Warum talien mit uns gehen muss? Kolonie Sahara und anderes: Italiens Anteil am Dreibundkriege. Von Moritz Wirtli. ===== Kriegsjahr 1915 - v Verlegt bei Oswald Mutze in Leipzig.Copyright 1915 by Moritz Wirth. Übersetzuügsrecht vorbehalten. Inhalt. I. Italiens Neutralität und Deutschlands Stimmung 3. Italien mobilisiert; wird neutral nach Englands Kriegs erklärung 4. Das deutsch-englische Kolonialabkommen von 1890 ein Mittel, Italien dem Dreibund zu erhalten 5. Italiens Haltung in Deutschland als korrekt anerkannt 5. II. Unsere Ostfront. 7. Der gegenwärtige Kriegsstand kein Anlaß zu Besorgnissen 7. Hindenburg; die Oesterreicher 8. Schlimme Lage der Russen. Ihre SeuchengeFahr 9. Die Westfront: Schützengräben 10. Der Krieg mit Nerven; der französische Krieg ohne Nerven 11. Minderwertig keit des französischen Heeres 11. Das Absynthverbot 12. Die Engländer 13. Die Festung Deutschland. Genug Soldaten 14. Lebensmittel; gute Stimmung; Uneinnehmbar keit 15. Neue Angriffe: Die Blokade 16. Einnahme der französischen Schützengräben, vor Paris 17. Nach England; Deutschland für sich stark genug 18. III. Kompensationen für Italien. Napoleons Kompen sationsverlangen 19. Berechtigte Kompensationen: Carol von Rumänien; für Italien 20. Savoyen, Nizza, Korsika, Malta, Tunis 21. Die Sahara. Bisher Italiens Wärmofen 22. Von jetzt ab sein Klimaregulator. Die Sahara fähig des Pflanzenwuchses 23. Anbauregeln 24. Die Sahara ist nicht in Italiens Besitz; Gefahr ds. Umstandes für Italien 25. Gründe für die andern beiden Dreibundmächte: daß Italien diese Kompensationen erhalte 25. Italien muß selbst mit ein greifen. Beispiel Cavours 27. Die militärische Lage. Französische und englische Städte als Pfänder für Italien gegen französische und englische Gewalttaten 28. Deutschlands finanzielle Maßnahmen eignen sich auch für Italien 29. Italiens Sieg und großes Ziel 30.L Als aus der Mordtat von Serajewo sehr rasch Kriegsbefürch- tiingea emporschössen, die zwar zunächst Österreich-Ungarn, sehr bald und kaum weniger unmittelbar aber auch dem mit ihm eng verbündeten Deutschen Reiche galten, da taten wir, was jeder in schwerer Bedrängnis tut: wir sahen uns nach Hilfe um. Und selbstverständlich schweiften unsere Bücke nach Italien, da jetzt der Fall heranzunahen schien, für welchen gerade das mit ihm be stehende Bündnis geschlossen war. Und das Schicksal rollte weiter. Aus den Befürchtungen wurden Mobilmachungen; aus diesen nach Verlauf von Stunden die russische und die französische Kriegserklärung. Um so drangvoller fragte man sich in Deutsch land: was tut Italien, was wird es tun? Wußte man doch, daß seine Stellung im Dreibund sich eigens auf Deutschland und einen Angriff, den dieses durch Frankreich erführe, bezog. Italiens Neutralität un l Deutschlands Stimmung. Zunächst lauteten denn auch die Nachrichten gut. Ein Mi nisterrat unter dem Vorsitz des Königs, Kriegsvorbereitungen, die von Italien getroffen würden, Frankreich sichere seine Grenze gegen Italien durch Truppenaufsteiiungen. Das war ungefähr die Stufenleiter der Berichte aus Italien. Und sie klangen gut genug. Da kam Englands Kriegserklärung. Sie stellte uns den ersten vnsthaften Waffengang zur See in Aussicht, also etwas ganz4 Neues, noch nie Versuchtes für uns. Kein Wunder, daß darüber alles andere in den Hintergrund trat. Da aber kam die von Emmich geschleuderte große Sieges bombe von Lüttich nebst den übrigen Fortschritten in Belgien und Frankreich; es kamen Hindenburgs russische Schlachten, gipfelnd in dem Siege von Tannenberg; es kamen die Siege der Österreicher und Ungarn über die Russen und Serben mit den Namen, die für ein deutsches Gedächtnis schwerer zu behalten, für eine deutsche Zunge schwieriger auszusprechen sind. Und ais mitten hinein in diese Kette freudiger, in dieser Fülle und Größe nie gehoffter Ereignisse auch die italienischen Nachrichten sich langsam dahin drehten, daß man in Rom die Mobilmachung ab gestellt und sich zur Neutralität entschlossen habe, da wurde dieser Schlag schon ruhigeren Gemüts ertragen. Denn ein Schlag war es allerdings für uns, daß Italien für seine fernere Haltung dem Dreiverband eine so sichere Gewähr gegeben zu haben scheint, daß Frankreich sogar sein Beobach tungskorps von seiner Alpengrenze wegziehen und anderweitig besser gegen uns verwenden konnte. Mit Genugtuung vernahm man dagegen, daß Italien sich nicht einmal durch das Angebot einer Milliarde hatte verlocken lassen, ins gegnerische Lager über zutreten. Ein solches Benehmen konnte schließlich den Eindruck nicht verfehlen, daß Italien genau wußte, was es wollte; wir mußten uns schließlich auch gestehen, daß es sich in genauer Überein stimmung mit seinen Dreibundverpflichtungen befinde. Denn wessen Erinnerung auch in politischen Dingen einige Jahrzehnte zurückreichte, wußte, daß das Königreich der langen Küsten sich schon einmal in einer ähnlichen Lage ähnlich ver halten hatte. Es war 1890, als sich für Italien die Frage anmeldete, ob es den demnächst ablaufenden Dreibundvertrag erneuern solle, oder nicht. Wie noch später, so muß es wohl auch damals mindestens eine Partei gegeben haben, die sich einem neuen Abschluß des Bündnisses mit dem jedenfalls gut vaterländischen Hinweise wider setzte: in einem Kriege mit Frankreich werde die italienische5 Flotte der französischen nicht gewachsen, die reichen Kusten- städte französischer Willkür preisgegeben, das ganze Land von französischen Ausschiffungen bedroht sein. Dieses jedenfalls sehr beachtenswerte Hindernis habe man nun, wie es hieß, in Berlin zu beseitigen unternommen. Eingeweihte, die es wissen konnten, behaupteten, der eigentliche Zweck und Kern des deutsch englischen Kolonialvertrages vom 1. Juli 1890 sei eben die Er haltung Italiens im Dreibund gewesen. Die Öffentlichkeit erfuhr nur, daß Witu, Uganda und die Insel Sansibar an England ab getreten wurden, wogegen dieses das ostafrikanische Gebiet bis zu den Seen an Deutschland überließ, dazu Helgoland. Dieser Besitzwechsel ist jedenfalls das sicherste Zeichen dafür, daß Eng land damals noch nicht entfernt an einen Krieg mit uns dachte. Desgleichen auch wir nicht an einen Zusammenstoß mit dem briti schen Vetter; sonst hätten wir wohl nicht so die Nase über den Felsenbrocken gerümpft, dessen militärischen Wert keine von beiden Parteien erkannte. Vollends aber der Verlust eines so großen Stückes unserer ostafrikanischen Besitzung fiel wie ein Reif in der Frühlingsnacht in unsere junge Kcloniefreudigkeit. Man konnte nicht anders urteilen, als daß wir bei weitem mehr ge geben hatten, als erhalten hätten. Das angebliche Hauptstück dieses scheinbaren Löwenvertrages aber blieb der großen Öffent lichkeit unbekannt, daß nämlich England, das damals noch keine Ententen mit seinen natürlichen Gegnern suchte, es übernommen habe, in einem künftigen Kriege Frankreichs mit Deutschland- Italien letzteres Reich vor der französischen Flotte zu schützen. Als jedoch diese Bestimmung durchsickerte, begann man anders zu denken. Man war einverstanden: das Opfer mußte gebracht werden. Denn Italiens Bündnis zu verlieren, das wäre gewesen, wie wenn