bahn 280 Kilometer ins Innere gebracht Merdeu, um dann noch etwa 5l)l) Kilometer bis in den französischen Sudan Hinein. bis an den Niger ^ zu marschieren. Was mochte denn nur, so fragte sich jeder von uns, die Franzosen veranlaßt haben, unsere Männer dermaßen unwürdig zu behandeln und in dieser, jeder Menschlichkeit hohnsprechenden Weise zu verschleppen? (Sie hatten auch schon, wie lvir in Cotonou hörten, die in Dahomeh ansässigen deutschen Kaufleute fortgeschafft und deren Fakto reien sofort geschlossen!). Am selben Tage wie unsere Männer nach Nor den fuhren sämtliche Frauen, der stellvertretende Gouverneur, einige Offiziere und mehrere Mann schaften, die von dem französischen Militärarzt als Marschunfähig erklärt worden waren, nach Osten, bl52 nach Porto Novo. Der Ort ist mit Cotonou und dadurch mit dem Meere durch die Lagune verbunden und besitzt außerdem, ebenfall!? durch die Lagune, einen zweiten Weg zum Ozean über den englischen Hafen Lagos in Nigerien. Zur Fahrt benutzten wir einen kleinen Dampfer, der Sitzgelegenheiten und Bequemlichkeiten bot, die wir bei der einige Wochen später erfolgenden Rückfahrt schwer vermißten. Die Fahrt war angenehm. Sie gewährte hübsche Blicke auf die Wasserflüche bis zu den Lagunenufern, auf denen sich da und dort Pfahlbauten der Eingebo renen erhoben. Das Wasser ist von düstergrüner Farbe: scharf hebt sich davon das hellere Grün der weiten Rasenflächen und des von Bäumen durch setzten Buschwerks der Ufer ab. Zuweileu bemerkt man Krokodile: eines schwamm dicht am Dampfer vorüber. Der für die Schiffe aus der flachen Wasser bahn ausgebaggerte Weg ist durch Signalscheiben, nachts durch Lichte gekennzeichnet. Die Mittagsonne brannte hernieder, als wir Porto Novo erreichten. Wir Frauen wurden, ge trennt von den Herren, in unser Unterkunftshaus geführt. Wir gingen durch den, so weit wir sehen konnten, sauberen und freundlichen Ort, dessen Weiße Europäerhäuser aus einer Fülle grüner Tropen bäume herausragten. Einige Straßen waren recht gut angelegt und im Stande; der Straßenboden war auch hier kräftig roter Farbe, die in grellem Gegen satz zu dem frischen Grün der Bäume stand. Jetzt überschritten wir einen freien Platz und: Voila la maison!" hieß es ein geräumiges, aber baufäl liges Tropenhaus, die alte Bank" genannt, lag vor uns. Zum oberen Stockwerk führten wacklige Stufen hinaus. Das Haus lag unweit der Lagune und bot von der es ganz umgürtenden Veranda schöne Aus-ficht über Palmen und mannigfaltige Bäume und über die Lagune hinweg zum anderen Ufer, einem grünen Rasenstreifen, an den sich, so weit das Auge rechts und links reichte, Wald anschloß. Namentlich bei Sonnenuntergang, wenn der Himmel in unbe schreiblich schöner Farbenpracht erstrahlte, war die Aussicht von der Veranda aus so überwältigend schön, daß man den schlechten Zustand des Hauses und vieles um sich her vergessen konnte. Auch den wegen des Krieges allerdings geringen Segel- und Motorbootverkehr und das Auslegen der Fischernetze zu beobachten, war uns Abwechslung in dem Einerlei des öden Gefangenendaseins. Dem äußeren Eindruck des Hauses entsprach der Zustand des Innern. Die Termiten hatten stark gewütet, den Fußboden der Veranda an manchen Stellen ganz durchfressen und die Träger auch schon so beschäftigt, daß man unwill kürlich vorsichtig auftrat. Viel Ratten und Mäuse gab es; namentlich nachts kamen sie keck in die Zim mer und tanzten sogar auf der Decke des Mücken netzes entlang. Zuerst waren nur die Räume des ersten Stock werks von uns bewohnt. In die Zimmer teilten wir uns zu zwei oder drei Frauen. Jede erhielt ein mit grober Leinwand bezogenes Bett mit Mückennetz, eine Waschschüssel, eine Kanne für Waschwasser und einen Krug mit gutem filtriertem Trinkwasser. Die Möbel" bestanden aus einem zerwurmten Wasch tisch, einem kleinen, rohgezimmerten Tisch, einem wackeligen Stuhl und einem von Termiten stark an gefressenen, unverschließbaren Schrank. Der Fuß boden wies zahlreiche Mäuselöcher auf. Vorteil haft aber war, daß, da Tür und Fenster nach beiden Seiten, nach der Lagune und nach der Stadt zu, gingen, bei bewegter Luft Durchzug vorhanden und 6Zso eine bei -^er Tropenhitze recht erwünschte Küh lung zu erreichen war. Neben unserem, von lange entschwundener Herr lichkeit zeugenden Wohnhaus stand ein kleines Häus chen, das den früheren Bewohnern als Küche gedient hatte. Auf der anderen Seite befand sich ein schlichter Baderaum, dessen Doucheeimer, so oft er auch ent zwei war, doch täglich als Wohltat empfunden wurde. Zur Sauberhaltung des Hauses waren uns zwei schwarze Frauen mit den schönen Namen Felieie und Veronique zur Verfügung gestellt worden. Ihr an fänglicher Feuereifer für die Arbeit erlosch bereits nach 14 Tagen, obgleich ihnen das französische Gou vernement, wie wir hörten, den hohen Betrag von je 45 Franken für den Monat zahlte. Die eine, eine schlanke, gut gewachsene Erscheinung, war väterlicher seits eine Portugiesin, aber von schwarzer Haut farbe. Sie hatte eine gute Schulbildung genossen und sprach und las gewandt französisch, auch etwas englisch. Schon ihre Eltern waren katholisch ge wesen. Ihre beiden Töchter machten einen geweckten, gutmütigen Eindruck, hatten hellere Hautfarbe, sym pathische Gesichtszüge und zeigten ein angenehmes Wesen. Den größten Teil unseres Gepäcks erhielten wir am Tage unserer Ankunft; das meinige fehlte. Am nächsten Tag erschien ein Zollbeamter und ließ die Koffer öffnen, um zu prüfen, was zu verzollen sei. Er wollte nicht nur die Lebensmittel, sondern auch Kleider und Wäsche, ja sogar unser bares Geld mit einem hohen Zoll (25 Fr.!!) belegen. Unsere Entrüstung schien ihn in Erstaunen zu setzen; er fand es ganz selbstverständlich, daß jeder beim Ein gang in das französische Gebiet den Zollvorschriften unterworfen würde. Und sollten etwa Kriegsgefan- S5gene mit Bevorzugung behandelt werden? Erst nach einer Rücksprache mit dem Kommandanten M. wurde das bare Geld zwar für zollfrei erklärt, mußte aber bis auf eine kleine Summe gegen Quittung abge geben werden. Das Gepäck wurde im Zollamt nach geprüft. Inzwischen war auf meine telegraphische Nachforschung hin auch mein Gepäck angelangt. Auf dem Zollamt geschah denn auch das Unglaubliche, daß zwangsweise in ein fremdes Gebiet verschleppte Kriegsgefangene für die mitgeführten Lebensmittel u. a. Zoll bezahlen mußten. Er war zum Teil sehr hoch? für 1 Kilo Zigarren, etwa 500 Stück, ö Fr. Auch der Protest unserer später ankommenden Män ner gegen die Zollerhebung fand keinerlei Gehör. Der Kriegsgefangene hat eben, wie wir tagtäglich erfuhren, keinerlei Recht. Eingeborene Strafgefangene trugen, von den sie begleitenden farbigen Polizeisoldaten hart ange lassen, die schweren Gepäckstücke auf dem Kopf in unser Haus zurück, wo letztere aus Mangel an Raum auf die Veranda gestellt werden mußten. In der Nacht wachten wir plötzlich durch ein verdächtiges Geräusch auf. Zu unserem Entsetzen hörten wir, wie sich jemand vor unserer Tür an den Koffern zu schaffen machte. Als man draußen wahrnahm, daß wir aufmerksam geworden waren, ließ man davon ab. Wie wir am Morgen sahen, hatte man sich redliche Mühe gegeben, die Sicherheitsschlösser zu erbrechen, es aber dank ihrer guten Beschaffenheit nicht erreicht. Es war uns kein Zweifel, daß die Uebeltäter unter den im Erdgeschoß untergebrachten schwarzen Wachtmannschasten zu suchen seien. Auf unsere Beschwerde hin wurde ihnen schließlich ver boten, das obere Stockwerk zu betreten. Das war uns auch deshalb äußerst angenehm, weil man nun 5 6Snachts Türen oder Fenster der Kühlung wegen vffen halten konnte, und weil uns die vor unseren Zim mern herumlungernden Kerls schon recht lästig ge fallen waren. Im Drunter und Drüber des Aufenthalts wechsels war ich noch kaum zur Besinnung gekom men, als plötzlich drei Tage nach unserer Ankunft die Franzosen uns mitteilten, am nächsten Vormit tage träfen nnsere Männer ein. Unser Gesuch in Cotonon sei vom Generalgouverneur von Franzö- sisch-Westafrika in Dakar genehmigt worden. Das übertraf ja weit alle Erwartungen! Im günstigsten Falle hatte ich mit dem langen Hinausschieben eines bejahenden Bescheides gerechnet. Am nächsten Morgen, den 25. September, in aller Frühe, kamen nnsere Männer müde, abgespannt und bestaubt an. Während der Zeit unserer Tren nung hatten sie die Franzosen so weiter behandelt, wie man nach den Vorgängen in Cotonou hatte befürchten müssen. In einem vollbesetzten Zuge Waren sie (bei unzureichendem Esse und Trinken in der von Cotonou her bekannten Weise) ins Innere befördert worden. Auf allen Stationen, von denen die größten Flaggenschmuck zeigten, hielt der Zug, damit sich die Eingeborenen die deutschen Kriegsgefangenen recht genau ansehen konnten. Ueberall hatte man die kriegerisch gekleideten, mit mächtigen Büchsen versehenen Eingeborenen ausge stellt, angeblich Absperrzwecken und zum Schutze vor der Bevölkerung, in Wirklichkeit aber, um das Schauspiel besouders wirksam zu gestalten. Am End punkt der Bahn, in Save, das für uns beide, wie wir damals noch nicht ahnen konnten, bald noch von Bedeutung sein würde, wohnten die Offiziere in ss 7 einem Schuppen, die Mannschaften in den Eisenbahn wagen oder in den zum Rasthaus gehörenden Lehm hütten. Trotz des Ehrenwortes durften sie auch hier ihre Unterkunftsräume nicht verlassen. Von Save aus hatte bereits eine Anzahl Offiziere und Mann schaften trotz unzureichender Ausrüstung und Klei dung manche hatten nicht einmal dauerhaftes Schuhwerk und trotz des fast völligen Mangels an Uebung im Marschieren den in Cotonon ange kündigten Marsch zum Niger tatsächlich beginnen wüssen. Dabei hatten die französischen Offiziere vor her selbst geäußert, sie hielten ihn nach den ganzen Umständen für bedenklich und undurchführbar. Die Erklärung gab aber dann ein als Dolmetscher bei gegebener, aus Lothringen stammender Pater: es sei Weisung von oben" gekommen, die Kriegsgefan genen recht streng zu behandeln. Der Marsch war, da es auch hier wie in Cotonou nur zwei Mahlzeiten gab, mit leerem Magen ganz früh unter Begleitung einer starken Abteilung Senegalesen mit aufgepflanz tem Seitengewehr und einer Anzahl von Franzosen, die sich in der Hängematte tragen ließen, angetreten Worden. Das Gepäck wurde im Kraftwagen nach gefahren. Man hatte rücksichtslos auch die Kranken Marschieren lassen. Drei von ihnen Waren bereits abends mit dem Kraftwagen nach Save zurückge kommen, weil sie den Anstrengungen nicht gewachsen gewesen und unterwegs zusammengebrochen waren. Es war mit drei kurzen Pausen 26 Kilometer mar schiert worden. Und das bei der fürchterlichen Hitze, SU der noch ein echter Tropenregen die Regenzeit hatte vor kurzem begonnen ^ gekommen war. Viele waren erschöpft liegen geblieben, sogar von den 50 Senegalesen sechs! Trinkwasser gab es nicht. Man trank, dem Verdursten nahe, schmutziges Regen-Wasser aus Pfützen. Unterkommen fand man in Lehmhütten. Noch ganz unter dem niederschmetternden Ein druck des Erlebten und Erfahrenen verließen unsere Männer am 24. September ihre unglücklichen Kame raden in Save und wurden ohne Verpflegung seitens der Franzosen wieder zurück zur Küste befördert. Sofort nach der Ankunft in Cotonou wurden sie zur Lagune geführt und stiegen in ein Segelboot ein, auf dem fie, auf ihrem Handgepäck liegend, nach Porto Novo fuhren. Sie mußten dieses dürftigste Beförderungsmittel benutzen, das es im Lagunenverkehr nur gab, und brauchten zur Fahrt die ganze Nacht, weil bei dem schwachen Winde das Boot sich nur langsam vorwärts bewegte. Von un zähligen Mücken zerstochen, langten sie beim Morgen grauen in Porto Novo an. Hier führte man sie ins Eingeborenen-Gefängnis, auf dessen Hofe sie die Plätze der dort schlafenden und von den Franzosen nun.vertriebenen eingeborenen Soldaten einnehmen mußten. Sie waren fortgesetzt Gegenstand der Auf merksamkeit der im Hofe befindlichen schwarzen Auf seher, der jetzt gerade antretenden eingeborenen Ge fangenen und der diese zur Arbeit führenden Sol daten. Die Stimmung unserer Männer war natürlich recht trüb und niedergeschlagen: fast 24 Stunden unterwegs bei unzureichender Nahrung und maßlos unwürdiger Behandlung, dazu die große Ungewiß heit, was man mit ihnen vornehmen würde und nun schließlich die naheliegende Befürchtung, daß sie in diesem Gefängnis etwa bleiben müßten, wo ihre Frauen sie günstigstensalles nur ab und zu würden besuchen dürfen. Da änderte sich ihre Lage mit einem Schlage völlig! Ein weißer Unteroffizier teilte ihnen mit, (-S69 daß sie nun zu ihren Frauen geführt würden und Mit ihnen zusammen wohnen sollten. Eine Viertelstunde später waren sie tatsächlich mit ihren Frauen vereint. In unserem Hause wohnten jetzt sechs Ehe paare, drei andere in dem Wohnhaus eines zurzeit abwesenden Gouvernementsbeamten, das im Gegen satz zu dem unsrigen gut erhalten war. Die übrigen lohnten mit dem stellvertretenden Gouverneur in der Eingeborenen-Stadt Becon und zwar in dem Gebäude des Negerkönigs Tossa, einem einfachen Lehmbau, den die Franzosen in ihren Befehlen stolz als pgiAjz (Zu roi ?offA" bezeichneten. Außerdem waren in Porto Novo zwölf wegen Krankheit zurückgebliebene Deutsche in einem in der Nähe des Marktes liegenden Hanse untergebracht worden. Ihr Aufenthalt hier war aber nur von kurzer Dauer. Am 27. September kam ein Be fehl des Lommanäant WNtans ciu unter schrieben von I^e Lbsf äe LawiHon", wonach die Ge fangenen nach Kandi, am Wege nach Gaha, mit tels Boot, Eisenbahn und Automobil gebracht wer den sollten. - Anfänglich war das Essen, das uns auf Befehl des Kommandanten von dem Restaurant des Ortes geliefert und durch eingeborene Strafgefangene in offenen Schüsseln gebracht wurde, leidlich gut und ausreichend. Sogar Wein bekamen wir. Bald aber Kurde es schlechter und der Menge nach vollständig unzureichend. Der Wirt hatte uns gesagt, er erhalte dafür 4 Fr.), von anderer Seite hörten wir Fr. 6.50), für den Tag und für den Kops. Mittags gab es meist versalzenen Stockfisch mit verdorbenem, schwarzblanem, süßlichem Uams, salzige Sardinen Und dicke, harte Erbsen, abends eine wässerige70 Suppe, faserige, harte, grüne Bohnen, Erbsenbrei und Huhn, aber nur Hälse, Rücken und Beine, von denen das beste Fleisch abgenommen war. In den zuweilen gereichten Nudeln fand man Würmer und einmal einen Nagel. Fast täglich konnte man eine ähnliche grobe Unsanberkeit am Essen feststellen, die jeden Appetit nahm. War es wirklich einmal ge nießbar, so war die Menge so gering, daß man nicht im entferntesten gesättigt wurde. Beschwerte man sich darüber unter Vorzeigung der Menge, so hieß es, es sei ein Versehen? aber Abhilfe wurde nie geschaffen, alles blieb beim alten, auch einmal, als das Essen von uns als kaum genießbar für Schweine und Hunde, nicht aber für Menschen, auch nicht für Kriegsgefangene bezeichnet wurde. Dabei waren die zu liefernden Mahlzeiten in Menge und Zusammensetzung genau vorgeschrieben und zugesichert worden, wie folgender Befehl zeigt: Der Restaurateur soll jeden Tag jedem Kriegs gefangenen liefern: 500 Gramm Brot, morgens um 7 Uhr eine heiße fette Suppe, zu Mittag und um 6 Uhr je eine heiße Mahlzeit, bestehend aus einem Fleisch gang (Nind, Hammel oder Schwein) als Braten oder Ragout mit frischem oder trockenem Gemüse und einem zweiten Gang Gemüse. Jeder solle täglich 500 Gramm frisches oder 300 Gramm Büchsenfleisch erhalten. Wein, Bier, Kaffee, jedweder Alkohol, Nachtisch, Zwischengerichte oder Vorspeise aber dür fen auch gegen besondere Bezahlung nicht verab reicht werden." Wenn doch die Franzosen ihre eigenen Vor schriften eingehalten hätten! Es war unser Glück, daß wir jetzt unsere Vor räte an Lebensmitteln zur Stelle hatten und wenig-stens in der ersten Zeit noch mancherlei Einkäufe hatten machen können. In den Faktoreien durften wir Frauen zuerst Wurst, Sardinen u. a. kaufen; ^on den Eingeborenen erlangte man Eier (5 Cts. das Stück) und Hühner zum Preise von 1 Fr. Anfänglich konnten wir uns auch noch durch eine Flasche Bier erfrischen; eine Flasche (etwa ^-Liter) kostete 1 Fr. Man bot uns folgende Sorten an: Royal German Lagerbeer (man beachte die deutsche Bezeichnung des englischen Produktes), Neustadts wall Brauerei Lager-Bier Brewed in Bremen Ger- manh (das Wort Germanh" war mit großen, in die Augen fallenden Buchstaben geschrieben, offen bar aus Reklamezwecken), Lothringer Bier. Leider wurde fchou bald nach unserer Ankunft das Einkaufen aller Arten von Lebensmitteln oder Getränken, auch Früchten, Milch und Eiern, unter sagt; in dem dies anordnenden Befehle des Lom- nianäAnt ä ^i-me5 wurde ausdrücklich verboten, daß außer dem amtlich gelieferten Essen und Toilette- und hygienischen Gegenständen irgend etwas anderes in unsere Häuser gebracht werden dürfe. Das ein geborene Dienstpersonal wurde in die Residenee de Porto Novo bestellt, um von den Beamten ermahnt und um bei etwa beabsichtigten Einkäufen für uns sogleich erkannt zu werden. Dem Einwände, daß für uns, dem tropischen Klima gegenüber weniger widerstandsfähigen Frauen eine solche Ernährungsweise höchst bedenklich sei, sollte ein Befehl begegnen, daß jede Frau, die besseres Essen zu haben wünschte, in das Krankenhaus gehen könnte, wo sie ihrem Gesundheitszustand entsprechend beköstigt werden würde. Die Männer dürften ihre Frauen jeden Sonntag zwischen drei und vier Uhr im Krankenhause besuchen!! Daß man von einem 7lderartigen Angebote nur im alleräußersten Notsalle Gebrauch machte, war klar, denn es bedeutete eine völlige Trennung der Ehegatten, Für die Gesinnung der Franzosen war der Befehl bezeichnend genug! Die Wirkungen der schlechten Ernährung blie ben denn auch nicht aus; die meisten von uns klagten über Magen- und Darmverstimmungen, Kopfschmerzen und Abmagerung. Hinzu traten die ungünstigen Einflüsse, wie sie das Tropenklima schon an sich hervorbringt und ganz besonders hier, an unserem jetzigen Aufent haltsort. Denn so angenehm die von der Lagune herüberwehende Brise auch war, so war mit dem stehenden Gewässer doch der Nachteil einer großen Mückenplage verbunden. Sie überfielen uns förmlich abends im Verein mit tausend anderen kleinen flie genden und kriechenden Tierchen, so daß wir oft keinen anderen Ausweg wußten, als uns in Decken einzuwickeln und Handschuhe anzuziehen oder schließ lich die Flucht ins Bett unter das Mückennetz zu ergreifen. Die Franzosen schienen der Bekämpfung der Mückenplage längst nicht die nachhaltige Tat kraft zuzuwenden, wie ich sie in Lome gesehen und dankbar empfunden hatte. Hinter unserem Hause befand sich ein Wasserloch, das unzählige Mücken versammelte? erst aus häufiges Ersuchen gössen die Franzosen schließlich Petroleum hinein. Ob wir die für den Europäer unerläßliche Chinin-Prophy laxe gegen Malaria durchführen konnten, darum be kümmerten sich die Franzosen nie. Glücklicherweise hatte ich einstweilen noch meinen Chininvorrat von Lome her. Mit großer Freude begrüßten wir es in Porto Novo, daß wir zunächst die Erlaubnis zu Spazier gängen bekamen. So konnten wir manches Jnter-73 essante des Ortes kenneil lernen. Die im leichten Tropenstil gehaltenen, hellfarbigen Häuser, die grünen Plätze und Gürten und die breiten, roten Straßen boten selbst für den trllbgestimmten Kriegs gefangenen ein freundliches, anziehendes Bild. Das ^ouvernementsqebände lag etwas abseits in einem schönen, wohlgepflegten Garten. Wenn man die breite Avenue du Gouvernement, die von der Lagune aus quer durch den Ort hindurch führt, hochschritt, so sah man den auf einer Erhöhung gelegenen weißen Steinbau schon von weitem lockend hervor leuchten. Nicht weit dahinter, nach Osten zu, dehnte sich eine breite Rasenfläche und dann Buschwerk und Wald, durchfurcht von Schienen einer Eisenbahn Är Bahnhof lag in der Nähe unseres Hauses, dicht an der Lagune. Unsere ancienne barique" lag mitten Tropengewächsen aller Art: Orangen- und Zitro nenbäumen, Popeien, Bananen. Die Eingeborenen brauchten nur die Hand auszustrecken, um sich von vielen prächrigen Früchten, so viel sie nur woll en, zuzulangen. Der mittags seine Rinderherde borbeisührende Hirt pflückte sich für fein Mittag brot regelmäßig eine Anzahl der grünen, sehr saf ten und süßen Orangen. Niemand fand etwas dabei, es wächst ja so viel. Von unserem Hanse führten zu der uns zu Mßen liegenden Lagune hübsche Wege durch kleine Palmenhaine. Westwärts gelangte man auf kleinen Fußpfaden zu Eingeborenen-Niederlassungen. Der Anblick der einfachen Lehmhütten entbehrte znwei- ^n, wenn sie, etwas erhöht gelegen, zwischen mäch- "gen, mit Früchten verschwenderisch beladenen Ba- "anenstämmen hervorlugten, nicht des Reizes. Ein fiteres Ziel unserer Spaziergänge war der bota nische Garten, der schon vor langer Zeit zu dem74 Zweck angelegt worden war, besondere Arten und Landeserzeugnisse aufzuziehen und zu verbessern und die in Dahomey bestehenden Kulturshsteme zu ver vollkommnen. U. a. sahen wir Kaffee, Kakao, Edel- bananen mit rotschaligen Früchten, Agaven, aus denen Sisalhanf gewonnen wird, Eukalypten. Auch neben dem botanischen Garten befanden sich Pal men-Anpflanzungen, in denen das Unterholz ausge rodet worden war, um Platz für andere Pflanzen, z. B. Mais, zu schaffen. Für mich, als afrikanischen Neuling, hatte auch die tropische Tierwelt manches Interessante. Pracht voll gefärbte Vögel mit melodischen Lockrufen boten namentlich morgens, wenn die Sänger den herauf ziehenden Tag begrüßten, einen eigenartigen Reiz dar. Ein zahmer Niesenkranich in der Größe eines Storches mit schwarzen Flügeln, dunkelrotem Schwanz und schönen, weiß-rosa gefärbten Flecken an den Kopfseiten flog und stolzierte häufig an der Lagune herum. Oesters gingen wir auch an einer Straußen zucht vorüber, die junge, aber schon ziemlich große Tiere aufwies. Auf den Bäumen unterhalb unseres Hauses konnte man zuweilen Affen sich tummeln sehen. Zahllose Eidechsen in allen Farben huschten auf der Veranda, auf den Wegen und im Busch an vorüber, sogar die hier auf französischem Gebiet eigentlich dePlazierte, mir von Lome aus bekannte Eidechse mit den deutschen Farben. Herr liche Schmetterlinge von manchmal beträchtlicher Größe flatterten umher. Auch europäische Haustiere gab es viel: hübsche und kräftige Reitpferde, auf denen die Franzosen spazieren ritten (das allgemeine Beförderungsmittel bildete aber für sie die Hängematte), prächtige, gutgenährt Kühe und viele Schafe. Die Hunde waren, wie meist in den Tropen, dürr und träge. Die Eingeborenen machten uns gegenüber einen friedfertigen Eindruck. Auffällig waren die vielen Mischlinge. Auch der Vorsteher des Zollamtes war ein solcher. Ich sah ihn in Ausübung seiner Tätig et mit weißer Jacke, schwarzer Hose, Lackschuhen und goldenem Kneifer. Sogar Weiße Beamte waren lhm unterstellt. Sein Benehmen uns gegenüber war durchaus korrekt und unterschied sich in seiner ruhi gen Sachlichkeit vorteilhast von dem aufgeregten Wesen der Weißen Franzosen. Leider dauerte die Freude der Spaziergänge uiiht lange. Am Tage der Ankunft unserer Männer Ehielten wir einen Consigne", unterzeichnet von dem LommAnäant iVIilitAirs IVl., der ihnen gestattete, am Tage in der Stadt spazieren zu gehen, aber lhnen mit Rücksicht auf die Eingeborenen empfahl, chre Ausgänge auf die Zeit von K 8Vs vormittags und 4 4Vs nachmittags zu beschränken. Sie sollten den Eingeborenenmarkt vermeiden und nicht in das Restaurant gehen. Aber schon nach zwei Tagen wurde durch einen neuen Befehl den Gefangenen jeder Ausgang verboten. Dieser Befehl war für uns Frauen insofern recht beachtenswert, als aus drücklich betout wurde, daß er sich nicht auf die Damen, die nicht Gefangene sind", bezöge. Später trat zur Genüge hervor, daß man auch uns durchaus als Gefangene behandelte. Nach einigen Tagen wurde unseren Männern das Ausgehen wieder gestattet, aber in sehr be schränkten Grenzen und so, daß sie- nicht mit den iui Hause Becon untergebrachten Landsleuten zu sammentreffen konnten. Das Viertel, in dem das Postamt lag, war für all? Herren verboten, um75 ihnen das Lesen der dort angeschlagenen neuesten Kriegsnachrichten unmöglich zu machen. Auch dieser Befehl wurde für die Frauen als nicht bindend er klärt, da sie nicht Kriegsgefangene seien. Darum unterzogen wir Frauen uns gern der kleinen Mühe, die Kriegstelegramme abzuschreiben. Eines Abends wurde aber einer Dame auch dies, ja dann sogar das Lesen verwehrt, und am nächsten Morgen war dort schon ein schwarzer Posten aufgestellt, der mich und Frau F. barsch zurückwies. Als wir einmal gegen Abend mit einigen anderen Deutschen in der Avenue du Gouverne ment eine Zeit lang plaudernd standen, kam ein Franzose an uns heran und bedeutete uns grob, wir dürften nnr cirLuIer", aber nicht in Gruppen stehen bleiben. Das ließ nichts Gutes ahnen, und tatsächlich kamen noch an demselben Abend drei Befehle. Befehl 1 ordnete die erwähnte Meldung unseres eingeborenen Dienstpersonals auf dem Büro an. Befehl 2 brachte das auch schon angeführte Ver bot des Einkaufs von Lebensmitteln, und Befehl 3 besagte, daß ,,in Ausführung der Befehle der Muta nte supen^ul-e das Ausgehen verboten sei. So war man auf den sehr kleinen Raum vor unserem Hause und auf die Veranda angewiesen, auf der wir den größten Teil des Tages zubrachten. Nun blieb uns als einzige Auffrischung und Zer streuung nur noch die schöne Aussicht auf die Lagune und die Beobachtung des Schiffsverkehrs. Sonst sahen wir in dieser Zeit sie dünkte uns fast unerträglich lange, wir sollten aber noch viel drückender die Abgeschlossenheit des Kriegsgefan genendaseins kennen lernen! nur wenig von der Außenwelt, was unsere Aufmerksamkeit in Anspruch77 uahm. Einmal kamen auf der Lagune französische Soldaten aus Togo zurück. Ein anderes Mal waren ^ir von ferne Zeugen der Ankunft des noch lebhaft unserer Erinnerung gebliebenen englischen Ober sten Brhant, der, von Hornsignalen begrüßt, unter oen Klängen der englischen Nationalhymne und der Marseillaise dem von Lagos ankommenden Dampf boot entstieg. Eines Mittags entstand ein großer Larm und Auflauf aus der nach dem Orte zu gelegenen Seite unseres Hauses. Ein junger Mohr, der irgendwo hatte stehlen wollen, wurde von einer großen Menschenmenge verfolgt und wollte in unser Haus flüchten. Hier trat ihm ein ßarcie" unserer ^ache mit dem Revolver entgegen. Er ließ den Uebeltäter, nachdem er ihm ein paar gehörige Ohr seigen verabfolgt hatte, abführen. Das Verhältnis der Franzosen zu ihren Kriegs gefangenen war, wie ich noch zusammenfassend her vorheben möchte, sehr gehässig. Sie bemühten sich sichtlich, uns das Dasein zu erschweren und unser? Stimmung so sehr als möglich niederzudrücken. Gerade das Gegenteil von dem, was der uns an Bord der Obuasi" übernehmende französische Offi zier zu unserem stellvertretenden Gouverneur gesagt hatte ( Sie gehen einer guten Zeit entgegen"), war ^un der Fall. Daß man unter Außerachtlassung der Menschlichkeit und der Vorschriften der elemen tarsten Tropenhygiene behandelt werden, daß man ^in menschenunwürdiges Essen erhalten, sein Haus auin zu verlassen imstande sein würde all dies hatte wohl keiner von uns angenommen. Kein Wun der, daß man hierdurch und durch die gesuudheits- oedrohendeu Einflüsse des Tropenklimas körperlich Und seelisch sehr herunterkam. Die Franzosen ließen don den obersten Stellen an bis zu den Mohren7 herab ihren Haß gegen alles, was deutsch" hieß, an den wehrlosen Kriegsgefangenen aus, die doch nichts weiter getan hatten als ihre Pflicht. , Ueber die Kriegsereignisse erfuhren wir wäh rend unseres Aufenthaltes in Porto Novo nur das. was die an der Post angeschlagenen Havas-Tele- gramme brachten. Hiernach war freilich der Vor marsch der Deutschen in Frankreich zum Stehen gekommen. Aber die auf dem Schiffe verbreiteten Hiobsnachrichten trafen nicht zu. Weder war Frank reich vom Feinde frei, noch Ostpreußen in den Händen der Russen, noch auch Krakau gefallen. Am 29. September war eine für uns Kolonialleute besonders traurige Nachricht angeschlagen: Dualo hatte sich übergeben, acht Dampfer mit über 30,000 Tons waren in die Hände des Feindes gefallen. Aus fälligerweise erschien unter den aufgeführten Namen unsere Eleonore" nicht. Wir nahmen an, daß sie mit zur Sperrung des Hafens versenkt worden sei. Erst viel später erfuhren wir über ihr Schicksal. Mit großer Freude aber erfüllte uns die Nachricht vom Fall Antwerpens. Wir hofften nun bald auf größere entscheidende Erfolge der deutschen Waffen in Frankreich und mit Hilfe der dann freiwer denden Kräfte gegenüber den Russen. Dadurch, so meinten wir, würden auch die Gerüchte hinfällig, die da und dort auftauchten, und über die auch schon die englischen Offiziere in Togo und der englische Kapitän der Obuasi" sich unseren Männern gegen über geäußert hatten, daß nämlich die Verbündeten jetzt stark befestigte Stellungen beziehen und so lange ausharren würden, bis die deutschen Armeen, ja ganz Deutschland ausgehungert wären. Wir