Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Von K. Westphal. Weimar. Geographisches Institut. Einleitung Die Erkennung des Nutzens kolonialer Thätigkeit für unser Volk datiert in Deutschland bekanntlich keines wegs erst seit dem Augenblicke, in welchem die Reichs regierung sich entschloß, den Weg einer gesunden Kolonialpolitik zu betreten; ebensowenig ist jene Einsicht erst durch die Thätigkeit des in Frankfurt gegründeten Deutschen Kolonialvereins" oder seines älteren Vetters, des Berliner Zentralvereins für Handelsgeographie", ermöglicht worden. Bielniehr hatten patriotische Männer, denen tüchtige kulturgeographijche Kenntnisse eine richtige Auffassung von dem Wesen der Kolonieen gestatteten, schon oftmals vorher ihre gewichtige Stimme erhoben für Erweckung allgemeineren Interesses an deutschen kolonialen Bestrebungen. Daß sie mit ihrer berechtigten Anschauung nur sehr langsam über die kleine Gemeinde der geographisch geschulten Kreise hinausdringen konnten in weitere Schichten der Gebildeten; daß hierzu (für eine weitere Verbreitung richtiger Erkenntnis) die rastlos thätige und geschickte Propaganda der genannten Vereine erforderlich war mag zum Teil begründet sein in der ablehnenden Haltung, welche die deutsche Regierung lange Zeit hindurch einer Kolonialpolitik gegenüber an den Tag legte. So schrieb bereits vor mehr als zehn Jahren (im Februar 1875) der deutsche Vize-Admiral Livonius eine kleine Arbeit über Kolonialfragen" und reichte dieselbe der Kaiserlichen Admiralität zu dem aus gesprochenen Zwecke ein, durch Publizierung der Schrift seinerseits mit dazu beizutragen, in die zu jener Zeit vorwaltende Abneigung gegen koloniale Bestrebungen Bresche zu legen. Es erschien, wie Livonius sagt, in- l*4 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. dessen damals nicht opportun, seinem Wunsche zu ent sprechen. Jene Arbeit.Hat der Verfasser dann später, im November 1884, der Öffentlichkeit übergeben. Die an regend geschriebene und namentlich das Vorgehen Eng lands in fernen Erdteilen mit manchem treffenden Schlag licht beleuchtende Schrift enthielt zwei Stellen, die einem aufmerksamen Leser besonderes Interesse abgewinnen mußten. Die eine wies auf eine günstige Gelegenheit zum Erwerb wertvollen überseeischen Besitzes hin, die wir leider unbenutzt hatten vorübergehen lassen; die andere auf eine solche, welche uns zur Zeit der Publikation des Livoniusschen Buches noch offen stand. Bezüglich der ersteren sagt der Autor: Zur Zeit des Friedensschlusses mit Frankreich wurde in Deutschland, namentlich von den Hansestädten aus, mehrfach auf die Wichtigkeit des Besitzes (von Kochinchina) für Deutschland hingewiesen, und wenn man die dainalige gänzliche Hilflosigkeit und Ohnmacht Frankreichs erwägt, so läßt sich annehmen, daß die Nichtbeachtung dieses Wunsches wohl nur aus schließlich in der in den maßgebenden Kreisen vor herrschenden Antipathie gegen Kolonieen seinen Grund hatte." Auf das uns noch erreichbare Ziel bezog Livonius dagegen die Schlußworte seiner Schrift: Auf ein ferneres weites und schönes Gebiet hat England zur Zeit schon wieder sein Augenmerk gerichtet, wobei das alte Spiel wiederum in Szene setzt, mit dem es schon so oft die übrige Welt düpiert hat, das Vorgeben nämlich, daß ihm die Befreiung der Sklaven so sehr am Herzen liege, und daß es um dieses philanthropischen Gelüstes willen die größten materiellen Opfer bringe, ohne daß man trotz aller Erfahrung, was es hiermit auf sich hat, den Fuchsschwanz beweist, der unter der Kutte des Philanthropen hervorlugt. Noch gibt es nämlich ein Land, das, wenn auch nicht herrenlos, doch leicht unter fremde Botmäßigkeit zu bringen ist, ein Land, dessen Fruchtbarkeit mit der von Indien wett eifert, ein Land, das für die deutsche Auswanderung,Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 5 für eine deutsche Kolonie wohl geeignet wäre; und wenn nicht andere das praevenire spielen, so dürfte man in ganz kurzer Zeit sich die Komödie wiederholen sehen, die zuletzt in betreff der Fidschi-Inseln abgespielt wurde, daß nämlich auch der Herrscher dieses Landes das glor reiche England angehen wird, ihn und sein Land unter Englands Schutz zu nehmen. Sansibar ist gemeint. .. Die dortigen armen, durch englischen Einspruch befreiten Sklaven werden in die englischen Kolonieen gebracht, um zwar frei zu heißen, aber gebunden für eine große Reihe von Jahren als Lohn der Befreiung Sklaven dienste daselbst zu verrichten, nunmehr im englischen Interesse. Der Sultan, der dem Sklavenhandel nicht wehren kann, wird unter passendem Vorwand zur Rechen schaft gezogen, in Geldstrafe genommen, und wenn er diese nicht zahlen kann, so muß das selbstlose, philan thropische England gezwungen im Interesse der Huma nität wiederum einschreiten, um auch das weite Reich an der Ostknste Afrikas, das Sultanat Sansibar, seinem schon so übermäßig ausgedehnten Besitztum anzureihen!" Dieser Hinweis auf Sansibar als ein für deutsche, koloniale Bestrebungen geeignetes Ziel verfehlte nicht ein gewisses Aufsehen zu erregen, namentlich auch in England. Die britische Mißgunst, die keinem anderen eine Beteiligung an der kolonialen Erschließung und Ausbeutung fremder Zonen gönnen möchte, regte sich sofort in der dortigen Presse, die mit ängstlicher Hast Sansibar als eine Domäne Englands reklainierte. Als dann vollends Deutschland einen Generalkonsul nach Sansibar entsandte, trieb jene Mißgunst sofort üppige Blüten in englischen Blättern. Es wurde sogar der Vorschlag laut, England solle durch eine rasche That den deutschen Schachzügen" zuvorkommen und Sansibar sofort annektieren, bezw. unter seinen Schutz stellen". Dagegen zeigte sich in manchen deutschen Kreisen auch dann nur ein geringes Interesse für Ost-Afrika und vielfach wurden etwaige deutsche Aktionen (selbst auf derSansibar und das deutsche Ost-Afrika. Thätigkeit Privater beruhende) als unwahrscheinlich und unnütz hingesteM. Doch schneller, als wohl der Ver fasser der oben erwähnten Schrift selbst geglaubt, ent stand im äquatorialen Afrika eine Reihe realer deutscher Interessen, und heute sind die Augen aller, welche an afrikanischen Verhältnissen ein Interesse nehmen, auf jene Gebiete des dunkeln Erdteils gerichtet, auf die Livonius hinwies: die Insel Sansibar, die thatsächlichen und angeblichen Besitzungen Sansibars an der gegenüber liegenden Festlandsküste und die Berg- und Plateau landschaften, welche hinter dieser Küste anfsteigen. Die nachfolgenden Zeilen beabsichtigen, ein Bild jener Gebiete zu skizzieren und geben bezüglich der heute unter deut schem Schutz stehenden dortigen Länder die Äußerungen wieder, welche wir nichtdentschen Reisenden verdanken. Da es also nicht deutsche, sondern ausländische Er forscher sind, die wir über jene Landschaften sprechen lassen, dürfte ihr Urteil als ein unparteiisches von be sonderem Interesse sein. 1. Skizze der Entdeckungsgeschichte. Zwischen den südostafrikanischen Gestaden und dem semitischen Vorderasien scheint schon im grauen Altertum ein Verkehr bestanden zu haben. In jenen Küstenlanden ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Goldland Ophir des alten Testaments zu suchen. Aus den dem Indischen Ozean, der diesen Verkehr vermittelte, zunächst gelegenen semitischen Ländern, also aus dem südlichen und süd östlichen Arabien, scheinen auch seit alten Zeiten arabische Einwanderungen nach Gegenden Ost-Afrikas stattgefunden zu haben. An den äquatorialen Ostküsten des letzteren gründeten Araber im frühen Mittelalter ein Staats wesen von erheblicher Küstenerstreckung. Die erste Be rührung desselben mit Europa führten die kühnen See fahrer und Eroberer herbei, welche Portugals Flagge im Zeitalter der Entdeckungen siegreich nach allen Welt-Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 7 meeren trugen. An der Wende des 15. Jahrhunderts erschien Vasco da Gama bei der Insel Sansibar, wenige Jahre darauf (1503) erkannte diese wichtige Handels metropole die portugiesische Oberherrschaft an. Nach erbittertem Kampfe eroberten die Portugiesen dann auch die Handelsstädte der gegenüberliegenden Küste. Kurz vor Ablauf des 17. Jahrhunderts vertrieb der Herrscher des ostarabischen Reiches Maskat die Christen wieder, denen es nur vorübergehend 1728 gelang, sich nochmals in Sansibar festzusetzen. Seit jener Wiederbegründnng der arabischen Herrschaft blieb Ostafrika durch lange Zeit den Europäern in hohem Grade unzugänglich und dem entsprechend wurde das Hinterland der Küsten erst ver hältnismäßig spät der europäischen Forschung erschlossen. Es sind die Entdeckungen und Berichte deutscher Missionäre, welche die Veranlassung bildeten, daß die Erforschung jener Gebiete am Beginn der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts energisch in Angriff genommen wurde. Die deutschen Missionäre Krapf, Erhardt und Rebmann drangen als die ersten Erforscher ins Innere Ost-Afrikas vor. Der letztere war es, der 1848 den gewaltigen Berg Kilima Ndscharo entdeckte, dessen Gipfel ewigen Schnee trägt; Krapf erblickte denselben, sowie einen anderen Schneegipfcl, den Kenia, auf seinen Reisen der Jahre 1848 und 1850. Nach ihren Erkundigungen bei den Eingeborenen brachten diese Missionäre ferner die wichtige Mitteilung, daß man beim Vordringen nach dem tieferen Innern Ost-Afrikas auf einen großen See stoße, oder vielmehr geradezu ein Binnenmeer; auf ihrer berühmten Karte von Ost-Afrika wurde zum erstenmal das Ukerewe-Meer" in jener gewaltigen Erstreckung dargestcllt. Diese Nachrichten erregten mit Recht ein mächtiges Interesse in Europa und wurden vielfach an- gezweifelt. Uni zu entscheiden, wie es sich mit der Zu verlässigkeit der durch jene deutschen Forscher uns über mittelten Nachricht von Schneebcrgen und mit dem kolossalen Binnensee ihrer Karte verhalte, entsandte die8 Sansibar und das deutsche Ost-Aftika. englische Geographische Gesellschaft eine Expedition nach Ost-Afrika. Im Februar 1858 wurde von dieser Expe dition, unter Leitung Burtons und Spekes, als der erste der großen Binnenseen Ost-Afrikas der Tanganjika entdeckt. Weiter noch nach Nordosten vordringend, ent deckte Speke in demselben Jahre einen zweiten gewaltigen Binnensee, den Njansa, das Sammelbecken der Quell flüsse des Nils! Schon im folgenden Jahre entdeckte der große Livingstone den dritten der Binnenseen, den Njassa das mächtige Binnenmeer Ostafrikas, durch dessen Annahme die genannten deutschen Missionäre die Veranlassung zur energischen Durchforschung jener Ge biete gegeben hatten, löste sich in eine Reihe von Einzel seen auf, deren jeder freilich immerhin, nach europäischen Verhältnissen gemessen, noch einen großartigen Umfang aufweist. An der nunmehr stetig rascher fortschreitenden Er forschung des äquatorialen Ost-Afrika haben sich wiederum Deutsche mit Erfolg beteiligt, so Kersten, Roscher, Brenner und namentlich der Hannoveraner C. von der Decken, dessen Expedition 1861 und 1862 die Umgebung der Schneeberge untersuchte und den Kilima Ndscharo bis zur Höhe von 14000 Fuß bestieg. 1865 wurde von der Decken, der mit dem Dampfer Welf" den Dschubafluß hinauf gedrungen war und nach Abessinien durchzubrechen ver suchen wollte, auf genanntem Strome ermordet. Einer der Begleiter Weckens, Richard Brenner, unternahm 1867 eine Reise zur Aufklärung über das damals noch nicht fest beglaubigte Schicksal Deckens und verband damit eine Exkursion nach dem Lande Witu an der Formosa- Bai, wo heute die deutsche Schutzherrschaft proklamiert ist. Brenner wies schon damals, also vor nunmehr 17 Jahren, darauf hin, daß hier ein geeigneter Punkt für Errichtung einer deutschen Handelsstation sei; der damalige Fürst des Landes erklärte sich bereit, mit Preußen einen Handelsvertrag abzuschließen. 1877 unter nahm ein anderer Deutscher, Hildebrandt, von neuemSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 9 den Versuch, zu dem schneebedeckten Kenia vorzudringen, erreichte jedoch sein Ziel nicht. Im folgenden Jahre gelang es einein von der Harnburger Geographischen Gesellschaft ausgerüsteten deutscheri Arzt, E. A. Fischer, am Panganifluß hinanfziehend weit in das Innere vor zudringen. Der gegenüber der Insel Sansibar auf dem Fest lande gelegene Hafen Bagamojo wurde bald eines der lvichtigsten Einbrnchsthore für die Erforschung des dunkeln Erdteils. Die zur näheren Untersuchung des Seengebiets bestimmten Expeditionen, wie auch die Durch- kreuzer Afrikas Cameron und Stanley nahmen hier ihren Ausgangspunkt. In neuester Zeit gingen ferner noch von hier verschiedene Reisen aus, die von der Internationalen afrikanischen Gesellschaft oder zu Mis sionszwecken ausgesandt wurden. Unter den namhaftesten der neueren Reisen durch das äquatoriale Ost-Afrika seien außer den genannten noch folgende erwähnt. Die Expedition des Engländers Thomson, welche im Aufträge der Londoner geographi schen Gesellschaft ausgesandt war, erforschte 1878 bis 1880 das Land zwischen den Seen Njassa und Tanganjika, verfolgte den Lukuga (den zuerst mehrfach angezweifelten Ausfluß des Tanganjika zum Kongo) und fand einen neuen beträchtlichen See, den Rikwa, auf. 1882 be traute die genannte Gesellschaft denselben Reisenden mit der Führung einer Expedition zur Untersuchung der Schneeberge, sowie des zwischen ihnen und dem Njansa sich ausdehnenden Landes; die Expedition brach im Frühjahr 1883 von Sansibar auf und erfüllte ihre Auf gabe in vorzüglicher Weise. Ebenfalls nach dem Kilima Ndscharo wandte sich im folgenden Jahre der eng lische Reisende Johnston, dem es gelang, den afrikanischen Bergriesen bis zur Höhe von 16 200 zu besteigen; dann mußte er umkehren, da seine eingeborenen Begleiter wegen der Kalte ein weiteres Vordringen nicht wagten. Im Aufträge der Internationalen afrikanischen Asso-10 Sansibar und das deutschc Ost-Afrika. ziativn gründete 1880 der französische Reisende Bloyet dem Hochland des Inneren die Station Kondoa, in der Landschaft Ussagara. Ein Landsmann Bloyets, der Schiffsfähnrich Girant , unternahm 1883 eine Reise von Bagamojo nach den Quellseen des Kongo, die zu den erfolgreichsten unserer Zeit gerechnet werden muß; das Bild dieser Seen war bisher ein sehr unrichtiges und ist durch Giraud nunmehr im wesentlichen fest gelegt. Die zur Erforschung Afrikas gegründete Deutschc afrikanische Gesellschaft beschloß 1880, eine deutsche Forschnngsstation zwischen der Sansibarküste und dem Tanganjika zu begründen. Die Mitglieder dieser Expedition (der Astronom Kaiser, der Zoologe Böhm und etn junger Industrieller, namens Rcichard) traten im Juli 1880 ihre Reise ins Innere von Baga mojo an; zu Kakoma im Staate Uganda, östlich vom Tanganjika, wurde die deutsche Station errichtet (unter 50o östl. Länge von Ferro und 50 47 sndl. Breite), in einer Höhe über dem Meere von etwa 1000 m. Auf den Wunsch der bald darauf zur Re gierung jenes Landes gelangenden Sultanin Mischa wurde dann die deutsche Station nach der Hauptstadt Gonda verlegt. Die Fürstin forderte sogar die Deutschen zur Mitregentschaft auf. Die Reisenden erforschten von hier aus das Land zwischen Ugunda und dem Tangan jika, sowie südwärts nach dein Rikwa-See hin. An den Ufern des letzter erlag Kaiser den Beschwerden der Reise. Im Jahre 1884 wurde die Station wieder anf- gegeben, und die deutschen Forscher traten die Rückkehr zur Küste an. Auf diesen: Rückwege fand auch Böhm seinen Tod, und Reichard traf als der einzige Über lebende der Expedition im August 1885 an der Ostküste ein. Im Juni 1878 traten zwei andere deutsche Forscher, die Gebrüder Denhardt, von Sansibar eine Entdeckungsreise an; sie ersorschten den wichtigen Tana-Fluß, welcher unweit Witn in die Formosa-Bucht mündet, deren Uferlandschaften dem Sultan von SansibarSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 11 nicht unterworfen sind und somit eine Unterbrechung in den Besitzungen dieses Fürsten bilden. Mehrfach wurden die deutschen Reisenden von der sehr friedlichen Be völkerung, die an den Ufern des Stromes wohnt, auf gefordert, sich dort niederzulassen. Wie deutsche Missionäre es gewesen sind, welchen die erste zuverlässige Kunde von den Schneebergen und von dem Binnenmeer des Innern zu verdanken ist, und wie dadurch Veranlassung gaben zu der neuen Ära ostafrikanischer Forschung, so haben dann deutsche Forscher einen hervorragenden Anteil gewonnen au der weiteren Aufdeckung jener Landschaften. Und deutsche Forscher büßten auch dort ihren kühnen Mut mit dem Leben als Pioniere der Wissenschaft und der Zivilisation. 2. Die Insel Sansibar. Sansibar bildete, wie erwähnt, ehemals eine Be sitzung des arabischen Reiches Oman oder Maskat. 1856 wurde dieser Staat beim Tode des damaligen Sultans unter dessen Söhne geteilt, wobei sein Sohn Said Medschid das afrikanische Gebiet, also Sansibar, erhielt. Diesem folgte der jetzige Fürst Bargasch ben Said. Unter der Regierung des letzteren bildete Sansibar anfänglich den größten Sklavenmarkt der Erde. Da in dem Ein fuhrzoll Sklaven die Hanptcinkünfte des Sultans bestanden, weigerte dieser sich entschieden, auf die von England an ihn gerichtete Aufforderung zur Abschaffung jenes schmählichen Handels einzugehen, und gab dadurch England die sehr erwünschte Veranlassung, dem Sultan die Sprache der Kanonen eines Kriegsgeschwaders in Aussicht zu stellen, ihn dadurch zur Unterzeichnung eines Vertrags zur Abschaffung des Sklavenhandels zu zwingen und last, not least! hiermit den Einfluß Eng lands in Sansibar zum herrschenden zu machen. Daß in der That die Zweifel an der Uneigennützigkeit Englands, denen dessen humanitäres Vorgehen bei12 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. ruhigen Beurteiler begegnete, berechtigt sind, dürfte zur Genüge der Mitteilung des augenblicklich wieder auf Sansibar weilenden Reisenden Fischer erhellen, daß England kürzlich seine dortige Marinestation zur Ver hinderung des Sklavenhandels aufgegeben hat und dieser Handel wieder kühner geworden sein soll. Wie es dem- nach scheint, hat England sich der berechtigten Anschauung hingegeben, daß jene Macht, welche heute die Schutz- Herrschaft über weite und wichtige Festlands-Gebiete gegenüber der Insel Sansibar ausübt, naturgemäß früher oder später auch auf letzterer die einflußreichste Ratgeberin werden wird; wenn aber England sieht, daß nun doch einmal seine unausgesprochene Oberherrschaft über Sansibar nicht auf die Dauer aufrecht zu erhalten sein wird ja, dann lohnt es ihm auch nicht mehr, für humanitäre Zwecke dort länger Geld auszugeben! Der wichtigste Teil des Sultanats Sansibar ist die gleichnainige Insel, welche ein Areal von fast 1600 qkm umfaßt, also an Größe zwischen den Herzogtümern Altenburg und Koburg-Gotha etwa die Mitte hält. Die Stadt erhebt sich, wie ein Berichterstatter in der Münchener Allgemeinen Zeitung" (1885, S. 266) mitteilt, nur wenige Meter über das Meeresniveau. Auch die Hügel im Innern steigen nur bis zu 130 in an. Anbau fähiger Boden ist höchstens ein Drittel des ganzen Areals. Dank dem feuchten tropischen Kliina sind aber gerade die Kulturflecke der Insel herrliche, gartenähnliche Oasen. In üppiger Fülle gedeihen Zimmet-, Muskat- und Dattelbäume, Jildigo, rvter Pfeffer, Sagopalmen, Gewürznelken, Kokosbäume und Bananen. Ananas wächst wild, Orangenpflanzungen bilden ganze Parks, und das Gestade ist geschmückt mit zierlich gefiederten Kasuarinen. Außerdem sind Nährpflanzen reichlich vor handen: Reis, Bataten, Durrah, Mais, Erdnüsse u. a. Im Schatten riesiger Mangobäume liegen die Hütten der Eingeborenen; Tamarinden, Melonen- und Gujawa- bäume vervollständigen die üppige Gartenwildnis derSansibar und daß deutsche Ost-Afrika. 13 Insel. Das Klima ist dem Europäer in der Stadt selbst bis zu einem gewissen Grade zuträglich, doch besitzt es im Innern der Insel einen gefährlicheren Charakter. Das Nächtigen unter freiem Hiinmel ist lebensgefährlich; das Fieber, welches es im Gefolge hat, endet in den nieisten Fällen mit Tod. Dem Fieber entgeht der Fremde auch in der Stadt nicht, doch vermag er sich hier bei einiger Vorsicht, regelmäßiger Lebensweise und großer Mäßigkeit zu akklimatisieren. Die Angaben über die Bevölkerungszahl schwanken zwischen 100 000 und 200 000 Seelen, worunter etwa 100 Europäer (meist diplomatische Agenten der fremden Mächte und Angestellte der europäischen und amerika nischen Handelshäuser). Den herrschenden Stamm bilden die Araber. Nächst ihnen bilden indische Kanfleute, die den Handel mit den Eingeborenen des Festlandes zum großen Teil in Händen haben, die vornehmere Klasse, während die unteren Volksschichten aus Negern bestehen. Unter den Fremden in Sansibar waren, wie der dortige englische Konsul Holmwood berichtet, 1884 nicht weniger als 6619 britische Unterthanen, ferner 39 französische, 13 deutsche, 8 amerikanische, 5 belgische und 2 italienische. Die englischen Unterthanen sind bis aus wenige Euro päer meist Ostindier von Herkunft. Die Stadt selbst zählt 60 80 000 Einwohner. Als wichtigster Hafen platz des tropischen Ostafrika weist Sansibar einen sehr lebhaften Handel auf. Die namhaftesten Ausfuhrartikel sind: Elesantenzähne, Gununi, Felle, Rhinozeroshörner, Selam, Aloe, Gewürznelken, Ambra, Ebenholz, Sandel holz , Wachs, Schildpatt, Kokosöl, Straußenfedern, Orseille; ferner Kaurimuscheln, die im westlichen Afrika als Geld dienen. Als wichtigste Einfuhrartikel werden dagegen genannt: Baumwollzeuge, Waffen und Pulver, Messer, Glaswaren, kleine Spiegel. Mineralische Pro dukte Afrikas sind im Handel der Stadt bis jetzt noch nicht vertreten, werden aber vermutlich, da Gold, Kupfer, Eisen und Steinkohle an verschiedenen Punkten der14 Sansibar und bn deutsche Ost-Afrika. kommerziell nach Sansibar gravitierenden Festlands gebiete Vorkommen, später Bedeutung erlangen. Ebenso wird nach der Festigung der politischen Zustände des Festlands und nach Beginn einer geordneten Kultivation Sansibar einen weiteren noch wichtigeren Handelsartikel in den vegetabilischen Erzeugnissen Ost-Afrikas erhalten. Denn Baumwolle, Kaffee, Zuckerrohr, Indigo, Pfeffer finden dort ein geeignetes Terrain. Sehr bedeutend ist der über Sansibar geleitete Kautschuk-Transit. Über den Wert der Handelsbewegung des Jahres 1882 gibt das Deutsche Handelsarchiv" (Jahrg. 1883) folgende Zusammenstellung (Wert in Mariatheresien- thalern, 1 Mariatheresienthaler 4,21 Mk.). Einfuhr. Ausfuhr. Vcrfchiedene Manu fakturwaren ... .260 752 Elfenbein 180 794 Banmwollenwaren 107 543 Sesam 66 113 Perlen 74 838 Orseille 65 207 Waffen 48 317 Gewürznelken .... 56 476 Metallwaren 45 214 Kautschuk 21 628 Glaswaren und Häute 14 344 Spiegel 39 214 Kopra 12 302 Eisen 32 429 Sonstiges 55 660 Sonstiges 165 836 Zusammen 774 143 Zusammen 472 524 Die wichtigsten Handelshäuser in Sansibar sind drei deutsche Firmen (Hansing L Co., H. A. Meyer und W. Oswald & Co.); in zweiter Linie stehen einige eng lische, bezw. amerikanische Häuser; ferner gehören zu den bedeutendsten Firmen eine deutsch-sckiweizerische und eine französische. Die Einfuhr befindet sich vorwiegend in Händen der Deutschen. Die dabei die Hauptrolle spielenden Textil-Artikel stammen zumeist England und Nord-Amerika, nur Fes kommen viel aus Süd deutschland und Österreich. Für den deutschen Waren handel sehr wichtige Artikel," schreibt die ZeitschriftSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 15 Export" (1885, Nr. 24), sind Draht, sowie Eisen und Kupfer in Barren. Namentlich im Innern von Sansibar und auch in den jetzt der Dentsch-ostafrikanischen Gesell schaft zugefallenen Territorien ist der Absatz dieser Ware ein ganz enormer und noch stetig steigender. Schon im Jahre 1881 var von zwei deutschen Häusern damit ein Absatz im Werte von mehr als 50 000 Dollars er zielt. Kaum weniger bedeutend sind auch die Anfuhren von deutschen Waffen aller Art. An der Einfuhr von Glas- und Thonwaren ist neben Deutschland auch Eng land beteiligt. 