man uns eine Mauer unseres Hauses eingerissen hätte, ^nd jedenfalls trat Italien 18S1 aufs neue dem Dreibunde bei. Keine Ungelegenheiten zur See haben zu wollen, scheint aber auch heute einer der Leitsätze der italienischen Politik zu sein. Die Heereshiife, so wurde berichtet, sei deshalb nur auf den Fall versprochen worden, daß England sich nicht am Kriege beteilige. Das sei aber geschehen : also.6 Mit dieser Erklärung war man in Deutschland beruhigt. Hatte Italien diese Ausnahme gleich von vornherein im Bündnis vertrag festgesetzt, so war seine jetzige Zurückhaltung formell ge rechtfertigt. Der sachliche Grund war uns nach einem Vieriel- jahrhundert Beschäftigung mit Flottenfragen ebenfalls verständ lich geworden. War es doch auch uns nicht wohl bei dem Ge danken, das seeübennächtige England mit seinen Dreadnaughts und Überdreadnaughts und dem zahllosen Heer der übrigen Schiffe uns gegenüber zu wissen. Den italienischen Staatsmännern aber muß man die große Aaerkennung zuteil werden lassen, daß sie die Sorge für ihr Volk, dem sie die Beschwerden und Leiden eines Krieges, sogar wenn er nicht im eigenen Lande geführt wird, ersparten, mit dem strengen Rechtsstandpunkt zu vereinigen wußten, dessen Einhal tung wie dem einzelnen Manne, so einem ganzen Staate Zuver lässigkeit nach außen und feste Freundschaften erwirbt, und daß sie endlich gerade durch die Strenge, mit der sie ihre Neutralität wahrten, ihren Bundesgenossen noch ein wertvolles Geschenk machten. Denn nur so konnte Österreich-Ungarn volles Vertrauen zu dem Dritten im Bunde fassen, daß weder Lockungen oder Drohungen des Dreiverbandes, noch aus dem eigenen Lande kom mende irredentistische Strömungen sich irgend welchen Einfluß ver schaffen würden. Die Doppelmonarchie konnte also, dem Bei spiele Frankreichs folgend, ihre Truppen ebenfalls von seiner ita lienischen Grenze wegziehen und ihre gesamte Macht, soweit nicht Serbien einen Abzug bedingte, gegen die russischen Massen ver wenden. Das aber ist das um vieles wichtigere gegenüber dem einen oder mehreren Armeekorps, mit denen die Franzosen von der Alpengrenze hinweg ihre Linien gegen die deutschen Heere verstärkten. Wäre es den Russen gelungen, in Ungarn einzudrin gen und dort ihre Massen auszubreiten, so hätten sie die ganze östliche verbündete Kampflinie aufgerollt und sich eine Stellung geschaffen, der vielleicht erst tief in Österreich und Deutschland wirksam hätte begegnet werden können. Daß dies nicht geschah, verdanken die kämpfenden Dreibundgenossen ihrem streng neu tralen dritten Genossen.Schließlich muß ich zu dem vorstehenden Bericht noch be merken, daß er keine Geschichtserzählung sein soll. Dazu würde nicht bloß mir, sondern in manche Punkten sogar dem Geschichts forscher von Fach die Möglichkeit der Nachprüfung und pünkt lich genauen Richtigstellung fehlen. Was ich hier gegeben habe, soll nur ein Bild der Stimmung sein, wie sie sich auch aus bisweilen ungenauen, aber festgeglaubten Nachrichten ent wickelt. Übrigens hat aber ein Gutes, das man jemandem bloß zutraut, von ihm glaubt, im Völkerleben auch seinen Wert, ja vielleicht noch höheren, als genau dasselbe Gate, wenn man es über ihn nur durch aktenmäßige Belege erführe und feststellte. II. Unsere Ostfront. Wenn ich aber jetzt, nachdem Italien als große Ziffer end gültig aus unserer Knegsrechnung ausgeschieden ist, die Blicke meiner Mitbürger nochmals über die Alpen hinüber zu lenken suche, und die Frage aufwerfe, wie Italien doch noch zum Ein greifen in den Krieg vermocht werden könnte, so ist das beileibe kein Notschrei. Gewiß hat unser erster stürmischer Eintritt in den uns aufge drungenen Kampf ums Dasein von Staat und Volk einem ruhi geren Gange Platz gemacht. Bas Extrablatt meldet nicht mehr jeden Tag neue Tausende von Gefangenen, einen neuen besetzten Ort, eine eroberte Festimg, darunter die beiden größten Rosinen des Siegeskuchens: Lüttich und Antwerpen. Wir sind jetzt schon zufrieden mit ein paar Meter Fortschritt im Argonner Wald, einem genommenen oder wieder genommenen Schützengraben, einem un bedeutenden, wenn auch zu unseren Gunsten ausgefallenen Ge fechte. Denn das ist so ungefähr der tägliche Speisezettel für die Nachrichienhungrigen, den die Oberste Heeresleitung seit einiger Zeit uns zukommen läßt.8 Es ist innerhalb des Krieges etwa derselbe Zeitraum, der 1870 durch die stehende Meldung bezeichnet wurde: vor Paris nichts Neues. Und doch nahmen wir Paris. Aber wir glauben auch jetzt zu wissen, wie die Dinge stehen. Da ist zunächst Hindenburg. Er hat es verstanden, Heer und Volk sogar für einen russischen Feldzug zu erwärmen. Karg in seinen Nachrichten, beinahe wie der Schweiger Moltke, tritt er dann und wann wie ein Gott aus den Wolken mit einer großen Tat und den zugehörigen großen Zahlen. So auch in der letzten Zeit. Schon kennte man meinen, er wolle seinen Truppen eine wohlverdiente Winterruhe gönnen, so grau, melancholisch, wie ferne Schneeflockenschleier, rieselten Tag für Tag die Nach richten aus dem Osten hernieder. Da, mit einem Male, ein greller Blitz: es war doch eine Gewitterwolke gewesen, was wir in der Ferne geschaut hatten. Dann eine echt Hinder.burgsche Bot schaft: 26 000 Gefangene nebst Zubehör, die übrige Beute noch nicht zu übersehen. Ihm antwortete mit der Schnelligkeit des Rückschalles Österreich-Ungarn: 29 000 ! Gefangene in den letz ten Tagen, kommandierender General und Stab gefangen in Ra- dautz. Wo solche Kräfte am Werke sind, da heißt für uns das Ziel des Winterfeldzuges doch vielleicht noch Warschau. Dem russischen Generalissimus bleibt aber sogar für diesen Fall noch ein großer Reichtum des russischen Kriegsschauplatzes auszuschöpfen: die Fülle der Rückzugslinien. Nach Süden in die liebenden Arme der Österreicher und in eine menschenwürdige Ge fangenschaft; nach Norden zur Besichtigung der eingefrorenen Eisbrecher des Weißen Meeres; zur Erwartung der vielleicht noch lange ausbleibenden Waffen- und Muniticnsvorräte; nach Osten, wo er den Hilfsvölkern des nächsten Sommers, die vielleicht jetzt schon auf Hunde- und Renntierschlitten herbeiziehen, verschiedene hundert Werst entegen käme. Die kriegerischen Völker Mittel asiens werden wohl gegen die Türken unabkömmlich sein. Inzwischen wird der russische Winter, diese furchtbare Waffe gegen vorwitzige Feldherrn wie Karl XII. von Schweden und Napoleon, einen sehr wirkungsvollen Aufklärungsdienst bei Ruß lands eigener großer, noch übrig gebliebener Heeresmasse ver-9 richten. Kommt es zu Winterquartieren, so wird deren Langeweile, einzig ausgefüllt von der Erinnerung an die ertragenen Brutali täten, auch in dem langsamsten russischen Soldatengehirn die Frage zeitigen: warum man ihm das alles antut? Die noch täglich weiter erduldete Pein ungenügender russischer Winterquartiere, die Hungerqual einer Verpflegung, die infolge der Weghindemisse und der als Maiionaleigentümlichkeit unausrottbaren Unterschleife (Sand in Konservenbüchsen) vermutlich allerungenügendst sein wird, werden wie Treibhaushitze auf die Entwickelung dieser Frage einwirken. Sollte aber der Feldzug ununterbrochen durch alle