hofften demgegenüber auf baldigen siegreichen Frieden und versuchten, über die trostlose Gegenwart mit Hoff-V 79 uungen und schönen Plänen für -in- baldig- bess ^e Zukunft hinwegzukommen^ . . Es war besser so, als wenn wir schon mtt Sicherheit hätten voraussagen können, daß ^ eine lange, lange, überaus harte Gesangenschast bevorstand!Unverhofft kommt oft! Wir hatten uns auf einen längeren Aufenthalt in Porto Novo gefaßt gemacht; da kam plötzlich am 7, Oktober der gänzlich unerwartete Befehl des LommÄnäsnt 6 ^i-mes, daß wir und zwei andere Ehepaare weit ins Hinterland Dahomehs, nach Save, vier andere noch weiter, nach Parakon, in einiger Zeit abreisen sollten. Ein Grund oder sonstige Einzelheiten waren nicht an gegeben. Meine Frage an den Kommandanten M , ob in unserem neuen Aufenthaltsort oder wenig stens in der Nähe ein Arzt sei, beantwortete er mit den Worten: Ihr Gatte ist doch Arzt; deswegen sind Sie beide ja mit für Save bestimmt worden." Ich klärte ihn dahin auf, daß mein Mann nicht so 81 ^ meci., sondern vi-, plnl. sei. Er beruhigte mich ahin, ^ jener abgelegenen Gegend bei rankheitsfällen ein Arzt zu erlangen sei. . Hierdurch und angesichts der schlechten Behand- Uug und des geradezu fürchterlichen Essens waren ir beide ganz froh, als die Abreise auf den d. Oktober festgesetzt wurde: noch schlechter konnten ^ es ja anderweit auch nicht bekommen! . Ein heftiger Platzregen es war jetzt die leine Regenzeit und starke, zuweilen von Gewitter nd übrigens meist von angenehmer Abkühlung be- ölertete Regengüsse prasselten oft hernieder hatte glücklicherweise gerade aufgehört, als gegen zwei Uhr kchinittags eingeborene Strafgefangene das Gepäck ^r unsere Fahrt ins Innere abholten. Ein weißer Uteroffizier, vier sich auf dem Hofe an den Ecken Mes Vierecks aufstellende Senegalesen mit Bajonett Ud schließlich der Lommanciant cj ^rmes in eigener Person erschienen. Unsere Männer mußten zwischen Viereck der Bajonette treten ^ uns Frauen vurde es freigestellt, aber wir stellten uns frei willig auch hinein , der Weiße Unteroffizier folgte, nun ging es auf den vom Regen aufgeweichten ^egen, in deren Schmutze man beinahe stecken blieb, unter dem Gaffen der Eingeborenen zur Bootanlege- ltelle. Hier mußten wir lange Zeit warten, bis Boot kam. . Unter den Angen mehrerer neugierig hinzu- vininender Franzosen, unter denen sich auch unser ^irt befand, ein Mensch, der uns, abgesehen von aus seiner Küche entstandenen Essen", durch ganzes abstoßendes Wesen stets sehr unangenehm gewesen war, bestiegen wir das Fahrboot. Aber lcht etwa ein mit Bänken oder Sesseln ausgestatteter82 Raum wurde uns angewiesen, sondern die ange hängte floßartige Fähre. In ihrem vorderen Teil hockten die Eingeborenen, und im Rttckteil also neben den Eingeborenen mußten wir Platz neh men oder vielmehr, da es ja keine Sitzgelegenheit gab, uns hinstellen. Den einzigen Halt bot uns eine am Nand als Geländer angebrachte Stange- Ich bat den LommanäAnt für die mehrere Stunden dauernde Fahrt um Stühle für uns Frauen. Er verwies mich an den schwarzen Schiffs- führer. Dieser, ein freundlicher Mensch mit intelli gentem Gesichtsausdruck, ließ zwei Stühle herbei schaffen. Unsere Männer aber hätten sich höchstens auf das blanke Deck setzen können, zogen deshalb vor zu stehen. Die vier uns begleitenden Senega lesen mußten sich wieder an den Ecken eines uns ganz einschließenden Vierecks aufstellen, setzten sich aber dann. Der Weiße Unteroffizier begann bald höchst zwanglos einer Schwarzen auffällig den Hos zu machen. Die scharfe Brise tat uns sehr Wohl. Schön war der Rückblick auf das in dichtem Grün liegende, auf rotem Teppich sich erhebende freundliche Porto Novo. Von der unseren Blicken deutlich und lange erscheinenden ^riLienne IZanque" winkten uns die zurückgebliebenen Landsleute Abschiedsgrüße zu. Es war schon dunkel, als wir in Eotonou an kamen. Unsere Männer mußten gesondert von uns antreten". Dann hieß es ohne irgend eine Er klärung für sie MÄi-cke?!" Zwei Weiße Unteroffi ziere und fünf Senegalesen führten sie also nach einer anderen Unterkunft als uns. Unser Einspruch war umsoust. Uns brachte man in das uns wohl bekannte Krankenhaus, wo wir gut unterkamen. Während der Nacht stand wieder, wie bei unserMfrüheren Hiersein, ein schwarzer Posten vor unserer Offenen, nur mit Mückenfchutzgaze verkleideten Tür. Am nächsten Morgen sehr früh wurden wir zu unseren Männern geführt, um mit ihnen ins Innere weiterzureisen. Sie hatten es wieder viel schlechter gehabt als wir. In einem alten Europäerhaus, Anscheinend einer früheren Faktorei, hatte man ihnen einen nach der Veranda führenden, nur etwa 3x4 Meter im Grundriß messenden Raum Zugewiesen, dessen einziges Fenster durch Bretter ^nagelt worden war, während die Türflügel, einen lAmalen Spalt freilassend, durch eine Kette mit schloß abgeschlossen wurden. Die Ausstattung ent sprach dem Ganzen: für die drei Herren zwei Stroh- lacke Wit zwei Decken und zwei Ecken je ein altes Petroleumgefäß. Das eine war mit Trink- ^ ser gefüllt, das andere diente als Bedürfnisort. ^eine Waschgelegenheit, kein Glas. Dazu kam in folge der mangelnden Lüftung und der fürchterlichen Hitze eine sehr schlechte Luft. Vor der Gefängniszelle ^uf der Veranda wurden als Wache ein senegale- Uscher Korporal und sechs Senegalesen postiert! Die -Litte um etwas Lüftung lehnte ein französischer Unteroffizier mit den Worten ab: Ich handle nach meinen Befehlen? wenn ich etwas anderes täte, würde ich bestraft." Als es immer schwüler und drückender wurde und einer der Herren Herzbeschwerden bekam, baten ue um einen Arzt. Ein schwarzer Lazarettgehilse ^m, nahm eine Temperaturmessung vor und erklärte, es wäre gut. Später erschien aber doch ein ^irzt; er stellte starken Pulsschlag fest und ordnete Lüftung des Raumes an. Die Vernagelung wurde von dem Fenster entfernt. Trotzdem war der Aufent halt in dem engen Raum fürchterlich und an Schlaf s 4 für unsere Männer nicht zu denken, zumal die Weißen Unteroffiziere und die Schwarzen durch lautes Singen und lebhafte Unterhaltung großen Lärm machten. Wieder "Unter starker Bewachung durch weiße und schwarze Soldaten marschierten wir nun alle zusammen zum Bahnhof. Es wurde ein so schnelles Zeitmaß eingeschlagen, daß ich kaum folgen konnte, aber Rücksicht nahm man nicht. Ein französischer Unteroffizier rief barsch und grob: .Marcke?! iVIai-clie?! train ci^pÄi t!" Am Bahnhof hatte sich eine große Anzahl Ein geborener aufgestellt. Wir mußten förmlich Spieß ruten laufen. Offensichtlich wollte man uns auch hier als Beweisstücke der glänzenden Siege der Fran zosen vorführen. Man wies uns einen Eingeborenen-Wa gen an!! Man stelle sich vor: eine mindestens zwölf- stündige Eisenbahnfahrt (die unsrige dauerte dann sogar über dreizehn Stunden) tagsüber ins Innere Afrikas in einem gegen die fürchterliche Hitze un geschützten Wagen stehend zubringen zu müssen das ist doch, abgesehen von der beabsichtigten Demütigung, für eine Weiße Frau physisch nahezu unmöglich. Meine Bitte um eine Sitzgelegenheit belächelte der französische Unteroffizier ein groß gewachsener Mann von sehr barschem Benehmen. Da keine Bank im Wagen vorhanden war und das Handgepäck uns trotz wiederholter Bitte nicht aus gehändigt wurde, wollte mein Mann meine Bitte unterstützen, und er bat, unser Handgepäck, um uns darauf setzen zu können, aus dem Gepäckwagen holen zu dürfen, aber der Franzose herrschte ihn mit wut verzerrtem Gesicht und haßerfüllten Augen an:85 . Kriegsgefangene haben kein Recht auf Rekla mation!" Und setzte mit wütender Miene ihn fort werfend - hinzu: 15!" Vor unserem Wagen hatten sich Franzosen und Angeborene neugierig aufgepflanzt es war wie- ^ mal eine entwürdigende Lage. gab mir einen Ruck, bekämpfte meinen Widerwillen und bat vom Wagen aus einen in ^ Nähe stehenden Franzosen um die Erlaubnis, von meinem Gepäck als Sitzgelegenheit eine 5^?te holen zu dürfen. Da geschah das Unerwartete, lach kurzen Besprechung der Franzosen wur- en wir dem Wagen heraus und in einen Wagen ^ Klasse geführt. . Froh, einen besseren Reiseplatz erlangt zu haben, achteten wir uns für die lange Dauer ein. Wir ^auen besetzten die Eckplätze. Da trat der beglei- cnde Unteroffizier aus seinem neben dem unsrigen Agenden Abteil I. Klasse heraus und verlangte, aß wir diese Plätze räumten, weil sie für die vier ^egalesischen Wachtmannschaften bestimmt seien!! Herren saßen also nun unmittelbar neben uns ^us der Bank. Uebrigens waren sie gleich von An- an freundlich und gefällig, stachen also vorteil et vlin ihrem Vorgesetzten ab. Wenn sie auch ^folge der langen Fahrt vor begreiflicher Ungeduld zuweilen trampelten oder sangen und auf einer "bstgesertigten Mandoline musizierten", oft auch den Fußboden spuckten, so halfen sie uns doch UterMegs, Früchte einzukaufen, was uns vielleicht wnst der Weiße Unteroffizier verboten hätte. Wir Unterhielten uns mit ihnen und hatten den Eindruck, sie von den Deutschen, die ihnen von den Fran-66 zosen Wohl als höchst gefährliche Subjekte geschildert waren, angenehm enttäuscht wurden. Für den Reisendenverkehr auf der ins Innere führenden Dahomeh-Eisenbahn standen drei Wagen klassen zur Verfügung. Die I. Klasse war sehr be haglich ausgestattet. Wie wir sahen, faßte das Abteil nur fünf bequeme Rohrstühle, die drehbar einge richtet waren. Die II. Klasse besaß an den Längs wänden entlang laufende Sitzbänke? die Fenster be standen aus zwei Teilen, der obere feststehende war mit schräg angeordneten Holzteilen zum Schutz gegen die Sonne versehen, der untere, aus Glas, ver schiebbar. Die Wände der III. Wagenklasse, die aus schließlich von Eingeborenen und Kriegsgefan genen benutzt wurden, gelegentlich auch zum Vieh transport dienten, waren teils durch schräg liegende Hölzer gegen die Sonne geschützt, teils ganz frei. Der Bahnhof Cotonou bestand aus einem an sehnlichen Stationsgebäude, das mit exotischen Schlingpflanzen malerisch bewachsen war, und einem großen Park mit Betriebsmaterialien. Bei der Durchfahrt durch den Ort sahen wir manches hübsche Europäerhaus; namentlich das Palais de Justice, ein großer Bau, auf dem die Trikolore wehte, fesselte die Aufmerksamkeit. Zahlreiche Palmen bäume erhoben sich zwischen den Häusern und aus den Plätzen. Hinter Cotonou fuhren wir durch eine hübsche Palmenlandschaft. Dieser Teil, der reichste und fruchtbarste des Landes, war das Gebiet der Oel- palme. Der Boden war immer eben und gleichförmig- Das Unterholz zwischen den zahlreichen Palmen war. wie wir schon in Porto Novo sahen, ausgeholzt worden, um den Boden zur Bebauung mit Nah- rungspslanzen (Erdnüssen, Mais) nutzbar zu ver-87 vend n; hier und da sah man auch Uams- und Virsefelder. Später wurde der Palmenbaum seltener, ine eintönige Landschaft, durchsetzt mit dem charak- ^lstischen Affenbrotbaum, dehnte sich bis zum Hori- ont. U^s Stationen wurden von den Einge- vrenen Kokosnüsse, Orangen und Bananen, auch 7-^r feilgeboten. Die Stationsgebäude waren kleine, Mubere Häuser mit Steinen als Untergrund und -Wellblechbedachung. - Etwa zur Mittagszeit kam der Zug nach dem großen Ort Abomeh-Bohikon, berühmt als einst- iciliger Sitz des aufrührerischen Königs von Daho- Behanzin. Von Abomeh an änderte sich das andfchaftsbild. Der Boden zeigte Erhebungen, die, on Bäumen bewachsen, von mächtigen Felsen ge hont werden. . Gegen 1 26 Uhr abends, bei völliger Dunkel- ?^lt, langten wir an unserem neuen Aufenthaltsort, " Save, dem Endpunkt der etwa 280 Kilometer a.ngen Eisenbahn, an. Mit einer gewissen Unruhe, ?ie sie der Kriegsgefangene bei einem Platzwechsel erklärlicherweise immer empfindet, verließen wir ^ Zug. Der erste Eindruck, den wir in dem unseren -Männern ja schon bekannten Save bekamen, ent sprach unseren Befürchtungen. Wir wurden von den übernehmenden Franzosen in das neben dem ^ahnhof gelegene Rasthaus, einen äußerst einfachen Lehmbau ohne Fensterscheiben und Türfüllungen, Mihrt, in dem sich nichts weiter befand als ein zwei Stühle und eine Blechtonne mit Wasser, weder Betten noch Matten. Der Administra- eur" (Bezirksamtmann) machte indes einen höflichen freundlichen Eindruck. Offenbar las er das Erstaunen über die Unterkunft in den Gesichtern88 von uns Frauen? denn er erklärte schließlich, diese Unterkunft sei nur für eine Nacht, morgen würden wir weiter sehen. Ich bat um unser Gepäck, um uns eine Lagerstätte einrichten zu können. Es kam wirklich bald herbei, freilich war die verschlossen gewesene Handtasche meines Mannes aufgebrochen und fast alles, was an Toilettegegenständen dar unter das bei den Eingeborenen sehr begehrte Rasiermesser und Nahrungsvorräten darin ge wesen war, verschwunden. Aber wir hatten das Feldbett und einen Langstuhl für die Nacht. Licht gab es nicht, zum Glück besaßen wir eine Kerze. Das eigentliche Rasthaus, das von kleinen Lehm hütten umgeben war, bestand aus drei Räumen- Der mittlere, als Eßraum gedacht, war gauz offen und daher ungeeignet zu nächtlichem Aufenthalt, zumal es ziemlich kühl war. Wir drei Ehepaare waren also aus die beiden anderen, nur vom Eß raum aus zugänglichen, fensterlosen Räume ange wiesen. Schon hatten wir uns auf Feldbett und Stuhl für die Nachtruhe vorbereitet, als sich ein Schwarzer als Koch für uns meldete und uns eine Fleischbrühe anbot. Das lockte uns so wir hatten den ganzen Tag nichts Warmes gegessen , daß wir nochmals aufstanden und es uns gut schmecken ließen. Der Koch zeigte uns auch eine frische Hammel hälfte das Fleisch war noch warm und bat uns, es zum Schutze gegen herumstreifende Hunde u. a. in unserem Schlafsalon" aufzubewahren. Es sei unsere Fleischration für den nächsten Tag. Viel Schlaf fanden wir nicht, zumal wir keine Mückennetze hatten und jammervoll von Moskiten zerstochen wurden.89 Der nächste Tag, ein Sonntag, sing kalt und rub an. Rasthaus gehörenden Küchen- Muschen kochten wir uns Kaffee von unserem Boh- envorrat; in einer anderen der kleinen Rundhütten fachten wir Morgentoilette. Als das Wetter klarer geworden war, waren wir überrascht von dem Loschen Panorama, das die Landschaft uns dar- ot. Etwas höher als das Rasthaus, einige hundert chritt entfernt, lag der große, schöne Ban der "^esidence". In der Nähe des Rasthauses und des Auhofs standen noch einige kleine Europäerhäuser nd Faktoreien. Den Abschluß des Landschasts- Udes stellte eine sich ziemlich schroff aus der Ebene ^hebende, zum Teil grün bewaldete Berglandschaft 7^t einer ganzen Anzahl von Gipfeln dar, von knen vier besonders eigenartig hervortraten und en Alpenkenner an die Vier Zinnen" erinnerten. Gegen zehn Uhr kam der Besehl zum Aufbrilch ^ch unserem Quartier. Voran marschierten die nsere recht schweren Gepäckstücks auf dem Kopfe Lancierenden Strafgefangenen, dann kam ein sar- lger Dolmetscher im Enropäeranzug und schließlich Wir gingen den breiten Weg entlang bis zum Bezirksamt; es war inzwischen sehr schwül und heiß geworden. Wir empfanden es umso unangenehmer, als schmal werdende Weg schattenlos var und bergan führte. Nach einem halbstündigen carsch kamen wir an den Rand eines Negerdorfes, "d bald war nun unser Schloß" erreicht Also hier sollten wir wohnen!? . Für uns afrikanische Neulinge war die Aussicht, u diesem einstöckigen Lehmhaus mit Strohdach wo möglich längere Zeit bleiben zu müssen, höchst nie- , ^drückend. Jedes Ehepaar bekam eins der drei -Lrmmer: sie waren völlig leer. Wir hatten uns90 gerade auf die Gepäckstücke gesetzt, um uns von dem Marsch und dem Schrecken über unser Quartier zu erholen, als ein Häuptling in langem, blauem Gewand, mit weißem Tropenhelm, erschien, um uns, wie der Koch verdolmetschte, seinen Willkommens gruß anzubieten. Er teilte uns mit, daß die Leute seines Dorfes uns mit Wasser und Brennholz zum Kochen versorgen sollten. Wir freuten uns über die Begrüßung, auch wenn sie nur von einem Schwarzen kam, denn der Kriegsgefangene ist für jede Freundlichkeit dankbar. Unsere Koffer und Kisten waren vollzählig da, nur kam uns eine, mit zwölf Flaschen Wein gefüllte Kiste, die ich noch von Lome her gerettet" hatte, auffalleno leicht vor. Wir öffneten sie und sahen, daß man wahrscheinlich während der langen Eisen bahnfahrt sechs Flaschen herausgenommen und die Kiste wieder sorgfältig zugenagelt hatte. So schwer uns auch die Aufgabe dünkte, all mählich mußten wir doch daran gehen, uns in dem uns zugewiesenen Raum einigermaßen wohnlich ein zurichten. Hilfskräfte wurden von den Franzosen hierzu nicht gestellt. Vielmehr hatte ein Weißer, der Commis" des Administrateurs, die Träger unseres Gepäcks sofort nach dem Absetzen ihrer Lasten ausdrücklich sortgeschickt. Gleichzeitig mit unserem Gepäck waren zusammengelegte Bettstellen angekommen, die wir nun selbst mit großer Mühe aufstellten. Ein Mückennetz gehörte zu jedem Bett gestell. Außerdem wurden jedem Ehepaar noch ein Tisch und ein Stuhl zur Verfügung gestellt. Und zwar verdankten unsere Männer dies nur uns Frauen; denn in jener Zeit lieferten die Franzosen den kriegsgefangenen Männern im allgemeinen nicht solche Luxusgegenstände! Später ließen wir unsvch aus einer Kiste einen kleinen Tisch zimmern, uns gute Dienste leistete, und bei dem eine . ecke das ungehobelte Holz und die rohe Arbeit erbarg. Zur Aufbewahrung des Wassers dienten "uerne oder aus Kürbissen gefertigte Kalabassen". Einige Tage später kam eine Kiste mit Koch- ^ Eßgerät an. Es bestand aus einigen Töpfen, Kellern, Bestecks. Außerdem erhielt jedes Ehepaar ^ne Waschschüssel. Kommode oder Kleiderschrank waren natürlich lcht vorhanden; unsere Garderobe mußte in den Koffern bleiben und die nötigsten Stücke an einige " die Wand eingeschlagene Nägel gehängt werden. Unser Zimmer besaß keine Fenster, nur zwei Nene Eingänge nach zwei gegenüberliegenden Sei- Die dritte, nach dem einen Nachbarzimmer zu A^gene Wand war obendrein noch durchbrochen; ^de Zimmer waren also nicht einmal von einander Abgeschlossen und gegenseitige Störungen natürlich "lcht zu vermeiden. Nach einigen Monaten baten vir schließlich um Abhilfe. Die Maueröffnung wurde "Urch Strafgefangene unter Aussicht eines ßarcie" feuchtem Lehm und hartgewordenen Erdstücken öugemauert. Ganz einfach war die Arbeit für die ^geschulten Leute nicht? mehrfach siel der ausge führte Teil wieder ein. Erst als Versteifungen an- wurden, hielt die Füllung stand. In den Heiden anderen Zimmern befanden sich außer zwei Eingängen je zwei Fensteröffnungen. Die um das ganze Haus führende breite, zemen- nerte Veranda war das beste vom ganzen Hause. Die Dachbalken des mit Stroh bedeckten Hauses Wurden von kräftigen Bambusstäben, die Zimmer decken von Palmenbalken und -rippen gehalten, die beiden nach dem Vorgarten und dem Hofe führen- 9l92 den überdachten Haupteingänge von termitenfestem Holze getragen. Das Strohdach war an vielen Stellen undicht, so daß es in die Zimmer regnete- Man konnte sich bei Regenwetter nur dadurch helfen, daß man diese Stellen mied. Die offenen Türein gänge verschlossen wir mit Matten, die die Einge borenen aus dünnen, mit Bast verbundenen Holz stäbchen herstellten, und die wir zur Erhöhung der Haltbarkeit oben und unten mit dickeren Stäben oder Palmenrippen versahen. Die beim Herunter lassen entstehende Dunkelheit mußten wir in Kauf nehmen. Konnte man den Türschutz entbehren, so rollte man die Matte zusammen und hielt sie durch zwei um die Rolle von vorn nach hinten verschlun gene Srück Bindfaden hoch. An den einen Giebel des Hauses schloß sich ein kleiner Vorbau an das Badezimmer, über dessen Besitz wir sehr glücklich waren. Freilich eine Bade wanne oder Brause gab es nicht. An die Bestim mung des Raumes erinnerte nur eine runde, aus zementierte und mit einem Abfluß versehene Fläche- Im Vorgarten standen Sifalagaven, einige Zier pflanzen, ein großer Zitronenbaum, Kapokbäume; in dem geräumigen Hof allerlei sonstige Tropen bäume: ein Baumwollbaum, Mangnbäume, Guay- aven und große schattenspendende Pontianen. Jenseits des Hofes lag ein noch etwas einfacher gebautes und noch etwas weniger gut instand ge haltenes Haus mit drei Räumen, serner zahlreiche kleinere viereckige und runde Lehmhütten. Wir erfuhren, daß das Grundstück früher, vor Vollendung des schönen großen Neubaues am Bahnhos, als Be zirksamt, unser Haus als das Wohnhaus des Ad- ministrateurs und die kleinen Hütten als Soldaten lager gedient hatten. In der das ganze Grundstückschließenden Lehmmauer waren an den beiden des breiten Einganges zwei weißgestrichene ^^derhäuschen, die jetzt unbenutzt waren, ein- ^ Zu dem Grundstück gehörten schließlich noch allungen, ein kleines Haus für Koch und Diener, s? uach zwei Seiten offene W, C., über das ich lchweigen möchte, und eine Küche. Letztere war ein ^ußerst einfacher Lehmbau mit Strohdach, in dessen Irreren die eine Hälfte von dem aus Steinen ge- auerten Herd nebst Backofen ausgefüllt wurde. Als ackofen diente eine in einer Ecke aus Mörtel ge- auerte, innen zementierte tonnenförmige Oeffnung. bei der Benutzung durch Holz geheizt wurde, 6s man bei genügender Erhitzung des Ofens her- . ^^ahm und durch das Brot ersetzte. Meist wurden ^ Herd drei Steine benutzt, zwischen die das Holz schichtet und auf die der Topf gestellt wurde, ^n Herd bevorzugten wir vor der heißen, ranch- mllten Küche auch deswegen, um den Kochtopf Augenaufsicht zu haben. Neben unserem Grundstück lag die Eingebo- ^Nen-Schule, aus der nicht nur Sprech- und Sing- .^ngen, sondern auch oft klatschende Geräusche, be- ^ ^tet von Weinen und Klagen, herübertönten. Zuerst mußten wir selbst für Reinigung unseres ?^uses des Eßgeschirres sorgen. Die Besen hegten wir uns aus Binsengras oder Palmen attern an; später konnten wir sie auch für fünf Centimes kaufen. Unser Hauspersonal umfaßte mehrere Personen. Die militärische Bewachung lag in den Händen Nes einzigen Zci^e",der in einem Räume des h ^lgebäudes sich ein nach Negerbegrisfen recht ^gliches Heim eingerichtet hatte. Ständig unter- Y3hielt er ein lustiges Feuerchen in seinem Hause, tags über um zu kochen, abends zum Schutz gegen die ihm lästig erscheinende Kälte. Der erste, der diesen Posten inne hatte, war eifrig bemüht, für kleine Gefälligkeiten usw. ein caäeau" einzustecken, was ihn aber nicht hinderte, stets seine Autorität als Vertreter der Staatsgewalt zur Geltung zu bringen- Dies erschien uns aber unbedeutend, da wir von Porto Novo aus eine viel strengere Bewachung so wie eine fortgesetzte Besichtigung durch Europäer und ein förmliches Ueberfchütten von schriftlichen und mündlichen Befehlen gewöhnt waren. Wahr- scheinlich legten hier die Franzosen unserem Ehren wort, unter dem wir ja alle noch standen, mehr Bedeutung bei, ganz abgesehen davon, daß mit einem Fluchtversuch ^unserer Männer hier im Innern Dahomeys, wo kein feindliches oder neutrales Gebiet in der Nähe lag, kaum zu rechnen war. Besonders unsere Männer empfanden es wohltuend, nicht ständig unsere französischen Gefangenenaufseher vor Augen zu haben, und dadurch lastete die Unfreiheit nicht so drückend aus ihnen. Wie üblich wohnte die Frau des Soldaten bei ihrem Manne. Diejenige unseres ersten Wächters war ein ausgehungertes, älteres, häßliches Weib- Sie litt öfter an Ohnmachtsanfällen. Als ich dem Manne einmal half, sie wieder zu sich zu bringen, waren sie beide recht dankbar, und der Soldat ver lor von da ab vieles von seiner Cerberusschroffheit^ Bald trat ein neuer Zai-cie" auf. Der alte ver abschiedete sich in grellem, großkariertem, ihm selbst sehr vornehm erscheinendem Europäeranzug. Auch der Nachfolger, Kondo mit Namen, beanspruchte viel Respekt und Anerkennung für seine hohe Person, glücklicherweise aber weniger von uns als von den?5 Angeborenen, die ihm gegenüber sehr ehrerbietig Auftreten mußten. Frauen und jüngere Personen hatten ihm in der unterwürfigsten Weise ihre Ehr- roietung zu erweisen. In seiner Khaki-Uniform, en roten Fez auf dem Kopfe, saß er wie ein ionig da, wenn er den im Hinwerfen des ganzen ^ers auf die Erde bestehenden Gruß huldvoll entgegenzunehmen geruhte. Er fühlte sich als Herr scher unseres Gefängnisses? seine Tagesarbeit war ^schöpft in der Anweisung der Wasser und Holz herbeitragenden und den Hos fegenden Weiber. Da her war er recht betrübt, als er plötzlich nach Mehreren Monaten von seinem schönen Posten ent hoben wurde und bat uns lebhaft, doch zu ver lachen, oh er nicht bleiben könne. N ^nser dritter Kerkermeister war ein eifriger Anhänger des Fetischwesens und versah seinen Posten oenso gut wie Herr Kondo, ohne dessen Herrscher- Gewohnheiten zu haben. Er war mit seiner dürren ^lgur, den mißgestalteten Gesichtszügen, den stark- hervortretendsn Backenknochen einer der häßlichsten ceger, die ich gesehen habe, aber ein gutmütiger, Ehrlicher Mensch, wie wir namentlich später beim Ankauf unseres Fleisches usw. sahen. Die zweitwichtigste Rolle unter unserem Haus- personal spielte der Koch, ein intelligenter und ver schlagener Bursche. Er erwies sich sehr bald als Mensch, der mit sehr wenig Arbeit auskommen .^lUe. Wenn wir nicht gleich vom ersten Tage an I^bst sehr nachhaltig auf die Besorgung des Essens ^gewirkt hätten, so wäre Wohl nichts auf den ^sch gekommen. Wenige Tage nach unserer Ankunft uns einmal der Geduldsfaden? er hatte wieder ls elf Uhr vormittags keinerlei Vorbereitungen getroffen? wir setzten dann selbst das Essen an undforderten ihn und seinen Assistenten, den Cookboh", einen womöglich noch sanieren Burschen, auf, wenig stens das Feuer zu unterhalten. Aber das taten sie nicht. Als mein Mann ihn zur Rede stellte und ihn darauf hinwies, daß er nach einer Mitteilung des Adminiftratenrs uns zur Verfügung stehe, erwiderte er frech mit blitzenden Augen, wir be zahlten ihn ja nicht, sondern Monsieur L Admini- strateur; folglich hätten wir ihm auch nichts zu sagen. Damit verschwand er samt dem Cookboy für den ganzen Tag, und wir mnßten das Essen selbst fertig machen. Das Bittere und Kränkende gerade für unsere Männer war, daß sie solchen Vorfällen mit den Mohren" völlig ohnmächtig gegenüber standen. Erfreulicherweise hatten in diesem Falle die Vorstellungen meines Mannes bei dem Admini strator den Erfolg, daß dieser dem Koch Weisungen erteilte, sich unseren Anordnungen zu fügen. Der Cookboh lag uns trotz seiner Abneigung gegen jede Arbeit doch beständig in den Ohren mit Wünschen nach Geschenken und Geld. Und nur dann vermochte er sich aufzuschwingen, die Hände zu regen, wenn er das versprochene Geld zu erwarten, nicht etwa schon erhalten hatte. Sein ganzes Sinnen und Trachten war auf eine lange Khakihose gerichtet? leider hatte mein Mann nur an Weißen Anzügen Vorrat, und eine Weiße Smokinghose wollte er, so wenig er sie in der Wildnis auch gebrauchen konnte, dem Negerjnngen nicht geben. Dafür wurde dieser durch die Gabe eignes Franzosen entschädigt, der ihm etwas weit Schöneres, nämlich einen weißen Tropenhelm, schenkte. Mit diesem erschien der Cookboh in höchster, stolzester Freude. Auch abends, als längst kein Schutz mehr nötig war, leuchtete die Weiße Kopfbedeckung noch aus dem Dunkel herüber- YSständigen Geldwünsche und Sorgen wurden !MleMch mit einem Schlage von ihm genommen, er sich nach langem, schwerem Entschluß, mit ^ ^gelang sichtbar gerungen hatte, von den " Mg Rekruten suchenden Franzosen als Soldat an werben ließ. Einige Zeit nach unserer Ankunft wurdc uns Mm Ausfegen und zum Reinigen des Eßgeschirres "e strafgefangene Negerin an jedem Morgen durch Nen Soldaten, der sie abends wieder zurückbrachte, s H^s geführt. Sie hieß Banna und war eine wvschL Erscheinung. Ihre Arbeitskraft war recht gering. Ihre Haupttätigkeit bestand vielmehr darin, atz sie, vor ihrem Taschenspiegel sitzend, ihren Kör- einölte und Gesicht, Hände und Fußsohlen mit vter Farbe bemalte. Nachdem sie wiederholt dabei . worden war, daß sie abends die Freiheit em Schlafen im Gefängnis vorgezogen hatte, wurde ihres Postens enthoben; wir weinten ihr keine ^ane nach. , Nach etwa dreimonatlicher Anwesenheit erhielten ^ auf unsere Bitte die Erlaubnis, uns zur Reini gung der Wohnung, der Wäsche und Kleider und zum ^waschen des Eßgeschirres einen annehmen ^ dürfen, den wir selbst bezahlten. Der uusrige ^tz Tossuh und war im allgemeinen ein gutmütiger ^Nd für einen Neger arbeitswilliger, zuverlässiger ^nge. Ex blieb bei uns die langen Monate bis unserer Abreise; beim Scheiden gab es fast Trä- Anfangs war er ständig hungrig, so daß er Nen großen Teil seines Verdienstes in Eßwaren ^setzte, obgleich er stets alles bekam, was von Nseren Mahlzeiten übrig blieb. Allmählich ge- es mir, dank seiner guten Veranlagung, ihm "tn Kochen so viel beizubringen, daß es nur einer 7 97kleinen Nachprüfung bedurfte, um ein schmackhaftes Essen zu erhalten. Er war froh, bei uns ständig im Dienst sein zu können und beantwortete meine mehrmalige Frage, ob er nicht auch, wie so viele seiner Landsleute, Soldat werden und das schöne Handgeld und die schmucke Uniform erwerben wolle, mit der ihm sehr geläufigen Antwort jamals". fügte hinzu, er wolle nicht sterben". Freude machte es mir, seinen Lerneifer zufrieden zu stellen. Als er zu uns kam, sprach er kaum ein Wort französisch, später ging es ziemlich gut. Auch deutsch wollte er lernen? es fiel aber seiner Zunge zu schwer. Uns machte es immer wieder Vergnügen, wenn er sich bemühte, die Schwierigkeiten zu bewältigen. machte auch Schreibversuche und war sehr stolz, als ich ihm einen Bleistift und einige Bogen weißes Papier schenkte. Namentlich Zahlen schrieb er gern und sprach sie mit unermüdlicher Ausdauer im Hose laut vor sich hin. Einmal besuchte ihn der Häuptling aus seinem Dorf, nachdem schon seine Eltern sich persönlich nach ihm umgesehen hatten. Mein Mann fragte ihn, was der Häuptling gesagt habe; Tossnh erwiderte: Er hat gesagt, ist Monsieur gut. Ich habe gesagt, Monsieur ist gut. Er hat gesagt, ist Madame gut. Ich habe gesagt, Madame ist gut." Als mein Mann bemerkte, ob der Häuptling auch gefragt habe, ob Toffuh gut sei, schwieg er! In den ersten Monaten mußten wir unser Essen im wesentlichen selbst herstellen? die Tätig keit des Kochs beschränkte sich auf die Herbeischaf fung des Fleisches und der Zutaten. Da ich ber der zeitweise sehr großen Hitze nicht die ganze Last der Essenszubereitung aus mich nehmen konnte, mutzte mich mein Mann, den ich in der ihm gänzlich y ungewohnten Arbeit freilich auch erst unterweisen "wßte, tüchtig unterstützen. Den Hauptbestandteil unserer Nahrung bildete Ziegenfleisch. Morgens wurde das meckernde Zicklein über den Hof geführt. Dann wurde es kunstgerecht geschlachtet, gehäutet, Ausgenommen, zerteilt, und bald daraus lag das Fleisch schon im Kochtopf oder, aus Mangel an anderer mit Pflanzenbutter oder mit selbstausgelas- .