1884 sollen deutsche Glas- und Thon waren im Werte von 32 000 Dollars eingesührt sein. Der Import von böhmischen Glaswaren und besonders Glasperlen, die ein beliebter Tauschartikel bei der ein geborenen Bevölkerung sind, liegt ebenfalls ganz in deutschen Händen. Das Petroleum monopolisiert Amerika; dagegen sind Petroleumlampen und Petroleummaschinen deutsche Stapclartikel. Für Kerzen und Seife könnte das deutsche Geschäft bei billigen Preisangeboten noch vergrößert werden. Zündhölzchen (sog. schwedische, in Wirklichkeit aber deutsches Fabrikat) Iverden in unge heuren Massen nur von deutschen Lieferanten eingeführt und gehen ast ausschließlich über Hamburg. Die Mehl- Einfuhr haben österreichische Exporteure in Händen. Der deutsche Handel in Zucker hat sich mit zunehmen- dem Erfolge trotz der großen Marseiller Konkurrenz behauptet. Ein sehr beträchtlicher und an Bedeutung reißend schnell zunehmender deutscher Stapelartikel ist schließlich noch Schnaps in allen Sorten. Deutsches Bier konkurriert erfolgreich mit dem Produkte der nor wegischen und ungarischen Brauereien." Das Gebiet des Sultans von Sansibar bildet das größte afrikanische Elfenbcinhandels-Gebiet. Etwa zwölf Hafenplätze des Festlands liefern zusammen jährlich für circa 4 Millionen Mark Elfenbein nach Sansibar ab. Die Etablierung europäischer Kaufleute an diesen Küsten plätzen kommt jedoch nur sehr schwer zu Erfolgen, da16 Sansibar und da? deutsche Ost-Afrika. die Banianen (aus Ostindien cingewanderte Kauflente) eine kauin zu überwindende ältere Konkurrenz bilden. Über diesen Handel hielt dem deutschen Gcographcn- tage zu Hamburg der dortige Großhändler Westendarp einen eingehenden Vortrag, dem wir folgende auf das sansibarische Gebiet bezügliche Notizen entnehmen: Ein Festsetzen und Vordringen europäischer Firmen an der Sansibar gegenüberliegenden Küste erscheint nur rationell, wenn man feste Stationen von der Küste gründet, die bei gesichertem steten Verkehr es ermöglichen, einen Warenaustausch ohne Abgabenerpressungen zu unter halten, ähnlich den Faktoreien an der Westküste nur erfordern sie hier größere Mittel, da sie, um das tausch fähige Hinterland zu erreichen, weit landeinwärts vor geschoben werden müssen. So z. B. ivird hier wirklich billiges Elfenbein nur noch westlich der großen See gebiete zu erlangen sein. Die in den letzten 10 Jahren in Sansibar angebrachten Quantitäten haben sich sehr gleichmäßig erhalten: 1874 bis 1878 kamen 974000 kg, 1878 bis 1888 kamen 980 000 kg. Für Gnmmi- Kopal und Geivürznelken (deren Kultur vor etwa 50 Jahren erst cingeführt) bildet Sansibar den wichtigsten Marktplatz der Erde; im Jahre 1883 wies die Gewllrz- nelken-Ernte einen Wert von etwa 4 200 000 Mark aus! Im gleichen Jahre betrug der Wert der Pfeffer-Ausfuhr fast 150 000 Mark. Die jetzt geringe Qualität des an den Küsten in Menge gewonnenen Kautschuks wird, so bald Europäer die Obhut über die Zubereitung in die Hand nehmen, sich verbessern und der Kautschukhandcl dann einen weit höheren Wert aufweisen. Zentral-afrikanische Produkte des Mineralreichs," schreibt ein Korrespondent aus Sansibar an den Export" (s. Jahrg. 1883, Nr. 38), sind bis jetzt zwar int Handel Sansibars noch nicht vertreten, dürften aber berufen sein, darin über kurz oder lang eine her vorragende Stelle einzunehmen. Denn obgleich sich die ganze Ausdehnung der Bodenschätze noch nicht konsta-Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 17 tieren läßt, so weiß man doch schon jetzt, daß z. B. Eisen von allen Völkerschaften des Innern verarbeitet wird, und daß Gold und Kupfer an vielen Orten vor- koinmen. Ebenso werden die großeir Kohlendistrikte des Innern Sansibar zu einem Haupttransithafen für den Kohlenhandel mit Europa machen. Noch glänzendere Aussichten eröffnen sich für die vegetabilischen Erzeug nisse dieser fruchtbaren Gegenden. Baumwolle, Kaffee, Zuckerrohr, Indigo, Muskat, Pfeffer und Rhizinus werden Zentral-Afrika bei einiger Pflege früher oder später zum konkurrenzfähigsten Produktionsgebiete der Welt (?) machen. Reis, Nelken, Maniok, Sorghum, Kokosnüsse und Orseille bilden wie der an mehreren Punkten der Küste kultivierte Sesain, die Erdeichel und das Palmöl schon jetzt einen sehr wichtigen Bestandteil des Handels mit Europa. Leider beschränkt noch das einzige den Reisenden zur Verfügung stehende sehr primitive Transportmittel der Träger-Karawanen den europäischen Import im Vergleich zu dem riesigen Ab satzgebiete auf ein Minimum. Nach wie vor ist man auf der Route von Sansibar nach den großen Seen auf den menschlichen Rücken als einziges Transport mittel angewiesen. Bei dem gänzlichen Mangel an ge bauten Wegen dürfte auch vor der Hand in diesem flnß- und sumpfreichen Land an einen Transport auf Ochsen karren gar nicht zu denken sein; auch läßt das Vor handensein der (den Ochsen sehr gefährlichen) Tsetsefliege die Idee absolut als unrealisierbar erscheinen. Doch diesem Übelstande wird die Ukerewe-Bahn (projektierte Bahnverbindung zwischen der Küste und dein Biktoria- Njansa-See) abhelfen. Die Reise von der Küste bis zu den Seen, die jetzt ein halbes Jahr erfordert (neuere Reisende haben indessen den Weg bereits in 3hg Mo naten gemacht!), wird durch dies Unternehmen auf einen Tag, die Transportkosten wie 300 zu 1 reduziert werden. Der ganze Handel aber wird, wenn in einigen Jahren die Bahn dieses Gebiet durchschneidet, immer auf seinen18 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Ausgangspunkt Sansibar konzentriert bleiben Letztere Ansicht wird freilich Niemandem berechtigt erscheinen, da durchaus kein Grund vorliegt, warum nicht nach und nach ein Küstenhafen, der den Ausgangspunkt einer Bahn bildet, sich zum Haupthandelsplatz entwickeln sollte. Der direkte Handelsverkehr mit den Eingeborenen des Festlandes ist zum großen Teile in den Händen eingewanderter Ostindier, die das zahlreichste und ein stußreichste Eleinent unter den Fremden bilden. Da sie sämtlich englische Unterthanen sind, so sind sie als eine sehr wesentliche Stütze des dominierenden Einflusses an zusehen, den England bis in unsere Tage dort ausübte. Eine dunkle Seite des sansibarischen Handels müssen wir noch berühren: den Menschenschacher. Trotz aller Verträge besteht noch heute der Sklavenhandel fort im Gebiet des Sultans! Und zwar noch immer in großen: Maßstabe; ja, von manchen Seiten wird mitgeteilt, daß er neuerdings wieder größeren Umfang angenommen hat. Dabei sind indessen auch, um Mißdeutungen vorzubengen, einige mitunter in falschem Lichte be trachtete Vorgänge zu erwähnen. Der englische General konsul in Sansibar erkühnte sich so z. B. vor wenigen Jahren, die französische Mission zu Bagamojo des Sklavenhandels zu beschuldigen, indem er darauf hin wies, daß diese Missionsanstalt Kinder aufkaufe, wo durch sie dem Sklavenhandel jedenfalls Vorschub leiste und indirekt den englischen Bemühungen gegen denselben störend in den Weg trete. In Wirklichkeit aber nimmt die Mission zwar Kinder an und zahlt auch den Eltern eine Kleinigkeit dafür; es handelt sich dabei aber um solche Neugeborene, die im andern Falle von den Eltern (wegen Schwächlichkeit des Kindes oder aus Aberglauben) ausgesetzt werden würden; ohne eine Zahlung aber würden die Eltern den Missionären die Kinder nicht geben. Und diesen Beweis der Humanität wagte ein englischer Generalkonsul als Förderung des Sklaven handels zu brandmarken!! Fast liegt die VermutungSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 19 nahe, daß man auf englischer Seite einen steigenden Einfluß der französischen Mission auf die Eingeborenen fürchtete und im Keime ersticken wollte. Die Mann schaft des zur Verhinderung der Sklaventransporte in Sansibar stationierten englischen Schiffes wies bei ihrer Jagd nach arabischen Sklavenschiffen stets großen Eifer auf, da die große Belohnung mit der zunehmenden Sklavenmenge der erbeuteten arabischen Schiffe wuchs. Was übrigens mit den aufgefangenen Sklaven geschieht, ist für das praktische Albion charakteristisch: sie werd en wie der Afrikareisende Fischer in der Zeitschrift der Berliner Gesellschaft für Erdkunde (1882, S. 73 ff.) mitteilt, teils an die englischen Missionen verteilt, dis nur auf diese Art zu Zöglingen kommen können, teils in die englische Marine gesteckt, teils nach Natal oder den: Kap (den bekannten englischen Kolouieen) gebracht, wo sie als Feldarbeiter Verwendung finden. Natürlich werden sie nicht dazu gezwungen, sondern sie werden erst gefragt, ob sie dazu bereit sind; aber es wird wohl hierbei zugehen, wie bei manchen Plebisziten unter Napoleon III. Jedenfalls steht soviel fest, daß wenn den auf Sansibar befindlichen Sklaven die Wahl ge lassen würde, entweder als freie Männer" in englische Missionen oder Kriegsdienste zu treten oder in ihrem alten Sklavenverhältnisse zu verbleiben, sie mit wenigen Ausnahmen das letztere verziehen würden. Daß bei dem großen Gewinn, den das Ergreifen eines Sklaven schiffes abwirft, der allzugroße Eifer auch zu großen Härten und manchen Ungerechtigkeiten Veranlassung gibt, ist ganz natürlich. ... Es muß offen zugestanden werden, daß wenn man von einer indirekten Unter stützung der Sklaverei im englischen Sinne sprechen will, diese durch alle Europäer ohne Ausnahme in Sansibar, selbst durch das englische Konsulat, geschieht. Warum erst nach Tabora (wo damals deutsche Reisende vier Sklaven frei kauften, was ebenfalls als Förderung des Sklavenhandels charakterisiert wurde) gehen, während20 Sansibar und daß deutsche Ost-Afrika. alltäglich unter den Augen des englischen Konsuls durch die Arbeitskontrakte, welche die europäischen Häuser, auch die englischen, mit den Sklavenbesitzern machen, die Sklaverei indirekt gefördert wird? Aber da drückt man ein Auge zu, das paßt den englischen Interessen." Ohne Schaffung eines anderweitigen Ersatzes wird über haupt die gänzliche Aushebung der Sklaverei und des selbstverständlich mit letzterer untrennbar verbundenen Sklavenhandels nicht möglich sein. Bon den freien Eingeborenen Sansibars arbeiten nämlich die tvenigsten. Und die von den Engländern erzogenen Schwarzen werden als womöglich noch schlechter bezeichnet; sie lernen," schreibt ein Berichterstatter aus Sansibar, alles Mögliche, das sie nicht brauchen, und werden, wenn sie ausgelernt haben, prächtige Gauner und Diebe oder kommen in die Sultansgarde, die zugleich Polizei ist und den Dieben stehlen hilft. Die französischen Missions zöglinge dagegen werden Arbeiter, freie Arbeiter. Jeder erhält sein Stück Grund, das er bepflanzt, die meisten lernen ein Handwerk; doch werden sie nach erlangter Reife nach dem Innern spediert, wo nun (1882) schon zwei Dörfer außer Bagamojo aus diesen Zöglingen be stehen. Wenngleich die Mission französisch, so ist das Werk doch ein deutsches. Nur wenige der Brüder sind französisch, die meisten sind Elsässer und Rhein länder. Wenn also auch hier durch deutsche Arbeit ein Arbeiterstand geschaffen werden würde, der vielleicht in Zukunft zur Bedeutung gelangen kann, so fehlt es doch für jetzt an dem Feldarbeiter, und den muß der Araber kaufen" (siehe Export", 1882, Nr. 5). Daher die Aussichtslosigkeit des bisherigen Kampfes gegen den Sklavenhandel! Und doch muß früher oder später selbst verständlich auch in Sansibar die Sklaverei aufgehoben werden. Soll aber das nicht ohne eine kaum zu über windende Schädigung des Handels und der Produktion geschehen, so ist unumgänglich notwendig, einen Ersatz zu schaffen durch Erziehung des freien Negers zur Arbeit.Sansibar und da? deutsche Ost-Afrika. 21 Diese eben so schwierige, wie hochwichtige Ausgabe dürfte kaum anders zu lösen sein, als durch Schaffung zahl reicher Kultivationszcntren, durch Anlage eines Netzes europäisch geleiteter Stationen auf dem Festlande; die Arbeit der vereinzelten Mission Bagamojo ist hierfür nicht umfangreich genug. Als naturgemäße Voraus setzung für eine gesicherte Wirkung solcher Kultivations- stationen zur Arbeitserziehung der Neger erscheint die Sicherung der staatlichen Verhältnisse der betreffenden Gebiete durch den starken Schutz einer europäischen Protektionsmacht. Ein solches Protektorat wird natur gemäß auch den Verkehr sichern und erleichtern und den europäischen Kapitalien die Unternehmung dortiger Eisen bahnbauten als weniger riskant erscheinen lassen. Der lebhafte Handel hat in Sansibar die Errichtung eines Postamts und eines Telegraphenamts nach sich gezogen. Beide stehen unter englischer Leitung. Sehr zur Erleichterung des Handelsverkehrs trägt die liberale und rasche Behandlung der Zollangelegen heiten bei. Die Zolleinnahmen des ganzen Reichs ver pachtet der Sultan an den Meistbietenden; z. Z. ist die Pacht über 2hg Millionen Mark. Pächter ist seit langem ein ostindischer Kaufmann, also wiederum ein englischer Unterthan. Wir sehen aus allem Gesagten, daß Sansibar schon jetzt eine bedeutende Rolle im Welthandel spielt und daß Deutschland in ganz hervorragender Weise daran beteiligt ist; daß dagegen durch die Zahl und den Ein fluß seiner dort wohnenden Staatsangehörigen England in Sansibar die wichtigste Rolle spielt. Auf diesen freilich überaus wichtigen Anteil Deutschlands am dortigen Handel war vor den Erwerbungen der dentsch-ostafrika- nischen Gesellschaft das Interesse Deutschlands an jenen Gebieten gänzlich beschränkt. Der Umfang unserer Handelsbeteiligung berechtigte uns, die deutschen Inter essen als eben so schwerwiegende anzusehen, wie die britischen; auf deutscher Seite fielen nur einige Handels-22 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Häuser ms Gewicht, diese aber als weitaus die ersten der Insel; auf englischer Seite, wie erwähnt, stand dem die große Zahl britischer Staatsangehöriger und ihr weitgehender Einfluß gegenüber. Unsere Interessen waren vielleicht gleiche, nicht aber größere, als jene Englands. Ferner sehen wir, daß die Zukunft des Handels dort in erster Linie von der Knlturanfschließnng des gegenüber liegenden Festlands durch europäischen Unter nehmungsgeist abhängt, wie sie in erfolgreicher Weise am ehesten unter dem sichern Schutze des Protektorats einer europäischen Macht sich entwickeln wird. Aus schließung oder rationelle Ausbreitung der miireralischen und pflanzlichen Produkte; rationelle Ausnutzung des Bodens und Vermehrung und Verbesserung seiner Kultur pflanzen durch umfangreichen Plantagenbetrieb unter europäischer Leitung; Wertsteigerung des Kautschukexports durch Überwachung der Zubereitung; Sicherung, Be schleunigung und Förderung des Verkehrs durch Her stellung regelmäßiger und praktischer Verkehrslinien; Errichtung fester Kultivationsstationen für die Erziehung der freien Eingeborenen zur Arbeit und dadurch all mähliche Bildung eines Ersatzes für die Sklavenarbeit, die ja früher oder später fortfallen muß das alles sind geradezu Vorbedingungen für eine gute Zukunft des sansibarischen Handels; und das alles sind Punkte eines friedlichen Kulturkampfes, welcher, wie gesagt, in erfolgversprechendem Umfange am leichtesten auf einem Teile des Festlands in Angriff genommen werden kann, der unter dem festen Schutz eines europäischen Staates steht; nur da ist Aussicht, die ganz enormen Schwierig keiten, die sich diesein zivilisatorischeir Feldzüge ununter brochen entgegcnstemmen werden, überwinden zu können. Es bedarf nicht erst der Erwähnung, daß jene euro päische Macht ^ welche sich das fragliche Festlandsgebiet für derartige Kulturarbeit sichert, naturgemäß nach und nach in allen Verhältnissen des äquatorialen Ost-AfrikaSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 23 (und vor allem auch im Handel Sansibars!) die ton angebende Stelle erringen wird. Der deutsche Handel mit und in Sansibar hätte daher für das Interesse seiner Zukunft stets nichts mehr und dringender wünschen sollen, als daß Deutsch land diese europäische Macht sei! 3. Übersichtsskizze der ostafrikanischen Gebiete. Südlich des Äquators sind bis zur Mündung des Rowuma-Flusses der ostasrikanischen Küste eine Anzahl kleinerer Inseln vorgelagert, über welche sämtlich der Sultan von Sansibar die Oberhoheit beansprucht. Die wichtigste ist Unguja, auf der Sansibar selbst liegt, und nächst dieser, etwa 37 km weiter nördlich, Pemba, eine stark bevölkerte Insel, die gleich Sansibar eine wichtige Gewürznelken-Produktion aufweist. Nördlicher und der Küste noch näher liegen die kleine Insel Mombas oder Mombasa mit der gleichnamigen Handelsstadt, die Insel Lamu östlich der Mündung des Tana-Flusses und nahe dem Äquator die Insel Tula, die wegen ihrer Kauri- muscheln und ihrer Orseille von Bedeutung ist. Der gleichnamige auf der Insel Lamn gelegene Handelsplatz ist, wie Valois, der Kapitän des deutschen Kriegsschiffes Gneisenau", berichtet, ein schmutziger zer fallener Ort von etwa 10000 Einwohnern. Außer einem englischen Bize-Konsnl wohnt kein Europäer dort. Der Ort ist als Handelsplatz wichtig, weil sich von alter Zeit her die Stämme des Innern gewöhnt haben, ihre Produkte hierher zu bringen und dafür andere Produkte einzutanschen. Die Festlandsküste in dem hier uns beschäftigenden Teile Ostafrikas, zwischen dem Äquator und dem 12 Südbreite, zeigt dieselbe eintönige Gliederungsarmnt, die dem dunkeln Erdteil säst allerorten eigen ist. Als bekannteste Plätze der Küste sind folgende hervorzuheben:24 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Kiloa unter 8 40 Südbreite, ein namhafter Hafen ort; Dar-es-Salaam, in 7 Südbreite, ein Ort, den der vorige Sultan von Sansibar zu einem Aus gangspunkt der nach dem Innern bestimmten Kara wanen machen wollte; Wassermangel und ungeschickte Maßnahmen ließen indessen den Ort nicht hochkommen und heute bildet Dar-es-Salaam im wesentlichen nur einen malerischen Ruinenhaufen, sein Hafen ist jedoch der einzige brauchbare in diesem Küstenteile; weiter nordwestlich, unter 6 hg , liegt das eigentliche Eingangs thor Ostasrikas, der Hafen Bagamojo, gerade gegen über Sansibar. Die nächste Umgegend dieses wichtigen Platzes liefert zwar nur wenig Produkte, darunter haupt sächlich etwas Gnmmikopal. Die Bedeutung des Platzes besteht aber darin, daß von dort aus der Weg mitten ins Herz von Afrika hineinführt. Von hier aus gehen jährlich die Karawanen nach Tabora und nach Udschidschi am Tanganjika-See, um mit Elfenbein beladen zurück zukehren. Der Zoll, den Bagamojo allein einbringt, wird einen ganz bedeutenden Prozentsatz von des Sul tans Revenüen ausmachen" (s. Deutsche Kolonialzeitung, 1885, H. 12). Der Wichtigkeit dieses Platzes entsprechend, finden sich hier Agentien und Warenhäuser, meist solche sansibarischer Hindus. Der Ort an sich ist indes gleich wohl unbedeutend. Eine Stunde nordwestlich liegt eine französische Missionsstation, die viel Gutes gestiftet hat, Knaben- und Mädchenschulen unterhält und auch eine Zöglingskolonie ins Leben gerufen hat" (Schweiger- Lerchenfeld Afrika). Mombasa, etwa unter 4 Süd breite, liegt auf der schon erwähnten Insel gleichen Namens; der eigentliche Hafenort derselben heißt Ga- wana. Die Ausfuhrartikel dieses Platzes sind nament lich Hirse, Mais, Sesam, Gnmmikopal, Rhinozeroshörner und -Häute und Flußpferdzähne. Nur 13 l z deutsche Meilen nördlicher liegt au einer Bucht der Festlandküste Malindi, das frühere portugiesische Melinda. Patta und Dschuba (weiter nordwärts) sind kleinereHafenstädte,Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 25 welche mit den vorerwähnten das gemein haben, daß von ihnen aus ein lebhafter Karawanenverkehr mit dem Innern des Festlandes unterhalten wird, durch welchen außer Sklaven auch noch Elfenbein und Kupfer an die Küste kommt. Deutschen: Fleiße und Unternehmungs geist wird es leicht gelingen, die Portugiesen dort im Handelsverkehr zu überflügeln." (Das Ausland, 1885, Nr. 9.) Etwa unter 1" Südbreite bildet die Mündung des Wubuschi - Flusses den Durnford - Hafen ( Port Duruford"); über diesen berichtet der oben erwähnte Kapitän Valois, er könne bei sorgfältiger Vermessung und Auslegung einiger Bojen ein ausgezeichneter Hafen werden. Der vorhin genannte Ort Dschuba liegt in der Nähe der Mündung des gleichnamigen Flusses, welcher nach Valois Bericht durch fruchtbares Land fließt und für leichte Boote weit ins Innere hinein schiffbar ist; der Dampfer Welf", der bekanntlich die vor 20 Jahren dort verunglückte Expe dition des Hauoveraners Claus von der Decken führte, gelangte auf ihm bis in die Nähe der Stadt Bardera, unter 2 1 2 0 n. Br., wo er auf einen: Felsen scheiterte, etwa 140 Seemeilen von der Küste! Ein Versuch Va lois , die Brandung vor der Flußnüindung zu passieren, mißlang, jedoch bemerkt der Kapitän dazu: Die Bran dung hat keine große Ausdehnung; man sieht von See aus das ganz ruhige Wasser des Flusses; es ist zunächst nur bei günstiger Zeit die Richtung der tiefen Rinne zu konstatieren und durch an Land aufgestellte Marken zu bezeichnen, sowie vor Beginn der Brecher eine oder mehrere große Bojen zu legen, um alle Schwierigkeiten sofort erheblich zu vermindern; bis dicht an die Fluß- mündung ist bei allmählich abnehmender Wassertiefe guter Ankergrund. Dieser Fluß, der entgegen der sonst im äquatorialen Afrika herrschenden Regel eine weit ins Innere führende schiffbare Wasserstraße darstellt, der fruchtbare Landschaften durchströmt, dessen Ufergebiete auch an seiner Mündung nicht unter sansibarischer26 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Herrschaft stehen, könnte es anscheinend auch verdienen, durch Deutschland der Kultur erschlossen zu werden! Scheint doch Deutschland wohl hierfür berufen zu sein, da wir ja unsere Kenntnis des Stromes mit dem Tode deutscher Forscher bezahlt haben. Weiter nördlich sind endlich noch die Küstenplätze Brawa, Marka und Makdischu (Magadoxo) zu nennen. Diese Orte waren, wie ein Bericht in der Deutschen Kolonialzeitung (s. oben) sagt, vor ca. 20 Jahren kaum bekannt; jetzt nimmt ihr Handel stetig zu und können daher jene Plätze als geeignetes Ziel der Aufmerksamkeit unter nehmender Kaufleute empfohlen werden: drei fieber freie Küstenplätze und ein fast noch unbekanntes Hinter land, ein Land, wo Gewehre und Pulver noch fast unbekannte Dinge sind und selbst der Branntwein, dank dem strengen Islam, noch keinen Eingang gefunden hat. Mit Recht ist darauf hingewiesen worden, daß an allen dem Sultan von Sansibar gehörigen Teilen der Festlandsküste ebenso wie an den dazwischen liegenden unabhängigen oder nur nominell sansibarischen Küsten strecken bis jetzt kein Platz bekannt ist, der einen vor züglichen natürlichen Hasen besitzt, welcher schon im jetzigen Zustande bei jedem Winde und zu jeder Jahres zeit große tiefgehende Schiffe sicher zu Anker gehen und ohne Risiko Waren löschen und empfangen ließe. Daher konzentriert sich zur Zeit der Hauptverkehr durchaus auf die Insel Unguja mit ihrem Hafen Sansibar; die Küstenorte befördern bis jetzt die Waren nach und von Sansibar auf sogenannten Daus (Dhows), kleinen Schiffen mit geringem Tiefgang. Daß hierin früher oder später notwendig eine Änderung eintreten muß, ist selbstver ständlich. Auf die Dauer wird der festländische Handel diese weitläufige Vermittelung nicht beibehalten können, die mehr und mehr den Charakter eines zeitraubenden und kostspieligen Umwegs annehmen muß. Ein ge eigneter Punkt des Festlandes wird durch entsprechende Einrichtungen zu einem allen Ansprüchen des dortigen27 