Rücksichtslosigkeiten des russischen Winters hindurchgeführt werden, so kann es hinsichtlich dieser Frage auch zu plötzlichen Erleuchtungen kommen, die gerade in den stumpfesten Geistern 2is vollständigen Tobsuchtsepidemien führen können. Im Frühjahr aber dürfte die russische Heeresleitung die Ent deckung machen, daß der deutsche Oberfeldherr keineswegs geneigt sein wird, der Einladung der sarmatischen Tiefebene zu strahlenförmiger Ausbreitung zu folgen, um sich vereinzelt schla gen zu lassen. Vielmehr dürften sich die russischen Generäle einem Gürtel von Erdwerken gegenübersehen, die mit ausgesuchter Kunst der großen Befähigung des russischen Soldaten, sich einzugraben, aus dem Wege zu gehen, dafür aber auf seine Unfähigkeit, andere auszugraben, berechnet sind. Wollten aber die russischen Offi ziere mit den bekannten russischen Mitteln hier eine Fähigkeit erzwingen, die der Zar seinen Leuten eben noch nicht eingepflanzt hat, so könnten leicht des russischen Heeres Winterstudien eine un erwartete Frucht tragen: die der passiven Insubordination, d. h. des Nicht- oder in die Luftschießens und des Überlaufens zu frei williger Gefangenschaft. Was bis jetzt nur in anekdotischer Ver einzelung vorkam, könnte Massenerscheinung werden. Und aus der Mitte des russischen Heeres hebt sich ein Ge spenst, so drohend düster, daß es schon jetzt seinen Schatten vorauswirft: die Massenerkrankung mit Ansteckung, die Seuche. Em russischer Winter und russische Verwahrlosung führen Krieg im eigenen Heere, besiegen sogar die kernhafte Natur des10 russischen Soldaten. Um vorauszusagen, was kommen muß, braucht man kein Prophet, nicht einmal Arzt zu sein. Die ein getretene Tatsache wird uns bald durch ganz neue Zahlen Kinden- burgs bekannt werden: die der von ihm vorgefundenen Lazarett kranken, der von ihm begrabenen Lazarettleichen. Doch können diese auch auf freiem Felde faulend gefunden werden. Die Westfront: Schützengräben. Steht es sonach an der deutsch-österreichischen Ostfront des gegenwärtigen Krieges gut, so dafür beim ersten Anschein sehr anders an unserer Westfront. Wer uns nicht wohl will, kann hier den Beweis, daß es mit Deutschlands Kräften am Ende sei, scheinbar mit Händen greifen. Vom schweizer Jura bis zum Kanal eine einzige, lange Linie, beinahe ein einziger, langer Schützengraben, wo, von kleinen Hin- und Herschwankungen ab gesehen, keine Partei entschieden vorwärts kommt, entschieden zurückgeht. Sogar die Schlacht von Soissons, die doch zu den großen Tagen des deutschen Heeres zählt, scheint vorläufig nur ertliche Bedeutung gehabt zu haben. Vielleicht als Fußfassung für künftige, weiter tragende Taten. Im ganzen bleibt es dabei: Schützengraben, im Norden soundso viel Meter in die Erde ver senkt, auf die Wipfel der Bäume verlegt in den Argonnen und Vogesen. Eine solche Art der Kriegführung dürfte noch nicht dage wesen sein, wenn sie auch im russisch-japanischen Kriege eine Art Vorversuch besitzt. Vielleicht erfahren wir später einmal, daß sie die Entstehung von so manchem Großem teilt, aus einem zu fälligen Vorkommnis herausgewachsen zu sein, das unser General stab geistreich genug war, aufzugreifen und zum System auszu bilden. Es ist ja schon so viel die Rede davon gewesen, daß die modernen Kriege mit Nerven geführt werden; hier finden wir die ganz offenbare Anwendung dieses Satzes. Wir haben,11 wenn wir näher hinblicken, auf der einen Seite den Schützen graben mit Nerven; zum Glück ist es der auf der deutschen Seite. Er machte sich zuerst kenntlich durch die lustige Einwühlung, die ein dem deutschen Soldaten ganz neues Abenteuer verhieß. Er zeichnet sich heute aus durch die behagliche Einrichtung und ein beinahe Jean Paul sches Ein- und Innenleben, das den Humor lie fert, mit dem sich auch über schlimme Tage des Schlammes und Frostes hinwegkommen läßt. Gleichzeitig hat sich die Wissen schaft der neuen Aufgabe bemächtigt, und eine Gesundheitslehre des Schützengrabens entworfen, als gälte es, der Einrichtung ewige Dauer zu verleihen und für sie ein Geschlecht zu züchten, das trotz allen entgegenwirkenden Bedingungen, aus lauter geistigen und körperlichen Idealmenschen bestünde. Merkt endlich der Soldat die Absicht, aus der man ihn so lange ins Loch gesteckt hat, so wird das seine Geduld und seine Nerven verdoppeln und verdreifachen, und die Rechnung der Heeresleitung richtig werden lassen. Diese Rechnung zielt nämlich ganz deutlich auf den gegen überliegenden, französischen Schützengraben. Es ist derjenige Graben, dem für seine Aufgabe bereits die Nerven zu mangeln beginnen; der alle Anstrengung aufwenden muß, um dieser Aufgabe zu genügen, und sich bereits dem zit ternden Punkt entgegengetrieben fühlt, wo die Saite reißt. Man könnte ihn, dieses Ergebnis vorausnehmend, auch kurzweg Schützengraben ohne Nerven nennen. Daß diese Kennzeichnung richtig sein werde, folgt zunächst aus dem gallischen Charakter und Tempera- m e 111. Sie machen den Franzosen zu einem Soldaten des Elans. Er erträgt zwar auch Strapazen, aber sie müssen deutlich nahe in einer Ruhmestat enden. Dann muß obenauf die Tri kolore flattern, und er, der Soldat, muß sich mit einer elegant-hero ischen- Haltung weithin sichtbar präsentieren können. Wie wäre das alles im Schützengraben zu erreichen? Schon die Erkenntnis dieser Unmöglichkeit und die Unabsehbarkeit der Pein muß die ewig brodelnden, nach Glanz und persönlicher Hervorhebung ver langenden französischen Nerven erschüttern. Sie erleiden die12 Schädigung eines vorhandenen starken Triebes, dem ein starrer Zwang die natürliche gebotene Ausarbeitung versagt. Hinzu kommt eine zartere Körperbeschaffen heit des Franzosen, welche so groben Angriffen, wie sie der Schützengraben gegen seine Inlieger richtet, weniger gut, und auf die Dauer steigend weniger gut standhält, als die deutsche Natur. Von anderer Art noch sind die Schädlichkeiten, welche dieses mo dernste KriegsmitteS für die Südfranzosen mit sich führt. Der Aufenthalt in ihm ist zu vergleichen einer mehr oder weniger über gangslosen Versetzung in ein nordisches Klima; der Schützen graben im Winter ist für sie Versetzung in hochnordische oder winterlich nordische Umgebung. Die Deutschen zeigen nach der Beschaffenheit ihres Landes und ihrer bisher erreichten Kultus- weit geringere Empfindlichkeitsunterschiede gegenüber dieser aus geklügelten, künstlich hergestellten Rückkehr zur Unkultur. Der dritte Beweis für die kriegerische Unterwertigkeit des französischen Heeres ist das Absynthverbot. Daß eine Versammlung von Freunden und Gönnern des Alkohols, aus welchen die französische Abgeordnetenkammer zweifellos besteht, die auch im übrigen gewöhnt ist, sich selbst als das Maß aller Dinge zu be trachten, ein solches Verbot gerade jetzt erlassen hat, beruht wohl kaum auf theoretischen Studien über den Alkohol, zu denen Zo- las Assommoir" schon seit 1876 mit genügendem Lärm angeregt gehabt hätte. Hier ist nur eine Ursache anzunehmen, daß der französischen Heeresverwaltung ihr Mannschafts-, wohl auch Offi ziersmaterial unter den Anforderungen des Krieges derartig unter den Händen zerbricht, daß auch der