^m Ziegenfett angelassen, in der Bratpfanne. Hierzu gab es Uams, der die Kartoffel voll ersetzt Und mir sogar noch besser schmeckte. Die großen, Lästigen Stücke wurden geschält, gewaschen und in Salzwasser gekocht. Leider wurde bald kein Jams u^hr geliefert, und wir Frauen versuchten, ihn uns zu verschaffen. Teuer war er nicht, man be zahlte für ein etwa 15 Zentimeter langes und sieben Zentimeter dickes Stück 15 bis 20 Centimes. Viel Abwechslung gab es nun allerdings in Unserer Küche nicht. Ziege, immer Ziege, nichts als Ziege! Und dabei immer kleine, eben für sieben Personen (später war ein Arzt zu uns gekommen) ausreichende, oft noch kaum ausgewachsene Tierchen. ^Ur der Sonntag hob sich bedeutsam ab! Da wurde sür die Person ein Huhn gespendet. Zuweilen wurde e Ziege periodenweise vom Hammel abgelöst, wenn gerade eine größere Menge in den Dörfern der Um gegend hatte aufgetrieben werden können und ver wendbare Ziegen augenblicklich nicht mehr zur Ver fügung standen. Das Fleisch jedes Tieres wurde, damit der Ge rechtigkeit voll Genüge geschah, nach einem bestimm en, von meinem Mann aufgestellten Plane verteilt, den ich, da wir ihn während des ganzen langen Aufenthaltes dabei zu Grunde gelegt haben, den Lesern nicht vorenthalten möchte.^ ^ ,53 ^ AH tS ^ ^ ^ ^ s - - A? K ^ I Ä Ä ^3 ?. . l? v Z -Ä K Frau W iS S r: K ? D -S Name Ä s 2 LS !^Z Ä LS t Z LS Q Z Q (Q s z 3 Ä V 02 v d2 Ä s r - LS 0Z (S LS 52 LS c Ä L Z Q cL S Ä . Ä 0- Ä d2 V iS d2 ? LS (S LS - LZ Q Ä s Ä ^ Z. Q (Q -s v Ä c z Ä ro Ä ss LS 52 LS O Ä L 52 LS c : O cO v V !0 Ä 52 Ä tS 52 f2 s LS 52 LS cz Ä c ö 52 LS 0- Ä 5^ Q cQ Ä o- Ä 52 V s 52 52 s s O Ä S 52 LS 02 Ä LS 52 Z -?2 Q -O v V s 52 tÄ s L Ä 0Z ? c Ä s 52 Ä S 52 s S Q cQ j Ä tZ 52 L co v 52 ^l)SMan sieht daraus, daß jeden Tag eine Portion ausfiel, weil uns das Tier leider nicht den Gefallen wt, sich bequem in 14 Fleischrationen zerlegen zu Äsen, Eines schönen Tages mußten aber weit mehr Portionen aussallen, weil plötzlich ein Tier von der selben Größe genau doppelt so lange, zwei Tage, Wichen mußte. Das war, wie wir vermuteten, auf die Liebenswürdigkeit des den Administratenr ver tretenden Commis zurückzuführen, eines Korsen, der großer Deutschenhasser war, wie wir noch aus Manchem ersahen. Der Administrateur billigte uns glücklicherweise die alte Menge wieder zu. Große Freude herrschte immer, wenn der Hauf- sah-Schlächter des in der Nähe der Residente liegen den, auch zu Save gehörenden Haussahdorfes ein Rind schlachtete und der Herr Commis uns des Porzugs teilhaftig werden ließ, uns an diesem Tage an Stelle der Ziege Rindfleisch zu liesern. Freilich kam es auch vor, daß das Fleisch vom Tage zuvor herrührte, also meist, wie in den Tropen erklärlich, ungenießbar war. Wenn dann das Fleisch von dem Herrn Commis dennoch für gut erklärt wurde, blieb uns nichts übrig, als einen damals in Europa noch unbekannten fleischlosen" Tag einzuführen. In solchem Falle leistete uns besonders ausgezeichnete Dienste unser Brot. Wir bekamen gutes Weizen- Mehl geliefert, das unser Küchenchef in Brot umzu wandeln hatte. Wir kauften zwar ein Sieb und gewöhnten ihm an, das oft kleine Käser enthaltende Mehl durchzusieben, konnten ihn aber nicht dahin bringen, daß er mit sanberen Händen das Kneten dornahm. Daher lauschten wir Frauen ihm seine Backkunst ab, und unsere Männer übernahmen ab wechselnd das anstrengende Geschäft des Knetens, in dem sie durch die sehr häufige Wiederholung wäh- ivl102 rend der langen Monate eine erstaunliche Fertig keit erlangten. Auch wenn das Brot schon im Ofen war, mußten wir noch tüchtig auf der Hut sein- Denn Koch und Cookboy waren auch noch zu faul, den Ofen gut zu heizen oder das Brot rechtzeitig herauszunehmen. Daher konnte es vorkommen, daß es nicht gar oder, nachdem es mehrere Stunden in erkalteten Ofen gelögen hatte, steinhart geworden war. Eier konnten wir genügend kaufen. Trotz Son nen- und Wasserprobe fanden sich allerdings immer wieder faule darunter! Leider gab es wegen der Tfetsekrankheit wenig Rindvieh und daher auch wenig Milch. Erst in der letzten Zeit unseres Saveer-Ausenth altes konnten wir hier und da aus einem ziemlich entfernten Dorfe durch unseren Jungen etwas frische Milch holen lassen. Mit Gemüse waren wir zuerst recht schlecht ver sehen. Die gelieferten Weißen Bohnen blieben selbst nach halbtägigem Kochen knochenhart und waren obendrein oft von Würmern zerfressen. Später gab es aber Erbsen und Linsen und sogar Reis, den wir als Leckerbissen verzehrten. Recht angenehme Abwechslung in den sonst so einfachen und gleichförmigen Speisezettel brachten die Früchte. Wir begrüßten es mit großer Freude, daß wir sie hier im Gegensatz zu Porto Novo wieder kausen durften. Mit Ausnahme der heißen Zeit im Februar und März gab es stets genug der herr lichsten Ananas. In der Hauptzeit kauften wir große, schöne Früchte für IN bis 15 Centimes. Die Orangen, von denen drei bis vier Stück 10 Centimes kosteten dienten uns zur Herstellung von Marmelade, die die natürlich völlig fehlende Butter zum Frühstück102 ^ setzte, Popeieu, den Melonen etwas ähnlich, waren, wit Zitronensaft beträufelt, bei nicht zu häufigem Genuß eine schmackhafte Erfrischung. Dann gab es Uoch Bananen (sechs Stück für 10 Centimes oder ^och weniger), zeitweise Mangus, Anonen, Pliktien leine dickschalige, apfelgroße Frucht, im Innern zwei bls drei schwarze Kerne mit anhängendem, wie Nuß kern schmeckendem, weißem Fleische). Die Früchte waren besonders willkommen wegen bes durch die Hitze stark gesteigerten Flüssigkeits bedürfnisses, namentlich wenn es nichts zu trinken gab. Grundsätzlich mußte das Trink- und auch das Äbwaschwasfer wegen der Dhsenteriegefahr abgekocht werden. Elfteres hätte auch noch filtriert werden süssen, da es meist sehr trüb und schmutzig war. Es wurde aber kein amtlicher Filter geliefert, und Zu beschaffen war nur ein ganz kleiner, der kaum ^ür zwei Personen genügende Menge filtrierte. Wir bedauerten sehr, aus Lome nicht einen unserer großen Filter da zu haben und mußten uns damit behelfen, das Wasser mehrere Male durch Tücher öu gießen. Da auch dies später, als das Wasser in der Trockenzeit eine dicke undurchsichtige Flüssigkeit Kar, nichts fruchtete, kaufte ich Alaunstein, von dem ein erbsengroßes Stück genügte, um einen ganzen Topf Wasser zu klären; es war erstaunlich, welche großen Mengen von Schmutz sich nun auf dem Boden gesetzt hatteu. Das durch Alaun geklärte Wasser hatte allerdings immer den säuerlichen, zusammen ziehenden Geschmack. Recht durststillend war auch das von den Ein geborenen aus Mais hergestellte Bier, das in kleinen Kalabassen von den Frauen im Ort herumgetragen und für wenige Centimes angeboten wurde. Es104 schmeckte angenehm säuerlich und sah unserem Lich tenhainer Bier nicht unähnlich. Nachdem wir zuerst fast ausschließlich aus die Landesprodukte angewiesen waren, bekamen wir Frauen später die Erlaubnis, das einzige Geschäft des Ortes, eine Filiale der Firma Armandon L- Co.? zu Einkäufen zu besuchen. Dort gab es Zucker (3 Kilo für 4 Fr.), Tee, leichten französischen Rot wein, Hülsenfrüchte, Oel (feinstes Tafelöl aus Ham burg, das wahrscheinlich aus den Beständen der ver lassenen deutschen Häuser gekauft worden war), Essig, Bier (allerdings sehr teuer, die Flasche zu Fr. 1.4V), Streichhölzer, von denen zuerst zehn Schachteln 30 Cts., später 1.50 Fr. kosteten. Man verkaufte französische, englische und deutsche Streich hölzer; die deutschen waren die besten und wurden auch von den Franzosen und den Schwarzen vor gezogen. Der schwarze Vertreter der Firma, der das Geschäft ganz selbständig führte, hielt auch Wurst-, Käse-, Gemüse- und Obstkonserven sowie Schnaps (holländischen) feil. Die Konserven waren aber für arme Kriegsgefangene fast unerschwinglich teuer. Ein kleines Wasserglas voll Marmelade kostete 2 Fr An unseren Waschtagen tat uns die gute, preis werte Seise ausgezeichnete Dienste. In dem Laden sah ich auch zum Verkauf für die Eingeborenen bestimmt große Stücke buntbedruckter Waschstoffe für Gewänder und Tücher, Regenschirme, Schuhe, Hüte und sonstige Gegenstände, an denen das Herz des Schwarzen hängt. In diesen ersten Wochen wurde ein guter Ten des Tages durch unsere lebhafte hauswirtschaftliche Tätigkeit, am Kochherd, durch das Abkochen und Filtrieren des Wassers, das Brotbacken, das Rei-105 ^igen des Zimmers, der Kleider und Wäsche in An bruch genommen. Die Männer mutzten ihren Frauen bei all diesen Verrichtungen, die im Tropen- uiiua doppelt schwer fallen, tüchtig helfen. So bot Uch manches ungewohnte, nie gesehene Bild dar: ö- B. wenn der eins Herr, am offenen Dreisteinen- Herd stehend, das Mittagessen kochte, der andere Nams wusch, der dritte Wäschetag hatte, oder wenn "er eine energisch Brotteig knetete, der andere Fleisch Zerteilte oder Marmelade rührte usw. Man war eben in diesem Einsiedler-Dasein völlig aus sich ge stellt und mutzte das meiste, was man zur Fristung Lebens brauchte, sich selbst schaffen. Und doch ^ar es ganz gut, daß man durch diese kleinen Sor gen und körperlichen Arbeiten etwas leichter über ie traurigen Gedanken und sein unglückliches Schick sal hinwegkam. Gegen Abend erholte man sich von des Tages ^ast und Hitze durch einen Spaziergang innerhalb "es freigegebenen, freilich sehr beschränkten Raumes. Einer mutzte aber immer abwechselnd zu Hause bleiben und Wache halten, weil sich sonst leicht für unsere in den überall zugänglichen Räumen unter gebrachten Habseligkeiten Liebhaber gefunden hätten. Das Schlimmste in jener Zeit war das völlige Abgeschnittensein von der Außenwelt. Es war uns ^erboten worden, mit den Eingeborenen zu sprechen, und höchstens, wenn man Einkäufe machte, entspann sich hin und wieder ein kleines Gespräch. Aber auch dies war mit Schwierigkeiten verbunden, weil die Schwarzen kaum französisch sprachen und wir nicht ihre Sprache verstanden. Von unseren Leidensgefährten in Dahomeh, den übrigen deutschen Kriegsgefangenen, erfuhren wir Zunächst gar uichts. Später erhielt ich aus PortoNovo hin und wieder von einer bekannten Dam einen Brief, aus dem ich ersah, daß Behandlung und Essen noch immer so schlecht waren wie zu unserer Zeit. Von den weiter ins Hinterland Ver schleppten erfuhren wir erst nach einigen Wochen durch einen Eingeborenen, daß in Kandi ein Deut scher gestorben sei. Wer er war und sonstige Einzel heiten erfuhren wir erst viel später. Dann erzählte der Eingeborene noch, daß mit größter Kraft und unter zahlreichen Verlusten in Frankreich gekämpft würde. Auf unsere Bemerkung, daß wir leider hier gar nichts vom Kriege zu hören bekämen, erwiderte er mit folgendem hübschen Vergleich: Ja. Ihr seid hier ganz in der Nacht." Abends beschäftigte man sich beim Schein einer Art Stallaterne, zu der wir Petroleum geliefert bekamen, mit den wenigen Büchern, die man hatte mitnehmen können. Man las aus Mangel an Stoff alles zwei- oder dreimal. Oder man träumte in den Sternenhimmel hinein! Ganz neu war uns das vielgepriesene Kreuz des Südens"? monatelang sahen wir es allabendlich in schräger Lage hinter den Bäumen des Hofes auftauchen, sich allmählich ausrichten, bis es gegen elf Uhr abends völlig auf recht stand. Zwei Tage nach unserer Ankunft in Save war der Administrateur zu uns gekommen, um uns An weisungen über unser Verhalten zu erteilen. Ein höflicher, verbindlicher Beamter; der erste Franzose, der uns etwas menschlich gegenüber trat und so gar ein Wort des Bedauerns für unser Schicksal fand. Er ersuchte meinen Mann als den Aeltesten, darauf hinzuwirken, daß wir alle Ruhe hielten, da mit er keine Unannehmlichkeiten habe, und fügte Ivb107 Aulzu, er würde dann unser Los nicht erschweren. Damen könnten, da sie frei seien, spazieren gehen, die Herren nur ein ganz kleines Stück in ^ Nähe des Hauses. Wir durften offene Briefe nach Europa schrei- . sie mußten ihm vorgelegt werden, ebenso wie ie ankommenden durch seine Hände gingen. Das in Porto Novo abgelieferte Geld war nach Sav6 überwiesen worden. Kleine Summen davon konnten zum Kurse von 1 Fr. 1 Mark abheben. Tee, Kaffee, Wein, Bier, Früchte zu kaufen, sei nach en höheren Orts ergangenen Bestimmungen ver boten; später bekamen indes wir Frauen die Erlaub nis, solche Sachen in kleinen Mengen einzukaufen. Eigenartig berührte ja die Bestimmung der ^utonte upeneui-e, daß die Kriegsgefangenen in den Tro- pen nicht einmal die harmlosesten, zur Erfrischung zur Erhaltung der Gesundheit erforderlichen ^eizmittel, ja nicht einmal Früchte kaufen dürften. -Dabei gab es letztere in Fülle. Aus dieser Bestim mung, wie späterhin aus vielen anderen, ersahen ^ ir aufs deutlichste, daß die strenge Behandlung von oen obersten Stellen, d. h. hier von dem General- Gouverneur in Dakar und der Regierung in Paris, ausging. Wie rechtlos der Kriegsgefangene ist, beweist folgender Vorgang! Nach einem sieben Wochen nach Unserem Fortgang in Porto Novo in unsere Hände gelangten Schreiben sollten ohne Untersuchung der Angelegenheit die nach Save und Parakou gebrachten Ehepaare alles in Porto Novo angeblich abhanden gekommene Eßgerät bezahlen. Es handelte sich um eine Summe von nahezn 40 Fr. Obgleich wir alle schriftlich versicherten, den Verbleib nicht verschuldet öu haben, erhielten wir nie eine Antwort, vielmehr108 wurde jedem der anteilige Betrag von seinem Gut haben abgezogen. Die Ueberwachung der Kriegsgefangenen und die Weitergabe und Empfangnahme ihrer Briefe ging nach einigen Monaten auf den Adjuvant, den Chef des Detachements von Save, über. Er freulicherweise ging auch sein Bestreben nicht dahin, uns unabhängig von den scharfen Vorschriften von oben" noch besonders zu demütigen. Auch in Savä dauerte, ebenso wie es in Porto Novo gewesen, die Freude unserer Männer an den Spaziergängen leider nicht lange. Im Februar wurde durch einen sehr scharfen Befehl des Ll^ 6e Lataillori, LommAncZant WütaNs lerntonal ^ vAbome^" die ohnehin knappe Bewegungsmöglichkeit für sie völlig aufgehoben. Sie durften das Grund stück, so lange wir noch in Save waren, also noch fast fünf Monate, nicht verlassen. Was das in den Tropen und bei diesem inhaltslosen Außenleben besagen will, brauche ich Wohl nicht auszuführen- Bei der Durchreise des militärische Kommandanten durch Save, am 21. März, wurden wir nach etwaigen Bitten oder Beschwerden gefragt. Mein Mann bat, zugleich im Namen der übrigen Herren, ihnen den Ausgang, wenn auch zeitlich und örtlich stark be schränkt, zu gestatten, zumal sie doch des öfteren das Ehreuwort hätten abgeben müssen. Am 28. März kam der schriftliche Bescheid, daß dieser Bitte in keinerlei Weise Folge gegeben werden könne, da die in Deutschland kriegsgesangenen französischen Offi ziere diese Gunst auch nicht genössen. Damit mußten wir uns abfinden, wenn wir uns auch sagten, daß hier im Innern Afrikas, wo ein Fluchtversuch so gut wie gar keine Aussicht auf Erfolg bot und Spionagegefahr ausgeschlossen war, ganz andere Ver-109 ^altnisse vorlagen als in Deutschland, vorausgesetzt, aß der Hinweis auf das Ausgehverbot überhaupt ^sächlich zutraf. .. Außerordentlich Wundern mußte inan sich dar- . daß weder den Engländern noch den Franzosen l der Gedanke kam, daß die entwürdigende Behand- Ung der Weißen nicht nur das Ansehen der Deut zen bei den Schwarzen, sondern auch das der gan zen Rasse, also ihrer selbst, gefährden könne. Schon Art, wie unsere Jungen und andere Einge hens uns zuweilen davon erzählten, daß unsere andsleute in Kandi und Abomeh an Wegebauten s^iten müßten, während sie sonst noch nie Weiße b Arbeit hätten verrichten sehen, deutete die ^denkliche Einwirkung auf die Schwarzen an. . Gesundheitlich ging es uns, von kleineren Ma- riaanfällen abgesehen, in der ersten Zeit leidlich. einmal ein schwerer Fieberanfall austrat, Urde unsere Bitte nach einem deutschen Arzt drin gender. Endlich, am 16. November, kam der Er- ,artete aus Kandi an. Er brachte uns die ersten aHeren Nachrichten von den ins Hinterland abge führten Deutschen. Sie klangen allerdings recht aurig und wurden durch spätere Mitteilungen eteiiigter in gleichem Sinne ergänzt. In Kandi s.^en 64 Deutsche untergebracht, darunter ein Ober- abZarzt, dem die Behandlung der Kranken oblag. ^ mußten morgens um fünf Uhr antreten und Ntex Bewachung schwarzer Soldaten Arbeiten aus- ^ hren, wie Holzfällen usw. Unter ihnen gab es ^^e Beamte, Missionare, Kaufleute, Lehrer, und M alle waren an solche Arbeiten in den Tropen . M gewohnt. Sie mußten in kleinen Negerhütten . hnen. Das Essen bestand zunächst nur aus Suppe " Nams und Hammelfleisch; tagtäglich zweimal 10 dasselbe. Später durften es einige Kochkundige für alle ihre Kameraden bereiten. Chinin wurde von den Franzosen nicht verteilt, so daß viel Fieber herrschte. Der Marsch aus der Straße zum Niger von Save aus hatte etwa fünf Wochen gedauert und dem entsprochen, was man nach den Erzählungen meines Mannes von seiner ersten Anwesenheit in Save leider hatte befürchten müssen: schlechtes Essen, das erst nach dem schon in der Nacht begonnenen Marsch gereicht wurde, schmutziges Trinkwasser, rück sichtslosester, unter Anwendung von Kolbenstößen ausgeübter Zwang gegenüber den durch Krankheit. Fußleiden, mangelhafte Ausrüstung und Erschöp fung Marschunfähigen. Die Tagesleistungen betru gen 20 30 Kilometer. Als später der uns aus Lome bekannte Regierungsarzt Dr. S. nach Save kam, erzählte er uns noch eine Fülle der traurigsten Einzelheiten. Er hatte während des Marsches in 30 Tagen 1100 Fälle behandeln müssen, so viel Fuß-, Mala ria-, Dysenterie-, Schwarzwasserfieberkranke und Er schöpfte gab es! Höchst bezeichnend war es, daß auf die Bedenken eines französischen Offiziers gegen die Fortsetzung des Marsches von Dakar telegraphisch geantwortet wurde, ,,alle Deutschen müßten den Marsch sort- setzen, coüte qus coüte!" Alle Offiziere und diejenigen Mannschaften, die nicht in Kandi zurückblieben, wurden noch weiter ins Innere gebracht, nach Gaha, einer besonders mückenreichen und heißen Station am Niger im frctt^ zösischen Sudan, zum lemtoire militaii-e t1aut-86n^ ZaI gehörend. Auch hier war Unterkunst, Verpfl^ gung und Hygiene menschenunwürdig. Der täglich?Arankenbestand betrug 35^-50, die Höchstzahl der sanken 54 von 80. . Unser neuer Hausgenosse hatte hier bei uns ^lcht ein so großes Tätigkeitsfeld wie in Kandi. ^umal er zuerst keinen Eingeborenen behandeln purste. Später erstreckte sich indes seine ärztliche Wirksamkeit auch aus die Franzosen und die Schwar- Mein Mann und ich waren Wohl dank der ^gelmäßigen Chinin-Prophhlaxe damals nie ernst- l.ch krank gewesen, wenn auch die Nerven durch . ^ ganzen Umstände begreiflicherweise nicht besser Wurden. Was die Krankheiten unter den Eingeborenen ^trifft, so sah ich mehrfach Pockennarbige. Von ^elbfieberfällen, einer Krankheit, die in Dahomeh öeuweilig gewütet hatte, erfuhren wir gottlob wäh- ^nd unseres Aufenthaltes nichts. Der Guinea- ^urm schien sehr verbreitet zu sein. Fast unser ganzes Hauspersonal, besonders aber unser Zai-äe ^Kondo", litt sehr darunter. Beide Füße und ein Daumen waren mit Wunden bedeckt. Bevor unser ^rzt kam, schmierten wir ihm eine Salbe daraus, ^nd bald darauf steckte der Wurm den Kopf aus "^r wunden Stelle heraus. Wir holten von dem ^wa li z Millimeter dicken Weißen, schleimigen Tier ^ugefähr drei Zentimeter unter heftigen Schmerzen Kranken glücklich heraus, indem wir um den ^was dünneren, dunklen, ziemlich beweglichen Kopf einen Faden schlangen. Ein anderes Mal holte der schwarze Lazarettgehilfe sogar einen Wurm "n Zg Zentimeter Länge aus dem Fuß heraus, schlimm wurden die Wunden, wenn die Kranken nach der Landessitte aus Zureden von Fetisch- ^riesterinnen Kuhdünger darauf legten. Auch unser Soldat war nicht davon abzubringen und lag oft N1112 durch die heftig eiternden Wunden an schwerem Fieber nieder. Die Krankheit soll durch den Genuß nicht abgekochten Wassers hervorgerufen oder be günstigt werden. So sehr ich die Leute unter Hin weis auf ihre eigenen Leiden ermahnte, sich das Wasser abzukochen, stets scheiterte ich an ihrer Rassenschwäche, der Faulheit. Für kleine Samariterdienste, die ich dank meiner geretteten, immer in meinem Gepäck befindlichen Verbandtasche leisten konnte, waren die Schwarzen dankbar und brachten mir ihr Zutrauen entgegen- Eines Tages kam ein Häuptling zu mir mit einem vereiterten Finger. Ich behandelte ihn; er schrie zwar fürchterlich und wurde halb ohnmächtig, als der Eiter abfloß. Aber von diesem Tage an heilte die Wunde ungewöhnlich schnell, und er war so dankerfüllt, daß er fast täglich vorüber kam, um mich zu begrüßen. Langsamer ging es mit einer Wunde, die ein kleiner Junge am Bein hatte, und mit der er schon lange herumgehumpelt war. Auch Fälle von Elefantiasis, bei denen z. B. Fuß und Unter schenkel das Toppelte der gewöhnlichen Stärke aus wiesen, sah ich. Der November, in Deutschland der trübe, düstere Vorläufer des Weihnachtsmonats, war vorüber. Dort in Dahomeh umgab uns ewig blühende und lachende Natur. Herrlich, aber so gar nicht weihnachtlich, waren die Abende, die wir meist auf dem Hofe im Freien verbrachten: Ueber uns der klare Nachthimmel mit dem scharf sich abzeichnenden Monde und den Tausenden der hier so eigenartig leuchtenden Sterne: ringsum das Summen, Zirpen der Tierwelt an dächtig lauschten wir Einsiedler oft dem beredten Leben der reizvollen Tropennatur., Nun war auch Weihnachten herangekommen, eider war mein Bemühen, den Landsleuten in andi und Gaha eine kleine Weihnachtssreude durch Zusendung von Wein zu machen, trotz Schreibens ^ die beteiligten Administrateure erfolglos. Am FMligen Abend früh wurde unser Weih achtsbaum ausgesucht, eine besonders schön gewach- Palme. Wir steckten sie in ein mit angefeuchteter rde angefülltes Petroleumgesäß und putzten sie Weißen Watteslöckchen, Weißen Lichten und in taniol gewickelten, an bunten Fäden hängenden chokoladestückchen heimatlich aus. Abends begaben ir uns möglichst festlich gekleidet an die im Freien Ks dem Hof aufgestellte gemeinsame Weihnachts asel, zu deren sinnigem Schmuck und leiblichen Ge issen jeder nach Kräften beigesteuert hatte. Seit ^ngem waren glücklich gerettete Leckerbissen dafür usgespart worden, und so konnten wir folgende ^peifenfolge zusammenstellen: Ananas-Kalteschale, Mayonnaise von Huhn, Rinderfilet mit Uams- alat, Schokolade-Creme mit Vanillentunke. Dazu ^ letzte gute Flasche aus der Lomer Kiste! . Ueber uns leuchtete der Mond als weithin strah- ende Weihnachtsfackel, und neben uns stand der ^schmückte Baum in seiner Lichtersülle. Wenn auch Mne tropische Pracht nicht die schlichte, unersetzbare chönheit der deutschen Weihnachtstanne erreichte, ^ regte uns doch sein Anblick zum Anstimmen des n^n, lieben Weihnachtsliedes Stille Nacht, heilige " cht" an. Hinüber flogen unsere Gedanken über Länder ^d Meere zu der Heimat, wo um die nämliche ^ ^!de Millionen deutscher Stimmen dieses Lied "lingen ließen und auch ein würdiges, diesmal lIZ,14 ernstes und wehmütiges Weihnachtsfest feierten- Waren alle unsere Lieben unter den Feiernden? Oder harte die Vorsehung schon manchen draußen im Kampfe für das Vaterland oder zu Hause hin weggerafft? Und wieder, wie so oft, stieg ein heißes, stilles Gebet empor: Wenn doch nun endlich, endlich eine Nach richt von daheim zu uns käme!" Das neue Jahr war angebrochen und noch immer hatten wir keine Zeile von daheim erhalten- Man vergegenwärtige sich , was es heißt, tief im Innern Afrikas in Einsamkeit als Kriegsgefangener zu sitzen, der, von aller Anteilnahme am großen Weltgeschehen abgeschlossen, einen Tag sast wie den andern verbringt, ohne Ablenkung, ohne Abwechs lung und in ständiger Ungewißheit über sein Schick sal und nun auch noch sechs Monate lang keiner lei Nachricht seinen nächsten Angehörigen! Endlich, am 6. Januar, der Tag wird mir ewig in Erinnerung bleiben, kam auf einem Dienst wege der Adjutant vorüber und brachte uns in eigener Person die erste Heimatpost mit. Als ich nun wirklich eine liebe Schrift erkannte und beim Ueber- fliegen der Zeilen mit flackerndem Auge die Worte: Gesund, geht uns gut" geleseu hatte, da gab es kein Halten mehr.... Es war ein Höhepunkt unseres Lebens seit langen Monaten, ein befreiendes Aufjauchzen wie nach schwerer, endlich von uns genommener Sorge- Schon stürzten auch die anderen Hausgenossen strahlend herbei und jubelten laut über gute Nach richten.Allmählich kamen öfters Nachrichten von Hause au. Jeder erzählte dem andern, was von allge meinem Interesse war und so erfuhr man wenigstens etwas. Unser Postempfangstag war der Sonntag, der dadurch für uns einen besonderen Reiz gewann. Von dem Augenblick an, wo man den am Sonn abend Abend von der Küste ankommenden Zug in unser eintöniges Negerleben hineinpfeifen hörte, war wan in lebhafter Spannung, bis am nächsten Mor gen der Bote kam. Freilich lauteten die Nachrichten auch oft traurig; mancher gute Freund war nicht Mehr. Die Gewißheit, daß unsere Lieben daheim, die natürlich auch in großer Sorge um uns waren, unsere Briefe bekommen hatten, erlangten wir erst ilu Februar. Auch sie hatten monatelang in Angst u n unser Geschick schweben müssen. Die erste Nach sicht von uns kam am 1. Januar 1915 in ihre Hände und war ein von uns am 19. November ab gesandter Brief. Alle unseren früheren Mitteilungen hatten also ihr Ziel nicht erreicht. Im allgemeinen dauerte eine Nachricht von und nach Deutschland 35 45 Tage oder auch mehr man konnte also eine Antwort kaum vor drei Monaten erhoffen. Zuerst war uns verboten, unseren Jnternie- rungsort anzngeben, so daß niemand daheim genau Mußte, wo wir eigentlich hausten. Nach einem Be fehl im Februar durfte dann der Ort mitgeteilt werden. Wöchentlich waren uns ein Brief von 60 Zeilen oder drei Postkarten erlanbt. Nur Bleistift schrift und nur familiäre Nachrichten waren zulässig. Um diese Zeit wurde uns aber jede Korrespondenz Mit den anderen in Dahomeh internierten Deutschen Untersagt. Wir bedauerten dies sehr; denn dadurch hatten wir immer ein wenig von unseren Bekannten an der Küste und im Inneren vernommen. So hatten N5wir gehört, daß ein Lomer Bekannter, ein Apotheker mit seiner Frau, in die Heimat zurückgekehrt war. Recht niederdrückend war, daß wir kaum etwas vom Kriege erfuhren. Nach dem Verbot des Lesens der an der Post in Porto Novo angeschlagenen Mitteilungen vergingen viele Wochen, ohne daß wir auch nur ein Havas-Telegramm zur Kenntnis er hielten. Erst viel später erfuhr man dies und jenes. Freilich war es durchaus nicht geeignet, unsere Hoff nung aus baldigen Frieden zu stärken, und ganz all mählich gewöhnten wir uns an den Gedanken, daß wir Wohl noch eine lange und harte Geduldsprobe vor uns hätten. Tausende von Fragen stiegen in uns auf, die wir uns bei der großen Dürftigkeit der uns zugehenden Nachrichten und dem völligen Mangel an Mitteilungen deutschen Ursprungs auch nicht einigermaßen befriedigend beantworten konnten- Beim Durchblättern unseres Tagebuches finde ich z. B. einmal Ende November folgendes: Was gäbe man darum, wenigstens von jeder der letzten vier Wochen einmal eine Nummer einer deutschen Zeitung zur Hand zu haben, um zuver lässig zu erfahren, wie nun eigentlich die Lage ist, warum seit