SBEE Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Handels geeigneten Hafen gemacht werden, und andere werden Nachfolgen. Daß das stellenweis ohne unver hältnismäßig hohe Kosten möglich ist, zeigt der oben angezogene Bericht eines deutschen Kapitäns. Die san- sibarischen Firmen aber werden dann gezwungen sein, in dem neuen festländischen Hafen Filialen zu er richten. Es liegt aus der Hand, daß im Handel dieses festländischen Hafens dann jener europäischen Nation sich die meisten Chancen eröffnen, welche in dem Hinter lande oder in größeren Teilen desselben (also in einem Haupt-Ursprnngsgebiet vieler Handelsobjekte des Hafens und im Durchgangsgebiet der Verkehrswege) sich den maßgebenden Einfluß verschafft hat. Ein Punkt mehr, der es unseren deutschen am Sansibarhandel beteiligten Handelskreisen als in hohem Grade hätte wünschenswert erscheinen lassen müssen, daß die Zone deutschen Protektorats in den bisher unabhängigen Gebieten des Inneren sich thunlichst ausdehne! Werfen wir nun einen kurzen Blick auf die terri toriale Gliederung des Landes. Die Gebirge des Innern treten im äquatorialen Ostafrika nirgends unmittelbar an die See heran. Längs der Küste zieht sich vielmehr eine niedrige, ungesunde Alluvialebene entlang, deren Breite zwischen 50 und 80 Seemeilen beträgt, nur selten von Hügelzügen durch brochen. In der Nähe der Küste," sagt der englische Reisende Burton, liegen niedrige Ebenen und wellen förmiges Gelände mit Lagunen, Savannen und grasigen Thalgründen an den Läufen großer Ströme, deren User in der trockenen Jahreszeit Weiher, Röhrichte und Sümpfe von schwarzem stinkendem Schlamme zurück behalten. Jenseit des Küstengebiets steigen Höhenzüge und Hochebenen auf, welche oft unangebaut, aber selten unfruchtbar sind, mit Thalbecken und hüglichen Ebenen von üppigster Fruchtbarkeit, bewässert durch beständige Ströme. Jenseit des dem Binnenlande zugewandten Abhangs dieser afrikanischen Küstengebirge beginnt ein28 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. hohes Plateau, bald flach, bald wellig; der Boden ist dicht mit Buschwerk bedeckt, dann wieder von Furchen durchschnitten, von der Sonnenhitze ausgetrocknet oder, wo genügende Feuchtigkeit vorhanden, durch dichte Dschungel verschleiert. Jenseit dieser Hochebene senkt sich das Land wieder nach der Region der großen Seen hinab." Alls wichtigste Flüsse des Gebietes sind, von Süd nach Nord gehend, folgende zu nennen: Der Rolvuma, an der Grenze zwischen den nominellen Besitzungen Sansibars und Portugals, nahe dem Ostufer des Njassa- Sees entspringend; der Rufidschi, der mit breitem Delta unter 8 Südbreite mündet und nebst seinem mächtigen linken Nebenfluß Rueha sein Quellgebiet nahe dem Nordostufer desselben Sees hat. Weit kürzeren Lauf als diese beiden haben der Rufn und der Wami, welche, die Besitzungen der Deutsch - ostafrikanischen Gesellschaft durchfließend, beide gegenüber Sansibar münden. Etwa 10 Meilen nördlich von letzterem mündet der Pangani, von den Abhängen des Kilima Ndscharo herabkommend; sein Lauf hält, abweichend von dem der vorher ge nannten Flüsse, südöstliche Richtung ein. Weiter nördlich folgen mehrere noch so gut wie unbekannte Flüsse, bis wir im Tana wieder einen wenigstens in seinem Unter lauf erforschten Strom finden; derselbe mündet nahe dem unter deutschem Schutz stehenden Witu. Jenseits des Tana hört der vorherige Reichtum an kleinen Küsten flüssen auf; es sind dagegen hier noch zwei mächtige Ströme zu nennen, der schon oben erwähnte Dschuba, nahe dem Äquator mündend, und weiter nördlich der Webbi. Von den Landschaften dieses Gebietes seien hier nur die wichtigsten namhaft gemacht: südlich des Rueha liegen, von Ost nach West, Mahenge, Uhehe und Ubena; am Nordufer desselben (in gleicher Richtung sich folgend) Chutn, Ussagara und Usenga. Gegenüber Sansibar liegen die Küstenländer Usaramo, am Rufn, und UseguaSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 29 am Wann-Fluß. Zwischen diesen beiden und der Berg landschaft Ussagara liegt das Bergland Ukami. Land einwärts westlich von Usegua liegen Unguru und Gedscha. Östlich des unteren Pangani treffen wir Ussambara, in seinem Quellgebiet die Gebiete Dschagga (an den Süd- abhüngen des Kilima Ndscharo), und diesem benachbart Aruscba, Tawete und weiter östlich Teita. Am Pan gani beginnen die Gebiete der kriegerischen und allgemein gefürchteten Massai-Stämme. Von den im einzelnen noch sehr wenig erforschten Gipfeln dieses Berglandes seien nur die beiden bekannten Schneeberge erwähnt: der gewaltige Kilima Ndscharo, dessen Gipfel über 5600 Meter aufsteigt, also den Mont- Blanc an Höhe noch übertrifft (unter 3 Südbreite); und der kaum minder mächtige Kenia oder Ngeri, der unter dem Äquator sein mit ewigem Schnee gekröntes Haupt zur Höhe von 5500 Meter erhebt. Was ist nun von diesem weiten Gebiete dem Sultan von Sansibar unterworfen und was war vor dem Auf treten der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft von diesem Araberfürsten unabhängig? Das Gebiet des Sultans von San sibar kann nicht genau umgrenzt werden. Auf unseren Karten umfaßt es meist den ganzen ununterbrochenen Küstenstrich, der nordwärts der portugiesischen Kolonie Mosambik sich zwischen deir Mündungen der Ströme Rowuma und Dschuba ausdehnt; eine Begrenzung nach dem Innern wird nicht versucht. Stellen wir die Nach richten der Reisenden und Kaufleute, welche jene Gestade besuchten, zusammen, so ergibt sich als ein wahrschein lich dem wirklichen Thatbestande am nächsten kommendes Bild das folgende. Im Süden gilt das Kap Delgado, das unter 11 o Südbreite nahe der Rowuma-Mündung belegen, als die Grenze der von Sansibar beanspruchten Küstengebiete. Bis etwa nach Port Durnford (ca. 1 Nordbreite) hin sind thatsächlich sämtliche bis jetzt wich tigeren Küstenplätze sansibarisches Gebiet; der Sultan30 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. unterhält an alleir diesen Orten Truppen und Zollhäuser. Damit ist aber keineswegs erwiesen, daß dem Sultan nun auch der ganze Küstenstrich, in welchem diese zer streuten Häfen liegen, unterthan wäre. Denn hierfür wäre ja erforderlich, daß der Sultan entweder durch eine wirkliche Verwaltung des ganzen Landes (und sei sie auch noch so primitiv!) seine Hoheitsrechte thatsächlich ausübe, oder aber als Oberherr seitens der eingeborenen Fürsten und Häuptlinge jener Gebiete allgemein aner kannt würde; es könnte sogar vielleicht für den Nachweis einer bestehenden Oberhoheit Sansibars als genügend erachtet werden, wenn diese Anerkennung eine nur nominelle, nicht aber tatsächliche Unterwerfung bedeuten würde. Aber keines von diesen Argumenten trifft für die ganze fragliche Küstenstrecke zu. Einen Beweis (wenngleich sehr wider Willen!) für die Beschränkung der sansibarischen Herrschaft auf Teile jener Küste liefert u. a. ein Aufsatz der Deutschen Kolonialzeitung" (1885, H. 11); derselbe nimmt in sehr kategorischem, um nicht zu sagen diktatorischem Tone Partei für den Sultan von Sansibar gegen die deutschen Er werbungen und erkennt dem biederen Said Bargasch schlankweg die ganze Küste zu; in der Beweisführung bringt er dann u. a. wörtlich folgenden Satz: Bei unruhigen Zeiten können zwar seine (des Sultans) Soldaten häufig nicht von einem Hafen zum andern gehen, ohne belästigt zu lverden, und es bleibt ihm dann nur der Weg zur See; auch hat der Sultan eine wirkliche Verwaltung des Landes, abgesehen von den Hafenplätzen, eigentlich nie ausgeübt. (!!) .... Erst wenn die Eingeborenen anfangen, die Städte zu bedrohen, raffen sich die Soldaten zu einer gewissen Energieauf, um die Oberhoheit für eine zeitlang (!) wenigstens zu sichern." Nun, wir können dem Herrn Verfasser jener Zeilen für das Argument, das er zu Gunsten unserer Auf fassung liefert, nur dankbar sein! Freilich sagt der HerrSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 31 Verfasser im Zusammenhänge mit jener Äußerung: Dadurch, daß der Sultan sämtliche Küstenplätze, soweit sie irgend welche Wichtigkeit haben, mit Truppen und Zollhäusern besetzt, übt er eben nach seiner Meinung seine Hoheitsrechte aus." Ganz sicherlich thut er das nicht nur nach seiner, sondern nach jedermanns An sicht aber doch nur in jenen Küstenplätzen und in deren nächster Umgebung, soweit von jedem dieser Orte die Machtsphäre der kleinen Besatzung reicht. Jenseits dieser Gebietsinseln liegt eben unabhängiges Land, soweit nicht die eingeborenen Herrscher ihn als Oberherrn an zuerkennen geneigt sind. Ob der Sultan durch jene Besatzungen nach seiner Meinung" in noch weiter gehenden, die ganze Küste und womöglich noch ihr Hinterland umfassenden Gebieten Hoheitsrechte ausübt das ist freilich ein anderer Punkt; das ist nicht nur sehr leicht möglich, sondern wohl mehr als wahrscheinlich zum Glück aber auch vollkoinmen gleichgiltig. Es handelt sich hier eben gar nicht um die Meinung" des Sultans, sondern einfach um die Nachweise, welche er über die thatsächliche aus einem der oben be rührten Punkte sich manifestierende Oberherrlichkeit und ihre Grenzen beizubringen vermag! Über kurz oder- lang wird es sich als nötig Herausstellen, eine derartige genauere Feststellung des dem Sultan thatsächlich zu zuerkennenden Gebietes amtlicherseits vorzunehnien bis dahin können zuverlässige Nachrichten über die Grenzverhältnisse nicht gegeben werden; vorläufig ist festzuhalten, daß der Sultan thatsächlich alle bis jetzt für den Handel wichtig gewordenen Küstenplätze in unanfechtbarem Besitz hat und wahrscheinlich auch über den weitaus größten Teil der dazwischen liegenden Küstenstrecken eine zwar nur nominelle Oberherrschaft ausübt, die aber, soweit sie von den eingeborenen Herrschern im Prinzip anerkannt wird, natürlich auch von uns anzuerkennen ist. Als zweifellos erscheint es, daß diese Oberherrschaft u. a. an der Formosa-Bai und32 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. an derMündung des Tana-Flusses nicht existiert. Weiter nordwärts durften überhaupt nur ganz vereinzelte und weiter von einander getrennte Punkte sansibarisch sein. So unterhielt der Sultan in Lamu eine Anzahl von Soldaten, einen Gouverneur und Zollhäuser. Dasselbe gilt von Kismaju, südlich der Dschubamündung. Das Gebiet dieses wichtigen Stromes, einschließlich seiner Mündung, erkennt dagegen die Autorität des Sultans nicht (tu; als einen Beweis für die that- sächliche Unabhängigkeit führen die Annalen der Hydro graphie" (das Organ unserer Admiralität) mit Recht u. a. den Umstand an, daß wegen der Ermordung von der Deckens ani Ufer des Dschuba absolut nichts seitens des damaligen Sultans veranlaßt worden ist. Andert halb Breitengrade weiter nordöstlich liegt der Hafen Brawa; hierüber sagt die oben genannte Zeitschrift (1885, S. 384): Der vom Sultan eingesetzte Bali (Gouverneur) hält die Herrschaft und Ordnung inner halb der Stadt aufrecht; außerhalb der Thore ist seine und des Sultans Macht zu Ende. Schließ lich sind dann noch die Häfen Marka, Makdischu und Warscheich (letzterer, der nördlichste, unter 21 2 0 Nord breite) sansibarisch. Wir sehen also, daß keineswegs die ganzeKüsten- strecke vom Kap Delgado bis zum Hafen Warscheich sansibarischer Besitz ist, obwohl namentlich englische Karten diesen Eindruck hervorzurnfen suchen. Vielmehr zerfällt die Küste territorial in drei Teile: erstens die thatsächlrch sansibarischen isolierten Hafenplätze; zweitens diejenigen unter den dazwischen liegenden Küstenstrecken, über die der Sultan ebenfalls faktische oder doch prin zipiell anerkannte Oberhoheit ausübt und deren Grenzen noch nicht bekannt sind; drittens diejenigen Küstengebiete, in denen Sansibar weder faktische noch auch nur prin zipiell anerkannte Souveränitätsrechte besitzt, die also als unabhängige anzusehen sind, wie z. B. die Dschuba- Mündungsgebiete u. a. m.3 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 33 Noch problematischer steht s mit den Besitzungen des Sultans im Innern des Festlands. Als die ersten deutschen Erwerbungen bekannt wurden, beeilten sich englische Blätter, die Herrschaft Sansibars über das Innere zu betonen. Es ist festzuhalten," schrieb da mals das Organ der Londoner geographischen Gesell schaft, daß nach allgemeiner Annahme die Autorität des Sultans von Sansibar sich 450 englische Meilen weit landeinwärts erstreckt." In Wirklichkeit aber unter hält der Sultan nur nahe der Küste an einigen Punkten Besatzungen und übt in mehreren der Küste nahen Land schaften eine wenngleich nur nominelle Oberhoheit aus. Weiter im Innern aber erkennen einzig und allein die Araberniederlassungen in Tabora (unter 50 Südbreite), Udschidschi am Tanganjika und in Njangwe am oberen Kongo (4 0 Südbreite) seine Autorität an. Die neuer lichen Versuche des Sultans, dieselbe weiter auszu dehnen, werden wir unten erwähnen. 4. Entstehung der deutschen Erwerbungen in Ostafrika. Im Jahre 1884 konstituierte sich in Berlin die Gesellscbaft für deutsche Kolonisation". Während der in Frankfurt gegründete Deutsche Kolonialverein" bei seiner Stiftung es als ein Hauptziel seiner Thätigkeit bezeichnet, das Interesse und Verständnis für die kolonialpolitischen Aufgaben Deutschlands in immer weitere Kreise unseres Volkes zu tragen, machte die ge nannte Berliner Gesellschaft es sich zur Aufgabe, sofort ein faktisches kolonisatorisches Vorgehen anzubahnen. Jur Juli 1884 trat auf Anregung des Ausschusses dieser Gesellschaft eine Anzahl von Männern zusammen, die sich entschlossen, auf afrikanischem Boden mit der Unternehmung eines Kolonisationsversuches vorzugehen. Freunde der Sache, die sich an dem ersten Landanauf34 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. mit eineni Betrage von mindestens 5000 Mark zu be teiligen geneigt wären, wurden zu einer beratenden Zusammenkunft nach Berlin eingeladen; diesen Aufruf Unterzeichneten: Dr. Peters in Berlin, Graf Behr- Bandelin in Gützkow und Dr. Jühlke in Sanssouci bei Potsdam. Im August desselben Jahres versandte der Ausschuß jener Gesellschaft alsdann folgendes Schreiben: Der Ausschuß der Gesellschaft für deutsche Kolonisation hat sich am I! . August mit deu sich ihm beim Landaukauf in Südafrika anschließenden Herren dahin geeinigte Die Herren, welche sich mit Mmimalbeträgeu von 5000 Mark bis jefit kon traktlich augeschloffen haben, und diejenigen, welche sich noch bis zum 5. Scpt. d. I. unter den am lg. Slug, festgesefiten Bedin gungen auschließcn werden, bilden, auf Antrag des Ausschusses der Gesellschaft für deutsche Kolonisation", eine finanzielleKontrol- körperschast, welcher der Slnßschuß über die Verwendung der ihm zur Verfügung gestellten Summen mit Ausnahme derjenigen Kapitalien, welche dem Ausschuß unmittelbar überwiesen sind und über welche derselbe der Hauptversammlung satzungsmäßig verantwortlich ist Rechenschaft abzulegen hat. Der Vorsifiende dieser finanziellen Kontrolle ist Herr Ministerpräsident a. D. Er- cellenz vr. Grimm aus Karlsruhe. Derselbe ruft, aus Vorschlag des Ausschusses, die Gesamtkörperschaft ein, welche daun eins sich heraus Herren für die wirkliche Ausübung der Kontrolle be vollmächtigt., Der Ausschuß der Gesellschaft für deutsche Kolo nisation" in Übereinstimmung mit der finanziellen Kontrolkörper- schaft hat beschlossen, bis aus weiteres noch Anteilscheine für den Landankauf in Afrika 5 500 Mark anszugeben. Für die Mit glieder der Gesellschaft selbst und solche, welche es werden wollen, werden auch fernerhin bis aus weiteres Slnteilscheiue ä 50 Mark gemäß dem Gesellschastsrundschreibeu vom August ausgegeben, welche für den Fall des Gelingens der Koloniegrundung Anspruch auf einen entsprechenden Teil des der Gesellschaft vrivatrechtlich gehörenden Anteils am Gejamtlaude gewähren. Bei einer Be teiligung von mindestens 5000 Mark wird auf Wunsch Darlegung der finanziellen Verhältnisse der Gesellschaft, sowie, gegen Ga rantie der Diskretion, auch Einzelheiten des ins Auge gefaßten Gebietes gegeben. Dasselbe ist von den am 10. August versam melten Herren in jeder Beziehung für ein glücklich gewähltes be funden worden, und es ist mit diesem Tage eine unter allen Umständen sichere Grundlage energischen Vorgehens geschaffen. Der Erfolg ist ein durchaus durchschlagender gewesen." Bereits im Herbst desselben Jahres legte die Ge sellschaft Hand Werk. Bei der durch Lüderitzland geweckten neidischen Eifersucht Englands erschien esSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 35 notwendig, vorläufig über die beabsichtigten ersten Schritte auf afrikanischem Boden ein tiefes Schweigen zu beobachten und sodann in Afrika thunlichst schnell und energisch vorzugehen. Die erste Expedition bestand aus Graf Joachim Pfeil, vr. Peters, Referendar vr. Jühlke und Kaufmann Otto. Unter angenomnrenen Namen fuhren dieselben von Triest am I. Oktober 1884 auf einem österreichischen Lloyd-Dampfer als Passagiere dritter Klasse durch den Sueskanal nach Aden, von wo sie am 22. Oktober auf einem englischen Dampfer nach Sansibar fuhren. Sie begannen ihren festländischen Zug vom Hafen Saadani aus, dem Lauf des Wami aufwärts folgend. In kurzer Zeit gelang es, 12 rechts- giltige Verträge mit 10 unabhängigen Fürsten abzu schließen und dadurch die Länder Useguha (mit Aus nahme der dem Sultan von Sansibar gehörigen Küstenpunkte), Nguru, Ussagara und Ukami mit allen Privat- und Hoheitsrechten zu erwerben. Graf Pfeil blieb als Vertreter der Gesellschaft in Afrika, während vr. Peters im Dezember nach Europa zurückkehrte; Otto starb in Ussagara. Für diese Erwerbungen er hielt die Gesellschaft dann folgenden Schutzbrief des Kaisers: Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, König von Preußen thun kund und fügen hiermit zu wissen: Nachdem die derzeitigen Vorsitzenden der Gesellschaft für deutsche Kolonisation", Ilr. Karl Peters und Unser Kammerherr, Felix Graf Behr-Bandelin, Unseren Schutz für die Gebietserwerbnngen der Gesellschaft in Ostafrika, westlich von dem Reiche des Sultans von Sansibar, außerhalb der Oberhoheit anderer Mächte, nach- gcsucht und Uns die von besagtem Dr. Karl Peters zunächst mit den Herrschern von Ussagara, Rgnrn, Useguha und Ukami rm No vember und Dezember v. I. abgeschlossenen Verträge, durch welche ihm diese Gebiete für die deutsche Kolonisationsgesellschast mit den Rechten der Landeshoheit abgetreten worden sind, mit den, Ansuchen vorgelegt haben, diese Gebiete unter Unsere Ober hoheit zu stellen, so bestätigen Wir hiermit, daß Wir diese Ober hoheit angenommen und die betreffenden Gebiete, vorbehaltlich Unserer Entschließungen Grund weiterer lins uachznweisender vertragsmäßiger Erwerbungen der Gesellschaft oder ihrer Rechts nachfolger in jener Gegend, unter Unseren kaiserlichen Schutz ge ll*36 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. stellt habe . Wir verleihen der besagten Gesellschaft unter der Bedingung, daß sie eine deutsche Gesellschaft bleibt, und daß die Mitglieder des Direktoriums oder die sonst mit der Leitung be trauten Personen Angehörige des Deutschen Reiches sind, sowie den RechtsnachfMern dieser Gesellschaft, unter der gleichen Vor aussagung, die Befugnis zur Ausübung aller aus den Uns vor- gelegten Verträgen fließenden Rechte, einschließlich der Gerichts barkeit, gegenüber den Eingeborenen und den in diesen Gebieten sich nicderlasscuden oder zu Handels- und anderen Zwecken sich aufhaltendeu Angehörigen des Reiches und anderer Nationen, unter der Aufsicht Unserer Regierung und vorbehaltlich weiterer von Uns zu erlassender Anordnungen und Ergänzungen dieses Unseres Schuhbriefs. Zu Urkund dessen haben Wir diesen Schutz- bricf Höchfteigcnhäudig vollzogen und mit Unserem Kaiserlichen Jnfiegel versehen lassen, Gegeben Berlin, den 27, Februar 1885. Wilhelm, v. Bismarck," Als Beispiel der mit den unabhängigen Fürsten abgeschlossenen Verträge sei hier der mit Mafungu Biniani, dem Fürsten von Unguru, eingegangene an geführt Mafungu Biniani, Herr von Quatunge Quantani ec,, Sultan von Nguru, tritt hiermit durch sein Handzeichen und unter Zuziehung der mitunterschriebenen Zeugen das ihm wider spruchslos als alleinigem Souverän gehörige Land Quaniani Quatunge in Ungurn mir allen ihm widerspruchslos und unbe stritten gehörigen Rechten für ewige Zeiten und zu völlig freier Verfügung au Herrn Dr, Peters als dem Vertreter der Gesellschaft für deutsche Kolonisation, Herrin von Useguha, ab. Die Rechte, welche mit dieser Abtretung auf Herrn Dr. Karl Peters als den Vertreter der Gesellschaft für deutsche Kolonisation, Herrin von Useguha, übergehen, sind die dem Sultan von Unguru einzeln und mündlich dargelegtcu Rechte, ivelchc nach den Begriffen des deutschen Staatsrechtes die Staatsoberhoheit, sowie den privat rechtlichen Besitz des Landes bedeuten; unter anderem; das Recht, überall, wo es Herrn Dr. Karl Peters oder den von ihm ver tretenen Gesellschaft für deutsche Kolonisation gefällt, Farmen, t äuser, Straßen, Bergwerke rc, anzulegen; das alleinige Recht, rund und Boden, Forsten und Flüsse u. s, w, in jeder ihm be liebenden Weise auszunutzen; das alleinige Recht, Kolonisten in das Land zu führen, eigene Justiz und Verwaltung einzurichten, Zölle und Steuern aufzulegen. Dafür übernimmt die Gesellschaft für deutsche Kolonisation, Herrin von Useguha, und verspricht dies dura) ihren Vertreter Dr, Karl Peters, den Sultan Mafungu Biniani und sein Volk zu schützen gegen jedermann, soweit es m ihren Kräften steht, sein ihm privatrechtlich reserviertes Eigentum als solches zu respektieren und ihm außer den am heutigen Tage übermittelten Geschenken eine jährliche, mündlich vereinbarteSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 37 Rente, in Vieh und Handelsartikeln zahlbar, zu gewähren. Dieser Vertrag ist unter deii in Nauru üblichen Rechtsformen und nach dem Di. Karl Peters mit dein Sultan von Ungarn, Mafungil Biniani, Blutsbruderschaft gemacht hatte unter Zuziehung rechts- ailtiger Zeugen, als für ewige Zeiten giltig und beide Teile ohne Widerruf bindend, am 23. November 1884 in Quiniani abge schlossen lind von beiden Teilen durch bindende Unterschrift ge zeichnet worden, nachdem er dem Sultan Mafunau Biniani durch den Dolmetscher Ramafsan sachgemäß und wortgetreu mit geteilt war." Der deutsche Generalkonsul in Sansibar gab dem Sultan Said Bargasch und den dortigen Vertretern der fremden Mächte von der Erteilung des kaiserlichen Schutzbriefes Kenntnis; Dr. Karl Jiihlke wurde mit der Ausübung der Gerichtsbarkeit in den von der Gesell schaft erworbenen Gebieten betraut und dem deutschen Generalkonsul unterstellt. . . Nachdem somit der erste Schritt der Gesellschaft für deutsche Kolonisation mit größtein Erfolge gekrönt, bil dete der Ausschuß derselben zur Verwaltung und Aus beutung jener Ertvcrbungen einen neuen Verein, unter dem Namen Kommanditgesellschaft Deutsch- Ostafrikanische Gesellschaft". Zweck dieser letzteren ist, auf Grund der bereits erworbenen und noch zu er werbenden Besitztümer und Rechte die Verwaltung und Verwertung von Ländereien und die Ausbeutung von Handel und Schiffahrt durch Selbstbetrieb oder Über gang an andere Gesellschaften, sowie deutsche Koloni sation ins Werk zu setzen. Die Herren vr. Peters, Di-, F. Lange, Konsul W. Rogho und Hofgartendirektor Jühlke wurden als die persönlich haftenden Mitglieder dieser Kommanditgesellschaft in das Handelsregister ein getragen. An der Spitze der Gesellschaft steht ein zu nächst für 15 Jahre gewähltes Direktorium mit ent scheidenden Vollmachten; zu demselben gehörten außer den eben genannten Herren noch Graf Behr-Bandelin. Daneben wurde eine finanzielle Kontrollkörperschast er nannt, welche die Herren Generalmajor