Vergangenheit sichtbar machen: Der Editathon „Koloniale Spuren an der Spree“
Das Berliner Seminar für Orientalische Sprachen (SOS) war ein Ausbildungsinstitut mit kolonialpolitischem Auftrag zwischen 1887 und 1942 zur Vermittlung von Sprach- und landeskundlichen Kenntnissen für Diplomaten, Offiziere und Missionare, aber auch Geschäftsleute und Unternehmer. Angebunden an die frühere Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin arbeiteten neben deutschen Sprachwissenschaftlern und Bibliothekaren auch Lektoren am SOS, die in der Regel aus den damaligen Kolonien kamen und Sprachunterricht bspw. in Kisuaheli, Arabisch und Türkisch gaben. Während Studien besonders die Geschichte des Seminars und dessen Direktoren in den Blick nahmen, waren die nicht-deutschen Lektoren bislang nur selten Gegenstand der Forschung. Im Rahmen eines durch digiS geförderten Projekts zur Digitalisierung der Akten des SOS luden das Stabi Lab der Staatsbibliothek zu Berlin und das Geheime Staatsarchiv zum Editathon „Koloniale Spuren an der Spree“ ein, um die Lebensläufe der Lektoren in den Blick zu nehmen, Leerstellen in den Datendiensten der Gemeinsamen Normdatei und WikiData zu schließen und damit den Lektoren eine größere Sichtbarkeit zu verschaffen.
Von der Akte zum Digitalisat
© Stabi Berlin, Foto: Marcus Glahn Fotografie
Geschichte gemeinsam sichtbar machen
Vom 29. Januar bis zum 19. Februar 2026 fand der Editathon im Stabi Lab der Staatsbibliothek zu Berlin und am Geheimen Staatsarchiv statt. In Gruppenarbeit vor Ort und in individuellen Arbeitsphasen recherchierten Teilnehmende in den durch das Geheime Staatsarchiv jüngst digitalisierten Akten des Seminars zu den Geschichten nicht-deutscher Lektoren. Dabei konsultierten sie sowohl digitalisierte Akten als auch physische Archivalien des Seminars und erhielten einen spannenden Einblick in die Arbeit mit Archivmaterial. Die dabei gewonnenen Informationen werden nun aufbereitet und als neue Einträge bzw. Anreicherungen existierender Einträge in der Gemeinsamen Normdatei (GND) und WikiData eingeflegt.
Fachlich eingeordnet wurde die Geschichte des SOS und die Rolle der Lektoren durch Forschende und Informationsspezialisten. Prof. Dr. Nazan Maksudyan (Centre Marc Bloch/Freie Universität Berlin) führte in die Geschichte des SOS am Beispiel des Türkischlektoren Johannes Jacob Manissadjian ein, während Moritz Strickert (FID Sozial- und Kulturanthropologie/Netzwerk Koloniale Kontexte) die Rolle von Normdaten besonders mit Blick auf Bezeichnungen aus kolonialen Kontexten diskutierte. Dr. Heike Liebau vom Leibniz-Zentrum Moderner Orient fragte in ihrem Vortrag auf der Abschlussveranstaltung des Editathons nach der Bedeutung verflechtungshistorischer Ansätze, der Rolle von Akteursnetzwerken und dem Einfluss digitaler Methoden auf Forschung und Informationsinfrastrukturen.
Ergebnisse
Insgesamt konnten ca. 30 nicht-deutsche Lektoren des Seminars identifiziert werden, die keine oder nur unvollständige Einträge in den Datendiensten der Gemeinsamen Normdatei und WikiData aufwiesen. Mittels KI-unterstützten Werkzeugen ließen sich darüber hinaus über 100 weitere Personen identifizieren, die zwischen 1887 und 1942 am Seminar tätig waren. Die enge Arbeit an den Akten des Seminars brachte zudem schlaglichtartig die nicht selten durch rassistische Ideologien und koloniale Praktiken geprägten Erfahrungen einzelner nicht-deutscher Lektoren zum Vorschein. Indem die Teilnehmenden bereits existierende Einträge zusammenführten, machten sie längere biografische Linien der Lektoren sichtbar und kontextualisierten deren Arbeit im damaligen Berlin der Kaiserzeit.
Der Editathon „Koloniale Spuren an der Spree“ leistete mit Abstand den größten Beitrag zur Anreicherung von Daten zum Seminar für Orientalische Sprachen seit Gründung der Plattform WikiData im Jahr 2014. Der Beitrag zur Gemeinsamen Normdatei bedeutet ebenso eine wichtige Erweiterung bislang existierender Einträge. Diese Verknüpfung von Wissen ermöglicht nun neue Wege der Recherche und der Nachnutzung offener Kulturdaten. Sie ist allerdings nur ein erster Schritt in der Entwicklung neuer Forschung zur Geschichte des deutschen Kolonialismus.
Kontakt
Sie möchten mehr zur Erforschung von Sammlungsdaten und den Akten des Seminars für Orientalische Sprachen erfahren? Kontaktieren Sie uns gerne:
john.woitkowitz@sbb.spk-berlin.de
Dr. Ramon Voges ist Referent der Direktion des Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz (GStA)
ramon.voges@gsta.spk-berlin.de












@ Stabi Berlin