alkoholverblädetste Abge ordnetenverstand sich der richtigen Einsicht, dem völligen Verbot, nicht mehr verschließen konnte. Diese drei Gesichtspunkte dürften genügen zur Abschätzung der militärischen Tüchtigkeit der französischen Heeres- und Schützengrabenlinie gegenüber der deutschen. Man müßte aus diesem Verhältnis, alles andere als gleich angenommen, den Schluß ziehen, daß die deutsche Linie die französische längst überwältigt hätte. Oder es müssen, da dies nicht geschehen ist, besondere Umstände obwalten. Der erste ist jedenfalls der, daß13 man auf deutscher Seite nur mit soviel Kraft, d. h. Anserzung von Leuten und Einsetzung ihrer Kraft kämpft, daß die Franzosen sich stets auf das ihnen mögliche Höchstmaß anstrengen müssen. Das muß mit der Zeit zu einem vollständigen nervösen Zusammenbrach des französischen Heeres führen. Was für das grobe Russenpack die masurischen Seen sind, in die es von Hindenburg geworfen worden ist, das ist für die zivilisierten Franzosen der Schützen graben, zu dem unsere westliche Heeresleitung sie verurteilt hat. In ihm seit Monaten festgenagelt, führen sie dort gleichsam einen auf der Stelle getretenen Rückzug aus Rußland aus, der ihnen fast ebenso verderblich werden muß, wie der einst von Moskau nach Warschau wirklich marschierte. Anders die Engländer mit und ohne Schützengraben. Sie haben Nerven, daher ihnen gegenüber auch anders von uns gekämpft wird: nämlich englisch. Sie werden, um mich eines Ausdruckes zu bedienen, den sie bei Bestrafung der vor die Ka nonen gebundenem aufständischen Sipoys mit Behagen anwandten, mit Granaten und Maschinengewehren hinweggeblasen". Doch auch säe vorläufig nur soweit, als zur Aufrechterhaltung der beiden Linien nötig ist. Bie Festung Deutschland. Daß der gleichabgewogene Stillstand der beiden v estlichen Heereslinien nicht auf einem Mangel deutscher Kraft beruht, son dern dafür ein wohlerwogener Entschluß der deutschen Heeres leitung anzunehmen ist, vermag am besten zu beurteilen, wer zu sieht, wie es zwischen den beiden Fronten mit uns in Deutschland bestellt ist. Es laufen ja auch noch genug ausländische Reisende bei uns herum, die voller Neugier, versetzt mit soundso viel Pro zent Schadenfreude, zu uns gekommen sind, und die, nachdem man ihrer Wißbegierde möglichst wenig in den Weg gelegt hat, als überraschte uns wieder verlassen haben. Sie werden das fol gende bezeugen.14 Daß wir, erstens, noch genug Soldaten zu allen nötigen Nachschüben und neuen Unternehmungen haben. Die Ka sernen, die auf ein Friedensheer von 500 000 Mann eingerichtet sind, reichen nicht aus für die neuerdings eingezogene Mannschaft, so daß die benachbarten Gasthöfe und Schulen mit belegt wer den. Da wird exerziert, bei Wind und Wetter Gefecht geübt, Tages- und Nachtmärsche, mit und ohne schallende. Musik, aus geführt. Man nimmt sich Zeit zur Gründlichkeit der Ausbildung. Es ist ja nur unser Vorteil; wenn die Franzosen noch etwas länger in ihren Schützengräben liegen müssen, und dem Frontdienst fer tige, in nichts versagende Werkzeuge zur Verfügung gestellt werden. Und wieviel ältere Landstürmer sehen wir nicht als Wach posten an den zahllosen Eisenbahnbrücken, wohl nicht bloß, weil man Zerstörungen durch feindliche Anschläge fürchtet, sondern auch, um sie für Besatzungsdienst, Gefangenfortführung und ähn liche leichte Kriegsarbeit gleich zur Hand zu haben, wenn dem nächst die westlichen Unternehmungen wieder ins Rollen kcmmsn. Und wie viele gesunde, kräftige Männer, alle noch inner halb des Landwehr- oder Landsturmalters, gediente und ungediente, harren schon seit Monaten des Gestellungsbefehls! Sie sind re gistriert, aber man brauchte sie bisher nicht. Weiter aber wird unser aufmerksamer Reisender bezeugen können, daß in Deutschland kein Mangel an Lebensmitteln herrscht. Zuerst werden natürlich die Soldaten versorgt, nach einem Worte, das auch nicht den Namen Moltkes bedürfte, unter dem es umläuft: daß das schlechteste Geschäft sei, seine Soldaten schlecht zu nähren. Das Essen ist einfach und schmackhaft, nahrhaft und reichlich. Selbst die an bessere" Küche gewöhnten Angehörigen der besseren" Stände sprechen mit Behagen davon. Mit Jubel wurde die feldgraue" Extrawurst begrüßt, mit welcher der Batail lonskoch neulich Kaisers Geburtstag feierte. Der beste Über wacher dieses Teiles des Verpflegungswesens ist wohl der Kaiser selber, der auf seinen Fahrten, wie es sich trifft, bei seinen Feld küchen einkehrt.15 Auf der Tagesordnung steht jetzt die Regelung des Brot verbrauches der nichtmilitärischen Bevölkerung. Niemand hat bis jetzt darin eine beängstigende Maßregel gesehen. Nur der Verschwendung soll vernünftigerweise vorgebeugt v erden. Man beobachtet und beurteilt die Maßnahmen der Behörden so sach- Sich, wie wenn sich jemand einen teueren Stoff gekauft hat, aus dem der Schneider ein gutsitzendes Kleid machen soll. So hat es sich denn auch herausgestellt, daß, nachdem die Marken ausge teilt worden sind, einhalbmal mehr bewilligt werden koante, als man ursprünglich für möglich hielt. Was endlich die nächste Ernte betrifft, so werden die Arbeiten für sie düirch die Kriegsgefangenen besorgt werden, die wir uns zu diesem Zwecke in hinreichender Anzahl hereingeholt haben. Sie sind auf diese Weise nicht bloß für uns, sondern auch für sich mit tätig. Überdies erhalten sie dafür einen kleinen Lohn, von dem ihnen ein Teil aufgehoben und bei der Entlassung ausgezahlt wird: gewiß für viele eine Überraschung. Schließlich ist man in Deutschland gutes Mutes. Ne ben den Berufsgeschäften, die in beträchtlichem Umfange weiter gehen, von denen viele durch den Krieg neu hervorgerufen worden sind, ist das wichtigste für alle der Verkehr mit den Lieben im Felde. Karten, Briefe, Pakete gehen in solchen Massen ab, daß öfter die Krieger selbst abwehren und die Post Beschränkungen eintreten lassen mußte. Gleichwohl sind die zur Bewältigung der Sendungen getroffenen Einrichtungen riesenhaft. Die Heeresver waltung weiß das Band zu schätzen, das den Soldaten auf diese Weise mit der Heimat verbindet. Jede anlangende Sendung sagt ihm aufs neue, wofür er Strapazen erträgt und sich dem feind lichen Feuer aussetzt, und verhütet die Ausartung des Volksheeres zur Soldateska. Auf diese Weise gleicht allerdings Deutschland einer be lagerten Festung, aber einer solchen, in der es mit der Besatzung, den Lebensmitteln, dem Geiste der Truppen und der Bevölkerung aufs beste bestellt ist. Und zwar in dem Grade aufs beste, daß s e f ür sich die Regel der modernen Kriegs kunst zu nichte machen wird, daß jede1 Festung, der keine Hilfe von außen komme, sich übergeben müsse. Brauchten wir diese Hilfe, so würden wir sie erst recht nicht erhalten. Das mitkämpfende Österreich-Ungarn würde dann erst recht für sich allein zu tun haben, und die italienischen Staats männer würden noch weniger als jetzt über ihre Verpflichtung hin aus für eine auch nur schwankende Sache eintreten dürfen. Neue Angriffe: Die Blokade, Paris, nach England. Aber die Zeit, wird man uns vielleicht einwerfen, wird sie nicht schließlich sich geltend machen? Wird Deutschland die