Regelt), Ober postsekretär Ebell, Justizrat Haenschke,Ministerialpräsident38 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Grimm und v. Sydow bilden. Wie ein von der Ge sellschaft versandtes Zirkular sagt, hat sich diese Form der Rechtssähigkeit als eine brauchbare ergeben, weil sie einerseits der Kolonie die Vorteile einer einheitlichen und energischen Leitung sichert, andererseits aber alle Personen, welche sich lediglich mit einem Kapital an der Ausbeutung der Kolonie beteiligen wollen, von jeder persönlichen Haftbarkeit für etwaige Verbindlichkeiten der Gesellschaft ein für allemal befreit. Jedoch bleiben diese Inhaber von Beteiligungsscheinen mit den obengenannten Trägern der Rechtsfähigkeit und Haftbarkeit in einer Körperschaft vereinigt. Hierüber heißt es in den Sta tuten u. a.: Zu dem Unternehmen vereinigt sich das die juristische Gesellschaft bildende Direktorium mit solchen Personen, welche lediglich als Inhaber von Beteilignngs- scheinen in ein Vertragsverhältnis treten, ohne über die von ihnen laut Beteiligungsschein gezeichnete Summe hinaus verpflichtet zu sein .... Die Inhaber von Be teiligungsscheinen werden alljährlich zu einer Versamm lung einberufen. Einer von dieser Versammlung zu ernennenden Kontrollkörperschaft wird vom Direktorium über die Geschäftsführung kalkulatorisch Rechnung ge legt. Nach Ablauf der Zeit, für welche das Direktorium bestellt ist, wählt die Versammlung der Beteiligungs- schein-Jnhaber ein neues Direktorium. Werden die früheren Direktoren nicht wieder gewählt, so hat das Direktorium seine handelsrechtliche Persönlichkeit aufzu lösen und an seiner Stelle haben sich die neugewählten Direktorialmitglieder auf Grundlage des Gesellschastsver- trages neu zu konstituieren." Die Inhaber von Be teiligungsscheinen erhalten für jede gezahlte Mark 50 Ar Land und können sich dasselbe entweder bis 1. März 1890 zumessen lassen oder nach Maßgabe des von ihnen erworbenen Landes als kalkulatorischer Grundlage am Gesamtertrags aus der Ausbeutung der Kolonie in Form von Dividenden teilnehmen. Das Direktorium machte hierauf bekannt, daß inSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 39 der Zeit bis 1. Mai 1885 bis zur Höhe einer halben Million Mark Anteilsscheine n 500 und ä 1000 Mark ausgegeben werden. Nach Austritt des Konsuls Roghs trat später Kor- vetten-Kapitän Hofmarschall v. St. Paul-Jllaire als haftendes Mitglied in die Gesellschaft ein; Graf Behr und Karl v. d. Heydt, Chef der bekannten Elberfelder Bankfirma, wurden als kommanditistische Mitglieder in das Direktorium ausgenommen. Im Juli lvurde der Landpreis der Besitzungen auf 1 Mark per 25 Ar erhöht. Im Laufe des jetzigen Sommers dehnte dann die Gesellschaft ihr Gebiet in Afrika stetig aus. Graf Pfeil erwarb für dieselbe die im Süden der bisherigen Be sitzungen gelegene Landschaft Chutu. Eine von Hörnecke geleitete Expedition, welche den Auftrag hatte, von Witu aus ins Innere zu gehen, stieß bei ihrem Vorgehen auf große Terrainschwierigkeiten; es kam ferner zu einem feindlichen Zusammenstoß derselben mit Truppen des Sultans von Sansibar. Im Mai ging von Pangani aus eine andere Expedition, unter Dr. Jühlke und Premierlieutenant Weiß, nordwestwärts ins Innere; dieser gelang es, das gesamte Kilimandscharo-Gebiet, von Pangani ab nordwestlich bis 2^0 Südbreite, ins besondere die Landschaften Usambara, Pare, Aruscha und Dschagga, durch 9 rechtsgiltige Verträge mit 9 un abhängigen Negerfürsten für die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft zu erwerben. Eine fernere Expedition unter Lieutenant Schlüter, die nach Ussagara bestimmt ist, traf am 16. Juni in Sansibar ein, eine andere unter Lieute nant Schmidt am 17. August. Es stellen also nunmehr die Besitzungen der Ge sellschaft bereits ein mächtiges Gebiet vor, weit größer als irgend eines der anderen tropischen Kolonialgebiete Deutschlands in Afrika. Drei angeblich zum Teil schiff bare Ströme (Pangani, Wami und Rufidschi) durchfließen dasselbe. Ob auch Punkte der Küste jener Breiten vom40 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Sultan von Sansibar unabhängig und dagegen zu dem unter deutschem Schutze stehenden Lande Useguha zu rechnen sind, bedarf noch der eingehenden Untersuchung; zur Zeit ist, wie oben bereits bemerkt, ein verbürgter Nachweis der thatsächlichen sansibarischen Oberhoheit, welche Deutschland selbstverständlich nicht anzutasten ge denkt, nicht bekannt. Die Weser-Zeitung brachte dies bezüglich folgende Mitteilung des Konsuls Roghö: Wahrscheinlich wird der vom Reiche bereits zugesagte Schutz sich auch auf gewisse Küstengebiete erstrecken, deren Erwerbung noch in Aussicht steht; unter allen Umständen wird die Verbindung der Kolonie mit der Küste in befriedigender Weise gesichert, auch wenn dieses Küstengebiet nicht deutsch werden sollte, so daß entspre chend dem  3 der Kongo-Konferenz auch hier zollfreie Einfuhr, respektive Zufuhr stattfinden wird. Die bis jetzt bekannt gewordenen Erwerbungen der deutsch - ostafrikanischen Gesellschaft umfassen bereits ein Gebiet, das auf mehr als 100 000 qkm zu schützen ist, das also dem Umfang der süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden zusammengenommen wenig nachgeben dürfte. Im äquatorialen Ostafrika hat ferner noch von anderen Unternehmern aus eine Ausdehnung des deut schen Einflusses stattgesunden. Die Gebrüder Denhardt, welche vor mehreren Jahren den Unterlauf des Tana erforschten, haben im Gebiete ihrer früheren Forschungs- thätigkeit zu Beginn dieses Jahres Erwerbungen gemacht und den unabhängigen Sultan des Landes Witu be wogen, sich unter den Schutz des deutschen Kaisers zu stellen . Der Sultan von Witu ist," wie eine beachtens werte Mitteilung der offiziösen Norddeutschen Allge meinen Zeitung" sagt ebenso unabhängig, wie der von Sansibar, und hat sich vertragsmäßig unter den Schutz Sr. Majestät des Kaisers gestellt und Angehörigen desSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 41 Reichs Land abgetreten. Das in dem Delta der Flüsse Tana und Ost belegene Witu-Reich ist, nach wechsel vollen Kämpfen mit den arabischen Häuptlingen von Oinan und Sansibar, durch den Sultan Simbu den Löwen", dessen Familie eine der ältesten und mächtigsten an der Suaheliküste ist, begründet worden. Mit dem Witu-Reich aber steht Deutschland schon seit 1867 in freundschaftlichen Beziehungen, welche durch den Reisen den Brenner angeknüpft worden sind. Schon anfangs 1867 berichtete Brenner nach Berlin, daß der Sultan mit der königlich preußischen Regierung einen Schutz- Freundschaftsvertrag abzuschließen wünsche. Der Sultan verpflichtete sich dabei im voraus, den preußischen llnterthanen, welche sich in seinem Lande ansiedeln wollen, beliebiges Terrain zu überlassen und volleHandelsfreiheit, insbesondere auch die Befreiung von jedem Durchgangs zoll nach angrenzenden Ländern, zu gewähren. Die da mals begründeten Beziehungen sind seitdem aufrecht erhalten und enger geknüpft worden. Durch den jetzt abgeschlossenen Vertrag ist der Sultan von Witu recht lich und thatsächlich der Freund und Verbündete des Deutschen Reichs geworden." Den Abschluß des Vertrages mit dem Fürsten voll zog int März ein Kapitän-Lieutenant der deutschen Kor vette Gneisenau", die an jenen Küsten kreuzte. Hinter den Gebrüdern Denhardt steht eine andere, vorläufig noch anonyme Vereinigung deutscher Patrioten. * * * Jni Anschluß an diese Skizze der Entwickelung unseres ostafrikanischen Protektorats sei noch erwähnt, daß die in Ostafrika belegenen Stationen der Brüsseler Internationalen afrikanischen Association nunmehr seitens der letzteren aufgegeben sind. Ebenso wurde eine iin November 1884 in Sansibar angekommene und nach dem Innern bestimmte Expedition derselben vor Antritt der Reise zurückgerufen. Die Internationale Association zieht sontit ihre Thätigkeit aus Ostafrika zurück.42 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 8. Ausländische Urteile über die deutschen Schutzgebiete. Über den Wert der deutschen Schutzgebiete sind in der Presse sehr verschiedene Urteile laut geworden. Namentlich wurde von einer Seite, die in der Aus schließung des Innern eine Konkurrenz für den Handel der Hamburger Firmen auf Sansibar zu fürchten scheint und deswegen von Anfang an die Erfolge der deutsch ostafrikanischen Gesellschaft mit Ärger und ängstlicher Sorge betrachtete, vielfach und in einflußreichen Blättern versucht, unseren dortigen Protektoratsländern nahezu jegliche größere Entwickelungsfähigkeit abzusprechen. Uni ein thunlichst unbefangenes Urteil zu gewinnen, haben wir selbstverständlich die Mitteilungen, welche jene Quelle erkennen lassen und die daher als wertlose tendenziöse Darstellungen anzusehen sind, unberücksichtigt zu lassen. Ebenso liegt es andererseits nahe, daß Landbeschreebun- gen seitens der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft (die uns übrigens noch nicht zu Gesichte gekommen sind!) leicht eine, wenn auch unbeabsichtigte Unterschätzung der ungünstigen, eine Überschätzung der günstigen Verhält nisse der dortigen Länder enthalten können, namentlich in der ersten Zeit. Es ist als eine dringende Forde rung, der sich jene Gesellschaft nicht lange entziehen darf, anzusehen, daß sie durch geschulte Geometer und Topo graphen vor allem ein zuverlässigeres Kartenbild ihrer Besitzungen schaffe und sodann durch tüchtige Gelehrte die geographischen Verhältnisse derselben nach allen Rich tungen erforschen lasse. Bis durch solches Vorgehen eine genauere Kenntnis des Landes ermöglicht wird, dürften wir ein vollkommen unparteiisches Bild am ehesten erhalten, wenn wir die wichtigsten jener Mitteilungen zusammenstellen, welche von Fremden, nicht deut schen Reisenden über jene Landschaften gegeben sind. Der älteste derselben ist Burton, der über seine be rühmte Reise der Jahre 1857 1859 eine musterhafteSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 43 Bearbeitung publizierte unter dem Titel The Lake Regions of Central Equatorial Africa“ (London 1860). Er bringt in dieser Schrift u. a. folgende Mitteilungen über die jetzigen deutschen Schutzgebiete: Chutu bildet das Becken des Mgeta (eines Zuflusses des Rufu oder Kingani). Hinter der reichen Vegetation des Dschungel am Flußufer treten niedrige grasige Flächen auf, häufig überschwemmt. Die mächtigen Bäume der Küstengebiete weichen den Mimosen und verkümmerten Dornen. Dichte Kulturen umgeben hier die Ansiedlnngen, letztere fast verbergend. Regen scheint in diesem Gebiet konstant zu sein die dumpfige, feuchte Atmosphäre ruft häufige und schwere Fieber hervor. Eines der größten und frucht barsten Ansiedlungsgebiete in Chutu heißt Duthumi, eine B erg-Ebene von schwarzer Erde und Sand, bedeckt mit Vegetation, wo sie nicht durch die Axt gelichtet wurde; die kalte Temperatur benachbarter wolkenbedeckter und regnerischer Hochlande beeinflußt die Ebene; kalte Nordost- und Nordwestwinde strömen tagsüber auf die sonnverbrannte Ebene herab, und nachts sinkt das Thermometer auf 17, selbst 15 R. Auf den Höhen soll Wasser gefrieren, doch sind sie nicht ungesund; Schafe, Ziegen und Federvieh sind im Überfluß vorhanden; es gedeiht Betelpfeffer und, wie in den niedrigeren Land schaften, Sesam, Maniok, Gurken, Bohnen, Turai (Luffa aeutangala), Pisang und Zuckerrohr. Die dichten Dschungel am Fuß der Hügel bergen zahlreiche Elefanten und Nashörner, Gnu und Kudu. Die höheren Landschaften liegen anscheinend in einer Meereshöhe von 3000 bis 4000 Fuß." Weiter westwärts liegt der Distrikt Sungomero. Außerhalb der Kulturen (Tabak und Sorghum) ist der allgemeine Anblick des Landes ein Gemisch von Wald und Dschungel. Auf allen Seiten wird die Aussicht beengt durch mächtigen Baumwuchs. Der stets vom Regen getränkte Boden strömt einen Ge ruch wie Schwefelwasserstoff ans." Wer die feuchte dumpfige Luft dieser Landschaft gefühlt hat, kann sich44 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. die Apathie und Indolenz, die physische L-chwäche und die geistige Schlaffheit erklären, welche die Mitgift solcher Klimate bilden, deren feuchte Hitze und dumpfe Kälte gleich unangenehm und ungesund sind. . . . Dies ab stoßende Bild bietet Ostafrika von Mittel-Chutn bis an den Fuß der Ussagara-Gebirge, wo weniger Regen und größere Bodenerhebung das Land luftiger machen." Westlich von Chutu dehnt sich bis Ugogi das Gebirgs- land Ussagara aus. Der höchste unter den von Burton gemessenen Gipfeln desselben übersteigt 1700 in; andere Piks indessen schätzte dieser Forscher auf eine Höhe von 1800 oder 2000 in. Die Ebenen und Senkungen in diesem Gebiete sind mit einer schwarzen Erde bedeckt; nach wenigen Regenschauern bilden sie eine Morastfläche und während der trockenen Jahreszeit eine ebene Savanne mit tiefen Bodenrissen. Wo das Wasser tief liegt, sind die Hügel und Hügelebenen mit einer lichten Waldung von Mimosen und gummiführenden Dornen bekleidet. Wenn er diese durchwandert, glaubt sich der Reisende oft von dichtem Walde umgeben, den er nie erreicht, da der große Abstand zwischen den Bäumen erkennbar wird, wenn man sich nähert. Das Laubwerk beschränkt sich hauptsächlich auf die oberen Zweige und weist ein zartes liebliches Grün ans; seine geringe Dichtheit läßt das intensive Blau durchscheinen, mit dem ein wolken loser Himmel, klar wie in den leuchtendsten Teilen Griechenlands oder Italiens, geschmückt ist. ... Auf den Ebenen bildet die Luft, erfüllt mit dem herrlichen Duft des Jasmins, mit dein starken Geruch einer Art wilden Salbeis und mit den wohlriechenden Exhalationen der Mimosenblüten, einen hocherfreulichen Gegensatz zu den stinkenden Ausdünstungen der traurigen Sümpfe der niedrigeren Landschaften. Die überall wild wachsende Tamarinde bildet gigantische Bäume. Die Sykomore, die namentlich die niederen westlichen Ab hänge der Ussagara-Gebirge bevorzugt, überschattet mit unter einen Kreis von 150 in Durchmesser. . . . DieSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 45 Ebenen, die Thalbecken und die zu den verschiedensten Höhen aufsteigenden Tafellandschaften werden durch zahlreiche Wasserläufe fruchtbar gemacht. Auch die Ge birge erfreuen sich guter Bewässerung. . . . Das Klima von Ussagara ist kühl und feucht. Die höher ge legenen Gebiete sind gesund, die niedrigeren nicht. Im Vergleich zu Usaramo (einer Küstenlandschaft) oder Unjamwesi (weiter im Innern) bilden diese Gebirge ein Sanatorium. . . . Die tägliche See-Brise, die sich an den östlichen Abhängen fühlbar macht, fehlt den westlichen und daher ist in letzteren Gegenden das Klima viel schlechter als auf den mittleren und östlichen Höhen. . . . Die Einwohner leiden in den tiefer gelegenen Distrikten au Geschwüren und Hautkrankheiten. In den höheren Gegenden sind sie gesünder, obwohl keineswegs frei von Pleurisie, Pneumonie und Dysenterie. Fieber ist häufig, heftiger in den Sumpfgegenden, milder in den Hügelgebicten." In den Jahren 1878 bis 1880 durchreiste der eng lische Forscher I. Thomson ebenfalls den südlichen Teil der jetzt deutschen Gebiete. Wir entnehmen seinem Reisewerke folgende Mitteilungen: Das Land Chutu liegt zwischen den Hügeln, welche sich am Fuße der Küstengebirge hinziehen. Diese erzeugen das ganze Jahr hindurch beständige Regenschauer, indem sie die Wolken an sich ziehen. Die Erde, auf diese Weise ge tränkt, bringt Nahrungsmittel im Überfluß hervor, wird aber auch zugleich eine Brutstätte für Fieberkrankheiten, indem sich beständig aus der verfaulenden Vegetation Giftgase erzeugen, bis die Atmosphäre mit Fieberluft überladen ist. Das Wetter wird durch die kalten Winde voiu Gebirge stets verändert, welche mit feuchten unge sunden Ostwinden abwechseln. . . . Mit der größeren (neuerdings dort eingetretenen) Sicherheit des Lebens und Eigentums ist den Bewohnern von Chutu jedoch eine neue hoffnungsvollere Ära erschlossen. Sie werden bald die Vorteile des Handels erkennen lernen. Ihre46 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Wälder sind überreich an Gummibäumen, und viele Produkte ihrer Felder werden einen günstigen Markt an der Küste finden; vorzugsweise Tabak der in großer Fülle wächst, und Sesam. Dieser Tabak hat bereits im Innern und an der Küste einen weit verbreiteten Ruf." Neben Chutu liegt das noch nicht unter deutschem Schutze stehende Gebiet der Mahenge, zwischen den Flüssen Ruaha und Uranga, den beiden Quellarmen des Rufidschi. Infolge der Nähe des Ge birges und der flachen Beschaffenheit dieses Landes herrscht das ganze Jahr hindurch ein feuchtes Klima und der Boden gehört zu den fruchtbarsten Stellen Afrikas. Alle Feldfrüchte der Küste, wie Reis, Hirse und Mais gedeihen außerordentlich gut; ebenso Potaten, Erdnüsse, Melonen, Kürbisse, Gurken und Tabak. Auch werden Zuckerrohr und Baumwolle angepflanzt." Die Rückreise des Herrn Thomson erfolgte auf einer nörd licheren Route, durch Ussagara. Der Wechsel zwischen dem Hochland von Ugogo (westlich vom deutschen Schutz lande) und dem Gebirge von Ussagara war eine förmliche Verwandlung. Innerhalb weniger Stunden kamen wir aus wasserlosen Wüsten in eine prachtvolle Landschaft mit rauschenden Wasserfällen, herrlichen Waldstrecken, grünen rasigen Hügelebenen. . . . Am vierten Tage betraten wir eine herrliche Ebene von un beschreiblicher Fruchtbarkeit, welche überall mit Dörfern besetzt war und eine große Bevölkerung von gut ge kleideten und wohlbehäbigen Eingeborenen ernährte. . . ." Thomson hat das jetzige deutsche Schutzgebiet auf der Hinreise nur in seinem südlichsten Teile durchzogen; die Rückreise führte ihn zwar durch dasselbe hindurch, wurde dort aber mit großer Beschleunigung aus geführt, also ohne eingehendere Beobachtungen zu gestatten. Das seinem Reisewerke angehängte Kapitel Folgerungen und Betrachtungen", welches Produktion und Handel des östlichen Zentral-Afrika" bespricht, bezieht sich dement sprechend, soweit es gründlichere Beobachtung erkennenSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 47 läßt und daher Beachtung verdient, fast gänzlich auf außerhalb der deutschen Gebiete belegene Landstriche, namentlich auf solche, die weiter westlich und südwest lich im Innern liegen. Für unser Gebiet kommt dies Kapitel daher nicht in Frage auch ganz abgesehen von dem Umstande, daß der jugendliche und sehr apo diktisch urteilende Autor uns für recht viele seiner Be hauptungen den Beweis leider vollständig schuldig bleibt (so für seine Angabe, daß es wenige Winkel Afrikas gibt, wo man die Elefanten nicht ausgerottet hätte"; ebenso für die verblüffend naive Behauptung, daß der Sklavenhandel in Mittelafrika thatsüchlich abgeschafft ist"); und ganz abgesehen ferner von dem Umstande, daß manche seiner Behauptungen, wie die über die ge ringen Handels-Aussichten Inner-Afrikas, über die Aus sichtslosigkeit der Transportverbesserungs-Vorschläge und überhaupt über die Wertlosigkeit ostafriknnischer Trans portstraßen, daß gerade diesen Angaben die Mitteilungen anderer Reisender sowohl wie erfahrener Praktiker (An gehöriger der angesehensten Handelsfirmen Sansibars) durchaus widersprechen; und ganz abgesehen endlich von den Äußerungen, die Thomson an mehreren Stellen des Buches, so auch in diesem Kapitel über die Thätig- keit der Internationalen afrikanischen Association macht, und die einen ebenso kleinlichen Neid erkennen lassen, wie sie andererseits durch die thatsächliche Entwickelung dieser Unternehmung in so glänzender Weise widerlegt wurden. Das alles könnte freilich wohl mit Recht den Leser gegen alle solche Behauptungen Thomsons stutzig machen, die etwas anderes enthalten, als die nackte Be richterstattung über jene Landstriche, die er selbst und eingehender kennen lernte; da aber, wie gesagt, sein den Handel- und Produktionsverhältnissen gewidmetes Kapitel dort, wo der Autor die Zustände in Landstrichen der letzteren Art zu Grunde legen konnte, außerhalb des Ge bietes der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft fällt, würden Auszüge aus ihm hier unberechtigt erscheinen müssen.48 Sansibar und daß deutsche Ost-Afrika. Wir wenden uns nunmehr zu dem Reisebericht eines französischen Forschers, V. Girant). Seine Reise, die ihre Resultate zu einer der wichtigsten der letzten Jahre machen, verfolgte bis zum Njassa-See eine ähn liche, jedoch etwas nördlichere Route, wie die Thomsons; er erstattete über dieselbe in der Geographischen Gesell schaft zu Paris im April 1885 einen eingehenden Be richt, welcher in dem Compte Rendu des Seances de la Commission Centrale“ (1885, Nr. 7 u. 8) jener Gesellschaft publiziert wurde. Über das unserem Schutzgebiet Chutu ostwärts vorgelagerte Land Usa- ramo, das die natürliche Eingangspforte zum südlichen Teile unseres Protektorates bildet, sagt dieser Gewährs mann u. a.: Usaramo bietet hinsichtlich seiner Bevöl kerung ein bejammernswürdiges Bild dar; ich erinnere mich nicht, dort eine einzige dicht bevölkerte Siedelung gefunden zu haben dank den Maßregeln der sansi- barischen Regierung, welche, da sie nicht immer den Unterhalt für ihre Armee schaffen kann, diese von Zeit zu Zeit auf das Festland schickt; dort muß sie sich, unter dem Vorwände der Bestrafung irgend eines Häupt lings, einen oder zwei Monat selbst erhalten. Wenn man die Zusammensetzung dieser Armee kennt, die sich aus den Gefängnissen Sansibars rekrutiert, kann man sich einen Begriff davon machen, was sie in einer Gegend übrig läßt, wo sie einige Tage verweilte. Es bilden denn auch die Ortschaften der Eingeborenen nur impro visierte Lager, stets bereit, bei dem ersten Signal ab gebrochen zu werden. Da die Bewohner ihren Boden nicht bestellen können, so berauben und bestehlen sie sich gegenseitig, bis sie, dem Hungertode nahe, sich einem Araber, der Küste als Sklaven anbieten. Das Land Chutu, neben Usaramo, liegt 15 bis 20 Tagereisen von der Küste entfernt. Es ist daher den Einfällen der räuberischen Banden des Sultans Said Bargasch ent rückt und erfreut sich eines verhältnismäßigen Gedeihens. Eine weite Knlturfläche umgibt die Dörfer; Reis,Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 49 4 Sorghum, Mais, Tabak finden sich in Überfluß und die Eingeborenen halten es nicht (wie sonst fast überall) für eine Schande, den Spate zur Hand zu nehmen. Männer und Frauen, Herren und Sklaven bringen den größten Teil des Tages auf ihren Feldern zu, die oft 2 bis 3 Stunden vom Dorfe entfernt liegen. Das Land ist freundlich, leicht gewellt und durch die Zuflüsse des Kingani gut bewässert. Ich befand mich hier 150 bis 200 irr über der See; die tropische Hitze der Küste beginnt nachzulassen und die Südwinde machen sich fühlbar." Die Durchreise durch das südliche Ussa? gara führte Girand über Hochplateaus, die 1800 bis 2000 irr über dem Meere liegen; er beschreibt das Land nicht weiter, betont jedoch die kolossalen Schwierigkeiten, welche die wilde Hochgebirgsnatur des südlichen Ussa- gara dem Fortschreiten seiner Karawane bereitete, sowie die Furchtsamkeit der Eingeborenen, Ivclche jeder Be gegnung entflohen. Im Mai 1885 machte der englische Missionär Last Mitteilungen über einige der jetzigen deutschen Schutzgebiete. Da dieser Berichterstatter nicht weniger denn acht Jahre in den betr. Gebieten dauernd gewohnt hat, verdienen seine Bemerkungen selbstverständlich noch weit mehr Beachtung, als jene selbst des aufmerksamsten Reisenden, der das Land ja auch im günstigsten Falle doch stets nur einem verhältnismäßig kurzen Aufenthalte kennen zu lernen Pflegt. Last s Mitteilungen betrafen die Länder Nguru, Usegnha und llssagara (oder Sagala"). Er wohnte anfangs zwei Jahre in Mpapwa, (im westlichen Teile des