sechs Wochen in Frankreich keinerlei Aenderung eingetreten ist; wie es zwischen den Oesterreichern und Russen steht; ob der russische Vor stoß in Ostpreußen bedenklich erscheint; wie weit wir auf dem Vormarsch Warschau sind; was zur See geschieht; was aus den übrigen Kolonien ge worden ist; wie der Krieg auf die deutschen Wirt- schastsverhältniffe eingewirkt hat; ob Deutschland nach der Blockade doch noch Zufuhren erhält; ob der Kronprinz, der, ebenso wie andere kaiserliche Prinzen, nach französischen Nachrichten verwundet Nb117 sein sollte, wieder im Feld ist? tausend Fragen und nicht eine Antwort!" Fünf Monate vergingen, bis wir durch einen Zufall einmal eine Zeitung -- es war eine fran zösische in die Hand bekamen. Man wird es ver stehen, daß wir uns bei unserem Nachrichtenhunger darauf stürzten und jede Zeile verschlangen! Er quickend war uns freilich die Lektüre nicht gerade, öumal wir damals noch nicht das Zwischen-den- Zeilen-Lesen" so gut beherrschten wie später und trotz alles Selbsterlebten doch nicht angenommen hatten, daß man seinen Gegner dermaßen beschimpfen kann. Eine Nachricht, die wir in dieser Zeit hörten, hatte ein ganz besonderes Interesse für uns. Die brave Eleonore Woermann", die uns nach Afrika gebracht hatte, und über deren Schicksal wir lange Zweifel gewesen waren, hatte von Duala aus eine Fahrt in die Ferne unternommen und war weit 6b von ihren sonstigen Wegen in den Gewässern der Südsee versenkt worden. Also auch sie war ein Opfer des Krieges geworden. Eine große Abwechslung in die Einförmigkeit unseres Vuschlebens brachte uns Ende Januar der Besuch dreier Landsleute, die als Schwerkranke von Gaha nach Eotonou ins Krankenhaus und von da aus, wie sie hofften, nach Europa gebracht werden sollten. Wir waren sehr ersreut, sie während ihrer Rasttage der Zug ging erst drei Tage nach ihrer Ankunft auf unserem Grundstück beherbergen zu können. Seit über drei Monaten sprachen wir zum ersten Male wieder andere Landsleute. Das gab ein endloses Erzählen! Leider hörten wir auch von ihnen wieder viel Trauriges von dem qualvollen barsche nach Kandi und Gaha und die menschen-118 unwürdigen Zustände da hinten, Sie sahen jammer voll elend aus? der eine, einer von meines Mannes Beamten aus Lome, hatte gerade Typhus über standen, dabei außerordentlich abgenommen und war kaum fähig zu gehen. Wir sorgten für sie, so gut wir irgend konnten. Später kamen noch öfters Landsleute aus dem Hinterlande durch Save, von wo sie entweder als Kranke nach Cotonou oder nach Räumung der beiden Lager Gaha und Kandi nach Widah (west lich Cotonou) und Abomey kamen. Wir durften sie leider kaum sprechen. Da sie nicht auf unserem Grundstücke, sondern im Rasthaus am Bahnhos blie ben, so hatte mein Mann überhaupt keine Gelegen heit, sie zu sehen; denn am 21. Februar war ja plötzlich der Befehl gekommen, daß jedes Aus gehen für die Herren verboten sei. 5 Uns Frauen war glücklicherweise das Spazieren geheu wie bisher gestattet, und so konnte ich in dieser langen Zeit noch mancherlei Einblicke ge winnen. Da streifte ich in erquickender Einsamkeit auf schmalen Negerpfaden kreuz und quer, durch oft mehr als reiterhohes Gras und Schilf, durch Mais felder, durch die ganze herrliche Gottesnatur. Oben kreist ein Geier, nach Beute lugend. Auf der Spitze des dünnen Schilfrohres schaukelt sich leuchtendrot mit schwarzem Köpfchen ein zierliches Vögelchen, kaum so groß wie ein kleines Hühnerei. Aus der Erde huscht eine riesige wohlbeleibte Feldmaus über den Weg. Frühmorgens liegt der Tau schwer aus Blättern und Blüten. Das Auge schweift über die Berge, die dicht hinter dem Ort in langer Kette sich hinziehen mit einer Anzahl wuchtig gegen den119 ^lnunel sich abhebender Gipfel der Vier Zin- en"! Herrsch gruppieren sich die Berge beim "unenuntergang, wenn der Widerschein des mählich schwindenden Feuerballs sie umstrahlt. Von ferne zuweilen dumpfer Trommelklang und Gesang Drüber. Hie und da begegnet der einsamen Weißen rau, knixend und ihr Oku" als Gruß bietend, ^Ne Eingeborene mit Früchten in der Kalabasse "Uf dem Kopfe. . Oft führt mich mein Weg zur Auto-Chaussee", ^ von Save aus beginnenden, breiten und gut an- ^leg ten Straße, die, das ganze Land durchquerend, hinaus bis zum Niger führt. Auf dieser harten, laubigen Straße waren auch unsere Kameraden beim barsch zu ihren unwirtlichen Quartieren im kultur- ^rnen Hinterland in schimpflichster Weise vorwärts getrieben worden. Manches Mal habe ich dort ge- !?"den, sinnend und wünschend, daß sie allen Fähr- issen zum Trotze gesund und ungebeugten Sinnes zurückkehren möchten. . Wagt man den Aufstieg auf die Vier Zinnen", " Muß man, mit Nahrungsvorräten gut versehen, lnter Führung von wegekundigen Jungen auf- ^chen, noch ehe die Sonne aufgeht. Bald beginnt äußerst glattem, steiuigem Untergrund die Stei gung. Man ist froh, wenn die Stelle glücklich Deicht ist, wo Gras und Sträucher wachsen, ^tzt wjrd der Weg zerklüftet und zuweilen von Schlinggewächsen und hohem Gras so versperrt, daß das kundige Negerauge einen Durchschlupf zu ^spähen vermag. Wir steigen höher, einzelne Fächer- palrnen begegnen nns. Schöne Steine und eigen- geformte Muscheln bedecken den Pfad. Eine Rast gönnen wir uns aus dem ersten steinigen ^fel: doch weiter zieht es uns hinauf!. Nun stehen120 wir auf der zweiten, ein wenig bewaldeten, von zwei mächtigen Steinblöcken gekrönten Zinns. Ein herrlicher Ausblick bietet, sich dem Auge- Uns zu Füßen liegt die ganze weite Ebene wie ein hellgrüner Teppich, auf dem sich in dunklem Grün Bäume aller Art und teils einzeln stehend, teils in Pflanzungen vereinigt Palmen erheben. Da und dort beleben Mais-, Aams-, Bananenfelder das Bild. Scharf heben sich mit ihrem Weißen Bau aus dem grünen Untergrund der R^sidenee und in ihrer Nachbarschaft, klein erscheinend, die übrigen Europäerwohnungen heraus. Eine kräftige, breite, wie mit dem Lineal gezogene Linie verbindet die am Fuß des Berges liegenden Teildörfer Saves mit der Residenee. Links von ihr zweigt sich der Weg ab, der zum Fluß Werne führt. Rechts wird ein Stück der großen Niger-Straße sichtbar, die später hinter den übrigen Bergspitzen verschwindet- In gleicher Richtung sieht man den das Geländ? breit durchziehenden Weg, der zu einem aus der Ebene steil und trutzig aufsteigenden, grün bewach senen, riesigen Felsmassiv führt. An dessen Fuß liegt das Negerdorf Adi, wo der König Agboli Agbonu mit seinem Hofstaat in der Verbannung, also auch unfrei wie wir, leben muß. Nun gilt es, eine niedrige Mauer aus Lehm und aufeinandergelegten Steinen überklettern- Sie hatte zur Verteidigung der Saveer Leute im Kriege gegen die feindlichen Nachbarn gedient. ^ Bald ist auch der dritte Gipfel erklommen; er ge währt Aussicht mehr nach Westen und nach Süd westen zu. Auch hier das gleiche Bild des weit aus gebreiteten hellgrünen Teppichs der Buschlandschaft! nur wird der Horizont von kleinen Höhenzügen nmsäumt. Dicht neben uns steht nach Süden zu121 wuchtig der vierte Gipfel, und plötzlich zeigt Nch, bisher nicht sichtbar, ein fünfter. Allmählich bar die Sonne hervorgekommen, die nun, strichweise aus den grauweißen Wolken hervortretend, die Ebene beleuchtet. Vögel singen um uns, kleine Affen sprin gen von Baum zu Baum, ringsum ein Summen Und Schwirren von Fliegen, Mücken und tausend anderen kleinen Tierchen. In die breiten Felsplatten hat der Regen große und tiefe, wohlgeformte Löcher gewaschen. Der gute Gott hat es gemacht," sagen ^eine Schwarzen.... Bei dem Rückweg war die Sonne völlig aus ben Wolken getreten und der Himmel in tiefes Blau getaucht. Das beim Aufstieg noch stark vom Tau benetzte Gras hatte die heiße Tropensonne schon Setrocknet. Die Einwohner von Dahomey sind ihren west- lchen Nachbarn, den jenseits des Monu-Flusses in ^bgo ansässigen Eweer-Negern, stammverwandt, schwere und blntige Kämpfe hat Frankreich führen süssen, ehe es die aufrührerischen Stämme des Dahomey - Gebietes zur Unterwerfung zu zwingen vermochte. Aus unserem französischen Kalender san ken wir am 5. Januar die Notiz: 1894 Unterwer fung des Königs von Dahomey, Behanzin. Unser Ort gehörte zu den größeren Siedelungen Und bestand aus mehreren einzelnen Dörfern in der üblichen Negerbauart, an deren Spitze je ein Häupt- ^ug stand, die ich nach und nach alle kennen lernte. waren, soweit ich urteilen kann, friedfertige, gut mütige Menschen, die mich immer sehr freundlich "büßten. Ueberglücklich war der eine, als ich ihm ^Ue alte, silberne Schnur schenkte; er trug sie mit ^oßem Stolz um seinen Tropenhelm während der Manzen Zeit unseres Dortseins. Den Neid der122 anderen suchte ich durch ähnliche kleine, für sie wert volle Gegenstände zu beschwichtigen. Die Haupttätigkeit der Eingeborenen war der Ackerbau; sie bedienten sich dazu nur sehr einfacher Werkzeuge. Männer, Frauen und Kinder waren auf den Feldern tätig. Vor allem fielen große Maisfelder in die Augen. Ferner wurden angebaut: Uams, Bohnen, Hirse, Erdnüsse. Die schönsten Früchte wuchsen den Eingeborenen sozusagen in den Mund. Ananaspflanzen und Popeienbäums sah ich häufig auf meinen Wegen. Besonders reichlich waren Palmen vertreten: die Fächerpalme, die den so be rauschenden Palmenwein liefert, die Oelpalme mit ihren sehr geschätzten Oelfrüchten und die Raphia- Palme, deren Rippen zu mancherlei praktischen Din gen dienen. Wohl der größte Baum, den ich in den Tropen sah, war der Affenbrotbaum. Sein hell grauer Stamm erreichte in manchen Exemplaren einen so gewaltigen Umfang, daß acht bis zehn Menschen nötig wären, um ihn zu umspannen. Das Holz ist aber weich und schwammig; dicht bei unserem Hause brach einmal bei einem heftigen Sturm ein solcher Riese mit gewaltigem Getöse ab. Die läng lichen, graugrünen, samtartig überzogenen Früchte hängen wie elektrische Glühbirnen an langen Stielen nach unten. An einer Stelle fand ich Baumwoll- sträucher; man schien aber in dieser Gegend keine Baumwollkultur zu Pflegen. Kleinvieh- und Geflügelzucht wurde viel ge trieben; es gab Wohl kein Haus, in dem nicht wenig stens Ziegen oder Schafe waren. Dagegen habe ich nie ein Schwein gesehen. Es wimmelte überall von kleinen Hühnchen. Vereinzelt sah man Truthähne, Truthühner und schön gezeichnete Perlhühner. Rind vieh gab es sehr wenig. Einige Eingeborene be-123 saßen Pferde, die bei Festlichkeiten mit reichgezier- ^ Sattel- und Zaumzeug geschmückt wurden. ^ Zu unseren Haustieren gehörten eine ganze e^he, die uns weniger angenehm waren: Ratten ganz gewaltiger Größe, die unsere Vorräte a - k ^acht heimsuchten (sie stellten übrigens einen ^ vßen Leckerbissen für die Eingeborenen dar), her anreifende, widerliche Hunde, Riesen-Ameisen, roten, Eidechsen (einmal sahen wir eine von wenig- ^ Zentimeter Länge), Käfer in allen Größen ^ad Farben, Mücken, Motten und Wespen. Die in ^achgebülk unseres Hauses bei Tage schlafenden ^edermäuse flogen, wenn ein heftiger Windstoß auf und machten einen Flug in der Veranda, ^ sich dann wieder, den Kopf und die großen . ^gen nach unten gerichtet, an die Palmenstangen ks Gebälkes zu hängen. Alltäglich, wenn unsere ^ge geschlachtet worden war, stellten sich mehrere eier ein, um die herausgenommenen Eingeweide verzehren. Einmal gelang es uns, einen zu ^gen; der alte Herr zappelte erst sehr, war dann x ^ ganz verschüchtert. Es war interessant, den sK ^ Kopf, den scharfgebogenen Schnabel mit der ^Malen, langen Zunge, den großen, starken Körper die riesigen Flügel einmal ganz in der Nähe sehen. Wir ließen ihn wieder frei, und sofort er mit wuchtigem Fluge weit fort. Die unan- ^ehnisten Hausgenossen waren die vielen Schlan- Wir haben während unseres Aufenthaltes eine ^Uze Reihe davon erlegen können, da unsere Jungen us der ihnen anerzogenen Furcht vor ihrem Gifte ^ Jagd mit blitzartiger Geschwindigkeit und be- Undernswerter Gewandtheit aufnahmen. Die erste, erlegt wurde, war eine Spuck-Otter, die wegen yres Giftes sehr gefürchtet ist, und die nun, mit124 der stlbergrauen Ober- und der Weißen Unterseite und der herausgestreckten Doppelzunge, gefahrlos dalag. Auch grasgrüne Baumschlangen u. a. waren darunter. Einmal brachten mir Kinder eine in der Nähe unseres Hauses erlegte, besonders schön ge- zeichnete Fetisch-Schlange. Auch die gefährlichen Skorpione fanden wir auf unserem Grundstück. Um so größere Freude machten uns einige Tiere, die wir als Hausgenossen aufnahmen. Ich zog mir einen jungen Uhu auf, der auch bei Tag alles sehen konnte. Sein Gefieder war grau, die Innenfläche der Flügel rosa. Sehr eisersüchtig war er, als er meine Liebe mit einem Affen teilen mußte. Es war eine junge dunkelgraue Meerkatze mit silbergrauer Brust, auffallend hübschem Kopf und hellen, klugen Augen. Anfänglich höchst scheu und bissig, wurde er allmählich dank unserer steten Bereitwilligkeit, seinen riesigen Hunger mit Leckerbissen, wie Mais kernen, Bananen, Popeien, zu stillen und mit ihm zu spielen, ganz zahm und zutraulich. Manche Un arten konnte er freilich nicht ablegen; so wenn er, friedlich mit uns am Kasseetisch sitzend, plötzlich das mit Marmelade bestrichene Brot erhaschte und schleu nigst auf seinen Platz auf der Hausmauer unter deM Dachgebälk verschwand. Er hat uns über viele ein same trübe Stunden hinweggeholfen, und ich muß gestehen, daß mir beim Fortgang von Dahomey der Abschied von ihm recht schwer wurde; ich konnte ihn ja nicht mitnehmen. Außerhalb unseres Hauses sah ich manche, mir bis dahin in der Freiheit unbekannte Tiers. Große Affen, Antilopen, Palmenratten (silbergrau und dein Eichhörnchen ähnlich), hellgelbe Feldhühner, große Scharen von fliegenden Hunden, die regelmäßig mit Einbruch der Dunkelheit um einen alten Baum her-pflogen, Tropenvögel in den schönsten, buntesten ^rben, herrliche Schmetterlinge. ^ In der Nähe des Bahnhofes sah ich einmal puren eines großen Löwen; er hatte den Einge- ^nen mehrfach Vieh geraubt, war aber trotz friger Jagd nicht zu erlegen. Sogar bis ins Rast atts hatte sich einmal ein Leopard gewagt; auch er entwischte. Mancherlei Zweige des Handwerks sah ich aus- . ku. In der Nähe unseres Hauses war eine aller- nur mit den einfachsten Mitteln ausgerüstete Hmiede. Es war eine kleine, flache, an den Seiten Nene Rundhlltte, in die man nur kriechend hinein hangen konnte. Der Blasebalg wurde durch Tre- mit den Füßen in Gang gehalten. Von einem ^"geborenen Kunstschlosser, der aus dem Hinterland ^ammte und daher von unseren Jungen als Bar- 5^ bezeichnet wurde, ließ ich mir aus Bronze Armband herstellen, wie es die Negerinnen an ^ Armen, aber auch an den Fußgelenken tragen. war ein schwerer, massiver, an einer Stelle zum ^Neilischlüpseu offener Ring, in den zierliche Muster Ngsriht und gehämmert waren. Sehr geschickt aven die Leute im Flechten von Matten, Fächern .ttd Körben. Haltbar und sauber gearbeitet, wur- di^ Gegenstände billig verkauft. Mit großer , kwandtheit flochten sie Stricke aus Palmenblät- aus Bast wurden Tischläufer mit hübschen ^^chbruchmustern aus bunten Baumwollfäden her- ^ stellt Auch Tischlerarbeiten führten die Einge- renen aus; für Reparaturen verlangten sie von "s Weißen allerdings ein Heidengeld: ein zerbro- einfaches Holzstück am Feldbett zu erneuern ^ tete 2 Fr., und dabei hielt es noch nicht einmal. Ein sehr geschickter Schneider wurde von den l25Eingeborenen viel zum Anfertigen von europäische Kleidern benutzt und führte auch für uns Aende^ rnngen zur Zufriedenheit und preiswert aus. " Garne aus Baumwolle wurden von den mit großer Fingerfertigkeit gesponnen. ^ Die berei wurde eifrig betrieben. Ich sah öfters ^ Freien aufgestellte Webstühle und konnte mit Jnte^ esse beobachten, wie unter der flinken Hand oc^ Webers mit dem primitiven Apparat aus dem Gar schöue bunte Bänder entstanden, die, zu Decken un Tüchern zusammengenäht, bei Europäern und Ein geborenen sehr beliebt waren. . ^ Der Handel zwischen den Eingeborenen sich hauptsächlich auf dem Markte ab. Auch ich mach ^ dort oft meine Einkäufe, nachdem ich bald hatte, mich durch Zeichen usw. verständlich machen. Aufpassen mußte man tüchtig, um uch übervorteilt zu werden. Denn aufgeschlagen wuro auch von den dortigen Verkäufern. Wenn man ave nur den angemessen erscheinenden Preis hinlegt^ waren sie zufrieden. Es kam auch vor, daß währen des Kaufes ein Stück der feilgebotenen Ware olM Preisherabsetzung weggenommen wurde, z. B- vo einem vorher abgezählten Haufen Uams, der 5V (in ihrer Sprache 1 tanga) kostete. Schwierigkeit^ entstanden anfangs immer beim Wechseln. Sie ve^ standen mich erst dann, wenn ich auf dem Geldstu^ mit dem Daumen die Bewegung des Durchschneiden^ machte. Das Leben Treiben aus dem Markte beobachten, machte mir immer wieder viel gnügen. Die Verkäuferinnen, mit Tüchern, ZUweile auch mit europäischen Blusen in grellen Farbe bekleidet, hockten, die Kinder in den Tüchern am dem Rücken tragend, feilschend und kreischend am127 er Erde oder auf umgestülpten Schüsseln oder Kisten or ihren Waren. Ihre Gesichter waren oft mit reiten Narben gezeichnet, die man häufig auch ^ kleinsten Kindern fand. Die Franen IchMückten sich mit buntfarbigen Halsketten und Beinringen. Die Haartracht ist sehr ver- uneden. Die eine hat ihr Haar in eine Anzahl einer Büschel geteilt und diese zusammengebunden, daß in die Luft starren? die andere hat lauter eine Zöpfchen geflochten, wieder eine andere ist almlich kahl rasiert und trägt nur auf dem Wirbel e-Nen^Büfchel. In Kalabassen, auf geflochtenen Deckeln oder Uf der blanken Erde lag die bunte Fülle der Ver- aufsgegenftände: außer Früchten, Mams und Zwie- usw. gab es Gewürze, Kassada-Mehl, Mais- er Guinea-Mehl, das in Palmenöl zu runden einen Kuchen verbacken wird, die gleich hier auf em Markte noch heiß (in Ermangelung von Tüten ^ große Blätter eingewickelt!) feilgeboten wurden, oerner konnte man kaufen: Eingeborenentabak, Würfelzucker, Petroleum, holländischen Schnaps ^in), Streichhölzer, schwarze Eingeborenenseife, Waschblau, Kolanüsse, allerhand Gefäße aus Kür- issen oder gebranntem Ton, schwarze Farbe ^ die Augenbrauen und rote zum Schminken, teinsalz, Tabakspfeifen, Schnupftabaksdosen aus ^rm in Röhrenform, kupferne Finger- und Ohr- und Armbänder in reichster Auswahl, san- L-^nartige Haussahpantoffeln aus Ziegenleder, chlösser, Oellämpchen, Lössel, Messer, Knöpse, Hosenträger, Scheren und Tücher. Auch eine Stehbierhalle war vorhanden! In ?^ ßen Kalabassen wurde das Hirsen- oder Mais- ier hergebracht, immer mit demselben Gesäße ge-128 schöpft und den Käufern zum Trinken gereicht, Zu^ Frühstückzeit wurde eine aus gestampftem Mais mehl hergestellte mehlige Flüssigkeit auf einfachem Herd heißgemacht und feilgeboten. In unserem mitten unter den Negerwohnungen gelegenen Hause wurden wir fast regelmäßig in den Vollmondnächten durch den weithin schallenden Lärm der von unseren Jungen als Tamtam" be zeichneten Festlichkeiten gestört. Anscheinend übt der Vollmond eine so unwiderstehliche Gewalt auf den Schwarzen aus, daß er nicht in seinem Bau zu halten ist. Schon nachmittags begannen bielfach die Feste und zwar zuweilen mit Umzügen, bei denen auch die Männer oft hoch zu Roß dahergaloppierten! Roß und Reiter im buntesten Festgewand. Einige Male sahen wir dicht an unserem Hause einen be sonders feierlichen Zug vorüberziehen, der ein wirk lich stimmungsvolles, malerisches Bild bot: voran die Kinder bis zu den kleinsten, meist nackt, viele auf dem Kopf eine Karnevalskappe, alle einen grünen Zweig tragend und mit den Händen takt mäßige, wiegende Bewegungen ausführend. Dann folgten Erwachsene, zunächst die Führerin, die als Abzeichen ihrer Würde stolz einen Regenschirm trug, Frauen mit Tüchern, die sie geschickt um die Hüsten geschlungen hatten, einige sogar in festlichen schwar zen Samtkleidern. Sie wiegten sich anmutig in den Hüften unter leisem Taktschlagen mit den Händen^ Nun kamen einige Männer. Alle Zugteilnehmer sangen jene nur wenige Töne umspannenden Neger gesänge, während den Takt drei Trommler schlugen, die den Zug beschlossen. Ihre Instrumente waren länglich gebaute, aus ausgehöhlten Baumstämmen gezimmerte Trommeln, deren Felle durch zahlreiche Hanfstricke mit einander verbunden und gespannt? 129 aren, Sie wurden mit einem am Ende mit Tuch- ucken umwickelten Klöppel oder mit der flachen ?and geschlagen. Am Marktplatz machte der Zug hi^. wurden Tänze, hauptsächlich von Frauen, ^fgeführt, um die herum die Zuschauer Bier trin- ^nd sich gruppierten ganz wie zu Hause beim Ermessest. Die drei Musiker mit ihren Trommeln aßen in der Mitte auf dem Boden mit übereinander- äeschlageuen Beinen. Auch jetzt waren die Frauen "v Kinder grellrot geschminkt. Alles beteiligte sich ^bhaft an den die Tanzenden begleitenden Gesängen, ^"tteu im Gedränge tauchte dann immer die würdige ^stalt unseres Llief äe villsZe" auf, im Weißen ^ropenhelm mit meiner silbernen Schnur und mit einer großen, diesmal weißen Toga. Er hielt streng Ordnung, und alles gehorchte ihm. Ein anderes Mal bewegte sich wieder ein Zug "unserem Hause vorüber. Diesmal waren es nur Männer und zwar Haussah-Neger mit ihren male- ^ichen, reichen Gewändern. Es wurde ein großes ^harnmedanifches Fest gefeiert. Voran schritten Zungen, zusammengerollte Felle auf dem Kopf tra gend, die als Teppiche benutzt werden sollten. Andere ^ugen Teekessel und Kochtöpfe mit Weihwasser, ^ann kamen die Männer, bunte Turbane auf dem ^pf; sie trugen weite Beinkleider, jene kunstvoll ^webten, togaartigen Gewänder und zuweilen ge eckte Großvaterkäppis und bestickte Schuhe. Reiter ^gten neben dem Zuge auf und nieder. Die Pferde ^igten reichgeziertes Sattel- und Zaumzeug mit Zahlreichen hell erklingenden Glöckchen und große Unte Satteldecken. An den Füßen hatten die in gleicher Weise in den lebhaftesten Farben gefchmück- Reiter einen Dorn, mit dem sie die Pferde erart spornten, daß sie wild auskeilten und imrasenden Galopp davonsausten. Zuweilen machte der Zug Halt; der plärrende, leiernde Gesang ver stummte, und dann gab ein Vorsänger durch Äb? singen eines Verses das Zeichen zu erneutem Ge sang, Wir wurden sehr häusig von den Zugteil nehmern begrüßt, die eine sichtliche Freude empfan den, wenn wir besonders malerische Gestalten be wunderten. Hinter dem Zug wurde in einer an einem Baumstamm befestigten Stoffhängematte der Priester getragen, ein intelligent aussehender, von seiner Würde offenbar höchst überzeugter Schwarzer- Er trug einen Weißen Kastan, einen weiten, weiße Mantel, gestickte Großvaterpantosfeln und -käppche Während er uns kaum beachtete, winkte uns der ihm folgende Lliek cle village" aus seiner Hängematte sehr lebhaft und leutselig" zu. Dieser Zug bewegte sich von einem zum anderen der zahlreichen Dörfer in der Nähe, so daß der Lärm den ganzen Tag, ja bis zum Abend dauerte. Er wäre sicher auch dann noch unverstärkt fortgesetzt worden, wenn nicht ein heftiger, lang anhaltender Platzregen eingesetzt hätte. Eigenartig sind die religiösen Gebräuche der Eingeborenen, und namentlich im Innern sieht man viel Fetischdienst. Eine große Macht haben anschei nend die Fetisch-Priesterinnen über ihre abergläu bischen Mitmenschen. Wenn diese Frauen mit fast geschlossenen Augen, scheinbar im ti-ance", ihren Tanz aufführen, sind ihre Zuschauer wie gebannt- Sie sind weit reicher geschmückt als die anderen, kräf tig rot gemalt, tragen kurze, schwere, grellfarbige Tücher um den Leib, dicke Halsketten aus meist roten Perlen und Kauri-Muscheln, viele schwere, massive Ringe an Fuß- und Handgelenken und sind häufig kahl geschoren. In der Hand schwingen sie den IZ 131 Zauberstaü, einen dicken, kurzen Stock, der oft aus Pferdehaarbüscheln besteht und mit zahlreichen Kaurimnscheln besetzt ist. Häufig begegnete ich einer alten Fetisch-Frau mit grauem, kurz geschorenem Haar, die noch sehr gelenkig tanzte. Einmal sah ich ie opfern, indem sie ein Huhn schlachtete, das Blut auf einen kleinen Erdhaufen spritzte und Gebete, wohl für einen Kranken, murmelte. Dann steckte sie die großen Federn des Huhnes in den Erdhügel, ^uch manche Soldaten sah ich solche Zaubermittel M Gestalt eines Stabes mit Pserdehaaren oder einer "leinen runden Schale, in die Vogelfedern geklebt ^aren, als Talisman ständig bei sich tragen. Wenn wan derartiges berühren wollte, wehrten sie ener gisch ab und bedeuteten einem, daß man dann sterben könnte. Auf Spaziergängen stieß man oft auf Fetisch- Stätten, kenntlich an einem kleinen Erdhügel, der !"it Glasscherben, Muscheln, Eisenstücken, Tontöpfen usw. belegt war. Ein solcher Platz unweit unseres Hauses war wirklich stimmungsvoll. Große, hoch stämmige Palmen umgaben kreisförmig den etwas hochgelegenen Platz. In der Mitte erhob sich ein großer Erdhügel, auf dem durch Muscheln und Ton scherben verschiedener Farben hübsche Figuren ge bildet waren. Den Hügel überdeckte ein aus Stroh sauber geflochtenes Dach. Wegen des feierlichen Ein drucks dieser Stätte nannten wir sie den heiligen Hain". Zuweilen klangen durch die Stille der Nacht schaurige, langgezogene Töne. Es war das Heulen der Klageweiber, die um einen Toten klagten. Je vornehmer der Tote war, umso nachhaltiger waren die Klagen. Einmal sah ich mir ein frisches Grab an. Es befand sich mitten im Gehöft, nahe dem132 Wohnhause des Verstorbenen und war nur, da es sich kaum über dem Erdboden erhob, dadurch kennt lich, daß die Bodenfläche durch Feststampfen beson ders erhärtet und mit einigen bunten Scherben bespickt worden war. Bei unserer Ankunft in Save, im Oktober, herrschte die kleine Regenzeit; da war die Hitze erträglich. Zuweilen sielen halbe Tage dauernde Regengüsse, oft von heftigen Windstößen und ange nehmer Abkühlung begleitet. Erstaunlich war die Schnelligkeit, mit der die plötzlich wieder erscheinende Sonne das Wasser aufsaugte. Ju dieser Zeit war auch hier die Mückenplage besonders groß; den besten Schutz dagegen bot auch für mich der derbe Reit anzug aus Khakistoff. Im Dezember begann die große Trockenzeit, die unter dem Namen Harmattanzeit bekannt ist- Es weht von der Wüste her ein frischer, trockener Wind, der Harmattan, der feine Sandstäubchen mit sich führt und die Natur und alles ringsum in einen zarten, duftigen Dunstschleier hüllt. Der Fernblick ist getrübt. Einen eigenartig reizvollen Anblick gewährt die Sonne: eine bald tief-, bald blaßrot gefärbte Feuerkugel leuchtet aus dem Dunst meer hervor, und während man sie sonst mit bloßem Auge nicht ansehen kann, genießt man den Anblick jetzt ohne jeden Schmerz in den Augen. Der Voll mond nimmt auch eine seltsam gelblichrote Farbe an. Dieser Harmattan trocknet alles aus, vor allem Kehle und Nase. Ein quälendes Durstgefühl stellt sich ein; zum Glück stehen aber gerade um diese Zeit gut gekühlte Getränke zur Verfügung. Die Flaschen werden mit feuchten Tüchern umwunden und durch die sehr schnell sich bildende große Verdunstungs-Wärme stark abgekühlt. Die Haut des Gesichtes und der Hände springt auf; wir mußten sie durch Fette wieder geschmeidig machen. Die Bücher werfen sich. Der Tropenhelm wird ganz eng. Frühmorgens wird es, zwar nicht immer, aber zuweilen ganz unver mittelt kalt, so daß man den üblichen Anzug um eine Schicht vermehren muß. Die Schwarzen hocken ihre Tücher fest eingewickelt, zusammengekauert klappernd auf der Erde es ist für sie das selbe, wie für uns die kälteste Winterszeit. Die Blätter fallen von den Bäumen. Das Gras wird gelb und dürr, und diese Zeit erhält noch ihr be sonderes Gepräge dnrch das von den Eingeborenen bewirkte Abbrennen des Grases. Diese auflodernden Feuer, in deren Schein die Palmen des Abends gigantisch ausragen, schwarze Gestalten gespenstisch vorüberhuschen und der Himmel weithin wiederglüht, gewähren einen Anblick von höchstem Reiz. An den Berghängen gleiten die Feuerschlangen entlang; da- S vis heu flammen stärkere Brände auf. Auch in unserem Hose, wie überall in der Nähe, wurde von einer Anzahl Leute unter Leitung eines Häupt lings das trockene Gras ausgerupft, gesammelt und in Brand gesteckt. Unaufhörlich tätige Trommler hielten die leicht versagende Arbeitslust der Leute rege. Im Februar und März wurde die Hitze und Schwüle am drückendsten. In meinem Tagebuche kehren fast täglich Worte wieder wie: sehr, sehr heiß; den ganzen Tag sehr schwül; fast unerträgliche Hitze? außerordentlich heiß von früh bis spät usw. Zu der einfachsten körperlichen Arbeit muß man sich gewaltsam aufraffen. Man vermeidet jeden unnöti gen Schritt und verläßt am Tage nur ungern den durch Matten gegen die Sonne geschützten Raum 13Z 134 Tritt man ins Freie, so fährt man wie geblendet von dem grellen Sonnenlicht zurück und wird um fangen von einer atembeklemmenden Glut. Dankbar begrüßten wir, die wir mangels der den Weißen sonst in den Tropen zur Verfügung stehenden Erleichterungen und Bequemlichkeiten ganz besonders unter der glühenden Hitze gelitten hatten, die sogenannte große Regenzeit", die im April, Mai und Juni eine niedrigere Temperatur brachte. Freilich war die jetzt feuchte Hitze für die