Vergangenheit sichtbar machen: Der Editathon Koloniale Spuren an der Spree

Das Berliner Seminar für Orientalische Sprachen (SOS) war ein Ausbildungsinstitut mit kolonialpolitischem Auftrag zwischen 1887 und 1942 zur Vermittlung von Sprach- und landeskundlichen Kenntnissen für Diplomaten, Offiziere und Missionare, aber auch Geschäftsleute und Unternehmer. Angebunden an die frühere Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin arbeiteten neben deutschen Sprachwissenschaftlern und Bibliothekaren auch Lektoren am SOS, die in der Regel aus den damaligen Kolonien kamen und Sprachunterricht bspw. in Kisuaheli, Arabisch und Türkisch gaben. Während Studien besonders die Geschichte des Seminars und dessen Direktoren in den Blick nahmen, waren die nicht-deutschen Lektoren bislang nur selten Gegenstand der Forschung. Im Rahmen eines durch digiS geförderten Projekts zur Digitalisierung der Akten des SOS luden das Stabi Lab der Staatsbibliothek zu Berlin und das Geheime Staatsarchiv zum Editathon „Koloniale Spuren an der Spree“ ein, um die Lebensläufe der Lektoren in den Blick zu nehmen, Leerstellen in den Datendiensten der Gemeinsamen Normdatei und WikiData zu schließen und damit den Lektoren eine größere Sichtbarkeit zu verschaffen.

Von der Akte zum Digitalisat

Der Archivbestand zum SOS wird häufig nachgefragt und von Forschenden im Geheimen Staatsarchiv intensiv genutzt. Es handelt sich um 488 Verzeichnungseinheiten auf etwa 12 lfm. Um den unikalen Bestand bestmöglich zu schützen und zugleich den Zugang zu ihm zu vereinfachen, stellte das GStA einen Drittmittelantrag bei digiS, dem Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin. Mit den dankenswerterweise erhaltenen Mitteln war es dem GStA möglich, den Bestand zunächst reinigen und konservatorisch bearbeiten zu lassen. Ursprünglich war eine anschließende Digitalisierung im Archiv geplant. Eine Marktrecherche ergab jedoch, dass es sehr viel wirtschaftlicher war, die Digitalisierung an einem externen Dienstleister zu vergeben. Parallel zur konservatorischen Arbeit am Bestand schrieb das GStA deswegen die Digitalisierung aus. Im Spätsommer wurden die 12 lfm an den Dienstleister übergeben. Die Digitalisierung erfolgte im Herbst und Winter 2025. Als Ergebnis lagen etwa 70.000 Scans vor. Die Digitalisierungswerkstatt des GStA nahm noch eine Qualitätssicherung vor und spielt nun die Digitalisate in ACTApro ein, unserem Archivfachinformationssystem. Die Teilnehmenden des Editathons „Koloniale Spuren an der Spree: Das Seminar für Orientalische Sprachen, 1887-1942“ erhielten die benötigten Digitalisate vorab.

© Stabi Berlin, Foto: Marcus Glahn Fotografie

Geschichte gemeinsam sichtbar machen

Vom 29. Januar bis zum 19. Februar 2026 fand der Editathon im Stabi Lab der Staatsbibliothek zu Berlin und am Geheimen Staatsarchiv statt. In Gruppenarbeit vor Ort und in individuellen Arbeitsphasen recherchierten Teilnehmende in den durch das Geheime Staatsarchiv jüngst digitalisierten Akten des Seminars zu den Geschichten nicht-deutscher Lektoren. Dabei konsultierten sie sowohl digitalisierte Akten als auch physische Archivalien des Seminars und erhielten einen spannenden Einblick in die Arbeit mit Archivmaterial. Die dabei gewonnenen Informationen werden nun aufbereitet und als neue Einträge bzw. Anreicherungen existierender Einträge in der Gemeinsamen Normdatei (GND) und WikiData eingeflegt.

Fachlich eingeordnet wurde die Geschichte des SOS und die Rolle der Lektoren durch Forschende und Informationsspezialisten. Prof. Dr. Nazan Maksudyan (Centre Marc Bloch/Freie Universität Berlin) führte in die Geschichte des SOS am Beispiel des Türkischlektoren Johannes Jacob Manissadjian ein, während Moritz Strickert (FID Sozial- und Kulturanthropologie/Netzwerk Koloniale Kontexte) die Rolle von Normdaten besonders mit Blick auf Bezeichnungen aus kolonialen Kontexten diskutierte. Dr. Heike Liebau vom Leibniz-Zentrum Moderner Orient fragte in ihrem Vortrag auf der Abschlussveranstaltung des Editathons nach der Bedeutung verflechtungshistorischer Ansätze, der Rolle von Akteursnetzwerken und dem Einfluss digitaler Methoden auf Forschung und Informationsinfrastrukturen.

Ergebnisse

Insgesamt konnten ca. 30 nicht-deutsche Lektoren des Seminars identifiziert werden, die keine oder nur unvollständige Einträge in den Datendiensten der Gemeinsamen Normdatei und WikiData aufwiesen. Mittels KI-unterstützten Werkzeugen ließen sich darüber hinaus über 100 weitere Personen identifizieren, die zwischen 1887 und 1942 am Seminar tätig waren. Die enge Arbeit an den Akten des Seminars brachte zudem schlaglichtartig die nicht selten durch rassistische Ideologien und koloniale Praktiken geprägten Erfahrungen einzelner nicht-deutscher Lektoren zum Vorschein. Indem die Teilnehmenden bereits existierende Einträge zusammenführten, machten sie längere biografische Linien der Lektoren sichtbar und kontextualisierten deren Arbeit im damaligen Berlin der Kaiserzeit.

Der Editathon „Koloniale Spuren an der Spree“ leistete mit Abstand den größten Beitrag zur Anreicherung von Daten zum Seminar für Orientalische Sprachen seit Gründung der Plattform WikiData im Jahr 2014. Der Beitrag zur Gemeinsamen Normdatei bedeutet ebenso eine wichtige Erweiterung bislang existierender Einträge. Diese Verknüpfung von Wissen ermöglicht nun neue Wege der Recherche und der Nachnutzung offener Kulturdaten. Sie ist allerdings nur ein erster Schritt in der Entwicklung neuer Forschung zur Geschichte des deutschen Kolonialismus.

Kontakt

Sie möchten mehr zur Erforschung von Sammlungsdaten und den Akten des Seminars für Orientalische Sprachen erfahren? Kontaktieren Sie uns gerne:

Dr. John Woitkowitz ist Leiter des Stabi Lab der Staatsbibliothek zu Berlin (SBB)
john.woitkowitz@sbb.spk-berlin.de

Dr. Ramon Voges ist Referent der Direktion des Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA)
ramon.voges@gsta.spk-berlin.de