deutschen Schutzgebietes) und gründete dann eine neue Station in Mamboia, einem ctlva 80 Kilometer weiter ostwärts gelegenen Distrikte, wo er die übrigen Jahre verlebte. Von beiden Stationen aus machte er zahlreiche Ausflüge in die benachbarten Gegenden: nach Nguru im Norden, Usegnha im Osten und llssagara im Süden. Über die Gegenden, welche er auf diese Weise kennen lernte, übt, wie Last mitteilt,50 Sansibar und das deutsch : Ost-Afrika. der Sultan von Sansibar eine nominelle Oberherrschaft aus; indessen sind in Wirklichkeit die Häuptlinge sämtlich u n a b h ä n g g." _ Die Oberherrschaft Sansibars erscheint auch in diesen Distrikten demnach nur als eine beanspruchte, nicht aber als eine anerkannte oder gar ausgeübte. Das Land Ns eg uh a ist im allgemeinen flach oder leicht wellig. Es ist mit lichten Waldungen bedeckt, deren Bäume meist klein sind; nur einige sind groß und zu baulichen Zwecken ver wendbar. Näher der Küste nimmt das Land ein park- ähnliches Aussehen an, mit weitgedehnten Rasenflächen, die hier und da durch Waldung unterbrochen werden; die Waldbäume sind mit zahllosen Schlingpflanzen be deckt und beschatten dichtes Unterholz. In diesen Wald flecken bauen die Einwohner ihre Dörfer, indem sie das Herz des Waldes ausroden und die äußeren Teile als natürliche Verteidigung stehen lassen. Das Land Usc- guha ist, im Vergleich mit anderen Distrikten, nicht sehr fruchtbar, obwohl auch hier in den kleinen Thälern viel Getreide gebaut wird, iveit mehr, als die Eingeborenen bedürfen. Ngurn und Ussagara unterscheiden sich von Useguha durch ihren Gebirgscharakter. Die jene beiden Länder durchziehende Gebirgskette wird an ver schiedenen Stellen durch weite Ebenen unterbrochen, die mit Hügeln übersäet sind. Die höchsten Gipfel der Kette erreichen 2000 bis 2400 m Höhe über der See und sind bedeckt mit prächtigen Nutzhölzern, Farnen und Unterholz. Überall zerstreut liegen die Dörfer der Ein geborenen und dicht neben ihnen schöne Gärten. Beide Länder werden durch den Wann und seine Nebenflüsse bewässert. Die Thäler und Hänge der Berge, diese selbst bis zu den Gipfeln hin, sind sehr fruchtbar. Die Bewohner bauen hier in Ueberfluß, weit über ihren eigenen Bedarf, Mais, Hirse, Bohnen, Kürbisse, Maniok und Bananen. Die Abhänge der Gebirge sind überreich an Quellen, sodaß die Eingeborenen bei cintrctenden Dürren mit leichter Mühe ihre Grundstücke künstlich bc-Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 51 wässern; ich habe sie oft bei derartigen Arbeiten be schäftigt gesehen. Europäische Gemüse gedeihen schnell und erreichen an den Gebirgs- und Hügelhängen treffliche Güte. Während mehrerer Jahre habe ich dem Anbau derselben besondere Sorgfalt gewidmet. Die Station Mamboia liegt 400 bis 430 Meter über dem Meere, tlnd hier zog ich Kartoffel, Rübe, Mangold, ver schiedenerlei Kohl, Möhre, Pastinake, Zwiebel, Rettig, Lattich und manches andere; und alles gedieh gerade so gut, wie in England. Beim Kartoffelroden zählte ich eines Tages an einer einzigen Pflanze 62 Kartoffeln; die größte war etwa 5 Zoll lang und so dick, wie mein Faustgelenk. Unter ihnen war etwa ein Dutzend zu klein zum Gebrauch. Natürlich war das ein Ausnahmsfall, der aber doch zeigt, was das Land leisten kan . Die meisten in England gewöhnlichen Blumen gedeihen gut. Ich habe einige Fruchtbäume von der Küste gepflanzt, Mango, Guave, Granatapfel, Orange, Limone, Flaschen baum, Melonenbaum und andere; alle diese sind gut gediehen. Daneben nenne ich die einheimische Banane, von der etwa 18 Varietäten Vorkommen, und Zucker rohr, das sich in drei Sorten findet. An vielen Stellen, namentlich auf höheren Erhebungen, würden höchst wahrscheinlich englische Obstbäume gut gedeihen; auf den Gipfeln der Berge wachsen Brombeeren und Him beeren wild. Ich riß einige Wurzeln derselben aus und pflanzte sie in meinem Garten in Mamboia ein; sie gingen an und trugen so große und gute Früchte, wie ich nur je in der Heimat gesehen. Nach meiner Überzeugung finden sich viele Plätze, an denen mit großem Vorteil Cinchona, Kaffee, Thee und Vanille angebant werden könnten. In den ausgedehnten nie drigen Thälern zieht man große Mengen von Mais und Reis; ersteren verbrauchen hauptsächlich die Ein geborenen, während letzterer verhandelt wird. N e m a l s fehlt es irgendwie an Nahrungsmitteln in diesen Bergen, und unter europäischer Leitung52 Sansibar und da deutsche Ost-Afrika. könnte die gegenwärtigeProduktionnoch in enormem Masze gesteigert werden! In der Mitte der Landschaft Uffagara liegen die Pumba-Bergc, die durch Eisengruben interessant sind. Einen Bericht über die Erzgewinnung gab Last in der Zeitschrift der London. Geogr. Ges. Es giebt hier herrliche Ge genden für Ansiedelungen; das nötige Land würde vom Herrscher des betr. Platzes für ein geringes Geschenk an Zeug leicht zu haben sein, oft auch um sonst, da diese Häuptlinge immer froh sind, einen Weißen in ihrem Lande zu haben. Das Klima ist sehr gesund, namentlich in den Bergdistrikten. In Mamboia freute ich inich während der Monate April bis Ende Juli wegen der Kälte stets, des Abends ein Feuer haben. Das Thermometer zeigt während dieser Monate nm 6 Uhr Morgens durchschnittlich etwa 80 R, und pflegte Mittags bis 15 oder 180 zu steigen. In den wärmeren Monaten steigt es mitunter bis 32 o auf der Veranda, und auch die Nächte sind dementsprechend wärmer; aber es ist niemals so heiß, daß inan eine Punkah (in Ostindien ein Schirm an der Zimmerdecke zur Erzeugung von Luftzug) nötig hätte. In November und Dezember fällt eine kurze Regenzeit, die etwa einen Monat anhält. Dann ist es warm und trocken bis Mitte März. Hierauf folgt bis Mitte Juni die starke Regenzeit, die sog. Massika. Die Massika- Regenfälle sind gewaltig, dauern aber im einzelnen Falle nicht länger als einen Tag oder zwei. Fast während der ganzen Massika ist gewöhnlich die erste Hälfte des Tages heiter, und der Nachmittag regnerisch, sodaß man zwischen den Schauern meistens seine Arbeiten besorgen kann. Die Eingeborenen sind sämtlich Ackerbauer, und züchten nur hier und da ein ivenig Vieh. Jeder Häuptling hält womöglich eine Heerde von Ziegen und Schafen, jedoch mehr als Zeichen seines Reichtums, als des Nahrnngswertes halber. Im Charakter sind alle Stämme sich gleich, sämtlich sehr feige. Die BewohnerSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 53 von Usegnha treten großthuerisch und polternd auf, wenn sie sich einem schwächeren Feinde gegenüber be finden; zu Zeiten der Gefahr halten sie aber nicht besser Stand, als die ruhigeren Eingeborenen von Nguru und Ussagara. Die letzteren bilden ein eminent friedliebendes Volk. Ich habe nahezu acht Jahre unter ihnen gelebt und fand sie stets sehr freundlich gegen mich gesinnt, und so würden sie sich gegen jeden Frem den betragen, der ihnen friedfertig entgegentritt. Es heißt, daß die Deutschen daran denken, eine Eisenbahn von der Küste nach dem Gebiet der großen Seen zu bauen, die Useguha und Ussagara durchziehen würde. Ist d ein so, dann dürfen vir hoffen, daß dies reiche und schone Land bald aufgeschlossen wird, und daß viele Ansiedler an seinen lieblichen Berg hängen ihr Heim gründen werden. Jeder ihnen gut Gcsiunte kann eines freundlichen Empfanges bei den friedliebenden Eingeborenen sicher sein, und wenn er in seinem Verkehr mit ihnen ehrenhaft und artig ist, wird er sie stets bereit finden, ihnl zu helfen und ihn zu respektieren." Französische Missionäre haben in Knnsagira (im südlichen Teile von U k a m i, am Kingani gelegen) eine Missionsstation errichtet. Über dieselbe schreibt der Konsul Led o nlx aus Sansibar (s. ,,C. R. de la Soc. de Geographie, Paris, 1885, Nr. 1") folgendes: Mon seigneur de Courmont, der den Platz ausgewählt, be tont die Vorzüge der Lage sehr. Das Land ist frucht bar und gut bewaldet, reichlich bewässert; die Lage der Mission hoch und gesund; die Bevölkerung durchaus ge neigt, die Fremden bei sich aufzunehmen." Der englische Arzt Baxter, welcher fast 6 Jahre im östlichen Zentral-Afrika zubrachte, machte über weiter nördlich gelegene Landschaften Mitteilungen, die in den Proceedings of the R. Geograph. Society“ (London 1883, Nr. 9) veröffentlicht wurden. Er besuchte einige Massai-Niederlassungen, die, im südlichsten Teile des von54 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. bicjciu kriegerischen Volke okkupierten Gebietes, nahe den Nvrdgreuzen des deutschen Schutzgebietes Nguru belegen sind. Betreffs des Klimas jener Gegend glanbt Baxter sich zu der Ansicht berechtigt, daß Europäer sich, bei Beobachtung geeigneter Verwahrung gegen die Sonne, hier einer ebenso guten Gesundheit zu erfreuen ver mögen, lute zu Hanse; denn die Malaria existiert hier nicht, da das -Land 1000 m über der See liegt; wäh- reud fünf Monate fallen gelegentliche Regen, der Rest des Jahres aber ist außerordentlich trocken. In dem selben Heft der Zeitschrift der Londoner Geographischen Gesellschaft sagt Kapitän Foot: Die Nguru-Gebirge liegen etwa 180 Irin von der Küste entfernt und bil den eine überaus großartige Landschaft. Die französische Missionsstation in Mondo liegt etwa 500 in über deni Meere und europäisches Gemüse und Obst gedeiht da selbst. Nach Foot s Ansicht würde auch der Kaffecstrauch und vielleicht die Kokospalme dort fvrtkommen, während er in den tieferen Thäleru, die gut bewässert sind und sehr reichen Boden aufweisen, das Zuckerrohr üppiger entwickelt fand, als er es je sonstwo gesehen. Er glaubt, das; die Nguru-Berge mit der Zeit ein Zufluchtsort für die Europäer der tiefergelegenen Landschaften werden dürften. Das Aprilhcft des Jahres 1885 der eben genannten englischen Zeitschrift brachte eine kurze Notiz über die ersten Erwerbungen der dentsch-ostafrikauischen Gesell schaft, in der es u. a. heißt: Die Handelsbedeu- tung dieses Gebietes ist eine große; die mittlere Haudelsroute von der Küste zum Tanganjika führt durch dasselbe hindurch. Auf die 80 bis 130 km breite ungesunde Küstenregion folgen hier in diesen Territorien Iveite Gebiete mit malerischen banmbekleideteu Bergketten, umringt von fruchtbaren Ebenen, die, wie berichtet wird, für europäische Bewohner wohl geeignet sind. Die Thäler sind fruchtbar und weisen reichen Bestand au wertvollen Waldungen auf.Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 58 Im Journal of the Society of Arts“ (1885, 13. März) berichtete Holmwood, englischer Konsul in Sansibar, über die Handelsbedeutung Ostafrikas und betoute dabei u. a. auch die immense Entwickeluugs- fähigkeit der inländischen Regionen, die jetzt fast entvölkert sind durch den Sklavenhandel." Besonders hob er die Bedeutung des Kilima Rdscharo-Gebietes hervor, das er sowohl als Sanatorium wie auch als Feld für industrielle Thätigkeit hinstellt. * * * Wie oben erwähnt, hat die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft in jüngster Zeit ihre Erwerbungen nordwärts bis zum Kilima Ndscharo ausgedehnt. Das Gebiet dieses Bergrieseu ist uns neuerdings durch die Reisen der Eng länder Thomson und Johnston und des Deutschen Fischer bekannt geworden. Thomson legte seine Reiseergebnisse in einem Werke nieder, das kürzlich auch in deutscher Übersetzung u. d. T. Durch Massai-Land" erschien. Der erste Teil seiner Reise führte ihn von dein sansibarischen Hafen Mombas in nordwestlicher Richtung znm Kilima Ndscharo, durch die Landschaft Teita. Er betont den großen Unter schied dieses Weges "gegenüber den weiter südlich ins Innere dringenden Handelsrouten. Während auf den letzteren stets zu Anfang eine sumpfige und überaus ungesunde Küstenregion zu durchwandern, ist diese pestilenzialische Küstenregion" hinter dem Hafenort Mombas nicht vorhanden. Auf fast der ganzen Reise route bis zum Kilima Ndscharo-Gebiet herrscht einerseits Wasserarmut, andererseits aber auch Fieberfreiheit. Auf dieser Strecke braucht sich kein Reisender vor der Reise nach dem Binnenlande zu fürchten, wenn er nur etwas Vorsicht beim Trinken übt. Er muß allerdings einige recht starke Tagemärschc aussühren, aber das bedeutet ja nichts für einen Mann von kräftiger Gesundheit. Dazu wirkt die Lust stets stärkend und erheiternd, im56 Sansibar imd daS deutsche Ost-Afrika. Gegensatz zu der dumpfen, mit Feuchtigkeit beladenen Küsten- und Sumpfluft; Moskitos sind fast unbekannt und in den kühlen Nächten umfängt ihn ein erquickender Schlaf." Durch diesen so außerordentlich giinstigen Umstand, daß von der Küste zum Kilima Rdscharo-Gebict ein durch gesunde Landschaften ziehender Weg führt, ge winnt das letztere noch ganz erheblich an Wert, und für die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft dürfte hierin ein Fingerzeig liegen, sich die ungehemmte Benutzung dieses Weges rechtzeitig zu sichern und zur Ausdehnung ihres Einflusses über jene Landschaften unverweilt die geeigneten Schritte zu thun! Den Kilima N d s ch aro darf man sich als eine große unregelmäßig birnenartige Masse vvrstellen, deren große Achse von Südost nach Nordwest streicht und beinahe 100 km lang ist. Die kleine Achse, senkrecht zur großen, imßt nur etwa 50 km Die südliche Abdachung des gewaltigen Berges (dessen höchste Spitze Decken zu 5800 m bestimmte, Thomson zu 5700 in) bildet die !vie erwähnt, jetzt von der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft erworbene) Landschaft Dschagga, einer großen Hochfläche oder Terrasse ver gleichbar. Dieselbe steigt auf einer Strecke von 20 km von 1220 m bis zu 1830 m an. Der Charakter dieses Landes ist äußerst reich und wohlthuend, und seine mannigfaltigen angebauten Stellen heimeln den Reisen den an. Das Hochland ist der einzige bewohnte Teil des Berges; mit seinem fruchtbaren Boden und der reichlichen Bewässerung durch zahllose Flüßchen, die das Land charakterisieren, bietet es alle Vorbedingungen für gedeihlichen Ackerbau. Doch sind blos die Mitte und die niedrigen Abhänge der Terrasse angebaut, weil die Luft in Höhen von über 1500 m für die Eingeborenen zu kalt und angrcifcnd ist". Vom Kilima Ndscharo nordwärts bis zum Nordostende des Njansa-Sees dehnen sich mächtige Hochlande ans, in einer Meereshöhe von 1000 bis 1600 m, aus der sich zahlreiche Gipfel zu einer Höhe von 2000 bis fastSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 57 6000 m erheben, deren Häupter zum großen Teil mit ewigem Schnee bedeckt sind! in, nördlichen Teil geht das Hochland in eine großartige Alpenlandschaft über. Einen Teil des Hochlands bildet die große Landschaft Kikuju, die südlich des Kenia, des zweiten berühmten Bergriesen Ostafrikas, gelegen ist. Die Waldregion dieses Landes liegt in einer Höhe von 1800 2700 m. In diesen hochliegcnden Gegenden ist Trockenheit unbe kannt und überall eine erstaunliche Fruchtbarkeit wahr nehmbar. Die Einwohner müssen in jenen bedeutenden Höhen ein anstrengendes Leben führen, weil die Tem peratur in der trockenen Jahreszeit schwankt zwischen 260 R und einem Hinabsinken unter den Ge frierpunkt, während sie in der unangenehmen Regenzeit zwischen 8" und 28 sich bewegt Die südliche Hälfte des Massailandes, welche den deutschen Schutzge bieten benachbart ist, liegt erheblich niedriger als die nördliche, ihre Meereshöhe schwankt zwischen 900 und 1200 m. Infolge ihrer geringen Regenmenge ist sie dürr und unfruchtbar. Die nördliche Hälfte bildet ein durch eine mächtige Mulde in zwei Teile getrenntes Hochland. Thomson durchwanderte den östlichen dieser beiden Teile, in welchem der Kenia anfragt. Eine entzückendere Gegend", schreibt er über denselben, ist schwerlich in ganz Afrika. Wenn auch durchschnittlich 1800 m hoch gelegen, ist sie doch nicht gebirgig, sondern zeigt wogenförmige schwellende Flächen und enthält alles, was nur eine Landschaft angenehm machen kann. Hier erblickt man dichte Gebüsche, dort herrliche Wälder, bald durchwandert man eine parkartige Landschaft. Im Äußeren des Landes ist gar tvenig von den volkstüm lichen Vorstellungen eines Tropenlandes zu erkennen. Das Auge verweilt Nadelhölzern, Wäldern fichtenartiger Bäume, und überall kann manHaideblnmen, süßriechendcn Klee, Anemonen und andere bekannte Blumen sich zu Sträußen winden. Vergeblich schaut man nach Palmen aus." Der im Westen und Nord-58 Sansibar und dak- deutsche Ost-Afrika. westen des Kenia sich ansdehnende Teil dieses einen so untropischen" Eindruck machenden Hochlandes heißt Lcikipia. Die meisten Gegenden der Landschaft Lcikipia, und zwar gerade die reicheren, fand Thomson gänzlich unbewohnt. Die im Massailande fallende Regenmenge ist sehr gering. Daher sind diejenigen Teile dieses Lan des, welche niedrige Ebenen bilden, wirkliche Wüsten, mag auch der Boden so reich als möglich sein. Es gibt durchaus keine Moräste. Die Luft ist trocken und kräftigend, und so heiß die Tage auch sein möge , die Winde bringen erfrischende Kühle und die mäßig war men, oft sogar sehr kalten Nächte richten den Menschen wieder auf nach den anstrengenden Arbeiten eines son nigen Tages." Im Jahre 1884 besuchte der englische Reisende I o h n st o n den Kilinia Ndscharo und verweilte einige Monate seinen südlichen Abhängen. Ans seinem in den Proceedings“ der Kgl. Geograph. Gescllsch. zu London (1885, Nr. 111) publizierten Reisebericht ent nehmen wir nachstehend eine Reise-Notiz aus dem Dschagga-Lande: Wir verließen den dichten Wald und betraten eine schöne parkartige Landschaft mit grasigen Hügeln, leicht gewellten Ebenen und strömenden Wasser- länfen. Hier schlugen wir in einer Höhe von 2600 m unser Lager und begeistert durch die Schönheit der Szenerie und die Großartigkeit des Rundblicks ließ ich hier in meinen Gedanken eine stolze Stadt als Trägerin der Zivilisation erstehen, als Beherrscherin der niedrigeren Landstriche .... Wir zogen einige Stunden durch eine entzückende Gegend, die wie geschaffen für eine europäische Ansiedelung und auffallend wie eine englische Landschaft aussah, mit offenen Grasfluren und schattigen Wäldern. Zahllose klare Bäche durchkreuzten dieses sanft geneigte fast ebene Plateau, das, obwohl solch ein reizendes idyllisches Land, doch vollständig unbewohnt war; hier waren Büffel und Elefanten die einzigen Herren. Die mittlereSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 59 Erhebung betrug zwischen 2400 und 2100 m und die Temperatur tvar daher ziemlich kühl, von 9 II Nachts bis zu 17 in der Mittagswärine schwankend." Während seines dreimonatlichen Aufenthalts in der Landschaft Moschi im Dschagga-Lande, in einer Höhe oon 1500 m fand Johnsto folgende Dnrchschnittstemperatnren: Um Mittag 17 ; 8 Uhr Abends 12 ; 6 Uhr Morgens 11 1 , , 2 Die niedrigste Mittagstempcratnr betrug 16, die höchste 21 ; die niedrigste Mitternachtswärme 10, die höchste 13 . In den höheren Statioiren, welche Johnston bei 8000 und 3400 in Höhe niachtc, beobachtete er als nie drigste Nachttemperatur 1 hg , als höchste Mittagswärine 141 2 R. Die eigentliche Regenzeit dauert von November bis Mai, am Kilima Ndscharo und in seiner Nachbarschaft kommen jedoch gelegentliche Regenfälle während des ganzen Jahres vor. Den Rückweg nach der Küste tvählte Johnston durch die jetzt deutschen Schutzgebiete Pare, Ussambara und am Rnfu-Fluß hinab nach Pangani. Diese Route hat mir außerordentlich gefallen," schreibt er darüber; an Wasser fehlt es nicht und Nahrungsmittel sind reichlich vorhanden und billig; der Abstieg von dem 600 m hoch gelegenen Binnenlandsplateau nach der Küste er folgt so allmählich, daß man den ganzen Weg von Pangani bis an den Fuß des Kilima Ndscharo mit einem Wagen zurücklegen könnte, ohne ein Hindernis zu treffen." In der an diesen Vortrag sich anschließenden Diskus sion teilte der Erzdekan Farler mit, das; er vor etwa 10 Jahren als Missionär nach Uss a mbara ging, dem wie erwähnt jetzt unter deutschem Protektorat stehenden Lande im Süden des Kilima Ndscharo. Er durchwanderte Ussambara nach allen Richtungen und fand es ein überaus schönes Land mit uralten herrlichen Waldungen und einem unglaublichen Neichtuni an Orchideen und Farnen jeglicher Art. Nach seiner Ansicht sind die den Fuß des Kilima Ndscharo umgebenden etwa 1500 in60 Sansibar und das deutsche Ost Afrika. über der See liegenden Landschaften für europäische Be siedelung geeignet; Ussambara erkannte er als ein ge sundes Land in seiner ganzen Erstreckung von der Küste bis zum Kilima Ndscharo-Gebiet. Als ihn vor einigen Jahren der junge Sultan von Ussambara besuchte, blieb letzterer nur ein paar Tage in Farlers Station, da er fürchtete, bei längerem Verweilen in jenen nie drigeren Regionen das in seinem heimatlichen Hochlande niemals auftretende Fieber zu bekommen. Das ist ein Zeichen für das überaus gesunde Klima der Hochlande. Hier und da haben Eingeborene Kaffee gepflanzt und gezeigt, daß Ussambara sich für den Kaffeeban eignet. Farler glaubt, daß auch Thee, Cinchona und Kokos palme dort gedeihen würden. Die Transportschwierig keiten können für eine große Distanz durch Benutzung der Flüsse Lnvn (Rnfn) und Sigi überwunden werden; ersterer mündet bei Pangani, letzterer in die Bai von Tanga. Diese bildet einen großen und guten Hafen. Farler sagte zum Schluß, wenn er sich daran erinnere, daß hier etwa 45 lern voll der Küste ein reiches und fruchtbares Land der Kultivation harrt, so könne er sich der Überzeugung nicht verschließen, daß dasselbe in wenigen Jahren der Kultur eröffnet sein werde. Am Schluß der an Johnstons Vortrag sich anschließenden Diskussion bemerkte der Präsident der Gesellschaft: bei der gegenwärtigen Ära des Vordringens und Zngreifcns inüsse er leider fürchten, daß die interessanten Mittei lungen über so schöne Gegenden wie Taweita und die Abhänge des Kilima Ndscharo ein oder das andere Land zur Aussendung einer Expedition veranlassen würden, um von jenem Distrikte Besitz zu ergreifen. Die in Brüssel erscheinende Zeitschrift Le Mou vement Geographique“ hat von Anfang an aus die hohe Bedeutung hingewiesen, welche die deut schen Erwerbungen in Ostafrika beanspruchen dürfen. Sie schrieb n. a.: Herr Roger, welcher 1880 an der 2. belgischen Expedition teil nahm, rühmte stets dieSansibar Mid bas deutsche Ost-Afrika. 