glückliche Lage, die man ihm für jetzt schließlich zugeben mag, auch auf unbestimmt lange Zeit behaupten können? Die in solchen Fragen ihre Befürchtungen oder Hoffnungen ausdrücken, vergessen die vorhin aufgezählte Überfülle ganz frischer, noch vor keinen Feind gekommener Mannschaft; sie ver gessen auch, daß es preußisch-deutsche Kriegsregel ist, dem Feinde den Gang des Krieges und der Gefechte vorzuschreiben, nicht auf seine Maßnahmen zu warten. Die unbezwingbare Festung Deutschland ist zugleich der Ausgangsort von Feldzügen, die wir für unwiderstehlich halten dürfen. Es vollzieht sich, was der Dichter unseres großen Nationaldramas vorahnend geschildert hat. Deutschland ist Walhall und Deutschland ist Wotan, der sagt: daß in der Burg gebunden ich mir von außen gewinne die Welt. Vielleicht steht uns folgendes bevor: Von allem bisherigen unabhängig, vollzieht sich die für den 18. Februar angekündigte Blokade Englands. Man darf der deutschen Heeresleitung zutrauen, daß sie die Nichtigkeit der Papierblokade kennt und daß sie, wenn sie dieses Vorgehen ausdrücklich ankündigt, auch die Mittel der wirklichen Durch führung besitzen wird.17 Zu Lande wird vorher vielleicht noch die Verteidigungslinie Königsberg-Warschau-Lemberg festgelegt, an welcher sich ferner hin Moskowiterschädel in beliebiger Anzahl einrennen können. Dann aber erhofft man im Westen folgendes: Zusammenklappen der französischen Schützengrabenkulisse, vor welcher die deutschen Heere bis jetzt Halt gemacht haben. Es würde im Wesen der deuiscäss Heeresleitung liegen, nachdem die neuen Mannschaften ausgebil det und über die ganze Linie verteilt sind, auf ihr dieses Unter nehmen als einzigen, gleichzeitigen, zusammenhängenden Angriff vor sich gehen zu lassen. Keinem Punkte der französischen Linie würde dann von der Seite her Hilfe gebracht werden können; jeder Punkt würde durch den von den Seiten her dringenden Schlacht ham noch besonders in Verwirrung gesetzt. Paris angegriffen und eingenommen. Was man 1870 die Belagerung nannte, d. h. das StiHeliegen rings um die Stadt, in der Hoffnung, sie durch Hunger zu zwingen, dürfte ausgeschaltet werden. Die Beschießung wird heute noch ganz anders als 1871 Paris uns öffnen. Der Eiffelturm, den die Fran zosen ja doch als Kriegsbeobachtungsposten benutzen werden, wird wohl von einigen 42 cm-Bomben niedergelegt werden, gleich gültig, was er in seinem Falle mit zerschmettert. Er ist das Merk zeichen des Hochmuts von Paris, wie dieses des Hochmuts von Frack- reich. Beide unbezwungen zu lassen würde uns beim Friedens schlüsse ein sehr wenig williges Volk finden lassen. Außerdem haben wir uns von Paris Kriegskontribution zu holen. 1870 be trug sie 200 Millionen. Aber Graf Herisson (Tagebuch, Seite 378 bis 381) hat uns verraten, daß Favre ermächtigt war, bis zu 500 Millionen zu geben. Da dürfte sich nach 44 Friedensjahren, bei dem inzwischen erfolgten gewaltigen Wachstum des Reichtums, die jetzige Kriegsbaße schon auf 1 bis 2 Milliarden be aufen. Neben diesem großen Vorgange wird B e 1 f o r t infolge seiner abseitigen Lage nicht die Rolle spielen, wie 1870 Metz. Man wird es belagern, beschießen, oder nur umstellen, je nach dem. Das größte, und die Entscheidung bringende Ereignis des Krieges wird aber der Übergang nach England sein.18 Sollte sich auch der Blokadering um England, besonders im Nor den, nicht völlig schließen lassen, so wird doch der Kanal rechts und links völlig abzusperren sein. Dann wird zwischen einer Pappelallee von Unterseebooten, rechts und links gedeckt von Ge schützen, die von Calais aus noch 9 Kilometer weit über den eng lischen Küstenrand hinausschießen, der deutsche Kaiser mit seinem siegreichen Heere als ein zweiter Wilhelm der Eroberer seinen Ein zug in England halten. Was wird das f üi - einen Eindruck auf die Eng länder machen, die gewohnt sind, schon ihr Haus als eine, jedem Fremden unzugängliche Burg zu betrachten, und die dasselbe über jeden Begriff und sprachlichen Ausdruck hinaus auch von ihrem Lande annehmen. Shocking, shockingest!, wenn dieses Wort in eng lischen Köpfen überhaupt noch eine Steigerung zuläßt. Aber so muß es kommen bei der brutalen Starrköpfigkeit der Engländer, die in ihrer Art nicht leichter zu brechen ist, als der krähende Hoch mut der Franzosen. Ehe dort nicht in soundso viel Häusern und Familien eine feldgraue Einquartierung gelegen und in diesem An züge (shocking, oh shocking!) sich mit zu Tisch gesetzt hat, ehe nicht die Kontors der großen Geschäfte und der Banken von eben falls deutschen feldgrauen Bankbeamten besetzt, die Geheimbücher und die Kabel mit Beschlag belegt, die Herren Suffragetten, falls sie gegen uns ihre Künste loslassen sollten, vielleicht mit Mylord Kitchenei und verbündeten Negern zur Gesellschaft, in Konzentrationslager gesperrt sind, endlich London seine Kriegs- b~dße gezahlt hat, London, dem gegenüber Paris ein wohlhabendes Dorf ist, eher ist mit England an keinen ersprießlichen Frieden zu denken. Doch genug der Erörterung unserer Aussichten für die nächste Kriegszeit. Sie werden manchem als Phantasien erscheinen, doch nicht jedem. Vielmehr wird, wer unsere Lage mit neutraler Un parteilichkeit prüft, doch vielleicht zugestehen, daß wir uns mit genügenden Kräften in der überaus günstigen Verfassung befinden, von unseren beiden westlichen Feinden nicht bloß den Frieden, sondern auch einen Frieden mit allen für uns zu wünschenden Vorteilen zu erzwingen.19 III. Unter soichen Umständen noch eine kleine oder große Macht zu unserem Beistande herbeizurufen, das wäre wirklich nur, um es uns bequem zu machen. Und das, denke ich, wird kein ver nünftiger Mensch, der deutschen Männern noch einiges Anstands gefühl zutraut, von uns erwarten. Um was es sich aber doch bei dem gegenwärtigen mitteleuro päischen Krieg für Italien handelt, und zwar um so dringender, je entschiedener die Wage sich seinen Verbündeten zuneigt, das ist die Frage der Kompensationen. Die Kosnpensaiionstheorie ist in die neuere europäische Poli tik eingeführt worden von Napoleon III. Die Sache selbst ist na türlich alt. Doch vertrat er nur die eine Seite der neuen Lehre: das Verhältnis zwischen offen oder versteckt feindlichen Staaten. Nachdem er sich schon 1860 seine Italien geleisteten Dienste mit Savoyen und Nizza hatte bezahlen lassen, richtete er weiterhin seine Rabenaugen auf die französisch redenden Teile Piemonts und der Schweiz, auf das ganze linke Rheinufer, Luxemburg, Belgien. Diese Begehrlichkeit des Staatsoberhauptes teilte sich schließlich unter dem Geschrei revanche pour Sadowa dem ganzen Volke mit. Und doch war bei Königgrätz keine französische Flin- teakage! verschossen, oder ein Franzose auch nur scheel ange sehen worden. Aber Bismarck gab diesem beständigen Drängen nicht nach. Er hätte damit nur ein Volk gestärkt, das seit 300 Jahren immer daran gearbeitet hatte, seine Grenzen auf Deutschlands Kosten aus zudehnen; er hätte einen Mann begünstigt, der als Erbe des großen Napoleon nach Möglichkeit dessen Machtpläne gegen Deutschland verfolgte. Aber selbst, wo Napoleon seine Finger gegen nicht deut sches Gebiet lang