Gesundheit nicht vorteilhaft, aber may atmete doch auf, als die ersten Regengüsse einsetzten. In dieser Zeit waren wir oft Zeuge der furcht baren Tropengewitter. Eine quälende Schwüle geht dem Tornado voran. Schnell verfinstert sich der bis dahin blane Himmel und schon brausen heftigste Windstöße daher, die alles mit sich fortreißen, was nicht niet- und nagelfest ist. Ein starker Tempera tursturz tritt ein. Zahllose grelle, langdauernde Blitze durchzucken die Luft, begleitet von unheim lich krachenden Donnerschlägen. Man glaubt beim ersten Mal angesichts dieses schaurig erhabenen, die ganze Natur in Aufruhr versetzenden Schauspiels, so müsse Wohl ein Weltuntergang beginnen. Doch bald läßt der Sturm nach, noch lange fließt aber der Regen in Strömen herab, begleitet von schwächer werdenden Blitzen und dumpfen, fernen Donner schlägen.Der Juni war herangekommen. Alle Deutschen aus dem Hinterlande waren nach dem südlichen Dahomeh gebracht worden, die Offiziere nach Widah, ie Mannschaften nach Abomeh, die Kranken nach Cotonon. Nur wir in Save befanden uns noch im Innern des Landes, ebenso wie die deutschen Ehe paare in Parakon. Daß diese und wir nochmals einen Aufenthaltswechsel innerhalb Dahomeys vor nehmen müßten, glaubten wir nicht. Da kam plötzlich am 23. Juni folgende leiste äs 8ei-vic:e": Alle Kriegsgefangenen müssen mit der Eisenbahn in der nächsten Woche nach Widah ge bracht werden.".. -. Nun ging s nach langer Pause wieder einmal Abbauen und Einpacken. Am 1. Juli führte uns der Zug nach der Küste zurück. Seit unserer Ankunft in Save, also seit über neun Monaten, hatte mein Mann den 1Z5Bahnhof nicht wieder gesehen. Er wurde, wie ich jetzt mit Freuden wahrnahm, auf dem Marsch dort hin durch die neuen, so lange entbehrten Eindrücke und durch die Hoffnung des Wiedersehens mit den anderen Kameraden ordentlich aufgefrischt. Denn die Herren hatten ja seit Monaten in dieser von allem abgeschlossenen Negereinöde Hausen müssen, während es uns Frauen zum Glück möglich gewesen war, auf Spaziergängen durch die daseinsfrohe Natur Saves über vieles in unserer Verbannung hinwegzukommen. Dort lag nun noch einmal Save vor unseren Augen und dahinten winkten zum Abschied die Vier Zinnen" und der ganze Bergrücken, der uns in der langen, öden Zeit durch seinen immer wieder schönen Anblick ordentlich lieb geworden war. Auf dieser Rückfahrt sollte uns nun doch der damals auf der Herreise im letzten Augenblick noch erspart gebliebene Eingeborenen-Wagen aus nehmen. Nur gut, daß wir mit unferm schwarzen Begleitsoldaten den ganzen Wagen zuerst für uns allein bekamen und eine Kiste und einen Langstuhl als Sitzplätze bei uns hatten. Bald überschritt unser Zug auf riesiger Brücke den Wohl 60 Meter breiten Weme-Fluß, an dessen Ufern dichter Busch wuchs. Aus dem Flußbette tauch ten da und dort kleine, grün bewachsene Jnfelchen auf. Schnell füllte sich leider unser Salonwagen" mit zahlreichen schwarzen Gästen, die sich mit ihren Kalabassen und ihren mit Früchten und Landes produkten aller Art gefüllten Körben, Kisten und Krügen, ja mit lebenden Hühnern, von denen eins dicht neben uns ein Ei zutage förderte, so IZbbreit machten, daß man eben gerade seinen Platz behaupten konnte. Nur gut, daß wir nicht im Nebeu- kagen saßen? als sich die Schiebetür einmal öffnete, sahen wir in dem gleichfalls überfüllten Wagen Zwei Schweine aus dem Boden liegen. In Abomey hatte unser Zug längeren Aufent halt. Vom Wagen aus sahen wir deutsche Gefangene, die Gepäck an die Bahn gebracht hatten. Der An blick war so herzzerreißend, daß uns die Tränen in die Augen traten. In dürftigster Kleidung, viele ohne den für den Europäer unerläßlichen Tropen helm, völlig abgemagert und elend, mit blaßgelber Gesichtsfarbe so erschienen diese armen Menschen dor uns, und wenn es ihnen auch verboten war, wit uns zu sprechen, sahen wir auf den ersten Blick, welche surchtbaren Leiden sie in dieser Hölle", wie Abomey genannt wurde, hatten erdulden müssen. Der Zug brachte uns aus einer Zweigstrecke nach dem westlich von Cotonou gelegenen Ort Widah, den wir erst in der Dunkelheit erreichten. Wir wurden hier in einer deutschen Faktorei unter gebracht. Einige Offiziere, darunter zwei aus Kame run, wohnten schon seit längerer Zeit hier und Nahmen uns herzlichst auf. Wir erhielten ein Zim mer, in dem sich noch die von dem früheren Inhaber zurückgelassenen Möbel befanden. Wie die Kinder freuten wir uns über den Kleiderschrank, den Wasch tisch, die große Porzellanwaschschüssel und den brei ten, geschliffenen Spiegel alles Dinge, die wir seit bald einem Jahre nicht mehr besessen hatten. Leider war jede Bewegungsfreiheit außerhalb des Hauses unterbunden. Unsere Kameraden hatten schon dier Monate hindurch das Haus nicht verlassen dür fen. Dabei war der kleine Hof zum Luftschöpfen ungenügend, da er größtenteils mit Fässern aus- 1Z7138 gefüllt war. Das Haus wurde durch farbig Soldaten streng bewacht. Am Morgen der Abreise wurden wir in den einzelnen Häusern von der schwarzen Begleitmann schaft abgeholt und schließlich in gemeinsamem, langem Zuge, Herren und Damen zusammen, zum Bahnhos geführt. Hier sahen wir nach langer Tren nung unsere alten Togoer Bekannten wieder. Bei vielen hatte die lange, fürchterliche Gefangenschaft unverkennbare Spnren von Entbehrungen und kör perlichen und seelischen Leiden hinterlassen. Auch jetzt fuhren wir wieder im Eingeborenen wagen. In Cotonou ging s im geschlossenen Zug unter starker Bewachung durch den Ort zu einem Hause, in dem wir größtenteils auf dem Fußboden sitzend, lange Zeit warten mußten und schließlich ein Mittagessen zu uns nahmen in Ermangelung von Bestecks mit den Fingern! Da schritt an nnserm Kerker ein Zug der Lands leute aus Abomeh vorüber, die mit demselben Schiffe wie wir nach Marokko gebracht werden sollten- Etwas später kamen sie in unsern Hof. Wieder dieser erbarmungswürdige Anblick wie auf dem Bahnhof in Abomeh! Unterernährt, schwer blutarm, krankhafte Gesichtsfarbe, völlig eingeschüchtert und apathisch- Dabei viele ältere Männer darunter! Aber konnten wir uns über ihr Aussehen noch Wundern, als wir sie nun sprachen und selbst von ihnen vernahmen, welchen unmenschlichen Höllenqualen sie ausgesetzt gewesen waren? An die entsetzlichen Schauer geschichten des Mittelalters wurde man erinnert, als man von völlig glaubwürdigen Zeugen vernahm, wie man dort mit schuldlosen Menschen um gegangen war. Schlechteste Ernährung, die einem regelrechten Hungernlassen gleichkam, elendeste, men-139 schenunwürdigste Unterbringung in Negerhütten. Und dabei wüteten im Lager Fieber und schwerste Tropen krankheiten. In glühender Sonnenhitze langes, äußerst anstrengendes Arbeiten unter Aufsicht der mit Ge wehr und Knütteln ausgerüstete schwarzen Sol daten, die mit der Faust, dem Gewehrkolben, dem Stock oder dem Fuß jeden Ermüdeten zur Arbeit an hieben! Dabei hatten alle Kriegs- und Zivilgesan- äenen ohne Ansehen der Person also auch Akade miker, Beamte, Missionare, Lehrer die schwersten körperlichen Arbeiten auszuführen und erlitten dabei tagtägliche Beschimpfungen und Mißhandlungen, wie sie nur völlig verrohte Menschen anwenden können. Das Schimpflichste war, daß das Weiße Aussichts- berfonal die Schwarzen nicht nur zu diesen bestia lischen Mißhandlungen antrieb, sondern sich selbst daran durch rücksichtsloses Drauflosschlagen mit den Fausten, ja mit dem Ochsenziemer beteiligte. Den Gipfel all der Roheiten bildete die Folterung mit der Daumenschraube. Stundenlang, ja nächtelang wurden die in die Oeffnungen des Folterinstruments gesteckten Daumen nuch Anziehen der Schrauben durch das dazu gehörige Eisenstück zusammengedrückt, so daß die Daumen furchtbar anschwollen, die Haut ausplatzte und die so Gemarterten oft bewußtlos zusammenbrachen. Der Lagerchef Venere (wir sahen ihn dann auch an Bord unseres Schiffes mit dem anscheinend von ihm unzertrennlichen Ochsenziemer), ein früherer Gefangenenaufseher der Nerbrecher- kolonie Neu-Kaledonien, war Hauptbeteiligter an diesen Greueltaten. Dieser Mann brachte es fertig, auf die durch die Folterung Wehrlosen mit Fuust- und Peitschenschlägen eigenhändig noch loszuschlagen, sie mit dein Revolver zu bedrohen und die Folter qualen durch allerhand mit satanischer List ausge-140 klügelte Mittel in fürchterlichster Weise zu er höhen. Da wir diese entsetzlichen Vorgänge, die übrigens in einer überreichen Zahl von Fällen von den Betroffenen beschworen worden sind, kannten, waren wir alle empört, als der Capitaine ?c nsot, der uns znr Landungsbrücke begleitete, rundweg erklärte, es sei nicht wahr, daß in Abomeh geschla gen worden wäre. Dieser Herr wagte es dann sogar, dem stellvertretenden Gouverneur, der bestimmte Fälle anführte, in unser aller Gegenwart zuzurufen: Alle Deutschen lügen, von der Agentur Wolfs bis zu Euerm Kaiser." Bei äußerst heftigem Seegang ging es hin über zu dem uuser harrenden Dampfer einem großen neueren Schiffe. Wie anders hatte man bei der Ausreise nach Afrika sich die Heimreise gedacht! Da glaubte man. nach einem Leben voll Inhalt und befriedigender Arbeit, die Körper und Geist auffrischende Schön heit einer Seefahrt mit allen Bequemlichkeiten noch mals genießen zu können. Es war ganz anders gekommen! Den Offizieren und Offiziersfrauen wurden Kammern zweiter Klasse zugewiesen, die zunächst hinter ihnen verschlossen wurden. Die Männer waren von den Frauen getrennt. Ich teilte meine Kammer mit einer Dame, ihrem kleinen Kinde und dem Mädchen. Erst nach einiger Zeit wurde es uns Frauen gestattet, mit unfern Männern je eine Kabine zu beziehen. Die Kammern der Offiziere lagen in zwei Gängen, die dnrch einen breiteren Gang ver bunden waren, dessen Zutritt uns verboten war. Hier stand dauernd eine schwarze Wache mit aus gepflanztem Bajonett, die nicht selten seekrank wurde. Das Deck durften wir während der ganzen ReiseÜberhaupt nicht betreten. Wir waren also, von dem sehr kurzen und schmalen Gang abgesehen, buchstäb lich eingesperrt. Man ging sogar so weit, wäh rend unseres einen Tag langen Ausenthaltes in Dakar die Kammerfenster zu verschließen, so daß ^?ir der schwülen Hitze schonungslos ausgesetzt waren. Das Essen war sauber zubereitet, aber äußerst knapp bemessen. Die Nichtoffiziere waren in Kammern der dritten Klasse oder im Laderaum fürchterlich eng ohne genügende Luftzufuhr, teilweise auf der Erde uegend, untergebracht. Ihre Frauen bewohnten eine Kabine mit sieben Betten. Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als ie Anker gelichtet wurden. Es war gut so? der Anblick unseres Lome mit den englisch-sranzösischen ahnen blieb uns dadurch erspart. Die durch die Hitze und den Mangel an Bewe gung und Luft schon an sich recht unangenehme ahrt wurde noch besonders lästig dadurch, daß aum einer von uns im Besitz seines Handgepäcks ^ar. Man hatte es in Cotonou ohne weiteres so gleich an Bord schaffen lassen; hier war es im großen Laderaum mit unserem Handgepäck zusam mengeworfen und vorläufig auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Erst nach vier Wochen gab man uns, wir weit im Innern Nordasrikas waren, end lich das Gepäck heraus. Die meisten entbehrten also er wichtigsten Wüsche- und Toilettegegenstände und besaßen nur das" Hemd, das auch jeder selbst waschen mußte. Ein Tag verging wie der andere. Aus unseren Kerkerzellen sahen wir fast nichts vom Lande. Von en Schisss-Reisenden, unter denen sich viele heim kehrende Belgier befanden, merkten wir nur dann ktwas, wenn jüngere Burschen und auch elegant 14l142 gekleidete Damen sich nicht scheuten, in unsere Fen ster und unseren Gang hineinzurufen: Loclion a e- mancZ" oder sale coLlion allemÄncZ" oder Lociie"- Man sah es den Gesichtern an, welche Genugtuung ihnen diese Betätigung ihres Hasses, diese seltsame Art der Beteiligung am Kampfs gegen den Feind gewährte. Daß sie sich damit selbst richteten, kam ihnen Wohl nicht in den Sinn. Einmal um Mitternacht wachten wir Frauen, als wir noch zusammen eine Kabine bewohnten, plötzlich auf. Zwei anscheinend betrunkene Belgier hatten den Nolladen unseres Fenster heruntergerissen und steckten Kopf und Oberkörper in die Kabine hinein. Wir sprangen aus den Betten heraus und eilten aus den Gang. Zum Glück kam sogleich unser Transportführer, der französische Kommandant, der über unserer Kammer wohnte und durch den beim Herunterreißen des Fensterladens verursachte" Lähm wach geworden war, herbei; im Nu waren die Belgier verschwunden. Zwölf Tage dauerte diese häßliche Seefahrt- Wir atmeten auf, als eines Morgens Cafablanea vor unseren Angen lag. Die Stadt breitete sich in ihrem Namen entsprechendem blendendem Weiß aM Ufer des blauen Meeres, von gelbem Sande um rahmt, in baumloser Umgebung aus. Viele Schiff lagen im Hafen, darunter auch mehrere mit neu traler Flagge. Wir Frauen wurden sofort von unseren Männern getrennt in einem nahe ge- legenen Zollhause einer genauen Handgepäck- und Körper-Untersnchung auf Geld, Gold und schrif^ liche Aufzeichnungen unterzogen; alles Geld mußte abgeliefert werden. Ein Wagen, sonst zur Kranken- beförderung dienend, brachte uns Frauen durch die Reihen der zahlreichen Neugierigen hindurch nachder Villa eines der Aufwiegelung bezichtigten und standrechtlich erschossenen Deutschen; sie lag jenseits es Hafens auf einer Anhöhe. Vor und hinter Unserem Wagen ritten Gendarmen auf auffallend schönen Pferden. Hie und da konnte man einen Blick aus unserem verschlossenen Wagen werfen und das uns neue und eigenartige Bild des mohamme danischen Lebens betrachten diese schöne Stadt nit den im maurischen Stil aufgeführten Weißen Däusern und den mit weiten Beinkleidern und Tacken gekleideten oder ganz weiß verhüllten Ma rokkanern. Hocherfreut waren wir, als etwas später auch unsere Männer in dasselbe Haus gebracht wurden. Alle hatten eine gründliche Untersuchung durch Gen darmen über sich ergehen lassen müssen. Im oberen Stockwerk unseres Hauses wohnten die Offiziere und wir beiden Frauen, im unteren die übrigen Frauen und zehn Zivilgefangene aus Kamerun. Von den Fenstern aus, an die man eigentlich nicht herantreten durfte (!), genoß man die herrliche Aussicht auf die bis unmittelbar Meer sich erstreckende Weiße Stadt und hinter ihr aus die mächtige blaue Meeresfläche, die sich weit in der Ferne übergangslos mit dem Horizonte ver einigte. Seltsam mutete das fast völlige Fehlen von Busch und Baum an, nur hier und da gesellte sich ön Weiß, Gelb und Blau schüchtern ein wenig Grün. Zuweilen erschienen, um dem Landschaftsbild ganz seinen eigenartigen Reiz zu verleihen, Kameelreiter in weißen Gewändern und zweirädrige Karren, be spannt mit zwei, vier, sechs, ja zehn hintereinander herlaufenden Pferden. Was wird aus uns?" 14Z144 Diesmal kam die Antwort sehr schnell, brachte aber auch eine außerordentliche Ueberraschung- Weder blieben unsere Männer in Marokko, noch fuhren wir Frauen nach Europa in die Heimat- Kurz und bündig lautete der Befehl: Die Offiziere und ihre Frauen kommen nach Algerien; Abreise bereits am folgenden Tag, am 19. Juli. Die Nichtoffiziere und ihre Frauen blei ben in Marokko." Die letzteren wurden, wie wir später hörten, in Mediuua, etwas landeinwärts, zusammen mit dem Reste der deutschen Dahomeh - Gefangenen unter gebracht. Am Tage unserer Abreise hüllte ein heftiger, Sand mit sich führender Sturm stundenlang Stadt und Meer in einen unsichtbaren Dunstnebel. Nachmittags brachten uns Autos durch breite, schön gepflegte Straßen mit großen, gut ausgestatte ten Läden zum Hafen. Natürlich stellte man uns dort wieder gründlichst zur Schau. Wir bestiegen einen kleinen Handelsdampfer, die Mingrelie", die den Küstendienst an der nord afrikanischen Küste versah. Man wies uns in der zweiten Klasse einfache, aber saubere Kabinen an- Der stellvertretende Gouverneur erhielt eine Einzel kabine erster Klasse. Neben uns saßen in der Messe unter anderen mehrere Marokkaner in ihrer schön farbigen Tracht, mit frischen, braunroten, von schwarzen Barten umrahmten Gesichtern. In der ganzen Gefangenschast hatten wir niemals ein so gutes Essen wie hier erhalten; deswegen wird uns allen die Mingrelie" wohl in guter Erinnerung bleiben! Mit dem Abschluß der westafrikanischen Zeit unserer Gefangenschaft hatte auch unsere Bewachung^ie Farbe der Bewohner Westafrikas verloren; an Stelle der schmierigen Senegalesen traten hier alte, biedere französische Landsturmleute. Am 20. Juli lag Tanger vor uns. Die Stadt erhob sich auf einer dicht am Meere ansteigenden Anhöhe. Am Strande sah man einzelne Villen in europäischer Bauart, dahinter die Stadt mit den anmutigen Häusern im europäischen oder im mau rischen Stil. Französische Kriegsschiffe und mehrere französische Handelsschiffe lagen im Hafen. Jetzt kommt die Straße von Gibraltar. Die uns zum Betreten des Decks erlaubte eine Stunde fiel gerade in die Zeit der Durchfahrt. Hurrah! Europa ist in Sicht!" Ein kleiner englischer Hilfskreuzer ließ unser Schiff stoppen. Beide tauschten Signale aus, und die Miugrelie" durfte weiter fahren. Ein selten klarer Tag gewährte uns eine prachtvolle Fernsicht. Die Küsten der beiden Erdteile traten einander dicht gegenüber. Ans der afrikanischen Seite wurden die Höhen gekrönt von spanischen Wachttürmen aus alter Zeit. Drüben tauchte, schars aus dem Meere hervor tretend, der Felsen von Gibraltar aus. Dann sahen vir Eeuta mit seinem Funkenturm. Allmählich verschwand die Küste von Europa und etwas spä ter auch diejenige von Nordafrika. Zwei Tage nach der Abfahrt von Easablanca kamen wir in Oran, dem Ziel unserer Seereise, an. Die Stadt machte einen überwältigenden Eindruck. Sie ist amphitheatralisch angelegt; über dem gewal tigen Häusermeer erscheint hoch oben ein Fort mit einer Kapelle. Den riesigen Hafen belebten viele Schiffe. Diesmal harrte unser ein ganz besonders fest licher Empfang, 5V bis 60 Reiter auf prächtigen 10 145Pferden, bekleidet mit weiten roten Hosen, breitein, blauem Leibgurt, Weißen Hemden und bunten Käp pis! Unsere Herren mußten in glühender Mittags hitze die steil hinaufführenden Straßen zu Fuß zu rücklegen, Vor, hinter ihnen und seitwärts ritten die Bedeckungsmannschaften! Wir Frauen fuhren im grünen" Wagen! Die Stadt hatte großstädtisches Gepräge und ähnelte südfranzösischen Orten, In den Hauptstraßen waren zahlreiche große Läden und Wirtschaften, Saubere Platzanlagen mit Standbildern winkten von ferne- Immer höher kletterte unser Gefängniswagen, bis er vor einem großen Steinbau hielt. Wir mußten aussteigen und stellten uns vor das verschlossene Tor, Neben dem Eingange befand sich eine Wacht- stube mit algerischen Wachtmannschasten. Sie be trachteten uns verwundert und wußten nicht, was sie mit uns anfangen sollten. Wir hatten Wohl eine halbe Stunde gewartet, als sich endlich das große Tor öffnete. Auch bei dem Pförtner dasselbe Erstau nen, Er ließ uns in den geschlossenen Hof und dann in ein kleines Zimmer eintreten. Hier nahm ein Franzose unsere Personalien genau auf und wollte dann auch unsere Schmucksachen aufbewahren. Auf unsere erstaunte Frage nach dem Grunde zeigte er uns einen schweren Geldschrank, in dem sich Uhren, Ketten und sonstige Schmuckgegenstände in große? Menge befanden. Da dämmerte uns eine Ahnung, wo wir überhaupt sein könnten. Er bestätigte aus unsere Frage: Ja, Sie befiuden sich im p -i8on civil!" Wir erklärten: Wir drei Frauen kennen uns genau und werden uns nicht bestehlen." Er erwiderte: Sie müssen im Schlafsaal mit den anderen gefangenen Frauen schlafen, und dar- 14b147 unter sind verschiedene, die des Diebstahls angeklagt sind. Ich kann also keine Gewähr übernehmen, wenn Sie bestohlen werden." ! Wir baten, den Gefängnisdirektor rufen zu lassen; nach langer Zeit erschien er. Wir wiesen Uns als kriegsgefangene Offiziersfrauen aus und legten Verwahrung gegen diese Unterbringung ein. Aber trotz längerer Erklärung konnte der Beamte den Unterschied zwischen Strafgefangenen und Kriegsgefangenen durchaus nicht erfassen. , Inzwischen war schon die sui-veillante" herbei gerufen worden, die uns nach dem Schlafsaal führen sollte. Ich sprach lange eindringlich mit ihr, schließ lich gab sie uns eine Einzelzelle. Darin stand nichts weiter als ein Bett; sie ließ uns noch Matratzen und Stücke von ihrer eigenen Weißen Bettwäsche durch zwei spanische strasgefangene Frauen bringen. Das Fenster der Zelle war vergittert und außerdem unt nicht zu öffnender Holzjalousie versehen, so daß Ulan keinen Ausblick hatte. Wir bekamen als Abendessen den Blechtopf der Sträflinge; etwas hinzuzukaufen war nicht erlaubt. Waschen konnten wir uns heute nicht mehr, da alle unfreiwilligen Bewohner des Hauses sich am Brun- uen im Hofe waschen mußten, die Uhr inzwischen sechs zeigte und bis zum nächsten Morgen sechs Uhr niemand die Zelle verlassen durste. Das Schrecklichste war mir der Augenblick, als die schwere, dicke Tür fest hinter uns verschlossen wurde nun waren wir von der Außenwelt völlig abgeschnitten wie Zuchthäusler. Aus unsere schriftliche Beschwerde beim Lom- niÄnäant militaii-e erschien erst am nächsten Morgen der Herr Gefängnisdirektor in eigener Person vor unserer Zelle und sagte, der Kommandant erlaube148 uns, alles an Lebensmitteln zu kaufen, was wir benötigen. Er lasse auch sagen, unser Zug fahre erst am nächsten Tag, so lange müßten wir im Gefängnis bleiben. So wußten wir denn, woran wir waren. Am Morgen ließ uns die 8U7vs! Änte" in einen kleinen Hof hinabgehen, um Wasser heraufzu holen, da wir uns ausnahmsweise in der Zelle waschen durften. Auf dem Hofe machten sich zwei deutsche Frauen mit uns bekannt; beider einziges Vergehen war dasselbe wie das unsrige: sie waren IZoLkss". Die eins, eine Oesterreicherin, die schon vor dem Kriege mit ihrem Manne in Algerien ge wohnt hatte, war vor kurzem ins Zivilgefängnis gesperrt worden, der Mann in die Männer-, die Frau in die Frauenabteilung. Die andere, eine Württembergerin, hatte seit zehn Jahren in Oran eine kleine Fremdenpension geführt und war nun schon seit über drei Monaten in dieser fürchterlichen Umgebung. Beide muß ten in demselben Saale mit etwa zehn straf g ef a n g c ne n Frauen Hausen. Von letz teren hatte eine ihren Mann, die andere ihr Kind ermordet. Etliche waren als Diebinnen, die anderen als Herumtreiber" festgesetzt worden. Letztere konn ten ihren Hang zu großer Fröhlichkeit auch hier nicht lassen und führten öfters auf Kosten der Nacht ruhe der übrigen nächtliche Tänze auf. Daß wir in der zweiten Nacht wieder nicht schliefen, war in dieser Umgebung nicht zu verwun dern, zumal wir aufs neue von unzähligen Stech mücken gequält wurden. Als wir am nächsten Morgen auf dem Bahnhofe, wieder im grünen Wagen", angefahren kamen, langten auch gerade unsere Herren, wieder mit star-149 ^er Spahibegleituug, an. Sie waren ebenso schauder haft wie wir behandelt worden. Man hatte sie im ^Wi8on i8vlee (Festungsgefängnis) in einem langen, ichmalen Raum untergebracht, in dem nach Art einer Wachtstube ein etwas schräg gestellter Bret terverschlag mit erhöhter Kopfleiste als Lagerstätte diente. Jeder erhielt ein Strohkissen, eine Decke, einen Blechnapf, -topf und -löffel. Da es in dem Räume von Wanzen wimmelte, schliefen die Herren im Hofe. Es wurde ihnen die gewöhnliche Kost" gereicht, aber sie dursten sich etwas dazu kaufen. Die Ueberwachung war streng und wurde von Zua- den ausgeführt, die an der Tür und auf Gängen oberhalb des einstöckigen Hauses aufgestellt wurden. In dem Hofe waren eine Anzahl aus Frankreich ^ankheitshalber entlassener algerischer Soldaten vor übergehend untergebracht. Die Fahrt aus der Eisenbahn ging durch eine wunderhübsche, abwechslungsreiche Gegend, wurde aber beeinträchtigt durch die ganz außerordentlich drückende, trockene Hitze. Im fahrenden Zuge zeigte Unser Fieberthermometer im Schatten 38 Grad an. Abends acht Uhr kamen wir in dem kleinen freundlichen Städtchen Blidah an und wohnten in einem der Ferien wegen leerstehenden Lhzeum. Ver staubt und verdurstet, wie wir waren, genossen wir hier durch Trank und Bad das uns überreichlich Zur Verfügung stehende, lang entbehrte quellfrische Wasser. Beim Abeudeffeu, das wir im Eßsaal der Schüler einnahmen, bedienten uns kleine, flinke spa nische und arabische Jungen. Um s ^8 früh Abfahrt! Wieder durchfuhren wir ein herrliches Stück Land. Riesige Weinberge und Getreidefelder wechselten mit bewaldeten Höhen ab. Äcächtige Brücken und gnt angelegte breite Fahr-straßen wurden sichtbar. Später tauchten weite, öde Sandflächen auf. Man sah wenig menschliche Ansied- lungen, nur hie und da ein Beduinenzelt. Mittags um zwei Uhr Ankunft am Bahn -End punkt, in Boghari, einem kleinen Orte, der sich oasen artig aus der sandigen Umgebung erhob. Hier erfuh ren wir, daß wir noch 154 Kilometer weit ins Innere gebracht werden würden. Abends zehn Uhr wir mußten der Hitze wegen des Nachts fahren bestiegen wir zu zwanzig Personen einen alten Omnibus, ähnlich deutschen vorsündslutlichen Postkutschen. Elf Spahis auf prachtvollen Pferden in ihrer malerischen Tracht ^ in Weißen Jacken, weiten, blauen Hosen, dem weiß-braunen Turban, das Gewehr umgehängt, den krummen Säbel in der blanken Scheide , einige französische Unteroffiziere und ein französischer Offi zier begleiteten uns. Der Vollmond ließ die Wüste in romantischem Lichte erstrahlen, so daß wir uns während dieser Nachtfahrten wie in ein Märchen land versetzt fühlten. Das Landschaftsbild gegen Morgen hätte ein Malerauge entzückt, wenn hier die halbe Mondscheibe, gerade über dem Horizonte stehend, sich scharf vom blauen Himmel abhob, wäh rend dort der Widerschein der aufgehenden Sonne schon den kommenden Morgen ankündigte. Es war gut, daß wir vor Sonnenaufgang in den Quartieren waren, denn gerade im Juli war es schon von mor gens an so fürchterlich heiß, daß man die Sonne unbedingt vermeiden mußte. Diese Quartiere, die sogenannten Karawan sereien meist alte, vom Staat angelegte und nun verpachtete Forts , rissen uns freilich immer schnell aus dem paradiesischen Zauber der nächtlichen Fahr ten. Es gab Wohl einige Betten, sie beherbergten lS0151 aber dermaßen viel Ungeziefer, daß man vorzog, ^uf die bescheidenen Räume zu verzichten und auf dem Hof auf einer Decke liegend an einer schattigen Stelle die Nachtruhe etwas nachzuholen. Meist erschienen dann aber einige der zahlreichen Schweine, um an uns herumzuschuuppern. Auch über das neben liegende Handgepäck machten sie sich her und fraßen, was sie nur erhaschen konnten, so gar Seife und Zahnpasta. Zuweilen gab es über haupt kein warmes Essen. Wasser war immer sehr knapp; es kam vor, daß man sich an dem in der Mitte des Hofes befindlichen Ziehbrunnen nicht ein mal waschen konnte. Die letzte Karawanserei, auf der wir eine mehrstündige Rast hielten, war die schönste auf der ganzen Reise. Sie war eine Oase im wahrsten Sinne des Wortes und lag bereits am Südabhange des Atlasgebirges, das wir nun glück lich überschritten hatten. Das ganze Bild der vom Mondlicht umflossenen Landschaft war überaus freundlich und abwechslungsreich geworden. Schöne Rasenflächen boten uns bequeme Lagerstätten. Zahl reiche Pappeln nmgaben ein kleines Haus. Mit Be hagen genossen wir endlich einmal wieder frisches, klares, kaltes Wasser. Neben uns grasten die Spahis- Pserde, deren Zügel die schlafenden Reiter um den Arm gewickelt hatten. Etwas entfernt rastete ein Trupp französischer Soldaten, die, auf dem Wege nach Djelfa, ihren Morgenkaffee kochten. Weiter ging die Fahrt. Araber, auf Eseln rei tend, Soldaten eines algerischen Regiments zogen vorüber. Bald kameu Neugierige aus Djelfa uns entgegen, darunter in einem zweirädrigen Wagen einige Offiziere mit ihren Damen. Viele Araber be gleiteten uns die letzte Wegstrecke im Laufschritt. Eigenartig berührte der Anblick der an Wege- 52 bauten beschäftigten französischen Soldaten. Es war eine Strafkompagnie. Am 28. Juli, fast genau am Jahrestag unserer vorjährigen Ankunft in Lome, kamen wir in Djelfa an, einem Orte, der 1200 Meter über dem Meeres spiegel liegt. Wir wurden in die auf einer Anhöhe etwas abseits des Ortes gelegene Kaserne einer fran zösischen Strafkompagnie geführt. Hinter uns schloß sich ein mächtiges Gittertor, rings um uns Mauern also wieder einmal eingesperrt! Die Unterkunft war haarsträubend. Die Herren bekamen auf der bloßen Erde liegende Strohsäcke, die nicht etwa mit gutem Stroh, sondern mit hartem Wurzelwerk gefüllt waren. Wir Verheirateten und der stellver tretende Gouverneur erhielten je ein ödes und dürf tiges Zimmer mit fest vergittertem Fenster. Unsere Betten bestanden aus eisernen Gestellen mit Holz brettern und einer Heumatratze. Ueberall gab es so viel Wanzen, daß ein Herr in einer Nacht 429 Stück tötete; ein anderer hatte ein ganz verfchwol- lenes Gesicht bekommen. Aber ein Lichtpunkt in diesem trüben Dasein: vier Wochen, nachdem wir es hatten abliefern müssen, bekamen wir endlich unser Gepäck wieder. Es sah freilich