61 Gegend zwischen der Küste und Mpwapwa. Er sagt: Wir kamen nach einer leichten Reise von 24 Tagen, wohlbehalten in Mpwapwa an. Das Land, welches wir durchwanderten, ist wahrhaftig prächtig; ich sah viel großes Wild und habe häufig gejagt; täglich, stündlich sahen wir die schönsten Vögel. Obgleich wir uns in der heißesten Jahreszeit befinden, haben wir nicht unter der Hitze zu leiden." Hieraus ersieht man, daß diese Gegenden keine unproduktiven Wüsten sind, sondern ein Land, welches eine Zukunft hat. Man kann wohl be haupten, daß sich Deutschland durch diese Erwerbung in den Besitz der Karawanenstraßen gebracht hat, welche alle Produkte aus den Gebieten der großen Seen nach Sansibar führen. In ähnlich anerkennender Weise äußert sich Stanley in seinem berühmten Werke: Wie ich Livingstone fand." Derselbe sagt u. St.: Das Thal des llngerengeri (in llkami) ebenso wie das Gebiet Muhalleh weisen eine wunderbare Fruchtbarkeit auf." Über die zwischen der Küste und der Stadt Simbainuemie gelegenen Landschaften (in deren westlichem Teile llkami liegt) äußert er sich in folgender Weise: Die von uns durchwanderte Gegend ist von großer Fruchtbarkeit. Da wir sie während der Regenzeit durchzogen, hat sie sich uns natürlich von ihrer schlechtesten Seite gezeigt; und trotzdem, ungeachtet seines tiefen Dreckes, seiner widerwärtigen Regengüsse, des eisigen Taues an seinen großen Kräutern, seiner dichten Dschungeln, in denen das Fieber uns auflauert trotz alledem bereitet mir die Erinnerung an dieses Land Freude wegen der Reich- tümer, die es jenem zivilisierten Volke verspricht, das sich in seinen Besitz setzen wird. Nach Regulierung ihrer Gewässer würde man diese Gegend ohne größere Ge fahr bewohnen, als jedes andere neue Land." Es ist wahrscheinlich", meint das genannte belgische Blatt an anderer Stelle, daß die neue deutsche Kolonie ihre Grenzen nach und nach mehr ins Innere rücken und so ihren zivilisierenden Einfluß in jenen Breiten aus-62 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. dehnen wird, wo bislang weder Stationen noch Mis sionen errichtet wurden. Die Erwerbung von Chntn scheint darauf hinzudeuten, daß sich dieselben vornehm lich nach dem Njassa-Sec hin ausdehnen werden Uhehe, Ubena, Ussango und Konde sind in der That reiche, fruchtbare, gesunde Länder. Giraud, der sie durchreist hat, spricht mit großem Lobe von ihnen. Man erkennt an diesen wenigen Hinweisen die Zukunft, welche den zwischen Sansibar und dem Norden des Njassa-Sees sich ausdehnenden Landschaften blüht. Es läßt sich Alles erwarten und erhoffen von einem Lande, das fruchtbar ist, gut bewässert, gesund, volkreich. Sicher lich werden zu Anfang Schwierigkeiten aller Art zu überwinden sein, aber den Ausdauernden krönt der Er folg." Die englische Zeitung Times sagt, daß nun dem deutschen Einfluß ein unermeßliches Gebiet fruchtbarer und gesunder Länder in Ostafrika" erschlossen worden sei und läßt die Bedeutung, welche sie dem Besitz jener Territorien zumißt, sehr deutlich aus solgendcm Stoß seufzer erkennen, mit dem sie ihre Reproduktion des Kaiserlich deutschen Schutzbriefs begleitet: Die Lektüre dieses Schutzbriefs wird sicherlich der African Lalces Company in Glasgow kaum Freude machen, da deren Ziele darauf hinausgehen, die Gebiete zwischen der Ost küste von Afrika und dem Tanganjikasee zu exploitieren. Dieselbe hatte einen Vertreter zur Berliner Konferenz geschickt, um dort ihre Interessen so gut wie möglich zu verfolgen. So viel wir wissen, war die African Lakes Company auch bemüht, die englische Regierung zu einem Protektorat über die Region zu bewegen, in welcher die Gesellschaft schon so viel Kapital angelegt hat. Nunmehr aber wird sie in Bezug auf jene in dem Kaiserlichen Schntzbriefe erwähnten Länderstriche sich einfach dem Fluche des Zn spät" fügen müssen, welcher so vielen Handlungen der jetzigen britischen Regierung lastet!" In der That, ein beredter Hin-Sansibar und da? deutsche Ost-Afrika. 63 weisaufdie Wertschätzung, die unseren ostasrikanischcn Be sitzungen durch das praktische Albion entgegcngetragen wird! 6. Die Bedeutung der deutschen Besitzungen in Ostafrika. Fassen wir diese Mitteilungen zusammen, welche nicht-deutsche, also im vollsten Maße unparteiische Rei sende und sonstige Berichterstatter über die jetzt unter deutschem. Schutze stehenden Landschaften und deren un mittelbare Nachbargebicto gegeben haben, und betrachten wir in Verbindung damit die geographische Lage der betreffenden Regionen, so müssen wir gestehen, daß uns diese ostafrikanischen Gebiete die Grundlagen für eine umfangreiche und vielseitige Entwickelung in noch weit höherem Maße zu bieten scheinen, als irgend eine unserer anderen tropischen Besitzungen. Die erste und wichtigste Frage, welche wir bei jeder deutschen Landerwerbung in fremden Weltteilen auf- wersen müssen, ist jene, ob das betreffende Gebiet sich mit der Zeit zu einem Ziele deutscher Auswanderung wird gestalten lassen. Wir schließen uns in dieser Hiu- sicht voll und ganz der Anschauung an, welche sich in einem anderen Aufsätze der vorliegenden Sammlung ( England und Deutschland in Südafrika", Gevgr. llniv.-Bibl., Heft 9 11) in folgender Weise äußerte. So wertvoll für unsere einheimische Industrie der Erwerb tropischer Handelskolouieen ist, so dankbar jeder einsichtige Bater- laudsfreund alle genügend fundierten Schritte zur Meh rung und Förderung derartiger Gebietserwerbungen be grüßt, so muß andererseits doch stets das Eine fcstge- halten werden, daß es vor allem Ackerbaukolonieen, Gebiete für deutsche Auswanderer sind, deren Gewinnung unserem Volke not thut! Es wäre nur halbes Werk, wollte eine umsichtige Kolonialpolitik sich auf die Berücksichtigung der augenblicklichen Inter-64 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. essen unseres Handelsstandes ausschließlich beschrän ken. Die Feinde unserer kolonialen Bestrebungen könnten dann leicht Recht bekommen mit ihrer Ansicht, daß die selbstverständlich unvermeidlichen Opfer, welche eine kräftige Kolonialpolitik erfordert, nicht im richtigen Ver hältnis ständen zu ihren Ergebnissen. Erinnern wir uns in der dankbaren Freude über den Gewinn tropi scher Handelskolonieen stets daran, daß daniit nun keineswegs alles geschehen ist für die hinreichende Ent wickelung deutscher Interessen in fernen Weltteilen! Soll unser Volk auch in späteren Jahrhunderten, wenn mehr und mehr die Weltwirtschaft an die Stelle der Volks wirtschaft getreten sein wird, jene herrliche Machtstellung bewahren, die der eiserne Kanzler ihm errungen hat und die das Deutsche Reich zu einem Hort des Friedens und damit der ruhigen Entwickelung materieller und geistiger Kultur gemacht, so darf das Deutschtum dann nicht mehr auf seine mitteleuropäische Heimat beschränkt sein. Es must in fernen Welt teilen neue Heimstätten kräftiger Entwickelung gefunden haben, in denen es seine Nationalität ungehindert be wahrt. Länder, wie Nordamerika oder Australien, ivo der Deutsche wohl materiell gedeiht, aber in der zweiten und dritten Generation sich vollständig anglisiert, können hierfür nicht in Betracht kommen. Die deutschen Aus wanderer sollen endlich anfhören, als Völkerdünger die fernen Provinzen des englischen Sprachgebietes zu be fruchten! Schon umfaßt das Gebiet britischer Sprach gemeinschaft (und damit direkt oder indirekt auch bri tischer Kultur- und Jnteressengemeinsamkeit) riesenhafte Räume; bereits ist ein ganzer Weltteil, Australien, ihr zur ausschließlichen Herrschaft anheimgefallen; ein zwei ter, Nordamerika, wird zweifellos folgen. Sollen da die anderen europäischen Kulturnationen, sich bescheiden auf ihre Heimat beschränkend, ruhig warten, bis alle dem europäischen Einwanderer überhaupt offen stehenden überseeischen Gebiete den Stempel englischer Nationa-Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 65 5 lität erhalten haben? Sollen unthätig ivarten, bis dermaleinst den relativ kleinen Nationalitäten des außer russischen europäischen Festlands eine einzige gewaltige, Iveltumspannende britische Sprach- und Kulturgcmein- schaft und daneben vielleicht in Asien eine kaum minder mächtige russische in erdrückendem Umfange gegenübersteht? Es ist in England zur weitverbreiteten Lieblingsidee geworden, die englischen Kolonieen mit dom Mntterlande als ein einheitliches Ganzes zusam menfassend zu betrachten, dem man den bezeichnenden Namen Greater Britain, Größeres Britannien" ge geben; Weitergehende lassen bereits den staatlichen Zu sammenhang unberücksichtigt und streben nach einem Gemeinsamkeitsgefühl aller englisch Sprechenden, nach der sog. British Commonwealth, der Britischen Ge meinschaft". Wohlan, streben wir, diesem Panbritan- nismus einen Pantentonismus entgegenzustellen, dem Greater Britain“ ein Großdeutschland"!" Wollen wir die Frage nach der Verwendbarkeit einer neuen Landerwerbung für deutsche Ansiedler be antworten, so ist zunächst vor allen Dingen diese Frage in richtiger Form zu stellen. Sie darf nicht lauten: Ermöglicht die neue Erwerbung, sofort einen Teil des deutschen Answanderungsstromes, der in Nordamerika für uns verloren geht, nach ihr hinzulenken?" Vielmehr inuß es heißen: Gestattet die neue Erwerbung die Annahme, daß dort sich allmählich und nach geeigneten Vorarbeiten Zustände ausbilden werden, welche seiner zeit größere Teile des Territoriums für deutsche Ein wanderung qualifizieren werden?" Wird die Frage Unkenntnis oder wie in Deutschland von man cher Seite manchem Vorschläge gegenüber geschieht in tendenziöser Absicht in ersterer Form gestellt, so ivird in allen Ländern, wo Deutschland eigenen Besitz er warb oder noch erwerben könnte, fast ausnahmslos von vornherein verneinen sein. Es bedarf aber ja keiner besonderen Erwähnung, daß eben diese Frageform nur dann logisch erscheint, wenn man die Antwort zu Agi-66 Sansibar und das deutsche. Ost-Afrika. tationszwecken für Partei-Interessen benutzen tvill nicht aber, wenn man rein sachlich die Aussichten einer neuen Kolonie für die Förderung überseeischen Deutschtums zu prüfen beabsichtigt! Was bieten nun die deutschen Schutzgebiete in Ost afrika einer eventuellen deutschen Einwanderung? Wie wir sahen, liegt dieser ganze Besitz innerhalb der Tropen, bietet aber trotzdem (infolge seines Reich tums an verschiedenen Höhenlagen) nicht nur Gebiete mit tropisch-heißem, sondern auch solche mit gemäßig terem Klima dar. Tropisch-heißes Klima herrscht, nach den bisherigen Berichten zu urteilen, im größeren Teile der südlichen Besitzungen der deutsch-vstafrikanischen Gesellschaft, sowie in den Erwerbungen der Gebrüder Denhardt, im Sul tanat Witu, ferner in den benachbarten Küstengebieten, von denen vermutlich noch ein oder das andere später durch Kauf in deutsche Hände übergehen dürfte. Daß in den Sumpfgebieten der Küste und auf den benach barten niedrigeren Hügelreihen der Ackerbau durch Deut sche einfach unmöglich ist, erscheint selbstverständlich. Auch die höheren Erhebungsstufen jener südlichen Teile der deutschen Besitzungen scheinen im allgemeinen nicht hoch genug aufzuragen, um das Tropenklima aufzn- heben, wenngleich sie es an vielen ©teilen bereits fühl bar mildern. Ob ihnen deutsche Niederlassungen möglich sind, ist noch unerwiesen, vielleicht aber un wahrscheinlich. Wir wollen damit keineswegs jeneAn- sicht vertreten, die heute bereits mit der Prätension eines Glaubenssatzes aufzutreten beliebt: jene Behaup tung, daß das ganze tropische Afrika schon wegen seiner Lage zwischen den Wendekreisen schlichtweg und dauernd ungeeignet sei für dentsche Besiedelung. Viel mehr sehen wir das für eine noch keineswegs endgiltig entschiedene Frage an; wir halten es nur für gerecht fertigt, vorläufig vor der Auswanderung nach den Küstenländern nicht nur, sondern selbst nach den nie drigeren und mittleren Hochlanden aller Tropen ent-Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 67 schieden zu warnen, bis eine genauereklimatologischeEr forschung der fraglichenLänder ein endgiltiges Urteil erlau ben wird. Der tüchtige Kulturgeograph Ratzel inacht über diesen Punkt in der deutschen Kolonialzeitung folgende im höchsten Grade beherzigenswerte Äußerungen: DieFragc derAusdehnung des Plantagenbanes von den Küstenlän dern ins Hochland des Innern, wo derselbe dann bei 1000 ui und mehr Meereshöhe dem Charakter des euro päischen Ackerbaues sich annähern könnte, ist ganz wohl zu diskutieren. Im gegenwärtigen Augenblick muß vollkommen berechtigt genannt werden, daß man die Un geeignetheit der afrikanischen Gebiete innerhalb der Wende kreise für Ackerbaukolonieen scharf betont. Doch kann dies nur aus dem Gesichtspunkt des Praktischen und Zeitge mäßen geschehen. Für eine weiterblickende Beurteilung der Verhältnisse genügt diese einfache Abweisung keineswegs. Ihr gegenüber erinnern wir uns ge wichtiger Stimmen, welche anders lauten. Pogge, der besonnene Beurteiler und treffliche Beobachter, der praktische Landwirt, schrieb vom südäquatorialen (afri kanischen) Hochland: Der Ansicht vieler Reisenden, daß ein Europäer hier keine Handarbeiten dauernd vorneh men könne, widerstreite ich auf das entschiedenste. Ein europäischer Arbeiter wird gewiß nicht im stände sein, ohne gesundheitsschädliche Folgen hier ebenso lange und schwer zu arbeiten, wie in Europa, aber ebenso zweifel los wird er vermögen, ohne erhebliche und der Gesund heit nachteilige Körperanstrengung des Morgens und während des späteren Nachmittags einige Stunden leichte landwirtschaftliche Arbeiten etwa mit dem Pfluge zu verrichten und eine Arbeitsstunde bringt in landwirtschaftlicher Beziehung hier in Afrika vielleicht zehnmal mehr Resultate als in Norddeutschland. Haus arbeiten (d. h. Arbeiten im Schatten eines Hauses voll zogen) werden hier von Europäern ebenso lange vorge nommen werden können, vic in Europa; denn es ist nicht die relative Wärme, sondern es sind die brennen den Strahlen der Sonne, die weh thun und vor denenG8 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. namentlich ein Ankömmling sich schützen muß." Ähn lich hat sich für die Hochländer des Obernilgebiets Felkin ausgesprochen, während Rohlfs n. a. eine mehr abivartende Stellung vorgezogen haben. Letztere scheint solange streng angezeigl zu sein, als diese wichtige Frage der Akklimatisation weißer Arbeiter in tropischen Hochländern, welche nicht die Höhe der ame rikanischen (Mexiko, Quito re.) erreichen, weder durch Erfahrung noch durch Wissenschaft besser geklärt ist, als heute. Wir sind indessen der Meinung, daß hier eine vitale Frage vorliege. . . . Für Deutschland hat diese Angelegenbeit zuviel praktisches Interesse, um nur jo dem Handgelenk traktiert zu werden." Das ist eine Ansicht, der sich, scheint uns, jeder Unbefangene vollkommen anschließen muß. Die einfache und aus schließliche Verurteilung aller Gebiete der afrikanischen Tropen ist dagegen eine ebenso unwissenschaft liche wie nnpatri otische Handlungsweise. So heißt s auch für die Gebirgslandschaften der südlichen Besitzungen der dentsch-ostafrikanischen Gesell schaft: abwarten! Vorläufig ist ein begründetes Urteil unmöglich vorläufig wird also auch kein Vernünfti ger eine selbständige Auswanderung dorthin empfehlen. Der genannten Gesellschaft aber liegt die unabweisbare Pflicht ob, durch Veranlassung regelmäßiger und fort gesetzter klimatologischer Beobachtungen die Ermöglichung einer richtigen Beurteilung allmählich herbeiznführen; möge sie nicht zögern, baldigst mit dieser notwendigen Vorarbeit zu beginne ! Was nun aber für die deutschen Unternehmnngen in Ostafrika als ganz besonders günstig schwer in s Ge wicht .fallt, ist der glückliche Umstand, daß es der dentsch- ostafrikanischen Gesellschaft in jüngster Zeit geglückt ist, ihre Besitzungen in nördlicher Richtung auszudehnen und auf dem mächtigen Erhebnngsgebiete des Kilima Ndscharo festen Fuß zu fassen! Damit sind fruchtbare und aus gedehnte Gebiete für Deutschland gewonnen, welche zum Teil in der Höhe der amerikanischen Hochländer (Mexiko,Sansibar und dag deutsche Ost-Afrika. 69 Quito :c.)" liegen und sich dem entsprechend, im Gegen satz zu den oben betrachteten niedrigeren Hochlanden des Südens (Ussagara rc.), für den Anbau europäi scher Zerealien durch europäische Hände gerade so gut eignen werden, wie die Hochebene Mexikos. Es bedarf nicht erst der Bemerkung, daß trotzdem auch hier heute noch kein Ziel für einzelne deutsche Einwanderer zu suchen ist. Unterliegt es gleich nach den Berichten der Reisenden keinem Zweifel, daß im Kilima Ndscharo-Gebiet das Klima und die Boden fruchtbarkeit geeignete Plätze für deutsche Ansiedler schufen, so müssen doch selbstverständlich zuvor ge ordnete und feste politische Verhältnisse und gesicherte Verbindungen mit der Meeresküste geschaffen sein, ehe an Überführung deutscher Auswanderer gedacht werden darf! Es liegt darum im eigensten Interesse der dentsch- ostafrikanischen Gesellschaft, daß sie mit allen Mitteln strebe, diese beiden Vorbedingungen für die Aus schließung ihres weitaus wertvollsten Besitztnmes zu realisieren. Gerade tvegen des ganz außerordent lichen Wertes, der ihren Kilima Ndscharo-Erwerbnngen durch ihr kühles Klima innewohnt, ist deshalb dringend zu hoffen, daß dem baldigen Erlaß eines Kaiserlichen Schntzbriefes auch für diese Besitzungen nichts im Wege stehen möge. Wie oben geschildert, lehnt sich dem Kilima Ndscharo-Gebiet im Norden zunächst eine gesunde, jedoch wegen ungenügender Bewässerung unfruchtbare Hochebene an, die aber weiter nordwärts einerseits wieder zu höheren Erhebungen ansteigt und andererseits große Fruchtbarkeit anfweist; auch hier treten dann wiederum Plateaus und Gebirgshänge von derartiger Meereshöhe auf, daß die klimatische Geeignetheit für deutsche Besiedelung mancher Teile derselben nicht zweifel haft erscheint; und anscheinend handelt es sich hier um weit größere Flächen, als am Kilima Ndscharo. Hoffent lich gelingt es der deutsch - ostafrikanischen Gesellschaft oder anderen Deutschen, auch dort unsere Flagge als die schützende wehen zu lassen!70 Sansibar und das dänische Ost-Afrika. Wir sehen also, daß zwar vorläufig Ost-Afrika kein Ziel für deutsche Bauern bilden darf; daß aber vielleicht auf den Gebirgslandschaften der südlichen Teile der deutschen Besitzungen (Ussagara re.), sicherlich aber in den nördlichen Teilen derselben (amKilima Ndscharo) Landstriche sich finden werden, deren Klima und Bodenfruchtbarkeit später deutsche Besiedelung erlaubt. Der größere Teil der heutigen Besitzungen der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft ist dagegen nicht für europäischen Ackerbau, sondern für Plantagcnban tro pischer Produkte geschaffen. Die oben mitgeteilten Aus züge den Berichten der Forschungsreisenden zeigen, daß in vielen Teilen jener Gebiete ein lohnender Plan tagcnban möglich ist. Es handelt sich nun darum, die Erziehung der freien Neger zur Plantagenarbeit dnrch- znführen eine ebenso schwierige, wie großartige Auf gabe ! Die deutsch - ostafrikanische Gesellschaft hat, in richtiger Erkenntnis der Bedeutung dieser Aufgabe gerade für ihre Territorien, einen Preis für den besten dahin zielenden Vorschlag ausgeschrieben. Und sucht fer ner, als erste und lvichtigste Vorbedingung für ein Ge lingen solcher Arbeit, durch einen geeigneten Erlaß über Beschränkung der Spirituosen-Einfuhr die Neger ihrer Gebiete thunlichst vor der Branntweinseuche zu schützen, die so oft als einziges Ergebnis der Berührung mit europäischer Kultur für die Wilden" zurückblieb. Über die Bedeutung mineralischer Bodenschätze unserer dortigen Besitzungen kann erst genauere Landes- erforschung ein Urteil ermöglichen. Wir müssen daher dieselben bei einer Wertschätzung unserer Besitzungen vorläufig außer Acht lassen. Aber auch ganz von ihnen abgesehen genügt die Erwägung der als vorhanden bekannten Grundlagen einer Ausschließung des Landes in erster Linie durch Planta genwirtschaft, um ihren enormen zukünftigen Handelswcrt würdigen zu lernen! Auf der Straße liegen allerdings gottlob die Reichtümer dort so wenig, wie in Deutschland; drüben wie hier wollen erarbeitet,Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 71 geschaffen werden und das ist ein Glück. Es klingt in der That mehr als naiv, wenn von den Feinden deutscher Kultivation Ostafrikas immer von neuem dem gläubigen Zeitnngspublikum vorgefaselt wird, jene Er- werbungen seien wertlos, weil sie nichts für den Welt markt produzieren. Als ob es darauf ankäme, was sie jetzt produzieren! Es handelt sich ja gar nicht darum, was jene Länder unter der vielköpfigen Herr schaft ihrer schwarzen Zaunkönige jetzt dem Welthandel darbieten, sondern vielmehr darum, was euro päische Energie aus ihnen machen kann. Und das sind bekanntlich zwei recht verschiedene Fragen! Auch die Schätze der Tropenvcgctation wollen durch menschliche Arbeit gewonnen, ja zum größten Teile erst erzeugt sein. Daß aber fiir derartige Arbeit in den deutschen Schutzländern Ostafrikas ein geeignetes Gebietvon mächtigem Umfange vorliegt sahen wir in den un parteiischen Berichten nicht-deutscher Forscher. In einem anonymen Artikel in der Deutschen Kolonialzeitung", mit den Lettern 3E. f). Z. unterzeichnet (1885, 15. Junis, welcher als deutsche Interessen im äquatorialen Ostafrika lediglich die der Hamburger Kaufleute aus Sansibar anzusehen scheint, kommt freilich wörtlich folgender gegen die deutsch - ostafrikanische Gesellschaft gerichtete Satz vor: Es ist mit Sicherheit zu erwarten, daß die Gründung einer deutschen Kolonie gerade auf diesem Wege (der Haupt-Karawanenroute aus dem Innern), hart hinter Bagamojo, Veranlassung zu vielen Rei bereien geben wird, was im Interesse unseres Handels sehr zu bedauern ist, da die betreffenden Nieder lassungen gar nichts einbringen werden (wört lich!) und daher gar kein Äquivalent bieten für irgend welche Unkosten und Scherereien, die dem Reiche erwachsen können." Hierauf antwortete indessen kein Geringerer als Schweinfnrth, der große Afrikakenner, in der Kölnischen Zeitung": Wenn es aber vorkommt, daß Kanfleute von vornherein die Behauptung wagen, wie das in einer der letzten Nummern der Kolonialzeitung"72 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. inbezug auf die neuen deutschen Erwerbungen in Ost afrika gesagt worden ist, in diesem oder jenem Ge biete sei überhaupt nichts zu holen, so darf darauf kein Gewicht gelegt werden. Die Kaufleute bekommen eben von der sie umgebenden Natur wenig zu sehen und würden schwerlich in der Lage sein, im Urwalde die Pflanzenarten wieder zu erkennen, die ihnen die begehrten Ausfuhrartikel liefern." Diese so aussichtsreichen Besitzungen der deutsch ostafrikanischen Gesellschaft und der anderen dortigen deutschen Unternehmung (der sog. Witu-Gruppe) bilden also die zweite Grundlage deutscher Interessen in Ost- Afrika. Ein Abwägen ihres Wertes gegenüber der ersten, welche unsere Handels-Interessen in Sansibar umfaßt, ist natürlich nicht streng durchzuführen. In unseren fest etablierten Handelsbeziehungen auf Sansibar liegen bereits vorhandene Interessen vor, deren hohe Bedeutung wir oben betonten. In den Besitzungen der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft dagegen sehen wir ein kolossales Gebiet zum großen Teile fruchtbarer und ge sunder Landschaften, das einerseits, wie ja schon jetzt seststeht, die Eröffnung einer großartigen Plantagen wirtschaft ermöglicht; das andererseits mit großer Wahr scheinlichkeit in vielen seiner höher gelegenen Teile später sich als geeignetes Ziel deutscher Auswanderer ausweisen wird, und das sodann vielleicht an dem mineralischen Reichtum, der in so vielen Gebieten Ost- Afrikas vorherrscht, Partizipieren mag. In zweiter Linie wird unsere dortige Kolonie für die deutsche In dustrie und Technik eine stetig wachsende Bedeutung erlangen, je mehr die Plantagenwirtschaft sich entwickelt; daß durch eine derartige Kulturaufschließung Ostafrikas sich der Handel mit den Produkten des Landes außer ordentlich steigern muß, ist selbstverständlich. Sollte Sansibar selbst nun dauernd eine feindliche Stellung zu dem Gebiete der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft einnehmen, so wird der Handel der letzteren (welche, wie gesagt, jetzt auch die meisten KarawanenstraßenSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 78 nach deni Innern beherrscht) selbstverständlich sich von Sansibar abwenden und sich an einein der unabhängi gen Küstenpunkte einen eigenen Hafen suchen und dort einen Stapelplatz für den direkten Verkehr mit Europa einrichten müssen. Dadurch würde die Bedeutung San sibars für den deutschen Handel sehr abnehmen, da letzterer sich sehr bald ganz vorwiegend in dem neuen deutschen Hafen konzentrieren würde. Es handelt sich also hier um Interessen, die aller dings erst in der Zukunft zu voller Entfaltung ihrer Kraft gelangen werden, deren eminente Entwickelung aber mit Sicherheit vorherzusehen ist; um Interessen von viel weiterem Umfang und von einer Bedeutung für viel weitere Kreise unseres Volkes, als das die älteren lediglich auf unseren jetzigen sansibarischen Handel be schränkten Interessen beanspruchen konnten; um Be ziehungen endlich, deren sorgfältigste und energische Entwickelung sogar gradezu auch eine Vorbedingung für eine gedeihliche Zukunft selbst jener älteren Handels interessen bildet! Wäre ehemals, als nur die letzteren existierten, Deutschlands naturgemäße Aufgabe eine im wesentlichen darauf beschränkte gewesen, alles zu ver meiden, was den Sultan ungünstig gegen die Deutschen hätte stimmen können, so liegen nun, seit den Erwer bungen der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, weit viel seitigere und noch zukunftreichere Interessen Deutschlands vor, die es in ihrem wohlerworbenen Rechte mit Ener gie zu schützen galt selbst auf die Gefahr hin, in einen Konflikt mit Sansibar zu geraten. Will der Beginn der Kulturerschließung des deut schen Ostafrika vertrauenerweckend Vorgehen, so sind fortan in erster Linie durch die Unternehmer drei Punkte sorgfältig zu berücksichtigen: Erstens ist eine wenn auch zunächst nur skizzen hafte kartographische Aufnahme des Landes notwendig; zweitens muß baldthnnlichst mit meteorologischen Beobachtungen begonnen werden; drittens sollten, da sich s bei der Kulturerschließnng74 Sansibar und da deutsche Ost-Afrika. des Landes im wesentlichen um Nutzbarmachung der vegetabilischen Hilfsmittel handelt, bald einige tüch tige Botaniker mit der Untersuchung des dortigen Pflanzenreichs betraut werden. Wir haben oben gesehen, in wie schätzender Weise sich ausländische Beurteiler über die ostafrikanischen Er werbungen äußerten. Um so auffallender könnte es erscheinen, daß von Anfang an das Vorgehen der deutsch- ostafrikanischcn Gesellschaft in vielen deutschen Blättern mit sehr geringer Sympathie begrüßt wurde. Beson ders wurde sehr bald die Warnung laut vor deutscher Auswanderung nach jenen Gebieten, und damit ent schieden versucht, der genannten Gesellschaft ein gewisses Odium anzuheften. Dieser tendenziösen Idee entsprach auch die Ausdrucksweise jener anonymen Artikel, in deren einem es z. B. hieß, der Versuch zur Ver lockung (!) deutscher Bauern sei glücklicherweise ge scheitert". Derartige Äußerungen der Presse müssen so lange als ungerechtfertigte Diskrediticrungs - Versuche mit Entschiedenheit gebrandmarkt werden, als die ost- afrikanische Gesellschaft nicht eine Masseneinwanderung nach ihren Besitzungen ohne vorhergegangene Erfüllung der dafür nötigen Voraussetzungen zu organisieren sucht was sie bekanntlich nicht versucht hat. Das an t- liche Korrespondenzblatt der Gesellschaft stellt folgendes Programm der letzteren hin: Die dentsch-ostafrikanische Gesellschaft wird zunächst nach Analogie des Kongo- Staates mit der Errichtung eines Stationennetzes über ihr Gebiet Vorgehen, um dadurch erst die thatsächlichc Herrin in ihren Besitzungen zu werden und die ersten mächtigen Klammern für die wirtschaftliche Ausbeutung des Ganzen zu schaffen. Von dieser Position aus wird imstande sein, dereinst auch in die Handelsbeziehungen mit Zentral - Afrika entscheidend einzugreifen. Au die Inszenierung einer eigentlichen Auswanderung nach Ussagara wird vorderhand überhaupt nicht gedacht." Nun, das ist ein gesundes und richtiges Programm! Dem Schreiber dieses sei bei der Gelegenheit, um etwaigeSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 75 irrige Voraussetzungen zu beseitigen, die Mitteilung ge stattet, daß er weder der Gesellschaft für deutsche Ko lonisation" noch der Dcutsch-ostafrikanischcn Gesell schaft" angehört, vielmehr beiden persönlich vollständig fern steht. 