machte, konnte sich Bismarck, auch wenn er ge-20 wollt hätte, nicht zu der geringsten Gefälligkeit herbeilassen. Die Sache wäre an der strengen Rechtlichkeit König Wilhelms ge scheitert. Anders lautet die Kompensationstheorie z .vischen befreun deten Staaten. Wo die Freundschaft, und vollends ein Bündnis nicht bloß auf idealen Beweggründen beruht, wo Machtfragen ins Spiel kommen, da muß vor allem das gegenseitige Kräfteverhält nis das gleiche bleiben. Erweitert ein Teil sein Gebiet, wie das für Deutschland durch den jetzigen Krieg sehr wohl sich ereignen dürfte, so muß auch der andere eine verhältnismäßige Erweiterung erfahren. Carol von Hohenzoliern hat nach diesem Grundgesetze seinen Rumänen einen Teil von der türkischen Beute geholt. Er mußte seinen, nur erst halbzivilisierten Balkanbrüdern gegenüber einen kleinen militärischen Druck anwenden, um ihnen die Verstärkung ihres militärischen Schutzwalles gegen Rußland begreiflich zu machen. Und er durfte dem Vorwurfe, daß diese Vergrößerung durch das Blutvergießen anderer erworben worden sei, mit dem Hinweise begegnen, daß die Rumänen bereits 1877 vor Plewna für die Befreiung der Balkanvölker vom türkischen Joche gefochten hatten, und daß es mit Rußland noch manchen Krieg geben wird, wobei Rumänien sehr leicht in die Lage kommen kann, für seine und der übrigen Balkanstaaten Unabhängigkeit in erster Linie mit seinem Blute einzutreten. Und ebenso wird Wilhelm von Hohenzoliern ganz genau wissen, daß ein in seinem jetzigen Umfange erhaltenes, im Vergleich zu einem größer gewordenen Deutschland aber verhältnismäßig kleiner gewordenes Italien kein freudiger Bundesgenosse in dem nächsten und schwereren Kriege wäre, den die europäischen Mit telstaaten gegen Rußland, in weiterer Ferne vielleicht gegen die asiatische Völker!rv ine zu führen haben werden. Ohne die Akten des Dreibundes eingesehen zu haben, dürfen wir wohl annehmen, daß der Anteil Italiens, einen vollen Sieg über Frankreich und England vorausgesetzt, in folgendem bestehen werde.21 1. Rückgabe Savoyens, sowie Nizzas nebst zuge höriger Landstrecke, die 1860 durch Napoleon von Italien abge rissen wurden. Savoyen ist das Stammland des Herrscherhauses, Nizza die Vaterstadt Garibaldis, des Nationalhelden des geeinigten Italiens. Beide wurden nur nach hartnäckigem Widerstande an Frankreich abgetreten. Das fast ganz französische Savoyen und das mehr provengalische Nizza ließen sich damals den Wechsel der Staatszugehörigkeit wohl ganz gern gefallen; dürften aber doch lieber von neuem bei Italien sein, als bei Frankreich nach einem so verlustreichen Kriege. Zusammen 15142 qkm mit gegen 708 000 Einwohnern. 2. Korsika, das durch seine Lage und seine italienische Bevölkerung durchaus zu Italien gehört. Die wenigen Tausend daselbst befindlichen Franzosen bestätigen dies, indem sie sich als eine Art Strafkolonie Frankreichs betrachten. Zusammen 8 722 qkm mit gegen 300 000 Einwohnern. 3. Malta mit seinen Nachbarmseln, das die Verbindung Italiens mit Tripolis aufs Empfindlichste bedroht, wie denn über haupt mit diesen Apachenposten, die England über die ganze Erde verstreut eingerichtet hat, nach Möglichkeit aufzuräumen ist. Zusammen 323 qkm mit gegen 186 400 Einwohnern. 4. Tunis, das durch seine Fiankenlage gegenüber Tripolis and durch die Seefestung Biserta eine beständige Drohung für Italien bildet. Das Land gehört durch seine starke italienische Ein wanderung (67 400 gegenüber 24 200 Franzosen) bereits mehr zu Italien, als zu Frankreich, und verlangt gebieterisch die Besitz ergreifung durch ersteres. 167 400 qkm inst gegen 1,5 1,8 Millionen Einwohnern. Die Wiedergewinnung Savoyens würde entschieden Italiens Alpenschutz verbessern. Durch Korsika erhält es eine Verteidi gungslinie, die von einem passenden Punkte des Festlandes aus, über die kleinen, zwischen ihm und Korsika liegenden Inseln hin weg, mit Hilfe der modernen, weittragenden Geschütze, und nöti genfalls dazwischen gelegter Minenfelder in völliger Geschlossen heit bis zur Südspitze Sardiniens reichen wird. Dringendstes Be-22 diirfnis sind Tunis mit Biserta, sowie Malta. Aus beiden würden die beiden Westmächte ein Zwinguri für Italien zu machen suchen, um sich für die verschiedenen Absagen, die der Dreiverband in- bezug auf den Krieg von Italien erhalten hat, zu rächen. Für den ganzen Dreibund ist es von höchster Wichtigkeit, die Stellung Timis-Biseria-Malta in Italiens Händen zu wissen, um dadurch einen neuen Kriegsherd aus der Welt zu schaffen. Man darf dem hohen Wert, den Italien mit Recht auf den Besitz von Valona legt, schließen, daß es den Schatz seiner Grenzen scharf ins Auge faßt. Die Erwerbungen unter 1 4 erreichen nunmehr dieses Ziel. Die Natur hat auch ihr möglichstes für diesen Zweck getan, und nur die Politik hat ihn bisher ver pfuscht. Mit diesen vier Erwerbungen, sollte ich meinen, müßte es dem italienischen Volke zu Mute werden, als ob es nun erst die Schlüssel zu seinem Hause in der Hand hätte. Das Vorstehende sind diejenigen Kompensationen, an welche von den Politikern des Dreibundes, besonders aber Italiens, bis her für dieses gedacht worden sein wird. Und doch ist dabei eine Erwerbung vergessen, ohne welche alles Genannte so gut wie nichts bedeutet, mit welcher Italien auch diese vier Stücke allenfalls ent behren könnte. Wie Sahara. Die große, nordafrikanische Wüste ist der natürliche Wärm- c f e n , der einen der Haupteinflüsse auf die Gestaltung des sogen. Mittelmeerklimas ausübt. Damit auch, und am meisten, auf das Klima des südlichen Teiles Italiens, in gemindertem Grade auf das seiner Mitte. Nur die Poebene wird als nicht mehr merkbar daran beteiligt gelten dürfen. Da das so gewesen ist, seit unsere ge schichtliche Kenntnis nach rückwärts reicht, da die Wüste überdies ein Naturgegenstand ist, der bis jetzt nur Naturgesetzen gehorcht hat, denen man ewigen Bestand zuschreibt, so hat man das auch von dem Dasein und der Beschaffenheit der Sahara angenommen. Sie werde für Italien auch in Zukunft immer sein, was sie bisher war und ist.23 Dem ist jedoch nicht so. Die Gesetze, welche die heutige Natur der großen Wüste aufrecht erhalten, sind veränderlich, sind abstellbar. Die Sahara ist nicht unfähig des Pflanzenwuchses, dieser ist lediglich abhängig vom Dasein des Wassers. Und das wiederum ist zu beschaffen. Es läuft von selbst aus dem unerschöpflichen Vor rat des Meeres in Röhren von Heberform über die trennenden Bergrücken hinweg nach den unter Meereshöhe gelegenen Stellen; es steigt in Pumpen die höchsten Berge hinan. Die Maschinerie bietet nur noch die leichte Aufgabe dar, automatisch gemacht zu werden, um nach ihrer Einrichtung kaum einen Pfennig Betriebs kosten zu erfordern. Denke man sich eine auf diese Weise mein ungeheueres Wald- und Wiesenland umgeschaf fene Sahara, und Italien hat seinen Wärmofen verloren. Sein Klima wird sich ändern, wie sich das der Sahara geändert haben wird. Denn, um es mit einem Worte zu sagen: heute, im Zeitalter der modernen Technik und der neben ihr hergehenden Riesenkapi- talicn ist die Sahara veränderlich, ist sie zu einem nach mensch lichem