schlimm aus. In einen unserer Koffer war Seewasser eingedrungen, und nun mußte das, was nicht ganz verdorben war, getrocknet werden. Ein anderes Stück war erbrochen und vieles daraus ent wendet worden. Unser Djelfaer Gefangenenleben wurde durch folgende Befehle geregelt: Die Offiziere mußten drei mal am Tage, früh um sechs, nach dem Abendbrot und einmal während des Tages zum Appell an treten. Von abends zehn Uhr an durfte kein Licht mehr brennen und mußte unbedingte Ruhe herrschen.153 ^UI härtesten traf uns alle die Bestimmung, daß ledes Ausgehen verboten war. Diese An ordnung und die schauderhaste Unterkunft veran- laßte uns zu der Erklärung, daß wir uns nicht ^ehr an unser Ehrenwort gebunden fühlten. ^ Nach einigen Tagen Meldeten sich als Ordon nanzen bei uns fünf deutsche Soldaten. Mit welcher Freude nahmen wir diese Landsleute bei uns auf! ^aren sie doch von denen, die in der Heimat den ^rieg mitgemacht hatten, die ersten, die wir sahen! ^ie mußten immer wieder von der Begeisterung der Arsten Kriegstage und vom Vormarsch erzählen und ^usend Fragen beantworten.... Kaum hatten wir ausgepackt und uns, so weit ks die im Koffer vorhandenen einfachen Hilfsmittel ^statteten, in unserem neuen Gefängnis einge richtet", da brachte plötzlich unser Kommandant, der -"SpitAme Schmidt, unerwartet den Befehl, daßwir Wieder zurückfahren und in Medea (an Bahnstrecke Boghari-Algier) untergebracht wer- ^u sollten! Zehn Tage nach der Ankunft in Djelfa, am August, abends 10 Uhr, bestiegen wir wieder öivei Wagen? der eine war von ähnlicher Bauart wie der bei der Herfahrt, aber weit älter und schlech- ^r, gauz verschmutzt und wacklig, so daß er in allen 6ugeu ächzte und krachte; der zweite war eine Art Bremser. Der Vollmond, der uns die Herfahrt verschönt Und verklärt hatte, war jetzt verschwunden, völlige Dunkelheit umgab uns. . Wir waren etwa zwei Stunden unterwegs, als ^ir plötzlich durch einen heftigen Stoß aus unserem Mndämmern aufgeschreckt wurden. Dann ein Kra ben und Poltern, und schon kippte der ganze Wagen154 nach der Seite, um schließlich ganz umzufallen. Mein Mann und ich hatten mit mehreren Herren im Innern, die anderen oben auf dem Deck auf Kisten usw. oder auf den beiden Vordersitzen gesessen. Alles wurde durcheinander geworfen; einer lag auf dem andern. Zunächst herrschte Totenstille. Dann schwirrten Stimmen durcheinander. Wir im Innern versuchten schleunigst ins Freie zu kom men. Es gelang uns allmählich mit großer An strengung. Streichhölzer flammten auf, einzelne Wachsker zen wurden angezündet. Jeder befühlte sich, ob seine Gliedmaßen noch sämtlich heil seien. Wie durch ein Wunder hatte keiner von uns Deutschen etwas Ernstes davon getragen; die beiden Franzosen hatten einige Hautabschürfungen und Quetschungen erlitten. Die Pferde waren gestürzt, eins wimmerte; aber auch von ihnen war keins ernstlich verletzt worden. Nun kam man auch hinter die Ursache des Sturzes. Der Kutscher hatte geschlafen, war plötzlich aufgewacht und hatte die Pferde, die einen Seiten weg hatten einschlagen wollen, so scharf herum gerissen, daß der Wagen in den Graben geriet. Mit Hilfe eines Trupps des Weges kommender Zuaven wurde das Gefährt wieder aufgerichtet. Nur einige Leisten am Verdeck waren gebrochen und einige Bretter lose geworden. Nicht gerade sehr zuversichtlich und frohgemut setzten wir die Fahrt fort; denn der nun noch mehr mitgenommene Wagen wurde infolge des schlechten Weges und der geringen Achtsamkeit des Kutschers tüchtig hin und her geschüttelt.155 Gegen Morgen begegneten wir mehreren großen Kamelkarawanen, geführt von langsam dahinfchrei- tenden oder auf Maultieren sitzenden Arabern. Jetzt ^uf der Rückreise herrschte überhaupt ein weit leb hafterer Verkehr in den Karawansereien und auf der großen Straße. Zahlreiche Wagen mit Frachtgütern, große Herden von Maultieren und Pferden, die Zur Tränke geführt wurden, arabische Fuhrleute, die Kaffee kochten, von dem sie uns anboten, oder Gemüse, bestehend aus Tomaten, grünem Pfeffer und Zwiebeln, zubereiteten. Trupps von Znaven Zogen an uns vorüber. Das Leben auf den Höfen der Karawansereien hatte etwas von dem, wie es sich wohl in den mittelalterlichen Herbergen abge spielt haben mochte. Einmal durften wir beiden Frauen ein Stück spazieren gehen. Wir wanderten an der Tränke vor bei über eine Grasfläche und betraten bald die sich daran schließende große Sandwüste. Vereinzelt tauch ten kleine zusammengewehte Sandhügel aus; Bedui nen hatten in der Nähe ihre braunen Zelts aufge stellt. Unter einigen schattenspendenden Bäumen biwakierten die Znaven. Einige Kamele schritten tangsam, schwerfällig, kräftesparend durch die ein same Landschaft. Auf hübschen Weißen Pferden ritten Araber, heran, um kurze Rast in dem Wirts hause zu halten. Weit hinten sah das Auge flache, wellige, kahle Erhebungen. ^ Boghari war wieder erreicht. Nach kurzem Aufenthalte führte uns oie Bahn an einem glühend heißen Tage zunächst durch einförmige, sandige, dann durch aumutige Gegend nach Medea. Nachmittags um fünf Uhr kamen wir dort an. Am Bahnhof viel neugieriges Volk Wieder starke Bewachung. Wir Frauen fuhren im Wagen:156 die Herren gingen zu Fuß bei großer Hitze auf den staubigen Straßen. Zahlreiche Zuschauer wohn ten dem Einzug der kockies" bei. Soweit es Ein geborene waren, sahen sie uns interessiert oder mitleidig, soweit es Franzosen waren, triumphie rend oder verächtlich an. Das Städtchen machte einen angenehmen Eindruck; manche Häuser hatten maurischen Stil, viele waren aber schlecht unter halten. Parkanlagen mit mächtigen Bäumen spen deten Schatten. Der Wagen stieg bergan, um schließ lich durch ein großes Tor in eine Art Fort einzu biegen, die aus zahlreichen Kasernen und dazugehö rigen Gebäuden bestand. Vor einem der großen Häuserblocks, der wieder durch ein Tor abgeschlossen war, hielt der Wagen. Unser neues Gefangenenlager lag vor uns! Wieder war es wie ein Gefängnis! In der Mitte ein 4V x 5V Meter messender Hof, der auf drei Seiten von hohen Mauern und Wänden umgeben war. Nur auf der vierten, durch ein Gitter abge schlossenen Seite hatte man, soweit dies die außerhalb des Grundstücks stehenden Bäume und Gebäude gestatteten, etwas Aussicht ins Freie. Gegenüber erhob sich eine hohe Mauer. Die eine der beiden anderen Seiten wurde gebildet von einem großen Pferdestall mit anschließendem Ärzneiraum und ^ ein wenig abseits einer Futterkammer. Auf der vierten Seite des Hofes stand ein zweistöckiges Haus: es war das Wohnhaus für die Kriegsgefangenen. Zu ebener Erde erhielt der stell vertretende Gouverneur ein höchst dürftiges kleines Zimmer, das so klein war, daß außer für eine eiserne Bettstelle, einen kleinen Tisch, einen erst viel später gelieferten Stuhl und zwei Blechkoffern kaum Platz zum Sichdrehen war. Daneben wohnte157 w zwei zusammenhängenden Zimmern das andere Ehepaar mit Mädchen Kind. Dann folgte unser Zimmer. Es enthielt dieselbe Ausstattung wie in Djelsa, nämlich zwei eiserne Bettstellen, einen ganz alten, ungehobelten Tisch und eine ebensolche Bank ^ sonst nichts. Das Fenster war wieder vergit tert! Die Tür, deren obere Füllung aus Glas war, führte unmittelbar ins Freie aus den Hof. Die vierzehn Offiziere wurden im oberen Stock in einem gemeinsamen Räume untergebracht. Er war so eng, daß vom Bett aus einer dein andern die Hand geben konnte. Zwei oder drei alte Tische und schlechte Bänke bildeten die Ausstattung. Weder Schränke Uoch Waschschüsseln wurden geliefert. Alle mußten sich im Hof am Brunnen waschen, auch im Regen und später im tollsten Schneewetter. Am Tage nach unserer Ankunft mußte alles, auch wir Frauen, auf dem Hose antreten. Der Oberst besichtigte uns! Inzwischen war das Gepäck angekommen, und Mir begannen wieder einmal, das Auspacken und Einrichten der Wohnung. Was man in seinen Kof fern an Decken, kleinen Bildern, Photographien und Kiffen vorfand, wurde dazu benutzt, um die ent setzliche Oede des kahlen Raumes, so gut es ging, zu verdecken. Zwei Koffer wurden aufeinander gesetzt Und mit einer Decke behängt so entstand ein prak tischer und eleganter Toilettentisch. Den schlechten, ungehobelten Tisch verdeckte ein neues Bettuch, die Bettstellen verschleierte unser Mückennetz. Später bekamen wir Frauen glücklicherweise je einen Stuhl. Das beste in dem Zimmer war die Beleuchtung, die eine elektrische Glühbirne spendete. Aus einem Neste roten Stoffes und einer silbernen Borte fer tigte ich einen Lampenschirm, der namentlich abends158 durch seinen rosigen Schein das Zimmer beinahe gemütlich machte. Unser Raum war nicht uur Eß-, Schlaf- und Wohnzimmer, sondern auch Küche: in der Fensterecke standen ein Spirituskocher, Töpfe und Geschirr. Am selben Tage wie wir waren noch zwei deutsche Offiziere angekommen. Der eine war ein Feldwebelleutnant aus dem Mauuschastslager in Biskra, der uns viel Wissenswertes vom Kriege in Frankreich erzählen konnte. Der andere, Bezirksamtmann v. P., war ein guter Bekannter von uns aus Togo, wo wir ihn im September 1914 zuletzt gesehen hatten. Er hatte seine Gefangenschaft immer an anderen Orten ver bracht als wir. Lange Zeit mußte er wegen Fiebers in Krankenhäusern verweilen; auch jetzt fesselte ihn ein heftiger Malariaansall Bett. Am 13. August fühlte er sich wohler und aß mit uns bei Tisch. Da bekam er plötzlich nachmittags Schwarzwassersieber, . diese schwere Tropenkrankheit. Unsere Hoffnung auf Besserung wurde zunichte gemacht, sein Zustand ver schlimmerte sich, gegen Abend des 15. August hatte der Kranke schon keine Besinnung mehr. Trotz aufopfernden Bemühens der anwesenden Tropen ärzte starb er am 1K. August. Die Beerdigung sand am 18. um sechs Uhr morgens statt. Uns allen war gestattet worden, daran teilzunehmen. Der Zug setzte sich vom Lazarett aus in Bewe gung. Voran ein Teil SPahis mit Gewehr über. Dann ein deutscher Gefreiter, der ein schwarzes Kreuz mit dem Namen des Verstorbenen trug. Es folgte der Leichenwagen, der rechts und links von einer Abteilung SPahis mit Gewehr im Arm (nach Art der französischen Trauerparade) begleitet wurde.15? Daneben marschierte ein Unteroffizier mit gezogenem Säbel. Hinter dem Sarge schritt der französische evangelische Geistliche. Ihm schlössen sich mehrere französische Offiziere, der Führer der SPahis-Abtei- lung, ein arabischer Offizier, der Arzt und schließ lich wir an. Zahlreiche Eingeborene sahen dem Trauerzuge nach, und viele folgten ihm bis zum Friedhof. Mit seiner großen, breiten Allee von schönen, gleichmäßig gewachsenen Zypressen machte der Kirch hof einen feierlich-erhabenen Eindruck. Mit Unter- Nutzung der Kameraden wurde der Sarg vom Wagen gehoben und in die Gruft gesenkt. Nach der vom Geistlichen gehaltenen Andacht hielt unser stellver tretende Gouverneur eine tiefempfundene, eindrucks volle Ansprache. Einige Wochen nach unserer Ankunft in Medea erhielt unser Lager Zuwachs durch fünf Kameruner in!) zwei Togo-Offiziere. Letztere kamen aus dem Krankenhaus in Cotonon? der eine war der Arzt, der sechs Monate lang in Save (Dahomeh) unsere Ein samkeit geteilt hatte. Die Neuangekommenen wurden fast noch schlech ter untergebracht als wir. Sie erhielten die Fntter- karnmer zugewiesen, ein kleines Haus von 3,30 Meter Breite, 5 Meter Höhe und 7,8V Meter Länge, mit einer Tür und zwei kleinen, hoch oben angebrachten Fenstern. Ueberall zog es hinein. Das Dach war Undicht, und beim ersten Regen wurden Zimmer und Bette vollständig naß. Die Herren bezogen daher einen Teil des Pferdestalles und blieben auch dort, als das Dach ausgebessert wurde, weil die Futterkammer für die vielen Personen zu eng war. Auf unserem Hofe entwickelt sich am Tage immer ein reges Leben: Am Brunnen stehen friedlich neben-einander deutsche Offiziere, deutsche Ordonnanzen Znaven, um ihre Morgentoilette vorzunehmen oder sich einen Trunk frischen Wassers zu holen. An einem schattigen Platze des Hofes spielen einige Herren Skat, andere ^ auf Bänken sitzend oder stehend unterhalten sich oder treiben Lektüre. Ein Teil verschafft sich Bewegung durch Umkreisen des kleinen Hofes. Arabische Soldaten bringen das Essen für die Ordonnanzen. Diese decken den Tisch in dem Kasino", einem überdachten, nach dem Hofe zu offenen Schuppen. Wäsche hängt zum Trocknen in der Sonne. Der Posten steht faul und gelangweilt, an sein Gewehr gelehnt, vor dem Schilderhaus. Aus dem benachbarten, von uns durch Mauern getrennten Kasernenhofe dringt das Geräusch des Exerzierens der Tirailleurs und der abteilungsweise laut fran zösisch lernenden Spahis herüber. Zuweilen kann man auch durch unser Tor das Eindrillen der aus einem breiten Verbindungsweg ausgestellten Rekru ten sehen. Manche sehen recht schmuck aus in ihren Weißen, weiten Beinkleidern, den engen, schmucken Jacken, mit dem breiten Gürtel um den Leib und dern roten Fez. Laufschritt wird geübt: un, äeux un, äeux" tönt s herüber. Wenn sie von Uebungs- märschen zurückkommen, rücken sie unter flotten Weisen des Trompeters und der Querpfeifer in die Kaserne ein. Beim Aufziehen unserer Wache vermißt man die deutsche Strammheit. Marsch und Haltung sind oft nachlässig, die Griffe schlapp. Der Wacht habende ist immer ein Franzose (Sergeant), die Mannschaften sind fast durchweg Araber. Hin und wieder sieht man auch einen blauäugigen KabyleN darunter, zuweilen auch alte, zahnlose Leute mit Weißen Vollbärten oder ganz junge Bürschchen, die isokaum den Kinderschuhen entwachsen sind. Als Zei chen der Teilnahme am Kriege in Europa schmücken die Brust da und dort die Kriegsabzeichen: das braunrote ^Ooix äs Zueile mit Sternen und Pal- wenzweigen aus dem Band (für sogen. Zitationen, namentliche Aufführungen in Tagesbefehlen) oder die Usäaills militaii e. Die arabischen Soldaten Zeigen auch nicht eine Spur von Deutschenhaß, son dern sind im Gegenteil immer sehr zutraulich zu uns. In den ersten Wochen unseres Medea-Aufent- haltes genossen wir die große Auffrischung einiger etwa zweistündiger Märsche in die Umgebung. Der Hitze wegen wurde sehr früh aufgebrochen. Der Kom mandant erschien hoch zu Roß mit seinem Burschen, der das Gewehr umgehängt hatte ^ der uns eben falls begleitende Dolmetscher sagte, er wolle Vögel schießen! , dem Rechnungsführer und einem Sol daten mit Gewehr. Für unsere ungeübten Beine var es oft eine große Anstrengung, da der Weg durch sehr hügeliges Gelände führte. In der Stadt, deren Straßen zu dieser Zeit noch wenig belebt waren, sah man beim Durchmarsche da und dort an den Fenstern der Häuser ein verschlafenes Ge sicht, ungewaschen und mit ungekämmtem Haar. An den Markttagen begegnete man auf den Landstraßen zahlreichen Arabern, die, bekleidet mit einem großen, Weißen Mantel und dem Turban, häufig zu zweien auf einem Esel saßen, der obendrein noch Landes produkte, wie Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Fei gen usw. tragen mußte. Der Landschaft gaben ihr charakteristisches Aus sehen die weiten Weinfelder mit den der Reife ent gegengehenden Trauben? dieses.Jahr war der Wein besonders gut geraten. Am Wege standen zahllose162 Feigenbäume, ferner Ulmen, Rüstern, Granatäpfel, Wacholderbüsche usw. Man genoß hübsche Blicks auf das teils bewaldete, teils kahle, wellige Gelände, aus das hochgelegene Medea, auf die nicht weit von unserer Kaserne befindliche Moschee, aus breite, von Flüssen durchzogene Täler. Besonders schön war der Spaziergang nach dem Fenster", wie wir den herrlichen Ausblick getauft hatten. Es ging ziemlich bergan, bis sich das breite Felsmassiv für eine überwältigende Fernsicht öffnete. Von dieser Stelle aus hatte in den 3ver Jahren der Führer der Eingeborenen die Schlacht gegen die Eroberer geleitet. Vor uns, nach Westen, rauh und schroff emporragend, erhob sich stark gefaltetes Sand gebirge, hinter dem in nebelhafter Ferne die Berge bei Orleansville hervortraten. Rechts, nach Norden, zogen sich liebliche, bewaldete Höhen hin, an deutsche Berge erinnernd. Zwischen diesen riesigen Gebirgs zügen und unserem Ausgnck dehnte sich sine endlose Ebene, aus der sich die uns tragende Höhe mit schwindelnder Steilheit jäh emporhob. Tief unten sah man die Gleise der Eisenbahn nach Boghari, die uns nach Medea gebracht hatte; ein winzig erscheinendes Züglein dampfte vorwärts. Unweit der Stadt ruhte das Auge mit Behagen auf einem reizenden Landschaftsidyll: eins ein wenig verfallene Mühle, an deren einer Seite ein riesiges, jetzt in der Trockenzeit stillstehendes Rad hing, erhob sich mitten in Weinfeldern, umgeben von schlanken Silberpappeln; hoch oben hinter der Mühle wink ten von einer Anhöhe düstere Zypressen herüber.... Wie sehr milderten diese Spaziergänge, der Ge nuß der herrlichen, lachenden Gottesnatnr und die strahlende Sonne unser trauriges Gefangenendasein! Aber ach! Es war nur eine kurze Freude.Unser Lagerstab umfaßte eine ganze Anzahl von Personen. Für uns 3V Kriegsgefangene hatte man ausgeboten: einen Hauptmann als Lagerkom mandanten (er war Elsässer und seit langem in Algerien ansässig), einen Hch u^-mt (etwa in der Stellung eines deutschen Feldwebels, später trat an seine Stelle ein cies loZis in ähnlichem Range), ein Rechnungsführer, ein Fourierunteroffi zier, ein Dolmetscher. Hinzu kamen noch der Bursche des Hauptmanns, der Wachthabende und die Wache, die aus zwölf Mannschaften bestand. Unsere erste gemeinsame dringende Bitte an die Franzosen ging dahin, uns nun endlich einmal Nach richten über den Krieg zukommen zu lassen. In der langen, nun schon ein volles Jahr dauernden Ge fangenschaft hatte man uns absichtlich jede Zeitung oder jede andere Kriegsnachricht ferngehalten. Was 15Zwir erfuhren, hatten wir nur glücklichen Zufällen zu verdanken! Daß wir unter einer derartigen, jetzt im Kriege besonders drückenden Absperrung von allem, was draußen in der Welt geschah, ganz außer ordentlich litten, das konnte oder vielmehr wollte bisher niemand verstehen. Jetzt hatte unsere Bitte wenigstens den Erfolg, daß man uns Kenntnis gab von den amtlichen französischen Berichten, nicht etwa von den jenigen aller Kriegführenden, ja nicht einmal aller Verbündeten. Das hatte natürlich seine guten Gründe. Es war gerade die Zeit der unvergleich lichen deutscheu Siege im Osten, während in Frank reich keine wesentliche Äenderung der Kriegslage eingetreten war. Kein Wunder, daß wir den an einem Baume angeschlagenen französischen Low- muniqus8" kein allzu großes Interesse entgegen brachten. Da kam uns unerwartet eine freundliche Fügung zu Hilfe: wir konnten eine Ausgabe einer Berliner Zeitung lesen! So hatten wir seit einem Jahre zum ersten Male wieder eine deutsche Zeitung in den Händen. Im September bewilligten uns die Franzosen eine kleine algerische Zeitung, die Depeede nenne". Wir begrüßten sie mit großer Freude, wenn auch die Nachrichten des stark örtlichen Charakter tragenden, niedlichen Blättchens ziemlich dürftig und die Ereignisse recht gesärbt dargestellt wurden. Aber wir bekamen so wenigstens alle Berichte der Ver bündeten vor Augen und erlangten schließlich eine erstaunliche Gewandtheit darin, den französischen Stil richtig einzuschätzen und gut zwischen den Zeilen zu lesen. Unter den Franzosen unseres Lagers herrschte zu jener Zeit große Hofsnungssreudigkeit. Sie rech- l64neten auf baldiges, für sie siegreiches Ende des Krieges. Unser Lagerkommandant, dem man das Feiern aus Vorschuß stark anmerkte, meinte eines Tages, die Dardanellen seien gefallen oder würden in oen nächsten Tagen fallen. Nun sei der Friede im Anzug und in allernächster Zeit zu erwarten. Er, der Capitaine, käme aber noch nicht nach Hause, da er für die Okkupationsarmee in Aussicht genom men sei!" Oesterreich werde aufgeteilt, indem die slawischen Teile an ihre alten Eigentümer zurück kämen. Ein hübsches Stückchen taktvollen Ver haltens leistete er sich am Sonntag den 26. Sep tember. Spät abends, zu einer Zeit, in der er sonst nie im Lager erschien, heftete er eigenhändig, unter besonderem Hinweis darauf, ein Havas-Telegramm an, wonach in der Champagne die Franzosen in die deutschen Linien eingedrungen und zahlreiche Ge fangene gemacht hätten. Als aber dann diese mit den kühnsten Erwartungen ( Okkupationsarmee!") angekündigte Champagne-Offensive bald zum Stehen kam, unterließ er die besondere Mitteilung an uns. Ueberhaupt war allgemein bei den Franzosen die Ernüchterung sehr groß, als weder eine nennens werte Aenderung der Lage in Frankreich, noch die Prophezeite Dardanellen-Bezwingung erfolgte, als vielmehr Bulgarien auf unsere Seite trat und der serbische Feldzug so glänzend für uns begann. Eines Tages brachte der Dolmetscher die Nach richt, unser Kaiser sei nach einer amtlichen Mel dung tot; der Capitaine würde sogleich kommen, um uns dienstlich Mitteilung davon zu machen. Alle Franzosen verbreiteten in menschenfreundlichster Weise die Neuigkeit; auch das Kantinenpersonal an die Ordonnanzen. Wenn wir auch die Nachricht mit dem für solche Fälle erforderlichen Vorbehalt WS156 aufnahmen, so erschraken wir natürlich im ersten Augenblicke sehr. Schon am nächsten Tage stellte sich zum Glücke heraus, daß die Franzosen sich mal wieder in einen Freudentaumel hatten hiueinlügen lassen. Bezeichnend dafür, mit welchen Mitteln Frank reich arbeitete, war auch die Zeitung für die deutschen Kriegsgefangenen", die in deut scher Sprache erschien und an unsere Ordonnanzen verteilt wurde. Ihre Aufgabe war eine zweifache! erstens: unter Herabsetzung alles dessen, was deutsch ist, die deutsche Sache als so aussichtslos wie nur möglich hinzustellen, und zweitens: extremste repu blikanische Ideen zu verbreiten. Einige Proben mögen dies beweisen; da gab es z. B. folgende Aufsätze: Die deutschen Illusionen", Not" (d. h. in Deutschland), Der Sinn der französischen Revo lution", Der deutsche Militarismus", Frankreich kämpft für ^ as Recht und nicht für Eroberungen", Elsaß-Lothringen" (die Geschichte einer Annexion)- Nach den Berichten über die Kriegslage errangen nur die Verbündeten Siege, die Deutschen überhaupt nicht. Ueber uuseren ruhmreichen serbischen Feld zug wuroe mit wenig hohlen Worten hinweggegangen und nur von den deutsch-österreichischen Verlusten gesprochen. Man kündigte gewaltige Kraftanstren gungen der Verbündeten an. Nach dieser Zeitung blieb für Deutschland im Herbst und Winter 1915 nur noch ganz kurze Zeit bis zum Bankrott und bis zum Verhungern. Es wurde von revolutionären Kundgebungen in Berlin und anderswo berichtet. Gehässige und aufreizende Redewendungen fanden sich: Die Volksmassen in Deutschland sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß nur die revolutionäre Handlung die Regierung zwingen kann, Frieden zuschließen," heißt es in einem Zitat in Nr. ZZ vom 2 . Dezember 1915. Deutschland ist eine zivili sierte Nation, deren Körper, Geist und Seele vom Geist der Barbarei unterjocht worden ist." ^ lieber die deutsche Offensive bei Verdnn: Der Kronprinz hat seine Mannschaften in die scheußlichste Schläch terei der Geschichte geführt, um sich einen dynastischen Sieg zu sichern" und: Vor Ablauf von wenigen Wochen werden die deutschen Truppen vollständig zusammengeschmolzen sein". Zu der Nachricht über die Absicht des preußischen Kriegsministeriums, die jungen Leute militärisch vorzubereiten, wird gesagt: ,,Wir wollen nur dazu sagen, daß Deutschland ein bewunderungswürdiges Land ist. Kaum sind die Väter getötet, bereitet man schon den Söhnen das selbe Schicksal". In dieser Tonart ging es alle zehn Tage vier Seiten lang weiter! Das ist die geistige Kost, die Frankreich seinen Kriegsgefangenen bietet. Aber seinen Zweck hat es dabei sicher nicht erreicht, denn dieses klägliche Geschimpfe zerschellte an dem gesunden Sinn unserer Mannschaften und richtete sich selbst. Uns in Medea sollte noch recht fühlbar werden, wie Frankreich seinen Haß gegen Deutschland an den Kriegsgefangenen ausließ. Wurden wir doch unmittelbar von der von der französischen Regie rung verfolgten Repressalien Politik betrof fen. Seit uuferer Abfahrt von Save in Dahomeh hatten wir wieder keinerlei Post erhalten. In Medea durften wir am 18. August eine Karte schreiben, die genau folgenden Wortlaut enthalten mußte: Ich bin jetzt im Offiziersgefangenenlager in Medea (Algerien). Da die deutsche Regierung jeden Briefwechsel zwischen Franzosen und den von den deutschen Truppen besetzten Departements 1S7158 untersagt, sieht sich die französische Regierung gezwungen, entsprechende Maßregeln zu ergreisen und verbietet uns, an die Unsrigen zu schreiben. Jedoch dürfen wir Sen dungen von Geld und Kleidungs st ük- ken bekommen." Wir selbst hatten bis dahin, also seit drei Mo naten, von unseren Angehörigen wieder keine Post ausgeliefert bekommen. Ich fragte daher den Kom mandanten einmal, ob denn die Nachsendung von Briefen Dahomeh nicht veranlaßt worden sei. Er erwiderte mir, es seien Briefe und auch eine Post anweisung sür mich da, er dürfe aber keines von beiden aushändigen. Die Verweigerung der Geldauszahlung war für uns sehr unangenehm; denn unser Guthaben war nicht mehr groß, und unser abgeliefertes deutsches Geld wurde nicht gewechselt. Außerdem war der Sold äußerst knapp. Er betrug für die älteren Offiziere 125 Fr., für die Oberleutnants und Leutnants 75 Fr.; wir Frauen erhielten zuerst 51 Fr. monatlich und schon von Ende September an überhaupt nichts mehr. Da für die beiden von den Franzosen gelieferten, der Er gänzung dringend bedürfenden Mahlzeiten allein schon monatlich 6V Fr. zu zahlen waren, so war es für die Leutnants unmöglich, mit 75 Fr. auszukom men. Der Rest des Soldes, 15 Fr., reichte ja kaum dazu aus, morgens den selbstgekochten Kaffee und das übliche Schmalzbrot zu bezahlen. So mußten diese Herren und besonders wir Frauen ständig von unserem Guthaben fortnehmen, und dieses wurde immer geringer. Hinzu kam weiter, daß die Fran zosen versehentlich ein Guthaben meines Mannes von 3W Fr. in Eotonou liegen gelassen hatten.159 Obgleich wir sofort, als wir es hörten, um Ueber- weisung gebeten hatten, kam und kam es nicht. Bei den mehrfachen Besichtigungen des Lagers durch höhere Offiziere baten wir immer wieder um Aushebung der Brief- und Geldsperre; aber ver geblich. Wir verhehlten uns nicht, daß unsere Lage kritisch werden müßte, wenn das Geld zu Ende ging. In diese Zeit der ersten Besorgnisse fiel das Verbot der Spaziergänge, die uns eine so große Erholung und die einzige Abwechslung gewesen waren. Das französische Kriegsministerium untersagte sie, weil die französischen Offiziere in Deutschland auch nicht spazieren gehen dürsten". Da mit fanden wir uns ohne weiteres ab, indem wir uns sagten, daß Deutschland Wohl seine guten Gründe dazu hatte. Wir gingen damals, als wir die eigenartige französische Auslegung des in allen Befehlen wiederkehrenden Wortes Reziprozität" noch nicht kannten, nicht so weit, anzunehmen, daß der Hinweis auf Deutschland überhaupt nicht berech tigt sei. Weitere Verschärfungen unserer Lage traten ein. Man untersagte uns jedwedes Musi zieren oder Singen. Erst im Mai des näch sten Jahres wurde dieses strenge Verbot, das die unverhohlene Absicht zeigte, das an sich schon trau rige Los des Kriegsgefangenen mit allen Mitteln zu verschärfen, endlich wieder aufgehoben. So lange Zeit raubte man uns auch diese harmlose Fröhlichkeit. Mitte Oktober verbot das Kriegsministerium allgemein den Offizieren das Tragen von Zivilklei dern. Da die meisten Herren aus Togo nur Khaki besaßen und ihre heimischen Uniformen nicht zur Verfügung hatten, baten sie um die Erlaubnis, sie170 sich schicken lassen zu dürfen. Der Lagerkommandant erklärte, es dürfe keinesfalls geschrieben werden, da nach einem neuen Zirkular" viel strengere Vor schriften beständen und sogar die Pakete uns nicht ausgehändigt werden dürften. Also auch nicht diejenigen, um deren Zusendung wir zuerst hatten bitten dürfen! So lagen denn nun die Pakete und ebenso die Geldsendungen im Büro! Meinein Manne gegenüber äußerte der Capi- taine mehrfach, er habe Anweisung, uns sehr streng zu behandeln. Warum, wisse er nicht. Wir hatten nun jedenfalls keinen Zweifel mehr, daß wir nicht nur in einem Repressalienlager waren, sondern als Geiseln behandelt würden. Dies bestätigte uns auch eine Zeitungsnachricht, worin wir als Notables" der von den Franzosen besetzten deutschen Kolonien bezeichnet wurden, an denen man sich für etwaige Maßnahmen der deutschen Regierung gegenüber der Bevölkerung in den deutscherseits besetzten Gebieten schadlos halten wolle. Daß unsere Offiziere Kämp fende gewesen und mit der Waffe in der Hand gefangen genommen worden waren, das kümmerte die Franzosen nicht. Als wir nach vielen Monaten die um diese Zeit eingegangenen Briefe ausge händigt bekamen, fanden wir denn auch auf meines Mannes und auf meinen Briefen den Vermerk otaZe" (Geisel). Mit dem Hinweis auf die Briefsperre zwischen den besetzten und den übrigen Gebieten Frankreichs ließ sich die Maßnahme gegen uns in keiner Weise rechtfertigen. Wir befanden uns