7. Die neuesten politischen Vorgänge in Ostafrika, bis zum September 1885. Durch Livingstones Reise (1866) war das Vor handensein von Steinkohle ain Ufer des Rowuma und seines Nebenflusses Rienda (oder Lujende) bekannt ge worden. Der Sultan von Sansibar entsandte nun zur näheren Untersuchung den oben erwähnten englischen Rei senden Thomson im Jahre 1881 in jene Gebiete, dessen Ex- peditionjedoch vollständig mißglückte. 1884 machtederSnl- tan einen neuen derartigen Versuch, indem er den französi schen Ingenieur Angelvy entsandte. Letzterem gelang es, seine Aufgabe in befriedigendster Weise zu losen; er fand ganz ausgezeichnete Kohle, deren Ausbeutung freilich vorläufig durch die kolossale Höhe der Trans portkosten unstatthaft gemacht ivird. Wäre letzteres nicht der Fall, so würde der Sultan die Ausbeutung in Angriff genommen und natürlich gleichzeitig von dem Lande Besitz ergriffen haben. Es ist daher dies zugleich als ein Fühler anzusehen, den der Sultan zur Okkupation festländischer Territorien des Innern ansstreckte; freilich würde wahrscheinlich Portugal, dem nominell die vor liegende Küste gehört, versucht haben, dort irgend welche teleskopische Besitzrechtc nachzuweisen. Ein eifrigeres Bestreben des Sultans, sich in dem bisher unabhängigen Innern festzusctzen, erwachte erst dann, als die deutschen Erwerbungen erfolgt waren. Der Sultan selbst freilich dürfte sich durch die letzteren an sich kaum haben bewegen lassen, nun plötzlich dem ihm bisher gleichgiltigen Festlandsinnern ein so in tensives Interesse entgegenzutragen; vielmehr ist anzu- nehmen, daß England ihn als Strohmann benutzen wollte, um dem Fortschreiten der deutschen Macht-76 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. entwickelung hemmend in den Weg zu treten, und daß dementsprechend direkte oder indirekte englische Einflüste rungen beu Sultan, der in erster Linie selbst als Kauf mann fühlt, durch das Gespenst einer dem Handel der Insel Sansibar drohenden Konkurrenz aufstachelten. Ein feindliches Vorgehen gegen die deutschen Schutzgebiete ließ denn auch nicht lange auf sich warten.. Das Kor respondenzblatt der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft" brachte bereits im Frühjahr 1885 die Nachricht, daß nach ihni zugegangenen Mitteilungen der Sultan Sol daten in das deutsche Schutzgebiet habe einrücken lassen. Die Feindseligkeit des Sultans war also zur That übergeschritten. Dann trafen indessen Nachrichten aus Afrika ein, nach denen der Vorstand der genannten Ge sellschaft sich zu der Hoffnung berechtigt glauben durfte, daß die Mitteilung über das Vorgehen des Sultans möglicherweise auf einem Mißverständnisse beruhen könne; er beeilte sich, in Nr. 3 seiner Kolonialpolitischcn Korrespondenz" eine dementsprechende Mitteilung zu machen. Wie ein Teil der deutschen Presse in seiner neidischen Mißgunst gegen die deutschen Unternehmungen in Ostafrika nun diese vermeintliche Berichtigung benutzte, um auch daraus Kapital gegen die erwähnte Gesellschaft zu schlagen dafür liefern die Hamburger Nach richten" ein fast unglaubliches Beispiel. Nr. 141 (16. Juni 1885) dieser Zeitung konstruierte in einem Leitartikel über Deutschland und Sansibar" folgende Schlußfolgerung: Es war schon seit einigen Tagen zu bemerken, daß auf seiten der deutschen Regierung der gereizte Ton, welchen die Nordd. Allg. Ztg." in einem ein zelnen Artikel gegen Sansibar angeschlagen hatte, nicht mehr vorherrschte. Die Erklärung ist gestern abend durch die Kolonialpolitische Korrespondenz", welche von den Leitern der deutsch-afrikanischen Ge sellschaft herausgegeben wird, indirekt, aber deutlich genug geliefert worden. Die Mitteilungen dieser Ge sellschaft waren die Quelle des Gerüchtes, daß der Beherrschcr von Sansibar ein paar hundert MannSansibar md das deiüsche Ost-Afrika. 77 Soldaten in das Gebiet der ersteren habe einriicken lassen; aus einem Artikel der genannten Korrespon denz aber ergibt fidf), daß inan nicht in der Lage ist, diese Behauptung aufrecht zu erhalten; die Ent stehung derselben wird jetzt durch eine Verwechselung mit der Thatsachc, daß ein Garten des dortigen Ver treters der Herren Peters und Genossen oon irgend einem Araberhaufen zerstört worden, erklärt. Man kann nur wünschen, daß den Herren derartige unan genehme Mißverständnisse nicht urehr passieren. Jnr vorliegenden Fall liegt aller Grund zu der Vermu tung vor, daß die erforderliche Sorgfalt von den Leitern der Gesellschaft bei der Prüfung der ihnen zugcgangenen Meldungen darum nicht geübt wor den, weil ihnen ein Konflikt niit Sansibar ebenso erwünscht war, wie er im allgemeinen deutschen und speziell im wohlverstandenen kolonial politischen Interesse bedauerlich wäre; es war sofort in den Organen der Gesellschaft darauf hingedeutet worden, daß die Gelegenheit giinstig sein werde, einen Hafen zu erwerben. Wenn die Herren Peters und Genossen das friedlich zustande zu bringen vermögen, wird ihnen jedermann ihren Hafen gön nen, aber wenn behufs eines solchen Erwerbes n leichtfertiger Weise internationale Ver wickelungen herbeigeführt werden, so kann dies nur das Mißtrauen steigern, mit welchen! auch von den Freunden kolonialer Unternehmungen von Anfang an gerade diese ostafrikanische, wegen der burschikosen (!!) Art, wie sie ins Werk gesetzt wurde, betrachtet ward." Dasheißtdoch mitkaum verhüllten Worten der deutsch- vstafrikanischen Gesellschaft eine absichtliche Fälschung der ihr zugehenden Meldungen vorwerfen; und wenn diese Gesellschaft sich wehrt gegen sansibarische Eingriffe in ihr rechtmäßig erworbenes Gebiet, so soll darin, nach den Hamburger Nachrichten" lediglich der Wunsch liegen, durch leichtfertig herbeigesührte internationale Verwicke lungen einen Hafen zu erlangen!!! Die Kühnheit, mit78 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. J der das Hamburger Blatt ohne beit leisesten Schatten eines Beweises der ostafrikanischen Gesellschaft jene Fäl- jj schung unterschiebt, ist allerdings so bewundernswürdig, h daß sie wohl verdient, als Charakteristikum für die innere Geschichte der Entwickelung deutscher Kolonialbe strebungen dauernd der Vergessenheit entrissen zu wer den. Daß aber dieses patriotische Blatt seiner schweren Beschuldigung keinerlei Beweis beifügte, begründet sich in dem einfachen Umstande, daß in Wirklichkeit jene erste Mitteilung der ostasrikanischen Gesellschaft (also die nach den Hamburger Nachrichten" absicht lich mit ungenügender Sorgfalt geprüfte) eine leider nur zu sehr begründete gewesen war! In ihrer 6. Nummer (16. Juli 1885) brachte nämlich das Blatt der Gesellschaft folgende wichtige Notiz: Die Mitteilung in Nr. 3 der Kolonial-Poli tischen Korrespondenz, daß die Nachricht vom Ein rücken der Sultanstruppen in Ussngara möglicher weise auf einem Mißverständnisse beruhen könne, ist nach den (letzten Berichten aus Ostafrika eine irrige gewesen. Der Sultan von Sansibar hat in der That Truppen in das deutsche Gebiet ent sendet. Dieselben trafen anfang Mai in Muinin Sagara ein, Graf Pfeil hißte, sobald er dies er fuhr, daselbst von neuem die deutsche Flagge und protestierte im Namen der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft gegen das Vorgehen der Araber. Diese haben hernach die Sultansflagge gehißt." Eine Expedition der deutsch-ostafrikanischen Gesell schaft, welche den Auftrag hatte, von Witu aus ins Innere zu gehen, verlor einen Teil ihrer Leute, indem dieselben durch die feindselige Haltung der Truppen des Sultans zum Desertieren veranlaßt lvurden. Es kam dabei zu einem feindlichen Zusammenstoß zwischen bei den Teilen. iver Sultan suchte dann eine Ausdehnung der deutschen Schutzherrschaft nach dem gerade für uns Deutsche besonders wertvollen KilimaNdscharo-Gebiete zuSansibar und das deutsche Ost-Afrika. 79 vereiteln. Mit ersichtlicher Schadenfreude teilte diesbe züglich das englische Blatt Standard" iin Juni Nach richten über einen anscheinenden Erfolg des Sultans mit. Der sansibarische General Mathews (ein ehe maliger englischer Offizier, der jetzt die sog. Truppen" des Sultans befehligt) war von Said Bargasch zum Kilima Ndscharv entsandt und der Standard" ließ sich nun aus Sansibar telegraphieren, daß nach dem Be richte jenes Generals" ihm seitens der Häuptlinge von Kilima Ndscharv, Dschagga, Tawete, Teita und Arnscha" ein herzlicher Empfang zu Teil geworden", mß ferner 25 Häuptlinge durch Unterzeichnung eines Vertrages die Oberhoheit des Sultans anerkannt hätten und dessen Flagge überall" gehißt worden sei. Im Fnni d. I. erwarben nun die Deutschen Jühlke und Weiß für die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft das Kilima Ndscharo-Gebiet, wie schon oben erwähnt, durch Ver träge mit 9 unabhängigen Fürsten. Acht dieser Er werbungen sind unbestritten, die neunte ist eben jenes Land, welches angeblich General" Mathews bereits für Sansibar erworben hatte; es handelt sich um das Ge biet des Dschagga-Sultans Mandara. Der in Nr. 8 (1885, 6. August) der Kolonial-Politischen Korrespon denz" abgedrnckte Bericht Jühlkes beweist indessen, daß rechtsgiltige Abtretungen an General" Mathews hier nicht erfolgt sind. Mandara machte dem deutschen Unterhändler u. a. folgende Erklärungen: Dadurch, baß ich mit Dir Blutsbrüderschaft gemacht, habe ich den Freundschaftsbnnd erneuert, welcher mich bereits seit langen Jahren mit den Deutschen verbin det. Denn als ich noch jung war, habe ich dasselbe mit dem Baroni (der Name, unter welchem der han noversche Baron v. d. Decken in Ostafrika noch heute allgemein bekannt ist) gethan und mich gewundert, daß er sein Versprechen, mir weiße Leute in das Land zu bringen, nicht gelöst hat. Aber auch nach seinem Tode habe ich jenes Bündnis nicht für gelöst erach tet. . . . Ich bin ein freier, unabhängiger Fürst, gleich80 Sansibar nd das deutsche Ost-Afrika. dem Snltail von Sansibar. Es ist hier keine arabische Ansiedelung, am allerwenigsten aber ein Fort oder eine Besatzung des Sultans. Bor etwa 10 Tagen ist nun ein General des Sultans, Mathews, gekonnnen. Der selbe übergab rnir Geld und Geschenke, nebst 12 roten Fahnen und bat mich, dieselben in meinen Landen auf zupflanzen, um dadurch zu zeigen, daß ich ein Freund des Sultans sei. Ich habe die Fahnen fortgelegt. . . Dann hat mir Mathews mehr geboten, und ich habe ihm erwidert, daß ich, wenn er sende, mir die Sache überlegen wolle. Sodann forderte er mich auf, ich solle wenn ich Weißen ins Land zu kommen gestatte, dies nicht den Deutschen, sondern nur den Engländer gestatten. ... Ich habe erwidert, daß ich ein freier Sul- tan bin und in meinem Lande thnn könne, was ick^ wolle. Jenes Ansinnen lehnte ich ab. . . . Auch fühle, ich mich durch die Geschenke, die ich erhalten, dem Sul-t tan gegenüber nicht mehr verpflichtet, da ich seinem . General ein Gegengeschenk von 100 Büffeln gemacht habe." Die in seinem Wohnorte aufgeflanzte sansibarische Flagge erklärte Mandara einzig und allein als Zeichen seiner persönlichen Freundschaft für den Sultan; zu gleich beauftragte er Jühlke, in seinem Namen gegen Jedermann, der behaupten wolle, daß das Land einem Anderen, als Mandara, ge höre, Protest zu erheben. Hierauf stellte er durch Vertrag sich und sein Land unter den Schutz der deutsch- ., ostafrikanischen Gesellschaft. [. An der vollen. Rechtmäßigkeit der deutschen Schntz- herrschaft und an der Ungiltigkeit der angeblichen san- sibarischen Oberhoheit, durch deren schleunige Inszenie rung englische Intrige uns auch hier (ähnlich, wie in Südafrika) an weiterer Ausdehnung unserer Interessen sphäre hindern ivollte, kann demnach wohl nicht ge- zweifclt werden. Auch gegen die Unternehmungen Denhardts in) Witn ging Said Bargasch aggressiv vor. Unmittelbar nach den Bekanntwerden des Schutzvcrtrages, den der Sansibar und daö deutsche Ost-Afrika. 8l 6 Sultan von Witu mit dein Deutschen Kaiser abge schlossen, entsandte der Herrscher Sansibars 600 Mann nach der vor Witn gelegenen Lamu-Bai. * * Zu Ende des Jahres 1884 wurde, da die durch die deutschen Landerwerbungen so rasch und in so hohem Grade gewachsenen Interessen Deutschlands in Ostafrika die Schaffung eines Berufskonsulats in Sansibar als wünschenswert erscheinen ließen, ein Konsul dorthin ab gesandt und zwar war der kühne Pionier der Sa hara, Gerhard Rohlfs, dazu ansersehen. Mit dem Titel eines Generalkonsuls nahm er in Sansibar seinen Auf enthalt. Man scheint vorher in Berlin die Ansicht ge habt zu haben, daß dem kolossalen Anteil, welchen deutsche Firmen am sansibarischcn Handel haben, auch ein ganz besonders großer Einfluß der deutschen Han- delskreise auf den Sultan Said Bargasch entsprechen müßte; daß eS daher dem Vertreter Deutschlands leicht sein würde, der festen Grundlage dieses vorausge setzten großen Einflusses der älteren deutschen Interessen den Sultan von etwaigen unüberlegten Schritten gegen die neuen deutschen Erwerbungen zurückzuhalten. Lei der zeigte sich aber bald, daß man diesen Einfluß der deutschen Handelskreise auf den Sultan weit überschätzt hatte. Es ergab sich daher die Unmöglichkeit, den Sul tan ohne die Inaussichtstellung eines sehr ernsten Vor gehens der deutschen Regierung zur Anerkennung des rechtmäßig erworbenen deutschen Besitzes zu betvegen der englische Einfluß, wohl unterstützt durch italienischen, war stärker als der deutsche. Die weiteren inneren politischen Vorgänge entziehen sich natürlich vorläufig der öffentlichen Kenntnis, indessen dürfte die Annahme wohl der Wahrheit am nächsten kommen, daß Rohlfs in richtiger Erkenntnis der Sachlage dann zu einem schleunigen und ganz energischen Vorgehen gegen den Snltair riet, während man, in Berlin vielleicht (noch immer in der irrtümlichen Überschätzung des Einflusses des deutschen Handels auf den Sultan) noch glaubte,82 Sansibar und da? deutsche Ost-Afrikas daß diese Androhung der ultima ratio gentium noch zu vermeiden sei. Es scheint, als ob man deswegen Rohlfs zur Berichterstattung nach Berlin zurückrief; die Wahrnehmung seiner Geschäfte wurde inzwischen dem Konsul Travers anvertraut. Beruht diese mehrfach ge äußerte Vermutung auf Thatsächlichkeit, so haben dann die Ereignisse, welche -seitdem eintraten, jedenfalls dem energischen Auftreten, das Gerhard Rohlfs von manchen Blättern fast im Tone des Vorwurfs zugeschrieben wurde, im vollsten Maße Recht gegebeil. Denn in der Thal ist ja das Erscheinen eines deutschen Geschwaders vor Sansibar nötig geworden, um Said Bargasch von der irrigen Ansicht zu kurieren, daß Deutschland (wie letzterer thatsächlich glaubte) zur See ganz ohnmächtig sei und daß er deswegen und im Vertrauen auf eng lische Hilfe sich ungestraft eine Kränkung deutscher Rechte herausnehmen dürfe. Ehe durch die Flottendemon- stration die Reichsregierung ebenfalls den Standpunkt manifestierte, daß schneidige Energie gegenüber dem Sultan am Platze sei, liefen zahlreiche tendenziöse Mitteilungen über die Thätigkeit Rohlfs durch einen großen Teil der deutschen Presse. Der nach Sansibar zurückgekehrte Herr Or. Fischer schrieb der Ber liner Nativnal-Zeitnng" (8. Juni 1888) u. a.: Bei seinem Eintreffen in Sansibar wäre Gerhard Rohlfs noch ein Leichtes gewesen, den Sultan zu be wegen, sich unter deutsches Protektorat zu stellen, denn damals war die Ussagara-Erwerbung noch ein Geheimnis; jetzt ist sie natürlich nicht mehr und hat sich der Sultan ganz den Engländern die Arme geworfen". Hierauf entgegnet nun der Afrikareisende Klemens Denhardt im Berliner Tageblatt": Ich halte es für meine Pflicht, zur Steuer der Wahrheit zu kon statieren, daß bereits bei meinem Eintreffen in Sansibar am 29. Dezember 1884 die Ussagara- Erwerbung daselbst bekannt war, und daß Herr- Gerhard Rohlfs erst am 27. Januar 1885 in Sansibar ankam"! Es ist uns nicht bekannt geworden, wie6 * Sansibar und da? deutsche Ost-Afrika. 83 Herr vr. Fischer gegenüber dieser Dementierung durch eine so authentische Quelle die Wahrheit seiner kühnen Behauptung aufrecht zu erhalten gedenkt. Wir erwähnten schon, daß nach aller Wahrschein lichkeit englische Beeinflussung das aggressive Vorgehen des Sultans gegen Deutschland verursacht oder wenig stens begünstigt hat. Dafür spricht u. a. auch die Hal tung der englischen Presse vor der deutschen Flottende monstration. Im Juni schrieb z. B. die Times“, der Sultan von Sansibar habe guten Grund, auf englische Unterstützung bei der Verteidigung seiner- legitimen Rechte" zu rechnen. Im Juli publizierte die 8t. James Gazette“ einen Artikel über Sansibar und dessen Schicksale", der nach Aufzählung der dorti gen englischen Interessen fortfährt: Viele werden diese Herzählung unserer Interessen für unvollständig halten, weil dabei die Opfer an Geld und Menschen nicht ge nannt sind, welche wir in unserem Bestreben zur Unter drückung des Sklavenhandels brachten . . .; aber es ist besser, diese Erwägungen ruhen zu lassen, denn wir wollen keine Argumente Vorbringen, welche die Rein heit unserer Motive (!!) in Frage stellen ko un ten. Es ist daher die wahrscheinliche Wirkung der deutschen Okkupation unsere materiellen Interessen, die studiert werden muß. Daß Sansibar mit starker Hand und unparteiisch regiert werden sollte, gleiche Rechte allen Ausländern gesichert werden, Freiheit des Verkehrs und Handels mit gehörigen Einschränkungen betreffs des Verkaufs von Spirituosen und Schießpulver herrschen sollte, sowie daß die Sklaverei abgeschafft werde dies ist die Summe unserer Wünsche, und wenn diese erfüllt werden, ist es gleichgiltig, ob das Land unter deutscher oder englischer Herrschaft steht. Es liegt aber kein Grund zu der Annahme vor, daß Deutschland anders als gleichgiltig der Skla verei gegenüber auftreten wird; oder daß die Deutschen beabsichtigen, sich in der Lieferung ihrer Sta pelartikel Schnaps und Schießpulver zu beschränken;84 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. oder daß sie sich scheuen werden, zu ihrem Nutzen den Eingeborenen und unseren dort weilenden Unterthanen schwere Abgaben (in Form von Differentialzöllen) anf- zubnrden. Dies sind die Erwägungen, welche uns Deutschland mit Argwohn blicken lassen, und nicht gend ein selbstsüchtiger Wunsch zur Monopolisierung der Welt." In der That, nach dieser salbungsvollen Litanei fragt man sich unwillkürlich: Wer lacht da? Es ist allerdings dein Sultan Said Bargasch, der wohl weder die jüngste Geschichte des Sudan noch die Afghanistans zu seinem Privatstudium gemacht habeir wird, nicht sonderlich zu verübeln, wenn derartige Äußerungen der englischen Presse, falls sie zu seiner Kenntnis kainen, ihn einen zuverlässigen Schutz Englands fest rechnen ließen. Indessen änderte sich die Sprache der englischen Blätter merklich, als Deutsch land Ernst machte mit der Verteidigung deutscher Rechte. Die -Times“, die im Juni dem Sultan so väterlich den starken Schutz des britischen Leoparden in Aussicht stellte, schrieb zu Anfang des August, wenn auch Eng land nicht wünschen könne, daß die Unabhängigkeit Sansibars bedroht oder die Zivilisation dieses Landes vernichtet" werden möge, so liege es doch anderseits weder im Interesse Englands noch in dessen Wünschen, den Sultan aufznwiegeln oder vage Ansprüche desselben auf fernlicgende Teile seiner nominellen Besitzungen zu schützen". Das ist allerdings eine Wandelung des Standpunkts, deren Rapidität der Sultan sich wohl nicht träumen lassen konnte. Das deutsche Geschwader, bestehend den Krcn- zerfregatten Stosch", Gncisenau", Elisabeth" und Prinz Adalbert", sowie dem Tender Ehrenfels", traf am 7. August 1885 vor Sansibar eilt. Der Befehls haber, Kommodore Paschen, übergab am 11. desselben Monats dem Sultan von Sansibar seine vorläufigen Forderungen und drohte im Falle einer abschlägigen Antwort niit dem Abbruch freundlicher Unterhandlungen nach Ablauf von 24 Stunden. Da der Schutz Eng-Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 85 lands sich mm als Phrase erwies, kam der Sultan denn auch sehr bald zur Einsicht. Am 14. August bereits meldete Paschen nach Berlin: Der Sultan von Sansibar hat die Schutzherrschaft Sr. Majestät des Kaisers über alle von Deutschen in Besitz genommenen Gebiete ein schließlich des Festlaudgebietcs