Wunsche stellbaren Klimaregulator Italiens ge worden. Wie dieser sich ändert, zieht er auch jenes in seine Ände rungen mit hinein. Da diese Behauptungen der Vorstellung durchaus wider sprechen, die man sich, mindestens in Deutschland, im allgemeinen von der Sahara als von einem ungeheueren Sandmeere macht, das nur von einigen wenigen, sehr weit von einander entlegenen Oasen unterbrochen werde, so seien wenigstens einige Sätze aus einer neu eren Arbeit über die Wüste angeführt, welche meine Auffassung bestätigen. Dr. Erich D ü r k o p , die wirtschafts- und handelsgeo graphischen Provinzen der Sahara, begründet durch nützliche Pflanzen, 1902, schreibt: Seite 14: Das Fehlen jeglicher Vegetation ist in der Sahara eine ungewöhnliche Erscheinung." Seite 15: Die Verteilung der Gewächse der Wüste ist weit mehr vom Grundwasser, als von der Benetzung durch Re gen abhängig. Mit unglaublicher Schnelligkeit entwickelt sich nach24 erfolgten Güssen die Vegetation. In 3 7 Tagen steht ein Weide grund von schönstem Grün da, wo bisher jede Spur organischer Tätigkeit gefehlt hatte. Aber bald haben die heißen Sonnen strahlen diesen schönen Flor der Annuellen verdorrt, und es herrscht dieselbe Öde, wie zuvor. Die Wurzeln der Regenpflanzen dringen nicht tiefer als der Regen in den Boden ein." Durch diese Sätze wird die Haupt- und Grundtatsache für jeden Anbau der Sahara bewiesen: ihr Boden ist fähig, Pflanzenwuchs zu tragen. Alles weitere ist Menschensache: Das Wasser muß an die zum Anbau auser- sehenen Steilen gebracht werden; es muß der aufsaugenden Kraft der Sonne und des Bodens zum Trotze für die Zeit, daß die Pflanze seiner bedarf, an Ort und Stelle festgehalten werden. Den Boden zu unserm Willen zu zwingen, wird die eigentliche Aufgabe sein. Ist sie gelöst, dann ist die Kraft der Sonne auf die Aufgabe, dem Boden in Fülle Vegetation, und der Vegetation in Fülle Frucht zu entlocken beschränkt und durch diese Beschrän kung verstärkt. Die Frachtfülle wird aber unter der Wirkung der Sahara sonne sehr bald überquellender Reichtum werden. Die Menschen, die auf einem bestimmten Bodenstücke die ersten Griffe tun, wer den kein, erst nach Menschenaltern zu Ertrag kommendes Werk begonnen haben; sie werden noch selbst diesen Ertrag erlangen, und ihre Kinder in dessen vollem Genüsse aufwachsen sehen. Die an jeder größeren Anbaustelle anzuwendenden Mittel werden nach den örtlichen Bedingungen vielleicht sehr verschieden sein und nach genauer Kenntnisnahme der vorhandenen Verhält nisse gefunden, erfunden werden müssen. Das braucht niemand zu erschrecken. Wer nur einigermaßen die Geschichte der mo dernen Technik kennt, weiß, daß hiermit nichts unerhörtes oder gar unmögliches gefordert wird. Wie oft ist nicht eine Aufgabe, an der die ersten Männer des Faches scheu vorüberschlichen, da-25 durch gelöst worden, daß einer, von der Notwendigkeit ihrer Lö sung mehr als die andern durchdrungen, sie genauer studierte und dadurch den Punkt entdeckte, an dem das Naturgesetz den mensch lichen Wünschen die Hand entgegenreichte. Die Sahara aber, die dieser Umgestaltung entgegensieht, ist nicht in Italiens Besitz. Ließe nun dieser Besitzer alles beim alten, und die Italiener wären auch fernerhin mit den Einwirkungen dieses Zustandes auf ihr Klima zufrieden, so bliebe bis auf weiteres der gegenwärtige Zustand. Aber keinesfalls auf lange. Das um immer größere Anlage plätze verlegene Kapital wird endlich auch das Geheimnis der Sa hara erspähen. Dann aber wird es zu Ende sein mit Italiens Ruhe. Es wird noch das beste sein, wenn es gleichzeitig den Wunsch nach derjenigen Milderung seines Klimas hegt, die hervorgeht aus der Umwandlung der rotgelben, von der Sonne mit Ofens Glut er füllten Wüste in das grüne Wald- und Weideland mit warmfeuch tem, gemäßigtem Mittelklima. Aber diese Umwandelung wird sich in den meisten Fällen nicht in dem Grade und in dem Zeitmaße abspielen, die Italien wünschen wird. Und es wird auf diesem, menschlicher Kultur neugewonnenen Stück Erde auch eine Bevölkerung heranwachsen, die, mag sie im Abhängigkeitsverhältnis zu dem sogenannten Besitzer der Sa hara verbleiben oder sich zum selbständigen Staate herausbilden, allmählich Italiens Tedfeind werden wird. Denn sie wird gegen den Meeresrand hin drücken und das italienische Tripolis vor sich herschieben, zurück ins Meer, aus dem es gekommen ist. Will dann Italien den Kampf auf Leben und Tod mit der, zu einem Volk und Staat gewordenem, Wüste und mit derjenigen Macht auf nehmen, der diese neue, riesengroße Kolonie gehören wird? Es dürfte mehr als vermutungsweise zu spät sein. Dagegen ist heute, und vielleicht nie wieder der Zeitpunkt ge kommen, wo Italien den Griff auch nach diesem Stück Übersee tun muß in einer Ausdehnung von 9 159 495 qkm und heute erst mit kaum einem bis fast keinem Menschen auf den qkm.26 Die Besiedlung durch Italien wird also fast gar keinen Wider stand aus dem zu besetzenden Gebiete selbst heraus erfahren. Und der Krieg mit derjenigen Macht, der die Sahara gehört, ist ja be reits im Gange. Zweifelt aber Italien daran, daß die siegreichen Mittelmächte ihm die Sahara überlassen würden? Für Deutschland und den Kaiser Wilhelm darf man, glaube ich, gut sagen. Man kennt auf der Halbinsel noch viel zu wenig die schwär merische Leidenschaft Deutschlands für Italien. Sie äußerte sich in früheren Jahrtausenden als gröblicher politischer Besitz, der nun für immer dahin ist. Sie besteht heute in der Hinneigung zu seiner Schönheit. Deutschlands Verhältnis zu Österreich-Ungarn ist das einer rechtschaffenen Ehe. Zum Schutze seiner Brut, zur Auf rechterhaltung der Ordnung und des Vermögens des Hauses fahren sie diesen Krieg. Italien ist für Deutschland Beatrice. Es verehrt sie nur aus der Ferne, ist von ihrem Gruße beglückt, möchte ihr sein Bestes zu Füßen legen. Der Stimmführer dieses heuligen Ver hältnisses ist Goethe. Seine Italienische Reise" ist eins der Haus bücher deutscher Bildung. Aber es gibt noch zwei realpolitische Gründe, weshalb Deutschland wünschen muß, daß Italien nicht bloß die zuerst ge nannten Brocken von der französisch-englischen Beute an sich nehme, sondern auch deren Haupt- und Glanzstiick. In den Gedankenkreis Kaiser Wilhelms gehört die Voraus sicht der gelben Gefahr, die auch schon von anderen er lauchten Geistern, z. B. dem Grafen Gobineau, dem Dichter der Renaissance" und Verfasser des Kassenbuches, prophezeit worden ist. Zum Widerstande gegen sie gehören aber in erster Linie Men schen und der Besitz von Landstrecken, in denen das Malthu- sische Bevölkerungsgesetz als eine Torheit erwiesen werden kann. Es isi nicht wahr, daß die Menschheit den drängenden Trieb habe, sich in annähernd geometrischer Reihe zu vermehren, d. h. wie 2, 4, 8, 16, 32 . . ., während die Lebensmittel nur wie 1, 2, 3, 4, 5, 6 . . .wüchsen. Da nun Deutschland selbst schon mehr Boden hat und haben wird, als es braucht, da Frankreich ungenügend kolonisiert und England, das ihm die Sahara vielleicht abkaufte, nur27 ausraubt, so bleibt einzig Italien, das mit seinen Mitteln den Sieg von Weiß gegen ein angreifendes Gelb vorbereiten hälfe. Der zweite Grund für Deutschland, die Sahara nicht selbst oder im Verein mit Österreich-Ungarn zu besetzen ist der, daß jedes Beginnen, dort den Anbau zu fördern, die Bevölkerung zu vermehren und staatlich zusammenzufassen, sofort in Italien Miß stimmung, Beunruhigung, Feindschaft gegen Deutschland erzeugen müßte. Nun kann aber ein dauernder Friede, der schließlich auch einmal zum allgemeinen Weltfrieden führen mag, nur dadurch hergestellt werden, wenn immer mehr Staaten und Völker sich so zu einander su stellen suchen, daß sie irgendwelchen Ursachen zu neuen Verfeindungen und Kriegen tunlichst ausweichen. In diesem Zukunftsausblick ist nur eins bedenklich: wird Deutschland siegen? Oder, da wir für uns und unsere Bedürfnisse daran nicht zweifeln: wird Deutschland bis zu dem Grade siegen, daß es Frankreich seine Kolonien, England sein Malta entreißen kann, um für Italien das ihm nötige bereit zu haben? Wenn nicht alles trügt, befindet sich Italien heute wieder in derselben Lage, wie 1855, als Sardinien unter der Leitung des Grafen Cavour sich mit Frankreich und England verband und 15 000 Mann nach der Krim sandte, um den beiden Großmächten Sebastopol erobern zu helfen. Das kleine, noch nicht einmal die Poebene ausfüllende Königreich trug auf diese Weise doch schon mit dazu bei, Rußland von Konstantinopel fern zu halten und zu verhindern, daß es sich im Mittelmeer eine Herrschaft erwerbe, der alle übrigen Seemächte zusammen nicht Widerstand leisten könnten." Und Cavour erreichte zunächst, daß er auf dem Frie denskongreß zu Paris über die österreichische Fremdherrschaft und über die Mißregierung" in den übrigen Staaten Klage erheben konnte. Damit war die Bewegung eingeleitet, die 1886 und 1870 ihren Abschluß in der Errichtung des jetzigen Königreichs Italien fand. Daß es nur ein vorläufiger Abschluß war, erkannten die jenigen erleuchteten Staatsmänner, die, unter der Regierung wiede rum eines Viktor Emanuels, Tripolis dem italienischen Staatsver bande einverleibten. Sie werden nicht Halt machen wollen, wo die Geschichte die Schicksalsfrage an sie richtet, ob sie den wöl-28 benden, zusammenbindenden Bogen über das bisherige Bauwerk spannen wollen, der die notwendige Folgerung des in Tripolis ge tanen Schrittes ist und alles bisher Erarbeitete abschließend sichert. Überdies hat sich auch die militärische Lage seit dem nun verflossenen halben Jahre des Krieges wesentlich zu Gunsten Italiens geändert. Die großen Siege, die gerade der fran zösische Soldat für die Erhaltung seiner Kampftüchtigkeit not wendig braucht, sind ausgeblieben; die Schützengräben beherber gen mürbe Massen. Die englische und französische Fiotte haben nicht entfernt die Erwartungen erfüllt, die man sich von ihnen machen mußte. Ich lasse es dahingestellt, ob Italien jetzt daran denkt ihnen Breitseite gegen Breitseite entgegenzutreten, ob sich mit seinen Schiffen deutsche, wie weit österreichische vereinigen können. Ich weise nur auf denjenigen Küstenschutz hin, dea inzwischen unser Landheer für Italien geschaffen hat. Wir sind im Besitz wertvoller französischer Städte und werdea noch in den Besitz von mehr kommen. Das sind Pfänder für die Haltung unserer verbündeten Feinde gegenüber Italien. Für jede erheblichere, völkerrechtswid rige Beschädigung, die von englischer oder französischer See- oder Landmacht einer italienischen Stadt angetan, oder sonst in Italien verübt wird, wird eine gleichwertige französische Stadt dem Erdboden gleich gemacht. Es wird ihr noch eine ebensolche englische Stadt hinzugefügt, sobald wir deren in unserer Gewalt haben werden. Diese Bestimmung wird selbstverständlich zuvor den beidc-n grcßmächtlichen Gegnern mitgeteilt.29 Und noch ein Einwand wird erhoben, warum Italien jetzt an keinen Krieg denken könne: Volk und Staat litten unter einem großen wirtschaftlichen Drucke und den Folgen eines verderblichen Erdbebens. Aber nochmals hat sich in Deutschland etwas ereignet, was auch diese Bedenken zunichte macht. Ich rede nicht von unseren Anleihen. Das sind Finanzoperationen, wenn auch noch so glän zende. Es fragt sich, wie es im Volke aussieht. Da lautet die Antwort: wie in einer guten Friedenszeit. Das Volk im Felde, der Soldat, empfängt neben allem, was unmittelbar für seinen Unter halt getan wird, noch eine so reichliche Löhnung, daß Viele Er sparnisse machen und sie nach Hause schicken. Das Volk daheim, zuerst die Familien der Soldaten, empfangen ebenfalls von Staats- und Gemeindewegen, von Privatvereinigungen und einzelnen Per sonen so reichliche Unterstützungen, daß auch in ihnen die Not ferngehalten wird. Was sonst noch an Natural- und Geldunter stützung zum Ersatz ausgefallenen Erwerbes, an Darlehen für stockenden Geschäftsbetrieb u. dgl. m. geleistet wird, will ich nicht aufzählen. Die italienischen Volkswirte und Finanzmänner werden sich schon selbst die Gelegenheit nicht haben entgehen lassen, Kriegszustände zu studieren, die den Betroffenen die Segnungen des Friedens zuteil werden lassen, und sie werden sich die Frage vorgelegt haben, ob ähnliches nicht auch für ihr Vaterland an wendbar sei. Finanztechnisch heißt das Zaubermittei: Papier; finanzpolitisch: ein glücklicher Krieg. Daß unser Gold in der Reichsbank liegt und alle die Scheine, die seit dem Kriege bei uns von Hand zu Hand gehen, auch nicht um einen Pfennig unter dem Nennwert genommen und gegeben werden, beweist wohl am besten, wie wir unsere Kriegslage schät zen dürfen. Einen solchen glücklichen Krieg kann Italien jetzt an unserer Seite haben. Wir Deutschen wissen sehr wohl, daß das italienische Volk, die Söhne des sonnigen Südens, nicht aus platonischer Freundschaft für die nordischen Barbaren, mit denen ihre Regierung Staatsver-30 träge abschließt, zu den Waffen greifen werden. Tun sie es doch noch, so tun sie es für eigenen großen Gewinn. Mit Deutschland waffenbriiderlich zur Seite geht Italien En- aufhaltsam einem vollen Siege entgegen, der Erwerbung der grö ßeren Heimat für das größere, noch nngeborene Italien. Abgeschlossen am 15. Februar 1915. Moritz Wirth.JBctJag ©StuaCö 9Wufce, geizig. 93ont felbert SBerfaffer erfriert 1906: ober Srie&e? ermäninter lUciä 50 *ßf. fraiifti. 56 B- SSeinat) prot)ftetM) erörtert ber SSerfaffer btefer 1906 in 14000 ©jeinplaren er[cl)ienenen S3ro= fdjüre ben nun auSgefprodienen SBeltfrieg. 8- 33. propfje^eit er QtalienS Sieutralität unb icfjilbert bie Slotroenbigfeit, fjranfrticf) fo nieber= Düringen, dieser Krieg unser letzter mit Trankreicb sein müsse. urtf jebe 33itcl)fjanblung ju begießen.Verlag von Oswald Mutze, Leipzig. Von dem durch seine Vorträge und vielen hygieni schen Schriften weit bekannten Schriftsteller, Herrn G. Martin Zschommler, erscheint soeben in meinem Verlage in 3. Auflage: Kriesskniiihlieiten Schutz vor den Seuchen (Pest, Pocken, Ruhr, Cholera,Typhus) Wie wir uns vor ihnen schützen können, Wie sie erfolgreich behandelt werden. Preis ( ö Pf , franko. Das Büchlein ist durch iede Buchhandlung zu beziehen. ^ :3T 3 £& Setzmasch.-Betrieb Oswald Mutze, Leipzig.Warum talien mit uns gehen muss? Kolonie Sahara und anderes: Italiens Anteil