nicht im besetzten Gebiete, sondern waren in unserem, vom Feinde besetzten Wohnsitz als Kriegsgefangene auf fran zösischen Boden gebracht worden. In Frankreich171 l sprachen außerdem Wohl sehr gewichtige Gründe der Staatssicherheit (Spionagegefahr) gegen ungehinder ten Briefverkehr: hier in Afrika konnte davon nicht die Rede sein. Das Briefverbot traf uns, von denen die meisten schon lange in Afrika waren und manche seit Früh jahr 1914 keinerlei Nachricht aus der Heimat erhalten hatten, ganz außerordentlich hart. Vielleicht hatten die Franzosen aber gerade deshalb uns ausge sucht. Voin Herbst an mußten die Offiziere wegen der eintretenden Kälte die Mahlzeiten, da kein anderer Raum zur Verfügung gestellt wurde, im Pferdestall einnehmen, von dessen vier Ecken eine zum Eßsaal, eine zum Schlafsaal für sieben Offiziere, eine zum Aufent haltsraum für die Araber-Wachtmann- sch asten (1." Personen!) und eine für das Pferd des Lagerkommandanten diente! Das Essen war schon zu Ansang in unserem Lager recht dürftig und wurde schlechter schlech ter. Die zwei täglichen Mahlzeiten für 60 Fr. monatlich waren weder der Menge noch der Güte nach ausreichend. Die Suppe war nicht viel mehr als Wasser mit aufgeweichtem Schwarzbrot. Das Fleisch war sehnig, knorpelig, zähe, ost halb roh, stets ebenso wie die ewigen Bohnen und Makka- roni mit Knoblauch zubereitet und sehr knapp bemessen. Nur wenn eine Revision kam, war plötz lich das Essen ausgezeichnet. Die Speisen waren, bis sie aus der im Nebenhause befindlichen Kantine zu uns gebracht wurden, kalt. Auch die Verpflegung der Ordonnanzen war jammervoll. Sie erhielten dasselbe wie die arabischen Wachtmannschasten: meist nur in Wasser gekochte172 Nudeln mit Brotstücken und selten ein kleines Stück Fleisch; aber alle Beschwerden prallten an der Gleich gültigkeit des Lagerkommandanten ab. Für uns alle war es ganz unmöglich, bei dieser Nahrung zu bestehen; jeder mußte sich etwas hinzu kaufen. Das ging aber nur so lange, als man ein Guthaben hatte. Dann trat geradezu Not in unserem Lager ein. Gesuche, sich selbst beköstigen zu können, wo durch man für dasselbe Geld weit besser gefahren wäre, wurden rundweg abgelehnt. Abbestellungen bei Krankheitsfällen stießen immer auf Schwierig keiten. Da war Anfang Dezember auch bei mir der Augenblick gekommen, wo ich kein Guthaben mehr hatte, denn das für uns ständig einlaufende Geld war zurückgeschickt worden. Obgleich der Capitaine meinem Manne zweimal fest versprochen hatte, die durch Schuld der Franzosen in Cotonou seit bald sechs Monaten liegen gebliebenen 300 Fr. uns als Guthaben anzurechnen, verweigerte er dies jetzt ebenso wie das Umwechseln meines deutschen Geldes. Er ordnete vielmehr rundweg an, daß mir der Kantinenwirt kein Essen mehr liefern d ürfe.. Einige wenige Herren hatten zwar noch ein kleineres Guthaben und stellten es mir freund licherweise zur Verfügung. Ich habe es aber nicht angenommen, da ich wußte, daß es auch für sie nur noch kurze Zeit reichen würde. Ich erhielt nun einen Topf Essen wie die Araber zugewiesen. Er kam auch drei Tage, blieb aber dann aus. Die Herren der Tischgesellschaft schickten freundlicherweise von ihren ohnehin schon knapp bemessenen Mahlzeiten etwas für mich in mein Zimmer.173 Ueberhaupt war es in unserer traurigen Lage herzerquickend, daß jeder für den andern eintrat, so sehr er nur konnte, und jeder in unserem Lager mit den Kameraden teilte, was er besaß! Auf Gesuche meines Mannes an den amerika nischen Generalkonsul der, wie wir wußten, da mals mit der Wahrnehmung der Interessen der deutschen Kriegsgefangenen betraut war , unser deutsches Geld zu wechseln oder als Lombardpfand anzunehmen, ging nie eine Antwort ein; wahrschein lich waren sie, wie manche anderen Eingaben, aus dem Lagerbüro überhaupt nicht herausgegangen. Zum Glück dauerte dieser für mich fürchterliche Zustand nicht lange. Kurz vor Weihnachten wurde endlich das deutsche Geld eingewechselt! Das war eine schöne Weihnachtsfreude für mich, konnte man doch nun die Feiertage ein wenig festlich begehen. Für die nächsten Monate war ich bei bescheidener Lebensführung gesichert, und wir konnten nun unsererseits den Kameraden aushelfen. Die Geld- und Paketsperre hinderte uns am Beschaffen von warmen Kleidern, die wir dringend brauchten, da das Wetter durchaus nicht so mild war, wie man vielleicht von dem sonnigen Algerien vermuten könnte. Die Tage im August und Sep tember waren zwar glühend heiß, aber abends war es ost recht kühl. Medea liegt 9M Meter hoch. So kam es, daß es bereits im Oktober sehr kalte Tage gab? dazn regnete es nm diese Zeit recht häufig. Bald fiel der erste Schnee und zuweilen lag er 3V Zentimeter hoch unmittelbar vor unserer Zimmertür. Selbst im April schneite es noch. Im Oktober war uns gesagt worden, im No vember kämen die Oefen. Wir warteten, in unseren leichten Tropenkleidern frierend, geduldig diesen174 Zeitpunkt ab. Und in der Tat wurden am 16. No vember die Rußlöchsr in unseren Zimmern vom Ruße des Vorjahres gereinigt. So schmutzig die Ar beit auch war wir nahmen sie gern in Kauf, glaubten wir doch, es würde nun wirklich Ernst mit den Oesen! Aber sie kamen nicht, und wir haben den ganzen Winter in unserem zu ebener Erde gelegenen Zimmer mit dem Stein fußbode u und der unmittelbar ins Freie führenden undichten Tür ohne Ofen zubringen müssen. Dabei war über unserer Zimmertüre in der Dachrinne ein Loch. So bald es regnete oder schneite, tropfte das Wasser auf die Türschwelle, von wo es in das Zimmer hineinlief, um einen großen Teil der Bodenfläche zu bedecken. Seit September hatten wir um Abhilfe auf unsere Kosten gebeten; es geschah nichts und man lebte im Nassen weiter. Zweimal wandte ich mich noch wegen des Ofens an einen französischen Arzt; er erwiderte, er könne dabei nichts tun, das sei nur Sache des Komman danten. Das einzige, was er mir versprechen könne, sei noch eine wollene Decke. Ich habe sie nie ge sehen. Nun kam weiter in Betracht, daß unter uns, von denen viel? schon jahrelang in den Tropen gelebt und nun unter der el.enden Unterkunft, der mangelhaften Verpflegung, der dünnen Kleidung (Khaki oder Leinen) und den starken psychischen Ein wirkungen der ganzen unwürdigen Behandlung zu leiden hatten, viel Krankheit herrschte. Nach den Auszeichnungen eines befreundeten Arztes kamen im November 1915 unter 29 Kriegsgefan genen 33 Krankheitsfälle vor. Es gab kaum einen175 unter uns, der nicht an hohem Fieber gelitten hätte. Einige, die in den Tropen niemals krank gewesen waren, bekamen jetzt heftige Malaria-Anfälle. Schlimm wäre es uns ergangen, wenn nicht deutsche Aerzte zur Stelle gewesen wären, die sich in hilfsbereiter Weise um die Kranken mühten, so sehr sie konnten. Französifcherseits ließ die Aerzteversorguug in Medea sehr zu wünschen übrig. Der kriegsgesangene Dr. K., der diele der Offiziere behandelte und die Arzneien besorgen ließ, schrieb einen .Brief nach dem andern an den französischen Arzt. Er bekam weder Antwort noch eine Arznei. Bezahlten wir die Arzneien, so kamen sie stets sofort. Dabei wurde uns später von einem revidierenden höheren Offi zier wiederholt erklärt, daß wir alle Medikamente frei geliefert bekämen. Eins Rückzahlung der von uns aufgewandten Beträge die Preise waren sehr hoch! erfolgte natürlich nie. Unsere deut schen Aerzte hatten zunächst noch einige Verband stoffe; als diese aufgebraucht waren, vermochten sie keine Hilfe mehr zu gewähren. Erst nach Aufhebung der Geldsperre konnten wir zur Selbsthilfe greifen; wir gründeten eine Medikamenten-Kasse. Von den vielen Kranken nahmen die Franzosen nur selten einen ins Hospital auf. Als zwei Herren mit 40 Grad Fieber im kalten Stalls lagen, mußte viermal nach dem französischen Arzte geschickt wer den, ehe er kam. Fieberkranke und Rheumatiker blie ben so tagelang im ungeheizten Räume liegen. Mir wurde der Hospitalaufenthalt, den mein Arzt für notwendig hielt, ebenfalls abgeschlagen. Letzterer hatte drei Briefe schicken müssen, ehe der französische Arzt überhaupt kam. Er fand dann, ich176 hätte doch alles, was man braucht; wir wären doch sehr gut untergebracht!" Das war Mitte Februar, an einem Tage, als der Schnee hoch im Hofe lag und wieder das halbe Zimmer naß war. Der deutsche Arzt hatte mir heiße Umschläge verordnet; aber in dieser Zimmer temperatur war es undurchführbar, wenn man sich nicht immer wieder von neuem erkälten wollte. Der französische Arzt benahm sich dann etwas spä ter der anderen deutschen Dame gegenüber genau so menschenfreundlich". Ein großes Glück war es für uns alle, daß unter den Offizieren sich ein sehr geschickter Zahn arzt befand, der mit dankenswerter Bereitwilligkeit sich unserer Zähne annahm. Daß die Franzosen damals uns eine sachgemäße zahnärztliche Behand lung hätten zuteil werden lassen, war ausgeschlossen. 4- 5 1- In die düstere Oede unserer strengen Abgeschlos senheit warf das Weihnachtsfest einen erwär menden, belebenden Lichtstrahl. Eine Vorfreude be reitete uns eine Rote-Kreuz-Sendung, die, wie ich erst viel später in Berlin hörte, vom Reichs-Kolo- nialamt an uns abgeschickt worden war. Sie war bereits am 2. November durch ein Schreiben des amerikanischen Generalkonsuls in Algier angekündigt worden, kam aber erst im Dezember in unsere Hände. Gerade in dieser Zeit hatte kaum noch einer von uns etwas Geld, und alle waren in größter Verlegenheit mit der Kleidung. Ordentliche Stiefel besaß Wohl keiner mehr, weil auf dem steinigen Hofe die Sohlen in kürzester Zeit durchgelaufen varen. Ein paar Sohlen kosteten damals schon7 Fr. 50, und wer von uns konnte so viel bezahlen! Daher wurden die in der Kiste befindlichen vor züglichen Stiefel mit dankbarster Freude begrüßt. Auch die Franzosen besahen sie staunend und konnten sich gar nicht genug verwundern, daß in Deutsch land überhaupt noch Leder vorhanden sei. Außer dem gab es Khaki-Anzüge und Wäsche. Auch wir Frauen und das Kind waren bedacht worden. Eine Weihnachts - Nachsreude hatten wir dann noch im Januar durch eine weitere Sendung vom Zentral komitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz Berlin, abgefertigt von der Kriegsgefangenenfür sorge des Württembergischen Landesvereins vom Roten Kreuz in Stuttgart. Da gab es prächtige Sachen: Konserven, Kakao, Kaffee, Keks, Schokolade, Zigarren, Zigaretten, Drillich-Anzüge, Wäsche für die Ordonnanzen, Wäsche für Frauen und Kinder, Frauenmäntel. Die warmen Kleidungsstücke für die Herren kamen leider erst im April in ihre Hände. Da die meisten keine Mäntel besaßen und Damen mäntel übrig blieben, änderten wir sie sür die Herren um, und mancher war froh, überhaupt etwas Wärmendes zu besitzen? denn es war bitter kalt. Ob wir eine Weihnachtsfeier abhalten dürften oder nicht, darüber herrschte ein ewiges Hin und Her. Bald hieß es ja", bald nein". Endlich kam ein Befehl, wonach das französische Kriegsministerium auch unsere Weihnachtsfeier im Repressalienlager genehmigt hatte. Und nun begannen eifrigst die Vorbereitungen, v Am 2Z. herrschte in unserem sonst so nüchternen Gefängnis wirklich eine richtige Weihnachtsstimmung. Zwei Oefen hatten die Franzosen nun doch noch ge liefert und in dem Pferdestall aufstellen lassen. Das Holz mußten wir allerdings selbst bezahlen; wer 2 177Geld hatte, gab es gern für diesen Zweck. Woher aber das Geld nehmen? Es sei denn, daß wir es uns vom Munde absparten. Da also das gespaltene Holz unerschwinglich teuer war, so machten sich die Offi ziere ein Vergnügen daraus, die gekauften dicken Baumstämme selbst durchzusägen und dann klein zu spalten. Mit unermüdlicher Ausdauer und sicht barer Arbeitsfreude stellten manche ihre Kräfte fürs Allgemeinwohl zur Verfügung. Wollte man doch wenigstens zum Heiligabend ein mal einen warmen Pferdestall haben! Allerorts im Lager wurden Vorbereitungen getrof fen: da hörte man aus einem der wenigen Einzel zimmer Stellen aus alten, lieben Liedern geheim nisvoll beim Einüben erklingen. Andere gingen aus wendig lernend oder sogar dichtend aus dem Hofe auf und ab. Ich hatte für uns ein kleines kiefern artiges Bäumchen erstehen können und schmückte es nun weihnachtlich aus. Eine Kommission" sam melte Gaben für eine Bescherung. Die Heiligabend-Feier beginnt. Schnell nach dem Abendbrot wird der Stall von geschickten Hän den zuni Festsaal umgewandelt. Ein Weihnachts baum mit brennenden Lichtern erstrahlt. Tische und Wände sind mit einer Art Kiefernreisig geschmückt. Auf den Tischen stehen Teller mit Aepfeln, Nüssen, Mandarinen, Weihnachtskonfekt, ja sogar einige kleine künstliche Weihnachtsbäumchen mit Lichtchen alles in diesem heute durch eine Leinwand abge schlossenen Teile des Stalles macht einen feierlich stimmungsvollen Eindruck, und die Krippe, sinn fällig an die Weihnachtsgeschichte erinnernd, kommt heute zur Geltung wie nie. Stehend hören wir gleich beim Eintritt das deutsche Weihnachtslied Stille Nacht", von einigen nicht sichtbaren Sän- I7L179 gern trefflich vorgetragen. Unser stellvertretende Gouverneur hält eine von Herzen kommende, zu Herzen gehende Weihnachtsrede. Er weist auf die traurige Umgebung hin, in der wir dieses Jahr Weihnachten begehen, während unsere Lieben zu Hause Gegenstand unserer Gedanken sind und mit ihren Gedanken auch bei uns weilen; er erinnert weiter an die vielen Tausende deutscher Krieger, die in den Nebeln Flanderns, den Eisfeldern Ruß lands, auf den schneebedeckten Schwarzen Bergen heute auch Weihnachten seiern. Und alle, die mit Gut und Blut für Deutschlands Größe eingetreten sind, vereinigen sich mit uns in dem Wunsche, daß nun bald Friede aus Erden kommen möge. Aber der echte, unseren schweren Opfern entsprechende Friede! Dann tritt ein richtiger Weihnachtsmann mit zwei entzückenden Weihnachtsengeln auf, die mit reizenden Versen Gaben austeilen. Dazu genießt Man einen von kundiger Hand bereiteten Weih nachtspunsch, Nüsse und Konfekt. Nun folgen dekla matorische Vorträge und in dem heiteren Teil eine große Kartoffel-Tragikomödie vom Räuber Jaro- mir usw., dichterisch gestaltet von einem Herrn, künstlerisch dargestellt von zwei anderen, die auch zugleich die Gestalten mit großem Geschick aus den einfachsten Mitteln modelliert haben Während der Weihnachtstage hatten wir die Freude, die Offiziere des knappen Raumes wegen in mehreren Abteilungen in unserem, so gut es ging, weihnachtlich hergerichteten Zimmer als Gäste zu haben. Am Jahresschlüsse versammelten wir uns alle wieder im Stall, der diesmal mit schönen, grünen, rote Beeren tragenden Zweigen ausge-180 schmückt war. Eine herzliche, tief empfundene Rede des ältesten Hauptmanns wies auf die Bedeutung des Tages hin und endete mit guten Wünschen für das deutsche Vaterland im kommenden Jahre, Darauf folgten musikalische, deklamatorische und heitere Vor träge denn an diesem Tage gestattete man uns ausnahmsweise etwas Musik bei verschlossenen Türen (damit es die Nachbarn nicht hörten!). Neben Kon fekt und Nüssen gab es eine Riesenschüssel vorzüg licher, von mehreren Offizieren gebackener Pfann kuchen und eine Punschbowle. Um zehn Uhr mußte die Feier zu Ende sein. In unserem abgeblendeten" Zimmer wurde das Neue Jahr" mit einer kernigen Rede auf die deutsche Sache und mit den gedämpften Klängen von Deutschland, Deutschland über alles" begrüßt. Noch einmal erlebte unser Stall ein gemein sames Fest die vorsichtshalber acht Tage später gelegte Kaiser-Geburtstagsfeier. Wie man trotz ein fachster Mittel, aber mit Liebe zur Sache etwas Hübsches leisten kann, bewies dieser Tag. Herr V.D. hatte wieder eine allerliebste Kartoffeloper gedichtet, die nach bekannten Weisen gesungen werden konnte. Von Herrn v. H. war die dazu nötige Bühne und Szenerie äußerst geschickt hergestellt worden. Die Köpfe der Gestalten waren von Herrn Dr. S. aus Kartoffeln und Rüben wahrhaft künstlerisch geschnit ten, mit Perücken versehen und die Kleider aus bunten Stoffresten von mir angefertigt. Die Aus führung gelang dank der vielen Proben ausge zeichnet und fand lebhaftesten Beifall. Dann trug ich mit zwei Offizieren noch einige von meinem Manne und mir verfaßte Verse vor, die in humoristischer Weise die Einzelheiten unserer langen Leidensgeschichte zusammenfaßten, und wir181 hatten das große Vergnügen, daß unsere Zuhörer aus dem Gelächter nicht herauskamen. Der Februar war gekommen. Noch immer bestand die Brief-, Geld- und Paket sperre. Dabei war die Witterung in diesem Monat besonders schlimm. Heftigste Stürme mit Schnee fällen in den höher gelegenen Gebieten und Regen in der Ebene tobten in ganz Algerien. Seit Jahren sei hier solches Wetter nicht vorgekommen, hieß es in den Zeitungen. Sie meldeten von großen Zer störungen in der ganzen Umgebung. Flüsse waren übergetreten, die seit 1876 das Flußbett nicht über schritten hatten und nun die Ebene weit über schwemmten, so daß Farmen hatten geräumt werden müssen. Zahlreiche Wege waren durch den Schnee versperrt, darunter auch der uns bekannte von Medea nach Boghari. Fast jeder von uns lag in dieser Zeit wieder einmal fest! Man konnte sich überhaupt nur erwär men, wenn man mit mehreren Schichten" bekleidet ins Bett kroch, das man nur zu den Mahlzeiten verließ. In jener Zeit kam gerade ein Oberst aus Paris zur Revision ins Lager. Mein Mann eilte hin und brachte seine Wünsche meinetwegen an. Der Oberst war seit langem der erste, der überhaupt Beschwerden entgegennahm. Einige Wochen vorher war eine Kommission von zwei Schweizern dage wesen 5 es war uns aber unter Andro hung von Festungshaft verboten wor den, mit ihnen zu sprechen. Sie waren Wohl durch das Lager gegangen, hatten glücklicher-182 weise auch im Stalle das Pferd gesehen, mußten sich aber in weiter Entfernung von uns halten. Die Herren hatten sogar für einige von uns Geld und Briese bei sich, durften uns aber nichts aus händigen. Der Pariser Oberst hatte nun Wohl selbst ge sehen, wie menschenunwürdig unsere ganze Unter bringung und Behandlung war, zumal gerade wäh rend seines Besuches fürchterliches Schneegestöber herrschte und sich die Offiziere am Brunnen in dem hoch mit Schnee bedeckten Hofe waschen mußten. Er war auch erstaunt zu hören, daß fast jeder mann von uns aus Geldmangel schon seit Monaten die Wäsche selbst gewa schen hatte. Eines Tages wurden die Herren plötzlich zu einem außergewöhnlichen Appell zusammengerufen. Sie ersuhreu, daß nach einer Vereinbarung zwi schen der deutschen und französischen Regierung der Sold der Offiziere wesentlich erhöht werden würde. Die Leutnants erhielten mindestens 120, die Oberleutnants 13l), die Hauptleute 2W Fr. So gar eine Nachzahlung des Mehrbetrages von ein schließlich Dezember 1915 ab wurde in Aussicht ge stellt. Wenn auch die Zahlungsanweisung noch nicht eingetroffen war, so wurde doch sofort gestattet, Bestellungen zu machen. Daher wuchs die Bestell liste sofort stark an; denn manche, die seit Monaten aus Geldmangel sich den kleinsten Wunsch versagen mußten und nun nichts mehr an Wäsche oder not wendigen Toiletteartikeln besaßen, brauchten natur gemäß jetzt sehr viel. So herrschte große Freude im Lager. Sie wurde noch erhöht, als am nächsten Tage das Pferd auf Nimmerwiedersehen aus dem Stalle, verschwand.183 Offenbar war diese Maßnahme aus den Besuch der Neutralen und des Pariser Obersten zurückzuführen; die französischen Unteroffiziere meinten freilich, sie hätten darum gebeten, weil sie in ihrer anstoßenden Wohnung nachts gestört worden seien. Durch die Solderhöhung brauchten sich die Offi ziere nun auch nicht mehr mit dem vom Kantinier gelieferten unzureichenden Essen zu begnügen, konn ten sich ein Stück Fleisch kaufen und es selbst zu bereiten. Sie taten dies in ähnlicher Weise wie mein Mann und ich. Wir hatten vom Februar ab, wie auch schon das andere Ehepaar mit Kind und Mädchen, die Erlaubnis erhalten, selbst für uns kochen zu dürfen. Ausschlaggebend für diese Vergünstigung war die endlich gewonnene Einsicht, daß ich mit öl Fr. Sold nicht 60 Fr. allein für zwei unzureichende Mahlzeiten bezahlen könne. Nun war die Frage eines geeigneten Herdes schwierig. Da kam uns die Praxis der Araber zugute? wir kauften uns einen eisernen Rost und setzten ihn in den passenden Ausschnitt eines leeren Petroleum behälters. Ein solcher von praktischem Erfinder geist geschaffener Herd wurde von den Arabern mit Holzkohle gespeist, die man aus den Rost legte; so fiel die Asche in den leeren Behälter. Der Herd hatte guten Zug und bewährte sich so ausgezeichnet, daß wir auf ihm volle vier Monate lang unser ganzes Essen gekocht und die schönsten Sachen ge braten haben. Einen großen Nachteil hatte er freilich. Man durfte mit ihm nicht im Zimmer kochen. Zuerst hatten wir es getan, um ihn gleichzeitig als Wärme spender mit zu benutzen. Aber durch die Kohlen- oxhdgase, die sich auch dann noch entwickelten, wenn die Kohlen nicht mehr in Flammen brannten, be-184 kam ich mehrere Male starke Vergiftung. Wir muß ten daher auch bei schlechtem Wetter auf dem Hofe kochen. Nun legten sich auch verschiedene Offiziere solche transportablen Herde zu; es bildeten sich Koch gemeinschaften, und auf dem Hofe entfaltete sich ein reger Kocheiser. Zuweilen, wie an Sonntagen, sah mau natürlich zunächst unter ständiger Zu hilfenahme eines aufgeschlagenen dicken Kochbuches für Tropenleute" den einen eine leckere Schweins lende braten, den anderen kugelrunde Kartoffelklöße formen, den dritten das Feuer unterhalten. Eine andere Gruppe stellte Bratklopse mit Kartoffelsalat und Eiertunke her. Wieder andere begnügten sich damit, Kartoffeln zu braten oder Brot zu rösten. Als dann später die wohlschmeckenden, zarten pn- meurL", die von Algerien so reichlich gespendeten jungen Gemüse, gekauft werden konnten, gab es für die Extra-Kocher und das schließlich alle eine hochwillkommene Bereicherung des Küchen zettels. Meinem Manne kamen die in Dahomeh gesammelten Kochkenntnisse jetzt sehr zustatten; er erweiterte sie noch außerordentlich, zumal jeder immer vom andern beim Topfgucken" hinzulernte und ihn noch übertreffen wollte. Endlich, im März, teilte der Eapitaine uns mit, daß die Repressalien, unseren Briefverkehr betreffend, aufgehoben worden seien und wir von nun an Briefe schreiben und empfangen dürf ten wie alle anderen Kriegsgefangenen. Kurz vorher hatten wir einen Brief mit besonderer Beschränkung des Inhalts schreiben dürfen. Ob uns die im Büro lagernden Briefe auszuhändigen seien, machte der Eapitaine von einer Genehmigung von Paris aus abhängig; auch über Pakete und Geld-185 sendungen habe er noch keinen Befehl. Die Sperre hierfür müsse also bestehen bleiben. Am 11. März erhielt ich die erste Nach richt von meinen Eltern seit dreivier tel Jahren. Hiernach hatten sie eine amtliche Zusicherung erhalten, daß die Briefsperre aufge hoben sei. Da die Karte schon einige Wochen unter wegs war, so hatten demnach wir, die Hauptbetei ligten, erst viel später Kenntnis erhalten. Woran mochte das wohl wieder gelegen haben? Auch in der vspecbe ^Zei-ienne" vom 17. Fe bruar 1S16 hatten wir gelesen, daß den französischen Gefangenen in den deutschen Lagern Holzminden, Ohrdruf und Friedberg, über die unter Vorwand der Repressalien" (d. h. unseretwegen und wegen der übrigen von der Briefsperre betroffenen Ge fangenen in Frankreich) eine Postspsrrs verhängt worden war, der Postverkehr bereits am 5. Februar freigegeben worden sei. Am 24. März wurde dann endlich mitgeteilt, daß uns auch der Paket- und Geldverkehr gestattet worden sei. Nunmehr bekam ich zwei Weihnachtspakete ausgehändigt, die Anfang Dezem ber in Verlin aufgeliefert waren und prächtige Win tersachen enthielten, um die ich im September ge beten hatte, und die ich im Winter so dringend hätte gebrauchen können. Wie kleinlich verführe jetzt die Franzosen bei der Aushändigung der Pakete! Abgesehen vom Zer brechen jedes einzelnen Keks wurden auf den Zigar renkisten die Bilder irgend eines deutschen Feld herrn zerkratzt oder durchgestrichen. Oder auf dem schwarz-weiß-roten Band der ausgeklebten Adresse war das Schwarz entfernt und durch Blaustift ersetzt worden, um die französischen Farben zu erzielen.Nun erhielten wir einen mächtigen Stoß Briefe, die sich in der ganzen langen Zeit ange sammelt hatten. Darunter waren einige vom 4. und 15. September 1315, auf denen mit Bleistift das Wort .. ZtAZe" geschrieben war. * Wenn ich jetzt noch einmal über die Brief-, Geld- und Paketsperre nachdenke, so muß ich sagen, daß die Beteiligten, d. h. die wehrlos der Willkür der Franzosen preisgegebenen Gefangenen und auch deren Angehörige, ganz außerordentlich hart davon getroffen wurden. Wie hatten sich unsere Angehö rigen um uns gesorgt! Und wir wir erfuhren erst nach zehn Monaten etwas über ihr Ergehen und über Todesfälle, die inzwischen die Familie zu beklagen hatte. Briefe aus der Heimat helfen in der Tat am besten über das ewige Einerlei und die trostlose Oede des Gefangenendafsins hinweg. Der ganze Tag erhält durch die Postausgabe ein Ziel! Eilig begibt sich jeder beim Ruf Post" au den Vertei lungsplatz, und wie verklärt sich das Gesicht, wenn sein Name aufgerufen wird. Wer aber nicht unter den Glücklichen ist, der geht ernst und enttäuscht fort für den hat der Tag den Reiz eingebüßt. Wenn auch durch die Zensur der Nachrichtenaustausch drückende Fesseln erhält schon eine liebe Schrift zu sehen und von ihr einen freundlichen Zuspruch zu haben, bereitet eine wirkliche Herzensfreude. Ich möchte daher jedem Angehörigen eines Kriegs gefangenen raten, so wie ich dies in den unzähligen Fällen getan habe, in denen ich Auskunft über meine Kriegsgefangenschaft gab, so oft w e m ö g- lich den Gefangenen Briefe zu senden. 18S187 Wie die Franzosen selbst über die Vorenthal- tung des Briefverkehrs an die Kriegsgefangenen urteilten, lasen wir in der uns gelieferten vepeLtis ^IZenenne" (Ausgabe vom 3. Dezember 1313). Hier nach erklärte in der Sitzung der Kammer der Ab geordnete Galli folgendes: Viele der französischen Kriegsgefangenen in Deutschland werden behandelt wie eine vi! ti-oupeau". Sie können sogar nicht mit ihrer Familie korrespon dieren. Ich bitte die Regierung, diplomatische Schritte, nötigenfalls gestützt auf Repressalien, zu ergreifen, um dieser Qual (tortui-e) unserer Ge fangenen und ihrer Familien ein Ende zu machen." Das wurde am 2. Dezember gesagt, als man uns bereits fast ein halbes Jahr nichts von daheim ausgehändigt hatte! Höchst bezeichnend war auch ein Artikel in einer französischen Zeitung vom 12. Oktober 1915, worin sich der Verfasser beklagte, daß Postsendungen an seinen in Deutschland gefangenen Sohn, der seit dem 21. Juni keine Nachricht erhalten habe, mit dem Vermerk Absender unauffindbar" zurückge kommen seien. Der Schreiber schlug vor, den soeben in der Champagne-Offensive gefangenen 23,000 Deutschen den Briefverkehr zu entziehen. Also dieses einen Falles wegen, bei dem noch nicht einmal eine Unregelmäßigkeit, viel weniger eine böse Absicht erwiesen war, sollten sofort 23,000 Leute von dieser toi-tui-s", wie der französische Abgeordnete es selbst bezeichnet hatte, betroffen werden! Die v^psLbe^lßerienne" vom 10. Februar 1916 brachte in einer Meldung aus Korfu vom 9. Februar ein hübsches Urteil über die Maßnahme der Brief sperre. Sie erwähnte das Schicksal der nach dem serbischen Feldzug im Herbst 1913 in Serbien zurück-188 gebliebenen Familien und setzte hinzu: Durch ein raffinsmsnt cis cruaut6" untersagen die öster reichisch-deutschen Behörden, entgegen denRech- ten der Menschlichkeit, den Familien mit ihren im Ausland befindlichen Angehörigen zu kor respondieren, (Dabei muß man berücksichtigen, daß hier wieder, wie im Verkehr zwischen den besetzten Gebieten Frankreichs, sehr gewichtige Gründe ISPio- nagegesahr^ gegen den Briefverkehr sprechen). Daß Deutschland mit seinen Kriegsgefangenen anders verfuhr, lasen wir in der vspeciis^IZei-ienne" im März lölö in den Berichten von Geiseln, die von Deutschland nach Frankreich entlassen worden waren. Diese hatten, wie sie selbst angaben, Briefe absenden und empfangen dürfen. Man hatte ihnen sogar, wie auch in den Berichten erwähnt worden war, den Besuch eines Franzosen gestattet. Und uns, den von Frankreich als Geiseln Fest gehaltenen? Nicht einmal die neutrale Kommission hatte, wie oben erwähnt, mit uns sprechen dürfen. Und nicht viel anders spielte sich der Besuch einer zweiten Kommission ab, bestehend aus Schweizer Aerzten, die nach Verein barungen der deutschen und französischen Regierung Kranke zur Unterbringung in der Schweiz auszu suchen hatten. Diese Kommission dnrste nicht etwa in unser Lager kommen, sondern, wer krank war, mußte ins Hospital gehen, wo die Untersuchung stattfinden sollte. Ein Offizier, der an Blinddarm entzündung litt, mußte den Weg in der Tragbahre zurücklegen. Die andere Dame im Lager war gerade damals so leidend, daß diese Art des Transportes an dem kalten Regentage, wie ein deutscher Arzt erklärte, die größten Bedenken habe. Ich fragte die189 Schweizer Aerzte, ob sie ihretwegen nicht ins Lager kommen könnten. Darauf sagte nnser Kommandant, der während der Untersuchungen ständig anwesend war, die Dame habe nicht kommen wollen, damit sei es gut. Ich klärte die Aerzte energisch auf; sie erwiderten mir, sie hätten leider keine Be fehle bezüglich der Frauen und dürs ten unser Lager nicht betreten. Ich antwortete, daß ich den Grund hierfür Wohl wüßte, weil sie unsere schlechten Unterkunftsräume nicht sehen sollten, den Pferdestall, die ungeheizten Räume, in denen wir Hausen müßten, deren Ge sundheitswidrigkeit wir alle unsere Krankheiten zu verdanken hätten. Dieser Aerztebesuch fand am 11. März 1916 statt. Die Anweisung auf unseren rückständigen Sold war noch nicht gekommen, die Geldsperre noch nicht aufgehoben und unser zu Weihnachten gewech seltes Geld inzwischen verbraucht worden. Bestel lungen über den Sold hinaus hatte man uns wieder gestrichen. Ich nahm die Gelegenheit wahr, die Aerzte auf unsere Not sowie auch darauf hinzu weisen, daß wir z. B. keine Arzneien und auch keine Verbandstoffe, die gerade einer der Aerzte für einen Krankheitsfall dringend brauchte, kaufen könnten. Daran knüpfte ich auf französisch (damit auch der noch anwesende ältere französische Arzt es verstehen konnte), die Bitte an unseren Lager kommandanten, mir als Frau wenigstens von dem regelmäßig für mich einlaufenden Gelde so viel zu geben, als man für die Beschaffung von Arzneien und Verbandstoffen brauche. Er verweigerte dies mit dem Bemerken, es sei verboten und rief wütend: ,,^n 66pöt! Ln cI6pöt!" Auf Grund der Untersuchung durch diese Schweizer Kommission wurden zwei Offiziere für die Schweiz bestimmt. Sie reisten auch Ende April nach Frankreich ab, wurden aber noch ein volles halbes Jahr bei Dijonsest- gehalten. Das Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit dem Capitaine war, daß am Nachmittag meinem Manne damit gedroht wurde, er müsse wieder in der Kantine sein Essen beziehen, weil unser Gut haben aufgebraucht sei. Dabei brauchten wir durch die Selbstverpflegung weniger Geld als beim Be züge der Kantinenmahlzeiten. Die Drohung wurde aber nicht ausgeführt. Denn es war bekannt geworden, daß wir in einiger Zeit einen neuen Lagerkommandanten erhalten wür den. Dieser, ein Oberleutnant, war bestrebt, mit den ihm unterstellten Kriegsgefangenen korrekt zu Verfahren. Der Mai war gekommen. Auch in unserem Gefängnisse! Ein Weinstock zeigte schon junge Triebe. Die Platanen und Akazien auf dem Hofe und die von da aus sichtbaren Bäume draußen setzten schon grüne Zweige an. Die Schwalben waren zurück gekehrt und hatten ihre Nester an uttseren Häusern gebaut. Ein Schwärm Kraniche war schon über unseren Hos gezogen. Auch das Wetter wurde frühlingsmäßig. Ur plötzlich war der Umschwung erfolgt. Anfang April hatte noch Schnee gelegen und heftigste Regengüsse waren über ganz Algerien herabgegangen. Starke Stürme hatten die Anker vieler Schisse im Hafen von Algier losgerissen und andere Schisse beschädigt. Ueberschwemmungen wurden wieder gemeldet und IW191 abermals war der Bahnverkehr nach Boghari unter brochen. Aber wenige Tage später schien heiß die Sonne! Der Schnee verschwand mit einem Schlage völlig vom Hose und von den Dächern, und nur nach Norden hin sah man noch kurze Zeit zuweilen glitzernd im Sonnenscheine Weiße Stellen auf den Bergen. Bald wurde es in den Mittagsstunden so warm, daß die Herren Mitte April bereits in einer auf dem Hose befindlichen kleinen Pferde schwemme baden konnten. Dieses Baden war für die Offiziere im vergangenen September wenige Tage erlaubt gewesen, wurde aber verboten, weil eine in einem Nachbarhause wohnende Französin daran Anstoß genommen hatte. Dabei war ihre Wohnung so gelegen, daß man von dort die Badenden nur sehen konnte, wenn man sich weit aus dem Fenster herausbog; trotz der Bereitwilligkeit der Offiziere, die Aussicht durch eine Zeltbahn zu verdecken, blieb das Baden verboten. Douchen oder andere Bäder hatte man im Nepressalienlager für die Offiziere nicht. Umso größer war nun ihre Freude, daß sie jetzt täglich eine Stunde, wenn auch in dieser pri mitiven Weise, Wasser- und Sonnenbäder nehmen konnten. Nun war man wenigstens bei dem milden Wetter in der Lage, auch mal wieder auf dem Hofe sitzen und sich durch den kleinen Spalt, der einen Blick aus unserem Gefängnis in die Freiheit ge stattete, an der erwachenden Natur erfreuen, gegen Abend den herrlichen Sonnenuntergang mit den eigenartigen wundervollen Farbenübergängen und abends den Sternenhimmel genießen zu können. Wir empfanden hier im Gefängnis diese Naturschönheiten doppelt war es doch das einzige, was wir hier hatten, denn unsere Bitten um Spaziergänge an192 die jetzt öfters auftauchenden Lagerrevisionen wur den noch immer abschlägig beschieden, weil wir einem i 6Zime special" unterworfen seien. Daß es auch in nordafrikanischen Lagern anders war, erzählte uns ein neu hinzugekommener Feldwebelleutnant aus Aumale. Dort waren Spaziergänge erlaubt. Uns gestattete man nicht einmal den Besuch eines Gottesdienstes, um den wir so oft gebeten hatten. So war mir während einer Zeit von 22 Monaten nie die Möglichkeit geboten worden, an einem solchen teilzunehmen. Trotz des milden Wetters im April behauptete der Frühling das Feld noch nicht völlig. Rückfälle der Kälte kamen vor. Die Nächte waren sehr kalt, es gab zeitweise noch Nachtfröste. Deswegen war es gut, daß endlich die vom Roten Kreuz abge sandten warmen Kleidungsstücke für die Herren an kamen. Wir hatten sie schon als verloren angesehen. Aber auch jetzt war die Freude wieder mal nur voü kurzer Dauer! Nach wenigen Tagen kam bereits ein Befehl, daß die Offiziere alle Zivilsachen abgeben und nur Uniformen tragen müßten. Wer keine ent sprechende Kopfbedeckung hatte, durfte einen Hut behalten, aber ohne Band, angeblich, weil man dann nicht so leicht entfliehen könnte! -I- 5 Auch mir wurde bedeutet, daß ich noch unter regime special" stände, als ich wieder einmal ein Gesuch um Rückkehr nach Deutschland einreichte. Meine bezüglichen Bemühungen reichten weit zurück und bilden eine Kette von Hoffnungen, Enttäu schungen und neuen Enttäuschungen. Heute wnndere ich mich eigentlich, daß die Franzosen, die doch gewiß nicht sanft mit uns verfuhren, mir nicht unter Straf androhung das Einreichen von Gesuchen untersagten.Wurde doch einem deutschen Arzt in Medea mit Arrest gedroht, wenn er sein Gesuch um Austausch wiederholen würde! Am 23. August 1915 hatte mir auf meine erste Anfrage ein revidierender Oberst anheimgegeben, ein Austauschgesuch einzureichen. Einen Tag später erklärte mir der Lagerkommandant jedoch, ich könnte nicht auf Austausch rechnen, weil französische Zivil gefangene in Deutschland auch nicht ausgetauscht worden wären. Der Dolmetscher setzte hinzu, es seien viel hochgestellte Personen aus den besetzten Gebieten als Geiseln nach Deutschland geführt wor den, und da diese nicht ausgetauscht worden wären, könnte auch ich mir keine Hoffnung machen. Am 27. September hatte mir der anwesende französische Gendarmerie-Oberst aus Algier die Er laubnis erteilt, ein Gesuch an das Kriegsministerium einzureichen. Meine Frage, ob es auch bis an die entscheidende Stelle komme, fertigte er mit den Wor ten ab: Bei uns kommen alle Briefe richtig an!" Das Gesuch gab ich am 5. Oktober ab. Es wurde nach mehreren Wochen vom französischen Kriegsministerium abschlägig beschieden, da ich nicht schwer genug krank sei. Dann lasen wir in der V6pecke ^Igsrienne" vom 26. Januar 1916 einen Auszug aus einer Nachricht der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", daß auf Grund eines Uebereinkommens der deutschen und französischen Regierung folgende drei Arten von Gefangenen sogleich ausgetauscht werden sollten: 1. Die Frauen und Mädchen, 2. die Männer von weniger als 17 und die jenigen von mehr als 55 Jahren,3. die Männer zwischen 17 und 55 Jahren, die völlig militär-dienstuntauglich sind. Ausgeschlossen sollten diejenigen sein, die ein Verbrechen (sttentat) begangen hatten und die Geiseln. Auf diese Zeitungsnachricht hin erneuerte ich mein Gesuch, erhielt aber nie eine Antwort. Im März hörte ich nach Aufhebung der Brief sperre aus Briefen, daß schon einige Damen aus Togo, die auch in Dahomeh gefangen gewesen waren, nach Deutschland hatten zurückkehren dürfen. Da ich noch immer ohne Antwort auf mein Gesuch war, reichte ich am 18. April aufs neue ein solches ein. Einen Tag darauf wurde das Lager von einem höheren Militärarzt besichtigt. Auf meine Frage wegen meiner Heimkehr erwiderte er: Das ist hier ein besonderes Lager." Ich sagte, daß ich in den Zeitungen gelesen hätte, daß Geiseln von der Heimkehr ausgenom men wären und fragte, ob wir eigentlich solche wären. Er gab eine Antwort, aus der man weder ja noch nein entnehmen konnte. Ausfällig war es überhaupt, daß uns niemals amtlich gesagt worden war, was es mit den an uns ausgeübten Vergeltungsmaßnahmen für eine Be wandtnis habe, und daß wir Geiseln seien. Wie ich später hörte, hatte man anderen Togo-Offizieren und ihren Frauen in ihrem Lager ausdrücklich eröffnet, sie seien Geiseln. Im Mai erklärte mir dann unser neuer Kom mandant, ich hätte bis jetzt nach den Bestimmungen auf keinen Fall heimkehren dürfen. Ob eine Frau krank sei oder nicht, sei gleichgiltig. Sobald Sie aus Heimkehr ein Recht haben, werden Sie auch nach Hause kommen." Da ich also nicht nach Hause kam,folgte daraus, daß ich kein Recht dazu hatte, also noch immer Geisel war, denn ein Attentat" hatte ich ja nicht begangen. Jetzt trat nun wieder etwas ein, was keiner von uns in diesem Augenblick erwartet hatte. Am 22. Mai frühmorgens wurde plötzlich mitgeteilt: In vier bis sechs Tagen reisen Sie alle nach Frankreich ab." Zwei Tage später sagte man uns, wir kämen in die Pyrenäen. Jeder packte eifrig und eiligst ein, aber es ging mit der Abreise langsamer als wir gedacht hatten. Schließlich wurde sie auf den 1. Juni fest gesetzt, und es hieß, wir kämen nach einer Burg in Südfrankreich.Himmelfahrtstag! Nun machten auch wir den üblichen deutschen Himmelfahrtsausslug. Und ebenso, wie dort meist, bei strömendem Regen. V-5 Uhr Wecken! Eine Horde Soldaten in blauen Mänteln kam, um die amtlich gelieferte Zimmer- Ausstattung", Bettgestelle, Tische, Bänke und Decken, abzunehmen. Dann Appell und, mit der üblichen starken Bewachung, Abmarsch zum Bahnhof. Der Zug bot kein einheitliches militärisches Bild, weil sich niemand seine ganze Uniform hatte schicken lassen dürfen. Als Kopfbedeckung dienten Strohhüte, Feld mützen, steife Mützen, Tropenhelme (Weiße oder khaki), Uniform-Tropenhüte, Zivil-Filzhüte usw. Wir Frauen mit Kind und Mädchen durften nach langem Bitten in einem geschlossenen Wagen fahren. Auf der Eisenbahnfahrt konnten wir die üppige Frühlingslandschaft bewundern. Wie gierig nahm das staunende Auge die ganz ungewohnten, neun volle Monate lang entbehrten Bilder197 aus! Mit welch verschwenderischer Fülle hatte die Natur durch den anhaltenden Frühlingsregen nun dieses schöne Land ausgestattet! Gerade war der vordere Teil des Zuges, in dem wir saßen, aus einem Tunnel herausgekommen, während die letzten Wagen sich noch darin befanden, als plötzlich der Zng hielt. Wir blickten heraus sahen eine herrliche Berglandschaft, Links ein reißender Gebirgsflnß, dessen gelbe Wassermassen brausend dahinrollten. Zu beiden Seiten steil aus steigende, mit Bäumen und üppigem Buschwerk reichlich übersäte Bergzüge. Vor uns waren die Schienen durch Erdrutsche mit Erbmassen so völlig bedeckt, daß die Weiterfahrt unmöglich war. Durch langanhaltendes Pfeifen wollte man Hilfe herbei rufen. Stundenlang mußte geschaufelt werden. Währenddessen hatten wir Gelegenheit, das Schauspiel neuer Erdrutsche unmittelbar neben uns zu beobachten. Erst langsam, dann schneller und schneller setzten sich zunächst kleinere, dann immer wachsende Erdmassen von den Berghängen herunter in Bewegung, Sträucher, Gebüsch, selbst Bäume mit sich reißend, und stürzten bis dicht an die Schienen herab. Als die Erdmassen glücklich heruntergerutscht waren, machten sich schmutzige Wassermassen Bahn, und ein neuer Wasserfall neben mehreren anderen war entstanden. Bei der Weiterfahrt sahen wir immer neue Wasserfälle. Die von ihnen mitgerissenen Erdmassen machten oft die neben der Bahn entlanggehende gute Straße unbenutzbar. Noch öfters mußte der Zug halten, weil Erd massen die Schienen versperrten. Als wir aus den Bergen herausgekommen waren, öffnete sich der Blick auf eine schöne, weiteEbene. Kirschen-, Mandarinenbäume, riesengroße Aloes, Zypressen, Olivenbäume in großen Massen, Eukalypten, Palmen und Oleander, auch unserer Lärche ähnliche Nadelbäume erschienen. Zahlreiche, zuweilen unübersehbare Weinfelder, Kartoffeläcker weit und breit! Der Fluß hatte sich, aus seinen Ufern tretend, weit in der Ebene ausgebreitet. Um zwölf Uhr kamen wir in Blidah an. Unser Wagen wurde von zahlreichen Tirailleurs umstellt, die bei dem unaufhörlichen starken Regen den Schirm aufspannten oder in einen gegenüber stehenden Viehwagen krochen. Auch hinter Blidah und auf dem Wege nach Algier hatten gewaltige Überschwemmungen großen Schaden angerichtet, wie wir selbst sahen und auch in einer Lokalzeitung lasen. Man fürchtete sehr für die Ernte. In einer Vorstadt von Algier wurden wir zum ersten Mal aus dieser Fahrt Gegenstand von Be grüßungen". Der Arbeiterklasse angehörende Leute, die aus dem Zug gestiegen waren und an unserem Wagen vorbeigingen, nahmen eine drohende Hal tung ein, hoben die Fäuste gegen uns und schimpften zu uns herüber. Die Fahrt durch die Stadt Algier gewährte hübsche Blicke auf die großen, schönen, inmitten von Palmen gelegenen Häuser. Vorüber ging s an mäch tigen Forts mit hohen Mauern und Schießscharten. Da lag vor uns das Schiff. Grauer Anstrich, ganz wie ein Kreuzer!... Und was ist dort?... Wahrhaftig! Auf Bug und Heck je ein Geschütz! Beim Betreten des Schiffes lebhafte Zurufe der zahlreichen Zwischendecker, Soldaten und aller lei Volks: 1Y8199 I*i s äe Quillesumc!" .Meurtnsrs!" Und ähnliche Kosenamen! Selbst das kleine Kind wurde bedacht. Wir beiden Frauen, Kind und Mädchen, erhiel ten eine Kammer II. Klasse. Die Herren lagen sehr eng ebenfalls in Kabinen II. Klasse. Unser Schiff hieß Ml 3 n o u b a", maß etwa 35W Tonnen und gehörte der I^aviZation mixte". Im Speisesaal, in dem auch wir die Mahlzeiten einnahmen, befanden sich viele zur Front reisende poilus" und auch einige Fahrgäste, die, wie wir hörten, von unserem Dampfer aufgefischt worden waren, nachdem ihr Schiff, ein Kohlendampfer, von einem deutschen Unterseeboot versenkt worden war. Kaum hatten wir unsere Abendmahlzeit be endet, als befohlen wurde, in die Kabinen zu gehen. Sogleich erlosch das Licht; das ganze Schiff wurde abgeblendet. Waren wir doch im Mittelmeer, einem wichtigen Tätigkeitsfelde für die deutschen Unter seeboote! Gerade in der letzten Zeit hatten die alge rischen Zeitungen viel von Schiffsverlusten durch die U-Boote berichtet. Noch während unserer Eisen- bahnsahrt entnahmen wir aus einer Zeitungsäuße rung , welche Besorgnis die Algerier deswegen empfanden. Würden auch wir etwas davon zu verspüren be kommen??^ Ein eigenartiges Gefühl überkam einen nun doch, als man sich, eingeschlossen in dem völlig dunklen Schiff, auf hoher See befand. Ein Blick hatte mich überzeugt, daß in unserer Kabine in jedem Bett ein Rettungsgürtel lag. Leider war dies nicht der Fall in den Kabinen der Herren. Dort reichte die Zahl bei weitem nicht aus. In unserer Kammer waren die Fenster groß genug,200 um zur Not durchschlüpfen zu können; in den Kam mern der Herren aber nicht. Auch hätte man unsere Offiziere sicher nicht, wie nach dem liebevollen Emp fang zu urteilen war, im Falle einer Gefahr das Deck betreten und die Rettungsboote benutzen lassen. Die Nacht verbrachten wir denn auch mit wenig Schlaf? sie verging aber gottlob ohne Zwischenfall. Am Morgen war das Meer ruhig. Von unserem Kammerfenster aus konnte ich nirgends etwas Unge wöhnliches entdecken. Später fuhr einmal weit im Osten ein Dampfer vorüber. Aber kein Sehrohr reckte sich aus der Meeresfläche hervor. Mittags bemerkten wir ein Schiff im Westen in gleicher Fahrtrichtung mit uns es bildete ver mutlich unsere Seitendecknng und dann gegen Abend ein zweites nordöstlich von dem unfrigen. Auch am zweiten Abend wurde wieder das ganze Schiff nach außen abgeblendet. Wieder lag man angekleidet schlaflos im Bett. Doch auch in der zweiten Nacht wurden wir vor Außergewöhn lichem bewahrt. Morgens um sechs Uhr sahen wir den Hafen von Marseille. Wir fuhren an vielen Inseln und Forts vorüber mit herrlichem Blick auf die weit sich ausdehnende Stadt, besonders auf die stolz sich erhebende Kirche I^oti-e Dame cZs la (ZArcis, bis wir um acht Uhr vor Anker gingen. Vor uns ent stiegen alle anderen Fahrgäste dem Schiff, auch die große von Algerien mitgebrachte Hammelherde, die vom Leithammel herausgelockt wurde. Schließlich fuhr das Schiff weiter in die Nähe des alten Hafens, und endlich um zwölf Uhr dursten wir an Land gehen. In drei grünen Gefängniswagen fuhren wir durch die südländisches Gepräge tragende Stadt.201 Was für ein reges Leben flutete an uns vor über! Geradezu überwältigend war für uns Ein siedler dieses geschäftige Treiben auf den belebten Straßen in den vielen Verkaufsläden, Bars, Restau rants usw.; hatten wir doch seit Jahren nicht solches Getriebe gesehen! Am Fuße des Forts St. Nicolas hielten die Wagen Auf Stufen klommen wir, das Handgepäck tragend keuchend hoch hinaus. Schnell wandten wir uns noch einmal rückwärts, um die herrliche Aussicht auf das tiefblaue Meer, die Molen mit den Leucht türmen und die Riesenstadt zu erhaschen. Nun über schritten wir mehrere Zugbrücken und verschiedene Toreingänge, bis wir in einem Gefängnishof an kamen in dem an einem Bretterverschlag die In schrift kureau äe ?nsonnie,-s cle Quelle" stand. Wir träten durch den Verschlag hindurch und ge langten in einen zweiten, engen, schlecht gepflaster ten von haushohen Mauern gebildeten Hof. Da standen Plötzlich deutsche kriegsgefangene Offiziere vor nns, und zum ersten Male in diesem Kriege sahen wir das eiserne Kreuz. Es waren vier Luftschiffer -Offiziere, die vor 2g Tagen bei Saloniki mit dem Luftschiff L ... abgeschossen und zwei Offiziere, die bis dahin in Tunis gefangen gehalten worden waren. Was mußten in diesen Tagen die soeben mit frischen Eindrücken von der Front kommenden Zeppelinherren uns nachrichtenhungrigen Afrikanern alles erzählen! Unsere Unterkunftsräume waren noch elender wie in Medea, aber zum Glück dauerte der Aufent halt nnr einige Tage. Im Fort St. Nicolas ist das Militärgefängnis untergebracht, und wir be-202 wohnten davon diesen einen Flügel. Zu ebener Erde lagen mehrere Zimmer, in denen dicht neben einander niedrige Pritschen mit Strohsack, Kopf rolle und Decken standen. Wir Frauen mit Kind und Mädchen erhielten einen dieser Räume? die Herren teilten sich in die anderen. Ein weiterer Raum diente als Eßzimmer, war für uns alle aber viel zu klein, so daß ein Teil auf dem Hof essen mußte. Neben dem Ordonnanzenraum lagen zwei Arrestzellen; die eine gewährte dem Tageslicht Ein tritt, die andere war dunkel. Viele Inschriften zeug ten von regem Besuch. Am Abend wurde uns mitgeteilt, wir alle kämen zusammen nach Sisteron, nur das zweite Ehe paar in ein Oesterreicher-Lager nach Nimes. Wir durften diese Reiseziels aus einer Karte nach Hause schreiben. Am nächsten Morgen aber kam, wie schon, so oft in der Gefangenschaft, ein Gegenbefehl! Es blieb bei dem in Medea uns angekündigten Ziele, einer Burg, nämlich Careafsonne im Departement Aude. Das österreichische Ehepaar kam nach Le Puh. Unsere Offiziere durften am darauffolgenden Tage Lebensmittel für die Reise einkaufen. Von dem Adjuvant geführt, gingen sie durch mehrere Gänge und Türen in einen großen Hof, auf den viele Räume mit vergitterten Fenstern mündeten. Hinter diesen wimmelte es von allen möglichen fran zösischen Militär-Strafgefangenen in den verschie densten Uniformen und in Zivilkleidern. Meist waren es blasse, abgehärmte Gestalten. Auch Angehörige der gelben Rasse waren dort eingesperrt. In einem Räume mit vergitterten Fenstern erkannten sie deutsche Landsleute. Zwei Unteroffi ziere konnten ihnen mitteilen, daß sie zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden seien, weil siesich geweigert hatten, Arbeiten der Mannschaften auszuführen, ..... Am nächsten Tag, den Zum, hieß es um -- N0: Antreten zum Abmarsch! Diesmal fuhren wir mitten durch die Stadt. Im alten Hasen lagen einige Torpedoboote. Deutsche Kriegsgefangene, kenntlich an großen Strohhüten, arbeiteten dort. Wir winkten den bedauernswerten Landsleuten lebhaft zu; ein Zug der Freude huschte über ihr Gesicht, als sie in uns Deutsche erkannten. Wir begegneten dann vielen französischen Soldaten, auch Indern, Australier und Serben und einer Abteilung schwarzer Rekruten, die anscheinend noch gan- im Ansänge der Ausbildung waren. Ueberall wurden wir neugierig betrachtet, namentlich ich, nun die einzige Frau unter den Offizieren. In der Rue Cannebiere warfen wir manchen sehnsüchtigen Blick in die zahllosen reichen Verkaufsläden, die Restau rants us.v und auf die vielen Stuhlreihen, die vor jenen lockend auf den Straßen standen. Wir fuhren jetzt in einem bequemen Eisen bahnwagen II- Klasse. Während der Fahrt hatten wir noch einmal schöne Aussicht aus das Meer, die Duseln die Stadt, die Forts, die Kirche Notre Dame und aus unser hoch oben gelegenes Gefängnis, das wir erfreulicherweise ja uun überstanden hatten. Olivenbäume, Feigen, Zypressen, Mandel bäume Zedern zogen an uns vorüber. Zuweilen tauchten Grotten und lauschige Plätze, in Felsen gehauen, zum Ausschauen nach dem Meere und zum Träumen einladend, auf. In einigen größeren Orten sahen wir bei Haus- und Straßenbauten wiederum deutsche Kriegsgefangene arbeiten. Nun überschritten wir die Rhone. Auf dem Bahnsteig des Eisenbahnknotenpunktes Nimes stan- 20Zden gefangene Bulgaren und ein verwundeter Deut scher, dein wir zuwinkten. Belustigend war für uns die Schuljugend unter wegs; wir bildeten vom ganzen Zuge ihr Haupt interesse. Sie machten die Bewegung des Hals abschneidens oder riefen uns zu: Vei-äun kapout!" Und: Du bist verrückt!" mit entsprechender Handbewegung. An riesigen Weinfeldern ging s vorbei weiter in derselben langsamen Fahrt wie schon auf der ganzen Reise. Zahlreiche Wagen mit mächtigen Weinfässern standen auf den Bahnhöfen der kleinen Stationen. In Cette, dem wichtigen Hafen, hatten wir lange Aufenthalt. Erst z3 Uhr nachts ging es mit dem Personenzug weiter. Als der Morgen graute, fuhren wir wieder an endlosen Weinfeldern vor über, in denen die Leute mit blauen Vitriolspritzen auf dem Rücken arbeiteten. Kleine Dörfer mit hell farbigen, mit roten Ziegeln bedeckten Häusern, be scheiden, aber nicht ärmlich aussehend, tauchten auf. Maultiere zogen zweirädrige Wagen; öfters sah man zerfallene Windmühlen. Da und dort erschienen Bergzüge das Ganze ein Bild des Friedens! Waren wir doch in einem weit vom Kriegsschau platz entfernten Gebiete Frankreichs! Am 6. Juni, um acht Uhr vormittags, gelangten wir an unser Ziel, Carcassonne. Neugierig drängte eine dichte Menschenmenge heran, die uns mit schadenfrohen Zurufen bedachte. Der Kraftwagen führte uns durch die freund liche, mittelgroße Stadt, zunächst durch hübsche, breite Straßen, dann über eine große Brücke über die Aude und nun, etwas bergan, durch schmale kleine Straßen hinauf zur Burg, der Cite. M4205 Schon vom Eisenbahnwagen aus hatten wir diese Burg liegen sehen. Der riesengroße, stolze Bau machte mit den schieserbedeckten Türmen, den Wällen und Zinnen einen imposanten Eindruck, und doch war er ja für uns wieder nur ein Gefängnis. In der Tat, als wir durch ein großes Tor in den Hof des für uns bestimmten Teiles eintraten, um gaben uns ringsum hohe Mauern. Nur durch die Zweige der Bäume hindurch sah man senkrecht über sich ein Stückchen Himmel! Das Gefangenenlager war noch in der Neu einrichtung begriffen. Erst vor kurzem waren einige bei Verdun gefangene Offiziere angekommen. Mein Mann und ich bekamen zwei Zimmerchen, ausge rüstet mit eisernen Bettgestellen mit Strohmatratzen, einem kleinen Tisch, einem offenen Schränkchen, Stuhl und Waschgerät. So reich waren wir noch nie gewesen! Zum ersten Male in der langen Ge fangenschaft fanden wir in einem Lager bei der Ankunft Derartiges vor! Auch der Kommandant war freundlich und be wies durch sein Verhalten mir und auch den Offi zieren gegenüber, daß er einer von den sehr wenigen Franzosen war, die in der Behandlung der ihnen unterstellten Kriegsgefangenen die Menschlichkeit nicht ganz außer acht ließen. Wir erkannten dies alle dankbar an. Bald nach uns kamen zur Auffüllung des Lagers noch etwa fünfzig Offiziere, darunter zwei aus Togo, die wir seit Oktober 1914 nicht mehr gesehen hatten. Auch sie hatten inzwischen viel Trau riges erlebt. Aber ihre Frauen waren schon vor einigen Monaten nach der Heimat freigelassen worden.Wann kommt nun endlich die Zeit, wo man auch mich, die einzige Frau in diesem Lager von hundert Offizieren, frei gibt? Es ging weit schneller, als ich mir s hatte träumen lassen. Schon zwei Tage nach unserer Ankunft in Car- cassonne verlangte das französische Kriegsministe rium Auskunft, unter welchen Bedingungen ich ge fangen genommen und ermächtigt worden sei, meinem Manne in die Kriegsgefangenschaft zu folgen. War das schon die Antwort auf mein letztes Gesuch um Heimkehr, das ich in Marseille abgegeben hatte? Oder war es jetzt endlich doch die Folge der Be mühungen meiner Eltern? Drei Tage später. Pfingsten war gekommen. Für mich brachte es eine freudige Botschaft den Befehl: Sie werden in den nächsten Tagen nach Hause fahren." Schnell ist gepackt und revidiert. Am dritten Pfingsttage morgens erklingen in unserem Gefängnisse, von deutschen Männern trotz kürzester Zeit der Einübung frisch und rein gesun gen, alte, liebe deutsche Weisen. Es ist mein Ab schiedsständchen. Herzlichsten Dank noch jetzt, Ihr Herren! Immer werden mir diese Abschiedsklänge in dankbarer Erinnerung bleiben: Wenn ich den Wandrer frage, wo gehst Du hin?" Nach Hause, nach Hause!" Auch meine lange und ausgedehnte Wan derschaft nähert sich ihrem Ende Es geht nach Hause 20ü207 Mittags kommt der mich begleitende Geheim polizist, Ein herzliches Lebewohl allen, besonders den Leidensgefährten aus schwerster Zeit, den Afri kanern! Mein Mann darf mich noch bis zum Wagen vor der Burg begleiten. Ein letzter Kuß! Ein letzter Händedruck. Ueber Lyon geht s zur kleinen französischen Grenzstation Bellegarde, wo eingehende Gepäck- und Körperuntersuchung stattfindet. Und nun: Hurrah! Ich bin auf neutralem Boden und damit frei! Es hält mich aber nichts in der schönen und gastlichen Schweiz: Nach Hause nach Hause!" Drei Tage nach der Abreise von Carcassonne, am 16. Juni 1916, in kaum unterbrochener Fahrt ist Berlin erreicht In Carcassonne aber findet sich folgende Notiz im Lokalblatt: Deport 6e la prisonniere Kocks. femme bvLbe, qui etait ä6tenue k I2 Lit6 avsL 8vn man officiei , a ete renvo^6e pai la 8ui88e maräi. Ein Jahr war vergangen. Nach meiner Ankunft in der alten, lieben Hei mat war für mich eine Zeit der Erholung und der Tätigkeit für meine kriegsgefangenen Kameraden ge folgt, deren Angehörigen ich Auskunft erteilte, und für die ich an meinem bescheidenen Teile zu wirken vermochte.Dann aber hatte es mich wieder hinausgetrie ben, um in dieser Zeit, wo jede Kraft, auch die einer Frau, im Dienste des Vaterlandes gebraucht wird, nicht untätig daheim zu sitzen. Ich hatte ein reiches Arbeitsfeld auf dem Gebiete der Soldatenheime gefunden und an der Ostfront eine mich voll befrie digende Tätigkeit entfalten können. Bietet doch für uns Frauen gerade diese dankenswerte und segens reiche Einrichtung eine der besten Gelegenheiten, unseren tapferen Feldgrauen an der Front wenig stens etwas Ersatz für das eigene Heim zu bieten, das sie so lange entbehren müssen, und so etwas von dem Dank abtragen zu können, den wir ihnen schulden. Dort erhielt ich plötzlich ein Telegram neines Mannes. Nach kurzem Aufenthalt in Car .afsonne war er mit den übrigen Afrikanern nach einem anderen Lager überführt worden, wo sie wieder, ähnlich wie in Afrika, ausschließlich auf den Lager hof angewiesen waren und auch sonst wieder alles Schlimme der französischen Gefangenenbehandlung zu erdulden hatten. Jetzt teilte er mir mit, daß er infolge der Einwirkungen des Tropenaufenthaltes und der langen Gefangenschaft in der Schweiz inter niert worden sei. Das war natürlich für mich ein ausschlag gebender Grund, meine übernommenen Pflichten als Leiterin eines Frontheims im wolhhnifchen Eich walde, so lieb sie mir auch geworden waren, auf zugeben, um meinen Mann wiederzusehen. 20L Druck voll Jean Frey. Jiinch.