Witu ohne Bedingung anerkannt. Die Truppen und Beamten von Sansibar haben sich aus den genannten Gebieten zurückgezogen." Dieser wichtigen Nachricht über die Lösung der Sansibarfrage widmete das Organ der dcutsch-ostafri- kanischen Gesellschaft einen Leitartikel, der natürlich eine freudige Stimmung deutlich erkennen läßt. Und mit Recht, denn niemand konnte selbstverständlich ein größeres Interesse an einer energischen und gleichzeitig unbluti gen Losung der Frage haben, als gerade diese Gesell schaft, für deren offen ausgesprochene Zwecke es not wendig erscheinen mußte, den Sultan einerseits von der Macht Deutschlands handgreiflich zu überzeugen, ihm anderseits aber auch den Weg zu einem , späteren freundschaftlicheren Zusammengehen thunlichst frei zu halten. Jener Gesellschaft in dieser Hinsicht, wie neuer dings mehrfach geschehen, eine andere Auffassung und andere Wünsche zuschreiben zu wollen, halten wir daher für so unlogisch, daß es unserer Ansicht nach Zeitver geudung wäre, wollte die Gesellschaft diese neuesten hä mischen Angriffe einer Antwort würdigen. In dem oben erwähnten Leitartikel des Organs der dcntsch-ost- afrikanischen Gesellschaft heißt es n. a.: Dieser schnelle und durchschlagende Erfolg wird nicht nur der dentsch-ostafrikanischen Gesellschaft, er wird allen Deutschen in Ostafrika, überhaupt dem Prestige unseres großen Vaterlandes auf der ganzen Erde zu gute kommen. Zum erstenmal in der Ge schichte haben sich auch die Eingeborenen an den west lichen Gestaden des Indischen Ozeans durch Augen schein davon überzeugen können, daß das mächtige zentraleuropäische Reich imstande ist, mit starker Faust über die Weltmeere Hinüberzugreisen. Der Sultan86 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. von Sansibar, dem die Muhamedaner Osta rikas als ihrem geistlichen Oberhaupt emporzuschauen gewohnt sind, hat sich den berechtigten Forderungen der deutschen Rcichsrcgierung ohne weiteres bedin gungslos unterworfen: der moralische Eindruck dieser Thatsache wird ein gewaltiger sein und er wird weit über die Sansibargestade hinaus reichen. Damit ist Deutschland zum erstenmal als Weltmacht im Indischen Ozean etabliert. Die dentsch-vstafrikanische Gesellschaft sieht durch diese Aktion ihre ersten Erwerbungen nunmehr als unbestrittenen Besitz unter der Oberhoheit Sr. Ma jestät unseres Allergnädigsten Kaisers anerkannt. Dies gibt ihr zuversichtliche Hoffnung, daß auch ihre neueren und neuesten Erwerbungen alsbald die be rechtigte Anerkennung finden werden. Wie dem auch sein möge, sie wird niemals vergessen, daß es die Macht des Reiches gewesen ist, welche ihr in ernster Zeit den erforderlichen Schutz dargeboteu hat. Den Dank dafür wird sie abzutragen suchen dadurch, daß sie fortdauernd voll und ganz im Dienst der natio nalen Idee stehen wird und mit arbeiten hilft znm Segen und zur Ehre des deutschen Volkes auf dem Arbeitsfelde, welches ihr im Zusammenhang des gro ßen Ganzen zugefallen ist. Die Nachwelt aber wird es erst gebührend zu würdigen wissen, was der deut schen Nation durch die Entschließung unseres greisen Kaisers und die geniale Einsicht seines großen Kanz lers in diesen Tagen in Ostafrika errungen ist!" Deutschland ist nunmehr an der Osthälfte des äqua torialen Afrika die tonangebende Macht geworden. In jenem mächtigen Länderkomplex, wo die Gebiete direkten deutschen-Einflusses schon jetzt umfangreicher sind, als in irgend einem andern Teile der Tropen; wo der Kolo nialbesitz anderer europäischer Staaten, der einer all mählichen Ausdehnung unseres Kolonisations- und Kul- tivationsgebietes hemmende Schranken setzt, viel weiter entfernt liegt als bei irgend einer anderen unserer Ko-Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. 87 lonieen; wo die besten Aussichten für tropische Knlti- vation und für eine günstige Handelsentwicklung sich vereinen mit dem Vorhandensein umfangreicher Gebiete kühleren Klimas, die größeren Mengen unserer Lands leute die Niederlassung ermöglichen werden dort ist, dank der kühnen Initiative der deutsch-ostafrikanischen und der anonymen in Witu operierenden Gesellschaft, und dank jenem energischen Vorgehen der Neichsregie- rung, wie es s. Z. von Gerhard Rohlfs als notwendig vorgeschlagen sein soll, heute Deutschland in den Be sitz einer herrschenden Stellung getreten, deren außer ordentlicher Wert ain besten durch den Eifer illustriert wird, mit deni England den Sultan von Sansibar zu verwerten trachtete, um selbst jene Stellung zu erhalten. Die Abgrenzung unserer ostafrikanischen Interessen sphäre" dürfte denn auch nicht nur im Palaste des Sul tans Said Bargasch verhandelt werden, sondern ebenso oder mehr noch einen Gegenstand diplomatischer Ver handlungen zwischen Deutschland und England bilden. Es heißt, daß in Aussicht genommen sei, dieselbe nord wärts bis zum Kenia, südwärts bis znm Njassa-See sich erstrecken zu lassen. Von der eminentesten Bedeu tung ist, wie erwähnt, daß vor allen: auch die Kilima Ndscharo-Erwerbungen bestätigt und die weiter nord östlich gelegenen Massai-Gebiete (durch Sicherung vor dem Eingreifen anderer Mächte) der naturgemäßen Aus dehnung unserer dortigen Kolonisationsbestrebungen er halten bleiben. * * * Nachdem so die feste Grundlage geschaffen, handelt sich s für eine gedeihliche Entwickelung unseres vstafri- kanischen Indiens zunächst darum, daß die beiden dort operierenden Gesellschaften (die ältere und weitaus den größeren Landbesitz aufweisende deutsch-ostafrikanische und die jüngere in Witu) ihre Arbeitsfelder in geeigneter Weise gegenseitig abgrenzen und die zahlreichen gemein- samcn Interessen durch gemeinsame Traktierung regeln. Sodann ist, wie wir schon betonten, nunmehr auch die88 Sansibar und das deutsche Ost-Afrika. Zeit gekommen, wo man die geographische Erforschung des Landes in jeder für die praktische Ausschließung nützlichen Richtllng energisch in die Hand nehmen muß, was wieder die Errichtung von festen Stationen und gesicherten Transportwegen wünschenswert macht. Das alles sind nur Vorarbeiten, die aber Geld, viel Geld kosten und doch durchaus notwendig sind. Es sollte da her oft und energisch darauf hingewicsen werden, daß diese ostafrikanischen Unternehmungen gerade so wenig wie die ähnlichen deutschen Unternehmungen in West afrika und in Neuguinea Gelegenheit bieten, ein Kapital mit der Aussicht baldigen hohen Zinsencrtrag an zulegen. Wer sein Geld an solchen Gesellschaften be teiligt, muß auf einen baldigen hohen Zinsertrag ab solut verzichten und sich stets vergegenwärtigen, wie viele kostspielige und zeitraubende Arbeiten auszuführen sind, ehe ein Ertrag bei kolonisatorischen Unternehmungen auch nur beginnen kann! Je mehr man das in der Öffentlichkeit energisch betont, desto geringer wird die Zahl derjenigen sein, die sich mit irrtümlichen Voraus setzungen tragen. Und als eine andere Pflicht der jenen Unternehmungen wohlgesinnten Presse erscheint es uns, vorläufig vor der Auswanderung nach Östafrika dringend zu warnen, soweit solche nicht anfangs in kleinem Maßstabe und unter Anwendung aller geeigneten Vor sicht durch eine der Kolonisationsgesellschaften selbst und unter deren Verantwortlichkeit inszeniert wird. Um eine andere Auswanderung dorthin statthaft erscheinen zu lassen, ist einerseits eine eingehendere Erforschung und Beschreibung der dafür passenden Landschaften und andererseits die Festigung der politischen Verhältnisse und die Schaffung geeigneter Verbindungen mit der Küste eine vorher zu erfüllende Voraussetzung. Möge es den jetzigen und den etwa noch entstehen den ostafrikanischen Kolonisationsgesellschaften bald ge lingen, diese Voraussetzungen in befriedigender Weise zu erfüllen!Nachschrift Nach dem Druck der vorstehenden Schrift sind ver schiedene mit den ostafrikanischen Angelegenheiten zusam menhängende Vorgänge erfolgt, bczw. bekannt geworden, welche hier noch kurz Erwähnung finden mögen. Am 12. September d, I. fand einer im Aus wärtigen Amte zu Berlin abgchaltenen kolonialpolitischen Konferenz zwischen Vertretern der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft und der Hamburger in Sansibar domizilierten Firmen ein Meinungsaustausch statt über die gegen seitige Stellung dieser beiden Kreise. Wir haben vorhin ansgefiihrt, daß nur kurzsichtige Voreingenommenheit in den so eminent aussichtsreichen deutschen Interessen, welche die ostafrikanische Gesellschaft geschaffen hat, eine Benachteiligung der älteren (freilich weit enger beschränk ten) deutschen Interessen, die im Handel unserer Sansibar- Firmen wurzeln, erblicken konnte; eine Schädigung des der Insel Sansibar etablierten Handels hätte nur durch dessen Vertreter selbst herbeigcführt werden können, wenn diese nämlich die Bedeutung der Erwerbungen dcrldcutsch-ostafrikanischen Gesellschaft dauernd unter schätzt oder dauernd gegen die letztere eine abweisende Haltung einzunehmen versucht haben würden. Wie oben ausgeführt, würden die Folgen einer derartigen bedauerlichen Kurzsichtigkeit lediglich auf die Handels kreise der Insel selbst zurückgefallen sein. Mit Freude wird daher jeder, der unserem dortigen Handel eine gedeihliche Weiterentwickelung wünscht, es begrüßen, daß die hanseatischen Handelshäuser der erwähnten Kon ferenz in richtiger Würdigung der vollendeten Thatsachcn eine Erklärung dahin abgaben, der deutsch-ostafrikanischcn90 Nachschrift. Gesellschaft unter gewissen Voraussetzungen beitreten zu wollen. Diese Voraussetzungen wurden von genannter Gesellschaft annehmbar befunden, sodaß der Beitritt jener Firmen erfolgen konnte. Das am 1. September d. I. erschienene 17. Heft der Deutschen Kolonialzeitung" reproduzierte unter der Überschrift Koloniale Aufgaben" eine Zusammenstellung einer Reihe von Aufsätzen, welche unlängst iit der Kölnischen Zeitung" erschienen waren, und als" deren Verfasser sie Herrn Oe. Fr. Fabri nennt. In diesen Aufsätzen wird die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft ziemlich wegwerfend behandelt; es heißt da über die selbe: Die Ostafrikanische Gesellschaft zeigt in wohl ziemlich klarer Weise, wie man es mit derartigen Unter nehmungen nicht machen darf . . . Die Fischer schc Schrift Mehr Licht im dunkeln Weltteil" enthebt uns eines weiteren Eingehens auf die dentsch-ostafrikanische Gesellschaft und deren ziemlich bedenkliches Vor gehen. . . . Wie in den Zeitungen berichtet wurde, ist die genannte Gesellschaft auf die Summe von 550 000 Mark begründet. Damit soll ein Gebiet von etiva 2500 Qnadratmcilen der Kultur allmählich erschlossen werden. Wer irgend etwas von Kultivationsnnterneh- mungen in tropischen Ländern weiß, wird überrascht sein über die Naivität eines solchen Versuches." Nach dem dann auch noch auf die angebliche Schwierigkeit der politischen Verhältnisse Ostafrikas hingewiesen, wird zum Schluß, gewissermaßen als Versüßung dieser bit teren Pille für die deutsch-ostafrikanische Gesellschaft ein allerdings noch vorsorglich verklausuliertes Lob nachge- fügt. Wir erkennen", sagt der Autor, den lvbens- werten patriotischen Eifer der jüngeren Kräfte, die dieses Unternehmen ins Leben gerufen, gewiß gern an und wünschen demselben das Beste. Dies kann und darf uns aber nicht abhalten, die Schwierigkeiten und Be denken, welche das Unternehmen umgebeil, offen zu be sprechen. Gelingt der Gesellschaft, die elfteren zu überwinden und die letzteren zu beseitigen, so lvürdeNachschrift. 91 dieselbe eine große Leistung, die aller Anerkennung wert wäre, vollbracht haben," Nun, dieser Schluß klingt ja ganz gerecht, vermag aber doch den vorher ausge sprochenen unbegründeten Tadel in keiner Weise rück gängig zu machen. Denn den Beweis, daß die deutsch ostafrikanische Gesellschaft uns zeige, wie inan derartige Unternehmungen nicht machen müsse," den gibt uns der Herr Verfasser leider nicht, es sei denn, daß er seine Ansichten über die Finanzierung der Gesellschaft für einen solchen halte, was doch wohl kaum anzunehmen ist. Vielleicht liegt der Ansicht, daß jene Gesellschaft zeige, ivie man es nicht machen müsse, die Meinung zu Grunde, daß dieselbe eben noch nichts gethan" habe, noch keine Stationen gebaut, keine Wege eröffnet u, s, v. Auch der mehrerwähnte Dr. Fischer schrieb in jenem famosen Briefe, dessen auf Rohlfs bezügliche Behauptung Denhardt so schlagend widerlegte, daß in Ussagara noch gar nichts geschehen" sei, ja, noch nicht einmal ein Haus daselbst gebaut sei, In der That, wir denken, das Vorgehen des sansibarischen Generals" Mathews im Kilima Ndjcharo-Gebiet hat genügend gezeigt, daß es für die Deutschen dort zuerst und vor allen anderen Dingen darauf ankam, sich in den ins Auge gefaßten Gebieten überhaupt erst einmal festzusetzen; es war doch wahrlich Gefahr im Verzug! Z u n ä ch st galt es, das fragliche Gebiet für Deutsch land zu sichern; dann erst treten andere Auf gaben in ihr Recht. Und daß die deutsch - ostafrika- nische Gesellschaft jene erste und dringendste Auf gabe richtig als solche erkannt, daß sie dieselbe kühn und energisch gelöst hat hierin vermögen wir aller dings keinen Beweis für die Ansicht zu finden, daß sie uns gezeigt habe, wie man derlei Unternehmungen nicht machen müsse. Vielleicht also soll als ein solcher doch der Zweifel an der gesunden Finanzierung der Gesell schaft dienen? Dem gegenüber begnügen wir uns, einem in dir. 7 des Organs jener Gesellschaft enthaltenen Auf sätze folgende sehr berechtigte Äußerung zu entnehmen:92 Nachschrift. Neuerdings ist die Kapitalkräftigkeit der Ge sellschaft öffentlich diskutiert worden, und ihre Aus sicht auf Erfolg wurde bestritten, weil jene nicht im Entferntesten" den zu lösenden Ausgaben ent spreche. Wer den Eutwickelungsgang der Gesellschaft kennt, wird das Unberechtigte gerade dieses Vor- wurfes einsehen. Als die Gesellschaft für deutsche Kolonisation sich konstituierte, um eine koloniale Landerwerbung vorznnehmen, da entsprachen die ihr zur Verfügung stehenden Geldmittel zunächst auch nicht im Entferntesten" den zu lösenden Aus gaben; es wurden nämlich am ersten Versammlungs abende nur einige hundert Mark zusammenge bracht. Ebenso lächerlich wie damals die Unter stellung war, die Leiter der Gesellschaft beabsich tigten, damit ein Landterrain in Afrika zu erwer ben, ebenso abgeschmackt ist heute der Vorwurf, die selben dächten kindlich genug, um sich einzubilden, daß sich mit der respektablen Summe von einer halben Million Ostafrika kultivieren lasse. Wie im vorigen Sommer die ersten Summen etwa ver tausendfacht werden mußten, damit auch nur zur Besitzergreifung von Ussagara geschritten werden konnte, so weiß mau heute in der deutsch-ostafrika nischen Gesellschaft sehr genau, daß die angebliche halbe Million zum allerwenigsten verhundertfacht werden muß, wenn man hoffen will, auch nur die allgemeinen Grundlagen einer rationellen Ausbeu tung unserer Gebiete zu schaffen. Diese theoretische Überzeugung wird hoffentlich den wohlmeinenden" Kritikern der dentsch-ostafrikanischen Gesellschaft zur Beruhigung gereichen. Den praktischen Freunden derselben wird wahrscheinlich von größerer Be deutung scheinen, daß sich die Überzeugung von der wirthschaftlichen Ausbeutungsfähigkeit Ostafrikas mehr und mehr auch in den eigentlichen aktuellen Kreisen der Nation Bahn bricht, so daß die Hoffnung nicht unberechtigt erscheint, das deutsche Volk werde feineNachschrift. 93 Kolonisationsthätigkeit in Ostafrika von vornherein mit derjenigen Energie und Kraft in Angriff neh men, wie sie eines großen Volkes würdig ist." Die (am 1. Seht. d. I. ausgegebene) Nr. 8 des selben Blattes berichtet über die Teilnahme mehrerer Vorstandsmitglieder der deutsch-ostafrikanifchen Gesell schaft an der am 25. August abgehaltenen Borstands- sitzung des Westdeutschen Vereins für Kolonisation und Export. In diesem Bericht heißt es u. a.: Der Gegen stand der Sitzung war das Vorgehen der deutsch-ost afrikanischen Gesellschaft, welches von Herrn Di-. Peters entsprechend den Vorgängen des letzten Jahres darge legt wurde. Der Vorstand des Westdeutschen Vereins gab in Folge der ihm gemachten sachlichen Eröffnungen durch seinen Vorsitzenden, den in der kolonialpolitischen Welt so wohlbekannten Dr. Fabri die Erklärung ab, daß die deutsch-ostafrikanische Kolonie von allen gegenwärtig bestehenden deutschen lln- tcrnehmungeu der Art ihm als das bedeu tendste und zukunftreichste erscheine und daß er es als die Pflicht der Nation erachte, das selbe auch praktisch zu unterstützen." Wenn der hier genannte Di. Fabri mit dem Autor der vorher erwähnten Aufsätze der Kölnischen Zeitung identisch sein sollte, so können wir das mit Freude als einen Fall ansehen, in dem ehemaliges Mistrauen in die Aussichten der deutsch-ostafrikanischen Kolonialun ternehmung sich in ein laut betontes Zutrauen ver wandelte; hoffentlich wird die nächste Zeit uns viele solcher Wandlungen bringen, namentlich auch in der deutschen Presse! Zu dieser Hoffnung dürfen wir um so eher berech tigt sein, als nunmehr zwischen allen in Ostafrika vor handenen deutschen Jnteressen-Gruppen eine Verständi gung erfolgt ist; denn wie einerseits Hamburger Sansi bar-Firmen sich jüngst der deutsch-ostafrikanischen Ge sellschaft freundschaftlich angeschloffen haben, so ist andererseits auch zwischen letzterer und der sog. Tana- -3K - Hojbttchdrucl- rei.- Isjleib & Nietzsche! in Gern. 94 Nachschrift. Gruppe (ober Witu-Gruppe) eine Verständigung nun mehr erfolgt. Die heutigen Zeitungen bringen die hocherfreuliche Nachricht- daß Baumeister Hörnecke, der von der dentsch- ostafrikanischeu Gesellschaft, wie früher erwähnt, mit einer Expedition an den Tana beordert und durch die feind selige Haltung des Sultans von Sansibar während län gerer Zeit am Vormarsch gehindert war, durch eine Reihe von Verträgen die Gebiete nördlich des Kilima Ndscharo bis an den Tana hin in den Besitz der deutsch-ostafri kanischen Gesellschaft gebracht und dadurch den Anschluß der Gebiete dieser Gesellschaft bis an das ebenfalls deutsche Witn im wesentlichen vollzogen hat. Diese neueste Erwerbung erweitert die Besitzungen der deutsch- vstasrikanischen Gesellschaft bis etwa an den 2. Grad sndl. Br., so daß dieselben sich nunmehr durch mehr als 6 Längengrade oder gegen 100 geographische Meilen von Norden nach Süden erstrecken. Damit ist, wie namens der Gesellschaft erklärt wird, das Besitzergreifungs-Pro gramm der Gesellschaft nach Norden hin im wesentlichen zum Abschluß gebracht. Mit frohem Mute dürfen, so scheint uns, die Freunde deutscher Knltivation und Kolonisation Ost afrikas in die Zukunft schauen! 26. September 1886.Dert ag des Heograpliische Instituts in Weimar. Kettler und Müller, g\axie von Afrnkcr im MllWairn von 1:8000000 der natürlichen Größe. Bier Blatt in Kupferstich mit Farbendruck und Handkolorit. Größe eines jeden Blattes 88 zu ü3h. cm. Ein neues Ibonuemcnt beginnt am 1. Vktobcr 1885. ¦gsicr otfcfcrmtflen ä S W. Die Teilung Afrikas unter die europäischen Mächte hat begonnen. Das ist die Signatur der neuen Zeit, die für den schwarzen Erdteil mit ungeahnter Rapiditüt sich jetzt entwickelt. Europas akademisches Interesse für ihn verwandelt sich unter unseren Augen in ein ganz außerordentlich reales. Ein über wältigender Ilmschwung beginnt sich zu vollziehen- Afrika, der uns nächste und bisher doch in jeder Hinsicht fernste Kontinent, tritt mit schnellen Schritten in täglich enger werdende mannig fachste Berührung mit Europa. Allerorten ertönt in Europa der Ruf nach neuen Absatz- gcbieten für die Produkte der heimische Industrie. Die wach sende Auswanderung unserem Erdteil sucht neue Ziele. DaS europäische Kapital, das sich in großen Mengen am Ban der amerikanischen Eisenbahnen beteiligte, wird, nun die Hanpt- linien der Bereinigten Staaten vollendet, naturgemäß ein neneö überseeisches Feld derartiger Lhätigkeit anssuchen; und thatsäch- lich werden bereits die Projekte gewaltiger Bahnlinien bearbeitet, die das Innere Afrikas der abendländischen Kultur erschließen sollen; zerlegbare Dampfer wurden durch die nnwegsamcn, kataraktenrcichen Küsten des ägnatorialcn Afrika gebracht und schwimmen jetzt auf den Seen und Ricsenströmcn deS Inneren. Die rastlos und systematisch vordringenden Forschungsreisen des letzten Jahrzehnts werfen immer klareres Licht über die Produk tivität Asrikas und immer tiefer dringen daher in steigendem Wetteifer die Faktoreien der europäischen Handelshäuser in daS Jimere vor. So sind es denn nicht mehr der Geograph und der Missionär allein, die ein energisches Interesse an Afrika haben. Der Kauf mann, der Industrielle, der Techniker sie alle können sich einer aufmerksamen Beachtung der asrikanifchen Berhältnisse und Vor gänge nicht länger entziehen. Uno noch ein weiteres Moment tritt hinzu - das der Be deutung, die Afrika für die Kolonialpolitik Europas erlangt hat. Eine Karte, die diesen vielfachen Interessen in hinreichend eingehender Weise Rechnung trägt und durch einen mäßigen Preis auch weiteren Kreisen zugänglich ist, darf daher heute wohl als notwendiger Bestandteil der HanSbibliothek der Gebildeten be-s Wir stellten für unsere Starte folgende Prinzipien auf: 1. Bezüglich der Größe des Matzstabes suchten wir jene richtige Mitte innezuhalten, die dem Bedürfnis weiterer Schichten der Gebildeten am besten entspricht. Ein zu großer Maßstab bringt eine Reihe von Umständen init sich, die für viele als Ubelstände er scheinen: zunächst wird dadurch dieKarte so groß, daß als Wand karte, also zum übersichtlichen Gesamtbilde zusammengesetzt, infolge ihres Ilmfangs im Studierzimmer oder Kontor keinen Platz mehr finden kann; sodann muß sich selbstverständlich infolge dessen der Preis der Karte ganz erheblich steigern; auch ist eine derartig detail lierte Darstellung aller Teile Afrikas entschieden sür viele keines wegs jo erwünscht, um durch einen erheblich teueren Preis und eine die Zusammensetzung der Karte verhindernde Größe erkauft zu werden; den meisten dürfte mehr daran liegen, einzelne interes sante Teile auf Nebenkarten in besonders eingehender Weise dar gestellt zu finden. Wir wählten einen Maßstab, der die Größe der Karte nicht zu sehr ausoehnt, und doch ein für die meisten Bedürfnisse hinreichendes Eingehen in Details erinöglicht. 2. Die Deutschen Kolomalgebiete werden auf Nebenkarten in größerem Mahstabe eingehender dargcstellt. g. Methodisches Kolorit, welches auf den ersten Blick über sichtlich die Ausdehnung der europäischen Herrschaft und des noch nicht von Europäern besetzten Gebietes unterscheiden läßt. 4. Sorgfältige Ercuzeinzcichnnng an der Hand der besten Materialien. 5. Deutliche Hervorhebung sämtlicher deutschen Konsulate in Afrika. (j. Berücksichtigung des praktischen Bedürfnisses der Kontore durch Eintragung der großen Dampferlinien nach afritanischell Häfen, sowie der Telcgraphcn-Kabcl. 7. Ausdehnung der Zeichnung nordwärts noch über Süd- nud Mittel-Europa, bis Kiel und Stralsund (wodurch der un- inittcibarc anschauliche Vergleich der Erößcuvcrhältuissc afri kanischer Gebiete mit denen europäischer Staaten ermöglicht wird!) 8. Mäßiger Preis und bequeme BeziMweise, welche die Verbreitung der Karte in den weitesten Kreisen ermöglicht. Wir lade hierniit zum Abonnement diese zeit gemäße speziell die deutschen Interessen berücksichtigende große Karte von Afrika ergebenst ein und bemerken, baß die erste Lieferung durch jede Buchhandlung zur Ansicht zu beziehen ist. Nach Orten ohne bnchhandlerische Vertretung lvcrden scste Bestellungen auch von uns direkt ausgeführt. Weimar, im September 1885. Geognrplfisches JirfMut.Lßnnf UM WWW ¦¦¦  -Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz
